Friedrich Spielhagen
Hammer und Amboss
Erster Teil
Erstes Kapitel
Wir standen in der tiefen Nische an einem offenen Fenster unseres
Klassenzimmers In dem klösterlich stillen Schulhof lärmten die Spatzen und
einzelne Strahlen der Spätsommersonne glitten an den altersgrauen Mauern herab
auf das grasumsponnene Pflaster aus dem hohen sonnelosen mit der
abgestandenen Luft einer ganzen Schulwoche erfüllten Zimmer tönte das Summen der
leisen Zwiegespräche unserer Mitschüler die außer uns bereits sämtlich auf
ihren Plätzen über ihren Sophokles gebeugt saßen und des Kommens des »Alten«
harrten das jeden Augenblick erfolgen konnte denn das akademische Viertel war
bereits verflossen
»Im schlimmsten Falle brennst Du durch« sagte ich als jetzt die Tür
aufging und er hereintrat
Er der Professor Doctor Lederer Director des Gymnasiums und zugleich
Ordinarius unserer Prima in dem SchülerRotwelsch »der Alte« genannt war
eigentlich nicht gerade alt sondern ein Mann in der zweiten Hälfte der
Vierziger dessen kleiner bereits ergrauender Kopf auf einer steifen
schneeweißen Halsbinde ruhte und dessen sehr langer und wunderbar dürrer Leib
Jahr aus Jahr ein Sommer und Winter in einen Rock von feinstem glänzend
schwarzen Tuch geknöpft war Seine schlanken äußerst sorgfältig gepflegten
Hände mit den langen spitzigen Fingern waren wenn sie sich was häufiger
vorkam dicht vor meinen Augen in nervöser Erregung hin und herbewegten stets
der Gegenstand meiner bewundernden Aufmerksamkeit gewesen ein paar Mal war ich
der Versuchung kaum entgangen plötzlich zuzufassen und dies Kunstwerk von einer
Hand in einer meiner groben braunen Fäuste zu zerquetschen
Professor Lederer legte den Weg von der Tür bis zum Katheder stets in zwölf
gleichmäßigen unendlich würdevollen Schritten zurück Haupt und Augen ein wenig
gesenkt mit der strengen Miene concentrirtesten Nachdenkens anzuschauen wie
ein Opferpriester der auf den Altar zuschreitet oder auch wie Cäsar der in
den Senat geht auf jeden Fall wie ein Wesen das weit entrückt der modernen
plebejischen Sphäre Tag für Tag in dem Lichte der Sonne Homers wandelt und
sich dieses wunderbaren Factums vollkommen bewusst ist. Deshalb war es auch nicht
wohlgetan den classischen Mann auf diesem kurzen Wege aufzuhalten eine
abwehrende Handbewegung war in den meisten Fällen die ganze Antwort aber der
sanguinische Arthur war so sicher mit seinem Gesuche nicht abgewiesen zu
werden dass es ihm auf eine Chance mehr gegen ihn nicht eben ankam So vertrat
er denn dem Professor den Weg und brachte seine Bitte vor von den Stunden des
heutigen Tages es war ein Sonnabend dispensirt zu werden
»Nimmermehr« sagte der Professor
»Behufs einer Vergnügungsfahrt« sprach Arthur weiter durch den grollenden
Ton des gestrengen Mannes keineswegs eingeschüchtert er war sehr schwer
einzuschüchtern mein Freund Arthur »behufs einer Vergnügungsfahrt auf dem
Dampfschiffe meines Onkels zur Exploration der Austernbänke die mein Onkel vor
zwei Jahren angelegt hat wissen Sie Herr Professor ich habe auch ein Gesuch
meines Vaters« Und Arthur producirte das betreffende Blatt
»Nimmermehr« wiederholte der Professor Sein bleiches Gesicht war vor Zorn
ein wenig gerötet seine weiße Hand von der er bereits den schwarzen Handschuh
abgestreift hatte war in einer oratorischen Geste gegen Arthur erhoben seine
blauen Augen hatten eine tiefere Färbung angenommen wie Meerwasser wenn ein
Wolkenschatten darüber hinzieht
»Nimmermehr« rief er zum dritten Male schritt an Arthur vorüber nach dem
Katheder erklärte nachdem er stumm die weißen Hände gefaltet dass er zu
aufgeregt sei um beten zu können und nun kam eine gestotterte Philippika der
würdige Mann stotterte stets wenn er aufgeregt war gegen die Pest der Jugend
die Weltlust und Vergnügungssucht der gerade Diejenigen auf welchen der Geist
Apollos und der Pallas Atene am wenigsten ruhe am meisten verfallen seien Er
sei ein milder und humaner Mann und wohl des Dichterwortes eingedenk dass man
zur rechten Zeit am rechten Ort den strengen Ernst fahren lassen ja
gelegentlich zechen und mit den Füßen im Tanz den Boden stampfen dürfe aber
dann müsse die Ursache der Wirkung angemessen sein ein Virgil müsse uns aus
der Fremde heimkehren eine Kleopatra durch ihren freiwillig unfreiwilligen Tod
das Gemeinwohl von einer drohenden Gefahr erlöst haben Wie aber könne jemand
der notorisch zu den schlechtesten Schülern gehöre ja unbedingt der
schlechteste sein würde wenn ihm nicht Einer der nach dieser Richtung
unerreichbar sei hier suchten des Professors blöde Augen mich den Rang
ablaufe wie könne ein Solcher nach einem Kranze greifen welcher nur die vom
Schweiße des Fleißes rieselnde Stirn kühlen dürfe Sei er der Redner zu
streng er glaube nicht obgleich niemand es inniger wünschen könne als er
niemand sich inniger freuen würde als er wenn jetzt der hart Gescholtene den
Beweis seiner Schuldlosigkeit sofort anträte und den herrlichen Chor der
Antigone welcher das Thema unserer heutigen Vorlesung sei ohne Anstoß
übersetzte »Von Zehren beginnen Sie«
Der arme Arthur Ich sehe noch heute nach so viel Jahren sein schönes
damals schon etwas verlebtes Gesicht welches sich vergeblich Mühe gab das
aristokratisch gleichgültige Lächeln auf den seinen Lippen festzuhalten als er
jetzt das Buch aufnahm und ein paar Verse des griechischen Textes nicht eben
geläufig las Während dieser kurzen Lektüre verschwand das verächtliche Lächeln
mehr und mehr und ein Blick hülfesuchender Verlegenheit aus den langgeschljetztes
Augen irrte herab zu seinem Nachbar und Pylades Lieber Himmel wie konnte ich
ihm helfen und wer wusste besser als er dass ich ihm nicht würde helfen können
So geschah das Unabänderliche Er machte aus einem »Strahl des Helios« einen
»Schild des Aeolus« und brachte noch vieles Aehnliche UnerhörtUngehörige vor
Die Anderen feierten ihr besseres Wissen durch Salven von Gelächter und selbst
die classischen Züge des Professors erhellte ein grimmiges Lächeln des Triumphes
über den in den Staub getretenen Gegner
»Die Hunde« murmelte Arthur mit bleichen Lippen als er sich nachdem das
peinliche Verhör ein paar Minuten gedauert wieder setzte »Weshalb hast Du mir
nicht zugesagt«
Es blieb mir keine Zeit eine so törichte Frage zu beantworten denn jetzt
kam die Reihe an mich Aber ich hatte keine Lust mich meinen Mitschülern zum
Spaß der gelehrten Folter zu unterwerfen sondern erklärte dass ich noch
weniger vorbereitet sei als mein Freund und dass ich durch dieses Bekenntnis
dem Zeugnis welches mir der Herr Professor vorhin ja selbst ausgestellt hätte
zu entsprechen hoffe
Ich begleitete diese Worte mit einem drohenden Blick gegen die Andern der
ihr Gelächter alsbald verstummen machte und auch der Professor sei es dass er
weit genug gegangen zu sein glaubte sei es dass er meine freche Rede einer
Erwiderung für unwürdig hielt wandte sich mit einem Achselzucken ab und strafte
uns während er gegen die Andern ungemein liebenswürdig war und die gelehrtesten
Witze zum Besten gab den noch übrigen Teil der Stunde hindurch mit stiller
Verachtung
Die Tür hatte sich hinter ihm geschlossen Arthur stand vor der ersten Bank
und rief »Ihr habt Euch einmal wieder erbärmlich benommen aber mir fällt es
nicht ein hier zu bleiben Der Alte kommt heute nicht wieder wenn die Andern
nach mir fragen sagt nur ich wäre krank«
»Und dasselbe gilt für mich« rief ich neben Arthur tretend und ihm einen
Arm auf die Schulter legend »Ich gehe mit Ein Lump der seinen Freund
verlässt«
Einen Augenblick später hatten wir uns zwölf Fuß hoch aus dem Fenster auf
den Schulhof hinabgleiten lassen und standen nun zwischen zwei Mauerpfeilern
eng aneinander gedrückt damit uns der Professor wenn er aus dem Schulgebäude
in seine Wohnung ging nicht erblicke den weitern Plan überlegend
Es gab zwei Möglichkeiten von dem rings eingeschlossenen Hinterhof auf dem
wir uns jetzt befanden ins Freie zu gelangen durch die langen winkeligen
Kreuzgänge des Gymnasiums eines uralten BenedictinerKlosters auf die
Straße oder durch die Wohnung des Professors die mit einer Ecke den Hof
begrenzte direkt auf die Promenade zu welcher die längst demolirten Stadtwälle
umgeschaffen waren und die fast das ganze Städtchen umkreiste Der erste Weg war
gefährlich denn es geschah häufig dass ein oder das andere Lehrerpaar noch
lange nach dem officiellen Anfang der Lection in den kühlen Gängen plaudernd
auf und abpromenirte und wir hatten keine Minute zu verlieren der zweite war
noch viel gefährlicher denn er führte direkt durch die Höhle des Löwen aber er
war der bei weitem kürzere und jeden Augenblick praktikabel wir entschieden uns
deshalb für denselben
An der Mauer dicht unter den Fenstern unserer Klasse in welcher die zweite
Lection bereits begonnen hatte hinschleichend kamen wir bis zu der schmalen
Pforte die auf den kleinen Hof der Professorwohnung führte Hier war Alles
still durch die offen stehende Hintertür konnten wir auf den weiten mit
Steinfliesen gepflasterten Flur des Hauses sehen wo der Professor der eben
zurückgekommen war sich mit seinem jüngsten Söhnchen einem hübschen
schwarzköpfigen dreijährigen Buben haschte indem er mit seltsam langen
Schritten hinter demselben herlief und dabei vorsichtig in die weißen Hände
klatschte Das Kind lachte und jauchzte und einmal kam es sogar auf den Hof
gelaufen gerade auf unsern Versteck der aus einem Haufen Klobenholz bestand
zu noch ein paar Schrittchen der kleinen Beine und wir waren entdeckt
Ich habe hernach oft daran gedacht wie an diesen paar Schrittchen im Grunde
nicht weniger als mein ganzes Leben gehangen hat Kam das Kind bis zu uns so
konnten wir nur hinter dem Holzstoss an welchem man übrigens vom Schulgebäude
zur Directorwohnung vorüber musste hervortreten als zwei Schüler die sich zu
ihrem Lehrer begeben ihn wegen des Aergers den sie ihm bereitet haben um
Verzeihung zu bitten Wenigstens gestand mir Arthur dass ihm als das Kind auf
uns zugekommen blitzschnell dieser Gedanke durch den Kopf gefahren sei Dann
hätte es noch eine Strafpredigt gegeben aber in milderm Tone denn der
Professor war im Grunde seines Herzens ein guter Mann der das Beste wollte
wir wären in die Klasse zurückgekehrt hätten schlimmstenfalls den Mitschülern
gegenüber unsern Entweichungsplan für einen schlechten Scherz ausgegeben und
ja ich weiß selbst nicht was dann geschehen wäre sicher nicht das was
wirklich geschah
Aber die trippelnden Beinchen kamen nicht bis zu uns der mit langen
Schritten hinterher eilende Vater erhaschte das Kind und hob es in
überströmender Vaterfreude hoch in die Höhe dass die dunkeln Locken des
Bübchens in der Sonne blitzten dann trug er es kosend zum Hause zurück in
dessen Tür die Frau Professorin im Schmuck auf Papilloten gewickelter Locken
und einer weißen Küchenschürze erschien dann verschwanden Vater Mutter und
Kind die offen gebliebene Tür zeigte auf einen leeren Hausflur jetzt oder
nie war es Zeit
Mit jenem hochklopfenden Herzen das nur in der Brust eines Schülers Raum
hat der einen dummen Streich macht schlichen wir bis zur Tür über den
sonntäglich stillen Flur wo in den schrägen Sonnenstreifen welche durch die
gotischen Fenster fielen die bunten StaubAtome tanzten Die Glocke der
Haustür gab als wir dieselbe langsam öffneten einen schrillen Warnungsruf
aber schon winkten uns die breitkronigen Bäume der Wallpromenade eine halbe
Minute später waren wir zwischen den dichten Gebüschen der Anlagen verschwunden
und eilten mit großen Schritten die manchmal in einen kurzen Trab fielen dem
Hafen zu
»Was wirst Du Deinem Vater sagen« fragte ich
»Gar nichts denn er wird nicht fragen« erwiderte Arthur »oder wenn er
fragt dass ich frei bekommen habe was sonst Es wird famos werden ich werde
mich famos amüsiren«
Wir eilten eine Weile schweigend nebeneinander her Zum ersten Male fiel mir
ein dass ich doch eigentlich um nichts und wieder nichts aus der Schule gelaufen
sei Wenn Arthur hernach ein paar Tage Karcer trafen so hatte er sich doch
wenigstens »famos amüsirt« und die Sache hatte also für ihn gewissermaßen einen
Sinn Überdies waren seine Eltern sehr nachsichtig er riskirte mit einem
Worte so gut wie nichts Ich dagegen lief die Gefahr der Entdeckung und der
Strafe ohne alle Entschädigung und mein strenger alter Vater verstand
überhaupt keinen Scherz in solchen Dingen am wenigsten Ich hatte wieder
einmal wie schon so oft für einen Andern die süßen Kastanien aus dem Feuer
holen helfen Indessen was tats Hier bei dem eiligen Lauf unter den wehenden
Bäumen war es jedenfalls besser als in der dumpfigen Klasse und für mich wie
ich damals gesinnt war trug jeder dumme übermütige Streich seine Belohnung in
sich selbst Ich empfand es deshalb als eine besondere Großmut meines sonst
sehr egoistischen Freundes als dieser plötzlich sagte »Höre Georg Du
solltest mitkommen Der Onkel hat mir noch speciell aufgetragen so viel Freunde
als möglich mitzubringen Ich sage Dir es wird famos werden Elise Kohl und
Emilie Heckepfennig sind auch dabei Ich will Dir ausnahmsweise Emilie lassen
Und dann die Austern und der Champagner und die AnanasBowle Du solltest
wirklich mitkommen«
»Und mein Vater« sagte ich aber ich sagte es nur denn mein Entschluss von
der Partie zu sein stand bereits fest Emilie Heckepfennig Emilie mit ihrem
Stumpfnäschen und ihren lachenden Augen die mich immer ganz besonders
auszeichnete und mir neulich beim Pfänderspiel einen herzhaften Kuss gegeben zu
dem sie gar nicht verpflichtet war und die mir Arthur der Fant ausnahmsweise
lassen wollte Ich musste mit jetzt musste ich es mochte daraus kommen was
wollte
»Meinst Du dass ich so erscheinen kann« fragte ich stehen bleibend mit
einem Blick auf meinen Anzug der einfach und sauber ich hielt darauf aber
keineswegs gesellschaftlich war
»Warum denn nicht« erwiderte Arthur »was ist daran gelegen Und übrigens
haben wir keine Minute zu verlieren«
Arthur der in seinen besten Kleidern war hatte mich nicht angesehen und
seinen Schritt nicht gemässigt Wir hatten in der Tat keine Minute zu verlieren
denn als wir jetzt durch ein paar enge Gässchen zum Hafen gelangten tönte uns
die Signalglocke des Dampfers entgegen der an der Landungsbrücke zur Abfahrt
bereit lag Die vierschrötige Gestalt des Kapitäns stand auf dem Radkasten Wir
drängten uns eilig durch die dichte Schaar der Gaffer auf der Brücke und
stürzten über das Laufbret als man es eben auf das Schiff ziehen wollte und die
Räder ihre erste Umdrehung machten mitten hinein in die auf dem Deck
versammelte bunte Gesellschaft
Zweites Kapitel
»Wie Du mich erschreckt hast« sagte Frau von Zehren indem sie ihren Sohn bei
beiden Händen ergriff »wir hielten schon das Unmögliche für möglich und
glaubten Professor Lederer habe Dir die Erlaubnis verweigert Siehst Du wohl
Zehren dass ich recht hatte«
»Nun mir ist es ja auch recht« erwiderte der Steuerrat »die jungen
Damen waren schon trostlos über Dein Ausbleiben Arthur oder habe ich zu viel
gesagt Fräulein Emilie Fräulein Elise« Und der Steuerrat wandte sich mit
einer galanten Handbewegung an die Mädchen die kichernd ihre breitgeränderten
dunkeln Strohhüte gegeneinander neigten »Nun aber musst Du den Onkel
begrüßen« fuhr er leiser fort »wo ist denn der Onkel« und er ließ seine
Augen über die auf dem Deck herumschwärmende Gesellschaft schweifen
Der Kommerzienrat Streber kam eben dahergeschossen Seine kleinen
hellblauen Augen blitzten ärgerlich unter den grauen buschigen Brauen hervor
den langen Schirm seiner unmodischen Mütze hatte er aus der kahlen Stirn
geschoben der linke Ärmel seines weiten blauen Fracks mit den goldenen Knöpfen
war ihm halb von der Schulter gerutscht seine in gelben Nankinghosen steckenden
Beinchen hatten es sehr eilig
»Wo hat denn der verdammte Johann die «
»Erlauben Sie werter Herr Schwager dass Ihnen mein Arthur «
»Ist gut« rief der Kommerzienrat ohne den Präsentirten anzusehen »aha
da ist der Schlingel« und er schoss unaufhaltsam weiter auf seinen Bedienten
zu der eben mit einem Präsentirbret voll Gläser aus der Kajütentür auftauchte
Der Steuerrat und die Steuerrätin tauschten untereinander ein paar Blicke
aus in welchen »der alte Grobian« oder etwas derart ziemlich deutlich zu lesen
war Arthur hatte sich zu den jungen Mädchen gewandt und etwas gesagt was jene
veranlasste hell aufzulachen und mit ihren Sonnenschirmen nach ihm zu schlagen
ich um den sich niemand kümmerte wandte mich ab und suchte das stillere
Vorderdeck auf wo ich auf einer Rolle Schiffstaue Platz nahm und den Rücken
gegen die Ankerwinde gelehnt in den hellen Morgen und auf das helle Meer
hinauszublicken begann
Denn das Schiff hatte unterdessen den Hafen verlassen und fuhr längst der
Küste linker Hand dahin auf welcher die roten Dächer der Schifferhäuschen
durch Busch und Baum blickten während auf dem schmalen weißen Strande hier und
da einzelne Gestalten sichtbar wurden Schiffer oder auch Badegäste die nach
dem vorüberbrausenden Dampfer schauten Rechter Hand trat das flache Ufer immer
mehr zurück vor uns aber in weiterer Ferne glänzten die KreideFelsen der
Nachbarinsel herüber über die blaue Meeresfläche die jetzt unter einem
lebhafteren Wind sich zu kräuseln begann während unzählbare Scharen von
Seevögeln bald vor dem daherbrausenden Schiff in den Wind flogen bald die
klugen Köpfchen drehend auf den bewegten Wassern tanzten und mit ihrem
eintönigen Geschrei die Luft erfüllten
Es war ein heller köstlicher Morgen ich sah es wohl aber fühlte es nicht
recht Meine Stimmung war sonderbar trüb Sie würde ausgezeichnet gewesen sein
wäre des Herrn Kommerzienrat »Pinguin« der mit einer Schwerfälligkeit die
seinem Namen entsprach durch das Wasser sich arbeitete ein schönes schnelles
Schiff gewesen nach China bestimmt oder BuenosAyres oder sonst ein paar
tausend Meilen weit weg und ich als Passagier mit einem großen Beutel voll
Gold ja meinetwegen selbst als Matrose an seinem Bord mit der Gewissheit, nun
und niemals wieder die verhassten Türme meiner Vaterstadt zu schauen die da
eben auf dem blendenden Morgenhimmel mit dem sonnedurchleuchteten Morgendunst
verflossen Aber jetzt was war es nur was mich so melancholisch machte Das
Bewusstsein meines Ungehorsams die Furcht der nach menschlicher Berechnung
unausbleiblichen unangenehmen Folgen Gewiss nicht Das Äußerste konnte doch nur
sein dass mich mein strenger Vater aus dem Hause jagte wie er es schon oft
genug zu tun gedroht und diese Möglichkeit sah ich als eine Befreiung von
einem Joch an das mir mit jedem Tage unerträglicher däuchte und begrüßte sie
deshalb als sie sich jetzt im Geiste darbot mit einem Lächeln grimmiger
Zufriedenheit Nein das war es nicht
Was aber sonst
Ja mein Gott wer will denn aus der Schule gelaufen sein mit einem Eifer
als gälte es das Höchste zu erringen und hernach in einer fröhlichen
Gesellschaft auf dem Deck eines Dampfers abseits auf einer Taurolle sitzen
ohne dass irgend jemand der Herren oder Damen ihn im geringsten beachtet ja
selbst ohne die Aussicht der Diener mit den Kaviarbrödchen und dem Portwein
würde endlich auch einmal zu ihm kommen Diese letztere Vernachlässigung
beleidigte mich ehrlich gestanden für den Augenblick am schmerzlichsten Mein
Appetit war wie das bei einem neunzehnjährigen Burschen von meiner
Körperbeschaffenheit nicht anders sein konnte immer ausgezeichnet und jetzt
durch den scharfen Lauf von der Schule zum Hafen und durch den frischen Seewind
ungewöhnlich gereizt
Ich stand in einer Anwandlung von Ungeduld auf aber setzte mich alsbald
wieder Nein Arthur musste kommen und mich zur Gesellschaft führen es war
nachdem ich ihm den Gefallen getan hatte mit ihm wegzulaufen das Geringste
was er mir schuldig war Als ob er mir noch jemals bezahlt hätte was er mir
schuldig war Wie viel Angelruten Kanarienvögel Muscheln Tonpfeifen Messer
hatte er mir abgekauft das heißt abgeschmeichelt und abgetrotzt ohne jemals
den ausbedungenen Preis zu entrichten Ja wie oft hatte er mir mein baares Geld
abgeborgt sobald es nur irgend der Mühe wert schien wozu manchmal nicht mehr
als zwei und ein halber Silbergroschen gehörten
Sonderbar dass ich gerade jetzt in dieser hellen Morgenstunde diese dunkle
Rechnung aufsummiren musste Es war gewiss das erste Mal seit dem Beginn unserer
Freundschaft die doch mindestens schon von unserm sechsten Jahre an datirte
Denn ich hatte den schönen schlanken Knaben immer geliebt der so langes
goldglänzendes Haar und so weiche braune Augen hatte und weil der Sammt von
seiner Sonntagsjacke sich immer so glatt anfühlte Ich hatte ihn geliebt wie
ein großem vierschrötiger Kettenhund ein zartes Windspiel lieben mag das er mit
einem Druck seiner Kinnbacken zermalmen kann und so liebte ich ihn noch gewiss
in diesem Augenblick während er mit den Mädchen schäkerte und als ein petit
maître der er war sich plaudernd lachend durch die Gesellschaft bewegte
Ich wurde ganz traurig als ich das von meinem Platz der eigentlich ein
Versteck war beobachtete ganz traurig und ganz mutlos ich musste wohl
sehr hungrig sein
Wir hatten jetzt die weit in das Meer sich streckende Landzunge in welche
der westliche Strand auslief und die wir umfahren mussten erreicht Auf der
äußersten flachen Spitze von der Reihe der Dünenhäuser durch einen weiten
Zwischenraum getrennt und vom Meere rings umflutet stand von einer alten
halbverdorrten Eiche überragt noch eine Hütte an die sich für mich viel
köstliche Erinnerungen knüpften Der alte Schmied Pinnow wohnte da meines
Freundes Klaus Pinnow Vater Schmied Pinnow war für meine Knabenjahre
unzweifelhaft die merkwürdigste Persönlichkeit gewesen Er besaß vier alte
doppelläufige verrostete Percussionsgewehre und eine lange einläufige
Vogelflinte mit Pfannenschloss die er an jagdlustige Badegäste verlieh und
gelegentlich an uns Jungen wenn wir gut bei Kasse waren denn Schmied Pinnow
tat nicht leicht etwas um Gottes willen außerdem hatte er ein großes
Segelboot ebenfalls nur zur Benutzung der Badegäste wenigstens in den letzten
Jahren wo er halb blind geworden war und größere Fahrten nicht wohl unternehmen
konnte Ehemals sollte er freilich ganz andere Fahrten von weniger harmloser
Natur gemacht haben und die Steuerofficianten meines Vaters Kollegen mein
Vater war seit einiger Zeit zum Rendanten avancirt schüttelten die Köpfe wenn
sie auf Schmied Pinnows Vergangenheit zu sprechen kamen Indessen was ging uns
Jungen das an Was ging es mich vor allen an der ich den vier verrosteten
Jagdgewehren und der Vogelflinte und des alten Pinnows altem Boot die schönsten
Stunden meines Lebens verdankte und an Klaus Pinnow den besten Kameraden von der
Welt gehabt hatte Gehabt Denn seit den letzten vier Jahren wo Klaus bei
Schlosser Wangerow in der Lehre und später in Arbeit gewesen hatte ich ihn
selten nur noch gesehen und seit einem halben Jahre gar nicht wieder
Aber eben jetzt dachte ich an ihn als wir an seines Vaters Hütte
vorüberfuhren und auf dem Sande neben dem auf den Strand gezogenen Boot eine
Gestalt stand zwerghaft klein in Folge der großen Entfernung in der meine
scharfen Augen aber dennoch Christel Möwe erkannten Klaus Pflegeschwester
welche die nun auch längst verstorbene Frau des alten Pinnow vor sechzehn Jahren
nach einer Sturmnacht zwischen Kisten und Planken eines gescheiterten Schiffes
am Strande fand und der Alte in einer Anwandlung von Großmut wie die Einen
um sich ein Ansehen vor den Leuten zu geben wie die Andern sagten in sein Haus
aufgenommen hatte Das Schiff war ein holländisches gewesen so viel hatte man
aus den Trümmern gesehen sonst war nie etwas über Namen und Eigentümer bekannt
geworden infolge vielleicht der Lässigkeit mit der man von s der
Behörden die Nachforschungen angestellt den kleinen Findling aber hatte man
Christine oder Christel Möwe genannt weil das wilde Geschrei der in der Luft
kreisenden Möwen Frau Pinnow an die Stelle wo es lag gelockt hatte
Ein Geräusch in meiner unmittelbaren Nähe ließ mich schnell den Kopf nach
der Seite wenden Zwei Schritte von mir wurde eine Luke in dem Verdeck des
Schiffes geöffnet und aus der Luke hob sich mit den Füßen auf der Leiter
stehen bleibend ein Mensch so weit dass er eben über die niedrige
Schiffswandung blicken konnte Das kurze starre Haar das breite Gesicht der
nackte muskulöse Hals die bis zum Gürtel fast offene Brust das einst rotbunt
gewesene Hemd die einst grau gewesenen Beinkleider Alles war mit einer
dichten Schicht schwarzen Kohlenstaubes bedeckt und da der Mann die ohnehin
sehr schmalen Augen beinahe zugekniffen hatte um schärfer in die Weite blicken
zu können so wäre an ihm Alles schwarz gewesen hätte er nicht in diesem Moment
den ungeheuren Mund zu einem fröhlichen Grinsen verzogen und zwei Reihen Zähne
gezeigt die an glänzender Weiße nicht übertroffen werden konnten Und jetzt hob
er sich noch ein paar Zoll höher winkte mit der großen leeren schwarzen Hand
zum Gruß hinüber nach dem Strande und jetzt erkannte ich den schwarzen
Gesellen
»Klaus« sagte ich
»Halloh« rief er sichtbar zusammenschreckend und richtete schnell die
schmalen Augen auf mich
»Das war ja ein gewaltig zärtlicher Gruß Klaus«
Klaus errötete unter seiner Russdecke und zeigte alle seine Zähne »Herr du
meines Lebens« rief er »Georg wo kommst Du wo kommen Sie hierher«
»Ja und Du Klaus«
»Ich bin ja schon seit Ostern hier« erwiderte er »ich wollte immer
schon einmal herankommen und sehen wie es Ihnen geht«
»Aber närrischer Kerl weshalb nennst Du mich denn auf einmal Sie« fragte
ich
»Na Sie gehören doch nun auch zu der vornehmen Gesellschaft« sagte Klaus
mit dem Daumen über die Schulter nach dem Hinterdeck zeigend
»Ich wollte ich wäre unten bei Dir und Du könntest mir ein tüchtiges
Butterbrod geben« sagte ich »Hole der Teufel die vornehme Gesellschaft«
Klaus sah mich erstaunt an
»Ja aber« sagte er »warum «
»Warum ich hier bin« unterbrach ich ihn »weil ich ein Narr ein Esel
bin Klaus«
»Ach nein« sagte Klaus
»Glaub es mir Klaus ein vollkommener Esel Ich wollte ich hätte lauter so
gute Freunde wie Du Klaus« Und mein Blick irrte zu dem treulosen Arthur
hinüber der mit dem Sonnenschirm der treulosen Emilie zwischen den Gästen
herumstolzirte während sie sich seinen kleinen Strohhut kokett auf die Locken
gesetzt hatte
»Ich muss wieder hinunter« sagte Klaus freundlich grinsend »adjüs« und er
stieg die Leiter hinab
»War das ein Schornsteinfeger« fragte eine helle Stimme hinter mir
Ich wandte mich schnell um indem ich mich zugleich von meinem Sitz erhob
Da stand ein zierliches Dämchen von zehn Jahren in weißem Kleidchen mit
kornblumblauen Bändern an den Achseln und kornblumblaue Bänder flatterten von
ihrem Strohhütchen und die großen kornblumblauen Augen starrten neugierig auf
die Luke durch die mein schwarzer Freund verschwunden war und blickte dann
fragend zu mir empor
In demselben Moment wurde die Luke wieder gehoben Klaus schaute heraus
»Soll ich Ihnen wirklich ein Butterbrod «
»O Gott« schrie die Kleine Hinter mir klappte die Luke über dem
blitzschnell untertauchenden Freunde
»O Gott« rief die Kleine nochmals »Wie ich erschrocken bin«
»Worüber ma chère« fragte eine andere Stimme Die Stimme war sehr dünn
und die Dame der sie gehörte und die eben um das Kajütenhaus herumtrat war
ebenfalls sehr dünn ungefähr so wie das fadenscheinige Seidenkleid couleur
changeante das ihre Gestalt umflatterte oder die rötlichen Locken die von
beiden Seiten ihres blassen Gesichts herabfielen
Diese Dame war Fräulein Amalie Duff und die mit den kornblumblauen Augen und
Bändern war ihre Zöglingin Hermine Weber des Kommerzienrats einziges Kind
Ich kannte natürlich beide wie ich denn so ziemlich wohl sämtliche Bewohner
unserer kleinen Stadt sobald sie nur erst aus den Windeln heraus waren kannte
und hätte auch wohl von ihnen gekannt sein können denn ich war ein paar Mal mit
Arthur in dem großen Garten des Kommerzienrats vor dem Tore gewesen und hatte
vor vierzehn Tagen sogar die Ehre gehabt die kleine Hermine eine halbe Stunde
lang schaukeln zu dürfen in der großen hölzernen Schaukel von der man wenn man
sie recht hoch schleuderte einen Blick zwischen die Bäume weg aufs Meer hatte
Überdies stammte Fräulein Duff aus demselben kleinen sächsischen Städtchen
welches auch der Geburtsort meiner Eltern war und sie hatte als sie vor
einigen Monaten in unserer Stadt erschien Empfehlungen und Grüße aus der Heimat
gebracht welche leider für meine gute Mutter die schon seit fünfzehn Jahren in
der Erde ruhte zu spät kamen Auch hatte Fräulein Duff mich schon wiederholt
auch an jenem Schaukelnachmittage ihrer belehrenden Unterhaltung gewürdigt
aber sie war sehr kurzsichtig und so konnte ich es ihr denn nicht weiter
verübeln dass sie jetzt die goldene Lorgnette vor die blassen Augen nahm und mit
jener Verbeugung die man in der Tanzstunde glaube ich grand compliment nennt
fragte »Ich habe die Ehre«
Ich nannte meinen Namen
»O ciel« rief Fräulein Duff »mon jeune compatriote Ich bitte tausendmal
um Verzeihung meine Kurzsichtigkeit Wie befindet sich Ihr würdiger Herr
Vater Wie befindet sich Ihre liebe Frau Mutter Himmel wie verwirrt ich bin
sie weilt ja nicht mehr unter den Lebenden verzeihen Sie aber Ihr plötzliches
Erscheinen in diesem stillen Winkel der Welt hat mich ganz fassungslos gemacht
Was ich sagen wollte man verlangt dort drüben sehr nach Ihnen Wie haben Sie
sich so versteckt halten können man sucht Sie überall «
»Und doch wäre ich leicht genug zu finden gewesen« sagte ich vermutlich
mit einiger Bitterkeit welche dem leisen Ohr Fräulein Duffs nicht entging
»Ach ja« sagt sie mit einem verständnissvollen Blick der blassen Augen und
indem sie einen Schritt näher trat »Wer sich der Einsamkeit ergibt das ist
eine ewige Wahrheit Am Golde hängt nach Golde drängt Nicht so wild ma
chère Das gräuliche Tier wird dir die Kleider zerreißen«
Diese letzten Worte galten der kleinen Hermine welche mit einem
allerliebsten Wachtelhündchen das bellend herangesprungen kam auf den glatten
Dielen des Verdecks Haschen zu spielen begann
»Sie sind ein sinniges Gemüt« fuhr die Gouvernante fort indem sie sich
wieder zu mir wandte »ich sehe es an dem schmerzlichen Zug der um Ihren Mund
grollt Die lauten Freuden widern Sie an das Toben und Schreien ist Ihnen ein
verhasster Klang aber wir Armen müssen uns in das Unvermeidliche schicken ich
wenigstens muss es Würde ich sonst hier sein auf diesem schwankenden Kahn wo
ich Todesangst ausstehe Und zu welchem Zweck einem kannibalischen Mahle
beizuwohnen unschuldige Austern die man dem mütterlichen Schoss der heiligen
Salzflut entreisst um sie lebend zu verschlingen Ist das ein Schauspiel das
man einem Kinde bieten darf« und Fräulein Duff schüttelte sorgenvoll ihre
dünnen Locken
»Es fragt sich noch sehr ob wir welche finden« sagte ich höhnisch
»Meinen Sie auch die anderen Herren bestreiten es Der Salzgehalt der
Ostsee ist zu gering Zwar sollen die Römer in Süsswasserseen bei Neapel aber
wie darf ich einem jungen Gelehrten wie Ihnen mein bescheidenes Wissen
aufdrängen wollen Der gute Kommerzienrat Ja ja verachte nur Vernunft und
Wissenschaft Aber da kommt er selbst Kein Wort von dem was wir gesprochen
mein junger Freund ich bitte«
Mir blieb keine Zeit die blasse Dame meiner Verschwiegenheit zu versichern
denn beinahe die ganze Gesellschaft an der Spitze der Kommerzienrat der die
dicke Frau Justizrat Heckepfennig am Arm führte kam jetzt auf das Vorderdeck
geschwärmt einen Dreimaster besser zu sehen der mit vollen Segeln auf uns
zurauschte Im nächsten Augenblick war ich mitten in dem Schwarm und das Eis
in welchem ich so zu sagen festgesessen hatte war gebrochen Arthur dessen
feines Gesicht von dem reichlich genossenen Wein bereits lebhaft gerötet war
schlug mich auf die Schulter und fragte wo zum Kukuk ich denn gesteckt hätte
Die treulose Emilie reichte mir die Hand und lispelte »Haben Sie mich denn ganz
vergessen« und sank als jetzt zum Salut des vorüber rauschenden Oceanriesen
an Bord unseres Dampfers die Böller gelöst wurden mit einem kleinen Schrei in
meine Arme Der Dreimaster der eben von Westindien zurückkam gehörte zu des
Kommerzienrats Flotte Man hatte gewusst dass er heute einlaufen würde und dem
Kommerzienrat war es keineswegs unlieb seine Gäste auf der Fahrt nach seinen
Austerbänken an dem stolzesten seiner Schiffe vorüberführen zu können Er stand
auf dem Radkasten das Sprachrohr am Munde aus Leibeskräften etwas schreiend
was in dem allgemeinen Hurrah hinüber und herüber und dem Krachen der
Böllerschüsse unmöglich von dem bronzefarbenen Kapitain drüben verstanden werden
konnte der denn auch zum Zeichen dass er nichts verstanden habe die breiten
Achseln zuckte Aber was kam darauf an Es war doch ein glorioses Schauspiel
und der Kommerzienrat mit dem Sprachrohr auf dem Radkasten die Hauptperson in
demselben Das war ihm genug und als er jetzt nachdem der »Albatros« auf
breiten Schwingen vorübergerauscht war und die plumpen Beine des »Pinguin«
wieder zu schaufeln begannen von seinem Piedestal herunterstieg die
Glückwünsche der Gesellschaft in Empfang zu nehmen glitzerten seine Aeuglein so
hell zuckten die Flügel seiner langen Nase so vergnüglich strich er sich so
behaglich das spitze Bäuchelchen und sein lautes Lachen klang wie das Krähen
eines Hahns der sich in dem angenehmen Bewusstsein bläht der Erste auf dem
Düngerhof zu sein
Das übrige Geflügel erkannte diesen Vorzug auf das bereitwilligste an man
schnatterte piepte gluckste Beifall man duckte sich man kratzfüsselte
Niemand mehr als Arturs Vater der Steuerrat der sich beständig an der Seite
des Gefeierten hielt und ihm mit seiner glatten Stimme Schmeicheleien sagte die
Jener als etwas das sich von selbst verstand und woran er besonders von
dieser Seite gewöhnt war mit einer Gleichgültigkeit aufnahm die für die
meisten Anderen etwas Beleidigendes gehabt haben würde Auch mochte wohl der
Steuerrat nicht gerade angenehm durch das Benehmen seines reichen Schwagers
berührt sein obgleich er ein viel zu gewandter Mann war um was auch immer in
solchen Augenblicken sein Herz bedrücken mochte merken zu lassen Nicht ganz so
gut gelang diese Selbstkasteiung seiner Gemahlin die als geborene Baroness
Kippenreiter und als leibliche Schwester der verstorbenen Frau Kommerzienrat
ohne Zweifel Anspruch auf respectvolle Behandlung hatte und ein Recht
unzufrieden zu sein wenn ihr diese versagt wurde Sie suchte sich für die
Zurücksetzung durch ein möglichst herablassendes Benehmen gegen die übrigen
Damen die Frau Bürgermeister Koch die Frau Justizrat Heckepfennig die Frau
Bauinspector Strombach und wer denn noch sonst von der weiblichen Elite unseres
Städtchens anwesend war zu entschädigen indessen konnte diese Genugtuung
nicht die Wolke von ihrer aristokratischen Stirn verscheuchen mit wie
krampfhafter Freundlichkeit auch die dünnen Lippen über den langen gelben
Zähnen auf und niederzuckten
Ich hatte kaum angefangen mich in der Gesellschaft heimisch zu fühlen und
wie bald geschah das als mein gewöhnlicher kecker und zum Teil wilder
Übermut sein Recht verlangte und sich in hundert Streichen Luft machte die
vielleicht nicht immer vom besten Geschmack waren aber gewiss niemals aus einem
schlechten Herzen kamen und in denen ich mich um so unbefangener gehen ließ
als ich die Lacher stets auf meiner Seite hatte Lieber Himmel ich könnte jetzt
noch vor Scham erröten wenn ich denke welche schalen Reden ich meinem
bescheidenen Auditorium für Witze verkaufte wie arm an Erfindung und plump in
der Darstellung die Szenen waren die ich vorzuführen liebte und für die ich in
der ganzen Stadt eines großen Rufes genoss ein Verliebter der seiner Schönen
ein Ständchen bringen will und dabei fortwährend von bellenden Hunden miauenden
Katzen keifenden Nachbarinnen schadenfrohen Passanten gestört und zuletzt vom
Wächter arretirt wird war meine Glanzrolle wie tactlos und unsinnig die
Reden die ich über Tisch hielt und mit wie vielen Gläsern Wein ich mich für
diese tactlosen und unsinnigen Reden zu belohnen für gut fand
Ach dieses Mittagsmahl auf dem mit Zelttuch überspannten Deck des in dem
spiegelglatten Meer vor Anker ruhenden Dampfers es war für mich die letzte
wirkliche Lustbarkeit auf lange lange Jahre hinaus ich weiß es nicht ob sie
darum so hell in meiner Erinnerung geblieben ist oder ob es die Jugend war die
mir in den Adern brauste oder der Wein der in den Krystallgläsern funkelte
oder der Sonnenschein der so glanzvoll auf dem weiten Meere lag oder die
balsamische Luft welche über die ungeheure Fläche so leise herangeschwingt kam
dass sie die glühenden Wangen der Mädchen nicht zu kühlen vermochte Es war
wohl eben Alles zusammen Jugend Sonnenschein Meeresatem goldener Wein
rote Mädchenwangen ach und die Austern die bösen Austern die zwei Jahre
Zeit gehabt hatten sich zu vermehren wie der Sand des Meeres und die der
Meeressand und die Meeresströmung bis auf wenige leere Schalen vergraben und
fortgespült hatte Welch ein unerschöpfliches Thema waren diese leeren Schalen
die mitten auf der Tafel in einer prachtvollen Schüssel als humoristisches
Schaugericht prangten wie versuchte Jeder seinen Witz daran und wie gönnte man
es heimlich dem Millionär dass sein trotziger Eigensinn doch endlich einmal eine
Lection bekommen dass er mit allen seinen Millionen der Natur nicht abringen
konnte was sie nicht zu gewähren entschlossen war
Aber man musste es dem alten Kauz lassen er machte zu dem bösen Spiel die
beste Miene von der Welt und als jetzt nachdem er in launiger Rede sein
Unglück beklagt plötzlich lautes Geschrei auf dem Vorderdeck entstand und die
Matrosen große Austerfässer herbeischleppten die sie eben gefangen zu haben
behaupteten da war des Jubels kein Ende und der Lebehochs auf den splendiden
Wirt der zum andern Mal bewiesen dass seine Schlauheit und Umsicht denn doch
noch größer waren als sein Trotz und sein Eigensinn
Ich weiß nicht wie lange das glänzende Mahl für die Herren noch währte
während die Damen auf dem Verdeck promenirten jedenfalls noch sehr lange viel
zu lange für uns junge Burschen Man erzählte sich die bedenklichsten
Geschichten in denen besonders der Kommerzienrat stark war man lachte
überlaut man schrie ich musste Lieder singen die mit Jubel aufgenommen wurden
und ich war nicht wenig stolz als mein kräftiger Bass selbst die Damen wieder an
die Tafel lockte ich tat mein Bestes in einem unisonen von dem gesammten
Herren und Damenpersonal ausgeführten Vortrage von »Ich weiß nicht was soll
es bedeuten« eine zweite Stimme in Terzen durchzuführen und verwandte während
dessen kein Auge von Fräulein Emilie eine Aufmerksamkeit welche die
Freundinnen der jungen Dame natürlich zu kichern und sich gegenseitig anzustossen
zwang und Arthur so in Eifersucht versetzte dass er mich später als wir die
Zigarren im Munde auf dem Vorderdeck promenirten notwendig zur Rede stellen
musste
Es war unterdessen Abend geworden ich erinnere mich dass als ich den
Wortwechsel mit Arthur hatte auf der Küste der Insel der wir uns auf unserer
Heimfahrt einmal ziemlich genähert hatten eine vom Schein der untergehenden
Sonne getroffene Ruine erglänzte die malerisch von dem hohen steilabfallenden
Vorgebirge aufragte Der Anblick dieser Ruine gab unserem Streit der schon
ziemlich lebhaft geworden war eine peinliche Wendung Jener Turm war nämlich
das einzige Überbleibsel der uralten Zehrenburg der Stammburg von Arturs
Familie die in früheren Zeiten auf der Insel reich begütert gewesen war Arthur
deutete mit patetischer Gebärde auf die roten Steine und verlangte von mir
dass ich Angesichts der Burg seiner Ahnen auf immer und ewig Emilie
Heckepfennig abschwören solle Ein Bürgerlicher wie ich habe immer vor einem
Adeligen zurückzustehen Ich behauptete dass in der Liebe von Bürgerlich und
Adelig nicht die Rede sei und dass ich mich nun und nimmer zu einem Schwur
verstehen könne der mich und das Mädchen ungleich machen würde »Sklave«
sagte Arthur »so belohnst Du mich für die Herablassung mit der ich mir Deinen
Umgang so lange schon habe gefallen lassen« Ich lachte überlaut mein Lachen
entflammte den trunkenen Zorn Arturs aufs Höchste »Mein Vater ist der
Steuerrat von Zehren« rief er »Dein Vater ist ein elender Subalternbeamter«
»Lass unsere Väter aus dem Spiel Arthur« sagte ich »Du weißt ich verstehe
in Beziehung auf meinen Vater keinen Spaß« »Dein Vater « »Noch einmal
Arthur lass meinen Vater aus dem Spiel Mein Vater ist mindestens so viel wert
als der Deine Und wenn Du jetzt noch ein Wort gegen meinen Vater sagst so
fliegst Du über Bord« und ich schüttelte meine Fäuste vor Arturs Gesicht
»Was gibt es hier« fragte der Steuerrat der plötzlich herantrat »Wie
junger Mensch ist dies die Achtung die Sie meinem Sohn die Sie mir schuldig
sind Es scheint dass Sie dem unpassenden Betragen dessen Sie sich während des
ganzen Tages befleissigt haben jetzt die Krone aufsetzen wollen Mein Sohn hat
Sie zum letzten Male mitgenommen«
»Mitgenommen« rief ich »mitgenommen Weggelaufen sind wir Einer wie der
Andere Mitgenommen Mitgefangen mitgehangen« und ich brach in ein
schallendes Gelächter aus das den mir soeben gemachten Vorwurf des unpassenden
Betragens leider vollauf bestätigte
»Wie« sagte der Steuerrat »Arthur was heißt das«
Aber Arthur war nicht im Stande eine verständliche Antwort zu geben Er
lallte ich weiß nicht was und taumelte mit erhobener Hand auf mich zu Der
Vater ergriff ihn am Arm und führte ihn fort indem er leise und heftig auf ihn
einsprach und mir im Abgehen noch einen wütenden Blick zuwarf
Diese Szene hatte das Blut das so schon feurig genug durch meine Adern
brauste vollends in Flammen gesetzt Das Nächste dessen ich mich noch
erinnere war dass ich den Kommerzienrat ich weiß nicht mehr wie ich zu der
Ehre gekommen am Arm führte und ihm in leidenschaftlichen Worten das
himmelschreiende Unrecht klagte das ich so eben von meinem besten Freunde
erlitten habe für den ich Gut und Blut zu opfern jederzeit bereit sei Der
Kommerzienrat wollte sich tot lachen »Gut und Blut« rief er »ja das
können sie brauchen denn das Gut« der Kommerzienrat zog die Schultern in
die Höhe und blies die Backen auf »und das Blut« hier stieß er mich mit dem
Elnbogen in die Seite »das Blut Vollblut capitales Blut das versteht sich
habe ja selbst eine gehabt eine Kippenreiter Baroness Kippenreiter mein
Hermann mindestens Halbblut Da springt sie hin ist es nicht ein Engel
Schade dass es kein Junge geworden ist nenne sie deshalb immer Hermann
Hermann Hermann«
Die Kleine kam gesprungen sie hatte ein rotes Tuch umgebunden das ihr der
Vater nachdem er sie geküsst noch fester um die zarten Schultern zog
»Ist es nicht ein Engel ein Stolz« fuhr er fort indem er wieder meinen
Arm nahm »Sie soll auch einen Grafen zum Mann haben nicht so einen
ausgehungerten Adeligen wie mein Schwager der Steuerrat oder so einen wie
sein Bruder auf Zehrendorf der Saufaus oder wie der andere der Duckmäuser
der Zuchtausdirector in Dingsda Nein einen wirklichen Grafen einen Kerl der
seine sechs Fuß hoch ist so wie Sie ja so wie Du mein Junge«
Der kleine Kommerzienrat suchte mir seine beiden kurzen plumpen Hände auf
die Schultern zu legen und blickte mit weinseligen Augen gerührt zu mir auf
»Du bist ein kapitaler Kerl ein Prachtkerl Schade dass Du so ein armer Teufel
bist Du solltest mein Schwiegersohn werden aber ich muss dich Du nennen kannst
mich auch Du nennen Bruderherz« und der würdige Mann schluchzte an meiner
Brust und rief nach Champagner vermutlich um den eben geschlossenen
Bruderbund nach alter Weise mit einem solennen Trunk zu besiegeln
Ich bezweifle dass dies geschehen ist wenigstens erinnere ich mich dieser
Zeremonie nicht mehr die sich doch wohl meinem Gedächtnis eingeprägt haben
würde Dagegen weiß ich dass ich kurz nach dieser Szene mit einer vollen Flasche
in dem Maschinenraum gewesen bin um mit meinem Freunde Klaus anzustossen und ihn
zu versichern dass er der beste treueste Kerl von der Welt sei und dass ich ihn
zum Oberheizer in der Hölle machen wolle sobald ich einmal dorthin gelangt was
gar nicht mehr lange dauern werde denn mit meinem Vater müsse es heute Abend
noch eine Entscheidung geben obgleich ich mich für ihn jeden Augenblick in
Stücke zerreißen lassen würde und das möge lieber jetzt gleich geschehen und
wenn der große schwarze Kerl nicht aufhöre mit dem langen eisernen Arm auf und
nieder zu fahren würde ich meinen Kopf darunter stecken und dann werde es wohl
mit Georg Hartwig aus sein
Wie der gute Klaus mir dieses selbstmörderische Vorhaben ausgeredet und wie
er mich die steile Leiter wieder hinaufgeschaft hat weiß ich nicht doch muss
es irgendwie geschehen sein denn als wir in den Hafen einliefen war ich wieder
auf Deck und sah die Maste der vor Anker liegenden Schiffe an uns vorübergleiten
und zwischen die Raaen und Spieren hindurch die Sterne tanzen und der Halbmond
stand auf dem spitzen Turm der St Nikolaikirche und fiel dann mit einem Male
herunter und ich wäre auch beinahe gefallen denn der »Pinguin« streifte eben
ziemlich hart die vorspringenden Balken der Schiffbrücke auf welcher wieder
eine schwarze Menschenmenge stand die aber nicht Hurrah schrie wie heute
Morgen sondern wie mir vorkam auffallend still war und als ich durch sie
hindurch drängte mich so schien es mit wunderlich ernsten Gesichtern
anstarrte so dass mir zu Mute wurde als sei irgend ein Unglück geschehen oder
es werde demnächst eines geschehen und ich selbst hätte irgendwie das Unglück
zu Wege gebracht
Ich stand vor dem kleinen Hause meines Vaters in dem schmalen Hafengässchen
In der Stube zur Haustür linker Hand schimmerte Licht durch die geschlossenen
Läden mein Vater war also schon zu Hause er pflegte um diese Zeit einen
einsamen Spaziergang um den Stadtwall zu machen War es denn schon so spät
Ich zog die Uhr hervor und suchte bei dem schwachen Schimmer des Mondes
Laternen brannten an Mondscheinnächten in Uselin nicht zu sehen welche Zeit
es sei Es war nicht möglich Pah sagte ich es kommt auf eins heraus und
ich ergriff entschlossen den Messingdrücker der Haustür Er fühlte sich an wie
Eis so kalt in meiner fieberheissen Hand
Drittes Kapitel
Als ich die Haustür hinter mir schloss trat Riekchen die seit dem Tode der
Mutter dem Vater die Wirtschaft führte schnell aus dem Zimmerchen rechter
Hand Bei dem Schein des Oellämpchens auf dem weissgescheuerten Flurtisch sah
ich dass die gute Alte die Hände zusammenschlug und mich mit weit aufgerissenen
entsetzten Augen anstarrte Ist dem Vater etwas passiert sagte ich indem ich
mich an dem Küchentisch fest hielt Die im Vergleich mit draußen etwas dumpfe
Luft des Flures und der Schrecken über Riekchens Angstmiene versetzte mir den
Atem und dann strömte mir das Blut so heftig nach dem Kopfe die Gegenstände im
Flur schienen sich mir im Kreise zu drehen »Ach Du Unglückskind was hast Du
angerichtet« wimmerte Riekchen »Um Gottes willen was ists« rief ich laut
die Alte bei der Hand fassend
Hier öffnete mein Vater die Tür seines Zimmers und erschien auf der
Schwelle beinahe den ganzen Rahmen ausfüllend denn die Tür war schmal und
niedrig und mein Vater ein starker großer Mann
»Gott sei Dank« murmelte ich
Ich empfand in diesem Augenblicke nichts als das freudige Gefühl der
Befreiung von der Angst die mir noch eben die Kehle zugeschnürt hatte im
nächsten freilich schon hatte diese natürliche Regung einer ganz anderen Platz
gemacht und wir starrten uns an wie zwei Gegner die plötzlich
aufeinandertreffen nachdem der Eine schon lange des Andern geharrt hat und der
Andere so gut es gehen will sich zu der Entscheidung aufrafft von der er
weiß dass sie unvermeidlich ist
»Komm herein« sagte mein Vater indem er aus der Tür zurücktrat
Ich folgte seinem Ruf Es sauste mir in den Ohren aber mein Schritt war
fest und wenn mein Herz wild an die Rippen schlug so war es nicht vor Angst
Als ich eingetreten war erhob sich eine lange schwarze Gestalt die auf
dem mit Haartuch überzogenen Arbeitsstuhl meines Vaters gesessen hatte mein
Vater duldete kein Sopha in seinem Hause es war der Professor Lederer Ich
stand in der Nähe der Tür mein Vater weiter rechts am Ofen der Professor vor
dem Arbeitstisch und vor der Lampe so dass sein Schatten dunkel über die
geweisste Zimmerdecke und über mich fiel Keiner regte sich und Keiner sprach
der Professor wollte dem Vater das erste Wort lassen mein Vater war zu
aufgeregt um sprechen zu können so verging wohl eine halbe Minute die mir
eine Ewigkeit dünkte und während welcher ich jedenfalls Zeit hatte mir den
Gedanken zum klarsten Bewusstsein zu bringen dass, wenn der Professor nicht
sofort das Zimmer und das Haus verließ jede Möglichkeit einer Verständigung
zwischen meinem Vater und mir abgeschnitten war
»Verirrter junger Mann« sagte der Professor
»Lassen Sie mich mit meinem Vater allein Herr Professor« sagte ich
Der Professor sah mich an wie Jemand der seinen Ohren nicht traut Ein
Schuldiger ein Verbrecher das war ich in den Augen des Schulmannes der dem
Richter in die Rede zu fallen in diesem Tone mit einer solchen Zumutung in
die Rede zu fallen wagt es war unmöglich
»Junger Mann« fing er noch einmal an aber sein Ton war nicht mehr so
sicher wie das erste Mal
»Ich sage Ihnen lassen Sie uns allein« rief ich mit starker Stimme indem
ich eine Bewegung nach dem Professor machte
»Er ist von Sinnen« sagte der Professor indem er rückwärts schreitend an
den Tisch stieß
»Bursche« rief mein Vater der rasch vorgetreten war als wollte er den
Professor vor einem Angriff schützen
»Wenn ich von Sinnen bin« sagte ich meine glühenden Augen bald auf den
Professor bald auf meinen Vater richtend »so täten Sie doppelt wohl daran
uns allein zu lassen«
Der Professor sah sich nach seinem Hut um der hinter ihm auf dem Tisch
stand
»Nein bleiben Sie bleiben Sie« rief mein Vater mit vor Leidenschaft
bebender Stimme »Soll dieser freche Bube wieder einmal seinen bösen Willen
durchsetzen Ich habe nur zu lange eine strafbare Nachsicht geübt es ist Zeit
endlich andere Saiten aufzuziehen«
Mein Vater fing an im Zimmer hin und herzugehen wie er immer tat wenn
er sehr aufgeregt war »Ja andere Saiten aufzuziehen« fuhr er fort »dies
geht nicht länger ich habe getan was ich konnte ich brauche mir nichts
vorzuwerfen aber ich will nicht eines ungeratenen Buben wegen zum Gespött der
Leute werden Wenn er nicht tun will was seine verdammte Pflicht und
Schuldigkeit ist so habe ich auch keine Pflicht und keine Schuldigkeit gegen
ihn mehr zu erfüllen so mag er sehen wie er ohne mich durch die Welt kommt«
Er hatte mich nicht ein einziges Mal angesehen während er diese Worte die
der Zorn oft unterbrach hervorstiess Ich sah später einmal ein Gemälde das
jenen alten Römer darstellte wie er sich die Hand auf den glühenden Kohlen
abschwälen lässt und mit einem unendlich schmerzhaften Blick seitwärts auf die
Erde starrt Ich musste dabei an meinen Vater in dieser verhängnisvollen Stunde
denken
»Ihr Herr Vater hat recht« hob hier zum dritten Male der Professor an der
es für seine Pflicht hielt an dem Eisen das auf dem Amboss lag mit schmieden
zu helfen »wann hat es einen Vater gegeben der mehr für seine Kinder getan
hätte als dieser treffliche Mann dessen Ehrenhaftigkeit Fleiß und Biederkeit
sprüchwörtlich sind den jede Bürgertugend schmückt und der nun durch Ihre
Schuld des schönsten kostbarsten Schmuckes eines Bürgers entbehren soll das
ist eines wohlgeratenen Sohnes der ihm eine Stütze sei in seinem wankenden
Alter Ist es nicht genug dass diesen trefflichen Mann das unabwendbare
Schicksal so hart getroffen dass er so früh die teure Gattin einen Sohn in der
Blüte der Jahre verlieren musste Soll ihm nun auch noch der letzte geraubt
werden der Benjamin seines Alters soll seine treue Sorge sein Gebet bei Tag
und Nacht «
Mein Vater war ein strenger Mann aber nichts weniger als fromm im Sinn der
Kirche die Unwahrheit war ihm ein Gräuel und dass er Tag und Nacht gebetet
haben solle das war eine Unwahrheit überdies war er von tiefster fast
krankhafter Bescheidenheit und das Lob des Professors dünkte ihm überschwänglich
und unpassend
»Lassen Sie es gut sein Herr Professor« unterbrach er den beredten
Gelehrten mit rauer Stimme »ich sage noch einmal ich habe meine Pflicht
getan damit basta und er soll seine tun und damit basta Ich will weiter
nichts von ihm nichts gar nichts nicht so viel« und mein Vater strich dabei
die Handflächen übereinander »das aber will ich und will ers nicht nun «
Mein Vater hatte sich von Neuem in einen Zorn hineingesprochen der um so
heller aufflammte je ruhiger meine Haltung war Seltsam hätte ich mich auf
Bitten und Flehen gelegt ich bin überzeugt mein Vater würde mich verachtet
haben aber weil ich tat was er wäre er in meiner Lage gewesen ganz gewiss
auch getan haben würde weil ich trotzig und stumm war hasste er mich in diesem
Augenblicke wie man das hasst was sich uns in den Weg stellt über das wir fort
müssen und das wir dennoch nicht mit dem Fuß verächtlich bei Seite stoßen
können
»Sie haben sich ein schweres Vergehen zu Schulden kommen lassen Georg
Hartwig« declamirte der Professor weiter »Sie haben sich ohne die Erlaubnis
Ihrer Lehrer aus dem Gymnasium entfernt Ich will nicht sprechen von der
grenzenlosen Missachtung mit welcher Sie wiederum wie schon so oft in anderer
Weise die Ihnen gebotene kostbare Gelegenheit sich zu unterrichten von sich
gewiesen haben ich will nur sprechen von der schlimmen moralischen Schuld des
Ungehorsams der frechen Auflehnung gegen das Gebot dem bösen Beispiel das Sie
durch dies schändliche Betragen Ihren Mitschülern geben Wenn Arthur von Zehrens
leichter Sinn sich endlich in entschiedenen Leichtsinn umgewandelt hat so ist
das die böse Frucht dieses Beispiels denn nimmermehr würde jener betörte
Jüngling gewagt haben was er heute gewagt hat «
Hier brach ich der ich den betörten Jüngling besser kannte in ein kurzes
höhnisches Gelächter aus welches den Professor vollständig aus der Fassung
brachte Er griff nach seinem Hut und wollte sich unverständliche Worte
murmelnd die vermutlich seine Überzeugung dass ich rettungslos verloren sei
ausdrücken sollten entfernen Mein Vater vertrat ihm den Weg
»Noch einen Augenblick Herr Professor« sagte er und dann sich zu mir
wendend »Du wirst jetzt sofort Deinen Lehrer wegen dieser neuen Frechheit um
Verzeihung bitten sofort«
»Nein« sagte ich
»Sofort« donnerte mein Vater
»Nein« sagte ich noch einmal
»Willst Du oder nicht«
Er stand vor mir vor Zorn am ganzen Leibe bebend Sein immer etwas
gelbliches Gesicht war aschfarben auf seiner Stirn lag eine Ader wie ein Ast
seine Augen blitzten Er hatte die letzten Worte in einem heiseren zischenden
Ton gesprochen
»Nein« sagte ich
Mein Vater hob den Arm zu einem Schlage aber er schlug mich nicht der Arm
senkte sich langsam und die ausgestreckte Hand deutete nach der Tür »Hinaus«
sagte er langsam und fest »aus meinem Hause für immer«
Ich sah ihm starr in die Augen ich wollte etwas erwidern vielleicht
Vergieb mir vergib Du mir Dich will ich um Verzeihung bitten aber das Herz
lag mir wie ein Stein in der Brust meine Zähne waren wie von einem Schraubstock
zusammengepresst ich konnte sie nicht auseinanderbringen ich konnte kein Wort
hervorbringen ich ging stumm nach der Tür
Der Professor eilte mir nach und ergriff mich beim Arm gewiss in der besten
Absicht aber ich sah in ihm nur den der schuld war dass es so gekommen ich
stieß ihn unsanft auf die Seite schlug die Tür hinter mir zu rannte an der
alten Dienerin vorüber sie mochte gehorcht haben die gute Seele und stand
jetzt die Hände ringend ein Bild trostlosen Jammers da zum Hause hinaus auf
die Gasse
Viertes Kapitel
Ich lief wie ein Unsinniger ein paar Schritte mit einem Male wankten meine
Kniee die mondbeschienenen Dächer die hier und da erleuchteten Fenster alles
tanzte in wildem Wirbel um mich her dann wurde es mir schwarz vor den Augen
der schwere Rausch den ich von dem Schiff mitgebracht und den ich während der
fürchterlichen Szene von der ich kam durch die gewaltsamste Spannung des
Willens äußerlich beherrscht hatte stieg mir wieder zu Kopf ich lehnte mich an
die Mauer mich vor dem Fallen zu bewahren
So mag ich ein oder ein paar Minuten in halber Ohnmacht gestanden haben als
mich die Stimmen von ein paar Mägden die aus dem benachbarten Brunnen Wasser
holen kamen wieder zur Besinnung brachten Ich raffte mich auf und wankte die
Gasse hinab Aber bald trug meine starke Natur den Sieg davon mein Schritt
wurde fester ich fing an zu überlegen was nun aus mir werden wohin ich vor
Allem jetzt mich wenden solle Ein Unterkommen in einem Gasthause zu suchen
daran dachte ich nicht ich hatte noch nie unter einem andern Dache als dem
meines väterlichen Hauses geschlafen überdies bestand meine ganze Barschaft
aus noch nicht einem Taler mein Vater hielt mich sehr knapp im Taschengeld
und ich hatte eine unbestimmte Vorstellung davon dass ich mit dieser Summe
sehr lange werde reichen müssen Hätte ich mich heute nicht in Hader und Streit
von Arthur getrennt so würde ich vielleicht den aufgesucht haben so aber
konnte ich nicht in seinem Hause als Bittender erscheinen überdies schlief er
vermutlich jetzt seinen Rausch aus und seine Eltern waren mir nie sehr
wohlgesinnt gewesen Der Kommerzienrat er hatte mich heute umarmt und Du und
Bruder genannt er würde mich gewiss mit Freuden empfangen mir ein prachtvolles
Schlafzimmer anweisen lassen mit einem großen Himmelbett
Aber während ich mir die glänzende Aufnahme im Hause des Kommerzienrats
weiter ausmalte eilte ich beständig in der entgegengesetzten Richtung vorwärts
nach der Hafenvorstadt zu Ich kam an ein paar Kneipen vorüber aus denen wüster
Matrosengesang erschallte Wenn ich einträte und mich unter die Zechenden
mischte und morgen als Matrose in die weite Welt ginge wie mein Bruder Fritz
Das wäre Rache an meinem Vater Zwei Söhne zu verlieren auf dieselbe Weise
und dann auf der See umzukommen und auf dem Meeresgrunde zu liegen wo meines
Bruders Gebeine nun schon lange lagen »Pfui Georg« sagte ich laut »pfui
der arme alte Mann«
Wenn ich auf der Stelle umkehrte Der Professor hatte das Haus gewiss schon
wieder verlassen Vater war allein in seiner Stube ich wollte zu ihm treten und
sagen »Schlag mich jetzt ich will mich nicht wehren ich will nicht mit der
Wimper zucken«
Aber ich kehrte nicht um ich stand nicht einmal einen Augenblick still
schon lag die Stadt hinter mir und ich befand mich in der breiten Allee der
Vorstadt wo rechts und links die um diese Jahreszeit zum größten Teil von den
Badegästen eingenommenen Schifferhäuschen lagen Hier und da schimmerten sie
hell durch die dunkeln Bäume vor einzelnen saß in den Lauben und Gärtchen vor
den Türen um eine Lampe die in einer Glasglocke brannte eine muntere Gruppe
Gesang und Lachen ertönte und fröhliche Kinderstimmen denn der Abend war
herrlich kaum dass ein Lüftchen durch die dichten Wipfel der hohen Bäume
rauschte die sich über mir wölbten in dem Grase und in den Büschen zu meinen
Füßen spielten Leuchtkäferchen
Der feuchtwarme Atem den das nahe Meer herüberhauchte tat dem
Dahinstürmenden so wohl draußen wenn ich aus den Häusern heraus war musste es
kräftiger wehen und auf einmal fiel mir Schmied Pinnows Hütte ein Das wars
da musste ich ein Unterkommen finden Der Alte sollte mir ein Bett geben oder
wenn kein Bett so doch ein Lager in der Schmiede oder den Lehnstuhl der Alten
die Alte konnte doch nicht Tag und Nacht in dem Lehnstuhle hocken Schade dass
der Klaus nicht mehr zu Hause war aber so war doch die hübsche Christel da
Christel war immer ein Liebling von mir gewesen ich hatte sogar eine Zeit lang
ernstlich für sie geschwärmt und sie hatte mich mindestens ebenso oft zu der
Hütte gezogen als des Alten vier Doppelgewehre und die lange Vogelflinte
zusammengenommen oder die Kalteschale die er des Sommers an segel und
jagdlustige Badegäste oder der Glühwein den er des Winters an die
Schlittschuhläufer verkaufte die sich am Strande tummelten
Wunderbarer Leichtsinn der Jugend oder muss ich mich besonders deswegen
anklagen aber ich hatte in diesem Augenblicke das Unheil das ich
angerichtet den Kummer meines Vaters meine bedenkliche Lage Alles vergessen
oder wenn nicht vergessen so war es doch nur der dunkle Hintergrund von dem
sich das Bild der baufälligen Hütte mit dem flackernden Schmiedefeuer und
besonders die hübsche Gestalt der geschäftig hin und hereilenden Christel gar
hell und lustig abhob Was Schule was väterliches Regiment und die andere
Sklaverei Wenn ich sonst um diese Zeit noch draußen war fing ich an zu
überlegen wie kommst du hinein ohne dass der Vater der pünktlich um halb Zehn
zu Bett geht es hört jetzt hatte mich der Vater selbst zum Hause
hinausgetrieben ich brauchte nicht die Stiefel auf dem Vorplatz auszuziehen und
leise leise die knarrende Treppe zu meiner Schlafkammer hinaufzutasten ich war
ein freier Mann und konnte tun und lassen was mir gefiel
Die Allee und die Vorstadt lagen hinter mir ich schritt den wohlbekannten
Weg über das wellige Vorland dahin links eine schmale Wiese rechts ein
Kartoffelfeld ein einzelner Baum hier und da der dunkel an dem lichten
Nachthimmel stand und hüben und drüben das Meer dessen Rauschen je weiter ich
kam und je schmaler die Landzunge wurde ich deutlicher und deutlicher hörte
besonders deutlich nach Westen wo die offene See lag und von woher in diesem
Augenblicke der Wind wehte Ich merkte jetzt zum ersten Male dass ich ohne Mütze
war Ich hatte sie verloren oder auf dem Flurtisch neben dem Lämpchen liegen
lassen desto besser so brauchte ich sie nicht in der Hand zu tragen und der
Meerwind konnte frei um meine heißen Schläfen in meinen wehenden Haaren
spielen
Ein paar wilde Schwäne zogen hoch über mir dahin ich konnte sie nicht
sehen aber ich hörte ihr eigentümlich klagendes Geschrei nur ein paar Töne
die wunderbar durch den stillen Abend klangen »Glück zu« rief ich hinauf
»Glück zu ihr meine guten Gesellen«
Eine selige aus Wehmut und Lust gemischte Stimmung wie ich sie nie
gekannt überkam mich Ich hätte mich an die schwarze Erde werfen und weinen
ich hätte die Arme zum nächtlichen Himmel breiten und jauchzen mögen Ich wusste
damals nicht was mich so übermächtig durchzuckte Jetzt weiß ich es wohl es
war das wohlige Gefühl das den Fisch durchzittern muss wenn er blitzschnell
durch sein heimisches Element schießt den Vogel wenn er sich durch die Lüfte
schwingt das Reh wenn es über die Waldwiese fliegt die Wonne die den
Menschen durchbebt wenn er sich in voller Jugendkraft eins fühlt mit der
Allmutter Natur die aus den Elementen aus denen sie selbst besteht ihn schuf
damit sie Freude habe an sich selbst Die Ahnung dieser Wonne die Sehnsucht
diese Wonne zu empfinden ist es die den Menschen hinaustreibt aus der Enge der
Verhältnisse in denen er geboren in die weite Welt auf das Meer in die
Wüste auf die Gipfel der Alpen überall hin wo die Luft frei weht wo der
Himmel groß auf ihn herniederblickt wo es gilt sein Leben einzusetzen um es
zu gewinnen
Soll dieser nachträgliche Gedanke den frevelhaften Trotz entschuldigen mit
welchem ich mich eben erst gegen meinen Vater vergangen und den ungeheuren
Leichtsinn der mich Va banque spielen ließ mit meiner Zukunft Gewiss nicht Ich
will nichts entschuldigen nichts beschönigen ich will einfach berichten was
mit mir was in mir vorgegangen bei dieser und bei andern Gelegenheiten und
nur wo es mir nötig scheint eine Erklärung versuchen Für die Moral mag die
Geschichte selber sorgen und nur dies will ich zum Trost bedenklicher Gemüter
schon jetzt hinzufügen dass, wenn mein Frevelmut wie es wohl unzweifelhaft
ist eine Strafe verdiente diese Strafe mich bald genug und in nicht allzu
milder Form ereilt hat
Aber wie gesagt für den Augenblick war die Grauengestalt mit dem lahmen
Fuß noch zu weit zurück als dass ihre Schrecken mich hätten umwittern können
dafür tauchten eben als ich mit verdoppelter Schnelle über die Heide weiter
schritt zwei andere Gestalten vor mir auf die nichts Gespenstiges hatten und
auch nichts Gespenstiges taten denn sie standen sich innig umschlungen
haltend wie zusammengewachsen da und fuhren mit einem leisen Schreckensruf
der sich den Lippen des Mädchens entrang auseinander als ich urplötzlich bei
einer scharfen Wendung des Weges um einen Hügel herum unmittelbar vor ihnen
stand Das Mädchen bückte sich nach einem großen Korbe welchen sie da sie ihre
beiden Arme anderweitig brauchte neben sich gestellt hatte und der Mann ließ
ein Ehem ertönen welches so laut und so verlegen nur aus einer sehr
unschuldigen Brust kommen konnte
»Guten Abend« sagte ich »ich hoffe «
»Herr meines Lebens sind Sie es wirklich« sagte der Mann »Christel
sieh doch nur er ist es ja« und Klaus hielt Christel Möwe welche die Flucht
ergreifen wollte am Kleide zurück
»Ich dachte er wäre es« stammelte Christel deren Gemüt selbst durch die
Entdeckung dass es ein guter Freund war von dem sie sich hatten überraschen
lassen nicht ganz beruhigt schien
Obgleich das Verhältnis welches offenbar zwischen Klaus und Christel
obwaltete einer Erklärung nicht gerade bedurfte so war doch auch ich
einigermaßen verwundert Ich hatte so lange Klaus noch bei seinem Vater war
und aus dieser Zeit stammte unsere beiderseitige Freundschaft niemals bemerkt
dass in dem Herzen des guten Burschen sich mehr als brüderliche Zuneigung zu
seiner hübschen Pflegeschwester regte aber freilich war das schon vier Jahre
her Klaus als er zu Schlosser Wangerow kam erst sechszehn Jahre alt und
möglicherweise hatte gerade die zeitweilige Trennung die Liebe geweckt welche
ohne dieselbe ruhig weitergeschlafen hätte vielleicht niemals von selbst
aufgewacht wäre Dies bestätigten denn auch die Liebenden indem sie während
wir langsam auf die Schmiede zuschritten manchmal auch wohl wenn die
Geschichte an einen besonders interessanten Knotenpunkt kam auf ein paar
Minuten stehen blieben Einer dieser Punkte und gewissermaßen der einzig
bedenkliche war die in jeder Weise mit derben und derbsten Worten
ausgesprochene Abneigung und Feindseligkeit des alten Pinnow gegen das
Verhältnis Klaus sagte es nicht aber ich musste es nach Allem was ich hörte
für nicht unmöglich halten dass der Alte selbst ein Auge auf sein hübsches
Pflegekind geworfen habe wenigstens schien es uns kaum begreiflich weshalb er
ohne dass ihm der gute Bursch wie dieser hoch und heilig versicherte und ich ihm
aufs Wort glaubte auch nur die geringste Veranlassung gegeben mit jedem Jahr
und mit jedem Tage fast mürrischer und hässlicher gegen ihn geworden sei und ihm
zuletzt gar das Haus verboten nachdem er schon lange über das Hin und
Hergelaufe und die sündhafte Zeitverschwendung gebrummt und gepoltert Deshalb
seien sie die Liebenden nun gezwungen heimlich zusammenzukommen was leider
seine großen Schwierigkeiten habe da der Alte unendlich wachsam und vorsichtig
sei und zum Beispiel lieber den taubstummen Lehrburschen Jakob in die Stadt
schicke um die nötigen Einkäufe zu machen trotzdem derselbe Alles schlecht
und unordentlich besorg und auch heute Christel nicht geschickt haben würde
wenn er nicht angenommen dass Klaus noch zu spät auf dem Dampfschiffe
beschäftigt sei um abkommen zu können
Da ich dem braven Klaus mit dem ich zu Wasser und zu Lande unzählige
Jugendstreiche ausgeführt hatte von Herzen gut und der rotwangigen sanft
redenden Christel Möwe nichts weniger als abgeneigt war fühlte ich die
lebhafteste Sympatie mit ihnen und so unwahrscheinlich es klingen mag ihrer
Liebe Leid und Lust und der wo möglich glückliche Fortgang ihrer Liebe lag mir
in diesem Augenblicke viel mehr am Herzen als mein eigenes Schicksal Ich dachte
erst eigentlich wieder an mich als jetzt nachdem wir abermals eine Hügelwelle
überstiegen die Schmiede aus deren niederem Fenster der rote Schein des
Essefeuers glühte dicht vor uns lag und Klaus fragte ob wir nicht umkehren
wollten Nun erst erfuhr er dass es kein abendlicher Spaziergang sei der mich
so weit aus der Stadt auf die Heide geführt und dass ich seinen Vater um
Herberge für ein vielleicht für mehrere Tage anzusprechen beabsichtige
Zugleich teilte ich ihm in den kürzesten Worten den Grund mit der mich zu
einem so ungewöhnlichen Schritte zwänge
Klaus schien über meine Mitteilungen sehr bestürzt er fasste mich bei der
Hand und fragte mich etwas auf die Seite führend in leisem Ton dem man die
innere Unruhe anhörte ob ich mir auch wohl überlegt habe was ich tue Mein
Vater habe es gewiss nicht so bös gemeint und werde mir sicher verzeihen wenn
ich sogleich umkehrte Er selbst wolle gern mich anmelden und den ersten Sturm
über sich ergehen lassen
»Aber Klaus alter Junge« sagte ich »es geht Dir ja selbst nicht besser
als mir Wir sind Leidensgefährten Dir hat Dein Vater das Haus verboten gerade
wie mir mein Vater das seine Was ist das für ein Unterschied«
»Der« sagte Klaus »dass ich nichts getan habe weshalb mir mein Vater
zürnen könnte während Sie selbst sagen Sie hätten nehmen Sies mir nicht
übel heute wieder einmal einen dummen Streich gemacht«
Ich entgegnete dem möge nun sein wie ihm wolle zurück könne ich nicht
mehr Was ich später tun werde wisse ich nicht Wir könnten ja morgen weiter
darüber sprechen ich würde auf das Dampfschiff kommen es sei leicht möglich
dass ich seine Dienste nötig hätte
Klaus der mich entschlossen sah und von jeher gewohnt war sich meinen
Anordnungen zu fügen drückte mir nochmals die Hand und sagte »Nun denn auf
morgen«
Sein gutes Herz war so voll von dem was er eben gehört dass er weggegangen
sein würde ohne sich von Christel zu verabschieden wenn ich ihn nicht lachend
auf eine so sträfliche Vergesslichkeit aufmerksam gemacht hätte Aber den Kuss
den ich ihm gönnte bekam er nicht Christel sagte ich wäre recht schlecht und
so trennten wir uns indem Klaus wieder den Weg nach der Stadt einschlug in
dessen Dunkel er bald verschwand während ich mich mit Christel nach der
Schmiede wandte durch deren Fenster jetzt das Feuer heller als vorhin
aufglühte
»Wie kommt es dass der Alte noch so spät arbeitet« fragte ich das Mädchen
»Das kommt so« erwiderte sie
Ich tat noch mehrere Fragen auf welche ich nicht minder einsilbige
Antworten erhielt Christel und ich waren früher immer die besten Freunde
gewesen und ich kannte sie als das munterste lachlustigste Geschöpf Es blieb
mir also nur die Annahme, dass sie mir meinen Scherz von vorhin ernstlich
übelgenommen habe Da wenn die Leidenschaftlichkeit mich nicht überwältigte es
gar nicht in meiner Natur lag irgend Jemand wissentlich zu kränken am
wenigsten ein armes Mädchen dem ich noch dazu herzlich gewogen war so fiel es
mir durchaus nicht schwer die Kleine aufrichtig um Verzeihung zu bitten wenn
ich sie eben in der besten Absicht von der Welt nämlich sie nicht durch meine
Schuld um den Abschiedskuss von ihrem Geliebten kommen zu lassen beleidigt habe
Christel antwortete nicht und ich wollte eben meinen Arm um ihre rundliche
Taille legen meiner Bitte um Verzeihung etwas mehr Nachdruck zu geben als das
Mädchen zu weinen anfing und in ängstlichem Tone sagte »ich dürfe nicht mit zu
ihm gehen und es würde auch ganz vergebens sein denn er werde mich doch nicht
aufnehmen«
Diese Erklärung diese Warnung hätten manchen Andern gewiss stutzig gemacht
Die Schmiede lag so einsam der Leumund des alten Schmiedes war nichts weniger
als gut und ich war in Räubergeschichten belesen genug um mich an die
bezüglichen romantischen Situationen zu erinnern in welchen das Räubermädchen
den verirrten Helden vor den übrigen Mitgliedern ihrer ehrenwerten Familie
warnt und ihm nebenbei in eben so discreter als verständlicher Weise ihre Liebe
zu erkennen gibt Aber einmal war mein Gemüt damals und ist es noch jetzt
jenen bangen Regungen so gut wie unzugänglich welchen phantasiereiche Menschen
so leicht unterworfen sind sodann wenn der Alte einmal auf seinen Sohn
eifersüchtig war und ich nahm dies als feststehend an weshalb sollte er es
gegen mich nicht ebenfalls sein und drittens fuhr in diesem Augenblicke ein
kleiner Köter mit wildem Gekläff nach meinen Beinen zugleich erschien eine
breite Gestalt in der offenen Tür der Schmiede und die wohlbekannte Stimme des
alten Pinnow rief in tiefstem Basse »Werda«
»Ich bins gut Freund Georg Hartwig« sagte ich indem ich die kläffende
Bestie mit der Spitze meines Fußes in die Büsche schleuderte
Christel musste den Alten während sie sich an ihm vorbei ins Haus drängte
bereits mit meinem Wunsche bekannt gemacht haben denn er sagte während er
ohne sich zu regen in der Tür stehen blieb »Ich kann Ihnen kein Nachtquartier
geben mein Haus ist keine Herberge«
»Das weiß ich Pinnow« erwiderte ich an ihn herantretend und ihm die Hand
bietend »aber ich dachte Sie wären mein Freund«
Der Alte hatte meine Hand nicht genommen er brummte etwas das ich nicht
verstand
»Nach Hause gehe ich nicht wieder« fuhr ich fort »darauf können Sie sich
verlassen Wenn Sie also nicht wollen dass ich mich da in die Büsche lege und um
die Wette mit Ihrem Spitz den Mond anheule so lassen Sie mich hinein und machen
Sie mir ein Glas Grog wissen Sie halb und halb und trinken Sie selber eins
oder auch zwei das wird Ihnen gut tun und Sie auf bessere Gedanken bringen«
Ich hatte bei diesen Worten dem ungastlichen Schmied die rechte Hand auf die
Schulter gelegt und ihn zum Zeichen meiner wohlwollenden Gesinnung derb
geschüttelt
»Ich glaube Sie wollen einen alten Mann zu seinem eigenen Hause
hinauswerfen« rief er zornig und ich fühlte meinerseits zwei Hände deren
Breite und Eisenhärte in Anbetracht dass sie einem »alten« Mann gehörten
bewundernswert waren auf meinen Schultern Mein Blut das die kühlere
Nachtluft noch keineswegs zu dem wünschenswerten Grad abgekühlt hatte brauchte
nicht erst in Wallung zu geraten überdies war die Gelegenheit eine Probe
meiner vielbewunderten Stärke abzulegen gar zu günstig so packte ich denn
meinen Gegner riss ihn mit einem Ruck von der Schwelle auf der er noch immer
stand und schleuderte ihn ein paar Schritte seitwärts Es war gar nicht meine
Absicht gewesen mir den Eintritt in sein Haus zu erzwingen aber der Schmied
der dies fürchtete und meine Absicht um jeden Preis verhindern wollte warf sich
mit einem Ungestüm auf mich dass ich meine ganze Kraft aufbieten musste den
Wütenden zu bewältigen Ich hatte schon manchen harten Strauss durchgefochten
und war noch immer als Sieger daraus hervorgegangen aber einem so ebenbürtigen
Gegner war ich noch nie begegnet Dazu kam dass ich aus einem Rest von Pietät
vor dem »alten Mann« der in Schifferweise mit gewaltigen Boxerschlägen auf mich
eindrang ihn nicht obgleich ich es gekonnt hätte mit derselben Münze bezahlen
wollte sondern mich begnügte ihm die Arme an den Leib zu drücken Endlich
fühlte ich dass ich ihn würde bewältigen können mit einem blitzschnellen Griff
fasste ich ihn ein paar Zoll tiefer hob ihn vom Boden und in der nächsten
Sekunde hätte er der Länge nach den Sand gemessen als ein schallendes Gelächter
aus unmittelbarster Nähe ertönte Ich ließ meinen Gegner los der sich kaum frei
fühlte als er sich abermals auf mich warf Da ich auf diesen neuen Angriff
nicht vorbereitet war verlor ich das Gleichgewicht strauchelte stürzte mein
Gegner über mich Ich fühlte seine Eisenhände an meiner Kehle als plötzlich das
Gelächter verstummte »Pfui Alter« rief eine sonore Stimme »das hat er nicht
um Dich verdient« und ein paar Arme die für den Augenblick noch stark genug
sein konnten rissen den Schmied von mir ab ich sprang auf die Füße und stand
meinem Retter so muss ich ihn nennen denn ich weiß nicht was ohne ihn aus mir
geworden wäre gegenüber
Fünftes Kapitel
Es war soweit ich bei dem schwachen Lichte des Mondes erkennen konnte der sich
eben hinter Wolken versteckte ein hochgewachsener Mann von schlankem Wuchs und
so raschen Bewegungen dass ich ihn für einen jungen oder doch jüngeren Mann
hielt bis plötzlich bei einer Wendung die er machte der Flackerschein des
Herdfeuers durch die offene Tür auf ihn fiel und ich einen alten Herrn von tief
verwitterten Zügen vor mir zu sehen glaubte Und als er mich jetzt mich bei der
Hand haltend durch die Tür in die Schmiede zog die eben von einem hellen
roten Lichte erfüllt war erschien er mir weder jung noch alt oder vielmehr
beides zu gleicher Zeit
Freilich war der Moment für physiognomische Untersuchungen nicht gerade
günstig Der Fremde besah mich mit großen Augen die zwischen den krausen Falten
und Fältchen die sie umgaben schier unheimlich hervorbljetzten von Kopf bis zu
Füßen und fasste nach meinen Schultern und Armen wie ein Sportsman ein Pferd
besieht oder befühlt das eine Strecke zu der andere Pferde fünf Minuten
brauchen in der Hälfte der Zeit durchmessen hat Dann drehte er sich auf den
Hacken um und brach in ein tolles Gelächter aus als jetzt der Schmied dem
taubstummen Lehrjungen Jakob welcher während der ganzen Zeit unbekümmert um
Alles was um ihn vorgegangen war den Blasebalg bearbeitet hatte einen Stoß
versetzte welcher den Jungen sich ein paar Mal wie ein Kreisel um sich selbst
drehen machte
»Bravo bravo« rief der Fremde »der saß Das geht besser als mit dem
Andern wie Pinnow«
»Der Andere kann froh sein dass er so davongekommen ist« brummte der
Schmied indem er ein rotglühendes Stück Eisen aus den Kohlen zog
»Ich bin jeden Augenblick bereit von vorne anzufangen Pinnow« rief ich
und freute mich dass die lachenden Augen des Fremden mir Beifall winkten
während er mit verstelltem Ernst rief »Schämen Sie sich junger Mensch schämen
Sie sich ein schwacher alter Mann das ist eine rechte Kunst«
Der Schmied hatte den schweren Hammer ergriffen und führte auf das glühende
Eisenstück Streiche dass die Funken sprühten und die Fenster klirrten
Der Fremde hielt sich die Ohren zu »Um Himmels willen« rief er »hört auf
Mann mit dem wüsten Lärm das mag der Teufel aushalten Denkt Ihr denn dass ich
Eure plebejischen Ohren habe hört auf sage ich oder «
Er hatte dem Schmied einen Stoß gegeben wie dieser vorhin seinem
Lehrjungen aber der Schmied stand fester als jener und jetzt hob er den Hammer
mit einem wilden Blick es sah aus als wolle er mit dem nächsten Streich dem
Fremden den Kopf zerschmettern
»Seid Ihr toll geworden« sagte dieser den Wütenden mit seinen großen
Augen ansehend Dann als der Andere langsam den Hammer sinken ließ fuhr er
leise zu sprechen fort und der Schmied antwortete mit einem dumpfen Knurren
aus welchem ich meinen Namen heraus zu hören glaubte
»Mag sein« antwortete der Fremde »aber er ist einmal hier und soll hier
bleiben«
»Verzeihen Sie« sagte ich »ich habe durchaus nicht die Absicht mich
aufzudrängen ich würde keinen Schritt hier hereingetan haben wenn «
»Nun fängt Der wieder an« rief der Fremde ärgerlich lachend »werdet Ihr
endlich vernünftig werden Ich will Ruhe und Frieden und vor Allem will ich zu
Abend essen und Sie sollen mir Gesellschaft leisten Halloh Christel Wo
steckt das Mädchen und Ihr Pinnow bindet Euer Schurzfell ab und kommt auch
herein«
Mit diesen Worten öffnete er die niedrige Tür welche rechts von dem Herde
aus der Schmiede in das Wohnzimmer führte Ich war oft genug dort gewesen wie
ich denn überhaupt die Einrichtung des Hauses wohl kannte Das Wohnzimmer war
ein ziemlich großes Gemach das aber nur halb so hoch war wie die Schmiede da
über demselben die Schlafräume lagen zu denen eine steile leiterartige Treppe
aus einer Ecke des Gemachs durch eine Öffnung in der Decke hinaufführte Dann
war noch eine Tür mit ein paar Stufen Man gelangte durch dieselbe in eine
kleine Abseite wo des Schmieds Mutter schlief eine steinalte Frau die jetzt
noch in ihrem gewöhnlichen Winkel dicht neben dem von außen geheizten Ofen in
ihrem Lehnstuhle hockte In der Mitte stand ein schwerer eichener Tisch auf dem
Tisch der große Korb den Christel aus der Stadt gebracht hatte Christel kramte
an einem Schrank in der Tiefe des Zimmers
»Nun Christel« rief der Fremde indem er mit einem Licht in den Korb
leuchtete »was hast Du eingeheimst Das sieht ja gut aus Spute Dich ich
habe einen Wolfshunger Und Sie auch nicht wahr Sie stehen in dem glücklichen
Alter in welchem man immer Hunger hat Kommen Sie hierher ins Fenster Setzen
Sie sich«
Er drückte mich in einen der zwei Sessel die in dem Fenster standen nahm
selbst auf dem andern Platz und fuhr in etwas leiserem Ton fort indem er nach
Christel blickte die jetzt mit geräuschloser Eile den Tisch zu decken begann
»Ein hübsches Mädchen etwas zu blond vielleicht sie ist eine Holländerin aber
das passt hierher ist doch die Alte die da in ihrem Lehnstuhl nickt wie ein
Bild von Terburg Dazu der Pinnow mit seinem Bulldoggengesicht und der
Robbengestalt und der Jakob mit seinen Karpfenaugen Aber das gefällt mir
ich verabsäume selten wenn ich wie diesmal ohne meinen Wagen in der Stadt
gewesen bin hier vorzusprechen und lasse mich dann von Pinnow hinüberfahren
um so lieber als ich von hier aus bei günstigem Winde in einer halben Stunde
drüben sein kann während ich auf der Stadtfähre selten unter einer Stunde
wegkomme und dann noch eben so lange bis auf mein Gut habe«
Der Fremde hatte dies Alles in einer angenehmen verbindlichen Weise gesagt
die mir höchlichst gefiel dabei strich er sich wiederholt mit der linken Hand
über den Vollbart der ihm bis auf die Brust herabreichte und dann blitzte
manchmal ein Diamantring an seinem Finger Ich begann einen großen Respekt vor
dem fremden Herrn zu bekommen und hätte gar zu gern gewusst wer er sei wagte
aber nicht danach zu fragen
»Welch abscheuliche Luft hier im Zimmer ist« fuhr er plötzlich auf »zum
Ohnmächtig werden« und er wollte das Fenster an welchem wir saßen öffnen
wandte sich aber wieder um und sagte »Ja so Die Alte könnte sich erkälten
Christel kannst Du die Alte nicht zu Bett bringen«
»Gleich Herr« sagte Christel die eben mit dem Decken des Tisches fertig
geworden war
Sie trat an die Alte heran und schrie ihr ins Ohr »Großmutter Ihr müsst zu
Bett«
Die Alte schien dazu keine rechte Lust zu haben denn sie schüttelte heftig
den Kopf ließ sich aber endlich von dem Mädchen aus ihrer hockenden Lage
aufrichten und schlich auf den Arm desselben gestützt durch das Zimmer An den
Stufen angelangt die zur Abseite führten blickte Christel sich um ich sprang
hinzu und hob die Alte die Stufen hinauf während Christel die Tür öffnete
hinter der sie dann mit ihrer Bürde verschwand
»Brav junger Mann« sagte der Fremde als ich zu ihm zurückkehrte »man
muss stets höflich gegen Damen sein Und nun wollen wir das Fenster öffnen«
Er tat es Die Nachtluft strömte herein Es war dunkler geworden der Mond
hatte sich hinter schwerem Gewölk das von Westen heraufzog versteckt von dem
nur wenige Schritte entfernten Meer kam ein lautes Brausen und Rauschen der auf
dem Strand zerschellenden Wellen ein paar Regentropfen fielen mir ins Gesicht
Der Fremde blickte aufmerksam hinaus »Wir werden bald abfahren müssen«
hörte ich ihn murmeln Dann sich zu mir wendend »Aber jetzt wollen wir essen
ich sterbe fast vor Hunger Wenn Pinnow lieber brummen als essen will mag er
es Kommen Sie«
Er schritt zum Tisch an welchem er sich niederließ indem er mich mit einer
Handbewegung einlud an seiner Seite Platz zu nehmen Ich hatte den Tag über
sehr viel weniger gegessen als getrunken und meine kräftige Natur welche den
Rausch längst überwunden hatte verlangte gebieterisch nach Erquickung So
folgte ich der Aufforderung meines Wirtes gar gern und der Inhalt des Korbes
den Christel vorhin ausgepackt hatte war wohl im Stande auch einen
verwöhnteren Gaumen zu reizen Da war Kaviar geräucherter Lachs Schinken
frische Wurst Pickles auch an Wein fehlte es nicht Zwei Flaschen Rotwein mit
einer feinen Etikette standen bereits auf dem Tisch aus dem Korbe schaute noch
der weiße Kopf einer Flasche Champagner
»Das sieht nicht übel aus« sagte der Fremde indem er mir und sich
einschänkte sich bald von diesem bald von jenem nehmend mich auffordernd ein
Gleiches zu tun und zwischendurch allerlei in seiner angenehmen Weise
plaudernd Ohne dass er direkt gefragt hätte waren wir doch ich weiß nicht wie
auf meine Angelegenheiten zu sprechen gekommen und wir hatten die erste Flasche
noch nicht geleert als ich ihm zutraulich und mitteilsam wie ich war bereits
so ziemlich die kurze Geschichte meines allerdings nicht langen und nicht eben
inhaltreichen Lebens erzählt hatte Etwas mehr Zeit erforderte die Relation der
Ereignisse des heutigen für mich so verhängnisvollen Tages In dem Eifer des
Erzählens hatte ich ohne darauf zu achten wieder mehrere Gläser Wein
getrunken der Druck der auf meiner Seele gelegen hatte war alsbald gewichen
meine alte gute Laune brach wieder durch um so mehr als die Begegnung mit dem
geheimnisvollen Fremden unter so eigentümlichen Umständen meiner Abenteuerlust
die köstlichste Nahrung bot Ich schilderte die Flucht aus der Schule ich
copirte den Professor Lederer in Stimme und Redeweise ich war unendlich
satirisch als ich ein Bild von dem Kommerzienrat entwarf und ich fürchte dass
ich mit der Faust auf den Tisch schlug als ich auf meines Freundes Arthur
schändliche Undankbarkeit und die hochmütige Parteilichkeit des Steuerrats zu
reden kam Dann geriet meine geschwätzige Zunge ins Stocken das
melancholische Halblicht in meines Vaters Arbeitsstube breitete sich über mein
verdüstertes Gemüt ich schlug tragische Töne an ich schwur dass ich nun und
nimmer und sollte ich barfuß wie ich schon barhaupt sei zum Nordcap pilgern
und mein Brod vor den Türen erbetteln oder da Betteln nicht meine Stärke sei
darüber zum Räuber werden dass ich nun und nimmer zu meinem Vater zurückkehren
werde nachdem er mich einmal zu seinem Hause hinausgetrieben Hier sei die
Grenze dessen was ich von meinem Vater zu leiden mich für verpflichtet halte
der Schuldbrief der Natur sei zerrissen das stehe bei mir fest wie die Sterne
am Himmel und wenn Jemand darüber lache so tue er das auf seine eigene
Gefahr
Damit sprang ich vom Tisch auf und stieß das Glas aus dem ich getrunken so
heftig auf dass es zerbrach Der Fremde war nämlich nachdem er mich während
meiner Erzählung schon wiederholt durch seine Heiterkeit bald ermutigt bald
eingeschüchtert hatte bei meinen letzten Worten die wohl sehr pathetisch
herausgekommen sein mochten in ein schallendes Gelächter das kein Ende nehmen
wollte gefallen
»Sie sind gut zu mir gewesen« rief ich »ich würde ohne Ihre
Dazwischenkunft schwerlich unterlegen sein aber gleichviel Sie haben mir im
rechten Augenblicke Hilfe geleistet und jetzt haben Sie mich bewirtet mit
Speise und Trank so mögen Sie lachen so viel Sie wollen aber ich für meinen
Teil will es nicht länger mit anhören Leben Sie wohl«
Ich suchte mit den Augen nach meiner Mütze fuhr mir da ich mich besann
dass ich keine hatte durch mein dichtes lockiges Haar und stürzte nach der Tür
als mir der Fremde der mittlerweile sich auch erhoben hatte nacheilte mich am
Arm ergriff und in jenem freundlichernsten Tone der mir vorhin so sehr
gefallen hatte sagte »Junger Mann ich bitte Sie um Verzeihung und nun kommen
Sie und setzen Sie sich wieder mein Wort als Edelmann ich werde Ihre Gefühle
respectiren wenn Sie dieselben auch in einer etwas sonderbaren Weise äußern
sollten«
In seinen dunkeln Augen zuckte es und um die Augen in dem Labyrinth von
Fältchen zuckte es ebenfalls »Sie treiben Ihren Scherz mit mir« sagte ich
»Mein Wort als Edelmann nein Im Gegenteil Sie gefallen mir ganz
ausnehmend und ich wollte Sie schon ein paar Mal während Ihrer Erzählung
unterbrechen mir eine Gunst von Ihnen zu erbitten Kommen Sie auf einige Zeit
zu mir Ob Sie sich nun mit Ihrem Vater wieder aussöhnen wie ich hoffe oder ob
Sie es nicht tun wie Sie glauben immer müssen Sie vor Allem erst einmal ein
Dach über dem Kopfe haben und hier können Sie doch unmöglich bleiben wo man
Sie offenbar nicht will Mir für meinen Teil erweisen Sie wie gesagt eine
Gunst wenn Sie meine Einladung annehmen Ich kann Ihnen nicht viel bieten aber
schlagen Sie ein So nun wollen wir in Champagner auf gute Kameradschaft
anstossen«
Ich hatte dem liebenswürdigen Geheimnisvollen schon längst verziehen und
konnte ihm in dem schäumenden Wein von Herzen Bescheid tun Wir hatten unter
Lachen und Scherzen im Nu die Flasche geleert als der Schmied hereintrat Er
hatte sein Schurzfell abgebunden eine Schifferjacke angezogen und ein dickes
Tuch um den muskulösen Hals gewunden Es fiel mir heute Abend zum ersten Male
auf dass er die große blaue Brille nicht trug ohne die ich ihn in den letzten
Jahren wo er kurzsichtig geworden zu sein behauptete nie gesehen ja es war
mir als hätte er dieselbe schon vorhin während des Kampfes und auch später
nicht getragen Doch konnte ich mich irren auch hatte ich keine Zeit über den
sonderbaren Gegenstand nachzudenken denn meine Aufmerksamkeit wurde alsbald von
einem halblaut geführten Gespräch zwischen dem Schmied und meinem Unbekannten in
Anspruch genommen
»Ist es Zeit« fragte der Fremde
»Ja« antwortete der Schmied
»Der Wind ist gut«
»Ja«
»Alles in Ordnung«
»Bis auf den Anker den Sie mich nicht haben fertig machen lassen«
»Es wird auch so gehen«
»Aber schlecht«
Der Fremde stand nachdenklich da sein schönes Gesicht sah mit einem Male
wieder zwanzig Jahre älter aus er strich sich den Bart und ich bemerkte dass
er mich aus den Augenwinkeln fixierte Plötzlich ergriff er den Schmied am Arm
und führte ihn zur Tür hinaus die er hinter sich schloss Draußen hörte ich sie
sprechen doch konnte ich nichts verstehen der Fremde sprach in gedämpftem Ton
und des Schmieds mürrische Stimme war immer schwer verständlich Dann aber wurde
das Gespräch laut und wie es schien heftig und immer heftiger besonders von
Seiten des Schmieds
»Ich will es« rief der Fremde »Und ich sage nein« grollte der Schmied
»Es ist meine Sache« »Und meine Sache ebenso gut«
Die Stimmen sanken wieder bald darauf hörte ich die Aussentür knarren Sie
hatten die Schmiede verlassen ich sah sie von dem offenen Fenster aus an
welches ich getreten war nach dem kleinen Schuppen gehen der hart am Strande
lag und bei dem das Boot Pinnows auf den Sand gezogen zu werden pflegte In dem
Schatten des Schuppens verschwanden sie dann hörte ich eine Kette klirren und
ein Knirschen im Sande man machte das Boot flott dann war Alles wieder still
nur das Brausen des Meeres erschallte stärker und mischte sich mit dem Rauschen
des Windes in den Blättern der alten Eiche die ihre halbverdorrten Äste über
die Schmiede breitete
Ein Geräusch im Zimmer machte dass ich mich schnell umwandte Es war
Christel sie stand dicht hinter mir mit gespannten Blicken wie ich es eben
getan durch das Fenster in die Dunkelheit starrend
»Nun Christel« sagte ich
Sie legte den Finger auf den Mund
»St« flüsterte sie
Sie winkte mir vom Fenster zurück bis mitten ins Zimmer verwundert mehr
als erschrocken folgte ich ihr
»Was hast Du Christel«
»Fahren Sie nicht mit Tuen Sie es ja nicht Und gehen Sie auch von hier
fort sogleich Sie dürfen hier nicht bleiben«
»Ja aber Mädchen warum denn nicht Und ja wer ist der Herr«
»Ich darf es nicht sagen ich darf seinen Namen nicht nennen Wenn Sie
mitfahren werden Sies ja so wie so zu wissen bekommen aber fahren Sie nicht
mit«
»Was sollten sie mir tun Christel«
»Tun Sie werden Ihnen nichts tun Aber gehen Sie nicht mit«
Von draußen ertönte ein Geräusch Christel wandte sich von mir weg und fing
an den Tisch abzuräumen während die Stimmen der Beiden die von dem Strande
herankamen deutlicher wurden
Ich weiß nicht was Andere wären sie in meiner Lage gewesen getan haben
würden ich kann nur sagen dass die Warnung des Mädchens auf mich gerade das
Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorbrachte Zwar erinnere ich mich
wohl dass mein Herz lebhafter schlug und dass mein Blick mit einer gewissen Hast
über die vier doppelläufigen Jagdgewehre und die lange Vogelflinte streifte die
auf ihrer gewöhnlichen Stelle in einer Reihe an der Wand hingen aber mein
Verlangen das Abenteuer zu bestehen war jetzt erst recht erwacht Ich fühlte
mich so vollauf jeder Gefahr die an mich herantreten konnte gewachsen und dass
man gegen mich persönlich nichts Böses im Schilde führte hatte ja Christel
selbst zugegeben Überdies und ich glaube dieser Umstand birgt vorzugsweise
die Erklärung für mein Verhalten an diesem Abend der Fremde wer es auch sein
mochte hatte es mir förmlich mit seinem halb ernsten halb übermütigen halb
teilnehmenden halb spöttischen für mich ganz unergründlichen Wesen angetan
In späteren Jahren wenn ich von dem sagenhaften Rattenfänger von Hameln hörte
dem die liebe Jugend folgen musste sie mochte wollen oder nicht habe ich wohl
an jene Nacht und an jenen Mann gedacht
Er war jetzt ebenfalls mit einer groben weiten Schifferjacke bekleidet die
Tuchmütze die er vorhin getragen hatte er mit einem niedrigen Wachstuchhut
vertauscht Pinnow öffnete einen Wandschrank und langte eine eben solche Jacke
nebst Hut hervor die der Fremde mich anzulegen bat »Es wird kalt werden«
sagte er »und Ihr Anzug dürfte Ihnen wenig Schutz gewähren wenn wir auch
hoffentlich nicht lange unterwegs sind So das steht Ihnen prächtig nun wollen
mir machen dass wir fortkommen«
Der Schmied war an Christel herangetreten und hatte ihr ein paar Worte
zugeraunt Christel erwiderte nichts sie hatte mir nachdem die Männer
eingetreten waren den Rücken gewandt und blickte sich auch jetzt nicht um als
ich ihr gute Nacht wünschte
»Kommen Sie« sagte der Fremde
Wir gingen durch die Schmiede in welcher das Feuer auf dem Herd gelöscht
war und traten hinaus in die wehende Nacht Als ich mich nach ein paar
Schritten umwandte war auch das Licht in der Wohnstube erloschen dunkel lag
das Haus da in der Dunkelheit und in den dürren Zweigen der alten Eiche ächzte
und stöhnte es
Vom Strande her rauschte es laut der Wind hatte sich noch stärker
aufgemacht der Mond war untergegangen kein Stern schien durch die treibenden
Wolken die eben jetzt von einer fahlen Helligkeit durchzuckt wurden welcher
ein dumpfhallender Donner folgte
Wir gelangten zum Boot das schon halb ins Wasser gezogen war Ich musste
einsteigen während Pinnow der Fremde und der taubstumme Jakob der plötzlich
aus dem Dunkel aufgetaucht war und so viel ich sehen konnte jetzt ebenfalls in
Schifferkleidung und in Wasserstiefeln war das Fahrzeug vollends flott machten
Ein paar Minuten später glitten wir schon durch die Wasser die um den Kiel
aufsiedeten der Fremde stand am Steuer das er hernach als Pinnow und Jakob
die Segel aufgehisst hatten an den Ersteren abtrat Er setzte sich zu mir
»Nun wie gefällt Ihnen das« sagte er
»Ausgezeichnet« erwiderte ich »aber ich glaube Pinnow Sie könnten noch
ein Reff einbinden wir tragen zu viel Segel und da drüben ich deutete nach
Westen sieht es bös aus«
»Sie scheinen kein Neuling« sagte der Fremde Pinnow sagte nichts
commandirte aber alsbald »Focksegel dal« herab indem er zugleich das Steuer
herumdrückte und das Fahrzeug vor den Wind brachte Es war die höchste Zeit
gewesen denn auch jetzt noch wurde das große Boot von der plötzlich
heranstürmenden Boi so auf die Seite gedrückt dass ich einen Augenblick glaubte
es werde kentern Doch richtete es sich wieder auf Fock und Klüver wurden ganz
hereingenommen das Hauptsegel nur zur halben Höhe wieder aufgehisst und so
schossen wir durch die Wellen über deren schäumende Kämme das fahle Licht der
Blitze zitterte die sich jetzt in immer kürzeren Pausen folgten während die
Donner lauter und lauter zu brüllen begannen
Indessen legte sich das Unwetter so schnell als es heraufgezogen war schon
begannen einzelne Sterne wieder durch die Wolken zu blicken ich kam von dem
Vorderteil des Bootes wo ich Jakob beim Ausschöpfen des Spülwassers geholfen
hatte wieder nach dem Hinterteil und setzte mich zu dem Unbekannten der mir
mit der Hand über die Jacke strich
»Sie sind durch und durch nass« sagte er
»Wie wir alle wohl« erwiderte ich
»Aber Sie sind es nicht gewohnt«
»Dafür bin ich neunzehn Jahre«
»Nicht älter«
»Keine zwei Monate«
»Sie sind ein ganzer Mann«
Das kurze Wort machte mich so stolz wie mich noch keine längste
Strafpredigt des Professor Lederer oder eines andern meiner Lehrer gedemütigt
hatte Es gäbe wohl wenig was ich zu tun und auszuführen nicht im Stande
gewesen wäre hätte es der Unbekannte von mir gefordert aber er verlangte
keinen Pact mit der Hölle oder dergleichen sondern nur dass ich mich in dem
Boot niederlegen und mich mit einem Stück Segeltuch zudecken lassen solle denn
die Fahrt werde da der Wind umgesprungen doch länger dauern ich könne jetzt
nichts mehr helfen und »der Schlaf ist ein warmer Mantel wie Sancho Pansa
sagt« meinte der Unbekannte
Ich protestirte und behauptete ich könne drei Tage und drei Nächte
hintereinander wachen aber ich tat ihm doch den Willen und hatte mich kaum auf
dem Boden des Bootes ausgestreckt als der Schlaf den ich so fern geglaubt
bleischwer auf mich sank
Wie lange ich geschlafen habe kann ich nicht sagen Ich erwachte als das
Boot knirschend auf den Sand des Ufers stieß Der Unbekannte half mir empor
doch weiß ich mich kaum zu erinnern wie ich aus dem Boote gekommen bin so
verschlafen war ich Überdies war es noch dunkle Nacht ich sah nur eben das
Aufschäumen der Wellen an einem lang hin sich streckenden flachen Strande von
dem man aber alsbald zu einem höheren Ufer aufstieg Als ich ganz zu mir kam
war das Boot bereits wieder in See gestochen mein Unbekannter und ich schritten
unter Bäumen aufwärts Er hielt mich an der Hand und machte mich auf die
Unebenheiten des Weges wo er jeden Stein und jede Baumwurzel zu kennen schien
mit freundlichen Scherzen aufmerksam Dann gelangten wir auf die Uferhöhe vor
uns lag eine freiere Strecke die aber etwas weiterhin von einer dunkeln Masse
begrenzt wurde in der ich in dem ersten Dämmergran des Morgens die Häuser eines
Gehöftes erkannte dahinten ein Park oder Wald mit gewaltigen Bäumen
»Da wären wir« sagte der Unbekannte als wir über das stille Gehöft
schreitend vor einem großen dunkeln Gebäude standen
»Wo wären wir« fragte ich
»Bei mir zu Hause« erwiderte er lachend indem er auf dem Flur Licht zu
machen sich bemühte
»Und wo wäre das« fragte ich weiter ich wusste selbst nicht wo ich
plötzlich die Kühnheit hernahm
Das Schwefelhölzchen blitzte auf er entzündete ein bereit stehendes Licht
der Schein fiel hell in sein von dem langen zerzausten Bart umstarrtes Gesicht
auf dem Regen und Sprühwasser jedes Fältchen zu einer Falte und jede Falte zu
einer Furche vertieft hatte Er sah mich groß mit den großen tief in die Höhlen
gesunkenen Augen an
»Auf Zehrendorf« sagte er »bei Malte von Zehren den sie den Wilden
nennen Es ist Ihnen doch nicht leid dass Sie mir gefolgt sind«
»Nein bei Gott« sagte ich
Sechstes Kapitel
Als ich am nächsten Tage erwachte dauerte es lange bis ich mich nur
einigermaßen in meine Situation finden konnte Mein Schlaf war gegen Morgen von
schweren Träumen geängstigt worden und diese Träume warfen noch ihre dunkeln
Schatten über meine Seele Ich glaubte noch die Stimme meines Vaters zu hören
und jetzt erinnerte ich mich auch was es gewesen war Ich war vor meinem Vater
geflohen bis ich an einen glatten Teich kam in welchen ich mich hineinwarf um
meinem Verfolger schwimmend zu entgehen Aber der glatte Teich hatte sich
plötzlich in ein wildbewegtes Meer verwandelt von dessen Wellen ich bald zum
Himmel geschleudert bald in den Abgrund gerissen wurde Eine fürchterliche
Angst kam über mich ich wollte rufen Vater rette aber ich vermochte es
nicht und mein Vater sah mich nicht trotzdem er immer auf Armeslänge wie es
schien an Ufer hin und herlief die Hände rang und nach seinem Sohn jammerte
der sich ertränkt habe
Ich strich mir mehrmals mit der Hand über die Stirn um das entsetzliche
Bild zu verscheuchen und schlug entschlossen die Augen auf mich in dem Zimmer
umzusehen in welches mich mein Wirt gestern Nacht selbst geführt hatte In dem
großen kahlen Gemach herrschte ein Halbdunkel so dass ich anfangs meinte es sei
noch sehr früh am Tage aber meine Uhr war auf neun stehen geblieben und ich
überzeugte mich bald dass die grüne Dämmerung durch Bäume hervorgebracht wurde
die ihr dichtes Gezweig unmittelbar gegen die Fenster drückten Eben stahl sich
ein dünner Strahl durch eine Öffnung und streifte die Wand mir gegenüber auf
welcher sonderbare Figuren gemalt schienen bis ich genauer hinsehend
bemerkte dass die dunkle Tapete sich von dem helleren Untergrunde hier und da
abgelöst hatte und in Fetzen herabhing die als phantastische Kleider grotesker
Gestalten gelten mochten
Überhaupt sah es in dem Raum so unwirklich wie möglich aus Von der Decke
war der Stuck an einzelnen Stellen herabgefallen man hatte es nicht für nötig
erachtet die weißen Trümmer von der Diele zu entfernen die einst getäfelt
gewesen war jetzt aber nach allen Richtungen auseinanderklaffte Die ganze
Einrichtung bestand aus einem großen Himmelbett dessen Vorhänge aus gänzlich
verschossenem grünen Damast bestanden zwei ebenfalls mit einst grün gewesenem
Damast überzogenen Lehnstühlen von denen nur der eine seine vier Beine hatte
während der andere in so viel Jahren auf dreien zu stehen noch immer nicht
gelernt zu haben schien und sich müde gegen die Wand lehnte außerdem war ein
Waschtisch da aus weiß angestrichenem Tannenholz welcher von dem drüber
hangenden großen ovalen Spiegel in reichem altertümlichen RococoRahmen höchst
wunderlich abstach obgleich allerdings auch an diesem Prachtstück die
Vergoldung mittlerweile braun geworden war
Ich stellte diese Beobachtungen an als ich meine Kleider anlegte die
während der Stunden die ich geschlafen den wünschenswerten Grad von
Trockenheit noch keineswegs erlangt hatten Indessen war dies eine
Unbequemlichkeit mit der ich es leicht nahm aber mir ging der Gedanke durch
den Kopf wie es morgen und in Zukunft mit meiner Toilette werden sollte Woran
sich dann die naheliegende Betrachtung schloss Und was soll nun überhaupt aus
dir werden
Die Beantwortung dieser Frage musste ihre eigentümlichen Schwierigkeiten
haben wenigstens kam ich nicht gerade weit damit auch meinte ich es werde
verständig sein bevor ich mich entschiede was ja überdies so sehr große Eile
nicht habe meines gütigen Wirtes Rat einzuholen Sonderbar Ich hatte bis zu
diesem Tage den Rat Derer welche doch wohl vorzugsweise berufen und in der
Lage waren mir mit ihrer besseren Einsicht zu Hilfe zu kommen stets in den
Wind geschlagen hatte stets behauptet Ich wisse allein was ich zu tun habe
und jetzt sah ich mit einer Art von gläubiger Zuversicht zu einem Manne auf den
ich eben erst und das unter gewiss nicht Vertrauen einflössenden Verhältnissen
kennen gelernt hatte und dessen Name überdies verrufen war weit und breit
Vielleicht lag darin gerade für mich die größte Anziehungskraft Der »Wilde
Zehren« war in der Phantasie des Knaben gleich hinter Rinaldo Rinaldini und Karl
Moor gekommen und ich hatte meinen Freund Arthur der die abenteuerlichsten
Geschichten von ihm zu erzählen wusste glühend um einen solchen Onkel beneidet
In den letzten Jahren war weniger von ihm gesprochen worden ich hatte den
Steuerrat einmal es war im Ressourcegarten in meines Vaters und einiger
anderer Herren Gegenwart »Gott danken« hören dass der »tolle Christ« nun doch
endlich auch vernünftig geworden sei und die Familie von der beständigen Angst
es werde einmal ein »böses Ende mit ihm nehmen« sich erlöst halten dürfe Bei
derselben Gelegenheit war auch von einer Tochter des »Wilden« die Rede gewesen
und die Herren hatten die Köpfe zusammengesteckt und der Justizrat
Heckepfennig hatte die Achseln gezuckt Später erzählte mir Arthur seine
Kousine sei einmal mit einem jungen Hauslehrer davon gelaufen aber nicht weit
gekommen da der Onkel den Flüchtlingen nachgeritten sei und sie noch vor der
Fähre eingeholt habe Übrigens solle sie sehr schön sein und da tue es ihm um
so mehr leid dass der Vater und der Onkel sich so schlecht ständen denn dadurch
sei es gekommen dass er Konstanze ich erinnerte mich des Namens als Kind
einmal und dann nie wieder gesehen habe
An dies Alles und was sich sonst daran reihte dachte ich während ich
meine einfache Toilette vor dem halb erblindeten Spiegel mit dem braungewordenen
Rococorahmen beendete und im Interesse der schönen Kousine meines Freundes die
langsame Entwickelung des Bärtchens das seit einiger Zeit meine Oberlippe zu
schmücken begann verwünschte Ich ergriff den Seemannshut den ich seit gestern
Abend getragen und verließ das Zimmer Herrn von Zehren aufzusuchen
Doch zeigte sich bald dass dieser selbstverständliche Wunsch nicht eben so
einfach ins Werk zu richten war Das Zimmer aus welchem ich kam hatte
glücklicherweise nur zwei Türen gehabt das in welches ich trat hatte aber
bereits drei von denen ich allerdings wenn ich nicht wieder in mein
Schlafgemach zurückkehren wollte nur zwischen zweien die Wahl hatte Es schien
dass ich nicht die rechte getroffen denn ich kam auf einen schmalen Korridor
welcher sein äußerst spärliches Licht durch eine verschlossene und mit einem
Vorhang verhangene Fenstertür erhielt Eine andere zu der ich mich hintastete
öffnete sich in einen Saal von den stattlichsten Dimensionen dessen drei
Fenster auf einen großen parkartigen Garten gingen Aus diesem Saal gelangte ich
in ein großes zweifenstriges Gemach das nach dem Hofe heraus lag und aus
diesem glücklich wieder in dasjenige zurück welches sich neben meinem
Schlafgemach befand und von welchem ich ausgegangen war Ich musste sehr lachen
aber das Gelächter schallte so fremdartighohl dass ich plötzlich wieder still
wurde Und es war kein Wunder wenn mein Lachen in diesen Räumen befremdend
klang Sie sahen nicht aus als ob sie in letzterer Zeit allzu viel Töne der Art
vernommen hätten wie lustig es auch früher in denselben mochte zugegangen sein
Denn auch dieser Raum war wie mein Schlafgemach so gut wie kahl mit eben
solchen zerfetzten Tapeten zerbröckelnder Decke wurmstichigen halb
zertrümmerten Möbeln die einst ein fürstliches Gemach geziert haben würden
Und so war es in den übrigen Räumen durch die ich gewandert war und die
ich jetzt bedächtiger als das erste Mal durchschritt Überall dasselbe Bild der
Verwüstung und Verödung überall stumme wehmütige Zeugen dahingeschwundenen
Glanzes hier und da an den Wänden lebensgrosse Portraits die gespenstergleich
in den dunkeln Hintergrund aus welchem sie einst hervorgeglänzt hatten
zurückzuweichen schienen zerbrochene Marmorkamine in welchen eine dicke Staub
und Aschendecke auf halbverbrannten Scheiten lag in einem Raum ungeheuere
Haufen von Büchern in alten ehrwürdigen Einbänden von Schweinsleder unter
welche als ich mich näherte ein paar Ratten huschten in einem andern sonst
ganz leeren eine Guitarre mit zerrissenen Saiten und die Scheide eines
Galanteriedegens mit breitem seidenen Bandelier das einst blau gewesen war
Überall Schutt und Staub und Spinngewebe überall vergilbte oder zerbrochene
Fensterscheiben durch welche die Vögel Stroh und Unrat hereingetragen hatten
an einem Stuckfries klebten sogar ein paar jetzt verlassene Schwalbennester
überall eine dumpfe modrige Atmosphäre dass ich hoch aufatmete als mich ein
glücklicher Zufall nachdem ich mindestens noch ein halbes Dutzend Gemächer
durchwandert auf einen weiten Flur gelangen ließ von welchem eine breite
Treppe aus Eichenholz mit altertümlichen Schnitzereien nach unten führte
Auch dieses Treppenhaus das einstmals mit seinen gemalten Fenstern und den
dunkeln Panelen die beinahe bis an die Stuckdecke reichten mit seinen
Hirschgeweihen alten Gewaffen und Standarten ungemein stattlich und vornehm
gewesen sein musste bot jetzt nur noch ein trauriges Bild von Verwüstung und
Verödung und langsam ganz verwundert und gewissermaßen betäubt von Allem was
ich gesehen und noch sah stieg ich die Treppe hinab Mehr als eine Stufe
knarrte und knackte während mein Fuß sie betrat und als ich zufällig die Hand
auf das breite Geländer legte fühlte das Holz sich sonderbar weich an aber es
war nur der in Jahr und Tag aufgehäufte Staub zu dessen Reich wie es schien
auch die alte Treppe gehörte
Ich wusste wohl dass ich heute Nacht als mein Wirt selbst mich in mein
Schlafgemach leitete den Weg den ich eben gekommen nicht gegangen war Es
führte wie ich später erfuhr aus einem Nebenflur eine steile Treppe direkt zu
jenem dunkeln Korridor der an mein Schlafgemach stieß Auf dem großen unteren
Hausflur in welchem ich jetzt stand war ich also noch nicht gewesen und da
ich nicht erst voraussichtlich vergebens an ein halbes Dutzend Türen pochen
mochte die große Haustür aber der Treppe gegenüber wie ich mich überzeugte
verschlossen war schritt ich einen langen schmalen Gang hinab an dessen Ende
ich eine Tür offen stehen sah und kam in einen kleinen Hof Die niedrigen
Gebäude welche denselben umgaben mochten früher zu Küchen und andern
häuslichen Zwecken gedient haben jetzt standen sie sämtlich leer und blickten
mit ihren scheibenlosen Fensterhöhlen und zertrümmerten Ziegeldächern gar
kläglich zu dem kahlen verwitterten Hauptgebäude empor wie ein Haufen
halbverhungerter Hunde zu ihrem Herrn der selber nichts zu essen hat
Ich war just kein Kind mehr und nichts weniger als zart organisirt und eine
leichte Beute phantastischer Stimmungen aber ich gestehe dass mir zwischen
diesen Häuserleichen aus denen die Seele offenbar längst entflohen war ganz
wunderlich zu Mute wurde Bis jetzt war ich auch noch nicht auf die kleinste
Spur tätigen Menschenlebens gestoßen Wie das hier lag und stand ein
Tummelplatz für Eulen und Spatzen Ratten und Mäuse musste es seit Jahren
gelegen und gestanden haben In dem von der bösesten aller Hexen verzauberten
Schloss konnte es nicht anders aussehen und ich glaube nicht dass ich mich
übermäßig erschrocken haben würde wenn aus dem großen Kessel der Leute oder
Waschküche in die ich einen Blick warf die Unholdin selbst mit struppigen
Haaren sich erhoben und auf einem Besenstiel an welchem es auch nicht fehlte
zum weiten Schornstein hinausgefahren wäre
Die Waschküche hatte einen Ausgang auf einen von verwilderten Hecken
umgebenen und von einem halbverschütteten Graben über den eine verwitterte
Planke führte durchschnittenen kleinen Platz der wie man aus den Topfscherben
und Knochen sah einst für die Küchenabfälle reservirt gewesen war Aber über
die Schuttaufen war Gras gewachsen und in dem Graben huschten ein paar wilde
Kaninchen in ihre Löcher Sie hatten allerdings von einer Zeit gehört da Wasser
in dem Graben gewesen und in dem Graben Ratten gehaust es sollte aber undenkbar
lange her sein und das Ganze war vielleicht eine teologische Erfindung
Von dieser Schädelstätte durch die Hecke in den Garten zu gelangen hielt
nicht schwer Ich hatte ein Geräusch vernommen das von einem Menschen herrühren
musste und als ich in der Richtung aus welcher der Schall kam weiter ging sah
ich einen alten Mann der eine Karre mit dünnen Holzlatten belud welche er aus
einem hohen Staket mit einem Beile heraushieb Das Staket hatte offenbar früher
als Einzäunung eines Tierparkes gedient auf der Wiese in dem ellenhohen Grase
lagen die Trümmer von ein paar Wildhütten die der Wind umgeworfen die Hirsche
welche sich dort ihr Futter aus den Raufen gezogen und das stolze Geweih hier
gegen die Gitter gedrückt hatten waren vermutlich in die Küche gewandert
weshalb sollte das Gitter nicht denselben Weg gehen
So meinte auch der alte verhuzzelte Mann den ich bei dieser seltsamen
Arbeit traf Als er auf das Gut gekommen es war noch bei Lebzeiten des seligen
Herrn seien vierzig Stück Wild in dem Park gewesen aber anno neun als die
Franzosen auf der Insel gelandet wären und arg in dem Schloss gehaust hätten
seien über die Hälfte totgeschossen worden die andern seien ausgebrochen und
nicht wieder eingefangen zum Teil aber später auf Jagden in den benachbarten
Waldungen des Fürsten Prora erlegt
Damit machte sich der alte Mann wieder an seine Arbeit ich versuchte
vergebens ihn noch weiter in ein Gespräch zu ziehen Sein Mitteilungsbedürfniss
schien befriedigt nur mit Mühe brachte ich noch heraus dass der Herr zu einer
Jagd gefahren sei und schwerlich vor Abend zurückkommen werde wenn er überhaupt
zurückkomme »Und das Fräulein« »Wird wohl da oben sein« sagte der Alte
wies mit dem Stiel seiner Axt in den Park hinein schob sich den Riemen seiner
Karre über die altersgekrümmten Schultern und karrte langsam auf dem
grasübersponnenen Wege dem Schloss zu
Ich blickte ihm nach bis er hinter den Büschen verschwand dann hörte ich
noch das Quieken seiner Karre und dann war Alles wieder still
Lautlos still gerade wie in dem verödeten Schloss Aber hier hatte die
Stille nichts Peinliches hier blaute doch der Himmel an dem auch nicht das
kleinste Wölkchen zu sehen war hier schien doch die Morgensonne glänzend herab
aus dem blauen Himmel und malte die Schatten der ehrwürdigen Bäume auf die
weiten Wiesen und glitzerte in den Regentropfen die noch von dem Gewitter der
Nacht in den Büschen hingen Und dann schauerte manchmal ein Lüftchen vorüber
und ein paar regenschwere Zweige beugten sich und die langen Grashalme auf den
Wiesen nickten
Das war wunderschön Ich atmete voll die kühle balsamische Luft wieder
empfand ich das Entzücken das ich gestern Abend empfunden als die wilden
Schwäne hoch über mir durch den Äther rauschten Wie oft wie oft in späteren
Tagen habe ich an jenen Abend an diesen Morgen gedacht und mir gesagt dass ich
da trotz alledem trotz der Torheit und des Leichtsinns und des Frevelmutes
glücklich unendlich glücklich gewesen bin ein kurzlebiges verräterisches
Glück ich weiß es wohl aber doch ein Glück ein Paradies in welchem wir
nicht weilen können aus welchem das raue Leben und die Natur selbst uns
vertreiben und doch ein Paradies
Langsam weiter schlendernd drang ich tiefer in die grüne Wildnis denn eine
Wildnis wars Kaum dass hier und da manchmal vor wucherndem Kraut und
wildwachsendem Buschwerk der Weg zu erkennen war den einstmals die Schleppen
schöner Damen gestreift haben oder die Füßchen anmutiger Kinder an der Hand
der Wärterin dahingetrippelt sein mochten Das Terrain wurde hügelig der Park
war zu Ende über mir wölbten sich die mächtigen Kronen uralter Buchen Dann
ging es wieder hügelab der Wald tat sich auseinander und ich stand am Rande
eines mäßig großen runden Weihers in dessen schwarzem Wasser sich die fast
überall bis an seinen Rand herandrängenden Riesenbäume spiegelten
Ein paar Schritte von mir an einer etwas erhöhten Stelle des Ufers an dem
Fuße eines vielhundertjährigen Baumes war eine niedrige Moosbank angebracht
auf der Bank lag ein Buch und ein Handschuh Ich blickte mich nach allen Seiten
um und lauschte nach allen Seiten es blieb tot und still nur die roten
Sonnenstrahlen spielten durch das grüne Gezweig und manchmal wehte ein Blatt
herab auf das schwarze Wasser des Weihers
Ich konnte der Neugier nicht widerstehen ich näherte mich der Bank und nahm
das Buch Es war Eichendorffs »Aus dem Leben eines Taugenichts« Ich hatte noch
nie etwas von Eichendorff gehört geschweige denn gelesen Über den Titel musste
ich lachen es war als ob mich Jemand beim Namen gerufen aber ich hatte damals
kein besonderes Interesse für Bücher so legte ich es aufgeschlagen wie ich es
gefunden wieder hin und griff nach dem Handschuh nicht ohne mich vorher noch
einmal umgeblickt zu haben ob nicht etwa doch die Eigentümerin Zeuge meiner
Dreistigkeit sein könne
Denn dieser Handschuh gehörte der schönen Kousine Arturs wem sonst sollte
er gehören Der Schluss war sehr einfach wie denn auch die Tatsache, dass eine
junge Dame einen Handschuh auf ihrem Ruheplatze hatte liegen lassen für den
Verstand des Verständigen nichts besonders Merkwürdiges gehabt haben würde Aber
mit dem Verstand von jungen neunzehnjährigen Leuten meines Schlages kann man
nicht viel Wesens machen wenigstens muss ich bekennen dass als ich das leichte
zierliche Ding so in der Hand hielt und ein feiner lieblicher Duft daraus zu
mir aufstieg mein Herz auf eine ganz unverständige Weise anfing zu schlagen
Und doch hatte ich Emilie Heckepfennig schon unzählige Fensterparaden gemacht
und sogar einmal vier Wochen lang ein Band das sie mir beim Tanze geschenkt
auf dem Herzen getragen Das Band hatte nicht die Kraft gehabt wie dieser
Handschuh es musste ein Zauber im Spiele sein
Ich ließ mich auf die Moosbank gleiten und versank in Träumereien während
ich den Handschuh bald auf den Sitz neben mich legte und bald wieder ergriff
ihn mit immer gesteigerter Aufmerksamkeit zu betrachten als wäre er der
Schlüssel zu dem Geheimnis meines Lebens
So mag ich wohl eine Viertelstunde lang gesessen haben als ich plötzlich
zusammenschreckend aufhorchte Wie vom Himmel her kam ein Klingen und Singen
erst leise dann lauter und endlich vernahm ich deutlich eine weiche
Frauenstimme und die schwirrenden Töne einer Guitarre Die Stimme sang eine
Strophe die der Anfang oder der Refrain eines Liedes sein mochte
Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne
»Am Tage die Sonne« klang es noch einmal aber schon ganz aus der Nähe und
jetzt sah ich auch die Sängerin welche mir die dicken Stämme der Buchen bis
dahin verborgen hatten
Sie kam einen Pfad herab der ziemlich steil zwischen den Bäumen aufwärts
führte und wie sie jetzt an einer Stelle auf welche durch das Blätterdach ein
helles Sonnenlicht fiel stehen blieb und sinnend nach oben blickte hat sich
mir ihr Bild eingeprägt wohl für immer denn heute nach so vielen Jahren sehe
ich sie wie ich sie damals sah
Wie ich sie damals sah ein reizendes tief brünettes Mädchen die das
wundervollste Ebenmass der Glieder kleiner erscheinen ließ als sie in
Wirklichkeit war und für deren fremdartige ich möchte sagen zigeunerhafte
Erscheinung ein phantastischer Anzug von dunkelgrünem mit goldenen Litzen
besetzten Sammt die passendste Tracht schien
Sie trug an einem roten Bande eine kleine Guitarre über deren Saiten ihre
Finger glitten wie über sie selbst die sonnigen Lichter durch die leise
wehenden Zweige
Arme Konstanze Kind der Sonne Weshalb wenn sie dich so gerne hatte
tödtete dich die Mutter nicht mit diesem ihrem Strahl dass ich dir ein Grab
hätte graben können in dieser Waldeinsamkeit fern von der Welt nach der dein
Herz so heiß verlangte dein armes törichtes Herz
Ich stand im Anschauen verloren regungslos selbst als sie jetzt mit einem
tiefen Seufzer aus ihrem Traum erwachte und ihre Augen während sie den Pfad
herabkam mich trafen Ich bemerkte dass sie leicht zusammenfuhr wie Jemand
der einen Menschen findet wo er nur einen Baumstamm vermuten konnte aber die
Regung war ganz momentan dann sah ich dass sie mich unter den gesenkten Wimpern
hervor betrachtete und dass ein nur zu schnell verschwindendes Lächeln um ihre
Lippen spielte den Ausdruck einer an Betäubung grenzenden Bewunderung in meinem
Gesicht mochte ein schönes sich ihrer Schönheit bewusstes Mädchen wohl kaum ohne
Lächeln ansehen können
Ob sie oder ich zuerst gesprochen weiß ich nicht mehr auch ist mir von
dieser ganzen ersten Unterredung nichts erinnerlich nur der Klang ihrer
weichen etwas tiefen Stimme die mir wie lieblichste Musik war Dann müssen wir
zusammen aus dem Waldesgrunde heraufgestiegen sein auf die Uferhöhe und der
Wind der vom Meere heraufwehte muss mir die Besinnung wieder gegeben haben
denn ich sehe das stille blaue Meer im Morgensonnenschein sich grenzenlos vor
uns ausdehnen und den weißen Schaumstreifen zwischen den Steinen des Strandes
wohl hundert Fuß unter uns und ein paar große Möven die sich hin und
herschwingen und dann auf das Wasser senken wo sie wie Sterne blinken und ich
sehe das Haidekraut des Felsplateau in dem leisen Winde nicken und höre ein
Seufzen und Raunen um die scharfen Uferkanten und zwischendurch höre ich
Konstanzens Stimme
»Meine Mutter ist eine Spanierin gewesen so schön wie der Tag und mein
Vater hat sie entführt als er dorthin kam einen Freund zu besuchen den er in
Paris kennen gelernt hatte der Freund war meiner Mutter Bruder und hat meinen
Vater sehr geliebt aber doch hat ers nicht gewollt dass sie sich heirateten
denn er ist ein strenggläubiger Katholik gewesen und mein Vater hat nicht
katholisch werden wollen sondern über alle Religionen nur gelacht und
gespottet Da sind sie heimlich geflohen und der Spanier ist ihnen nachgesetzt
und hat sie eingeholt mitten auf öder Heide in der Nacht und da ist es zu
scharfen Worten gekommen und sie haben zu den Degen gegriffen und mein Vater
hat den Bruder seiner Geliebten erstochen Sie aber hat es viel später erfahren
denn sie ist ohnmächtig gewesen während des Kampfes und mein Vater hat sie
glauben machen können er habe sich von dem Schwager in Freundschaft getrennt
Dann sind sie nach langer Irrfahrt hierher gekommen aber meine Mutter hat sich
immerdar nach ihrer Heimat gesehnt und immer gesagt es sei ihr so schwer ums
Herz als ob sie einen Mord auf der Seele habe Endlich hat sies doch durch
einen Zufall erfahren wie ihr Bruder gestorben den sie unendlich geliebt hat
und ist tiefsinnig geworden und immer umher gegangen Tag und Nacht und hat
Jeden der ihr begegnet ist gefragt wo doch der Weg nach Spanien gehe Da hat
sie mein Vater einschliessen müssen aber das hat sie nicht geduldet sondern ist
ganz rasend geworden und hat sich das Leben nehmen wollen bis man sie wieder
freigelassen und sie wieder Jeden gefragt hat wo geht der Weg nach Spanien Und
eines Morgens hat sie sich in den Weiher gestürzt von dem wir herkamen und als
man sie herauszog ist sie tot gewesen Ich war damals drei Jahre alt und weiß
nicht mehr wie sie ausgesehen hat aber die Leute sagen sie sei noch schöner
gewesen als ich«
Ich meinte das sei nicht möglich und hatte das weil ich während dessen an
die arme Frau dachte die sich in dem dunklen Wasser des Weihers ertränkte so
ernstaft gesagt dass Konstanze wieder lächelte und sagte ich sei gewiss der
beste Mensch von der Welt und mir könne man Alles sagen was einem so durch den
Kopf gehe und über die Zunge laufe das sei gar lieb Dafür solle ich auch immer
bei ihr bleiben und ihr treuer Georg sein und alle Drachen der Welt für sie tot
schlagen Ob ich das wolle Ich sagte das wolle ich ganz gewiss
Wieder spielte ein Lächeln um ihre roten Lippen
»Sie sehen ganz danach aus Aber wie kommen Sie eigentlich zu uns und was
will der Vater mit Ihnen Er hat mir Sie heute morgen als er wegfuhr so auf
die Seele gebunden er pflegt gerade nicht sehr zärtlich um das Wohl anderer
Menschen besorgt zu sein Sie müssen hoch in seiner Gunst stehen Und wie kommt
es dass Sie einen Schifferhut tragen und noch dazu einen recht hässlichen Ich
denke Sie sagten Sie kämen von der Schule Und gibt es denn so große Schüler
Das habe ich gar nicht gewusst Wie alt sind Sie eigentlich«
So plauderte das Mädchen oder eigentlich war es kein Plaudern denn sie
blieb immer ernstaft dabei und es war mir oft als ob sie während sie sprach
an etwas ganz Anderes denke wenigstens richteten sich ihre dunkeln Augen nur
selten und dann immer mit einem Blick auf mich als wäre ich kein lebendiger
Mensch sondern ein Bild und oft fragte sie eine zweite Frage ohne eine
Antwort auf die erste abzuwarten
Mir war das gerade recht ich konnte so wenigstens den Mut gewinnen sie
wieder und wieder anzusehen und endlich kaum noch ein Auge von ihr zu verwenden
»Sie werden noch da hinabstürzen« sagte sie indem sie mir als wir am Rande
des steilen Ufers hingingen leise mit dem Finger den Elnbogen berührte »Es
scheint Sie sind nicht schwindelig«
»Nein« sagte ich
»Lassen Sie uns da hinaufgehen« sagte sie
Beinahe auf der Höhe des immer noch ansteigenden Vorgebirges lagen von
Buschwerk umgeben die Ruinen einer Burg Nur ein gewaltiger mit Epheu fast
gänzlich überwucherter runder Turm hatte den Stürmen der Zeit und des Meeres
getrotzt Es waren dies die Ruinen der Zehrenburg auf die gestern Arthur als
wir auf dem Dampfschiff daran vorüberfuhren gedeutet es war derselbe Turm
bei dem ich Emilie Heckepfennig zu seinen Gunsten abschwören sollte Ich hatte
mich dessen gestern geweigert was war mir heute Emilie Heckepfennig
Das schöne Mädchen hatte sich auf einen moosbewachsenen Stein gesetzt und
schaute unverwandt in die Ferne ich stand dicht bei ihr an den alten Turm
gelehnt und schaute unverwandt in ihr Angesicht
»Das Alles hat einst uns gehört« sagte sie indem sie langsam mit der Hand
die Linie des Horizontes nachzeichnete »und dies blieb von der ganzen
Herrlichkeit«
Sie hatte sich schnell erhoben und begann einen schmalen Pfad der sich
durch den Ginster und das Haidekraut von der Höhe nach den Wäldern zog hinab zu
steigen Ich folgte ihr Wir kamen in den Buchenwald und wieder zu dem Weiher
zurück wo ihre Guitarre und das Buch noch auf der Rasenbank lagen Ich war sehr
stolz als sie mir beides zu tragen gab und dabei sagte dass sie die Guitarre
noch Niemand anvertraut habe dieselbe stamme von ihrer Mutter nun aber solle
ich diesen ihren größten Schatz beständig tragen und sie wolle mich spielen und
singen lehren wenn ich bei ihnen bliebe oder würde ich nicht bei ihnen
bleiben
Ich sagte ich wüsste es nicht ich hoffte es und der Gedanke jetzt wieder
fort zu gehen fiel mir schwer auf die Seele
Wir waren bei dem Schloss angelangt
»Geben Sie mir die Guitarre« sagte sie »das Buch können Sie behalten ich
kenne es auswendig Haben Sie denn schon gefrühstückt Nein Sie Aermster Sie
armer Georg da ist es gut dass uns kein Drache begegnet ist Sie müssen sich ja
kaum auf den Füßen halten können«
Eine Seitentür die ich früher nicht bemerkt hatte führte in den von Vater
und Tochter bewohnten Teil des Erdgeschosses Konstanze rief eine alte
Dienerin der sie auftrug mir ein Frühstück zu bereiten während sie selbst
sich auf ihr Zimmer begab nachdem sie mir mit jenem schwermütigen schnell
verschwindenden Lächeln das ich nun schon öfter auf ihren schönen vollen
Lippen gesehen hatte die Hand gereicht
Siebentes Kapitel
Das Frühstück welches mir die hässliche schweigsame Alte welche von Konstanzen
»Pahlen« genannt worden war nach einer halben Stunde auftrug hätte wohl in
kürzerer Zeit hergestellt werden können, denn es bestand nur aus Schwarzbrod
Butter und Käse und einer Flasche Kognac Der Kognac war vortrefflich das
Übrige ließ viel zu wünschen das Brod war sauer und stellenweise schimmelig
die Butter ranzig und der Käse hart wie ein Stein aber was fragt ein junger
Mensch von neunzehn Jahren danach der seit zwölf Stunden nichts gegessen und
getrunken hat und dessen törichtes Herz von einer ersten Leidenschaft zittert
So meinte ich denn nie ein herrlicheres Mahl gehalten zu haben und dankte der
unliebenswürdigen Alten bestens für ihre Bemühungen »Pahlen« schien nicht zu
wissen was sie aus mir machen solle sie blickte mich ein paar Mal mit einem
mürrisch forschenden Blick von der Seite an und begnügte sich auf die Fragen
die ich an sie richtete mit einigen brummenden Lauten zu antworten die ich
nehmen konnte wie ich wollte
Das Zimmer in dem ich mich befand es war dasselbe in welches ich gestern
bei der Ankunft von Herrn von Zehren zuerst geführt war durfte man im
Vergleich mit den verlassenen Räumen des oberen Stockes wohnlich nennen wenn der
Teppich unter dem Tisch auch mehrfach zerfetzt war die geschnitzten
Eichenstühle zum Teil nicht mehr fest auf ihren Beinen standen und ein großes
altertümliches Büffet in der Ecke entschieden bessere Tage gesehen hatte Die
Fenster gingen auf den Hof auf welchen ich jetzt nachdem ich meine Mahlzeit
beendet zum ersten Male einen Blick warf Der Hof war sehe weit die Scheunen
und Ställe die ihn einschlossen von den größten Dimensionen wie sie nur auf
den bedeutendsten Gütern zu finden sind um so auffallender war die Stille die
hier herrschte Mitten in dem Raume stand ein steinernes Taubenhaus aber kein
Flügel schwirrte durch die Luft es hätte denn der einer eilig
vorüberschiessenden Schwalbe sein müssen Da war ein Ententeich ohne Enten eine
Düngerstätte auf welcher so viel ich sehen konnte auch nicht ein Huhn
scharrte nur ein Pfau saß auf dem zerbrochenen Staket und auch sonst war der
Hof wie ausgestorben Da war kein reges Treiben geschäftiger Menschen kein
Brüllen von Kühen kein Wiehern von Pferden Alles tot und still nur der Pfau
auf dem Staket ließ manchmal sein misstönendes Geschrei erschallen und in den
Zweigen der alten Linden die vor dem Hause standen lärmten die Spatzen
Da Konstanze mich bis auf weiteres entlassen zu haben schien und »Pahlen«
auf meine Frage nach dem Mittagessen geantwortet hatte ob ich nun auch noch zu
Mittag essen wolle so durfte ich annehmen dass ich auf Stunden mir selbst
überlassen sein werde Ich trat auf den Hof hinaus und sah nun dass der Teil
des Schlosses aus dem ich kam ein dem Hauptgebäude in gleicher Linie
angebautes Nebenhaus war welches früher als Wirtschafterwohnung gedient haben
mochte An dem Schloss waren in dem unteren Stockwerk die Läden geschlossen und
mit breiten eisernen Leisten verwahrt ein Umstand der gerade nicht dazu
beitrug dem alten Bau ein freundlicheres Ansehen zu geben Dass die Wohnung des
Wirtschafters schon lange überflüssig geworden sei bewies der Hof zur Genüge
In der Tat gab es hier nichts mehr zu wirtschaften Die Gebäude welche von
weitem noch ein erträgliches Aussehen gehabt hatten erwiesen sich sobald man
näher trat als baufällige Ruinen Die Strohdächer waren eingesunken und mit
dickem Moos bewachsen der Putz überall heruntergeregnet das Lehmfachwerk
schadhaft zum Teil herausgefallen die Tore hingen schief in den verrosteten
Angeln fehlten auch wohl gänzlich Ein Pferdestall in den ich hineinblickte
war ursprünglich wohl für vierzig Pferde gebaut worden jetzt standen in einer
Ecke vier alte abgetriebene Tiere die als ich mich sehen ließ hungerig
wieherten Als ich wieder auf den Hof trat schwankte ein schlecht geladenes
von vier andern abgetriebenen Pferden gezogenes Fuder Korn über das holperige
Pflaster und verschwand in dem weitgähnenden dunkeln Tor einer der riesigen
Scheunen wie ein Sarg in einem Grabgewölbe
Ich schlenderte weiter und kam in die Felder vorüber an ein paar
verfallenen Katen wo halbnackte Kinder im Sande spielten und ein paar eher wie
Banditen als Tagelöhner aussehende Kerle lungerten und mich mit halb frechen
halb scheuen Blicken verwundert anstierten Die Sonne schien hell genug aber
sie sah wenig was ihr hätte Freude machen können wüstes Land das hier und da
von Streifen durchschnitten wurde wo zwischen dünn aufgegangenem Hafer Wälder
von blauen Cyanen und rotem Mohn im Winde nickten etwas verbrannter Weizen
ein paar Morgen wo der Roggen spät genug für die Jahreszeit noch in wüsten
Hocken stand und eben ein zweites Fuder von ein paar Leuten geladen wurde die
dasselbe banditenmässige Aussehen hatten wie die Kerle vor den Katen und mich
mit denselben verwundert scheuen Augen anstarrten ohne meinen Gruß zu
erwidern In einiger Ferne blickten durch Bäume und Buschwerk die Dächer eines
andern Gehöftes zu welchem wohl die besser cultivirten Aecker bei welchen ich
jetzt angelangt war gehörten Noch weiter rechts erhob sich über einem größeren
Komplex von Häusern der kahle weiße Turm einer Kirche Aber ich mochte meine
Expedition nicht weiter ausdehnen es zog mich nach dem Park zurück den ich auf
einem Umwege ich wollte das Schloss und die mürrische »Pahlen« vermeiden von
einer andern Seite erreichte
Ich hatte gehofft hier Konstanze wieder zu begegnen aber vergebens
lungerte ich wohl über eine Stunde zwischen den Büschen unter den Bäumen herum
und spähte aus der Ferne nach dem Schloss bis ich nachgerade jeden zerbrochenen
Ziegel auf dem Dache und jede der nicht wenigen Stellen kannte wo der Regen so
vieler Jahre den Kalk herabgeschlagen und das Mauerwerk blossgelegt hatte
Niemand ließ sich sehen kein Geräusch ließ sich vernehmen Alles tot und
still während auf den erblindeten Fensterscheiben die Nachmittagssonne
glitzerte oder die Schatten der weißen Wolken langsam darüber hinzogen
Das Herz wurde mir schwer in der Brust inmitten dieser sonnigen trostlosen
Öde Ich fühlte förmlich wie sich die Stille einem unsichtbaren Zaubernetze
gleich immer dichter um mich legte dass ich mich nicht zu regen kaum noch zu
atmen wagte Statt des sorglosen Übermutes der sonst die Grundstimmung
meiner Seele war bemächtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit Wie kam ich
hierher Was sollte ich hier Was wollte ich hier wo sich Niemand um mich
kümmerte War nicht Alles was ich seit gestern Abend erlebt ein wunderlicher
Traum und hatte ich nicht das schöne Mädchen mit ihren dunkeln Augen und ihrem
sonderbaren Lächeln auch nur geträumt
Es ergriff mich ordentlich wie Heimweh Ich sah im Geist die Stadt mit den
engen winkeligen Gassen zwischen den ernstaften Giebelhäusern ich sah mein
kleines Zimmer in welches ich um diese Zeit aus der Schule zurückgekommen sein
würde die leidigen Bücher auf den Tisch zu werfen und dann zu meinem Freund
Arthur zu stürmen der gewiss eine Ruderpartie in dem Hafen arrangirt hatte Ich
sah meinen Vater an dem Fenster seines Bureau in dem Steueramtsgebäude sitzen
und drückte mich dicht an der Wand vorbei nicht von ihm bemerkt zu werden Wie
mochte der Vater mein Weglaufen aufgenommen haben Hatte er sich geängstigt
Gewiss hatte ers denn er liebte mich trotzdem wir so schlecht mit einander
standen Was würde er tun wenn er erführe und erfahren musste ers doch
einmal dass ich bei dem wilden Zehren sei Würde er mich hier lassen Würde er
verlangen dass ich zurückkehre Vielleicht selbst kommen mich zu holen
Ich blickte mich scheu um als mir dieser Gedanke kam Es wäre abscheulich
zurück zu müssen in die dumpfige Schule mich wieder vom Professor Lederer
ausschelten lassen zu müssen wie einen kleinen Buben von hier fort zu müssen
Fräulein von Zehren Konstanze nicht wieder sehen zu sollen Nein und
abermals nein Mein Vater hatte mich aus dem Hause gejagt er mochte die Folgen
tragen Lieber als zu ihm zurück wollte ich Bandit und Schmuggler
Ich weiß nicht wie das letztere Wort auf meine Lippen gekommen war aber
ich erinnere mich und habe später oft daran denken müssen dass als ich es
so ohne irgend eine feste Vorstellung damit zu verbinden ganz nur als
heroische Phrase vor mich hinmurmelte ich mich plötzlich umwandte als habe es
Jemand ganz laut in meiner unmittelbaren Nähe gesagt und in demselben Momente
stellten sich meine Erlebnisse der vergangenen Nacht und was ich eben noch
gesehen und beobachtet in einen bestimmten Zusammenhang gerade so wie wenn
man durch ein Fernrohr sieht Himmel und Erde trüb durcheinander schwanken und
plötzlich sobald wir den richtigen Punkt erreicht ein bis in alle Einzelheiten
helles Bild vor uns steht Wie hatte ich so blind so gedankenlos sein können
Herr von Zehren drüben bei Pinnow das wunderliche Verhältnis das zwischen dem
Edelmann und dem Schmied offenbar obwaltete die Warnungen Christels das
Benehmen Pinnows mir gegenüber die nächtliche Fahrt im wildesten Gewittersturm
Und dazu dies verwahrloste Haus dieser ruinenhafte Hof diese verödeten Felder
dieser verwilderte Park Die einsame Lage des Hofes auf dem weit in das Meer
sich streckenden Vorgebirge Wusste ich doch aus unzähligen Unterhaltungen meines
Vaters mit seinen Kollegen vom Steueramt wie eifrig der Schmuggel auf unsern
Gewässern hinüber und herüber getrieben wurde welch ein schwunghaftes Geschäft
es war und wie viel Einer dabei verdienen könne der sich darauf eingerichtet
hätte gelegentlich sein Leben zu riskiren Gewiss gewiss es war so es musste
so sein
Du bist verrückt sagte ich zu mir als ich zu dieser Schlussfolgerung
gekommen vollständig verrückt Ein Edelmann wie Herr von Zehren Das ist für
das gemeine Volk Der alte Pinnow ja das wäre möglich aber ein Herr von
Zehren pfui
Ich versuchte mit aller Kraft einen Argwohn zu verbannen der mir in der
Tat ganz unerträglich war und es zeigte sich hier einmal wieder dass wir Alle
so frei wir uns dünken und so weit wir uns vielleicht innerlich befreit haben
doch immer in unseren Empfindungen wenn nicht in unseren Gedanken mit oft
unmerklichen deshalb aber nicht weniger festen Banden an die Eindrücke unserer
Kindheit und ersten Jugend geknüpft sind Wäre mein Vater ein König und ich sein
Kronprinz gewesen würde ich vermutlich in der Person eines Revolutionärs die
Verkörperung des Bösen gesehen haben oder in der eines weggelaufenen Sklaven
wäre ich zufällig von einem Plantagenbesitzer abgestammt so aber da ich
einen pedantisch rechtlichen Steuerofficianten zum Vater hatte haftete nach
meinen Begriffen an dem Gewerbe eines Schmugglers der abscheulichste Makel
Zugleich aber und das wird Niemand verwunderlich finden der über die
sonderbare Doppelstellung des Teufels in der christlichen Mythologie ernstlicher
nachgedacht hat war dieses dunkle Höllentor um welches die Phantasie des
Knaben so oft in scheuer Ferne herumgeschlichen war von einem dämonischen
Zauber umwittert Und wie hätte das anders sein können wenn ich von den
Entbehrungen hörte welche die unheimlichen Menschen oft mit solcher
Standhaftigkeit erduldeten von der Schlauheit mit der sie die größte
Wachsamkeit der Beamten zu täuschen wussten von der Kühnheit mit der sie nicht
selten der augenscheinlichsten Gefahr die Stirn boten Davon hätte der Knabe
nichts erfahren müssen und doch waren dergleichen Geschichten nur zu viele in
unserer Stadt bekannt und was das Schlimmste war ich hatte die besten
schauerlichsten aus dem Munde des eigenen Vaters gehört immer mit einem Zusatz
tiefster sittlicher Entrüstung natürlich aber dies Gegengift war sicherlich
nicht im Stande gewesen das Gift gänzlich zu paralysiren Hatten doch einmal
Arthur und ich vor einem Schulexamen bei dem wir schlecht zu bestehen sicher
sein konnten die Frage ob wir falls wir durchfielen Schmuggler werden
wollten in tagelange ernste Beratung gezogen und uns mit dieser Vorstellung
gegenseitig bange gemacht Das war vier Jahre her aber wenn mittlerweile auch
der Überschwang der knabenhaften Gefühle auf ein verständigeres Maß
zurückgeführt war der Gedanke in die Hände eines Schmugglers gefallen zu
sein hatte auch noch in diesem Augenblicke Macht genug über mich um mein Herz
heftig schlagen zu machen
Du bist toll du bist verrückt ein solcher Mann es ist nicht möglich
wiederholte ich immer wieder während ich da ich keinen andern kannte
denselben Weg welchen ich heute Morgen gegangen war durch den Park in den Wald
dahineilte bis ich wieder vor der Moosbank an dem Weiher stand
Das stille Wasser blickte schwärzlich zu mir empor Ich dachte der
unglücklichen Frau die sich da ertränkt weil sie den Weg nach Spanien nicht
finden konnte und wie es doch so sonderbar und gewissermaßen unheimlich sei
dass die Tochter der Unglücklichen sich gerade diesen Ort zum Ruheplatz
auserkoren Hinter der Moosbank lag der zweite Handschuh wir hatten heute
Morgen vergeblich danach gesucht Ich küsste ihn wiederholt mit wonnigem Schauder
und steckte ihn zu mir Dann verließ ich schnell den Platz und ging hinaus auf
die Uferhöhe an den Ruinen vorbei bis an die äußerste Spitze welche zugleich
die höchste Höhe des Vorgebirges war Ich trat an den Rand und schaute lange
hinab Der Wind hatte sich lebhaft aufgemacht der Schaumstreifen zwischen den
großen Steinen und zahllosen Kieseln des Vorstrandes war breiter geworden
manchmal blinkte auf der blauen Weite der weiße Kamm einer sich überschlagenden
Welle Nach Südwest lag das Festland ich hätte die Türme meiner Vaterstadt
sehen müssen wenn nicht eine Uferhöhe die jetzt im Nachmittagssonnenschein
stahlblau aus dem Meere aufstieg sich dazwischen geschoben hätte »Und das
blieb von der ganzen Herrlichkeit« sagte ich mit Konstanzes Worten als mein
Blick indem ich mich umwandte auf die Burgruinen fiel
Ich ging und legte mich mitten zwischen die Trümmer in das schwellende Moos
Kein Platz der geeigneter zum Träumen gewesen wäre Himmel so viel man wollte
und über den Rand des Uferplateau weg ein mächtiges Stück des Meeres und der
nickende Ginster rings um mich her Am Himmel die weißen Wolken auf dem Meere
ein blinkendes Segel in dem Ginster der flüsternde Wind So müßig zu liegen und
zu träumen träumen von süßer Liebe die dem Müßiggang hold ist den holdesten
Traum voll Kampf natürlich und Gefahren mancherlei wie es sich für das Herz
eines Neunzehnjährigen schickt Ja bei Gott so sollte es sein Ich wollte ihr
Retter werden auf meinen Armen wollte ich sie tragen aus diesem verödeten
Schloss das der Holden Schönen ja das traurigste Gefängnis sein musste
erretten wollte ich sie von diesem schrecklichen Vater und diese Trümmer musste
ich wieder aufrichten zu dem herrlichsten Palast um wenn der Bau vollendet und
die ragenden Zinnen im Abendrot leuchteten sie hineinzuführen und demütig vor
ihr niederknieend also zu sprechen Dies ist Dein nun lebe glücklich mich
siehst Du nimmer wieder
So während die Sonne sich zum Horizont neigte und die weißen Wolken des
Mittags mit abendlichem Purpur malte wanderten meine Gedanken Was sollten sie
sonst Was kann ein junger Mensch der aus der Schule gelaufen ist und keinen
Taler in der Tasche und einen geborgten Hut auf dem Kopfe und kaum hat wo er
sein Haupt hinlege was kann er anders tun als Schlösser in die Luft bauen
Achtes Kapitel
Als ich durch eine kleine Pforte in der Parkmauer auf den Hof trat wurden dort
eben die Pferde von einem leichten Wagen abgeschirrt Reben dem Wagen stand ein
Mann im Jagdcostüm die Flinte über die Schulter gehängt es war Herr von
Zehren
Ich hatte mir ich weiß nicht welche diplomatische Haltung ausgedacht die
ich meinem Wirt gegenüber zur Schau tragen wollte aber da ich mein Leben lang
ein schlechter Schauspieler gewesen bin und überdies so wenig Zeit gehabt hatte
mir die neue Rolle einzustudiren brachte mich das freundliche Lächeln und der
herzliche Händedruck mit dem mich Herr von Zehren empfing ohne weiteres aus
dem Text Auch ich lächelte ich erwiderte den Händedruck mit einer
Lebhaftigkeit als hätte ich den ganzen Tag nur auf den Moment geharrt meinen
Freund und Beschützer wieder zu sehen ich war mit einem Worte ganz in der
Gewalt des Zaubers den der seltsame Mann vom ersten Augenblicke an auf mein
junges unerfahrenes Herz ausgeübt hatte
Aber auch der Verstand eines Verständigern hätte sich wohl von dieser
bezaubernden Liebenswürdigkeit fangen lassen Schon das Äußere des Mannes hatte
für mich etwas Bestrickendes und wie er jetzt lachend und scherzend den
heitersten Ausdruck auf dem von der Sonne eines Jagdtages ordentlich verjüngten
Gesicht dastand und sich das runde Hütchen abnehmend mit der Hand das
weichlockige hier und da bereits ergrauende Haar aus der feinen Stirn und dann
wieder den vollen braunen Bart strich glaubte ich nie einen schöneren Mann
gesehen zu haben
»Ich stand heute Morgen vor Ihrem Bett« scherzte er »aber Sie schliefen so
fest ich hatte nicht den Mut Sie zu wecken Freilich wenn ich gewusst hätte
dass Sie mit der Flinte so gut umzugehen verstehen wie mit dem Ruder oder der
Segelleine und das hätte ich ohne Salomo zu sein wissen können denn
Fischefangen und Vogelstellen und noch einiges Andere das gehört zusammen wie
hinter dem Ofen sitzen und schlafen Aber das lässt sich nachholen wir haben
Gott sei Dank für mehr als einen Tag zu schießen Und nun kommen Sie herein
und plaudern Sie mit mir während man uns das Abendbrot zurecht macht«
Das Wohnzimmer des Herrn von Zehren lag in der Fronte des Hauses hinter dem
Speisezimmer neben dem Wohnzimmer war sein Schlafgemach
Er zog sich dort um und sprach mit mir durch die offene Tür während er mit
den Waschschüsseln klapperte so dass ich Mühe hatte zu hören was er sprach
Aber ich verstand so viel dass er noch heute Morgen an seinen Bruder den
Steuerrat geschrieben habe er möge meinen Vater von meinem augenblicklichen
Aufenthalt benachrichtigen Mein Vater werde gewiss unter den obwaltenden
Verhältnissen damit einverstanden sein dass ich bis meine Angelegenheit
geordnet in dem Hause eines Freundes Zuflucht gefunden In solchem Falle
erspare eine momentane Trennung oft eine für immer Und wenn auch nun dann
hier tauchte der Kopf des Sprechenden in das Waschwasser und übrigens möge ich
lieber gegen Niemand erwähnen wo er und ich uns getroffen Wir könnten uns ja
gestern Abend auf der Fähre begegnet sein als ich im Begriff gestanden mich
nach der Insel übersetzen zu lassen Weshalb solle ein junger Mensch den der
Vater aus dem Hause getrieben nicht laufen so weit der Himmel blau ist und
unterwegs einen Herren finden der einen Platz auf seinem Wagen frei hat und den
jungen Menschen fragt ob er nicht mit ihm fahren wolle Das sei ja Alles so
einfach und natürlich Und so habe er auch heute Morgen an seinen Bruder
geschrieben Dem alten Pinnow habe er noch gestern Abend Bescheid gesagt Und
übrigens gehe das Wo und Wie ja eigentlich Keinen etwas an Herr von Zehren
sprach in seinem Kleiderschrank hinein und ich verstand nur das Wort
»Ungelegenheiten«
Mir war eine große Last vom Herzen genommen Der Traum des Morgens an den
ich den ganzen Tag nicht gedacht war mir mit der Abenddämmerung wieder in die
Erinnerung gekommen Zum ersten Mal hatte mich der Gedanke erschreckt mein
Vater könne glauben ich habe mir ein Leides getan aber nur für einen
Augenblick die Jugend hält es für so unwahrscheinlich dass Andere die Dinge
ernster nehmen als sie selbst aber so viel war mir doch klar geworden ich
werde meinem Vater Nachricht geben müssen Was aber dann Dann drängte sich
irgendwie das alte Elend dem ich kaum entronnen wieder herzu auf jeden Fall
war meines Bleibens hier nicht länger Nun sah ich plötzlich einen Ausweg aus
diesem Labyrinth Der Steuerrat das wusste ich war als sein unmittelbar
Vorgesetzter für meinen loyalen diensteifrigen Vater eine Art von höherm
Wesen das auf Erden nur noch vier andere Wesen über sich hatte nämlich den
Herrn Provinzialsteuerdirector den Herrn Generalsteuerdirector des
Handelsministers Excellenz hinter welchem dann unmittelbar Se Majestät der
König kam der aber freilich wieder ein Wesen eigener und anderer Art war
selbst von einer Excellenz durch eine weltweite Kluft getrennt Wenn also Herr
von Zehren mich bei sich behalten und der Steuerrat dies Project bei meinem
Vater befürworten wollte aber würde er das wollen Der Steuerrat hatte mich
nie besonders gern gemocht und gestern Abend hatte ich ihn noch dazu schwer
beleidigt Ich äußerte diesen meinen Zweifel gegen Herrn von Zehren »Dafür
lassen Sie mich nur sorgen« erwiderte er indem er sich die frisch
gewaschenen Hände reibend aus seinem Schlafgemach trat
»Nun und wie haben Sie den Tag hingebracht« fuhr er fort sich in einen
Lehnstuhl werfend und die Beine von sich streckend »Haben Sie meine Tochter
gesehen Ja Da können Sie von Glück sagen ich sehe sie manchmal Tage lang
nicht Und zu essen haben Sie bekommen aber schlecht ich wollte darauf wetten
man isst bei mir schlecht wenn ich zu Hause bin aber erbärmlich wenn ich nicht
zu Hause bin Mondschein und Beefsteak das passt nun nicht zusammen wenn ich
einmal gut essen will muss ichs auswärts tun gestern Abend beim alten
Pinnow he war das nicht köstlich romantisch Bruder Tuck und der schwarze
Ritter und Sie als Deschidado der Enterbte Solche kleinen Abenteuer liebe ich
nun über Alles«
Und er streckte sich so behaglich in seinem Lehnstuhl und lachte so frei
dass ich ihm innerlich meinen Verdacht abbat und mich einen ganz einfältigen
albernen Menschen nannte weil mir ein solcher Gedanke je habe in den Sinn
kommen können
Der seltsame Mann plauderte weiter fragte mich auch viel über meinen Vater
über meine Familie über meine Vergangenheit aber Alles in so freundlich
teilnehmendem Ton dass man es nicht leicht übel nehmen konnte Er schien an
meinen Antworten großes Gefallen zu finden auch wurde ich nicht wieder böse
als er wie gestern Abend über einige meiner Äußerungen in ein lautes
Gelächter ausbrach Er beschwichtigte meine Empfindlichkeit dann immer gleich
wieder mit einem gütigen Wort ich hatte durchaus das Gefühl dass der Mann es
gut mit mir meine und noch heute bin ich überzeugt dass er vom ersten
Augenblick an eine herzliche Zuneigung zu mir gefasst hatte und dass, wenn es
eine Laune war was sich ihn eines jungen hülfsbedürftigen Menschen annehmen
hieß diese Laune zu denen gehörte deren nur von Natur großmütige Herzen fähig
sind
»Aber wo bleibt denn das Essen« rief er indem er ungeduldig aufsprang und
in das Speisezimmer blickte »Ah da bist Du ja Konstanze«
Er ging ich hörte ihn durch die nur halb geschlossene Tür mit seiner
Tochter leise sprechen mir schlug das Herz ich wusste nicht weshalb
»Nun warum kommen Sie nicht« rief er aus dem Speisezimmer Ich trat ein
neben dem Tisch der meinem unverwöhnten Auge reich gedeckt schien stand
Konstanze Das Licht der Hängelampe fiel von oben herab auf sie War es die
andere Beleuchtung war es die andere Frisur sie hatte jetzt das Haar nach
oben gekämmt so dass es wie eine dunkle Krone durch die sich ein blaues Band
flocht auf ihrem schönen Haupte ruhte war es die andere Tracht ein
sommerliches ganz einfaches knapp anliegendes Kleid dessen sehr tiefen
keilförmigen Ausschnitt ein weiter nach Art eines Tuches umgebundener
Spitzenkragen kaum verhüllte war es das Alles zusammen und dazu der veränderte
Ausdruck ihres reizenden Gesichtes das jetzt etwas unbeschreiblich Kindliches
hatte aber ich erkannte sie kaum wieder ich hätte glauben können heute
Morgen die um mehrere Jahre ältere feurige Schwester dieses holden
jungfräulichen Wesens gesehen zu haben
»Zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts« sagte Herr von Zehren »Lotte
wie Es fehlen nur noch ein paar Schleifen und vielleicht der Werter sonst
superb«
Über Konstanzes Gesicht flog ein Schatten und ihre Augenbrauen zuckten
Ich hatte die Anspielung nicht recht verstanden dennoch fühlte ich mich
peinlich berührt Konstanze erschien mir so schön wie konnte man wenn man sie
ansah etwas Anderes sagen als dass sie schön sei
Ich hätte es ihr so gern gesagt aber ich hatte kaum den Mut sie
anzublicken geschweige sie anzureden und sie ihrerseits war einsilbig und
teilnahmlos die Speisen berührte sie nur eben ich erinnere mich noch jetzt
nicht dass ich sie jemals hätte essen sehen Überhaupt war die Mahlzeit die
aus Fisch und aus Rebhühnern bestand welche der »Wilde« heute auf der Jagd
geschossen hatte eigentlich für diesen allein der einen mächtigen
Waidmannshunger entwickelte Dazu trank er übermäßig von dem vortrefflichen
Rotwein und forderte mich wiederholt auf ihm Bescheid zu tun wie er denn
seine oft von Geist sprühende Unterhaltung fast ausschließlich an mich wandte
Ich war durch ein solches Flackerfeuer wie geblendet und da ich Vieles nur
halb Manches gar nicht verstand so war die Folge dass ich einige Male an der
unrechten Stelle lachte was dann wieder eine spottende Heiterkeit meines
Wirtes hervorrief Eins aber verstand ich im Laufe dieser nicht eben langen
Mahlzeit sehr wohl das gespannte um nicht zu sagen feindliche Verhältnis
welches zwischen Vater und Tochter walten musste Dergleichen fühlt sich bald
heraus zumal wenn man wie ich so gut vorbereitet war die Bedeutung der
scheinbaren Gleichgültigkeit in einer hastig hingeworfenen Frage zu verstehen
und der unnötig langen Pause bis die Antwort erfolgt und des gereizten Tones
in welchem dieselbe endlich gegeben wird Wie lange war es denn her dass mein
Vater und ich uns so gegenüber gesessen hatten und ich Gott in der Stille meines
Herzens dankte wenn das peinliche Beisammensein durch einen glücklichen Zufall
früher als zu erwarten war aufgehoben wurde Hier hätte ich mich nun
unbeteiligt fühlen dürfen wäre ich nicht bereits in die Tochter verliebt
gewesen wie es glaube ich nur eben ein so junger kopfloser Bursch sein kann
das heißt über alle Massen und hätte mich nicht der Vater mit seinem Geist und
seiner Liebenswürdigkeit vollständig beherrscht So aber wurde mein Herz wie es
zwiefach geteilt war zwiefach zerrissen und wenn ich ein paar Stunden vorher
den heroischen Entschluss gefasst hatte die schöne unglückliche Tochter vor dem
entsetzlichen Vater zu beschützen so war ich jetzt felsenfest überzeugt dass
mir die erhabene Mission geworden diese beiden herrlichen Menschen mit einem
festen Liebesbande wieder aneinander zu knüpfen Dass es mir besser angestanden
hätte vor der Tür eines gewissen kleinen Hauses in der Hafengasse in Uselin zu
kehren wo ein alter Mann wohnte den ich so schwer gekränkt daran dachte
meine Seele nicht
Aber hoch atmete ich auf als jetzt ein Wagen schnell über das holperige
Pflaster des Hofes gerollt kam und vor der Tür still hielt Es war der von
Herrn von Zehren angekündigte Besuch zweier Gutsnachbarn und Jagdgenossen
Konstanze hatte sich sofort erhoben und war trotz des Vaters in fast
befehlendem Tone ausgesprochenem Wunsch »Ich bitte dass Du bleibst« im
Begriff das Zimmer zu verlassen als die Herren eintraten Der Eine war ein
großer breitschulteriger blonder junger Mann mit einem hübschen regelmäßigen
Gesicht aus dem ein paar runde vorstehende blaue Augen mit einer Art von
gutmütiger Verwunderung in die Welt starrten mein Wirt stellte ihn mir als
Herrn Hans von Trantow vor Der Andere eine kleine drollige Persönlichkeit
dessen Kopf mit der zurückfliegenden Stirn und dem fast fehlenden Hinterhaupt so
winzig war dass für das kurzgeschorene starre braune Haar kaum eine Hand breit
blieb und dem die aufgeworfene Stumpfnase und der große mit großen weißen
Zähnen reichlich ausgestattete stets offene Mund eine mehr als flüchtige
Ähnlichkeit mit einer Bulldogge gab hieß Herr Joachim von Granow Er war
Offizier gewesen und hatte sich nachdem ihm eine bedeutende Erbschaft
zugefallen erst vor wenigen Monaten in der Gegend angekauft
Konstanze hatte notgedrungen bleiben müssen denn der kleine Herr von
Granow war sofort mit einem wie es schien unerschöpflichen Redeschwall auf sie
eingedrungen und der große Herr von Trantow so nahe bei der offenen Tür
unbeweglich stehen geblieben dass man nicht wohl an ihm vorbei konnte Ich hatte
vom ersten Moment an ein feindschaftliches Gefühl gegen die Beiden gegen den
Kleinen weil er es wagte so nahe an das schöne Mädchen heranzutreten und so
viel zu sprechen gegen den Großen der freilich nicht sprach dafür aber sie
immerfort mit seinen gläsernen Augen anstarrte was mir noch viel beleidigender
schien
»Wir haben heute eine schlechte Jagd gehabt mein gnädiges Fräulein« schrie
der Kleine mit quäkender Stimme »aber vorgestern beim Grafen Griebenow war es
ganz ungewöhnlich famos Wo ein Volk aufging ich stand mitten drin drei
Doubletten an einem Tage das will etwas sagen Aber auch diese Eifersucht
dieser Neid Sie haben mich fast in Stücke gerissen Der Fürst war ganz außer
sich Sie sind des Teufels Granow sagte er einmal über das andere Ein junger
Mensch muss Glück haben sagte ich Ich bin jünger als Sie sagte er Durchlaucht
brauchen kein Glück zu haben sagte ich Warum nicht sagte er Ein Fürst von
ProraWiek zu sein ist Glück genug sagte ich War das nicht famos«
Und Herr von Granow schüttelte sich vor Lachen und zog seinen kleinen Kopf
so tief zwischen die runden Schultern dass er so gut wie keinen Kopf mehr hatte
»Der junge Fürst war auch da« sagte Konstanze
Es war das erste Wort das sie auf das Geschwätz des kleinen Mannes
erwiderte Vielleicht war es deshalb dass ich der ich teilnahmlos dabei
gestanden Herr von Zehren war in sein Zimmer gegangen Herr von Trantow hatte
seinen Posten an der Tür noch nicht verlassen plötzlich aufhorchte
»Ja das wissen Sie nicht« rief der Kleine »Aber freilich Ihr Herr Vater
kommt ja nicht auf die Griebenowschen Jagden aber ich meinte Trantow hätte es
Ihnen erzählt«
»Herr von Trantow und ich pflegen uns nicht au courant unserer Erlebnisse zu
erhalten« antwortete Konstanze
»O wahrhaftig« sagte Herr von Granow »ist es möglich Ja was ich sagen
wollte der junge Fürst war da er wird sich ja mit der jüngsten Komtesse
Griebenow verloben sagt man Unterdessen hat er auf Rossow Quartier genommen
dem einzigen seiner Güter in hiesiger Gegend wissen Sie das eine Art von
herrschaftlichem Hause hat und überdies ganz nahe bei Griebenow liegt
Vortreffliche Gelegenheit wenn ein Fürst überhaupt eine Gelegenheit braucht
Die ist aber nur für uns arme Teufel Ha ha ha«
Und des Kleinen Kopf verschwand wieder zwischen den runden Schultern
Ich hatte nahe genug bei den Sprechenden gestanden um jedes ihrer Worte
hören und jede ihrer Mienen beobachten zu können und ich hatte deutlich
bemerkt dass als Herr von Granow des jungen Fürsten Erwähnung tat Konstanze
die halb abgekehrt mit einer gleichgültigverdrießlichen Miene dastand sich
plötzlich umwandte und ihre Augen fest auf den Sprechenden heftete während ein
dunkles Rot über ihre Wangen flog Ich hatte später Veranlassung genug mich
dieses Umstandes zu erinnern über den zu rätseln mir vorläufig keine Zeit
blieb denn Herr von Zehren kam jetzt mit den Zigarren die er holen gegangen
war zurück und Konstanze entfernte sich sehr schnell nachdem sie Herrn von
Granow die Fingerspitzen mir die Hand mit anscheinend großer Herzlichkeit
gereicht und für Herrn von Trantow der noch immer stumm und unbeweglich an der
Tür stand nur ein vornehmes kaum merkliches Nicken des Kopfes gehabt hatte
Herr von Trantow strich sich mit der breiten Hand über die Stirn als die
Tür sich hinter der schönen Gestalt geschlossen hatte und richtete dann seine
großen starren Augen auf mich während er langsam auf mich zuschritt Ich
erwiderte den Blick in welchem ich eine finstere Drohung zu lesen glaubte
möglichst trotzig und war auf Alles gefasst als jetzt der Riese vor mir stehen
blieb die starren Augen fest auf mich geheftet
»Das ist der junge Freund von dem ich Ihnen erzählt habe Hans« sagte Herr
von Zehren der herantrat »Glauben Sie dass Sie mit ihm fertig werden«
Hans von Trantow zuckte die Achseln
»Ich habe nämlich mit Hans gewettet dass Sie stärker sind als er« fuhr
unser Wirt fort »er gilt in der ganzen Gegend für den stärksten Mann ich
hielt es für meine Schuldigkeit ihn auf einen so formidabeln Koncurrenten
aufmerksam zu machen«
»Aber nicht heute Abend« sagte Hans indem er mir die Hand reichte Es war
gerade wie wenn eine große Dogge vor der wir nicht ganz sicher sind ob sie
nicht beißen wird sich plötzlich vor uns hinsetzt und uns die mächtige Tatze
auf den Schoss legt Ich schlug unbedenklich ein
»Heute Abend« rief Herr von Zehren »das fehlte noch Mein junger Freund
wird hoffentlich recht lange bei mir bleiben er will Oeconom werden und wo
könnte er schneller zum Ziele kommen als auf meiner Musterwirtschaft«
Und der »Wilde« lachte von Granow rief das sei sehr gut der schweigsame
Hans sagte nichts und ich stand verlegen da Herr von Zehren hatte in der
Unterredung vorhin kein Wort davon gesagt dass ich als Lehrling bei ihm bleiben
solle Weshalb hatte er es nicht getan Es war doch ein ausgezeichneter
Gedanke der alle Schwierigkeiten meiner Stellung auf einmal hob und was
seine »Musterwirtschaft« betraf weshalb sollte es mir nicht gelingen das
ironisch gemeinte Wort zur Wahrheit zu machen Ja hier hatte ich eine neue
Mission die aber Hand in Hand mit jener ersten ging den Vater mit der Tochter
aussöhnen das verkommene Gut wieder emporbringen die Burg ihrer Väter wieder
aufrichten mit einem Wort der gute Geist der Schutzgeist des Hauses der
Familie sein
Das Alles ging mir durch den Kopf während sich die Herren an den Spieltisch
setzten und mich verfolgten diese Gedanken nachdem ich unter dem Vorwand
noch etwas frische Luft schöpfen zu wollen das Zimmer und das Haus verlassen
und im Park zwischen den dunkeln Büschen auf den mir nun schon bekannten Wegen
umherschweifte Der Mond war noch nicht aufgegangen doch verkündete eine
hellere Stelle am östlichen Horizont sein Nahen Die Sterne flimmerten in dem
von der durchwärmten Erde aufsteigenden Luftstrom In den Büschen in den Bäumen
rauschte und raunte es und im Dickicht schrie ein Käuzchen sonst war Alles
dunkel und still nur aus einem Fenster des Erdgeschosses dämmerte ein Licht und
die leisen Töne einer Guitarre irrten von dort zu mir herüber Mein Herz begann
heftig zu schlagen ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und schritt mit
verhaltenem Atem und durch jedes kleinste Geräusch das mein Fuß auf dem Boden
machte erschreckt näher und näher bis ich an die steinerne Balustrade kam
welche die breite niedrige Terrasse umgab Ich sah jetzt dass das Licht aus
einer weitgeöffneten Fenstertür kam durch welche ich einen Blick in ein
matterhelltes Gemach hatte An den beiden Fenstern rechts und links waren die
dichten Vorhänge herabgelassen Von da wo ich stand konnte man die Bewohnerin
nicht sehen und ich überlegte eben mit pochendem Herzen ob ich es wagen dürfe
noch weiter vorzudringen als sie plötzlich in der Tür erschien Jetzt musste
ich bleiben wollte ich mich nicht verraten Ich hielt den Atem an und drückte
mich dicht gegen eine große Steinvase neben der ich stand
Ihre Finger glitten über die Saiten der Guitarre bald diesen Ton bald
jenen anschlagend dann ein paar unsichere Accorde als ob sie nach einer
Melodie suche Zuletzt wurden die Accorde fester und sie sang
Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne
Ich aber ich liebe
Die nächtigen Sterne
Die nächtigen Sterne
Aus endlosen Räumen
Sie kommen und blinken
Und lassen mich träumen
Sie lassen mich träumen
Und machen mich weinen
Um den Lieben den Holden
Den Schlimmen den Einen
Den Schlimmen den Einen
Den ich mir erkoren
An den ich die Seele
Die arme verloren
Die letzten Worte hatte sie mit unsicherer Stimme gesungen jetzt lehnte sie
ihr Haupt gegen den Türpfosten und ich hörte sie weinen und schluchzen Meine
Erregung war zu groß als dass ich die Vorsicht welche meine Stellung
erforderte hätte beobachten können Ein Stein löste sich von dem verwitterten
Rande der Terrasse und rollte hinab Konstanze zuckte empor und fragte mit
unsicherer Stimme »Wer ist da« Ich hielt es für gefährlich noch länger den
Lauscher zu spielen und trat auf sie zu indem ich meinen Namen nannte
»Ach Sie sind es« sagte sie
»Ja« sagte ich »ich bitte um Verzeihung Ich hörte Sie spielen das hat
mich herangelockt ich weiß es war sehr unschicklich bitte verzeihen Sie
mir«
Ich stand jetzt neben ihr das Licht aus dem Zimmer fiel hell auf ihr
Gesicht und ihre dunkeln zu mir erhobenen Augen
»Sie Guter« sagte sie mit weicher Stimme »oder meinen Sie es nicht gut
mit mir«
Ich vermochte nicht zu antworten aber sie wusste mein Schweigen wohl zu
deuten
»Ja« sagte sie »Sie sind mein treuer Knappe mein treuer Georg Wenn ich
sagte heute Nacht bewachst Du diese Terrasse bis der Morgen graut nicht
wahr Sie würden es tun«
»Ja« sagte ich
Sie lächelte zu mir auf »Ach wie das lieb ist ein Wesen auf Erden sich
treu zu wissen Wie lieb das ist«
Sie reichte mir die Hand die ich in meiner zitternden Hand festhielt
»Aber ich verlange nichts derart von Ihnen« sagte sie »nur Eines dass Sie
uns recht lange Gesellschaft leisten und recht oft mit mir spazieren gehen
Versprechen Sie mirs Ja das ist so lieb Und nun gehen Sie Gute Nacht«
Sie zog mit leisem Druck ihre Hand aus der meinen und ging in ihr Zimmer
zurück Als ich ein paar Schritte gemacht hatte hörte ich die Fenstertür
schließen
Unter einem der großen Bäume des Parkes stand ich und blickte nach dem Hause
zurück Der Mond war über den Waldrand gestiegen das große Gebäude hob sich
heller aus dem Dunkel hier und da flimmerte auf einem der Fenster des oberen
Stockes ein ungewisser Schimmer Das Licht in Konstanzes Gemach kam zu mir
herüber mit jenem magischen Schein der uns so nur einmal wohl im Leben
leuchtet
Die Wiese vor mir hatte in tiefem Schatten gelegen eben irrten die ersten
Strahlen des Mondes darüber hin und da glaubte ich eine Gestalt zu sehen die
von der andern Seite herankommend sich langsam auf Konstanzes Fenster zu
bewegte Das war an sich unverfänglich genug es mochte ein Arbeiter sein der
aus dem Dorfe kam und den Richtweg durch den Park eingeschlagen hatte aber ein
treuer Knappe hat die Pflicht sich in solchem Falle Gewissheit zu verschaffen
und so schritt ich denn ohne mich zu besinnen quer über die Wiese auf die
Gestalt zu Unglücklicherweise trat mein Fuß auf einen dürren Ast es gab ein
lautes Geräusch In demselben Moment blieb der Mann stehen und eilte mit
leichten schnellen Schritten in der Richtung aus der er gekommen zurück Der
Vorsprung den er hatte war nur gering aber das dichte Gehölz welches die
Wiese nach jener Seite einrahmte und die Grenze des Parkes bildete war auch
nahe und so erreichte er dasselbe wenige Minuten vor mir Ich hörte ihn
deutlich durch die Zweige brechen aber wie sehr ich auch vorwärts strebte ich
konnte ihn nicht erreichen ich glaubte schon dass mich mein Ohr in eine falsche
Richtung gelockt habe als ein lautes Poltern und Krachen nicht weit von mir
mich überzeugte dass ich auf der rechten Fährte war Jenes Poltern konnte nur
entstanden sein indem sich der Mann über das morsche Bretterstaket schwang das
den Park nach dieser Seite einschloss und das ich selbst heute bereits zweimal
passiert hatte Jetzt konnte er mir nicht mehr entgehen jenseits war eine weite
Brache und ich hatte noch Niemand gekannt den ich im Lauf nicht überholt hätte
Aber in dem Augenblicke wo auch ich die Planke erreichte ertönte Hufschlag und
aufblickend sah ich einen Reiter über den ebenen Plan den jetzt der Mond hell
genug erleuchtete jagen Das Pferd musste ein vorzüglicher Renner sein Die Hufe
schlugen so leicht auf und die Sprünge waren von so mächtiger Weite dass in
weniger als einer halben Minute Ross und Reiter meinen Blicken entschwunden
waren eine zweite halbe Minute hörte ich noch den Hufschlag dann war auch der
verklungen und ich hätte glauben können das Ganze geträumt zu haben wenn mein
vor Aufregung und von dem eiligen Lauf klopfendes Herz und meine
dornengerjetzten schmerzenden Hände mich nicht eines Andern belehrt hätten
Wer war der freche Eindringling Ein gewöhnlicher Dieb sicher nicht wohl
ohne Zweifel Jemand den das Licht aus Konstanzes Fenster herangelockt hatte
vielleicht heute nicht zum ersten Male er schien den Weg schon öfter im Dunkeln
zurückgelegt zu haben
An einen begünstigten Liebhaber glaubte ich nicht eine solche Annahme würde
mir als die schnödeste Versündigung an dem herrlichen Mädchen erschienen sein
das mit ihren träumerischen Augen wahrlich nicht einer glücklich Liebenden
glich Ihr schwermütiges Lied und ihr Weinen das Alles deutete vielmehr auf
eine unglückliche Liebe Also doch auf Liebe Ach ich wollte ja nichts für
mich Wie konnte ich wagen die Augen zu ihr zu erheben Ich konnte nur für sie
leben oder sterben und einem Frechen der es wagte unter dem Schutz der Nacht
und des Dunkels in dies Heiligtum zu dringen bei nächster Gelegenheit das
Genick brechen
Dieser Vorsatz hob in etwas wieder meine gedrückte Stimmung aber freilich
die Seligkeit von vorhin war unwiederbringlich verschwunden Ich fühlte mich
aufgeregt und beunruhigt als ich in das Zimmer zu den Spielern zurückkehrte
Man hatte mit Whist angefangen und war jetzt beim Faro Der Wilde hielt die
Bank er musste sehr bedeutend gewonnen haben In einem Teller vor ihm lag eine
Menge Silbergeld aus dem hier und da ein Goldstück hervorblickte dieser Teller
stand in einem zweiten welcher mit zerknitterten Tresorscheinen angefüllt war
Diese beiden Gäste hatten ihr baares Geld schon verloren denn sie wechselten
sich häufig gegen Bons die zu den Tresorscheinen in den zweiten Teller
wanderten größere und kleinere Summen ein welche eine entschiedene Neigung
zeigten zu der Quelle aus der sie geflossen waren zurückzukehren Herr von
Trantow schien sein Unglück mit großer Fassung zu tragen Sein gutes hübsches
Gesicht war so leidenschaftslos ruhig wie vorher nur dass es vielleicht ein paar
Töne tiefer gerötet war und die großen blauen Augen noch etwas starrer
blickten Doch konnte das ebenso gut die Wirkung des Weines sein von dem man
bereits mindestens ein halbes Dutzend Flaschen geleert hatte Herrn von Granows
Nerven waren gegen die Pfeil und Schleudern eines bösen Geschicks weniger
unempfindlich Er hob sich bald in seinem Stuhl bald ließ er sich wieder
zurücksinken er wetterte und fluchte bald laut bald leise und befand sich
offenbar in der übelsten Laune zum heimlichen Ergötzen wie mir däuchte des
Herrn von Zehren dem die Lust aus den braunen Augen blitzte wenn er mit
höflichbedauernden Worten wieder einmal das Geld des Kleinen einzustreichen
gezwungen war
Ich hatte mich eben zu den Spielern gesetzt die Chance des Spiels das mir
aus schüchternen Schülerversuchen hinreichend bekannt war besser zu beobachten
als mir Herr von Zehren mit den Worten Sie müssen auch spielen einen Haufen
Banknoten den er gerade gewonnen hatte zuschob
»Verzeihen Sie« stotterte ich
»Machen Sie doch keine Umstände sagte er warum wollen Sie noch erst auf
Ihr Zimmer gehen sich Geld zu holen hier ist genug«
Er wusste dass meine ganze Barschaft aus noch nicht einem Taler bestand
ich hatte es ihm gestern Abend gesagt Ich errötete deshalb über und über aber
ich hatte nicht den Mut der großmütigen Lüge meines gütigen Wirtes zu
widersprechen ich rückte mit der Miene eines Mannes der kein Spielverderber
sein will näher heran und fing an zu pointiren
Vorsichtig im Anfang und mit kleinen Einsätzen wie es sich für mich
schickte und mit dem festen Entschluss ganz ruhig zu bleiben aber es dauerte
nicht lange als sich in meinem Hirn und Herzen ein unheimliches Fieber
entzündete Mein Herz pochte in schnellen und schnellern Schlägen mein Atem
flog meine Stirn und meine Augen brannten ich stürzte während die Karte
geschlagen wurde Glas auf Glas hinunter meine verdorrende Zunge zu netzen ich
strich mit bebender Hand meinen Gewinn ein Und dabei gewann ich fast
unaufhörlich wenn einmal eine Karte gegen mich schlug brachte mir die folgende
das Dreifache und Fünffache Ich glaubte das Herz müsse mir springen als das
Geld vor mir zu einer Summe anwuchs wie ich sie noch nie beisammen gesehen
hatte zwei bis dreihundert Taler wie ich es heimlich überschlug
Nun kam ein Stillstand ich gewann nicht mehr verlor aber auch nicht dann
fing ich an erst langsam dann schneller und schneller zu verlieren Es lief
mir kalt durch die Adern wie einer der großen Scheine nach dem andern wieder
von mir wanderte aber ich hatte vorhin das Betragen des Herrn von Granow zu
widerwärtig gefunden um in denselben Fehler zu verfallen Ich verlor wie ich
Hans von Trantow verlieren sah ohne eine Miene zu verziehen worüber ich denn
von Herrn von Zehren mit ermutigenden Worten belobt wurde Schon war meine
Barschaft bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen als Hans von Trantow gähnend
erklärte er sei zu müde um noch weiter spielen zu können Herr von Granow
sagte es sei noch gar nicht spät aber die herabgebrannten Lichter und die
große Pendule an der Wand die auf halb drei wies waren entschieden anderer
Meinung Die beiden Herren zündeten sich frische Zigarren an und bestiegen den
schon lange wartenden Wagen nachdem eine Jagdpartie an der ich auch
teilnehmen sollte auf morgen verabredet war
Wir kehrten in das von Weindunst und Tabackrauch angefüllte Zimmer zurück
wo der alte Christian für den der Unterschied von Tag und Nacht nicht zu
existieren schien mit Aufräumen beschäftigt war Herr von Zehren stieß das
Fenster auf und blickte hinaus Ich trat zu ihm er legte mir die Hand auf die
Schulter und sagte »Wie schön die Sterne leuchten und wie balsamisch die
Nachtluft ist Und da er wies mit der Hand in das Zimmer wie hässlich wie
ekelhaft und wie schlecht das riecht Warum kann man nicht beim Sternenschein
Faro spielen und dazu den Duft von Levkojen und Reseda rauchen Und warum muss
nach jeder lustigen Nacht die Reue in Gestalt eines alten Mannes kommen und
kopfschüttelnd die geleerten Flaschen zählen und die Asche zusammenkehren Das
ist so dumm aber man darf sich keine grauen Haare darüber wachsen lassen die
kommen von selbst Und nun zu Bett zu Bett Ich sehe Sie haben noch
hunderterlei auf dem Herzen aber morgen ist auch noch ein Tag und wenn nicht
desto besser Gute Nacht schlafen Sie wohl«
Aber es dauerte lange bis der Wunsch meines Wirtes an mir in Erfüllung
ging Ein wahrer Hexensabbat von schönen und hässlichen Spukgestalten tanzte vor
meinen in fieberhaftem Halbschlaf geschlossenen Augen den wildesten Reigen
Konstanze ihr Vater seine Spielgesellen die dunkle Gestalt in dem Park und
dazwischen mein Vater und Professor Lederer und Schmied Pinnow und Alle
wollten sie von mir gerettet sein aus einer oder der anderen Gefahr Professor
Lederer von zwei dicken Lexicis die aber eigentlich zwei große Austern waren
welche die Schalen gegen den dürrem Gelehrten aufsperrten während der
Kommerzienrat im Hintergrunde stand und sich tot lachen wollte und das wirrte
und raste durcheinander und liebkoste und drohte und entzückte und ängstigte
mich bis endlich als die Morgendämmerung schon ihr bleiches Licht auf die
zerfetzten Tapeten meines Gemaches warf ein bleischwerer Schlaf die
Spukgestalten bannte
Neuntes Kapitel
Wenn nach den einstimmigen Berichten von Reisenden welche die Tour gemacht der
Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist so bin ich überzeugt dass
einige Quadratruten davon meine Arbeit sind und dass ich diese Arbeit zum
größten Teil in den ersten vierzehn Tagen meines Aufenthaltes auf Zehrendorf
getan habe Es konnte aber auch nicht leicht ein Terrain geben auf welchem
Alles was man zu jener leichten und angenehmen Hantierung braucht in so
reichem Masse vorhanden gewesen wäre Wo man ging und stand wohin man den Blick
wandte überall lag das Material bereit am Wege und ich war zu jung zu
unerfahren und ich darf es wohl sagen von zu gutem Herzen als dass ich nicht
mit beiden Händen hätte zugreifen sollen Welcher unsäglichen Torheit ich mich
schuldig machte als ich daran ging die aus den Fugen gegangene Welt in der
ich mich jetzt bewegte wieder einzurenken nachdem ich noch eben erst bewiesen
dass ich mich in die vollständig geordnete aus der ich stammte in keiner Weise
hätte fügen können und wollen dieser Gedanke ist mir erst viel später
gekommen Vorläufig war ich von meiner erhabenen Mission auf das Innigste
überzeugt und segnete meinen Stern der mich aus der schnöden Sklaverei der
Schule und des väterlichen Hauses wo ich verkümmerte aus den drückenden Banden
philisterhafter Verhältnisse die den freien Flügelschlag meiner heroischen
Seele hemmten so herrlich herausgeführt in diese Wüstenfreiheit die keine
Grenzen zu haben schien und hinter der doch das Kanaan liegen musste wo die
Milch der Freundschaft und der Honig der Liebe floss und das zu erobern ich
heldenhaft entschlossen war Zwar der Brief welcher an einem der nächsten Tage
von meinem Vater an Herrn von Zehren nebst einer großen Kiste mit Sachen
eintraf hatte mich einen Augenblick stutzig gemacht Der Brief hatte nur wenige
Zeilen enthalten des Inhalts dass er mein Vater überzeugt von der
Unmöglichkeit mich auf seinem Wege zum Guten zu führen wohl und übel mich mir
selbst habe überlassen müssen und dass er nur noch wünschen könne es möge mein
Ungehorsam und mein Trotz nicht zu schwer an mir heimgesucht werden Herr von
Zehren hatte mich den Brief lesen lassen und als er meine nachdenkliche Miene
wahrnahm gesagt »Wollen Sie zurück« Dann aber gleich hinzugefügt »Tuen
Sie es nicht Das ist nichts für Sie Der alte Herr hat Sie zu einem
Arbeitspferd machen wollen Dazu taugen Sie nicht so groß und stark Sie sind
Sie sind ein Jagdpferd für das kein Graben zu breit keine Hecke zu hoch ist
Kommen Sie ich habe hinten in der Koppel ein Volk von vierundzwanzig gesehen
Das wollen wir vor Tisch noch vornehmen«
Ich war es zufrieden ich fand dass mein Vater mich zu bald aufgegeben
hatte dass er wohl noch einen Versuch hätte machen können mich zu halten und
dass er sich des Rechtes begeben habe mir nun noch mit einer himmlischen Strafe
zu drohen Dennoch war es mir unheimlich als Herr von Zehren eine Stunde
später als er seine Pfropfen verschossen hatte den Brief meines Vaters aus der
Tasche nahm und mit dem Scherzwort dass Not kein Gebot kenne ihn in vier
Stücke riss und in die beiden Läufe seiner Flinte stampfte Ich weiß ich hatte
die Empfindung es werde es müsse ein Unglück geben Aber die Flinte sprang
nicht die Hühner kamen regelrecht herunter und von dem Briefe war nichts übrig
als ein glimmendes Stückchen Papier das zwischen die trockenen Stoppeln
gefallen war und auf das Herr von Zehren als er die Hühner in die Tasche schob
seinen Fuß setzte
Wenn ich aber noch gezweifelt hätte ob ich recht getan mich auf die
eigenen Füße zu stellen wie ich es nannte so war ein Brief Arthurs welcher
bald darauf eintraf nur zu geeignet mich in meinem Wahn von der endlich
errungenen Freiheit zu bestärken
»Du bist doch immer der glückliche Hans« schrieb Arthur »Du läufst aus der
Schule und man lässt Dich laufen als ob sich das so von selbst verstünde
während man mich wieder einfängt wie einen weggelaufenen Sklaven mich drei
Tage lang ins Loch steckt mir jede Stunde meine Schande vorwirft und mir das
Leben in jeder Beziehung blutsauer macht Selbst mein Papa stellt sich an als
ob ich Gott weiß was verbrochen hätte und nur die Mama ist vernünftig und sagt
ich solle mir das nicht zu Herzen nehmen und der Papa müsse auch nur so tun
sonst setzte mich Lederer nicht nach OberPrima und die Geschichte dauerte noch
länger Es ist wirklich eine Schande dass ich bloß weil der Onkel
Kommerzienrat es will das Abiturientenexamen machen muss während Albert von
Zitzewitz der auch nicht älter ist als ich es auf der Kadettenschule jetzt
schon zum Fähnrich gebracht hat Was habe ich von dem Kommerzienrat Papa sagt
er könne mich während meiner Lieutenantsjahre ohne die vom Onkel erwarteten
Zuschüsse nicht erhalten und das mag auch wohl so sein denn es wird mit jedem
Tage schlimmer bei uns und der Papa war ganz außer sich als er gestern
sechszehn Taler für meine Handschuhrechnung bezahlen sollte Wenn mir die Mama
nicht noch manchmal darüber hilfe ginge es gar nicht mehr aber sie hat auch
nichts und hat mir gestern gesagt dass sie nicht wüsste wie es zu Neujahr werden
solle wenn alle die Rechnungen einlaufen Du könntest mir wirklich aus der
Verlegenheit helfen Papa sagt Onkel Malte sehe das Geld nicht an wenn er mal
welches habe und wer den rechten Moment träfe könne so viel bekommen wie er
wolle Du Glücklicher bist ja doch nun beständig um ihn und da könntest Du doch
einem alten Freund zu Liebe den rechten Moment abpassen und ein gutes Wort für
mich einlegen oder noch besser Du sagst Du habest noch einige alte Schulden
die Du gern bezahlen möchtest ob er Dir nicht so ein Taler fünfzig oder
hundert leihen wolle und Du schickst es mir da Du es doch nicht brauchst
Hierher kommst Du ja auf keinen Fall zurück denn wie sie hier über Dich
sprechen das kannst Du Dir gar nicht vorstellen Lederer betet jetzt immer fünf
Minuten länger für das verirrte Lamm womit er Dich alten Sünder meint der
Justizrat Heckepfennig soll gesagt haben wenn es je einen Menschen auf dem
Gesicht gestanden habe dass er in den Schuhen sterben werde so seist Du es in
Emiliens Kränzchen haben sie beschlossen die Blätter auf denen Du Dich
verewigt aus ihren Stammbüchern zu reißen und beim Onkel Kommerzienrat hat es
vorgestern Deinetalben eine ordentliche Szene gegeben Der Onkel hat über Tisch
gesagt Du müsstest verzweifelt lange Schritte machen wenn Du dem dabei hat er
eine Handbewegung gemacht entlaufen wolltest worauf Hermine schrecklich zu
weinen angefangen und Fräulein Duff gesagt hat es sei lästerlich in Gegenwart
eines Kindes solche Reden zu führen Du siehst also Du hast in der Damenwelt
noch ein paar mächtige Freunde wie Du denn von jeher auf dieser Seite ein
unverantwortliches Glück gehabt hast und noch hast Mach meine schöne Kousine
nur nicht unglücklich Du Teufelskerl
PS Der Papa sagte mir einmal dass Konstanze von einer alten spanischen
Tante jährlich eine kleine Summe ausgezahlt erhalte die sie gewiss nicht
brauche vielleicht wäre von ihr Geld zu haben Du könntest wenigstens einmal
hinhorchen«
Ich hatte auf diesen Brief hin der mir eine so bequeme Gelegenheit bot
feurige Kohlen auf das Haupt meines noch immer geliebten Freundes zu sammeln
sofort beschlossen ihn mit einem Teil meines Gewinnes vom ersten Spielabend
aus der Verlegenheit zu reißen aber auch dieser Vorsatz von dem ich
allerdings kaum behaupten möchte dass er in irgend einem Sinne ein guter gewesen
sollte nicht zur Ausführung kommen Am Abend desselben Tages nämlich als auf
dem Gute Hans von Trantows der Wilde seinen Spielgenossen Revanche gab verlor
ich nicht nur das unter so vielem Herzklopfen gewonnene Geld unter demselben
Herzklopfen bis auf den letzten Taler sondern noch eine ziemlich bedeutende
Summe die mir mein gütiger Wirt der wiederum der Gewinner war aufdrang
Dieses Unglück das ich wenn ich einen Gran klüger gewesen hätte voraussehen
können traf mich als ein harter Schlag Ich war trotz allen Leichtsinns in
meinen kleinen Geldangelegenheiten immer von der scrupulösesten
Gewissenhaftigkeit gewesen hatte die unbedeutenden Schulden die ich etwa
gemacht stets so bald als möglich und mit willigem Herzen bezahlt ich fühlte
mich deshalb als wir nach der Unglücksnacht in der Morgendämmerung nach Hause
fuhren so unglücklich wie noch nie in meinem Leben Wie sollte ich je im Stande
sein eine solche Summe abzutragen noch dazu da ich entschlossen war nie
wieder eine Karte in die Hand zu nehmen Wie sollte ich heute im hellen
Tageslicht dem Mann an meiner Seite ins Gesicht zu sehen wagen ihm dem ich
mich schon ohnedies so tief verpflichtet fühlte Herr von Zehren der in der
glücklichsten Stimmung war lachte laut als ich ihm wie er in mich drang
meine Not beichtete »Mein lieber Georg« sagte er er nannte mich bereits
immer nur bei meinem Vornamen »nehmen Sie mir es nicht übel aber Sie sind
nicht recht gescheit Wie Mann denken Sie denn wirklich dass ich Sie nur einen
Augenblick für das was Sie auf meinen Wunsch tun verantwortlich machen
könnte Wer Unmündigen Geld leiht tut es bekanntlich auf seine Gefahr und Sie
erinnern sich doch wohl noch dass ich Ihnen das Geld aufdrang Weshalb Nun zum
Teufel weil es mir Vergnügen macht Ihr ehrliches erhitztes Gesicht beim Spiel
mir gegenüber zu sehen und es mit Granows Galgenphysiognomie oder mit Trantows
verschlafener Miene zu vergleichen Und wenn ein junger Mensch der mein lieber
Gast ist mir zu Liebe mit mir auf die Jagd und mit mir zum Farotische geht und
er keine Flinte und kein Geld hat so ist es doch nur selbstverständlich und
recht und billig dass ich ihm meinen Gewehrschrank und meine Börse zur
Disposition stelle Und nun hören Sie auf von der Bagatelle zu sprechen und
geben Sie mir eine Zigarre oder haben wir keine mehr«
Ich bot ihm seine Cigarrentasche die er meiner Obhut anvertraut und
murmelte dass seine Güte mich zu Boden drücke und dass mein einziger Trost sei
es werde sich mir doch noch eine Möglichkeit bieten wie ich ihm so oder so
meine Schuld abtragen könne Er lachte wieder und sagte ich sei so stolz wie
Lucifer aber das möge er wohl leiden und was die Möglichkeit betreffe mich
gegen ihn abzufinden so sei er ein Mann in dessen Leben die Zufälle und die
Glücksfälle und die Unfälle und alle möglichen Fälle eine so große Rolle
spielten dass es mit einem Wunder zugehen müsste wenn nicht unter andern leider
auch der von mir herbeigesehnte Fall einträte Bis dahin wollten wir die Sache
in der Schwebe lassen So suchte er meine Gewissensbisse wegzuscherzen aber es
war ihm nur zum Teil gelungen und ich schlief an diesem Morgen ein und
erwachte ein paar Stunden später mit dem Vorsatz ernstlich an die Ausführung
eines andern Vorsatzes zu gehen nämlich in meiner Eigenschaft als Lehrling
mich der verlassenen Wirtschaft anzunehmen es in kürzester Frist zu einer
vollkommenen Einsicht in ökonomische Dinge zu bringen mit Hilfe dieser Einsicht
und eines rastlosen Fleißes und mit Aufbieten aller meiner Kräfte das verwüstete
Gut ebenfalls in kürzester Frist sagen wir in ein bis zwei Jahren zu einem
Paradies zu machen und so meinen gütigen Wirt der Notwendigkeit zu überheben
das Geld welches ihm seine Aecker nicht abwarfen am Spieltisch zu gewinnen
Von Stund an legte ich ein Interesse für den spukhaften Pferdestall das bis
auf wenige jämmerliche Exemplare der Rinderspecies ausgestorbene Viehhaus und
für ein paar Dutzend melancholischer Schafe an den Tag dass Herr von Zehren der
ein ungemein scharfes Auge für das Komische hatte gar nicht aus dem Lachen
herauskam bis sich ein Vorfall ereignete der ihn veranlasst ein ernstes Wort
zu sprechen und mir meine ökonomischen Studien einigermaßen verleidete
Jener alte Mann den ich am ersten Tage im Park getroffen hatte und der
eigentlich Christian Haltermann hieß von Allen aber nur »der alte Christian«
genannt wurde war in seiner Eigenschaft als Unterverwalter oder Stattalter
wie man in jener Gegend sagt in Ermangelung eines Herrn der sich um etwas
kümmerte und eines Oberverwalters der nicht vorhanden war die kümmerliche
Seele der kümmerlichen Wirtschaft Was etwa noch angeordnet wurde ging von ihm
aus aber es bedurfte gerade keines besonderen Scharfblickes um zu sehen dass
von den banditenmässig aussehenden Kerlen welche die Rolle von Arbeitern
spielten jeder tat was ihm beliebte Wenn der alte Mann wie ich es ein paar
Mal beobachtet hatte in einen hilflosen Zorn geriet und mehr zu seiner
Erleichterung als in der Hoffnung etwas damit auszurichten in einem sonderbar
kreischenden papageienartigen Tone schalt und keifte lachten sie ihm in sein
verschrumpftes Gesicht und gingen ihres Weges verhöhnten ihn wohl gar ganz
offen dabei zeichnete sich besonders ein gewisser Johann Swart genannt »der
lange Jochen« aus ein baumhoher breitschulteriger Kerl mit affenlangen Armen
dessen Physiognomie dem Justizrat Heckepfennig vielleicht doch noch weniger
gefallen hätte als die meinige und von dessen unüberwindlicher Stärke die
Andern unheimliche Dinge erzählten
Diesen Menschen traf ich eines Morgens wieder einmal im Streit mit dem
Alten Der Gegenstand war ein Kornfuder das der Alte abgeladen haben und der
Andere nicht abladen wollte die Szene der mit zertretenem Stroh bedeckte Platz
vor dem Scheunentor die Zuschauerschaft ein halbes Dutzend anderer Kerle die
offenbar auf der Seite des Langen standen und jedes gemeine Witzwort desselben
mit wieherndem Gelächter begrüßten
Ich hatte den Auftritt schon von weitem beobachtet und so kam es dass als
ich eilig herantrat mein Blut bereits vor Zorn kochte Ein paar der Lacher
unsanft beiseite stossend trat ich vor den langen Jochen hin und fragte ihn ob
er jetzt dem Befehl des alten Christian Folge leisten wolle oder nicht Jochen
antwortete mit einem groben Lachen und einem gemeinen Wort Im nächsten
Augenblick wälzten wir uns Beide auf dem zertretenen Stroh im folgenden kniete
ich auf dem Besiegten und machte ihm die Unannehmlichkeit seiner Situation so
handgreiflich dass er zuerst laut um Hilfe und als er sah dass die Andern starr
vor Schreck standen und er rettungslos in meiner Hand war kläglich um Gnade
schrie
Ich hatte eben den halb Erwürgten und jämmerlich Zerbläueten losgelassen
als Herr von Zehren der wieder seinerseits die Szene aus dem Fenster seines
Zimmers beobachtet hatte eilends herzukam Er sagte dem Langen es sei ihm ganz
recht geschehen und er solle es sich für die Zukunft merken schalt auch die
Andern aber wie es mir schien keineswegs mit dem gehörigen Nachdruck fasste
mich dann unter den Arm führte mich eine Strecke schweigend fort und sagte als
wir außerhalb des Gehörkreises der Leute waren »Es ist ganz gut Georg wenn
die Kerle wissen wie stark Sie sind aber ich möchte nicht dass Sie sie mir
durch wiederholte Exercitien derart verwöhnten« Ich sah ihn groß an
»Ja« fuhr er fort »sie wollen sonst bei tausend anderen Gelegenheiten
dieselben Prügel haben und zu dieser Herculesarbeit möchten selbst Ihre starken
Arme nicht ausreichen«
»Lassen wir es darauf ankommen« sagte ich
»Nein lassen wir es nicht darauf ankommen« sagte er
»Aber darüber geht die Wirtschaft zu Grunde« rief ich dessen Blut noch
immer in hohen Wogen ging Herr von Zehren zuckte die Achseln und sagte »Da hat
sie nicht mehr allzu weit gönnen wir ihr doch die paar Schritte Kurz Georg
die Parole heißt es bleibt Alles beim Alten und was die Leute betrifft es
sind keine Bienen an Arbeitsamkeit aber das haben sie mit den Bienen gemein
dass sie leicht stechen wenn sie gereizt werden Seien Sie deshalb in Zukunft
ein wenig vorsichtiger als vorhin«
Er hatte das lächelnd gesagt aber ich hörte sehr wohl heraus dass es ihm
mit dem was er sagte vollkommener Ernst sei und ich also das Paradies mit
dessen Plan ich mich trug ungeschaffen lassen müsse Ein Paradies in welchem
jene banditenmässigen Strolche ungestraft herumlungern konnten war ein zu
greller Widerspruch als dass er selbst meinen unerfahrenen Augen nicht hätte
einleuchten sollen
Ich kann nicht sagen dass es mir sehr schmerzlich gewesen wäre auf meine
Schöpferrolle zu verzichten Hatte ich mich doch hauptsächlich in dieselbe
hinein geträumt weil ich hoffte so die Schuld der Dankbarkeit gegen meinen
Wirt abtragen zu können Wenn er in dieser Münze nicht bezahlt sein wollte so
war dies schließlich nicht mir anzurechnen und wenn er mir tagtäglich
wiederholte dass er von mir nichts weiter wolle als mich selbst dass meine
Gesellschaft ihm über Alles angenehm sei wie hätte ich Versicherungen die
mir so schmeichelhaft waren nicht glauben wie hätte ich den Lockungen eines
Lebens das meinen Neigungen so vollkommen entsprach widerstehen können
Fischefangen und Vogelstellen es knüpft sich eine ominöse Warnung daran
deren Richtigkeit zu erproben ich später verzweifelt ernste Veranlassung und
bedenklich viel Zeit haben sollte aber noch heute mag ich den Zauber nicht
schelten der auf jenen vom Sprichwort gezeichneten Beschäftigungen liegt Man
kann die Fische nicht fangen ohne dabei in die Wellen zu blicken und den
Vögeln nicht nachstellen ohne in den Himmel zu spähen und die wandernden
Wellen und die ziehenden Wolken die habens uns angetan die hatten mirs
angetan von frühester Jugend an Wie oft hatte ich als Knabe einen Umweg aus
der Schule gemacht um ein halbes Stündchen am Hafen auf der äußersten Spitze
der Mole mit der Mappe unter dem Arm zu sitzen und mich einlullen zu lassen von
dem leisen Plätschern zu meinen Füßen wie oft am Fenster in meinem Dachstübchen
und über die leidigen Bücher weg in den blauen Äther gestarrt wo vielleicht
des Nachbars weiße Tauben ihre himmlischen Kreise zogen Und immer hatte ich
mich gesehnt mich nur einmal so recht satt hören zu können am Wellenrauschen
nur einmal so recht satt sehen zu können am Wolkenziehen Dann war wohl als ich
älter wurde und den Kreis meiner Streifereien weiter ausdehnen konnte manche
glückliche Stunde für mich gekommen manche Ruderfahrt manches wilde Spiel in
dem benachbarten Wald manche ungeschickte Jagd auf Strandvögel mit einem von
Pinnows verrosteten Gewehren aber es waren doch immer nur Stunden gewesen
die der übermütigen Kraft des Knabenjünglings bei weitem nicht genügten und
die noch dazu mit so viel Stuben und Schularrest so viel Sorge Not Ärger
Zorn erkauft werden mussten
Nun hatte ich zum ersten Male im Leben vollauf wonach ich mich so
lange ich lebte gesehnt Wald und Wiese die Felder und den Strand ein
unermessliches Terrain und Zeit in diesem Revier herumzuschweifen vom ersten
Morgenstrahl bis zum Abendrot in die Nacht hinein unermessliche Zeit und
einen Gefährten dazu wie ihn sich ein Jüngling der den Ehrgeiz hatte es in
den bewussten brotlosen verderblichen Künsten möglichst weit zu bringen nicht
passender wünschen konnte Des »Wilden« Auge und Hand waren vielleicht nicht
mehr so sicher wie sie es vor zehn zwanzig Jahren gewesen dennoch war er noch
immer ein trefflicher Schütz und ein Meister in Allem was die Jägerei betraf
Niemand wusste besser als er wo man das Wild zu suchen habe Niemand hatte so
gut dressirte Hunde und wusste sie so gut zu führen Niemand die Zufälligkeiten
der Jagd so geschickt auszubeuten Niemand vor Allem war ein besserer Kamerad
Wenn sein Feuereifer während der Jagd Alle mit sich fortriss so konnte keiner
das far niente des Rendezvous am kühlen Waldessaume oder in dem dünnen Schatten
von ein paar Bäumen am Rande eines Grabens mitten in den Feldern so behaglich
auskosten und die müde Gesellschaft mit allerlei Scherz und Spott und
meisterhaft erzählten Geschichten köstlicher unterhalten Am liebenswürdigsten
freilich erschien er mir immer so oft ich mit ihm allein durch das Revier
schweifte Wenn er auf den größeren Jagden sein herrschsüchtiges Wesen weder
verleugnen konnte noch wollte und ihn die größeren Erfolge eines Andern mit
einem Neid erfüllten der sich in bitteren Sarkasmen Luft machte so war von dem
Allen in meiner Gesellschaft keine Spur Er lehrte mich alle Kunstgriffe und
Auskunftsmittel an denen er so reich war und war entzückt als er an mir einen
so gelehrigen Schüler fand ja lachte jedesmal herzlich wenn ich mir erlaubte
ihm ein Huhn wegzuschiessen auf das er für sich gerechnet hatte
Und dann sein Geplauder dem ich mit immer neuem Entzücken zuhörte Es war
die seltsamste Mischung von köstlich erzählten Anekdoten aus seinem
abenteuerreichen Leben und beissender Satire gegen die Menschheit besonders
gegen die schönere Hälfte derselben Die Frauen hatten im Leben des Wilden eine
große und verhängnisvolle Rolle gespielt Wie so viele Menschen von heftigen
Leidenschaften und glühender Sinnlichkeit hatte er wohl nie nach wahrer Liebe
gesucht und machte jetzt den Frauen ein Verbrechen daraus dass er dieselbe nie
gefunden auch bei jenem unglücklichen Mädchen nicht das er unter so
schauerlichen Umständen aus seiner Heimat entführte und das ihm nichts
mitbrachte als den Fluch seiner Eltern eine nur zu schnell verblühende
Schönheit und einen gänzlich ungebildeten vielleicht bildungsunfähigen
bigotten Geist der den Keim des Wahnsinns schon in sich trug Dass er der
damals bereits Vierzigjährige der viel Umgetriebene viel Erfahrene sich
einzig und allein die Schuld zuzumessen hatte sich alles Unheil und Unglück
welches aus einer so frevelhaften sinnlosen Verbindung hervorgegangen war
selbst zuschreiben musste das einzusehen anzuerkennen fiel ihm aber natürlich
nicht ein Er war der Mann an dem viel mehr gesündigt war als er sündigte er
war das Opfer seiner Großmut er war um sein Lebensglück betrogen worden Wie
hätte ein Mann häuslich sein können der sich nicht wohl gefühlt hatte in seinem
Hause sich an Ruhe gewöhnen können an der Seite einer Frau die der Irrwahn und
der Aberglaube Tag und Nacht ruhelos umgetrieben »Ja ja mein lieber Georg
ich habe mich mit großen Planen getragen nachdem ich größere ad acta gelegt
ich wollte das noch aus der Franzosenzeit verwüstete Schloss wieder herrichten in
seinem altem Glanz ich wollte alle Güter wieder erwerben die einst den Zehrens
gehört aber es sollte nicht sein sollte nicht sein in den Jahren als ich
noch frisch und hoffnungsreich war und Sie wollen mich alten verwilderten
Menschen jetzt zum sparsamen Hauswirt bekehren Sie junger hoffnungsgrüner
Springinsfeld Da springt er hin ins Feld Das kommt vom Schwätzen Nein
schießen Sie nicht mehr es ist zu weit Hierher Diana altes Mädchen Du wirst
doch nicht in deinen ehrbaren Jahren so leichtsinnig sein schäme dich Ja was
ich sagen wollte Georg hüten Sie sich vor den Weibern sie sind mein Unglück
gewesen sie sind aller Menschen Unglück Nehmen Sie meine Brüder Da ist der
Steuerrat den Sie kennen Der Mensch war dazu prädestinirt eine gute Karrière
zu machen denn er ist in die glänzenden Dinge dieser Welt verliebt wie eine
diebische Elster dabei schlau wie ein Fuchs glatt wie ein Aal und als ein
Mensch ohne Leidenschaften anspruchslos für seine Person also billig zu
erhalten Er musste wenn er durchaus heiraten wollte zu einer Zeit wo er noch
keine Ansprüche machen konnte ein einfaches Mädchen heiraten das sich mit ihm
durchdrückte Statt dessen lässt sich der pfenniglose Referendar von einer
Baroness Kippenreiter einfangen der ältesten von zwei zurückgebliebenen Töchtern
eines ich glaube vom Könige von Schweden baronisirten Armeelieferanten welcher
das Vermögen um dessentwillen er geadelt war bis auf den letzten Heller wieder
verspeculirt und sich schließlich eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte Nun
hat er das Elend Eine Baroness Kippenreiter will nicht umsonst ihre Briefe mit
einem zwanzig Jahre alten Wappen siegeln und den reichsten Mann der Provinz zum
Schwager haben Hat es ein so decidirter Plebejer zu solchem Ansehen und bis zum
Kommerzienrat bringen können muss ihr Mann der aus der ältesten Familie der
Provinz stammt mindestens als Minister sterben Nun wäre vielleicht das
geschmeidige anspruchslose Füchslein in den Hühnerstall gelangt das Füchslein
aber das sich in einen vor Hunger und Schulden heulenden stellenjägerischen
Wolf verwandeln muss wird mit Stockschlägen Steinwürfen und Fusstritten
abgewiesen Nächstens wird man ihn pensioniren um ihn nur ein für alle mal los
zu sein Da ist mein jüngster Bruder Ernst Das ist ein Genie also wie alle
wahren Genies bescheiden großmütig à la Don Quixote voll philantropischer
Schrullen maßlos unpraktisch und kindisch hilflos Er musste eine resolute Frau
haben die Ordnung in seine geniale Konfusion brachte und den Ehrgeiz hatte aus
ihm etwas Rechtes zu machen Hatte er doch das Zeug dazu es brauchte ja nur
zugeschnitten zu werden Was tut er Er verliebt sich als Premierlieutenant von
zwanzig Jahren denn er hatte sich als ein halber Knabe fast in den
Freiheitskriegen brillant geschlagen kam mit Orden bedeckt zurück man war auf
ihn aufmerksam geworden und eine große Bahn stand ihm offen was wollte ich
sagen ja er verliebt sich in eine Waise die Tochter glaube ich eines Malers
oder dergleichen der als Freiwilliger in seinem Bataillon den Feldzug
mitgemacht und sterbend sie ihm auf seine gutmütige Seele gebunden hatte er
heiratet sie und adieu Generalstab Avancement Man gibt dem Herrn
Lieutenant der durchaus eine Mesalliance eingehen will den Abschied mit dem
Titel eines Hauptmanns macht ihn zum Gefängnissdirector und da sitzt er nun
seit fünfundzwanzig Jahren in Dingsda mit einer halb blinden Frau einer Schaar
von Kindern vor der Zeit alt und grau ein jämmerlicher Invalide und das
Alles einem kleinen dummen Gänschen zu Liebe dem jeder beliebige Gevatter
Schneider oder Handschuhmacher eben auch recht gewesen wäre O die Weiber die
Weiber Lieber Georg hüten Sie sich vor den Weibern«
Hatte der Wilde wenn er solche Reden gegen mich führte dabei eine
bestimmte Absicht Ich glaube nicht Ich war jetzt so viel mit ihm zusammen wir
brachen oft so früh auf waren des Mittags so selten zu Hause kehrten in der
Nacht meistens so spät heim ich sah infolge dessen Konstanze so wenig und fast
stets in seiner Gegenwart wo ich mich durch die beständigen Feindseligkeiten
zwischen Vater und Tochter so eingeschüchtert und befangen fühlte dass ich die
Augen kaum zu dem schönen Mädchen aufzuschlagen wagte er konnte unmöglich
wissen wie sehr ich das schöne Mädchen bewunderte wie ich es mit jedem Male
reizender fand wie mein Herz klopfte so oft ich auch nur das Rauschen ihres
Kleides hörte
Und dann war noch ein anderer Grund der ihn nach dieser Seite hin sicher
machte So gern er mich in seiner Weise hatte mit welcher aufrichtigen
Bewunderung ihn meine Gelehrigkeit in Allem was sich auf den Sport bezog
erfüllte und meine ungewöhnliche Körperkraft die ich vor ihm zu entfalten
liebte er betrachtete mich doch wohl kaum als ein Wesen seiner Art Verarmt
wie er war seit vielen Jahren eine problematische Existenz führend konnte er
doch nicht vergessen und vergaß es nie dass er von einem uralt adligen
Geschlecht abstammte welches die Obmacht über die Insel hatte als von den
Fürsten von ProraWiek noch nicht die Rede war und die später mächtige
Hansestadt Uselin meine Vaterstadt noch aus Fischerhütten bestand Ich bin
überzeugt dass er wie ein depossedirter König innerlich nie auf die Macht
und den Reichtum den seine Ahnen einst besessen verzichtet hatte dass der
Fürst von ProraWiek die Herren von Trantow und Granow und ein paar Dutzend
andere adelige und unadelige Herren die ringsumher auf Gütern saßen die früher
den Zehrens gehört in den sogenannten Besitz dieser Güter nur durch ich weiß
nicht welche tölpelhafte Laune des Zufalls jedenfalls auf keinen Rechtstitel
hin den er anerkannte gekommen waren und dass er wo er auch jagte auf seinen
Jagdgründen jagte Dieser mystische Cultus einer Herrlichkeit die nicht mehr
vorhanden war die sich sogar in ihr Gegenteil verwandelt hatte als deren
Träger er sich aber betrachtete gab seinen Augen den stolzen Blick seinem
Wesen die Anmut seiner Sprache die Verbindlichkeit wie man es wohl bei
regierenden Fürsten findet deren politische Ohnmacht so groß und deren
Legitimität so unanfechtbar ist dass sie es sich erlauben dürfen vollkommen
liebenswürdig zu sein
Herr von Zehren schwärmte für das Erstgeburtsrecht und fand es
unverantwortlich dass jüngere Brüder den Adel den sie nicht zu repräsentiren im
Stande seien weiter führen dürften »Ich habe nichts gegen einen Steuerrat
selbst nichts gegen einen Gefängnissdirector« sagte er »nur müssen die Leute
Müller oder Schultze und nicht Zehren heißen« Gegen den Hof Beamten und
Militäradel hegte er die tiefste Verachtung das seien alles nur Bedienten mit
und ohne Livree auch unterschied er scharf zwischen dem alten und echten und
dem neugebackenen Adel zu welchem ersteren beispielsweise die Trantows gehörten
die ihren Stammbaum in ununterbrochener Folge bis in die Mitte des vierzehnten
Jahrhunderts zurückführen könnten während Herr von Granow einen Schäfer zum
Urgroßvater einen kleinen Pächter zum Großvater und einen Gutsbesitzer der
sich habe adeln lassen zum Vater habe »Und der Mensch tut manchmal als ob
er meinesgleichen wäre Die Ehre sein schnödes Geld an mich verlieren zu
dürfen scheint ihm in seinen albernen Kopf gestiegen zu sein ich glaube
nächstens wird er kommen und fragen ob ich nicht der Schwiegervater eines
Schäferjungen werden wolle Nun Gott sei Dank in der Beziehung wenigstens kann
ich mich auf Konstanze verlassen sie würde lieber ins Wasser springen als
solchen kleinen aufgeblasenen Molch heiraten Dass sie gegen den armen Hans so
spröde tut ist freilich dumm Trantow ist immer noch ein erträgliches
pisaller Hans von Trantow darf sich unter einen Glaskasten setzen und Niemand
wird einen Tadel an ihm finden Sie lachen Sie Grünspecht Sie meinen er habe
das Pulver nicht erfunden und wenn er es noch lange so forttreibe werde er
sich sein bisschen Verstand vollends weggetrunken haben Pah Das Erstere
qualificirt ihn nur zu einem guten Ehemann und was das Letztere betrifft so
weiß ich mit Bestimmtheit es ist die pure Verzweiflung die ihn mit seinen
starren Augen so tief ins Glas sehen lässt Der arme Teufel er tut einem
wahrlich von Herzen leid aber das tut einem schließlich Jeder der sich mit
den Weibern einlässt Hüten Sie sich vor den Weibern Georg hüten Sie sich vor
den Weibern«
Konnte der Mann der solche Gesinnungen hatte und der mit mir so sprach
eine Ahnung von meinen Empfindungen haben Unmöglich Ich war ihm ein junger
Mensch der ihm über den Weg gelaufen den er aus langer Weile angerufen hatte
und den er nun so weiter neben sich herlaufen ließ und mit dem er sich
unterhielt weil er nicht gern allein war und weil er zu plaudern liebte Und
durfte ich mich denn beklagen durfte ich größere Ansprüche machen War ich
etwas Anderes und wollte ich etwas Anderes sein als Einer in meines Ritters
Gefolge wenn ich auch zur Zeit der Einzige war und der sich über nichts mehr
betrübte als darüber dass er nicht auch zu gleicher Zeit seines Ritters schönem
Töchterlein dieselben ehrfurchtsvollen Knappendienste aus treuer Seele weihen
durfte
Zehntes Kapitel
Seit jenem unvergessenen Gange an ihrer Seite durch den Wald nach der
Strandruine war ich nicht wieder längere Zeit mit Konstanze allein gewesen Ich
hatte sie nur des Mittags und wenn wir von der Jagd zurückgekommen waren an
der Abendtafel gesprochen das heißt in Gegenwart ihres Vaters und meistens auch
der Herren von Trantow und von Granow unsern Jagd und Spielgesellen Sie hatte
dann immer kaum die schönen Augen von dem unberührten Teller erhoben während
Hans von Trantow sie in alter Weise anstarrte der kleine von Granow sich durch
ihre kalte Schweigsamkeit in seinem Redefluss nicht stören ließ und Herr von
Zehren der in Gegenwart seiner Tochter immer sonderbar gereizt war mehr als
einen seiner scharf gefiederten sarkastischen Pfeile auf sie abschoss Für mich
waren das immer sehr trübe bittere Stunden um so bitterer als ich mich bei
all meiner Opferwilligkeit und Hilfsbereitschaft so hilflos fühlte und was das
Schlimmste war zu bemerken glaubte dass sie mich von der Abneigung welche sie
offenbar gegen die Freunde ihres Vaters hegte nicht mehr ausschloss Nicht mehr
denn in den ersten Tagen war es anders gewesen In den ersten Tagen hatte sie
stets für mich einen schnellen freundlichen Blick ein gelegentlich geflüstertes
Wort einen herzlichen wenn auch flüchtigen Druck der Hand gehabt Das war
jetzt Alles vorbei Sie sprach nicht mehr mit mir sie sah mich nicht mehr an
oder wenn es ja geschah mit einer Miene die halb zornig und halb verächtlich
war und mir jedesmal ins Herz schnitt Und wenn ich wirklich kurzsichtig genug
gewesen wäre mich über die Bedeutung dieser Blicke zu täuschen so sollte bald
ein Wort der alten Pahlen den letzten Zweifel nach dieser Seite zerstören
Ich war nämlich auf den Einfall gekommen mir statt des Zimmers in der Front
des Schlosses welches ich während der ersten Tage bewohnt hatte eines der
vielen leerstehenden nach dem Parke zu erbitten in welches ich nach und nach
von dem mancherlei zum Teil noch immer kostbaren Gerät das in den
verwüsteten Räumen des oberen Stockes herumlag und herumstand ein seltsames
Ameublement zusammentrug
Herr von Zehren hatte sehr gelacht als er mich eines Tages zum Essen holen
wollte dessen Stunde ich in meinem Eifer versäumt und mich in voller Arbeit
fand meine wurmstichigen und vergilbten Schätze zu arrangieren
»Buntscheckig genug sieht es allerdings aus« rief er »aber für einen
Altertümler wäre das Gerümpel vielleicht nicht ohne Interesse wahrhaftig es
ist wie ein Kapitel aus einem Scottschen Roman Da in dem Lehnstuhl könnte Mr
Dryasdust selbst gesessen haben den müssen Sie hierher stellen wenn der Kerl
nicht umpurzelt sobald Sie ihn von der Wand nehmen So noch etwas weiter ans
Fenster Ist das nicht ein Prachtmöbel Es stammt aus meines Urgrossvaters Malte
Zeit Er war Gesandter am Hofe August des Starken der einzige meines Wissens
der als Erstgeborner je im Staatsdienst gestanden hat Er brachte von Dresden
die schönen Vasen mit von denen dort noch eine Scherbe steht und eine
ausgesprochene Vorliebe für Mohren Papageien und Frauenzimmer Doch de mortuis
Wahrhaftig es sitzt sich noch immer gut in dem alten Ungetüm und welch
herrlicher Blick gerade von dieser Stelle aus in den Park Ich werde Sie oft
besuchen Das ist ja wirklich ganz charmant«
In der Tat kam er in den folgenden Tagen wo ein strömender Regen uns in
dem Hause festhielt ein paar mal seine Zigarre zu rauchen und mit mir zu
plaudern aber als das Wetter sich wieder aufklärte dachte er nicht mehr daran
und ich hütete mich wohl ihn wieder an mein Museum zu erinnern Hatte ich es
doch nur eingerichtet um Konstanze näher zu sein und den Park beobachten zu
können in dessen verwilderten Wegen sie so gerne umherschweifte Auch ein Stück
von der Terrasse die sich vor ihrem Fenster hinzog konnte ich sehen leider
nur den äußersten Rand da der Anbau in welchem sie wohnte fast um die Breite
der Terrasse hinter dem Hauptgebäude zurücklag Aber es war doch immer etwas
das schwache Licht das des Abends auf der Balustrade lag kam aus ihrem Zimmer
und ein oder das anderemal sah ich die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalt wie
sie auf der Terrasse hin und wieder ging oder sich auf das Steingeländer
stützend in den Park hinaussah über welchen die Nacht ihren dunklen Schleier
breitete Und wenn ich sie nicht sah hörte ich doch ihr Spiel und ihre Lieder
unter denen mir keines lieber war als jenes welches ich an dem ersten Abende
gehört und von dem ich jetzt jedes Wort kannte
Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne
Ich aber ich liebe
Die nächtigen Sterne
Ach ich musste sie auch wohl sehr lieben die nächtigen Sterne denn oft und
oft wenn der matte Schein von der Balustrade längst verschwunden und der
Gesang der mich entzückte längst verklungen war saß ich noch immer in dem
offenen Fenster blickte zu den Sternen hinauf die oben im stillen Glanze einer
Septembernacht funkelten und lauschte auf die feierliche Musik des Windes in
den uralten Wipfeln des Parks
Indessen dieses holde Glück das mir wohl nur junge Herzen oder solche
die sich jung erhalten haben nachfühlen können sollte wie gesagt nur von
kurzer Dauer sein Der jähe Wechsel welcher in Konstanzens Betragen gegen mich
stattgefunden hatte riss mich aus allen meinen Himmeln und ich zermarterte mein
armes Gehirn den Grund ausfindig zu machen der mir die Ungnade der Herrin
zugezogen haben könnte Aber wie ich auch sann und sann ich fand ihn nicht und
so beschloss ich endlich trotzdem mein Herz mich davor warnte mich an
»Pahlen« zu wenden die wenn irgend Jemand im Stande sein musste mir das
Rätsel zu lösen welches so schwer auf meinem törichten jungen Herzen lastete
Die hässliche Alte war neuerdings etwas zutraulicher geworden Ich hatte bald
herausgebracht dass sie unendlich geldgierig war und es nicht verschmäht ihr
unter diesem und jenem Vorwand einen oder ein paar von den Talern die ich
gewonnen natürlich hatte ich auch den Vorsatz nicht wieder spielen zu wollen
bald genug aufgegeben in die braunen runzeligen Hände gleiten zu lassen Der
Silberregen hatte ihr starres Herz erweicht sie brummte und knurrte nicht mehr
wenn ich mir erlaubte sie anzureden und brachte mir ein paarmal sogar selbst
den Kaffee aufs Zimmer Als ich meinte dass die Zähmung hinreichend
vorgeschritten war wagte ich worauf es mir allein ankam sie nach ihrer jungen
Herrin zu fragen Sie warf mir einen ihrer argwöhnischen Blicke zu und verzog
endlich nachdem ich schüchtern die Frage wiederholt ihr altes hässliches
Gesicht zu einem widerwärtigen Grinsen über dessen Meinung ich vollständig im
Dunkeln geblieben sein würde wenn sie nicht die Zuvorkommenheit gehabt hätte
es mir alsbald in Worte zu übersetzen »Mit Speck fängt man Mäuse junger Herr
aber das lassen Sie sich nur vergehen die alte Pahlen ist Ihnen zu schlau«
Was sollte ich mir vergehen lassen
Ich fragte da ich nicht im Stande war eine zutreffende Antwort zu finden
die Alte am nächsten Tage
»Tuen Sie doch nur nicht als ob Sie es nicht wüssten« erwiderte Sie mit
einer Art von Respekt welchen ihr meine unschuldige Miene in der sie natürlich
einen Triumph der Verstellungskunst sah eingeflößt hatte »für die paar Taler
verrate ich mein gnädiges Fräulein nicht Es hat mir schon leid genug getan
dass ich Ihnen diese Stube habe einräumen helfen und sie hat sich bitter genug
darüber beklagt«
»Aber mein Gott« rief ich »ich will ja gern wieder in mein früheres Zimmer
ziehen wenn es das Fräulein wünscht Freilich ich hätte es nicht gedacht dass
es ihr so unangenehm sein würde wenn ich sie so doch ein oder das andere mal
mehr zu sehen bekomme Ich hätte es nicht gedacht«
»Und weiter hätten Sie nichts gewollt« sagte die Alte
Ich antwortete nicht in meiner Verzweiflung das angebetete Mädchen Gott
weiß wie sehr gegen meinen Willen gekränkt zu haben und doch auch wieder froh
endlich zu wissen wodurch ich sie gekränkt hatte lief ich wie ein junger Tor
der ich war in dem großen Zimmer auf und ab und rief
»Ich will heute noch aus diesem Zimmer fort ich will hier keine Nacht mehr
schlafen sagen Sie Ihrem Fräulein das und sagen Sie ihr ich würde in dieser
Stunde ganz von hier gehen nur dass ich nicht weiß was ich Herrn von Zehren
sagen soll«
Und ich warf mich auf die Gefahr mit dem wurmstichigen Möbel
zusammenzubrechen in den großen Lehnstuhl und starrte verzweiflungsvoll vor
mich hin
Der Ton meiner Stimme der Ausdruck meiner Miene meine Worte selbst mochten
die Alte von meiner Aufrichtigkeit überzeugt haben
»Ja ja« sagte sie »was wollten Sie ihm auch sagen Er würde Sie gewiss
nicht fortlassen obgleich ich nicht weiß was er eigentlich mit Ihnen vorhat
Bleiben Sie nur hier ich werde mit meinem gnädigen Fräulein sprechen«
»Tun Sie das liebste beste Frau Pahlen« rief ich aufspringend und die
Alte bei einer ihrer knöchernen Hände ergreifend »Sprechen Sie mit ihr sagen
Sie ihr« ich wurde rot ich stammelte ich weiß nicht welche Albernheiten und
beschwor die Alte nur noch einmal mit ihrer jungen Herrin zu sprechen
Die Alte die mich immerfort mit einem sonderbaren stechenden Blick
beobachtet hatte blieb ein paar Momente nachdenklich dann sagte sie kurz sie
wolle sehen was sich tun lasse und ging
Ich blieb in der größten Verwirrung Die Gewissheit dass die abscheuliche
Alte mein Geheimnis durchschaut habe war mir sehr peinlich dann aber tröstete
ich mich mit dem Gedanken dass, wenn sie wirklich woran ich nicht zweifeln
konnte die Vertraute Konstanzens war ich mich gewiss nicht schämen dürfe sie
auch zu meinem Vertrauten gemacht zu haben und schließlich geschehen war nun
einmal geschehen und wenn Konstanze erst erfahren haben würde ja was
erfahren haben würde dass ich sie liebe dass ich bereit sei Alles für sie zu
tun und zu leiden so würde sie mir gewiss verzeihen was ich getan Ja mein
Gott was hatte ich denn getan Wie mochte sie die mir in den ersten Tagen so
freundlich entgegengekommen war die mich im Scherz der ganz wie Ernst aussah
zu ihrem Dienste erkoren wie mochte sie durch etwas beleidigt sein worin sie
doch im schlimmsten Falle nur ein Zeichen meiner Liebe meiner Bewunderung
erblicken konnte
So verschlangen sich unter meinen ungeübten Händen die Fäden meiner
Herzensangelegenheit immer mehr zu einem unentwirrbaren Knäuel und mit dem
heftigsten Herzklopfen betrat ich eine Stunde später das Speisezimmer wo heute
außer unsern gewöhnlichen Gästen noch drei oder vier andere sich eingefunden
hatten Man wartete nur auf das Erscheinen des Fräuleins um sich zu Tische zu
setzen Nach Tische sollte noch eine kleine Jagd gemacht werden
Konstanze stellte wie gewöhnlich die Ungeduld ihres Vaters auf eine harte
Probe Endlich erschien sie
Ich weiß nicht durch welchen Zufall ich der ich sonst stets wenn Gäste da
waren meinen Platz an dem untersten Ende des Tisches hatte diesmal neben ihr
zu sitzen kam Gewiss hatte ich das nicht beabsichtigt ich würde mich in der
Stimmung in welcher ich war lieber jeder Gefahr ausgesetzt haben als dass ich
mich freiwillig in die unmittelbare Nähe meiner schönen Feindin begeben hätte
Auch wagte ich kaum die Augen aufzuschlagen während mir das Herz in der Brust
hämmerte und ich in grenzenloser Verwirrung meinen Teller mit Speisen füllte
trotzdem ich an jedem Bissen zu ersticken fürchtete Wie freudig war ich deshalb
erschrocken als Konstanze nachdem sie ein paar Minuten in gewohnter Weise
still da gesessen mich plötzlich mit leiser freundlicher Stimme fragte ob ich
wohl Zeit hätte auch ihr ein Glas Wein einzuschänken »Warum haben Sie es mir
nicht gesagt meine Gnädigste« rief Herr von Granow der an ihrer andern Seite
saß »Ich bin gern auf meine eigene Weise bedient« erwiderte Konstanze
indem sie dem kleinen Herrn beinahe den Rücken wandte und mit mir zu sprechen
fortfuhr Ich antwortete so gut ich vermochte und weil sie fortwährend leise
sprach tat ich es auch und beugte mich zu ihr um besser hören zu können und
weil ich ihr dabei in die dunkeln Augen sehen musste vergaß ich was sie gefragt
hatte oder antwortete verkehrt und darüber lachte sie und weil ich sie lachen
sah lachte ich auch und das Alles zusammen gab die reizendste kleine
vertrauliche Konversation obgleich wir über die gleichgültigsten Dinge von der
Welt sprachen Alles Andere und alle Andern waren für mich verschwunden Nur
einmal sah ich dass Hans von Trantow der uns gegenüber saß mich mit weit
aufgerissenen Augen anstarrte aber ich achtete nicht darauf des guten Hans
Augen pflegten diesen Ausdruck zu haben
Dann hob viel zu bald für mich Herr von Zehren die Tafel auf Vor dem
Hause harrten barfüssige barhäuptige Jungen mit Kiepen auf den Rücken die Hunde
bellten und sprangen an den Jägern empor die an ihrem Jagdzeug nestelten und
die Gewehre luden Konstanze war was sie nie zuvor getan mit herausgetreten
und rief mir zu als wir im Begriffe waren fortzugehen »Ich darf Ihnen nicht
Glück wünschen und Unglück mag ich Ihnen nicht wünschen« Dann winkte sie mir
freundlich mit der Hand nachdem sie ein Kompliment gemacht in welches sich die
Andern teilen mochten und trat in das Haus
»Wohin gehen wir heute« fragte ich Herrn von Zehren indem ich an seine
Seite kam
»Es ist über Tisch lange genug darüber geredet worden Sie scheinen sehr
zerstreut gewesen zu sein«
Es war das erste mal dass er in einem unfreundlichen Ton zu mir gesprochen
hatte meine Miene mochte wohl die Bestürzung die ich darüber empfand
ausdrücken denn er sagte alsbald »Nun es war nicht so bös gemeint und Sie
können ja auch im Grunde nichts dafür«
Wir waren an ein Stoppelfeld gekommen und die Jagd nahm ihren Anfang Herr
von Zehren hatte mich auf den linken Flügel postirt während er selbst auf den
rechten ging so war ich von ihm getrennt und kam auch während der Dauer der
Jagd nicht wieder an seine Seite Auch das war noch nie geschehen er hatte mich
sonst immer bei sich behalten und seine Freude daran gehabt wenn wir Beide mehr
schossen als manchmal die Übrigen zusammen Heute schoss ich schlecht genug
die Glückseligkeit welche Konstanze mir durch ihre unerwartete Güte bereitet
hatte war mir durch Herrn von Zehrens Unfreundlichkeit bitter vergällt worden
Ich grübelte während die Hühner die mein Karo aufstiess Herr von Zehren hatte
mir einen seiner besten Hunde geschenkt von mir unbeschädigt davon schwirrten
über das unselige Verhältnis zwischen Vater und Tochter und dass ich meine Liebe
zu jener nicht zeigen konnte ohne diesen zu erzürnen und umgekehrt und was
dabei aus meinem Lieblingsvorsatz Vater und Tochter miteinander zu versöhnen
werden solle
In diese traurigen Betrachtungen war ich ganz versunken als sich Herr von
Granow zu mir gesellte Es dämmerte bereits die eigentliche Jagd war vorüber
nur dann und wann ertönte noch auf der weiten hier und da mit Büschen besetzten
Heide der durch die Entfernung gedämpfte Knall eines Gewehres man hielt keine
Ordnung mehr und es dauerte nicht lange als ich mit dem kleinen Manne nachdem
wir eine Hügelwelle über stiegen mich allein befand
»Was haben Sie mit dem Alten gehabt« fragte Herr von Granow indem er sein
Gewehr über die Schulter hing und ganz nahe an meine Seite kam
»Was sollte ich gehabt haben« fragte ich zurück
»Nun« sagte der Kleine »es war mir so und nicht bloß mir Die Andern
haben es auch bemerkt Ich kann Sie versichern dass er über Tisch ein paar mal
ein Gesicht machte als wollte er Sie fressen«
»Ich habe ihm nichts zu Leide getan« sagte ich
»Glaubs wohl« fuhr der Kleine fort »und heute Nachmittag hat er ja wohl
kaum ein Wort mit Ihnen gesprochen«
Ich schwieg da ich nicht wusste was ich sagen sollte
»Ja ja« sagte der Andere »aber laufen Sie doch nicht so da kann ja kein
Mensch mitkommen und wir haben nichts zu versäumen Sie sind da in einer
schlimmen Lage«
»Weshalb« sagte ich
»Wissen Sie es wirklich nicht«
»Nein«
Herr von Granow war von seiner Klugheit so fest überzeugt dass es ihm gar
nicht einfiel meine Unwissenheit könne möglicherweise nur vorgeschützt sein um
ihn zum Reden zu vermögen
»Ja ja« sagte er »Sie sind noch jung da hört und sieht man Manches
nicht was unser Einer der die Welt kennt schon beim ersten Blick weg hat Der
Alte und das gnädige Fräulein leben wie Hund und Katze nun wahrhaftig wenn man
es so recht bedenkt hat Keines große Ursache das Andere zu lieben Sie führt
ein jämmerliches Leben durch seine Schuld er möchte sie gern los sein aber wer
soll sie ihm abnehmen Ich habe mir die Sache nach allen Seiten überlegt aber
es geht nicht es geht wirklich nicht«
Ich wusste als ich meinen Begleiter so sprechen hörte nicht ob ich ihn zur
Strafe für seine Unverschämtheit zu Boden schlagen oder ob ich laut auflachen
sollte Ich blickte ihn von der Seite an der kleine Mann mit seinen stampfenden
Beinchen das alberne von der Anstrengung der Jagd hoch gerötete Gesicht mit
dem halb offenstehenden Munde ich musste lachen und ich lachte lachte aus
voller Kehle
»Ich weiß nicht worüber Sie lachen« sagte er mehr verwundert als
ärgerlich »Es kann Ihnen unmöglich die kleine Szene die sie heute Mittag Ihnen
und uns Allen gespielt hat so zu sagen zu Kopf gestiegen sein Und gerade das
war es worüber ich Sie gern aufklären möchte«
»Was meinen Sie« fragte ich
Meine Lustigkeit war vorbei ich war plötzlich wieder ganz ernstaft
geworden Eine Szene die sie mir gespielt hatte »Was meinen Sie« fragte ich
noch einmal dringender als zuvor
Herr von Granow der sich ein paar Schritte von mir entfernt hatte stampfte
wieder heran und sagte in vertraulichem Ton
»Im Grunde kann ich es Ihnen nicht übel nehmen Lieber Gott Sie sind noch
so jung und ich weiß manchmal selbst nicht woran ich mit dem Mädchen bin Aber
soviel ist mir klar aus purem schieren Trotz gegen ihren Vater und vielleicht
auch ein Bischen aus Berechnung um sich kostbar zu machen vielleicht auch
weil sie denkt es hilft ja doch nichts aber doch hauptsächlich aus schierem
Trotz und Eigensinn hat sie diese Prinzessinnenmiene angenommen und tut als
ob ich und die Andern für sie nicht auf der Welt seien Wenn sie nun plötzlich
mit Ihnen zu koketteren anfängt in meiner ich wollte sagen in unser Aller
Gegenwart so hat das freilich nicht viel auf sich denn das ist ja nur so ein
kleiner Scherz den sie sich mit Ihnen erlaubt und der weiter keine
Konsequenzen hat aber ärgern muss es den Alten doch und hat ihn geärgert Sie
haben es wie gesagt nicht bemerkt aber ich kann Sie versichern er hat sich
auf die Unterlippe gebissen und sich den Bart gestrichen wie er immer nur tut
wenn ihm etwas contre coeur geht«
Der kleine Mann hatte keine Ahnung welchen Sturm er in meiner Brust erregt
hatte er hielt mein Schweigen für Zustimmung und Anerkennung seiner höheren
Weisheit und fuhr glücklich über so interessante Dinge sprechen zu können und
einen aufmerksamen Zuhörer zu haben fort
»Lieber Himmel ich glaube dass ihm das ganze Benehmen des Fräuleins ein
Strich durch die Rechnung ist Wissen Sie wie viel ich während der sechs
Monate die ich hier bin schon an ihn verloren habe Über achthundert Taler
Und Trantow beinahe das Doppelte und die Andern klagen auch ihr bitteres Leid
Er hat einen fabelhaften Treffer gehabt freilich es geht nicht immer so aber
wenn er ja einmal verliert muss man ihm seinen Wein und seinen Kognac abnehmen
und welche Preise er da berechnet können Sie sich denken Nun und etwas will
man doch auch für sein gutes Geld haben einem so schönen Mädchen zu Liebe lässt
man schon ein paar hundert springen und sieht dem Alten nicht so genau auf die
Finger Und früher ist das auch Alles anders gewesen Früher hat sie mitgespielt
und mit den Herren Zigarren geraucht und ist mit auf die Jagd gegangen und
spazieren geritten die wildesten Pferde am liebsten Es soll ein Heidenleben
gewesen sein sagt Sylow und der muss es wissen Aber seit diesem Sommer seit
der Geschichte mit dem Fürsten «
»Was ist das für eine Geschichte« fragte ich Meine ganze Seele war in dem
brennenden Verlangen Alles zu hören was Herr von Granow zu sagen wusste Ich
hatte keine Empfindung mehr für die Schmähungen mit denen dieser Mensch meinen
gütigen Wirt das angebetete Mädchen überhäufte oder wenn ich sie hatte so
sagte ich mir dass die Abrechnung erst später erfolgen könne dass ich vorderhand
erst einmal Alles Alles hören müsse
»Das wissen Sie auch nicht« sagte er eifrig »aber allerdings wer sollte
es Ihnen erzählt haben Trantow ist so stumm wie ein Fisch und die Andern
wissen nicht woran sie mit Ihnen sind Ich halte Sie für einen ehrlichen Kerl
und glaube nicht dass Sie ein Spion sind oder mit dem Alten unter einer Decke
stecken sein Gesicht heute Mittag war zu wunderlich Nicht wahr Sie erzählen
ihm nicht wieder was ich hier mit Ihnen spreche«
»Nein nein« sagte ich
»Nun also die Geschichte ist die In diesem Sommer war der Alte mit ihr in
D In einem Bade nimmt man es nicht so genau man konnte vor aller Welt mit
ihm verkehren wenn man den Mut dazu hatte Der junge Fürst Prora war auch da
er hatte seinen Aerzten weiß gemacht er sei krank und müsse Seebäder nehmen so
hatten sie ihn mit seinem Erzieher dahin geschickt Der alte Fürst war in der
Residenz gerade wie jetzt wieder und der junge machte sich die Freiheit gut zu
nutze Ich hatte mich eben hier angekauft und mir alsbald einen schändlichen
Rheumatismus auf diesen abscheulichen Mooren geholt und so war ich auch auf
eine Woche oder so dort und habe etwas davon zu sehen bekommen das Meiste habe
ich mir allerdings erzählen lassen müssen Es wurde natürlich scharf gespielt
am schärfsten in Privatgesellschaften denn im Spielsaal ist nur ein mäßiger
Satz erlaubt Der Fürst war beständig in des Alten Gesellschaft die Einen
sagten um zu spielen die Andern um dem Fräulein den Hof zu machen es werden
wohl beide Teile recht gehabt haben Ich habe sie wenigstens oft genug des
Abends im Parkgarten zusammen sitzen und spazieren gehen sehen und dass sie es
an Aufmunterung nicht hat fehlen lassen kann ich auch bezeugen Nun hatte der
Alte viel Unglück und soll an den Fürsten zwanzigtausend Taler verloren haben
die er in zwei Tagen zu zahlen hatte Wo sollte er das Geld hernehmen Da sagen
sie habe er dem Fürsten seine Tochter dafür angeboten Andere sagen er habe
fünfzigtausend noch Andere er habe hunderttausend gefordert Nun für Jemand
der das Geld hatte war es vielleicht nicht zu viel leider aber hatte der junge
Fürst das Geld nicht Es fehlen noch zwei Jahre bis er majorenn ist und dann
bekommt er wenn der alte Fürst noch lebt auch erst das Vermögen seiner
verstorbenen Frau Mutter in die Hände von welchem dann schwerlich noch viel
vorhanden sein wird Kurz der Handel zog sich in die Länge und eines schönen
Tages kam der alte Fürst dem die Sache hinterbracht war spornstreichs aus der
Residenz wusch dem Jungen den Kopf und bot Zehren eine namhafte Summe wenn er
bis der junge Fürst verheiratet sei mit Konstanze ins Ausland ging Nun
möchte das Alles sich noch arrangirt haben denn im Grunde kam es Zehren doch
nur darauf an einen guten Koup zu machen wenn der Fürst und Zehren
persönlich aus dem Spiele geblieben wären Aber Zehren der wenn es ihm gerade
einfällt hochmütig sein kann wie der Satan hat darauf bestanden mit dem
Fürsten selbst verhandeln zu wollen und nun war natürlich der Scandal fertig
Es soll eine entsetzliche Szene gegeben haben und man hat den Fürsten für tot
in sein Hotel getragen Was geschehen ist weiß Niemand So viel ist aber gewiss
die verstorbene Frau Fürstin die eine geborene Gräfin Sylow war ich habe die
Geschichte von dem jungen Sylow der ja mit der gräflichen Linie verwandt ist
hat Herrn von Zehren als er ein junger Mann und mit dem Fürsten zusammen in der
Residenz war und die Hofbälle besuchte geliebt und den Fürsten nur geheiratet
weil sie musste Der Fürst hat es schon damals gewusst oder es nachher erfahren
und sie sollen ja auch schrecklich unglücklich miteinander gelebt haben Auf
diese alten Geschichten werden sie bei jener Unterredung zu sprechen gekommen
sein ein Wort hat das andere gegeben wie denn das so zu gehen pflegt Zehren
ist wie rasend wenn er in Zorn gerät der Fürst wird auch kein Blatt vor den
Mund genommen haben kurz die Sache war aus rund aus Zehren reiste ab der
Fürst ebenfalls ein paar Tage später mit ein paar blauen Flecken am Halse die
von Zehrens Fingern herrühren sollten«
»Und der junge Fürst«
»Was fragt der danach Dem sind alle hübschen Mädchen gleich er versteht
es sich das Leben angenehm zu machen das weiß Gott Mich soll nur wundern ob
er diesmal fest hält Er ist nun schon über drei Wochen auf Rossow Übrigens
würde mir der Aufenthalt in dieser Gegend ein bisschen unheimlich sein nach
Allem was vorgefallen Ich möchte für mein Leben nicht mit Herrn von Zehren
zusammentreffen wenn ich wüsste dass ihn mein Vater tötlich beleidigt hat«
»Wie sieht er aus«
»O er ist ein hübscher Bursch sehr schlank und elegant und liebenswürdig
ich kann mir schon denken dass Fräulein von Zehren es ihrem Vater keinen Dank
weiß sie um diese Partie gebracht zu haben denn ich will zu ihrer Ehre
annehmen dass sie nicht recht weiß wie es bei dem ganzen Trödel zugegangen ist
Andere sagen freilich sie wisse es sehr gut und sei mit dem bewussten
Arrangement vollkommen einverstanden gewesen«
Ich hatte dieser Erzählung meines Begleiters mit einer Spannung zugehört
als ob von dem Ausgang mein Leben abhänge Also der war es der junge Fürst von
Prora »an den sie die Seele die arme verloren« Jetzt erinnerte ich mich wie
sie errötet war als an jenem ersten Abend Herr von Granow des Fürsten
Erwähnung tat und zugleich kam mir die dunkle Gestalt wieder in Erinnerung
welche damals vor mir aus dem Park geflohen war Hätte ich ihn doch nur in meine
Hände bekommen
Ich stöhnte laut vor Zorn und Schmerz
»Sie sind müde« sagte der kleine Herr »und dazu haben wir uns wie ich
sehe gründlich verlaufen Wir müssten uns jetzt rechts halten aber da ist eine
gar böse Stelle im Moor und bei der Dämmerung fürchte ich finden wir uns
nicht durch Lassen Sie uns lieber einen Umweg machen Weiß der Himmel wie
wenig ihr großen Leute aushalten könnt da war ein Herr von Westentaschen in
meinem Regiment ein Kerl beinahe noch größer als Sie nur vielleicht ein
bisschen schmaler in den Schultern Westen sagte ich zu ihm einmal ich parire
mit ihnen ich laufe Aber mein Gott was ist das«
Es war ein Mann der plötzlich aus einer Einsenkung des Terrains in welcher
wir ihn bei der tiefen Dämmerung die über der Heide lag nicht bemerkt hatten
vielleicht auch nicht hatten bemerken können ungefähr zwanzig Schritte von uns
auftauchte und alsbald wieder verschwand
»Lassen Sie uns näher gehen« sagte ich
»Um Gottes willen nicht« flüsterte der kleine Herr indem er mich an der
Jagdtasche festhielt
»Dem Manne ist vielleicht ein Unglück passiert« sagte ich
»Gott bewahre« sagte der Kleine »aber uns könnte eines passieren wenn wir
ihm nicht aus dem Wege bleiben Ich bitte Sie kommen Sie«
Herr von Granow war so dringend und zog mich so eifrig von der Stelle dass
ich ihm den Willen tat aber ich konnte mich nicht enthalten nach einer kurzen
Zeit stehen zu bleiben und mich umzusehen als hinter uns ein leiser Pfiff
ertönte Der Mann schritt über die Heide davon gleich darauf tauchte an
derselben Stelle ein zweiter auf der dem ersten folgte dann ein dritter und
vierter ich zählte acht Sie hatten sämtlich große Packen auf dem Rücken
gingen aber nichtsdestoweniger sehr schnell und genau Distance haltend In
wenigen Minuten waren ihre dunkeln Gestalten verschwunden als hätte sie der
schwarze Moorboden über den sie schritten verschlungen
Herr von Granow atmete tief auf »Sehen Sie« sagte er »dass ich recht
hatte Verdammte Kerle das läuft wie Ratten über Stellen wo jeder andere
ehrliche Christenmensch versinkt Ich wette es waren welche von Zehrens
Leuten«
»Wie meinen Sie« fragte ich
»Nun mein Gott« fuhr er fort »ein wenig paschen wir hier herum ja Alle
oder ziehen wenigstens unsern Vorteil davon Ich habe mich selbst in der kurzen
Zeit schon überzeugt dass es nicht anders geht und dass einem die Kerle das Haus
über dem Kopf und den Hof an allen vier Ecken anzünden würden wollte man nicht
durch die Finger sehen oder ihnen nicht auf alle Weise Vorschub leisten Erst
vorgestern als ich an meiner Gartenmauer stehe kommt ein Kerl über die Wiese
her und sagt ich müsse ihn verstecken ein Gensdarm sei hinter ihm her Nun
auf Ehre ich habe ihn in den Backofen kriechen lassen weil kein anderer
Versteck in der Nähe war und habe selbst eine Schütte Stroh vor die Tür
geworfen und als fünf Minuten später der Gensdarm kam gesagt ich hätte den
Kerl nach dem Walde laufen sehen Auf Ehre ich habe mich geschämt aber was
soll man tun Und so wollte ich auch nichts gegen Ihren Alten sagen wenn er es
nur nicht zu toll machte Er treibt es zu arg sage ich Ihnen er treibt es zu
arg es muss ein schlechtes Ende nehmen darüber herrscht nur Eine Stimme«
»Aber« sagte ich und gab mir die größte Mühe so ruhig zu sprechen als
möglich »ich bin doch nun beinahe schon drei Wochen hier und auf Ehre ich
hatte diese Redensart jetzt zu oft gehört um sie nicht gelegentlich anwenden zu
können es soll noch immer das Geringste geschehen was den Ruf in welchem
wie ich zu meinem Schrecken höre Herr von Zehren selbst bei seinen Freunden
steht irgend bestätigt Ja ich will es Ihnen gestehen mir selbst sind in den
ersten Tagen ich weiß nicht mehr warum ähnliche Gedanken gekommen aber ich
habe ihm längst in meinem Herzen einen so schändlichen Verdacht abgebeten«
»Verdacht« sagte der Kleine immer eifriger sprechend und dabei immer
kleinere und raschere Schritte machend »wer spricht von Verdacht Die Sache ist
so gewiss wie Amen in der Kirche Wenn Sie nichts gemerkt haben was mich
übrigens Wunder nimmt aber Ihr Wort in Ehren so kommt das weil das Wetter
noch zu gut war Übrigens so ganz stockt der Handel auch nicht wie Sie eben
selbst gesehen haben Weiß Gott es kann Einem ganz wunderlich dabei werden
wenn man bedenkt dass man so mitten drin sitzt Und ich habe ihm erst am
Donnerstag eine Partie Rotwein und Kognac abnehmen müssen und Trantow ein paar
Tage vorher ebenso viel und Sylow der es aber glaube ich mit Einem teilt
noch mehr«
»Und weshalb sollte Herr von Zehren nicht von seinen Vorräten an gute
Freunde abgeben« sagte ich hartnäckig
»Von seinen Vorräten« rief Herr von Granow »Ja ja es soll vom vorigen
Herbst viel übrig geblieben sein er soll noch so viel in seinen Kellern haben
um die halbe Insel damit versorgen zu können Das liegt ihm schwer auf der
Tasche denn er muss den Schmugglerkapitänen baar zahlen und der Absatz nach
Uselin ist wie ich höre sehr schlecht gewesen Man soll dort in jüngster Zeit
verteufelt scheu geworden sein Seitdem so Viele in das Handwerk pfuschen traut
Keiner mehr recht dem Andern Früher sind es nur höre ich ein paar respectable
Firmen gewesen Aber das müssen Sie ja Alles viel besser wissen als ich Ihr
Vater ist ja wohl selbst Steuerbeamter«
»Ja« sagte ich »und um so mehr müsste ich mich wundern dass ich Herrn von
Zehrens Namen unter so manchen andern niemals habe nennen hören im Falle Ihr
Verdacht wirklich begründet wäre«
»Aber so sprechen Sie doch nicht immer von Verdacht« schrie der Kleine ganz
ärgerlich »Es ist da wie überall man hängt die kleinen Diebe und lässt die
großen laufen Die Herren vom Amt wissen auch was sie tun ein paar Taler
oder Louisdor zur rechten Zeit halten schon eine Zeit lang vor und wenn einer
gar wie der Alte einen Steuerrat zum Bruder hat wird der Herr Steueraufseher
nicht so unhöflich sein des Herrn Steuerrats Bruder abzufassen«
»Das ist eine Beleidigung Herr von Granow« rief ich wütend »ich habe
Ihnen schon gesagt dass mein eigener Vater Steuerbeamter ist«
»Nun nun« sagte Herr von Granow »ich denke Sie leben mit Ihrem Vater
auch nicht auf dem besten Fuß Und wenn Ihr Vater Sie weggejagt hat so «
»So geht das Niemand etwas an« rief ich »als Herrn von Zehren der mich in
sein Haus genommen hat und gut und freundlich zu mir gewesen ist die ganze Zeit
Hat mein Vater mich fortgeschickt oder meinetwegen fortgejagt so habe ich ihm
Ursache genug dazu gegeben aber das hat mit seiner Ehrenhaftigkeit nichts zu
tun und den schlage ich tot wie einen Hund der meinem Vater die Ehre
abschneiden will«
Da Herr von Granow nicht wusste und nicht wissen konnte wie tausendfältig er
durch Alles was er gesagt mein Herz zerrissen hatte musste ihm meine Wut die
nur nach einer Gelegenheit gesucht hatte um loszubrechen unbegreiflich und
schrecklich sein Ein junger ihm wahrscheinlich immer und jetzt doppelt
verdächtiger Mensch von dessen Körperkraft er mehr als eine erstaunliche Probe
gesehen hatte und der mit dieser Stimme von Todtschlagen sprach dazu die öde
Heide auf der jetzt fast vollkommene Nacht lag der kleine Mann murmelte
unverständliche Worte indem er sich möglichst weit von mir entfernte und dann
vermutlich aus Furcht vor meiner geladenen Flinte wieder herankam und ganz
demütig erklärte dass er keineswegs die Absicht gehabt habe mich zu
beleidigen dass es ja auch ganz undenkbar sei ein ehrenwerter Steuerbeamter
wie mein Vater habe seinen Sohn wissentlich zu einem notorischen Schmuggler
getan dass auf der andern Seite der Verdacht ich sei ein Spion im Dienste der
Behörden mit meinem ehrlichen Gesicht und meinem sonstigen loyalen Wesen
gänzlich unvereinbar und vollkommen lächerlich sei dass er übrigens ja auch
herzlich gern zugebe Alles was man gegen Herrn von Zehren vorbringe sei
vollkommen aus der Luft gegriffen die Leute schwatzten ja so vieles nur um
zu schwatzen und er der sich erst so kurze Zeit in der Gegend aufhalte könne
am wenigsten wissen was daran sei und dass er es sich schließlich als eine Ehre
anrechnen werde und sich herzlich freue mich als Gast auf seinem Hofe dessen
Lichter eben vor uns aufbljetzten und wo die Andern mittlerweile längst
angekommen sein müssten zu begrüßen und eine Flasche Wein mit mir zu trinken
Ich vernahm kaum was der Mann sagte in meiner Seele stürmte es zu
gewaltig Ich erwiderte nur kurz es sei gut und ich glaube nicht dass er es
böse gemeint habe Dann bat ich ihn mich bei Herrn von Zehren zu entschuldigen
und schritt über die Heide davon in der Richtung des nun nahen mir
wohlbekannten Weges der von Melchow dem Granowschen Gut nach Zehrendorf
führte
Elftes Kapitel
Der nächste Morgen war so glorreich dass er auch wohl ein noch schwerer
verdüstertes Herz als das meinige hätte aufhellen können Überdies war ich
müde wie ich war so schnell entschlummert nachdem ich kaum mein junges
sorgenvolles Haupt aufs Kissen gelegt und hatte so fest geschlafen ich musste
mich ordentlich erst darauf besinnen was mich denn gestern Abend nur so außer
mir gebracht hatte Nach und nach fiel es mir freilich wieder ein und da wurde
mir die Stirn heiß das weite Zimmer zu eng es litt mich nicht mehr zwischen
den Wänden ich hatte wie immer in meinen Nöten das Gefühl dass draußen unter
dem blauen Himmel Alles besser werden müsse und ich eilte die steile
Hintertreppe hinab in den Park
Nun irrte ich unter den im Morgenwinde leise wehenden Zweigen der hohen
Bäume zwischen den sonnebeglänzten Büschen auf den wildverwachsenen Wegen bald
zum Himmel schauend bald mit verschränkten Armen düster auf den Boden starrend
zwischendurch einem Vogel lauschend der unaufhörlich sein monotones kleines
Herbstlied zirpte oder eine Raupe beobachtend die an einem klafterlangen Faden
von einem Zweige herabhängend hin und her schaukelte und versuchte jene für
einen jungen Menschen so überaus schwierige Aufgabe zu lösen versuchte mir
meine Situation klar zu machen
Ich hatte gestern Herrn von Granow die Wahrheit gesagt es hatte sich
seitdem ich auf dem Gute war nichts ereignet was jenen Verdacht bestätigt
hätte Ich war ja kaum von seiner Seite gekommen während dieser ganzen Zeit
Keine fremden Leute waren auf dem Hofe erschienen keine verdächtigen
Zusammenkünfte hatten stattgefunden es waren keine Waren eingeliefert und
außer jenen paar Fässern Wein an die Nachbarn meines Wissens auch keine
ausgeliefert worden Die Leute die zum Gute gehörten sahen allerdings aus als
ob sie zu jedem andern Geschäft mehr aufgelegt seien als zu einer ehrlichen
Hantierung und besonders mein langer geprügelter Freund Jochen hatte unmöglich
ein reines Gewissen aber die Katenleute rings herum auf den andern Gütern in
der Nähe des Strandes waren sämtlich zum Teil verkommenes zum Teil
verwegenes seeräubermässig aussehendes Gesindel wie denn auch gar viele Fischer
und Schiffer gewesen und gelegentlich noch waren Dass aber die Bande der wir
gestern begegnet nicht aus unsern Leuten bestanden hatte davon glaubte ich
mich überzeugt zu haben als ich bei den Tagelöhnerwohnungen vorüber kam und
Jochen nebst ein paar Andern wie gewöhnlich vor den Türen sitzen sah
Und dann zugegeben Herr von Zehren war in Wirklichkeit wozu ihn der böse
Leumund machte nun so trieb er es am Ende nicht schlimmer als die Andern
auch Ein wenig paschten sie Alle das hatte ich aus Granows Munde und wenn
alle diese adeligen Herren sich nicht genirten ihre Keller mit Wein zu füllen
von dem sie wussten dass er geschmuggelt war der Hehler war so gut wie der
Stehler und Herr von Zehren nur vielleicht hier wie überall und immer der
kühnere Mann der den Mut hatte zu tun was die Andern gern getan hätten
Und endlich ich war ihm zum tiefsten Dank verpflichtet Sollte ich auf
einen Verdacht hin auf die Klatschereien eines Schwätzers hin ihn verlassen
der immer so gütig so freundlich zu mir gewesen der mir seinen besten Hund und
seine beste Flinte nein seinen zweitbesten Hund und seine zweitbeste Flinte
geschenkt dessen Börse dessen Cigarrenkiste ach und welche köstlichen
Zigarren führte er ich hatte nie geglaubt dass es solche Zigarren gebe mir
alle Zeit offen gestanden Nein und abermals nein Und wenn er wirklich ein
Schmuggler ein Schmugler von Profession wäre aber wie konnte ich erfahren
dass er einer war
Doch am einfachsten wenn ich mich an ihn selbst wandte ich hatte ein Recht
dazu Man zweifelte in der Gesellschaft an meiner Ehrenhaftigkeit man wusste
nicht was man aus mir machen sollte das konnte ich mir nicht gefallen lassen
Herr von Zehren konnte nicht verlangen dass ich mich seinetwegen dem
schmählichen Verdachte aussetzte entweder ein Spion oder sein Helfershelfer zu
sein Aber wenn er dann sagte so gehen Sie ich halte Sie nicht
Ich setzte mich an dem Rande des Parkwaldes auf die steinerne Bank welche
dort unter einem breitastigen Ahorn angebracht war und starrte den Ellnbogen
auf den halb umgesunkenen Tisch stemmend und meine Stirn in die Hand legend
nach dem Schloss das seinen Schatten weit hinein über die in der Morgensonne
goldig schimmernde Wiese warf
Wie hatte ich das alte verfallene Haus doch so lieb gewonnen Wie gut kannte
ich jeden der hohen Schornsteine jeden Grasbüschel der aus dem altersgrauen
moosüberwucherten Ziegeldache wuchs die drei Balkone zwei kleinere
freischwebende rechts und links und in der Mitte den großen zu welchem aus dem
oberen Saal die Glastüren führten und der auf den plumpen Säulen mit den
seltsam verschnörkelten Kapitälen ruhte Wie kannte ich jedes der zahlreichen
Fenster mit den verwitterten verwaschenen Holzjalousien die nie geschlossen
wurden von denen die meisten auch nicht mehr geschlossen werden konnten Einige
hingen nur noch in einer Angel und die am dritten Fenster von rechts klappte in
der Nacht immer wenn der Wind von Westen kam ich hatte sie schon oft
befestigen wollen und es immer wieder vergessen Dort die zwei Fenster an der
Ecke links waren mein Zimmer mein poetisches Zimmer mit den köstlichen alten
Meubeln die mir noch immer so sehr imponirten dass ich mir zwischen ihnen wie
ein junger Königssohn vorkam Welche glücklichen Stunden hatte ich in der kurzen
Zeit schon in dem Zimmer verlebt Des Morgens in der Frühe wenn ich mich froh
der in Aussicht stehenden Jagd trällernd ankleidete und meine Patronen in
Ordnung brachte des Abends spät wenn ich mit meinem Freunde nach Hause
gekommen war erhitzt vom Spiel und Wein und lustigem Geschwätz und mich dann
hinauslehnte eine Zigarre dampfend und zwischendurch die kühle Nachtluft mit
vollen Zügen einsaugend während der Gedanken gar viele durch meine Seele
gingen närrische und sentimentale Gedanken die sich schließlich alle auf das
schöne Mädchen bezogen das da unter mir in dem Zimmer hinter der Terrasse nun
wohl schon seit mancher Stunde schlummerte
Was hatte der abscheuliche Mensch gestern von ihr gesagt Ich wagte die
Lästerungen kaum in Gedanken zu wiederholen ich begriff nicht wie ich es nur
hatte anhören können oder wie ich ihn mit heiler Haut hatte davon kommen
lassen nachdem ich es gehört nachdem er mein Heiligenbild so entweiht Der
elende erbärmliche Mensch der dünkelhafte aufgeblasene neidische kleine
Molch Freilich es war ein großes Verbrechen dass sie von einem solchen
Liebhaber nichts wissen wollte dass sie von den andern Krautjunkern nichts
wissen wollte Und dafür schmähten sie sie nun behaupteten sie habe sich
verkaufen lassen wollen sie die Edle Reine Schöne für die ein Königstron
noch zu niedrig gewesen wäre Oder gab es einen Kopf würdiger eines Diadems
Gab es eine Gestalt die mehr verdiente von einem Purpurmantel umwallt zu
werden Mein Gott ich verlangte ja nichts für mich ich war es ja zufrieden
wenn ich an den Saum ihres Kleides rühren durfte Aber die Andern sollten sie
ebenso ehren wie ich Keiner und wenn er ein Fürst und wenn er ein König wäre
sollte wagen sich ohne dass sie es erlaubt ihr zu nahen Wenn sie mich doch
nur wie sie es an jenem Abend scherzend gesagt Wache halten lassen wollte auf
ihrer Schwelle
So demütigte ich mein volles junges Herz das vor Sehnsucht und Verlangen
schier zersprungen wäre Und ich tat es aus innigster Überzeugung in
felsenfestem Glauben an die Hoheit und Reinheit der so heiß Geliebten Ich darf
es sagen es war kein Blutstropfen in mir der nicht ihr gehörte ich würde mein
Leben geopfert haben ihr zu dienen hätte sie es von mir verlangt hätte sie
mich für die treue Seele genommen die ich war hätte sie offen mit mir
gesprochen War es das Vorgefühl der kurzen Spanne Zeit die ich mich noch in
diesem treuen ungebrochenen Glauben an ein unverletzlich Heiliges in der
Menschenbrust wiegen sollte was mich jetzt den Kopf tiefer auf die Hände beugen
und so heiße Tränen vergießen ließ
Ich richtete mich schnell empor denn ich glaubte dicht hinter mir ein
Rauschen gehört zu haben und ich hatte mich nicht getäuscht Aus den Büschen
hervor zwischen denen der Weg weiter in den Buchwald führte trat Konstanze
Hatte sie mich hier sitzen sehen Ich sprang in großer Verwirrung von meiner
Bank auf und stand vor ihr ohne dass ich Zeit gehabt hätte die Spur der Tränen
von meinen brennenden Wangen zu verwischen
»Guter Georg« sagte sie indem sie mir die Hand mit mildem Lächeln
entgegenstreckte »nicht wahr Sie meinen es gut mit mir«
Ich murmelte etwas das als Antwort gelten sollte
»Lassen Sie mich ein wenig hier bei Ihnen Platz nehmen sagte sie ich fühle
mich etwas ermüdet ich bin schon so lange auf Wissen Sie wo ich gewesen bin
Im Walde bei dem Weiher und hernach oben auf der Ruine Wissen Sie dass wir
nicht wieder zusammen dort gewesen sind Ich habe heute Morgen daran gedacht
und wie schade es ist Es ist so schön auf der Uferhöhe und es wandert sich mit
Ihnen so gut Warum kommen Sie nie mich abzuholen Wissen Sie noch was Sie mir
versprachen Sie wollten mein treuer Georg sein und alle Drachen auf meinem Wege
töten Wie viel haben Sie schon tot«
Sie blickte unter den langen Wimpern hervor mich mit den braunen Augen an
deren Tiefe für mich unergründlich war in meine Augen die ich in Verwirrung
senkte »Warum antworten Sie nicht« sagte sie »Hat es Ihnen mein Vater
verboten«
»Nein« erwiderte ich »aber ich weiß nicht ob Sie meiner spotten Sie
sind die ganze letzte Zeit so wenig gütig zu mir gewesen ich habe mir zuletzt
nicht mehr getraut Sie anzureden kaum Sie anzusehen«
»Und Sie ahnen nicht weshalb ich in letzter Zeit weniger freundlich gegen
Sie gewesen bin«
»Nein« sagte ich und setzte dann kleinlaut hinzu »es müsste denn sein
weil ich so viel von Ihrem Vater halte aber wie kann ich das anders«
Eine Wolke zog über ihre Stirn »Und wenn es deshalb wäre« sagte sie
»könnten Sie es mir verdenken Mein Vater liebt mich nicht er hat mir schon zu
viele Beweise davon gegeben Wie kann mich Jemand lieben der so viel von meinem
Vater hält« sie sprach die letzteren Worte in bitterem Ton »der ihm
vielleicht jede Sylbe wieder erzählt die ich sage und so zu den
Geschichtenträgern und Geberdespähern mit denen ich bereits umgeben bin einen
neuen zugesellt einen um so gefährlicheren als ich von ihm alles Andere eher
erwartet hätte als verraten zu werden«
»Verraten und verraten von mir« rief ich erschrocken
»Verraten ja« sagte sie leiser schneller leidenschaftlicher sprechend
»Ich weiß dass der alte Christian der Tag und Nacht herumstreicht mich wie
eine Gefangene bewacht ich bin keineswegs sicher ob Pahlen die mir
Ergebenheit zeigt mich nicht für eine Hand voll Taler verkauft Ja verraten
bin ich verraten von allen Seiten ob von Ihnen ich will um Ihrer guten
blauen Augen willen annehmen dass ich mich geirrt habe obgleich ich wahrlich
triftigen Grund hätte Sie zu beargwöhnen«
Ich war außer mir Konstanze so sprechen zu hören ich bat sie ich beschwor
sie mir zu sagen was sie gegen mich habe welcher abscheuliche Schein gegen
mich spräche denn dass es nur ein Schein sei wolle ich ihr beweisen Sie solle
mir Alles sagen sie müsse mir Alles sagen
»Nun denn« sagte sie »ist es Schein oder Wahrheit dass Sie gleich an dem
ersten Abend Ihres Hierseins auf Befehl meines Vaters der Sie jedenfalls zu dem
Zweck mitgebracht hat Wache gestanden haben unter meinem Fenster während Sie
mir weismachen wollten mein Spiel habe Sie herbeigelockt«
Ich erschrak heftig über diese letzten Worte die sie mit einem finsteren
lauernden Blick begleitet hatte der noch deutlicher sprach als die Worte Also
war jene dunkle Gestalt doch um ihretwillen dagewesen und war seitdem wieder
dagewesen denn wie hätte sie sonst von der Begegnung unterrichtet sein können
»Sie brauchen es nicht mehr einzugestehen« sagte Konstanze im bitteren Ton
»Sie haben noch nicht ausreichend gelernt sich zu verstellen Und ich
gutmütige Törin glaubte Sie wären mein treuer Georg«
Ich war nahe daran vor Zorn und Schmerz zu weinen
»Um Gottes willen« rief ich »verdammen Sie mich nicht ohne mich gehört zu
haben Ich bin in den Park gegangen ohne eine bestimmte Absicht ohne eine
Ahnung dass ich ihm dass ich Jemand begegnen würde Hätte ich gewusst dass der
Mann den ich von dieser Stelle dort aus dem Bosket auftauchen sah nicht ohne
Ihre Erlaubnis kam ich würde ihm nicht in den Weg getreten sein würde ihn
ruhig dahin haben gehen lassen wo man ihn wie es scheint erwartete«
»Wer sagt Ihnen dass er nicht ohne meine Erlaubnis kam dass er erwartet
wurde« fragte Konstanze nicht ohne Heftigkeit
»Sie selbst« erwiderte ich schnell »der Umstand dass Sie von etwas
wissen was doch nur er und ich wissen könnten«
Konstanze blickte mich an und lächelte flüchtig »Ei« sagte sie »wie
geschickt wir zu combiniren verstehen wer hätte uns das zugetraut Aber Sie
irren sich Ich weiß es von ihm gewiss und doch hatte ich ihn nicht erwartet
und doch hatte ich ihm keine Erlaubnis gegeben Ja noch mehr ich schwöre
Ihnen ich hatte keine Ahnung dass er mir so nahe war Und jetzt fragt mich Ihr
Blick Jetzt ist er mir so fern wie je Er hat mir auf einem Wege der nichts
zur Sache tut geschrieben dass er in der Tat an jenem Abend versucht habe
mich zu sehen mir eine Mitteilung zu machen von der er nicht wünschte dass
ich sie durch einen Andern erführe ich habe ihm auf demselben Wege geantwortet
dass ich es nun doch bereits durch einen Andern erfahren habe und dass ich ihn um
seiner und um meiner Ruhe willen bitte keinen Versuch zu machen sich mir zu
nähern Dies ist Alles und wird für immer Alles sein Ich habe nicht die
Gewohnheit von denen welche mich lieben zu verlangen dass sie mir ihre
Zukunft ihre Existenz zum Opfer bringen Und das wäre hier der Fall Jener Mann
kann ohne Einwilligung seines Vaters keine Verbindung eingehen und mein Vater
hat dafür gesorgt dass diese Einwilligung nie erfolgt Er ist erst frei nach
seines Vaters Tode Darüber können Jahre vergehen Er soll mir nicht einmal
diese Jahre zum Opfer bringen«
»Und er nimmt das Alles an« rief ich empört »er entsagt nicht lieber
seinem Titel und seinem Erbe als dass er auf Sie verzichtet Er lässt sich nicht
eher in Stücke zerreißen als dass er Ihnen entsagte Und dieser Mensch besitzt
Millionen und nennt sich ein Fürst«
»So wissen Sie wer er war« sagte Konstanze indem sie wie es schien
heftig erschrak und dann setzte sie mit Bitterkeit hinzu »Aber freilich wie
sollten Sie nicht Sie sind ja der Vertraute meines Vaters dem Sie jedenfalls
das Abenteuer sogleich pflichtschuldigst berichtet haben«
»Ich habe gegen Niemand jenes Vorfalls Erwähnung getan« rief ich »ebenso
wenig wie Herr von Zehren jemals den Namen des Fürsten in meinem Beisein über
die Lippen gebracht hat«
»Bedarf es denn des Namens« sagte Konstanze »Man kann ja wohl auch ohne
Namen zu nennen sehr deutlich sein Aber was er Ihnen auch gesagt haben mag
das hat er Ihnen gewiss nicht gesagt dass Karlo und ich uns verlobt hatten dass
die Verbindung einzig und allein durch seine Schuld nicht zu Stande gekommen
ist dass er mein Glück rücksichtslos geopfert hat um einer hochmütigen Laune
willen um sich an dem Vater meines Verlobten auf unsere Kosten rächen zu
können und dass er weit entfernt mir für die glänzende Zukunft um die er mich
betrog eine auch nur erträgliche Gegenwart zu bieten das Leben mir täglich und
stündlich zu einer Qual macht Er hat meine Mutter getötet er wird mich auch
töten«
»Um Gottes willen sprechen Sie nicht so« rief ich
»Dies Leben ist kein Leben ist schon Tod schlimmer als der Tod« murmelte
sie indem sie den Kopf auf die Platte des Tisches sinken ließ
»So lieben Sie ihn immer noch der Sie verraten hat« sagte ich
»Nein« erwiderte sie indem sie sich aufrichtete »nein ich sagte Ihnen
schon so ist es und so muss es für immer bleiben Ich habe frei und ganz
verzichtet Ich bin zu stolz mein Herz das ist Alles was ich habe
hinzugeben wo man mir nicht sein Alles gibt Und Georg kann man mehr geben
als sein Herz«
Ich wollte erwidern »Dann haben Sie mein Alles Konstanze« aber ich
konnte keinen Laut über die zuckenden Lippen bringen konnte sie nur ansehen mit
einem Blicke in welchem gewiss mein ganzes Herz lag das volle törichte von
guter närrischer treuer Liebe überfliessende Herz eines Neunzehnjährigen
So drückte sie denn meine Hand und sagte »Guter Georg Ja ja ich will
ich muss es glauben dass Sie es gut meinen Und nun da wir uns ausgesprochen
haben und wieder gute Freunde sind lassen Sie uns nach dem Hause gehen wo
meine alte Pahlen mich mit dem Frühstück erwartet«
Sie war auf einmal wieder in den Ton gefallen mit welchem sie die
Unterredung begonnen hatte und in demselben Tone fuhr sie fort »Gehen Sie
heute auf die Jagd Gehen Sie gern auf die Jagd Ich bin früher auch wohl einmal
mit gewesen aber das ist lange undenklich lange her Ich soll früher eine gute
Reiterin gewesen sein und glaube ich könnte nicht mehr im Sattel sitzen Ich
habe Alles verlernt besonders wie man es anfängt lustig zu sein Sind Sie
immer lustig Georg Ich höre Sie manchmal des Morgens so prächtige muntere
Lieder singen Sie haben eine schöne Stimme Sie sollten mich Ihre Lieder
lehren ich weiß nur traurige Lieder«
Wie reizend ich dies Geplauder fand Aber wie mich in der letzten Zeit ihre
Ungnade stumm und scheu gemacht hatte so übte jetzt die unerwartete Güte mit
der sie mich überschüttete dieselbe Wirkung aus Ich ging mit einem halb
verlegenen halb glücklichen Lächeln neben ihr her um den großen Wiesenplatz
herum nach dem Hause zu wo wir uns an ihrer Terrasse angelangt trennten
nachdem sie mir nochmals die Hand gedrückt hatte
Mit drei Sätzen sprang ich die steile Treppe hinauf öffnete mit Ungestüm
die Tür zu meinem Zimmer und blieb einigermaßen erschrocken auf der Schwelle
stehen als ich Herrn von Zehren in dem großen Lehnstuhl am Fenster sitzend
fand
Er wandte den Kopf halb um und sagte »Sie haben mich lange warten lassen
ich sitze hier schon eine gute Stunde«
Das war nicht eben beruhigend für mich von dem Lehnstuhl aus sah man über
die Parkwiese weg gerade auf die Bank unter dem Ahornbaum wenn Herr von Zehren
schon eine Stunde hier saß so hatte er mit seinen scharfen Augen jedenfalls
viel mehr gesehen als mir irgend lieb war Ich erwiderte daher seinen Gruß in
großer Verlegenheit die wahrlich nicht geringer wurde als er mit einer Geste
nach der Bank hin sagte »Maria Stuart Georg wie grausamer Kerkermeister Sir
Paulet mit dem großen Schlüsselbund schwärmerischer Mortimer das Leben ist ein
Moment der Tod ist auch nur einer he treuloser Lord Lester der die bequeme
Gewohnheit hat zu Schiff nach Frankreich zu sein sobald es um Kopf und Kragen
geht«
Er schnellte die Asche von seiner Zigarre und fing dann auf einmal mich
anblickend mit einem jener blitzschnellen Übergänge seiner Laune die ich an
ihm nun schon gewohnt war laut zu lachen an und sagte
»Nein lieber Georg Sie müssen mir kein so grimmiges Gesicht machen Ich
meine es wahrlich gut mit Ihnen und wie ich Ihnen schon gestern sagte Sie
können nichts dafür und ich bitte Sie aufrichtig um Verzeihung dass ich Sie
auch nur einen Augenblick habe entgelten lassen woran Sie doch wahrlich
unschuldig genug sind Sie muss Komödie spielen sie hat es von Kindesbeinen an
getan sie kann es nicht lassen Ich habe wirklich manchmal schon gefürchtet
dass sie es von ihrer unglücklichen Mutter hat Es hat schon Mancher darunter
gelitten ich nicht zum wenigsten aber Ihnen möchte ich es gern ersparen ich
habe Sie oft genug indirect gewarnt und tue es jetzt direkt Was wollen Sie«
Ich war bei den letzten Worten des Herrn von Zehren in dem Zimmer
umhergelaufen und ergriff jetzt meinen Hut der an der Tür hing »Was wollen
Sie« rief er noch einmal indem er aufsprang und mich beim Arm ergriff
»Fort« stammelte ich während sich meine Augen mit Tränen füllten die ich
vergebens zurückzuhalten suchte »fort von hier Ich kann es nicht ertragen so
von Fräulein Konstanze sprechen zu hören«
»Und dann wäre das eine so günstige Gelegenheit auch von mir fortzukommen«
sagte Herr von Zehren indem er seine großen dunklen Augen mit einem
durchdringenden Blick auf mich heftete »nicht«
»Ja« sagte ich indem ich all meinen Mut zusammennahm »auch von Ihnen«
»So gehen Sie« sagte er
Ich schwankte nach der Tür und tastete denn meine Augen waren von Tränen
geblendet nach dem Drücker
»Georg« rief der Wilde »Georg«
Der Ton schnitt mir ins Herz ich kehrte um ich ergriff und drückte seine
beiden Hände und rief »Nein ich kann nicht Sie sind so gut gegen mich
gewesen ich kann nicht freiwillig von Ihnen gehen«
Herr von Zehren führte mich sanft zu dem großen Stuhl und schritt während
ich meine Stirn in die Hände drückte mehrmals in dem Zimmer auf und ab Dann
blieb er vor mir stehen
»Was hat Ihnen gestern Granow gesagt Hat er mich bei Ihnen verklatscht wie
er Sie bei mir verklatscht hat Sie vor mir gewarnt wie mich vor Ihnen Nein
antworten Sie mir nicht ich mag es nicht wissen es ist so gut als wäre ich
zugegen gewesen und hätte Alles gehört Man weiß ja wie doppelzüngige alte
Weiber schwatzen«
»So ist es nicht wahr« rief ich aufspringend »Ach gewiss gewiss es ist
nicht wahr ich habe es nie geglaubt ich habe es auch dem Elenden gestern nicht
geglaubt nicht einen Augenblick«
»Und nur noch eben erst« sagte Herr von Zehren indem er wieder seinen
durchdringenden Blick auf mich wandte Aber ich schlug diesmal nicht die Augen
nieder ich erwiderte seinen Blick und sagte leise und fest
»Ich werde es nicht glauben bis ich es aus Ihrem eigenen Munde höre«
»Und wenn ich nun Ja sage Was dann«
»Dann will ich Sie bitten so viel ich nur vermag tun Sie es nicht tun
Sie es nicht mehr Es kann nicht gut enden und es ist mir grässlich zu denken
dass es schlecht enden könnte«
»Sie meinen« sagte der Wilde indem ein finsteres Lächeln über sein Gesicht
zuckte »es würde sich nicht hübsch ausnehmen wenn in den Zeitungen zu lesen
wäre Heute wurde Malte von Zehren auf Zehrendorf zu zwanzig Jahren Zuchthaus
verurteilt und zur Verbüssung seiner Strafe nach der Anstalt in Dingsda
abgeführt deren Director bekanntlich der Bruder des Verurteilten ist Nun es
wäre nicht das erste Mal dass ein Zehren im Turm säße«
Er lachte laut auf und fuhr dann mit Heftigkeit zu sprechen fort indem er
bald im Zimmer auf und abging bald vor mir stehen blieb
»Ja ja nicht das erste Mal In meiner Jugendzeit es mag jetzt dreißig
Jahre oder drüber her sein da stand in Ihrem verfluchten Nest auf einem wüsten
Platz zwischen der Stadtmauer und dem Wall ein alter halbverfaulter Galgen und
an den Galgen waren ein paar verrostete Eisenschilde genagelt auf denen
halbverwischte Namen standen und einer dieser Namen hieß Malte von Zehren und
das Schild trug die Jahreszahl 1436 und an der Zahl habe ich es erkannt und in
einer Nacht mit meinem Jugendfreunde Hans von Trantow unsers Hans Vater
abgebrochen und dann den Galgen umgehauen und ihn über den Wall in den
Stadtgraben geworfen Wissen Sie wie der Name meines Ahns dahin gekommen Er
hatte in Fehde gelegen mit den Pfeffersäcken und sie hatten geschworen ihn an
den Galgen zu henken wenn sie ihn fingen Und obschon er es wusste und dass sie
ihm keinen Pardon geben würden hat er sich zur Faschingszeit verkleidet in die
Stadt geschlichen einem hübschen Bürgermädchen zu Liebe die dem Ritter hold
war wie er ihr Sie sehen lieber Georg die Weiber sie sind an allem Unglück
schuld Und haben ihn auch richtig gefangen des Morgens in der Frühe als er vom
Liebchen schlich und haben ihn in den Turm geworfen und am folgenden Tage hat
er sollen gehenkt werden zum Gaudium der guten Spiessbürger Aber ein Page der
ihn begleitete und der entwischte hats Hans von Trantow hinterbracht und der
Hans hat zwanzig Knechte satteln lassen und hat sie über die ganze Insel
geschickt zu allen Vettern und Sippen und ist selbst herumgeritten und in der
Nacht sind sie auf zwanzig Kähnen übergesetzt und in die Stadt gebrochen ihrer
zweihundert und haben meinen Ahn herausgehauen aus dem Turm die guten
Gesellen und das Nest an vier Ecken angezündet dass es gebrannt hat lichterloh
und dafür haben sie denn weil sie den Malte von Zehren selbst nicht mehr
hatten wenigstens seinen Namen an den Galgen geschlagen
Was aber war die Ursach der Fehde gewesen Der Zoll auf dem Sund den die
Herren von Zehren jahrhundertelang erhoben hatten und den die Pfeffersäcke für
sich beanspruchten Mit welchem Recht Ich frage Sie mit welchem Recht Als das
Krämernest noch aus Hütten bestand in denen armselige Fischer wohnten haben
die Zehren oben auf der Höhe schon gewohnt als Herren und Gebieter erst in
wallumgebenem Blockhaus wie man es in der ältesten Zeit hatte dann in einem
Schloss von Stein mit Türmen und Zinnen und so weit der Blick von oben über die
Wälder und Buchten in die Insel reicht hat kein Heerd in Haus oder Hütte
geraucht an dem sich nicht Vasallen und Hörige des Schlosses gewärmt hätten
und so weit der Blick von oben ins Meer reicht hat kein Segel sich gebläht und
kein Wimpel geflattert das dem Schloss nicht Tribut entrichtet hätte Glauben
Sie junger Mann so etwas vergisst sich Glauben Sie ich könnte je lernen mich
unter einem Gesetz mit dem Gesindel zu fühlen das vor meinen Ahnherren im
Staube kroch oder einen Herrn über mir anzuerkennen Von Gottes Gnaden Was da
was waren diese von Gottes Gnaden vor vier fünfhundert Jahren Ich könnte
sitzen wo sie sitzen mit demselben Fug und Recht und mein Wappenschild
prangte anstatt des ihren auf jedem Tore auf jeder Wache und in meinem Namen
erhöbe man Zoll und Steuer Und jetzt Tod und Teufel Jetzt sitze ich hier als
Herr von Habenichts in diesem Steinkasten der mir nächstens über dem Kopf
zusammenfallen wird und kein Fuß breit Boden auf den ich trete ja nicht so
viel als an meinen Stiefeln hangen bleibt gehört noch mir Da« er trat an das
offene Fenster und deutete mit vor Erregung zitternder Hand hinaus »Sie haben
mich gefragt weshalb ich das nicht zu Gelde mache es müssten doch Tausende und
Tausende in dem Walde stecken Ich habe gesagt ich könne es nicht übers Herz
bringen die alten Bäume umhauen zu lassen nun das ist wahr ich könnte es
nicht und dass sie nicht umgehauen werden so lange ich lebe das ist auch noch
das einzige Recht das ich an ihnen habe Kein Baum gehört mir mehr und kein
Bäumchen nicht so viel um mir einen Sarg daraus zimmern zu lassen jeder
Zoll davon gehört dem Pickelhäring Eurem Krösus der sich Kommerzienrat nennen
lässt und nicht umsonst Streber heißt Ich sehe den Stockfisch noch wie er sein
schiefes Maul verzog als er mir das Sündengeld auf den Tisch gezählt hatte und
den Kontract in die Tasche schob Er dachte es wird nicht lange vorhalten und
hernach schießt er sich eine Kugel vor den Kopf Nun vorgehalten hat es nicht
und zu dem Andern kann ja auch noch Rat werden Aber ich weiß nicht welcher
Plauderteufel heute Morgen in mich gefahren ist ich glaube der Umgang mit dem
Waschweib dem Granow wirkt ansteckend oder ist es weil ich nachholen muss
was ich gestern Abend versäumt habe Wahrhaftig Georg ich habe Sie sehr
vermisst Trantow der gute Kerl hat mich nach Haus gefahren aus purem Mitleid
weil er mir ansah wie schwer es mir wurde meine letzte Zigarre allein zu
rauchen Und dann hat es mich ein Heidengeld gekostet dass Sie nicht an meiner
Seite waren Es ist mir gestern schlecht ergangen Georg verzweifelt schlecht
sie haben mich alten Habicht gerupft dass die Federn nur so flogen aber heute
Abend wollen wir es ihnen heimzahlen wir sind bei Trantow da habe ich noch
immer Glück gehabt aber Sie dürfen nicht von meiner Seite Und nun trinken Sie
Ihren Kaffee und kommen Sie in einer halben Stunde herunter ich habe ein paar
Briefe zu schreiben der Herr Steuerrat wollen mal wieder aus einer seiner
tausend und einen Verlegenheit gerissen sein ich kann ihm aber diesmal nicht
helfen wenigstens heute nicht er muss schon noch warten Also in einer halben
Stunde hernach wollen wir an den Strand Ich fühle mich heute etwas fieberhaft
die Seeluft wird mir gut tun«
Er ging und ließ mich in der seltsamsten Stimmung zurück Ich hatte die
Empfindung dass er mir Alles gesagt und wenn ich es recht bedachte waren es
doch nur dieselben Reden gewesen wie er sie ähnlich schon oft gegen mich
geführt ich hatte das Gefühl als habe ich mich ihm mit Leib und Seele
verschrieben und doch hatte er mir kein Versprechen abgenommen Gerade aber das
war es wohl weshalb ich mich mehr als je zu dem seltsamen Manne hingezogen
fühlte Wenn er großmütig genug war mich nicht auf sein Schiff nehmen zu
wollen das er dem Untergange entgegentreiben sah durfte ich ruhig am sichern
Ufer stehen bleiben und ihn mit den Wellen kämpfen und von den Wellen
verschlingen sehen
Meine jugendliche Phantasie erfasste mit Begierde die romantische Geschichte
von jenem Ritter der mit meiner Vaterstadt in Fehde gelegen Ich wünschte ich
wäre dabei gewesen ich träumte mich in die Rolle des Pagen der sich mit Gefahr
seines Lebens durchgeschlagen dem geliebten Herrn Hilfe und Rettung zu bringen
Sollte ich geringer denken weniger kühn handeln als jener Knabe Und waren wir
nicht in derselben Lage fast War mein Ritter nicht bis aufs Äußerste
gebracht Hatten ihm die Pfeffersäcke nicht sein Alles genommen Ihm nichts
gelassen von dem Erbe seiner Väter ihm dem königlichen Mann Wie sie
dagestanden die schlanke edle Gestalt mit den blitzenden Augen und dem
Herzeleid in dem bleichen tiefgefurchten Antlitz das der volle Bart umwogte
Der sollte seine Tochter haben verkaufen wollen Der Und ein Mensch wie der
Kommerzienrat sollte einst hier Herr sein an des Ritters Statt Der Mensch mit
dem glattrasirten Fuchsgesicht den zwinkernden Diebesaugen und den plumpen
gierigen Fingern Er der mir selber schon den Galgen prophezeit hatte Ja sie
hatten mir nicht besser mitgespielt als meinem Ritter Sie hatten mich aus der
Stadt getrieben und Gott sei Dank dass sies getan dass ich sie hassen konnte
die ich immer verachtet hatte
So erhitzte sich mein törichter Kopf mehr und mehr Die Lust an Abenteuern
das innige Behagen an dem zügellosen Leben das ich Freiheit nannte eine
ungeheure Verwirrung der Begriffe von Recht und Pflicht Dankbarkeit
Jugendübermut eine erste leidenschaftliche Liebe Alles Alles bannte mich in
diesen Kreis der mir eine Welt war die mich ganz erfüllte meine Welt zog
mich mit unwiderstehlicher Gewalt zu diesem Manne der mir als das vollkommene
Ideal eines Ritters und Helden erschien zu dem schönen Mädchen in dem ich
meine kühnsten Phantasien so weit übertroffen sah Und dass sie die ich doch mit
gleicher Liebe umfasste sich feindlich gegenüberstanden trug nur dazu bei in
mir das Gefühl einer geträumten Unentbehrlichkeit zu verstärken Sie waren noch
eben jedes in seiner Weise gleich gütig zu mir gewesen hatten mir dasselbe
Vertrauen gezeigt die Erfüllung meines glühendsten Wunsches sie beide
versöhnt zu sehen war mir noch nie so nahe erschienen als an diesem Morgen wo
ich in meinem Zimmer umherirrte und am Fenster zu dem blauen Himmel
hinaufstarrte an dem große weiße Wolken unbeweglich standen und hinab auf den
Park dessen majestätische Baumgruppen und breiten Wiesengründe vom herrlichsten
Sonnenlicht zauberisch überstrahlt waren
Wie hätte ich ahnen können dass jene weißen Wolken sich so bald zu einem
finsteren Trauermantel auseinander rollen und die Sonne verhüllen würden dass ich
mein Paradies in diesem Zauberglanz zum letzten Male erschaut hatte
Zwölftes Kapitel
Die Zuversicht mit welcher Herr von Zehren dem Abend entgegengesehen der den
schweren Verlust des vorigen Tages mindestens wieder gut machen sollte hatte
ihn doch betrogen Vielleicht dass ein Vorfall der sich unmittelbar vorher
ereignete ihm die Kaltblütigkeit geraubt hatte welcher er an diesem Abend mehr
als je bedurfte Als wir uns nämlich von dem Strande herauf wo wir zwischen den
Dünen ein paar wilde Kaninchen geschossen hatten über die Heide schreitend
Trantowitz näherten war plötzlich auf der Landstraße in die wir eben einbogen
eine Kavalcade aus mehreren Herren und Damen bestehend denen ein paar
Livreebediente folgten an uns vorübergesprengt Ich weiß nicht wie es kam
aber ich hatte von Allen deutlich nur einen jungen schlanken Mann bemerkt der
ein wundervolles englisches Pferd ritt und der sein blasses mit den Erstlingen
eines Schnurrbartes verziertes Gesicht in dem Augenblick als er an mir
vorbeikam lachend zu einer jungen Dame hinbog die ihr Pferd mit einem Hieb zu
rascherm Laufe antrieb Ich hatte der Schaar noch ein paar Momente nachgeblickt
und als ich mich mit der Frage »Wer war das« an Herrn von Zehren wenden
wollte erschrak ich über seinen Anblick Wir hatten nur noch eben heiter
miteinander geplaudert jetzt lag in seinen Mienen ein finsterer Zorn und als
wollte er den Enteilenden einen Schuss nachsenden hatte er das Gewehr von der
Schulter gerissen und halb im Anschlage Dann warf er es wieder über die
Schulter und ging ein paar Schritte schweigend an meiner Seite bis er plötzlich
in wütendste Schmähungen ausbrach wie ich sie von ihm der doch gelegentlich
heftig genug werden konnte noch nie gehört »Der Hund« rief er »er wagt es
bis hierher zu kommen auf meines Freundes Trantow Grund und Boden Und ich
stehe ruhig da und jage ihm nicht eine Ladung Schrot in seinen verdammten Leib
Wissen Sie Georg wer das war Der Bube der einst Herr sein wird auf hundert
Gütern die alle von Rechts wegen mir gehören dessen Vorfahren die Vasallen
meiner Ahnen gewesen sind und dessen schurkischer Vater zu mir gekommen ist
mir auf meinem eigenen Zimmer zu sagen er wünsche seinen Sohn standesgemäss zu
vermählen und er hoffe wir würden uns abfinden lassen Ich habe ihm die
verdammte Kehle zugeschnürt und hätte ihn erwürgt wären sie nicht dazu
gekommen Sehen Sie Georg die Geschichte hat in mir gewühlt unaufhörlich
seitdem ich wusste dass der Bube sich wieder hier in der Nähe herumtrieb Und nun
wissen Sie auch weshalb wir Konstanze und ich auf einem so schlechten Fuß
miteinander stehen Gott weiß in welchen Phantasien sie sich wieder einmal
wiegt und mich macht es rasend zu sehen dass sie ihre Gedanken noch immer an
den Sohn des Schurken hängt der mich so schmählig beleidigt hat wie nur ein
Mann einen Mann beleidigen kann der mein Wappenschild beschimpft hat und der
mit mir auf Tod und Leben kämpfen müsste wenn «
Er unterbrach sich und ging mit den Zähnen an der Unterlippe nagend
schweigend neben mir her dabei strauchelte er des schlechten ungleichmässigen
Weges nicht achtend ein paar Mal das gab ihm zusammen mit dem Ausdruck seines
Gesichtes dessen Runzeln sobald er in Leidenschaft geriet tief einsanken
den Anschein eines alten gebrochenen Mannes der sich in ohnmächtigem Zorn
verzehrt Nie vorher war er mir so bemitleidenswert so hilfsbedürftig
erschienen und nie vorher hatte ich ihn so bemitleidet hätte ich ihm so gern
geholfen Zugleich sagte ich mir dass eine so günstige Gelegenheit das
Missverständnis aufzuklären welches offenbar in Beziehung auf ihr beiderseitiges
Verhältnis zum Fürsten zwischen Vater und Tochter obwaltete nicht so leicht
wiederkehren würde So fasste ich mir denn ein Herz und fragte
»Weiß Fräulein Konstanze wie sehr man Sie beleidigt hat«
»Wie so Was meinen Sie« fragte Herr von Zehren zurück
Ich erzählte ihm was ich am Morgen mit Konstanze gesprochen wie sie keine
Ahnung davon zu haben scheine welchen Frevel man an ihr begangen wie sie mir
im Gegenteil ausdrücklich gesagt habe dass sie mit dem Fürsten verlobt gewesen
dass die bereits beschlossene Verbindung durch Herrn von Zehrens Schuld nicht zu
Stande gekommen sei dass sie aber nichtsdestoweniger frei und ganz auf jeden
Gedanken der Möglichkeit einer Verbindung zwischen ihr und dem Fürsten
verzichtet habe Nur die Frechheit mit der er es gewagt sich ihr wieder nähern
zu wollen die Korrespondenz welche zwischen ihnen stattgefunden verschwieg
ich weil ich fühlte dass dieser Umstand den Zorn des Herrn von Zehren wieder
wach rufen und ihn gegen alle Vernunftsgründe taub machen würde
Und auch so schon hatte ich vergebens gesprochen Er hatte mir mit allen
Zeichen der Ungeduld zugehört und rief jetzt als ich vor Eifer atemlos
schwieg »Sagt sie das Was sie nicht Alles sagt Und das noch jetzt nachdem
ich ihr nicht einmal nachdem ich ihr hundertmal erzählt habe was man von mir
gewollt hat wie man meine Ehre meinen Namen in den Kot getreten hat Wird sie
nicht nächstens behaupten der Kaiser von China habe um sie geworben und ich sei
Schuld dass sie nicht Kaiserin von China sei Warum nicht Turandot ist eine so
schöne Rolle wie Maria Stuart Machen Sie sich darauf gefasst sie nächstens in
chinesischem Kostüm zu sehen«
Es war leicht genug zu hören wie wenig scherzhaft dem Manne bei diesen
Worten zu Mute war und ich wagte nicht ein so peinliches Thema länger
festzuhalten Überdies kamen wir in wenigen Minuten auf Trantowitz an wo uns
Hans auf der Schwelle mit seinem gutmütigen Lächeln begrüßte und in sein
Wohnzimmer neben seinem Schlafzimmer das einzige bewohnbare Gemach des ganzen
großen Hauses führte in welchem die übrigen Gäste schon versammelt waren
Der Abend verlief wie schon so viele Vor der Mahlzeit wurde gespielt und
nach der Mahlzeit bei der man der Flasche überaus eifrig zusprach wurde das
Spiel fortgesetzt Ich hatte mir vorgenommen nicht zu spielen und konnte
diesen Vorsatz um so leichter durchführen als Alle mit Ausnahme unseres
Wirtes vielleicht den nichts aus seiner Ruhe bringen konnte von dem
ungewöhnlich hohen Spiel gänzlich in Anspruch genommen waren und Niemand Zeit
hatte sich um mich zu bekümmern
So saß ich denn etwas von dem Tische entfernt in der Vertiefung des
Fensters und beobachtete die Gesellschaft deren Treiben mir heute als ich
nicht selbst daran Teil nahm unheimlich genug erschien Die stieren Augen in
den erhitzen Gesichtern die nur von den monotonen immer wiederkehrenden
Phrasen des Bankiers oder von einem kurzen heiseren Lachen oder zwischen den
Zähnen gemurmelten Fluch der Spieler unterbrochene Stille die Gier mit der man
den Wein flaschenweise hinuntergoss das ganze Bild eingehüllt in eine graue
Tabakswolke die mit jeder Minute dichter wurde es war kein erfreulicher
Anblick und allerlei seltsame wirre peinliche Gedanken wälzten sich durch
meinen ermüdeten Kopf während ich so dasaß und mechanisch die Chancen des
Spiels verfolgte und zwischendurch auf das Sausen und Brausen des Nachtwindes
hörte der die alten Pappeln vor dem Hause schüttelte und einzelne Regentropfen
an die Fenster trieb Dann fuhr ich aus meinem Halbschlummer jäh empor von einem
wilden Lärmen der plötzlich das Gemach durchtobte Die Spieler waren von ihren
Sitzen aufgesprungen und schrien mit wilden Mienen und drohenden Gebärden
aufeinander ein aber so schnell wie er entstanden legte sich der Tumult sie
saßen wieder stumm über ihre Karten gebeugt und ich horchte abermals auf das
Rauschen des Windes in den Pappeln und das Klatschen des Regens gegen die
Scheiben bis ich vollends einschlief
Eine Hand die sich auf meine Schulter legte erweckte mich Es war Herr von
Zehren Der erste Blick in sein bleiches Gesicht aus dem unheimlich die großen
Augen glänzten sagte mir dass er abermals verloren habe und er bestätigte es
als wir durch die dunkle sausende Nacht den kurzen Weg nach Zehrendorf
zurückschritten »Es ist vorbei mit mir« sagte er »mein altes Glück verlässt
mich ich sollte mir je eher je lieber eine Kugel vor den Kopf schießen Acht
Tage freilich habe ich noch Sylow der ein guter Kerl ist hat mir so lange
Frist gegeben in acht Tagen lässt es sich vielleicht arrangieren nur dass
übermorgen der Wechsel fällig ist und mein Herr Bruder natürlich nicht zahlen
kann Indessen man muss sehen man muss sehen«
Er hatte mehr mit sich selbst als mit mir gesprochen Ein paar Mal blieb er
stehen blickte zu den tief herabhangenden Wolken empor durch welche jetzt von
Zeit zu Zeit ein schwacher Schimmer des eben aufgegangenen Mondes fiel schritt
dann wieder weiter und murmelte durch die Zähne »Aber ich wusste es wusste es
als ich den Schurken sah es musste mir Unglück bringen sein verfluchtes
Geschlecht hat mir noch immer Unglück gebracht Und nun sehen müssen wie sie
den Schaum schlürfen von dem Becher des Lebens während uns die bittere Hefe
bleibt Und sich nicht rächen können ihnen nicht ans Leben können«
Wir waren schon nahe beim Hofe zu einem Gehölz gelangt das eigentlich nur
eine weit vorspringende Ecke des großen Waldes war aber bereits zu dem Park
gerechnet wurde Der Weg teilte sich hier ein breiterer führte an dem Rande
hin ein schmalerer der eigentlich nur ein Fußpfad war quer durch den Kamp
Der letztere war der kürzere aber auch unbequemere und dunklere und Herr von
Zehren der in der schlechten Stimmung in welcher er sich befand schon ein
paar mal über die Dunkelheit und den bösen Weg gemurrt hatte schlug vor nicht
wie wir gewöhnlich taten durch den Wald zu gehen
»Ich wüsste gern ob der PlatzHirsch den wir vorgestern gespürt haben
wieder im Süderholz schreit« sagte ich »man kann es von hier nicht hören aber
drinnen muss man es hören können«
»So gehen Sie durch« sagte er »aber halten Sie sich nicht zu lange auf«
»Ich hoffe noch vor Ihnen auf der andern Seite zu sein«
Es war nicht so finster im Walde als ich gefürchtet hatte manchmal schien
der Mond sogar ziemlich hell durch die jagenden Wolken Ich machte mir Vorwürfe
dass ich Herrn von Zehren in einer solchen Stunde allein gelassen hatte und
wollte umkehren dennoch schritt ich von meiner Jagdleidenschaft getrieben
langsam und vorsichtig weiter blieb auch manchmal stehen mit verhaltenem Atem
in den Wald hineinlauschend ob ich den Hirsch nicht hören würde Einmal glaubte
ich das dumpfe Gebrüll vernommen zu haben aber ich war meiner Sache nicht
gewiss und auf jeden Fall musste es sehr fern sein und auf einer andern Stelle
als wir den Hirsch um diese Stunde vermuteten Vielleicht war es ein anderer
Ich hätte es gern herausgebracht und stand wieder still und lauschte Plötzlich
ließ sich hinter mir auf dem Wege den ich gekommen ein Geräusch vernehmen wie
von Pferdehufen Mein Herz stand still und begann dann heftig zu schlagen Wer
konnte der nächtliche Reiter sein auf einem Wege der ganz abseits von der
großen zu dem Gutshofe führenden Straße lag
Der im Anfang dumpfe Hufschlag war lauter geworden und hatte dann plötzlich
aufgehört Statt dessen vernahm ich jetzt ganz deutlich den Schritt eines
Menschen der durch den Wald daher kam auf die Stelle zu wo ich etwas abseits
vom Wege und in dem tiefen Schatten von ein paar hohen Bäumen stand Es konnte
Niemand anders sein als er mein Herz das mir in der Brust hämmerte als
wollte es alle Bande sprengen schrie mir zu dass es Niemand anders sein könne
ich riss das Gewehr von der Schulter wie heute Abend Herr von Zehren nach dem
Gewehr gegriffen beim Anblick des Verhassten Dann aber warf ich es wie er es
getan wieder über die Schulter so dass ich beide Arme frei hatte Was brauchte
ich dem Bürschchen gegenüber als meine beiden Arme
Und da sah ich ihn vor mir ganz deutlich denn der Mond trat eben über den
Rand einer schwarzen Wolke und goss durch die Wipfel ein helles Licht gerade auf
die Stelle über die er schritt dieselbe schlanke Gestalt sogar noch in
demselben Reitanzug niedriger Hut enganliegender pelzbesetzter Rock und hohe
bis zur Hälfte der Schenkel reichende Stiefel von geschmeidigem Leder ein
Sprung ein Griff und er war in meinen Händen
Der Schrecken musste ihn für den Augenblick betäubt haben denn er hatte
weder einen Schrei ausgestoßen noch kaum eine Bewegung gemacht Aber es war
eben auch nur für einen Augenblick gewesen dann versuchte er mit einer
urplötzlichen Anstrengung die weit über das Maß der Kraft die ich ihm
zugetraut hatte hinausging sich von mir loszureißen So mag ein Leopard in dem
Netz in das ihn der Jäger verstrickt hat sich herumwerfen sich
emporschnellen mit den Pranken schlagen sich zusammenziehen und wieder
emporschnellen Der Kampf dauerte wohl eine Minute während dessen von beiden
Seiten kein Wort gesprochen kein Laut hörbar wurde als nur ein gelegentliches
Stöhnen und ein zischender Atemzug Zuletzt wurden seine Anstrengungen matter
und matter sein Atem ging schneller und schneller und endlich keuchte er in
sich zusammensinkend »Lassen Sie mich los«
»Sobald nicht«
»In meiner Brusttasche steckt ein Portefeuille mit ein paar hundert Talern
Sie sollen sie haben aber lassen Sie mich los«
»Nicht für eine Million« sagte ich indem ich ihn dessen Kraft vollkommen
erschöpft war in die Kniee drückte
»Was wollen Sie wollen Sie mich morden« keuchte er
»Ich will Ihnen nur eine Lection geben« sagte ich und griff nach der
Reitpeitsche die ihm während wir rangen entfallen war und deren silbernen
Griff ich eben jetzt neben mir blinken sah
»Um Gotteswillen tun Sie mir das nicht an« flehte er die Hand in
welcher ich die Reitpeitsche gefasst hatte krampfhaft festhaltend »töten Sie
mich auf der Stelle ich will mich nicht rühren ich will nicht einen Laut von
mir geben aber schlagen Sie mich nicht«
Ein solches Verlangen in diesem Ton konnte nicht verfehlen auf ein Herz wie
das meine einen tiefen Eindruck zu machen Ich sah in meinem Gegner nicht mehr
den Erbfeind des wilden Zehren den Liebhaber seiner Tochter ich sah nur noch
einen Knaben in ihm der in meiner Gewalt war und der lieber sterben wollte als
eine schimpfliche Behandlung dulden Unwillkürlich ließ meine Faust die ihn an
der Brust gepackt hielt los ja ich glaube ich half ihm wieder auf die Füße
Er fühlte sich kaum frei als er schnell ein paar Schritte von mir wegtrat
und in einem Ton dessen Leichtigkeit seltsam mit der furchtbaren Angst
contrastirte die er nur noch eben empfunden hatte sagte
»Wenn Sie ein Edelmann wären müssten Sie mir Satisfaction geben da Sie
keiner sind sage ich Ihnen nehmen Sie sich in Acht ich möchte nicht immer wie
heute ohne Waffen sein«
Er berührte den Rand seines Hutes drehte sich auf den Hacken um und schritt
den Weg zurück
Ich stand wie angewurzelt und blickte der schlanken Gestalt nach die eben
im Schatten der Nacht und des Waldes verschwand Ich wusste dass ich ihn mit ein
paar Sätzen wieder einholen konnte aber ich spürte nicht die mindeste Regung
es zu tun Der junge Fürst hatte den jungen Plebejer richtig taxirt Ich hätte
mir eben so gern die Hand abgehackt als sie wiederum nach dem ausgestreckt den
ich nun einmal in meiner Weise begnadigt hatte Und dann dachte ich an Granows
Wort dass er nicht wenn er der Fürst wäre Herrn von Zehren begegnen möchte
und wie um ein Haar diese Begegnung nun doch stattgefunden hätte in einem
Augenblick wo es offenbar dem Wilden eine Lust gewesen wäre das Blut seines
Feindes zu vergießen und das seinige dazu Und jetzt hörte ich ein leises
Wiehern und dann Hufschlag
Gott sei Dank sagte ich tiefaufatmend es ist besser so und eine Lehre
wirds ihm doch wohl sein
Ich dachte jetzt nicht mehr an den Hirsch ich hörte kaum hin als er gar
nicht weit von mir links im Walde zu brüllen begann ich eilte im Trab weiter
die verlorene Zeit einzubringen in schwerer Sorge ob Herr von Zehren den
Reiter ebenfalls gehört denn von dem was sonst im Walde geschehen konnte er
nichts vernommen haben
Aber ich hatte unnötiger Weise gesorgt Der Wilde war zu tief in seine
Unglücksgedanken versunken als dass seine Sinne so scharf hätten sein können
wie sonst wohl Er fragte mich nicht einmal nach dem Hirsch und ich war froh
dass ich nicht zu sprechen brauchte So gingen wir schweigend neben einander hin
bis wir den Hof erreichten
Auf dem Hausflur empfing uns der alte Christian der nie Schlafende Es
seien Briefe angekommen mit einem Express er habe sie dem Herrn auf den
Schreibtisch gelegt
»Kommen Sie mit herein« sagte Herr von Zehren »während ich sehe was es
gibt«
Wir traten ein »Der ist für Sie und auch der« sagte Herr von Zehren
indem er mir von den Briefen die auf dem Tische lagen zwei reichte
Der erste Brief war von meinem Freunde Arthur und lautete
»Du hast mir das Geld nicht geschickt um das ich Dich neulich bat aber
freilich wenn wir nur selbst was haben mögen die Freunde zusehen wie sie
fertig werden Heute schreibe ich Dir übrigens nur um den Onkel durch Dich zu
bitten dass er dem Papa doch helfe Es muss wohl sehr schlecht mit uns stehen
denn als heute der Kaufmann G Du weißt schon dem ich fünfundzwanzig
abgeborgt sich beim Papa meldete habe ich gar keine Schelte bekommen Dafür
heult die Mama den ganzen Tag ich wollte ich wäre wo der Pfeffer wächst
PS So eben kommt der Papa vom Onkel Kommerzienrat zurück mit einem sehr
langen Gesicht Es ist klar dass der Philister nichts herausrücken will ich
sage Dir Onkel Malte muss helfen es geht sonst schlimm«
Der zweite Brief war von meinem Vater
»Mein Sohn Du hast mich indem Du mir den kindlichen Gehorsam
aufkündigtest gezwungen meine Hand von Dir zu ziehen Ich habe mir geschworen
sie Dir nicht eher wieder zu reichen als bis Du Dein Unrecht eingestehend
mich selbst darum bittest und ich werde diesen Schwur halten Ich habe Dir auch
in der Wahl die Du für Dich getroffen keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt
habe Dir die volle Freiheit gelassen die Du von jeher beansprucht hast und bin
entschlossen es auch fernerhin zu tun Nun aber kann mich das nicht abhalten
von Herzen zu wünschen es möge Dir auf dem selbstgewählten Wege gut gehen wie
sehr ich auch daran zweifle und kann mich auch nicht abhalten Dich zu warnen
wo Warnung nötig scheint Dies aber ist jetzt der Fall Es sind mir über Herrn
von Zehren Dinge zu Ohren gekommen von denen ich zu Gott hoffe dass sie auf
einem Irrtum beruhen die aber derart sind dass ich nur mit Schrecken meinen
Sohn wenn er sich auch von mir losgesagt hat in dem Hause eines Mannes weiß
den ein solcher Verdacht und wäre er auch fälschlich trifft Um was es sich
handelt bin ich Dir zu sagen nicht im Stande da mir die betreffenden
Mitteilungen auf amtlichem Wege zugegangen sind Ich weiß wohl dass Du trotz
Deines Ungehorsams eine schlechte Handlung niemals tun würdest und dass Du
also sollten auch jene Mutmaßungen was Gott verhüte auf Wahrheit beruhen so
weit sicher bist dennoch bitte ich Dich so Dir an meiner Ruhe noch etwas
liegt das Haus des Herrn von Zehren sofort zu verlassen indem ich was kaum
nötig ist hinzufüge dass ich für den gehorsamen Sohn sein werde was ich ihm
immer war sein strenger aber gerechter Vater«
Ich hatte diesen Brief zweimal durchgelesen und saß unfähig einen
bestimmten Gedanken zu fassen noch immer auf das Blatt starrend da als mich
Herrn von Zehrens »Nun Georg was haben Sie denn da« aufschreckte Ich
reichte ihm die beiden Briefe Er las sie und legte sie auf den Tisch ging im
Zimmer auf und ab blieb dann vor mir stehen und sagte »Was wollen Sie tun«
»Die Gelegenheit ist günstig« fuhr er fort als ich mit der Antwort
zögerte »Ich habe einen Brief von dem Steuerrat der mich noch in dieser
Stunde nach der Stadt zu reisen zwingt Ich nehme Sie mit jetzt ist es zwölf
Uhr in drei Stunden sind wir drüben Sie klingeln den alten Herrn heraus
können dann noch ein paar Stunden in der Dachkammer von der Sie mir so oft
erzählt haben schlafen werden morgen früh Gott danken dass Sie den Wilden los
sind und wieder in die Schule gehen«
Er hatte die letzten Worte mit einem leichten Hohne gesagt der die
empfindlichste Seite im Herzen eines jungen Menschen den falschen Stolz jäh
berührte
»Ich will mit Ihnen gehen wohin es sei rief ich indem ich aufsprang Ich
habe es Ihnen schon heute morgen gesagt und ich wiederhole es jetzt Sagen Sie
mir was ich tun soll«
Herr von Zehren schritt in dem Zimmer auf und nieder dann blieb er vor mir
stehen und sagte mit bewegter Stimme
»Bleiben Sie hier meinetwegen nur noch ein paar Tage bis ich wieder zurück
bin Sie leisten mir einen Dienst damit«
Ich sah ihn fragend an
»Wenn Sie jetzt zurückkehren heute zurückkehren« fuhr er fort »so würde
das nur dazu beitragen die Gerüchte zu bestätigen von denen Ihr Vater
schreibt Die Ratten verlassen das Haus würden die Leute sagen und mit Recht
Und gerade jetzt liegt mir daran dass die Leute nichts sagen dass möglichst
wenig über mich gesprochen wird Verstehen Sie Georg«
»Nein« sagte ich »warum gerade jetzt«
Ich sah ihn starr an er versuchte den Blick auszuhalten und es dauerte
einige Zeit bis er leise und langsam sprechend antwortete
»Fragen Sie nicht weiter Georg vielleicht würde ich es Ihnen sagen wenn
Sie mir helfen könnten vielleicht vielleicht auch nicht Es geht die Rede ich
nutze die Menschen aus und werfe sie weg wenn ich mit ihnen fertig bin Mag
sein ich wüsste auch nicht dass die Meisten besser behandelt zu werden
verdienen Mit Ihnen möchte ich es nicht so machen denn ich habe Sie lieb
Und so gehen Sie zu Bette und lassen Sie den Wilden weiter spielen Vielleicht
sprengt er diesmal die Bank und dann verspreche ich Ihnen soll es das letzte
mal gewesen sein«
In diesem Augenblicke fuhr der Wagen vor ich hatte während ich den Brief
meines Vaters las nicht gehört dass der alte Christian den Befehl erhalten
hatte das Anspannen zu bestellen Herr von Zehren kramte in seinen Papieren
steckte einige zu sich und schloss andere in den Schrank Dann ließ er sich von
Christian seinen Jagdpelz anhelfen setzte die Mütze auf trat auf mich zu und
bot mir die Hand
Ich hatte in halber Erstarrung allem mechanisch zugesehen
»Und ich kann nichts für Sie tun« sagte ich jetzt
»Nein« erwiderte er »oder doch nur dadurch dass Sie ruhig hier bleiben
bis ich zurück bin Ihre Hand ist eiskalt gehen Sie zu Bett«
Ich begleitete ihn hinaus Vor der Tür hielt der Jagdwagen auf dem ersten
Sitz saß außer dem Knecht der das Amt des Kutschers zu versehen pflegte der
lange Jochen
»Der Wagen wird mich nur bis zur Fähre bringen und dann wieder
zurückkehren« sagte Herr von Zehren
»Und Jochen« flüsterte ich
»Begleitet mich«
»Nehmen Sie mich statt seiner« sagte ich dringend
»Es geht nicht« erwiderte er schon mit einem Fuße auf dem Tritt
»Ich beschwöre Sie« sagte ich indem ich ihn an der Hand festhielt
»Es geht nicht« erwiderte er »wir haben keine Minute zu verlieren Gute
Nacht fort«
Der Wagen rollte davon die Hunde heulten und bellten dann wurde es wieder
still Der alte Christian humpelte mit seiner Laterne über den Hof und
verschwand in einem der Nebengebäude ich stand allein vor dem Hause unter den
sausenden Bäumen Ein heftiger Regenguss entlud sich ich schauderte zusammen und
trat in das Haus zurück dessen Tür ich sorgfältig verschloss
In Herrn von Zehrens Zimmer war das Licht brennen geblieben ich ging es
mir zu holen und zugleich meine Briefe die dort noch auf dem Tische lagen
Indem ich sie zu mir nahm erblickte ich auf dem Boden ein Papier Ich hob es
auf zu sehen was es sei Auf dem Blatte standen nur wenige Worte die ich
durchlesen hatte ehe ich wusste was ich tat oder was ich las Die Worte
lauteten ungefähr so Ich bin verloren wenn Du mich nicht rettest G will die
Wechsel nicht prolongiren St ist unerbittlich Wechselarrest und Kassation
sind unvermeidlich Ich gebe mich in Deine Hand Du hast mich zu lange über
Wasser gehalten um mich jetzt ertrinken zu lassen Auch ist der Augenblick
möglichst günstig für die bewusste Partie Ich kann und werde dafür sorgen dass
uns Keiner in die Karten sieht Aber was geschehen soll muss auf der Stelle
geschehen Ich habe das Spiel nicht immer in meiner Hand Komm sofort ich
beschwöre Dich bei dem was Dir das Heiligste ist Bei unserm alten Namen
Verbrenne dies sofort
Das Blatt war nicht unterschrieben aber ich kannte die Handschrift wohl
ich hatte sie oft genug in den Acten auf meines Vaters Arbeitstisch gesehen ja
ich hätte die Unterschrift unter diesen Brief setzen können hatte ich sie doch
oft genug mit samt dem prahlerischen Schnörkel nachzuahmen versucht
Der Brief musste Herrn von Zehren vorhin entglitten sein als er ihn mit den
andern in die Tasche stecken wollte
Ich hatte eben noch einmal hineingeblickt und noch einmal den wunderlichen
Inhalt zu enträtseln versucht als das Licht das schon tief im Sockel gebrannt
hatte zu verlöschen drohte Verbrenne dies sofort
Als ob mir eine Stimme von außen der ich gehorchen musste diese letzten
Worte des Briefes zugerufen hätte hielt ich das Blatt in die erlöschende
Flamme Das leichte Blatt loderte auf in demselben Augenblicke verlosch auch
das Licht noch ein paar eilende Feuerpünktchen zu meinen Füßen dann war
greifbare Finsternis um mich her
Ich tastete aus dem Zimmer heraus durch das Speisezimmer auf den Flur die
schmale Treppe hinauf in mein Gemach und warf mich nachdem ich vergeblich nach
den Zündhölzchen getastet angekleidet auf mein Bett
Aber vergebens dass ich mich auf meinem Lager wälzend den Schlaf suchte
Jeden Augenblick schreckte ich voll Entsetzen empor weil meine aufgeregten
Sinne eine Menschenstimme die um Hilfe rief einen Schritt der sich eilends
nahte zu vernehmen glaubten Dann zermarterte ich wieder mein Gehirn wie ich
sie retten könnte die geliebten Beiden von dem Verderben das meine Ahnung mir
als nahe bevorstehend zeigte das die Elemente schon als gegenwärtig mir ins
Ohr zu donnern schienen und fluchte meiner Unentschlossenheit meiner
Ratlosigkeit
Es war eine grauenhafte Nacht
Ein fürchterliches Unwetter hatte sich aufgemacht der Sturm raste um den
alten Bau dass er in seinen Grundfesten erbebte Die Ziegel polterten vom Dache
die verrosteten Windfahnen kreischten die Jalousien klapperten und die dritte
von rechts machte wahnsinnige Versuche heute von der letzten Angel an der sie
schon seit Jahren hing endlich auch loszukommen die Käuzchen in den
Mauerlöchern schrien jämmerlich und die Hunde winselten während Guss auf Guss
gegen die Fenster klatschte
Es war als ob das alte Herrenhaus von Zehrendorf wüsste was seinen
Bewohnern bevorstand was ihm selbst bevorstand
Dreizehntes Kapitel
Meine erste Empfindung als ich spät erwachte war ein Dankgefühl dass es Tag
war meine zweite dass ich mich des Grauens schämte mit welchem mich die
Schrecken der Nacht erfüllt hatten Schon als kleiner Knabe hatte ich einem
Gegner das Aergste zu sagen geglaubt wenn ich ihn einen Feigling nannte und
heute Morgen war ich in der Lage mir dieses Aergste selbst nachsagen zu müssen
Aber das kommt davon sprach ich bei mir selbst während ich mich umkleidete
wenn man den Dingen nicht ins Gesicht sieht und den Menschen nicht die Wahrheit
sagt Weshalb habe ich Herrn von Zehren nicht ganz einfach gesagt ich weiß was
du vorhast so hätte er mich mitgenommen und ich brauchte hier nicht still zu
sitzen wie ein Kind das man im Zimmer lässt wenns regnet
Ich öffnete ein Fenster und schaute mit düstern Blicken hinaus Es war kein
lieblicher Anblick Der Wind der von Westen kam wälzte sprühende graue
Dunstmassen durch die gewaltigen Bäume die ihre Wipfel wie in wahnsinnigem
Schmerz hinüber und herüberbogen und über die weite Wiese an deren langen
wogenden Gräsern ich mich so oft entzückt hatte und die heute wie ein fauler
Sumpf aussah Eine Schaar Krähen spazierte darauf herum und schwang sich
krächzend in die stürmische Luft von der sie dann hin und hergeschleudert
wurden In dem Augenblicke schlug der Wind den einen Flügel der Jalousie so
heftig zu dass die morschen Sparren mir um den Kopf flogen Ich riss zornig was
noch übrig geblieben war aus den Angeln und warf es hinab »Vor dir wenigstens
werde ich heute Nacht Ruhe haben« sagte ich indem ich das Fenster wieder
schloss »und nun sollen die andern auch daran« Ich verließ mein Zimmer und
machte die Runde durch das obere Stockwerk In der Bibliothek wo die
Bücherhaufen auf der Diele lagen sprangen ein Dutzend Ratten als ich die Tür
öffnete eilig von den Fensterbrettern herunter und huschten in ihre
Schlupfwinkel Durch ein paar vom Wind zerbrochene Scheiben hatte es
hereingeregnet und die schwarzen Gesellen hatten sich die willkommene
langentbehrte Labung zu Nutze gemacht »Nun ihr habt ja das Haus noch nicht
verlassen« murmelte ich mich der Worte des Herrn von Zehren erinnernd »soll
ich feiger sein als ihr feiges Gesindel«
Ich stieg über die Bücherhaufen bis zur nächsten Tür und irrte weiter durch
die öden Räume hier die Jalousien schließend wo es sich noch bewerkstelligen
ließ dort allzu schadhafte aus den Angeln nehmend und hinabwerfend Die vor dem
dritten Fenster auf welche ich es besonders abgesehen hatte ihrem qualvollen
Dasein schon in der Nacht selbst ein Ende gemacht
Auf dem Rückwege durch die unheimlichen Räume gelangte ich in das große
Treppenhaus in welchem es heute bei dem lichtlosen Licht das durch die
sonneverbrannten auswendig vom Regen überflossenen inwendig mit Spinnweben und
Staub bedeckten Fenster fiel gespenstiger als je aussah Die verrostete
Ritterrüstung welche in einiger Höhe an der Wand befestigt war hätte man ohne
großen Aufwand von Phantasie für einen Erhängten nehmen können Ich fragte mich
ob das wohl die Rüstung jenes Malte von Zehren sei dessen Name die ehrsamen
Bürger meiner Vaterstadt da sie ihn selbst nicht hatten an den Galgen
geschlagen
Ich weiß nicht mehr was mich veranlasste die Treppe hinabzusteigen und in
den schmalen Korridoren des unteren Stockwerks weiter umher zu irren Mein
Schritt hallte schauerlich dumpf in den öden Gängen und die kahlen Wände
hauchten einen feuchtkalten Grabesatem aus der meiner von der furchtbaren
Nacht fieberheissen Haut doppelt fühlbar war Vielleicht wollte ich mich
abstrafen für die Angst der Nacht und mir beweisen dass ich ein Kind gewesen
Dennoch blieb ich nicht ohne eine Regung von Schauder stehen als sich
plötzlich dicht neben mir an einer Stelle die ich früher wiederholt passiert
war ohne eine Tür bemerkt zu haben eine Öffnung in der Mauer zeigte durch
die man in eine gähnende Tiefe blickte aus der ein schwaches Licht
heraufdämmerte Als ich genauer hinsah bemerkte ich auch in dem Halbdunkel des
Korridors eben noch erkennbar die paar ersten Stufen einer wie es schien sehr
schmalen und steilen Treppe Ich begann auf die Gefahr hin mir den Hals zu
brechen ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen langsam hinabzusteigen
indem ich rechts und links an der Mauer vorsichtig weiter tastete und ich
kehrte selbst dann nicht um als der schwache Lichtschein unter mir plötzlich
erlosch Doch tauchte derselbe wieder auf als ich nach ein paar Stufen auf dem
Boden des Kellers anlangte Es war nicht mehr der unbestimmte Schein sondern
ein wirkliches Licht das sich in einiger Entfernung vor mir hinbewegte und in
einer Laterne zu brennen schien mit der ein Mann in dem Keller herumleuchtete
Da ich schneller ging als der Mann dessen schlürfende Schritte die meinen
vermutlich übertönten hatte ich ihn bald erreicht und legte jetzt dem alten
Christian denn er war es die Hand auf die Schulter Er blieb mit einem
dumpfen Schrei stehen glücklicherweise ohne die Laterne fallen zu lassen und
blickte mit seinem blassen verschrumpften Gesicht entsetzt zu mir auf
»Was tun Sie hier Christian« fragte ich
Er starrte mich noch immer sprachlos an »Sie brauchen sich vor mir nicht
zu fürchten« fuhr ich fort »Sie wissen dass ich Ihr Freund bin«
»Es ist nicht um mich« erwiderte der Alte endlich »Ich darf hier
Niemanden mit hinabnehmen er würde mich tot schlagen«
»Sie haben mich nicht mit hinabgenommen« sagte ich
Christian dem der Schreck in seine schwachen Glieder gefahren war setzte
sich auf eine Kiste die in der Nähe stand und stellte die Laterne neben sich
Ich konnte nicht unterlassen mich während der alte Mann wieder zu sich zu
kommen suchte in dem Keller umzusehen Es war ein weiter niedriger Raum
dessen gewölbte Decke hier und da von starken Pfeilern getragen wurde und
dessen äußerste Enden im Dunkel verdämmerten An einem solchen Pfeiler nicht
weit von uns unter einer großen Laterne war ein Pult angebracht und ein großes
dickes Buch lag auf dem Pult wie die Strazze in einem kaufmännischen Geschäft
Dicht daneben waren Teekisten mit chinesischen Malereien offenbar
Originalkisten zu einem Berge aufgetürmt und wohin ich auch blickte standen
und lagen große Kisten und Fässer mit einer gewissen Ordnung aufgebaut es
musste manches Jahr gewährt haben bis alle diese Fässer geleert alle diese
Kisten ausgeräumt waren mancher Taler musste dabei gewonnen und verloren und
manches Menschenleben dabei aufs Spiel gesetzt und vielleicht auch verloren
worden sein Verging doch damals kein Jahr ohne dass der Schmuggel in dieser
Gegend zu Wasser und zu Lande mehr als ein Menschenleben kostete und wie
manches noch dessen Verlust nie bekannt wurde weil die Verwandten von Peter
auf den die Zollwacht im Walde geschossen hatte und der sich tötlich
verwundet noch bis zu seiner Hütte schleppte oder von Klas der auf der
eiligen Flucht im Moore versunken war weil sage ich die Verwandten und
Freunde der Unglücklichen es ratsamer fanden von diesen Verlusten möglichst
wenig Wesens zu machen
Dies und anderes derart hatte ich oft von meinem Vater und den Kollegen
meines Vaters gehört und daran musste ich denken als ich mich jetzt umsah und
der matte Schein aus der Laterne des alten Mannes dem Keller das Ansehen eines
weiten Grabgewölbes gab in welchem morsche Särge die ihre Dienste getan
übereinander getürmt waren und weiter hinten wo zwischen den Pfeilern
undurchdringliches Dunkel lag vielleicht frische Gräber den Modergeruch
ausatmeten der den Raum erfüllte
Das also war das Fundament des Hauses derer von Zehren Über diesem
Grabgewölbe hauste die hochadelige Familie Von diesem Moder lebte sie Da
mochten freilich die Felder brach liegen und die Scheunen zerfallen Hier war
die Saat und die Ernte eine böse Saat Alles in Allem die wohl kaum etwas
Anderes als eine böse Ernte bringen konnte
Ich will nicht behaupten dass genau diese Gedanken genau in dieser Ordnung
durch meine Seele gingen während ich neben dem alten Manne stand und meine
Blicke durch den Keller schweiften ich weiß nur noch dass jenes Gefühl des
Abscheus vor dem Gewerbe in dessen geheime Werkstätte ich nun gedrungen war
wieder in seiner ganzen Kraft über mich kam diesmal aber mit der ganz
bestimmten Empfindung dass ich dazu gehöre dass ich ein Wissender und dass es
sehr töricht und gewissermaßen beleidigend von dem alten Mann sei vor mir ein
Geheimnis aus Dingen und Verhältnissen machen zu wollen die ich so gut kannte
und durchschaute
»Nun Christian« sagte ich indem ich mich zum Beweis meiner vollkommenen
Seelenruhe dem Alten gegenüber setzte und an seiner Laterne meine Zigarre
anzündete »was werden wir diesmal bekommen«
»Tee oder Seide« brummte der Alte »wärs Wein oder Kognac oder Salz
hätte er die Wagen bestellt«
»Ja wohl dann hätte er die Wagen bestellt« wiederholte ich als etwas das
sich von selbst verstand »Und wann erwarten Sie ihn zurück Er sagte mir
heute Nacht er könne es nicht genau bestimmen«
»Wird wohl bis morgen währen ich will aber immer die große Tür aufmachen
man kann nicht wissen«
»Freilich man kann nicht wissen« sagte ich Der Alte war aufgestanden und
hatte die Laterne zur Hand genommen Ich erhob mich ebenfalls
Wir gingen weiter und kamen in einen andern Raum der von Weindunst erfüllt
war und wo Fässer über Fässern lagen an denen der Alte in die Höhe leuchtete
»Das liegt noch Alles seit dem vorigen Jahre« sagte er
»Ja« sagte ich die Worte Granows wiederholend »der Handel geht jetzt
schlecht die Leute in Uselin sind scheu geworden seitdem sich so Viele
hineinmischen«
Der Alte der die Schweigsamkeit selbst war antwortete nicht aber es
schien dass ich meine Absicht ihn vertraulich zu machen erreicht hatte Er
nickte und brummte um seine Zustimmung auszudrücken während er langsamen
Schrittes weiter schlürfte
Der Keller schien kein Ende nehmen zu wollen Ich sollte Respekt vor der
Ausdehnung des tages und lichtscheuen Geschäftes bekommen das hier seine
modrige Wohnung aufgeschlagen Endlich setzte der Alte die Laterne auf den
Boden vor uns lag eine breite Treppe über welcher eine Vorrichtung von starken
Bohlen wie man sich derselben zum Herablassen von Fässern und schweren Kisten
bedient angebracht war Die Treppe war oben mit einer breiten starken mit
Eisen beschlagenen Tür die mit kolossalen Riegeln versehen war geschlossen
Der Alte schob die Riegel zurück ich half ihm dabei
»So« sagte er »nun können sie kommen wann sie wollen«
»Wann sie wollen« wiederholte ich
Wir schritten den Weg den wir gekommen schweigend zurück und erstiegen die
steile Treppe des Eingangs Auf den Druck einer Feder die der Alte in Bewegung
setzte schob sich eine Tür über die Maueröffnung die sich so künstlich
einfügte und mit der Wand von so gleicher schmutziggrauer Farbe war dass sie nur
von dem Eingeweihten entdeckt oder gar geöffnet werden konnte
Der Alte löschte die Laterne und ging vor mir her den langen schmalen
Korridor zu Ende wo wir uns in dem verfallenen Nebenhofe trennten Er trat
durch eine kleine Pforte auf den Hauptof ich ließ ihn sich entfernen und
blickte mich scheu und aufmerksam um ob Niemand mich beobachte Es beobachtete
mich Niemand es hätte denn die Krähe sein müssen welche auf einem der
niedrigen Dächer saß und den Kopf auf die Seite neigend zu mir herabschaute
Der kleine Hof hatte schon im Sonnenschein kümmerlich genug ausgesehen heute
aber im Regen sah er unsäglich elend aus Die Gebäude drückten sich aneinander
als ob sie sich vor dem Wind und der Nässe so gut es gehen wollte zu schützen
versuchten und doch jeden Augenblick Gefahr liefen in vollständiger Erschöpfung
zusammenzustürzen Wer sollte hier den Eingang in den geheimen Keller suchen
Und doch musste derselbe sich hier befinden Ich hatte mir die Richtung und
Ausdehnung des unterirdischen Raumes genau gemerkt Ich wollte Alles wissen
nachdem ich einmal so viel wusste ich wollte nicht länger über das was um mich
her vorging im Dunkeln sein
Und meine Vermutung bestätigte sich In der alten gräulichen Leuteküche
aus der ein weites Tor auf den eingehegten Platz mit den Küchenabfällen führte
entdeckte ich unter einem wie ich jetzt sah künstlich aufgetürmten Haufen von
alten Fässern Brettern und halbverfaultem Stroh die Falltür von der der Alte
vorhin im Keller die Riegel zurückgeschoben hatte Hier von außen war dieselbe
mit einer gewaltigen Eisenstange und einem Schloss verwahrt zu welchem Herr von
Zehren jedenfalls den Schlüssel bei sich führte Ich deckte das Gerümpel wieder
darüber und schlich davon scheu wie ein Dieb denn wohl hat das Sprichwort
recht der Hehler ist so gut wie der Stehler nicht bloß vor dem Gesetze
sondern noch viel mehr vor seinem eigenen Gewissen
Ich wandte mich in den Park und irrte in den nassen Gängen umher Es
rieselte noch stärker als vorhin aber der Nebel hatte sich etwas gehoben und
wälzte sich in schweren grauen Massen über die Wipfel der Bäume Ich stand an
dem Steintisch unter dem Ahorn dessen breites Geäst mir einigen Schutz gewährte
und starrte immerfort nach dem großen melancholischen Hause das mir heute
nachdem es mir sein Geheimnis erschlossen ein ganz anderes zu sein schien Ob
sie wohl wusste was ich jetzt wusste Unmöglich es war ein Gedanke der nicht
auszudenken war dass sie das wissen sollte Aber sie musste es erfahren so
schnell als möglich nein nicht erfahren Aber fort musste sie von hier wo das
Verderben auf sie lauerte Fort wohin zu wem mit wem Welch ein elender
jämmerlicher Mensch war ich dass ich ihr nichts zu bieten hatte als dies Herz
das für sie schlug als diese Arme die stark genug waren sie wie ein Kind
davon zu tragen und mit denen ich doch nichts anfangen konnte als sie in
ohnmächtiger Verzweiflung zum Regenhimmel emporstrecken oder rat und tatlos
über der Brust verschränken Nein nein mochte mit mir werden was da wollte
aber sie musste musste gerettet werden Mochte ihr Vater mich zum Opfer nehmen
aber sie sie sollte frei ausgehen
Da kam Jemand von der Terrasse her es war die alte Pahlen Sie schien mich
zu suchen denn sie winkte mir schon von weitem mit den knöchernen Händen
während ihr graues Haar unter der schmutzigen Haube im Winde flog dass sie für
jeden Andern anzusehen gewesen wäre wie die Hexe die das Hexenwetter
zusammenbraute Mir aber war sie eine willkommene Erscheinung Von wem sollte
sie kommen als von ihr Ich lief ihr entgegen und ließ sie ihre Botschaft kaum
zu Ende bringen wenige Augenblicke später trat ich hochklopfenden Herzens durch
die Fenstertür in Konstanzens Gemach
Es war das erste und es sollte auch das letzte mal sein dass ich es betrat
und ich wüsste kaum zu sagen wie es in demselben aussah Ich habe nur noch eine
sehr dunkle Erinnerung an große Blattgewächse einen geöffneten altertümlichen
Flügel auf Tischen Stühlen umhergestreute Musikalien Bücher
Garderobengegenstände ein paar Portraitbilder an den Wänden und dass der
Fußboden in seiner ganzen Ausdehnung mit einem Teppich bedeckt war Dieser
letztere Umstand hat sich mir als besonders merkwürdig eingeprägt Teppiche
durch das ganze Zimmer waren zu jener Zeit eine große Seltenheit besonders in
der guten Stadt Uselin Ich hatte nur durch Hörensagen von einem solchen Luxus
Kunde und so wusste ich denn auch jetzt kaum wohin ich meine Füße setzen
sollte obgleich der Teppich glaube ich sehr fadenscheinig und hier und da
sogar zerrissen und durchlöchert war
Doch das sind wie gesagt sehr dunkle Erinnerungen von denen sich hell und
unvergesslich das Bild Konstanzens abhebt Sie saß auf einem Divan in der Nähe
des Fensters und ließ bei meinem Eintritt ein Buch in den Schoss sinken indem
sie mir zugleich mit ihrem eigentümlich melancholisch anmutigen Lächeln die
Hand entgegenstreckte
»Sie sind nicht bös dass ich Sie habe rufen lassen« sagte sie indem sie
mir einen Wink gab an ihrer Seite Platz zu nehmen und mich dadurch in keine
geringe Verlegenheit setzte denn der Divan war sehr niedrig und meine Stiefel
nicht so sauber wie es für einen jungen Menschen der zum ersten mal von der
angebeteten Dame seines Herzens in einem Teppichgemache empfangen wird
wünschenswert ist »ich wollte Sie um etwas bitten Pahlen Du kannst gehen
ich habe mit Herrn Georg allein zu sprechen«
Die widerwärtige Alte blickte mich misstrauisch an zögerte und entfernte
sich erst nachdem Konstanze ihren Befehl in scharfem Tone wiederholt hatte
»Sehen Sie das ist es das ist es weshalb ich Sie rufen ließ Georg«
sagte Konstanze mit einer Handbewegung nach der Tür durch welche die Alte
verschwunden war »Ich weiß es ja wie gut Sie sind und wie treu Sie es mit mir
meinen seit gestern weiß ich es wieder wenn ich auch wirklich schwach genug
war Sie eine Zeit lang für nicht besser zu halten als die Andern aber diese
Andern Sie wissen es nicht können es nicht wissen und sollen es auch nicht
wissen Solche Schätze muss man geheim halten sie sind zu kostbar für die
schnöde Welt Meinen Sie nicht auch«
Da ich keine Ahnung hatte worüber das angebetete Mädchen meine Meinung
verlangte begnügte ich mich sie mit einem ehrfurchtsvoll fragenden Blicke
anzusehen Sie senkte die Wimpern und fuhr mit einer etwas weniger sichern
Stimme fort »Mein Vater ist wie ich höre verreist wissen Sie wohin und auf
wie lange Aber wenn er es Ihnen auch gesagt hätte es bliebe sich gleich mein
Vater hat nicht die Gewohnheit sich an dergleichen zu binden er will drei
Wochen ausbleiben und ist in drei Tagen wieder da er will in drei Tagen zurück
sein und ich erwarte ihn nach drei Wochen noch vergeblich Er wird auch diesmal
keine Ausnahme von der Regel machen und wir müssen mag er nun lange oder kurze
Zeit von hier entfernt bleiben uns darauf einrichten Es ist keine Freude in
dem öden unwirtlichen Hause allein zu sein zumal wenn es so stürmt und wütet
wie heute Nacht es ist so lieb Jemand in seiner Nähe zu wissen auf dessen
Treue und starken Arm Sie sollen ja so sehr stark sein Georg man sich alle
Zeit verlassen kann aber es muss eben sein Sie können mir das nachfühlen
Georg«
Diesmal wusste ich was ich nachfühlen sollte ich sollte fort von hier ich
sollte sie allein lassen sie jetzt allein lassen in dem Augenblick wo ich
mich vergeblich abgequält einen Grund ausfindig zu machen wie ich sie von hier
entfernen könnte in dem Augenblick wo meine von der bösen Nacht und den
Erlebnissen des Morgens noch immer zitternden Nerven mir sagten dass ein Unglück
über dies Haus und seine Bewohner hereindrohe Ich wusste nicht was ich sagen
wie ich es sagen könne und blickte Konstanze in hülfloser Verlegenheit an
»Sie denken es sei sehr unfreundlich sehr ungastlich von mir« sagte sie
nach einer Pause in welcher sie vergeblich auf eine Antwort gewartet haben
mochte »es würde freundlicher und gastlicher gewesen sein wenn ich selbst so
lange fortginge eine Freundin zu besuchen und ich gebe Ihnen zu ein anderes
Mädchen würde das tun aber ich Aermste habe keine Freundin Mein Vater hat
auch nach der Seite für mich gesorgt Kam so lange Sie hier sind je eine Dame
in unser Haus Hörten Sie mich je von einer Freundin von einer Bekannten
sprechen Konstanze von Zehren geht nur mit Männern um ich habe diesen Ruf ich
weiß es aber Gott weiß wie sehr ohne meine Schuld Wollen Sie mein guter
mein treuer Georg dass mein Ruf noch schlechter wird als er schon ist Oder
glauben Sie auch mit den Andern mein Ruf könne nicht noch schlechter werden
Nein bleiben Sie sitzen Warum sollen Freunde wie wir nicht ruhig über solche
Dinge sprechen ruhig überlegen was in einem solchen Falle zu tun ist Nun
habe ich mir gedacht Sie haben Freunde Da ist Herr von Granow der Ihnen ja
förmlich den Hof macht da ist Herr von Trantow unser guter Nachbar der sich
so freuen würde Sie ein paar Tage bei sich zu sehen Und Sie sind dann ganz in
meiner Nähe ich kann Sie rufen lassen wann ich will und Sie wissen ja dass
ich mich sobald ich eines Freundes bedarf an Niemand wenden würde als den
einzigen Freund den ich habe«
Sie reichte mir mit bezauberndem Lächeln die Hand als wollte sie sagen
nicht wahr die Sache ist abgemacht
Ihr Lächeln die Berührung ihrer lieben Hand machten die Verwirrung in die
mich jedes ihrer Worte mehr verstrickt hatte vollkommen aber ich raffte mich
mit einer verzweifelten Anstrengung auf und stotterte
»Sie werden mich für einen Zudringlichen für ich weiß nicht was halten dass
ich Sie so lange über eine Sache habe sprechen lassen die ich bei Ihrem ersten
Worte hätte verstehen müssen und auch verstanden habe aber ich kann Ihnen nicht
sagen wie schwer es mir wird gerade jetzt von hier zu gehen gerade jetzt Sie
zu verlassen Herr von Zehren hat mich ausdrücklich aufgefordert bis zu seiner
Rückkehr die übrigens in wenigen Tagen vielleicht morgen schon erfolgen wird
hier zu bleiben ihn hier zu erwarten Er hat das gewiss wenn er es auch nicht
ausgesprochen hat in der besten Absicht getan um Ihretalben damit Sie
Jemand in Ihrer Nähe hätten damit Sie nicht allein in dem öden Hause wären
damit «
Ich wusste nicht wie ich weiter sprechen sollte Konstanzens Blick richtete
sich mit einem so sonderbaren Ausdruck auf mich und mein Talent zum Lügen war
von jeher erbärmlich gewesen
»Mein Vater hat früher diese zarte Rücksicht nicht beobachtet« sagte sie
»Vielleicht denkt er dass ich je älter ich werde einer Aufsicht um so mehr
bedarf Sie wissen was ich meine oder sollten Sie unser Gespräch von gestern
schon vergessen haben«
»Ich habe es nicht vergessen« rief ich indem ich mich in meiner Aufregung
schnell von dem Divan erhob »ich will nicht wieder in die Lage kommen von
Ihnen beargwohnt zu werden ich gehe und gehe für immer wenn Sie es denn so
wollen aber Andere die Ihrer gewiss nicht würdiger sind sollen es nicht besser
haben als ich und wenn sie es dennoch wagen sich in Ihre Nähe zu drängen und
hier heranzuschleichen wie ein Fuchs um den Taubenschlag so tun sie es auf
ihre eigene Gefahr ich werde nicht wieder so rücksichtsvoll sein wie heute
Nacht«
»Was wagen Sie Von wem sprechen Sie Wen meinen Sie« rief Konstanze die
bei meinen letzten Worten ebenfalls aufgesprungen war Ihr Gesicht war bleich
geworden ihre Züge trugen einen ganz andern Ausdruck
»Von wem ich spreche« sagte ich »von dem der an jenem Abend wissen Sie
wo ich vor Ihrem Fenster Wache stand vor mir davonlief wie ein Feigling und
der sich heute Nacht als ich mit Ihrem Herrn Vater von Trantowitz kam und
allein durch das Wäldchen ging unter die Bäume drückte und den ich aus Mitleid
geschont habe weil ich wusste Herr von Zehren würde ihn todtschiessen wie einen
Hund wenn ich ihn in seine Hände gegeben hätte den Elenden den Erbärmlichen
Er mag sich hüten dass ich ihm nicht noch einmal in der Nacht begegne ja und
auch am Tage er würde sehen wie wenig ich mich an seine Fürstlichkeit kehre«
Konstanze hatte sich abgewandt während ich so meine Verzweiflung für immer
von dem geliebten Mädchen getrennt zu werden zornig austobte Plötzlich zeigte
sie mir wieder ihr bleiches Gesicht aus welchem die unergründlichen Augen
sonderbar leuchteten und rief indem sie die Hände wie bittend erhob
»Dass ich das von Ihnen hören muss von Ihnen Was kann ich dafür dass jenen
Mann im Falle Sie sich nicht getäuscht haben was ja doch auch möglich wäre
sein böses Gewissen ruhelos umtreibt Schlimm genug für ihn wenn es so ist
aber was geht das mich an Und wie kann mir daraus eine Gefahr erwachsen Und
wenn er jetzt und hier oder es sei wann es sei und wo es sei vor mich
hinträte was könnte ich was würde ich ihm sagen als du und ich wir haben in
alle Ewigkeit nichts mehr miteinander zu schaffen Ich dachte Georg Sie wüssten
das Alles ohne dass ich es Ihnen sagte wie kann ich mich wundern von den
Andern verkannt zu werden wenn auch Sie mich so falsch so grausam falsch
beurteilen«
Sie setzte sich auf den Divan und drückte ihr Gesicht in beide Hände Ich
war ganz außer mir ich schlug mich vor die Stirn wie ein Verzweifelter ich
lief im Zimmer auf und ab und stürzte endlich als ich sie noch immer so sitzen
und ihren schönen Busen sich krampfhaft heben und senken sah zu ihren Füßen
»Guter lieber Georg« sagte sie indem sie mir beide Hände auf die
Schultern legte »ich weiß es ja dass Sie mich lieben und ich habe Sie ja auch
so lieb«
Ich schluchzte laut auf ich verbarg mein Gesicht in ihrem Schoss ich küsste
ihre Kleider ihre Hände
»Stehen Sie auf Georg« flüsterte sie »ich höre Pahlen kommen«
Ich sprang empor Wirklich öffnete sich langsam die Tür die wie ich
glaube nie ganz geschlossen gewesen war und die hässliche Alte schaute herein
und fragte ob man sie gerufen habe
Man hatte sie gerufen man hatte gemeint dass Herr Georg vielleicht noch
Wünsche habe der alsbald auf ein paar Tage zu Herrn von Trantow auf Besuch
wolle »Leben Sie wohl« sagte sie indem sie sich zu mir wandte »auf ein
paar Tage also leben Sie wohl« Und dann ihr Gesicht dem meinigen nähernd und
mir mit ihren Lippen einen Kuss schickend heimlich und leise »leb wohl
Geliebter«
Ich stand draußen der Regen der wieder zu fallen begonnen hatte schlug
mir ins glühende Gesicht ich fühlte es nicht Regen und Sturm jagende Wolken
und sausende Bäume wie war das Alles so herrlich War es möglich dass die Welt
so schön war War es möglich dass man so glücklich sein konnte War es möglich
dass sie mich liebte
Auf meinem Zimmer angelangt ließ ich mein wahnsinniges Entzücken in tausend
tollen Streichen aus Ich tanzte ich sprang ich warf mich in den Lehnstuhl und
küsste inbrünstiglich den Handschuh den ich einst am Weiher gefunden und wie ein
Heiligtum bewahrt hatte und weinte und sprang wieder auf und lachte und tanzte
wieder und besann mich endlich dass ich die Jagdtasche bereits mit Allem was
ich für ein paar Tage brauchte vollgepackt hatte und dass sie erwarten durfte
ich werde jetzt ihrem Befehle pünktlich Folge leisten Ja jetzt musste ich fort
jetzt wollte ich fort fort fort
Und ich warf mein Gewehr über die Schulter rief meinem Karo der
schnarchend unter dem Tische lag und verließ das Zimmer und das Schloss
Vierzehntes Kapitel
Auf dem Wege nach Trantowitz unter den zischelnden Weiden hinschreitend war
ich in meiner Aufregung kaum sehend wo ich ging mehr als einmal in Gefahr
von dem schlüpferigen Pfade in den tiefen Graben zu gleiten in welchem heute
das Regenwasser gurgelte Mehr als einmal blieb ich stehen nach dem Hofe
zurückzusehen wo sie weilte Karo der verdrossen hinter mir hertrottete blieb
dann auch stehen und sah mich an Ich erzählte ihm dass sie mich liebe dass wir
glücklich werden würden dass Alles gut werden würde dass er wenn ich erst ein
großer Herr sei auch ein herrliches Leben führen werde dass ich ihn bis an sein
Ende treulich pflegen wolle Karo gab durch leises Schweifwedeln zu erkennen
wie er von meinen guten Absichten vollkommen überzeugt und bis zu einem gewissen
Grade gerührt sei aber seine braunen Augen blickten sehr melancholisch als
könne er sich an einem so trüben Tage keine rechte Vorstellung von einer heitern
Zukunft machen »Du bist ein dummes Tier Karo« sagte ich »ein gutes dummes
Tier und weißt den Kukuk was mir begegnet ist« Karo machte eine verzweifelte
Anstrengung die Sache von ihrer heitersten Seite zu nehmen indem er heftiger
als zuvor mit dem Schweife wedelte und seine weißen Zähne zeigte sprang dann
aber plötzlich zum Beweise dass sein sonst so wohl dressirtes nur auf die
Jagd gerichtetes Gemüt heute vollständig haltlos war mit wütendem Gebell auf
einen Mann zu der eben um eine Weidenpflanzung die sich links am Wege hinzog
auf mich zukam
Es war ein Mann der halb wie ein Schiffer und halb wie ein städtischer
Handwerker gekleidet war und dessen harmloses breites Gesicht als er mich
erblickte so freundlich lachte dass Karo das Unpassende seines Benehmens sofort
einsah und mit hängenden Ohren beschämt zu mir zurückkam während ich da ich
den Mann mittlerweile auch erkannt hatte mit ausgestreckter Hand auf ihn
zuschritt
»Wie zum Teufel Klaus kommst Du hierher«
»Ja das sagen Sie wohl« erwiderte Klaus indem er mit seiner breiten
harten Hand kräftig einschlug und dabei wie vorhin Karo zwei Reihen Zähne
zeigte die an Weiße mit denen des Hundes wetteiferten
»Und Du wolltest zu mir« fragte ich weiter
»Ja natürlich wollte ich zu Ihnen« sagte Klaus »ich bin vor einer Stunde
auf dem Kutter gekommen Christel ist auch mit Die alte Großmutter ist ja tot
wir haben sie gestern Morgen begraben Gott hab sie selig sie war eine gute
alte Frau wenn sie auch zuletzt ein bisschen stumpf geworden war und der armen
Christel viel Mühe gemacht hat Na das ist nun auch vorbei und ja was ich
sagen wollte da ist denn der Vater so gut gewesen mich heute selbst
herzufahren und Christel ist auch mit mir in Zanowitz Abschied nehmen zu
helfen von Tante Julchen wissen Sie Vaters Schwester Mein Vater ist ja auch
aus Zanowitz«
»Ja ja« sagte ich
»Sie sind schon ein paar mal dagewesen« fuhr Klaus fort »Tante Julchen hat
Sie immer gesehen aber Sie haben nie hingeblickt nun Sie werden ja sich auch
der Frau nicht mehr erinnern sie war früher wohl manchmal drüben bei dem Vater
Und dann sind Sie ja nun auch ein so großer Herr geworden« Und Klaus ließ
bewundernde Blicke über mein Jagdzeug über meine hohen Stiefeln und über Karo
schweifen der sich den Anschein gab auf dieses Gespräch nicht zu hören und mit
gehobenen Ohren in den Graben starrte als habe er sein Lebtag nie eine
Wassermaus in ihr Loch schlüpfen sehen
»Lassen wir das gut sein Klaus« sagte ich den Riemen meines Gewehrs höher
auf die Schultern rückend »und Du willst Abschied nehmen Wo willst Du denn
hin«
»Ich habe einen Platz als Schlosser in der Maschinenbauanstalt des Herrn
Kommerzienrats in Berlin erhalten« sagte Klaus »Herr Schulz der
Maschinenmeister auf dem Pinguin wissen Sie hat mich sehr empfohlen ich
hoffe seiner Empfehlung keine Schande zu machen«
»Das wirst Du gewiss nicht« sagte ich in freundlich aufmunterndem
Beschützerton indem ich nicht ohne einige Verlegenheit überlegte was ich nun
mit Klaus eigentlich anfangen sollte der mich zu besuchen gekommen war und mit
dem ich doch nicht hier auf der offenen Landstraße unter der regentriefenden
Weide stehen bleiben konnte Was würde der gute Junge für Augen gemacht haben
wenn ich ihn in mein poetisches Zimmer hätte führen können Aber das war nun
nicht möglich Die Situation fing an mir peinlich zu werden und es fiel mir
ordentlich wie ein Stein vom Herzen als Klaus meine Hände ergreifend sagte
»Na und nun leben Sie denn auch recht wohl ich muss wieder nach Zanowitz Karl
Peters der Korn für den Herrn Kommerzienrat geladen hat segelt in einer
halben Stunde und will mich mitnehmen Ich wäre gern noch ein wenig länger mit
ihnen zusammen gewesen aber Sie haben gewiss etwas anderes vor und so will ich
Sie denn nicht länger aufhalten«
»Ich habe gar nichts vor Klaus« sagte ich »und wenn es Dir recht ist
begleite ich Dich nach Zanowitz und sage bei der Gelegenheit Christel guten Tag
Wann ist denn die Hochzeit Klaus«
Klaus schüttelte den Kopf als wir jetzt nebeneinander weiter schritten
»Das sieht schlimm aus« sagte er »wir wären noch zu jung meint der Alte
obgleich das Sprichwort sagt jung gefreit hat Niemand gereut Meinen Sie nicht
auch«
»Allerdings meine ich das« rief ich mit einem Eifer der Klaus höchlichst
erfreute »ich bin so viel ich weiß zwei Jahre jünger als Du aber das kann
ich Dir sagen auf der Stelle würde ich heiraten auf der Stelle aber es kommt
auf die Verhältnisse an Klaus auf die Verhältnisse«
»Ja freilich« seufzte Klaus »ich könnte sie ja wohl jetzt ernähren denn
ich werde in Accord arbeiten und da kann man schon was vor sich bringen wenn
man sich dazu hält und Christel würde die Hände auch nicht in den Schoss legen
aber was hilft das Alles wenn der Alte nicht will Er ist nun doch einmal
Vormund von der Christel und sie verdankt ihm ja auch eigentlich Alles selbst
das Leben denn sie würde am Strande elend umgekommen sein das arme Wurm hätte
der Vater die Mutter nicht an den Strand geschickt das Treibholz zu sammeln
und da hat die Mutter sie ja gefunden wissen Sie und mitgenommen So was will
denn doch bedacht sein und wenn er auch nicht gar gut gegen sie ist und ich
nicht weiß warum er mich alle diese Jahre so schlecht behandelt hat so steht
doch geschrieben Du sollst Vater und Mutter ehren Nun habe ich schon lange
keine Mutter mehr so muss ich den Vater doppelt ehren Meinen Sie nicht auch«
Ich blieb diesmal die Antwort schuldig In der Tasche meines Rockes stak der
Brief meines Vaters in welchem er mir befahl Herrn von Zehren sofort zu
verlassen und zu ihm zurückzukehren Ich hatte dem Befehl nicht Folge geleistet
ich durfte nicht fort bis Herr von Zehren zurückkam und konnte ich jetzt fort
jetzt Ich warf einen Blick nach dem Schloss zurück das noch immer aus seinen
düstern Baumgruppen düster zu uns über die Heide durch die wir jetzt wanderten
herüber schaute und seufzte tief
Klaus kam von der andern Seite des vom Regen durchweichten Sandwegs an meine
Seite und sagte trotzdem so weit das Auge reichte kein Mensch außer uns auf
der Heide zu sehen war in geheimnisvoll leisem Ton
»Ich bitte um Entschuldigung ich habe Ihnen gewiss nicht weh tun wollen«
»Das glaube ich dir Klaus« sagte ich
»Denn sehen Sie« sagte Klaus »ich weiß ja wohl dass Sie mit Ihrem Vater
auch nicht gut stehen aber der Herr Rendant ist ja ein so braver Mann der
gewiss keinem Menschen übel will am wenigsten seinem eignen Sohn und was die
Leute von Ihnen sagen dass Sie hier so wild leben und und das glaube ich
auch nicht Ich kenne Sie besser«
»Sagen das die Leute von mir« fragte ich höhnisch »wer denn zum Beispiel«
Klaus nahm die Mütze ab und kraute sich in dem schlichten Haar
»Das ist schwer zu sagen« erwiderte er verlegen »Wenn ich es ehrlich
sagen soll eigentlich Alle mit Ausnahme natürlich von meiner Christel die
treu zu Ihnen hält aber sonst lassen sie ja wohl kein gutes Haar an Ihnen«
»Nur heraus damit« rief ich »ich mache mir den Teufel daraus also heraus
damit«
»Ich kann es nicht sagen« erwiderte Klaus
Es dauerte lange bis ich den treuen Jungen zum Sprechen brachte Es war ihm
schrecklich eingestehen zu müssen dass man mich in meiner Vaterstadt wo Jeder
Jeden kannte und Jeder an Jedes Schicksal den größten wenn auch nicht immer
liebevollsten Anteil nahm ganz allgemein für einen verlorenen Menschen halte
Die Heizer auf dem Pinguin sprachen davon und die pensionirten Schiffskapitäne
wenn sie auf dem Hafendamm über die Brüstung gelehnt nachdenklich den
Tabakssaft ins Wasser spritzten sprachen auch davon Wohin Klaus den man als
meinen guten Freund kannte gekommen war überall hatte man ihn gefragt ob er
nicht wisse was aus dem schlechten Menschen dem Georg Hartwig geworden sei
der sich ja wohl in der verrufensten Gegend der Insel auf adeligen Gütern
umhertreibe als Spassmacher für betrunkene Edelleute mit denen er das wüsteste
Leben führe der an einem Abend mehr Geld verspiele als sein armer Vater das
ganze Jahr hindurch einnehme und Gott möge wissen wie er zu dem Gelde komme
Das Schlimmste aber war Eines was Klaus nur mit dem nochmaligen ausdrücklichen
Vorbehalt erwähnte dass er kein Wort davon glaube Klaus war gestern Abend um
sich zu verabschieden bei dem Justizrat Heckepfennig gewesen der Christels
Pate war und in dessen Haus Klaus von jeher manchmal kam Die Familie hatte
eben beim Tee gesessen Elise Kohl Emiliens Busenfreundin war auch dagewesen
und man hatte Klaus der Ehre gewürdigt ihm eine Tasse Tee anzubieten nachdem
er gesagt dass er am nächsten Tage nach Zanowitz komme und mich aufzusuchen
gedenke Der Justizrat hatte ihm dringend geraten dies ja nicht zu tun da
seine längst feststehende Meinung ich werde in den Schuhen sterben neuerdings
eine Bestätigung erhalten habe über die er sich nicht auslassen könne Dann
hätten die Mädchen sich über mich zu Gericht gesetzt und gemeint sie könnten
alles Andere verzeihen aber dass ich der Liebhaber von Fräulein von Zehren
geworden sei würden sie mir nicht vergeben Sie hätten es von Arthur gehört
der es doch wissen müsse und Arthur habe solche Dinge von seiner Kousine
erzählt dass ein ordentliches Mädchen sie kaum hätte mit anhören können und die
wieder zu erzählen ganz unmöglich sei
Klaus war erschrocken über die Wirkung, welche dieser Bericht auf mich
machte Vergebens dass er wieder und immer wieder erklärte er glaube ja kein
Wort von alledem und er habe das auch den Mädchen gleich gesagt Ich schwur
dass ich mich für nun und immer von dem treulosen verräterischen Freunde lossage
und dass ich mich früher oder später auf das grausamste an ihm rächen würde Ich
stieß die schrecklichsten Drohungen und Verwünschungen aus Nie würde ich
freiwillig wieder einen Fuß in meine Vaterstadt setzen ja vom Erdboden würde
ich sie vertilgen wenn es in meiner Macht stünde Ich hätte mir bis jetzt noch
immer Gewissensbisse gemacht ob ich nicht doch vielleicht übereilt gehandelt
habe als ich um einer so geringfügigen Veranlassung willen meinen Vater
verließ aber jetzt könne mein Vater mir hundertmal befehlen ich solle
zurückkehren ich würde es nicht tun Und was Herrn von Zehren und Fräulein von
Zehren betreffe so sei mir ein Haar auf ihrem Haupte mehr wert als ganz
Uselin und ich sei bereit für Beide auf der Stelle in diesen meinen
Wasserstiefeln hier zu sterben und die Stiefel möge der Teufel dem Justizrat
Heckepfennig hinterher um den struppigen Kopf schlagen
Der gute Klaus wurde ganz still und betreten als er mich so lästerlich
fluchen hörte Es mochte ihm wohl der Gedanke kommen dass es mit dem Heil meiner
Seele denn doch schlechter stehe als er angenommen Er sprach das zwar nicht
aus aber er sagte in seiner einfachen Weise dass ihm der Ungehorsam gegen
meinen Vater sehr bedenklich sei ich wisse ja wie viel er selbst immer von mir
gehalten habe trotz der Reden der Leute und wie er stets geneigt gewesen und
noch geneigt sei mir in Allem recht zu geben hier aber wäre ich doch gewiss im
Unrecht und wenn mein Vater mir wirklich befohlen habe zu ihm zurückzukehren
so könne er gar nicht absehen wie ich diesem Befehle nicht Folge leisten
sollte und er wolle mir nur gestehen dass ihm mein Ungehorsam gegen meinen
Vater immer im Kopfe herumgegangen und dass er jetzt ruhiger abreisen werde
nachdem er mir das gesagt habe
Ich antwortete nicht und Klaus wagte nicht ein Gespräch das mir so
unangenehm schien fortzusetzen Er ging still neben mir her von Zeit zu Zeit
einen traurigen Blick auf mich werfend ähnlich wie Karo der an meiner andern
Seite trottete und die Ohren hängen ließ denn der Regen fiel wieder stärker
und Karo konnte immer weniger begreifen was das zwecklose Umherlaufen auf dem
nassen Dünensande eigentlich zu bedeuten habe
So kamen wir nach Zanowitz dessen elende Lehmhütten die einen hier die
andern da zwischen den auf und absteigenden Sanddünen zerstreut lagen als
spielten sie mit einander Versteckens Zwischen die Dünen hindurch schaute das
offene Meer herein Das war mir immer ein lieber Anblick gewesen wenn die Sonne
hell herab schien auf den weißen Sand und die blauen Wasser und die weißen
Möven sich lustig über den blauen Wassern schwangen Aber heute sah der Sand
grau aus und grau der Himmel und grau das Meer das in schweren Wogen
herangerollt kam Ja selbst die Möven die kreischend über der Brandung
flatterten sahen grau aus Es war ein trübseliges Bild ganz in der Farbe der
Stimmung in welche mich das Gespräch mit Klaus versetzt hatte
»Ich sehe Peters macht schon klar« sagte Klaus auf eins der größeren
Fahrzeuge deutend die etwas vom Strande entfernt vor ihren Ackern auf den
Wellen tanzten »ich denke wir gehen gleich hinunter sie werden unten auf mich
warten«
So gingen wir denn zum Strande hinab wo man eben im Begriffe war eins von
den vielen kleineren Booten die man auf den Sand gezogen hatte wieder ins
Wasser zu schieben Ein Haufen von Menschen stand dabei unter ihnen der alte
Pinnow Christel und Klaus Tante Julchen eine wohlhäbige Fischerwittwe deren
ich mich von früher her wohl noch erinnerte
Dem armen Klaus wurde kaum eine Minute zum Abschiednehmen vergönnt Schiffer
Peters der das Korn das er für Rechnung des Kommerzienrates geladen hatte
noch heute in Uselin abliefern musste fluchte über die verdammte Trödelei
Pinnow brummte der Faselhans werde nicht gescheidt werden Christel verwandte
die rotgeweinten Augen nicht von ihrem Klaus den sie nun in so langer Zeit
nicht wiedersehen sollte Tante Julchen wischte sich die Tränen und die
Regentropfen mit ihrer Schürze von dem guten dicken Gesicht und der taubstumme
Lehrjunge Jakob der auch dabei stand starrte fortwährend seinen Meister an
als erblickte er dessen rote Nase und blaue Brille heute zum ersten mal Klaus
sah sehr verwirrt und sehr unglücklich aus aber er sagte kein Wort während er
ein Bündel das ihm Christel gegeben hatte in der Linken haltend die Rechte
Allen der Reihe nach reichte und dann in das Boot sprang und einen von den
beiden Riemen ergriff Ein paar Fischer stiegen ins Wasser und schoben das
Boot wurde flott die Riemen wurden eingesetzt und die Nussschale tanzte auf den
Wellen hin nach der Jacht auf der man schon das Hauptsegel halbmastoch
aufgezogen hatte
Als ich mich wieder umwandte verschwand Christel eben mit der dicken Tante
zwischen den ersten Häusern Das arme Ding wollte gewiss die so mühsam
zurückgehaltenen Tränen in der Stille ausweinen und ich glaubte ihr einen
Gefallen zu tun wenn ich wenigstens ihren Vater noch eine Weile am Strande
aufhielt Aber Herr Pinnow hatte gar keine Eile fortzukommen Die blaue Brille
über den Augen die wie ich wusste so scharf sehen konnten blickte er in die
schäumenden Wellen und tauschte mit den Schiffern und Fischern von Zanowitz jene
Bemerkungen aus welche am Strande zurückbleibende Seeratten einem absegelnden
Fahrzeuge nachzuschicken pflegen
Es waren keine vertrauenerweckende Gesichter die starkknochigen mageren
wettergefurchten sonnegebräunten Gesichter der Männer von Zanowitz mit den
hellblauen zwinkernden Augen aber ich sagte mir doch während ich so dabei
stand und sie mir der Reihe nach betrachtete dass meines alten Freundes Gesicht
das am wenigsten vertrauenerweckende von allen war Der böse grausame Zug um
seinen breiten Mund mit den dicken festgeschlossenen und selbst wenn er
sprach sich kaum bewegenden Lippen war mir früher noch nie so aufgefallen
vielleicht sah ich ihn heute mit andern Augen an als sonst In der Tat hatte
sich seit gestern Abend der Verdacht der mir schon wiederholt gekommen war der
alte Pinnow sei in die gefährlichen Unternehmungen Herrn von Zehrens tief
verwickelt aufs neue geregt ja ich hatte fast mit Bestimmtheit angenommen er
werde auch an der Expedition die jetzt im Werke war tätigen Anteil nehmen
und war deshalb sehr erstaunt gewesen als ich von Klaus hörte dass sein Vater
selbst ihn und Christel hierher gefahren habe Indessen wie auch immerhin sein
Verhältnis zu Herrn von Zehren war diesmal war er nicht beteiligt und das
gewährte mir ordentlich eine Erleichterung
Übrigens schien der Schmied unsern Streit an jenem Abend nicht vergessen zu
haben Er tat beständig als ob er mich nicht sähe oder kehrte mir gar den
breiten Rücken zu während er den Andern erzählte was er heute Morgen für eine
rasche Fahrt gemacht und dass er sich für sein Teil nicht hinaus gewagt haben
würde bei dem Wetter und seinen schwachen Augen die mit jedem Tage schwächer
würden hätte der Klaus nicht so gar große Eile gehabt Aber die Christel
wolle er wenn es heute Abend noch eben so stark wehen sollte doch lieber nicht
wieder mitnehmen sie könne ja bei seiner Schwester bleiben dafür wolle er
einen oder den andern tüchtigen Burschen von hier an Bord nehmen zur Aushülfe
denn auf den Jakob den dummen Bengel könne er sich doch nicht recht verlassen
Die tabakkauenden Männer von Zanowitz hörten zu und sagten Ja oder sagten
auch nichts und dachten sich ihr Teil
Der Aufenthalt auf dem Strande wo uns der Regen und Gischt fortwährend ins
Gesicht trieb war unbehaglich genug So wandte ich mich denn von der Gruppe weg
und ging das Ufer hinauf Ich wusste wo das Häuschen von Tante Julchen lag ich
wollte dort vorübergehen und versuchen ob ich Christel nicht wenigstens ein
paar freundliche Worte sagen könne Aber als ob er meine Absicht ahne und zu
verhindern gedenke kam Pinnow in Begleitung von ein paar andern
Galgenphysiognomien hinter mir her so gab ich denn meinen Vorsatz für heute auf
und schritt quer durch das Dorf die Dünen hinauf in der Absicht von dort über
die Heide nach Trantowitz zu gehen
Ich hatte eben die höchste Düne die man ihres besonders glänzenden Sandes
wegen die weiße nannte und von der aus man weit hinauf und hinab den Strand
überblicken konnte erstiegen als ich plötzlich meinen Namen rufen hörte Ich
wandte mich um und sah eine weibliche Gestalt die dicht unter dem scharfen
Rande der Düne aber auf der dem Dorfe und Meere abgewandten Seite in einer
Vertiefung kauerte und mir lebhaft winkte Zu meinem nicht geringen Erstaunen
erkannte ich Christel Schnell ging ich die Schritte die ich schon abwärts
getan hatte zurück Sie zog mich als ich vor ihr stehen blieb in die
Vertiefung hinein indem sie mir mehr mit Gebärden als mit Worten bedeutete dass
ich ganz still sitzen und auch den Hund festhalten solle
»Was hast Du Christel« fragte ich
»Es ist keine Zeit zu verlieren« erwiderte sie »ich muss es in zwei
Minuten gesagt haben Heute Nacht um drei Uhr ist Herr von Zehren zu ihm
gekommen sie dachten ich schlief aber ich schlief nicht weil ich um die
Großmutter weinte und habe Alles gehört Diesen Abend wird eine
mecklenburgische Jacht hier kreuzen die Seide geladen hat Herr von Zehren ist
mit Extrapost nach R gefahren um dem Kapitain der dort liegt und bloß darauf
wartet zu sagen dass er absegelt er selbst kommt auf der Jacht mit Dann
überlegten sie wie sie die Ware von der Jacht abbringen könnten und er hat
sich erboten weil die Luft rein sei es selbst mit seinem Boote zu tun
während die Waren sonst immer hier in Zanowitz geborgen worden sind und er die
für Uselin bestimmten dann erst später und gelegentlich von Zehrendorf abgeholt
hat Als Herr von Zehren meinte es werde auffallen wenn er ohne besondere
Gründe noch dazu bei so schlechtem Wetter aussegle sagte er Klaus habe
gewünscht ehe er fortginge die Tante noch zu sehen da wolle er ihn
herüberfahren und damit gar Niemand Verdacht schöpfen könne wolle er mich
mitnehmen Dann haben sie den Jochen Swart hereingerufen der unterdessen in der
Werkstatt gewesen ist und Herr von Zehren hat ihm befohlen sogleich über die
Fähre nach hier zurückzukehren und für den Abend zwölf der sichersten Leute von
Zehrendorf und Zanowitz bereit zu halten die mit an Bord gehen sollen als
Träger wissen Sie Der Jochen ist gegangen und nach einer Viertelstunde ist
der Jochen wieder gekommen Das hat mich schon gewundert denn Herr von Zehren
hatte ihm ausdrücklich und wiederholt gesagt keine Minute zu verlieren sondern
sogleich aufzubrechen aber er musste ihm schon vorher ein Zeichen gemacht oder
sich sonst mit ihm verständigt haben Nun haben sie die Köpfe zusammengesteckt
und so leise gesprochen dass ich es nicht verstehen konnte aber es musste was
Schlimmes sein denn er ist ein paar Mal leise aufgestanden und hat an meiner
Tür gehorcht ob ich mich nicht rühre Dann ist er weggegangen und Jochen ist
sitzen geblieben Das hat wohl eine Stunde gedauert und es fing schon an zu
dämmern als ich ihn wiederkommen hörte mit einem Dritten und der war der
Steuerrevisor Blanck Er hatte keine Uniform an aber ich habe ihn deutlich
erkannt auch an der Stimme Nun haben die drei miteinander geflüstert sind
aber bald zusammen fortgegangen Gegen sechs ist er allein wiedergekommen und
hat an meine Tür gepocht denn ich hatte nicht gewagt hervorzukommen und hat
gesagt ob ich denn heute gar nicht aufstehen wolle Der Klaus werde gleich da
sein und wir wollten zusammen hierher fahren und ich solle ein bisschen Zeug
mitnehmen denn vielleicht lasse er mich hier bei der Tante«
Während Christel so erzählte und dabei jedes »er« das »ihn« bezeichnete
so scharf hervorhob dass ich trotz der Schnelligkeit mit welcher sie sprach
Alles nur zu wohl begriff hatte sie ein paar mal vorsichtig den Kopf über den
Dünenrand gehoben zu sehen ob Jemand komme
»Ich wusste nicht was ich tun sollte« fuhr sie fort »dem Klaus konnte ich
es nicht sagen denn er ist wie ein Kind und weiß von nichts und soll nichts
wissen und ich danke Gott dass er nun fort ist Ich habe ihm zugeredet Sie
aufzusuchen denn ich dachte Sie kämen vielleicht mit und das ist ja nun auch
geschehen und ich wollte es Ihnen wenn es möglich war sagen ob Sie
vielleicht Rat wüssten Herr von Zehren ist immer so gut zu mir gewesen und hat
noch das letzte mal gesagt er wolle für den Klaus und mich sorgen und vor ihm
solle ich mich nur nicht fürchten denn er wisse recht gut und er habe es ihm
auch gesagt wenn er mir etwas zu Leide täte würde er ihn todtschiessen Und
seitdem hat er mich auch zufrieden gelassen aber auf den Herrn von Zehren hat
er so gräulich geflucht und dass er es ihm schon eintränken wolle und nun will
er ihn an den Galgen bringen«
Christel wollte anfangen zu weinen aber sie wischte die Tränen resolut mit
dem Rücken der Hand ab und sagte »Ich kann nicht mehr tun sehen Sie zu ob
Sie weiter helfen können und ängstigen Sie sich nicht um mich wenn er auch
erfährt dass ich es gewesen bin«
Ein tiefe Röte flammte in ihrem Gesichte auf aber das mutige Mädchen war
entschlossen Alles zu sagen und so sagte sie
»Ich habe schon mit der Tante gesprochen die Tante will mich bei sich
behalten und sie hat einen großen Anhang hier dass er nicht wagen wird gegen
sie aufzutreten Und nun muss ich zurück laufen Sie schnell die Düne hinab da
unten kann man Sie nicht mehr sehen und adjüs«
Ich drückte Christel die Hand und sprang die Düne hinab an die sich andere
niedrigere wild durcheinander geworfene zum Teil mit Strandgras und Ginster
überlaufene anreihten zwischen denen ich vor dem Auge eines Spähers ziemlich
sicher war Dennoch schlich ich gebückt weiter und richtete mich nicht eher
wieder auf als bis ich nach ein paar hundert Schritten auf der Heide war wo
ich mich doch nicht länger verbergen konnte Als ich nach der weißen Düne
zurückblickte sah ich Christel nicht mehr sie hatte offenbar einen günstigen
Augenblick benutzt um sich ungesehen in das Dorf zurückzuschleichen
Fünfzehntes Kapitel
Karo hatte während ich den schmalen Pfad über die Heide nach Trantowitz lief
keine Veranlassung mit dem Benehmen seines Herrn zufriedener zu sein als zuvor
Ich sprach nicht mit ihm wie sonst ich hatte kein Auge für die paar
unglücklichen Hasen die er um sich die tödtliche Langeweile zu vertreiben aus
ihrem nassen Lager aufstiess oder für die Mövenschwärme die sich vor dem
Unwetter auf dem Meere hierher zurückgezogen hatten wo es freilich auch noch
Wasser genug gab Ich lief in einer Eile als hänge Tod und Leben davon ab ob
ich Trantowitz fünf Minuten früher oder später erreichte und doch war es nur zu
gewiss dass Hans wenn ich ihn ins Vertrauen zog ebenso ratlos sein würde wie
ich Aber Hans von Trantow war ein guter Mensch und Herrn von Zehren das wusste
ich von Herzen ergeben Und er liebte ja auch Konstanze um Konstanzens willen
selbst wenn er sonst keinen Grund gehabt hätte musste er mir helfen Konstanzens
Vater zu retten wenn Rettung noch möglich war
So stürmte ich dahin Unter meinen Tritten spritzte das Wasser aus dem
nassen Boden in dem ich manchmal bis über die Knöchel versank der Regen schlug
mir ins Gesicht und die Möven kreischten während sie die spitzen Schnäbel
nach unten gekehrt über mir flatterten
Von Zanowitz nach Trantowitz war es eine halbe Stunde die mir wie eine
Ewigkeit vorkam Endlich erreichte ich den Hof der selbst im Sonnenschein kahl
und öde und heute im Regenwetter abscheulich aussah Vor dem einstöckigen
Wohnhause mit den acht himmelhohen Pappeln deren schlanke Wipfel der Regensturm
zerzauste hielt Granows Jagdwagen bespannt Der widerwärtige Mensch war also
da aber gleichviel ich musste Hans allein sprechen und sollte ich Herrn von
Granow vorher zur Tür hinauswerfen
Die Herren saßen als ich eintrat beim Frühstück ein paar leere Flaschen
die auf dem Tisch standen bewiesen dass sie bereits einige Zeit dabei gesessen
hatten Granow verfärbte sich bei meinem Anblick Ich mochte mit meinem
erhitzen aufgeregten Gesicht meinen vom Regen durchnässten Kleidern und den
bis oben hinauf von Dünensand und Moorschlamm bedeckten Jagdstiefeln bedenklich
genug aussehen und der kleine Mann hatte mir gegenüber nicht das beste
Gewissen Trantow langte ohne sich zu erheben bei meinem Eintritt nach einem
Stuhl der in der Nähe stand rückte denselben an den Tisch und nickte indem
er mir die Hand reichte nach den Flaschen und Schüsseln Sein gutes Gesicht war
bereits sehr rot und seine großen blauen Augen ein wenig gläsern offenbar
kamen die leeren Flaschen zum größten Teil auf seine Rechnung
»Sie sind doch nicht auf der Jagd gewesen bei dem gräulichen Wetter« fragte
Herr von Granow der plötzlich sehr freundlich geworden war und mir verbindlich
Brod Butter und Schinken zuschob welchem Allen ich trotz meiner Sorgen
eifrig zusprach denn ich war vollkommen ausgehungert und die dumpfe Luft des
Zimmers hatte mir fast eine Ohnmacht zu Wege gebracht »Wir sitzen hier schon
seit zwei Stunden und überlegen wie wir den Tag hinbringen sollen Ich habe
ein kleines Jeu vorgeschlagen aber Hans will nicht spielen er sagt er wolle
überhaupt nicht wieder spielen Er sagt das Spiel sei ein Laster«
»Das ist es auch« brummte Hans
»Nämlich nur wenn er gewinnt« sagte Granow und lachte über seinen Witz
»Er findet es lasterhaft andern Leuten das Geld abzunehmen das sie vielleicht
notwendig brauchen er selbst braucht kein Geld nicht wahr Hans«
»Wüsste nicht wozu« sagte Hans
»Da hören Sie es selbst er weiß nicht wozu Er muss heiraten das ist die
Sache dann wird er wissen wozu er das Geld braucht Wir haben noch eben
darüber gesprochen«
Das Rot auf des guten Hans Gesicht dunkelte noch ein wenig nach und er warf
einen scheuen Blick auf mich es schien mir dass ich in dem Gespräche der Herren
eine Rolle gespielt hatte
»Es wird ihm nicht so leicht wie Ihnen der Sie nur anzuklopfen brauchen«
sagte ich
»Sie meinen« fragte der kleine Herr mit einiger Unruhe
»Ich meine Sie hätten das vorgestern Abend mir selbst gesagt« erwiderte
ich »Sie nannten ja auch wohl Namen aber es geht nicht es geht wirklich
nicht obgleich Herr von Granow sich die Sache nach allen Seiten überlegt hat«
Ich hatte die letzten Worte indem ich mich zu Hans wandte in ironischem
Tone gesprochen Hans dessen Kopf niemals besonders hell war konnte an diesem
dunkeln Tage kein Licht in meine Rede bringen aber Herr von Granow hatte mich
nur zu gut verstanden
»Man sollte einen Scherz nicht ernster nehmen als er gemeint ist« sagte
er indem er sich mit zitternder Hand ein Glas Wein einschenkte
»Oder vielmehr man sollte mit gewissen Dingen überhaupt keinen Scherz
treiben« erwiderte ich indem ich seinem Beispiel folgte
»Ich bin alt genug um ohne Ihre Belehrungen fertig werden zu können« sagte
der Kleine mit einem kläglichen Versuch mich einzuschüchtern
»Und haben doch nicht gelernt Ihre Zunge im Zaume zu halten« erwiderte
ich ihm starr ins Gesicht sehend
»Es scheint Sie wollen mich beleidigen junger Mensch« schrie er indem er
das Glas an dem er genippt heftig auf den Tisch stieß
»Soll ich Ihnen das vielleicht dadurch noch deutlicher machen dass ich Ihnen
dies Glas an den Kopf werfe«
»Aber Ihr Herren« sagte Hans
»Genug« rief der Kleine indem er seinen Stuhl zurückstiess und aufsprang
»ich will nicht länger in dieser Weise beleidigt sein ich will Satisfaction
haben wenn dieser Herr satisfactionsfähig ist«
»Mein Vater ist ein ehrenwerter Steuerbeamter« sagte ich »mein Großvater
war Prediger mein Urgroßvater ebenfalls der Ihrige ist ja wohl Schäfer
gewesen«
»Wir sprechen uns wieder« kreischte der Kleine indem er zum Zimmer
hinausstürmte und die Tür hinter sich zuschlug Einen Moment später hörten wir
seinen Wagen eilig über das Pflaster des Hofes davon rollen
»Nun aber was bedeutet dies« fragte Hans der sich während der ganzen
Szene nicht in seinem Stuhle geregt hatte
Ich brach in ein wildes Gelächter aus
»Das bedeutet« rief ich »dass Herr von Granow ein Lump ist der die
Frechheit gehabt hat über eine Dame die wir Beide verehren in einer Weise zu
lästern für die er noch ganz etwas Anderes verdient hätte und außerdem habe
ich ihn weg haben wollen ich muss Sie sprechen Sie müssen mir helfen Sie
müssen ihm helfen «
Ich wusste nicht wie ich beginnen sollte und lief durch die eben gehabte
Szene doppelt aufgeregt wie ein Wahnsinniger in dem Zimmer auf und ab
»Trinken Sie eine halbe Flasche auf einmal« sagte Hans nachdenklich »das
ist ein Universalmittel das macht einen klaren Kopf«
Aber ich kam auch ohne des guten Hans Universalmittel wieder so weit zur
Ruhe um ihm mitteilen zu können was mir schier das Herz abdrückte Ich
erzählte ihm Alles von Anfang an meinen ursprünglichen Verdacht gegen Herrn von
Zehren der vollkommen eingeschlafen sei bis ihn Granows Schwatzhaftigkeit
wieder geweckt habe dann Herrn von Zehrens halbes Zugeständnis gestern Abend
und die Umstände seiner Abreise wobei ich nur den Brief des Steuerrats der
doch eigentlich nicht mein Geheimnis war verschwieg sodann die
KellerExpedition von heute morgen endlich Christels Mitteilung Ich sagte
zuletzt »Herr von Trantow ich weiß nicht wie Sie über seine Handlungsweise
denken aber ich weiß dass Sie ihn lieb haben und dass Sie« fügte ich errötend
hinzu »Konstanze Fräulein von Zehren verehren Helfen Sie mir wenn Sie
können ich bin entschlossen Alles daran zu setzen ihn nicht in die Schlinge
fallen zu lassen die man ihm offenbar gelegt hat«
Hans von Trantow war während meiner Erzählung die Zigarre ausgegangen ohne
dass er einen Versuch gemacht hatte dieselbe wieder in Brand zu setzen ein
Beweis der gespannten Aufmerksamkeit mit der er meinem Bericht gefolgt war
Jetzt als ich zu Ende reichte er mir über den Tisch herüber seine große Hand
und wollte etwas sagen bemerkte aber dass unsere Gläser leer waren so schenkte
er dieselben wieder voll zündete sich dann die Zigarre an lehnte sich in
seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine graue Wolke
»Ich kann es nicht ausdenken« fuhr ich durch Hans schweigende Teilnahme
angefeuert fort »dass sie ihn fangen denn ich bin überzeugt er wird sich
nicht gutwillig ergeben er wird sich zur Wehr setzen«
Hans nickte um anzudeuten dass er darüber nicht den geringsten Zweifel
habe
»Und dann zu denken dass sie ihm den Prozess machen dass sie ihn ins
Gefängnis werfen Herr von Trantow sollen wir das zulassen wenn wir es hindern
können Er hat mir noch gestern eine Geschichte erzählt wie einer seiner Ahnen
der auch Malte hieß von einem der Ihren der sich Hans nannte wie Sie
herausgeholt und herausgehauen ist als sie ihn in Uselin gefangen hatten auf
eine Botschaft hin die dem Hans von Trantow ein treuer Junge von einem Knappen
brachte Nun das stimmt Alles heute wie damals Ich bin der treue Knappe und
Sie und ich wir wollen ihn heraushauen dass es nur so eine Art hat«
»Ja das wollen wir« rief Hans indem er mit seiner schweren Faust auf den
Tisch schlug dass die Flaschen und Gläser tanzten »Wir wollen den Turm in die
Luft sprengen wenn sie ihn einsperren«
»So weit dürfen wir es nicht kommen lassen« sagte ich trotz meiner Sorgen
unwillkürlich über Hans gutmütigblinden Eifer lächelnd »Wir müssen ihn
vorher benachrichtigen wir müssen vorher an ihn kommen wir müssen den ganzen
Plan den man auf Pinnows und Jochens schurkische Verräterei gebaut hat
zerstören Aber wie nur wie«
»Ja wie« sagte Hans indem er sich nachdenklich die Stirn rieb
Wir oder vielmehr ich denn Hans begnügte sich den eifrigen Zuhörer zu
machen und mir fortwährend einzuschenken vermutlich um meiner Erfindungskraft
zu Hilfe zu kommen entwarfen hundert Plane von denen der eine immer weniger
ausführbar war als der andere bis ich zuletzt auf den folgenden verfiel der
sich denn wie übrigens die andern auch der vollsten Zustimmung des guten Hans
erfreute
Wenn man die Absicht hatte Herrn von Zehren auf frischer Tat zu ergreifen
und wie konnte ich nach Christels Mitteilung daran zweifeln so war die
größte Wahrscheinlichkeit dass man ihm wie das in diesen Affairen immer die
Praxis war einen Hinterhalt gelegt hatte Dieser Hinterhalt konnte nur auf
einem Wege liegen in den man ihn geflissentlich lockte oder den er notwendig
kommen musste Über den ersteren Fall war selbstverständlich nichts vorher
auszumachen für den letztern Fall war mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen
dass der Hinterhalt in unmittelbarer Nähe des Hofes lag In jedem Falle musste man
suchen so früh wie möglich zu ihm zu gelangen Hier aber gab es nur ein Mittel
Man musste mit Pinnow zugleich aussegeln das heißt man musste sich da der Alte
so bedenkliche Passagiere gutwillig gewiss nicht mitnehmen würde die Mitfahrt
erzwingen Wie das ins Werk zu richten sei konnte nur dem Zufall überlassen
bleiben die Hauptsache war dass wir zur rechten Zeit in Zanowitz waren Vor
Einbruch der Dunkelheit segelte Pinnow jedenfalls nicht denn die
SchmugglerJacht würde ohne Zweifel erst unter dem Schutze der Dunkelheit und
zwar dann so nahe als möglich herankommen Waren wir erst einmal an Bord musste
sich das Weitere finden
Dann wurde ein zweite Frage erörtert Dass es so oder so ohne Gewalt nicht
abgehen würde daran zweifelte weder Hans noch ich Mit Gewehren war im Dunkeln
nichts zu machen noch weniger mit Hirschfängern oder Jagdmessern gegenüber
Pinnow und seinen Gesellen die alle Messer führten und Messer jedenfalls besser
zu gebrauchen wussten als wir Es mussten also Pistolen sein
Hans hatte ein Paar ein Paar reichte nicht in Herrn von Zehrens Zimmer
hing ein anderes Sie mussten herbeigeschaft werden Über Konstanzens Verbot
das Haus vor der Rückkehr des Vaters nicht wieder zu betreten setzte ich mich
leicht weg hier standen höhere Interessen auf dem Spiel hier handelte es sich
um Tod und Leben Ja es fragte sich ob es nicht wohlgeraten wäre Fräulein
von Zehren wenigstens einen Wink zu geben doch nahmen wir davon Abstand weil
sie schließlich uns nicht helfen konnte und sich also nutzlos ängstigen würde
Dagegen schien es ratsam den alten Christian auf den man sich wohl jedenfalls
verlassen durfte ins Vertrauen zu ziehen Wir konnten mit ihm ein Zeichen
verabreden ein Licht in einem der Giebelfenster oder etwas derart wodurch er
uns im Falle wir unangefochten bis nach Zehrendorf gelangten schon von weitem
benachrichtigen konnte ob auf dem Hofe und um den Hof herum die Luft rein sei
oder nicht
Es war zwei Uhr geworden als wir in unsern Beratungen so weit gekommen
waren bis zur Dämmerung hatten wir mindestens noch drei Stunden während derer
wir uns in Geduld fassen mussten eine schwere Aufgabe für mich in dessen
Adern das Fieber der Ungeduld brannte Hans machte den liebenswürdigsten Wirt
Er holte seine besten Zigarren und seinen besten Wein er war gesprächig wie
ich ihn noch nie gesehen die Aussicht auf ein Abenteuer so ernster Natur wie
es uns bevorstand schien ihn wohltätig aus seiner gewöhnlichen Letargie
aufgerüttelt zu haben Er erzählte die unendlich einfache Geschichte seines
Lebens wie er seine Eltern früh verloren wie man ihn in die
ProvinzialHauptstadt in Pension gegeben damit er das Gymnasium besuchen könne
auf welchem er es im siebzehnten Jahre glücklich bis zur Unterquarta brachte
Dann war er Oekonom geworden hatte als er mündig wurde sein Erbgut
übernommen und da lebte er nun sechs Jahre er stand jetzt in seinem
dreissigsten still und harmlos sein Geschoss nur auf des Waldes und des
Feldes Tiere richtend sein Korn bauend seine Schafe scheerend seine Zigarre
rauchend seinen Wein trinkend und sein Spiel spielend Es gab nur eine Romantik
in diesem prosaischen Leben das war seine Liebe für Konstanze Konstanze sehen
sie lieben und immer weiter lieben trotzdem er sich über die Hoffnungslosigkeit
seiner Leidenschaft längst vollkommen klar war und diese hoffnungslose
Leidenschaft so gut es gehen wollte im Wein ertränken das war des armen
Jungen Schicksal Er nahm es mit vollkommener Seelenruhe hin überzeugt wie er
war dass er nicht der Mann sei sich sein Schicksal selbst zu machen so wenig
wie er sich seine Schularbeiten jemals hatte selbst machen können Weshalb oder
für wen sollte er sich in mühseliger Arbeit quälen Für sich selbst Er hatte
für den Augenblick was er brauchte und eine Zukunft gab es für ihn nicht Er
war der Letzte seines Stammes nicht einmal Verwandte hatte er Wenn er starb
fiel sein Gut als erledigtes Lehen an die Krone Mochte die Krone zusehen was
sie mit den verwitterten Scheunen und Viehställen mit dem zusammenbrechenden
Herrenhause anfing Er ließ verwittern was verwittern zusammenbrechen was
zusammenbrechen wollte Er brauchte nur ein Zimmer und in diesem einen Zimmer
saßen wir jetzt während Hans in seiner eintönigen Weise so erzählte und der
Regen die melancholische Begleitung zu dem traurigen Text an die niedrigen
Fenster schlug
Für mich hatte eine Unterhaltung durch welche Konstanzens Name auch wenn
er nicht genannt wurde fortwährend hindurchklang einen sonderbar peinlichen
Reiz Obgleich Hans das schöne Mädchen nicht mit einer Sylbe anklagte ging doch
aus Allem hervor dass sie seine schüchternen Bewerbungen anfänglich begünstigt
hatte und erst nach der Begegnung mit dem Fürsten Prora diesen Sommer im Bade
eine Veränderung in ihrem Benehmen eingetreten war Und Hans war offenbar nicht
der Einzige gewesen der sich ohne Unbescheidenheit Hoffnung auf ihre Hand hatte
machen dürfen Karl von Sylow Fritz von Zarrentin mit einem Worte fast jeder
aus der Schaar der jungen Edelleute die den Umgang Herrn von Zehrens bildeten
hatte sich früher oder später mit größerem oder geringerem Recht für den
Begünstigten halten können Selbst Granow obgleich er von Anfang an das
Stichblatt der Witze seiner Genossen gewesen war durfte sich rühmen in den
ersten Monaten seines Aufenthaltes von dem schönen Mädchen ausgezeichnet worden
zu sein ja Hans schien noch jetzt Granows Fall für keineswegs verzweifelt zu
halten denn der kleine Mann sei sehr reich und sie wird nur einen sehr Reichen
heiraten sagte Hans und schenkte sich mit einem tiefen Atemzuge sein Glas
wieder voll
Ich war bei Hans letzten Worten aufgesprungen und hatte das Fenster
aufgerissen Mir war als ob ich ersticken müsse als ob die niedrige
Zimmerdecke mit den tiefeingebogenen freiliegenden Balken jeden Augenblick über
mir zusammenbrechen müsse
»Regnet es noch« fragte Hans
Es regnete im Augenblicke nicht dafür kam aber vom Meere her einer jener
Nebel deren schon im Laufe des Tages mehrere vorübergezogen waren
»Richtiges Schmugglerwetter« sagte Hans »der Alte sollte sich schämen an
einem solchen Tage seine Freunde herauszujagen Aber das hilft nun nicht Wollen
wir nicht noch eine Flasche trinken Es wird heute Nacht verdammt kalt werden«
Ich meinte wir hätten schon überreichlich getrunken und dass es wohl Zeit
sei aufzubrechen
»Dann will ich mich zurecht machen« sagte Hans stand auf und ging in seine
Schlafstube wo ich ihn eine Zeit lang zwischen seinen Wasserstiefeln poltern
hörte
Ich hatte immer geglaubt dass ich einer Gefahr gegenüber hinreichend
kaltblütig sei aber in Hans hatte ich doch meinen Meister gefunden Während er
drinnen rumorte hörte ich ihn durch die halb offene Tür »Steh ich in
finsterer Mitternacht« so behaglich pfeifen als ob es zur Hasenjagd ginge als
ob wir nicht im Begriff wären unser Leben aufs Spiel zu setzen Freilich
sagte ich zu mir er liebt hoffnungslos und Herr von Zehren ist ihm eben nur ein
Freund und Nachbar und Standesgenosse dem gegen die verhasste Polizei
beizustehen er für seine Schuldigkeit hält Dass Hans indem er sich für eine
Sache schlagen wollte die ihn im Grunde nichts anging viel mehr tat als ich
zum wenigsten viel uneigennütziger handelte bedachte ich nicht
Und da trat er nun aus seiner Kammer wenn nicht wie der wildeste der wilden
Krieger so doch anzuschauen wie Einer den man sich gern zum Gefährten bei
einem Abenteuer wählt das einen starken und mutigen Mann erfordert Seine
langen Beine staken in mächtigen Stiefeln über sein knapp anliegendes seidenes
Wamms hatte er einen etwas längeren wollenen Überwurf gezogen den er auf
Winterjagden tragen mochte und den man mit einem Gürtel um die Hüften
zusammennehmen oder auch frei herunterfallen lassen konnte Er hatte jetzt das
letztere getan und dafür den Gürtel um das Wamms geschnallt um so die
Pistolen die er in den Gürtel gesteckt hatte zu verbergen Mit gutmütigem
Lachen zeigte er mir seine Ausrüstung und fragte ob ich nicht auch so einen
Überwurf wolle es hänge noch einer nebenan Ich hüllte mich in das praktische
Kleidungsstück »Wir sehen aus wie zwei Brüder« sagte Hans und in der Tat
da wir von derselben Körperlänge und Breite der Schultern und jetzt nun auch
fast gleich angezogen waren hätte man uns wohl für zwei Brüder halten können
»Wenns nicht zu viel sind wollen wir schon mit ihnen fertig werden« meinte
Hans
»So ein halbes Dutzend auf Jeden« sagte ich und lachte aber es war mir
nichts weniger als lächerlich zu Mute als wir die Tür hinter uns schlossen
und Karo den wir zurückgelassen hatten in ein klägliches Winseln und Heulen
ausbrach Armer Karo er hatte heute Morgen nur zu recht gehabt wenn er mich
mit seiner trübseligen Miene erinnerte dass man den Tag nicht vor dem Abend
loben solle
Sechszehntes Kapitel
Es war vier Uhr als wir aufbrachen trotzdem aber lag es schon wie Dämmerung
auf den Stoppelfeldern über die wir jetzt einem Fußsteig folgend nach
Zehrendorf schritten Von Himmel und Wolken konnte man heute nicht sprechen da
die ganze Atmosphäre mit trübem Wasserdunst angefüllt war durch welchen jeder
Gegenstand ein sonderbar fremdes unheimliches Ansehen erhielt Wir schritten
rasch neben und manchmal hintereinander her denn der Fußpfad war sehr schmal
und in Folge des unendlichen Regens sehr schlüpfrig Eben sprachen wir darüber
was wir Konstanze sagen wollten im Falle wir ihr doch gegen unsern Wunsch
begegnen sollten als wir zu gleicher Zeit auf der mit Weiden besetzten
Landstraße welche sich in der Entfernung von vielleicht hundert Schritten neben
uns hinzog eine vom Schloss kommende mit zwei Pferden bespannte Kutsche in so
großer Eile dahinjagen sahen dass sie in weniger als einer halben Minute im
Nebel verschwunden war und wir nur noch den dumpfen Hufschlag der flüchtigen
Pferde und das Rollen des Wagens auf dem höckerigen Fahrdamm hörten Hans und
ich sahen uns erstaunt an
»Wer kann das sein« fragte Hans
»Es ist der Steuerrat« sagte ich
»Wie soll der hierher kommen« fragte Hans
Ich antwortete nicht ich konnte doch Hans nicht von dem Briefe erzählen
welcher die directe oder indirecte Mitschuld des Steuerrats bewies und wie
wahrscheinlich es sei dass der Mann versucht haben werde den Bruder zu warnen
nachdem so oder so die Sache zu Tage gekommen Welche Nachricht aber hatte er
gebracht Konnte sie noch dem unglücklichen Mann auf welchen der Verrat
lauerte zugute kommen
»Lassen Sie uns eilen was wir können« rief ich indem ich ohne Hans
Antwort abzuwarten voranstürmte und Hans der ein trefflicher Läufer war mir
auf dem Fuße folgte
In wenigen Minuten hatten wir das Tor erreicht das von dieser Seite auf
den Hof führte Vor dem Tore war eine steinerne Bank angebracht für Leute die
auf das Aufschliessen des Tores warten mussten und auf dieser Bank saß oder
vielmehr lag der alte Christian dem aus einer frischen Wunde auf der Stirn das
Blut über das bleiche runzelige Gesicht floss Eben als wir herankamen wachte
er aus einer halben Ohnmacht auf und starrte uns mit verwirrten Blicken an Wir
richteten ihn in die Höhe Hans schöpfte aus einer Regenlache in der Nähe Wasser
in die hohle Hand und goss es dem Alten über das Gesicht Die Wunde war nicht
tief und schien von einem Schlage mit einem stumpfen Werkzeug herzurühren
»Was ist geschehen Christian« hatte ich schon ein halbes Dutzend mal
gefragt ehe der arme alte Mensch so weit wieder zu sich kam um mit schwacher
Stimme antworten zu können
»Was soll geschehen sein Weg ist sie und er hat mich mit dem
Peitschenstiel übers Gesicht geschlagen als ich ihm das Tor zusperren
wollte«
Ich hatte genug gehört Wie ein Raubtier dem sein Junges gestohlen ist
sprang ich fort nach dem Hause Die Türen standen auf die Haustür die zum
Speisezimmer die zu Herrn von Zehrens Zimmer Ich stürzte hinein da ich
drinnen hämmern und rumoren hörte Vor dem Secretär Herrn von Zehrens kniete die
alte Pahlen und arbeitete während sie dabei wütend schalt mit einem
Küchenbeil und Stemmeisen an dem Schloss Sie hatte mein Kommen nicht gehört
ich riss sie mit einem Griff in die Höhe sie fuhr zurück und stierte mich mit
Blicken an die von ohnmächtiger Wut funkelten Das graue Haar hing ihr in
Zotteln unter der schmutzigen Haube hervor in der Rechten hielt sie noch das
Beil Das scheussliche Weib dessen grundböse Natur jetzt offen hervortrat
gewährte einen entsetzlichen Anblick aber ich war nicht in der Stimmung mich
durch einen Anblick und wäre er noch entsetzlicher gewesen einschüchtern zu
lassen
»Wo ist sie hin« donnerte ich sie an »Sie müssen es wissen denn Sie haben
ihr weggeholfen«
»Ja das hab ich« schrie die Hexe »das hab ich und Gott soll mich
verdammen dass ich es habe Das undankbare nichtswürdige Geschöpf hat mir
versprochen mich mitzunehmen und lässt mich mit Schimpf und Schanden hier in
der Räuberhöhle aber sie wirds ja noch an sich erleben wenn er sie auf die
Straße wirft die «
»Weib noch ein Wort und ich schlage Dich zu Boden« rief ich indem ich
drohend die Faust erhob
Die Alte brach in ein kreischendes Gelächter aus »Nun fängt der auch noch
an« rief sie »dem haben sie eine schöne Nase gedreht der dumme Junge glaubt
er sei der Hahn im Korbe während der Andere Nacht für Nacht bei ihr gewesen
ist Lässt sich auch noch wegschicken damit der Andere in der Kutsche kommen und
die saubere Mamsell holen kann« Und wieder kreischte die Alte in wahnsinnigem
Gelächter auf
»Dem sei nun wie ihm wolle« sagte ich indem ich mich dem gräulichen Weibe
gegenüber zwang den rasenden Jammer der mein Herz schwellen machte
niederzukämpfen »Ihnen ist auf jeden Fall recht geschehen und wenn ich Sie
nicht als eine Diebin die Sie sind vom Hofe herunter hetzen soll so machen
Sie im Augenblick dass Sie fortkommen«
»Ei sieh doch« kreischte das Weib die Arme in die Seite stemmend »wie
der hier das große Wort führt Eine Diebin so ich will bloß mein Geld ich
habe seit einem halben Jahre keinen Lohn bekommen von der Bettlerbagage von der
Schmugglerbande«
Sie hatte von mir in den zwei Monaten meines Aufenthalts auf Zehrendorf mehr
bekommen als ganz gewiss ihr Jahreslohn betrug und ich hatte selbst gesehen
wie Herr von Zehren ihr noch vor wenigen Tagen ihren Lohn ausgezahlt und ein
großes Trinkgeld dazu gegeben hatte
»Hinaus« rief ich »hinaus und herunter vom Hof im Augenblick«
Die Alte fasste nach dem Beil aber sie wusste recht gut dass ich nicht so
leicht in Furcht zu setzen war So wich sie denn vor mir zurück zu dem Zimmer
und zu dem Hause hinaus indem sie dabei fortwährend in den höchsten Tönen die
entsetzlichsten Schimpfreden und wildesten Drohungen gegen Herrn von Zehren
gegen Konstanze und mich außstieß Ich machte selbst das große Hoftor hinter
ihr zu und wandte mich dann zu Hans der eben aus dem Leutehause heraus kam
wohin er den alten Christian gebracht hatte
Hans war ganz blass und sah mich nicht an als er an mich herantrat Er hatte
von Christian genug erfahren dass er mich nicht um die näheren Details von
Konstanzens Entführung zu befragen brauchte und er mochte mich nicht sehen
lassen wie hart ihn der Schlag getroffen der ihm sein Götterbild in den Kot
schleuderte der ihm seine einzige Illusion den letzten Schimmer von Poesie in
seinem armen Leben so grausam zerstörte Ich ergriff und drückte seine Hand
»Was nun« fragte ich
»Wenn ich ihm nachjagte und ihm den Schädel einschlüge« sagte Hans
»Vortrefflich« erwiderte ich mit einem Gelächter das mir nicht von
Herzen kam »falls er sie gewaltsam entführt hätte aber da sie sich sehr
gutwillig hat entführen lassen Kommen Sie die Sache ist wahrlich nicht
wert dass wir auch nur einen Augenblick weiter daran denken«
»Sie haben sie nicht sechs Jahre lang geliebt« sagte der arme Hans
»Dann satteln Sie sich Herrn von Zehrens Braunen und reiten Sie ihm nach«
sagte ich »aber entscheiden müssen wir uns«
Hans stand unschlüssig da »Ich hätte Ihnen bei Gott gerne geholfen« sagte
er
»Reiten Sie ihm nach und züchtigen Sie den Buben wenn Ihnen so zu Mute
ist« rief ich »mir soll es recht sein Nur muss gleich geschehen was geschehen
soll«
»Dann will ichs tun« sagte Hans und ging mit langen Schritten nach dem
Pferdestall wo wie er wusste Herrn von Zehrens Reitpferd stand ein
starkknochiges Jagdpferd das seine besten Jahre hinter sich hatte und in
jüngster Zeit wo Herr von Zehren wenig mehr ritt sehr vernachlässigt wurde
Es war auf dem Hofe ein junger halbwüchsiger Bursche der allerlei Arbeit
verrichtete und von den Anderen sehr gehudelt wurde Der kam jetzt zu mir heran
und sagte der Jochen sei vor einer Stunde dagewesen und habe sich den Karl der
in dem Futterraume Häcksel geschnitten und den Hanne der in der Leutestube
gesessen geholt so habe er Karls Arbeit übernehmen müssen Von dem was
unterdessen vorgefallen hatte er hinten in seinem dunkeln Futterraume nichts
gesehen und gehört
Dem sehr einfältigen halb blödsinnigen Menschen eine Rolle zu erteilen
wie sie Christian hatte übernehmen sollen wäre Torheit gewesen aber da er ein
guter Junge war konnte ich ihm immerhin die Sorge für den Alten und die
Bewachung des Hofes anvertrauen Er sollte von Zeit zu Zeit mit dem Hunde den
ich von der Kette ließ die Runde machen und unter keiner Bedingung die alte
Hexe die ich soeben vom Hofe gejagt und von der ich mir das Schlimmste versah
wieder hereinlassen Fritz versprach meinen Befehlen genau Folge zu leisten
Dann lief ich in das Haus und steckte Herrn von Zehrens Pistolen die geladen
an der Wand hingen zu mir
Als ich wieder auf den Hof kam sah ich eben noch Hans aus dem Tor
galoppiren Eine tolle Eifersucht erfasste mich Weshalb durfte ich nicht an
seiner Stelle sein Die gefasste Ruhe die Gleichgiltigkeit die ich eben zur
Schau getragen es war Alles nur Heuchelei gewesen ich hatte nur das eine
Verlangen mich rächen zu können an ihm an ihr aber ich musste es dem Hans
überlassen er hatte sie sechs Jahre geliebt
So tobte es in mir während ich im schnellsten Schritt durch die Felder
über die Wiese zuletzt über die Heide nach Zanowitz eilte Wie sehr ich mich
auch bemühte meine Gedanken auf das zu richten was mir zunächst oblag immer
wieder schweiften sie zu dem zurück was eben geschehen war obgleich ganz
vergeblich Es lag wie ein schwerer Alp auf mir Ich erinnere mich dass ich
einmal stillstand und laut aufschrie zu dem grauen Nebelhimmel Erst als ich die
Dünen erreichte kam mir mit der Notwendigkeit jetzt einen bestimmten Plan zu
fassen die Besinnung wieder
Das Wetter hatte sich unterdessen etwas aufgeklärt der Wind war
umgesprungen es regnete nicht mehr und der Nebel hatte sich gehoben es war
jetzt obgleich die Sonne bereits untergegangen sein musste heller als eine
Stunde zuvor Von der Höhe der Dünen auf Zanowitz hinabblickend sah ich den
hellen Himmel in scharfer Linie von dem dunkeln Meere sich abheben das noch
immer obgleich nicht mehr mit der Heftigkeit von heute Morgen seine Wogen
heranwälzte Die größeren Fahrzeuge auf der Rhede konnte ich nur noch mit Mühe
erkennen aber die Reihe der auf den Strand gezogenen Boote sah ich deutlich
ebenso wie die Jolle die eben herangerudert kam auf eine kleine Gruppe von
Männern zu die dort stand Wenn dies die Letzten von Pinnows Gesellschaft
waren so hätte ich keine Minute später kommen dürfen Möglich war es freilich
auch dass die dunkeln Gestalten bereits Zollbeamte waren doch hätte ich mir
sagen können dass die Wahrscheinlichkeit nicht groß sei Zanowitz steckte voll
von Schmugglern eine offenbare Verräterei durfte Pinnow kaum wagen Nicht dass
man versucht haben würde eine von ihm geleitete Expedition der Steuerbeamten
gewaltsam zu verhindern aber er wäre von Stund an sobald er offen handelnd
auftrat der Rache der Schmuggler verfallen und seines Lebens keinen Augenblick
mehr sicher gewesen Wie also auch der Verrat gesponnen sein mochte die
Verräter hatten jedenfalls dafür gesorgt dass ihr Spiel für alle Andern
vollständig verdeckt war
Das zu überlegen hatte ich freilich keine Zeit Ich überlegte eben gar
nicht sondern sprang die Dünen hinab Als ich mich der Gruppe näherte löste
sich ein Mann von derselben ab und kam auf mich zu Er hatte sich den Kragen
seiner Jacke so weit als möglich in die Höhe und den breiten Rand seines
Südwesters so tief als möglich in die Stirn gezogen dennoch erkannte ich ihn
sofort
»Guten Abend Pinnow« sagte ich
Er antwortete nicht
»Es ist gut dass ich Sie treffe« fuhr ich fort »ich hörte heute Morgen von
Ihnen Sie würden möglicherweise noch heute Abend nach Uselin segeln ich wollte
Sie bitten mich mitzunehmen«
Pinnow antwortete nicht
»Sie werden mich schon mitnehmen müssen« sagte ich weiter »ich habe mich
schon vollständig auf die Fahrt vorbereitet Sehen Sie« und ich schlug meinen
Überwurf zurück und zog eine der Pistolen halb aus dem Gürtel »sie sind scharf
geladen«
Pinnow antwortete nicht
»Wollen Sie vielleicht gleich einmal an sich selbst probiren ob sie geladen
sind« fragte ich weiter indem ich die Pistole ganz hervorzog und den Hahn
spannte
»Kommen Sie« sagte Pinnow
Ich setzte den Hahn in Ruh steckte die Pistole wieder in den Gürtel und
hielt mich einen Schritt rechts ein wenig hinter Pinnow Ich sagte zu ihm
»Glauben Sie nicht dass Sie bei den Leuten da Schutz finden ich bleibe an
Ihrer Seite und beim ersten Worte mit welchem Sie dieselben gegen mich
aufhetzen sind Sie ein todter Mann Wie viel haben Sie schon an Bord«
»Zehn Mann« brummte Pinnow »Übrigens weiß ich nicht was Sie von mir
wollen machen Sie die Sache mit oder machen Sie sie nicht mit mir ist den
Teufel daran gelegen«
»Das werden wir sehen« sagte ich
Wir traten jetzt zu der Gruppe die aus meinem langen Freunde Jochen Karl
und Hanne unsern Knechten und aus dem taubstummen Jakob bestand der die Jolle
herüber gerudert hatte
»Er will mit« sagte Pinnow lakonisch indem er selbst Hand anlegte die
Jolle tiefer ins Wasser zu schieben
Dem Jochen glaubte ich die Bestürzung über meine Dazwischenkunft auf dem
brutalen Gesichte lesen zu können Er suchte in den Augen seines Spiessgesellen
eine Erklärung des Rätsels aber Pinnow war nur mit der Jolle beschäftigt Die
beiden Andern standen bei Seite Sie wussten offenbar nicht was dies Alles zu
bedeuten hatte
»Es werden nur vier fest« sagte Pinnow
»Und das reicht auch vollkommen aus« sagte ich »Ihr Karl und Hanne geht
nach Hause und haltet Euch da ganz ruhig hört Ihr«
»Ich kann auch nach Hause gehen« sagte Jochen trotzig
»Einen Schritt von der Stelle« schrie ich ihm die Pistole vor das Gesicht
haltend »und Du hast zum letzten mal auf Deinen Beinen gestanden Marsch
hinein«
Jochen Swart gehorchte
»Jetzt Sie Pinnow«
Pinnow tat wie ihm geheißen Ich folgte
Wir hatten wohl zwanzig Minuten zu rudern bis wir an dem Kutter ankamen
denn die Brandung war stark und der Kutter hatte wegen seines Tiefgangs
ziemlich weit draußen vor Anker gehen müssen Dieser Umstand vereitelte einen
Plan den ich noch in der letzten Minute gefasst nämlich die ganze Bande wieder
ans Land zu setzen und mit Pinnow und Jochen allein zur Jacht zu fahren Ich
sah dass über dem Hinund Herrudern im besten Falle eine Stunde vergehen würde
und mir lag Alles daran so früh als möglich mit Herrn von Zehren
zusammenzukommen Was konnte nicht Alles in einer Stunde geschehen
Wir langten am Kutter an der auf den Wellen vor seiner Ankerkette tanzte
wie ein Pferd das ungeduldig ist fortzukommen im Geschirr steigt Wir gingen
längsseit ich sprang an Bord mitten zwischen die schwarzen Gestalten hinein
»Guten Abend Leute« sagte ich »Ich will auch dabei sein Die Meisten von
Euch werden mich kennen Sie wissen dass ich ein guter Freund von Herrn von
Zehren bin übrigens bürgen Pinnow und Jochen Swart für mich«
Ich glaube es hätte dieser Bürgschaft die übrigens von den Genannten durch
ihr Schweigen gegeben wurde nicht einmal bedurft Ich war wiederholt mit Herrn
von Zehren auch den Tag vorher in Zanowitz gewesen und hatte wohl mit jedem
der Leute einmal gesprochen Mein intimes Verhältnis zu Herrn von Zehren war
ihnen wohlbekannt so schienen sie denn auch nichts Besonderes darin zu finden
dass ich an einer Expedition teilnehmen wollte die für Rechnung ihres und
gewissermaßen meines Patrons ausgeführt wurde Es antwortete mir Keiner wie
denn diese Leute nie ein Wort verlieren aber sie machten mir willig Platz
Meine Annahme dass Pinnow und Jochen Swart die einzigen Verräter seien war
bestätigt Vorläufig waren sie also in jeder Beziehung in meiner Hand Wenn ich
den Leuten mitteilte was ich wusste so flogen vermutlich die sauberen
Spiessgesellen über Bord Die Leute von Zanowitz verstanden in diesen Dingen
keinen Spaß
Ich sagte das zu Pinnow indem ich mich zu ihm ans Steuer stellte
»Tun Sie was Sie wollen« brummte er während er ein Stück Kautabak in den
breiten Mund steckte
Obgleich Christels Angaben so bestimmt gewesen waren machte die
unverwüstliche Ruhe des Mannes jetzt wo er wusste dass sein Leben jeden
Augenblick auf dem Spiele stand mich doch stutzig Hatte Christel sich in ihrer
Aufregung getäuscht verhört War ich ohne Not in die Gesellschaft dieser
unheimlichen Gesellen geraten die bei Nacht und Nebel ihr gefahrvolles Gewerbe
trieben
Unterdessen stampfte der Kutter der ein ausgezeichnetes Fahrzeug war in
die Wellen Der Himmel hatte sich mehr und mehr aufgeklärt es war immer noch so
viel Licht dass man auf zwei dreihundert Schritte mit einiger Deutlichkeit vor
sich sehen konnte Doch war es bitter kalt und das Spülwasser das oft in
ganzen Massen auf den Kutter stürzte trug gerade nicht dazu bei die Situation
angenehmer zu machen Das immerhin doch kleine Fahrzeug war von den vierzehn
Menschen die es an Bord hatte dicht besetzt Wohin man blickte lag oder
kauerte eine dunkle Gestalt Pinnow saß am Steuer Indem ich mich fortwährend in
seiner unmittelbaren Nähe hielt und ihn also ganz genau beobachten konnte wurde
ich mit jeder Minute zweifelhafter ob nicht Alles auf ein Missverständnis
hinauslaufe Da saß der breitschulterige Mann und keine Muskel in seinem
Gesichte regte sich nur dass er von Zeit zu Zeit mit einer langsamen Bewegung
der unteren Kinnlade den Tabak aus einer Backe in die andere schob während er
die scharfen Augen bald über die Segel bald über das Meer schweifen ließ Wenn
er was da wir kreuzen mussten alle Augenblicke geschah Re commandirte und
wir uns bückten den Segelbaum über uns weglaufen zu lassen klang seine Stimme
so gleichmäßig fest einmal wie das andere War es möglich dass ein Verräter
eine so sichere Hand ein so scharfes Auge hatte und so ruhig Tabak kaute
»Wie lange glauben Sie werden wir noch zu fahren haben bis wir auf die
Jacht treffen« fragte ich
»Es kann jeden Augenblick sein« brummte Pinnow »vielleicht auch treffen
wir sie gar nicht«
»Das heißt«
»Das heißt wenn sich ein Steuerboot hat blicken lassen werden sie gemacht
haben dass sie in See kommen«
»Und wie lange werden Sie sie suchen«
»Ein Stunde so ist es verabredet«
»Zwischen Ihnen und Herrn von Zehren oder zwischen Ihnen und dem
SteuerRevisor Blanck«
Pinnow spritzte den Tabaksaft über Bord und brummte »Zum letzten mal sag
ich Ihnen dass ich nicht weiß was Sie wollen Wenn Ihnen wie es scheint die
dumme Dirne die Christel aufgebunden hat dass ich den Angeber gemacht habe so
könnte sie es wohl eher selbst getan haben Es sollte mir leid tun wenn sie
ihren alten Pflegevater ans Messer geliefert hätte um ihn los zu sein aber
wozu ist eine so dumme Dirne nicht im Stande«
Diese Worte die der Schmied in seiner groben Weise vor sich hingebrummt
hatte trafen mich seltsam Hatte ich doch nur noch vor einer Stunde eine Probe
davon gehabt wozu ein verliebtes Mädchen das seinen Willen durchsetzen will
im Stande ist Und Pinnow war nur Christels Pflegevater Sollte sie sich ein
glaubhaftes Märchen ausgedacht haben Herrn von Zehren und mich auf den Alten zu
hetzen Sollte sie den Verrat den sie dem Alten zuschob selbst begangen
selbst die Denunciation bei der Steuerbehörde gemacht haben um ihn den sie
aus guten Gründen los sein wollte auf diese Weise los zu werden Und hatte
ihr nur in der letzten Stunde das Gewissen geschlagen indem sie bedachte dass
sie auch Herrn von Zehren dem sie Dank schuldig war mit ins Verderben stürzen
würde War ihre Beichte nur ein Versuch gewesen Herrn von Zehren durch mich zu
retten
Ich gebe zu dass eine Minute ruhigen Nachdenkens hingereicht hätte mich von
der vollkommenen Unwahrscheinlichkeit dieser Annahme zu überzeugen aber wie
hätte mir in der Situation und in der Stimmung in der ich mich befand eine
solche Minute werden können!
Eine wilde Lustigkeit überkam mich Ich lachte laut War es denn nicht zum
Lachen dass von uns beiden Verbündeten Hans hinter dem sauberen Paar her
galoppirte auf der grundlosen Landstraße im Nebelgeriefel ohne den Schatten
eines vernünftigen Grundes für seinen ParforceRitt und war es nicht zum
Lachen dass ich mit einem Eifer und einer Blindheit ohnegleichen seit dem Morgen
bis jetzt durch Sturm und Regen unter tausend Aengsten am Narrenseil gelaufen
war dessen anderes Ende zwei Mädchenhände festielten von denen ich zum Dank
dafür die eine inbrünstiglich geküsst und die andere wenigstens herzlich
gedrückt hatte Wahrlich besser wärs gewesen er und ich wären sitzen
geblieben hinter der Flasche in der warmen Stube Aber es soll das letzte mal
sein dass ich so blind wieder in die Schlinge gehe Das letzte mal
»Sehen Sie« sagte Pinnow indem er mir die Schulter berührte und in
demselben Augenblick in einem eigentümlich langgezogenen vorsichtig gedämpften
Tone Re commandirte
Ein mittelgrosses schmuck getakeltes Boot segelte ein paar hundert Schritte
vor uns Ich erkannte beinahe auf den ersten Blick eines der Steuerboote der
»Blitz« genannt Ich war zu oft selbst darauf gefahren ich hatte es zu oft in
allen möglichen Segelstellungen gezeichnet als dass ich mich hätte täuschen
können
»Das ist der Blitz« rief ich
Der »Blitz« hatte in demselben Momente fast in welchem der Kutter umlegte
ebenfalls seinen Curs verändert und kam hinter uns her
»Boot ohoi« schallte es jetzt durch ein Sprachrohr über die siedenden
klatschenden Wellen
Mein Blut stockte meine Hand lag am Pistolenkolben Drehte Pinnow jetzt
bei so war sein Verrat bewiesen
»Boot ohoi« schallte es wieder herüber
»Holt den Fock an« commandirte Pinnow
Ich atmete auf Pinnows Kommando hieß so viel als Sauve qui peut
»Boot ohoi« erschallte es zum dritten mal und fast in demselben Moment
blitzte es auf dem Steuerboot auf und ein durch die Entfernung und das Rauschen
der Wellen gedämpfter Knall schlug an mein Ohr
»Klüverreff aus« commandirte Pinnow
Meine Hand ließ die Pistole los Es war kein Zweifel mehr dass Pinnow Alles
daran setzte dem verfolgenden Boote zu entrinnen In meinem tiefsten Herzen
frohlockte es der Mann an meiner Seite den ich früher so gern gehabt hatte
obgleich er es nicht um mich verdiente war kein Verräter Was würde ich getan
haben hätte ich gewusst dass dies Alles ein sorgfältig abgekartetes Spiel war
dass der kaltblütige alte Schurke sich durch meine plumpe Einmischung in der
Ausführung des einmal festgestellten Planes nicht im mindesten stören ließ dass
dies Zusammentreffen mit dem Zollboot verabredet war um dasselbe auf die Spur
zu bringen dass Verfolgung und Flucht nur fingirt waren um vor den anderen
Schmugglern den Verrat zu maskiren dass die drei oder vier blinden Schüsse die
jetzt auf dem Zollboot abgefeuert wurden denselben Zweck hatten Was würde ich
getan haben hätte ich es gewusst Wohl mir dass ich es nicht wusste so klebt
doch wenigstens nicht das Blut eines Menschen an meiner Hand
Der Kutter schoss jetzt unter der Last seiner Segel die den Leebord auf das
Niveau des Wassers drückte prachtvoll dahin der »Blitz« blieb zurück er wusste
warum es dauerte nicht lange so war er unsern Blicken entschwunden
In die bis dahin stumme fast regungslose Mannschaft des Kutters war etwas
von Leben gekommen Sie hoben die Köpfe und Einer teilte dem Andern seine
Ansicht über den Zwischenfall mit der übrigens nicht zu den ungewöhnlichen
gehörte Jeder von diesen Leuten war irgend einmal in allzu genaue Berührung mit
den Zollwächtern gekommen Die Freiheit vielleicht das Leben eines Jeden hatte
irgend einmal an einem Faden gehangen So war die Aufregung nicht gerade groß
scheinbar bei Niemand geringer als bei Schmied Pinnow Er saß am Steuer gerade
so wie vorher nach den Segeln oder scharf in die Dämmerung hineinblickend
tabakkauend und sonst keine Miene verziehend Er sprach kein Wort mit mir als
verlohne es sich für einen alten Praktiker nicht der Mühe mit einem so jungen
Menschen über Dinge zu sprechen die er doch nicht verstand In meiner Kehle
entstand eine Trockenheit die mich ein paar Mal zu husten zwang zugleich
knöpfte ich den Überwurf fester über meine Pistolen
Da tauchte wieder eine dunkle Masse aus dem Abenddunst und diesmal war es
die lange gesuchte Jacht ein mittelgrosses Fahrzeug mit nur einem Segel aber
einem Volldeck In wenigen Minuten lagen wir längsseit und alsbald wurden auch
schon die bereitgehaltenen Waarenballen von dem Deck der Jacht herabgelangt und
von der Mannschaft unseres Kutters die jetzt schnell genug sein konnte in
Empfang genommen Es ging Alles wunderbar still zu kaum dass dann und wann
einmal ein unterdrückter Ruf oder ein halblaut mit rauer Stimme gegebener
Befehl des Kapitäns hörbar wurde
Ich war einer der Ersten an Bord der Jacht gewesen aber vergeblich hatte
ich mich nach Herrn von Zehren umgeschaut Schon glaubte ich mich von der Angst
ihn hier zu sehen erlöst als er plötzlich aus der Luke die in den Kajütenraum
führte auftauchte Sein erster Blick fiel auf mich er kam auf mich zu
taumelnd ich glaubte infolge des Schwankens des Schiffes
»Nun zum Teufel wo kommen Sie hierher« rief er mit heiserer Stimme aber
ich hatte keine Zeit ihm eine ausführliche Antwort zu geben Der Kutter hatte
seine Fracht eingenommen der Kapitän der Jacht trat heran und sagte »Machen
Sie dass Sie fortkommen« Er hatte eben erfahren dass ein Zollboot unterwegs
sei und keine Lust sein Schiff und die übrige Ladung zu riskiren »Machen Sie
dass Sie fortkommen« wiederholte er noch einmal in grobem Ton
»Also morgen Abend um dieselbe Zeit« sagte Herr von Zehren
»Ja das wollen wir sehen« sagte der Kapitän und sprang nach dem Steuer
denn die Jacht die schon vom Anker frei war und das Hauptsegel bereits
aufgezogen hatte begann sich in den Wind zu drehen
Eine Szene der Verwirrung folgte Das ohne alle Rücksicht auf den nebenher
schwimmenden Kutter ausgeführte Manöver des größeren Fahrzeuges hatte das
kleinere fast zum Kentern gebracht Laute Fluche hinüber und herüber ein
Knirschen Knacken auf die Gefahr in die See zu stürzen ein Sprung vom Deck
der Jacht in den Kutters und wir trieben ab während die Jacht bereits im Wind
lag und im nächsten Moment mit vollen Segeln davonschoss
Das Alles war so schnell vor sich gegangen dazu das Gewirr der vielen
Menschen auf dem kleinen Fahrzeuge während die Segel wieder gestellt und die
Waren in dem verdeckten Vorderraum sicher beigestaut wurden so groß dass es
einige Zeit dauerte bis ich nur an Herrn von Zehrens Seite kam
Er fluchte noch immer auf den Schuft von einem Kapitän auf den Feigling
der vor einem lumpigen Zollboot das er in Grund und Boden segeln könne
ausreisse Dazwischen fragte er wieder »Wo kommen Sie her«
Ich war in Verlegenheit wie ich diese Frage beantworten sollte Mein
Verdacht gegen Pinnow war beinahe gänzlich verschwunden und Pinnow saß dicht
neben uns am Steuer und hatte die laut gesprochene Frage gehört Ich begnügte
mich daher zu sagen
»Ich fürchtete es könne Ihnen ein Unglück zustossen und da wollte ich dabei
sein«
»Unglück« schrie er »Dummheit Feigheit das ist das Unglück Der Teufel
soll die dummen feigen Gesellen holen«
Er setzte sich zu Pinnow und sprach leise mit ihm Dann wandte er sich
wieder zu mir »Sie haben zwei von den Leuten nach Hause geschickt das hätten
Sie auch bleiben lassen können Ich brauchte die Leute notwendig jeder Buckel
ist in diesem Augenblick seine tausend Taler wert oder wollten Sie selbst
einen Packen tragen«
Er hatte das in einem ärgerlichbitteren Tone gesagt der mein Blut kochen
machte Wenn ich unüberlegt gehandelt hatte so hatte ich es gut gemeint für
meine Treue noch ausgescholten zu werden in Gegenwart Pinnows das war zu
viel Ich hatte eine heftige Antwort auf der Zunge aber ich schluckte meinen
Zorn hinunter und ging nach vorn
Er rief mich nicht zurück er kam nicht zu mir mir ein freundlich Wort zu
sagen wie er es noch immer getan so oft er mich in seiner Heftigkeit gekränkt
hatte Dafür schalt er jetzt in einem kreischenden Tone ein paar Leute aus ich
konnte nicht verstehen weshalb aber dieser kreischende Ton den ich nie an ihm
gehört sagte mir was ich gleich als ich ihn zuerst sah gefürchtet er war
betrunken
Ein abscheuliches Gefühl des Ekels und des Grams überkam mich Um dieses
Mannes willen der dort wie ein Rasender sich geberdete hatte ich getan was
ich getan hatte um seinetwillen war ich hier in dieser wüsten Bande als
Teilnehmer an einem Verbrechen das schon dem Knaben als das abscheulichste
erschienen war um seinetwillen wäre ich beinahe zum Mörder geworden Und hier
in der Tasche hatte ich noch den Brief meines Vaters in welchem mich der alte
Mann gewarnt in welchem er mir befohlen hatte wenn mir noch etwas an seiner
Ruhe läge alsbald zu ihm zurückzukehren
Ich fasste nach dem Brief und berührte die Pistolen die ich im Gürtel trug
Ich fühlte ein sonderbares Verlangen mich hier auf der Stelle inmitten dieser
Schmugglerbande vor den Augen ihres betrunkenen Kapitäns zu erschießen Und
dann dachte ich wieder an den braven Hans der für eine Sache die um kein Haar
besser war seine Haut zu Markte trug Und doch murmelte ich kann er Gott
danken dass er dies nicht mit zu machen braucht
»Boot ohoi« schallte es wieder wie vorhin und wieder schoss der »Blitz«
plötzlich aus der Dämmerung auftauchend an uns vorüber und ein paar Schüsse
krachten
Dies war das Signal zu einer Jagd die wohl eine Stunde währte und während
welcher der Kutter indem er dem Verfolger in unzähligen kühnen Wendungen
entfliehen zu wollen schien sich nur immer mehr der Stelle der Küste näherte
über welche sich Pinnow und die Steuerbeamten geeinigt hatten ungefähr eine
halbe Meile oberhalb Zanowitz wo die Tiefe des Wassers erlaubte bis beinahe
unmittelbar an den Strand heranzukommen Man gelangte von dort nach Zehrendorf
entweder auf einem Wege an dem Strand entlang über Zanowitz und von dort über
die Heide oder unmittelbar über die Heide wo man aber von dieser Seite
kommend zu Anfang ein großes und berüchtigtes Moor auf Schleichwegen die nur
den Schmugglern bekannt waren zu passieren hatte Es war zehn gegen eins zu
wetten dass, wenn Herr von Zehren an der Stelle zu welcher man den Kutter
scheinbar getrieben hatte landete er den Weg über das Moor und nicht den am
Strande wählen würde
Ich hatte während das Zollboot auf den Kutter Jagd machte mich nicht von
der Stelle gerührt fest entschlossen komme was da wolle keinen activen Teil
mehr an der Affäre zu nehmen Herr von Zehren hatte mir diese passive Rolle
leicht gemacht er hatte so oft er auch in meine unmittelbarste Nähe gekommen
war mich nicht beachtet Sein Rausch schien in der letzten Stunde der Aufregung
noch zugenommen zu haben ja er kam mir wie rasend vor Er verlangte Pinnow
solle das Zollboot in den Grund segeln er erwiderte das Feuer des
Steuerofficianten aus einer von Pinnows alten Flinten die er in der Kajüte
entdeckt hatte obgleich der »Blitz« sich wohlweislich in einer Entfernung
hielt wo selbst eine weittragende Büchse unwirksam geworden wäre und als der
Kutter nachdem er eine weite Strecke in die See gefahren war den Verfolger
hinter sich ließ um dann zurücksegelnd den Strand unbelästigt zu erreichen
sprang er sofort über Bord in das seichte Wasser und die Leute mussten seinem
Beispiel folgen indem jedem von den Zurückbleibenden einer der schweren Packen
die schon zu dem Zweck vorbereitet waren auf die Schulter gelegt wurde Es
waren ihrer elf Träger da Pinnow den Bootsknecht welchen er von Zanowitz
mitgenommen auch noch hergegeben hatte erklärend dass er mit dem taubstummen
Jakob jetzt allein zurecht kommen könne so war der eine der zwei Männer die
ich von Zanowitz nach Hause geschickt hatte ersetzt Aber da war noch ein
zwölfter Packen der auf dem Decke liegen blieb und da Keiner außer mir ihn zu
tragen da war liegen geblieben sein würde wenn ich ihn mir nicht auf die
Schulter gehoben hätte nachdem ich ihn zuvor an den Rand des Schiffes geschoben
und dann in die Brandung gesprungen war die mir bis übers Knie reichte Herr
von Zehren sollte wenn ich ihn heute Nacht verließ nicht sagen können dass ich
ihn um den zwölften Teil seines mit so viel Mühe so viel Sorge mit dem Preise
der Freiheit und des Lebens so vieler Menschen mit dem Preise endlich seiner
eigenen Ehre erkauften Gewinnstes gebracht habe
Ein rohes Lachen schallte hinter mir her als ich den Kutter verließ Das
Lachen kam von Pinnow er wusste weshalb er lachte Der Kutter war nachdem er
seine Last abgesetzt von selbst wieder flott geworden Als ich den Strand
erreichte und mich umwandte trieb er langsam vom Lande ab Er hatte seinen
schändlichen Dienst getan
Sonderbar in dem Augenblicke zuckte es durch meine Seele und er ist doch
ein Verräter Ich weiß nicht ob das rohe Lachen meinen Argwohn wieder
wachgerufen hatte oder wie es kam aber ich sagte zu mir selbst während ich
mich als der Letzte der Reihe die von Jochen Swart und Herrn von Zehren
geführt wurde anschloss jetzt muss es sich entscheiden
Siebzehntes Kapitel
Wir hatten die Dünen überstiegen und schritten auf der andern Seite über
sandigöde Strecken dahin der Eine immer in den Fußstapfen des Andern Kein
Wort wurde gesprochen es hatte Jeder mit sich selbst genug zu tun Jeder an
seinem Packen schwer genug zu tragen ich vielleicht am schwersten trotzdem mir
an Körperkraft von all den Männern höchstens Jochen Swart gleichkam aber in
diesen Dingen ist die Gewohnheit beinahe Alles Und dann trug ich außer meiner
Last die leicht einen Centner wiegen mochte noch eine ganz andere welche die
Andern nicht trugen und die viel schwerer drückte die Last der Schmach dass
meines Vaters Sohn diesen Ballen Seide schleppte um den man das Zollamt betrog
schleppen musste wenn er den Mann dessen Brod er seit zwei Monaten gegessen
nicht um »das Seine« bringen wollte Und dann dachte ich dass ich heute Morgen
selig wie ein Gott von Zehrendorf ausgegangen war und dass ich jetzt
zurückkehren würde betrogen von der Tochter beschimpft von dem Vater besudelt
von dem Schmutz des schnöden Gewerbes zu dem ich mich hergegeben und dass dies
das Ende von der erträumten Herrlichkeit von der angebeteten Freiheit war Es
sollte noch nicht das Ende sein
Und rastlos weiter ging es der nasse Sand knirschte unter den Füßen der
Eilenden und jetzt kam ein Wort von der Spitze des Zuges das halblaut weiter
und weiter gegeben wurde bis es zu mir kam der ich es nicht weiter geben
konnte »Halt«
Wir waren an dem Rande des Moors angelangt Es war an dieser Seite nur eine
schmale Stelle die überhaupt passirbar war dann kam trockenes Terrain eine
Art von Insel indem sich die Sümpfe von beiden Seiten herumzogen um auf der
entgegengesetzten vielleicht zweitausend Schritte entfernten Seite wieder
zusammenzustossen wo es dann abermals nur eine schmale Furt gab die ein mit
einer Centnerlast beladener Mann ohne einzusinken überschreiten konnte dann
folgte die Heide die sich zwischen den Feldern von Trantowitz und Zehrendorf
auf der einen und den Dünen von Zanowitz auf der andern Seite erstreckte und
über die ich heute schon dreimal geschritten war
Die Stelle wo wir Halt machten war genau dieselbe an welcher ich drei
Abende vorher mit Herrn von Granow gestanden Ich erkannte sie an den zwei
verkrüppelten Weiden die an der Vertiefung wuchsen aus der damals die
Schleichhändler aufgetaucht waren Diese Vertiefung blieb uns etwas links
liegen vielleicht fünfzig Schritte entfernt ich würde bei der großen
Dunkelheit die jetzt herrschte die Bäume nicht haben erkennen können wenn mir
die eigentümliche Kraft meiner Augen selbst im Dunkeln noch immer bis zu einem
gewissen Grade deutlich zu sehen nicht zu Hilfe gekommen wäre Um der
Dunkelheit willen mussten die Leute damit sie nicht von dem schmalen Pfade
abkämen nahe aufschließen und das war der Grund weshalb man für einen Moment
Halt gemacht hatte
Aber auch nur für einen Moment dann ging es weiter in das Moor hinein auf
der schmalen Furt rechts und links blinkte hier und da zwischen den Binsen die
im Nachtwinde nickten ein schwacher Schimmer von dem Sumpfwasser auf das in
großen Lachen zu Tage stand und selbst der Boden auf den wir traten geriet
in eine sonderbar schwankende Bewegung als wir im Trabe darüber hin eilten
Die Furt war passiert die Leute gingen wieder langsamer plötzlich schlug
ein Ton an mein Ohr wie von dem Knacken eines Hahnes am Gewehr Der Ton war
hinter mir gewesen das hatte ich deutlich gehört ich wusste auch dass Niemand
von unserer Schaar ein Gewehr führte Ich stand unwillkürlich still und horchte
und abermals hörte ich denselben Ton und zugleich sah ich genau an der Stelle
die wir eben passiert zwischen den Binsen eine Gestalt auftauchen der gleich
darauf eine zweite und dritte folgte Ohne daran zu denken die Centnerlast auf
meinem Rücken abzuwerfen ja ohne sie auch nur zu fühlen lief ich mit
Blitzschnelle die Reihe vor mir entlang und berührte Herrn von Zehren der mit
Jochen voraufschritt an der Schulter
»Wir werden verfolgt«
»Albernes Zeug«
»Halt steht« schrie jetzt eine kräftige Stimme hinter uns
»Vorwärts« rief Herr von Zehren
»Halt halt steht« und mindestens ein halbes Dutzend Gewehre knatterten
auf einmal los und die Kugeln pfiffen uns über die Köpfe
Im Nu war unsere ganze Schaar auseinandergestoben wie es die Weise der
Pascher ist sobald sie ernstlich verfolgt werden und sie wie diesmal
Widerstand zu leisten nicht vorbereitet oder gewillt sind Nach allen Seiten
nur nicht nach der von welcher die Verfolger kamen sah ich die schlauen
Gesellen die wohl sämtlich ihre Packen weggeworfen hatten davonhuschen Einer
oder der Andere mochte wohl auf allen Vieren kriechend zu entkommen suchen in
der nächsten Sekunde waren Herr von Zehren und ich allein
Hinter uns klapperten die eisernen Ladestöcke in den Läufen Mau lud die
abgeschossenen Gewehre Das gab einen kleinen Aufenthalt
Herr von Zehren und ich waren stehen geblieben »Wie viel sind es« fragte
er leise
»Ich kann es nicht unterscheiden« antwortete ich ebenso »mir scheint es
kommen immer mehr herüber es mögen jetzt leicht ein Dutzend sein«
»Sie werden sich nicht weiter wagen bei der Dunkelheit« sagte er
»Sie kommen schon« sagte ich dringend
»Halt wer da« erscholl es von unsern Verfolgern von denen wir wohl kaum
hundert Schritte entfernt waren doch ließ sich die Distanz schwer taxiren und
wieder pfiffen ein paar Kugeln über unsere Köpfe
»Ich bitte Sie« sagte ich indem ich Herrn von Zehren am Arme ergriff
Er ließ sich ein paar Schritte förmlich weiterschleppen Mit einem Mal wie
wenn er aus einem Traume erwachte ganz mit seiner alten Stimme und in seiner
alten Weise sagte er
»Wie zum Teufel kommen denn Sie dazu Fort damit« und er stieß mir
gewaltsam den Packen von dem Rücken
»Ich habe ihn den ganzen Weg getragen« murmelte ich
»Schändlich« murmelte er »schändlich aber das kommt davon Armer Junge
armer Junge«
Der Rausch den er sich getrunken das Gefühl seiner Schmach so weit als
möglich zu betäuben war verflogen ich merkte es wohl Er war wieder der er in
seinen guten Stunden sein konnte und sogleich kehrte auch bei mir die alte
Liebe zurück
»Lassen Sie uns eilen« sagte ich seine kalte Hand ergreifend »es ist bei
Gott die höchste Zeit«
»Sie werden sich nicht weiter hinaufwagen« erwiderte er »wenn sie auch
einen Führer bei sich haben es kann Einer nicht Alle führen Aber Verrat ist
im Spiel Sagten Sie mir nicht vorhin schon davon«
»Ja und Pinnow und Jochen Swart sind die Verräter«
»Jochen hat gerade zu diesem Wege geraten«
»Um so mehr«
»Und der Hallunke hat sich zuerst davon gemacht«
»Er hatte Eile zu seinen Freunden zu kommen«
So sprachen wir in kurzen abgerissenen Worten während wir über den ebenen
Plan eilten auf dem das Dunkel welches jetzt wieder besonders dicht war den
einzigen freilich auch ausreichenden Schutz vor den Verfolgern gewährte Es
begann leise zu regnen man konnte im eigentlichsten Sinne kaum noch die Hand
vor den Augen unterscheiden Von denen hinter uns war nichts mehr zu sehen und
zu hören
»Die dummen Teufel sind zu spät gekommen« sagte Herr von Zehren »sie haben
uns offenbar vor der Furt abfassen wollen Hätten unsere Hallunken nicht gleich
Reissaus genommen würden wir jetzt in aller Gemächlichkeit weiter ziehen«
»Nach Zehrendorf können wir doch nicht zurück« sagte ich
»Weshalb nicht«
»Wenn Jochen Swart wie ich beschwören möchte uns verraten hat würde man
sicher Haussuchung auf Zehrendorf halten«
»Das sollten sie nur tun« rief der Wilde »ich wollte sie mit blutigen
Köpfen heimschicken Nein nein das wagen sie nicht oder sie hätten es schon
gewagt Auf Zehrendorf sind wir so sicher wie in Abrahams Schoss«
Gerade als er diese Worte sprach zuckte es plötzlich in der Richtung vor
uns auf wie ein schwacher Blitz Aber ich hatte noch nicht Zeit gehabt mir von
dem was ich gesehen eine klare Vorstellung zu machen als es wieder
aufblitzte stärker diesmal und nicht wieder verschwindend eine Helligkeit
die mit jedem Augenblicke an Stärke zunahm und mit jedem Augenblicke einen
roten Streifen über den andern legend an dem schwarzen Nachthimmel emporstieg
»Trantowitz brennt« rief Herr von Zehren
Es war nicht Trantowitz es konnte nicht Trantowitz sein das weiter links
und tiefer lag Dort gab es auch die mächtigen Bäume nicht deren Kuppen ich
jetzt in dem Scheine der bald gelb bald rötlich aber immer heller und immer
heller aufleuchtete deutlich unterschied
»Zum Henker es ist mein Hof« rief Herr von Zehren indem er unwillkürlich
vorwärts stürzte Aber nur ein paar Schritte dann blieb er stehen und lachte
Er lachte laut es war ein grässliches Gelächter
»Das ist lustig« rief er »nun brennt auch noch das Gerümpel ab das heißt
denn doch den alten Bau gründlich ausräuchern«
Es klang fast als glaube er dass auch dies von seinen Verfolgern
ausgegangen sei Mir aber fielen die Drohungen schwer auf die Seele welche die
alten Pahlen ausgestoßen hatte als ich sie vom Hofe trieb Ich erinnerte mich
dass etwas vom »roten Hahn aufs Dach setzen« dabei gewesen war
Aber wie auch das Feuer entstanden sein mochte welches da drüben vom alten
Herrenhause aufloderte es konnte für den Herrn des Hauses in keinem
verhängnissvollern Moment ausgebrochen sein Obgleich wir noch eine Viertelmeile
entfernt waren leuchteten die Flammen die jetzt hoch über die Riesenbäume des
Parkes emporschlugen bereits bis zu uns und indem die ungeheuere Helligkeit
von den schwarzen Wolken die jetzt in Purpur zu glühen begannen aufgefangen
und zurückgeworfen wurde verbreitete sich bald eine unheimliche Dämmerung über
die ganze Gegend Ich konnte Herrn von Zehrens Gesicht deutlich kennen es war
oder erschien mir totenbleich
»Um Gottes willen lassen Sie uns eilen dass wir von hier fortkommen« rief
ich
»Die Jagd wird gleich beginnen« sagte er
Und die Jagd hatte bereits begonnen Der Trupp der die Eingangsfurt besetzt
und wohl ursprünglich keinen andern Auftrag gehabt hatte als uns den Rückweg
abzuschneiden machte von der Möglichkeit, weiter vorzudringen die ihm der
sonderbarste Zufall bot den besten Gebrauch Indem sie sich zu einer Art von
Tirailleurkette ausbreiteten ohne sich indes den Sümpfen rechts und links
allzusehr zu nähern und rasch vorwärts gingen trieben sie die Pascher die
über die weite Fläche nach der Ausgangsfurt geschlichen waren zum Teil auch
wohl an den Boden gedrückt oder in irgend einer Vertiefung kauernd abgewartet
haben mochten ob sie weiter verfolgt werden würden vor sich her aus ihrem
Lager empor Bald zuckte es hier und da in der roten Dämmerung auf Schüsse
knatterten und überall sah ich die Gestalten der Fliehenden und der Verfolger
durch die Dämmerung huschen wilde Rufe »Halt Kerl steh« und ein lautes
Halloh und Lachen wenn sie wieder einen gefangen hatten
Mir stockte das Blut in den Adern und dann strömte es mir wild zum Herzen
So niedergehetzt zu werden niedergeschossen zu werden wie Hasen auf einer
Klapperjagd
»Und keine Waffe« knirschte Herr von Zehren
»Hier« rief ich die Pistolen aus dem Gürtel reißend und ihm eine in die
Hand drückend
»Geladen«
»Ja«
»Nun denn en avant«
Wir waren im schnellen Lauf fast bis zur Ausgangsfurt gelangt die durch
eine verdorrte Eiche und ein paar Haselbüsche dem Kundigen kenntlich war als
ich über die Büsche herüber Flintenläufe blinken sah Was ich gefürchtet war
eingetroffen auch die Ausgangsfurt war besetzt
»Ich kenne noch eine andere Stelle« raunte mir Herr von Zehren zu
»vielleicht trägt sie uns wo nicht «
Ich ließ ihn nicht ausreden »Weiter weiter« rief ich
Wir wendeten uns rechts an den Binsen hin die den Rand des Sumpfes
bezeichneten Aber bereits hatte man uns erkannt Man rief »Halt« und schoss
nach uns es kamen auch Einige hinter uns hergelaufen
»Hier muss es sein« sagte Herr von Zehren indem er die hohen Binsen
auseinanderbiegend zwischen denselben verschwand ich folgte ihm auf dem Fuße
Wir drückten uns langsam vorsichtig weiter mit gekrümmten Rücken Es war
ein verzweifeltes Stück Mehr als einmal sank ich knietief in den schwarzen
Moorgrund ich war entschlossen wenn ich stecken bleiben sollte mir im letzten
Augenblicke das Gehirn zu zerschmettern
»Es geht« sagte Herr von Zehren leise über die Schulter zu mir »dass
Schlimmste haben wir hinter uns ich kenne es genau ich war noch im Frühjahr
hier auf dem Schnepfenstrich Jochen der Schurke war dabei So nun sind wir
durch«
Er hob sich aus den Binsen heraus und in demselben Momente sprangen drei
Männer die sich in dem Augenblicke als wir auf die Zollwache stießen von den
Übrigen abgesondert und seit wenigen Minuten vielleicht zwölf Schritte von der
Furt auf der Lauer gelegen haben mussten auf uns ein Der erste war der lange
Jochen Swart
»Hund« knirschte Herr von Zehren Er hob die Pistole und der lange Jochen
fiel vornüber um nicht wieder aufzustehen
Ich hatte fast in demselben Momente Feuer gegeben Einer der zwei andern
Männer wankte und sank schreiend in die Kniee Der dritte schoss sein Gewehr ab
und lief was er konnte an dem Rand des Sumpfes zurück von wo er hergekommen
war Der Verwundete richtete sich auf und hinkte immer noch schreiend aber mit
verhältnismäßig großer Geschwindigkeit davon
Herr von Zehren war an Jochen Swart herangetreten Ich sprang hinzu ich
fasste den Mann an beiden Schultern in der Absicht ihn der mit dem Gesicht auf
dem Boden lag aufzurichten Als ich ihn ein wenig hob fiel der Kopf schwer
vornüber Es durchrieselte mich kalt »Mein Gott er ist tot« rief ich
»Er hat es nicht anders gewollt« sagte Herr von Zehren
Der Leib des toten Mannes entglitt meinen Händen ich richtete mich an
allen Gliedern zitternd auf mein Kopf war wie wirbelig was war denn
geschehen Da stand ein Mensch die abgeschossene Pistole in der schlaff
herunterhängenden Rechten haltend da lag ein anderer Mensch auf dem Boden wie
ein Baumstamm und ein rötliches Licht wie aus dem Tor einer Hölle streifte
über den Menschen der regungslos aufrecht stand und über den andern der
regungslos auf dem Boden lag in der Luft schwebte Pulverdampf und in den Binsen
des Sumpfes zischelte es wie von tausend Schlangen
Aber wie fest sich auch das Grauenbild und die schaudervolle Empfindung mit
der ich es betrachtete meiner Erinnerung eingeprägt haben mögen der Zustand
starren Entsetzens kann doch nur einen Moment gedauert haben Dann weiß ich
versank Alles in dem einen Gedanken Rette ihn er darf nicht in ihre Hände
fallen Ich glaube ich wäre im Stande gewesen den Unglücklichen hätte er sich
gesträubt auf meinen Armen davonzutragen wie eine Löwin ihr Junges wenn die
Jäger hinter ihr her sind im Rachen davon trägt aber er sträubte sich nicht
Ich weiß jetzt dass er nicht floh sein Leben zu retten ich weiß jetzt er wäre
keinen Schritt von der Stelle gewichen hätte er gewusst dass ich den Lederbeutel
mit der Munition zu den Pistolen in meiner Tasche trug aber so wusste er nicht
anders als dass er ohne Waffen sei und lebend wollte er den Häschern nicht in
die Hände fallen
Achtzehntes Kapitel
An den äußeren Rand des Sumpfes wo wir uns jetzt befanden lehnte sich ein
Bruch aus welchem zwischen mehr oder weniger versumpften mit langem Riedgras
überwucherten tieferen Stellen dichte Gruppen von Erlen Haseln und Weiden
inselgleich hervorragten Für einen Andern der nicht wie Herr von Zehren jeden
Fuß breit dieses schwierigen Terrains kannte wäre es unmöglich gewesen sich
hier einen Weg zu suchen aber der alte Jäger der jetzt zum Fuchs geworden war
welchem die Hunde auf der Fährte folgten irrte auch nicht einen Augenblick
weder über die einzuschlagende Richtung noch über den pfadlosen Pfad der uns
durch diese Wildnis führte Ich habe nachmals nie begreifen können wie ein Mann
in seinen Jahren abgehetzt wie er bereits war und dazu verwundet wie er mir
später sagte im Stande gewesen ist so ungeheure Schwierigkeiten zu
überwinden an denen fast meine Jugendkraft erlahmte und so oft ich später ein
altes Rassepferd gesehen habe das zu Schanden geritten und gefahren dennoch
sobald ihm das edle Blut erregt ist durch sein Feuer seine Kraft und Ausdauer
die jugendlichen Koncurrenten beschämt habe ich immer an den wilden Zehren in
dieser Schreckensnacht denken müssen Er brach durch fast undurchdringliches
Gestrüpp als wären es Kornähren gewesen er setzte wie ein Hirsch über die
breitesten Gräben und hielt nicht eher inne in dem tollen Lauf als bis wir aus
dem Bruch heraus in die Dünen kamen
Hier verschnauften wir und hielten kurzen Rat wohin wir uns jetzt wenden
sollten Rechts von uns lag Zanowitz Hätten wir es ungehindert erreichen
können so würde uns gewiss einer oder der andere unserer Freunde über das Meer
zu retten versucht haben im schlimmsten Falle war ich Seemann genug ein
Segelboot allein regieren zu können aber es war nur zu wahrscheinlich dass das
Stranddorf und seine Umgebung mittlerweile bereits von den Soldaten besetzt war
um die dorthin Entrinnenden aufzufangen Zu versuchen über die Heide zwischen
Zehrendorf und Trantowitz in das platte Land zu einem der Freunde des Herrn von
Zehren zu gelangen wäre jetzt wo von dem immer noch zunehmenden Brande der
ganze Himmel gerötet war und zumal die Heide in Tagesklarheit getaucht sein
musste offenbarer Wahnsinn gewesen So blieb uns nur die Eine Möglichkeit uns
am Strande links zu halten bis zum Vorgebirge dort in der Gegend der Ruine
das Kreideufer zu erklettern um von hier aus in den Buchenwald des Parkes zu
gelangen der nur der letzte Ausläufer eines fast zwei Meilen langen sich an
der Küste hinziehenden Forstes war
»Wenn ich nur bis dahin komme« sagte Herr von Zehren »mein Arm fängt an
mich sehr zu schmerzen«
Jetzt erst erfuhr ich dass er am Oberarme verwundet war Er hatte es selbst
im Anfang nicht gewusst dann geglaubt er habe sich an einen spitzigen Ast
gestoßen bis jetzt die zunehmenden Schmerzen unter dem stockenden Blut uns
eines Andern belehrten Ich bat ihn mich nachsehen zu lassen er sagte wir
hätten zu dergleichen keine Zeit und ich musste mich damit begnügen ihm sein
Taschentuch so fest ich konnte um den Arm zu binden womit freilich nicht viel
geholfen war
Hier zwischen den Dünen war es auch wo mir zum ersten mal einfiel dass ich
noch Munition in der Tasche habe und wo ich auf Herrn von Zehrens Geheiß die
Pistolen wieder lud Mich durchzuckte es seltsam als er mir die seinige reicht
und ich das nasskalte Eisen berührte Aber es war kein Blut obgleich es in dem
roten Dämmerlicht so schien es war nur die Feuchtigkeit aus der regenschweren
Luft
Wir traten aus den Dünen heraus auf den Strand um auf dem harten Sande
schneller fortkommen zu können Die Helligkeit war jetzt wo vermutlich der
ganze Hof brannte so groß dass selbst über das Meer von dem Wiederschein der
rotangestrahlten Wolken ein mattes Purpurlicht ausgegossen war Ja auch die
hohen steilen Kreideufer unter denen wir etwas später dahin schritten
blickten in geisterhaft hellem Schein auf uns herab Es lag etwas sonderbar
Unheimliches darin trotz der bedeutenden Entfernung in welcher wir uns von der
Brandstätte befanden trotzdem Berg und Wald dazwischen lag trotzdem wir
unmittelbar unter dem Schutze der mehr als hundert Fuß hohen steilen Uferwand
dahinschritten immer noch von dem Lichte getroffen zu werden als hätte was
geschehen die Erde dem Himmel und der Himmel dem Meere gesagt und Erde Himmel
und Meer riefen uns zu Für Euch gibt es kein Entrinnen
Den unglücklichen Mann an meiner Seite musste dieselbe Empfindung
beherrschen er sagte ein paar mal als wir die Schlucht hinaufkletterten in
welcher vom Strande nach der Uferhöhe zwischen dichtem Gebüsch ein steiler Pfad
emporführte »Gott sei Dank hier wenigstens ist es dunkel«
Er hatte während des Aufkommens wieder über seinen Arm geklagt der ihm
heftige Schmerzen verursache und zuletzt kaum noch weiter gekonnt trotzdem ich
ihn stützte so viel ich vermochte Ich hoffte dass, wenn wir nur erst oben
angelangt wären und er sich ein wenig erholt hätte seine Kraft von der er noch
eben so ungeheuere Proben gegeben wiederkehren würde aber in dem Augenblicke
als wir die Höhe des Plateau erreichten brach er in meinen Armen zusammen Zwar
raffte er sich sofort wieder auf und erklärte es sei nur eine momentane
Schwäche gewesen und der Anfall vorüber dennoch konnte er sich kaum auf den
Füßen halten und ich war froh als ich ihn endlich bis zur Ruine geführt hatte
wo eine halb verschüttete kellerartige Vertiefung zwischen dem Mauerwerk
wenigstens einen Schutz vor dem Ostwinde gewährte der scharf und kalt über den
ebenen Rücken des Vorgebirges strich
Hier bat ich ihn sich niederzusetzen bis ich im Stande gewesen sein würde
aus der Schlucht wo in der Hälfte der Höhe ein ziemlich reichlicher Quell zum
Meere floss und wo wir bereits beim Heraufsteigen einen kurzen Halt gemacht
hatten abermals Wasser zu holen nach welchem er ein brennendes Verlangen
äußerte Glücklicherweise hatte ich am Morgen um mich gegen den Regen zu
schützen den wachsüberzogenen Schifferhut mit dem ich nach Zehrendorf gekommen
war und den ich seitdem da er Konstanze so entschieden missfiel nicht wieder
getragen hatte aufgesetzt Der Hut musste mir jetzt als Wassereimer dienen und
ich war glücklich als es mir obwohl nicht ohne einige Mühe gelang ihn bis an
den Rand zu füllen So schnell ich ohne die kostbare Beute zu verschütten
konnte eilte ich zurück das Herz schwer von Sorge um den Mann zu welchem in
dem Masse als das Unglück über ihn mit so fürchterlichen Schlägen hereinbrach
mich mein Herz gewaltiger als je zuvor zog Was sollte aus ihm werden wenn er
nicht bald wieder im Stande war die Flucht fortzusetzen Nach dem was am
Sumpfesrande geschehen würde man sicher alles aufbieten unser habhaft zu
werden und dass man über eine hinreichende Anzahl von Leuten verfügen konnte
war nur zu gewiss Die zweite Furt war mit Militär besetzt gewesen ich hatte es
deutlich gesehen Wie lange konnte es dauern bis sie auch bis hierher kamen
Wollten wir entrinnen mussten wir bevor der Morgen kam mindestens ein paar
Meilen von hier entfernt sein und ich dachte mit Schaudern an sein zweimaliges
Zusammenbrechen in meinen Armen und an die wirren Worte in denen er mich um
Wasser gebeten hatte »das nicht brennen dürfe das ja nicht brennen dürfe«
Vielleicht erholte er sich nachdem er getrunken ich hatte einen so festen
Glauben an die Unverwüstlichkeit seiner Kraft
So suchte ich mir selbst Mut einzusprechen als ich mich vorsichtigeilig
mit dem Wasser im Hute der Ruine nahete und aus Furcht zu straucheln kaum
einen Blick nach der Richtung zu werfen wagte von der die Flammen über den
Buchenwald zu uns heraufleuchteten Schon ans einiger Entfernung glaubte ich
Herrn von Zehrens Stimme zu hören die meinen Namen rief dann ertönte ein
gelles Lachen und wie ich voller Entsetzen herzusprang sah ich den
Unglücklichen in dem Eingange der Mauerhöhle stehen das Gesicht dem Feuer
zugewendet indem er heftig mit dem gesunden Arme gesticulirte und bald
Verwünschungen außstieß bald gell auflachte oder nach Wasser rief das nicht
»brennen dürfe« Ich schleppte ihn wieder tiefer zwischen das Mauerwerk und es
gelang mir ihm aus dem Haidekraut das dort oben reichlich wuchs und über das
ich dann meinen Rock deckte eine Art Lager zurecht zu machen endlich trank er
auch als er aus einer kurzen Ohnmacht in die er gefallen zu sich kam
reichlich von dem Wasser Er dankte mir mit einer Stimme deren weicher Ton
wunderlich gegen das gelle Kreischen von vorhin abstach und mich sehr rührte
»Es war mir« sagte er »als hättest Du mich auch verlassen und ich müsste
hier elend verenden wie ein waidwunder Hirsch Es ist doch seltsam dass der
letzte Zehren der den Namen zu tragen verdient hier von der uralten Burg
seiner Väter die in Trümmern liegt sehen muss wie das Haus das spätere
Geschlechter gebaut haben in Flammen aufgeht Wie mag das Feuer nur ausgekommen
sein Was denken Sie Ich habe Dich überhaupt so viel zu fragen er nannte mich
Sie und Du durcheinander aber mir ist so wunderlich zu Mute es gehen mir so
seltsame Dinge durch den Kopf so war mir noch nie und dabei schmerzt mich der
Arm mehr als billig Ich glaube es ist aus mit dem wilden Zehren ganz aus
ganz aus Lass mich hier liegen Georg und ruhig verenden Wie lange wird es
dauern dann frisst das Feuer sich in dem unterirdischen Gang bis hierher durch
und die alte Zehrenburg fliegt in den Mond«
So spielte in seinem überreizten Gehirn Vernunft mit dem Wahnsinne ein
schauerliches Spiel Bald sprach er zusammenhängend und klar über das was wir
zu tun haben würden sobald er sich nur erst einigermaßen erholt hätte dann
sah er plötzlich Jochen Swart vor sich auf dem Boden liegen und dann war es
wieder nicht Jochen sondern Alfonso der Bruder seiner entführten Geliebten
dem er das Schwert durchs Herz gestoßen Aber ich habe später wenn ich über
den Charakter des seltsamen Mannes nachsann oft genug daran gedacht diese
grausigen Erinnerungen des Fieberkranken waren keineswegs von Worten begleitet
die irgendwie die Reue des Mannes über seine Taten auch nur angedeutet hätten
Im Gegenteil es war ihnen recht geschehen und Jedem sollte es so geschehen
der gegen ihn aufzutreten wagte Wenn sie ihm das Haus angezündet hatten so
sollten auf Meilen in der Runde alle Schlösser und Dörfer brennen Er wolle doch
sehen ob er seine Vasallen nicht abstrafen könne wie es ihm recht dünke wenn
sie sich so freventlich gegen ihn vergangen Züchtigen wolle er sie bis sie um
Gnade heulten Diese und ähnliche Äußerungen eines Selbstgefühls welches die
Glut des Fiebers das in seinen Adern brannte bis zum Wahnsinn gesteigert
hatte stachen schauerlich ab von dem grenzenlosen Elend unserer Lage Während
er durch Dörfer die sein Zorn in Flammen auflodern ließ zu jagen glaubte
wurden seine Glieder von Fieberfrost geschüttelt und seine Zähne klappten hörbar
auf einander Auch mich hatte die Kälte welche jetzt wo es auf den Morgen
ging immer empfindlicher wurde bis ins Mark getroffen und dabei so oft der
Unglückliche dessen Kopf auf meinem Schoss ruhte nur einen Augenblick zu rasen
aufhörte sank mein eigener Kopf vornüber oder seitwärts gegen das kalte
Mauerwerk an dem ich lehnte und mit immer qualvollerer Anstrengung kämpfte ich
gegen die Müdigkeit die mit bleierner Schwere auf mir lag Was sollte aus uns
werden wenn mich die Kraft verließ Ja was sollte auch jetzt nur aus uns
werden Denn so konnte es nicht bleiben ich musste fürchten dass er mir unter
den Händen starb wenn ich keine Hilfe herbeischafte Und doch wie sollte ich
Hilfe schaffen ohne ihn preiszugeben ohne ihn unsern Verfolgern auszuliefern
Und wie konnte ich ihn überhaupt verlassen der sich jetzt das Haupt an der
Mauer zerschellen jetzt das Meer austrinken wollte den Durst zu löschen der
ihn verzehrte
Ich hatte während der Nacht den Weg zur Quelle noch mehrmals gemacht Herr
von Zehren war mir wenn ich zurückkam immer sehr dankbar gewesen wie er denn
überhaupt je näher die Nacht dem Morgen kam ruhiger geworden war so dass ich
mich schon der Hoffnung hingab wir würden trotz alledem bald aufbrechen können
Endlich musste ich doch von der ungeheuren Ermattung überwältigt eingeschlafen
sein und längere Zeit geschlafen haben denn als ich vor der Berührung einer
Hand die sich auf meine Schulter legte emporfuhr dämmerte bereits das
Zwielicht in die Mauerhöhle Herr von Zehren stand vor mir ich blickte ihn mit
Entsetzen an Jetzt erst sah ich was er in der Schreckensnacht gelitten hatte
Sein sonst so frisches braunes Gesicht erdfahl die großen glänzenden Augen
tief in die Höhlen gesunken und wie gebrochen der volle Bart zerzaust die
Lippen bleich die Kleider zerrissen und mit Schmutz und Blut besudelt es war
nicht mehr der Mann den ich gekannt es war das Gespenst dieses Mannes ein
schauerliches Gespenst
Und jetzt zuckte um seine bleichen Lippen ein seltsames Lächeln in dem doch
noch eine Spur der alten Liebenswürdigkeit war wie ein Etwas von der einstigen
Heiterkeit in dem Klange der Stimme mit der er sagte »Es tut mir leid armer
Junge dass ich Dich wecken musste aber es ist die höchste Zeit«
Ich sprang auf die Füße und zog mir den Rock an den er mir sorgsam über die
Schulter gedeckt hatte
»Das heißt es ist Zeit für Dich« sagte er
»Wie das« fragte ich erschrocken
»Ich würde nicht weit kommen« fuhr er mit düsterm Lächeln fort »ich habe
eben eine kleine Probe gemacht aber es ist unmöglich«
Und er setzte sich auf einen Mauervorsprung und stützte den Kopf in seine
rechte Hand
»So bleibe ich auch« sagte ich
»Man wird uns bald genug hier oben aufgefunden haben«
»Um so mehr werde ich bleiben«
Er hob den Kopf
»Du bist ein großmütiger Narr« sagte er mit melancholischem Lächeln
»einer von denen die ihr Leben lang Amboss bleiben Was in aller Welt hätte ich
davon dass sie Dich mit mir fingen und weshalb wolltest Du Dich fangen lassen
weshalb wolltest Du die Partie verloren geben Bist Du auf nichts reducirt auf
weniger als nichts Bist Du ein alter angeschossener Fuchs den man zum Bau
hinausgebrannt hat und dem die Hunde auf der Fährte sind Mach dass Du
fortkommst und lass mich nicht so lange bitten denn das Sprechen wird mir
schwer Leb wohl«
Er reichte mir eine eiskalte Hand die ich festhielt indem ich mit Tränen
in den Augen rief
»Wie können Sie das von mir verlangen Ich wäre der erbärmlichste Schuft
wenn ich Sie so verlassen könnte mag geschehen was will ich bleibe«
»Ich will dass Du gehst ich befehle es Dir«
»Das können Sie nicht Sie müssen selbst fühlen dass Sie das nicht können
Sie können mir nicht befehlen mich mit Schande zu bedecken«
»Nun denn« sagte er »so will ich Dir gestehen es ist ein Zufall dass ich
nicht fort kann aber wenn ich auch im Stande wäre zu fliehen ich wollte es
nicht und will es nicht Ich will nicht dass man Steckbriefe hinter mir her
schreibt wie hinter einem Vagabunden dass man mich durchs Land hetzt wie einen
gemeinen Verbrecher Ich will sie hier erwarten hier wo meine Vorfahren so
manchen Angriff der Krämer zurückgeschlagen haben ich will mich wehren bis
aufs Äußerste sie sollen mich nicht lebendig von diesem Platze bringen Ich
weiß nicht was ich täte wenn ich ganz allein stünde Wahrscheinlich wäre dann
dies Alles nicht geschehen Ich habe die Dummheit meinem Bruder aus der Not
helfen zu wollen teuer bezahlt Und dann habe ich eine Tochter ich liebe sie
nicht so wenig wie sie mich aber gerade deshalb soll sie mir nicht nachsagen
können ihr Vater sei ein Feigling gewesen der nicht zur rechten Zeit zu
sterben wusste«
»Denken Sie nicht an Ihre Tochter« rief ich außer mir »Sie hat das Band
zerrissen durch das Sie sich noch mit ihr verbunden wähnen« Und ich erzählte
ihm in kurzen fliegenden Worten Konstanzens Flucht
Es war meine Absicht gewesen koste es was es wolle ihm jeden Vorwand zu
entreißen den er anführen konnte um nicht das zu tun was er für eines
Zehrens unwürdig hielt Es war gewiss sehr unüberlegt ihm dies in diesem
Augenblicke zu sagen aber meine Menschenkenntnis die heute noch nicht eben groß
ist war damals sehr gering auch war mein Kopf zerrüttet von dem Graus der
letzten sechsunddreissig Stunden und der Angst um den unglücklichen Mann der da
vor mir saß
Und ich schien meine Absicht erreicht zu haben Er stand auf als ich meine
kurze Erzählung beendigte und sagte ruhig »Steht es so mit mir Bin ich ein
Landstreicher und ist meine Tochter eine Dirne eine Dirne die sich just dem
Manne an den Hals geworfen hat dessen Hand sie nicht berühren kann ohne mich
zu entehren nun denn so darf ich ja wohl auch tun was andere Leute an
meiner Stelle täten Aber vorher hole mir noch einen Trunk Georg Er wird mich
erquicken und ich darf nicht sobald wieder zusammenbrechen Geh«
Ich ergriff den Hut froh dass ich ihn endlich überredet Als ich schon ein
paar Schritte gemacht hatte rief er mich nochmals zurück
»Sei nicht böse Georg« sagte er »dass ich Dir so viel Mühe mache habe
Dank für Alles«
»Wie mögen Sie nur so reden« sagte ich »Treten Sie aus dem kalten Zugwind
ich bin in fünf Minuten wieder hier«
Ich sprang davon Es war keine Zeit zu verlieren schon legte sich im Osten
ein heller Streifen über den andern die Sonne musste in einer halben Stunde
aufgehen Ich hatte gehofft um diese Zeit Meilen von hier im tiefsten Walde zu
sein
Die Quelle in der Schlucht war bald erreicht doch es kostete mir Mühe den
Hut zu füllen ich hatte in der Nacht das Erdreich zertreten Steine waren
herabgerollt und hatten den Mund der Quelle verstopft Als ich mich bückte das
Hindernis wegzuräumen drang ein dumpfer Knall zu meinem Ohr Ich stutzte und
fühlte unwillkürlich nach der Pistole die noch in meinem Gürtel stak Die
andere war bei ihm zurückgeblieben War es möglich konnte es sein Er hatte
mich weggeschickt
Ich war nicht im Stande abzuwarten bis das Wasser wieder floss ich musste
zurück Wie ein gehetzter Hirsch setzte ich die Schlucht hinauf lief über das
Plateau zur Ruine
Es war geschehen
Auf derselben Stelle wo ich ihn zuletzt gesehen wo ich ihm zuletzt die
Hand gedrückt hatte er sich erschossen Der Pulverdampf schwebte noch in der
Mauerschlucht Die Pistole lag neben ihm sein Kopf war seitwärts an die Mauer
gesunken Er atmete nicht mehr er war tot Der wilde Zehren wusste wo ein
Schuss treffen muss wenn er tödlich sein soll
Neunzehntes Kapitel
Ich saß noch immer in starrem Schmerz keines Gedankens mächtig dem Toten
gegenüber als die ersten Strahlen der Sonne die zitternd in ihrem Glanze sich
aus dem Meere erhob sein bleiches Antlitz streiften Ein Schauer durchrieselte
mich ich richtete mich schnell auf und stand an allen Gliedern bebend da
Dann eilte ich so schnell mich meine wankenden Füße tragen wollten den Pfad
entlang der von der Ruine abwärts nach dem Walde führte Ich könnte heute nicht
mehr sagen was eigentlich meine Absicht war Wollte ich einfach von dem Orte
des Schreckens aus der Nähe des Toten der mit seinen verglasten Augen in die
aufgehende Sonne blickte fliehen wollte ich um Hilfe rufen wollte ich den
Fluchtplan den ich für uns Beide entworfen hatte jetzt für mich allein
ausführen mich retten ich weiß es nicht mehr
So gelangte ich in den Parkwald bis zum Weiher dessen Wasser zwischen den
gelben Blättern die der Sturm des gestrigen Tages von den Riesenbäumen geweht
hatte schwärzlich zu mir heraufblickte In diesem Wasser hatte sich das Weib
des Mannes ertränkt der sie einst aus ihrer fernen Heimat über die Leiche
ihres Bruders hinweg entführt hatte und der jetzt dort oben tot zwischen den
Ruinen seiner Ahnenburg lag Die Tochter dieser Beiden hatte sich einem Wüstling
in die Arme geworfen nachdem sie ihren Vater verraten nachdem sie mit mir ein
schändliches Spiel getrieben Das Alles trat wie in einem einzigen
schaudervollen Bilde welches sich mir in dem schwärzlichen Spiegel des Wassers
gezeigt vor meine Seele Als hätte ein unbarmherziger Gott mir den Schleier von
dem Pandämonium fortgezogen das meinem blöden Auge ein Paradies erschienen so
sah ich mit einem Male die letzten zwei Monate meines Lebens wie sie wirklich
waren Ich empfand einen namenlosen Schauder ich glaube weniger über mich
selbst als über die Welt in der dies Alles geschehen in der man dies Alles
erleben konnte Wenn es wahr ist dass beinahe jeder Mensch ein oder das andere
Mal in seinem Leben von schadenfrohen Dämonen an den Rand des Wahnsinns gelockt
und gerissen wird so war jener Moment für mich gekommen Ich fühlte ein
unwiderstehliches Verlangen mich in das schwarze Wasser das der Sage nach
unergründlich sein sollte zu stürzen und ich weiß nicht was geschehen wäre
hätte ich nicht in diesem Augenblicke Stimmen von Männern gehört die den Weg
herabkamen der vom Weiher aufwärts in den Park führte Der Trieb der
Selbsterhaltung der denn doch in einem neunzehnjährigen Jüngling sich nicht so
leicht zum Schweigen bringen lässt regte sich allmächtig Ich wollte nicht in
die Hände derer fallen vor denen ich seit gestern Abend mit so unerhörten
Anstrengungen geflohen war In wenigen Sätzen war ich den Wall der den Weiher
rings umgab hinauf über den Wall hinüber und lag dann still vergraben in
Busch und modernden Blättern die Kommenden erst an mir vorüber zu lassen bevor
ich meine Flucht fortsetzte Zwei Minuten später waren sie an der Stelle die
ich soeben verlassen Sie standen da sich der Weg nach der Ruine abzweigte
still und ratschlagten »Dies muss der Weg sein« sagte der eine »Es ist ja
kein anderer da Dummkopf« sagte ein Zweiter »Vorwärts vorwärts« sagte eine
barsche dritte Stimme die einem Unteroffizier gehören mochte »der Lieutenant
ist sonst vom Strande aus früher oben als wir Vorwärts«
Die Patrouille stieg den Weg zur Ruine hinauf ich hob vorsichtig den Kopf
und sah sie zwischen den Bäumen verschwinden Als ich sie weit genug entfernt
glaubte richtete ich mich vollends auf und schlug mich tiefer in den Wald Die
Todesgedanken waren mir vergangen ich hatte nur das eine Verlangen mich zu
retten und die fast wunderbare Weise in welcher ich eben einem Verderben das
unabwendbar schien entkommen war hatte mich mit neuer Hoffnung erfüllt wie
einen Spieler der den ganzen Abend hindurch verloren der erste glückliche
Wurf
Wenn wir Knaben in dem Tannenwäldchen meiner Vaterstadt »Räuber und
Gensdarmen« tragödirten hatte ich es immer einzurichten gewusst dass ich zur
Partei der Räuber kam und die Räuber hatten mich regelmäßig zum Hauptmanne
gemacht In dieser meiner RäuberhauptmannsEigenschaft hatte ich mich stets so
bewährt dass zuletzt Niemand mehr Gensdarm sein wollte Wessen ich mich damals
im lustigen Spiel so oft gerühmt dass Niemand mich fangen könne wenn ich mich
nicht fangen lassen wolle ich konnte es jetzt in bitterem blutigen Ernst
bewähren Unglücklicherweise fehlte mir heute wo es meine Freiheit und mein
Leben galt das Beste die frische unverwüstliche Kraft die ich zu meinen
knabenhaften Heldentaten mitgebracht hatte und die jetzt durch die furchtbaren
Gemütserschütterungen und die ungeheuere physische Anstrengung der letzten Tage
nahezu gebrochen war Dazu gesellte sich bald ein nagender Hunger und ein
brennender Durst Mich immerfort im dichtesten Forst haltend traf ich auf keine
Quelle auf keinen Graben Der lockere Waldboden hatte den Regen des gestrigen
Tages längst wieder eingezogen und die geringe Feuchtigkeit die ich von den
dürren Blättern leckte vermehrte nur meine Qual
Meine Absicht war gewesen den Forst der sich fast zwei Meilen weit am
Strande hinzog in seiner ganzen Länge zu durchmessen um so viel Raum als
möglich zwischen mich und meine Verfolger zu bringen bevor ich den Versuch
machte hier oder dorthin wie es der Zufall eben gestatten wollte von der
Insel zu entkommen Ich hatte die zwei Meilen spätestens bis zum Mittag
zurücklegen zu können geglaubt aber ich musste mich bald überzeugen dass in dem
Zustande in welchem ich mich befand und der sich von Minute zu Minute
verschlimmerte daran nicht zu denken sei Auch hatte ich mir keine rechte
Vorstellung gemacht von den Hindernissen die ich zu überwinden haben würde Ich
war oft genug in meinem Leben querwaldein gegangen aber dann war es nur immer
auf kürzere Strecken gewesen und es war nie darauf angekommen eine ganz
bestimmte Richtung inne zu halten und dabei jede Möglichkeit gesehen zu werden
ängstlich zu vermeiden Hier aber musste ich wollte ich nicht einen großen Umweg
machen durch Dickichte brechen die kaum für einen Hirsch passirbar waren oder
wieder gerade einen Umweg machen der mich weit aus der Richtung brachte um
eine Lichtung zu umgehen die mir keinen Schutz bot Dann hatte ich in Laub und
Strauchwerk vergraben still zu liegen bis ich mich überzeugt hatte ob das
Geräusch das ich vernommen wirklich von menschlichen Stimmen herrühre und zu
warten bis wieder alles still geworden war dann kam ich über mehr als einen
der den Forst quer durchschneidenden Wege wo doppelte Vorsicht geboten schien
und dabei nahmen meine Kräfte reißend ab und ich sah voll Schrecken dem Moment
entgegen wo ich zusammenbrechen würde um vielleicht nicht wieder aufzustehen
Und dann dort zu liegen tot mit starren verglasten Augen wie ich es eben
gesehen und ihn hatten sie doch wenigstens jetzt schon gefunden und
hinabgetragen und so oder so mussten sie ihn also auch begraben aber wie
lange konnte ich hier liegen im tiefsten Forst bis ich gefunden wurde es hätte
denn von den Füchsen sein müssen Es war kein tröstlicher Gedanke von den
Füchsen gefressen zu werden
Aber weshalb floh ich überhaupt Was hatte ich getan das man so arg
bestrafen durfte Und konnte man mir Aergeres antun als die Qualen die ich
jetzt erduldete Was da Hier war ein Weg der mich in einer halben Stunde aus
dem Walde brachte Möglich dass ich dann sofort auf ein paar Gensdarmen stieß
Um so besser so war das Stück aus
Und ich ging wirklich eine Strecke auf dem Waldwege dahin aber plötzlich
blieb ich wieder stehen Der Vater was wird er sagen wenn sie dich zwischen
sich durch die Stadt führen und die Gassenjungen hinterher lärmen Nein nein
das kannst du ihm nicht antun das nicht viel lieber sich von den Füchsen
fressen lassen
Ich wendete mich wieder in den Wald aber immer qualvoller wurde der Kampf
den ich mit meiner Erschöpfung zu kämpfen hatte Meine Kniee wankten der kalte
Schweiß rieselte mir von der Stirn mehr als einmal musste ich mich an einen Baum
lehnen weil es mir schwarz vor den Augen wurde und ich ohnmächtig zu werden
fürchtete So schleppte ich mich wohl noch eine halbe Stunde weiter es musste
nach meiner Berechnung gegen zwei Uhr nachmittags sein da war es vorbei An dem
Rande einer kleinen Lichtung zu der ich eben gelangte stand eine niedrige aus
Baumzweigen und Strohmatten leicht zusammengestellte bereits halb wieder
zusammengesunkene Hütte fast wie eine Hundehütte anzusehen die sich Holzfäller
oder Wilddiebe errichtet haben mochten Ich kroch hinein nestelte mich in das
Stroh und das Laub mit welchem der Boden der Hütte fusshoch bedeckt und das
glücklicherweise noch einigermaßen trocken war und fiel sofort in einen Schlaf
der seinem Zwillingsbruder Tod so ähnlich wie möglich war
Als ich erwachte war es vollkommen dunkel und es dauerte lange bis ich
mich besinnen konnte wo ich mich befand und was mit mir geschehen war Endlich
kam ich zum Bewusstsein meiner schaudervollen Lage Ich kroch mit großer Mühe aus
der Hütte denn meine Glieder waren wie zerschlagen und die ersten Schritte
verursachten mir die empfindlichsten Schmerzen Indessen gab sich das bald Der
Schlaf hatte mich doch erquickt nur der Hunger der mich erweckt hatte war
jetzt so grimmig dass ich beschloss denselben auf jeden Fall zu stillen um so
mehr als ich fühlte dass, wenn dies nicht geschah ich notwendig in aller
Kürze wieder zusammenbrechen müsste Aber wie sollte ich es anfangen Endlich
fiel ich auf einen Ausweg den mir nur die Verzweiflung eingeben konnte Ich
wollte mich links durch den Wald schlagen bis ich auf freies Terrain gelangte
was nach meiner Berechnung in einer Stunde etwa der Fall sein musste Dann wollte
ich in das erste beste Gehöft gehen und mir mit Güte oder Gewalt verschaffen
wessen ich bedurfte den ersten Hunger zu stillen vielleicht auch Proviant für
den nächsten Tag
Der Zufall schien die Ausführung dieses Planes begünstigen zu wollen Nach
wenigen Minuten kam ich auf eine Schneise die ich verfolgte obgleich sie nicht
ganz in der gewünschten Richtung lief Wie groß aber war mein Erstaunen und mein
Schrecken als ich in viel kürzerer Frist als ich gehofft aus dem Walde trat
und im Lichte der Sterne eine Gegend sah über die ich mich wohl nicht täuschen
konnte Das da rechts am Waldessaume waren die Eigenkätner von Herrn von
Granows Gut Melchow dort eingehüllt in stattliche Bäume lag der Herrenhof
und auf einer kleinen Anhöhe ragte der weiße Kirchturm der erst kürzlich
erbauten Dorfkirche Weiter links tiefer in der Ebene lag Trantowitz und noch
mehr links wieder höher hatte Zehrendorf gelegen ja als ob ich keinen
Augenblick im Zweifel darüber bleiben sollte dass ich in die alte bekannte
Gegend zurückgekehrt leuchtete eben jetzt von der Stelle wo der Hof gestanden
aus der ungeheuren Ruinenmasse die Flamme wieder auf so hell dass der
Kirchturm von Melchow in rosiges Licht getaucht wurde Doch musste das Feuer
nicht mehr viel Nahrung finden oder man hatte sich im Laufe des Tages mit
Löschmitteln wohl versehen denn die Flammen sanken alsbald wieder zusammen das
helle Licht verschwand es blieb nur so viel wie von einem Haufen
Kartoffelstroh ausgeht das die Knaben auf freiem Felde angezündet haben
So hatte ich mich also mit Aufbietung aller meiner Kräfte den ganzen Tag im
Kreise herumbewegt und war jetzt beim Einbruch der Nacht ungefähr da von wo ich
heute beim Anbruch des Tages ausgegangen Das war nicht tröstlich aber es war
lächerlich und ich lachte vielleicht nicht sehr laut und sehr behaglich aber
ich lachte doch und in demselben Augenblicke fiel mir ein ob es nicht ein
guter Genius gewesen der mich trotz meines Gegenwillens hierher zurückgeführt
Wo hatte ich bessere Freunde als gerade hier in Trantowitz zum Beispiel wo
mich Jedermann auf dem Hofe und im Dorfe kannte wo ich an jede Tür anklopfen
und sicher sein konnte Hilfe und Unterstützung zu finden Überdies hatte mich
der Umstand dass ich den ganzen Tag keinem Menschen begegnet war einigermaßen
sicher gemacht dass die Verfolgung am Ende nicht so ernstlich betrieben werde
und schließlich ich war am Verhungern und hatte keine Wahl
So schritt ich denn fast ohne Vorsicht über die Felder nach Trantowitz
zum ersten Male seitdem wir uns getrennt ernstlich an den guten Hans denkend
und was wohl aus ihm geworden sein möchte Hatte er die Flüchtlinge eingeholt
Hatte es eine Szene gegeben wie in jener Nacht als der Wilde von dem Bruder
seiner Geliebten verfolgt und eingeholt wurde und ihre Degen sich kreuzten im
trügerischen Licht der spanischen Sterne war um die Tochter Blut geflossen wie
um die Mutter war Hans einer so schlechten Sache zum Opfer gefallen war er
Sieger geblieben und dann waren die Häscher hinter ihm her wie hinter mir
hatte man ihn vielleicht auf frischer Tat ergriffen saß er vielleicht schon
hinter Schloss und Riegel
Mir wurde sehr traurig zu Mute als ich daran dachte Hans hinter Schloss
und Riegel das war ein melancholisches Bild man konnte sich ebenso gut einen
Eisbären als Heizer auf einem Dampfschiffe denken
Unwillkürlich hatte ich mich dem Hofe mehr genähert als ich nötig hatte
um ins Dorf zu kommen Vom Felde führte ein Weg über einen trockenen Graben in
die ein paar Morgen große Wildnis von Kartoffel und Kohlfeldern Salatbeeten
Stachelbeerhecken und verkrüppelten Obstbäumen welche Hans in seltsamer
Verblendung consequent seinen Garten nannte und sehr wert hielt weil er hier
im Winter die meisten Hasen aus dem Fenster seines Schlafzimmers schoss Auf dies
in der ganzen Gegend berühmte Schlafzimmerfenster richteten sich unwillkürlich
meine Blicke und wie groß war mein Erstaunen als ich aus demselben einen
schwachen Lichtschein kommen sah Das Fenster war geöffnet das Licht brannte
wie ich näher tretend bemerkte in dem Wohnzimmer dessen Tür zum
Schlafzimmer nur angelehnt war Ich lauschte und hörte das Klappern von Messer
und Gabel Sollte Hans wieder zu Hause sein Ich konnte der Versuchung nicht
wiederstehen stieg durch das Fenster in das Schlafzimmer öffnete die nur
angelehnte Tür und da saß der Hans wie ich ihn gestern hatte sitzen sehen
hinter ein paar Flaschen und einem riesigen Schinken von dem er jetzt die
großen blauen Augen erhob um den so plötzlich Eintretenden mit mehr
verwundertem als erschrockenem Blicke anzustarren
»Guten Abend Herr von Trantow« sagte ich
Ich wollte noch mehr sagen wollte ihm sagen wie ich hierher gekommen sei
aber unwillkürlich griff ich mit zitternden Händen zuerst nach der kaum
angeschänkten Flasche die ich ohne abzusetzten leerte Hans nickte als
meinte er das ist recht das ist ein Universalmittel Dann stand er ohne ein
Wort zu sprechen auf ging hinaus und schloss die Läden der beiden Fenster kam
wieder herein verriegelte die Tür setzte sich mir schweigend gegenüber
zündete sich eine Zigarre an und schien ruhig abwarten zu wollen bis ich meinen
Wolfshunger gestillt haben würde um reden zu können
»Wenn Sie mir unterdessen erzählten wie es Ihnen ergangen ist« sagte ich
ohne von meinem Teller aufzublicken
Hans hatte nicht viel zu erzählen und sagte das Wenige in den möglichst
wenigen Worten Er war eine halbe Meile oder so auf der Landstraße nach Fährdorf
der einzigen welche die Flüchtlinge möglicherweise hatten einschlagen können
fortgaloppirt als er merkte dass das Pferd welches bis dahin gutwillig genug
seinen erzwungenen Dienst geleistet nicht mehr recht aus der Stelle konnte
Nach einer weiteren Viertelmeile die er schon langsamer geritten war hatte er
sich von der Unmöglichkeit weiter zu kommen überzeugt »Der Weg war sehr
schlecht« sagte Hans »ich bin ein schwerer Reiter und das arme Vieh hatte
wahrscheinlich seit vierundzwanzig Stunden nicht zu fressen und zu saufen
gekriegt« So war er denn abgestiegen hatte das Pferd am Zügel genommen und es
geduldig Schritt für Schritt auf dem directesten Wege nach Trantowitz geführt
wo er bei Einbruch der Nacht wohlbehalten ankam »Bis ich meinen Wodan gesattelt
hätte und bis nach Fährdorf gekommen wäre« sagte Hans »waren sie längst über
alle Berge und dann ich bin es so gewohnt dass ich nie dazu gelange zu tun
was andere Leute gewiss an meiner Stelle getan hätten und «
Der gute Hans leerte sein Glas schänkte es sich wieder voll lehnte sich in
seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine blaue Tabakswolke
Armer Hans er hatte es ehrlich gemeint auch mit dem Schädeleinschlagen
unsers glücklichen Nebenbuhlers Was konnte er dafür dass er bei dieser
Gelegenheit wieder einmal wie schon so oft wie immer in seinem Leben auf
einen trägen Gaul geriet er konnte das Tier doch nicht um einer Sache willen
die es gar nichts anging zu Schanden reiten
Dann gegen acht Uhr als er hier in seinem Zimmer saß hatte er den
Feuerschein gesehen Er hatte nun doch den Wodan gesattelt und war
hinübergeritten an der Spitze seiner Wagen Auch von den andern Gütern waren
sie mit Wagen und Spritzen gekommen aber es war nichts mehr zu retten gewesen
die alte Pahlen der es gewiss nicht schwer geworden war die Wachsamkeit des
dummen Pferdejungen zu täuschen hatte ihr Werk zu gut getan der Hof hatte an
allen Ecken zugleich gebrannt »Ich bin nach Haus geritten« sagte Hans »und
habe mich zu Bett gelegt und heute morgen bin ich wieder aufgewacht ich weiß
nicht warum Ich wäre lieber nicht wieder aufgewacht«
Armer Hans
Heute Morgen hatte er erst von seinen Leuten erfahren was sich ereignet
wie gestern Abend die Steuerleute mit Hilfe einer halben Kompagnie Soldaten eine
Jagd auf die Schmuggler gemacht und wie sie vier oder fünf erwischt hätten die
nun alle gehängt werden sollten Und ein Soldat sei in dem Sumpfe ertrunken ein
Steuerbeamter sei verwundet und der Jochen Swart wäre todtgeschossen Herrn von
Zehren aber hätten sie heute morgens oben auf der Burg auch tot gefunden Der
könne froh sein dass er es nicht überlebt Denn gehängt würden sie ihn ja doch
haben wie sie den Georg Hartwig des SteuerRendanten Sohn aus Uselin der ja
wohl der Hauptmann von den Schmugglern gewesen sei hängen würden wenn sie ihn
nur erst hätten
Hans schänkte mir mein Glas wieder voll und forderte mich mit seiner
ausdrucksvollsten Miene auf es sofort zu leeren als könnte ich ihm dadurch am
sichersten die tröstliche Gewissheit verschaffen dass sie mich vorläufig noch
nicht gehängt hätten
Nun musste ich erzählen Hans hörte schweigsam rauchend zu aber als ich
schilderte wie der Wilde gestorben und wie ich ihn zuletzt gesehen tot das
bleiche Antlitz der aufgehenden Sonne zugewandt deren erster Strahl in seine
starren gebrochenen Augen fiel da seufzte Hans tief auf und bewegte seinen
großen Kopf langsam hin und her und tat einen tiefen tiefen Trunk
»Und was raten Sie mir was ich tun soll« sagte ich endlich
»Ja das sagen Sie einmal« erwiderte Hans
Dass meine Angelegenheit sehr schlimm stand leuchtete selbst Hans ein Ich
hatte Pinnow mit der Pistole in der Hand gezwungen mich mitzunehmen ich hatte
den directesten tätigsten Anteil an dem Zuge genommen ich hatte auf die
Zöllner geschossen ich hatte endlich Herrn von Zehren auf seiner verzweifelten
Flucht begleitet Dieses Alles waren in den Augen des Gesetzes jedenfalls keine
sehr verdienstlichen Handlungen und je weniger ich hinterher mit dem Gesetze in
Berührung kam um so besser würde es offenbar für mich sein
»Und doch« sagte ich »wäre dies mein geringster Kummer aber mein Vater
würde die Schande einen Sohn im Zuchtause zu haben nicht überleben und
deshalb will ich laufen so weit der Himmel blau ist«
Hans nickte Beifall und schien nur ungewiss darüber wie weit das wohl
ungefähr sein möchte
»Wenn ich nach Amerika ginge«
Hans musste notwendig auf einen so glänzenden Einfall der alle
Schwierigkeiten der Situation mit Einem Schlage beseitigte mit mir anstossen
Indessen fand sich dass die glänzendsten Einfälle sobald es an die
Ausführung geht auch ihre Schattenseiten haben können Die Geldfrage glaubte
Hans dadurch erledigt dass er an sein unverschlossenes vermutlich auch
unverschliessbares Pult ging einen Kasten herauszog und den Inhalt desselben vor
uns auf den Tisch ausschüttete Es waren vier bis fünfhundert Taler in Gold
Silber und Tresorscheinen untermischt mit Einladungen zu Jagden quittirten und
unquittirten Rechnungen KottillonOrden aus einer frühern Zeit vermutlich
Wollproben verstreuten Zündhütchen und einigen Dutzend Rehposten die auf die
Dielen rollten und Karo aufweckten der unter dem Sopha geschlafen hatte und
jetzt sich dehnend und streckend hervorkroch da er annahm dass Rehposten so
oder so in sein Departement gehörten
Hans erklärte dass er soviel ihm bekannt augenblicklich nicht mehr im
Hause habe dass er aber wenn es nicht reiche in seinen Röcken nachsehen wolle
wo er von Zeit zu Zeit in dem Unterfutter schon ganz bedeutende Summen gefunden
habe
Ich war von Hans Güte sehr gerührt aber angenommen auch dass ich von
derselben Gebrauch machen wollte wie sollte die Flucht bewerkstelligt werden
Hans hatte sich von seinen Leuten sagen lassen und es erschien ja nur zu
wahrscheinlich dass man überall nach mir suche Wie sollte ich ohne angehalten
zu werden nach Hamburg oder Bremen oder irgend einem andern Ort gelangen von
dem aus ich mich nach Amerika hätte einschiffen können zumal in den ersten
Tagen wo man voraussichtlich noch ganz besonders wachsam sein würde
Nach langem Hin und Herüberlegen verfiel Hans auf folgenden Plan zu dem er
jedenfalls aus seinem braven Herzen die Inspiration erhalten hatte Ich sollte
vor der Hand bei ihm versteckt bleiben bis sich die erste Hitze der Verfolgung
gelegt haben würde Dann wollten wir zusammen die Reise wagen ich als sein
Kutscher oder Bedienter verkleidet Nun handelte es sich nur noch um den Pass
ohne den wie ich wusste Niemand an Bord eines Schiffes gelassen wurde Aber
auch hier wusste der erfindungsreiche Hans Rat Ein gewisser Herr Schulz der
bei ihm Inspector gewesen hatte in diesem Frühjahre auswandern wollen und sich
die nötigen Papiere verschafft war aber bevor er sein Vorhaben ausführen
konnte gestorben Die Papiere hatte Hans an sich genommen und wir fanden sie
nach einigem Suchen Nun stellte sich zwar heraus dass der europamüde Inspector
nicht neunzehn sondern vierzig Jahre alt gewesen auch nicht wie ich sechs
Fuß ohne die Schuhe vielmehr nur vier und einen halben gemessen hatte außerdem
durch starke Pockennarben gekennzeichnet war indessen meinte Hans so genau
würde man wohl nicht hinsehen und ein Hunderttalerschein die kleinen
Abweichungen des Signalements im Passe gewiss verdecken
Es war zwei Uhr als wir diesen geistreichen Plan fertig hatten und zu
gleicher Zeit Hans die Augen vor Müdigkeit zufielen Da er durchaus wollte dass
ich in seinem Bette schlafe so musste ich ihm wohl das Sopha in der Stube
lassen auf das er sich kaum hingestreckt hatte als er auch schon zu schnarchen
begann Ich deckte ihn mit seinem Mantel zu und begab mich in die Kammer wo
ich so müde ich war erst von den einfachen Waschapparaten die ich dort
vorfand den entsprechenden und sehr nötigen Gebrauch machte Dann legte ich
mich nachdem ich mich wieder angekleidet auf Hans Bett
Ich schlief ruhig ein paar Stunden und als ich beim ersten Morgengrauen
erwachte stand ein Entschluss mit dem ich mich schon hingelegt klar vor meiner
Seele Ich wollte fort der gute Hans sollte durch mich nicht in ernstere
Ungelegenheiten kommen Je länger ich bei ihm verweilte um so größer wurde die
Wahrscheinlichkeit, dass seine Helfershelferschaft die jetzt doch aller
Wahrscheinlichkeit nach verborgen blieb an den Tag kam und dann um so schlimmer
ausgelegt wurde Außerdem setzte ich in der Tat nur geringes Vertrauen in den
Pass des vier und einen halben Fuß hohen verstorbenen Inspectors und schließlich
war ich als ein junger nicht ungrossmütiger Mann ganz erfüllt von der
Überzeugung dass es meine Pflicht sei die Folgen meiner Handlungen so weit es
in meiner Macht stand allein auf mich zu nehmen
So erhob ich mich denn leise von meinem Lager schrieb einen Zettel an Hans
in welchem ich ihm für alle seine Güte dankte und dass ich meine Jagdtasche mit
den Resten des Abendbrodes angefüllt habe steckte den Zettel in den Hals einer
Weinflasche auf dem Tische in der gewiss gerechtfertigten Annahme dass Hans ihn
da schwerlich übersehen würde nickte dem braven Jungen der noch in derselben
Situation auf dem Sopha lag in welcher er vor ein paar Stunden eingeschlafen
war Lebewohl zu streichelte Karo der sich an mich drängte und bedeutete ihm
dass ich ihn nicht mitnehmen könne ergriff meine Flinte und stieg zu demselben
Fenster hinaus in welchem ich gestern Abend eingestiegen war
Zwanzigstes Kapitel
Speise und Trank und Schlaf hatten mir die alte Kraft vollauf wiedergegeben und
so konnte ich meine Rolle in dem Räuber und Gensdarmenspiel mit besserm
Erfolge als am ersten Tage in den folgenden Tagen fortsetzen
Diese Tage es waren ihrer drei oder vier bilden eine seltsame Episode in
der Geschichte meines Lebens so dass mir manchmal ist als hätte ich sie gar
nicht selbst erlebt sondern hätte davon gelesen in einem Märchenbuche Ja wie
ein Märchen ist mir nach so vielen Jahren dreißig sind es jetzt die
Erinnerung dieser Tage wie ein Märchen von dem bösen Knaben der sich im Walde
verirrte und dem dort allerlei sehr Schlimmes begegnete und der doch auch
wieder so viel blaue Himmelsluft atmen und so viel goldenen Sonnenschein
trinken und sich so vogelfrei über die schöne Erde bewegen konnte dass man wer
weiß wie viele Stationen auf der Pappelchaussee seines rangirten Daseins darum
geben würde könnte man so märchenhaftes Leid und Glück einmal oder einmal
wieder an sich selbst erfahren
Als ob der Himmel selbst es gnädig mit dem bösen Knaben meinte der was er
immer gefehlt haben mochte es in seines jugendlichen Sinnes Torheit gefehlt
hatte und vielleicht Alles in Allem so gar bös nicht war sendete er ihm für
seine abenteuerliche Flucht ein paar der allerschönsten Späterbsttage Die
Regenstürme der letzten Zeit hatten die Luft durchsichtig klar gemacht dass die
fernste Ferne wie nächste Nähe erschien Dazu strömte ein machtvolles und doch
unendlich mildes Sonnenlicht von dem wolkenlosen Himmel und drang in die
tiefsten Tiefen des Waldes von dessen Riesenbäumen die gelben Blätter still
herabschwebten zu den andern die hier und da schon hoch den Boden bedeckten
Kein Laut in der sonnigen Wildnis als dann und wann aus dem Gebüsche das
melancholische Zirpen einer Goldammer oder das heisere weitschallende Krächzen
einer Krähe welcher das Gewehr das der junge Mann da unten trug verdächtig
sein mochte oder der durch die Entfernung abgedämpfte Schrei von Kranichen
die unbekümmert um das irdische Treiben in unermesslicher Höhe ihren stolzen
Flug gen Süden zogen
Dann lag ich wieder im Herzen des Waldes auf einem nach allen Seiten
abfallenden Hügel der leicht ein Hünengrab sein mochte und schaute zu wie
unter mir zwischen den gewaltigen Steinen EhrenReinecke aus seinem Malepartus
kroch und es sich in der Frühmorgensonne behaglich machte während ein paar
Schritte weiter die halberwachsenen Jungen in ansgelassenster Lustigkeit sich
jagten und über einander kollerten oder ich sah im Abendschein ein Rudel
Hochwild über die Lichtung ziehen den Platzhirsch zuletzt stolz aufgerichteten
Hauptes das er nur zuweilen senkte ein Kraut abzurupfen die Kühe ruhig vor
ihm her äsend
Dann wieder stand ich auf jäher Uferhöhe hart am Rande der trotzigen
Kreidefelsen und blickte sehnsüchtig hinaus auf das blaue Meer an dessen
fernstem Horizont ein Wölkchen die Stelle zeigte wo der Dampfer den ich seit
einer Stunde beobachtet hatte verschwunden war während auf mittlerer Höhe die
Segel von ein paar Fischerbooten blinkten Das Wölkchen war verschwunden die
weißen Segel wurden kleiner und ich wendete mich seufzend in den Wald zurück
kaum noch hoffend dass es mir gelingen werde von der Insel wegzukommen
Schon ein paar Mal hatte ich den Versuch gemacht Einmal in einem kleinen
Fischerdorf das in einem Einschnitte der Kreideküste in der Tiefe einer
schmalen Bucht lag und das Bild der Abgeschiedenheit und Vereinsamung war Aber
die Männer waren mit den seetüchtigen Booten sämtlich auf dem Fischfange nur
ein uralter Mann und ein paar halbwüchsige Buben waren außer den Weibern und
Kindern da Wenn der Fang gut war konnten zwei Tage vergehen bis die Männer
zurückkamen und dass den Herrn einer so weit fahren würde glaube er nicht So
sagte mir der alte Mann und ein paar rotaarige Kinder standen dabei und
glotzten mich mit aufgesperrten Mäulern an und eine alte Frau kam herzu und
bestätigte die Aussage des alten Mannes während die Sonne ins Meer tauchte und
ein kühler Wind die Schlucht hinab zum Meere blies dessen Wasser zu dunkeln
begannen
Es war der zweite Tag meiner Wanderschaft Die erste Nacht hatte ich in
einer verlassenen Schäferhürde zugebracht ich dachte ich könne einmal wieder
unter Dach schlafen und die würdige Matrone der ich mein Anliegen vortrug
räumte mir bereitwillig das Kämmerchen ihres Sohnes ein der vor drei Jahren
ausgesegelt war und noch nichts wieder von sich hatte hören lassen Ich hätte in
diesem von aller Welt abgeschiedenen Winkel vielleicht tagelang ohne entdeckt
zu werden zubringen können aber die Notwendigkeit erst einmal von der Insel
fortzukommen war zu gebieterisch und so brach ich in der Frühe des nächsten
Morgens wieder auf mein Heil anderwärts zu versuchen
Ich tat es in einem größeren Fischerdorf Es waren Boote genug da und Leute
genug aber Keiner wollte mich fahren trotzdem ich für die kurze Fahrt von
wenigen Meilen weiter war es nicht bis zur mecklenburgischen Küste wo ich mich
für verhältnismäßig sicher halten durfte zehn Taler die Hälfte meiner
Barschaft bot Ob sie wussten wer ich war wie wohl möglich oder ob ihnen
der junge verwildert aussehende Mensch mit der Flinte auf dem Rücken der
durchaus auf fremdes Gebiet verlangte verdächtig vorkam ob sie nur da ich es
doch einmal so eilig hatte und es mir an Geld nicht zu fehlen schien durch
Zaudern und Hinhalten ein höheres Fahrlohn erpressen wollten ich weiß es
nicht Als aber eine Stunde mit Hin und Herreden vergangen war und Karl
Bollmann sich bereit erklärte wenn Johann Peters sein Boot hergeben wollte der
wiederum erbötig war die Fahrt mitzumachen aber nur auf Karl Bollmanns Boot
und Christian Riekmann der mit den Händen in den Hosentaschen dabei stand
meinte er wolle mich schon mit seinem Jungen fahren aber nicht unter dreißig
Talern und sie dann Alle die Köpfe zusammensteckten und nach und nach die
ganze Einwohnerschaft Weiber und Kinder eingeschlossen herbeikam schien es
mir geratener das Resultat dieser Verhandlungen nicht abzuwarten sondern
wendete mich kurz ab und schlug mich mit langen Schritten in die Dünen Ein
halbes Dutzend kam hinter mir her ich zeigte ihnen von weitem meine Flinte und
da blieben sie zurück als weise Männer bedenkend dass weit davon gut vor dem
Schuss ist
An diesem Tage erhielt ich auch den Beweis dafür dass man mich ernstlich
verfolgte woran ich freilich nie gezweifelt hatte
Es war nämlich schon gegen Abend als ich eine Strecke freien Landes die
ich zu durchschreiten hatte vom Saume des Waldes aus recognoscirend auf der
Landstraße zwei Gensdarmen zu Pferde sah die längere Zeit mit einem Schäfer
sprachen welcher seine Heerde auf der Heide zwischen der Landstraße und dem
Walde trieb Ich bemerkte dass sie wiederholt nach dem Walde deuteten doch
musste ihnen der Schäfer wohl befriedigende Auskunft gegeben haben denn sie
ritten nach einiger Zeit in der entgegengesetzten Richtung weiter und
verschwanden bald in einer Senkung des Terrains Als ich sie weit genug entfernt
glaubte kam ich aus meinem Verstecke heraus und gesellte mich zu dem Schäfer
der an einem langen schwarzen Strumpfe strickte und dessen einfältiges Gesicht
mir ausreichende Gewähr der Sicherheit bot Er erzählte mir auf mein Befragen
dass die Gensdarmen hinter Einem her wären der ja wohl Einen todtgeschlagen
habe Es solle ein großer junger Mensch sein und ein sehr schlimmer Mensch
aber die Gensdarmen hätten gesagt sie kriegten ihn doch noch
Die üppige Phantasie des Strümpfestrickenden hatte vermutlich in der kurzen
Zeit zwischen dem Verschwinden der Gensdarmen und meinem Erscheinen Musse genug
gehabt sich das Bild des Verfolgten möglichst fürchterlich auszumalen
Jedenfalls erkannte er mich in Wirklichkeit nicht er nahm mich ohne Bedenken
für was ich mich gab einen Jägersmann der auf einem der benachbarten Güter zu
Besuch sei und der Gegend unkundig sich verirrt habe Er gab mir über die Wege
genaue Auskunft bedankte sich für das Trinkgeld das ich ihm in die Hand
drückte und ließ vor Verwunderung seinen Strickstrumpf fallen als ich anstatt
den von ihm gewiesenen Weg zu gehen über die Heide in den Wald zurückkehrte
Die Nähe der Gensdarmen hatte mich doch stutzig gemacht und ich hatte
beschlossen diese Nacht im Walde zuzubringen Es war eine böse Nacht So warm
es am Tage gewesen so kalt wurde es jetzt nachdem die Sonne untergegangen und
immer kälter und kälter je weiter die Nacht vorschritt Vergebens dass ich mich
fusstief in die feuchtdürren Blätter vergrub vergebens dass ich durch Hin und
Hergehen mich zu erwärmen suchte Die dichten Nebel die von der Erde
aufstiegen durchnässten meine Kleider und durchkälteten mich bis ins Mark
Entsetzlich langsam schlich die lange lange Nacht dahin ich glaubte es würde
nie wieder Tag werden Und zu diesem physischen kaum erträglichen Leiden der
Kälte der ich mich nicht erwehren des Hungers den ich nicht stillen der
Müdigkeit der ich nicht nachgeben konnte gesellte sich die Erinnerung dessen
was ich jüngst durchlebt je länger die Nacht dauerte und je wilder das Fieber
in meinen Adern wütete in immer grauenhafteren Bildern Während ich halb tot
vor Mattigkeit auf einer freieren Stelle unter den hohen Bäumen im
Nebelgeriesel auf und ab schwankte sah ich mich wieder an Herrn von Zehrens
Seite auf dem Moor und Jochen Swart lag tot zu unsern Füßen und die Flammen
des brennenden Hofes leuchteten grausig über uns hin aber viel heller als es in
Wirklichkeit der Fall gewesen war so hell dass mir war als brenne der Wald
rings um mich her und als irrte ich in höllischen Feuern obgleich meine Glieder
vor Kälte zitterten und meine Zähne in immer schnellerem Tempo
aufeinanderklappten Dann saß Herr von Zehren vor mir wie ich ihn zuletzt hatte
sitzen sehen mit gebrochenen Augen in welche die aufgehende Sonne schien und
dann war es wieder nicht Herr von Zehren sondern mein Vater oder der Professor
Lederer oder andere Gestalten aber alle waren sie tot und die Sonne schien
ihnen in die gebrochenen Augen Dann wurde ich mir wieder meines Zustandes voll
bewusst dass es finstere Nacht um mich her war dass mich sehr fror dass ich
fieberte und dass ich auf die Gefahr hin entdeckt zu werden mich entschließen
müsse ein wirkliches Feuer zu entfachen anstatt des grässlichen unheimlichen
das ich fortwährend in meinen FieberHallucinationen sah gerade wie ein auf
heißer Landstraße Verdurstender das Rauschen schattiger Bäume und das Plätschern
von Quellen zu hören glaubt
Ich trug für den Fall der jetzt eintrat ein großes Stück Zunder das ich
aus einem hohlen Baume gebrochen in der Jagdtasche Mit Hilfe desselben gelang
es mir nach einiger Zeit einen Stoß halbwegs trockenen Holzes in Brand zu
setzen und ich kann das Wonnegefühl nicht beschreiben das mich durchbebte als
endlich die Flamme hoch emporschlug Vor ihrem ehrlichen Schein huschten die
Fiebergeister in die Finsternis zurück die sie geboren hatte vor ihrer
köstlichen Wärme floh die Eiskälte aus meinen Adern ich schleppte neues und
neues Material herbei ich konnte mich des Anblickes der glänzenden Flammen des
schwälenden Rauches der davonstiebenden Funken nicht ersättigen Dann setzte
ich mich an meinen Waldesheerd und dachte darüber nach was ich tun könne mich
aus dieser Lage zu bringen die wie ich wohl sah auf die Dauer unerträglich
war Endlich glaubte ich es gefunden zu haben Ich musste den Versuch machen
über einen der Orte von denen aus eine regelmäßige Verbindung mit dem Festlande
statt fand und die ich bis jetzt aus guten Gründen geflissentlich vermieden
halte zu entkommen und zwar verkleidet da man mich sonst jedenfalls sofort
erkannt haben würde Die Schwierigkeit war einen passenden Anzug zu erhalten
und auch hier kam mir ein glücklicher Gedanke Ich hatte in der Kammer des
Matrosen in welcher ich die letzte Nacht zugebracht einen vollständigen
Fischeranzug hangen sehen vielleicht verkaufte mir den die freundliche Alte
War ich in dieser Verkleidung erst einmal von der Insel so sollte es mir doch
meinte ich gelingen in einem nächtlichen Marsche bis zur mecklenburgischen
Grenze zu kommen Dann musste der Zufall weiter helfen
Ich führte diesen Entschluss aus sobald der Morgen graute und traf
obgleich ich mich bereits ein bis zwei Meilen von dem einsamen Fischerdorfe
entfernt hatte kurz nachdem die Sonne aufgegangen dort wieder ein Die brave
Alte wollte von keinem Kauf wissen ich brauche die Sachen und das sei genug
vielleicht helfe ein anderer Mensch dafür ihrem Sohne wenn er noch lebe im
fernen Lande aus einer Gefahr und dabei liefen ihr die Tränen über die alten
runzeligen Wangen Meine Sachen und die Flinte die Pistole hatte ich bei Hans
gelassen wolle sie mir aufheben ich könne sie jeden Augenblick haben wenn
ich wieder in die Gegend komme Wofür mich die gute Alte genommen haben mag Ich
weiß es nicht Ich denke für einen Menschen der so aussah als ob er in Not
sei der behauptete dass ihm nur auf diese Weise geholfen werden könne und dem
sie deshalb half wie er es wünschte Die brave Seele Ich bin später
glücklicherweise im Stande gewesen ihr ihre Guttat einigermaßen zu vergelten
wenn eine Guttat überhaupt vergolten werden kann.
Ich machte mich alsbald wieder auf den Weg der diesmal unter mancherlei
Fährlichkeiten quer durch die Insel führte zu einem Punkte wo ich den Abend
erwarten wollte um mich nach Fährdorf zu begeben das ich in einer Stunde
erreichen konnte Ich hatte nämlich im Vertrauen auf meinen Matrosenanzug der
mir vortrefflich passte und wie ich glaubte mir ein ganz anderes Aussehen gab
die directeste Überfahrt nach Uselin gewählt Freilich musste ich so meine
Vaterstadt passieren aber vielleicht suchte man mich hier gerade am wenigsten
und dann gestehe ich es nur es bedurfte zu jener Zeit gar wenig um in mir
den alten Übermut zu entfachen der mir in meinem jungen Leben schon so
manchen bösen Streich gespielt hatte Ich malte es mir mit einem grimmigen
Behagen aus wie ich nächtens durch die stillen Straßen meiner Vaterstadt
wandern würde und überlegte schon ob ich nicht an die Rathaustür den alten
Spruch von den Nürnbergern und meinen Namen dazu schreiben solle Dennoch wagte
ich mich nicht vor Anbruch der Nacht nach Fährdorf
Ich hatte das fällige Boot verpasst das nächste und letzte an diesem Tage
segelte erst in einer halben Stunde Da ich durch das Fenster gesehen hatte dass
das sehr geräumige Schänkzimmer des hart am Ufer gelegenen Gastofes so gut wie
leer war und ich mich notwendig für den Marsch der Nacht stärken musste trat
ich ein setzte mich mit dem Gesicht nach der Wand an den entferntesten Tisch
und bestellte bei dem Schänkmädchen ein Abendbrot
Das Mädchen ging die Bestellung auszurichten Auf dem Tische neben dem
Lichte das die Kleine angezündet lag eine mit Bierflecken arg besudelte Nummer
des Useliner Wochenblattes vom vorigen Tage ein anderes reinlicheres Exemplar
derselben Nummer liegt neben dem Blatte auf welches ich dies schreibe Ich nahm
es zur Hand mein erster Blick fiel auf folgenden Artikel
Publicandum
Der der gewerbsmässigen Treibung der Kontrebande der tatsächlichen
Widersetzlichkeit gegen Officianten des Staates sowie des Mordes dringend
verdächtige zur Zeit flüchtige ehemalige Schüler des Gymnasiums in Uselin
Friedrich Wilhelm Georg Hartwig hat sich noch immer trotz aller von Seiten der
Behörden angewandten Mühe der Verhaftung zu entziehen gewusst Da es durchaus im
Interesse des Publikums liegt dass dieser nach allen Inzichten gefährliche
Mensch zur Haft resp Verbüssung der Strafe gebracht werde ergeht an dasselbe
die Aufforderung seinerseits zu diesem Endzwecke beizutragen indem Jeder der
über den Aufenthalt etc des pp Hartwig eine Aussage zu machen hat solche
unverweilt zur Kenntnis des Unterfertigten bringt Außerdem ersuchen wir
wiederholt und ergebenst sämtliche Behörden des In und Auslandes auf den pp
Hartwig Signalement weiter unten strengstens zu vigiliren denselben im
Betretungsfalle zu arretiren und an uns auf unsere Kosten remittiren zu wollen
unter Zusicherung dienstwilligster Reciprocität im gegebenen Falle
Uselin 2 November 1833
Das Bezirksgericht
gez Heckepfennig
Das beigefügte Signalement will ich nicht ausschreiben der Leser würde aus
demselben nicht viel mehr erfahren als dass ich mich zu jener Zeit dunkelblonden
»Brandfuchs« hatten mich die Jungen in der Schule genannt wenn sie mich
ärgern wollten und gelockten Haares erfreute sechs Fuß ohne Schuhe maß und
als ein wohlgebildetes Menschenkind keine »besonderen Kennzeichen« hatte
wenigstens nicht in den Augen des Herrn Justizrats Heckepfennig
Übrigens habe ich auch in jener für mich verhängnisvollen Stunde die
actenmässige Schilderung meiner Person schwerlich gelesen ich hatte genug an dem
mitgeteilten Publicandum Als mir gestern Abend der Schäfer sagte der Mann
den die Gensdarmen verfolgten solle einen andern erschlagen haben hatte ich
das nicht einen Augenblick für baare Münze genommen Der Mensch sah so einfältig
aus und wer weiß dachte ich was die Herren Gensdarmen ihm aufgebunden haben
mögen um sich wichtig und ihm bange zu machen Aber hier stand es mit großen
deutlichen Lettern auf dem Löschpapier des Useliner Wochenblattes das da sehr
selten andere Zeitungen in meine Hände gekommen waren für meinen unkritischen
Jugendsinn von jeher mit einer gewissen magistralen Autorität ich möchte sagen
mit dem Stempel der Unfehlbarkeit bekleidet gewesen war Des Mordes
verdächtig War es möglich galt ich als der Mörder von Jochen Swart ich der
ich Gott gedankt hatte als ich den Menschen auf den ich schoss sehr eilig
davonhinken sah ich dessen einziger Trost es in all diesen letzten
Leidenstagen gewesen war dass trotz alledem kein Menschenleben auf meinem
Gewissen laste Und hier schrieb man in alle Welt hinaus dass ich ein
Todtschläger ein Mörder sei
Das Schänkmädchen brachte das bestellte Essen und ermahnte mich glaube ich
keine Zeit zu verlieren da das Fährboot bald absegeln werde Ich hörte kaum
das was sie sagte ich ließ das Essen unberührt und starrte noch immer in das
Blatt dessen erste Seite ich als das Mädchen herantrat schnell umgeschlagen
hatte als könnte mein Name der da gedruckt war mich verraten Aber da auf
der zweiten Seite stand er abermals in einem Artikel unter der Rubrik
Städtische Angelegenheiten
Der Artikel lautete so
»Gestern Abend hatte sich auf eine bisher noch unaufgeklärte Weise das
Gerücht in der Stadt verbreitet dass Georg Hartwig dessen Name jetzt in Aller
Munde ist sich in das Haus seines Vaters geflüchtet habe und sich dort
verborgen halte Eine ungeheure Menschenmenge die leicht aus hundert und mehr
Köpfen bestehen mochte versammelte sich in Folge dessen in der Ufergasse und
verlangte stürmisch dass ihr der jugendliche Verbrecher ausgeliefert werde
Vergebens dass der unglückliche Vater von der Schwelle seines Hauses
versicherte dass sein Sohn nicht in seinem Hause und dass er nicht der Mann sei
dem Gesetze Hindernisse in den Weg zu legen Auch die energischen Bemühungen
unserer braven Stadtdiener Luz und Bolljahn erwiesen sich als erfolglos erst
der beredten Ansprache unseres würdigen Herrn Bürgermeisters der auf die erste
Nachricht des Tumultes sofort herbeigeeilt war gelang es die immer noch
anwachsende Menge zu zerstreuen Wir können nicht unterlassen unsere
Mitbürger auf das Törichte und gewissermaßen Frevelhafte eines solchen
Beginnens dringend aufmerksam zu machen wie willig wir auch einräumen dass die
in Frage stehende Angelegenheit welche leider immer bedeutendere Dimensionen
anzunehmen scheint ganz dazu angetan ist die Gemüter aufzuregen Aber wir
wenden uns an die Verständigen dh die weitaus größere Mehrzahl unserer
Mitbürger und fragen sie dürfen wir nicht in unsere Behörde das vollste
Vertrauen setzen dürfen wir nicht überzeugt sein dass unser Wohl in ihren
Händen besser aufgehoben ist als in unseren eigenen Händen Und was den
gestrigen Fall anbetrifft so appelliren wir noch besonders an das Zartgefühl
der Gutgesinnten Mögen sie bedenken dass der Vater des unglücklichen Georg
Hartwig einer der ehrenwertesten Männer unserer Stadt ist Er wäre wie er
selbst versichert hat und wie wir unsererseits fest überzeugt sind der Letzte
welcher den Lauf der Gerechtigkeit aufhalten würde Mitbürger Ehren wir dieses
Wort ehren wir den Mann der es gesprochen Mitbürger lasset uns gerecht sein
aber nicht grausam und vor Allem lasset uns zusehen dass der Ruf der Ordnung
und des gesetzmässigen Sinnes dessen sich unsere gute alte Stadt so lange mit
Recht erfreut hat nicht durch unsere Schuld verloren gehe«
Das mir wohlbekannte Signal welches die Passagiere zum Fährboot rief
ertönte von der Landungsbrücke her zugleich trat das Mädchen wieder herein und
bedeutete mich dass ich mich beeilen müsse
»Aber Sie haben ja keinen Bissen gegessen« rief sie und starrte mich
verwundert und erschrocken an ich mochte wohl sehr blass und verstört aussehen
Ich murmelte irgend eine Erwiderung legte einen Taler auf den Tisch und
verließ eilends das Zimmer
Das Fährboot war trotz der späten Stunde voll von Passagieren in dem
mittleren Raume standen zwei gesattelte Pferde die nur Gensdarmen gehören
konnten und ich entdeckte auch bald ihre Reiter Es waren dieselben die ich
gestern gesehen hatte wie ich aus den Gesprächen hörte die sie mit ihren
Nachbarn ein paar Bauern führten Sie schimpften darüber dass man sie
zurückbeordert denn sie seien überzeugt dass sie den Halunken gefangen haben
würden der ganz gewiss noch irgendwo auf der Insel versteckt sei trotzdem sie
dieselbe nebst noch zwei berittenen Kameraden und vier Kameraden zu Fuß nach
allen Richtungen durchsucht hätten Nun würden sich die Andern die Gratification
verdienen während sie helfen sollten die Ruhe in der Stadt aufrecht zu
erhalten was sie gar nichts angehe denn dazu seien ja der Bolljahn und der Luz
da
Ich saß dicht in ihrer Nähe und konnte Alles mit anhören und dachte welche
Freude ich den braven Leuten machen könnte wenn ich plötzlich aufstünde und
sagte hier ist der Halunke
Aber ich konnte ihnen die Freude nicht machen was zu tun ich entschlossen
war musste aus einem freiem Antriebe geschehen So hielt ich mich still und den
weisen Dienern des Gesetzes kam es nicht in den Sinn dass der junge Matrose der
scheinbar so eifrig zuhörte der war den sie suchten
Der Wind war günstig und die Fahrt schnell nach einer Stunde legte das Boot
an der Fährbrücke in dem Hafen an Die Pferde stampften die Gensdarmen
fluchten die Passagiere drängten sich aus dem Fahrzeug und gingen mit ihren
Bündeln die Brücke hinauf
Oben auf dem Quai stand der dicke Peter Hinrich der Wirt der
Matrosenkneipe gleich am Tor und fragte mich ob ich nicht bei ihm Quartier
nehmen wolle Ich sagte es wäre schon anderwärts Quartier für mich bereit
So schritt ich durch das verfallene Hafentor das nie geschlossen wurde
und kam in die Hafengasse Als ich zu dem kleinen Hause gelangte blieb ich
einen Augenblick stehen Es war dunkel und still in dem Hause und es war dunkel
und still auf der Straße aber vorgestern war es hier belebt genug gewesen und
dort auf der Schwelle hatte ein Mann gestanden und gesagt dass man sich sehr in
ihm irre wenn man glaube er könne oder werde dem Gesetze ein Hindernis in den
Weg legen Er sollte nicht noch einmal in den Verdacht kommen dass er seinen
Sohn in seinem Hause versteckt halte er sollte sehen dass diesem Sohne doch
noch etwas an seinem eigenen guten Namen wenn nicht an dem seines Vaters
gelegen sei dass er den Mut habe einzustehen für das was er getan
Die Vermahnung des Wochenblattes an das Publikum war nicht vergeblich
gewesen die kleine Stadt war wie ausgestorben die energischen Männer Luz und
Bolljahn hätten beim besten Willen nichts zu tun gefunden Mein Schritt hallte
laut in den öden Gassen die mir heute sonderbar eng und winkelig erschienen
hier und da war noch Licht in den Fenstern man ging sehr früh zu Bett in
Uselin und der Magistrat konnte deshalb auch die Strassenlaternen frühzeitig
auslöschen besonders wenn wie jetzt schon das erste Viertel des Mondes über
das Dach der alten Nikolaikirche durch treibende Wolken melancholisch auf den
stillen Marktplatz herniederblickte
Ich stand auf dem Marktplatz vor dem Hause des Herrn Justizrats
Heckepfennig Es war der stattlichsten eines Wie oft war ich hier wenn ich des
Mittags aus der Schule kam vorübergegangen und hatte einen
sehnsüchtigrespectvollen Blick nach dem letzten Fenster links in der oberen
Etage geworfen wo Emilie hinter einer Vase mit Goldfischen zu sitzen pflegte
und zufällig immer wenn ich vorüberging ein kleiner halbblinder
Fensterspiegel spielte den treuen Vermittler nach irgend etwas auf dem Markte
sehen musste Heute blickte ich wieder nach dem Fenster aber mit sehr anderen
Empfindungen Es war Licht in dem Zimmer dem Wohnzimmer der Familie Der
Justizrat pflegte dort seine Abendpfeife zu rauchen Es stand zu vermuten dass
sie ihm über dem Besuch der ihm bevorstand ausgehen werde
Die Haustüren in Uselin pflegten bevor die Bewohner zu Bett gingen nicht
verschlossen zu werden aber sei es dass die von den Stadtdienern Luz und
Bolljahn mit so opferfreudigem Mute bekämpften Unruhen der letzten Tage eine
größere Vorsicht rätlich erscheinen ließ sei es dass der Justizrat in
seiner doppelten Eigenschaft als reicher Mann und als Mann des Gesetzes auch in
diesem Punkte auf strengere Ordnung hielt sein Haus war verschlossen und es
dauerte einige Zeit bis auf mein wiederholtes Klingeln eine weibliche Stimme
nicht ohne eine gewisse Zaghaftigkeit im Ausdruck durch das Schlüsselloch »Wer
ist da« fragte Meine Antwort »Jemand der den Herrn Justizrat dringend zu
sprechen wünscht« schien der weiblichen Türhüterin die übrigens niemand
anders sein konnte als das hübsche Hausmädchen Jette keine vollständige
Beruhigung zu gewähren Es entstand ein Flüstern aus welchem ich schloss dass
Jette auch noch Male die Köchin mitgebracht hatte dann ein Kichern und dann
der Bescheid dass man es dem Herrn sagen wolle
Ich patrouillirte in meiner Ungeduld vor dem Hause auf und ab als in dem
Wohnzimmer oben ein Fenster geöffnet wurde und der Herr Justizrat in Person
den Kopf ein ganz klein wenig heraussteckend die Frage seines Hausmädchens
wiederholte und von mir dieselbe Antwort empfing
»In Sachen« fragte der vorsichtige Mann
»Ich komme von der Insel« antwortete ich auf gut Glück
»Aha« sagte er und schloss das Fenster
Der Justizrat hatte schon seit mehreren Tagen nichts getan als Leute
verhört die ihm über die große Angelegenheit Auskunft geben sollten Ein
Schiffer und Fischer der von der Insel kommend ihn des Abends zehn Uhr
dringend zu sprechen wünschte konnte nur in einer Eigenschaft und zu einem
Zwecke kommen eine wichtige Angabe zu machen die vielleicht ein in der Tat
sehr nötiges Licht in das Dunkel der rätselhaften Affäre warf Ich für mein
Teil glaubte dass der Herr Justizrat mich an der Stimme erkannt habe und dass
sein Ausruf so viel heißen solle als bist du endlich da Ich sollte alsbald
erfahren wie sehr ich mich getäuscht hatte
Die Haustür wurde aufgeschlossen ich trat schnell herein Kaum aber hatte
der Schein des Lichtes das Jette in der erhobenen Rechten hielt mein Gesicht
gestreift als sie laut aufschrie das Licht mit samt dem Leuchter fallen ließ
und eilig davonlief während die Köchin wenigstens was das Kreischen und
Weglaufen anbetraf dem Beispiele ihrer Genossin folgte Die Köchin welche eine
bereits ältere Person war hätte wohl verständiger sein können indessen sie
kannte mich eben nur von Ansehen und hatte in letzterer Zeit jedenfalls die
schrecklichsten Dinge von mir gehört so will ich sie nicht weiter tadeln Das
Benehmen der hübschen Jette aber war unverzeihlich Ich war um ihrer Herrin und
vielleicht auch um ihrer selbst willen immer sehr liebenswürdig gegen sie
gewesen sie hatte das stets im vollstem Masse anerkannt mich wo und wann ich
ihr begegnete schelmisch angelächelt und so oft ich in das Haus gekommen war
jederzeit mit dem allerfreundlichsten Knix begrüßt und heute doch ich hatte
heute an Anderes zu denken als an die Undankbarkeit eines Stubenmädchens So
schritt ich denn durch den dunkeln Hausflur erstieg die mir wohlbekannte Treppe
und klopfte an die Tür von des Justizrats Arbeitszimmer welches neben dem
Wohnzimmer lag und wohin sich der Justizrat um den späten Besuch zu
empfangen mittlerweile gewiss schon begeben hatte
»Herein« sagte der Justizrat
Ich folgte dem Rufe
Und da stand der Justizrat wie ich ihn zu sehen erwartet hatte die
weitschichtige große Gestalt in den weiten grossgeblümten Schlafrock gehüllt
die lange Pfeife in der Hand und blickte die schmale niedrige von kurzem
dichten Haar umstarrte Stirn in gewichtige Falten legend aus den kleinen
dummen Augen neugierig auf den Eintretenden
»Nun was bringen Sie mir mein Lieber« fragte der Justizrat
»Mich selbst« erwiderte ich mit leisem aber festen Ton indem ich nahe an
ihn herantrat
Meine Befürchtung dass dem Mann über meinem Besuch die Pfeife ausgehen
würde erfüllte sich insofern als er dieselbe einfach fallen ließ und ohne
ein Wort zu erwidern die Schösse des grossgeblümten Schlafrocks mit beiden
Händen ergreifend Rettung in dem Familienzimmer nebenan suchte
Da stand ich nun neben der zerbrochenen Pfeife und trat die glühende Asche
aus die auf den kleine Teppich vor dem Arbeitstisch gefallen war an welchem
der Justizrat gestanden hatte In dieser gewiss nicht verbrecherischen
Beschäftigung wurde ich durch einen Ruf aufgeschreckt der nebenan aus dem
geöffneten Fenster auf den Markt nach dem Wächter erschallte Es war die Stimme
des Justizrats aber dieselbe klang sehr heiser und kläglich als ob den Rufer
Jemand an der Kehle halte
Ich trat an die Tür zum Familienzimmer und klopfte
»Herr Justizrat«
Keine Antwort
»Frau Justizrat«
Alles still
»Fräulein Emilie«
Eine Pause und dann ein ängstliches Stimmchen das ich so oft hatte lachen
hören mit dem ich auf Wasser und anderen Fahrten so manches Duett gesungen
hatte
»Was wollen Sie«
»Sagen Sie Ihrem Herrn Vater Fräulein Emilie dass, wenn er noch einmal nach
dem Wächter ruft und wenn er sich nicht alsbald hierher in sein Arbeitszimmer
bemüht ich weggehe und nicht wiederkomme«
Ich hatte das in einem bestimmten aber sehr höflichen Tone gesagt der denn
doch seine Wirkung nicht verfehlen mochte Ein leises Zwie oder vielmehr
Dreigespräch ließ sich in der Nähe der Tür vernehmen Die Frauen schienen den
Gatten und Vater zu beschwören dass er sein kostbares Leben nicht in eine so
offenbare Gefahr bringe während der Gatte und Vater die gemeinschaftliche
Furcht durch heroische Sentenzen wie aber es ist meine Pflicht oder es kann
mich mein Amt kosten zu beschwichtigen suchte
Endlich siegte die durch so wichtige Bedenken unterstützte Tugend Ich
vernahm ein lautes Räuspern die Tür wurde vorsichtig geöffnet und an dem
grossgeblümten Schlafrock vorbei hatte ich einen flüchtigen Blick auf die Haube
der Frau Justizrätin und auf die Papilloten Fräulein Emiliens deren krause
blonde Locken ich immer für ein schönes Spiel der Natur gehalten hatte
Ach zu den vielen großen Illusionen die mir die letzten Tage zerstört
hatten mochte diese kleine gern mit in den Kauf gehen
Der Justizrat hatte zögernd die Tür hinter sich geschlossen und kam
zögernd ein paar Schritte näher blieb dann stehen und versuchte mich fest ins
Auge zu fassen was ihm nach einiger Mühe beinahe gelang
»Junger Mann« sagte er »Sie sind allein«
»Wie Sie sehen Herr Justizrat«
»Und ohne Waffen«
»Ohne Waffen«
»Ohne alle Waffen«
»Ohne alle Waffen«
Ich knöpfte meine Matrosenjacke auf den Inquirenten von der Wahrheit meiner
Aussage zu überzeugen Der Justizrat schöpfte sichtlich Atem
»Und Sie sind gekommen«
»Mich dem Gerichte zu stellen«
»Warum haben Sie das nicht sogleich gesagt«
»Ich wüsste nicht dass Sie mir dazu Zeit gelassen hätten«
Der Justizrat warf einen verlegenen Blick auf die zerbrochene Pfeife am
Boden räusperte sich und schien nicht recht zu wissen was er in einem so
außerordentlichen Falle zu tun habe
Es entstand eine Pause
Die Damen nebenan mussten vermuten dass ich diese Pause dazu benutze dem
Gatten und Vater die Kehle abzuschneiden wenigstens wurde in diesem Augenblicke
die Tür aufgerissen die Frau Justizrätin im Nachtkamisol und flatternder
Nachtaube kam hereingestürzt unmittelbar auf den grossgeblümten Schlafrock zu
den sie mit allen Merkmalen tödtlicher Angst umklammerte während Emilie die
dem Nachtkamisol auf dem Fuße gefolgt war sich zu mir wandte und mit
teatralischer Gebärde beide Hände abwehrend bis zur Höhe ihrer Papilloten
erhob
»Heckepfennig er will Dich umbringen« schluchzte das Nachtkamisol
»Schonen Sie meinen alten Vater« seufzten die Papilloten
Und jetzt öffnete sich auch die Tür nach dem Flur Jette und Male wollten
auf die Gefahr hin mit ihrer Herrschaft zu sterben wenigstens sehen was oben
passirte und erschienen laut jammernd auf der Schwelle Das Nachtkamisol brach
bei ihrem Anblick in ein hysterisches Weinen aus und die Papilloten schwankten
nach dem Sopha in der augenscheinlichen Absicht dort in Ohnmacht zu fallen
Hier nun bewies der Justizrat zum andern male dass große Charaktere in
großen Augenblicken groß zu handeln vermögen Er löste mit sanfter Gewalt den
grossgeblümten Schlafrock aus der Umarmung des Kamisols und sagte mit einer
Stimme die den Entschluss verkündete das Äußerste zu tun und zu wagen
»Jette hole mir meinen Rock«
Dies war das Signal zu einer Szene unbeschreiblicher Verwirrung aus der
nach fünf Minuten das Opfer seiner Pflichttreue als Sieger mit Rock und Hut und
Stock hervorging ein erhabener Anblick der nur dadurch einigermaßen
beeinträchtigt wurde dass die Füße des Helden noch immer mit gestickten
Pantoffeln bekleidet waren und er selbst dieses Umstandes nicht früher gewahr
wurde als bis es zu spät war nämlich erst als wir unten auf dem Pflaster des
Marktes standen
»Lassen Sie es gut sein Herr Justizrat« sagte ich als er im Begriff war
umzukehren »Sie kommen am Ende nicht wieder und es sind ja nur ein paar
Schritte«
In der Tat war das kleine alte Rathaus an der andern Seite des keineswegs
weiten Platzes gelegen und das Pflaster war vollkommen trocken so dass das
Opfer der Pflichttreue nicht einmal einen Schnupfen zu befürchten hatte
»Herr Justizrat« sagte ich während wir über den Marktplatz schritten
»nicht wahr Sie werden meinem Vater bezeugen dass ich mich freiwillig ohne
irgend eine Nötigung gestellt habe ich will dann auch gegen Niemand ein Wort
von der zerbrochenen Pfeife sagen«
Ich habe viel törichte und unüberlegte Worte in meinem Leben gesprochen
wenige die unüberlegter und törichter gewesen wären Indem ich gerade auf den
Punkt losging der mir ich möchte sagen der einzig wichtige in dem ganzen
Angelegenheit gewesen war nämlich meinem Vater der mich verleugnet hatte
Trotz zu bieten vergaß ich ganz dass ich dabei so derb als möglich auf ein Paar
gestickte Pantoffeln trat die mir diese Beleidigung nie vergeben würden und in
Wahrheit nie vergeben haben Wer weiß welche ganz andere Wendung mein Prozess
genommen wenn ich anstatt jener unverzeihlichen Dummheit ein Lied vom braven
Manne angestimmt hätte der sich zwar vor einem möglichen ja wahrscheinlichen
Überfalle zu schützen wisse dann aber seine Pflicht tue entstehe daraus was
da wolle
Was wusste ich junger gläubiger Tor der ich war von solchen Feinheiten
Und so gelangten wir in die offene Halle des Rathauses wo bei Tage eine
alte Kuchenfrau in einem ausgesägten Fasse vor einem Tische saß dessen nicht
immer reines Laken auf welchem die Kuchen die Rosinensemmeln und Bonbons
lagen von dem durch die Halle streichenden Wind beständig hin und hergeweht
wurde Der Tisch war jetzt ohne Decke und gewährte einen sehr trostlosen Anblick
als wenn die alte Mutter Möller und nicht bloß sie sondern alle Kuchen
Rosinensemmeln und Bonbons der Welt für immer und immer gestorben wären Eine
seltsame Wehmut ergriff mich zum ersten und letzten mal an diesem Abend regte
sich in mir der Gedanke ob ich nicht doch besser täte das Weite zu suchen
Wer sollte mich halten Der Pantoffelheld an meiner Seite wahrhaftig nicht der
alte Nachtwächter Rüterbusch der vor dem Wachlocal in der Rathaushalle im
trüben Schein einer an der gewölbten Decke hin und herschaukelnden Laterne auf
und abschlürfte eben so wenig Aber ich dachte an meinen Vater und ob ihm
nicht doch das Gewissen schlagen würde wenn er morgen hörte dass ich im
Gefängnis säße und ich stand ruhig dabei und hörte wie der Nachtwächter
Rüterbusch dem Herrn Justizrat Heckepfennig auseinandersetzte dass sich die
Sache sehr schwer würde »verwerkstelligen« lassen sintemalen infolge der in den
letzten Tagen vorgenommenen Verhaftungen die ganze Custodie bis auf den letzten
Platz gefüllt sei
Die Custodie war ein ominöser Anbau des Rathauses der seine Fronte nach
einer sehr schmalen Nebengasse hatte in welcher die Schritte immer sonderbar
hallten Kein Useliner ging wenn er es vermeiden konnte durch diese hallende
Gasse denn in jenem ominösen Anbau des Rathauses gab es keine Tür dafür aber
eine Reihe kleiner viereckiger mit Eisenstäben vergitterter und zum Überfluss
mit Holzblenden halbverdeckter Fenster hinter denen sich hier und da einmal ein
bleiches Armesündergesicht zeigte
Eine Viertelstunde nachdem die Unterredung zwischen Herrn Justizrat
Heckepfennig und Herrn Nachtwächter Rüterbusch zu einem befriedigenden Ende
gekommen war saß ich hinter einem dieser vergitterten Fenster
Einundzwanzigstes Kapitel
Das Rathausgässchen meiner Vaterstadt in welchem die Tritte der Passanten so
dumpf hallten hatte selbst in der Erinnerung der ältesten Krähe auf dem
benachbarten Turme der Nicolaikirche nie der anziehende Zauber des
Schauerlichen so sehr umwittert als in den letzten beiden Monaten dieses und in
den ersten zwei des folgenden Jahres Auch wollte man die Bemerkung gemacht
haben dass in dem Gässchen der Schnee noch nie so hoch gelegen habe und dass es
noch in keinem Jahre so früh dunkel geworden sei Ja Mutter Möller die
Kuchenfrau in der Rathaushalle die ihren Kram sonst mit dem Glockenschlage
fünf zusammenpackte tat es jetzt regelmäßig schon um ein halb fünf weil sie
behauptete es wehe sie nach Dunkelwerden immer wie eitel Leichengeruch an und
das Laken auf ihrem Tische flattere so hin und her dass es unmöglich mit rechten
Dingen zugehen könne Dagegen versicherte Vater Rüterbusch der Nachtwächter er
habe weder auf seinem Stand in der Halle noch in dem Gässchen etwas Besonderes
bemerkt nicht einmal zwischen zwölf und ein Uhr wo es doch von Amts wegen
spuken dürfe geschweige denn zu andern Stunden Indessen war man mehr geneigt
der alten Kuchenfrau als dem noch älteren Nachtwächter zu glauben da die
Erstere wenn sie auch je zuweilen einnicke doch im Ganzen mehr wache als
schlafe während von dem Letzteren die Stammgäste des Ratskellers welche
nächtens an seinem Posten vorüber mussten einstimmig das Gegenteil aussagten
Die Stammgäste des Ratskellers kränkten durch solche Rede das gute Herz von
Vater Rüterbusch tief und bitter widerlegten ihn aber nicht »Denn sehen Sie«
sagte Vater Rüterbusch »zum Exempel schläft ein vereidigter Nachtwächter
überhaupt niemalen sondern stellt sich zum Exempel schlafend um gewisse Herren
nicht in Verlegenheit zu setzen die sich vor mir altem Manne ob ihres
lüderlichen Lebenswandels schämen müssten Posito bin ich bereit meine Aussagen
auf meinen Diensteid zu nehmen und das können die Herren nicht Denn wenn auch
manche von ihnen zum Exempel der Ratszimmermeister Karl Bobbin bereits
zwanzig Jahre lang allabendlich perspective allnächtlich denselben Weg kommen
perspective gehen so ist eine Gewohnheit doch kein Amt ich zum Exempel habe
noch nie gehört dass die Stammgäste des Ratskellers vereidigt wären oder
würden und habe doch schon letzte Ostern mein fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert
und bin mit Karl Bobbin seinem Vater der zum Exempel auch schon nichts getaugt
hat zusammen in die Schule gegangen«
Dem sei nun wie ihm wolle darüber herrschte während der Wintermonate von
dreiunddreissig auf vierunddreissig in Uselin nur Eine Meinung dass, wenn es im
Rathausgässchen nicht geheuer sei sich wie die Dinge nun einmal lagen kein
Mensch darüber wundern könne
Die Dinge aber lagen schlimm und für Niemand schlimmer als für mich der
ich wie von Jedermann zugegeben wurde weitaus die Hauptperson in dem großen
KontrebandeProzesse war zu dem sich Dank dem inquisitorischen Genie des
Untersuchungsrichters Justizrat Heckepfennig eine in meinen Augen so
unendlich einfache Sache mittlerweile entwickelt hatte
Als ob es nur im allermindesten darauf angekommen wäre wie die Sache in
meinen Augen aussah Als ob es sich irgend der Mühe verlohnt hätte zu
untersuchen was ich denn eigentlich gewollt Aber nein Ich will dem Justizrat
Heckepfennig und dem Korreferenten Justizrat Bostelmann vom Obergericht nicht
unrecht tun Sie kümmerten sich wohl sehr eifrig darum nur dass sie leider die
Wahrheit nie finden wollten wo sie lag und wo ich sie dieselbe suchen ließ
Weshalb war ich von meinem Vater fortgegangen Weil er mir die Tür gewiesen
»Ein schöner Grund Zornige oder erzürnte Väter weisen ihren Söhnen oft die
Tür ohne dass es den Söhnen einfällt in die weite Welt zu laufen Da steckte
ohne Zweifel mehr dahinter Man wollte vielleicht fortgeschickt sein« »Ich
gebe das gewissermaßen zu« »Sie geben es vielleicht unbedingt zu« »Ich
gebe es unbedingt zu« »Sehr gut Herr Actuar notiren Sie gefälligst die
Aussage des Inquisiten der unbedingt zugibt er habe von seinem Vater
fortgeschickt sein wollen Und wo und wann haben Sie die Bekanntschaft des
Herrn von Zehren gemacht die erste Bekanntschaft« »An dem Abend bei Schmied
Pinnow« »Hatten Sie ihn nie zuvor gesehen« »Nicht dass ich wüsste« »Auch
nicht bei Schmied Pinnow Derselbe behauptet Herr von Zehren sei so oft des
Abends bei ihm gewesen und Sie ebenfalls dass es mit einem Wunder zugehen müsste
wenn Sie sich nicht vorher schon einmal getroffen hätten« »Das lügt Pinnow
und er weiß sehr gut dass er lügt« »Sie bleiben also dabei dass Ihr
Zusammentreffen mit Herrn von Zehren ein rein zufälliges war« »Allerdings«
»Wie viel Geld hatten Sie bei sich als Sie Ihren Vater verließen«
»Fünfundzwanzig Silbergroschen wenn mir recht erinnerlich ist« »Und hatten
Sie irgend eine Aussicht ein dauerndes Unterkommen zu finden« »Nein« »Sie
hatten keine derartige Aussicht hatten fünfundzwanzig Silbergroschen im Besitz
legten es darauf an dass Ihr Vater Sie fortschickte und behaupten noch dass Sie
an dem bewussten Abende mit dem Manne bei dem Sie sofort Aufnahme fanden bei
dem Sie bis zur Katastrophe geblieben sind zufällig zusammentrafen Sie sind
scharfsinnig genug einzusehen wie unwahrscheinlich dies ist, und ich frage Sie
deshalb zum letzten male ob Sie auf die Gefahr hin Ihre Glaubwürdigkeit schwer
zu verdächtigen obige Behauptung aufrecht zu erhalten versuchen« »Ja«
Justizrat Heckepfennig warf Herrn Actuarius Unterwasser einen Blick zu als
wollte er sagen Begreifen Sie diese Unverschämtheit Herr Actuarius Unterwasser
lächelte mitleidig und schüttelte wehmütig den Kopf und rasselte mit der Feder
über das Papier als sei es für ihn eine moralische Beruhigung so
unbegreifliche Dinge wenigstens Schwarz auf Weiß vor sich zu haben
So ging es durch ich weiß nicht wie viele Verhandlungen und Vernehmungen
durch summarische Vernehmung durch Hauptvernehmung durch articulirte
Vernehmung Sehr häufig wusste ich gar nicht um was es sich handelte und wozu
alle die langatmigen Fragen und die Kreuz und Querfragen in denen Justizrat
Heckepfennig seine Stärke suchte dienen sollten Ich beschwerte mich darüber
bitter bei meinem Verteidiger dem Assessor Perleberg indem ich hinzufügte
dass ich den Herren doch Alles gesagt oder wie sie sich auszudrücken beliebten
gestanden habe
»Verehrtester« sagte der Assessor »erstens ist es nicht wahr dass Sie
Alles gestanden haben Sie haben zum Beispiel nicht sagen wollen wer die
Person gewesen ist mit welcher Sie der Katenmann Semlow an dem betreffenden
Abend vier Uhr auf dem Fusswege nach Zehrendorf hat gehen sehen und zweitens
was heißt Geständnis Wir Criminalisten legen auf das Geständnis nur einen
untergeordneten Wert Wie viele Verbrecher sind nicht zum Geständnis zu
bringen und wie manches Geständnis ist falsch oder wird später widerrufen Der
eigentliche Zielpunkt des Inquirenten ist die Ausmittelung der Schuld Bedenken
Sie doch Verehrtester Ihr ganzes sogenanntes Geständnis könnte ja Fiction
sein Das ist Alles schon dagewesen die criminalistischen Annalen «
Es war zum Verzweifeln Er ist später eine große Fackel und Leuchte der
Jurisprudenz geworden mein Defensor und er war auch gewiss schon damals
obgleich er noch nicht Professor Geheimrat und ein weit berühmter Mann
sondern ein obscurer Assessor am Obergerichte war ein großer Gelehrter und sehr
scharfsinniger Kopf eine Welt zu gelehrt und scharfsinnig für mich armen
Teufel Mit seinem Erstens und Zweitens hätte er eine Jury von Engeln gegen die
Unschuld selbst einnehmen müssen geschweige denn ein Kollegium von Richtern
die durch ihn auf den Gedanken kamen dass ein Mensch der mit einem so
ungeheuren Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit verteidigt werden musste
notwendig ein großer Verbrecher war Ich sehe ihn immer noch vor mir sitzen auf
der Kante des mit Bankeisen an der Wand befestigten Tisches in meiner
Gefängnisszelle mit den kurzen dürren Beinen zappeln und mit den dünnen Aermchen
in der Luft umherfahren wie eine Spinne wenn sie eine Masche in ihrem Netze
verloren hat Ach es mochte wohl sehr schwer sein zumal für eine so
grundgelehrte Spinne eine tölpische Brummfliege die in ihrer Verblendung in
das Netz geflogen war und gar ungeberdig darin umhertobte wissenschaftlich rein
herauszulösen Bekam ich doch jetzt erst eine Ahnung davon wie weitschichtig
die Maschen dieses Netzes und wie viele Fliegen außer mir in diese Maschen
verwickelt waren
Sehr leichtsinnige Fliegen die unter der Maske höchst ehrbarer Bürger und
respectabler Kaufleute meiner Vaterstadt und einiger Nachbarstädte seit Jahren
einen ausgebreiteten Handel mit eingeschmuggelten Waren getrieben und das
wohllöbliche Zollamt um Tausende und Abertausende betrogen hatten Diese Sorte
Fliegen war äußerst widerwärtig und schmutzig Denn so wie eine mit einem Fuße
das Netz berührt hatte und das Entkommen schwierig schien wurde sie sogleich
zur Verräterin an ihren Mitfliegen und ruhte nicht bis alle in dem Netze
festsassen
Dann gab es eine andere viel ehrlichere Sorte obgleich sie sich beiweitem
nicht so ehrbar zu geberden wusste Das waren meine guten Freunde die
wettergeprüften tabakkauenden schweigsamen Männer von Zanowitz und den anderen
Fischerdörfern an der Küste Sie hatten es in diesen Affairen nicht ganz so gut
gehabt wie die Herren hinter dem Ladentisch und in den Komptoirs Sie hatten mit
Sturm und Wetter zu kämpfen gehabt hatten wachen und lauern und hungern und
frieren und ihre Haut zu Markte tragen müssen um geringen Lohn und Mancher von
ihnen gewiss nur sich selbst und Weib und Kindern das jämmerliche Dasein zu
fristen aber obgleich man ihrer Vier in der Schreckensnacht auf dem Moore
gefangen konnte die Untersuchung nach dieser Seite nicht von der Stelle Keiner
verriet seinen Kameraden Keiner wusste wer sein Nebenmann gewesen war »Die
Nacht war dunkel und in der Nacht sind alle Katzen grau es hatte Jeder genug
mit sich zu tun gehabt Wenn Pinnow sagt dass Der und Jener auch dabei gewesen
so wird er es ja auch wohl beschwören können« Umsonst dass der Herr Justizrat
die pfiffigsten Fragen stellte und schmeichelte und drohte man musste ein paar
Dutzend Leute die als dringend verdächtig eingezogen waren entlassen und froh
sein dass man wenigstens die Vier hatte die man auf frischer Tat ergriffen
Ja es war eine eigene Sorte Fliegen die sich da neben den andern in dem
Gesetzesnetz gefangen hatte eine zähe raue Sorte sehr unbequem gewiss für die
Hüter der Fleischtöpfe einer geordneten Staatseinrichtung aber doch ehrlich in
ihrer Weise und kein Geschmeiss in moralischem Sinne wie jene ersten
Diese beiden Sorten nun hatten sich schon seit langer Zeit in die Hände
gearbeitet aber ohne rechtes System und deshalb auch ohne rechten Erfolg bis
vor ungefähr vier Jahren das Geschäft einen plötzlich großartigen Aufschwung
nahm Es war nämlich Jemand der sich bis dahin wie alle Gutsbesitzer längs der
Küste seinen Wein seinen Kognac sein Salz seinen Tabak von den Paschern in
kleinen Partien hatte liefern lassen auf den Gedanken gekommen dass es an einer
Mittelsperson zwischen den Lieferanten und ihren Abnehmern fehle einer
Mittelsperson die gleichsam einen Speicher oder Packhof für die Kontrebande
errichtete und so den Lieferanten die Möglichkeit gewährte größere Partien auf
einmal abzusetzen und den Abnehmern die Ware nach Bedürfnis und zu gelegener
Stunde einzuholen
Diesen sehr gesunden nationalökonomischen Gedanken den die Not erzeugt
und die Abenteuerlust des Mannes freudig empfangen hatte er mit der Kühnheit
der Umsicht der Energie die ihn in so hohem Grade auszeichneten ins Werk
gesetzt Die einsame Lage seines Gutes auf dem lang hin sich streckenden
Vorgebirge auf der einen Seite die offene See auf der andern Seite das
Binnenwasser war für seine Zwecke wie gemacht Wenn es sich früher um
Bootsladungen gehandelt hatte wurden jetzt ganze Schiffsladungen auf einmal
oder an ein paar Abenden hinter einander gelöscht in den Kellern seines
Schlosses geborgen und nach und nach an die Abnehmer die Gutsbesitzer der
Nachbarschaft die Kaufleute in den Landstädtchen der Insel in den Hafenstädten
des Festlandes weitergegeben Und hier war es vor Allem Schmied Pinnow in
dessen Händen sich der zweite Teil des Geschäftes befand Schmied Pinnow war
als Schmuggler längst bekannt mehr als einmal in Untersuchung gewesen
wiederholt bestraft worden als er plötzlich in Gefahr geriet zu erblinden
eine große blaue Brille tragen musste und höchstens noch bei sehr schönem Wetter
und mit Hilfe seines taubstummen Lehrburschen die Badegäste von Uselin auf
seinem Kutter eine Stunde oder so spazieren fahren konnte Dieses Unglück hatte
den braven Mann zur selben Zeit getroffen als der große SchmugglerKapitän von
der Insel den man auf einen so ausgezeichneten Helfershelfer aufmerksam
gemacht eines Nachts in seiner Strandhütte erschien und ihn gewissermaßen in
Sold und Pflicht nahm Von da an hatten die Beiden zusammen gearbeitet und der
Schmied im Laufe der vier Jahre so viel Geld verdient dass er nun und nimmermehr
seinen Chef verraten haben würde wenn die Eifersucht dem alten Sünder nicht
einen dummen Streich gespielt hätte »Wenn Sie das Mädchen nicht zufrieden
lassen schieße ich Sie über den Haufen wie einen Hund« hatte der Wilde
gesagt und Schmied Pinnow war nicht der Mann eine solche Drohung von der er
nur zu gut wusste wie ernst sie gemeint war ruhig hinzunehmen
Und von dieser Stunde an verbreitete sich man wusste nicht woher es kam
das Gerücht in der Stadt besonders in den Bureaux des Steueramtes dass der
wilde Zehren auf Zehrendorf die Seele des ganzen Schmuggelhandels sei der
Meilen hinauf und hinab die Küste entlang so äußerst schwunghaft betrieben
wurde Man wollte dem Gerücht keinen Glauben schenken Freilich war der wilde
Zehren ein Mann mit dem man in Uselin die Kinder ins Bett jagte freilich
wusste man oder wollte man von ihm Dinge wissen die man sich kaum heimlich ins
Ohr zu flüstern wagte dass er seinen Schwager erstochen dass er seine Frau
entsetzlich behandelt und dann im See im Walde ertränkt habe und dergleichen
mehr aber das waren Dinge wie sie dem wilden Zehren wohl passieren konnten
während der Schmuggel nein es war unmöglich ein Mann vom ältesten Adel und
dessen Bruder noch dazu der erste Steuerbeamte des Regierungsbezirkes war
Dies war die allgemeine Meinung Zwischendurch ließ sich einzelne Stimmen
allerdings nur sehr leise vernehmen die da meinten wie verschieden die beiden
Brüder auch sonst an Gesinnung Lebensstellung ja selbst in ihrer äußeren
Erscheinung seien darin ähnelten sie einander doch dass jeder von ihnen mehr
Schulden habe als er bezahlen könne und ähnliche Ursachen könnten ja auch wohl
ähnliche Wirkungen hervorbringen Wenn die Unternehmungen des Wilden alle die
Jahre hindurch von so ausserordentlichem Glücke begleitet gewesen seien so sei
der Grund vielleicht der dass die SteuerOfficianten freilich nicht wüssten wo
und wann der Wilde sein Wesen treibe der Wilde dagegen desto besser
unterrichtet wäre wo und wann er den SteuerOfficianten nicht begegnen würde
Diese Für und Wider hätten noch lange in der Stille debattirt werden können,
wenn ein unglücklicher Zufall dem Verrat Pinnows nicht in der sonderbarsten
Weise zu Hilfe gekommen wäre In derselben Nacht nämlich als Pinnow mit Hilfe
Jochen Swarts den lediglich sein schlechtes Herz zum Verräter an seinem Herrn
werden ließ bei dem SteuerRevisor Braun die Anzeige machte war der
ProvinzialSteuerdirector aus der Hauptstadt der Provinz in Uselin angekommen
Der SteuerRevisor welcher zur Partei derer gehörte die ihrem Chef misstrauten
begab sich nicht zu diesem der die Denunciation jedenfalls unschädlich gemacht
hätte sondern sofort zum Steuerdirector welcher alsbald mit größter Energie
seine Dispositionen traf einen großen Schlag gegen die Schmuggler zu führen
einen Schlag der nur zu gut traf
War der Steuerrat schuldig Directe Beweise lagen nicht vor Der Steuerrat
hatte stets gesagt dass er längst allen persönlichen Verkehr mit seinem Bruder
aufgegeben habe da dessen Tun und Treiben obgleich er sich za sehr gebessert
dennoch immer dazu angetan sei einen loyalen Beamten wie ihn zu
compromittiren In der Tat war der Wilde während der letzten Jahre nie bei
seinem Bruder ja nicht einmal in der Stadt gesehen worden Hatte
nichtsdestoweniger ein persönlicher Verkehr stattgefunden so waren jedenfalls
die Zusammenkünfte so heimlich wie möglich gewesen Etwaige Briefe des Bruders
hatte der Steuerrat ohne Zweifel sofort vernichtet und wenn der Wilde nicht
ebenso vorsichtig gewesen war so war er jetzt tot sein Schloss bis auf den
Grund abgebrannt wer oder was konnte gegen den Steuerrat zeugen
Ich war der Einzige der es gekonnt hätte Ich erinnerte mich sehr wohl der
Ausdrücke in welchen Herr von Zehren stets über den Bruder gesprochen ich
wusste dass er die letzte Expedition hauptsächlich im Interesse des Bruders
unternommen hatte ich hatte in jenem Briefe den Beweis seiner Schuld in Händen
gehabt und vernichtet
Es schien als ob man etwas derart vermutete Plötzlich tauchte in den
Verhören die man mit mir anstellte der Name des Steuerrats auf ich wurde
aufs schärfste dahin inquirirt was ich von dem Verhältnisse des Herrn von
Zehren zu seinem Bruder wisse Ich sagte und blieb dabei dass ich nichts wisse
»Verehrtester« sagte der Assessor Perleberg »weshalb wollen Sie den Mann
schonen Erstens verdient er nicht geschont zu werden denn er ist ein
schlechtes Subject man mag ihn nehmen von welcher Seite man will zweitens
verschlimmern Sie Ihre Lage in irreparabler Weise Ich sage es Ihnen vorher Sie
kommen nicht unter fünf Jahren weg denn erstens «
»Um Gotteswillen lassen Sie mich in Ruhe« schrie ich
»Sie werden von Tag zu Tag weniger traitabel« sagte der Assessor Perleberg
Und darin hatte er vollkommen Recht aber es würde auch ein Wunder gewesen
sein wenn es anders gewesen wäre
Ich saß nun schon beinahe ein halbes Jahr in einem eisenvergitterten
halbdunklen Gemache das ich mit fünf Schritten der Länge und vier Schritten der
Breite nach durchmessen konnte Das war schlimm für einen jungen Menschen
meinesgleichen schlimmer viel schlimmer aber waren die Qualen die mein Gemüt
zu erdulden hatte Das Vertrauen zu den Menschen das bisher mein Herz erfüllt
es war dahin Wenn ich früher durch sie dahingewandelt wie der Adam des
Paradieses auf alten Bildern durch die Reihen der Geschöpfe so waren meine
Augen jetzt aufgetan und ich sah dass es sich mit Tigern Schlangen und
Krokodilen nicht hausen ließ Ja wie Tiger Schlangen und Krokodile waren sie
gewesen grausam falsch und heuchlerisch Dass Keiner mich in meinem Gefängnis
besuchte konnte ich freilich nur Herrn Justizrat Heckepfennig auf Rechnung
setzen der es für unumgänglich nötig hielt einem so hochgefährlichen
Verbrecher jede Kommunication mit der Außenwelt gänzlich zu verbieten aber dass
Menschen denen ich nichts getan denen ich höchstens einmal in meiner
täppischen Weise ohne die mindeste böse Absicht zu nahe getreten war es sich
angelegen sein ließ den Gefallenen noch tiefer in den Staub zu treten das
konnte ich nicht verzeihen Zehn Zeugen waren vorgefordert mir ein
Sittenzeugniss auszustellen und von diesen Zehn hatte nur der Eine den ich
unbedingt am meisten gekränkt und beleidigt Professor Lederer ein
schüchternes Wort der Entschuldigung und Fürbitte einfliessen lassen Alle
Anderen Hausfreunde meines Vaters Nachbarn Väter von Söhnen die meine
Freunde gewesen waren Alle konnten sie nicht Worte finden um zu sagen welch
ein böser Bube ich Zeit meines Lebens gewesen Und großer Gott was hatte ich
ihnen getan Ich hatte dem Einen vielleicht Holzspäne in die Tabakspfeife
gestopft dem Andern vielleicht ein paar Tauben weggefangen die Söhne des
Dritten vielleicht mit blutigen Nasen nach Hause geschickt Und deshalb,
deshalb
Ich konnte es nicht begreifen aber was ich davon begriff erfüllte mich
mit unsäglicher Bitterkeit die sich einmal sogar in heißen Tränen Luft machte
und dies Einemal war als ich von meinem Verteidiger erfuhr dass Arthur mein
einst so sehr geliebter Arthur über sein Verhältnis zu mir befragt ausgesagt
hatte dass ich schon seit Jahren davon gesprochen Schmuggler werden zu wollen
und ihn sogar selbst zum Schmuggler zu machen ersucht habe dass ich mit Schmied
Pinnow von jeher in dem intimsten Verkehr gestanden und dass, wenn man ihn
frage ob er mich der bezichtigten Verbrechen für fähig halte er unbedingt mit
Ja antworten müsse
»Das bricht Ihnen den Hals« sagte Assessor Perleberg »Sie kommen nicht
unter sieben Jahren weg denn erstens «
Ich wischte mir die Tränen die mir stromweis über die Wangen gelaufen
waren weg lachte gell auf verfiel dann in eine an Raserei grenzende Wut die
schließlich in gänzliche Apathie überging Ich hatte nur noch eine Art von
Interesse für die Sperlinge die ich daran gewöhnt hatte jeden Morgen zu kommen
und mein Gefängnissbrod mit mir zu teilen Alles Andere war mir gleichgültig
Ich hörte ohne etwas Besonderes dabei zu empfinden dass Konstanze von ihrem
fürstlichen Liebhaber der den Bitten und Drohungen seines Vaters nachgegeben
bereits wieder verlassen worden dass Hans von Trantow kürzlich von seinem Gute
verschwunden sei ohne dass eine Menschenseele wisse wo er geblieben so dass man
vermuten müsse er sei im Walde oder im Moore verunglückt ich hörte dass der
alte Christian sich über die Flucht seines Fräuleins über den Tod seines Herrn
über die Zerstörung des alten Schlosses nicht habe beruhigen können und dass man
ihn eines Morgens auf der Brandstätte von der man ihn gar nicht habe wegbringen
können tot gefunden die Pahlen dagegen aus dem Kreisgefängnisse in B wohin
man sie geführt ausgebrochen sei Ich hörte dies Alles gleichgültig an und mit
derselben gleichgültigen Miene vernahm ich mein Urteil Assessor Perleberg
hatte erstens und zweitens Recht behalten Ich war zu sieben Jahren Gefängnis
verurteilt abzusitzen in dem Zuchtause zu S
»Sie können sich gratuliren« sagte der Assessor Perleberg »ich hätte Sie
zu zehn Jahren und zum Zuchtause verurteilt denn erstens «
Sicher war es ein Zeichen jugendlichen Leichtsinns dass ich für die gelehrte
und gewiss auch sehr belehrende Auseinandersetzung meines Verteidigers wiederum
und noch dazu zum letztenmale keine Ohren hatte Aber ich dachte wirklich
an etwas Anderes Ich dachte was wohl der wilde Zehren tun würde wenn er noch
lebte und erführe dass sie seinen treuen Knappen in ein Gefängnis gesperrt und
seinen eigenen Bruder über ihn zum Hüter gesetzt hätten
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Es war an einem Abende im Mai als der von zwei Gensdarmen zu Pferde begleitete
Wagen in welchem ich transportirt wurde sich meinem Bestimmungsorte näherte
Links von der mit krüppelhaften Obstbäumen besetzten Landstraße sah ich viele
Leute an der neuen Chaussee arbeiten welche meine Vaterstadt mit der Hauptstadt
des Regierungsbezirkes verbinden sollte rechts breitete sich welliges
Wiesenland aus bis zur See von der ein breiter dunkelblauer Streifen
herübergrüsste Jenseits des Wassers stiegen in sanfter Linie grünende Felder von
dem niedrigen Sandufer aufwärts zu mäßiger von Wald gekrönter Höhe Es war die
Insel die hier der Küste des Festlandes viel näher trat als bei meiner
Vaterstadt und die ich jetzt zum erstenmale wiedersah Vor mir aber wohl noch
eine halbe Meile entfernt ragten ein paar Türme mächtig über den Hügelrücken
den wir eben langsam hinauffuhren
Mir war wunderlich zu Mute Ich hatte bisher den ganzen Weg nach nichts
durch die Ritzen des kleinen Planwagens ausgeschaut als nach einer Gelegenheit
zur Flucht Aber wie entschlossen ich auch war jede noch so geringe sofort zu
benützen es hatte sich nicht die geringste geboten Die zwei Gensdarmen von
denen der eine schon auf der Insel auf mich vergeblich Jagd gemacht waren ohne
kaum ein Wort mit einander zu sprechen rechts und links neben dem Wagen
hergeritten die schnauzbärtigen Gesichter fortwährend geradeaus über die Ohren
ihrer Pferde auf den Weg oder seitwärts auf den Wagen gerichtet Es war gar kein
Zweifel dass die Kolben ihrer Karabiner bei dem ersten Fluchtversuche des
Gefangenen sofort mit ihren Schnauzbärten in Berührung gekommen sein würden Mit
zwei wohlbewaffneten wohlberittenen zum Äußersten entschlossenen Männern aber
anzubinden hätte nicht die Freiheit hätte den Tod suchen heißen
Und auch sonst war keine von den Möglichkeiten eingetreten die sich meine
Phantasie ausgemalt hatte Wir waren keine Brücke passiert über deren Geländer
ich dreißig Fuß hinab in einen reißenden Fluss hätte springen wir waren über
keinen von Menschen wimmelnden Marktplatz gekommen wo ich mich hätte in einen
Volkshaufen stürzen und an der Hand eines unbekannten Menschenfreundes entrinnen
können Nichts der Art war geschehen wir hatten im Schritt oder kurzem Trabe
die paar Meilen lange Strecke ohne einen Aufenthalt ohne einen Zwischenfall
irgend einer Art zurückgelegt und dort vor mir ragten die Türme in deren
Schatten mein Gefängnis lag
Dennoch konnte ich in dieser entscheidenden Stunde nicht zornig und
ingrimmig sein wie ich es die ganze Zeit in der Untersuchungshaft gewesen war
Die paar Stunden in freier Luft hatten mir unsäglich wohl getan Vorhin hatte
es eine zeitlang geregnet ich hatte meine Hände hinausgestreckt um die Tropfen
zu fühlen ich hatte den frischen Hauch der durch den Wagen strich mit
Entzücken eingezogen Jetzt war die Sonne wieder hervorgekommen und warf kurz
vor dem Untergehen rötliche Streifen über die grünenden Saaten über die
schimmernden Wiesen In den Bäumen an der Wegseite zwitscherten und sangen die
Vögel vor uns gen Osten auf dunklem Gewölk stand ein glänzender Regenbogen
mit dem einen Fuße auf dem Festlande mit dem andern auf der Insel Es war so
gar nichts von Hass und Zorn in dieser ruhigen sanften Natur im Gegenteile
ein so lieblicher Friede eine so milde Schöne und ich der ich mich von
Kindesbeinen Eines gefühlt mit der Natur, konnte mein Herz der süßen Lockung
nicht verschließen Es sang mit den Vögeln es schwebte auf den feuchten
Schwingen des sanften Windes segnend über die Wiesen über die Felder es
schimmerte trostverheissend aus dem farbigen Bogen der sich von der Erde in den
Himmel und von dem Himmel wieder zur Erde spannte Ich war das Alles Vogelsang
und Windeswehen und Regenbogenpracht und in dem Gefühle dass ich es war und
dennoch hier im GefangenenWagen als ein Gefangener saß überkam mich ein
seltsam Mitleid mit mir selbst wie ich es nie zuvor empfunden Ich verbarg mein
Gesicht in den Händen und weinte und schluchzte vor Glück und Jammer vor Lust
und Schmerz
Die Sonne war untergegangen und das Gewölk im Westen und Osten glühte in den
wunderbarsten Farben als der Wagen über die Brücken durch die Tore der Festung
rollte ein paar ziemlich schmale und sehr schlecht gepflasterte Straßen
hinaufrumpelte und endlich vor einer Torfahrt an einer hohen kahlen Mauer still
hielt Die Torflügel taten sich langsam auseinander der Wagen setzte sich
wieder in Bewegung und fuhr quer über einen weiten von hohen kahlen Mauern und
großen unheimlichen Gebäuden ringsum eingeschlossenen Hof zum Portale des
größten und unheimlichsten und hielt dort still ich war da angelangt wo ich
sieben Jahre bleiben sollte weil ich meinen Freund und Beschützer vor den
Folgen eines Verbrechens hatte bewahren wollen das ich selbst verabscheute
Sieben Jahre Ich war entschlossen dass es nicht so lange dauere Zwar der
Graf von MonteChristo schlummerte zu jener Zeit noch in dem erfindungsreichen
Haupte seines Verfassers und ich wusste also noch nichts von den Wundertaten
des Gefangenen auf Kastell If aber die Aventuren des Baron von Trenck hatte ich
gelesen und wie man es möglich mache ellendicke Mauern zu durchbrechen und
riesige Festungswälle zu unterminiren Was ihm gelang konnte mir musste mir
auch gelingen
So war denn mein Erstes dass ich meine Zelle als sich kaum die Tür hinter
dem brummigen Aufseher geschlossen so genau untersuchte wie es eben das
geringe noch vorhandene Tageslicht erlauben wollte Wenn alle Gefangenen so gut
untergebracht waren gab es unter ihnen gewiss manche die als freie Leute
schlechter gewohnt hatten Allerdings waren die Wände des eben nicht großen
Gemaches einfach weiß aber so war auch meine Dachkammer im väterlichen Hause
gewesen Dann war da eine eiserne Bettstelle mit einem wie es schien sehr
guten Bette eine Waschkommode an dem einzigen Fenster ein großer Tisch mit
einem verschliessbaren Kasten ein paar hölzerne Stühle und was mich Wunder
nahm ein altertümlicher mit Leder überzogener sehr großer bequemer
Lehnstuhl der mich auf das Lebhafteste an den in meiner Stube auf Schloss
Zehrendorf erinnerte
Nun ja ich war ja wieder bei einem Zehren zu Gaste wenn es diesmal auch
bloß ein ZuchthausDirector war Ich sollte die Zehren nun einmal aus meinem
Leben nicht los werden Sie hatten mir wenig Glück gebracht und der ehrwürdige
Glanz der früher für mich auf dem Namen gelegen war mittlerweile sehr
verblichen Der Steuerrat in welchem der Knabe die Verkörperung höchster
irdischer Autorität gesehen was war er in den Augen des Gefangenen anders als
ein Gleissner und Lügner der das schlimme Loos von Leuten die besser waren als
er zehnfach und hundertfach verdient hatte Und der hier welcher aus solcher
Familie entsprossen sich zu einem solchen Amte hatte hergeben können er musste
ja noch schlimmer als der Gleissner und Lügner sein Aber ich wollte ihn meine
ganze Verachtung fühlen lassen sobald ich mit ihm zusammentraf ich wollte ihm
sagen dass er wenn er schon einmal Kerkermeister sei wenigstens nicht den
Namen seines edlen Bruders führen sollte der lieber gestorben war von eigene
Hand als dass er in die Gewalt derer fiel die ihn hierher gebracht haben
würden hinter diese dreifach verriegelte Tür hinter dieses mit zolldicken
Eisenstangen vergitterte Fenster
Das Fenster war bei weitem nicht so hoch angebracht als die in der
Custodie und ich warf einen neugierig forschenden Blick durch die Eisenstangen
Die Aussicht hätte schlimmer sein können Zwar hemmte eine hohe und ganz kahle
Mauer nach links den Blick vollständig dafür aber sah man nach rechts auf einen
mit Bäumen bepflanzten Hof auf welchem in nicht großer Entfernung ein
zweistöckiges Haus mir seinen mit Weinspalieren bekleideten Giebel zuwendete
Hinter dem Hause schien ein Garten zu liegen wenigstens schimmerten blühende
Obstbäume herüber Das sah sehr friedlich und lieblich aus in dem matten Lichte
des Frühjahrsabends und das schrille Zirpen der Schwalben die vor meinem
Fenster schaarenweise hinüber und herüberschossen hätte mich vergessen machen
können dass ich in einem Gefängnisse mich befand wäre ich durch die scharfe
Kante einer der Eisenstangen des Gitters an die ich meine Stirn gelegt nicht
allzu schneidend daran erinnert worden
Ich fasste mit beiden Händen hinein und rüttelte aus Leibeskräften Die sechs
Monate Gefangenschaft hatten die Kraft meiner Muskeln noch nicht zu brechen
vermocht Ich fühlte es wohl mir war als müsste ich das ganze Gitter mit einem
Ruck herausreissen können Aber vorsichtig vorsichtig Es war ja nicht das
Gitter allein welches mich zum Gefangenen machte Und wäre das Fenster
unvergittert gewesen es lag mindestens dreißig Fuß über dem Steinpflaster des
Hofes Und wenn ich drunten war so gab es jedenfalls andere und wieder andere
Hindernisse zu überwinden und ein missglückter Fluchtversuch musste meine Lage
unberechenbar verschlimmern
Ich hörte ein Geräusch auf dem Gange Tritte näherten sich und kamen bis an
meine Tür Ich sprang von dem Fenster zurück und stand mitten in dem Gemach
als jetzt draußen Schlüssel klapperten die Tür sich auftat und an dem
Aufseher vorüber die hohe Gestalt eines Mannes hereintrat hinter der sich die
Tür alsbald wieder schloss Der welcher eingetreten blieb einen Augenblick an
der Schwelle stehen und kam dann mit einem eigentümlich leisen Schritte auf
mich zu Von den Abendwolken fiel noch ein schwaches rosiges Licht in mein
Gemach in diesem rosigen Lichte sehe ich den Mann immer wenn ich an ihn denke
und wie oft wie oft denke ich an ihn mit welchem stets gleichen Gefühle
innigster Dankbarkeit und Liebe
Da über dem Tische an welchem ich dies schreibe hängt sein Porträt von
lieber Hand gemalt Es ist von sprechender Ähnlichkeit es könnte mir jeden
Zug den ich etwa vergessen ins Gedächtnis rufen aber ich habe keinen
vergessen Und wenn ich die Augen schlösse so würde er vor mir stehen wie er
an jenem Abende vor mir stand umflossen von dem rosigen Licht und nicht minder
deutlich würde ich seine Stimme hören deren sanften tiefen Klang ich da zum
ersten Male vernahm und deren erstes Wort ein Wort des Mitleids und Erbarmens
war
»Armer junger Mann«
Wie tief musste die Gefängnissluft mein Herz vergiftet haben dass mich dies
Wort und der Ton in welchem es gesprochen nicht rührten Ach es gehört zu
meinen schmerzlichsten Erinnerungen dass dies möglich war dass ich die Hand des
edelsten Menschen so schnöde zurückstossen dass ich das beste Herz geflissentlich
verwunden konnte Aber da ich keinen Roman sondern die Geschichte meines Lebens
schreibe die keinen Wert hätte wenn sie nicht ganz treu und ehrlich wäre
darf ich auch dies nicht verschweigen Und dann habe ich oft gedacht ob ich ihn
wohl so hätte lieben können wenn ich weniger trotzig gegen ihn gewesen wäre
wenn ich ihm keine solche Gelegenheit gegeben hätte die Fülle seiner Güte und
Liebe über mich auszuschütten Aber das ist wohl kaum richtig gedacht Es gibt
Steine von einem so hohen Wert von einem so hellen Glanze dass sie einer
dunklen Folie nicht bedürfen
»Armer junger Mann« sagte er noch einmal und hob die weiße durchsichtige
Hand und ließ sie wieder sinken als ich anstatt sie zu ergreifen und
ehrfurchtsvoll an meine Lippen zu drücken wie ich es getan haben würde hätte
ich ihn damals schon gekannt meine Arme über der Brust verschränkte und ich
glaube einen Schritt zurücktrat
»Ja« sagte er und seine Stimme klang wo möglich noch milder als zuvor »es
ist sehr hart sehr grausam das Loos welches Sie getroffen hat für ein
Verbrechen das was es auch immer vor dem Richter ist der nach dem starren
Buchstaben seines Gesetzbuches richten muss in den Augen Anderer einen so
schlimmen Namen gewiss nicht verdient am wenigsten in den meinen Ich bin der
Bruder des Mannes dessen Schuld Sie büßen müssen«
Er schien eine Antwort von mir zu erwarten oder wenigstens ein Wort der
Erwiderung das ich ihm nicht gönnte Ich wollte meinem Kerkermeister nicht den
Gefallen tun ihm bei dem Versuche zu helfen sich in einem anderen Lichte zu
zeigen als in welchem ich ihn sah
»Es ist ein eigener Zufall« fuhr er nach einer kleinen Pause immer in
derselben stillen sanften Weise fort »dass der eine Bruder an Ihnen
gewissermaßen sühnen soll was der andere an Ihnen gesündigt hat ein Zufall
für den ich dankbar bin und den ich im rechten Sinne aufzufassen glaube wenn
ich doch darüber werden wir uns ein anderes Mal aussprechen Heute liegt der
trübe Schatten des ersten schlimmen Eindrucks den dieser Ort auf ein Gemüt
wie das Ihre notwendig machen muss zu schwer auf Ihnen ich würde und wenn
ich mit Engelszungen redete vergeblich nach einem Eingange zu Ihrem Herzen
suchen das Zorn und Hass verschlossen halten Ich bin nur gekommen eine Pflicht
zu erfüllen die mir mein Amt und ich darf wohl sagen mein Herz vorschreibt
Und auch dies ist meine Pflicht und Sie dürfen mir also frei antworten ohne
fürchten zu müssen dass Sie Ihrem Stolze etwas vergeben haben Sie Wünsche die
zu erfüllen in meiner Macht steht«
»Nein« sagte ich mit Ironie »denn einen Jagdtag auf den Haiden von
Zehrendorf könnten Sie mir doch wohl nicht gestatten«
Ein schwermütiges Lächeln spielte um die feinen Lippen des
ZuchthausDirectors
»Ich habe gehört« sagte er »dass Sie mit meinem unglücklichen Bruder viel
auf der Jagd und selbst ein ausgezeichneter Jäger gewesen sind Die Jägernatur
ist eine eigene Natur Ich glaube sie zu kennen denn ich bin auch wohl eine
Aber auf den Höfen des Gefängnisses und selbst in den Gärten gibt es nichts zu
jagen Urlaub habe ich selten und benütze ihn noch seltener ich habe nach
dieser Seite vor meinen Gefangenen wenig voraus und will auch nichts voraus
haben Da wäre ich nun übel daran wenn zu der alten Leidenschaft die alte Kraft
noch reichte und so ist es denn fast ein Glück für mich dass sie mich 1813 in
der Schlacht bei Leipzig in die Lunge geschossen haben und mir die weitesten und
reichsten amerikanischen Jagdgründe nichts mehr helfen könnten Ich habe seitdem
gelernt auf einem engeren Felde in meiner Weise tätig zu sein Meine liebste
Erholung ist an der Drehbank Es ist eine leichte Arbeit und doch wird sie dem
Invaliden jetzt manchmal schon schwer Wahrscheinlich werde ich in kurzer Zeit
auch darauf verzichten und mir noch eine bescheidenere Hantierung wählen
müssen Nur gänzlich möchte ich nicht zur Untätigkeit verurteilt werden Sie
wissen es jetzt noch nicht aber Sie werden es noch lernen wie ein großer Segen
für den Gefangenen eine mechanische Beschäftigung ist die seine schweifenden
Gedanken auf ein Naheliegendes leicht Erreichbares unter seinen Augen unter
seinen Händen Fertigwerdendes bannt und seine stockenden Säfte in heilsame
Circulation bringt Und nun will ich Sie verlassen Ich habe noch ein paar
Besuche und meinen allabendlichen Rundgang durch die Anstalt zu machen Und noch
Eines der alte Mann der Sie bedienen wird ist trotz seiner rauen Manieren
ein grundguter Mensch den ich seit vielen Jahren kenne und der mir im Leben die
wichtigsten Dienste geleistet hat Sie können ihm unbedingt vertrauen Schlafen
Sie wohl und träumen Sie von der Freiheit die Ihnen hoffentlich früher werden
wird als Sie glauben«
Er nickte freundlich mit dem Kopfe und verließ mit dem leisen langsamen
Schritt in welchem er hereingekommen war das Zimmer Ich blickte ihm mit
starren Augen nach und strich mit der Hand über die Stirn es war mir als ob es
plötzlich dunkel geworden wäre in dem stillen Gemach
Ich stand noch auf demselben Fleck unfähig einen bestimmten Gedanken zu
fassen ja kaum mich zu regen als die Tür sich abermals öffnete und der alte
Schliesser der mich vorhin in Empfang genommen mit einem brennenden Lichte
hereintrat das er auf den Tisch setzte Dann wieder bis zur Tür gehend nahm
er dort einer weiblichen Person die nur eben sichtbar wurde ein Präsentirbrett
ab auf welchem ein treffliches Abendbrot bereitet war
Auch an einer Flasche Wein fehlte es nicht Er deckte eine Ecke des großen
eichenen Tisches mit einer schneeweißen Serviette stellte und legte Alles
säuberlich und ordentlich zurecht trat einen Schritt zurück warf erst einen
wohlgefälligen Blick auf sein Werk dann einen der bös genug aussah auf mich
und sagte mit einer Stimme die auffallend dem tiefen Knurren glich das aus der
breiten Brust einer mächtigen Dogge aufsteigt »Will man es sich nun schmecken
lassen«
»Es scheint dass dies für mich sein soll« sagte ich in gleichgiltigem Tone
»Wüsste nicht für wen sonst« knurrte der Alte
Der Braten auf dem Teller duftete sehr verführerisch ich hatte seit einem
halben Jahre keinen Tropfen Wein getrunken und was die Hauptsache war gegen
den groben Schliesser fühlte ich nicht die Erbitterung wie gegen den sanft
sprechenden höflichen Director aber ich war entschlossen an diesem Orte und
von diesen Menschen keine Wohltaten anzunehmen
»Ich verdanke dies der Güte des Herrn Directors« sagte ich indem ich vom
Tische zurücktrat
»Dies und noch Mehreres« sagte der Alte
»Zum Beispiel« sagte ich
»Zum Beispiel dass man hier die beste Zelle bekommen hat mit der Aussicht
auf den Wirtschaftshof anstatt eine nach dem Gefängnisshofe in den weder Sonne
noch Mond scheint«
»Verdanke ich ihm« sagte ich »vielleicht sonst noch etwas«
»Und dass man seinen schönen Stadtanzug tragen darf anstatt eines Anzuges
aus ungebleichtem Drillich der auch sehr gut kleidet«
»Verdanke ich ihm« sagte ich »sonst noch etwas«
»Und dass man den Wachtmeister Süssmilch zum Aufseher bekommen hat«
»Mit dem ich die Ehre habe«
»Mit dem man die Ehre hat«
»Sehr verbunden«
»Viel Ursach«
Ich blickte auf mir den Mann genauer anzusehen dessen Gegenwart für mich
so ehrenvoll und verbindlich sein sollte Es war ein Mann in Mittelgrösse mit
einem unverhältnissmässig großen Oberkörper der die Fünfzig wohl schon weit
überschritten hatte aber noch auffallend fest auf seinen kurzen und wie ich
jetzt sah stark nach außen gebogenen Beinen zu stehen schien An den breiten
Schultern hingen ein Paar sehr lange Arme mit großen braunen behaarten Händen
die gewiss noch kräftig genug zufassen konnten Aus seinem von tausend Falten und
Fältchen durchfurchten Gesicht das vor Jahren einmal schön gewesen sein mochte
blickten unter buschigen grauen Brauen ein paar helle freundliche Augen die
sich vergeblich Mühe gaben wild und grausam dreinzuschauen Ein kurzes
krauses graues Haar umstand noch dicht genug die braune Stirn und ein
mächtiger grauschwarzer Schnurrbart hing unter einer großen Adlernase bis weit
über das energische Kinn herab Der Wachtmeister Süssmilch ist mir lange Jahre
ein treuer Freund gewesen er hat mir in schweren Stunden unschätzbare Dienste
geleistet er hat meine beiden ältesten Buben noch reiten gelehrt und als wir
ihn vor fünf Jahren zu seiner letzten Ruhe trugen haben wir Alle um ihn von
Herzen geweint aber in diesem Augenblicke überlegte ich einen wie großen
Widerstand er mir wohl in einem Falle den ich für wahrscheinlich hielt würde
entgegensetzen können und dass es mir leid tun sollte wenn ich dem alten Kauz
der so köstlich grob war ans Leben müsste
»Wenn man den Wachtmeister Süssmilch nun genug angesehen hat würde man gut
tun sich an das Abendbrot zu machen das durch Stehen nicht besser wird«
sagte er
»Für mich kann es noch lange stehen« erwiderte ich »Ich habe keinen
Appetit auf des Herrn Directors Braten und Rotwein«
»Das hätte man gleich sagen können« meinte Herr Süssmilch indem er anfing
die Sachen wieder auf das Präsentirbrett zu stellen
»Ich weiß den Kukuk was hier der Brauch ist« sagte ich trotzig
»Hier ist sonst der Brauch dass man erst gearbeitet haben muss wenn man
essen will«
»Das ist nicht wahr« sagte ich »Ich bin kein Arbeitshäusler und kein
Zuchtäusler ich bin zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und hätte
eigentlich auf die Festung kommen müssen wohin anständige Leute gehören«
»Womit man sich meint« sagte Herr Süssmilch
»Womit man sich meint« sagte ich
»Und doch irrt man sich« erwiderte Herr Süssmilch der mittlerweile
vollständig abgeräumt hatte »Im Gefängnis muss man arbeiten wenn man keinen
Vater oder sonst Jemanden hat der für den Unterhalt aufkommt Man hat freilich
einen Vater und durch seinen Vater zehn Silbergroschen täglich«
»Herr Süssmilch« rief ich indem ich dicht vor den Alten trat »ich nehme
an dass Sie mir die Wahrheit sagen und da gebe ich Ihnen mein Wort lieber will
ich verhungern wie eine Ratte im Loch ehe ich von meinem Vater einen Pfennig
nehme«
»Man wird morgen anderer Meinung sein«
»In alle Ewigkeit nicht«
»Dann wird man eben arbeiten müssen«
»Das wird sich finden«
»Jawohl das wird sich finden«
Süssmilch ging blieb aber an der Tür stehen und sagte über den Rücken
gewendet
»Man will also die gewöhnliche Kost die Jeder bei seiner Ankunft hier
erhält«
»Man will gar nichts« sagte ich indem ich an das Fenster trat
»Also auch kein Licht denn das ist ebenfalls extra«
Ich antwortete nicht Ich hörte wie der Alte an den Tisch ging das Licht
nahm es auf den Präsentirteller stellte und nach der Tür schritt Dort blieb
er stehen vermutlich um abzuwarten ob ich mich nicht noch eines Anderen
besinnen würde Ich regte mich nicht Der Alte hustete ich rührte mich nicht
Im nächsten Augenblick war ich im Dunkeln allein
»So ists recht« murmelte ich »geht zum Teufel ihr Alle mit eurer
Freundlichkeit und Grobheit ich brauche den Einen so wenig wie den andern ich
will Keinem verpflichtet sein Keinem Keinem«
Ich lachte laut und dann griff ich wieder in die Eisenstangen des
Fenstergitters und rüttelte daran und lief hin und her durch das fast dunkle
Gemach wie ein wildes Tier Mein Blut kochte meine Pulse schlugen meine
Schläfen hämmerten ich glaubte ich müsse wahnsinnig werden Endlich warf ich
mich angekleidet auf das Bett und lag da den Ellnbogen aufgestemmt in dumpfer
Verzweiflung brütend über mein Loos das mir nie so entsetzlich erschienen war
mich in wilden Hass hineinredend gegen die Menschen die mir dies angetan
hatten gegen meine Richter gegen meinen Verteidiger gegen meinen Vater
gegen alle Welt mich in dem Entschluss bestärkend nicht von meinem Trotz zu
lassen Keinem ein bittendes Wort zu gönnen Keinem dankbar sein zu wollen und
vor Allem mir die Freiheit zu verschaffen es koste was es wolle
So lag ich da lange Stunden Endlich schlief ich ein und träumte von
blühenden Wiesen über welche bunte Schmetterlinge flogen die ich haschen
wollte und nicht haschen konnte weil wenn ich sie berührte sie zu roten
Rosen wurden Und die roten Rosen als ich sie brechen wollte fingen an zu
leuchten und zu klingen und stiegen klingend und leuchtend hinauf in den Himmel
von wo sie als blühende Mädchengesichter auf mich herablächelten Das war so
lieblich und so drollig dass ich mich in toller Lustigkeit auf der Wiese
herumwarf Aber als ich erwachte lachte ich nicht Als ich erwachte stand
Süssmilch vor meinem Bette und sagte »Man wird nun doch arbeiten müssen«
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Seit vierzehn Tagen arbeitete ich die schwerste Arbeit die es für den
Augenblick im Bereiche des Arbeits Zucht und Gefangenhauses gab Ich hatte
das keineswegs nötig weder nach dem Buchstaben des Gesetzes welches nur
vorschrieb dass die Gefangenen ihren Fähigkeiten gemäß zu beschäftigen seien
noch auf Befehl des Directors der mir im Gegenteil die Art meiner Arbeit
vollkommen freigestellt hatte Ja noch mehr er hatte mir angeboten ob ich
gewisse Listen aufstellen und Rechnungen anfertigen wolle die gerade in dem
Bureau der Anstalt verlangt wurden und zu denen ich das Material auf meine Zelle
erhalten solle Zu meiner Erholung würde ich in dem großen Garten der Anstalt
der gerade jetzt erweitert wurde vollauf Gelegenheit zu angenehmer und gesunder
Beschäftigung finden
Ich hatte erwidert dass ich und hier hatte ich allerdings die Wahrheit
gesagt von jeher ein schlechter Rechner gewesen und dass ich von der Gärtnerei
nichts verstünde Ich wünschte wenn ich doch einmal einen Wunsch äußern dürfte
eine schwere eine ganz schwere Arbeit Der Herr Director habe ja selbst schon
angedeutet dass für einen Menschen von meiner Konstitution eine derartige Arbeit
die passende sei Ich habe es allerdings im ersten Augenblicke verneint aber
mir die Sache reiflicher überlegt und gefunden dass der Herr Director vollkommen
recht habe Ja ich müsse gestehen dass ich ein unwiderstehliches Verlangen
empfinde Holz zu spalten Steine zu zerschlagen große Lasten zu bewältigen
Auch hier hatte ich nicht gelogen Mein starker Körper litt wirklich schwer
unter der erzwungenen Untätigkeit Aber es waren noch ganz andere Gründe die
mich bestimmten Wie mir selbst kaum bewusst die Rücksicht auf meinen Vater für
mein Tun und Lassen bestimmend war wie ich aus Trotz gegen ihn von ihm
geflohen wie ich aus Trotz gegen ihn mich selbst dem Gerichte gestellt hatte
so war es wiederum Trotz was mich jetzt die Unterstützung die er mir zugesagt
zurückweisen und die gröbste Arbeit wünschenswert erscheinen ließ Er sollte
nicht nur nicht sagen können dass ich selbst im Gefängnisse ihm zur Last
falle er sollte erfahren dass sein Sohn es nicht besser habe als ein
Verbrecher der ich ja doch in seinen Augen war
Und ebensowenig wollte ich dass der sanft redende Director sagen könnte
»Ich habe bei dem jungen Menschen der ja doch guter Leute Kind ist Gnade für
Recht ergehen lassen«
Und schließlich eine grobe Arbeit wenn man mir sie gab und die doch wohl
jedenfalls im Freien vorgenommen wurde musste mir bessere Chancen zur Ausführung
des Planes gewähren über dem ich jetzt Tag und Nacht brütete des Planes mit
List oder Gewalt oder mit List und Gewalt mir meine Freiheit zu verschaffen
Nun wäre freilich die mir angebotene Beschäftigung im Gefängnissgarten
vielleicht diesem Zwecke förderlicher gewesen Es ließ sich annehmen dass die
Aufsicht dort eine ziemlich lässige sein würde besonders für mich den der
Director aus diesem oder jenem Grunde so augenscheinlich begünstigen zu wollen
schien aber hier regte sich in mir ein Gefühl das für Jemanden in meiner Lage
allerdings etwas sonderbar erscheinen mag und dessen ich mich vielleicht doch
nicht zu schämen hatte
Ich wollte ein Vertrauen welches man in mich setzte nicht missbrauchen Ich
hatte das wissentlich in meinem Leben nicht getan ich wollte es jetzt nicht
lernen auch als Gefangener nicht auch um den Preis der so heiß ersehnten
Freiheit nicht Ließ man mich wie ich es wünschte als Zuchtäusler mit den
Zuchtäuslern arbeiten so würde man mich auch wohl jedenfalls wie einen
Zuchtäusler behandeln und tat man es nicht nun um so schlimmer für sie die
mich nicht für das genommen hatten als für was ich mich gab um so besser für
mich der ich keine Schonung beansprucht hatte und nun auch Niemand und nichts
zu schonen brauchte
Diese Gedanken gingen durch meinen Kopf als ich an dem nächsten Tage wieder
vor dem Director stand diesmal unten in seinem amtlichen Arbeitszimmer und
ihm meine Bitte vortrug
Er blickte mich mit seinen großen milden Augen prüfend an und erwiderte
»Wer immer gezwungen in diese Anstalt kommt ist ein Unglücklicher der als
solcher von vornherein meines Mitleids gewiss sein kann Wenn mir Ihr Schicksal
noch ganz besonders nahegeht so ist das so begreiflich dass es einer Erklärung
kaum bedarf Sie haben die Teilnahme mit der ich Ihnen entgegengekommen bin
abgelehnt ohne mich zu beleidigen Nach dem was ich von Ihnen weiß nach der
Haltung die Sie während Ihres Prozesses behauptet haben musste ich das fast
erwarten Ob Sie recht daran tun die Unterstützung die Ihnen Ihr Herr Vater
gewähren will zurückzuweisen möchte ich bezweifeln schon deshalb weil Sie
sich demselben dadurch noch mehr entfremden und weil man selbst im besten Falle
seinem Vater so viel schuldig ist dass man auch eine Demütigung von ihm und vor
ihm auf sich nehmen darf Doch muss ich dies Ihrem eigenen Gefühle überlassen
Wollen Sie sich nun durchaus in die Lage eines unbemittelten Gefangenen bringen
der für seinen Unterhalt arbeiten muss so hatte ich Ihnen wie Sie wissen eine
andere Ihren Fähigkeiten Ihren Kenntnissen passendere Beschäftigung zugedacht
Sie sagen eine schwere eine ganz schwere Arbeit sei Ihnen Bedürfnis Es mag
sein Sie sind ein ganz ungewöhnlich kräftiger Mann ein Herkules im Vergleich
mit mir armen Invaliden und die eingeschlossene Luft eines Gefängnisses ist
Gift für Ihre Konstitution Nicht bloß für Ihren Körper auch für Ihre Seele
Sie sind durch die lange Untersuchungshaft die über alle Gebühr streng gewesen
zu sein scheint aufs tiefste verbittert Sie werden ich bin es überzeugt
wieder der grossherzige gutmütige brave Mensch werden der Sie von Haus aus
waren der Sie in meinen Augen noch sind wenn Sie erst einmal die breite Brust
in freier Luft haben lüften können und die stockenden Säfte bei schwerer Arbeit
wieder munter kreisen Auch brauchen Sie vielleicht für die Leidenschaften die
in Ihnen wühlen ein mächtiges Gegengewicht So bin ich denn Alles in Allem
gern geneigt Ihrem Wunsche zu willfahren Süssmilch soll Ihnen Ihren Posten
anweisen Ich sage Ihnen aber vorher es ist Sträflingsarbeit und Sie werden in
sehr schlechte Gesellschaft kommen um so eher werden Sie sich darauf besinnen
dass Sie ein guter Mensch sind«
Er winkte mir freundlich mit Hand und Augen und ich war entlassen Mir
waren ich weiß nicht wie die Tränen in die Augen gekommen als ich mich von
ihm nach der Tür wendete aber ich zerdrückte sie zwischen den Wimpern und
sagte bei mir das ist Alles sehr schön aber ich will nicht gut sein ich will
frei sein
In der äußersten Ecke der Ringmauer der Anstalt auf einem etwas erhöhten
Platze wurde ein neues Krankenhaus erbaut Anschlag Pläne Zeichnungen Alles
war von dem Director der ein vollkommener Baumeister war selbst gefertigt Die
Arbeit vor Allem die erste grobe sollte von den Zuchtäuslern getan werden
Man war dabei das Fundament auszuheben Es war eine sehr schwere Arbeit Auf
dem Platze hatte ehemals ein alter Turm der Stadtmauer gestanden dessen durch
die Jahrhunderte zu Schutt zerriebene und durch die Verwitterung wieder zu einer
compacten Masse zusammengewachsene Trümmer mit der Spitzaxt losgebrochen werden
mussten bis man auf die Grundmauern kam die man zum Teil noch für das neue
Gebäude verwerten zu können hoffte
Bei dieser Arbeit waren ungefähr zwanzig Leute beschäftigt Die Oberaufsicht
führte der Wachtmeister Süssmilch der da ich zur Zeit der einzige Gefangene der
Anstalt und jetzt hier auf dem Platze war nichts Besonderes zu tun hatte für
die Zuchtäusler waren noch zwei Aufseher vorhanden
Von diesen welche meist jüngere jedenfalls kräftige zu solcher Arbeit
taugliche Männer waren sahen in meinen ungeübten Augen wenigstens die
Meisten aus wie andere Leute auch aussehen würden wenn man sie in einen
Drillichanzug steckte sie unter der Aufsicht von zwei handfesten Wächtern
arbeiten ließe und ihnen verböte zu rauchen zu pfeifen zu singen und leise
untereinander zu sprechen Das letztere fiel mir erst auf als Süssmilch Einem
oder dem Anderen der mit seinem Nachbar eine private und vertrauliche
Konversation anzuknüpfen versuchte in sehr bestimmtem Tone die Weisung gab
»Man hat hier keine Geheimnisse vor einander man kann hier Alles laut sagen
man kann es auch für sich behalten«
Besonders an einen der Zuchtäusler erging diese Mahnung wiederholt mit dem
Zusatze dass er alle Ursache habe sich in Acht zu nehmen
Es war dies ein Kerl von herkulischem Körperbau der Einzige der wirklich
das hatte was man eine GalgenPhysiognomie zu nennen pflegt und der sein
kostbares Leben auch nur dem Umstande verdankte dass eine Mordtat deren er
dringend verdächtig gewesen in den Augen seiner gelehrten Richter nicht
hinreichend hatte bewiesen werden können. Er hieß Kaspar seinen sonstigen
rühmlichen Namen habe ich vergessen die Gefährten nannten ihn KatzenKaspar
weil er das Geheimnis verstehen sollte im Dunkeln zu sehen wie am lichten Tage
und trotz seiner gewaltigen Schultern durch Löcher kriechen zu können durch die
sonst nur eine Katze schlüpfen mochte
An diesem mit so vortrefflichen Gaben ausgestatteten und in so nützlichen
Künsten bewanderten Menschen hatte ich vom ersten Tage an eine Eroberung
gemacht Während die Andern mich mit misstrauischen Blicken von der Seite
ansahen mich sichtlich mieden und nie ein Wort an mich richteten suchte der
KatzenKaspar so oft es sich irgend machen ließ in meine Nähe zu kommen
winkte mir verstohlen mit den Augen sah dann nach den Aufsehern hinüber und gab
mir auf alle Weise zu verstehen dass er mit mir in intimere Beziehungen zu
treten vor Allem natürlich zu sprechen wünsche
Ich kann nicht anders sagen als dass ich ein geheimes Grauen vor dem Kerl
empfand den freilich das tief in die niedrige Stirn gewachsene Haar ein Paar
böse giftige Augen und ein großer tierischer Mund deutlich genug zeichneten
und vor dem sich wohl Jeder gehütet haben würde auch wenn er nicht gewusst
hätte dass schnöde vergossenes Blut an diesen plumpen Händen klebte Aber ich
überwand das Grauen denn ich sagte mir dass dieser Mensch die Entschlossenheit
zu einem Wagnis habe und Verschlagenheit und Kraft genug das Beschlossene
auszuführen So suchte ich denn auch meinerseits wieder in seine Nähe zu kommen
und das war mir am vierzehnten Tage seitdem ich auf dem Platze arbeitete
kaum gelungen als ich die Entdeckung machte dass der KatzenKaspar außer den
anderen mir bereits durch Hörensagen bekannten Künsten noch eine besaß die wie
ich mich überzeugt habe und wie sich Jeder der den Versuch anstellt überzeugen
kann auch gelernt sein will Diese Kunst bestand nämlich darin dass er mit zum
Munde erhobener Hand die Miene eines Gähnenden täuschend nachahmend während er
den Mund öffnete und schloss mit Hilfe von Zunge und Zähnen gehauchte Laute zu
bilden verstand die wenn man genau hinhörte sich man wusste selbst kaum wie
zu Worten formten So hörte ich zu meiner nicht geringen Überraschung aus dem
natürlichsten Gähnen von der Welt deutlich heraus »Der große Stein helft mir«
Was das zu bedeuten hatte erfuhr ich wenige Minuten später
Es waren gerade in den letzten Tagen Steine zum Fundament angefahren worden
ein besonders großer war durch die Ungeschicklichkeit der Leute vom Wagen herab
in die Fundamentgrube gerollt es schien unmöglich den Koloss ohne besondere
Vorrichtungen von dem Platze auf welchen er keineswegs gehörte
hinauszuschaffen
Wachtmeister Süssmilch fluchte sehr über die verhenkerte Dummheit Das gäbe
nun wieder ein paar Stunden ganz überflüssige nutzlose Arbeit KatzenKaspar
nachdem er mir die geheimnisvollen Worte hatte zukommen lassen erhob plötzlich
sehr laut seine Stimme die so leise zu sprechen verstand und sagte
»Was ist denn das Großes Herr Süssmilch den bringe ich ganz allein wieder
herauf«
»Wenn es mit dem großen Maule getan wäre« brummte Herr Süssmilch
Die Anderen lachten KatzenKaspar sagte sie wären Maulaffen und es sei
eine rechte Kunst über einen ehrlichen Kerl Witze zu machen und zu lachen der
nicht zeigen dürfe was er könne
KatzenKaspar kannte seinen Mann Des ehrlichen Wachtmeisters Gesicht wurde
rot er strich seinen langen Schnurrbart und rief »Erstens raisonnire man
nicht und zweitens wird man jetzt zeigen was man kann«
KatzenKaspar ließ sich die Erlaubnis nicht zum andern Male geben Eine
mächtige Stange ergreifend sprang er in den Graben hinab
Der Stein lag an dem mit Brettern bedeckten Wege auf welchem der unten
losgebrochene Schutt heraufgekarrt wurde Eine Riese hätte ihn also mittelst
eines Hebebaumes nach und nach heraufwuchten können KatzenKaspar bewies dass
er wenigstens mehr als gewöhnliche Kraft besaß
Die Stange unter den Stein schiebend brachte er denselben so weit in
Bewegung dass nur noch wenig zu einem einmaligen Umschwung fehlte Es war
wirklich eine so erstaunliche Leistung dass die Leute Hurrah schrien und
selbst das Interesse des Wachtmeisters und der beiden anderen Aufseher
höchlichst erregt war Plötzlich aber schien dem KatzenKaspar die Kraft
auszugehen er sah aus als ob er jeden Augenblick von dem wieder
zurückstrebenden Stein gegen die Erdwand gequetscht werden könnte
»Einer muss noch her« schrie er
Ich dachte nicht daran dass das Ganze eine Kriegslist des schlauen Menschen
war Einen zweiten Hebebaum ergreifend und ohne die Erlaubnis des Wachtmeisters
abzuwarten sprang ich mit Einem Satze hinab schob den Hebebaum unter den
Stein stammte die Schulter mit aller Macht dagegen der Stein schlug nach der
andern Seite
»Hurrah« schrien die Leute
»Langsam Kamerad« sagte KatzenKaspar als ich an seiner Seite mich an dem
Steine abmühte »langsam sonst sind wir zu bald oben«
Er brauchte jetzt nicht zu gähnen die Aufregung unter den Leuten und
Aufsehern war zu groß als dass die Arbeitsordnung nicht für die Zeit hätte
suspendirt sein sollen auch befanden wir uns mindestens zwölf Fuß tiefer man
sah von oben nur unsere Rücken KatzenKaspar wusste diese Gelegenheit trefflich
auszubeuten Während wir Schulter an Schulter den Stein hinaufwuchteten
wechselte er mit denen oben unfeine Witze und zwischendurch sprach er zu mir
schnell in abgerissenen Sätzen »Wollt Ihr mitalten Kamerad so gut kommt es
uns nicht wieder es gehören aber mindestens zwei Kerle dazu so wie Ihr und
ich es sind noch ihrer zehn aber zwei müssen anfangen Keiner hat außer mir
den Mut und nun hoffentlich Ihr morgen ist der letzte Tag durch die
Pforte über die Brücke über den Wall an den Aussenhafen an den Strand folgt
mir nur will Euch schon durchbringen wer uns in den Weg tritt den schlagen
wir tot den schuftigen Süssmilch zu allererst Wenn Ihr uns verratet «
»Man arbeite und schwatze nicht« rief der Wachtmeister
»Ich kann nicht mehr« sagte der KatzenKaspar den Hebebaum zur Erde
werfend
Er hatte seinen Zweck erreicht es lag ihm nichts daran seine Kraft zu
vergeuden
»Man komme herauf« commandirte der Wachtmeister sehr zufrieden dass er
schließlich doch Recht und doppelt Recht behalten hatte da die zwei stärksten
Männer der Brigade nicht hatten vollbringen können was der KatzenKaspar sich
allein vermessen
Die Ordnung war wieder hergestellt die Arbeit nahm ihren geregelten
Fortgang Ich arbeitete für zwei die Aufregung zu verbergen in welche mich die
Mitteilung des Raubmörders versetzt hatte Sein Plan war mir von vornherein
ziemlich einleuchtend gewesen und wurde mir vollends klar als ich eine
Gelegenheit benutzte mich auf dem höchsten Punkte des Bauplatzes von wo man
über die Mauer sehen konnte umzublicken Unmittelbar an dem Bauplatze war ein
Tor in der Mauer das während des Baues wiederholt benutzt worden war und zu
welchem der Wachtmeister den Schlüssel in der Tasche trug Von dem Tore führte
eine kurze Brücke die wiederum auf der Mitte eine mit spanischen Reitern
verwahrte Pforte trug über einen breiten Graben der ehemals der Wallgraben der
Stadt gewesen war wie unsere Gefängnissmauer an dieser Stelle nur ein Teil der
alten Stadtmauer Jenseit des Grabens war eine hohe Bastion an deren Fuße sich
die mit Wallnussbäumen besetzte Wallpromenade hinzog und auf der oben ein paar
Kanonen standen ohne dass ich jemals eine Schildwache dort bemerkt hätte Rechts
von der Bastion lag ein bedeutend niedrigerer Wall über den man von meinem
Standpunkte aus bequem wegsehen konnte Jenseit des Walles sah ich die Wimpel
von Schiffen es musste dies der Aussenhafen sein von welchem der KatzenKaspar
gesprochen Zwischen den Wimpeln schimmerte ein Stück blaues Meer ja ich hatte
einen flüchtigen Blick auf die Insel deren niedrige KreideUfer in der
Abendsonne erglänzten
Ich hatte genug gesehen und beeilte mich herabzusteigen um keinen Verdacht
zu erregen Gleich darauf ertönte die Abendglocke Die Arbeit war zu Ende ich
trat in Begleitung des Wachtmeisters den mir nun wohlbekannten Weg an den Gärten
entlang über den Wirtschaftshof nach meiner Zelle an
Diese Nacht kam kein Schlaf in meine Augen Ich überlegte fortwährend in
meiner Seele die Möglichkeiten der Flucht Dass des KatzenKaspars Plan Hand und
Fuß habe davon war ich jetzt überzeugt und nicht weniger dass ein so schlauer
kühner Geselle ganz der geeignete Mann sei das Beschlossene durchzuführen Das
Local konnte nicht günstiger sein ein hoher Wall ein Aussenhafen mit Booten
Fahrzeugen aller Art ein weiter menschenleerer Strand und drüben die Insel
die ich schlimmstenfalls schwimmend zu erreichen sicher sein konnte Und war ich
erst drüben ich wusste jetzt wie man von dort wieder fortkam wie leicht es
war fortzukommen Noch waren meine Kleider bei der alten Frau im Stranddorf und
meine Flinte war da und meine Jagdtasche Und Hans war da der gute edle Hans
dessen treue Hilfe ich diesmal nicht verschmähen würde Dann lebe wohl
Untersuchungshaft und Gefängnis lebe wohl preisliches RichterKollegium und
Verteidigung ZuchthausDirector und Scherge Ich war ein freier Mann und
konnte eurer spotten und eurer ihr guten Bewohner meiner Vaterstadt die ihr
mir ein so schlechtes Zeugnis ausgestellt Und der Vater nun ja der Vater
mochte sehen wie er sich mit seinem Gewissen abfand gegen den Sohn den er
durch seine Härte von sich gestoßen den er und er allein zum Verbrecher
gemacht hatte
Ich war es bis jetzt nicht gewesen ich wusste ich würde es jetzt werden ja
ich fühlte mich schon als solcher Oder machte die Gemeinschaft die bloße
Berührung eines Menschen wie dieser KatzenKaspar nicht schon zum Verbrecher
Und das war ja klar dass es ohne ein wirkliches eigentliches Verbrechen dass es
ohne Mord und Todtschlag nicht abging Der Wachtmeister hatte die Schlüssel zu
dem Tore und zu der Brückenpforte in der Tasche der Wachtmeister sah wahrlich
nicht aus wie Einer der gutwillig nachgibt und hergibt noch dazu in einem
solchen Falle Dann waren noch die beiden anderen Aufseher da die ebenfalls
keine Hasenherzen zu sein schienen Die Drei würden sich widersetzen so lange
sie sich regen könnten Sie mussten zu Boden und im ersten Anlauf und womöglich
so dass sie nicht wieder aufstanden denn zur Verwirrung musste sich der
Schrecken gesellen wenn die Flucht gelingen sollte
Ich richtete mich von meinem Lager auf das Herz schlug mir wild gegen die
Rippen Auf mich rechnete der KatzenKaspar in erster Linie er hatte vollkommen
recht nur wenn Zwei zu gleicher Zeit losbrachen war eine Möglichkeit des
Erfolges ein Einzelner würde ganz gewiss keine Nachfolger finden so musste also
einer der Aufseher vielleicht der Wachtmeister selbst durch meine Hand fallen
Durch meine Hand
Wie leicht war das gedacht gesagt aber würde mir in dem Augenblicke der
Tat der Mut nicht fehlen Es ist wahr ich hatte auf den Zollwächter
geschossen aber damals galt es nicht bloß meine es galt vor Allem meines
Beschützers meines Wohltäters meines Freundes Freiheit und wie hatte ich dem
Himmel aus der Tiefe meines Herzens gedankt dass meine Kugel ihr Ziel verfehlt
Jetzt war nicht der bewunderte ja ich möchte sagen angebetete Mann mein
Genosse sondern der KatzenKaspar jetzt handelte es sich nicht darum in einem
Momente der Überraschung auf eine dunkle Gestalt die sich plötzlich drohend in
den Weg stellt eine Pistole abzudrücken es war ein wohlüberlegter Mord
auszuführen es war ein relativ Wehrloser zu erschlagen mit einem Spaten einer
Spitzaxt einem Hebebaum dem ersten besten gemeinen Werkzeug das dem Mörder in
die Hand kam Und schließlich ich hatte mir alle Mühe gegeben meinen Schliesser
zu hassen ich hatte es nicht vermocht Durch all seine Grobheit klang so viel
echte Güte hindurch dass mir schon manchmal vorgekommen war als habe er sich
nur weil er wusste wie weich er war in dieses stachelige Kleid gehüllt Und
wenn ich nicht auf dem besten Fuße mit ihm stand an wem lag es als an mir der
ich sein Entgegenkommen so schnöde zurückgewiesen Er hatte es mich nicht
entgelten lassen er hatte sein raues gewiss ehrlich gemeintes Wohlwollen
keinen Augenblick verleugnet er hatte mich wenn ich von seiner sonderbaren
Ausdrucksweise absah stets behandelt nicht wie ein Wächter seinen Gefangenen
sondern ich möchte sagen wie ein alter treuer Diener der sich Manches
herausnimmt und herausnehmen darf seinen ihm anvertrauten jungen Herrn der
nicht gut getan hat und den er auf gute Manier zur Raison bringen soll Und
manchmal während der Arbeit ruhten seine hellen blauen Augen mit einem so
sonderbaren Ausdruck auf mir als sage er immerfort vor sich hin Armer Junge
armer Junge und als hätte er am liebsten seinen Zollstock aus der Hand gelegt
und statt dessen meine Spitzaxt ergriffen und für mich die Arbeit getan Ja
schon ein paar Mal hatte er wenn wir zusammen zurückgingen zu mir gesagt
»Nun hat man es noch nicht bald satt« und dann wieder »Man sollte nicht über
Gebühr eigensinnig sein und dem Herrn Rittmeister« der Wachtmeister nannte
seinen ehemaligen Offizier nur im äußersten Notfalle Director »und sich
selbst das liebe Leben sauer machen« »Wie so dem Herrn Rittmeister« hatte
ich gefragt »Man will es nicht verstehen« hatte der Alte geantwortet und
hatte dabei ganz melancholisch ausgesehen
Ich wollte es nicht verstehen das war nur zu richtig Aber weil man sich
die Mühe gibt etwas nicht verstehen zu wollen versteht man es darum weniger
Welches immer der Grund oder die Gründe sein mochten aus denen die
Teilnahme des Directors an mir und meinem Schicksale hervorgingen konnte ich
mich dagegen verschließen dass diese Teilnahme vorhanden dass sie in der
herzlichsten gewinnendsten Weise an den Tag gelegt wurde Noch klangen seine
Worte noch klang der Ton in welchem er sie gesprochen in meinem Ohr und
dieser Ton hatte mich so lebhaft an den Klang der Stimme des Mannes erinnert
der nun einmal mein Held gewesen und noch war Ja je öfter ich den Director sah
und ich sah ihn jetzt fast täglich um so mehr fiel mir die Ähnlichkeit auf
die er mit seinem unglücklichen Bruder hatte Es war dieselbe hohe Gestalt nur
dass Krankheit und angestrengteste Arbeit vielleicht Kummer und Sorgen die
stolze Kraft gebrochen es war dasselbe Gesicht nur viel edler viel milder
dieselben großen dunklen Augen nur dass sie so viel ernster schmerzensreicher
blickten Und diese Augen hatten mich wenn der Mund auch seitdem geschwiegen
jedesmal so freundlich gegrüßt und diese Augen blickten mich an in dieser
schrecklichen Nacht in welcher ich mit dem Versucher rang sie blickten mich an
sanft und traurig und fragten Das könntest Du tun Das auszudenken hättest Du
das Herz Das auszuführen die Hand
Aber ich will frei sein ich muss frei sein schrie es in mir Was kümmert
mich der Wahnsinn eurer Gesetze Habt ihr mich zur Verzweiflung gebracht nun
wohl so könnt ihr von mir auch nur die Taten eines Verzweifelten erwarten Aus
der Schule hierher aus einem Gefängnisse in das andere Ich habe die eine
Tyrannei abgeschüttelt weil sie mir unerträglich war soll ich mir diese
gefallen lassen die so viel schwerer auf mir lastet Und ich sollte der Gewalt
nicht mit Gewalt begegnen dürfen Was würde der wilde Zehren tun wenn er noch
lebte und seinen Liebling denn das war ich im Kerker wüsste Er würde mich zu
befreien suchen und sollte er das Gefängnis und sollte er die ganze Stadt an
allen Ecken anzünden wie sie einst seinen Ahn aus dem Turme holten die guten
Gesellen Was er tun und wagen würde ich werde es tun und wagen Es kann mich
doch höchstens das Leben kosten und dass man sein Leben lassen muss wenn es
nicht mehr wert ist gelebt zu werden der Wilde hat es mich gelehrt
So wühlte und tobte es in mir als wäre eine Hölle in meiner Brust
entfesselt Noch heute nach so vielen Jahren heute wo ich freudigen und so
viel an mir ist reinen Herzens jeder Sonne danke die sich über mir erhebt und
mir wiederum einen Tag ernster Arbeit und stillen Glückes im Kreise der Meinen
verspricht noch heute bebt mir das Herz und zittert mir die Hand mit der ich
diese Zeilen schreibe die mir so lebhaft die Schrecken jener Nacht und jener
Zeit vergegenwärtigen da der Jüngling einen Ausweg aus dem Labyrinth suchte in
welchem er trostlos verzweifelt umherirrte
Und werfe doch keiner einen Stein auf ihn dass er so weit vom rechten Wege
abirren konnte Wohl Dir wer Du auch immer seist dessen Stirn sich indem Du
dies liest in richterliche Falten zieht wohl Dir wenn eine glückliche
Mischung Deines Blutes Dich vor der blinden Wut tobender Leidenschaften
schützte wenn eine weise Erziehung Dir frühzeitig einen klaren Blick in das
wirre Leben gab den Weg Deines Lebens freundlich ebnete Auch dann und dann
gewiss danke Deinem guten Stern der Dir dies Alles gnädig gewährte und
außerdem vielleicht selbst die Möglichkeit einer großen Verirrung von Dir
fernhielt Und wo gebe es eine solche Möglichkeit nicht Sie ist schließlich
immer vorhanden So bete denn aus frommem Herzen dass Du nicht in Versuchung
geführt werdest dass Dir keine Nacht komme wie die welche ich damals
durchlitten eine Nacht in welcher es dunkel ist um Dich her und in Dir selbst
eine Nacht an die Du noch nach dreißig Jahren schaudernd denkst
Der Morgen der nach dieser Nacht in meine Zelle graute fand mich mit
brennenden Schläfen während kalte Fieberschauer mich schüttelten Ich mochte
wohl sehr verstört und bleich aussehen denn des Wachtmeisters erstes Wort als
er mich erblickte war »Man ist krank man muss heute von der Arbeit bleiben«
Ich war krank ich fühlte es nur zu wohl so war mir noch nie im Leben
gewesen War dies ein Wink des Schicksals Wollte es nicht zulassen was ich
beschlossen Wenn ich heute nicht zur Arbeit ging kam das Komplot nicht zum
Ausbruch Der KatzenKaspar rechnete auf mich auf meine Kraft auf meinen Mut
auf meine Verwegenheit Mein Beispiel das Beispiel Eines der gewissermaßen
freiwillig unter ihnen war von dem sie wussten und fühlten dass er nicht
ihresgleichen sei musste überwältigend auf sie wirken musste sie in stürmischer
Wut mit fortreißen Das hatte der KatzenKaspar vollkommen begriffen er konnte
und er würde ohne mich nichts wagen
»Man bleibe heute von der Arbeit« sagte der Wachtmeister noch einmal »Man
sieht ja hundeteufelmässig jämmerlich aus Man hat sich gestern übernommen man
hat nicht sieben Sinne wie ein Bär«
Ich wusste nicht was der Wachtmeister mit den letzten geheimnisvollen
Worten die er oft anwendete sagen wollte aber seine Meinung konnte nur eine
freundliche sein denn seine blauen Augen ruhten derweilen mit einem Ausdrucke
ernster Sorge auf mir
»Nicht doch« sagte ich »ich hoffe dass mir draußen besser wird ich kann
nur die Gefängnissluft nicht vertragen«
»Verträgt Keiner besonders« brummte der Wachtmeister
»Und ich besonders schlecht so schlecht dass ich große Lust habe nächstens
von hier fortzugehen«
Ich blickte dem Alten starr in die Augen ich wollte er sollte in meinen
Augen lesen was ich vorhatte Aber er lächelte nur und meinte
»Würden nicht Viele hierbleiben wenn Alle fortgingen die Lust dazu hätten
man würde selbst fortgehen«
»Warum tun Sie es nicht«
»Man ist mit dem Herrn Rittmeister nun zusammengewesen an die fünfundzwanzig
Jahre man wird bei ihm bleiben bis man mausetodt stirbt«
»Was Einem alle Tage passieren kann«
Und wieder blickte ich dem Alten starr ins Gesicht Diesmal fiel ihm der
Ausdruck meiner Züge doch auf
»Man sieht ja drein wie ein Bär mit sieben Sinnen man sieht ja ganz
raubmördergalgenmässig drein« sagte er
»Was man noch nicht ist kann man ja noch werden« sagte ich »Wenn ich
Ihnen zum Beispiel hier die Kehle zuschnürte ich bin dreimal so stark wie Sie«
»Man mache keine schlechten Witze« rief der Wachtmeister »man ist kein
Bär und ein alter Soldat ist kein Zahnstocher«
Damit hatte der ehrliche Herr Süssmilch die Sache erledigt wir gingen nach
dem Bauplatze da ich durchaus nicht in meiner Zelle bleiben noch weniger nach
dem GefängnisArzt geschickt haben wollte
Auf dem Wege musste ich einmal stehen bleiben denn es wurde mir schwarz vor
den Augen und ich glaubte zu sterben Derselbe Zustand wiederholte sich noch
mehrmals während des Tages der ungewöhnlich heiß war Im Übrigen habe ich nur
eine wüste verworrene Erinnerung dieses entsetzlichen Tages Ein wildes Fieber
wütete in meinen Adern eine schwere Krankheit kam in fürchterlicher Schnelle
heran ja war schon zum Ausbruch gekommen Doctor Snellius sagte mir später und
hat es mir erst vor einigen Tagen als er bei mir zu Tische war über der
Flasche wiederholt dass er es bis heute nicht begreifen könne wie ein Mensch in
dem Zustande in welchem ich mich notwendig befunden haben müsste nicht nur
einen ganzen Tag lang sich auf den Füßen halten sondern eine schwere Arbeit
habe leisten können Er meinte es sei ihm der merk würdigste Beweis wie weit
es der bis zum Übermaß angespannte Willen contra naturam gegen den Lauf der
Natur vermöge »Freilich« fügte er mit einem Lächeln hinzu indem er mir die
Schulter berührte »es geht nur bei Schmieden Schneider sterben daran«
Was habe ich aber auch gelitten Wenn mir ein hämischer Asmodeus einmal
einen recht bösen Streich spielen will führt er mich im Traume an eine tiefe
Grube in welche eine mitleidslose Sonne brennt und drückt mir eine Spitzaxt in
die Hand mit der ich wütende Streiche gegen eine felsenharte Erde führe nur
dass die felsenharte Erde mein eigener Kopf ist und jeder Schlag mir ins Gehirn
dringt und dann füllt er die Grube mit Teufeln in Menschengestalt die ebenso
wie ich mit Spitzäxten oder Spaten und Schaufeln oder einer Karre arbeiten und
diese Teufel haben brutale stumpfe Gesichter und böse Augen die sie immerfort
auf mich gerichtet halten und mit denen sie mir zuwinken sie wüssten Bescheid
und ich würde das Teufelswerk schon vollbringen Und unter ihnen taucht von Zeit
zu Zeit ein Kopf aus der bösere Augen hat als die anderen alle und der Kopf
sperrt den grässlichen Mund auf und wie aus einem Höllenrachen gähnt es mich an
»Kurz vor Sonnenuntergang Frisch Kamerad ich Rollmann nehmen Du Wachtmeister
Schlag Schädel ein«
Weg du entsetzlicher Traum
Aber das Entsetzlichste ist noch übrig
Es ist eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang in einer halben Stunde wird
die Glocke ertönen die Arbeit eingestellt werden Nicht bloß für heute die
Ausgrabung ist beendet die Fundamentsteine sind herbeigeschaft Morgen werden
ordentliche Maurer an die Arbeit gehen Einzelne von den Zuchtäuslern werden
noch helfen Andere aber anderswo beschäftigt werden es ist der letzte Abend
wo die Elf deren Zwölfter ich sein soll beisammen sind Jetzt oder nie ist der
Augenblick gekommen und bereits ist das Signal gegeben
Es besteht darin, dass der KatzenKaspar mit seinem Nachbar einen Streit
beginnt an dem sich nach und nach die Anderen beteiligen während die
Aufseher der Wachtmeister an der Spitze die scheinbar Wütenden auseinander zu
bringen suchen und den auf so unerhörte Weise gegen die Ordnung Frevelnden mit
Wasser und Brod und Einzelhaft drohen Aber Jene lassen sich nicht bedeuten
kommen im Gegenteil von Worten zu Tätlichkeiten indem sie dabei einander
stossend und schlagend in immer dichteren Knäuel zusammendrängen und die
Aufseher in den Knäuel zu verwickeln suchen
Das Vorspiel hat nur einige Minuten gedauert und länger darf es auch nicht
dauern wenn der ungewöhnliche Lärm in der stillen Anstalt nicht andere Aufseher
herbeirufen und so den ganzen Plan vereiteln soll
Hat man mich in den wüsten Knäuel hineingezogen Habe ich mich selbst
hineingestürzt ich weiß es selbst nicht aber ich bin mitten drin Helfe ich
den Aufsehern die Leute auseinanderhalten suche ich nur die Verwirrung zu
vermehren ich weiß es nicht aber ich tobe lauter als Alle ich schreie
jauchze ergreife ein paar im Nacken und schleudere sie auf den Boden als wenn
es Puppen wären ich bin wie wahnsinnig ja ich bin wahnsinnig ohne es zu
wissen ohne dass ein Anderer es weiß es merkt auch der KatzenKaspar nicht
der sich an mich herandrängt und mir laut zuruft »Jetzt Kamerad«
In diesem verhängnisvollen Augenblicke nähert sich aus der Pforte des nahen
Gartens kommend eilenden Schrittes die hohe Gestalt eines Mannes dem Orte des
Schreckens Es ist der Director ein junges Mädchen von vierzehn Jahren deren
schlanken Wuchs ich schon öfter durch das Gitter des Gartens bewundert fasst ihn
an der Hand und scheint ihn zurückhalten oder auch die äußerste Gefahr mit ihm
teilen zu wollen Ein paar Knaben von zehn zwölf Jahren zeigen sich in der
Gartenpforte sie rufen Hurrah Sie haben wohl keine Ahnung von dem Ernste der
Situation
Und da ist der Mann den Jeder hat kommen sehen dicht vor uns Er machte
die Linke sanft aus der Hand des jungen Mädchens los und drückt sie gegen die
kranke von der Anstrengung des eiligen Laufes keuchende Brust Die andere hat
er beschwichtigend erhoben da er noch nicht zu reden vermag Seine sonst so
bleichen Wangen sind von einer fieberhaften Röte übergossen seine großen
braunen Augen blitzen sie müssen sprechen da sein Mund es nicht vermag
Und die Tobenden Wütenden haben diese Sprache verstanden Sie haben seit
länger oder kürzer gelernt in scheuer Ehrfurcht zu dem bleichen Manne
emporzusehen der immer ernst und immer freundlich ist auch wenn er strafen
muss und den noch Keiner ungerecht hat strafen sehen Sie sind auf Alles gefasst
darauf nicht dass ihnen im letzten Augenblicke dieser Mann entgegentreten würde
Sie fühlen dass ihr Spiel verloren ist ja sie geben es verloren
Nur Einer nicht Einer ist entschlossen es dennoch zu gewinnen oder doch
sein Letztes auf eine blutige Karte zu setzen Ja vielleicht steht das Spiel
besser als je Liegt jener Mann zu Boden wer oder was könnte ihn könnte die
Andern dann noch halten
Ein Geheul ausstossend wie es so grässlich aus eines wilden Tieres Brust
nimmer schallen kann stürzt er mit hochgeschwungener Spitzaxt auf den wenige
Schritte nur Entfernten zu Das junge Mädchen wirft sich vor den Vater den
Todesstreich aufzufangen Aber ein Anderer der besser im Stande ist den
Herrlichen zu schützen ist schneller noch Mit Einem Satze ist er zwischen
Jenem und dem Kaspar und fällt dem Rasenden in den Arm Zwar streift die
herabschmetternde Axt seinen eigenen Kopf was ist das im Vergleiche zu den
Schmerzen die ihm im Kopfe schon seit Stunden wüten
»Hund verfluchter« brüllte der KatzenKaspar »hast Du uns verraten« und
abermals holte er mit der Axt aus Er bringt sie kaum noch in die Höhe da liegt
er bereits am Boden und auf seiner Brust kniet Einer dessen Kraft der Wahnsinn
des Fiebers zum Ungeheuren angespannt hat dem in diesem Augenblicke kein
einzelner Mensch zu widerstehen vermöchte
Aber es ist auch nur ein Augenblick Was er noch sieht ist das grässlich
verzerrte Gesicht des KatzenKaspar Dann versuchen andere Hände seine Hände von
dem Halberwürgten wegzureissen und dann versinkt Alles um ihn her in tiefe
schwere Nacht
Vierundzwanzigstes Kapitel
In tiefe schwere Nacht die eine lange lange Fortsetzung des entsetzlichen
Traumes ist bis endlich dann und wann dämmernd Licht in diese Nacht fällt
dämmerndsanftes Licht vor welchem die Grauengestalten verbleichen und
freundlicheren Platz machen Die schweben wieder in tiefe Nacht aber es ist
nicht mehr die alte fürchterliche es ist ein süßes Versinken in ein seliges
Nichts und jedesmal wenn ich wieder daraus hervortauche sind die milden
Gestalten deutlicher so dass es mir manchmal schon gelingt sie von einander zu
sondern während sie anfänglich immer unmerklich in einander übergingen Jetzt
weiß ich bereits dass, wenn der lange schwarzgraue Schnurrbart vor meinem
Gesichte auf und ab nickt eine treue gutmütige Dogge da ist die immer aus
tiefer breiter Brust knurrt nur dass ich die Dogge nie zu sehen bekomme und
manchmal meine es sei der lange schwarzgraue Schnurrbart selbst der so murre
Wenn der Schnurrbart braun ist höre ich eine sanfte Stimme deren Klang mir
unendlich wohltut dass ich immer lächeln muss glücklich lächeln während wenn
ich die Dogge höre ich laut lachen möchte nur dass ich nicht lachen kann weil
ich keinen Körper habe sondern eine Seifenblase bin die aus der Bodenluke in
meinem Vaterhause herausschwebt in die sonnige Luft bis sich zwei Brillengläser
in ihr spiegeln die keinen Schnurrbart haben Die Brillengläser machen mir viel
zu schaffen denn wenn sie auch niemals einen Schnurrbart haben so sind sie
doch manchmal blau und dann sind sie eine Frau wenn sie aber weiß sind sind
sie ein Mann und haben eine quäkende Stimme aber die blauen Gläser haben die
sanfteste Stimme noch sanfter als der dunkle Schnurrbart Ich kann es nicht
herausbekommen wie das zugeht und rätsle viel darüber bis ich wieder
einschlafe Und als ich erwache beugt sich Jemand über mich der einen braunen
Schnurrbart und braune Augen hat und gerade so aussieht wie Jemand den ich
kenne obgleich ich mich nicht besinnen kann wo und wann ich ihn gesehen habe
Aber es wird mir so wohl und wehe bei dem Anblicke des bekannten Unbekannten
weil mir ist als ob ich ihm Unendliches zu danken hätte obgleich ich gar nicht
weiß was Und dies Dankgefühl ist so lebhaft dass ich seine Hand die er auf
meine Hände gelegt hat langsam leise denn ich habe wenig oder keine Kraft
an die Lippen ziehe und die Augen schließe aus denen selige Tränen über meine
Backen rollen Ich will auch etwas sagen aber ich kann es nicht und will mich
darauf besinnen und als ich die Augen wieder öffne ist die Gestalt nicht mehr
da sondern das Zimmer ist leer und von einer lichten Dämmerung gefüllt und ich
schaue mich verwundert in dem Zimmer um
Es ist ein mäßig großes zweifenstriges Zimmer an den Fenstern sind die
weißen Gardinen herabgelassen und auf den Gardinen schwanken die Schatten von
Weinranken auf und nieder Ich sehe lange dem reizenden Spiele zu es ist ein
Bild meiner Gedanken die ebenso hin und herwiegen und einen Punkt festzuhalten
suchen es aber nicht vermögen und immer wieder herüber und hinüberziehen Dann
blicke ich abermals in das Zimmer und jetzt finden meine Augen einen Ruhepunkt
Es ist ein Bild das an der einfarbigen lichtgrauen Wand mir gerade gegenüber
hängt ein schönes junges Weib mit einem Knaben auf dem Arm Sanft und mild
blicken die Augen der jungen Mutter still und fast schwermütig als sänne sie
einem großen Geheimnisse nach während die Augen des Knaben unter der
vorgewölbten Stirn über seine Jahre ernst fast trotzig und groß als könnten
und wollten sie die ganze Welt umspannen geradeaus in die Ferne in die
Unendlichkeit blicken
Ich kann die Augen kaum von dem Bilde wenden Meine Bewunderung ist sehr
rein und unbefangen ich habe keine Ahnung von dem Original und weiß nicht dass
dies eine ausgezeichnete Kreidezeichnung nach dem berühmtesten Bilde des
Meisters der Meister ist ich weiß nur dass ich so etwas Schönes in meinem Leben
noch nicht gesehen habe
Unter dem Bilde hängt eine kleine Etagere mit zwei Reihen sauber gebundener
Bücher Unter der Etagere ist eine Kommode altertümlich geschweift mit
messingenen Griffen Auf der Kommode liegen ZeichnenMaterialien und zwischen
zwei kleinen antiken Vasen aus Terracotta steht ein Arbeitskörbchen über
dessen Rand ein Faden roter Wolle hängt
Zwischen Fenster und Kommode offenbar auf die Seite gerückt sehe ich eine
Staffelei auf der Staffelei ein umgekehrtes Reissbrett auf der anderen Seite
der Tür ein Pianino dessen oberer Teil eine sonderbare leierförmige Gestalt
hat
Ich weiß nicht was mich plötzlich an Konstanze von Zehren denken lässt
vielleicht dass mich das leierförmige Instrument an ihre Guitarre erinnert hat
Es muss wohl sein denn sonst erinnert dies Zimmer in nichts an jenes
Konstanzens So wunderlich wüst es dort aussah so sauber und freundlich ist
Alles hier kein fadenscheiniger zerrissener Teppich deckt die weißen Dielen
auf welchen sich die sonnebeschienenen Fenster abzeichnen und abermals aber
schwächer als auf den weißen Gardinen die Schatten der Weinranken spielen Nein
ich bin nicht auf Schloss Zehren im ganzen Schloss war kein Gemach wie dieses
so heiter so rein und Schloss Zehren fällt mir ein ist ja abgebrannt bis auf
den Grund haben sie gesagt ich kann also nicht auf Schloss Zehren sein aber wo
bin ich denn
Ich blicke das schöne junge Weib auf dem Bilde an als ob sie mir Antwort
geben könnte aber über dem Anblicke vergesse ich was ich habe fragen wollen
Ich habe nur das Gefühl dass es sich ruhig schlafen lasse wenn solche Augen
über Einem wachen und wundere mich dass der schöne Knabe den Kopf nicht an die
Schulter an den Busen der Mutter sinken lässt die großen trotzigen Augen
schließt und süß schläft ach so süß
Der lange süße Schlaf hat mich wunderbar erquickt Als ich erwache richte
ich mich ohne weiteres in die Höhe stütze mich auf den Ellenbogen und starre
Herrn Wachtmeister Süssmilch der vor meinem Bette sitzt verwundert in das
braune furchendurchzogene Gesicht mit den blauen Augen der großen Habichtsnase
und dem langen schwarzgrauen Schnurrbart
Der Alte blickte mich seinerseits nicht minder verwundert an Dann zuckt ein
freundliches Lächeln von dem Schnurrbart durch ein paar der allertiefsten
Furchen hinauf in die blauen Augen wo es verweilt und gar lustig blinkt und
blitzt Er legt drei Finger seiner rechten Hand an die Stirn und sagt »
Serviteur«
Das kommt so drollig heraus dass ich lachen muss Ich kann jetzt lachen und
der Alte lacht ebenfalls und sagt »Gut geschlafen«
»Ja« sage ich »köstlich Ich habe wohl lange geschlafen«
»Ein wenig morgen werden es acht Wochen« erwidert der Alte freundlich
»Acht Wochen« wiederhole ich mechanisch »das ist sehr lange« und ich
streiche nachdenklich mit der Hand über den Kopf
Der Kopf ist sonst mit sehr dichten sehr krausen und trotzdem sehr weichen
nebenbei etwas rötlichen Locken bedeckt jetzt fühle ich nur ganz kurze
Stacheln wie bei einer Bürste die noch dazu mit der Zeit arge Lücken bekommen
hat
»Das ist doch sonderbar« sage ich
»Wird schon wieder wachsen« sagt der Wachtmeister tröstend »haben mich
auch ritzeratzekahl geschoren als ich dies da weg hatte« er zeigt auf eine
tiefe Narbe über der rechten Schläfe die in dem dichten grauen Haar verläuft
und die ich jetzt zum ersten Male bemerke »ich habe doch wieder einen Schopf
bekommen wie ein Bär «
»Mit sieben Sinnen« füge ich hinzu und muss durchaus über meinen Witz
lachen Es scheint dass ich einen Kinderkopf auf den breiten Schultern habe
Der Alte lacht auch sehr herzlich wird aber plötzlich ganz ernstaft und
sagt
»Nun aber schweige man und schlafe wieder wie «
Er beendet seine Lieblingsphrase nicht augenscheinlich aus Besorgnis mich
zu neuer und für meine Verhältnisse schädlicher Lustigkeit aufzuregen aber ich
lache trotzdem und streife dabei den Ärmel meines Hemdes auf der mir
ungewöhnlich weit vorkommt
Der Ärmel ist nicht weiter als gewöhnlich aber mein Arm ist dünner so
dünn dass ich ihn kaum für den meinen halten kann
»Wird schon wieder stärker werden« sagte der Wachtmeister
»Ich bin wohl sehr krank gewesen« fragte ich
»I nun« meint der Wachtmeister »es war dicht vor dem Zapfenstreich« aber
ich habe immer gesagt »Unkraut vergeht nicht« und er reibt sich vergnügt die
Hände »Aber jetzt hat man genug geschwatzt« fügt er in befehlendem Tone hinzu
»Man hat strenge Ordre sich wenn man aufwachen sollte auf keinen Disput
einzulassen und sogleich Meldung zu machen was nunmehr geschehen soll«
Der Wachtmeister will sich erheben ich lege ihm die Hand auf eine seiner
braunen Hände und bitte ihn noch zu bleiben ich fühle mich ganz kräftig das
Sprechen greife mich nicht im mindesten an noch weniger das Hören und ich
möchte gern hören wie ich in diesen Zustand gekommen in welchem ich mich
befinde wer die Leute gewesen seien die um mich gewesen und deren Gestalten
ich durch den Nebel meiner Träume habe gleiten sehen Ob nicht auch eine gute
große Dogge dagewesen sei die mich beschützt und dazu aus tiefer Brust geknurrt
habe
Der Alte sieht mich bedenklich an als meine er es sei doch noch nicht ganz
richtig unter dem borstigen halbkahlen Schädel und die höchste Zeit dass er
Rapport abstatte Er legt meine Hände auf die Bettdecke und sagt »So so«
glättet das Kopfkissen und sagt wieder »So so« und ich tue ihm den Gefallen
und schließe die Augen und höre wie er leise aufsteht und sich auf den
Fußspitzen entfernt aber die Tür hat sich kaum hinter ihm geschlossen als ich
die Augen wieder öffne und resolut daran gehe mir selbst die Fragen die ich
dem Alten vorgelegt habe zu beantworten
Und nach und nach gerade wie aus einem Nebelmeer auf das wir von einem
hohen Berge herabblicken hie und da einzelne lichte Punkte auftauchen ein
sonnebeschienenes Kornfeld eine Hütte ein Stück Weges ein kleiner See mit
grasigen Ufern und endlich die ganze Landschaft klar vor uns liegt bis auf
wenige Stellen über welchen noch graue Streifen sich breiten die langsamer als
die andern die Bergschluchten aufwärts ziehen gerade so löste sich vor meinem
inneren Auge die Nacht der Vergessenheit in welche für mich meine jüngste
Vergangenheit während meiner Krankheit versunken gewesen war Ich erinnerte mich
wieder dass ich und warum ich im Gefängnisse dass der alte Mann mit dem langen
Schnurrbart nicht mein guter Freund und Krankenwärter sondern mein Schliesser
war dass ich mich mit dem Gedanken getragen hatte ihn zu erschlagen wenn es
sein musste damit ich wieder frei würde und so an Alles was geschehen war bis
auf den letzten schrecklichen Tag an diesen aber nur sehr verworren sehr
dunkel so verworren so dunkel wie diese Erinnerung bis auf heute in meiner
Seele geblieben ist Dunkel und peinlich aber seltsam dieses peinliche Gefühl
wendete sich ausschließlich gegen mich selbst Der Hass die Erbitterung der
Groll die Verzweiflung die Raserei der Leidenschaft alle die Dämonen die
vorher in meiner Seele gehaust sie waren verscheucht als hätte sie ein Engel
mit flammendem Schwert der Todesengel vielleicht der über mir geschwebt
vertrieben Selbst jener Rest von Pein löste sich auf in Dankbarkeit dass mir
das Entsetzlichste erspart worden dass ich auf meine abgemagerten Hände blicken
konnte ohne zu schaudern
Und wie ich also sinnend dalag und mein Blick auf das schöne junge Weib
fiel die ihren Knaben so sicher im treuen starken Mutterarme hielt falteten
sich unwillkürlich meine Hände ich dachte meiner eigenen so früh viel zu früh
für mich verstorbenen Mutter und wie wohl Alles anders gekommen wäre hätte sie
immerdar schützend mit ihrem Arm mich umfassen hätte ich in meinen jungen
Leiden und Zweifeln an ihrem Busen Schutz und Rat und Trost suchen und finden
können Und auch meines Vaters dachte ich der jetzt so einsam war dessen
Hoffnungen ich so bitter getäuscht dessen Bürgerstolz ich so tief verwundet
und dachte seiner zum ersten Male ohne allen Groll nur mit dem Gefühle
innigsten Mitleids mit dem armen alten verlassenen Manne
»Aber er wird ja leben bleiben« sagte ich »und ich bin ja auch nicht
gestorben und werde leben und Alles wieder gut machen Nein nicht Alles das
Verlorene lässt sich nicht wieder gut machen nur die Zukunft gehört mir selbst
im Gefängnisse«
Im Gefängnisse aber war das ein Gefängnis wo ich mich befand dieses
freundliche Zimmer dessen Fenster nur mit nickenden Weinranken vergittert war
in welchem Alles auf ein friedlichheiteres Stillleben der Bewohnerin deutete
Der Bewohnerin ich weiß nicht wie ich abermals auf diesen Einfall kam
aber ich konnte mich nicht davon losmachen und da hingen auch wieder die roten
Wollfäden aus dem Arbeitskörbchen Was hat ein Arbeitskörbchen mit roten
Wollfäden in dem Zimmer eines Mannes zu tun
Ich sann und sann ich konnte es nicht ergründen der Nebelstreifen rückte
nicht von der Stelle ja schien sich auszubreiten zu einem dünnen Flor der
allmälig wieder die ganze Landschaft verdecken wollte Nun wohl ich hatte sie
einmal gesehen und wusste dass ich sie wiedersehen würde auch dass ich die
Stimmen wieder hören würde die jetzt aus weiter weiter Ferne an mein Ohr
schlugen und zwischen denen ich doch noch das dumpfe Knurren meiner treuen Dogge
und die sanfte Stimme unterschied mit der die braunen Augen immer milden
Glanzes in meine Nacht geleuchtet hatten
Und als ich wiederum erwachte war es wirklich Nacht oder doch so spät am
Abend dass das Nachtlicht in dem Astrallämpchen auf dem Tische bereits
angezündet war und bei dem matten Scheine des Lämpchens sah ich Jemanden vor
meinem Bette sitzen den ich nicht erkannte da er den Kopf in die Hand stützte
Aber als ich mich regte und er den Kopf hob und mich fragte Wie geht es Ihnen
wusste ich wer es war Die leise sanfte Stimme klang immerfort in meinem Ohr
ich würde sie unter tausenden erkannt haben Und jetzt sonderbarerweise ohne
dass ich nur einen Augenblick nachzudenken brauchte als hätte es mir während
meines Schlafes Jemand ausführlich erzählt wusste ich auch dass das Haus in
welchem man mich seit acht Wochen wie ein Kind des Hauses gepflegt das Haus
meines Directors meines Kerkermeisters war der heute gewiss nicht zum ersten
Male an meinem Bette saß und wachte und der jetzt zu mir sprach in so
liebevollem Tone wie nur ein freundlicher Vater zu seinem Sohne sprechen kann
Er hatte sich zu mir beugend meine Hand ergriffen indem er zu sprechen
fortfuhr Worte die ich nur halb hörte vor einer anderen Stimme die laut und
immer lauter mit den Worten der Schrift in mir rief Ich bin es nicht wert
Ich konnte die Stimme nicht zum Schweigen bringen ich bin es nicht wert
ich bin es nicht wert rief es immer wieder und endlich rief ich es laut Ich
bin es nicht wert
»Sie sind es mein Freund« sagte die sanfte Stimme »ich weiß dass Sie es
sind auch wenn Sie selbst es nicht wissen sollten«
»Nein nein ich bin es nicht« sagte ich und das Herz schlug mir als ich
es sagte »Sie ahnen nicht wen Sie beschützen Sie ahnen nicht wessen Hand Sie
in der Ihren halten«
Und jetzt jenem unwiderstehlichen Drange folgend den ein in seinem Grunde
ehrliches Gemüt antreibt auf alle Fälle eine Güte abzulehnen die uns nicht
gebührt beichtete ich meine schwere Schuld wie ich entschlossen gewesen Alles
daran zu setzen mich aus der Gefangenschaft zu befreien wie ich die Annäherung
des fürchterlichen Menschen nicht provocirt aber doch geduldet wie ich um das
Komplot gewusst um die Stunde in welcher es losbrechen sollte und wie ich
nicht wisse weshalb mich der Mut zur Ausführung im letzten Augenblicke
verlassen dass ich meine Hand gegen die wendete die ich freiwillig zu meinen
Genossen gemacht und als deren Mitschuldigen ich mich folglich betrachten
müsste
Der Director hatte mich ruhig sprechen lassen nur dass er meine Hand so oft
ich ihm dieselbe im Verlaufe meiner Beichte entziehen wollte jedesmal mit
sanftem Drucke festhielt Jetzt als ich zu Ende sagte er und noch heute
nach so vielen Jahren wenn ich in der Nacht erwache glaube ich seine Stimme zu
hören
»Lieber junger Freund nicht was uns unser Wähnen Wollen Wünschen als
möglich ja notwendig erscheinen lässt nicht was wir glauben tun zu sollen
oder zu können selbst nicht was wir zu tun beschlossen haben macht uns zu
dem was wir sind sondern was wir in dem gegebenen Augenblicke wirklich tun
Der Feigling wähnt ein Held zu sein bis ihn der Augenblick belehrt dass er ein
Feigling ist der mutige Mann klügelt sich aus er wolle sich nicht in Gefahr
begeben und stürzt sich wenn der Ruf Zu Hilfe wirklich an sein Ohr schlägt
kopfüber in die Gefahr Sie glaubten Ihre Hand erheben zu können gegen einen
Wehrlosen und als Sie einen Wehrlosen in Mörderhand sahen standen Sie auf für
den Wehrlosen gegen den Mörder Und sagen Sie nicht Sie hätten nicht gewusst
was Sie getan Oder wenn Sie nicht wussten was Sie taten so folgten Sie eben
dem unwiderstehlichen Triebe Ihrer Natur waren Sie eben in diesem Augenblicke
erst recht Sie selbst Ich und die Meinen werden in Ihnen nun und immerdar den
sehen der mir das Leben gerettet mit Gefahr des eigenen Lebens«
»Sie machen mich besser unendlich viel besser als ich in Wirklichkeit
bin« murmelte ich
»Und täte ich das« erwiderte er mit freundlichem Lächeln »gibt es eine
höhere Wonne als einen Menschen besser zu machen als er ist Aber Sie meinen
ich nähme Sie für besser und auch das würde ich mir gefallen lassen Hat doch
selten Jemand so viel Gelegenheit als ich zu erfahren dass der sicherste oft
der einzige Weg einen Menschen besser zu machen der ist ihn für besser zu
nehmen Wollte Gott es würde mir dies Geheimnis meines Handwerks anzuwenden
in jedem Falle so leicht wie bei Ihnen Und kann ich wirklich dazu beitragen
wie ich freudig hoffe das edle Metall Ihrer Natur von den Schlacken zu
reinigen mit denen sie vielleicht noch vermischt ist kann ich helfen Sie
selbst für sich aufzuklären Ihnen den Weg Ihres Lebens den Sie dunkel vor sich
sehen auf dem Sie sich verirrt glaubten vielleicht verirrt haben zu erhellen
Sie mit Einem Worte zu dem zu machen der Sie sein können und also sein müssen
nun so hieße das nur gerecht sein gegenüber der Ungerechtigkeit die Sie
hierher gebracht und so könnte ich für meinen Teil Ihnen den Dank abtragen
den ich Ihnen schuldete noch bevor Sie einen Fuß in dies Haus setzten
geschweige denn bevor Sie meinen Kindern den Vater es sei nun wie lange es
sei erhielten«
Das milde Licht der Lampe fiel in sein schönes blasses Antlitz dass es mit
sanftem Glanze aus dem Dunkel sternengleich auf mich herabzuleuchten schien und
so kam seine sanfte Stimme zu meinem Ohr wie eines guten Geistes Stimme die in
der Stille der Nacht zu einer hilfs und heilsbedürftigen Seele spricht Ich lag
da ohne mich zu regen ohne ein Auge von ihm abzuwenden hoffend er werde
weiter sprechen ihn leise bittend er möge weiter sprechen
»Es ist vielleicht egoistisch von mir« sagte er »wenn ich es tue wenn
ich wo Ihre Seele zu frischem Leben erwacht und geneigt ist mit frommen
Kinderaugen in die wiedergewonnene neue Welt zu blicken den Moment benütze Sie
mich kennen und wenn es sein kann lieben zu lehren wie ich selbst Sie kenne
und liebe ich wiederhole nicht seit heute Ich kannte Sie bevor Sie hierher
kamen Sie sehen mich verwundert an und doch ist die Sache so einfach wie
möglich Ich habe meinen ältesten Bruder trotzdem wir eigentlich nur unsere
Kinder und Knabenjahre zusammen verlebt haben und dann getrennt wurden um uns
niemals wieder recht zu gehören ja in den letzten vierzehn Jahren nur wieder zu
sehen sehr geliebt denn er war was auch immer die Welt und die Leidenschaften
später aus ihm gemacht haben der Anlage nach die schönste edelmütigste
tapferste Menschenseele die je aus der Hand der Natur hervorgegangen ist Sie
können sich denken wie mich die Nachricht von seinem jähen Tode erschüttert
hat mit welcher schmerzlichen Begierde ich Alles in Erfahrung zu bringen
suchte was sich auf seinen Tod und die Veranlassung seines Todes bezog wie
eifrig ich eine Gelegenheit die mir geboten wurde benutzte die Acten des
Processes zu studieren der sich an den Namen und die Taten meines unglücklichen
Bruders knüpfte und in den auch Sie in so unglückseliger Weise verwickelt waren
Aus diesen Acten habe ich Sie zuerst kennen gelernt Ich bin oft in der Lage
von solchen Acten Einsicht nehmen zu müssen und habe mich längst gewöhnt in
denselben zwischen den Zeilen zu lesen Nie war diese Kunst mir nötiger als in
diesem Falle denn niemals hat sich von aller psychologischen Einsicht
entblösster Juristenverstand oder vielmehr Unverstand ärger versündigt als an
Ihnen niemals die Hand eines Sudlers aus einem leicht zu deutenden tagklaren
Jünglingsantlitz eine abscheulichere schwarz in schwarz gezeichnete Karricatur
gemacht Fast von jedem Zuge mit welchem die Anklage Sie ausstattete glaubte
ich das Gegenteil behaupten zu müssen und beweisen zu können Und wenn es nicht
mein Bruder mein einst so heiß geliebter Bruder gewesen wäre dessen Schuld Sie
büßen sollten wenn der ganze Prozess mir so fremd gewesen wäre wie er mich aus
tausend Gründen anging und mich schmerzlich berührte ich würde Ihre Sache zu
der meinen gemacht ich würde Sie zu retten versucht haben wenn ich es gekonnt
hätte Ich konnte nichts für Sie tun ich konnte nur meinen ganzen Einfluss
aufbieten und ich habe ihn aufgeboten dass Sie hierher kamen anstatt nach N
wohin man Sie ursprünglich schicken wollte«
»Sie kamen Ich sah Sie wie ich Sie mir vorgestellt ich fand Sie wie ich
Sie mir gedacht Was anders an Ihnen war das war der Jüngling nicht der
wissentlich in dem Processe seine Sache verschlechtert weil er hartnäckig jede
Auskunft über seine Mitschuldigen verweigert dessen treuherzige Offenheit in
allen anderen Punkten jedes Herz nur nicht das verschrumpfte eines
Actenmenschen hätte rühren müssen das war ein Mensch den man unter der Form
des Gesetzes misshandelt dessen freie Seele die dumpfe Luft seines Kerkers
verdüstert und der um mit den Worten meines angebeteten Dichters zu reden sich
Menschenhass aus der Fülle der Liebe trank Es war Ihrer würdig dass Sie keinen
Hehl aus diesem Hasse machten dass Sie was Ihnen hier geboten wurde und wonach
Andere mit beiden Händen gierig gegriffen hätten stolz zurückwiesen Lassen Sie
mich kurz sein Die Krankheit die in Ihnen schon lange brütete der Sie mit
Ihrer seltenen kraftvollen Natur nur so lange widerstanden kam zum Ausbruch
Sie wollten in dem Wahnsinne Ihrer verstörten Sinne zeigen Seht das habt ihr
aus mir gemacht und der Erfolg bewies dass Sie geblieben waren der Sie sind
Man trug Sie für tot von dem Orte des Schreckens Der schnell herbeigerufene
Arzt gab zwar Hoffnung aber nur der sorgfältigsten Pflege werde es vielleicht
gelingen Sie zu retten Wo konnte Ihnen diese Pflege zu Teil werden als hier
bei mir Wer konnte treuer über Ihr Leben wachen als der dem Sie es gerettet
Was galt mir in solchem Falle die Vorschrift des Hauses was das Gerede der
Leute Wir trugen Sie in das erste Zimmer das zufällig für unseren Zweck das
beste war Wir das ist mein Weib meine Tochter die älter ist als ihre Jahre
der alte treue Süssmilch der Arzt den Sie lieben werden wie er es verdient
wir Alle haben ich darf es sagen denn es versteht sich von selbst wacker
und treu gekämpft mit dem Tode der Sie bedrohte und die Frauen haben geweint
und die Männer haben sich die Hände geschüttelt als Ihre herrliche Natur
machtvoll den Feind zurückwarf als der Arzt vor acht Tagen unter uns trat und
sagte er ist gerettet Und nun lieber junger Freund genug vielleicht schon
zu viel für heute Wenn Sie aus unserer Unterredung den Eindruck empfangen und
in Ihren Schlaf mit hinübernehmen dass Sie unter Freunden sind die Sie lieben
so ist das Alles was ich gewollt Ich höre Süssmilch kommen ich wollte ihn
heute Nacht ablösen aber er behauptet seinen Gefangenen nicht verlassen zu
dürfen Schlafen Sie sanft«
Er strich mir leicht mit der Hand über Stirn und Augen und schritt aus dem
Zimmer Meine Seele war erfüllt von seinen Worten So hatte noch nie ein Mensch
mit mir gesprochen War ich es wirklich war meine verdüsterte Seele in der
langen Krankheit entschwebt und hatte einem reineren helleren Geiste Platz
gemacht Gleichviel wie es war es war köstlich zu köstlich fast als dass es
bleiben konnte Aber festhalten wollte ich es so lange als möglich wie man den
Nachklang einer süßen Melodie festzuhalten sucht Ich regte mich nicht als ich
ein leises Geräusch im Zimmer vernahm als mein treuer Wächter seine
Vorbereitungen für die Nacht traf
Wie hätte ich nicht sanft schlafen sollen so reich gesegnet wie hätte ich
nicht ruhig schlafen sollen so treu bewacht
Fünfundzwanzigstes Kapitel
In dem schattigen Garten der ausschließlich für den Director und seine Familie
bestimmt ist befindet sich in der äußersten Ecke ein Gartenhäuschen das auf
der alten Stadtmauer steht und in der Familie den pompösen Namen »Belvedere«
führt weil man aus den Fenstern einen reizenden Blick über die Stadtwälle auf
ein großes Stück der Meerenge und auf ein noch größeres der Insel haben würde
wenn man die Fenster öffnen könnte Aber die Fenster sind sehr alt und sehr
morsch und verquollen überdies sind sie sehr schmal und die kleinen in Blei
gefassten Scheiben sind von buntem Glase und haben einstmals als sie noch der
integrirende Teil der Fenster einer benachbart gewesenen längst zerstörten
Kapelle waren jedenfalls ein bestimmtes Muster gehabt das jetzt kaum noch zu
erkennen ist Überhaupt ist das Häuschen einigermaßen in Verfall da auch das
Holz aus dem es gebaut ist den Einflüssen der Sonne des Regens und des
Seewindes in den langen Jahren nicht ganz hat widerstehen können und es wird
daher nur selten benutzt viel seltener als der Platz vor dem Häuschen der so
recht eigentlich die Sommerwohnung der Familie ist wo sie jede gute Stunde der
guten Jahreszeit verbringt
Der Platz verdient diesen Vorzug in vollstem Masse Auf gleicher Höhe mit dem
Gartenhäuschen und dem Rande der Stadtmauer bedeutend höher also als der übrige
Teil des Gartens trifft ihn der erfrischende Hauch des nahen Meeres während
durch das dichte Laub der alten Platanen die ihn rings umgeben nur selten ein
vereinzelter Strahl der Mittagssonne den Boden streift Die Zwischenräume der
Baumstämme sind mit der grünen Wand einer lebendigen Hecke ausgefüllt die das
Trauliche Lauschige des Platzes noch vermehrt und von der sich sechs Hermen aus
Sandstein vortrefflich abheben Zwei runde Tische aus grün angestrichenem
Tannenholz rechts und links mit den nötigen Stühlen laden zum Träumen und
Arbeiten ein
Von den zwei Personen die etwa vierzehn Tage nachdem ich zum ersten Male
das Zimmer verlassen durfte an einem schönen Augustabende hier saßen war die
eine mit dem Ersteren beschäftigt wenn Träumen eine Beschäftigung genannt
werden kann die andere arbeitete wirklich sehr eifrig Der Träumer war ich
selbst und eine leichte Decke die trotz der Wärme des Tages über meinen Knieen
lag schien andeuten zu wollen dass ich mich noch in dem Stadium der
Reconvalescenz befand wo Träumen erlaubt und Arbeiten verboten ist die andere
war ein junges Mädchen von vierzehn Jahren und ihre Arbeit bestand darin dass
sie meinen Kopf à deux crayons in Lebensgröße auf einem Reissbrett zeichnete
dabei musste sie natürlich oft ihre Augen über den Rand des Reissbrettes zu mir
erheben und wenn ich sagen soll was der Gegenstand meiner Träume war so muss
ich gestehen dass es eben diese Augen waren
Und wahrlich man brauchte nicht eben zwanzig Jahre und Reconvalescent und
derjenige zu sein auf welchen sich diese Augen oft mit jenem eigentümlichen
zugleich festen und zweifelnden zugleich nach Außen und nach Innen gekehrten
Blick richteten den der Künstler auf sein Modell heftet man brauchte sage
ich weder das Eine noch das Andere geschweige denn alles Dreies auf einmal zu
sein um von diesen Augen gefesselt zu werden Sie waren groß und blau und tief
von jener Tiefe die eine Oberfläche hat auf welcher sich jede Regung des
Gemütes jedes Licht das darüber hingleitet jeder Schatten der vorüberzieht
wiederspiegelt und doch noch immer ein Etwas bleibt das unergründlich ist
Schon einmal vor nicht sehr langer Zeit hatte ich in Augen geschaut die
unergründlich waren wenigstens für mich aber wie anders waren diese hier
Ich fühlte wohl den Unterschied ohne dass ich damals im Stande gewesen wäre ihn
zu definiren Ich wusste nur dass diese Augen mich nicht verwirrten
beunruhigten heute entflammten morgen in Eiswasser tauchten sondern dass ich
wieder und immer wieder hinein schauen konnte wie man voll seliger Ruhe in den
Himmel schaut und kein Wunsch kein Verlangen sich in uns regt außer
vielleicht dass man Flügel haben möchte
Was diese großen tiefen Augen des Mädchens noch größer und tiefer
erscheinen ließ war vielleicht der Umstand dass sie weitaus das Schönste in dem
Gesichte waren Einige sagten das einzige Schöne ich konnte mich nie zu dieser
Ansicht bekennen Die Züge waren allerdings nicht regelmäßig und ganz gewiss
nicht was man frappant nennt aber Unedles war nichts darin im Gegenteil
Alles fein und eigen und klug und sinnig von sanften und doch bestimmten
Linien umschrieben Fein und eigen und klug und sinnig besonders der Mund der
zu sprechen schien selbst wenn die keuschen Lippen wie es meist der Fall fest
geschlossen waren Und für dies kluge sinnige etwas bleiche Gesicht bildeten
zwei dicke Flechten des reichsten aschblonden Haares die nach der Mode jener
Zeit in der Höhe der Schläfen ansetzten und unter den Ohren weg nach hinten
verliefen einen köstlichen Rahmen Der wunderschön geformte feine Kopf war
meistens etwas nach vorn oder zur Seite geneigt Diese Haltung verbunden mit
dem gewöhnlichen Ernst des Gesichtes ließ das Mädchen um mehrere Jahre älter
erscheinen Aber Arbeit und Sorgen verwischen bald den Schimmer der Jugend und
sie die fast noch Kind war kannte die Arbeit nur schon zu gut und in ihr
junges Leben hatte die Sorge nur schon zu düstere Schatten geworfen
In diesem Augenblicke aber zog ein Lächeln über das ernste Gesicht Sie
blickte über den Rand des Reissbrettes und sagte »Wenn Sie wollen können Sie
aufstehen«
»Sind Sie fertig« erwiderte ich indem ich sofort von der Erlaubnis
Gebrauch machte und hinter ihren Stuhl trat »Aber Sie sind ja immer noch bei
den Augen Wo nehmen Sie nur die Geduld her«
»Und Sie die Ungeduld« antwortetete sie indem sie ruhig weiter zeichnete
»Sie machen es gerade wie unser kleiner Oskar Wenn der eine Bohne gepflanzt
hat gräbt er sie nach fünf Minuten wieder aus und sieht zu ob sie schon
gewachsen ist«
»Dafür ist er auch erst sieben Jahre«
»Also alt genug um zu wissen dass die Bohnen nicht in so kurzer Zeit
wachsen können«
»Sie schelten immer auf Oskar und doch ist er Ihr Liebling«
»Wer sagt das«
»Benno hat es mir gestern in aller Heimlichkeit vertraut Ich sollte es
Ihnen aber nicht wieder sagen«
»Dann hätten Sie es auch nicht tun sollen«
»Aber Recht hat er doch«
»Nein er hat nicht recht Oskar ist eben der Kleinste und so muss ich mich
seiner am meisten annehmen Benno und Kurt werden schon eher ohne mich fertig«
»Bis auf die Arbeiten die Sie ihnen corrigiren«
»Nun setzen Sie sich wieder«
»Aber sprechen darf ich doch«
»Gewiss«
Ich hatte mich wieder gesetzt aber es vergingen mehrere Minuten während
welcher ich stumm dem Arbeiten des Mädchens zusah Ein Strahl der Abendsonne
der sich durch das dichte Laub der großen Bäume stahl traf ihr Haupt und webte
um dasselbe eine Aureole
»Fräulein Paula« sagte ich
»Paula« sagte sie ohne aufzublicken
»Also Paula«
»Was ists«
»Ich möchte ich hätte eine Schwester gehabt wie Sie«
»Sie haben ja eine Schwester«
»Sie ist so viel älter als ich und hat sich nie sehr um mich bekümmert und
jetzt wird sie vollends nichts mehr mit mir zu schaffen haben wollen«
»Wo sagten Sie dass sie lebt«
»An der polnischen Grenze Sie ist an einen Steuerbeamten verheiratet
seit zehn Jahren sie hat viele Kinder«
»Da wird sie mit denen genug zu tun haben Sie dürfen ihr nicht bös sein«
»Ich bin ihr nicht bös ich kenne sie kaum mehr ich glaube ich würde an
ihr vorübergehen wenn ich ihr auf der Straße begegnete«
»Das ist nicht gut Geschwister müssen zusammenhalten Wenn ich dächte ich
begegnete Benno oder Kurt oder gar meinem kleinen Oskar nach zehn oder zwanzig
Jahren auf der Straße und sie kennten mich nicht mehr ich würde sehr
unglücklich sein«
»Sie werden Sie schon kennen und wenn funfzig Jahre darüber vergangen
wären«
»Dann wäre ich eine alte Frau aber so alt werde ich nicht«
»Weshalb nicht«
»Dann sind die Knaben längst Männer und der Vater und die Mutter sind
gestorben was soll ich dann auf der Welt«
»Aber Sie werden doch heiraten«
»Nie« sagte sie
Das klang so ernstaft und die großen blauen Augen die sie über das
Reissbrett weg auf meine Stirne heftete an welcher sie gerade zeichnete
blickten so ernstaft dass ich gar nicht lachen konnte wozu ich einige Lust
verspürt hatte
»Warum« fragte ich
»Bis die Knaben so sind dass sie meiner nicht mehr bedürfen bin ich zu
alt«
»Aber Sie können ihnen doch nicht immer die Arbeiten corrigiren«
»Ich weiß nicht mir ist als müsste ich das immer«
»Auch wenn sie Latein und Griechisch lernen«
»Ich lerne jetzt schon Latein mit ihnen warum sollte ich nicht auch
Griechisch lernen«
»Griechisch ist verzweifelt schwer ich sage Ihnen Paula die
unregelmässigen Verben da kommt kein Mensch durch außer etwa Gymnasiallehrer
die ich aber meinerseits nie für richtige Menschen gehalten habe«
»Das ist wieder so eine von Ihren Spöttereien die Sie Benno nicht hören
lassen dürfen er will Lehrer werden«
»Ich denke das werde ich ihm noch ausreden«
»Tun Sie es nicht Weshalb soll er nicht Lehrer werden wenn er Lust und
Geschick dazu hat Ich weiß mir nichts Lieberes als Jemanden etwas zu lehren
wovon ich glaube dass es gut und für ihn zu wissen nützlich ist Und dann ist es
auch ein schickliches Fach für einen Knaben in Bennos Verhältnissen Ich habe
mir sagen lassen dass, wenn Jemand keine großen Ansprüche mache er es darin
bald zu einer bescheidenen Existenz bringe Der Vater ist anderer Ansicht er
wünscht Benno möchte Mediciner oder Naturforscher werden Das soll ein
kostspieliges Studium sein und wenn der Vater auch immer guten Mutes ist
aber ich weiß nicht ob er es immer ist«
Paula beugte den Kopf auf das Reissbrett und zeichnete eifriger als je nur
sah ich dass sie sich ein oder zweimal mit dem Tuche schnell über die Augen
fuhr Die Bewegung schnitt mir ins Herz ich wusste welche Sorgen Paula und
gewiss nicht ohne Grund um die Gesundheit ihres Vaters trug den sie über Alles
liebte
»Fräulein Paula« sagte ich
Sie corrigirte mich diesmal nicht vielleicht hatte sie mich gar nicht
gehört
»Fräulein Paula« sagte ich noch einmal »Sie müssen sich nicht solche trübe
Gedanken machen Ihr Vater ist gewiss nicht so krank und dann glauben Sie gar
nicht was die Zehrens für eine Race sind Der Steuerrat sagte Herr von
Zehren sei immer ein Schwächling gewesen und kann sich trotzdem noch immer
neben Anderen die für kräftige Männer gelten sehen lassen aber Herr von
Zehren selbst der war von Stahl und sagte doch einmal sein jüngster Bruder
hätte es mit Zweien so wie er aufgenommen Und sehen Sie so eine kräftige
Natur das ist Alles sagt Doctor Snellius und ich sage es auch«
»Freilich wenn Sie es sagen «
Paula blickte auf und ein melancholischer Lächeln spielte um ihren reizenden
Mund
»Sie meinen so ein Jammerbild wie ich hier sitze dürfe nicht von Kraft
sprechen«
»O nein ich weiß wie stark Sie waren ehe Sie krank wurden und wie bald
Sie es wieder sein werden wenn Sie sich ordentlich in Acht nehmen was Sie
nicht immer tun Sie sollen zum Beispiel nie ohne Decke sitzen und da haben
Sie sie schon wieder fallen lassen aber «
»Aber« sagte ich indem ich gehorsam die Decke wieder über die Kniee zog
»Ich meine nur es sei doch wohl nicht ganz richtig dass eine kräftige Natur
Alles sei Kurt ist gewiss der kräftigste von den Knaben und doch schreibt und
liest und rechnet Oskar so fliessend wie Kurt trotzdem Kurt neun Jahre und Oskar
erst sieben Jahre ist«
»Dafür ist auch Oskar Ihr Liebling«
»Das war nicht hübsch von Ihnen« sagte Paula
Sie sagte es so sanft und freundlich ohne eine Spur von Bitterkeit und
doch fühlte ich wie mir das Blut in die Wangen schoss Mir war als hätte ich
ein wehrloses Kind geschlagen
»Nein es war nicht hübsch von mir« sagte ich eifrig »gar nicht hübsch es
war recht hässlich ich weiß selbst nicht wie ich gegen Sie so hässlich sein
kann aber die fleißigen Knaben sind mir von jeher so oft als Muster vorgehalten
worden und ich habe dann stets so viel böse Worte mit in den Kauf bekommen dass
mir das Blut zu Kopfe steigt wenn ich dergleichen höre Ich muss dann immer
daran denken wie dumm ich selbst bin«
»Das ist auch nicht hübsch dass Sie sagen Sie seien dumm«
»Nun denn dass ich so wenig weiß dass ich so wenig gelernt habe«
»Dafür können doch aber nur Sie selbst wenn es wirklich der Fall ist.«
»Ja es ist der Fall« entgegnete ich »Es ist schrecklich wie wenig ich
weiß Von dem Griechischen ganz zu schweigen von dem ich behaupte dass es zu
schwer und nur von den Lehrern erfunden ist um uns zu quälen so ist es mit
meinem Latein auch nicht weit her und das ist wohl meine Schuld denn ich habe
gesehen dass Arthur der glaube ich auch nicht klüger ist als ich ganz gut
damit zurechtkam wenn er wollte Ihre englischen Bücher in denen Sie so viel
lesen könnten für mich Griechisch sein und Französisch ich weiß wirklich
nicht ob ich noch avoir und être kann Und gestern als Benno nicht mit seinen
Exempeln zurecht kommen konnte und mich fragte und ich ihm sagte er müsse
selbst fertig werden ich will es Ihnen nur gestehen ich hatte keine Ahnung
wie er es anfangen müsse und als er hernach wirklich selbst fertig wurde habe
ich mich im Stillen vor dem elfjährigen Jungen geschämt wie ich mich in meinem
Leben vor Doctor Busch unserem Matematiker nicht geschämt habe wenn er
einmal wie allemal unter meine Arbeiten grundschlecht oder ganz ausgezeichnet
schlecht oder sehr gut abgeschrieben oder sonst eine ähnliche maliciöse Censur
setzte«
Paula hatte mich während ich so reumütig meine Sünden beichtete immerfort
mit großen Augen angesehen und manchmal mit dem Kopfe geschüttelt als traue sie
ihren Ohren nicht
»Wenn das wirklich wahr ist «
»Warum sagen Sie immer Wenn Paula So wenig ich gelernt habe so habe ich
doch wenigstens die Wahrheit zu sagen gelernt und Ihnen könnte ich schon gar
nichts vorlügen«
Das Mädchen errötete bis in die blonden Flechten hinauf
»Verzeihen Sie mir« sagte sie »ich wollte Sie nicht kränken obgleich ich
kaum glauben kann dass Sie so dass Sie Ihre Zeit auf der Schule so schlecht
angewendet haben ich wollte nur sagen Sie müssen das wieder gut machen Sie
müssen das Alles recht schnell nachholen«
»Das ist leicht gesagt Paula Wie soll ich das anfangen Benno weiß mehr
Französisch und Geographie und Mathematik als ich und ist elf Jahre und ich
werde im nächsten Monate zwanzig«
Paula schob das Reissbrett vor sich auf den Tisch und stützte die Stirn in
die Hand augenscheinlich um besser über einen so verzweifelten Fall
nachzudenken Plötzlich hob sie den Kopf und sagte schnell und leise
»Sie müssen es dem Vater sagen«
»Was soll ich ihm sagen«
»Alles was Sie mir gesagt haben«
»Er würde mir auch nicht helfen können«
»Ganz gewiss Sie glauben nicht wie viel der Vater weiß Er weiß Alles er
versteht Alles«
»Ich glaube es gern Paula aber was ist damit geholfen Er kann mir von
seinem Wissen nichts abgeben wenn er auch gut genug wäre es zu wollen«
»Das kann er freilich nicht Sie müssen eben selbst arbeiten aber wie man
am besten arbeitet wie man am schnellsten arbeitet das kann er und das wird er
Ihnen sagen wenn Sie ihn darum bitten Wollen Sie«
»Freilich will ich aber «
»Nein nicht Aber Ich will nicht Wenn sagen da dürfen Sie auch nicht
Aber sagen Wollen Sie«
»Ja«
Ich hatte das Ja weil es mich einige Anstrengung kostete laut und kräftig
gesagt Paula faltete die Hände neigte den Kopf gerade als ob sie betete dass
mir mein Ja gesegnet sein möge Es war so still auf dem Platze nur ein
Vögelchen zwitscherte und die roten AbendSonnenstrahlen spielten durch die
Zweige War es nur ein Ausfluss der weichen Stimmung die mir von meiner
Krankheit her noch anhaftete aber mir wurde eigen zu Mute Es war mir als
befände ich mich in einem Tempel und hätte eben ein feierliches Gelübde
abgelegt durch das ich mit meiner Vergangenheit gebrochen und mich einem neuen
Leben neuen Verpflichtungen geweiht hätte Und dabei blickte ich starr auf das
liebe Mädchen das noch immer das sinnige Haupt gebeugt die Hände gefaltet
dasaß blickte so starr dass mir die Tränen in die Augen kamen und der Platz
mit den hohen Bäumen durch deren Zweige die Sonnenstrahlen spielten und das
junge Mädchen mit den gefalteten Händen dass Tempel und Priesterin meinen
Blicken hinter einem Schleier verschwanden
Da ertönten aus dem Garten helle Stimmen es waren Paulas Brüder die im
Hause ihre Schularbeiten gefertigt hatten und jetzt frohen Sinnes ihrem
Lieblingsplatz zueilten wo sie die Schwester zu finden sicher waren Paula
legte ihre ZeichnenMaterialien zusammen und war im Begriff einen Bogen
Seidenpapier über mein Konterfei zu breiten als die Knaben in vollem Lauf den
Hügel herauf zu uns gerannt kamen
»Ich bin der Erste« rief der kleine Oskar indem er der Schwester stürmisch
in die Arme flog
»Weil wir Dich zuerst haben kommen lassen« sagte Kurt sich mit der
Gewandtheit eines Equilibristen auf meine Kniee schwingend
»Zeig mal Paula« sagte Benno indem er Paula die Hand auf den Arm legte
Paula schlug das Papier wieder zurück Benno blickte eifrig auf die
Zeichnung und erhob den Blick prüfend zum Original Kurt glitt eiligst von
meinen Knieen herab sich das Werk der Schwester ebenfalls zu besehen selbst
Oskar steckte seinen Lockenkopf unter der Schwester Arm hindurch er wollte auch
wissen um was es sich handelte Es war eine reizende Gruppe die drei kleinen
Knaben wie sie dicht um die Schwester zusammengedrängt alle die glänzenden
Augen bald eifrig auf mich richteten bald auf das Bild senkten
»Das ist der Onkel Doctor« sagte Oskar
Paula lächelte und strich dem lieben Buben sanft mit der Hand über die
blonden Locken
»Du bist dumm« sagte Kurt »der hat ja eine Brille«
»Es wird gut Paula« sagte Benno mit der Miene eines Kenners
»Meinst Du« fragte Paula
»Ja« sagte Benno »nur dass er nicht so hübsch ist«
»Nun habt Ihr es gesehen« sagte Paula in entscheidendem Tone »da Benno
trag es in das Belvedere«
»Ich will es tragen« sagte Kurt
»Nein ich« rief Oskar
»Habt Ihr nicht gehört dass ich es tragen soll« sagte Benno »Ihr seid zu
klein«
»Ja Du bist der Große« rief Kurt höhnisch
»Still Ihr« sagte Paula »Ihr sollt nicht immer darüber streiten Wer
älter ist, ist größer dafür kann er nichts und wer jünger ist, ist kleiner
und kann auch nichts dafür«
»Nein Paula« sagte Kurt »das ist nicht wahr Georg ist jünger als Vater
und ist doch größer als Vater«
»Da kommt Vater« sagte Paula »und auch Mutter und nun haltet Euch still«
Der Director kam den Weg herauf er führte seine Gattin am Arme langsam
wie es für die fast Erblindete deren Gesicht ein breiter grüner Schirm
verdeckte bequem war Hinter ihnen bald auf der rechten bald auf der linken
Seite des Weges den unbedeckten Kopf bald nach oben bald nach unten wendend
den Stock bald in der rechten und den Hut in der linken bald den Stock in der
linken und den Hut in der rechten Hand tragend kam eine kleine untersetzte
Gestalt mit einem unförmlichen großen Kopf dessen gänzlich kahler Schädel in
der Abendsonne erglänzte
Es war Dr Willibrod Snellius Hausarzt und Hausfreund der Familie und
zugleich Gefängnissarzt
Ich hatte mich erhoben und war den Ankommenden ein paar Schritte
entgegengegangen
»Nun wie befinden Sie sich« fragte der Director mir die Hand reichend
»hat Ihnen der erste längere Aufenthalt im Freien gut getan«
»Wollen morgen früh wieder anfragen hm hm hm«
Doctor Snellius begleitete seine Äußerungen gern mit einigen
eigentümlichen Nasenlauten die halb Brummen halb Summen und immer genau eine
Octave tiefer waren als seine Stimme die sehr dünn war und eine ungemein hohe
Lage hatte Diese seine Stimme Fistelstimme nannte er sie war dem Doctor
der viel Geschmack hatte ein Gräuel Mit den eine Octave tieferen Brummtönen
suchte er sich nach seiner eigenen Aussage davon zu überzeugen dass er
wirklich ein Mensch und kein Hahn sei wofür er sich falls er sich nur nach
seiner Stimme zu classificiren hätte notwendig halten müsse
»Sie haben es ihm aber doch selbst verordnet Doctor« sagte der Director
»Weiß ich deshalb ob es ihm bekommen wird hm hm hm« sagte Dr Snellius
»Es war eine Medizin wie andere auch Wenn ich immer wüsste wie meine Recepte
anschlügen würde ich als Baron Willibrod Snellius auf Snelliusburg sterben hm
hm hm«
»Wenn man Sie hört sollte man glauben Eure ganze Wissenschaft sei eitel
Lug« sagte Frau von Zehren auf einem Stuhle den ihr Paula zurechtgerückt
hatte Platz nehmend
»Sie haben am wenigsten Ursache uns für Hexenmeister zu halten gnädige
Frau«
»Eben weil ich Euch nicht dafür halte verlange ich auch nichts von Euch
was vielleicht unmöglich ist«
Frau von Zehren nahm den entstellenden Schirm ab und hob die müden Augen
dankbar zu den Kronen der Bäume die das noch immer starke Licht des Tages
freundlich dämpften Wie schön mussten diese Augen gewesen sein als sie noch in
Glück und Jugend strahlten Wie schön dieses Gesicht ehe Krankheit die
lieblichen Züge verwüstete und lange vor der Zeit denn Frau von Zehren war
jetzt kaum vierzig Jahr alt das lockige Haar grau färbte Ja die bleiche Dame
war noch schön für mich wenigstens der ich so kurze Zeit ich auch erst in
ihrer Nähe weilte doch bereits erfahren wie engelhaft gut sie war wie sie
trotz der unendlichen Liebe mit der sie an Gatte und Kindern hing doch ihr
Herz offen gehalten und Mitleiden mit Allem hatte was da litt
»Wir werden nächstens den Besuch Ihres Freundes Arthur haben« sagte der
Director zu mir mich etwas auf die Seite ziehend »aber freilich Sie sagten
mir ja dass er sich nicht eben freundschaftlich gegen Sie benommen«
»Nein« sagte ich »ich hätte sonst lügen müssen Wie kommt er hierher«
»Er hat Ostern sein Examen gemacht und ist nun als Fähnrich zu unserem
Bataillon commandirt Wir werden dann auch wohl seine Eltern bei uns sehen und
vermutlich auch den Kommerzienrat wenn er sich herbeilässt seine Sache in
eigener Person zu führen Es handelt sich um die Nachlassenschaft meines
Bruders soweit sie nicht dem Gerichte oder seinen Gläubigern bereits verfallen
ist unter denen wie Sie wissen der Kommerzienrat die erste Stelle einnimmt
Die Sache ist deshalb etwas schwierig weil bei dem Schlossbrande Alles was etwa
an Papieren vorhanden gewesen verloren gegangen ist Dafür hat Konstanze aus
Neapel einen notariellen Verzicht auf die Hinterlassenschaft eingesendet und so
restiren eigentlich nur mein Bruder und der Kommerzienrat denn ich für meinen
Teil möchte am liebsten ganz aus dem Spiele bleiben ja ich kann sagen dass,
wenn man nicht das Unvermeidliche mit Würde tragen müsste ich der Zusammenkunft
mit großem Widerwillen entgegensehen könnte Was wird da nicht Alles aus dem
Grabe aufgewühlt werden Was willst Du mein Kind«
Oskar musste dem Vater einen unglücklichen Käfer zeigen der ihm über den Weg
gelaufen ich blieb in dem Gartenhaus sitzen in peinlichen Gedanken wie sie
mir seitdem ich vom Krankenbette erstanden nie wieder gekommen waren Arthur
Konstanze Arthur der mich so schnöde verleugnet Konstanze die mich so
schmählich genasführt Der Steuerrat der Kommerzienrat der Steuerrat von
dem ich wusste dass er der feige Helfershelfer seines tapferen Bruders gewesen
der Kommerzienrat der mit dem Leichtsinne des Wilden gewuchert und sehr
wahrscheinlich den Fall desselben wenn nicht allein veranlasst so doch ich
war davon überzeugt geflissentlich beschleunigt hatte Welches Chaos von
Empfindungen unter denen ich nur schon zu viel gelitten regten diese Namen in
mir auf wie hässlich erschien mir meine Vergangenheit in deren Geschichte diese
Namen diese Menschen für immer verflochten waren Hässlich wie mir die Insel
drüben erschien durch eine schmutzigschwefelgelbe Scheibe des Fensters an
welchem ich stand Und nun als ich mich seufzend umwendete fiel mein Blick
durch die weit offenstehende Tür auf den Platz unter den Platanen der von dem
reinen schönen Abendlichte erfüllt war und auf die guten Menschen die sich in
diesem Lichte hin und her bewegten Der Director und der Doctor promenirten der
Letztere bald links bald rechts neben dem Ersteren in eifrigem Gespräche auf
und ab die beiden älteren Knaben spielten um die Kniee der Mutter die in
ihrem Lehnstuhle sitzend mit ihnen lachte und scherzte Paula hatte dem
Dienstmädchen die Sachen abgenommen und bereitete den Abendtisch denn es
sollte wie immer an schönen Tagen im Freien gegessen werden Wie zierlich sie
das tat wie geräuschlos damit die Herren nicht in ihrem Gespräche gestört
würden damit das Klappern der Teller das krankhaft reizbare Ohr der Mutter
nicht beleidigte Und wie sie dabei noch immer Zeit hatte mit dem kleinen Oskar
zu plaudern der sie auf Tritt und Schritt begleitete und sich nach mir
umzusehen ob ich auch nicht im Zuge stand Ja sie war schöner als meine
dunkle stürmische Vergangenheit die helle friedliche Gegenwart aber mir war
als ob ein Schatten aus jener in diese fiele Wenn Arthur hieherkam wenn er
wie voraussichtlich als ein Mitglied der Familie in dieselbe aufgenommen wurde
wenn er mit seiner glatten Zunge sich in das Vertrauen dieser harmlosen Menschen
hineinzulügen mit seinen glatten Manieren sich in ihre Gunst zu schmeicheln
wusste wenn er der schon als unreifer Knabe ein Mädchenjäger gewesen war es
wagte und was würde der Freche nicht wagen Paula in seiner bekannten Weise
den Hof zu machen der Cousin der Kousine ich musste wohl noch sehr schwach
sein denn ich zitterte bei diesem Gedanken vom Kopf bis zu den Füßen und
erschrak heftig als jetzt Jemand den Gartengang heraufkommend sich dem Platze
unter den Platanen näherte Ich meinte es müsste schon der einst so heissgeliebte
und jetzt so verhasste Freund sein
Aber es war kein PorteEpéeFähnrich in dem Glanze seiner neuen Uniform
sondern ein hagerer schwarzgekleideter Herr der eine sehr schmale weiße
Halsbinde und einen flachen Hut mit sehr breiter Krämpe trug und dessen
schlichtes dunkles unmodisch langes Haar als er jetzt den breitkrämpigen Hut
höflich grüßend abnahm in der Mitte gescheitelt und hinter beide Ohren
zurückgekämmt war Ich kannte den Herrn wohl ich hatte ihn oft genug langsamen
Schrittes und gesenkten Hauptes über die Gefängnisshöfe gehen in diese oder jene
Tür eintreten und vielleicht später immer in derselben demütigen Haltung
herauskommen sehen Auch war mir das Glück seiner persönlichen Bekanntschaft
bereits zu Teil geworden indem er eines Tages unvermutet in meinem
Krankenzimmer erschien und von dem Heile meiner Seele zu sprechen anfing und
ich würde dies Glück noch öfter gehabt haben wenn Dr Snellius der dazu kam
sich diese Koncurrenz nicht verbeten hätte indem er andeutete dass es sich
vorläufig weniger um das Heil meiner Seele als um das meines Körpers handle für
welches so aufregende Gespräche nichts weniger als dienlich wären Ja diese
MeinungsDifferenz hatte vor der Tür meines Zimmers zu einem ziemlich lebhaften
Dispute geführt bei der es wie mir schien zu recht ärgerlichen Worten kam
und es war deshalb gewiss ein Beweis der versöhnlichen Gesinnung des Herrn
Diaconus und Gefängnisspredigers Ewald von Krossow dass er jetzt nachdem er der
Familie Guten Abend gesagt den Doctor ebenso zuvorkommend begrüßte und mir den
er alsbald ausfindig gemacht hatte sogar die Hand reichte
»Wie geht es Ihnen mein Lieber« fragte er mit seiner leisen Stimme »Aber
wie sollte es Ihnen anders als gut gehen da ich Sie trotzdem es bereits etwas
kühl wird noch hier draußen finde Das soll kein Einspruch gegen Ihr besseres
Wissen sein verehrter Herr Doctor Ich weiß gar wohl Praesente medico nihil
nocet«
Der Doctor kratzte mit dem rechten Fuße wie ein Hahn der sich zum Kampfe
rüstet und krähte in den höchsten Tönen »Da ist es Jammer und Schade dass als
Adam den verhängnisvollen Apfel aß kein Arzt zugegen war Der Arme lebte
vielleicht heute noch Hm hm«
Er stierte den Pastor durch seine Brillengläser wütend an ob der Hieb
getroffen habe der Pastor lächelte mild
»Ei ei Herr Doctor immerdar auf der Bank wo die Spötter sitzen«
»Ich muss wohl bleiben wo ich einmal bin ich gehöre nicht zu den Leuten
die nie um einen guten Platz verlegen sind«
»Aber zu denen die immer eine scharfe Antwort bereit haben«
»Scharf nur für die butterweichen Seelen«
»Sie wissen dass ich ein Diener des Friedens bin«
»Sie können ja die Herrschaft wechseln«
»Und dass es mein Amt ist zu vergeben«
»Wenn Sie es von Gott haben wird ja wohl auch der Verstand dazu nicht
vergessen sein«
»Herr Doctor«
»Herr von Krossow«
Die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war wohl kaum für meine Ohren
bestimmt gewesen wenigstens von dem Prediger nicht der fortwährend und selbst
noch das letzte Herr Doctor im leise abwehrenden Tone der beleidigten Unschuld
sprach und sich auch jetzt mit einem mitleidigen Achselzucken abwendete und zu
den Übrigen trat
Der Streitahn von Doctor dem sein Gegner so unversehens weggelaufen war
blickte noch ein paar Momente starr vor sich brach dann in ein heiser krähendes
Gelächter aus schüttelte die Arme wie ein paar Flügel und wendete sich zu mir
als hätte er die größte Lust den unterbrochenen Kampf mit mir fortzusetzen
»Sie täten auch gescheidter sich auf Ihr Zimmer zu bemühen«
»Ich habe nur auf Ihre Ordre gewartet«
»Die Ihnen hiemit wird und ich werde selbst für pünktliche Ausführung Sorge
tragen«
Er nahm meinen Arm und zog mich so schnell fort dass ich kaum Zeit behielt
den Zurückbleibenden Gute Nacht zu sagen Sein Zorn war noch nicht verraucht er
schnaufte er zischte er schnalzte mit der Zunge und murmelte zwischendurch
Lump Lump Lump
»Sie scheinen keine große Meinung von unserem Herrn Prediger zu haben«
sagte ich
»Werden Sie nicht auch noch ironisch junger Mensch« rief der Doctor indem
er zu mir hinaufblickte »Hohe Meinung hoher Unsinn Wie kann man von dem Kerl
eine hohe Meinung haben«
»Und doch ist der Director immer freundlich gegen ihn«
»Weil er gegen Jedermann freundlich ist und nicht bedenkt dass dies gar kein
Mann und überhaupt kein Mensch sondern eine Schlange ist die auf dem Bauche
kriecht und Staub frisst und den Busen sticht der dumm genug ist das
kaltblütige Ungeheuer erwärmen zu wollen Freundlich ja wohl das ist sehr
leicht wenn man anderen ehrlichen Leuten dafür die Mühe überlässt desto gröber
zu sein«
»Das ist ja keine große Mühe für Sie Doctor«
»Junger Mensch ärgern Sie mich nicht Ich sage Ihnen die Sache ist gar
nicht spaßhaft denn wenn ich den Kerl nicht wegbeisse beißt er über kurz oder
lang uns Alle weg seinen freundlichen Freund den Director zu allererst Und
Ihnen hat er auch schon etwas eingebrockt«
»Mir«
»Ihnen allerdings Ihnen dem Director mir der Kerl schlägt gern drei
Fliegen mit einer Klappe«
»Aber so sagen Sie doch Doctor ich bitte Sie«
»Ich würde es Ihnen sagen auch wenn Sie mich nicht bäten Setzen Sie sich
da in den Lehnstuhl und machen Sie sichs bequem es ist vermutlich das letzte
Mal dass Sie darin sitzen«
Wir waren in mein Zimmer gelangt der Doctor drückte mich in den Lehnstuhl
indem er selbst vor mir stehen blieb bald auf dem einen bald auf dem andern
Beine selten auf beiden zu gleicher Zeit und also sprach
Die Situation ist einfach aber klar Dem pietistischen
hocharistokratischen bettelarmen geistlichen Schluckspecht der sich nur zum
Gefängnissprediger hat machen lassen den Glanz seiner christlichen Demut
leuchten zu lassen vor den Leuten sind der humanistische Director und der
materialistische Doctor ein Gräuel Humanität ist so einem Gauch eine
demokratische Schwachheit und die Materie respectirt er nicht außer wenn er
sie essen kann Wir führten mit dem verstorbenen Pastor Michaelis noch Einem
aus der alten guten rationalistischen Schule ein Leben wie im Paradiese er
und Herr von Zehren oder vielmehr Herr von Zehren und er sie haben während
ihrer fast zwanzigjährigen gemeinsamen Wirksamkeit die Anstalt zu dem gemacht
was sie ist das heißt zu einer Musteranstalt in jedem Sinne des Wortes, und ich
habe die fünf Jahre die ich hier bin getan was ich konnte mich in den Geist
dieser Männer einzuleben und ich glaube dass es mir so ziemlich gelungen ist
Nun seit dem halben Jahre dass Michaelis tot und diese pietistische Schlange
in unser Paradies geschlüpft ist der Friede zum Teufel die Schlange kriecht in
alle Winkel und wohin sie gekrochen lässt sie die Spur ihres schleimigen
Daseins Die Beamten werden demoralisirt die Sträflinge aufgewiegelt Ein
förmliches Komplot wie das welches der KatzenKaspar angestiftet hatte Gott
sei Dank dass wir den Kerl los sind er ist heute glücklich nach N
transportirt wohin man ihn gleich hätte bringen sollen wäre früher unmöglich
gewesen Der KatzenKaspar war ein Liebling des Herrn Predigers der in ihm ein
unsauberes aber kostbares Gefäß erblickte dessen Reinigung ihm vorbehalten
sei und den Hallunken aus der Einzelhaft losbettelte zu welcher ihn der
Director vorsichtig verurteilt hatte So geht das fort Gottesdienst publice
Betstunden privatim seelsorgerische Bemühungen privatissime Der Judas
intriguirt gegen uns wo und wie er kann schmeichelt dem Director ins Gesicht
steckt meine Grobheiten ein und denkt Ich kriege euch schon wie der Uhu als
er die beiden Gimpel um die Ecke pfeifen hörte Und er glaubt uns schon beim
Flügel zu haben Sie wissen der RegierungsPräsident der gerade so ein Mucker
ist sein Onkel Onkel und Neffe sind Hand und Handschuh Der Präsident des
Directors unmittelbarer Vorgesetzter hätte ihn schon längst beseitigt wenn der
Minister von Altenberg eine der letzten Säulen aus der großen Zeit der Erhebung
und Herrn von Zehrens Freund und Gönner ihn nicht hielte freilich nur noch
mit schwacher Hand denn Altenberg ist hoch bei Jahren und krank und kann jeden
Tag sterben Unterdessen wirkt man wie man kann und sammelt Material das
hoffentlich Wasser auf die Mühle der nächsten Excellenz ist Und nun hören Sie
Der Assessor Lerch mein guter Freund ist gestern bei dem Präsidenten »Lieber
Lerch« sagt der Präsident »Sie können mir wohl eine Relation über diesen Fall
machen Es ist wieder einmal eine Denunciation gegen den Director von Zehren«
»Wieder einmal Herr Präsident« fragt Lerch »Leider wieder einmal ich lasse
das Meiste ungerügt wenn auch nicht unbeachtet dieser Fall ist aber so
eclatant dass ich ihn in die Hand nehmen respective Sr Excellenz Bericht
erstatten muss Denken Sie sich lieber Lerch da hat der gute von Zehren die
wie soll ich gleich sagen Sottise begangen den jungen Menschen der aus dem
KontrebandeProzess in Uselin sich einen so traurigen Namen gemacht hat« und
nun kommt es »dass der Director Sie nach der Katastrophe aus der natürlich der
Denunciant die schönste Seide gesponnen nicht in das alte vom Schwamm
zerfressene Krankenhaus in welchem Sie unfehlbar gestorben wären sondern
hierher in seine Wohnung hat schaffen lassen dass er Sie hier behalten hat und
behält trotzdem Sie bereits seit drei Wochen in der Reconvalescenz sind dass er
mit Ihnen wie mit seines Gleichen verkehrt dass er Sie in seine Familie
eingeführt ja dass Sie so zu sagen ein Mitglied der Familie geworden Was
brauche ich deutlicher zu sein Hm hm hm«
Der Doctor hatte sich in die höchsten Töne des höchsten Registers
hinaufgekräht und musste mindestens zwei Octaven tiefer brummen um sich die
tröstliche Gewissheit zu verschaffen dass er kein Hahn sei
»Und Sie halten wirklich jenen Menschen für den Denuncianten« rief ich
indem ich meinen ReconvalescentenZustand ganz vergessend zornig aufsprang
»Ich brauche nichts zu halten denn ich weiß es Würde ich sonst heute so
grob gewesen sein«
Ich musste unwillkürlich lachen Als ob Phylax einer besonderen Provocation
bedurft hätte um Lips Tullian in die Waden zu fahren Aber die Sache hatte ja
auch ihre sehr ernste Seite Der Gedanke dass Herr von Zehren dem ich so
unendlichen Dank schuldig war den ich so hoch verehrte meinetwegen in noch
dazu so ernste Ungelegenheiten kommen könnte war mir unerträglich
»Raten Sie helfen Sie Herr Doctor« bat ich dringend
»Ja raten helfen Nachdem ich immer gesagt dass Euch dies nicht so
hingehen werde Indessen das haben Sie richtig geraten geholfen muss werden
Und zwar gibt es nur einen Ausweg Wir müssen der Natter zuvorkommen dann ist
ihr für diesmal der Giftzahn ausgebrochen Ich kenne unsern Director Wenn er
eine Ahnung davon hätte dass man Sie ihm nehmen will er würde sich eher die
Hand abhacken lassen als Sie hergeben Deshalb klagen Sie noch heute Abend über
Kopfschmerzen und morgen Abend um dieselbe Zeit wieder Ihr Zimmer liegt zu
ebener Erde ein anderes ist für den Augenblick nicht vacant Intermittens
Chinin höhere luftige Wohnung übermorgen sitzen Sie wieder in Ihrer alten
Zelle lassen Sie mich nur machen«
Und ich ließ den Doctor Willibrod Snellius machen und zwei Tage später
schlief ich wieder wenn nicht hinter Schloss und Riegel so doch hinter den
Eisengittern meiner alten Zelle
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Hinter diesen Eisengittern stand ich am nächsten Morgen und schaute
melancholisch durch das offene Fenster Seltsam ich hätte den Abend zuvor nicht
gedacht dass diese Gitter in mir noch eine unangenehme Empfindung hervorrufen
könnten und doch war es der Fall Sie mahnten mich ernst an das was ich in den
letzten Wochen so gut wie vergessen hatte mahnten mich daran dass ich trotz
alledem ein Gefangener war »Es bleibt beim Alten« hatte gestern der Director
gesagt als ich mich von ihm verabschiedete und Alle hatten sie gewetteifert
den letzten Tag den ich als Gast unter ihrem Dach weilte zu einem
Familienfeste zu machen aber so oder so es war doch nicht das Alte Das
Frühstück hatte mir heute Morgen nicht geschmeckt wie die Tage vorher wo ich es
unter den hohen Bäumen des stillen Gartens in Gesellschaft von Frau von Zehren
und Paula eingenommen und wenn ich auch sobald ich wollte in den Garten der
freundlich zu mir heraufgrüsste hinabgehen konnte ich musste doch nach einer
gewissen Zeit hierher zurückkehren
Hierher
Ich sah mich in der Zelle um und bemerkte jetzt erst wie sie sich bemüht
hatten mich vergessen zu machen wo ich war Da hing das Bild der Sixtinischen
Madonna mit dem Knaben das mir während meiner Krankheit so lieb geworden war
meinem Bette gegenüber gerade wie es in Paulas Zimmer gehangen hatte Da
standen auf der Kommode dieselben beiden Vasen aus Terracotta und in jeder ein
paar frische Rosen Da war der Lehnstuhl derselbe Stuhl in welchem ich also
nicht wie Doctor Snellius prophezeit zum letzten Male gesessen hatte und auf
der Lehne lag eine gehäkelte Decke an der ich gestern Abend noch Paula hatte
arbeiten sehen Da hing dieselbe Etagere mit denselben schon eingebundenen
Büchern Goethes »Faust« Schillers Lessings Werke deren Lektüre mir Paula so
oft dringend empfohlen und in die ich doch kaum noch hineingesehen ach sie
hatten getan was sie konnten mir mein Gefängnis so behaglich so freundlich
als möglich zu machen aber bewies nicht gerade die Mühe die sie sich gegeben
dass es ein Gefängnis war dass die Episode meiner Scheinfreiheit abgeschlossen
Jawohl man war gut unendlich gut gegen mich gewesen unter der freundlich
lächelnden Maske der SamariterBarmherzigkeit gegen einen Todtkranken die man
beiseite legen musste sobald ein Pharisäer des Weges kam und scheelen Blicks auf
das rührende Schauspiel sah Nein nein ich war und blieb ein Gefangener
mochte man mir nun meine Ketten mit Rosen schmücken oder nicht
Dass ich sie nicht hatte zerbrechen können Zwar wie ich es angefangen war
es unmöglich gewesen aber wer hatte es mich so plump anfangen heißen Weshalb
war ich nicht für mich geblieben hatte ruhig der eigenen Kraft der eigenen
Klugheit vertraut und irgend einem glücklichen Zufalle der doch über kurz oder
lang sich dargeboten haben würde Jetzt nachdem es so gekommen nachdem ich
diesen Menschen so viel Dank schuldig geworden nachdem ich sie so lieb
gewonnen war ich doppelt und dreifach ein Gefangener Ich hatte für das süße
Linsengericht der Freundschaft und Liebe das heiligste das erste
unveräusserliche Recht das mit dem Menschen geboren wird und das die Atemluft
seiner Seele ist das Recht der Freiheit verkauft Sieben Jahre sieben lange
lange Jahre
Ich schritt in meiner Zelle auf und ab Zum ersten Male seit meiner
Krankheit fühlte ich wieder etwas von der alten Kraft es war ein Bruchteil
nur aber doch genug um mir auch einen Teil der alten schweifenden Laune der
alten Unbändigkeit wiederzugeben Wie musste es nun erst sein wenn ich mich
wieder ganz fühlte der ich war Musste mich nicht dieser Zustand wo mich nichts
halten sollte als ich mich selbst rasend machen Wäre es nicht besser gewesen
man hätte mir die alte Sklaverei gelassen und den Traum doch noch einmal die
Bande zerreißen zu können selbst wenn dieser Traum nie in Erfüllung ging
»Da ist ein junger Mensch der uns zu sprechen wünscht« meldete der
Wachtmeister Seit meiner Krankheit wo »wir« so viel zusammen durchgemacht
hatten sprach er manchmal in demselben Pluralis mit mir dessen er alle
würdigte die sich seiner Meinung nach ein volles Anrecht an sein ehrliches Herz
erworben hatten zum Beispiel der Director und sämtliche Mitglieder der Familie
des Directors den Doctor einbegriffen
»Was ist das für ein Mensch« fragte ich während ein freudiger Schrecken
mich durchzuckte Ich hatte ich weiß nicht wie diesen seltenen Besuch so
lange ich gefangen saß war es das erste Mal dass mich Jemand zu sprechen
verlangte mit den Gedanken die eben durch meine Seele gingen in Verbindung
gebracht
»Man sieht aus wie ein Schiffer« erwiderte der Wachtmeister »und sagt
man habe Nachrichten von unserm verstorbenen Bruder«
Dies klang äußerst unwahrscheinlich Mein Bruder Fritz war schon seit fünf
Jahren tot er war in einer stürmischen Nacht von der FockmastRaae über Bord
gefallen und ertrunken Das Schiff war später wohlbehalten zurückgekehrt es
schwebte kein Geheimnis irgend einer Art über meines Bruders Tod wenn mir
Jemand jetzt Nachrichten von seinem Ende brachte musste es damit eine andere
Bewandtnis haben
»Und darf ich ihn sprechen Süssmilch« fragte ich in möglichst
gleichgiltigem Tone während mir das Herz bis in den Hals schlug
»Wir können sprechen wen wir wollen«
»So lassen Sie ihn herein Süssmilch und hören Sie lieber Süssmilch wenn es
ein Schiffer ist so trinkt er gewiss gern einen Schluck vielleicht könnten Sie
mir etwas der Art verschaffen«
Welche überflüssige Mühe sich und Anderen ein Mensch mit bösem Gewissen
macht Ich musste notwendig lügen was mir immer sauer ankam um den Alten los
zu werden und der ehrliche Süssmilch der nicht daran dachte bei meiner
Zusammenkunft mit dem Unbekannten zugegen sein zu wollen musste zwei Treppen
hinab in die Küche
»Aber wir selbst dürfen keinen Tropfen nicht trinken« sagte der Alte
verwarnend
»Seien Sie unbesorgt«
Er ging nachdem er vorher die vierschrötige Gestalt eines mir gänzlich
unbekannten schwarzbraunen Mannes in Schiffertracht zur Tür
hineincomplimentirt
Ich starrte den Fremden dessen Aussehen und Benehmen milde ausgedrückt
höchst ungewöhnlich waren sprachlos an erschrak aber ernstlich als derselbe
sobald sich die Tür hinter dem Wachtmeister geschlossen ohne ein Wort zu
sprechen aus seinem breitrandigen Hut einen eben solchen Hut herausschleuderte
mit der Hast eines vollkommen Verrückten aber auch mit der Gewandtheit eines
CircusKlowns sich die Kleider vom Leibe zu reißen begann und alsbald o
Wunder in genau derselben Tracht die nun in ihren verschiedenen
Bestandteilen zu seinen Füßen lag vor mir stand während ein triumphirendes
Lächeln zwei Reihen der allerweissesten Zähne zeigte
»Klaus« rief ich in freudigem Erschrecken »Klaus«
Das weiße Gebiss wurde bis zu den letzten Backenzähnen sichtbar Er ergriff
meine ausgestreckten Hände erinnerte sich aber sogleich dass dergleichen
Freundschaftsbezeigungen nicht zur Rolle gehörten und flüsterte hastig »Nur
schnell hinein es passt eingelegte Falten die von selbst aufgehen nur
schnell ehe er wiederkommt«
»Und Du Klaus«
»Ich bleibe hier«
»Anstatt meiner«
»Ja«
»Aber man würde das doch bestenfalls nach fünf Minuten entdecken«
»So haben Sie Zeit gehabt herauszukommen und Herauskommen und Fortkommen
ist doch bei Ihnen Eins«
»Aber denkst Du dass sie Dir das so ungestraft hingehen lassen werden«
»Sie können mich doch höchstens anstatt Ihrer einsperren und das sollte
nicht lange dauern Mit den Schlössern würde ich bald fertig und hier er
zeigte eine Uhrfedersäge die er aus seinem dichten Haare zog damit feile ich
Ihnen das Gitter da in einer Viertelstunde durch«
»Klaus das Alles kommt nicht aus Deinem Kopfe«
»Nein aus Christel ihrem aber ich bitte Sie machen Sie schnell«
Ich schleuderte den Schifferanzug der noch immer auf der Erde lag mit dem
Fuße unter das Bett denn ich hörte den Wachtmeister den Korridor heraufkommen
Er klopfte an die Tür und reichte mir als ich öffnete eine Flasche Branntwein
und ein Glas
»Aber nicht wahr wir sind kein Bär und trinken keinen Tropfen nicht«
Klaus blickte höchst verwundert drein als er den gefürchteten Aufseher sich
in einen so bescheidenen Aufwärter verwandeln sah
Ich schloss die Tür wieder dann fiel ich dem guten Klaus um den Hals Die
Tränen standen mir in den Augen
»Guter lieber Klaus« rief ich »Du und Deine Christel Ihr seid die besten
Menschen von der Welt aber ich kann Euer grossmütiges Opfer nicht annehmen
würde es unter keinen Umständen und keiner Bedingung angenommen haben und jetzt
ist vollends nicht die Rede davon Ich könnte jeden Augenblick von hier fort
wenn ich wollte aber ich will nicht Klaus ich will nicht«
Hier umarmte ich Klaus aufs neue und ließ den Tränen die ich vorhin
zurückgehalten freien Lauf Es war mir als wüsste ich jetzt zum ersten Male
dass ich ein Gefangener sei jetzt wo ich es ausgesprochen dass ich es sein
wolle wo ich mich selbst dazu gemacht Klaus der natürlich keine Ahnung von
dem hatte was in mir vorging suchte mich noch immer indem er ängstliche
Blicke nach der Tür warf mit leisen Worten zu bereden ihn anstatt meiner
sitzen zu lassen er wette seinen Kopf dagegen dass er in vierundzwanzig Stunden
heraus sei
»Klaus Klaus« rief ich indem ich ihn auf die dicken Wangen klopfte »Du
willst mich betrügen Gestehe es Du hast selbst nicht daran gedacht so bald
loszukommen«
»Nun ja« erwiderte er sehr beschämt »aber meine Frau meinte «
»Deine Frau Klaus Deine Frau«
»Wir sind ja seit acht Wochen verheiratet«
Ich drückte Klaus in den Lehnstuhl setzte mich vor ihn und bat ihn mir zu
erzählen Es sei die größte Wohltat die er mir erweisen könne wenn er mir
sage dass es ihm gut gehe mir gehe es auch keineswegs so schlecht wie er sich
in seiner treuen Freundesseele vorgestellt habe und dabei gab ich ihm in kurzen
Worten einen Abriss meiner Abenteuer im Gefängnisse meines Fluchtversuches
meiner Krankheit meiner Freundschaft mit dem Director und seiner Familie
»Du siehst« schloss ich »ich bin in jeder Beziehung gut aufgehoben und nun
muss ich durchaus wissen wie es Dir wie es Euch ergangen ist und wie Ihr so
schnell Mann und Frau geworden seid Zweiundzwanzig Jahre Klaus und schon
verheiratet Wie weit wirst Du es noch bringen Und Deine Christel hat Dich
weggelassen Klaus Klaus das gefällt mir nicht«
Ich lachte ihn an und Klaus der nun endlich doch begriffen hatte dass aus
der Entführung nichts werden könne lachte auch aber nicht aus freiem Herzen
»Ja das ist es eben« sagte er »was für ein Gesicht wird sie machen wenn
ich ohne Sie zurückkomme«
»Ohne Dich Klaus« sagte ich »ich brauche es mir jetzt nicht mehr gefallen
zu lassen dass Du unsere alte Bruderschaft verleugnest ich nehme sonst an Du
wolltest mit einem Gefangenen nicht auf Du und Du stehen Also sie wird ein
Gesicht machen wenn Du ohne mich zurückkommst«
»Ja« erwiderte Klaus »und was für ein Gesicht Wir sind so glücklich
aber immer sagt Eines oder das Andere und er muss sitzen und dann war es vorbei
mit dem Glück besonders weil Christel doch eigentlich schuld ist dass Sie dass
Du hier bist denn wenn sie Dich an dem Morgen in Zanowitz «
»Klaus« unterbrach ich ihn »weißt Du denn dass ich eine Zeit lang glaubte
Deine Christel habe selbst die Anzeige gemacht um von Deinem Vater
loszukommen«
»Nein« sagte Klaus »das hat sie Gott sei Dank nicht getan obgleich sie
mehr als Einmal ganz verzweifelt gewesen ist und sich das Leben hat nehmen
wollen«
Er wischte sich mit der Hand über die Stirn es war ein trauriges Thema das
ich da berührt hatte Wir saßen uns ein paar Augenblicke schweigend gegenüber
endlich fing Klaus wieder an
»Ein Gutes hat es freilich gehabt er Klaus hatte sich bereits seiner
Christel Ausdrucksweise angewöhnt die ihn nie bei Namen nannte er musste
natürlich seine Vormundschaft Christels niederlegen und als ein Bescholtener
hatte er auch was mich anbetraf nicht mehr viel dreinzureden Tante Julchen in
Zanowitz bei der Christel seit der Zeit geblieben ist hat die Ausstattung
gemacht und so hätten wir leben können wie die Engel wenn und Klaus
schüttelte mit einem wehmütigen Blicke auf mich seinen dicken Kopf«
»Und Du bist noch immer in Berlin in des Kommerzienrates Maschinenfabrik«
fragte ich seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben
»Nun natürlich« sagte er »ich bin sogar schon avancirt zum Werkführer in
meiner Abteilung«
»Und da verdienst Du tüchtig Geld«
»Dass wir gar nicht wissen wo damit bleiben«
»Denn Christel ist eine excellente Haushälterin «
»Und wascht und plättet dass es in unserer ganzen Wohnung immerzu nach Seife
und Plätteisen riecht«
Klaus zeigte seine Zähne ich drückte ihm zum Zeichen meiner Teilnahme an
seinem Glücke die Hand obgleich ich für die von ihm bewunderten Gerüche niemals
sehr eingenommen gewesen war aber nur noch dringender als vorhin wünschte ich
jetzt zu wissen wie dies glückliche junge Paar es über das Herz gebracht hatte
sein Glück so grausam aufs Spiel zu setzen
»Ich sagte Dir ja schon« erwiderte Klaus »es war kein rechtes Glück Wo
wir gingen und standen und waren wir recht vergnügt am allermeisten immer kam
uns der Gedanke wenn er doch einmal dabei sein könnte und heute vor vier
Wochen bei der Bierkaltschale na da ging es nicht länger«
»Bei der Bierkaltschale« fragte ich verwundert
»Weil Du Dir des Sommers immer Bierkaltschale in der Schmiede machen
ließest wenn Du Dir einmal recht was zugute tun wolltest weißt Du noch
Christel hat Dir so oft welche gemacht Nun als wir vor vier Wochen zum ersten
Male Kaltschale aßen sie haben in Berlin ein herrliches Bier dazu noch viel
besser als unseres das immer ein wenig bitter war ja und ich mirs schmecken
lasse legt Christel plötzlich den Löffel hin fängt an zu heulen und ich weiß
gleich was es gibt und fange auch an und wir essen und heulen immerzu und
als wir fertig sind sagen wir aus einem Munde So geht es nicht länger Nun
und da haben wir denn die Köpfe zusammengesteckt «
»Wie an dem Abende als ich Euch auf der Heide begegnete he Klaus«
»Und habens endlich herausgebracht« fuhr Klaus fort der über meine
indiscrete Bemerkung rot geworden sein würde wenn das bei seiner Gesichtsfarbe
möglich gewesen wäre »das heißt Christel hats herausgebracht sie hatte
gerade so eine Geschichte gelesen bloß dass der Gefangene ein Königssohn und
sein Befreier ein Ritter war der sich in einen Priester verkleidet hatte nun
das ging nun schon nicht aber Seemann sagte Christel das müsste gehen denn
hier im Arbeitshause säße gewiss manche Teerjacke und es würden also auch
welche zum Besuch kommen Überdies sagte Christel wäre in einem Hafenorte
Seemannstracht die beste Verkleidung Kurz wir übten es uns ein «
»Übtet es Euch ein«
»Nun ja es war gar nicht leicht wir haben wohl eine Woche lang wenn ich
Abends von der Arbeit kam Probe gehabt bis Christel zuletzt sagte nun ginge
es zur Not«
»Es ging famos Klaus«
»Ja aber was hat es nun geholfen« sagte Klaus mit einem wehmütigen Blicke
unter das Bett »und dass ich mir die Ohren habe aufbohren lassen um die Ringe
da hineinzubekommen und dass mir Christel jeden Morgen das Gesicht mit Speck
eingerieben hat «
»Mit Speck«
»Ich müsse aussehen wie Einer der von drüben kommt« sagte Christel »und
da ist nichts besser als Speck und hernach die Glut von einem Schmelzofen
drauf«
»Du siehst aus wie ein Mulatte Klaus«
»Das sagte Christel auch aber was hilft es nun und wenn ich wie ein Neger
aussähe da Du doch einmal nicht fortwillst«
»Das hilfst es Klaus« rief ich indem ich dem treuen Menschen von neuem um
den Hals fiel »dass Du dass Ihr mir die glücklichste Stunde bereitet habt ja
Klaus eine so glückliche Stunde wie ich sie wahrhaftig nicht gehabt hätte
wäre ich Deinem großmütigen Anerbieten gefolgt Gott segne Euch Klaus für
Eure Liebe und wenn ich erst wieder frei und ein reicher Mann bin dann will
ichs Euch wieder heimzahlen mit allen Zinsen Und nun Du guter Kerl musst Du
fort ich soll in dieser Stunde zum Director kommen Und hörst Du Klaus Du
reisest gleich zurück ohne Dich eine Minute länger als nötig aufzuhalten und
noch Eines Klaus wenn das Aelteste ein Junge wird «
»So heißt er Georg das haben wir schon längst ausgemacht« sagte Klaus und
zeigte die letzten Backenzähne
Ich hatte Klaus zur Tür hinausgeschoben und ging noch in voller Aufregung
über das eben Erlebte im Zimmer auf und ab als mir plötzlich der Anzug wieder
einfiel den ich vorhin unter das Bett geschoben und den wir in der Aufregung
nachträglich ganz und gar vergessen hatten Ich zog ihn jetzt hervor und konnte
der Versuchung nicht widerstehen die Jacke von grobem Tuch anzuprobiren Es
war wie Klaus gesagt An den Aermeln an dem Rücken an den Schössen waren Nähte
so geschickt eingelegt dass ich nur tüchtig daran zu zupfen brauchte so fielen
sie heraus und obgleich ich einen Kopf größer und ein paar Zoll breiter in den
Schultern war als Klaus saß mir das Kleidungsstück doch als wäre es eigens für
mich gemacht Nicht anders war es mit der Weste den Beinkleidern es war Alles
so vollkommen dass ich es bequem über meine Kleidung ziehen konnte wozu
allerdings der Umstand dass ich jetzt so viel magerer als sonst beitragen
mochte
Eben war ich mit der Maskerade fertig da klopfte es an die Tür Es konnte
nur der Wachtmeister oder der Doctor sein der um diese Zeit zu kommen pflegte
Ich setzte mich an den Tisch mit dem Rücken nach der Tür zu und rief »Herein«
Es war der Wachtmeister
Er steckte den Kopf herein und fing an »Wir möchten heute Morgen erst um
elf Uhr zum Herrn Rittmeister kommen weil « unterbrach sich aber da es ihm
sonderbar erscheinen mochte dass der fremde Seemann so still dasaß und ich mich
nicht zeigte Er kam ganz herein und fragte »Wo sind wir denn«
»Zum Teufel« antwortete ich ohne mich umzuwenden und das breite Platt
mit welchem sich Klaus sehr geschickt introducirt hatte auch das war ein Teil
seiner Rolle gewesen so gut ich konnte nachahmend
»Man mache keine schlechten Witze« sagte der Alte
»Und nun komm ich an die Reihe« rief ich aufspringend und an dem
erschrockenen Wachtmeister vorüber zur Tür hinauseilend die ich zuschlug und
den Schlüssel umdrehte
Da lag der lange Korridor vor mir kein Mensch war zu sehen Es war eine
Kleinigkeit die Treppen hinab auf den Wirtschaftshof zu gelangen von dem
Wirtschaftshof durch eine Seitenpforte die wie ich wusste um diese Zeit nie
verschlossen war auf eine Nebengasse Mich nach Klaus Herberge hinzufragen
konnte nicht schwer halten vielleicht war ich noch vor ihm da in zehn Minuten
hatten wir die Stadt verlassen und
»Guten Morgen Herr Süssmilch wie befinden wir uns« fragte ich die Tür
wieder öffnend
Der Wachtmeister stand noch auf derselben Stelle und hatte wenn man aus
seinem ehrlichen verblüfften Gesichte schließen durfte bis jetzt keineswegs
begriffen um was es sich handelte Ich zog den breitrandigen Hut machte ihm
mit dem rechten Fuß hinten ausschlagend einen tiefen Bückling und sagte »Habe
die Ehre mich wieder unter dero hochverehrliche Aufsicht zu stellen«
»Da soll man doch aber einen Zahnstocher für ein Scheunentor ansehen« rief
der Alte dem endlich eine Ahnung des wahren Sachverhaltes aufdämmerte »Dieser
Schellfisch von einem braungeräucherten Flunder Sollte man da nicht gleich zu
einem Bär mit sieben Sinnen werden«
»Still« rief ich »ich höre den Doctor kommen Kein Wort lieber Süssmilch«
und ich schob den Alten zur Tür hinaus durch die gleich darauf Doctor Snellius
eilig wie es seine Gewohnheit mit dem Hute in der Hand eintrat
Er stutzte blickte mich an sah sich im Zimmer um blickte mich wieder an
und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus
Ich streifte im Nu die Seemannshülle ab die ich unter das Bett schob und
rief zur Tür hinaus hinter ihm her in meiner natürlichen Stimme »Warum gehen
Sie denn wieder weg Doctor«
Er kehrte sofort um kam in das Zimmer setzte sich auf einen Stuhl mir
gegenüber und starrte mich durch seine runden Brillengläser unverwandt an mir
kam es vor als ob er blass aussehe ich fürchtete dass ich den Scherz zu weit
getrieben und den cholerischen Mann ernstlich beleidigt habe
»Doctor« begann ich
»Es ist mir eben etwas sehr Seltsames passiert« unterbrach er mich immer
mit demselben starren Blick
»Was haben Sie Doctor« fragte ich bestürzt über sein Aussehen und über
den ungewöhnlich sanften Ton in welchem er sprach
»Ich habe jetzt nichts aber eben habe ich eine höchst merkwürdige
Hallucination gehabt«
»Was haben Sie gehabt«
»Eine Hallucination eine vollkommen ausgebildete Hallucination Denken Sie
sich lieber Freund als ich vorhin in Ihr Zimmer trete sehe ich einen Matrosen
vor mir stehen von ungefähr derselben Größe wie Sie vielleicht einen oder
anderthalb Zoll kleiner aber ebenso breit in den Schultern grobe
Seemannsjacke graue Beinkleider breiten Strohhut wie ihn die Westindienfahrer
zu tragen pflegen mit genau nein nicht genau aber doch ungefähr Ihren
Zügen ich sah die Gestalt so deutlich wie ich Sie hier jetzt sehe sie
konnte nicht deutlicher sein Die Täuschung war so vollkommen dass ich glaubte
man habe Ihnen ein anderes Zimmer angewiesen und hinausging um Süssmilch der
mir eben auf dem Korridor begegnet war zu fragen wie er darauf gekommen sei
unser gesündestes Zimmer dem ersten besten neuen Ankömmling zu geben Lächeln
Sie nicht lieber Freund die Sache ist nicht lächerlich wenigstens nicht für
mich Es ist das erste Mal dass mir dergleichen begegnet ist obgleich ich bei
meinen fortwährenden Kopfcongestionen darauf wohl hätte gefasst sein können Ich
weiß dass ich am Gehirnschlage sterben werde und wenn ich es nicht gewusst
hätte so wüsste ich es jetzt«
Er nahm die Uhr und fasste nach seinem Puls »Wunderlich mein Puls ist
vollkommen normal und ich habe mich heute den ganzen Morgen ganz ausnahmsweise
wohl und heiter gefühlt«
»Lieber Doctor« sagte ich »wer weiß was Sie gesehen haben Ihr gelehrten
Leute habt ja immer so seltsame Einfälle Gott weiß aus was für einer Mücke Sie
da einen wissenschaftlichen Elephanten machen«
»Wissenschaftlicher Elephant ist gut« sagte der Doctor »man sollte einem
unwissenschaftlichen Mammut wie Ihnen dergleichen Ausdrücke gar nicht zutrauen
sehr gut aber im Übrigen irren Sie Das mag von Anderen gelten nicht von
mir ich beobachte zu kaltblütig um ganz schlecht beobachten zu können Ich
sagte Ihnen schon mein Puls ist normal durchaus normal und sämtliche
Functionen sind in vollkommenster Ordnung die Sache muss also einen tieferen
physiologischen Grund haben der sich für den Augenblick meiner Beobachtung
entzieht denn das psychologische Motiv «
»Also ein psychologisches Motiv haben Sie wenigstens« sagte ich der ich
die Unschicklichkeit beging mich an den Scrupeln des gelehrten Freundes
höchlichst zu ergötzen
»Allerdings und ich will es Ihnen mitteilen auf die Gefahr Ihnen zu
Ihrem schadenfrohen Grinsen noch mehr Stoff zu geben Ich habe nämlich die ganze
Nacht von Ihnen geträumt Sie Mammut und zwar immer denselben Traum wenn auch
in den verschiedensten Formen nämlich dass Sie von hier ausbrachen oder
ausbrechen wollten oder ausgebrochen waren indem Sie sich bald an einem Strick
aus dem Fenster ließ bald über die Dächer kletterten bald von der Mauer
sprangen und was man denn einem Menschen von Ihren physischen und moralischen
Qualitäten sonst noch für halsbrechende Experimente zutraut und zwar waren Sie
immer in anderer Kleidung bald als Schornsteinfeger bald als Maurer bald als
Seiltänzer und so weiter Nun fragte ich mich beim Erwachen was dieser Traum zu
bedeuten habe und ich sagte mir Folgendes Der Georg Hartwig ist jetzt freilich
wieder in seinem Gefängnisse aber der Ausnahmezustand in dem er sich hier
befindet und den du ihm in erster Linie von Herzen gönnst dauert doch fort und
ebenso die Gefahr die in diesem geben wir es zu ordnungs und
reglementwidrigen Verhältnisse für unsern edlen Freund den Director liegt
denn sagte ich mir einem jeden Geschöpfe ist nur in dem Elemente wohl für das
es geboren ist Der Frosch springt von dem goldenen Stuhle in den heimischen
Sumpf und der Vogel entflieht sobald er kann und wenn du ihm das Gitter mit
Zucker versilberst Könnte es diesem Menschen der wenn Einer sich nach
Freiheit sehnen muss nicht ebenso gehen Könnte er nicht in einer schwachen
Stunde vergessen welche Rücksichten er Herrn von Zehren schuldig ist vergessen
dass der Mann eigentlich seine Stellung gewissermaßen um seinetwillen aufs Spiel
setzt und in dieser schwachen vergesslichen Stunde davonlaufen Und wissen Sie
junges Mammut ich nahm mir vor der ich auch einigen Anteil an Ihnen zu haben
glaube ganz in aller Stille und Freundschaft Sie um Ihr Wort zu bitten dass,
wenn Ihnen eine solche Stunde kommt Sie nur an Ihre Ehre und an nichts Anderes
denken wollen Sehen Sie das nahm ich mir vor und diese Gedanken bewegte ich in
meiner Seele als ich den Korridor heraufkam und war unschlüssig weil ich
dachte das Wort wird er sich bereits selbst gegeben haben und folglich ist es
überflüssig dass er es Dir noch gibt Jetzt aber nach dieser sonderbaren
Fortsetzung meines Traumes in die Wirklichkeit für mich nebenbei ein memento
mori bitte ich Sie um Lebens und Sterbens willen geben Sie mir Ihr Wort Hm
hm hm«
Ich hatte längst aufgehört zu lachen und reichte jetzt dem guten Doctor
während er sich herabstimmte gerührt die Hand und sagte »Von ganzem Herzen
gebe ich es Ihnen wenn es auch wahr ist dass ich es mir bereits selbst gegeben
habe und das ist noch keine zehn Minuten her Und was die Hallucination
anbetrifft so beruhigen Sie sich darüber Doctor hier liegt Ihr memento mori«
Ich zog bei diesen Worten den Schifferanzug unter dem Bette hervor fuhr
auch in die Jacke hinein und setzte den Hut auf den Beweis noch zwingender zu
machen
»Also Sie haben doch fortgewollt« sagte der Doctor der als ein kluger Mann
die Hallucination schleunig fallen ließ um wenigstens den Traum zu retten
»Nein« sagte ich »aber Andere haben mich versucht und ich habe mit ihnen
gerungen und diesen Mantel haben sie mir zurückgelassen«
»Den Sie« erwiderte Dr Snellius nachdenklich »als Opferspende an der
Tempelwand aufhängen können denn wenn ich auch nicht weiß wie dies geschehen
ist so viel sehe ich Sie sind einer großen Gefahr entgangen und jetzt jetzt
erst gehören Sie uns«
Siebenundzwanzigstes Kapitel
In der Anstalt galt das Wort dass man Allen etwas vorlügen könne nur dem
Director nicht
Der Director von Zehren hatte eine Art diejenigen mit denen er sprach
anzusehen für welche glaube ich nur eine eherne Stirne unempfindlich bleiben
konnte Nicht als ob man seinem Blicke die Absicht angemerkt hätte möglichst
viel und möglichst scharf zu sehen Sein Auge hatte gar nichts Spürendes gar
nichts Inquisitorisches im Gegenteil es war klar und groß wie eines Kindes
Auge und gerade hierin lag seine für die meisten Menschen unwiderstehliche
Kraft Da er Jedem mit dem er sprach durchaus wohlwollte da er für sein Teil
nichts zu verheimlichen hatte ruhte dies klare große dunkle Auge so fest auf
Einem mit dem Blicke der sonnenhaften Götter gleichsam die nicht mit der
Wimper zucken wie der schwache in Dämmerung und in Heimlichkeit aller Art
lebende Mensch
Und als er mich mit diesem Blicke nach dem Manne fragte den er am Morgen zu
mir geschickt habe da sagte ich ihm wer der Mann gewesen sei und was er
gewollt Und weiter sagte ich ihm in welcher Stimmung mich der Mann getroffen
und wie nahe die Versuchung an mich herangetreten dass ich aber auch ohne den
Beistand und die Hilfe des guten Doctors die Versuchung besiegt habe ich
glaubte sagen zu dürfen für nun und immer
Der Director hatte meiner Erzählung mit allen Zeichen lebhafter Teilnahme
zugehört Als ich zu Ende drückte er mir die Hand dann wendete er sich zu
seinem Arbeitstische und reichte mir ein Schreiben welches wie er mir sagte
soeben eingetroffen sei und das er mich zu lesen bitte
Das Schreiben war eine in höflichen aber sehr bestimmten Ausdrücken
abgefasste Anfrage des Präsidenten wie es sich betreffs einer gewissen dem
Präsidium zugegangenen anonymen Denunciation verhalte eventualiter wurde der
Director von Zehren aufgefordert ein seine Stellung und Würde so
compromittirendes Verhältnis sofort aufzugeben und den betreffenden jungen
Menschen mit der Strenge zu behandeln welche die Würde des Gesetzes die Würde
der Richter schließlich seine eigene Würde erfordere
»Sie wünschen zu wissen« sagte der Director als ich das Blatt mit einem
fragenden Blick wieder hinlegte »wie ich mich nun zu verhalten gedenke Gerade
als ob ich dies hier nicht empfangen hätte Ich will nicht wissen ob Doctor
Snellius den die Freundschaft in meinen Angelegenheiten oft schärfer sehen lässt
als mich selbst eine kleine Komödie gespielt hat als er Sie uns gestern so
Hals über Kopf entführte aber ich bin ihm oder dem Zufall dankbar dass es so
gekommen ist Es würde meinen Stolz doch verletzt haben Sie den ich so lieb
gewonnen einer elenden Chicane opfern zu müssen Man ist ja äußerlich im Recht
wenn man behauptet dass der Gefangene nicht der Hausgenosse des Directors sein
könne und darin hätte ich nachgeben müssen aber ebenso entschlossen bin ich
nicht weiter nachzugeben keinen Schritt Zu bestimmen, für welche Art der
Arbeit ein Gefangener sich qualificire und wie er seine Erholungsstunden
zubringe ist mein unbestreitbares Recht von dem ich mir auch nicht eines
Strohhalmes Breite rauben lasse das ich durch alle Instanzen verfechten werde
und sollte ich bis an den König gehen Schon deshalb ist es mir nicht leid dass
dies so gekommen ist weil es uns Gelegenheit gibt uns über unser
gegenseitiges Verhältnis über den Weg den wir in Zukunft verfolgen müssen
klar zu werden Sind Sie geneigt zu hören wie ich darüber denke so wollen wir
in den Garten gehen Meine Lunge will heute wieder einmal in der Zimmerluft
ihren Dienst nicht tun«
Wir traten aus seinem Arbeitszimmer in den Garten Ich hatte ihm meinen Arm
geboten denn ich fühlte mich jetzt zu solchen Diensten ausreichend kräftig
und so wandelten wir schweigend zwischen den Beeten hin von denen uns der warme
Mittagswind den Duft der Levkoyen und Reseden in balsamischen Wolken zuführte
bis uns auf dem Platze unter den Platanen labender Schatten empfing Der
Director nahm auf einer der Bänke Platz winkte mir mich dicht an seine Seite
zu setzen und nach einem dankbar stillen Blicke in die Kühlung spendenden
Wipfel der ehrwürdigen Bäume sprach er also
»Die Strafe ist das Recht des Unrechtes wenn man den Rechtslehrern auf
deren Worte jetzt die Schüler aller Orten schwören glauben darf Die Definition
empfiehlt sich durch ihre Einfachheit den KathederLogikern aber ich glaube
nicht dass Christus sehr damit zufrieden gewesen wäre Er hat nicht gefunden
dass gesteinigt zu werden das Recht der Ehebrecherin sei im Gegenteil indem er
den welcher sich ohne Schuld fühle aufforderte den ersten Stein auf das arme
Weib zu werfen angedeutet dass unter der glatten logischen Oberfläche des
landesüblichen Rechtes ein tieferer Grund liege der sich allerdings nur dem
Auge offenbart das sieht ja und dem Herzen das fühlt Einem solchen Auge
einem solchen Herzen aber wird es bald klar dass jenes Unrecht welches bestraft
werden soll damit es zu seinem Rechte komme wenn nicht immer so doch fast
immer ein Unrecht aus zweiter dritter hundertster Hand ist die Strafe deshalb
fast nie den trifft der sie möglicher Weise verdient hat und der gerechteste
Richter also im allerbesten Falle er mag wollen oder nicht dem blutigen
Legaten gleicht der den Zehnten zum Tode führen lässt nicht weil er schuldiger
ist als die anderen neun sondern weil er der Zehnte ist
Das aber wird wie gesagt nicht dem KathederLogiker offenbar der
zufrieden lächelt wenn er nur mit dem Satze der Identität und dem vom
Widerspruche nicht in Konflict gerät auch dem Richter nicht dem der Fall in
seiner Vereinzelung aus dem Zusammenhange herausgerissen vorliegt und der nun
urteilen soll wo er nicht einmal die Teile in seiner Hand hat geschweige
denn den sichtbar unsichtbaren Faden auf den die Teile mit Notwendigkeit
gereiht sind Sie beide gleichen dem Laien der ein Gemälde nur nach der Wirkung
beurteilt nicht dem Kenner der weiß wie es entstanden ist, welche Farben der
Maler auf der Palette hatte wie er sie mischte wie er den Pinsel führte
welche Schwierigkeiten er überwinden musste und wie und wodurch er sie überwunden
hat oder weshalb er sein Ziel nicht erreichte Und wie die wahre Kritik nur die
schöpferische ist, welche aus den Geheimnissen der Kunst heraus urteilt und
also auch nur der Künstler wahrhaft Kritik üben kann so können die Handlungen
der Menschen auch nur von Menschen beurteilt werden von denen das Wort des
alten Weisen gilt dass ihnen nichts Menschliches fremd sei weil sie der
Menschheit ganzen Jammer schaudernd an sich selbst und an ihren Mitbrüdern
erfahren Dazu aber gehört wie gesagt ein fühlend Herz und ein sehend Auge und
dann das Dritte ohne welches man auch mit fühlendem Herzen und sehendem Auge
nicht viel erfährt nämlich Erfahrung ich meine volle reiche Gelegenheit
Herz und Auge zu erproben und zu üben
Wer hätte diese Gelegenheit mehr aus erster Hand als der Vorsteher einer
Anstalt in welcher nach den Worten des Philosophen das Unrecht zu seinem
Recht kommen soll der Director einer Strafanstalt er und der Arzt der Anstalt
wenn sie Freunde sind wenn sie von denselben Gesichtspunkten ausgehend Hand
in Hand nach demselben Ziele streben Sie und nur sie allein erfahren was kein
noch so gewissenhafter Richter erfährt wie der Mensch den die Menschheit für
immer oder eine zeitlang ausgestoßen wurde was er geworden ist warum er von
solchen Eltern geboren in solchen Verhältnissen aufgewachsen in einer solchen
kritischen Lage so und nicht anders handeln konnte Dann aber wenn der
Director der notwendig der Beichtiger des Verbrechers wird die Geschichte
seines Lebens bis in die Einzelheiten erfahren wenn der Arzt die
Leberkrankheit an der der Mensch seit Jahren litt constatirt hat dann
sprechen Beide wenn sie conferiren nicht mehr von dem Rechte des Unrechtes
das hier geübt werden soll dann sprechen sie nur noch davon ob dem Aermsten
noch zu helfen ist und wie ihm geholfen werden kann; dann sehen sie Beide in der
sogenannten Strafanstalt abwechselnd nur noch eine Besserungsanstalt und ein
Krankenhaus Sind doch und dies ist ein unendlich wichtiger Punkt zu dessen
Erkenntnis die Physiologie die Jurisprudenz noch einmal zwingen wird sind doch
fast Alle die hierher kommen krank im gewöhnlichen Sinne fast Alle leiden sie
an mehr oder weniger schweren organischen Fehlern fast das Gehirn Aller ist
unter dem Durchschnittsmaass des Gehirns welches ein normaler Mensch zu einer
normalen Tätigkeit zu einem Leben das ihn nicht mit dem Gesetze in Konflict
bringen soll braucht
Und wie könnte es anders sein Fast ohne Ausnahme sind sie die Kinder der
Not des Elends der moralischen und physischen Verkommenheit die Parias der
Gesellschaft welche in ihrem brutalen Egoismus an dem Unreinen mit
zusammengerafften Kleidern und gerümpften Nasen vorüberstreift und sobald er
sich ihr in den Weg stellt mit grausamer Gewalt ihn von sich stößt Recht des
Unrechts Hochmut des Pharisäertums Es wird die Zeit kommen wo man diese
Erfindung der Philosophen mit jener der Theologen dass der Tod der Sünde Sold
sei auf eine Stufe stellt und Gott dankt dass man endlich aus der Nacht der
Unwissenheit aufgewacht ist die solche Monstrositäten erzeugte
Der Tag wird kommen aber nicht so bald Noch stecken wir tief in dem
Schlamm des Mittelalters noch ist nicht abzusehen wann diese Sündflut von
Blut und Tränen verlaufen sein wird Wie weit auch der Blick einzelner
erleuchteter Köpfe hinein in die kommenden Jahrhunderte trägt der Fortschritt
der Menschheit ist unendlich langsam Wohin wir in unserer Zeit sehen überall
die unschönen Reste einer Vergangenheit die wir längst überwunden glauben
Unser Herrschertum unsere AdelsInstitutionen unsere religiösen Verhältnisse
unsere Beamtenwirtschaft unsere Heereseinrichtungen unsere Arbeiterzustände
überall das kaum versteckte grundbarbarische Verhältnis zwischen Herrn und
Sklaven zwischen der dominirenden und der unterdrückten Kaste überall die
bange Wahl ob wir Hammer sein wollen oder Amboss Was man uns lehrt was wir
erfahren was wir um uns her sehen Alles scheint zu beweisen dass es kein
Drittes gibt Und doch ist eine tiefere Verkennung des wahren Verhältnisses
nicht denkbar und doch gibt es nicht nur ein Drittes sondern es gibt dieses
Dritte einzig und allein oder vielmehr dieses scheinbar Dritte ist das wirklich
Einzige das Urverhältniss sowohl in der Natur als im Menschendasein das ja auch
nur ein Stück Natur ist Nicht Hammer oder Amboss Hammer und Amboss muss es
heißen denn jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblicke ist Beides zu
gleicher Zeit Mit derselben Kraft mit welcher der Hammer den Amboss schlägt
schlägt der Amboss wieder den Hammer unter demselben Winkel unter welchem der
Ball die Wand trifft schleudert die Wand den Ball zurück genau so viel Stoff
als die Pflanze aus den Elementen zieht muss sie den Elementen wiedergeben und
so in ewigem Gleichmaass durch alle Natur in allen Zeiten und Räumen Wenn aber
die Natur unbewusst dieses große Gesetz der Wechselwirkung befolgt und eben
dadurch ein Kosmos und kein Chaos ist so soll der Mensch dessen Dasein unter
genau demselben Gesetze steht sich dieses Gesetz zum Bewusstsein bringen mit
Bewusstsein ihm nachzuleben streben und sein Wert steigt und fällt in demselben
Maße als dieses Bewusstsein in ihm klar ist als er mit klarem Bewusstsein in
diesem Gesetze lebt Denn obgleich das Gesetz dasselbe bleibt ob der Mensch nun
darum weiß oder nicht so ist es doch für den Menschen nicht dasselbe Wo er
darum weiß wo er die Unzerreissbarkeit die Solidarität der menschlichen
Interessen die Unabwendbarkeit von Wirkung und Gegenwirkung erkannt hat da
blühen Freiheit Billigkeit Gerechtigkeit welches Alles nur andere Ausdrücke
für jenes auf die menschlichen Verhältnisse angewandte NaturGesetz sind wo er
nicht darum weiß wo er in seiner Blindheit wähnt ungestraft seinen Mitmenschen
ausnützen zu können da wuchern Sklaverei und Tyrannei Aberglaube und
Pfäfferei Hass und Verachtung in giftiger Fülle Welcher natürliche Mensch
möchte nicht lieber Hammer als Amboss sein so lange er glaubt die freie Wahl
zwischen beiden zu haben Aber welcher vernünftige Mensch wird nicht gern darauf
verzichten nur Hammer sein zu wollen nachdem er erkannt hat dass ihm das
AmbossSein nicht erspart wird und erspart werden kann, dass jeder Streich den er
gibt auch seine Backe trifft dass wie der Herr den Sklaven so der Sklave den
Herrn corrumpirt und dass in politischen Dingen der Vormund zugleich mit dem
Bevormundeten verdummt Möchte doch diese Erkenntnis endlich einmal in das
deutsche Volksbewusstsein übergehen dem es so dringend not tut
So dringend not Denn ich muss es aussprechen dass in diesem Augenblick
kaum zwanzig Jahre nach unserem Befreiungskriege jener Grundsatz alles
Menschendaseins vielleicht von keiner der KulturNationen so gründlich und so
allgemein verkannt wird als gerade von uns Deutschen die wir uns so gern die
geistige Blüte der Nationen das Volk der Denker das wahrhaft humane Volk
nennen Oder wo würde mit unleidlicherer schulmeisterlicher Pedanterie die
junge Menschenpflanze in eine zu frühe zu strenge und vor allen Dingen
unglaublich bornirte Zucht genommen als gerade bei uns Wo würde ihr freier
schöner Wuchs systematischer verhindert und verkrüppelt als gerade bei uns Was
wir mit Hilfe der Schul und Kirchenbänke des Exercierstockes des
Prokustesbettes der Examina der vielsprossigen Leiter eines hierarchischen
Beamtentums in dieser Beziehung freveln es treibt den Einsichtigen unter uns
die Röte der Scham auf die Stirn und die Glut des Zornes in die Wangen es ist
mit Recht das unerschöpfliche Thema des Spottes für unsere Nachbarn Die Wut
zu befehlen die sclavische Gier sich befehlen zu lassen das sind die beiden
Schlangen die den deutschen Herkules umstrickt halten die ihn zu einem Krüppel
machen sie sind es die überall die freie Circulation der Säfte hemmen hier
hypertrophische dort atrophische Zustände erzeugen an denen der Körper des
Volkes grausam krankt sie sind es die indem sie ihr Gift in die Adern des
Volkes spritzen das Blut und das Mark des Volkes vergiften und die Race selbst
deterioriren sie sind es endlich denen wir verdanken dass unsere Zucht und
Arbeitshäuser die Zahl der Insassen nicht fassen Denn es ist nicht übertrieben
wenn ich behaupte dass neun Zehntel von Allen die hierher kommen niemals
hierher gekommen sein würden wenn man sie nicht mit Gewalt zum Amboss gemacht
hätte damit die Herren vom Hammer doch haben woran sie ihr Mütchen kühlen
können So aber indem man ihnen das natürliche Recht jedes Menschen sich in
einer seinen Kräften und Fähigkeiten angepassten Weise den Lebensunterhalt zu
erarbeiten möglichst erschwerte indem man sie systematisch verhinderte
gesunde kräftige taugliche Glieder des Gemeinwesens zu sein hat man sie
schließlich bis hieher bis ins Arbeitshaus gebracht Das Arbeitshaus ist im
Grunde weiter nichts als die letzte Konsequenz unserer Zustände als das Exempel
unseres Lebens auf die einfachste Formel gebracht Hier müssen sie eine ganz
bestimmte Arbeit in einer genau vorgeschriebenen Weise verrichten aber wann
hätte man sie jemals sich frank und frei ihre Arbeit wählen lassen hier müssen
sie schweigen aber wann hätten sie denn frei sprechen dürfen hier müssen sie
dem niedrigsten Aufseher unbedingten Gehorsam leisten aber haben sie nicht
immer auch ohne Shakspeare gelesen zu haben gewusst dass man dem Hund im Amte
gehorcht hier müssen sie gehen stehen liegen schlafen wachen beten
schaffen müssiggehen auf Kommando aber sind sie zu dem Allen nicht trefflich
vorbereitet sind sie nicht Alle mehr oder weniger geborene Arbeitshäusler Ach
mir tut das Herz weh wenn ich daran denke und wie sollte ich nicht daran
denken und besonders in diesem Augenblicke nicht daran denken wo ich Sie hier
vor mir sehe wo ich mich frage wie kommt dieser Jüngling mit dem Körper des
gewaltigsten Mannes und den treuen blauen Augen eines Kindes in dieses Asyl des
Verbrechens und des Lasters
Lieber junger Freund wenn mir doch die Antwort darauf schwerer würde Wenn
es nicht doch dieselbe Formel wäre nach der ich auch die Gleichung Ihres Lebens
ausrechnen kann Wenn ich doch nicht wüsste dass die Unnatur unserer Verhältnisse
wie ein giftiger Samum ist der das Gras verdorren macht und auch die Eiche
entblättert
Ich habe versucht mir aus dem was ich bereits von Ihnen wusste und was Sie
mir mit solcher Treuherzigkeit aus Ihrem früheren Leben von Ihren
FamilienVerhältnissen von Ihrer Umgebung von dem Leben den Gewohnheiten der
Bürger Ihres Heimatsortes erzählt haben einen Hintergrund zu schaffen auf den
ich mir Ihr Bild zeichnen könnte Wie trostlos ist dieser Hintergrund wie liegt
er so ganz in dem trüben Lichte in welchem ich unsere Zustände im Allgemeinen
sehe Überall Kleinlichkeit Engherzigkeit Beschränktheit Kleben am Alten
Hergebrachten schulmeisterliches Besserwissenwollen pedantisches Hofmeistern
überall abgezirkelte Wege überall der freie Blick ins Leben durch turmhohe
Mauern von Vorurteilen verbaut Sie haben mir gesagt dass Sie Ihren Vater
flehentlich gebeten haben er möchte Sie zur See gehen lassen und dass er mit
Hartnäckigkeit darauf bestanden habe Sie sollten ein Gelehrter zum wenigsten
ein Beamter werden Es war gewiss nicht wie Sie sich selbst anklagen der bloße
Hang des Müssigganges die Sucht nach Abenteuern was Sie wieder und immer wieder
den Wunsch aussprechen ließ und sicherlich hat Ihr Vater nicht wohlgetan als
er aus welchem Grunde immer die Erfüllung dieses Wunsches hartnäckig
verweigerte Er hatte bereits einen Sohn auf dem Meere verloren nun wohl Es
gibt noch ein anderes Meer das eines tatenfrohen kräftigen Lebens in Handel
und Wandel in Kunst und Handwerk Das hätte er Ihnen nicht verbieten sollen
und doch war es dies Meer auf das Sie wollten und für das Ihnen nur das
wirkliche Meer mit seinen Stürmen seinen Wogen das Abbild war so dass Sie das
Abbild mit dem Urbild verwechselten
Ihr Vater hat nicht wohlgetan und doch dürfen Sie mit ihm dem von
häuslichem Unglück Verdüsterten vor der Zeit Vereinsamten durch des Sohnes
Widerspruch Gereizten durch des Sohnes factischen Ungehorsam Beleidigten
nicht mit ihm dürfen wir rechten Was aber sollen wir sagen von Ihren
pedantischen Lehrern von denen kein einziger ein Verständnis für einen Jüngling
hatte dessen Charakter die Offenheit selbst ist? was von den spiessbürgerlichen
guten Freunden die nichts konnten als Zeter schreien über den Frevler der
ihre Söhne zu tollen Streichen verleitete und die es für ein gottgefälliges
Werk hielten Vater und Sohn noch mehr zu verhetzen Ach mein Freund es ist
Ihnen ergangen wie manchem anderen ehrlichen deutschen Jungen der in so
verzweifelt ordentlichen bürgerlichen Verhältnissen aufwächst dass er Gott
dankt wenn er hinten im Westen von Amerika unter den Bäumen des Urwaldes nichts
mehr von bürgerlicher Ordnung sieht Bis in den amerikanischen Urwald sind Sie
nun freilich nicht gekommen auf Ihrer Flucht aus der erdrückenden Enge Ihres
Vaterhauses sondern leider nur bis in die Wälder der Zehrenburg und das hat
das Maß Ihres Unglücks voll gemacht
Denn dort trafen Sie auf Einen zu dem Sie sich mit unwiderstehlicher Kraft
hingezogen fühlen mussten da seine Natur mit der Ihrigen in vielen Punkten eine
wunderbare Ähnlichkeit hatte der auch zum großen Teil an der Elendigkeit
unserer Verhältnisse zu Grunde gegangen war und der nun eine künstliche Wüste
um sich her geschaffen hatte in der er sich nach Willkür die er für Freiheit
hielt bewegen konnte Eine Wüste im eigentlichen und moralischen Sinne denn
nach Allem was Sie mir von seinen Äußerungen berichtet und die Folge
bewiesen hatte er mit dem Vorurteil auch das Urteil, mit der Rücksicht auch
die Umsicht mit der Bedenklichkeit auch das Nachdenken mit den Fehlern des
deutschen Charakters auch die Tugenden des Deutschen und jedes sittlichen
Menschen über Bord geworfen und Alles was ihm noch geblieben war die
Abenteuerlust und eine Art von phantastischer Großmut die aber auch Sie
haben es erfahren gelegentlich phantastischer sein konnte als großmütig
Wie dem aber auch sein mochte er war ein Mann der Ihnen schon dadurch
imponirte weil er das genaue Gegenteil von allen Menschen war die Ihnen bis
dahin auf Ihrem Lebenswege begegnet und der noch genug von ritterlichen
Eigenschaften besaß dass Sie der Unerfahrene wohl in ihm Ihr Ideal sehen
mussten Dazu die freie Luft auf den weiten Haiden den stolzen Uferhöhen auf
dem unendlichen Strande Hätte sie Ihnen nicht zu Kopf steigen nicht Ihr vom
Schulstaube umnebeltes Gehirn verwirren sollen
Aber diese Freiheit diese Unabhängigkeit dieses kraftvolle Leben es war
Alles nur eine schöne Spiegelung die Fata morgana einer hesperischen Küste die
versinken musste und hinter der als sie versank ein Untersuchungsgefängniss und
ein Arbeitshaus stand
Dass Ihnen das Arbeitshaus ein Garten der Hesperiden werde ich kann es
nicht machen mein Freund und würde es nicht wenn ich es könnte Aber Eines
hoffe ich bewirken zu können dass Sie hier wo die Misserziehung die man an
Ihnen geübt hat nicht weiter kann hier wo man Ihnen den letzten Rest der
verhassten Selbständigkeit zu nehmen dachte zu sich selbst kommen sich über
sich selbst über die Tendenz und das Maß Ihrer Kräfte klar werden dass Sie im
Arbeitshaus arbeiten lernen«
Achtundzwanzigstes Kapitel
Ich will nicht behaupten der treffliche Mann habe was ich ihn in dem vorigen
Kapitel sagen lasse Alles in denselben Worten oder Alles an demselben Morgen
gesagt Es ist leicht möglich ja wahrscheinlich dass ich das Resultat der
Gespräche mehr als eines Morgens hier im Zusammenhang gegeben und dass hier und
da ein Ausdruck ein Bild das mir gehört mit eingeflossen Mehr aber
schwerlich denn ich habe seine Philosophie die auf meine dürstende Seele sich
senkte wie ein befruchtender Regen auf ein ausgedörrtes Feld zu tief
eingezogen und während ich seine Gedanken wiederzugeben suche steht sein Bild
so lebendig in meiner Erinnerung glaube ich den Ton seiner Stimme ja seine
eigenen Worte zu hören
Und ich hatte um diese Zeit das Glück seiner Unterhaltung täglich oft
stundenlang Es war mir unmöglich geworden das Versprechen welches ich Paula
gegeben zu erfüllen denn ihr Vater hätte nicht gewartet bis ich ihn bat mir
zu sagen wie man am besten wie man am schnellsten arbeite Dennoch hatte ich
ihm das Gespräch das ich mit Paula gehabt mitgeteilt und er hatte dazu
gelächelt
»Sie will Sie zu einem Gelehrten machen« sagte er »ich will Sie zu nichts
machen ich will dass Sie werden was Sie sein können und um zu erfahren was
Sie sein können werden wir wohl ein wenig experimentiren müssen Eins ist
gewiss Sie können ein tüchtiger Handarbeiter sein Sie haben es bewiesen und
es ist mir ganz lieb dass Sie diesen kurzen Cursus durchgemacht Der Künstler
sollte die letzten Griffe des Handwerks kennen aus welchem seine Kunst
hervorgegangen ist und auf welchem sie noch ruht nicht nur dass er nur so im
Stande ist nach dem Rechten zu sehen und helfend nachhelfend unterweisend
überall wo es not tut einzugreifen es ist so auch wirklich erst sein Werk
das ihm ganz gehört wie dem Vater sein Kind welches mit ihm nicht bloß Geist
von einem Geiste sondern auch Fleisch von einem Fleisch ist Und wie viel
schärfer sieht das Auge wo die Hand selbst tätig war Da das ist der Grundriss
des neuen Krankenhauses hier ist das Fundament das Sie selbst mit haben
ausheben zu dem Sie selbst die Steine mit haben herbeischaffen helfen Diese
Mauer wird sich auf dem Fundament erheben sie ist von der Höhe von der Dicke
Sie sind auch ohne eine Berechnung anstellen zu können überzeugt dass ein
solches Fundament eine solche Mauer tragen wird Freut Sie nicht die
reinlichsaubere Zeichnung in der ein Strichelchen die Arbeit einer Stunde
vielleicht vieler Tage repräsentirt Paula hat mir gesagt dass Sie ein scharfes
Augenmass und eine sichere Hand haben Ich brauche eine Kopie dieser Pläne
Möchten Sie mir wohl eine anfertigen Es ist eine Arbeit wie sie für einen
Reconvalescenten passt und den Gebrauch des Zirkels des Lineals und der
Reissfeder kann ich Ihnen in fünf Minuten zeigen«
Seit diesem Morgen arbeitete ich in dem Bureau des Directors einfache Risse
copirend eine Façade nachzeichnend Anschläge mundirend mit einer Lust von
der ich nie geglaubt dass sie eines Menschen Seele während der Arbeit erfüllen
könne Aber wer hat auch jemals einen solchen Lehrer gehabt so gütig so weise
so geduldig so den Schüler mit Vertrauen zu sich selbst erfüllend Und wie wohl
tat mir sein Lob und wie bedurfte ich dieses Lobes ich der ich in der Schule
immer nur getadelt und gescholten war der ich es als selbstverständlich
angesehen dass meine Arbeiten schlechter waren als die aller Übrigen der ich
mir zuletzt selbst alle Fähigkeiten abgesprochen hatte Mein neuer Lehrer lehrte
mich dass diese Fähigkeiten nur geschlummert und dass ich sehr wohl begreifen
konnte wovon ich einsah dass es begriffen zu werden verdiente So hatte ich
vollständig darauf resignirt es in der Mathematik über die ersten Anfangsgründe
hinauszubringen und erfuhr jetzt zu meinem grenzenlosen Erstaunen dass diese
ungeheuerlichen Formeln diese verzwickten Figuren aus lauter einfachen
Begriffen aus lauter simplen Vorstellungen zusammengesetzt waren mit einer
wunderbaren Folgerichtigkeit die einzusehen mir durchaus nicht schwer wurde und
an der ich eine unaussprechliche Freude hatte
»Es ist merkwürdig« sagte ich einmal »als ich in Zehrendorf war glaubte
ich es gebe auf Erden nichts Ergötzlicheres als eine Jagd auf weiter Heide an
einem sonnigen Herbstmorgen jetzt finde ich dass eine schwierige Formel richtig
anzuwenden mehr Vergnügen gewährt als ein gutgezielter Schuss der ein armes
Rebhuhn aus der Luft herunterbringt«
»Im Grunde kommt es nur darauf an« erwiderte mein Lehrer »dass wir unsere
Kräfte unsere Fähigkeiten in einer Weise die unserer Natur genehm ist spielen
lassen Denn nur so erfahren wir dass wir sind und schließlich strebt jede
Kreatur in jedem Augenblicke nach weiter nichts Können wir es so einrichten
dass unsere Tätigkeit außer dass sie uns unser Dasein beweist auch Anderen
zugute kommt und glücklicherweise sind wir Menschen fast immer in der Lage
so ist es freilich um so besser Wollte Gott mein unglücklicher Bruder hätte je
eine Ahnung von dieser Einsicht gehabt«
Es konnte nicht ausbleiben dass wir besonders in der ersten Zeit wieder
und wieder auf den »Wilden« zu sprechen kamen
»Er hieß schon als Knabe so« erzählte der Director »alle Welt nannte ihn
den Wilden und es war kaum möglich ihm einen anderen Namen zu geben In dieser
feurigen Natur war ein unwiderstehlicher Drang die reiche Kraft bis zum
Übermaß anzuspannen und das Äußerste ja das Unmögliche zu wagen und zu
versuchen Welches unendliche Feld die Situation unseres väterlichen Gutes einem
solchen Knaben bot Sie wissen es selbst Auf ungezähmten Rossen von den steilen
Uferhöhen herabzusetzen in leckem Boot beim wildesten Gewittersturm aufs Meer
hinauszufahren in tiefer Nacht über die sumpfige Heide zu schweifen in dem
Park die Wipfel der Riesenbuchen zu erklettern nach einem elenden Vogelnest
oder in dem Weiher klaftertief nach dem Schatze zu tauchen der in der
Schwedenzeit dort versenkt sein sollte das waren seine Lieblingsspiele Ich
weiß nicht wie oft er sich in Lebensgefahr befunden hat und eigentlich befand
er sich in jedem Augenblick in Lebensgefahr denn in jedem Augenblicke konnte
ihm der Einfall kommen sein Leben aufs Spiel zu setzen Einmal standen wir im
oberen Stock am Fenster und sahen wie ein wildgewordener Stier einen Knecht
über den Hof verfolgte Malte sagte Da muss ich dabei sein sprang zwanzig Fuß
hoch auf den Hof hinab wie ein Anderer vom Stuhle aufsteht und lief dem Stier
entgegen der sich mittlerweile eines Anderen besonnen hatte und sich von dem
Übermütigen mit einem schnell aufgerafften Stock wieder geduldig in die Hürde
treiben ließ«
Es war ein Zufall der ihn bei dieser Gelegenheit sich nicht Arm und Beine
brechen und aufgespiesst werden ließ aber da ihn dieser Zufall beständig
begünstigte geriet er wozu er nur schon zu sehr geneigt war immer mehr ins
Masslose
Indessen der Zufall ist ein launischer Gott und lässt unversehens auch seine
größten Günstlinge im Stich Ein weit schlimmerer Feind waren für meinen Bruder
die Verhältnisse in denen er aufwuchs und die in der Tat nicht ungünstiger
sein konnten Das Einzige was man ihn gelehrt hatte war dass die Zehrens das
älteste Geschlecht auf der Insel und er der Erstgeborne sei Aus diesen beiden
Glaubensartikeln schuf er sich eine Religion und einen Cultus seiner mystischen
Bedeutung, der um so phantastischer ausfiel je greller die fadenscheinige
Wirklichkeit mit seinen Einbildungen contrastirte
Unser Vater war ein Edelmann aus der zügellosen Schule und im verwilderten
Style des achtzehnten Jahrhunderts der am wenigsten geeignete Mensch von der
Welt einen hochsinnigen übermütigen Knaben wie mein ältester Bruder war zu
leiten Die Mutter hatte an Höfen gelebt und die bedeutendsten Gaben in dieser
ungesunden Sphäre nutzlos zersplittert Sie sehnte sich nach der verlorenen
Herrlichkeit zurück die Einsamkeit des Landlebens langweilte die Rohheit ihrer
Umgebung beleidigte sie Die Gatten lebten nicht glücklich die Frau die sich
von ihrem Manne nicht mehr geliebt wusste liebte auch bald ihre Kinder nicht
mehr indem sie ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt in ihnen nur
die Ebenbilder des Vaters zu sehen glaubte Der Vater seinerseits hatte eine Art
von Interesse nur für den Erstgebornen als eine reiche kinderlose Tante den
zweiten Arthur zu sich zu nehmen wünschte ließ er es willig geschehen ja
ich glaube er wäre mich den Jüngsten Nachgebornen auch gern losgewesen nur
dass Niemand mich haben wollte So wuchs ich auf wie ich konnte und mochte bald
hatte ich einen Erzieher und bald keinen es bekümmerte sich Niemand um mich
ich wäre ganz verlassen gewesen hätte sich mein ältester Bruder nicht meiner in
seiner Weise angenommen
Er liebte den um zehn Jahre Jüngeren mit leidenschaftlicher Liebe mit einer
stürmischen und wie ich jetzt darüber denke rührenden Zärtlichkeit Ich war
wie kräftig ich mich auch später entwickelte ein schwächliches kränkliches
Kind Er der Tollkühne wehrte von mir auch den Schatten einer Gefahr ab er
hegte und hütete mich mehr als seinen Augapfel er spielte mit mir wenn ich
gesund war halbe Tage lang er wachte wenn ich krank war Tage und Nächte an
meinem Bette Ich war der Einzige der den »Wilden« mit einem Worte mit einem
Blicke leiten konnte aber was wollte schließlich ein solcher Einfluss bedeuten
Es war ein Faden der riss als der Zwanzigjährige nach einer noch mehr als
gewöhnlich heftigen Szene mit dem Vater das elterliche Haus Knall und Fall
verließ
Er wurde wie die Phrase lautete auf Reisen geschickt aber die von
vornherein unzulängliche Unterstützung die er von dem immer mehr verarmenden
Vater empfing hörte in kürzester Frist gänzlich auf er musste leben wie er
konnte und da er auf eigene Kosten nicht leben konnte lebte er auf Kosten
Anderer wie so mancher adelige Abenteurer heute ein Bettler morgen im Golde
sich wälzend heute der Kamerad von Spielern und Schwindlern morgen der Genosse
von Fürsten überall wohin er kam mit seiner bezaubernden Persönlichkeit die
Herzen im Sturm erobernd um sich nirgends fesseln zu lassen um ruhelos von
einem Ende Europas zum anderen zu schweifen Er war in England Italien
Spanien Frankreich dort am längsten In dem bunten Treiben der Seinestadt fand
er so recht sein Element und er schwelgte in den Armen von französischen Damen
deren Gatten und Brüder sein Heimatsland mit Feuer und Schwert verwüsteten
Wir hatten während fünf oder sechs Jahren nichts von ihm gehört die Mutter
war gestorben man hatte nicht gewusst wohin ihm die Nachricht von ihrem Tode
senden der Vater wankte ein vor der Zeit gebrochener Mann dem Tode entgegen
die Verwüstung unseres Gutes durch den Erbfeind der auch bis zu uns gedrungen
war ließ ihn gleichgültig er berauschte sich mit den französischen Officieren
an der letzten Flasche aus seinem Keller Ich war nicht im Stande gewesen das
Schimpfliche geduldig zu ertragen ich forderte den französischen Obrist einen
Gascogner der an der Tafel meines Vaters die Guitarre in der Hand Spottlieder
auf die Deutschen sang Er ließ dem siebzehnjährigen Jüngling lachend den Degen
abnehmen war ein Galanteriedegen mit blauem Bandelier der als Zierrat an der
Wand hing und den ich in meiner Wut ergriffen und den kecken Burschen am
nächsten Morgen füsiliren zu lassen
In der Nacht erschien ein Retter auf den ich am wenigsten gehofft hatte
Der Wilde war auf die Nachricht von einer Schilderhebung im Vaterlande es
hatten sich damals die ersten Freicorps zu formiren begonnen aus den Armen
seiner Buhlerinnen von den Parquets der Salons in Faubourg St Germain
herbeigeeilt und sein Weg hatte ihn in die Heimat geführt wo gerade damals
der Kriegsbrand am wildesten flammte Er konnte nicht zu dem Freicorps gelangen
das hier in der Festung cernirt war so wendete er sich nach der Insel in der
Absicht dort einen Guerillakrieg gegen die Eindringlinge zu entfachen Er kam
gerade zur rechten Zeit seinen Bruder einem fast gewissen Tode zu entreißen Er
brach von wenigen Getreuen die er zusammengerafft hatte begleitet mit
unerhörter Kühnheit in mein Gefängnis und entführte mich
Von diesem Augenblicke an sind wir fünf Jahre lang zusammen gewesen und
haben erst als gemeine Freischärler hernach als Officiere in demselben Regiment
Gefahr und Not brüderlich mit einander geteilt Ich habe mich nicht schlecht
gehalten aber der Name meines Bruders war bekannt in der ganzen Armee und
wieder nannten sie ihn den Wilden als gäbe es für einen solchen Mann keine
andere Bezeichnung Unzählig waren die Geschichten die man sich von seiner
Bravour von seiner Tollkühnheit erzählte Es war nur Eine Stimme darüber dass
er den Tod suche aber er dachte nicht an den Tod denn er verachtete das Leben
Er lachte wenn er uns Andere von der Wiedergeburt unseres Vaterlandes schwärmen
hörte und dass wir die heimische Erde frei machen wollten von den fremden und
von den heimischen Tyrannen um auf der freien Erde ein Reich der Brüderlichkeit
und Gleichheit zu errichten Aus der Zeit tönt mir auch das alte Wort vom Hammer
oder Amboss im Ohre das er oft und gern im Munde führte weil es wie er sagte
seine Philosophie in der einfachsten Formel darstellte »Brüderlichkeit
Gleichheit« spottete er »Geht mir doch mit solchen hohlen Phrasen Dies ist
eine Welt der Herren und Knechte der Starken und Schwachen Ihr seid so lange
Amboss gewesen unter dem Riesenhammer Napoleon und möchtet nun einmal selbst
Hammer spielen Seht zu wie weit Ihr damit kommt Ich fürchte nicht weit Ihr
habt nur Talent zum Amboss«
»Warum bist Du gekommen mit uns gegen Napoleon zu kämpfen« fragte ich
»Weil ich mich in Paris langweilte« erwiderte er
Aber er tat sich selbst Unrecht Er war mehr als der blasirte Glücksritter
für den er sich gab er hatte die Schätze eines Herzens das reich war wie
Plutos Schacht in einem wüsten Abenteurerleben vergeudet aber es war ihm noch
ein Stück dieses Herzens geblieben und in diesem Stücke lebte wenn nicht die
echte Vaterlands und Menschenliebe so doch der Trotz der es mit dem
Unterdrückten hält und sich stolz gegen den Unterdrücker aufbäumt er mag nun
ein genialer Eroberer sein oder ein geistloser Heimischer von Gottes Gnaden
Und als er nun nachdem der Eroberer an den Felsen von Helena gekettet war
sah dass die Helden so vieler Schlachten das alte gewohnte Joch wieder auf die
geduldigen Nacken nahmen als er sah dass der ganze stolze Freiheitsstrom sich
kläglich im Sande angestammter Untertanentreue verlief da zerbrach er seinen
Degen den er glorreich durch zwanzig Schlachten getragen und fluchte den
Herren und fluchte den Sklaven und sagte dass nun wieder wie vor dem Kriege
die Erde seine Heimat sei denn ein freigeborner Mensch könne in einem
sklavischen Jahrhundert keine andere Heimat haben
Ich weiß es wohl es war viel Ungesundes Überspanntes in diesem
Raisonnement aber es war doch auch ein gesunder Kern darin Die Folge hat es
bewiesen die unglaublich nüchterne geistes und tatenarme ideenlose durch
und durch epigonenhafte Zeit in der wir leben sie hat seine Ahnung seine
Prophezeiung vollauf bestätigt
Und wieder irrte er ein heimatloser Abenteurer durch die Länder nur mit
dem Unterschiede dass er vorher in übermütiger Kraft mit den Menschen gespielt
hatte die er jetzt kaltblütig ausbeutete weil er sie verachtete Ich habe mir
mit meinem Blute den Ablasszettel kaufen wollen für meine Vergangenheit der
Zettel ist zurückgewiesen was gilt mir jetzt die Gegenwart oder die Zukunft
Wie oft habe ich an das Wort das er mir in der Scheidestunde zurief denken
müssen Es ist mir immer der Schlüssel zu diesem rätselhaften Charakter
gewesen
Und wieder hörte ich lange lange nichts von ihm Der Vater war gestorben
das Gut war in Sequester mein zweiter Bruder Arthur den die Tante um seine
Erwartungen betrogen hatte mühte sich im undankbaren Staatsdienst ab ich der
ich es mit der Wiedergeburt meines Volkes herzlich ernst meinte und erkannt zu
haben glaubte dass man das Werk von vorn das heißt von unten auf anfangen
müsse hatte mir durch meinen Gönner Altenberg diese Stelle zu verschaffen
gewusst und saß schon seit Jahren ein Krüppel hier noch immer an dem ABC
meines Metiers buchstabirend Malte galt als verschollen Da tauchte er
plötzlich wieder auf noch dazu in Gesellschaft einer Frau die dem Abenteurer
nachdem sie längere Zeit in der Fremde umhergeschweift endlich auch in seine
Heimat gefolgt war Er erklärte seine Absicht das väterliche Gut zu
übernehmen von meiner Seite wurde ihm jeder Vorschub geleistet Arthur ließ
sich mit einer Summe abfinden von der er nebenbei jetzt bestreitet dass sie ihm
jemals ausgezahlt worden Die Gläubiger waren froh nur irgend etwas zu
bekommen und Einer von ihnen wenigstens tröstete sich mit der Hoffnung die
ihm auch nicht fehlgeschlagen ist dass aufgeschoben nicht aufgehoben und ihm
das Stammgut der Zehren unter dem neuen Herrn nicht weniger gewiss sei als unter
dem alten
Wir hatten uns bei seiner Zurückkunft nicht gesehen ich konnte damals
gerade nicht wohl von hier fort er seinerseits trug kein Verlangen die alte
Freundschaft zu erneuern Als wir uns getrennt hatten war ich im Begriffe
gewesen eine Verbindung einzugehen in welcher der Erstgeborne eines uralten
Geschlechtes die sträflichste Mesalliance sah jetzt bekleidete ich ein Amt und
ein Amt bekleiden noch dazu ein Amt der Art hieß für ihn sich wegwerfen das
angeborene Recht der Ritter vom Hammer mit Füßen treten sich zum gemeinen Amboss
machen Dass ich noch dazu die Abfindungssumme die er mir angeboten zurückwies
hatte ihn auf das empfindlichste beleidigt In seinen Augen hatte ich damit dem
Erstgebornen dem Chef der Familie den Gehorsam die Vasallenschaft gekündigt
Er konnte es mir nicht verzeihen dass ich seiner nicht mehr bedurfte dass ich
keine Schulden hatte die zu bezahlen er sich selbst in Schulden stürzen musste
dass ich mit Einem Worte nicht war wie mein Bruder Arthur welcher ihm in diesem
Punkte viel willfähriger ich fürchte nur zu willfährig gewesen ist
Auf der andern Seite musste was ich von ihm hörte und er sorgte dafür die
Zungen der Menschen über ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen mich in der
traurigen Gewissheit bestärken dass zwischen ihm und mir eine Kluft entstanden
war über welche selbst die innige Liebe die ich noch immer für ihn hatte
nicht hinüberreichte Ich hörte von dem wüsten Leben das er in Gesellschaft des
durch den Krieg verarmten Adels seiner Nachbarschaft führte von den Trink und
Spielgelagen von tollen Streichen deren Anstifter er sei Auch damals schon
ging ein dunkles Gerücht dass er es sich zum Geschäfte mache den während der
Kriegsjahre in jener Gegend zur höchsten Blüte gediehenen damals von der
Regierung begünstigten jetzt freilich auf das schärfste verfolgten
Schmuggelhandel auf jede Weise zu unterstützen Die schlimmste Nachrede freilich
bereitete ihm das traurige Verhältnis in welchem er mit der unglücklichen Frau
lebte die er aus ihrer Heimat entführt hatte Er sollte sie misshandeln er
sollte sie in einem Keller eingesperrt halten es sei unbegreiflich dass sich
die Behörden nicht ins Mittel legten
Ich konnte dieses Gerede nicht ertragen von dem ich übrigens kein Wort
glaubte denn die Anschuldigungen standen in zu grellem Widerspruche mit dem im
Grunde so großen so edelmütigen Charakter meines Bruders Dennoch hielt mich
eine leicht erklärliche Scheu ab mich in diese Angelegenheit zu mischen als
ein Brief den ich erhielt meiner Unentschlossenheit ein Ende machte Der Brief
war in einem schlechten Französisch geschrieben und gleich die ersten Worte
belehrten mich dass die Unglückliche die ihn geschrieben wahnsinnig sein
müsse »Ich höre Sie wissen wo der Weg nach Spanien geht« begann der Brief
und mit den Worten »Ich beschwöre Sie mir zu sagen wo der Weg nach Spanien
geht« schloss er Ich reiste noch in derselben Stunde ab und sah nach langen
Jahren mein Vaterhaus und meinen Bruder wieder Es war ein trauriges
Wiedersehen
Mein Vaterhaus eine Ruine mein Bruder ein Schatten nein schlimmer ein
Zerrbild von dem was er gewesen Ach lieber Freund Die HammerTheorie hatte
sich grausam gegen ihren eifrigsten Bekenner erwiesen Wie hatte der plumpe
Amboss den feinen Hammer gehämmert wie unedel war er in der gemeinen Welt die
er so tief verachtete geworden »Verachte nur Vernunft und Wissenschaft« lässt
Göte den Geist der Lüge sagen »so hab ich Dich schon unbedingt« Und ich
sage »Verachte nur die Menschen und Du sollst sehen wie schnell Du den
Anderen ja Dir selbst verächtlich wirst«
Ich sagte ihm weshalb ich gekommen er führte mich schweigend in den Park
deutete auf eine Frau die dort in einem phantastischen Anzuge Blumen und
Unkraut in den glänzend schwarzen halb aufgelösten Haaren in den Händen eine
Guitarre von der die Hälfte der Saiten zerrissen herabhing die schwarzen Augen
bald verzückt zum Himmel erhebend bald verzweiflungsvoll zur Erde senkend
unter den Bäumen zwischen den Büschen umherirrte
»Du siehst es ist eine Lüge dass ich sie eingeschlossen halte« sagte er
»Mancher Andere würde es tun Es ist nicht eben angenehm den Leuten ein
solches Schauspiel geben zu müssen«
»So bring sie in ihre Heimat zurück« sagte ich
»Versuche es« erwiderte er »sie würde aus dem Wagen springen sie würde
sich vom Schiff ins Meer stürzen Und brächtest Du sie gefesselt mit Gewalt
dahin was würde ihr Loos sein Man würde sie in den Kerker eines Klosters
werfen und ihr mit Hunger und Schlägen den Teufel austreiben der sie verführte
ihr Herz an einen Ketzer zu hängen Wenn ich sie auch nicht mehr liebe so habe
ich sie doch einst geliebt oder sie ist wenigstens mein gewesen keines Pfaffen
schnöde Hand soll berühren was einst mein gewesen«
Ich sagte ihm wie schrecklich es sei ihn so von seiner Gattin der Mutter
seines Kindes sprechen zu hören
»Wer sagt dass sie meine Gattin ist« erwiderte er
Ich blickte ihn verwundert und erschrocken an er zuckte die Achseln
»Das ist nun auch wieder nichts für Deine verbürgerte Tugend« sagte er
»Ich würde sie zur Frau von Zehren gemacht haben trotzdem ihr Vater ein Hidalgo
von sehr zweifelhaftem Stammbaum ist wäre das Kind ein Knabe gewesen Was soll
mir das Mädchen Sie kann unser Geschlecht nicht fortpflanzen so mag es denn
mit mir zu Grunde gehen«
Es war ihm gleichgültig ob oder wie sehr ich mich durch diese Rede
beleidigt fühlte er hatte mich gar nicht beleidigen wollen er betrachtete
einen GefängnisDirector der eines armen Malers Tochter zur Gattin hatte
wirklich nicht als einen Zehren
Ich bat ihn mir das Kind zu geben wenn es ihm doch so nichts sei ich
wolle es mit meiner Paula die eben damals geboren war erziehen lassen so
müsse es moralisch und physisch untergehen und es komme vielleicht doch die
Zeit wo er sich nach einem Kinde gleichviel ob Knabe oder Tochter ob legitim
oder illegitim sehne
»Dann wäre auch meine letzte Stunde gekommen« antwortete er sich mit
Achselzucken von mir wendend
Was sollte ich unter diesen Umständen tun Ich war nicht da mit meinem
Bruder zu jagen oder ihn zu seinen Zechgelagen oder an den Spieltisch zu
begleiten wozu er mich mit ironischer Höflichkeit aufforderte Ich sprach mit
der armen Wahnsinnigen die mich nicht verstand und keine Ahnung mehr davon
hatte dass sie an mich wie an unzählige Andere auch deren Namen sie zufällig
erfahren geschrieben ich küsste das bildschöne Kind schüttelte dem alten
Christian der immer sehr an mir gehangen hatte und der Einzige war der sich
meiner erinnerte die Hand und bat ihn über das arme verlassene Geschöpf zu
wachen strich noch einmal durch den Park und grüßte die Plätze meiner
Kinderspiele sah noch einmal die Sonne untergehen über dem Hause wo meine
Wiege gestanden und ging trauernd von dannen So müsste dem Baume zu Mute
sein der mit allen seinen Wurzeln aus der heimischen Erde gerissen ist Aber
dem Himmel sei Dank dass der Mensch den man aus seiner Heimat getrieben sich
eine neue erwerben kann dass, wenn die Pforte des Paradieses unserer Kindheit
hinter uns abgeschlossen wird sich vor uns eine andere Welt auftut die wir
freilich im Schweiße unseres Angesichts erringen und erarbeiten müssen die aber
deshalb auch wahr und wahrhaftig die unsere ist
Neunundzwanzigstes Kapitel
Es war gewiss nicht in der Absicht mich anzufeuern denn es bedurfte dessen
jetzt nicht mehr wenn mein Lehrer in diesen Gesprächen immer wieder darauf
zurückkam dass die freie die selbstgewollte von der Liebe geweihte Arbeit
Aller für Alle der Schluss der Weisheit die eigentliche Bestimmung das höchste
Gut des Menschen sei Es war eben das letzte Resultat seiner praktischen
Philosophie auf das mit Notwendigkeit seine Betrachtungen hinausliefen
mochten sie nun das Schicksal des Individuums oder der Gesammteit zum
Gegenstand haben Und da diese Gespräche fast immer in den Ruhepausen zwischen
der Arbeit geführt wurden von der wir kamen um wieder zu ihr zurückzukehren
mochten sie als sinnige Arabesken für das ernste und wie ich jetzt daran denke
rührende Bild gelten welches der rastlose gedankenvolle Meister und der
fleißige lernbegierige Schüler in ihrer gemeinschaftlichen Tätigkeit darboten
Diese Tätigkeit war eine streng geregelte Der Zufall wollte dass während
meiner Reconvalescenz ein alter Bureauschreiber der schon lange gekränkelt
hatte gestorben war Da es als ein von dem Director streng durchgeführter
Grundsatz galt dass alle Arbeiten die mit den in der Anstalt vorhandenen
Kräften geleistet werden konnten auch wirklich von denselben getan würden
hatte er es trotz des Widerspruches des Präsidenten von Krossow durch
ImmediatEingabe bei dem Könige die sein Freund der Minister von Altenberg
befürwortet hatte durchgesetzt dass kein Bureauschreiber wieder angestellt
sondern dessen Arbeit als eine besondere Vergünstigung mir übertragen wurde
wie mir denn auch gewisse auf den Maßstab der übrigen Gefangenarbeit reducirte
Emolumente dafür zufliessen sollten Herr Diaconus von Krossow hatte mir zu
meiner »Beförderung« mit sauersüsser Miene gratulirt aber Doctor Snellius hatte
laut gekräht vor Freude und in der Familie war das große Ereignis als ein Fest
gefeiert worden Mir selbst war durch dies Arrangement ein schwerer Stein vom
Herzen gefallen Ich brauchte nun nicht mehr zu fürchten dass dem edlen Manne
der schon so viel für mich getan aus seiner Güte zu mir sehr ernste
Ungelegenheiten erwachsen würden Hatte man doch schon in dem Kreise des
Präsidenten von DisciplinarUntersuchung Amtsentsetzung mindestens
Pensionirung gesprochen Nun da mein Verhältnis zu ihm einen officiellen
Charakter angenommen hatte war die Sache beseitigt und ich konnte leichten
Herzens durch das offene Fenster an welchem mein Arbeitstisch stand in den
lauschigen Garten blicken wo über den Blumen eifrige Bienen summten in den
hohen Bäumen die Vöglein zwitscherten und sangen und zwischen den Blumen unter
den Bäumen Frau von Zehren an dem Arme der Tochter ihre MorgenPromenade machte
oder des Nachmittags nach der Schule die Knaben spielten oder an ihren Beeten
arbeiteten
Denn Jeder auch Oskar hatte sein Beet das er in Ordnung halten musste und
mir war es eine immer neue Freude die kleinen Männer mit ihren Giesskannen und
übrigen Arbeitswerkzeugen zu sehen die sie mit der Gewandtheit gelernter
Gärtner handhabten Und doch war die Freude die ich bei dem reizenden Anblick
hatte nicht ohne einen Beigeschmack von Wehmut Ich musste dabei immer an meine
eigene Jugend denken und wie freudlos und fruchtlos sie im Vergleiche mit
dieser hier war die sich in reicher Schönheit vor mir entfaltete Wer hatte
mich gelehrt meine jungfrischen Kräfte so nützlich zu verwenden wer in meine
Spiele selbst einen Sinn zu bringen Ach ich hätte mich von den Brosamen nähren
können die von diesem reichen Tische fielen Hatte ich doch meine Mutter kaum
gekannt und der tiefe schwermütige Sinn meines von Natur ernsten und durch
den Verlust einer sehr geliebten Gattin noch mehr verdüsterten Vaters war dem
lebhaften übermütigen Knaben immer unbegreiflich und fürchterlich gewesen Wie
sehr wie innig er mein Bestes gewollt hat wie er nach seinem besten Wissen und
Gewissen bemüht gewesen ist mir ein guter Vater zu sein ich ahnte es damals
schon und habe es später wohl begriffen aber er hatte die schwere Moseszunge
mein braver Vater und da war kein gefälliger Aaron der mir den Sinn seiner
strengen Gesetze gedeutet hätte Meine beiden Geschwister waren bedeutend älter
gewesen als ich Ich war acht Jahre als mein Bruder Fritz mit sechzehn Jahren
zur See ging und zehn Jahre als meine Schwester mit zwanzig Jahren heiratete
Mein Bruder war ein leichtes frisches Blut gewesen und hatte sich um mich so
wenig gekümmert wie um irgend wen oder irgend etwas auf der Welt meine
Schwester hatte den strengen Sinn des Vaters gehabt aber ohne dessen
Innerlichkeit Sie hatte mich an dem sie Mutterstelle zu vertreten berufen war
immer mit pedantischer Strenge oft mit peinlicher Grausamkeit behandelt ich
war vor ihr zu der alten Magd geflohen mit der sie stets in Unfrieden lebte
und die mir zum Lohne für meine Anhänglichkeit Räuber und Gespenstergeschichten
erzählte und als Sarah heiratete und mir mit einer Schlussermahnung einen
Abschiedskuss geben wollte hatte ich ihr in Gegenwart meines Vaters ihres
Gatten und der ganzen Hochzeitsgesellschaft gesagt dass ich weder ihre Lehren
noch ihren Kuss wolle und dass ich froh sei in Zukunft nichts mehr von ihr zu
sehen und zu hören Man hatte mir das als einen Beweis grauenhafter
Undankbarkeit ausgelegt und der Justizrat Heckepfennig der auch zugegen war
hatte bei dieser Gelegenheit zum erstenmale seine wohlerwogene durch die
spätere Erfahrung wie es schien nur zu sehr bewahrheitete Überzeugung
ausgesprochen »dass ich in meinen Schuhen sterben werde«
Nein es konnte mir Niemand verargen wenn mir während ich durch das
Fenster meinen kleinen Freunden zuschaute der Wunsch kam wärest Du doch auch
so glücklich gewesen hättest Du auch einen so guten und zugleich so weisen
Vater eine so sanfte herzige Mutter hättest Du so muntere Spiel und
Arbeitsgenossen und hättest Du vor Allem eine solche Schwester gehabt
Eine solche Schwester
Im Anfange hatte sie mich immer an irgend ein Märchen erinnert ich konnte
mich aber nicht darauf besinnen an welches »Sneewittchen« war es nicht denn
Sneewittchen war tausendmal schöner gewesen als die schönste Königin und Paula
war nicht eigentlich schön »Rotkäppchen« konnte es auch nicht sein denn
Rotkäppchen war wenn man es recht betrachtete nur ein kleines dummes Ding
das seine gute alte Großmutter nicht von einem bösen Wolf unterscheiden konnte
und Paula war groß und schlank und war so klug »Aschenbrödel« Paula war so
sauber dass die Asche nicht hätte an ihr haften können und hatte keine Tauben
zur Verfügung die ihr Erbsen lesen halfen im Gegenteil sie musste Alles
selbst tun und tat Alles selbst Ich konnte es nicht herausbekommen und
meinte endlich es könne keine bestimmte Gestalt sein an die sie mich erinnere
im Gegenteil sie war wie der guten Feen eine die man nicht kommen und nicht
gehen sieht und von denen man nur aus dem Geschenke das sie zurückgelassen
weiß dass sie dagewesen oder wie die lieben Geisterchen die während die
Mägde schlafen die Stuben säubern und Küche Boden und Keller und wenn die
Verschlafenen die Augen reiben sehen sie dass schon Alles getan ist und
besser viel besser als sie es hätten tun können
Ja sie musste eine Fee sein die aus einem Übermaß von Güte gegen ihre
Schützlinge auch noch die Gestalt eines schlanken blauäugigen blonden Mädchens
angenommen hatte Wie wäre es sonst möglich gewesen dass sie vom frühen Morgen
bis in den späten Abend immer tätig war und niemals ermüdet schien dass sie
überall war wo man ihrer bedurfte dass sie für Jeden ein williges Ohr hatte und
dass nie der Schatten einer üblen Laune ihr liebes Angesicht streifte geschweige
denn ein böses Wort aus ihrem Munde kam Zwar ernst sah sie wohl aus und sie
sprach auch für gewöhnlich nicht mehr als eben nötig war aber ihr Ernst hatte
nichts Schwerfälliges und ein oder zweimal hatte ich sie auch plaudern hören
mit halblauter anmutiger Stimme so wie sie Feen haben mögen wenn sie mit
Menschenzungen reden
Ich teilte meinem Freunde dem Doctor Snellius meine Entdeckung mit
»Bleiben Sie mir mit solchem Unsinn vom Leibe« rief er »Fee dummes Zeug
Es ist immer der Lessingsche eiserne Topf der durchaus mit einer Zange von
Silber aus dem Feuer gezogen sein will Was tut sie denn Außerordentliches Sie
ist die Beschliesserin des Hauses die Lehrerin der jüngeren Geschwister die
Freundin des Vaters die Trösterin der Mutter die Krankenwärterin Beider Das
Alles sind alle guten Mädchen dabei ist gar nichts Aussergewöhnliches ist nur
eben in der Ordnung Aber so ein phantastischer Kopf von zwanzig kann natürlich
die Dinge und die Menschen beileibe nicht so sehen wie sie sind Heiraten Sie
sie Das ist das beste Mittel zu erfahren dass die Engel mit den längsten
azurfarbenen Flügel immer noch Frauen bleiben«
Ich fuhr mir mit der Hand über mein Haar das jetzt in anerkennenswerter
Weise seine frühere Fülle wieder anstrebte und sagte nachdenklich »Ich Paula
heiraten Nie Ich weiß nicht wie der Mann sein müsste der wert wäre sie zu
heiraten das aber weiß ich dass ich es nicht bin Was bin ich«
»Vorläufig sind Sie zu sieben Jahren Gefängnis in dem Zuchtause von S
abzusitzen verurteilt und haben also jedenfalls noch ebenso lange Zeit sich
zu überlegen was Sie sein werden wenn Sie herauskommen Hoffentlich werden Sie
dann ein tüchtiger Mann sein und ich wüsste nicht welches Mädchen ja auch
welcher Seraph für einen tüchtigen Mann zu gut wäre«
»Ich habe noch einen anderen Grund Doctor weshalb ich sie auch dann nicht
heiraten kann«
»Und der wäre«
»Weil Sie sie bis dahin schon längst werden geheiratet haben«
»Sie grinsendes zähnefletschendes Mammut Denken Sie dass ein Mädchen wie
die eine apoplektische Billardkugel heiraten wird«
Ob der gute Doctor sich über den Widerspruch ärgerte welchen er sich zu
Schulden kommen ließ indem er so weit von sich wies was er mir nur eben noch
so nahegelegt oder welchen Grund es hatte aber das Blut stieg ihm in seinen
kahlen Kopf dass er wirklich jenem merkwürdigen von ihm citirten Gegenstande
auffallend ähnlich sah und dabei krähte er so ausnehmend hoch dass er nicht
einmal versuchte sich herabzustimmen
Die Rede des Doctors ging mir ein paar Tage durch den Sinn es leuchtete dem
Zwanzigjährigen sehr ein dass ein tüchtiger Mann für jedes Mädchen gut genug
sei und also nach dieser Seite hin kein Grund vorliege weshalb ich nicht Paula
früher oder später heiraten sollte Dann aber ich wusste selbst nicht wie
gewann die alte Ansicht doch wieder die Oberhand und wenn ich sie mit ihrer
himmlischen Geduld schalten und walten sah sagte ich mir Es ist nicht wahr
dass alle Mädchen selbst nicht einmal die sogenannten guten sind wie Paula und
es ist eine ganz alberne Behauptung von dem Doctor dass ich jemals ihrer wert
sein könnte
Die klarere Luft die prächtigen Sonnenuntergänge dürre Blätter die hie
und da von den Bäumen wehten verkündeten das abermalige Nahen des Herbstes Es
war die Zeit die ich vor einem Jahre auf Schloss Zehrendorf verlebt hatte es
waren dieselben Zeichen der Natur, die ich damals so aufmerksam beobachtet
hatte und sie erweckten in meiner Seele eine Fülle von Erinnerungen Ich hatte
diese Erinnerungen tief begraben geglaubt und fand jetzt dass sich nur eine
dünne Decke darüber gebreitet die jedes leise Wehen des schwermütigen
Herbstwindes zu lüften im Stande war Ja manchmal schien es mir fast als ob
die Wunden die mir vor Jahresfrist geschlagen wieder aufbrechen wollten Ich
durchlebte noch einmal ganz jene Zeit aber es war wie wenn man sich wachend
bei hellem Bewusstsein einen sehr lebhaften Traum vergegenwärtigt Was uns im
Traume bei der partiellen Tätigkeit unserer Seelenkräfte sehr natürlich sehr
logisch erschien sehen wir nun als wunderliches Phantasma und was uns dort als
unbegreiflich ängstigte wissen wir jetzt zu deuten weil wir die Stellen
welche die springende Traumphantasie leer gelassen auszufüllen im Stande sind
Ich brauchte ja nur meine damalige Lage auf die jetzige zu zeichnen und das
traumhafte Zerrbild war fertig Damals hatte ich mich frei gewähnt und war in
der Tat so eingesponnen gewesen in die traurigsten widerwärtigsten
Verhältnisse wie eine Fliege in das Netz der Spinne jetzt schlief ich
allnächtlich hinter eisernen Gittern und fühlte mich innerlich so beruhigt und
sicher wie wenn man vom schwankenden Kahn den Fuß auf das feste Land gesetzt
hat Damals glaubte ich meine eigentlichste Bestimmung erreicht zu haben und sah
jetzt dass jenes Leben nur eine Fortsetzung und gewissermaßen eine letzte
Konsequenz des plan und ziellosen Jugendtreibens gewesen war Und in welchem
Lichte erschienen mir die Menschen an deren Schicksal ich damals einen so
leidenschaftlichen Anteil genommen wenn ich sie mit denen verglich die ich
jetzt so herzlich lieben gelernt hatte wenn ich den »Wilden« verglich mit
seinem milden weisen Bruder Und da ich nun einmal im Vergleichen war so musste
es sich auch der riesenhafte schwerfällige verschlafene Hans von Trantow wo
war er jetzt der gute Hans wenn er nicht tot war der Hans musste sich
gefallen lassen neben den kleinen beweglichen geistvollen Doctor Snellius
gestellt zu werden selbst der alte verkommene Christian musste neben den
strammen Wachtmeister Süssmilch treten Aber am allerlebhaftesten drängte sich
mir doch der Vergleich auf zwischen der schönen phantastischen Konstanze und
Paulas schlichtem keuschen Wesen
War doch ein größerer Gegensatz kaum denkbar Vielleicht rief gerade deshalb
das Bild der Einen immer das der Andern hervor Und dabei war ein sonderbarer
Umstand ich empfand vor Paula trotzdem sie so jung war dass sie fast noch
jenem Alter angehörte für welches unsere heutige Jugend wenn ich recht
verstanden einen Namen aus dem Kochbuche entlehnt hat eine größere Ehrfurcht
als ich je vor der um mehrere Jahre älteren so sehr viel schöneren Konstanze
empfunden Zwar auch dieser gegenüber hatte ich eine Scheu zu überwinden gehabt
aber diese Scheu war ganz anderer Art gewesen und schließlich hatte ich sie
doch überwunden und ich war als ich den letzten Morgen das Schloss verließ
entschlossen gewesen sie zu heiraten trotz meiner neunzehn Jahre Und was
mich nicht minder überraschte ich konnte Konstanze die mich so schnöde
verraten die ich zu hassen glaubte jetzt nicht gedenken ohne den Wunsch zu
empfinden ich möchte sie wiedersehen und ihr sagen können wie sehr ich sie
geliebt und wie tief sie mich gekränkt habe Wo war sie jetzt Sie hatte zuletzt
aus Paris geschrieben
War sie noch da und wie lebte sie Dass sie von ihrem Geliebten verlassen
sei wusste ich bereits ich hatte als ich es zuerst erfuhr laut gelacht Jetzt
lachte ich nicht mehr ich dachte nicht ohne Gefühl tiefsten Mitleids an sie
die man so ungeheuer beleidigt hatte die vielleicht ja wohl gewiss nun
schutzlos heimatlos durch die Welt irrte eine Abenteurerin wie ihr Vater ein
Abenteurer gewesen war Und doch konnte es ihr im gewöhnlichen Sinne des Wortes
nicht schlecht gehen sie hatte ja mit Stolz und Verachtung jeden Anspruch auf
die Erbschaft ihres Vaters zurückgewiesen Wusste sie jetzt dass ihr Vater es
verschmäht hatte ihre Mutter zu seiner Gattin zu erheben Hatte sie es immer
hatte sie es schon damals gewusst Und wenn sie es gewusst reichte dieser
Umstand nicht hin das feindliche Verhältnis in welchem sie zu ihrem Vater
gestanden zu erklären Konnte sie den Mann lieben der ihre Mutter so
grenzenlos unglücklich gemacht der ihr nie im guten Sinne Vater gewesen war
der wenn man der Aussage seiner Spielgesellen glauben wollte ihre Schönheit
nur als Lockspeise benützt hatte für die dummen Fische die sich in seinen
Netzen fangen sollten Konnte man mit ihr der von solchen Eltern Abstammenden
in der Einsamkeit in solcher Umgebung Aufgewachsenen den plumpen
Zudringlichkeiten den frechen Schmeicheleien roher Krautjunker vom zarten Alter
an Ausgelieferten konnte man mit ihr so streng ins Gericht gehen wenn sie
Pflichten verletzt hatte deren Heiligkeit sie nie begriffen wenn sie das Opfer
eines Wüstlings geworden war der mit all den Lockungen des Reichtums des
hohen Ranges mit dem ganzen Zauber der Jugend vor sie trat Unglückliche
Konstanze Dein Lied von dem Schlimmen dem Einen an den Du die Seele die
arme verloren es war grausam prophetisch der Eine war schlimm sehr schlimm
gegen Dich gewesen Und der Andere Er hatte die Drachen töten sollen die auf
Deinen Wegen lauerten Dein treuer Georg Dein wackerer Knappe Du hattest seine
Dienste verschmäht und es war auch wohl nur zu gerechtfertigt gewesen das
Misstrauen das Du in die Kraft und Klugheit des Knappen setztest der sich Dir
geweiht Würde er Dich je wiedersehen
Ich wusste dass sie abgelehnt sich an der bevorstehenden FamilienKonferenz
zu beteiligen Dennoch je näher der Termin heranrückte desto öfter kam mir
der Gedanke sie könnte sich doch unberechenbar wie sie war eines Anderen
besinnen und plötzlich vor mir stehen gerade so wie mein Freund Arthur eines
Abends als ich mit Paula vom Belvedere zurückkam im ganzen Glanze seiner neuen
FähnrichsUniform vor mir stand
Dreissigstes Kapitel
Der Tag war regnerisch und unfreundlich gewesen und meine Stimmung trüb wie der
Tag Der Director hatte am Morgen einen Anfall von Blutsturz gehabt ich war zum
erstenmale allein in dem Bureau und hatte oft von der Arbeit nach dem Platze
hinübergesehen der heute leer war und dann wieder aufgehorcht wenn ein
leichter schneller Schritt auf dem Gange vorüberkam von dem Zimmer wo der
Director lag nach dem Kinderschlafzimmer an das den kleinen Oscar schon seit
einer Woche ich weiß nicht mehr welche Krankheit fesselte Immer hatte ich
gehofft der leichte schnelle Schritt würde an meiner Tür stehen bleiben aber
die Fee hatte heute gar viel zu schaffen und so mochte sie mich denn wohl
vergessen haben
Aber sie hatte mich nicht vergessen
Es war gegen Abend ich hatte da ich nichts mehr sehen konnte meine Sachen
zusammengepackt und hing noch auf dem Drehstuhl den Kopf in die Hand gestützt
als es leise an die Tür pochte Ich ging und öffnete es war Paula
»Sie sind den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer gekommen« sagte sie »der
Regen hat nachgelassen ich habe eine halbe Stunde Zeit wollen wir ein wenig in
den Garten«
»Wie geht es«
»Besser viel besser«
Sie sagte es aber es klang nicht sehr trostverheissend auch war sie
auffallend still als wir neben einander den Weg hinauf nach dem Belvedere
schritten und ich so gut ich konnte meine Sorge hinter mutigen Worten
versteckte Der Kleine sei ja außer aller Gefahr und es sei ja nicht das
erstemal dass der Director einen solchen Anfall gehabt habe von dem er sich
immer bald wieder erholte Das sei auch Doctor Snellius Ansicht
Paula hatte während ich so sprach nicht einmal zu mir aufgeblickt und als
wir jetzt das Gartenhäuschen erreichten trat sie sehr schnell hinein Ich war
draußen stehen geblieben um nach den Abendwolken zu sehen die eben bei
Sonnenuntergang in wunderbar prächtigen Farben erglühten Ich rief Paula zu
sich das herrliche Schauspiel nicht entgehen zu lassen sie antwortete nicht
ich trat in die Tür sie saß an dem Tisch das Gesicht in die flachen Hände
gedrückt und weinte
»Paula liebe Paula« sagte ich
Sie hob den Kopf und versuchte zu lächeln aber es gelang ihr nicht sie
drückte das Gesicht wieder in die Hände und weinte laut wie sie zuvor leise
geweint hatte
Ich hatte sie noch nie so gesehen und gerade deshalb erschütterte mich der
ungewohnte unerwartete Anblick umsomehr In meiner tiefen Erregung wagte ich
zum erstenmal ihr Haupt zu berühren indem ich meine Hand über ihr blondes Haar
gleiten ließ und zu ihr sprach wie man zu einem Kinde spricht das man trösten
will Und was war denn das fünfzehnjährige Mädchen im Vergleiche zu mir der ich
jetzt wieder in der Fülle meiner wiedergewonnenen Kraft neben ihr stand als ein
hilfloses Kind
»Sie sind so gut« schluchzte sie »so gut Ich weiß nicht weshalb ich
gerade heute Alles in einem so trüben Lichte sehe Vielleicht ist es dass ich es
so lange still getragen habe vielleicht ist es auch nur der graue Tag aber
ich kann mich heute nicht vor dem schrecklichen Gedanken retten Und was soll
dann aus der Mutter was soll aus unseren Buben werden«
Sie schüttelte traurig das Haupt und blickte mit von Tränen verschleierten
Augen gerade vor sich hin
Es hatte wieder angefangen zu regnen die strahlenden Farben auf den
schweren Wolken hatten sich in schmutziges Grau verwandelt der Abendwind sauste
in den Bäumen und die dürren Blätter wirbelten in der Luft Mir wurde unsäglich
traurig zu Mute traurig und ingrimmig War ich doch schon wieder einmal in
der elendesten aller Situationen der Not geliebter Menschen ohnmächtig zusehen
zu müssen Mag sein dass Konstanze dass ihr Vater das Mitleid das ich um sie
gefühlt nicht verdient hatten aber den Schmerz das Leid um sie hatte ich doch
empfunden und diese Menschen das wusste ich sie verdienten dass man ihnen
jeden Blutstropfen weihte Ach ich hatte wieder nichts als mein Blut das ich
hingeben konnte Sein Blut hingeben es ist vielleicht das höchste und gewiss das
letzte Opfer das ein Mensch dem andern bringen kann aber wie unzähligemale ist
dem Andern nicht damit gedient wie oft ist es eine Münze die keinen Kours hat
auf dem Markte des Lebens Eine Hand voll Taler würde Rettung bringen ein
Stück Brod eine wollene Decke ein Nichts nur dass wir mit all unserem Blute
gerade dies Nichts nicht herbeischaffen können
Und wie ich in die Tür des Gartenhäuschens gelehnt bald auf das liebe
weinende Mädchen bald in die tropfenden Bäume blickend das Herz voll Wemut
und Zorn dastand schwur ich mir dass ich trotz alledem mich dereinst noch zu
einer Stellung aufschwingen wolle wo ich außer dem guten Willen auch die
Macht habe denen die ich liebte zu helfen
Wie oft habe ich in meinem späteren Leben dieses Augenblickes denken müssen
Was ich mir schwur es schien so unmöglich was ich erreichen wollte es lag
in so weiter Ferne und doch dass ich heute stehe wo ich stehe ich danke es
zum größten Teile der Überzeugung die in jenem Momente in meiner Seele
aufglühte So sieht der Schiffbrüchige auf leckem Kahn mit den Wogen ringend
nur auf einen Moment die rettende Küste aber der Moment genügt um ihm die
Richtung zu zeigen nach der er steuern muss dem Verderben zu entrinnen
»Lassen Sie uns wieder hineingehen« sagte Paula
Wir gingen neben einander den Weg vom Belvedere zurück Mir war das Herz so
voll dass ich nicht sprechen konnte auch Paula war stumm Ein Baumzweig hing in
den Weg so tief dass er Paulas Kopf gestreift haben würde ich drückte ihn in
die Höhe und er schüttelte seine Tropfen in einem Guss auf sie herab Sie stieß
einen leisen Schrei aus und lachte als sie mich über meine Ungeschicklichkeit
verlegen dastehen sah
»Das war erquicklich« sagte sie
Es klang als dankte sie mir trotzdem ich sie wirklich erschreckt hatte
Ich musste die Hand des lieben Mädchens ergreifen
»Wie Sie gut sind Paula« sagte ich
»Und wie Sie schlecht sind« erwiderte sie mit holdseligem Lächeln zu mir
aufblickend
»Guten Abend« sagte eine helle Stimme in unserer unmittelbaren Nähe
Aus dem Heckengange der rechtwinkelig auf den Weg stieß war er
hervorgetreten und stand jetzt vor uns in dem bunten Rocke nach welchem er sich
schon jahrelang gesehnt die Linke auf den Degengriff drei Finger der
weissbehandschuhten Rechten mit einer koketten Haltung an den Mützenschirm
gelegt mit den braunen Augen neugierig auf uns starrend ein halb spöttisches
halb ärgerliches Lächeln auf dem Gesichte das in der trüben Abendbeleuchtung
blasser und verlebter als je aussah
»Ich bitte um die Erlaubnis mich vorstellen zu dürfen« fuhr er immer
noch die drei Finger am Mützenschirm fort »Arthur von Zehren
PorteépéeFähnrich im Hundertundzwanzigsten War bereits im Hause erfuhr zu
meinem Bedauern dass der Onkel nicht ganz wohl ist die Frau Tante unsichtbar
wollte wenigstens nicht unterlassen meine schöne Kousine zu begrüßen«
Er hatte das Alles in einem schnarrenden affectirten Ton gesagt und ohne
mich der ich Paulas Hand längst losgelassen weiter anzusehen oder sonst von
meiner Gegenwart Notiz zu nehmen
»Es tut mir leid dass Du es so schlecht getroffen hast Cousin Arthur«
sagte Paula »Wir hatten Dich erst in der nächsten Woche erwartet«
»War auch anfänglich so bestimmt« erwiderte Arthur »aber mein Oberst der
die Güte hat sich speciell für mich zu interessieren hat die Ausfertigung
meines Patents beschleunigt so dass ich gestern schon abreisen und mich heute
Morgen hier melden konnte Der Papa und die Mama lassen sich dem Onkel und der
Frau Tante bestens empfehlen sie werden Anfangs nächster Woche kommen hoffe
dass der Onkel dann wiederhergestellt ist Neugierig ihn zu sehen soll ganz
unserem Großvater Malte gleichen von dem ein Bild bei uns zu Hause in dem Salon
hängt Würde Dich übrigens nicht erkannt haben liebe Kousine hast wenig von
dem Familiengesicht dunkles Haar braune Augen ist ZehrenWeise«
Der Weg war nicht so breit dass Drei neben einander gehen konnten so
schritten denn die Beiden vor mir ich folgte in einiger Entfernung doch nahe
genug um jedes Wort hören zu können Ich hatte in der letzten Zeit mit sehr
gemischten Empfindungen an meinen früher so heissgeliebten Freund gedacht aber
wie er jetzt vor mir hertänzelte an der Seite des holden Kindes das er mit
seinem faden Geschwätz betäubte und Du nannte und Kousine und jetzt bei dem
letzten Worte sei es zufällig sei es absichtlich mit dem Ellnbogen berührte
war meine Empfindung ganz ungemischt Ich hätte dem Herrn Fähnrich mit großer
Genugtuung das zierliche braune Köpfchen in dem roten Kragen umgedreht
Wir waren an dem Hause angelangt »Ich will sehen ob Du nicht wenigstens
die Mutter auf einen Augenblick sprechen kannst« sagte Paula »bitte verweile
so lange hier Du hast ja auch noch gar nicht Deinen alten Freund begrüßt«
Paula eilte die Stufen hinauf Arthur grüßte drei Finger am Mützenschirm
hinter ihr her und blieb dann von mir abgewendet stehen Plötzlich kehrte er
sich auf den Hacken zu mir um und sagte in seinem frechsten Ton »Ich will Dir
jetzt guten Tag sagen aber ich bitte zu bemerken dass wir uns vor anderen
Leuten nicht kennen ich brauche Dir hoffentlich nicht auseinanderzusetzen
warum«
Arthur war einen Kopf kleiner als ich und er musste deshalb zu mir
hinaufsehen während er die schnöden Worte zu mir sprach Dieser Umstand war ihm
nicht günstig Grobheiten von Unten nach Oben sagen sich nicht besonders gut
mir aber kam es lächerlich vor dass dieses Bürschchen welches ich mit einem
Stoß über den Haufen werfen konnte sich so vor mir blähte und ich lachte
lachte laut
Eine zornige Röte schoss über Arthurs bleiches Gesicht »Es scheint Du
willst mich beleidigen« sagte er »glücklicherweise bin ich nicht in der Lage
von einem Menschen Deinesgleichen beleidigt werden zu können Ich habe schon
gehört wie man Dich hier verzieht mein Onkel wird die Wahl haben zwischen mir
und Dir hoffentlich wird ihm diese Wahl nicht schwer werden«
Ich lachte nicht mehr Ich hatte diesen Jungen geliebt mit mehr als
brüderlicher Zärtlichkeit ich hatte so zu sagen anbetend vor ihm auf den Knieen
gelegen ich hatte ihm die treuesten Vasallendienste geleistet war ihm
gutwillig in all seine dummen Streiche gefolgt um wie oft die Strafe auf mich
zu nehmen Ich hatte ihn vor jedem Feind und jeder Gefahr geschirmt und
geschützt hatte mit ihm geteilt was ich besaß nur dass er immer den größeren
Teil bekam und jetzt jetzt wo ich im Unglücke war und er im Sonnenschein
des Glückes einherstolzierte jetzt konnte er so zu mir sprechen Ich begriff
es kaum aber was ich davon begriff war mir unsäglich ekelhaft Ich sah ihn mit
einem Blicke an vor dem jeder Andere die Augen niedergeschlagen hätte wendete
mich und ging Ein höhnisches Lachen krähte hinter mir her
»Lache Du nur« sagte ich bei mir »wer zuletzt lacht lacht am besten«
Aber indem ich über Paulas Haltung bei dieser Begegnung nachdachte fand
ich dass dieselbe wohl hätte anders sein können Mir däuchte Paula hätte meine
Partei offener nehmen müssen Wusste sie doch wie Arthur mich sobald ich im
Unglück war hatte fallen lassen wie er für seinen Kameraden im Gefängnisse
kein Trosteswort gehabt ja sich offen von mir losgesagt und mich angeschwärzt
und verleumdet hatte wie die Anderen
»Das war nicht recht das war recht schlecht von dem Arthur« hatte sie
mehr als einmal gesagt und nun ich war sehr unzufrieden mit Paula
Ich sollte jetzt noch oft Gelegenheit haben unzufrieden zu sein ja es kam
Alles in Allem eine schlimme Zeit für mich Arthur hatte sich am folgenden Tage
wieder vorgestellt und war von dem Director der ihn in seinem Krankenzimmer
empfing und von der übrigen Familie freundlich aufgenommen worden Ich der ich
von jeher so einsam dagestanden hatte das Gefühl der Familie den Respekt vor
verwandtschaftlichen Verpflichtungen wenig in mir ausbilden können und vermochte
nicht zu begreifen dass die Zufälligkeit des gleichen Namens der
gemeinschaftlichen Abstammung an und für sich schon eine solche Bedeutung habe
wie ihr hier augenscheinlich beigelegt wurde »Lieber Neffe« sagte der
Director »lieber Neffe« sagte Frau von Zehren »Cousin Arthur« sagte Paula
»Cousin Arthur« riefen die Knaben Und freilich Neffe Arthur Cousin Arthur
war die Liebenswürdigkeit selbst Er war ehrerbietig gegen den Onkel aufmerksam
gegen die Tante voll chevaleresker Höflichkeit gegen Paula und Hand und
Handschuh mit den Knaben Ich beobachtete Alles aus der Ferne Der Director
musste noch immer das Zimmer hüten und ich nahm das zum Vorwand fleißiger als je
auf dem Bureau zu arbeiten das ich so selten als möglich verließ und wo ich
mich in meine Gefängnisslisten und meine Zeichnungen vergrub um nichts von dem
was draußen vorging zu sehen und zu hören
Leider sah und hörte ich trotzdem nur zu viel Das Wetter hatte sich wieder
aufgeklärt ein schöner Spätherbst wie er jener Gegend eigentümlich ist war
den ersten Stürmen gefolgt Die Knaben hatten Ferien die Familie kam fast nicht
aus dem Garten und Cousin Arthur war beständig von der Gesellschaft Cousin
Arthur musste verzweifelt wenig zu tun haben der BataillonKommandeur verdiente
die Festung dafür dass er seine Fähnriche so wild laufen ließ
Ach die Gefangenschaft hatte mich doch wohl nicht besser gemacht wie ich
mir manchmal schmeichelte Wann hatte sich früher jemals ein Gefühl des Neides
der Missgunst in meiner freien Seele geregt Wann hatte ich meine Devise »Leben
und leben lassen« verleugnet Und jetzt knirschten meine Zähne vor Ingrimm so
oft ich den Blick erhebend Arthur im Garten stehen und das kleine dunkle
Bärtchen das seine feine Oberlippe zu schmücken begann streichen sah oder
seine helle Stimme hörte Ich gönnte ihm das dunkle Bärtchen nicht ich als
Gefangener durfte keinen Bart tragen der meine wäre im besten Falle von einem
starkrötlichen Blond gewesen ich gönnte ihm die helle Stimme nicht meine
Stimme war tief und seitdem ich nicht mehr sang sehr rau geworden ich
gönnte ihm seine Freiheit nicht die er nach meiner Ansicht so abscheulich
missbrauchte ich gönnte ihm kaum das Leben Hatte er doch mein eigenes Leben
das sich in letzter Zeit so freundlich aufgeklärt hatte jämmerlich verdüstert
und dehnte sich so behaglich im Sonnenschein aus dem er mich vertrieben
Und doch hatte ich im Grunde gar keine Ursache mich zu beklagen Der
Director der sich langsamer als wir gehofft von dem Unfall erholte und von
Zeit zu Zeit in das Bureau kam war teilnehmend liebevoll wie zuvor und
nachdem ich die Einladungen in den Garten ein zwei Wochen lang unter diesem und
jenem Vorwande beharrlich abgelehnt hatte konnte ich mich doch nicht wundern
wenn Frau von Zehren wenn Paula es endlich müde wurden sich um mich zu
bekümmern und die Knaben den lachlustigen Vetter Arthur der sie exerciren
lehrte dem melancholischen Georg der nicht mehr mit ihnen spielen wollte
vorzogen In meinen Augen aber hatten sie mich einfach verlassen und ich wäre
schier verzweifelt wenn ich nicht zwei Freunde gehabt hätte die treu zu mir
hielten und offen oder heimlich für mich Partei nahmen
Diese zwei Freunde waren Doctor Snellius und der Wachtmeister Süssmilch
Mit dem Wachtmeister hatte es der Fähnrich gleich am zweiten Tage verdorben
Er hatte ihn in seiner ungenirten Weise auf die Schulter geklopft und
»Alterchen« genannt »Man ist kein Alterchen für solche Gelbschnäbel« sagte der
ehrliche Wachtmeister als er mir das Gesicht noch ganz rot vor Zorn die
frische Beleidigung mitteilte »man könnte heute MajorsEpauletten auf den
Schultern tragen wenn man gewollt hätte man wird dem Junkerchen zeigen dass
man kein Bär mit sieben Sinnen ist«
Auch der Doctor hatte sich über die Frechheit des Eindringlings zu beklagen
Er war eines Abends in dem Garten mit dem Hut in der Hand wie es seine
Gewohnheit war umhergewandelt und Arthur hatte sich verschiedene Anspielungen
auf die Kahlköpfigkeit des trefflichen Mannes erlaubt und ihn in der höflichsten
Weise gefragt ob er noch nicht Rowlands Macassaröl angewendet dessen
ausgezeichnete Wirkungen er vielfach habe rühmen hören
»Wie finden Sie das« sagte der Doctor »Ich mache die Witze über meinen
kahlen Schädel selbst und verbitte mir die Koncurrenz habe ich geantwortet Das
war grob werden Sie sagen oder auch nicht sagen denn Sie lieben das
glattzüngige geschmeidige schlüpfrige Exemplar seiner reizenden Species eben
so wenig als ich Und der Hanswurst wird seine Rolle sobald nicht ausgespielt
haben Unser humaner Freund hält es für seine Pflicht gegen einen Verwandten
noch dazu einen armen denn ich höre dass es dem Steuerrat erbärmlich gehen
soll von arabischer Gastfreundlichkeit zu sein Mein einziger Trost ist dass
auch dieser Krug nur gerade so lange zu Wasser gehen wird bis er bricht«
»Wie steht es denn mit der FamilienKonferenz« fragte ich
»Wird übermorgen feierlich eröffnet werden Humanus hat sie Alle eingeladen
bei ihm Quartier zu nehmen Der auf Wartegeld Gesetzte hat das natürlich
angenommen aber was mich wundert auch der Andere der Crösus und nicht bloß
für sich sondern auch für sein goldenes Töchterlein und deren Gouvernante Das
sind eins zwei fünf Personen die unsere Einsamkeit nächstens auf das
Anmutigste beleben werden ich vermute eine oder die andere davon verdiente
für immer hier zu bleiben«
So krähte Doctor Snellius hüpfte dann auf ein anderes Bein und stimmte sich
herab Ich meinerseits war durch die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft
der längst erwarteten Gäste in nicht geringe Aufregung versetzt Schon Arthurs
Anwesenheit hatte mir den Platz verengt Wie sollte es werden wenn diese Alle
kamen wie würde ich dem Steuerrat gegenübertreten wie dem Kommerzienrat Der
Eine hatte die Großmut seines edleren Bruders so schändlich missbraucht der
Andere mit den Verlegenheiten des Unbesonnenen so klug gewuchert Meine
Abneigung gegen sie war von altem Datum und nur zu begründet Aber weshalb ihnen
irgendwie gegenübertreten Wenn ich nicht zu ihnen kam sie würden schwerlich
mich aufsuchen Die kleine Hermine freilich hatte sie wohl noch so
kornblumblaue Augen wie an jenem Morgen auf dem Deck des »Pinguin« Und die
sentenzenreiche Gouvernante trug sie noch ihre gelben Locken Es war ein
lustiger sonniger Tag gewesen als ich die Beiden zum letztenmale gesehen aber
die Sonne hatte zu früh geschienen und der Abend in Regen geendet in Regen und
dunkelm Nebel durch den das zornbleiche Gesicht meines Vaters mich drohend
anblickte
»Warum seufzen Sie« fragte Doctor Snellius der unterdessen einen
Situationsplan an welchem ich die letzten Tage gearbeitet hatte durchmustert
»Sie machen fabelhafte Fortschritte ich würde niemals geglaubt haben dass eine
so saubere allerliebste Arbeit aus den Händen eines Mammut hervorgehen könne
Adieu Mammut«
Doctor Snellius schüttelte mir herzlich die Hand und hüpfte aus dem Zimmer
Ich blickte ihm traurig nach so traurig als wäre ich wirklich ein Mammut und
wüsste dass ich dreissigtausend Jahre unter Schnee und Eis liegen müsste um
hernach ausgestopft in einem Museum aufgestellt zu werden
Einunddreissigstes Kapitel
Mein Wunsch und meine Hoffnung während der Konferenz in der Verborgenheit
bleiben zu können sollten auf die seltsamste Weise getäuscht werden Ich war
dazu ausersehen eine Rolle und noch dazu keine unbedeutende in dem
FamilienDrama zu spielen
Die Gäste waren angekommen und in der nicht eben geräumigen Wohnung des
Directors schicklich untergebracht Am Abend war gemeinschaftliche Tafel
gewesen an welcher auch Doctor Snellius teilgenommen hatte Er war am nächsten
Morgen in aller Frühe bei mir um sein volles Herz auszuschütten
Doctor Snellius war sehr aufgeregt ich hörte es beim ersten Worte denn er
setzte noch eine Terz höher als gewöhnlich ein
»Ich wusste es ja« krähte er »Es war ein Unsinn sich diesen
Heuschreckenschwarm auf den Hals zu laden sie werden mir meinen armen Humanus
an dem so nicht mehr viel grüne Blätter sind vollends auffressen Ist das eine
Gesellschaft Sie haben mir noch nicht den hundertsten Teil von dem Schlimmen
gesagt das selbst ein so lammfrommes Gemüt wie das meine von diesen Menschen
sagen kann und muss und will Menschen Es ist ein Scandal wie man mit dem Worte
umgeht Warum Menschen Weil sie auf zwei Beinen gehen Dann wären die
gräulichen Geschöpfe die Gulliver in dem Lande der edlen Pferde traf auch
Menschen gewesen Aber der englische Skeptiker wusste es besser und nannte sie
Yahoos Und das sind unsere lieben Gäste oder es gibt keine Naturgeschichte
Der Kommerzienrat mit seinem dicken Bäuchlein seinen zwinkernden schlauen
Aeuglein ist einer Ich habe ihm genau auf die kurzen plumpen Finger gesehen
ich glaube der Kerl hat sich die Vorderglieder in seinem Golde abgewühlt Und
der Herr Steuerrat ist auch einer obgleich er sich verzweifelte Mühe gibt
als ein Mensch zu erscheinen Er hat lange Finger sehr lange aber hat je ein
Mensch so lange Finger so langsam übereinandergedreht und einen solchen langen
geschmeidigen Katzenbuckel dazu gemacht und ein solches weißes glattes
lächelndes falsches Diebsgesicht Von der gnädigen geborenen Baronesse
Kippenreiter glaubt ein Jeder aufs Wort dass sie in der Republik jener
bezaubernden Geschöpfe einen hohen Rang eingenommen hat und erst mit dem letzten
Schiffe in Europa angekommen ist Sie kann sich nicht verleugnen sie fletscht
ihre langen gelben Zähne noch allzu ursprünglich yahoohaft Hm hm hm«
»Und Fräulein Duff« fragte ich während sich der Doctor herabstimmte
»Duff« rief er »Wer ist Fräulein Duff«
»Die Gouvernante der kleinen Hermine«
»Der kleinen Schönheit zu der ich gerufen wurde Die heißt Fräulein Duff
Sehr guter Name Könnte auch Duft sein und wäre dann richtiger Blühende Reseda
in Töpfen und vertrocknete zwischen den Flanelljacken in der Kommode vergilbte
Bänder vergilbte Stammbuchblätter und ein schmales goldenes Ringlein das
nicht einmal sprang als der Undankbare Elviren verließ Heißt sie nicht auch
Elvire Sie muss so heißen Amalie sagen Sie Ist entschieden ein Druckfehler
nichts bei ihr erinnert an die Räuber es müssten denn die langen Schmachtlocken
sein die zweifellos gestohlen sind«
»Und weshalb wurden Sie zu der Kleinen gerufen«
»Sie hatte unterwegs zu viel Apfelkuchen gegessen Als ob einer kleinen
Millionärin so etwas schaden könnte Ja wenn es Kommisbrod gewesen wäre So
sagte ich auch dem betrübten Vater Sie hat in ihrem Leben noch keine Krume
Kommisbrod gegessen rief das Ungetüm und patschte sich auf das spitze
Bäuchlein Wer nie sein Brod mit Tränen aß seufzte die Gouvernante und fügte
hinzu Das sei eine ewige Wahrheit Der Henker mag wissen was sie damit gemeint
hat«
Der Doctor ging seine Kranken zu besuchen ich machte mich auf den Weg nach
dem Bureau drückte mich an der Mauer hin und schlich mich durch die Hintertür
in das Haus aus Furcht von irgend einem der Gäste gesehen zu werden Aber es
sah mich Niemand
Dafür sollte ich sie im Laufe des Vormittags der Reihe nach aus der
Verborgenheit meines Fensters her zu sehen bekommen Zuerst den Kommerzienrat
der eine lange Pfeife im Munde seine MorgenPromenade durch den Garten machte
Er schien über wichtige Dinge nachzudenken Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und
starrte minutenlang vor sich hin Ohne Zweifel rechnete er ich bemerkte wie er
mit den plumpen Fingern multiplicirte und dann mit der Spitze der Pfeife das
Facit in die Luft schrieb Einmal schmunzelte er höchst behaglich was mochte er
herausgerechnet haben
Der Zweite war der Steuerrat Er ging eine Stunde später mit seinem Bruder
durch den Garten Der Steuerrat sprach sehr eifrig er legte wiederholt seine
Rechte beteuernd auf die Brust Der Director hatte die Augen gesenkt der
Gegenstand des Gespräches schien ihm peinlich zu sein Als sie in die Nähe
meines Fensters gekommen waren blickte er mit einiger Unruhe hinüber und zog
den Bruder hinter eine Hecke Augenscheinlich wünschte er mich nicht zum
Augenzeugen der brüderlichen Gesticulationen
Ich hatte mich wieder mit dem bitteren Gefühle der Überflüssige der
Lästige zu sein über meine Arbeit gebeugt als plötzlich die Tür welche aus
dem Bureau in den Garten führte geöffnet wurde und der Steuerrat schnell
hereintrat Ich schrak zusammen wie auch der Mutige erschrickt wenn eine
Schlange unversehens über seinen Weg schnellt Der Steuerrat lächelte sehr
gütig und streckte mir seine weiße wohlgepflegte Hand entgegen die er dann
als ich keine Miene machte einzuschlagen mit einer graziösen Schwenkung
zurückzog
»Mein lieber junger Freund« sagte er »dass wir uns so wiedersehen müssen«
Ich antwortete nicht was hätte ich antworten sollen auf eine Phrase in der
jedes Wort und jeder Ton eine Lüge war
»Wie würde ich Sie bedauern« fuhr er fort »hätte Sie das Schicksal nicht
hierher zu meinem Bruder geführt der ohne Zweifel einer der edelsten besten
Menschen ist die existieren und der mir noch eben als wir draußen promenirten
so viel Liebes und Gutes von Ihnen gesagt hat Ich musste Ihnen die Hand bieten
obgleich ich ahnte dass Sie nach dem Vorgange Ihres Vaters sich von dem abwenden
würden den das Schicksal wahrlich schon genug verfolgt hat«
Und der SchicksalVerfolgte warf sich in den Armstuhl und bedeckte seine
Augen mit der langen weißen Hand deren Goldfinger mit einem ungeheuerlichen
Siegelring geschmückt war
»Ich will ihm daraus keinen Vorwurf machen Gott bewahre Ich kenne ihn ja
seit so vielen Jahren Er ist einer von den strengen Menschen deren Abscheu vor
der Übertretung so groß aber auch so blind ist dass in ihren Augen der
Angeschuldigte immer zugleich als der Schuldige erscheint«
Diese letzte Bemerkung war zu richtig als dass ich ihr nicht innerlich und
wahrscheinlich auch mit dem Ausdrucke meiner Miene hätte beistimmen sollen denn
der Steuerrat sagte mit einem melancholischen Lächeln
»Sie wissen ja auch ein trauriges Lied davon zu singen Nun nun ich will
nicht an die Wunde rühren die Sie mehr schmerzt als alle übrigen aber Sie
haben schließlich nur früher erfahren was wir Alle einmal erfahren müssen dass
wir bei denen die uns am allernächsten stehen am wenigsten auf ein Verständnis
unserer Absichten und Ansichten ja selbst unserer Lage rechnen dürfen«
Auch darin lag etwas Wahres und ich konnte mich nicht enthalten etwas
freundlicher auf den Mann zu blicken
»Da habe ich eben noch eine Probe davon gehabt Mein Bruder Ernst ist wie
ich schon sagte einer der besten Menschen und doch welche Mühe kostet es ihn
sich in meine Situation zu versetzen Freilich er der von jeher in so
rangirten Verhältnissen gelebt hat er weiß nicht was es heißt über Nacht die
Hälfte seiner Einnahmen zu verlieren die so schon kärglich genug bemessen waren
er weiß nicht was es heißt mit seinen Gläubigern accordiren zu müssen
seine und der Seinen Existenz auf dem Spiele zu sehen ach und was das
Bitterste ist von dem guten Willen eines harterzigen Geldmenschen abhängig zu
sein«
Hier zerdrückte die beringte weiße Hand eine Träne die sich in dem inneren
Winkel des rechten Auges gebildet zu haben schien und glitt dann resignirt in
den Schoss während ein sanftes Lächeln über die aristokratischen Züge des auf
Wartegeld Gesetzten spielte
Er erhob sich und sagte »Verzeihen Sie mir aber der Unglückliche fühlt
einen unwiderstehlichen Zug zu dem Unglücklichen und Sie sind immer ein Freund
meines Hauses und der beste Kamerad meines Arthur gewesen Sie dürfen dem armen
Jungen nicht bös sein wenn ihn die Freude über sein Porteépée ein wenig
närrisch gemacht hat Sie kennen ihn ja sein Herz weiß das zehntemal erst was
seine Zunge schwatzt und er hat mir schon gestanden dass er sich in dem Wahne
es seiner Fähnrichswürde schuldig zu sein recht albern gegen Sie benommen habe
Sie müssen ihm wirklich verzeihen«
Er lächelte wieder nickte mit dem Kopfe wollte mir die Hand reichen
besann sich dass ich dieselbe vorhin ausgeschlagen lächelte abermals aber sehr
traurig und schritt nach der Gartentür die er leise öffnete und leise hinter
sich zudrückte
Ich blickte ihm mit einem aus Verwunderung und Beschämung seltsam gemischten
Gefühl nach War dieser sanft redende Mann der in meiner Gegenwart über seine
Lage weinen konnte derselbe zu dem der Knabe wie zu einem Halbgott
emporgeblickt Und wenn seine Lage so verzweifelt war und sie mochte es nach
Allem was ich davon wusste sehr wohl sein ich hätte mich freundlicher gegen
ihn benehmen hätte ihm ein Wort des Bedauerns gönnen hätte vor Allem seine
Hand nicht zurückweisen sollen
Meine Stirn wurde heiß es war das erstemal dass ich einen Bittenden schroff
zurückgewiesen Ich fragte mich wieder ob mich die Gefangenschaft doch nicht
schlechter gemacht habe und ich freute mich dass ich über Alles was ich von
dem Verhältnisse des Steuerrats zu seinem verstorbenen Bruder wusste so reinen
Mund gehalten und besonders das Geheimnis jenes Briefes so treu bewahrt hatte
selbst dem Director gegenüber dem ich doch sonst unbedingt vertraute Ahnte der
Steuerrat dass ich hätte sprechen können wenn ich gewollt und war er heute
Morgen gekommen mir für mein Schweigen zu danken
Der Steuerrat erschien mir plötzlich in einem ganz anderen und viel
günstigeren Lichte Man fühlt eine gewisse Zuneigung zu den Leuten die man sich
zu Dank verpflichtete wenn sie die Klugheit haben uns merken zu lassen dass
sie von dem Gefühle ihrer Verpflichtung vollkommen durchdrungen sind
Ich werde auch Arthur zu verstehen geben dass ich ihm seine Albernheit
vergeben habe Der Steuerrat hat Recht er weiß es wirklich das zehntemal erst
wann ihm seine Zunge durchgeht
Indem ich diesen großmütigen Entschluss fasste klopfte es abermals diesmal
an der Tür die nach dem Flur führte und ich hätte beinahe laut gelacht als
sich auf mein »Herein« der Kommerzienrat auf der Schwelle präsentirte aber
nicht mehr in Schlafrock und Pantoffeln die lange Pfeife im Munde wie vorhin
sondern im blauen Frack mit goldenen Knöpfen hohem schwarzen Halstuch aus dem
die spitzigen Vatermörder vier Zoll hoch hervordrohten buntgeblumter Weste die
dem spitzen Bäuchlein das Dasein nicht verkümmerte und dem sauber gebügelten
Jabotemde die Aussicht nicht verwehrte schwarzen Beinkleidern die nicht so
lang waren dass man nicht hätte sehen können wie fest die beiden Plattfüsse in
ihren blank gewichsten Stiefeln standen Genau in demselben Anzuge wanderte der
Mann durch die Erinnerungen meiner frühesten Jugendjahre und vielleicht war es
weil ich damals in meiner kindischen Unschuld über die nach meinem Geschmack
groteske Erscheinung gelacht hatte dass mich jetzt wo es sich allerdings
weniger für mich schickte wiederum die Lust zum Lachen anwandelte
»Wie geht es Ihnen mein lieber junger Freund« sagte der Kommerzienrat im
Tone Jemandes der sich nach dem Befinden eines Todkranken erkundigt
Er hatte sich in denselben Stuhl gesetzt aus welchem der Steuerrat eben
aufgestanden war und blickte mich von unten herauf wehmütig an wobei er den
Kopf tief auf die Seite neigte ungefähr wie eine Gans wenn es aus heiterem
Himmel donnert Das sah so unendlich komisch aus ich musste nun wirklich lachen
und lachend erwiderte ich
»Danke für die gütige Nachfrage Herr Kommerzienrat recht gut wie Sie
sehen«
»Sie sind ein Tausendsassa« rief der Kommerzienrat indem er sofort auf
meine Stimmung einging »Aber das ist recht wir leben nur einmal man muss es
nehmen wies kommt Ich habe das noch vorgestern zu Ihrem Vater gesagt dem ich
auf der Straße begegnete Du lieber Himmel habe ich gesagt was ist es denn so
Großes Wir sind Alle einmal jung gewesen und Jugend hat keine Tugend Warum
sind Sie aus der Ressource ausgetreten habe ich gesagt Er hat ja nicht
Zuchthaus die NationalKocarde ist ihm nicht aberkannt er hat ja bloß
Gefängnis Das kann schließlich Jedem passieren und Sie habe ich gesagt sind
ein solcher Ehrenmann dass es uns Allen eine Ehre wäre mit Ihnen Boston zu
spielen und wenn Sie vier Söhne im Zuchtause hätten«
Des Kommerzienrats Kopf sank wieder auf die Seite ich mochte wohl bei
seinen letzten Worten ein sehr ernstes Gesicht gemacht haben
»Freilich« sagte er »Manche nehmen es leichter Da ist mein Herr Schwager
Ich möchte nicht in seiner Haut stecken trotzdem sein Vater ein ehemaliger
Reichsfreier und der meine ein ganz gewöhnlicher Nadler war Die Untersuchung
hat ihn nur mit einem blauen Auge davokommen lassen Man sollte meinen er hätte
für sein Lebtag genug aber er kann das Intriguiren nicht lassen Mein Gott es
ist eine Schande wie viel mich diese Familie schon gekostet hat Der
Zehrendorfer und seine Wechsel A propos hat er Ihnen nie gesagt dass er mir
ganz Zehrendorf bereits vor Jahren verschrieben hat Besinnen Sie sich doch
einmal er hat es Ihnen gewiss bei dieser oder jener Gelegenheit gesagt Er
gehörte nicht zu denen die ein Blatt vor den Mund nehmen Und nun der
Steuerrat Was habe ich für den Mann nicht schon getan und jetzt diese
Ansprüche Entschädigung Unsereiner will doch auch leben und wenn man auch
keinen Sohn hat der sich natürlich sein Brot nicht verdienen kann so hat man
doch eine Tochter die man nicht verhungern lassen will Solltet machen dass Ihr
frei kommt alter Junge Das Mädel frägt des Tages zehnmal nach Euch Habts ihm
angetan Tausendsassa Ihr«
Und der Kommerzienrat der sich erhoben hatte und jetzt mit Hut und Stock
in der Hand neben mir stand versetzte mir einen sanften Stoß in die Seite
»Das ist sehr gütig von dem Fräulein« erwiderte ich
»Gott wie das noch rot werden kann!« sagte der Kommerzienrat »ist recht
ganz wie bei mir Respekt vor den Damen nur kein lockerer Zeisig so Einer
bringts sein Lebtag zu nichts Aber Fräulein dürft Ihr nicht zu meinem Hermann
sagen das leidet Mamsell Duff nicht die durchaus Fräulein genannt sein will
trotzdem sie beide kleine Finger darum gäbe wenn sie sich weder Mamsell noch
Fräulein mehr nennen zu lassen brauchte«
Und der Kommerzienrat kniff die Augen ein blies die Backen auf und stieß
mich sanft in die Seite
»Ich werde schwerlich Gelegenheit dazu haben« sagte ich
»Puh« sagte der Kommerzienrat »nur nicht tragisch Wir sind ja hier ganz
unter uns Habe schon mit meinem Schwager gesprochen Ihr müsst notwendig heute
Abend mit uns essen Hermann Ihr wisst ich nenne sie Hermann will Euch
durchaus sehen Adieu«
Und der Kommerzienrat küsste die Spitzen seiner plumpen Finger und verließ
das Zimmer indem er mir noch in der Tür einen zwinkernden Blick zuwarf
Was hatten diese Besuche zu bedeuten Was wollten der hoffärtige Herr
Steuerrat und der geldstolze Herr Kommerzienrat bei dem Gefangenen Darüber
würde ich mir wohl vergeblich den Kopf zerbrochen haben wenn nicht der
Director der am Nachmittage in das Bureau kam ein Wort hätte fallen lassen
welches mir das Rätsel löste
»Ich wollte die nächsten drei Tage wären erst vorüber« sagte er »Sie
glauben nicht lieber Georg wie widerwärtig mir diese Verhandlungen sind die
für mich ein materielles Interesse gar nicht haben Man will mich eigentlich
auch nur als Schiedsrichter und schmeichelt mir in der Hoffnung mein Urteil
von vornherein gefangen zu nehmen Und hätte ich doch nur ein Urteil aber wie
ist das möglich bei einer Sache die man nicht übersehen kann und die von den
Parteien noch geflissentlich verdunkelt wird Man rechnet auch auf Sie lieber
Georg da Sie der Einzige sind der meinem unglücklichen Bruder in der letzten
Zeit nahe gestanden hat und möglicherweise über gewisse Punkte die man
aufzuklären wünscht Auskunft geben kann Und nun kommen Sie mit in den Garten
Snellius und Sie Ihr müsst mir notwendig die Gesellschaft unterhalten helfen
Meine arme Frau und ich bringen das wahrlich nicht fertig«
Mit diesen Worten ergriff er lächelnd meinen Arm und ließ sich von mir die
Stufen hinab in den Garten und den Gang hinauf zum Belvedere führen von wo uns
schon weiter der Jubel der Kinder entgegenschallte Es war das erstemal seit
meinem Unglück dass ich in eine eigentliche Gesellschaft treten sollte Ich
hatte in der Gefangenschaft Manches gelernt worauf ich stolz war aber auch
Einiges dessen ich mich schämte zum Beispiel die Beklommenheit welche mich
befiel als die Stimmen der Redenden näher und näher an mein Ohr schlugen und
ich die Gewänder der Damen durch die von den Herbstwinden bereits sehr
gelichteten Hecken schimmern sah
Ich konnte mit dem Empfange zufrieden sein die Knaben stürzten auf mich zu
und Kurt rief ich solle mit ihnen spielen denn Cousin Arthur bleibe bei
Hermine und Paula und das sei langweilig und Hermine sei auch erst zehn oder
elf Jahre und brauche gar nicht so stolz zu tun
»Hermine tut nicht stolz aber Ihr seid zu wild« sagte Paula die Hermine
an der Hand hielt während Arthur etwas weiter zurück stand und mit sichtbarer
Verlegenheit die Erstlinge seines Schnurrbärtchens drehte
Ich hatte die Knaben einen nach dem anderen sieben Fuß hoch gehoben und
meine Verlegenheit damit so gut es gehen wollte verdeckt während meine Augen
unverwandt auf Hermine blickten Aber es war auch nicht wohl möglich etwas
Zierlicheres und Lieblicheres zu sehen als dies kleine holde Geschöpf in
seinem weißen Kleidchen das richtig wieder mit kornblumblauen Bändern
geschmückt war wie damals auf dem Dampfschiffe Und dabei blickten ihre großen
blauen Augen so eifrig zu mir herüber und der rote Mund war halb geöffnet als
hätte sie plötzlich den Prinzen im Märchen in höchsteigener Person gesehen
»Ist er das« hörte ich sie halblaut Paula fragen »und kann er wirklich
Löwen bezwingen«
Ich hörte nicht was Paula auf diese sonderbare Frage antwortete denn ich
musste mich jetzt zu Frau von Zehren wenden die zwischen ihrer Schwägerin und
Fräulein Duff auf der Bank saß Frau von Zehren sah noch blasser als gewöhnlich
aus und ihre armen blinden Augen richteten sich hilfesuchend auf mich während
ein verlegenschmerzliches Lächeln um ihre feinen Lippen irrte
Sie streckte mir sogar die Hand entgegen und richtete sich halb von der Bank
auf besann sich dann aber dass sie wohl sitzen bleiben müsse und lächelte noch
schmerzlicher
Ich wünschte die geborene Baronesse Kippenreiter mit den langen gelben
Zähnen und die Erzieherin mit den langen gelben Locken die mich Beide mit der
Lorgnette vor den Augen anstarrten ins Pfefferland
Der Director war ebenfalls herangetreten und sagte
»Willst Du nicht meinen Arm ein wenig nehmen Elise Es wird Dir zu kühl
die Damen werden Dich gewiss entschuldigen«
»Überlassen Sie es mir die liebe Frau spazieren zu führen« rief die
geborene Kippenreiter indem sie entschlossen aufsprang Der Director zuckte kaum
merklich die Achseln »Sie sind selbst nicht die Stärkste liebe Schwägerin«
sagte er
»Ich bin stark sobald es die Pflicht erfordert« entgegnete die geborene
Kippenreiter indem sie die arme Frau von Zehren mit sich fortzog
»Das ist ein großes Wort« seufzte Fräulein Duff »Wer das auch von sich
sagen könnte« und die blasse Gouvernante schüttelte wehmütig ihre gelben
Locken wendete dann die matten Augen auf mich und lispelte »Richard oh wie
aus der Sage heraus ah dass der Blondel fehlen muss aber verzweifeln Sie nicht
suche treu so findest du das ist auch eine ewige Wahrheit«
»Wie befinden Sie sich Fräulein Duff« fragte ich um doch etwas zu sagen
»Und immer noch diese schöne Fähigkeit teilzunehmen an dem Schicksale der
Anderen bei dem eigenen traurigen Geschick Das ist schön das ist groß«
flüsterte die Erzieherin »ich muss wahrlich ich muss einen Versuch machen mich
in Ihr Herz zu stehlen «
Sie legte drei Fingerspitzen auf meinen Arm und deutete mit ihrem
Sonnenschirm schüchtern nach der Richtung in welcher die ganze Gesellschaft
mittlerweile den Platz unter den Platanen verlassen hatte
»Und wie leben Sie hier« flüsterte sie weiter während wir in den Garten
hinabstiegen »aber was frage ich still und harmlos wie Wilhelm Tell Es ist
ja Alles hier Idylle Sprechen Sie mir nicht von Gefängnis Die Welt ist überall
ein Gefängnis ich weiß es am besten«
»Ich dachte Fräulein Duff die Erziehung eines so lieblichen Geschöpfes «
»Ja sie ist lieblich« erwiderte die blasse Dame mit einem Anfluge von
wirklicher Wärme »lieblich wie ein Maienmorgen aber Sie wissen ja des Lebens
ungetrübte Freude dass dieses Kind einen solchen «
Sie blickte sich scheu um und fuhr mit hohler Stimme fort
»Denken Sie sich er nennt sie Hermann und fragt sie dreimal am Tage warum
sie kein Kna fi donc es lässt sich nicht sagen O es zerreißt mein Herz wenn
so rohe Hände in den zarten Saiten dieser jungfräulichen Seele wühlen Es liebt
die Welt das Strahlende zu schwärzen wer wüsste es nicht nur sollte der eigene
Vater freilich ich bin die Letzte die sich über ihn beklagen sollte Er hat
mir Sie sind ein edler Mensch Karlos an Ihren Busen werf ich mich er
hat mir Hoffnungen erweckt die eine weniger starke Seele als die meine
schwindlig machen könnten Eine Million zu erkämpfen ist groß sie wegwerfen
ist göttlich und Mutter dieses Kindes das denk ich öfters das müsste
himmlisch sein aber was werden Sie sagen dass ich nur immer von mir spreche
was werden Sie Ihrem satyrischen Freunde sagen«
»Meinem satyrischen Freunde«
Fräulein Duff trat einen Schritt zurück beschattete sich die Augen gegen
den Schein der Abendsonne mit der durchsichtigen Hand und sagte mit kokettem
Lächeln
»Karlos Sie spielen falsch Gestehen Sie Sie wollen in dieser
Schlangenwindung mir entgehen Es gibt nur Einen hier auf den die Bezeichnung
passt aber dieser Eine ist ein Riese an Geist Es ist immens es ist sublim
es hat mich wahrlich überwältigt Und einen solchen Giganten nennen Sie Ihren
Freund und Sie beklagen sich dass Sie im Gefängnisse sind O mein Lieber wer
möchte um solche Freunde zu erwerben nicht gern seine Freiheit gegen Ihre
Gefangenschaft umtauschen«
Fräulein Duff drückte ihr Taschentuch gegen die Wimpern und kreischte dann
laut auf als sie sich hinterrücks festgehalten fühlte und sich umwendend
Herminens Wachtelhündchen sah das seine spitzen Zähne in den Saum ihres Kleides
geschlagen hatte und sie mit seinen großen schwarzen Augen böswillig anstarrte
In demselben Momente kam von verschiedenen Seiten die ganze Gesellschaft herbei
so dass die Gouvernante in ihrem Kampfe mit dem kleinen langhaarigen Ungetüm
plötzlich eine große Zuschauerschaft hatte Ich bemühte mich sie zu befreien
und machte die Sache nur noch schlimmer denn Zerline wollte nicht loslassen und
schüttelte und riss aus Leibeskräften die Knaben taten als ob sie mir helfen
wollten und hetzten in der Stille es konnte sich Niemand des Lächelns
enthalten der Kommerzienrat lachte überlaut Fräulein Duff blieb unter diesen
Umständen nichts übrig als in Ohnmacht und Doctor Snellius der von dem Lärm
herbeigelockt eben herantrat in die Arme zu fallen
»Aengstigen Sie sich nicht meine Herrschaften« sagte der Kommerzienrat
»das passiert ihr alle Tage dreimal«
»Barbar« murmelte die Ohnmächtige mit blassen Lippen und richtete sich aus
den Armen des Doctors auf der trotz seiner ihm nachgerühmten Sublimität in
diesem Augenblicke ein sehr hämisches Gesicht machte Fräulein Duff versuchte
durch den TränenNebel hindurch der aus ihren wasserblauen Augen aufgestiegen
war dem Spötter einen vernichtenden Blick zuzuwerfen wies den angebotenen Arm
des Doctors mit den Worten »Ich danke Ihnen ich werde allein ins Haus
kommen« zurück und eilte sich das Tuch vor das Gesicht drückend dem nahen
Hause zu während Zerline mit freudigem Gebell und triumphirendem Wedeln der
langhaarigen Rute an ihrer kleinen Herrin emporsprang
»Ich glaube sie schnappt noch einmal über« sagte der Kommerzienrat
gleichsam als Erläuterung der eben stattgehabten Szene
»Umsomehr sollten Sie sie schonen vorzüglich in Gegenwart Anderer« sagte
der Director
Ich hatte die Gelegenheit benützt mich von der Gesellschaft loszumachen
und irrte eben in den weiter abgelegenen Gängen des Gartens umher als ich Paula
und Hermine in einiger Entfernug daher kommen sah Paula hatte der Kleinen eine
Hand auf die Schulter gelegt die wiederum einen Arm um ihre Taille schlang
Hermine sprach sehr eifrig zu der großen Paula hinauf Paula lächelte freundlich
herab und sagte von Zeit zu Zeit etwas das den Widerspruch der Kleinen
hervorzurufen schien
Das bildschöne Kind mit dem glänzenden braunen Haar und den großen
glänzenden blauen Augen das reizende Gesichtchen vom Feuer ihres lebhaften
Geistes durchhellt und das schlanke Mädchen mit dem sanften Lächeln auf den
feinen Lippen die beiden reizenden Gestalten getroffen von einem Strahle der
roten herbstlichen Abendsonne die eben hinter die Mauer des Gartens tauchte
wie oft wie oft in späteren Jahren habe ich dieses Augenblickes denken müssen
Jetzt sahen sie mich ich hörte wie Paula sagte »Frag ihn doch selbst«
und Hermine antwortete »Das will ich auch«
Sie ließ Paula los kam auf mich zugehüpft blieb vor mir stehen schaute
mit den großen Augen keck zu mir auf und fragte
»Können Sie Löwen bezwingen oder können Sie es nicht«
»Ich glaube nein« entgegnete ich lächelnd »warum«
»Ja oder nein« fragte sie indem sie ein ganz klein wenig mit dem Fuße
stampfte
»Nun denn nein«
»Sie sollen es aber können« entgegnete sie mit einem zornigen Blicke »ich
will es«
»Wenn Sie es wollen will ich mir bei vorkommender Gelegenheit die
möglichste Mühe geben«
»Siehst Du Paula« rief die Kleine indem sie sich triumphierend umwendete
»ich habe es ja gesagt ich habe es ja gesagt« und sie klatschte in die Hände
und sprang wie eine kleine Bacchantin umher in der Wette mit Zerlinen dann
ging es im vollen Laufe über die Beete davon Zerline hinterher mit lautem
Gekläff
»Was will das Kind nur mit seiner sonderbaren Frage« sagte ich zu Paula
»Es scheint dass Fräulein Duff Sie wiederholt mit Richard Löwenherz
verglichen hat« erwiderte Paula lächelnd
»Mit Richard Löwenherz mich«
»Nun ja weil Sie blond und gefangen und so groß und stark sind nun hat
sich Hermine in den Kopf gesetzt Sie müssten Löwen bezwingen können Ob es ihr
damit Ernst ist oder ob sie scherzt Ich glaube sie weiß das manchmal selbst
nicht Aber ich wollte Ihnen noch danken dass Sie heute in den Garten gekommen
sind Es ist recht lieb von Ihnen denn dass Sie sich in der Gesellschaft nicht
behaglich fühlen habe ich wohl gesehen«
»Und Sie selbst«
»Ich darf nicht fragen ob ich mich behaglich fühle Es sind ja unsere
Verwandten«
»Und das entschuldigt freilich Alles«
Ich hatte das im Hinblick auf ihre Freundlichkeit gegen Arthur nicht ohne
Bitterkeit gesagt fühlte mich aber sehr beschämt als sie ihre sanften lieben
Augen zu mir erhob und unschuldig fragte »Wie meinen Sie«
Glücklicherweise wurde mir die Antwort erspart denn Doctor Snellius kam auf
uns zu schon von weitem »Fräulein Paula Fräulein Paula« rufend
»Ich muss ins Haus« sagte Paula »es ist noch Manches zu besorgen und
bitte schauen Sie nicht so bös drein Sie sind in letzter Zeit gar nicht so
freundlich gewesen wie sonst sind Sie mit mir unzufrieden«
Ich hatte nicht den Mut »Ja« zu antworten als ich in das ernste Gesicht
blickte das zu mir aufschaute
»Wem wäre das möglich« sagte ich »Sie sind tausendmal besser als wir
Alle«
»Das ist sie auch« sagte Doctor Snellius der die letzten Worte gehört
hatte »Gott segne sie«
Er sah der Enteilenden nach und ein tief wehmütiger Schatten zog über sein
groteskes Gesicht Dann stülpte er mit beiden Händen zugleich seinen Hut über
den kahlen Schädel bis auf die Ohren und sagte ärgerlich
»Hols der Teufel Sie ist viel zu gut sie ist so gut dass es ihr gar nicht
anders als schlecht gehen kann Die Zeit ist vorüber wo den guten Menschen alle
Dinge zum Besten dienen sollen wenn es eine solche je gegeben hat Schlecht muss
man sein grundschlecht heucheln muss man lügen betrügen seinem Nächsten ein
Bein stellen die ganze Welt als sein Erbgut betrachten das aus Versehen in
fremde Hände gekommen ist und das man sich zurückerobern soll Aber zu dem
Zwecke muss man erzogen sein und wie erzieht man uns als ob das Leben eine
Gessnersche Idylle wäre Bescheidenheit Nächstenliebe Wahrheitsliebe
Versuchs doch Einer damit Ist der Herr Kommerzienrat bescheiden liebt er
seinen Nächsten liebt er die Wahrheit nicht für einen Pfifferling Und der
Mann ist Millionär und seine Nachbarn ziehen die Mütze ellentief vor ihm und
die Fama posaunt ihn aus als einen der edelsten Menschen weil er von Zeit zu
Zeit einen Taler der nicht in die volle Börse geht den Armen zuwirft Aber
werden Sie sagen in seinem Innern da ist die Hölle Ja prosit Mahlzeit Er
hält sich für einen grundguten prächtigen humoristischen Kerl und wenn er
sich des Abends zu einem achtstündigen Schlaf zu Bett legt sagt er Das hast du
wieder einmal ehrlich verdient Gehen Sie mir mit Ihrer hungerleiderischen
hektischen Ehrlichkeit«
»Ich habe noch kein Wort dafür gesagt Doctor«
»Aber Sie haben während ich declamirt habe gelächelt als wollten Sie
sagen so seien Sie doch unehrlich Sehen Sie das ist ja eben die Bosheit die
ich habe Man ist in Folge dieser elenden Erziehung so verehrlicht dass man kein
Lump sein kann so gern man es sein möchte dass man ehrlich sein und bleiben
muss trotz der besseren Einsicht Und wenn wir nicht darüber wegkommen können
wie sollen es die Weiber«
Der Doctor blickte starr in die Richtung in welcher Paula in den Büschen
verschwunden war und nahm dann seine große runde Brille ab deren Gläser
irgendwie trüb geworden waren
»Sie sollten nicht auf die Weiber schelten Doctor« sagte ich »Fräulein
Duff «
»Hat mir in aller Form einen Antrag gemacht« sagte Doctor Snellius indem
er rasch seine Brille wieder aufsetzte »und dort kommt Jemand der Ihnen einen
machen will Hüten Sie sich vor diesem uniformirten Danaer«
Der Doctor drückte den Hut in die Stirn und eilte davon ohne den
allerfreundlichsten Gruß zu erwidern mit welchem Arthur aus einem Nebengange
auf uns zutrat
»Es ist mir lieb dass er uns allein lässt« sagte Arthur an meine Seite
kommend und ganz wie in alter Zeit meinen Arm nehmend »ich habe mit Dir zu
sprechen oder vielmehr ich habe Dir etwas abzubitten mein Vater hat es
allerdings schon für mich getan aber es kann nicht schaden wenn ich es auch
noch tue Du weißt was ich meine«
»Ja« sagte ich
»Ich habe mich albern benommen weiß es Gott« fuhr der Fähnrich fort »aber
Du darfst mir es wirklich nicht so übel nehmen Ich dachte ich sei das dem Ding
da schuldig und er gab seinem Degen mit dem linken Bein einen Stoß«
»Arthur« sagte ich stehen bleibend und meinen Arm freimachend »ich bin
nicht ganz so klug wie Du aber für ganz dumm musst Du mich auch nicht halten Du
hast Dich von mir losgesagt lange ehe Du die Spadille da an der Seite hattest
Du hattest es getan weil Du mich nicht mehr brauchen konntest weil es Dir
zweckmäßige schien im Chor mit den Anderen mich schlecht zu machen weil «
»Nun ja« unterbrach mich Arthur »ich leugne es ja gar nicht Ich war in
einer so verdammt abhängigen Lage dass ich wohl mit den Wölfen heulen musste
Hätte ich meine wirkliche Meinung gesagt Lederer hätte mich Ostern sicherlich
durch das AbiturientenExamen rasseln lassen und der Onkel hätte nun und nimmer
meine FähnrichsAusstattung bezahlt«
»Und jetzt« sagte ich »bläst der Wind vermutlich von einer anderen Seite
und wir müssen in Folge dessen andere Segel aufziehen«
»Ach was« rief Arthur lachend »Du musst mit mir nicht so streng ins
Gericht gehen Ich rede Manches was ich nicht verantworten kann Das weißt Du
von altersher und bist mir doch gut gewesen ich habe mich nicht verändert
weshalb wolltest Du mir auf einmal bös sein Du kannst es glauben ich bin der
Alte trotz der neuen Schabracke die ich nebenbei gesagt wohl nicht allzulange
mehr tragen werde Es hat schon heillose Mühe gekostet dass man mich überhaupt
in dem Regimente aufnahm der Oberst hat mir selbst gesagt er habe es nur dem
Onkel hier zu Gefallen getan der sein Kamerad vom Freiheitskriege her sei und
dass er nur um dessen willen die Gerüchte die über meinen Vater circulirten
nicht berücksichtigen wolle wie es eigentlich seine Schuldigkeit sei Aber
damit bin ich noch nicht über alle Berge Des Papas Angelegenheiten stehen so
schauderhaft schlecht seine Gläubiger wollen nicht warten wenn jetzt nicht
eine günstige Wendung eintritt ist er ruinirt und ich natürlich mit ihm mein
Name würde sofort von der OffiziersAspirantenListe gestrichen«
»Worin soll die günstige Wendung bestehen« fragte ich
»Ja mein Gott ich weiß es auch nicht so recht« erwiderte Arthur indem
er mit der Scheide seines Degens ein paar Sträucher klopfte »Der Onkel
Kommerzienrat soll dem Papa seinen Erbschaftsanteil vom Großpapa her
auszahlen den er ja nie bekommen hat und nun wieder was aus der
Hinterlassenschaft vom Onkel Malte auf uns kommt Aber der alte Judas will
nichts herausrücken er sagt mein Papa wäre schon fünf und zehnmal bezahlt
Na wie gesagt ich kann nicht daraus klug werden ich weiß nur dass ich noch
keinen Groschen baares Geld Zuschuss vom Onkel bekommen habe und dass ich meinen
Kerl von Burschen beneide der sich doch wenigstens satt essen kann«
Ich blickte meinen alten Freund von der Seite herab an er kam mir wirklich
auffallend blass und mager vor Mein Appetit hatte längst seine frühere Stärke
wieder erreicht und sich nicht satt essen zu können erschien mir als ein sehr
ernstliches Übel
»Armer Kerl« sagte ich und nahm jetzt den Arm den ich vorhin hatte fahren
lassen
»Das ist noch das Wenigste« fuhr Arthur in kläglichem Tone fort »Ihr Vater
ist ein Schuldenmacher hat der Oberst gesagt so wie ich merke dass Sie in
seine Fusstapfen treten sind wir geschiedene Leute Aber ich frage Dich wie
soll man bei den paar Groschen täglich keine Schulden machen Ich muss morgen
einen kleinen Wechsel bezahlen den mir ein verdammter Hebräer abgeschwindelt
hat ich habe es dem Papa ich habe es der Mama gesagt sie sagen Beide sie
hätten nicht das Geld für die Rückreise geschweige denn Geld für mich ich
solle und müsse sehen wie ich fertig würde Nun ja ich werde wohl fertig
werden aber in anderer Weise als sie meinen«
Und der Fähnrich pfiff durch die Zähne und blickte düster vor sich nieder
»Wie viel brauchst Du Arthur« fragte ich
»Eine Lumperei fünfundzwanzig Taler«
»Ich will sie Dir geben«
»Du«
»Ich habe in der Gefängnisskasse ungefähr so viel stehen und für das was
etwa fehlt habe ich bei dem Kassirer Kredit«
»Das wolltest Du wirklich Du lieber guter alter Georg« rief Arthur
indem er meine beiden Hände nahm und einmal über das anderemal drückte
»Aber mache doch nicht so viel Wesens daraus« sagte ich indem ich mit sehr
gemischten Empfindungen die ungestüme Dankbarkeit des Fähnrichs von mir
abzulehnen suchte
Zweiunddreissigstes Kapitel
Die beiden Brüder von Zehren saßen am nächsten Vormittage seit einer Stunde mit
dem Schwager Kommerzienrat in der Konferenz welche der Zweck dieser
FamilienZusammenkunft war Es musste dabei sehr lebhaft zugehen Das
KonferenzZimmer lag gerade über meinem Bureau und obgleich das Haus gut massiv
gebaut war hatte ich doch schon ein paar Mal des Kommerzienrats helle Stimme
gehört Ich empfand eine gewisse Unruhe als ob es sich da über mir um mein
specielles Wohl und Wehe handle War ich doch durch die sonderbarste Verknüpfung
der Umstände seit Jahr und Tag in den Kreis dieser Familie wie gebannt Hatte
ich doch an den wichtigsten Ereignissen tätigsten Anteil genommen als Freund
als Vertrauter war mein eigenes Schicksal doch durch diese Ereignisse durch
mein Verhältnis zu dem einen und dem anderen Mitgliede der Familie ganz
wesentlich bestimmt worden Wenn Arthur an jenem Morgen nicht hätte an dem
Austernschmause auf dem »Pinguin« teilnehmen wollen wenn ich am Abend nach der
Szene mit meinem Vater nicht den Wilden beim Schmied Pinnow getroffen hätte
wenn
»Wir möchten einmal zu den Herren oben kommen« sagte der Wachtmeister
Süssmilch indem er den grauen Lockenkopf zur Tür hineinsteckte
»Also doch« sagte ich indem ich nicht ohne Herzklopfen die Feder aus der
Hand legte
»Also was« fragte der Wachtmeister indem er ganz herein kam und die Tür
hinter sich ins Schloss drückte
»Ich hatte gedacht man werde mich nicht brauchen« sagte ich indem ich mit
einem Seufzer von meinem Drehsessel herunterstieg
»Wozu« fragte der Veteran seinen Schnurrbart streichend und mich halb
zornig anblickend
»Das ist eine lange Geschichte« erwiderte ich ausweichend während ich vor
der großen Tintenflasche auf dem Schreibtische die mein Bild etwas stark
verzerrt zurückwarf mein Halstuch in Ordnung brachte
»Die man einem alten Bären mit sieben Sinnen nicht zu erzählen braucht
wasmassen er doch nichts davon verstehen würde« antwortete der Wachtmeister
etwas empfindlich
»Ich erzähle es Ihnen später wohl einmal« sagte ich
In diesem Augenblicke wurden oben zwei Stimmen gleichzeitig so laut und zwei
Stühle wurden gleichzeitig so heftig fortgerückt dass der Wachtmeister und ich
uns mit einem vielsagenden Blicke ansahen Der Wachtmeister trat auf mich zu und
sagte in hohlem Tone vertraulich
»Schmeissen Sie die beiden Kerls die Treppe hinunter und ich will sie wenn
sie hier unten ankommen vollends zur Tür und zum Hause hinauswerfen«
»Wir wollen sehen« sagte ich indem ich lächelnd dem alten Cerberus der
die letzten Worte aus tiefster Brust heraufgegrollt hatte die Hand drückte
Als ich oben die Tür öffnete bot sich meinen Blicken ein Schauspiel
eigener Art Von den drei Herren saß nur noch der Director an dem runden mit
Papieren aller Art bedeckten Tisch Der Kommerzienrat stand eine Hand auf die
Lehne des Stuhles gelegt und mit der andern heftig gegen den Steuerrat
gesticulirend der wie Jemand welcher gern zum Worte kommen möchte und den der
Widersacher nicht zum Worte kommen lässt im Zimmer umherlief stehen blieb die
Hand erhob zu sprechen versuchte mit den Achseln zuckte und wieder umherlief
Auf mein Eintreten schien Niemand zu achten als der Director welcher mich zu
sich winkte und dann den Kommerzienrat auf mein Erscheinen mit Wort und Gebärde
aufmerksam machte Der aber ließ sich in seinem Redeflusse nicht stören
»Und darum« rief er »soll ich achtzehn Jahre lang meine Kapitalien haben
ausstehen lassen ohne einen Groschen Zinsen zu sehen damit mir hernach solche
Chicanen gemacht werden Sie sind ein Ehrenmann Herr Director ein Ehrenmann
sage ich und Sie haben sich in der ganzen Angelegenheit von Anfang an bis jetzt
so nobel als möglich benommen aber der Herr da« und er deutete mit seinem
plumpen Zeigefinger so eifrig auf den Steuerrat als ob die geringste
Möglichkeit einer Verwechselung vorhanden gewesen wäre »dieser Ihr Herr
Bruder und mein Herr Schwager scheint eine ganz eigene Ansicht von
Geschäftsangelegenheiten zu haben O ja das glaube ich das würde auch mir
passen sich ein und dieselbe Ware zwei oder dreimal bezahlen zu lassen nur
dass wir gewisse Paragraphen im Landrecht haben «
»Herr Schwager« fuhr der Steuerrat auf indem er ein paar Schritte gegen
den Kommerzienrat machte und drohend die Hand erhob
Dieser sprang mit großer Behendigkeit hinter seinen Stuhl und schrie
»Glauben Sie Sie können mir bange machen Ich stehe unter dem Schutze des
Gesetzes «
»Schreien Sie nicht so Herr Kommerzienrat« sagte ich meine Hand auf die
rechte Schulter des Aufgeregten legend und ihn in seinen Stuhl herunterdrückend
Ich hatte gesehen dass des Directors bleiche Wangen mit jedem Worte des
Wütenden sich röter und röter gefärbt hatten und der Leidenszug um seine
Augen stärker und stärker hervorgetreten war
Der Kommerzienrat rieb sich die Schulter blickte mich höchlichst
verwundert an und schwieg wie ein schreiendes Kind wenn ihm etwas ganz
Aussergewöhnliches passiert plötzlich stille wird
Der Director lächelte und sagte die eingetretene Pause benutzend
»Ich habe unseren jungen Freund hier bitten lassen heraufzukommen weil ich
in der Tat nicht wüsste wie die Frage um die es sich augenblicklich handelt
schneller und besser entschieden werden könnte denn Niemand vermag uns über die
gewünschten Punkte so sichere Auskunft zu geben als er Wir wünschen nämlich zu
wissen Georg welcher Art die Einrichtung in dem Herrenhause auf Zehrendorf
gewesen ist das Ameublement das Silberzeug und so weiter sodann möchten wir
eine Schilderung des Zustandes der Wirtschaftsgebäude und eine möglichst genaue
Angabe des Inventariums des lebenden und toten wenn Sie uns darüber Auskunft
geben können Glauben Sie es zu können«
»Ich will es versuchen« sagte ich und berichtete was ich wusste
Während ich sprach waren die kleinen grauen Aeuglein des Kommerzienrats
unverwandt auf mich gerichtet und ich bemerkte dass sich sein verkniffenes
Gesicht je weiter ich in meiner Schilderung kam mehr und mehr aufhellte
während das des Steuerrats in demselben Masse länger und verlegener wurde
»Sehen Sie Herr Schwager dass ich Recht gehabt habe« schrie der
Kommerzienrat »dass «
»Sie wollten mir die Leitung der Verhandlungen überlassen« sagte der
Director und dann sich zu dem Steuerrat wendend »Es scheint Arthur dass die
Angaben Georgs mit dem Inventar das der Herr Kommerzienrat drei Jahre vorher
aufgenommen hat bis auf ganz geringe Abweichungen die der Unterschied der
Jahre vollkommen erklärt übereinstimmen «
»Und also« schrie der Kommerzienrat »die Summe welche ich Ihrem
verstorbenen Bruder darauf geliehen habe schwerlich zu gering gewesen Wie der
Herr Schwager uns also den Nachweis schuldig geblieben ist dass jene Summe die
ihm im Jahre 1818 von dem Verstorbenen durch meine Hände ausgezahlt wurde nicht
das Abfindungsgeld gewesen sei so wird er sich auch wohl darein finden müssen
dass ich schon bei Lebzeiten des Herrn Bruders der rechtliche Besitzer von
Zehrendorf gewesen bin und seine Erbansprüche also illusorisch sind vollkommen
illusorisch «
Und der Kommerzienrat lehnte sich in seinen Stuhl zurück kniff die Augen
ein und rieb sich vergnügt die Hände
»Ich dächte« begann der Steuerrat ärgerlich »diese Dinge wären nicht eben
geeignet in Gegenwart eines Dritten «
Ich erhob mich mit einem Blick nach dem Director
»Bitte um Entschuldigung lieber Arthur« sagte der Director »Du hast Deine
Zustimmung gegeben ja schließlich selbst gewünscht dass wir unseren jungen
Freund hier zu unseren Verhandlungen hinzuzögen es war vorauszusehen dass in
seiner Gegenwart Manches «
»Zur Sprache kommen würde was dem Herrn Steuerrat nicht besonders angenehm
ist« sagte der Kommerzienrat mit einem boshaften Lächeln in seinen Papieren
blätternd
»Ich muss Sie bitten Herr Schwager« sagte der Director
»Und ich muss noch außerdem bitten« rief der Steuerrat »dass diese
Verhandlungen in einem geziemenderen Tone geführt werden Wenn ich mein Wort als
Edelmann gebe dass mein verstorbener Bruder mich in der allerletzten Zeit mehr
als einmal versichert hat er habe nur einen kleinen ja den kleinsten Teil des
Zehrendorfer Forstes «
»So« schrie der Kommerzienrat »schaust du da heraus Erst war es das
Haus dann war es das Inventar jetzt ist es der Forst hier ist die
Verschreibung«
»Bitte« sagte der Steuerrat das Papier welches ihm der Kommerzienrat
über den Tisch entgegenstreckte mit dem Rücken der Hand zurückschiebend »ich
habe davon bereits Notiz genommen Diese Verschreibung ist mindestens nicht
unanfechtbar«
»Es ist die Handschrift unseres Bruders« sagte der Director in
vorwurfsvollem Tone
»Aber in so allgemeinen Ausdrücken abgefasst« entgegnete der Steuerrat
achselzuckend
»Sollte ich mir vielleicht jeden Baum einzeln verschreiben lassen« rief der
Kommerzienrat »es ist unerhört wie man mich hier behandelt Ich spreche nicht
von Ihnen Herr Director Sie sind ein Ehrenmann durch und durch aber wenn man
mir jeden Augenblick sagt dass ich Achtung haben soll vor eines Edelmannes Wort
und dann eine solche eigenhändige Verschreibung nichts mehr gelten soll die
auch eines Edelmannes Wort ist und noch dazu ein schriftliches «
Der Kommerzienrat war zur Abwechslung in einen ganz kläglichen Ton
gefallen
»Vielleicht kann auch darüber unser junger Freund wünschenswerte Auskunft
geben« sagte der Director »Erinnern Sie sich Georg aus dem Munde unseres
verstorbenen Bruders einer auf den fraglichen Punkt bezüglichen Äußerung«
Der Steuerrat warf einen raschen ängstlichen Blick auf mich der
Kommerzienrat sah bald mich bald den Steuerrat lauernd an ob er ein Zeichen
geheimen Einverständnisses auffangen könne der Director hatte seine großen
klaren Augen fragend auf mich gerichtet
»Allerdings« erwiderte ich
»Nun« rief der Kommerzienrat
Ich teilte den Herren die Äußerungen mit welche der Wilde als er mich an
dem Morgen des letzten Tages vor seinem Tode auf meinem Zimmer besuchte getan
hatte dass von dem ganzen majestätischen Forst ihm nichts mehr gehöre nicht so
viel sich einen Sarg daraus zimmern zu lassen
Meine Stimme zitterte als ich diese Mitteilungen machte Jener Morgen als
der schöne Park in prächtigem Sonnenscheine heraufgrüsste zum letzten Male das
Bild des seltsamen Mannes der sich gänzlich verloren wusste und diesem
Bewusstsein in so leidenschaftlicher Weise Ausdruck gab seine Haltung seine
Worte der Ton seiner Stimme das Alles überkam mich mit unwiderstehlicher
Gewalt ich musste mich abwenden die Tränen nicht sehen zu lassen die aus
meinen Augen drangen
»Die Sache würde für mich entschieden sein wenn sie es nicht bereits
gewesen wäre« sagte der Director indem er sich erhob und auf mich zutrat
»Für mich ebenfalls« rief der Kommerzienrat mit einem triumphirenden
Blicke nach dem Steuerrat
»Für mich nicht« sagte der Steuerrat »wie geneigt ich bin in die
Wahrhaftigkeit oder genauer gesprochen in das gute Gedächtnis unseres jungen
Freundes hier das vollste Vertrauen zu setzen seine Reminiscenzen weichen von
dem was ich aus dem Munde meines Bruders weiß zu weit ab als dass ich meine
früheren Behauptungen zurücknehmen wollte oder könnte Es tut mir leid dass ich
so hartnäckig sein muss aber ich muss es eben Ich bin es mir ich bin es den
Meinen schuldig Die letzten achtzehn Jahre meine Lebens sind eine Kette von
Opfern die ich unserem ältesten Bruder gebracht habe Noch wenige Tage vor
seinem tragischen Ende hat er in den flehentlichsten Ausdrücken meine Hilfe für
eine bedeutende Summe in Anspruch genommen ich bin in der ganzen Stadt
umhergelaufen sie ihm zu schaffen ich war auch bei Ihnen Herr Schwager wie
Sie sich erinnern werden Sie wiesen mich mit nebenbei nicht sehr feinen
Worten ab ich schrieb meinem unglücklichen Bruder ich würde ihm helfen aber
er müsse warten ich beschwor ihn von verzweifelten Entschlüssen abzustehen Er
hat nicht gehört Wäre dieser Brief nicht verloren gegangen «
»Sie bedürfen meiner wohl nicht mehr Herr Director« sagte ich verließ
ohne Antwort abzuwarten das Zimmer und langte in meinem Bureau in einer
Aufregung an über die ich jetzt nach so vielen Jahren schmerzlich lächle
Was war mir denn Großes begegnet Es hatte Jemand während es sich um wichtige
Dinge handelte frech gelogen Ich habe mich später überzeugt dass die Sache
nicht so selten ist dass die Lüge in geschäftlichen Dingen gewissermaßen einen
Freibrief hat aber ich war damals noch sehr jung sehr unerfahren und ich darf
wohl sagen unschuldig oder meine Empfindung in diesem Augenblicke hätte nicht
eine so gewaltsame sein können Ich stand da vor einem Abscheulichen
Unfassbaren Ja ich konnte es nicht fassen mir war als ob die Welt im Begriffe
sei aus ihren Angeln zu fallen Schon einmal war mir etwas Ähnliches begegnet
als ich Konstanzens Flucht erfuhr und dass sie mich belogen und betrogen aber
da war in meinen Augen doch noch eine Art von Entschuldigung gewesen die
Leidenschaft der Liebe die ich begreifen konnte Dies hier begriff ich nicht
ich begriff nicht dass man um ein elender paar hundert oder tausend Taler
willen einen Toten verleumden die Mitlebenden hintergehen sich selbst in den
Schmutz werfen könne Aber eines ist mir in jenem Augenblicke klar geworden und
ich habe mein Lebenlang an der Überzeugung festgehalten dass die Wahrheit viel
mehr ist als eine Form neben der auch noch eine andere Platz hätte dass sie im
Gegenteile die Basis und die Bedingung des Menschendaseins ist wie der Natur;
dass jede Lüge diese Basis erschüttert und aufhebt so weit die Wirkung der Lüge
reicht Später freilich habe ich eingesehen dass diese Wirkung eben nicht weit
reicht dass wie das Wasser in die Horizontale strebt so die moralische Welt
fortwährend danach ringt die Wahrheit aufrecht zu erhalten und die verderbliche
Wirkung der Lüge auszugleichen
Aber an jenem Morgen kam dieser tröstliche Gedanke nicht den Sturm der in
meiner Brust entfesselt war mit mildem Öl zu sänftigen Lügner abscheulicher
ekelhafter Lügner murmelte ich wieder und immer wieder du wärest wert dass
ich dich an den Pranger stellte dass ich hinginge und sagte was in dem letzten
Briefe den du an deinen Bruder schriebst gestanden und was aus dem Briefe
geworden ist
Ich glaube hätte dieser Zustand noch länger gedauert ich würde dem
Verlangen die Wahrheit an ihrem Verräter zu rächen nicht haben widerstehen
können wie sehr es auch gegen meine Natur war das Henkeramt auszuüben Da aber
hörte ich die Herren die Treppe herabsteigen im nächsten Moment trat der
Director in das Bureau So gerötet vorhin seine Wangen gewesen waren so bleich
waren dieselben jetzt seine Augen waren halb gebrochen wie Jemandes der eben
eine sehr schmerzliche Operation durchgemacht hat er wankte nur eben nach einem
Stuhle in den er sich fallen ließ während ich herbeieilte ihn zu stützen
Nach einer Minute drückte er mir die Hand richtete sich auf und sagte
lächelnd »Ich danke Ihnen es ist wieder gut verzeihen Sie diese Schwäche
aber es hat mich mehr mitgenommen als ich dachte So ein Streit um Mein und
Dein ist doch das Widerwärtigste von der Welt auch wenn man nur aus der Ferne
zusieht geschweige denn wenn Einem der aufgewühlte Staub so gerade ins
Gesicht geworfen wird Nun die Sache ist zu Ende ich hatte schon vorher einen
Vergleich aufgesetzt man hat sich bequemt denselben zu unterschreiben Mein
Bruder hat gegen eine allerdings sehr mäßige Entschädigung seine Ansprüche
aufgegeben die durch Ihre Aussagen den letzten Rest von Kredit bei mir verloren
hatten Er sagt dass er ein Bettler sei ach und er ist keiner von den wahren
die mit den Königen rangiren«
Der bleiche Mann lächelte bitter und fuhr dann leise wie mit sich selbst
redend fort
»So ist der letzte Rest des Erbes unserer Väter aus unseren Händen genommen
Die alte Zeit ist vorüber sie hat lange genug gedauert zu lange Um den Wald
tut es mir leid man sieht die Bäume nicht gern fallen durch deren Kronen der
erste Morgensonnenstrahl unsere Kinderaugen grüßte unter deren Laubdach wir
unsere Jugendspiele spielten Und jetzt werden sie fallen für ihn den neuen
Herrn sind sie nur Holz das er zu Geld machen muss Zu Geld Freilich es
regiert ja die Welt er weiß es er weiß dass die Reihe an ihn und seines
Gleichen gekommen ist dass sie jetzt die Ritter vom Hammer sind Es ist das alte
Spiel in etwas anderer Form Wie lange werden sie es spielen Ich hoffe nicht
allzu lange Dann «
Er hob die Augen zu mir auf mit einem langen liebevollen Blick »dann
kommen wir daran wir die wir begriffen haben dass es eine Gerechtigkeit gibt
dass diese Gerechtigkeit sich nicht spotten lässt und dass wir diese Gerechtigkeit
welche die Gegenseitigkeit ist wollen müssen aus ganzer Seele und mit ganzem
Herzen Nicht wahr Georg«
Dreiunddreissigstes Kapitel
Doctor Willibrod und ich hatten gehofft dass die lästige Einquartierung welche
des Directors Haus seit mehreren Tagen beherbergte nachdem der Zweck erreicht
war abziehen werde aber unsere Hoffnung sollte nur zum Teil in Erfüllung
gehen
»Ich wünsche nicht in Gesellschaft eines Mannes zu reisen der mich zu einem
Bettler gemacht hat« sagte der Steuerrat
»Papperlapapp« sagte der Kommerzienrat der am Nachmittage schon im
ReiseAnzuge in mein Bureau gekommen war eigens um von mir Abschied zu nehmen
»er ist sein Lebenlang ein Bettler gewesen und wollen Sie es glauben Vor fünf
Minuten hat er mich schon wieder angebettelt er habe das Geld zur Rückreise
nicht ich solle ihm hundert Taler vorschiessen Ich habe sie ihm gegeben ich
werde sie nie wieder zu sehen bekommen A propos Sie grossgeschrieben man
kann Sie nicht anders als groß schreiben Sie muss ich aber wieder zu sehen
bekommen Wahrhaftig Sie gefallen mir mit jedem Male besser Sie sind ein
Kapitalmensch«
»Sie würden wenig Kapital aus mir machen Herr Kommerzienrat«
»Kapital machen Sehr gut« sagte der sanguinische alte Herr und stieß mich
in die Seite »wollen sehen wollen sehen Ihr erster Gang wenn Sie wieder frei
sind muss zu mir sein Werde schon für Sie Rat schaffen habe alles Mögliche«
hier drückte der Kommerzienrat die Augen ein »mit meinem Gute vor
Branntweinbrennerei Ziegelbrennerei Torfgräberei Holzschneidemühle will Sie
schon unterbringen Wie lange haben Sie noch zu sitzen«
»Noch sechs Jahre«
Der Kommerzienrat blies die Backen auf »Puh das ist verzweifelt lange
Kann ich denn nichts für Sie tun Gelte etwas da oben ImmediatEingabe he«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden verspreche mir aber keinen Erfolg von Ihren
Bemühungen«
»Schade schade hätte Ihnen gern meine Erkenntlichkeit bewiesen Sie haben
mir heute wirklich einen großen Dienst geleistet Der Mensch hätte mir noch viel
Chicanen machen können Wie wärs denn mit einer kleinen Subvention Sprechen
Sie sich frei aus Ich bin ein Geschäftsmann auf so ein hundert Tälerchen
kommt es mir nicht an«
»Wenn wir als gute Freunde scheiden wollen kein Wort mehr davon« sagte ich
ernst
Der Kommerzienrat schob das dicke Portefeuille das er bereits halb aus der
Tasche genommen hatte schnell zurück und knöpfte zur größeren Sicherheit einen
der goldenen Knöpfe seines blauen Frackes darüber
»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich So kommen Sie wenigstens und sagen
Sie meiner Hermine Adieu Ich glaube das Mädel würde nicht abfahren wenn Sie
nicht an den Wagen kämen Oder wollen Sie das auch nicht«
»Gewiss will ich es« sagte ich und folgte dem Kommerzienrat auf den Platz
vor dem Hause wo bereits die ganze Familie um den großen neuen Reisewagen des
Millionärs versammelt war
Während er in seiner prahlerischen Weise die Bequemlichkeit des Wagens und
die Schönheit der beiden schwerfälligen braunen Pferde pries die sich mit den
langen Schweifen lässig die Weichen wedelten und zwischendurch von den
Anwesenden mit plumpen Bücklingen und plumpen Phrasen sich verabschiedete
flatterte Hermine von Einem zum Andern lachend neckend tollend um die Wette
mit ihrer Zerline die fortwährend in der Luft schwebte und dabei auf das
abscheulichste kläffte So kam sie ein paarmal an mir vorüber ohne die
geringste Notiz von mir zu nehmen Plötzlich berührte Jemand von hinten meinen
Arm Es war Fräulein Duff Sie winkte mich mit den Augen ein wenig beiseite und
sagte als ich ihrem Wunsche nachgekommen war geheimnisvoll und hastig »Sie
liebt Sie«
Fräulein Duff sah so bewegt aus ihre sonst so künstlich arrangirten Locken
flatterten heute so zerstreut um ihr schmales Gesicht ihre wasserblauen Augen
rollten so sonderbar in den großen Höhlen ich glaubte einen Moment wirklich
die gute Dame habe ihr bisschen Verstand vollends verloren
»Blicken Sie mich nicht so verzweifelnd an Richard« sagte sie »aus den
Wolken muss es fallen aus der Götter Schoss das Glück Das ist eine ewige
Wahrheit die hier wieder einmal zutrifft Sie hat es mir heute Morgen
gestanden mit so leidenschaftlichen Tränen es hat mein Herz zerrissen ich
habe mit ihr geweint ich durfte es denn ich habe mit ihr gefühlt Auch ich bin
in Arkadien geboren doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur«
Fräulein Duff wischte sich die wasserblauen Augen aus denen feuchte Nebel
aufstiegen und warf dann einen schmachtenden Blick auf Doctor Snellius der
eben mit sauersüsser Miene die Danksagungen des Kommerzienrates entgegennahm
»Ein Jüngling wie ein Mann« flüsterte sie »Die Schale mag wohl bitter
sein der Kern ists sicher nicht O Gott was habe ich gesagt Sie sind im
Besitze der Geheimnisse eines jungfräulichen Herzens Sie werden es nicht
profaniren Und jetzt lassen Sie uns scheiden Richard Unser letztes Wort
Suche treu so findest Du Ich komme ich komme«
Sie wandte sich ab und eilte der Gesellschaft mit dem Sonnenschirm einen
Abschiedsgruss winkend zum Wagen in welchem der Kommerzienrat es sich bereits
bequem gemacht hatte während Hermine ihren Wachtelhund über den Wagenschlag
hinaushielt und bellen ließ Ich war durch Fräulein Duffs wunderliche Reden
stutzig gemacht in der Entfernung stehen geblieben die kleine Übermütige
hatte keinen Blick für den welchen sie nach Fräulein Duffs Aussage lieben
sollte Sie lachte und tollte und scherzte aber in dem Moment als die Pferde
anzogen zuckte es schmerzlich über das reizende Gesichtchen und sie warf sich
mit unglaublicher Leidenschaft ihrer Gouvernante in die Arme die Tränen zu
verbergen die stromweise aus ihren Augen brachen
»Die wären wir los« sagte Doctor Snellius »hoffentlich können wir die
Anderen morgen nachschicken«
Aber die Hoffnung des Doctors erfüllte sich am folgenden Tage nicht und
ebensowenig am dritten und es gingen vierzehn Tage ins Land und der Herr
Steuerrat und die geborene Baroness Kippenreiter waren noch immer Gäste im Hause
des Directors
»Ich vergifte sie wenn sie nun nicht bald gehen« krähte der Doctor
»Man könnte auf der Stelle zu einem Bär mit sieben Sinnen werden« knurrte
der Wachtmeister
Es war in der Tat eine wahre Kalamität die über das Haus des trefflichen
Mannes gekommen war und die wir drei Verbündeten jeder in unserer Weise
beklagten Niemand lauter und leidenschaftlicher als der Doctor
»Sie sollen sehen« sagte er »die wollen ihre Winterquartiere hier
aufschlagen Das Haus ist nicht groß aber der Igel weiß es sich beim Hamster
bequem zu machen die Verpflegung ist gut an der liebevollen Behandlung
obgleich auf die weniger gesehen wird fehlt es auch nicht Wo Humanus nur die
Geduld hernimmt Er muss über ein Potosi zu verfügen haben Denn er leidet
leidet sehr ernstlich unter der heuchlerischen hündischen Demut dieses
brüderlichen Schmarotzers gerade so wie seine engelhafte Frau unter den spitzen
Klauen und gelben Zähnen der geborgen Kippenreiter Heiliger Gott dass wir
dieselbe Luft mit solchen Geschöpfen atmen dass wir mit ihnen aus einer
Schüssel essen müssen Was haben wir verbrochen«
»Dasselbe würden die geborenen Kippenreiter auch von uns sagen«
»Sie wollen mich ärgern aber Sie haben Recht Doppelt Recht denn die
geborenen Kippenreiter sagen es nicht nur sondern handeln auch danach und
verbieten uns die Luft die sie atmen und die Schüssel aus der sie essen
wenn sie es irgend können ohne nur im mindesten sich darum zu kümmern ob wir
dabei ersticken und verhungern sehr wahrscheinlich sogar mit dem Wunsche dass
diese Eventualitäten eintreten möchten«
»Ein Beitrag zur Theorie des Directors vom Hammer und Amboss« sagte ich
Des Doctors kahler Schädel erglühte
»Kommen Sie mir nicht mit dieser gutmütigen Narrheit« rief er in seinen
höchsten Tönen »Wer schwach oder gutmütig oder beides ist und er wird
meistens beides sein der ist von dem Starken und Böswilligen zerhämmert
worden so lange die Welt steht und er wird zerhämmert werden bis das Wasser
bergan läuft und das Lamm den Wolf frisst Hammer und Amboss Fürwahr der alte
Goethe kannte die Welt und wusste es besser«
»Und was würden Sie tun Doctor wenn sich arme Verwandte bei Ihnen
einquartierten und Ihnen mit der Zeit lästig fielen«
»Ich ich würde das ist eine alberne Frage ich weiß nicht was ich
würde aber das beweist nichts gar nichts höchstens dass ich trotz meiner
Rodomontaden schließlich auch nur ein jämmerliches Stück Amboss bin Und
schließlich ja jetzt hab ichs Wir sind mit ihnen weder verschwägert noch
verwandt wir haben keine Rücksichten zu nehmen und wir müssen sie wegbringen«
»Ein glücklicher Gedanke Doctor«
»Allerdings« sagte der Doctor und hüpfte von einem Bein aufs andere »Ich
bin zu Allem bereit zu Allem Man muss ihnen das Leben hier versalzen
verbittern vergällen mit einem Wort unmöglich machen«
»Aber wie«
»Ja wie Sie träges Mammut Denken Sie selber nach Die Geborne nehme ich
auf mich Sie denkt weil sie ein schlechtes Herz hat muss sie auch ein krankes
haben Sie fürchtet sich vor dem Tod als hätte sie bereits acht Tage lang im
höllischen Feuer Probe gebraten Sie soll an mich glauben«
Doctor Willibrod Snellius begann noch an demselben Tage seinen teuflischen
Plan ins Werk zu setzen Er sprach sobald er in der Gehörweite der geborenen
Kippenreiter war nur noch über Blutumlauf Venen Arterien Klappenfehler
Herzbeutelentzündung Herzschlag Er war sich bewusst der Gnädigen mit solcher
Unterhaltung lästig zu fallen aber er schriebe an einer Monographie über diese
Materien und wovon das Herz voll sei davon gehe der Mund über Auch könne er
nicht leugnen dass er nicht ohne alle Absicht die Aufmerksamkeit gerade der
Gnädigen auf diese Punkte richte Er wolle und könne ohne vorhergegangene
gründliche Untersuchung nicht behaupten dass die Herzklappen der Gnädigen nicht
regelmäßig functionirten aber es gebe gewisse Symptome von denen vielleicht
eines oder das andere bei der Gnädigen zuträfe und Vorsicht sei nicht bloß die
Mutter der Weisheit sondern manchmal auch eines langen zum wenigsten doch um
mehrere Jahre verlängerten Lebens
Die Gnädige war keineswegs ein Gegenstand besonderer Zuneigung meinerseits
dennoch empfand ich manchmal eine Art von Mitleid wenn ich sah wie sich das
unglückliche Opfer unter dem Messer seines Peinigers wand und krümmte Wie
sollte sie ihm entgehen Als eine Dame die sich viel auf ihre Bildung zugute
tat konnte sie einer wissenschaftlichen Unterhaltung nicht wohl ausweichen
als Gast im Hause war sie dem Freund des Hauses Rücksichten schuldig und
schließlich hatte für die eingebildete Kranke die Unterhaltung vor der sie sich
fürchtete wie ein Kind vor Gespenstern auch wieder einen grauenhaften Reiz Sie
wurde blass so oft Doctor Willibrod ins Zimmer trat und doch richtete sie ihre
kleinen runden Augen ängstlich auf ihn mit dem qualvollen Blicke des Vogels
dem die Schlange ins Nest starrt sie konnte der Anziehungskraft nicht
widerstehen eine Minute später hatte sie den Fürchterlichen zu sich gewinnt und
ihn gefragt wie weit er mit seiner Abhandlung gekommen sei
»Es ist um rasend zu werden« sagte Doctor Willibrod »die Person kann
nächstens ohne mich und meine Schaudergeschichten nicht mehr leben ich habe ihr
heute einen Fall erzählt wo eine Dame genau in ihren Jahren
Lebensverhältnissen Körperbeschaffenheit und so weiter in der Unterhaltung mit
ihrem Arzt über Kongestionen nach dem Herzen vom Schlage getroffen worden sei
sie lächelt mich mit bleichen Lippen an sie ist einer Ohnmacht nahe ich denke
sie wird nach dem Wagen klingeln und was ist das Resultat? Sie müssen mir
morgen weiter davon erzählen sagt sie und entlässt mich mit einer gnädigen
Handbewegung«
»Die ist hieb und kugelfest Doctor« sagte ich »die kriegen Sie so nicht
weg«
»Aber sie muss weg die ganze Bagage muss weg« schrie der Doctor »ich
bestehe darauf als Mensch als Freund als Arzt«
Ich lachte aber im Innern war ich durchaus des Doctors Meinung Die
Anwesenheit dieser Menschen war für die Familie des Directors eine geradezu
unerträgliche Last Wie hätte mir das entgehen können der ich mich in das Wesen
der Guten Edlen so ganz eingelebt der ich für Alles was sie betraf die
scharfsichtigen Augen inniger ehrfurchtsvoller Liebe hatte Ich sah wie der
Director mit jedem Tage ernster blickte wie er sich zwingen musste auf das
ewige »Nicht wahr lieber Bruder« »Meinst Du nicht auch lieber Bruder« zu
antworten ich sah wie es über das schöne bleiche Gesicht der Blinden
schmerzlich zuckte sobald die blecherne Stimme der schwatzhaften Schwägerin an
das empfindliche Ohr schlug ich sah wie die arme Paula zu ihren vielen Lasten
auch diese still und geduldig trug wie sie Alles trug aber ich sah auch wie
schwer es ihr wurde
So saß ich eines Tages dies in grimmigem Herzen erwägend in dem Bureau und
zerschnipselte eine unglückliche Feder als ich durch das Fenster welches ich
halb geöffnet hatte einen der jetzt selten gewordenen Sonnenstrahlen in das
Zimmer zu lassen die verhasste blecherne Stimme der geborenen Kippenreiter
vernahm
»Du tust mir gewiss den Gefallen liebe Paula ich würde Dich sicher nicht
darum bitten ich weiß junge Mädchen sind immer in ihre Zimmer verliebt aber
das meine ist wirklich zu trist die ewige Aussicht auf die Gefängnissmauern und
dann fürchte ich auch es ist feucht zumal in der jetzigen Jahreszeit und bei
meinem Herzleiden würde der kleinste Rheumatismus mein Tod sein Nicht wahr
liebe Paula ich darf darauf rechnen vielleicht heute noch es wäre charmant«
»Heute wird es schwer halten liebe Tante ich habe gerade heute «
»Nun denn morgen liebes Kind Du siehst ich bin mit Allem zufrieden und
was ich Dir noch sagen wollte liebes Kind der Rotwein den wir Mittags
trinken er ist ganz unter uns nicht besonders und bekommt meinem Manne gar
nicht gut Er ist gerade in diesem Punkte ein wenig verwöhnt Ich weiß Ihr habt
noch anderen im Keller wir haben in den ersten Tagen davon getrunken nicht
wahr«
»Ja Tante es sind leider nur noch ein paar Flaschen die ich für den Vater
«
»Wenn es auch nur noch ein paar Flaschen sind es ist immer besser als gar
nichts Gott da steht wieder der Mensch am Fenster man kann hier keine drei
Schritte gehen ohne auf den Menschen zu stoßen«
Diese letzten Worte waren vielleicht nicht für mein Ohr bestimmt aber mein
Ohr war sehr scharf und die blecherne Stimme der Gnädigen sehr verständlich Dass
sie auf keinen Anderen gingen als auf mich war anzunehmen denn außerdem dass
ich ohne Zweifel ein Mensch war der gerade am Fenster stand hatte die Gnädige
mich zum Überfluss aus der Entfernung von wenigen Schritten mit ihren runden
starren Augen sehr ungnädig angesehen und sich dann kurz auf den Hacken
umgedreht
Aber was kam denn darauf an ob ich der Gnädigen missfiel oder wie sehr ich
ihr missfiel ich dachte gar nicht an mich ich dachte nur an das liebe arme
Mädchen das sich die Tränen von den Wangen wischte als sie nachdem die Tante
sie verlassen allein den Gartengang hinaufschritt Im Nu war ich von meinem
Drehstuhl herunter zum Zimmer hinaus und hatte sie mit wenigen Schritten
erreicht
»Sie dürfen ihr das Zimmer nicht einräumen Paula« sagte ich
»Sie haben es gehört«
»Ja und Sie dürfen es nicht Es ist das einzige das ein gutes Licht hat
und «
»Ich werde im Winter doch nicht recht zum Malen kommen es ist gar zu viel
zu tun«
»Nehmen Sie denn wirklich an dass sie den ganzen Winter hier bleiben
werden«
»Ich weiß es nicht anders noch soeben hat die Tante davon gesprochen«
Paula versuchte zu lächeln aber so sehr sie sich sonst in der Gewalt
hatte diesmal wollte es doch nicht gelingen Es zuckte schmerzlich um ihren
lieben Mund und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen
»Es ist nur um die Eltern« sagte sie entschuldigend »der arme Vater bedarf
der Ruhe gerade jetzt so sehr und Sie wissen wie die Mutter leidet wenn sie
sich stundenlang unterhalten soll Aber Sie dürfen von dem Allen nichts merken
lassen Georg ja nicht«
Und sie legte den Finger an die Lippen und die großen blauen Augen blickten
ängstlich zu mir auf
Ich murmelte etwas das sie für Zustimmung nehmen musste denn sie lächelte
mich freundlich an und eilte ins Haus von dem die schrille Stimme der Gnädigen
ertönte die mit Aufgebot der ganzen Kraft ihrer Lunge die Lunge konnte nicht
krank sein aus dem Fenster nach dem Steuerrat rief der ganz im Hintergrunde
des Gartens an der sonnebeschienenen Spalierwand zwischen den vergilbten
Blättern von einer der wenigen Pfirsichen naschte die des Directors
unermüdliche Sorgfalt dem allzu unmilden Klima abtrotzte
Mit langen Schritten die dem Steuerrate nichts Gutes verkündeten eilte
ich den Gang hinauf gerade auf den Näscher zu
»Ah sieh da« sagte er ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen
»meine Frau schickt Sie wohl aber sehen Sie selbst ob an dem ganzen Spalier
noch eine anständige Frucht ist Und dabei ist das Zeug sauer wie Essig«
»Dann sollten Sie sie ungegessen lassen«
»Wissen Sie ich denke es ist noch immer besser wie nichts als ein
pensionirter Beamter lernt man das«
»In der Tat«
Ich begleitete diese Worte mit einem höhnischen Lachen das den Steuerrat
aus seinem Wahne mich durch eine gemütliche Unterhaltung zu beglücken jäh
aufschreckte Er sah mich an mit dem Blicke des Hundes der unschlüssig ist ob
er vor dem Angreifer fliehen oder ihm in die Beine fahren soll
»Herr Steuerrat« sagte ich »ich habe Sie um etwas zu ersuchen«
Seine Unschlüssigkeit war zu Ende »Ich werde Sie zu jeder anderen Zeit mit
Vergnügen anhören« sagte er »in diesem Augenblicke bin ich etwas sehr pressirt
«
Und er wollte an mir vorüber ich vertrat ihm den Weg
»Ich kann Ihnen in drei Worten sagen was ich Ihnen zu sagen habe Sie
müssen von hier fort«
»Ich muss was«
»Von hier fort« wiederholte ich und ich fühlte wie mir die Röte des
Zornes ins Gesicht stieg »alsobald sagen wir in spätestens drei Tagen«
»Aber ich glaube Sie sind wahnsinnig junger Mann« erwiderte der
Steuerrat mit einem Versuche sich eine überlegene Miene zu geben dem seine
angstbleichen Lippen kläglich widersprachen »Wissen Sie mit wem Sie reden«
»Geben Sie sich keine Mühe« sagte ich verächtlich »die Zeiten in denen
ich in Ihnen ich weiß nicht welches ehrfurchtgebietende Wunder sah sind
längst vorbei Ich habe vor Ihnen keinen Respekt mehr nicht so viel und ich
will nicht dass Sie hier bleiben begreifen Sie ich will nicht«
»Aber das ist unerhört« rief der Steuerrat »ich werde es meinem Bruder
sagen welchen Insulten ich hier ausgesetzt bin«
»Wenn Sie das täten würde ich «
Es wollte mir nicht über die Lippen ich hatte es nun schon so lange
verschlossen in der Brust gehalten ich hatte ein paar Jahre Gefängnis mehr
dafür dass ich es verschwiegen es war eine giftige Waffe die ich gegen den
Elenden da gebrauchen wollte aber ich dachte an das betränte Angesicht des
lieben Mädchens und dann sah ich in das von Hass und Zorn verzerrte Gesicht des
schlechten Mannes vor mir und da drängte es sich langsam durch die
zusammengepressten Zähne »von dem Briefe sprechen den Sie ihm ich deutete in
die Richtung in welcher die Insel lag schrieben von dem Briefe auf den hin
er seinen letzten Zug unternahm von dem Briefe der Sie als seinen
Mitschuldigen ja als den Hauptschuldigen ausweist und der Ihnen den Hals
gebrochen haben würde hätte ich nicht geschwiegen«
Der Mann war während ich sprach zurückgetaumelt als hätte er auf eine
Giftschlange getreten er verfolgte mit weit aufgerissenen Augen die Bewegung
meiner Hände er fürchtete jedenfalls dass ich dieselben jetzt an die
Brusttasche führen und das verhängnisvolle Blatt produciren würde
»Der Brief den Sie meinen und in dessen Besitz Sie jedenfalls auf
unrechtmässige Weise gelangt sind beweist nichts« stammelte er »beweist gar
nichts Es ist mir ganz gleich ob Sie denselben meinem Bruder zeigen oder wem
Sie wollen wem Sie wollen «
»Ich kann ihn Niemanden mehr zeigen denn ich habe ihn verbrannt«
Der Steuerrat schnellte in die Höhe Die Angst hatte ihn gar nicht auf den
Gedanken kommen lassen der Brief könne mittlerweile verloren gegangen oder
vernichtet sein Wie anders lag jetzt die Sache
Ein höhnisches Lächeln zuckte über sein Gesicht das sich wieder mit Farbe
zu beleben anfing
»Was schwatzen Sie denn was wollen Sie denn« rief er mit heiserer Stimme
die seltsam mit seiner sonstigen glatten Stimme contrastirte »der Teufel mag
wissen was das für ein Brief ist den Sie gesehen haben gesehen zu haben
vorgeben Denn das Ganze sieht verzweifelt wie eine Lüge aus und wie eine recht
ungeschickte dazu Herr bleiben Sie mir vom Leibe rühren Sie mich nicht an
ich rufe um Hilfe und Sie haben zu Ihren sieben Jahren noch sieben Jahre dazu
Rühren Sie mich nicht an sage ich«
Er war vor mir dessen Miene wohl drohend genug sein mochte zurückgewichen
bis zur Wand an deren Spalier er sich jetzt zitternd festhielt Ich trat dicht
vor ihn hin und sagte in leisem Tone
»Ich werde Ihnen nichts tun denn erbärmlicher Schuft der Sie sind
ehre ich in Ihnen doch Ihre Brüder den Einen den Sie in den Tod gejagt haben
und den Anderen von dessen kostbarem Leben Sie nicht eine Stunde mehr
verbittern sollen Wenn mir Niemand glaubt dass ich den Brief gelesen und
verbrannt habe er glaubt mirs Sie wissen dass er mirs glauben wird Und
wenn Sie der Morgen des dritten Tages hier noch findet so erfährt er wen er so
lange unter seinem Dache beherbergt Sie kennen ihn Er kann viel verzeihen und
verzeiht viel so frech belogen zu sein wie er wie der Kommerzienrat wie
alle Welt von Ihnen belogen ist das würde er nicht verzeihen«
Der Mensch wusste dass ich recht hatte ich sah es an seinem Gesichte das
die Angst vor dem Sieger dem er rettungslos in die Hände gefallen war
ordentlich spitz machte
Und es war die höchste Zeit gewesen eine Minute später und der Sieg wäre
mindestens fraglich geworden Denn jetzt kam durch den Garten daher Hilfe für
den zu Boden Geschmetterten Es war die geborene Kippenreiter die schon aus der
Ferne rief »wir sollten doch noch ein paar Pfirsiche für sie aufheben«
Ein weiser Feldherr nimmt keine neue Schlacht an wenn er fürchten muss
damit einen mühsam errungenen Erfolg aufs Spiel zu setzen Ich hatte vor den
zornigen Blicken des Steuerrats nicht gebebt aber vor den gelben Zähnen der
Gebornen empfand ich etwas das ich Furcht nennen müsste wenn die Ehrfurcht die
wir den Damen schuldig sind ein solches Gefühl in der Brust des Mannes
aufkommen ließe
Dem sei wie ihm wolle ich hielt den Augenblick als ich die gelbbraune
Seidenrobe der Gnädigen schon ganz aus der Nähe knittern hörte für ganz
besonders passend mich nach einem letzten bezeichnenden Blicke auf meinen Feind
und einer stummen Verbeugung vor seinem herannahenden Succurs in schicklicher
Eile durch die mit dürren Blättern bestreuten Gartengänge auf mein Bureau
zurückzuziehen
Würde meine Drohung wirksam sein
Ich hatte ihm noch zwei Tage Frist gegeben die Entscheidung musste also
unter allen Umständen bald genug eintreten
Sonderbar ich war mir bewusst aus den uneigennützigsten Beweggründen mit
einem Herzen das nur für die Anderen schlug getan zu haben was ich getan
dennoch war meine Seele voller Unruhe und mein Auge spähte und mein Ohr lauschte
nach jedem Zeichen das mir sagte was ich zu hoffen was ich zu fürchten habe
Der nächste Tag verging es blieb so weit ich bemerken konnte Alles beim
Alten ja selbst Paulas Zimmer dasselbe in welchem ich krank gelegen wurde
ausgeräumt ich sah ihre Staffelei ihre Skizzenmappen über den Flur tragen und
knirschte mit den Zähnen
Aber am Vormittag des nächsten Tages trat der Director mit einem mehr als
gewöhnlich nachdenklichen Gesicht in das Bureau und sagte nachdem er sich von
mir einige Acten hatte geben lassen schon mit der Hand auf dem Drücker
»Sagen Sie Georg Sie sind ja in der Sache ganz unbefangen haben Sie in
meinem oder der Meinigen Betragen irgend etwas bemerkt das meinem Bruder oder
seiner Frau Veranlassung gegeben hätte zu denken sie seien von uns hier nicht
gern gesehen«
Ich hatte gerade eine sehr seine Schraffirung zu machen und konnte deshalb
den Kopf nicht vom Reissbrett erheben als ich auf die Frage des Directors
»Nicht dass ich wüsste« antwortete
»Ich sollte doch auch meinen« sagte er und seine Stimme klang ganz
betrübt »es wäre mir sehr sehr schmerzlich müsste ich das fürchten müsste ich
fürchten dass mein Bruder sagen ja auch nur denken könnte er hat keine Achtung
vor meinem Unglücke gehabt er hat mich von sich getrieben als sein Haus meine
einzige Zuflucht war Denn so steht es mit ihm oder doch beinahe so Seine
Pension ist sehr gering für so verwöhnte Menschen die Abfindungssumme ist
nicht ohne unser Zutun klein genug ausgefallen überdies hat er Schulden und
für sein Leben zu arbeiten wann hätte er in dem leidigen BeamtenSchlendrian
das gelernt Sie haben unser Haus gerade nicht heller gemacht ich müsste lügen
wenn ich es anders sagen wollte aber er ist mein Bruder und er ist mein Gast
ich wollte er ginge nicht«
Der herrliche Mann mochte auf eine beruhigende Antwort von mir hoffen aber
die Linien auf der Schraffirung waren noch enger aneinander gerückt ich musste
das Gesicht noch tiefer als zuvor auf das Reissbrett beugen Er seufzte und
verließ das Zimmer
Ich atmete als sich die Tür hinter ihm schloss hoch auf und einen
Augenblick später sah ich in dem schwarzen Spiegel der dickbäuchigen
Tintenflasche auf dem Bureau meine lange Gestalt in grotesker Verzerrung mit
Armen und Beinen Bewegungen ausführen welche in Wirklichkeit vermutlich einen
Freuden und Siegestanz darstellten
»Du bist ja ungeheuer vergnügt« sagte eine Stimme hinter mir
Ich vergaß vor Schrecken das eine Bein das ich noch in der Luft hatte und
machte auf dem anderen eine Pirouette welche mir den lautesten Beifall der
Kenner eingetragen haben würde
Arthur ist später ein Kenner in diesen Dingen gewesen zur Zeit aber konnte
er es wohl noch nicht sein denn seine Miene strahlte indem er sich jetzt in
einen Stuhl warf keineswegs vor Entzücken und der Ton seiner Stimme war äußerst
melancholisch als er den Lockenkopf in die Hand stützend also fortfuhr
»Freilich Du hast alle Ursache dazu Du hast Deinen Zweck erreicht von
morgen an bist Du ja wieder hier Alleinherrscher«
Ich hatte mittlerweile den anderen Fuß auch wieder auf den Boden gebracht
und die Gelegenheit benutzt mich diesem neuen Gegner gegenüber denn als
solchen musste ich Arthur ansehen fest in meine Stiefel zu stellen Aber ich
hatte mich geirrt Arthur war nicht gekommen mir Vorwürfe zu machen
»Ich habe meine Gründe« sagte er »die Alten lieber nicht hier an Ort und
Stelle zu haben Der Alte weißt Du ist seit seinem Unglücke wirklich ganz
disreputabel geworden er pumpt den ersten Besten an der ihm über den Weg läuft
à propos die fünfundzwanzig die Du mir neulich geliehen hast kann ich Dir
wiedergeben ich habe gestern Abend einen fabelhaften Treffer gehabt wir
hatten ein kleines Jeu beim Lieutenant von Serring schade dass ich das Geld
nicht bei mir habe aber Du kriegst es morgen ganz gewiss was ich sagen wollte
der Alte treibt es zu arg er hätte mich über kurz oder lang heillos
compromittirt der Oberst passt mir so schon schauderhaft auf den Dienst
Deswegen also keine Feindschaft Georg Denn Du hast ihn weggebissen leugne es
nicht ich habs von der Mama Sie ist wütend auf Dich aber ich habe ihr
gesagt sie könne sich gratuliren dass Du so discret gewesen und die Geschichte
von dem Briefe nicht weitererzählt hast Und deshalb bin ich auch nicht
gekommen sondern um Dich zu fragen wie ich nun mit Dir stehe«
»Wie meinst Du das« fragte ich nicht ohne einige Verwirrung
»Lass uns vor einander keine Flausen machen altes Haus« sagte der Fähnrich
sich mit der Degenspitze die Sohle seines linken Stiefels den er auf das rechte
Knie gelegt hatte klopfend »ich habe Dich weit unterschätzt ich sehe jetzt
dass Du hier Hahn im Korbe bist und ich möchte nicht mit Dir anbinden sondern
in Frieden mit Dir leben Wenn der Onkel mich nicht ein wenig mit durchfüttert
muss ich verhungern oder den Dienst quittiren und überdies würde mein Oberst zu
wissen wünschen weshalb ich hier nicht mehr verkehren darf Du bist ein guter
Kerl und wirst mich nicht unglücklich machen wollen«
»Das will ich allerdings nicht« sagte ich
»Und ich bin auch nicht so schlimm« fuhr der Fähnrich fort »ich bin ein
wenig lüderlich na das sind wir Alle in unseren Jahren und Du würdest es
vermutlich auch sein wenn Du die Gelegenheit dazu hättest die Du in dem
verdammten Nest hier allerdings nicht hast Sonst aber kann man schon mit mir
auskommen und sie mögen mich hier auch Alle gern der Onkel die Tante die
Jungen und «
Arthur nahm den linken Fuß vom rechten Knie und sagte »Höre Georg ich
würde es Dir nicht sagen wenn ich nicht das vollste Vertrauen in Deine
Ehrenhaftigkeit setzte trotzdem kurz ich verlange Dein Ehrenwort dass Du
nicht weiter darüber sprichst Ich glaube dass ich aber wie gesagt Du musst
reinen Mund halten ich glaube dass ich meiner hübschen Kousine nicht ganz
gleichgültig bin sie hat es mir vorgestern Abend direkt gesagt und hätte sie
es nicht gesagt «
Und der Fähnrich drehte an dem schwärzlichen Flaum auf seiner Oberlippe und
sah sich im Zimmer um vermutlich nach einem Spiegel der nicht da war er
hätte die große Tintenflasche dafür nehmen müssen die ich ihm in diesem Momente
mit tausend Freuden auf seinem hübschen Kopf in zehntausend Stücke zerschmettert
hätte
»Arthur« rief in dem Garten Paulas Stimme »Arthur«
Der Fähnrich warf mir einen Blick zu der sagen zu wollen schien Siehst Du
was ich für ein glücklicher Teufelskerl bin Und er stürzte zur Gartentür
hinaus die er zu schließen vergaß
Ich war ganz betäubt stehen geblieben und starrte durch die offene Tür in
die lange Allee die sie neben einander hinabgingen sie in ihrer Weise still
vor sich hinschreitend er neben ihr hertänzelnd und einmal standen sie auch
still sie blickte zu ihm auf und er legte beteuernd die Hand auf die Brust
Ein unbeschreibliches Gefühl von Weh stieg in meinem Busen auf Ich kannte
dies Gefühl ich hatte es schon einmal erfahren in der Stunde als ich vernahm
dass Konstanze einem Anderen gehörte aber so schmerzlich war es doch nicht
gewesen Ich hätte mein Gesicht in die Hände drücken und weinen mögen wie ein
Kind Ich dachte gar nicht daran dass Arthur mich oder sich selbst vielleicht
uns Beide belogen haben könnte Seine Mitteilung Paulas Rufen die Promenade
in dem um diese Stunde einsamen Garten das Alles war so plötzlich so Schlag
auf Schlag gekommen hatte so Eines in das Andere gegriffen es war nur zu
wahrscheinlich Und Arthur war ja ein so verzweifelt hübscher Junge und konnte
so liebenswürdig sein wenn er wollte ich wusste es am besten ich der ich ihn
so sehr geliebt hatte Und war nicht Paula seitdem er im Hause war eine Andere
gegen mich geworden zurückhaltender weniger mitteilsam Ich hatte es ja
längst gemerkt es hatte mich ja längst geschmerzt bevor ich wusste was diese
Veränderung hervorgebracht hatte ich wusste es jetzt
Eitelkeit Eitelkeit der Eitelkeiten Was beanspruchte ich Was konnte ich
beanspruchen der Verstossene auf lange Jahre hinaus zur Gefangenschaft
Verurteilte
Mein Kopf sank auf die Brust Ich demütigte mich demütigte mich tief in
den Staub vor dem holden Mädchen das mir immerdar wie der Himmlischen Eine
erschienen war
Dann schnellte ich zornig empor Konnte sie sein als was ich sie verehrte
ja anbetete wenn sie diesen Menschen liebte
Hier war ein entsetzlicher Widerspruch der offenbar so leicht zu lösen war
den ich unfehlbar gelöst hätte ja in den ich vielleicht nie gefallen sein
würde wenn ich ein Gran klüger oder auch nur eitler gewesen wäre und in den
ich mich da ich weder klug noch eitel war auf Jahre verstrickte
»Es geschehen Wunder und Zeichen« sagte Doctor Willibrod der am Abend
atemlos in meine Zelle trat wo ich in trübes Sinnen verloren vor dem Ofen
saß und den Funken zuschaute die an den glimmenden Scheiten hinauf und
hinabliefen »Zeichen und Wunder sie wollen ihre Zelte abbrechen und den Staub
von ihren Füßen schütteln Hosiannah dem Herrn«
Der Doctor warf sich in einen Stuhl und rieb sich den kahlen Schädel auf
dem die hellen Tropfen glänzten
»Gott ist mächtig in dem Schwachen« fuhr er in einem Tone fort dem die
innere Erregung anzumerken war »Wer hätte glauben sollen dass ich kleiner David
im Stande sein würde die ehernen Schädel dieser Goliats von Unverschämtheit zu
durchbrechen und doch ist es der Fall gewesen Die Gnädige kann die Luft hier
nicht mehr vertragen sie hat einen letzten Versuch gemacht als sie sich
Paulas Zimmer geben ließ Der Versuch ist misslungen sie muss fort Hosiannah
dem Herrn«
»Hat sie Ihnen das selbst gesagt«
»Sie hat es und der Steuerrat hat es bestätigt und von hypochondrischen
Grillen gesprochen denen die vernünftigsten Frauen unterworfen sind und für die
ein galanter Gatte ein Verständnis haben muss Schließlich hat er mich auf die
Seite gezogen und sich da er gerade nicht bei Kasse sei von mir hundert Taler
geben lassen um auf der Stelle abreisen zu können«
»Sie werden sie nie wieder zu sehen bekommen«
»Die Hundert oder die hohen Reisenden«
»Beide«
»Glück auf den Weg Glück auf den Weg und mögen sich unsere Wege niemals
wieder kreuzen«
Der Doctor versank in ein andächtiges Schweigen ich glaube es stieg etwas
wie ein Dankgebet aus seinem Herzen
»Wissen wir es schon man will fort« ertönte eine tiefe Stimme hinter uns
Es war der Wachtmeister der mit der brennenden Lampe hereingetreten war
»Man soll zu morgen früh Schlag neun Uhr beim Lohnkutscher Hopp einen
Wagen bestellen« fuhr der Alte fort »man sollte meinen acht Uhr wär auch
nicht zu früh«
Und er rieb sich behaglich die Hände und versicherte ihm sei zu Mute wie
einem Bären dem alle sieben Sinne jückten Plötzlich verschwand das Lachen aus
den tausend Falten seines Gesichtes auf einmal und er sagte sich über die Lehne
von des Doctors Stuhl beugend in gedämpftem Tone
»Nun müssen wir den Jungen auch noch wegbeissen Herr Doctor rein weg Die
Brut ist noch schlimmer meine ich als die Alten«
»Das meine ich auch« sagte Doctor Willibrod emporschnellend »den Alten
habe ich den Laufpass gegeben bei dem Bengel müssen Sie es tun ja bei Gott
Mammut das müssen Sie«
Ich antwortete nicht ich hatte die Augen starr auf die glimmenden Scheite
gerichtet aber ich sah sie nur wie durch einen Schleier der irgendwie über
meine Augen gefallen war
Vierunddreissigstes Kapitel
Und wie durch einen Schleier sehe ich die Jahre die kommen und gehen die noch
folgenden Jahre meiner Gefangenschaft Durch einen Schleier den die Zeit
gewoben mit den unsichtbaren Geisterhänden aber nicht so dicht dass nicht jede
Form und jede Farbe dem rückwärts schauenden Auge des Mannes mehr oder weniger
deutlich wäre
Am deutlichsten allerdings den stehenden Hintergrund in diesem langen Acte
meines Lebensdramas Noch jetzt nach so vielen Jahren bin ich fast zu jeder
Zeit im Stande zumal wenn ich die Augen schließe mir das Local bis in die
kleinste Einzelheit zu vergegenwärtigen Besonders sind es zwei Beleuchtungen
in denen ich es am klarsten und auch am liebsten sehe
Die eine ist ein heller Frühlingsmorgenschein Ein blauer Himmel spannt sich
darüber hin die spitzigen Giebel der alten Gebäude ragen so hoch in die freie
Luft als ob die Idee eines Gefängnisses nur in dem dumpfen Hirn eines
Hypochonders der noch nicht recht ausgeschlafen habe existire in den
Vorsprüngen der Giebel auf den hohen Dächern zwitschern die Spatzen und ich
weiß nicht wie es zugeht aber Spatzengezwitscher am frühen Morgen macht mir
noch heute die Welt um ein paar tausend Jahre jünger die Schelme däucht mir
können um Adam und Evas Laube im Paradiese auch nicht seelenvergnügter und
unverschämter gelärmt haben Die Sonne steigt höher sie klettert die alten
epheuberankten Mauern hinab in die noch stillen Höfe und der Torwart der eben
mit einem großen Schlüsselbunde drüber hingeht und der sonst ein grämlicher
alter Mann ist pfeift ganz behaglich als ob selbst er der es doch besser
weiß in dieser morgenfrischen Welt nicht glauben könne an Schloss und Riegel
Die andere Beleuchtung ist Abend im Spätherbst Im Westen drüben hinter den
flachen KreideUfern der Insel ist die Sonne untergegangen noch glühen die
schweren Wolken die am Horizonte hangen in tausend düstern Purpurlichtern
Kühler weht der Wind vom Meere her und lauter rauschen die Wellen man hört sie
deutlich trotzdem man vom Belvedere aus über den Festungswall hinweg die
Brandung nicht sehen kann In den hohen Bäumen des Gartens fängt es jetzt auch
an zu rauschen und die braunen Blätter wehen schaarenweise herab zu den anderen
durch die mein Fuß raschelt wie ich nun nach dem Hause zurückschreite Ich
würde heute Abend wie immer im Schoße der Familie willkommen sein aber ich
könnte es heute Abend nicht ertragen dass so viele Augen freundlich in meine
Augen sehen Meine Augen haben eben noch düster ja verzweifelt in die
Abendwolken geblickt und der alte Dämon ist in mir erwacht und hat mir
zugeraunt Noch zwei Jahre zwei volle Jahre und ein Sprung trägt dich dort
hinab und der erste beste Kahn dort hinüber in die weite weite Welt Und du
willst in dein Gefängnis zurückkehren die engen vier Wände wo dich nichts
hält als dein freier Wille Dein freier Wille wie lange ist der nicht mehr
frei Du hast ihn ja verkauft fort fort vorüber an dem Hause fort in
deine Zelle fort aus dieser modernden Nebelwelt hinter Schloss und Riegel
Frühlingsmorgenschein und Herbstabendnebel aber sehr viel mehr Morgenschein
als Abendnebel Ja wenn ich es recht bedenke muss ich sagen dass der
Morgenschein die Regel und der Abendnebel Alles in Allem doch nur die Ausnahme
ist Denn wie ein Abschnitt unseres Lebens ja selbst wie der locale
Hintergrund auf den dieser Lebensabschnitt zeichnet ist uns in der Erinnerung
erscheinen soll das hängt doch schließlich davon ab ob es in unserer Seele
während jener Zeit hell oder dunkel war und in meiner Seele wurde es in dieser
Zeit heller und heller ganz allmälig wie das Tageslicht zunimmt man weiß
nicht wie aber was noch eben als dunkle verworrene Masse vor unseren Blicken
lag steht jetzt farbengeschmückt in schöner Ordnung vor uns da
Der Wunsch meines väterlichen Freundes ist schon längst in Erfüllung
gegangen ich habe im Arbeitshause arbeiten gelernt Die Arbeit ist mir eine
Notwendigkeit geworden ich erachte den Tag für verloren an dessen Abend ich
nicht auf ein Stück gefördertes auf ein vollendetes Werk zurücksehen kann Und
ich habe mir das Geschick zur Arbeit angeeignet zu jedweder Arbeit das
schnelle Verständnis dessen um was es sich handelt das sicher messende Auge
die leichte bildsame Hand In der Anstalt sind fast alle Handwerke vertreten
ich habe mich nach und nach in fast allen versucht und es meistens in kürzester
Frist weiter gebracht als alte graubärtige Adepten Der Director wiederholt
gern dass ich der beste Arbeiter der Anstalt bin das macht mich immer sehr
stolz und sehr demütig sehr stolz denn ein Lob aus seinem Munde ist mir die
höchste Ehre die mir auf Erden erreichbar scheint sehr demütig denn ich
weiß dass ich Alles Alles ihm verdanke Er hat die rohe Kraft die sich kein
Maß und Ziel wusste die sich an der Bewältigung schwerer Steinmassen müde toben
wollte in bestimmte Bahnen gelenkt er hat vor Allem mich gelehrt die Dosis
gesunden Menschenverstandes welche mir die Natur gegeben und mit der sie in der
Schule nichts anzufangen wussten als ein kostbares Gut zu betrachten das wohl
gar ein Stück Genie ersetzen könne oder wie er es manchmal lächelnd ausdrückt
vielleicht selbst ein Stück Genie ist Er hat mich nicht mit Dingen gequält von
denen er bald herausgefunden dass sie in mein Hirn nicht passen er hat
herausgefunden dass ich mich ewig nur in einer etwas schweren deutschen Zunge
mit Klarheit und Geläufigkeit würde ausdrücken können und hat mir die Erlernung
fremder Sprachen bis auf das Notwendigste erlassen er weiß dass mich eine
erhabene Stelle der Psalmen aufs Tiefste rührt und dass ich mich an Goethe an
Schiller und Lessing nicht satt lesen kann aber er mutet mir nicht zu darüber
hinauszugehen und mit ihm und Paula über das Neueste der Tagesliteratur zu
disputiren Dafür lässt er mich aus dem unerschöpflichen Quell seiner
mathematischen und physikalischen Kenntnisse in vollen Zügen trinken und seine
liebste Erholung ist wenn ich in der kleinen Werkstatt die er schon seit
vielen Jahren eingerichtet hat nach seiner Anleitung und unter seinen Augen
eine Maschine einen Maschinenteil die sein schöpferischer Geist ersonnen
modellire
Unter seinen Augen denn seine Hände sind müßig derweile müssen müßig sein
Schon eine leichte physische Anstrengung bedeckt seine Glieder mit kaltem
Schweiß und kann ernstliche Gefahr für sein Leben herbeiführen »Ich weiß nicht
was ich ohne Sie anfangen werde« sagt er mit schmerzlichem Lächeln aus seinem
Stuhle zu mir aufblickend »ich lebe von dem Überflusse Ihrer Kraft Ihr Arm
ist mein Arm Ihre Hand ist meine Hand Ihr voller Atem ist mein Atem Sie
werden mich in Jahresfrist verlassen folglich habe ich nur noch ein Jahr zu
leben ein Mensch ohne Arm und Hand und Atem ist ja tot«
Es ist das erstemal dass ein so trostloses Wort über diese edlen bleichen
Lippen kommt es macht mich deshalb sehr stutzig Ich habe ihn immer so
mutvoll so unverzagt gesehen so ganz hingegeben dem was der Tag und die
Stunde heischen so im Leben lebend ich blickte erschrocken zu ihm hinüber und
es ist als sehe ich zum erstenmal die Verwüstungen welche die Jahre die sechs
Jahre in seiner Gestalt in seinem Gesicht angerichtet haben
Sechs Jahre ich muss mich darauf besinnen dass es wirklich sechs Jahre sind
Es hat sich so wenig verändert in dieser ganzen langen Zeit so wenig
Vielleicht wenn ich es recht überlege doch so wenig nicht Die Weinreben
welche als ich vor sechs Jahren in Paulas Zimmer krank lag nur eben durch das
Fenster nickten sind jetzt fast den ganzen Giebel hinaufgeklettert die große
GaisblattLaube hinten an der Pfirsichwand die ich damals mit den Knaben
errichtete und bepflanzte ist vollkommen zugewachsen und ein Lieblingsplatz
Paulas geworden die von hier aus bis nach dem Hause blicken kann was vom
Belvedere nicht möglich ist
In dem Belvedere ist es jetzt auch ein wenig umheimlich und auch das würde
nicht der Fall sein wenn Benno nicht mittlerweile sechs Jahre älter geworden
wäre und den »Faust« gelesen hätte und notwendig ein »hochgewölbtes enges
gotisches Zimmer« haben müsste das er »mit Büchsen Instrumenten Urväter
Hausrat vollpfropfen« kann wozu ihm das baufällige Gartenhäuschen mit seinen
gemalten Spitzbogenfenstern das bei weitem geeignetste Local scheint Benno ist
jetzt entschieden der Ansicht dass der Vater der lieber einen Arzt oder
Naturforscher in ihm sähe vollkommen Recht und Paula die einen Philologen aus
ihm machen möchte durchaus Unrecht hat und Benno muss das wissen denn er steht
in dem glorreichen Alter von siebzehn Jahren wo es wenig Menschen für uns
gibt die wir nicht intellectuell gesprochen um eines Hauptes Länge
überragten
Bei seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Kurt tut er das auch in
Wirklichkeit und Kurt hat es jetzt definitiv aufgegeben mit seinem Senior zu
rivalisiren der so offenbar den langen schlanken Körperbau der Zehrens hat und
voraussichtlich noch größer als der hohe Vater wird Indessen Kurt braucht sich
nicht zu beklagen er hat die mächtige Brust und die langen kräftigen Arme ja
auch unter starkem krausen Haar die breite Stirn des Arbeiters Er ist sehr
bescheiden und anspruchslos aber sein Blick ist merkwürdig fest und seine
Lippen sind scharf geschlossen wenn er über einer mathematischen Aufgabe
brütet oder mir auch nur einen Handgriff auf der Drehbank nachzumachen
versucht was ihm jedesmal in kürzester Zeit gelingt
Kurt und ich sind große Freunde und soweit es möglich ist unzertrennlich
dennoch ist wenn ich ganz ehrlich sein will der zwölfjährige Oskar mein
Liebling Er hat die großen glänzend braunen Augen der Zehrens die ich an
meinem Freund Arthur als er noch ein Knabe war so bewunderte er hat auch
Arthurs Schlankheit und anmutige Manieren es ist mir manchmal als sähe ich
in ihm Arthur wieder wie er vor vierzehn Jahren war Das sollte ihm bei mir
nicht gerade zur Empfehlung gereichen aber wenn er die langem Locken hinter
sich schüttelnd die großen Augen von Lust und Leben strahlend auf mich
zugesprungen kommt kann ich nicht anders als ihm meine Arme öffnen Oefter
frage ich mich ob es wohl gerade diese Ähnlichkeit ist weshalb Oskar sich als
Liebling der Schwester behauptet hat Paula sagt freilich nach wie vor davon
könne gar keine Rede sein Oskar sei eben der Jüngste und ihrer am meisten
bedürftig und dass gerade er ein so ausgesprochenes Talent zum Zeichnen und
Malen habe und dadurch ihr Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes sei das
sei ein Zufall für den man sie nicht verantwortlich machen dürfe
Ganz ähnlich so hat Paula vor sechs Jahren auch gesprochen ich erinnere
mich deutlich noch des Sommernachmittags als sie bald nach meiner
Reconvalescenz die große Kreideskizze von mir machte auf dem Platze unter den
Platanen so deutlich als ob es erst gestern gewesen wäre Und wenn ich Paula
anblicke kann ich ebenfalls nicht glauben dass ich sie bereits sechs Jahre
kenne und dass sie im nächsten Monat zwanzig wird Damals sah sie älter aus als
sie war jetzt erscheint sie mir um ebensoviel jünger Sie ist jetzt vielleicht
ein klein wenig größer und ihre Formen sind wohl voller und weiblicher aber in
ihrem lieben Gesicht ist so viel kindliche Unschuld und selbst ihre Bewegungen
haben noch die Schüchternheit ja selbst manchmal das Linkische eines ganz
jungen Mädchens Freilich wenn man in ihr Auge sieht vergeht wohl Jedem der
Mut sie nicht für das zu nehmen was sie ist Es lodert nicht auf dies Auge in
übermütigen Flammen es blickt nicht scheu oder schmachtend wie einer
Pensionärin Auge die eben von der verstohlenen Lektüre ihres vergoldeten
LieblingsLyrikers kommt es glänzt in einem stillen stetigen vestalischen
Feuer weltvergessend und doch eine Welt umspannend wie des Künstlers Auge
glänzen muss
Und eine Künstlerin ist Paula geworden in diesen sechs Jahren Sie hat
keinen Lehrer gehabt außer einem verkommenen Genie das eine kurze Zeit lang im
Arbeitshause gewesen war und später vom Director das Gnadenbrot empfangen hat
bis zu seinem schon vor mehreren Jahren erfolgten Tode Sie hat keine Akademie
besucht sie hat kaum etwas gesehen außer ein paar schönen alten
FamilienPorträts und einem überaus herrlichen Kupferstich der Sixtinischen
Madonna welche die Wände im Hause des Directors schmücken Sie ist was sie
ist durch sich selbst durch ihr wunderbares Auge das jedem Menschen in das
Herz blickt ja auch jedem Dinge durch ihre Hand die nicht so schlank und fein
sein könnte wenn die Seele nicht bis in die Fingerspitzen strömte und sie zu
dem bildsamsten Werkzeuge machte durch ihren Fleiß endlich dessen Energie und
Rastlosigkeit geradezu unbegreiflich scheint wenn man bedenkt welche
Arbeitslast noch außerdem auf diesen zarten Schultern liegt Aber auch jede
freie Minute widmet sie der geliebten Kunst und sie weiß sich frei zu machen
wo Andere feierlich erklären würden dass sie nicht wüssten wo ihnen der Kopf
stehe Der Reichtum ihrer Mappen an Studien aller Art Skizzen Entwürfen
Kopien ist außerordentlich Da ist kein nur einigermaßen interessanter Kopf
unter den Arbeits und Zuchtäuslern den sie übersehen hätte Dem Fräulein
einmal sitzen zu dürfen ist in der ganzen Anstalt eine vielumworbene
vielbeneidete mit Stolz getragene Ehre und Vergünstigung Ihr oberstes Modell
aber ist und bleibt der alte Süssmilch dessen prächtiger Kopf mit den kurzen
grauen Locken dem furchendurchzogenen energischen Gesichte in der Tat ein
Herztrost für ein Malerauge ist Der Alte figurirt in allen möglichen
Auffassungen als Nestor Merlin Getreuer Eckart Belisar Götz von
Berlichingen ja sogar als Schweizer aus den Räubern lauter Vorstudien zu
großen historischen Gemälden von denen das mutige Mädchen für die Zukunft
träumt Vorläufig ist freilich nur ein einziges bis zur Untermalung gediehen
Richard Löwenherz krank in seinem Zelte von einem arabischen Arzte besucht
Das Motiv ist aus einem Roman von Walter Scott Im Hintergrunde ein englischer
Yeoman der traurig auf den kranken Herrn blickt und die Gestalt eines jungen
normännischen Edelmannes der die Hand am Schwerte argwöhnisch prüfend auf den
Arzt schaut Der Richard Löwenherz bin ich wie sie mich damals in meiner
Reconvalescenz auf dem Belvedere gezeichnet hat in dem arabischen Arzt einer
sonderbar phantastisch gnomenhaften Figur behauptet Doctor Willibrod sich
wiederzufinden trotzdem der Araber keine Brille trage und sein ohne Zweifel
kahler Schädel mit dem grünen Turban des Mekkapilgers umwunden sei der Yeoman
ist Wachtmeister Süssmilch wie er leibt und lebt er hat sich nur ein anderes
Kostüm gefallen lassen müssen der englische Ritter mit den kurzen braunen
Locken und den braunen glänzenden Augen eine anmutig schöne jugendlich
elastische Gestalt ist Arthur
Ist es ein Zufall dass gerade diese Gestalt am meisten ausgeführt ist und
dass die fast vollendete Gestalt ein solcher Liebreiz umfliesst
Ich habe keinerlei Anhalt zur Beantwortung dieser Fragen als den ich aus
meinem ahnenden Gemüt schöpfte Arthur der längst Lieutenant ist und im
Frühlinge dieses Jahres an die Kriegsschule in der Hauptstadt commandirt wurde
ist freilich noch oft genug ins Haus gekommen aber doch hatte die Häufigkeit
seiner Besuche mit jedem Jahre abgenommen und ich könnte nicht sagen dass er
Paula irgend näher getreten wäre Aber es muss doch einen Grund haben dass er
gegen mich der ich ihm nichts nachgetragen der ich stets freundlich gegen ihn
gewesen bin so wenig mir auch oft danach zu Mute war dass er gegen mich immer
zurückhaltender geworden und mir in der letzten Zeit so weit als möglich aus dem
Wege gegangen ist Das Geld das er mir schuldet und das sich im Laufe der
Jahre zu einer für meine Verhältnisse nicht unansehnlichen Summe gesteigert hat
kann es nicht sein denn ich habe es ihm der immer in Not ist und sich
stets eine Kugel durch den Kopf schießen will gern und willig gegeben habe
ihn nie gemahnt ihm im Gegenteil stets versichert dass es mit der Rückzahlung
keine Eile habe nein das Geld kann es nicht sein Fürchtet er in mir einen
Nebenbuhler Großer Gott ich bin ihm nicht gefährlich Wie kann man einen
Gefangenen fürchten dessen Zukunft ein Buch mit sieben Siegeln ist das nicht
viel anmutige Kapitel enthält Kann er es mir nicht verzeihen dass Paula nach
wie vor gütig und freundlich gegen mich ist Habe ich es nicht verdient der ich
Alles tue was ich ihr nur an den Augen absehen kann
Ich weiß es nicht ebensowenig ob es zufällig ist dass Paula von der Stunde
an dass Arthur nach Berlin gegangen nicht mehr an dem Bilde gemalt hat Und
doch braucht sie gerade ihn am wenigsten denn seinem ritterlichen Doppelgänger
fehlt kaum noch ein Strich Ich trage mich lange lange mit dem Warum Und als
ich endlich einmal wage Paula danach zu fragen antwortet sie nicht ohne
einiges Zögern das an ihr selten ist Das Bild ist mir verleidet Verleidet Da
ist ein neues Warum das noch schlimmer scheint als das erste und an das ich
deshalb nicht rühren sollte wenn ich klug wäre
Aber ich bin gar nicht klug und bringe es nicht aus dem Kopf und da mein
Kopf nichts damit anzufangen vermag lege ich es Doctor Willibrod vor so ganz
gelegentlich so ganz als ob von der Beantwortung eigentlich gar nichts
abhinge »Sagen Sie Doctor warum mag das Bild Fräulein Paula verleidet sein«
»Wer hat das gesagt« fragt der Doctor
»Sie selbst«
»Dann fragen Sie sie auch selbst«
»Wenn ich das wollte oder könnte brauchte ich Ihre Meinung nicht zu hören«
»Weshalb sollte ich darüber eine Meinung haben« ruft der Doctor »Was geht
es mich an weshalb Paula das Ding nicht weiter malen will Mir kann es gleich
sein ob ich auf dem Bilde fertig werde nachdem mich die Natur einmal nicht
fertig gemacht hat«
Ich sehe dass ich so nicht weiter komme und wage anzudeuten ob vielleicht
Arthurs Entfernung einen Einfluss auf Paulas Stimmung gehabt habe
»Geht die Katze endlich an den Brei« krähte Doctor Willibrod »Sie denkt
wohl man hat es nicht längst gesehen wie sie die Pfoten leckt Und der Brei
ist doch so süß o so süß gerade wie der Gedanke dass ein solches Mädchen ihr
Herz an einen solchen Kerl hängen kann Es ist unmöglich sagt Meister Hinz und
sein Bart sträubt sich vor Unwillen Weshalb unmöglich was ist unmöglich Bei
Gott ist Vieles unmöglich aber bei den Menschen ist Alles möglich Ist das
Leben des Vaters etwas Anderes als ein fortgesetztes Opfer ist sie nicht ihres
Vaters Tochter Wenn man einmal so im Zuge ist kommt es auf ein bisschen mehr
nicht an und das Lamm opfert sich auch wohl den Wolf zu retten Heissa es ist
ein lustiges Metier das WölfeRetten aber noch lustiger ist es als ein solcher
Kerl dabeizustehen und zuzusehen und nicht den Stecken zu heben und
zuzuschlagen nein bei Leibe nicht sondern immer nur zu fragen Glauben Sie
nicht Verehrtester dass schließlich doch der Wolf das Lamm fressen wird O
geht mir doch Ihr Alle die Ihr Menschenangesicht tragt«
Doctor Willibrod kräht so hoch und sieht der bekannten apoplektischen
Billardkugel so täuschend ähnlich dass es mir leid tut das Gespräch angefangen
zu haben und noch dazu so ungeschickt Ich erinnere mich jetzt dass der Doctor
in der letzten Zeit immer sonderbar aufgeregt gewesen ist sobald die Rede so
oder so auf Paula kommt Manchmal spricht er von ihr dass man glauben sollte
er hasse sie wenn man nicht wüsste dass er sie vergöttert Hält man ihm das vor
schiebt er es auf die Hitze Der Teufel möge bei dem Wetter kaltblütig bleiben
der sei es von der Hölle her gewohnt Menschen könne man nicht übel nehmen dass
sie bei vierundzwanzig Grad im Schatten dann und wann ein wenig überschnappten
In der Tat ist die Hitze dieses Sommers ganz unerträglich gewesen Tag für
Tag durchläuft die Sonne einen wolkenlosen stahlblauen Himmel und ihr Strahl
versengt was er trifft Das Gras ist längst verdorrt die Bastion und die
Festungswälle sehen gelbbraun aus die Blumen sind vor der Zeit verblüht das
Laub raschelt vor der Zeit von den Bäumen Alle Kreatur schleicht umher den
dumpfen Blick zur Erde gekehrt auf der die Luft vibrirt wie auf einem
erhitzen Ofen Auch ist der Gesundheitszustand in der Stadt sehr schlecht und
wir sind froh dass wenigstens die Knaben die ihre Michaelisferien haben auf
einem benachbarten Landgute zum Besuch bei einer befreundeten Familie sind und
in der Anstalt geht es keineswegs nach dem Wunsche des Directors und des
Doctors die sich gegenseitig in Fürsorge für die Kranken übertreffen trotzdem
der letztere stets behauptet es sei der Unsinn des Unsinns für Andere seine
Haut zu Markte zu tragen besonders wenn man wie Humanus nur noch eine halbe
Lunge und eine blinde Frau und vier Kinder und nicht einen Silbersechser im
Vermögen habe Was soll das geben
Ich erinnere mich dass diese Frage von dem Doctor in demselben Gespräch
aufgeworfen wurde und dass ich mir die Frage immer wiederholte als ich eine
Stunde später allein auf dem Belvedere stand und ohne etwas zu sehen und zu
hören in den Abend starrte der über den Wall aus dem Meer heraufzog Ich sah
nicht dass über den Himmel der Wochen und Wochen lang keine Trübung gezeigt
hatte ein Dunst sich breitete durch den das letzte Abendlicht gespensterhaft
fahl hindurch schien ich hörte nicht dass sonderbar klagende wimmernde Töne
durch die Luft zogen ich wandte mich nicht einmal verwundert um als jetzt eine
tiefe Stimme dicht an meinem Ohr dieselbe Frage hervorgrollte die ich
fortwährend bemüht war mir zu lösen Was soll das geben
Es war der alte Süssmilch und er deutete mit der Rechten gen Westen in die
schwefelfahle Dämmerung
»Einen Sturm was sonst« erwiderte ich ohne mich zu besinnen
Mir war als müsse die dumpfe Schwüle die in der Natur und in meiner Seele
brütete sich in einem Sturm entladen
Fünfunddreissigstes Kapitel
Und einen Sturm gabs wie er seit Menschengedenken nicht über diese Küste
getobt war die doch Jahr aus Jahr ein so manchen wackeren Nordost über ihre
niedrigen Sand und Kreideufer brausen hört
Es war um Mitternacht als ich von einem donnerähnlichen Krachen aufwachte
vor welchem das alte Haus bis in seine Grundfesten erbebte und dem ein Prasseln
und Knattern von herunterfallenden Ziegeln zuschlagenden Türen und Läden
folgte wie auf die Detonation einer Batterie von Fünfundzwanzigpfündern das
Knattern und Knallen des KleinGewehrfeuers Das war der Sturm der so lange
schon in der Natur und in meinem Gemüt sich verkündet hatte Mein erster
Gedanke waren sie da drüben in dem gartenumgebenen Hause Mit einem Satze war
ich von meinem Lager und im Nu in meinen Kleidern als der Wachtmeister den
grauen Kopf zur Tür hereinsteckte
»Schon auf« sagte er »aber davon müsste auch ein Bär mit sieben Sinnen
aufwachen Er wird auch aufgewacht sein«
Der Alte sagte nicht wer auch aufgewacht sein sollte es war das zwischen
uns beiden nicht nötig
»Ich wollte eben zu ihm« sagte ich
»Ist recht« sagte der Alte »Man wird derweile hier bleiben wird hier
schon Jemand nötig sein der den Kopf auf der rechten Stelle hat Das ist ja
ein heidenteufelmässiger Spektakel das ist schlimmer als vor acht Jahren und
schon damals wollten die Leute nicht in den Schlafsälen bleiben und es fehlte
nicht viel so wäre es zu Mord und Todtschlag gekommen«
Während dieser kurzen Unterredung hatten sich die gewaltigen Stöße zweimal
mit womöglich noch größerer Heftigkeit wiederholt es war ein Heulen und Donnern
wir hatten laut sprechen müssen um uns nur verstehen zu können Das war im
Zimmer wie mochte es draußen sein
Ich erfuhr es eine Minute später als ich über den Gefängnisshof ging Eine
grabesnächtige Finsternis lag wie ein dickes schwarzes Leichentuch über der
Erde kein Stern auch nicht der leiseste Schimmer einer Helligkeit Der Orkan
wütete zwischen den hohen Mauern wie ein Raubtier das sich zum ersten Mal im
Käfig sieht Ich hatte trotz meiner Kraft und meines schweren Körpers Mühe
dem Ungeheuer zu trotzen das mich mit seinen Pranken hinüber und herüber warf
So schwankte ich zwischen Ziegeln die von den Dächern rasselten durch die
schwere Finsternis bis zum Hause des Directors aus dessen Fenstern jetzt eben
hier und da Licht aufblinkte
Auf dem unteren Flur begegnete ich Paula Sie trug eine brennende Kerze in
der Hand Der Schein fiel hell in ihr blasses Gesicht und ihre großen Augen die
sich als sie mich erblickte mit Tränen füllten
»Ich wusste es dass Sie kommen würden« sagte sie »Es ist eine furchtbare
Nacht Er will durchaus hinüber in das Gefängnis und ist die letzten Tage so
unwohl gewesen Ich wage nicht ihn zu bitten dass er bleibt Er muss ja fort
wenn es seine Pflicht erheischt Da ist es nun gar lieb von Ihnen dass Sie
gekommen sind«
Die Tränen die in ihren Augen geglänzt rollten jetzt langsam über ihre
bleichen Wangen »Lachen Sie mich nicht aus« sagte sie »aber ich habe alle
diese Tage das Gefühl gehabt es müsse ein Unglück geben«
»Das haben wir wohl Alle gehabt liebe Paula Es ist auch ein Stück
Egoismus zu glauben dass ein Gewitter welches über Tausenden und Tausenden in
der Luft steht gerade uns treffen soll«
Ich hatte das recht mutig sagen wollen aber meine Stimme zitterte und bei
den letzten Worten musste ich meinen Blick abwenden
»Ich will zum Vater Paula« sagte ich
»Da kommt er schon« sagte Paula
Der Director trat aus seinem Gemache ich sah noch eben bevor er die Tür
leise schloss eine weiße Gestalt die er wie es schien mit freundlichen Worten
und Gebärden im Zimmer zu bleiben genötigt hatte Es war Frau von Zehren Hatte
sie auch das Gefühl dass ein Unglück in der Luft war Vielleicht mehr noch als
wir Wer von uns Sehenden hört die leisen Geisterstimmen die durch die Nacht
der Blinden flüstern und raunen
Eine tiefe Schwermut lag auf seinem Gesicht die sofort verschwand und
einem erstaunten Lächeln wich als er uns Beide dastehen sah Es war wie wenn
Jemand durch eine enge Felsschlucht schreitet deren düstere Schatten auf seiner
Stirn sich lagern und plötzlich bei einer Wendung um einen scharfen Felsen
sieht er das freie Tal zu seinen Füßen und ein breiter goldener Strom des
Sonnenlichts ergießt sich über ihn
»Sieh da Ihr lieben Beiden« sagte er
Er streckte die Hände nach uns aus
»Ihr lieben Beiden« wiederholte er
Sah er uns sah er aus dem Felsental in der Zukunft sonnige Weiten Ich
habe es mich später oft gefragt wenn ich des geisterhaften seligen Blickes
dachte mit welchem der Vater in dieser Stunde die geliebte Tochter sah an der
Seite des Mannes den er wie seinen Sohn liebte Doch das war nur ein Moment
dann trat die Gegenwart in ihre Rechte
»Sie sollen mich begleiten Georg« sagte er »ich muss einen Gang durch das
Gefängnis machen Es kann nicht anders sein als dass die Aufregung die schon
seit Tagen in uns Allen wühlt auch die armen Gefangenen ergriffen hat Da geht
es denn ohne Heulen und Zähneklappen und Schreien nicht ab Denkst Du noch
Paula der Septembernacht vor acht Jahren sie war so schlimm nicht wie diese
hier und doch geberdeten sich die Leute schon wie die Rasenden«
Paula nickte »Ich weiß es noch recht wohl Vater« sagte sie »Wie sollte
ich nicht Hattest Du doch hernach an den Folgen so viel zu leiden Da kommt
Doris mit der Laterne« fuhr sie schnell fort während die Scham auch nur
versucht zu haben ihren Vater von seiner Pflicht zurückzuhalten auf ihren
Wangen glühte »Hier«
Sie nahm dem Mädchen die große Laterne mit den zwei bereits angezündeten
Lichtern aus den zitternden Händen und gab sie mir Der Director winkte ihr
freundlichernst mit den großen tiefen Augen knöpfte sich den Rock zu drückte
den Hut fester in die Stirn und sagte sich zu mir wendend »Komm Georg«
Wir traten in die heulende donnernde Finsternis In der rechten Hand trug
ich die Laterne meinen linken Arm hatte ich dem Director gegeben Ich hatte
gemeint ihn den Schwachen durch die Glut der letzten Wochen vollends
Erschöpften tragen oder doch so gut wie tragen zu müssen und wirklich waren
seine ersten Schritte schwer und schwankend wie die eines Kranken der sich
nach Wochen zum ersten Mal von seinem Lager erhebt Mit einem Mal richtete er
sich aus meinem Arm in die Höhe
»Hören Sie Georg Ich sagte es ja«
Wir schritten eben unter den Fenstern des einen der großen Schlafsäle hin
in welchem wohl hundert Gefangene zu dieser Stunde eingeschlossen waren Die
weiße Mauer hob sich nur noch eben aus der Finsternis durch die vergitterten
Fenster schimmerte ein sehr schwaches Licht Der Sturm raste an der Mauer hin
und pfiff schrill durch die Gitter der Fenster aber lauter noch als des Sturmes
Heulen und Pfeifen erschollen grässliche Laute die aus dem Innern des Gebäudes
drangen In der Nacht des Tartarus verirrte Seelen müssten solche Laute
ausstoßen »Licht Licht« rief es »Wir wollen Licht«
»Schnell Georg« sagte der Director mit großen Schritten vor mir her
eilend dass ich Mühe hatte ihm zu folgen
Wir traten durch die offene Tür in den weiten Flur wo wir den Wachtmeister
im lebhaftesten Streit mit dem Inspector und einem halben Dutzend Aufseher
trafen
»Man wird sehen dass er mir Recht gibt« hörte ich den braven Alten rufen
»Man müsste ja ein Bär mit sieben Sinnen sein man müsste ja einen Zahnstocher
nicht von einem Scheunentor unterscheiden können Steckt in drei Millionen
Teufel Namen die Laternen an«
»Ja steckt die Laternen an« sagte der Director herantretend
Alle wichen ehrerbietig zurück nur der Inspector sagte mürrisch »Es ist
gar kein Grund Herr Director von der Hausordnung abzuweichen und die Kerle
wissen dass kein Grund vorhanden ist; aber sie benutzen die Gelegenheit das
ist Alles«
»Vielleicht doch nicht Herr Müller« sagte der Director »Wir Beide Sie
und ich haben noch nicht in einem eingeschlossenen Raume gesessen zusammen mit
hundert Andern im Dunkeln oder so gut wie im Dunkeln und in einer Nacht wie
diese in der es ist als wollte die Welt untergehen Die Furcht ist ansteckend
wie der Mut Folgen Sie mir Sie und Süssmilch und zwei Andere die die Laternen
anzünden können«
Mich nannte er nicht er hielt es für selbstverständlich dass ich ihm
folgte Wir bogen in den Korridor und gelangten zu der großen Tür die in den
Saal führte an dessen Fenstern wir vorübergeschritten waren »Licht Licht«
heulte es von innen heraus und harte Fäuste trommelten gegen die eichene Tür
und dazwischen krachte es als ob man irgendwie versuchte sie zu sprengen
»Oeffnen Sie« sagte der Director zu dem Schliesser
Der Mann warf einen scheuen Blick auf den Inspector der die Augen grollend
zur Erde senkte
»Oeffnen Sie« wiederholte der Director
Der Mann brachte zögernd den Schlüssel in das Schloss und hob die schwere
Eisenstange aus den Krampen Zögernd schob er einen und schob er den zweiten
Riegel zurück Als er die Hand an den dritten legte blickte er noch einmal
scheu zu dem Director auf um dessen Lippen ein Lächeln schwebte
»Sie haben doch sonst das Herz auf dem rechten Fleck Martin« sagte er
Mit einem Ruck zog Martin den Riegel zurück die Flügel schlugen
auseinander ich werde das entsetzliche Schauspiel das sich jetzt meinen
Blicken bot nie vergessen und sollte ich das Alter der weissköpfigen Krähe
erreichen
Hinter der Tür aus Holz in der Entfernung etwa eines Fußes war eine
eiserne bis oben hinauf reichende ebenfalls verschlossene Gittertür Die
Holztür wurde für gewöhnlich nicht geschlossen damit die Wache aus dem
Korridor einen Blick in den Schlafsaal hatte Heute Nacht war es doch auf Befehl
des Inspectors geschehen um die Leute für ihr Revoltiren wie er es nannte zu
strafen Jetzt konnte er sehen was er dadurch angerichtet
Die Flügel der Holztür schlugen auseinander und das helle Licht aus der
Laterne fiel auf einen wüsten Knäuel das sich hinter der Gittertür
zusammengekauert hatte ein Knäuel von Menschenleibern die übereinander
geschichtet durcheinandergeworfen waren hier ein paar Arme hervorragend dort
ein paar Beine wie aus einem Haufen Todter die man auf einem Schlachtfeld
kopfüber in eine gemeinschaftliche Grube geworfen hat nur dass dieser Knäuel
sich bewegte sich durcheinanderwälzte und aus dem Knäuel dort und hier und
hier und dort und überall lebendige Augen starrten fürchterliche zornige
verzweifelte wahnsinnige Augen
»Leute« rief der Director und seine sonst so leise Stimme war jetzt laut
genug den Lärm zu übertönen »schämt Ihr Euch nicht Wollt Ihr Euch verderben
um einer Gefahr zu entgehen die nirgends existiert als in der Dunkelheit die
Euch umgibt und in Euren Köpfen«
War es die Stimme die so mutig sprach war es der Anblick des Mannes war
es die Wirkung des Lichtstrahls der aus den Laternen der Schliesser in das Chaos
fiel aber der Knäuel löste sich die Arme fanden sich wieder zu den Beinen
die Beine standen wieder auf den Füßen die Augen selbst verloren den
wahnsinnigen Ausdruck ja der Eine oder der Andere schlug sie ich weiß nicht
ob geblendet oder beschämt zu Boden
»Gebt Raum Leute« sagte der Director »damit ich zu Euch kann« Sie wichen
zurück Die Gittertür wurde aufgeschlossen der Director trat hinein von uns
gefolgt
»Nun seht Kinder wie töricht Ihr seid« fuhr er in freundlichem Tone
fort »da steht Ihr im Hemd frierend zitternd Ihr solltet Euch wirklich
schämen Legt Euch wieder zu Bett oder zieht Euch an und bleibt auf ich werde
Euch die Laternen anzünden lassen damit doch Jeder sehen kann was für ein
Hasenherz sein Nebenmann und was für ein mutiger Kerl er selber ist«
Die Leute blickten einander an und über mehr als ein Gesicht das noch eben
von Angst verzerrt war zog jetzt ein mutwilliges Lächeln im Hintergrunde
lachten ein paar laut auf
»Das ist recht« sagte der Director »lacht nur vor einem ehrlichen Lachen
hält kein Teufel Stand und nun gute Nacht Kinder Ich muss auch zu den Andern
gehen«
Unterdessen hatten die Aufseher die vier großen Laternen welche an die
Decke hinaufgezogen waren herabgelassen und angezündet Eine sanfte Helligkeit
verbreitete sich durch den großen Raum Draußen heulte und tobte der Sturm wie
zuvor aber den Sturm hier drinnen hatte ein gutes Wort das in die dunklen
Herzen fiel gesänftigt
»Lasst uns zu den Andern gehen« sagte der Director
Und weiter schritten wir durch den Korridor in welchem heute der Lärm
draußen unsere Schritte übertönte Überall wohin wir kamen die furchtbarste
Aufregung der Gefangenen die wenn man wollte grundlos war zum wenigsten in
keinem Verhältnisse zu stehen schien mit den Ursachen die sie hervor gebracht
überall dasselbe bald mit wilden Flüchen bald mit flehentlichen Bitten
ausgesprochene Verlangen der armen Menschen nach Licht und immer wieder nur
Licht in die grauenhafte Nacht Und überall gelang es dem ruhigen Zureden des
Directors die Halbwahnsinnigen zu beschwichtigen nur die Insassen des einen
Saales wollten oder konnten sich nicht zufrieden geben In der Tat befand sich
dieser Saal in einem Flügel des Gebäudes welcher dem Anprall des Orkans noch
mehr ausgesetzt war als die übrigen Teile und wo in Folge dessen die Wut des
Elementes alle Fesseln sprengte Der donnerähnliche Knall mit welchem die
Windsbraut gegen die alten Mauern schlug das wütende Geheul mit welchem sie
um die Ecken raste nachdem sie sich minutenlang mit der wahnsinnigsten Gewalt
angestrengt das verhasste Hindernis zu beseitigen die wimmernden klagenden
ächzenden heulenden Töne die man wusste nicht wie und woher erschallten das
Alles war furchtbar genug auch eine freie Seele mit geheimem Grauen zu
erfüllen Dazu kam dass in dem Augenblicke in welchem der Director mit den
Leuten parlamentirte von dem höheren Nebengebäude der Schornstein
herabgeschlagen wurde und auf den Dachstuhl des Flügels fiel so dass Hunderte
von Ziegeln herabrasselten und wenn nicht die Gefahr so doch den Lärm
vermehrten Die Leute verlangten herausgelassen zu werden sie würden Alles
daransetzen herauszukommen sie wollten nicht bei lebendigem Leibe begraben
werden
»Aber Kinder« sagte der Director »Ihr seid hier sicherer als irgendwo
sonst so fest wie dieser Saal ist kein anderer Teil des Gebäudes«
»Er hat gut reden« murrte ein vierschrötiger krausköpfiger Kerl »er geht
nach Hause und schläft in seinem weichen Bett«
»Gib mir Deine Matratze Freund« sagte der Director
Der Kerl blickte verwundert drein
»Deine Matratze Freund« wiederholte der Director »Leih sie mir für diese
Nacht ich will sehen ob sie so hart ist und ob es sich hier so schlecht
schläft«
Tiefe Stille folgte plötzlich dem wirren Geschrei die Leute blickten
einander verlegen an sie wussten nicht ob es Scherz sei oder Ernst Aber der
Director rührte sich nicht vom Platze Schweigend das Kinn in die Hand
gestützt gesenkten Hauptes sinnend stand er da Niemand und auch nicht ich
wagte ihn anzureden Aller Augen wandten sich auf den trotzigen Burschen als ob
er zum Tode verurteilt sei und die Hinrichtung demnächst vollzogen werden
solle Und des Menschen Trotz war gebrochen still ging er hin holte seine
Matratze und trat mit derselben vor den Director
»Da leg sie hin mein Freund« sagte der Director »Ich bin müde ich
danke Dir dass Du mir zu einem Lager verhilfst«
Der Mann breitete die Matratze auf dem Boden aus der Director ließ sich
darauf nieder und sagte »Nun legt Ihr Andern Euch auch Sie Herr Inspector
Müller gehen nach dem Krankenhause und fragen dort ob man meiner bedarf Sie
Georg bleiben bei mir«
Der Inspector ging mit den Schliessern die Tür fiel ins Schloss wir waren
allein
Allein unter ungefähr fünfzig Zuchtäuslern zum größten Teil den
schlimmsten und verwegensten Gesellen welche die Anstalt in ihrem Schoss barg
Aus den Laternen die von der Decke herabhingen fiel ein mattes Licht auf
die Reihen der Lagerstätten die sich an den Wänden und in drei langen Linien
durch das Gemach zogen Die Leute hatten sich wirklich wieder hingelegt oder
kauerten doch auf ihren Lagern Der welcher dem Director seine Matratze hatte
geben müssen hätte sich auch legen können denn es standen noch ungefähr ein
halbes Dutzend leere Betten in dem Saale aber er wagte es nicht eins derselben
zu berühren und kauerte auf den nackten Dielen in einer dunklen Ecke Ich stand
mit verschränkten Armen an der steinerne Säule welche die Mitte der Decke
stützte und sah dem wundersamen Schauspiele zu das sich rings um mich her
zeigte und horchte dem Sturm der draußen mit einer Gewalt fortwütete die
kein Ermüden zu kennen schien Der Director lag ganz still den Ellenbogen
aufgestemmt das Haupt in der Hand Er schlief oder schien zu schlafen doch
war es mir als ob von Zeit zu Zeit ein Zucken durch seinen Körper flog Es war
warm in dem Saale aber als wir über den Hof gingen hatte uns ein Regenguss
durchnässt er hatte keine Decke und er hatte sich eben vom Krankenbett erhoben
»Wie soll dies werden« seufzte ich aus der Tiefe meines Herzens
Plötzlich richtete sich ein Mann in meiner Nähe nachdem er schon mehrmals
den Kopf nach dem Director gewendet vollends empor trat die nackten Füße
leise aufsetzend an mich heran und murmelte »Er darf da nicht so liegen
bleiben es wird sein Tod sein«
Ich zuckte die Achseln »Was sollen wir tun«
Und plötzlich steht eine zweite Gestalt neben mir und eine andere raue
Stimme flüstert »er muss nach Haus Was soll er hier liegen und frieren um des
krausköpfigen Schuftes willen Wir wollen keine Schuld daran haben«
»Nein wir wollen keine Schuld daran haben« murmeln andere Stimmen Im Nu
hat sich eine Schaar um mich versammelt die mit jedem Augenblicke wächst Von
diesen Gesellen hat Keiner geschlafen so wenig wie ich Alle haben sie in ihre
rauen Herzen dieselben Gedanken gewälzt Sie möchten ihr Unrecht wieder gut
machen sie wissen nicht wie sie es anfangen sollen Einer findet es endlich
er soll selber hingehen und ihn bitten »Ja das soll er Wo ist er
dahinten her mit ihm«
Sie dringen in die Ecke wo der Krausköpfige kauert ein halbes Dutzend
kräftiger Fäuste reißt ihn vom Boden so schleppen sie ihn zum Director der
als sie herankommen von seinem harten Lager sich emporrichtet Der Schein der
nächsten Laterne fällt voll in sein bleiches von dunkelm Bart und Haar
umschattetes Angesicht Ein glückliches Lächeln spielt um seinen Mund und seine
großen Augen glänzen in einem wunderbaren Licht
»Ich danke Euch« sagt er »ich danke Euch Die Stunden die Eure Guteit
mir vielleicht noch einbringt sie sollen Euch gewidmet sein Und nun noch
eins Kinder Der Mann hier bin ich selbst Was Ihr ihm tut tut Ihr mir«
Der Mann ist vor ihm in die Kniee gesunken er legt ihm segnend die Hand auf
den buschigen Kopf wir wenden uns zur Tür Ich werfe noch einen Blick zurück
von den Leuten hat sich noch keiner von der Stelle bewegt Aller Augen sind noch
starr auf den Herrlichen gerichtet der auf meinen Arm gestützt eben den Saal
verlässt Aber ich zweifle dass Alle ihn noch sehen denn in mehr als einem
dieser Augenpaare glänzen die hellen Tränen
Sechsunddreissigstes Kapitel
Es war zwei Uhr geworden als wir wieder in das Haus traten Bei dem ersten Ton
der Glocke erschien Paula auf dem Flur aber der Director lächelte nur
freundlich und schritt ihr die Wangen streichelnd still vorüber in sein
Zimmer wohin ich ihm folgte Er hatte mit seiner Tochter nicht gesprochen weil
er nicht sprechen konnte Sein Antlitz war leichenblass während auf den
eingefallenen Wangen dunkelrote Flecke glühten Er deutete mir durch eine
Handbewegung an dass ich ihm helfen möge sich auf sein Lager zu legen dann
winkte er mir mit den Augen Dank und schloss sie in tödtlicher Erschöpfung
Ich hatte mich an sein Bett gesetzt und verwandte kein Auge von dem edlen
blassen Antlitz Eine hehre Ruhe lag darüber gebreitet auch die roten Flecke
von den Wangen verschwanden allgemach keine Regung verriet dass unter dieser
hohen Stirn noch ein Geist hause mir war zu Mute als ob ich bei einem Toten
Wache halte
So vergingen langsam und feierlich die nächtigen Stunden
In meinem ganzen Leben ist kein wunderbarerer Gegensatz an mich
herangetreten als das stille hehre Antlitz des schlafenden Mannes und die wilde
Wut des Sturmes der draußen mit unverminderter Gewalt fortraste Er durfte
schlafen Zu den seligen Gipfeln über welchen sein Geist schwebte trug keine
gewaltigste Schwinge irdischen Sturmes
Und ich musste der Nacht denken als in der Mauerhöhle der alten Zehrenburg
der Schleichhändler der eben zum Mörder geworden sich verwundet in meinen
Armen wand und Gott und die Welt und sich verfluchte Und jener Mann war der
Bruder dieses hier gewesen Es schien unglaublich dass derselben Mutter Leib
zwei so verschiedene Wesen hatte hervorbringen dieselbe Sonne zwei so
verschiedenen Menschen leuchten können und dann war mir wieder als ob Beide
der Wilde und der Gute der Menschenhasser und der Menschenfreund einer und
derselbe wären als ob ich jenes blasse Gesicht hier vor mir schon einmal
gesehen als ob es dasselbe Gesicht sei auf dessen bleiche Todesstirn die
Morgensonne schien welche nach der Schreckensnacht rötlich aus dem Meere
stieg
Doch das waren wohl die Phantasien eines den die Müdigkeit überwältigte
Auch musste ich eine Zeit lang geschlafen haben denn als ich wieder einmal den
Kopf hob blickte eine graue Dämmerung durch die heruntergelassenen Gardinen
Der Director lag noch da wie er in der Nacht gelegen hatte die Augen
geschlossen die weißen Hände über der Brust gefaltet Ich stand leise auf und
leise verließ ich das Gemach Ich musste Luft schöpfen ich musste die Last
abzuschütteln versuchen die mir auf dem Herzen lag
Als ich über den stillen Flur schritt war ich verwundert zu sehen dass der
Zeiger der großen Wanduhr am Fuß der Treppe schon auf acht wies Ich hatte nach
dem spärlichen Lichte geglaubt es sei fünf oder sechs Doch sah ich alsbald
als ich heraustrat warum es nicht heller sein konnte Der schwarze Sargdeckel
der in der Nacht über der Erde gelegen hatte sich jetzt in einen grauen
verwandelt eine Dämmerung die nicht Nacht nicht Tag war Und die Gewalt des
Sturmes unvermindert Ich musste mich als ich um den schützenden Giebel des
Hauses trat fest auf die Füße stemmen um nicht umgeworfen zu werden So mich
nach vorn beugend schritt ich durch den sonst so lieblichen Garten der jetzt
nur noch eine grausige Stätte der Verwüstung war Da lagen Bäumchen die mit der
Wurzel herausgerissen da lagen Bäume die wenige Fuß über der Wurzel
abgebrochen waren Der Weg war mit Zweigen und Zweiglein übersäet die Luft mit
durcheinander wirbelnden Blättern buchstäblich angefüllt Nur die alten Platanen
auf dem Altan schienen der Wut des Sturmes trotzen zu wollen wenn auch ihre
majestätischen Wipfel in wilden Wellen durcheinander gepeitscht wurden Ich
arbeitete mich nach dem Belvedere hin dem einzigen Punkte von welchem man
eine wenn auch beschränkte Aussicht nach der Wetterseite hatte Ich fürchtete
schon das alte Gartenhäuschen möchte dem Anprall nicht haben widerstehen
können aber da war es noch ohne Zweifel hatte es die hohe Bastion jenseits des
Wallgrabens geschützt Ich eilte in dem Häuschen einen Schutz zu suchen als
ich hastig durch die offene Tür trat sah ich Paula neben einem der schmalen
Fenster stehen die nach der Wasserseite lagen
»Sie hier Paula« rief ich erschrocken »Sie hier in diesem Wetter das uns
jeden Augenblick das Häuschen über dem Kopf zusammenwerfen kann«
»Wie geht es dem Vater« fragte Paula
»Er schläft« erwiderte ich »Sie haben nicht geschlafen«
Ihre Wangen waren so bleich ihre großen Augen so tief gerändert Sie wandte
den Blick ab und deutete durch das Fenster an welchem sie gestanden hatte und
das jetzt nur noch eine Fensterhöhle war denn der Sturm hatte die bunten
Rauten bis auf eine unten in der Ecke eingedrückt
»Ist das nicht furchtbar« sagte sie
Und furchtbar war es in der Tat Bleigrau der Himmel bleigrau das Meer
und zwischen Himmel und Meer weissliche Punkte wie Schneeflocken die ein
Novemberwind durcheinander wirbelt Die weisslichen Punkte waren Möven und ihr
klägliches Geschrei schallte auf Augenblicke bis zu uns herüber Auf der hohen
Bastion uns gegenüber hatte der Sturm das fusslange Gras das sonst so lustig im
Winde nickte platt gedrückt wie wenn schwere Walzen darüber hingegangen wären
und über dem langen niedrigen Wall zur Rechten erhoben sich von Zeit zu Zeit
schimmernde Streifen für die ich im Anfang keine Erklärung hatte Konnten das
die Kämme von Wellen sein Es schien unmöglich Der Wall das wusste ich war
zwölf Fuß und darüber hoch und hatte noch einen breiten sandigen Vorstrand
auf welchem eine viel frequentirte Badeanstalt angelegt war Ich hatte über den
Wall weg das Meer immer nur in perspectivischer Entfernung gesehen aber diese
schimmernden Streifen wenn es Wellen waren tanzten nicht auf der hohen See
ich sah deutlich wie sie auf und niedertauchten und sich überschlugen und
abgerissen und in Staub und Schaum zerpeitscht über den Wall fortgetrieben
wurden Es war die Brandung und die Brandung war bis an den Rand des Walles
gestiegen
»Was soll das geben« sagte Paula
Es war genau dieselbe Frage die ich mir gestern Abend genau auf dieser
selben Stelle vorgelegt hatte wenngleich in einem ganz anderen Sinne Ich hatte
nur an sie gedacht die jetzt vor mir stand und mit großen angstvollen Augen zu
mir aufschaute aber in meinem durch die schlaflose Nacht zerrütteten Geiste
flossen Natur und Menschenschicksal unentwirrbar in einander draußen war
drinnen und drinnen draußen
»Paula« sagte ich
Sie blickte zu mir empor
»Paula« wiederholte ich und meine Stimme zitterte und meine Hand suchte die
ihre »Wenn der Sturm des Lebens einmal gegen Sie wütet wie der da gegen uns
Beide hier würden Sie sich zu mir um Schutz und Hilfe wenden Sagen Sie
Paula würden Sie das«
Ein flammendes Rot flog über ihre bleichen Wangen sie zog ihre Hand die
ich nicht festzuhalten vermochte aus der meinen
»Sie gehören zu den guten Menschen Georg die Allen helfen möchten und auf
die deshalb Alle Ansprüche zu haben meinen«
»Das ist keine Antwort Paula« sagte ich
Sie öffnete den Mund aber ich erfuhr nicht ob die schlimme Auslegung
welche ich ihren Worten gegeben die richtige sei denn in diesem Augenblicke
wurde das Gartenhäuschen von einem Stoß getroffen der das Bretterdach wegriss
und die noch übrig gebliebenen Fenster eindrückte dass die Scherben um uns
herumflogen Ich fasste Paula um die Hüfte und zog sie aus dem baufälligen
morschen Häuschen fort das wir kaum verlassen hatten als es polternd
zusammenstürzte Paula stieß einen Schrei des Entsetzens aus und klammerte sich
fest an mich Mein Herz wollte aufjauchzen als ich das liebe Mädchen so umfasst
hielt aber sie löste sich alsbald mit einer gewissen Heftigkeit aus meinen
Armen
»Welche Schwächlinge wir Frauen doch sind« sagte sie »Ihr Männer müsst
wahrlich denken wir seien zu nichts auf der Welt als uns von Euch beschützen
zu lassen«
Als sie das sagte lag es wie Zorn auf ihrer Stirn in ihren großen Augen
aber um ihren Mund zuckte ein verhaltenes Weinen
Was ging in diesem Augenblick vor in ihrem Gemüt
Ich habe es erst viele Jahre später erfahren
Wir gingen oder kämpften uns vielmehr nach dem Hause zurück Es wurde kein
Wort weiter zwischen uns gesprochen auch nahm sie meinen Arm nicht den ich ihr
nicht anzubieten wagte Würde sie eines anderen Arm ebenso verschmähen fragte
ich mich
Traurig wie ich mich nie gefühlt saß ich eine Stunde später auf meinem
Bureau Arbeiten zu sollen mit dieser Unruhe im Herzen mit diesem Druck auf dem
Gehirn an einem Tage wie dieser Aber zuerst seine Pflicht tun das andere
findet sich Das war das Wort des Directors und nach diesem Wort setzte ich
mich an meine Arbeit und stellte Listen auf und revidirte Rechnungen und
verrechnete mich nicht Ich hatte meine lange Lehrzeit wohl bestanden ich
durfte es sagen ich hatte zu arbeiten gelernt
Es war Mittag geworden als ich mich zum Director begab ihm die Sachen die
ich gefertigt zur Unterschrift vorzulegen In dem Vorzimmer zu seinem
Arbeitscabinet angelangt blieb ich stehen denn ich hörte durch die geöffnete
Tür sprechen
»Es ist eine herrliche Zeit« sagte eine sanfte Stimme die sich in jüngster
Zeit seltener im Directorhause hatte vernehmen lassen »eine herrliche Zeit
dies ist: eine Zeit des Herrn da er sich offenbart in Sturm und Gewitter das
Herz des sündigen Menschen aus seinem Frevelmut aufzuschrecken Verstehen wir
diese Zeit Herr Director Lassen wir den Herrn nicht vergeblich rufen«
»Sie verzeihen wenn ich nicht Ihrer Ansicht bin Herr von Krossow ich habe
heute Nacht ein Beispiel davon gehabt zu welchem Unsinn abergläubischer
Schrecken diese verwilderten Seelen treibt Wollen Sie die Leute über das
Naturereigniss aufklären bin ich gern bereit Sie in dieser Bemühung zu
unterstützen von einer gemeinschaftlichen Fürbitte sehe ich keinen Vorteil
und muss mich also zu meinem Bedauern dagegen aussprechen«
Der Director hatte das in seiner ruhigen überzeugenden Weise gesagt aber
es schien nicht dass er seinen Gegner überzeugt hatte Es entstand eine kurze
Pause dann fing die milde Stimme wieder an
»Ich vergaß zu erwähnen dass der Herr Präsident von dem ich eben komme und
dem ich meinen Plan mitteilte ganz meiner Meinung war ja dass er den Wunsch
äußerte es möchten in allen Kirchen die Glocken gezogen und die Gemeinde zum
Gebet gerufen werden Er würde es schwer empfinden wenn er hier gerade hier
seine Autorität wie soll ich sagen missachtet sähe«
»Ich fürchte« erwiderte der Director »es werden heute noch Manche in der
Lage sein der Autorität des Herrn Präsidenten den schuldigen Respekt versagen
zu müssen ich fürchte es werden die Glocken gezogen werden aber nicht um die
Leute in die Kirche sondern an die Arbeit zu rufen Es wird wenn der Sturm
nicht bald nachlässt vor Nacht noch viele und schwere Arbeit geben«
Da zitterte durch das Brausen des Sturmes ein wimmernder Ton wie aus den
Wolken heraus dem andere ähnliche wimmernde abgerissene Töne nachheulten in
demselben Augenblicke wurde auch die Tür nach dem Flur aufgerissen und
hereinstürzte der Doctor atemlos
»Es ist wie wir gedacht« keuchte er an mir vorüber in das Gemach des
Directors eilend in welches ich ihm in einer Regung die etwas Besseres als
Neugierde war folgte
»Es ist wie wir gedacht« wiederholte der Doctor seine Brille abnehmend
und sich den nassen Sand und allerlei Spreu womit er über und über bedeckt war
aus dem Gesicht wischend »in einer Stunde höchstens in zwei Stunden hat das
Wasser den Wall überstiegen wenn nicht vorher ein Durchbruch erfolgt was an
mehr als einer Stelle zu befürchten steht«
»Und was trifft man für Vorkehrungen«
»Man legt die Hände in den Schoss ist das noch nicht genug Ich bin
spornstreichs zum PolizeiDirector und zum Präsidenten gelaufen sie sollten
Alles was die Arme rühren kann auf den Wall schicken sie sollen das Bataillon
zurückkommen lassen Es ist können Sie sich den Wahnsinn denken vor einer
Stunde weil keine Kontreordre gekommen ist zum Manöver abmarschirt und quält
sich jetzt auf der Chaussee hin wenn der Sturm sie nicht längst alle rechts und
links in den Graben geworfen hat was mir wahrscheinlicher ist Sie können unter
allen Umständen noch nicht weit sein in einer Stunde in anderthalb
meinetwegen sind sie zurück wenn man ihnen ein paar reitende Boten
nachschickt Hier sind sie mehr von Nöten als in den Chausseegräben Das Alles
stelle ich den Herren vor Was glauben Sie das mir der PolizeiDirector
antwortet er sei selbst Soldat gewesen und wisse dass ein Offizier seiner Ordre
nachzukommen habe Es sei nicht daran zu denken dass das Bataillon auf seine
Bitten umkehren werde Und der Präsident dieser scheinheilige was gibts
ah Herr von Krossow Sie hier Tut mir leid dass Sie haben hören müssen wie
ich über Ihren Herrn Onkel denke aber es ist nun einmal heraus ich kann mir
und ihm nicht helfen Ich weiß nicht anders als dass es nur den Schein von
Heiligkeit haben heißt wenn man in einer solchen Kalamität von Strafgerichten
Gottes von dem Stachel gegen den man nicht löcken dürfe spricht«
»Ich werde nicht ermangeln meinem Onkel von den freundlichen Gesinnungen
die man hier so ungenirt gegen ihn ausspricht pflichtschuldigen Bericht zu
erstatten« sagte Herr von Krossow indem er mit vor Wut zitternden Händen
seinen breitkrämpigen Hut ergriff und zur Tür hinauseilte
»Glück auf den Weg« rief der kampflustige Doctor mit seinen kurzen Beinen
ein paar Schritte hinterherlaufend wie ein Hahn den sein Gegner allein auf dem
Kampfplatz gelassen hat »Glück auf den Weg« rief er noch einmal durch die
offengebliebene Tür die er dann Zorn und Verachtung schnaubend wütend
zuwarf
»Sie haben sich um Ihre Stelle hier gebracht« sagte der Director ernst
»So weiß der Kerl doch wie ich über ihn denke« krähte der Doctor
»Was liegt daran« sagte der Director »Aber daran dass Sie hier Arzt sind
daran liegt sehr viel vor Allem mir Wir müssen sehen wie das wieder ins
Gleiche zu bringen«
Der Director ging mit langsamen Schritten die ernsten Augen vor sich nieder
auf den Boden gerichtet durch das Gemach der Doctor stellte sich von einem Fuß
auf den andern und sah sehr verblüfft und beschämt aus
»Was gibts« fragte der Director einen Schliesser der eben mit verstörten
Mienen zur Tür hereinkam
»Es sind eine Menge Leute da Herr Director«
»Wo«
»Vor dem Tor Herr Director«
»Was für Leute«
»Zumeist aus der Brückengasse Herr Director sie sagen sie müssten Alle
versaufen Herr Director Und weil die Anstalt nun doch so viel höher liegt «
Der Director verließ ohne ein Wort zu erwidern das Zimmer und das Haus
Wir folgten ihm über den Hof Er war herausgetreten wie er ging und stand in
kurzem seidenen Hausrock ohne Hut oder Mütze So schritt er vor uns hin und
der Sturm der im Hof umherfuhr zerzauste sein Haar und peitschte die Spitzen
des langen Schnurrbartes wie Flaggenzipfel
Wir kamen zum Tor das der mürrische Torwart aufschließen musste Ich hatte
gestern Abend als eine Gefängnisstür sich öffnete ein grausiges Bild gesehen
ich sollte hier ein rührendes bejammernswertes zu sehen bekommen das nicht
weniger klar in meiner Erinnerung stehen geblieben ist
Es mochten wohl fünfzig Menschen sein zumeist Weiber aber auch Männer
alte und junge und Kinder zum Teil noch auf den Armen ihrer Mütter Fast alle
trugen sie Sachen in der Hand oder hatten sie vor sich auf den Boden gestellt
die ersten und gewiss nicht immer die besten die sie in der Eile und der Angst
ergriffen Ich sah eine Frau die einen großen Wassertrog auf der Schulter
hatte den sie mühsam fest hielt als müsse er zerbrechen wenn sie ihn auf die
Erde niedersetzt ich sah einen Mann der ein leeres Vogelbauer trug das der
Wind hin und her schleuderte Das Tor war kaum geöffnet als Alle wie von
Furien gejagt auf den Hof stürzten Der Schliesser wollte sich ihnen entgegen
stellen der Director ergriff ihn beim Arme
»Nicht doch« sagte er
Wir waren auf die Seite getreten und hatten den wüsten Strom an uns
vorübergelassen der sich jetzt über den Hof ausbreitete zum Teil bereits nach
den Türen der Gebäude stürzte
»Halt« rief der Director
Die Leute standen
»Lasst die Frauen und die Kinder hinein« sagte er zu seinen Leuten »auch
die Alten und die Kranken Ihr Männer mögt einen Augenblick eintreten Euch zu
erwärmen in zehn Minuten seid Ihr wieder hier dies ist keine Zeit für Männer
hinter dem Ofen zu hocken«
Da kamen schon wieder neue Gäste durch das offene Tor »Lasst sie herein
lasst Alle herein« rief der Director
Ein junges Weib mit einem Kinde auf dem Arm das den Andern nachgestürmt
kam trat vor den Director hin und rief »Ich will meinen Mann Warum halten Sie
ihn eingesperrt Ich kann die Bälger nicht alle auf einmal tragen wenn ich sie
nicht mehr finde so könnt Ihr dies auch nur ersäufen«
Sie war im Begriff das Kind auf die Erde zu legen als sie es plötzlich dem
Doctor welcher dabei stand in die Arme drückte und wieder zum Hofe
hinausstürzte Das junge Weib hatte wunderbar blondes langes Haar und das Haar
war aufgegangen und wie sie jetzt in rasender Eile davon stürzte flatterte es
in tausend sturmgepeitschten Strähnen hinter ihr her
»Machen Sie dass Sie Ihre kleine Bürde los werden« sagte der Director
lächelnd zu dem Doctor »und sehen Sie nach den Weibern und Kindern Und noch
eines lieber Freund Sorgen Sie dafür dass die Leute mit ihrem Mittagessen in
einer Viertelstunde fertig sind und dann sollen sie hier antreten hören Sie
Alle ohne Ausnahme außer den Kranken«
Der Doctor warf einen fragenden Blick auf seinen Chef Plötzlich flog es wie
ein Lichtstrahl auf sein groteskes Gesicht und das schreiende Kind fest gegen
die Brust drückend lief er mit seltsam trippelnden Schritten in das Haus die
Befehle des Directors auszuführen
»Bleib hier Georg« sagte dieser zu mir »und sprich mit den Leuten Du
kannst das ja ich bin in zehn Minuten wieder hier«
Er ging ich schaute ihm mit starren Blicken nach Was war das Zum ersten
Male hatte er mich Du genannt Sein Auge war voll auf mich gerichtet gewesen er
hatte sich nicht versprochen er hatte es aber auch nicht mit Absicht gesagt
ich fühlte das instinctiv ich fühlte ja ich wusste dass der Moment zu hoch
war und dass die kleinlichen Schranken welche das conventionelle Leben zwischen
uns auftürmt vor den Blicken dieses Mannes zu einem Nichts zusammenschrumpfen
mussten Und ich wusste auch was er vorhatte ich wusste dass er sich rüstete zu
einem Kampf auf Tod und Leben und dass er gegangen war Abschied zu nehmen von
den Seinen Ein Schauder durchrieselte mich meine Brust hob sich meine Kopf
richtete sich empor »Ihr guten Leute« rief ich »seid getrost er wird Euch
helfen wenn ein Mensch helfen kann«
Sie drängten sich zu mir sie klagten mir ihre große Not wie das Wasser
gestiegen sei seit gestern Mitternacht einen Fuß in jeder Stunde fast das sei
nun zwölf Stunden her und der Wall habe an der höchsten Stelle nur eine Höhe von
dreizehn bis vierzehn die Brückengasse und die nächste die Schwedengasse
lägen nur wenig höher als das Meer und wenn der Wall bräche seien sie alle
verloren Der LootsenKommandeur Walter der das gut verstände habe immer
gesagt da müsse etwas geschehen aber für dergleichen hätten sie ja kein Geld
das brauchten sie zu den Bastionen und Kasematten auf der Landseite
»Und meine beiden Jungen haben sie in die bunte Jacke gesteckt« sagte ein
alter Mann »die liegen nun auf der Landstraße da können sie uns freilich nicht
helfen«
»Aber er wird es« sagte ich
Der alte Mann blickte mich ungläubig an »er ist ein guter Herr« sagte er
»das weiß jedes Kind aber was kann er tun«
In diesem Augenblick trat der Director wieder aus dem Hause zu gleicher
Zeit strömten aus drei verschiedenen Türen welche in die verschiedenen Flügel
des Hauptgebäudes führten die Arbeits und Zuchtäusler heraus an die
vierhundert alle mehr oder weniger rüstige Männer in ihren grauen
Arbeitsjacken die meisten bereits ausgerüstet mit Spaten Hacken Aexten
Stricken und was denn noch sonst aus der Kammer an Werkzeugen und
zweckdienlichen Hülfsmitteln hatte genommen werden können. Die Leute waren von
ihren Aufsehern geführt
So kamen sie heran in militärischem Schritt und Tritt Halt Front
commandirten die Aufseher und die Leute standen in drei Gliedern aufmarschirt
stramm und fest wie eine Kompagnie unter dem Gewehr
»Zu mir Männer« rief der Director mit tönender Stimme Die Leute traten
heran Aller Augen waren starr auf ihn gerichtet der gebeugten Hauptes
sinnend dastand Plötzlich schaute er auf sein Blick leuchtete über den Kreis
und mit einer Stimme die man dieser kranken Brust nimmer zugetraut hätte rief
er
»Männer Ein Jeder von uns hat in seinem Leben eine Stunde gehabt um die er
viel gäbe wenn er sie zurückkaufen könnte Nun ist Euch heute ein großes Glück
beschieden ein Jeder von Euch sei er wer er sei und habe er getan was er
getan habe ein Jeder soll jene Stunde zurückkaufen dürfen und wieder werden
was er vordem war vor Gott vor sich selbst und vor allen guten Menschen Man
hat Euch gesagt um was es sich handelt Es gilt sein Leben in die Schanzen zu
schlagen für das Leben Anderer für das Leben von Weibern und Kindern Ich mache
Euch keine eitlen Versprechungen ich sage Euch nicht Was Ihr tun werdet soll
Euch zu freien Menschen machen Ich sage Euch im Gegenteil Ihr werdet hierher
zurückkehren wie Ihr ausgegangen seid kein Lohn keine Freiheit Nichts harrt
Eurer wenn heute Abend nach getaner Arbeit jenes Tor sich wieder hinter Euch
schließt nichts als der Dank Eures Directors ein Glas steifen Grogs und ein
sanftes Ruhekissen wie es einem ehrlichen Kerl ziemt Wollt Ihr unter diesen
Bedingungen zu Eurem Director stehen Wer es will der hebe seine Rechte empor
und rufe aus voller Brust Ja«
Und vierhundert Arme flogen in die Höhe und aus vierhundert Männerkehlen
donnerte ein Ja das den Sturm übertönte
Im Nu war die Schaar auf den Befehl und unter der Leitung des Directors
zusammen mit den Männern die vorhin in die Anstalt geflüchtet waren in drei
Züge geteilt von denen Süssmilch den ersten ich den zweiten und ein Sträfling
Namens Mates der früher Schiffbauer gewesen ein sehr intelligenter
tatkräftiger Mensch den dritten führen sollte Die Aufseher standen in Reih
und Glied »Heut Kinder sind wir alle gleich und Jeder ist sein eigener
Aufseher« sagte der Director So marschirten wir zum Tor hinaus
Der Weg die enge Straße auf welche das Haupttor führte hinab war nicht
lang und wurde schnell zurückgelegt aber an dem alten und ziemlich engen Tor
an dem Ende der Straße fanden wir einen unerwarteten seltsamen Widerstand der
mir mehr als alles Vorhergegangene die Gewalt des Sturmes bewies Das alte Tor
war eigentlich nur noch ein offener weiter Mauerbogen dennoch brauchten wir
mehr Zeit hindurchzukommen als wenn wir die schwersten eisenbeschlagenen
eichenen Torflügel hätten sprengen müssen so drückte der Sturm durch die
Öffnung Wie ein Riese mit hundert Armen stand er draußen und stieß jeden
Einzelnen der sich an ihn wagte wie ein machtloses Kind zurück nur unseren
vereinten Anstrengungen indem wir uns gegenseitig die Hände reichten und an der
inneren rauen Oberfläche des Tores festielten gelang es durch den Engpass zu
kommen Dann ging es auf dem Wallwege zwischen der hohen Bastion auf der einen
und den Gebäuden der Anstalt auf der anderen Seite schnell vorwärts bis wir an
den Ort gelangten wo unsere Hilfe Not tat
Es war jener lange niedrige Wall der unmittelbar an die Bastion stieß und
über dessen Rand ich so oft vom Belvedere aus sehnsüchtigen Blickes auf das Meer
und auf die Insel geschaut hatte Seine Länge betrug vielleicht fünfhundert
Schritt Dann kam der Hafen mit seinen weit in das Meer hineingebauten
steinernen Molen Warum diese Stelle bei einem Sturm wie der heutige so
unendlich gefährdet war wurde mir auf den ersten Blick klar Das von der
offenen See unter der Gewalt des Sturmes hereinflutende Wasser wurde zwischen
der hohen Bastion die auf gewaltigen Futtermauern ruhte und dem langen
Hafendamm wie in einer Sackgasse gefangen und da es weder rechts noch links
ausweichen konnte musste es wohl das Hemmniss welches sich ihm hier
entgegenstämmte zu durchbrechen suchen Riss aber der Wall so war der ganze
untere Teil der Stadt verloren Das konnte Keinem entgehen der von dem Wall
stadtwärts in die engen Hafengässchen sah deren Dachfirsten zum großen Teil
kaum die Höhe des Walles erreichten so dass man über dieselben weg in den
Binnenhafen sehen konnte welcher auf der uns entgegensetzten Seite der
Hafenvorstadt lag und wo jetzt die Masten der Schiffe wie Binsen
durcheinanderschwankten
Ich glaube dass ich keine Viertelminute gebraucht habe mir die Situation
wie ich sie soeben geschildert vollkommen klar zu machen und mehr Zeit ist mir
auch schwerlich vergönnt gewesen Sinn und Gemüt wurden von dem Anblicke der
Gefahr die wir zu bekämpfen gekommen waren zu mächtig ergriffen Ich der ich
mein ganzes Leben an der Küste zugebracht der ich mich Tage lang in großen und
kleinen Fahrzeugen auf den Wellen geschaukelt der ich manchen Sturm an Bord
und von der Küste aus mit nimmer müder Aufmerksamkeit und sympatetischem
Grausen beobachtet hatte ich glaubte das Meer zu kennen und sah jetzt dass
ich es nicht besser kannte wie Jemand eine Bombe kennt die er nicht hat
explodiren und Tod und Verderben rings um sich her hat streuen sehen Nicht
einmal in der Phantasie war ich der Wirklichkeit nahe gekommen Dies war nicht
mehr die See die aus Wasser bestand welches kleinere und größere Wellen
bildet welche Wellen mit größerer oder geringerer Gewalt an das Ufer schlagen
dies war ein Scheusal eine Welt von Scheusalen die mit weit aufgerissenen
schäumenden Rachen brüllend heulend schnappend dahergefahren kamen es war
gar nichts Bestimmbares mehr der Untergang aller Form ja selbst aller Farbe
das Chaos das hereinbrach die Welt der Menschen zu verschlingen
Ich glaube dass wohl keiner in der ganzen Schaar war auf den dieser Anblick
anders wirkte Ich sehe sie noch dastehen die vierhundert wie sie auf den Wall
heraufgestürmt waren mit bleichen Gesichtern die starren Augen bald auf das
heulende Chaos bald auf den Nachbar gerichtet und dann auf den Mann der sie
hierhergeführt und der allein im Stande war zu sagen was hier geschehen
solle was hier geschehen könne
Und niemals hat eine ratlose Schaar einen bessern Führer gehabt
Der herrliche Mann Ich sehe ihn mit dem treuen Auge der Liebe das sinnend
in die Vergangenheit blickt so oft in so vielen Situationen und immer sehe
ich ihn schön und groß aber in keinem Augenblicke schöner und größer als in
diesem wie er dastand auf dem höchsten Punkte des Walles sich festhaltend an
der Flaggenstange die er dort hatte aufrichten lassen schöner und größer und
heldenhafter Ja Heldenhaft war seine Haltung und heldenhaft sein Auge das die
Gefahr und die Abhilfe in einem Blick umspannte und heldenhaft war die Stimme
die unermüdet mit scharfem klaren Ton in knappen bestimmten Worten die
nötigen Befehle erteilte Die mussten hinab in die Hafengassen und an leeren
Fässern und Kasten und Kisten herbeischaffen was sie konnten die mit Spaten
und Schaufeln und Karren und Körben hinauf auf die Bastion wo es Erde in
Überfluss gab die mit Sägen und Beilen und Stricken hinüber in das benachbarte
Glacis die jungen Bäume zu fällen die seit Jahren auf einen Feind warteten
der heute gekommen war die auf die nahe gelegene Lastadie die
Schiffszimmerleute aufzufordern mit Hand ans Werk zu legen und ein paar
Dutzend große Balken die wir notwendig brauchten sei es mit Güte sei es mit
Gewalt herbeizuschaffen Noch war keine halbe Stunde vergangen und die mit
genialer Umsicht angeordnete Arbeit war im vollen Gange Hier wurden Körbe mit
Erde in die Lücken gesenkt die das Meer in den Wall riss dort Pfähle
eingeschlagen und mit Zweigen durchflochten dort eine Balkenwand
aufgeschichtet Und das trieb und hastete sich und grub und schaufelte und
hämmerte und karrte und schleppte Centnerlasten herbei mit einer Emsigkeit mit
einer Kraft mit einem starken opferfreudigen Mut dass mir noch jetzt die
Tränen in die Augen kommen wenn ich daran denke wenn ich denke dass dies
dieselben Menschen waren welche die Gesellschaft von sich ausgestoßen
dieselben Menschen die vielleicht um weniger Brocken willen um eines
kindischen Gelüstes zum Dieb geworden dieselben Menschen die ich so oft
verdrossen durch die Höfe der Anstalt an die Arbeit hatte schleichen sehen
dieselben Menschen die gestern Abend der Sturm der an die Mauern ihres
Gefängnisses schlug zu rasender Angst hatte aufregen können Da lag die Stadt
unter ihnen sie konnten hineinstürzen und rauben brennen und morden nach
Herzenslust wer sollte es ihnen wehren Da lag die weite Welt offen vor ihnen
sie durften nur davon und hineinlaufen wer sollte sie zurückhalten Hier war
eine Arbeit schwieriger mühsamer gefährlicher als eine die sie je getan
wer konnte sie dazu zwingen da war der Sturm vor dem sie gestern gezittert in
seiner scheusslichsten Gestalt warum zitterten sie heute nicht Warum gingen
sie scherzend lachend in die offenbare Todesgefahr als es galt den großen
Schiffsmast der vom Hafen hergetrieben war und jetzt von den Wellen als
Sturmbock gegen den Wall geschleudert wurde hereinzuholen Warum Ich meine
wenn alle Menschen dies Warum mit mir in gleicher Weise beantworteten dann gäbe
es keine Herren und Knechte mehr dann sänge man nicht mehr das alte traurige
Lied vom Hammer der kein Amboss sein will dann doch warum ein Warum
beantworten wollen das nur die Weltgeschichte beantworten kann Warum die
Ahnung unseres Busens herausstellen in die Welt die gleichgültig daran
vorübertreibt ohne hinzublicken vielleicht nur hinblickt um darüber zu
spotten
Wer diese Arbeit sah wer diese Menschen sich die Haut von dem Fleisch und
das Fleisch von den Knochen reißen sah in ihrer gewaltigen fürchterlichen
Arbeit der lachte nicht und wer es sah das waren die armen Bewohner der
Hafengassen Weiber und Kinder zumeist denn die Männer mussten mit arbeiten
die herbeikamen und unten im Schutze des Walles standen und mit sorgenvollen
erstaunten Mienen hinaufschauten zu den Graujacken dort oben die sie sonst nur
mit misstrauischen scheuen Blicken von weitem beobachteten wenn dieselben in
kleinen Trupps von einer Aussenarbeit kommend durch die Straßen geführt wurden
Heute hatten sie keine Angst vor den Graujacken heute beteten sie dass ihnen
Speise und Trank gesegnet sein möge die sie selbst bereitwillig herbeitrugen
Sie hatten keine Angst vor den vierhundert Graujacken sie wünschten höchstens
dass ihre Zahl sich verdoppeln und verdreifachen möge
Aber es gab Leute die weit aus dem Bereiche der Gefahr wohnten um deren
Gut und Leben es sich in diesem Augenblicke keineswegs handelte und die deshalb
vollauf in der Lage waren das Ungehörige und Ungesetzliche das man hier zu
vollführen wagte bitter zu empfinden
Ich erinnere mich dass nach einander der PolizeiDirector von Rabach der
RegierungsPräsident von Krossow der Generallieutenant und Kommandant der
Festung Excellenz Graf Dankelheim kamen und unseren Anführer mit Bitten
Befehlen Drohungen bestürmten seine gefürchtete Brigade wieder hinter Schloss
und Riegel zu bringen Ja ich erinnere mich dass sie gegen Abend zusammen da
waren einen gemeinschaftlichen Sturm zu versuchen und ich muss noch heute
lächeln denke ich der heiteren Ruhe mit welcher der Gute Brave diesen Angriff
zurückwies
»Was wollen Sie meine Herren« sagte er »Wollen Sie wirklich lieber dass
Hunderte ihr Leben verlieren und das Eigentum von Tausenden vernichtet wird
als dass ein Dutzend oder ein paar Dutzend dieser armen Schelme das Weite und die
Freiheit suchen die sie nebenbei heute redlich verdient haben Und übrigens
werde ich sie wenn die Gefahr vorüber ist zurückführen Bis dahin soll mich
Niemand von hier vertreiben es sei denn dass er mich mit Gewalt vertriebe und
dazu ist ja wohl glücklicherweise Keiner von Ihnen im Stande meine Herren Und
nun meine Herren muss diese Unterredung zu Ende sein das Dunkel bricht herein
wir haben höchstens noch eine halbe Stunde unsere Vorbereitungen für die Nacht
zu treffen Ich habe die Ehre meine Herren«
Und bei den Worten machte er eine Handbewegung gegen die drei Würdenträger
die mit unendlich armseligen Mienen davonschlichen und wandte sich dahin wo
man seiner bedurfte
In diesem Augenblicke mehr als je denn es war jetzt kurz vor dem
Hereinbrechen der Nacht als ob der Sturm seine ganze Kraft zu einem letzten
entscheidenden Angriff zusammennähme Ich fürchtete dass wir unterliegen würden
dass die sechsstündige verzweifelte Arbeit vergeblich gewesen sei Die
RiesenWellen brandeten nicht mehr zurück ihre Kämme wurden abgerissen und
über den Wall herüber weit in die Straßen hineingeschleudert Angsteulend stob
die unten versammelte Menge auseinander von uns Arbeitern vermochte kaum einer
noch oben Stand zu halten ich sah verwegene Gesellen die bis dahin mit der
Gefahr gespielt hatten bleich werden und den Kopf schütteln und hörte sie
sagen Es ist unmöglich es geht nicht mehr
Und jetzt kam der schauerlichste Act in diesem furchtbaren Drama
Ein kleines holländisches Schiff das draußen auf der Rhede gelegen hatte
war von seinen Ankern getrieben und wurde in der grauenhaften Brandung wie eine
Nussschale hinüber und herüber aus der Tiefe in die Höhe aus der Höhe in die
Tiefe und mit jeder Welle näher an den Wall geschleudert den wir verteidigten
Wir sahen die verzweifelten Gebärden der Unglücklichen die in den Raaen hingen
wir hätten uns einbilden können ihr Angstgeschrei zu hören
»Können wir nichts tun« rief ich »nichts« mich mit Tränen der
Verzweiflung in den Augen an den Director wendend
Er schüttelte traurig den Kopf »Das Eine vielleicht« sagte er »dass, wenn
das Schiff bis oben hinauf geschleudert wird wir versuchen es festzuhalten
damit es die Brandung nicht wieder herabstrudelt Gelingt es nicht sind jene
verloren und wir auch denn das hin und hergeschleuderte Fahrzeug würde uns
eine Bresche in den Wall schlagen die wir unmöglich wieder ausfüllen können
Lass starke Pfähle einschlagen Georg und das eine Ende unserer dicksten Seile
daran befestigen Es ist eine schwache Möglichkeit nur aber es ist doch eine
Komm«
Wir eilten zu der Stelle an der das Fahrzeug voraussichtlich stranden
musste und von der es nur noch wenige hundert Fuß entfernt war Die Leute waren
von dem Wall gewichen und hatten vor der masslosen Wut des Sturmes wo sie
konnten Schutz gesucht jetzt als sie ihren Führer selbst die Axt in die Hand
nehmen sahen kamen sie alle wieder herbei und arbeiteten mit einer Art von
Wut im Vergleich zu dem Alles was sie bis jetzt geleistet Kinderspiel
gewesen
Die Pfähle waren eingerammt die Seile befestigt Ich selbst und noch drei
andere Männer die für die stärksten galten standen auf dem Wall des rechten
Augenblickes harrend Furchtbare Momente die dem Mutigsten das Blut in den
Adern erstarren die einem Jünglinge das braune Haar bleichen konnten
Und das kaum für möglich Gehaltene gelang Eine Riesenwelle kam
herangebraust auf ihrem Rücken das Fahrzeug Und da bricht sie herein eine
Sündflut die sich über uns ergießt aber wir stehen fest wir krampften uns
mit den Nägeln an die eingerammten Pfähle und als wir wieder um uns blicken
können liegt das Schiff wie ein verendeter Wallfisch auf der Seite hoch oben
auf dem Wall Wir springen herzu hundert Hände sind auf einmal beschäftigt die
Seile um die Masten zu schlingen hundert Andere die bleichen Menschen fünf an
der Zahl aus den Raaen an die sie sich gebunden herauszulösen Es ist
geschehen ehe die nächste Welle hereinbricht Wird sie uns unsere Beute
entreißen Sie kommt und noch eine und abermals eine aber die Stricke halten
jede Welle ist schwächer als ihre Vorgängerin die vierte erreicht nicht mehr
den Rand die fünfte bleibt noch weiter darunter in dem furchtbaren
unaufhörlichen Donner der heute so viele Stunden unsere Ohren betäubt tritt
auf einmal eine Pause ein die nach Osten gepeitschten Flaggen auf den
schwankenden Masten der Schiffe des Binnenhafens hangen auf einmal herab und
flattern dann nach Westen herüber der Sturm ist gebrochen der Wind springt
um der Sieg ist unser
Der Sieg ist unser Ein Jeder weiß es in demselben Augenblick Ein Hurrah
das nicht enden will bricht aus den Kehlen dieser rauen Menschen Sie
schütteln sich die Hände sie fallen einander in die Arme Hurrah Hurrah und
nochmals Hurrah
Der Sieg ist unser er ist teuer erkauft
Als meine Augen ihn suchen dem Alle Alles zu danken haben finden sie ihn
nicht auf der Stelle wo ich ihn zuletzt gesehen Aber ich sehe die Leute nach
der Stelle laufen und ich laufe mit ihnen ich laufe schneller als sie gejagt
von einer Sorge die mir Flügel verleiht Ich dränge mich durch ein paar
Dutzend die in dichtem Haufen zusammenstehen und alle vornübergebeugten Kopfes
auf einen Mann blicken der auf der Erde liegt auf den Knieen des alten
Wachtmeisters Und der Mann ist totenbleich seine Lippen sind mit blutigem
Schaum bedeckt und neben ihm rings umher ist die Erde mit Blut gefärbt mit
frisch vergossenem Blut seinem Blut dem Herzblut des Edelsten der Menschen
»Ist er tot« höre ich einen der Männer fragen
Aber der Held hier darf noch nicht sterben er hat noch eine Pflicht zu
erfüllen Er winkt mir da ich mich über ihn beuge mit den Augen und bewegt die
Lippen über die kein Laut mehr kommt aber ich habe ihn verstanden ich umfasse
ihn mit beiden Armen und richte ihn empor So steht sie nun aufrecht an mich
gelehnt die hohe königliche Gestalt Sie können ihn Alle sehen die Männer die
er hierher geführt und die er jetzt zurückführen will Und wieder winkt er mir
mit den Augen nach seiner Hand und ich nehme die schlaff herabhängende
wachsbleiche und sie deutet in die Richtung des Weges den wir heute Mittag
gekommen sind Und da ist Keiner der dieser stummen feierlichen Mahnung nicht
zu gehorchen wagte Sie schaaren sich zusammen sie treten in Reihe und Glied
der Wachtmeister und ich wir tragen den sterbenden Führer So geht es zurück in
langem langsam feierlichen Zuge
Die Nacht ist hereingebrochen nur noch einzelne Sturmstösse sausen vorüber
und erinnern an den Tag den furchtbaren den wir Alle durchlebt haben Die
Arbeitshäusler die heute außer dem Hause gearbeitet haben sie schlafen auf
dem Ruhekissen eines guten Gewissens das ihnen ihr Director zur Nacht
versprochen Ihr Director schläft auch und sein Kissen ist so sanft wie der
Tod für eine große gute Sache es machen kann
Ende des ersten Teiles
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Ein Jahr nach diesen Ereignissen stieg ein einsamer Wandersmann den abfallenden
Rücken eines der Haidehügel empor welche die gute Stadt Uselin nach der
Landseite hin umschließen Er ging langsam wie Jemand der von einem weiten
Marsche ermattet ist und seine Füße nur noch mühsam durch jenen grobkörnigen
Sand schleppt mit welchem das Meer seine Schwelle zu bestreuen liebt
Aber der Wandersmann war gar nicht ermüdet er hatte während des ganzen
Tages nur wenige Meilen zurückgelegt und für ihn wäre auch wohl eine doppelt so
große Anstrengung Kinderspiel gewesen Das Bündel das er an einem Stocke auf
der Schulter trug konnte ihn auch nicht drücken denn es war winzig klein und
doch schritt er langsam und langsamer je näher er den drei Tannen kam welche
den Rücken des Hügels krönten ja er blieb wiederholt stehen und legte die Hand
auf das Herz als ob ihm der Atem fehlte zu den paar Schritten die noch übrig
waren
Und jetzt stand er oben unter den Tannen der Stock samt dem Bündel
entglitt seinen Händen er breitete die Arme weit aus nach dem Städtchen das
von dem Strande des Meeres mit dem Meere zu ihm heraufschimmerte Dann warf er
sich der große starke Mann unter die Tannen in das Haidekraut und schluchzte
und weinte wie ein Kind und dann richtete er sich kopfschüttelnd halb auf
stützte den Ellenbogen auf den Boden und so blieb er eine lange Zeit immerfort
schauend nach dem Hafenstädtchen zu seinen Füßen auf dessen spitzen Giebeln und
steilen Dächern die Abendsonne rötlich lag
Was für Gedanken mochten dem Einsamen da oben durch den Kopf gehen Was für
Empfindungen seine sich unruhig hebende und senkende Brust erfüllen
So mancher Poet der seinen Helden leichtsinnig in eine ähnliche Situation
gebracht hat mag die Beantwortung dieser Fragen nicht ganz unbedenklich finden
für mich hat sie keine Schwierigkeit denn glücklicherweise bin ich selbst der
Wanderer dort in dem Haidekraut unter den Tannen und seitdem ich da lag sind
noch nicht so viel Jahre verflossen dass der Ort und die Stunde und was sie
brachten meinem Gedächtnisse entfallen sein könnten
Was sie brachten
Einen Schwarm von Erinnerungen aus den Jahren als der Mann noch ein wilder
Knabe war und Alles was er hier vor sich liegen sah der Tummelplatz seiner
Spiele die Stadt von dem tiefsten Grunde der halbverschütteten Wallgräben bis
in die Turmknöpfe hinauf die Gärten Felder Wiesen und Haiden die sie
umgaben bis hier zu den Hügeln dort der Hafen mit seinen Schiffen und das
schimmernde Meer auf welches er im gebrechlichen Kahn hinauszurudern liebte
während die Türme der Stadt wie jetzt der rote Abendschein umspielte
Hierhin und dorthin schweiften meine Blicke und hier und dort und überall
trafen sie auf Punkte die wie alte Bekannte zu mir herübergrüssten Aber sie
blieben auf keinem Punkte lange haften wie wenn man in einem bekannten Buche
nach einer besonderen Stelle blättert und Blatt um Blatt durch die Finger
gleitet und jede Zeile auf die das Auge trifft uns bekannt ist und doch immer
die Stelle nicht kommen will nach der wir suchen
Freilich es war ja so nieder und klein das alte einstöckige Haus mit dem
schmalen Giebel in der engen Hafengasse und die Hafengasse lag tief verdeckt
von den größeren Häusern der mittleren Stadt wie konnte ich das kleine Haus
mit dem schmalen Giebel von dieser Stelle aus sehen wollen
Und doch weshalb hatte ich den Weg gemacht die vier Meilen hierher aus dem
Gefängnis den ersten Weg des wieder freien Mannes als um das Haus zu sehen
und wenn es das Glück wollte durch eine Ritze in dem Fensterladen vielleicht
den der es bewohnte Denn vor ihn hinzutreten ihm Aug ins Auge zu schauen
ihm die Arme um den Nacken zu schlingen wie mein Herz mich hieß das wagte ich
nicht zu hoffen durfte ich nach dem was geschehen nicht zu hoffen wagen
Hatte doch in den kurzen Briefen mit denen er meine Briefe beantwortete
während der langen sieben Gefängnissjahre nie ein Wort der Liebe des Trostes
der Verzeihung gestanden Ja mein letzter Brief vor acht Tagen in welchem ich
ihm zu seinem siebenundsechzigsten Geburtstage im Voraus Glück wünschte und dass
dieser Tag der Tag meiner Befreiung sein werde und ob ich wagen dürfe an
diesem Tage ein anderer und hoffentlich besserer Mensch vor ihn zu treten
dieser Brief den ich nassen Auges mit zitternder Hand geschrieben er war
nicht beantwortet worden
Von den hohen Dächern und spitzen Giebeln von den flatternden Wimpeln der
Schiffe im Aussenhafen von den beiden Kirchtürmen endlich war der rote
Abendschein geschwunden leichter Nebel stieg aus den Wiesen und Feldern die
sich von den Haidehügeln zur Stadt zogen Auf der mit schlanken jungen Pappeln
besetzten Chaussee fuhr die Post vorüber ich verfolgte den langsam dahin
rollenden Wagen von Baum zu Baum bis er hinter den ersten Häusern der Vorstadt
verschwand Hier und da auf den schmalen Fusspfaden zwischen den Feldern bewegten
sich die Gestalten von Arbeitern nach der Stadt zu und auch sie verschwanden
Tiefer sank der Abend herein dichter wurden die Nebel auf den Gründen nichts
Lebendes war noch zu erblicken nur ein paar Hasen die auf einem Stoppelfeld
Männlein machten und ein ungeheurer Schwarm von Krähen der aus dem
benachbarten Tannenwalde wo ich sonst mit meinen Kameraden »Räuber und
Gensdarm« gespielt krächzend im schwärzlichen Gewimmel dunkel sich abhebend
von dem lichteren Abendhimmel nach den alten Kirchtürmen zog
Jetzt war die Stunde gekommen
Ich richtete mich auf hing das Bündel wieder über den Stock und ging
langsam den Hügel hinab durch die nebeligen Felder den Weg zur Stadt Auf einer
abgelegenen Stelle der Anlagen machte ich noch einmal Halt es war mir noch
nicht dunkel genug Ich fürchtete mich vor Niemand und brauchte mich vor Niemand
zu fürchten Selbst vor meinem großen Feinde dem Justizrat Heckepfennig wenn
ich ihm begegnet wäre ja vor den unnahbaren Männern Luz und Bolljahn den
Stadtdienern hätte ich nicht die Augen niedergeschlagen oder mich auf die Seite
gedrückt und dennoch es war mir noch nicht dunkel genug
Und nun rauschte es lauter in der halbentblätterten Krone des Ahorn an
dessen Stamm ich lehnte und aufblickend sah ich einen Stern durch die Zweige
schimmern nun mochte es sein
Wie dumpf meine Schritte in den leeren Gassen hallten und wie dumpf mir das
Herz schlug in der gepressten Brust Als ich durch die Rathaushalle ging stand
Vater Rüterbusch der Nachtwächter noch im bloßen Kopf und ohne sein Wehr und
Waffen vor dem Wachlokal und schaute nachdenklich auf den leeren Tisch und die
ausgeschnittene Tonne von Mutter Möllers Kuchenstand während über uns die
Glocke auf dem Turm der Nikolaikirche acht schlug War Mutter Möller gestorben
dass Vater Rüterbusch so nachdenklich auf die leere Tonne blickte und nicht
einmal ein Auge hatte für seinen alten Bekannten aus der Custodie
Gestorben Warum hätte sie nicht sterben können es war eine alte Frau
gewesen als ich sie zuletzt gesehen just so alt wie mein Vater sie hatte es
mir einst selbst gesagt als ich mein Taschengeld bei ihr vernaschte So alt wie
mein Vater Ein rauer Wind strich durch die Halle mich schauderte vom Kopf
bis zu den Füßen und mit eiligem Schritt der beinahe zum Laufen wurde hastete
ich über den kleinen Marktplatz die abschüssigen Straßen hinunter nach dem
Hafen
Da war die Hafengasse und da war das Haus Gott sei Dank Es schimmert Licht
durch die Läden der beiden Fenster linker Hand Gott sei Dank
Und jetzt wollte ich jetzt musste ich tun was ich damals gemusst und auch
gewollt und doch nicht getan hineingehen zu ihm und zu ihm sprechen vergib
mir
Ich fasste den Messinggriff der Tür wieder lag er wie Eis so kalt in
meiner heißen Hand Die Glocke an der Tür tat einen schrillen Ruf und bei dem
Ruf erschien auf der Schwelle des Zimmerchens zur rechten Hand just wie an
jenem verhängnisvollen Abend das treue Riekchen Nein nicht just wie an jenem
Abend Ihre kleine altergekrümmte Gestalt war in ein schwarzes Gewand gekleidet
und ein schwarzes Band war an der schneeweißen Haube deren breite Frisur
strahlenförmig das runzlige Gesicht umgab Und aus dem runzligen Gesicht
flirrten die roten verweinten Augen nach dem Ankömmling
»Rieke« sagte ich es war Alles was ich hervorbringen konnte
»Georg guter Gott« schrie die Alte mit hocherhobenen Händen auf mich
zuwankend »Georg«
Sie hatte meine beiden Hände ergriffen und starrte schluchzend während ihr
die Tränen stromweise über die gefurchten Wangen rollten mit bebenden Lippen
sprachlos zu mir auf Sie brauchte nicht zu sprechen ich fragte nicht was
geschehen sei ich fragte nur »wann«
»Heute sind es acht Tage« schluchzte die Alte »nicht einmal seinen
Geburtstag hat er noch erleben dürfen«
»Woran ist er gestorben«
»Ich weiß es nicht und keiner weiß es Doctor Baltasar sagt ja er könne
es nicht begreifen er ist nicht wieder gesund gewesen seitdem Du fort warst
und es ist schlechter geworden und immer schlechter obgleich er es nie zugeben
wollte Heute vor vierzehn Tagen hat er sich gelegt und hat immer so still vor
sich hingeblickt und nur manchmal in seinem Hausbuch geschrieben noch am Abend
vorher und als ich am Morgen kam ist er tot gewesen und das Buch hat auf
seiner Bettdecke gelegen Ich habe es an mich genommen und es auch Niemand
gezeigt als sie kamen und Alles versiegelten ich meinte immer ich müsse es
für Dich aufheben er hat manchmal Deinen Namen so vor sich hingesagt wahrend
er schrieb was er geschrieben weiß ich nicht ich kann ja nicht lesen Ich will
es Dir holen«
Sie öffnete dienstwillig die Tür nach des Vaters Stube Es war sauber dort
wie immer peinlich sauber aber noch unwohnlicher die weißen Streifen über
den Schlüssellöchern des Secretairs und des alten braunen Spindes in der Ecke
blickten mich geisterhaft an
»Weshalb brennt die Lampe auf dem Tisch« fragte ich
»Sie wollen ja heute Abend kommen«
»Wer will kommen«
»Sarah und ihr Mann und die Kinder glaube ich Weißt Du es denn nicht«
»Ich weiß von Nichts von Nichts Und da liegt ja auch mein letzter Brief
unerbrochen nicht einmal den hat er noch gelesen«
Ich ließ mich in dem Stuhl nieder der vor dem Schreibtische stand Ich
hatte nie in diesem Stuhl gesessen kaum ihn zu berühren gewagt eines Königs
Thron würde mir minder ehrwürdig erschienen sein Das fuhr mir jetzt durch den
Kopf und viele viele andere schmerzliche Gedanken und mein Kopf sank in die
Hände ich hätte gern geweint aber weinen konnte ich nicht
Da stand die Alte neben mir mit dem Buch von dem sie gesprochen Ich kannte
es wohl es war ein dickes Buch in Quart mit Ledereinband und Haken zum
Schliessen und ich hatte es oft in des Vaters Händen gesehen des Abends
nachdem er seine Arbeit getan aber nie hatte ich gewagt einen Blick
hineinzuwerfen selbst wenn ich es einmal gekonnt hätte was freilich nicht oft
der Fall gewesen war denn der Vater pflegte es sorgfältig zu verwahren Jetzt
lag es geöffnet vor mir eines nach dem andern wandte ich die Blätter des
groben rauen Papiers um deren Seiten mit der überaus sauberen pedantisch
gradlinigen mir so wohlbekannten Hand meines Vaters bedeckt waren Die Hand
hatte sich nicht verändert trotzdem die Aufzeichnungen über vierzig Jahre
reichten und die Tinte auf den ersten Seiten bereits vollständig vergilbt war
Nur auf den letzten schien diese rüstige Kraft gebrochen die Schriftzüge wurden
immer eckiger machtloser es waren nur noch traurige Ruinen von dem was sie
einst gewesen das letzte Wort kaum noch lesbar Es war mein Name
Und wie häufig auf den Blättern die den letzten sieben und zwanzig Jahren
gehörten war mein Name
»Heute ist mir ein Sohn geboren ein derber Junge die Hebamme sagt so
derb hat sie ihr Lebtag keinen gesehen der sei ja wie der heilige Georg Und so
soll er auch Georg heißen und soll eine Freude werden meines Lebens und eine
Stütze meiner alten Tage Das walte Gott«
»Georg schlägt gut ein« stand auf einer andern Seite »er ist schon größer
als des Herrn Steuerrats Arthur der doch auch nicht klein ist und scheint
einen guten Kopf zu haben er hat mit seinen drei Jahren Einfälle dass es zum
Verwundern ist Er wird wohl bald in die Schule müssen«
Und wieder auf einer andern »Küster Volland ist voll Lobes über meinen
Georg mit dem Lernen könnte es vielleicht besser sein aber das Herz sagt der
alte Herr sitzt dem Jungen auf dem rechten Fleck das wird einmal ein braver
Mann werden ich werde es nicht erleben aber Sie werden es und dann denken Sie
daran dass ich es Ihnen gesagt habe«
So ging es noch über manche Seite »Georg mein Prachtjunge der
Hauptkerl der Georg«
Dann kamen andere Zeiten Georg war nicht mehr sein drittes Wort und Georg
war nicht mehr sein Prachtjunge und sein Hauptkerl Georg wollte nicht gut tun
nicht in der Schule und nicht im Hause und nicht auf der Straße und nirgendwo
Georg war ein Taugenichts Nein nein das wäre zu viel er hätte nur besser
sein können sein müssen und er würde sich gewiss noch bessern ganz gewiss
Und dann kamen viele Seiten und Georgs Name war nicht mehr darauf So
manches Familienereigniss war notirt der Tod der Mutter die Schreckensnachricht
von dem Tod des Bruders und dass die Tochter Sarah wiederum zum dritten zum
vierten Male ihm einen Enkel eine Enkelin geboren habe und dass er zum
Rendanten befördert und Zulage und hin und wieder eine Gratification erhalten
aber Georgs Name war und blieb verschwunden
Blieb verschwunden selbst auf den letzten Blättern die sich wieder mit
»ihm« beschäftigten dass »er« im Gefängnis von Allen so wohl gelitten sei und
dass der Herr Director von Zehren wieder angefragt habe ob »er« noch immer nicht
der Verzeihung des Vaters würdig scheine
»Ich habe versucht ihm heute zu schreiben wie mirs ums Herz ist aber
ich kann mich nicht überwinden ich will es ihm sagen wenn er zurückkommt und
ihm an meiner Liebe an eines alten gebrochenen Mannes Liebe noch etwas liegt
aber schreiben kann ich es nicht«
Und auf der letzten Seite stand »Es ist nicht wahr es ist gewiss nicht
wahr Sechs und ein halbes Jahr soll er sich gut soll er sich musterhaft
gehalten haben und in der zweiten Hälfte des siebenten soll er auf einmal nichts
mehr taugen«
»Ich höre nicht viel Gutes von dem neuen Director der Verstorbene das war
ein edler Herr und er war immer voll des Lobes über ihn nein nein was man
auch von ihm denken mag schlecht ist mein Junge nicht nicht schlecht« Und
ganz zuletzt »In acht Tagen ist er frei er wird mich auf dem Krankenbette
finden wenn er mich noch findet Um seinetwillen wünsche ich es es würde ihm
doch am Ende schmerzlich sein fände er mich nicht mehr Ich habe alle diese
Jahre gedacht er habe mich nicht lieb der Junge weil er mich sonst nicht so
gekränkt haben würde aber eben träumte ich dass er hier war und ich ihn in
meinen Armen hielt Ich sagte zu ihm Georg «
Ich starrte mit brennenden Augen auf das nun leere Blatt als müssten Worte
hervorkommen die mein Vater im Traum zu mir gesagt aber die Worte kamen nicht
so eifrig ich starrte und endlich sah ich nichts mehr vor der Tränenflut die
aus meinen Augen brach
»Du musst nicht so weinen Georg« sagte die gute Alte »ich weiß es dass er
Dich doch lieber gehabt hat als die Andern viel viel lieber Und wenn er auch
vor Gram und Herzeleid über Dich gestorben ist er war ja ein alter Mann und
da ist ihm wohl viel wohler als hier obgleich der liebe Gott weiß dass ich
keinen andern Gedanken gehabt habe diese zwanzig Jahr als es ihm recht zu
machen«
»Ich weiß es ich weiß es auch und danke Dir tausend tausendmal« rief
ich ihre welken braunen Hände ergreifend »Und nun sag was hast Du vor was
kann ich für Dich tun«
Sie sah mich an und schüttelte den Kopf es mochte ihr sonderbar vorkommen
dass der Georg aus dem Gefängnisse etwas für sie tun wollte
Ich wiederholte meine Frage
»Ach Du armer Junge« sagte sie »Du wirst Deine liebe Not haben Dich
selber durchzubringen denn viel ist es gewiss nicht was er hinterlassen hat er
war zu gut er musste ja überall helfen und mich hat er in das BeguinenStift
eingekauft für die paar Jahre die ich vielleicht noch zu leben habe Das geht
nun auch ab und Sarah hat schon sehr darüber gescholten sie haben gedacht sie
würden Alles bekommen aber es soll ganz gleich zwischen Euch geteilt werden
das habe ich aus seinem eigenen Munde und ich kann es beschwören und werde es
beschwören wenn sie Dir es abstreiten sollten weil er ja kein Testament
hinterlassen hat«
In diesem Augenblicke wurde stark an der Haustür geschellt
»Ach Du guter Gott« rief die Alte die Hände zusammenschlagend »da sind
sie schon
Sie trippelte aus dem Zimmer dessen Tür offen blieb Ich dachte daran wie
ich meine Schwester nie geliebt in welcher Feindseligkeit ich mich vor Jahren
von ihr getrennt und wie ich in der Zwischenzeit keineswegs gelernt hatte sie
zu lieben aber was sollte das Alles jetzt Jetzt wo sie und ich den Vater
verloren hatten wo sie und ich über das Grab des Vaters hinweg uns die Hände
reichen mussten
Ich trat auf den kleinen Flur der von den Angekommenen beinahe ausgefüllt
war eine große hagere blasse Frau in schwarz und ein kleiner runder roter
Mann in der SteuerofficiantenUniform und so viel ich in der Eile sehen konnte
ein halbes Dutzend Kinder von zwölf oder zehn Jahren bis herab zu einem
Säugling welchen die große hagere Frau in dem Momente als ich auf der
Schwelle erschien fest an sich drückte indem sie mich dabei mit ihren großen
kalten Augen mehr feindselig als erschrocken anblickte Der kleine dicke Mann
in Uniform trat Verlegenheit auf dem runden Gesicht zwischen mich und die
Gruppe der Mutter mit den Kindern und sagte die plumpen Hände ängstlich
übereinander reibend Wir haben Sie hier nicht erwartet ehem Herr Schwager
ehem aber es ist ja sehr schön dass Sie hier sind ehem Wir gehen wohl
derweile in des seligen Vaters Stube da können wir ja Alles in Ruhe besprechen
Nicht wahr liebe Frau«
Der kleine Mann drehte sich auf den Hacken nach seiner lieben Frau um
welche statt aller Antwort ihre Kinder vor sich herschiebend in das Zimmerchen
der alten Magd drängte Er drehte sich wieder auf den Hacken um rieb sich noch
verlegener als zuvor die Hände und sagte noch einmal »ehem«
Wir traten in das Zimmer ich setzte mich in des Vaters Arbeitsstuhl mein
Schwager war in seinem Gemüt zu verstört um sitzen zu können Er ging mit
kurzen schnellen Schritten in dem Gemach auf und ab und blieb so oft er an
die Tür kam einen Augenblick stehen mit seitwärts gebeugtem Kopf lauschend
ob seine liebe Frau drüben ihn etwa gerufen habe und sagte dann um die Pause
schicklich auszufüllen »ehem«
Es war eine lange Auseinandersetzung die mir der kleine Mann während dieser
seiner rastlosen Wanderung von der Tür nach dem Ofen und wieder vom Ofen nach
der Tür zum Besten gab und was er sagte war so plump und ungeschickt wie er
selbst Es schien dass er und seine liebe Frau sich halb und halb Hoffnung
gemacht hatten ich würde nie wieder aus dem Gefängnisse herauskommen
besonders nachdem mir über meine Zeit hinaus ein halbes Jahr Disciplinarstrafe
zudictirt war Er freute sich ja sehr dass seine und seiner lieben Frau
Befürchtungen sich nun doch nicht verwirklicht aber das müsse ich zugeben dass
es ein hartes Ding für einen königlichen Beamten sei einen Schwager zu haben
der im Zuchtause gesessen Ob ich glaube dass ein Beamter mit einer solchen
Verwandtschaft Karriere machen könne Es sei ganz schrecklich so zu sagen
unverantwortlich und wenn er das hätte voraussehen
Der kleine Mann warf einen scheuen Blick auf mich Ich saß so still da und
blickte ihn so starr an und war ein Riese im Vergleich zu ihm und kam eben aus
dem Gefängnis Es war am Ende doch nicht geraten in diesem Tone mit mir zu
sprechen und nun kam eine lange Litanei von dem traurigen Leben das ein
kleiner Beamter mit einer starken Familie an der polnischen Grenze führe
Freilich habe er sich jetzt auf den Wunsch seiner lieben Frau die ihren alten
Vater pflegen wollte hierher versetzen lassen aber nun habe der alte Herr der
sich ihrer gewiss recht angenommen hätte sterben müssen und hier sei das Leben
so viel teurer und dann die Reise mit den vielen Kindern und der Kleine sei
erst sechzehn Wochen alt und wenn sie auch nun die Erbschaft gemacht so sei
Zwei ein starker Divisor wenn der Dividendus nicht groß sei und
Ich hatte genug mehr als genug gehört
»Kennen Sie vielleicht von früher her dieses Buch« sagte ich die Hand auf
den Deckel von des Vaters Tagebuch legend
»Nein« erwiderte der kleine Mann
»Lassen Sie mir das Buch ich will weiter nichts von des Vaters Erbschaft
Es ist des Vaters Tagebuch das für Sie kein Interesse hat Wollen Sie«
»Ja wohl das heißt ehem ich weiß nicht ob meine liebe Frau man müsste
doch erst einmal sehen « erwiderte mein Schwager sich verlegen die Hände
reibend und mit den kleinen verschwollenen Aeuglein nach dem Buch schielend
»So sehen Sie« sagte ich
Ich begann jetzt meinesteils die Wanderung durch das Zimmer während der
Mann seiner lieben Frau sich an den Tisch setzte das verdächtige Buch einer
genaueren Inspection zu unterwerfen
Es schien als ob er demselben auf dem gewöhnlichen Wege der Lektüre kein
besonderes Interesse abgewinnen könne er versuchte es deshalb auf eine andere
Weise indem er es oben an den beiden Deckeln ergriff und die herunterhängenden
Blätter eine halbe Minute lang energisch durcheinanderschüttelte Da auch diese
Methode zu keinem Resultat führte gab er die Sache als hoffnungslos auf legte
das Buch wieder hin erhob sich rieb sich die Hände und sagte »Ehem ja
gewiss freilich so zu sagen versteht sich das heißt wir müssten die Sache
doch schriftlich machen ein paar Zeilen nur um vorläufig einen Anhalt zu
haben man könnte es ja später notariell «
»Was Sie wollen wie Sie wollen« sagte ich »Hier«
Der kleine Mann blickte in das Papier und blickte auf mich während ich das
Buch in mein Bündel schnürte und Bündel und Stock in die Hand nahm Er wusste
entweder nicht was er aus mir machen sollte oder er hielt mich auch was nach
dem Ausdruck seines Gesichts wahrscheinlicher war einfach für verrückt auf
jeden Fall war er ausnehmend froh mich los zu werden
»Schon fort« sagte er »wollen Sie nicht meiner lieben Frau «
Es verlangte mich nicht mehr seine liebe Frau zu sehen ich murmelte etwas
das als Entschuldigung gelten mochte ging zum Zimmer hinaus drückte auf dem
Flur im Vorübergehen der alten Rieke die Hand und stand auf der Gasse
Ich habe nur eine dunkle Erinnerung von der folgenden Stunde Es ist kein
Traum aber es ist mir wie ein Traum dass ich in dieser Stunde auf dem Kirchhof
draußen in der Mühlenvorstadt gewesen bin und den alten Totengräber
herausgeklopft habe der sich eben zu Bett legen wollte und dass ich an einem
frischen Grabe gekniet und dem alten Mann der mit der Laterne abseits stand
hernach Geld gegeben und ihn gebeten habe morgen in aller Frühe den Hügel mit
Rasen zuzudecken dass ich dann wieder zurückgegangen und vor dem Tore an der
Villa des Kommerzienrats vorüber gekommen bin wo alle Fenster erleuchtet waren
und an den erleuchteten Fenstern tanzende Paare vorüberhuschten nach einer
Musik die ich nicht hörte und dass ich mich fragte ob die kleine Hermine
auch wohl da oben tanze und mir dann einfiel dass das hübsche Kind jetzt
siebenzehn Jahr alt sein müsse wenn sie nicht auch bereits gestorben sei
Mir wurde unsäglich traurig zu Mut es war mir als wäre die ganze Welt
ausgestorben und ich sei der einzige Lebende und die Schatten der Toten
tanzten um mich her nach einer Musik die ich nicht hörte
So wankte ich in die Stadt zurück die menschenleeren todtstillen Gassen
entlang dem Hafen zu mechanisch denselben Weg einschlagend der mir von Jugend
auf der liebste gewesen war
Der Seewind wehte mir entgegen er tat meiner brennenden Stirn so wohl
Ich sog mit vollen Zügen die kräftige Luft in meine gepresste Brust Nein nein
die Welt war nicht ausgestorben ich war nicht der einzige Lebende und es gab
auch noch eine Musik eine köstliche Musik mir köstlicher als jede andere die
Musik des Windes der durch die Raaen und durch das Tauwerk pfiff und der
Wellen die gegen den Hafendamm und um den Bug der Schiffe plätscherten Nein
nein sie war nicht ausgestorben es gab noch Menschen die mich liebten die
ich aus ganzer Seeele wiederlieben durfte
Auf der Landungsbrücke wo das Dampfschiff nach St anzulegen pflegte und
auch gerade jetzt wieder lag stand eine dichte Gruppe von Menschen Mir fiel
ein dass ich meine Fahrt nach der Hauptstadt am zweckmässigsten auf dem Dampfer
hier beginnen könnte
Als ich dies bei mir überlegend vor der Brücke stand wurde eben ein Korb
wie er zum Transport von schwer Kranken benutzt zu werden pflegt nur dass der
Deckel fehlte den man in der Eile vergessen oder in der Nacht nicht für nötig
erachtet haben mochte an mir vorüber getragen auf die dichte Gruppe zu
»Was gibts« fragte ich die Männer
»Der Heizer auf der Elisabet hat sich das Bein gebrochen« brummte der
Eine in welchem ich jetzt meinen alten Freund den Stadtdiener Luz erkannte
»Und wir sollen ihn in das Spittel bringen« sagte der Zweite der kein
Anderer als der gefürchtete Bolljahn war
»Der arme Mensch« sagte ich
»Ja« sagte Luz »und seine Frau ist eben niedergekommen«
»Und acht waren schon da« brummte Bolljahn
»Nein sieben« sagte Luz
»Nein acht« versicherte Bolljahn
Die Gruppe welche auf der Brücke stand setzte sich in Bewegung
»Da liegt er schon« sagte Luz
»Nein acht« sagte Bolljahn der einen einmal behaupteten Streitpunkt nicht
sobald aufgeben zu können schien
Luz hatte recht man hatte den Verunglückten bereits auf dem Schiffe auf die
Brücke geschafft Es war ein sehr großer starker Mann an dem ihrer Vier zu
tragen hatten und der doch so stark er war vor Schmerzen stöhnte und wimmerte
Die Beiden setzten den Korb nieder man wollte den Kranken hineinheben und musste
dabei sehr ungeschickt zu Werke gehen denn er schrie laut auf Ich stieß ein
paar Gaffer bei Seite und trat herzu Sie hatten ihn wieder auf den Boden
niedergelassen ich fragte ihn wie er es haben wolle und legte selbst mit Hand
an »Gott sei Dank« murmelte der Aermste »da ist doch ein vernünftiger
Mensch«
Sie trugen ihn fort ich ging noch eine Strecke nebenher ein wenig nach dem
Rechten zu sehen Ob er es warm genug habe er hatte es warm genug ob sie ihn
gut trügen ein bisschen weniger könne es schon schütteln »Hier ist etwas für
Sie und Sie« sagte ich meinen alten Freunden ein paar Geldstücke in die Hand
drückend »und nun tragt ihn als ob es Euer Bruder wäre oder ein Junge von
Euch« und dann beugte ich mich über den Kranken und flüsterte ihm etwas ins
Ohr das die Herren Luz und Bolljahn nicht zu hören und gab ihm etwas das die
Herren Luz und Bolljahn nicht zu sehen brauchten und kehrte dann wieder um auf
die Gruppe zu die noch immer am Laufbrett stand und den merkwürdigen Fall
discutirte In demselben Augenblicke kam der Kapitän über das Laufbrett und rief
zu der Gruppe gewandt »Will Einer von Euch für den Karl Riekmann eintreten und
für die eine Fahrt ich will es gut bezahlen«
Die Leute sahen einander an »Ich kann nicht Karl« sagte der Eine »kannst
Du nicht« »Nein Karl« sagte der Angeredete »aber Du Karl« »Ich kann auch
nicht« sagte der dritte Karl
»Ich will« sagte ich
Der vierschrötige Kapitän blickte zu mir hinauf
»Na« sagte er »leisten wirst Du es schon«
»Ich denke« sagte ich
»Und kannst Du gleich bleiben« sagte er
»Mich hält hier Nichts« sagte ich
Zweites Kapitel
Ein grauer Nebelmorgen folgte der kalten windigen Nacht Es war sechs Uhr als
die »Elisabet« den Hafen verließ ich war seit drei Uhr an der Feuerung
beschäftigt gewesen Die Arbeit war mir schnell von Statten gegangen und ich
hatte der Unterweisung des brummigen schwerfälligen Maschinenmeisters kaum
bedurft Ich musste ein paar Mal unwillkürlich lächeln als der Mann wenn ich
ohne ihn zu fragen diesen oder jenen Dienst an der Maschine selbstständig
ausführte mich mit halb ärgerlichen halb verwunderten Blicken anstarrte Ich
hatte ihm gesagt und das war der Wahrheit gemäß ich sei ganz neu in diesem
Dienst aber ich hatte ihm nicht gesagt und ihn ging es ja auch nichts an dass
ich in dem Unterricht bei meinem unvergesslichen Lehrer über das Wesen einer
SchiffsDampfmaschine vollkommen unterrichtet war und die einzelnen Teile
derselben an einem vortrefflichen Modell bis in die kleinsten Einzelheiten
studiert hatte Und lernte ich so den Dienst eines Feuermannes binnen wenigen
Stunden regelrecht versehen so dauerte es kaum so lange bis ich auch das
Aussehen eines regelrechten Feuermannes hatte Um meinen einzigen Anzug zu
schonen hatte ich mich desselben zum Teil entledigt und es mir in einer
Arbeitsblouse meines verunglückten Vorgängers bequem gemacht Die Blouse passte
vollkommen ein Beweis dass, wenn meine Körpergrösse ein Naturfehler war wie
mir nur zu oft vorkam ich mich wenigstens in diesem meinem Unglück eines
Leidensgefährten erfreute Dazu das Hantiren mit den Kohlen und die Wirkung
eines Rauchstromes der mir beim Anheizen zehn Minuten lang aus dem
widerspenstigen Ofen über das Gesicht gestrichen war selbst mein Freund der
Doctor Snellius welcher sich auf sein physiognomisches Gedächtnis so viel zu
Gute tat würde mich nicht erkannt haben
Das war mir freilich jetzt sehr gleichgültig ich hatte glücklicher Weise
andere Dinge in den Kopf zu nehmen
Glücklicherweise Denn in meinem Kopfe sah es übel aus und noch übler in
meinem Herzen Der Tod des Vaters der aus dem Leben geschieden war ohne dass
ich ihm noch einmal die strenge gute Hand hätte drücken können die Begegnung
mit der Schwester die ihre Kinder vor mir in Sicherheit bringen zu müssen
glaubte der Gedanke an die Zukunft die um so dunkler vor mir lag je länger
ich Zeit gehabt hatte darüber nachzudenken was in dieser Zukunft aus mir
werden solle das Alles würde mich für den Moment vollständig niedergedrückt
haben wäre da vor mir der brave Ofen nicht gewesen in dem die Kohlen so
prächtig glühten und die Flammen so lustig tanzten und die wackere Maschine
die rastlose unermüdlich arbeitende Nur die Arbeit kann uns frei machen hatte
mir mein Lehrer gesagt die freie Arbeit Ich hatte es ihm aufs Wort geglaubt
aber ich begriff es doch eigentlich erst heute als ich fühlte wie von der
tüchtigen Arbeit der ich hier obzuliegen hatte die Last auf meinem Herzen
leichter und leichter und die Wolken vor meiner Stirn lichter und lichter
wurden Ja es kam ordentlich ein freudiger Stolz über mich dass ich mich hier
unten wie zu Hause fand und ich dachte jenes Tages vor acht Jahren als ich die
verhängnisvolle Fahrt auf dem »Pinguin« machte meinen Freund Klaus im
Maschinenraum besuchte und meinem weinerhjetzten Gehirn die Maschine wie ein
Ungeheuer vorgekommen war das mir zu nichts gut schien als sich von ihm
zermalmen zu lassen Der gute Klaus Er hatte damals seine liebe Not mit mir
gehabt und viel schwere Sorge und etwas Not und Sorge würde ich ihm auch jetzt
wohl wieder machen wenn ich zu ihm kam um mit seiner Hilfe ein tüchtiger
Arbeiter zu werden Etwas Sorge nicht viel ich hatte heute Morgen erfahren
dass ich fester auf den eigenen Füßen stehen könne als ich je geglaubt
Oder auch als mein augenblicklicher Vorgesetzter der bärtige
Maschinenmeister auf den seinigen Er stand gar nicht fest der brave Mann Die
verquollenen Augen der verschlafen überwachte Ausdruck seines nichts weniger
als schönen Gesichtes das unfeine Parfüm von Alkohol welches er um sich
verbreitete ließ unschwer erraten dass sein schwankender Gang durch das
Schaukeln des Schiffes nicht allein bedingt wurde Er war nicht betrunken der
würdige Mann ein ordentlicher Maschinenmeister betrinkt sich nicht selbst
wenn er bis um zwei Uhr Morgens mit seinen Kollegen vom schwedischen Postschiff
in der Hafenkneipe gesessen und schwedischen Punsch getrunken hat aber
nüchtern war er auch nicht gewiss nicht nüchtern so wenig dass ich jetzt
meinerseits meinen Vorgesetzten mit misstrauischen Blicken zu beobachten begann
wenn er an der Steuerung der Maschine stehend über die Güte des schwedischen
Punsches in tiefe Nachdenklichkeit versank die einem ruhigen Schlummer manchmal
auffallend ähnlich sah
»Eine Wärmplatte Herr Weiergang schnell nach dem Verdeck« rief der
Steward in den Maschinenraum hinab Herr Weiergang nickte nickte zu mir
herüber es war eine Sache die mich speciell anging Und ich wusste um was es
sich handelte War ich doch oft genug auf Dampfschiffen gefahren bei rauhem
Wetter wenn das Stampfen des Schiffes in den Wellen den Aufenthalt in der
Kajüte für Damen die zur Seekrankheit geneigt unmöglich und der scharfe
Nordost und das Spülwasser das Verweilen auf dem Deck unlieblich ja
unerträglich machen Ganz unerträglich wenn der brave Heizer nicht wäre der
mit den auf dem Kessel heiß gemachten eigens zu dem Zweck gegossenen
Eisenplatten kommt um dieselben den Frierenden dienstfertig unter die Füße zu
schieben
Heute nun war ich der brave Heizer Es kam mir etwas wunderlich vor ich
hatte solchen Dienst im Leben nie geleistet nie geträumt dass ich solchen
Dienst jemals würde leisten müssen Müssen Musste ich denn Ja ich musste ich
hatte das Amt des kranken Mannes übernommen und dies gehörte zu seinem Amt
folglich musste ich es und nach fünf Minuten erschien ich auf dem Deck ein
wohldurchhjetztes Eisen in den mit Werg verwahrten Händen tragend
Es war schon gegen Mittag und das erste Mal dass ich auf Deck kam Die Luft
war grau und dick man konnte kaum ein paar hundert Schritt vor sich sehen Der
Wind war contrair so dass obgleich er nicht heftig wehte das Schiff doch
mächtig stampfte und ein kalter Sprühregen von den am Bug zerstiebenden Wellen
fortwährend über uns weg fegte
Das Deck war beinahe leer wenigstens schien es so da sich die zehn oder
zwanzig Passagiere in alle Winkel hinter den Radkasten den Kajütenhäusern und
wo immer sonst eine vorspringende Ecke einen kleinen Schutz gewährte
zusammengedrückt hatten
»Hierher guter Freund hierher« rief eine Stimme die mir wohl bekannt
schien und mich umwendend hätte ich beinahe vor Schreck die heiße Platte
fallen lassen Da stand ein Mann der wenn er auch jetzt einen grauen
altmodischen Überzieher mit hochgepufften Aermeln über den blauen Frack mit den
goldenen Knöpfen gezogen hatte und die Mütze diesmal nicht wie sonst weit aus
der Stirn sondern tief in die Augen gedrückt trug niemand anders sein konnte
als mein alter Freund und Duzbruder der Kommerzienrat Streber
»Hierher guter Freund« rief er noch einmal und deutete mit der rechten
Hand mit der linken hielt er sich krampfhaft an der Ankerwinde fest auf eine
weibliche Gestalt die mir den Rücken zukehrend beinahe auf der äußersten
Spitze des Vorderdecks hinter dem hoch aufgestapelten Ankertau auf einem
niedrigen Sessel kauerte Die Gestalt zog den grosscarrirten weichgefütterten
Mantel fester um die schlanken Hüften und wandte das von einer mit Schwanendaun
gefütterten Kapuze eingerahmte Gesicht zu mir hin
Es war ein holdes süßes Mädchengesicht auf dessen Wangen der Meerwind das
zarte Rosa zu einem energischen Rot aufgeküsst hatte und dessen tiefblaue
glänzende Augen gar seltsam und lieblich mit dem grauen Wasser und der grauen
Luft contrastirten Sieben Jahre waren es dass ich dies Gesicht nicht gesehen
hatte Aus dem Kinde war eine Jungfrau geworden aber die Jungfrau hatte noch
das Gesicht oder doch wenigstens den Mund und die Augen des Kindes und an
diesem Mund an diesen Augen erkannte ich sie Ich stutzte unwillkürlich und
musste die Eisenplatte die jetzt durchaus auf das nasse Deck fallen wollte sehr
fest halten und zum Überfluss fühlte ich wie mir das Blut stromweis in die
Wangen schoss Es war doch ein verzweifeltes Ding in diesem Aufzug und mit
diesem russbedeckten Gesicht vor meine kleine Jugendfreundin zu treten
Aber dieser Aufzug und die Russdecke waren mein Glück sie blickte ein wenig
erstaunt zu mir empor ohne mich zu erkennen
»So guter Freund« sagte sie »hier legen Sie sie hin« und sie lehnte sich
in den Sessel zurück hob das Kleid ein wenig und die zwei niedlichsten Füßchen
von der Welt die sich ängstlich von den nassen Planken des Verdecks auf den
Hacken hoben wurden für einen Augenblick sichtbar
Ich kniete nieder und tat meine Schuldigkeit nicht mehr und nicht weniger
vielleicht ein bisschen weniger als mehr denn sie sagte »Sie können mir
hernach noch eine bringen wenn Sie einmal mehr Zeit haben jetzt scheinen Sie
keine zu haben«
»Ja bringen Sie gleich noch eine für mich« schrie der Kommerzienrat
»Für mich auch wenn ich bitten darf« rief eine dünne Stimme aus einer Ecke
zwischen dem Kajütenhaus und dem Vordermast wo aus einem halben Dutzend Shawls
und Tüchern eine rote Nasenspitze hervorblickte und eine vom Wind gepeitschte
dünne gelbe Locke flatterte die Niemand sonst gehören konnte als Fräulein
Amalie Duff
»Mir auch mir auch« schrien ein halbes Dutzend anderer Stimmen ähnlich
eingehüllter Wesen die mit der Schnelligkeit der Verzweiflung die Vorteile
einer heißen Eisenplatte auf einem nassen Verdeck begriffen hatten
»Mir aber zuerst« schrie der Kommerzienrat dem bei dieser Koncurrenz
bange wurde »Sie wissen doch wer ich bin«
Ich hielt nicht für nötig den Herrn Kommerzienrat zu vergewissern dass er
mir nur zu gut bekannt sei und eilte von dem Verdeck wegzukommen wo es mir
heißer gewesen war als vor meinem Ofen
Ich langte unten in einer grenzenlosen Verwirrung an und der Gedanke jetzt
wieder auf Deck zu müssen trieb mir den Angstschweiß vor die Stirn aber wenn
ich es recht überlegte war es nur eine Regung ganz gewöhnlicher Eitelkeit Ich
wollte nicht als das russige Ungeheuer vor dem schönen Mädchen erscheinen das
war es und weiter nichts und dabei stand ich vor dem Kessel auf welchem die
Platten schon längst den nötigen Wärmegrad erreicht hatten und der Steward
hatte schon dreimal hinabgerufen ob ich denn noch nicht mit dem verdammten
Eisen fertig sei
»Pfui Georg schäme dich« sagte ich zu mir selbst »die armen Dinger oben
frieren weil du in einer zerrissenen Blouse steckst und vielleicht ein paar
Russflecken auf dem Gesicht hast Schäme dich«
Und ich schämte mich und stieg die Leiter wieder hinauf mutigen Schrittes
auf den Platz zu wo die arme halberfrorene Gouvernante in ihren feuchten
Gewändern kauerte Sie blickte ihre wasserhellen Augen erhebend mit dem
Ausdruck hilflosen Jammers zu mir empor und sagte während ihr die Zähne vor
Kälte klapperten »Sie guter Mensch Sie sind mein Retter«
»Warum bleiben Sie nicht in der Kajüte« fragte ich und ich hätte gar nicht
platt zu sprechen und meine Stimme zu verstellen brauchen welche der scharfe
Nordost und die Verlegenheit ganz aussergewöhnlich rau und tief machten
»Ich würde unten sterben« wimmerte die Aermste
»So setzen Sie sich wenigstens dort drüben an den Radkasten in den
Überwind Sie haben hier den schlechtesten Platz auf dem ganzen Deck«
»O Sie Guter« sagte die Gouvernante »so ist es doch eine ewige Wahrheit
dass in allen Zonen gute Menschen wohnen«
Ich musste mich auf die Lippe beißen
»Kann ich Ihnen behilflich sein« sagte ich »wenn Sie sich vor meinem
Arbeitskittel nicht scheuen «
»Unter Larven die einzig fühlende Brust« murmelte die Gouvernante indem
sie sich an meinen Arm klammerte
»Wohin willst Du liebe Duff« rief eine fröhliche Stimme hinter uns her
und Hermine die aufgesprungen war kam schnell herbei vermutlich um ihrer
Erzieherin behilflich zu sein aber wenn sie diese Absicht gehabt hatte konnte
sie vor Lachen nicht zur Ausführung derselben kommen Sie klatschte in die Hände
und lachte dass die weißen Zähne durch die roten Lippen schimmerten »Pluto und
Proserpina« rief sie »Duffchen Duffchen ich hab es ja immer gesagt dass sie
Dich mir einmal entführen werden«
Und sie tanzte auf dem nassen Deck herum in toller Ausgelassenheit wie sie
vor acht Jahren mit ihrem Wachtelhund auf dem sonnebeschienenen Deck des
»Pinguin« herumgetanzt war
»Nun kommen Sie endlich zu mir Sie da« rief der Kommerzienrat der in
eine Ecke gedrückt mit missmutigen Blicken meinen Bemühungen um die Gouvernante
zugesehen hatte
»Es sind noch ein paar Damen da« sagte ich
»Aber ich habe es zuerst gesagt« rief er und stampfte ungeduldig mit beiden
Füßen
»Damen gehen immer vor Herr Kommerzienrat« sagte lächelnd der Kapitän
der eben von dem Vorderdeck an uns vorüberkam
»Sie haben gut reden Sie sind diese schändliche Kälte gewohnt« schrie der
Kommerzienrat
Ich war wieder nach unten gegangen ohne dort lange bleiben zu dürfen Der
Ruf nach Wärmplatten war ein allgemeiner geworden und ich hatte meine liebe
Not so dringenden von allen Seiten ausgesprochenen Wünschen nachzukommen
dabei wurde das Wetter rauer und rauer und der Nebel dichter und dichter ich
bemerkte dass das joviale Gesicht des Kapitains immer ernster und ernster
dreinblickte und hörte ihn einmal im Vorübergehen zu einem Passagier der ohne
Zweifel auch ein Seemann war sagen »Wenn wir nur erst durch das verdammte
Fahrwasser hier wären Bei dem Wind können die größten Schiffe hereinkommen und
man kann keine hundert Schritte mehr vor sich sehen«
Ich verstand genug von der Schifffahrt um die Besorgnisse des Kapitains
vollkommen zu begreifen und dabei hatte ich noch meine Sorge für mich
Mein Vorgesetzter nämlich der Maschinenmeister Weiergang war offenbar nach
jeder Stunde tiefer in das Nachdenken über die unmittelbaren und nachträglichen
Folgen des reichlichen Genusses von schwedischen Punsch versunken und obgleich
er noch immer mechanisch seinen Posten behauptete und den Dienst an der
Maschine verrichtete an welcher es jetzt wo das Schiff gleichmäßig im Gang
war wenig genug zu tun gab so verließ ich doch jedesmal den Maschinenraum mit
einiger Unruhe Wie leicht konnte bei der Enge des Fahrwassers in welchem wir
uns eben befanden ein complicirtes Manöver nötig werden und war die nickende
Gestalt an dem Steuerhebel dann im Stande dieselbe auszuführen
Ich war eben wieder mit einer Platte auf Deck welche noch dazu für Niemand
anders bestimmt war als für die blauäugige übermütige Schöne Sie hatte ihren
alten Platz am Bugspriet wieder eingenommen und nickte mir freundlich entgegen
als ich herantrat
»Ich mache Ihnen viel Mühe« sagte sie
»Es ist gern geschehen« erwiderte ich indem ich mich bückte
»Sie sind aus Uselin« fragte sie weiter als ich das Eisen zurecht rückte
»Nein« murmelte ich im Begriff mich eilig zu entfernen
»Aber Sie sprechen ja unser Platt« sagte sie eifrig und sah mich mit einem
erstaunt prüfenden Blick an
Ich fühlte dass die Russdecke auf meinem Gesicht sehr dick sein musste wenn
sie die Glut die mir in die Wangen schoss verdecken wollte
»Schiff in Sicht« rief plötzlich der Mann auf der Vortoprae
Eine große dunkle Masse schwebte uns aus dem grauen Dunst entgegen Ein
Schrecken nicht für mich durchrieselte mich auch ich schrie mit der ganzen
Kraft meiner Stimme »Schiff in Sicht« und stürzte dann einer blitzschnellen
Regung folgend in weiten Sätzen über das Verdeck nach der Luke zu dem
Maschinenraum während der Kapitain auf dem Radkasten wie toll »Stop
Rückwärts« in das Sprachrohr hineinrief ein Kommando das offenbar nicht
befolgte wurde denn das Schiff schoss mit unverminderter Geschwindigkeit durch
die Wellen
Wie ich die steile Leiter hinabgekommen bin weiß ich nicht mehr Ich weiß
nur noch dass ich dem trunkenen Maschinenmeister einen Stoß versetzend den
Steuerhebel auf die andere Seite schlug indem ich zu gleicher Zeit das Ventil
öffnete um vollen Dampf zu geben
Ein gewaltiger Ruck erfolgte das ganze Fahrzeug erzitterte wie in
Todesangst und arbeitete in den Strudeln welche von den nun
rückwärtsschlagenden Rädern aufgewühlt wurden Mein Stoß und vielleicht noch
mehr die gewaltsame Erschütterung des Schiffes hatten den Trunkenen erweckt In
seiner Verwirrung mochte er sich die Situation ich weiß nicht wie fälschlich
deuten denn er stürzte wie ein Wahnsinniger auf mich zu mich von der
usurpirten Stelle zu verdrängen so dass ich Mühe hatte ihn von mir abzuwehren
Es war eine fürchterliche Minute während welcher ich in jeder Sekunde
zehnmal den Zusammenstoß der beiden Schiffe erwartete
Aber die Minute ging vorüber und mit der Minute die Gefahr denn länger
hätte nach meiner Berechnung der Zusammenstoß nicht ausbleiben können und jetzt
erschallte auch durch das Sprachrohr das Kommando »Stop«
Ich stellte den Steuerhebel in die Mitte und schloss das Ventil Meine
prompte Ausführung eines Kommandos das er deutlich gehört hatte brachte den
Maschinenmeister mit einem Male zur Besinnung Erst jetzt schien er zu
verstehen was ich ihm während wir mit einander rangen wiederholt zugeschrien
hatte Todtenblässe bedeckte sein bärtiges Gesicht als Jemand die Treppe
herunter polterte
»Machen Sie mich nicht unglücklich« murmelte er
Es war der Kapitän der herabkam zu sehen was denn hier unten vorgegangen
sein mochte Auf seinem hübschen guten Gesicht lag noch der ganze Schrecken der
eben überstandenen Gefahr
»Was heißt das Weiergang« schrie er den Maschinenmeister an
»Ich war ich hatte « stammelte dieser
»Bei der Feuerung zu tun« fiel ich ihm ins Wort
»Und da « fing der Maschinenmeister wieder an
»Wir werden uns weiter sprechen« sagte der Kapitän den Unglücklichen
streng anblickend
Der Kapitän kannte seine Leute
Er sah dass der Mann in welchem Zustande er sich auch befunden haben
mochte jetzt vollkommen nüchtern und diensttauglich war »Wir sprechen uns
nachher« wiederholte er und dann sich zu mir wendend »Kommen Sie mit hinauf«
Ich folgte dem Kapitän nicht ohne mich noch einmal nach dem
Maschinenmeister umzublicken der jetzt mit seinen Meditationen über die
Wirkungen des schwedischen Punsches definitiv fertig geworden war und in tiefer
Zerknirschung über das fürchterliche Resultat mir einen flehentlichen Blick
nachsandte
»Was hat es gegeben« fragte mich der Kapitän
Ich hielt es für meine Pflicht ihm die Wahrheit zu sagen indem ich eine
Bitte um Verzeihung für den Mann falls es möglich sei hinzufügte
»Er ist sonst der nüchternste Mensch von der Welt« sagte der Kapitän »es
ist das erste Mal«
»Dann ist es hoffentlich auch das letzte« erwiderte ich
Er sprach mit mir wie mit seinesgleichen
»Sie haben mir einen großen Dienst getan« sagte er »wer sind Sie mir
ist als müsste ich Sie schon gesehen haben und auch den Damen oben scheint es
so zu gehen«
»Lassen Sie das gut sein Kapitän« sagte ich
Diese kurze Unterredung hatte stattgefunden während wir die Leitertreppe
zum Verdeck hinaufstiegen Der Kapitän konnte der Neugier die ihn offenbar
ergriffen hatte nicht länger Folge geben er hatte mehr zu tun
Mein erster Blick als ich auf das Deck trat suchte unwillkürlich das
Schiff welches uns mit einem so nahen Verderben bedroht hatte und das jetzt
eben hinter uns im Nebel verschwand mein zweiter Herminen die mit ihrem
Kammermädchen um die ohnmächtige Gouvernante beschäftigt war Ein köstliches
Gefühl von Zufriedenheit das nicht ganz ohne Stolz sein mochte strömte durch
meine Brust So muss einem Feldherrn zu Mute sein der eine Schlacht gewonnen
die er ohne Schande hätte verlieren dürfen
Die arme Gouvernante war nicht das einzige Opfer des Schreckens geworden
mit welchem die fürchterliche Allen sichtbar herandringende Gefahr die
Passagiere der »Elisabet« erfüllt hatte Hier und da saß noch eine oder die
andere Dame mit todesbleichem Gesicht auch die Männer schauten blass und
verstört drein und fingen eben erst an ihre Gedanken über das was geschehen
auszutauschen Und in der Tat musste die Situation schauerlich genug gewesen
sein Das entgegenkommende Schiff ein Fahrzeug von den größten Dimensionen
war so unvorsichtig herangekommen dass die »Elisabet« trotz der von mir
bewirkten Umsteuerung der Maschine und trotzdem ich vollen Dampf gegeben dem
Zusammenstoß nur um die Breite von wenigen Fuß entgangen war Dazu die
Erschütterung des Schiffes das Knarren und Stöhnen der sich biegenden Planken
das Krachen von einem halben Dutzend gleichzeitig zertrümmerter Schaufeln in den
Rädern wahrlich man brauchte nicht Fräulein Amalie Duffs zarte Nerven zu
haben um in einer solchen Situation die Besinnung zu verlieren
Angenehm war die Situation auch jetzt nicht
Das große Schiff schlenkerte in den noch immer hochgehenden Wellen um so
gewaltsamer als die Maschine der zerbrochenen Räder wegen nicht arbeiten
konnte Glücklicherweise war der Wind günstig so dass vermittelst der schnell
aufgehissten Segel die Steuerung möglich wurde Was von Händen noch übrig
geblieben war jetzt beschäftigt die Schaufeln notdürftig wieder herzustellen
Ich hatte während meiner Gefängnisszeit von Zimmermannsarbeiten genug gesehen und
mitgetan um sofort Hand anlegen zu können Die Augenblicke waren kostbar und
es war mir nicht unlieb auf diese Weise mich den forschenden Blicken Herminens
und Fräulein Duffs entziehen zu dürfen welche letztere das Talent hatte eben
so schnell aus der Ohnmacht zu erwachen wie sie in Ohnmacht fiel und jetzt mit
ihrer Schülerin und Freundin in einer Unterredung begriffen war deren
Gegenstand wohl mit meiner Person in irgend einer Verbindung stand
»Blick Du nur immer« sagte ich bei mir »ich bin trotz dem nicht schlechter
als mancher andere auf den Du Deine schönen Augen schon geworfen hast und noch
werfen wirst«
Dennoch war es mir nicht unlieb dass ich als sie jetzt Miene machte zu der
Stelle wo ich mich befand herüberzukommen in den geöffneten Radkasten
kriechen konnte wo es toll genug aussah Es stellte sich heraus dass wir zumal
bei dem starken Seegang uns auf das Notwendigste beschränken mussten
In einer Stunde war die Arbeit getan und wir wurden nach dem Vorderdeck
beordert wo das Bugspriet des vorbeistreifenden Schiffes einen Teil der
Brüstung weggerissen hatte
Ich war als ich aus dem Radkasten auftauchte erfreut gewesen das Verdeck
so gut wie leer und vor Allem Hermine nicht zu sehen aber als ich eben oben
um das Kajütenhaus herumkam stand sie plötzlich mit ihrer Gouvernante vor mir
Die Begegnung konnte keine zufällige sein denn die Duenna trat sofort zurück
die junge Herrin aber blieb stehen und sagte mit den großen blauen Augen keck
zu mir aufblickend
»Sind Sie Georg Hartwig oder sind Sie es nicht«
»Ja« erwiderte ich
»Wie kommen Sie hierher was wollen Sie hier sind Sie ein Matrose oder
Heizer oder was und warum Können Sie nichts Besseres tun Schickt sich das
für Sie«
Diese Fragen folgten einander so schnell dass ich mich begnügte auf die
letzte zu antworten indem ich sagte »Warum nicht Es ist keine Schande ein
Heizer zu sein«
»Aber Sie sehen so so schwarz so russig so abscheulich aus ich mag
solche schwarze Menschen nicht leiden Sie sahen früher viel viel besser aus«
Ich wusste nicht was ich darauf erwidern sollte und begnügte mich die
Achseln zu zucken
»Sie müssen von hier fort« sagte die junge Schönheit eifrig »Sie gehören
hier nicht her«
»Und doch ist es recht gut dass ich heute hier gewesen bin« sagte ich mit
einer Regung von Stolz deren ich mich alsbald schämte
»Ich weiß es« erwiderte sie »Der Kapitän hat es uns gesagt es sieht
Ihnen gleich aber darum eben dürfen Sie nicht hier bleiben Sie sind zu etwas
Besserem bestimmt«
»Ich danke Ihnen mein Fräulein für Ihre gütige Teilnahme« erwiderte ich
ernst »aber wozu ich bestimmt bin das muss die Folge lehren vorläufig will ich
meinen Weg gehen wie er mich eben führt«
Sie blickte mich halb missmutig halb ich möchte sagen traurig an und
sagte dann schnell
»Sie sind arm vielleicht sind Sie darum hier und sehen so so gar nicht
hübsch aus mein Vater soll Ihnen helfen mein Vater ist sehr reich«
»Ich weiß es liebes Fräulein« sagte ich »aber gerade deshalb möchte ich
von ihm nicht geholfen sein«
Eine tiefe Glut flammte über ihre Wangen ihre blauen Augen blitzten und
ihre roten Lippen zuckten
»Nun denn« sagte sie »so will ich Sie nicht weiter aufhalten«
Sie wandte sich mit einer schnellen Bewegung um und eilte von mir fort
Ich stand noch ganz verwirrt auf demselben Fleck als plötzlich hinter der
Ecke des Kajütenhäuschens hervor wo sie jedenfalls eine aufmerksame wenn auch
unsichtbare Zeugin dieser Unterredung gewesen war Fräulein Duff zu mir trat
Ihre wässrigen Augen in denen jetzt zum Überfluss einige mitleidige Tränen
schwammen waren zu mir empor gerichtet und sie flüsterte in ihrem weichsten
Ton »Suche treu so findest du« Dann eilte sie auf eine Antwort meinerseits
klüglich verzichtend ihrer jungen Herrin nach
Eine Stunde darauf legten wir an der Landungsbrücke in dem Hafen von St an
Ich war unten im Maschinenraum wo es jetzt genug zu tun gab Und das war
mir lieb Ich hörte so doch nur halb das Rumoren auf dem Deck welches die
Passagiere die hier so böse Stunden durchgemacht zu verlassen eilten Auch sie
verließ es vielleicht in diesem Augenblick Es war nicht sehr wahrscheinlich
dass ich sie jemals wiedersehen würde Warum sollte ich sie auch wiedersehen
Die Frage schien mir selbstverständlich dennoch seufzte ich als ich sie
mir vorlegte
Mein Abschied von dem Maschinenmeister war kurz aber nicht unfreundlich Er
hatte mir schon vorher gesagt dass die Sache mit dem Kapitän ausgeglichen sei
Es schien im Grunde ein braver Mensch und so ging ich beruhigt von ihm
Ich hatte gehofft im Übrigen unbemerkt von dem Schiffe wegzukommen aber
der Kapitän rief mich an als ich mit meinem Bündel über das Vorderdeck schritt
Er sagte mir er habe erfahren dass ich der Sohn des verstorbenen
Steuerrendanten Hartwig in Uselin sei den er wohl gekannt habe Auch von meinen
Schicksalen habe er gehört aber das gehe ihn nichts an Ich hätte heute seiner
Gesellschaft und ihm persönlich einen wichtigen Dienst getan Es sei seine
Pflicht mir dafür zu danken und zu fragen ob die Gesellschaft und er selbst
sich mir nicht anderweitig erkenntlich zeigen könnten
Ich sagte »Ja das könnten Sie wenn Sie für den Mann dessen Stelle ich
heute vertreten und der jedenfalls was ich getan auch getan haben würde
eine noch mehr als gewöhnliche Sorge tragen wollten«
Der Kapitän sah wohl dass es vergeblich sein würde weiter in mich zu
dringen Er versprach mir meinen Wunsch treulich zu erfüllen und drückte mir
die Hand indem er sagte dass er es sich zur Ehre schätzen würde wieder einmal
mit mir zusammenzutreffen
Das hatte einige Zeit in Anspruch genommen dennoch hielt eine
Hotelequipage welche ich bereits bei der Ankunft es Dampfers bemerkt hatte
noch immer an dem Zugang der Landungsbrücke In dem Augenblicke jedoch als ich
zögernden Schrittes die Brücke hinaufgehend mich den Wagen näherte setzte sich
derselbe in Bewegung
Ich sah nur noch eben wie ein jugendliches Gesicht in einer
Schwandauncapuze eilig vom Fenster verschwand aus welchem es nach irgend etwas
oder irgendwem auf der Brücke ausgeschaut hatte
Da rollte der stattliche Wagen dahin ich blickte ihm seufzend nach Nicht
als ob mich nach einem Wagen mit zwei mutigen Braunen verlangt hätte Der Weg
von St nach der Hauptstadt betrug freilich noch zwanzig Meilen und ich musste
die kleine Summe die ich mir im Gefängnisse erspart hatte zu Rate halten
Aber ich wusste von früher dass ich meine sechs sieben Meilen den Tag marschiren
konnte ohne mich zu überlaufen und ich fühlte mich frischer und kräftiger als
je
Nach einem Wagen mit zwei mutigen Braunen war es also schwerlich wonach
mein seufzendes Herz verlangte
Drittes Kapitel
Ich hatte den Tag einen langen langen Weg zurückgelegt auf einer endlosen
Chaussee deren Pappelreihen vor mir in weiter Ferne immer in jenem spitzen
Winkel zusammenstiessen der sich nur öffnet um sich wieder zu schließen der
nie näher kommt und in dieser seiner Unerreichbarkeit auch den geduldigsten
Wanderer zur Verzweiflung bringen kann Dazu hatten die herbstlichen Regentage
den Weg schlüpfrig und beschwerlich gemacht Melancholisch hatte es den ganzen
Morgen in den halb entblätterten Pappeln gerauscht dann war gegen Mittag der
Regen gekommen immer von derselben Seite und melancholisch und verregnet
hatten die sandigen Haiden und verödeten Felder rechts und links vom Wege hatte
jedwedes Menschenkind ja und auch jedes Tier dem ich begegnet war
ausgesehen Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben heute noch die Hauptstadt
zu erreichen und empfand es wirklich als eine specielle Wohltat als jetzt ein
gelbrötlicher Dunstkreis in mäßiger Höhe sich über den Horizont breitete und
ein einsamer Wandersmann den ich überholte und den ich um die Erklärung dieses
seltsamen Phänomens ersuchte mir sagte dass dies die Nähe der Stadt bedeute
Wirklich machten jetzt meine Feinde die Pappeln den Häusern der Vorstadt
Platz Die Vorstadt war lang genug aber Häuser halten es nicht so lange aus
wie Pappeln und »da ist das Tor« sagte mein Gefährte und wünschte mir einen
guten Abend
Da war das Tor Es war eben nicht stattlich und nahm meine Aufmerksamkeit
wenig in Anspruch desto mehr aber ein Komplex von Gebäuden welcher unmittelbar
vor dem Tore links von der Straße lag und nach der Größe der Baulichkeiten
und den hier und da von rötlichem Licht durchstrahlten colossalen Fenstern zu
schließen eine große Fabrik war Ein hohes eisernes Gitter schied den Hofraum
von der Straße In dem Gitter war ein weites Tor dessen einer Flügel eben
geöffnet wurde und aus welchem einzelne Arbeiter hervorkamen denen immer mehr
und mehr folgten so dass sie zuletzt in dichten dunklen Schaaren
hervorströmten Sie zerstreuten sich hierhin und dahin Andere blieben auch
unmittelbar vor dem Tore stehen und bildeten dichte Gruppen in denen zum Teil
lebhaft gesprochen wurde Ich hörte wiederholt die Worte Tagelohn
Accordarbeit Abzug Kündigung aber ich verstand den Zusammenhang nicht und
mochte doch auch nicht fragen um was es sich handle Ein paar Schritte weiter
an dem Gitter stand mit dem Rücken nach mir ein junges Weib vor sich ein
Bübchen haltend das mit den Füßchen auf dem Mauerwerk des Gitters ruhte und mit
den Händchen in das Gitter griff eifrig auf den Hof der Fabrik spähend über
welchen noch immer dunkle Gestalten wenngleich spärlicher als zuvor kamen
»Was für eine Fabrik ist dies?« fragte ich an das junge Weib herantretend
Sie wandte ihren Kopf über die Schulter »Die Maschinenfabrik von dem
Kommerzienrat Streber« sagte sie »Stehe still Georg der Vater muss gleich
kommen«
Der matte Schein einer nahen Laterne fiel in das hübsche runde Gesicht des
jungen Weibes Die Maschinenfabrik des Kommerzienrats Georg dessen Vater
gleich kommen sollte die guten freundlichen Augen die roten Lippen es
konnte nicht anders sein »Christel Möve« sagte ich »Christel Pinnow Sind Sie
es denn wirklich«
»Du meine Seele« rief die junge Frau das Bübchen schnell von dem Gitter
herabnehmend und vor sich auf die Erde setzend »und sind Sie es denn Herr
Georg Sieh Georg das ist Dein Pate« und sie hob den Buben so hoch als
möglich ihm zu einem genaueren Anblick eines so merkwürdigen Menschen zu
verhelfen »Nein wie sich Klaus freuen wird«
Sie hatte den Knaben wieder auf die Erde gesetzt der sich kaum frei fühlte
als er an dem Gitter abermals in die Höhe zu klettern versuchte Ich nahm ihn in
meine Arme »Bist Du ein Riese« fragte der kleine Mann mir mit seinen Händchen
auf den Kopf patschend
In dem Augenblicke trat rasch eine vierschrötige schwarze Gestalt auf uns
zu einigermaßen erstaunt wie es schien seine Frau in so eifrigem Gespräch mit
einem fremden Manne zu sehen der seinen Georg auf dem Arm trug aber bevor noch
Christel oder ich ein Wort hatten sagen können riss er schon seine schwarze
Pelzmütze vom Kopf schwenkte dieselbe als Siegesfahne in der Luft und schrie
»Hurrah er ist da der Georg ist da« Es war schon ein wenig lange her dass
eine menschliche Lunge sich meinetwegen zu einem Freudenschrei herbeigelassen
hatte und es war vielleicht eine Folge davon dass mir bei dieser Begrüßung des
guten Klaus die Tränen in die Augen traten so dass die abendliche Szene
Fabrikgebäude Häuser Strassenlaternen vorüberrollende Wagen schwarze
Arbeitergestalten die Gruppe der Freunde selbst für ein paar Momente hinter
einem dichten Schleier verschwand
Als ich wieder zu mir kam wanderten wir die Straße entlang Klaus den
großen Georg an dem einen Arm auf dem andern den kleinen Georg während
Christel voraufging alle Augenblicke ihr lächelndes Gesicht über die Schulter
zu uns wendend Glücklicherweise war der sehr belebte Weg nicht eben weit Wir
langten bald an einem großen nach meinen Begriffen äußerst stattlichen Hause
an dessen Inneres allerdings seinem Äußeren wenig entsprach Der Hausflur war
dürftig erleuchtet und die Dielen mit dem Schmutz wie es schien unzähliger
Fußtritte besudelt die heute hier aus und eingegangen waren Der Hof auf
welchen wir jetzt traten war von hohen Gebäuden umgeben hinter deren hier und
da matt erleuchteten Fenstern es nicht überall so still herging wie es im
Interesse Ruhe liebender Leute wünschenswert sein mochte Die steinernen
Treppen welche wir in einem dieser Hintergebäude hinaufstiegen waren sehr
steil und womöglich noch schlechter beleuchtet und noch schmutziger als der Flur
des Vordergebäudes dabei kamen uns fortwährend Leute entgegen welche es mit
den Pflichten der Höflichkeit keineswegs immer sehr genau nahmen Mir wurde ganz
bänglich zu Mute als wir einen Absatz nach dem andern erkletterten ohne dass
der voraufsteigende Klaus Halt machte und ganz beklommen sagte ich ob wir
nicht bald oben seien
»Da sind wir schon« sagte Klaus gegen eine Tür klopfend welche alsbald
von innen geöffnet wurde und aus welcher als sie geöffnet war mir jener
penetrante Duft entgegenströmte der in einem Raum zu entstehen pflegt wo den
ganzen Tag drei oder vier heiße Plätteisen über frisch gestärkte Wäsche geführt
werden Eine Täuschung über die Entstehung des Dunstes war um so weniger
möglich als die betreffenden Plätteisen noch diesen Augenblick von zwei jungen
Frauenzimmern gehandhabt wurden die eben so wie die dritte welche uns
geöffnet hatte neugierige Augen auf den Ankömmling richteten
»So geht es den ganzen Tag« sagte Klaus mit einem Blick der tiefsten
Bewunderung auf seine Frau die zu den Plätterinnen getreten war »den ganzen
Tag höchstens dass sie sich eine Viertelstunde gönnt mich aus der Fabrik
abzuholen«
»Du bist ein glücklicher Mensch Klaus« sagte ich mit einer vergeblichen
Anstrengung in dieser Atmosphäre einen vollen Atemzug zu tun
»Nicht wahr« erwiderte Klaus und er zeigte dabei alle seine Zähne die
noch nichts von ihrer schimmernden Weiße verloren hatten »aber das will noch
nicht viel sagen Nun sollen Sie «
»Sollst Du Klaus«
»Meinetwegen sollst Du erst einmal ihre Jungen sehen«
»Und Deine Klaus«
»Nun ja und meine das versteht sich« sagte Klaus in einem Tone als ob es
sich gar nicht der Mühe verlohne einen so gleichgültigen Umstand weiter zu
erwähnen »die sollst Du erst sehen«
»Einen kenne ich ja schon Klaus«
»Ja aber die andern ihr alle wie aus den Augen geschnitten es ist
ordentlich lächerlich« wiederholte Klaus mit bewunderndem Blick auf seine
kleine rundliche Gattin
»Du weißt ja nicht was Du schwatzt Du dummer Mann« sagte diese sich
schnell umwendend und ihrem Klaus eine arbeitstüchtige und doch weiße und
kleine Hand auf den Mund legend »Wir wollen machen dass wir in die Stube
kommen Ich bitte um Entschuldigung dass ich Sie hier so lange aufgehalten
habe«
Wir traten in die Stube aber Klaus ruhte nicht bevor uns seine Frau auch
in die Kammer führte wo neben zwei großen Betten vier Bettchen standen in
welchen vier allerliebste Kinder ruhten denn auch mein kleiner Namensvetter war
unterdessen von einer der Plätterinnen in sein Nestchen gebracht
»Ist es nicht eine Pracht« sagte Klaus indem er mich von einem Blondkopf
zum andern führte »und lauter Jungen lauter Jungen aber es ist mir recht
ganz recht von einer Dirne müsste ich verlangen dass sie ihr ähnlich würde und
das wäre ja doch die pure Unmöglichkeit die pure Unmöglichkeit«
Hier schob mich Christel wieder zur Kammer hinaus wie sie mich vorher zur
Küche hinausgeschoben hatte
»Du bleibst hier« sagte sie zu ihrem Manne »und wäschst Dich erst und
machst Dich ordentlich Du Ungetüm wie es sich schickt wenn wir einen solchen
Besuch haben«
Klaus zeigte seine Zähne und fand den Spaß seiner Christel zu gut
»Er findet Alles zu gut von mir« sagte Christel indem sie ihm mit einer
scheinbar ärgerlichen Miene die Tür vor seinem schwarzen Gesicht zugemacht
hatte
»Besser als wenn das Gegenteil der Fall wäre« sagte ich
»Ja aber er treibt es doch manchmal zu arg Was sollen die Leute denken
ich schäme mich oft Und es wird mit jedem Jahre schlimmer ich weiß wirklich
nicht mehr wo das hinaus soll wenn die Jungen erst größer werden ich denke
oft daran die können ja gar keinen Respekt vor ihrem Vater haben«
Während Christel so ihrem tiefen Kummer Worte gab deckte sie zierlich und
gewandt den Tisch und ich vor dem Ofen stehend in welchem ein lustiges Feuer
brannte dachte vergangener Zeiten dachte jenes Abends wo ich den Wilden in
Pinnows Schmiede zum ersten Mal getroffen und wie Christel den Tisch gedeckt
und uns bedient und wie sie mich hernach gebeten hatte nicht mit dem Wilden zu
gehen Wenn ich damals ihrem Rat gefolgt wäre Es wäre allerdings anders
gekommen Anders vielleicht besser vielleicht auch nicht Es war so gekommen
und
»Sie müssen damit vorlieb nehmen« sagte Christel
»Das will ich Christel das will ich« sagte ich indem ich zu gleicher
Zeit die Hände der jungen Frau ergriff und mit einer Leidenschaftlichkeit
drückte welche sie ein wenig zu erschrecken schien
»Wie wild Sie noch immer sind« sagte sie indem sie mit ihren blauen Augen
verwundert aber keineswegs unwillig zu mir aufschaute »Noch ganz wie damals«
»Das ist Ihnen doch nicht leid Christel« sagte ich
Sie schüttelte lächelnd den Kopf »Es ging manchmal lustig her« sagte sie
»Im Winter beim Glühwein« sagte ich
»Und des Sommers bei der Kalteschaale« sagte sie
»Besonders wenn der Alte nicht zu Hause war« sagte ich
»Ja wohl« sagte sie aber sie machte ein sehr ernstes Gesicht dabei und
fuhr fort indem sie ihre Augen zu mir erhob »Sie wissen es doch«
»Was soll ich wissen Christel«
»Dass er «
Sie legte den Finger auf den Mund und zog mich mit einem ängstlichen Blick
nach der Kammertür etwas tiefer in die Stube »Er darf es gar nicht hören
er kann immer noch nicht darüber fortkommen obgleich es nun schon ein
Vierteljahr her ist«
»Was ist ein Vierteljahr her Christel« fragte ich erschrocken denn das
arme junge Weib war ganz blass geworden und wandte ihre aufgeregten Blicke bald
auf mich bald auf die Kammertür
»Es lässt sich kaum aussprechen« sagte sie »Er hat zuletzt ganz einsam
gelebt denn Keiner hat ja was mit ihm zu tun haben wollen selbst der
taubstumme Jacob ist von ihm fortgegangen man hat gar nicht gewusst was er
eigentlich getrieben hat und hat ihn auch Niemand wochenlang gesehen bis eines
Tages der Einnehmer gekommen ist um die Haussteuer zu erheben und da da hat
er ihn erhängt gefunden in der Schmiede über dem Herd und da soll er schon
gehangen haben keiner weiß wie lange«
»Der arme Klaus« sagte ich »das wird ihm nahe gegangen sein trotz
alledem«
»Ja wohl« sagte Christel »und man weiß ja gar nicht wie er gestorben ist
ob er es selbst getan hat oder Andere denn sie haben ihm zugeschworen dass sie
es ihm eintränken würden von damals wissen Sie «
»Sehr möglich sehr möglich« sagte ich
»Da bin ich wieder« sagte Klaus indem er in seinem Hausrock und mit einem
Gesicht das so rot war wie kaltes Wasser schwarze Seife und ein grobes
Handtuch es in der Eile hatten scheuern können zu Tür hereintrat
Das Abendbrot an welchem auch die jungen Gehülfinnen Christels Teil
nahmen war bald verzehrt und nun nachdem das Tischzeug weggenommen die
Mädchen entlassen waren und Christel uns einen Grog bereitet hatte für den sie
das Recept noch nicht vergessen gerieten Klaus und ich in eine jener
Unterredungen wie sie zwischen alten Freunden üblich die sich seit vielen
Jahren nicht gesehen unterdessen aber Jeder viel erlebt haben Ich musste Klaus
die Geschichte meiner Gefangenschaft von dem ersten Jahre an erzählen wo er mir
jenen denkwürdigen Besuch abstattete der ihn um ein Haar in ernsten Konflikt
mit den Strafgesetzen brachte Nicht dass ich ihm gerade Alles hätte erzählen
können dem guten Jungen oder auch nur hätte erzählen wollen wir lassen ja
unsere Freunde selbst die intimsten nie bis hinter den innersten der sieben
Wälle blicken mit welchen wir die Festung unserer Seele klüglich umgeben
aber es kam doch genug zur Sprache was das Interesse des guten Klaus aufs
Höchste erregte und ganz leidenschaftlich wurde seine Teilnahme als ich auf
die letzte Periode meiner Gefangenschaft zu sprechen kam wo ich in die Gewalt
des neuen Directors und seines Helfershelfers des frommen Diakonus von Krossow
fiel und in mehr als sieben mageren Monaten die sieben fetten Jahre büßen musste
welche ich vorher verlebt hatte
»Die Schufte die Schurken Ist es möglich ist es erlaubt« murmelte der
gute Klaus einmal über das andere
»Ob es erlaubt war lieber Klaus« erwiderte ich »das weiß ich nicht dass
es möglich gewesen ist nur zu gewiss Man hat mir unter den nichtigsten
Vorwänden von der Welt meine SecretairStelle entzogen hat mich das Leben eines
ganz gewöhnlichen oder vielmehr eines ungewöhnlich bösartigen und renitenten
Gefangenen führen lassen und mir da das Alles die Rachsucht noch nicht
befriedigte zum Überfluss noch sieben Monate Disciplinarstrafe zudictirt«
»Und was sagte denn der gute alte Aufseher dazu den ich damals bei Dir
gesehen habe« fragte Klaus
»Der Wachtmeister Süssmilch« erwiderte ich »Er würde sehr geflucht haben
wenn er das hätte mit erleben müssen Glücklicherweise war er aber acht Tage
nach dem Tode des Herrn von Zehren mit der Familie hierher gezogen«
»Das hätte ich nicht getan« sagte Klaus mit großer Entschiedenheit »ich
hätte Dich nicht in der Räuberhöhle allein gelassen«
»Aber er hatte ältere Verpflichtungen Klaus«
»Ist mir ganz gleich« sagte Klaus »ich hätte Dich nicht allein gelassen«
Nun erzählte ich wie ich endlich frei geworden wie meine erster Besuch
unserer Vaterstadt gegolten und welchen traurigen Empfang ich dort gehabt
»Du armer armer Georg« sagte Klaus seinen Kopf schüttelnd einmal über
das andere
»Aber Du hast ja selbst Schlimmeres erfahren Du armer Kerl« sagte ich
»Von wem weißt Du es« fragte Klaus eifrig
»Von ihr« entgegnete ich nach der Kammer deutend in welcher Christel seit
fünf Minuten ihren schreienden Jüngsten vergeblich zur Ruhe zu bringen suchte
»St« sagte Klaus »wir dürfen ja nicht laut sprechen bei uns Männern ist
das etwas Anderes aber so eine kleine Frau es greift sie immer schrecklich
an das arme Ding ich bin jedesmal außer mir wenn ein Gerichtsbrief einläuft
von wegen der Erbschaftsregulirung weißt Du«
»Dein Vater hat wohl ein ganz respectables Vermögen hinterlassen«
»Gott bewahre« sagte Klaus »sie müssten es ihm denn gestohlen oder er müsste
es vergraben haben was Beides leicht möglich ist denn er hat ja zuletzt keiner
Menschenseele mehr getraut und hatte auch wenig Ursache dazu das weiß Gott
heimlich ist er von jeher mit Allem gewesen Denk nur da haben wir doch Alle
geglaubt die Christel sei so ans Land geschwommen so nackt und bloß wie ein
Fisch den die See auswirft ohne irgend eine Möglichkeit auch nur den Namen
des Schiffes mit dem sie gescheitert ist festzustellen geschweige denn ihren
eigenen Und da hat sich nun in dem großen Wandschrank der Tür gegenüber
weißt Du ein Bündel Papiere gefunden in einer Blechkapsel die offenbar von
demselben Schiff herstammt die Papiere haben dem Kapitän gehört und ist sein
Name drin geschrieben und der Name des Schiffes und dass er verheiratet gewesen
ist mit einer jungen Frau die auf der See geboren hat und ein Zettel dazu auf
dem gestanden dass er das Schiff nicht mehr retten könne und dass keine
Möglichkeit sei mit dem Leben davon zu kommen und dass er sein Kind mit den
Papieren die er in eine Blechkapsel getan auf einem Stück Kork treiben lassen
wolle sie möchte nun ans Land kommen oder nicht wie es Gott gefiele Und es
ist kein Zweifel dass meine Christel eben dieses Kind von dem holländischen
Kapitän ist der Tromp geheißen hat Peter Tromp und sein Schiff der Prinz von
Oranien und aus Java ist er ausgesegelt Aber das Alles wundert mich gar nicht
schloss Klaus seine Erzählung ich würde mich auch nicht wundern wenn sie als
das Kind vom Kaiser von Marokko «
»Auf einem von zwölf Pfauen geführten Wagen aus dem Himmel herabgeschwebt
wäre« sagte ich
»Nein auch dann nicht« erwiderte Klaus nach einigem Bedenken mit großer
Energie
»Und was hast Du mit den Papieren gemacht« fragte ich lächelnd
»Ich habe sie mir eben übersetzen lassen sonst nichts« erwiderte Klaus
»Aber das ist doch unrecht« sagte ich »die Papiere könnten doch
möglicherweise zur Entdeckung eines reichen Onkels führen oder dergleichen ist
Alles schon dagewesen Klaus«
»So meint Doctor Snellius auch« sagte Klaus
»Meint wer« fragte ich erstaunt
»Doctor Snellius« wiederholte Klaus »Dein Freund vom Gefängnisse her er
ist ja der Arzt in der Fabrik hat er Dir denn das nicht geschrieben«
»Nein oder der Brief ist nicht in meine Hände gekommen Der also ist Euer
Arzt der Arzt der Fabrik«
»Nun ja ich nenne ihn so weil immer gleich zu ihm geschickt wird wenn
etwas passiert aber freilich er ist auch der Arzt ich glaube von beinahe allen
Armen in diesem Viertel«
»Da muss er eine große Praxis haben Klaus«
»Das soll Gott wissen aber reich wird er nicht dabei werden denn er nimmt
nie einen Pfennig wenn die Leute es nicht übrig haben was sehr selten der Fall
ist, und oft gibt er die Medizin noch in den Kauf Ach das ist eine Seele von
einem Menschen obgleich er immer aussieht als ob er sie gleich Alle fressen
wollte und unsere Kinder immer schreien so oft er zur Tür hereinkommt«
»Also Euer Arzt ist er auch«
»Nun natürlich das heißt wir haben ihn eigentlich nur einmal gebraucht
das letzte Mal sehr gegen Christels Willen die immer behauptete das Kind läge
na das verstehst Du wohl nicht das sind so Vatersorgen und sie hat ja auch
ganz recht gehabt «
»Wie immer Klaus«
»Wie immer«
»Und warum willst Du keine Nachforschungen anstellen Klaus«
Klaus kratzte sich hinter dem Ohre
»Es ist ein eigenes Ding« sagte er »wir leben jetzt so glücklich und da
denk ich immer besser kann es nicht werden höchstens schlechter Wenn sie nun
wirklich eine reiche Tante hätte wir meinen es ist eine Tante und die
beerbte was sollten wir wohl um alles in der Welt mit dem Gelde anfangen ich
wüsste es wahrhaftig nicht«
»Wenn Du es mir zum Beispiel liehest Klaus« sagte ich »Ich wüsste schon
was damit anfangen«
»Ja das ist wahr« rief Klaus »daran habe ich noch gar nicht gedacht Für
Dich wäre das so etwas wahrhaftig Morgen am Tage lasse ich es in alle
Zeitungen rücken die Tante soll herbei und wenn sie hunderttausend Meilen von
hier wohnte«
»Und wenn es nun ein Onkel wäre«
»Nein nein es ist eine Tante« sagte Klaus mit großer Bestimmtheit
»Meinetwegen« sagte ich aufstehend »und nun lass uns noch einen kleinen
Spaziergang machen Ich muss mir doch meinen neuen Wohnort ein wenig ansehen«
Vielleicht ist keine Stunde mehr geeignet einen Kleinstädter mit dem Gefühl
der Ungeheuerlichkeit einer Großstadt zu erfüllen als wenn er dieselbe in der
Dämmerstunde eines trüben Herbstabends zum ersten Mal betritt Pflegt sonst bei
Menschen von einigermaßen lebhafter Phantasie die Wirklichkeit hinter der Ahnung
zurückzubleiben so fließen in solcher Stunde was man sieht und sehen könnte
was man hört und zu hören glaubt das Reich der Wirklichkeit und der
Einbildungskraft ununterscheidbar in einander und die Schranken an welche wir
uns sonst so peinlich stoßen sind so gut wie weggeräumt
Solch ein Abend war es als ich mit Klaus durch die Straßen der Stadt
schlenderte die mir dem Neuling eine Riesenstadt zu sein schien Noch heute
nach so vielen Jahren kann ich sie manchmal des Abends und wäre es nur auf
Augenblicke in dem Lichte und mit den Empfindungen sehen mit welchen ich sie
damals sah Aus einem Arbeiterquartier kommend durchschritten wir auf unserer
Wanderung eines der glänzendsten Quartiere um in die eigentliche City zu
gelangen und aus dieser über weite von ungeheuren Palästen umgebene Plätze in
unser dunkles Arbeiterquartier zurück Und überall das Gewimmel der eilenden
sich drängenden Menschen auf den schmalen Trittsteinen und das Rasseln und
Donnern der Wagen und die endlosen Linien der Laternen die endlosen Straßen
hinauf und hinab und der Glanz der Lichter aus den Läden der so hell auf die
Straßen fällt dass die Gestalten der Vorübereilenden und seltsame Figuren von
Wagen und Pferden sich auf den nassen Trottoirs und in dem Strassenschmutze
spiegeln Und nun die imponirenden Massen sich wie Gebirge auftürmender
Gebäude der Blick hinauf zu einer ehernen Statue die auf häuserhohem Piedestal
oben durch die Nacht reitet oder zu einer großen Figur die von dem Sockel mit
dem gezückten Schwert nach unten deutet breite Brücken deren Geländer mit
weisslichen Marmorbildern besetzt sind und unter deren Bogen eine schwärzliche
Flut sich drängt aus welcher der Wiederschein von tausend Lichtern zittert
und dann der Blick in die Läden wo dem Uneingeweihten die Schätze Arabiens und
Indiens von Feenhänden aufgebaut scheinen oder in dunkle Höfe wo noch so spät
am Abend von Cyklopen mit Lederschürzen gewaltige Fässer und Kisten aufgetürmt
werden ich ging und stand und ging und blieb wieder stehen staunend
verwundert aber keineswegs betäubt und Alles in Allem seltsam glücklich War
dies das Meer des unaufhaltsam rauschenden sich ewig verschlingenden sich ewig
neu gebärenden Lebens auf welches mich die Prophezeiung meines teuren Lehrers
gewiesen hatte Das Meer auf dessen hochgehenden Wogen wenn er richtig geahnt
meine Heimat sein sollte Ja dies war es musste es sein ich fühlte es an dem
mutigen Schlage meines Herzens an der Kraft mit welcher ich diese
Menschenwogen durchschnitt an der Lust mit welcher mich der Donner dieser
Brandung erfüllte
Viertes Kapitel
In der MaschinenFabrik des Kommerzienrates Streber wurde ein großer
Dampfkessel vernietet Drei russige Gesellen harrten mit bis über die Ellnbogen
aufgestreiften Hemdärmeln die Hämmer in den gewaltigen Händen auf den
rotglühenden Eisenbolzen welchen eben ein Vierter von dem in der Nähe
glühenden Heerde in der Zange herbeitrug Der Eisenbolzen verschwand in der
Öffnung des Dampfkessels und erschien nach wenigen Sekunden in dem Nietloch
die Cyklopen fassten ihre Hämmer fester und schlugen in gleichmässigem Takte die
Spitze des Bolzens zum Nietkopf um Das gab einen Höllenlärm Und wenn man nun
Jemand welcher der Sache unkundig war sagte dass in dem Bauch des Kessels auf
welchen die schweren Hämmer mit solchem sinnbetäubenden Lärm fielen ein Mensch
auf dem Rücken lag der die Niete mit einer Zange in Empfang nahm und mit der
Zange aus aller Kraft einen Gegendruck ausübte während die Hämmer auf den
Nietkopf herunter rasselten so wäre das besagtem müßigen Besucher kaum
glaublich jedenfalls aber der Mensch im Bauche des Kessels als einer der
armseligsten bemitleidenswertesten Sterblichen erschienen
Die Niete war eingeschlagen die Hämmer ruhten der mit der Zange kroch aus
dem Bauch des Ungeheuers hervor und ich brauche dem Leser wohl nicht zu sagen
wer der Mann mit der Zange war Auch schäme ich mich nicht so vor ihn
hinzutreten denn er hat mich schon vor kurzer Zeit in einem ähnlichen Aufzuge
gesehen freilich gewähre ich in diesem Augenblick einen einigermaßen
schrecklichen Anblick Der untere Teil meines Gesichtes Hals und Brust sind
mit Blut bedeckt das mir während der letzten halben Stunde aus Nase und Mund
geströmt ist Aber die Drei mit den Hämmern lachen nur und der eine der
Vorschmied sagt ein ander Mal sperrt das Maul auf Kamerad es fliegen Euch
keine gebratenen Tauben hinein
Der Witz ist herzlich schlecht aber die Andern lachen und ich lache auch
denn wenn die Klugheit gebietet mit den Wölfen zu heulen so habe ich es
selten über das Herz bringen können unter Lachern nicht mitzulachen selbst in
dem Falle dass sie wie diesmal auf meine Kosten lachten
Indessen war es mir trotz des glühenden Eifers mit welchem ich mich meinem
neuen Berufe hingab nicht unlieb dass diese Beschäftigung im Kesselbauche für
mich nur eine vorübergehende war zu welcher mich mein Meister weil es in der
andern Werkstatt an Händen fehlte nur sehr ungern auf Befehl des Obermeisters
hatte herleihen müssen Sehr ungern das klingt prahlerisch für einen der wie
ich erst vierzehn Tage in der Schmiede ist und vorläufig nur zur allerrohesten
Arbeit zum Zuschlagen benutzt wird Auch war es jedenfalls nicht mein
Verdienst dass der schwerste Hammer den Andere mühsam regierten mir wie ein
ganz gewöhnlicher Hammer in den Händen lag und dass man meinen Schlag unter den
vier oder fünf Schlägen die in gleichmäßigen Pausen dem Schlag des Vorschmieds
auf das rot glühende Eisen nachschlugen jedesmal deutlich heraushörte Es war
nicht mein Verdienst und doch wurde es mir an dieser Stelle wo die Körperkraft
eine so wichtige Rolle spielt als ein sehr hohes ja als das höchste
angerechnet Mein Meister war stolz auf mich meine Mitgesellen sahen in des
Wortes eigentlichster Bedeutung mit Bewunderung zu mir empor und Klaus wenn
von mir die Rede war zeigte alle seine weißen Zähne und nickte dann indem er
die Lippen fest schloss und den Zeigefinger in die Höhe hielt geheimnisvoll mit
dem Kopf Ich hatte dem guten Klaus dies geheimnisvolle Nicken streng verboten
und er hatte mir auch fest versprochen sich in Acht zu nehmen trotzdem war es
nicht seine Schuld wenn nicht sämtliche zweihundert Arbeiter der
Maschinenfabrik bereits dieselbe hohe Meinung von mir hatten mit welcher seine
Seele bis zum Überlaufen erfüllt war
»Was willst Du« sagte Klaus so oft ich ihm von meiner teoretischen
Einsicht in Maschinensachen und von meinen mathematischen Kenntnissen etwas zum
Besten gab »Du verstehst von allen diesen Dingen mehr als irgend einer in der
Anstalt den Obermeister und die Herren Ingenieure nicht ausgeschlossen und Du
verdienst mindestens Chef des technischen Bureaus zu sein«
»Du bist ein Narr Klaus« sagte ich
»Aber es ist doch wahr« sagte Klaus hartnäckig
»Nein es ist nicht wahr Erstens überschätzt Du meine Kenntnisse weitaus
und zweitens kann man immerhin ein mäßig guter Teoretiker sein und dabei in der
Praxis der jämmerlichste Stümper Ich wünsche aber ein guter Teoretiker und ein
guter Praktiker zu gleicher Zeit zu sein und bis ich dahin komme werde ich
noch viel Hammerschläge und manchen Feilenstrich tun müssen Denke doch Klaus
wie lange Du selbst gebraucht hast bis Du aus dem gewöhnlichen Flickarbeiter
der froh war wenn er seine Schrotzange regelrecht abschleifen konnte der feine
Maschinenschlosser wurdest der auf seine Pleuelstange die Kippen aufpressen
kann wie nur Einer«
»Ja« sagte Klaus »ich aber Du «
»Es wird überall am Feuer geschmiedet Klaus und jedes Stück will gehämmert
werden bis es fertig ist und ein guter Maschinenbauer auch bis er fertig ist
und es fehlt noch viel bis ich das von mir werde sagen können wenn ich es
jemals sagen kann«
»Da bin ich anderer Meinung« sagte der hartnäckige Klaus
»So tu mir wenigstens den Gefallen und behalte Deine Meinung für Dich«
sagte ich ernst
Ich hatte meine guten Gründe dem braven Klaus ein Schweigen das ihm so
schwer wurde aufzuerlegen denn abgesehen davon dass er mich wirklich in
lächerlichrührender Weise überschätzte konnte seine Unvorsichtigkeit mir eine
Menge Ungelegenheiten bereiten ja den Weg verschütten den zu gehen ich nun
einmal fest entschlossen war Ich wollte in dem Beruf dem ich mein Leben
geweiht von der Pike auf dienen eingedenk des Satzes auf den mein
unvergesslicher Lehrer immer so gern zurückkam dass der wahre Künstler auch das
Handwerk seiner Kunst verstehen müsse So war ich denn vorläufig was ich sein
wollte und musste ein Handwerker ein Arbeiter der gröbsten Arbeit und Jeder
sollte mich dafür nehmen und nahm mich dafür und das war gerade was ich
wünschte
Meine Vergangenheit hatte ich in ein einfaches Märchen gebracht das bei den
einfachen Menschen mit denen ich es zu tun hatte leichten Glauben fand Ich
war ein Schiffersohn aus Klaus Pinnows Vaterstadt Wir hatten uns von Jugend
auf gekannt ich hatte Schmied werden wollen wie er und hatte auch eine Zeit
lang bei seinem Vater als Lehrjunge gearbeitet Dann war ich vor zehn Jahren zur
See gegangen und war als Matrose als Schiffszimmermann als Schiffsschmied
durch die ganze Welt gekommen und endlich vor kurzer Zeit in meine Heimat
zurückgekehrt mit dem Entschluss nun im Lande zu bleiben und mich redlich zu
nähren und zu dem Zweck das Schmiedehandwerk regelrecht zu lernen das ich
bisher als Pfuscher geübt hatte
Ich kam selten in die Lage dieses mein Märchen durch Erzählungen aus meiner
Vergangenheit bewahrheiten zu müssen und wenn wirklich einmal in der
Feierstunde ein besonders Neugieriger die Rede auf meine Irrfahrten brachte so
verstand ich genug von der Schifffahrt und hatte früher zu viel mit Kapitänen
und Steuerleuten verkehrt und zu viele Seegeschichten gelesen um die Rolle
eines Sindbad nicht auf eine halbe Stunde durchführen zu können Eine meiner
Hauptgeschichten die irgend wo auf dem Malayischen Archipel spielte und in der
es scharf herging und vielen Piraten das Lebenslicht ausgeblasen wurde hatte
mir in meiner Werkstatt den Spitznamen »der Malaye« eingetragen und ich
behielt diesen Namen bis ich doch ich darf meiner Geschichte nicht
vorgreifen
Man musste mich um so mehr für das nehmen wofür ich mich gab als ich mein
äußeres Leben streng in dem Stil eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters eingerichtet
hatte Ich war nicht besser und nicht schlechter angezogen als die Andern auch
ich aß mein Frühstück aus der Hand wie die Andern auch ich speiste zu Mittag
in einer billigen Garküche in welcher ein halbes Hundert anderer Arbeiter auch
speisten Der einzige Luxus den ich mir von dem wenigen Gelde das ich aus dem
Gefängnis mitgebracht hatte verstattete war eine bessere Wohnung als sie
sonst von Arbeitern meines Grades gesucht zu werden pflegt oder bezahlt werden
kann; und auch diese Abweichung von der Norm hatte ich mindestens ebenso sehr
aus Notwendigkeit als aus Rücksichten der Bequemlichkeit oder meinem Geschmack
zu Liebe getan Ich konnte wollte ich in meinen teoretischen Studien
fortfahren nicht in einem Quartier wohnen dessen Gassen bis tief in die Nacht
hinein von dem Gerassel der Wagen nur zu oft von dem wüsten Lärm trunkener
Arbeiter die mit der Polizei in Konflict geraten waren wiederhallte und wo
in den menschenüberfüllten Häusern die tickende klappernde rasselnde Uhr des
Lebens keine Minute still stand
Ich hatte mehrere Tage lang während derer ich Klaus Gast war mich nach
einer passenden Wohnung umgesehen endlich fand ich was ich suchte
An unsere Fabrik grenzte ein bedeutendes Grundstück das mit halb
ausgeführten oder eben im Entstehen begriffenen Baulichkeiten auf die
wunderlichste Weise bedeckt war Nach der Aussage des alten Mannes welcher in
einer ebenfalls nur halb fertigen Portierloge dieses sonderbare Terrain
bewachte hatte das Ganze ursprünglich eine Koncurrenzfabrik des Streberischen
Etablissements werden sollen Aber der Unternehmer hatte fallirt die Anlage war
in Subhastation gekommen und von einem reichen Gläubiger erstanden worden der
es für zweckmäßige hielt das Grundstück vorläufig so liegen zu lassen wie er es
übernommen hatte »Er hofft ja wohl« sagte der alte Mann »dass die Grundstücke
hier in ein paar Jahren noch dreimal so viel wert sind vielleicht auch der
Kommerzienrat müsse ihm das Ding auf jeden Fall und um jeden Preis abnehmen da
ihm ja alles daran liegen muss dass sich ihm ein Koncurrent nicht so zu sagen
vor seine Nase hinsetzt Und dann muss der Kommerzienrat auch ausbauen sie
können sich ja drüben nicht mehr rücken und rühren und wo soll er hinbauen
wenn nicht nach dieser Seite Aber der besinnt sich auch wieder bis mein Herr
sich besinnt und so besinnen sie sich alle Beide schon zwei Jahre lang Jetzt
eben ist er wieder hier gewesen und hat sich die Sache zum ich weiß nicht wie
vielsten Male angesehen es schien mir aber nicht dass er zu einem Entschluss
gekommen sei Nun mir ist es gleich und wenn der Herr eine von den Stuben im
Gartenhaus haben will so kann sein Bart schon immer ein paar Zoll länger
werden bis er wieder auszuziehen braucht«
Der alte Satiriker von Portier gefiel mir wohl und das Gartenhaus noch
besser Zwar war es eine Prahlerei wenn der Mann von einem der Zimmer des
Gartenhauses sprach denn es hatte überhaupt nur eins in welchem möglicherweise
ein Mensch wohnen konnte während die anderen ohne Fenster ohne Türen vielmehr
ein Aufenthalt für heimatlose Katzen zu sein schienen und wie ich mich in der
Folge überzeugte wirklich waren Das Häuschen das ursprünglich zur
Privatwohnung des Besitzers oder des Directors bestimmt gewesen sein mochte war
in einem sehr gefälligen italienischen Stil angelegt Eine sanfte Treppe führte
zu dem in Rede stehenden Zimmer in welchem nach den Tintenflecken auf den
ungescheuerten Dielen und diversen Zeichnentischen mit drei Beinen und anderen
trümmerhaften BüreauUtensilien zu schließen während des Baues der Architect
sein Atelier gehabt hatte auf der anderen Seite gab es einen freischwebenden
Balcon Vor der Treppe war ein Rasenplatz projectirt zu dem allerdings
vorläufig nur der Platz da war ohne den Rasen eben so wie einem großen
SandsteinBecken in der Mitte der Triton und das Wasser fehlten und dem
Spalier welches sich an der Fensterwand bis unter das vorspringende Dach zog
der venetianische Epheu Aber diese Mängel beleidigten mich nicht im
Gegenteil sie deuteten auf eine bessere und schönere Zukunft und harmonirten
so mit der Grundstimmung meiner Seele welche ebenfalls aus einer dürftigen
Gegenwart in reichere und schönere Tage sah Sodann hatte diese ruinenhafte
Wohnung den wirklich praktischen Vorzug erstaunlicher relativer Billigkeit und
den andern mir die Ruhe zu gewähren deren ich für meine Studien so notwendig
bedurfte und um Alles zu sagen der alte Mann hatte mir mitgeteilt dass das
Fräulein welches den Kommerzienrat begleitet hatte und das ja wohl die
Tochter von dem alten Herrn gewesen sei in die Hände geklatscht habe als sie
das Gartenhaus gesehen und gemeint habe das sei doch gar zu allerliebst und da
möchte sie wohnen
»Sie würde sich schön bedanken« sagte der alte Murrkopf »Sie sah nicht so
aus als ob die Eule ihr Baumeister und Schmalhans ihr Koch wären aber für
unseres ich wollte sagen für Ihresgleichen wird es schon gerade recht sein«
»Es ist gerade recht« sagte ich »und wann kann ich kommen«
»Wann Sie wollen einen Vorgänger haben Sie nicht Sie brauchen also auch
nicht zu warten bis er ausgezogen ist«
So nahm ich denn noch am Abend desselben Tages von meiner neuen Wohnung
Besitz unter Assistenz des guten Klaus dessen Kopf dabei aus dem Schütteln
nicht viel heraus kam
Was ich nur in der verfallenen Spelunke wollte wo man mich todtschlagen
könne ohne dass ein Hahn danach krähe und wie ich nur Geschmack an solchen
Möbeln finden könne an den beiden hochlehnigen wurmzerfressenen Stühlen an
diesem Lehnsessel aus der Urgrossväter Zeiten an diesem Spiegel mit dem
verblindeten Goldrahmen Ich hätte es zwar billig genug bei dem Trödler gekauft
indessen er hätte mir für nicht viel mehr ganz andere Sachen schaffen wollen
aber freilich ich hätte von jeher in diesen Dingen einen wunderlichen Geschmack
gehabt er erinnere sich dass auch in meiner Stube im väterlichen Hause zu
Uselin dergleichen nutzloser Krimskrams gestanden habe
Ich ließ den guten Klaus murren und schelten ertrug es sogar dass Christel
einige Tage lang ernstlich mit mir schmollte Sie hatte ein Zimmer in ihrem
eigenen Hause entdeckt zwei Treppen hoch nach dem Hofe hinaus wunderschön
meublirt und welches die einzige Unbequemlichkeit hatte dass man zu demselben
nur durch die Küche und das Wohnzimmer der Wirtin gelangen konnte einer
ausnehmend respectablen SchneiderWittwe von zweiundachtzig Jahren mit einer
sehr ehrbaren unverheirateten Tochter von sechszig die sich meiner gewiss auf
das Liebevollste angenommen haben würden
Der brave Klaus und die gute Christel ich konnte ihnen nicht helfen ich
konnte ihnen zu Liebe meine Natur nicht verändern welcher das Streben nach
Freiheit nach Unabhängigkeit innerstes Bedürfnis war Auf meiner Giebelstube im
Vaterhause auf meinem Zimmer auf Schloss Zehrendorf ja in meiner Zelle im
Gefängnisse hatte ich als Knabe und Jüngling fort und fort das Glück und die
Poesie der Einsamkeit zu reich genossen als dass ich sie jetzt wo ich ein Mann
war hätte entbehren können
Und einsam war ich auch jetzt wieder auf meiner Stube in dem halbfertigen
Gartenhaus zwischen den Ruinen großer und kleiner Gebäude die niemals fertig
gewesen waren Kein Laut drang des Abends wenn ich von meinen Büchern
aufschaute zu mir heran als aus der Ferne vergleichbar dem Meeresrauschen
das dumpfe ununterbrochene Rollen der Wagen oder das Gebell des zottigen
Spitzes der am Tage dem alten Mann in der Portierloge Gesellschaft leistete und
am Abend und während der Nacht die weiten Plätze zwischen den Ruinen und die
Ruinen selbst durchstrich auf einer wie es schien endlosen Jagd nach Katzen
Und wenn ich dann einmal mir die heiße Stirn abzukühlen auf den Balcon
hinaustrat war wieder alles wüst und leer und nächtig um mich her Nur hier und
da das Licht einer einsamen Laterne und manchmal eine rote Feuersäule welche
aus den Hochöfen unserer Fabrik in den nächtlichen Himmel stieg und die Ränder
der schwarzen Wolken färbte die ein scharfer Novemberwind vor sich her wälzte
Und trat ich dann in das Zimmer zurück wie traulich grüßte mich meine
bescheidene Lampe vor der das Buch mit Zahlen und Formeln aufgeschlagen lag
wie traulich die alten geschnitzten EichenMöbel welche den Unwillen des guten
Klaus so sehr erregt hatten und vor allem mit wie großem Entzücken betrachtete
ich die beiden kleinen antiken Vasen von Terracotta welche auf dem Kaminsims
standen und zuletzt die herrliche Kopie der sixtinischen Madonna die meinem
Arbeitstisch gegenüber an der Wand hing Man hatte die Vasen und das Bild aus
meiner Zelle entfernt als der neue Director kam aber ich hatte sie als man
mich entließ mit solcher Entschiedenheit reclamirt dass man sie mir nicht zu
verweigern wagte dann hatte ich sie sorgfältig in eine Kiste gepackt und einem
Spediteur übergeben um sie mir sobald ich irgendwo festen Fuß gefasst
nachschicken zu lassen Heute Mittag waren sie angekommen und heute Abend
erfreute ich mich zum ersten Male wieder des teuren Anblicks
Und während ich andächtig auf meine Heiligtümer schaute machte ich mir die
ernstlichsten Vorwürfe dass ich es habe über das Herz bringen können die
teuerste Freundin die ich auf der Welt hatte und mit der ich nun schon an die
vierzehn Tage von den Mauern derselben Stadt eingeschlossen lebte nicht
aufzusuchen ihr keine Kunde meines Daseins zu geben Es schien so ganz gegen
meine Natur dem Triebe meines Herzens und noch dazu einem so mächtigen Triebe
nicht ohne Weiteres Folge zu leisten nicht ohne Aufenthalt zu der zu eilen mit
welcher ich so viele Jahre meines Lebens in innigster Freundschaft verlebt
hatte und von der ich überzeugt sein durfte dass ihr Herz so warm für mich
schlug wie je Wir hatten während des Jahres welches wir getrennt gewesen
waren keine sehr lebhafte Korrespondenz mit einander geführt aber es war auch
als wir uns trennten ausgemacht worden dass wir uns nicht schreiben wollten
es wäre denn im äußersten Notfall weil uns eine Korrespondenz unter den
Augen des neuen Directors und des Herrn von Krossow eine Unmöglichkeit dünkte
Dieser Notfall trat ein als mir die Niedertracht dieser Unedlen eine
siebenmonatliche Verlängerung meiner Haft zu Wege brachte ich hatte es ihr
einfach gemeldet und sie hatte mir nur mit den zwei Worten geantwortet harre
aus
Nein das war nicht die Ursache meiner Scheu und dieselbe hatte auch keinen
Grund als nur den einen den ich mir nicht gern selbst gestehen mochte Ich
wusste wie das teuerste edelste Mädchen für sich ja für die Ihrigen zu
arbeiten und zu sorgen hatte Seit Jahr und Tag war es mein innigster Wunsch
gewesen ja es war mir oft als der einzige Zweck und Inhalt meines Lebens
erschienen in eine Lage zu kommen mich in eine Lage zu bringen in welcher ich
im Stande wäre ihr die Last von den zarten Schultern zu nehmen Und jetzt wo
sie vielleicht eines Freundes einer Stütze mehr bedurfte als je sollte ich
vor sie hin treten selbst in einer Lage in welcher ich wenn ich auch nicht
hilfsbedürftig war Anderen gewiss keine Hilfe gewähren konnte Das war voraus zu
sehen gewesen das hatte wie die Dinge lagen so kommen müssen und doch
Aber will sie denn wird sie jemals deine Hilfe annehmen unterbrach ich den
Gang meiner Gedanken indem ich die Hände auf dem Rücken ich hatte diese
Gewohnheit von meinem Vater in meinem Gemache auf und nieder zu gehen begann
Hat sie dir nicht hundert Beweise geliefert wie eifersüchtig sie auf ihre
Unabhängigkeit ist Und hat sie nicht dir speciell mehr als einmal ja in der
Abschiedsstunde noch zu verstehen gegeben dass, wenn sie nach einer Stütze
verlangte es nicht dein Arm sein würde
Die letzten Tage die ich mit Paula und den Ihrigen zusammen verlebt kamen
mir wieder in Erinnerung Es waren ihrer nicht zu viel gewesen man hatte mit
einer geradezu unanständigen Dringlichkeit von Frau von Zehren verlangt dass sie
dem Nachfolger ihres Gemahls Platz mache Dieser Nachfolger ein pensionirter
Major und besonderer Günstling des pietistischen Regierungspräsidenten hatte
schon längst auf die Stelle gewartet und so zu sagen bereits vor der Tür
gestanden Die Brutalität mit welcher er ohne die geringste Schonung der
unglücklichen Familie von der DirectorWohnung Besitz ergriff war beispiellos
gewesen Er hatte der unglücklichen Frau nur die Alternative gelassen entweder
mit den Ihrigen in einigen Gefängnisszellen die er zu diesem Zweck großmütig
räumen zu wollen versprach unterbringen zu lassen oder ihre Zuflucht in einem
der äußerst mangelhaften Gastäuser der Stadt zu suchen Frau von Zehren hatte
natürlich keinen Augenblick darüber geschwankt was sie in diesem Falle zu tun
habe und so waren denn kaum drei Tage nach dem Tode meines Wohltäters
vergangen als in dem Hause das er so lange Jahre bewohnt alle alten bekannten
Gesichter verschwunden waren Alle alle waren sie verschwunden nicht eins war
geblieben Doctor Snellius hatte gleich in der ersten Stunde in welcher er die
fragliche Ehre hatte dem neuen Director vorgestellt zu werden demselben seine
Meinung rund heraus gesagt und wenn Doctor Snellius Jemandem den er zu
verachten und zu verabscheuen Ursache hatte seine Meinung sagte so kann man
sich gewiss darauf verlassen dass der Betreffende sich über etwaige Dunkelheiten
in den Auslassungen des Doctors nicht zu beklagen brauchte
Dem Doctor Snellius war der alte Wachtmeister Süssmilch auf dem Fuße gefolgt
und obschon die Stimmlage des Alten mindestens zwei Octaven tiefer war als die
des Doctors so musste doch die Melodie welche beide gesungen die nämliche
gewesen sein zum wenigsten war das Resultat das nämliche gewesen das heißt
der Herr Major a D hatte vor Wut geschäumt und mit den Füßen gestampft und
verlangt dass der impertinente Mensch sofort ins Loch gesteckt werde
Glücklicherweise aber war der Alte klug genug gewesen seinen Abschied zu
verlangen und in Empfang zu nehmen bevor er dem neuen Chef sein ehrliches Herz
ausschüttete und so hatte der Wütende keine Gewalt mehr über den Alten gehabt
und mit Drohungen konnte man dem Wachtmeister Süssmilch nicht beikommen
Wie gern wie gern wäre ich so verlockenden Beispielen gefolgt und hätte
auch dem neuen Director mein Herz ausgeschüttet Ich habe wohl in meinem Leben
nie so große Gewalt gegen mich geübt wie in jenen Tagen wo ich einen Kanker
und Molch in Menschengestalt an der Stätte hausen sah von welcher der Edelste
der Menschen soeben geschieden war und vielleicht würde ich diesen Sieg über
mich nicht davongetragen und mich in ein unabsehbares Unglück gestürzt haben
wenn ich nicht in meinem Ohr fortwährend eine Stimme vernommen hätte die mir
heiliger war als die meines eigenen Herzens Und diese Stimme hatte also
gesprochen Du hast schon Manches in Deinem Leben erduldet armer Georg so
erdulde auch noch dies ob es gleich das Schwerste sein mag und wenn Du selbst
nicht Herr werden kannst über Dich selbst rufe ihn im Geiste zu Hilfe der Dich
wie seinen Sohn geliebt hat
Ich blickte wieder in mein Buch aber ich konnte heut Abend die einfachsten
Dinge nicht begreifen Sehr bekannte algebraische Formeln schauten mich
plötzlich ganz fremdartig an und lauteten als ich genauer zusah Wenn er mich
wie seinen Sohn geliebt hat und Paula ihm das geliebteste seiner Kinder war
müssen Paula und ich uns nicht auch lieben Oder auch Paula von Zehren verhält
sich zu Hermine Streber wie Georg Hartwig zu X
»Wollen Sie denn heute die ganze Nacht durch Licht brennen« fragte die
Stimme des alten Wächters von unten herauf »Es ist ja ein Uhr und ich soll Sie
um fünf wecken Da werde ich wieder meine schwere Not haben«
Fünftes Kapitel
In einer anderen Abteilung unserer Fabrik waren durch die Verschiebung eines
Treibriemens ein paar Leute mehr oder weniger gefährlich verletzt worden Wir
hatten in unserer Werkstatt erst kurz vor dem Mittagessen Kunde von dem Unglück
erhalten und die Leute blieben auf dem Hofe stehen um sich die Einzelheiten
abzufragen und mitzuteilen Ich war an eine der Gruppen herangetreten und hörte
eifrig zu als ich einen kleinen Mann sich durch die Gruppen drängen sah der
seinen Hut in der Hand trug und dessen großer kahler Schädel welcher bald da
bald hier zwischen dunklen Gestalten auftauchte dem vollen Monde glich der
durch schwarze Wolken eilt Dieser VollmondscheinSchädel konnte nur einem
Menschen gehören Ich eilte dem kahlen Schädel nach und erreichte ihn an dem
Tor in dem Momente wo er mit einem Filzhut bedeckt wurde welcher während der
Zeit dass ich ihn nicht gesehen auch nicht besser geworden war Ich folgte dem
Filzhut noch ein paar Schritt in die Straße und trat dann mit einem Schritt
seinem Träger in den Weg
»Mit Verlaub Herr Doctor« sagte ich
Doctor Snellius hob seine runden Brillengläser zu mir auf und starrte mich
mit dem Ausdruck äußerster Verwunderung an
»Es ist keine Hallucination Doctor« sagte ich »ich bin es wirklich«
»Georg Mammut Mensch wo kommen Sie her und in dieser fragwürdigen
Gestalt« rief der Doctor indem er mir seine beiden Hände entgegenstreckte
»Still Doctor« sagte ich »ich bin hier incognito und muss mir die Freude
versagen Sie auf der Stelle zu umarmen«
»Sie sind doch nicht weggelaufen trotzdem ich es Ihnen ausdrücklich
verboten« sagte der Doctor geheimnisvoll
Ich beruhigte ihn über diesen Punkt
»Gott sei Dank« sagte er »oder vielmehr mir sei Dank oder auch ihr Wie
haben Sie sie gefunden«
»Ich habe sie noch gar nicht gesehen Doctor«
»Und sind schon zwei Wochen hier Schändlich unglaublich Wo ist meine
Laterne dass ich sie entzweischlage denn nun gebe ich die Hoffnung einen
Menschen zu finden definitiv auf Gehen Sie Ich will Sie nie wieder sehen«
»Wann darf ich zu Ihnen kommen Doctor«
»Sobald Sie wollen oder können Sagen wir heute Abend he Ein Glas Grog
halb und halb in der alten Weise he«
Und bei einem Glase Grog halb und halb in der alten Weise saßen Doctor
Snellius und ich uns gegenüber am Abend desselben Tages in des ersteren
geräumiger Wohnung und sprachen von vergangenen Zeiten von dem was wir
zusammen erlebt und erlitten wie eben zwei gute Freunde die sich seit längerer
Abwesenheit zum ersten Male wiedersehen zu sprechen pflegen
Der Doctor gab mir eine drastische Schilderung von seiner großen Szene mit
dem Major a D und wie Herr von Krossow dazu gekommen sei und wie er den
Herren gesagt dass Drei zwar ein Kollegium machten er aber um alles in der Welt
mit ihnen kein Kollegium machen und sich ihnen deshalb für nun und immer bestens
empfohlen haben wolle Ich erwiderte lachend dass ich mir jetzt erst recht die
Gehässigkeit erklären könne mit welcher Herr von Krossow dem ich doch
persönlich nie zu nahe getreten sei mich hernach verfolgt habe
»Sie irren mein Guter« sagte der Doctor »Das Reptil hatte andere und
bessere Gründe mit seinen Giftzähnen nach Ihnen zu hauen Ich kann es Ihnen
jetzt sagen wo Sie nicht mehr Gefahr laufen dem Ungetüm den Hals umzudrehen
So hören Sie aber vorerst brauen Sie sich noch ein Glas man bekommt es ohne
einen guten Schluck dabei zu tun nicht herunter Also er hat schon früher
einmal um sie angehalten um Paula von Zehren angehalten und hat sich da ihm
der alte Korb schon zu abgetragen sein mochte einen neuen holen zu müssen
geglaubt und keine Zeit passender erachtet als die Tage der Verwirrung und des
Jammers nach dem Tode unseres Freundes dabei auch nicht anzudeuten vergessen
dass der neue Director sein sehr guter Freund und der RegierungsPräsident sein
Vetter sei und dass er durch diese Beiden so zu sagen Paulas und der Ihrigen
Zukunft in der Hand habe denn die PensionsAnsprüche ihrer Mutter seien wie
sie wohl selbst wisse sehr fraglich aber die Sache werde sich machen lassen
und wenn er selbst auch kein Vermögen habe so seien seine Verbindungen gut und
seine Aussichten nicht schlecht zumal unter dem neuen König der wahrhaft ein
Gesalbter des Herrn sei Wie finden Sie das« krähte Doctor Snellius indem er
aufsprang und einen grotesken Tanz durch das Zimmer vollführte
Die Erzählung des Doctors hatte mich mit Unwillen und mit Erstaunen erfüllt
Ich hatte in der Tat keine Ahnung davon gehabt dass der scheinheilige Pfaff
jemals gewagt habe seine gleissnerischen Augen zu Paula zu erheben und dabei
musste ich daran denken wie wahrscheinlich es sei dass ich nach einer anderen
Seite auch nicht scharfsichtiger gewesen sein werde Ich verfiel in ein düsteres
Schweigen aber der Doctor musste mir durch seine großen runden Brillengläser
die Gedanken von der Stirn lesen
»Sie meinen es wird ihr keine große Mühe gekostet haben den Priester
abzuweisen da ihr Herz schon von dem Ritter eingenommen war Wir haben damals
manchmal darüber gesprochen und uns gegenseitig bange gemacht aber es war
dummes Zeug ich versichere Sie dummes Zeug Paula denkt nicht daran den
Adonis zu heiraten so wenig als mich alten Satyr«
Der Doctor blickte mich bei diesen Worten von der Seite an und lächelte dann
ironisch als ich mich nicht enthalten konnte ein leises Gott sei Dank aus
tiefster Seele zu murmeln
»Aber frohlocken Sie nicht zu früh« fuhr er fort und das Lächeln wurde
immer diabolischer »man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und Sie kennen
mein Wort dass bei den Menschen Alles möglich ist Arthur ist wirklich ein
bezaubernder Junge und da es ihm gelungen ist in die diplomatische Laufbahn
hineinzukommen kann er auch ebenso gut als unser Botschafter in London sterben
Es ist schließlich derselbe Bettel und den verstehen sie der tausend wie sie
den verstehen besonders der Alte der ist ein wahres Genie in der edlen Kunst
Von seinem Schneider dem er so lange um den Bart geht bis der Mann ihm die
Rechnung stundet bis zum König hinauf den er mit einem Fussfall um ein Darlehn
anfleht welches es ihm möglich machen soll seine Schulden zu bezahlen und
seinen Arthur in der neuen Karrière vorwärts zu bringen keiner ist vor ihm
sicher keiner Ich sage Ihnen halten Sie sich die Taschen zu wenn Sie dem
Edlen auf der Straße begegnen«
»So lebt er auch hier«
»Natürlich lebt er hier Das Feld ist nicht so bald erschöpft und ein
großer Mann wie der Herr Steuerrat braucht überall viel Boden O diese
Stirnen diese ehernen Stirnen«
»Warum sprechen wir so viel von dem Gesindel« rief ich »Erzählen Sie mir
lieber von ihr wie lebt sie wie geht es mit ihrer Malerei Hat sie große
Fortschritte gemacht Und hat sie Verkäufer für ihre Bilder gefunden«
»Ob sie hat« rief der Doctor »Ei der tausend da kommen Sie schön an ich
sage Ihnen sie ist auf dem besten Wege ein Vermögen zu machen Man reißt sich
um ihre Bilder«
»Doctor« sagte ich »ich sollte meinen der Gegenstand vertrüge keinen
Scherz«
Der Doctor der die letzten Worte in seinen höchsten Tönen gesprochen hatte
stimmte sich mit einem energischen ehem zwei Octaven tiefer und sagte
»Sie haben Recht es sollte auch kein Scherz sein nur eine Lüge aber ich
sehe das Lügen habe ich noch immer nicht besser gelernt und so ist es denn
auch wohl jedenfalls das Beste wenn ich Ihnen die Wahrheit sage oder vielmehr
zeige Kommen Sie«
Er entzündete zwei Lichter die unter dem Spiegel standen und führte mich in
ein Nebenzimmer welches er erst aufschließen musste
»Ich habe sie hierher gebracht« sagte er auf die Wand deutend welche
mit größeren und kleineren Bildern behängt war »weil ich wo anders vor den
Jungen nicht sicher bin Nun wie finden Sie sie«
Ich überzeugte mich indem ich dem Doctor die Lichter abnahm und über die
Bilder leuchtete dass dieselben sämtlich von Paulas Hand waren Hatte ich sie
doch zu lange in ihrem Streben verfolgt und mich zu tief in ihre Art zu sehen
und das Gesehene wieder zu geben hineingedacht
Es waren drei oder vier Köpfe idealisirte Köpfe zu denen ich die Originale
zu kennen glaubte zwei oder drei Genrebilder Szenen aus dem Gefängnisse die
ich selbst schon in der Untermalung gesehen und endlich eine größere
Strandpartie mit bewegtem Meer von welcher ich ebenfalls die Skizze noch sehr
wohl in Erinnerung hatte Ich verstand damals noch herzlich wenig von der
Malerei und am wenigsten war ich im Stande meine Meinung zu begründen Jetzt
darf ich sagen dass ich an jenen Bildern einen bedeutenden Fortschritt
wahrnehmen konnte sowohl in der Technik als in der freieren grossartigeren
Auffassung besonders waren die Köpfe von einer seltenen Vorzüglichkeit und ich
sprach das so gut ich es vermochte mit begeisterten Worten gegen den Doctor
aus
»Ja wohl« erwiderte er den Kopf bald auf die rechte bald auf die linke
Schulter neigend und mit wehmütigem Stolz auf die Bilder blickend »Sie haben
Recht vollkommen Recht sie ist ein Genie aber was hilft die Genialität dem
welcher keinen Namen hat Die Welt ist dumm mein Freund unglaublich dumm sie
findet das Große und Schöne ganz sicher wenn die paar erleuchteten Köpfe die
ein Jahrhundert hervorbringt einer nach dem andern dafür Zeugnis abgelegt
haben dann ist die Sache ein Glaubensartikel den jeder Junge auf der Schulbank
herbeten kann und den die Spatzen von den Dächern pfeifen Aber wenn die Narren
über das Buch eines Autors urteilen sollen dessen Namen sie noch nie gehört
über das Bild eines Malers der zum ersten Male erscheint so ist ihr Latein zu
Ende und sie trauen sich selbst nicht über den Weg Wie lange hätten diese
Bilder auf den Ausstellungen umherreisen oder bei dem Kunständler hangen
können wenn ich sie dort hätte hangen lassen So sind sie denn alle in meinen
Besitz gewandert und nicht nach Amerika England und Russland wie die gute
Paula glaubt Aber sehen Sie mich nur nicht so neidisch an Meine Mäcenatenrolle
hat nicht lange gedauert ihr neuestes Bild auf der Kunstausstellung Sie
kennen es und sind ja auch selbst darauf Richard Löwenherz krank in seinem
Zelte von einem arabischen Arzte besucht nun wohl das Bild hat wie ich
heute erfahren der Kommerzienrat Ihr Kommerzienrat gekauft
merkwürdigerweise denn der Mensch versteht von Malerei gerade so viel wie ich
vom Geldmachen und Paula hatte auf meinen Antrieb für das Bild einen
bedeutenden Preis gefordert Sie sehen ich bin überflüssig Sic transit gloria
«
Der Doctor seufzte tief und schritt die beiden Lichter in den Händen vor
mir her und auf seinem kahlen Schädel zitterten wehmütige Reflexe
Wir saßen uns wieder hinter den Groggläsern gegenüber Der Doctor schien
eine tiefe Melancholie die sich seiner bemächtigt hatte durch eine möglichst
kräftige Mischung bekämpfen zu wollen auch ich saß in mich versunken da Der
Umstand dass der Kommerzienrat das Bild Paulas gekauft hatte ging mir im Kopf
herum Wie vollkommen gleichgültig der Mann gegen Alles war was Kunst hieß
glaubte ich von früher her zu wissen und dass er sich bei dem Ankauf durch
verwandtschaftliche Rücksichten hätte bestimmen lassen sah ihm so unähnlich als
möglich So war es denn kein sehr kühner Schluss dass die Tochter vielleicht an
der Sache beteiligter sei als der Vater und ich gestehe dass während ich die
Wahrscheinlichkeiten dieser Annahme summirte mir das Blut heiß und heißer in
die Wangen stieg Freilich stand und fiel die ganze Hypothese mit einem
bestimmten Punkte der vorläufig noch im Dunklen war Ich atmete tief auf tat
einen großen Trunk und fragte
»Hat denn König Richard noch immer einige Ähnlichkeit mit «
»Mit Ihnen verehrtester Freund mit Ihnen geniren Sie sich nicht«
erwiderte der Doctor mit einer Schnelligkeit die zu beweisen schien dass
unsere Gedanken irgendwie sich begegnet waren »der einzige Vorwurf den ich
Paula mache ist gerade dass sie geglaubt zu haben scheint sie brauche Sie nur
eben zu nehmen wie Sie da sind und ein König sei fertig Tun Sie mir nur den
einzigen Gefallen und schieben Sie nicht auf Ihre Rechnung was schließlich doch
nur eine Armut an Erfindung ist«
»Ich glaube ich habe Ihnen noch keine Veranlassung gegeben mich für
ausnahmsweise eitel zu halten« sagte ich
»Nein das soll Gott wissen Sie verdienten wahrlich viel eher als
Säulenheiliger denn als der löwenherzige Richard auf die Nachwelt zu kommen«
»Sie sagen das so bitter Doctor als ob Sie alles Ernstes mit mir
unzufrieden wären«
»Ja das bin ich auch mein Guter« rief der Doctor »Was ist das wieder für
eine abenteuerliche Idee sich mit seiner Hände Arbeit ernähren zu wollen wenn
man von seinem Kopfe leben kann Wissen Sie Herr dass mir unser
dahingeschiedener Freund noch kurz vor seinem Tode gesagt hat Sie seien eines
der vorzüglichsten mathematischen Talente die ihm vorgekommen und Sie könnten
jeden Tag in der Prima eines Gymnasiums dociren Denken Sie dass Ihr Kopf in
demselben Masse feiner wird als Ihre Hände gröber werden Sie werden sagen wie
der Schneider zu Herrn von Talleirand il faut vivre und ein Schmiedegesell
fände leichter zu leben als ein Lehrer der Mathematik? Wohl aber haben Sie
keine Freunde die Ihnen helfen können Weshalb sind Sie nicht sogleich zu mir
gekommen Weshalb haben Sie dem Zufall überlassen ob unsere Wege sich kreuzen
würden«
Ich versuchte den Aufgeregten zu beschwichtigen indem ich
auseinandersetzte wie ich keineswegs aus Not sondern aus Überzeugung den
Weg den ich jetzt gehe eingeschlagen habe er wollte das Alles nicht gelten
lassen
»Wozu geben Sie sich mir gegenüber die Mühe« rief er »aus der Not eine
Tugend zu machen Die Not ist Ihr Ratgeber gewesen die Not und höchstens
noch Ihr verfluchter Stolz Sie wurden ganz anders aufgetreten sein wenn Sie
ein Vermögen hinter sich gehabt hätten«
»Aber ich habe doch keines Doctor«
»Widersprechen Sie mir nicht Sie hirnloses Mammut ein Freund der ein
Vermögen hat das er Ihnen zur Disposition stellt ist auch ein Vermögen Ich
bin Ihr Freund ich habe ein Vermögen und stelle es Ihnen zur Disposition Wer
weiß ob ich damit nicht ein gottgesegneteres Werk tue als wenn ich es im
Sinne meines alten Vaters zur Unterstützung von Waisenhäusern und dergleichen
kinderreichen Zwecken benutzte Sie sind ja auch eine Waise ich handle also
indem ich Sie unterstütze wenn auch nicht in dem Sinne so doch nach den Worten
des frommen Mannes und würde mich für mein Teil vollkommen dabei beruhigen«
»Aber ich mich nicht« erwiderte ich lachend
»Lachen Sie nicht Sie Ungetüm« rief der Doctor »Sie scheinen nicht
begreifen zu können wie ernst es mir mit meinem Vorschlage ist Nehmen Sie mein
Geld es sind fünfzigtausend Taler oder dergleichen associiren Sie sich mit
dem Kommerzienrat oder lieber gründen Sie selbst eine Koncurrenzfabrik und
heben Sie den Mann aus dem Sattel werden Sie in wenigen Jahren Deutschlands
erster Fabrikant und Maschinenbauer und «
Dem Doctor war während er dies mit fieberhafter Lebendigkeit sprach das
Blut in beängstigender Weise in den Kopf gestiegen auch brach er plötzlich ab
und ich habe erst viel später erfahren was er mir in diesem Augenblicke mit
solcher Anstrengung verschwiegen hatte Mag sein dass mein Kopf in Folge des
langen Sitzens hinter dem Grogglase auch nicht mehr der klarste war ich kann
mir wenigstens nur so die Hartnäckigkeit erklären mit welcher ich auch jetzt
noch dem Doctor widersprach und behauptete dass meine Liebe zur
Selbstständigkeit mir nie erlauben würde das Vermögen und die Hilfe eines
Anderen zu Fundamentsteinen meiner Existenz und meines Glückes zu machen
»Wissen Sie was Sie damit proklamiren« rief der Doctor in seinen
allerhöchsten Tönen indem er dabei voller Zorn auf den Tisch schlug »dass Sie
ein Lump bleiben wollen ein ganz erbärmlicher Lump denn das ist noch ein Jeder
geblieben der die Dummheit gehabt hat sich mit der eigenen Faust an dem
eigenen Zopf aus dem Sumpfe zu ziehen Nein nein mein Guter die Kunst ist
Andere für sich arbeiten zu lassen Wer das nicht versteht ist ein Lump und
bleibt ein Lump«
»Was würde unser großer Freund sagen wenn er Sie so reden hörte« sagte ich
kopfschüttelnd
»Hat er nicht im Leben und im Sterben die Wahrheit meines Satzes bewiesen«
kräht der kampflustige Doctor »Heißt das als ein vernünftiger Mann gelebt
haben wenn man sterbend das Liebste was man auf der Welt hatte in
Dürftigkeit und Armut hinterlässt Und welches sind denn die großen Erfolge
einer so langen opferfreudigen heroischen Arbeit für das Gemeinwohl Er hat
geglaubt dieser Hohepriester der Humanität sein Beispiel würde genügen eine
totale Reform des Gefängnisswesens herbeizuführen Und da hat nur ein alter
Pedant von König die schläfrigen Augen zuzumachen brauchen und seinem Gebäude
war das Fundament entzogen und als er selbst die Dummheit beging zu sterben
stürzte es zusammen wie ein Kartenhaus Ist das nicht Narretei so weiß ich
nicht wie laut die Schellen klingen müssen«
»Ich kenne Jemand dessen Kappe mindestens ebenso bunt ist« sagte ich dem
Doctor voll in die Augen sehend »Oder wie wollen Sie einen Mann nennen der
als der einzige Sohn eines alten reichen Vaters welcher den Sohn liebt und ihn
gewähren lässt obgleich er ihn nicht zu begreifen vermag mit der bestimmten
Aussicht auf ein bedeutendes Vermögen Jahre und Jahre lang das mühselige Amt
eines Gefängnissarztes für den geringsten Lohn bekleidet der nachdem er in den
Besitz dieses Vermögens gekommen ist als Arzt der Armen und Aermsten seine
Haut zu Markte trägt der schließlich weil sie ihn allzu sehr drückt die Last
seines Vermögens dem Ersten Besten in den Schoss wirft um nun ja um als der
unverbesserliche Lump zu sterben als welcher er gelebt hat«
»Habe ich je prätendirt etwas anderes zu sein« sagte mein Gegner nicht
ohne einige Verlegenheit in Blick und Miene »Ja wenn es so einfach wäre ein
Kind der Klugheit zu werden Dazu gehören Generationen denn die Klugheit will
in den Familien gezüchtet sein wie die langen Beine bei den Rennpferden Nehmen
Sie den Kommerzienrat der ist ein klassisches Beispiel wie stetig die
Klugheit wächst und gedeiht wenn sie erst einmal richtig auf den Stamm einer
Familie oculirt ist Der Großvater des Mannes ist ein Nadler gewesen der in S
seinen kleinen Laden am Hafentor gehabt hat mein Großvater hat ihn noch wohl
gekannt Es ist ein disreputirlicher alter Kerl gewesen der vorne im Laden
Nägel und Nadeln verkauft und in der Hinterstube auf Pfänder geliehen hat Dann
kam sein Sohn der war schon um einen Kopf größer oder um ein paar Der konnte
schon lesen und schreiben und noch ein gut Teil besser rechnen als der Alte Er
ist in Ihre Vaterstadt übergesiedelt und hat Schiffsparten gekauft und zuletzt
ganze Schiffe und hat seinem Sohn welcher der Oberste ist unter ihnen die Wege
geebnet Des Sohnes Glanzzeit fällt unter Napoleon Napoleon und die
Kontinentalsperre und der Schmuggel haben ihn zum reichen Manne gemacht Ja der
Schmuggel derselbe Schmuggel der Ihrem Freunde das Leben gekostet hat Als der
Herr Kommerzienrat schmuggelte da war der Schmuggel so zu sagen eine
patriotische Tat und die armen Teufel die ihr Leben dabei aufs Spiel setzten
und verloren Märtyrer der guten Sache Gott mag wissen wie viel Menschen er
auf der Seele hat und wenn später die Leute die sich einmal an das Gewerbe
gewöhnt nicht mehr davon lassen wollten und auch nicht konnten weil sie sonst
hätten verhungern müssen er hatte sich salvirt er hatte sein Schäflein im
Trocknen und konnte sich ins Fäustchen lachen Dann kam die Zeit der
Armeelieferungen und das war wiederum keine schlechte Zeit und so hat dieser
Egel sich fort und fort an dem Blut seiner Mitmenschen dick und voll gesogen Es
ist ihm Alles geglückt was er nur unternommen der Nadlerenkel und Maklersohn
ist Millionär geworden hat eine Geborene zur Frau gehabt hat Titel Orden
Alles was das Herz begehrt Sehen Sie das ist ein Kind der Klugheit das ich
Ihnen zur Nacheiferung empfehle«
»Damit ich Ihre und aller Guten Freundschaft verliere«
»Was nützt Ihnen meine Freundschaft meine Freundschaft ist höchstens
fünfzigtausend Taler wert Sie haben ganz recht wenn Sie um solche Bagatelle
sich nicht derangiren wollen Heiraten Sie Hermine Streber da wissen Sie
doch weshalb Sie ein Lump werden«
»Es scheint dass man dieser Kategorie verfällt sobald man gar kein Geld
oder sehr viel Geld hat« rief ich meine Verlegenheit über die brüske Zumutung
hinter einem lauten Lachen verbergend
»Allerdings« eiferte der Doctor »die Extreme berühren sich und deshalb
meine ich auch dass Ihr Schicksal unvermeidlich ist Es handelt sich nur noch
darum wie Sie dem Alten beikommen mit der Tochter sind Sie ja wohl halb oder
mehr als halb im Reinen Ihr Rencontre auf dem Dampfschiff war ja allerliebst
und nun dieser Richard Löwenherz in effigie so lange man ihn noch nicht in
natura hat «
»Doctor« sagte ich aufstehend »ich glaube es ist Zeit dass wir uns gute
Nacht sagen«
»Wie Sie wollen« sagte der Doctor »Sie wissen so außerordentlich genau
was Ihnen gut ist dass Sie auch dies wissen müssen«
Der Doctor war ebenfalls aufgestanden und fuhr jetzt im Zimmer auf und ab
und schnitt dabei ganz entsetzliche Gesichter
»Doctor« sagte ich ihm in den Weg tretend
»Gehen Sie« kreischte er einen Bogen um mich herum machend
»Ich gehe« sagte ich und ich ging wirklich
Aber an der Tür blieb ich stehen und blickte noch einmal nach dem seltsamen
Manne der sich jetzt wieder in seinen Stuhl geworfen hatte und mich durch
seine runden Brillengläser zornig anstarrte »Doctor Sie haben mir einmal
gesagt dass Sie nur vier Gläser gut vertragen können und Sie haben heute sechs
getrunken So will ich denn die unfreundliche Weise in welcher Sie mich jetzt
ich weiß nicht warum verabschieden auf das fünfte und sechste Glas rechnen
und nun leben Sie wohl«
Ich verließ das Zimmer ohne dass er einen Versuch gemacht hätte mich
zurückzuhalten ja ich hörte als ich die Tür hinter mir schloss sein lautes
krähendes Gelächter
Das kommt davon wenn man sein Maß nicht einhält sagte ich entschuldigend
Aber als ich unten auf der Straße stand und mir die frostkalte Nachtluft um
das erhitzte Gesicht wehte kam es mir vor als ob ich selbst mein gehöriges Maß
nicht genau eingehalten hätte Mein Schritt die mangelhaft erleuchteten
menschenleeren Gassen entlang durch die ein heftiger Dezemberwind fegte war
weniger fest als sonst wohl und dabei gingen mir allerlei wunderliche Gedanken
durch den Kopf und hatte ich allerlei kuriose Einfälle die denn doch ihre
Entstehung wohl nur auf den Grund so vieler geleerter Gläser zurückführen
konnten So musste ich einmal ganz laut lachen denn ich glaubte die Stimme des
dicken kleinen Kommerzienrats zu hören die ganz deutlich sagte Lieber Sohn
wir müssen uns zusammennehmen sonst finden wir uns am Ende gar nicht nach Hause
und unsere Hermine ängstigt sich
Sechstes Kapitel
Da der nächste Tag ein Sonntag war hatte ich Musse über das sonderbare Benehmen
des Doctors am gestrigen Abend meine Betrachtungen anzustellen aber sei es dass
die Sache selbst zu verwickelt war sei es dass meine Erinnerungen durch die
Nachwirkung des starken Getränkes gelitten hatten ich konnte zu keinem
bestimmten Resultat kommen Dass der sonderbare Mann mich in seiner Weise sehr
liebte dafür hatte ich unzählige Beweise und auch gestern Abend war sein Zorn
mehr der eines älteren Bruders gewesen welcher zu sehen glaubt dass sein
jüngerer geliebter Bruder nicht auf dem richtigen Wege ist Aber was in aller
Welt hatte ich denn verbrochen Dass der Doctor aus meiner Absicht mir den Weg
durch das Leben selbst zu bahnen einen ernstlichen Vorwurf machen sollte war
im Grunde unmöglich Hatte er sich doch selbst sehr früh auf die eigenen Füße
gestellt und an dem einmal entworfenen Lebensplan mit zäher Hartnäckigkeit
festgehalten Dass ich mich aber zum Arbeiter gemacht konnte in den Augen eines
Mannes dessen Herz so warm für die Armen schlug der sein ganzes Leben den
Armen und Elenden geweiht hatte gewiss kein Verbrechen sein Der Grund seines
Zornes musste also irgendwo anders liegen und nach langem Grübeln brachte ich
heraus dass jenes Bild Paulas auf welchem ich als Richard Löwenherz figurirte
der erste Anlass des Streites gewesen war Hatte er es übel genommen dass Paula
an ihrem Modell festgehalten gönnte er mir nicht die Ehre von Paula gemalt zu
sein ärgerte er sich dass jenes Bild nicht in seinen Besitz sondern in die
Hände eines ihm so verhassten und verächtlichen Mannes wie des Kommerzienrats
gekommen war Das Alles waren wohl aufzuwerfende Fragen zuletzt entschied ich
mich doch für die dritte Annahme und zugleich dafür dass ich bevor ich heute
Paula aufsuchte das Streitobject sehen müsse
So machte ich mich denn gegen Mittag auf in das AcademieGebäude zu gehen
in dessen Sälen schon seit Wochen die große GemäldeAusstellung aufgestellt war
Es war meine erste Bekanntschaft mit einem derartigen Schauspiel Was ich bis
jetzt an Bildern gesehen beschränkte sich auf die wenigen alten eingedunkelten
Heiligenbilder in den Kirchen meiner Vaterstadt die Kupferstiche und
Familienportraits in dem Hause des Directors und endlich die Bilder welche ich
unter Paulas Händen hatte entstehen sehen Dennoch da ich das Wenige wieder
und wieder mit innigstem Ergötzen betrachtet und wieder betrachtet und
gewissermaßen studiert und vor allem da ich jahrelang der Zeuge des Schaffens
einer wahren Künstlernatur gewesen war hatte ich vielleicht wenn nicht mehr
so doch gewiss nicht weniger Empfindung für das Schöne als die Hunderte die
durch die Säle der Kunstausstellung wogten Ich kann das Gefühl nicht
beschreiben mit welchem ich bald der Menge folgend bald von ihr geschoben
bald für mich allein durch die hohen Hallen schweifte Ich hatte so etwas nicht
nur nie gesehen ich hatte es auch für unmöglich gehalten Gab es denn so viel
Menschen die mit Pinsel und Farbe umzugehen wussten dass die Wände in diesem
Labyrinth von Sälen von oben bis unten mit den Schöpfungen ihres Fleißes bedeckt
sein konnten und war die Welt so reich Blaute wirklich über sonnigen
Meeresbuchten des Südens ein so glänzender Himmel Wuchsen schneebedeckte Alpen
so majestätisch in den lichtdurchströmten Äther Dämmerte es so schaurig in den
tannenüberragten Schluchten heimischer Berge Flatterten so unendliche
Vögelschaaren über den breiten Wassern afrikanischer Ströme Hoben sich die
Paläste italienischer Städte so glanzvoll aus engen Kanälen über welche die
schwarzen Gondeln huschen Gab es Säle in fürstlichen Gemächern deren
Marmorböden die PrunkMöbel und die Gestalten der darüber hin Wandelnden so klar
wiederspiegelten Ja es gab das Alles was ich hier erschaute und noch viel
mehr was meine angeregte Phantasie hinzuträumte Denn je länger ich wandelte
und schaute und stand und bewunderte desto stärker kam die Empfindung über
mich als hätte ich dies Alles irgend wann schon einmal gesehen ja so genau
gesehen dass ich den Künstlern sagen konnte was sie recht gemacht und wo sie
hinter der schönen Wirklichkeit weit zurückgeblieben seien Manchmal geriet ich
ordentlich in Zorn über den dummen Maler der so schlecht gesehen und das
schlecht Gesehene noch dazu so dürftig wiedergegeben hatte Ich war mit einem
Worte in kürzester Frist ein vollkommener Kenner der edlen Malerkunst geworden
nur dass ich vielleicht nicht immer zu sagen wusste wie der Mann es hätte
anfangen müssen damit sein Werk besser geworden wäre aber vielleicht
qualificirte ich mich dadurch ganz besonders zum Kritiker
So mochte ich wohl eine Stunde durch die Säle gewandert sein als ich in
einen der letzteren, welcher sich durch ein schönes starkes Oberlicht
auszeichnete tretend heftig erschrak Über die Köpfe der den Saal erfüllenden
Menschenmenge weg glaubte ich mich selbst zu erblicken Und ich war es auch
selbst zum wenigsten mein Konterfei auf Paulas Gemälde dem Gemälde um dessen
willen ich gekommen war und nach welchem ich bis jetzt vergeblich ausgeschaut
hatte Eine ungewöhnlich dichte Gruppe hatte sich vor demselben versammelt und
schaute eifrig mit wie es schien bewundernden Mienen zu dem Werke der Freundin
empor und ach wie reizend wie entzückend wie tief empfunden tönte es aus
manchem schönen Munde Es war doch eine sonderbare Sache mich da vor allen
Leuten in einem leichten linnenen Gewande auf einem Bette mit einer seidenen
Decke kaum verhüllt liegen zu sehen Das Blut stieg mir ins Gesicht ich
meinte die Leute müssten sich jeden Augenblick von dem Bilde zu mir wenden das
Original mit dem Konterfei zu vergleichen Aber es mag schwer sein zu einem
sageverherrlichten kranken König Richard mit dem Löwenherzen auf einem
Ausstellungsbilde das Original zu entdecken in einem großen gesunden jungen
Menschen in sehr schlicht bürgerlicher Tracht der ein paar Schritte davon sich
in eine Ecke drückt Zum wenigsten machte keiner die Entdeckung und ich konnte
mich ruhig der Betrachtung des Gemäldes hingeben
Jetzt erst bemerkte ich dass dasselbe von einer größeren Dimension war als
die Untermalung welche ich kannte Es war in der Tat ein neues Bild das
während der Zeit die wir uns nicht gesehen entstanden sein musste Um so
bewundernswürdiger es schien mir wenigstens war die frappante Ähnlichkeit
des kranken Königs mit dem Manne in der Ecke Das waren des Letzteren rötliche
krause Locken das war seine mehr breite als hohe Stirn das waren seine etwas
großen brauen Augen denen es schwer wurde zornig zu blicken Ja selbst das
fieberhafte Rot das auf den eingefallenen Wangen des königlichen Richard lag
hätte man in diesem Momente auf denen des Mannes im Fenster wiederfinden können
Im Übrigen war das Bild dasselbe geblieben nur der junge Ritter welcher
Arturs Züge trug mochte mehr in den Hintergrund gerückt sein so das der
breitschultrige Yeoman mit des Wachtmeisters Süssmilch Zügen besser zur Geltung
kam Eine ganz köstliche Figur war der arabische Arzt alias Doctor Willibrod
Snellius der wunderlichste Heilige in der Tracht eines Derwisches den man sich
denken konnte und dem man trotz seiner Hässlichkeit gut sein musste so dass man
das großmütige Vertrauen des Königs sofort begreiflich fand
Das war also das Bild das Paula gemalt und das Hermine gekauft hatte War
hier nicht zwiefacher Grund zu ein klein wenig Stolz und Hoffart Musste das
Original nicht sehr fest in der Seele der Künstlerin stehen wenn sie die Kopie
aus der Erinnerung so ähnlich machen konnte Musste das Original der Käuferin
nicht einigermaßen interessant sein wenn sie die Kopie so teuer bezahlen
konnte Das waren törichte Gedanken und ich kann versichern dass sie ebenso
schnell verschwanden als sie gekommen waren ja dass ich mich ihrer herzlich
schämte Ich richtete mich aus einer so albernen Träumerei ärgerlich auf und
wandte meine Blicke wieder nach dem Bilde vor welchem sich das eifrig schauende
Publikum noch vermehrt hatte Unter den neu Hinzugetretenen bemerkte ich eine
Dame in einer reichen und doch anmutigen Toilette die an dem Arm eines
eleganten etwas stutzerhaft gekleideten Herrn hing Die Dame war mir durch
ihren schlanken Wuchs und durch die Lebhaftigkeit aufgefallen mit welcher sie
mit ihrer kleinen Hand die mit dem zierlichsten Glacéhandschuh bekleidet war
nach dem Bilde gestikulierte und zu ihrem Begleiter sprach dessen Interesse von
den Menschen vor dem Bilde augenscheinlich mehr in Anspruch genommen wurde als
von dem Bilde selbst Da sie mir den Rücken zugekehrt hatte konnte ich nur von
Zeit zu Zeit ganz wenig von ihrem Gesichte sehen wenn sie es über die Schulter
zu ihrem Begleiter wandte Aber dies Wenige hatte mich auf das Lebhafteste
frappirt ohne dass ich hätte sagen können weshalb eine dunkle Augenbraue ein
flüchtiger Glanz aus dem Winkel eines Auges die Konturen einer bräunlichen
Wange und eines runden Kinnes Dennoch konnte ich den Blick nicht von der Dame
wenden Auch versuchte ich ein paar mal ihr in das Gesicht zu sehen aber immer
bog sie sich auf die andere Seite Dann schien der Herr seine Begleiterin
aufzufordern weiter zu gehen sie waren im Begriff den Saal zu verlassen aber
in dem Augenblick als sie über die Schwelle schritten wandte die Dame noch
einmal den Kopf hinüber nach dem Bilde und es fehlte nicht viel dass ich vor
Schreck und Verwunderung laut aufgeschrieen hätte War das nicht Konstanze
gewesen
»Haben Sie die Bellini gesehen« fragte ein junger Offizier in meiner Nähe
einen Bekannten der eben grüßend an ihn herantrat
»Die in dem grauen Seidenkleide mit dem Sammetpelz und dem koketten Hut das
war die Bellini«
»Ja wohl Ist es nicht ein reizendes Weib«
»Süperb Und der Herr der sie am Arm hatte war das nicht der Baron
Sandström von der schwedischen Gesandtschaft«
»Der würde sich hier mit der Bellini zeigen Ich bitte Sie Baron Es war
der Tenorist Lenz vom AlbertTheater«
»Derselbe der sie für die Bühne gewonnen hat«
»Derselbe Sie soll ja ein fabelhaftes Talent haben Nun wir werden ja
sehen was daran ist«
»Sehen Baron Sie werden doch nicht in das AlbertTheater gehen wollen«
»Wenn es sich um eine Bellini handelt warum nicht«
»Sie sind ein Schwerenöter Baron«
»Kann das Kompliment zurückgeben wenn es eins sein soll«
Und die beiden jungen Herren entfernten sich lachend
Ich atmete auf Gott sei Dank murmelte ich Gott sei Dank dass dies eine
Schauspielerin und nicht Konstanze von Zehren ist Ich möchte sie nicht am Arm
jenes Gecken wiedergefunden haben und dass ein paar solcher Bürschchen so über
sie sprächen
Ich hatte im ersten Augenblick nicht daran gedacht dass ich der schönen Dame
nur nachzugehen brauchte um sie noch einmal zu sehen und als ich jetzt eilends
die vorderen Säle durchschritt war sie verschwunden Ich atmete nachdem ich
mich von der Vergeblichkeit meines Suchens überzeugt hatte hoch auf und sagte
Gott sei Dank es ist auch besser wenn Du dies Fräulein Bellini nicht
wiedersiehst Und während ich dies sagte fühlte ich mein Herz heftig schlagen
und meine Augen schweiften noch immer suchend über die Menge Es waren gar
eigentümliche Erinnerungen welche das fremde bekannte Gesicht dieser Dame in
mir erweckt hatte Erinnerungen aus der Zeit in welcher die Eindrücke die man
empfängt für immer haften
Diese Erinnerungen verließen mich erst als ich nach Paulas Wohnung
schritt die ich mir gestern hatte vom Doctor bezeichnen lassen die langen
Gassen der Stadt entlang von denen ich viele heute zum ersten Mal betrat Die
Geschäfte und Läden waren des Sonntags wegen geschlossen nichts desto weniger
war viel Leben auf der Straße Es war ein klarer kalter Mittag im Anfang des
Dezember Am Morgen war ein wenig Schnee gefallen gerade genug um die Dächer
mit Silberglanz zu überstreuen und die Vorsprünge und Ornamente der
Häuserfaçaden zierlich aufzuputzten Die zahlreichen Fußgänger eilten raschen
Schrittes über die Trottoirs die stattlichen Rosse vor den schönen Karossen
hieben mit ihren Hufen mächtig auf das hier und da noch bereifte Pflaster und
selbst die abgetriebenen Gäule vor den gichtbrüchigen Droschken trotteten heute
schneller als sonst Der Anblick dieses munteren Lebens verjagte die bösen
Träume die sich meiner Seele bemächtigen wollten ich fühlte mich so jung und
kräftig und inmitten eines großen mächtigen Stromes der mich trieb ohne mich
zu überwältigen Es war mir Alles neu und schön und reich wer konnte wissen zu
welchen herrlichen Ufern mich der Strom noch treiben würde Und einen schönen
Port sah ich ja schon herüberwinken und eine liebe Gestalt und ich
beschleunigte meine Schritte bis ich fast atemlos vor einem hübschen großen
Hause in einer der elegantesten Vorstädte anlangte und von dem Portier als ich
nach Frau von Zehren fragte zwei Treppen hoch gewiesen wurde »Aber die
Herrschaften werden nicht zu Haus sein« sagte der Mann »Niemand« »Ich
kann es wirklich nicht sagen vielleicht einer der jungen Herren« »So will
ich nachsehen« »Haben Sie eine Bestellung die ich annehmen kann« »Nein
ich muss selbst hinauf«
Der Mann klappte nicht ohne einen gewissen misstrauischen Blick nach dem
großen Mann der gar nicht wie ein feiner Herr aussah das Fenster zu und ich
eilte die beiden mit Läufern belegten Treppen hinauf und zog indem ich dabei
tief Atem holte die Schelle über der auf einem Messingschilde die Namen
»Frau von Zehren« und darunter »Paula von Zehren« standen Wer von den Jungen
wird da sein fragte ich mich und ich ließ die trauten Gesichter von Benno
Kurt und Oskar eines nach dem andern und zuletzt alle drei zusammen in der
geöffneten Tür erscheinen aber da nahte ein Schritt der keinem der Knaben
gehören konnte Die Tür wurde geöffnet und das alte furchendurchzogene braune
Gesicht des Wachtmeisters starrte mich aus den hellen blauen Augen fragend an
»Guten Tag Herr Süssmilch«
Der Wachtmeister ließ vor Überraschung fast das Dutzend Pinsel das er in
der Hand hatte fallen »Herr du meines Lebens da ist man ja endlich Nein wie
wir uns aber freuen werden die gnädige Frau und die jungen Herren und nun gar
das Fräulein Man komme herein« Und er zog mich in die Wohnung deren Tür er
hinter uns verschloss und führte mich dann in ein Zimmer in welchem mich die
Möbel als alte Bekannte freundlich grüßten
Der Alte drückte mir noch immer die Hände und rief einmal über das andere
»Und wie prächtig man aussieht Und ich glaube gar man ist noch größer
geworden Und was hat man denn in der letzten Zeit arbeiten müssen dass die
Hände so hart sind Es ist uns schlecht gegangen he Aber wir haben uns wacker
gehalten das ist die Hauptsache Wie lange ist man denn nun aus dem verdammten
Loche heraus«
So fragte der Wachtmeister und drückte mich in einen Lehnsessel und war
sehr indignirt als ich ihm sagte dass ich bereits über zwei Wochen in der Stadt
sei »Es ist nicht möglich« rief er »Zwei Wochen ohne zu uns zu kommen die
wir seit eben so lange jeden Tag gewartet haben es ist nicht möglich da möchte
man doch gleich ein Bär mit sieben Sinnen werden«
»Jeder erst für sich Alter« sagte ich »Würde das wohl in der Ordnung
gewesen sein wenn ich sogleich hierher gekommen wäre und bei Fräulein Paula
angefragt hätte was aus dem großen Georg nun eigentlich werden solle«
Der Wachtmeister kraute sich in dem krausen grauen Haar »Freilich
freilich« sagte er »selbst ist der Mann Bei einer Frau oder nun gar einem
Mädchen ist das allerdings anders und darum musste man auch Knall und Fall mit
ihnen fort damit sie doch Jemand unterwegs hätten und hier bei der ersten
Einrichtung und überhaupt damit Jemand nach dem Rechten sehen könnte denn
Damen bleiben doch immer Damen und Mann ist Mann Und das muss Jeder sagen der
auch nur einen Zahnstocher von einem Scheunentor unterscheiden kann Ist man
nicht meiner Meinung«
»Ohne Zweifel Süssmilch ohne Zweifel und Sie sind seitdem natürlich immer
hier gewesen«
»Nun natürlich« sagte der Alte der sich mir gegenüber gesetzt hatte aber
auf den Rand des Stuhles wie um anzudeuten dass er die Grenzen die er sich
selbst gezogen inne zu halten wisse »und dann ganz abgesehen von allem
Andern kann man ja ohne meinen Kopf nicht fertig werden«
»Und ohne Ihre Hände«
»Sind nicht so wichtig obgleich sie auch manchmal in Frage kommen«
erwiderte der Alte indem er die Pinsel zwischen den Fingern ordnete »aber den
Kopf« und er schüttelte diesen interessanten und wichtigen Teil des Körpers
hin und her
»Ich habe ihn nur noch eben in der Ausstellung gesehen« sagte ich da mir
glücklicher Weise ein Licht darüber aufging welche Rolle der Kopf des Alten
eigentlich in dem Haushalt der Familie spiele
»Nicht wahr« sagte der Alte wohlgefällig »man ist nicht übel weggekommen
aber der Klosterbruder wird noch besser«
»Der wer«
»Der Klosterbruder« sagte der Alte »ja so man weiß ja nicht was wir
jetzt malen das muss man doch gleich einmal sehen«
Der Alte sprang mit jugendlichem Eifer auf und ging mir voran in ein großes
und hohes Nebenzimmer welches das Atelier Paulas war Skizzen und Bilder
mancherlei Art hingen und standen an den Wänden dazwischen Köpfe Arme Beine
von Gips ein paar alte Waffen Helm und Brustarnisch ein Gliedermann der mit
einem langen weißen Mantel drapirt war in der Nähe des bis zum Plafond hinauf
reichenden Fensters ein Bild auf der Staffelei von welchem der Wachtmeister
geschäftig die Decke abnahm »Ist das nicht eine Pracht« sagte er »hier muss
man sich herstellen«
»In der Tat« sagte ich
»Habe ich nicht recht dass mein Kopf hier noch ganz anders herausgekommen
ist« sagte der Wachtmeister mit stolzer Hand auf den Klosterbruder deutend
der im Begriff stand den Tempelherrn zu ergründen Die beiden Gestalten standen
klar und plastisch da mit einem solchen Leben in den Mienen dass man ihnen die
Worte von den Lippen nehmen zu können glaubte die köstlichste Einfalt in dem
guten wetterdurchfurchten Gesicht des frommen Bruders der einst Reitknecht
gewesen und gar manchen braven Herrn gehabt und manchen sauren Dienst getan
von welchem ihm doch keiner so sauer geworden als der hier im Auftrage des
Patriarchen Auf der andern Seite der Templer jung und schlank den Kopf
trotzig in den Nacken geworfen die Lippen unwillig geschürzt und mit den blauen
Augen auf den armen Klosterbruder herabblitzend Im Mittelgrunde ein Stück von
Nathans Haus und die Palmen die des Auferstandenen Grab beschatteten weiter
hinten die Kuppeln und schlanken Minarets von Jerusalem mit dem prangenden
Halbmond sich hell abhebend von dem südlichen Himmel in dessen unendliche
Ferne das Auge sich mit Entzücken verliert
»Der junge Herr hat etwas von uns bekommen hier so herum und hier« sagte
der Wachtmeister mit dem Finger auf Augen und Mund des Tempelherrn deutend und
dann wieder mich ansehend »aber ich habe uns gleich gesagt es ist diesmal
nicht so gut wie bei dem Richard lange nicht so gut« und der Alte schüttelte
bedenklich den Kopf
»Aber Fräulein Paula kann mich ja doch nicht immer malen« sagte ich
entschuldigend »das würde doch am Ende zu gleichförmig werden Mit Ihnen ist
das etwas anders einen solchen Kopf findet man nicht zweimal«
»Nicht wahr« sagte der Wachtmeister »es ist merkwürdig man hat es ja
selbst nie geglaubt ja man hat kaum gewusst dass man einen Kopf hatte aber sie
sagen es ja Alle die hierher kommen und sie wollen mich ja alle in ihre
Ateliers haben und Fräulein Paula hat mich ja auch schon ein paar Mal
hergeliehen aber man sieht auf denen andern Bildern wie ein Bär mit sieben
Sinnen aus man kennt sich selbst nicht wieder«
»Und wie geht es ihr sonst« fragte ich
»Je nun« erwiderte der Alte »es geht ja so wenn wir nur nicht so viel
arbeiten müssten aber von des Morgens so bald es hell genug ist bis man am
Abend keine Farbe von der andern unterscheiden kann hier im Atelier oder auf
dem Museum zum Kopiren das hält ja kein Bär aus geschweige denn so ein zartes
Fräulein das noch dazu den Tod von dem gnädigen Herrn gar nicht überwinden
kann und Tag für Tag heimlich ihre heißen Tränen darüber weint Es ist ein
wahrer Jammer«
Der Alte wandte sich ab und legte die Pinsel in den Kasten und wischte sich
dann mit dem Rücken der Hand schnell über die Augen
Ich stand mit verschränkten Armen vor dem Bilde das mir gar nicht mehr
gefallen wollte wenn ich daran dachte dass sie vom Morgen bis zum Abend rastlos
daran arbeitete während ihr der Schmerz um den vielgeliebten Vater das Auge
verdunkelte Es wäre doch ein schönes Ding fünfzigtausend Taler zu haben und
sagen zu können Du sollst dich wenigstens nicht so quälen du sollst wenigstens
nicht deine schönen Augen vor der Zeit einbüßen wie deine arme Mutter
»Wie geht es Frau von Zehren«
»So weit gut« erwiderte der Wachtmeister die Staffelei zurückschiebend
»aber kaum noch ein Schimmer und der Doctor den wir hier gefragt haben und der
ja wohl am meisten davon verstehen soll hat gesagt es sei auch keine Hoffnung
dass sie jemals wieder sehen werde«
»Und Benno und die Andern«
Ein freundlicher Strahl zuckte über des Alten braunes Gesicht
»Nun ja« sagte er »an denen haben wir freilich unsere Freude An dem Einen
immer noch mehr als an dem Andern Benno ist ja nun gar Student seit vier
Wochen und Kurt wirds bald werden Ja an denen haben wir unsere helle Freude
Und nun gar an unserm Kleinen der soll auch Maler werden und mit meinem Kopf
hat man natürlich angefangen und man hat sich für seine fünfzehn Jahre nicht
schlecht aus der Affäre gezogen Man sehe nur selbst ob es nicht «
In diesem Augenblicke wurde an der Tür geschellt Der Alte der eben ein
großes Reissbrett zur Hand genommen hatte trat damit ans offene Fenster und
schaute auf die Straße »Ich dachte sie wären es« sagte er »wir sind nämlich
alle spazieren gegangen weil der Tag so schön ist aber es ist noch zu früh
als dass sie schon wieder zurück sein könnten es muss schon Jemand andere sein
man muss einmal nachschauen« und der Alte stellte das Reissbrett auf welches
Oskar seinen ersten Studienkopf nach der Natur gezeichnet hatte hin und ließ
mich wieder in dem Atelier allein
Ich hörte auf dem Gange sprechen ich meinte Paulas Stimme zu hören dann
wurde die Tür geöffnet und wirklich war es Paula die hereintrat
Sie bemerkte mich nicht gleich und ich sah auf den ersten Blick dass der
Wachtmeister nichts von meiner Anwesenheit gesagt hatte Sie blickte indem sie
rasch vorwärts kam eifrig nach der verhüllten Staffelei Der frische Hauch des
Wintertages lag auf ihrem Gesicht ihr Mund war leise geöffnet Ich hatte sie
nie so schön gesehen nie geglaubt dass sie so schön sein könne Plötzlich
erblickte sie mich sie blieb stehen ihre Augen wurden starr sie hob ihre Hand
und ihr Atem stockte sichtbar »Paula« sagte ich rasch vortretend »ich bins
wirklich liebe Paula«
»Lieber Georg«
Sie stand vor mir und ich hielt ihre beiden Hände in den meinen und sie
schaute errötend und lachend zu mir auf und sagte »Gott sei Dank Georg dass
Du endlich endlich hier bist ich habe keine ruhige Stunde gehabt seitdem ich
wusste dass Du wieder frei und auf dem Wege hierher warst ich konnte nicht
begreifen wo Du bliebst ich fürchtete schon es müsse Dir ein Unglück begegnet
sein Was hast Du denn begonnen welche Abenteuer ausgeführt Du böser Mensch
Von dem Einen weiß ich schon und aus dem allerschönsten Munde«
Paula hatte sich auf einen niedrigen Sessel in der Nähe des Bildes gesetzt
und schaute mit lächelnden Augen zu mir auf
»Du brauchst nicht so verlegen zu werden« sagte sie schelmisch »mit einer
Schwester macht man so viel Umstände nicht Ich bin im ausschliesslichen Besitz
sämmtlicher zarten Geheimnisse Bennos und neuerdings beehrt mich auch Kurt mit
seinem Vertrauen er schwärmt für die zwölfjährige Tochter des Geheimrats der
kürzlich in die BelEtage gezogen ist und behauptet so einen Kopf habe Raphael
nie gemalt Weshalb sollte ich nun nicht auch die Mitwisserin Deiner Abenteuer
sein der Du doch mein ältester Bruder bist oder bist Du es nicht«
Mir war es so fremd Paula die sonst jedes Wort abwog in dieser Weise
plaudern zu hören Eine große Veränderung musste mit ihr vorgegangen sein
seitdem wir uns getrennt Es war die Paula nicht mehr die im Schatten der hohen
Gefängnissmauern vor meinen Augen sich aus dem Kinde zur Jungfrau entwickelt
hatte und die ich zu kennen glaubte wie mich selbst Was hatte ihr doch so die
Zunge gelöst Und wer hatte ihr die freie Haltung gegeben die ich an ihr
bewunderte als ich sie jetzt in dem niedrigen Lehnsessel hingelehnt sah
während ein Strahl des Sonnenlichts ihr Haupt streifte dass es wie von einer
Aureole umgeben war
»Nun Du antwortest ja nicht« fuhr sie fort »und brauchst Dich doch Deiner
Tat wahrlich nicht zu schämen Hermine sagt dass ohne Dich das Schiff verloren
gewesen wäre und wahrscheinlich das andere auch Du kannst Dir denken wie
stolz ich auf Dich war als ich das hörte und weißt Du was mein erster Gedanke
war dass der Vater es noch hätte hören können«
Paulas große Augen füllten sich mit Tränen aber sie überwand die
wehmütige Regung schnell und sagte »Ja ich war stolz auf Dich und froh in dem
Gedanken dass Du mit einer schönen Tat die Deiner würdig war in das Leben
zurücktratst und Dich so gleich wieder heimisch fühlen lerntest Und nun musst Du
mir erzählen was Du während dieser ganzen Zeit angefangen und Du sollst es
büßen wenn ich mit Dir nicht zufrieden sein kann Hier setz Dich in den
Stuhl Wir haben noch eine Viertelstunde Zeit bevor Mutter mit den Jungen
zurückkommt Mir war unterwegs ein Gedanke zu dem Bilde da gekommen nun ist es
besser so«
Ich gab dem teuren Mädchen einen genauen Bericht dessen was mir die
letzten Wochen meines Lebens gebracht Sie hörte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit zu und nur einmal lächelte sie als ich beweisen zu müssen
glaubte dass ich in die Maschinenfabrik auf jeden Fall eingetreten sein würde
und dass die Tatsache, jetzt den Kommerzienrat gewissermaßen zum Brodherrn zu
haben mir keineswegs behaglich sei
»Aber weder der Kommerzienrat noch Hermine wissen etwas davon«
»Nein« sagte ich »und das ist ein Trost«
»Der nicht vorhalten wird denn sie werden es nun doch bald erfahren«
»Von wem zum Beispiel«
»Zum Beispiel von mir Hermine hat mich bei Sonne Mond und allen Sternen
beschworen ihr von dem Wildfang Nachricht zu geben so bald er sich wie es
sich gebührt eingefunden haben würde und dabei haben ihr die Tränen in den
schönen Augen gestanden und Fräulein Duff hat ihr die Hand auf die Schulter
gelegt und gesagt Suche treu so findest Du Ich kann Dich versichern Georg
es war eine rührende Szene«
Paula lächelte aber so freundlich dass ihr Spott wenn sie meiner spottete
nicht weh tat Im Gegenteil ich war ihr sehr sehr dankbar Hatte ich doch
schon hin und her überlegt wie ich ihr die sonderbare Begegnung mit Hermine
würde erzählen können ohne dabei verlegen zu werden und jetzt wurde unter
ihren lieben Händen Alles glatt und schön was sich unter meinen plumpen Fingern
hoffnungslos verwirrt hatte Ich war ihr sehr sehr dankbar
Und nun erzählte Paula von Herminen und wie liebenswürdig und wie gut das
schöne Kind sich gegen sie benommen und wie sie die drei Tage die sie in Berlin
gewesen fast ausschließlich bei ihr zugebracht und sich sofort in das Bild auf
der Ausstellung verliebt habe hier lächelte Paula wieder ein ganz klein wenig
und sich gar nicht habe beruhigen wollen dass das Bild nachdem sie es gekauft
und den allerhöchsten Preis bezahlt noch einen ganzen Monat auf der Ausstellung
bleiben müsse Und weiter erzählte Paula wie ihr das Aufsehen welches der
Richard Löwenherz gemacht bereits neue Bestellungen eingebracht habe und dass
»Klosterbruder und Tempelherr« an einen jüdischen Bankier für eine namhafte
Summe verkauft sei und wie ihr Atelier seitdem von vornehmen Leuten besucht
werde mehr als ihr lieb sei und wie sie ihre Skizzenmappe habe wegschliessen
müssen weil man ihr die Blätter unter den Händen weggerissen
»Du kannst Dir denken« sagte das liebe Mädchen »wie unendlich glücklich
mich das Alles macht Nicht als ob ich deswegen stolz sein zu dürfen meinte
ich glaube recht gut zu wissen wo es mir fehlt und wie viel mir fehlt ja dass
es mir eigentlich an Allem gebricht und dass was die Leute zu meinen Bildern
zieht nichts ist als eine gewisse Unmittelbarkeit eine kecke Naivetät möchte
ich sagen die aus diesen schülerhaften Versuchen spricht und die glaube ich
Andere welche durch so viele Academien gelaufen sind nicht mehr haben können
Aber wie dem auch sei es ist mir ein süßer Trost nun um die Zukunft der
Mutter und der Brüder ruhig sein zu dürfen und dass die Jungen ihren Weg gehen
dürfen ohne ängstlich jeden Schritt zu überlegen alle Jungen vom jüngsten bis
zum ältesten nicht wahr Georg vom jüngsten bis zum ältesten«
Sie blickte mir groß in die Augen und ich wusste recht gut was sie meinte
»Ich überlege nicht ängstlich jeden Schritt Paula« sagte ich »Ich weiß
dass ich auf dem rechten Wege bin weshalb sollte ich da ängstlich sein«
»Ich habe unendliches Vertrauen zu Dir« entgegnete Paula »zu Deiner
Einsicht und zu Deiner Kraft Ich weiß dass Du Deinen Weg finden wirst aber man
kann einen Weg mit größerer oder kleinerer Mühe in längerer oder kürzerer Zeit
zurücklegen und Deine Schwester wünscht dass ihr Bruder den man so grausam um
so viele Jahre seines Lebens betrogen keine Minute verliere und sich an keinen
Stein stoße den ihm seine Schwester aus dem Wege räumen kann«
»Ich danke Dir Paula« sagte ich »von ganzem Herzen danke ich Dir aber Du
wirst mir nicht zürnen wenn ich wünsche dass nie die Stunde kommen möge wo Du
für mich arbeiten müsstest denn dass ich je für Dich und die Deinen würde sorgen
dürfen auf diese meine teuerste Hoffnung und diesen meinen liebsten Wunsch muss
ich ja jetzt verzichten«
»Wie Du nur so sprechen magst« sagte Paula ihr schönes Haupt leise
schüttelnd freilich ich habe es durch meinen Übermut verdient »Du musst mich
für ein albernes Mädchen halten das sich durch den ersten Schimmer von Erfolg
verblenden lässt Aber glaube mir ich meine es nicht ernstlich so Ich fürchte
oft dass man mich eben so schnell fallen lassen wird wie man mich jetzt gehoben
hat weit über mein Verdienst Und überdies ich kann ja krank werden oder mit
meiner Erfindung zu Ende kommen ich werde ja doch nicht immer Dich und den
alten Süssmilch malen können und ein Mädchen hat so wenig Gelegenheit
gründliche Studien zu machen und den engen Kreis ihrer Erfahrung zu erweitern
Und was sollte dann aus den Knaben aus mir aus uns Allen werden wenn wir
nicht unsern Ältesten hätten«
»Jetzt spottest Du meiner Paula«
»Nein wahrlich nicht« sagte Paula eifrig »ich habe nur schon zu oft
gefühlt wie meine Kraft den Brüdern gegenüber nicht mehr ausreicht und dass
junge Männer von einem Manne geleitet sein wollen und nicht von einer Frau die
nicht weiß wo die Grenze liegt bis zu welcher ein Jüngling gehen mag ja gehen
muss wenn aus ihm etwas Rechtes werden soll Dem Doctor so brav er sonst ist
kann ich nach dieser Seite auch nicht trauen denn er ist ein Sonderling und
nach einem Sonderling kann man sich nicht bilden Da habe ich mich denn die
ganze Zeit sehr nach Dir gesehnt Du kennst die Jungen so gut und sie lieben
Dich so sehr Ich wüsste Niemand dem ich sie so gern anvertraute«
»Aber Paula ein Arbeiter in einer Maschinenwerkstatt ein ganz gewöhnlicher
SchmiedeGesell das ist kein Vorbild für Studenten und junge Künstler«
»Du wirst ja Du wirst immer ein Arbeiter aber nicht immer ein Schmied
bleiben und ein Gesell Du wirst ein Meister werden ein großer Meister in
Deiner Kunst Und der Tag ist nicht mehr fern ist wenigstens gewiss viel näher
als Du denkst Du weißt nicht was Du wert bist«
Paula hatte das mit erhöhter Stimme gesagt und ihre Augen leuchteten Ich
war so gewohnt Paula aufs Wort zu glauben und es hatte so prophetisch
geklungen ich wagte gar nicht die leisen Zweifel die mir denn doch bezüglich
der Erfüllung dieser Prophezeiung kamen zu äußern
In diesem Augenblicke wurde abermals an der Flurtür geschellt »Es ist
Mutter und unsere Jungen« sagte Paula rasch und leise »Sie wissen nicht dass
Du schon vierzehn Tage frei bist die Jungen würden es nicht begreifen dass Du
so viel Zeit hast verstreichen lassen ohne zu uns zu kommen wenn Du schon
einmal in der Stadt warst Du musst aus den vierzehn Tagen vierzehn Stunden
machen ich erlaube Dir diese Lüge«
Da kamen sie zur Tür hereingestürmt Oskar und Kurt meine Lieblinge und
Benno der immer mein dritter Liebling gewesen war führte die Mutter am Arm
herein und das war eine Freude und ein Händedrücken und Küssen und ein Gejubel
und auch einige Tränen mögen wenn ich mich recht erinnere dabei geflossen
sein Ich musste natürlich den ganzen Tag über da bleiben Und am Abend ließ
die Drei es sich nicht nehmen mich nach Hause zu bringen um der Schwester
Bericht abzustatten wo und wie ich denn eigentlich wohne und ich brachte sie
dann wieder eine Strecke bis sie aus dem Arbeiterviertel heraus und in dem
bekannteren Stadtteile waren und als ich wieder nach Hause kam war es schon
sehr spät und ich schlief alsbald ein und träumte ein Langes von dem Bilde das
Paula gemalt und Hermine gekauft und die schöne Bellini die Konstanze von
Zehren ähnlich sah so sehr bewundert hatte
Siebentes Kapitel
Freilich wenn ich in dieser Zeit träumen wollte musste ich es zur Nacht tun
am Tage hatte ich keine Zeit zu solchen Extravaganzen Am Tage nahm mich die
Arbeit in Anspruch die nüchterne eifersüchtige Arbeit die mich in Atem hielt
vom frühen Morgen bis zum späten Abend die mir jetzt den Hammer in die Hand
drückte und mir ein Stück Eisen zu bearbeiten gab und jetzt die Feder mit der
ich Blatt um Blatt mit langen Zahlenreihen und vielverschlungenen Formeln
bedeckte Es war Alles in Allem eine schöne Zeit und jetzt noch gedenke ich
derselben mit wehmütiger Freude Liegt doch in unserer Erinnerung auf
denjenigen Perioden unseres Lebens in welchen wir mit ganz besonderem Eifer
vorwärts strebten das hellste Licht und ich war jetzt alle Wege ein Streber
und da war kein Tag der mich nicht eine oder die andere Sprosse höher gebracht
hätte auf der steilen Leiter Bald war es ein technischer Handgriff den ich
meinen Mitgesellen abgesehen hatte bald eine neue einfachere Formel die ich
selbst herausgerechnet und immer das köstliche Gefühl des Steigens des
Vorwärtskommens und der erhöhten Kraft das wohltuende Bewusstsein die Last auf
den Schultern könne noch viel schwerer werden und man brauche doch nicht zu
fürchten dass man unter ihr zusammenbreche Ja es war eine schöne eine
köstliche Zeit und wenn ich daran denke ist mir immer als ob mich Veilchen
und Rosen umdufteten und als ob damals alle Tage Frühling gewesen sein müsse
Und doch war es nicht Frühling sondern ein harter rauer Winter wo die
eisige Luft grau und schwer über den schneebedeckten Dächern und den schmutzigen
Höfen der Fabrik lag wo die Spatzen ängstlich nach Nahrung flatterten und die
Krähen vor Hunger schrien wo man immer häufiger am Tage bleiche hohläugige
dürftig gekleidete Gestalten in den langen sturmdurchwehten Straßen umherirren
oder des Abends beim unheimlichen Schein der Laternen auf den Trittstufen der
Häuser und auf den Ecksteinen der Torwege kauern sah
Ich legte jetzt den Weg durch die langen Straßen häufig zurück denn wie
entfernt auch die Wohnung meiner Freunde von der meinigen war so verging doch
keine Woche in welcher ich nicht wenigstens einen Abend bei ihnen zugebracht
hätte Dann kam Benno der jetzt Chemie und Physik studierte und in der
Mathematik einige Lücken auszufüllen hatte zweimal wöchentlich am Abend zu mir
um mit mir zu arbeiten und ich brachte ihn dann regelmäßig die Hälfte des
Weges auch manchmal den ganzen Weg zurück Es war in Überlegung gezogen
worden ob ich nicht besser täte eine näher gelegene Wohnung zu beziehen aber
Paula hatte entschieden dass ich da bleiben müsse wo meine Arbeit sei ja eines
Sonntags Vormittags war sie mit ihren Brüdern gekommen mir einen Besuch
abzustatten und mich zu überzeugen dass ich keineswegs wie ich behauptet
gänzlich aus ihrem Bereich lebe Sie hatte meine Wohnung auf dem einsamen
ruinenhaften Hofe der Maschinenfabrik die ihre Hoffnung in der Zukunft suchte
vollkommen toll und die Einrichtung meines Zimmers mit den wurmstichigen
verschnörkelten Möbeln aus dem vorigen Jahrhundert hinreichend verrückt
gefunden aber sie hatte doch alles mit herzlicher Teilnahme gesehen und nicht
ohne Rührung die TerracottaVasen auf dem Kamin und das Bild der sixtinischen
Madonna an der Wand betrachtet
»Bleib hier« hatte sie zuletzt gesagt »nicht weil die Wohnung für Dich
bequem liegt und wirklich originell genug ist und die Einrichtung Deinem
Geschmack Ehre macht bis auf die fehlenden Gardinen die ich Dir besorgen
werde und einen kleinen Fussteppich unter Deinem Schreibtisch den Du ebenfalls
von mir haben kannst doch das sind Kleinigkeiten und im Übrigen habe ich
ganz das Gefühl dass Du hierher gehörst ja als gehörte dies schon dir als
habest Du wie ein Eroberer Besitz ergriffen von dieser verwüsteten Provinz und
vorerst Dein Banner aufgepflanzt und das Andere wird sich danach finden Mir
ist als sähe ich jene trümmerhaften Steinhaufen schon zu stattlichen Gebäuden
emporgewachsen und sähe das Feuer aus den hohen Schloten sprühen und diese
jetzt leeren Räume von tätigen fleißigen Arbeitern belebt sähe dieses
Häuschen zu einer hübschen Villa ausgebaut und Dich selbst hier schalten und
walten als Herr und Meister Bleibe hier Georg der Ort wird Dir Glück
bringen«
Ich weiß nicht wie es war aber dergleichen Worte aus Paulas Munde hatten
für mich eine vollständig überzeugende Kraft wie für den Gläubigen die
Aussprüche der gottgeweihten Priesterin Nicht als ob ich mich diesen
Aussprüchen immer gern und willig gebeugt und gefügt So wäre mir zum Beispiel
diesmal viel lieber gewesen wenn Paula gesagt hätte die Wohnung ist freilich
für deine Zwecke sehr günstig gelegen aber ich möchte dich doch gern mehr in
meiner Nähe haben ich sehe dich jetzt einmal die Woche ich könnte dich dann
zweimal vielleicht alle Tage sehen Dann aber schalt ich mich dass ich Paulas
Wunsch und Willen mir stets zum Guten und zum Besten zu raten nicht höher
anschlage als alles Andere und dann wünschte ich es möchte ihr diesmal und
ein anderes mal weniger leicht gewesen sein mir zum Guten zu raten
Wenn ich so immer wieder darauf hingeführt wurde über mein Verhältnis zu
Paula nachzudenken so konnte selbst meinem unerfahrenen Blicke nicht entgehen
dass dies Verhältnis jetzt ein anderes war als früher Ein Umstand schien mir
vor Allem bezeichnend Die Knaben und ich hatten uns beinahe von Anfang an »Du«
genannt aber zwischen Paula und mir war das förmliche »Sie« geblieben selbst
in den schweren Tagen nach dem Tode ihres Vaters wo wir Hand in Hand den Sturm
durchwettert hatten der über uns Alle hereingebrochen war Auch da obschon
unsere Herzen bis zum tiefsten Grunde aufgewühlt wurden und unsere Tränen
gemeinsam flossen war das brüderlichschwesterliche »Du« nicht geboren und
jetzt auf einmal war es da war es mir in der Stunde des Wiedersehens von ihrem
teuren Munde geschenkt worden Zu jeder Zeit ja noch am Abend vorher würde ich
das für unmöglich gehalten haben jetzt war es wirklich und trotzdem es
wirklich war schien es mir unmöglich Fühlte ich dass was unser Verhältnis so
frei und leicht machte zu gleicher Zeit auch eine schwere Fessel war eine
unzerbrechliche Fessel mit welcher Paula meine Hände umwunden Ob absichtlich
ob unabsichtlich ich wusste es nicht und gab die Hoffnung auf es jemals zu
ergründen
Nicht als ob ich mich beständig mit diesem Rätsel getragen hätte Rätsel
lösen war im Grunde gar nicht meine Sache und so konnte ich mich denn
glücklicherweise dem Glück hingeben das mir die Freundschaft des edelsten
Mädchens der Verkehr der liebenswürdigsten Familie gewährte Jeder Atemzug
dort dünkte mich köstlich und in der Tat es war nicht möglich eine reinere
Luft zu atmen Ich erinnere mich auch nicht eines Falles wo zwischen den
Familienmitgliedern die geringste Misshelligkeit stattgefunden ja wo auch nur
Jemand die Stimme lauter als schicklich erhoben hätte In innigster Verehrung
der Mutter in ritterlichzärtlicher Liebe der herrlichen Schwester waren die
Brüder vollkommen ein Herz und eine Seele und wenn ja einmal zwischen ihnen
eine Wolke des Missverständnisses aufstieg so genügte ein Wort Paulas oft auch
nur ein Blick aus ihren schönen seelenvollen Augen die Trübung aufzuklären
Nach wie vor war Paula der segnende Genius der Familie die verehrte Priesterin
der das heilige Feuer des Herdes anvertraut war die Helferin die Trösterin
die Beraterin zu der sich Jeder wandte wenn er der Hilfe des Trostes des
Rates bedurfte Und mit welcher keuschen Holdseligkeit trug sie ihre
priesterliche Krone Wer von den Draussenstehenden hätte ahnen können dass dies
zarte Geschöpf für ihre ganze Familie nicht nur die moralische Stütze war dass
ihre kleine fleißige schlanke Hand auch das Brod herbeischafte von dem sie
lebte Und doch war dies der Fall ja es schien immer mehr und es war kaum ein
Zweifel dass sie im Stande sein werde die Lage der Familie zu einer relativ
glänzenden zu machen Ihr »Klosterbruder und Tempelherr« hatte einer der
reichsten Banquiers für eine aussergewöhnlich hohe Summe erworben und schon
stand ein neues Bild auf der Staffelei das bevor es noch begonnen ebenfalls
bereits verkauft ja zu einem noch höheren Preise verkauft war
Ein Kunständler nicht derselbe welcher früher Paula jene Bilder für ein
Kleines abgeschwindelt hatte die Doctor Snellius von jenem für ein Großes
zurückgekauft sondern ein anderer einer der ersten in der Stadt war zu Paula
gekommen und hatte gefragt ob sie auch ein Jagdstück malen könne Es sei gerade
jetzt starke Nachfrage nach Jagdstücken Prinz Philipp Franz habe sie in Mode
gebracht der Adel sei wie versessen darauf und nun fingen auch natürlich die
jüdischen Banquiers an sich für Hasen und Füchse zu interessieren Das Bild
müsse die und die Dimensionen haben und wie gesagt ein Jagdstück müsse es
sein Paula hatte dem Kunständler geantwortet dass sie bisher dergleichen
Bilder noch nicht gemalt habe und deshalb den Auftrag ablehnen zu müssen
glaube aber der Kunständler war so dringend gewesen und die Summe welche er
offerirt hatte so hoch »was meinst Du dazu« hatte Paula zu mir gesagt
»Glaubst Du dass ich dazu im Stande bin«
»Ob Du dazu im Stande bist« hatte ich ihr geantwortet »das Landschaftliche
und die Figuren machen Dir ja keine Mühe und was das Technische der Jägerei
betrifft so kann ich Dir vielleicht aus der Verlegenheit helfen wenn Du ja
damit nicht zurecht kommen solltest«
»Du hast mir früher so Manches aus Deinem Jägerleben mit dem Onkel Malte
erzählt« sagte Paula »es ist mir davon unter Anderem eine Szene in der
Erinnerung geblieben wo Du in den allerersten Tagen Deines Aufenthaltes auf
Zehrendorf mit dem Onkel auf der Heide in der Nähe des Meeres am Rande einer
Einsenkung beim frugalen Frühstück sitzest der Onkel behaglich die Ruhe des
Rendezvous auskostend und Du Flasche und Glas bei Seite werfend zur Flinte
greifst als plötzlich in einiger Entfernung über dem Rand des Hügels ein Hase
sichtbar wird der sich genauer besehen als ein in den Dünen grasender Hammel
decouvrirt Sollte sich das malen lassen«
»Man könnte es wenigstens versuchen« sagte ich
Sie hatte es versucht und der Versuch schien woran ich freilich nicht
gezweifelt hatte glänzend auszufallen Selbst der für welchen die kleine
humoristische Jagdgeschichte weiter kein Interesse hatte musste zum mindesten
von dem landschaftlichen Teil gefesselt werden Der herbstliche Sonnenschein
auf der braunen Heide zur Linken die weißen Dünen zwischen welchen hier und da
das blaue Meer hereinschaute das Alles war mit einer so entzückenden Frische
gemalt dass einem wohlig zu Mute wurde sobald man nur hinblickte Aber auch
die kleine Szene um die es sich handelte war mit einer Klarheit vorgetragen
die Jeden überzeugen musste Der ältere Jäger der die Hände hinter dem Kopf an
dem Grabenbord lehnt und die kurze Pfeife nur aus dem Munde nimmt um über den
Genossen zu lachen welcher mit blitzenden Augen in höchster Erregung sich
halb schon auf den Knieen erhebt und ein paar Schritte davon das blöde
Hammelgesicht das über den Dünenrand schaut und den Übereifrigen so
beleidigend vertraulich anblickt es konnte selbst dem trübsten Hypochonder ein
freundliches Lächeln abgewinnen Dass der ältere Jäger nach und nach die Züge des
wilden Zehren bekam und der junge Anfänger mir mit jedem Tage ähnlicher wurde
war am Ende bei dem Ursprung des Bildes nicht zu verwundern »Ich hatte Dich
freilich nicht wieder auf einem meiner Bilder anbringen wollen« sagte Paula
»aus zwei Gründen einmal damit Du nicht eitel wirst und zweitens damit man
mir nicht Erfindungsgabe abspricht aber ich weiß nicht ich kann mir die Szene
nicht ohne Dich denken so wenig wie ohne den armen Onkel und ich fürchte
wenn ich Euch Beide weglasse möchte das Bild sehr leiden Du wirst mir wohl
einen oder den andern Sonntag Morgen schenken müssen Ich kenne Dein Gesicht
jetzt freilich gut genug um es ich glaube mit jedem Ausdruck malen zu können
aber die Bewegung Eines der mit der Rechten das Glas wegwirft und mit der
Linien nach der Flinte greift und sich schon halb auf dem rechten Knie hebt
während das linke Bein noch ausgestreckt ist eine solche Bewegung ist zu
complicirt als dass ich im Stande wäre sie aus dem Kopf zu malen«
Ich war schon mehrere Sonntag Morgen hintereinander bei Paula gewesen um
köstliche Stunden in ihrem Atelier zu verleben Die Zeit wurde uns nimmer lang
Ich hatte die Landschaft an welcher sie malte so unzählige Male durchstreift
dass ich ihr über jeden Busch über jeden Grashalm über jede Eigentümlichkeit
der Terrainformation über jede Wirkung des Lichtes auf dem Dünensand oder auf
der krautübersponnenen Heide Auskunft zu geben vermochte Indem ich mich dem
lieben Mädchen in dieser Weise wirklich nützlich erweisen durfte war es mir ein
süßer Lohn aus ihrem Munde zu hören dass, wenn das Bild gut würde und sie
glaube jetzt beinahe selbst daran es zum größten Teil mein Verdienst sei Dann
hatten wir so viel miteinander zu plaudern Meine Fortschritte als Schlosser
meine wachsenden Einsichten in die Theorie der Dampfmaschinen das waren
Gegenstände von welchen Paula nicht genug hören konnte Oder es wurde die Frage
erörtert ob Kurt der jetzt in das sechzehnte Jahr ging noch länger auf der
Schule bleiben oder jetzt gleich in die Lehre kommen sollte und ob die
Streberische Fabrik wohl der rechte Platz und der jetzt zum Meister avancierte
Klaus wohl der rechte Meister für den hochbegabten Lehrling sei Das brachte uns
denn auf Klaus zu sprechen auf seine Gutmütigkeit und Tüchtigkeit und auf
Christel und ob sich auf die in den holländischen Zeitungen erlassene
Aufforderung wohl Jemand melden und ob der Jemand wie Klaus und Christel steif
und fest behaupteten eine javanesische Tante oder ein Onkel aus Sumatra sein
werde
So waren wir denn wieder eines Morgens plaudernd beisammen Paula vor ihrer
Staffelei während ich die Hände auf dem Rücken im Hintergrunde des Ateliers
langsam auf und ab ging Die Wintersonne schien so hell dass an dem hohen
Fenster an welchem Paula arbeitete das Licht hatte gedämpft werden müssen
aber durch eine Öffnung des Vorhangs strahlte es voll herein und in dem
breiten Strome tanzten die bunten StaubAtome Frau von Zehren machte mit den
Söhnen einen Spaziergang Es war so sonntäglich still in der Wohnung und wenn
Paula schwieg war es mir wie es dem Uhlandschen Hirten sein mag der allein
auf weiter Flur eine Morgenglocke hört und es dann stille wird nah und fern
Plötzlich wurde hastig die Schelle gezogen
»Ich hoffte wir würden heute ohne den lästigen Besuch bleiben« sagte ich
ein wenig ärgerlich
»Jede Würde hat ihre Bürde« sagte Paula lächelnd »Hoffen wir nur dass er
nicht zu lange dauert«
In diesem Augenblicke wurde von dem Mädchen die Tür geöffnet und ich blieb
wie gebannt auf meinem Platze im Hintergrunde des Zimmers stehen als ich zwei
Herren hereintreten sah von denen der Zweite Arthur von Zehren war während der
Andere welchem er mit höflicher Verbeugung den Vortritt gelassen mir eine
Erinnerung erweckte die nur leise geschlummert haben konnte
»Ich habe die Ehre« sagte Arthur nachdem er sich bei seiner Kousine mit
jener Anmut in Haltung und Gebärde die ihn immer ausgezeichnet entschuldigt
hatte dass er nicht sogleich nach seiner Rückkehr zu ihr gekommen sei »ich
habe die Ehre Dir hier Graf Ralow vorzustellen dessen Bekanntschaft ich in
London zu machen das Glück hatte und der ein großer Kunstkenner und nicht minder
großer Bewunderer Deines Talentes ist«
»Mein Freund hat mein Signalement nicht ganz richtig gegeben« sagte der
Graf sich respectvoll vor Paula verbeugend »Ich bin kein großer Kunstkenner
aber darin hat er recht ich bewundere Ihr Talent mein gnädiges Fräulein
bewundere es ausnehmend Ich habe Ihr Bild auf der Ausstellung gesehen ich bin
entzückt davon gewesen wie alle Welt und da Ihr Herr Cousin die Kühnheit
hatte mich bei Ihnen introduciren zu wollen glaubte ich einen solchen
Glücksfall nicht von der Hand weisen zu dürfen«
Der junge Mann dessen Blick jetzt zum ersten Mal auf das Bild fiel trat
rasch einen Schritt zurück aber mehr wie Jemand der heftig erschrocken als
freudig überrascht ist Und wohl mochte er erschrecken als er plötzlich in dem
Jäger am Weidenbaum den wilden Zehren erkannte den Mann erkannte dem es wohl
nur an Gelegenheit gefehlt hatte seine Hände in dem Blut zu baden das in den
Adern des Fürsten Karlo von ProraWiek floss
Es war nun acht Jahre her dass ich ihn nicht gesehen und ich hatte ihn nur
zweimal im Leben gesehen das eine Mal im trüben Licht eines HerbstNachmittags
als er im sausenden Galopp an mir vorübersprengte und das zweite Mal gar im
Wald beim trügerischen Licht des Mondes aber so oder so die schlanke Gestalt
das feine blasse Gesicht hatten sich für immer in meine Erinnerung geschrieben
»Sehr schön« sagte der Fürst »Vortrefflich superb dieser Sonnenschein
diese Heide ich kenne das kenne das Alles sehr genau ich versichere Sie
Zehren der Natur abgelauscht bis in das kleinste Detail wunderbar Nicht
wahr Zehren«
Arthur antwortete nicht denn wenn schon die Verwirrung des jungen Fürsten
beim Anblick des Bildes ihn stutzig gemacht hatte so war es mit seiner Fassung
und Haltung beinahe zu Ende als er in diesem Augenblicke in dem Hintergrunde
des Zimmers mich der ich während der ganzen Zeit unbeweglich dagestanden
entdeckte Ich glaube dass es für Arthur von Zehren nicht viel Menschen gab mit
denen er in dem Atelier seiner Kousine weniger gern zusammengetroffen wäre
»Nicht wahr Zehren« wiederholte der Fürst mit einiger Ungeduld
»Ah ohne Zweifel gewiss superb ich sagte es ja vorher« erwiderte Arthur
offenbar noch unschlüssig ob es nicht geratener sei mich ganz zu übersehen
Da die Unschlüssigkeit ihn aber nicht verhinderte seine Augen mit einiger
Starrheit auf mich zu richten und dies wieder die Folge hatte dass die Augen
des Fürsten dieselbe Richtung nahmen so geschah es dass der Letztere in der
Ecke des Ateliers einen hochgewachsenen breitschulterigen sehr einfach
gekleideten jungen Mann mit krausem blonden Bart und ebensolchem Haar
entdeckte welchen er bereits als Richard Löwenherz auf dem Ausstellungsbilde
gesehen zu haben sich erinnerte und jetzt abermals auf dem Jagdbilde der
Staffelei sah
Wen konnte er vor sich haben als einen jener Menschen die aus einem
Atelier in das andere gehen um hier als Joseph dort als Pharao zu fungiren
und wenn gleich die Gewohnheiten des Fürsten nicht zu einer speciellen Beachtung
von Modellen in KünstlerAteliers neigte so kam ihm doch in diesem Augenblick
jede Möglichkeit sich von dem verwünschten Bilde abwenden zu können zu
gelegen als dass er nicht augenblicklich Gebrauch davon machen sollen
»Ah da ist ja unser Original zu dem wie heißt er gleich dem König dings
da nicht wahr mein gnädigstes Fräulein Ein stattlicher Mensch den ich
meinem Cousin dem Grafen Schmachtensee in sein Regiment wünschte nicht wahr
Zehren«
Der unglückliche Arthur sie wurden ihm heute auch gar zu schwer gemacht
seine SecundantenPflichten Es war doch unmöglich jetzt nachdem ich direkt in
das Gespräch verflochten war mich seinen alten Schulkameraden nicht zu
kennen und ganz abgesehen von Paula die es ihm schwerlich verziehen haben
würde hätte er mich so schnell vergessen so musste er jetzt auch noch aus
meinen Mienen lesen dass ich die Ungeschicklichkeit beging mich an seiner
Verwunderung zu weiden Ja ich fürchte dass mich meine Schadenfreude zu einem
Lächeln verlockte dessen Meinung für Arthur nicht unzweifelhaft sein konnte
und so blieb ihm denn es war zum toll werden aber es blieb ihm wirklich
nichts anderes übrig als sich mit dem möglichst verbindlichen Lächeln auf den
blass gewordenen Lippen zu mir zu wenden und indem er mit dem Lorgnon so eifrig
spielte dass er darüber keine Hand zur Begrüßung frei hatte in affectirt
herablassendem Tone zu sagen »Ah sieh da sind wir endlich aus dem ehem
wieder heraus Gratulire auf Ehre gratulire von ganzem Herzen ehem«
Des jugendlichen Fürsten Miene war bei dieser seltsamen Anrede seines
Secundanten gerade auch nicht heiterer geworden Der Ausdruck meines Gesichtes
das er wohl jetzt erst genauer betrachtete und die hörbare Verlegenheit in
Arturs Anrede sagten ihm dass hier etwas nicht in der Ordnung sei und nun
musste er auch noch einen Blick auffangen der zwischen mir und Paula gewechselt
wurde und der noch eine Masche mehr zu dem Netze zu sein schien das man hier
in so indiscreter Weise über sein fürstliches Haupt zog Aber jetzt schien es
Paula die höchste Zeit sich ins Mittel zu legen und dieser wunderlichen Szene
ein rasches Ende zu machen
»Du würdest« fuhr sie zu Arthur gewandt »das Vergnügen Deinen Schulfreund
zu begrüßen früher gehabt haben wenn Du während der vierzehn Tage die Du
schon wieder zurück bist den Weg zu uns gefunden hättest Georg ist schon seit
drei Monaten hier Dieser Herr« sie wandte sich bei diesen Worten zum Fürsten
»ist mein ältester und liebster Freund der mir in schlimmen Tagen treu zur
Seite gestanden hat und der mir auch jetzt eine und die andere Stunde seiner
kostbaren Zeit widmet um mit seinem Rat meiner mangelhaften Erfahrung zur
Hilfe zu kommen Ich schätze es mir zur Ehre Ihnen Herrn Georg Hartwig
vorzustellen«
Mein Name war kaum über Paulas Lippen als der Fürst sich verfärbte und auf
die Unterlippe biss obgleich er sich die äußerste Mühe gab dem ältesten und
liebsten Freunde der Künstlerin ein verbindliches Kompliment zu machen Ohne
Zweifel war ihm damals und später von Anderen und von Konstanze mein Name zu
häufig genannt worden und die Verhältnisse unter welchen mein Name in jener
Zeit genannt wurde waren zu eigentümlicher Art gewesen als dass derselbe
selbst von dem schadhaften Gedächtnis des jungen Fürsten von ProraWiek über so
manchen interessanten und anmutigen Erlebnissen hätte vergessen werden können.
Und dann eine dunkle Erinnerung an eine große Gestalt vor der er einmal im
nächtlichen Walde auf den Knieen gelegen und dann der Umstand dass jener Mann
mit den breiten Schultern und dem unvergesslichen Namen sich auf dem Bilde des
Fräuleins von Zehren an der Seite des wilden Zehren fand das Alles combinirte
sich so leicht und passte so vortrefflich zusammen der Fürst musste das richtige
Sachverhältniss herausfinden wie angenehm es ihm auch gewesen wäre hätte er es
nicht zu finden brauchen
Und gerade in diesem peinlichen Moment das heißt zur rechten Zeit
erinnerte sich Fürst Karlo von ProraWiek was er sich schuldig sei Die
Verlegenheit war von seinem Gesicht und aus seiner Haltung entschwunden er
konnte plötzlich das Bild er konnte mich ansehen er konnte ausführlich das
Original mit der Kopie vergleichen konnte der Künstlerin eine Menge der
schönsten Dinge sagen die wenn sie nicht wohl durchdacht und vielleicht nicht
einmal empfunden waren doch ungefähr so klangen als wären sie beides konnte
in aller Eile noch die Skizzen an den Wänden die Blätter in einer
aufgeschlagenen Studienmappe mustern konnte das Licht in dem Atelier
entzückend die ganze Einrichtung unendlich originell ganz und gar poetisch
finden und sich schließlich daran erinnern dass er zu einer Audienz bei der
Prinzess Philipp Franz befohlen sei die er versäumen würde wenn er nicht sofort
natürlich mit seinem Begleiter aufbräche
Eine halbe Minute später hörten wir das Koupé des Fürsten das vor dem Hause
gehalten hatte davonrollen und wir blickten uns beide an und lachten lachten
scheinbar sehr ausgelassen und wurden dann mit einem Male wieder ganz ernstaft
»Das ist das Lästige an unserm Beruf« sagte Paula »Diese Neugierigen
dürfen wir nicht abweisen ja wir müssen froh sein wenn sie kommen und den Ruf
unserer Kunst und das Sujet unseres neuesten Bildes durch die Salons tragen
aber wie gesagt unbequem ist es und bleibt es und Arthur hätte wohl auch
etwas Gescheidteres tun können als sich nach so langer Abwesenheit auf diese
Weise introduciren Seine einzige Entschuldigung ist dass er es gut gemeint hat
indem er mir einen vornehmen und reichen Kunden zuführen wollte Wenn man aus der
Oberflächlichkeit eines Menschen auf seine Vornehmheit und seinen Reichtum
fließen kann so muss dieser Graf Ralow eine sehr vornehme und sehr reiche
Personage sein«
»Und da hast Du recht geraten« sagte ich »und wenn Du es genau wissen
willst es war der junge Fürst Prora«
»Unmöglich« sagte Paula
»Ich bin meiner Sache gewiss« erwiderte ich »Ich weiß es zufällig aus den
Zeitungen dass der Fürst eben jetzt in England gewesen ist wo Arthur die
Bekanntschaft dieses Grafen Ralow gemacht haben will Übrigens hätte ich ihn
auch ohne das erkannt und dann erinnere ich mich dass die Fürsten von Prora
auch Grafen von Ralow sind«
»Das ist mir lieb« sagte Paula »obgleich ich wenn es einmal sein musste
vorgezogen hätte den Fürsten von Prora persönlich und nicht durch den Grafen
Ralow kennen zu lernen«
»Und auch so finde ich dies Incognito unschicklich genug« sagte ich »Warum
kommt er nicht zu Dir wie zu der Prinzessin Philipp Franz aber freilich das
Unschickliche liegt darin dass er überhaupt kam Der einstige Liebhaber
Konstanzens durfte nicht Konstanzens Kousine freiwillig unter die Augen treten
Glaub mir Paula ich habe das Alles während dessen wohl gefühlt aber ich habe
auch gefühlt dass Deine Wohnung und Dein Zimmer nicht der Ort seien an diese
Dinge zu rühren«
»Und ich danke Dir dafür« sagte Paula indem sie mir die Hand reichte »Ich
sah es Deinen Augen an dass sich da und dort« sie berührte mir leicht Brust
und Stirn »ein Sturm vorbereitete Man beweist den Damen seine Achtung wenn
man dergleichen Ungewitter in ihrer Gegenwart nicht losbrechen lässt aber auch
so wünsche und befehle ich Dir dass Du die Sache nicht weiter mit Dir
herumträgst Du hast reichlich allzureichlich gelitten das muss ein für alle
Mal für Dich abgetan sein«
»Wenn es das nun doch nicht wäre« antwortete ich Und ich erzählte Paula
was ich bisher noch immer unterlassen meine Begegnung in der Kunstausstellung
mit der schönen Bellini die Konstanze so ähnlich gesehen »Ich weiß nicht wie
es zugeht« schloss ich »ich habe gewiss keine Ursache Konstanze noch zu lieben
so wenig Ursache dass ich ihrem Verführer ohne Gefühle des Hasses und der Rache
gegenüber treten kann und doch verfolgt mich das Bild des schönen Weibes dass
es nicht anders sein könnte hätte ich Konstanze selber gesehen Wie ist das
möglich«
»Konstanze ist eben Deine erste Liebe gewesen« erwiderte Paula »und das
bedeutet selbst bei Euch Männern etwas«
»Bei uns Männern Paula Das klingt ja fast als ob eine erste Liebe bei
Euch Frauen etwas anderes bedeute«
»Und das meine ich auch« erwiderte Paula »etwas anderes und etwas mehr
in demselben Masse mehr in welcher der Mann der Frau mehr ist als die Frau dem
Mann«
»Was ist das für eine neue Philosophie Paula«
»Keine neue Philosophie sie ist mindestens so alt wie meine Gedanken über
diese Dinge was allerdings so sehr alt noch nicht ist«
Über Paulas sonst immer etwas bleiches Gesicht zog ein lebhaftes Rot
aber es schien als ob sie es allem in allem nicht ungern sähe dass wir einmal
auf dies Thema gekommen seien so fuhr sie mit einiger Lebhaftigkeit fort
»Das Leben der Männer ist wechselvoller reicher an Taten und
Begebenheiten deshalb können die einzelnen Eindrücke und auch die lebhaftesten
nicht so lange in ihrem Gemüte haften Sie haben die Tafel ihres Lebens so oft
mit immer neuen immer wichtigeren Dingen zu beschreiben dass sie die alte
Schrift notwendig von Zeit zu Zeit mit dem nassen Schwamm der Vergessenheit
wegwischen müssen Das ist bei uns Frauen anders ganz anders wir wischen nicht
leicht ein Wort weg das uns lieb im Ohr klingt geschweige denn eine ganze
Seite unseres armen Lebens Und dann selbst wenn ein Mann ein besonders treues
Gedächtnis hat er kann nicht handeln und nicht wählen wie er will ja gerade
je tüchtiger er ist je mehr er Mann ist handelt und wählt er wie er muss Und
er muss so wählen wie es sich für seine Jahre und seine Verhältnisse schickt
für seinen Bildungsstand mit einem Worte: für ihn wie er sich fort und fort
entwickelnd geworden ist Der Mann von fünfundzwanzig unterscheidet sich von
dem von neunzehn noch in ganz anderer Weise als sich die fünfundzwanzigjährige
Frau von der neunzehnjährigen unterscheidet und der von fünfunddreissig ist
abermals ein Anderer und wollte der Mann von fünfundzwanzig oder gar von
fünfunddreissig eine Wahl treffen wie der von neunzehn ich meine wie der
Neunzehnjährige sie zu treffen liebt das heißt in romantischer
Uneigennützigkeit ohne Rücksicht auf das Wie so würde er töricht handeln in
meinen Augen wenigstens«
»Seit wann bist Du denn so eigennützig so praktisch geworden Paula«
fragte ich mit lächelnder Verwunderung
»Das wird man so« erwiderte Paula indem sie wieder zu Pinsel und Palette
griff und an ihrem Bilde zu malen begann
»Vielleicht« sagte ich »wird man es wenn man wie Du eine bedeutende
Entwickelung durchmacht so dass die Gesetze, welche Du eben für uns Männer
aufgestellt hast auch für Dich ihre Anwendung finden Ich habe Dich mit
fünfzehn Jahren gekannt da warst Du eine Anfängerin in Deiner Kunst jetzt mit
dreiundzwanzig bist Du eine Künstlerin und mit fünfundzwanzig wirst Du eine
berühmte Künstlerin sein Da ist freilich begreiflich dass die Paula von heute
nicht die romantischen Illusionen von damals hat ach und an die Paula der
Zukunft wage ich gar nicht zu denken«
»Du scherzest und scherzest grausam« sagte Paula »und Dein gutes Gesicht
hat gar nicht den Ausdruck den ich in diesem Augenblicke brauche«
»Ich scherze gar nicht« antwortete ich eigensinnig »ich begreife
vollkommen dass Deine Ansprüche an das Leben sich mit jedem Jahre mit jedem
Bilde möcht ich sagen steigern müssen«
»Ist das wirklich Dein Ernst« fragte Paula
»Mein vollkommener wolltest Du denn keine große Künstlerin werden«
»Gewiss« erwiderte Paula »aber kann das eine Frau wie viele von den
hunderten und tausenden begeisterter Mädchen und Frauen die es zur Staffelei
oder an den Schreibtisch trieb sind denn große Künstlerinnen geworden Auf der
Bühne vielleicht aber dann ist es mir schon manchmal fraglich gewesen ob die
Schauspielkunst eine wahre echte Kunst sei und nicht vielmehr eine Halbkunst
in der auch Halbtalente das Höchste erreichen können Und was man so geniale
Schauspieler nennt was sind sie im Vergleich zu den wahren Genies in der Kunst
in der Literatur in der Musik So weit von jenen verschieden wie ich von
Raphael Was habe ich denn bis jetzt zu Wege gebracht Ein paar mittelgute
Köpfe ein paar drastische Szenen die ich direkt aus dem Leben geschöpft
Reminiscenzen aus der Lektüre Richard Löwenherz der Klosterbruder wo ist da
eine freie Erfindung wo ist da eine Spur des echtem Genies Und was ist dies
Bild hier Was habe ich daran getan Nicht viel mehr als die Farben gemischt
das Andere ist Alles von Deiner Erfindung Du hast mir gesagt wie die Sonne auf
dem Dünensande liegt und wie der Wind die Köpfe der Haideblumen schaukelt Du
«
»Aber Paula Paula das ist ja gerade als ob ich Deine Bilder malte und
als ob Du kein Bild malen könntest ohne mich«
»Und ich habe ja kaum eines ohne Dich gemalt da siehst Du meine bettelhafte
Armut« erwiderte Paula
Aber ich konnte nicht sehen mit welchem Ausdruck sie diese Worte sagte
denn sie hatte ihr Gesicht tief auf die Staffelei gebeugt
Achtes Kapitel
Paula welche nach ihrem Erfolge auf der Kunstausstellung mit Einladungen
überhäuft war hatte an diesem Tage eine bei dem Banquier Salomon dem Käufer
des »Klosterbruder und Tempelherrn« angenommen So blieb ich denn allein mit
Frau von Zehren und den Söhnen Aber Paula fehlte uns nicht sie war uns
gegenwärtig Niemandem mehr als der armen Mutter welche der süßen Freude die
Werke ihrer Tochter zu sehen beraubt war Und doch hat sie alles von Dir
Mutter sagte Benno und Paula weiß das selber am besten Dann hat sie es von
ihrem Großvater antwortete Frau von Zehren er war in der Tat ein großer
Künstler was ich geleistet haben würde steht dahin Mir war es leider nicht
vergönnt das Talent welches ich etwa besaß auszubilden aber wie kann ich
sagen leider Wenn es wahr ist was Ihr sagt dass Paulas Talent mein Talent
ist da ist ja auch jeder Erfolg den sie hat mein Erfolg und so vollführe ich
das Wunder mit blinden Augen eine berühmte Malerin zu sein oder zu werden
Ein mildes Lächeln umschwebte die seinen Lippen der noch immer schönen Frau
und so sah ich sie im Geiste als ich eine Stunde darauf durch die dunklen
Gassen nach meiner Wohnung schritt Sie muss in ihrer Jugend schöner noch als
Paula gewesen sein sagte ich obgleich Paula sich wunderbar verschönt hat Wie
köstlich kämpften heut Scham und Zorn in ihrem Gesicht als dieser Laffe von
einem Fürsten in dem Atelier umherfuhr und keine Ahnung davon hatte wie
impertinent er war während er sich vielleicht einbildete unendlich
liebenswürdig zu sein
Die Begegnung mit dem Fürsten der mein glücklicher Nebenbuhler in meiner
Liebe zu Konstanze gewesen und mit Arthur den ich lange Jahre hindurch für den
begünstigten Liebhaber Paulas gehalten hatte gab mir nachträglich noch viel zu
denken mehr als für meine Arbeit an die ich mich beim Nachhausekommen gesetzt
hatte dienlich war Indem ich mir das sehr feine und hübsche aber grausam
verlebte Gesicht des jungen Fürsten seine jetzt starren jetzt in
unheimlichem Feuer aufflackernden Augen das blitzschnelle Zucken der Stirn und
WangenMuskeln sein geschmeidiges und dennoch hochmütiges Benehmen
vergegenwärtigte fand ich es immer abscheulicher dass Arthur hatte wagen
können einen solchen Mann bei Paula einzuführen Was konnte im besseren Falle
das Motiv sein Die Befriedigung einer ganz gewöhnlichen Neugier Und im
schlimmeren Falle Ich knirschte mit den Zähnen sobald ich nur an die
schaudervolle Möglichkeit dachte Der einzige Trost dabei war dass mir meine
Furcht Arthur könne sich Paulas Herz gewonnen haben oder je gewinnen endlich
einmal in ihrer ganzen Torheit klar wurde Wahrlich ein solcher Fant konnte
einem Mädchen wie Paula nicht gefährlich werden obgleich er schön war der
Fant auffallend schön das wahre Muster eines eleganten Herrn in tadellosen
Glacés und Lackstiefeln ein bisschen leer vielleicht um den mit einem schwarzen
Bärtchen verzierten Mund und ein wenig hohl um die großen dunklen Augen die
ihren Glanz fast gänzlich eingebüßt hatten Möglich dass er so für gewisse
Frauen um so gefährlicher war aber was hatte Paula zu tun mit solchen Frauen
Und dann irrten meine Gedanken von dem Fürsten den ich so unerwartet
wiedergesehen zu der schönen Bellini die Konstanze so sehr geglichen und ich
schob meinen Arbeitssessel hastig zurück trat an das Fenster das Paulas Güte
jetzt mit dunklen Gardinen verhüllt hatte und schaute die heiße Stirn gegen
die Scheiben drückend in trübes Sinnen verloren in den Hof hinaus auf welchem
eben über den frisch gefallenen Schnee eine Gestalt gerade auf das Gartenhaus
zukam Ich musste an die Gestalt denken die ich einst über die Wiese im
Mondenschein nach Konstanzens Fenster hatte schleichen sehen War es der Fürst
Was hatte er bei mir zu suchen Die Gestalt näherte sich der Treppe die vor dem
Hause lag und fing jetzt an die Stufen hinauf zu steigen Ich nahm die Lampe
vom Tisch um dem Besucher wer er auch sein mochte entgegen zu leuchten Als
ich die Stubentür öffnete trat Jener eben zur Haustür hinein und der Schein
meiner Lampe fiel hell in Arthur von Zehrens Gesicht
»Gott sei Dank dass ich Dich endlich ohne Hals und Beine zu brechen
gefunden habe« rief Arthur »wie kann ein vernünftiger Mensch sich so
einquartieren Du bist doch von jeher ein Original gewesen aber das sieht ja
ganz behaglich aus für einen Maschinisten oder wie Dich der Kerl an der Hoftür
sonst genannt haben mag« und Arthur der jetzt in die Stube getreten war
warf sich in den Lehnsessel welchen ich an den Kamin gerückt hatte und
streckte die behandschuhten Hände über das Kohlenfeuer
Ich war in der Nähe des Kamins vor ihm stehen geblieben und fragte »Was
verschafft mir heute schon zum zweiten male das Vergnügen Dich zu sehen«
»Das Vergnügen scheint nicht besonders groß zu sein nach dem Ton zu
urteilen in dem Du sprichst und in der Tat wäre ich wohl schwerlich
gekommen wenn nicht der Fürst wollte sagen wenn nicht ich ja was wollte
ich doch sagen ja so ein Geschäft mit Dir abzuwickeln hätte Du bist während
Du nun Du weißt schon während Du da warst wiederholt so gütig gewesen mir
aus kleinen Verlegenheiten zu helfen Ich habe Alles genau angeschrieben wer so
vielen Leuten schuldig ist wie ich muss in solchen Dingen exact sein wegen der
doppelten Kreide die einer oder der andere Gläubiger führen könnte Das war nun
bei Dir freilich nicht zu fürchten aber ich habe es aus leidiger Gewohnheit
doch notirt und dies ist die Summe ohne die Zinsen die ich nicht ausrechnen
kann und deshalb lieber weglasse Einhundertsechszig Taler Ich bin gerade bei
Kasse und mache mir ein Vergnügen daraus Dir meine Schuld abzutragen«
Und Arthur der sich erhoben hatte zählte eine Reihe von Tresorscheinen auf
den Tisch
»Willst Du selbst einmal nachzählen« fuhr er fort »ich komme eben von
einem Diner bei dem es famosen Champagner und zum Nachtisch ein allerliebstes
kleines Jeu gab da ist es denn wohl möglich dass ich mich verzählt habe«
Arthur blickte mich mit einem Lächeln an das scherzhaft sein sollte und
schwankte dabei von den Fußspitzen auf die Hacken und von den Hacken auf die
Fußspitzen es war nur zu ersichtlich dass er von einem Diner kam bei welchem
man des Champagners nicht geschont hatte
»Was ich sagen wollte« fuhr Arthur fort »Deine Lampe brennt so dunkel
dass man Mühe hat seine Gedanken zusammen zu finden ich wollte sagen es war
wirklich in der allerbesten Absicht dass er mich hierher geschickt hat Er ist
der nobelste Mensch der existiert ein Goldmensch Ganz echtes Gold so lange
er was hat Brauchst Dich also nicht zu geniren alter Junge was ich sagen
wollte in welchem Verhältnis hast Du denn eigentlich zu dem Fürsten gestanden
Dass er Dir irgendwie verpflichtet sei hat er mir selbst gesagt aber das Wofür
ist mir ein geheimnisvolles Rätsel geblieben geheimnisvolles Rätsel«
wiederholte Arthur der sich mittlerweile wieder in den Lehnstuhl vor dem Kamin
geworfen hatte und jetzt abwechselnd den rechten und den linken Stiefel gegen
das Feuer ausstreckte
»Du scheinst nicht in der Verfassung zu sein Rätsel zu lösen« sagte ich
»Du meinst weil ich ein wenig angetrunken bin o das tut ganz und gar
nichts im Gegenteil ich würde mich sonst sicher nicht hierher gefunden haben
trotzdem ich heute Morgen gleich die Vorsicht gehabt hatte mir von Paulas
Portier Deine Adresse sagen zu lassen War das nicht ein luminöser Einfall aber
man muss an dergleichen keinen Mangel haben wenn man mit so hohen Personen intim
sein will und für Dich interessiert er sich auch für Dich ungeheuer
interessiert er sich«
Ich hatte das Geschwätz des mehr als halb Berauschten herzlich satt und
sagte jetzt »ich weiß nicht Arthur ob Du im Stande bist mich zu verstehen
Wenn dies der Fall ist, lass Dir gesagt sein und wenn ich bitten darf ein für
allemal dass ich glücklicherweise in der Lage bin mich keinen Pfifferling darum
zu kümmern ob sich der Fürst Prora für mich interessiert oder nicht und dass Du
so viel ich sehen kann Dir im Speciellen einen großen Gefallen tust wenn Du
Dir die Interessen des Fürsten nach dieser Seite hin möglichst wenig angelegen
sein lässt«
»Danke« sagte Arthur »aber das konnte ich voraussehen Ihr braucht
Niemanden Ihr Glücklichen Ihr seid Euch selbst genug Immer nüchtern immer
klug immer bei Sinnen und immer bei Geld während unser Einer immer in des
Teufels Küche sitzt So war es von jeher und wird es auch wohl in alle Zukunft
bleiben Ich wollte manchmal ich wäre der Junge von einem unserer Strandkarrer
gewesen und hätte meine ausreichenden Prügel bekommen und müsste mir mein Brod
mit meiner Hände Arbeit verdienen anstatt dieses glänzenden Elends in welchem
ich jetzt einmal hungere und das andere mal im Überfluss lebe Es ist ein
Elend alter Junge ein Elend und das Beste ist dass man sich eine Kugel durch
den Kopf jagen kann wann man will«
Du lieber Himmel ich kannte diese Declamation von so lange her Es waren im
Grunde dieselben die Arthur gehalten wenn er bei einem SchülerBacchanal zu
viel von dem schlechten Punsch getrunken hatte und auf seine unbezahlten
HandschuhRechnungen und auf die kleinen Wechsel bei Moses in der Hafengasse zu
sprechen kam Dieselben Declamationen und es war auch derselbe Arthur
derselbe leichtsinnige egoistische kalterzige Genussmensch mit der sanften
Stimme und den einschmeichelnden Manieren und ich Nun ich war auch
derselbe geblieben derselbe gutmütige Hans den jedes Wort das sich ungefähr
so anhörte als ob es von Herzen käme zu rühren vermochte Und ich hatte ihn ja
geliebt in meinen jungen Jahren als ich einen leinenen Kittel und er eine
SamtJacke trug wir hatten so viel tolle Streiche mit einander ausgeführt und
so viel NachmittagsSonnenschein in Feld und Wald und auf dem Ruderboot auf dem
Meere zusammen getrunken und so etwas vergisst sich nicht habe ich wenigstens
niemals vergessen können
»Arthur« sagte ich »muss es denn sein dass Du immer in Not und Sorge bist
Könnte das nicht anders sein sobald Du nur wolltest Ein Mensch wie Du mit so
viel Talenten so viel Gewandtheit so guten Manieren «
»Und einem so guten Vater« rief Arthur mit einem Lachen das mir in die
Seele schnitt »denkst Du denn man kann es zu etwas bringen mit einem solchen
Vater der mich jeden Augenblick compromittirt der mich jeden Augenblick an den
Pranger stellt oder mich wenigstens in der steten Furcht erhält er werde es
demnächst tun«
»Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen Arthur« sagte ich »Ich «
»Das glaube ich« erwiderte Arthur höhnisch »Du hast ja auch keine Ursache
dazu wenn ich einen solchen Vater hätte wie Du wäre ich jetzt ein ganz
anderer Kerl Aber mein Vater Da läuft er von Pontius zu Pilatus und erbettelt
mir erst eine Art von Anstellung bei unserer Gesandtschaft in London und acht
Wochen später geht er wieder zu denselben Menschen und bettelt für sich selber
und die Folge davon ist dass man den Sohn Jemandes vor dem man sich hier zu
Hause verleugnen lassen muss in London bei unserer Gesandtschaft nicht haben
will und wenn ich in London nicht die Bekanntschaft des Fürsten Prora gemacht
hätte der sich meiner in der liebenswürdigsten Weise angenommen so säße ich
jetzt wieder auf dem Pflaster und wüsste nicht wovon ich morgen früh meinen
Kaffee bezahlen sollte«
»Arthur« sagte ich »ich glaube Du brauchst das Geld da notwendiger als
ich Wie wäre es wenn Du es dem Fürsten wieder hintrügest denn von dem
Fürsten kommt es doch gestehe es nur und ihm mit einer Empfehlung von mir
sagtest er möge es Dir nur geben ich brauche es nicht und wolle es nicht Wir
können ja dann unsere Rechnung ausgleichen wenn Du wirklich einmal bei Kasse
bist«
»Du lieber Georg« rief Arthur aufspringend und mir die Hand drückend »Du
bist doch ganz der Alte ich hatte es Dir zugedacht aber wenn Du es nicht
brauchst« und Arthur raffte die Scheine die er vorhin so sorgsam aufgezählt
mit einem Griff zusammen und schob sie mit einer schnellen Bewegung in seine
Brusttasche
»Kann Dir der Fürst denn keine bestimmten Aussichten eröffnen« fragte ich
»Der Fürst« erwiderte Arthur »pah erinnerst Du Dich noch des Spiels das
die jungen Mädchen bei uns in ihren Kränzchen immer spielten Emilie
Heckepfennig Elise Kohl und wie sie sonst hießen des Spiels mit dem
Mehlhaufen auf den ein Ring gesteckt wird und eine jede von den Mädchen
schneidet der Reihe nach ein Stück davon ab und noch ein Stück und ein
Stückchen und dann wieder ein Stück und perdauz da liegt mein Mehlhaufen und
irgend ein Stumpfnäschen wühlt in dem Mehl nach dem goldenen Ringlein siehst
Du das ist das genaue Bild jeden Tag schneidet irgend eine reizende Hand ein
Stückchen von dem Mehlhaufen ab welchen man den Fürsten Karlo von ProraWiek
nennt und es wird nicht so lange dauern so purzelt der Mehlhaufen zusammen er
hängt so schon auf einer Seite kann ich Dir sagen« und Arthur knöpfte seinen
Überrock zu und zog sich den rechten Handschuh den er vorhin um das Geld zu
zählen ausgezogen hatte wieder an
»Das würde mir leid tun wenn ich wie Du ein Freund des jungen Menschen
wäre«
»Freund« erwiderte Arthur indem er sich über der Lampe eine Zigarre
anzündete »Freund pah ich bin sein Freund so wenig als er meiner ist Er
braucht mich weil nun ja er braucht mich und ich brauche ihn und wer den
Andern zuerst nicht mehr braucht gibt dem Andern einen freundschaftlichen
Fußtritt nur fürchte ich dass ich ihn länger brauchen werde als er mich oder
als seine Lunge vorhalten wird die sicher schon mehr als halb verbraucht ist«
Arthur hatte sich den Hut aufgesetzt und stand jetzt vor mir und das Licht
fiel hell auf sein hübsches blasses lächelndes Gesicht und mir mochte bei dem
Anblick wohl wehmütig ums Herz werden und Arthur musste das bemerkt haben
denn er fing plötzlich an zu lachen und sagte »was für ein jämmerliches Gesicht
Du machst als ob ich direkt zum Galgen führe und nicht vielmehr in das
AlbertTheater die schöne Bellini zu sehen die heute ihr erstes Debüt hat Und
hernach ein Souper bei Tavolini wenn es sein kann mit der schönen Bellini Du
siehst mein Leben hat auch seine Lichtseiten Adieu alter Rabe«
Und Arthur nickte herablassend mit dem Kopfe und schlenderte zur Tür
hinaus die er hinter sich zuzumachen vergaß
Ich schloss die Tür und schüttete neue Kohlen in das halb erloschene Feuer
schraubte die Lampe heller setzte mich an meinen Arbeitstisch und sagte indem
ich meine Bücher aufschlug »Es ist doch sonderbar dass ein junger Fürst so sehr
interessiert ist ob er sich vor dem armen Schlossergesellen zu geniren habe
oder nicht Pah ich werde ein Narr sein und mich durch solche Toren aus
meinem Wege drängen lassen«
Aber wie ich auch weise zu sein und der Torheit der Welt zu vergessen
strebte immer wieder zog es wie mit magnetischer Kraft meine Gedanken ab von
den trockenen Formeln in das bunte Leben in das ich eben durch eine schnell
geöffnete und ebenso schnell wieder geschlossene Tür gleichsam einen Blick
geworfen Es hatte bunt genug darin ausgesehen ein Tisch besetzt mit halb
geleerten Flaschen und den Näschereien eines Desserts und um den Tisch ein
halbes Dutzend weingeröteter lachlustiger Gesichter meines darunter und es
glühte von Wein und Lust heller noch als die andern denn ich war soviel
stärker als sie so dass ich sie samt und sonders hätte unter den Tisch trinken
können und ich stemmte die Ellenbogen auf und sang ihnen ein Zechlied und sie
klatschten in die Hände und schrien bravo und dacapo
Ich strich mir mit der Hand über die Stirn Was war das für ein toller
Traum Was hatte der einsame Arbeiter zu tun mit diesen Dingen die nur für die
reichen Müßiggänger erfunden waren Hier war die Arbeit der ich mich geweiht
es war eine eifersüchtige Geliebte man konnte nicht ihr dienen und der schönen
Bellini
Ich sprang auf und ich glaube ich schlug mir mit der Faust vor die Stirn
ohne eine besondere Wirkung zu erzielen Da stand sie noch wie sie eben zur
Tür hinausging und sich nach dem Bilde umdrehte die schöne Bellini die
Konstanze so ähnlich sah und Schauspielerin werden wollte und heute zum ersten
Mal auftrat Und in einer Loge dicht an der Bühne würde der junge Fürst sein mit
seinen Zechgenossen und durch große Operngläser auf die schöne Bellini starren
während ich hier beim trüben Schein einer Lampe saß in einem nur halb erwärmten
Zimmer mit heißem Kopf und frierenden Fingern lange Zahlenreihen auf das Papier
zu bringen die heute durchaus nicht stimmen wollten
Wie der böse Samen der einmal in mein Gemüt gesäet war sich nun weiter so
herrlich entwickelt hat weiß ich nicht ich weiß nur dass ich wenige Minuten
später durch die dunklen schneebedeckten Gassen eilte und nach einiger Zeit
atemlos an der Kasse des AlbertTheaters anlangte Das Haus war ausverkauft
vollständig ausverkauft nur in der unteren Prosceniumsloge rechter Hand sei
noch ein Stehplatz
»So geben Sie mir den«
Der Mann sah mich verwundert an er hatte jene Notiz im statistischen Sinne
gegeben und keineswegs um mir der ich offenbar in das Parterre oder auf die
Gallerie gehörte einen so vornehmen Platz zu offeriren Er blickte mich scheu
an aber er hatte mir das Billet schon gezeigt konnte es nun nicht mehr
verleugnen und so musste denn auch der LogenSchliesser gute Miene zum bösen
Spiel machen und den Mann aus dem Volk in die aristokratische Loge lassen
Die Loge war bis auf den Platz den ich einzunehmen hatte gefüllt und
dieser Platz befand sich in der tiefsten Ecke der Loge an der der Bühne
zugekehrten Wand so dass ich von der Bühne nur ein sehr kleines Stück dafür
aber bis in die tiefste Tiefe der ersten Koulisse und ebenso in die
gegenüberliegenden Prosceniumslogen sehen konnte außerdem glaube ich noch die
Ausläufer von drei oder vier sich übereinander aufbauender Ränge
Als ich diesen beneidenswerten Platz einnahm hatten sich ein paar frisirte
Herrenköpfe unwillig nach dem Störenfried umgeblickt und sich dann ihre
Bemerkungen die für mich nichts Schmeichelhaftes zu haben schienen
mitgeteilt Da ich indessen nicht aussehen mochte wie Jemand dem man ohne
Weiteres die Tür weisen konnte ließ man mich unbehelligt und ich durfte mich
ungestört jenem Genuße überlassen welchen jedem sinnigen Gemüt der Blick in
eine Prosceniumsloge gewährt die vollkommen leer ist und in eine
Seitencoulisse in welcher ein Dutzend geschminkter Herren und Damen in
spanischer Tracht augenscheinlich nur auf den Wink des Regisseurs warten um die
mir zum größten Teil unsichtbare Bühne zu betreten Und jetzt musste dieser Wink
erfolgt sein Die Herren und Damen in spanischer Tracht setzten sich in Bewegung
und marschirten paarweise aus der Koulisse heraus ein oder das andere Paar die
ganz im Vordergrunde blieben sah ich noch auf bereit gehaltenen Stühlen Platz
nehmen Dann hörte man Getümmel auf der Bühne wie von hereindringendem Volke
und jetzt ertönte im Chor
Heil Preciosen Preis der Schönen
Windet Blumen ihr zum Kranz
Während dieses Gesanges ertönten Tamburins und Kastagnetten auf der Bühne
wurde applaudirt alle riefen Es lebe Preciosa Preciosa lebe hoch und als
wenn der Ruf ein Echo fände so erscholl jetzt aus dem ganzen Hause vom Grunde
bis unter das Dach ein einstimmiges donnerndes Bravo bravo bravo und ich sah
die Herren wütend in die Hände klatschen und die Damen sich vorüber neigen und
das wollte kein Ende nehmen und als es endlich so weit still geworden war dass
der eine von den beiden schwarzen Herren auf den Stühlen links im Vordergrunde
der glaube ich Don Fernando hieß sagen konnte bei Gott ein herrlich
Mädchen und der Andere Don Franzisco ihm antwortete ein bezaubernd schönes
Kind da brach der Jubel und das Bravorufen und das Händeklatschen von neuem
los dass es war als müsse das Haus darunter zusammenbrechen kaum dass die alte
Zigeunermutter Ruhe genug fand zu fragen ob es den Herrschaften gefällig sei
»ihrer Enkelin Preciosa eine Frage vorzutragen«
Don Fernando wünscht »ein freundlich Bild von des Kindes frommer Liebe in
beglückter Eltern Armen« Die wie von Leidenschaft vibrirende Stimme Don
Alonzos den ich nicht sah findet es bedenklich »von der Elternlosen von der
Waise zu fordere dass sie ein Glück besinge welches der Himmel ihr entrissen«
Don Fernando bedauert gerade auf so ein heikliges Thema verfallen zu sein aber
Don Francisco unterbricht ihn mit den Worten »Still sie fasst sich sie
beginnt« dann eine kleine Pause und dann
Ich hatte alle diese Vorbereitungen mit einer Spannung verfolgt wie wohl
kein Einziger in dem weiten Hause Ich kannte das Stück recht gut ich hatte es
glaube ich ein halbes Dutzend Mal auf unserer kleinen Bühne in Uselin
bewundert So sah ich alles was dort mir unsichtbar auf der Bühne vorging
und ich wusste auch dass jetzt der Moment gekommen sei wo die Preciosa zum
ersten Male sprechen würde Es waren nur wenige Sekunden die zwischen den
letzten Worten des guten Alten und den ersten Preciosas verflossen aber sie
dünkten mich eine Ewigkeit Eine wunderliche Ahnung sagte mir dass sie es sein
müsse und das Herz in mir tobte wild bei dem Gedanken dass sie es sein könne
und da schlug der erste Ton ihrer Stimme an mein Ohr und mein Kopf sank gegen
die Wand der Loge und ich sagte vor mich hin Sie wirklich sie
Ja sie war es Das Ohr hat ein treues Gedächtnis ein treueres als
vielleicht irgend ein anderer Sinn und das Ohr hatte in meiner Leidenschaft für
Konstanze von Zehren den Kuppler gespielt wenn ich des Abends am offenen
Fenster stand und hinauf lauschte ob ich da ich sie doch nicht mehr sehen
sollte nicht wenigstens ihre Stimme wurde hören können und wäre es auch nur
ein Wort zu der alten Dienerin besser freilich eines ihrer Lieder die sie mit
ihrer tiefen weichen Stimme so köstlich zu singen verstand Ja sie war es
Konstanze von Zehren die Tochter des Stolzesten der Stolzen die Kousine
Paulas Schauspielerin hier auf der Bühne eines VorstadtTheaters
Sie hatten sich sonderbar geändert die Zeiten sehr sonderbar Eine Wehmut
erfasste mich dass ich hätte weinen mögen ich wollte auch fort es kam mir wie
ein Verbrechen vor an dem Andenken meines unglücklichen Freundes dass ich hier
mit anhören sollte was ihm zu hören so entsetzlich gewesen sein würde aber ich
konnte nicht fort ich stand wie gebannt den Kopf an die Wand gelehnt wie
versteinert ohne mich zu regen ohne kaum zu atmen stand so während
Preciosas Improvisation und rührte mich kaum als später der Vorhang fiel und
der Beifallssturm welcher sie empfangen und wiederholt ihr Spiel unterbrochen
hatte stärker als je zu toben begann
In meiner Loge entstand eine Bewegung Eine junge Dame die jedenfalls nicht
täglich am Schmiedefeuer möglicherweise nicht einmal am Küchenfeuer stand und
für deren Nerven der allerdings etwas hohe Temperaturgrad in der Loge nicht
berechnet sein mochte war ohnmächtig geworden oder im Begriff ohnmächtig zu
werden und wurde von zwei älteren Damen hinaus begleitet während mehrere junge
Herren die wohl zur Gesellschaft gehörten pflichtschuldig assistirten Dadurch
waren ein halbes Dutzend Plätze leer geworden welche alsbald von den
Zurückbleibenden eingenommen wurden Und so geschah es dass als der Vorhang
wieder in die Höhe ging ich außer der linken Seitencoulisse auch noch ein Stück
des Zigeunerlagers unter den spanischen Korkeichen und eine oder die andere der
ehrenwerten Zigeunerfamilien zu sehen bekam die sich um den großen Kessel
gelagert hatten dessen Feuer sie mit flackernden Lichtern überstrahlte Der
Hauptmann und Viarda sind übereingekommen nach Valencia zu ziehen Man wartet
nur auf Preciosa die einsam im Walde umherstreift Die Zigeuner entfernen sich
nach allen Seiten einen Augenblick bleibt die Bühne leer und dann dann sah
ich sie wie ich sie damals sah
Wie ich sie damals sah an jenem Herbstmorgen unter den Buchen von
Zehrendorf durch deren leise wehende Zweige goldener Sonnenschein auf sie fiel
ein schlankes tief brünettes Mädchen in seltsam phantastischer Tracht von
grünem Samt mit goldenen Litzen die geliebte Guitarre an der Seite Ja wie
ich sie damals sah als wäre die Flucht der Jahre spurlos dahingezogen über ihr
schönes Haupt und hätte keine einzige der roten Rosen von ihren Wangen zu
stehlen und von dem feurigen Glanz ihrer dunklen Augen keinen Strahl
auszulöschen vermocht Und wie damals erbebte mir das Herz in der Brust und der
Atem stockte mir als sie jetzt von dem Felsen unter den hochragenden Bäumen
herabzusteigen begann wie damals zu der Moosbank am Weiher an der ich stand
und auf einer Moosbank am Fuße der Felsen ließ sie sich jetzt nieder und ihre
Stimme erhebend ihre tiefe weiche Stimme von der mein Herz noch keinen Ton
verlernt hatte sang sie
Einsam bin ich nicht alleine
Denn es schwebt ja süß und mild
Um mich her im Mondenscheine
Dein geliebtes teures Bild
So gerade so hatte ich es von ihr gehört in lauen Mondscheinnächten zu
mir herauftönend aus dem dämmernden Park und die Erinnerung jener seligen Tage
überkam mich mit aller Macht Die Kehle war mir wie zugeschnürt dumpf pochte
mein Herz in der Brust heiße Tränen quollen mir aus den Augen und
verschleierten mir die reizende Gestalt und Alles um mich her
Erst der donnernde Beifall mit welchem das Publikum die schöne Sängerin am
Schluss ihrer Romanze überschüttete brachte mich wieder zu mir selber Ich sah
dass sie sich verneigte und sich bereitete dem Wunsch des Publikums zu folgen
ich sah den Musikdirector den Taktstock erheben ich hörte die ersten Klänge der
süßen Weise
Einsam bin ich nicht alleine
Mit einem male entsteht ein Lärm im Theater Aller Augen richten sich auf
die unterste Prosceniumsloge linker Hand mir gerade gegenüber in welche in
diesem Augenblick mit großem Geräusch vielleicht ein halbes Dutzend junger
Herren in eleganter Tracht und mit erhitzen Gesichtern als kämen sie von einem
Diner eingetreten sind und sich auf den ersten beiden Reihen der Fauteuils
niedergelassen haben In der Ecke links sitzt ein junger Mann welcher der
Vornehmste in der Gesellschaft zu sein scheint da sich die andern Alle um ihn
bemühen Seine rechte mit gelbem GlacéHandschuh bekleidete Hand hängt lässig
über die Logenbrüstung Das Gesicht ist in die Loge hinein zu einem seiner
Begleiter hinter ihm gerichtet das drohende Zischen des Publikums stört ihn
nicht in seiner halblauten Konversation und er lässt sich erst herab den Kopf
umzuwenden als die Sängerin auf der Bühne plötzlich schweigt In diesem
Augenblick erkenne ich den Fürsten Prora und ich sehe deutlich dass als sein
Blick den der Sängerin trifft er sich verfärbt Sie ihrerseits hat ihn bereits
erkannt und das Blut ist ihr aus den Wangen gewichen und die Stimme hat ihr
versagt Sie hat sich schnell von ihrem Sitz erhoben und macht eine Bewegung
als wollte sie davon eilen bleibt dann aber wie in einer halben Ohnmacht
stehen und presst die Hand auf das Herz Das Publikum glaubt sein Liebling
denn das ist das schöne Mädchen in den wenigen Augenblicken bereits geworden
fühle sich durch die rohe Störung die von den feinen Herren ausgeht zu
beleidigt um weiter singen zu können Man zischt man ruft Stille man
donnert Hinaus hinaus die Aristokraten hinaus die gelben Glacés Der junge
Fürst blickt mit einer Miene in den Lärm als ginge ihn die Sache nicht im
Entferntesten an aber seine Begleiter glauben mehr tun zu müssen sie lachen
laut verneigen sich ironisch und verhöhnen offen das Publikum welches Miene
macht seine Drohungen auszuführen Schon klettern einige Heisssporne über die
Lehnen der Bänke weg und stürzen auf die Loge zu als plötzlich die Sängerin
die mit unverwandtem Blick immer auf derselben Stelle gestanden hat einen
Schrei ausstösst die Guitarre fallen lässt und zur Erde gesunken wäre wenn Don
Fernando in welchem ich jetzt ihren Begleiter von der Kunstausstellung her
erkenne aus der Koulisse herauseilend sie nicht in seinen Armen aufgefangen
hätte In demselben Moment rauscht auch der Vorhang herab Ich stürze zur Loge
hinaus ohne zu wissen was ich will wohin ich will und komme erst wieder zu
mir als die eisige Luft des WinterAbends in mein glühendes Gesicht haucht
Neuntes Kapitel
Ich weiß nicht wie viele Stunden ich so durch die Gassen geirrt bin ich habe
nur noch eine undeutliche Erinnerung an gewaltige Häusermassen die dunkel in
das schmutzige Grau der Nacht hinaufragen an Schneeflocken die in dem gelben
Licht der Laternen aus dem schmutzigen Grau herabtanzen an Fuhrwerke die auf
dem frischgefallenen Schnee lautlos fast an mir vorüber rollen und Fußgänger
welche mit vorübergebeugten Köpfen und sich so gut es gehen will vor dem
Schneesturm schützend an mir vorbeihuschen
Es waren der Fußgänger nicht allzuviele denn Jeder suchte ein Obdach vor
dem bösen Wetter Was draußen war musste eben draußen sein wie die armen
unglücklichen Geschöpfe die den Vorübergehenden mit bleichen starren Lippen
Worte zumurmelten welche warm und einladend klingen sollten die armen
Geschöpfe deren verlockender Name eine so entsetzliche Ironie ist zu dem
Verweilen VerweilenMüssen in schneebedeckten von eisigem Wind
daurchschauerten Straßen
Und eine solche Unglückliche glaubte ich auch vor mir zu haben als ich
durch eine breite Straße des vornehmsten Quartiers irrend zu einem der
kleineren Palais gekommen war vor dessen Tür soeben im schnellsten Trabe ein
von zwei feurigen Pferden gezogener Wagen vorfuhr dessen Laternen ein
blendendes Licht ringsumher warfen Und in dem Licht dieser Laterne stand das
Mädchen dicht an die Mauer gedrückt und ich sah dass sie in dem Augenblicke
wo der Jäger von dem Bock sprang und seinem Herrn aus dem Wagen half ein paar
Schritte vorwärts kam und den Arm aus dem Mantel streckte als wollte sie den
aus dem Wagen Springenden aufhalten Aber er hatte den Pelzkragen seines Mantels
in die Höhe gezogen und bemerkte eilig die Stufen emporsteigend die Gestalt
nicht Die Tür durch welche man in ein hellerleuchtetes Treppenhaus geblickt
hatte schloss sich hinter dem Herrn und seinem Diener der Kutscher berührte die
edlen Tiere mit der Peitschenspitze der Wagen rollte davon und verschwand in
dem weitgeöffneten Tor eines Nebengebäudes
Es war Niemand mehr draußen als ich das arme Mädchen und die
Schneeflocken die aus dem Dunkeln herabtanzten in dem gelblichen Schein der
Laternen Das Mädchen kam auf mich zu an mir vorüber Sie sah mich offenbar
nicht aber ich sah sie und der Schein einer der Laternen fiel hell in ihr
schmerzverzerrtes Antlitz
»Konstanze« rief ich
Sie blieb stehen und starrte mich mit den brennenden schwarzen Augen an
»Konstanze« wiederholte ich »Ich bin es kennen Sie mich nicht mehr Georg
«
»Mein Drachentödter der alle Drachen erschlagen wollte die auf meinem Wege
waren Warum haben Sie den nicht erschlagen nicht den« Und sie lachte gell auf
und deutete mit zitternder Hand auf die Tür hinter welcher der Fürst von Prora
verschwunden war
Der Mantel war aufgeflogen und flatterte von dem eisigen Winde gepeitscht um
sie her ich sah dass sie noch in ihrem PreciosaKostüm war Sie musste wie sie
da war von der Bühne auf die Straße gestürzt sein Die Schneeflocken wirbelten
ihr in das heiße Gesicht arme Konstanze armes Weib murmelte ich und ich zog
ihr den Mantel dicht über die Schultern legte ihren Arm in den meinen und
suchte sie vor Allem von diesem Orte zu entfernen Sie folgte mir willig und so
schritten wir beide neben einander dahin durch die langen vom Wind durchsausten
Straßen indem ich von Zeit zu Zeit auf die Unglückliche herabschaute die sich
jetzt fester an mich klammerte und sie in teilnehmendem Tone fragte »wie es
ihr gehe und wohin ich sie führen solle«
Ich hatte diese Fragen schon mehrmals wiederholt ohne eine Antwort zu
erhalten als sie plötzlich stehen blieb und durch die bleichen Lippen murmelte
»ich kann nicht mehr« Es schien mir als ob sie im nächsten Augenblick in
Ohnmacht fallen werde Ich war in der größten Verlegenheit Auf der Straße war
nirgend ein Wagen zu erblicken überdies hatten wir uns auf unserer ziel und
planlosen Flucht weit aus dem eleganten Quartier entfernt in welchem wie sie
mir jetzt auf mein Andringen sagte ihre Wohnung sich befand Dafür aber waren
wir ich weiß noch heute nicht wie ganz in die Nähe meiner Wohnung gelangt Ich
hielt es für das Beste ja für das Einzige was sich tun ließ sie dort
hinzuführen »Sie können sich wenigstens da so lange aufhalten« sagte ich »bis
Sie sich wieder erwärmt haben und ich einen Wagen herbeizuschaffen im Stande
gewesen bin« Ohne ein Wort zu erwidern folgte sie mir Den Schlüssel zu der
Aussentür hatte ich bei mir so brauchte ich nicht einmal den alten Wächter zu
incommodiren und sein Spitz der uns knurrend entgegen kam sprang als er mich
erkannte freudewedelnd an mir herauf Ich wünschte mir Glück auf diesen Ausweg
gekommen zu sein denn Konstanze hing schwer an meinem Arm ich musste sie die
letzte Strecke über den Hof und die Stufen zu meiner Wohnung hinauf beinahe
tragen Ja als wir auf meinem Zimmer angelangt waren und ich sie bei dem
matten Schein des Kohlenfeuers im Kamin zu dem großen Sessel geführt hatte sah
ich nachdem ich schnell ein Licht angezündet dass ihre Augen starr und halb
geschlossen waren während eine riefe Blässe ihre schönen Züge bedeckte Meine
Verwirrung in dieser für mich so vollständig neuen Situation war weniger groß
als ich selbst vermutet haben würde Ich wüsste nicht dass ich einen anderen
Gedanken gehabt hätte als wie ich ihr die der Hilfe so bedürftig war so
schnell als möglich möchte helfen können Ich schürte das Feuer dass die Flammen
hell aufleuchteten ich nahm ihr den vom Schnee durchnässten Mantel ab und hüllte
sie in ein Plaid welches unter meinen Sachen hing ich schlug ihre Füße in eine
Decke und nahm ihre kalten Hände und erwärmte sie in den meinen Dann fiel mir
ein dass eine Tasse Tee die ich bereiten konnte besonders dienlich sein
dürfte So eilte ich denn an meinem Schrank nahm die Teesachen heraus und gab
ihr nachdem ich in einem Blechgefäss auf den glühenden Kohlen das Wasser schnell
zum Kochen gebracht hatte von dem labenden Getränk in das ich nicht vergaß
ein paar Teelöffel guten Kognacs hinein zu tun Sie schlürfte gierig die
Schaale aus ich reichte ihr noch eine die sie ebenso schnell leerte
Der heiße Trank schien ihr besonders wohl getan zu haben sie heftete ihre
Blicke auf die Bilder an den Wänden auf die Meubel endlich auf mich und sagte
mir die kleine zarte Hand reichend in welcher jetzt wieder warmes Leben
pulsirte »Wie gut Sie sind wie engelsgut Sie sind der beste Mensch von Allen
die ich je kennen gelernt wie viel glücklicher hätte mein Leben werden können,
wären Sie nur ein paar Monate früher zu uns gekommen Sie guter guter Georg«
Es war wieder die Konstanze von damals dasselbe verführerische Geplauder in
derselben melodiösen weichen Stimme und ich der ich nun so gut wusste was von
dieser Güte von dieser Holdseligkeit zu halten war ich stand da wie ein
großer Hans der ich war von dem alten süßen Ton bis in die tiefste Seele
durchschauert und von dem Druck ihrer Hand zitternd vom Kopf bis zu den Füßen
Dann freilich machte die Vernunft eine Anstrengung ihre Herrschaft ein für alle
Mal wieder zu erobern Ich zog meine Hand aus ihrer Hand trat bis zu dem Kamin
zurück und sagte indem ich scheinbar mit größter Ruhe die auf den Rücken
gelegten Hände wärmte »Sie sind sehr gütig aber ich darf über Ihrer Güte nicht
vergessen dass ich mich anheischig gemacht habe Sie wohlbehalten in Ihre
Wohnung zu bringen Wenn Sie sich so fühlen und wenn es Ihnen recht ist gehe
ich jetzt den Wagen zu holen«
»Sie zürnen mir noch« erwiderte sie sich in den Sessel zurücklehnend und
zu mir unter den langen Wimpern aufblickend »Warum zürnen Sie mir Was habe ich
Ihnen getan Was habe ich getan das nicht jede Andere an meiner Stelle auch
getan hätte Ich habe für meine Liebe meinen Ruf meine Existenz mich selbst
hingegeben sollte ich da für die Gefühle eines jungen Menschen der schwerlich
wusste was er wollte eine so zärtliche Sorgfalt tragen Haben Sie mich geliebt
Haben Sie mich geliebt« wiederholte sie indem sie aufsprang und mir in die
Augen starrte »Sie haben mich nicht geliebt Sie würden jetzt nicht so ruhig
dastehen können und Sie sind es nie wert gewesen dass es mir so schwer
geworden ist Ihnen den kleinen Betrug zu spielen Wissen Sie dass ich kindisch
genug gewesen bin nicht darüber hinwegzukommen dass Ihr gutes Gesicht mit den
treublickenden Augen immer und immer in meine Seele geschaut und mir Tränen der
Reue erpresst hat Sie haben kein Recht mir zu zürnen Sie am allerwenigsten«
Und sie warf sich wieder in den Sessel und verschränkte trotzig die Arme
über die Brust
»Wer sagt Ihnen dass ich Ihnen zürne« erwiderte ich
»Sie müssen mir zürnen« erwiderte sie mit einer Art von Heftigkeit »ich
will dass Sie mir zürnen oder soll ich etwa wollen dass Sie mich verachten Ein
Drittes gibt es nicht Das Dritte wäre Gleichgültigkeit und gleichgültig bin
ich Ihnen nicht nicht wahr Georg Nicht gleichgültig trotzdem Sie sich jetzt
erstaunliche Mühe geben ganz gleichgültig zu erscheinen Wenn sich zwei
Menschen einmal so nahe gestanden haben wie wir uns und durch solche
Erinnerungen mit einander verbunden sind, wie wir können sie sich niemals ganz
in jener Wüste verlieren die man Gleichgültigkeit nennt Wissen Sie dass als
ich vor einigen Wochen in der Ausstellung ein Bild von Ihnen entdeckte ich
erschrocken gewesen bin als hätte ich einen Geist gesehen und mich nicht
wieder trennen konnte von dem Bilde und hernach noch oft zu demselben
zurückgekehrt bin und Ihrem Andenken noch manche Träne geweint habe Dann sah
ich aus dem Katalog dass das Bild von meiner Kousine sei und ich machte mir ein
Paar aus Euch Beiden ein glückliches Paar und segnete Euch mit meinen
innigsten Wünschen Jetzt freilich sehe ich dass es anders ist Was sind Sie
was treiben Sie wie kommen Sie in diesen sonderbaren Raum« und sie blickte
sich von Neuem in dem Gemache um
»Ich bin ein einfacher Arbeitsmann« erwiderte ich »ein Schlosser in einer
benachbarten Maschinenfabrik«
»Schlosser Maschinen wie sagten Sie das ist doch sonderbar wer das
geahnt hätte an jenem Nachmittage als ich Sie mit den anderen Herren auf die
Jagd gehen sah in Stiefeln die Ihnen hoch hinauf reichten und einem kurzen
Sammetrock mit Flinte und Jagdtasche so groß und stattlich der größte und
stattlichste von Allen Was mein Vater wohl gesagt haben würde Sie nahmen immer
seine Partei Sie tun es vielleicht noch jetzt aber glauben Sie mir er hat
nicht gut an mir gehandelt und wenn ich zu tadeln bin und wenn ich ausgestoßen
und verflucht bin es fällt Alles Alles auf ihn zurück Wissen Sie dass der
alte Fürst von Prora als mein Vater über seine Weigerung sich enzürnt stellte
ihm ins Gesicht geschleudert hat mein Sohn kann ihr uneheliches Kind nicht
heiraten und ich mich mit einem Schmuggler nicht schlagen da ist mein Vater
aufgesprungen und hat den Fürsten erwürgen wollen als ob ihm das seine Ehre und
mir die meine wiedergegeben hätte Und sehen Sie Georg das Alles habe ich
nicht damals gewusst ich habe es erst von Kar von ihm erfahren in der Stunde
als er es vorzog mich in einem fremden Lande allein zu lassen Kann ein Mann
wissen was es für ein Mädchen heißt von dem Manne den sie nun er mag es
verdient haben oder nicht geliebt hat dem sie sich ganz hingegeben auf den
sie ihr Alles gesetzt hat wie ein verzweifelter Spieler sein ganzes Vermögen
auf eine Karte wenn sie von ihm mit Spott und Schande hinausgestossen wird in
das Elend Nicht in das gemeine das beim Schein eines Arbeitslämpchens oder dem
Flimmern der Strassenlaternen sein Brot sucht ich war nach wie vor von Glanz
und Luxus umgeben und der Marquese von Serra di Falco war so viel reicher denn
er wie das sonnige Sizilien schöner ist als unsere nebelumwogte Heimatsinsel
Und dennoch war es Elend grenzenloses glänzendes Elend dem keine von uns
entrinnt die um ihre Liebe betrogen wird man mag ihr dafür zahlen was man
will und wie viel man will Ich habe es mit dem Hass versucht aber der Hass ist
nur der Zwillingsbruder der Liebe und die Geschwister können die gemeinsame
Abstammung nicht verleugnen Es gibt auch nur ein Mittel gegen die Liebe das
ist die Rache Rächen Sie mich an ihm Sie können es Sie sind so stark Sie
haben ihn schon einmal in Ihrer Gewalt gehabt in jener Nacht als Sie ihn im
Walde trafen er hat es mir erzählt und gefragt wer der Riese gewesen Warum
haben Sie ihn davon kommen lassen Warum ihn nicht erwürgt erschlagen und sind
dann zu mir gekommen und haben gesagt ich bin dein Liebster denn ich bin
stärker als der Andere und haben mich auf Ihre Arme genommen und davon
getragen Aber Ihr Männer zeigt uns ja nie dass Ihr Männer seid und wundert
Euch dann dass wir mit Euch spielen Als ob wir etwas anderes mit einem Geschöpf
sollten das wir nicht stärker sehen als wir selbst sind und wie oft so viel
schwächer Zeigen Sie was Sie sein können was Sie sind Zertreten Sie dieser
Schlange den Kopf und ich will vor Ihnen niederfallen und Sie anbeten«
Sie hatte schon längst während sie so sprach den Plaid fallen lassen in
den ich sie gehüllt und die Decke abgeschüttelt sich aus dem Sessel erhoben
und war bei den letzten Worten vor mir auf die Kniee gesunken die Arme zu mir
erhebend Der Flackerschein des Feuers flimmerte auf ihrer phantastischen
Zigeunertracht glänzte auf ihrem dunklen Haar welches in aufgelösten Strähnen
ihr über Wangen und Schultern floss glühte auf ihrem Gesicht das mir nie so
tötlich schön erschienen war Der namenlose Zauber mit dem sie mich einst
umstrickt überkam mich mit der ganzen alten Kraft das Herz schlug mir bis in
die Kehle und Fieberschauer rieselten mir durch den ganzen Körper aber ich
raffte mich mit der gewaltsamsten Anstrengung auf und sagte indem ich ihr meine
eiskalte Hand reichte und sie vom Boden hob
»Sie wenden sich an den Unrechten Übertragen Sie Ihre Rache an dem Fürsten
Dem welcher ein näheres Interesse daran hat dem jungen Manne zum Beispiel an
dessen Arm ich Ihnen in der Gallerie begegnet bin und der heute Abend wenn ich
nicht irre auch in dem Schauspiel der war welchen Preciosa mit ihrer Huld
beglückte«
Knstanze hatte sich die Augen immer fest auf meine Augen geheftet langsam
erhoben und begann jetzt durch das Zimmer hin und her zu gehen mit hastigen
Schritten bald vor mir stehen bleibend bald wieder weiter schreitend und
dazwischen also sprechend »Wie schlecht Ihr Männer seid wie entsetzlich
schlecht und roh und gefühllos Ist es darum damit Sie mir das Härteste sagen
dass Sie mich hierher gelockt haben Ist das Ihre Gastfreundschaft Glauben Sie
Ihr Feuer habe mich allzu sehr erwärmt dass Sie mich jetzt mit Eiswasser
überschütten Aber Euer Herz ist nur so kalt weil Euer Verstand so plump ist
weil Ihr zum Beispiel nicht begreifen könnt dass eine Frau die man von Jugend
auf mit der Hoffnung auf dereinstige Herrlichkeit gewiegt hat und die den Traum
ihres Lebens fast verwirklicht sah wenn dieser Traum nun zerrinnt wie leichter
Nebel wenn sie mit ihren hochgespannten Empfindungen mit ihrem verwöhnten
Geschmack mit ihren sorgsam gepflegten Ansprüchen an Schönheit und Luxus einer
gemeinen Wirklichkeit ausgeliefert werden soll dass eine solche Frau mit
Notwendigkeit wenigstens nach dem erbärmlichen Schein der glänzenden Stellung
trachten muss die sie unwiederbringlich verloren sieht dass die Geliebte von
Prinzen nichts Anderes sein kann als eine TheaterPrinzessin Und nicht einmal
den traurigen Schein lässt er mir ungestört Wieder drängt er sich herbei der
Verhasste und vergällt mir meinen Triumph Doch was rede ich von dem Allen einem
Mann der das nicht versteht nie verstehen wird der das glückliche Loos
erwählt hat einer bescheidenen Existenz voll Arbeit und Mühe und ruhigem
Schlaf«
Sie blieb vor mir der ich mich jetzt anstatt ihrer in den Sessel geworfen
hatte stehen und fuhr fort mit sonderbar weicher zitternder Stimme
»Wenn ich schlafen könnte wenn ich schlafen könnte aus dem Quell trinken
könnte der Ihnen täglich quillt und der Glücklichen quillen wird die Sie
dereinst an diesen trauten Heerd führen Wenn ich das Fieber bannen könnte das
hier brennt und hier sie deutete auf Herz und Stirn und mir keine Ruhe
lässt keine keine Ruhe Ach so zu schlafen von Rosmarin und Veilchen
umduftet den süßen Schlaf an einem treuen starken Herzen«
Und plötzlich fühlte ich der ich gesenkten Hauptes schmerzverloren dasaß
wie ein paar weiche Arme sich um meinen Nacken schlangen ein voller Busen sich
an meine Brust drängte und ein paar heiße Lippen meine Lippen suchten Wollte
ein Traum den ich ein leidenschaftlicher sinnlicher Knabe einst geträumt
Wahrheit werden oder träumte ich wirklich Und war es nur wie man aus einem
Traum sich aufzuraffen strebt dass ich sie an mich presste und dann aufsprang
und sie aus meinen Armen gleiten ließ und wieder in meine Arme presste
Das Licht welches uns zuletzt kaum noch geleuchtet hatte sank in den
Sockel und erlosch nur in dem trügerischen Schein des Feuers sah ich die
Umrisse der lieblichsten Gestalt die sich fest und fester an meine Brust
schmiegte und wie traumverloren hörte ich eine Stimme dicht an meinem Ohr
schlafen süßen Schlaf an einem treuen starken Herzen
Zehntes Kapitel
»Sie sind krank lieber Freund« sagte Doctor Snellius indem er eines Abends zu
mir in das Zimmer trat
Ich hatte den Doctor seitdem wir uns neulich in Hader getrennt nicht
wieder gesehen und der Besuch des Mannes mit der scharfen Brille vor den
scharfen Augen war deshalb dem Menschenscheuen der seit einiger Zeit alle Welt
floh doppelt peinlich Er musste meine Verlegenheit bemerken denn der Ton
seiner Stimme war ungewöhnlich weich und mild als er jetzt nachdem wir vor dem
Kamin Platz genommen also fortfuhr
»Ich weiß es von Klaus Pinnow der es Ihnen angesehen haben will ich weiß
es auch von ihr von Paula die es Ihnen nicht angesehen weil Sie sich bei ihr
nicht haben blicken lassen und die mich deshalb heute hergeschickt hat Was ist
das lieber Freund Ihre Haut ist trocken Sie sehen erbärmlich aus und Sie
haben wirklich Fieber Wo fehlt es«
»Ich fühle mich ganz wohl« erwiderte ich indem ich meine große breite
Hand aus den kleinen frauenhaft zarten Händen des Doctors zog und mir damit
Stirn und Augen gegen die scharfen Brillengläser zu schützen suchte »vollkommen
wohl«
»So haben Sie irgend einen Kummer gehabt irgend ein großes Leid welches
solchen Naturen wie die Ihre mehr zusetzt als anderen Leuten ein schwere
Krankheit Ist es so«
»Das könnte schon eher der Fall sein« erwiderte ich
»Und Sie können mir nicht sagen was es ist« fragte der Doctor indem er
mir näher rückte und seine kleine Hand auf meine andere Hand legte welche auf
meinem Knie ruhte
»Ach es ist nicht der Rede wert« erwiderte ich »eine kleine spukhafte
Geschichte ungefähr wie die von welcher ich ich weiß nicht wo und wann
einmal gelesen die Geschichte von einem jungen Manne der ein junges Weib
hatte die eine Hexe war und einmal als er von Liebe und Schlaf betäubt an
ihrer Seite entschlummern wollte und seine Hand ausstreckte um ihre Hand noch
einmal zu erfassen war sie verschwunden aus dem Schornstein hinaus auf den
Blocksberg zum Teufel gefahren was weiß ich«
Und ich sprang auf lief im Zimmer in wilder Erregung auf und nieder und
warf mich dann wieder neben dem Doctor in den Sessel
»Die Geschichte ist ein wenig zu mystisch um eine Diagnose darauf bauen zu
können« erwiderte der Doctor freundlich indem er mir abermals näher rückte
und da er meine Hand eben nicht fassen konnte mir ein paar mal sanft über das
Knie strich
»Nun denn« sagte ich »so nehmen Sie Folgendes Ein Mann hat als
neunzehnjähriger Bursch ein schönes ungefähr eben so altes Mädchen geliebt
leidenschaftlich wie man in den Jahren liebt wenn noch dazu Einsamkeit und
romantische Verhältnisse den Kuppler spielen Er ist damals von dem Mädchen
genasführt und schließlich in ziemlich schnöder Weise verraten worden und hat
das Mädchen doch nicht vergessen können und das Herz ist ihm erzittert in der
Brust so oft nur in den folgenden acht bis neun Jahren denn so lange ist es
her ihr Bild vor seine Seele getreten ist Da lässt ihn ein Zufall sie
wiederfinden wie er sie zu finden erwarten musste eine Buhlerin die Maitresse
ich weiß nicht wie vieler Männer Es kann ihm nicht zweifelhaft sein zum
Überfluss sagt sie ihm es selbst und während sie es ihm sagt erzittert ihm
wieder das Herz in der Brust es verlangt ihn im Grunde seiner Seele danach
sich der langen Reihe seiner Vorgänger anzuschließen und als sie ihre Arme
öffnet hat er nichts eiliger zu tun als an die Brust zu sinken in der kein
Herz schlägt Er fühlt deutlich dass es nicht schlägt ein ganz kindisches aber
ganz wahnsinniges Mitleid ergreift ihn er will das erkaltete Herz wieder
erwärmen mit der Glut seiner Küsse mit seinem eigenen Herzblut und das
Gespenst trinkt sein Herzblut eins zwei drei ein Dutzend Nächte und als er
wieder einmal in der ersten Morgenfrühe erwacht ist sie verschwunden wie
Hexen verschwinden und am nächsten Abend sieht er sie im Theater mit einem
jungen vornehmen Stutzer kokettiren und der Stutzer fährt mit ihr nach Hause
und draußen «
»Steht der arme Narr und schlägt sich mit der Faust vor die Stirn und rauft
sich das Haar man kennt das« sagte der Doctor und strich mir wieder mit der
Hand übers Knie »Man kennt das« wiederholte er immer sanfter streichelnd
»es tut weh aber wenn einem ein Backenzahn mit drei langen Wurzeln ausgezogen
wird das tut auch weh und ebenso wenn einem ein gebrochener Arm wieder
eingerichtet wird Auch glaube ich nicht dass dem Mann gut zu Mute war von dem
ich eben komme Ein tüchtiger Arbeitsmann aus Ihrer Fabrik Sie werden ihn
kennen er heißt Jacob Krafft er arbeitet wenn ich nicht irre in Ihrer
Werkstatt Nun dem hatte seine Frau ein liebes gutes Weib um das der brave
Kerl manches Jahr gefreit vor neun Tagen ein todtes Kind geboren das ich mit
der Zange holen musste und jetzt liegt sie selbst tot in ihrem Bett und vor
dem Bette kniet der gute Jacob Krafft und wünscht aus Herzensgrund dass er nie
geboren wäre Ich glaube dass dem armen Teufel schlecht zu Mute ist Und der
jungen Frau Müller wird auch nicht gerade besonders wohlig sein Ihr Mann ging
heute Morgen munter aus dem Hause seine Wagen zu schieben auf dem neuen
Bahnhof und da haben sie ihm die Brust zwischen zwei Wagen zerquetscht und
heute Nacht wird er sterben Und übrigens lieber Freund müssen wir Alle
sterben und nach neun Uhr ist es vorbei wie der TheaterDirector sagte wenn
die Leute im Parterre pfiffen«
»Sterben was ist das Großes« erwiderte ich »ich habe schon ein paar Mal
in meinem Leben zu sterben gewünscht und habe es für etwas Größeres erachtet
dass ich eben nicht starb sondern dies vermaledeite Leben weiter lebte«
»Und daran haben Sie recht getan mein Freund« sagte der Doctor
»Ich weiß nicht« erwiderte ich »ob jene Römer von denen ich auf der
Schule gehört habe nicht edler und klüger handelten wenn sie sich in ihr
Schwert stürzten sobald die Partie verloren war«
»Jeder nach seinem Geschmack« sagte der Doctor »Ein Pferd muss man tot
stechen wenn es ein Bein gebrochen hat einem Menschen richtet man es wieder
ein oder wenn es nicht zu retten ist schneidet man es ihm ab und schnallt ihm
einen Stelzfuss an oder einen Korkfuss und darauf humpelt er seinen Lebensweg
weiter Sie glauben nicht lieber Freund wie wenig zum Leben gehört beinahe
nichts außer Kopf und Herz Ja kaum das Sie haben wohl selbst schon bemerkt
wie kopflos so Mancher durchs Leben taumelt und dass man mit einem viertel oder
halben Herzen leben kann weiß ich aus eigener Erfahrung«
Der Doctor hatte das in einem so wehmütigen Tone gesagt so still vor sich
hin wie mit sich selbst redend Und wie mit sich selbst redend sprach er
weiter indem er mich dabei immer sanft über das Knie strich und über meine
Fussspitze weg in die Kohlen starrte
»Ja mit einem halben Herzen es lebt sich nicht sehr gut und nicht sehr
leicht es ist einem manchmal als müsste es einem die Brust zusammendrücken
oder als sollte man sich hinlegen wo man sich eben befindet und nicht wieder
aufstehen Aber man steht dann doch auf und tut wenn nicht sich so doch
vielleicht denen einen Gefallen die der Schuh auch möglicherweise irgend wo und
wie drückt und denen man mit seinen Erfahrungen und seiner Schusterkunst zu
Hilfe kommen kann Denn lieber Freund die Wenigsten sind in der Lage sich die
Schuhe ausziehen zu können was allerdings nicht nur das beste Mittel wäre
sondern auch in der Tat das einzige ist um alle Schmerzen los zu werden Und
diesen Leuten muss geholfen werden lieber Freund muss positiv geholfen werden
und mein Leben ist seit vielen Jahren nur ein Grübeln und ein Sinnen wie das
anzufangen sei im größeren Maßstabe in einem kleinen Kreise so weit die
dürftigen privaten Mittel reichen da weiß ich wohl was zu tun ist und tue
ich was ich kann Auf Wiedersehen lieber Georg ich habe noch ein paar alte
Schuhe zu flicken und ein paar Hühneraugen zu beschneiden«
Doctor Snellius gab mir einen freundschaftlich sanften Schlag auf das Knie
räusperte sich stülpte seinen abgeschabten Hut auf den kahlen Kopf nickte mir
in der Tür noch einmal zu und ließ mich allein
Ein nicht unedler Mensch ist vielleicht niemals geneigter und auch mehr im
Stande an dem Unglück Anderer Teil zu nehmen und es zu verstehen als wenn
ihm selbst ein großes Leid widerfahren ist So hatte der abscheuliche Verrat
welchen Konstanze nun schon zum zweiten Male an mir verübt mir Herz und
Augen geöffnet über das Weh welches dem Doctor im Herzen saß Dass der seltsame
Mann Paula liebte war mir freilich nie zweifelhaft gewesen aber da er dieser
seiner Liebe stets ein humoristisches Mäntelchen umzuhängen pflegte hatte ich
in meiner Einfalt nie gesehen wie groß und schön und heilig diese Liebe war
Ich hatte es so begreiflich gefunden dass diese Zwerggestalt mit dem
unförmlichen kahlen Kopfe und dem grotesk hässlichen Gesicht von einem schönen
schlanken Mädchen nicht geliebt werden könne ungefähr wie man es
selbstverständlich findet dass ein Mann der auf Krücken geht nicht auf dem
Seile tanzen kann Jetzt mit einem Male ward mir klar was dieser Mann alle
diese Jahre hindurch gelitten haben musste er der nicht ohne Grund und gewiss
nicht ohne Hinblick auf sich selbst sagte dass der Mensch zum Leben kaum mehr
als Kopf und Herz brauche Und dann verglich ich ihn den stoischen Dulder mit
mir und ich fragte mich ob er der Reine Gute Edle nicht Alles in Allem
viel mehr verdiene von Paula geliebt zu werden als ich Mir war dieses Glück
stets als ein GnadenWunder erschienen dessen ich mich im Grunde niemals würdig
gefühlt aber so unwürdig hatte ich mich nie gefühlt wie jetzt wo ich mein
Heiligenbild an eine Buhlerin verraten die mich genasführt hatte wie ich es
verdient
Vielleicht dass ein Jüngling von Achtzehn der diese Zeilen liest im
Bewusstsein seiner reiferen Erfahrung mitleidig lächelt über den Mann von
Achtundzwanzig der sich eine solche Kleinigkeit zu Herzen nehmen konnte Aber
mein weiser Freund möge bedenken dass ich in den einfachsten Verhältnissen
erwachsen acht Jahre im Gefängnisse gewesen war und jetzt seitdem ich in der
Hauptstadt lebte meine Zeit sehr nötig gehabt hatte ein guter
Maschinenarbeiter zu werden Wo sollte ich die Erfahrungen meines weisen
Freundes gesammelt haben woher wissen dass dergleichen Liebesschmerzen dem
Manne comme il faut gut stehen wie dem Räuber Schweizer seine Narben nicht nur
in seinen eigenen Augen und in denen seiner Kameraden sondern was mehr sagen
will in den Augen der Schönen vor deren schönen Augen er Gnade zu finden
wünscht und hofft Ich war ein großer Hans mit meinen acht und zwanzig Jahren
ich gestehe es reumütig und mit der Bitte dass mein weiser Freund von Achtzehn
mit mir Geduld haben möge
Freilich wird ihm das schwer werden wenn er hört dass ich die Torheit so
weit trieb als unumstösslich anzunehmen ich habe mich der schönen Sünderin mit
Leib und Seele einmal für allemal ergeben und es sei meine Pflicht von diesem
Augenblick an für sie zu leben sie zu retten wenn es sein könnte mit ihr
unterzugehen wenn es sein müsste und dass ich mich keineswegs losgesprochen und
entsündigt fühlte als sie mir nach der spukhaften Katastrophe in einem
duftenden Billetchen schrieb ich sei nach wie vor ihr guter Georg den sie
herzlich liebe aber sie könne weder mit mir leben noch wolle sie von mir
gerettet werden noch am allerwenigsten mit mir untergehen Im Gegenteil in
meinen Augen war und blieb ich ein Verdammter vor meinem Gewissen losgelöst von
der Gemeinschaft der Guten und Reinen Nie würde mir die heilige Flamme des
häuslichen Herdes leuchten nie ein reines Weib mich mit ihrer Hand beglücken
nie lachende Kinder meine Kniee umspielen Der Fluch mit welchem eine
stiefmütterliche Natur dem guten Doctor geflucht der Fluch nicht geliebt zu
werden wie sein Herz verlangte ich hatte ihn selbst in meiner Torheit auf
mich herabgerufen und so blieb mir denn nichts übrig als wie er auf
individuelle Liebe zu verzichten und mir wie er Trost und Erquickung aus dem
ewig quellenden Born der großen Liebe für die leidende Menschheit zu schöpfen
Ich habe hernach wohl eingesehen dass der eben so weise als kluge Doctor
meinen Zustand so ziemlich richtig beurteilte und denselben keineswegs so
tragisch nahm wie ich selbst Aber die augenblickliche Disposition meiner Seele
für ein Wirken in seinem Sinne kam ihm sehr gelegen Er hatte mich schon seit
Jahren als seinen Schüler betrachtet und er durfte es in mehr als einem Sinne
Er hatte Großes mit seinem Schüler vor und dies war eine Stufe ohne welches
jenes Großes das wusste er sich niemals würde erreichen lassen
Es war mir nichts Neues dass der edle Mann trotzdem er stets erklärte dass
die Dummheit freilich immer ein Unglück aber auch das Unglück in den
allermeisten Fällen eine Dummheit sei für die unglücklichen Dummen und dummen
Unglücklichen eine große Liebe hatte Wie groß diese Liebe war sollte ich jetzt
erst erfahren Er machte mich teoretisch und praktisch mit den socialen Fragen
bekannt die jetzt alle Welt beschäftigen aber damals erst von wenigen
erleuchteten Köpfen hinreichend gewürdigt wurden Er zeigte mir wie die Dinge
lagen in England in Frankreich bei uns und was man nach dem Muster der
Engländer und Franzosen auch in Deutschland tun könne Da war die Rede von
Kranken und Sterbekassen von Konsum und Arbeitervereinen von Spielschulen
für die Kinder von Gewerbeschulen für die Erwachsenen und mit welchen
Hilfsmitteln man denn früher oder später den allgemeinen Feind auf seinem
eigenen Felde zu bekämpfen versucht hat Nach allen diesen Seiten hin war damals
bei uns so gut wie nichts geschehen ein arger Zustand der um so ärger war als
gerade zu jener Zeit das Fabrikwesen mit der Entstehung der ersten Eisenbahnen
einen ganz unerwarteten Aufschwung nahm die verhundertfachte Nachfrage ein
massenhaftes Herbeiströmen der Arbeiter und damit vorläufig ein massenhaftes
Wachsen der Übel verursachte deren man sich schon in den patriarchalischen
Verhältnissen der vergangenen Zeit nicht hatte erwehren können Es dauerte nicht
lange bis ich in der Seelenstimmung in welcher ich mich befand von der neuen
Leidenschaft ganz und gar ergriffen wurde Ein gewöhnlicher Arbeiter der ich
war mit meinen Mitarbeitern wie ich es tat brüderlich verkehrend hörte und
sah ich so ziemlich was in diesen Kreisen vorging Wo meine Kenntnis nicht
genügte konnte Klaus mit seiner reichen Erfahrung das Fehlende ergänzen und
weiter als unser Beider Blick trug der des Doctors der in die dunkelsten Falten
sah und spähte die das Elend und der Jammer des Armen vor Aller Augen
verbergen nur nicht vor denen des Arztes So tauschten wir drei unsere
Erfahrungen aus und steckten die Köpfe zusammen manchen Abend nach der schweren
Tagesarbeit auf des Doctors Zimmer und sannen gemeinschaftlich über die
Ausführung der Projekte mit welchen sich der Doctor schon so lange getragen
hatte
Ach es war wenig so wenig was wir tun konnten Auf der einen Seite
hatten wir zu kämpfen mit der Dummheit derer die lieber zu Grunde gehen als
von dem alten Schlendrian lassen wollten auf der andern mit der Rohheit jener
die nicht einzusehen behaupteten weshalb sie nicht sollten gedeihen können
wenn auch jene zu Grunde gingen
»Es ist die alte Geschichte von Hammer und Amboss« sagte ich wohl einmal zu
dem Freunde »Die Arbeiter haben sich an das träge Ambosssein gewöhnt dass sie
nichts in Bewegung setzen kann selbst wo es sich offenbar um ihr Bestes
handelt Die Fabrikanten wiederum meinen da sie doch einmal die Herren vom
Hammer seien brauchten sie nur auf den Amboss zu schlagen welcher ja Gott sei
Dank bis jetzt geduldig still gehalten«
»Habe ich Ihnen nicht immer gesagt dass es so gewesen ist seitdem die Welt
steht« entgegnete der Doctor »nun sehen Sie es selbst«
»Aber dagegen muss sich doch ein Mittel finden lassen« rief ich »Ich kann
mich von diesem schönen Glauben unsers herrlichen Freundes nicht los machen«
»Nur nicht auf dem Wege wo er es suchte« erwiderte der Doctor indem er
seinen großen Kopf schüttelte »Er wähnte die Menschen frei machen zu können
wenn er sie nur die Würde und Heiligkeit der Arbeit gelehrt hätte Sie haben
nicht arbeiten wollen als sie mussten jetzt müssen sie obschon sie nicht
wollen meine Aufgabe ist sie dahin zu bringen dass sie wollen was sie müssen
Sie sind unfrei gewesen als sie dem Namen nach frei waren ich will sie in
Wahrheit frei machen während sie unfrei sind dass sie als Freie aus der
Unfreiheit hervorgehen solche und ähnliche Reden wie oft haben wir sie aus
seinem beredten Munde gehört und er glaubte so fest daran der großmütige
Schwärmer weil er die Welt nicht kannte weil er nicht wusste dass die Arbeit
eine Ware ist auf dem Weltmarkte die wie jede andere unter dem großen Gesetz
des Angebots und der Nachfrage steht und dass, wenn die Konjunctur danach ist
der freie fleißige Arbeiter in eine Lage kommen kann wo seine Freiheit und
sein Fleiß und seine Arbeit nicht einen Pfifferling wert sind So tritt denn
die Sache Amboss contra Hammer in eine höhere Instanz wo sie nach großen
geschichtlichen und ökonomischen Gesetzen entschieden wird und allerdings wie
unser Freund auch richtig herausgefunden hatte so dass beide Teile schuldig
und in die Kosten des Prozesses zu verurteilen sind«
»Das kann uns zur Not über den endlichen Ausgang beruhigen« sagte ich
»aber wenn ich unseren Freund recht verstanden habe soll der bessere Mensch in
sich selbst schon den Zwiespalt aufheben indem er sich bewusst wird dass er in
jedem Augenblicke zu gleicher Zeit handelt und leidet gibt und empfängt
getragen wird und trägt mit einem Worte Hammer und Amboss ist«
»Sehr schön und rühmlich für den welcher sich mit dieser Wahrheit so
durchdringt dass sie auf alle seine Handlungen einwirkt« erwiderte der Doctor
»Indessen ist das Gemeinwohl doch weniger abhängig davon als es scheint und
zum großen Glück denn sobald der Einzelne zur Macht gelangt spürt er einen
verteufelten Kitzel der Humanität ein Schnippchen zu schlagen und seine Macht
zu missbrauchen Was sollte da aus der armen Menschheit werden«
»Und doch haben Sie mich so ausgescholten dass ich nicht mit beiden Händen
zugriff als Sie mir Ihr ganzes Vermögen zur Disposition stellten um das ich
Sie jedenfalls alsbald betrogen hätte den Weg zur Million würdig zu beginnen«
»Das ist etwas Anderes« sagte der Doctor sehr verlegen werdend
»Ich wüsste nicht« erwiderte ich »Wer bürgt Ihnen dass ich der Versuchung
kräftiger widerstehe als andere Leute oder glauben Sie dass ich mit meinen
breiten Schultern leichter durch das Nadelöhr gehe als unser würdiger
Kommerzienrat«
»Vergleichen Sie sich nicht mit diesem Ungeheuer« rief der Doctor wütend
»Habe ich Ihnen schon den Brief gezeigt den er mir auf meine Bitte sich für
unsere Projecte zu interessieren geschrieben hat Hier das können Sie
überschlagen eine plumpe Verspottung von Leuten die sich um ungelegte Eier
kümmern aber hier Konsumvereine dummes Zeug an jeder Ecke ist ein
Materialwaarenladen und hier Krankenkassen Sterbekassen Ich will gesunde
Arbeiter haben und habe noch immer genug gehabt und mehr als ich brauchen
konnte Die Kranken gehen Sie an geehrter Herr Doctor nicht mich und was das
Sterben betrifft so werden wir das wohl Beide nicht hindern können Es ist
ein Tier« schrie der Doctor den Brief zerknitternd und mit den Füßen
stampfend »ein Kerl ohne Eingeweide nichts Besseres als eine Raupe in
Menschengestalt«
»Aber das ist ja Jeder Doctor der eine Million hat«
»Sie reden ihm immer das Wort« krähte Doctor Snellius
Und darin hatte er nicht so ganz Unrecht ich konnte dem Kommerzienrat
niemals so gram sein wie ich es vielleicht anderen Menschen derselben Art
gewesen wäre War der Mann im blauen Frack mit goldenen Knöpfen und gelben
NankingBeinkleidern doch eine Gestalt aus meiner Kindheit Tagen auf welcher
er mochte nun sein wie er wollte immerhin ein Schimmer von der Sonne lag die
mir damals geleuchtet hatte Und was das heißen will weiß Jeder der eine
Kindheit gehabt hat was freilich mehr ist als Gott sei es geklagt sehr
viele von sich sagen können Wer oder was immer von dieser Sonne mit belebtet
wurde dem ist ein für alle mal ein Freibrief ausgestellt welchen wir zu jeder
Zeit gern respectiren Und dann war noch ein oder der andere Grund weshalb ich
den reichen Kommerzienrat anders ansehen mochte als mein guter galliger
Freund Ich konnte freilich wenn ich es wohl bedachte nicht recht begreifen
und habe auch niemals so recht begreifen können dass dieser Mann der Vater der
schönen blauäugigen Hermine war aber er war es doch nun einmal eine
ungefüge stachlige raue und nicht übermäßig saubere Schale gleichsam in
welcher die kostbare Perle lag und mit der man sich schon befassen musste wenn
man sich an der Schönheit der Perle erfreuen wollte Das mochte mir um so
leichter werden als ich bis jetzt noch immer Schale und Perle zusammen gesehen
hatte das heißt die Schale von ihrer allerbesten Seite von der weichen und
gewissermaßen liebenswürdigen Seite welche sie gegen die verzogene
TochterPerle kehrte Und dann war noch ein Grund der mir damals und später den
harten Bissen welchen man den Kommerzienrat Streber nannte schmackhafter
machte Es war viel Salz an den Bissen getan das allerdings sehr scharf und
grobkörnig war aber für das ich doch Geschmack hatte Um es mit einem Worte zu
sagen der alte Cyniker schien mir in seiner Weise ein Original und ich hatte
von jeher eine unüberwindliche Neigung für diese in ihrer Art unschätzbare
Menschenklasse
Seit jener Begegnung auf dem Schiffe hatte ich ihn nicht wieder gesehen
trotzdem er seitdem zwei oder dreimal in der Stadt gewesen und auch die Fabrik
besucht hatte Den Winter hatte er wie immer in Uselin zugebracht war aber
jetzt beim ersten Beginn des Frühlings nach Zehrendorf übergesiedelt wo die
Menge der neuen Einrichtungen seine Gegenwart dringend erforderte Hermine war
mit ihm gegangen sie pflegte schon seit Jahren den Sommer auf dem Lande
zuzubringen für dessen Annehmlichkeiten und Freuden sie eine große Leidenschaft
gefasst Fräulein Amalie Duff war wie immer im Gefolge ihrer jungen Herrin
Dies Alles hörte ich von Paula die überhaupt die einzige war von der ich
was in der Streberschen Familie vorging erfahren konnte und erfuhr Sie stand
mit Hermine in einem Briefwechsel welcher ziemlich lebhaft betrieben werden
mochte Ob ich vorübergehend in diesem Briefwechsel vorkam konnte ich nie recht
erfahren Manchmal schien es mir so und manchmal auch wieder nicht und fragen
mochte ich Paula nicht Hatte ich sie doch auch bitten wollen Hermine gegenüber
meine Beschäftigung in der Fabrik ihres Vaters nicht zu erwähnen und ich hatte
es nicht getan weil es mir eine kindische Eitelkeit däuchte mich ausdrücklich
vor einem Mädchen verleugnen zu lassen das möglicherweise gar nicht nach mir
fragte Indessen musste ich fast glauben dass Paula meinen Wunsch ohne dass ich
ihn ausgesprochen geahnt und erfüllt und dass man dort nichts von mir wusste
Wenn ich auch der schönen Hermine vollkommen gleichgültig war so nahm ich doch
darauf hätte ich schwören mögen in dem menschenfreundlichen Herzen ihrer
Duenna einen nicht unbedeutenden Platz ein und sie hätte gewiss nicht
unterlassen nach ihrem »Richard« treu zu suchen bis sie ihn gefunden Es lag
mit einem Worte über dieser Angelegenheit ein Nebel der sich für mich erst
viel später vielleicht zu spät lüften sollte Nur die Wärme fiel mir einige
Male auf mit welcher Paula besonders in letzterer Zeit über Hermine
gesprochen Es ist hatte sie einmal gesagt ein reizendes Geschöpf mit den
herrlichsten Anlagen aus der etwas ganz Vorzügliches werden kann, wenn sie den
rechten Mann findet und ein andermal der Glückliche der sich diesen Schatz
erobert aber freilich es muss ein ganzer Mann sein denn ich glaube der Schatz
ist noch schwerer zu behaupten als er zu erobern ist
Wusste Paula dass nach jener merkwürdigen Begegnung auf dem Dampfschiff als
der Wanderer seine einsame Straße nach der Hauptstadt zog die blauen Augen
Herminens seine Sterne gewesen waren Wollte sie indem sie mir gegenüber das
schöne Mädchen so lobte und sie wusste welche hohe Bedeutung ihr Lob für mich
hatte wollte sie mir die Torheit von gewissen Gedanken die sich in meiner
Seele geregt hatten klar machen aber weshalb das Welchen Grund hatte ich ihr
gegeben mich dieser Torheit zu beschuldigen Hier war ein Geheimnis eine
dunkle Wolke zwischen mir und Paula und es war nicht die einzige und leider
nicht die dunkelste Ich hatte ihr und wie hätte ich es sollen kein Wort
keine Silbe von meiner unseligen Begegnung mit Konstanzen gesagt Es war das
eine Wunde an die ihre reine Hand nicht rühren durfte eine Wunde die so still
für sich hin bluten und ausbluten und heilen musste Aber es ist ein eigen Ding
um so eine heimliche Wunde die man sorgfältig verbirgt und verbergen muss Sie
tut uns doppelt und dreifach weh und heilt doppelt und dreifach langsam und
das Schlimmste ist dass man ein böses Gewissen dabei hat und sich vor der
Berührung der liebsten Hand scheut weil man immer fürchtet diese Hand möchte
unversehens einmal die schmerzliche Entdeckung machen So war es auch zwischen
mir und Paula in diesem Falle Ich war noch nie so selten zu ihr gekommen hatte
noch nie in den Gesprächen mit ihr meine Worte so sorgsam überlegt ja es kamen
Augenblicke in welchen mir die sich stets gleich bleibende Güte des
liebenswürdigsten und edelsten Wesens geradezu peinlich war Ich zitterte vor
dem Momente wo das Gespräch einmal auf Konstanze kommen oder Paula erfahren
würde dass Konstanze und die schöne Bellini eine und dieselbe Person seien
Wussten doch wenn auch Niemand sonst der junge Fürst Prora gewiss und Arthur
sehr wahrscheinlich um das Geheimnis Aber meine Sorge schien unnötig Weder
der Fürst noch Arthur hatten sich wieder bei Paula sehen lassen und beiläufig
erfuhr ich einmal dass der Fürst nachdem er ein paar Wochen hindurch die
Residenz durch seine Verschwendung und seine Ausgelassenheit in Aufruhr
gebracht von seinem Vater nach Rossow geschickt sei und dass Arthur ihn
begleite Um dieselbe Zeit verkündeten die Zeitungen die sich damals ein gut
Teil eingehender mit dergleichen Dingen beschäftigten als in unseren
vielbewegten Tagen der Intendant der königlichen Bühne habe die junge
Künstlerin welche seit Kurzem in dem AlbertTheater so gefeiert wurde sofort
geworben und gewonnen da es aber entscheidenden Orts für unpassend erachtet
sei einen Stern wenn er auch noch so sehr glänze ohne Übergang aus einer
relativ niederen Sphäre in die hohe der königlichen Bühne zu versetzen habe man
dem Fräulein Bellini sofort einen mehrmonatlichen Urlaub erteilt den sie zur
Ausfüllung gewisser Lücken ihres Repertoirs und zu noch sorgfältigerer Schulung
ihres eminenten Talentes anwenden solle und sie habe dieserhalb eine Reise nach
Paris angetreten zugleich andere Blätter sagten in Begleitung mit dem
bisherigen ersten Liebhaber vom AlbertTheater Herrn Lenz welcher ebenfalls
für die königliche Bühne geworben war oder sagten andere Blätter hatte
geworben werden müssen weil die ebenso eigensinnige als schöne Bellini das
Engagement des genannten Herrn zur Bedingung ihres eigenen Engagements gemacht
hatte Bei dieser Gelegenheit brachten die Blätter auch die interessante
Mitteilung dass der genannte Herr Lenz eigentlich von Sommer heiße und der Sohn
eines hohen Beamten des Ministers sagten andere Blätter eines kleinen
Nachbarstaates sei Auch die Herkunft der schönen Bellini solle in höhere
Regionen weisen aber man sei bis jetzt nicht im Stande die Diskretion
verbiete sagten andere Blätter den geheimnisvollen Schleier zu lüften
Ich atmete hoch auf wie ein Furchtsamer wenn die Glocke Eins schlägt Das
Gespenst mag in der nächsten Nacht wieder kommen aber drei und zwanzig Stunden
hat er wenigstens Ruhe Ich konnte ein paar Monate lang sicher sein ihr nicht
zu begegnen ich konnte des Abends wenn ich von Paula kam durch die Straßen
gehen in welcher sie wohnte ohne die Fensterreihe ihrer Wohnung erleuchtet
oder ein paar Wagen mit hellen Laternen und mit Livreebedienten vor ihrer Tür
halten zu sehen Ja die Nacht war für diesmal zu Ende die kalte böse
spukhafte Winternacht es war wieder Morgen es war wieder Frühling
Elftes Kapitel
Es war wieder Frühling der erste Frühling seit neun Jahren den ich als freier
Mann begrüßte Zwar auch im Gefängnisse hatte er sich mir in lieblicher Gestalt
gezeigt ich gedachte mit Freuden der schönen Morgen die ich in dem großen
Directorgarten verlebt und wie ich auf dem Belvedere gestanden und an der hohen
Bastion rechts vorbei auf das Stück Meer geblickt hatte welches unter dem
lichten Frühlingshimmel zu mir herübergrüsste Doch war diese Freude niemals ohne
einen Beigeschmack von Wehmut gewesen wie der Gruß eines lieben Freundes der
uns die wir auf dem Ufer stehen vom Bord eines stromfahrenden Dampfers winkt
Grüß Dich Gott und Dich Ein Wort herüber und hinüber und der Wunsch
mitfahren zu können weit so weit und dann still und ernst nach Haus gehen
müssen an die stille ernste Arbeit
Das war nun doch hier anders anders und schöner obgleich der lauschige
große Garten fehlte und mein liebes Meer Aber dafür waren auch die Mauern nicht
da und die verriegelten Tore und es war kein flüchtiger Gruß den der
Frühling und ich uns von fern zuriefen worauf ich ihn ziehen lassen musste in
die fernen Lande während ich selbst zurückblieb Jetzt war es ein Händedrücken
und ein freudiges Umarmen Wie schön dass Du wieder da bist Und Du bleibst doch
ein wenig Ich habe keine Eile Das ist herrlich Jetzt muss ich an die
Arbeit Aber heut Abend Gewiss heut Abend sehen wir uns wieder
Und ich sah den Freund am Abend wieder wenn ich nach der Arbeit noch eine
Stunde umherschweifte in den entferntesten Teilen des großen Stadtparks wohin
selten Jemand kam und wo in den knospenden Büschen die Nachtigall ihre süßen
Lieder sang Und ich sah ihn wieder wenn ich am Morgen noch vor Aufgang der
Sonne auf meinem Balcon stand und nach Osten schaute wo über dem Gewimmel der
Dächer und Schornsteine der östliche Himmel mit Purpurwolken umsäumt war und
eine Stunde später wenn ich zur Arbeit ging die ersten Strahlen auf die Giebel
der alten verräucherten Fabrikgebäude fielen die Sperlinge auf den
Regentraufen und in den Mauerlöchern zwitscherten und die ersten Schwalben über
den Maschinenhof schossen so lustig und emsig als wäre der schwarze zollhohe
Kohlenstaub das klarste durchsichtigste Wasser
Ja der Frühling war wieder da ich fühlte seinen warmen Atem mir Stirn und
Wangen umspielen und fühlte seinen Kuss auf meinem Munde und ich sprach bei mir
selbst Es wird noch Alles gut werden Ist doch so viel Schnee der in den
Winternächten gefallen weggetaut vor dem milden Hauch des Freundes und das
Eis das in jenen Nächten gefroren ist geschmolzen sollte da der Reif nicht
verschwinden der auch in ein paar Winternächten auf Dein Herz gefallen ist
Frühling du lieber linder und Arbeit du strenge ernste was könnte euch
Widerstand leisten wenn ihr Beide Hand in Hand geht und welches Herz sollte
nicht wieder mutig schlagen das ihr Beide ganz erfüllt habt
Und ich warf mich in die ausgebreiteten Arme des Frühlings und ich fasste
der Arbeit schwielige treue Hand und ich fand bis auf ein weniges die alte
Kraft und das alte Selbstvertrauen wieder
Bis auf ein weniges aber das würde sich ja wohl noch finden
Es gab jetzt Arbeit genug in unserer Fabrik und es hätte noch viel mehr
gegeben wenn der Kommerzienrat sich hätte entschließen können auch den Bau
von Locomotiven zu übernehmen Die Frage war von der äußersten Wichtigkeit ja
nach meiner Meinung fiel sie direkt mit der Frage der Existenz zum wenigsten
eines wirklichen Gedeihens der Fabrik zusammen Wenn die Fabrik sich in dieser
Branche nicht den Forderungen der Zeit bequemte war es um ihren wohlverdienten
Ruf geschehen Andere Fabriken die vielleicht weniger günstig situirt waren
als die unsrige würden sich mit Macht auf den neuen Zweig werfen uns
überflügeln voraussichtlich für immer denn wenn irgend wo so ist in der
Industrie Stillstand nicht wieder einzubringender Rückschritt Merkwürdigerweise
sträubte sich der sonst so intelligente unternehmende Mann gegen einen
Entschluss der freilich ohne die größten Anstrengungen Umwälzungen gewiss auch
nicht ohne manche momentane Opfer ins Werk zu setzen war Es mussten neue
Maschinen angeschafft es musste die Dampfkraft gesteigert das Personal der
Bureaux die Zahl der Arbeiter vermehrt werden es waren neue Gebäude
aufzuführen was nicht geschehen konnte wenn man nicht mit dem längst in Frage
stehenden Ankauf des Areals auf welchem ich wohnte Ernst machte Das Alles
erforderte um es auszuführen viel Geld eine große Einsicht einen raschen
Entschluss
Nun fehlte es zwar dem Kommerzienrat in der Meinung der Leute wenigstens
nicht an Geld aber mit der Einsicht und dem Entschluss schien es nicht ebenso
wohl bestellt zu sein Alle die etwas von der Sache verstanden der Director
der Anstalt ein einfacher aber braver Mann mit dem ich in
ArbeiterAngelegenheiten wiederholt freundlich verkehrt hatte die jungen Herren
vom technischen Bureau der Obermeister selbst Klaus alle waren sie
ungeduldig und unzufrieden mit ihrem Chef der immer noch mit dem entscheidenden
Wort zurückhielt trotzdem jede Woche die ungenutzt verstrich ein
unwiderbringlicher Verlust war Aber vielleicht war Niemand ungeduldiger und
unzufriedener als ich
Ich hatte die glänzende junge Geschichte der Eisenbahnen in England in
Belgien sorgfältig studiert und war überzeugt dass das Eisenbahnwesen sich auch
bei uns in ungeahnten colossalen Dimensionen entwickeln mithin der Bedarf an
Locomotiven ins Ungeheure wachsen würde Dazu kam dass die Locomotive die
Lieblingsmaschine meines teuren Lehrers gewesen war der in seiner genialen
Weise mit seinen beschränkten Mitteln manche kühne Erfindung welche die Zeit
nachträglich bestätigte vorausgeahnt und in seinen Modellen dargestellt hatte
Mir war das Glück zu Teil geworden ihm bei seinen teoretischen Arbeiten bei
dem Konstruiren seiner Modelle helfen zu dürfen und mir glühte der Kopf jetzt
wo ich sah dass ins Leben treten musste und wollte was in der stillen Zelle des
Denkers bereits zur Wahrheit geworden So mag einem Rennpferd zu Mute sein das
die Bahn die es durchfliegen soll vor sich sieht und noch immer zurückgehalten
wird wie es auch in das Gebiss knirscht und mit den Hufen scharrt Ich sann und
sann wie es möglich sei den verhängnisvollen Widerstand zu durchbrechen
Endlich erschien mir dies das Beste ich wollte ein Promemoria aufsetzen in
welchem ich ausführlich die Gründe entwickelte die eine Erweiterung der Fabrik
unabweislich machten zugleich den Plan wie diese Erweiterung ausgeführt werden
könne Dieses Schriftstück sollte dem Kommerzienrat geschickt werden für den
eine solche Mahnung doch hoffentlich nicht vergeblich sein würde Der Doctor
dem ich meinen Plan mitteilte missbilligte denselben nicht geradezu ging aber
keineswegs mit der Wärme darauf ein auf die ich gehofft hatte Allerdings war
er nicht im Stande sich die teoretische Notwendigkeit klar zu machen auch
teilte er natürlich meine Leidenschaft für die Locomotive nicht aber es konnte
ihm unmöglich entgehen dass auf dem von mir angebahnten Wege hunderten und aber
hunderten von Arbeitern Brod verschafft werden würde und das war ihm doch sonst
die Hauptsache Dafür drang er abermals in mich sein Anerbieten zu acceptiren
und selbst mit seinem Gelde ein Etablissement zu errichten und es wäre fast
wieder zwischen uns zum Bruche gekommen als ich zum zweiten Male mich weigern
zu müssen glaubte von seiner Großmut Gebrauch zu machen Aber wie durfte ich
ihn dessen ganzes Leben ein einziges Opfer für die Armen und Elenden war der
Mittel berauben welche er so zweckmäßige verwendete Wenn mein Unternehmen fehl
schlug und es konnte doch fehl schlagen nein es musste anderes Geld sein
mit welchem ich meine Pläne ins Werk setzte Aber woher es nehmen ohne es zu
stehlen oder auf die Ankunft der javanesischen Tante zu warten deren baldige
Ankunft für Klaus und Christel ein Artikel unbedingten Glaubens war Da mussten
sich denn freilich meine Gedanken immer wieder auf den Kommerzienrat lenken
und eines Abends fing ich an mein Promemoria zu schreiben und vollendete es in
sechs aufeinanderfolgenden Nächten
Aber als es fertig war kam mir ein neues schweres Bedenken Unterzeichnete
ich den Aufsatz mit meinem Namen so war es mit meinem Incognito vorbei und die
Sache stand kaum anders wenn ich ihn nicht unterzeichnete Das Schriftchen
konnte nur Jemand verfasst haben der in der Streberschen Fabrik vollkommen
Bescheid wusste Der Kommerzienrat würde jedenfalls sich nach dem Autor
erkundigen es würde ein Hin und Herreden geben das schließlich doch wohl auf
den Autor führte der dann ganz unnötiger Weise und vielleicht nur zum Schaden
der Sache Versteck gespielt hatte
Es war ein verzweifelter Fall und ich ging Tage lang wie im Traume umher
immer nur an den unglücklichen Aufsatz denkend der fertig in meiner Stube auf
dem Tische lag und der nun eben so gut hätte ungeschrieben bleiben können
»Aber Du musst Dich wirklich entscheiden« sagte Paula »und hier kann
eigentlich gar keine Frage sein wie Du Dich entscheiden musst«
Ich hatte aus einer erklärlichen Scheu was mich jetzt so sehr bedrückte
Paula gegenüber nicht erwähnt aber vor Kurt der jetzt unter Klaus Leitung in
der Fabrik arbeitete und fast jeden Abend wenn er von der Arbeit kam eine
Stunde bei mir zubrachte hatte mein Vorhaben kein Geheimnis bleiben können und
er hatte es der Schwester mitgeteilt
»Du darfst deshalb nicht böse auf Kurt sein« sagte Paula »er kann sich
nicht denken dass Du dergleichen vor Deiner Schwester geheim hältst«
»Und hast Du denn keine Geheimnisse vor mir« erwiderte ich
»Wie meinst Du« antwortete Paula indem sie mir nicht ohne einige
Unsicherheit in die Augen blickte
Ich mochte nicht weiter gehen denn ich hätte sonst auf den bedenklichen
Punkt kommen müssen um welchen ich bis jetzt immer sogfältig herumgegangen war
ob die Korrespondenz Paulas und Herminens sich zeitweilig auch mit mir
beschäftigte So murmelte ich denn eine unverständliche Erwiderung und brachte
das Gespräch auf meine Pläne meine Hoffnungen und Wünsche in Bezug der Fabrik
zurück
»Du hast mir in letzterer Zeit so wenig von dem was in Deiner Welt vorgeht
mitgeteilt ich bin gar nicht mehr orientirt Lass mich doch Deine Abhandlung
lesen gib sie Kurt heute Abend mit«
Das war an einem Sonntag gewesen in der folgenden Woche hatte es viel
Arbeit in der Fabrik und besonders für mich gegeben Für einen Kreidebruch den
der Kommerzienrat neben so manchen anderen industriellen Unternehmungen auf
Zehrendorf angelegt hatte war in unserer Fabrik eine große Maschine von eigener
Konstruction gebaut worden Ich war bei der Montage der Maschine beschäftigt
gewesen Alles war der Ordnung gemäß vor sich gegangen Die Grundplatte war nach
der Wasserwage genau horizontal gelegt worden die untere Fläche war nicht genau
genug gehobelt gewesen und man hatte nachgeholfen die Schwungradwelle war
gelegt die Lagen waren regulirt die Löcher gebohrt die Maschine war so weit
fertig dass nur noch die Zusammenfügung der Steuerungsteile und die Regulirung
des Dampfschiebers notwendig war Auch dies war geschehen aber als der
Monteur in die Schwungradwelle greifend die Maschine probeweise in Bewegung
setzen wollte stellte es sich heraus dass der Schieber eine falsche Bewegung
machte Der Monteur und ich sahen uns bedenklich an wir verglichen auf das
Sorgfältigste die Dimensionen der verschiedenen Teile mit den in der Zeichnung
angegebenen Massen fanden aber keinerlei Differenz
»Da sollte doch gleich das Donnerwetter drein schlagen« sagte der Monteur
»Was gibt es denn« fragte der Obermeister Roland der eben herantrat
Der Obermeister Roland war ein cyclopenhafter Mann dem das linke Bein vor
Jahren von einer Maschine gebrochen war und der in Folge dessen hinkte worauf
er sich nicht wenig zu gute tat nachdem er einmal gehört dass der Gott seines
Handwerks der alte Vulcanus mit demselben Gebrechen behaftet gewesen sei Der
Obermeister Roland hatte überhaupt eine so gute Meinung von sich dass unter dem
weit überhängenden Strohdach seines dicken Schnurrbartes um den linken
Mundwinkel beständig ein überlegenes Lächeln spielte welches von Zeit zu Zeit
in den dichten Urwald seines struppigen Kinn und Backenbartes schlüpfte um
dort vermutlich ungesehen weiter zu spielen
Der Obermeister Roland blickte nachdem ihm der Fall vorgelegt war den
Monteur mich und zwei andere Arbeiter die noch zugegen waren der Reihe nach
an ließ das sonnige UrwaldsLächeln unter dem Strohdach munter spielen und
sagte dann »Nun dann steckt irgendwo ein Fehler in der Ausführung geben Sie
mir einmal die Zeichnungen«
Herr Roland verwechselte übrigens consequent den dritten mit dem vierten
Fall und umgekehrt er behauptete in gemütlichen Stunden dass seit Blücher ja
wahrscheinlich schon seit undenklichen Zeiten alle großen Männer in Deutschland
dieselbe liebenswürdige Schwäche gehabt hätten
Herr Roland fing an die Masse zu vergleichen gerade wie wir es bevor er
dazu kam getan hatten aber je länger die Vergleichung dauerte ohne dass ein
Resultat zu Tage kam je matter wurde das sonnige Lächeln und es war gänzlich in
dem Urwald verschwunden als er eine Viertelstunde später mit den Zeichnungen in
der Hand zum Maschinenhaus hinaus in das technische Bureau ging und unter dem
Strohdach hervor mit ärgerlicher Stimme brummte »Da muss irgend ein Fehler in
den verdammten Zeichnungen sein«
Ich war bereits nicht mehr der Meinung die ich anfänglich allerdings auch
gehabt hatte Mir dämmerte der Verdacht auf dass die Zeichnungen freilich
richtig und eine Differenz der Masse auch nicht vorhanden sei die Sache vielmehr
tiefer stecke
So stand ich denn mit über der Brust verkreuzten Armen während der Monteur
die Hilfsarbeiter und noch einige Andere die hinzugetreten waren denn die
Feierabendstunde war bereits angebrochen den bösen Fall auf ihre Weise
ventilirten Da sollte an der ExpansionsSchiebestange ein Gewinde mit falscher
Steigung eingeschnitten sein und auf welche Vermutungen diese eifrigen und
ernsten Männer sonst gerieten
»Die Sache wird sehr einfach sein« sagte Herr Windfang vom technischen
Bureau welcher eben mit dem betrübten Obermeister herantrat
Herr Windfang hatte gar nichts Cyclopenhaftes im Gegenteil er war ein
feiner junger Herr der auch durchaus nicht hinkte und bei welchem
selbstverständlich das Verhältnis des dritten zum vierten Fall vollständig
geregelt war
»Die Sache wird sehr einfach sein« wiederholte Herr Windfang »lassen Sie
einmal Probe drehen«
Es wurde ich weiß nicht zum wie vielten Male Probe gedreht und der
abscheuliche Schieber blieb in unbegreiflicher Hartnäckigkeit dabei seine
falsche Bewegung zu machen
»Geben Sie mir die Zeichnungen« sagte Herr Windfang »ja so ich habe sie
schon hier der Fehler muss in der Ausführung stecken«
Während dieselben Untersuchungen und Messungen noch einmal angestellt
wurden die der Monteur und ich vorhin schon angestellt hatten war ich meiner
Sache so gewiss geworden dass ich als Herr Windfang mit einem sehr verblüfften
Gesicht Herrn Roland und Herr Roland mit einem schwachen Schimmer des sonnigen
Lächelns um den linken Mundwinkel Herrn Windfang ansah ich mich nicht länger
halten konnte und sagte »Das Vergleichen hilft uns nichts die Masse stimmen
der Fehler ist so nicht herauszubringen denn er ist ein KonstructionsFehler
und steckt im SteuerungsMechanismus«
Ein so kühnes Wort konnte nicht verfehlen die Blicke aller Anwesenden auf
mich zu lenken Der junge Herr Windfang nahm mit den Augen mein Maß von unten
bis oben und dann von oben bis unten was da er ziemlich klein war einige Zeit
erforderte in dem Urwald des Rolandschen Backenbartes spielte unter dem
Schutze des Strohdaches das bewusste Lächeln bereits recht munter Wenn die Sache
sich so verhielt wie ich sagte so traf weder ihn noch einen seiner
Untergebenen die Schuld welche in das technische Bureau zurückfiel was unter
allen Umständen für das Herz eines braven Obermeisters eine erfreuliche Wendung
ist der Monteur der große Stücke auf mich hielt nickte mit dem Kopfe als
wenn er sagen wollte da habt Ihrs die Arbeiter sahen sich an und lächelten
»Wie können Sie so etwas sagen Herr« rief Herr Windfang indem er sich vor
mich hinstellte und in möglichster Schnelligkeit mir noch einmal das Maß mit den
Augen nahm
»Weil ich überzeugt bin dass es sich so verhält« antwortete ich ruhig
»Das ist eine Arroganz Herr« schrie der Ingenieur
»Aber Sie und die anderen Herren sind doch nicht unfehlbar wie der Papst zu
Rom« erwiderte ich
Hier lachten die Leute laut heraus
»Wir werden uns wieder sprechen« rief Herr Windfang
»Ja das werden wir« erwiderte ich
Der kleine cholerische Herr lief zornentbrannt zum Maschinenhause hinaus
aber der Obermeister schüttelte mir die Hand und sagte »Ich danke Ihnen
Hartwig Sie haben es ihm ordentlich gegeben« und die Leute begleiteten mich
bis über den Hof laut auf mich einsprechend und mir auf jede Weise zu erkennen
gebend dass meine Sache auch die ihre sei Klaus und Kurt die aus einer anderen
Werkstatt kamen traten gleichfalls heran Sie hatten eben von dem großen
Streit der zwischen mir und dem technischen Bureau entbrannt war gehört und
sie verlangten zu wissen wie die Sache stehe Ich gab ihnen notdürftig
Bescheid denn es drängte mich nach Hause zu kommen den hingeworfenen
Handschuh zu verfechten Ich hatte sämtliche Zeichnungen und Masse der Maschine
um die es sich handelte und an welcher ich von den ersten und rohesten Arbeiten
an mitgearbeitet hatte An literarischen Hilfsmitteln fehlte es mir auch nicht
auf der Lampe war Öl in dem Kamine glühte ein Kohlenfeuer der Nachtkühle zu
wehren
Und so saß ich denn die kühle Frühlingsnacht hindurch mit brennender Stirn
und glühenden Augen messend rechnend vergleichend und construirend und als
über dem Gewimmel der Dächer und Schornsteine die ersten rosigen Morgenwolken
sich zeigten hatte ich gefunden was ich suchte unverlierbar mit
unwiderleglichen Formeln und Zahlen Da lag es auf dem Tische in einer sauberen
Zeichnung mit eingeschriebenen Massen und da stand es in meinem Kopf und aus dem
Kopf zog der Sieg hinab in mein Herz das stark und kühn gegen die Rippen schlug
und schier übermütig zu pochen anfing Aber ich sagte sei ruhig Herz Du
verdankst doch schließlich Alles ihm Und es war mir als ob aus der rosigen
Dämmerung das verklärte Antlitz meines Freundes und Lehrers auf mich
herabschaute und die Tränen kamen mir in die Augen Dann ging ich still in
mein Zimmer zurück warf mich auf mein Lager und schlief ein oder anderthalb
Stunden einen so tiefen süßen Schlaf wie ich je im Leben geschlafen
»Nun wie stehts Malaye« fragten meine Kollegen als ich auf dem Platze
erschien
»Nun wie stehts Hartwig« fragte der Obermeister der bereits wieder
ohne zu lächeln vor der unglücklichen Maschine stand
»Nun wie stehts Georg« fragten Klaus und Kurt die aus ihrer Werkstatt
herübergekommen waren
»Die Sache ist die« sagte ich
Und ich trat an die Maschine und begann einen kleinen Vortrag in welchem
ich das Resultat meiner nächtlichen Arbeit ich glaube in klarer bündiger
Weise darzulegen wusste denn es hörten Alle mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
zu und auf den Gesichtern meiner Zuhörer wurde es heller und heller bis als
ich meinen Vortrag beendet Kurt in die Hände klatschte Klaus mit unsäglichem
Stolz um sich blickte die Leute sich mit bedeutsamen Mienen einander zunickten
und der Obermeister Roland mit einem wahrhaft sonnigen Lächeln unter dem
Strohdach mir die Hand reichte und sagte »Immer drauf mein Sohn immer drauf
wir wollen es ihnen schon geben«
»Du sollst einmal zum Director kommen Malaye« meldete der Bureaudiener
der herantrat
Meine Zuhörerschaft blickte sich bedenklich in die Augen
»Immer drauf mein Sohn« sagte der Obermeister »gib es ihnen«
Der Director Herr Berg war allein in seinem an das technische Bureau
grenzenden Arbeitszimmer Er schien mich mit einiger Ungeduld erwartet zu haben
»Ich habe gehört Hartwig« sagte er »dass Sie den Fehler an der neuen
Maschine entdeckt haben wollen Obgleich mir das nun mehr als zweifelhaft
erscheint so findet denn auch manchmal Euer Einer etwas wonach die Anderen
tagelang vergeblich suchen Ich habe selbst von der Pike auf gedient und kenne
das Was glauben Sie denn nun was es ist«
»Ich glaube es nicht mehr Herr Director seit einer Stunde weiß ich es«
sagte ich
Ich sagte es ohne jede Überhebung ganz bescheiden und ganz bescheiden
nahm ich meine Berechnung und Zeichnung aus der Tasche und fing an dieselbe dem
Director zu erläutern Der Fall war ziemlich complicirt und die Rechnung nicht
minder und die Formeln die zur Anwendung kamen nicht sehr einfach In meinem
Eifer dachte ich gar nicht daran dass ich indem ich so meine Weisheit
auskramte das so lange und streng festgehaltene Incognito fallen ließ und
wurde erst durch die sonderbare Miene aufmerksam gemacht mit welcher der
Director mich anblickte Der Mann stand da und sah so verwundert aus wie der
arme Menelaus ausgesehen haben mag als sich vor seinen Augen und unter seinen
Händen der rätselhafte Meergreis in einen bärtigen Leuen des Gebirges
verwandelte
»Um Gottes willen Herr wie kommen Sie denn dazu« rief er endlich als er
wieder Worte finden konnte
»Aber Sie haben mir ja selbst gesagt Herr Director dass Sie von der Pike
aus gedient haben und da wissen Sie doch wie man bei einigem Fleiß und einiger
Aufmerksamkeit zu dergleichen kommt«
Herr Berg sah mich mit einer Miene an aus der erklärlich zu lesen war dass
er für den Augenblick nicht wusste was er aus mir machen sollte Er fasste sich
indessen als ein verständiger Mann und sagte »ich möge ihm die Zeichnung und
die Ausarbeitung ein wenig dalassen er gäbe mir sein Ehrenwort dass Niemand
außer ihm dieselbe zu sehen bekommen werde wenn ich das Rechte gefunden solle
mir der Ruhm verbleiben unterdessen würden ja auch wohl die Herren vom
technischen Bureau mit ihrer Ansicht hervortreten«
Aber es währte ein zwei drei Tage bis dies geschah es währte so lange
dass die ganze Fabrik in ein Fieber der Erwartung hineingeriet Von dem
Obermeister bis zu dem letzten Mann der den schweren Zuschläger schwang wussten
Alle dass der Malaye aus der Schlosserwerkstatt herausgefunden habe wo der
Fehler in der neuen Maschine stecke und dass die Herren vom technischen Bureau
schon seit drei Tagen rechneten und ihn nicht finden könnten und dass Klaus
Pinnow gesagt er wolle seinen Kopf verwetten der Malaye werde gewinnen und
dass der junge Herr von Zehren der bei Klaus Pinnow in der Werkstatt lerne zu
Herrn Windfang mit dem er übrigens sonst sehr befreundet war geäußert Es
sei ein großer Leichtsinn seinen Kopf gegen das technische Bureau zu verwetten
da dasselbe obgleich es aus sechs Köpfen bestehe keinen dagegen einzusetzen
habe
So kam der Sonnabend heran Die unglückliche Maschine stand noch immer
unberührt da eine eigensinnige Sphinx die vorläufig Niemandem als mir ihr
Rätsel gesagt hatte Wir hatten eine andere Arbeit vorgenommen aber die Leute
schafften nicht so fleißig wie sonst wohl Ist es doch dem Menschen eingeboren
dass er nicht gern an etwas Neues geht bevor das Alte abgetan ist und da lag
etwas hinter den Leuten was noch nicht abgetan war
»Sie möchten einmal zum Director kommen Herr Hartwig« sagte der
Bureaudiener der herzutrat
Die Leute blickten von ihrer Arbeit auf augenscheinlich verwundert dass aus
dem Malayen plötzlich ein »Herr Hartwig« geworden war Sie sahen sich einander
an ein Jeder fühlte dass jetzt die Entscheidung da sei und der Obermeister
Roland der zufällig durch den Raum ging trat mit feierlich hinkendem Schritt
auf mich zu reichte mir seine CyclopenHand und sagte »Immer drauf mein
Sohn immer drauf gib es ihnen gib es ihnen tüchtig«
Mit diesem Segen ausgerüstet erschien ich eine Minute später in dem Zimmer
des Directors der sich bei meinem Eintreten von seinem Zeichnentisch
aufrichtete mir entgegenkam und die Hand bot Seine Hand schien mir etwas
nervös und die ehrliche Miene des Mannes drückte eine nicht geringe Verlegenheit
aus
»Ich gratulire Ihnen Herr Hartwig« sagte er »Sie haben Recht gehabt Ich
habe schon seit drei Tagen nicht daran gezweifelt aber freilich wenn Einer das
Ei hingestellt hat weiß der Andere auch wie man es machen muss Und dann war
ich gar nicht sicher ob ich es selbst herausgefunden haben würde So war es
denn recht und billig dass ich die Herren vom Bureau erst einmal ihr Heil
versuchen ließ Nun es hat lange gedauert bis sie damit zu Stande gekommen
sind und schließlich ist Ihre Berechnung gerade dreimal so einfach als die der
Herren Ich habe ihnen schon ein wenig die Köpfe gewaschen Jetzt sitzen sie da
und lassen sie hangen«
Der bescheidene Mann ließ seinen Kopf auch ein wenig hangen
»Nun Herr Director« sagte ich »es ist ja gut dass der Fehler entdeckt
ist wer ihn entdeckt hat darauf kommt ja schließlich wenig an«
»Erlauben Sie Herr Hartwig« sagte der Director »ich bin anderer Meinung
Es kann für den Director einer Anstalt wie diese nicht gleichgültig sein ob
die Aufgaben des technischen Bureaus im Bureau oder in der Maschinenwerkstatt
gelöst werden Denn die Hauptsache ist doch dass Jeder an der Stelle steht wo
er hingehört und nach dieser Probe hier« der Direktor legte seine Hand auf
die vor ihm liegende Zeichnung »bedarf es ja wohl keines weiteren Beweises
dass Sie sich in einer verzweifelt falschen Stellung befunden haben«
»Aber Herr Director« sagte ich »das ist denn doch schließlich meine
Schuld es pflegt Jeder so zu liegen wie er sich bettet«
»Ja« sagte der Director »das ist auch mein Trost aber lieber wäre es mir
doch gewesen wenn Sie mir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt hätten Ich
könnte dann die Nase die mir der Herr Kommerzienrat heute geschickt hat mit
Protest zurückschicken Da lesen Sie einmal«
Ich nahm das Blatt welches mir der Director reichte und überflog einen
etwa vier Seiten langen Brief in welchem der arme Herr mit allen möglichen
Vorwürfen überschüttet wurde weil er einen Menschen wie mich dessen
matematisches und technisches Genie von ihm dem Kommerzienrat längst
gekannt sei in der Fabrik gehabt und ihm davon keine sofortige Meldung gemacht
habe »und schließlich Herr Director wenn Sie die wichtigsten Ereignisse
verschweigen zu dürfen glauben so wäre es wenigstens Ihre verdammte Pflicht und
Schuldigkeit gewesen meinem jungen Freunde eine seinen Fähigkeiten angemessene
Stellung einzuräumen oder fürchteten Sie vielleicht dass diese Stellung keine
andere sein würde als Ihre eigene Stellung mein Herr Director«
»Aber das ist unwürdig« rief ich den Brief auf den Tisch werfend
Der brave Mann schüttelte den Kopf »Er meint es nicht so schlimm« sagte
er »und wenn auch unser Einer ist daran gewohnt lesen Sie nur weiter«
»Ich mag nichts mehr lesen« sagte ich
»Doch Sie müssen« entgegnete der Director »das Wichtigste kommt noch
sehen Sie hier Unter diesen Umständen gibt es für meinen jungen Freund nur eine
Genugtuung Diese besteht darin, erstens dass Sie ihn sofort in das technische
Bureau befördern zweitens das Sie ihn in meinem Namen bitten die Aufstellung
der Maschine für den Kreidebruch auf Zehrendorf an Ort und Stelle zu überwachen
Ich habe dieserhalb auch an ihn selbst geschrieben«
»Nun« sagte der Director mit gutmütigem Lächeln »was den ersten Punkt
betrifft so haben Sie sich ja durch Ihre Arbeit selbst einen Platz im
technischen Bureau erobert und was das Zweite angeht so tun Sie mir einen
speciellen Gefallen den Sie mir der Nase wegen Sie wissen was ich meine
vielleicht schuldig sind wenn Sie den Auftrag nach Zehrendorf zu gehen ich
wollte eigentlich Herrn Windfang schicken acceptiren Die Umänderung der
Maschine wird doch eine Woche in Anspruch nehmen und wie ich den Kommerzienrat
kenne riskire ich durch diese Verzögerung meine Stelle findet sich nicht ein
Freund der ein gutes Wort für mich spricht Und nun gehen Sie sofort nach Haus
Sie werden Manches zu besorgen haben und Sie müssen heute Abend mit dem letzten
Zuge fort ich komme aber noch vorher zu Ihnen«
Der Director schüttelte mir kräftig die Hand und ich ging nach Hause in der
seltsamsten Stimmung von der Welt
Zwölftes Kapitel
Und diese Stimmung wurde noch gesteigert als ich nach Hause kommend einen
Brief des Kommerzienrates aus Zehrendorf auf meinem Tische fand
»Lieber junger Freund O diese Weiber diese Weiber So eben erfahre ich
was Sie mir ein halbes Jahr lang verschwiegen haben dass Sie bereits seit eben
so lange wie Simson unter den Philistern in meiner Fabrik arbeiten Habe ich
nicht schon als ich Sie zuletzt im Hause meines unvergesslichen verewigten
Freundes sah Sie gebeten und wieder gebeten Sie möchten es mich wissen lassen
sobald Sie frei wären Warum haben Sie es nicht getan warum Ihr Licht so lange
unter den Scheffel gestellt Das haben Sie nun freilich von jeher getan aber
um so mehr ist es Zeit dass Sie Ihr Licht leuchten lassen vor den Leuten
vorläufig vor mir Kommen Sie deshalb so schnell als möglich hierher Ich habe
eine Menge Dinge mit Ihnen zu besprechen so wohl hiesige als Fabriksachen
welche Sie ja wie ich leider erst seit heute weiß aus dem Grunde diese Worte
waren unterstrichen verstehen Sie werden hier hoffentlich ein paar gute Tage
verleben unter lauter guten alten Bekannten von denen keiner älter ist und es
besser mit Ihnen meint als Ihr ganz ergebenster Philipp August Streber«
Ich ließ den Brief welcher in einer großen runden hier und da bereits
etwas zitternden Kaufmannshand geschrieben war auf den Tisch fallen und ging
in tiefstes Erstaunen verloren in meinem Zimmer auf und ab Woher in aller Welt
wusste der Mann dass ich hier war dass ich von diesen Dingen etwas verstand von
wem wusste er es Es gab ja doch nur eine Möglichkeit Aber weshalb
»Aber weshalb mich mit allen diesen Weshalb quälen« rief ich ergriff
meinen Hut und eilte den langen Weg in Paulas Wohnung
»Wir sind heute Morgen ein wenig nervös« flüsterte mir mein alter Freund
zu als wir vor der Tür zu Paulas Atelier standen
»Sie wissen nicht was es ist« fragte ich in demselben Ton
Der würdige Mann schüttelte jenes Haupt das nach seiner Meinung in der
modernen Kunstgeschichte eine so große Rolle spielte und sagte »Man müsste
sieben Sinne haben wie ein Bär wenn man immer wissen sollte was denen lieben
Geschöpfen im Herzen steckt«
Damit öffnete er mir die Tür Paula war wie mir bereits Süssmilch gesagt
hatte allein Sie legte schnell Pinsel und Palette weg und kam auf mich zu
mir schon von weitem die Hand entgegenstreckend Ich sah auf den ersten Blick
dass sie geweint hatte und obgleich ihre Wangen in diesem Augenblick in
lebhaftem Rot aufglühten erschien sie mir trotzdem bleich und angegriffen
»Du hast mich erwartet Paula« sagte ich ihre Hand in der meinen
behaltend
»Ja« sagte sie »und da Du außer der Zeit kommst denke ich weißt Du auch
weshalb ich Dich erwartet habe«
»Nicht wahr Paula« sagte ich »Du hast dies so getan«
»Ja« sagte sie
Sie sah mir groß in die Augen Ihr Blick hatte wieder jenen seltsamen halb
wehmütigen halb zornigen Ausdruck den ich nur einmal wahrgenommen an dem
Morgen des verhängnisvollen Tages als sie an dem Belvedere das der Sturm
zusammengeworfen sich aus meinen Armen löste in denen ich sie hatte schützen
wollen Es war eine Erinnerung die mich mit einer unbestimmten Furcht erfüllte
die mich so befangen machte dass ich vor diesen großen herrlichen Augen meine
eigenen Augen senken musste
Aber als ich aufschaute war der seltsame Ausdruck aus ihren Augen
verschwunden und ihre Stimme war sanft wie immer als sie mich wieder bei der
Hand ergreifend und zu einem kleinen Sopha führend sagte
»Komm lass uns sitzen und recht ruhig und klug wie es sich für Geschwister
schickt überlegen was wir tun wollen«
»Hat man dort immer gewusst dass ich hier war Paula« sagte ich
»Ja« erwiderte sie »und ich hätte Dir Alles gesagt sobald Du mich
gefragt hättest aber Du hast mich nicht gefragt es war ein kleines Geheimnis
das Du obgleich ganz unnötigerweise vor Dir selbst haben zu müssen glaubtest
ein unschuldiges Versteckspielen wie es wohl Jeder einmal mit sich spielt Sie
hat auch Versteck gespielt ich sollte Dir durchaus nicht sagen dass sie den
Richard Löwenherz um jeden Preis haben musste und dass sie sich in jedem Briefe
nach Dir erkundigt Und auch ihr habe ich gesagt dass ich nur so lange schweigen
würde als Du nicht fragtest Der Kommerzienrat aber hat es glaube ich
wirklich nicht gewusst obgleich man ihm nicht recht trauen kann Denn dass er
jetzt wie er mir selbst schreibt so eifrig nach Dir verlangt ist kein Beweis
er braucht Dich eben«
»Du hast mein Promemoria an ihn geschickt« fragte ich
»Das war abscheulich nicht« sagte Paula mit bleichen Lippen lächelnd
»aber ich musste tun was Du zu tun Dich scheutest vielleicht selbst nicht
tun konntest musste es auf die Gefahr Deiner Ungnade hin denn hier stand
soviel ich sehen konnte Deine ganze Zukunft auf dem Spiel«
»Meine ganze Zukunft«
»Kaum weniger als das eher noch etwas mehr denn Du musst wissen Georg ich
bin stolz ans Dich und überzeugt dass Dir nur die Mittel fehlen um in Deinem
Fach etwas ganz Bedeutendes zu leisten Der Kommerzienrat hat die Mittel Du
musst sie ihn anwenden lehren Du bist der Einzige der es kann Ich weiß es von
früher her dass er mit jenem Scharfblick der solchen Männern eigen ist Deine
Trefflichkeit sehr wohl erkannt hat und nun hat er ja auch den Beweis in
Händen was Du vermagst dazu kommt dass er Dir persönlich wohl will so weit
bei einem Egoisten wie er von einem uneigennützigen rein menschlichen
Wohlwollen die Rede sein kann mit einem Wort der Augenblick ist so günstig
wie schwerlich je wieder«
»Du schickst mich fort Paula« sagte ich »aus den lieben alten
Verhältnissen in ganz neue ganz unbekannte aus denen ich schwerlich wieder
zurückkehren werde wie ich gegangen bin und schwerlich wieder finden werde
was ich verlassen habe Hast Du das Alles wohl bedacht und wenn Du es wie ich
annehmen muss bedacht hast so Paula ich wollte es würde Dir weniger leicht
mich fortzuschicken«
»Wer sagt Dir dass es mir leicht wird« erwiderte Paula indem sie schnell
aufstand und ein paar Schritte in das Zimmer hineintat Es war wohl nur ein
Zufall dass diese Schritte sie zu ihrer Staffelei führten Sie blieb von mir
abgewandt vor derselben stehen
»Ich meine« sagte ich »es möchte Dir schwerer werden mich zu missen wenn
nicht um Deinetwillen so doch Deiner Mutter willen und der Brüder willen dass
ich mit einem Worte ihnen das wäre was Du ihnen jetzt bist Aber Paula Du
bist von jeher sehr stolz gewesen und Du hast freilich jetzt mehr Ursache
dazu als je«
Es dauerte eine Zeit bis Paula antwortete Sie hatte sich an der Staffelei
zu schaffen gemacht endlich sagte sie
»Ihr Männer seid doch wunderlich überall wollt Ihr Eure Hand im Spiele
haben selbst das Gute geschieht nicht nach Eurem Sinn wenn es nicht durch Euch
geschieht Aber das ist ja auch nur eine vorübergehende Stimmung die ich sehr
wohl verstehe «
»Ich weiß nicht ob Du sie ganz verstehst« sagte ich beklommen
»Doch doch« erwiderte Paula indem sie sich tiefer auf die Staffelei
neigte »hat man Jemand so lieb wie Du uns möchte man immer nur schenken und
betrachtet es als eine schwere Einbusse wenn man einmal dazu nicht im Stande
ist Aber ich weiß eigentlich nicht weshalb wir uns ohne alle Not das Herz so
schwer machen Du sollst uns ja nicht geraubt werden Du sollst nur endlich aus
einem engen kläglichen Fahrwasser das sich für ein so großes stolzes Schiff
gar nicht ziemt hinaus auf das offene Meer hinein in die weite Welt Da wirst
Du uns freilich oft ein wenig vielleicht manchmal ganz und gar vergessen
müssen Der Mann der ins Große und im Ganzen wirken will muss die Arme frei
haben er kann und darf nicht das Spielzeug seiner Kindheit die Idole seiner
jungen Jahre durch das ganze Leben schleppen Ich möchte dass Du Dir das ganz
klar machtest Georg in diesem Augenblicke klar machtest von dem ich
wiederhole dass ich ihn für durchaus entscheidend halte denn zum ersten Male in
Deinem Leben trittst Du nach langen langen Lehrjahren in Deine Meisterrechte
zeigst Dich darfst Dich zum ersten Male zeigen als der der Du bist Vor
diesem Entschluss denn es ist ein Entschluss Georg sein zu wollen was man
ist muss alles Andere in den Hintergrund treten Alles Georg und Alle auch
wir unsere Mutter die Brüder Deine Schwester«
Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen sie hatte es gar zu tief herabgebeugt
aber sie hatte Tränen in ihrer Stimme
Ich trat an sie heran sie wandte das Gesicht nicht zu mir
»Paula« sagte ich
Ich wollte mehr sagen ich wollte ihr Alles sagen ihr sagen dass, wenn ich
sie darüber verlieren sollte mir was ich auch immer erringen könnte sehr
sehr armselig erscheine dass
»Paula« sagte ich noch einmal aber ich sagte es auf meinen Knieen während
mir die heißen Tränen aus den Augen stürzten Ich rang nach Worten ich fand
die rechten nicht ich war außer mir
Eine weiche Hand strich sanft über mein Haar und ich weiß es nicht mehr
ich wusste es schon im nächsten Augenblicke nicht aber mir war und ist als ob
ihre Lippen flüchtig meine Stirn berührten Dann aber hörte ich ihre Stimme über
mir und die Stimme klang mild und süß und klar »Georg mein Bruder Du musst
Deiner armen Schwester das Herz nicht so schwer machen Und nun stehe auf
Georg und sage der Mutter Lebewohl Sie hat diese Stunde lange kommen sehen
ja sie hat sie ungeduldig herbeigewünscht In ihr lebt mehr als in uns Beiden
Georg viel mehr der Geist unsers herrlichen Vaters Sie weiß es denn sie
hat es selbst erfahren dass der Mann Haus und Hof und Weib und Kind und Alles
was ihm sonst teuer ist verlässt um sein Blut sein Leben einer großen guten
Sache zu weihen Komm Georg«
Dreizehntes Kapitel
Ein lebhafter Wind wehte mir entgegen während mein Wagen den niemals sehr guten
und jetzt im Frühling sehr schlimmen Weg von Fährdorf nach Zehrendorf
hinauffuhr Der Kutscher auf dem Sitze vor mir hatte sich dicht in eine
Pferdedecke gehüllt und saß zusammengekauert da während die kräftigen Pferde
Mühe hatten den leichten Wagen durch die klatschenden Schlaglöcher zu ziehen
Es war gegen acht Uhr Abends und der Mond war seit einer Stunde aufgegangen
aber nur von Zeit zu Zeit trat seine glänzende Scheibe aus den schweren dunkeln
Wolken hervor Dann flog ein trügerisches Licht dem alsbald wieder schwarze
Schatten folgten über verregnete Felder und Wiesen über Torfmoore in denen
hier und da das Wasser aus den Gräben blickte und über die öden Haiden
Und wie da vor mir auf der breiten Fläche Lichter sich mit den Schatten
jagten also zog durch meine Seele die wechselnde Erinnerung an Freude und Leid
das ich einst auf dieser Stelle erfahren Die Tage die ich hier verlebt sie
kamen alle alle wieder und gingen an mir vorüber mit lächelnden mit trüben
mit betränten mit schmerzverzerrten Gesichtern Aber der lächelnden Tage waren
weniger als der anderen mit den düsteren Zügen und wenn es mir schon auf der
ganzen Reise hierher fast wie ein Frevel erschienen war dass ich wagen könne an
diesen Ort zurückzukehren so übernahm diese Empfindung mich jetzt so dass es
mir war als müsse ich dem Kutscher zurufen »Nicht weiter Nicht einen Schritt
weiter hinein in diese Nacht«
»Wir sind gleich oben« sagte der Mann und er hieb auf die müden Pferde
Ich weiß nicht warum er mich trösten zu müssen glaubte vielleicht hatte er
mein lautes Stöhnen auf den schlechten Weg gedeutet
Wir waren in der Tat gleich oben Ich wusste das so gut wie der Mann Da
unten links das Licht das aus der Erde heraufzuflimmern schien kam aus einem
kleinen Hause welches sich an den Fuß der Hügel lehnte und jene breiten
weisslichen Flecke die sich so seltsam von den schwarzen Hügeln abhoben waren
die großen fürstlich Proraschen Kreideschlämmereien zu welchen das Haus
gehörte und nicht weit vor uns auf dem Kamm des Hügels den wir uns
hinaufarbeiteten war ein Stück des Waldes desselben Waldes in welchem ich
damals vier Tage lang vor den Häschern geflohen war wie ein Hirsch vor den
Hunden Aber das hilft nun nichts sind wir so weit den Hügel hinauf müssen wir
auch über den Kamm Vorwärts Vorwärts ihr wackeren Pferde Vorwärts
Und die wackeren Pferde stampften mutig weiter und da war der Kamm Hügelab
gings auf sandigem festem Wege und von dem Meere her kam auf gewaltigen
Schwingen der Wind gefahren dass der Kutscher sich dichter in seine Decke
hüllte Ich aber ich atmete hoch auf und sog mit vollen vollen Zügen die
langentbehrte Labung ein
Ja gegrüßt viel tausendmal gegrüßt sei mir lieber herber heimatlicher
Meerwind du Freund aus meiner Kindheit Tagen Du nach dem ich mich gesehnt
habe in den langen Straßen der Stadt wo ein Zerrbild von dir in krampfhaften
Stößen und tückischen Launen schrill und heiser um die Ecken pfiff Du der du
mir so oft das junge Herz mit unsäglichem Entzücken erfüllt hast und mir auch
jetzt wieder die trüben Erinnerungen aus der Seele scheuchst wie du die
schwarzen Wolken am Himmel droben vor dir her jagst dass der ganze breite Rücken
der Ebene die sich nach dem Vorgebirge aufwärts zieht jetzt fast in
Tagesklarheit getaucht vor meinen Augen liegt Da das große Gehöft mit dem
parkähnlichen Garten und dem plumpen weißen Kirchturm der eben im
Mondenscheine gespensterhaft aufleuchtet ist Herrn von Granows Gut Melchow
und jenes dort weiter unten welches sich nur noch als ein dunkler Fleck
erkennbar aus der Ebene abhebt ist Trantowitz und über Trantowitz hinaus in
der Richtung aus welcher der Wind kommt liegt Zanowitz zwischen den Dünen an
deren Fuß das ewige Meer brandet Melchow Trantowitz Zanowitz welche
Erinnerungen sich für mich an diese Namen an diese Orte knüpfen Aber der gute
kräftige Wind duldet sie nicht Er kommt herangerauscht in großen gleichmäßigen
Schwingungen wie auf Adlerfittigen Fort ihr trüben Gedanken fort Hört ihr
nicht wie es aus dem Brausen des Windes deutlich spricht mit ehrlicher
mürrischer Stimme Das Alles konnte geschehen und du glaubtest schon du
könntest es nicht tragen und bist doch nicht zusammengebrochen sondern stehst
strack auf deinen Füßen trägst auch den Kopf noch sicher zwischen den breiten
Schultern und das kommt daher weil ich dich von Jugend auf umrauscht habe und
du mich eingezogen hast dass dir das Herz kraftvoll gegen die Rippen schlägt
wenn du auch weißt dass jene Lichter die dort linker Hand auf der Höhe blitzen
aus den Fenstern des Schlosses kommen müssen das der neue Herr auf der Stelle
des alten erbaut hat welches du in jener Schreckensnacht in Flammen hast
aufgehen sehen
Nicht auf der Stelle des alten das alte hatte ein wenig hügelaufwärts
gelegen so dass es stolz ins ganze Land blickte Der neue Besitzer wollte nicht
stolz er wollte vor dem Nord und Ostwinde geschützt wohnen und da hat er ganz
recht getan sich etwas tiefer nach der Ebene zu anzusiedeln Und wo sind die
mächtigen prachtvollen Bäume des Parks geblieben der bis an das alte Haus
herangetreten war und hier mit dem Walde zusammenhing
»Die sind abgehauen« sagte der Kutscher »der ganze Park ist abgeholzt es
ist kaum noch so viel da dass man einen Sarg daraus machen könnte«
Ich weiß nicht wie der schweigsame Mensch zu diesem melancholischen
Resultat gekommen ist aber es berührt mich seltsam Hatte nicht der wilde
Zehren einst als wir am Fenster standen und in den Park hineinschauten gesagt
dass ihm nicht mehr so viel davon gehöre um sich einen Sarg daraus zimmern zu
können und dass da alles jetzt bloß noch stehe um von seinem Nachfolger
abgehauen und zu Gelde gemacht zu werden Nun war es so gekommen wie der
unglückliche Mann gesagt hatte und das Licht da leuchtet von dem neuen Herd
den der neue Herr sich gebaut auf den Trümmern des alten
Weg ihr bösen Gedanken Blase kräftiger du lieber herrlicher Meerwind Und
nun ihr wackeren Pferde im Galopp bergab die feste glatte Straße Und jetzt
durch die Torfahrt rasselnd hinein in den Hof vor das große stattliche Haus
auf dessen Türschwelle als der Wagen hält die Diener mit Lichtern erscheinen
Wohl mehr aus Neugierde als aus Diensteifer welchen war er wirklich
vorhanden die unscheinbare Tracht des Ankömmlings und die Kleinheit seines
Koffers jedenfalls abgekühlt hätten Musste ich doch als ich über den unteren
Hausflur schritt in einem dort aufgestellten großen Spiegel sehen wie der
Bediente der mit dem Koffer unter dem Arm voranging mit Hilfe der Zunge die
er in die rechte Backe steckte ein gräuliches Gesicht schnitt und damit wohl
unzweifelhaft andeuten wollte dass es doch für einen so seinen Herrn wie er im
Grunde eine Schande sei ein so jämmerlich zerknittertes Exemplar von einem
abgeschabten Seehundskoffer die hellerleuchtete Treppe im Herrenhause von
Zehrendorf hinauf in das beste Fremdenzimmer tragen zu müssen Das Gemüt des
trefflichen Mannes war durch die Incongruenz der Erscheinung des Fremden und der
Aufträge welche ihm geworden waren augenscheinlich aufs tiefste beleidigt und
er gab während er den unseligen kleinen Seehundskoffer auf das Gestell mehr
hinwarf als hinlegte dieser Zerrissenheit einen Ausdruck indem er über die
Achsel gewandt zu mir sagte »Sie sind ja wohl ein Landsmann von unserer
Mamsell«
»Wer ist Ihre Mamsell« fragte ich im harmlosesten Ton denn ich muss zu
meiner Schande gestehen dass mich die despectirliche Art und Weise des Mannes
keineswegs beleidigt hatte sondern mir im Gegenteil ein gar nicht
unbedeutendes Vergnügen gewährte
»Na die alte Schachtel mit den« hier machte der Mann eine Bewegung mit
der rechten Hand an der Achsel herunter in welcher eine lebhafte Phantasie
flatternde Locken zu erblicken glauben konnte
»Sie meinen vielleicht Fräulein Duff lieber wie heißen Sie denn
eigentlich« sagte ich
»Wilhelm Kluckhuhn« erwiderte der Mann »Sie können mich der Kürze wegen
immerhin Wilhelm nennen«
»Danke verbindlichst Also lieber Wilhelm weshalb meinen Sie dass ich ein
Landsmann von Fräulein Duff sei«
»Na die Alte hat Sie mir ja erschrecklich auf die Seele gebunden und dass
Sie dies Zimmer hier nach dem Garten heraus haben müssten das eigentlich unserm
Fräulein ihr Zimmer ist und das sie auf einmal vor drei Tagen Gott mag wissen
warum zum Fremdenzimmer gemacht hat Es kam uns gleich ein bisschen spanisch
vor denn Sie sind ja wohl man Arbeiter in unserem Herrn seiner Maschinenfabrik
in Berlin wie der Herr heut über Tisch einmal sagte Ich bin auch aus Berlin
müssen Sie wissen na und dann weiß man doch dass so ein Maschinenbauer auch
nicht gerade der Grossmogul ist Aber was soll man machen Wir müssen doch
schließlich tanzen wie die Alte pfeift denn sonst verklatscht sie uns bei dem
Fräulein gnädigen Fräulein wollt ich sagen und die bringts denn an den
Herrn na und dann ist natürlich der Teufel los«
»Also das ist der Geschäftsgang« sagte ich lachend »von Fräulein Duff
durch das gnädige Fräulein zum Herrn Kommerzienrat«
»Na manchmal geht es auch umgekehrt« erwiderte der philosophische
Wilhelm »was aber nicht so schlimm ist denn mit der alten Schachtel wird man
schon fertig das ist eine ewige Wahrheit«
Ich musste als ich die Lieblingsphrase meiner guten Freundin aus dem frechen
Munde dieses ironischen Schelmes hörte mich umwenden um nicht geradezu
herauszulachen
»Na und dann soll ich Sie auch fragen ob Sie noch zu Abend essen wollen
Unten wird in einer halben Stunde Tee getrunken Dazu gibt es aber nichts als
alten Zwieback und dünne Butterstullen und da meinte sie denn Sie würden
Hunger haben«
»Und den habe ich auch lieber Freund« sagte ich »und Sie würden mir einen
großen Gefallen tun wenn Sie mir so ein kaltes Huhn und ein Glas Wein oder
was Sie sonst haben bringen wollten Und dann noch eins lieber Wilhelm ich
bin nicht eigentlich ein Landsmann von Fräulein Duff aber Sie würden mich doch
verbinden wenn Sie der Dame fürderhin in meiner Gegenwart nicht anders als in
ehrerbietiger Weise Erwähnung tun wollten So jetzt können Sie gehen und dann
fragen Sie bei dem Herrn Kommerzienrat an ob ich ihm noch vor dem Tee meine
Aufwartung machen darf«
Ich hatte diese letzten Worte in bedeutendem Tone gesagt wahrhaftig nicht
um meinen Freund in der Livrée zu demütigen sondern nur weil ich es als Gast
des Hauses für meine Schuldigkeit hielt Der scherzhafte Wilhelm sah mich halb
verwundert halb misstrauisch an und mochte finden dass das alte Sprichwort
trau schau wem auch ein Stück von einer ewigen Wahrheit enthalte
Während er meine Aufträge auszuführen ging blickte ich mich nicht ohne
einige Neugier in dem Gemache um das bis vor drei Tagen das Zimmer des schönen
launischen Mädchens gewesen sein sollte Wunderlich so wunderlich dass es kaum
glaubbar schien Und doch sah es nicht aus wie ein Gastzimmer und noch dazu für
einen so bescheidenen Gast Ein dicker weicher Teppich in türkischem Muster
bedeckte den Boden in seiner ganzen Ausdehnung Die Vorhänge an den Fenstern
die Portièren an den Türen waren von schwerem Damast ebenfalls in einem
bunten phantastischen Geschmack mit kostbaren Schnüren und Troddeln reich
verziert Mit dieser in meinen Augen orientalischen Pracht harmonirte die übrige
Ausstattung Ein sehr niedriger und sehr breiter Divan zog sich beinahe um drei
Seiten des Gemaches herum während auf der vierten der Fensterseite niedrige
Sessel in den Nischen standen und zwischen den Fenstern ein kostbarer mit
Perlmutter ausgelegter Schrank aus Rosenholz angebracht war Von der Decke hing
an vergoldeten Ketten eine Ampel von rotem Glase herab welche trotz der beiden
Kerzen die auf dem Tische standen ein sanftes Licht in dem Zimmer verbreitete
Als ich den einen Vorhang hinter welchem ich eine Tür vermutete
auseinanderzog erblickte ich in einer tiefen Nische ein breites niedriges Bett
mit seidenen Kissen und Decken Ich ließ den Vorhang wieder fallen
Und abermals blickte ich mich in dem Zimmer um in immer tieferer
Verwunderung über den sonderbaren Empfang den man mir hier bereitet hatte Auf
dem Rosenholzschrank stand eine Vase mit frischen Blumen Hyacinten und Krokus
Als ich mich über die Vase beugte den Duft einzuatmen fiel mir ein blaues
Seidenband in die Augen welches sich durch die Blumen schlängelte Auf dem
Bande schienen Buchstaben mit goldenen Zeichen gestickt aus denen ich als ich
genauer zusah die Worte entzifferte Suche treu so findest Du
In einem plötzlichen Übergang meiner Stimmung als müsste ich mich wehren
gegen den wunderlichen Spuk lachte ich gerade heraus lachte ganz toll schwieg
aber plötzlich und ließ schnell die blaue rätselhafte Schlange wieder in ihren
duftigen Versteck gleiten als in diesem Augenblicke Wilhelm Kluckhuhn mit einem
großen Präsentirbrett erschien von welchem er mir einen der niedrigen vor dem
Divan stehenden Tischchen mit einer vortrefflichen Kollation besetzte
»Nun wann wünscht mich der Herr Kommerzienrat zu sprechen« fragte ich
als Wilhelm die Serviette unter dem Arm in der respectvollen Entfernung von
sechs Schritten vor mir stehen blieb
»Der Herr Kommerzienrat wird es sich zur Ehre schätzen den Herrn Ingenieur
beim Tee zu empfangen« erwiderte er
Ich schaute auf mir den Mann genauer anzusehen seine Ausdruckweise ja
selbst der Ton seiner Stimme waren so ganz verändert Und wie war ich denn so
plötzlich zum Ingenieur avancirt Es musste ihm irgend etwas passiert sein was
seinen Gedanken über den neuen Gast eine andere Richtung gegeben hatte
Ich sann darüber nach was es wohl gewesen sein mochte aber es war eine
unnötige Mühe Wilhelm Kluckhuhn gehörte nicht zu den Leuten die ein Geheimnis
in verschwiegener Seele verborgen halten können
»Das gnädige Fräulein wird nicht beim Tee erscheinen« sagte er und
begleitete diese Worte mit einem tiefen bedeutungsvollen Räuspern
»So« warf ich im gleichgültigen Tone hin den das lebhafte Pochen meines
Herzens Lügen strafte
»Ja« fuhr der Mitteilsame fort »Ich war eben unten im Salon um den Herrn
Kommerzienrat zu befragen wann er den Herrn Ingenieur Wilhelm Kluckhuhn
legte einen scharfen Accent auf das letzte Wort zu sprechen wünsche Beim Tee
natürlich sagte der Herr Kommerzienrat Ich möchte ihn ganz familiär
empfangen Willst Du nicht heute Abend erst einmal mit ihm allein sprechen
sagte das gnädige Fräulein Das gnädige Fräulein war nämlich ganz plötzlich
von dem Klavier an welchem sie noch eben gespielt und gesungen aufgestanden
und nach der Tür gegangen wo ich stand I Gott bewahre sagte der Herr
Kommerzienrat Wo willst Du denn hin Ich will auf mein Zimmer sagte das
gnädige Fräulein ich habe schon den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt Da
kommst Du am Ende gar nicht wieder sagte der Herr Kommerzienrat Das gnädige
Fräulein sagte gar nichts denn sie war schon an mir vorbei zur Tür hinaus und
ich sage Ihnen Herr Ingenieur ein paar Backen hat sie gehabt wie meine
Aufschläge hier« und Wilhelm Kluckhuhn deutete mit dem Zeigefinger der Rechten
auf den ponceauroten Aufschlag seines linken Aermels
»Dies Alles ist höchst merkwürdig« sagte ich
»Ja wohl« sagte Wilhelm indem er die Augenbrauen hoch auf seine flache
Stirn hinaufzog und die Winkel seines nicht eben kleinen Mundes hufeisenförmig
nach unten bog »sehr merkwürdig Und die Andern fanden es auch denn sie sahen
sich Alle an so« und Wilhelm Kluckhuhn riss seine kleinen Augen so weit als
möglich auf und starrte mich in einer Weise an dass ich einen Augenblick
glaubte er habe den Verstand verloren
»Wer sind die Andern« fragte ich
»Na der Herr selbst und Mamsell wollte sagen Fräulein Duff und der Herr
Steuerrat und die Frau Steuerrätin «
»Die sind auch hier« fragte ich nicht gerade angenehm überrascht
»Ja wohl schon drei Wochen« erwiderte Wilhelm »aber noch soll der erste
Tag kommen wo einer von uns gesehen hätte wie ihnen das lässt« und er machte
mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine eigentümliche Bewegung
über die Fläche der linken hin »Na und die schnitten Alle Gesichter und der
Herr Kommerzienrat sahen sehr grimmig drein nahmen sich aber zusammen was
sonst gar nicht seine Gewohnheit ist und sagte das ist ja schade aber das
hilft nun nicht ich werde den Herrn Ingenieur doch zum Tee bitten müssen
Ahpropoh ich bitte um Verzeihung aber wir sagen so immer in Berlin
warum haben der Herr Ingenieur mir nicht gleich gesagt dass Sie der Herr
Ingenieur sind«
»Es ist gut lieber Wilhelm« sagte ich »und Sie können abräumen und wenn
es Zeit ist kommen Sie und rufen mich«
Als der redselige Wilhelm mich mit den Esssachen verlassen sprang ich von
dem Divan auf und schritt in einer Erregung die ich vor dem Manne sorgfältig
verheimlicht hatte in dem Teppichgemache auf und nieder Die kleine Geschichte
welche ich eben gehört gab mir mehr Stoff zum Denken als ich für den
Augenblick bewältigen konnte Es musste eine eigentümliche Szene gewesen sein
sonst hätte sie nicht auf das keineswegs weiche Gemüt Wilhelm Kluckhuhns einen
solchen Eindruck machen können Und weshalb waren die Kopfschmerzen Herminens
gerade in diesem Augenblicke so arg geworden Und weshalb hatten sich meine
alten Freunde der Herr Steuerrat und die geborene Kippenreiter so
bedenklich angesehen
Das Alles hatte nur eine Auslegung denn eine zweite die etwa noch möglich
gewesen wäre verwarf meine Bescheidenheit sofort Das schöne Mädchen zürnte mir
noch immer seit dem Zusammentreffen auf dem Dampfschiff Aber wenn das der Fall
war was hatte ihre Anfrage bei Paula nach mir zu bedeuten gehabt woher das
Interesse welches sie doch offenbar an meinem Schicksal nahm Ich sah sie
wieder vor mir wie ich sie auf dem Dampfschiffe gesehen die roten Lippen fest
aufeinander gepresst und aus den blauen Augen feurige Zornesblitze auf mich
schiessend Sie hatte mir gesagt ich müsse mir von ihrem Vater helfen lassen
denn ihr Vater sei reich und ich hatte ihr geantwortet gerade deshalb werde
ich mir nicht von ihm helfen lassen Lag denn die Sache jetzt nicht gerade so
Wollte ich denn etwas von ihm War ich nicht vielmehr gekommen dem reichen
Manne einen Rat zu geben an welchem es ihm selbst zu gebrechen schien einen
Rat der wenn er ihn befolgte ihn reicher machen musste als er je gewesen
war Nein ich kam nicht als Bittender in dieses Haus Ich konnte mein Haupt
stolz erheben wie es dem freien Manne zukommt und wenn es eine Ironie auf
meine niedrige Stellung sein sollte dass man mich hier in dies Prunkgemach
gewiesen so brauchte ich ja nur vornehm im Herzen zu fühlen und die kleine
Differenz war vollständig ausgeglichen
»Wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre« sagte Wilhelm Kluckhuhn in der Tür
erscheinend Ich hatte die Absicht gehabt meinen besten Anzug welcher nebst
der nötigen Wäsche und einigen Manuscripten und Zeichnungen den ganzen Inhalt
des Koffers bildete anzulegen um mich der Gesellschaft unten würdig zu
präsentiren die radicale Stimmung aber in welche ich mich glücklich
hineingeredet ertrug dergleichen kleinliche Rücksichten nicht und ich erfüllte
nur ein Herzensbedürfniss indem ich so wie ich ging und stand meinem Führer
die breite wohlerleuchtete Treppe hinab auf den unteren Flur bis vor eine Tür
folgte welche er mir dienstwillig öffnete und durch welche ich ohne eine Spur
von Herzklopfen in einen sehr großen reich möblirten durch Lampen die auf
verschiedenen Tischen standen wohl erhellten Salon trat
An einem dieser Tische ganz im Hintergrunde des Zimmers saß die
Gesellschaft welche aus dem Kommerzienrat seinem Schwager dem Steuerrat
dessen Gemahlin und dem Fräulein Duff bestand Der Kommerzienrat kam mir mit
weit ausgestreckter Hand entgegen schon von ferne mit seiner lauten Stimme
rufend dass er sich unendlich freue seinen lieben jungen Freund bei sich zu
sehen
»Ich habe Sie freilich schon lange bei mir gehabt« fuhr er fort nachdem er
meine Hand ergriffen hatte »ein halbes Jahr schon und ohne es zu wissen es
ist schändlich aber diese Mädchen nehmen ja keine Vernunft an Da machen sie um
nichts und wieder nichts ein Geheimnis aus Dingen die zu erfahren man es sich
unter Brüdern seine tausend Taler kosten lassen würde«
Diese Versicherungen wurden mit so viel Eifer gegeben dass, wenn ich je
daran gezweifelt ob der Kommerzienrat von meiner Anwesenheit in seiner Fabrik
unterrichtet gewesen sei diese Zweifel jetzt vollständig beseitigt waren Er
hatte es gewusst aber er hatte kein Interesse daran gehabt es zu wissen als
bis ich ihm von wirklichem erheblichen Nutzen sein konnte
Vielleicht war es diese Beobachtung welche mich die
Freundschaftsversicherungen des reichen Mannes so kaltblütig entgegennehmen
ließ aber ich musste lächeln und das Herz ging mir auf und meine beiden Hände
streckten sich unwillkürlich aus als jetzt das gute Fräulein Duff den
Teekessel an welchem sie beschäftigt gewesen war stehen ließ und mit einem
schüchternen Lächeln auf den schmalen Lippen und mit einem wehmütig
schmachtenden Aufschlage der blassen Augen auf mich zuschwebte Sie hatte ihre
rechte Hand erhoben so dass die Fingerspitzen nach unten fielen ungefähr in
der Weise wie eine Königin auf der Bühne andeutet dass sie einen Handkuss des
betreffenden Vasallen wünsche oder erwarte Aber die gute Dame dachte gewiss an
dergleichen nicht es war nur ihre Art Jemandem die Hand zu reichen und so
nahm ich denn diese dünne blasse Hand und drückte sie herzlich wenn auch
vorsichtig Die sensitive Natur des guten Fräuleins hatte sofort herausgefühlt
wie ehrlich ich es mit diesem Händedruck meinte Sie erwiderte denselben mit
nervöser Heftigkeit ihre blassen Augen füllten sich mit Tränen und sie
flüsterte zu mir empor »Grämen Sie sich nicht und zürnen Sie ihr nicht es ist
nicht Hass es ist jungfräuliche Schüchternheit verzweifeln Sie nicht harren
Sie aus suche treu «
Fräulein Duff hatte nicht Zeit ihre Lieblingsphrase zu beenden denn der
Kommerzienrat wandte sich wieder zu mir und zog mich nach dem Tisch an welchem
der Steuerrat und seine Gattin seitdem ich das Zimmer betreten kerzengerade
ohne sich von der Stelle zu rühren gestanden hatten wie ein paar Gestalten in
einem Wachsfigurencabinet
»Sie glauben nicht wie sich mein Schwager und meine Schwägerin freuen Sie
wieder zu sehen« rief der Kommerzienrat dem die Schadenfreude aus den kleinen
glitzernden Augen sah
»Unendlich erfreut« sagte der Steuerrat mir zwei Finger seiner langen
weißen Hand entgegenstreckend die ich nicht nahm
»Unsäglich erfreut« sagte die Steuerrätin mit einem starren Blick auf die
Lampe vor ihr
Ich freute mich weder unendlich noch unsäglich und sagte daher weder das
eine noch das andere dafür betrachtete ich mir desto genauer das
liebenswürdige Paar an welchem die Zeit keineswegs spurlos vorüber gegangen
war Die immer etwas hohe Stirn des Steuerrats war bis zum Scheitel hinauf kahl
geworden in sein langes glattes aristokratisches Gesicht hatten sich tiefe
Furchen gegraben Die Augen erschienen mir kleiner und ausdrucksloser und der
Mund größer Noch schlimmer hatten die ungalanten Jahre der geborenen
Kippenreiter mitgespielt Ihr Haar war allerdings dichter und glänzender als
früher aber der schnöde Verdacht dass sie diesen erfreulichen Zuwachs der
segensreichen Kunst eines Perrüquiers verdanke wurde bei einem zweiten Blick
zur Gewissheit. Und auch sonst entbehrte ihr Gesicht einer künstlichen Nachhülfe
nicht Die bereits stark eingefallenen Wangen waren von einem Rot überhaucht
das zu zart war um ganz natürlich zu sein und die dünnen blassen Lippen
spielten jetzt über einem paar Zahnreihen von tadelloser Weiße Die Geborene
hatte sich mit einem Worte um das Doppelte der Jahre die ich sie nicht gesehen
verjüngt nur der Ausdruck ihrer schmalen stechenden Augen war da er nicht
schlimmer werden konnte derselbe geblieben und das breite rote Band ihrer
Haube welches sie vermutlich um die eingefallenen Wangen zu verbergen
unmittelbar unter dem Kinn in einer kühnen Schleife zusammenzuknüpfen pflegte
nickte noch in der alten hässlichen Weise bei jedem Worte das sie sagte hin
und her
Man hatte wieder um den Teetisch Platz genommen Der Kommerzienrat führte
die Unterhaltung bei der es weniger auf die Ergötzung seines Schwagers als auf
sein eigenes Amüsement und nebenbei auf meine Belehrung abgesehen schien So
lernte ich gleich innerhalb der ersten fünf Minuten dass der junge Fürst von
Prora noch immer auf Rossow residire und dass Arthur ihm in seiner Verbannung
Gesellschaft leiste
»Denn es ist eine Verbannung« schrie der Kommerzienrat seinen Schwager an
»Sie mögen sagen was Sie wollen ich weiß es vom Justizrat Heckepfennig den
der alte Fürst als seinen Justiziarius zu dem Familienrat zuziehen musste in
welchem ein Langes und Breites darüber verhandelt ist ob er den Herrn Sohn für
einen Verschwender erklären lassen solle oder nicht Der alte Herr hat sich
zuletzt bestimmen lassen dem Herrn Sohn noch eine Frist von einem halben Jahr
zu gewähren die er auf dem Lande zubringen soll während man unterdessen mit
seinen Gläubigern abrechnen wird Auch eine schöne Situation für einen Fürsten
nicht«
»Gekrönte Häupter sind selten glücklich« sagte mit einem tiefem Seufzer
Fräulein Duff welche sich eben mit einer Handarbeit zu uns gesetzt hatte
»Ich dachte die Fürsten hatten nur Hüte« sagte der Kommerzienrat mit
einem höhnischen Grinsen »indessen ich armer Plebejer bin in solchen Dingen
incompetent Sie müssen das besser wissen Herr Schwager«
»Ohne Frage« erwiderte der Angeredete zerstreut
»Sie denken gewiss an ihren liebenswürdigen Sohn Herr Schwager« fuhr der
Kommerzienrat fort »und ob es wohl eine passendere Gesellschaft für einen
Menschen seinesgleichen gibt als einen jungen Fürsten der auf dem besten Wege
ist sich zu ruiniren Ich finde es sehr begreiflich dass Sie bei dem Gedanken
ein Gesicht machen wie ein Lohgerber dem die Felle weggeschwommen sind«
»Verzeihen Sie Herr Schwager aber ich dachte in diesem Augenblick nicht an
Arthur« erwiderte der Steuerrat »vielmehr daran ob die Unterhandlungen über
den Verkauf von Zehrendorf die Sie mit Seiner Durchlaucht neuerdings wieder
angeknüpft haben und die nebenbei zu beweisen scheinen dass Sie Seiner
Durchlaucht doch mehr Einsicht und Geschäftskenntniss zutrauen müssen von Erfolg
sein werden«
»Was hat denn das mit seiner Weisheit oder Narrheit zu tun« rief der
Kommerzienrat »oder ja doch denn ein je größerer Narr er ist desto teurer
werde ich es an ihn verkaufen können Übrigens weiß ich gar nicht ob ich die
Erlaubnis dazu von meiner Tochter erhalten werde Sie will ja durchaus nicht
dass es in andere Hände kommt Freilich sie hat adeliges Blut in ihren Adern
Nicht wahr Frau Schwägerin Und da muss sie die Sache natürlich anders ansehen
als ich armer Roturier Ich hätte es schon längst verkaufen können unter Andern
an Herrn von Granow der mir ein sehr schönes Gebot gemacht hat und als einer
unserer nächsten Nachbarn es auch am besten brauchen kann Indessen Hermine
behauptet Frau von Granow sei eine zu gewöhnliche Person vermutlich weil
sie keine Geborene ist wie Sie verehrteste Frau Schwägerin denn die Geborenen
können nicht gewöhnlich sein Frau Schwägerin aber was ich sagen wollte
Hermine behauptet ich dürfe ihr nicht eine solche Nachfolgerin geben Ja du
lieber Gott sie wird Niemanden finden den sie für würdig hält höchstens Herrn
von Trantow«
»Wie geht es dem« rief ich
»Nun sehr gut« erwiderte der Kommerzienrat »er isst und trinkt und
schläft weshalb sollte es ihm also nicht gut gehen Ja das ist ein großer
Liebling von meiner Hermine ich glaube sie wäre im Stande ihn zu heiraten
wenn sie ihn nur einmal nüchtern sehen könnte«
Fräulein Duff musste über so entsetzliche Worte die Hände zusammenschlagen
und einen Blick auf mich richten in welchem ich wenn ich scharfsichtig gewesen
wäre unzweifelhaft irgend eine ewige Wahrheit gelesen haben würde während der
Steuerrat und seine Gattin ein paar blitzschnelle verständnissvolle Blicke
unter einander wechselten Ich bemerkte ein leises ermutigendes Winken in den
Wimpern des Steuerrats auf welches ein leichter Hustenanfall der Geborenen und
dann die Bemerkung folgte »es gibt ein altes Sprüchwort lieber Herr Schwager
an welches ich immer erinnert werde sobald ich scherzhafte Äußerungen der Art
vernehme wie wir soeben aus Ihrem Munde gehört haben«
»Sie meinen man soll den Teufel nicht an die Wand malen« schrie der
Kommerzienrat »aber beruhigen Sie sich Wenn der Teufel auch nicht kommt Ihr
Atur kommt darum noch lange nicht nein noch lange nicht« und der
Kommerzienrat brach in ein schallendes Gelächter aus um sich für seinen Witz
zu belohnen
»Ich weiß mich frei von ehrgeizigen Plänen der Art verehrtester Herr
Schwager« erwiderte die Geborene deren Wangen in diesem Augenblicke des
Karmins vollständig entbehren konnten
»So« schrie der Kommerzienrat »nun das ist schön Wissen Sie sich
vielleicht auch frei Herr Schwager Wenn es dann Ihrem Herrn Sohn ebenso geht
so wissen Sie sich alle drei frei und mehr kann Keiner von Euch verlangen
Übrigens Frau Schwägerin sind die Trantows eine so alte Familie dass Sie
schon aus diesem Grunde Scheu tragen sollten den letzten Abkömmling derselben
mit dem Gottseibeiuns zu vergleichen«
»Wenn es nur auf das Alter der Familie ankommt« sagte der Steuerrat »so
wissen Sie verehrtester Herr Schwager dass die Trantows freilich ihren
Stammbaum bis in das vierzehnte Jahrhundert zurückführen die Zehrens aber «
»Weiß es weiß es habe es schon hunderttausendmillionenmal gehört« rief
der Kommerzienrat indem er hastig vom Stuhl aufsprang »Ihr seid eine
schauderhaft alte Familie ja Frau Schwägerin schauderhaft alt aber beruhigen
Sie sich alt wie Sie sind Sie können immer noch ein paar Jahre älter werden
Und nun folgen Sie mir mein junger Freund damit wir in meiner Stube endlich
einmal zu einem vernünftigen Worte kommen«
Er ging mir voran durch ein ebenfalls hellerleuchtetes Zimmer in ein
zweites kleineres Gemach welches nach den bequemen rosshaarüberzogenen Möbeln
und Aktenrepositorien zu schließen sein eigenes Zimmer war das er denn auch
nach seinem allereigensten Geschmacke ausgestattet hatte
Ein paar herzlich schlechte Kopien nach alten berühmten Meistern dazwischen
noch schlechtere Originale neuesten Datums Tierstücke Landschaften bedeckten
die Wände und correspondirten hinsichtlich des künstlerischen Wertes mit
einigen Büsten des regierenden Königspaares und anderer fürstlichen Personen
welche an schicklichen oder auch unschicklichen Stellen wie es eben kam
angebracht waren Von der Decke hing eine Lampe über einem runden Tisch auf
welchem unter verschiedenen Papieren neben einem brennenden Licht ein offenes
Kistchen mit Zigarren stand
»So mein lieber junger Freund« rief der Kommerzienrat indem er sich in
den Stuhl warf und die im Laufe der Jahre noch dünner gewordenen Beinchen mit
einer Miene welche Behaglichkeit ausdrücken sollte von sich streckte »Greifen
Sie zu etwas Excellentes direkt aus der Havannah mir von einem meiner
Kapitäne vor acht Tagen mitgebracht unverzollt wie ich sie habe unter Brüdern
einhundertzwanzig Taler So Nun was sagen Sie zu dem alten lächerlichen Kerl
von Steuerrat und seiner widerwärtigen Frau Gemahlin Drei Wochen liegen sie
mir nun schon auf dem Halse aber ich gebe ihnen auch keinen Pardon haben Sie
sich nicht köstlich amüsirt«
»Nicht dass ich sagen könnte Herr Kommerzienrat«
»Nicht Nicht warum nicht Sie müssen schwer zu amüsiren sein«
»Im Gegenteil Herr Kommerzienrat Niemand liebt eine harmlose
Unterhaltung mehr als ich aber ich kann es nicht harmlos finden wenn der Wirt
seine Gäste sie seien wer sie auch seien zum verzeihen Sie mir Herr
Kommerzienrat zum Narren hat«
»So so das ist mir ja ganz etwas Neues« rief mein Wirt und sah mich mit
einem bösen Blicke an
»Und doch ist es eine recht alte Sache Herr Kommerzienrat die schon in
den Urzeiten von den Menschen gekannt und ausgeübt wurde und wie ich höre
auch heut zu Tage selbst von den rohesten Völkerschaften heilig gehalten ist
sie müssten denn zufällig Menschenfresser sein«
»Menschenfresser ist gut Menschenfresser ist sehr gut« rief der
Kommerzienrat sich in seinen Fauteuil zurückwerfend und überlaut lachend als
hätte er keineswegs vor einer halben Minute auf dem Punkte gestanden sich
ernstlich mit mir zu erzürnen »Ganz ausgezeichnet gut Wie finden Sie die
Zigarren Aber Ihre aufrichtige Meinung bitte ich«
»Nicht eben so ausgezeichnet gut wenn Sie meine aufrichtige Meinung haben
wollen«
»Nicht nicht ausgezeichnet Nun hören Sie junger Mann Sie müssen schwer
zu befriedigen sein Eine solche Zigarre nicht ausgezeichnet Wo oder wann
hätten Sie eine bessere geraucht«
Und der Kommerzienrat blies mit scheinbar innigstem Behagen den Rauch durch
die Nase
»Offen gestanden schon recht oft Herr Kommerzienrat aber freilich muss
ich sagen dass ich in diesem Punkte etwas verwöhnt bin ich habe es während
meines früheren Aufenthaltes hier in Zehrendorf gar zu gut gehabt«
»Ei freilich« rief der Kommerzienrat »der konnte es der brauchte die
Ware auch nicht zu versteuern wie unser einer«
»Ich dachte Herr Kommerzienrat Sie sagten diese Zigarren seien auch
nicht versteuert«
Mein Wirt sah mich wieder an als würde er im nächsten Augenblicke nach dem
Bedienten klingeln um mich aus dem Hause werfen zu lassen Er klingelte aber
nicht sondern sagte »So wenn Sie denn schon einmal ein solcher Kenner sind
wie teuer schätzen Sie denn das Kraut«
»Mit zwanzig dürften sie bezahlt sein Herr Kommerzienrat«
»Achtzehn kosten sie« schrie der Kommerzienrat indem er mit der Hand auf
den Tisch schlug »aber soll man seinen Gästen teure Zigarren vorsetzen bevor
man weiß ob sie es zu würdigen wissen Nun will ich Ihnen aber welche geben
die «
»Hundertzwanzig Taler unter Brüdern wert sind«
»Ja ja genau so Sie ironischer Mensch« rief der kleine alte Herr indem
er aufsprang und ein Kästchen aus seinem Schrank nahm welches denn wirklich
Zigarren enthielt von denen ich nur sagen konnte dass ich sie selbst bei dem
wilden Zehren nicht besser geraucht habe
Mein liebenswürdiger Wirt war durch diese kleine Komödie in eine so
behagliche Stimmung versetzt dass er durchaus eine Flasche SteinbergerKabinet
bringen lassen musste aus welcher er mir sehr fleißig einschenkte während er
selbst eben nur an dem Glase nippte obgleich er sich die Miene gab mit mir bei
der ersten und einer zweiten Flasche die er im Laufe des Abends kommen ließ
gleichen Schritt zu halten Ich hatte den alten Herrn früher und noch zuletzt
bei jenem Besuch im Gefangenhause hinter der Flasche gesehen und wusste dass er
war was man einen Dreiflaschenmann nennt Wenn er sich also heute so vorsichtig
hielt hatte das vielleicht seinen speciellen Grund Und dieser Grund blieb mir
nicht lange verborgen Der Kommerzienrat wollte mich offenbar zum Reden
bringen über eine Menge Dinge meine Meinung hören meine ganz wahre Meinung
und da sollte denn der feurige durchaus vortreffliche Wein meiner etwa
mangelnden Wahrheitsliebe zu Hilfe kommen Ich habe später den Mann dieselbe
Methode in ähnlichen Fällen zu oft wiederholen sehen als dass ich den geringsten
Zweifel an der Richtigkeit der Beobachtung, die ich diesen Abend machte haben
könnte Und noch ein anderes Manöver in welchem der alte Geschäftsmann Meister
war sollte ich heute kennen lernen Dies Manöver bestand darin dass er tief in
seinen Stuhl zurückgelehnt die Augen halb geschlossen scheinbar
zusammenhanglos über dies und jenes sprach wobei er von dem hundertsten in das
tausendste zu geraten drohte um plötzlich mit einer blitzschnellen Wendung auf
den Punkt zu gehen dem er ohne dass sein Zuhörer es merkte trotz alles
Irrlichterirens immer näher gekommen war Er hüllte sich so zu sagen in eine
schwarze Wolke wie der Tintenfisch es tun soll wenn er seinen Verfolgern
entrinnen will nur mit dem Unterschiede dass dieser alte schlaue Hecht in
Gestalt eines königlichen Kommerzienrates die Kriegslist anwandte um aus der
Wolke heraus unversehens nach einem ahnungslosen Gründling zu schnappen
Mitternacht war vorüber als mich Wilhelm Kluckhuhn wieder auf mein Zimmer
brachte Er entzündete die beiden Kerzen auf dem Tisch vor dem Divan fragte
mich ob er die Hängelampe auslöschen solle was ich bejahte und wann ich
morgen früh geweckt zu werden wünsche worauf ich nur antworten konnte dass ich
die Gewohnheit habe von selbst zur rechten Zeit aufzuwachen und verließ mich
dann mit einer Ehrerbietung die im lächerlichen Gegensatz zu dem äußerst
ungenirten Wesen stand mit welchem er mich einige Stunden vorher empfangen
Ich dachte noch nicht an Schlafengehen Mein Kopf schwärmte von den
Gedanken welche das lange Gespräch mit dem Herrn des Hauses in mir aufgeregt
hatte meine Brust war voll von wogenden Empfindungen welche die seltsame
Situation in der ich mich befand wohl erwecken musste und wie das in später
Nacht nach ein paar Flaschen feurigen Weines in einer vollkommen neuen Umgebung
zu geschehen pflegt reihten sich die Erlebnisse des Abends zu einem bunten
lustigen mich bald in lieblichen bald grotesken Gestalten umgaukelnden Tanz
der Kommerzienrat mit den halb geschlossenen Augen und dem scharfen
hechtgleichen Schnappen nach dem Punkt in der Unterhaltung auf welchen es ihm
ankam das gute Fräulein Duff mit dem sentimentalen Zwinkern ihrer blassgelben
Augenlider der Steuerrat mit dem weißen lauernden Gesicht und der weißen
schmalen Hand an welcher der ungeheure Siegelring funkelte die geborene
Kippenreiter mit den falschen Zähnen und dem falschen Lächeln und zuletzt sie
die ich nicht gesehen und dennoch immerfort in meines Geistes Auge sah sie in
deren Zimmer ich mich hier befand die gewiss in dieser Divanecke oft geruht in
welcher ich jetzt eine Zigarre dampfte die kleine elastische Gestalt des
schönen jungen Mädchens mit dem übermütigen Zucken um den roten Mund und dem
sommerlichen Leuchten in den kornblumenblauen Augen Und seltsamer als das
Alles hinter diesem Vordergrund kaleidoskopisch wechselnder und wie in Nebel
zerflatternder Szenen und Gestalten baute sich ein Hintergrund der Verhältnisse
auf mit denen ich es für den Moment zu tun hatte und die ich zu durchschauen
glaubte bis in ihre intimsten Beziehungen als hätte mir ein Zauberer die
geheimnisvolle Salbe gegeben mit welcher man nur der Augen eines zu bestreichen
braucht um die Schätze zu sehen die schlummernden alle die in der Erde sind
Schon einmal in meinem Leben war mir ein solcher Moment gekommen an jenem Tage
nach der Ankunft in Zehrendorf als ich des Nachmittags im Parke wandelte und
unter den leise rauschenden Bäumen Angesichts des alten ehrwürdigen Schlosses
über welches die Sonnenlichter und die Wolkenschatten zogen auf einmal wusste
dass der Herr dieses Parkes dieses Hauses ein verzweifelter Schmuggler sei Und
ebenso oder doch ähnlich war es jetzt bei mir eine ausgemachte Sache dass
dieses neue Haus auf einem morschen Boden stehe welcher jeden Augenblick unter
ihm zusammenbrechen und das stolze vielbeneidete Glück des Mannes unter den
Trümmern eines colossalen Bankerotts begraben könne Und ebenso wie damals
erschien mir der Gedanke ganz extravagant ganz verrückt aber ich schalt mich
nicht wie damals ich suchte vielmehr alles Ernstes die Punkte zu finden die
mir möglicherweise den Anhalt gegeben haben konnten zu einem Verdacht der in
dem lächerlichsten Widerspruch stand mit dem Glanz dieses Zimmers mit der
Pracht des Hauses mit Allem was ich von Kindesbeinen an bis zu diesem
Augenblick über die Vermögensverhältnisse des Crösus unserer Provinz gehört
hatte Was in aller Welt war es nur gewesen Ein eigentümliches Zittern seiner
Stimme als er von den ungeheuren Posten Korn sprach die er seit dem vorigen
Herbst auf Lager habe und von dem beispiellosen Sinken der Preise durch die
veränderten Konjuncturen in England und Amerika das und die nervöse
Gereiztheit als ich ihm die Notwendigkeit nachwies die Maschinenfabrik in der
Stadt auf den doppelten Umfang zu erweitern wenn er in der Koncurrenz mit den
übrigen Fabriken jetzt beim Erwachen der EisenbahnIndustrie in unserem Lande
nicht unwiederbringlich verlieren wollte Dann zum Dritten der dringliche
Wunsch auf den er immer wieder zurückgekommen Zehrendorf für eine möglichst
hohe Summe er hatte fünfmalhunderttausend Taler genannt an den Fürsten von
Prora zu verkaufen
Der sonderbare Gedanke hatte mir den Atem benommen ich war an das offene
Fenster getreten und blickte träumend hinaus auf einen freien Platz der in dem
matten Licht des Mondes mit Kies bestreute Gartenwege dunkle Beete und andere
Anlagen zeigte
Ja ja sagte ich bei mir mit einer Art von Trotz an meinem Einfall
festhaltend warum sollte es nicht so sein und wäre es nicht wenn es wäre nur
eine gerechte Nemesis Jene alten Ritter vom Stegreif hatten so lange ihr Wesen
getrieben und die Zeichen der Zeit so gründlich verachtet bis die Zeit sich
gegen sie wandte und sie von sich stieß wie ein mutiges Ross den bügellos
gewordenen Reiter aus dem Sattel schleudert Und in unserer Zeit reiten die
Toten schnell und dieser Mann hier der Krämer der des Ritters Ross bestieg
ich rechne ihn wie Jenen zu den Toten Schnöde Habsucht und nackter Egoismus
sind sie nicht die Nahrung gewesen des Einen wie des Andern haben sie nicht
beide als Motto in ihrem Schilde gehabt Ich für mich und Alle und Alles für
mich Hat je einer von ihnen an das arme Volk gedacht als um zu finden dass es
da sei ihnen zu frohnden Ja ist es nicht mehr als ein Zufall dass der
verbrecherische Handel auf welchen sich der Ritter vom Stegreif geworfen um
nur sein Leben zu fristen das Mittel gewesen ist durch welches der Krämer den
Grund zu seinem Reichtum legte Hat er mir nicht eben erst mit dem größten
Behagen erzählt wie schlau sein Vater und er die fabelhaft günstigen
Konjuncturen während der napoleonischen KontinentalSperre benutzt und wie sie
das Geschäft noch Jahre und Jahre lang fortgesetzt und Hunderte von Tausenden
dabei gewonnen und wie sie es genau in dem Augenblick als die Sache gefährlich
zu werden anfing abgebrochen hätten Nun denn ist nicht dem Krämer der sich
zum Ritter vom Stegreif gemacht recht was dem StegreifRitter der zum Krämer
geworden billig war Nur dass die Herrschaft des Letzteren nicht eben so lange
dauern wird als die des Ersteren und das mit Fug und Recht denn die Toten
die Toten reiten schnell
Die Toten reiten schnell
Ich blickte zum nächtlichen Himmel hinauf wo an des Mondes beinahe voller
glänzender Scheibe von dem scharfen Nachtwind ostwärts ungeheure schwarze
Wolkenmassen vorübergetrieben wurden Seltsam phantastische Gestalten
langgestreckte Drachen mit weit aufgesperrten Mäulern kolossale Fische mit
gierigen Zähnen scheussliche Crustaceen mit langen Scheeren und krabbelnden
Beinen Riesen auch mit ragenden Häuptern und mit Felsblöcken in den erhobenen
Armen dann wieder Zwerge mit schlauen Buckeln und begehrlichen spitzen
Bäuchlein Ungetüme und Ungeheuer aller Art und nicht eine einzige reine
schöne Gestalt In einer wunderlichen Ideenverbindung glaubte ich in diesen
hässlichen Wolken die Geschlechter der Menschen zu sehen welche die Herrschaft
gehabt auf Erden und das Szepter geführt und das schneidige Schwert und die
kein Mitleid gehabt mit der unterdrückten Menge die sie aussaugten gerade wie
das leichtere graugrüne Gewölk das ängstlich unter den Riesen hintrieb sobald
es in die Lichtregion des Mondes kam zu zerflattern und zu verdunsten schien
Und sollte das in endloser Reihe durch die Ewigkeiten so gehen Immer ein
Geschlecht der Dränger dem anderen Drängergeschlechte folgen Die Ritter vom
Hammer immer auf den unglücklichen Amboss hämmern Sollte nie nie die Zeit
kommen eine andere Zeit eine bessere Zeit wie sie das entzückte Auge meines
Lehrers gesehen die heranzuführen er sein Blut und Leben eingesetzt und der
auch ich mich geweiht hatte mit allen Kräften meiner Seele
Gewiss sie wird kommen diese Zeit rief ich ja ist sie nicht schon Nicht
schon in dir der du erkannt hast dass sie kommen wird und muss Ist sie nicht
schon in Allen welche denken wie du und die Macht haben ihren Gedanken Form
und Farbe und Fleisch und Blut zu geben
Welche die Macht haben Wer sie hätte Es wäre doch ein schönes Ding hier
Herr zu sein und drüben in der Fabrik und in seinen anderen Fabriken und
Komptoirs Tausenden und Tausenden ein Glückbringer ein Heiland sein zu können
und es nicht zu sein Ein Ungeheuer mit höllenweitem Rachen zu sein wie das
Wolkenscheusal da oben weil uns wie Doctor Willibrod sagt sobald wir zu Macht
und Reichtum gelangen ein Kieselstein oder Goldklumpen statt des warmen
Herzens in der Brust hängt Pah
Und ich schloss unwillig das Fenster ließ die Gardinen herab und schritt auf
mein Lager zu mich zur Ruhe zu legen
Aber auf dem halben Wege schon blieb ich stehen Die einmal losgelassenen
Gedanken wollten sich so schnell nicht wieder einfangen lassen ich blickte mit
über der Brust verschränkten Armen auf all den Glanz des prächtigen Zimmers
Und daran ist sie gewöhnt von Jugend auf sprach ich bei mir über diesen
weichen Teppich ist ihr Fuß immerdar geschritten solch wollüstige Stoffe hat
ihre Hand stets berührt und diese balsamische Luft hat sie immer geatmet Wenn
es wäre wenn der schamlose Egoismus genau so vor dem Fall käme wie der brutale
Hochmut wenn dies Haus zusammenstürzte wie jenes alte es wäre hart
unsäglich hart für sie Die Andere hatte mich einst ihren Georg genannt ihren
Drachentödter Nun sie hatte nicht gerettet sein wollen und ich ein halber
Knabe noch hätte sie nicht retten können Um diese hier stände es vielleicht
anders vielleicht würde sie lieber gerettet werden wollen als untergehen und
auf alle Fälle bist du kein Knabe mehr
Ich wandte mich wieder und mein Anblick fiel auf den kleinen schäbigen
Seehundskoffer den Wilhelm Kluckhuhn zu den Füßen des Bettes dessen bauschiche
Vorhänge er zurückgezogen jetzt sorgsam auf ein Gestell gelegt hatte Ich musste
laut lachen Es war doch auch sehr lächerlich wenn man kaum mehr besaß als in
diesem winzigen schäbigen noch dazu geliehenen Ranzen Platz hatte ein Haus
wie dieses hier retten zu wollen sich um das Schicksal von Menschen den Kopf zu
zerbrechen die in einem Hause wie dieses hier wohnten Und ich machte dass
ich zu Bett kam und als ich eben einschlafen wollte weckte ich mich selber
wieder auf denn ich musste abermals über etwas laut lachen aber ich wusste
nicht worüber
Vierzehntes Kapitel
Als ich aber am nächsten Morgen in der ersten Dämmerstunde erwachte wusste ich
es Es war das gestickte Band gewesen welches ich gestern Abend in dem
Blumenbouquet aus dem Rosenholzschränkchen zwischen den Fenstern entdeckte und
in welchem ich im Halbschlaf eine gar freundliche und liebliche Auflösung aller
der Rätsel die mich hier umgaben gefunden zu haben glaubte Jetzt mit
hellwachen Sinnen sah ich freilich wieder nichts darin als eine sentimentale
Albernheit des guten Fräulein Duff Wie dem auch sein mochte es erfasste mich
eine Unruhe die mich von meinem seidenen Lager emportrieb Ich kleidete mich
schnell an Ein Spatzenpaar das irgendwo in der Nähe unter dem Dache nisten
musste fing eine lebhafte Unterhaltung an und schwieg dann plötzlich sie
hatten zu früh Tag gemacht
Ich nicht minder Konnte ich doch als ich mit dem seidenen Bande an das
Fenster trat die goldenen PerlenLettern der Schrift von dem blauen Grunde
nicht unterscheiden Ich wurde ein wenig ärgerlich über meine kindische Neugier
War ich hierher gekommen Rätsel zu lösen
Dennoch hielt ich die Schleife noch in der Hand als es draußen heller zu
werden und der erste rosige Morgenschimmer das Gewölk im Osten zu umsäumen
begann Schon unterschied ich deutlich die Wege und Beete in den Anlagen unter
mir ja auf den Beeten bald den gelben Krokos von den blauen Hyacinten Und
abermals senkte sich mein Blick auf das magische Band und ich las jetzt
deutlich noch einmal die bekannte Devise
Nun sagte ich bei mir mag es ernstaft gemeint sein oder nicht mag es
eine sentimentale Albernheit der Duenna oder ein übermütiger Scherz des
schönen Mädchens sein es ist ein gutes Wort und ich will es mir gesagt sein
lassen Treu will ich suchen und was das Finden anbetrifft so will ich mir
darüber nicht den Kopf zerbrechen
Ich steckte das Band zu mir damit es nicht etwa gar Wilhelm Kluckhuhn in
die neugierigen Hände fiele und verließ mein Zimmer Durch das geräumige Haus
in welchem noch überall auf den teppichbelegten Korridoren und Treppen Dämmerung
und Schweigen herrschten suchte und fand ich eine Tür welche mich aus dem
unteren Flur ins Freie leitete
Es war eine kleine Seitentür gewesen ähnlich wie die durch welche man in
dem alten Hause auf den ruinenhaften Hinterhof gelangte Der Hinterhof war
natürlich verschwunden und überhaupt Alles so verändert dass ich mich auf einem
mir vollkommen fremden Terrain in einer ganz neuen Umgebung befand Aber ich sah
bald es war nicht nur etwas Neues und Anderes was man hier geschaffen sondern
etwas das zu dem Früheren einen vollkommenen Gegensatz bildete So colossal und
offenbar unwohnlich das alte Schloss in breiten schmucklosen Massen aufgeragt
hatte so verhältnismäßig klein aber augenscheinlich zweckmäßige eingerichtet
in einem zierlichen wenn auch vielleicht nicht ganz reinen Styl präsentirte
sich das jetzige Wohnhaus Der Wirtschaftshof dessen eine Seite damals das
Herrenhaus begrenzte war ein paar hundert Schritte weiter weg gelegt worden
Das Herrenhaus umgab jetzt ringsum ein freier Platz welcher nach allen Seiten
von Anlagen denen man freilich ihr jugendliches Alter nur zu deutlich ansah
eingenommen wurde Man hatte wohl die Absicht gehabt eine kleine blühende Oase
deren Mittelpunkt das Wohnhaus war von dem übrigen dem Nutzen geweihten Boden
auszusondern ein hübscher Gedanke der nur noch vielleicht einige zwanzig
Jahre zu seiner Verwirklichung brauchte
Es war eben eine neue Zeit die hier eingezogen war In welchem Glanz der
Neuheit blickten die Ziegeldächer des Hofes zwischen den jungen Pappeln herüber
Rechts vom Hofe auf einer Strecke wo früher eine weite Brache vergebens der
Kultur geharrt hatte schimmerten jetzt unendliche Flächen grüner Saat und
welch neuen für diese Gegend fast unglaublichen Anblick gewährte weiter rechts
der Komplex von Gebäuden in rotem Ziegelstein aus deren Mitte ein riesiger
Schornstein so eben eine schwere Rauchwolke in den lichten Morgenhimmel sandte
Es war die vor zwei Jahren angelegte Brennerei zu welcher wir im Laufe des
Winters eine neue Maschine geliefert hatten Bis zu dieser Stelle musste sich
nach meiner Berechnung früher der Parkwald erstreckt haben Jetzt war kein Baum
zu sehen und immer noch kein Baum als ich um das Haus herumging und in den
Teil der Anlagen gelangte in welchen ich vorhin aus meinem Fenster einen Blick
geworfen Ich überzeugte mich dass dies wahr und wahrhaftig der Platz der großen
Parkwiese sein musste aber vergebens suchte das Auge jetzt nach der herrlichen
Wand mit welcher die prächtigen Buchen das weite Revier nickenden Grases
begrenzt hatten Bis zu den Hügeln hinauf über welche man zu dem Vorgebirge
aufstieg war der stolze Wald abgetrieben und die Stümpfe die man fast überall
vorläufig stehen gelassen gaben dem Terrain das Ansehen eines riesigen
schlecht unterhaltenen Friedhofes Hier und da hatte man auf vollständig
gerodeten Stellen angefangen wieder nachzusäen und nachzupflanzen aber die
jungen Schonungen sahen kümmerlich aus und würden schwerlich je so riesige
Stämme liefern wie man sie hier und da bereits zugehauen zwischen den Stumpfen
liegen sah
Ich schritt weiter auf dem gut unterhaltenen Fahrweg der hügelauf nach dem
Vorgebirge führte und ungefähr die Richtung verfolgte wie der alte Weg auf
welchem man durch den Wald zu dem Weiher gelangte Und dies hier musste die
Stelle sein diese fast kreisrunde Vertiefung auf deren Grunde noch hier und da
zwischen schon begrasten Stellen Lachen schwarzen Wassers blinkten Du lieber
Gott abgrundtief hatte er sein sollen der düstere Waldsee und jetzt sah man
dass seine größte Tiefe nicht dreißig Fuß betragen Man hatte ganz einfach das
Ufer in der Richtung des Strandes durchstochen und das Wasser abgelassen um den
Moder zu gewinnen in welchen sich die Blätter die Jahrtausende lang von den
Bäumen herabgeweht waren auf dem Grunde des Sees verwandelt Nun der Dünger
mochte den erschöpften Feldern trefflich zu Gute gekommen sein aber hier war es
hässlich geworden verzweifelt hässlich auf einer Stelle die damals die süßesten
Schauer der Waldeinsamkeit umwitterten Nur einen einzigen der stolzen Riesen
hatte man stehen lassen auf der mittleren Abdachung des Hügels Es war eine
gewaltige vielhundertjährige Buche welche ich trotzdem sie sich jetzt da sie
ringsum frei stand ganz anders präsentirte wieder zu erkennen glaubte Und ich
hatte mich nicht getäuscht Da stand auf der graugrünen Rinde mit zum Teil
halbverwachsenen aber noch wohl lesbaren Lettern mein Vorname und ein Datum
das Datum des Tages an welchem ich Konstanze von Zehren an jenem sonnigen
Herbstmorgen zuerst unter eben diesem Baum gesehen
Es war doch ein eigener Zufall dass gerade dieser Baum von all den schönen
prächtigen Bäumen hatte erhalten bleiben müssen
Ein Gefühl von Trauer und Wehmut wollte mich übermannen Ich blickte tief
atmend hinauf zu dem hellen Himmel Jener Morgen war schön gewesen aber die
Blätter hatten schon zu fallen begonnen und der Winter der die ganze Schönheit
auslöschen sollte vor der Tür gestanden und heute war der Morgen auch schön
und Frühling wars und die langen SommerTage voll Licht und Sonnenschein kamen
erst die Tage der Arbeit auf welche dann auch die Ernte nicht ausbleiben
mochte
Ja sprach ich bei mir selbst indem ich rüstig hügelauf und jetzt über den
Rücken des Vorgebirges schritt ja jene Welt musste untergehen mit ihrem trauten
Waldesrauschen und dem geheimnisvollen Plätschern dunkler Seen aus grauer
Vorzeit mit ihren bröckelnden Schlössern ihren zerfallenen Höfen und brach
liegenden Feldern Selbst du musstest verschwinden altersgraue TurmRuine und
diesem kleinen Pavillon Platz machen aus dessen Fenstern es sich gar schön
hinausschauen lassen muss über die Fläche des Plateaus auf das Meer
Hier war es wo der Turm gestanden Ein bunter Schmetterling hatte sich an
die Stelle gesetzt wo der kriegerische Aar so lange gehorstet Ich ging um den
zierlichen Bau dessen Tür verschlossen und hinter dessen blanken Fenstern die
seidenen Vorhänge heruntergelassen waren rings herum An der Südseite standen
unter einem weit vorspringenden Dach mehrere Bänke und Tische
Während ich hier saß und den Kopf aufgestützt in die Weite schaute ging
die Sonne auf Zitternd in ihrem Glanz stieg sie hervor aus dem Meer aber es
war nicht bloß das Übermaß des Lichtes das mich meine Augen schließen machte
Ich hatte sie schon einmal aufgehen sehen von eben dieser Stelle und hier wo
ich saß hatte ein Todter gesessen und mit den gebrochenen Augen auf denen die
ewige Nacht bleiern lag in all die Herrlichkeit gestarrt
Ein tränengieriges Weh stieg in meiner Brust auf aber ich kämpfte es
mutig nieder Das war gewesen es durfte nicht wieder kommen wenn es mir nicht
den Tag verdüstern wollte den hellen Tag welchen ich schon längst als ein
Geschenk gütiger Götter zu begrüßen und entgegenzunehmen gewohnt war
Ruhig erhob ich mich und wandte mich zu der Schlucht die ich in jener
Schreckensnacht mit dem wilden Zehren auf kaum gangbarem Pfade erklommen und wo
jetzt eine Treppe mit vielen und bequemen Stufen gemächlich zu der Schneidemühle
hinabführte von welcher mir gestern Abend der Kommerzienrat erzählt hatte und
deren Klappern eben aus der Tiefe zu mir herauf zu schallen begann Es war nur
ein kleines aber vortrefflich eingerichtetes Werk und hatte seinen Dienst so
gut getan dass der ganze Wald von Zehrendorf bis auf einen kleinen Rest bereits
von seinen Sägen zerschnitten war
»Ich wollte wir wären nicht so fleißig gewesen« sagte der Meister den ich
in der Mühle fand »denn mit unserem Wald haben wir uns auch das Wasser
abgeschnitten so dass wir nur noch ein Drittel der Zeit arbeiten und die
Bestellungen gar nicht ausführen können die von allen Seiten kommen Nachdem es
ihnen der Herr Kommerzienrat vorgemacht wollen nämlich alle es ihm nachmachen
und denken auch nicht an die Zukunft sondern lassen schlagen was fallen will
dass nächstens kein Baum mehr auf diesem Teil unserer Insel zu sehen sein wird
Ich habe es dem Herrn Kommerzienrat genug gesagt aber er wollte ja nicht
hören nun er hat den Schaden«
»Dem wäre vielleicht durch eine kleine Dampfmaschine abzuhelfen« meinte
ich
»Schon gut« sagte der Mann »nur ist Wasser billiger als Dampf aber das
kann ja immer nicht genug einbringen und man schlachtet das Huhn um das Ei zu
haben So rieten Alle die etwas davon verstanden dem Herrn schon darum den
Wald nicht auf einmal abzuholzen um dem jungen Nachwuchs Schutz vor den Winden
zu gewähren die hier auf der Höhe gar scharf wehen Nun kommt auf dem kahlen
von der Luft vollends ausgetrockneten Boden nichts von der Stelle wie der Herr
ja gesehen haben wird wenn er vom Schloss aus über die Höhe gekommen ist Ja
ja mit der Natur darf man nicht umspringen in der Weise die ist nicht so
geduldig wie wir Menschen«
Es war ein kleiner Mann mit einem ernsten klugen Gesicht der also zu mir
sprach Aus einem andern Teil der Insel wie er mir sagte gebürtig kannte er
die Natur und Art des Landes und Volkes wohl war aber in dieser Gegend zum
erstenmal Ich gab mich ihm als denjenigen zu erkennen der die neuen Maschinen
in dem Kreidebruche aufstellen sollte und fragte ihn was er von diesem
Unternehmen halte
»Das wird auch nicht viel besser werden als dieses hier« erwiderte der
Mann »wenn auch aus einem andern Grunde Der Bruch ist von Anfang an ausgiebig
genug gewesen aber der Herr hat sich eingeredet man brauche nur tiefer zu
treiben dann werde es sich erst finden Nun ja gefunden hat man es nämlich
das Wasser das den ganzen Bau zu Grunde richten wird wenn Ihre Maschinen es
nicht bewältigen Und schließlich ist damit auch nicht viel getan denn was
gerettet werden wird ist vielleicht nicht wert dass man es rettet«
»Das sieht ja traurig aus« sagte ich über Alles was ich hörte ernstlich
bekümmert
»Freilich« sagte der Mann
»Und die Brennerei« fing ich von Neuem an »müssen Sie auch der ein so
schlechtes Zeugnis geben«
Der Mann zuckte mit den Achseln »Darüber ließe sich vieles sagen«
erwiderte er »Die Anlage ist ja soweit ganz gut nur ist sie von Hause aus zu
teuer gebaut und dann ist der Transport zu schwierig im Winter auf unseren
schauderhaften Wegen Und selbst während des Sommers stockt er manchmal weil
wir überall hier auf der Küste nur schlecht ans Land und in See kommen können
trotzdem der Herr Kommerzienrat aus den Steinen des Turmes einen großen Molo
hat bauen lassen Sie können ihn von hier aus sehen da wo die Wellen
aufbranden Das möchte aber Alles noch gehen wenn der Herr Kommerzienrat sich
bei den Leuten beliebter zu machen wüsste«
»Wie das« fragte ich
Der Mann blickte mich ein wenig scheu unter seinen buschigen Brauen an
»Sie können ganz offen sprechen« sagte ich »ich war selbst bis vor wenigen
Tagen nichts als ein einfacher Arbeiter in des Kommerzienrats Maschinenfabrik
und habe in der kurzen Zeit nicht verlernt mit meinen Kameraden zu
sympatisieren«
»Nun« sagte der Andere »wenn ich offen sprechen darf ich meine so Die
Leute hier herum die Schiffer sowohl wie die Katenleute und rings in den
Dörfern am Strande und auf dem Lande sie sehen den Kommerzienrat an als
Einen der sich hier eingedrängt hat und da sitzt wo bessere Leute vor ihm
gesessen haben oder sitzen sollten Nun mit dem Bessersein wird das wohl so
seine eigene Bewandtnis haben aber ich rede nicht aus meinen eigenen Gedanken
sondern aus denen der Leute Dazu kommt dass sich viele von ihnen erinnern dass
der Kommerzienrat nicht immer der reiche Mann war und was das Schlimmste ist
Einer oder der Andere weiß recht gut oder glaubt recht gut zu wissen wie
all das sündhaft viele Geld zusammengekommen denn er hat vielleicht selbst
dafür gearbeitet und auch wohl seine Haut zu Markte getragen in den
ZehnerJahren als es ein bisschen bunt herging hier an dieser Küste und bis nach
Uselin und Woldom und noch weiter hinauf Hat doch noch erst vor wenigen Jahren
hier eine richtige Hetze auf die Pascher stattgefunden von welcher der Herr
vielleicht gehört hat Nun das möchte ja Alles sein und der Kommerzienrat käme
doch darüber weg wenn er ein Herr wäre der nicht nur lebt sondern auch leben
ließe der was er vielleicht früher schlecht gemacht hat wieder gut zu machen
suchte und dem armen Mann auch das Seine gönnte Aber davon ist ja keine Rede
Er schneidet und drückt sie wo er kann und denkt sie müssen doch arbeiten
Aber er irrt sich sehr Ja sie arbeiten wohl aber nur die welche sich gar
nicht anders zu helfen wissen und was dies für eine Sorte Arbeiter ist und was
für eine Sorte Arbeit sie liefern das weiß der Herr ja selbst wohl recht gut«
»Freilich freilich« sagte ich
Ein Knecht trat herzu es waren neue Stämme aufzulegen der Meister musste an
die Arbeit Ich schüttelte ihm die Hand Er blickte mich mit seinen
melancholischen Augen an und sagte lächelnd »Sie haben mich jetzt in der Hand
wenn Sie dem Herrn Kommerzienrat wieder erzählen was Sie von mir gehört Aber
es tut nichts meines Bleibens ist hier so wie so nicht viel länger«
»Das wäre Jammer und Schade« rief ich »im Gegenteil ich hoffe wir
werden noch manches gute Wort zusammen reden und manchen guten Rat zusammen
ausdenken Werfen Sie die Flinte noch nicht ins Korn das wird hier Alles
anders und besser werden«
Der Mann sah mich einigermaßen verwundert an erwiderte aber nichts
sondern wandte sich in die Mühle zu gehen und ich stieg die Treppe zum Strande
vollends hinab
Da war nun mein Meer mein vielgeliebtes Meer das ich stets vor Freude
weinend begrüßte wenn der Traumgott mich an sein Gestade brachte und es vor mir
ausbreitete in seiner Herrlichkeit Da kamen sie herangerollt die schönen
grünen Wogen mit den weißen sich überstürzenden Kämmen der Gischt der Brandung
trieb hinauf bis an meine Füße und wenn sie wieder zurückrollten donnerte es
dumpf hinter ihnen her zwischen den Millionen aneinander knirschender Kiesel
Über mir an den Kreidefelsen hin zogen ein paar Möven trägen Fluges und
draußen auf der Höhe blinkten die Segel von ein paar Fischerbooten die von der
See hereinkamen nach schwerer nächtlicher Arbeit Wie hatte ich mich gefreut
das Alles was ich so lang entbehrt endlich einmal wiederzusehen und jetzt
als ich es sah ließ es mich beinahe kalt
Wohl ohne meine Schuld Die Sinne waren mir so frisch als je und auch mein
Herz war in den acht oder neun Jahren nicht so viel älter geworden ich konnte
mich nur der sorgenvollen Gedanken nicht erwehren welche die Worte des wackeren
verständigen Mannes oben in der Strandmühle in mir aufgeregt hatten
Wie stimmten die Ansichten die er geäußert so ganz mit den Beobachtungen
die ich im Laufe meines morgendlichen Spazierganges gemacht mit wie scharfen
Linien hatte er das Bild des Kommerzienrates gezeichnet gerade wie ich ihn
von jeher und noch gestern Abend gesehen Das war ein Rühmen und Prahlen
gewesen in wie kurzer Zeit er den Wert des Gutes verdreifacht und verfünffacht
habe und was er Alles für die Menschen hier herum getan Er werde einmal den
Herren Edelleuten die sämtlich um fünfzig Jahre oder so in
landwirtschaftlicher Einsicht zurück seien zeigen was ein einfacher
Geschäftsmann wie er aus einem heruntergekommenen Gute machen könne das sei
das einzige wahre Interesse gewesen das er an der ganzen Sache genommen und
wenn der junge Fürst zugreifen wolle so möge ers bald tun sonst dürfte er zu
spät kommen
Fünfmalhunderttausend Taler eine halbe Million Wie sollte die
herauskommen Das sehr große Gut war freilich damals vollkommen
heruntergewirtschaftet wie es war noch immer hundertfunfzigtausend Taler
wert gewesen und dafür hatte es der Kommerzienrat auch bei der
Auseinandersetzung übernommen Jetzt wo es doch jedenfalls in besserer Kultur
stand wo der Hof von Grund aus neu aufgeführt das schmucke Wohnhaus erbaut war
und die Fabrikanlagen so schlecht sie rentiren mochten doch immer ins Gewicht
fielen mochte der Wert auf das Doppelte gestiegen sein aber dafür war ja auch
der kostbare Wald niedergelegt und zu Gelde gemacht die Sache wollte nicht
stimmen wie ich auch rechnete und rechnete es fehlte immer mehr als die
Hälfte Wenn die Angaben des Kommerzienrates über seine Verhältnisse immer so
ungenau waren auch den Wert seiner Fabrik hatte er gestern Abend in
derselben Proportion überschätzt wenn er den Überreichen nur spielte weil er
es vielleicht einmal gewesen wenn er ich blieb nach der See gewandt stehen
und atmete ein paar mal tief auf Wiederum an diesem klaren Morgen hier in
der frischen Seeluft kam die düstere Ahnung über mich die ich gestern in dem
schwülen Zimmer für eine Ausgeburt meiner von dem heißen Wein fieberhaft
erregten Phantasie gehalten und wiederum wie gestern musste ich sofort an das
schöne Mädchen denken die vielbeneidete übermütige Erbin eines Reichtums
der vielleicht nur noch in den prahlerischen Lügen ihres Vaters existirte
»Aber was geht es dich schließlich an« sprach ich bei mir indem ich mit
raschen Schritten durch den tiefen Sand des Strandweges wadete »gar nichts geht
es dich an gar nichts«
Zu meinem Füßen lag ein großer Fisch den die Wellen eben ausgeworfen haben
mussten Er schien tot aber er war unverletzt die weit aufgesperrten Kiemen
waren noch rot vielleicht hatte ihn die Brandung nur zu hart gegen einen der
Ufersteine geschleudert oder der Schlag eines Seehundes hatte ihn betäubt Ich
trug ihn nicht ohne mir die Füße nass zu machen über die ersten Steine und
schleuderte ihn in das tiefere Wasser Er kehrte den weißen Bauch nach oben
Armes Tier sagte ich ich hätte dir gern geholfen nun werden dich die Möven
fressen sie freuen sich dass du tot bist
Und was ging der tote Fisch dich an philosophirte ich weiter indem ich
meinen Weg fortsetzte und mir den nassen Sand von den Füßen schüttelte auch
nichts erst recht nichts Ein Mövenherz muss man haben und scharfe Fänge und
einen starken spitzen Schnabel und lustig loshacken auf jede gute Beute die
uns eine günstige Welle an den Strand wirft Georg Georg schäme dich und es
hilft dir ja doch nichts Du kannst dich nicht anders machen als du bist Aber
freilich du kannst die anderen Menschen auch nicht anders machen als sie sind
Den Kommerzienrat zum Beispiel Wirst du den Mann je zu der Lehre deines
Meisters bekehren Zu der Lehre der Liebe der gegenseitigen Hülfsbereitschaft
Nimmermehr oder höchstens wenn du ihm beweisen könntest dass sein Vorteil
damit Hand in Hand geht dass er sich schließlich zu Grunde richtet wenn er hier
und überall nur auf Raubbau aus ist Hatte der Meister das nicht Alles
vorausgesagt An ihn und seinesgleichen ist die Reihe gekommen sie sind jetzt
die Ritter vom Hammer es ist das alte Spiel in etwas anderer Form Und er
hatte hinzugefügt und ein herrliches Feuer hatte dabei in seinen schönen Augen
geglüht Es wird nicht lange dauern und dann wird unsere Zeit kommen die wir
begriffen haben dass es eine Gerechtigkeit gibt die sich nicht spotten lässt
Diese Zeit unsere Zeit sie wird nie kommen sagt Doctor Willibrod oder
doch gewiss nur für den der sie sich erobert der sie festhält an dem
flatternden Gewande
Ob meinem Haupte kreischte eine Möve ich blickte hinaus und sah über den
Strand des fünfzig Fuß hohen noch immer ziemlich steilen Ufers und über die
Büsche weg die an dem Rande wuchsen etwas Weisses flattern wie den Zipfel
eines Gewandes Es war kein Gewand sondern ein weißer Schleier der von dem Hut
einer Reiterin wehte Auch den Hut zu dem Schleier sah ich auf ein paar
Augenblicke und den nickenden Kopf eines Pferdes und ganz flüchtig die Reiterin
selber oder wenigstens ihren Kopf und ihre Schultern wie sie sich vornüber
oder seitwärts beugte auf den schmalen Vorstrand hinabzuschauen
Mir schlug das Herz das Ding sah auch zu gefährlich aus obgleich ich
wusste dass es nicht ganz so gefährlich war wie es von unten aussah ich rief
auch hinauf sie solle sich in Acht nehmen das hatte sie aber wohl schwerlich
gehört denn der weiße Schleier war verschwunden und das Herz schlug mir noch
immer Paula mochte es verantworten sie war schuld wenn ich die schöne Hermine
nicht ruhig fünfzig Fuß hoch von einem steilen Felsufer herabstürzen sehen
konnte noch dazu in meine Arme
Hollah höhnte ich mich die alberne Beklemmung los zu werden die sich
ich weiß nicht wie um meine Brust gelegt hatte hollah gab es da wieder
einmal etwas zu retten zu schützen alte schlaue Kommerzienräte tote dumme
Fische schöne übermütige junge Mädchen dir ist Alles gleich wenn du dir
nur bei dem Geschäft die Finger verbrennen oder die Füße nassmachen kannst Wie
lange ist es her dass du hier an diesem selben Strande mit dem Wilden
dahineiltest und die Zollwächter Euch auf den Fersen waren Die Fusstapfen selbst
würdest du noch sehen können hätten Wind und Wellen sie nicht verwischt aber
du großer du dummer Hans du findest auch ohne das die alte Spur
So schalt ich mich und beschloss direkt zu dem Hause zurückzukehren und dem
Kommerzienrat zu sagen dass ich es sei ganz gleich warum aber dass ich
zurück müsse und unter keiner Bedingung bleiben werde und während ich diesen
Entschluss fasste dessen Ausführung unzweifelhaft den ganzen Gang meines Lebens
geändert hätte und den auszuführen mir also nicht beschieden war beobachtete
ich schon voller Interesse die Anlagen des Kreidebruches die jetzt als ich
mich um eine scharfe Ecke des Ufers wandte in einer mäßig steilen Schlucht vor
mir lagen Es wäre doch mehr als unziemlich gewesen hätte ich das Werk das
auszuführen ich gerufen und gekommen war so schmählich im Stich gelassen
So stieg ich denn die hölzernen in den Kreidefelsen hineingearbeiteten
Stiegen hinauf bis ich an die kleine Platform gelangte wo hinter dem
Wärterhäuschen der Eingang in den Stollen sich befand den man horizontal in den
Felsen getrieben hatte und der jetzt nicht mehr befahren werden konnte weil
man weiter hinten auf Quellen gestoßen war deren Wasser man jetzt mit ziemlich
rohen Pumpvorrichtungen vergeblich zu bewältigen suchte
»Und es fragt sich noch sehr ob es auch nur mit Ihren Maschinen zu heben
ist« sagte der alte wettergebräunte Aufseher der mich herumführte
»Aber wie ist dies nur so gekommen« fragte ich
»Wie das so kommt« erwiderte der Aufseher die Achseln zuckend »hinter
der Kreide sehen Sie die gerade bis hierher steht« wir gingen auf der Höhe
des Ufers und er fasste an eine Stange die zum Wahrzeichen in den Boden
getrieben war »ist eine Sandschicht alter Meer und Dünensand der mit der
Kreide fast in gleicher Tiefe wegstreicht und auf der andern Seite wieder an
das große Moor stößt aus dem er das Wasser einsaugt wie ein Schwamm Das wussten
wir Alle recht gut aber der Herr hat es ja nicht glauben wollen und ja wohl
gemeint wir wollten ihn nur um seinen Vorteil bringen wenn wir ihm rieten
nach der Seite nicht weiter zu gehen wo allerdings die Kreide für den
Augenblick ganz besonders gut war Nun hat er den Schaden«
Nun hat er den Schaden
Genau dasselbe hatte der Mann in der Schneidemühle gesagt und beide schienen
sie tüchtige ehrliche Männer die einen aufrichtigen Anteil an dem Gedeihen
der Werke genommen haben würden und die jetzt das Misslingen nicht minder
ernstlich bekümmerte Warum war er ihrem Rate nicht gefolgt als es noch Zeit
war warum Aus demselben Grunde weshalb er den Vorschlägen des Doctor Snellius
zur Einrichtung von Kranken Invaliden und Sterbekassen und andern für das
Wohl der FabrikArbeiter unbedingt nötigen Institutionen sich stets widersetzt
hatte aus demselben Grunde weshalb er die Anträge unseres Directors den Lohn
der Arbeiter den Anforderungen der Zeit gemäß zu erhöhen immer höhnisch
zurückgewiesen hatte Es war immer derselbe Grund masslose Selbstsucht die an
dem ihr einzig wünschenswerten Ziel mit so gierigen Blicken hängt dass sie
darüber nicht rechts noch links sehen kann und am Ende sich selbst verblendet
»Nun hat er den Schaden« wiederholte der Alte gleichsam zur Bestätigung der
Schlussfolgerung meiner Gedanken ging schwerfälligen Schrittes davon und stieg
die hölzerne Stiege hinab die von dem Uferrand zu dem Bruche führte
Ich blieb allein in tiefes Sinnen verloren als ob ich eine Welt zu schaffen
hätte Und war denn hier nicht eine Welt zu schaffen zu der man nur eben den
Grund gelegt hatte Schneidemühle Kreidebruch Brennerei die Drainirung des
großen Moores von welcher er mir gestern Abend so viel erzählt und von der er
sich so Großes versprach was hätte aus allen diesen Einrichtungen werden
können, ja was konnte noch daraus werden wenn man sie in dem Sinne unternommen
hätte wenn man sie mit der festen Absicht wieder aufnahm und verbesserte und
weiterführte in der Absicht in dem Sinne für die armen verkommenen elenden
Menschen hier neue dauernde Quellen des Erwerbes zu öffnen Wenn man sich ihr
Vertrauen zu erringen wüsste wenn man ihnen bewiese dass sie für sich selbst
arbeiteten indem sie für den Herrn zu arbeiten scheinen
Wenn ich Herr wäre
Von da wo ich stand konnte ich ein gutes Stück des Landes übersehen das
links von mir zu den Höhen von Zehrendorf aufstieg und sich rechts bis zu dem
großen Moore senkte und unmittelbar am Meere den langen sandigen Ufersaum hinab
bis nach Zanowitz dessen elende Hütten hier und da zwischen den nackten Dünen
sichtbar wurden Und ich sah im Geiste das kahle Land in goldenen Saaten wogen
und sah das Moor trocken gelegt und von Heerden überschwärmt und schmucke
Fahrzeuge kamen von dem elenden Fischerdorf das jetzt der Hafen für ein reiches
und fruchtbares Gebiet geworden war
Schon einmal hatte ich einen ähnlichen Traum geträumt schon einmal waren
meine Blicke mit Segenswünschen beladen über dieses Gebiet geschweift und
hätten ein Paradies geschaffen wenn Blicken und Wünschen solche Kraft
innewohnte Seitdem war so manches Jahr verflossen ich war ein Anderer
geworden reifer an Verstand Einsicht Willenskraft sollte es auch jetzt bei
den frommen Wünschen bleiben sollte ich auch jetzt wieder wie so oft schon in
meinem Leben mit leeren Händen vor dem Hungrigen stehen der nach Brod schrie
Und wie ich noch immer in der größten Erregung auf der Uferhöhe hin und
her wandelte und sann und sann wie ich weiter kommen könne kommen müsse da
flatterte plötzlich der weiße Schleier der vorhin von der Höhe herabgeweht
über das Gebüsch das rechtshin das Ufer bekränzte Ich hörte den leisen
Hufschlag eines galoppirenden Pferdes auf dem Sandwege hinter den Büschen im
nächsten Augenblicke kam die Reiterin um die Ecke herum auf einem schlanken
Rappen an dessen Seite in fast ebenso weiten Sprüngen eine ungeheure gelbe
Dogge galoppirte Die Reiterin parirte in dem Moment als sie mich erblickte
mit scharfem festen Griff den vortrefflich geschulten Renner aber die Dogge
sprang in weiten und weiteren Sätzen auf mich zu augenscheinlich in der
freundlichen Absicht mich über den Haufen zu rennen Da ich darauf gefasst war
wurde es mir nicht allzuschwer das Tier als es hoch an mir anprallte bei der
Kehle und der einen Schulter zu ergreifen und es zurückzuschleudern »Leo
Leo« rief Hermine indem sie eifrig mit Gerte und Zügel ihr Pferd wieder in
Bewegung setzte »Leo hierher zurück«
Aber Leo hatte es bereits selbst für klüger erachtet auf seinen
ungeschickten Angriff den Rückzug anzutreten Es schien dass ich in der Eile ein
wenig zu derb zugefasst hatte das arme Tier hinkte laut winselnd die rechte
Vordertatze gehoben zu seiner Herrin
»Ist dir ganz recht« sagte sie indem sie sich weit zu dem Tier
herabbeugte »wie bist du auch so dumm den Herrn anzufallen weißt du nicht
dass er Löwen bezwingen kann«
Sie sagte das in einem Tone durch den ein gewisser Hohn deutlich genug
hindurch klang und so lag auch ein Zug von Hohn oder Unmut oder Stolz oder
von Allem zusammen um ihren reizenden Mund als sie jetzt sich aufrichtend und
mich der ich grüßend vor ihr stand mit ihren großen glänzenden blauen Augen
streng anblickend sagte »Übrigens können Sie sich nicht wundern mein Herr
der Hund ist darauf dressirt seine Herrin zu schützen ich weiß nicht wofür er
Sie genommen haben mag«
Diese unfreundlichen Worte wurden noch dazu in einem Tone gesprochen der
nichts weniger als verbindlich klang und ich bin nicht sicher dass ein feiner
junger Herr der von einem schönen Mädchen so von obenher behandelt worden wäre
die ihn sonst auszeichnende Ruhe bewahrt hätte Ich aber sah in der schönen
Amazone die so sehr stolz tat das kleine blauäugige Mädchen aus der Zeit vor
neun oder zehn Jahren als ich mich mit ihr und sie sich mit mir geneckt hatte
und so konnte ich denn mochte ich tun was ich wollte mich nicht sehr
beleidigt fühlen und ich fürchte dass ich ohne alle Empfindlichkeit erwiderte
das Tier könne mich doch im schlimmsten Falle nur für einen Arbeiter gehalten
haben und ich könne unmöglich glauben dass man es auf diese eben so nützliche
als weitverbreitete Menschenklasse dressirt hätte
Sie sah mich auf diese Antwort hin die sie nicht erwartet haben mochte mit
einem verlegenzornigen Blicke an und sagte mit mehr Heftigkeit als Logik
mich von Kopf bis zu Füßen messend »Ich wüsste auch nicht weshalb man Sie für
etwas Anderes nehmen sollte da Sie ja stets mit so äußerst nützlichen und
wichtigen Dingen beschäftigt sind dass Sie selbstverständlich auf Ihre äußere
Erscheinung kein großes Gewicht legen können wie wir anderen kleinen
alltäglichen Menschen Das letzte mal als ich das Vergnügen hatte sahen Sie
wenn ich mich recht erinnere aus wie ein Schornsteinfeger und jetzt
vermutlich des Kontrastes wegen wie ein Müllergesell«
Ich blickte unwillkürlich bei diesem Worte an mir hinab und bemerkte nun
freilich dass ich bei dem Herumkriechen in dem engen Stollen des Kreidebruches
nur allzu oft mit meinen breiten Schultern und weitschichtigen Gliedern die
Wände gestreift hatte und in der Tat mit den großen weißen Flecken überall auf
meinen Kleidern einen seltsamen und lächerlichen Anblick gewähren musste Ich
nahm den Hut ab und sagte mit einer tiefen Verbeugung zu dem Hunde gewandt der
jetzt die gequetschte Vorderpfote trübselig hängen lassend auf den
Hinterbeinen saß »Ich bitte auf das dringendste um Entschuldigung und
verspreche feierlich dass, wenn ich nochmals das Glück haben sollte Ihnen zu
begegnen ich so sauber erscheinen werde als Seife und Bürste mich nur irgend
machen können wo Sie dann hoffentlich an meinen freundschaftlichen Gefühlen
nicht den mindesten Zweifel hegen werden so wenig wie ich an den Ihren«
»Allons Leo auf sieh zu ob du mit kommst wenn nicht bleib wo du
willst Warum musst du mit jedem ErstenBesten anbinden«
Sie hieb ihr Pferd das schon ungeduldig mit den Hufen in den Sand gescharrt
und mit dem Kopf hin und her genickt hatte so heftig über Hals und Brust dass
es vor Schreck mit mächtigem Satze ansprang und im Galopp davonging Der Hund
galoppirte so gut es gehen wollte hinterher
Ich hatte nicht das Gefühl in dieser seltsamen Begegnung die fast wie ein
Kampf aussah den Kürzeren gezogen zu haben Ich glaube sogar ich blickte der
Davoneilenden deren weißer Schleier eben wieder hinter den Büschen verschwand
mit einer Art von triumphirendem Lächeln nach und murmelte »dem Ersten Besten
Nun fürwahr der Mann wäre nicht zu beklagen der Dir der Erste und der Beste
wäre«
Es war Zeit dass auch ich nach dem Hause zurückkehrte und so schritt ich
denn rasch von der Uferhöhe landeinwärts einen mir von früher nur zu wohl
bekannten Pfad welcher zwischen dem Moore das links liegen blieb und zwischen
der Heide die sich nach rechts ausdehnte in der Richtung von Trantowitz lief
wo sich in der Nähe des Hofes ein Fußweg rechts durch die Felder nach Zehrendorf
abzweigte Ich weiß nicht wie es war aber die Begegnung mit dem schönen
Mädchen das so feindlich tat ohne dass es mir recht gelingen wollte an diese
Feindschaft zu glauben hatte mir meine gute Laune beinahe wiedergegeben Ich sah
alles Trübe und Bedenkliche was mir der Morgen bis dahin gebracht in einem
freundlicheren Licht Die Möglichkeit Gutes im großen Maßstabe zu wirken war
ja doch vorhanden und ich segnete meinen Stern dass gerade mir die Aufgabe zu
Teil geworden zu sein schien diese Möglichkeit zur Wirklichkeit zu erheben
War ja doch der Kommerzienrat wenn kein guter so doch ein kluger Mann der
nicht gegen den Vorteil der Anderen handeln würde wenn man ihm beweisen
könnte dass dieser Vorteil mit dem seinigen zusammenfiel Und wer war mehr
geeignet ihm diesen Beweis zu führen als ich ich von dessen
Uneigennützigkeit er doch überzeugt sein musste und der ich außerdem der Himmel
weiß weshalb mich seiner Zuneigung erfreute so weit von einem derartigen
Gefühl in dieser vertrockneten Brust die Rede sein konnte Möglich dass er mich
nur so bevorzugte weil er mich nötig hatte oder zu haben meinte Nun wohl
ich musste mich ihm nötig machen und ich glaubte es zu können und dann mochte
mich die schöne Hermine noch hochmütiger behandeln ich stand doch fest auf
meinen Füßen und konnte mein Haupt so hoch tragen wie es mir die Natur
gegeben
So schritt ich rüstig auf dem schmalen Pfade dahin dem Erlenbruch zu der
hier zwischen Moor und Heide lag derselbe Bruch durch welchen ich in der
Schreckensnacht vor neun Jahren mit dem wilden Zehren geflohen war Eine trübe
Stimmung wollte mich überkommen als ich das Terrain betrat aber ich hatte mir
zu fest vorgesetzt die Gegenwart zu nehmen wie sie war und das Vergangene
vergangen sein zu lassen Wie hätte ich ohne diesen Vorsatz überhaupt hierher
zurückkehren können Und dann schien die Sonne so hell an dem blauen Himmel die
Vögel sangen so lustig in den Zweigen der Bäume deren Blätterknospen sich eben
zu entfalten begannen und in den Büschen die hier und da schon vollständig
belaubt waren in dem braunen Wasser der Gräben und Lachen ruderten geschäftig
die langbeinigen Wasserkäfer und aus der Ferne vermutlich aus dem
Trantowitzer Holze erscholl der Ruf des Kukuks Nein es wollte durchaus nicht
passen das Trübsein für einen so heitern Tag und wahrlich es hatte doch mehr
zum Lachen als zum Weinen gereizt das süße zornige Gesicht des schönen
Mädchens und ich musste nur hinterher noch recht herzlich lachen so herzlich
und laut dass ein Mann der wenige Schritte von mir unter den überhängenden
Zweigen einer Erle in dem jungen Grase am Rande des Grabens geschlafen hatte
sich langsam auf dem Ellenbogen in die Höhe richtete und mich der ich eben um
das Gebüsch herumkam mit großen verwunderten blauen Augen anstarrte Ich
brauchte nur einen Blick in diese guten großen starren Augen zu werfen »Herr
von Trantow« schrie ich »Hans lieber Hans« und ich streckte beide Hände dem
alten Freunde entgegen der sich mittlerweile vollständig aufgerichtet hatte und
mir mit freundlichem Lächeln seine große braune ritterliche Rechte hinreichte
»Wie geht es Ihnen lieber Freund« sagte ich
»Wie immer« erwiderte Hans
Es war der alte Ton aber der alte Hans war es nicht mehr Die blauen Augen
waren starrer die braunen Wangen welker und die Nase ach die Nase die sonst
edle ja schöne Nase war sehr rot und unschön geworden und als er nachdem
wir uns Seite an Seite an dem Bord des Grabens gesetzt die Mütze abnahm sah
ich dass sein sonst schlichtes aber starkes dunkelblondes Haar um die Schläfen
herum sehr sehr abgenommen hatte
»Ich wusste dass Sie kommen würden« sagte er indem er Stahl und Stein aus
der Jagdtasche nahm Feuer schlug und sich an dem brennenden Schwamm eine
Zigarre anzündete auch mir von dem Vorrat darreichend »ich sollte heute
Mittag drüben essen aber ich weiß nicht ob ich es fertig gebracht hätte da
ist es mir denn doppelt lieb dass ich Sie hier treffe Hier bin ich viel
lieber«
Und er blies mächtige Wolken aus seiner Zigarre und starrte in das Wasser
des Grabens in welchem die langbeinigen Wasserkäfer hinüber und herüber
ruderten
»Viel lieber« wiederholte er
»Und Sie leben noch immer so einsam wie damals« fragte ich
»Nun natürlich« sagte Hans
»Ich finde das gar nicht so natürlich« erwiderte ich mit einiger
Lebhaftigkeit denn aus Hans Erscheinung und Stimme sprach eine Verlassenheit
die mir ins Herz schnitt »gar nicht natürlich Der Tausend soll ein Mann
wie Sie ein so guter lieber braver Mensch sein Leben einsam vertrauern weil
es einer Koquette gefallen hat ihn ein paar Jahre am Narrenseil zu führen Ja
Herr von Trantow eine herzlose Koquette die es niemals wert gewesen ist dass
ein ehrlicher Kerl für sie ins Feuer ging und die jetzt vollends nein sie
verdient kaum noch unser Mitleid Ich kann Ihnen sagen ich habe es auf meine
Kosten erfahren«
»Ich auch« sagte Hans
»Ich weiß es«
Hans schüttelte den Kopf als wollte er sagen das ist es nicht Ich kannte
seine Gesten noch hinreichend von früher her
»Haben Sie sie denn wieder gesehen« fragte ich
Er nickte
»Und wo und wann«
»Vor acht Jahren oder sind es neun in wie heißt das Nest Neapel«
»Das war um die Zeit wo Sie von hier verschwanden und Niemand wusste wo
Sie waren«
»Ja wohl« sagte Hans
»Und in Neapel«
»Freilich« sagte Hans
Es war eine eigene Aufgabe sich Hans von Trantow am Golf von Neapel zu
denken den nordischen Bären zwischen den Schakalen des Südens und eine gar
besondere Veranlassung wars denn auch gewesen die den Hans zum ersten und
letzten Mal in seinem Leben von den Penaten seines verfallenen Hauses und den
Haiden und Mooren seiner Heimat weggeführt hatte in die weite Welt
Es war im Dezember vor neun Jahren ich saß schon einen Monat in
Untersuchungshaft als Hans einen Brief erhielt der ihn Jagdtasche und Flinte
er hatte eben auf die Jagd gewollt bei Seite legen den Schlitten anspannen
und nach Fährdorf jagen ließ um von dort über das Eis nach Uselin und von
Uselin Tag und Nacht zu fahren bis er nach manchen Hindernissen er hatte
Neapel zuerst in der Türkei suchen zu müssen geglaubt und war nicht ohne
einige Schwierigkeit allmälig in die rechte Direction gekommen nach drei oder
vier Wochen glücklich in der genannten Stadt anlangte Dort fragte er sich
ebenfalls nicht ohne Mühe der gute Hans sprach und verstand keine Sprache
außer seinem ehrlichen Deutsch nach einem Hotel welches in dem Briefe
angegeben war und fand sie die er suchte Nicht so wie er sie zu finden
erwartet hatte wie er sie nach dem Briefe zu finden erwarten musste Sie hatte
sich eine Verratene eine Verlassene genannt die auf ihn als ihre letzte
Zuflucht als ihren Retter aus der bittersten Not und von einem gewissen Tode
sehe Hans hatte das natürlich Alles wörtlich genommen und war jetzt
einigermaßen erstaunt sie in einem der üppigsten Hotels der ToledoStraße in
luxuriös ausgestatteten Zimmern in prachtvollster Toilette zu finden schöner
als je allerdings bei seinem Anblicke nicht wenig verlegen und für einige
Momente erbleichend Sie hatte wohl gemeint dass man ihrer Aufforderung nicht so
unmittelbar nachkommen oder sich doch wenigstens vorher anmelden würde und in
Folge dessen keine Vorbereitungen getroffen So musste sich denn eine deutsche
Prinzessin die sich in der Tat damals in Neapel aufhielt ihrer angenommen
und durchaus darauf bestanden haben dass die Tochter eines so alten und
vornehmen Geschlechtes sich ihre Hilfe und Unterstützung gefallen lasse Aber
die Gunst so hoher Personen ist wetterwendisch und manchmal von Bedingungen
abhängig die für ein stolzes Herz schwer zu erfüllen sind Die Prinzessin hatte
als Preis ihrer Gunst gefordert dass Konstanze einen gewissen jungen Baron der
wie es schien in der allerhöchsten Gunst der Frau Prinzessin selbst nur allzu
hoch gestanden auf der Stelle heirate und sie Konstanze war eine von
denen die wohl irren und schwer irren können aber niemals gegen die Stimme
ihres Herzens handeln würden
Dieses Märchen hatte die schöne Circe dem treuherzigen Hans unter manchen
Tränen und Seufzen und Erröten und Lächeln und krampfhaftem Schluchzen
erzählt und er der nicht den skeptischen Geist des erfindungsreichen
Vielumgetriebenen besaß hatte Alles aufs Wort geglaubt und war in seine
bescheidene Herberge zurückgekehrt sinnend und grübelnd was er nun tun könne
ihr zu helfen Sie zu heiraten war ihm unmöglich Ein Trantow konnte nie ein
Mädchen das nicht so keusch war wie er tapfer zur Frau nehmen und wäre sie
noch hundertmal schöner gewesen und hätte er sie noch hundertmal mehr geliebt
Aber mit ihr teilen was er hatte und für sie sorgen und sie beschützen und
für sie tun was ein Bruder in einem solchen Falle für eine unglückliche
geliebte Schwester zu tun vermag das konnte der Hans und das wollte der
Hans und um ihr diese Propositionen zu machen begab er sich am andern Morgen
wiederum zu ihr Aber in der Nacht hatte sich Circe eines Andern besonnen und
ihren Palast verlassen in Begleitung eben jenes jungen Barons der freilich mit
der genannten hohen Frau in keiner Verbindung irgend einer Art gestanden dafür
aber in desto intimerer zu dem jungen Fürsten Prora und seitdem der Fürst vor
vier Wochen auf Befehl seines Vaters Neapel verlassen in mindestens eben so
intimer zu Konstanze selbst welche ihm als Aequivalent für eine namhafte Summe
die der Fürst an ihn im Spiel verloren zugefallen war Hans erfuhr dies und
noch manches was er nicht zu wissen wünschte und wonach er gar nicht fragte
von einem deutschen Kellner der sich zufällig in jenem Hotel befand und allem
Anschein nach einen wenn auch nicht rühmlichen so doch tätigen Anteil an
der Intrigue genommen hatte Da Hans nicht nach Neapel gekommen war um auf der
ToledoStraße zu flaniren oder sich nach Kapri fahren zu lassen oder den Vesuv
zu besteigen so schüttelte er den Staub von seinen Füßen und begab sich wieder
auf die Heimfahrt Aber der Gute Getreue kam nicht weit Die ganz ungewohnte
Anstrengung einer so großen in toller Hast zurückgelegten Reise die
Veränderung des Klimas und der Lebensweise der feurige italienische Wein den
er seiner Gewohnheit nach in großen Quantitäten getrunken und wohl mehr als das
Alles der tiefe Schmerz um diesen schnöden zweiten Verrat der ja viel
schlimmer war als jener erste es war dieser starken Natur doch zu viel
gewesen und eines Tages wurde von einem mitleidigen Vetturin an der Pforte
eines Klosters in der Nähe von Rom ein Reisender abgeliefert der unterwegs
krank geworden war und in der Tat bereits dem Tode verfallen schien Nun es
war dem braven Hans nicht beschieden gewesen in der engen Zelle eines römischen
Mönchsklosters seine freie brave Seele auszuhauchen er genas trotz der wenig
rationellen Behandlung Fra Antonios des berühmten KlosterArztes und konnte
bereits nach sechs Wochen in dem Garten umhergehen Der Garten hatte sehr schön
gelegen mit einem köstlichen Blick auf die ewige Stadt und die Mönche waren
sehr gutmütig und freundlich wenn auch etwas schmutzig gewesen und hatten dem
Hans zu verstehen gegeben ob es nicht für das Heil seiner Seele erspriesslicher
sei wenn er gar nicht wieder in seine barbarische Heimat sondern in den
Schoss der alleinseligmachenden Kirche zurückkehre um wenn es Gott und die
heilige Jungfrau so wolle als Heiliger in dem Kloster zu sterben und direkt in
den Himmel zu kommen Eine sonderbare Proposition für den guten Hans Er hatte
in seinem Leben noch nicht einen Augenblick über das gegenwärtige oder
zukünftige Heil seiner Seele nachgedacht aber wie gut dieses sein unsterbliches
Teil bei dem Vorschlage der Patres sich auch gestanden haben möchte so viel
wurde ihm bald klar dass er dabei auf die Wohlfahrt seines Leibes durchaus
verzichten müsse Der Klosterwein war in seiner Art recht gut aber er hatte
einen eigentümlichen Beigeschmack an welchen Hans sich nun einmal nicht
gewöhnen konnte ebensowenig wie daran dass Ende Februar die Bäume blühten als
gäbe es auf der ganzen Welt um diese Zeit keinen stöbernden Nordost und keine
Tannenwälder deren Bäume sich tief unter der Last der Eiszapfen bogen und
eines Nachts als ihn ein mitleidiger Traum nach Trantowitz hatte zurückkehren
und aus dem Fenster seines Schlafzimmers sechs Hasen in dem Kohl des Gartens
beim blitzernden Licht der nordischen Sterne und des Schnees hatte schießen
lassen da hielt es ihn als er erwachte nicht länger er schüttelte seinen
freundlichen Wirten der Reihe nach die braunen unsauberen Hände empfing den
Segen des Priors auf sein unheiliges Haupt und kehrte zurück von wo er
gekommen
So erzählte der Hans in seiner einförmigen Weise während wir am Rande des
Grabens saßen Und die langbeinigen Käfer schossen in dem braunen Wasser hinüber
und herüber und die Vögel zwitscherten in den Zweigen und aus der Ferne rief der
Kukuk
Mir war sehr traurig zu Mute geworden Ich glaube ich wäre es viel weniger
gewesen wenn Hans nur die geringste Erregung bei der Erzählung der
merkwürdigsten und gewiss schmerzensreichsten Zeit seines Lebens zu erkennen
gegeben hätte aber davon war keine Spur Er hatte keinen Hass gegen Konstanze
er hatte keinen Groll gegen den jungen Fürsten der jetzt wieder auf Rossow in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft hauste es lag überall auf dem was er
sagte eine so vollkommene Resignation eine so gänzliche Hoffnungslosigkeit
und das war es eben was mich so traurig machte
In dem Gebüsch hinter uns raschelte es ein alter Hühnerhund trabte auf uns
zu und begrüßte erst Hans und dann auch mich mit melancholischem Schweifwedeln
»Mein Gott das ist doch nicht Karo« fragte ich
»Nun freilich« sagte Hans »ich glaube gar er erkennt Sie wieder«
»Alter Kerl« sagte ich den Hund streichelnd »und er tut noch immer seine
Pflicht«
»Nun wie mans nimmt« sagte Hans »auf der Hühnerjagd ist er schon lange
nicht mehr zu gebrauchen und auf der Entenjagd die sonst seine Force war will
er jetzt nicht mehr recht ins Wasser so dass ich mir wie heute Morgen die
Enten meist selber holen muss Aber das ist nun nicht anders wir sind eben Beide
nicht mehr so jung wie wir waren«
Karo hatte sich auf den Grabenrand gesetzt starrte mit gehobenen Ohren in
das Wasser nach den Käfern dachte aber augenscheinlich an gar nichts Hans saß
den linken Ellnbogen auf das Knie gestemmt da blies mächtige Wolken aus seiner
Zigarre starrte ebenfalls in den Graben und dachte vermutlich auch an nichts
Mir wurde immer trüber zu Sinn Der Gegensatz zu dem tatenfrohen Leben in
welches ich mich nur noch vorhin hineingeträumt und dieser Melancholie des
Nichtstuns war auch gar zu groß
»Lassen Sie uns aufbrechen« sagte ich indem ich mich schnell erhob
»Mir ist es recht« sagte Hans indem er langsam meinem Beispiele folgte
Es wurde nicht viel gesprochen während wir aus dem Bruch heraus über die
Heide schritten bis wo sich in der Nähe von Trantowitz dessen Gebäude
ruinenhafter als je aussahen der Fußpfad nach Zehrendorf abzweigte
»Und Sie werden nun für immer hier bleiben« fragte Hans als wir uns
trennen wollten
»Für immer« fragte ich »wie kommen Sie darauf«
»Ich« erwiderte Hans sehr verwundert dass ich ihn in Verdacht nehmen
konnte selbst auf etwas gekommen zu sein »ich nicht aber Fräulein Duff hat es
mir gesagt«
»Und hat sie Ihnen auch gesagt zu welchem Zweck ich für immer hier bleiben
sollte« fragte ich zurück
»Nun freilich« erwiderte Hans »und ich wünsche Ihnen Glück von Herzen«
»Aber nur wozu« rief ich indem ich einigermaßen zögernd in seine Hand
einschlug
Hans wurde rot und stotterte »Verzeihen Sie ich habe nicht indiscret sein
wollen ich glaubte es sei kein Geheimnis mehr oder doch wenigstens nicht
zwischen uns«
»Aber um Himmels willen wovon sprechen Sie nur« fragte ich und ich
glaube ich war bei der Frage womöglich noch röter geworden als Hans
»Ja sind Sie denn nicht oder werden Sie sich nicht mit Fräulein Hermine
verloben« stammelte Hans
Ich lachte laut auf lauter als Jemand dem das Lachen von Herzen kommt
Hans der dies Lachen für eine indirecte Bestätigung hielt ergriff von neuem
meine Hand und sagte
»Ich gönne es Ihnen von ganzem Herzen ich wüsste auf der ganzen Welt Keinen
dem ich sie so gönnte wie Ihnen Und die Leute hier brauchen einen guten
Herrn«
Er drückte mir nochmals die Hand und schritt davon von Karo der mit
hängendem Kopf hinter ihm her trabte gefolgt Ich blickte ihnen nach »Nun«
sagte ich bei mir »fürwahr es wäre ein besseres Loos als das Dir zu Teil
geworden ist Du guter treuer Mensch«
Ich wandte mich Da lag vor mir das neue Herrenhaus und der neue Hof von
Zehrendorf und abseits noch näher zu mir kauerten dicht an der Erde dieselben
kleinen verwitterten schmutzigen Katen die ich schon von damals kannte und
auf den frühlingsprächtigen Feldern sah ich dieselben verkümmerten verkommenen
Menschen sich placken und ich dachte an Alles was ich heute Morgen gesehen
erfahren und ich sagte bei mir »Ja wahrlich sie brauchen einen guten Herrn«
Und dann atmete ich tief auf und schritt langsam fast zögernd auf dem
Fußpfad weiter durch die grünenden Saaten nach Zehrendorf
Fünfzehntes Kapitel
Ich war bereits über eine Woche auf Zehrendorf Aus diesen Tagen liegt ein
Brief vor mir von meiner Hand ein mehrere Seiten langer Brief auf welchem hier
und da Flecke sind als wären Tränen darauf gefallen und doch ist der Brief
ein sehr munterer Brief und er lautet so
Niemand liebe Paula weiß besser als Du dass ich nicht hierher gekommen
bin mich zu amüsiren aber wenn ich sagen wollte dass ich alle diese Tage
etwas Anderes getan hätte als mich amüsiren oder wenigstens mir davon den
Anschein geben müsste ich es lügen Wahrhaftig Paula es ist als ob ich alle
Dummheiten nachzuholen hätte die ich während der letzten acht oder neun Jahre
versäumte und da dies nach dem Maßstab meiner früheren Leistungen in diesem
Genre nicht ganz wenig sein kann wird mir denn auch hier nicht ganz wenig
zugemutet Man weiß hier noch von mir zu erzählen von meinen rühmlichen
Leistungen bei den Ruderpartien mit unisonem Chorgesang bei den
TanzGesellschaften wo ich immer den erfindsamsten Kopf hatte für die
ergötzlichsten Touren im Kotillon bei den Promenaden zu Fuß und zu Wagen in den
Tannenwald dessen ehrwürdige Wipfel bei Tage von einem Hallo und Hussa
wiederhallten und nach Sonnenuntergang in dem herrlichsten Schein der
bengalischen Flammen leuchteten die mir mein Freund und Schützling Fritz
Amsberg der bucklige Apotekerlehrling als pflichtschuldigen Tribut
präparierte Ja ja es leben Leute die sich meiner Heldentaten aus jener Zeit
nur zu genau erinnern und was schlimmer ist es leben sogar welche in
allernächster Nähe beinahe Wand an Wand mit mir und seufzen mir bei allen
passenden und unpassenden Gelegenheiten entgegen »Wissen Sie wohl noch Georg
verzeihen Sie dass ich Sie wieder bei dem alten lieben Namen nenne wissen
Sie wohl noch wie wir uns da und da so göttlich amüsirten als Sie das und das
arrangirt hatten« Ich weiß das zehnte Mal erst davon und dann noch sehr
undeutlich und wundere mich über die enorme Zähigkeit mit welcher das
Gedächtnis der Frauen gewisse Dinge im Leben festhält die bei uns Männern die
höher gehenden Wogen des Lebens mitleidslos verwischen arme Emilie
Wie die hierher kommt Mir sehr unerwartet kann ich Dich versichern und
nichts weniger als erwünscht aber mein großer Feind von ehemals ihr Vater ist
der Justiziarius des Fürsten Prora und auch der Rechtsfreund des
Kommerzienrates und da der Fürst und der Kommerzienrat noch immer über
Zehrendorf verhandeln geht es natürlich nicht ohne das juristische Factotum der
hohen contrahirenden Mächte Wo aber das juristische Factotum pflegte schon
damals Fräulein Emilie nicht allzufern zu sein wenn außer den Geschäften ein
klein wenig unschuldiges Vergnügen in Aussicht stand wie das bei uns zu Lande
wo Geschäft und Vergnügen wenn irgend möglich Hand in Hand gehen sehr häufig
der Fall war Und nun gar nachdem die würdige Frau die Justizrätin so
unmütterlich gehandelt hat Emilien als hilf und schutzlose Waise ihre
eigenen Ausdrücke zurückzulassen Wo aber Emilie war brauchte man nach
unseres würdigen Bürgervorstehers lieblicher Tochter nimmer weit zu suchen und
so ist denn auch diesmal Elise Kohl in Begleitung ihrer Busenfreundin Du lieber
Gott ich sollte eigentlich nicht der armen Mädchen spotten denn sie können
doch schließlich nichts dafür dass sie aus der guten Stadt Uselin und deren
dreimaligem Umkreis von Domänen und Rittergütern niemals hinausgekommen ihre
Begriffe von Welt und Menschentreiben in Folge dessen nicht sehr umfassend
vielleicht auch ein wenig confus sind und vor Allem kann Fräulein Emilie sicher
nichts dafür dass sie den nicht fand den sie suchte nein ich sollte
wirklich nicht spotten und doch hätte ich nimmer geglaubt dass meine
Lachmuskeln noch so lustig spielen könnten wie sie es tun wenn ich die Beiden
die beiden Eleonoren hat sie Jemand hier getauft sich innig umschlungen
haltend durch die Tür des Salons treten sehe die Wilhelm Kluckhuhn nicht
ohne ein malitiöses Grinsen um seinen Mund dienstbeflissen weit aufgerissen
hat Die Attitüde ist ohne Zweifel auf das Sorgfältigste vor dem Spiegel
einstudirt sie könnte sonst nicht bis in das kleinste Detail jedesmal genau die
nämliche sein Hier hast Du die Gruppe die ich Dir für eines Deiner reizenden
Salonbilder dringend empfehle Emilie als die feinere und keckere ist
natürlich die zweite Eleonore und bildet die weltliche Stütze für die andere
die einen Kopf größer ist noch zu meiner Zeit ein romantisches Verhältnis mit
einem jungen poetischen Schulmeister hatte der verrückt wurde und die deshalb
alle mögliche Anwartschaft zu der ersten Eleonore hat um so mehr als sie schon
vor zehn Jahren in elegischen Versen ihr Loos beklagte in der Blüte ihrer
Jahre dem Grabe entgegenzuwelken Diese schicksalverfolgte dem Tode verfallene
Dulderin umschlingt nun mit ihrem rechten Arm die Schulter der Freundin gütigen
Blickes als wollte sie sagen »Du darfst singen und spielen du glückliches
Kind« zu jener herabschauend während das glückliche Kind mit ein paar Augen
in denen mindestens zwei Himmel blauen und mit einem herausfordernden Lächeln
um den schelmischen Mund zu jener emporschaut Ach es ist wirklich ein
rührender Anblick besonders wenn man bedenkt dass die beiden Eleonoren
zusammen wenigstens zwei bis dreiundsechzig Jahre alt sind denn ich erinnere
mich ganz deutlich dass ich schon als kleiner Junge niemals mehr mit Elisen
spielen wollte weil sie mir zu alt sei und was Emilien betrifft so bin ich
sogar gewiss dass sie ein Jahr früher als ich und noch dazu an demselben Tage den
Turm der Nicolaikirche zu Uselin erblickt hat denn unsere Geburtstage wurden
gelegentlich zusammen gefeiert Ja die Zähigkeit von Fräulein Emiliens
Gedächtnis ist groß aber eine Stunde gibt es doch von der sie behauptet dass
sie dieselbe nur wie durch einen dichten Nebel schaue Und doch sehe ich gerade
diese Stunde so deutlich dass ich mir beinahe die Zahl der Papilloten anzugeben
getraue die den blonden Kopf meiner Jugendfreundin umzitterten als sie die
Hände zu mir erhob und mich anflehte ich möchte ihren alten Vater schonen
denselben alten Vater der mir jetzt über Tisch mit dem vollen Glase vertraulich
zunickt und nach der Tafel mir entgegenruft »Prosit Mahlzeit lieber junger
Freund ich hätte so gern mit Ihnen angestossen aber ich saß so weit nun müssen
Sie mir aber wenigstens die Hand reichen« wonach ganze wenigstens halbe
Umarmung Ich fasse mich wirklich manchmal an den Kopf mich zu überzeugen dass
dies Alles nicht ein sonderbarer Traum sei aus welchem ich demnächst mit einem
Paar der allerlängsten Ohren erwachen werde Denn Du musst wissen liebe Paula
dass, wenn ich nicht der Narr dieses Festes bin ich nicht eben weit zum Könige
habe so kommt mir Alles entgegen so schmeichelt mir Jeder so bewirbt sich
Jeder um meine Gunst mit einer einzigen Ausnahme natürlich Da ist mein alter
Freund der kleine Herr von Granow welcher mit der Zeit noch viel runder
geworden ist so dass er auch in seinen besten Augenblicken den Kopf nicht mehr
aus den Schultern heben kann Besonders nicht wenn seine Gemahlin zugegen ist
eine derbe große Brauerstochter aus S die ihm ein paar mal hunderttausend
Taler mitgebracht hat auf welche er sich nicht wenig zu gute tut und ein
paar Pantoffeln unter deren gewichtigen Schlägen der schnurrige kleine Kerl
schon manche heiße heimliche Träne vergossen haben soll Aber wie uneinig die
Gatten auch in allen andern Punkten sein mögen darin sind sie einig mir in der
lächerlichsten Weise von der Welt den Hof zu machen Der kleine Mann erinnert
sich mit Rührung der »fidelen Stunden« die er damals in meiner Gesellschaft
verlebt und wünscht seufzend »die gute alte« Zeit zurück in Gegenwart sogar
seiner corpulenten Gattin die schalkhaft drohend den Zeigefinger erhebt und
ruft »Du böser böser Mann aber freilich ich begreife wie man für einen
Freund wie diesen selbst den Frieden des häuslichen Herdes opfern möge«
Und nun der Steuerrat und die Geborene Ich schrieb Dir wie sie mich
empfangen aber seitdem muss großer Rat gehalten und der Entschluss gefasst sein
eine andere Methode einzuschlagen Diese besteht darin, dass der Steuerrat
sobald er meiner ansichtig wird mir die Hand entgegenstreckt rufend »Grüß
Gott Georg Ich darf ja wohl den Sohn eines alten zu früh verstorbenen
Kollegen und Freundes bei seinem Vornamen nennen« Zu welchen Worten dann die
Geborene gütig lächelt um wenn es die Gelegenheit irgend zulässt meinen Arm zu
ergreifen mich auf die Seite zu ziehen und über ihren Augapfel ihren Arthur
eine lange Konferenz mit mir zu haben Ach ihr Augapfel tut ihr jetzt wieder
einmal so weh und ärgert sie so sehr dass, wenn man ihrer Versicherung glauben
dürfte sie manchmal daran ist ihn aus ihrem aristokratischen Gesicht zu
reißen Aber man darf ihr eben nicht glauben und ich glaube ihr auch nicht Es
ist genau die alte Litanei die ich schon von meinen Knabenjahren her kenne wie
Arthur der beste klügste schönste geistreichste liebenswürdigste Junge von
der Welt sei und nur den einen Fehler habe seine tausend und ein Lichter unter
den Scheffel seines Leichtsinns zu stellen wo sie denn freilich nicht die
gehörige Wirkung tun könnten Nur dass der Vers der Litanei der von mir
handelt eine wesentlich andere Form angenommen hat Damals war man ganz sicher
dass ich im Grunde aller der dummen Streiche stecke die sich Arthur zu Schulden
kommen ließ Jetzt ist man vollkommen überzeugt dass ich und ich allein im
Stande bin das verirrte Lamm von dem Abgrund zu retten »Wer wie Sie das
Unvermeidliche mit Würde getragen wer wie Sie den schwersten Sieg den über
sich selbst errungen wer nun ich zweifle nicht dass sie um die Zukunft
ihres Sohnes ernstlich besorgt ist und sie hat so viel ich sehen kann auch
alle Ursache dazu desto mehr aber zweifle ich an ihrer guten Gesinnung für
mich Weiß ich doch nur zu genau was sie was der Herr Steuerrat von mir
wollen Nur zu genau was Arthur der alle Tage auf Stunden von Rossow
herüberkommt von mir will wenn er alle Quellen seiner Liebenswürdigkeit
spielen lässt und mich mit einem Sprühregen von Schmeichelworten und
Freundschaftsversicherungen überschüttet Und was das Schlimme oder muss ich
sagen das Gute ist ich weiß ebenso von allen Andern was sie wollen von dem
kleinen Herrn von Granow der gern das große Zehrendorf möchte und dem ich das
Wort beim Kommerzienrat reden von Wilhelm Kluckhuhn dem zu Ostern gekündigt
ist und dem ich seine Stelle erhalten soll und so haben sie Alle ihre ganz
bestimmten Interessen dem armen Georg weiß zu machen er sei im Grunde genommen
ein merkwürdig gescheiter ungemein einflussreicher Mensch dessen Gunst zu
erringen man es sich schon etwas kosten lassen dürfe Im Ernst teuerste Paula
es ist ein höchst ergötzlicher Zustand in welchen ich hier so unversehens
geraten bin und ich weiß nicht ob sie mir nicht ganz und gar den Kopf
verdrehten wenn nun ja wenn da nicht Jemand wäre dessen ganz specielle
Aufgabe es zu sein scheint mir ihn wieder zurecht zu rücken Oder das ist
vielleicht ein falscher Ausdruck auf die andere die entgegengesetzte Seite zu
drehen wäre richtiger denn ich bin mit nichten eine wichtige Persönlichkeit
auf die man in jener Weise Rücksicht nehmen muss ich bin ein ganz obscurer
unbedeutender Mensch den der Vater Gott weiß aus welcher Kaprice in sein Haus
geladen und den man in Folge dessen gerade nicht zur Tür hinausweisen kann
dem man aber zu verstehen geben muss dass Leute seinesgleichen eigentlich ganz wo
anders hingehören Und zwar auf alle und jede Weise zu verstehen geben muss und
wäre es auch auf die wunderlichste von der Welt Ich erzähle Dir wohl davon
wenn ich zurückkomme auf dem Papier würden fürchte ich die Gesichter die man
mir macht lange nicht so reizend aussehen als sie in Wirklichkeit sind und
die kleinen Extravaganzen zu denen man sich hinreißen lässt im Gegenteil
beinahe toll erscheinen Oder sind sie wirklich toll Es kommt mir manchmal so
vor und manchmal getraue ich mir auch gar kein Urteil darüber und wünsche ich
hätte Benno hier oder ich wäre Benno mit seinen neunzehn Jahren und seinen
schönen Illusionen Für seine braunen schwärmerischen Augen würde das
blauäugige Rätsel vermutlich etwas einfacher zu lösen sein als für mich
alten schwerfälligen Menschen mit seinen beinahe dreißig Jahren seinen rauen
Händen und seinem nüchternen Verstande Nun mau wird den alten Hans wohl schon
nehmen müssen wie er ist und tut mans nicht so mag man sich ärgern und
schmollen und hübsche drollige Gesichter schneiden so viel man will mich
gehts nichts an Nicht wahr liebe Paula«
So lautete der Brief den ich für einen recht munteren ja lustigen Brief
angesehen haben wollte und wie gut mir mein Zweck gelungen war dafür sind
eben Zeuge die Spuren der Tränen die er den Augen Paulas entlockt hatte
Ach wohl hatte sie Ursach zu weinen über diesen Brief Hatte sie es um
mich verdient dass ich das was mich innerlich so tief bewegte künstlich vor
ihr versteckte verheimlichte und war dieser Brief von Anfang bis zu Ende nicht
ein Versuch ein plumper misslungener Versuch sie über den Zustand meiner
Seele zu täuschen
Was war denn an diesem Briefe wahr
So gut wie nichts
Der Wirbel von Vergnügungen in welchen man mich hier hineingezogen hatte
mich gar nicht so nüchtern gelassen als ich mir die Miene gegeben Es war als
ob mit derselben Luft die ich als junger Mensch vor zehn Jahren hier geatmet
auch etwas von der Lebenslust und Lebensgier jener Tage über mich gekommen wäre
Das schöne reiche Haus das breite bequeme Dasein das vergnügliche leichte
Leben der Aufenthalt in der freien Luft das Schweifen über die Haiden über
die Uferhöhen durch die Wälder dazu die herrlichsten Frühlingstage in
welchen dann und wann schon sommerliche Lüfte durch die Blütenbäume strichen
das Alles entzückte ja berauschte mich Nein ich war nicht der nüchterne
heitere harmlose Schalk als den ich mich Paula gegenüber dargestellt hatte
für den ich mich freilich auch der Gesellschaft gegenüber zu geben bemühte
Nein ich war nicht nüchtern und noch weniger war ich heiter oder harmlos ganz
im Gegenteil Eine unruhige leidenschaftliche halb gepresste halb überspannte
Laune hatte sich meiner bemächtigt so sehr dass der Schlaf mir ein lieber
treuer Gefährte von Kindesbeinen an mich jetzt floh wie er mich in der ersten
Zeit in dem Untersuchungsgefängniss geflohen hatte und das mochte wohl dazu
beitragen dass jetzt oft eine ganz ähnliche Stimmung wie damals mich überkam
die Stimmung Jemandes der da weiß dass über ihm an einem Haar die Entscheidung
schwebt über Tod und Leben
Was hatte ich von dem Allen Paula geschrieben Aber konnte ich ihr das
schreiben Konnte ich ihr schreiben dass ich den Grund zu wissen glaubte
weshalb Hermine dies sonderbare Spiel das sie gegen mich von dem ersten
Augenblicke meines Erscheinens in Zehrendorf begonnen in immer wunderlicherer
phantastischerer Weise weiter spielte Und wenn sich auch ein Etwas in mir noch
dagegen sträubte Herminens Betragen gegen mich die richtige Erklärung zu geben
konnte ich mich wirklich ganz darüber täuschen wenn Alle in ihrer Weise sich
bemühten mir anzudeuten mir klar zu machen dass sie recht gut sähen was ich
nun einmal durchaus nicht sehen wollte was nicht zu sehen ich mir wenigstens
den Anschein gab
Ja es war ein sonderbarer unheimlicher Zustand ein Zustand in welchem
wir an unsere Freunde dergleichen muntere Briefe schreiben über die unsere
Freunde heiße Tränen weinen
Sechszehntes Kapitel
Ich kam von dem Kreidebruche zurück wo ich den ganzen Morgen mit der
Einmauerung der eben angekommenen WasserWältigungsMaschine beschäftigt gewesen
war Die Arbeit war unter meiner Leitung trefflich von Statten gegangen Dank
dem Geschick und dem guten Willen meiner Leute und der phlegmatische
Bergmeister hatte zuletzt mit einem Anfluge von Begeisterung gesagt »ich
glaube nun holen wir es doch« Ich war in einer sehr glücklichen Stimmung Die
alte Schaffenslust hatte mich wieder ganz erfasst und während ich durch die
Felder rasch dahinschritt diesen und jenen neuen Plan im Geiste wälzend und die
Mittel dazu erwägend da war ich wieder einmal zu dem Resultat gekommen dass
Alles wohl geschehen könne und wohl geraten würde wenn nur der rechte Wille da
sei und ich hatte zum andern Male gesagt wer hier Herr wäre
Aber ich sagte es nicht wie ich es vor acht Tagen gesagt Damals war es ein
Wunsch gewesen dem nichts Persönliches anhaftete und das Ziel war mir
unerreichbar erschienen Heute war mein Herz nicht weniger erregt aber es
schlug nicht mehr frei wie neulich und ich sah das Ziel nicht mehr unerreichbar
weit ja ich sah es manchmal so nahe als ob ich nur die Hand auszustrecken
brauchte um es zu haben Und wenn mir dieser Gedanke kam und es plötzlich vor
meine Seele trat das schöne junge Gesicht mit der Wolke von Zorn auf der
weißen festen von hellbraunem krausen Gelock umdüsterten Stirn und den
unmutgeschürzten vollen roten Lippen dann stand ich still vor mich
hinstarrend in die grüne Saat deren Spitzen im Morgenwinde nickten oder hinaus
in die blaue Meeresferne die über den Uferrand herüberschimmerte und sah
nichts nichts als immer nur das süße trotzige Gesicht und dann atmete ich
tief auf und besann mich dass der Kommerzienrat mich hatte rufen lassen und
wohl schon ungeduldig meiner harrte
Ich fand ihn in seinem Zimmer in so lebhafter Unterredung mit dem
Justizrat dass ich die beiden Herren die zu gleicher Zeit sprachen schon
hörte bevor mir Wilhelm Kluckhuhn die Tür geöffnet hatte Sie saßen an dem
runden Tisch der mit Flurkarten Bauplänen Anschlägen bedeckt war
»Kommen Sie endlich« rief mir der Kommerzienrat in einem Tone entgegen
dass ich mich veranlasst fühlte über die Schulter gewandt nach der Tür zu sehen
und dem Aufgeregten zu bemerken dass Wilhelm bereits das Zimmer verlassen habe
Der Kommerzienrat warf mir einen jener bösen Blicke zu die man in den
Augen eines alten Tigers wahrnimmt wenn er ungewiss ist ob er die Stahlpeitsche
in der Hand eines Wärters respectiren soll oder nicht und rief dann im
muntersten Ton »Ja ja der verfluchte Kerl da habe ich ihn schon vor einer
Stunde nach Ihnen geschickt und nun erst bringt er Sie uns die wir ohne Sie gar
nichts machen können wenigstens ich nicht während dieser Herr allerdings schon
eher ohne Sie fertig wird«
»Erlauben Sie Herr Kommerzienrat« sagte der Andere
»Nein ich erlaube Nichts« rief Jener »am wenigsten dass Sie sich als mein
Freund in dieser Sache benehmen«
»Ich bin auch der Freund der anderen Partei so zu sagen« erwiderte der
Justizrat indem er mit vieler Würde das starre mittlerweile stark ergraute
Haar von beiden Seiten auf den Wirbel seines spitzen Kopfes emporstrich dass es
sich dort zu jenem Kamme aufstellte in welchem die CircusKlowns einen
blonderen Schmuck ihrer interessanten Erscheinung zu erblicken geneigt sind
»So sollten Sie doch wenigstens unparteiisch sein« rief der Kommerzienrat
»Fragen Sie unsern Freund hier ob er mich je anders gekannt hat« fragte
der Justizrat mit einem würdevollen Blick zu mir herüber
»Ach was« rief der Kommerzienrat »Redensarten machen den Kohl nicht fett
und mein Kohl wird magerer je länger Sie ihn auf dem Feuer haben Vor acht
Tagen das heißt bevor Sie kamen wollte der Fürst noch viermalhunderttausend
Taler geben nachdem Sie dreimal mit ihm conferirt ist er um fünfzigtausend
mit seinem Gebot heruntergegangen macht für jede Konferenz sechszehntausend
sechshundert und sechsundsechszig zwei drittel Taler Ich danke Ihnen Sie sind
mir immer ein teurer Gast gewesen aber dass Sie mir so teuer sein sollten
würde ich nie geglaubt haben«
Emiliens Vater machte eine Bewegung als wenn er sich vor den scharfen
Pfeilen seines Gegners in den grossgeblümten Schlafrock hüllen wollte den er zu
Hause zu tragen pflegte da er sich aber darauf besann dass er in einem
schwarzen Gesellschaftsrock stecke zupfte er nur an dem Kragen prüfte dann ob
der Hahnenkamm auf seinem Schädel noch unversehrt sei und blickte mich mit
einem dummpfiffigen Lächeln an als ob er sagen wollte Wenn einer mit dem
Justizrat Heckepfennig fertig werden will muss er früh aufstehen Sie haben es
erfahren nicht wahr junger Mann
»Ja ja lieber Freund so behandelt man mich hier« fuhr der
Kommerzienrat zu mir gewandt fort indem er zur Veränderung in einen
weinerlichen Ton verfiel »es ist wirklich zum Rasendwerden und Sie wissen doch
am besten Georg denn Sie verstehen es was viel mehr ist als man von
gewissen Leuten sagen kann Sie wissen doch dass das Gut seine
fünfmalhunderttausend Taler unter Brüdern wert ist zumal jetzt wo wir die
Gewissheit haben die Wasser im Kreidebruche zu bewältigen«
Der Kommerzienrat begleitete diese Worte mit einem auffordernden Blick nach
mir hin der so viel bedeutete als Jetzt Georg fall ihm ins Gepäck
»Und das ist noch eine sehr bescheidene Forderung« fuhr er fort »wenn man
bedenkt dass wir das Geheimnis gefunden haben das große Moor trocken zu legen
indem wir die Röhren bis an die Sandschicht leiten die dem Kreidebruche beinahe
verderblich geworden wäre und bei Licht betrachtet der von der Natur selbst
gegebene Abzugskanal für die Moorwasser wird«
Und der Kommerzienrat sah mich jetzt mit einem wütenden Blicke an ob ich
denn noch nicht zu seinem Beistande heranrücke
Nun war der letzte von ihm angedeutete Plan von mir selbst ausgegangen und
ich hielt es deshalb für meine Pflicht hier zu bemerken dass ich allerdings auf
das angedeutete Project die größten Hoffnungen setze dass aber die Resultate
erst einmal abgewartet werden müssten und schließlich wenn dieselben auch noch
so günstig ausfielen das neugewonnene Terrain den Wald welchen man
wahrscheinlich unwiederbringlich verloren höchstens ersetzen werde mithin der
ursprüngliche Wert von Zehrendorf kaum wesentlich verändert sein könne
»Sind Sie des Teufels Herr« rief der Kommerzienrat indem er aufsprang
und in dem Zimmer umherzulaufen begann »Sind Sie dazu gekommen was wie«
»Ich bin gekommen Herr Kommerzienrat weil Sie mich haben rufen lassen«
erwiderte ich ruhig vor dem Aufgeregten sitzen bleibend der mit schnellen
kurzen Schritten vor mir hin und her lief mich dabei fortwährend mit den
giftigsten Blicken anstierte sich dann wieder in seinen Lehnstuhl warf und mit
einem krähenden Lachen rief
»Ein Tausendsassa der Georg Hartwig ein wahrer Tausendsassa Was der immer
für prächtige Antworten hat Ist hierher gekommen weil ich ihn habe rufen
lassen Ein Tausendsassa Ein wahrer Tausendsassa«
Und der alte Herr schlug mir mit der flachen Hand auf das Knie und sagte
plötzlich in einen ernsten Ton fallend »Aber um auf unsere Angelegenheit
zurückzukommen die Sache ist dass ich von Granow fünfmalhunderttausend Taler
jeden Tag haben kann Nicht wahr Georg Das hat er Ihnen doch noch gestern
Abend gesagt«
Herr von Granow hatte mir dies keineswegs gesagt im Gegenteil er wäre
bereit auf jedes vernünftige Gebot abzuschließen die Forderungen des
Kommerzienrates aber seien geradezu unvernünftig Da ich dem Kommerzienrat
nicht den Gefallen tun konnte die Unwahrheit zu sagen und dem Justizrat der
nur darauf zu lauern schien nicht die Freude machen wollte die Wahrheit
einzugestehen so erhob ich mich indem ich sagte dass, wenn meine Gegenwart
sonst nicht gewünscht werde ich um die Erlaubnis bäte mich auf mein Zimmer zu
begeben wo ich noch eine kleine Arbeit zu fertigen habe
»Nein bleiben Sie bleiben Sie« rief der Kommerzienrat eifrig »ich habe
notwendig mit Ihnen zu sprechen Was uns anbetrifft lieber alter Freund so
gehen Sie jetzt und sagen Sie Sr Durchlaucht was Sie wollen aber wenn Sie
ihm sagen dass wir das Wasser im Kreidebruche nicht zu bewältigen im Stande
wären so schicke ich ihm den Georg hier der ihn darüber eines Anderen belehren
wird Und nun fahren Sie mit Gott alter Freund und seien Sie pünktlich zu
Mittag wieder hier Ich habe noch ein paar Flaschen Hochheimer zweiundzwanziger
gefunden die Sie goutiren werden Sie Schmeckesäbel Sie«
Der Kommerzienrat stieß dem corpulenten Justizrat freundschaftlich mit dem
Daumen in die Seite und trieb ihn auf diese Weise gewissermaßen zur Tür hinaus
wandte sich dann kurz auf den Hacken um kam mit seinen kleinsten Schritten auf
mich zugelaufen blieb vor mir stehen und rief in einem Zorn der ihm das Blut
in die kahlen Schläfen trieb »Jetzt sagen Sie mir wollen Sie mir bei diesem
Handel helfen oder wollen Sie es nicht«
»Zuerst sagen Sie mir Herr Kommerzienrat wollen Sie aus einem andern Tone
mit mir sprechen oder wollen Sie es nicht«
»Ach was lassen Sie Ihre Narrenspossen Wir sind jetzt unter uns Ich habe
keine Lust mit Ihnen Blindekuh zu spielen Herr verstehen Sie mich«
»Nicht im mindesten« erwiderte ich »oder höchstens so viel dass ich keine
Lust habe auch nur eine Minute länger der Gast eines Mannes zu sein der so
wenig der so gar nicht weiß was er seinen Gästen schuldig ist«
Ich hatte das in einem sehr ruhigen Tone sagen wollen aber es gelang mir
nicht ganz Der Gedanke dass in diesem Augenblicke die großen Pläne mit denen
ich mich noch eben getragen vielleicht in Rauch aufgingen dass die junge
frische Saat meiner schönsten Hoffnungen von diesem törichten alten
egoistischen Manne mit zornigen Füßen in den Boden gestampft würde dieser
Gedanke machte denn doch dass wenigstens meine letzten Worte mit einer größeren
Bitterkeit gesprochen wurden als es wohl sonst meine Gewohnheit war
Der Kommerzienrat musste mit seinen scharfen Ohren herausgehört haben dass
er an der Grenze meiner Duldsamkeit angekommen sei denn als ich an der Tür
war und den Drücker schon in der Hand hatte fühlte ich mich plötzlich am
Rockschooss festgehalten und mich umwendend sah ich das Gesicht des
wunderlichen alten Herrn mit einer so seltsamen Verzerrung zu mir
emporgerichtet dass ich lachen musste so trüb mir auch zu Sinnen war
»Na das ist recht lachen Sie tüchtig Sie schlechter Mensch und setzen
Sie sich wieder hin Ei das fehlte mir noch dass Sie mir so aus dem Hause
liefen Da würde ich heute Mittag eine schöne Suppe auszuessen haben Nein
nein setzen Sie sich Ich habe notwendig mit Ihnen zu sprechen und ich will
mit Ihnen sprechen als wenn Sie mein Sohn wären Der Himmel hat mir ja leider
keinen geschenkt und ich muss schon zu andern Leuten meine Zuflucht nehmen die
natürlich einem alten Manne sein bisschen Heftigkeit nicht verzeihen können«
Ich war schon längst wieder in einer versöhnlichen Stimmung und der
Kommerzienrat hätte gar nicht einen so kläglichen Ton anzuschlagen brauchen
Aber er blieb in diesem Ton während er mir nun des Weiteren auseinandersetzte
dass er Zehrendorf damals nur übernommen habe um es später mit Vorteil wieder
verkaufen zu können dass dieser Zeitpunkt jetzt gekommen sei dass er das Geld
brauche notwendig brauche und dass ich ihm auf jeden Fall helfen müsse den
Handel mit dem Fürsten zum Abschluss zu bringen Ich verstände mehr von diesen
Dingen als er selbst, oder der Justizrat oder auch der junge Fürst und der
Letztere habe ihm schon wiederholt und erst noch heute Morgen geschrieben dass
er mich lieber zum Unterhändler wolle als den Justizrat der ein alter Esel
sei und schrie der Kommerzienrat »Gott sei es geklagt wahr und wahrhaftig
ein alter Esel ist«
»Wie kommt der junge Fürst dazu mich zum Unterhändler zu wollen« fragte
ich erstaunt
»Weil er sich für Sie interessiert wie es alle Welt tut Sie Tausendsassa
Sie« rief der Kommerzienrat »Nun wollen Sie wollen Sie«
»Herr Kommerzienrat« sagte ich nach einer kleinen Pause in welcher ich
mich bemüht hatte die sich durchkreuzenden Gedanken auf einen Punkt zu sammeln
»ich will es Ihnen gestehen es tut mir weh zu denken dass Zehrendorf in eine
andere Hand kommen soll in die Hand eines Herrn von dem ich nicht weiß ob er
nicht Alles was hier mit so vielen Kosten und so großer Mühe ins Leben gerufen
ist wieder zu Grunde gehen lässt so dass die arme Menschheit hier herum in einen
noch erbärmlicheren Zustand gerät als in welchem ich sie vorgefunden Denn
Ihre neuen Unternehmungen haben trotz alledem so Manchen hierher gezogen der
nicht so bald wieder fort kann sondern hier weiter darben und das allgemeine
Elend vermehren helfen wird Nun erlaubte ich mir Ihnen mehr als einmal schon
zu sagen dass ich Sie keineswegs für den guten Herrn halte den ich für
Zehrendorf wünsche aber ich meinte Sie würden schon in Ihrem eigenen Interesse
versuchen müssen das Angefangene zu vollenden und so mochte ich denn immer
noch die Hoffnung nicht aufgeben Sie endlich zu meinen Ansichten zu bekehren
Dennoch da Sie sagen dass Sie das Gut verkaufen müssen und Ihr Entschluss fest
zu sein scheint will ich Ihnen die Hand dazu bieten aber nur unter zwei
Bedingungen Die eine ist dass Sie mir verstatten als Ihr Freund aber auch als
ein ehrlicher Mann bei dem Handel zu Werke zu gehen das heißt einen guten
oder sagen wir den besten Preis zu erzielen nicht aber Forderungen zu machen
und zu vertreten die der Fürst nur annehmen kann wenn er ein Narr ist oder
die er mit Hohn zurückweisen wird wenn er keiner ist Ich bitte noch um einen
Augenblick Geduld Herr Kommerzienrat Ich sagte dass ich zwei Bedingungen habe
und die zweite ist dass Sie in der Stunde wo ich den Verkauf zu Stande bringe
den Plan der Erweiterung unserer Fabrik in der Stadt genehmigen und mir die
Summen welche ich dafür berechnet habe anweisen lassen«
»Sind Sie verrückt Herr« schrie der Kommerzienrat mit der Faust auf die
Lehne seines Stuhles schlagend »mir solche Sachen zu sagen hier in meinem
eigenen Hause auf meinem eigenen Zimmer als wenn Sie ein Pascha von drei
Rossschweifen oder ich weiß nicht was wären und nicht vielmehr «
»Ihr ergebenster Diener« sagte ich indem ich meine beste Verbeugung
machte
»Ach was« schrie er »wollen Sie mir nicht bange machen Sie gehen ja doch
nicht wozu also die Possen«
»Und Sie geben mir ja schließlich doch Recht wozu also der Lärm«
erwiderte ich lächelnd
»Aber ich sage Ihnen zum hundertsten Male dass ich das Geld und wenn ich
Zehrendorf noch so gut verkaufe zu anderen Dingen brauche als zu Ihrer
vertracten Fabrik« rief der Kommerzienrat
Ich sah dem alten Mann starr in die Augen und sagte »Wissen Sie was mir
neulich geträumt hat Herr Kommerzienrat dass Sie gar nicht der reiche Mann
sind für den man Sie hält«
»Sie Tausendsassa Sie Spassvogel Sie humoristischer Teufelskerl Sie
Werden Sie mir nicht nächstens sagen dass ich die Stiefeln gestohlen habe die
ich trage Sie Können Sie mir nicht auf ein paar Tage fünf Taler leihen Sie«
Und er stieß mir mit dem Daumen in die Seite und hielt sich dann die
eigenen Seiten über den köstlichen Spaß
»Wenn Sie also ein reicher Mann sind« fuhr ich sehr ernstaft fort und es
hatte mir keine Mühe gemacht ernstaft zu bleiben »so sagen Sie ja und die
Sache ist gut«
Ich hielt ihm meine Hand hin in die er noch immer wie toll lachend
einschlug
»Also der Handel ist abgemacht« sagte ich tief aufatmend
»Abgemacht« rief er
»Und ich werde mein Wort einfordern Herr Kommerzienrat darauf verlassen
Sie sich«
»Und ich mich auf Sie« entgegnete er indem er noch immer meine Hand mit
einer seiner Hände festhielt und mir mit der zweiten sanfte Schläge auf die
Knöchel erteilte »wenn Sie nicht ein so verlässlicher Mensch wären glauben
Sie dass ich so viele Umstände mit Ihnen machen würde Sie o weh«
Ich musste ihm wohl in meiner Aufregung die Hand etwas zu kräftig gedrückt
haben denn er schrie laut auf und machte ein schreckliches Gesicht ich bat um
Entschuldigung er lachte und rief nochmals »o weh Der Eisenmensch Der
Tausendsassa« und trieb mich mit Daumenstössen zur Tür hinaus genau so wie er
vorhin den Justizrat hinausgetrieben
Siebenzehntes Kapitel
Ich hatte den Rest des Vormittags auf meinem Zimmer zugebracht um eine
Berechnung zu machen welche die Aufstellung der Maschine für den Kreidebruch
erforderte Ich war nicht über die ersten Ansätze hinausgekommen Die neue fast
gewisse Aussicht meinen großen Wunsch der Erweiterung unserer Fabrik ausführen
zu können machte mir den Kopf schwindeln Ich sah im Geiste wie Paula es
gesehen hatte das wüste Terrain des ruinenhaften Hofes mit stattlichen
Fabrikgebäuden bedeckt ich sah die Flammen aus den großen Essen sprühen und die
hohen Schlote rauchen ich hörte den Schlag des Hammers auf den Amboss und sah
die dunklen Schaaren der Arbeiter über die weiten Höfe wimmeln und sich in den
Gassen eines neuen Quartiers verlieren wo sie in einem der reinlichen Häuser
ein freundlicher warmer Heerd empfing an dem sie sich ausruhen konnten von des
Tages schwerer Mühe Und das verfallene Haus in welchem ich wohnte war nicht
mehr verfallen auf dem Vorplatz an der Freitreppe grünte der Rasen und in dem
Sandsteinbecken blies ein Triton einen Wasserstrahl hoch in die Luft dass es
plätschernd niederrauschte in das gefüllte Becken wo zahlreiche Goldfischchen
munter spielen und jetzt alle auf einmal von dem Rande wo sie sich gesammelt
hatten wegschnellen weil Zwei die Hand in Hand herangetreten sind sich über
den Rand beugen nach ihren Spiegelbildern die in dem Wasser nicken und
schwanken so dass er ihr Bild gar nicht deutlich erkennen kann und nur hin und
wieder die blauen leuchtenden Augen sieht und die roten schwellenden Lippen
aber gar nicht gewiss ist ob was in den Augen leuchtet Hass ist oder Liebe und
ob die schwellenden Lippen zu einem höhnenden Wort sich wölben oder zu einem
Kusse
»Es wird angerichtet Herr Ingenieur« sagte Wilhelm Kluckhuhn den Kopf zur
Tür hineinsteckend »kann ich dem Herrn Ingenieur noch bei seiner Toilette
behilflich sein«
Wilhelm hatte die Gewohnheit mir dieses gütige Anerbieten regelmäßig zu
stellen obgleich ich niemals von demselben Gebrauch machte Heute aber wollte
er sich durchaus nicht abweisen lassen und half mir mit einem solchen Eifer in
meinen Gesellschaftsrock und bürstete und putzte mit einer solchen Ausdauer an
mir herum dass ich ihn notwendig fragen musste ob er ein neues Anliegen habe
»Ach nein« erwiderte Wilhelm »aber Sie sind so gut für mich gewesen und
haben mich wieder bei dem Herrn zu Gnaden gebracht der übrigens vollkommen
Unrecht hatte denn wenn ich überhaupt Champagner tränke «
»Es ist gut Wilhelm« sagte ich
»Und da wollte ich Ihnen nur sagen« fuhr Wilhelm in geheimnissvollem Tone
fort »dass sie sich eben fürchterlich gezankt haben und ich hörte ganz deutlich
«
»Aber ich will es nicht hören Wilhelm«
»Sie können doch nicht dafür dass ich es Ihnen sage denn wenn ich auch ein
bisschen gehorcht habe so geht Sie das gar nichts an und ich kann eigentlich
auch nichts dafür denn die Tür war nur angelehnt und ich habe deutlich gehört
wie das Fräulein gnädige Fräulein wollt ich sagen sagte dass sie Ihnen das
nie vergeben würde «
»So« brummte ich
»Und dabei machte sie ein Gesicht «
»Also gesehen haben Sie auch«
»Die Tür stand ja angelweit auf« sagte Wilhelm und zuckte mit den Achseln
»und ich habe ja genug mit den Tellern geklappert aber das Fräulein war in
einer Rage «
Und Wilhelm schnitt ein Gesicht das vermutlich dem gleichen sollte
welches er durch die Ritze der Tür gesehen aber so unglaublich komisch
ausfiel dass ich laut lachen musste
»Na ist schon recht« sagte Wilhelm »den Rat wollte ich Ihnen auch geben
lachen Sie nur denn mit der Zürnerei ist doch Alles nur Tumanso Sie können
lachen«
Und Wilhelm seufzte tief und sah mich mit einem bittenden Blicke an
»Nun« sagte ich
»Und wollte ich nur noch befürworten« sagte Wilhelm »dass, wenn ehem Sie
wissen was ich meine Sie mir und meiner Louise auch dazu verhelfen denn wir
warten nun schon sechs Jahre und Sie haben es ja dann in der Hand Herr
Ingenieur nicht wahr lieber Herr Ingenieur«
»Ich glaube Sie sind verrückt Wilhelm« sagte ich und schritt mit einem
Blick der majestätisches Zürnen ausdrücken sollte an ihm vorüber zum Zimmer
hinaus
Aber Wilhelm hatte doch recht gehört ich sollte es über Tisch erfahren Die
Gesellschaft war nur klein außer Arthur der in des Justizrats Wagen von
Rossow mit herübergekommen war und mich mit seiner jetzt gewöhnlichen
übertriebenen Freundlichkeit begrüßte nur die Hausgenossen Die beiden
Eleonoren erschienen dem ungemein warmen Tage zu Ehren in jungfräulichem Weiß
und selbstverständlich als Gruppe Hermine ließ uns etwas warten
Der Kommerzienrat nahm mich auf die Seite und teilte mir im Flüsterton
mit der Fürst habe ihm durch den Justizrat sagen lassen er müsse durchaus
über den Kreidebruch beruhigt sein bevor er sich auf weitere Verhandlungen
einlassen könne Er werde heute Nachmittag seinen Wagen schicken mich nach
Rossow hinüber holen zu lassen
Ich hatte keine Zeit auf diese Mitteilung die mir aus mehr als einem
Grunde ungelegen kam zu antworten denn in diesem Augenblicke trat Hermine ein
und ich sah deutlich dass sie geweint hatte obgleich sie sich alle Mühe gab so
heiter und unbefangen als möglich zu erscheinen Der Tag war ja auch so schön
so wunderschön und morgen würde es noch viel schöner sein und die Partie nach
dem Schmachtensee werde ganz reizend werden Die Gesellschaft sei die beste die
man sich wünschen könne lauter junge Leute alte würden auf keinen Fall
mitgenommen Man werde nach Tische von hier aufbrechen über Trantowitz um Hans
abzuholen der durchaus nicht fehlen dürfe dann über Sulitz wo Herr von
Zarrentien und seine reizende Frau sich der Gesellschaft anschließen würden
dann zwischen fünf und sechs Ankunft in dem Stranddorf Sassitz Promenade durch
die Dünen und den Buchenwald nach dem Schmachtensee Souper mit Ananasbowle und
Aufgang des Mondes ebendaselbst darauf Rückkehr durch den Wald bis zu dem
Kreuzwege in den Rossower Tannen wo die Wagen und Pferde unterdessen sich
eingefunden haben würden schließlich Rückkehr der gesammten Gesellschaft nach
Hause werde keiner gelassen durch die Mondscheinnacht nach Zehrendorf zum
Schluss Tee und Punsch und möglicherweise auch ein Tanz für die besonders
Artigen
»Bravo bravo das ist doch einmal ein Plan bravo« rief Arthur indem er
entusiastisch in die Hände klatschte
»Ich wusste dass er Deinen Beifall haben würde lieber Arthur« sagte die
schöne Planmacherin indem sie ihm mit dem gütigsten Lächeln über den Tisch
hinüber die Hand reichte »Du hast ein Verständnis für dergleichen und ich
rechne auch ganz besonders auf Dich«
»Auf Sie habe ich nicht gerechnet« fügte sie mit einer schnellen Wendung zu
mir hinzu
»Ich habe nichts derartiges gesagt ja nicht einmal gedacht Fräulein
Hermine« sagte ich
»Das ist es ja eben warum man bei solchen Dingen auf Sie nicht rechnet und
nicht rechnen darf Sie denken nicht daran Natürlich Wie sollte man wenn man
so viel wichtigere Sachen in den Kopf zu nehmen hat«
Hermine hatte nicht die Gewohnheit mich besonders freundlich zu behandeln
aber ihr Benehmen heute war so auffallend unfreundlich und ihre Heftigkeit so
scheinbar gar nicht motivirt dass es dem Unbefangensten hätte auffallen müssen
geschweige denn dem Steuerrat und der Geborenen die durchaus nicht unbefangen
waren und jetzt Arthur bedeutungsvolle Blicke zuwarfen als wollten sie ihn
ermutigen das Eisen zu schmieden so lange es glühe Arthur hatte auch
offenbar diese löbliche Absicht schien aber nicht recht zu wissen wie er
dieselbe gleich ins Werk setzen solle und begnügte sich deshalb Herminen einen
schmachtenden Blick zuzuwerfen und an seinem schwarzen Bärtchen zu drehen Auch
für die Andern schienen die letzten Worte Herminens und vielleicht noch mehr der
erregte Ton in welchem sie dieselben gesagt hatte das Signal gewesen zu sein
dass etwas Außerordentliches in der Luft schwebe Fräulein Duff die schon von
Anfang an ganz besonders blass und verstört ausgesehen hob ihre Augen wie in
Verzweiflung zur Zimmerdecke während der Justizrat seine Blicke starr vor
sich hin auf eine Schüssel Salat geheftet hielt und dabei leise mit den kurzen
Fingern seiner linken Hand auf der Tischplatte trommelte Emilie blickte ihre
Freundin Elise an und Elise Emilien Emilie fragte in diesem Blick brauche ich
unschuldiges Kind um diese Dinge zu wissen Elise antwortete spiele spiele
ruhig holder Engel lass das uns Geprüften Selbst Wilhelm Kluckhuhn der mit
der Serviette am Büffet stand machte ein nachdenkliches Gesicht als wenn die
Wendung welche die Sache genommen ihm denn doch nicht gefalle und nur der
Kommerzienrat hatte so eifrig mit dem zweiten Bedienten der eben vor seinen
Augen eine Flasche des famosen Hochheimers entkorken musste zu tun dass er ganz
und gar nicht wusste weshalb plötzlich ein allgemeines Schweigen die
Gesellschaft befallen hatte Er schaute mit der unschuldigsten Miene von der
Welt auf und fragte so harmlos wie möglich »Ich bitte um Entschuldigung was
war es doch wovon Ihr spracht«
Der eigentümliche Ausdruck den ich in so verschiedenen Schattirungen auf
den Gesichtern der Anwesenden bemerkt hatte vertiefte sich noch um einige
Farbentöne Die Stille wurde noch stiller der zweite Bediente Johann welcher
eben den Hochheimer zweiundzwanziger entkorken wollte hielt in seiner
Beschäftigung inne und die Teller welche Wilhelm herumreichte klapperten ganz
beunruhigend in seiner sonst so sicheren Hand als der Steuerrat sich nicht
ohne einiges Zittern ein Glas Wein einschenkend sagte »Unsere liebe Hermine
bemerkte dass man für die harmlosen Vergnügen welche die Jugend liebt auf
unseren trefflichen Georg verzeihen Sie Georg dass ich Sie bei dem alten
familiären Namen nenne nicht rechnen dürfe weil unser junger Freund so viel
andere und geben wir es zu wichtigere Sachen in den Kopf zu nehmen hat«
Der Kommerzienrat goss eben eigenhändig in die großem Passgläser den
kostbaren Wein nur einen Daumen hoch sonst hatte man nicht die rechte Blume
und er musste dabei so seine Gedanken zusammennehmen dass es ihm erst nach einer
kurzen Pause in eigentümlich gedehntem Ton zu antworten möglich war
»Wichtigere Sachen Ah ist das ein Weinchen wichtigere Sachen wahrhaftig
die Blume des Rheins in den Kopf zu nehmen freilich wir haben heute Morgen
einen Vertrag gemacht er verkauft mir Zehrendorf und ich kaufe ihm das
Grundstück neben unserer Fabrik in Berlin ich glaube dass dergleichen einem
Jeden ein wenig durch den Kopf gehen würde«
Ich war auf das Höchste erstaunt den Kommerzienrat den ich als einen
vorsichtigen Mann kannte über eine Angelegenheit welche wir vor ein paar
Stunden unter uns abgemacht hatten und die ich durchaus für ein
Geschäftsgeheimniss hielt hier im Kreise seiner Gäste so offen sprechen zu
hören noch dazu in Gegenwart des Justizrates für welchen meine
Dazwischenkunft zum mindesten nicht schmeichelhaft war ich sage ich war so
erstaunt über dieses ganz ungeschäftsmässige unbegreifliche Vorgehen des sonst
so klugen alten Mannes dass ich fühlte wie mir die Röte der Verlegenheit heiß
in die Stirn stieg
Und wieder ging ein Schweigen durch den Speisesaal wieder vertiefte sich
der Ausdruck in den Gesichtern der Anwesenden um einen Farbenton und diesmal war
es Herminens Stimme die das Schweigen unterbrach »Habe ich Ihnen nicht gesagt
Emilie dass Herr Hartwig ein schrecklicher Aristokrat ist Er kann es nicht mit
ansehen dass ein so altes Gut in anderen als in adeligen Händen ist Dergleichen
ist für uns Plebejer nichts Ob wir von einem Orte fort sollen den wir im Laufe
von sieben Jahren denn doch lieb gewonnen haben was kommt darauf an Wir
müssen mit Allem vorlieb nehmen und zufrieden sein dass wir überhaupt nur irgend
wo sind«
Es war ein Schwingen in dem Ton ihrer Stimme und ihre Augenlider röteten
sich als wenn sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalte die Stille wurde immer
stiller und der Kommerzienrat hätte gar nicht so zu schreien brauchen »das ist
nun einmal nicht anders Gottesdienst geht vor Herrendienst und wie Georg
geartet ist glaubt er seinem Gott zu dienen mit jedem Dreier welchen er den
armen Teufeln von Arbeitern mehr zu verdienen gibt und wenn er schon schlecht
auf Herrendienst zu sprechen ist so ist ihm Frauendienst ganz und gar ein
Gräuel«
»Das ist nicht Deine Devise Arthur« sagte der Steuerrat in aufmunterndem
Tone
»Noblesse oblige« rief die Steuerrätin dringender
»Mon coeur aux dames« sagte Arthur indem er die sorgsam gepflegte Hand
auf sein Herz legend sich gegen seine Kousine verbeugte
Der Justizrat und seine Damen sagten nichts sondern begnügten sich
einander bezeichnende Blicke zuzuwerfen dass dies eine Familienangelegenheit
sei in welche einzumischen sie die Fremden sich wohl hüten würden
Und wiederum eine verlegene Pause die diesmal wo die Situation auf ihrem
Höhepunkt angekommen zu schein schien dadurch unterbrochen wurde dass Wilhelm
Kluckhuhn sich in einer Weise schneuzte wie es für einen wohlerzogenen
Bedienten selbst in Augenblicken lebhaftester Kümmerniss gänzlich unstattaft
ist Fräulein Duff welche während der letzten Worte des Kommerzienrates die
mageren Hände krampfhaft über der Brust gefaltet hatte mit der blassen Miene
eines Menschen der seine Hoffnung nur noch auf ein besseres Jenseits gesetzt
hat brach in ein hysterisches Weinen aus und Hermine sich plötzlich erhebend
und das Spitzentuch auf Stirn und Wangen drückend sagte sie bitte um
Entschuldigung wenn sie die Gesellschaft durch ihre böse Laune gestört habe
aber ihre Kopfschmerzen seien so arg dass sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen
müsse
Ich glaube nicht dass irgend Jemand von den Anwesenden an diese
Kopfschmerzen glaubte was natürlich nicht verhinderte dass die beiden Eleonoren
von ihren Stühlen auffuhren und sich von rechts und links der schönen
Leidenden nähernd jedenfalls im Begriffe waren die günstige Gelegenheit zu
einer rührenden Gruppe zu benutzen Aber Hermine hatte bereits den Arm ihrer
schluchzenden Gouvernante ergriffen und verließ das Zimmer mit einem
schmerzlichen Lächeln auf den Lippen welches für die ganze Gesellschaft
bestimmt schien außer für mich
Ihr Blick war über mich hingeglitten als ob mein Stuhl unbesetzt sei und
dies schien auch die übrige Gesellschaft anzunehmen Niemand hatte noch ein
Wort einen Blick für mich und ich habe es dem Wilhelm Kluckhuhn nie vergessen
dass er in diesem verhängnisvollen Augenblicke den Mut hatte hinter meinen
Stuhl zu treten und mit einer allerdings etwas gepressten Stimme zu fragen
»Befehlen der Herr Ingenieur noch ein Glas Hochheimer«
Ich nahm das Glas und trank es vorsichtig schlürfend mit der Miene des
Kenners aber ich müsste lügen wollte ich behaupten dass ich dem herrlichen
Gewächs wirklich hätte Gerechtigkeit widerfahren lassen So sehr ich mir Mühe
gab unbefangen zu erscheinen befand ich mich doch in peinlicher Aufregung Es
ist ein eigen Ding von einer jungen Dame auf solche Weise vor einer ganzen
Gesellschaft ausgezeichnet zu werden
Glücklicherweise hatte ich meine Kraft auf keine zu harte Probe zu stellen
Die Tafel wurde bald aufgehoben die Gesellschaft zerstreute sich sehr rasch
ich ging in die Anlagen um bei dem beruhigenden Rauch einer Zigarre über das
was geschehen weiter nachzudenken
Eines war mir durchaus begreiflich das Betragen der Gesellschaft bei dieser
Angelegenheit Sie hatte mich einfach fallen lassen in dem Momente als sie zu
bemerken glaubte dass mein Spiel verloren sei Wusste ich doch dass Arthurs
Eltern noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben hatten ihr Sohn werde noch
einmal seine reiche Kousine heimführen dass ihre plumpen Schmeicheleien
Arthurs falsche Freundschaftsversicherungen nur ein Mittel gewesen waren ihre
Absichten vor mir wo möglich zu verdecken und nebenbei vielleicht durch Güte auf
mich zu wirken da man wahrscheinlich fürchtete durch offene Feindseligkeit die
Sache nur schlimmer zu machen Der Justizrat die beiden Eleonoren sie
schwammen eben mit dem Strom Sie und die Andern das war Alles Alles nur zu
erklärlich aber der Kommerzienrat der Kommerzienrat Sah es nicht gerade so
aus als ob er die peinliche Szene über Tisch direkt provocirt oder doch
geflissentlich so weit habe kommen lassen Er verstand es sonst sehr gut einem
Gespräch das ihm nicht gefiel eine andere Wendung zu geben Und wenn es ihm
wirklich um meinen Beistand in der Verkaufsangelegenheit zu tun war weshalb
hatte er schon jetzt wo noch Alles in der Schwebe mit Hermine davon
gesprochen weshalb mich ihr als den Urheber oder doch hauptsächlichen
Beförderer des ihr so verhassten Projectes hingestellt Hatte er sich einfach
durch mich decken wollen ein solches Manöver sah ihm ganz ähnlich er hatte die
Gewohnheit Lasten die ihm zukamen auf Andere abzuwälzen oder war das noch
nicht Alles Hatte der alte schlaue Mann nur einmal wieder eines seiner
TintenfischManöver ausgeführt und sich in eine dunkle Wolke vollkommener
Unbefangenheit gehüllt nichts gar nichts was um ihn her vorging und wobei er
so beteiligt war gesehen nichts von Allem gewusst und jetzt nur so ganz
zufällig so ganz unschuldiger Weise seinen jungen Freund der schönen
leidenschaftlichen Tochter gegenüber in eine unhaltbare Lage gebracht
Das Blut stieg mir heiß in die Stirn als ich bis zu dieser Schlussfolgerung
kam und eine mir ganz neue Empfindung bemächtigte sich meiner immer mehr Es war
mir sonst herzlich leicht geworden meinen Beleidigern zu vergeben so leicht
dass ich mich manchmal einen Schwächling einen Menschen ohne Herz und ohne Galle
genannt hatte warum wollte mir was mir sonst so leicht wurde heute nicht
gelingen Warum kam mir jetzt jeder Blick mit dem man mich über Tisch scheel
angesehen die Vernachlässigung die Gleichgültigkeit die man urplötzlich gegen
mich zur Schau getragen warum kam mir das Alles bis auf die kleinste
Einzelheit wieder in Erinnerung und weshalb war mir als ob ich ersticken müsste
an dem was ich vorhin mit scheinbar so viel Gemütsruhe hingenommen hatte Ja
es war eine neue Ader in mir auf die ich plötzlich getroffen war eine Ader
aus der ein schwarzes galliges Blut in mein sonst so leichtes Blut überströmte
Ich fühlte durchaus als einen physischen Vorgang was doch nur oder doch
ursprünglich nur ein Vorgang in meinem Gemüte war die erste heftige Regung des
Ehrgeizes das leidenschaftliche Verlangen mit seiner Person zur Geltung zu
kommen die Demütigung die Beschämung wenn das Gegenteil der Fall ist; der
verzweifelte Entschluss endlich aus dem Kampfe als Sieger hervorzugehen trotz
alledem und alledem
Welches war dieses Ziel Dasselbe noch das ich vor Augen hatte als ich
hierher kam oder ein anderes oder jenes und dies andere zu gleicher Zeit Ach
es mochte mir in dieser Stunde wohl die Ahnung kommen von der Tiefe jener
melancholischen Weisheit dass es schwer dass es unmöglich sei Gott zu dienen
und dem Mammon
Achtzehntes Kapitel
Ich hatte mich auf eine Bank gesetzt die hier in dichtem Baum und Buschwerk
stand Es war ein lauschiges Plätzchen Die Vögel zwitscherten gar vergnüglich
ein leiser Wind der aus dem Garten heranwehte trug süßen Wohlgeruch auf seinen
weichen Schwingen von dem blauen Himmel strahlte eine warme erquickliche Sonne
der Ort war so lieblich und die Stunde war so schön und ich musste denn doch
der holden Lockung folgen so sehr ich ihr auch heute wiederstrebte Mein Blut
fing an ruhiger zu fließen ich begann mich für ein Spechtpärchen zu
interessieren das in dem Astloch eines benachbarten kürzlich erst aus dem
Rossowschen Park hierher verpflanzten Baumes seine junge Wirtschaft angesiedelt
hatte und zu der engen Öffnung aus und einschlüpfte es war ein so
friedliches liebes Bild die Tierchen hatten es so eilig und waren so
unermüdlich fleißig und alles offenbar aus eitel Liebe die Welt war am Ende
doch nicht so schlecht wie sie mir eben erschienen war
Und mit diesen Gedanken musste ich die Augen geschlossen haben wohl gar
eingeschlafen sein denn ich sah wie mir gegenüber die Büsche hinter welchen
ein Pfad vorüberführte auseinandergebogen wurden und in der so entstandenen
Öffnung ein Gesicht sich zeigte ein schönes Mädchengesicht auf dem die
Sonnenlichter mit den Schatten der Zweige spielten und das ich in Folge dessen
und weil ich es eben nur träumte nicht genau genug sehen konnte um zu
entscheiden ob das was in den Augen glänzte Zorn war oder Liebe Als ich
selbst die Augen wieder öffnete sah ich wohl die Stelle in den Büschen noch
ganz deutlich aber natürlich das holde Gesicht nicht mehr dafür schlug in
diesem Augenblicke helles Lachen an mein Ohr und laute Worte und Peitschenknall
und dazwischen ängstliche Rufe wie einer Bittenden und plötzlich ein geller
Angstschrei der mich von der Bank auffahren und nach dem Orte hineilt ließ von
welchem der Lärm zu mir herüberschallte
Es war ein ebenfalls mit Buschwerk umgebener runder Platz der als Reitbahn
benutzt wurde und von mir selbst während meines Aufenthaltes wiederholt benutzt
worden war indem ich unter Aufsicht und Leitung des alten Kutschers Anton
eines früheren Kavalleristen meine etwas lückenhafte Kenntnis der equestrischen
Kunst zu erweitern mich bestrebte Wir hatten das in der ersten Morgenfrühe in
aller Stille getan weil ich wusste dass Hermine die eine leidenschaftliche
Reiterin war während des Vormittags bald früher oder später eine Stunde Schule
zu reiten pflegte Neuerdings hatte mir Anton noch anvertraut dass auch Fräulein
Duff an diesen Übungen Teil nehme auf Wunsch des gnädigen Fräuleins die es
sich plötzlich in den Kopf gesetzt auf ihren Ausflügen und Besuchen in der
Nachbarschaft außer dem Reitknecht den sie noch dazu oft genug zu Hause lasse
eine Begleiterin zu haben Die Sache war mir trotzdem sie mir der alte Anton
der gar nicht wie ein Schelm aussah mit dem ernstaftesten Gesicht versichert
hatte ganz unglaublich erschienen jetzt sollte ich mich von der Wahrheit der
seltsamen Nachricht überzeugen
In der Mitte der Reitbahn standen Arthur der mit einer großen Peitsche
unaufhörlich knallte Hermine die sehr lachte die beiden Eleonoren noch in
UnschuldWeiß die sich umschlungen hielten zuletzt Anton der offenbar nicht
wusste ob er dem mehrmals wiederholten Befehle Arthurs »dass Sie sich nicht
unterstehen« Folge leisten oder den flehentlichen Bitten Fräulein Duffs
nachkommen und der Aermsten vom Pferde herabhelfen sollte Es schien als ob man
eben die Longe vielleicht zum ersten Mal losgelassen hatte und die
ungeschickte und überaus furchtsame Reiterin darüber in tödtliche Angst geraten
sei Wenigstens hatte sie in diesem Augenblicke ihre beiden Arme in voller
Verzweiflung um den Hals des Pferdes eines kleinen krausmähnigen ponyartigen
Tieres geschlungen das seinerseits wieder die bereits halb aus dem Sattel
Geschleuderte vollends abzustreifen suchte und mit gesenktem Kopfe unaufhörlich
hinten ausschlug Das sah nun allerdings unglaublich lächerlich aus aber ich
konnte doch meine gute Freundin nicht einen Augenblick in der Situation sehen
ohne ihr zu helfen und so war ich denn mit ein paar raschen Schritten an ihrer
Seite und hatte sie die mir ihre Arme sofort entgegenstreckte aus dem Sattel
gehoben Ich wollte sie nun sanft auf die Erde gleiten lassen aber vergebens
dass ich ihr mit leisen Worten zuredete doch verständig zu sein und keine Szene
zu machen Wie sie vorhin den Hals des Pferdes umklammert hatte so umklammerte
sie jetzt den meinigen und schien die größte Lust zu haben in meinen Armen an
meiner Brust ohnmächtig zu werden Mag nun gleich eine derartige Situation unter
Umständen für den Ritter nicht ohne alle Reize sein so wird sie bedenklich
falls seine holde Last durchaus in den Jahren ist in ihren eigenen Schuhen
stehen zu können und geradezu unerträglich wenn die Umstehenden anstatt sich
seiner zu erbarmen und ihn von seiner Bürde zu befreien die Hände nur regen
um wie toll zu klatschen und in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrechen
Und das Letztere taten wenigstens Hermine und Arthur während von den
beiden Eleonoren die zweite die erste vorläufig nur fragend ansah ob sie lachen
dürfe
»Duffchen Duffchen« rief Hermine »ich habe es Dir ja immer gesagt dass
Du Dich vor ihm in Acht nehmen sollst«
»Fräulein Duff« rief Arthur »ziehen Sie die Kantare fester an«
»Darf ich« fragte die zweite Eleonore dringender und die erste antwortete
»lache Du unschuldiger Engel« und ging selbst mit gutem Beispiel voran
»Kommt wir wollen sie allein lassen so haben sich gewiss noch viel zu
sagen« rief Hermine und eilte unter jubelndem Gelächter davon Die Andern
folgten alle lachend so sehr sie konnten selbst der trockene Anton der mit
dem tückischen Pferde hinterdrein ging lachte und das tückische Pferd wieherte
laut und lachte vermutlich auf diese seine Weise auch
Im nächsten Augenblicke stand ich da allein mit meiner Last auf den Armen
beschämt beleidigt ärgerlich wütend wie ich es noch nie im Leben gewesen
so dass ich die gute Gouvernante wenn ein Strom zufällig vorüber geflossen wäre
ohne weiteres glaube ich hineingeworfen haben würde Glücklicherweise aber war
kein gefälliger Strom in der Nähe und Fräulein Duff erholte sich gerade als das
Lachen der enteilenden Gesellschaft weniger deutlich zu uns herüberschallte und
sie flüsterte indem sie ihre Arme von meinem Halse löste »Richard Sie sind
mein Retter«
Richard war gar nicht in der Laune auf die Sentimentalitäten der armen
Gouvernante einzugehen Richard hatte in diesem Augenblicke nichts weniger als
ein Löwenherz in der Brust im Gegenteil ein kleines ungrossmütiges
rachsüchtiges eitles Herz und so ließ er denn seinen Schützling ohne viele
Umstände zu machen auf den Boden gleiten und stand mit finsteren Brauen und
vermutlich sehr zornigen Augen vor der Aermsten denn sie schlug die Hände
ängstlich zusammen und flüsterte »Richard um Gottes willen verzweifeln Sie
nicht ob auch die Wolke sie verhülle die Sonne bleibt am Himmel stehen«
»Fräulein Duff« sagte ich »ich muss Ihnen bekennen dass ich in diesem
Augenblicke gar nicht zum Scherz geneigt bin und noch weniger dazu Andere mit
mir Scherz treiben zu lassen Verzeihen Sie deshalb wenn ich Sie bitte mich zu
entschuldigen«
Und ich versuchte meine Hand aus ihren Händen zu ziehen was mir denn auch
nicht ohne einige Mühe gelang Aber ich hatte kaum ein paar Schritte getan als
ich ein so klägliches Weinen und Schluchzen hinter mir hörte dass ich nicht
umhin konnte mich umzuwenden Und da stand sie nun im grünen Reitgewande
dessen lange Schleppe sich wie eine Schlange um ihre Füße ringelte auf den
blassgelben verwirrten Locken einen halbhohen zerknitterten Hut mit grünem
Schleier von dem die Schleife anstatt hinten zu sitzen ihr vorn über das
Gesicht hing ein Bild kindischhilflosen Jammers
»Liebes Fräulein bestes Fräulein« sagte ich »Kommen Sie Sie haben es
schließlich gut gemeint« Und ich legte ihren Arm in den meinen und führte die
Weinende langsam von dem Orte des Schreckens fort mit manchen freundlichen
Worten sie zu trösten versuchend bis wir zu der Bank gelangten auf der ich
vorhin gesessen hatte und auf welche ich die gänzlich Erschöpfte sich
niederzulassen nötigte So saßen wir eine Weile nebeneinander ich düster vor
mich hin auf den Sand starrend sie leise und leiser schluchzend und endlich die
verweinten Augen zu mir erhebend und also sprechend »Wie kann ich Ihnen Ihre
Güte lohnen Sie treuer edler Freund«
»Wenn Sie kein Wort weiter davon sagen« erwiderte ich »wenn Sie mich mit
keinem Worte mehr an die lächerliche Szene erinnern die aber auch das schwöre
ich die letzte in der traurigen Komödie gewesen sein soll die ich hier Gott
sei es geklagt so lange habe mit mir spielen lassen«
»Komödie« sagte Fräulein Duff indem sie ihr Taschentuch mit der einen Hand
vor die Augen drückte und mich der ich aufgesprungen war mit der andern
festhielt »Sie brauchen Ruhe lieber Karl Ihr Blut ist jetzt in Aufruhr
setzen Sie sich zu mir weg mit den schwarzen Fieberphantasien«
Ich musste lachen so zornig ich war und nahm wieder an ihrer Seite Platz
»O« rief Fräulein Duff »Ihr seid gut und fröhlich und kennet doch den
Menschen auch sollten Sie sich wirklich in dieser Mädchenseele täuschen die
so klar vor mir liegt wie der Himmel ja wie der Himmel« wiederholte sie und
breitete schwärmerisch die Arme nach oben von wo allerdings mit der ganzen
sonnigen Klarheit eines Frühlingsnachmittags der blaueste Himmel auf unser
heimliches Plätzchen zwischen dem dichten blühenden Gesträuch herabblickte
»Wie kann man kennen was sich im besten Falle selbst nicht kennt«
erwiderte ich
»Sie irren mein Freund« erwiderte die Gouvernante »Sie halten das
ängstliche Flügelschlagen dieser keuschen jungfräulichen Seele für
Fluchtversuche und es will doch nur zu Ihnen das scheue Vögelchen zu Ihnen
und einzig nur zu Ihnen«
»Um Gottes und aller Heiligen Willen hören Sie auf Sie machen mich toll
mit diesen Reden« rief ich indem ich nun wirklich aufsprang und wie ein
Unsinniger der ich halb und halb war auf dem kleinen Platze umherzulaufen
begann »ich will und will nichts mehr davon wissen und nichts glauben und
wenn ich es aus ihrem eigenen Munde hörte«
»Sie werden es« sagte Fräulein Duff
Ich brach in ein höhnisches Gelächter aus
»Sie werden es« wiederholte sie »nur Geduld Richard nur Geduld«
»Zum Teufel die Geduld« rief ich
»Was soll die Wette gelten Prinz« sagte die Gouvernante mit schalkhaftem
Lächeln den mageren Zeigefinger ihrer durchsichtigen Hand erhebend »ich rufe
Geschichten in Ihr Herz zurück Geschichten weiß ich es doch noch als wäre es
gestern gewesen wie sie weinte das achtjährige Kind und sich nicht beruhigen
konnte als sie hörte dass man den schönen stattlichen Jüngling der sie immer
so hoch geschaukelt in den Kerker geworfen wie sie alle ihre Puppen mit dem
Namen des Teuren nannte und sie in den Käfig des Papageien steckte und
davorstand und sagte das sei ihr Liebster der nun im Kerker säße und Jocko sei
der Kerkermeister und wolle ihrem Liebsten mit dem krummen Schnabel den Kopf
abhacken Und als ich denn mein Freund eine gute Erzieherin muss sein wie
der gute Gärtner der von dem Dornstrauch Rosen pflückt als ich eine so
bizarre Form des kindlichen Schmerzes durch eine poetischere zu ersetzen suchte
als ich ihr von Richard erzählte dem löwenherzigen sagenverherrlichten und
von Blondel dem treuen Sänger da sah sie ihr Ideal nur noch in dieser Gestalt
und schweifte durch die Lande die Zither in der Hand bis sie ihn fand den sie
suchte Der Zufall oder muss ich sagen der Gott der Liebe wollte dass sie ihn
wirklich im Kerker sehen durfte blasser freilich als sonst aber immer schön
und hehr und so hat sie sein Bild im Herzen getragen sechs sieben Jahre lang
ohne auch nur einen Augenblick ihrem Richard untreu zu werden Sie lächeln
ungläubig o mein Freund Sie wissen nicht wie diamanten die Seele eines
echten Weibes ist Sieben Jahre Das dünkt Ihnen eine Ewigkeit Mein Freund Ich
kenne Herzen die fünf und dreißig Jahre lang geliebt hoffnunglos geliebt
haben«
Und das gute Fräulein drückte sich das Tuch in die Augen und schluchzte
laut raffte sich alsbald wieder auf und sagte
»Doch das gehört nicht hierher ich will Ihr schönes Herz in diesem
Augenblicke wo es an dem eigenen Geschick so schwer zu tragen hat nicht noch
mit der Tragik eines anderen Lebens belasten für welches ewige Nacht aus einem
Missverständnis geworden ist das an Ihrem Horizont nur als eine vorübergehende
Wolke schwebt Und Missverständnis ist für Euch ein falsches Wort Ihr versteht
Euch ja wie die beiden Vöglein sich verstehen und Fräulein Duff deutete
irgend wohin in die Büsche wo ein Finkenpärchen einander lockte nur dass Ihr
Menschen seid mit Menscheneitelkeit und Menschenhochmut Ach und sie ist gar
nicht was sie scheint Wie hat sie sich vor ihrer Liebe gedemütigt wenn sie
allein gewesen ist mit ihrem Gott und selbst in meiner Gegenwart vor der sie
keine Geheimnisse hat Wie oft hat sie vor mir auf den Knieen gelegen das
Gesicht in meinen Schoss gedrückt und hat gesagt dass ihr Liebster erhaben über
ihr sei wie die Sterne dass sie nie hoffen dürfe des Braven Tapferen Starken
wert zu sein O mein Freund sie ist stolz auf Sie wie hat sie geschwärmt
als ihr das liebe Fräulein Paula schrieb wie Sie sich in der Sturmnacht
ausgezeichnet und es gibt nur einen solchen Mann hat sie begeistert
ausgerufen als Sie im vorigen Herbst auf dem Dampfschiff unser Retter wurden
Ja mein Freund sie sind ihre Religion und sie bekennt sich zu Ihnen vor Allen
nur vor Ihnen nicht Hat sie nicht ihren Richard wenigstens im Bilde haben
müssen was auch der herzlose Vater dagegen sagen mochte Hat sie dieses Bild
nicht wie ein Heiligenbild verehrt und damit es eine würdige Umgebung habe
ihr Zimmer eigens im orientalischen Style decoriren lassen dasselbe Zimmer das
Sie jetzt inne haben War ihr doch kein anderes für ihren Richard gut genug Und
ihr Richard musste es haben mochten die Leute die Köpfe schütteln der
tyrannische Vater in seiner hässlichen Weise dagegen schreien und ich selbst
ich will es nur gestehen meine bescheidenen Einwendungen machen Mein Freund
dazu zu einem solchen Schritte der lächerlich sein würde wenn er nicht
erhaben wäre gehört Mut Begeisterung gehört die ganze
ÜberzeugungsInnigkeit einer großen idealen Liebe Es liebt die Welt das
Strahlende zu schwärzen das ist wenn irgend ein Dichterwort eine ewige
Wahrheit und sie glauben Sie mir auch sie hat ihr Märtyrertum auf sich
nehmen müssen es ist keine Pygmäenarbeit sich gegen einen solchen Vater zu
behaupten Ich will ihm nichts Böses nachsagen ich will gar nichts sagen denn
wo sollte ich da anfangen wo enden Und doch sie hat das Unmögliche möglich
gemacht der Tiger schmiegt sich zu den Füßen des Lammes«
»Ich habe es heute Mittag erfahren« sagte ich
»Erinnern Sie mich« rief Fräulein Duff »nicht an diese schreckliche
Stunde die doch nur wieder ein Beweis ihrer Liebe ist O lächeln Sie nicht so
bitter war es doch seit langer Zeit ihr liebster Gedanke hier an diesem Orte
der ihr so teuer mit ihrem Richard dereinst den Traum ihrer Liebe
verwirklichen zu können und nun hören zu müssen dass sie aus diesem Paradiese
vertrieben werden soll und dass der Engel mit dem flammenden Schwert kein
Anderer als der geträumte Herr des Paradieses ist«
»Aber« rief ich »bin ich es denn der sie vertreibt wie kann sie mich
verantwortlich machen für etwas wovon sie doch weiß dass es der eigenste
Wunsch und Wille ihres Vaters ist der die Szene heute Mittag vielleicht
geflissentlich hervorgerufen hat«
»Wohl möglich« erwiderte Fräulein Duff »wer könnte die Ränke des
verschlagenen Greises ergründen Ja wenn ich mich recht erinnere hat sie
selbst Derartiges angedeutet als wir auf ihrem Zimmer angekommen waren und sie
mit einer Flut von Tränen ihrem gepressten Herzen Luft machte«
»Was ihr nach dem eben Erlebten gut genug gelungen zu sein scheint« sagte
ich
»Mein Freund« sagte die Gouvernante »der Narben lacht wer Wunden nie
gefühlt Wollen Sie weniger duldsam sein als ich die ich für des liebekranken
Kindes krause Launen nur eine mitleidige Träne des Humors im lächelnden Auge
habe«
»Es ist nicht Jedem gegeben sich so gutwillig tyrannisiren zu lassen
liebes Fräulein«
»Ich bin erschöpft« sagte Fräulein Duff die flache Hand gegen die Stirn
drückend »all meine Proben gleiten von diesem schlangenglatten Sonderling«
»So lassen Sie uns diese Unterredung abbrechen die Stunde wo ich nach
Rossow muss ist überdies gekommen«
Ich war aufgestanden die Gouvernante erhob sich ebenfalls nahm mit einer
kühnen Schwenkung die lange Schleppe ihres Reitkleides über den linken Arm und
sagte indem sie sich in meinen rechten Arm hing
»Richard gehen Sie nicht nach Rossow es ist jetzt nicht wohlgetan folgen
Sie mir ich habe der Kassandra ahnendes Gemüt«
»Ich gehe ebenfalls wenn schon aus andern Gründen nicht gern dahin«
erwiderte ich »aber ich bin entschlossen meine Pflicht zu tun und das
Versprechen das ich dem Kommerzienrat gegeben zu halten mag er es mir nun in
bösem oder in gutem Sinne abgefordert haben und was auch daraus entstehe«
»Stolz will ich den Spanier« erwiderte Fräulein Duff mit einem
schwärmerischen Augenaufschlage »aber es ist nicht immer der Stelze der die
Braut heimführt auch der Listige kommt manchmal zum Ziel Ein frecher Günstling
des Monarchen buhlt um ihre Hand fürchten Sie Arthur gar nicht«
»Wenn man in solchen Fällen fürchten soll muss man zuvor hoffen oder
wünschen ich habe soviel ich weiß von mir weder das Eine noch das Andere
behauptet«
Fräulein Duff zog erschrocken ihre Hand aus meinem Arm und rief indem sie
stehen blieb »Ja mein Gott was höre ich Und wie soll ich es deuten O bei
Allem Roderich was ich und Du dereinst im Himmel hoffen Lieben Sie sie nicht
Lieben Sie wirklich Paula wie Arthur der Listige ihr beständig in die Ohren
flüstert«
Ich sollte der guten Dame die Antwort auf eine so verfängliche Frage
schuldig bleiben denn in diesem Augenblicke kam Wilhelm durch die Anlagen nach
mir rufend und meldend dass der Wagen von Rossow schon eine halbe Stunde vor der
Tür halte und dass er mich überall gesucht habe
»Leben Sie wohl Fräulein Duff« sagte ich
»Und keine Antwort keine« rief die Gouvernante mit einem Gesicht in
welchem sich die ängstlichste Erwartung ausprägte
»Dies ist meine Antwort« erwiderte ich auf den Wagen zeigend
Kassandra mochte finden dass orakelhafte Sprüche selbst für Seherinnen
manchmal schwer zu deuten sind denn als der Wagen durch das Gittertor fuhr
sah ich sie noch auf der Stelle wo ich sie verlassen stehen in der Attitüde
des betenden Knaben Augen und Hände zum Himmel gehoben
Neunzehntes Kapitel
Aber dass auch den Spendern verfänglicher Orakel bei ihrem Metier nicht immer gut
zu Mute ist sollte ich erfahren während das elegante leichte von zwei
prachtvollen Racepferden gezogene Wägelchen den jetzt vortrefflichen Landweg
dahinrollte der von Zehrendorf an Trantowitz vorüber nach Rossow führte Der
Nachmittag war wundervoll an dem glänzenden Himmel standen große weiße Wolken
deren Schatten eine reizende Abwechslung in das vielleicht etwas monotone
landschaftliche Bild brachten über den Breiten junger grüner im sanften
Hauche des Westwindes nickender Saat jubilirten die Lerchen auf der hier und da
von Torfgräben durchschnittenen großen Heide zwischen den Trantowitzer Buchen
und den Tannen von Rossow flogen Kiebitze und aus der Ferne rief ununterbrochen
der Kukuk Die ganze Szenerie hat sich bis in die kleinsten Einzelheiten meiner
Erinnerung eingeprägt vielleicht weil das klare lachende Bild in so grellem
Gegensatze stand mit meinem Innern in welchem es düster und verworren genug
aussah Die indiscrete Frage der Gouvernante hatte den Schleier gelüftet von
einem Geheimnis meines Herzens an welchem ich diese ganze Zeit abgewendeten
Antlitzes vorübergeschritten war Gelüftet nicht gehoben Ich hatte nicht den
Mut oder nicht die Kraft was meistens auf dasselbe hinauskommt das
Angefangene zu vollenden und wie man in solchen Augenblicken der Verworrenheit
um sich nicht zu verlieren das erste beste Ziel ins Auge fasst klammerte ich
mich jetzt an den Entschluss mein Herz und sollte es darüber brechen auch
nicht ein Wort in die Geschäfte die ich übernommen hineinreden zu lassen In
dieser Stimmung sah ich denn der bevorstehenden Konferenz mit einer Ruhe
entgegen über welche ich mich selbst gewundert haben müsste hätte ich bedacht
wo und wie ich mit dem Fürsten das letzte Mal zusammengetroffen unter welchen
sonderbaren Verhältnissen ich ihm jedesmal begegnet war Aber ich dachte kaum
daran oder doch höchstens um mich ungeduldig in meinem Sitze herumzuwerfen
und bei mir zu sagen Du bist hier in ein solches Labyrinth geraten dass es auf
eine seltsame Begegnung mehr oder weniger gar nicht ankommt Nur durch nur
fort denn eine Umkehr gibt es nicht
Die Tannen von Rossow ein schöner Wald von hochstämmigen Bäumen hatten
uns aufgenommen der Weg welcher sandig geworden war und überdies aufwärts
führte nötigte den Kutscher langsam zu fahren ich sprang aus dem Wagen und
ging mit langen Schritten neben dem Fuhrwerk her das ich bald hinter mir ließ
Die Bäume wurden immer gewaltiger die Stille immer tiefer das feierliche
Halbdunkel immer dichter bis ich plötzlich zwischen den letzten Stämmen
hervortretend auf einem verhältnismäßig kleinen rings vom schönsten Hochwald
umgebenen Hügel ein altergraues hochgegiebeltes mit Ecken und Vorsprüngen
mancherlei Art verziertes von Epheu hier und da dicht beranktes Schlösschen im
Abendschein vor mir liegen sah Es war das Jagdschloss Rossow die zeitweilige
Residenz des jungen verbannten Fürsten
Ein alter Diener mit schneeweissem Haar der in dem gotischen Portale
gesessen hatte trat jetzt auf mich zu und führte mich nachdem er höflich um
mein Begehren gefragt und mir gesagt dass Se Durchlaucht mich schon lange
erwartet habe durch einen kleinen düstern mit alten Rüstungen und Gewaffen
aller Art seltsam ausgeschmückten Flur einige Stufen hinauf vor eine kunstvoll
mit eisernen Beschlägen ornamentirte SpitzbogenTür welche er mit höflicher
Verbeugung und mit den geflüsterten Worten Se Durchlaucht habe befohlen mich
unangemeldet vorzulassen öffnete Ich trat einige Schritte in das Gemach und
stand vor dem jungen Fürsten
Er hatte sich von einem breiten Sopha erhoben in welchem er in der
Erwartung meines Kommens eingeschlafen sein mochte wenigstens war der Ausdruck
seines feinen blassen hübschen Gesichtes ein wenig verwirrt und es dauerte
einige Zeit bis er sich der Situation bewusst zu werden schien
»Ah so« sagte er endlich »Herr verzeihen Sie mein Namengedächtniss ist
so entsetzlich schlecht Hartig Ah verzeihen Sie Hartwig ganz recht
Nun das ist liebenswürdig dass Sie gekommen sind sehr liebenswürdig Bitte
Platz nehmen zu wollen Sind Sie Raucher Da stehen Zigarren bedienen Sie sich
Sehr liebenswürdig in der Tat«
Er hatte sich wieder in die Ecke des Sophas sinken lassen und die Augen halb
geschlossen als wolle er wieder einschlafen Ich benutzte die Pause einen
flüchtigen Blick durch das Zimmer gleiten zu lassen
Es war ein großes nicht eben hohes altertümliches Gemach mit dunklen
EichenPanelen zwischen denen und der ebenfalls eichenen in Felder
eingeteilten Decke verbräunte Portraits von Männern und Frauen sich rings an den
Wänden herumzogen bis zu dem einzigen breiten Bogenfenster durch dessen
kleine bunte Scheiben ein gedämpftes Licht hereinfiel Die sehr zahlreichen
Möbel waren ebenfalls in einem altertümlichehrwürdigen Geschmack wenn gleich
augenscheinlich aus verschiedenen Zeiten geschnitzte breitlehnige Stühle mit
Perlmutter und Elfenbein reich ausgelegte Schränke und Tische auf dem Kaminsims
zwischen wundervollen Kannen aus getriebenem Silber und Kelchen aus
geschliffenem Glase eine große Uhr an kunstreicher Incrustirung und
phantastischen Verschnörkelungen ein Meisterstück des Rococo Auf einer großen
Decke aus Bärenfell vor dem Kamin lag ein schöner langhaariger Wolfshund der
bei meinem Eintreten den Kopf nur ein wenig erhoben und jetzt bereits wieder
zwischen die Vorderpfoten gelegt hatte Die Uhr auf dem Kaminsims tickte leise
durch die Stille vor dem Fenster sang eine Amsel der Schritt des alten Dieners
verhallte auf dem steinernen Flur und der junge Fürst in der Sophaecke öffnete
die großen müden Augen und sagte »Wovon sprachen wir doch gleich«
»Wir« fragte ich erstaunt
»Ja so« sagte der Andere »wir sprachen wohl noch gar nicht Wohl möglich
verzeihen Sie aber es wäre kein Wunder wenn ich das Sprechen ganz verlernte
sitze ich doch nun schon zwei Monate in diesem abscheulichen Nest wie eine
lichtscheue Eule Ich sehe mir manchmal auf die Nägel ob ich nicht schon
Eulenfänge bekommen habe Ach was das langweilig ist Nun wollen wir aber
gleich an unser Geschäft gehen Bitte schieben Sie mir gütigst einmal den
Cigarrenkasten herüber und wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände macht drücken
Sie doch auf das Glöckchen da zu Ihrer Linken«
Ich tat wie er gewünscht der alte Diener trat herein mit einer Flasche
und zwei Gläsern
»Du kannst wieder gehen« sagte der Fürst »wir wollen uns selbst bedienen«
Der Alte stellte das Präsentirbrett zwischen uns auf den Tisch und entfernte
sich
»Wollen Sie sich einschenken« sagte der Fürst »und mir auch wenn ich
bitten darf danke wir werden es zu dem trockenen Geschäft brauchen«
Indessen hatte er es trotz dieser gründlichen Vorbereitung nicht eben eilig
Er besah sich seine Fingernägel so genau als ob er die ersten Ansätze zu den
Eulenfängen nun endlich entdeckt habe unterdrückte dann ein leises Gähnen und
schien abermals die Frage wovon wir gesprochen hätten auf den Lippen zu haben
besann sich aber doch noch glücklich auf seine eigentliche Absicht und sagte
einen großen Siegelring auf dem Finger hin und her schiebend »Ich habe schon
immer den Wunsch gehabt Sie einmal bei mir zu sehen Sie müssen wissen dass ich
mich ganz erstaunlich für Sie interessire«
»In der Tat« sagte ich
»Ja wohl ganz erstaunlich« wiederholte der Fürst »Ich habe Sie von dem
ersten Mal dass ich Ihnen begegnete im Gedächtnis behalten was mir offen
gestanden selten arrivirt Sie schienen mir und Sie scheinen mir ein Original
ich interessire mich außerordentlich für Originale«
Ich verbeugte mich ein wenig und sagte die Pause benutzend »Wenn es Ihnen
gefällig wäre Durchlaucht von mir zu hören was ich aus bester Erfahrung über
den Kreidebruch «
»Es gibt nämlich sehr wenig Originale« fuhr der junge Fürst fort als
hätte ich gar nicht gesprochen »unglaublich wenig Das weiß Keiner besser als
unser Einer der von Jugend auf durch die Welt gehetzt wird Ein ewiges
Einerlei dieselben stereotypen Gesichter dieselben stereotypen Manieren
dieselben stereotypen Redensarten Ich wüsste kaum zwei oder drei Personen zu
nennen die mir den bestimmten Eindruck gemacht dass ich es mit wirklichen
Menschen zu tun hatte Die Eine sind wie gesagt Sie der Zweite ist ein
uralter verhutzelter Derwisch den ich wenn ich mich recht erinnere in
Jerusalem traf und der mir sagte dass er nachdem er hundert und vier Jahre
gesucht den Stein der Weisen gefunden und dass das Ding nicht des Findens
wert und die Dritte wäre etwa die arme Konstanze von Zehren«
Ich rückte unruhig in meinem Lehnsessel und begann abermals »Der
Kreidebruch über welchen Durchlaucht «
»Sie hat ja unsere erste Bekanntschaft vermittelt« sagte der Fürst der
mich abermals nicht gehört haben musste »es ist ja wohl natürlich dass sie mir
eben jetzt wo ich das Vergnügen habe so angenehm mit Ihnen zu plaudern wieder
in Erinnerung kommt Ein eigen geartetes sonderbares Wesen dessen Natur mir
bis zu diesem Augenblicke in vieler Hinsicht ein vollkommenes Rätsel geblieben
ist und wohl ewig bleiben wird Eine Mischung scheinbar absoluter Widersprüche
stolz ohne Achtung vor sich selbst keck ja tollkühn und dabei von einer
wenn ich mich so ausdrücken darf katzenartigen Feigheit vornehm und niedrig
phantastisch und berechnend mit einem Worte ich habe nie begreifen können
wie dergleichen in einer und derselben Menschenseele zusammen Platz hat Sie
der Sie sie ja auch gekannt haben werden mir darin Recht geben und vielleicht
auch darin dass bevor man einen Mann welcher das Glück oder soll ich sagen
das Unglück hatte mit einem so sonderbar gearteten Wesen in eine Liaison zu
geraten die wohl kaum anders als dangereuse sein konnte dass man sage ich
sich erst lange besinnt ehe man ihn für die Konsequenzen solcher liaison
dangereuse verantwortlich macht«
Der junge Mann lag noch immer in seine Ecke zurückgelehnt mit seinem Ringe
spielend ein Bild der Langeweile und Gleichgültigkeit Ich hatte in der
peinlichsten Stimmung von der Welt dagesessen den Zufall verwünschend der den
indolenten Mann gerade auf dies Thema hatte fallen lassen Oder war es auch kein
Zufall Ich glaubte aus dem Ton in welchem er zuletzt gesprochen doch eine
gewisse innere Erregung herausgehört zu haben indessen konnte ich darüber zu
keiner bestimmten Ansicht kommen und ich war eben im Begriff einen dritten
entscheidenden Versuch zu machen das Gespräch auf meine Angelegenheit zu
bringen als der Fürst abermals in einem noch lebhafteren Tone begann
»Es ist nicht meine Schuld dass Alles so gekommen ist Ich habe vielleicht
Eines oder das Andere auf dem Gewissen was ich lieber nicht darauf hätte wenn
ich hier so einsam sitze und vor langer Weile selbst nicht einmal mehr schlafen
kann aber in der Affäre bin ich wirklich nicht der am meisten schuldige Teil
Ich war noch sehr jung als ich sie zuerst sah sie war die bei Weitem ältere
wenn nicht den Jahren nach so doch in Allem was Lebenserfahrung und
Weltklugheit betraf Wo sie es her hatte ich weiß es nicht man weiß ja bei
den Weibern meistens nicht woher sie es haben und sie besaß das Alles wie
gesagt im höchsten Masse Es war kein kleines Stück mich über ein Verderben zu
verblenden das doch klar genug vor meinen Augen lag der Zorn meines Vaters
des Fürsten von dem ich ganz und gar abhange die Gewissheit die Hand einer
edlen und liebenswürdigen Dame die mir zugesagt war zu verscherzen es war
kein kleines Stück sage ich und doch hat sie mich gelehrt es fertig zu
bringen Dennoch mein Wort als Edelmann ich würde sie nie verlassen haben
wenn mir nicht über Fräulein von Zehren ich meine über sie mit einem Worte
ihre Verhältnisse eine Tatsache, an der sie allerdings vollkommen unschuldig
absolut unschuldig ist zu Ohren kommen wäre eine Tatsache, welche ich
allerdings nicht näher bezeichnen kann weil es nicht mein Geheimnis ist die
aber der Art war dass von dem Momente wo ich sie erfuhr jeder Gedanke eines
gleichviel ob legitimen oder illegitimen Verhältnisses für immer und ewig ganz
unmöglich wurde Es kommen gar wunderliche Dinge im Leben vor Dinge die einen
im Anfang erschrecken als entsetzliche Gespenster bis man nach und nach sich
mehr an sie gewöhnt und mit ihnen umgehen lernt Meinen Sie nicht«
Der Fürst schien diese letzte Frage schon wieder halb schlummernd getan zu
haben aber so oder so ich konnte nicht mehr an diese Schlummerstimmung
glauben im Gegenteil ich hatte jetzt ganz und gar die Empfindung dass mein
durchlauchtiger Wirt eine vorher wohl überlegte Rolle mit einer allerdings
anerkennungswerten Geschicklichkeit spielte Es war wohl aus diesem Grunde dass
mich seine vertraulichen Mitteilungen nur stutzig machten und ich mit einer
Zurückhaltung die mir sonst nicht eben eigen war abzuwarten beschloss wohin
diese sonderbare Unterredung eigentlich ziele Der Fürst musste seinerseits einen
andern Eindruck bei mir erwartet haben denn er fragte mit halb geschlossenen
Wimpern ganz nebenbei »Sie interessirten sich einst sehr für die genannte
Dame«
»Ja«
»Das kommt heraus als ob Sie sich nicht mehr für sie interessirten«
»Nicht dass ich wüsste« erwiderte ich
»In der Tat« sagte der Fürst die schönen müden Augen für einen Moment
groß öffnend und mir starr in das Gesicht sehend »in der Tat Das wäre das
genaue Gegenteil von dem was mir Zehren berichtet hat«
»Ich glaube nicht dass Arthur dass Herr von Zehren über irgend etwas das
mich beträfe auch nur mit einem Schein von Glaubwürdigkeit berichten könnte«
erwiderte ich
»Wohl möglich« erwiderte der Fürst »wohl möglich seine Glaubwürdigkeit
ist mir keineswegs über jeden Zweifel erhaben ich erlaube mir sogar manchmal
das Gegenteil von dem anzunehmen was er mir zu berichten für gut findet So
bin ich zum Beispiel überzeugt dass er sich entschieden geirrt hat als er mir
sagte dass die liebenswürdige junge Künstlerin bei der ich das letzte Mal das
Vergnügen hatte Sie zu treffen meine Aufwartung gern sehen würde das
Gegenteil schien der Fall zu sein«
Der Fürst blickte mich an als ob er eine Antwort erwarte ich begnügte
mich mit den Achseln zu zucken
»Ebensowenig bin ich sicher über den Verbleib einer gewissen geringfügigen
Summe welche ich ihm erinnere ich mich recht an demselben Tage zu einem
gewissen Zwecke übergab Bitte Sie brauchen nichts zu sagen jetzt bin ich
sicher der gute Zehren ist doch manchmal sehr wenig delicat« der Fürst
machte eine verächtliche Handbewegung »sehr wenig delicat Es ist wirklich
die allerhöchste Zeit dass er in rangirte Verhältnisse kommt Menschen wie er
gehen in einer verzweifelten Lage hoffnungslos zu Grunde Nun er hat ja wohl
jetzt die allerbeste Aussicht sich zu rangiren ich wünsche ihm Glück dazu«
Ich fühlte wie mir bei diesen Worten des Fürsten die doch nur eine
Auslegung haben konnten das Blut in Stirn und Wangen schoss dennoch beherrschte
ich mich so gut es gehen wollte und sagte nur »ich glaube eben von
Durchlaucht gehört zu haben dass Sie geneigt sind in gewissen Fällen das
Gegenteil von dem anzunehmen was Ihnen Arthur zu berichten für gut findet«
»O in der Tat« sagte der Fürst »das sollte mir gerade in diesem Falle
leid tun ich meine um seinetalben wenn ich auch vielleicht der jungen Dame
die ich übrigens zu kennen nicht die Ehre habe zu der Partie nicht gerade
gratuliren möchte Indessen diesmal glaube ich doch an die Sache weil die
Verhältnisse dafür zu sprechen scheinen Ich habe wiederholt mit dem alten Manne
zu tun gehabt er ist ein entsetzlicher wie soll ich sagen Roturier und
nach Art dieser Menschenrasse auf angesehene Verbindungen und Auszeichnungen
aller Art versessen Hat er mir doch noch heute Morgen durch den Justizrat
Heckepfennig andeuten lassen dass er mir betreff Zehrendorfs gewisse günstigere
Bedingungen stellen würde wenn ich ihm durch den Fürsten meinen Vater den
Geheimen oder die dritte Klasse die vierte hat er sich schon irgend wie
erbettelt verschaffe Für solche Leute ist es die höchste Seligkeit wenn sie
eine Tochter noch dazu die einzige in eine alte Familie hinein heiraten
lassen können Und eine alte Familie sind doch nun einmal die Zehrens daran ist
nicht zu drehen und zu deuteln Wie die junge Dame über den Punkt denkt weiß
ich freilich nicht vermutlich aber nicht anders als andere junge Mädchen
ihres Standes Wirklich es wäre mir recht fatal wenn Zehren mir hierüber
wieder einmal etwas aufgebunden hätte ich würde ihm das sobald nicht vergeben
Ich habe ihm auf das Konto hin seine Schulden bezahlt und was mir für den
Augenblick wichtiger ist er hat mir versprochen seinen ganzen Einfluss bei
seinem Schwiegervater in spe aufzubieten dass der Verkauf von Zehrendorf
wirklich zu Stande kommt Und auch Ihretalben Herr Hartig Hartwig verzeihen
Sie wäre mir die Sache recht fatal Ich hatte mir nämlich etwas ausgedacht
was Sie vielleicht zu hören interessieren wird und was Ihnen mitzuteilen der
hauptsächlichste Grund war weshalb ich mir heute Nachmittag die Ehre einer
Unterredung mit Ihnen erbeten hatte Ich meinte nämlich es würde Ihnen
conveniren und vielleicht eine Zukunft für Sie sein wenn ich Sie ersuchte
nachdem der Verkauf von Zehrendorf zu Stande gekommen ist mir in der Verwaltung
desselben und einiger anderen Güter hier herum behilflich zu sein Der Fürst
mein Vater verlangt durchaus dass ich mich als Landwirt betätige bevor er
mit mir seinen Frieden macht Nun ist mir freilich an dem Zustandekommen dieses
Friedens aus mehr als einem Grunde sehr viel gelegen mit der Betätigung als
Landwirt ist die Sache aber weniger einfach und die Acquisition eines Mannes
von dem ich so viel Rühmliches gehört der sich in so mancher schwierigen
Situationen bereits bewährt hat und den ich was mir das Wichtigste ist selbst
als Gentleman als vollkommenen Gentleman kennen gelernt habe die Acquisition
eines solchen Mannes sage ich würde mir von einer großen von einer sehr
großen Wichtigkeit sein«
Der Fürst hatte zum ersten Male während unserer Unterredung mit einer Wärme
gesprochen die nicht ohne Einfluss auf mein empfängliches Herz blieb und bei
den letzten Worten hatte er sich gegen mich anmutig verbeugt und ein
freundlich wohlwollendes Lächeln war über sein feines blasses Gesicht gezogen
Es war ein grossherziges jedenfalls schönes Anerbieten das er mir machte ich
fühlte das und ich fühlte auch dass ich unter anderen Verhältnissen unbedingt
ja gesagt haben würde aber so aber so
»Sie sind ein vorsichtiger Mann« sagte der Fürst nachdem er eine kleine
Weile höflich auf meine Antwort gewartet hatte »Sie denken wird Karlo Prora
auch halten was er verspricht oder wird er es halten können Ich glaube Sie
darüber beruhigen zu dürfen Dem Fürsten meinem Vater muss an einer Versöhnung
mit seinem einzigen Sohne nicht weniger gelegen sein als mir selbst er würde
mir auf die ersten Avancen hin die ich ihm machte mit ausgestreckten Händen
entgegenkommen und mich für die kleinsten Resultate die ich ihm bieten könnte
mit fürstlicher Großmut belohnen ich glaube dass er mir sofort unsere
sämtlichen Güter in dieser Gegend übergeben würde Das wäre für den Anfang ein
Wirkungskreis der sollte ich meinen selbst Ihrem Ehrgeiz Sie sind ein wenig
ehrgeizig nicht wahr genügen dürfte Was mich selbst betrifft so sollen Sie
mit mir zufrieden sein Ich bin von Natur ein wenig indolent und meine
Erziehung hat nicht viel getan diesen Fehler auszurotten ich würde Ihnen also
vollkommen freie Hand lassen oder wenigstens würden Sie mich stets geneigt
finden auf vernünftige Vorstellungen einzugehen Ein harter Herr würde ich auf
keinen Fall sein und da Sie leider nicht in der Lage sind wie soll ich es
ausdrücken Sie wissen was ich meine warum sollten Sie mir Ihre Dienste
nicht ebenso willig oder ich schmeichle mir williger leihen als dem
schrecklichen Plebejer drüben mit dessen Angelegenheiten es überdies wie ich
aus sehr guter Quelle weiß gar nicht besonders stehen soll«
Ich hatte während der Fürst sprach die Frage mit welcher er schloss schon
vorweg genommen und dahin beantwortet dass in der Tat nicht wohl abzusehen sei
weshalb ich in diesen neuen Verhältnissen nicht mindestens ebenso segensreich
sollte wirken können als in den alten Und dennoch dennoch wollte das Ja nicht
über meine Lippen Es wird dem Menschen so schwer einem Glückestraum zu
entsagen
»Ich sehe meine Proposition hat Sie doch etwas in Verlegenheit gesetzt«
sagte der Fürst nicht ohne einige Empfindlichkeit »Nun ich will Sie nicht
drängen überlegen Sie sich die Sache mein Wort haben Sie ich will mich einige
Tage gedulden bin ich doch wie es scheint hier um mich in der Geduld zu
üben Ich werde also in einigen Tagen vielleicht das Vergnügen haben«
Er hatte sich aus der Sophaecke nach mir geneigt um anzudeuten dass die
Unterredung zu Ende sei als der schnelle Hufschlag eines Pferdes auf dem Platze
vor dem Fenster ertönte
»Wer kann das sein« sagte der Fürst und berührte den Knopf der silbernen
Glocke auf dem Tisch In diesem Augenblicke trat aber auch schon der alte Diener
herein gefolgt von einem Reitknecht der ein versiegeltes Schreiben in der Hand
trug Der alte Mann sah sehr blass und der Reitknecht sehr rot aus aber sie
hatten beide verstörte Mienen so dass der Fürst mit einiger Ungeduld rief »Nun
zum Teufel was gibts denn«
»Einen Brief von Seiner Durchl wollte sagen von dem Herrn Kanzleirat
Hensel« sagte der Alte dem Burschen den Brief aus der Hand nehmend und
denselben anstatt ihn auf dem silbernen Teller zu präsentiren welchen er zu
diesem Zwecke in der linken Hand trug seinem Herrn ohne diese Vorsicht
überreichend Er musste wohl schon von dem Boten den Inhalt des Briefes erfahren
haben
Der Fürst erbrach das große Siegel und ich sah dass während er den Inhalt
des Schreibens durchflog es gar seltsam in seinem Gesicht zu zucken begann und
seine Hände heftig und immer heftiger zitterten Dann hob er die Augen und sagte
mit einer Stimme die sich offenbar Mühe gab möglichst fest zu klingen
»Seine Durchlaucht haben einen Schlaganfall gehabt lass die Lady satteln
oder besser den Brownlock der ist schneller und Albert soll mitreiten er kann
den Essex nehmen Nun wirds« Und er stampfte ungeduldig mit dem Fuß
Der Reitknecht eilte hinaus der alte Diener stürzte durch eine zweite Tür
die ich jetzt erst bemerkte in ein Nebenzimmer vermutlich um die Sachen
seines Herrn zurecht zu machen
Ich wollte mich da der Fürst der mit ungleichen Schritten das Gemach
durchmass nicht zu bemerken schien dass ich noch da war still entfernen als er
plötzlich vor mir stehen blieb und mit einem sonderbaren Lächeln zu mir
aufblickend sagte
»Nun sehen Sie wie schwer es unser Einem wird ein ordentlicher Mensch zu
werden Da nehme ich eben einen Anlauf dazu und sofort werde ich wieder nach
einer andern Seite gerufen Gehen Sie mit Gott und lassen Sie bald von sich
hören Noch einmal Sie haben mein Wort ich bedarf Ihrer jetzt vielleicht noch
mehr als zuvor Leben Sie wohl«
Er reichte mir die Hand die ich mit Wärme drückte
Fünf Minuten später als ich durch den Tannenwald zurückging ich hatte mir
den Wagen der noch für mich angespannt war verbeten hörte ich Hufschlag
hinter mir Es war der junge Fürst mit einem Reitknecht welcher so gut es
gehen wollte seinem Herrn folgte Als er im vollsten Rosseslauf an mir
vorüberjagte winkte er noch einmal freundlich mit der Hand und fast im
nächsten Augenblick schon waren die Reiter hinter den dicken Stämmen
verschwunden und der Hufschlag ihrer Rosse verhallte in dem dämmernden Walde
Zwanzigstes Kapitel
Der folgende Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß und schwül Schon bei
Sonnenaufgang hatten graue Gewitterwolken im Osten gestanden und sie lauerten
drohend am Horizonte während das strahlende Gestirn machtvoll in den glänzenden
Äther stieg Ich der ich von Kindheit an sonderbar abhängig gewesen bin von
der atmosphärischen Stimmung empfand die electrische Spannung welche in der
Luft herrschte in beängstigender Weise Ein dumpfer Druck lag fortwährend auf
meiner Stirn eine seltsame Unruhe zuckte durch meine Nerven und mein Blut
rollte in schweren Wellen Freilich war es nicht das heraufdrohende Gewitter
allein was mir diesen Zustand zuwege gebracht hatt
Es lag noch etwas Anderes in der Luft etwas Anderes das mir unheimlicher
war und das ich nicht definiren konnte die dumpfe Empfindung vermutlich der
Unerträglichkeit des Zustandes in welchem ich mich hier befand und dass
derselbe so oder so ein Ende erreichen müsse vielleicht schon ein Ende
erreicht habe
Wie dem aber auch sein mochte ich hatte heute Zeit genug darüber
nachzudenken
Niemand war da mich in meinen Betrachtungen zu stören Zehrendorf war wie
ausgestorben Die gestern verabredete Partie nach dem Schmachtensee war gegen
zehn Uhr aufgebrochen nicht ohne einige kleine Veränderungen des ursprünglichen
Programmes Sei es weil der letzte Versuch aus Fräulein Duff eine Reiterin zu
machen so kläglich misslungen war sei es aus einem anderen Grunde aber
Hermine hatte die Absicht mit ihrer Gouvernante und mit Arthur die Partie zu
Pferde zu machen aufgegeben und man hatte die ganze Gesellschaft in drei Wagen
verteilt Der Steuerrat und die Geborene waren mit von der Gesellschaft
gewesen Auch dies war eine Abweichung vom Programme zu Gunsten der beiden
Eleonoren welche einstimmig sie waren immer einstimmig erklärt hatten dass
zwei schutzlose Mädchen an einer für den ganzen Tag berechneten nur aus jungen
Leuten bestehenden Partie unmöglich Teil nehmen könnten Die beiden
Würdenträger hatten sich lebhaft gegen die ihnen zugedachte Ehre gesträubt aber
zuletzt selbstverständlich nachgegeben Wie sollten sie auch nicht Eine
Gelegenheit wie diese ihren Lieblingswunsch zu fördern kam so leicht nicht
wieder
Dann war noch eine dritte Veränderung eingetreten die ich selbst wenn ich
Fräulein Duff Glauben schenken durfte veranlasst hatte Aber durfte ich ihr
Glauben schenken
Freilich der Schein sprach für sie aber auch wohl nur der Schein
Als ich gestern nach meiner Rückkehr von Rossow bei dem Kommerzienrat
gewesen war hatte ich als ich mich auf mein Zimmer zurück begeben wollte den
Salon passieren müssen wo sich unterdessen die ganze übrige Gesellschaft
versammelt hatte Hermine saß am Flügel und spielte ein lärmendes Stück welches
sie erst abbrach als ich die Versammelten stumm grüßend den Drücker der
Ausgangstür schon in der Hand hatte Ich hatte mich unwillkürlich bei dem
Missaccord mit welchem sie geschlossen umgewandt und fast in demselben Momente
sah ich sie auch vor mir mit blassem Gesicht aus welchem die großen blauen
Augen seltsam leuchteten und mit zuckenden Lippen die etwas sagten was sie
noch einmal sagen mussten bevor ich es verstand »Man hoffte ich werde den
Scherz heute Mittag genommen haben wie er gemeint und die Gesellschaft bei der
Partie morgen nicht um das Vergnügen meiner Gegenwart bringen auf die man
sicher gerechnet« Die Gesellschaft welche bis dahin ganz besonders lebhaft
conversirt und von meiner Anwesenheit so gut wie keine Notiz genommen hatte war
plötzlich sehr still geworden und das mochte wohl der Grund sein weshalb ich
meine Antwort mit einer unheimlichen Deutlichkeit hörte beinahe als hätte ich
nicht selbst sondern ein ganz Anderer mit einer mir gänzlich fremden Stimme
gesagt »ich danke Ihnen mein Fräulein aber Sie haben wirklich Recht gehabt
man darf auf mich bei solchen Gelegenheiten nicht zählen« Dann hatte ich
draußen auf dem Flure gestanden an allen Gliedern meines großen Körpers bebend
dass ein Kind mich hätte umstossen können und ich hatte einen stechenden Schmerz
im Herzen empfunden und ein brennendes Verlangen laut aufzuschreien und dann
hatte ich beide Hände gegen die Brust gedrückt und mit einem tiefen tiefen
Atemzuge und mit bebenden Lippen zu mir selbst gesagt »Gott sei Dank es ist
vorbei«
Und daran hatte ich festgehalten die lange lange schlummerlose Nacht
während ich in meinem Teppichzimmer auf und abschritt oder mich in das offene
Fenster stellte meine fiebernden Schläfen an der Nachtluft zu kühlen und mich
dann wieder auf den niedrigen Divan warf um in schmerzliches Brüten zu
versinken
Vorbei vorbei trotz des Zettels da den mir Fräulein Duff noch um
Mitternacht durch den mir jetzt ganz ergebenen Wilhelm auf das Zimmer geschickt
hatte und in welchem sie in ihrer wunderlichphantastischen Weise mich
versicherte dass Hermine sich seit zwei Wochen auf die Partie gefreut nur um
sie mit mir machen zu können ja dieselbe nur in dieser Absicht arrangirt habe
und ob der Gute dem Bösen den Platz räumen wolle und ob die Liebe nicht Alles
glaube und dulde noch dazu wenn sie überzeugt sein dürfe dass wodurch sie
gequält werde selbst wieder Liebesqualen seien
Liebe Ist das Liebe Kann das Liebe sein Die Liebe duldet Alles sie
glaubt Alles Wohl Aber sie blähet sich auch nicht und stellt sich nicht
ungeberdig und trachtet nicht nach Schaden Ist das Liebe Oder ist es nicht
vielmehr Selbstsucht Eitelkeit Laune die Laune eines verzogenen Kindes das
ihre Puppe jetzt küsst und im nächsten Augenblick zur Erde schleudert und für
das die ganze Welt nur eine bunte Seifenblase ist die zu ihrem Vergnügen in der
Sonne ihres Glückes schwebt Nun ja es ist vielleicht Liebe eine besondere
Sorte Liebe aber ich mag diese Sorte nicht und ich will sie nicht und es ist
vorbei
Ja hätte ich nie eine andere Liebe gekannt eine starke innige
heilspendende segensreiche Liebe Dass diese Liebe nicht mir zu Teil geworden
weiß ich deshalb weniger dass sie möglich dass sie vorhanden ist? Und wenn sie
dich schon nie geliebt hat wie sie lieben kann wie sie dereinst vielleicht
einen Andern lieben wird hast du nicht schon an einem Tropfen dieser Quelle
die so rein ist wie das Herz der Wasser hast du nicht schon an diesem einen
Tropfen Mut Erquickung getrunken viel mehr als aus diesem Strudel der heute
so üppig quillt um morgen spurlos im Sande zu versiegen Im Sande ihrer
Selbstsucht ihrer Laune Nein und tausendmal nein es muss vorbei sein und es
ist vorbei
So hatte es die Nacht in meinem Kopf und in meinem Herzen geglüht und
gebraust und dann war der Tag angebrochen der sonnige gewitterschwüle Tag
der den Übernächtigen fieberhaft und seiner halben Kraft beraubt fand aber ich
hatte mich aufgerafft mit einem mächtigen Entschluss und zu mir gesagt lass es
sein lass vorbei sein was vorbei ist Vielleicht ist es gut dass Alles so
gekommen dass du dir selbst zurückgegeben bist dir selbst und deinen Pflichten
Und ich war still auf meinem Zimmer geblieben bis es Zeit war zu dem
Kreidebruche zu gehen wo heute die Maschine zum ersten Male arbeiten sollte
Dann war ich gegen zehn Uhr zurückgekehrt dem Kommerzienrat wie er gestern
gewünscht Rapport abzustatten dass Alles über Erwarten gut ausgefallen dass die
Aussicht die Wasser zu bewältigen jetzt zur Gewissheit geworden sei
Die Partie war unterdessen aufgebrochen wie mir Wilhelm der zu meiner
Bedienung zurückgeblieben mitteilte nebst einer Menge von Einzelheiten wie
sie das falkenscharfe Auge des drolligen Schelms zu beobachten verstand und sein
indiscreter Mund auszuplaudern liebte Das gnädige Fräulein war in der
muntersten Laune gewesen bis zuletzt als Leo ihre Dogge durch keine
Schmeicheleien und Drohungen zu bewegen war von der Partie zu sein »Er ist in
der letzten Zeit zu schlecht behandelt worden« sagte Wilhelm »na und so was
merkt unser Einer wollt ich sagen so eine Bestie denn doch Und nun werden in
dem Augenblicke ja auch noch Herr und Frau von Granow angefahren kommen die gar
nicht aufgefordert waren und die man doch nun schandehalber mitnehmen musste
Ich sage Ihnen Herr Ingenieur das Ganze sah mehr wie ein Leichenzug als wie
eine Spritzfahrt aus Aber unsere beiden jungen Damen« hier lächelte Wilhelm
Kluckhuhn »die hätten Sie sehen sollen Herr Ingenieur Ganz weiß mit
hoffnungsgrünen Schleifen die reinen Schneeglöckchen sage ich Ihnen«
Ich war wenig in der Stimmung Wilhelms Bericht bis zu Ende zu hören und
fragte nach dem Kommerzienrat
»Ist vor einer Viertelstunde mit dem alten Justizrat nach Uselin zu einem
Termine gefahren und wird vor Abend schwerlich zurückkommen«
Diese Nachricht setzte mich einigermaßen in Verwunderung Der Kommerzienrat
hatte noch gestern Abend nichts von diesem Termin der ihn den ganzen Tag in
Anspruch nahm gewusst hatte mir im Gegenteil eine Unterredung für diesen
Morgen zugesagt in welcher die wichtigsten Dinge zu besprechen waren Hatte
doch die Nachricht von dem möglicherweise nahe bevorstehenden Ableben des alten
Fürsten die ich ihm gestern überbracht den beabsichtigten Verkauf von
Zehrendorf in weite Ferne gerückt ja sehr unwahrscheinlich gemacht Was konnte
dem jungen Fürsten wenn er seinem Vater succedirte und in den Vollbesitz des
Vermögens kam an dem einen Gute mehr oder weniger gelegen sein Es liegt auch
dem alten Fürsten im Grunde gar nichts daran hatte der Kommerzienrat immer
gesagt aber der junge Herr soll sich bei dem Ankauf die Sporen verdienen soll
zeigen dass er solche Geschäfte bewältigen kann Das weiß der junge Herr recht
gut und darum wird er den Hamen doch herunterschlucken so wenig verlockend auch
der Köder ist verlassen Sie sich darauf
So hatte der Kommerzienrat gerechnet und wie die Sachen jetzt lagen
voraussichtlich falsch gerechnet Meine Nachricht hatte ihn gestern ganz
augenscheinlich sehr erschreckt Es war höchst sonderbar dass er gerade heute
hatte in die Stadt müssen
Oder wollte er mir nur einfach aus dem Wege gehen nachdem er seine Absicht
mich bei Herminen in Ungnade zu bringen so vollkommen erreicht Brauchte er
mich nicht mehr nachdem ich ihm die Maschinen aufgestellt und die Angelegenheit
mit dem Fürsten sich so gut wie zerschlagen
Sehr möglich sehr wahrscheinlich aber vielleicht brauchte ich ihn noch
weniger vielleicht war ich in der Lage ihm bevor er mir den Abschied gab
Lebewohl sagen zu können Diese Abwesenheit des Mannes die wie eine Flucht vor
mir aussah kam sie doch just in dem Augenblicke wie eine Mahnung für mich das
verlockende Anerbieten des jungen Fürsten anzunehmen Was hatte ich bis jetzt
für meine eigentlichen Zwecke von dem Kommerzienrat erlangt Versprechungen die
Hülle und Fülle einen Schwall von Komplimenten weiter nichts Und dabei würde
es voraussichtlich bleiben vor Allem wenn er Zehrendorf nicht verkaufte und
er so seines Wortes das er mir bezüglich der Fabrik in der Stadt gegeben los
und ledig war ja und möglicherweise auch wenn der Verkauf trotz alledem zu
Stande kam Es gab wohl sehr Weniges was dem Herrn Kommerzienrat heilig war
und ich hatte Ursache zu glauben dass unter diesem Wenigen sein Wort sich nicht
befand So hatte er mir versprochen den Mann in der Schneidemühle dem er
gekündigt nicht zu entlassen und als ich heute Morgen an der Mühle vorbeiging
hatte sie gestanden und der Knecht mir gesagt der Herr sei gestern Abend
während ich in Rossow war dagewesen und habe den Meister nach einem kurzen
Wortwechsel von der Stelle fortgejagt Das war ein Fall aber eben nur der
neueste ich hatte ihn schon wiederholt auf dergleichen Wortbrüchigkeiten
ertappt Nein nein der Mann schien nicht dazu angetan sich von mir zur
Religion der Humanität bekehren zu lassen
Und der Fürst Je deutlicher ich mir die Einzelheiten unsrer gestrigen
Unterredung in die Erinnerung rief je klarer mir das Bild des Mannes vor die
Seele trat desto mehr liebenswürdige und achtungswerte Züge glaubte ich in ihm
zu entdecken desto mehr glaubte ich zu finden dass es sich wohl verlohne mit
ihm anzuknüpfen Es ist eine schwere Aufgabe gänzlich ungerührt zu bleiben
wenn uns Jemand mit einem ausgesprochenen Wohlwollen entgegenkommt noch dazu
wenn dieser Gönner eine hochgestellte einflussreiche Persönlichkeit ist Nun
möchte ich nicht sagen dass ich damals oder jemals in der Gunst eines Fürsten
die höchste irdische Glückseligkeit gefunden hätte aber ich kann doch auch
nicht leugnen dass wenigstens zu jener Zeit die anerzogene Ehrerbietung vor
der irdischen Hoheit ein Nachklang jedenfalls aus meinen Jugendtagen dazu
beitragen mochte mir das Benehmen des jungen Fürsten in dem möglichst günstigen
Lichte zu zeigen Ich glaubte jetzt den Schlüssel zu diesem Benehmen das mir
gestern so rätselhaft erschienen war gefunden zu haben und ich rechnete ihm
die Delicatesse hoch an mit welcher er bevor er mir seine eigentliche Absicht
entdeckte aus dem Wege geräumt hatte wovon er wusste dass es als ein Stein des
Anstoßes zwischen ihm und mir lag Er hatte der bedenklichen Szene vor neun
Jahren im Walde von Zehrendorf mit keiner Sylbe Erwähnung getan aber er hatte
es mir nicht vergessen dass und wie ich ihn damals geschont und er hatte in
seiner Weise versucht seine Schuld gegen mich abzutragen Ich musste mir sagen
dass die Weise Alles in Allem eine edle ritterliche war Sodann hatte er mich
wiederum über die zweite Begegnung in Paulas Atelier aufgeklärt und mich
gewissermaßen wegen seines damaligen Benehmens um Entschuldigung gebeten und
war der Versuch sich gegen mich abzufinden den er noch an demselben Tage
gemacht vielleicht übereilt und unpassend gewesen so hatte er das jetzt durch
sein grossherziges und bedeutendes Anerbieten in meinen Augen mehr als
ausgeglichen
Ja es war ein grossherziges und bedeutendes Anerbieten grossherzig wenn ich
die offene loyale Weise bedachte in welcher mir es ohne Winkelzüge ohne
Markten und Feilschen gemacht bedeutend indem ich mir sagen musste dass war es
wirklich des Fürsten Absicht mir einen großen Wirkungskreis zu verschaffen er
auch durchaus in der Lage war seine Versprechungen zu realisiren Angenommen
wirklich der Kommerzienrat war der Mann für den er sich gab obgleich meine
Zweifel nach dieser Seite keineswegs geschwunden ja vielleicht jetzt größer
waren als je aber angenommen er war der reiche Mann der einflussreiche Mann
was bedeutete sein Reichtum sein Einfluss im Vergleich zu der Machtsphäre der
Fürsten von ProraWiek Schon als Knabe auf der Schulbank hatte ich wie jeder
andere Useliner ja ich glaube jeder Bewohner unserer Provinz gewusst dass auf
der Insel allein einhundertzwanzig Güter dem Fürsten gehörten dann das
Städtchen Prora die Residenz in welcher jetzt die Aufregung über die
Erkrankung des Herrn groß genug sein mochte die von dem ersten bis zu dem
letzten Hause auf fürstlichem Grund und Boden stand dann das Jagdschloss Wiek
mit seinen meilenweiten Forsten dann die Grafschaft Ralow auf dem Festlande in
der Nähe von Uselin die Useliner pflegten im Sommer Ausflüge nach dem Parke
von Ralow zu machen dann das prachtvolle Palais in der Residenz an welchem
ich oft genug mit sonderbaren Empfindungen vorüber gegangen war die Herrschaft
in Schlesien mit den berühmten Eisenwerken deren Wert auf ein paar Millionen
veranschlagt wurde was war der Krösus von Uselin im Vergleich mit diesem
wirklichen Krösus dessen Revenüen binnen zweier Jahre vielleicht so groß waren
als das ganze Vermögen des Kommerzienrates zusammengenommen
Freilich freilich ich hatte mir meinen Lebensweg anders gedacht meine
Leidenschaft für die mathematischen Wissenschaften meine Fortschritte in der
Maschinenbaukunst meine Hoffnung dereinst mächtig fördernd in die Entwickelung
der EisenbahnIndustrie eingreifen zu können meine mit dem guten Snellius so
oft überlegten Pläne für das Wohl der arbeitenden Klassen es war kein
erfreulicher Gedanke das Alles aufgeben zu sollen Aber musste ich es denn
aufgeben war es im Grunde nicht einerlei ob ich hier oder dort in dieser oder
jener Weise wirkte wenn ich nur wirkte wenn ich nur schaffte in dem großen
guten Sinne meines unvergesslichen Lehrers meines braven Freundes O gewiss
gewiss ich durfte in seinem Sinne das Anerbieten des Fürsten acceptiren und
Paula würde nicht mit mir unzufrieden sein denn ihr Denken und Trachten war
wie das ihres herrlichen Vaters nur auf das Gute und Schöne gerichtet ich
fühlte es würde mir nicht schwer werden ihr zu zeigen wie ich in dieser neuen
Sphäre vollauf Gelegenheit habe ihrer wert zu bleiben ja es immer mehr zu
werden Und dann ich hatte es vor mir selbst verbergen wollen weil es eine
wunde Stelle in meinem Herzen allzu schmerzlich berührte aber heute in der
schlaflosen Nacht war es und manches Andere noch in scharfer unabweisbarer
Wirklichkeit vor meine Seele getreten sie hatte mich nicht nur ziehen lassen
weil sich ein größerer Wirkungskreis für mich auftat sie hatte mich auch
fortgeschickt weil sie Mitleid mit mir empfand weil sie wusste dass in ihrem
Herzen meine tiefe innige ehrfurchtsvolle Liebe keinen Wiederhall fand und
wie der gütige Mensch nichts nimmt was er zu nehmen gezwungen ist ohne etwas
zu bieten wenn er es bieten kann so hatte sie meinem liebevollen Herzen das
sich nach Gegenliebe sehnte die Erfüllung meiner Wünsche in einer reizenden
lockenden Gestalt gezeigt in der Gestalt des schönen Mädchens in der Gestalt
der jungen übermütigen Bacchantin die mit mir gespielt hatte wie sie mit den
Tigern Leoparden und sonstigem Getier das sie vor ihren Wagen zu spannen
gewöhnt war schon ein oder das andere Jahr gespielt haben mochte Ach Paulas
reines Herz was wusste es von diesem gefährlichen Spiel was wusste es von den
Künsten wie man mit der einen Hand streichelt und mit der andern die Peitsche
schwingt wie man sich jetzt an den freien Sprüngen des Lieblings ergötzt und
wie man ihn im nächsten Augenblicke in den engsten Käfig sperrt Was wusste sie
davon
Und wenn sie es wüsste würde sie nicht die Erste sein die mich zurückriefe
die da sagte »Du darfst Dich opfern wenn es sein muss aber wegwerfen sollst Du
Dich nicht und darfst Du Dich nicht und was ich auch mit Dir gewollt habe und
was Du selbst gewollt und erstrebt hast es ist vorbei vorbei«
So hatte es in meinem dumpfen Gehirn gegährt und in meinem Herzen gewühlt
den ganzen Tag während die Sonne ihre glanzvolle Bahn durch den hohen Himmel
zog und hinter ihr her das graue dunstige Gewölk das schon bei ihrem Aufgang
am Horizonte gelauert Ich hatte instinctiv oft und oft zum Himmel geschaut
während ich rastlos gefoltert von meinen peinlichen Gedanken und dem
heraufdrohenden Gewitter durch die Felder durch die Haiden schweifte so
benommen von dem was in mir brütete und was draußen braute dass ich jedes
Bewusstsein des Ortes und der Zeit verloren hatte und mich jetzt in der
Dämmerung des Abends auf dem Wege nach Trantowitz fand demselben Wege den ich
gestern nach Rossow gefahren und der auch der Weg war auf welchem die
Gesellschaft zurückkommen musste ohne wiederum zu wissen wie ich dort hin
gekommen und was ich dort wollte Sicherlich nicht Hans besuchen der ja auch
von der Partie war Dennoch schritt ich weiter bis ich zu der schlecht
gehaltenen lückenhaften Hecke gelangte welche Hans vielberühmten Garten mit
den verwilderten Obstbäumen auf den Grasund Unkrautflächen und den wüsten
Kartoffel und Kohlfeldern von der Landstraße trennte Über die Hecke schauend
glaubte ich in dem Grunde dieses melancholischen Terrains eine mächtige Gestalt
zu bemerken die wohl Niemand anders sein konnte als der gute Hans selbst Ich
durchbrach die Hecke es war eben nicht schwer und ging gerade auf die
Gestalt zu Es war wirklich Hans
»Ich denke Sie sind auch mit« sagte ich
»Werde mich wohl hüten« erwiderte Hans den Druck meiner Hand kräftig
erwiedernd
»Aber Sie sind doch aufgefordert«
»Freilich« sagte Hans
»Nun«
»Nun als ich sie heute Morgen auf den Hof kommen sah bin ich da zum
Fenster er deutete auf das Fenster seines Schlafzimmers hinausgestiegen und
habe mich so lange im Walde umhergetrieben bis die Luft wieder rein war Und
Sie«
»Ich hatte auch keine Lust mitzugehen« sagte ich
»Das wäre« sagte Hans
Wir promenirten eine Zeit lang schweigend nebeneinander in den verwachsenen
Wegen auf und nieder Es war bereits so dämmrig dass man die Farben nicht mehr
unterscheiden konnte Die Luft war unglaublich schwül und drückend im Osten
wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit und aus dem Trantowitzer Wald von welchem
eine Spitze nahe an uns heranschnitt kam der Gesang der Nachtigallen in
klagenden langgezogenen Tönen
»Es ist zum Ersticken« sagte ich indem ich als wir eben an eine
verfallene Laube oder etwas der Art gekommen waren mich auf eine der dort
befindlichen morschen Bänke warf und Rock und Weste aufriß
Hans sagte nichts sondern entfernte sich schweigend in der Richtung des
SchlafzimmerFensters durch welches ich seine riesige Gestalt verschwinden und
einige Minuten später wieder auftauchen sah Er setzte ein paar Gläser und zwei
Flaschen die er unter dem Arme getragen vor uns auf den morschen Tisch
stellte ein paar andere die er aus den Rocktaschen zog in den Sand der Laube
nahm sein Jagdmesser heraus öffnete die beiden ersten und sagte indem er mir
die eine hinschob »Trinken Sie vorläufig einmal eine halb oder lieber ganz es
wird Ihnen besser werden«
Das war der alte Hans wie er leibte und lebte und sein altes
UniversalMittel gegen alle Pfeile und Schleudern des Geschicks Du lieber
Himmel es hatte sich schlecht genug an dem braven Jungen bewährt und würde mir
wohl auch nicht helfen aber ich fühlte doch wie gut er es meinte und die Hand
zitterte mir als ich die Gläser füllte und meine Stimme zitterte als ich sein
Glas mit den meinen berührend sagte »das trinke ich Ihnen lieber Hans und
einer bessern Zukunft für uns Beide«
»Wüsste nicht wo die für mich herkommen sollte« sagte Hans sein Glas in
einem Zuge leerend und nun seinerseits das Amt des Schänken übernehmend
»Hans lieber guter Hans« rief ich »tun Sie mir den Gefallen und sprechen
Sie nicht in diesem melancholischen Ton ich kann es heute Abend nicht hören
mir ist selbst zu Mute als ob mir jeden Augenblick das Herz brechen müsste«
Hans wollte mir wieder die Flasche zuschieben besann sich aber dass ich
sein UniversalMittel schon einmal ausgeschlagen hatte und reichte mir seine
gefüllte Cigarrentasche über den Tisch hinüber
Einen Augenblick später glühten zwei feurige Punkte in der dunklen Laube
und warfen von Zeit zu Zeit einen trügerischen schnell verschwindenden Schein
auf den wackelnden Tisch mit den Flaschen die sich schnell leerten und auf die
Gesichter zweier Männer die über den Tisch gebeugt waren in langer
vertraulichernster Unterhaltung
»So ist es« sagte das eine Gesicht zuletzt
»Sie werden sich geirrt haben wie ich« sagte das andere
»Ich glaube nicht« sagte das andere wieder »wie lange ist es her
vielleicht vorgestern es kann aber auch vorvorgestern gewesen sein die Tage
laufen mir immer in einander da traf ich sie auf dem Wege nach Rossow wir
sind eine halbe Stunde neben einander geritten und sie hat mir während der
ganzen Zeit von Nichts gesprochen als von Ihnen«
»Sie muss um ein passendes Thema sehr verlegen gewesen sein« sagte das
zweite Gesicht
»Und geweint hat sie auch« fuhr das erste fort »das arme Ding sie hat mir
leid getan ich wollte Ihnen schon immer sagen Sie müssten machen dass die
Sache zu Ende kommt«
Eine lange Stille folgte Die dritte Flasche wurde entkorkt Die feurigen
Punkte glühten still vor sich hin während das Dunkel tiefer und tiefer
hereinsank und die lautlosen Blitze immer häufiger und häufiger aufleuchteten
»Sie trinken ja nicht« sagte Hans
Ich antwortete nicht ich hatte in der Tat kaum gehört was der gute Hans
sagte ich wusste kaum noch dass er da vor mir saß kaum noch wo ich war Aus
dem Dunkel heraus das uns umgab strahlten mir ihre Augen aus dem Flüstern des
Windes das in den Blättern rauschte glaubte ich ihre Stimme zu hören Und die
Augen die großen blauen Augen sahen mich vorwurfsvoll an und die Stimme die
tiefe leidenschaftbebende Stimme klang gepresst und um den reizenden Mund
zuckte es schmerzlich wie gestern als sie mich bat dass ich mit von der Partie
sein möchte
»Wo wollen Sie hin« sagte Hans
Ich hatte mich erhoben und war in den Eingang der Laube getreten mit
heißen Augen in die Finsternis starrend Nur am westlichen Horizonte war noch
ein schmaler sehr schmaler lichter Streifen sonst lag der Himmel über der
Erde schwarz und undurchsichtig wie ein Sargdeckel Von Zeit zu Zeit ging ein
seltsames Stöhnen und Raunen durch die stille schwüle Luft und dazwischen
schluchzten die Nachtigallen aus dem Walde wie über den Untergang einer schönen
Welt von Licht und Liebe Dann wieder zitterte durch die Finsternis ein
electrisches Licht und spielte unheimlich an den Rändern der schweren
tiefgehenden Wolken aber kein Donner folgte die arme geängstete Kreatur aus
ihrer dumpfen Angst aufzurütteln und kein erquickender Regen rauschte
hernieder die verschmachtende Erde zu erquicken
»Wo wollen Sie hin« fragte Hans noch einmal
»Wo sind sie wohl jetzt«
»Wer kann das wissen« sagte Hans »zurück sicher noch nicht denn sie
müssen hier vorbei«
»Auf der Heide zwischen Ihren Buchen und den Rossower Tannen muss der Weg bei
dieser Dunkelheit kaum zu finden sein«
»Freilich« sagte Hans »bin ich doch selber einmal ein paar Stunden darauf
umhergeritten ohne einen Schritt aus der Stelle zu kommen und die Nacht war
nicht so finster wie diese Wir hatten allerdings bei Fritz Zarrentien ein
wenig scharf getrunken Halloh was gibts denn«
Ich war im Begriff gewesen fortzustürzen und griff jetzt als Hans rief
mit beiden Händen an den Kopf der mir zu springen drohte
»Sie könnten gerade auf der Stelle sein« murmelte ich
»Aber so nehmen Sie mich doch mit« rief Hans während ich schon durch den
Garten davoneilte
Ich blieb stehen er kam hinter mir her und klopfte mir als er mich
eingeholt hatte mit seiner großen breiten Hand ein paar Mal leise auf die
Schulter und sagte »ho ho so recht so« als wenn ich ein Pferd wäre das er
zu beruhigen hätte Ich griff nach seiner Hand und rief »Kommen Sie mit Hans«
»Nun natürlich« erwiderte Hans »aber wir müssen ein paar Leute mit
Laternen haben ich kenne das«
»Das wird zu lange aufhalten«
»Keine fünf Minuten«
Hans schritt neben mir her quer durch die Kartoffelfelder und um jeden
Umweg zu ersparen in sein Kammerfenster hinein durch sein Wohnzimmer hindurch
ich folgte ihm auf dem Fuße kannte ich doch die Localität gut genug Auf dem
Hofe angelangt begann Hans aus aller Macht an der zerbrochenen Glocke zu
läuten welche dort in einem baufälligen Gerüste hing und deren heiserer Schall
die Leute sonst zur Arbeit oder von der Arbeit rief Sie kamen denn auch auf das
bekannte Signal aus dem Leutehause und aus den Ställen schnell genug herbei und
es waren noch keine fünf Minuten vergangen als wir bereits gefolgt von einer
kleinen mit StallLaternen ausgerüsteten Schaar den Hof verlassen hatten und
auf einem Feldwege den Trantowitzer Buchen zueilten An dem westlichen Horizont
war auch der letzte hellere Streifen verschwunden die Dunkelheit war so groß
dass es im Walde um nichts finsterer wurde als es bereits auf dem freien Felde
gewesen war Die Schwüle in der Atmosphäre hatte wo möglich noch zugenommen und
jetzt begannen auch dumpfe Donner zu rollen und in den hohen Wipfeln der Buchen
fing es an zu rauschen und zu sausen die Nachtigallen waren verstummt vor dem
Unwetter das jeden Augenblick losbrechen konnte Ich eilte die Leute mit den
Laternen weit hinter mir lassend durch den Wald dahin nur Hans versuchte noch
gleichen Schritt mit mir zu halten blieb dann aber auch zurück hinter mir her
rufend dass die tolle Eile ja zu nichts nützen könne wenn wir die Männer mit
den Laternen nicht bei uns behielten Ich sagte mir dasselbe aber ich wurde von
einer Gewalt getrieben der ich nicht zu widerstehen vermochte Was ich wollte
ich hätte es nicht zu sagen gewusst ich dachte daher auch gar nicht darüber
nach ich stürzte nur immer vorwärts in einer Eile als gelte es Leben oder Tod
Wie ich es fertig gebracht habe den bösen Weg durch den Wald in der
rabenschwarzen Finsternis so zurückzulegen ohne Arme und Beine zu brechen oder
mir den Schädel an den Bäumen einzurennen ich weiß es noch heute nicht War es
der bläuliche Schein der Blitze der von Zeit zu Zeit durch die Waldeshallen
zitterte war es die eigentümliche Fähigkeit meiner Augen auch in der
Finsternis noch immer ein wenig sehen zu können war es die Leidenschaft die in
gewissen Momenten jede verborgenste Kraft in uns wachruft ich weiß es nicht
ich weiß nur dass ich in unglaublich kurzer Zeit den Wald durchmessen hatte und
an dem Verstummen des Blätterrauschens um mich her an dem lebhafteren Hauch des
Windes der um meine glühenden Wangen spielte an dem anders tönenden Schall der
Donner bemerkte und gelegentlich auch in dem grelleren Licht eines Blitzes
deutlich sah dass ich mich bereits auf der Heide befand Die Heide war ungefähr
eine Viertelmeile breit auf drei Seiten von den Rossower Tannen und den
Trantowitzer Buchen umgeben auf der vierten nach links mit den großen Mooren
an der Küste zusammenhängend die hier und da noch mit schmaleren und breiteren
Streifen hineinragten Kein Baum wuchs auf dieser ganzen Fläche als einziges
Wahrzeichen galt ein kleiner mit Buschwerk bestandener und mit einzelnen großen
Steinen umgebener Hügel ohne Zweifel ein Grabmal aus alten Zeiten der
ungefähr halbwegs lag und als die äußerste Grenze nach dem Moore zu galt Von
einem Wege konnte man kaum sprechen denn derselbe war zu jeder Jahreszeit ja
bei jedem Witterungswechsel ein anderer man fuhr ritt oder ging wie es eben
am zweckmässigsten schien Schon mehr als einmal hatte hier ein Unglück
stattgefunden noch zu meiner Zeit war ein Knecht der mit einem leeren Wagen in
der Nacht die Strecke passieren wollte mit samt seinen Tieren in einem der
breiten tiefen Torfgräben ertrunken
Während ich über die Heide dahinstürmte kamen mir die Umstände bei diesem
Unglücksfall wieder ins Gedächtnis bis in die kleinsten Einzelheiten Ich
erinnerte mich wie der Mann geheißen und dass er eine Braut gehabt hatte aus
Trantowitz eine hübsche blonde Dirne die sich über den Tod des Geliebten gar
nicht hatte zufrieden geben können und die man noch wochenlang nachher auf dem
Hünengrabe hatte sitzen sehen die starren Augen unverwandt auf die Stelle
gerichtet wo er ertrunken Es war mir als ob das hübsche arme Mädchen eine
flüchtige Ähnlichkeit mit ihr gehabt hätte
Eine ganz wahnsinnige Angst erfasste mich und plötzlich stand ich still mit
wildklopfendem Herzen in die Nacht hineinhorchend Ich meinte ich hätte dumpfes
Geschrei aus nicht allzugrosser Entfernung vernommen Aber aus welcher Richtung
War es vor mir gewesen rechts oder links oder hatte ich mich getäuscht
hatten mich meine aufgeregten Sinne betrogen und die klagenden Stimmen des
Windes in hülferufende Menschenstimmen verwandelt Da noch einmal jetzt hatte
ich mich nicht getäuscht und jetzt hörte ich auch von woher die Rufe kamen
gerade aus der Richtung vor mir nein von links her nein von rechts das war
sicher von rechts gewesen Und jetzt wieder näher aber wiederum aus einer
andern Richtung als ob auf der öden Heide die Geister der hier und dort und
dort und hier Verunglückten alle auf einmal aus ihren nassen Gräbern
heraufgestiegen wären und einander riefen Und keine Möglichkeit auch nur einen
Schritt vor sich zu sehen selbst die Blitze hatten seit ein paar Minuten
aufgehört es war als ob man die Finsternis greifen könnte Ich warf einen
verzweifelten Blick hinter mich und sah zu meiner unsäglichen Freude die
Lichter aus den Laternen wenn auch aus einiger Entfernung auf die Stelle
zukommen Ich rief mit der ganzen Kraft meiner Lunge sie sollten sich beeilen
dann stürzte ich auf gut Glück weiter und prallte entsetzt zurück als ich
plötzlich im grellen Licht eines mehrere Sekunden anhaltenden Blitzes dicht vor
mir die riesige gespensterhaft weiße Gestalt eines sich hoch aufbäumenden
Pferdes erblickte Ich war auf einen der Wagen gestoßen dessen Pferde der
Kutscher der mutig ausgehalten hatte vergeblich abzusträngen versuchte
»Wo sind die andern Wagen« rief ich indem ich ohne recht zu wissen was
ich tat dem Manne in seinen Bemühungen half
»Das mag Gott wissen« sagte der Mann »Ich habe genug mit denen hier zu
tun gehabt«
»Es kommen Laternen«
»Ist auch hohe Zeit Willst stehen verdammter Schimmel«
Da war Hans schon mit einigen der LaternenMänner Die Pferde standen wenn
auch vor Angst zitternd und schnoben mit weit aufgerissenen Nüstern in die
Lichter
Auf dem Hintersitze des Wagens lag eine Gestalt ausgestreckt der Schein
einer Laterne fiel in ein bleiches verwüstetes Gesicht
Es war Arthur
»Was heißt das« fragte ich
Hans fragte nicht er wusste was das heißt wenn Leute die kein Maß zu
halten gelernt haben auf dem Heimwege von einer Landpartie mit AnanasBowle in
dem Wagen liegen und kein Rasen der entfesselten Elemente sie aus ihrem schnöden
Schlaf zu wecken vermag
»Den lassen Sie nur« sagte der Kutscher »der liegt fest«
»Einer von Euch muss hier bleiben« rief ich zu den Laternenträgern gewandt
»Ihr Andern vorwärts«
Wir gingen weiter während die Leute es waren ihrer noch fünf oder sechs
die Laternen hoch hielten und wir zu gleicher Zeit so laut wir konnten riefen
man möchte versuchen heranzukommen
Man antwortete von hierher und dorther es wurde jetzt klar dass die ganze
Gesellschaft weit auseinandergesprengt war Nur die Wagen hatten noch
einigermaßen zusammengehalten eine Minute später trafen wir auf den zweiten
der umgestürzt war und von den rasenden Pferden in Trümmer geschlagen wurde bis
es uns nicht ohne Mühe gelang die Tiere abzuschirren
Dann kamen wir auf den dritten der etwas abseits bis über die Achsen in dem
sumpfigen Grunde stecken geblieben war nachdem es dem Kutscher gelungen die
Stränge zu zerschneiden
Und nun gestaltete sich die sonderbarste unheimlichste Szene Die Blitze
zuckten so unaufhörlich dass wir von dem grauenhaften Licht vollständig
eingehüllt schienen Dazu das Rufen und Schreien der geängsteten Menschen die
jetzt von allen Seiten herbeikamen das Fluchen der Kutscher und Knechte das
Schnauben und Schnaufen der geängsteten Pferde dazwischen das Grollen und
Rollen der Donner das Sausen und Pfeifen der Windstösse die mit zum Teil
furchtbarer Gewalt über die Heide rasten und den Regen nicht herabkommen
ließ der uns in einzelnen schweren Tropfen in das Gesicht schlug die ganze
Gesellschaft so weit sie jetzt versammelt war einer Schaar gleichend die zur
Hinrichtung geführt werden soll die Männer mit verstörten Mienen die Frauen
totenbleich und alle die Spuren des Umherirrens in der Heide und auf dem
Sumpfboden nur zu deutlich an sich tragend
Aber wenn es schwer gewesen war sie zusammenzubringen so sah ich bald
dass es unmöglich war sie zusammen zu halten Alle drängten sie vorwärts
weiter Wozu man auch nur noch eine Sekunde verlieren wolle man sei ja
beisammen Der Regen werde im nächsten Augenblicke herabströmen die Laternen
vielleicht verlöschen und was solle dann werden »Vorwärts vorwärts meine
Herrschaften« kreischte der Steuerrat Herr von Granow rief auch »Vorwärts
vorwärts « und die Gesellschaft setzte sich in Bewegung
Es war mir bei der unbeschreiblichen Verwirrung die herrschte bei dem
Rufen Schreien Durcheinanderrennen so vieler Menschen unmöglich gewesen zu
constatiren ob denn wirklich alle wie behauptet wurde beisammen seien das
aber wusste ich ganz gewiss dass ich sie die ich einzig und Allein gesucht noch
nicht gesehen hatte ebensowenig wie Fräulein Duff Ich weiß nicht warum oder
hatte ich es von Einem der Gesellschaft behaupten hören aber ich hatte
angenommen dass die beiden Damen in dem vierten Wagen der noch weiter zurück
war und unversehrt sein sollte sich befinden mussten aber in dem Augenblick
als die Gesellschaft mit den Laternen aufbrach kam jener vierte Wagen auch
heran
Ich stürzte darauf los in dem Wagen der großen Chaise des Kommerzienrats
war außer einer Menge Mäntel und Shawls die man in der Eile zurückgelassen
hatte nur Fräulein Duff die in einer Ecke lehnte und mich vor Angst mehr
tot als lebendig mit halb gebrochenen Augen anstierte Vergeblich dass ich aus
ihr herauszubringen suchte wo denn Hermine geblieben sei Sie murmelte nur wie
im Fieber »suche treu so findest Du« und brach dann in krampfhaftes Weinen
aus Nun berichtete Anton der unterdessen an den Strängen geknüpft hatte das
Fräulein sei vor noch nicht zehn Minuten aus dem Wagen gesprungen erst als die
Laternen schon ganz nahe waren Er wisse nicht warum denn das Fräulein habe
sich gar nicht so gefürchtet wie die Andern und noch kurz vorher zu Fräulein
Duff gesagt sie werde sie gewiss nicht verlassen Links hin sei sie gegangen
wenn er recht gesehen aber er wisse es nicht gewiss er habe mit den Pferden zu
viel zu tun gehabt die bis jetzt ganz gut gewesen seien aber nun wollten sie
ja wohl auch nicht mehr stehen
Damit war er wieder auf den Bock gestiegen und begann den Andern
nachzufahren ich rief ihm zu dass er auf jeden Fall bleiben müsse Hörte er
mich nicht oder wollte er mich nicht hören konnte er die Pferde nicht länger
bändigen auf jeden Fall war ich in der nächsten Minute allein während der
Trupp mit den Laternen sich unter Hans Führung über die Heide nach dem Walde
bewegte
Einundzwanzigstes Kapitel
Ich war im Begriff den Enteilenden nachzustürzen um auf jeden Fall ein paar
der Laternenträger und einen der Wagen zurückzuhalten als mir ein grell
aufleuchtender lange anhaltender Blitz das Hünengrab zeigte welches links von
der Stelle wo ich stand ungefähr hundert Schritt entfernt lag und das ich bis
dahin nicht bemerkt hatte Wollte ich von jenem Punkte aus einen freieren Blick
gewinnen war es eine Ahnung war es Beides aber ich stand in der nächsten
Minute an dem Fuße des kleinen Hügels zwischen den mächtigen Steinen Abermals
flammte ein blendend heller Blitz auf und ein Grausen durchzuckte mich und
meine Haare begannen sich zu sträuben Da oben neben den vom Sturm zerzausten
Haselbüschen stand umflossen von der gespenstischen Helle mit flatternden
Haaren das arme Mädchen das nach dem Geliebten ausschaute der im Sumpf
ertrunken war Und nun wieder rabenschwarze Nacht um mich her und dann ein
krachender Donner in welchem mein lauter Angstruf verhallte War ich wahnsinnig
geworden Aber noch während der Donner krachte inmitten der Finsternis die
mich rabenschwarz umgab kam es wie eine himmlische Erleuchtung über mich dass
mein Herz hoch hüpfte und mein Mund laut aufjauchzte und ich war oben ich
hatte sie gefunden ich hob sie in meinen Armen in die Höhe und jauchzte wieder
und sie schlang ihre Arme um mich und schmiegte sich an meine Brust fest so
fest und dann kniete ich vor ihr und sie beugte sich zu mir und sagte
»Schnell schnell jetzt im Dunkeln wo ich Dich nicht sehe ich liebe Dich ich
liebe Dich«
»Und ich Dich«
»Mich ganz allein«
»Ja ja«
»Ganz allein mich Ganz allein mich und wenn die Erde sich jetzt auftäte
und uns verschlänge ganz allein mich«
»Ja ja«
Wieder flammte ein Blitz auf secundenlang Alles in Tagesklarheit hüllend
Sie lachte und jubelte laut auf und rief sich in meine Arme stürzend »Nun sehe
ich Dich nun darf ich Dich sehen O wie schön das ist wie schön Du bist So
trag mich den Hügel hinunter nur bis zu den Steinen Jetzt lass mich los Du
Starker Du mein Held Du mein Alles«
»Lass mich Dich weiter tragen ich kann es«
»Ich weiß es würde ich Dich sonst so lieben aber lass mich Du darfst nicht
glauben dass ich ein Schwächling bin«
Ich hatte sie aus meinen Armen auf einen der großen Steine gleiten lassen
sie legte mir die Hand auf die Schulter ich sah einen Moment dicht vor mir ihr
süßes trotziges Gesicht und ihre wie sonst zornig leuchtenden Augen und sie
sagte durch die Zähne »vergiss es nicht vergiss es nie dass ich kein Schwächling
bin wie die andern Weiber und dass, wenn Du nicht gekommen wärst mich zu
suchen ja wenn Du auch mich nur nicht gefunden hättest ich mich hier im
Sumpfe ertränkt hätte und dass ich mich in dem Augenblick töten werde wo Du
mich nicht mehr liebst Und nun komm«
Sie warf sich an meine Brust und glitt aus meinen Armen herab auf den
Boden Wir gingen Hand in Hand über die Heide wo uns die fortwährend
aufleuchtenden Blitze den pfadlosen Pfad zeigten wo uns die Donner umrollten
und der Regen der so lange gezögert hatte in immer dichteren schweren warmen
Tropfen und dann in Strömen herabzurauschen begann Was war uns Sturm und
Gewitter was war uns dass wir auf öder Heide von allen andern Menschen
verlassen gegen Sturm und Gewitter ankämpften Es war eben die größte Seligkeit
für mich zu wissen dass ich sie beschützen durfte dass ich sie beschützen
konnte dass ich wahrlich Kraft genug hatte die Geliebte wenn es sein musste bis
nach Trantowitz und nach Zehrendorf zu tragen für sie sich von mir
beschützen zu lassen den sie so lange geliebt der jetzt ihr eigen war und es
geworden war ganz so wie ihr trotziges Herz wie ihr phantastischer Sinn es
verlangten Und das kam nun Alles Alles auf ihre Lippen in abgerissenen wirren
Sätzen in Gedanken und Bildern die aufleuchteten und verschwanden wie die
Blitze um uns her und bald diese Erinnerung wach riefen und bald jene gerade
wie die Gegenstände um uns her aus dem Dunkel aufleuchteten und wieder im
Dunkel verschwanden die braune Heide das blinkende Moorwasser und dann im
Walde die Büsche rechts und links und die riesigen Stämme der Bäume deren
mächtige Zweige jetzt von der daherstürmenden Windsbraut wild durcheinander
gepeitscht wurden dass es ein Knarren und Aechzen und Stöhnen und donnerndes
Rauschen war als sollte die Welt untergehen Aber je wilder es um uns her
tobte desto lauter jubelte sie auf und lachte wie toll wenn Keines mehr vor
dem Lärmen um uns her die Worte des Andern verstand und wir uns was
unverständlich blieb von den Lippen küssten Ja sie wurde ganz zornig als
jetzt nachdem wir den Wald fast schon durchschnitten hatten ein paar Laternen
aufleuchteten die sich schnell auf uns zu bewegten
»Wollen wir davonlaufen« sagte sie ernstaft und dann klatschte sie in die
Hände als wir jetzt des guten Hans mächtige Stimme »halloh halloh« schreien
hörten
»Er ists« rief sie »mein guter Hans mein lieber Hans mein bester Hans
Er soll der Erste sein der es erfährt Es hat keiner ein besseres Recht
darauf«
Da war auch schon Hans der den beiden Knechten vorausgeeilt war uns mit
hochgehaltener Laterne in das Gesicht leuchtend und abermals mit der ganzen
Kraft seiner Lunge halloh schreiend diesmal aber vor Freude dass er uns so
glücklich gefunden Ja so glücklich so glücklich dass er die Laterne auf den
Boden setzen und erst Hermine und dann mir und dann wieder ihr und nochmals
mir die Hände schüttelte und immer wieder schütteln musste indem er dabei
fortwährend »so so« sagte als ob wir ein paar eigensinnige junge Pferde
wären mit denen er sich lange abgequält und die er endlich zur Raison gebracht
Die beiden Knechte waren ebenfalls herangekommen »Die armen Menschen«
sagte Hermine »sie müssen auch vergnügte Gesichter machen Gib mir schnell
was Du bei Dir hast und Sie Hans es ist ganz gleich gebt nur gebt«
Ich musste meine Börse es war nicht viel darin in ihre Hände ausschütten
und Hans suchte in allen Taschen herum und fand einige zerknitterte
Tresorscheine die sie ebenfalls nahm und den beiden Leuten gab die mit offenem
Munde dastanden und nicht wussten wie ihnen geschah Ein paar Taler waren
hingefallen Die Leute sagten »es wäre eine Sünde das liebe Geld da liegen zu
lassen« und fingen an zu suchen während wir Drei weiter gingen und Hans
berichtete dass die ganze Gesellschaft jetzt bei ihm zu Hause sei und dass er
bereits anspannen lasse um sie auf Leiterwagen andere hatte Hans nicht nach
Zehrendorf fahren zu lassen wohin er auch bereits einen reitenden Boten
geschickt habe damit man dort seine Vorkehrungen treffe
»Wir Beide gehen« rief Hermine »nicht wahr Georg aber ansehen wollen wir
uns die Gesellschaft es muss ein sonderbares Bild sein und jetzt habe ich den
Humor dazu O ich bin so glücklich so glücklich«
Es war in der Tat ein sonderbares Bild das sich uns darbot als wir das
verfallene Herrenhaus von Trantowitz erreichten Auf dem weiten kahlen Flur in
Hans enger Stube in dem Heiligtum seines Schlafgemaches sogar in der Küche
zu der man von dem Flur gelangte irrten und wirrten Hausleute die helfen
sollten und die verunglückten Vergnügungsfahrer durcheinander rufend
scheltend weinend lachend je nachdem sie sich in die Situation zu finden
wussten oder nicht Zu den Ersteren gehörte ohne Zweifel Fritz von Zarrentien
und seine kleine Frau die von Hause aus die lustigsten vergnüglichsten und
zugleich harmlosesten Geschöpfe waren wenn sie auch in dem Sturm auf der Heide
sich nicht viel besser gehalten hatten als die Andern Jetzt aber prahlte Fritz
während er in der Küche mit Hilfe der Köchin einen Weinpunsch braute von den
Heldentaten die er wenn man ihm glauben durfte im Verlauf des Abends
ausgeführt hatte und seine kleine behende lachlustige Frau bemühte sich um die
Damen die außer ihr sämtlich in der bösesten Laune und freilich auch in der
traurigsten Verfassung waren Die Steuerrätin saß in Hans Lehnstuhl wie eine
Königin welche der Sturm der Revolution vom Throne gefegt und welcher bei der
Gelegenheit die falschen Haare zerzaust und die Schminke von den Backen gewischt
hat Auf dem Sopha hielten sich die beiden Eleonoren innig umschlungen und
weinten eine an dem Busen der anderen, die heißesten Tränen ohne dass irgend
Jemand vielleicht auch sie selbst nicht zu sagen gewusst hätten worüber es
wäre denn über ihre durchweichten Strohhüte und ihre verregneten Kleider
gewesen die ihr Unschuldsweiss von heute Morgen mit einer absolut unbestimmten
Farbe vertauscht hatten Die derbe Frau von Granow stand vor Fräulein Duff
welche halb ohnmächtig auf Hans Stiefelkiste kauerte und bewies ihr dass in
solchem Fall sich Jeder selbst der Nächste sei und dass, wenn Fräulein Hermine
wirklich in dem Sumpfe ertrunken wäre ihr der Gouvernante daraus kein
vernünftiger Mensch auch nur den geringsten Vorwurf machen könne
»Nein Duffchen nicht den geringsten Vorwurf« rief Hermine welche eben
mit uns durch die offene Tür hereingetreten war und die letzten Worte gehört
hatte »Duffchen liebes einziges Duffchen«
Und die Aufgeregte fiel ihrer alten treuen Gouvernante um den Hals und
drückte und küsste sie unter leidenschaftlichen Tränen
Wenn eine so sensitive Natur wie die Fräulein Duffs für die Bedeutung
solcher Liebkosungen solcher Tränen noch einer Erklärung bedurft hätte so
wurde ihr dieselbe jetzt in der großen Gestalt eines Mannes der in dem Rahmen
der Tür stand und mit vermutlich leuchtenden Augen auf die Gruppe blickte Sie
streckte ihm beide Arme entgegen und rief aller ausgestandenen Leiden
vergessend »Richard habe ich es nicht gesagt suche treu so findest Du«
Dieses Wort das die gute Dame mit der Stimme eines Heroldes der den
Ausgang des Turniers verkündet überlaut ausgerufen hatte schreckte die im
Zimmer Befindlichen jäh empor Die beiden Eleonoren ließ einander aus den
Armen sahen hin sahen sich an die zweite ließ ihren Kopf auf die Schulter der
ersten sinken und murmelte etwas wovon ich nur die Worte »der Verräter«
verstand
Das war nun vielleicht Alles in Allem ein rührendes Bild aber ein
erschreckliches gewährte die Steuerrätin Die Ahnung eines hereindrohenden
Unheils hatte auf ihrer schmalen durchfurchten Stirn auf ihren eingefallenen
entschminkten Wangen in ihren starren runden Schlangenaugen gelegen sie hatte
es kommen sehen den ganzen Tag Vergebens dass sie mit mütterlichen Armen den
lieben Sohn zu schützen versucht hatte vor den Pfeilen der bösesten Laune
welche das stolze unwillige Mädchen auf ihn abgeschossen vergebens dass Arthur
sich in der AnanasBowle frischen Mut in so schwerer Bedrängnis und
Standhaftigkeit zur Ertragung seiner Leiden zu schöpfen versucht hatte das
Unglück war geschehen und hier hier stand es vor ihren Augen vor den Augen der
geborenen Baronesse Kippenreiter der Mutter des liebenswürdigsten aller Söhne
der leiblichen Tante dieses undankbaren Geschöpfes Es war zu viel zu viel Die
enttronte Königin schnellte empor an allen Gliedern zitternd warf da sie
unfähig war ein Wort zu sprechen einen vernichtenden Blick auf Hermine die
sich lachend in meine Arme stürzte und schwankte in die Kammer wo wie ich
hernach erfuhr der gebeugte Vater an dem Lager seines Kronprinzen wachte
dessen armselige Seele nicht einmal im Stande war zu begreifen was er und sein
Haus unwiederbringlich verloren hatten
Weg weg ihr Bilder ihr Gestalten ihr sollt mir nicht die schöne
Erinnerung dieses Abends trüben Ich will euch nicht ganz abweisen weiß ich
doch dass ich es nicht könnte wenn ich auch wollte aber drängt euch nur
nicht vor wollt mich nicht glauben machen dass ihr es seid um derenwillen wir
leben um derenwillen wir gedenken Auch ihr müsst sein freilich und wohl dem
der das begriffen hat und sich ein mutiges Gelächter bewahrt hat in der Brust
um euch wegzuspotten wenn ihr euch nicht auf die Seite weisen lassen wollt
Auch ihr müsst sein Aber um der schmutzigen schwarzen Erde willen die an den
zarten Wurzeln hängt graben wir sie nicht aus der Liebe rote Rose tragen sie
an unserm Herzen nach Haus pflanzen sie im stillen sonnigen Raum und pflegen
und hegen sie wie wir können Wer weiß wie lange wir es können
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Wer weiß wie lange wir es können Vielleicht nicht lange vielleicht nur kurze
nur allzu kurze Zeit Es ist ein melancholisches Wort und nur leider das rechte
an der Spitze dieses Abschnittes der Geschichte meines Lebens den ich mit
zögernder Feder beginne Aber der Leser fürchte nichts Es war als ich mich
entschloss dies Buch zu schreiben nicht meine Absicht sein Gemüt das
vielleicht von den Pfeilen und Schleudern des Geschicks nur schon zu viel
gelitten hat noch mehr zu verdüstern Nicht den Mut des Lebens wollte ich ihm
rauben oder auch nur schmälern wenn ich ihm erzählte was der Jüngling in
seines Sinnes Torheit gefehlt und was er in seinem Herzen gelitten hat ich
gedachte vielmehr ihm die Freudigkeit des Handelns die Fähigkeit des Duldens
und die vielleicht noch schwerere der Duldung einzustossen und so wollen wir
denn auch gemeinsam was etwa Schweres dem Manne noch beschieden ist mit
einander in der Erinnerung durchleben die ja auch das Schwerste leicht in ihre
Götterarme nimmt Nein nein der Leser der vielleicht mein Freund geworden
ist mag den Freund ruhig weiter auf seinem Lebenswege begleiten
Und zuerst in das Zimmer des Kommerzienrates in welches ich am nächsten
Morgen zehn Uhr mit einem Herzen eintrat das vielleicht ein wenig unruhig aber
ganz gewiss nicht bänglich schlug Ich hätte auch keinem Mutlosen raten mögen
dem Manne heute Morgen entgegenzutreten der wie ein Toller in dem Gemache auf
und ablief um dann vor mir stehen zu bleiben mich mit wütenden Blicken von
oben bis unten zu betrachten abermals umherzulaufen abermals vor mir stehen zu
bleiben und zu rufen »So so Sie wünschen also meine Tochter zu heiraten«
»Es ist ein Wunsch der vor zehn Jahren nichts Abschreckendes für Sie hatte
Herr Kommerzienrat auf dem Deck des Pinguin als wir zu Ihren Austernbänken
fuhren erinnern Sie sich nicht«
»Herr lassen Sie die Narrenspossen Ich frage Sie noch einmal Sie Sie
erkühnen sich mein Schwiegersohn werden zu wollen«
»Verzeihen Sie Herr Kommerzienrat Sie fragten vorhin ob ich Ihr Fräulein
Tochter heiraten wolle«
»Das ist dasselbe«
»Sie haben recht und deshalb täten Sie vielleicht besser Herr
Kommerzienrat wenn Sie mich gleich als Ihren Schwiegersohn oder sagen wir
als Ihren zukünftigen Schwiegersohn ansähen und demgemäss behandelten«
Ich hatte das in einem sehr festen und ernsten Tone gesagt von welchem ich
wusste dass er seinen Eindruck auf das im Grunde feige Herz des Mannes selten
verfehlte Auch jetzt wich er instinctiv ein paar Schritte vor mir zurück
setzte sich in seinen Lehnstuhl nahm der Abwechslung halber anstatt der
höhnischen Miene eine sehr mürrische an und sagte im trockensten Geschäftston
»Also Sie wollen mir die Ehre erweisen Herr Georg Hartwig meine Tochter
Hermine zur Gattin zu begehren Da wäre es nun wohl das Erste was uns zu tun
obläge über die Ansprüche die Sie machen können über die Stellung die Sie in
der Welt einnehmen über Ihre persönlichen Verhältnisse mit einem Worte ins
Klare zu kommen Sie sind so viel ich weiß der Sohn eines SubalternBeamten in
Uselin ein junger Mensch der in seiner Jugend niemals hat gut tun wollen der
darauf für ein abscheuliches Verbrechen mit acht Jahren «
»Sieben Jahren Herr Kommerzienrat «
»Mit Voruntersuchung und nachträglicher Strafe acht Jahren Zuchthaus «
»Gefängnis Herr Kommerzienrat «
»Bestraft ist der dann Dank der Nachsicht der Behörden die durch die
Finger sahen «
»Meine Papiere sind in der vollkommensten Ordnung Herr Kommerzienrat «
»Während ein paar Monaten in meiner Fabrik das Notdürftigste des
Schlosserhandwerks gelernt hat und jetzt mit dem beträchtlichen Vermögen von «
»Funfzig Taler baar hundertsechzig Taler ausstehende Schulden die ich
aber wohl nie bekommen werde Herr Kommerzienrat «
»Und füge ich hinzu mit den entsprechenden Aussichten in die Zukunft
denn was Sie mir vorgestern von den Vorschlägen erzählten die Ihnen Seine
Durchlaucht gemacht haben soll so gebe ich darauf nichts der also als ein
solcher Mensch mit solcher Vergangenheit in einer solchen Stellung mit einem
solchen Vermögen und einer solchen Zukunft um die Hand der Tochter des
Kommerzienrats Streber wirbt«
»Aufzuwarten Herr Kommerzienrat«
Mein zukünftiger Schwiegervater warf unter seinen buschigen Augenbrauen
einen prüfenden Blick in mein Gesicht welches ihm sagen mochte dass der
Versuch mich zu demütigen von ebenso geringem Erfolg war wie die
EinschüchterungsMethode mit der er begonnen Es musste ein anderes Register
aufgezogen werden Er stützte die kahle Stirn in die Hand hüllte sich in eine
dichte schwarze Wolke des Schweigens aus welcher er plötzlich nach mir mit den
heftigen Worten schnappte
»Wenn ich nun aber gar nicht der Millionär gar nicht der reiche Mann bin
für den Sie mich wie alle Welt bisher gehalten haben wie dann Herr wie
dann«
Der Kommerzienrat war aufgesprungen und stand vor mir der ich mich ihm
gegenüber gesetzt hatte die Hände auf dem Rücken vornübergebeugt und seine
stechenden Augen in meine bohrend
»Dann würden die Verhältnisse für mich genau so liegen wie vorher um so
mehr als mir schon längst Ihr vielgepriesener Reichtum ernstlich zweifelhaft
gewesen ist Herr Kommerzienrat«
Die stechenden Blicke tauchten in den wässrigen unbestimmten Nebel zurück
Der Kommerzienrat warf sich in seinen Stuhl schlug mit den Händen auf die
Lehne brach in ein krähendes Gelächter aus das in einem Hustenanfall endigte
und rief zwischen dem Krähen und Husten »es ist zu gut dieser junge Mensch
ernstlich zweifelhaft schon lange es ist zu gut wirklich zu gut«
Der Hustenanfall wurde so beängstigend dass ich aufsprang und den alten
Herrn sanft auf den Rücken zu klopfen begann Plötzlich ergriff er meine linke
Hand und sagte in einem kläglichweinerlichen Ton »Georg mein lieber Junge es
ist mein einziges Kind Sie wissen nicht was das heißt die Stütze die Freude
eines alten gebrechlichen Mannes der morgen sterben kann und Ihr wollt nicht
einmal die paar Stunden warten O es ist grausam grausam dass ich das erleben
muss«
Ach wohl hatte Kassandra Recht wenn sie sagte dass es schwer halte »die
Ränke dieses verschlagenen Greises zu ergründen« Er hatte sein bestes Mittel
bis zuletzt aufgespart War ich nicht einzuschüchtern oder abzuschrecken so war
ich doch vielleicht zu rühren und ich war wirklich gerührt und sagte indem ich
die plumpen welken Hände die ich in den meinem hielt herzlich drückte »Ich
will Ihnen Ihr Kind nicht rauben «
»Also wirklich nicht Gott segne Sie« rief der Kommerzienrat indem er wie
electrisirt aufsprang »Sie sind ein Mann von Wort ich habe Sie nie anders
gekannt ich nehme Sie beim Wort«
»Wenn Sie es ganz gehört haben Herr Kommerzienrat Ich sagte ich werde
Ihnen Ihr Kind nicht rauben weil Hermine auch wenn sie mein Weib ist nicht
aufhören wird ihren Vater zu lieben und zu ehren wie sie es jetzt tut und
weil Sie außerdem an mir einen guten Sohn erwerben werden dessen Sie sehr
bedürfen wenn Sie der reiche Mann sind und im anderen Falle vielleicht noch
mehr bedürfen Ich glaube Ihnen bereits bewiesen zu haben dass ich außer dem
Notwendigen des Schlosserhandwerks auch noch einiges Andere weiß und verstehe
womit ich den Mangel eines Vermögens vielleicht ersetzen kann«
Der »verschlagene Greis« sah mich an mit einem Blicke der mir deutlich
bewies dass seine Künste vor der Hand erschöpft seien Vielleicht war es keinen
Moment seine ernstliche Absicht gewesen mir die Hand Herminens vorzuentalten
denn ich glaube nicht zu irren wenn ich sage dass es ihm zu einem so
energischen Schritte der stolzen willensstarken Tochter gegenüber jederzeit an
Mut gefehlt hätte geschweige denn jetzt wo sie ihm mit der ganzen
Siegesgewissheit geliebt zu werden wie sie liebte gegenüberstand Aber es lag
nicht in seiner Art etwas es mochte sein was es wolle zu geben wie gute
Menschen geben aus freier Seele ohne zu markten und zu feilschen Und so hatte
er denn gemarktet und gefeilscht und fuhr nun fort zu markten und zu feilschen
und seine Seele vor mir zu verhüllen dass als ich nach einer Stunde von ihm
ging ich über Alles was mir zu wissen wünschenswert sein musste über den
Stand seiner Angelegenheiten zumal unklarer war als je zuvor Aber eines hatte
ich denn doch erreicht und über allen Zweifel erhoben dass Hermine die Meine
werden solle und da dies wie mir Jeder zugeben wird die Hauptsache war so
glaubte ich nicht übermäßig leichtsinnig zu handeln wenn ich vorläufig alles
Andere auf die leichte Achsel nahm
Es war mir das nicht schwer geworden selbst in sehr trüben Lagen meines
Lebens wie sollte es jetzt da ich so glücklich war Wie sollten jetzt da ich
Herminens wundervolle Augen im herrlichsten Glanze strahlen sah die neidischen
heuchlerischfreundlichen Blicke gewisser anderer Menschen mich unglücklich
machen Und an solchen Blicken fehlte es in der Tat nicht ebensowenig wie an
den Worten mit denen dergleichen Blicke begleitet zu werden pflegen
»Ich habe es freilich immer gewusst und es oft genug zu Ihrem seligen Herrn
Vater meinem teuren Freunde und Kollegen gesagt dass aus Ihnen einmal etwas
ganz Bedeutendes werden müsse Ja ja lieber Georg ich darf Sie doch noch bei
dem alten vertrauten Namen nennen meine Prophezeiung ist eingetroffen wenn
auch in anderer Weise als ich dachte Nun nun das hat wohl so kommen sollen
und es ist vielleicht Alles in Allem recht gut dass es so gekommen ist Sie
sind immer ein guter Mensch gewesen dessen Hand stets offen war für die
Bedrängten Sie werden diese gütige Hand einem armen alten Mann nicht
entziehen der jetzt auf Sie als seine letzte Hoffnung blickt«
Und der Steuerrat berührte mit dem Finger an welchem der ungeheuerliche
Siegelring prangte den inneren Winkel seines linken Auges und wischte mit dem
Batisttuche über sein blasses aristokratisches Gesicht
»Ich habe Sie meinem Arthur stets als Muster aufgestellt« sagte die
Geborene »wissen Sie wohl noch als Ihr zusammen in die Schule ginget und die
Lehrer immer von Ihnen des Lobes voll waren O Gott ich sehe Euch noch Ihr
wilden übermütigen Knaben wie treu Ihr aneinander hinget und Einer immer für
den Andern eintratet Wenn das doch so bleiben möchte seufzte ich damals aus
der Tiefe meines mütterlichen Herzens denn es ahnte mir wie sehr dereinst mein
guter wankelmütiger Arthur des starken besonnenen Freundes bedürfen würde
Ach meine Ahnung ist zur Wahrheit geworden Möchte doch der Himmel auch meine
Bitte erhört haben möchten Sie Georg nie vergessen was er Ihnen einst
gewesen ist möchten Sie nie den Genossen Ihrer Jugendspiele vergessen«
Und die Geborene drückte krampfhaft meine beiden Hände und hob ihr Gesicht
so nahe wie möglich zu dem meinen empor als ob sie mir Gelegenheit geben
wollte den ganzen Apparat ihrer falschen Locken Zähne Farben Mienen Blicke
endlich einmal gründlich kennen zu lernen
»Ich weiß es nicht seit gestern was für ein glücklicher Kerl Du Zeit Deines
Lebens gewesen bist« sagte Arthur mit sehr trübseliger Miene »glücklich in
allen Dingen und den Weibern gegenüber am glücklichsten Hast Du sie doch von
jeher um den kleinen Finger wickeln können Du Schwerenöter Weißt Du in der
Tanzstunde Aennchen Lachmund und Elise Kohl und Emilie hahaha Emilie Denkst
Du wohl noch daran als wir uns ihretwegen auf dem Pinguin fast in die Haare
gerieten Das arme Mädchen Da geht sie Arm in Arm mit Elisen klagend ums
verlorene Glück Ich werde mich wohl der Aermsten annehmen müssen ein
Exlieutenant und ein ExgesandtschaftsSecretair mit dem es überall sonst
ebenfalls ex ist muss schließlich mit Allem zufrieden sein«
Und Arthur lachte gell auf schlug sich mit der Faust vor die Stirn und
erklärte dass, wenn er auch nicht mehr viel tauge er am Ende doch wohl einen
Schuss Pulver werde an sich wenden dürfen
Emilie Heckepfennig hatte schon an dem nächsten Morgen die Nähe des
Verräters fliehen und abreisen wollen war dann aber doch geblieben sei es
weil die Stätte ihres Unglücks doch mehr Anziehungskraft ausübte als sie
zuzugeben geneigt war sei es weil der Justizrat der noch nicht von Uselin
zurückgekehrt war ihr wirklich geschrieben hatte sie solle bleiben bis er
komme sie zu holen Unterdessen ging das unglückliche Mädchen herum als ob sie
dem sentimentalsten Maler zum Urbild einer »Resignation« dienen sollte sich
fortwährend dergestalt auf den Arm der Freundin lehnend dass ich die Muskelkraft
der letzteren jungen Dame die seit zwanzig Jahren dem Grabe zuwankte nicht
genug bewundern konnte dabei sah sie mich einmal mit den Augen des sterbenden
Rehes an und warf mir dann wieder einen Blick zu in welchem deutlich
geschrieben stand Du wirst es noch einmal bereuen
Dass ich mich über die Bedeutung dieses Blickes nicht getäuscht hatte bewies
mir eine Unterredung zu welcher mich der Justizrat als er nach einigen Tagen
zurückkehrte mit einer vertraulichgeheimnisvollen Miene einlud Der würdige
Mann schüttelte mir wiederholt die Hände versicherte mich dass wir auch nach
meinem großen Koup wie er sich ausdrückte die guten Freunde bleiben würden
die wir vorher gewesen strich dann plötzlich den Hahnenkamm auf seinem Schädel
in die Höhe nahm eine bedenkliche Miene an ich kannte diese Miene aus meiner
Untersuchungshaft noch zu wohl und sagte »Junger Mann verzeihen Sie mein
lieber junger Freund jung wie Sie sind hat das Leben Sie doch schon gelehrt
dass jedes Ding seine zwei Seiten hat und dass bei weitem nicht Alles Gold ist
was glänzt Wollen Sie einem alten bewährten Freunde Ihres Hauses verstatten
Ihnen einen Rat zu geben der nach meiner innigsten Überzeugung befolgt zu
werden verdient und auf alle Fälle ehrlich gemeint ist so nehmen Sie die
Offerte an die Ihnen Seine Durchlaucht gemacht hat unter jeder Bedingung
unter jeder Bedingung«
Er wollte sich nach diesen Worten entfernen ich hielt ihn zurück und sagte
»Sie müssen selbst fühlen Herr Justizrat dass ich Sie um nähere Erklärung
eines Ratschlages ersuchen muss der in diesem Augenblicke von Ihnen zu mir
gewiss befremdlich genug klingt«
»Fragen Sie mich nicht weiter« sagte der Justizrat mit abwehrender
Handbewegung
»Sie haben mich seiner Zeit so viel gefragt und so viel mehr als mir lieb
war dass mir eine kleine Revanche wohl vergönnt sein mag« erwiderte ich
lächelnd
»Verlangen Sie von einem alten Juristen dass er ihm anvertraute
GeschäftsGeheimnisse ausplaudern soll« rief der Justizrat und der Hahnenkamm
zitterte vor Unwillen
Ich war entschlossen mich nicht so abweisen zu lassen und sagte »Ich will
Ihnen entgegenkommen Herr Justizrat Ich habe meine Gründe zu glauben dass
die Angelegenheiten des Kommerzienrats nicht so glänzend stehen als man für
gewöhnlich annimmt und wenn Sie so discret sind mit der Auslegung eines
Rates der nur eine Auslegung hat zurückzuhalten so hat der Fürst diese
Diskretion nicht gehabt als er mir die bewusste Offerte machte«
Der Justizrat tat als ob er selbst eines der bedauerlichsten Opfer seines
inquisitorischen Genies sei und keinen anderen Ausweg sähe als dem gestrengen
Richter ein offenes Bekenntnis abzulegen
»Ich will Ihnen nur Eines sagen« erwiderte er »Der Kommerzienrat ist am
vorigen Freitag mit mir in Uselin gewesen um Wechsel im Betrage von
hunderttausend Talern unterzubringen mit denen ich diese vier Tage von Pontius
zu Pilatus gegangen bin bis sie mir endlich Moses in der Hafengasse mit einem
sehr kleinen Ziel und einem sehr großen Agio discontirt hat Sapienti sat wie
wir Lateiner sagen«
Und der Justizrat strich mit beiden Händen den Hahnenkamm zur würdevollsten
Höhe und bewegte sich nach der Tür blieb aber in dieser stehen kam wieder
einige Schritte auf mich zu und sagte mit der Miene eines Mannes der sich von
dem Grabe seiner Hoffnungen nicht trennen kann »Denken Sie nicht geringer von
mir weil ich mich zu einem Vertrauensbruch habe verleiten lassen der meinem
Stande meinen Jahren und ich darf wohl sagen meinem Charakter so schlecht
entspricht aber ich habe Ihnen ja nur gesagt was Sie eigentlich schon wissen
oder doch auf jeden Fall über kurz oder lang wissen werden und Georg« hier
seufzte der Justizrat und lächelte schmerzlich »Georg was Sie dem gewiegten
Geschäftsmanne nicht verzeihen werden das verzeihen Sie vielleicht dem Vater
Auch ich habe nur eine Tochter und bin Gott sei Dank ein reicher Mann«
Der reiche Mann der nur eine Tochter hatte ging zur Tür hinaus in dem
Augenblicke als Wilhelm durch dieselbe mit einem Briefe hereintrat den eben
der Postbote gebracht hatte und dessen Siegel ich mit zitternden Händen brach
»Mein lieber Georg mein Bruder So ist denn endlich erfüllt was ich so
lange gewünscht gehofft und weil es doch wohl zu Deinem vollen Glücke gehören
wird dass ich unter den Kränzewinderinnen nicht fehle so nimm auch meinen
Strauss mit den anderen Ich habe Alles hineingebunden was nur Liebes und Gutes
eine Menschenseele der anderen wünschen kann alles Heil und allen Segen wie es
aus meinem tiefsten Herzen für Dich quillt für Dich meinen Freund meinen
Bruder unseren Bruder denn auch die Jungen kommen zu ihrem Ältesten und
neigen sich vor ihm der nun gekrönt ist wie er es verdient Trage sie stolz
Deine holdselige Krone und möge nie eine Hand daran rühren die weniger rein
ist als die der Frau die mir eben ihre Hand auf die Schulter legt und ihr
Antlitz auf das Blatt neigt das ihre Augen nicht mehr sehen und zu mir leise
spricht er bleibt uns doch was er uns gewesen ist«
Auch dieser Brief trägt Spuren von Tränen aber meine Augen waren es die
sie weinten und Freudentränen sind es gewesen die aus meinen Augen warm und
groß herabfielen auf das Blatt Und als ich die dankbaren Blicke emporrichtete
da war die Wolke verschwunden die einzige Wolke die an meinem Himmel gestanden
hatte und er blickte freudig auf mich herab wie der FrühlingsÄther der sich
in diesen Tagen so glorreich über Land und Meer breitete
Ja in diesen glorreichen Tagen die mir sind als ob es damals keine Nacht
gegeben habe und keine Dunkelheit sondern immer nur Tag und Licht und wonniges
Leben Nicht allzu viele waren ihrer diese Tage und vielleicht war das gut
Wer von uns Erdgeborenen und sei ihm das Maß seiner Kraft noch so voll
gemessen könnte lange ungestraft an der Tafel der Götter schwelgen
Aber viel oder wenig heilig sollst du mir sein Erinnerung dieser
göttlichen Tage und heilig soll mir sein was nur immer an diesen Tagen Teil
hatte und ihre Kostbarkeit erhöhte heilig strahlende Sonne du und ihr
rauschenden Wälder durch die ich an der Seite der Geliebten schweifte und ihr
dämmrigen Felder über die ich mit ihr wandelte so selig als ob es schon die
elyseischen wären und ihr ihr lieben Lerchen die ihr trillernd in das
Aeterblau stiegt und stiegt bis ihr unseren Blicken verloren wart und wir
dann Auge in Auge einen anderen Himmel suchten und ihr ihr süßen Nachtigallen
die ihr uns glauben machen wolltet dass ihr seliger wäret als wir
Ja heilig sollst du mir sein Erinnerung jener holden Tage bist du doch
das Einzige was mir davon geblieben ist
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Den seligen Tagen von denen ich nicht mehr zu sagen wüsste wie viel ihrer
gewesen sind folgten andere die ebenso voller Unruhe und mancherlei Trübungen
waren wie jene voller Ruhe und Sonnenschein
Wir waren Alle in Berlin der Kommerzienrat meine Braut Fräulein Duff und
ich der Kommerzienrat mit den Damen in einem Hotel ich wieder in meiner alten
Klause auf dem ruinenhaften Hof wo meine Gegenwart jetzt nötiger war als je
Allerdings nicht in den Augen Herminens die lachend behauptete dass hätte das
Gerümpel nun schon so lange dagelegen es auch noch einige Zeit länger liegen
könnte Ich war anderer Ansicht In der Tat war keine Stunde zu verlieren Ich
hatte dem Kommerzienrat nach langem Reden und Zureden die Genehmigung zur
Ausführung meines Lieblingsprojectes glücklich abgelockt und abgetrotzt Der
Bauplan war längst fertig in meinem Kopfe und jetzt auch durch die Beihilfe
eines tüchtigen Architecten fertig auf dem Papier Es gab weniger und mehr zu
tun als ich gedacht aber wir hatten uns darüber verständigt dass wir bis zum
Herbst mit der Hauptsache zu Stande kommen würden und während des Winters
bereits in den neu errichteten Gebäuden arbeiten könnten vorausgesetzt dass uns
die nötigen Geldmittel nicht ausblieben In Beziehung dieses letzteren
kritischen Punktes war ich allerdings nur halb im Klaren freilich ohne meine
Schuld Es hatte mir trotz aller meiner Mühe nicht gelingen wollen den
Kommerzienrat zu einer offenen Darlegung seiner Verhältnisse zu vermögen Noch
jetzt gedenke ich nicht ohne ein Gefühl peinlicher Beschämung der endlosen
Debatten die ich mit ihm über unsere gemeinschaftlichen Angelegenheiten hatte
und aus denen ich einmal voll der schönsten Hoffnungen und das andere Mal voll
schwerer Sorgen von ihm ging Konnte er über die nötigen Mittel verfügen
Natürlich konnte er es und es war eine Lächerlichkeit nur im mindesten daran
zu zweifeln Hatte er einen Beschluss von solcher Tragweite wirklich reiflich
erwogen Natürlich hatte er es Ob man ihn für einen kindischgewordenen alten
Mann halte der nicht wisse was er wolle Das war eine böse Frage die ich aus
sehr erklärlichen Gründen mich wohl hütete ihm jemals in das Gesicht zu
bejahen und für die ich doch in meinem Innern manchmal kaum eine andere Antwort
fand Sicherlich war der Mann nicht mehr der er gewesen war der er gewesen
sein musste um seine Hände in hundert großen und schwierigen Unternehmungen
zugleich zu haben und alle zu seinem Nutz und Frommen auszuführen In manchen
Augenblicken schien ihm ein Bewusstsein von der Veränderung die mit ihm
vorgegangen aufzugehen aber er klagte dann nicht sich sondern die Zeit an
die eine andere geworden sei in der man mit den alten Theorien nicht mehr
durchkomme Mit den alten Theorien und er hätte hinzusetzen sollen mit den
alten Praktiken und Kniffen War der Mann doch sein Leben lang ein Parteigänger
der Fortuna gewesen ein Freibeuter auf dem großen Meer des Handels und Wandels
ein Ritter aus dem Stegreif auf der langen Karawanenstrasse nach dem
GoldEldorado ein Spieler an dem grünen Tisch des Zufalls der oft
Kupferpfennige für Goldstücke eingesetzt und vom Glück und von der Zeit
begünstigt Goldstücke für Kupferpfennige eingestrichen hatte Und nun war die
Zeit wirklich wie er wohl herausfühlte eine andere geworden und das Glück
hatte ihn verlassen Er leugnete nicht dass er große Verluste erlitten habe
freilich ohne jemals sich darüber anzulassen wie groß diese Verluste in
Wirklichkeit seien Er hatte niemals weder Schiff noch Ladung versichert und
sich wie er sagte immer ausgezeichnet dabei gestanden jetzt waren ihm kurz
hintereinander ein paar mit Mann und Maus untergegangen und wenn er auch auf
die letzteren beiden Items kein sehr großes Gewicht lege so sei es doch um die
besonders kostbaren Ladungen einigermaßen schade eine plötzlich eingetretene
Veränderung der Kornpreise hatte den Wert der ungeheuren Vorräte die auf
seinen Speichern in Uselin lagerten auf die Hälfte herabgesetzt dazu das
Fehlschlagen seiner Hoffnungen auf Zehrendorf an das der junge Fürst dessen
Vater noch immer schwer krank in seiner Residenz Prora darniederlag nicht mehr
zu denken schien und für welches Herr von Granow der früher so eifrig gewesen
plötzlich nichts mehr bieten wollte wie ich vermutete auf Antrieb des
Justizrats der von den Angelegenheiten des Kommerzienrats mehr wissen und von
diesem seinem Wissen einen übleren Gebrauch machen mochte als irgend mit den
Interessen seines Klienten verträglich war Anderes kam hinzu Die lange und
vielfach gewundene nach Uselin führende Wasserstrasse zwischen der Insel und dem
Festlande hatte sich in Folge gröblicher Vernachlässigung von Seiten der
Regierung so verschlechtert dass schon jetzt nur noch Fahrzeuge von geringem
Tiefgang aus und einlaufen konnten und die Gefahr einer vollständigen
Versandung kaum vermeidlich schien Damit war aber der Handel der Stadt dessen
bedeutenderer Teil in den Händen des Kommerzienrats geruht hatte so gut wie
vernichtet die großen HafenAnlagen die er zum Teil auf seine Kosten
hergestellt seine riesigen Speicher und Etablissements waren wertlos geworden
oder doch tief im Werte gesunken Schon seit einer Reihe von Jahren hatte sich
der Handel immer mehr nach dem günstiger gelegenen St gewandt und seitdem nun
diese Stadt gar mit der Hauptstadt und weiter mit dem Innern des Landes durch
eine Eisenbahn verbunden war konnte Uselin vollends nicht mehr mit der
glücklicheren Schwester concurriren Der Kommerzienrat geriet jedes Mal außer
sich sobald er auf dies Thema kam er erklärte die Eisenbahn für eine Erfindung
des Teufels und dass es eine Sünde und Schande sei von ihm zu verlangen er
solle nun noch das Satanswerk das ihn ruinirt mit seinen eigenen Mitteln
fördern Stellte ich ihm dann vor dass der Speer der die Wunde geschlagen auch
Kraft besitze die Wunde zu heilen dass er aus der neuen Konjunctur Vorteil
ziehen müsse und in der glücklichen Lage sei Vorteil und zwar den allergrössten
ziehen zu können wenn wir meinen Plan der Erweiterung unserer Fabrik nur
resolut durchführten so erfasste er diese Idee die ihm einen Augenblick vorher
noch so abscheulich erschienen war mit der größten Begeisterung um den Tag
darauf Alles zu widerrufen
Es waren peinliche peinliche Wochen und der düstere Schatten den sie
warfen trübt noch jetzt in meiner Erinnerung den Sonnenschein der Gott sei
Dank auch in dieser Zeit so manche Stunde umspielte
Mit wie reiner Freude erinnere ich mich meines Wiedereintritts in die
Fabrik der ganz und gar einem Triumphzuge glich Wie kam es mir jetzt bei dem
fast wunderbaren Glückswechsel der in meinen Verhältnissen eingetreten war zu
Statten dass ich seiner Zeit mit meinen Kameraden vom Hammer und von der Feile
stets brüderlich verkehrt dass ich keine Gelegenheit hatte vorübergehen lassen
ihnen gefällig zu sein sie mit Rat und Tat zu unterstützen Nie hat mich eine
Auszeichnung nie ein Erfolg und es hat in meinem späteren Leben an beiden
nicht gefehlt so stolz gemacht als das Bewusstsein und die Gewissheit dass
unter allen diesen Männern mit den harten schwieligen Händen und den ernsten
von der Arbeit ach und nur zu oft von der Sorge durchfurchten Gesichtern
vielleicht kein Einziger war der mir mein glückliches Loos missgönnt hätte dass
die bei weitem Meisten es mir von Herzen gönnten Noch sehe ich sie vor mir
und sie haben mir in trüben Stunden wie Sterne geleuchtet die wohlwollenden
von innerer Befriedigung lachenden Augen mit denen sie auf den Malayen
blickten als er an der Seite des Directors durch die verschiedenen Werkstätten
ging und sich ihnen vertraulich und privatim als ihr neuer Chef vorstellte Noch
höre ich das Hurrah das sie mir ausbrachten als ich sie am nächsten Tage
officiell hatte zusammenkommen lassen und ihnen eine Ansprache machte in
welcher ich ihnen in wenigen Worten sagte was mein Herz bis zum Überlaufen
erfüllte Und als das dreimalige Hurrah verklungen war mit welch mächtigem
Räuspern setzte der Obermeister Roland zu einer Rede ein welche die beiden
Lieblingstemata des braven Mannes »Immer drauf« und »Gib es ihnen« in den
kühnsten Redewendungen und mit einer souverainen Verachtung des Unterschiedes
von Mir und Mich behandelte und deren Schluss sich in dem Urwald des
Backenbartes und in Rührung spurlos verlor Und war es nicht des guten Klaus
Stimme die dann eine zweite HurrahSerie intonirte im Vergleich mit welcher
die erste sowohl was die Länge als was die Intensität betraf ein Kinderspiel
gewesen war Wie muss ich jetzt noch lachen gedenke ich der Verlegenheit in die
ich geriet als eine Stunde später mir das technische Bureau in corpore und in
weißen Binden und Handschuhen seine Aufwartung machte und sein Sprecher Herr
Windfang mich mit dem Kalifen von Bagdad verglich der lange Zeit unbekannt und
unerkannt aber nicht ohne Anerkennung Herr Windfang tat sich nicht wenig auf
das Wortspiel zu gute unter seinen Getreuen gewandelt sei um endlich die
erhabene Stellung einzunehmen die ihm von Rechts wegen gebühre
Ja das sind liebe und schöne Erinnerungen um so lieber und schöner als
die kommenden Jahre die Versprechungen die damals in der Fülle der Herzen
hinüber und herüber gemacht wurden nicht Lügen gestraft im Gegenteil alles im
reichsten Masse erfüllt haben Bis auf den heutigen Tag sehe ich wenn ich den
Stamm der Arbeiter in der Fabrik mustere zum größten Teil die lieben alten
Gesichter von damals die allerdings im Laufe der Jahre nicht jünger aber mir
dadurch wahrlich nicht weniger lieb geworden sind Und die ich nicht mehr sehe
die hat mir bis auf wenige Ausnahmen der große Koncurrent abspenstig gemacht
den wir Tod nennen
»Aber was das für ein Elend ist mit einem Bräutigam der nichts als
Hochöfen Gussstahlblöcke und andere entsetzliche Dinge im Kopfe hat« sagte
Hermine »und was das wieder für hässliche Falten auf der Stirn sind weg damit«
und sie strich mir mit der Hand über Stirn und Augen »wenn ich das gewusst
hatte ich würde mich nie in Dich verliebt haben Du russiges Ungetüm« Und sie
warf sich in meine Arme und flüsterte mir in die Ohren »Sage es nur gleich dass
Du Deine alten hässlichen Arbeiter mehr liebst als mich damit ich weiß was
ich zu tun habe«
»Du hast heute mit mir einen Rundgang durch die Fabrik zu machen und hübsch
artig und freundlich gegen die hässlichen Menschen zu sein und vor Allem auch
recht artig und freundlich gegen mich«
»Wozu das Letztere mein Herr«
»Damit sie sehen wie glücklich ich bin«
»Was haben sie davon«
»Sehr viel«
»Aber was«
»Die Gewissheit dass, wenn sie kommen mir ihre Not zu klagen sie einen
Menschen finden der bereit ist auch Andere glücklich zu machen wenn er kann«
»Du bist das drolligste Ungeheuer das mir noch vorgekommen ist Wann wollen
wir gehen«
»Gleich«
Und wir gingen durch sämtliche Räume der Fabrik und Hermine machte große
verwunderte Augen und klammerte sich manchmal fest an meinem Arm war dann aber
doch sehr gut und lieb zu den Leuten aber ein wenig kühl und vornehm gegen die
Herren vom technischen Bureau so vornehm und kühl dass dem Herrn Windfang die
zierlichste Anrede die er schon seit acht Tagen auswendig wusste in der Kehle
stecken blieb
»Warum hast Du denn die armen Jungen so ungnädig behandelt« fragte ich
»Arme Jungen« erwiderte Hermine die Lippen schürzend »die sahen mir gar
nicht so aus und der Herr Windfang oder wie er heißt schien mir ein rechter
Fant Ich habe nicht versprochen gegen ihn und seinesgleichen gnädig zu sein«
»Aber sie gehören doch zu uns«
»Niemand gehört zu uns wir gehören uns Du mir und ich Dir und das merke
Dir ein für alle Mal Du schlechter Mann«
Ich lachte aber ich musste doch über eine Eigentümlichkeit in dem Charakter
meiner Braut nachdenken die mir heute Morgen nicht zum ersten Male aufgefallen
war Sie nahm den Satz dass wir uns gehörten dass wir uns einander Alles in
Allem seien ganz buchstäblich und wenn sie davon eine Ausnahme zu machen
schien so war es eben nur scheinbar und immer nur zu Gunsten von Leuten die
einer wirklichen Hilfe bedürftig waren und zu denen sie sich herablassen
konnte wie eine Fürstin zu ihren Untertanen Gegen solche konnte sie von
einer wenn auch stolzen doch hinreissenden Liebenswürdigkeit sein
Ich werde es nie vergessen wie sie auf einem Streifzuge den wir in den
ersten seligen Tagen durch die Insel machten und auf welchem wir das einsame
Stranddorf besuchten das mir von meiner Flucht her so merkwürdig war wie sie
da bei der alten Schifferwittwe saß ihr die braunen runzligen Hände
streichelte ihr die Tränen von den braunen runzligen Wangen wischte und sie
tröstete dass ihr Sohn ja trotz alledem noch wiederkommen könne ihr Geschichten
erzählte die sie sich in dem Augenblicke erfand von Matrosen welche nach
zehn nach zwanzig Jahren als reiche Leute zurückgekehrt seien und wie sie uns
unterdessen an Kindesstatt annehmen sollte und wie wir ihre alten Tage
behaglich und freundlich machen wollten So war sie auch als wir nach Uselin
kamen über alle meine Erwartung gütig zu meiner Schwester gewesen die eben aus
ihrem siebenten Wochenbett aufgestanden war sie hatte die nichts weniger als
schönen oder auch nur liebenswürdigen Kinder der Reihe nach beschenkt sich bei
dem eben geborenen zur Pate angemeldet hatte sich sogar über die plumpen
Höflichkeiten und Verbeugungen meines Schwagers nicht in ihrer alten Weise
lustig gemacht
»Die armen Menschen« sagte sie »sieben Kinder und solche kleine Wohnung
und solchen kleinen Vater Wie hast Du nur in der kleinen Wohnung so groß werden
können, Georg ohne die Decke mit Deinem harten Kopf einzustossen Und Dein Vater
ist auch so groß gewesen und hat auch so einen harten Kopf gehabt Da wundert
es mich nicht dass Ihr Beide in der Nussschaale von einem Hause es nicht zusammen
habt aushalten können Aber wir müssen für sie sorgen Georg vergiss das ja
nicht«
Und wiederum wenn auch in etwas anderer Weise hatten sich als wir hierher
gekommen waren mein guter Klaus und seine Christel mit samt ihren vier Jungen
zu denen sich in Kürze ein fünfter gesellen sollte ihrer Huld zu erfreuen
Sie hatte es nicht verschmäht die drei unendlichen Treppen hinaufzusteigen und
sich von Christel sämtliche Geheimnisse der höheren Wasch und Plättkunst
erklären und von Klaus die lange Liste der Tugenden seiner Frau aufzählen zu
lassen
»Wenn ich« sagte sie »dem Klaus nicht so gut sein müsste weil er Dir immer
so treu gewesen ist so hat er jetzt vollends bei mir gewonnen durch seine
abgöttische Liebe zu seiner hübschen dicken Frau Siehst Du Georg Den kannst
Du Dir zum Muster nehmen Für den fängt die Welt mit dem Augenblick an als die
Wellen seine Christel die gewiss damals schon so fett und weiß und appetitlich
gewesen ist an den Strand trieben und wenn sie so schlecht sein und vor ihm
sterben sollte legt er sich hin und stirbt auch Und so tue ich wenn Du
stirbst« hatte sie hinzugefügt und mich dann mit aufeinander gepressten Zähnen
und finster zusammengezogenen Brauen zornig angeblickt
Nein gegen die Armen gegen Alle die abhängig waren oder doch so
schienen konnte diese stolze Natur gütig und herablassend genug sein und vor
Allem durften die Menschen gegen die sie gut sein sollte keinen Anspruch an
mein Herz machen keinen Anspruch an das in mir worin sie einzig und allein
leben das sie einzig und allein ausfüllen wollte Die leiseste Befürchtung es
könne noch Jemand außer ihr Besitz nehmen von dem was ihr gehörte erfüllte sie
mit einer Angst die sie bei der Lebhaftigkeit ihres Temperamentes selten lange
verbarg und welche sich dann bald in finsterem Zorn bald in heißen
leidenschaftlichen Tränen Luft machte Aber wie dürfte ich den die Schöne
Stolze so geliebt hat klagen über etwas das doch nur ein Übermaß dessen war
woran Andere einen so kläglichen Mangel kläglich zur Schau tragen Nein nein
kein Wort der Klage soll meine Feder hier in den Akten meines Lebens
registriren kein Wort so wenig wie eines über eure Lippen kam ihr Guten
Edlen die ihr mich doch auch liebtet und sehr liebtet und die ihr still auf
die Seite tratet damit auch nicht ein unbewachter Blick aus euren Augen sie bei
mir verklage oder mich bei mir selbst
Und Hermine fühlte das wohl wusste es wohl und sagte dann wenn Paula oder
Doctor Snellius so selten kamen und ihre Wangen glühten indem sie es sagte
»ich sollte mich schämen dass ich Dich Deinen Freunden raube und Deine Freunde
Dir es ist bettelhaft es ist erbärmlich es ist unedel ich weiß es ich weiß
es aber Georg ich kann nicht anders ich kann keinen Brosamen weggeben der
von dem Tische unserer Liebe fällt Ach könnte ich doch nur auf einer einsamen
Insel mit Dir leben fern im fernsten Ozean und eines Tages käme ein Erdbeben
und die Insel versänke in den Fluten und wüsste Keiner auch nur den Ort wo wir
glücklich gewesen Aber hier unter all den Menschen die sich für Dich
interessieren oder für die Du Dich interessirst für die Du arbeiten musst und
die noch viel schlimmeren die gar kein Anrecht irgend welcher Art an Dich an
uns haben und ein so grausames Vergnügen daran finden uns zu überlaufen uns
auszufragen uns anzustarren als wären wir zu weiter nichts da auf der Welt
Ich denke schon mit Schaudern an Uselin und an die neugierigen Gesichter
sämmtlicher Useliner und Uselinerinnen von denen sich Keiner das erhabene
Schauspiel wird entgehen lassen wollen wie der große kluge Georg die kleine
dumme Hermine heiratet Und nun gar das himmlische Weinen der beiden Eleonoren
von denen Du die eine verraten hast Du Ungeheuer oder Duffchens
Freudentränen wenn sie aus des Pastors Munde hört was sie schon seit acht
oder neun Jahren weiß Es ist zu schrecklich Dürfen wir denn nicht hier in
irgend eine Kirche gehen und uns trauen lassen in der Dämmerstunde von einem
Pastor der uns zum ersten und wenn es auf mich ankommt auch zum letzten Male
sieht und als Zeugen ein paar alte Männer oder Frauen die gerade da sind und
uns am nächsten Tage nicht kennen wenn sie uns auf der Straße begegnen«
Ich kann nicht sagen dass dieser Wunsch Herminens für mich auch nur im
mindesten etwas Abschreckendes gehabt hätte Im Gegenteil Aber mein
Schwiegervater fühlte nun einmal die Verpflichtung wie er sagte als erster
Bürger von Uselin sein einziges Kind auch in Uselin trauen zu lassen Er blieb
dabei mit einer Hartnäckigkeit die er seiner Tochter gegenüber sonst nicht an
den Tag legte und so mussten wir denn schon das Unabänderliche über uns ergehen
lassen Auch kann ich nicht sagen dass der Tag so fürchterlich war wie er uns
erschienen
Die Rede des guten Pastors der mich seiner Zeit schon eingesegnet hatte und
schon damals ein alter Mann gewesen sein muss war allerdings sehr lang und sehr
confus die St Nicolaikirche sah so kahl und nüchtern wie immer aus und die
Hunderte von Augenpaaren welche sämtlich unverwandt an uns hingen mit einem
Ausdruck als sollten wir demnächst hingerichtet werden machten den öden Raum
um nichts behaglicher das große Diner in der Villa der Kommerzienrates war
äußerst pomphaft und feierlich und die über Tisch ausgebrachten Toaste ein
wenig abgestanden und geschmacklos ich leugne das Alles nicht aber dann war
es doch auch wieder die Kirche in deren Sprengwerk ich so halsbrechende
Kunststücke ausgeführt und aus deren Schalllöchern ich so oft sehnsüchtig über
Land und Meer in die Ferne geblickt hatte unter den vielen gleichgültig
neugierigen Gesichtern war doch eins oder das andere das ich an diesem Tage
ungern gemisst hätte und dann war der Tag ein Tag im hohen Sommer
wunderschön der Himmel blau mit großen weißen Wolken die Luft durchsichtig
klar die alte Stadt sah ordentlich jung aus in dem prächtigen Sonnenschein und
die fadenscheinigen Uniformen von Luz und Bolljahn den unsträflichen Männern
welche die vor der Kirche versammelte Strassenjugend meisterlich im Zaume
hielten wie neu und in dem Hafen wo alle Schiffe geflaggt hatten spielten
die bunten Wimpel so lustig in dem frischen Ostwind auf der breiten
Wasserfläche tanzten die kleinen Wellen so munter von jenseits schimmerten die
niedrigen weißen Kreideufer der Insel so hell herüber und auf der Insel lag
Zehrendorf wohin wir aufbrachen als die scheidende Sonne die weißen Wolken mit
rosigen Streifen säumte
Nein nein der Tag war schön und sein Andenken soll mir geheiligt sein
alle Zeit
Vierundzwanzigstes Kapitel
Vielleicht lässt sich das Ideal eines jungen Paares möglichst einsam zu leben
wenn der Aufenthalt auf einer wüsten Insel aus irgend welchen Gründen nicht wohl
ausführbar ist nirgends besser realisiren als in einer sehr großen
volkreichen Stadt Es kommt nur darauf an dass man im Besitz des Geheimnisses
ist sich auch hier ein Eiland zu schaffen an dessen Gestade die bewegten
Fluten des gesellschaftlichen Lebens vorüberrauschen Die Ergründung dieser
Kunst wird nun allerdings für den Adepten wesentlich erleichtert wenn die große
Welt wie es nur zu häufig der Fall ist, keinerlei Veranlassung findet sich um
ihn zu bekümmern im entgegengesetzten allerdings viel schwierigeren Falle
besteht das Geheimnis darin sich seinerseits nicht um die Welt zu bekümmern
Ich hatte nach der ersten Seite hin eine ziemlich reiche Erfahrung Die Welt
hatte sich in der Tat verzweifelt wenig für den jungen Maschinenschlosser
interessiert als er in dem ruinenhaften Häuschen auf dem ruinenhaften Hofe seine
arbeitreiche köstliche Lehrzeit durchmachte Er hatte ganz der Lessingschen
Windmühle geglichen die einfach das Korn mahlte das ihr aufgeschüttet wurde
die zu Niemand kam und zu der Niemand kam Jetzt stand die Sache freilich
anders
Jener Hof war keine Trümmerstelle mehr Die Ruinen waren abgetragen oder zu
stattlichen Gebäuden ausgebaut die Mauer welche den alten Hof von dem neuen
getrennt hatte war niedergerissen und die alte Fabrik mit der neuen zu einer
einzigen großen mächtigen Werkstatt der Betriebsamkeit und des Fleißes
vereinigt Das war eine große Veränderung die in den betreffenden Kreisen von
den Einen freudig begrüßt von den Andern hämisch bekrittelt wurde aber doch
kaum so viel von sich reden machte als die welche mit mir selber vorgegangen
war
Aus der unscheinbaren Chrysalide eines ganz gewöhnlichen Maschinenschlossers
hatte sich der glänzende Schmetterling des gebietenden Chefs dieses großen neuen
Etablissements entwickelt und dieser glückliche Schmetterling war der
Schwiegersohn eines Millionärs der Gatte einer jungen Frau deren pikante
Schönheit wo sie sich zeigte den Neid der Frauen die Bewunderung der Männer
die Aufmerksamkeit Aller erregte Für eine so wunderbare Metamorphose hat selbst
das blasirte Publikum einer Weltstadt noch einige Empfindung und wenn sich ein
so merkwürdiger Mensch über dessen Vergangenheit noch dazu die verschiedensten
kaum glaubhaften Geschichten circulirten dennoch der von allen Seiten auf ihn
gespannten Neugier entziehen will muss er eben alle die Künste verstehen und
ausüben deren er sich in seinem früheren dunklen Puppenstadium allerdings
entraten mochte
Ich kann nicht sagen dass ich in der Ausübung dieser mir so neuen Künste
immer das Rechte traf oder immer vom Glück begünstigt wurde
Wir hatten als wir nach einem vierzehntägigen Aufenthalt in Zehrendorf nach
der Stadt zurückkehrten eine keineswegs kostbare aber schöne und geräumige
Mietswohnung bezogen an welcher ich für meinen Teil nichts auszusetzen wusste
als dass sie allzuweit von der Fabrik entfernt lag die aber Herminen gewohnt
wie sie von Jugend auf es war ein Haus allein inne zu haben gründlich missfiel
Nun glaubte ich da ich Herminens Wünsche kannte und teilte es recht gut zu
machen und hoffte nebenbei einen Lieblingstraum zu realisiren wenn ich in
aller Stille aber mit um so größerem Eifer unter der Beihilfe meines treuen
Architekten das Häuschen auf dem Fabrikhofe das ich so lange bewohnt seiner
eigentlichen Bestimmung wiedergab und es mit Benutzung des alten Planes zu der
reizendsten kleinen Villa ausbaute Ich hatte unendliche Künste anwenden müssen
um mehrere Monate hindurch das Geheimnis zu bewahren und eine ganz kindische
Freude empfunden als ich von einer Winterreise nach Zehrendorf auf welcher
mich Hermine begleitete vorläufig allein zurückkehrend Alles und Jedes nach
Wunsch ausgeführt fand Ich hatte in der Freude meines Herzens den guten
Architekten der sich als ein ebenso geschmackvoller Decorateur erwiesen umarmt
und den Tag zum Voraus gesegnet an welchem ich Herminen aus der ihr so
verhassten Stadtwohnung in dieses kleine Paradies führen könnte
Ich sollte nur zu bald erfahren dass Niemand aber am allerwenigsten ein
junger Ehemann die Rechnung ohne den Wirt oder vielmehr ohne die
liebenswürdige Wirtin seine Frau machen darf
»Du lieber Junge« sagte Hermine als ich ihr am Tage nach ihrer Rückkehr im
Triumph meine neue Schöpfung zeigte »Du lieber Junge das ist ja Alles recht
schön und gut und später im Sommer auf ein paar Wochen oder Monate die wir
nicht in Zehrendorf sondern hier in der leidigen Stadt zubringen müssen ist es
gewiss ein ganz passender Aufenthalt aber jetzt mitten im Winter nein Georg
das geht wahrlich nicht Mich friert wenn ich nur daran denke Und dann die
großen kahlen Gebäude rings umher und die hohen Schornsteine die aussehen als
wenn sie uns jeden Augenblick über dem Kopf zusammenfallen wollten der eine
wackelt wirklich sieh doch nur einmal genau hin ich könnte keine Nacht hier
ruhig schlafen Und Du bist so schon in den greulichen Wirrwarr und den
abscheulichen Lärm der uns hier umgibt mehr als billig verliebt so dass ich
mich immer mit dem schrecklichen Gedanken trage Du könntest Dich eines Tages in
so eine entsetzliche Riesenmaschine verwandeln Du Ungeheuer Nein Du musst mehr
unter Menschen in Gesellschaft musst auch endlich einmal anfangen das Leben zu
genießen Du armer arbeitgeplagter Mensch Das ist denn doch eher möglich in
unserer alten Wohnung und in der denke ich wollen wir den Winter über
wenigstens bleiben Die Miete ist ja ohnedies bezahlt und wir müssen sparsam
sein wie es sich für solche Anfänger schickt Habe ich das nicht aus Ihrem
eigenen allerhöchsten Munde mein Herr und nun neigen Sie Ihren allerhöchsten
Mund und geben Sie mir einen Kuss und die Sache ist abgemacht«
Natürlich war die Sache abgemacht hatte ich doch dabei wahrlich mehr an
Hermine als an mich gedacht Und wenn sie wirklich den Wunsch hatte von
unserer einsamen Insel aus ein oder die andere Vergnügungsfahrt auf das Meer des
grossstädtischen Lebens zu machen so war ich gewiss nicht der Mann nein zu
sagen Sah ich doch nur zu wohl dass ich in meiner jetzigen Stellung gewisse
gesellschaftliche Pflichten durchaus erfüllen musste wenn nicht zu meinem
Vergnügen so doch im Interesse meines Geschäfts und dass ich nach dieser Seite
hin bereits nur zu viel nachzuholen hatte
So kehrte ich denn ohne Seufzen in unsere Stadtwohnung zurück und noch über
Tisch wurde unter mancherlei Scherzen die Liste der einflussreichen Personen
entworfen mit welchen wir wie Hermine sagte vorläufig einmal ein
gesellschaftliches Experiment machen wollten
Ich wüsste nicht dass dies Experiment von besonderem Erfolg gekrönt gewesen
wäre Allerdings kam man uns auf das Freundlichste entgegen ich meinerseits gab
mir die mögliche und wie ich mir schmeichelte nicht ganz vergebliche Mühe
einen guten Gesellschafter und angenehmen Wirt zu machen und Hermine brauchte
sich wahrlich keine Mühe zu geben um in der Gesellschaft die liebenswürdigste
der Liebenswürdigen zu sein Über diesen letzteren Punkt schien auch soweit ein
junger Ehemann in einem solchen Falle sich ein unbefangenes Urteil zutrauen
darf in der Gesellschaft nur eine Stimme Die Herren waren voll aufrichtiger
Bewunderung ihrer Erscheinung ihres Benehmens und was sich denn sonst noch an
einer reifenden jungen Frau bewundern lässt und wenn die Bewunderung der Damen
vielleicht nicht eben so aufrichtig war so wussten sie derselben einen um so
entusiastischeren Ausdruck zu geben dass es eines viel feineren Kopfes als
dessen ich mich rühmen konnte bedurft hätte um für all die schönen Dinge die
mir über meine Frau laut in die Ohren geflüstert wurden immer eine passende
Antwort zu finden
»Warum bist Du nur so unmenschlich liebenswürdig« sagte ich dann wohl wenn
wir aus einer solchen Feuertaufe nach Hause kamen und Hermine noch in ihrer
Gesellschaftsrobe wie es ihre Gewohnheit in unserem Wohnzimmer auf und
abging oder sich an den Flügel setzend ein paar Accorde griff während ich im
Schaukelstuhl meine geliebte Zigarre rauchte Dann konnte sie plötzlich stehen
bleiben oder vom Stuhle aufspringen je nachdem und mir die Gesellschaft
die wir eben verlassen hatten in den ergötzlichsten drolligsten Karricaturen
noch einmal vorführen Da war der geheime Kommerzienrat Zieler unser Banquier
der fortwährend auf die drei Hausorden in seinem Knopfloche schielte mit
welchen ihn drei verwandte kleine Fürstenhäuser für eine Anleihe die er ihnen
vermittelte begnadigt hatten da rauschte die geheime Frau Kommerzienrätin
herein in der schwersten Atlasrobe die stumpfe Nase nach den Kronleuchtern
deren Licht so herrlich auf dem Brillantschmuck spielte welcher ihren
stattlichen Busen schmückte hinter der corpulenten Mama schwebte die äterische
Tochter ganz Gaze und Essbouquet und selige Erinnerung der drei Hofbälle an den
drei verwandten Fürstenhöfen Da war der Eisenbahndirector Schwelle der vor
dem Souper nicht sprechen mochte um sich nicht aufzuregen während des Soupers
keine Zeit zum Sprechen hatte und nach dem Souper meistens nicht mehr sprechen
konnte Da waren die beiden Fräulein Bostelmann die geistreichen Töchter des
Gastgebers eines steinreichen Steinlieferanten zwischen denen Hermine heute
eine Zeit lang gesessen und von denen die eine sie fortwährend von Heine
unterhalten während die andere ihr gleichzeitig mit derselben Ausdauer und
demselben Enthusiasmus von Lenau vorgeschwärmt hatte »Heine Lenau Lenau
Heine Es war zum Tollwerden« rief Hermine »und das soll nun ein Vergnügen
sein Wagen Sie das wirklich zu behaupten mein Herr«
»Ich hatte nichts dergleichen behauptet Madame«
»In der Tat und warum schleppen Sie Ihre arme kleine Frau unter diese
entsetzlichen Menschen und rauben ihr die schönen Stunden die sie im
reizendsten têteàtête mit ihrem Ungeheuer von Mann hätte zubringen können Ist
das recht Ist das die Liebe die Sie mir geschworen haben in der NicolaiKirche
von Uselin in Gegenwart sämmtlicher Useliner und Uselinerinnen Heine Lenau
Lenau Heine oh«
Ich lachte und wurde dann plötzlich sehr ernstaft denn es schwebte mir die
Bemerkung auf den Lippen dass es vielleicht nicht schwer halte zu beweisen man
könne keine lieben Menschen finden mit denen es sich leben lasse wenn man mit
den Menschen nicht leben mag die man lieb hat
Wo waren die lieben Menschen an die ich in diesem Augenblick dachte
Das gute Fräulein Duff Herminens treueste Freundin bei ihren Verwandten in
Sachsen Es hatte nur ein kurzer Besuch sein sollen auf acht Wochen
höchstens Aus den acht Wochen waren jetzt beinahe eben so viele Monate
geworden Wo war Paula Ein paar hundert Meilen entfernt unter einem anderen
Himmel der hoffentlich so hold auf sie herabsah wie sie es verdiente Ach wie
lange war es nun schon dass Paula mit ihrer Mutter mit ihrem jüngsten Bruder
Oskar in Begleitung selbstverständlich des alten Süssmilch nach Italien gereist
war »hatte reisen müssen« sagte Doctor Snellius »Was wollen Sie Herr Es war
unumgänglich notwendig Eine Künstlerin wie Paula kann unmöglich hier werden
was sie zu werden bestimmt ist in dieser kleinen kleinlichen engen düsteren
Nebelwelt Sonne Licht Luft das ist es was ihr fehlte Venedig Rom Neapel
Kapri was weiß ich ich bin niemals dagewesen werde auch wohl nie hinkommen
wüsste auch nicht was ich da sollte aber sie sie wird es jetzt schon wissen
und wir werden es wissen wir werden es sehen mit Händen greifen auf der
nächsten Kunstausstellung wenn die Menge zu ihren Bildern wallfahren wird wie
zu Mirakeln Auch ihrer Mutter diesem Engel von einer Frau wird der Aufenthalt
in dem milden Klima vortrefflich bekommen und nun gar dem Burschen dem Oskar
So ein junges Krokodil kann nicht früh genug ins Wasser gebracht werden Nur im
Wasser lernt man schwimmen Herr nur im Wasser selbst wenn man ein Krokodil
von Geburt ist das heißt ein so fabelhaftes Talent hat wie der Junge Ein
Heidengeld wird es kosten freilich aber sie kann es jetzt Gott sei Dank und
es ist ja auch schließlich nur eine goldene Saat die ihr hundert und
tausendfältige Frucht bringen wird Sie hatte allerdings im Anfang nach dieser
Seite hin Bedenken aber ich habe es ihr ausgeredet und sie schreibt mir in
ihrem letzten Brief wo habe ich nur gleich den Brief ich wollte Ihnen die
Stelle noch vorlesen nun es tut nichts das nächste Mal erinnern Sie mich
kurz sie schreibt mir ganz glücklich ganz glücklich so glücklich dass es auch
mich ganz glücklich gemacht hat Gott segne sie«
So hatte der gute Doctor zu mir gesprochen als Paula Anfang Oktober drei
Monate nach meiner Hochzeit abgereist war während einer Geschäftsreise die
ich nach St in Angelegenheiten der Fabrik zu machen und auf welcher mich
ebenfalls Hermine begleitet hatte »Denn wissen Sie« sagte der Doctor »man
muss in dergleichen Fällen die Gelegenheit benutzen wie es die Natur tut wenn
sie zum Beispiel den Leib von der Seele durch einen Gehirn oder Herzschlag
trennt während der Betreffende schläft oder das Band zwischen beiden durch
eine längere Krankheit bereits hinreichend gelockert ist so dass die Trennung
kaum noch etwas Schmerzliches hat vielleicht sogar herbeigesehnt wird Es wäre
der armen Paula vielleicht doch schwer geworden sich von Euch zu trennen hätte
sie von Euch direkt in den Eisenbahnwagen gemusst so wart Ihr einmal nicht da
und ob nun zwanzig Meilen oder zweihundert dazwischen liegen das kommt
schließlich auf eins heraus«
Wenn sie den Leib von der Seele trennt Es war eines der physiologischen
Exempel mit welchen der Doctor seine Reden zu illustriren liebte aber es traf
mich seltsam Den Leib von der Seele Und ich blickte dem Doctor starr in die
Augen der sich mit einem energischen Ansatz schnell zwei Octaven tiefer
stimmte um im gleichgültigeren Tone fortzufahren »Und dann wird nicht bloß
unseren lieben Reisenden sondern auch den Jungen die zurückbleiben eine
zeitweilige Trennung gut tun Benno und Kurt mussten endlich einmal von den
Bändern der schwesterlichen Schürze losgelöst werden Junge Leute müssen lernen
für sich selbst zu denken und zu sorgen und auf ihren Füßen zu stehen Ich habe
es an mir erfahren Hätte mich mein Vater nach Heidelberg oder Bonn geschickt
anstatt mich hier in dem Schatten seiner Kirche in dem alten wurmstichigen
Superintendentenhause vier Jahre zu claustiren ich hätte meine Flügel besser
gelüftet und wäre nicht der schnurrige Kauz geworden der ich jetzt bin
notabene wenn ein Mann der einem seit zweihundert Jahren schlafen gegangenen
Vorfahren zu Liebe mit dem hübschen Vornamen Willibrod Willebrord wie es
eigentlich heißen sollte getauft wird überhaupt eine Chance hat etwas
anderes zu werden als ein schnurriger Kauz«
Ich hatte den Brief in welchem Paula dem Doctor geschrieben wie glücklich
sie sich in dem fernen Lande fühle nie zu sehen bekommen Er hatte ihn das
nächste Mal vergessen und mittlerweile war ich es gewohnt geworden dass der
Doctor die Briefe die Paula aus Venedig aus Rom aus Neapel an ihn schrieb
mir regelmäßig zeigen wollte und ebenso regelmäßig zu Hause liegen ließ
Ich weiß nicht welche sonderbare Verlegenheit mich jedesmal befiel so oft
der Doctor jenes resultatlose Suchen nach Paulas Briefen begann und warum ich
ihn dann jedesmal so schnell als möglich auf ein anderes Thema zu bringen
suchte Nicht als ob ich an dem Glück das Paula empfinden sollte gezweifelt
hätte lauteten doch die kurzen seltenen Briefe die ich selbst oder Hermine
von ihr empfing nicht anders aber über die Quelle aus welcher jenes Glück
floss war ich nicht eben so sicher und die Briefe mochten sie nun an mich oder
Hermine gerichtet sein hatten immer dieselbe Physiognomie in der ich nur hin
und wieder eine Spur von Paulas teuren Zügen erkannte und sie wurden je
länger die Trennung dauerte immer kürzer und seltener fast so kurz und selten
wie die Besuche des Doctors
»Das ist nun nicht anders« sagte der Doctor als ich ihm einmal über den
letzten Punkt freundschaftliche Vorwürfe machte »so ein junges Paar ist wie
eine junge Pflanze die am besten gedeiht wenn man sie unter eine Glasglocke
setzt und so wenig wie möglich daran rührt Die Menschen nennen die Liebe eine
Göttin ich für mein Teil sehe in ihr einen Gott den strengen unnahbaren Gott
der alten Juden der keine anderen Götter haben will neben sich und der die
Kollegen die er in seinem gelobten Lande vorfindet mitleidslos über die Klinge
springen lässt mögen sie nun liebenswürdige Astarten sein oder hässliche
Fitzliputzli Und er tut vermutlich ganz recht daran Das menschliche Herz ist
ein trotzigverzagtes Ding und braucht verzweifelt lange Zeit bis es die zehn
Gebote auch nur buchstabiren lernt«
Der Doctor sagte das und Ähnliches derart immer in einem freundlichen Ton
in demselben Ton in welchem ich ihn noch stets mit seinen Kranken hatte
sprechen hören und war überhaupt voller Güte und Aufmerksamkeit und das noch
mehr gegen Hermine als gegen mich Zwischen Hermine und ihm bestand ein
eigentümliches Verhältnis Hermine hatte in ihrer lebhaften Art Anfangs aus der
Abneigung mit der sie meinen alten Freund betrachtete kein Hehl gemacht und
oft genug seine wunderlichen Manieren verspottet sogar in seiner Gegenwart
Aber der Mann der sonst gegen einen Angreifer er mochte kommen von woher er
wollte und sein wer er wollte stets die schärfsten Pfeile in seinem Köcher
trug und der nicht leicht einem Gegner Pardon gab er hatte gegen sie auch
bei keiner Gelegenheit von seinen gefährlichen Waffen Gebrauch gemacht und
diese sich stets gleichbleibende Milde die dem schneidigen Sonderling gewiss
nicht immer leicht wurde hatte zuletzt Herminen wie sehr sie sich auch
innerlich dagegen sträubte gerührt und gefangen genommen Vielleicht dass zu
dieser glücklichen Wendung der Umstand beitrug dass sie den Doctor in der
letzten Zeit nicht bloß als meinen Freund sondern auch als ihren Arzt zu
empfangen hatte
»Er ist doch gar gut« sagte sie ein oder das andere Mal mit nachdenklicher
Miene auf die Tür schauend durch welche die wunderliche Gestalt meines
Freundes eben verschwunden war
»Ihrer Frau geht es nicht schlechter als es andern jungen Frauen unter
diesen Umständen zu gehen pflegt« sagte der Doctor zu mir wenn er mich wegen
ihres veränderten Aussehens besorgt fand »nur dass sie von Jugend auf an freiere
Bewegung und frischere Luft gewöhnt ist als man ihr hier in dem steinernen
Babel verschaffen kann«
»Ich ginge gerne mit ihr nach Zehrendorf« sagte ich »aber jetzt im Winter
und wie kann ich von hier fort«
»Und weil Sie es nicht können wollen wir uns auch nicht weiter den Kopf
darüber zerbrechen« erwiderte der Doctor »Wir müssen eben sehen wie wir uns
helfen Etwas mehr geistige Motion ersetzt manchmal bis zu einem gewissen Grad
den Mangel der körperlichen Es ist schade dass Ihre Frau das gesellschaftliche
Treiben so schnell satt bekommen hat Gehen Sie doch einmal in die Oper Ihre
Frau ist ja eine so große Musikfreundin«
»Ich mag nicht mehr in die Oper gehen« sagte Hermine nachdem wir einige
Male dort gewesen waren »die Leute singen schlecht und spielen noch schlechter
War das heute eine Zerline Und dieser Don Juan Lieber Himmel Du hättest lange
auf mich warten können wärest Du ein so hölzerner Liebhaber gewesen Und dabei
diese Selbstgefälligkeit der Masetto war wahrhaftig der bessere Mann«
»Versuchen Sie es einmal mit dem Schauspiel« sagte der Doctor
Ich blickte ihm starr in die Augen
»Die Bellini ist seit acht Tagen zurück« sagte der Doctor und richtete
seine runden Brillengläser auf mich
Meine Augen und die Brillengläser sahen sich eine Zeit lang an
»Ihre Frau weiß nicht dass Fräulein Bellini und eine gewisse andere Dame
identisch sind« fing der Doctor wieder an
»Nein« sagte ich
»Und Sie wollen es ihr auch nicht mitteilen nicht mitteilen was ich
weiß der ich Ihr Freund bin und sehr wahrscheinlich auch noch andere Leute
wissen die nicht Ihre Freunde sind«
»Es ist das ein eigen Ding Doctor«
»Es gibt viel eigene Dinge besonders in einer jungen Ehe«
»Die man aber vielleicht besser für sich behält«
»Oder auch nicht Was man mitteilen kann sollte man immer sagen und es
gibt Weniges beinahe Nichts das ein junger Ehemann seiner Frau nicht sagen
könnte In einem Fluss der zwischen sandigen Ufern seinem Ende
entgegenschleicht bleibt jeder Stein liegen in einen jungen Strom der freudig
von den Bergen stürzt kannst Du die größten Felsblöcke wälzen er schleudert
und reißt in seiner frischen Kraft Alles mit sich fort Denken Sie darüber nach
lieber Freund«
Ich hatte darüber nachgedacht aber ich konnte mich nicht entschließen dem
Rate des Doctors zu folgen Es war nicht Feigheit was mich schweigen hieß
vielmehr ein Gefühl der Scham das ich nicht überwinden konnte und eine Scheu
die Herminens eigen geartetes Wesen und der leidende Zustand in welchem sie
sich befand erklärlich machten Dennoch schwebte mir ein paar Mal das Wort auf
den Lippen aber es kroch immer scheu zum Herzen zurück das unruhig schlug
wenn ich fast in jeder Nummer der Zeitungen dem ominösen Namen begegnete und
Hermine ein oder das andere Mal sagte »Wir sollten uns doch auch einmal diese
Bellini ansehen von der jetzt so viel die Rede ist«
Ja man machte viel Redens von Fräulein Bellini »Sind Sie ein Bellinist
oder ein Antibellinist« fragte man in den Salons »die Bellini ist ein Wunder«
»die Bellini ist gar nichts« sagten die Zeitungen Ich wusste nicht ob diese
oder jene Recht hatten und wollte es nicht wissen und war sehr froh dass
Hermine nicht neugieriger zu sein schien bis sie eines Tages als ich ihre
Frage ob ich für den Abend frei wäre bejaht hatte mich mit den Worten
überrraschte »Dann wollen wir endlich einmal die Bellini sehen«
»Wie Du willst« sagte ich mit der Entschlossenheit eines Menschen der vor
einer Fatalität steht von der er weiß dass sie stärker ist als er
Und wir gingen in das Theater und sahen Fräulein Ada Bellini als Julia in
Shakesspeares Tragödie Ich kann nicht behaupten dass ich Neigung verspürt
hätte weder in den donnernden Beifall einzustimmen welcher der Künstlerin von
dem übervollen Hause reichlich gespendet wurde noch in das Zischen das sich
hier und da vernehmen ließ um regelmäßig von dem Applaus übertönt zu werden
Ich kann aber auch nicht sagen dass ich im Verlaufe des Abends so weit gekommen
wäre mir über die Künstlerin irgend ein Urteil zu bilden Ich sah eben wenn
ich auch noch so eifrig nach der Bühne blickte nicht viel mehr als wenn ich in
das Leere gestarrt hätte träumend von Zeiten die vergangen und höchstens
zwischendurch wünschend dass dieser Abend auch bereits zu den vergangenen Zeiten
gehöre Ich erinnere mich dass als ich einmal aus diesen unerquicklichen
Träumereien erwachte und Hermine anblickte ich ihr Auge mit einem sonderbaren
Ausdrucke auf mich gerichtet fand aber sie scherzte nur über meine
Gleichgültigkeit als wir nach Hause fuhren und erklärte dass es für sie keine
Frage mehr sei ob man Bellinistin oder Antibellinistin zu sein habe
»Nun« fragte ich indem ich mir an dem Licht eine Zigarre anzündete
»Und Du willst noch rauchen Du schlechter Mensch Glaubst Du dass Romeo
sich vergiftet haben würde wenn er neben seiner Phiole noch eine Zigarre in der
Tasche gehabt hätte Möge Ihnen die Zigarre wohl bekommen lieber Romeo Julie
wird zu Bette gehen«
Ich musste heute meine Abendcigarre zum ersten Male allein rauchen und ich
hatte nie vorher eine nachdenklichere Zigarre geraucht Der Doctor hat Recht
sagte ich bei mir selbst indem ich den Stumpf auf die verglimmenden Kohlen des
Kamins schleuderte und mich seufzend aus dem Lehnsessel aufrichtete er hat
vollkommen Recht man muss einen gelegenen Augenblick abwarten
Aber wie denn das so zu sein pflegt es vergingen acht es ergingen vierzehn
Tage und der Augenblick kam nicht Auch schien mich nichts zu drängen denn
Hermine hatte nicht wieder nach dem Theater verlangt Sie befand sich nicht
besonders und der Doctor kam häufiger als sonst
»Haben Sie Ihrer Frau gesagt wer die Bellini ist« fragte er mich eines
Tages
»Nein«
»Aber sie weiß es«
»Unmöglich«
»Sie weiß es ich gebe Ihnen mein Wort darauf«
»Hat sie es Ihnen gesagt«
»Nein«
»Und dennoch«
»Dennoch Ein Arzt lieber Georg hat scharfe Ohren und ein Arzt der ein
Freund des Hauses ist wie er es immer sein sollte doppelt scharfe Er hört
zwischen den Worten und ich kann Ihnen nur wiederholen ich habe zwischen den
Worten Ihrer Frau herausgehört dass sie weiß die Bellini ist Konstanze von
Zehren und dass sie noch mehr weiß Ob Alles ob auch nur das Richtige das weiß
jedenfalls nur der der es ihr gesagt hat«
»Und der wäre«
»Unser gemeinschaftlicher Freund Arthur«
»Atur ist seit acht Wochen nicht in der Stadt gewesen«
»Unsere Post befördert mit bewunderungswürdiger Genauigkeit alle Briefe die
man ihr anvertraut selbst anonyme«
»Aber um Gotteswillen Doctor welches Interesse könnte Arthur daran
haben«
»Die Rache ist süß« sagte der Doctor
»In diesem Falle wäre sie auch dumm denn «
»Sie ist auch manchmal dumm«
»Denn der Steuerrat lebt jetzt fast ausschließlich aus der Tasche meines
Schwiegervaters und ich habe für Arthur erst noch als er zuletzt hier war
einen bedeutenden Posten bezahlt und auf dem Tisch dort liegt ein Brief in
welchem er mich abermals um ein größeres Darlehn bittet«
»Tut Alles nichts Der Jude wird verbrannt Nun lieber Georg lassen Sie
den Kopf nicht hangen Sie sind doch sonst ein Mann und das ist wahrlich keine
Veranlassung um zu verzweifeln Man muss die Dinge nur nicht schwerer nehmen
als sie sind die wirklich schweren lassen sich doch nichts abhandeln und ich
dächte Sie wären mit diesem Artikel hinreichend assortirt«
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Und darin hatte der gute Doctor freilich recht noch viel mehr recht als er
wusste oder wissen konnte
Es war nicht nur dass ich ohne ausreichende Erfahrung mir meinen Weg durch
ein ungeheures von uns Deutschen damals kaum betretenes Industriegebiet
gewissermaßen suchen musste Ich teilte dies Schicksal mit meinen sämtlichen
Koncurrenten die Alle mochten sie in anderen Branchen auch auf noch so reiche
Erfahrungen zurückblicken können in dem Bau von Locomotiven gerade solche
Neulinge waren wie ich Und was sie etwa wirklich an reicherem Wissen vor mir
voraus hatten das ließ sich vielleicht meinerseits durch Fleiß ersetzen In der
Tat hatte ich nach dieser Seite hin einiges Vertrauen zu mir ja ich war mir
bewusst dass ich trotzdem die Last welche bereits auf mir ruhte nicht zu den
leichten gehörte ein gut Teil mehr auf meine Schultern nehmen dürfe Aber ein
Mann der eine schwere Last trägt muss mindestens den Weg den er gehen soll
deutlich sehen oder seine Kraft und seine Ausdauer können ihn nicht vor dem
Straucheln vielleicht vor dem Fallen bewahren So war es hier Ich wurde in
allen meinen Plänen verwirrt in allen meinen Dispositionen gehemmt in allen
meinen Entschließungen gelähmt weil ich mich hier und überall immer erst nach
Dem umzusehen hatte der hinter mir stand der hinter mir stehen auf den ich
mich ganz verlassen musste und der oft gerade in den kritischsten Momenten nicht
zu finden war
Nicht zu finden in des Wortes eigentlichster Bedeutung.
Der Kommerzienrat war von jeher ein ruheloser Mann gewesen wie das bei
seinen zahllosen bald hier bald dort angeknüpften Geschäften und bei seiner
Maxime dass persönlich alle Geschäfte am besten abgemacht würden kaum anders
möglich war Ich bin pflegte er in vertraulichen Momenten hinter der Flasche zu
sagen wie der Cäsar oder wie der Kerl geheißen haben mag bei welchem Kommen
Sehen und Siegen eins waren Ich habe noch keine Reisekosten gehabt ich nicht
Kommen sehen siegen das muss man nur verstehen
Nun er kam und ging jetzt mehr als je heute in Uselin morgen in St dann
wieder hier um am andern Tage spornstreichs nach Zehrendorf zu reisen wo ihn
schon mein nächster Brief nicht mehr traf weil ihn seine Ruhelosigkeit
unterdessen bereits wieder nach St oder der Himmel weiß wohin getrieben hatte
Das war jetzt durchaus die Regel und dabei machte ich die böse Entdeckung dass
man ihn gerade dann am schwersten finden konnte er gerade dann am
sorgfältigsten alle Spuren hinter sich auslöschte wenn man ihn am
notwendigsten brauchte War es das alte TintenfischManöver dessen er sich in
geschäftlichen Unterredungen so gern bediente auf den praktischen Verkehr
angewandt war es mehr
Ja der Kommerzienrat kam und ging genug aber mit dem Sehen und dem Siegen
hatte es wohl seine eigene Bewandtnis Seine Augen waren jetzt gar zu oft in
einen trüben wässrigen Dunst gehüllt und wie prahlerisch er auch noch immer
zu reden wusste seine Miene war durchaus nicht die eines Siegers Der Eindruck
den ich gleich bei dem ersten Wiedersehen in Zehrendorf gehabt hatte dass der
Kommerzienrat ein alter Mann geworden sei wurde jetzt bei jeder neuen
Zusammenkunft auf die peinlichste Weise verstärkt und nicht bei mir allein
Auch seinen Geschäftsfreunden musste die Veränderung die mit ihm vorging
auffallen
»Ihr Herr Schwiegervater ist in letzter Zeit sonderbar irritabel« sagte der
Banquier Zieler »der Herr Kommerzienrat sollte sich mehr Ruhe gönnen«
bemerkte gelegentlich der Eisenbahndirector Schwelle »mein verehrter Gönner
der Herr Kommerzienrat sind heute in sehr übler Laune« raunte mir der Wirt
des Hotels in welchem er zu verkehren pflegte er stieg nie bei uns ab in
die Ohren und selbst die Kellner zuckten heimlich die Achseln wenn der alte
Mann hinter der Flasche wegen irgend eines möglichen oder unmöglichen Versehens
wie ein Besessener auf sie einschalt
Nein der alte Mann mit den wässrigen zwinkernden Augen und dem fahrigen
für einen Mann in seinen Jahren doppelt auffälligen und unschönen Benehmen sah
nicht aus wie ein Sieger sah nicht so aus und war auch keiner
Er hatte so lange unser intimes Verhältnis nun bestand so viel ich wusste
keine Triumphe zu verzeichnen gehabt Es war gewiss kein Triumph für den Krösus
von Uselin dass er sich in dieser Zeit entschlossen hatte hatte entschließen
müssen sein weltberühmtes Korngeschäft zu liquidieren und es war auch wohl
kein Triumph dass selbst nach diesem wohlgeordneten Rückzuge wie er es nannte
durchaus keine Ordnung in unsere finanziellen Verhältnisse kommen wollte Im
Gegenteil Es fehlte an baaren Mitteln mehr als je fehlte so sehr dass ich aus
einer Verlegenheit in die andere geriet und manchmal wirklich nahe daran war
zu verzweifeln Und nicht nur dass ich durch die ewige Ungewissheit in welcher
mich mein Schwiegervater erhielt in meinen Fabrikoperationen auf die
unverantwortlichste Weise gehemmt wurde so hatte ich das für mich mindestens
eben so drückende Gefühl auch nicht eine einzige jener Verbesserungen in der
Lage meiner Arbeiter einführen zu können über welchen der Doctor Klaus und ich
in vergangenen hoffnungsfreudigen Tagen so oft die Köpfe beim Grogglase
zusammengesteckt hatten Ein Chef der nicht weiß wie er selbst am nächsten
Tage seinen Verpflichtungen nachkommen soll ist nicht im Stande seinen
Arbeitern Koncessionen zu machen zu welchen er nicht verpflichtet ist an
welche ihn wenigstens kein Buchstabe des Kontractes sondern nur die Stimme
mahnt die in seinem eigenen Herzen spricht für den gemeinen Mann an dem der
Fluch des Paradieses bis auf den heutigen Tag buchstäbliche Wahrheit geworden
ist Ja es kamen Augenblicke und ich denke derselben wie man sich an
besonders schauderhafte Träume erinnert wo ich fühlte dass sich mein Herz
gegen einen Notschrei gegen eine schüchterngemurmelte Klage zuschliessen
wollte wo mir das Beispiel meiner Koncurrenten welche den Tagelohn um einen
Groschen herabgedrückt hatten nachahmungswürdig schien Ich erinnere mich dass
mir dann immer war als wäre ein grauer Schleier über die ganze Welt gefallen
dass mir nicht Speise nicht Trank schmecken wollte dass ich mich schlaflos auf
dem Lager wälzte als hätte ich einen Mord auf dem Gewissen dass ich die
einsamsten Wege suchte und wenn ich auf der Straße von weitem einen Bekannten
sah den Hut in das Gesicht zog und auf die andere Seite ging
Einmal als der Druck auf meinem Herzen ganz unerträglich war eilte ich zu
dem Freunde wie ein von Zahnschmerzen Gefolterter zu dem Arzte eilt und
schüttete in seinen treuen Busen mein übervolles Herz aus Er hörte den
Ungestümen fast Verzweifelten gütig an und sagte
»Ich habe das kommen sehen lieber Georg es ist also nichts was außerhalb
menschlicher Berechnung läge und worüber Menschen also auch nicht zu
verzweifeln brauchen weil sich der Fehler bei der nötigen Geduld und Ausdauer
wohl wieder herausrechnen lässt Wer sich die Freiheit seiner Entschließungen
bewahren will darf nicht an jeden beliebigen Punkt anknüpfen bis zu welchem
Andere ihr unreines und unredliches Gespinnst gebracht haben wo dann freilich
die Verwickelungen und Verknotigungen nicht ausbleiben Ein Vermögen welches
wie das Ihres Schwiegervaters mit ganz unreinen Händen gewonnen ist kann nicht
mit ganz reinen Händen bewahrt werden Wer in dem Prozess Amboss contra Hammer
unbefangen bleiben will unbeteiligt kann so wie so Niemand bleiben der
darf sich nicht entschieden auf eine Seite stellen Sie haben es in gewissem
Sinne getan Ihr Schwiegervater ist ein Ritter vom Hammer und Sie Sie sind
sein Schwiegersohn das heißt der erste in seinem Gefolge mögen Sie sich gegen
diese traurige Wahrheit sträuben wie Sie wollen Und mein Freund ich sehe
wie die Sachen liegen keine Rettung aus diesem Irrsal als nur die eine dass
der Prozess so schnell als möglich vor jene höhere Instanz der großen
ökonomischen Gesetze kommt und in jener Instanz schnell und endgültig
entschieden wird damit Sie wieder der freie Mann werden der Sie vorher gewesen
sind Es klingt das vielleicht sehr hart sehr grausam aber lieber Freund Sie
können es einem Schüler des Hippokrates nicht übelnehmen wenn er an dem Satze
seines Meisters festhält«
Die höhere Instanz an welche mich der Doctor gewiesen sollte sich für
Anwendung der hippokratischen FeuerMethode auf meinen Fall schneller
entscheiden als der Doctor wohl selbst erwartete
Ich hatte den Kommerzienrat wenn er mir wieder und wieder klagte wie
schwer es halte gerade jetzt die allerdings bedeutenden Mittel aufzubringen
welche ich für die Fabrik brauchte wiederholt auf das Dringendste gebeten mit
dem Verkauf von Zehrendorf endlich Ernst zu machen Gott weiß wie schwer es mir
wurde so zu bitten Zehrendorf war mir ans Herz gewachsen mehr als ich sagen
konnte Da war kaum eine Scholle auf die mein Fuß nicht getreten da war kein
Baum kein Strauch den ich nicht früher oder später liebgewonnen hatte Die
Aussicht einen Tag in Zehrendorf zubringen zu können machte mir jede Arbeit
leicht trug mich über manche Sorge hinweg die Hoffnung dermaleinst meine
alten Tage auf der Stelle wo ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben
wirklich jung gewesen war verbringen zu können war mir teuer wie kaum eine
andere Und Hermine wusste ich dachte nicht anders Hatte doch auch sie den
Traum ihrer Liebe dort geträumt dort den Traum ihrer Liebe verwirklicht
gesehen Hatte sie doch damals als mich ihr Vater geflissentlich bei ihr in den
Verdacht brachte der Haupturheber des VerkaufsProjectes zu sein mir auf das
allerernstlichste gezürnt Hatte ich doch hoch aufgeatmet und sie laut
aufgejauchzt als die plötzliche Erkrankung des alten Fürsten Prora die
Unterhandlungen in der Mitte abschnitt und jetzt jetzt sollte ich wirklich der
sein der sie und mich um unser Kleinod brachte Nicht ich die Verhältnisse
die stärker waren als ich die Verhältnisse die ich nicht geschaffen die ich
nicht zu verantworten hatte aber die ich nicht bestehen lassen durfte wenn
mich die Verantwortung dafür nicht wirklich treffen sollte Ich war mir dessen
vollkommen bewusst und so war ich denn wieder und wieder in meinen
Schwiegervater gedrungen
Merkwürdigerweise hatte er sich auf das hartnäckigste geweigert meinem
Drängen nachzugeben als wäre der Plan nicht ursprünglich in seinem eigenen
Kopfe entsprungen Fürchtete er die allerdings nicht besonders günstige
Konjunctur Glaubte er das Gut halten zu können Scheute er den Lästermund der
Leute denen er als er sein Korngeschäft liquidirte eingeredet er habe das
Treiben satt und wolle sich für seine alten Tage auf seinen Landsitz
zurückziehen War es einfach despotischer Trotz und greisenhafter Eigensinn
ich wusste es damals nicht und wüsste es auch noch jetzt nicht mit voller
Bestimmtheit zu sagen Vielleicht geht der Kelch an uns vorüber tröstete ich
mich dann seine Angelegenheiten stehen am Ende doch besser als du glaubst
vielleicht ist er auf seine alten Tagen zum Geizhals geworden und verscharrt die
aufgespeicherten Schätze denn es ist ja doch ganz unmöglich dass es ihm so an
Geld fehlt wie er sich anstellt wo sollte er denn damit geblieben sein
»Ihr Herr Schwiegervater hat heute keinen glücklichen Tag gehabt« sagte der
Banquier Zieler zu mir als er von der Börse kommend mir auf der Straße
begegnete
»Wie das Herr Geheimrat«
»Nun er hat heute nur die Differenz von fünfzigtausend Talern in Spiritus
auszugleichen wo er auf Hausse speculirt allerdings ein sonderbarer
Rechnenfehler bei einem so gewiegten alten Praktiker«
Fünfzigtausend Taler in einem Augenblick wo ich um tausend in Verlegenheit
war und in einem Geschäft von dem er mir nie gesprochen das ganz außerhalb
des Bereiches seiner sonstigen Unternehmungen lag Es war mir wohl nicht möglich
gewesen den Schrecken den mir die Nachricht einflößte ganz in meinen Mienen
zu unterdrücken und der Geheime Kommerzienrat musste es bemerkt haben denn er
sagte lächelnd
»Nun nun Ihr Herr Schwiegervater kann sich dergleichen kleine Scherze
erlauben Habe die Ehre mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen«
Ich war nun nicht der Ansicht und ich schrieb sofort nach Uselin und bat
dringend mich wissen zu lassen ob die soeben erhaltene Nachricht die
allerdings aus der besten Quelle kam wirklich wahr sei woran ich dann die
Aufforderung knüpfte mir endlich einmal einen klaren Einblick in die
Verhältnisse zu gewähren in denen ich als ein Mann von Ehre nicht länger so
hinleben könne
Die Antwort war ein langer Brief angefüllt mit Klagen über meinen Mangel an
Vertrauen über das Schicksal eines alten Mannes der von seinen Kindern
verlassen werde voll ruhmredigen Pochens auf seine bald fünfzigjährige
Geschäftspraxis auf sein bewährtes Glück woran sich unmittelbar die
Aufforderung knüpfte auf jeden Fall an den Fürsten zu schreiben und ihn zu
fragen ob er wirklich noch auf Zehrendorf reflectire oder nicht
Ich ließ den andern Inhalt des Schreibens gut sein und hielt mich an den
einzigen bestimmten Punkt Ich schrieb sofort an den jungen Fürsten der noch
immer in Prora bei seinem kranken Vater verweilte und erhielt umgehend von
seiner eigenen Hand die Antwort dass er so schon die Absicht gehabt habe nach
der Residenz zu kommen und diese Absicht unverzüglich ausführen wolle Er werde
am Freitag Abend vier Uhr eintreffen und würde sich außerordentlich freuen mich
eine Stunde später in seinem Palais zu empfangen wo wir ja dann über unsere
Angelegenheit ausführlich sprechen könnten
So sollte es also wirklich sein Das Herz wollte mir schwer werden aber ich
unterdrückte die wehmütige Regung und sagte mit dem Doctor Was die Medicamente
und was das Eisen nicht hat heilen wollen muss eben das Feuer heilen
In dieser halb wehmütigen halb entschlossenen Stimmung begab ich mich an
dem gedachten Tage zu der festgesetzten Stunde in das Palais des Fürsten
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Der Fürst empfing mich mit einer Zuvorkommenheit die ich fast herzlich nennen
durfte Er war vor einer halben Stunde angekommen Die Reise durch den kalten
Wintertag schien ihm besonders wohl getan zu haben er sah frisch und blühend
aus wie ich ihn nie zuvor gesehen und so war auch in seinem ganzen Wesen eine
Elasticität in seiner Rede eine Lebhaftigkeit dass ich Mühe hatte in dem Manne
den blassen Träumer aus dem altersgrauen Jagdschloss von Rossow wieder zu
erkennen
Ich konnte mich nicht enthalten ihm zu dieser Veränderung die ich seiner
verbesserten Gesundheit zuschrieb zu gratuliren Er schien das gern zu hören
und meinte es sei für ihn auch die höchste Zeit mit den Kinderkrankheiten
fertig zu werden »Ich hatte mir immer vorgenommen« sagte er »dass man an mir
einen Mann finden solle sobald die Zeit dazu gekommen wäre und ich glaube dass
sie gekommen ist Gott erhalte den Fürsten meinen Vater noch lange am Leben
aber nach menschlicher Berechnung sind seine Tage gezählt Man hat das Recht zu
verlangen dass mich ein Ereignis welches in das Schicksal von Tausenden
eingreift nicht unvorbereitet finde«
Der Fürst hatte diese letzten Worte sehr ernst gesprochen Er war in dem
Salon auf und abgehend vor einem Portrait stehen geblieben das einen jungen
sehr schönen Mann in einer reichen phantastischen Tracht darstellte
»Sonderbar« sagte der Fürst »dass das Leben uns so mitspielen kann Sehen
Sie dies Bild ist das des Fürsten meines Vaters in seinem achtundzwanzigsten
Jahre Er hatte das Kostüm auf einem Maskenball bei Hofe getragen und ein
ungeheures Furore gemacht die hochselige Königin hatte durchaus gewollt dass er
sich für sie malen lasse Es ist dies eine Kopie des Originals Finden Sie nicht
«
Er brach plötzlich ab und sagte indem er sich in einen Fauteuil warf und
mir ein Zeichen gab ebenfalls wieder Platz zu nehmen »Aber ich bin ja nicht
gekommen um mit Ihnen über mich und meine Angelegenheiten zu sprechen Die
Ihrigen haben sich seitdem wir uns zuletzt gesehen sehr verändert Wie Herr
Sie sind ja ein großer Diplomat Lassen mich da die Kreuz und die Quer sprechen
und Ihnen wer weiß welche wohlwollende Propositionen machen und keine Miene
kein Wort verrät dass Sie so zu sagen schon über den Berg sind an dessen Fuß
ich noch mit Ihnen zu halten glaube Wie mögen Sie sich ins Fäustchen gelacht
haben Und der arme Zehren Er tat als ob er ebenso erstaunt sei wie ich
selber aber ich denke er hat recht gut gewusst wie die Sachen standen denn
wenn ich ihn auch immer für einen halben Narren gehalten habe so habe ich ihn
jetzt sehr stark im Verdacht dass er ein ganzer Schelm ist Ich möchte nur es
nähme mir ihn einer ab er ist mir manchmal recht zur Last und wegjagen mag ich
ihn doch auch nicht Ich hatte schon daran gedacht ihn wenn Sie mir Zehrendorf
verkaufen als Verwalter dahin zu schicken oder ihm auch das Gut in Pacht zu
geben dann aber wieder gemeint Sie möchten das nicht gern sehen Habe ich
nicht recht gehabt«
»Gewiss Durchlaucht« erwiderte ich »Arthur ist nicht der geeignete Mann
für Zehrendorf Unter seinen Händen würde Alles wieder zu Grunde gehen was dort
an vortrefflichen und gemeinnützigen Anlagen mit einem so großen Aufwand von
Kosten geschaffen ist Ja ich gestehe Durchlaucht wäre es Ihr ernstlicher
Wille wie ich überzeugt bin dass es eben nur ein Einfall Ihres gütigen Herzens
ist ich würde noch jetzt in der zwölften Stunde versuchen Zehrendorf meinem
Schwiegervater zu erhalten so sehr mir auch aus anderen Gründen daran liegt
es gerade an Sie zu verkaufen«
»Freilich freilich es ist nur so ein Einfall« sagte der Fürst »aber
weshalb mir dieser schmeichelhafte Vorzug Sie wissen dass mir jetzt nicht mehr
so viel an der Erwerbung des Gutes liegt als in diesem Frühjahr und dass Sie
also mit mir einen schweren Stand haben werden«
»Immer noch einen leichteren als zum Beispiel mit Herrn von Granow« sagte
ich
Ein Lächeln spielte um die feinen Lippen des Fürsten »Da möchten Sie wohl
recht haben« sagte er »Das ist ein Fuchs trotz seines BulldoggenGesichtes
Er hat mich schon ein paar Mal durch Zehren und den Justizrat sondiren lassen
ob ich noch immer auf Zehrendorf reflectire Es scheint dass er alle
Koncurrenten beseitigen will um der Einzige auf dem Platze zu sein und dann im
rechten Augenblick für den ihm der Justizrat wohl den Wink geben wird das
schöne Gut für dreißig Silberlinge zu erstehen Nein bei Gott Sie sollen nicht
in die schmutzigen Hände dieses Halsabschneiders fallen wenn ich es hindern
kann«
»Ich danke Ihnen Durchlaucht« sagte ich
»Ich habe Ihnen zu danken« erwiderte der Fürst »dass Sie mir aufs Neue
Gelegenheit geben eine alte Schuld die ich gegen Sie habe abzutragen Ihre
Angelegenheit ist mir seitdem Sie mir schrieben vielfach im Kopfe
herumgegangen ja ich kann sagen dass ich dieselbe eigentlich niemals aus den
Augen verloren hatte Dank den guten Freunden Ihres Schwiegervaters Sie wissen
vielleicht selbst nicht wie viel in unserer Gegend über ihn gesprochen wird
und wie er in dem Ansehen der Leute gesunken ist Ich sage das zu meinem großen
Bedauern und nur weil ich glaube Ihnen als dem zunächst Beteiligten
mitteilen zu müssen was Andere Ihnen zu sagen vielleicht nicht den Mut haben
oder aus irgend welchen böswilligen Absichten geflissentlich verschweigen Der
Kredit des Kommerzienrats scheint mir sehr erschüttert man erzählt sich von
ungeheuren Verlusten die er in der letzten Zeit erlitten habe er soll an der
Börse speculiren in allen möglichen gewagten Unternehmungen engagirt sein was
weiß ich Ich kann Sie versichern man hält ihn für halb toll man hält ihn für
ruinirt während freilich die Andern behaupten der alte Herr sei niemals besser
bei Verstande und niemals reicher gewesen als eben jetzt und wenn er ein wenig
den Narren und den Bankrotteur spiele so sei das nur eine seiner alten Finten
die ihm noch immer geglückt seien Was halten Sie denn davon«
Ich glaubte das Entgegenkommen des Fürsten meinerseits mit Offenheit
erwidern zu müssen und so schilderte ich ihm ausführlich so gut ich es
konnte die sonderbare Lage in welcher ich mich dem Kommerzienrat gegenüber
befand die Winkelzüge und Inconsequenzen die Halbheiten welche er sich gegen
mich hatte zu Schulden kommen lassen und wie ich glaube dass er allerdings noch
nicht der ruinirte Mann sei für den ihn seine Feinde ausschrieen dass er sich
aber wenn er so fortfahre notwendig über kurz oder lang ruiniren müsse
Der Fürst hatte mit Aufmerksamkeit zugehört und hier und da in meine
Auseinandersetzung Fragen eingestreut die wenn nicht große Geschäftskenntniss
so doch scharfen Verstand und rasche Fassungsgabe bewiesen Wir waren dann auf
den eigentlichen Punkt den Verkauf von Zehrendorf zurückgekommen und hatten
uns über die hauptsächlichsten Bedingungen verständigt als der alte
weisshaarige Diener den ich schon auf Rossow gesehen hereintrat und an der
Tür stehen bleibend seinem Herrn einen Wink mit den Augen machte
»Ah« sagte der Fürst »ist es schon so spät das ist ja recht unangenehm
Ich muss nämlich in das Theater ihre königliche Hoheit die Prinzessin meine
hohe Gönnerin die von meinem Kommen unterrichtet war hat mich wissen lassen
dass sie mich für einen Augenblick in ihrer Loge zu sprechen und Nachrichten über
das Befinden des Fürsten meines Vaters entgegen zu nehmen wünsche Aber man
könnte vielleicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden Es wäre immerhin
wünschenswert zu wissen wie bald ich die Gelder flüssig machen kann und
Hensel es war dies der Banquier des Fürsten ist jedenfalls auch im Theater
Ich weiß der große Mäcen aller Sänger und Schauspieler die Sängerinnen und
Schauspielerinnen auch die Damen vom Ballet nicht zu vergessen versäumt keine
erste Vorstellung Es wird sich schon eine Minute finden wo ich ihn sprechen
kann Das Gescheitste wäre Sie kämen auch wir könnten dann noch heute Abend
über alle Präliminarien einig sein und morgen Vormittag von meinem Rechtsanwalt
den Kontract entwerfen lassen Wollen Sie«
»Ich bin für den Abend frei« sagte ich
»Ein stolzes Wort für einen jungen Ehemann« sagte der Fürst lachend »Nun
im schlimmsten Falle bringen Sie Ihre Frau Gemahlin mit Ich habe mich so schon
lange darauf gefreut sie kennen zu lernen Von Rossow aus konnte ich es nicht
ich hatte ja Urfehde geschworen die Bannmeile des Schlosses nicht zu verlassen
Nun was sagen Sie Sie machen ein verlegenes Gesicht Wie Herr die alten
Zeiten sind nicht mehr Sie dürfen ohne sich etwas zu vergeben den Fürsten
Prora einer keuschen Frau vorstellen«
»Ich zweifle daran nicht Durchlaucht« sagte ich »indessen meine Frau
ich weiß in der Tat nicht «
»Ah so« sagte der Fürst »verstehe kommt in den bestregulirten Familien
vor wie die Engländer sagen Nun Sie werden ja sehen Also à revoir wo
möglich mit Ihrer Frau Gemahlin«
Der Fürst reichte mir lachend die Hand ich hatte nicht Ja und nicht Nein
gesagt vermutlich weil ich nicht Ja sagen mochte und doch auch vernünftiger
Weise nicht Nein sagen konnte
Aber es ist doch auch ein zu erbärmliches Ding um einen Menschen der nicht
weiß ob er Ja oder Nein sagen soll sprach ich bei mir während ich durch die
Straßen in welchen es bereits dunkelte nach meiner nicht sehr entfernten
Wohnung schritt ein Ding, an das du nicht gewöhnt bist an das du dich nicht
gewöhnen darfst
Und während ich so bei mir sprach war ich im Begriff über die Straße
hinüber zu gehen zu einer Hausecke an welcher ich im Lichte einer Laterne die
Teaterzettel sah aber ich kehrte sofort wieder um Nein nein murmelte ich
du willst deiner Feigheit keinen Vorschub leisten denn eine Feigheit ist es und
bleibt es
So kam ich zu Hause an wo mich Hermine ungeduldig erwartete Ich hatte ihr
von meiner Zusammenkunft mit dem Fürsten gesagt aber nicht was der Gegenstand
derselben sein werde ohne zu bedenken dass dies Verschweigen einer Sache die
so bald entschieden werden musste zu nichts führen könne als ihre heimliche
Sorge zu vergrößern Auch das wurde mir klar als ich in ihre ängstlich auf mich
gerichteten Augen blickte Aber sollte ich auch dies jetzt sagen Alles auf
einmal was ich ihr bisher so sorgfältig verschwiegen Eine Verwirrung die mir
den Kopf benahm eine Angst die mir das Herz zusammendrückte bemächtigten sich
meiner Ich wollte aus diesem Zustand heraus wie Jemand aus einem Zimmer will
in welchem er zu ersticken fürchten muss und wie ein solcher den ersten besten
Ausweg nimmt den er findet und wäre es durch das Fenster so sagte ich als
wenn ich etwas Auswendiggelerntes vorzutragen hätte »Der Fürst wünscht mich im
Theater zu sehen er hat mir noch eine Mitteilung zu machen die nicht gut bis
Morgen anstehen kann Er hat auch den Wunsch geäußert Du möchtest mich wo
möglich begleiten Er ist sehr freundlich gegen mich gewesen ich fühle mich ihm
sehr verpflichtet ich möchte ihm gern eine Aufmerksamkeit erweisen wenn Du
mich darin unterstützen willst«
»Sie spielt wohl heute« sagte Hermine und ihre Lippen zuckten und ihre
Augenbrauen waren finster zusammengezogen
»Was geht das mich was geht es uns an Hermine«
Ich breitete meine Arme aus und Hermine lag an meiner Brust Die ganze so
lange zurückgehaltene Leidenschaft brach mit einem Male aus sie schluchzte sie
lachte und rief unter Weinen und Lachen »ja ja was geht es uns an was geht
es uns an«
Ihr süßes Gesicht das in der letzten Zeit so bleich und manchmal verstört
ausgesehen hatte strahlte von Glück und Leben ich glaubte sie nie so schön
gesehen zu haben
»Du wirst Furore machen« sagte ich scherzend
»Und das will ich auch« sagte sie »es ist keine Kunst schön zu sein wenn
man so glücklich ist«
Und sie warf sich wieder in meine Arme und eilte in ihr Ankleidezimmer aus
welchem sie bald in einer einfachen geschmackvollen Toilette wie sie sie zu
machen verstand zurückkam
»Glaubst Du dass ich mich so vor dem Fürsten sehen lassen kann« fragte sie
schelmisch
»Vor jedem Könige der Welt«
»Trotz alledem« fragte sie mit der reizendsten Bewegung
»Trotz alledem«
Der Weg nach dem Theater war sehr kurz dennoch hatte ich auf diesem kurzen
Wege die Zeit ihr Alles zu sagen was ich mit dem Fürsten verhandelt den
Verkauf Zehrendorfs die Notwendigkeit dieses Verkaufs Und das holde Geschöpf
stimmte Allem Allem bei Ach wohl hatte der Doctor recht ein Mann kann seiner
jungen Frau Alles sagen aber ich hatte doch auch recht dass man den gelegenen
Augenblick dazu benutzen müsse
Wir kamen im Theater an Der Fürst hatte mir gesagt dass in der Loge die er
für sich bestellt noch Platz sei und das war gut denn das Haus war
ausverkauft Es wurde ein neues Stück gegeben von einem jungen Dichter der
damals viel von sich reden machte ein KonversationsStück in welchem Konstanze
nicht beschäftigt war wie ich mich durch einen Blick auf den Teaterzettel
überzeugte Es war noch nicht sehr spät dennoch waren das Parquet und die
oberen Ränge schon dicht besetzt nur die Logen begannen erst sich zu füllen
Auch der Fürst war noch nicht da er kam als das Orchester bereits eine Zeit
gespielt hatte in Begleitung eines höheren Offiziers den er uns als seinen
Vetter den Grafen Schmachtensee vorstellte Er sah im Frack und weißer
Cravatte um den Hals ein blaues Band an welchem ein ausländischer Orden in
Brillanten funkelte ganz reizend und sehr vornehm aus und war die
Liebenswürdigkeit selbst gegen Hermine die er wegen seines späten Kommens um
Entschuldigung bat und dann neben ihr Platz nahm um weiter mit ihr zu
plaudern und nach einigen Minuten leise wieder aufzubrechen da die königliche
Hoheit welche ihn zu sich befohlen hatte eben in ihrer Loge erschienen war
Oberstlieutenant Graf Schmachtensee den sein fürstlicher Vetter in einer so
bedenklichen Situation zurückgelassen hatte mochte nicht recht wissen was er
mit uns anfangen solle bis er auf den glänzenden Einfall kam mir sein
Opernglas anzubieten das ich dankend ablehnte So nahm er es denn selbst vor
seine gräflichen Augen und blickte nach der Loge uns gegenüber so lange dass
meine Augen unwillkürlich zuletzt dieselbe Richtung nahmen Und da sah ich uns
gerade gegenüber eine Dame welche in diesem Augenblick ihren Kopf zu einem
Herrn der hinter ihr saß gewendet hatte in der ich aber trotzdem auf den
ersten Blick Konstanze erkannte
Ich weiß nicht welchen Eindruck diese Entdeckung auf mich gemacht haben
würde hätte ich mich mit Herminen nicht eben erst so köstlich verständigt und
auch so noch schlug mir das Herz als ich bemerkte dass Hermine in diesem Moment
ihr Glas ebenfalls dorthin richtete aber ich atmete freudig auf und murmelte
ein Gott sei Dank aus tiefstem Herzen da sie jetzt das Glas sinken ließ um
die Augen mit einem unbeschreiblich schelmischen Lächeln auf mich zu wenden
Dann blickte sie als eben der Vorhang emporging auf die Bühne ohne noch
einmal nach ihr zu sehen deren Gestalt wohl nur zu oft in der letzten Zeit
durch ihre schwermütigen Träume geglitten war
Konstanze ihrerseits schien was auf der Bühne vorging weniger zu
interessieren Ich sah ihr Glas fast beständig auf uns gerichtet wenn sie sich
nicht mit ihrem Begleiter unterhielt der sich jetzt neben sie gesetzt hatte und
in welchem ich den Schauspieler von Sommer genannt Lenz erkannte oder
rückwärts gewandt mit ein paar anderen ebenfalls jüngeren Herren in feinster
Toilette und von aristokratischem wenn auch fremdländischen Aussehen es
waren ein paar walachische Edelleute wie ich später erfuhr die offenbar zu
ihrer Gesellschaft gehörten Unzweifelhaft war von uns die Rede und vermutlich
nicht in der liebevollsten Weise ich glaubte mehr als einmal zu bemerken wie
sich das blasse Gesicht des Herrn Lenz zu einem widrigen Lächeln verzerrte und
ihre Begleiter unter den Opernguckern geradeheraus lachten
War es das allzu auffällige Interesse welches die schöne dem ganzen
Publikum bekannte Schauspielerin und ihre Gesellschaft an der Dame ihr gegenüber
in der Loge zu nehmen schien war es die reizende Erscheinung Herminens aber
das Publikum folgte in dem Zwischenact dem gegebenen Beispiel und diese
unbequeme auf uns gespannte Neugier nahm noch zu als jetzt der Fürst wieder
erschien und auf dem Fauteuil neben Hermine Platz nahm Man stand unten im
Parquet auf um bequemer sehen zu können man steckte die Köpfe zusammen
blickte dann wieder von Hermine zu Konstanze und schien zwischen den beiden in
ihrer Art gleich schönen Frauen die interessantesten Vergleiche anzustellen
Ohne Zweifel hatte auch der Fürst Konstanze bemerkt aber vergebens dass ich in
seinem Gesicht nach einer Spur des Eindrucks suchte den diese unerwartete
unselige Begegnung ohne Zweifel auf ihn machte Er hatte nicht umsonst von
Jugend auf sich in Kreisen bewegt wo es als erste Regel gilt seine Mienen
unter strengster Kontrole zu halten Er lachte und scherzte auf das scheinbar
unbefangenste mit Herminen nannte ihr die Namen der hochgestellten Personen
seiner Bekanntschaft in den ProsceniumsLogen wandte sich dann wieder zu seinem
Vetter und zu mir und schien sich Alles in Allem auf das köstlichste zu
amüsiren
Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in dem zweiten Zwischenact nur dass
diesmal noch ein Kammerherr der hohen Frau in unsere Loge kam um sich im
Auftrage seiner Gebieterin bei dem Fürsten nach dem Namen der Dame zu
erkundigen von deren Schönheit und Liebenswürdigkeit ihre Hoheit vollkommen
entzückt sei
Der Fürst teilte uns das lachend mit als der stattliche Herr sich wieder
entfernt hatte und meinte es sei gar nicht unmöglich dass ihre Hoheit uns noch
in das Sprechzimmer befehlen würden und ich möge mich nur auf den
Kommerzienrat oder auf die vierte Klasse gefasst machen
Ich gestehe dass, wenn ich auch nicht gerade an das Hereindrohen dieses
Unglücks glaubte sich doch meiner ich weiß nicht wie immer mehr die
Empfindung bemächtigte als müsse irgend ein nahe bevorstehendes ernstliches
Unheil in der heißen Luft des Saales schweben Dazu kam dass ich zu bemerken
glaubte wie Hermine die Hitze das viele Sprechen die Aufmerksamkeit deren
Gegenstand sie war über Gebühr aufregte und angriff und so bat ich denn
nachdem ich mich mit ihr durch einen Blick verständigt bei Beginn des dritten
Zwischenactes den Fürsten uns beurlauben zu dürfen um so mehr als der
Banquier Hensel nicht gekommen war und also unser Geschäft doch nicht weiter
gebracht werden könne Der Fürst erhob sich sogleich und bot Herminen den Arm
um sie selbst auf den Korridor zu führen auf welchen in diesem Augenblick aus
dem unerträglich heißen Saale durch alle Logentüren die Menge strömte
Es entstand ein Gedränge und wir wurden von dem Fürsten der sich eben
Hermine empfohlen hatte schnell getrennt in dem Augenblicke als Konstanze am
Arm des Herrn Lenz und gefolgt von den beiden Walachen an mir vorüber rauschte
Sie grüßte mich in einer Weise die unter dem Anschein großer Verbindlichkeit
äußerst spöttisch war aber das blasse Gesicht ihres Begleiters wandte sich
nicht für einen Moment zu uns seine großen Augen die Jemand zu suchen
schienen hatten einen starren unheimlichen Ausdruck Er ließ sogar seine Dame
los ohne Zweifel um schneller durch die Menge kommen zu können in der
Richtung in welcher ich den Fürsten zuletzt gesehen Dann schoben sich wieder
andere Personen dazwischen und ich hatte die vier aus den Augen verloren
Hermine die mit ihrer Toilette beschäftigt gewesen hatte Konstanze glücklicher
Weise gar nicht bemerkt sie bat mich jetzt ihr so schnell als möglich
hinauszuhelfen Wir waren bereits die Treppe ein paar Stufen hinabgegangen als
plötzlich hinter uns auf dem Korridor ein Lärm entstand Hermine war stehen
geblieben und hatte sich in halber Ohnmacht auf meinen Arm gelehnt Das gab
einen kleinen Aufenthalt während der Lärm oben immer größer wurde das Summen
von vielen Stimmen die alle auf einmal sprachen dazwischen laute Worte wie es
schien von Beamten des Hauses welche sich bemühen mochten die Ordnung wieder
herzustellen Ein Herr kam eilig an mir vorbei Ich hielt ihn an »was gibt
es«
»Der Fürst Prora ist von dem Schauspieler Lenz auf das gröblichste insultirt
worden«
Der Herr eilte weiter
Ich blickte auf Hermine sie hatte es nicht gehört sie durfte es nicht
hören sie musste entfernt werden bevor sie wieder zur Besinnung kam Ich trug
sie die Treppe hinab hob sie in einen Wagen und fuhr mit ihr nach Hause wo sie
noch etwas schwach aber sonst wieder hergestellt anlangte Ich solle mich nur
nicht um sie ängstigen und es sei ein köstlicher Abend gewesen für den sie mir
tausendmal danke und nun wolle sie zu Bett gehen und ich müsse auf jeden Fall
wieder in das Theater der Fürst dürfe nicht wissen wie fest sie mich am Bande
habe
Ich tat als ob ich nur ihren Wünschen nachkomme und versprach in das
Theater zurückzukehren
In der Tat war ich schon vorher dazu entschlossen gewesen Wenn es sich
bestätigte was mir der Herr auf der Treppe zugerufen und wie konnte ich daran
zweifeln so war das Unglück welches ich in der heißen Luft des Theaters
vorausgeahnt hatte eingetroffen Ich dachte der Szene im Walde von Zehrendorf
vor so viel Jahren und wie der Knabe lieber hatte sterben wollen als von
meiner Hand einen Streich erdulden dessen Zeuge Niemand gewesen wäre als der
Mond am Himmel Würde der Mann jetzt anderen Sinnes sein würde er nicht Alles
daran setzen eine Beleidigung zu rächen die ihm dem Fürsten von Prora
Angesichts so vieler Menschen widerfahren war
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Aber ich hatte das Haus kaum verlassen als mir einfiel dass der Fürst nach dem
was geschehen unmöglich noch im Theater sein könne So schlug ich denn den Weg
nach seinem Palais ein Es mochte gegen neun sein der Abend war sehr rau
geworden trotzdem wir uns schon im Anfang des März befanden der Schnee
stöberte durch die windige Luft und wirbelte um die Ecken die Fußgänger eilten
mit aufgeschlagenen Kragen und vornübergebeugten Köpfen und ich musste des
Abends denken vor einem Jahre als ich die Unselige hier im gelben Licht der
Laternen an den Trittstufen zu dem Portale des Palais sah vor welchem ich jetzt
atemlos anlangte Die Rache die damals aus ihren dunklen Augen gesprüht die
ihr Mund geatmet die Rache zu der sie mich damals vergebens geworben mit dem
höchsten Preise den ein Weib bezahlen kann die süße schreckliche Rache sie
hatte endlich den rechten Mann dafür gefunden
Ich hatte durchaus das Gefühl dass dies hatte so kommen müssen dass ein
Fatum ein längst beschlossenes dem weder ich noch irgend Jemand Widerstand
leisten könne hereingebrochen sei ich fragte mich was mich hierhergeführt
was ich hier wolle und konnte keine Antwort darauf finden als ich bereits in
dem steinernen Vorsaal stand und den alten Diener den man herbeigerufen
beschwor mich zu seinem Herrn zu führen
»Ich darf Niemand vorlassen« sagte der alte Mann
Er sah sehr verstört aus seine Stimme bebte als er das sagte und die
welke Hand die er abwehrend erhoben hatte zitterte
In diesem Augenblick wurde die Tür die zu dem Zimmer führte in welchem
der Fürst mich heute Nachmittag empfangen geöffnet der Graf Schmachtensee trat
heraus und kam an uns vorüber mit demselben starren Blick den ich im Theater an
ihm bemerkt hatte Ohne Zweifel brauchte er sich jetzt nicht wie vorhin Mühe
zu geben an mir vorbeizusehen er sah mich wirklich nicht So war was ich
gefürchtet was ich hatte fürchten müssen in vollem Gange Ich konnte mich
nicht länger halten und eilte ohne auf die abwehrende Bewegung des alten
Dieners zu achten durch die Tür aus welcher der Graf gekommen durch ein
großes Vorzimmer in das zweite dessen offene Tür mir bereits den Fürsten an
seinem Schreibtische sitzend gezeigt hatte
»Dies an den Herrn Hartwig sogleich« sagte er indem er ohne
aufzublicken mit der Linken einen Brief hin hielt während er die Stirn in die
Rechte stützte
»Ich bin es selbst« sagte ich ihm den Brief aus der Hand nehmend die ich
dann in der meinen festhielt
Die Hand war kalt und bleich war das Gesicht das er jetzt zu mir wandte
totenbleich nur dass auf der rechten Wange ein roter Fleck glühte als hätte
ihn da des Henkers Hand eingebrannt
»Sie hier« fragte er erstaunt »Nun das ist ja schön da kann ich Ihnen
gleich sagen was der Brief enthält den ich einzustecken bitte die
schriftliche Wiederholung der Verabredung die wir heute getroffen haben mit
dem Zusatz dass ich den Fürsten meinen Vater gebeten habe diese Verabredung
auf jeden Fall auszuführen auf jeden Fall«
Ich hielt noch immer seine Hand erfasst und versuchte vergeblich ein Wort
hervorzubringen Wenn ich für die Teilnahme die mir der Mann einflößte noch
einer Erklärung bedurfte ich hatte sie jetzt ich hielt sie in den Händen und
dieser Mann sollte das Opfer eines schnöden Verrates werden Dieser Mann der
durch alle Verführungen seines Standes und Reichtums sich den angeborenen
Edelmut und die Güte seines Herzens so rein bewahrt hatte sollte in die
Schlinge fallen an die er vor Jahren mit übermütigjugendlichem Fuße gerührt
Und das war es was ich ihm sagte als ich endlich die Worte fand und ich
sagte auch dass ich den Gedanken nicht ertragen könne und ob es kein Mittel
keines gäbe sich aus den Schlingen zu lösen
»Setzen Sie sich« sagte der Fürst der sich erhoben hatte indem er mich an
den Kamin führte in welchem das Feuer behaglich flackerte auf einen Sessel
deutete und mir gegenüber Platz nahm »Habe ich es nicht gesagt dass Sie ein
Original sind Denn nur ein Mann der sich bis in sein dreissigstes Jahr den
frommen Kindersinn bewahrt hat das heißt ein Original kann auf den Einfall
kommen einen Fürsten von Prora zu fragen ob es nicht möglich sei die Schmach
die man ihm in Gegenwart von ein paar Dutzend Zeugen angetan geduldig durch
sein ganzes Leben zu tragen«
Er sagte das sehr freundlich und mit dem Bestreben zu lächeln aber seine
bleichen Lippen zuckten und der rote Fleck auf seiner Wange glühte tiefer auf
»Ich bin kein Kind Durchlaucht« sagte ich »aber wohl mag es sein dass
ich einsam wie ich gelebt habe mich wenig verstehe auf die große Welt und was
darin Brauch und Sitte und Regel ist Ich weiß nur dass in meinem Herzen eine
Stimme schreit es darf nicht sein Und dann wenn auch diese Stimme auf dem
Markte des Lebens machtlos verhallt muss es denn sein muss es wirklich sein
nach den Paragraphen jener Ehre die ich nicht verstehe«
»Ja es muss sein« erwiderte der Fürst »auch ich habe es nicht um
meinetwillen sondern um dererwillen denen ich gern etwas geworden wäre
überlegt aber es muss sein«
»Und Ihre Stellung« fing ich an
»Schützt mich nicht« entgegnete der Fürst mit einem Lächeln wie eines
Lehrers der die törichten Einwürfe eines Schülers widerlegt »Ich bin kein
souverainer Fürst wenn auch meine Vorfahren souverain waren Ich bin ein
Edelmann wie andere auch und denselben Gesetzen unterworfen und mein
Beleidiger ist ebenfalls ein Edelmann Die SommerBrachenfelde von denen er in
gerader Linie abstammt sind ein uraltes Geschlecht so alt fast wie das
meine«
»Aber ein notorischer Wüstling ein elender Abenteurer wie dieser Mensch
hat er nicht das Recht verscherzt von einem Fürsten Prora vor die Mündung
seiner Pistole gefordert werden zu können«
»Ich glaube nicht« erwiderte der Fürst immer mit demselben freundlichen
Lächeln »Der Mann ist ein Abenteurer freilich aber ich habe mir in Irland
einen Burschen zeigen lassen der von den legitimen Königen der grünen Erin
abstammte und die Schweine hütete und in Paris in einem Caféchantant habe ich
den veritablen Sprössling einer alten HerzogsFamilie gesehen der vor einem
Publikum von Blousenmännern und Freudenmädchen obscöne Lieder zur Guitarre sang
Dagegen ist ein königlicher Hofschauspieler eine sehr respectable
Persönlichkeit Und dann bin ich meiner Zeit kein Wüstling gewesen und kann
ich wissen was aus mir geworden wäre wenn der Familienrat mich wirklich von
der Succession ausgeschlossen und mich mit irgend einer Abfindungssumme in die
Welt gestoßen hätte Die Summe wie groß sie auch gewesen wäre würde nicht
lange bei mir geblieben sein und dann nein nein ich habe nach keiner Seite
hin das Recht ja auch nicht einmal einen Vorwand mich nicht zu schlagen
selbst wenn ich nach einem Vorwand suchte«
Der Fürst schwieg Draußen fegte der Winterwind durch die Straßen und heulte
und winselte um das Palais wie ein hungriger Wolf um die Hürde und hier im
Zimmer strömte das Licht so mild aus den Lampen auf den Marmortischen über die
prächtigen Möbel und in dem Kamin flackerte und knisterte die Flamme so
behaglich und umgeben von all der Pracht umflossen von dem milden Licht vor
dem Feuer seines Heerdes saß der Herr dieses Hauses der auch nicht einmal nach
einem Vorwande suchte sich nicht zu schlagen mit einem Abenteurer der
vermutlich nichts zu verlieren hatte als sein nacktes Leben
»Ich suche nach keinem« sagte der Fürst noch einmal »ja ich glaube ich
würde selbst den allerüberzeugendsten wenn er sich wirklich fände
zurückweisen Ich will nicht davon sprechen dass es mir unmöglich dünkt in dem
Bewusstsein dieser Schmach fortzuleben so unmöglich als sollte ich mein Leben
mit Beutelschneiden fristen aber ich habe durchaus das Gefühl dass dies ein
Verhängnis ist welches über mich hereingebrochen und gegen das sich zu
sträuben ganz vergeblich wäre«
Er hob die Augen als er das sagte und sein Blick streifte über das Bild
des jungen Kavaliers in der phantastischen Tracht von dem er mir gesagt hatte
dass es seinen Vater vorstelle und das in einiger Entfernung vor uns von dem
Lichte einer großen Lampe hell erleuchtet an der Wand hing
»Ganz vergeblich« wiederholte er mit einem tiefen Seufzer den Blick von
dem Bilde ab auf die Flamme des Kamins wendend auf welche die starren Augen
gerichtet blieben während die bleichen Lippen sich zu einem Worte bewegten das
nicht herauskam und das ich doch deutlich zu hören glaubte »ganz vergeblich«
Das war derselbe böse Zauber der von Anfang an auf mir gelegen hatte Was
geschehen war eben jetzt es war lange lange vorbereitet gewesen es hatte
schon in den Sternen gestanden die an dem herbstlichen Himmel funkelten in
jener Nacht als der junge Fürst von Prora durch den Park von Zehrendorf zu
seinem Liebchen schlich Ich saß da die fiebernde Stirn in die Hand gedrückt
und dachte jener Nacht und dass ich sie hatte beschützen sollen die damals
nicht hatte beschützt sein wollen die schon damals nichts als Verrat gesonnen
und gesponnen die schon damals eine Buhlerin gewesen war die wenn ich der
Aussage des guten Hans glauben durfte ihren Liebhaber viel mehr verraten
hatte als sie von ihm verraten war und die trotzdem wie eine Rachefurie den
Mann verfolgte der weiter keine Schuld gegen sie hatte als dass er der erste
gewesen war wenn er es war
Ich musste diese Gedanken wie sie durch meinen Kopf gingen laut gesagt
haben während der Fürst in dem Gemache auf und abschritt und endlich neben mir
stehen blieb mir die Hand auf die Schulter legend »Sie guter Mensch« sagte
er »wie treu Sie es meinen Und wie Sie die Schuld häufen die ich immer noch
nicht abgetragen habe die ich so gern abtragen möchte bevor es zu spät ist
Vielleicht kann ich es dadurch dass ich Ihnen gegenüber tue wozu ich mich
gegen Niemand sonst herbeilassen würde dass ich mich zu rechtfertigen suche über
die Rolle die ich in diesem unseligen Handel gespielt habe Und vielleicht bin
ich es auch ihr schuldig und ich möchte gern alle meine Schulden bezahlen ich
möchte dass ein Mensch lebt der weiß wenn Fürst Karl von Prora sterben sollte
wie und warum er denn eigentlich gestorben ist«
Er machte eine abwehrende Handbewegung und fuhr fort die schönen sanften
Augen regungslos auf den Kamin gerichtet in welchem die Scheite allmälig
verglimmten
»Sie meinten Konstanze habe nie geliebt weder mich noch einen Andern sie
könne gar nicht lieben und man könne deshalb auch nicht an ihr zum Verräter
werden Sie haben mich so zu rechtfertigen geglaubt aber es stimmt nicht
Konstanze hat mich wirklich geliebt und ich habe sie dennoch nicht verraten Ob
ich sie geliebt habe das ist eine andere Frage die ich wohl kaum bejahen
möchte die ich um vieles nicht bejahen möchte Ich war sehr jung als ich sie
zuerst in dem unglücklichen Bade sah ein halber Knabe und wie so Knaben
lieben phantastisch scheinbar innig und doch ohne alle Tiefe so mag ich sie
denn auch geliebt haben Ich geberdete mich wenigstens wie ein Rasender als
mein Vater kam und mir sagte dass ich die Tochter eines professionirten
Spielers eines notorischen Schmugglers nicht heiraten könne um so weniger
als sie nicht das legitime Kind dieses schrecklichen Vaters sei Doch das wissen
Sie das habe ich Ihnen schon selbst erzählt und es war das auch Alles was er
mir sagte aber nicht Alles was er mir hätte sagen können hätte sagen sollen
Und dass er mir nur die halbe Wahrheit gesagt dass er das Wichtigste verschwieg
aus einer wie ich es jetzt sagen muss falschen Scham vor seinem Sohn dem er
nicht in dem Licht eines bösen Beispiels erscheinen wollte aus Pruderie vor der
Welt die ihn schon längst als den Beschützer der Kirche als den
gottesfürchtigen Herrn kannte das ist der böse Samen aus dem all dies Unheil
hervorgewachsen ist für mich für ihn selbst
Ich kann nicht sagen dass die Abmahnung des Fürsten ganz vergeblich gewesen
wäre aber auch nicht dass sie mich überzeugt hätte Ich war eben ein Knabe ein
wilder ungezogener Knabe gewohnt meinen Willen zu haben weil es mein Wille
war meinen Willen zu haben oft gegen meinen Willen So war es auch in diesem
Falle Der Fürst überzeugt dass ich ihm gehorsam sein würde hatte die
Unvorsichtigkeit begangen mich in Begleitung meines Gouverneurs nach Rossow
zu schicken damit ich da jagen meine zerrüttete Gesundheit wieder kräftigen
und nebenbei um die schöne Komtesse Griebenow werben könne die mir von den
beiden Häusern zugedacht war Wie leicht es einem achtzehnjährigen Jungen der
Geld genug in der Tasche hat wird seinen alten Lehrer zu täuschen seine
Diener zu bestechen das brauche ich Ihnen nicht zu sagen Ich war am Morgen
drüben in Griebenow und des Abends Sie wissen wo So spielte das Stück das
durch unsere Begegnung im Walde fast zu einem jähen Ende gekommen wäre bis es
mir schon am folgenden Tage gelang einen längst entworfenen Plan auszuführen
und die Geliebte zu entführen
Ich hatte meine Vorbereitungen so gut getroffen dass ich den Nachforschungen
des Fürsten entgehen konnte trotzdem er Himmel und Hölle aufbot der
Flüchtlinge habhaft zu werden Er hätte sich ohne Zweifel selbst aufgemacht nur
dass ihm der Schreck über das Geschehene sein altes gichtiges Leiden in
bedenklichster Weise zurückgebracht hatte Und wohl hatte er Ursache
erschrocken zu sein«
Der Fürst erhob sich plötzlich von seinem Sitz und machte ein paar Gänge
durch das Zimmer wobei er einmal wieder vor dem Bilde seines Vaters stehen
blieb und finsteren Blickes hinauf sah Dann kam er wieder zu seinem Stuhle
zurück
»Ich war bereits bis München gekommen als der Alte den Sie gesehen haben
uns einholte Er war mit einem Briefe ausgerüstet der in Chiffren in welchen
wichtige Nachrichten von den Mitgliedern meiner Familie untereinander
ausgetauscht werden von meines Vaters Hand wenige Zeilen enthielt die ich las
um laut aufzulachen Die Zeilen lauteten Ich beschwöre Dich bei Allem was Dir
heilig ist trenne Dich sofort von ihr wenn Du nicht eine entsetzliche Schuld
auf Dich laden willst Konstanze von Zehren ist Deine Schwester«
»Um Gotteswillen« rief ich
»Ich lachte wie gesagt« fuhr der Fürst fort »lachte wie toll über den
famosen Einfall und wurde dann auf einmal sehr ernst und fühlte wie ein
Schauder mir über den Leib lief der bis ins Herz drang und in dem Herzen
sitzen blieb«
»Ich war in der Depesche bis der Fürst im Stande sein werde mir
ausführlich zu schreiben für eine vorläufige Erklärung an den Alten gewiesen
Er der von Jugend auf dem Fürsten attachirt gewesen war ihn auf allen seinen
Fahrten begleitet hatte konnte freilich besser wissen als irgend ein Anderer
was an der Sache sei Er war mit dem Fürsten in Paris zu der Zeit als Herr von
Zehrendorf auf seiner wilden Flucht von Spanien mit seiner Geliebten dort ankam
Die Herren waren vormals sehr intim gewesen man hatte die beiden jungen
schönen Männer als sie an unserem Hofe gleichzeitig verkehrten Orestes und
Pylades genannt Aber es scheint dass die Freundschaft sehr erschüttert war als
der Fürst seine Gemahlin meine Mutter heimführte um die auch Herr von Zehren
geworben Ob der Fürst seinem Jugendfreunde dies nicht vergeben konnte ob Herr
von Zehren der ein überaus leidenschaftlicher Mann gewesen sein muss auch noch
später dem Fürsten Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben ich weiß es nicht
aber es scheint dass der Fürst nicht nur von den persönlichen Reizen der jungen
Spanierin gefesselt wurde die von Gewissensbissen gefoltert und vielleicht
ebenso wankelmütig als sie schön gewesen sein soll dem Freunde ihres Geliebten
ein Vertrauen schenkte das dieser missbrauchte vielleicht auch wirklich eine
Liebe die er nur nicht zurückwies War der Fürst der Vater des Kindes welches
neun Monate nach diesen Ereignissen geboren wurde Eine Gewissheit war wie dies
in solchen Fällen zu sein pflegt nicht vorhanden und die Zweifel die der
Fürst nach dieser Seite hin hegte wären vielleicht nie beseitigt weil die
Unglückliche als sie ein paar Jahre später mit fliegenden Haaren in Rossow wo
sich der Fürst eben aufhielt sich ihm zu Füßen stürzte rufend dass er der
Vater ihres Kindes sei dass er sie und ihr Kind vor ihrem Verfolger schützen und
ihr sagen müsse wo der Weg nach Spanien gehe weil sie sage ich damals
bereits wahnsinnig war aber einige andere Umstände sprachen allerdings dafür
Eine alte Dienerin dasselbe entsetzliche Weib das auch noch später bei
Konstanze war und das Sie ja auch gekannt haben werden sagte aus ihre junge
Gebieterin habe ihr von Anfang an versichert Herr von Zehren sei nicht der
Vater des Kindes Auch sie mochte lügen aber die Natur pflegt sich dergleichen
nicht zu Schulden kommen zu lassen Konstanze hat den Mann der für ihren Vater
galt gehasst ich möchte sagen von Kindesbeinen an und der Fürst fand in dem
Kinde das er heimlich zu sehen wusste eine Ähnlichkeit von der vielleicht
noch Spuren selbst auf jenem Bilde zu entdecken sind«
Der junge Mann deutete mit zitternder Hand auf das Portrait seines Vaters
aber er sagte nur was ich selbst während er mir diese entsetzliche Geschichte
erzählte schon längst gefunden hatte Er musste in meinen Mienen lesen was mein
Mund auszusprechen sich scheute denn er fuhr die schönen schwermütigen Augen
starr auf mich gerichtet fort Sie finden es auch nicht wahr Man findet das
Wahre leicht wenn mit dem Finger darauf gedeutet wird und so fand ich es als
mir der Alte seine fürchterliche Beichte gemacht hatte Aber wie aus der
unseligen Verstrickung sich lösen Ich hätte vielleicht dem Befehle des Fürsten
nicht gehorchen hätte Konstanze Alles sagen müssen aber ich kann nicht oft
genug wiederholen dass ich noch sehr jung und wenig im Stande war die Folgen
meiner raschen Entschlüsse zu überlegen So meinte ich es denn wunder wie gut zu
machen wenn ich Konstanze wo möglich für die Liebe vor der mich jetzt
schauderte Hass einflößte zum wenigsten Entfremdung Die Mittel um zu diesem
Ziele zu gelangen hatte sie mich selbst gelehrt Ich erwiderte ihre Launen mit
Launen ihren Trotz mit Trotz ich spielte mein Spiel so gut dass ich es wohl
gewinnen musste Was sie darunter gelitten das habe ich nie aus ihrem Munde
gehört aber ich sah es an ihren täglich blasser werdenden Mienen ich sah es an
ihren oft in Wahnsinn flammenden Augen Endlich kam die Katastrophe Ich hatte
mich nach einer heftigen Szene die ich provocirt in Neapel wohin das
unglückliche Paar mittlerweile gekommen war ich weiß heute selbst noch nicht
wie oder warum von ihr getrennt in der festen Überzeugung dass sie die
reichlichen Mittel die ich ihr zurückgelassen zur Rückreise zu einer Flucht
benutzen würde mit der sie mir schon so oft gedroht Aber das wäre zu wenig der
Rache gewesen welche sie für meinen Verrat an mir nehmen zu müssen glaubte
Sie die ich für unsäglich stolz gehalten sie hatte sich dem Ersten Besten als
Maitresse in die Arme geworfen einem albernen Fant dessen Bekanntschaft wir
unterwegs gemacht Mich schaudert denke ich daran was die Unglückliche dieser
erste Schritt gekostet hat und mich schaudert muss ich denken wie wenig wie
so gar nichts die weiteren Schritte sie gekostet haben
Der arme Mann seufzte tief und sein Seufzer erweckte in meiner Brust ein
fürchterliches Echo Wusste ich doch selbst nur zu gut hatte ich es doch selbst
erfahren wie wenig wie so nichts die Unglückliche ein Schritt weiter auf ihrer
unseligen Bahn kostete
»Wohin wollen Sie« sagte der Fürst
Ich war aufgesprungen und hatte ein paar Schritte nach der Tür getan
»Wohin wollen Sie« wiederholte er
Ich griff mit beiden Händen an die Schläfen die mir zu springen drohten
»Ich weiß es nicht« sagte ich »ich weiß nur dass dieses Duell nicht zu Stande
kommen darf«
Der Fürst zuckte lächelnd die Achseln
»Es ist allerdings wunderlich genug« sagte er
»Und es gibt kein Mittel keins« rief ich
»Ich wüsste nicht« sagte der Fürst mit demselben wehmütig freundlichen
Lächeln »der junge Mensch müsste denn erklären dass er wahnsinnig sei Und auch
das würde noch nichts helfen denn Jemand der sich für wahnsinnig erklärt ist
es eben nicht ach da bist Du ja schon lieber Edmund«
Ich hatte nicht gesehen dass hinter mir Graf Schmachtensee in das Zimmer
getreten war Der Fürst ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand der Graf
sagte »ich komme « brach aber dann kurz ab und richtete seine starren
verwunderten Augen auf mich den er eben erst bemerkte
»Ich muss Sie jetzt entlassen« sagte der Fürst »ich danke Ihnen recht
herzlich für Ihren Besuch recht herzlich« und dabei drückte er kräftig mit
seiner frauenhaft schlanken Hand meine Hand »leben Sie wohl«
Ich war schon an der Tür als er mir nachkam und mir nochmals die Hand
reichte »Leben Sie wohl« sagte er und setzte dann in leisem Ton hinzu »wenn
auch für immer«
Ich stand auf der Straße der Schnee flog mir ins Gesicht Als ich mich
nach dem Palais umwandte sah ich durch die heruntergelassenen Gardinen die
Schatten zweier Männer die neben einander auf und abgingen Es waren der Fürst
und sein Vetter ich wusste was sie mit einander verhandelten und dass keine
Minute zu verlieren war Ich rief einen Fiacre an der gerade vorüberkam und
hieß ihn so schnell er könne nach der Wohnung des Schauspielers von Sommer
fahren der sich Lenz nannte
Achtundzwanzigstes Kapitel
Ich habe mir später oft den Seelenzustand ins Gedächtnis zu rufen gesucht von
welchem ich in dieser unseligen Nacht beherrscht gewesen sein muss Aber es hat
mir niemals ganz gelingen wollen und so bin ich mir auch bewusst dass die
Schilderung die ich jetzt davon zu geben versuche nur eine äußerst mangelhafte
ist Ich kann nur so viel sagen dass ich mich unter dem Druck einer Leidenschaft
befand die vielleicht der höchste Grad eines Mitleids war zu welchem mein Herz
immer geneigt gewesen ist und das schon bei viel geringfügigeren Veranlassungen
in einer Weise erregt werden konnte und kann die andern kälteren und klügeren
Menschen töricht und kindisch scheint Vielleicht dass das Unerhörte wovon ich
eben Kunde erhalten anders auf mich gewirkt hätte wären die Beteiligten mir
fremde Personen gewesen aber sie waren es doch nun nicht Konstanze hatte in
meinem Leben eine so große verhängnisvolle Rolle gespielt der junge Fürst war
mir in so merkwürdigen Momenten begegnet und ich hatte Konstanze geliebt und
der Fürst hatte mir eine Teilnahme einzuflößen verstanden wie sie nur ein
älterer Bruder für einen jüngeren empfinden kann Was geschehen war erschien
mir so fürchterlich und schauderhaft was geschehen sollte Zwar hatte ich
wieder das dumpfe Bewusstsein dass ich nichts dagegen tun könne dass ich auf
einer törichten ja unsinnigen Expedition begriffen sei aber was war das Alles
gegen die Stimme die in mir schrie es darf nicht sein es darf nicht sein
In dieser ungeheuren Aufregung die mir jetzt wie ein halber Wahnsinn
vorkommt langte ich bei dem Schauspieler an der mich sehr verwundert empfing
dann aber doch nicht ohne Höflichkeit aus dem Zimmer in welchem ich ihn in
Gesellschaft eines seiner Begleiter aus dem Theater gefunden in ein zweites
führte um zu vernehmen was ich ihm zu sagen habe
Was ich ihm zu sagen habe Großer Gott es war sehr viel und es war sehr
wenig und das Viele durfte und konnte ich ihm nicht sagen denn ich fühlte dass
ich kein Recht hatte das Geheimnis mitzuteilen und dass er es wenn ich ihm es
mitteilte nur für eine elende Ausflucht halten würde auf welche die Feigheit
des Fürsten geraten sei Und das Wenige dass dies Duell nicht zu Stande kommen
dürfe was konnte das helfen was sollte der Mann tun als die Achseln zucken
und mir prüfend auf Stirn und Augen sehen ob es wohl in meinem Kopfe ganz
richtig sei Es war ein junger Mann mit einem entsetzlich verlebten und doch
nicht unschönen Gesicht und sehr ausdrucksvollen großen dunklen Augen und ich
fühlte wie mir unter dem Blick dieser Augen das Blut in die Wangen schoss Unter
diesem Blick und vor einem Wort das sich mir durchaus auf die Lippen drängen
wollte dem Wort dass, wenn er die Liebhaber Konstanzens zu züchtigen wünsche
er sich auch an die Andern und gleich einmal an mich wenden möge der ich doch
auch dazu gehöre und sogar aus einer Zeit die er gewiss für sich beanspruche
Und indem ich es nicht sagen wollte indem ich mir auf die Zähne biss es nicht
zu sagen sagte ich es doch durch die zusammengepressten Zähne in einem heiseren
zischenden Ton aus welchem mein Gegner wohl nur einen Hass heraushörte der kaum
noch an sich hält
»Also das war es« sagte er indem er sich erhob »ein begünstigter oder
verratener Liebhaber was weiß ich Nun wohl ich werde mich auch mit Ihnen
schlagen mein Herr ganz gewiss und so mit Jedem der Ansprüche auf die Gunst
der Dame macht oder hat oder auch nur zu haben vorgibt Aber der Reihe nach
mein Herr der Reihe nach Sie sind ein paar Stunden zu spät gekommen und Sie
werden einsehen dass ich mit meinen Gegnern nur abrechnen kann in der Ordnung
wie sie sich melden Kann ich Ihnen für den Augenblick noch mit etwas dienen«
Er machte eine höfliche Verbeugung und zugleich eine bezeichnende Gebärde
»Durch diese Tür gelangen Sie sofort auf den Flur« sagte er
Ich hatte mich ebenfalls erhoben und stand ihm jetzt gegenüber Ich konnte
den schmächtigen zartgebauten durch ein wüstes Leben entnervten Mann mit einem
Schlage fällen ich konnte ihm den dünnen Arm den er jetzt als ich noch
zögerte mit einer etwas theatralischen Geste nach der Tür ausstreckte
zwischen meinen Händen zerbrechen es ist das einzige Mal in meinem Leben
gewesen dass ich in die Versuchung gekommen bin meine Kraft zu missbrauchen
aber ich widerstand der Versuchung und rettete mich vor mir selbst zum Zimmer
zum Hause hinaus
Vor der Haustür hielt noch der Fiacre
»Wohin jetzt« fragte der Mann
Ich bezeichnete Konstanzens Wohnung
Das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung Es war bitter kalt und die Scheiben
in den Wagenfenstern hatten sich mit einer Schneekruste bedeckt deren Krystalle
in dem Schein der Laternen an denen wir vorüber kamen glitzerten und blinkten
Ich sah dem zu und zählte mechanisch die Sekunden bis wir wieder zu einer
Laterne gelangten und betrachtete dann wieder das Blinken und Glitzern und
wiederholte mir gewisse Sätze aus der Optik die auf die Erscheinung Bezug
hatten als hätte ich in der Welt nichts weiter zu tun auf dieser Fahrt zu
Konstanze von Zehren der Schwester des Fürsten Prora
Der Wagen hielt
Die Haustür wurde mir trotz der späten Stunde es mochte mittlerweile elf
geworden sein sogleich geöffnet die Flure und Treppen waren noch erleuchtet
man schien in diesem Hause an spätes Kommen und Gehen gewöhnt Als ich an der
Tür schellte über welcher »Ada Bellini Königliche HofSchauspielerin« in
großen goldenen Lettern prangte hörte ich drinnen ein Gewand rauschen und
Konstanze selbst stand vor mir Sie hatte ohne Zweifel einen Andern erwartet
und fuhr jetzt mit einem Schrei zurück Ich schloss die Tür ergriff sie die
mit schreckensbleicher Miene vor mir fliehen wollte an der Hand und sagte »ich
muss Sie sprechen Konstanze«
»Sie wollen mich morden« sagte sie
»Nein aber ich will nicht dass ein Anderer um Ihretalben gemordet wird
kommen Sie«
Ich führte sie halb mit Gewalt in den hell erleuchteten kostbar ja
überreich ausgestatteten Salon aus welchem sie herausgetreten und dessen Tür
noch offen war führte sie zu einem der Fauteuils in welchen sie sich setzte
die Augen fortwährend ängstlich auf jede meiner Bewegungen gerichtet
»Fürchten Sie nichts« sagte ich »fürchten Sie nichts Sie haben mich
einmal in vergangenen Tagen Ihren treuen Georg genannt der die Drachen töten
sollte die auf Ihrem Wege lauerten Ich habe dazu bisher keine Gelegenheit
gehabt oder sie nicht benutzt wenn ich sie hatte Jetzt ist die Stunde
gekommen aber allein kann ich es nicht Sie müssen mir helfen und Sie werden
mir helfen«
»Sind Sie davon überzeugt« sagte sie
Ihr Gesicht hatte plötzlich einen anderen Ausdruck angenommen Die Angst
die sich vorhin darin ausgeprägt war verschwunden und hatte einem finsteren
Hass Platz gemacht demselben Hass den ihr Gesicht gezeigt in der Nacht als sie
mich beschwor sie an dem Fürsten zu rächen
Ich weiß nicht wie ich die Worte fand ihr zu sagen was ich ihr sagen
musste aber ich fand sie und sagte es ihr
»Wie viel bezahlt Ihnen der Fürst dafür«
Das war ihre ganze Antwort
Es war dieselbe Antwort die ich von dem Schauspieler erwartet und die
nicht zu hören ich dort geschwiegen hatte Hier war es anders Es war die
Schwester zu der ich sprach sie musste mir glauben ich musste die Stelle in
ihrem Herzen finden die Natur konnte sich nicht so verleugnen
Und war es dass ich das geheimnisvolle Band zu berühren wusste welches zwei
Wesen verbindet in deren Adern dasselbe Blut rollt war es dass sich
Konstanzens scharfer Verstand den Beweisgründen die ich hervorgebracht nicht
verschließen konnte aber ich bemerkte dass der finstere Ausdruck allgemach aus
ihren Zügen verschwand und einer Verwirrung einer Bestürzung Platz machte die
zuletzt in ein vollkommenes Entsetzen überging
»Das war es« murmelte sie »das Und darum war es dass ich meinen Vater
nein nein nicht meinen Vater dass ich ihn hasste dass er mich hasste dass
aber so müsste sie es ja wissen nein nein es kann nicht sein«
Sie war von ihrem Sitze aufgetaumelt
»Wo wollen Sie hin« rief ich sie bei der Hand ergreifend
Sie riss sich los und eilte zu dem Gemache hinaus
Ich war zurückgeblieben ungewiss was ich tun solle aber da hörte ich sie
schon wieder zurückkommen nicht allein
Sie schleppte hinter sich her die Gestalt einer alten Frau die ich unter
anderen Umständen für eine Haushälterin oder dergleichen genommen haben würde
und in welcher ich jetzt schaudernd die alte Pahlen erkannte
Wie sich das grauenhafte Weib nachdem es aus dem Gefängnisse entflohen war
wieder zu ihrer Herrin gefunden hatte ich habe es nie erfahren aber je intimer
die Beziehungen gewesen sein mochten die zwischen Herrin und Dienerin bestanden
hatten desto jäher war der Bruch und desto schrecklicher die Abrechnung
»Hier hier« rief Konstanze indem sie die Alte mir fast vor die Füße
schleuderte »hier ist sie Georg ich beschwöre Sie um Gottes und aller
Heiligen willen töten Sie diese Kreatur die die Schwester an den Bruder
verkuppelt hat«
Dies Wort die Leidenschaft Konstanzens meine Anwesenheit das Alles im
Verein hatte das böse Weib überwältigt Ich las es in ihrem alten verschrumpften
Gesicht in dem schielen Blick ihrer bösen Augen dass sie sich schuldig wusste
und Konstanze sah es so gut wie ich denn als die Alte mit stotternden Worten
sich zu rechtfertigen suchte schnitt sie ihr das Wort mit einem gellen
Wutschrei ab der mir noch jahrelang nachher in den Ohren tönte »hinaus
hinaus Tier Scheusal hinaus hinaus«
Die Hexe mochte froh sein dass man ihr so zur Flucht verhalf nach der ihre
scheuen Blicke sich längst umgesehen hatten Sie stürzte zur Tür hinaus ich
habe sie nie wieder gesehen und weiß nicht wie lange sie noch ihr elendes
Dasein hingeschleppt und wo und wie sie es geendet hat
Konstanze war als die Alte uns verlassen mit dem Ausdruck der vollsten
Verzweiflung die hocherhobenen Hände krampfhaft ringend wieder und wieder
durch das Zimmer geeilt Mit einem Male warf sie sich in einer dunkleren Ecke
auf die Kniee und schien ihrem Herzen in heißem Gebet Luft zu machen Ich
bemerkte dass wo sie kniete an der Wand über ihr ein kleines elfenbeinernes
Kruzifix befestigt war und ich sah sie wiederholt das Zeichen des Kreuzes
machen und sodann wieder die Hände in brünstigem Gebet zusammenfügen Später
erfuhr ich durch einen Zufall dass Konstanze bereits in Italien in den Schoss
der alleinseligmachenden Kirche der ihre Mutter angehört hatte zurückgekehrt
war Aber welche Beruhigung sie auch später als Äbtissin eines römischen
Nonnenklosters aus Beichte und Busse geschöpft haben mag für den Augenblick
schien das Gebet ohne Wirkung geblieben zu sein schienen die Heiligen und
Reinen ihr Antlitz von ihr gewendet zu haben Sie erhob sich vor dem Kruzifix
nur um vor mir niederzustürzen meine Kniee zu umklammern und mich anzuflehen
dass ich sie vor dem Entsetzlichen retten solle Ich sagte ihr indem ich sie
aufhob dass ich bereits Alles getan habe was in meinen Kräften stehe und dass
ich zu ihr gekommen sei um von ihr zu hören ob sie selbst denn gar nichts
vermöge
»Es gibt nur ein Mittel« sagte sie »und das ist wenn wir Herrn Lenz
bewegen können sich augenblicklich von hier zu entfernen«
»Wie sollen wir das zu Stande bringen Der Mann ist offenbar nur Ihr
Werkzeug das Werkzeug Ihrer Rache aber Sie haben es nicht mehr in der Hand
oder glauben Sie«
»Vielleicht vielleicht« murmelte Konstanze »Er weiß dass ich ihn nicht
liebe er weiß dass ich Karlo und das das hat ihn rasend gemacht aber ich
weiß auch dass er mich liebt dass er für den Preis meiner Hand die ich ihm
immer verweigert habe sich zu Allem entschließen würde zu Allem Bin ich nicht
schön genug Georg um dass sich ein Mann für mich zu Allem entschließen könnte«
Sie strich mit zitternden Händen das dunkle glänzende Haar von beiden
Seiten aus dem Gesicht und lächelte mich an Ich habe nur einmal in meinem
Leben wieder ein solches Gesicht gesehen das der rondaninischen Muduse in der
Glyptotek in München und da erschien mir die berühmte Maske nur eine schwache
Kopie
»Kommen Sie« sagte ich
Sie wollte wie sie da war das Zimmer verlassen ich hüllte sie in den
Pelz in welchem sie aus dem Theater gekommen sein mochte und der noch im
Zimmer lag So verließen wir das Haus und fuhren nach der Wohnung des
Schauspielers Das Haus war verschlossen Es vergingen Minuten bis ich den
Portier herausgeklopft hatte
»Herr von Sommer ist vor einer halben Stunde abgereist«
»Wohin«
»Er hat nichts hinterlassen nur dass er vielleicht erst in wenigen Tagen
zurückkommen wird«
»Ist Niemand im Hause der besser Bescheid weiß«
»Schwerlich er hat seinen Diener mitgenommen«
»Und Sie wissen nicht wohin«
»Nein er ist in einer Droschke weggefahren«
Ich sah dass aus dem Mann der in seinem Schafpelze frierend dastand nichts
weiter herauszubringen war auch schnitt er alles Weitere ab indem er einen
Fluch zwischen den Zähnen murmelnd die Tür zusperrte
Konstanze die mir auf dem Fuß gefolgt war hatte Alles vernommen
»Vielleicht hören wir es bei ihm«
Wir fuhren nach dem Palais des Fürsten Die Fahrt ging langsam ein
orcanartiger Wind sauste durch die Straßen und der arme Gaul schleppte nur mit
Mühe den hin und hergleitenden Wagen durch den lockeren Schnee Die langsame
Fahrt war ein Bild der Reue die schwerfällig hinter der schlimmen Tat
einherzieht die sie nie erreichen kann Endlich langten wir an
Als wir ausstiegen warf ich unwillkürlich einen Blick nach dem Himmel Aus
einer freien Stelle die sich schwarz aus den weißen pfeilschnell
dahintreibenden Wolken heraus hob blinkten die ewigen Sterne Und die Worte aus
Konstanzens Lieblingslied fielen mir ein
Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne
Ich aber ich liebe
Die nächtigen Sterne
Ach diese SternenLiebe sie hatte die Arme geführt bis hierher wo die
Schwester in dieser fürchterlichen Nacht an das Haus an die Tür des Bruders
pochte der einst ihr Geliebter gewesen war
Das Palais war dunkel nur die beiden Laternen vor dem Portale brannten und
ihr gelbliches Licht in welchem die Schneeflocken jetzt wieder herabzutanzen
begannen leuchtete matt wie es vor einem Jahre jener unseligen Begegnung
zwischen Konstanze und mir an dieser selben Stelle geleuchtet hatte
Ich zog die Glocke ich hörte durch die Tür ihren blechernen Klang in dem
steinernen Flur dumpf widerhallen wie in einem weiten Grabgewölbe Niemand kam
Endlich nach Minuten tödtlicher Erwartung wurde aufgeschlossen ein Diener mit
einem Licht in der Hand stand vor mir Der Mann hatte ein weingerötetes Gesicht
und verglaste Augen offenbar hatte man in der Bedientenstube die Abwesenheit
des Herrn trefflich benutzt Er war im Begriff mir die Tür vor dem Gesichte
zuzuschlagen aber ich drängte mich hinein und jetzt erkannte mich der Mensch
der mich heute Nachmittag zweimal in dem Palais vielleicht auch schon in Rossow
gesehen hatte Er beantwortete meine Fragen mit widerlicher Unterwürfigkeit Se
Durchlaucht seien vor einer halben Stunde mit dem Herrn Grafen fortgefahren
nicht in der Equipage sondern in einer Droschke die er selbst vom Platze
gerufen habe Er wisse nicht wohin Se Durchlaucht gefahren sei Se
Durchlaucht bedienten sich manchmal einer Droschke hier lächelte der Kerl
vertraulich Se Durchlaucht werde jedenfalls erst spät zurückkommen wenn er
überhaupt zurückkomme denn er für sein Teil habe die Erlaubnis erhalten zu
Bett zu gehen
Es war augenscheinlich die höchste Zeit dass der Mann von dieser Erlaubnis
Gebrauch machte denn er schwankte hin und her während er mir mit lallender
Stimme so erzählte Es war genau dieselbe Nachricht die ich schon an der andern
Stelle eingeholt die beiden Parteien hatten bereits die Stadt verlassen um
sich der Himmel weiß wohin zu begeben wo das Zusammentreffen ohne Furcht vor
Störung von Statten gehen mochte Wir konnten nichts mehr tun und so sagte ich
Konstanzen
»Ich will nach Hause gehen und beten« sagte sie
War es eine Reminiscenz aus dem Trauerspiel war es für sie wirklich der
Schluss der Tragödie ihres Lebens aber sie sprach während ich sie wieder nach
Hause brachte kein Wort nur einmal sagte sie »Ihnen wenigstens habe ich zu
Ihrem Glück verholfen« Ich weiß nicht wie sie es gemeint hat
Neunundzwanzigstes Kapitel
Als ich nach Hause kam war es ein Uhr mir war das unbegreiflich Ich hatte die
Empfindung als ob nicht Stunden sondern Wochen vergangen wären seit ich
Hermine zuletzt gesehen Ich ging auf den Fußspitzen in unser Schlafgemach und
beugte mich über ihr Bett Sie lag so ruhig da den einen Arm über den Kopf
gelegt den andern auf der Bettdecke wie ein schlafendes Kind Und wie eines
Kindes war der Ausdruck ihres Gesichtes als wenn ein glücklicher Traum durch
ihre Seele zöge Es kam mir wie ein Verbrechen vor mit der Welt von Schmerz und
Jammer in meinem Herzen neben dieser seligen Ruhe zu wachen und wie hätte ich
schlafen können So schob ich denn leise den Schirm wieder vor die Nachtlampe
und ging leise aus dem Schlafgemach durch die dunklen Wohnzimmer in das meine
wo ich bereits ein Licht entzündet hatte
Und in dem düstern Schein dieses Lichtes das nur hier und da einen der
Gegenstände hervortreten ließ saß ich stundenlang vor dem Kamin in welchem
längst das letzte Fünkchen in der Asche verglimmt war unsäglich Schmerzhaftes
in meiner verstörten Seele wälzend Vergeblich dass ich an den alten heiteren
Mut appellirte er schien erkaltet wie die Kohlen dort vor mir die auch
einst heiß geglüht und frisch geflackert hatten vergebens dass ich mich an
all das Gute Liebe zu erinnern suchte das mir das Leben gebracht woran mein
Leben ja noch immer reich war es wollte mir nichts in dem alten Lichte
erscheinen alles grau und tot und leer als wäre die Welt eine einzige Brand
und Trauerstätte auf der jeder Baum verkohlt und jedes Blatt vertilgt war und
als wandelte ich trostlos verlassen umher zwischen den Ruinen vergangener
Herrlichkeit
Endlich musste mich doch die Abspannung nach so ungeheurer Aufregung
überwältigt haben
Und mir träumte es war eine graue Dämmerung die nicht Nacht und nicht Tag
war Ich schweifte allein auf der kahlen Fläche des Zehrendorfer Vorgebirges
über die ein scharfer rauer Wind vom Meere her fegte Es war ganz kahl und öde
und nichts außer mir zu sehen als die Ruine der alten Zehrenburg die stumm und
trotzig in die Dämmerung ragte Aber als ich herantrat war es nicht mehr die
Burg sondern ein riesenhaftes Bildnis von Stein das wiederum niemand anderes
war als der wilde Zehren der mit den starren glanzlosen Augen nach Westen
schaute wo im ewigen Meere die Sonne auf immer für ihn versunken war Und
trotzdem kein Licht die graue Dämmerung erhellen wollte blinkte hell und lustig
ein goldenes Geschmeide das der steinerne Riese der der wilde Zehren war um
den Hals trug und so blitzten die goldenen Sporen an den steinernen Füßen und
blitzte die nackte Klinge des breiten Ritterschwertes das quer über seinen
steinernen Knien lag Und als ich noch immer mit Grausen das Bildnis
betrachtete kam eine kleine Gestalt durch den hohen Ginster und näherte sich
dem steinernen Riesen den sie von allen Seiten lauernd umschlich Die kleine
seltsame Gestalt war aber der Kommerzienrat und er schnitt die drolligsten
Gesichter und machte die wunderlichsten Kapriolen als er den Riesen so fest
schlafend fand Plötzlich fing er an an den Knien hinaufzuklettern stellte
sich auf die Fußspitzen und nahm dem Riesen die goldene Kette vom Halse die er
selbst umhing sprang dann hinab und nahm das Schwert zuletzt auch die goldenen
Sporen die er sich an die eigenen Füße schnallte So schritt er mit
lächerlicher Grandezza in des Ritters Schmuck hin und her versuchte auch das
Schwert zu schwingen das er nicht heben konnte während er mit den Sporen
fortwährend im Ginster hangen blieb und die schwere Kette ihm die Schultern
zusammendrückte dass er plötzlich ein alter Mann mit krummem Rücken wurde der
sich kaum auf den Füßen halten konnte und trotzdem versuchte auf der scharfen
Uferkante hart am Rande der Kreidefelsen die lotrecht hinabfielen zur See
einher zu balanciren wie ein Seiltänzer auf dem Seil Ich wollte ihm zurufen
er solle das gewagte Spiel sein lassen um Herminens Willen aber ich konnte
nicht rufen ich konnte mich nicht bewegen und plötzlich taumelte er über den
Rand ich hörte wie der Körper unten auf den Kieseln des Strandes aufschlug
und der Riese fing an zu lachen so laut so dröhnend dass ich jäh emporfuhr
und mit wildklopfendem Herzen mich in dem Zimmer umsah in welches durch die
Gardinen eine graue Dämmerung hineinfiel die nicht Nacht und nicht Tag war
gerade wie in dem Traum und so hörte ich auch noch immer das dröhnende Lachen
aber es waren Schläge mit denen eine ungeduldige Hand gegen die Haustür
pochte Ich verließ das Zimmer um selbst zu öffnen
»Was gibt es«
»Eine Empfehlung an Herrn Hartwig und und ach Sie sind es ja selbst«
Es war der Hausknecht aus dem Hotel in welchem mein Schwiegervater schon
seit einer Reihe von Jahren wohnte so oft er in der Stadt war
»Ja ja was gibts«
»Eine Empfehlung« stammelte der Mann »von meinem Herrn und und der Herr
Kommerzienrat ist soeben in seinem Bette tot gefunden worden«
Ich sah dem Mann starr in das Gesicht er glaubte vermutlich dass ich ihn
nicht verstanden habe und stotterte seine ungeschickte Bestellung noch einmal
her aber ich hatte ihn ganz gut verstanden wenigstens was die Worte betraf
Der Kommerzienrat war in seinem Bette tot gefunden worden Das spricht sich ja
ganz leicht und man versteht es ja auch ganz leicht Der Herr Kommerzienrat
ist in seinem Bette tot gefunden worden
»Ich werde gleich kommen« sagte ich
Der Mann eilte davon ich ging in mein Zimmer zurück zog meinen Überrock
an setzte meinen Hut auf nahm statt der hellen Handschuhe die ich gestern
Abend getragen ein paar dunkle ganz mechanisch als ob ich zu einem einfachen
Geschäftswege auszugehen hätte Der Kommerzienrat ist in seinem Bette tot
gefunden worden wiederholte ich wie ich die Meldung wiederholt haben würde
wenn sie auf dem Bureau eingetroffen wäre der Kessel in der und der Werkstatt
ist geplatzt
Dann zuckte ich auf einmal zusammen als wäre mir ein Stich ins Herz
gefahren Armes Kind murmelte ich armes Kind Wie wird sie es nehmen aber es
gibt so viel Unglück in der Welt so viel Unglück und es war ja ein alter
Mann
So verließ ich das Haus in welchem sich jetzt die Leute zu regen begannen
»Sie gehen heute früh aus« sagte der Portier der eben aus seiner Loge kam
»Es ist doch nichts in der Fabrik passiert«
Ich antwortete nicht erst auf der Straße fiel mir ein was der Mann gesagt
hatte Es war gegen sieben Uhr und bereits vollkommen hell Der Wind war nach
Westen umgesprungen und fegte durch die Straßen Es regnete von den Dächern
rannen Wasserbäche und der in der Nacht reichlich gefallene Schnee hatte sich
zum größten Teil in grauen Schlamm verwandelt durch den sich die Brod und
Milchkarren traurig schleppten Mich fröstelte und ich sagte mir dass es ein
sehr hässlicher böser Morgen sei aber zu einer anderen Empfindung konnte ich es
nicht bringen An einer Ecke begegnete mir ein Leichenwagen ohne Gefolge Der
Kutscher auf seinem hohen Bock hatte sich den dreieckigen Hut tief in das
Gesicht gedrückt die abgetriebenen Gäule gingen halb Schritt halb Trab der
Wagen glitt in dem grauen Schneeschlamm hin und her und das schwarze
fadenscheinige Bahrtuch das über den Wagen gedeckt war peitschte der Wind
hinüber und herüber Das kann doch nicht schon der Kommerzienrat sein sagte
ich dem unheimlichen Fuhrwerk gedankenlos nachblickend
So kam ich zu dem Hotel
»Nummero Elf die erste Tür rechts wenn Sie die Treppe hinauf kommen«
sagte der Portier
Er begleitete mich die Treppe hinauf wohl mehr aus Neugierde als aus
Teilnahme und erzählte der Herr Kommerzienrat seien gestern Abend mit dem
letzten Zuge angelangt und ganz besonders munter gewesen und er hätte den
Auftrag gehabt den Herrn Kommerzienrat heute Morgen um halb sieben Uhr zu
wecken weil der Herr Kommerzienrat ein Billet an den Herrn Hartwig zu schicken
habe Und er habe zur Minute an die Tür geklopft und der Herr Kommerzienrat
habe ganz deutlich gerufen es sei gut und Louis soll den Kaffee bringen und
als Louis zehn Minuten später den Kaffe gebracht da habe der Herr
Kommerzienrat nicht geantwortet und sei tot gewesen Wer sollte das gedacht
haben so ein rüstiger alter Herr Und es sei auch gleich nach dem Herrn Doctor
Snellius geschickt weil er der Hausarzt von dem Herrn Hartwig sei und der Herr
Doctor werde gewiss jeden Augenblick kommen Diese Tür Herr Hartwig diese
Tür
Die Tür war nur angelehnt Der Wirt des Hotels der Oberkellner und noch
ein anderer wenn ich mich recht erinnere standen mitten in dem großen
zweifenstrigen Gemach in welches durch die nur halb zurückgezogenen Vorhänge
der düstere Morgen düster hereinblickte Vor dem Bett ganz im Hintergrund des
Zimmers brannten auf einem Nachttische zwei Lichter
»Wir haben Alles so gelassen wie wir es gefunden haben« sagte der Wirt
mit gedämpfter Stimme während er mit mir auf das Bett zuging »Es ist Grundsatz
bei mir in solchen Fällen die größte Diskretion zu beobachten Man braucht sich
dann hinterher keine Vorwürfe machen zu lassen und erspart sich viele
Unannehmlichkeiten Der Herr Kommerzienrat liegen noch genau so wie ihn Louis
gefunden hat und da steht auch noch das Kaffebrett wie es Louis aus der Hand
gesetzt hat«
Da stand das Kaffebrett wie es Louis aus der Hand gesetzt und da lag der
Kommerzienrat wie ihn Louis gefunden Das Licht von den beiden Kerzen die
lange feurige Schnuppen angesetzt hatten fiel hell genug in sein Gesicht auf
das ich jetzt herabblickte Und die Gesichter noch zweier Toten traten mir vor
die Seele das des wilden Zehren und das meines teuren väterlichen Freundes
In den finsteren Zügen des Wilden hatte düsterer Trotz gelegen wie auf dem eines
IndianerHäuptlings der am Marterpfahle Spottlieder auf seine Peiniger singt
auf dem milden Antlitz seines größeren Bruders hehre Ruhe wie eines Heilands
der da weiß dass er nicht für sich gestorben ist Wie anders war dies Gesicht
Um den großen Mund etwas wie das hämische Lächeln das ihm gewöhnlich war wenn
er Jemand überlistet zu haben glaubte die Augen halb geschlossen wie er es zu
tun pflegte wenn er nicht sehen lassen wollte und wann hätte er das je
gewollt was er im Schilde führte über das ganze alte verschrumpfte gelbe
Gesicht die trügerische Wolke ausgebreitet in die er sich zu hüllen liebte
nur dass er die Wolke jetzt noch ein wenig dichter um sich gezogen nur dass dies
nicht eines seiner alten TintenfischManöver nur dass es der Tod war
»Und wir sind gestern Abend noch so munter zusammen gewesen« flüsterte der
Wirt »wir haben bis halb Zwei im Speisesaal gesessen und drei Flaschen
Champagner getrunken der Herr Eisenbahndirector Schwelle war auch da Ich habe
den alten Herrn genug gewarnt in seinen Jahren muss man denn doch ein wenig
vorsichtiger sein Und hier liegt ja auch noch das Billet das heute Morgen an
Sie geschickt werden sollte«
Es war ein Blatt welches er aus seiner Brieftasche gerissen haben musste
halb voll geschrieben der Bleistift mit welchem er geschrieben lag dabei Ich
hob das Blatt auf die Schriftzüge waren sehr leserlich ja fester als ich sie
in der letzten Zeit von ihm gesehen »Lieber Sohn ich bin gestern Abend
angekommen und möchte Sie gern sprechen bevor Sie aus der Fabrik nach Hause
gehen Warten Sie also auf mich wenn ich bitten darf Ich muss noch vorher zur
Börse wo ich heute vielen neidischen Gesichtern begegnen werde Man wird heute
sehen wie schnell ein alter Practicus kleine Scharten auswetzt doch darüber
Näheres mündlich Lasst doch absagen falls Ihr heute ausgebeten wäret ich
möchte gern einmal wieder mit Euch essen Aber ich bitte keine Umstände Nur
wenn es sein kann mein Lieblingsgericht Magdeburger Sauerkraut und etwa «
Der Küchenzettel war nicht fertig geworden und da lag der Gast ein sehr
stiller Mann
»Der Tod hat ihn mitten im Schreiben überrascht« sagte der Wirt dessen
Diskretion ihm doch erlaubt hatte an meiner Schulter vorbei in das Blatt zu
blicken »Wie schnell das manchmal «
Plötzlich stand der Doctor an unserer Seite ich hatte ihn nicht kommen
hören Er nickte mir nur stumm zu und beugte sich über den Toten Das dauerte
einige Zeit Dann richtete er sich auf er brauchte nicht lange Zeit dazu der
kleine gute Doctor und sagte zum Wirt gewendet »möchten Sie mir wohl ein
Weinglas reinen JamaicaRums zum Sieden bringen lassen aber zum Sieden und
reiner Rum muss es sein Sie täten vielleicht besser selbst nachzusehen«
»Gewiss gewiss« sagte der Wirt »ich halte es für meine Pflicht bei
dergleichen Fällen Alles zu tun was in meinen Kräften steht«
»Und Sie gingen wohl und sorgten dafür dass ich es gleich bekomme und Sie
junger Herr sagten meinem Kutscher dass er warten solle«
»Zu Befehl zu Befehl« riefen die Kellner und eilten ihrem Chef nach
»Haben Sie denn Hoffnung« fragte ich
Der Doctor antwortete nicht Er hatte noch einen schnellen Blick auf die
Tür geworfen Dann trat er rasch ans Bett schlug die Decke zurück die der
Tote sich über Brust und Arme bis ans Kinn gezogen hatte und dann sah ich
wie er ein kleines Fläschchen das er irgend wo unter der Decke aus den
erstarrten Händen des Toten vielleicht genommen hatte zuerst vorsichtig an
die Nase führte es dann in ein Blatt Papier wickelte und in die Westentasche
steckte
»Es hat zu schnell gewirkt« sagte der Doctor »er hat das nicht einmal mehr
hinters Bett werfen können Wenn es nicht anderweitig notwendig ist braucht
Ihre Frau ja wohl nicht zu erfahren dass ihr Vater sich vergiftet hat«
Ich stöhnte laut
»Mut Mut« sagte der Doctor »es ist dies eine Welt in der es manchmal
verzweifelt dunkel wird Aber das lässt sich nicht ändern und Sie haben jetzt an
Weib und Kind zu denken«
Als ich eine Stunde später nach Hause ging heulte der Frühlingswind noch
gerade so durch die verregneten Straßen wie vorhin und genau an derselben Ecke
wie vorhin begegnete mir derselbe Leichenwagen der jetzt in demselben
schlotternden Trabe zurückkam Ich sah ihn an ohne die leiseste Regung einer
Empfindung die für immer in meiner Brust ausgestorben schien Ja ja der
Doctor hatte Recht es wird manchmal um uns her verzweifelt dunkel in dieser
Welt und ich glaube nicht dass sie mir noch dunkler erschienen sein würde
hätte ich gewusst was ich nicht wusste dass in dem Palais des Fürsten an welchem
ich auf meinem Wege nach Hause vorüber musste seit einer halben Stunde hinter
den heruntergelassenen Vorhängen der Letzte aus dem Mannesstamm der Fürsten von
ProraWiek Grafen von Ralow sein junges Leben unter den Händen der Ärzte
aushauchte
Dreissigstes Kapitel
Es wird manchmal verzweifelt dunkel in dieser Welt aber wer darf sagen nun
kann es nicht dunkler werden
Als ich nach Hause kam gab es da ein Rennen und Laufen es war so schnell
gekommen vor einer Stunde hatte die Frau heftig geschellt und ich nicht zu
finden Die Frau war darüber ganz außer sich geraten glücklicherweise sei die
nötige Hilfe schnell zur Hand gewesen nur der Herr Doctor
»Er folgt mir auf dem Fuße« sagte ich und eilte in das Gemach aus dem mir
ein herzzerreissendes Wimmern entgegenschallte
»Mut liebster Freund Mut« sagte der Doctor ein paar Stunden später »es
ist ein wenig vor der Zeit und indessen es hat schon schlimmere Fälle
gegeben ich denke aber bleiben Sie ein paar Minuten hier und schöpfen Sie ein
wenig Atem Sie sind furchtbar aufgeregt Sie halten es nicht aus«
»Muss sie es doch aushalten« rief ich die Hände ringend
»Freilich« sagte der Doctor »kommen Sie«
Es war ein schöner Tag geworden nach der eisigen Nacht und dem grauen
Regenmorgen die Märzsonne war glorreich durch die Wolken gebrochen und schien
blendend herab aus dem hellblauen Himmel von allen Dächern tropfte es aus
allen Rinnen sprudelte es und in dem schwarzen Geäst der Bäume in dem Garten
auf welches die Fenster des Zimmers gingen flatterten und zwitscherten die
Vögel und verkündeten dass nun der Winter zu Ende und der Frühling wieder da
sei
Ach ich hatte kein Ohr für diese Botschaft ich glaubte nicht an den
goldenen Sonnenschein nicht an den blauen Himmel nicht an die rinnenden
Frühlingswasser ich harrte einer anderen Verkündigung in heißen Gebeten und
brünstigen Gelübden wie sie nur aus dem Herzen eines Mannes in solcher Stunde
steigen können und sie ward mir diese Verkündigung als die Sonne zur Rüste
ging in einem kleinen feinen Stimmchen das mich durchschauerte wie den
harrenden Gläubigen das Säuseln des Windes in welchem sich der Herr nahte
Ja nun war es Frühling ich sah die Frühlingssonne in dem glückseligen
Lächeln der armen Dulderin ich sah den köstlichsten Frühlingshimmel in ihren
blauen Augen die jetzt in einem milden schimmernden Glanz wie ich es nie
gesehen zu mir empor lächelten und sich dann liebevoll auf unser Kind senkten
»Es ist nun doch ein Mädchen« flüsterte sie »und Du wirst sie schrecklich
verziehen und viel lieber haben als mich aber ich will nicht eifersüchtig sein
ich verspreche es Dir«
Und am nächsten Tage schien wieder die Sonne und der Himmel war blau und
die Vögel jubilirten
»Wenn das Wetter anhält können wir bald nach Zehrendorf« sagte sie »es
ist gut dass Du mit dem Fürsten noch nicht definitiv abgeschlossen hast er ist
ja sehr sehr liebenswürdig gegen uns gewesen aber besser ist besser und ich
denke Du überlegst die Sache noch einmal mit dem Vater Warum der Vater nur
nicht kommt Du hast doch recht dringend geschrieben «
»Gewiss er ist jedenfalls verreist aber Du sollst ja nicht so viel sprechen
«
»Ich fühle mich ganz kräftig ich wollte nur ich könnte der Kleinen von
meiner Kraft abgeben Lieber Himmel so ein Riese von Vater und so ein kleines
Kindchen Aber es hat Deine Augen Georg«
»Ich hoffe es hat Deine Augen«
»Weshalb«
»Weil es dann die schönsten hätte die es haben kann«
»Schmeichler aber um auf Zehrendorf zurückzukommen wir werden es schon der
Kleinen wegen behalten müssen der die Landluft durchaus notwendig ist wie der
Doctor sagt Ach ich sehe uns schon unter der großen Buche sitzen die ich
gerettet habe weil Sie Ihren Namen eingekritzelt hatten für eine Andere mein
Herr und nun mit seiner Frau und seinem Kind ganz prosaischhausväterlich an
derselben Stelle wo man romantisch geschwärmt hat ist das nicht sehr
komisch«
»Ja ja es ist sehr komisch aber jetzt musst Du auf alle Fälle schweigen«
»Zu Befehl mein Gebieter«
Und dabei lachten ihre blauen Augen so übermütig und sie war so voller
Lebenslust und Lebensfreude und so heiter und voller drolliger Einfälle es
schnitt mir ins Herz wenn ich sie so sah und hörte und unter dem Vorwand
dringender Geschäfte sie verlassen musste um ihren Vater zu begraben der in
der Furcht vor der Schande eines schmählichen Bankrotts zum Selbstmörder
geworden war Aber dann war auch dieser Tag wieder der schönste goldigste
Frühlingstag von den Dächern tropfte es nur noch hier und da denn die helle
Sonne und die warme Luft hatten die Nässe hinweggetrocknet an dem Himmel
dessen Blau dadurch noch tiefer erschien standen große weiße Wolken und die
Vögel in den knospenden Bäumen dachten jetzt ernstlich daran ihre junge
Wirtschaft einzurichten wer hätte da trotz alledem nicht hoffnungsvoll in
die Zukunft sehen sollen die Alles wohl besser machen würde wer sich der
winterlichen Sorgen nicht entschlagen wenn er sah wie Alles trieb und keimte
und blühte aber
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht
Er fiel auf die zarten Blaublümelein
Und diese schwermütigen Verse des Volksliedes sollen euch sagen was ihr
mir anders oder ausführlicher zu sagen gern erlasst Sie bedürfen keines
Kommentars diese Verse so wenig wie zwei frische Gräber ein größeres und ein
sehr kleines Grab die man nahe ganz nahe neben einander aufgeworfen und die
Kränze mit denen die Hand der Liebe die Hügel bedeckt hat
Einunddreissigstes Kapitel
Nur die Arbeit kann uns frei machen
Ich hatte in den zwei folgenden Jahren Gelegenheit diesen obersten Satz der
Weisheit meines Meisters nach allen Seiten hin zu erproben
Ja wahrlich die Arbeit hat mich frei gemacht
Wovon
Zuerst von den Maschen des unredlichen Gespinnstes in welches mich die
Verbindung mit meinem Schwiegervater verwickelt den Maschen von denen er sich
durch seinen jähen Tod Knall und Fall losgerissen und aus denen ich mich mit
unsäglicher Mühe allmälig loslösen die ich entwirren schlichten ordnen musste
wollte ich nicht Schande und Schmach auf den Namen des Mannes fallen lassen der
der Vater meiner Gattin gewesen war
Es stellte sich heraus dass er wie ein verzweifelter Spieler die Partie vor
der Zeit verloren gegeben Aber freilich das ist nicht ganz das rechte Wort
Für ihn war die Partie verloren denn was ihn einzig hätte retten was ihn
allein hätte frei machen können wie es mich frei gemacht hat der ich des
Mannes Soll und Haben übernahm die gewissenhafte ehrliche mannhafte Arbeit
sie war ihm unmöglich er hatte sie nie geübt er hatte niemals Achtung vor ihr
gehabt hatte nie an sie geglaubt und an ihre gewaltigen Resultate Wenn ich ihm
begeistert von der Zukunft sprach der unsere Fabrik entgegenblühe und dass von
der wüsten Trümmerstätte aus die er Jahre lang missachtet ein Strom des Lebens
und Reichtums ausgehen werde in alle Lande da hatte er stets nur
hämischungläubig gelächelt und mich einen Schwärmer einen Phantasten
gescholten der sich noch hässlich die Finger verbrennen oder doch höchstens für
Andere die süßen Kastanien aus den Feuern seiner Hochöfen holen werde
Und er war hingegangen und hatte weiter gespielt an der Börse in Actien in
ausländischen Fonds in Spiritus in Baumwolle der Himmel weiß worin wie er
früher in Kontrebande und unversicherten Schiffen gespielt hatte bis die Karten
so gegen ihn schlugen dass er keinen Ausweg sah als den grünen Tisch und das
Leben zugleich zu verlassen
Ich konnte mich nie von dem Gedanken losmachen es habe die Scham vor mir
gegen den er stets so groß getan nun so klein dazustehen mir einräumen zu
müssen dass ich mit meiner dummen Ehrlichkeit Recht gehabt den Mann der keine
Spur von echtem Stolz aber eine immense Eitelkeit besaß mit in den Tod
getrieben War es doch nun für immer vorbei mit seiner Weisheit seiner
Überlegenheit war es doch nun vor allem vorbei mit seiner Herrschaft und er
gönnte mir die Nachfolge nicht um so weniger als ich ihm oft genug in Scherz
und Ernst prophezeit dass eine neue Zeit gekommen sei eine Zeit der
Brüderlichkeit der Billigkeit der Gerechtigkeit der gegenseitigen
Hilfsbereitschaft und dass der Egoismus mit seinen kleinlichen Mitteln mit
seinen Praktiken und Kniffen für diese neue große Zeit nicht mehr ausreiche
Vielleicht dass auch Einer oder der Andere meiner Leser findet ich habe
indem ich also prophezeite den Mund etwas vollgenommen und dass jene goldene
Zeit von der ich spreche heute noch wie damals auf dem Schoss der Götter
liege
Aber ich schreibe keine Geschichte als die meines Lebens und da kann ich
nur sagen wenn mein Temperament sanguinisch und meine Weltanschauung demzufolge
zum Optimismus geneigt ist so haben meine individuellen Erfahrungen nach dieser
Seite hin mir das leichte Blut nicht getrübt und meinen frommen Glauben an die
Güte der Menschennatur und vor Allem an den wachsenden Sieg des Guten und
Tüchtigen in unserer Zeit nicht erschüttert Ich habe aus dem industriellen und
ökonomischen Gebiete nur überall da wo der Fleiß mit der Redlichkeit einen
festen Bund geschlossen dauernde Erfolge gesehen und wenn es in der Politik
hier oder da einmal anders zu sein scheint so ist es eben wohl nur ein Schein
der für eine Zeit die Menge blendet um über kurz oder lang zu zerrinnen und der
tristen Wirklichkeit Platz zu machen
Doch wie gesagt ich schreibe nur die Geschichte meines Lebens welches
mich das und nichts Anderes gelehrt hat und in keiner Periode eindringlicher
als gerade in der von der ich eben spreche Und wäre ich der schlimmste
Pessimist der schwarzgalligste Menschenhasser gewesen mich hätten die Beweise
der Liebe Güte und Hilfsbereitschaft die mir von allen Seiten zu Teil wurden
eines Anderen und Besseren belehren müssen
Von allen Seiten selbst von solchen an die ich nicht im Entferntesten
gedacht hatte
Zum Beispiel nicht an den alten Mann den ich während des Baues der neuen
Fabrik oft in Schlafrock und Pantoffeln ein schwarzes Käppchen auf dem kahlen
Kopfe und eine lange Pfeife in dem zahnlosen Munde an dem Stacket hatte stehen
sehen welches den Bauplatz von dahinterliegenden Gärten trennte und mit dem
ich hin und wieder ohne zu wissen und ohne zu fragen wer er sei ein paar
freundliche Worte gewechselt hatte Dieser alte Mann nun kam in jenen
fürchterlichen Tagen als das häusliche und geschäftliche Unglück wie mit
Keulenschlägen auf mich einfuhr zu mir und stellte sich mir als den Rentier
Weber den früheren Besitzer des Grundstücks vor und er habe gehört dass es mit
den Angelegenheiten meines verstorbenen Schwiegervaters nur so so stehe und da
sei er denn gekommen mir zu sagen es habe mit der Bezahlung mein
Schwiegervater hatte mir gesagt dass der Kaufschilling bis auf den letzten
Heller bezahlt sei keine Eile und er habe wohl gesehen wie ich mich der
Sache annähme und wie ich immer wacker zugegriffen wo es nötig gewesen Dem
alten Herrn würde er keinen Taler geliehen haben aber für strebsame junge
Leute wie ich habe er schon noch ein paar tausend Tälerchen liegen so ein
zehn oder zwanzig je nachdem und wenn ich die brauchen könne so möge ich nur
zum alten Maurermeister Weber kommen ich werde ihn zu Hause finden
Und ein paar Tage später kam ein Brief in einer großen kindischen Hand und
mit den wunderlichsten ortographischen Fehlern von dem guten Hans dass von dem
Vermögen seiner Mutter über welches er frei disponiren dürfe trotz alledem
noch immer ein bedeutender Rest übrig sei der mir bis auf den letzten Pfennig
zur Verfügung stehe Weil er aber nicht allsogleich an dies Geld kommen könne
habe er vorläufig in allen seinen Röcken und Schubläden eine sorgfältige Suche
angestellt mit überraschend günstigen Resultaten und erwarte er von meiner
Freundschaft dass ich ihm erlaube mir dies Geld umgehend zu schicken
Schließlich wisse ich wohl dass er ein besserer Landmann sei als es den
Anschein habe und wenn ich ihm verstatten wollte ein oder zweimal des Tages
nach Zehrendorf hinüber zu galoppiren und ein wenig nach dem Rechten zu sehen
so würde ich ihm und seinem Braunen damit eine wahre Wohltat erweisen
Dass der gute Doctor mir jetzt zum dritten Male sein Vermögen anbot brauche
ich wohl kaum zu erwähnen aber dies und Alles wie sehr es mich auch rührte und
erfreute hat mich doch nicht so erschüttert und ist auch auf meine Zukunft
nicht von so großem Einflusse gewesen als das Anerbieten welches mir im Namen
sämmtlicher Arbeiter der Fabrik eine Deputation machte deren Sprecher Herr
Roland war Sie hätten gehört dass die Angelegenheiten nicht so ständen wie sie
sollten und dass Gefahr sei die Fabrik werde in andere Hände übergehen Diese
Möglichkeit erscheine Allen als die schrecklichste und sie seien männiglich
entschlossen dieselbe abzuwenden wenn es und so weit es in ihren Kräften
stehe Sie fragten demnach an ob es mir meine schwere Lage erleichtern würde
wenn sie Alle wie Einer und Einer wie Alle auf einen Teil ihres Lohnes
verzichteten bis die Gefahr vorüber und ich im Stande sei das Zurückbehaltene
nachzuzahlen ohne dass ich für den Ausfall zu haften hätte im Fall die
erwartete günstige Wendung nicht einträte
Es dauerte einige Zeit bis ich meine Rührung so weit bewältigt hatte um
antworten zu können und dann sagte ich den wackeren Männern dass ich mit
Nichten gesonnen sei ihr grossherziges Anerbieten anzunehmen nicht weil ich
mich schämte mir in meiner Not von meinen Kameraden helfen zu lassen sondern
weil ich Dank der gütigen Hilfe die mir von andern Seiten geworden nach wie
vor meine Verpflichtungen gegen sie erfüllen könne Aber ich habe etwas anderes
im Sinn Und nun setzte ich den Männern ein Project auseinander welches ich
nach dem Muster ähnlicher Einrichtungen in England schon längst mit dem Doctor
und mit Klaus geplant und wonach Jeder der Arbeiter in dem Verhältnis seiner
Kräfte seines Verdienstes seiner Mittel Teilhaber der Fabrik werden solle
Ich sagte den Männern auch dass eine Zeit der Unsicherheit und der Krisis wie
die gegenwärtige nicht die geeignete zur Ausführung dieses Projectes dass ich
aber mehr als je entschlossen sei alle meine Kräfte daran zu setzen diese Zeit
herbeizuführen und dass ich vielleicht schon binnen Jahresfrist mein Wort
einlösen zu können hoffe
Und es war noch kein Jahr vergangen als ich im Stande war es einzulösen
Nicht weniger glücklich war ich auf dem zweiten Punkte gewesen den ich mit
einer Art von Leidenschaft behauptet hatte während ich so manches Andere willig
aufgab Zehrendorf war in meinem Besitz geblieben ich hatte keine einzige der
nützlichen Unternehmungen die dort angefangen waren eingehen zu lassen
brauchen im Gegenteil es stand Alles in dem besten Flor und ich hatte ein
neues großes Werk die Trockenlegung der ungeheuren Moore mit dem besten Erfolge
begonnen Das Gut war jetzt wenn auch nicht den Preis wert welchen der
Kommerzienrat dafür gefordert so doch beinahe den welchen mir der grossherzige
junge Fürst in der denkwürdigen Unterredung freiwillig geboten Ich konnte nicht
ohne Wehmut den Brief betrachten den er mir an jenem Abend bevor ich zum
zweiten Male zu ihm kam geschrieben und in welchem er mir noch weit über jene
Summe hinaus seinen Kredit zur Verfügung gestellt hatte Was war aus dem andern
Briefe geworden in welchem er falls er im Duell bleiben sollte die Ausführung
dieser Versprechungen seinem Vater ans Herz gelegt Ohne Zweifel ist derselbe
nie in die Hände für die er bestimmt war gelangt denn der alte Fürst der
seinen Sohn noch mehrere Jahre überlebte war ein grossherziger edel denkender
Herr und würde schon aus Pietät einem letzten Wunsch seines unglücklichen
Sohnes gewillfahrt haben Nun die Unredlichkeit dessen der jenen Brief
unterschlug ist mir zum Segen geworden Ich hätte gewiss wäre es von mir
gefordert in jenen ersten Tagen der Not und Verwirrung das Gut ohne weiteres
abgetreten so da Niemand es von mir verlangte und ich es Herrn von Granow
nicht für ein Viertel des Wertes schenken wollte war ich genötigt es zu
behalten und ich konnte es halten Dank der großmütigen Unterstützung meines
guten Hans und weshalb soll ich es nicht sagen Dank der ehrlichen Arbeit
die ich selbst daran gewandt habe
Und ich hatte ihr noch mehr zu danken Wie sie mich frei gemacht hatte von
der Last der Verpflichtungen die mir mein Schwiegervater jählings auf die
Schultern gewälzt so hatte sie mich auch in Drachenblut gebadet gegen die
scharfen Pfeile mit denen der Schmerz um den Verlust meiner holden Gattin und
meines Kindes im Anfang mein Herz zerrissen hatte Freilich unter der starren
Decke scheinbarer Unempfindlichkeit war die Wemut geblieben aber die Tränen
die ich oft genug weinte wenn ich des Abends nach des Tages Mühe in mein
einsames Zimmer trat oder wenn ich in der Nacht erwachte und mich allein fand
sie hatten nicht mehr die ätzende Schärfe sie flossen mild und weniger um den
eigenen Verlust als darüber dass der kalte Hauch des Todes soviel
Holdseligkeit soviel Anmut soviel Scherz und Frohsinn und kecken Mutwillen
vor der Zeit geknickt hatte Und doch war auch hier wieder etwas das fast ein
Trost erschien Wie ihr Vater wohl während seines ganzen Lebens nie ein Wesen
geliebt hatte als die schöne einzige Tochter so hatte sie ihn wieder geliebt
mochte er auch die Stolze Hochgemute durch seine schlimmen niedrigen
Eigenschaften noch so oft gekränkt und beleidigt haben Sein Tod dessen
Veranlassung aus gewissen Gründen doch nicht hätte ganz verborgen bleiben
können würde für sie ein furchtbarer Schlag gewesen sein und wie hätte sie sich
in diese Zeit der Not der relativen Entbehrung des manchmal verzweifelten
Kampfes finden können sie die von frühester Jugend das Leben wie ein Festspiel
genommen und genossen hatte sie die Kampf und Entbehrung nur von Hörensagen
kannte Wie würde sie es ertragen haben dass ihr Gatte auf den sie so stolz
war den sie so hoch über allen anderen Menschen sah der Schuldner fast aller
seiner Freunde war Und würde sie von Herzen das Fest mitgemacht haben in
welchem der Chef der Fabrik und seine Arbeiter ihre solidarische Verbindung für
alle kommenden Zeiten feierten und ich erklärte dass von jetzt an zwischen uns
nicht mehr von Herr und Arbeiter die Rede sein könne dass wir alle gleicherweise
Arbeiter des einen Geschäftes seien welches keinen Herrn habe als seine
Arbeiter Würde sie sich in solche Verhältnisse geschickt haben O gewiss denn
ihre Liebe zu mir war größer als ihr Eigenwille und ihr Stolz Ja sie würde
sich darin geschickt haben denn sie war auch klug und konnte eine Rolle
klüglich spielen wenn sie es für nötig hielt aber sich darein finden von
Herzen zustimmen das hätte sie wohl nie gekonnt und dieser Gedanke blieb mir
auf ihrem schönen Bilde wie ein Hauch den das herzlichste Gedenken nicht
fortzuwischen vermochte Ich musste mir sagen dass ich vielleicht dass ich wohl
sicher in den Bestrebungen die mir die teuersten und heiligsten waren allein
geblieben wäre
Allein
Ich weiß nicht ob es Menschen gibt die das Gefühl allein zu sein
ertragen können aber das weiß ich gewiss dass ich nicht zu diesen Menschen
gehöre Und ich war allein zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren viel mehr
allein als ich es während jener einsamen Lehrlingszeit in dem verfallenen
Häuschen zwischen den Ruinen gewesen war Damals hatte ich doch wenigstens die
goldene Zukunft zur Gefährtin gehabt jetzt lag diese Zukunft als Vergangenheit
hinter mir als unwiederbringlich Verlorenes Ich schalt mich undankbar Es war
mir ja noch so Vieles geblieben vor Allem die Freunde die treuen Freunde Da
war mein guter Doctor Snellius da war mein braver Klaus da war drüben auf der
Insel mein alter ehrlicher Hans und selbst das gute Fräulein Duff hätte ich
haben können wenn ihre hochbetagten Eltern in Sachsen bei denen sie jetzt
verweilte sie auch schwer entbehrt haben würden Da waren vor Allem Kurt und
Benno die jetzt zu stattlichen jungen Männern herangereift waren und die ich
oft im Scherz meinen Stab und meine Stütze nannte Im Scherz und Ernst denn
Kurt war in diesen Jahren die Seele des technischen Bureaus geworden in der
Überlegenheit seines Wissens und Könnens von Allen selbst von Herrn Windfang
willig anerkannt und Benno der halb aus Neigung halb mir zu Liebe Landmann
geworden war wusste in Zehrendorf sein naturwissenschaftliches Genie in einer
Weise zu verwerten die Alle welche etwas davon verstanden in Erstaunen
setzte
Nein wahrlich es fehlte mir an Freunden nicht abgesehen selbst von den
hunderten von wackeren Männern in deren Mitte ich lebte und die mir auf einen
Wink durch Feuer und Wasser und in jede Gefahr gefolgt wären es war undankbar
entsetzlich undankbar wenn ich von Alleinsein sprechen wollte und ich sprach
auch nicht davon aber ich war allein ich fühlte mich allein und die Arbeit
konnte dies Gefühl nicht bannen ja es war als ob die Arbeit nur dazu
beitrüge es zu verstärken
»Sie haben zu viel gearbeitet« sagte der Doctor »das hält auf die Dauer
selbst eine Natur wie die Ihre nicht aus Sie sollten sich einmal losreißen
eine kleine Reise machen sich zerstreuen Man muss die Brunel und Stephenson an
Ort und Stelle studieren wie die Raphael und Michel Angelo Bleiben Sie nur
nicht ganz so lange weg wie Paula«
Der Doctor schien über die ihm entschlüpfte nahe Zusammenstellung meines
Namens mit dem Paulas förmlich erschrocken wenigstens stimmte er sich mit
einem ganz besonders energischen Räuspern herab blickte mich sehr unsicher
durch die runden Brillengläser an und sagte wie als Antwort auf eine Frage
meinerseits »Sie befindet sich sehr gut ausgezeichnet sie schreibt aus Meran
«
Und der Doctor begann in gewohnter Weise nach dem betreffenden Briefe zu
suchen
»Aus Meran« fragte ich »seit wann ist sie denn dort«
»Seit lassen Sie sehen seit acht Tagen Ich hielt einen kurzen
Aufenthalt dort für angezeigt das italienische Klima scheint ihr auf die Dauer
doch nicht zu bekommen «
»Aber ich denke Doctor Sie sagten noch eben es ginge ihr sehr gut«
»Nun ja das heißt ich meine versteht sich geht es ihr gut aber besser
ist besser und sie ist ja auch nun lange genug dort gewesen Oskar ist in Rom
geblieben aber hat Ihnen denn das nicht Kurt schon Alles gesagt«
»Kein Wort und ich vermute daraus dass er es selbst nicht weiß Paula
correspondirte ja fast nur noch mit Ihnen«
»Ja ja freilich« sagte der Doctor »und ich fühle auch wirklich die
Verpflichtung Ihnen oder den Jungen einen oder den anderen Brief vorzulesen
aber der Teufel weiß wie es zugeht «
Und der Doctor fasste wieder nach seiner Brusttasche stülpte dann wie in
Verzweiflung den abgeschabten Hut auf den großen kahlen Kopf und eilte davon
mich wieder einmal in voller Ungewissheit darüber lassend was denn eigentlich
der Inhalt von Paulas Briefen sei die der wunderliche Freund stets vergeblich
in seiner Brusttasche suchte
Dass dieser Inhalt dann und wann in directem oder indirectem Bezug zu mir
stand war wohl unzweifelhaft denn welches Interesse hätte der Doctor sonst
wohl gehabt die Briefe so sorgfältig vor mir zu verheimlichen Aber das war
auch wirklich Alles was ich bei mir feststellen konnte im Übrigen musste ich
mir nicht ohne den tiefsten Schmerz eingestehen dass ich mich in Paula nicht
mehr zu finden wisse und weiter dass sie selbst es zu verantworten habe dass es
das Resultat ihres Benehmens gegen mich sei wenn ich es nicht mehr konnte wenn
mir die teuerste Freundin meine Schwester wie sie sich so oft genannt eine
Fremde und ein Rätsel geworden war Weshalb ich wusste es nicht ich konnte es
nicht ergründen War es denn ein Verbrechen dass ich sie einst geliebt hatte mit
allen Kräften meiner jungen hoffnungsfrohen gläubigen Seele dass ich nachdem
sie bei den verschiedensten Gelegenheiten in den verschiedensten Formen meine
Liebe zurückgewiesen wie ein Schiff gewesen war welches von den Ankern
steuerlos in die bewegte See hineintreibt War es ein Verbrechen dass ich selbst
über meiner Liebe zu Herminen sie nicht hatte vergessen können wenn ich auch
wusste dass sie mir ewig fern bleiben würde und dass ich nur immer zu ihr
hinaufzusehen habe wie zu den hohen Sternen am Himmel Musste ich das so schwer
büßen was mir doch so natürlich war wie das Atemholen Musste sie mich deshalb
aus dem Rat ihres Herzens in welchem ich sonst so stolz gesessen
ausschließen ihre Hoffnungen vor mir verbergen ihre Pläne Wünsche ihre
Triumphe vielleicht auch so manche Enttäuschungen und Kränkungen wie sie ja
Keinem und am wenigsten dem Künstler erspart bleiben Musste sie deshalb die
innige Teilnahme die sie früher an mir genommen verleugnen selbst in der
Zeit da alle meine Freunde sich um mich schaarten mir mit Rat und Tat zu
helfen und wo sie nichts für mich hatte als ein paar Zeilen die sie mir aus
Rom schrieb und die kaum etwas Anderes enthielten als den Ausdruck einer
Sympatie zu welcher in solchem Falle sich auch entferntere Bekannte
aufschwingen
Ja ich war ihr fremd geworden sonst hätte ich ihre sanfte Stimme vernehmen
müssen in der schauerlichen Nacht die mich nach dem Tode Herminens umgab und
sie war mir fremd geworden ich wusste kaum mehr von ihr als die gleichgültigen
Menschen mit denen ich zusammen vor ihren Bildern auf der Ausstellung stand
Ich wusste ebensowenig wie Jene weshalb sie deren frische kecke Kraft auf
ihren ersten Bildern alle Welt entzückt und hingerissen hatte seit einiger Zeit
nur noch melancholische Vorwürfe zu kennen schien schwermütig blickende
Hirten die in den ödesten Teilen der Kampagna zwischen den Trümmern
vergangener Herrlichkeit ihre Ziegen weideten Schiffbrüchige an dem Strande
der calabrischen Küste wo die heiße Sonne trostlos zwischen den nackten
zackigen Felsen glühte und die Einsamkeit und Verlassenheit dem Beschauer ich
möchte sagen greifbar entgegentrat Wie stimmten diese Stoffe und noch mehr das
sonderbar ernste schwere trübe Kolorit mit der heiteren Stimmung deren sie
sich nach des Doctors Berichten fortwährend erfreuen sollte
»So kann nur Jemand malen der tief unglücklich ist« hörte ich einmal vor
einem dieser Bilder eine Dame in Trauer zu ihrem Begleiter sagen
»Sie hat in der letzten Zeit nur Rückschritte gemacht« sagte ein anderes
Mal ein Kritiker auf dessen Urteil man in der Stadt großes Gewicht legte
»Solche Bilder gefallen weil sie einem gewissen pessimistischen Zug der durch
die meisten Menschen unserer Zeit geht schmeicheln aber ich vermisse eine
großartige Auffassung es ist ich möchte sagen ein egoistischer Schmerz der
hier gewaltsam in die Menschen und die Natur hineingelegt wird und auch die
Ausführung lässt Manches zu wünschen sehen Sie hier und hier « und der Kritiker
wies auf verschiedene Stellen deren Behandlung er flau nannte »Da ist ihr
jüngerer Bruder eine ganz andere Kraft« fuhr der Kritiker fort »Haben Sie
seine Aquarelle gesehen Der Tausend ist das ein Feuer und ein Leben Und es
soll noch ein halber Knabe sein Das wird einmal einer unserer Matadore Denken
Sie an meine Prophezeiung«
Es schien dass das Publikum in Bezug auf Paulas Leistungen nicht ganz der
Ansicht des Kritikers war wenigstens riss man sich um ihre Bilder und bezahlte
sie mit den höchsten Preisen ich für meinen Teil traute mir kein Urteil zu
ich hatte in der Tat kein Urteil ich wusste nur dass, wenn Paula sich einer so
andauernden glücklichen Heiterkeit erfreute wie der Doctor behauptete sie
dieser Heiterkeit den seltsamsten Ausdruck von der Welt gab
Die Unterredung in welcher mir der Doctor mitteilte dass sich Paula mit
ihrer Mutter in Meran aufhalte hatte im Februar stattgefunden beinahe drei
Jahre nach meinem Unglück Anfangs des Sommers hörte ich wiederum von dem
Doctor dass sie Studienreisen im Salzkammergut und in Tyrol mache dann etwas
später dass sie den zweiten Teil des Sommers in Thüringen zubringen werde
»Sie kommt immer näher immer näher« sagte der Doctor »wollen Sie nun
nicht auch Ihre längst projectirte Reise nach England antreten«
»Es scheint dass ich Paulas Zurückkunft durch meine Abwesenheit feiern
soll« sagte ich dem Doctor starr in die Brillengläser sehend
»Ich weiß nicht wie Sie zu diesem seltsamen Schluss kommen« sagte der
Doctor
»Und ich nicht wie ich mir anders Ihren Wunsch deuten soll wegzugehen
wenn Paula kommt«
»Sie sind nicht gescheidt« sagte der Doctor
Ein paar Wochen später überraschte er mich eines Abends mit der Nachricht
dass er am nächsten Morgen nach dem türingschen Städtchen in welchem Paula
sich aufhielt zu reisen gedenke Ihre Gesundheit scheine nicht so gut wie er
wünsche sie schreibe freilich heiter wie immer hier machte der Doctor eine
Bewegung nach der Brusttasche aber er wolle doch lieber einmal selber
nachsehen es sei ja nur ein Katzensprung und er denke schon den Tag darauf
zurückzukommen
»Kommen Sie mit ihr zurück« sagte ich »vielleicht wünscht Paula wieder
eine Zeit lang hier zu leben«
Der Doctor blickte mich starr an
»Ich täte Ihnen und ihr auch gern den Gefallen bei ihrer Rückkehr nicht
hier zu sein« fuhr ich fort »aber ich kann jetzt wirklich nicht gut längere
Zeit die Fabrik allein lassen Doctor und vielleicht genügte es Doctor wenn
Sie ihr sagten dass ich in diesen Jahren Manches gelitten und Manches gelernt
habe so zum Beispiel um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen lieber Freund mit
einem halben Herzen zu leben Wollen Sie ihr das sagen«
Ich hatte mich bemüht so fest als möglich zu sprechen es aber doch nicht
verhindern können dass meine Stimme bei den letzten Worten ein wenig zitterte
und so zitterte auch wohl meine Hand ein wenig die der Doctor zwischen seinen
kleinen zarten Händen festhielt während er mir fortwährend mit seinen runden
Brillengläsern spähend auf Stirn und Augen sah
»Wollen Sie« wiederholte ich sehr verwirrt
»Den Teufel will ich« rief der Doctor indem er meine beiden Hände
plötzlich losliess mich wieder in den Stuhl stieß im Zimmer auf und ablief
endlich vor mir stehen blieb und in den allerhöchsten Tönen krähte
»Den Teufel will ich Ich habe das Versteckspielen satt und es soll heraus
mag es nun biegen oder brechen Wissen Sie Herr dass Paula Sie liebt oder
wissen Sie es nicht Wissen Sie dass sie Sie schon seit zwölf Jahren liebt oder
wissen Sie es nicht dass sie Sie geliebt hat von dem Augenblick an wo Sie ihren
Vater vor dem Mordbeil des Schurken wie hieß er doch nur gleich retteten
dass sie mit der Liebe für Sie aus dem halben Kinde als welches Sie sie kennen
lernten zur Jungfrau herangereift ist und dass seitdem keine Stunde ihres
Lebens gewesen ist wo sie Sie nicht geliebt hätte und gewiss am allermeisten in
den Stunden wo sie Sie am wenigsten zu lieben schien zum Beispiel in der Zeit
als Sie hirnloses Mammut glaubten sie interessire sich für Arthur der sie
mit Ihnen geneckt hatte und gefragt hatte ob es recht und billig sei für die
Tochter des Gefängnissdirectors einen jungen unerfahrenen Menschen der nur zu
sieben Jahren verurteilt sei für seine Lebenszeit zum Gefangenen zu machen
Wissen Sie Herr was es das arme Mädchen gekostet hat Sie ihre Liebe nicht
merken zu lassen was sie es gekostet hat Ihnen gegenüber die Schwester und
immer nur die Schwester zu spielen damit Sie die Hände frei behielten und nach
allem Schönsten und Höchsten in der Welt mutig greifen und die Leiter
emporklimmen könnten auf deren oberster Sprosse das hochherzige Mädchen nun
einmal den Geliebten sehen wollte Was es sie gekostet hat Sie nach Zehrendorf
zu schicken damit Sie sich dort die Gattin holten die sie für Sie bestimmt
hatte Was es sie gekostet hat Ihrem Glück lächelnden Antlitzes zuzusehen Was
es sie schließlich gekostet hat nach Ihrem Unglücke nicht zu Ihnen zu eilen
Ihnen nicht sagen zu dürfen hier nimm mein Blut mein Leben es ist Alles
Alles Dein Ich frage Sie zum letzten Mal Wissen Sie das Herr oder wissen Sie
es nicht«
Der Doctor hatte sich in seiner Leidenschaft in ein Register verstiegen aus
dem es ganz unmöglich gewesen wäre sich herabzustimmen Er versuchte es deshalb
auch nicht einmal riss dagegen die Brille ab starrte mich mit seinen braunen
glänzenden Augen zornig an setzte dann die Brille wieder auf stülpte den Hut
bis über die Ohren auf den zornerglühten Schädel drehte sich kurz auf den
Hacken um und stampfte nach der Tür
Ich hatte ihn in zwei Schritten eingeholt
»Doctor« sagte ich ihn am Arm ergreifend »wie wärs wenn Sie mich morgen
früh statt Ihrer reisen ließ«
»Tun Sie was Sie wollen« schrie der Doctor indem er zum Zimmer
hinauslief und die Tür hinter sich zuschmetterte
Zweiunddreissigstes Kapitel
Es kommen Tage im Leben an die man sich erinnert wie an einen seligen Traum
der nichts von Erdenschmerzen und Erdenschranken weiß in welchem wir wie auf
Adlerfittigen machtvoll und hoch über all den kleinen erbärmlichen
Hindernissen schweben an denen in der Wirklichkeit unser Fuß so kläglich
strauchelt
Von so traumhafter Schöne war der Tag an welchem ich die denkwürdigste
Reise meines Lebens machte ein wundervoller Sommertag dessen strahlende
Herrlichkeit auch nicht ein Wölkchen trübte und der dennoch fortwährend von
linden balsamischen Lüften durchschauert wurde die mir Stirn und Wangen
umspielten während der Zug in donnernder Eile durch die lieblichen Gefilde
Türingens brauste Es war die erste Reise die ich in meinem Leben machte die
erste wenigstens die keine Geschäftsreise war und auch die erste die mich aus
meiner nordischen Heimat mitten hinein in die Auen Mitteldeutschlands führte
Die Neuheit dieser Natur mochte dazu beitragen mir Alles doppelt lieblich und
anmutig erscheinen zu lassen ich konnte mich nicht satt sehen an den schönen
Wellenlinien der Hügel an den schroffen Felsen deren Gipfel zerfallene Burgen
krönten und deren Fuß die klaren Wasser vielfach sich schlängelnder Flüsschen
netzten an den blumigen Wiesengründen in welchen frischgrüne Bäume den Lauf
der Silberbäche bezeichneten an den Städten und Städtchen die so behaglich im
Grunde der Täler sich streckten an den Dörfern die so lauschig aus Baum und
Busch hervorschauten Es war nicht Sonntag aber es sah Alles sonntäglich aus
auch die Menschen die einsam in den Feldern arbeiteten und stehen blieben wenn
der Zug vorüberrollte oder die sich auf den freundlichen Bahnhöfen umtrieben
Es war als ob Alle nur zum Vergnügen reisten und als ob an einem solchen
herrlichen Tage selbst das Abschiednehmen nicht schmerzlich sei Und nun gar das
Wiedersehen die freudigen Gesichter das Händedrücken und Küssen und Umarmen
Eine jede dieser Szenen beobachtete ich mit dem gespanntesten Interesse und
immer mit einem Gefühl von Rührung als ob mich das Alles ganz speciell anginge
So kam ich am Nachmittag nach E wo ich die Eisenbahn verließ und für die
noch übrige Strecke einen Wagen nahm deren mehrere auf dem Bahnhofe hielten Es
dauerte nicht lange bis wir aus der Ebene in ein Tal gelangten durch welches
der Weg zwischen Hügeln rechts und links in vielen Windungen »auf den Wald«
führte Die Fahrt dauerte mehrere Stunden und die Sonne neigte sich schon gegen
Abend als wir langsam einen Berg erklommen den steilsten beschwerlichsten
aber auch den letzten sagte der Kutscher Wir waren Beide abgestiegen und
gingen rechts und links neben den großen starkknochigen Pferden denen wir mit
Tannenzweigen die Stechfliegen und die Bremsen abwehrten
»Brr« sagte der Kutscher die Pferde standen Wir hatten die Höhe des
Berges erreicht und die Tiere sollten sich verschnaufen
»Das ist unser Stolz« sagte der Mann als ich mit Staunen eine uralte Eiche
betrachtete die hier auf einer freien Stelle mitten im Tannenwalde riesenhaft
mit den knorrigen verwitterten Ästen in den blauen Himmel ragte »Das ist eine
Merkwürdigkeit« fuhr er demonstrirend fort »meilenweit kommen die Leute
hierher um den Baum zu sehen und wie oft er schon gemalt ist noch in diesen
Tagen von einem Fräulein das seit ein paar Wochen sich bei uns aufhält Ich
habe sie selbst hierher gefahren ich fahre sie sehr oft«
Ich hatte in meinen Gedanken verloren unterwegs ganz gegen meine
Gewohnheit wenig mit dem Manne gesprochen ja ihn kaum beachtet und nun war
mir plötzlich als ob er und ich alte Bekannte wären und die allerinnigsten
gemeinsamen Interessen hätten Ich fragte ihn wie die Dame heiße nicht als ob
ich im mindesten gezweifelt dass er von Paula rede und dennoch erschreckend
wie er nun ihren Namen aussprach der in seinem Munde einen wunderlich fremden
Klang hatte Und jetzt wurde der Mann der nur auf die Gelegenheit gewartet zu
haben schien sehr gesprächig und erzählte während wir über den Rücken des
Berges und hernach in rasselndem Trabe bergab fuhren über die Schulter gewandt
gar Vieles von dem lieben Fräulein und von der alten Dame ihrer Mutter die
blind sei und alle Menschen gleich an der Stimme erkenne und von dem alten
Herrn mit der Adlernase und dem langen grauen Schnurrbart und den krausen
weißen Locken der ja eigentlich wohl nur der Diener sei aber die Herrschaft
ginge mit ihm um wie mit ihresgleichen und gestern sei auch noch ein junger
Herr gekommen mit einem sonnverbrannten Gesicht und braunen glänzenden Augen
und langen braunen glänzenden Haaren der ja wohl der Bruder von dem Fräulein
und auch Maler sei
Der Wagen klapperte bereits auf dem holprigen Pflaster des Städtchens als
der Gesprächige noch immer von Paula und den Ihren erzählte Ich hatte ihm
gesagt dass ich um der Dame willen gekommen sei und dass er mich deshalb nach dem
Gasthofe fahren möge welchen er mir als ihre Wohnung bezeichnet hatte Der
Wagen hielt Der Oberkellner mit zwei kleinen Myrmidonen stürzte heraus ein
paar Jungen die im Notfalle als Führer eintreten mochten kamen heran sich
den fremden Herrn anzusehen Ich war so erregt dass ich kaum zu fragen
vermochte ob ich ein Zimmer haben könne und ob von den Herrschaften Jemand zu
Hause sei Ich konnte ein Zimmer haben aber von den Herrschaften war Niemand zu
Hause die gnädige Frau mache mit dem jungen Herrn einen Spaziergang und das
Fräulein sei schon früh am Nachmittage mit Herrn Süssmilch in die Berge gegangen
sie gehe jeden Nachmittag in die Berge sie male oben und pflege immer erst
nach Sonnenuntergang zurückzukommen
»Und Sie kennen den Ort«
»Ei freilich ganz genau der Karl hier hat dem Fräulein oft genug die
Sachen hinaufgetragen gelt Karl Du weißt wo das Fräulein malt«
»Ei freilich« sagte der Bursche »soll ich den Herrn hinbringen«
»Ja gewiss« sagte ich und wandte mich schon zu gehen
»Der Herr braucht gar nicht so zu eilen« rief der aufmerksame Oberkellner
hinter mir »Sie sind in einer halben Stunde oben«
Mein kleiner Führer lief voran ich folgte ihm durch die mit Linden besetzte
Hauptstraße des Städtchens wo vor den Türen hier und da die Kurgäste saßen
hinaus in die Felder über denen goldiger Abendsonnenschein lag in den Wald
der uns mit kühler Dämmerung umfing Wir gingen eine breite Fahrstrasse die zum
Teil sehr steil anstieg hier und da an kleinen Wiesenmatten vorüberführte und
sonst auf beiden Seiten vom schönsten Hochwald eingefasst war Es war wunderbar
still in dem kühlen Tann kein Lüftchen regte sich kaum dass dann und wann ein
Vöglein zirpte von oben blaute der Himmel herein und mir war als ob ich
geradewegs in den blauen Himmel stiege Niemand begegnete uns erst als wir
schon beinahe auf der Höhe uns rechts von der Hauptstraße in den Wald schlugen
und bald auf einen freien Platz gelangten auf welchem ein Jägerhaus lag sah
ich ein paar Leute die dort auf Bänken saßen und Bier tranken Aus dem Walde
gegenüber der Stelle auf welcher wir eben die Lichtung betraten kam ein Mann
mit einem Burschen hinter sich der Malergerät trug Ich erkannte sofort den
Wachtmeister mein kleiner Führer sagte der die Gerätschaften trage sei sein
Bruder der Hans und sie kämen von dem Platze wo das Fräulein gemalt habe Der
Platz sei nur noch fünf Minuten entfernt und man brauche nur immer den Weg
geradeaus zu gehen aus welchem der Herr Wachtmeister und der Hans eben gekommen
seien
Mein alter Freund hatte lebhaft mit dem Burschen sprechend der ihm die
Sachen nicht sorgsam genug tragen mochte mich nicht bemerkt und das war mir
lieb denn ich fühlte dass ich nicht im Stande war ihn zu begrüßen So winkte
ich denn auch nur dem Burschen zurückzubleiben und schritt quer über die
Lichtung in den Weg den er mir bezeichnet hatte
Es war ein breiter Weg mit feinem kurzen Rasen auf den der Fuß lautlos
trat und die Tannen auf beiden Seiten waren so mächtig dass sie ihn gänzlich
überwölbten und das tiefe Abendrot kaum hier und da durch die grüne Dämmerung
spielte dabei leitete er fortwährend sanft in die Höhe und ich schritt dahin
ohne dass ich mir bewusst war dass ich ging und meine Glieder regte gerade wie
man im Traum aufwärts schwebt Eine atemlose Erwartung eine freudige
Bangigkeit erfüllten mich ganz So könnte eine unsterbliche Seele empfinden die
im nächsten Augenblicke vor ihren Richter treten soll und in all ihrem bangen
Zagen doch weiß dass dieser Richter die Gnade selbst ist.
Und jetzt wurde es vor mir lichter und mit jedem Schritte lichter und ich
trat heraus aus dem Hochwald auf die Lehne des Berges der rechts hin mächtig
aufragte zu seinem waldgekrönten poesieverklärten Gipfel während nach links
gen Westen ein tiefes Waldtal sich abwärts senkte über welchem weit drüben
die Bergterrassen purpurn in den Abendhimmel stiegen Die Sonne war bereits
verschwunden aber ihr Schein lag noch rosig auf dem leichten Gewölk das über
den Bergen schwebte und von dem Wiederschein der rosigen Wolken beleuchtet
stand eine weibliche Gestalt wenige Schritte vor mir an einem moosbekleideten
Felsblock auf den sie sich mit dem rechten Arm stützte während in der linken
Hand der breitrandige Strohhut lässig hing Sie blickte unverwandt in das
Abendgold und ihre reinen Züge hoben sich klar von dem lichten Hintergrunde So
sah ich sie wieder
Aber sie sah mich nicht sie hörte mich nicht denn der weiche Rasen dämpfte
meinen Schritt Ich wollte ihren Namen rufen aber ich konnte es nicht und
jetzt wendete sie langsam ihr Gesicht zu mir und blickte mich an mit großen
geisterhaft starken Augen ohne dass sich eine ihrer Mienen regte als wäre ich
eine Erscheinung auf die sie gehofft die sie selbst durch die Gewalt ihrer
Sehnsucht herbeigezaubert Und dann als ich die Arme ausbreitete und »Paula
liebste Paula« stammelte da flog es wie ein himmlisches Leuchten durch ihr
liebes Antlitz ein leiser Schrei entrang sich ihren Lippen und sie lag an
meiner Brust mit stürmischem leidenschaftlichen Weinen als hätten alle die
Schmerzen die sie so lange Jahre erduldet auf diesen einen Moment gewartet um
hervorzubrechen in heißen unaufhaltsamen Tränen
Was ich gesprochen was sie gesprochen während wir da oben standen und am
Himmel ein rosiger Streifen nach dem andern verblich ich wüsste es nicht mehr
zu sagen Und dann gingen wir durch den schweigenden Wald zurück Hand in Hand
einen anderen Weg als den mich der Knabe geführt einen Weg der Anfangs auf
sanftem Rasengrunde gerade bergab leitete so dass das Tal im letzten
Abendschein zu uns heraufgrüsste dann eine Strecke unter hohen Buchen wo es
sehr dunkel war so dass Paula mich sorgsam an der Hand hielt bis wir dann
wieder an lichtere Stellen kamen und das Tal abermals vor uns lag aber jetzt
schon ganz in Grau gehüllt so dass ich glaube der Weg hinab müsse länger
gewesen sein als der hinauf obgleich er mir so kurz vorkam so kurz
Dann sehe ich uns das heißt die Mutter Paula Oskar und mich an einem
gedeckten Tischchen in einer der Lauben vor dem Hotel sitzen und der Schein des
Lichtes in der Glasglocke fällt hell in die sanften Züge der Blinden die von
Zeit zu Zeit mit ihrer weichen Hand über meine Stirn streicht und in Paulas
liebes Antlitz das von innerer Glückseligkeit mit einem holden Glanz
überstrahlt ist und in das bildschöne jugendfrische Gesicht Oskars dessen
dunkle Augen blitzen während er erzählt wie er einen großen Auftrag von einem
jungen englischen Lord dessen Bekanntschaft er in Rom gemacht erhalten habe
mächtige Wandgemälde für das Schloss seiner Herrlichkeit in den schottischen
Hochlanden und wie er bevor er dahin gehe doch erst mit der Schwester
seinem Lehrer und Meister habe sprechen und ihren Rat einholen müssen und
dabei schüttelte der Jüngling sein langes Haar nach hinten und hebt das volle
Glas mit dem perlenden Champagner und leert es auf unser Wohl und die Mutter
lächelt uns freundlich zu und in der Öffnung der Laube erscheint als unsere
Gläser zusammenklingen jener Kopf mit dem grauen Schnurrbart und dem krausen
weißen Haar der in der modernen Kunstgeschichte eine so überaus wichtige Rolle
spielt
Dann stehe ich am offenen Fenster meines Zimmers und horche dem Rauschen des
Nachtwindes in den Zweigen und dem Plätschern des Brunnens in dem Garten vor dem
Hotel und meine Blicke hangen an einem Stern der vor den andern aus dem
nächtlichen Himmel gar herrlich strahlt
Und die alte Wehmut regt sich tief in meinem Herzen und meine Augen füllen
sich mit Tränen
Aber als ich wieder hinzuschauen vermag strahlt der Stern noch herrlicher
denn zuvor als wäre es ein Auge das aus den Gefilden der Seligen liebevoll auf
mich herniedergrüsste
Dreiunddreissigstes Kapitel
Ich bin in der Geschichte meines Lebens bis zu dem Punkte gekommen bis zu
welchem ich dieselbe von vornherein zu bringen beabsichtigt hatte Freilich
sagte ich mir schon damals und sage es mir jetzt wieder dass ich es damit nicht
Allen recht machen würde Einer wird finden dass die Geschichte nicht ganz
uneben sei und er in Ermangelung von etwas Besserem noch ganz wohl ein paar
hundert Seiten weiter gelesen hätte ein Anderer wird meinen nach seiner
Erfahrung er ist nämlich ein Mann von großer Erfahrung fange das Leben genau
da an interessant zu werden wo ich abbreche Jugendgeschichten sähen sich so
ähnlich wie Kinderkrankheiten die jeder durchmachen müsse und die gerade darum
nichts Besonderes seien erst wenn der vollkommen entwickelte Mann in das große
Leben trete und sich an der Lösung der Aufgaben des Jahrhunderts praktisch
beteilige oder wenn er als Privatmensch in jenen Konflicten die in keiner
Ehe ausblieben in dem Verhältnisse des Vaters zu den Kindern das niemals ohne
alle Trübungen sei Gelegenheit gehabt habe seinen Charakter zu betätigen
erst dann verlohne es sich vielleicht
Ich fühle schwer das Gewicht dieser Einwürfe aber einmal war ich wie
gesagt darauf gefasst dass ich es dem Einen oder dem Andern ja wie es sich
jetzt herausstellt dem Einen und dem Andern nicht zu Dank machen würde und
sodann meine ich der Eine findet gewiss mit leichtester Mühe ein viel
amüsanteres Buch zur Ausfüllung seiner müßigen Stunden und was den Anderen den
Vielerfahrenen betrifft so dürfte ich am Ende seinen großen Ansprüchen die zu
machen er ja vollauf berechtigt ist beim besten Willen nicht genügen Ich
wüsste und wollte ich mich noch so interessant machen von ehelichen Konflicten
und von Trübungen meines Familienlebens nichts was der Rede irgend wert wäre
zu erzählen und wenn ich wie ich mir in besonders hochmütigen und
hoffährtigen Stunden schmeichle wirklich an der Arbeit unserer Zeit redlich
mitgeschaft habe und Alles in Allem kein verächtlicher Arbeiter gewesen bin
nun so möchte ich ungern meinen Lohn vorwegnehmen und denke es findet sich
vielleicht ein guter Freund der mir ihn in Form einer preislichen Grabschrift
oder gar in der eines förmlichen Nekrologs welcher durch die Zeitungen geht in
volltönenden Worten auszahlt
Im Ernst Du lieber Leser der Du mein Freund geworden bist sonst hättest
Du wohl nicht bis hierher gelesen Du für den ich allein geschrieben habe und
für den allein ich auch dies Schlusscapitel noch schreibe im Ernst ich glaube
Dir und mir einen Gefallen zu tun wenn ich hier abbreche Ich weiß nicht ob
Du ein Techniker ob Du ein Mann von Fach bist und ich müsste es doch eigentlich
wissen um die Geschichte eines Technikers wie ich es bin so zu erzählen dass
sie Dir in dem einen Falle genügt oder Dich in dem andern nicht allzusehr
langweilt ja ich weiß nicht einmal ob Du überhaupt ein Mann und nicht
vielmehr eine Dame bist die trotz ihrer Liebenswürdigkeit und übrigen »
accomplishments« für die Erörterung technischer Fragen keine augesprochene
Vorliebe hat ja die mir bereits dafür dass ich bisher nur immer an den Saum
solcher heiligen Dinge gestreift bin herzlichen Dank weiß einen Dank den ich
um Vieles nicht verschmerzen möchte
Wie gesagt ich weiß das Alles nicht Eins aber weiß ich dass Du um mit dem
guten Professor Lederer zu reden ein Mensch bist dem nichts Menschliches fremd
ist und wie ich Dir bis jetzt hoffentlich nur erzählt habe was Deine
Teilnahme leicht erweckte weil es einem Menschen begegnete der nicht besser
und nicht schlechter nicht klüger und nicht dümmer nicht interessanter und
nicht langweiliger war als die Menschen zu sein pflegen und in dessen Gedanken
und Empfindungen in dessen Wollen und Streben ja in dessen Verirrungen Du Dich
daher ohne große Mühe zurechtfandest so meine ich Du müsstest als ein guter
Mensch und als mein Freund mir nachfühlen weshalb ich Dich bitte Dir die
weitere Geschichte meines Lebens nach Deiner herzlichen Gesinnung und
liebenswürdigen Phantasie freundlichst auszumalen
Und das »Freundlichst« wollest Du ja wörtlich nehmen denn es ist ich sage
das mit tiefster Dankbarkeit gegen ein gütiges Geschick und ohne Furcht vor dem
Neid der Götter an den ich nicht glaube es ist viel viel herrlicher
Sonnenschein in mein Leben gefallen Meine Tätigkeit ist mit äusserem Erfolge
gekrönt weit über meine kühnsten Erwartungen und weit weit über meine
bescheidenen Ansprüche und mäßigen Bedürfnisse und was viel mehr bedeutet ich
habe um zu diesen Erfolgen zu gelangen die Lehre meines Meisters nicht zu
verleugnen brauchen habe nicht ein harter Hammer zu sein brauchen für einen
armen vielgeplagten Amboss im Gegenteil ich weiß es so gewiss als ich lebe
dass ich nicht nur nicht der frohe Mensch wäre der ich bin sondern dass ich auch
nicht der reiche Mann sein würde wenn ich nicht Zeit meines Lebens voll des
Glaubens gewesen wäre an die große schöne Lehre von der gegenseitigen
Hilfsbereitschaft der Brüderlichkeit der Gemeinschaft aller menschlichen
Interessen
Dieser lebendige tatenfrohe und tatenkräftige Glaube er hat mir Segen
gebracht hundert und tausendfältig und ich empfehle ihn aus bester
Überzeugung Allen die Erfolge haben wollen selbst denen welche auf den
Besitz eines guten Gewissens keinen besonderen Wert legen und hernach doch
vielleicht finden dass dies gering geschätzte verächtliche Ding wenn man es
einmal hat gar nicht so wenig zum Komfort des Lebens beiträgt
Du erlässt mir gern die weitere Ausführung dieser Wahrheiten lieber Freund
denn Du hast sie durch Dein eigenes Leben bestätigt gefunden Du bist auch gern
bereit Dir mein Leben in der Weise wie ich gebeten weiter auszumalen mir die
Angabe aller Details zu erlassen so weit sie mich und die Meinen betreffen die
Zahl und das Alter und die Namen meiner Kinder und ob die Jungen intelligent und
tüchtig und die Mädchen »bedeutend« und schön sind Du bist durchaus geneigt
sämtliche EhrenQualitäten auf ihre jungen Scheitel zu häufen aber Du
meinst was mir meiner Gattin und etwa meinen Kindern obgleich die letzteren
in der Geschichte gar nicht vorkämen und also eigentlich auch keine Ansprüche zu
machen hätten was sage ich für uns billig wäre sei deswegen den andern
Personen die wirklich in der Geschichte aufträten und an die Du deshalb
entschiedene Ansprüche machen dürftest doch keineswegs recht und Du
wünschtest vor dem »Ende« denn doch zu wissen was aus ihnen geworden
Ach gar manche sind wie Du Dir denken kannst in den fünf und zwanzig
Jahren die seitdem beinahe verflossen eine Beute des Todes geworden der sich
ja keinen abbitten und abringen lässt wie verzweiflungsvoll auch die
Zurückbleibenden den zerflatternden Lebensfaden in liebenden Händen festzuhalten
suchen
So starbst Du gute Mutter und verwandelst Dich in ein leuchtendes Bild der
Milde Güte Duldsamkeit und zugleich des stillen starken opferfreudigen
Mutes zu welchem wir alle Zeit wie zu dem Deines hehren Gatten voll Anbetung
aufgeblickt von dem wir uns oft und oft Rat und Trost geholt haben
So starbst Du alter braver Wachtmeister treue goldene Seele hochbetagt
und hochgeehrt und heissbeweint von Niemand heißer als von unseren Jungen die
Du reiten und fechten lehrtest und die Wahrheit sagen komme heraus was wolle
Und auch Du lieber guter Hans Letzter vom alten Heldenstamm Zürne mir
nicht teurer Freund wenn ich hier und da mir ein Wort des Scherzes über die
Wunderlichkeiten erlaubt habe die Dir anhafteten als noch Dein mächtiger
Körper seinen breiten Schatten auf die Erde warf Glaub mir es hat Dich
trotzdem Keiner so geliebt wie ich vielleicht weil Keiner Dir so nahe
getreten ist Keiner so Gelegenheit gehabt hat zu erfahren wie auch nicht ein
Blutstropfen von Falschheit je durch Dein großes edles Herz gerollt und wie Du
vom Wirbel bis zur Sohle ein echter Ritter ohne Furcht und Tadel gewesen bist
Du auch starbst entusiastische Freundin mit dem törichten Gebahren der
affectirten Rede und der echten Liebe in der weichen freundlichen Seele gute
Duff Ich danke Dir dass Du uns erlaubt hast die Pflege Deiner letzten Jahre zu
übernehmen und wenn Dir auch Dein heißer Wunsch nicht erfüllt ist unsere
Töchter Deine Schülerinnen alle vor Deinem Tode verheiratet zu sehen ich
denke Du hast schon im Leben gefunden wonach Dein liebevolles
liebebedürftiges Herz so treu gesucht
Ja ja die Reihe der alten bekannten lieben Gesichter hat sich sehr
gelichtet aber wir wollen dankbar sein dass uns noch so Manche geblieben sind
so Manche die zu ersetzen einfach unmöglich wäre
Wer oder was sollte mir Dich ersetzen mein wackerer Klaus Du oberster der
Meister und auch Obermeister seitdem der brave Roland mit samt seinem Lächeln
unter dem buschigen Barte in den Urwald sich verloren hat aus dem noch keiner
wiederkam Nichts könnte Dich mir ersetzen so wenig wie Dir alle Schätze
Polynesiens die Euch einst die Tante aus Java bringen wird Deine Christel
ersetzen könnte oder Deine acht Jungen die da sie als Jungen der Mutter
nicht gleichen können sich wenigstens bestreben ihr möglichst ähnlich zu sehen
und alle ihre blauen holländischen Augen und ihr blondes holländisches Haar
haben Die alte javanesische Tante dass sie noch immer nicht kommen will Aber
ich glaube Du hast ihr diese Unhöflichkeit eigentlich schon vergeben nur
einmal bist Du ihr wirklich bös gewesen und das war zu der Zeit als für Deinen
Freund Georg fünftausend Taler mehr oder weniger eine Frage um Sein oder
Nichtsein war und Du den Himmel anflehtest er möchte Dir jetzt die Tante
senden und wenn es auch ein Onkel wäre
Ja ja ein paar Freunde sind noch geblieben und werden wills der Himmel
bleiben trotzdem sie vielleicht schon seit fünfzig Jahren jeden Tag am
Gehirnschlage
»Nein nein Doctor ich will die schändliche Phrase nicht zu Ende bringen
Sie sind ja so schon außer sich dass ich Sie in meinem Buche erwähnt habe als
ob die Geschichte meines Lebens ohne Sie noch die Geschichte meines Lebens wäre
und behaupten ich hätte nachdem Sie nun bereits ein halbes Jahrhundert mit
Ehren kahl seien zu guterletzt noch einen Kinderspott aus Ihnen gemacht und
Sie könnten sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen Schelten Sie soviel
Sie wollen Doctor meinetwegen in den höchsten und allerhöchsten Tönen ich
weiß doch wie Sie es meinen und dass Sie sich gelegentlich wieder herabstimmen
und weiter weiß ich dass, wenn nicht alle Leute auf der Straße den Hut vor Ihnen
ehrfurchtsvoll ziehen es einfach daran liegt dass nicht alle Sie kennen«
»Und ich will auch nicht gekannt sein« schreit der Doctor »und der Menge
gezeigt werden wie eine naturgeschichtliche Merkwürdigkeit am wenigsten von
Ihnen der Sie mich immer in dem falschen Lichte gesehen haben wenn ein
Mammut wie Sie überhaupt irgend etwas im richtigen Lichte sehen kann Will
ich einmal abconterfeit sein so werde ich mich von Ihrer Frau malen lassen die
sich schämen sollte aus purer abgöttischer Liebe zu Ihnen und ihren Kindern die
edle Kunst so zu vernachlässigen oder von Oskar Apropos wollen Sie nicht
vielleicht auch eine ausführliche Analyse sämmtlicher oder doch wenigstens der
Hauptwerke Oskars in Ihr Buch aufnehmen und sich dabei schauderhaft blamiren
denn Sie verstehen von der Kunst wirklich gar nichts oder wollen Sie nicht
Kurt weil er doch nun einmal die Bescheidenheit selbst ist, in die
fürchterlichste Verlegenheit setzen indem Sie seine Verdienste um unser
Eisenbahnwesen und seine Erfindungen im Maschinenbau einzeln aufführen oder
wollen Sie Benno nicht der Regierung denunciren weil seine in aller Stille
blühende landwirtschaftliche Schule in Zehrendorf den betreffenden
Landesinstituten die gefährlichste Koncurrenz macht«
»Schelten Sie nur ruhig weiter lieber Doctor Sie glauben nicht wie
gelegen mir das Alles für mein Schlusscapitel kommt Ich möchte Ihnen dort wie
überall gern das letzte Wort lassen«
»Das fehlte mir noch gerade« ruft der Erzürnte und läuft als der letzte
unserer Gäste zur Tür hinaus
Die Szene spielte gestern Abend und ich sagte zu Paula ob es nicht ein
guter Einfall sei meinem besten ältesten teuersten Freunde dem ich mehr zu
verdanken hätte als ich sagen könnte das letzte Wort zu lassen
»Ich wusste nie welches der letzte Pinselstrich bei meinen Bildern sein
würde bis ich ihn gemacht hatte« sagte Paula »vielleicht wird es Dir bei dem
Buche ähnlich ergehen«
Heute in der ersten Morgenfrühe finde ich dass Paula recht hat Ich fühle
dass ich schließen muss und dabei ist mir immer als dürfe ich noch keineswegs
schließen als habe ich noch ich weiß nicht was vergessen als sei ich noch
dem Leser meinem Freunde trotz meiner feierlichen Verwahrung von vorhin über
hunderterlei Auskunft schuldig
Zum Beispiel darüber wie es kommt dass ich »in der ersten Morgenfrühe« am
Schreibtisch sitze nachdem ich gestern Abend wie es scheint eine kleine
Gesellschaft bei mir gehabt ob ich mich etwa verschrieben habe
Nein ich habe mich nicht verschrieben die erste Morgenfrühe das heißt im
Winter die vierte und im Hochsommer wie jetzt manchmal schon die zweite Stunde
findet mich seit Jahren in meinem Arbeitszimmer lesend rechnend zeichnend und
seitdem ich dies Buch unter der Feder habe meistens schreibend Ich bin alle
Zeit ein guter Schläfer gewesen und bin es noch insofern als mein Schlaf sehr
tief und meistens traumlos ist aber ich bedarf schon lange nur der Hälfte der
Zeit die Andere nötig haben Der Doctor sagt ich habe ein zu großes Herz wie
die meisten großen gutmütigen und ein wenig beschränkten Menschen mit breiten
Schultern welche von der Natur zum Lastentragen und Ambosssein bestimmt wären
aber er lächelt dazu und ich weiß nicht ob er es ernstlich meint
Ich habe eben am offenen Fenster gestanden nachdem ich die Lampe bei der
ich bis dahin geschrieben ausgelöscht Am völlig wolkenlosen lichtblauen
Julihimmel stand die Sichel des abnehmenden Mondes aber die Sterne waren
sämtlich erloschen Über meinem Fenster auf der Regenrinne saß eine Schwalbe
und sang das Köpfchen hinüber und herüber wiegend nach Osten blickend wo die
Sonne aufgehen wird Ich habe nie einen süsseren Gesang vernommen er füllt mir
noch während ich dies schreibe die ganze Seele Aus einem der hohen
Schornsteine der Fabrik deren Hauptgebäude der Villa seine Front zuwendet
stieg eine schwarze Rauchsäule schlank und gerade wie der Stamm einer Palme
hoch hinauf in die helle Luft Es soll ein mächtiges Werkstück heute gegossen
werden da hat Klaus früh anheizen lassen
Ich sehe das Bild wie ich es eben zu schildern versucht oft und oft in der
Morgenfrühe und immer stimmt es mich froh und freudig und ich begrüsse dankbaren
Herzens die neue Sonne
Horch ein wohlbekannter Klang der erste Schlag des Hammers auf den Amboss
Der Tag den die Schwalbe verkündet ist da Leb wohl mein Freund Du und ich
wir wollen an die Arbeit gehen
Ende