1866_Marlitt_Goldelse.html




        
                                Eugenie Marlitt
                                    Goldelse
                                        1
Den ganzen Tag über hatte es geschneit und zwar so recht mit Musse und
Gemächlichkeit so dass die Dächer und Fenstersimse dicke fleckenlos weiße
Polster angelegt hatten Nun brach ein früher Abend herein und mit ihm ein
wilder Sturm der heimtückisch in die niedertaumelnden Schneeflocken fuhr wie
ein Raubtier zwischen eine friedliche Taubenschar
    Mag auch das Wetter derart sein dass der gemütliche Kleinstädter nicht
einmal seinen Hund geschweige denn seine eigenen edlen Gliedmaßen außerhalb
der vier Wände wissen will in der großen Hauptstadt B merkt man abends
zwischen sechs und sieben Uhr keinen auffallenden Unterschied hinsichtlich der
Strassenfrequenz Die Gasflammen ersetzen die Himmelslichter die nicht kommen
wollen um die Ecken jagen die Equipagen in so wütender Eile dass die Fußgänger
nur durch einen kühnen Sprung an die Häuser Leben und Glieder retten dafür
folgt ein Schwall kräftiger Flüche dem pelzverbrämten Kutscher und dem eleganten
Wagen hinter dessen festgeschlossenen Scheiben reizende Damen ihr
blumengeschmücktes Köpfchen mühsam über die ungeheuren Wogen des umfangreichen
Gazekleides heben und keine Ahnung davon haben dass in diesem Augenblicke Feuer
und Schwefel auf ihre duftenden Locken herabgewünscht werden Wohlfrisierte
Wachsköpfe inmitten schauderhafter schwarzer und blonder Skalps still und
aufmerksam arbeitende Uhrmacher lächelnde Kommisgesichter hinter bauschenden
Stoffen und verführerischen Mantillen und alte verkümmerte Boukett und
Kranzwinderinnen zwischen hold blühenden frischen Blumen stehen und bewegen
sich in beneidenswerter Sicherheit und wohldurchwärmter Atmosphäre hinter den
Schaufenstern die ein blendendes Licht auf die schlüpfrigen Trottoirs und den
vorbeiflutenden Menschenstrom werfen wobei blaurote Nasenspitzen tränende
Augen und verzweifelte Kopf und Armbewegungen an allen alten und jungen
Vorübereilenden sichtbar werden
    Doch halt  nicht an allen Da tritt eben aus einem Seitengässchen in eine
der Hauptstrassen mit leichtem elastischem Schritte eine weibliche Gestalt Das
enge verwachsene Mäntelchen schließt sich fest an die schlanken Glieder und
der alte zerzauste Muff wird dicht an die Brust gedrückt wo er die Enden eines
herabhängenden Schleiers festhält unter diesem alten schwarzen Gewebe lachen
zwei Mädchenaugen im Sonnenglanze frischer Jugend sie blicken fröhlich in das
Schneegetümmel haften innig an den halbgeöffneten Centifolien und den dunklen
Veilchen hinter den Glasscheiben und verbergen sich nur dann unter den langen
Wimpern wenn sich heimtückische Eissplitter unter die Schneeflocken mischen
    Wer einmal gehört hat wie kindliche Hände oder auch Hände die zu einem
völlig ausgewachsenen Körper und Kopfe gehören auf dem Klavier eine
wohlbekannte Melodie zuversichtlich beginnen gleich darauf mittels einer
Dissonanz den musikalischen Faden zerreißen mit falschem Fingersatze in alle
möglichen Tonarten nur nicht in die angegebene greifen wobei der Lehrer den
hochgehobenen takttretenden Fuß verzweiflungsvoll sinken lässt bis endlich die
Melodie langatmend und lebensmüde wieder anhebt um im nächsten Augenblicke
durch einige leichte Takte wie über eine weite Ebene dahinzurasen  wessen
Ohrennerven einmal auf dieser Folter gelegen haben der wird begreifen dass das
junge Mädchen welches soeben zwei Unterrichtsstunden in einem Institute beendet
hat dem Sturmwinde freudig die heiße Wange bietet als einem wackeren Gesellen
von System und konsequenter Durchführung dessen mächtiges Brausen ja in Orgel
und Aeolsharfe zur wundersamen Melodie wird
    So eilt das junge Mädchen flüchtig und schwebend durch Schneefall und
andringenden Menschenstrom und ich zweifle keinen Augenblick sie würde auf den
schwimmenden Quadersteinen des Trottoirs umbraust vom Sturme nicht anders als
auf dem Parkett eines Salons auch dem Leser unter holdseligem Lächeln die
graziöseste Verbeugung machen wenn ich sie ihm vorstellen wollte als Fräulein
Elisabet Ferber Diese Vorstellung kann nun freilich nicht stattfinden und das
ist mir insofern ganz erwünscht als ich beabsichtige den Leser mit der
Vergangenheit des jungen Mädchens bekannt zu machen
    Herr Wolf von Gnadewitz war der letzte Abkömmling eines ruhmreichen
Geschlechts das seinen Ursprung zurückleiten konnte bis in zweifelhaftes
Dämmerlicht noch vor jenem goldenen Zeitalter allwo der vorüberziehende
Kaufmann in irgend einem Hohlwege seine kostbaren Stoffe und Waren zu adligen
Bannerfähnlein und glänzenden Turnierwämsern wie zu junkerlichen Gelagen
unfreiwilligerweise ablieferte Aus jenen unvergesslichen Zeiten datierte auch
ein Rad in dem Wappen der Gnadewitze auf welchem einer der Ahnherren seinen
Heldengeist verhauchen musste weil er in Ausübung jenes ritterlichen
Aneignungssystems allzuviel Krämerblut vergossen hatte
    Herr von Gnadewitz der Letzte seines Stammes war Kammerherr in Fürstlich
X schen Diensten zudem Inhaber hoher Orden und verschiedener Rittergüter wie
auch Besitzer aller Charaktereigenschaften die seiner Ansicht nach einem
Hochgebornen zukommen und die er »vornehm« nannte weil dem gemeinen Manne bei
der derben Hausmannskost der Moral und dem strengen Muss der Verhältnisse und
Sitten jedwedes Verständnis für jene unnachahmliche Grazie und Eleganz des
Lasters abgehe
    Herr Wolf von Gnadewitz war auch prachtliebend wie sein Großvater der das
alte Schloss Gnadeck auf dem Berge in Thüringen die Wiege seines Geschlechts
verließ um sich drunten im Tale einen wahren Feensitz im italienischen
Geschmacke aufzubauen Sein Enkel ließ das alte Haus droben noch mehr verfallen
und erweiterte und verschönerte das neue Schloss um ein beträchtliches Ja es
schien als hege Herr Wolf von Gnadewitz nicht den leisesten Zweifel dass der
Letzte seines Geschlechts dereinst als allerjüngstes Menschenkind beim
Weltgerichte erscheinen werde denn um alle neu angebauten Gemächer auszufüllen
durfte der alte Stamm getrost zahllose Zweige treiben Allein das hieß die
Rechnung ohne den Wirt gemacht Herr Wolf von Gnadewitz hatte zwar einen Sohn
der schon mit zwanzig Jahren ein so vollendeter Gnadewitz war dass selbst das
glänzende Bild des Ahnherrn mit dem Rade vor ihm erbleichen musste Aber der
junge Herr hatte eines Tages bei Gelegenheit der ersten großen Jagd im Herbst
einem Treiber mit der Hetzpeitsche einen furchtbaren Schlag über den Kopf
versetzt und zwar mit vollstem Rechte wie alle eingeladenen Teilnehmer an der
Jagd einmütig versicherten denn der Tölpel hatte den Lieblingshund des Herrn
dermaßen auf die Pfoten getreten dass das Tier für den ganzen Tag untauglich
geworden war Und so kam es dass kurze Zeit darauf Hans von Gnadewitz nicht
allein auf dem Stammbaume in der großen Halle des neuen Schlosses sondern auch
wirklich und leibhaftig an einem Eichbaume des Waldes und zwar mit einem
Stricke um den Hals gefunden wurde Der geschlagene Treiber büsste zwar wenn
auch nicht auf dem Rade so doch unter dem Beile diese Freveltat allein das
machte den letzten der Gnadewitze nicht wieder lebendig denn er war tot
unwiderruflich tot wie die Ärzte versicherten und so hatte das lange Lied von
Raubrittertum Trinkgelagen Hetzjagden und Pferderennen ausgeklungen
    Nach dieser schrecklichen Katastrophe verließ Herr Wolf von Gnadewitz sofort
das Schloss im Tale wie überhaupt diese Gegend und zog nach Schlesien auf
eines seiner vielen Güter Er nahm eine entfernte Verwandte die Letzte einer
Seitenlinie seines Geschlechts in sein Haus damit sie ihn pflegen solle Es
zeigte sich aber dass diese Verwandte ein engelschönes junges Mädchen war bei
dessen Anblick der alte Herr den eigentlichen Zweck ihres Kommens rein vergaß
und schließlich meinte sein sechzigjähriger Rücken sei noch gerade genug um in
den Hochzeitsfrack schlüpfen zu können Zu seiner tiefsten Indignation jedoch
musste er erfahren dass auch eine Zeit kommen könne wo selbst ein Gnadewitz
nicht mehr begehrenswert erscheine und wütend wurde er als das Mädchen ihm
gestand dass sie ihre hohe Abkunft schnöde vergessend ihr Herz einem jungen
bürgerlichen Offizier dem Sohne eines seiner Förster geschenkt habe
    Der junge Mann besaß nichts als seinen Degen und seine männlich schöne
Gestalt aber er hatte sich eine tüchtige wissenschaftliche Bildung angeeignet
war liebenswürdig im Umgange und von ausgezeichnetem Charakter Als Herr von
Gnadewitz die schöne Marie infolge ihrer Erklärung verstiess da führte sie der
junge Ferber glücklich als Gattin heim und hätte in den ersten zehn Jahren
seiner Ehe mit keinem König tauschen mögen Im elften würde ihn zwar ein solches
Gelüst noch viel weniger angefochten haben denn das war das Jahr 1848  aber es
brachte auch für ihn schwere Kämpfe und einen völligen Umschwung seiner
Verhältnisse  Er kam in den kritischen Fall zwischen zwei Pflichten wählen
zu sollen Die eine die ihm sein Vater schon an der Wiege vorgesungen hieß
»Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst vor allem aber deine
deutschen Brüder« die andere dagegen die er sich wenn auch viel später
selbst auferlegt gebot ihm das Schwert für das Interesse seines Herrn zu
führen In diesem Konflikte nun siegte jenes Wiegenlied das kräftige Wurzeln um
sein Herz geschlagen hatte vollständig  Ferber schoss nicht auf seine Brüder
aber dieser Sieg kostete ihm seinen Beruf seine gesicherte Lebensstellung Er
nahm seinen Abschied und sank bald darauf infolge einer Erkältung gelähmt aufs
Krankenlager das er erst nach jahrelangem Siechtum wieder verließ Hierauf
siedelte er mit seiner Familie nach B über wo er bald eine erträgliche Stelle
als Buchhalter in einem bedeutenden Handlungshause erhielt Es war die höchste
Zeit denn das kleine Vermögen seiner Frau war bei dem Sturze eines
Bankgeschäfts verloren gegangen und nur die mehrmaligen Geldunterstützungen
die Ferbers älterer und einziger Bruder ein Förster in Thüringen der
bedrängten Familie zukommen ließ hatten bis jetzt den Mangel in seiner
schlimmsten Gestalt ferngehalten
    Leider sollte dies Glück nicht von Dauer sein Ferbers Chef gehörte zu den
Frommen im Lande und suchte alle seine Umgebungen mit seinem Bekehrungseifer
heim Auch Ferber wurden diese Bemühungen zugewandt stießen aber hier auf einen
zwar mit ruhigem Ernste geäusserten und durch eine Fülle von Wissen motivierten
aber so entschiedenen Widerstand dass sich das fromme Gemüt Herrn Hagens  so
hieß der Kaufmann  darüber schier zu Tode entsetzte Einem solchen Freigeiste
Schutz und Brot zu geben und somit geflissentlich den Untergang des Reiches
Gottes zu befördern  der Gedanke ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe bis er
mittels eines Entlassungsbriefes sich von dieser Last befreite und das räudige
Schaf aus seiner Lämmerherde stieß
    Um jene Zeit ging auch Herr Wolf von Gnadewitz heim zu seinen Ahnen und da
er während seiner irdischen Laufbahn an dem Grundsatze seines Geschlechts keine
Beleidigung ungerächt zu lassen streng festgehalten hatte so konnte dies Leben
wohl keinen würdigeren Abschluss und Endpunkt finden als in dem Testamente das
er eigenhändig niederschrieb ehe er hinunterstieg in das enge Kämmerlein von
Zinn in welchem seine Gebeine der Nachwelt aufbewahrt bleiben sollten Dies
Aktenstück männlicher Konsequenz das einen entfernten Verwandten seiner
verstorbenen Gemahlin zum Universalerben ernannte schloss mit folgender
Verfügung
    »In anbetracht des unabweislichen Anspruches den sie an meinen Nachlass hat
vermache ich der Anna Maria von Gnadewitz verehelichten Ferber das Schloss
Gnadeck auf dem Berge in Thüringen Anna Maria Ferber wird nicht verkennen dass
ich sie wohlmeinend bedenke indem ich ihr ein Obdach anweise das sie mit
zahllosen Erinnerungen an das edle Geschlecht dem sie einst angehörte umgeben
wird Wohl wissend dass über jenen alten Hallen stets Glück und Segen geschwebt
hat und diese unleugbare Tatsache genau erwägend halte ich es demnach für
völlig überflüssig diesem meinem Geschenke noch etwas beizufügen  Sollte
jedoch Anna Maria Ferber den Wert meiner Gabe nicht einsehend dieselbe
verkaufen oder auf irgend welche Art veräussern wollen so erlischt sofort ihr
Anspruch an das Erbe und das Waisenhaus in L tritt an ihre Stelle«
    Herr Wolf von Gnadewitz hatte sich sonach mit Hinterlassung einer beissenden
Satire auf sein schwarzbehangenes Paradebett gelegt Ferber und seine Frau
hatten zwar nie das alte Schloss gesehen allein es war weltbekannt als ein
zusammensinkender Trümmerhaufen den seit wenigstens fünfzig Jahren keine
ausbessernde Hand berührt hatte und der bei der Einrichtung des neuen Schlosses
im Tale sämtlicher Hausgeräte Wandbekleidung ja sogar des Kupferdaches auf
dem Hauptgebäude beraubt worden war Seitdem lagen die schweren Riegel und
Vorlegeschlösser eingestäubt und eingerostet vor dem mächtigen eichenen
Haupttore Die ungeheuren Waldbäume die sich dicht um den grauen Bau scharten
woben ungestört ihre breiten Äste in das üppige Gestrüpp zu ihren Füßen und
bald lag das verlassene Schloss hinter der grünen undurchdringlichen Wand wie
eine eingesargte Mumie
    Der glückliche Universalerbe dem der fremde Besitz inmitten seines Waldes
sehr lästig war hätte gern für eine ansehnliche Summe das alte Haus
zurückgekauft allein die vorsichtig ausgedachte Klausel am Schluße des
Vermächtnisses schnitt jede Unterhandlung ohne weiteres ab
    Frau Ferber legte die ihr zugesandte Abschrift des Testamentes auf die
einige Tränen fielen stillschweigend auf den Schreibtisch ihres Mannes und
nahm dann mit doppeltem beinahe fieberhaftem Eifer ihre Arbeit eine Stickerei
wieder auf Ferber hatte trotz aller Bemühungen keine Anstellung wieder erhalten
und sah sich nun genötigt durch schlecht bezahlte Übersetzungen und wenn es
an diesen mangelte mittels Akten und Notenschreibens sein und seiner Familie
Leben zu fristen wobei ihn seine Frau durch den Erlös für Handarbeiten nach
Kräften unterstützte
    So trübe nun auch Ferbers Lebenshimmel umzogen war ein Stern tauchte
allmählich auf unter den Wolkenmassen und schien die fehlenden äußeren
Gnadenbezeigungen des wetterwendischen Glückes ersetzen zu wollen Eine Ahnung
von diesem milden Strahle welcher dereinst in ein dunkles Leben fallen sollte
überkam Ferber schon als er zum erstenmal an der Wiege seines erstgeborenen
Töchterchens stand und in die prächtigen Augen sah die aus dem feinen
Kinderköpfchen ihn anlachten Sämtliche Freundinnen der Frau Ferber waren
einstimmig der Ansicht der kleine Ankömmling sei ein reizendes Wesen ein
eigentümlich bevorzugtes Kind ja es sähe so ganz und gar nicht aus wie das
gewöhnliche Menschenkind wenn es krebsrot zum erstenmal die Welt anschreie dass
 hier brachen sie stets ab und es steht zu vermuten dass nur das
märchenfeindliche neunzehnte Jahrhundert und die sarkastischen Mienen ihrer
Ehemänner die stille aber untrügliche Ahnung hinter ihre Lippen verschloss es
habe hier die geheimnisvolle Macht irgend einer gütigen Fee obgewaltet
    Sie hielten in corpore das kleine Weltwunder über die Taufe stritten sich
dabei welche wohl die meiste Zärtlichkeit für das Patchen hege und schwuren
dieser Tag werde ihnen unvergesslich bleiben  ohne Zweifel eine zu hohe und
voreilige Anforderung an ihr Erinnerungsvermögen denn als Ferbers in missliche
Verhältnisse gerieten da wischte der Egoismus mit hartem Finger über die
Denkschrift und siehe da es blieb keine Spur zurück dass sie je gewesen
    Diese alte Erfahrung welche die kleine Elisabet schon in ihrem neunten
Lebensjahre machen musste beunruhigte sie übrigens sehr wenig Die vermeintliche
Fee hatte ihr zu den anderen reichen Gaben auch einen unzerstörbaren Frohsinn
und sehr viel Willenskraft in die Wiege gelegt deshalb nahm sie fortan das
dürftige Vesperbrot ebenso dankbar und fröhlich aus der mütterlichen Hand wie
ehemals die unerschöpflichen Leckerbissen der zärtlichen Paten und als am
Weihnachtsabend ein lichterarmer Baum nur einige Äpfel und vergoldete Nüsse
bot da schien ihr gar nicht einzufallen dass sich früher stets eine ehrenwerte
stattliche Gesellschaft aller möglichen guten und wünschenswerten Dinge auf
seinen Zweigen eingefunden hatte
    Ferber unterrichtete seine Tochter selbst Nie hatte sie eine Schule oder
ein Institut besucht ein Mangel den man leider heutzutage in vielen Fällen
einen Vorzug nennen möchte wenn man bedenkt dass manche junge Mädchen bei
weitem erfahrener die Schule verlassen als der sorgsamen Mutter lieb sein
dürfte die daheim die Reinheit der jungen Seele streng behütet und nicht ahnt
dass sie durch die täglich sich mehrenden räudigen Schafe im Schulzimmer
Eindrücke empfängt deren nachteilige Folgen sich in allen Phasen des späteren
Lebens geltend machen
    Elisabeths bildsamer Geist entfaltete sich herrlich unter der Leitung der
selbst so reich begabten Eltern Sie trieb die ihr auferlegten Studien mit
tiefem Ernste und dem rastlosen Drange alles was sie in sich aufnahm
gründlich zu wissen damit es ein unveräusserliches lückenloses Eigentum ihrer
Seele bleibe das war ihr strenge Gewissenssache und gehörte in das Reich der
Pflichten Der Musik aber gab sie sich mit einer Inbrunst hin mit welcher der
menschliche Geist das umfasst was er als seine spezielle Sendung auf der Welt
erkennt Bald hatte sie ihre Mutter die ihre Lehrerin war weit überflügelt
und wie sie als kleines Kind ihr Spielwinkelchen verließ wenn sie Wolken auf
des Vaters Stirn bemerkte sich auf seinen Schoss setzte und ihm selbsterfundene
goldglänzende Märchen erzählte so beschwichtigte sie später mit wundervollen
Melodieen die wie klare Perlen in ihrer Seele aufstiegen und die vorher noch
nie ein menschliches Ohr berührt hatten den Dämon finsteren Grames der oft
Ferbers Gemüt umnachtete Aber nicht allein dieser Segen erwuchs aus dem
seltenen Talente des jungen Mädchens Das ausgezeichnete Klavierspiel in der
Mansarde hatte die Aufmerksamkeit einiger Hausbewohner erregt Elisabet bekam
auf diese Weise nach und nach mehrere Schülerinnen und später den
Klavierunterricht in einem Institute übertragen wodurch es ihr möglich wurde
die Nahrungssorgen der Eltern bedeutend zu mildern
    Hier nehmen wir den Gang der Erzählung wieder auf und wollen uns die Mühe
nicht verdrießen lassen dem jungen Mädchen zu folgen das an dem stürmischen
Winterabend der elterlichen Wohnung zueilte
 
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Während des endlosen Weges durch krumme und gerade dunkle und helle Straßen
genoss Elisabet schon im Geiste das Behagen das sie beim Eintritt in das
heimische Stübchen stets überkam Da saß von der kleinen Schirmlampe mild
beleuchtet der Vater am Schreibtische lächelnd das blasse Gesicht erhebend
wenn er Elisabeths Schritte hörte Er nahm die Feder die den ganzen Nachmittag
über das Papier geflogen war in die linke Hand und zog mit der rechten seine
heimkehrende Tochter zu sich nieder um einen Kuss auf ihre Stirn zu drücken Die
Mutter die den Nähkorb zu ihren Füßen gewöhnlich neben ihm saß um den
schwachen Lampenschimmer möglichst nahe zu haben begrüßte sie mit einem
zärtlichen Lächeln und zeigte auf Elisabeths Hausschuhe welche sie vorsorglich
in das warme Zimmer getragen hatte Auf der heißen Ofenplatte zischten einige
Äpfel und drüben in der dunklen behaglichen Ecke neben dem Ofen summte die
kleine Teemaschine auf dem Sofatische welche nebenbei mit ihrer schwachen
blauen Flamme eine ganze Kompanie Bleisoldaten zu beleuchten hatte die der
sechsjährige Ernst Elisabeths einziges Brüderlein exerzieren ließ
    Vier Stockwerke musste Elisabet ersteigen ehe sie den schmalen dunklen
Korridor erreichte der zu der elterlichen Wohnung führte Hier nahm sie eiligst
den Hut ab zog eine neue mit Pelz verbrämte Knabenmütze unter dem Mantel
hervor und drückte sie auf ihr blondes Haar So trat sie in das Zimmer wo der
kleine Ernst alsbald mit einem Freudenschrei auf sie zulief
    Heute aber war die dunkle Ecke am Ofen hell beleuchtet und der Schreibtisch
stand verlassen im Dunkel der Vater saß auf dem Sofa und hielt die Mutter
umschlungen auf den Gesichtern beider aber lag ein eigentümlicher Glanz und
wenn auch die Mutter verweint aussah so erkannte Elisabet doch auf den ersten
Blick dass die Tränen aus Freude geflossen waren Erstaunt blieb sie an der
Tür stehen und mochte mit diesem Gesichtsausdrucke unter der schief
aufgedrückten Mütze wohl sehr komisch aussehen denn beide Eltern lachten laut
Elisabet stimmte fröhlich ein in das Gelächter und setzte die Pelzkappe auf den
dunklen Lockenkopf des kleinen Bruders
    »Da Herzensjunge« sagte sie indem sie zärtlich sein blühendes Gesichtchen
zwischen ihre beiden Hände nahm und küsste »die gehört dir Und auch dem
Mütterchen bringe ich etwas mit in die Wirtschaft« fuhr sie glückselig lächelnd
fort und legte der Mutter vier blanke Taler in die Hand »ich habe heute meine
ersten fünf Taler Honorar im Institut erhalten«
    
    »Aber Elsbeth« sagte die Mutter mit feuchtem Auge indem sie das
Töchterlein zu sich niederzog »Ernsts vorjährige Wintermütze sieht noch ganz
anständig aus und du hättest viel nötiger ein Paar warme Handschuhe gebraucht«
    »Ich Mutter Fühle doch meine Hände an ich komme eben von der Straße und
sie sind so warm als hätten sie im Ofen gesteckt  nein das wäre geradezu
Luxus Unser Junge ist größer und stärker geworden die Mütze aber nicht drum
war diese Ausgabe im Augenblick die nötigste«
    »Ach du liebe gute Elsbeth« rief entzückt der Kleine »eine solche schöne
Mütze hat ja nicht einmal der kleine Baronsjunge unten im ersten Stock  Die
wird aufgesetzt wenn ich auf die Jagd gehe gelt Papa«
    »Auf die Jagd« lachte Elisabet »du willst wohl auf die unglücklichen
Spatzen im Tiergarten schießen«
    »Falsch geraten Jungfer Else« jubelte der Kleine »Ja im Tiergarten«
fügte er ernstaft hinzu »da würde ich schön ankommen  nein im Walde im
wirklichen Walde wo es von Hirschen und Hasen wimmelt so dass man gar nicht
erst zu zielen braucht wenn man einen schießen will«
    »Nun ich bin sehr neugierig was der Onkel zu dieser Ansicht vom edlen
Weidwerke meint« sagte lächelnd der Vater dann nahm er einen Brief vom Tische
und gab ihn dem jungen Mädchen
    »Lies dies Schreiben mein Kind« sagte er »es ist vom Försteronkel wie du
ihn nennst aus Thüringen«
    Elisabet überflog die ersten Zeilen dann aber las sie laut
     »Der Fürst dem ein Teller Sauerkraut mit Rauchfleisch bei mir besser zu
schmecken scheint als die Pasteten seines französischen Kochs im Schloss zu
L blieb vorgestern mehrere Stunden bei mir im Forstause Er war sehr
leutselig und sagte mir er wolle mir noch eine Art Forstschreiber beigeben
denn er sehe ein dass zu viel auf meinen Schultern liege Da nahm ich die
Gelegenheit beim Schopfe das Wild stand schussrecht und wenn es entwischte so
riskierte ich höchstens ein paar Rehposten ins Blaue hinein was ich mir
freilich sonst nicht passieren lasse
    Ich erzählte ihm also dass Dich das Schicksal seit einer Reihe von Jahren
verteufelt aufs Korn genommen habe und Dich zwänge bei Deinen schönen
Kenntnissen und Talenten am Hungertuche zu nagen Der alte Herr wusste gleich wo
ich hinaus wollte denn ich sprach gut deutsch wie immer und bis jetzt hat
mich auch noch keiner falsch verstanden  es müssten denn die vornehmen
Bisambüchsen und Katzenbuckel sein die um den Herrn scherwenzeln und ihm am
liebsten weismachen möchten das ehrliche Deutsch sei zu grob für fürstliche
Ohren und man könne nur auf französische Art mit ihm reden  Nun der alte
Herr meinte also er sei geneigt Dich als Forstschreiber anzustellen weil er
mich  nun hier hat er mir einige Dinge gesagt die Du nicht zu wissen
brauchst über die ich alter Kerl mich aber ebenso gefreut habe wie dazumal
als unser alter Schulmeister nach dem Examen zu mir sagte Karl du hast deine
Sache wacker gemacht  Nun hat mir der Durchlauchtigste aufgetragen dir
darüber zu schreiben und er will auch die nötigen Befehle geben 
dreihundertundfünfzig Taler Gehalt Holzbedarf frei Überlege Dirs das Ding
ist so übel nicht und der grüne Wald ist mir doch tausendmal lieber als eure
vermaledeiten Dachkammern wo Nachbars Katzen miauen und wo der Rauch aus
Millionen Kaminschlünden euch in die Augen beißt
    Dass Du mir nun aber nicht etwa denkst ich sei auch so einer von den
Fuchsschwänzen welche die Gnade ihres Herrn benützen um ihre Angehörigen ins
Aemtchen zu bringen Siehst Du wenn Du nicht wärst was Du bist dh wenn Du
Deine Sache nicht gelernt hättest da biss ich mir eher die Zunge ab als dass ich
meinen Herrn mit Dir betrügen möchte hinwiederum würde ich jeden wildfremden
Menschen mit Deinen Kenntnissen und Gesinnungen eben so warm empfehlen wie Dich
 Nichts für ungut aber Du weißt es ja dass ich niemals ein Freund von
unklaren Begriffen gewesen bin
    Da kommt nun aber noch ein Kasus der besprochen sein will Eigentlich
müsstest Du bei mir wohnen und das ginge auch wenn Du ein Junggeselle wärst
der nur vier Wände für sein Ich und einen Kommodenkasten für seine Vatermörder
und dergleichen Zeugs brauchte Für eine ganze Familie habe ich jedoch
schlechterdings keinen Platz in meinem einsamen alten Rattenneste von
Forstaus das längst eine eingreifende Kur nötig hätte aber die gestrengen
Herren von droben denken nicht eher dran als bis die einbrechenden Balken den
Streusand über die einhundertundfünfzigste Eingabe schütten Das nächste Dorf
ist über eine halbe die nächste Stadt eine ganze Stunde entfernt vom Forstause
 lässt sich durchaus nicht einrichten denn Du kannst bei dem Hundewetter wie
wirs zum öfteren hier erleben nicht so weit laufen
    Da hatte aber die alte Sabine meine Haushälterin die hier im nächsten
Dorfe geboren ist einen pudelnärrischen Einfall Das alte Schloss Gnadeck  der
brillante Nachlass des hochseligen Herrn von Gnadewitz  liegt wie ich Dir schon
schrieb ungefähr einen Büchsenschuss weit vom Forstause Nun meinte Sabine als
sie noch eine rüstige Dirne gewesen sei  das ist nebenbei gesagt weit über
ein Vierteljahrhundert her  da hat sie als Stubenmädel bei den Gnadewitzens
gedient Damals sei das neue Schloss noch nicht vollständig eingerichtet gewesen
und habe nicht ausgereicht für die vielen Gäste die jedes Jahr die großen
Jagden mitgemacht hätten Da sei nun der sogenannte Zwischenbau auf Schloss
Gnadeck  wahrscheinlich ein Verbindungsgebäude zwischen zwei Hauptflügeln des
Schlosses  ein wenig aufgefrischt und hergerichtet worden Sie selbst hat
droben die Betten machen und lüften müssen wobei sie sich immer sehr gefürchtet
haben will Na ich glaubs gerne es steckt ja ohnehin unter der alten
Bandmütze ein ganzer Wust von Teufelsspuk und Hexengeschichten sonst ist sie
aber eine ganz respektable Person die meinen Haushalt am Schnürchen hat
    Sie behauptet nun steif und fest der Bau könne noch nicht so arg zerfallen
sein denn er habe damals sehr fest ausgesehen und gebe doch vielleicht für Dich
und die Deinen noch eine ganz hübsche Wohnung Möglich wärs schon aber ob
Deine Kinder sich nicht vor dem Hans Ruprecht und dergleichen fürchten wenn sie
in dem alten Mauerwerke hausen sollen
    Du weißt dass ich mich schwer geärgert habe über das nichtsnutzige
Vermächtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz und es deshalb nicht über mich
gewinnen konnte das alte Nest seit meiner Versetzung hierher auch nur ein
einziges Mal anzusehen Auf Sabines Aussage hin hat mir jedoch einer meiner
Burschen gestern nachmittag auf einen Baum klettern müssen an der einzigen
Stelle wo man in das Kuckucksnest sehen kann er sagt aber es liege da drin
alles durcheinander wie Kraut und Rüben Da war ich nun heute morgen drin in der
Stadt bei den Herren vom Gericht aber sie gaben mir die Schlüssel nicht heraus
ohne eine Vollmacht Deiner Frau und taten überhaupt so ängstlich als lägen die
Schätze von Golkonda in den alten Rumpelkammern Keiner von denen die damals
versiegelt haben konnte mir sagen wies drin aussieht denn sie waren
wohlweislich draußen geblieben in der Meinung es möchten einige Zimmerdecken
die Freundlichkeit haben auf ihre weisen Köpfe zu fallen und haben sich
begnügt das Haupttor mit einem Dutzend handgrosser Amtssiegel zu beklecksen
Wäre mir nun am allerliebsten wenn wir die Dinge in Gemeinschaft besehen und
überlegen könnten deshalb entscheide Dich möglichst rasch und mache Dich dann
mit den Deinen auf den Weg «
    Hier ließ Elisabet das Blatt sinken und richtete die leuchtenden Augen in
atemloser Spannung auf Ferber
    »Nun und was hast du beschlossen lieber Vater« fragte sie hastig
    »Je nun« erwiderte dieser mit ernstem Gesichte »es wird mir einigermaßen
schwer dir meinen Entschluss mitzuteilen denn ich sehe deutlich an deinem
Gesichte dass du das schöne volksbelebte B nicht um alles in der Welt mit der
Waldeinsamkeit vertauschen möchtest Indes erfahren musst du trotzdem dass dort
auf dem Schreibtische meine Bitte um die Stelle an den Fürsten von L bereits
kouvertiert und versiegelt liegt  Es ist aber nicht mehr als billig dass wir
auch deine Wünsche dabei in Erwägung ziehen und deshalb sind wir durchaus nicht
abgeneigt dich hier zu lassen falls «
    »Ach nein wenn Elsbeth nicht mitgeht dann will ich lieber auch hier
bleiben« unterbrach ihn der kleine Ernst indem er sich angstvoll an die
Schwester schmiegte
    »Sei du nur ruhig mein Herzchen« sagte Elisabet lachend »ich finde schon
meinen Platz auf dem Wagen und wenn nicht nun so weißt du ich bin mutig wie
ein Soldat und kann laufen wie ein Hase Als Kompass habe ich die Sehnsucht nach
dem grünen Walde bei mir die schon als ich noch ein ganz ganz kleines Kind
war einen großen Winkel in meiner Seele eingenommen hat So geht es tapfer und
bescheidentlich vorwärts auf meinen zwei eigenen Füßen und was will dann Papa
machen wenn eines Abends ein armer müder Wanderer mit zerrissenen Schuhen und
leerer Tasche vor dem alten Schlosstore erscheint und Einlass begehrt«
    »Freilich müssten wir aufmachen« rief lächelnd der Vater »wenn wir nicht
die Rache aller guten Geister die ein mutiges Herz beschützen auf unser
morsches Dach herabbeschwören wollten  Übrigens wirst du wohl an dem alten
Schloss vorüberziehen und an irgend eine einsame Bauernhütte im Walde anklopfen
müssen wenn du uns finden willst denn in dem Trümmerhaufen wird sich
schwerlich ein Asyl für uns einrichten lassen«
    »Das fürchte ich auch« meinte die Mutter »Wir arbeiten uns mühsam durch
Hecken und Gestrüpp wie ehemals Dornröschens unglückliche Befreier und finden
endlich «
    »Die Poesie« rief Elisabet »Ach dann wäre ja schon der erste Duft von
unserem Waldleben abgestreift wenn wir nicht im alten Schloss wohnen könnten
Vier feste Mauern und eine guterhaltene Zimmerdecke werden doch wahrhaftig noch
in einem Turme oder dergleichen zu finden sein und das übrige lässt sich mit
Nachdenken und willigen rüstigen Händen leicht beschaffen  Wir stopfen Moos
in etwaige Mauerritzen nageln Bretter über unbequeme Türbogen die keinen
Flügel mehr haben und tapezieren unsere vier Wände selbst Auf den
zerbröckelten Estrichfussboden legen wir eigenhändig geflochtene Strohmatten
erklären den kleinen vierfüssigen Leckermäulern in grauen Samtröckchen die
unsern Speiseschrank attackieren ernstlich den Krieg und gehen mit dem
Kehrbesen tapfer auf die großen Spinnen los die über unsern Köpfen hängend in
aller Ruhe überlegen ob sie sich nicht häuslich darauf niederlassen sollen«
    Mit verklärten Augen ganz versunken in ihre Träumereien von dem
demnächstigen Leben im frischen grünen Walde trat sie dann ans Klavier und
schlug den Deckel zurück Es war ein altes ausgespieltes Instrument dessen
schwache heisere Töne vollkommen harmonierten mit dem herabgekommenen Äußeren
allein das Mendelssohnsche Lied »Durch den Wald den dunkeln geht usw«
klang trotzdem hinreißend unter Elisabeths Fingern
    Die Eltern saßen lauschend auf dem Sofa Der kleine Ernst war eingeschlafen
Draußen hatte das Toben des Sturmes aufgehört aber an unverhüllten Fenstern
vorüber sank in wirbelnden Flocken massenhaft und lautlos der Schnee Die
gegenüberliegenden Schornsteine die nicht mehr dampften setzten langsam eine
dicke weiße Nachtmütze auf und blickten steif und kalt wie das verdrießliche
Alter hinüber in die keine Mansardenstube die mitten im Schneegestöber hellen
Frühlingsjubel in sich schloss
 
                                       3
Pfingsten Ein Wort das seinen Zauber auf das menschliche Gemüt üben wird
solange noch ein Baum blüht eine Lerche schmetternd in die Lüfte steigt und
ein klarer Frühlingshimmel über uns lacht Ein Wort dessen Klang selbst unter
der härtesten Eiskruste des Egoismus unter dem Schnee des Alters und in dem
Herzen das in Leid und Kummer erstarrt ist noch ein Echo von Lenzeslust
erwecken kann
    Pfingsten ist vor der Tür Ein weiches Lüftchen flattert über die Thüringer
Berge und streift von ihrem Scheitel die letzten Schneereste Sie wirbeln
dampfend empor und verlassen als leuchtende Frühlingswölkchen die alte
Lagerstätte die es sich angelegen sein lässt ihre gefurchte Stirn mit einem
Geflechte von jungen Brombeerranken und rötlich blühendem Heidelbeerkraut zu
schmücken Drunten braust jauchzend der kühle Forellenbach aus dem Waldesdunkel
quer über die buntgesprenkelten Talwiesen Die einsame Schneidemühle klappert
wieder lustig und auf ihr niedriges graues geflicktes Schindeldach streuen
die Obstbäume ihre Blütenflocken
    Vor den Hüttenfenstern der einsamen Holzhacker und der Dorfbewohner im
engen Käfig singen die gelehrigen Gimpel die während der Winterszeit in der
heißen dunstigen Stube einen Lehrkursus der höheren Gesangskunst durchgemacht
haben ihre künstlerischen Weisen Und die drüben im Walddickicht jubeln
ungeschult aber unendlich süßer und herzergreifender  sie baden ja die kleine
Sängerbrust im goldenen Strome der Freiheit
    Wo noch vor wenig Wochen die gewaltigen Schneewasser im selbstgeschaffenen
Bette herabschäumten da weben jetzt die Moose ungestört ihren buntgefleckten
Teppich und legen ihn weich und schonend um die narbenvolle Brust des Berges
und hier und da von dem feinen silbernen Geäder durchbrochen das eine
hervorsprudelnde Quelle hinabschickt
    Auf der Chaussee die durch einen reizenden Talgrund des Thüringer Waldes
führt rollte in einer bepackten Postchaise die Familie Ferber ihrer neuen
Heimat zu Es war früh am Morgen eben verkündete das dünne scharfe Stimmchen
einer kleinen Turmglocke in der Nähe die dritte Stunde Deshalb hatten auch nur
der alte verdrießliche Wegweiser an der Chaussee und ein Rudel stattlicher
Hirsche das am Saume des Waldes erschien den köstlichen Anblick eines jungen
glücklich lächelnden Menschenangesichts
    Elisabet hatte sich weit aus dem dumpfen Wagen gebogen und sog mit tiefen
Atemzügen die kräftige Waldluft ein die wie sie behauptete auf der Stelle
Lungen und Augen von dem Staube der verlassenen Hauptstadt reingewaschen habe
Ferber saß ihr sinnend gegenüber Auch er erquickte sich an der Lieblichkeit und
Anmut der Gegend noch mehr aber bewegten ihn die leuchtenden Augen seines
Kindes das den Zauber einer schönen Natur so tief empfand und das so
unaussprechlich dankbar war für die neue Gestaltung der Verhältnisse  Wie
hatte sie fleißig die kleinen Hände gerührt als endlich das heissersehnte
Ernennungsdekret des Fürsten von L erschienen war Da gab es tüchtig zu
schaffen Alle Umzugssorgen der Eltern hatte sie treulich mit auf ihre Schultern
genommen Der Fürst hatte zwar dem neuen Diener ein anständiges Reisegeld
bewilligt und auch vom Försteronkel war eine Geldbeisteuer eingelaufen allein
das wollte trotz der ängstlichen Berechnung bei weitem nicht reichen und
deshalb beutete Elisabet auch noch die wenigen Tagesstunden die für ihre
Erholung bestimmt waren insofern aus als sie Arbeiten für ein
Weisswarengeschäft übernahm ja manche Nacht während die Eltern arglos schon
daneben im Alkoven schliefen durchwachte sie bei der Nadel
    In all dies rege Streben und Schaffen war nur ein einziger bitterer Tropfen
gefallen der dem jungen Mädchen aber auch einige schwere Tränen entlockte das
war als zwei Männer kamen und ihr liebes Klavier auf die Schultern luden um es
dem neuen Besitzer zu bringen Es hatte für wenige Taler verkauft werden
müssen weil es alt und gebrechlich war und voraussichtlich einen so weiten
Transport nicht mehr aushalten konnte Ach das war ja immer ein so guter alter
Freund der Familie gewesen Sein dünnes zitterndes Stimmchen hatte Elisabet so
traut und lieb geklungen wie die Stimme der Mutter  Und nun fuhren
vielleicht mutwillige Kinderhände gefühllos über die ehrwürdigen Tasten und
quälten das alte Instrument die schwache Stimme zu verstärken bis es für immer
schwieg  Doch der Schmerz war jetzt auch überwunden und lag hinter ihr wie
so manches was sie schweigend entbehrt und geleistet hatte und wie sie so
dasaß mit den fröhlich glänzenden Augen in die Morgendämmerung hineinblickend
als steige vor ihr aus dem grauen Schleier eine Prophezeiung voll künftigen
Glückes wer hätte da an der jugendlichen Gestalt voll Lebensfrische und
Elastizität auch nur eine Spur der mühevollen letzten Wochen entdecken können
    Noch ungefähr eine halbe Stunde fuhren die Reisenden die glatte ebene
Chaussee entlang dann bogen sie seitwärts ab in den dunkeln Wald durch den ein
gutgehaltener Fahrweg lief Die Sonne zeigte sich bereits in voller Pracht am
Himmel und blickte verwundert lächelnd auf die Erde die ohne Vorwissen ihrer
hohen leuchtenden Protektorin sich über Nacht einen prächtigen Brillantschmuck
angeschafft hatte Nach Mitternacht war ein starkes Gewitter über die Gegend
gezogen es hatte viel geregnet noch hingen schwere Tropfen an Bäumen und
Gesträuchen und fielen rauschend auf das Wagenverdeck wenn der Postillon mit
der Peitsche einen niederhängenden Ast berührte  Welch ein prächtiger Wald
Aus dichtem Unterholze stiegen die mächtigen Baumkolosse himmelan und
verschlangen droben brüderlich ihre breiten vollen Äste als gelte es Licht
und Luft wie zwei tödliche Feinde von der stillen verschwiegenen Heimat
abzuwehren Nur manchmal schmuggelte sich ein feiner grüngefärbter Sonnenstrahl
von Ast zu Ast hinab auf die gefiederten Gräser und die kleinen Erdbeerblüten
die massenhaft wie hingestreute Schneeflocken den Boden bedeckten und ihre
weißen Köpfchen vorwitzig an die Landstraße legten
    Nach kurzer Fahrt lichteten sich die Bäume und bald darauf zeigte sich das
mitten auf einer Waldwiese gelegene alte Jagdhaus Der Postillon stieß in sein
Horn zugleich erhob sich wütendes Hundegekläff und eine große Schar Tauben
verließ erschrocken und unter lautem Geräusch den gezackten Giebel des Hauses
    In der offenen Tür stand ein Mann in Jagduniform eine wahre Hünengestalt
mit einem ungeheuren Barte der fast bis auf die Brust reichte Er hielt die
Hand über die Augen und blickte angestrengt nach dem näher kommenden Wagen dann
aber sprang er mit einem lauten Ausrufe die Stufen herab riss den Wagenschlag
auf und zog den herausspringenden Ferber an seine Brust  Beide Brüder hielten
sich einen Augenblick schweigend in den Armen bis der Oberförster den
Angekommenen leise von sich schob und ihn an den Schultern haltend die ganze
schmale blasse Gestalt prüfend musterte
    »Armer Adolph« sagte er endlich und die tiefe Stimme klang bewegt »So hat
dich das Schicksal zugerichtet Na warte nur du sollst mir hier gesund werden
wie ein Fisch im Wasser  noch ist alles wieder gutzumachen  Sei mir
tausendmal willkommen Und nun wollen wir auch zusammenhalten bis das große
Halali geblasen wird wo wir freilich nicht gefragt werden ob wir bei einander
bleiben wollen oder nicht«
    Er suchte seine Rührung zu beherrschen und half seiner Schwägerin und dem
kleinen Ernst den er herzte und küsste aus dem Wagen
    »Nun« sprach er »ihr seid früh aufgebrochen das muss ich sagen  passiert
sonst nicht wenn Weibsleute dabei sind«
    »Was denkst du denn von uns Onkel« rief Elisabet »Wir sind keine
Schlafmützen und wissen recht gut wie die Sonne aussieht wenn sie der Erde
ihren ersten Morgenbesuch macht«
    »Heisa« rief überrascht und laut lachend der Oberförster »was räsoniert
denn da hinten in der Wagenecke  Na komm heraus kleine Krabbe«
    »Ich klein  Nun Onkelchen du wirst dich schön wundern wenn ich erst
aussteige was für ein großes Mädchen ich bin« Mit diesen Worten sprang
Elisabet auf den Boden und stellte sich alle Glieder möglichst streckend auf
die Zehen neben ihn Allein obgleich ihre schlanke leicht aufgebaute Gestalt
die Mittelgrösse überschritt so sah es dennoch in diesem Augenblicke aus als
wolle sich die zierliche Bachstelze mit dem gewaltigen Adler messen
    »Siehst du« sagte sie ein wenig kleinlaut »ich reiche doch beinahe bis an
deine Schulter und das ist für ein respektables Mädchen mehr als genug«
    Der Onkel sah sich kerzengerade haltend mit schalkhaftem Blicke und
vergnügt in sich hineinlachend einen Augenblick seitwärts auf sie nieder dann
aber hob er sie plötzlich wie eine Feder vom Boden auf und trug sie unter dem
Gelächter der anderen auf seinem Arme in das Haus wo er mit wahrer Donnerstimme
schrie
    »Sabine Sabine komm hierher ich will dir zeigen wie in B die Zaunkönige
aussehen«
    Im Hausflur setzte er die Erschrockene sacht und vorsichtig wie ein
zerbrechliches Spielzeug nieder nahm ihren Kopf sanft zwischen seine beiden
großen Hände küsste sie wiederholt auf die Stirn und rief »Solch ein Liliput
solch eine Mondscheinprinzessin meint so groß zu sein wie ihr großer Onkel 
Kleine Waldhexe du kannst freilich wissen wie die Sonne aussieht hast ja den
Kopf voll Sonnenstrahlen«
    Dem jungen Mädchen war infolge des Sturmschrittes den der Onkel bei der
Entführung angenommen der Hut vom Kopfe gefallen wobei eine aussergewöhnliche
Fülle blonden Haares sichtbar wurde dessen klarer Goldglanz um so mehr
auffallen musste als ihre sehr schön gezeichneten Augenbrauen und die langen
Wimpern tiefschwarz waren
    Aus einer Seitentür war indessen eine alte Frau getreten und oben am
Treppengeländer des ersten Stockwerkes zeigten sich einige Männergesichter die
jedoch schnell wieder verschwanden als der Oberförster hinaufblickte »Na
lauft nur nicht davon gesehen hab ich euch nun schon einmal« rief er lachend
»Es sind meine Burschen« wendete er sich zu seinem Bruder »die Kerls sind
neugierig wie die Spatzen nun heute mag ichs ihnen nun gerade nicht
verdenken« meinte er schelmisch lächelnd mit einem heimlichen Seitenblicke auf
Elisabet die abgewendet ihre gelösten Flechten wieder um den Kopf schlang
Dann nahm er die alte Frau bei der Hand und führte sie in feierlichkomischer
Weise folgendermaßen vor
    »Jungfer Sabina Holzin Minister der inneren Angelegenheiten des Hauses
hohe Polizei für alles was in Hof und Stall des Forstauses sich des Lebens
freut und endlich unumschränkte Herrscherin im Küchendepartement  Bringt sie
das Essen auf den Tisch so folgt getrost ihrem Winke denn ihr geht einen guten
Weg lässt sie sich aber bedrohlicher Weise an ihre Sagen und Geistergeschichten
auszukramen so lauft was ihr laufen könnt denn da gibts kein Ende  Und
nun« wandte er sich zu der lachenden Alten die eigentlich grundhässlich war
trotzdem aber durch einen Zug von Schelmerei und Humor um Mund und Augen durch
ihren treuherzigen Blick und mittels der fleckenlosen Sauberkeit ihres Anzuges
sofort alle für sich einnahm »bringe schnell was Küche und Keller vermögen
Hast ja deshalb die Pfingstkuchen früher gebacken damit die Reisenden gleich
was Frisches einzubrocken hätten«
    Damit zeigte er nach der Küche und öffnete zugleich die Tür einer
geräumigen hellen Eckstube Alle traten ein nur Elisabet konnte nicht
unterlassen noch einen Blick durch die große Tür zu werfen die nach dem Hofe
führte denn durch das weiße Staket das den weiten von Geflügel aller Art
bevölkerten Raum auf zwei Seiten umschloss leuchteten farbige Blumenbeete und
einige spätblühende Aepfelbäume streckten ihre rosenfarbenen Zweige weit in den
Hof herein Der Garten war groß stieg terrassenartig den Berg hinauf und nahm
noch einige Vortruppen des Waldes eine schöne Gruppe alter Buchen mit in sein
Bereich Während Elisabet wie angefesselt sinnend im Hausflur lehnte wurde die
Tür eines Seitenflügels geöffnet und ein junges Mädchen trat heraus Es war
auffallend hübsch wenn auch fast zu klein von Gestalt was wie es schien die
Natur wieder auszugleichen gesucht hatte durch die weitgeöffneten großen Augen
die wie prächtige Sonnen flammten Das üppige dunkle Haar war mit
unverkennbarer Koketterie aufgenestelt und ließ einige zartgekräuselte Löckchen
auf die plastisch geformte bleiche Stirn fallen Auch der Anzug obschon sehr
einfach im Stoffe zeigte eine fast peinliche Sorgfalt im Arrangement und der
aufmerksame Beobachter konnte mit dem besten Willen nicht annehmen dass man das
Oberkleid lediglich aus Schonung des Saumes in so zierlichen Falten aufgesteckt
habe denn zwei reizend geformte Füßchen hatten eine auffallend feine Toilette
gemacht die sicher nicht bestimmt war unter dem langen Wollkleide zu
verkümmern
    Das junge Mädchen hielt eine Mulde mit Getreidekörnern im Arme und warf
davon eine Handvoll auf das Pflaster Alsbald entstand ein großer Lärm von den
Dächern stürzten sich die Tauben die Hühner verließen unter lautem Gegacker
Stangen und Nester und der Hofhund glaubte bei dem allgemeinen Aufstande sich
auch mit einem lauten Gebelle beteiligen zu müssen
    Elisabet war überrascht Der Onkel war zwar verheiratet gewesen hatte aber
nie Kinder gehabt das wusste sie genau wer also war das junge Mädchen das er
nie in einem seiner Briefe erwähnt hatte  Sie ging die Stufen hinab die
nach dem Hofraume führten und trat der jungen Fremden einige Schritt näher
»Gehören Sie auch ins Forstaus« fragte sie freundlich
    Die schwarzen Augen hefteten sich fast stechend auf die Fragerin und
drückten einen Augenblick unverkennbar große Überraschung aus dann erschien
ein Zug von Hochmut um die feinen Lippen die sich noch fester aneinander zu
schließen schienen als vorher die Augenlider fielen bald über die glänzenden
Augen welche sich abwendeten und ruhig und schweigsam als wisse sie gar
nicht dass jemand neben ihr stehe fuhr sie fort die Körner in den Hof zu
werfen
    In dem Augenblick ging Sabine das Kaffeebrett auf dem Arme an der Hoftür
vorüber Sie winkte der tiefbetroffenen Elisabet und als diese näher kam
fasste sie ihre Hand und zog sie in das Haus indem sie sagte »Kommen Sie
Kindchen das ist nichts für Sie«
    In dem Wohnzimmer fand Elisabet alle schon so gemütlich und vertraut
zusammen als hätte man tagtäglich bei einander gesessen Die Mutter hatte in
einem bequemen Lehnstuhle Platz genommen den ihr der Oberförster an das Fenster
gerückt hatte und von wo aus sie einen lieblichen Fernblick durch den Wald
genoss Eine große getigerte Katze war vertraulich auf ihren Schoss gesprungen und
ließ sich mit sichtbarem Behagen das Streicheln der sanften Hand gefallen Für
den kleinen Ernst aber waren die vier Wände des Zimmers eine wahre Fundgrube
aller möglichen interessanten Dinge Er kletterte von Stuhl zu Stuhl und stand
eben in wortloser Bewunderung vor einem großen Glaskasten der eine prächtige
Schmetterlingssammlung enthielt Die zwei Männer saßen auf dem Sofa eifrig über
den künftigen Wohnsitz der Familie beratschlagend und Elisabet hörte wie eben
der Onkel sagte »Nun wenn sich auf dem Berge kein Quartier für euch einrichten
lässt so bleibt ihr einstweilen droben in meiner Stube Ich richte meinen
Schreibtisch und meine sonstigen Habseligkeiten unten ein und dann bombardiere
ich die in der Stadt so lange bis sie mir drüben auf den Seitenflügel ein neues
Stockwerk setzen lassen«
    Elisabet legte den Reisemantel ab und war der alten Sabine behilflich den
Kaffeetisch herzurichten Auf die Glückseligkeit die ihr ganzes Herz erfüllte
war soeben der erste Schatten gefallen Mit Unfreundlichkeit war man ihr noch
nie begegnet Dass sie dies dem Liebreiz ihrer Gestalt der Reinheit und
Kindlichkeit ihres Wesens verdanke deren Einflusse sich oft die rohesten
Gemüter nicht zu entziehen vermögen davon hatte sie keine Ahnung Sie hatte das
so hingenommen als eine Sache die sich ganz von selbst verstehe da sie es ja
mit allen Menschen wohlmeine und nie sich eine Unhöflichkeit gestatte Ihre
Überraschung und Freude ein junges Mädchen von gleichem Alter hier zu finden
waren zu groß gewesen als dass ihr nun die Zurückweisung nicht doppelt weh tun
sollte Auch hatte das schöne Gesicht der Fremden ihr lebhaftes Interesse
geweckt Das Gemachte in der Erscheinung war ihr als solches durchaus nicht
aufgefallen da sie selbst das Verlangen gar nicht kannte ihr Äußeres durch
besondere Hilfsmittel der Toilette zu heben Die Eltern hatten ihr stets gesagt
sie möge ihren Geist bereichern so viel sie könne und sich bestreben immer
besser zu werden dann würde auch ihre äußere Erscheinung nie abstoßend sein
gleichviel welche Form die Natur verliehen habe
    Das Nachdenkliche in Elisabeths Zügen fiel der Mutter sogleich auf Sie rief
sie zu sich und Elisabet wollte ihr die Begegnung erzählen aber schon nach
den ersten Worten drehte sich der Oberförster nach ihr um Eine tiefe Falte
erschien zwischen den buschigen Augenbrauen und machte das Gesicht finster und
grimmig
    »So« sagte er »hast du die schon gesehen  Nun dann will ich euch auch
erzählen wer und was sie ist Ich habe sie vor mehreren Jahren in mein Haus
genommen um eine Stütze für Sabine im Hauswesen zu haben Sie ist eine
Verwandte meiner verstorbenen Frau und hat weder Eltern noch Geschwister Ich
wollte ein gutes Werk tun und habe mir damit eine Rute aufgebunden die mich
züchtigt ohne dass ich gesündigt hätte  Schon in den ersten Wochen merkte
ich dass in dem Kopfe auch nicht ein gesunder Gedanke stecke  nichts als ein
Wust von überspannten Ideen und ein unglaublicher Hochmut Ich hatte nicht übel
Lust sie wieder dahin zu schicken wo sie hergekommen aber da lamentierte die
Sabine und bat vor obgleich sie am allerwenigsten Ursache dazu hatte denn das
junge Ding machte ihr schwer zu schaffen war naseweis und kehrte bei jeder
Gelegenheit die Verwandte des Herrn gegen die alte Dienerin heraus  Ich
drückte ihr den Daumen aufs Auge soviel ich konnte und ließ sie tüchtig
schaffen und arbeiten um ihr den Hochmutsteufel auszutreiben und da gings
auch eine Zeitlang erträglich  Da lebt aber da drüben auf Lindhof  das ist
die ehemals Gnadewitzsche Besitzung die der Universalerbe an einen Herrn von
Walde verkauft hat  seit ungefähr einem Jahre eine Baronin Lessen Der
Besitzer selbst der weder Frau noch Kinder hat ist so eine Art
Altertumsforscher reist viel und lässt deshalb seine einzige unverheiratete
Schwester durch die genannte Dame beschützen  Gott seis geklagt denn seitdem
ist alles dort auf den Kopf gestellt  Wenn mir früher gesagt wurde das ist
ein Frommer da hatte ich Respekt und nahm meine Kappe ab jetzt mache ich eine
Faust und möchte am liebsten die Kappe über Augen und Ohren ziehen denn die
Welt hat sich verkehrt  Die Baronin Lessen gehört auch zu den Frommen die
vor lauter gottseligem Wandeln hart grausam und engherzig werden die
denjenigen der nicht immer die Augen heuchlerisch am Boden hat sondern sie
aufschlägt nach oben wo er seinen Gott sucht hartnäckiger verfolgen als meine
Meute das Wild  In dies Gehege ist denn nun meine vortreffliche Nichte auch
geraten ein besseres Feld für all das Unkraut in ihrem Kopfe konnte es nicht
geben und da haben wir denn nun auch die allerliebste Bescherung Sie hatte mit
einer Kammerjungfer da drüben Bekanntschaft gemacht und brachte ihre ganze freie
Zeit dort zu Anfangs hatte ich kein Arges bis sie auf einmal mit
Bekehrungsversuchen anfing  Da sollte die Sabine nicht fromm sein weil sie
nicht des Tages wenigstens zehnmal die dringende Arbeit stehen ließ um zu beten
 die arme Alte die durch Wind und Wetter oft schwer von Rheumatismus
geplagt jeden Sonntag nach Lindhof in die Kirche geht und ein arbeitsvolles
pflichtgetreues Leben hinter sich hat ein Pfund das eine lebenslängliche
Knierutscherei bei Nichtstun jedenfalls zehnmal aufwiegt  Auch an mich wagte
sich die Moralpredigerin aber da kam sie an den Rechten  sie hat es bei einem
Versuche bewenden lassen Ich verbot ihr nun den Umgang mit den Leuten auf
Lindhof Das hat mir freilich wenig geholfen denn jeden unbewachten Moment hat
sie benützt um heimlicherweise hinüber zu schlüpfen  Von einer Dankbarkeit
gegen mich der ich für sie sorge ist nicht die Rede es fehlt jedes innere
Band zwischen ihr und mir und da ist es für mich doppelt schwer sie zu hüten
Gott mag nun wissen welche fixe Idee sie in ihrem Kopfe ausgebrütet hat genug
seit ungefähr zwei Monaten ist sie vollständig stumm aber nicht allein hier im
Hause sondern gegen alle Menschen Seit der Zeit ist auch nicht ein Laut über
ihre Lippen gekommen Weder Strenge noch ruhiges Zureden richten etwas aus Sie
verrichtet ihre Geschäfte nach wie vor isst und trinkt wie jeder andere gesunde
Mensch und ist nicht um ein Jota weniger eitel als sonst Weil sie aber ihre
roten Backen verlor und blass aussah so befragte ich einen Arzt der sie schon
früher behandelt hatte Der sagte mir sie sei körperlich ganz gesund scheine
ihm aber eine höchst exaltierte Person zu sein und da schon in ihrer Familie
Fälle von Geistesstörungen vorgekommen seien so möchten wir sie ruhig gewähren
lassen Sie würde mit der Zeit des Schweigens selbst überdrüssig werden und
eines schönen Tages sprechen wie eine Elster  Nun meinetwegen ich wills
drauf ankommen lassen dass ich aber damit ein schweres Opfer bringe das ist
gewiss Ich habe mein Lebtag keine sauertöpfische Miene um mich leiden mögen und
will lieber Salz und Brot essen inmitten fröhlicher Gesichter als die
köstlichsten Leckerbissen bei Duckmäusern  Na kleines Goldköpfchen« wandte
er sich an Elisabet indem er mit der Hand über die Stirn strich als wolle er
alle ärgerlichen Gedanken wegwischen »schiebe dein Mütterlein fein säuberlich
im Lehnstuhle hierher an den Tisch binde dem kleinen Kerl da der sich blind
guckt an meinem Gewehrschranke eine Serviette um den Hals und nun wollen wir
zusammen frühstücken Dann mögt ihr Rast halten und die Glieder ein wenig ruhen
lassen von der langen Reise Nach Tische aber gehts hinauf nach Schloss Gnadeck
Es wird gut tun wenn ihr die Augen durch etwas Schlaf vorher stärkt denn sie
möchten Schaden leiden unter all dem Glanze den wir da droben vorfinden
werden«
    Nach dem Frühstücke während Vater und Mutter schliefen und der kleine
Ernst in einem großen Bette von den Wunderdingen in der Forstausstube träumte
packte Elisabet das Nötigste in der Oberstube aus Sie hätte um alles in der
Welt nicht schlafen können Immer wieder trat sie an das Fenster und blickte
hinüber nach dem waldigen Berge der hinter dem Forstause emporstieg Dort oben
aus den Baumwipfeln erhob sich ein feiner schwarzer Strich und zeichnete sich
scharf von dem tiefblauen Himmel ab Das war wie ihr die alte Sabine gesagt
hatte eine uralte Eisenstange auf dem Dache des Schlosses Gnadeck von welcher
in längst versunkenen Zeiten das stolze Banner der Gnadewitze geflattert hatte
 Fand sich wohl hinter jenen Bäumen das seit Jahren heissersehnte Asyl wo die
Eltern ihre müden Füße ausruhen konnten vom mühsamen Wandern auf nicht
heimischer Erde
    Auch in den Hof fielen ihre suchenden Blicke aber das stumme Mädchen ließ
sich nicht mehr sehen Sie war auch nicht beim Frühstück erschienen und schien
sich vorgenommen zu haben jede Berührung mit den Gästen zu vermeiden Das tat
Elisabet leid Die Schilderung des Onkels hatte zwar einen sehr unerquicklichen
Eindruck auf sie gemacht allein ein junges Gemüt gibt seine Illusionen nicht so
leicht auf und lässt sich lieber durch das Zerspringen seiner bunten Seifenblasen
enttäuschen als durch die weisen Erfahrungen des Alters  Das schöne Mädchen
das sein Geheimnis so beharrlich hinter den Lippen verschloss wurde ihr nun
doppelt interessant und sie erschöpfte sich in Vermutungen über den Grund
dieses Schweigens
 
                                       4
Nach dem Essen das in heiterster Weise verflossen war holte Sabine eine
gestopfte Pfeife vom Eckbrette und brachte sie nebst einem brennenden Fidibus
dem Oberförster »Was fällt dir ein Sabine« sagte er abwehrend und mit
komischer Entrüstung »Meinst du ich könnte es übers Herz bringen in aller
Ruhe eine Pfeife zu rauchen während es der kleinen Else da in den Füßen
kribbelt und krabbelt den Berg hinaufzulaufen und die kleine Nase in das
Zauberschloss zu stecken Nein jetzt meine ich könnten wir unsere
Entdeckungsreise antreten«
    Alles machte sich fertig Der Oberförster reichte seiner Schwägerin den Arm
und fort ging es durch Hof und Garten Draußen schloss sich ein Mann der
Gesellschaft an es war ein Maurer aus dem nächsten Dorfe den der Oberförster
bestellt hatte um nötigenfalls bei der Hand zu sein
    Es ging ziemlich steil bergauf durch den dichten Wald auf einem wenig
betretenen engen Wege der sich jedoch allmählich etwas erweiterte und endlich
in einen kleinen freien Platz auslief hinter welchem sich wie es schien ein
hoher grauer Felsen erhob
    »Hier habe ich das Vergnügen« sagte der Oberförster sarkastisch lächelnd zu
dem erstaunten Ferber »dir das Vermächtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz
in seiner Herrlichkeit vorzustellen«
    Sie standen vor einer ungeheuren Mauer die allerdings wie ein einziger
Granitblock aussah Von den Gebäuden die hinter ihr lagen konnte man schon
deshalb keine Spur sehen weil der Wald sich zu nahe herandrängte und dem
Beschauer kein Zurücktreten gestattete Der Oberförster schritt die Mauer
entlang deren Fuß dichtes Gestrüpp umwob und machte endlich Halt vor einem
mächtigen eichenen Tore dessen oberer Teil in ein eisernes Gitter auslief
Hier hatte er tags zuvor das Gebüsch wegräumen lassen und zog nun einen Bund
großer Schlüssel hervor welche Frau Ferber gestern auf der Durchreise in L in
Empfang genommen hatte
    Es bedurfte bedeutender Anstrengung der drei Männer ehe die verrosteten
Schlösser und Riegel sich öffnen ließ Endlich drehte sich das Tor krachend
in den Angeln und wirbelte eine mächtige Staubwolke in die Höhe Die
Eintretenden befanden sich in einem auf drei Seiten von Gebäuden umschlossenen
Hofraume Ihnen gegenüber dehnte sich die imposante Front des Schlosses zu
dessen erstem Stocke von außen eine breite Steintreppe mit schwerfälligem
Eisengeländer führte Längs der Seitenflügel liefen düstere Kolonnaden deren
granitene Säulen und Bogen unüberwindlich der Zeit zu trotzen schienen Inmitten
des Hofes breiteten einige alte Kastanien ihre dürftigen Äste über ein
ungeheures Becken in dessen Mitte vier steinerne Löwen mit aufgesperrtem Rachen
lagerten Früher mochten hier vier starke Wasserstrahlen aus den Tiefen der Erde
emporgestiegen sein und das Bassin gefüllt haben jetzt aber floss nur noch ein
schwaches Brünnlein durch die dräuenden Zähne des einen Ungeheuers gerade stark
genug um die naseweisen Grashalme zwischen den Steinritzen des Beckens zu
bespritzen und durch sein leises melancholisches Rieseln einen schwachen Schein
von Leben in die Wüstenei zu hauchen Die äußeren Mauern der Gebäude und die
Säulengänge waren das einzige in diesem Raume an welchem der Blick ohne Angst
haften konnte Die aller Glasscheiben beraubten Fensterhöhlen zeigten eine
greuliche Verwüstung im Innern In einigen Zimmern waren die Decken bereits
eingestürzt in andern bogen sich die Balken hernieder als wollten sie bei der
leisesten Berührung zusammenbrechen Die äußere Treppe hing drohend halb in der
Luft einige schwere grünbemoste Steine hatten sich bereits gelöst und waren
bis zur Mitte des Hofes gerollt
    »Hier ist nichts zu machen« sagte Ferber »gehen wir weiter«
    Durch einen tiefen finsteren Torweg traten sie in einen zweiten Hof der
obgleich bei weitem größer als der erste doch einen noch viel unheimlicheren
Eindruck machte und zwar durch seine Unregelmässigkeit Hier trat ein
zusammensinkender düsterer Bau weit in den Hof herein und bildete eine dunkle
Ecke in die kein Sonnenstrahl fiel dort stieg ein dumpfer Turm in die Höhe und
warf einen tiefen Schatten auf den hinter ihm liegenden Flügel Ein alter
Holunderbusch der in einer Ecke kümmerlich sein Leben fristete und dessen
Blätter mit herabgefallenem Mörtel bedeckt waren sowie einzelne graue Gräser
zwischen dem Pflaster ließ die Öde noch trauriger erscheinen Kein Laut
unterbrach die Totenstille die hier waltete selbst eine Dohlenschar die
droben das heitere Blau des Himmels durchschnitt flog lautlos vorüber und
deshalb klang den Eintretenden das Geräusch ihrer eigenen Schritte auf dem
hallenden Steinpflaster fast gespenstisch
    »Da haben nun« sagte Ferber ergriffen von dem Anblicke des Verfalles
ringsum »die alten gewaltigen Herren Steinmassen aufgehäuft und gemeint die
Wiege ihres Geschlechts werde fest und unzerstörbar durch alle Zeiten den Ruhm
ihres Namens verkünden Ein jeder hat sich wie der verschiedene Baustil zeigt
das Erbe nach Bedürfnis und Geschmack eingerichtet als ob da nie ein Ende
kommen könne «
    »Und doch wohnte er nur ein kleines Weilchen zur Miete« unterbrach ihn der
Oberförster »und musste es sich zuletzt sogar gefallen lassen dass der große
Hausherr die Erde ihn selbst mit Haut und Haar als Mietzins einforderte 
Doch gehen wir weiter  Brr mich friert  hier ist Tod nichts als Tod«
    »Nennst du das Tod Onkel« rief plötzlich Elisabet die bis dahin
beklommen geschwiegen hatte indem sie nach einem Torbogen zeigte der halb von
einem vorspringenden Pfeiler bedeckt wurde Dort hinter einer Gittertür
schimmerte sonnenbeschienenes Grün und junge Heckenrosen schmiegten ihre
Köpfchen an die Eisenstäbe
    Elisabet war mit wenigen Sprüngen an der Tür die sie mit einem kräftigen
Rucke aufstiess Dieser ziemlich große freie Platz vor dem sie stand mochte
wohl ehemals den Garten vorgestellt haben  jetzt konnte man die grüne Wildnis
unmöglich noch so nennen denn nicht ein fussbreit Weges war zu entdecken kaum
dass hier und da der verstümmelte Kopf einer Statue unter dem Gewirre von
Stauden Gesträuchen und Schmarotzerpflanzen erschien Die wilde Weinrebe lief
in dicken Strängen bis an das obere Stockwerk der Gebäude rankte sich an den
Fenstersimsen fest und fiel von dort wie ein grüner Regen wieder auf die
blühenden wilden Rosen und Fliedersträuche hernieder Es war ein Schwirren und
Summen auf diesem abgeschiedenen blühenden Fleckchen Erde als ob der Frühling
seine ganzen geflügelten Heerscharen hier versammelt hielte Zahllose
Schmetterlinge flatterten durch die Luft und über die riesigen Fächer der
Farnkräuter zu Elisabeths Füßen liefen geschäftig goldglänzende Käfer Über all
dies Blühen und Treiben erhoben einige Obstbäume und mehrere schöne Linden ihre
Kronen und auf einer kleinen Anhöhe lagen die Überreste eines Pavillons
    Der Garten war auf drei Seiten von zweistöckigen Gebäuden umgeben und das
Viereck des Raumes wurde durch eine Art hohen Dammes vervollständigt über den
die Wipfel der Waldbäume hereinsahn Auch hier trugen die Baulichkeiten das
Gepräge des Verfalles abermals ziemlich gut erhaltene Mauern nach außen doch
vollständige Verwüstung im Innern Nur ein zwischen zwei hohe Flügel
eingeklemmter einstockiger Bau fiel auf durch sein dunkles Aussehen Er war
nicht durchsichtig wie die anderen decken und türenlosen Gebäude das flache
Dach das an beiden Seiten schwere Steingeländer hatte musste Sturm und Wetter
Trotz geboten haben wie die grauen Fensterläden auch die hier und da unter dem
Wuste von Schlingpflanzen hervorsahn Der Oberförster meinte mit prüfendem
Blicke dies sei höchst wahrscheinlich Sabines berühmter Zwischenbau
möglicherweise sei er innen nicht so despektierlich zugerichtet wie die anderen
Baulichkeiten nur begreife er nicht wie man zu dem angeklebten Schwalbenneste
gelangen könne Allerdings war weder von Treppen noch Türen eine Spur zu sehen
was freilich schon durch das undurchdringliche Gebüsch am Erdgeschosse unmöglich
wurde Man beschloss deshalb das Besteigen einer ausgetretenen aber noch
ziemlich festen Steintreppe in einem der großen Flügel zu wagen und so auf das
Ziel loszusteuern Es gelang wenn auch unter beständigem Anklammern an die
unebene Mauer Sie kamen zuerst durch einen großen Saal der den blauen Himmel
als Decke und einige grüne Büsche droben auf den Mauern als einzigen Schmuck
aufzuweisen hatte Zertrümmerte Balken Dachsparren einzelne Plafondstücke mit
Überresten von Malerei bildeten ein grauses Gemisch über das die Suchenden
hinwegklettern mussten Dann folgte eine Reihe von Zimmern in demselben Zustande
der Zerstörung An einigen Wänden hingen noch Fetzen von Familienbildern die
oft schauerlich und komisch zugleich nur ein Auge ein Paar gekreuzter
bleicher Frauenhände oder einen teatralisch vorgestreckten schienenbekleideten
Männerfuss zeigten Endlich hatten sie den letzten Raum erreicht und standen vor
einem hohen Türbogen der mit Ziegelsteinen vermauert war
    »Aha« sagte Ferber »hier hat man den Zwischenbau abzuschließen gesucht von
der allgemeinen Zerstörung Ich meine ehe wir noch länger die halsbrechende
Arbeit des Suchens fortsetzen wäre es gescheiter die Steine herauszunehmen«
    Der Vorschlag fand Beifall und der Maurer begann sein Werk er drang in
eine tiefe Wandnische ein und versicherte hier seien doppelte Wände Beide
Männer halfen wacker mit und bald erschien eine mächtige Eichentür hinter dem
zerstörten Mauerwerke das schnell hinweggeräumt wurde Die Tür war nicht
verschlossen und gab dem Drucke der Männer sogleich nach Sie traten in einen
völlig dunklen dumpfen Raum Nur ein dünner Sonnenstrahl drang durch eine
schmale Ritze und zeigte die Richtung der Fenster Das seit so langer Zeit nicht
berührte Fensterschloss sträubte sich tapfer gegen die Kraftaufwendung des
Oberförsters ebenso der Laden den die starken Zweige der Bäume draußen fest
andrückten Endlich wich er mit lautem Gekreische  ein grüngoldenes Sonnenlicht
strömte durch ein hohes Bogenfenster herein und beleuchtete ein nicht sehr
breites aber tiefes Zimmer dessen Fenster mit Gobelins behangen waren Der
Plafond zeigte in den vier Ecken das sauber gemalte Wappen der Gnadewitze Zum
Erstaunen aller war es vollständig möbliert und zwar als Schlafzimmer Zwei
Himmelbetten mit vergilbtem Behange welche an den zwei langen Wänden standen
waren vollkommen eingerichtet Das Bettzeug steckte noch in den feinen
Leinenüberzügen und die seidenen Steppdecken schienen nichts an Farbe und
Haltbarkeit eingebüßt zu haben Alles was zur Bequemlichkeit vornehmer Leute
gehört war hier vorhanden und wenn auch unter einer Last von Staub vergraben
doch noch in völlig brauchbarem Zustande An dies Zimmer stieß ein zweites weit
größeres mit zwei Fenstern es war ebenfalls möbliert wenngleich in veraltetem
Geschmacke und wie nicht zu verkennen war mit Möbeln die man allerorten
zusammengesucht hatte Ein altertümlicher Schreibtisch mit kunstreich
ausgelegter Platte und seltsam geschnörkelten Füßen wollte durchaus nicht zu der
mehr modernen Form des rot überzogenen Sofas passen und die goldenen Rahmen in
denen einige nicht übel gemalte Jagdstücke an den Wänden hingen harmonierten
nicht mit der versilberten Fassung des großen Wandspiegels Aber sei es auch
darum  es fehlte ja nichts was den Raum behaglich machen konnte selbst ein
großer wenn auch etwas verblichener Teppich lag auf dem Boden und unter dem
Spiegel stand eine große altertümliche Uhr Es folgte noch ein kleines
ebenfalls eingerichtetes Kabinett von welchem eine Tür nach Vorsaal und Treppe
führte Hinter den Zimmern lagen drei Räume von gleicher Größe deren Fenster in
den Garten sahen und von denen das eine tannene Möbel und zwei Betten
entaltend jedenfalls für die Dienerschaft bestimmt gewesen war
    »Potztausend« sagte der Oberförster vergnügt lachend »da finden wir ja
eine Bescherung die unsere bescheidenen Seelen sich nicht einmal haben träumen
lassen Na wenn das der Hochselige wüsste er drehte sich in seinem zinnernen
Grabe um  Das sind lauter Dinge die wir der pflichtvergessenen Seele einer
Beschliesserin oder dem ungetreuen Gedächtnis eines altersschwachen
Haushofmeisters verdanken«
    »Aber dürfen wir sie denn auch behalten« fragten Frau Ferber und Elisabet
die bis dahin vor freudiger Überraschung starr gewesen waren wie aus einem
Munde
    »Ei freilich liebe Frau« beruhigte der Vater »Dein Onkel hat dir das
Schloss vermacht mit allem was es enthalte«
    »Und das ist wenig genug« grollte der Oberförster
    »Im Vergleiche zu unseren Erwartungen aber eine wahre Fundgrube von
Schätzen« sagte Frau Ferber indem sie einen hübschen Glasschrank öffnete der
verschiedenes Porzellan enthielt »und wenn mich damals als ich noch
hoffnungsmutig und anspruchslos ins Leben sah der Onkel mit einem reichen
Vermächtnis bedacht hätte es würde mir sicher keinen größeren Eindruck gemacht
haben als in diesem Augenblicke die unverhoffte Entdeckung welche uns großer
Sorgen entebt«
    Elisabet bog sich unterdessen aus dem Fenster des zuerst betretenen Zimmers
und versuchte mit ihren Armen die Zweige zu trennen welche die ganze
Fensterreihe der Fronte vollständig verbarrikadierten und deshalb in den Zimmern
gerade nur ein grünes Dämmerlicht zuliessen »Schade« meinte sie das
Ohnmächtige ihrer Anstrengung einsehend »ein wenig Aussicht in den Wald hätte
ich schon gern gehabt«
    »Glaubst du denn« sagte der Oberförster »ich würde euch hinter dieser
grünen Verschanzung stecken lassen die jeden frischen Luftzug abwehrt Dem soll
heute noch abgeholfen werden darauf verlasse dich KleinElse«
    Sie gingen die Treppe hinab Auch sie war in gutem Zustande und führte in
eine große Halle in deren Mitte eine Tafel von hochbeinigen Stühlen umgeben
stand Der Fußboden war von roten Backsteinen Wände und Plafond aber zeigten
kunstvolle Holzschnitzereien Dieser große Raum hatte außer vier Fenstern zwei
Türen die sich gegenüber lagen eine derselben führte in den Garten die
andere die sich nur schwer öffnen ließ auf einen schmalen freien Platz der
sich zwischen das Gebäude und die äußere Mauer drängte Hier hatten sich die
Syringen und Haselsträucher ungemein üppig ausgebreitet allein es gelang doch
den Männern einen Durchgang zu erzwingen und mit drei Schritten standen sie
vor einem Pförtchen in der gegenüberliegenden Mauer das hinaus in das
Waldgestrüpp führte
    »Nun« sagte Ferber erfreut »hier fällt auch das letzte Bedenken weg
Dieser Eingang ist viel wert Wir brauchen nun nicht mehr durch die Höfe zu
gehen was jedenfalls sehr umständlich und immerhin gefährlich gewesen wäre«
    Noch einmal wurde die Wohnung durchschritten die künftige Einrichtung
derselben besprochen und der Maurer für morgen bestellt damit er eines der
Hinterzimmer zur Küche einrichte Dann nachdem man die Eichentür die nach dem
großen Flügel führte gehörig verrammelt und verriegelt hatte wurde der Rückweg
angetreten ein Unternehmen das für den Augenblick durch das dichte Gebüsch
zwar sehr erschwert wurde trotzdem aber dem ersten halsbrechenden Weg
vorzuziehen war
    Als die Heimkehrenden den Garten des Forstauses betraten kamen ihnen
Sabine in Begleitung des kleinen Ernst den man ihrer Obhut anvertraut hatte
erwartungsvoll entgegen Sie hatte unter den Buchen auf einem weissgedeckten
Tische den Nachmittagskaffee serviert und das schattige Plätzchen auf das
Behaglichste eingerichtet wollte nun aber auch wissen wie man die Dinge droben
gefunden und schlug bei dem Berichte vor freudigem Erstaunen die Hände
zusammen
    »Ach du meine Güte« rief sie aus »sehen der Herr Oberförster dass ich
recht hatte  Ja ja die Sachen sind vergessen worden und ist auch gar
nicht zu verwundern Sowie der junge Herr von Gnadewitz unter die Erde gebracht
war ist der alte Gnädige über Hals und Kopf abgereist und hat alle Dienerschaft
mitgenommen Nur der alte Hausverwalter Silber ist zurückgeblieben der war aber
zuletzt ganz schwach im Kopfe und ein unmenschlich viel Zeug hat auch drunten
im neuen Schloss gesteckt da hatte er mehr als genug zu tun dass ihm nichts
unter der Hand wegkam und da ist zuletzt das alles da droben stehen geblieben
und keine Menschenseele hat mehr davon gewusst  Du lieber Gott ich habe ja
jedes Stück davon unter den Händen gehabt und habe es abstäuben und putzen
müssen  Und vor der Uhr habe ich mich immer so gefürchtet denn die spielt
ein trauriges Stückchen wenn sie schlägt und das klang so grausig durch die
Stuben wo ich mutterseelenallein hantieren musste  Ja damals war ich noch
jung  wo sind die Zeiten hin«
    Es folgte nun eine gemütliche Stunde der Ruhe und des behaglichen
Überlegens während der Kaffee getrunken wurde Weil Elisabet gemeint hatte
sie könne sich nichts Schöneres denken als zum erstenmal am Pfingstmorgen da
droben aufzuwachen wenn die Kirchenglocken der umliegenden Dörfer hinauf
klängen eine Ansicht die auch Frau Ferber teilte so wurde beschlossen die
Renovierung mit allen Kräften schon morgen ins Werk zu setzen um das Beziehen
der Wohnung bis zum Pfingstabend zu ermöglichen und der Oberförster stellte
alle seine Leute zur Verfügung
    Sabine hatte nicht weit von der Gesellschaft auf einer Rasenbank Platz
genommen um bei der Hand zu sein wenn man etwas bedürfe Um nicht ganz müßig
zu bleiben hatte sie ein paar Hände voll junger Möhren aus dem Beete gezogen
die sie eifrig schabte und putzte Elisabet setzte sich zu ihr Die Alte warf
einen schelmischen Blick auf die schlanken weißen Finger die neben ihren
eigenen braunen schwielenharten Händen erschienen und einige Möhren von ihrem
Schoße nahmen
    »Nichts da« sagte sie abwehrend »das ist keine Arbeit für Sie  Sie
kriegen gelbe Finger«
    »Daraus mache ich mir nichts« lachte Elisabet »Ich helfe Ihnen und Sie
erzählen mir ein wenig Sie sind hier aus der Gegend und wissen gewiss auch etwas
von der Geschichte des alten Schlosses«
    »I nu freilich« entgegnete die alte Haushälterin »Lindhof wo ich geboren
bin hat ja den Herren von Gnadewitz seit undenklichen Zeiten gehört und sehen
Sie in einem so kleinen Orte da dreht sich nachher alles um die Herrschaft der
man untertänig ist Da geht nichts verloren was besonderes im Herrenhause
vorfällt das vererbt sich auf Kind und Kindeskinder und wenn den vornehmen
Leuten schon lange kein Zahn mehr weh tut da erzählen sich noch die Bursche
und Mädchen im Dorfe ihre Geschichte
    Da war meine selige Urgrossmutter die ich noch recht gut gekannt habe die
wusste Dinge dass einem die Haare zu Berge standen Sie hatte aber einen heiligen
Respekt vor denen auf Gnadeck und duckte mich mit ihren beiden zitternden Händen
immer tief auf den Boden wenn die Herrschaft vorbeifuhr denn ich war dazumal
noch ein kleines Ding und konnte keinen rechten Knicks machen  Sie wusste
weit weit in die uralte Zeit hinein die Namen von all den Herren wie sie der
Reihe nach da droben gehaust haben und gar vieles was dort wider Gott und
Recht geschehen ist
    Wie ich nachher auf das neue Schloss kam und die großen Säle fegen musste wo
sie alle abgemalt waren von denen vielleicht jetzt kein Staubkörnchen mehr
übrig ist da habe ich manchmal dort gestanden und mich gewundert wie sie doch
ganz und gar nicht anders ausgesehen haben als andere Menschenkinder auch und
haben doch ein Wesens von sich gemacht als ob sie der liebe Gott in eigener
Person auf die Welt runter gebracht hätte  Von Schönheit war bei den Weibern
auch nicht viel zu sehen Ich meinte immer in meinen dummen Gedanken wenn das
schöne Lieschen das schönste und feinste Mädchen im Dorfe in den goldenen
Rahmen naufgestiegen wäre in der seidenen Schleppe und mit so viel Edelsteinen
auf der Brust und in den Haaren und der Mohr mit dem silbernen Präsentierteller
hätte hinter ihrem schneeweißen Gesichte gestanden das wär tausendmal schöner
gewesen als die Dame die eigentlich bitter hässlich war und zwei schwarze
dicke Striche über den Augen hatte die sie bis unter die Haare hinaufzog vor
lauter Hochmut Aber gerade auf die war die ganze Familie stolz Es sollte eine
reiche reiche Gräfin gewesen sein aber hart und gefühllos wie Stein
    Unter den Männern war auch nur einer den ich gern ansehen mochte Der hat
aber gar ein liebes treuherziges Gesicht gehabt und ein paar Augen so schwarz
wie die Schlehen und an dem ists auch wieder wahr geworden dass der Beste am
meisten zu leiden hat in der Welt Von allen anderen in der langen Reihe hat man
nichts gewusst als dass es ihnen gut gegangen ist ihr lebenlang  Viele davon
haben Unglück genug in die Welt gebracht und haben sich doch nachher so ruhig
auf ihr Sterbebett gelegt als sei das alles von Rechts wegen geschehen  Na
um wieder auf den Jost von Gnadewitz zu kommen der hat ein recht trauriges
Schicksal gehabt Die Großmutter von meiner Urgrossmutter hat ihn selbst gekannt
als sie noch ein kleines Kind gewesen ist Er hat dazumal nur der wilde Jäger
geheißen weil er den ganzen geschlagenen Tag nicht aus dem Walde gekommen ist
 Auf dem Bilde war er auch im grünen Rocke gemalt und hatte eine lange weiße
Feder auf dem Hute was mir immer so gefallen hat zu seinen kohlschwarzen
lockigen Haaren Aber gut ist er gewesen und hat keinem Kinde was zuleide tun
mögen Dazumal ist es den Leuten im Dorfe gar gut gegangen und sie haben
gewünscht es möchte immer so bleiben
    Aber auf einmal ist er eine Zeit fortgewesen kein Mensch hat gewusst wo er
steckt bis er endlich bei Nacht und Nebel wiedergekommen ist ohne dass es
jemand gemerkt hätte  Von der Zeit an war er aber ganz verwandelt  Den
Leuten in Lindhof ist zwar nichts entzogen worden aber sie haben ihren Herrn
nicht mehr zu sehen gekriegt Er hat alle Dienerschaft fortgeschickt und ist im
alten Schloss mutterseelenallein mit einem Lieblingsdiener geblieben
    Da haben denn endlich die Leute viel gemunkelt von der schwarzen Kunst die
er da oben treibe und hat sich kein Mensch mehr bei hellem lichtem Tage auf
den Berg getraut geschweige denn in der Nacht  Die alte Großmutter ist aber
in ihrer Jugendzeit gar ein keckes Ding gewesen und hat just erst recht ihre
Ziegen bei den Schlossmauern grasen lassen  Nun und da hat sie einmal ganz
still und in Gedanken unter einem Baume gesessen und hat hinübergesehen nach der
Mauer wie die doch so hoch sei und was wohl dahinter stecken möchte Und da
ist mit einem Male da droben ein Arm so weiß wie Schnee hervorgekommen
nachher ein Gesicht  die Großmutter hat erzählt schöner sei das gewesen als
Sonne Mond und Sterne  und zuletzt hat mit einem Sprunge ein Mädchen droben
gestanden das hat die Arme in die Luft gestreckt hat etwas gerufen was die
Großmutter nicht verstehen konnte und wäre um ein Haar hinunter in das Wasser
gesprungen das dazumal um das ganze Schloss herumgelaufen ist  Aber da hat
auf einmal der Jost hinter ihr gestanden der hat sie umfasst und mit ihr
gerungen und hat sie gebeten und gefleht dass es einen Stein hätte erbarmen
mögen und die kohlschwarzen Haare haben ihm vor Angst in die Höhe gestanden
Nachher hat er sie auf seinen Arm genommen wie ein Kind und weg waren sie von
der Mauer  Dem Mädchen ist aber der Schleier vom Kopfe gefallen und ist
hinübergeflogen bis zu der Großmutter Er ist wunderfein gewesen und sie hat
ihn voller Freude mit heimgenommen zu ihrem Vater der hat ihn voll Schreck ins
Feuer geworfen weil es Teufelsspuk sei und die Großmutter hat nie wieder auf
den Berg gedurft
    Später  es ist wohl ein volles Jahr herum gewesen seit der Jost so still
auf Gnadeck gelebt hat  ist er auf einmal frühmorgens zu Pferde den Berg
herabgekommen aber niemand hat ihn kennen mögen so verfallen war sein Gesicht
und hat wohl noch viel blässer deswegen ausgesehen weil er kohlschwarz
angezogen war Er ist langsam geritten und hat jedem der ihm begegnet ist noch
einmal traurig zugenickt Dann ist er fortgewesen und ist auch nie
wiedergekommen  er ist in der Schlacht erschossen worden und sein alter
Diener auch der mit ihm war  es war dazumal der Dreissigjährige Krieg«
    »Nun und das schöne Mädchen« fragte Elisabet
    »Ja von dem hat niemand weiter eine Spur gehört noch gesehen  Der Jost
hat auf dem Ratause zu L ein großes versiegeltes Paket niedergelegt und hat
gesagt das sei sein letzter Wille Man solle es aufmachen wenn die Nachricht
von seinem Tode käme Aber da war eine große große Feuersbrunst in L viele
Häuser selbst die Kirchen und das Rataus mit allem was darin war sind bis
auf den Grund niedergebrannt und das Paket natürlich auch mit
    In der letzten Zeit soll auch einige Male der Pfarrer von Lindhof oben bei
dem Jost gewesen sein Der geistliche Herr hat aber stillgeschwiegen wie ein
Mäuschen und weil er alt war und bald darauf das Zeitliche segnen musste so hat
er das was er vielleicht da droben erfahren hat mit ins Grab genommen  So
weiß nun kein Mensch was es mit dem fremden Mädchen für ein Bewenden gehabt
hat und es wird wohl auch ein Geheimnis bleiben bis an den jüngsten Tag«
    »Na geniere dich nur nicht Sabine« rief der Oberförster herüber indem er
seine Pfeife ausklopfte »es ist besser die Else gewöhnt sich gleich von
vornherein an den schauerlichen Schluss deiner Geschichten  sags nur denn du
weißt es ja doch ganz genau dass das schöne Mädchen eines schönen Tages auf dem
Besen zum Schornsteine hinausgefahren ist«
    »Nein das glaube ich nicht Herr Oberförster wenn ich auch «
    »Drauf schwöre dass es in der Umgegend wimmelt von solchen die jeden Tag
zum Scheiterhaufen reif wären« unterbrach sie der Oberförster »Ja ja« wandte
er sich zu den anderen »die Sabine ist noch vom alten Thüringer Schlage Es
fehlt ihr sonst nicht an Verstand und sie hat auch das Herz auf dem rechten
Flecke wenn aber der Hexenglaube ins Spiel kommt da verliert sie beides und
ist im stande ein armes altes Weib weil es rote Augen hat von der Tür
wegzuschicken ohne einen Bissen Brot abzuschneiden«
    »Nu so schlimm ists doch nicht Herr Oberförster« entgegnete die Alte
gekränkt »ich gebe ihr zu essen aber ich ziehe die Daumen ein und antworte
weder ja noch nein  und das kann mir kein Mensch verdenken«
    Alle lachten über dies Präservativ gegen das Behexen welch ersteres
augenscheinlich sehr ernst gemeint war Die alte Haushälterin aber strich die
Möhrenüberreste von der Schürze und erhob sich um das Abendbrot für die Leute
herzurichten die heute früher essen sollten denn bis zum Einbruche der Nacht
gab es noch tüchtig zu tun im alten Schloss
 
                                       5
Als Elisabet am andern Morgen die Augen aufschlug verkündete die große Wanduhr
drunten in der Stube gerade die achte Stunde und überzeugte sie zu ihrem
Verdrusse und Schrecken dass sie sich verschlafen habe Daran aber war nichts
schuld als ein tiefer hässlicher Morgentraum  Der goldene poetische Duft
den ihre Phantasie gestern um Sabines Erzählung gehaucht hatte war über Nacht
zur trüben Wolke geworden deren Druck noch im Augenblicke des Erwachens auf ihr
lastete  Sie war in Todesangst durch die wüsten weiten Säle des alten
Schlosses gelaufen immer verfolgt von Jost dem sich die Haare auf der
todblassen Stirn aufbäumten und der sie mit den schwarzen Augen anglühte und
hatte eben unter tiefem nie empfundenem Grauen die Hände ausgestreckt um ihn
zurückzustossen als sie erwachte  Noch klopfte ihr das Herz und sie dachte
mit Schauder an jene Unglückliche auf der Mauer die vielleicht ebenso gehetzt
wie sie verzweiflungsvoll den Tod suchte und in dem fürchterlichen Augenblicke
von dem Verfolger ergriffen wurde
    Sie sprang auf und kühlte sich das Gesicht in frischem Wasser dann öffnete
sie das Fenster und sah hinunter in den Hof Dort saß Sabine unter einem
Birnbaum mit dem Butterfasse beschäftigt Das ganze Hühnervolk hatte sich um
sie geschart und sah erwartungsvoll zu ihr empor denn von dem großen
Butterbrote das neben ihr auf dem Steintische lag warf sie dann und wann
einige Brocken auf den Boden wobei sie nicht unterließ die Unverschämten zu
schelten und die Unterdrückten zu trösten
    Als sie das junge Mädchen erblickte nickte sie freundlich und rief hinauf
alles was im Forstause Hände und Füße habe arbeite seit sechs Uhr droben im
alten Schloss Auf Elisabeths Vorwurf weshalb man sie nicht geweckt
entgegnete sie das sei auf den Wunsch der Mama geschehen weil ihr Töchterlein
sich in den letzten Wochen weit über seine Kräfte angestrengt habe
    Sabines gutes friedvolles Gesicht und die frische Morgenluft beruhigten
Elisabeths Nerven augenblicklich und führten die Wirklichkeit zurück die sich
ja gerade jetzt so hell und so rosig gestaltete  Sie gab sich unsägliche
Mühe sich selbst auszuschelten dass sie der väterlichen Ermahnung des Onkels
entgegen gestern bis um Mitternacht am Fenster gelehnt und über die
mondbeglänzte Wiese in den schweigenden Wald hinausgesehen hatte Allein der
angeregten Phantasie gegenüber spielt der Verstand oft eine klägliche Rolle
Mitten in der Untersuchung verschwinden plötzlich Ankläger und Zeugen er sieht
sich allein auf seinem Richterstuhle und muss es sich sogar gefallen lassen dass
er hinter die Kulissen gesteckt wird während um und neben ihm die
Spektakelstücke der Phantasie von vorn anheben Deshalb verstummten Elisabeths
ärgerliche Betrachtungen auch sehr bald vor dem Bilde das sich in einem Nu vor
ihrem inneren Auge aufrollte und sich noch einmal den ganzen Zauber einer
Mondnacht im Walde nachempfinden ließ
    Nachdem sie sich angekleidet und rasch ein Glas frische Milch getrunken
hatte eilte sie den Berg hinauf Der Himmel war bedeckt aber nur mit jener
hellen hohen Wolkenschicht die zwar keinen goldenen aber einen desto
frischeren Frühlingstag verheisst Deswegen dauerte auch heute das Morgenkonzert
der Vögel etwas länger und die Tautropfen schaukelten sich noch so voll in den
Blumenkelchen als sei ihr zartes Dasein für heute unantastbar
    Als Elisabet in das weit offene Haupttor des Schlosses trat fiel ihr
sogleich ein ungeheurer grüner Hügel neben dem Brunnen ins Auge Es waren
Distelbüsche Farnkrautbündel und Brombeerranken die ihrem alten trauten
Wohnplatze dem Garten entrissen hier ihr lustiges Leben verhauchen mussten
Der Weg durch den gewölbten Torbogen des zweiten Hofes bis zur Gittertür war
mit verzetteltem Grünzeuge bestreut als solle ein fröhlicher Hochzeitszug durch
die Ruine wandeln und sogar an dem Sims eines hohen Fensters das droben in
seinem Spitzbogen eine prächtige durchbrochene Steinrosette mit Resten bunter
Glasmalerei zeigte hatten sich im Vorübertragen einige Ranken gehängt und
legten ihr lebendiges Grün traulich neben die steinernen Kleeblätter der
heiligen Dreifaltigkeit die nicht verkennen ließ dass der dunkle wüste Raum
da drinnen einst die Schlosskapelle gewesen war
    Der Garten in welchem man gestern nicht zwei Schritt weit vordringen
konnte erschien dem jungen Mädchen völlig verwandelt Ein beträchtliches Stück
lag aufgedeckt und zeigte nun die Reste zierlicher Anlagen Elisabet konnte auf
einem ziemlich gesäuberten Hauptwege über den erschreckte Eidechsen
blitzschnell huschten bis nach dem grünen Damme gelangen den man gestern von
der Ferne aus entdeckt hatte Zu beiden Seiten des langen berasten Erdaufwurfs
führten breite ausgewaschene Steintreppen in die Höhe bis zu einer niedrigen
Brüstung über die man in den Wald und da wo die Bäume ein wenig auseinander
traten hinunter in das Tal sehen konnte wo das Forstaus mit seinem blauen
Schieferdache voll weißer Tauben behaglich auf der grünen Wiese lag Zu Füßen
des Walles gerade da wo der Hauptweg endete befand sich ein kleines Bassin
in das eine grünbemoste Gnomengestalt einen starken kristallhellen Wasserstrahl
spie Zwei Linden wölbten sich über dem rauschenden Brunnen und warfen ihren
wohltätigen Schatten auf die zarten Vergissmeinnicht die hier massenhaft aus
der feuchten Erde sprossten und das Bassin in dunkler Bläue umfingen
    Dem Damme gegenüber lag der Zwischenbau er sah mit seinen
zurückgeschlagenen Fensterläden und der großen offenen Tür im Erdgeschosse
heute so hell und gastlich aus dass sich Elisabet freudig dem süßen Gefühle
hingab hier auf heimischem Boden zu stehen Sie überblickte den Garten und
dachte an ihre Kinderjahre an jene Momente voll unbezwingbarer Sehnsucht wo
sie beim Spaziergange hinter den Eltern zurückblieb und ihr Gesicht an das
festgeschlossene Gitter gepresst in fremde Gärten hineinsah Dort tummelten sich
glückliche Kinder ungezwungen auf den Rasenplätzen sie durften die aufgeblühten
Rosen am Stocke in ihre kleinen Hände nehmen und sich an dem Dufte erquicken
solange sie wollten  Und was musste das für eine Lust sein den kleinen Körper
unter einen vollen Strauch zu ducken und gerade so im Grünen zu sitzen wie die
großen Leute in einer Laube Damals blieb es bei Wunsch und Sehnsucht Nie
öffnete sich eine der geschlossenen Türen vor dem Kinde mit den bittenden
Augen und es wäre doch schon zufrieden gewesen wenn man durch das Gitter
einige Blumen in seine kleinen Hände gelegt hätte
    Während Elisabet auf dem Walle stand erschien der Oberförster an einem der
oberen Fenster des Zwischenbaues Als er das junge Mädchen erblickte wie es
die zarte Gestalt an die Brüstung gelehnt und den schönen Kopf halb nach dem
Garten gewendet sinnend vor sich hinsah da überflog ein unverkennbarer
Ausdruck von Wohlgefallen und stiller Freude sein Gesicht
    Auch Else wurde den Onkel gewahr nickte lustig ihm zu und lief schnell die
Stufen hinab nach dem Hause Da sprang ihr der kleine Ernst aus der großen Halle
entgegen und lachend fing sie ihn in ihren Armen auf
    Seiner entusiastischen Beschreibung nach hatte der Kleine schon
Unglaubliches geleistet Er hatte dem Maurer der den Herd errichtete
Backsteine zugetragen war von Mama beim Ausklopfen der Betten beschäftigt
worden und meinte mit großem Stolze die Herren und Damen auf der wollenen
Tapete sähen viel schöner und freundlicher aus seit er mit der Bürste über ihre
staubigen Gesichter gefahren sei Er schlang entzückt die Arme um den Hals der
Schwester die ihn die Treppe hinauftrug und hörte nicht auf zu versichern dass
er es hier oben doch tausendmal schöner finde als in B
    Der Oberförster empfing Elisabet droben im Vorsaale Er ließ ihr kaum Zeit
die Eltern zu begrüßen und führte sie ohne ein Wort zu sagen in das Zimmer
mit den Gobelins  Welche Veränderung  Das grüne Bollwerk vor dem Fenster
war verschwunden draußen jenseits der äußeren Mauer trat der Wald auf beiden
Seiten kulissenartig zurück und gewährte einen vollen Einblick in ein weites
Tal das Elisabet wahrhaftig paradiesisch erschien
    »Das ist Lindhof« sagte der Oberförster und zeigte auf ein ungeheures
Gebäude in italienischem Geschmacke das sich ziemlich nahe an den Fuß des
Berges drängte auf welchem Gnadeck lag »Ich habe dir hier etwas mitgebracht
das dir sofort jeden Baum drüben auf den Bergen und jeden Grashalm drunten auf
den Wiesen vorführen wird« fuhr er fort indem er dem jungen Mädchen ein gutes
Perspektiv vor die Augen hielt
    Da rückten die gewaltigen ernsten Bergkuppen herüber deren granitene
Gipfel hier und da den Wald zerrissen und auf ihrer äußersten Spitze eine
einsame Tanne gen Himmel streckten Hinter diesen nächsten Bergen türmten sich
zahllose bewaldete Rücken im blauen Dämmerlichte und aus einem fernen dunklen
Tale das nur wie ein tiefer Einschnitt zwei Bergriesen voneinander trennte
tauchten zwei schlanke gotische Türme bleich und nebelhaft empor Ein kleiner
Fluss eine von Pappeln eingefasste Chaussee und mehrere schmucke Dörfer belebten
den Hintergrund des Tales vorn lag das Schloss Lindhof umgeben von einem im
grossartigsten Stile angelegten Parke Unter den Fenstern des Schlosses breitete
sich ein weiter kurzgeschorener Rasenplatz aus auf dem kleine wunderlich
geformte Beete in feuriger Tulpenpracht hingestreut lagen Elisabeths Blick
schweifte darüber hinaus und tauchte erquickt in das geheimnisvolle Dunkel einer
Allee prächtiger Linden deren Kronen sich dicht über den braunen Stämmen
wölbten während einzelne schwere untere Zweige ihre breiten Blätter zwanglos
auf den Kies niederhingen Bisweilen streckte ein Schwan seinen weißen Hals
neugierig in den Schatten der Allee wobei seine Flügel einen blitzenden
Regenschauer an die alten Stämme schleuderten  ein klarer kleiner See schmiegte
sich dicht an ihre Füße er lag in diesem Augenblicke ziemlich melancholisch in
seinem blumengeschmückten Ringe denn ein bewölkter Himmel spiegelte sich in
seiner Fläche
    Hatte Elisabet das Fernrohr bis dahin rastlos von einem Gegenstande zu dem
andern wandern lassen so suchte sie jetzt einen festen Halt und Stützpunkt für
dasselbe denn sie hatte eine Entdeckung gemacht die ihr Interesse in hohem
Grade fesselte
    Unter dem letzten Baume in der Allee stand ein Ruhebett Eine junge Dame lag
darauf sie hatte den reizenden Kopf zurückgelehnt so dass ein Teil ihrer langen
kastanienbraunen Locken über das Polster herabfiel Unter dem Saume des langen
weißen Musselinkleides das die ganze Gestalt bis an den Hals züchtig verhüllte
erschienen zwei zarte Füßchen in goldglänzenden Saffianschuhen Die Dame hielt
zwischen den feinen fast durchsichtig mageren Fingern einige Aurikeln welche
sie gedankenlos unaufhörlich hin und her drehte Nur auf den schmalen Lippen lag
ein schwacher Anflug von Rot sonst war das Gesicht lilienweiss man hätte sich
versucht fühlen können seine Lebenswärme zu bezweifeln hätten nicht die blauen
Augen in einem wundersamen Ausdrucke geleuchtet Diese Augen mit diesem
Ausdrucke aber waren auf das Gesicht eines Mannes gerichtet der gegenüber
sitzend ihr vorzulesen schien Elisabet konnte sein Gesicht nicht sehen denn
er wendete ihr den Rücken zu Er schien jung groß und schlank zu sein und hatte
üppiges dunkelblondes Haar
    »Ist die reizende Dame da drunten die Baronin Lessen« fragte Elisabet
gespannt
    Der Oberförster nahm das Perspektiv »Nein« sagte er »das ist Fräulein von
Walde die Schwester des Besitzers von Lindhof Du nennst sie reizend und ihr
Kopf ist es auch aber ihr Körper ist krüppelhaft  sie geht an der Krücke«
    In diesem Augenblicke trat Frau Ferber hinzu Auch sie sah durch das Glas
und fand das Gesicht der jungen Dame überaus lieblich sie hob besonders den
Ausdruck von Seelengüte hervor der »die Züge verkläre«
    »Ja« sagte der Oberförster »gut und mildtätig soll sie auch sein Als sie
hierher kam war die ganze Umgegend ihres Lobes voll  Aber auch darin hat
sich das Blättchen sehr gewendet seit die Baronin Lessen das Regiment im Hause
führt  Da kommt kein Almosen mehr unter die Armen das nicht erst mit dem
Muckertum auf der Goldwage gelegen hätte  Wehe dem armen Bittsteller er
kriegt keinen Pfennig Unterstützung und noch spitze Bemerkungen obendrein wenn
es sich nämlich herausstellt dass er lieber beim Pfarrer in Lindhof die Predigt
hört als in der Schlosskapelle wo ein Kandidat  der Hauslehrer der Baronin 
allsonntäglich Feuer und Schwefel und alle erdenklichen Höllenqualen von der
Kanzel herab auf die Häupter der Gottlosen schleudert«
    »Solche Zwangsmassregeln sind ein sehr übles Mittel den christlichen Sinn im
Volke wieder zu erwecken« meinte Frau Ferber
    »Sie schlagen ihn vollends tot und füttern dafür die Heuchelei groß sage
ich« rief zornig der Oberförster »Schon deshalb weil sie selbst das Beispiel
dazu geben Da lesen sie jederzeit in der Bibel von der christlichen Demut und
werden doch von Tag zu Tag hochmütiger und anmassender ja sie wollen einem
sogar weismachen ihr hochgeborener Leib sei schon aus einem ganz andern Stoffe
als der ihrer niederen Brüder in Christo  Wenn du aber Almosen gibst so
lasse deine linke Hand nicht wissen was deine rechte tut so steht geschrieben
 ein Huhn macht aber wahrlich nicht mehr Geschrei um sein eben gelegtes Ei
als diese Leute um ihre milden Taten Da gibts Kollekten Armenlotterien u
dergl m wobei die ganze Umgegend unaufhörlich gebrandschatzt wird wenn es
aber gilt da zu nehmen wo am meisten zu finden ist im eigenen Geldbeutel da
hört der Spaß auf wie man zu sagen pflegt  Ich kenne Leute die seit zwanzig
Jahren milde Gaben anderer sorgfältig zusammensparen um dereinst ein Armenhaus
zu gründen Diese vortrefflichen Leute beziehen ein jährliches Einkommen von
ungefähr sechstausend Talern Zu verlangen dass sie von diesem Lumpengelde hier
und da ein Sümmchen abbrechen sollen zum Besten ihres löblichen Vorhabens das
darf einem beileibe nicht einfallen  sie haben den Heiligenschein
christlicher Aufopferung und Hingebung so billiger  Herr Gott wie mich das
ärgert wenn die Leute ihre Frömmigkeit so auf dem Präsentierteller herumtragen
 Da drunten in dem Hause da bimmelt das Glöckchen so und so vielmal des
Tages dann heißt es in der Umgegend  denn man hörts weit und breit  jetzt
beten die im Schloss Das Kämmerlein in welchem sie nach Gottes Gebot zu ihm
reden sollen ist ihnen zu klein und nicht nach ihrem Geschmacke  Aber mir
ist nicht allein das Gesperr ein Greuel nein es ist auch geradezu gotteillos
so mir nichts dir nichts das Heiligste in die Berufsgeschäfte hineinzuziehen 
Jetzt frage ich ob die Jungfer die eben ein glühendes Plätteisen handhabt
oder der Koch der einen heiklen Braten in der Röhre hat sich freuen kann wenn
das Glöckchen mit einemmale anfängt«
    »Ja in diese Art Andacht setze ich allerdings einige Zweifel« sagte
lächelnd Frau Ferber
    »Oder ob der Gnädigen selbst  die vielleicht gerade einen interessanten
Roman liest oder eine neue Hofintrige im Kopfe hat  denn diese Geschichten
lassen sich auch neben der Frömmigkeit ganz vortrefflich abwickeln  ein solcher
Harrassprung vom Weltlichen in die Gottesverehrung wohl möglich ist  Ja ja
da laufen diese Leute ungesäubert und ungewaschen im Reiche Gottes aus und ein
und denken auch noch wunder wie sehr sich unser Herrgott freuen muss dass sie
ihm diese Ehre schenken«
    »Und ist Herr von Walde mit den Reformen der Baronin Lessen einverstanden«
fragte Frau Ferber
    »Nach allem was ich in der Beziehung von ihm höre wahrscheinlicherweise
nicht aber was hilft das  Der durchstöbert vielleicht im Augenblicke die
Pyramiden um Licht in die alten Zeiten zu bringen dass seine Frau Kousine
unterdes im christlichen Eifer das anrüchige Licht der Gegenwart nach Kräften
mit auszublasen sucht das kann er ja nicht wissen  Er mag übrigens auch
seinen ganz gehörigen Sparren haben  Der Fürst von L dem er sehr nahe
steht soll in früheren Jahren lebhaft eine Verbindung zwischen ihm und einer
jungen Dame am Hofe gewünscht haben er hat dem Vernehmen nach die Partie
ausgeschlagen weil das Fräulein nicht die erforderliche Anzahl Ahnen besitze«
    »Nun da kann es sich wohl ereignen dass er einstmals eine schöne
Fellahtochter die ihre Ahnen noch unter den Mumien von Memphis suchen darf als
Herrin in das reizende Lindhof einführt« meinte lachend Elisabet
    »Ich glaube überhaupt nicht dass er sich noch verheiratet« entgegnete der
Oberförster »Er ist nicht mehr ganz jung hängt viel zu sehr am Wanderleben und
soll sich auch im ganzen nie was aus Weibsleuten gemacht haben  Ich will
gleich meinen kleinen Finger verwetten dass der da drunten mit dem Buche in der
Hand diese meine Ansicht teilt und Lindhof und alle die anderen schönen
Besitzungen in Sachsen und Gott weiß wo noch im innersten Schrein seiner Seele
als unverlierbares Eigentum betrachtet«
    »Hat er Ansprüche daran« fragte Frau Ferber
    »Freilich wohl Er ist der Sohn der Baronin Lessen Außer dieser Familie
haben die Geschwister von Walde keine Verwandten in der ganzen weiten Welt Die
Baronin war zuerst mit einem Herrn von Hollfeld verheiratet aus dieser Ehe
stammt der junge Mann da drunten der durch den frühen Tod seines Vaters Herr
von Odenberg einer großen Besitzung jenseits L geworden ist Die schöne Witwe
hat damals gemeint sie müsse eiligst ihre Freiheit benützen um wenigstens noch
eine Staffel auf der Leiter menschlicher Glückseligkeit und Vollkommenheit zu
ersteigen diese Staffel aber konnte natürlicherweise nur der Freiherrnrang
sein und deshalb wurde Frau von Hollfeld eines schönen Tages die Gemahlin des
Baron Lessen Sein Name war zwar etwas anrüchig es klebten einige Tatsachen
daran die man in niedrigerer Sphäre spiessbürgerlicherweise unehrenhaft nennt
aber das schadete nichts er war ja auch Kammerherr der Schlüssel am Rockknopfe
schließt das Hofparadies auf und davor müssen sich selbst die gewaltigen
Schlüssel des heiligen Petrus verstecken trotz aller Verheißungen die sie
einst wahrmachen sollen Der Baron machte übrigens nach zehnjähriger Ehe seine
Gemahlin abermals zur Witwe und hinterließ ihr außer einer kleinen Tochter
eine enorme Schuldenlast  Es mag ihr nun freilich gefallen in Lindhof
unumschränkt die Herrin spielen zu dürfen denn wie ich höre hat sie auf dem
Gute ihres Sohnes weder Sitz noch Stimme«
    Eine Magd aus dem Forstause unterbrach hier das Gespräch indem sie mit
Scheuereimer und Kehrbesen bewaffnet durch unzweideutige Bewegungen zu erkennen
gab dass jetzt ihr Herrscheramt hier beginne Das Fernrohr wurde eiligst
zusammengeschraubt und während der Oberförster daran ging die Fenstersimse an
der Gartenseite von den Umarmungen der Schlingpflanzen vollends zu befreien
nahmen Frau Ferber und Elisabet die inmitten der Zimmer zusammengestellten
Möbel in Angriff um deren ursprünglichen Glanz mittels Staubtuch und Bürste
wiederherzustellen
 
                                       6
Pfingsten war vorüber Die Glocken die ehernen hatten sich ins Stilleben
zurückgezogen und blickten droben schwarz und ganz unbeweglich durch die
Schalllöcher als seien sie die Särge des melodischen Lebens das während der
Feiertage die Türme umbraust hatte Die bunten Glöckchen im Walde aber lose auf
grünem Stengel hängend und ihres feierlichen Amtes wohl bewusst konnten das Fest
nicht vergessen Sie waren wacker mit eingefallen wenn es durch die Lüfte
harmonisch und erhaben gezittert hatte und läuteten nun auch unermüdlich weiter
bei jedem Windhauche der durch das Unterholz strich Es kümmerte sie ganz und
gar nicht dass der Holzhacker Sonntagsstaat und Festmiene zu Hause lassend nun
mit grober Sohle an ihnen hinstreifte und ein raues Lied vor sich hin pfiff
Ließ sich doch der Wald auch nicht irre machen es zog und wehte geheimnisvoll
durch seine Baumwipfel wie ein von tausend Stimmen geflüstertes Gebet und die
Vögel sangen in den Morgen und Abendstunden nach wie vor ihre Hymne zur Ehre
Gottes
    Droben im alten Schloss Gnadeck harmonierte die nachhaltige
Festtagsstimmung mit der des Waldes obgleich Ferber seine Geschäfte übernommen
und außerdem die unvermeidlichen Antrittsbesuche in L abzumachen hatte Frau
Ferber und Elisabet hatten sich durch Sabine bedeutende Aufträge eines
Weisswarengeschäfts in L zu verschaffen gewusst und waren nebenbei im Garten
beschäftigt der in diesem Jahre noch nach Kräften seinen Tribut abgeben sollte
Dass trotz dieser Rührigkeit immer noch ein sonntäglicher Hauch durch die Räume
des Zwischenbaues wehte lag in der gehobenen Stimmung der Familie selbst die
den Einfluss eines glücklichen Wendepunktes in ihrem Leben ungeschwächt
fortempfand und sich jeden Augenblick angeregt fühlte das Sonst mit dem Jetzt
zu vergleichen das Waldleben so ungewohnt und neu wirkte fast berauschend auf
die Gemüter
    Die zärtlichen Eltern hatten Elisabet das Zimmer mit den Gobelins
angewiesen weil es die schönste Aussicht bot und gleich bei der ersten
Musterung des Zwischenbaues von dem jungen Mädchen für das hübscheste und
gemütlichste erklärt worden war Die unheimliche Tür die nach dem großen
Flügel führte hatte man wieder zugemauert die hohen Eichenflügel mit den
Messingschlössern und Riegeln bedeckte das Mauerwerk und ließ nicht ahnen dass
jenseits die Wüstenei begann Den Hintergrund des Zimmers füllte eines der neu
hergerichteten Himmelbetten aus in der Nähe des Fensters befand sich der
altertümliche Schreibtisch außer einem altmodischen Porzellanschreibzeuge und
den nötigen Schreibutensilien auch noch zwei hübsche kleine Vasen voll frischer
Blumen auf seiner Platte tragend und draußen auf dem breiten Steinsims von der
Krone eines Syringenbusches schmeichelnd umspielt stand der gelbe Messingkäfig
in welchem Hänschen der Kanarienvogel mit dem ganzen Neide einer verzogenen
Bravoursängerin seine schmetternden Triller vor denen der Waldvirtuosen geltend
zu machen suchte
    Als das Zimmer eingerichtet wurde und Frau Ferber alle Augenblicke einen
neuen Gegenstand brachte um den kleinen Raum auch recht anmutend
auszuschmücken da trat der Vater endlich an die längste Wand breitete die Arme
darüber und verbannte den kleinen Divan der eben hereingeschoben werden sollte
wieder in das Nebenzimmer
    »Halt diesen Platz reserviere ich mir« rief er lachend Er holte eine
große Konsole von dunklem Holze und befestigte sie an der Wand die gerade an
dieser Stelle eine sehr breite Holzleiste zeigte »Hier« fuhr er fort indem er
eine Büste Beetovens darauf stellte »hier soll er der Einzige ganz allein
tronen«
    »Aber das sieht ja abscheulich aus« meinte Frau Ferber
    »Na warte nur morgen oder übermorgen wirst du dich überzeugen dass mein
Arrangement nicht so sehr zu verwerfen ist und dass für Elisabet noch ein ganz
besonderer Vorteil aus den vorgefundenen Möbeln entspringt«
    Am folgenden Tage es war der Pfingstabend fuhr er mit dem Oberförster nach
der Stadt und als er gegen Abend zurückkehrte kam er nicht durch das
Mauerpförtchen Das große Tor wurde geöffnet und vier starke Männer trugen
einen großen glänzenden Gegenstand durch die Ruinen Elisabet stand gerade in
der Nähe des Küchenfensters und war  zum erstenmal in der neuen Wohnung  mit
der Zubereitung des Abendbrotes beschäftigt als die Männer mit ihrer Last den
Garten betraten
    Sie schrie laut auf denn das war ja ein Klavier ein schönes tafelförmiges
Instrument das ohne weiteres in den Zwischenbau hineingetragen und droben im
Gobelinzimmer unter Beetovens Büste gestellt wurde Elisabet weinte und lachte
in einem Atem und schlang jubelnd die Arme um den Hals des Vaters der sein
einziges kleines Kapital  den Erlös aus den Möbeln in B  hingegeben hatte um
ihr das was die Wonne ihres Lebens war wieder zu verschaffen Dann aber
öffnete sie das Instrument und gleich darauf schlugen mächtige Akkorde an die
engen Wände die so lange das Schweigen des Todes umfangen hatte
    Der Oberförster war auch mitgekommen denn er wollte Elisabeths Freude und
Überraschung sehen Er lehnte jetzt stumm an der Wand als die wunderbaren
Melodieen unter den Fingern des jungen Mädchens hervorrauschten In diesem
Augenblicke sprach ja die glühende mächtige Seele die in der lieblichen jungen
Hülle wohnte zum erstenmal in ihrer ganzen Gewalt zu ihm Dieser feingemeisselte
Kopf wie wunderbar beseelt und gedankenschwer erhob er sich jetzt über der
zarten Gestalt welche der ganze Zauber des Mädchenhaften und Tiefsinnigen
umwob Bis dahin waren ja nur Neckereien und Witzworte zwischen ihr und dem
Onkel hin und her geflogen Er nannte sie der Leichtigkeit ihrer Bewegungen und
ihrer Gedankenschnelle halber die nie um eine witzige Replik verlegen sein
ließ oft seinen Schmetterling am meisten aber »Goldelse« indem er behauptete
ihr Haar sei so golden dass er es durch den dichtesten Wald blitzen und
schimmern sähe wie einst jung Roland das Kleinod im Schilde des Riesen
    Als Elisabet geendet legte sie beide Hände über das Klavier als wollte
sie den neuen Besitz umarmen und lächelte glückselig vor sich hin der
Oberförster aber näherte sich ihr leise küsste sie auf die Stirn und ging
schweigend hinaus
    Von diesem Momente an kam er jeden Abend hinauf ins alte Schloss Sobald die
letzten Streiflichter der Sonne auf den Baumgipfeln erloschen waren musste sich
Elisabet an das Klavier setzen Die kleine Familie nahm Platz in der Nische des
weiten Bogenfensters und versenkte sich in das Gedankenmeer des Meisters dessen
Bild von der Wand herab ernst auf die begeisterte junge Spielerin schaute Dann
dachte Ferber wohl daran wie sich Elisabet das Leben im Walde ausgemalt hatte
als der Brief vom Försteronkel in B eingelaufen war Elfen und Kobolde
erschienen freilich nicht wohl aber zogen die Geister die der gewaltige
Tondichter in die Töne gebannt hat entfesselt auf dem Musikstrome hinaus und
hauchten in die feierliche Stille jenes geheimnisvolle Leben dessen Wonnen und
Leiden wenn auch durch jede empfindende Menschenbrust flutend auszusprechen
und zu verkörpern doch nur dem Genius beschieden ist
    Eines Nachmittags saß die Familie Ferber beim Kaffee Der Oberförster war
auch heraufgekommen hatte Zeitung und Pfeife mitgebracht und ließ es sich gern
gefallen dass ihm Elisabet eine Tasse des dampfenden Trankes einschenkte Er
wollte eben einen interessanten Artikel vorlesen als draußen am Mauerpförtchen
geläutet wurde Zum Erstaunen aller trat nachdem der kleine Ernst geöffnet
hatte ein Bedienter vom Schloss zu Lindhof ein und überreichte Elisabet einen
Brief Er war von der Baronin Lessen Sie begann damit dem jungen Mädchen sehr
viel Schmeichelhaftes zu sagen über sein vortreffliches Klavierspiel das sie
bei ihren Spaziergängen durch den Wald seit einigen Abenden belauscht haben
wollte und knüpfte daran die Frage ob Fräulein Ferber geneigt sei natürlich
unter vorher festzustellenden Bedingungen wöchentlich einigemal mit Fräulein
von Walde vierhändig zu spielen
    Der Brief war in sehr höflichem Tone gehalten gleichwohl warf ihn der
Oberförster nachdem er ihn zum zweitenmal durchgelesen unmutig auf den Tisch
und sagte Elisabet scharf anblickend
    »Du gehst nicht darauf ein wie ich denke«
    »Und warum nicht lieber Karl« fragte Ferber an ihrer Stelle
    »Weil Elisabet nun und nimmermehr in den Kram da drunten passt« rief
ziemlich heftig der Oberförster »Willst du das was du sorgfältig aufgebaut
hast unter giftigem Mehltau oder Reif vergehen sehen  nun so tue es«
    »Ich habe allerdings« entgegnete Ferber ruhig »bis jetzt die Seele meines
Kindes allein in den Händen gehabt und bin wie es meine Pflicht war eifrig
besorgt gewesen jeden Keim zu wecken jedes Pflänzchen das ausbiegen wollte
zu stützen Nichtsdestoweniger ist es mir nie eingefallen eine kraftlose
Treibhauspflanze erziehen zu wollen und wehe mir und ihr wenn das was ich
seit achtzehn Jahren unermüdlich gehegt und gepflegt habe wurzellos im Boden
hinge um von dem ersten Windhauche des Lebens hinweggerissen zu werden  Ich
habe meine Tochter für das Leben erzogen denn sie wird den Kampf mit demselben
so gut beginnen müssen wie jedes andere Menschenkind auch Und wenn ich heute
meine Augen schließe so muss sie das Steuer selbst ergreifen können das ich
bisher für sie geführt habe  Sind die Leute drunten im Schloss in der Tat
kein Umgang für sie nun dann wird sich das sehr bald herausstellen Entweder
es fühlen beide Teile sofort dass sie nicht für einander passen und das
Verhältnis löst sich von selbst wieder oder aber Elisabet geht an dem vorüber
was ihren Grundsätzen widerspricht und es bleibt deshalb nicht an ihr haften
 Du gehörst ja selbst zu denen die nie einer Gefahr ausweichen sondern
stets ihre Kraft ihren Wert an ihr erproben«
    »Alle Wetter dafür bin ich auch ein Mann der für sich selbst einstehen
muss«
    »Weißt du denn ob Elisabet in späteren Jahren je eine andere Stütze haben
wird als sich selbst je eine fremde Kraft die die Verantwortlichkeit für sie
mit übernimmt«
    Der Oberförster warf einen schnellen Blick auf das junge Mädchen das seine
Augen feurig auf den Vater geheftet hielt Er sprach ihr aus der Seele der für
sie der Inbegriff des Unfehlbaren und der Weisheit war  das lag sprechend in
ihren Zügen
    »Vater« sagte sie »du sollst sehen dass du dich nicht geirrt hast dass ich
nicht schwach bin  Ich habe von jeher das abgenutzte Bild vom Epheu und der
Eiche nicht leiden mögen und werde es am allerwenigsten an mir wahr machen 
Lasse mich getrost ins Schloss hinuntergehen Onkelchen« wandte sie sich
schelmisch lächelnd an den Oberförster dem die grimmige Falte in möglichster
Entwickelung zwischen den Augenbrauen erschienen war »Sind die Bewohner
herzlos ei so setzt das noch lange nicht voraus dass ich sofort zum Kannibalen
werden und mein eigenes Herz unter dem Mühlsteine der Grausamkeit zermalmen muss
Wollen sie mich treten und verletzen durch Hochmut dann setze ich mich
innerlich auf einen so hohen Standpunkt dass alle Pfeile umsonst nach mir
verschossen werden und sind sie Heuchler nun so sehe ich der Wahrheit um so
fester ins sonnige Angesicht und weiß dann desto klarer wie hässlich jene
schwarzen Masken sind«
    »Schön gesagt unvergleichliche Else und wäre auch wunderleicht
durchzuführen wenn nur die Leute die Freundlichkeit haben wollten ihre Masken
so handgreiflich zur Schau zu tragen  Wirst dich schon wundern wenn du eines
Tages Spreu da findest wo du so und so lange auf Gold geschworen hast«
    »Aber lieber Onkel ich werde doch nicht so töricht sein mich lediglich
Illusionen hinzugeben  Bedenke nur wie viel Trübes in meine Kinderzeit
gefallen ist und das ist durchaus nicht so unverstanden an mir vorübergegangen
 Allein ein wenig Vertrauen auf seinen guten Stern und auf sich selbst muss
das Menschenkind auch haben und deshalb verzweifle ich noch gar lange nicht
selbst wenn ich gleich beim Eintritt in die fremde Welt in einen Abgrund von
ägyptischer Finsternis und greulicher Molche fallen sollte  Siehst du liebes
Onkelchen das hast du nun von deinem Eifer für mein Seelenheil  deine Tasse
sieht aus als solle eine Eisbahn darauf eröffnet werden und dein unglücklicher
Meerschaumkopf liegt in den letzten Zügen«
    Der Oberförster lachte wenn auch wie es schien wider Willen Dann aber
sagte er zu Elisabet die geschäftig seine Tasse frisch füllte und einen
brennenden Fidibus herbeibrachte »du brauchst nicht etwa zu denken dass ich all
mein Pulver verschossen habe wenn ich sage na meinetwegen da gehe hin und
versuchs  Ich will mir lediglich die Genugtuung verschaffen eines schönen
Tages das heldenmütige Küchlein eilig und verscheucht unter den schützenden
Flügel des Daheim kriechen zu sehen«
    »Ach« lachte Frau Ferber »da kannst du warten du kennst unsern kleinen
Eisenkopf schlecht  Aber lasst uns einen Entschluss fassen Meiner Ansicht
nach wäre es passend wenn Elisabet sich morgen den Damen vorstellte« 
    Tags darauf und zwar nachmittags gegen fünf Uhr stieg Elisabet den Berg
hinab Ein schön gehaltener Weg führte durch den Wald der in dem Parke
gewissermaßen aufging Kein Gitter trennte den ersten herrlich gepflegten
Rasenplan der mit seinen feinen elastisch auf und ab wehenden Gräsern wie ein
duftiges grünes Gefieder dalag von dem mit knorrigen Wurzeln bedeckten
Waldboden
    Elisabet hatte ein frischgewaschenes helles Musselinkleid angezogen und
ein weißer runder Strohhut bog sich leicht über ihre Stirn Der Vater gab ihr
das Geleite bis an die erste Wiese dann schritt sie allein mutig vorwärts
Keine menschliche Seele begegnete ihr auf dem langen Wege durch die reizenden
Anlagen ja es schien als flüsterte es hier im Laube der Bosketts tiefer als
droben im Walde und als hüteten sich selbst die Vögel allzu laut zu werden
Sie erschrak vor dem Knirschen des Sandes unter ihren Füßen als sie in die Nähe
des Schlosses kam und wunderte sich über sich selbst wie diese bängliche
Stille sie mit einemmal so verzagt mache
    Endlich hatte sie den Hauptflügel erreicht und erblickte das erste
Menschenangesicht Es war ein Bedienter der in einem imposanten Vestibüle
geschäftig aber möglichst geräuschlos hantierte Auf ihre Bitte sie bei der
Baronin zu melden schlüpfte er die breite gegenüberliegende Treppe hinauf an
deren Fuß zwei hohe Statuen standen die ihre weißen Glieder halb unter dem
dunklen Laube mehrerer Orangenbäume versteckten Sehr bald zurückkehrend
meldete er dass sie willkommen sei und eilte flüchtigen Fußes wieder voraus
kaum mit der Fussspitze die Stufen berührend
    Beklommenen Herzens folgte ihm Elisabet Nicht der sie umgebende Glanz war
es der sie niederdrückte nein es war das Gefühl des Alleinstehens in dieser
neuen ungekannten Sphäre Der Diener führte sie durch einen langen Korridor an
den sich mehrere Zimmer anschlossen die außerordentlich reich und elegant
ausgestattet jene tausend Kleinigkeiten in sich schlossen welche ein
unbefangenes und unverwöhntes Menschenkind auf die Vermutung bringen müssen es
sei in eine Warenausstellung geraten
    Der Bediente öffnete leise und behutsam eine Flügeltür und ließ das junge
Mädchen eintreten
    In der Nähe des Fensters Elisabet gegenüber lag auf einem Ruhebette eine
dem Anscheine nach sehr leidende Dame Ihr Kopf ruhte auf einem weißen Kissen
warme Decken verhüllten fast die ganze Gestalt die jedoch  so viel ließ sich
trotz der Umhüllung beurteilen  von beträchtlichem Embonpoint sein musste In
der Hand hielt sie ein Flakon
    Die Dame richtete sich ein wenig in die Höhe so dass Elisabet vollständig
ihr Gesicht sehen konnte es war voll und blass und erschien im ersten
Augenblicke nicht unangenehm Bei schärferer Beobachtung jedoch musste man
finden dass die großen blauen Augen von weissblonden Wimpern umrahmt und unter
ebenso hellen in die Höhe gezogenen Brauen liegend kalt wie Gletschereis
blickten ein Ausdruck den ein Zug von Hochmut um Lippen und Nasenflügel und
ein stark hervortretendes breites Kinn keineswegs milderte
    »Ach es ist sehr freundlich von Ihnen mein Fräulein dass Sie kommen« rief
die Baronin mit schwacher aber trotzdem hart und spröde klingender Stimme
indem sie mittels einer Handbewegung nach einem ihr nahe stehenden Fauteuil
deutete und das sich höflich verbeugende junge Mädchen aufforderte sich zu
setzen »Ich habe« fuhr sie fort »meine Kousine bitten lassen sich bei mir
mit Ihnen zu verständigen da ich leider zu unwohl bin Sie hinüberführen zu
können«
    Der Empfang war jedenfalls höflich und zuvorkommend obgleich sich in Ton
und Bewegung der Dame eine bedeutende Dosis Herablassung nicht verkennen ließ
    Elisabet setzte sich und wollte eben auf die Frage wie es ihr in Thüringen
gefalle antworten als die Tür heftig aufgerissen wurde Ein kleines ungefähr
achtjähriges Mädchen mit fliegenden etwas rötlichen Locken stürzte herein in
ihren Armen einen niedlichen zappelnden und quiekenden Hund an sich drückend
    »Ali ist so unartig Mama er will gar nicht bei mir bleiben« rief die
Kleine fast atemlos indem sie den Hund auf den Teppich warf
    »Wahrscheinlich hast du das kleine Tier wieder einmal zu arg geneckt mein
Kind« sagte die Mama »Ich kann dich übrigens hier nicht brauchen Bella du
machst zu argen Lärm und ich habe Kopfweh  Geh hinüber auf dein Zimmer«
    »Ach dort ists so langweilig Miss Mertens hat mir verboten mit Ali zu
spielen immer soll ich die alten Fabeln lernen die ich gar nicht leiden mag«
    »Nun so bleibe hier aber verhalte dich ruhig«
    Die Kleine strich dicht an Elisabet vorüber wobei sie deren Anzug von oben
bis unten musterte und stieg auf einen gestickten Fussschemel neben der
Spiegelkonsole um eine Vase voll frischer Blumen besser erreichen zu können Im
Nu verwandelte sich das reizend geordnete Boukett in ein wildes Chaos unter den
kleinen Händen die sich eifrig bemühten einzelne Blumen in die feingestickten
Löcher der Vorhangsbordüre zu placieren Bei diesem Arrangement liefen dicke
Tropfen der trüben Lache in der die Blumen gestanden von den Stielen auf
Elisabeths Kleid so dass diese sich genötigt sah weiter zu rücken denn es
hatte nicht den Anschein als ob die kleine Vandalin selbst oder ein Verbot der
Mama dem Amüsement so bald ein Ende machen würde
    Elisabet hatte eben nur so viel Zeit gehabt zu retirieren und auf die
wiederholte Frage der Baronin zu antworten dass sie sich in Thüringen bereits
vollkommen heimisch und sehr glücklich fühle als die Dame sich ziemlich rasch
aus ihrer liegenden Stellung emporrichtete und mit einem verbindlichen Lächeln
auf den Lippen nach einer Tapetentür winkte die sich seitwärts geräuschlos
auftat Auf ihrer Schwelle erschienen die zwei jungen Leute die Elisabet
neulich durch das Fernrohr beobachtet hatte aber wie ganz anders und seltsam
sahen sie jetzt nebeneinander aus Herr von Hollfeld eine fast übergrosse
schlanke Gestalt musste sich tief auf die Seite neigen um der kleinen Hand eine
Stütze sein zu können die auf seinem Arme lag Jenes sylphenartige Wesen das
damals auf dem Ruhebette gelegen war eine gänzlich verschobene Kindergestalt
Der auch in diesem Augenblicke vollendet schöne Kopf steckte tief in den
Schultern und die Krücke in der rechten Hand zeigte dass auch in den Füßen ein
Missverhältnis sein müsse
    »Verzeihe teure Helene« rief die Baronin der Eintretenden entgegen »dass
ich dich herüberbemühen musste allein du siehst ich bin wieder einmal der arme
geplagte Lazarus an dem du deine Engelsgüte ja stets übst  Fräulein Ferber«
deutete sie vorstellend auf das junge Mädchen das sich errötend erhob »hat die
Freundlichkeit gehabt auf mein gestriges Billet selbst zu kommen«
    »Und dafür bin ich Ihnen von Herzen dankbar« wandte sich die junge Dame mit
einem liebreizenden Lächeln an Elisabet und reichte ihr die Hand Ihr Auge
glitt dabei wie im bewundernden Erstaunen über die Erscheinung des jungen
Mädchens und blieb dann in den blonden Flechten haften die unter dem Hute
hervorquollen »Ach ja« sagte sie »Ihr schönes Goldhaar habe ich schon
gesehen und zwar gestern auf einem Spaziergange durch den Wald  Sie bogen sich
über eine Mauer droben im alten Schloss«
    Elisabet errötete noch tiefer
    »Aber eben weil Sie dort waren« fuhr die junge Dame fort »kam ich um den
Genuss um dessenwillen ich eigentlich die Anhöhe hinaufgeklettert war 
lediglich um Sie noch einmal wie am Abend zuvor spielen zu hören  So jung
und kindlich und ein so tiefes Verständnis der klassischen Musik wie ist das
möglich  Sie werden mich sehr glücklich machen wenn Sie öfter mit mir
spielen wollen«
    Es glitt etwas wie Missbilligung über das Gesicht der Baronin und einem
feinen Beobachter wäre auch wahrscheinlicherweise das leise spöttische Lächeln
in den Mundwinkeln nicht entgangen für Elisabet aber war es vollständig
verloren denn ihr ganzes Interesse wandte sich der unglücklichen jungen Dame
zu deren weiche Silberstimme unmittelbar aus dem Herzen zu quellen schien
    Herr von Hollfeld hatte unterdes einen Fauteuil für Fräulein von Walde an
das Ruhebett gerückt dann empfahl er sich ohne ein Wort gesprochen zu haben
Weil er aber durch die Tür das Zimmer verließ die Elisabet gerade
gegenüberlag so konnte ihr nicht entgehen dass sein letzter langer Blick auf
ihr ruhte ehe er die Tür langsam schloss Sie erschrak förmlich darüber denn
die Art und Weise wie er sie angesehen war zu eigentümlich gewesen so dass sie
im stillen ihren Anzug prüfte ob er wohl am Ende gar zu auffallend sei
    Fräulein von Walde unterbrach diese Musterung mit der Frage welchem Lehrer
Elisabet ihr vollendetes Spiel verdanke worauf letztere erzählte dass die
Mutter sie ganz allein ausgebildet wie überhaupt die Eltern sie in allem was
sie habe lernen müssen selbst unterrichtet hätten
    Während dieser Mitteilung hatte sich Bella auf den Teppich gekauert und
spielte mit dem Hunde Es würde ein allerliebstes Bild gewesen sein hätten
nicht das Gewinsel und die heftigen Bewegungen des kleinen Tieres bewiesen dass
es gequält werde Nach jedem lauteren Schrei des Hundes bei dem Fräulein von
Walde stets erschreckt zusammenfuhr rief die Baronin wie mechanisch »Lass doch
die Possen Bella« Endlich aber als das Tier in ein schmerzliches Geheul
ausbrach hob sie drohend den Finger gegen die kleine Unartige und sagte »Ich
werde Miss Mertens rufen müssen«
    »Ach« entgegnete die Kleine geringschätzend »die darf sich doch nicht
unterstehen mich zu strafen du hast es ihr ja selbst streng verboten«
    In dem Augenblicke wurde die Tapetentür leise aufgemacht und ein blasses
älteres Frauenzimmer trat ein Indem sie sich demütig vor den Damen verbeugte
sagte sie schüchtern
    »Der Herr Kandidat wartet auf Bella«
    »Ich will heute aber keine Stunde« rief die Kleine während sie ein
Wollknäuel vom Tische nahm und dasselbe nach der Eingetretenen warf
    »Ja mein Kind das muss sein« sagte die Baronin »Gehe mit Miss Mertens sei
hübsch artig Bella«
    Bella setzte sich als ginge sie die Sache so wenig an als den hinter das
Sofa geflüchteten Ali in ein Fauteuil und zog die Füße in die Höhe Die
Gouvernante schien sich ihr nähern zu wollen aber ein zorniger Blick der
Baronin wies sie an die Tür zurück
    Wahrscheinlicherweise würde diese widerwärtige Szene noch lange gespielt
haben hätte nicht die Baronin Hilfstruppen in Gestalt von Bonbons
aufmarschieren lassen Die Kleine verließ nachdem sie Mund und Taschen
vollgestopft hatte ihren Sitz und während sie die Hand der Gouvernante die
sie führen wollte zurückstiess lief sie hinaus
    Elisabet saß starr vor Erstaunen Auch die sanften Züge des Fräuleins von
Walde drückten unverkennbare Missbilligung aus aber sie sagte kein Wort
    Die Baronin sank in die Kissen zurück »Diese Gouvernanten rauben mir Jahre
vom Leben« seufzte sie »Ob diese Miss Mertens nur einmal lernen wird Bella zu
behandeln wie es dies erregbare Kind mit seinen empfindlichen Nerven verlangt
 Da wird keine Rücksicht auf Lebensstellung Temperament und
Körperkonstitution genommen Alles kommt unter eine Schablone gleichviel ob
Krämer oder Pairstochter ob zartbesaitete Wesen oder robuste Tagelöhnernaturen
 Miss Mertens ist ein widerwärtiger pedantischer Schulmeister dabei ist ihr
Englisch abscheulich Gott weiß aus welchem Winkel Englands sie stammen mag«
    »Aber das kann ich durchaus nicht finden liebe Amalie« sagte Fräulein von
Walde ihre Stimme hatte dabei etwas unendlich Begütigendes
    »Ach ja das sagst du nun wieder in deiner Engelsgüte aber obgleich ich
selbst nicht Englisch verstehe so höre ich doch auf der Stelle wenn du liebes
Herz mit ihr sprichst wie ungleich eleganter deine Aussprache ist«
    Elisabet bezweifelte innerlich die Kompetenz dieses Urteils und Fräulein
von Walde machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand wobei sie leicht
errötete Die Baronin aber fuhr unbehindert fort »Bella scheint dies auch recht
gut zu fühlen Sie schweigt hartnäckig wenn ihre Gouvernante sie englisch
anredet ich verdenke es ihr keinen Augenblick muss mich aber immer
unbeschreiblich ärgern wenn diese Person auch noch behauptet es sei Eigensinn
und Bosheit von dem Kinde«
    Die anfänglich so schwache und angegriffene Stimme der Baronin war unter dem
Ergusse des Verdrusses merkwürdig kräftig geworden Sie schien dies plötzlich
selbst inne zu werden und schloss ermüdet die Augen »O mein Gott« seufzte sie
»da spielen mir nun wieder einmal meine unglücklichen Nerven übel mit  Ich
werde heftig wo ich langmütig sein sollte diese Verdrießlichkeiten sind doch
wahres Gift für Leib und Seele«
    »Ich würde dir raten zuzeiten wo du so angegriffen bist wie heute Bella
unter der Obhut des Herrn Möhring und der Miss Mertens getrost zu lassen Ich bin
überzeugt dass sie da ganz gut aufgehoben ist  Wenn ich auch deine rührende
Angst und Sorge um das Kind vollkommen begreife so muss ich doch zu deiner
Beruhigung sagen dass Miss Mertens viel zu sanft und gebildet ist um irgend
etwas zu tun was nicht zum Heile der Kleinen wäre  Du siehst ganz erschöpft
aus« fügte sie teilnehmend hinzu »Es wird gut sein wenn ich dich jetzt allein
lasse Fräulein Ferber wird gewiss die Güte haben mich bis an mein Zimmer zu
führen«
    Damit erhob sie sich bog sich über die Baronin und hauchte einen Kuss auf
deren Wange Dann legte sie ihre Hand auf Elisabeths Arm die von der Baronin
mittels einer sehr gnädig aussehenden Handbewegung verabschiedet wurde und
verließ das Zimmer
    Auf der langsamen Wanderung durch verschiedene Korridors sagte sie es werde
vorzüglich für ihren Bruder der jetzt so fern von ihr lebe eine große Freude
sein wenn sie die Musik wieder aufnehme Er habe früher stundenlang in einer
dunklen Ecke sitzen und ihr zuhören können bis eine erhöhte Nervenreizbarkeit
sie gezwungen habe auf eine lange Zeit der geliebten Musik zu entsagen Jetzt
fühle sie sich wieder viel kräftiger und auch der Arzt habe seine Zustimmung
gegeben  nun wolle sie fleißig üben um den Bruder zu überraschen wenn er
dereinst zurückkehre
    Elisabet eilte wie geflügelt durch den einsamen Park und den Weg hinauf
Droben auf der Waldblösse vor dem offenen Mauerpförtchen gingen die Eltern auf
und ab und der kleine Ernst sprang ihr schon von weitem entgegen Wie heimisch
und traut erschien ihr alles hier oben Die Ihrigen begrüßten sie als sei sie
schmerzlich vermisst worden droben am Fenster schmetterte und jubelte Hänschen
dass es eine wahre Lust war und hinter den zwei sich gegenüberliegenden offenen
Türen der großen dämmerstillen Halle glänzte der grüne Garten doppelt sonnig
und zeigte im Hintergrunde die Lindengruppe über dem kühlen Brunnen in dessen
Nähe ein weissgedeckter Tisch mit dem Abendbrote stand
    Das ganze italienische Schloss mit all seiner Pracht seiner vornehmen
Atmosphäre und seiner fast beängstigenden Stille die nur durch den Lärm eines
ungebärdigen verzogenen Kindes unterbrochen worden war versank hinter ihr wie
ein Traum den man gern abschüttelt und als sie die Reihenfolge ihrer Eindrücke
den Eltern mitgeteilt hatte da schloss sie mit den Worten »Deiner Lehre nach
Väterchen dürfte ich mir heute noch kein festes Urteil über die neue
Bekanntschaft bilden denn du verwirfst den ersten Eindruck als etwas
Trügliches das uns leicht ungerecht macht Aber was kann ich für meine
widerspenstige Phantasie So oft ich an die beiden Damen denke sehe ich eine
junge einsame Hängebirke die einer vom Sturme getragenen Wetterwolke ihre
elastischen Zweige willenlos preisgibt«
 
                                       7
Von nun an ging Elisabet zweimal wöchentlich hinunter nach Lindhof Die Baronin
Lessen hatte am Tage nach ihrer Aufwartung mittels eines höflichen Billets die
Stunden angeordnet und zugleich ein sehr anständiges Honorar für Elisabeths
Bemühung festgestellt Diese Stunden wurden für das junge Mädchen sehr bald eine
Quelle hoher Genüsse Helene von Walde hatte zwar durch jahrelangen Mangel an
Übung in Hinsicht auf technische Fertigkeit sehr verloren und konnte sich mit
Elisabet nicht messen aber sie spielte mit tiefer Empfindung hatte einen
durchaus geläuterten Geschmack und besaß nicht im entferntesten jene hässliche
Angewohnheit der meisten Dilettanten nämlich das gering zu schätzen was über
ihren Horizont geht Die Baronin Lessen war nie zugegen wenn musiziert wurde
und deshalb gewannen auch die Erholungspausen nach und nach einen eigentümlichen
Reiz für Elisabet Ein Bedienter brachte dann gewöhnlich einige kleine
Erfrischungen Helene lehnte sich in ihren Fauteuil zurück und Elisabet setzte
sich auf einen Fussschemel zu ihren Füßen entzückt der flötenartigen
melancholischen Stimme lauschend mit der das arme missgestalte Wesen aus seiner
Vergangenheit erzählte Dann trat jedesmal das Bild des fernen Bruders in den
Vordergrund Sie konnte nicht genug rühmen wie er für sie sorge und denke wie
er obgleich bedeutend älter und sehr ernst sich bemühe auf ihre kleinen
Liebhabereien und Eigenheiten einzugehen Sie erzählte ferner dass er die
Besitzung Lindhof einzig aus dem Grunde gekauft weil die Schwester bei einem
längeren Besuche am Hofe zu L gefunden habe die Thüringer Luft wirke ganz
besonders wohltätig auf ihren leidenden Zustand Aus allem ging hervor dass er
Helene zärtlich lieben müsse
    Eines Nachmittags als ungewöhnlich lange musiziert worden war trat ein
Bedienter ein und meldete Besuch
    »Bleiben Sie heute abend bei mir zum Tee« sagte Fräulein von Walde zu
Elisabet »Mein Arzt aus L ist gekommen und es haben sich auch einige Damen
aus der Nachbarschaft melden lassen Ich werde jemand hinaufschicken zu Ihrer
Mama damit sie sich über Ihr Ausbleiben nicht ängstigt Mein Zwiegespräch mit
dem Doktor wird nicht lange dauern bald bin ich wieder bei Ihnen«
    Damit ging sie hinaus Es waren kaum zehn Minuten vergangen als die Tür
sich wieder öffnete und Fräulein von Walde am Arme eines Herrn eintrat den sie
Elisabet als Herrn Doktor Fels aus L vorstellte Er war ein stattlicher Mann
mit einem geistvollen Gesichte der sich bei Nennung ihres Namens sogleich
lebhaft an Elisabet wandte und ihr in ergötzlicher Weise erzählte wie er
sowohl als die ganze ehrsame Bewohnerschaft von L des Erstaunens und
Entsetzens kein Ende gewusst hätten als es laut geworden sei dass das alte
Gnadeck wieder Bewohner und zwar aus Fleisch und Bein beherberge
    Plötzlich rauschte es im Nebenzimmer und gleich darauf erschienen zwei
weibliche Gestalten eine alte und eine jüngere von etwas absonderlichem
Äußeren in der Tür Die große Ähnlichkeit in den Gesichtszügen ließ sogleich
erkennen dass die Eingetretenen Mutter und Tochter seien Beide trugen dunkle
Kleider die gegen die herrschende Mode lang und schlaff auf den Boden fielen
große Mantillen von schwarzem Wollstoffe und braune runde Strohhüte die bei
der Mutter mit einer schwarzen bei der Tochter dagegen mit einer lila Schleife
unter dem Kinn gebunden waren
    Helene von Walde begrüßte die Damen als Frau und Fräulein von Lehr und
Elisabet erfuhr später dass sie in L wohnhaft den Sommer gewöhnlich im Dorfe
Lindhof zuzubringen pflegten wo sie sich in einem Bauernhause eingemietet
hatten
    Unmittelbar nach den Eingetretenen kam die Baronin Lessen am Arme ihres
Sohnes und von einem Herrn begleitet der von den Anwesenden als Herr Kandidat
Möhring angeredet wurde
    Die Baronin war dunkel aber mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet sie sah
imposant aus Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen und schien sehr
unangenehm überrascht durch Elisabeths Anwesenheit Sie maß das junge Mädchen
mit einem hochmütig fragenden Blicke und erwiderte ihre Verbeugung mit einem
kaum bemerkbaren Kopfnicken
    Helene hatte den Blick aufgefangen und trat ihr näher indem sie begütigend
flüsterte »Ich habe meinen kleinen Liebling heute hier behalten weil es durch
mein Verschulden doch gar zu spät geworden war«
    Elisabeths feinem Ohre entging jedoch diese Entschuldigung nicht Sie war
empört und wäre am liebsten durch das Fenster geflohen in dessen Nische sie
stand hätte nicht gerade der Stolz ihr geboten zu bleiben und dem Hochmut der
Baronin die Stirn zu bieten Diese schien indes durch die Sühne des hinter ihrem
Rücken begangenen Verbrechens zufriedengestellt zu sein Sie nahm Helene in ihre
Arme streichelte zärtlich ihre Locken und sagte ihr tausend Schmeicheleien
Dann forderte sie die Anwesenden auf ihr in das Nebenzimmer zu folgen wo
serviert sei Sie machte die Honneurs am Teetische und entwickelte dabei die
allerdings nicht wegzuleugnende Gabe das Gespräch in Atem zu erhalten Mit
bewunderungswürdigem Geschick wusste sie es außerdem einzurichten dass Helene
stets der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeiten blieb ohne dass die anderen dadurch
irgendwie hätten verletzt werden können.
    Elisabet saß schweigend zwischen dem Arzte und Fräulein von Lehr Die
Unterhaltung hatte im ganzen für sie wenig Interesse da sie sich hauptsächlich
um ihr ganz fremde Persönlichkeiten und Verhältnisse drehte Frau von Lehr
erzählte viel und schien sehr unterrichtet von allem was während der letzten
Wochen gleichviel ob von den Betreffenden geheim gehalten oder öffentlich
ausgesprochen in der Umgegend von Lindhof geschehen war Sie sprach dabei in
eigentümlich klagenden gehaltenen Tönen und senkte jedesmal beim Schluße
irgend einer empörenden Neuigkeit demütig und sanft das ausgetrocknete
Eulengesicht als sei sie das Lamm das der Welt Sünde trage Dann und wann zog
sie ein Fläschchen mit Fenchelwasser aus dem großen Strickbeutel und befeuchtete
damit ihre angegriffenen Augen die fast immer den Himmel suchten
    Welch ein Kontrast zwischen ihr und Helenes Madonnengesichtchen das an den
dunklen Plüsch des Sofas geschmiegt Elisabet heute mehr denn sonst an die
Seerose denken ließ wie sie ihr glänzendweisses Haupt träumerisch erhebt aus dem
dunklen Grunde Es lag aber auch heute ein seltsamer Schimmer über ihren Zügen
Ganz verwischt war der Ausdruck des Leidens freilich nicht aber es brach ein
voller Strahl des Glückes aus den Augen und um die blassroten Lippen spielte ein
entzücktes Lächeln so oft sie das volle Rosenboukett vom Schoße aufnahm das
Herr von Hollfeld bei seinem Kommen in ihre Hand gedrückt hatte Er saß neben
ihr und mischte sich einige Male in das Gespräch Sobald er sprach schwiegen
sämtliche Damen und hörten mit sichtbarem Eifer und Interesse zu obgleich seine
Art zu sprechen nichts weniger als fliessend war und wie es Elisabet vorkam
auch durchaus keinen originellen Gedanken verriet
    Es war ein schöner junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren Es lag
eine große Ruhe in den edelgeformten Zügen die in ihren Linien leicht auf
männliche Festigkeit hätten schließen lassen allein wer nur einmal fest und
forschend in sein Auge gesehen hatte dem imponierte die plastische
Gesichtsbildung sicher nicht mehr Diese Augen obgleich groß und tadellos
geschnitten entbehrten der Tiefe und zeigten nie jenes meteorartige
Aufleuchten das uns oft den geistreichen Menschen verrät selbst wenn er noch
kein Wort gesprochen hat Dieser Mangel kann übrigens ersetzt werden durch jenen
milden dauerhaften Glanz der von einem tiefen Gemüte ausgeht und der uns nicht
hinreisst wohl aber anzieht und fesselt Aber auch davon verrieten die großen
schönen Blauen des Herrn von Hollfeld keine Spur
    Diese Beobachtung indes machten vielleicht nur sehr wenige denn es war nun
einmal und zwar vorzüglich am Hofe zu L hergebracht in Herrn von Hollfeld
einen Sonderling zu sehen dessen meist schweigsamer Mund ein um so tieferes
Innere verschliesse und am allerwenigsten würden wohl die Damen in und um
Lindhof jene Ansicht unterzeichnet haben Das bewies vor allen Frau von Lehrs
sehr korpulente Tochter indem sie sich jedesmal als gelte es die Verkündigung
eines Evangeliums über die ängstlich zurückweichende Elisabet hinüberbog so
oft Herr von Hollfeld den Mund auftat Aber auch sie schien gern ihr Licht
leuchten zu lassen
    »Sind Sie nicht auch entzückt von den herrlichen Predigten mit denen uns
Herr Kandidat Möhring an den heiligen Festtagen erquickt hat« fragte sie sich
an Elisabet wendend
    »Ich bedaure sie nicht gehört zu haben« entgegnete Elisabet
    »So haben Sie den Gottesdienst gar nicht besucht«
    »O ja  ich war in Begleitung meiner Eltern in der Dorfkirche zu Lindhof«
    »So« sagte die Baronin Lessen indem sie zum erstenmal den Kopf nach
Elisabet umwandte wodurch diese ein äußerst höhnisches Lächeln zu sehen bekam
»und es war wohl recht erbaulich in der Dorfkirche zu Lindhof«
    »Gewiss gnädige Frau« entgegnete ruhig Elisabet und sah fest in das
spöttisch funkelnde Auge der Dame »Ich war tief bewegt von den schlichten und
doch so ergreifenden Worten des Predigers der übrigens nicht in der Kirche
sondern außerhalb derselben unter den Eichen seinen Vortrag hielt  Als der
Gottesdienst beginnen sollte da stellte es sich heraus dass die kleine Kirche
die massenhaft herbeigeströmten Zuhörer nicht fassen könne Es wurde sofort eine
Art Altar unter Gottes freiem Himmel errichtet wie es schon oft geschehen sein
soll«
    »Jawohl ist leider bekannt« unterbrach sie hier der Kandidat Möhring der
bis dahin nicht viel gesprochen und sich damit begnügt hatte die Berichte der
Frau von Lehr mit einem zuvorkommenden Lächeln oder einem beipflichtenden
Kopfnicken zu begleiten Jetzt aber war sein breites etwas glänzendes Gesicht
dunkelrot als er gegen die Baronin gewendet spöttisch fortfuhr »Gnädigste
Frau Baronin ja es ist weit gekommen  die alten Götzen steigen hernieder in
die heiligen Haine und der Druide opfert ihnen unter den Eichen«
    »Ich wüsste nicht dass dergleichen vorgekommen wäre und hätte mir mit der
lebhaftesten Einbildungskraft in jenem Augenblicke auch nicht vorstellen können
dass ich einem heidnischen Opferfeste beiwohne« entgegnete Elisabet Sie
lächelte fuhr dann aber warm und ernster fort »Mir war an dem herrlichen
Pfingstmorgen als der Orgelton aus den geöffneten Kirchenfenstern und Türen
quoll und der ehrwürdige alte Mann unter dem lebendigen Grün der Bäume seine
bewegte Stimme erhob genau so zu Mute wie da ich zum erstenmal in meinem Leben
das Gotteshaus betreten durfte«
    »Sie scheinen ein vortreffliches Gedächtnis zu haben mein Fräulein« warf
hier Frau von Lehr ein »Wie alt waren Sie damals wenn man fragen darf«
    »Elf Jahre«
    »Elf Jahre  O mein Gott wie ist das möglich« rief die alte Dame
entsetzt »Können das christliche Eltern wohl übers Herz bringen  Meine
Kinder kannten das Haus des Herrn schon in ihrer frühesten Kindheit das müssen
Sie mir bezeugen bester Doktor«
    »Ja wohl meine Gnädigste« entgegnete dieser ernst »Ich erinnere mich dass
Sie den Krupanfall an welchem Sie leider Ihr zweijähriges Söhnchen verlieren
mussten einem Besuche des Kindes in der kalten Kirche zuschrieben«
    Elisabet sah erschrocken ihren Nachbar an Der Doktor hatte der
anfänglichen Unterhaltung nur insofern beigewohnt als er hier und da in
trockener Weise Sarkasmen einstreute die dem jungen Mädchen um so ergötzlicher
waren als die Baronin ihm jedesmal einen verweisenden Blick dafür zusandte Als
Elisabet selbst zu sprechen begann hatte sie auf ihn nicht mehr geachtet
ebensowenig wie die anderen die nur das unglückliche Heidenkind im Auge hatten
deshalb bemerkte niemand dass er sich innerlich fast zu Tode lachen wollte über
die freimütigen Antworten des jungen Mädchens und deren Wirkung auf die
Anwesenden Jetzt kam er Elisabet grausam vor durch seine Antwort aber er
musste wohl seine Leute kennen denn Frau von Lehr blieb ruhig und unbewegt und
sagte salbungsvoll »Ja der Herr nahm den kleinen frommen Engel zu sich er
war zu gut für diese Welt  Und so war und blieb Ihnen für die ersten elf
Jahre Ihres Lebens das Reich des Herrn verschlossen« wandte sie sich an
Elisabet
    »Nur sein Tempel gnädige Frau  Ich wusste schon als kleines Kind die
Geschichte des Christentums und lernte jedenfalls mit meinen ersten Gedanken das
höchste Wesen kennen und verehren denn ich weiß nicht dass ich je gelebt hätte
ohne die Vorstellungen von Gottes Dasein  Es ist meines Vaters Grundsatz
seine Kinder nicht zu früh das Haus Gottes betreten zu lassen er meint so
junge Seelen seien unfähig die hohe Bedeutung desselben zu verstehen
langweilen sich bei der Predigt die sie mit dem besten Willen nicht fassen
könnten und so entstände von vornherein eine saloppe Anschauung  Mein
kleiner Bruder ist sieben Jahre alt und war noch nicht in der Kirche«
    »O der glückliche Vater« rief der Doktor »dass er dies durchführen kann und
darf«
    »Nun was hindert Sie Ihre Kinder moralisch wie die Pilze aufschiessen zu
lassen« fragte malitiös die Baronin
    »Das kann ich Ihnen mit wenig Worten sagen gnädige Frau Ich habe sechs
Kinder und bin nicht reich genug einen Hauslehrer für sie zu halten Sie selbst
zu unterrichten daran hindert mich mein Beruf mithin bin ich gezwungen sie in
die öffentliche Schule zu schicken und mich mit ihnen zugleich in die Gesetze
der Anstalt zu fügen  dahin gehört der Kirchenbesuch der Kleinen  Genau so
verhält es sich mit einer anderen Überzeugung die ich ebensowenig zur Geltung
bringen darf  das ist das selbständige Bibellesen der Kinder In diese kleinen
Hände gehört die Bibel nicht die als Fundament unseres ganzen späteren Lebens
und Wirkens für die Jugend mit einer unnahbaren Glorie umgeben sein müsste 
Das Kind mit sehr seltenen Ausnahmen sucht lieber Unterhaltung als ernste
Belehrung und hat den Trieb gerade das was ihm verschwiegen wird zu
enthüllen Und so weiß ich und streng beobachtende Lehrer wissen es auch dass
die Kleinen das ehrwürdige Buch auf dem Schoße und von unachtsamen Eltern
darüber belobt nicht immer den Text der letzten Predigt sondern auch anderes
aufblättern und sich gegenseitig auf verpönte Worte aufmerksam machen die die
gebildete und moralische Mutter daheim nie zu ihren Ohren gelangen lässt deren
Sinn ihnen aber oft genug klar gemacht wird durch Kinder die in ungebildeter
Sphäre lebend von unvorsichtigen rohen Eltern und Dienstboten mehr erfahren
als ihnen gesund ist Und gesetzt auch das letztere fällt nicht vor und das
Kind fragt die Mutter über die Bedeutung des unverstandenen Wortes so wird sich
eine verständige Frau wohl zu helfen wissen aber sie wird sich trotzdem
genötigt sehen dem Kinde den Gebrauch der Ausdrücke zu verbieten  denken wir
nur an das Hohelied  so entstehen aber die ersten Skrupel und Zweifel in der
jungen Seele die um so tiefer Wurzel greifen müssen als das unausgebildete
moralische Gefühl und der unreife Verstand noch kein Gegengewicht bieten
können«
    Hier erhob sich die Baronin Lessen mit einer ungeduldigen Bewegung Auf
ihren blassen vollen Wangen waren allmählich zwei rote Flecken aufgeblüht
welche für alle die sie kannten das Zeichen inneren Zornes waren Deshalb
stand auch Fräulein von Walde die sich während des ganzen Gesprächs passiv
verhalten hatte sofort auf bot ihrer Kousine den Arm und führte sie ans
Fenster indem sie fragte ob es ihr wohl genehm sei wenn sie mit Elisabet ein
wenig musiziere
    Dieser Blitzableiter wurde mit einem Kopfnicken bewilligt vielleicht
hauptsächlich aus dem Grunde weil die Frau Baronin dem Doktor gegenüber sich
doch nicht gewachsen fühlte Ihre Indignation musste jedes gemerkt haben und so
war es ja die schöne Musik durch welche sie sich besänftigen und abhalten ließ
des Doktors himmelschreiende Angriffe gegen ihren Eifer im Dienste des Herrn 
sie verteilte ja höchst eigenhändig die Bibeln unter die armen Kinder  zu Boden
zu schmettern
    Sie zog sich in eine Fensternische zurück und starrte hinaus in die Gegend
auf die sich die ersten leichten Schatten der hereindämmernden Nacht legten
Ihr Blick zeigte einen kaltgrausamen Ausdruck wie er jener gewissen Art
wasserblauer hellbewimperter Augen so leicht innewohnen kann Eine tiefe Falte
lagerte um die Mundwinkel ein Zeuge tiefen Grolles der auch nicht verschwand
als Schuberts Erlkönig zu vier Händen und meisterhaft von den beiden Damen
vorgetragen in dämonischer Gewalt erbrauste An dieser Brust verhallten
ungefühlt die Töne wie der Wellengesang am Uferfelsen
    Als der letzte Akkord verklungen war erhoben sich die beiden Damen und der
Doktor der regungslos zugehört hatte eilte aus sie zu Sein Auge glänzte er
dankte begeistert für den Genuss der ihm wie er versicherte seit vielen Jahren
nicht zu teil geworden sei  Hier wurde Fräulein von Lehrs Gesicht dunkelrot
und die Mama schoss einen wahren Giftblick nach dem unglücklichen Entusiasten
 Hatte nicht die Tochter im vergangenen Winter zum Besten mildtätiger Zwecke
mehrere Male öffentlich in L gespielt und war er nicht in jedem Konzerte
zugegen gewesen  Der Doktor schien übrigens gar nicht zu bemerken welches
Gewitter sich hinter seinem Rücken auftürmte Er sprach eingehend über Schuberts
herrliche Tonschöpfung wobei er ein feines Urteil und den gründlich gebildeten
Musikverständigen verriet
    Plötzlich wurde mit hartem Anschlage ein voller Akkord auf dem Flügel
gegriffen  es war als ob knöcherne Finger auf die Tasten schlügen Erschrocken
drehten sich die Plaudernden um Der Kandidat saß am Klavier mit hochgehobenem
Kopfe und ausgedehnten Nasenflügeln und ließ eben wieder beide Hände zu einem
zweiten schrillenden Akkorde auf die Tasten fallen Er begann einen schönen
Choral der aber durch das schauderhafte Spiel zu einer wahren Marter für
feingebildete Ohren wurde Das hätte sich am Ende noch überstehen lassen aber
nun fiel er zu Elisabeths Verzweiflung auch noch mit einer abscheulich näselnden
Stimme ein  Das war zu viel Der Doktor griff nach seinem Hute und verbeugte
sich abschiednehmend vor Helene und der Baronin Die letztere bog ihr Gesicht
nach dem Fenster und bewegte nachlässig ihre Hand als Zeichen der Entlassung
    Ein unvergleichlicher Ausdruck von Humor überflog die Züge des Doktors Er
drückte Elisabeths Hand herzlich beim Scheiden und empfahl sich dann mit einer
höflichen Verbeugung bei den übrigen
    Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte erhob sich die Baronin
und trat aufgeregt zu Helene die sich still in einer Sofaecke niedergelassen
hatte
    »Unerträglich« rief sie und ihre scharfe Stimme klang gedämpft als ob ihr
der innere Grimm den Hals zusammenschnüre während sie ihr stechendes Auge fest
auf das junge Mädchen heftete das fast schüchtern und beklommen den blick zu
ihr erhob »Und du duldest es so widerstandslos Helene« fuhr sie fort »dass
man in deinen Zimmern unsere Standesvorrechte unsere Frauenwürde ja das
Heiligste was wir treulich behüten und pflegen mit Füßen tritt«
    »Aber liebe Amalie ich sehe nicht ein «
    »Du willst nicht einsehen Kind in deiner unerschöpflichen Geduld und
Langmut dass dieser Doktor mich beleidigt wo er kann Nun ich muss mir das
gefallen lassen weil es nicht in meinem Hause geschieht und weil ich als gute
Christin lieber dulde und Unrecht leide als dass ich die unziemlichen Waffen der
Wiedervergeltung in die Hand nehmen möchte  Diese Duldsamkeit jedoch findet
ihr Ende sobald unser Herr in seinen göttlichen Rechten angegriffen wird Hier
sollen wir kämpfen und streiten und nicht ermüden  Ist es nicht wahrhaft
gotteslästerlich dass dieser Mensch sans façon seinen Hut nimmt und mit großem
Geräusche das Zimmer verlässt während unsere Seelen durch den erhabensten
Gedanken der Musik durch den Choral tief bewegt sind«
    Sie war immer lauter und heftiger geworden und bedachte nicht dass sie in
diesem Augenblicke ein sanftes sämtliche Töne einer ganzen Oktave berührendes
Hinaufschleifen des unermüdlich weitersingenden Kandidaten völlig wirkungslos
machte
    »Ach das musst du dem Doktor nicht so übel nehmen« sagte Fräulein von
Walde »Er ist an seine Zeit gebunden hat vielleicht noch einen Krankenbesuch
in L zu machen und wollte ja eigentlich schon aufbrechen ehe wir zu spielen
anfingen«
    »Indes der heidnische Spuk des Erlkönigs ließ diesen vortrefflichen Mann
seine Patienten vergessen« unterbrach sie die Baronin höhnisch »Nun ich
bescheide mich  Es liegt leider in unserer traurigen Zeit dass die Vertreter
des Unglaubens die herrschenden werden«
    »Aber mein Gott Amalie was willst du denn dass ich tun soll Du weißt ja
nur zu gut dass Fels mir unentbehrlich ist  er ist der erste und einzige Arzt
der meine körperlichen Leiden zu lindern versteht« rief Helene und ihr Auge
schimmerte feucht während die Röte der Aufregung in ihre blassen Wangen stieg
    »Ich dächte mein Fräulein« begann hier Frau von Lehr die bis dahin
schweigend und lauernd wie eine Spinne in einer Ecke gesessen hatte langsam und
feierlich »vor allem müsse wohl das Seelenheil berücksichtigt werden die Sorge
für das körperliche Wohl kommt meiner Ansicht nach erst in zweiter Linie  Im
übrigen hat L noch mehr vortreffliche Ärzte aufzuweisen die es getrost mit
der Gelehrsamkeit des Herrn Doktor Fels aufnehmen können  Glauben Sie mir
liebes Fräulein es berührt die Gläubigen in unserem guten L oft schmerzlich
wenn sie sehen müssen wie ihr offenkundiger Widersacher als Freund und Ratgeber
in Ihrem Hause aus und ein gehen darf«
    »Wenn ich auch das Opfer bringen wollte einen anderen Arzt zu nehmen«
entgegnete Helene »so dürfte ich doch ohne die Einwilligung meines Bruders
diesen Schritt nicht tun Da aber würde ich auf den heftigsten Widerstand
stoßen  ich weiß es  denn Rudolf hält sehr viel auf den Doktor und schenkt ihm
sein unbedingtes Vertrauen«
    »Ja Gott seis geklagt« rief die Baronin »Das ist auch so eine schwache
Seite in Rudolfs Charakter die ich nie habe begreifen können  Mit diesem
sogenannten Freimute den man am besten mit Frechheit übersetzen könnte
imponiert ihm der Herr Fels  Nun ich wasche meine Hände werde mir aber
künftig die Besuche des Herrn Doktors verbitten und halte mich bei dir liebe
Helene für die Zeit stets entschuldigt wenn du ihn bei dir siehst«
    Fräulein von Walde erwiderte kein Wort Sie erhob sich während ihr
getrübtes Auge durch das Zimmer glitt als vermisse sie etwas es schien
Elisabet als gelte dieser suchende Blick Herrn von Hollfeld der vor einer
Weile unbemerkt das Zimmer verlassen hatte
    Die Baronin griff nach ihrer Spitzenumhüllung und auch Frau von Lehr nebst
Tochter rüsteten sich zum Aufbruche Beide sagten dem Kandidaten der seinen
Vortrag geendet hatte und nun verlegen seine Hände reibend am Flügel stand
noch einige Liebenswürdigkeiten und verabschiedeten sich dann in Begleitung der
Baronin von Helene die ihnen mit erschöpfter Stimme gute Nacht sagte
    Als Elisabet die Treppe hinunterstieg sah sie Herrn von Hollfeld in einem
gegenüberliegenden nur schwach beleuchteten Korridor stehen Er hatte droben
während des Zornergusses seiner Mutter in einem Album geblättert und sich mit
keinem Worte in die leidenschaftlichen Verhandlungen gemischt Das war Elisabet
ganz abscheulich vorgekommen sie hatte lebhaft gewünscht er möge zu Helene
stehen und dem Treiben der Baronin durch ein männlich ernstes Wort ein Ende
machen Noch mehr aber missfiel es ihr als sie bemerken musste dass er über das
Buch hinweg sie unausgesetzt fixiere Möglich war es schon dass er in ihren
Zügen den Verdruss über sein Benehmen gelesen hatte aber sie meinte dafür habe
er sie nun lange genug angestarrt Sie fühlte dass sie endlich unter seinem
Blicke tief errötete und ärgerte sich darüber um so mehr als dies ihm
gegenüber ganz gegen ihren Willen schon einige Male der Fall gewesen war Ein
eigentümlicher Zufall wollte nämlich dass sie beim Nachhausegehen von Schloss
Lindhof Herrn von Hollfeld stets begegnete sei es nun im Korridor auf der
Treppe oder dass er plötzlich hinter einem Boskett hervortrat Warum ihr dies
zuletzt peinlich wurde und sie verlegen machte wusste sie selbst nicht Sie
grübelte auch nicht weiter darüber und hatte die Begegnung meist vergessen ehe
sie noch daheim war
    Jetzt nun stand er da drunten in dem dunklen Gange Ein schwarzer tief
herabgedrückter Hut bedeckte halb sein Gesicht und den hellen Sommerrock hatte
er mit einem dunklen Überzieher vertauscht Er schien auf etwas gewartet zu
haben und trat sobald Elisabet die letzte Stufe erreicht hatte rasch auf sie
zu als ob er ihr etwas sagen wolle
    In dem Augenblicke erschienen Frau und Fräulein von Lehr droben auf der
Treppe »Ei Herr von Hollfeld« rief die alte Dame hinab »wollen Sie denn noch
eine Promenade machen«
    Die Züge des jungen Mannes die Elisabet auffallend belebt und erregt
vorgekommen waren nahmen sofort einen gleichgültigen ruhigen Ausdruck an
    »Ich komme aus dem Garten« sagte er in eigentümlich nachlässigem Tone »wo
ich mich in der milden Nachtluft noch ein wenig ergangen habe Bringe Fräulein
Ferber nach Hause« gebot er dann dem Hausknechte der eben zu diesem Zwecke mit
einer Laterne aus der Domestikenstube trat und schritt nach einer Verbeugung
gegen die Damen in den Korridor zurück
    »Wie gut ists« sagte Elisabet eine Stunde später als sie am Bette der
Mutter sitzend ihren Bericht über die heutigen Erlebnisse schloss »dass wir
morgen Sonntag haben Da wasche ich in unserer lieben einfachen Lindorfer
Dorfkirche den hässlichen Eindruck aus der Seele den mir die letzten Stunden
hinterlassen haben  Nie hätte ich geglaubt dass ich beim Anhören eines
Chorales je eine andere Empfindung haben würde als die der Erhebung und
Andacht Heute aber überkam es mich wie Zorn ja ich fühlte mich im Innersten
tief verletzt als mitten in das Teetassengeklirr und nachdem man stundenlang
über dem guten Namen des Nächsten durchaus nicht liebevoll zu Gericht gesessen
plötzlich das Lied einfiel das ich gewohnt bin nur in weihevollen Stunden zu
hören  Hinter diesem christlichen Eifer steckt eine masslose Herrschsucht 
das ist mir heute klar geworden wenn aber andere so empfinden wie ich dann
steht es schlimm um die Siege dieser Bekehrer  gelt Mütterchen ich habe
doch eigentlich keine Ader vom Rebellen allein heute zum erstenmal in meinem
Leben fühlte ich eine unwiderstehliche Neigung zum Trotz und Widerspruch in
mir«
    Schließlich gedachte sie noch des Herrn von Hollfeld und seines sonderbaren
Benehmens in der Hausflur woran sie die Bemerkung knüpfte dass sie sich doch
gar nicht denken könne was er eigentlich von ihr gewollt habe
    »Nun darüber wollen wir uns auch den Kopf nicht zerbrechen« sagte Frau
Ferber »Sollte es ihm jedoch einmal einfallen dir seine Begleitung beim
Nachhausegehen anbieten zu wollen so weise sie unter allen Umständen zurück
Hörst du Elisabet«
    »Aber liebe Mama was denkst du denn« rief lachend das junge Mädchen »Da
steht eher des Himmels Einfall zu erwarten als ein solches Anerbieten  Haben
Frau und Fräulein von Lehr die sich jedenfalls zu den vornehmen Leuten zählen
allein nach Hause gehen müssen da wird er sich doch wahrhaftig meiner simplen
Persönlichkeit gegenüber nicht herablassen«
 
                                       8
Der Oberförster hatte ungefähr acht Tage nach Ankunft seiner Verwandten ein
neues Hausgesetz erlassen das wie er sagte von seinem Minister freudig
begrüßt worden war und kraft dessen der Familie Ferber die Verpflichtung
auferlegt wurde allsonntäglich im Forstause das Mittagbrot einzunehmen  Das
waren Freudentage für Elisabet
    Lange vor dem ersten Glockenläuten wurde gewöhnlich der Kirchgang
angetreten Im wehenden weißen Kleide die Seele geschwellt von jener süßen
Ahnung der Jugend als könne ein schöner heiterer Tag auch nur Glück in sich
schließen schritt Elisabet den Eltern voraus und freute sich stets auf den
Moment wo der goldene Knopf des Lindhofer Kirchleins tief drunten im Tale aus
den grünen Wogen des Waldes aufleuchtete wenn rechts und links auf dunklen
verschwiegenen Waldwegen die Kirchgänger der verschiedenen Filialen ihnen
entgegenschritten und sich mit freundlichem Gruße und Handschlage zu ihnen
gesellten bis sie in zahlreicher Gesellschaft unter dem Geläute der Glocken den
weiten Wiesenplan vor der Kirche betraten wo meist der Onkel schon wartete Er
begrüßte sie dann schon von weitem mit glänzenden Augen und freudigem
Hutschwenken In jeder Bewegung seiner hohen Gestalt in seiner ganzen Haltung
offenbarte sich jene unbeugsame Wahrhaftigkeit die vor dem Grössten nicht
zurückschreckt jener Ausdruck von Manneskraft und Manneswillen hinter dem wir
große Entschlüsse kühne Taten nie aber die zarten Empfindungen eines reichen
Gemütes vermuten Deshalb meinte auch Elisabet es sei unbeschreiblich rührend
und ergreifend wenn ein einzelner kleiner Stern sein mildstrahlendes
Gesichtchen aus dunklen Wolken strecke genau so aber erscheine ihr der gerade
feste Blick des Onkels sobald er in einem weichen Gefühle schmelze Und sie
hatte oft genug Gelegenheit die Metamorphose zu beobachten denn sie war sein
Augapfel geworden Er hatte ja nie Kinder gehabt und trug nun alle
Vaterzärtlichkeit deren sein reiches volles Herz fähig war auf sein
liebliches Bruderskind über das wie er deutlich mit großem Stolze fühlte ihm
in vieler Beziehung geistig verwandt war wenn auch hier alle jene Charakterzüge
unter dem Hauche echt holdseliger Weiblichkeit sich verklärten
    Sie vergalt ihm aber auch seine Liebe mit kindlicher Hingebung und
zärtlicher Fürsorge Bald hatte sie alles das was zu seinem häuslichen
Wohlbehagen gehörte herausgefunden und griff da wo Sabines Scharfsinn oder
ihre waltende Hand nicht mehr ausreichte unmerklich und mit so vielem Takte
ein dass die alte treue Dienerin niemals verletzt wurde während um den Onkel
ein ganz neues behagliches Leben aufblühte da Elisabet auch auf seine kleinen
Liebhabereien geschickt einzugehen und ihnen Geschmack abzugewinnen wusste
    Auf dem Heimwege aus der Kirche der dann gemeinschaftlich angetreten wurde
führte der Onkel Elisabet gewöhnlich an der Hand »wie ein kleines
Schulmädchen« sagte sie und es sah auch genau so aus Die eben gehörte
vortreffliche Predigt gab Veranlassung zu einem lebhaften Austausche neu
angeregter Gedanken und Empfindungen dazu sangen und schmetterten die Vögel im
grünen Dickicht als sei es ihr gutes Recht hier auch mitzusprechen und durch
die dichten Baumkronen taumelten grüngoldene Lichter verklärend auf die Häupter
der Wandelnden
    Am fernsten Ende des langen dunklen Laubganges denn es war ein sehr
schmaler Holzweg der vom Dorfe Lindhof nach der Försterei lief blinkte wie ein
goldener Punkt die helle sonnenbeglänzte Lichtung auf deren Mitte das alte
Jagdhaus lag Mit jedem Schritte näher wurde das kleine Bild deutlicher und
klarer bis man unter der Tür die harrende Sabine zu erkennen vermochte wie
sie den einen Zipfel der weißen Küchenschürze quer aufgesteckt die Hand
schützend über die Augen haltend nach den Heimkehrenden spähte und bei ihrem
Erblicken eiligst in das Haus zurücklief denn es galt ja droben unter den
Buchen hinter der dampfenden Suppenterrine in treuer Pflichterfüllung zu stehen
wie der gewissenhafte Festungskommandant auf seinen Wällen
    Heute aber hatte die alte Sabine ein besonders herrliches Mahl hergerichtet
neben der Suppenschüssel leuchtete eine purpurrote Pyramide die ersten
Walderdbeeren die der kleine Ernst aber auch die große Elisabet mit lautem
Jubel begrüßte Der Oberförster lachte über den Enthusiasmus des großen und des
kleinen Kindes und meinte er dürfe doch nicht hinter Sabine und ihrer
Extraüberraschung zurückbleiben er wolle deshalb den Braunen einspannen und
Elisabet wie längst versprochen nach L fahren wo er ohnehin Geschäfte
abzumachen habe Der Vorschlag wurde von dem jungen Mädchen mit heller Lust
aufgenommen
    Bei Tische erzählte Elisabet vom gestrigen Abend Der Onkel wollte sich
ausschütten vor Lachen
    »Kourage hat der Doktor freilich gezeigt« rief er lachend »aber was
hilfts ihn es war doch die letzte Tasse Tee die er gestern in Lindhof
getrunken hat«
    »Unmöglich Onkel es wäre empörend« rief Elisabet »das kann und wird
Fräulein von Walde nicht zugeben sie wird sich aus allen Kräften widersetzen«
    »Nun« sagte er »ich wünschte nur wir könnten auf der Stelle das Fräulein
um ihre heutigen Gesinnungen gegen den Doktor befragen da solltest du dein
blaues Wunder hören  Wie sollte auch in solch einem gebrechlichen Gehäuse
eine starke Seele stecken mit der wird das herrschsüchtige Weib bald fertig
und jeder andere Zügel fehlt denn der Himmel ist hoch und der Zar ist weit
sagen die Russen  Gelt Sabine wir haben schon gar wunderliche Dinge erlebt
seit die Frau Baronin das Regiment führt«
    »Ach ja wohl Herr Oberförster« entgegnete die Alte die eben ein neues
Gericht auf den Tisch setzte »wenn ich nur an die arme Schneider denke  Das
ist eine Taglöhnerswitwe aus Dorf Lindhof« wandte sie sich an die anderen »sie
hat immer rechtschaffen gearbeitet um sich durchzubringen und hat ihr auch
niemand was Unrechtes nachsagen können aber sie muss vier kleine Kinder
ernähren das arme Weib und lebt nur von der Hand in den Mund  Und da ists
ihr einmal im vorigen Herbst recht schlecht gegangen sie hat nicht gewusst wie
sie die Kinder satt machen soll nu da hat sie sich etwas zu schulden kommen
lassen was freilich nicht recht war  sie hat von einem herrschaftlichen Acker
eine Schürze voll Kartoffeln mitgenommen Der Verwalter Linke aber hat hinter
einem Busche gestanden das sehen vorspringen und auf die Frau losschlagen ist
eins gewesen Ja wenn ers bei einem kleinen Denkzettel hätte bewenden lassen
da wollte ich nichts sagen aber er hat gar nicht wieder aufgehört und hat sie
sogar wütend mit dem Fuße getreten  Ich hatte dazumal gerade etwas in Lindhof
zu besorgen und wie ich da unter den Kirschbäumen beim Dorfe hingehe sehe ich
einen Menschen an der Erde liegen es war die Schneider sie hatte ein
erschreckliches Blutbrechen konnte kein Glied mehr rühren und keine
Menschenseele war bei ihr Da hab ich Leute gerufen und die haben mir
geholfen sie nach Hause zu bringen Der Herr Oberförster war zwar damals
verreist aber ich habe mir gedacht er würde mirs auch nicht verwehren wenn
er da wäre und habe das arme Weib verpflegt soviel in meinen Kräften stand 
Die Leute im Dorfe waren wütend über den Verwalter aber was konnten sie denn
machen Es wurde zwar gesagt die Sache käme vor Gericht ja da kann man warten
 Der Linke ist einer von den Frommen er ist die rechte Hand bei der Baronin
verdreht die Augen und tut alles im Namen des Herrn Es durfte doch um keinen
Preis unter die Leute kommen dass so ein Frommer mitunter auch recht
unmenschlich sein könne und da ist die Frau Baronin alle Tage in die Stadt
gefahren und hat sich sehr herabgelassen kurz und gut die Geschichte ist
vertuscht worden und die Schneider die noch immer nicht ordentlich fort kann
hat ihre Schmerzen leiden müssen und ist ihr und ihren Kindern weder ein Trank
noch ein Bissen Brot vom Schloss aus gereicht worden während ihrer schweren
Krankheit  Ja der Verwalter und die alte Kammerjungfer bei der Baronin die
treibens arg zu Lindhof Die sitzen in der Bibelstunde und in der Schlosskirche
und schnüffeln und merken sich fleißig wer fehlt und das hat schon manchen
ordentlichen Menschen um die Arbeit im Schloss gebracht«
    »Na jetzt wollen wir uns aber nicht weiter ärgern« sagte der Oberförster
»Mir wird jeder Bissen im Munde bitter wenn ich an diese Geschichten denke und
unser schöner Sonntag auf den ich mich die ganze Woche freue soll keinen
anderen Schatten haben als den sich die schuldlosen weißen Wölkchen da droben
erlauben«
    Bald nach dem Essen rollte die kleine Equipage vor das Haus Der Oberförster
stieg hinauf und wie ein Blitz war Elisabet an seiner Seite Indem sie den
Zurückbleibenden noch einmal grüßend zunickte flog ihr Blick über das Haus
aber sie erschrak bis ins innerste Herz vor den Augen die aus dem oberen
Stockwerke auf sie niederstarrten Freilich verschwand der Kopf gleich wieder
allein Elisabet hatte die stumme Berta erkannt hatte gesehen dass der Blick
voll Hass und Ingrimm ihr gegolten obgleich sie sich die Ursache dieser
Feindseligkeit nicht denken konnte Berta hatte bisher in der strengsten
Zurückgezogenheit der Familie Ferber gegenüber beharrt nie kam sie zum
Vorschein so oft auch Elisabet im Forstause war Sie aß allein auf ihrem
Zimmer seit sie wusste dass der Onkel allsonntäglich Gäste habe und er ließ sie
auch gewähren Es mochte ihm ganz recht sein dass die beiden Mädchen gar nicht
zusammenkamen
    Frau Ferber hatte auch einmal den Versuch gemacht sich dem jungen Mädchen
zu nähern Ihrer echt weiblichen Anschauungsweise gemäß hielt sie es für
unmöglich dass Trotz und Böswilligkeit die Triebfedern zu Bertas sonderbarem
Benehmen sein könnten Sie vermutete eine tiefere innere Niedergeschlagenheit
irgend einen Kummer der sie gegen ihre Umgebung gleichgültig oder auch bei
ihrem heftigen Naturell wohl gar so gereizt mache dass sie lieber das Sprechen
vermeide um keinen Konflikt herbeizuführen Sanftes Zureden ein freundliches
Entgegenkommen hatte sie gehofft werde das Siegel auf Bertas Lippen lösen
allein es war ihr nicht besser gegangen als Elisabet ja das Benehmen des
Mädchens hatte sie dermaßen empört dass sie ihrer Tochter jeden ferneren
Annäherungsversuch streng untersagte 
    Nach kurzer Fahrt war das Ziel erreicht
    L war eine echte Kleinstadt und verleugnete auch dies bescheidene Gepräge
durchaus nicht obgleich vom Erscheinen der ersten Primel an bis zum Sinken der
letzten herbstlichen Blätter der Hof hier residierte und die
Hauptbewohnerschaft großen Eifer und Fleiß darauf verwendete in ihrem
geselligen Leben wie auch hinsichtlich der Moden den grossstädtischen Ton zu
erreichen Allein die rasselnden Leiterwagen samt Zubehör einer sehr schwunghaft
betriebenen Oekonomie ließ sich durch das Rauschen selbst der umfangreichsten
elegantesten Krinolinen nicht übertönen Das ehrliche Hühnervolk das die weit
offenen Einfahrten der Häuser in vollkommener Sicherheit verließ um zwischen
den unebenen Pflastersteinen und auf den grünen Rasenstreifen längs der
Häuserseiten sein tägliches Brot zu suchen wurde so wenig zu stolzen Pfauen
wie Nachbars Enten die freudig auf dem quer die Stadt durchschneidenden kleinen
Bache hinsegelten auf Schwanenhoheit Anspruch machten
    Die Lage des Städtchens war unbestritten eine reizende Inmitten eines nicht
sehr weiten Tales an den Fuß einer Anhöhe geschmiegt deren Gipfel das
imposante fürstliche Schloss krönte lag es tief gebettet im dunklen Grün
schöner alter Lindenalleen und im Frühling umwogt von einem wahren Blütenmeere
zahlloser Obstgärten
    Der Oberförster führte Elisabet in das Haus eines ihm befreundeten
Assessors Sie sollte dort auf ihn warten bis er seine Geschäfte besorgt haben
würde Wenn auch herzlich bewillkommnet von der Dame des Hauses hätte das junge
Mädchen doch am liebsten sofort umkehren und dem die Treppe hinabeilenden Onkel
folgen mögen denn zu ihrem Verdrusse geriet sie mitten in einen großen
Damenzirkel Die Assessorin teilte ihr in wenigen flüchtigen Worten mit dass zur
Feier des Geburtstages ihres Mannes lebende Bilder aus der Mythologie gestellt
werden sollten zu welchem Zwecke sich das darstellende weibliche Personal
bereits eingefunden habe Am Kaffeetische eines hübsch eingerichteten Zimmers
plauderten mit großer Lebhaftigkeit acht bis zehn Damen die sämtlich schon im
mytologischen Kostüme steckten und jetzt mit ihren Augen der neuen Erscheinung
bis in die geheimsten Falten ihres einfachen Anzugs zu schlüpfen versuchten
    Sämtliche Göttinnen ohne Ausnahme hatten sich dem Modezepter der üppigen
Kaiserin von Frankreich willig unterworfen und ließ ihre weißen Gewänder über
die Krinoline herabfliessen denn  meinte die Ceres eine ziemlich kompakte
Blondine auf deren geröteter Stirn ein ganzer Erntesegen schwankte  man sehe
ja zum Skandal aus und es sei auch rein unmöglich gewesen ohne diesen Halt die
Ähren und Klatschrosenbüschel auf ihrem Kleide zu arrangieren  wie Frau
Ceres zu den Zeiten ihres Glanzes sich aus dieser Verlegenheit geholfen haben
mochte das war nach dieser Erklärung ein interessantes Problem
    Vielleicht war die Abendbeleuchtung so wohlwollend über das oft sehr
merkwürdige Arrangement der einzelnen Toiletten ein milderndes Licht zu gießen
jetzt aber beleuchtete der helle Sonnenstrahl unerbittlich und mit grauenhafter
Wahrheit jedes aufgeklebte Goldpapier jede Atlas heuchelnde Kattunschleife und
jeden langen Heftstich der improvisierten Tunikas Auf dem Gürtel der Venus
glänzten einige steinbesetzte Rokokoschuhschnallen und der schlecht befestigte
silberne Halbmond auf Dianas Scheitel zeigte bei jeder Kopfbewegung eine
löschpapierene Kehrseite
    Die Frau des Hauses ging geschäftig ab und zu und schob hier und da einige
Worte in die Unterhaltung der Damen
    »Da haben wirs« sagte sie eintretend nachdem sie seit geraumer Zeit das
Zimmer verlassen hatte »Die Rätin Wolf lässt soeben bedauern dass ihr Adolf
heute nicht mitwirken könne er habe Fieber und liege zu Bett  Ich lief nach
der Hiobspost nochmals selbst hinüber zum Doktor Fels aber eher will ich einen
Mühlstein von seiner Stelle rücken als diesen Menschen vom Standpunkte seiner
Kindererziehung  Er wiederholte seine Weigerung von früher und zwar in so
anzüglicher Weise dass ich ganz außer mir bin Für halbwüchsige Jungen wie sein
Moritz halte er derartige Mitwirkung unter Erwachsenen für gänzlich unpassend
sie bekämen leicht eine hohe Meinung von ihrer kleinen Persönlichkeit würden
zerstreut von ihren Schularbeiten abgezogen und Gott weiß was alles  Ich
hätte auch besser getan meinte er hochweise wenn ich heute abend meinen
leidenden Mann  ich bitte euch leidend er ist bis auf ein bisschen
Rheumatismus gesund wie ein Fisch im Wasser  also wenn ich ihm heute abend ein
Lieblingsgericht vorgesetzt hätte statt ihn mit der Mummerei zu quälen die ihn
nur um die nötige Nachtruhe und Bequemlichkeit bringe und aus der doch im
ganzen Leben nichts Gescheites werde«
    »Welche Roheit  Wie gemein  Er spielt sich immer auf den
Kunstrichter und versteht nicht so viel davon wie mein kleiner Finger« hallte
es in wildem Durcheinander von den Lippen der Damen
    »Tröste dich mit mir liebe Adele« sagte die Ceres »Wäre mein Mann nicht
der Fels als Arzt nicht entbehren kann mein Haus dürfte er schon längst nicht
mehr betreten  Als ich vorigen Winter die Kindermaskerade arrangierte  die
doch gewiss reizend ausgefallen ist  da hat er die Einladung für seine Kinder
zurückgewiesen und was sagte er mir als ich ihn persönlich um Erlaubnis für
seine kleinen Mädchen bat Ob es denn mir wirklich Spaß mache eine Affenkomödie
zu sehen  das vergesse ich ihm nie«
    Vor Elisabet tauchte plötzlich das geistreiche Gesicht des Doktors auf mit
dem durchdringenden sarkastisch lächelnden Blicke und dem übermütigen Zuge des
Spottes um die feinen Lippen Sie musste innerlich lachen über seine derben
Ausfälle aber es drängte sich ihr dabei auch der niederschlagende Gedanke auf
wie schwer es doch oft dem Menschen gemacht werde seinen Ansichten gemäß zu
handeln
    »Ach was wollen Sie Frau Direktor« eiferte Flora eine überaus zarte
schmächtige Erscheinung mit einem schönen aber todbleichen Gesichte die sich
bis dahin einzig und allein damit beschäftigt hatte ihr blumengeschmücktes Bild
im gegenüberhängenden Spiegel anzulächeln »Uns hat ers nicht besser gemacht
 Meinen Eltern hat er vor zwei Jahren geradezu ins Gesicht gesagt es sei
nicht allein Torheit sondern sogar eine Gewissenlosigkeit  denken Sie  mich
bei meiner Konstitution so früh auf den Ball zu führen  Papa und Mama waren
außer sich  als ob sie als Eltern nicht am besten wissen müssten was ihren
Kindern dienlich  Nun es ist nur gut dass man weiß was ihn zu dieser
Fürsorge bewogen hat Seine jüngste Schwester war damals noch nicht verheiratet
und solchen ist das Erscheinen des Nachwuchses auf den Bällen nie angenehm Papa
hätte damals dem Doktor sogleich den Abschied gegeben allein Mama kann ohne
seine Mittel nicht sein  Nun man hat zum Glück nicht auf seine Ratschläge
gehört und wie Sie sehen lebe ich noch«
    Das Schweigen sämtlicher Damen bestätigte Elisabeths Überzeugung dass
dieser Triumph ein sehr zweifelhafter sei und dass dies zarte Wesen mit seiner
schmalen eingesunkenen Brust und der krankhaften Gesichtsfarbe das
Nichtbeachten des ärztlichen Rates noch schwer werde büßen müssen
    Plötzlich zog eine die Straße langsam herabrollende Equipage die Damenschar
an die Fenster Elisabet konnte von ihrem Sitze aus die Straße und mithin auch
den Gegenstand der allgemeinen Neugierde übersehen In dem eleganten Wagen saßen
die Baronin Lessen und Fräulein von Walde Letztere hatte das Gesicht herüber
nach dem Hause des Assessors geneigt und es sah aus als ob sie gewissenhaft
alle Fenster des Erdgeschosses zähle Die Wangen waren leicht gerötet bei ihr
stets ein Zeichen innerer Erregung Die Baronin dagegen lehnte nachlässig im
Fond für sie schienen weder Häuser noch Menschen in der Straße zu sein
    »Die Lindhofer Damen« sagte Ceres »Aber mein Gott was soll denn das
heißen  Sie ignorieren ja förmlich die Fenster des Doktor Fels  Dort
steht die Doktorin  ha ha ha seht nur das lange Gesicht das sie macht
sie hat zu grüßen versucht aber die Damen haben leider am Hinterkopfe keine
Augen«
    Elisabet sah nach dem gegenüberliegenden Hause Dort stand eine sehr
hübsche Frau ein reizendes Blondköpfchen auf dem Arme am Fenster Es lag
allerdings einiges Befremden in den schönen blauen Augen die dem Wagen folgten
aber lang war das blühende Oval ihres Gesichts durchaus nicht geworden Durch
eine Bewegung des Kindes veranlasst das seine Händchen nach den seltsam
geschmückten Damenköpfchen im Assessorhause streckte sah sie herüber und nickte
schelmisch lächelnd den Damen zu die den freundlichen Gruß mittels Kusshänden
und allerhand zärtlichen Pantomimen erwiderten
    »Sonderbar« sagte die Assessorin »Was nur die beiden Damen haben mochten
dass sie ohne Gruß nach da drüben vorübergefahren sind Bis jetzt haben sie noch
nie die Straße passiert ohne dass der Wagen gehalten hätte Die Doktorin stand
dann halbe Stunden lang am Wagenschlage und Fräulein von Walde schien sich sehr
in der Unterhaltung mit ihr zu gefallen  die Baronin machte freilich manchmal
ein saures Gesicht  Wirklich merkwürdig nun die Zukunft wird ja zeigen was
dahinter steckt«
    »Herr von Hollfeld muss wohl in Odenberg geblieben sein Er war heute morgen
mit den Damen als der Wagen bei uns vorüberfuhr« sagte Diana
    »Wie wird Fräulein von Walde die Trennung ertragen« meinte Flora spöttisch
lächelnd
    »Steht es denn so mit den beiden« fragte die Assessorin
    »Nun wenn du das noch nicht weißt Kind« rief Ceres »Wie er denkt und
fühlt darüber suchen wir freilich noch Aufklärung dass sie ihn aber
leidenschaftlich liebt steht außer allem Zweifel Es ist übrigens fast mit
Gewissheit anzunehmen dass diese Neigung einseitig ist denn ich bitte euch wie
ist es möglich dass ein so entsetzlich verkrüppeltes Wesen Liebe einzuflößen
vermag  Und nun gar einem so eiskalten Menschen wie Hollfeld der an den
größten Schönheiten ungerührt vorübergeht«
    »Ja das ist wahr« bemerkte Venus mit einem Blicke nach dem Spiegel den
aber Flora trotz ihrer Magerkeit anmassenderweise vollständig in Beschlag
genommen hatte »Aber Fräulein von Walde ist enorm reich«
    »Nun den Reichtum kann er billiger haben« sagte Flora überlegen »Er ist
ja doch der mutmassliche Erbe der beiden Geschwister«
    »Der Schwester willst du sagen« verbesserte die Assessorin »Herr von
Walde ist doch noch nicht zu alt zum Heiraten«
    »Ach gehe mir doch mit dem« rief Ceres erzürnt »Die Frau müsste erst noch
geboren werden oder geradezu vom Himmel niedersteigen die dem zusagen sollte
 Der ist aus lauter Hochmut zusammengesetzt und hat noch weniger Herz als
sein Vetter  Was habe ich mich als Mädchen über den geärgert wenn er bei den
Hofbällen in der Tür lehnte die Arme verschränkt als wären sie
zusammengewachsen und vornehm auf die Versammlung herabsah Nur wenn er von der
Fürstin oder den Prinzessinnen zum Tanzen befohlen wurde rührte er sich von der
Stelle und auch da hielt ers nicht der Mühe wert zu verbergen dass er für
diese Ehre keinen Pfifferling gebe  Nun wie er in Bezug auf diejenige denkt
der er den stolzen Namen der Frau von Walde zu Füßen legen würde das wissen wir
ja er hats rund heraus erklärt Ahnen Ahnen muss sie haben und ihren Stammbaum
womöglich vom Männlein und Fräulein in der Arche Noah herleiten können«
    Alle lachten nur Elisabet blieb ernst Fräulein von Waldes Benehmen hatte
einen tiefen Eindruck auf sie gemacht Sie war empört und fühlte ihre Ansichten
vom menschlichen Charakter gedemütigt  War eine solche Wandlung in wenig
Stunden wohl möglich  Für andere mit weniger idealer Anschauung wäre der
unbegreifliche Zauber den die Baronin Lessen auf Helene von Walde ausübte
sofort aufgeklärt worden durch den Ausspruch der Damen dass das junge Mädchen
den Sohn der Baronin liebe  für Elisabet jedoch nicht Jenes erhabene Gefühl
das die Dichter aller Zeiten und Zonen begeistert als das Lieblichste und
Herrlichste auf Erden feierten konnte doch unmöglich zur Triebfeder unedler
Handlungen werden ebensowenig konnte sie aber auch begreifen wie Herr von
Hollfeld ein solches Gefühl einzuflößen vermochte Hier betrat sie den
einseitigen Standpunkt auf welchem wir nach unserer Individualität die Neigung
anderer bemessen aber war es der Instinkt der edlen weiblichen Natur oder in
der Tat jener seltene scharfe Blick für den die Linien der Physiognomie mit
den Fäden der Seele so eng verwebt sind dass er sie verfolgen kann bis zu ihrem
Ursprunge  genug hier war ihr Urteil über einen Menschen mit dem sie doch
eigentlich noch fast gar nicht verkehrt hatte vollkommen gerechtfertigt
    Herr von Hollfeld war durchaus nicht befähigt das Ideal einer schönen
weiblichen Seele verwirklichen zu können Er besaß weder Geist noch Witz Bei
alledem war er maßlos eitel und wollte nicht allein durch seine schöne Gestalt
Interesse erwecken er wusste recht gut dass die meisten Frauen eher ein
hässliches Äußere als den Mangel an innerem Fond verzeihen Es blieb ihm mithin
nichts anderes übrig als jene Verschlossenheit und Schroffheit des Wesens
anzunehmen hinter denen die Welt sehr leicht geneigt ist durchdringenden
Verstand Originalität und Strenge der Ansichten zu vermuten Es gab keinen Mann
in der Welt der sich rühmen konnte auf vertrautem Fuße mit Herrn von Hollfeld
zu stehen er war schlau genug jeden Einblick in sein Inneres abzuwehren und
vermied streng jedes eingehende Gespräch mit Männern den Damen genügte jene
raue Schale vollkommen um hier das Sprichwort vom »desto süsseren Kern« in
Anwendung zu bringen Herr von Hollfeld verstand zu rechnen Er wurde der
Gegenstand stiller Wünsche und Sehnsucht wie ja das Eroberungsgelüst in der
Schwierigkeit den Sporn findet Was indes Hollfelds Geiste an Kraft und Feuer
gebrach das wurde vollkommen ausgeglichen im Gebiete der niederen
Leidenschaften unter denen die Habsucht und die sinnliche Liebe die Hauptstimme
hatten Um seine Stellung in der Welt zu einer glänzenden und angenehmen zu
machen scheute er keine Intrige er hatte den ergiebigsten Boden für dieselbe
unter den Füßen denn er war Kammerjunker am Hofe zu L Er log und trog und war
um so gefährlicher als hinter seinem geraden trockenen Wesen niemand nicht
einmal die Männer einen solchen Feind vermuteten so wenig wie die Frauen
zugegeben haben würden dass da wo ihrer Überzeugung nach die köstliche Perle
die Liebe noch unberührt schlief eine unreine Flamme verheerend lodere
    Elisabet war froh als sie den Onkel um die Ecke biegen und auf das Haus
zukommen sah Tief aufatmend saß sie endlich an seiner Seite im Wagen Sie hatte
den Hut abgenommen und badete die heiße Stirn in einem köstlich frischen
Abendlüftchen das leise vorüberstrich Auf den schwach zitternden Blättern der
Pappeln zu beiden Seiten der Fahrstrasse glänzte der letzte Sonnenstrahl auch
über die blühenden Kartoffelfelder flog noch ein goldener Hauch aber der Wald
der mit seinen Armen Elisabeths trautes Heim umschloss lag dunkel und düster da
drüben als habe er bereits das sonnige Leben vergessen das ihm doch heute bis
in das innerste Herz geschlüpft war
    Der Oberförster hatte das schweigende junge Mädchen einige Male von der
Seite angesehen Plötzlich nahm er Zügel und Peitsche in eine Hand fasste mit
der anderen Elisabeths Kinn und bog ihr Gesicht zu sich herüber
    »He lass mal sehen Else« sagte er Was zum Henker hast ja zwei Runzeln
auf der Stirn so tief wie der Sabine ihre Ackerfurchen  Hats was gegeben
da drin Heraus mit der Sprache  du hast dich geärgert nicht«
    »Nein Onkel Ärger wars nicht aber geschmerzt hat es mich dass du so
recht gehabt hast hinsichtlich deiner Ansicht über Fräulein von Walde«
entgegnete Elisabet indem ein tiefes Rot der Erregung über ihre Züge flog
    »Geschmerzt weil ich recht behielt oder weil Fräulein von Walde unrecht
getan hat«
    »Nun eigentlich weil es böses war was du prophezeit hast« 
    »So solltest du mir auch nun von Rechts wegen gram sein gelt Dürftest an
einem Hofe gelebt haben wo derjenige der Strafbare ist der sich unterfängt
über einen nichtsnutzigen Bevorzugten die Wahrheit zu sagen  Na und welcher
Vorfall verschafft denn meiner geschmähten Lebensweisheit den Sieg«
    Sie schilderte ihm Helenes Benehmen und teilte ihm auch die Vermutungen der
Damen mit Der Oberförster lächelte vor sich hin
    »Ja die Weiber die Weiber  und die da drinnen vollends« sagte er »Die
lassen die Leute schon miteinander verheiratet sein wenn sie zum erstenmal in
ihrem Leben guten Tag zu einander sagen  Na in dem Falle können sie übrigens
recht haben was ich bis jetzt nicht begriffen habe«
    »Um einer solchen Neigung willen Kind sind schon ganz andere Dinge
geschehen und wenn ich auch Fräulein von Waldes Schwäche und Nachgiebigkeit
durchaus nicht billige weit entfernt so beurteile ich sie doch jetzt milder
 Das ist die Macht die uns selbst Vater und Mutter vergessen lässt um eines
anderen willen«
    »Ja das eben kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen Onkel wie man
einen fremden Menschen lieber haben kann als die eigenen Eltern« entgegnete
Elisabet eifrig
    »Hm« meinte der Oberförster und ließ die Peitsche leicht auf den Rücken des
Braunen fallen um ihn ein wenig anzutreiben Diesem »Hm« folgte ein leichtes
Räuspern und dabei ließ er es bewenden denn er dachte ganz richtig »Steht es
so dann wird meine Definition der Liebe nicht verstanden und wenn ich mit
Engelszungen spräche«  und er selbst  Die Zeit lag fern da er den Namen
der Geliebten in die Baumrinde geschnitten und seine Stimme gezwungen hatte in
zarten Liebesliedern hinzuschmelzen da er stundenweit gelaufen war um einen
einzigen Blick zu erhaschen und denjenigen als seinen bittersten Feind gehasst
hatte der es wagte die Angebetete beifällig anzusehen Jetzt blickte er
beschaulich zurück und freute sich jener tollen Zeit sie aber mit ihrem
Wogengebrause aufgeregter Gefühle mit ihrem Lachen und Weinen Hoffen und
Verzagen zu schildern das vermochte er nicht mehr
    »Siehst du dort den schwarzen Strich über dem Waldeck« fragte er dann nach
einem längeren Schweigen indem er mit der Peitsche nach den immer näher
rückenden Bergen zeigte
    »Jawohl das ist die Fahnenstange auf Schloss Gnadeck Ich habe sie schon
vorhin entdeckt und bin in diesem Augenblicke unsäglich froh in dem Gedanken
dass dort ein Stückchen Erde ist auf welchem wir heimisch sind eine Stätte von
der niemand in der Welt das Recht hat uns zu vertreiben Gott sei Dank wir
haben eine Heimat«
    »Und was für eine« sagte der Oberförster während sein leuchtender Blick
über die Gegend flog »Als ich noch ein kleiner Junge war da lebte schon die
Sehnsucht nach den Thüringer Wäldern in mir und daran war der Großvater schuld
mit seinen Erzählungen Er hatte seine Jugendzeit in Thüringen verlebt und
schüttelte Sagen und Märchen seiner Heimat förmlich aus dem Ärmel Nachdem ich
denn meine Sache gelernt hatte wanderte ich hierher Damals gehörte noch der
ganze Forst den wir hier vor uns sehen den Gnadewitzen aber denen mochte ich
nicht dienstbar sein ich kannte diese Menschenkinder genug von meinem Vater
her Ich war der erste Ferber seit undenklichen Zeiten der darauf verzichtete
in ihren Diensten zu stehen und ließ mich beim Fürsten von L anstellen Der
Universalerbe des letzten Gnadewitz hat die großen Waldungen geteilt weil der
Fürst von L seinen Waldbesitz zu vergrößern wünschte und sich diese Liebhaberei
ein tüchtiges Stück Geld kosten ließ So kam es dass ein lebhafter Wunsch meiner
Jugend erfüllt wurde denn ich wohne jetzt in dem Hause das eigentlich die
Wiege der Ferber ist  Du weißt doch dass wir aus Thüringen stammen«
    »Jawohl schon seit meiner Kinderzeit«
    »Weißt auch was es für Bewandtnis mit unserer Herkunft hat«
    »Nein«
    »Nun es ist freilich schon ein wenig lange her und ich bin vielleicht noch
der einzige der die Geschichte kennt aber ganz verlieren soll sie sich doch
nicht das Andenken ist ja der einzige Dank den wir Nachkommen für eine brave
Tat haben können drum sollst du die Geschichte jetzt hören und später einmal
erzählst du sie weiter  Vor etwa zweihundert Jahren  du siehst wir können
unsern Stammbaum auch ein gutes Stück zurückleiten nur schade dass wir nicht zu
sagen wissen wer unsere Ahnenmutter war solltest du indes einmal gefragt
werden vielleicht von der Frau Baronin Lessen und dergleichen so kannst du
getrost sagen dass wir vermuten es sei  wenn auch nicht gerade die Gustel von
Blasewitz denn die Geschichte spielt im Dreissigjährigen Krieg  so doch eine
Marketenderfrau gewesen  Vielleicht war es auch eine rechtschaffene brave
Frau die bei ihrem Manne in allen Bedrängnissen des Krieges treu ausgehalten
hat aber verzeihen kann ichs ihr doch nicht dass sie ihr Kind verlassen konnte
 Nun also vor etwa zweihundert Jahren sieht die Frau des Jägers Ferber als
sie in der Morgenfrühe die Haustür aufmacht   dieselbe die jetzt auch mein
Hab und Gut verschließt  ein Kindlein auf der Schwelle liegen Heisa die hat
die Tür wacker zugeschlagen denn damals hat sich viel Zigeunergesindel in den
Wäldern umhergetrieben und sie hat gemeint es sei solch ein unreines Wesen
Ihr Mann aber war christlicher er hat das Kind hereingeholt es war kaum einen
Tag alt Auf seiner Brust hat ein Zettel gelegen der hat gesagt man möge sich
des kleinen Knaben annehmen er sei ehelich geboren und habe in der heiligen
Taufe den Namen Hans erhalten man werde später näheres über das Kind erfahren
In dem Wickelkissen hat auch ein Beutelchen mit etwas Geld gesteckt Die
Jägersfrau ist sonst ein gutes Weib gewesen und als sie gehört hat dass der
Knabe von christlichen Eltern und wahrscheinlich ein ehrlich Soldatenkind sei
das wohl die Eltern ausgesetzt hatten um es nicht in die Gefahren des Krieges
zu bringen da hat sie ihn an ihr Herz genommen und mit ihrem kleinen Mädchen
aufgezogen als ob sie Geschwister seien Und das war sein Glück denn es hat
sich keine Menschenseele von seinen Verwandten wieder um ihn gekümmert Später
hat ihn sein Pflegevater adoptiert und um sein Glück vollzumachen hat er auch
sein schönes Milchschwesterlein heimführen dürfen Er sowohl wie auch sein Sohn
und ein Enkel haben als Jäger derer von Gnadewitz in meiner jetzigen Wohnung
darin gelebt und sind auch darin gestorben Erst mein Großvater ist auf die
Besitzung nach Schlesien versetzt worden  Als Knabe ärgerte ich mich immer
unbeschreiblich dass nicht nach so und so viel Jahren eine gräfliche Mutter
aufgetaucht war die in dem Findlinge ihr durch Bosheit geraubtes Kind erkannt
und ihn triumphierend in ihr Schloss zurückgeführt hatte Diese fehlende
romantische Wendung im Geschicke unseres Ahnherrn habe ich freilich später um so
lieber verschmerzt als mir der Gedanke kam dass mein Erscheinen auf dieser
schönen Welt dann doch vielleicht ein sehr zweifelhaftes sei auch gefiel mir
mein wackerer Name zu gut als dass ich einen anderen hätte führen mögen  Aber
wunderbar war mir doch zu Mute als ich zum erstenmal die Schwelle überschritt
auf welcher der kleine Ausgesetzte wohl den hilflosesten Augenblick seines
Lebens verbringen musste seine natürlichen Versorger hatten ihn verlassen und
das Mitleid hatte ihre Stelle noch nicht eingenommen  Der tief ausgetretene
Stein ist ohne Zweifel noch derselbe auf dem das Kind gelegen hat und solange
ich lebe oder in dem Hause etwas zu sagen habe soll er nicht von seiner Stelle
gerückt werden«
    Plötzlich beugte sich der Oberförster vor und deutete durch die Zweige denn
man fuhr bereits im Walde
    »Siehst du dort den weißen Punkt« fragte er
    Der weiße Punkt war die Haube Sabines welche vor der Tür saß und nach den
Rückkehrenden ausschaute Als sie des Wagens ansichtig wurde stand sie eiligst
auf schüttelte den Inhalt ihrer Schürze der sich später als eine Menge
Vergissmeinnicht auswies in einen neben ihr stehenden Korb und half Elisabet
beim Aussteigen
    Der Braune trabte wiehernd hinter das Haus wo bereits der Knecht in dem
offenen Hoftore wartete und das Tier mit einem liebkosenden Schlage empfing
Hektor legte sich schwanzwedelnd auf den Rasen nieder und die durch den Lärm
verjagten Tauben und Spatzen kehrten nach und nach zurück und hüpften zutraulich
auf den Tisch und die grün angestrichene Bank unter der Linde wo der
Oberförster sein Frühstück und Abendbrot einzunehmen pflegte und das wussten die
kleinen Schmarotzer sehr genau Er ging auch nur in das Haus um seine Uniform
mit einem bequemen Hausrocke zu vertauschen und kehrte bald mit Pfeife und
Zeitungen unter die Linde zurück wo Sabine bereits gedeckt hatte
    »Gelt das ist auch ein närrischer Sonntagszeitvertreib für so ein altes
Weibsbild wie ich bin« sagte die Haushälterin im Vorübergehen lachend zu
Elisabet die auf der nun so interessant gewordenen Türschwelle sitzend den
Korb mit den Blumen auf den Schoss genommen hatte und an dem Kranze weiterflocht
den die Alte angefangen »Aber ich bin das nun einmal so gewöhnt von meiner
Jugendzeit her Da hab ich zwei kleine schwarze Bildchen in meiner Kammer  sie
stellen meine seligen Eltern vor die habens wohl um mich verdient dass ich ihr
Andenken ehre und ihnen ein frisches Kränzchen hinstelle solange es Blümelein
gibt Ein paar Kinder aus Lindhof bringen mir jeden Sonntag frische heute aber
hab ich so viel bekommen dass auch ein Kranz für Goldelschen abfällt  wenn Sie
den in einen Teller voll Wasser legen da haben Sie die ganze Woche etwas
Schönes vor Augen«
    Noch eine Zeitlang saß heute abend Elisabet mit dem Onkel zusammen In dem
Oberförster waren eine Menge Erinnerungen wach geworden Mit dem Erzählen der
zweihundertjährigen Familiengeschichte waren auch viele Entschlüsse Pläne und
Empfindungen seiner Jugendzeit aufgetaucht die er jetzt mitleidig lächelnd an
sich vorübergehen ließ sie waren samt und sonders vor dem reellen Leben
zerstoben wie Spreu im Winde Er erzählte behaglich wie einer der auf
sicherem Lande steht und nur von fern noch das Rauschen der Brandung hört die
ihm nichts mehr anhaben kann Manchmal fiel auch ein Witzwort oder eine Neckerei
dazwischen die von Elisabet oder Sabine wem es gerade galt gehörig pariert
und zurückgegeben wurden
    Mittlerweile flog ein heller Schein hinter den Baumwipfeln auf die erst
gestaltlos mit dem dunklen Himmel vermischt jetzt in scharfen Umrissen auf dem
lichten Hintergrunde erschienen Einzelne Lichter zuckten wie silberne Pfeile
durch gekreuzte Äste und blieben als kleine Lichtoasen eine Zeit lang
unbeweglich auf der nachtdüsteren Wiese liegen bis endlich der Mond groß und
siegreich über den Baummassen schwebte und seinen bleichen Strahl ungehindert
über sie herfliessen ließ Das leichte Abendlüftchen hatte längst seine Flügel
zusammengefaltet man hätte den Schatten der Lindenblätter auf dem
hellbeleuchteten Rasen nachzeichnen können so unbeweglich hingen sie droben
Desto vernehmlicher drang das Brunnengeplätscher aus dem Hofe über das Haus
herüber und ein schwaches unbestimmtes Geräusch von den Wäldern her was
Elisabet das schlaftrunkene Regen des Waldes nannte
    »Da« sagte Sabine und drückte den eben fertiggewordenen
Vergissmeinnichtkranz auf Elisabeths Stirn »So bringen Sie ihn unzerdrückt
heim«
    »Da mag er auch bleiben« meinte lachend das junge Mädchen und erhob sich
»Schönen Dank für die Spazierfahrt  Gute Nacht Onkel Gute Nacht Sabine«
    Damit eilte sie durch Haus und Hof und stand bald droben auf dem Berge
außerhalb des Gartens dessen Tür sie zuschlug Sie flog auf dem schmalen
mondbeglänzten Waldwege aufwärts Droben im Wohnzimmer brannte die Lampe der
Lichtschimmer war trotz der Mondbeleuchtung weithin sichtbar weil die Front des
Zwischenbaues im tiefen Schatten lag Als sie auf die Waldblösse heraustrat fiel
ein merkwürdiger Schatten quer über ihren Weg  das war weder ein Baum noch
ein Pfahl sondern eine fremde Männergestalt die seitwärts gestanden hatte und
jetzt zu ihrem Schrecken auf sie zuschritt Die Erscheinung nahm höflich den Hut
ab und in dem Augenblicke verschwand Elisabeths Furcht denn sie blickte in das
lächelnde gutmütige Gesicht eines ältlichen feingekleideten Herrn
    »Verzeihung mein Fräulein wenn ich Ihnen vielleicht einen kleinen
Schrecken eingejagt habe« sagte er und blickte freundlich über zwei große
funkelnde Brillengläser hinweg in ihr Gesicht »aber ich habe es weder auf Ihr
Leben noch auf Ihre Börse abgesehen und bin nichts weiter als ein heimkehrender
friedlicher Reisender der gern wissen möchte was es mit dem Lichte da droben
in den Ruinen für ein Bewenden hat  Ich überzeuge mich übrigens in diesem
Augenblicke dass es ganz überflüssig war zu fragen  Die Feen und Elfen
führen dort ihren Reigen auf und die Schönste streift im Walde umher um keinen
ungestraft des Weges ziehen zu lassen der ihren gefeiten Ring betritt«
    Der galante Vergleich so abgenutzt er übrigens auch sein mochte war doch
in diesem Augenblicke nicht übel angewendet denn die schlanke Mädchengestalt im
weißen Gewande den blauen Kranz über dem engelschönen Gesichte und vom
Mondlichte umflossen konnte recht wohl für eine Märchenerscheinung gelten als
sie so leicht durch die Gebüsche über den einsamen Berg dahinflog
    Sie selbst aber lachte innerlich über das seichte Kompliment und dachte
zugleich ein wenig entrüstet sie sehe doch wahrhaftig nicht so leichtfertig aus
wie solch ein quecksilbernes Elfenkind und das wollte sie dem alten Herrn auf
der Stelle klarmachen
    »Es tut mir leid« sagte sie leicht »dass ich Sie in die raue Wirklichkeit
zurückführen muss aber ich wüsste wahrhaftig nicht wie ich es anfangen sollte
dort in dem Lichte etwas anderes zu sehen als die respektable Lampe in der
gemütlichen Stube eines fürstlich Lschen Forstschreibers«
    »Ei« lachte der Herr »und haust der Mann ganz allein in den unheimlichen
alten Mauern«
    »Er könnte es getrost wagen denn über den der den rechten Weg wandelt
haben die Unheimlichen keine Gewalt  Übrigens leisten ihm noch einige
lebende Wesen Gesellschaft unter anderen auch zwei gutgeartete Ziegen und ein
allerliebster Kanarienvogel die Eulen ungerechnet die sich jedoch sehr
indigniert ins Privatleben zurückgezogen haben weil sich das Treiben lustiger
Menschenkinder nicht mit der ernsten Lebensanschauung dieser gestrengen Herren
verträgt«
    »Oder auch weil sie lichtscheu sind und es nicht vertragen können «
    »Dass der neue Ankömmling die Wahrheit verehrt«
    »Auch möglich  Ich wollte aber eigentlich sagen dass sie die zwei Sonnen
fliehen die plötzlich in den Ruinen aufgegangen sind«
    »Zwei Sonnen auf einmal  Das wäre aber auch eine starke Zumutung für die
armen Eulenaugen und möchte selbst einem Feueranbeter zuviel werden« entgegnete
lachend Elisabet indem sie mit einer leichten Verbeugung an ihm vorübereilte
denn die Eltern traten eben aus dem Mauerpförtchen und gingen ihr einige Schritt
entgegen Sie waren besorgt heruntergeeilt als sie Elisabeths Stimme und die
eines fremden Mannes gehört hatten und gaben ihr nun nachdem sie ihr kleines
Abenteuer erzählt hatte einen sanften Verweis dafür dass sie so rückhaltlos auf
ein Gespräch eingegangen war
    »Deine Neckerei hätte sehr unangenehme Folgen für dich haben können mein
Kind« sagte die Mutter »Zum Glück sind es Männer von Bildung gewesen « «
    »Männer« unterbrach sie das junge Mädchen erstaunt »Es war ja ein
einziger«
    »Nun dann sieh dich um« sagte der Vater »dort kannst du sie noch sehen«
    Wirklich tauchten da wo der Weg anfing steil abwärts zu laufen noch zwei
helle Herrenhüte auf
    »Da kannst du sehen Mütterchen« meinte Elisabet lachend »wie wenig
verfänglich die Begegnung gewesen ist Der eine hat sich nicht einmal aus dem
Gebüsche heraus getraut und hinter dem guten alten Gesichte des anderen steckt
sicher auch nicht das Atom einer Banditenseele«
    Oben in ihrem Zimmer nahm sie vorsichtig den Kranz von der Stirn legte ihn
auf einen Teller und stellte beides unter Beetovens Büste Dann küsste sie den
schlafenden Ernst auf die Stirn und sagte den Eltern gute Nacht
 
                                       9
»Holla Else lauf nicht so« schrie der Oberförster als er am andern Tage die
Büchse über die Schulter geworfen in der dritten Nachmittagsstunde aus dem
Walde trat und quer über die Wiese nach seinem Hause schritt
    Elisabet flog den Berg herab den runden Hut am Arme statt auf den
Flechten die im Sonnenglanze weithin leuchteten und lief unten am Hause
angekommen lachend in die Arme des Onkels die er ihr ausgebreitet
entgegenhielt
    Sie steckte die Hand in die Tasche und trat einen Schritt zurück »Rate
einmal was ich in meiner Tasche habe Onkel« sagte sie lächelnd
    »Nun was wirds denn sein  Da braucht man sich nicht lange den Kopf zu
zerbrechen Vielleicht ein wenig sentimentales Heu so einige unter wehmütigen
Erinnerungen getrocknete Blümlein Oder ein Häuflein gedruckten Weltschmerzes
zwischen zwei vergoldeten Pappdeckeln«
    »Bedaure  zweimal fehlgeschossen Herr Oberförster denn einmal ärgere
ich mich ganz und gar nicht über dein Raten und dann  da sieh her«
    Sie zog eine kleine Schachtel aus der Tasche und öffnete den Deckel Da
dehnte sich träge auf grünen Blättern eine dicke zitronengelbe Raupe mit
schwarzen Punkten schrägen bläulichgrünen Streifen und einem gekrümmten Horne
am Schwanze
    »Alle Tausendsapperment Sphynx Atropos« rief der Oberförster entzückt
»Ja Blitzmädel wo hast du denn das Prachtexemplar aufgestöbert«
    »Drüben bei Lindhof auf einem Kartoffelacker  gelt die ist schön 
So nun wollen wir die Schachtel hübsch wieder zumachen und einstecken«
    »Was ich bekomme die Raupe nicht«
    »O ja die kannst du schon haben das heißt wenn du sie bezahlen willst«
    »Alle Wetter bist du denn ein Handelsjude geworden  Na da gib sie her
 hier sind vier Groschen«
    »Behüte Gott  unter zwölf Groschen tue ichs nicht Wird doch manch
altes verschimmeltes Pergamentblatt das man kaum anrühren möchte so
abscheulich sieht es aus gar manchmal mit Gold aufgewogen  sollte da so ein
lebendiges Prachtstück der Natur nicht seine zwölf Groschen wert sein«
    »Altes verschimmeltes Pergamentblatt na das sage einmal vor gelehrten
Ohren da wirst du schön ankommen«
    »Ach hier im frischen freien Walde gibt es keine«
    »Nimm dich in acht  Herr von Walde «
    »Steckt in den Pyramiden«
    »Könnte aber plötzlich kommen und gewisse naseweise Fräulein zur
Rechenschaft ziehen ist ein Hauptahn der Gelehrtenwelt«
    »Nun meinetwegen können sie ihm Denksäulen errichten und Lorbeeren streuen
soviel sie wollen ich kann es ihm nicht vergeben dass er über diesem toten
Krame die Ansprüche vergisst die das Leben an ihn zu stellen berechtigt ist dass
er vielleicht nach einem unversehrten Küchenzettel des Lukull oder Gewissheit
darüber sucht ob die Römer in der Tat ihre Fische mit Sklavenfleisch
fütterten während die Armen auf seinen Gütern hungern und unter der Geissel der
Baronin in ein modernes Sklavenjoch getrieben werden«
    »Heisa dem mag sein linkes Ohr klingen  Schade dass er dies
Glaubensbekenntnis nicht mit anhören kann  Hier also sind deine zwölf
Groschen wenns nicht anders sein soll Du willst dir doch irgend einen
Firlefanz eine Feder oder solch einen Tand auf deinen Hut dafür kaufen« sagte
er lächelnd
    Sie hielt ihren Hut mit ausgestreckten Armen von sich ab und betrachtete
entzückt die zwei frischen Rosen die sie in das einfach geschlungene schwarze
Samtband gesteckt hatte »Sieht das nicht wunderlieblich aus« fragte sie »Und
glaubst du ich werde mein junges Haupt freiwillig unter düstere Federwolken
stecken wenn ich Rosen frische Rosen haben kann  Und da ist deine Raupe
und nun sollst du auch wissen weshalb ich dich gebrandschatzt habe  Heute
Morgen war die Frau eines armen Webers aus Lindhof bei meiner Mutter und bat um
eine Unterstützung Ihr Mann ist gestürzt hat sich Arm und Fuß verletzt und
kann seit Wochen nichts verdienen Die Mutter gab ihr altes Linnen und ein
großes Hausbrot mehr zu geben geht über ihre Kräfte wie du weißt  Sieh
hier habe ich fünfzehn Groschen aus meinem Sparschatze mehr war zur Zeit nicht
drin  drei desgleichen sind von Ernst der am liebsten seine Bleisoldaten
verkauft hätte um der armen Frau zu helfen dazu kommt der Preis für die Raupe
macht zusammen einen ganzen Taler und der wird sogleich in das Weberhäuschen
getragen«
    »Lässt sich hören  Hier ist noch ein Taler und  Sabine« rief er in das
Haus hinein »hole ein tüchtiges Stück Fleisch aus dem Salzfasse und lege es
zwischen zwei grüne Blätter  das nimmst du auch mit« wandte er sich wieder zu
Elisabet
    »Ach du lieber prächtiger Onkel« jubelte das Mädchen indem sie seine
große Hand zwischen ihre schlanken Finger nahm und sich bemühte sie beherzt zu
drücken
    »Pass aber auf« fuhr er fort »dass das ehrliche Rindfleisch nicht etwa zu
Rosen werde denn damit wäre der armen Weberfrau wohl schwerlich gedient  gehst
ja ähnliche Wege wie deine heilige Namensschwester«
    »Ja aber zum Glück habe ich keinen grimmigen Landgrafen zu fürchten 
Übrigens wenn auch  ich würde ihm trotzdem keine Unwahrheit sagen«
    »Potztausend was für eine Heldenseele«
    »Nun ich meine es gehöre ungleich mehr Mut dazu eine offenbare Lüge
dreist zu sagen und wenn es zehnmal eine fromme sein sollte«
    »Hast recht mein Töchterchen  brächts auch nicht fertig  Na da kommt
auch die Sabine«
    Die alte Haushälterin trat aus der Tür und während sie auf des
Oberförsters Wink Elisabet das Fleisch hinreichte flüsterte sie ihm zu Herr
von Walde der gestern spät abends von seiner Reise zurückgekehrt sei warte
schon seit einiger Zeit auf ihn
    »Wo« fragte er
    »Hier unten in der Wohnstube«
    Sie standen aber gerade vor dieser Stube und die Fenster waren offen
Elisabet drehte sich überrascht um konnte aber nichts entdecken sie war
feuerrot geworden Der Onkel jedoch zog ohne sich umzusehen seinen Kopf auf
eine unendlich komische Weise zwischen die Schultern strich schmunzelnd seinen
Bart und sagte leise mit unterdrücktem Lachen »Da haben wir die Bescherung du
hast dir ein gutes Süppchen eingebrockt der hat alles mit angehört«
    »Desto besser« erwiderte das junge Mädchen und hob fast trotzig den Kopf
»er wird ohnehin selten genug die Wahrheit zu hören bekommen« Dann reichte sie
dem Onkel und Sabine die Hand zum Abschiede und schritt langsam durch den Wald
nach Lindhof zu
    Im ersten Augenblicke war ihr der Gedanke peinlich gewesen dass Herr von
Walde ihr Urteil über ihn so wider Willen hatte mit anhören müssen dann aber
meinte sie ganz ebenso würde sie ihm ja auch die Wahrheit ins Gesicht gesagt
haben Da aber nicht zu vermuten stand dass er sie je um ihr Gutachten befragen
würde  ein Gedanke der sie lächeln machte im Hinblicke auf seine Unnahbarkeit
 so konnte es ihm wirklich nicht schaden dass ihn der Zufall zum Zeugen eines
völlig unparteiischen Ausspruchs  wenn auch nur aus einem Mädchenmunde 
gemacht hatte  Wie mochte es aber kommen dass er so plötzlich und unerwartet
zurückgekehrt war Fräulein von Walde hatte stets ein mehrjähriges Ausbleiben
ihres Bruders vorausgesetzt und war vorgestern noch gänzlich ahnungslos in Bezug
auf seine Rückkehr gewesen  Die Begegnung am gestrigen Abend fiel ihr
plötzlich ein Der alte Herr hatte ja auch gesagt er sei ein heimkehrender
Reisender aber er mit seinen gemütlich lächelnden Zügen und seinem behäbigen
Wesen war nun und nimmermehr der ernste stolze Besitzer von Lindhof dann wohl
eher der der schweigend im Dunkel der Gebüsche gewartet hatte bis seinem
Begleiter die gewünschte Auskunft über das fragliche Licht zu teil geworden war
 Was aber mochte Herr von Walde von ihrem Onkel wollen der wie sie wusste
niemals in irgend welchem Verkehr mit ihm gestanden hatte
    Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten sie lebhaft auf ihrem Wege nach
dem Hause des Webers Mann und Frau weinten vor Freude über die unverhofften
Spenden und von tausend Segenswünschen der armen Leute begleitet verließ
Elisabet das Häuschen
    Elisabet schritt durch das Dorf nach Lindhof zu ihren gewöhnlichen
Musikübungen die trotz der Ankunft des Herrn von Walde nicht abgesagt worden
waren Mit der Rückkehr des Besitzers hatte das Schloss eine ganz andere
Physiognomie angenommen Sämtliche Fenster im Erdgeschoss an der Südseite die so
lange verschwiegen und geheimnisvoll hinter den weißen Läden gesteckt hatten
spiegelten ihre lange glänzende Reihe im Sonnenlichte In den Räumen selbst
wurde gewaltig gelärmt und hantiert gesäubert und gelüftet Eine Glastür die
das Innere eines großen Saales zeigte stand weit offen auf einer der Stufen
die hinunter nach dem Garten führten lag ein schneeweisses Windspiel den
schlanken Leib unbeweglich hingestreckt auf den sonnenbeschienenen heißen Stein
und die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt blinzelte es Elisabet an als sei
sie eine alte Bekannte An einem offenen Fenster ordnete der Gärtner einen
Blumentisch und der alte Hausverwalter Lorenz schritt eben mit dem Blick eines
Untersuchungsrichters durch das Zimmer
    Es war auffallend dass sämtliche Menschen die dem jungen Mädchen im Hause
begegneten wie durch einen Zauberschlag einen völlig anderen Gesichtsausdruck
angenommen hatten War ein Sturmwind durch die schwüle Atmosphäre gebraust und
hatte einen neuen Odem in die Räume gebracht so dass die Stimmen heller klangen
und die gedrückten Menschengestalten sich erfrischt und elastisch aufrichteten
 Selbst der alte Lorenz dessen Gesichtsmuskeln stets so schlaff und grämlich
herabhingen als ob sie Bleigewichten nachgeben müssten hatte heute einen wahren
Sonnenschein in den Augen obgleich er einen Augenblick auf die Staubausklopfer
erbost war auch klang seine Stimme so laut dass Elisabet überrascht aufsah
denn sie kannte den alten Mann ja nur wie er geräuschlos auf den Zehen in das
Zimmer der Damen trat und lispelnd mit möglichst unterdrückter Stimme seine
Meldungen machte
    Erstaunt über dies urplötzlich aufgeblühte neue Leben und Treiben wandte
sich Elisabet nach dem Flügel den die Damen bewohnten Hier herrschte jedoch
die tiefste Stille In der Wohnung der Baronin hingen sämtliche Rouleaus dicht
und schwer hinter den Scheiben Kein Laut drang durch die Türen an denen
Elisabet vorbei musste Die Luft des schmalen Korridors war mit dem
durchdringenden Geruche starker Baldriantropfen gemischt und als endlich am
untersten Ende des Ganges eine Tür geöffnet wurde erblickte Elisabet wohl ein
menschliches Haupt aber in welcher Verfassung Es war die alte Kammerjungfer
der Baronin die vermutlich sehen wollte wer so vermessen sei die feierliche
Ruhe des Korridors zu unterbrechen Die Haube saß schief auf den falschen
Locken von denen das eine Paket bedenkliche Anstalten machte herunterzufallen
Die Gesichtszüge sahen verstört aus und zwei zirkelrunde feuerrote Flecken auf
den hervorstehenden Backenknochen zeugten entweder von Fieberhitze oder einer
großen geistigen Erregung Sie erwiderte Elisabeths Gruß kurz und mürrisch und
verschwand schnell wieder hinter der leise zugemachten Tür
    Als Elisabet Fräulein von Waldes Zimmer betrat  auf ihr mehrmaliges
Klopfen war kein »Herein« erfolgt  da meinte sie hier spiele der letzte Akt
des geheimnisvollen Dramas das in den Räumen der Baronin begonnen hatte Nicht
allein die Rouleaus sondern auch die dicken seidenen Vorhänge waren dicht
zugezogen Die tiefe Dunkelheit und Stille hielten sie ab einzutreten und eben
wollte sie die Tür wieder schließen als Helene mit schwacher Stimme sie
hereinrief Die junge Dame lag in einem Fauteuil im Hintergrunde des Zimmers
sie hatte den Kopf in ein weiches Kissen gedrückt und Elisabet konnte hören
wie ihr leise die Zähne zusammenschlugen
    »Ach liebes Kind« sagte sie und legte ihre feuchtkalten Hände auf den Arm
des jungen Mädchens »ich habe Nervenzufälle gehabt Niemand von meiner Umgebung
hat es bemerkt dass ich so unwohl hier liege und da war ich so fürchterlich
allein in dem finsteren Zimmer  Bitte öffnen Sie die Fenster weit  ich
brauche Luft warme Gottesluft«
    Elisabet erfüllte sogleich ihren Wunsch und als das Tageslicht auf das
blasse Gesicht der Kranken fiel sah das junge Mädchen dass sie heftig geweint
hatte
    Die eindringenden Sonnenstrahlen erweckten mehr Leben und Bewegung in dem
Zimmer als Elisabet geahnt hatte sie schrak heftig zusammen als es plötzlich
in einer Ecke laut aufkreischte Dort wiegte sich ein Kakadu mit schneeweissem
Gefieder und emporgesträubter gelber Krone in einem Ringe
    »Gott wie fürchterlich« seufzte Helene und drückte die schmalen Hände an
beide Ohren »Das abscheuliche Tier zerreißt mir noch die Nerven«
    Elisabeths Blick haftete erstaunt auf dem kleinen Fremdlinge und glitt dann
durch das Zimmer das aussah wie ein Bazar Auf allen Tischen und Stühlen lagen
reiche Stoffe Shawls kostbar gebundene Bücher und die verschiedenartigsten
Toilettegegenstände Fräulein von Walde fing Elisabeths Blick auf und sagte
kurz mit abgewandtem Gesichte »Lauter Geschenke meines Bruders der gestern
unerwartet zurückgekehrt ist«
    Wie kalt klang ihre Stimme als sie dies sagte Auch nicht der leiseste
Anflug von Freude war in den verweinten Zügen zu entdecken aus den sonst so
sanften Rehaugen sprachen unverhohlen Groll und Bitterkeit
    Elisabet bückte sich schweigend und hob ein prachtvolles Kamelienboukett
auf das halb verschmachtet am Boden lag
    »Ach ja« sagte Helene und richtete sich empor während ein schwaches Rot
über ihr Gesicht flog »das ist der heutige Morgengruß meines Bruders es ist
vom Tische herabgefallen und vergessen worden  Bitte stecken Sie es dort in
die Vase«
    »Die armen Blüten« sagte Elisabet halblaut indem sie die welken braunen
Ränder an den weißen Blumenblättern betrachtete »sie haben auch nicht geahnt
als sie ihre Knospen öffneten dass sie in einer so kalten Region würden atmen
müssen«
    Helene blickte betroffen und forschend zu dem jungen Mädchen auf und ihr
Auge sah einen Moment aus als schmelze es in Reue »Stellen Sie die Blumen in
das offene Fenster dort haben sie Luft und sie wird ihnen gut tun« flüsterte
sie hastig »O mein Gott« rief sie in das Polster zurücksinkend »er ist ja
gewiss ein vortrefflicher Mensch  aber sein Erscheinen zerreißt die Harmonie
eines beglückenden Zusammenlebens«
    Elisabet sah mit einem fast ungläubigen Ausdruck auf die junge Dame wie
sie so dalag die gerungenen Hände emporgehoben und die starren Augen nach der
Zimmerdecke gerichtet als habe ihr das Geschick die furchtbarste Prüfung
auferlegt  Fehlte dem jungen Mädchen schon gestern jegliches Verständnis für
Helenes Handlungsweise so stand es jetzt geradezu fassungslos vor diesem
unbegreiflichen Charakter  Wo war so urplötzlich jenes heiße Dankgefühl
geblieben das aus jedem Worte sprach sobald Helene des fernen Bruders
gedachte Hatte ein einziger Moment die ganze schwesterliche Zärtlichkeit die
ihr Herz zu erfüllen schien spurlos verflüchtigen können so dass sie jetzt
beklagte was nach ihren früheren Äußerungen doch ein glückliches Ereignis für
sie sein musste  Und wenn auch der Heimgekehrte nicht mit dem Kreise
sympatisierte in welchem sie sich allein beglückt fühlte selbst wenn er ihre
liebsten Wünsche durchkreuzte war es trotzdem möglich dass sofort Kälte und
Groll zwischen zwei Wesen treten konnten die das Geschick eng aneinander
gekettet hatte und die sich um so inniger angehören mussten als das eine
schutzbedürftig war und das andere so allein stand in der Welt  Elisabet
fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen für den Mann der ferne Meere durchschifft
fremde Länder einsam durchstreift hatte und nun nach langem Umherirren bloß als
störendes Element am eigenen Herde begrüßt wurde Allem Anscheine nach hatte er
nur den einen warmen Punkt die Liebe zu der Schwester in seinem stolzen Herzen
wie tief musste es ihn dann verwunden dass gerade sie kein freundliches
Willkommen für ihn hatte und ihr Herz kalt von ihm abwandte
    Unter diesen Betrachtungen ordnete Elisabet die Blumen in der Vase Sie
hatte mit keiner Silbe auf Helenes leidenschaftlichen Ausbruch geantwortet der
so rücksichtslos den Bruder vor fremden Ohren anklagte Offenbar fühlte die
junge Dame selbst vielleicht durch Elisabeths Schweigen beschämt dass sie sich
hatte hinreißen lassen denn sie bat plötzlich mit gänzlich veränderter Stimme
einen Stuhl zu nehmen und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten
    In diesem Augenblicke wurde die tür heftig aufgestoßen und eine weibliche
Gestalt erschien auf der Schwelle Es kostete Elisabet Mühe sich zu überzeugen
dass diese Erscheinung in äußerst vernachlässigter Toilette und alle Zeichen
großer Aufregung an sich tragend die Baronin Lessen war Das spärliche sonst
stets mit peinlicher Sorgfalt geordnete Haar fiel aus einer Morgenhaube auf die
Stirn die gewöhnlich so blass und elfenbeinartig jetzt eine dunkle Röte
überflammte Aus den Augen war das stereotype stolze Selbstbewusstsein gewichen
und wie unbedeutend erschienen sie jetzt als sie scheu und erschreckt in das
Zimmer blickten
    »Ach Helene« rief sie angstvoll ohne Elisabet zu bemerken und mit
ungewohnt raschen Schritten ihre korpulente Gestalt vorwärts bewegend »Rudolf
hat soeben den unglücklichen Linke auf sein Zimmer befohlen  Er wütet und
tobt so laut gegen den armen Menschen dass es über den Hof bis in mein
Schlafzimmer schallt  Gott ich fühle mich so elend  der heutige Morgen
hat mich so angegriffen dass ich mich kaum auf den Füßen halten kann aber ich
konnte die Ungerechtigkeit nicht länger mit anhören und flüchtete hierher 
Und diese feilen Seelen diese Dienerschaft die während Rudolfs Abwesenheit
nicht mit den Augen zu blinzeln gewagt da steht sie frech unter den Fenstern
und belacht schadenfroh das Unglück was über einen treuen Diener hereinbricht
 Es stürzt alles zusammen was ich mühsam im Dienste des Herrn und zum Heil
des Hauses aufgerichtet habe  Und dass Emil gerade in Odenberg sein muss Wie
beklagenswert und verlassen sind wir teure Helene«
    Sie schlang ihre Arme um den Hals der jungen Dame die sich bestürzt und
leichenblass erhoben hatte Diesen Moment benützte Elisabet um aus dem Zimmer
zu schlüpfen
    Als sie den Korridor betrat der in das Vestibül mündete schallte ihr
lautes Sprechen entgegen Es war eine tiefe klangreiche Männerstimme welche
sich dann und wann in heftiger Erregung steigerte nie aber selbst im höchsten
Affekt eine Spur von Schärfe annahm Obgleich sie kein Wort verstehen konnte
so bebte sie doch schon bei dem Klange der Stimme es lag etwas Unerbittliches
Eisernes in der Art und Weise wie die einzelnen Sätze markiert wurden
    Der Schall in dem langen Korridor täuschte Elisabet wusste nicht von
welcher Seite die Stimme kam und lief deshalb vorwärts um schneller ins Freie
gelangen zu können Aber schon nach wenig Schritten hörte sie als stände sie
neben dem Sprechenden die Worte »Sie verlassen Lindhof bis morgen abend«
    »Gnädiger Herr « wurde geantwortet
    »Es ist mein letztes Wort gehen Sie« klang es gebieterisch und in
demselben Augenblick sah sich Elisabet zu ihrem Schrecken neben einer weit
offenen Flügeltür Eine hohe Männergestalt stand die linke Hand auf den Rücken
gelegt und mit der rechten auf die Tür zeigend mitten im Zimmer Ein Paar
sprühende dunkle Augen begegneten ihrem Blicke den sie tief betroffen abwandte
indem sie schnell nach dem Vestibül und hinaus in den Garten eilte  Ihr war
als verfolge sie dieser Blick aus dem eine empörte Seele flammte und treibe
sie rastlos weiter
    Als die Familie Ferber beim Abendbrote zusammensass erzählte der Vater
lebhaft angeregt dass er heute im Forstause die Bekanntschaft des Herrn von
Walde gemacht habe
    »Nun und wie hat er dir gefallen« fragte seine Frau
    »Ja das ist eine Frage liebes Kind die ich dir vielleicht erst in einem
Jahre beantworten könnte vorausgesetzt dass ich täglich Gelegenheit hätte mit
dem Gutsherrn zu verkehren und da fragt es sich noch sehr ob ich wirklich im
stande sein würde ein Endurteil zusammenzufassen  Mir ist der Mann dadurch
interessant geworden dass man fortwährend angeregt wird darüber nachzudenken
ob er das wirklich ist was er scheint nämlich eine völlig kalte
leidenschaftslose Natur  Er kam zu meinem Bruder um näheres über den Vorfall
zwischen seinem Verwalter und der armen Taglöhnerswitwe zu hören weil man ihm
irrigerweise gesagt hatte dass Sabine die Misshandlung selbst mit angesehen
hätte Sie wurde hereingerufen und musste erzählen wie sie die Schneider
gefunden habe Er fragte nach dem kleinsten Umstande aber immer kurz bestimmt
Welchen Eindruck Sabines Bericht ihm machte darüber blieb man völlig im
Dunkeln so undurchdringlich war sein Blick nicht die leiseste Bewegung in
seinen Zügen verriet die Richtung seiner Gedanken  Er kommt direkt aus
Spanien Aus den wenigen Äußerungen zu denen er sich herabliess konnte man
entnehmen dass ihm brieflich durch irgend einen Freund das Unwesen auf seinem
Gute mitgeteilt worden war worauf er sofort die Rückreise nach Thüringen
angetreten hatte«
    »Und seine äußere Erscheinung« fragte Frau Ferber
    »Gefällt mir obgleich mir so viel Zurückweisung und Unnahbarkeit in Haltung
und Bewegung fast noch nie bei einem Menschen vorgekommen ist Ich begreife
vollkommen dass man ihn für unbegrenzt hochmütig hält und doch kann ich mir
anderseits wieder nicht einreden dass hinter den merkwürdig geistvollen
Gesichtszügen ein so törichter Wahn Grund und boden habe Sein Gesicht hat
stets den Ausdruck kalter Ruhe dessen ich gedachte nur zwischen den
Augenbrauen liegt ein ich möchte sagen unbewachter Zug der flüchtige
Beobachter würde ihn höchst wahrscheinlich finster nennen ich aber finde ihn
melancholisch schwermütig«
    Elisabet hörte dieser Schilderung nachdenklich zu Sie hatte bereits die
Erfahrung gemacht dass jene kalte Ruhe auf Momente bedeutend aus dem Geleise
weichen konnte und erzählte dem Vater die Szene deren Zeugin sie gewesen war
    »Nun da ist ja das Strafgericht schneller hereingebrochen als sich denken
ließ« sagte Ferber »Möglich dass der Onkel mit seinen Äußerungen auch das
Seinige dazu beigetragen hat  der kennt keine Rücksicht sobald er um sein
Urteil befragt wird Er hat dem Schlossherrn so reinen Wein eingeschenkt dass
auch nicht ein Jota von dem auf seinem Herzen blieb was ihn im Verlaufe eines
Jahres ergrimmt hat«
 
                                       10
Kaum eine Woche war seit jenem Abende vergangen Diese wenigen Tage aber hatten
einen gewaltigen Umschwung im Lindhofer Schloss hervorgebracht wie man hörte
Der entlassene Verwalter war bereits durch einen neuen ersetzt dem jedoch sehr
enge Grenzen gesteckt waren indem der Gutsherr sich selbst die Oberaufsicht
vorbehielt Einige Taglöhner die man eigenmächtig verabschiedet hatte weil sie
dem Ortsgeistlichen anhingen und der Bibelstunde im Schloss einigemal untreu
geworden waren der dringenden Arbeit wegen oder auch weil sie vom Kandidaten
Möhring das Wort Gottes nicht hören wollten arbeiteten wieder nach wie vor auf
dem Gute Gestern als am Sonntage hatte Herr von Walde in Begleitung der
Baronin Lessen und der kleinen Bella dem Gottesdienste in der Dorfkirche zu
Lindhof beigewohnt Herr Kandidat Möhring war zum Erstaunen der Gemeinde als
Zuhörer neben der Orgel erschienen  und mittags hatte der würdige Dorfpfarrer
im Herrschaftshause gespeist  Doktor Fels kam jeden Tag nach Lindhof denn
Fräulein von Walde war krank Das war jedenfalls der Grund weshalb Elisabet
bisher keine Aufforderung erhalten hatte wieder zur Stunde zu kommen und auch
die Ursache, meinte der Oberförster dass die Baronin Lessen der Verbannung nach
Sibirien entgangen sei »denn« sagte er »Herr von Walde wird kein solcher
Barbar sein die kranke Schwester noch kränker zu machen indem er ihr den
liebsten Umgang raubt und wenn das auch nicht gerade die Baronin ist so hören
doch mit ihrer Entfernung selbstverständlich auch die öfteren und langen Besuche
ihres Sohnes auf« Das war boshaft »aber unumstösslich richtig kalkuliert« wie
er hinzufügte
    Im Dorfe wusste man dass es auf dem Gute furchtbare Stürme gegeben hatte bis
die Luft rein geworden war Herr von Walde hatte die drei ersten Tage nach
seiner Ankunft allein auf seinem Zimmer gegessen und sämtliche Briefchen der
Baronin mit denen die alte Kammerfrau zu allen Tageszeiten vor seiner Tür
gesehen worden war zurückgewiesen bis endlich das heftige Unwohlsein seiner
Schwester ihn mit der Kousine im Krankenzimmer zusammengeführt hatte Seit jenem
Tage war der Verkehr scheinbar wieder im Geleise wenn auch die Bedienten
erzählten dass bei Tische fast kein Wort gesprochen werde Herr von Hollfeld war
auch einmal herübergekommen um den Heimgekehrten zu begrüßen man wollte aber
bemerkt haben dass er nach sehr kurzem Aufenthalte mit einem bedenklich langen
Gesichte wieder heimgeritten war
    An einem trüben regnerischen Augusttage war Elisabet von Fräulein von
Walde ersucht worden doch auf eine halbe Stunde ins Schloss zu kommen Die Dame
war nicht allein als das junge Mädchen eintrat Im Fenster saß Herr von Walde
Die hohe Gestalt in einem Fauteuil zurückgelehnt berührte sein Kopf leicht die
hellbekleidete Wand wodurch das dunkle Braun seines Haares auffallend
hervortrat Seine Rechte hing die Zigarre zwischen den Fingern haltend
nachlässig vom Fenstersimse herab während er die Linke gehoben hielt als habe
er soeben gesprochen Seine Nachbarin die Baronin Lessen hielt den Oberkörper
vorwärts gebeugt und schien seinen Worten mit einem äußerst verbindlichen
Lächeln zu lauschen obgleich die Rede augenscheinlich nicht an sie selbst
sondern an Helene gerichtet war sie saß ihm ziemlich nahe und hatte eine
Häkelarbeit in der Hand im ganzen sah die Gruppe sehr friedfertig aus Auf
einer Chaiselongue lag Fräulein von Walde Ein weiter Schlafrock umhüllte die
kleine Gestalt und die schönen braunen Locken waren unter ein Morgenhäubchen
gesteckt dessen Rosabänder die krankhafte Blässe ihres Gesichtes noch mehr
hervorhoben Auf ihrem ausgestreckten Finger saß der Kakadu sie hielt ihn von
Zeit zu Zeit liebkosend an ihre Wange Das »abscheuliche Tier« hieß jetzt
Liebchen durfte schreien soviel es wollte und wurde höchstens durch ein
mitleidiges »Was ärgert denn mein Herzchen« zu beschwichtigen gesucht  also
auch hier Versöhnung und vollkommener Friede
    Bei Elisabeths Eintreten winkte Helene ihr freundlich mit der Hand entgegen
es entging jedoch dem jungen Mädchen nicht dass sie mit einer leichten
Verlegenheit zu kämpfen hatte
    »Lieber Rudolf« sagte sie indem sie Elisabet bei der Hand nahm »du
siehst hier die liebenswürdige Künstlerin der ich manche genussreiche Stunde
verdanke  Fräulein Ferber  von ihrem Onkel und bereits auch in der Umgegend
Goldelschen genannt  spielt so hinreißend dass ich sie bitten will uns heute
den trüben grauen Himmel vergessen zu machen Sie sehen liebes Kind« wandte
sie sich an Elisabet »dass ich noch unfähig bin Ihnen am Klavier Gesellschaft
zu leisten wollen Sie die Freundlichkeit haben etwas allein zu spielen«
    »Von Herzen gern« erwiderte Elisabet »aber ich werde sehr ängstlich sein
denn Sie haben mir selbst zwei unbesiegbare Mächte entgegengestellt die Wolken
da draußen und das günstige Vorurteil das Sie soeben für mein Spiel geweckt
haben«
    »Darf ich mich jetzt auf eine Stunde beurlauben« fragte die Baronin indem
sie ihre Arbeit zusammenlegte und sich erhob »Ich möchte mit Bella ein wenig
ausfahren das arme Ding ist so lange nicht an die Luft gekommen«
    »Nun ich meine die kann sie stets aus der ersten Hand haben wenn sie sich
die Mühe nimmt den Kopf zum Fenster hinauszustrecken« sagte Herr von Walde
trocken während er die Asche von seiner Zigarre abstrich
    »Mein Gott ist es dir unangenehm Rudolph wenn ich fahre  Ich bleibe
auf der Stelle zu Hause wenn «
    »Ich wüsste in der Tat nicht weshalb ich dich abhalten sollte Fahre so oft
und so viel es dir beliebt« war die gleichmütige Antwort
    Die Baronin presste die Lippen zusammen und wandte sich zu Helene »Also
bleibt es dabei dass der Kaffee auf meinem Zimmer getrunken wird  Sehr lange
bleibe ich doch nicht draußen des Sprühregens halber ich bin pünktlich in
einer Stunde zurück und werde es mir nicht nehmen lassen dich liebste Helene
selbst in mein Zimmer zu fahren«
    »Das wirst du dir doch wohl nehmen lassen müssen« sagte Herr von Walde »Es
ist mein Amt seit vielen Jahren und ich will nicht hoffen dass meine Schwester
glaubt ich sei während meiner Abwesenheit zu ungeschickt geworden«
    »Gewiss nicht lieber Rudolf  ich bin dir sehr dankbar wenn du so
freundlich sein willst« rief lebhaft Helene während ihr Blick ängstlich
zwischen den beiden hin und her flog Die Baronin hatte jedoch ihren Ärger
bereits tapfer niedergekämpft Mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen
reichte sie Herrn von Walde die Hand küsste Helene auf die Wange und rauschte
mit einem »Nun denn auf Wiedersehen« zur Tür hinaus
    Während dieser kurzen Verhandlung beobachtete Elisabet die Gesichtszüge des
Mannes dessen Blick und Stimme ihr neulich einen so tiefen Eindruck gemacht 
Hatte sich doch der Schrecken  denn das war ohne Zweifel einzig und allein jene
mächtig angeregte Empfindung gewesen  soeben wiederholt als sie in die Tür
tretend Herrn von Walde unerwartet sich gegenübersah  Wie ruhig blickte
heute sein Auge aus welchem damals Funken zu sprühen schienen ja es wurde
sogar eisig kalt als es auf dem Gesichte der Baronin haftete Die obere Partie
seines Kopfes die ohnehin in ihren Linien etwas ungemein Strenges hatte
erschien durch diesen Ausdruck der Augen geradezu eisern Ein schöngepflegter
kastanienbrauner Bart umgab Lippen und Wangen und floss in weichen Wellen vom
Kinne herab auf die Brust  Herr von Walde sah nicht jung aus und wenn auch
seine schlanke Gestalt viel Elastizität bewahrt hatte so gaben doch die
unbeschreibliche Beherrschung und Ruhe in Haltung und Gebärden seinem ganzen
Auftreten jene Respekt einflössende Würde wie sie nur dem reiferen Manne eigen
sein kann
    Als die Baronin das Zimmer verlassen hatte öffnete Elisabet den Flügel
    »Nein nein keine Noten« rief Helene hinüber als sie sah dass das Mädchen
unter den Musikalien suchte und wählte »Wir wollen Ihre eigenen Gedanken hören
bitte spielen Sie aus dem Stegreife«
    Elisabet setzte sich ohne Zögern nieder Bald hatte sie in der Tat die
Außenwelt vergessen Ein Melodienreichtum quoll in ihr auf der ihre Seele hoch
emportrug In solchen Momenten empfand sie stets beseligt dass sie vor Tausenden
anderer Sterblicher begnadigt sei denn sie hatte die Macht der leisesten
Regung ihres Herzens Ausdruck verleihen zu können Die Klarheit ihrer ganzen
inneren Welt spiegelte sich in den Klängen wieder nie noch hatte sie nach der
verkörpernden Melodie ihre Empfindung suchen müssen sie lag fertig in ihrem
Innern wie das Gefühl selbst  Heute aber mischte sich etwas in die Töne was
sie nicht begreifen konnte es hatte durchaus keine eigene Stimme sie hätte es
um keinen Preis verfolgen und erfassen können denn es flog nur wie ein neuer
unbekannter Hauch über die Tonwellen Es war ihr als wandelten Schmerz und
Freude nicht mehr nebeneinander sondern flössen in eins zusammen  Dies
Suchen nach dem Wesen jenes unfassbaren Klanges ließ sie aber immer tiefer in
ihre Gefühlswelt hinabsteigen Das ganze süße Geheimnis einer reinen keuschen
Mädchenseele entfaltete sich allmählich vor den Zuhörern sie blickten in einen
Wunderbrunnen aus dessen Tiefe die äußere Erscheinung des jungen Mädchens
doppelt verklärt wieder auftauchte denn es war ja eine unlösbare Harmonie in
ihrem äußeren und inneren Menschen
    Der letzte leise Akkord war verklungen An Helenes Wimpern hingen zwei
schwere Tränen die Blässe ihres Gesichts war fast geisterhaft geworden Sie
blickte nach ihrem Bruder aber er hatte das Gesicht abgewendet und sah hinaus
in den Garten Als er sich endlich umdrehte waren seine Züge ruhig wie immer
nur eine leichte Röte färbte seine Stirn die Zigarre war seinen Fingern
entglitten und lag auf dem Boden Er sagte Elisabet die sich inzwischen
erhoben hatte nicht ein Wort über ihr Spiel Helene der das Schweigen sichtbar
peinlich wurde erschöpfte sich in Lobeserhebungen um dem jungen Mädchen die
Kälte und Indolenz ihres Bruders vergessen oder wenigstens weniger fühlbar zu
machen
    »War das wieder einmal genial« rief sie »Die Leute in B hatten sicher
keine Ahnung von dem goldenen Liederquell in Elschens Brust sonst hätten sie
wohl das liebe Mädchen nicht in die Thüringer Wälder auswandern lassen«
    »Sie haben bis jetzt in B gelebt« fragte Herr von Walde das Auge auf
Elisabet richtend sie sah einen Augenblick hinein das Eis war geschmolzen
ein seltsamer Schimmer tauchte dafür auf
    »Ja« antwortete sie einfach
    »Aus einer großen schönen Stadt die alle erdenklichen Genüsse und
Annehmlichkeiten bietet plötzlich in den stillen Wald auf einen einsamen Berg
versetzt zu werden das ist ein unliebsamer Tausch  Sie waren natürlich
trostlos über diese Veränderung«
    »Ich betrachtete sie als ein unverdientes Glück« war die unbefangene
Antwort
    »Wie  Sonderbar  Ich meine man greift nicht nach der Distel wenn
man die Rose haben kann«
    »Über Ihre Meinungen habe ich begreiflicherweise kein Urteil«
    »Ganz recht weil Sie mich nicht kennen  jene Ansicht ist jedoch eine
ganz allgemeine«
    »In ihrer Anwendung ist sie einseitig«
    »Nun denn ich will Ihre Geschmacksrichtung mit der Sie unter Ihren
Altersgenossinnen wohl schwerlich eine gleichgesinnte Seele finden dürften
nicht weiter anfechten  In Ihrem Interesse will ich jedoch glauben dass es
Ihnen nicht ebenso leicht geworden ist Ihre Freunde zu verlassen«
    »Sehr leicht sogar denn  ich hatte keine«
    »Ist das möglich« rief Fräulein von Walde »Sie hatten mit niemand
Verkehr«
    »O ja aber das waren Leute die mich bezahlten«
    »Sie gaben Unterricht« fragte Herr von Walde
    »Ja«
    »Aber hatten Sie nie das Bedürfnis eine Freundin zu besitzen« rief Helene
lebhaft
    »Niemals denn ich habe eine Mutter« erwiderte Elisabet mit einem Tone
tiefen Gefühls
    »Glückliches Kind« murmelte jene und senkte den Kopf
    Elisabet fühlte dass sie hier eine wunde Stelle in Helenes Herzen berührt
hatte Es tat ihr leid und sie wünschte lebhaft den Eindruck zu verwischen
Herr von Walde schien diese Gedanken auf ihrem Gesicht zu lesen denn ohne auf
Helenes Verstimmung zu achten frug er »Und war es der Thüringer Wald ganz
besonders wo Sie zu leben wünschten«
    »Ja«
    »Und warum«
    »Weil mir schon in meiner frühesten Kindheit erzählt wurde dass wir aus den
Thüringer Bergen stammen«
    »Ah aus dem Geschlechte der Gnadewitze«
    »So hieß früher meine Mutter  ich bin eine Ferber« antwortete Elisabet
bestimmt
    »Sie sagen das mit einem solchen Nachdrucke als ob Sie Gott dankten dass
Sie jenen Namen nicht zu führen brauchen«
    »Ich bin auch froh darüber«
    »Hm  er hat seiner Zeit bedeutenden Klang gehabt«
    »Aber keinen reinen«
    »Ei was wollen Sie  An allen Höfen hat er so gut gegolten wie
unverfälschtes Gold denn er war sehr alt und vorzüglich die letzten seiner
Träger sind deshalb stets mit den höchsten Würden überhäuft worden«
    »Verzeihen Sie aber dafür habe ich ganz und gar kein Verständnis dass «
Sie hielt errötend inne
    »Nun  Sie haben den Satz angefangen und ich bestehe darauf auch sein
Ende wissen zu wollen«
    »Nun dass Sünden belohnt werden weil sie alt sind« erwiderte sie zögernd
    »Gemach man sagt von mehreren Ahnen der Gnadewitze dass sie sich tapfer und
brav gezeigt haben«
    »Das mag sein aber es liegt auch ein Unrecht in dem Gedanken dass dies
Verdienst noch nach Jahrhunderten ausgebeutet werden darf von solchen die nicht
brav und tapfer sind«
    »Sollen große Taten nicht fortwirken«
    »Gewiss aber wenn wir es verschmähen ihnen nachzueifern dann sind wir auch
nicht würdig ihre guten Folgen zu genießen« gab Elisabet mit Entschiedenheit
zur Antwort
    Ein Wagen rollte donnernd in die Einfahrt Herr von Walde runzelte die Stirn
und strich mit der Hand über die Augen als sei er unsanft aus einem Traume
geweckt worden Gleich darauf öffnete sich die Tür und die Baronin trat ein
Sie hatte gleich Bella die heute mit dem Anstande einer erwachsenen jungen Dame
neben der Mama herschritt Hut und Mantille noch nicht abgelegt
    »Da wären wir glücklich wieder Ist das eine abscheuliche Luft heute Ich
habe es tausendmal bereut mich hinaus gewagt zu haben und werde wahrscheinlich
für meine mütterliche Fürsorge mit einem tüchtigen Schnupfen büßen müssen 
Bella möchte gern selbst sehen wie es dir geht liebe Helene ich habe mir
deshalb erlaubt sie mit herein zu nehmen«
    Die Kleine ging geraden Schrittes auf das Ruhebett los Sie schien Elisabet
nicht zu bemerken die dicht daneben saß und streifte sie so hart als sie sich
bückte um Helenes Hand zu küssen dass ein Knopf ihres Mantels die leichte
Garnierung an Elisabeths Kleid fasste und zerriss Bella hob den Kopf und schielte
seitwärts auf den Schaden den sie angerichtet dann drehte sie sich um und ging
hinüber zu Herrn von Walde um ihm die Hand zu geben »Nun« sagte dieser indem
er seine Hand zurückzog »hast du keine Entschuldigung für deine
Ungeschicklichkeit«
    Sie erwiderte kein Wort und retirierte neben die Mama auf deren Wangen die
zwei verhängnisvollen roten Flecken erschienen Der Blick den sie Elisabet
zuwarf zeigte indes dass ihr Unwille nicht dem ungezogenen Töchterchen galt
    »Nun Kind kannst du nicht reden« fragte Herr von Walde nochmals indem er
sich erhob
    »Fräulein Ferber saß aber auch so nahe« entschuldigte die Baronin an Stelle
der hartnäckig schweigenden Bella
    »In der Tat ich hätte fortrücken sollen  Das Unglück ist ja auch gar
nicht so groß« sagte Elisabet ängstlich und griff mit einem anmutigen Lächeln
nach Bellas Hand Die Kleine aber tat als sähe sie diese Bewegung nicht und
steckte beide Hände unter den Mantel
    Ohne ein Wort zu sagen schritt Herr von Walde auf sie zu fasste sie am Arme
und führte sie direkt zur Tür die er öffnete »Du gehst jetzt augenblicklich
hinüber in dein Zimmer« gebot er »und kommst mir nicht eher wieder vor die
Augen als bis ich es wünsche«
    Die Baronin war innerlich außer sich Ihre Züge arbeiteten einen Augenblick
heftig aber was konnte sie tun Sie hatte keinerlei Waffen gegen die
Gewalttätigkeit und Barbarei dieses Mannes der hier Gebieter war und jetzt mit
einer so empörenden Ruhe seinen Platz wieder einnahm als sei er sich der
Grausamkeit seiner Handlungsweise nicht im entferntesten bewusst Endlich siegte
die Klugheit der Dame
    »Ich hoffe lieber Rudolf« sagte sie ihre Stimme bebte ein wenig »du
wirst Bella die kleine Unart nicht nachtragen  Ich bitte dich nimm ein wenig
Rücksicht ihre Gouvernante ist gar zu tölpelhaft«
    »Miss Mertens  Nun der mag es bei ihrer angeborenen Sanftmut und ihrem
feinen Takte unsägliche Überwindung kosten Bella so zu erziehen wie sie sich
eben gezeigt hat«
    Über die Stirn der Baronin flammte es abermals dunkelrot Aber sie bezwang
sich »Mein Gott« rief sie um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben »da
habe ich über der dummen Geschichte ganz und gar vergessen zu sagen dass Emil
von Odenberg herübergekommen ist Er war zu Pferde ist sehr nass geworden und
wechselt gegenwärtig seinen Anzug  Darf er seine Aufwartung machen«
    Eine hohe Glut flog über Helenes Wangen und aus ihren Augen brach ein
leuchtender Strahl des Glückes Allein sie sprach kein Wort sondern senkte das
Gesicht tief herab um die Zeichen ihrer inneren Erregung zu verbergen
    »Gewiss« erwiderte Herr von Walde »Beabsichtigt er länger hier zu
bleiben«
    »Einige Tage wenn du es erlaubst«
    »Ganz recht  Nun wir werden ihn ja bei dir sehen wenn wir zum Kaffee
kommen«
    »Er wird sehr glücklich sein  Wenn es übrigens gefällig ist so kann die
Übersiedelung sogleich vor sich gehen denn meine Kammerfrau meldete mir als
ich aus dem Wagen stieg dass alles zum Empfange meiner lieben Gäste bereit sei«
    Hier erhob sich Elisabet und rüstete sich zum Fortgehen Herr von Walde
richtete einen fragenden Blick auf die Baronin Ohne Zweifel erwartete er dass
sie das junge Mädchen auffordern würde mitzukommen die Dame fand jedoch in
diesem Augenblicke dass der Gärtner den Blumentisch im Fenster doch zu reizend
arrangiert habe und vertiefte sich förmlich im Anschauen einer Gruppe Azaleen
wobei sie dem jungen Mädchen den Rücken zukehrte
    Elisabet verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung nachdem ihr
Helene mit unsicherer Stimme aber in herzlicher Weise gedankt hatte Draußen im
Korridor kam ihr Herr von Hollfeld entgegen Bei ihrem Anblicke verdoppelte er
seine Schritte zugleich fuhr sein Blick wie ein Blitz nach allen Seiten hin
als wolle er sich versichern dass kein Lauscher in der Nähe sei Ehe sie sich
dessen versah hatte er Elisabeths Hand erfasst drückte einen glühenden Kuss auf
dieselbe und flüsterte »Wie glücklich bin ich Sie wiederzusehen«
    Elisabeths Betroffenheit war so groß dass sie im ersten Augenblicke keine
Worte finden konnte Sie zog aber schnell als sei sie gestochen worden ihre
Hand zurück und er schien sehr einverstanden damit zu sein denn Helenes Zimmer
wurde in diesem Augenblicke geöffnet und Herr von Walde trat heraus Hollfeld
nahm als sähe er erst in diesem Augenblicke Elisabet den Hut leicht vor ihr
ab wobei seine Züge wieder einen völlig fremden Ausdruck hatten und ging
seinem Verwandten entgegen
    Elisabet war außer sich über diese Komödie Zuerst die empörende
Vertraulichkeit die ihr das Blut wallen machte vor Entrüstung und dann die
Verleugnung derselben vor dritten Personen Ihr Mädchenstolz war tief verwundet
Sie schalt sich ihn nicht auf der Stelle hart angelassen und seine Dreistigkeit
gerügt zu haben Eine helle Röte stieg ihr in das Gesicht aus Scham darüber dass
ein Mann in der Weise sie berührt hatte  es war ihr als brenne die Stelle
noch auf der die heißen Lippen geruht sie ließ eilends den Strahl einer
Fontaine im Parke über ihre Hand sprühen um den vermeintlichen Fleck
wegzuspülen
    In großer Aufregung kam sie nach Hause und klagte der Mutter unter Tränen
des Unwillens die ihr widerfahrene Beleidigung Frau Ferber war sehr verständig
und besaß einen ruhigen klaren Blick Sie erkannte sofort aus Elisabeths
Entrüstung dass hier nicht die mindeste Gefahr für das Herz ihres Kindes zu
befürchten sei und war beruhigt Äußere Anfechtung ließ sich abwehren nicht
aber der Jammer den eine unglückliche Neigung heraufbeschwört
    »Du weißt nun wes Geistes Kind Herr von Hollfeld ist« sagte sie »Es wird
dir durchaus nicht schwer werden jede fernere Begegnung mit ihm streng zu
vermeiden und wenn er trotzdem abermals zudringlich werden sollte ihn
gebührend in die Schranken zurückzuweisen  Sein Benehmen zeugt von
aristokratischem Dünkel und Feigheit zwei Eigenschaften die ihn höchst
wahrscheinlich nicht weiter vorgehen lassen werden wenn er sieht dass du seine
Huldigungen verschmähst  Auf alle Fälle aber mache dich mit dem Gedanken
vertraut dass dir mit dieser Zurückweisung ein Feind erwächst der später
möglicherweise deine Beziehungen zu Fräulein von Walde lösen wird  Das kann
dich selbstverständlich nicht einen Augenblick im unklaren lassen wie du dich
zu verhalten hast Gehe also ruhig und besonnen deinen Weg weiter  Vorläufig
rate ich dir noch nicht deine Besuche im Schloss Lindhof einzustellen«
    »O behüte  Das werde ich auch ganz und gar nicht« rief Elisabet
lebhaft »Was würde der Onkel dazu sagen wenn das Küchlein in der Tat eilig
und verscheucht unter die Flügel des Daheim kröche« fügte sie unter Tränen
lächelnd hinzu »Es wäre doch schlimm wenn ich von all der Stärke deren ich
mich gerühmt nicht einmal so viel besäße um einen zudringlichen Menschen in
der Weise abzufertigen dass ihm die Wiederholung des aufgedrungenen Handkusses
für alle Zeit vergeht«
    Sie dachte an ihr heutiges Gespräch mit Herrn von Walde und fand zu ihrer
großen Beruhigung dass sie doch eigentlich sehr tapfer sei denn diesen
durchdringenden Augen dieser strengen Stirn gegenüber war es wahrhaftig nicht
so leicht gewesen eine Überzeugung auszusprechen die kecklich an dem stolzen
Gebäude seines Ahnenhochmutes zu rütteln wagte Sie hatte jeden Augenblick
erwartet sein Blick werde sich wieder zu Eis panzern wie im Gespräch mit der
Baronin allein der eigentümliche Glanz und Ausdruck der ihr sogleich
aufgefallen war als sie ihm gegenüber Platz genommen war nicht gewichen ja
einigemal hatte es ihr sogar geschienen als ob sich die Lippen unter dem Barte
zu einem leisen kaum bemerkbaren Lächeln verzögen  »Vielleicht hat er sich
heute in der Rolle des Löwen der Maus gegenüber gefallen Er hatte großmütig
geduldet dass ein kleines Mädchen seine naiven Ansichten zu seinen Füßen
auskrame dort blieben sie freilich liegen denn sich danach zu bücken das war
einem hochadligen Rücken nicht zuzumuten  aber sie hatten ihn doch einen
Augenblick amüsiert als ein Beweis dass das Sprüchlein vom Hündlein welches den
Mond anbellt sich bewahrheite«  Sie sagte sich dies eindringlich um ihrem
ungetreuen Gedächtnisse die allgemein feststehende Ansicht von seinem
unbegrenzten Hochmute aufs neue fest einzuprägen
    Sie wusste selbst nicht wie ihr der Gedanke kam aber sie war sich plötzlich
bewusst dass sie unter dem Hochmute des Herrn von Walde unsäglich leiden müsste
wenn er denselben ihr gegenüber geltend machen würde deshalb musste sie doppelt
auf ihrer Hut sein um sich durch die Formen der allgemeinen Höflichkeit nicht
irreführen zu lassen Dass er diese achte und konsequent zur Geltung zu bringen
suche davon hatte sie schon am nächsten Tage den schlagendsten Beweis
 
                                       11
Sie war nämlich nachmittags eben im Begriffe mit dem Nähkorbe in den Garten zu
gehen als am Mauerpförtchen geläutet wurde
    Im Hinblicke auf die gestrige Szene war ihre Verwunderung wohl sehr
begründet als sie beim Oeffnen der Tür Bella vor sich sah Hinter der Kleinen
standen Miss Mertens und der Herr mit dem sie neulich abends die Begegnung
gehabt hatte Bella reichte ihr beim Eintritte sogleich die Hand machte aber
ein scheues verlegenes Gesicht und sagte kein Wort Elisabet erriet jetzt sehr
erstaunt den Grund ihres Kommens und suchte ihr über das Peinliche der
Situation hinwegzuhelfen indem sie ihre Freude aussprach die Kleine in ihrem
Heim begrüßen zu können und sie aufforderte mit in den Garten zu kommen
Allein Miss Mertens trat vor
    »Machen Sie es Bella nicht so leicht Fräulein Ferber« sagte sie »Es ist
ihr ausdrücklich anbefohlen worden Ihnen der gestrigen Unart wegen Abbitte zu
tun  ich muss darauf bestehen dass sie spricht«
    Diese mit großer Bestimmtheit gesprochenen Worte mehr aber vielleicht noch
das schützende Dunkel der Halle in welche sie an Elisabeths Hand eingetreten
war lösten endlich Bellas Zunge Sie bat leise um Verzeihung und versicherte
nie wieder unartig sein zu wollen
    »Na das wäre ja glücklich überstanden« rief der Herr indem er sich an Miss
Mertens Seite stellte und nun Elisabet schelmisch lächelnd eine tiefe
Verbeugung machte
    »Es mag Ihnen vielleicht sehr ungewöhnlich erscheinen« begann er »dass ich
als nicht dazu gehörig mich dieser Deputation in Sühne und Ausgleichungssachen
anschliesse allein ich bin der Ansicht bei einem Akte der Versöhnung sei man
meist geneigt ein Auge zuzudrücken und dies scheint mir ganz der geeignete
Moment für einen Fremdling sich einzuschmuggeln  Ich heiße Ernst Reinhard
bin Reisebegleiter und Sekretär des Herrn von Walde und kenne seit acht Tagen
kein sehnlicheres Verlangen als die interessante Familie im Schloss Gnadeck
kennen zu lernen«
    Elisabet reichte ihm freundlich die Hand »Die alten Mauern haben bereits
die Untaten des Raubrittertums mit angesehen« entgegnete sie »wir haben
deshalb ganz und gar keine Ursache die Schmuggelei zu verurteilen  Sie
werden meinen Eltern gewiss willkommen sein«
    Sie schritt voran und stieß die hohe Eichentür auf die nach dem Garten
führte
    Die Eltern und der Onkel die mit dem kleinen Ernst unter den Linden saßen
erhoben sich beim Erblicken der Eintretenden und gingen ihnen entgegen
Elisabet stellte gegenseitig vor und verschwand dann wieder im Hause um auf
den Wink der Mutter einige Erfrischungen für die Gäste zu besorgen Als sie
zurückkam hatte Bella bereits Mantille und Sonnenschirm abgelegt Sie saß mit
strahlendem Gesichte auf einer Schaukel die der Vater zwischen zwei Bäumen
aufgehangen hatte Ernst schaukelte sie und schien nicht wenig stolz auf seine
neue Spielgefährtin zu sein
    »Wahrhaftig« sagte Reinhard indem er auf Bella zeigte die eben jubelnd
hoch durch die Lüfte flog »wer die Kleine heute morgen gesehen hat mit welch
unkindlicher Haltung sie in Herrn von Waldes Zimmer trat ihn um Verzeihung zu
bitten wegen der gestrigen Ungezogenheit und wie sie zornig und trotzig zu ihm
aufsah als er ihr erklärte dass er sie nicht eher wiedersehen wolle als bis
sie Fräulein Ferber persönlich um Verzeihung gebeten habe«  hier wurde
Elisabet purpurrot und beschäftigte sich eilends und angelegentlichst mit zwei
großen Honigbroten die sie für Bella und Ernst strich  »der erkennt sie
schwerlich wieder dort in dem kleinen Dinge das die ganze harmlose
Kinderfröhlichkeit im Gesichte trägt«
    Es war eine genussreiche Stunde die nun folgte Miss Mertens zeigte sich als
sehr unterrichtet und gebildet und Reinhard erzählte in höchst anziehender
Weise von seinen Reisen und Forschungen
    »An die Heimkehr wäre wahrscheinlicherweise noch sehr lange nicht gedacht
worden« schloss er eine interessante Reihenfolge von Mitteilungen über Spanien
»allein verschiedene sehr ungünstige Nachrichten aus Thüringen die nacheinander
einliefen bewogen Herrn von Walde einen Riss durch einen kaum entworfenen neuen
Reiseplan zu machen  Dem Herrschsüchtigen passiert es eben manchmal dass ihn
die Begier blind macht  der unvorsichtig ausgesprochene Wunsch aus zarter
weiblicher Feder Herr von Walde möge doch den guten aber nun altersschwachen
Ortsgeistlichen in Lindhof pensionieren weil er stumpf und nicht mehr fähig
sei die Gemüter zu erbauen setzte jenen unliebsamen Nachrichten die Krone auf
und war die Veranlassung dass sofort die Rückreise angetreten wurde  Als wir
spät abends in der Nähe von Lindhof Wagen und Chaussee verlassend das letzte
Stückchen Weg durch den Wald zu Fuße zurücklegten stießen wir noch auf ein
allerliebstes Abenteuer  Merkwürdig sehen Sie doch Reinhard für was halten
Sie den Schimmer da droben auf dem alten Gnadeck fragte Herr von Walde Für ein
Licht war meine Antwort Das müssen wir näher untersuchen meinte er und stieg
aufwärts Der Punkt wurde immer größer und ergab sich zuletzt zu unserm
Erstaunen als zwei hohe hellerleuchtete Fenster  Da trippelt es hinter uns
leicht den Berg herauf es flattert weiß durch die Büsche und plötzlich schwebt
ein Etwas auf die mondbeglänzte Lichtung das ich für ein höheres Wesen halte
 Ich bin der Beherztere trete näher immer fürchtend die Lichtgestalt werde
vor dem Hauche meines Mundes zerfließen  wehe da öffnen sich die Lippen und
erzählen von zwei gutgearteten Ziegen und einem allerliebsten Kanarienvogel«
    Ein allgemeines Gelächter folgte dieser Schilderung
    »Als wir den Berg wieder hinabstiegen« fuhr Reinhard fort »sprach mein
Herr keine Silbe allein gewisse Anzeichen lassen mich fürchten dass ich damals
nicht von Ihnen allein ausgelacht worden bin  Es wäre wahrlich nicht vom
Übel gewesen wenn Sie uns als gute Fee begleitet hätten aber aller
Mondesglanz alle Lieblichkeit blieben droben auf dem Bergrücken während wir
hinunter in den dunklen Talschoss wandern mussten wo eine dumpfe Schwüle
brütete und wo uns niemand nicht einmal ein erwachendes Lüftchen ein
Willkommen in der Heimat entgegentrug  Im Schloss Lindhof flogen zahllose
Lichter eilig wie Irrwische an den Fenstern vorüber Der Wagen mit dem Gepäck
war vor uns eingetroffen und musste mit seinem Rädergerolle ähnliche Wirkung
hervorgebracht haben wie man dem Donner beim jüngsten Gerichte dereinst
zuschreibt denn es herrschte eine solche Aufregung in dem Hause als wir
eintraten dass ich am liebsten meine Schritte wieder hinweggelenkt und mein
müdes Haupt unter den ersten besten stilldunklen Busch gebettet hätte  Der
einzige der inmitten des aufgescheuchten Ameisenschwarmes einen
bewunderungswürdigen Gleichmut zur Schau trug war Herr Kandidat Möhring Er
hatte sich schleunigst in eine weiße Halsbinde geworfen und empfing den Herrn
des Hauses mit einer salbungsvollen wohlgesetzten Rede am Fuße der Treppe«
    »Das Regiment dieses gestrengen Herrn ist wohl jetzt zu Ende« fragte der
Oberförster
    »Jawohl  Gott sei Dank« entgegnete Miss Mertens »Er wird in der Kürze
Lindhof ganz und gar verlassen  die Frau Baronin Lessen hat ihm durch ihren
Einfluss eine gute Predigerstelle verschafft  Er konnte es nicht ertragen so
plötzlich in das Nichts zurücksinken zu müssen da wo er geherrscht hatte Ich
glaube es ihm denn wie hat er geherrscht  mit der ganzen Verfolgungswut des
Tyrannen der alles unter seine Füße zu bringen sucht  Nicht ein Gedanke
sollte mehr in seinem Bereiche gedacht werden ohne seine Zustimmung und während
er seine Herrin kriechend anlächelte hielt er ihr seine eiserne Faust auf den
Nacken Alle ohne Ausnahme im Hause mussten die Gedanken und Empfindungen
niederschreiben die sie tags über bei ihrer Berufserfüllung gehabt hatten 
Ich sehe noch die armen Hausmädchen denen schon ein kleiner Brief an die
Ihrigen ungleich saurer wurde als ein angestrengter Bügeltag wie sie an den
Winterabenden in der kaltgewordenen Stube saßen und die Feder zwischen
ungelenken todmüden Fingern haltend in ihrem armen Kopfe einige Phrasen mühsam
zusammensuchten Ja wenn der Herr Kandidat so gearbeitet hätte wie ich heute
den ganzen Tag flüsterte dann wohl auch hier und da eine mit scheuer Stimme
aber im tiefsten Grolle da würde ihm das Schreiben wohl vergehen«
    »Ja das will ich auch meinen« rief der Oberförster »Nun sag mir einer
ob das nicht die abscheulichste Menschenschinderei ist die man da unter dem
Deckmantel eines gottgefälligen Strebens getrieben hat«
    »Das Schlimmste dabei ist« sagte Ferber »dass der Mensch wenn er nicht
sittlich hoch steht oder einen ganz besonderen Fond von Gutmütigkeit besitzt
nicht allein seinen Quälern sondern zuletzt auch der Sache grollt um
derentwillen er leiden muss So entfernt er sich innerlich immer weiter vom
Glauben während er nach außen das Gegenteil zeigen muss denn sein
Lebensunterhalt hängt von der Maske ab  das nenne ich Totschlag der
Religiosität im Volke«
    »Na es ist gut dass wenigstens zu uns endlich einer kam der Kraft und
Manneswillen genug hatte zu gebieten Bis hierher und nicht weiter  Tausend
noch einmal das kam dahergebraust wie eine Sündflut« sagte der Oberförster
    »Herr von Walde besitzt aber auch eine Energie eine moralische Kraft wie
selten ein Mensch« erwiderte Miss Mertens lebhaft »Er hat einen verschlossenen
Mund doch einen offenen Blick und vor diesem Blick erschrickt die Angeberei
und Bosheit und Heuchelei verlieren Mut und Larve«
    Mittlerweile hatte Reinhard das Gemäuer des alten verfallenen Schlossflügels
aufmerksam betrachtet der nach Süden hin den Garten begrenzte Es war ein
höchst unregelmässiger Bau Drei ungeheure Spitzbogenfenster von tadelloser Form
erhoben sich ungefähr sechs Fuß über dem Boden und stiegen durch zwei Stockwerke
in die Höhe Dicht neben ihnen trat eine Art Erker weit in den Garten herein und
bildete eine tiefe Ecke eine mächtige Steineiche erhob sich zwischen den zwei
Mauern und streckte einzelne Äste durch die zwei nächsten scheibenlosen
Fenster in den kühlen luftigen Raum hinein der einst die Schlosskapelle
vorgestellt hatte und den man auf eine bedeutende Zuhörerschaft berechnet haben
musste denn er nahm die ganze Tiefe des Flügels in Anspruch Den genannten
Fenstern lagen drei ganz gleiche gegenüber sie waren Sturm und Wetter weniger
preisgegeben und hatten oben in den feingemeisselten Steinrosetten einige bunte
Glasstückchen bewahrt Hinter ihnen erschien der düstere Hof mit seinen
zusammensinkenden gespenstigen Mauern wie ein in Grau gemaltes Bild Die
Gartenseite des Flügels sah buntscheckig genug aus Die schrankenloseste Willkür
hatte Fenster und Zierraten von allen Sorten zusammengewürfelt diesem Äußeren
nach musste das große Gebäude ein wahres Labyrinth von Gemächern Gängen und
Treppen in sich schließen Der Erker war es zumeist der den Bau gefahrdrohend
erscheinen ließ Er neigte sich bedenklich seitwärts und schien auf den Moment
zu lauern wo er das blühende Leben der Eiche unter seinen Steinmassen begraben
würde Er hatte sich übrigens kokett einen lebensfrischen Mantel über seine
gebrechlichen Glieder gebreitet ein undurchdringliches Epheugespinst umwob ihn
vom Boden bis zu dem zerklüfteten Dachstuhle und ließ weder Fenster noch Risse
und Sprünge in dem Mauerwerke sehen Einzelne Ranken waren hinter der Eiche
vorüber geschlüpft sie kletterten an den gelockerten Mauersteinen der
Hauptfronte in die Höhe und umarmten keck die allerorten angebrachten
Steinwappen die grämlich genug unter dem aufgedrungenen Schmucke hervorsahn
    »Ich habe« sagte Ferber »bald nach meiner Hierherkunft gerade diesen
Flügel soweit es möglich zu durchforschen gesucht denn er interessiert mich
seiner eigentümlichen Bauart wegen allein ich kam nicht weiter als in die
Kapelle und auch hier erschien mir das Verweilen gefährlich Sie sehen das
ganze obere Stockwerk ist eingestürzt die Wucht der Trümmer hat den Plafond der
kleinen Kirche tief niedergesenkt so dass man meint er müsse bei der leisesten
Luftschwingung herniederstürzen Der Erker ist erst in den letzten Wochen so
hinfällig geworden und zwar infolge mehrerer Gewitterstürme Er muss entfernt
werden weil uns sonst ein Teil des Gartens unzugänglich bleibt Hätte ich
Arbeiter bekommen können so wäre er schon abgetragen«
    Nach dieser Schilderung verspürte Reinhard wie er sich ausdrückte weiter
keinen Appetit in den Ruinen umherzuwandeln Desto mehr interessierte ihn der
Zwischenbau und auf diese Äußerung hin erhob sich Ferber um seinen Gästen die
Wohnung zu zeigen Zuerst aber wurde der hinter ihnen liegende Damm bestiegen
Ferber war sehr geschickt und tätig er benutzte jede freie Stunde zur
Verschönerung seines neuen Besitztums Die Stufen die auf die Höhe des Dammes
führten hatte er eigenhändig ausgebessert sie hoben sich jetzt weiß und glatt
von der geschorenen Rasendecke ab welche duftig grün die Schrägseite des
Erdaufwurfes bedeckte Droben das ziemlich breite Plateau war mit frischem Kiese
bestreut und in der Mitte desselben dicht an dem Gezweige der Linden die sich
unten über dem Bassin wölbten stand eine Gruppe selbstgezimmerter weißer
Gartenmöbel
    Während die Gesellschaft an der Brüstung lehnte und den sehr beschränkten
aber lieblichen Blick über den hier ziemlich steil abfallenden Berg hinweg in
das Tal genoss erzählte Elisabet die Geschichte von Sabines Urahne denn ohne
Zweifel war der Damm der Schauplatz des Ereignisses gewesen
    »Brr« sagte Reinhard sich schüttelnd »Ich danke für einen solchen
Luftsprung Die Mauer ist hoch und wenn ich mir da wo jetzt die grüne
Moosdecke liegt das trübe schlammige Wasser eines Schlossgrabens voller Frösche
und Kröten denke da ist mir der Entschluss hinabzuspringen geradezu
unfasslich«
    »Nun« sagte Miss Mertens »die Verzweiflung hat manchen auf noch grässlichere
Weise den Tod suchen lassen«
    In dem Augenblicke war es Elisabet als hafte auf ihrem Gesichte abermals
der Blick voll Glut und Leidenschaft mit welchem Hollfeld gestern auf sie
zugeeilt war  sie gedachte des Abscheues den sie bei seiner Berührung
empfunden hatte und meinte innerlich es sei nicht so schwer sich in den
Zustand der Verfolgten zu denken
    »Na Kind« weckte sie der Onkel aus ihrem Nachsinnen »willst du da drunten
das Gras wachsen hören weil du so lautlos stehen bleibst«
    Vor seinen klaren Augen und der kräftigen biederen Stimme verflog im Nu das
Grauen »Nein Onkel« entgegnete sie lachend »den Versuch will ich doch lieber
bleiben lassen wenn ich mir auch einbilde für das Leben und Weben in der Natur
ganz besondere Augen und Ohren zu haben«
    Er nahm sie bei der Hand und führte sie den anderen nach die eben das Haus
betraten Oben an der Treppe kam Bella auf Miss Mertens zugelaufen sie hatte in
der einen Hand verschiedene Bilderbücher und mit der anderen zog sie ihre
Gouvernante in Elisabeths Zimmer
    »Denken Sie sich Miss Mertens hier oben sieht man doch unser Schloss« rief
sie Der Begriff vom Eigentumsrechte in dieser Richtung hin saß fest in ihrem
Köpfchen kein Wunder die Art und Weise wie die Mama das Zepter bisher geführt
hatte ließ ja selbst die Erwachsenen nicht im Zweifel dass sie sich als die
unumschränkte Herrin in Lindhof ansehe »Sehen Sie dort unten den Weg« fuhr
Bella lebhaft fort »da ist eben Onkel Rudolf vorübergeritten Er hat mich
erkannt und mir mit der Hand zugewinkt die Mama wird froh sein dass er wieder
gut mit mir ist«
    Miss Mertens ermahnte sie nun aber auch hübsch artig zu bleiben jetzt aber
Hut und Mantel zu holen denn es sei Zeit aufzubrechen
    Elisabet und Ernst begleiteten sie bis an den Park
    »Wir haben uns zu lange aufgehalten« bemerkte Miss Mertens mit besorgtem
Gesichte als sie am Mauerpförtchen von Ferbers Abschied genommen hatte und
herauf auf die Waldblösse trat »Ich mache mich für heute noch auf Sturm und
böses Wetter gefasst«
    »Sie meinen die Baronin werde ungehalten sein über Ihr langes Ausbleiben«
    »Ohne Zweifel«
    »Nun lassen Sie sich dies trotz alledem nicht reuen  Wir haben
jedenfalls einen reizenden Nachmittag verlebt« meinte Reinhard heiter
    Die Kinder waren Hand in Hand vorausgegangen und verschwanden hier und da
seitwärts im Gebüsche um Blumen zu suchen Hektor der seinem Herrn untreu
geworden war und sich der Gesellschaft angeschlossen hatte sprang lustig mit
ihnen hin und her wobei er jedoch nicht unterließ dann und wann zu Elisabet 
der Dame seines Herzens wie der Onkel immer sagte  zurückzukehren um sich den
Kopf streicheln zu lassen
    Plötzlich stutzte er und blieb mitten im Wege stehen Man war bereits in der
Nähe des Parkes durch das Gebüsch schimmerte das leuchtende Grün der
Rasenflächen herauf und das Plätschern der nächsten Fontäne wurde hörbar
Hektor hatte etwas entdeckt und das war eine weibliche Gestalt die mit
hastigen Schritten den Hinabwandelnden entgegenkam Elisabet erkannte sie
sogleich als die stumme Berta obgleich ihr die ganze Erscheinung merkwürdig
verändert erschien
    Das junge Mädchen musste keine Ahnung von der Nähe anderer haben denn sie
gestikulierte im Weiterschreiten heftig mit den Armen eine dunkle Röte bedeckte
ihre Wangen die Augenbrauen waren wie im tiefsten Seelenschmerze
zusammengezogen und die Lippen bewegten sich im leisen Selbstgespräche Das
weiße blumengeschmückte Hütchen war von den Flechten herabgesunken und hing
mittels der Bänder am Halse infolge der heftigen Bewegungen jedoch lösten sich
auch diese und es fiel auf den Boden ohne dass die Eigentümerin es bemerkte
    Sie lief vorwärts und erst in dem Augenblicke als sie dicht vor Elisabet
stand schlug sie die Augen auf Entsetzt als habe sie auf eine Natter
getreten fuhr sie zurück In dem Momente aber auch verwandelte sich ihr
schmerzlicher Gesichtsausdruck in den der tiefsten Erbitterung Ihre Augen
sprühten Hass ihre Hände ballten sich krampfhaft während ein zischender Laut
über die Lippen glitt es sah aus als wolle sie sich wütend auf das junge
Mädchen stürzen   Reinhard stand sofort neben Elisabet und zog sie einen
Schritt zurück Als Berta ihn erblickte stieß sie einen leisen Schrei aus und
rannte blindlings in das Gebüsch durch welches sie sich gewaltsam Bahn brach
obgleich ihre Kleider an den Dornen hängen blieben und niederhängende Äste
gegen ihre Stirn schlugen  in wenig Augenblicken war sie im Dickicht
verschwunden
    »Das war ja die Berta aus dem Forstause« rief Miss Mertens erstaunt »Was
muss ihr geschehen sein«
    »Ja was mag vorgefallen sein« wiederholte Reinhard »Die junge Person war
in einer furchtbaren Aufregung schien aber erst in die höchste Wut zu geraten
bei Ihrem Anblicke« wandte er sich an Elisabet »Sie ist Ihnen verwandt«
    »Eigentlich nicht« entgegnete das junge Mädchen »denn sie steht nicht
einmal meinem Onkel in dieser Beziehung sehr nahe Ebensowenig ist sie mir
bekannt Sie hat meine Nähe von Anfang an konsequent gemieden obgleich ich
einen freundschaftlichen Verkehr mit ihr eine Zeitlang sehr gewünscht habe 
Es ist klar dass sie mich hasst aber ich weiß nicht weshalb das müsste mich
eigentlich betrüben allein ihr Charakter gefällt mir zu wenig als dass ich
einen besonderen Wert auf ihre Gesinnung gegen mich legen möchte«
    »Zum Henker auch Kindchen da ist nicht allein mehr von Gesinnung die Rede
 Die kleine Furie hätte Sie am liebsten mit den Zähnen zerrissen«
    »Ich fürchte mich nicht vor ihr« erwiderte Elisabet lächelnd
    »Nun ich möchte Ihnen doch zur Vorsicht raten« meinte Miss Mertens »Die
kleine Person hat etwas Dämonisches in ihrer Erscheinung  wo mochte sie nur
herkommen«
    »Allem Anscheine nach aus dem Schloss« bemerkte Elisabet indem sie
Bertas Hut aufhob und einige dürre Blätter und Moose von den Klatschrosen
abstreifte
    »Das glaube ich nicht« entgegnete Miss Mertens »Seit sie stumm ist hat sie
merkwürdigerweise auch ihre Besuche in Lindhof eingestellt  Sie war früher
täglich im Schloss wohnte den Bibelstunden bei und hatte bei der Baronin einen
großen Stein im Brette  Das alles hat plötzlich ein Ende genommen ohne dass
irgend jemand sagen kann weshalb Nur dann und wann habe ich sie auf meinen
einsamen Spaziergängen durch den Park schlüpfen sehen flink wie eine Schlange
und für mich ebenso unheimlich wie alle Reptilien«
    Die Sprechenden hatten bereits den ersten mit Kies bestreuten Parkpfad
betreten es war Zeit zum Abschiede der von Besuchern und Besuchten auf das
herzlichste genommen wurde
    »Höre Else« sagte Ernst als die anderen drei hinter dem nächsten Boskett
verschwunden waren »wir wollen doch einmal sehen wer von uns beiden zuerst
dort an der Ecke sein wird« Diese Ecke war die Mündung eines schmalen
Waldweges der sich an dem Fuße des Berges hinzog
    »Gut mein Junge« lachte Elisabet und begann zu laufen Anfangs hielt sie
Schritt mit den Beinchen die tapfer nebenher trippelten und sich mühten ihr
den Vorsprung abzugewinnen in der Nähe des Zieles jedoch flog sie um den
Kleinen zu necken wie eine Feder vorwärts und stand mit einem Schritte mitten
im Waldwege zu ihrem Schrecken aber auch dicht vor einem Pferdekopfe der sie
heftig anschnaubte Hektor welcher nebenher gelaufen war erhob ein lautes
Gebell  Das Pferd machte einen furchtbaren Satz nach rückwärts und stand in
einem Nu fast kerzengerade auf den Hinterbeinen
    »Zurück« rief eine gewaltige Stimme Elisabet umfasste den Knaben der
inzwischen herangekommen war und sprang seitwärts mit ihm fast in demselben
Momente stürzte das Pferd aus dem Walde hervor und brauste mit seinen Hufen
kaum die Erde berührend querfeldein  Herr von Walde ritt das scheu gewordene
Tier das die gewaltigsten Anstrengungen machte seinen Reiter abzuwerfen aber
er saß fest wie eine Mauer nur einmal bog er sich herab und hieb mit der Gerte
nach Hektor der in tollen Sprüngen auf und ab jagte und das Pferd durch sein
Gebell immer wilder machte Eine Weile zerstampfte der Renner den großen
Rasenplatz dann wendete er sich plötzlich seitwärts und verschwand jenseits im
Walde
    Elisabet fühlte wie ihr die Zähne zusammenschlugen in namenloser Angst
denn nun zweifelte sie keinen Augenblick mehr dass ein Unglück geschehen müsse
Sie nahm Ernst bei der Hand und wollte nach dem Schloss laufen um Hilfe zu
holen allein schon nach wenigen Schritten sah sie den Reiter zurückkehren Das
Tier war ruhiger der Schaum floss vom Gebisse und Elisabet sah wie die Beine
des Pferdes zitterten Herr von Walde klopfte es liebkosend auf den Hals sprang
herab und band es an einen Baum dann schritt er auf Elisabet zu
    »Verzeihen Sie« sagte das junge Mädchen mit bebender Stimme als er vor ihr
stand
    »Was denn mein Kind« entgegnete er mild »Sie haben ja nichts verbrochen
 Kommen Sie setzen Sie sich ein wenig hier auf die Bank  Sie haben sich
erschreckt und sind totenblass geworden«
    Er machte eine Bewegung als wolle er ihre Hand ergreifen und sie führen
aber sein Arm sank sogleich wieder herab Elisabet folgt mechanisch seinem
Geheisse er setzte sich ohne weiteres neben sie Der kleine Ernst lehnte sich an
seine Schwester und sah Herrn von Walde mit seinen großen schönen Augen
unverwandt ins Gesicht Der Kleine war nur einen Moment erschrocken gewesen als
das Pferd unvermutet aus dem Walde hervorkam das Umherjagen auf der Wiese aber
hatte ihn amüsiert denn er hatte keine Ahnung von der Gefahr
    »Was hatten Sie vor als Sie vorhin so stürmisch in den Wald einzudringen
versuchten« fragte Herr von Walde Elisabet nach einem kurzen Schweigen
    Ein schelmisches Lächeln schwebte um die noch immer blassen Lippen des
jungen Mädchens »Ich wurde verfolgt« antwortete sie
    »Von wem«
    »Von diesem hier«  sie zeigte auf Ernst  »wir sind um die Wette
gelaufen«
    »Ist der Kleine Ihr Bruder«
    »Ja« Sie sah dem Knaben zärtlich ins Gesicht und strich mit der Hand über
seinen dunklen Lockenkopf
    »Und sie ist meine einzige Schwester« bemerkte der Kleine mit großem
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    »So  nun wie es scheint verträgst du dich sehr gut mit dieser einzigen
Schwester« sagte Herr von Walde
    »O ja ich habe sie sehr lieb  sie spielt mit mir gerade wie ein Junge«
    »Wirklich« fragte Herr von Walde
    »Wenn ich exerzieren will dann setzt sie sich einen ebensolchen Papierhut
auf wie sie mir einen macht und trommelt durch den Garten solange ich will
Vorm Schlafengehen erzählt sie mir Geschichten und streicht mir auch die
Butterbrote viel dicker als Mama«
    Ein heiteres Lächeln glitt über Herrn von Waldes Gesicht Elisabet sah es
zum erstenmal und fand dass es seine Züge deren tiefen Ernst sie für
unverwischbar gehalten hatte unbeschreiblich anziehend machte  es kam ihr
vor wie der klare Sonnenglanz der unerwartet über einen wolkendüsteren Himmel
hinfliegt
    »Du hast recht mein Junge« sagte er und zog den Kleinen zu sich hinüber
»das sind ohne Zweifel anerkennenswerte Eigenschaften aber wird sie nie böse«
fragte er weiter indem er auf Elisabet zeigte die wie ein Kind lachte denn
Ernsts Mitteilungen erschienen ihr urkomisch
    »Nein böse niemals« antwortete der Knabe »nur ernstaft manchmal und
dann spielt sie immer Klavier«
    »Aber Ernst «
    »O ja Else« fiel ihr der Kleine eifrig ins Wort »weißt du noch in B wo
wir so arm waren«
    »Nun da magst du freilich recht haben« erwiderte das junge Mädchen
unbefangen »aber das war doch nur in der Zeit wo Papa und Mama allein sich
abmühen und für das tägliche Brot arbeiten mussten später wurde es ja besser«
    »Aber Sie spielen noch Klavier«
    »Ja« entgegnete Elisabet lachend »jedoch nicht mehr in dem Sinne wie
Ernst es meint die Meinen sind ja versorgt«
    »Und Sie« forschte Herr von Walde weiter
    »Nun ich Ich habe den Mut es mit dem Leben aufzunehmen und ihm das
abzuringen was zu meiner Selbständigkeit nötig ist«
    »Wie wollen Sie das anfangen«
    »Ich werde im nächsten Jahre eine Stelle als Erzieherin annehmen«
    »Schreckt Sie Miss Mertens Beispiel nicht zurück«
    »Ganz und gar nicht  Ich bin nicht so schwach ein müheloses Brot zu
wünschen wo ich Tausende in meinen Verhältnissen mutig die Last der
Dienstbarkeit auf sich nehmen sehe«
    »Hier handelt es sich aber nicht allein um die Arbeit sondern auch um das
Ertragen und Dulden  Sie sind stolz nicht allein Ihr Gesicht in diesem
Augenblicke sondern auch Ihre gestern ausgesprochenen Ansichten beweisen es«
    »Nun ja es mag Stolz sein dass ich die Menschenwürde höher stelle als jene
Äußerlichkeiten die der Egoismus erfunden hat und aufrecht erhält  aber
ebendeshalb glaube ich auch dass ein Mensch den andern nur insofern demütigen
kann als er moralisch und geistig hochstehend ihm unerreichbar erscheint 
niemals aber durch erniedrigende Behandlung«
    »Und Sie glauben sich durch diese Ansicht gestählt gegen alle jene großen
und kleinen Leiden die eine launenhafte herzlose Herrin über Sie verhängen
kann«
    »O nein aber ich werde mit ihr den Kopf oben behalten«
    Es entstand eine kleine Pause während welcher Ernst sich dem Pferde näherte
und dasselbe mit großer Aufmerksamkeit betrachtete
    »Aus Ihren gestrigen Reden schloss ich dass Sie Ihre jetzige Heimat lieben«
begann Herr von Walde wieder
    »Ja unbeschreiblich«
    »Nun ich begreife das denn wir haben hier das schönste Stück Türingens
 Wie ist es Ihnen dann aber möglich den Gedanken so leicht zu nehmen dass
Sie wieder gehen müssen«
    »Leicht wird es mir auch durchaus nicht im Gegenteil aber mein Vater hat
mich gelehrt dass man stets das Notwendige über die Annehmlichkeit stellen
müsse und das begreife ich vollkommen  weniger klar dagegen ist es mir wie
man die Annehmlichkeit verlassen kann ohne dass es die Notwendigkeit gebietet«
    »Ah das gilt mir  Sie fassen es nicht dass ein Mensch freiwillig in den
dumpfen Pyramiden steckt während er im kühlen sonnigen Thüringen atmen könnte«
    Elisabet fühlte wie ihr eine brennende Röte in das Gesicht stieg Herr von
Walde berührte hier mit leichtem Humor jenes scherzhafte Gespräch zwischen ihr
und dem Onkel dessen unfreiwilliger Zuhörer er gewesen war
    »Wenn ich Ihnen das auch begreiflich machen wollte Sie würden mich doch
nicht verstehen denn wie mir scheint vermissen Sie ja noch nichts im Kreise
der Ihrigen« fragte er nach kurzem Schweigen Er hatte sich vorwärts geneigt
und strich mechanisch mit der Spitze der Reitgerte über den Kies zu seinen Füßen
 Er sprach in jenen tiefen Tönen die stets etwas Ergreifendes für Elisabet
hatten »Aber es kommt die Zeit« fuhr er fort »da flieht man hinaus in die
Welt um draußen zu vergessen dass daheim das Glück fehlt  Eine schmerzlich
empfundene Lücke in seinem Dasein kann der Mann wenn auch nicht ausfüllen so
doch am besten in den Hintergrund drängen wenn er sich in die Wissenschaft
versenkt«
    Also hier stand sie vor der wunden Stelle in seinem Herzen  Er fühlte
tief dass ihn daheim die Liebe nicht empfing die er lebhaft wünschte und die
er auch mit vollstem Rechte beanspruchen konnte da er seiner Schwester die
reinste aufopferndste Zärtlichkeit unausgesetzt bewies Diesen Schmerz hatte ja
Elisabet schon begriffen noch bevor sie Herrn von Walde kannte In dem
Augenblicke aber als er ihn so unumwunden aussprach wallte ihr das Herz auf in
dem lebhaften Verlangen ihn zu trösten Die Worte des Mitgefühls drängten sich
ihr fast auf die Lippen aber zugleich empfand sie eine unerklärliche Scheu das
auszusprechen was sie bewegte und als ihr Blick seitwärts streifte über die
festen Linien seines Profils über die Stirn die gebieterisch und stolz blieb
während die Stimme weich und trauervoll klang da kam ihr plötzlich die
beängstigende Vermutung er habe einen Moment vergessen wer neben ihm sitze
sein aristokratisches Gefühl werde ihn später den Missgriff bitter bereuen
lassen infolgedessen ein unbedeutendes Mädchen in sein streng verschlossenes
Innere einen Blick werfen durfte  Dieser Gedanke trieb ihr das Blut in die
Wangen sie erhob sich schnell und rief Ernst zu sich Herr von Walde wandte
überrascht den Kopf nach ihr und sein Auge ruhte einen Augenblick forschend auf
ihrem Gesichte dann verließ er gleichfalls die Bank und stand als wolle er
ihre Annahme bestätigen plötzlich in seiner ganzen stolzen Ruhe und
Gelassenheit vor dem jungen Mädchen aber jener düstere schwermütige Zug
zwischen den Augenbrauen den der Vater schon beobachtet hatte fiel ihr zum
erstenmal auf und machte ihr denselben Eindruck wie vorher seine Stimme
    »Sie sind gewöhnlich sehr flink im Denken« sagte er sichtbar bemüht einen
leichteren Ton anzuschlagen und langsam neben Elisabet herschreitend  sie
ging um Ernst zu holen der ihren Ruf nicht gehört hatte  »noch ehe man einen
Satz völlig geendet hat sieht man an Ihrem Auge dass Sie die Antwort bereits
auf den Lippen haben Ihr Schweigen in diesem Augenblicke sagt mir also dass ich
vorhin recht hatte als ich annahm Sie würden mich nicht verstehen weil Sie
noch nichts vermissen«
    »Der Begriff von Glück ist so sehr verschieden dass ich in der Tat nicht
wissen kann «
    »Den Begriff haben wir alle gemein« unterbrach er sie »In Ihnen schlummert
er nur noch«
    »O nein« rief sie ihre Zurückhaltung vergessend lebhaft und erstaunt
»ich liebe die Meinen von ganzem Herzen und habe das beseligende Bewusstsein dass
ich wieder geliebt werde«
    »Ah also haben Sie mich doch nicht ganz falsch verstanden  Nun und die
Ihrigen  das ist wohl ein sehr großer Personenkreis den Sie da in Ihr Herz
schließen müssen«
    »Nein« rief sie lachend »die sind schnell zusammengezählt Meine Eltern
der Onkel und dieses kleine Menschenkind hier« sie nahm den herbeigelaufenen
Ernst bei der Hand »das sich sehr breit macht und mit jedem Jahre mehr Terrain
erobert  Jetzt müssen wir aber fort mein Junge« sagte sie zu dem Kleinen
»sonst ängstigt sich die Mama«
    Sie verbeugte sich leicht vor Herrn von Walde es kam ihr vor als sei der
Schatten auf seiner Stirn plötzlich wieder verschwunden Er zog höflich den Hut
vor ihr und reichte Ernst die Hand dann schritt er langsam hinüber zu dem
Pferde das ungeduldig stampfte fasste den Zügel und führte es fort
    »Weißt du Else« sagte Ernst als sie den Berg hinaufstiegen »wie Herr von
Walde aussieht«
    »Nun«
    »Wie der Ritter Georg der den Lindwurm totgemacht hat«
    »Ei« lachte das junge Mädchen »du hast ja noch kein Bild dieses tapferen
Ritters gesehen«
    »Nu nein  ich denke auch nur so«
    Und sie hatte ähnlich gedacht als sie ihn das ungebärdige Pferd
beherrschend dahinfliegen sah  In diesem Augenblicke erinnerte sie sich aber
auch der Qualen die sie ausgestanden bei dem Gedanken er könne verunglücken
und der unsäglichen Freude als sie ihn aus dem Walde unversehrt zurückkehren
sah  Sie blieb stehen und legte verwundert lächelnd die Hand auf ihr
klopfendes Herz
    »Siehst du« meinte Ernst »du bist wieder einmal zu schnell bergauf
gelaufen  ich konnte gar nicht nachkommen Wenn das der Onkel wüsste der würde
schön zanken«
    Langsam und träumerisch schritt sie weiter  sie hatte den Vorwurf des
Kleinen kaum gehört  Was war es nur jenes wundersame Empfinden das sich
gestern zwischen ihre Melodien gedrängt hatte und sie zugleich jauchzen und
weinen ließ  In diesem Augenblicke wogte es wieder durch ihre Seele weit
mächtiger und berauschender als gestern aber ebenso unverstanden und
rätselhaft
    »Aber Else« rief Ernst ungeduldig »was hast du nur  Jetzt gehst du
wieder so langsam dass es gewiss dunkel ist ehe wir hinaufkommen«
    Er fasste ihr Kleid und suchte sie fortzuziehen Diese Mahnung an die
Außenwelt war doch zu energisch als dass Elisabet ihr länger hätte widerstehen
können sie raffte sich auf und schritt nun zu des Kleinen Genugtuung im
richtigen Tempo vorwärts
    Oben in der Halle angekommen legte Elisabet Bertas Hut der noch an ihrem
Arme hing auf das Büffett Sie wollte den Eltern vorläufig noch nichts von der
Begegnung sagen weil sie mit Recht annahm dass sie sich beunruhigen und es dem
Onkel erzählen würden Der war aber in den letzten Wochen wieder sehr heftig und
bitter geworden wenn er auf diesen Punkt zu reden kam so dass Elisabet die
Überzeugung hatte er werde nach einer solchen Mitteilung zum Äußersten
schreiten und die Störerin seines Hausfriedens verstoßen Ernst hatte weder den
Hut an Elisabeths Arme noch ihr Bemühen denselben zu verstecken bemerkt er
konnte also nichts verraten
    Nach dem Abendbrote ging Elisabet hinunter ins Forstaus Sie traf Sabine
im Garten und hörte befriedigt dass der Onkel nach Lindhof gewandert sei Indem
sie der alten Haushälterin den Hut übergab teilte sie ihr das auffallende
Gebaren Bertas mit und fragte schließlich ob dieselbe nach Hause gekommen sei
Sabine war außer sich
    »Na das können Sie mir glauben Kindchen« sagte sie »waren Sie allein
die hätte Ihnen die Augen ausgekratzt  Ich weiß nicht was noch daraus werden
soll vorzüglich in den letzten Tagen ist es sehr schlimm geworden  Sie
schläft keine Nacht mehr rennt auf und ab und spricht auch wieder aber nur mit
sich selbst  Wenn ichs nur über mich gewinnen könnte einmal geradezu die
Tür aufzumachen wenn der Spektakel so groß ist aber ich kanns nicht und
wenn Sie mir Berge von Gold hinlegen wollten  Sie lachen mich aus ich weiß
es aber  mit der ists nicht richtig Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen
das funkelt und blitzt als wenn sie das ganze Feuer vom Blocksberge drin hätte
 Na ich bin still ich sage nichts der Herr Oberförster hat einen gesunden
Schlaf und die anderen auch aber ich bin da wenn sich ein Mäuschen rührt und
so weiß ich recht gut dass Berta gar des Nachts draußen herumflankiert und
allemal ist der Hofhund aus seiner Hütte verschwunden Das ist noch der einzige
im Hause der sie lieb hat und so bös er ist  ihr tut er nichts«
    »Weiß das mein Onkel« fragte Elisabet erstaunt
    »Ei beileibe nicht  Ich werde mich hüten etwas zu sagen das könnte
mir schlecht bekommen«
    »Aber Sabine bedenken Sie denn nicht dass Sie mit Ihrem Schweigen dem Onkel
großen Schaden zufügen können Das Haus liegt so allein wenn kein Hund im Hofe
ist «
    »So stehe ich droben am Fenster und wache bis sie endlich wieder über den
Berg kommt und das Tier an die Kette legt«
    »Das sind ja übermenschliche Opfer die Sie Ihrem Aberglauben bringen 
Man sollte doch lieber der Berta «
    »Still nicht so laut dort sitzt sie« Sabine deutete durch das Staket auf
den Birnbaum im Hofe Elisabet ging leise näher Unter dem Baume auf der
Steinbank saß Berta scheinbar ruhig und schnitt Bohnen Die glühende Röte
der Erregung auf Stirn und Wangen war einer fahlen Blässe gewichen Elisabet
sah jetzt dass das junge Mädchen in der letzten Zeit bedeutend magerer geworden
war Die schmale Nase trat schärfer aus dem Gesichte und die Wangen hatten die
liebliche Rundung verloren Dunkle Ringe lagerten um die Augen und zwischen den
Brauen gruben sich zwei Falten tief in die feine Haut die dem Gesichte etwas
finster Brütendes aber auch im Vereine mit gewissen Zügen um die Lippen einen
unsäglich schmerzlichen Ausdruck gaben  Dieser Anblick schnitt tief in
Elisabeths Seele Auf den Schultern jener Einsamen lastete das Elend und musste
sie um so tiefer beugen weil sie es schweigend trug  Elisabet vergaß alle
Feindseligkeit die ihr Berta bisher gezeigt hatte und ging rasch einige
Schritte näher um jenes schmerzensmüde Haupt an ihre Brust zu lehnen und zu
sagen Hier ruhe dich aus schütte all deinen Jammer mit dem du so allein
kämpfst und ringst in mein Herz ich will ihn redlich mit dir tragen  allein
Sabine klammerte sich fest an ihrem Arm
    »Sie werden doch nicht hingehen« flüsterte sie heftig »Das leide ich
nicht sie ist im stande und stößt mit dem Messer nach Ihnen«
    »Aber sie ist grenzenlos unglücklich Es gelingt mir vielleicht doch sie zu
überzeugen dass mich nur das innigste Mitgefühl zu ihr führt«
    »Nein nein  Nun Sie sollen gleich sehen wie weit man mit ihr kommt«
    Sabine schritt die Stufen hinab in den Hof Berta ließ sie herankommen
ohne die Augen aufzuschlagen
    »Fräulein Elisabet hat ihn gefunden« sagte Sabine Berta den Hut
hinhaltend dann legte sie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und
fuhr freundlich fort »sie möchte Ihnen gern einige Worte sagen«
    Berta fuhr auf als sei ihr eine tödliche Beleidigung widerfahren Sie
schüttelte wild die Hand von sich und ihr Auge richtete sich zornig auf die
Stelle wo sich Elisabet befand ein Beweis dass sie die Anwesenheit des jungen
Mädchens längst bemerkt hatte Sie warf das Messer auf den Tisch stieß mit
einer ihrer heftigen Bewegungen den Korb zu ihren Füßen um so dass die Bohnen
nach allen Seiten hin auf das Pflaster flogen und ging in das Haus Man hörte
durch das offene Fenster wie sie droben in der Stube die Tür zuschlug und den
Riegel vorschob
    Elisabet war stumm vor Überraschung aber auch vor Schmerz Sie wäre der
Unglücklichen so gerne näher getreten doch jetzt sah sie dass sie den Gedanken
daran aufgeben musste
    Seit einer Woche ging sie täglich hinunter ins Schloss Fräulein von Walde
hatte sich merkwürdig schnell erholt seit jenem Nachmittage wo sie wie die
Baronin zärtlich betonte Heilung in dem von ihr eigenhändig bereiteten Kaffee
gefunden hatte und wo Herr von Hollfeld angekommen war Sie übte aus allen
Kräften einige vierhändige Musikstücke und vertraute Elisabet endlich an dass
in die letzten Tage des August das Geburtsfest ihres Bruders falle sie wolle
dasselbe diesmal ganz besonders verherrlichen weil sie mit ihm die glückliche
Rückkehr des Vielgereisten zu feiern gedenke An diesem Tage sollte er sie zum
erstenmal nach langer Zeit wieder spielen hören sie wusste dass sie ihn damit
freudig überraschen würde
    Elisabet sah diesen Übungsstunden stets mit einem Gemisch von Freude
Angst und Widerwillen entgegen  Sie wusste selbst nicht warum aber Schloss und
Park waren ihr plötzlich lieb und vertraut geworden ja sie fühlte sogar für
jene Bank auf der sie mit Herrn von Walde gesessen hatte eine Art zärtlicher
Zuneigung wie für einen alten Freund so dass sie stets um an derselben
vorüberzukommen einen kleinen Umweg machte  Angst und Widerwillen dagegen
flößte ihr Herrn von Hollfelds Benehmen ein Nachdem sie einigemal seine
Versuche ihr in den Weg zu treten durch schleuniges Ausweichen vereitelt
hatte kam er eines Tages ohne weiteres auf Fräulein von Waldes Zimmer und bat
um die Erlaubnis der Stunde beiwohnen zu dürfen Zu Elisabeths Schrecken
versicherte ihm Helene mit freudestrahlenden Augen sie heiße ihn doppelt
willkommen als einen Bekehrten der ja früher der Musik keinen Geschmack habe
abgewinnen können  Er erschien nun beharrlich jedesmal legte stillschweigend
bei seinem Kommen einige frischgepflückte Blumen vor Helene auf das Klavier
nieder infolgedessen sie konsequent verschiedene falsche Akkorde griff und
setzte sich in eine Fensterecke von wo aus er den Spielenden gerade in das
Gesicht sehen konnte Er hielt solange musiziert wurde die Hand über die
Augen als wolle er sich gänzlich den Eindrücken der Außenwelt entziehen um im
Reiche der Töne zu versinken Elisabet bemerkte jedoch sehr bald zu ihrem
Verdrusse dass er sein Gesicht nur so weit bedecke als es von Helene gesehen
werden konnte hinter der vorgehaltenen Hand starrte er unausgesetzt zu ihr
selbst hinüber und verfolgte jede ihrer Bewegungen Sie erbebte unter diesen
Augen die sonst so nichtssagend und leer ihr gegenüber stets in einem
eigentümlichen Feuer aufglühten so dass sie oft die größte Selbstbeherrschung
nötig hatte um unbeirrt weiter zu spielen
    Helene hatte augenscheinlich keine Ahnung von der Hinterlist mit welcher
Hollfeld seinen Zweck zu erreichen suchte Sie machte öftere Pausen und
unterhielt sich lebhaft mit ihm das heißt sie sprach dann fast immer allein und
meist sehr hübsch Jede seiner einsilbigen Antworten so banal und gewöhnlich
wie sie waren nahm sie auf wie eine Gunst wie einen Orakelspruch dessen Sinn
man stets tiefer zu suchen habe
    Wenige Minuten vor dem Schluße der Stunden entfernte er sich stets Gleich
das erste Mal jedoch hatte ihn Elisabet beim Nachhausegehen bemerkt und zwar
durch eines der Korridorfenster im ersten Stocke von wo aus man einen
bedeutenden Teil des Parkes überblicken konnte wie er wartend vor dem Waldwege
auf und ab ging den sie passieren musste Sie durchkreuzte seinen Plan nicht
ohne heimliches Lachen indem sie Miss Mertens besuchte und sich über eine
Stunde bei ihr aufhielt Dort wurde sie stets mit offenen Armen aufgenommen und
gewann die Gouvernante allmählich so lieb dass sie zuletzt gar nicht mehr an
deren Tür vorbeigehen mochte ohne auf ein Plauderstündchen einzukehren
    Miss Mertens war meist traurig und niedergeschlagen Sie fühlte dass ihr
Bleiben in Lindhof immer unmöglicher wurde Die Baronin ihrer Herrschermacht
und der damit verknüpften Tätigkeit plötzlich enthoben langweilte sich jetzt
öfter bis zum Sterben Ihren Verwandten gegenüber musste sie die Maske der
Harmlosigkeit und Zufriedenheit vornehmen was ihr wohl herzlich sauer werden
mochte sie war also gezwungen ihre üble Laune hinter den verschlossenen Türen
ihrer Appartements zu lassen dort aber wurde sie nachgerade unerträglich nicht
für Bella denn dem Kinde gegenüber in welchem sie bereits mehr die geborene
Baronesse als ihre Tochter sah ließ sich die Dame nie zu Ausschreitungen
hinreißen vor ihrer alten Kammerfrau aber hatte sie man wusste nicht warum
»einen heillosen Respekt« wie der Hausverwalter Lorenz sich ausdrückte und der
niederen Dienerschaft durfte sie nicht zu nahe treten ohne den Herrn des Hauses
herauszufordern mithin wurde all der verbissene Groll gegen die unglückliche
wehrlose Gouvernante geschleudert
    Um ihr Opfer recht gründlich zu quälen befahl die Dame dass die
Unterrichtsstunden von nun an unter ihrer höchsteigenen Aufsicht stattfinden
sollten In Gegenwart der Schülerin wurde die Methode der Lehrerin vom ersten
Momente an unausgesetzt getadelt Man wunderte sich jetzt durchaus nicht mehr
dass das Kind bei dem Unterricht nicht vorwärts komme auch mussten ja die Nerven
der Kleinen in steter Aufregung sein denn Miss Mertens hatte beim Dozieren die
widerlichste Stimme von der Welt und wie sollte Bella jemals graziös werden
wenn sie immer die eckigen Bewegungen vor Augen haben musste mit denen ihre
Gouvernante das Buch hielt die Blätter umwendete usw In der Geschichte
zeigte Miss Mertens hier zu sentimentale dort fast lächerlich spiessbürgerliche
Anschauungen und war bisweilen sogar so maßlos unverschämt eine freie Ansicht
zu haben In solchen Fällen wurde die Stunde förmlich unterbrochen die Frau
Baronin setzte sich auf den Lehrstuhl und die Gouvernante musste eine mit Hohn
aristokratischem Hochmut und Bosheit gesättigte Vorlesung in Devotion anhören
Fühlte sich die Dame nicht sattelfest genug so wurde Herr Kandidat Möhring zu
diesem Gerichte herbeigerufen Die Nadelstiche ihrer eigenen Vorträge aber
verschwanden neben dieser Grausamkeit die alle bisher unterdrückten Predigten
alle heimlich verschluckte Galle des vermeintlichen Märtyrers in einem
unabsehbaren Redestrome auf die bedauernswürdige Gouvernante herabbeschwor Die
Baronin wusste dass der Kandidat ein abscheuliches Französisch sprach gleichwohl
wurde er gebeten solange er noch im Schloss Lindhof sei den Sprachstunden
beizuwohnen um die Aussprache der Lehrerin zu korrigieren  Wie Bella dabei
fuhr das kam bei solchen Anwandlungen von Bosheit nicht in Betracht
    Gar oft sagte Miss Mertens unter Tränen nur die Liebe zu ihrer alten
alleinstehenden Mutter bewege sie immer wieder diesen Martern sich zu
unterwerfen Die alte Frau lebe fast nur von dem was ihr die Tochter schicke
deshalb sei sie gezwungen ein öfteres Wechseln der Stellung der pekuniären
Verluste wegen zu vermeiden  So betrübt sie nun aber auch meist war ihre
sanften Züge hellten sich ganz gewiss auf wenn Elisabet den Kopf durch die Tür
steckte und mit ihrer fröhlich frischen Stimme hereinrief ob sie kommen dürfe
Mit dem Eintritte des jungen Mädchens flohen die Bekümmernisse und Sorgen und
wenn sie auf dem kleinen Sofa am Fenster dicht nebeneinander saßen so fand ein
Gedankenaustausch zwischen den beiden statt bei dem die Gouvernante sich in die
eigene Jugend zurückversetzt fühlte und Elisabet manchen Schatz hob aus den
reichen Kenntnissen und Lebenserfahrungen der älteren Freundin
    Diese kleinen Nachmittagsbesuche hatten aber auch noch einen geheimen Reiz
für das junge Mädchen den sie sich aber um alles in der Welt nicht eingestand
obgleich sie infolge desselben schon vor der Tür ein starkes Herzklopfen zu
bekämpfen hatte und ein unerklärliches Gemisch von Freude und Bangen empfand
    Die Fenster von Miss Mertens Wohnung sahen in einen großen Hofraum den
Elisabet den Klostergarten zu nennen pflegte denn er lag so still und
abgeschieden zwischen den vier hohen Mauern Einige breitästige Linden warfen
eine grüne Dämmerung auf die saftigen Rasenplätze die nur hier und da ein
gepflasterter Weg durchschnitt Inmitten des Hofes befand sich ein Brunnen der
das Haus mit einem köstlichen Wasser versorgte auf dem Rande des mächtigen
Bassins ruhten die weißen Glieder einiger Sandsteinfiguren umhaucht von dem
grünen Lichte der Wipfel droben Wenn draußen auf den Bosketts und Kieswegen die
Nachmittagssonne glühend und träge lastete wie flüssiges Blei dann wehte hier
unter den Bäumen eine erfrischende Kühle Eine Tür im Erdgeschosse die
unmittelbar aus dem Arbeitskabinett des Herrn von Walde in den Hof führte stand
deshalb auch meist offen Er selbst trat dann und wann heraus und schritt mit
gekreuzten Armen auf und ab  Welcher Gedankenstrom mochte dann wohl hinter
der schönen bleichen Stirn fluten wenn er eine Zeitlang gesenkten Hauptes
dahinwandelnd plötzlich sich aufrichtete wie aus einem lieblichen Traume
aufgeschreckt Miss Mertens sagte öfter sie finde dass er sehr verändert
zurückgekehrt sei
    Vor seiner Reise erzählte Miss Mertens sei ihr Herrn von Waldes Gesicht
vorgekommen wie das einer Statue so ernst und unbewegt und obgleich sie schon
damals erkannt habe dass er ein durchaus edler Mensch sein müsse sei sie doch
stets in seiner Nähe von einer Eiskälte überschlichen worden Jetzt käme es ihr
vor als habe eine lebenerweckende Hand über seine Erscheinung hingestreift
selbst sein Gang sei elastischer und rascher geworden und sie wolle darauf
schwören dass bei seinen einsamen Wanderungen durch den Hof öfter ein Lächeln
über seine Züge gleite als tauche irgend ein Wesen vor ihm auf dessen
Anschauen ihn glücklich mache Bei dieser Bemerkung lächelte Miss Mertens selbst
und meinte geheimnisvoll er habe auf alle Fälle sehr angenehme Erinnerungen mit
heimgebracht und sie könne die stille Ahnung nicht unterdrücken als müsse
binnen kurzem alles anders werden in Lindhof Sie sah aber nie dass ihre junge
Freundin bei dieser Schlussfolgerung stets mit der Hand nach dem Herzen griff
und diese selbst bemerkte es noch viel weniger denn der schmerzliche Stich der
schneidend ihr Inneres durchdrang ließ sie ganz und gar vergessen ihre äußeren
Bewegungen zu beherrschen
    Die stillen Spaziergänge unter den Linden wurden aber auch öfter
unterbrochen und zwar durch die Leute die irgend ein Anliegen vorzubringen
hatten Dann kamen die Arbeiter und Geschäftsleute aber auch die Unglücklichen
und Bedürftigen Zagend schritten die letzteren vom Bedienten angewiesen die
Stufen herab und standen dann meist mit gesenktem Kopfe vor der gebietenden
Gestalt des Herrn der sie mit milder Stimme aufforderte zu sprechen und sich
gütig zu ihnen herabbog um keines ihrer geflüsterten Worte zu verlieren Sie
verließen ihn stets gehoben und getröstet denn diejenigen die seiner Hilfe
nicht würdig waren wagten schon gar nicht ihm unter die Augen zu treten
    Heute hatte Elisabet ihre Wanderung ins Tal eine halbe Stunde früher
angetreten Der Vater war nämlich mittags als er aus dem Forstause
zurückkehrte Miss Mertens im Walde begegnet Sie hatte sehr verweint ausgesehen
und war augenscheinlich im Momente außer stande gewesen zu sprechen denn sie
hatte ihm nur einen Gruß zugenickt und war rasch weiter gegangen Diese
Nachricht ließ Elisabet keine Ruhe um keinen Preis hätte sie mit ihrem Besuche
bei der Gouvernante bis nach Beendigung der Stunde warten können das arme
einsame Wesen brauchte sicher Trost und ein Herz an dem es sich ausweinen
konnte
    Jenseits der großen Wiese die an den Saum des Waldes stieß lag ein
allerliebster Pavillon Ein dunkles Gebüsch umschloss den zierlichen Bau von drei
Seiten und ließ die helle Fronte um so leuchtender hervortreten Das kleine Haus
hatte bisher verschlossen gestanden die Läden waren jedoch meist
zurückgeschlagen und durch den Spalt den ein verschobenes Rouleau bildete
hatte Elisabet gesehen dass der innere Raum sehr elegant eingerichtet war Als
sie heute aus dem Walde trat sah sie sogleich dass die Türen des Pavillons
offen standen Ein Bedienter mit einem leeren Präsentierteller trat heraus und
winkte ihr hinüber zu kommen Beim Näherschreiten erkannte sie bald Fräulein
von Walde die Baronin und Hollfeld die den Kaffee tranken in dem einzigen
Zimmer aus welchem der Pavillon bestand
    »Sie kommen heute ein wenig zu früh liebes Kind« sagte Helene als das
junge Mädchen über die Schwelle trat
    Elisabet sagte ihr dass sie Miss Mertens zuvor einen Besuch machen wolle
    »Ach lassen Sie das heute« rief Helene lebhaft aber sehr verlegen
während die Baronin mit einem unbeschreiblich maliziösen Lächeln von ihrer
Häkelarbeit aufsah »Wissen Sie dass diesen Morgen ein großes Paket neuer
Musikalien aus Leipzig angekommen ist« fuhr Fräulein von Walde fort »Ich habe
sie schon ein wenig durchgestöbert meist prächtige Sachen Vielleicht finden
wir noch eine brillante Piece für unser Konzert  Setzen Sie sich wir gehen
dann zusammen ins Schloss« Sie bot Elisabet ein Körbchen mit Kuchen und legte
ihr eine schöne Birne auf den Teller
    Herrn von Waldes Hund sprang in diesem Augenblicke über die Schwelle Sofort
richteten sich beide Damen aus ihrer bisherigen Stellung auf Helene blickte
gespannt nach der Tür und gab sich offenbar die größte Mühe so freundlich und
harmlos wie möglich auszusehen Die Baronin aber warf ihre Arbeit in den Korb
sie untersuchte die silberne Kaffeekanne ob sie noch heiß sei stellte eine
Tasse nebst Zuckerschale zurecht und zog einen Stuhl aus der Ecke an den Tisch
Das impertinente Lächeln war verschwunden dafür lagerte sich ein gewisser Ernst
auf ihre Stirn und die ganze Erscheinung präparierte sich einen würdevollen
und imposanten Eindruck zu machen Hollfeld eilte beim Erblicken des Hundes
sogleich hinaus in den Garten und trat nach wenigen Minuten mit Herrn von Walde
wieder ein der wie es schien von einem Ausfluge zurückkam denn er trug einen
staubgrauen Überzieher und einen runden Filzhut
    »Wir haben schon gefürchtet lieber Rudolf« rief Helene ihm entgegen
während sie sich erhob und ihm die Hand hinreichte »dich für heute ganz
entbehren zu müssen«
    »Ich fand in L mehr Geschäfte vor als ich erwartet hatte« erwiderte er
und setzte sich nicht auf den ihm gebotenen Stuhl sondern neben seine Schwester
auf das Sofa wodurch Elisabet gezwungen wurde sobald sie die Augen erhob ihm
in das Gesicht zu sehen denn er saß ihr gerade gegenüber »Übrigens« fuhr er
fort »bin ich schon seit einer halben Stunde wieder zurück allein Reinhard
hatte mir eine Privatangelegenheit mitzuteilen und verlangte eine sofortige
Entscheidung von mir  deshalb wäre ich beinahe um das Vergnügen gekommen den
Kaffee bei dir zu trinken liebe Helene«
    »Der böse Reinhard« schmollte Fräulein von Walde »er hätte auch ein wenig
warten können die Welt würde ja wohl nicht gleich aus den Fugen gegangen sein«
    »Ach liebes Kind« seufzte die Baronin »das sind Dinge die wir nie ändern
werden  Wir sind eben für unser ganzes Leben verurteilt die Sklaven unserer
Untergebenen zu sein«
    Herr von Walde wendete ruhig den Kopf nach ihr und ließ seinen Blick langsam
über ihre Gestalt gleiten
    »Nun weshalb fixierst du mich so angelegentlich lieber Rudolf« fragte die
Baronin nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit
    »Ich wollte mich nur überzeugen ob du in der Tat geeignet seist eine
jener traurigen Rollen in Onkel Toms Hütte durchzuführen«
    »Stets Spott wo ich Teilnahme suche« entgegnete die Dame indem sie sich
bemühte ihrer spröden Stimme einen weichen trauervollen Klang zu geben »Ich
könnte es nun nachgerade wissen allein « sie seufzte abermals »Nicht jeder
hat übrigens deinen beneidenswerten Gleichmut der die kleinen Bitterkeiten und
notwendigen Übel des Lebens an sich vorübergleiten lässt  Wir armen Frauen
haben leider unsere unseligen Nerven die uns jede Gemütserschütterung doppelt
fühlbar machen  Hättest du mich heute morgen gesehen in welch trostlosem
Zustande ich war «
    »So«
    »Ich habe einen furchtbaren Ärger gehabt  Nun diese Miss Mertens wird es
dereinst verantworten müssen«
    »Hat sie dich beleidigt«
    »Welcher Ausdruck liebster Rudolf Wie könnte mich diese Person in ihrer
Stellung beleidigen  Erzürnt auf das äußerste erbittert hat sie mich«
    »Nun ich sehe mit großer Befriedigung dass du dich nicht so leicht unter
das Sklavenjoch beugen wirst«
    »Ich habe in der letzten Zeit unsäglich viel mit dieser albernen Person zu
ertragen gehabt« fuhr die Baronin fort ohne den Einwurf ihres Kousins zu
beachten »Meine Mutterpflichten sind mir heilig und aus dem Grunde halte ich es
für unumgänglich nötig den Unterricht meines Kindes zu überwachen denn es kann
mir durchaus nicht gleichgültig sein welche Richtung der jungen Seele gegeben
wird  Leider musste ich immer mehr finden dass Miss Mertens Wissen sehr
mangelhaft und ihre Anschauungsweise durchaus nicht derart ist dass ich eine
gleiche für ein junges Mädchen in Bellas Verhältnissen wünschen möchte  Heute
morgen höre ich wie diese einfältige Mertens dem Kinde sagt der innere Adel
stehe weit über dem Adel der Geburt  als ob das zu trennen sei  sie stelle den
Bettler der ein reines Herz habe höher als ein gekröntes Haupt das sündige
und dergleichen mehr  Wenn ich dir nun sage dass Bella dereinst  so es im
Ratschlusse des Herrn liegt  am Hofe leben wird  ich habe eine Hofdamenstelle
in B so gut wie in der Tasche für sie  dann wirst du begreifen dass ich die
Lehren der allzu freien Gouvernante unterbrach  Das musst du mir doch zugeben
lieber Rudolf dass Bella mit solchen Ansichten bei Hofe eine klägliche Rolle
spielen und sich sehr bald unmöglich machen müsste«
    »Dagegen lässt sich nichts einwenden«
    »Nun Gott sei Dank« rief die Baronin aufatmend »Ich war wirklich ein
wenig in Sorge wie du die Entlassung der Miss Mertens die du wirklich weit über
ihr Verdienst geschätzt hast aufnehmen würdest  Die Person wurde dermaßen
impertinent als ich ihren Vortrag unterbrach dass mir nichts anderes übrig
blieb als sie fortzuschicken«
    »Ich habe ganz und gar kein Recht dir Vorschriften in bezug auf deine Leute
zu machen« entgegnete Herr von Walde kalt
    »Aber ich suche mich darin so viel wie möglich deinen Wünschen
unterzuordnen bester Rudolf  Ich kann dir übrigens nicht sagen wie froh ich
bin dass ich dies unausstehliche englische Gesicht nicht mehr zu sehen brauche«
    »Es tut mir leid aber ganz umgehen wirst du das doch nicht können da sie
mit dir hier in Lindhof stets unter einem Dache sein wird denn Reinhard mein
Sekretär hat sich vor einer halben Stunde mit ihr verlobt«
    Die Arbeit entsank den Händen der Baronin Diesmal erschienen nicht nur die
bekannten Flecken in vergrösserter Gestalt sondern auch die Stirn war in eine
dunkle Röte getaucht
    »Hat denn der Mensch seinen Verstand verloren« rief sie endlich aus ihrer
Erstarrung erwachend
    »Ich glaube nicht denn er hat ihn ja eben bewiesen« entgegnete Herr von
Walde gelassen
    »Nun das muss ich sagen er zeigt sich auch hier als Altertümler  Welch
eine jugendliche blühend schöne Braut« rief die Dame höhnisch und wollte sich
totlachen Hollfeld stimmte ein in das Gelächter und gab somit das erste
Zeichen dass er teilnehme an dem Gespräche Helene warf ihm einen trüben Blick
zu Elisabet aber schnitt dieses Lachen tief in die Seele und sie fühlte etwas
wie Zorn in sich aufwachen
    »Nun ich hoffe« nahm die Baronin wieder das Wort »du wirst mir nicht
zumuten lieber Cousin «
    »Was denn«
    »Dass ich mit dieser Person noch länger zusammen sein soll«
    »Zwingen kann ich dich freilich nicht Amalie so wenig es in meiner Macht
steht meinem Sekretär das Heiraten zu verbieten«
    »Aber entlassen kannst du ihn wenn er eine Wahl trifft die deinen nächsten
Anverwandten den Aufenthalt in deinem Hause verleidet«
    »Auch das kann ich nicht denn er ist lebenslänglich bei mir angestellt und
ich habe soeben seiner zukünftigen Frau im Falle seines Todes eine Pension
zugesichert  Übrigens bist du doch ein klein wenig im Irrtume beste
Kousine wenn du glaubst es könne mich irgend etwas in der Welt bewegen einen
Menschen den ich einmal als treu und zuverlässig erkannt habe von mir zu
lassen  Ich bin mit Reinhards Wahl vollkommen einverstanden und habe ihm die
hübsche große Erdgeschosswohnung im nördlichen Flügel für alle Zeiten angewiesen
 er wird auch seine Schwiegermutter zu sich nehmen«
    »Nun ich gratuliere ihm zu dieser vortrefflichen Acquisition« entgegnete
die Baronin und ihre scharfe Stimme wankte im verhaltenen Zorne »Nur eines
erlaube ich mir zu bemerken ich kann es nicht über mich gewinnen die Person
auch nur einen Tag länger um mich zu dulden mag sie sehen wo sie bis zu ihrer
Hochzeit unterkommt  Hoffentlich wirst du einsehen lieber Rudolf dass die
interessanten Brautleute unter den obwaltenden Umständen nicht unter einem Dache
bleiben dürfen«
    »Wenn Sie mir erlauben wollen« wendete sich hier Elisabet an Helene »so
möchte ich meine Eltern bitten die Braut aufzunehmen wir haben Raum genug«
    »Ach ja tun Sie das besser könnte die Frage nicht gelöst werden«
antwortete Fräulein von Walde und reichte Elisabet die Hand Die Baronin schoss
einen wütenden Blick auf Elisabet
    »Nun da wäre ja jetzt die Sache zur allseitigen Zufriedenheit geordnet«
sagte sie mühsam ihre Fassung behauptend »Ich bescheide mich und will in Demut
abwarten ob mir die zukünftige Frau Sekretärin ein Plätzchen übriglassen wird
wo ich vor ihrem widerwärtigen Anblicke sicher bin  Apropos Fräulein
Ferber« fuhr sie nach einer Weile in leichtem Tone fort »da fällt mir eben
ein dass Ihr Honorar für die Stunden bereits seit einigen Tagen in den Händen
meiner Kammerfrau ist  klopfen Sie im Vorübergehen bei ihr an sie wird Ihnen
das Geld geben samt Berechnung die ich aber zu quittieren bitte«
    »Aber Amalie« rief Helene sich erschrocken aufrichtend
    »Ich werde Ihrem Befehle nachkommen gnädige Frau« entgegnete Elisabet
ruhig Sie hatte bemerkt wie bei den Worten der Baronin in Herrn von Waldes
Auge ein zorniger Blick jäh aufgeflammt war es hatte ausgesehen als ob eine
dunkle Wetterwolke über seine Stirn hinziehe aber schon im nächsten Augenblicke
waren diese Zeugen innerer Bewegung einem unbeschreiblich sarkastischen
Ausdrucke gewichen
    »Wenn ich Ihnen raten soll Fräulein« wandte er sich an das junge Mädchen
»so wagen Sie sich nicht ohne weiteres in die Appartements der Frau Baronin  es
geht dort um  ja lächeln Sie nur ich weiß es ganz genau Böse Geister zeigen
sich am hellen Tage und ihr Tun und Treiben hat schon manches Unheil gestiftet
 Kümmern Sie sich nicht weiter um die berührte Sache mein Hausverwalter soll
sie in Ordnung bringen er ist zuverlässig und behandelt dergleichen
Angelegenheiten mit so viel Takt dass er darin selbst Damen beschämen könnte«
    Die Baronin rollte ihre Arbeit hastig zusammen und stand auf
    »Es wird gut sein wenn ich für den Rest des Tages mein einsames Zimmer
aufsuche« wendete sie sich mit zuckenden Lippen an Helene »Es gibt
Augenblicke wo man mit den harmlosesten Absichten und Worten verstösst und sich
zu seinem Schmerze missverstanden sieht  Ich bitte also mein Nichterscheinen
beim Tee zu entschuldigen«
    Sie machte eine zeremonielle Verbeugung vor den Geschwistern ergriff den
Arm ihres Sohnes der sehr verlegen aussah und rauschte zur Tür hinaus
    Helene erhob sich mit Tränen in den Augen und wollte ihr nachgehen aber
ihr Bruder fasste mit sanftem Ernste ihre Hand und zog sie wieder neben sich auf
das Sofa
    »Willst du mir nicht wenigstens so lange Gesellschaft leisten bis ich
meinen Kaffee getrunken habe« fragte er freundlich und so unbefangen als sei
nicht das mindeste vorgefallen
    »O ja wenn du es wünschest« antwortete sie zögernd und die Augen von ihm
abwendend »aber so leid es mir auch tut muss ich dich doch bitten ein klein
wenig zu eilen denn Fräulein Ferber ist zur Stunde gekommen und hat schon
ungebührlich lange warten müssen«
    »Nun dann wollen wir gleich gehen aber ich mache eine Bedingung Helene«
    »Und die ist«
    »Dass ich zuhören darf«
    »Nein nein das geht wirklich nicht  Ich bin noch zu weit zurück deine
Ohren würden die mangelhafte Stümperei nicht ertragen«
    »Armer Emil  Er ahnt sicher nicht dass er die Gunst zuhören zu dürfen
seinen ungebildeten Ohren verdankt«
    Helene wurde dunkelrot Sie hatte ihrem Bruder bisher nichts von Hollfelds
Besuchen gesagt aus leicht erklärlichen Gründen Übrigens war sie auch der
Meinung gewesen dass er darüber gleichgültig denken würde und nun legte er wie
es schien Gewicht darauf Sie kam sich vor wie eine ertappte Lügnerin und war
im ersten Augenblick sprachlos Elisabet ahnte was in ihr vorging sie wurde
mit ihr verlegen und fühlte wie ihr plötzlich eine Purpurglut in das Gesicht
stieg In diesem Momente wandte Herr von Walde den Kopf nach ihr ein
forschender scharfer Blick flog über ihr Gesicht und zugleich erschien eine
finstere Falte zwischen den Augenbrauen
    »Spielt Fräulein Ferber auch ihre Phantasien in diesen sogenannten
Übungsstunden« fragte er rascher als gewöhnlich seine Schwester
    »O nein« entgegnete diese froh ihre Fassung wiedergewonnen zu haben
»dann würde ich doch wahrhaftig nicht von Stümperei sprechen  Ich habe Emil
auch nur den Zutritt gestattet weil ich denke man müsse die erwachende Liebe
zur Musik pflegen wo man sie finde«
    Ein leises Lächeln glitt über Herrn von Waldes Gesicht aber es war nicht
jenes Lächeln das neulich einen so eigentümlichen Reiz für Elisabet gehabt
hatte Die finstere Falte verschwand nicht und auch sein Auge hatte etwas
Düsteres als er das junge Mädchen abermals durchdringend ansah
    »Du hast recht Helene« sagte er endlich kalt und nicht ohne einen Anflug
von Spott »Aber welcher Magnet muss in diesen musikalischen Übungen liegen dass
solche Wunder geschehen  Noch vor ganz kurzer Zeit hörte Emil das Gebell
seiner Diana lieber als die Beetovenschen Sonaten«
    Helene schwieg und senkte die Augen
    »Da fällt mir eben die arme Miss Mertens ein« nahm ihr Bruder plötzlich in
gänzlich verändertem Tone wieder das Wort »Wäre es nicht zweckmäßige wenn
Fräulein Ferber vor allem diese Angelegenheit in Ordnung brächte«
    »Ei freilich« entgegnete Helene den Gedanken mit Hast ergreifend denn er
gab ja dem peinlichen Gespräche eine andere Wendung »Wir wollen lieber die
Stunde für heute streichen damit Sie liebes Kind« wendete sie sich an
Elisabet »die nötigen Schritte tun können  Gehen Sie also jetzt zu Ihren
Eltern und bitten Sie auch in meinem Namen um Aufnahme der armen Miss«
    Elisabet erhob sich Zu gleicher Zeit stand auch Helene auf Als ihr Bruder
bemerkte dass sie den Pavillon verlassen wolle schlang er rasch seine Arme um
die kleine Gestalt hob sie wie eine Feder vom Boden auf und trug sie hinaus auf
den Rollstuhl der vor der Tür stand Nachdem er die Kissen stützend hinter
ihrem Rücken geordnet und ihre kleinen Füße sorgsam mit einem Shawl bedeckt
hatte lüftete er den Hut leicht vor Elisabet wobei sie bemerken musste dass
sich die Wolke zwischen den Brauen noch nicht verzogen hatte und schob den
Rollstuhl auf den nächsten Weg der nach dem Schloss führte 
    »Sie muss doch seine ganze Seele ausfüllen« dachte Elisabet als sie den
Berg hinaufstieg »und Miss Mertens irrt sich bedeutend wenn sie glaubt er
werde ein anderes weibliches Wesen je neben oder wohl gar über seine Schwester
stellen  Er ist eifersüchtig auf seinen Vetter und leider mit vollem Rechte
 Wie ist es nur möglich« hier stand sie still denn zwei Männergestalten
erhoben sich vor ihrem inneren Auge »dass ein Mensch wie Hollfeld neben Herrn
von Walde Bedeutung gewinnen konnte für Helene«  Jener der sich hinter
einer bedeutungsvoll scheinenden Schweigsamkeit verschanzt weil er in der Tat
nichts zu sagen weiß und dieser durch dessen edle äußere Ruhe ein Feuergeist
blitzt ein unerschöpflicher Quell von Gedanken der jedoch gebändigt und
geleitet wird durch einen mächtigen Willen  Daher diese massvolle äußere
Haltung die gewöhnlichen Naturen stets unverständlich bleiben wird«
    Es fiel ihr wieder ein dass Herr von Walde sie ganz besonders fixiert hatte
als sein Verdacht wach geworden war  Hielt er sie für eine Mitschuldige für
eine Vertraute seiner Schwester und warf er nun auch seinen Groll auf sie die
doch am lebhaftesten wünschte Herr von Hollfeld möge seiner plötzlich erwachten
Passion für die Musik so schnell wie möglich wieder untreu werden  Das
konnte sie freilich niemand am allerwenigsten aber Herrn von Walde sagen und
musste somit schmerzlich büßen für das abscheuliche Erröten das gerade in einem
verhängnisvollen Augenblicke so ganz zur Unzeit und ohne jeglichen vernünftigen
Grund ihr Gesicht überflammt hatte
 
                                       12
Die Eltern erklärten sich sofort mit Elisabeths Bitte und Vorschlag
einverstanden und diese eilte unverweilt wieder hinunter ins Schloss Miss
Mertens im Namen der Eltern einzuladen Als sie in das Zimmer der Erzieherin
trat lehnte diese mit gefalteten Händen an der Wand Zu ihren Füßen stand ein
halb gepackter Koffer Schränke und Kommoden standen offen und die Stühle lagen
voll Bücher Kleidungsstücke und Wäsche Das junge Mädchen eilte auf die
Gouvernante zu schloss sie in ihre Arme und hob das von Tränen überströmte
Gesicht in die Höhe aber unter den hellen Tropfen strahlte das Glück
    »Ich bin durch die plötzliche Wendung meines Geschickes so überrascht«
sagte Miss Mertens nachdem Elisabet ihren Glückwunsch ausgesprochen hatte »dass
ich für Momente meine Augen schließen muss um mich zu sammeln  Heute morgen
war es dunkel über mir und ich wusste buchstäblich nicht wohin ich meine
Schritte lenken sollte  der Boden schwankte unter meinen Füßen  und nun
mitten in dieser Bedrängnis tut sich plötzlich eine Heimat vor mir auf Ein
Herz das ich hochachte dessen Neigung für diese arme Gouvernante mir aber bis
dahin völlig unbekannt geblieben war will mir treu zur Seite stehen und der
heisseste Wunsch meines Lebens erfüllt sich denn ich darf nun das gute alte
Mütterchen selbst hegen und pflegen  Was wird sie nur sagen wenn sie die
Nachricht erhält sie die mit der schmerzlichsten Mutterangst mich draußen
wusste in Sturm und Wetter und mich doch nicht zurückrufen durfte an ihr Herz«
    Sie erzählte Elisabet dass Reinhard in einigen Wochen selbst nach England
gehen und die Mutter holen werde Sein Gebieter habe es also bestimmt und trage
die Reisekosten So oft Miss Mertens Herrn von Walde erwähnte flossen ihre Augen
über und sie versicherte wiederholt alles was die Baronin an ihr verschuldet
sei tausendfach ausgeglichen durch ihn der es nicht ertragen könne dass in
seinem Hause irgend eine Ungerechtigkeit ungesühnt bleibe Mit ihrer Einladung
machte Elisabet das Maß der Freude voll Miss Mertens hatte für den ersten
Augenblick in das kleine Lindhofer Gasthaus gehen wollen bis sich ein
Unterkommen im Dorfe selbst für sie finden würde
    »Nun wollen wir aber auch so bald wie möglich auf den Berg« rief sie
freudestrahlend »Die Baronin hat mir vorhin meinen Gehalt herübergeschickt und
sich jegliche Annäherung meinerseits verbitten lassen  Bella ist durch mein
Zimmer gegangen ohne mich eines Blickes zu würdigen das tut wehe schmerzlich
wehe denn ich habe sie gepflegt und behütet wie meinen Augapfel Sie war
früher sehr kränklich und während die Mutter die Hoffeste besuchte saß ich
daheim viele Nächte hindurch und bewachte die Fieberträume des Kindes  Nun
das soll alles vergessen sein  Ich wollte eigentlich auch nur sagen dass ich
des Abschiedes von beiden überhoben bin«
    Während Miss Mertens um sich zu verabschieden zu Fräulein von Walde und
einigen Leuten im Hause ging die sie liebgewonnen hatte packte Elisabet ein
Die neue Bewohnerin von Gnadeck nahm nur das Nötigste mit alles übrige wurde
hinab in die Wohnung des zukünftigen Ehepaares geschafft
    Es amüsierte Elisabet unten in einem Glasschranke  denn Herr von Walde
hatte auch die ganze Einrichtung den künftigen Bewohnern zur Benutzung
überlassen  sämtliche Bücher der Gouvernante aufzustellen Das waren aber
lauter Werke die ihr Interesse lebhaft weckten es blieb nicht beim Aufschlagen
des Titels sondern ganze Kapitel wurden stehenden Fußes bei offenen Türen und
Fenstern in aller Eile durchflogen Miss Mertens und ihr Umzug versanken als ob
sie nie dagewesen und die Gedanken des jungen Mädchens flatterten eben neben
Goethes gewaltiger Erscheinung durch das Gewühl bei der Krönung Josephs des
Zweiten als über ihre Schulter herab eine frische Rose auf das Buch fiel
Elisabet erschrak aber gleich darauf lächelte sie und las ruhig weiter mit
einer leichten Wendung die Rose abschüttelnd Miss Mertens die ohne Zweifel
hinter ihr stand sollte den Triumph ihrer Neckereien nicht genießen 
Plötzlich aber stieß sie einen leisen Schrei aus  eine schöngeformte weiße
Männerhand kam neben ihr zum Vorschein und legte sich sanft auf die ihre Sie
drehte sich um nicht Miss Mertens sondern Hollfeld stand hinter ihr und
breitete lächelnd seine Arme aus als wolle er die Erschrockene auffangen
    Sofort verwandelte sich ihr Schrecken in Zorn und Entrüstung aber ehe sie
noch ein Wort hervorbringen konnte rief eine befehlende rau klingende Stimme
in ihrer Nähe »Emil du wirst im ganzen Hause gesucht Dein Verwalter aus
Odenberg hat dir Dringendes mitzuteilen Gehe hinüber«
    Neben Elisabet befand sich das Fenster  es war offen Draußen stand Herr
von Walde und sah beide Arme auf die Brüstung gestemmt in das Zimmer herein
Er hatte die Worte gerufen die den tödlich erschrockenen Hollfeld wie eine
Handvoll Spreu hinauswehten Welcher Ausdruck voll Grimm lag in diesem
Augenblicke auf der unbedeckten Stirn in den zusammengepressten Lippen und dem
funkelnden Auge das noch eine Weile nach der Tür starrte durch welche
Hollfeld verschwunden war
    Endlich fiel sein Blick wieder auf Elisabet die bis dahin regungslos
gestanden hatte jetzt aber von ihrem zwiefachen Schrecken sich erholend eine
Bewegung machte als wolle sie in den Hintergrund des Zimmers zurücktreten
    »Was tun Sie hier« fragte er barsch seine Stimme hatte genau den rauen
Klang wie zuvor Das junge Mädchen fühlte sich tief verletzt durch die Art und
Weise der Anrede und war im Begriffe trotzig zu antworten als sie bedachte
dass sie ja auf seinem Grund und Boden stehe deshalb erwiderte sie ruhig
    »Ich ordne Miss Mertens Bücher«
    »Sie hatten eine andere Antwort auf den Lippen  ich sah es und will sie
wissen«
    »Nun denn  ich wollte sagen dass ich auf eine so ungewöhnliche Art zu
fragen keine Antwort habe«
    »Und warum unterdrückten Sie diese  Zurechtweisung«
    »Weil mir einfiel dass Sie hier das Recht haben zu befehlen«
    »Das ist lobenswert dass Sie dies einsehen denn ich bin gesonnen dieses
mein gutes Recht gerade in diesem Augenblicke voll zur Geltung zu bringen 
zertreten Sie die Rose die da so schmachtend zu Ihren Füßen liegt«
    »Das werde ich nicht tun  denn sie hat nichts verschuldet« Sie hob die
Rose eine schöne halbgeöffnete Centifolie vom Boden auf und legte sie auf den
Fenstersims Herr von Walde ergriff die Blume und warf sie ohne weiteres auf den
Rasenplatz
    »Dort stirbt sie einen poetischen Tod« sagte er ironisch »die Grashalme
decken sie zu und abends kommt ein mitleidiger Tau und weint seine Tränen auf
die arme Geopferte«
    Die Spannung in seinen Zügen hatte nachgelassen aber sein Auge hatte noch
denselben Inquisitorenblick wie zuvor und auch sein Ton klang nicht viel
milder als er fragte
    »Was lasen Sie eben als ich das Unglück hatte zu stören«
    »Goethes Wahrheit und Dichtung«
    »Kennen Sie das Buch«
    »Nur einzelne Auszüge«
    »Nun wie gefällt Ihnen die rührende Geschichte vom Gretchen«
    »Ich kenne sie nicht«
    »Sie halten sie ja gerade aufgeschlagen in den Händen«
    »Nein ich las die Krönung Josephs des Zweiten in Frankfurt«
    »Zeigen Sie her«
    Sie gab ihm das aufgeschlagene Buch
    »Wahrhaftig  Aber sehen Sie doch wie abscheulich das ist gerade hier
wo Goethe den Kaiser die Römerstiege hinaufschreiten lässt ist ein hässlicher
saftgrüner Fleck  Sie haben ohne Zweifel die Rosenblätter zu innig darauf
gedrückt das werden der Kaiser Goethe und Miss Mertens Ihnen sicher nicht
verzeihen«
    »Der Fleck ist alt ich habe die Rose gar nicht berührt«
    »Aber Sie haben gelächelt bei ihrem Anblicke«
    »Weil ich glaubte sie sei von Miss Mertens«
    »Ach diese Freundschaft hat etwas Rührendes  Es war jedenfalls eine
Enttäuschung für Sie als Sie statt der Freundin das schöne Gesicht meines
Vetters hinter sich sahen«
    »Ja«
    »Ja  wie das nun klingt  Ich liebe die lakonische Kürze aber sie darf
mich nicht im Zweifel lassen  Was soll ich nun mit diesem Ja anfangen Es
klingt weder süß noch bitter und dazu Ihr Gesicht  Warum haben Sie
plötzlich eine trotzige Falte zwischen den Augen«
    »Weil ich denke jedes Recht habe seine Grenzen«
    »Ich wüsste nicht dass ich in diesem Augenblicke von meinem Rechte Gebrauch
gemacht hätte«
    »Das wird Ihnen gewiss klar werden wenn Sie sich die Frage stellen ob Sie
mir in meines Vaters Hause in so rauer Weise begegnen würden«
    Eine tiefe Blässe flog über Herrn von Waldes Gesicht Er presste die Lippen
aufeinander und trat einen Schritt zurück Elisabet nahm das Buch das er auf
den Fenstersims gelegt hatte und ging nach dem Bücherschranke um ihn zu
schließen
    »Ich würde unter den gleichen Verhältnissen in Ihres Vaters Hause ganz
ebenso gesprochen haben« sagte er nach einer Weile etwas ruhiger und wieder
näher an das Fenster herantretend »Sie haben mich ungeduldig gemacht warum
antworten Sie so unbestimmt  Wie soll ich nach der einzigen Silbe wissen ob
jene Enttäuschung eine unangenehme war oder eine willkommene  Nun «
    Er bog sich weit in das Fenster hinein und sah starr in ihr Gesicht als
wolle er eine Antwort von ihren Lippen ablesen aber sie wendete sich entrüstet
ab  Abscheulich wie war es nur möglich zu denken dass Hollfeld ihr je
willkommen sein könne Musste nicht ihr Gesicht ihr ganzes Wesen dem verhassten
Menschen gegenüber stets und immer ihre tiefste Abneigung beweisen
    In diesem Augenblicke trat Miss Mertens in das Zimmer um das junge Mädchen
abzuholen sie war mit allem fertig und vollständig gerüstet das Haus zu
verlassen Elisabet eilte aufatmend ihr entgegen während Herr von Walde das
Fenster verließ und draußen einigemal auf und ab schritt Als er wieder näher
trat verbeugte sich Miss Mertens tief und ging freudig auf ihn zu Sie sagte
ihm dass sie heute schon mehrere Male bei ihm vergeblich Zutritt gesucht habe
und sich nun freue ihm doch noch ihren Dank aussprechen zu dürfen für alle
seine Güte und Fürsorge
    Er winkte abwehrend mit der Hand und wünschte ihr dann Glück zu ihrer
Verlobung Er sprach sehr ruhig Wie durch einen Zauberschlag hatte sich
plötzlich seine ganze Erscheinung wieder mit dem Nimbus der Hoheit und
Unnahbarkeit umgeben so dass Elisabet nicht mehr begriff wo sie den Mut
hergenommen hatte diesen Mann auf die Gesetze der allgemeinen Höflichkeit
zurückzuführen  Die vorhin so leidenschaftlich flammenden Augen ruhten jetzt
ernst auf Miss Mertens Gesicht Der weiche tiefe Klang seines Organs ließ nicht
mehr ahnen dass er sich noch vor wenig Augenblicken in beissender Ironie
verschärft hatte dass jedes seiner Worte ein Ausdruck der tiefsten Gereiztheit
gewesen war und geklungen hatte als solle es rächen und verwunden
    Herr von Walde war mit Bitterkeit gegen seinen Vetter erfüllt das hatte
Elisabet ja heute schon einmal bemerkt Warum aber musste sie es büßen wenn ihm
der Verhasste vor die Augen kam  War sie nicht schon beleidigt genug gewesen
durch Hollfelds abermalige Zudringlichkeit  Und nun wurde sie auch noch das
Opfer einer Entrüstung an der doch nur Helene die Hauptschuld trug  Ein
stechender Schmerz durchzuckte sie als sie sich erinnerte wie zärtlich und
verzeihend Herr von Walde die Schwester in seine Arme genommen hatte wie auch
nicht ein Blick des Vorwurfs auf sie selbst gefallen war bei Erwähnung der
Hollfeldschen Besuche  sie die arme Klavierspielerin die notgedrungen
Hollfelds Anwesenheit mit dulden musste wurde nun zum Blitzableiter des
brüderlichen Zornes  Oder hatte er mit angesehen wie Hollfeld ihr die Rose
auf das Buch warf und war in seinem aristokratischen Stolze tief beleidigt dass
sein Vetter einem bürgerlichen Mädchen in der Weise huldige  Dieser Gedanke
kam Elisabet wie ein erleuchtender Blitz  Ja ganz gewiss so nur konnte sie
sich sein Benehmen erklären  Sie sollte die arme Blume zertreten und mit ihr
den Beweis vernichten dass Herr von Hollfeld einen Augenblick seine hohe Abkunft
vergessen hatte Darum wurde so plötzlich in rauhem befehlendem Tone zu ihr
gesprochen in einem Tone welchen sicher nur diejenigen an ihm kannten die ein
Vergehen zu büßen hatten und darum auch sollte sie durchaus sagen welchen
Eindruck ihr Hollfelds plötzliches Erscheinen gemacht habe  In diesem
Augenblicke hätte sie nun hintreten und ihm unumwunden erklären mögen wie
verhasst ihr sein hochgeborener Vetter sei dass sie sich durchaus nicht geehrt
fühle durch dessen Aufmerksamkeiten sondern dieselben stets als eine ihr
widerfahrende Schmach ansehe Allein es war zu spät Herr von Walde sprach mit
Miss Mertens über Reinhards Reise nach England so ruhig und eingehend dass es
geradezu lächerlich gewesen sein würde mitten hinein den Faden des vorigen
stürmischen Gesprächs wieder aufzunehmen Auch fiel nicht ein Blick seines Auges
mehr auf sie obgleich sie ziemlich nahe bei Miss Mertens stand
    »Ich bin eigentlich halb und halb entschlossen die Reise selbst
mitzumachen« sagte er schließlich zu der Gouvernante »Reinhard soll mit Ihrer
Frau Mutter zurückkehren denn ich will Lindhof von nun an ganz unter seine
Aufsicht stellen ich aber bleibe den Winter über in London gehe im Frühjahre
nach Schottland «
    »Und kehren dann jahrelang nicht wieder heim« unterbrach ihn Miss Mertens
erschrocken und betrübt zugleich »Hat denn Thüringen ganz und gar keine
Anziehungskraft für Sie«
    »O ja aber ich leide hier und Sie werden wissen dass oft ein herzhafter
Schnitt eine Wunde rasch und glücklich heilt während sie unter einer allzu
nachsichtigen feigen Behandlung gefährlich werden kann  Ich hoffe viel von
der schottischen Luft für mich«
    Die letzten Worte hatte er in einem Ton gesprochen der scherzhaft sein
sollte allein der gewisse Zug zwischen den Augenbrauen trat schärfer hervor
denn je und ließ Elisabet seine heitere Stimmung sehr bezweifeln
    Er reichte darauf Miss Mertens die Hand und schritt langsam den Kiesweg
hinab wo er bald hinter einem Boskett verschwand
    »Da haben wirs nun« sagte die Gouvernante traurig »Statt dass er uns wie
ich im stillen hoffte eine schöne junge Frau nach Lindhof bringt zieht er
wieder hinaus in die weite Welt und lässt in Jahr und Tag nichts wieder von sich
hören noch sehen  Es ist etwas Ruheloses in ihm kein Wunder wenn man die
unerquicklichen hiesigen Verhältnisse bedenkt  Die Baronin Lessen ist ihm ein
Greuel und doch ist er gezwungen an seinem eigenen Herde stündlich mit ihr zu
verkehren denn die Schwester die er zärtlich liebt hat ihm ja erklärt dass
sie im Umgange mit dieser Frau das Herbe und Freudenlose ihres Daseins vergisst
Auch sein Vetter ist ihm ein ungebetener Gast  Herr von Walde ist eine viel
zu gerade Natur als dass es ihm glücken sollte seine Abneigung zu verbergen
und doch sind diese Menschen wie von Stahl und Eisen die wenig rücksichtsvolle
Behandlung des Hausherrn gleitet vollständig an ihnen ab sie haben weder Augen
noch Ohren wenn er auf eine Trennung hindeutet Und Herr von Hollfeld nun der
ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch ich begreife heut noch nicht
wie er Fräulein von Waldes Herz gewinnen konnte«
    »Also wissen Sie das auch« fragte Elisabet
    »Ach Kindchen das ist ja längst ein öffentliches Geheimnis  Sie liebt
ihn so tief und hingebend wie ein Weib nur lieben kann Diese unselige Neigung
aber in der sie jetzt lebt und atmet wie im Sonnenlichte sie wird dereinst den
düstersten Schatten werfen auf das Leben der ohnehin so schwer Heimgesuchten 
Dies ganze traurige Verhältnis und seine Zukunft durchschaut und ahnt Herr von
Walde aber da er seiner Schwester nicht die Augen öffnen kann ohne sie tödlich
zu verwunden so bringt er seiner brüderlichen Zärtlichkeit die schwersten Opfer
und geht lieber da ihm der Aufenthalt in seinem eigenen Hause zu unerträglich
wird«
    Während dieses Gesprächs hatten Miss Mertens und Elisabet längst das Schloss
verlassen und stiegen bergauf Bald stieß Reinhard zu ihnen der einen Gang nach
dem Dorfe gemacht hatte Miss Mertens erzählte ihm das Zusammentreffen mit Herrn
von Walde und seine letzten Äußerungen bezüglich seiner Reise
    »Gesagt hat er mir noch nichts« meinte Reinhard »aber er sah vorhin gerade
so aus als möchte er am liebsten auf der Stelle Lindhof verlassen  Schöne
Wirtschaft das  Der Herr des Hauses ist das fünfte Rad am Wagen in seinem
Verwandtenkreise er muss die Sippschaft ernähren und als Dank dafür machen sie
ihm das Herz seiner Schwester abspenstig  Herr Gott steckte ich doch nur
zwei Tage in seinen Schuhen ich wollte den unsaubern Geist austreiben dass auch
nicht eine Spur übrigbliebe  Übrigens hoffe ich dass Herr von Hollfeld
wenigstens wieder auf einige Tage nach Odenberg geht Sein Verwalter hat soeben
die Nachricht gebracht dass die Wirtschafterin ihm plötzlich auf und davon
gegangen ist es bleibt keine der saubere gnädige Herr ist zu geizig  Es
sollen auch noch andere Unannehmlichkeiten drüben vorgefallen sein«
    Burg Gnadeck war erreicht und der Gast wurde von Ferbers sehr herzlich
begrüßt Wie heimlich und traut umfing Miss Mertens Stübchen die neue
Bewohnerin Es blinkte in Sauberkeit auf Bett und Tisch lagen frische weiße
Decken eine hübsche Schwarzwälderuhr tickte leise neben dem zierlich geordneten
Schreibtische und einige Reseden und Rosenstöcke auf dem Fenstersimse hauchten
ihren Duft durch den kleinen Raum Durch die offene Tür sah man in das
Wohnzimmer der Familie Dort auf dem gedeckten Tisch entzündete Elisabet die
Spiritusflamme in der Teemaschine während Miss Mertens rasch ihre wenigen
Habseligkeiten in Kommode und Schrank einräumte
    Unterdes hatte sich auch der Onkel in Begleitung Hektors und der langen
Pfeife eingefunden Auch Reinhard blieb da und so saß bald eine fröhliche
Gesellschaft zusammen Der Oberförster war sehr rosiger Laune Elisabet saß
neben ihm Sie bemühte sich aus allen Kräften auf seine Neckereien einzugehen
aber noch nie war es ihr so schwer geworden und er der ein sehr feines Ohr für
die leiseste Modulation ihrer Stimme hatte bemerkte das sehr bald
    »Holla Goldelse was ist mit dir« rief er plötzlich »da ist etwas nicht
in Ordnung« Er fasste sie am Kinn und sah ihr in die Augen »Richtig hast einen
Schleier über den Augen und auf der Seele  Potztausend du siehst ja auf
einmal ganz anders aus  Was solls mit dem trübseligen Nonnengesichte da«
    Elisabet wurde feuerrot unter seinem forschenden Blicke Sie bot alles auf
um durch munteren Scherz einer Beichte zu entgehen allein es gelang ihr sehr
schlecht und zuletzt blieb ihr nichts übrig als sich an das Klavier zu setzen
dort neckte und störte er sie ja nie
    Wie wohl tat es ihrem gepressten Herzen als es aufgehen durfte in vollen
rauschenden Akkorden als die Töne schmerzlich hinausklangen in die beginnende
Abenddämmerung ein Echo jenes tiefen Wehes das sie erfüllte seit sie wusste
dass Herr von Walde Thüringen wieder verlassen wollte  Vorbei war es mit jenem
Grübeln und Sinnen jenem Haschen nach dem unklaren fremdartigen Etwas das
plötzlich wie ein liebliches Rätsel zwischen ihren Tongedanken aufgetaucht war
Es sprach jetzt mit eigener fester Stimme in gewaltigen Klängen vor denen das
einstige harmlose Saitenspiel ihres Innern zu einem unhörbaren Säuseln erstarb
 Ein Wunderland voll goldener Verheißungen tat sich vor ihr auf  ihr Auge
irrte trunken darüber hin aber nie nie sollte sie jenen Boden betreten denn
über die finstere Kluft zu ihren Füßen führte keine Brücke  Der Schleier
unter dem ihre Seele in glücklicher Unwissenheit bis dahin gelegen war
zerrissen sie erkannte mit Lust und unsäglichem Schmerze dass  sie liebte
    Wie lange sie gespielt hatte sie wusste es nicht Aber sie erwachte jäh aus
dem gänzlichen Vergessen der Außenwelt wie ein Lichtstrom aus dem Wohnzimmer
herüberquoll und grell über Beetovens bleiche Büste floss Die Mutter hatte die
große Lampe angezündet und Elisabet sah jetzt dass der Onkel neben ihr im
Fenster saß er musste sehr geräuschlos eingetreten sein Als ihre Hände von den
Tasten herabglitten strich er leise mit der Hand über ihr Haar
    »Siehst du Kind« sagte er endlich mit bewegter Stimme nachdem das letzte
Vibrieren der Saiten verhallt war »wenn ich nicht schon gemerkt hätte dass
etwas ganz Absonderliches in dir vorgeht so wüsste ichs jetzt durch dein Spiel
das waren ja Tränen nichts als Tränen«
 
                                       13
Mit Miss Mertens Einzuge in der alten Burg hatte sich das Ferbersche
Familienleben womöglich noch freundlicher gestaltet als bisher Die Gouvernante
fühlte sich seit langer trostloser Zeit zum erstenmal wieder heimisch angeweht
und von Liebe umgeben Ihr warmes Fühlen bis dahin ängstlich bewacht und
zurückgehalten brach jetzt hervor und ließ sie im Vereine mit ihrem reichen
Wissen höchst liebenswürdig erscheinen Sie trachtete sich nützlich zu machen
wo sie konnte Namentlich beschäftigte sie sich viel mit dem kleinen Ernst der
unter ihrer Anleitung eifrig englische und französische Vokabeln lernen musste
auch Elisabet suchte von dem Aufenthalte der Miss Mertens auf Gnadeck so viel
Vorteil wie möglich zu ziehen Sie studierte emsig denn das war ja die beste
Abwehr für alle trübe Grübelei
    Die Übungsstunden bei Fräulein von Walde hatten mittlerweile ihren
regelmäßigen Fortgang Hollfeld der nur auf einen Tag nach Odenberg gegangen
war kam nach wie vor als eifriger Zuhörer und bot alles auf einen Moment des
Alleinseins mit Elisabet zu gewinnen Er hatte es schon einigemal so schlau
einzurichten gewusst dass Helene während der Pause aufgestanden war um irgend
einen besprochenen oder von ihm gewünschten Gegenstand in einem anderen Zimmer
zu holen allein er erreichte einen Zweck nicht denn Elisabet ging zugleich
hinaus und ließ sich von dem Bedienten ein Glas Wasser geben An ein Begegnen
auf dem Nachhausewege durfte er auch nicht denken da Miss Mertens regelmäßig mit
Ernst kam um das junge Mädchen abzuholen  Dieses stete Vereiteln seiner
Wünsche machte ihn endlich ungeduldig und rücksichtsloser Die Hand fiel von dem
Gesichte er trug seine Leidenschaft unverhohlen zur Schau und nur ihrer
Kurzsichtigkeit verdankte es Helene dass ihr eine schmerzvolle Entdeckung
vorderhand noch erspart blieb  So wurden Elisabet die Gänge ins Schloss immer
peinlicher und sie dankte Gott als endlich das beabsichtigte Fest heranrückte
denn mit ihm hörten dann wenigstens die täglichen Übungsstunden auf
    Es war am Tage vor dem Geburtsfeste des Herrn von Walde als Reinhard
nachmittags bei einem Besuche auf Gnadeck erzählte dass bereits ein Gast unter
im Schloss angekommen sei
    »Der Flederwisch hat uns noch gefehlt« meinte er ärgerlich
    »Wer ist denn das« fragten lachend Frau Ferber und Miss Mertens zugleich
    »Ach eine sogenannte Freundin von Fräulein von Walde eine Hofdame aus L
Sie will beim Arrangement des Festes helfen gnade Gott den armen Leuten die
kehrt das Unterste zu oberst«
    »Ah Fräulein von Quittelsdorf« rief Miss Mertens noch immer lachend »Nun
ja die hat allerdings Quecksilber in den Adern sie ist entsetzlich
oberflächlich aber von Herzen nicht böse«
    Später ging Elisabet in Reinhards Begleitung hinunter nach Lindhof Als sie
in die Nähe des Schlosses kamen wurde gerade Herrn von Waldes Reitpferd an die
große Freitreppe mitten der südlichen Fronte geführt Gleich darauf trat er
selbst aus der Glastüre mit der Reitpeitsche in der Hand und stieg die Stufen
hinab  Elisabet hatte ihn nicht wieder gesehen seit jenem Nachmittage wo er
ihr so rau und rücksichtslos begegnet war er erschien auffallend bleich und
finster
    In dem Augenblicke als er sich auf das Pferd schwang erschien eine junge
Dame in weißem Kleide auf der Treppe Sie war sehr hübsch und eilte mit
graziösester Leichtigkeit hinunter um das Pferd auf den Hals zu klopfen und ihm
ein Stück Zucker zu reichen
    Fräulein von Walde die an Hollfelds Arm mit ihr zugleich herausgetreten
war blieb oben stehen und winkte ihrem Bruder grüßend mit der Hand zu
    »Die junge Dame ist Fräulein von Quittelsdorf« fragte Elisabet
    Reinhard bejahte mit einem missvergnügten Gesichte
    
    »Ihre äußere Erscheinung gefällt mir« meinte das junge Mädchen »Herr von
Walde scheint sich gern mit ihr zu unterhalten« fügte sie leise hinzu Der
Reiter bog sich in diesem Augenblicke vom Pferde herab und schien nachdenklich
auf das zu hören was ihm die junge Dame vorplauderte
    »Je nun er will nicht grob sein und lässt sich das Geschwätz einen Moment
gefallen« sagte Reinhard weiterschreitend »Die spricht das Blaue vom Himmel
herunter und ist im stande dem Pferde in die Zügel zu fallen wenn er davon
will ehe sie mit ihrem Kapitel fertig ist«
    Inzwischen waren sie in das Vestibül getreten Elisabet verabschiedete sich
hier von Reinhard und begab sich hinauf in das Musikzimmer wo sich alsbald auch
Fräulein von Walde und Hollfeld einfanden Erstere ging noch einmal in ihr
Ankleidezimmer um ihre ein wenig derangierten Locken in Ordnung bringen zu
lassen diesen Moment benutzte Hollfeld und trat eilig auf Elisabet zu die
sich in die Fensternische zurückgezogen hatte und in einem Notenhefte blätterte
    »Wir wurden neulich abscheulicherweise gestört« flüsterte er
    »Wir« fragte sie ernst und mit Nachdruck und trat einen Schritt zurück
»Ich hatte allerdings Ursache mich über Störung zu beklagen und muss gestehen
dass ich sehr entrüstet war meine Lektüre unterbrochen zu sehen«
    »Ah jeder Zoll eine Fürstin« rief er scherzhaft aber mit unterdrückter
Stimme »Ich habe übrigens durchaus nicht beabsichtigt Sie zu beleidigen im
Gegenteil wissen Sie nicht was die Rose sagt«
    »Gewiss sie hat sicher gemeint es sei tausendmal schöner am Zweige zu
sterben als zu einem so unnützen Zwecke abgerissen zu werden«
    »Grausame  Sie sind hart wie Marmor  Ahnen Sie denn gar nicht was
mich täglich hierher zieht«
    »Ohne Zweifel die Bewunderung für unsere großen Tonmeister«
    »Sie irren sich«
    »Dann jedenfalls zu Ihrem Vorteile«
    »O nein denn damit käme ich um keinen Schritt weiter Die Musik ist
lediglich für mich die Brücke «
    »Von der Sie sehr leicht ins kalte Wasser fallen dürften«
    »Und würden Sie mich untergehen lassen«
    »Ja ganz sicher  Ich bin nicht ehrgeizig genug um mir die
Rettungsmedaille verdienen zu wollen« antwortete Elisabet trocken
    Fräulein von Walde kam zurück Sie schien verwundert die beiden im
Gespräche zu finden denn bis dahin war ja noch nie ein Wort zwischen ihnen
gewechselt worden Ihr Blick streifte prüfend über Hollfelds Gesicht das den
Ausdruck eines lebhaften Verdrusses noch nicht ganz zu unterdrücken vermochte
dann setzte sie sich schweigend an das Klavier und präludierte während
Elisabet die Noten zusammensuchte Hollfeld nahm seinen gewöhnlichen Platz ein
und stützte melancholisch den Kopf auf die Hand Noch nie aber hatten seine
Blicke so glühend und verzehrend auf Elisabet geruht als in diesem
Augenblicke Sie bereute sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen zu haben ihr
Bestreben ihn durch Kälte und Schroffheit zurückzuweisen schien eine ganz
entgegengesetzte Wirkung gehabt zu haben Furcht und Widerwillen bemächtigten
sich ihrer beim Anblicke seiner auffallend erregten Gesichtszüge und obgleich
das triumphierende Lächeln des Onkels vor ihr aufstieg gewann doch der
Entschluss lieber den Stunden zu entsagen als sich noch länger diesen
unverschämten Blicken auszusetzen immer mehr Boden in ihrer empörten Seele
    Die Stunde nahte ihrem Ende als Fräulein von Quittelsdorf rasch eintrat
Sie trug ein kleines Wesen im weißen Tragkleidchen auf dem Arme und drückte mit
der einen Hand den Kopf desselben an ihre Schulter
    »Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg empfiehlt sich gehorsamst« sagte sie
zeremoniell und bedauert unendlich ihres Zipperleins wegen sich morgen nicht
einfinden zu können  Dafür aber gibt sie sich die Ehre ihr geliebtes
blühendes Enkelkind zu schicken «
    In dem Augenblicke machte das Geschöpfchen auf ihrem Arme einige
verzweifelte Bewegungen und sprang plötzlich mit einem lauten Quieken auf den
Boden wo es sofort das lange Kleid nachschleppend unter einem Stuhle
verschwand
    »Nein Kornelie du bist doch zu kindisch« rief Fräulein von Walde lachend
und ärgerlich zugleich als Alis angstvolles Gesicht von einer bebänderten
Kinderhaube umgeben scheu unter dem Stuhle hervorguckte »Das sollte die gute
Falkenberg wissen da wäre es sicher aus mit deinen Schelmenstreichen am Hofe zu

    Bella die mit hereingekommen war wollte ersticken vor Lachen und suchte
sich erst zu mäßigen als ihre Mutter erstaunt über den Lärm eintrat und ihr
das Unschickliche einer so lauten Lustigkeit zu Gemüt führte Die Baronin drohte
Fräulein von Quittelsdorf lächelnd mit dem Finger als ihr Helene deren tollen
Einfall mitgeteilt hatte und näherte sich darauf Elisabet
    »Fräulein von Walde wird Ihnen wohl noch nicht mitgeteilt haben« sagte sie
in ziemlich gnädigem Tone zu dem jungen Mädchen »dass sich alle Geladenen zu dem
Feste morgen um vier Uhr unten im großen Saale einfinden werden Ich bitte die
Stunde ja nicht zu versäumen Das Konzert wird jedenfalls gegen sechs Uhr zu
Ende sein ich bemerke Ihnen dies nur damit Sie die Ihrigen nicht früher zu
Hause erwarten«
    Helene sah bei diesen Worten verlegen auf die Tasten während Fräulein von
Quittelsdorf sich neben die Baronin postierte und Elisabet neugierig ins
Gesicht starrte So hübsch auch die schwarzen Augen waren die auf ihr ruhten
so fühlte sich das junge Mädchen doch verletzt durch das unausgesetzte Fixieren
Sie verbeugte sich leicht vor der Baronin mit der Versicherung dass sie sich
pünktlich einfinden werde und heftete dann einen festen ernsten Blick auf die
hübsche Zudringliche Die Wirkung war eine blitzschnelle Fräulein von
Quittelsdorf wandte den Kopf weg und drehte sich verlegen und wie ein
ungezogenes Kind auf dem Absatze herum In demselben Augenblicke entdeckte sie
Herrn von Hollfeld in der Fensternische
    »Wie Hollfeld« rief sie »sind Sie es selbstoder ists Ihr Geist Was
tun Sie hier«
    »Ich höre zu wie Sie sehen«
    »Sie hören zu  Ha ha ha  Und genießen Unverdaulichkeiten wie
Mozart und Beethoven  Wissen Sie nicht mehr dass Sie mir noch vor vier
Wochen beim letzten Hofkonzert versichert haben Sie litten jedesmal nach dem
Genuße klassischer Musik an verdorbenem Magen«
    Sie hielt sich die Seiten vor Lachen
    »Ach lassen Sie jetzt die Possen beste Kornelie« sagte die Baronin »und
helfen Sie mir lieber mit Ihrem erfinderischen Geiste beim Festprogramm  Und
auch du lieber Emil würdest mir einen großen Gefallen tun wenn du mitkommen
wolltest  Du weißt ja ich bin jetzt in die traurige Notwendigkeit versetzt
eine männliche Stütze neben mir haben zu müssen wenn meine Anordnungen
respektiert werden sollen«
    Hollfeld erhob sich mit sichtlichem Widerstreben
    »Nun dann nehmt mich auch mit  Wollt ihr so grausam sein mich die
ganze lange Zeit bis zum Tee allein zu lassen« rief Helene vorwurfsvoll und
stand auf Sie sah verstimmt aus und es kam Elisabet zum erstenmal so vor als
hafte ihr Blick neidisch auf Korneliens flinken Füßen die ohne weiteres
Hollfelds Arm genommen hatte und zur Tür hinaushüpfte Elisabet machte den
Flügel zu und wurde eiligst entlassen
    In den Gängen des Schlosses die das junge Mädchen passieren musste
herrschte ein reges Leben Mehrere Bediente schleppten Körbe voll Silberzeug und
Porzellan in ein Zimmer neben dem großen Saale Aus den Küchenfenstern im
Souterrain quollen Duftströme aller möglichen gebackenen und gebratenen guten
Dinge und in einem offenstehenden Domestikenzimmer lagen ganze Berge grünen
Laubwerks und bereits fertiger Guirlanden und Kränze
    Und er zu dessen Verherrlichung sich aller Hände heute rührten und regten
er ritt einsam draußen mit umdüsterter Seele auf Mittel und Wege sinnend wie
er dem fried und freudelosen Leben in seinem Hause entfliehen könne
    Elisabet ging hinüber in das Dorf um einen Auftrag ihres Vaters
auszurichten Vor einigen Tagen nämlich hatte ein heftiger nächtlicher
Gewittersturm dem baufälligen Erker im Garten wieder dergestalt zugesetzt dass
man fürchten musste er werde bei der leisesten Erschütterung zusammenstürzen und
die ihm naheliegenden kaum erst mit so großer Mühe hergestellten Gartenanlagen
mit seinen Trümmern zerstören Zwei Lindhofer Maurer hatten endlich Ferber
versprochen die Ruine nächsten Montag abzutragen da ihnen aber in bezug auf
das Wortalten nicht zu trauen war wie der Oberförster nach gemachter Erfahrung
versicherte so sollte Elisabet sie nochmals an ihre Zusage erinnern und ihnen
die Notwendigkeit ihres Kommens vorstellen
    Das Resultat ihrer Wanderung war ein befriedigendes Einer der Arbeiter
hatte ihr sogar bei allem was ihm heilig und teuer geschworen zu kommen und
nun schritt sie durch den stillen einsamen Wald nach Hause Ungefähr in der
Mitte des Pfades der vom Dorfe nach dem Forstause lief bahnte sich ein
schmaler nach der Burg Gnadeck aufwärts führender Weg ab Er wurde selten
betreten und wäre deshalb für ein fremdes Auge gar nicht sichtbar gewesen denn
an vielen Stellen überwucherte ihn das Gestrüpp und das modernde Laub lag so
locker aufgeschichtet zwischen den knorrigen Baumwurzeln als sei es noch nie
von der Sohle eines Menschen berührt worden Elisabet liebte diesen Pfad und
wählte auch jetzt ihn zum Rückwege
    Noch nie war ihr ein menschliches Wesen begegnet heute aber war sie noch
nicht weit in die grüne Dämmerung vorgedrungen als sie die Bemerkung machte
dass ungefähr zwanzig Schritt vor ihr und zwar rechts drunten am Abhange neben
dem Stamme einer mächtigen Buche etwas wie ein Arm sich langsam vorwärts
strecke und dann wieder zurücksinke Sie konnte diese Bewegung um so deutlicher
erkennen als an jener Stelle die Bäume weiter auseinander traten und eine
kleine Lichtung begrenzten deren grüner heller Rasenfleck wie eine Oase mitten
im Waldesdüster lag Elisabet schritt unhörbar und langsam weiter und kam
dadurch immer näher in das Bereich jener Buche bis sie plötzlich erschrocken
stehen blieb
    An dem Baume lehnte ein Mann Er kehrte ihr den Rücken zu sein Haupt war
unbedeckt und zeigte einen Wust ungekämmter struppiger Haare Einen Augenblick
stand er unbeweglich als lausche er auf irgend ein Geräusch dann trat er einen
Schritt vor hob den ausgestreckten Arm in die Höhe richtete die Mündung einer
Pistole hinaus nach der Waldblösse als wolle er auf einen gegenüberstehenden
Baum schießen und ließ nach einer Weile den Arm niedersinken
    »Er übt sich« dachte Elisabet aber sie dachte es nur um sich zu
beruhigen denn eine unbeschreibliche Angst hatte sich ihrer plötzlich
bemächtigt sie wusste nicht sollte sie vor oder rückwärts laufen um von dem
Unheimlichen nicht bemerkt zu werden und blieb deshalb gerade wie festgewurzelt
stehen
    Da schlug Pferdegetrappel an ihr Ohr Der Mann drüben richtete sich wie
elektrisiert in die Höhe Wenige Augenblicke darauf erschien jenseits der
Lichtung ein Reiter Langsam schritt das Pferd über den weichen Wiesenboden 
sein Herr hatte in Gedanken verloren den Zügel fallen lassen  Der Mann mit
der Pistole trat rasch zwei Schritt vor hob den Arm in der Richtung des Reiters
und wandte dabei den Kopf etwas seitwärts  Elisabet erkannte sofort in den
todblassen von Hass und Grimm entstellten Zügen den ehemaligen Verwalter Linke
und jener dort den sein Pferd immer näher vor die Mündung der todbringenden
Waffe trug war Herr von Walde  In diesem Augenblicke ging eine merkwürdige
Verwandlung in Elisabet vor Hatte sie noch eben mädchenhaft ängstlich vor der
Begegnung mit jenem unheimlichen Menschen gezittert so überkam sie jetzt ein
wunderbarer Mut eine unbegreifliche Ruhe und Beherrschung ihrer selbst in dem
Gedanken dass sie berufen sei zu retten  Lautlos glitt sie vorwärts und
stand plötzlich wie aus der Erde gewachsen neben Linke der das Auge gespannt
auf sein Opfer richtend ihre Nähe nicht ahnte  Mit aller Kraft deren sie
fähig packte sie seinen Vorderarm und riss ihn zurück Die Pistole entlud sich
mit einem lauten Knalle und die Kugel schlug zischend seitwärts in einen Baum
während der Elende entsetzt zur Erde taumelte Zu gleicher Zeit scholl ein
lauter weiblicher Hilferuf durch den Wald  Der Mörder richtete sich auf und
floh in das Gestrüpp  Drüben bäumte sich das Pferd im ersten Schrecken dann
aber flog es von seinem Herrn angetrieben über die Wiese und stand mit einigen
Sätzen nahe bei Elisabet die sich totenbleich an der Buche festhielt denn
nun nachdem die Gefahr vorüber machte die weibliche Natur ihr Recht geltend
Das junge Mädchen zitterte am ganzen Körper aber ein glückliches Lächeln
verklärte ihr ganzes Gesicht als sie Herrn von Walde gerettet vor sich sah
    Er sprang bei ihrem Erblicken bestürzt vom Pferde sie aber die eben noch
eine so außerordentliche Selbstbeherrschung an den Tag gelegt stieß einen
lauten Schrei aus und drehte sich tödlich erschrocken um als sich von rückwärts
zwei Arme um ihre Schulter legten sie blickte in Miss Mertens tief erregte
Züge
    »Um Gotteswillen Elisabet« rief die Gouvernante atemlos »was haben Sie
getan er konnte Sie ermorden«
    Herr von Walde drang durch den Rest von Gestrüpp der ihn von den beiden
trennte
    »Sind Sie verletzt« fragte er rasch und heftig Elisabet
    Sie schüttelte mit dem Kopfe Ohne ein Wort weiter zu sagen hob er sie vom
Boden auf und trug sie nach einem umgestürzten Baumstamme wo er sie niederließ
Miss Mertens setzte sich zu ihr und lehnte den Kopf des jungen Mädchens an ihre
Schulter
    »Nun sagen Sie mir was geschehen ist« sagte Herr von Walde zur
Gouvernante
    »Nein nein« rief Elisabet angstvoll »nur hier nicht wir wollen gehen
der Mörder ist entkommen er lauert vielleicht im nächsten Gebüsche und führt
sein Vorhaben doch noch aus«
    »Linke wollte Sie ermorden Herr von Walde« sagte Miss Mertens mit
zitternder Stimme
    »Der Elende Der Schuss galt also mir« entgegnete er ruhig ohne das
mindeste Anzeichen von Bestürzung Er ging hierauf tief in das Gebüsch durch
welches nach Miss Mertens Angabe Linke entflohen war Elisabet zitterte als
er im Dickicht verschwand und war eben im Begriffe alle Selbstbeherrschung zu
verlieren und ihm nachzuspringen als er zurückkehrte
    »Sie können ruhig sein« sagte er zu dem jungen Mädchen »es ist keine Spur
von ihm zu entdecken der schießt heute sicher nicht zum zweitenmal  Nun
erzählen Sie mir den Vorfall Miss Mertens«
    Sie war wissend dass Elisabet heute über das Dorf zurückkehre ihr auf dem
schmalen Waldwege entgegengegangen Langsam vom Berge niedersteigend hatte sie
dieselbe Entdeckung gemacht wie das junge Mädchen Die Absicht des Erbärmlichen
war ihr sofort klar geworden aber der Schrecken hatte sie dergestalt übermannt
dass sie im ersten Augenblicke weder Zunge noch Fuß zu bewegen vermochte So
hatte sie in tödlicher Angst wie eingewurzelt gestanden als plötzlich
Elisabet die sie vorher nicht gesehen hinter dem Mörder erschienen war Im
Entsetzen über die Gefahr in welche sich das junge Mädchen begeben war ihr der
Hilferuf entflohen den man mit dem Schusse zugleich gehört hatte  Sie
erzählte dies alles in fliegenden Worten »Wo nahmen Sie nur den Mut her
Elisabet« sagte sie schließlich »den Menschen zu packen  Ich schauderte
schon bei dem bloßen Gedanken an die Berührung und hätte es sicher beim Schreien
bewenden lassen«
    »Wenn ich schrie« entgegnete Elisabet einfach »dann konnte eine
unwillkürliche Bewegung Linkes infolge des Schreckens das Unglück gerade
herbeiführen«
    Herr von Walde hörte der Schilderung mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit zu
Nur als Miss Mertens beschrieb wie Elisabet den Mörder mit Blitzschnelle
gefasst hatte wechselte er jäh die Farbe und warf einen langen ängstlich
forschenden Blick auf das junge Mädchen als wolle er sich versichern dass es
auch wirklich unverletzt aus der Gefahr hervorgegangen sei  Er bog sich zu
ihr nieder nahm ihre Rechte und führte sie an seine Lippen sie fühlte dabei
ein leises Beben seiner Hand
    Miss Mertens welche bemerkte dass diese Dankesäusserung Elisabet sehr
verlegen machte und ihr eine Purpurglut auf die Wangen trieb verließ ihren
Platz hob die Pistole vom Boden auf die Linke auf seiner Flucht von sich
geworfen hatte und gab sie Herrn von Walde
    »Abscheulich« murmelte er »Der Elende hat sich auch noch einer Waffe
bedient die mir gehört«
    Elisabet erhob sich jetzt auch und versicherte auf Miss Mertens Befragen
dass sie von den Wirkungen des Schreckens ganz und gar nichts spüre und den
Rückweg antreten könne Beide wollten sich von Herrn von Walde verabschieden
allein er band sein Pferd an der verhängnisvollen Buche noch fester an und sagte
in scherzhaftem Tone »Linke ist wie wir uns heute überzeugt haben sehr
rachsüchtiger Natur es dürfte leicht sein dass er meine Lebensretterin noch
grimmiger hasst als mich selbst  ich kann nicht zugeben dass Sie ihm ohne
männlichen Schutz begegnen«
    Sie stiegen den Berg hinauf Miss Mertens eilte voraus um auch Herrn von
Walde zur Eile anzutreiben denn es mussten ja doch Schritte zur Verfolgung des
Verbrechers geschehen allein ihre Bestrebungen waren umsonst Er schritt
langsam und schweigend neben Elisabet die eine Zeitlang mit sich kämpfte
endlich aber in leisem verzagtem Tone ihn bat er möge jetzt nicht wieder
allein zu seinem Pferde zurückkehren sondern dasselbe holen lassen
    Er lächelte »Mein Belisar ist wild und eigensinnig Sie kennen ihn ja«
sagte er »Er geht nur mit mir und würde es sehr übel vermerken wenn ihn ein
anderer als sein Herr nach Hause bringen wollte  Jener feige Mensch wird
übrigens wie ich Ihnen schon gesagt habe heute auf keinen Fall einen zweiten
Angriff gegen mich wagen  Nun und wenn auch ich bin ja gefeit  Ist
nicht heute ein guter Stern über mir aufgegangen«
    Er blieb stehen »Was meinen Sie« fragte er plötzlich mit gedämpfter
Stimme während sein Auge aufleuchtete und das ihre forschend suchte »soll ich
wohl den entzückenden Wahn festhalten dass er mich durch mein ganzes Leben
begleiten werde«
    »Wenn Sie Wagestücke in diesem Sinne ausführen wollen dann ist es freilich
besser Ihr Glaube an jenen Stern ist kein so unbedingter«
    »Das größte Wagestück war wohl dieser augenblickliche Wahn selbst« murmelte
er für sich während ein finsterer Schatten über sein Gesicht flog
    »Ich verstehe Sie nicht« sagte Elisabet erstaunt
    »Das ist ganz natürlich« entgegnete er bitter »Ihr Denken und Wünschen hat
ja eine ganz entgegengesetzte Richtung  Bei aller Strenge gegen sich selbst
begegnet es einem doch manchmal dass man sich von einem lieblichen Traume
beschleichen lässt  Nein nein sagen Sie nichts mehr  ich bin ja schon
bestraft denn ich wache«
    Jetzt beschleunigte er seine Schritte und ging nun an Miss Mertens Seite
während Elisabet stumm folgte und sich den Kopf darüber zerbrach warum er wohl
so plötzlich wieder in jenen rauen Ton verfallen war der sie stets so tief
verletzte Er sprach kein Wort mehr und als endlich die Mauern des alten
Schlosses durch die Büsche blickten empfahl er sich in auffallend kurzer und
knapper Weise und schritt rasch den Berg wieder hinunter
    Miss Mertens sah ihm erstaunt nach »Sonderbarer Mann« sagte sie endlich und
schüttelte den Kopf »Und wenn auch wirklich das Leben für ihn sehr wenig Wert
hat wie ich in diesem Augenblicke annehmen muss so meine ich doch wäre ein
Wort des Dankes beim Auseinandergehen nicht gerade überflüssig gewesen wenn man
bedenkt dass Sie Ihr Leben um seinetwillen in Gefahr gebracht haben«
    »Ich sehe diese Notwendigkeit durchaus nicht ein« entgegnete Elisabet
»Sie legen überhaupt meinem Anteil bei dem Vorfalle viel zu viel Gewicht bei 
Ich habe einfach eine Pflicht gegen den Nächsten erfüllt und würde« fügte sie
mit einem eigentümlichen Trotze in Ton und Gebärden hinzu »ganz ebenso
gehandelt haben wenn der Fall ein umgekehrter und Linke der Bedrohte gewesen
wäre  Es ist mir sehr erwünscht dass auch er die Sache in der Weise auffasst
denn bei seinem Hochmute müsste ihm das Gefühl einer nicht einzulösenden
Verbindlichkeit einem anderen menschlichen Wesen gegenüber jedenfalls ein höchst
peinliches werden ich aber möchte um alles dieses Wesen nicht sein«
    In diesem Augenblicke stritten zärtliche Angst und Bitterkeit in ihr Sie
verfolgte in Gedanken den Hinabsteigenden Schritt um Schritt und schüttelte sich
vor Entsetzen wenn sie dachte er gehe vielleicht gerade jetzt an der Stelle
vorüber wo der Rachedürstende auf ihn lauere  dann meinte sie indem sie
hastig vorwärts schritt es sei doch recht töricht alles Denken und Empfinden
an einen Mann zu verschwenden der ihr geflissentlich die rauheste Seite seines
Wesens zeige  Selbst der Baronin gegenüber die ihm doch in tiefster Seele
zuwider war verlor er keinen Augenblick seine Ruhe setzte er nie die Formen
der allgemeinen Höflichkeit aus den Augen wenn er ihr auch seine Überzeugung
stets ungescheut ins Gesicht sagte Seine ganze Umgebung kannte ihn nicht
anders als von dem Nimbus der Ruhe und Würde umgeben nur im Gespräch mit ihr
hielt er es nicht der Mühe wert sich zu beherrschen  Wie heftig konnte er da
werden Wie flammten seine Augen auf und hingen mit verzehrender Ungeduld an
ihren Lippen wenn sie nicht rasch oder bestimmt genug antwortete  dabei
verlangte er sie solle ihn womöglich schon verstehen noch bevor er gesprochen
und doch war er ihr noch völlig unverständlich wenn er fertig zu sein meinte
Vielleicht waren alle anderen scharfsinniger als sie und fanden sich rascher in
seine Sprech und Denkweise die für sie nun einmal ein unlösbares Rätsel war
und blieb  War es ihr zu verdenken wenn sie sich vornahm dergleichen
Konflikten künftig auszuweichen  Gewiss nicht  Nun zum Glücke war ja
seine Abreise nahe  zum Glücke  Der mittels Trotz und Stolz aufgerichtete
Bau der Selbstbetrügerei zerfiel plötzlich vor diesem einen Gedanken ja er
versank so spurlos dass sie zu Miss Mertens Verwunderung eilig in den Weg
einbog der von der Waldblösse hinunter nach dem Schloss führte  Sie musste
sich überzeugen ob Herr von Walde unangefochten zurückkehre Miss Mertens folgte
ihr willig bis in ein Boskett nahe bei der Tür wo er abzusteigen pflegte und
auch ihr fiel ein Stein vom Herzen als er gleich darauf aus dem Walde
hervorsprengte
 
                                       14
Abends saß die Familie Ferber im Garten unter den Brunnenlinden Frau Ferber und
Miss Mertens arbeiteten an einem warmen Fussteppich aus lauter Tuchstückchen der
im Winter unter das Klavier gelegt werden sollte
    Die Mutter hatte ein bedeutendes Teil der gleichmäßigen Ruhe eingebüßt die
ihre äußere noch immer schöne Erscheinung so wohl kleidete Sie konnte sich noch
immer nicht beruhigen über den Vorfall am Nachmittage denn obgleich ihr Kind
wohlbehalten und unverletzt vor ihr gestanden hatte war sie doch außer sich
gewesen bei Miss Mertens Erzählung Ihr Blick suchte seitdem unablässig die
Tochter der leiseste Farbenwechsel auf Elisabeths Wangen beunruhigte sie und
ließ sie eine Erkrankung infolge der gehabten Alteration befürchten  Anders
dachte der Vater »So recht mein tapferes Töchterchen« hatte er mit
strahlenden Augen gesagt »mit kühlem Blute überlegt und dann flink und
unerschrocken mit Hand und Fuß bei der Tat  so wollte ich dich haben«
    Frau Ferber sah in ihrem Gatten stets das Ideal eines Mannes Noch jetzt
nach so und so viel Ehestandsjahren schwur sie blindlings auf seine Aussprüche
als auf etwas Unfehlbares Heute aber bei seiner väterlichen Belobung war ihr
doch ein Seufzer entschlüpft und sie hatte gemeint eine Mutter liebe ihre
Kinder doch ungleich mehr als der Vater
    »Mehr sicher nicht  nur anders« war Ferbers ruhige Antwort gewesen
»Gerade weil ich sie liebe erziehe ich sie zu Menschen die selbständig und
mutig denken und handeln damit sie nicht später einmal zu jenen unglückseligen
Umhergestossenen gehören die aus Mangel an Tatkraft die unausgesetzt Leidenden
sind«
    Elisabet brachte auch eine Arbeit mit in den Garten allein der kleine
Ernst machte ein sehr ungnädiges Gesicht als sie das Nähzeug auspackte
    »Na warte nur Else« sagte er entrüstet »Herr von Walde kann mich zehnmal
fragen ob ich dich lieb habe  ich werde ganz gewiss nicht wieder ja sagen 
Du spielst ja gar nicht mehr mit mir und bildest dir wohl gar ein du seist
auch nun auf einmal ein so großes Mädchen wie Miss Mertens  Ach das lasse du
ja bleiben  das bist du noch gar lange nicht«
    Ein allgemeines Gelächter erscholl über die Verwechselung des Alters und der
Größe Elisabet aber erhob sich eilig um den Vorwürfen zu begegnen schürzte
ihr langes Kleid und zählte mit dem Kleinen ab wer zuerst der Haschende sein
müsse  dann ging es pfeilschnell den Damm hinauf und herunter
    Unterdes war am Mauerpförtchen geläutet worden Der Vater ging hinüber um zu
öffnen und gleich darauf erschienen in der offenen Tür der Halle Doktor Fels
Reinhard und der Oberförster Elisabet eilte gerade als Verfolgte durch den
Hauptweg und bemerkte die Eintretenden nicht sogleich
    »Nun das muss ich sagen« lachte Doktor Fels und blieb stehen »Das ist eine
wunderbare Entpuppung  nachmittags Walküre und abends Schmetterling«
    Der Oberförster aber schritt vor fing das Mädchen in den Armen auf und
drehte sich jubelnd einigemal mit ihr herum »Prachtmädel« rief er endlich und
schob sie von sich während er mit leuchtenden Blicken ihre zierliche Gestalt
musterte »Da sehe mir einer das Ding an  sieht aus wie aus Elfenbein
geschnitzt so fein und zerbrechlich und hat doch eine Kraft in Herz und
Händen wie ein Mann  schade dass du kein Junge bist  du müsstest in den
grünen Rock da möchte nun dein Vater sagen was er wollte«
    Doktor Fels war mittlerweile auch näher herangetreten Er reichte Elisabet
die Hand »Herr von Walde war in der Stadt« sagte er »und forderte mich auf
mit hierher zu kommen  Es liegt ihm sehr daran zu wissen ob Ihnen die
Aufregung und der Schrecken nicht geschadet haben«
    »Ganz und gar nicht« entgegnete sie tief errötend »Wie Sie sehen« fügte
sie scherzhaft hinzu »bin ich vollkommen im stande meinen schwesterlichen
Pflichten zu genügen und Ernst hat mir soeben ärgerlich versichert ich sei
sehr schwer zu fangen«
    »Nun ich werde diese Antwort Herrn von Walde wörtlich überoringen« sagte
der Doktor mit einem feinen Lächeln »er mag selbst entscheiden ob sie
besorgniserregend oder beruhigend für ihn ist«
    Ferber forderte die Herren auf Platz zu nehmen was auch sofort geschah
Der Doktor zündete sich eine Zigarre an und schien sich bald sehr behaglich in
dem Kreise zu fühlen Es wurde viel über Linkes Attentat gesprochen Gleich nach
seinem Weggange von Lindhof war man zahllosen Unterschleifen auf die Spur
gekommen die er sich während der Abwesenheit des Gutsherrn erlaubt hatte Die
Sache war auch ruchbar geworden  obgleich Herr von Walde keine Schritte getan
hatte den Betrüger zur Rechenschaft zu ziehen  und war die Veranlassung
gewesen dass sich ein neues Engagement des Verwalters zerschlug Diese
Enttäuschung hatte offenbar das Maß seiner Rache gefüllt und ihn zu der heutigen
Tat getrieben  Es war alles aufgeboten worden um des Verbrechers habhaft zu
werden auch der Oberförster hatte auf die Nachricht hin mit seinen Burschen den
Wald durchstreift aber bis jetzt waren alle Anstrengungen vergeblich gewesen
Reinhard erzählte dass Herr von Walde den Leuten im Schloss streng untersagt
habe seiner Schwester den Vorfall mitzuteilen weil ihr der Schrecken schaden
könne Auch die Baronin Hollfeld und die alte Kammerfrau sollten nicht davon
wissen
    »In L wird man sich auf Herrn von Waldes Wunsch ebenfalls bemühen die
Sache vorderhand noch geheim zu halten« fuhr er fort »denn er weiß dass auf
morgen die halbe Stadt eingeladen ist «
    »Das heißt alles was kreucht und fleucht an Vierfüsslern und Geflügel im
silbernen oder bunten Felde« unterbrach ihn sarkastisch der Doktor »nämlich
alle adligen Wappen und dann alle Beamten vom Rate aufwärts  Man hat eine
strenge Auswahl getroffen genau nach der Hofordnung  Deshalb habe ich meiner
Frau auch bereits eingeschärft dass sie mir hübsch demütig ist als Krähe unter
den Edelfalken Wir sind zu unserer Verwunderung von der Frau Baronin  denn sie
leitet das Ganze  auch befohlen worden«
    »Apropos Herr Doktor« rief lachend Reinhard »man erzählte mir heute in
L die alte Prinzessin Katarine habe Sie zu ihrem Leibarzte machen wollen Sie
hätten sich aber dem Antrage zu entziehen gewusst  ist das wahr  Ganz L
steht auf dem Kopfe vor Erstaunen«
    »Ach das ist nichts Neues  das passiert der lieben kleinen Stadt bei jeder
Gelegenheit Deshalb ist auch die Intelligenz stets unten und das Gotteslicht
der Erkenntnis scheint vergeblich auf ihre unempfänglichen Fusssohlen 
Übrigens haben Sie ganz recht gehört ich bin in der Tat so frei gewesen mich
für die Ehre zu bedanken«
    »Aber weshalb«
    »Weil ich erstens keine Zeit habe die hysterischen Grillen jenes
hochgeborenen Kopfes täglich in frische Windeln zu legen  verzeihen Sie meine
Damen  und dann habe ich einen heiligen Respekt vor der Hofetikette«
    »Ja ja« rief lachend der Oberförster »die ist auch schuld dass ich stets
drei Kreuze mache wenn ich das Schloss in L im Rücken habe Die Herrschaften
besonders aber unsere prächtige Fürstin die machens einem nicht schwer sie
drücken womöglich beide Augen zu wenn man einen anderen Kratzfuss macht als das
steife Unding vorschreibt Aber der Hoftross der um sie her knickst und
schwänzelt und lispelt  dass Gott erbarm  der schreit Zeter wenn ein
Männerabsatz fest auftritt und kriegt Krämpfe über eine Stimme die frei aus
der Brust herauskommt wie sie der liebe Gott geschaffen hat«
    Es war dunkel geworden Die Familie und Miss Mertens begleiteten die
Aufbrechenden bis vor das Mauerpförtchen und als alle auf die Waldblösse
heraustraten da klang es feierlich aus dem Tale herauf durch den nachtstillen
Wald wo sich kein Vogel auf den Zweigen rührte und selbst der Abendwind in den
Wipfeln eingeschlafen war über den Wundersagen aus fernen Landen die er
allabendlich den Blättern erzählt  Das Stadtmusikkorps aus L brachte Herrn
von Walde ein Ständchen
 
                                       15
Am andern Morgen um fünf Uhr wurden die Bewohner von Gnadeck durch Böllerschüsse
geweckt »Aha« sagte Ferber zu seiner Frau »die Verherrlichung nimmt ihren
Anfang« Elisabet aber fuhr jäh aus einem schrecklichen Traume auf Das
Unglück welches sie gestern abgewendet hatte der Traum wahr gemacht sie sah
in dem Augenblicke Herrn von Walde sterbend zusammenbrechen als der Schuss im
Tale sie aufschreckte Es bedurfte langer Zeit ehe sie sich zu sammeln
vermochte In einen einzigen Moment hatten sich unnennbare Schmerzen
zusammengedrängt Sie hatte gewähnt Himmel und Erde müssten mit jener hohen
Gestalt zusammenstürzen und auch sie unter ihren Trümmern zerschmettern und
noch jetzt nachdem sie sich überzeugt hatte dass das goldene Morgenlicht in ihr
Stübchen und nicht auf die blutgetränkte Waldwiese falle vibrierten die
aufgestürmten Gefühle nach  nicht einmal gestern als sie ihr Leben für das
seine wagte war sie sich so klar bewusst gewesen dass sie in einem solchen
Augenblicke mit ihm sterben müsse
    Wieder und wieder donnerte es drunten durch das Tal Die Fensterscheiben
klirrten leise und Hänschen flatterte entsetzt auf und klammerte sich an die
Stäbe seines Käfigs Elisabet schauderte jedesmal zusammen und als die Mutter
die sich noch immer nicht über den Vorfall des gestrigen Tages beruhigen konnte
obgleich sie ihr Kind wohlbehalten und unverletzt sich zurückgegeben sah an der
Tochter Bett trat um zu fragen wie sie geschlafen habe da schlang diese
heftig die Arme um ihren Hals und brach in einen unaufhaltsamen Tränenstrom
aus
    »Um Gotteswillen Kind« rief Frau Ferber erschrocken »du bist krank 
Ich wusste wohl dass die gestrige Nervenaufregung nicht ohne Folgen bleiben würde
 und nun schießen sie auch noch so unvernünftig da unten«
    Es kostete Elisabet viele Mühe die Mutter zu überreden dass sie sich ganz
gesund fühle und um keinen Preis im Bette bleiben sondern mit den anderen
zusammen Kaffee trinken wolle Um jede Einwendung sofort abzuschneiden
schlüpfte sie in ihre Kleider wusch das verweinte Gesicht mit frischem Wasser
und stand bald draußen am Herde um die letzte Hand an das von der Mutter
vorbereitete Frühstück zu legen
    Die Schüsse waren plötzlich verstummt und es währte nicht lange da waren
auch die Tränenspuren aus Elisabeths Augen verwischt Sie blickte wieder heller
in die Welt denn wenn sie auch ein Leben voll Entsagen vor sich sah so lebte
er ja doch dieser Gedanke hatte infolge des fürchterlichen Traumgesichts eine
beschwichtigende Kraft für ihr unruhiges Herz  und wenn er auch ging  weit
fort  und sie musste jahrelang leben ohne ihn zu sehen einmal kam doch eine
Zeit da er wiederkehrte  Und ihn lieben und an ihn denken durfte sie ja
auch denn er gehörte ja keiner anderen
    Später ging sie mit den Ihrigen und Miss Mertens nach dem Forstause wohin
die Gesellschaft wie alle Sonntage für den Mittag eingeladen war Auf der Stirn
des Oberförsters der ihnen entgegenkam lagen schwere Wolken Wie Elisabet
bald bemerkte machte ihm Berta schwer zu schaffen
    »Ich kann und werde diese Wirtschaft nicht länger mehr mit ansehen« rief er
heftig »Soll ich in meinen alten Tagen noch Zuchtmeister werden und in meinem
eigenen Hause Tag und Nacht auf der Lauer stehen um ein junges eigensinniges
Ding das mich eigentlich auf der Gotteswelt nichts angeht von verrückten
Streichen abzuhalten«
    »Onkel bedenke dass sie unglücklich ist« rief Elisabet erschrocken
    »Unglücklich  Eine Komödiantin ist sie  ich bin auch kein
Menschenfresser und als ich sie für wirklich unglücklich hielt das heißt wie
sie beide Eltern auf einmal verlor da bin ich ihr Stab und Stütze gewesen
soviel nur in meinen Kräften stand  Aber da steckt das Unglück auch gar
nicht denn dazumal kaum zwei Monate nach dem Trauerfalle trillerte sie den
ganzen Tag wie eine Heidelerche so dass mir das Herz weh getan hat bei so viel
Leichtsinn und Herzlosigkeit  Worüber ist sie unglücklich he  Ich will
es übrigens auch gar nicht wissen das Staatsgeheimnis und wenn sie kein
Vertrauen zu mir hat so mag sies bleiben lassen  Meinetwegen könnte sie
auch das ganze Jahr ein Tränenweidengesicht machen wenn sie sich nun einmal
darin gefällt aber sich stumm stellen des Nachts wie eine Verrückte im Walde
herumlaufen und mir eines schönen Tages das Haus über dem Kopfe anbrennen das
sind Dinge in die ich denn endlich doch ein Wörtchen reden werde«
    »Hast du denn meine Warnung neulich nicht beachtet« fragte Ferber
    »Ei freilich  Ich habe ihr sofort eine andere Stube angewiesen sie
schläft jetzt über mir so dass ich jeden Tritt droben hören kann Nachts werden
beide Haustüren nicht bloß verriegelt wie früher immer geschehen istsondern
auch zugeschlossen und ich nehme die Schlüssel mit in meine Kammer  Aber
Weiberlist  nun das ist eine alte Geschichte  Wir haben durch die
Vorsichtsmassregeln wenigstens eine kurze Zeit Ruhe gehabt Diese Nacht aber
konnte ich nicht einschlafen  die Geschichte mit dem Linke ging mir noch durch
den Kopf  da hörte ich droben Schritte so leise als ob eine Katze über die
Dielen schliche Aha dachte ich da geht das Nachtwandeln wieder los und
machte mich auf aber als ich hinauf kam da war das Nest schon leer auf dem
Tische am offenen Fenster brannte ein Licht und als ich die Tür aufmachte da
flog der Vorhang über die Flamme  Herr Gott wäre ich nicht sofort
zugesprungen es hätte ein Feuerwerk geben können bei dem die alten Balken im
Forstause sicher gern mitgeholfen hätten  Und wie war sie hinausgekommen
 Durchs Küchenfenster  Ei da will ich doch lieber einen Ameisenschwarm
hüten als solch eine geriebene Person «
    »Ich bin fest überzeugt das Mädchen hat ein Liebesverhältnis« meinte Frau
Ferber
    »Ja das haben Sie mir schon einmal gesagt Frau Schwägerin« entgegnete der
Oberförster ärgerlich »wenn Sie mir aber auch dabei bemerken wollten mit wem
dann würde ich Ihnen sehr dankbar sein  Sehen Sie sich doch nur um ob nur
ein einziger da ist der einem Mädchen so den Kopf verdrehen könnte  Meine
Gehilfen  Die sind ihr lange nicht gut genug die hat sie gleich zu Anfang
ablaufen lassen dass es eine Art hatte  und der Schurke der Linke der
wirds wohl auch nicht sein mit seinen krummen Beinen und der semmelfarbenen
Perücke und damit wäre denn das Register voll«
    »Einen haben Sie vergessen« sagte Frau Ferber bedeutsam und sah sich um
nach Elisabet die einige Schritt zurückgeblieben war um für Ernst eine Gerte
abzuschneiden
    »Nun« fragte der Oberförster
    »Herrn von Hollfeld«
    Der Oberförster blieb betroffen stehen »Hm« brummte er endlich »das wäre
mir auch in meinem ganzen Leben nicht eingefallen  Nein nein« fuhr er
lebhaft fort »das glaube ich nicht denn erstens wird das Mädel nicht so
stockdumm sein sich einzubilden der werde sie zur gnädigen Frau auf Odenberg
machen «
    »Vielleicht hat sie das doch gehofft und sieht sich nun enttäuscht« warf
Frau Ferber ein
    »Hochmütig und eitel genug wäre sie am Ende« meinte der Onkel nachdenklich
»aber er  er soll sich ja ganz und gar nichts aus den Weibern machen«
    »Er ist ein kalter Egoist« sagte Miss Mertens
    »Das letztere glaube ich  das erstere aber nicht« erwiderte Frau Ferber
»und eben diese Anschauung erklärt mir Bertas ganzes Tun und Treiben«
    »I das wäre ja eine greuliche Geschichte« rief der Oberförster zornig
»Und ich hätte mir in meiner Arglosigkeit und Nachsicht eine Nase drehen lassen
wie nur irgend ein alter bornierter Komödienvater  Ich werde der Sache
jetzt unerbittlich auf den Hals rücken und wehe der ehrvergessenen Person wenn
sie es wirklich gewagt hat unter meinem ehrlichen Dache eine Liebelei
anzuzetteln die ihr und mir nur Schande bringen kann«
    Das Mittagessen verlief sehr still Der Oberförster war und blieb verstimmt
und hätte am liebsten Berta sogleich in die Beichte genommen wenn nicht Frau
Ferber gebeten hätte er möge des Sonntags gedenken Nach dem Kaffee verließen
die Gäste das Forstaus Der Onkel warf die Büchse über die Schulter ging mit
hinauf bis vor das Mauerpförtchen und verlor sich dann in den Wald der wie er
sagte ihn stets beruhigte und wieder zu sich selbst brachte
    Elisabet schmückte sich zum Konzert dh sie zog ein einfaches weißes
Mullkleid an und steckte als aussergewöhnlichen Schmuck ein frisches
Waldblumenboukett an die Brust Die Mutter brachte ein kleines Medaillon am
schwarzen schmalen Samtbändchen und legte ihr dasselbe um den Hals  das war
die Konzerttoilette die gewiss jedes andere junge Mädchen im Hinblicke auf sein
Erscheinen in einer glänzenden Gesellschaft mit einem bedrückten Gefühle
angelegt haben würde Elisabet dagegen fand mit großer Genugtuung dass das
schon so oft gewaschene Kleid noch nie so tadellos unter ihrem Plätteisen
hervorgegangen sei als diesmal und hätte am liebsten den kleinen goldenen
Schmuck der Mutter wieder abgelegt denn sie war der Ansicht da unten sei sie
ja nur Musikant und nicht Gesellschaft und die Hauptsache seien heute ihre
Finger Es beunruhigte sie übrigens einigermaßen dass sich an diese Finger ein
entblösster Arm schloss und dass das Kleid auch die Schultern frei ließ Bis dahin
war sie stets bis an das Kinn verhüllt gegangen sie begriff nicht weshalb die
vornehme Welt es passender finde bei festlichen Gelegenheiten dekolletiert zu
gehen  Dass ihre Schultern und Arme reizend geformt und von einem fast
glänzenden Weiß waren fiel ihr selbst nicht auf so wenig als sie bemerkte
wie ihr schöner Kopf voll schwerer blonder Flechten im Vereine mit dem
schlanken Halse und den Schultern eine unbeschreiblich graziöse Linie bildete
Die Mutter hatte heute das goldene Lockengekräusel selbst geordnet das auf
Elisabeths Stirn fiel und durch seinen lichten Glanz die feinen aber festen
Bogen der schwarzen Augenbrauen als einen eigentümlichen Reiz wunderbar
hervortreten ließ  Sie konnte Miss Mertens nicht widersprechen die nachdem
Elisabet den Weg ins Schloss angetreten hatte begeistert meinte der Anblick
des jungen Mädchens habe etwas Überirdisches denn sie selbst hatte heute
überrascht die Bemerkung gemacht dass ihr Kind in auffallender Schönheit erblüht
sei
    Als Elisabet das Vestibül im Lindhofer Schloss betrat bemerkte sie den
Doktor Fels der seine Frau am Arme führend eben in einen Korridor einbiegen
wollte Sie eilte auf ihn zu und begrüßte ihn freudig denn ihr Herz hatte auf
dem ganzen Wege ängstlich geklopft bei dem Gedanken dass sie allein in den
weiten Saal werde eintreten müssen wo voraussichtlich schon der größte Teil der
Geladenen versammelt war Der Doktor reichte ihr sogleich die Hand und stellte
sie seiner Frau mit halblauter Stimme als das »Heldenmädchen von gestern« vor
Beide nahmen das junge Mädchen herzlich gern ins Schlepptau  Die hohe
Flügeltür des Saales rauschte auf Elisabet dankte in diesem Augenblicke ihrem
guten Sterne der sie hinter der imposanten Gestalt der Doktorin völlig
verschwinden ließ denn der Eindruck des großen festlich geschmückten Raumes
über dessen spiegelglattes Parkett prachtvolle Damenroben rauschten und die
feinen Lackstiefel der vornehmen befrackten Herren hinglitten hatte etwas
Überwältigendes für sie  Inmitten des Saales stand die Baronin Lessen von
einem prächtigen dunkelblauen Moiré antique umbauscht und machte die Honneurs
Sie erwiderte den Gruß des eintretenden Ehepaares sehr höflich aber auch sehr
kühl und deutete auf des Doktors Frage nach Herrn von Walde auf einen
Menschenknäuel nahe am Fenster von welchem ein Gesumm unverständlich wie die
babylonische Sprachverwirrung herüberscholl
    Während Fels mit seiner Frau dorthin schritt folgte Elisabet froh und
dankbar einem Winke Helenes die in einem andern Fenster sitzend ihr hastig
und aufgeregt mitteilte dass sie plötzlich vom sogenannten Lampenfieber
überfallen worden sei sie habe entsetzliche Angst vor all diesen Leuten zu
spielen und möchte am liebsten in ein Mäuseloch kriechen Schließlich bat sie
das junge Mädchen statt der vierhändigen Piece mit der das Konzert eröffnet
werden sollte eine Sonate von Beethoven zu spielen ein Wunsch auf den
Elisabet sofort einging Ihre Befangenheit war verflogen Sie trat an den
Tisch auf welchem die Musikalien lagen und schlug die Sonate auf die sie
vortragen wollte Währenddem fuhren draußen Wagen auf Wagen donnernd in die
Einfahrt Die Türen öffneten sich unermüdlich und beförderten nach und nach
einen solchen Überfluss von Tüll und Spitzen und Samt und Seide in den Saal dass
Elisabet bedauerlich lächelnd auf ihr schön gebügeltes Mullkleid hinabsah denn
einmal zwischen jenes Krinolinengedränge geraten musste es auf der Stelle seine
tadellose Glätte einbüßen
    Aus der Begrüßung der Baronin konnte sie sehr leicht erkennen auf welcher
Rangstufe die Eingetretenen standen Mittels einer einzigen Wendung des
federgeschmückten Hauptes schwebte die Dame sofort über dem Fahrwasser
freundschaftlichen Verkehrs wenn bürgerliches Element in ihre Nähe kam und
dieses bürgerliche Element tat auch alles jenen hohen unnahbaren Standpunkt
streng zu respektieren und anzuerkennen Zuerst strömten gewöhnlich alle
Ankommenden auf den Wink der Baronin nach dem Fenster wo Herr von Walde stehen
sollte  von ihm selbst sah Elisabet keine Spur denn der Ring den die
Glückwünschenden bildeten war stets undurchdringlich  dann verteilten sie sich
in einzelne Gruppen die entweder ruhig der Dinge harrten die da kommen
sollten oder eine Unterhaltung auf eigene Faust anknüpften
    In diesem Augenblicke rauschte abermals die Tür auf und eine alte
korpulente Dame hinkte am Arme eines ebenso bejahrten vielfach dekorierten
Herrn und von Fräulein von Quittelsdorf begleitet in den Saal Die Baronin
eilte den Eintretenden entgegen auch Fräulein von Walde erhob sich mühsam und
trat von Hollfeld geführt auf das alte Paar zu während die um sie
versammelten Damen ihr folgten wie ein Kometenschweif Der Menschenknäuel am
Fenster löste sich ebenfalls wie durch einen Zauberschlag und Herrn von Waldes
hohe Gestalt wurde sichtbar
    »Man muss zu Ihnen kommen wenn man Sie sehen will Sie Unartiger« rief die
alte Dame indem sie mit dem Finger drohend auf ihn zuwackelte »Hat denn das
schöne Spanien jede Erinnerung an Ihre alten Freunde verwischt  Sie sehen
trotz meiner kranken Füße und obgleich ich mich von Ihnen schmerzlich
vernachlässigt fühle komme ich heute doch um unter denen nicht zu fehlen die
Ihnen ihre Glückwünsche aussprechen«
    Er verbeugte sich und sagte ihr einige Worte worauf sie ihm lachend einen
leichten Schlag auf die Schulter versetzte dann führte er sie zu einem
Fauteuil auf welchem sie sich mit großer Grandezza niederließ
    »Die Frau Baronin von Falkenberg Oberhofmeisterin am Hofe zu L«
antwortete die Doktorin auf Elisabeths Frage wer die alte Dame sei Fräulein
von Quittelsdorf sah heute wunderschön aus in ihrem weißen Kreppkleide und einen
brennend roten Malvenkranz auf ihr dunkles Haar gedrückt als sie sich in
ehrerbietigster Weise um ihre Vorgesetzte bemühte wobei sie jedoch nicht
unterließ dann und wann einen schalkhaften Blick auf Fräulein von Walde zu
werfen
    Das Erscheinen der Gäste vom Hofe war das Signal zum Beginn des Konzerts
Elisabet hörte fast ihr Herz klopfen Noch stand sie hinter der Doktorin noch
konnte sie ihr Gesicht verbergen vor all den Augen die im nächsten Momente auf
ihr haften jeder ihrer Bewegungen folgen würden Eine unsägliche Scheu überkam
sie plötzlich und sie bereute bitter dass sie darauf eingegangen war zuerst
allein zu spielen   Sie bebte als Fräulein von Walde ihr winkte zu
beginnen aber nun half kein Sträuben mehr  Sie schöpfte tief Atem nahm das
Notenheft und schritt langsam mit gesenkten Augen zum Klavier wo sie sich
schüchtern verbeugte
    Zuerst entstand atemlose Stille dann lief ein Geflüster von Mund zu Mund
das aber sofort erlosch als das junge Mädchen die Tasten berührte Auch
Elisabeths Angst und Beklemmung entwichen bei dem ersten Akkorde Sie war ja
nicht mehr allein er war ja bei ihr an dessen Hand sie unzähligemal über
sonnige Halden an dunklen Abgründen vorüber durch Sturm und Wetter geschritten
war der süße Ahnungen in ihr geweckt und alle heiligen und erhabenen
Empfindungen ihres Herzens in unendlichem Wohlklange zusammenfasste  er der
ihr so lieb und vertraut war wie das Gesicht der Mutter wenn sie auch scheu
den Blick senken musste vor der feurigen Glorie die sein gewaltiges Haupt
umzuckte  Die geschmückten Damenköpfe die sich drüben an den Wänden
hinreihten die Lorgnetten und Brillengläser welche in der Sonne funkelnd
beharrlich ihre Blitze auf die einsame Spielerin mitten im Saal schleuderten
alles verschwand sie war allein mit dem großen Beherrscher der Töne und folgte
entzückt jeder Wendung seines schöpferischen Geistes
    Ein wahrer Beifallssturm schreckte sie auf als sie geendet hatte Sie
verbeugte sich und floh dann förmlich zu ihrer Beschützerin der Frau Fels die
ihr sprachlos vor innerer Bewegung beide Hände entgegenstreckte
    Das Konzert dauerte nicht lange Vier junge Herren aus L sangen ein
hübsches Quartett dann folgte der Vortrag eines tüchtigen Geigenspielers
Fräulein von Quittelsdorf sang auch zwei Lieder mit schöner Stimme aber ohne
Gehör so dass bei jedem hohen Tone die Gesellschaft entweder unwillkürlich und
angstvoll auf den Stühlen hin und her rückte oder verlegen den Blick auf den
Boden richtete Auch eines der so lange einstudierten vierhändigen Musikstücke
kam an die Reihe Fräulein von Walde hatte ihre Fassung wiedergewonnen und
spielte im Vereine mit Elisabet vortrefflich
    Als das Konzert zu Ende war trat Elisabet in die Tür eines Nebenzimmers
um ihre Mantille zu holen Fast auf dem Fuße folgte ihr ein ältlicher Herr der
ihr gegenüber gesessen und sie fortwährend mit großer Aufmerksamkeit betrachtet
hatte Die Doktorin die mit Elisabet gegangen war stellte ihn auf sein
Verlangen dem jungen Mädchen vor als den Herrn Kreisgerichtsdirektor Busch Er
sagte ihr viel Schönes über ihr Klavierspiel und fügte hinzu es sei für ihn von
großem Interesse die kühne Lebensretterin des Schlossherrn kennen zu lernen er
habe um so eiliger die heutige Gelegenheit ergriffen als ihm seit einigen
Stunden die Hoffnung genommen sei in der Untersuchung der Attentatsgeschichte
mit ihr verkehren zu dürfen
    Elisabet fuhr erschrocken zurück Er lachte laut und herzlich
    »Nun nun entsetzen Sie sich nicht nachträglich mein Fräulein« rief er
endlich »Wir haben ja wie ich Ihnen eben sagte leider keine Veranlassung
mehr Sie vor unsere Schranken zu laden  Linke hat die ganze Angelegenheit
mittels eines einzigen Sprunges niedergeschlagen  seine Leiche wurde heute
nachmittag aus dem Teiche bei Lindhof gezogen« fügte er mit gedämpfter Stimme
hinzu »Man machte mir die Meldung im Gasthofe wo ich abgestiegen war Ich
begab mich in Begleitung des Wahlheimer Arztes der sich zufälligerweise im
Gastzimmer befand nach dem Schauplatze des Verbrechens und habe mich überzeugt
dass sich jene Hand nie wieder gegen das Leben eines andern erheben wird  Der
Zustand der Leiche beweist dass Linke sofort nach dem Misslingen seiner
verbrecherischen Absicht den Tod gesucht hat«
    Elisabet schauderte »Weiß Herr von Walde dies schreckliche Ende« fragte
sie mit bebender Stimme
    »Nein ich fand noch keine Gelegenheit ihn allein zu sprechen«
    »Von allen Anwesenden scheint niemand eine Ahnung zu haben von dem was
gestern geschehen ist« sagte Frau Fels
    »Glücklicherweise nicht und dank unserer Umsicht und Verschwiegenheit«
entgegnete der Kreisgerichtsdirektor ironisch »Der arme Herr von Walde hat sich
ohnehin kaum retten können vor der Gratulantenüberschwemmung wehe wenn die
Veranlassung eine doppelte gewesen wäre ihn seines Daseins wegen zu
beglückwünschen«
    Der Hausverwalter Lorenz näherte sich in diesem Augenblicke Elisabet und
präsentierte ihr einen kleinen silbernen Teller auf welchem mehrere
Papierröllchen lagen Als ihn das junge Mädchen erstaunt ansah sagte er
respektvoll »Bitte haben Sie die Güte eines der Papiere an sich zu nehmen«
    Elisabet zögerte
    »Es wird sich um irgend einen Scherz handeln« meinte die Doktorin »Nehmen
Sie schnell damit der Hausverwalter nicht länger aufgehalten wird«
    Fast mechanisch ergriff das junge Mädchen ein Röllchen fuhr aber
erschrocken zurück als die Baronin Lessen plötzlich in der Tür erschien und
einen forschenden Blick in das Zimmer warf
    »Nun« sagte die Eingetretene rasch indem sie auf den alten Diener
zuschritt »was tun Sie hier Lorenz  Sie können sich doch denken dass Frau
Fels sich nicht entschließen wird mit einem andern als ihrem Herrn Gemahl zu
gehen«
    »Ich habe dem Fräulein Ferber präsentiert gnädige Frau« entgegnete der
alte Mann
    Die Baronin schleuderte ihm einen wütenden Blick zu dann maß sie das junge
Mädchen von Kopf bis zu Füßen »Wie Fräulein Ferber« sagte sie schneidend
»Sie sind noch hier  Ich glaubte Sie längst zu Hause auf Ihren Lorbeeren
ruhend«
    Ohne eine Antwort abzuwarten trat sie wieder über die Schwelle wandte sich
aber nochmals den Kopf schüttelnd zurück nach dem verblüfft dastehenden
Hausverwalter und zuckte mit den Achseln
    »Sie waren wieder einmal recht zerstreut Lorenz eine Schwäche die sich
leider in der letzten Zeit oft sehr unangenehm fühlbar macht«
    Mit diesen Worten rauschte sie hinaus während ihr der Alte geräuschlos
folgte Er erwiderte auf ihre maliziöse Zurechtweisung nicht eine Silbe aber in
sein blasses Gesicht trat eine leichte Röte und die weißen buschigen Brauen
zogen sich dergestalt zusammen dass die gutmütigen Augen fast verschwanden
    Noch standen die drei Zurückbleibenden und sahen sich erstaunt an als der
Doktor hereintrat Er machte eine tiefe komische Verbeugung vor seiner Frau und
sagte feierlich
    »Sintemalen Fräulein von Quittelsdorf soeben die Gnade gehabt hat uns
abermals zusammenzutun wie bereits vor fünfzehn Jahren durch Priesterhand
geschehen so bin ich gewillt das sanfte Joch der Ehe geduldig
weiterzuschleppen und heute ausschließlich an deiner Seite vielgetreues
Ehegespons genährt und gepflegt von deiner zartwaltenden Hand die Freuden des
Tages zu genießen«
    »Was fällt denn dir ein lieber Mann« rief erstaunt und lachend die
Doktorin
    »Bitte das ist nicht mein Einfall  Ach ich merke du hast Fräulein von
Quittelsdorfs schwungvolle Rede nicht mit angehört  wie schade  Ich sehe
mich also genötigt dir hiermit zu sagen dass jegliches Ehepaar gleichviel ob
auf dem Kriegsfusse stehend oder nicht binnen jetzt und einer Viertelstunde sich
hübsch einträchtig nach dem Nonnenturme im Walde zu verfügen hat allwo ein
ländliches Fest gefeiert werden soll Dort hast du die Verpflichtung mich zu
bedienen respektive mir so viel Essen und Trinken herbeizuschaffen wie mein
Herz begehrt und überhaupt für mein Wohlbefinden zu sorgen wie es nur je die
vielgefeierte Penelope getan  Damit aber die unbeweibten Männer die in der
Mehrzahl hier vertreten sind nicht zu kurz kommen dh wenn sie es für einen
Vorzug halten wollen dass ihnen der Mund gestopft wird so hat man höchst
sinnreich eine Art Lotterie veranstaltet Jede unverehelichte Dame zieht ein mit
dem Namen eines unverheirateten Herrn versehenes Papierröllchen und es bleibt
nun Fortuna und Amor überlassen ob sie begünstigen oder hämischerweise zwei
zärtliche Herzen trennen wollen«
    Elisabet geriet bei diesem Berichte in eine unbeschreibliche Aufregung Sie
hatte nicht weiter darüber nachgedacht ob sich an das Konzert eine andere
Festlichkeit reihen werde Jetzt wurde ihr klar weshalb die Baronin gestern den
Schluss des Konzerts und ihr Nachhausegehen so eigentümlich betont hatte  Ihre
Wangen glühten vor Beschämung denn sie hatte sich mit der Annahme des
Papierstreifens den der Hausverwalter aus Versehen ihr präsentiert hatte und
der in diesem Augenblicke wie Feuer in ihrer Hand brannte den Anschein einer
grenzenlosen Aufdringlichkeit gegeben Rasch entschlossen trat sie in den Saal
wo eben das Oeffnen der verhängnisvollen Rollen unter Lachen und gegenseitigen
Verbeugungen der Herren und Damen vor sich ging
    »Welche abgeschmackte Idee von der Quittelsdorf« sagte eben als Elisabet
vorüberging ein junger adliger Aktuar verdrießlich zu seinem Nachbar »Jetzt
habe ich die dicke fromme Lehr auf dem Halse  Fi donc«
    Das junge Mädchen brauchte die Baronin nicht lange zu suchen sie stand
ziemlich abgesondert in der Nähe des einen Fensters Fräulein von Quittelsdorf
die Oberhofmeisterin und Helene standen bei ihr in lebhaftem aber wie es
schien nicht sehr angenehmem Wortwechsel Die Oberhofmeisterin sprach heftig
auf Fräulein von Quittelsdorf hinein die ein um das andere Mal ratlos mit den
Achseln zuckte Auf dem Gesichte der Baronin Lessen spiegelte sich der tiefste
Verdruss es hätte diesmal der zwei roten Flecken nicht bedurft um zu erkennen
dass sie sich schwer ärgerte Nicht weit von der Gruppe an einem Pfeiler lehnte
Herr von Walde mit verschränkten Armen er schien nur mit halbem Ohre auf die
Mitteilungen des alten neben ihm stehenden dekorierten Begleiters der
Oberhofmeisterin zu hören während seine Augen unablässig auf den
gestikulierenden Damen ruhten
    Elisabet schritt eilig auf die Baronin zu Sie konnte nicht umhin zu
bemerken wie Fräulein von Quittelsdorf bei ihrem Erblicken die Oberhofmeisterin
leicht anstieß und wie diese sich daraufhin umdrehte und einen feindseligen
Blick auf sie richtete Sie erkannte dass sie der Gegenstand der Debatte gewesen
war und beeilte ihre Schritte um so schnell wie möglich den unwürdigen
Verdacht zurückzuweisen
    »Gnädige Frau« sagte sie sich leicht verbeugend zu der Baronin »ich
habe ohne zu wissen um was es sich handle infolge eines Missverständnisses
dies Papier an mich genommen und erfahre in diesem Augenblicke dass mit
demselben eine Verpflichtung verknüpft ist die ich nicht auf mich nehmen kann
denn meine Eltern erwarten mich«
    Sie reichte die kleine Rolle der Baronin die urplötzlich einen wahren
Sonnenschein in ihren Zügen entwickelnd hastig danach griff
    »Ich glaube Sie sind im Irrtume Fräulein Ferber« rief plötzlich Herr von
Walde mit seiner ruhigen klangvollen Stimme herüber »Vor allem haben Sie sich
wohl bei dem Herrn zu entschuldigen dessen Namen das Papier enthält von ihm
hängt es ab ob er Sie freigeben will oder nicht« Sein Auge flog während er
eigentümlich lächelte über die Anwesenden die sich bereits paarweise gruppiert
und zum Fortgehen gerüstet hatten selbst der alte Kavalier schritt eben auf die
Oberhofmeisterin zu und reichte ihr galant den gekrümmten Arm Herr von Walde
fuhr fort indem er langsam näher trat »Als Hausherr der keine
Beeinträchtigung eines Gastes dulden darf muss ich Sie bitten mein Fräulein
das Papier zu öffnen«
    Elisabet gehorchte schweigend und reichte ihm tief erglühend den
entfalteten Papierstreifen hin Er warf einen Blick auf den Zettel
    »Ah« rief er »Ich habe wie ich sehe meine eigenen Rechte gewahrt 
Sie werden mir zugeben Fräulein dass es völlig in meiner Hand liegt ob ich
Ihre Entschuldigung beachten will oder nicht ich ziehe das letztere vor und
bitte Sie streng der Verpflichtung nachzukommen die Ihnen dies kleine
Stückchen Papier auferlegt«
    Die Baronin näherte sich ihm und legte die Hand auf seinen Arm Es sah fast
aus als ob sie mit dem Weinen kämpfe
    »Verzeihe lieber Rudolf« sagte sie »es ist wirklich nicht meine Schuld«
    »Ich weiß nicht welche Schuld du meinst Amalie« erwiderte er eiskalt
»aber du hast den richtigen Moment gewählt wenn du Verzeihung suchst ich
könnte in diesem Augenblicke viel Böses vergessen was mir widerfahren ist«
    Er griff nach dem Hute den ihm ein Bedienter brachte reichte Elisabet den
Arm und gab das Signal zum Aufbruche
    »Aber meine Eltern« stammelte Elisabet
    »Sind sie krank oder wollen sie in diesem Augenblicke verreisen« fragte er
stehen bleibend
    »Beides nicht«
    »Nun dann lassen Sie mich dafür sorgen dass sie den Grund Ihres Ausbleibens
erfahren«
    Er rief einen Bedienten und schickte ihn sofort hinauf nach Gnadeck
    Während der Saal sich allmählich leerte blieb die Gruppe zu der sich außer
dem alten Kavalier auch noch Hollfeld mit einem sehr verdrießlichen Gesicht
gesellt hatte am Fenster stehen
    »Es geschieht Ihnen ganz recht Kornelie« zürnte die Oberhofmeisterin »Sie
haben sich heute blamiert für alle Zeiten  Welch ein hirnloser Gedanke diese
Lotterie  Wie oft schon habe ich gegen Ihre Farcen geeifert denen leider
unsere gnädigste Fürstin auch manchmal ein williges Ohr leiht  Nun soll der
Hausverwalter schuld sein Warum haben Sie ihn nicht gehörig instruiert  Sie
halten sich für eine Hofdame par excellence und wissen nicht einmal dass diese
Art Leute nie ihre eigenen Gedanken haben dürfen  Ihnen gönne ich diese
Lehre von Herzen wenn nur nicht gerade der unglückliche Walde das Opfer Ihres
Leichtsinns sein müsste  Da hat er nun das blonde Gänschen am Arme er der
sich in seinem stolzen aristokratischen Bewusstsein unzählige Male des Fehlers
schuldig gemacht hat es nicht zu bemerken wenn sehr hochgestellte Damen von
ihm geführt zu sein wünschten  Wie mag ihm zu Mute sein gegenüber dieser
kleinen Klavierlehrerin der Tochter eines  Forstschreibers«
    »Warum opfert er sich so bereitwillig« entgegnete Fräulein von
Quittelsdorf »es war ganz unnötig dass er sich in den Handel mischte Die
Kleine war ja im Begriffe zu gehen nein da tritt er vor wie der Ritter ohne
Furcht und Tadel und nimmt die Last freiwillig auf sich«
    »Nun diese Last ist wenigstens blendend schön« hüstelte der alte Kavalier
mit einem frivolen Lächeln
    »Was fällt Ihnen ein Graf« rief die Oberhofmeisterin »Das ist wieder
einmal eine Bemerkung ganz Ihrer würdig der Sie sich für jedes runde
Bauerngesicht entusiasmieren  Übrigens leugne ich nicht dass die Kleine
hübsch ist  aber war nicht die arme Rosa von Bergen ein wahrer Engel an
Schönheit Hunderte haben ihr zu Füßen gelegen der Walde aber auf den sie sich
kapriziert hatte ist wie ein Gletscher an ihr vorübergegangen  Nein für
weibliche Schönheit und Liebenswürdigkeit hat er kein Verständnis  Ich habe
ihn auch längst vom Register der Heiratsfähigen für meine jungen Protegés
gestrichen  Weshalb er sich heute großmütig opfert das hat er ja eben
deutlich genug ausgesprochen Er ist innerlich befriedigt und beglückt durch die
große Teilnahme und Aufmerksamkeit die wir alle ihm heute an den Tag gelegt
haben und will alles selbst das kleine Ding das übrigens ganz nett gespielt
hat froh und heiter sehen  Ich rate Ihnen liebste Lessen künftig bei
dergleichen Arrangements dem Takte und Talente unserer Quittelsdorf nicht allzu
unbedingt zu vertrauen«
    Die Hofdame biss sich auf die Lippen und warf heftig ihren Spitzenshawl über
die Schultern Draußen rollte der Wagen vor der die Hofmeisterin und Helene in
Begleitung der Baronin und des Grafen nach dem Festplatze bringen sollte
    »Die alte Katze« rief Fräulein von Quittelsdorf nachdem sie der
Oberhofmeisterin in den Wagen geholfen und darin für die Bequemlichkeit der Dame
gesorgt hatte »Sie ist wütend dass man bei dem Arrangement nicht erst ihren
hochweisen Rat eingeholt hat  Haben Sie nicht gesehen Hollfeld beinahe wäre
Ihrer Exzellenz der falsche Scheitel auf die Nase gefallen als sie so zornig
mit dem Kopfe wackelte Ich hätte mich vierzehn Tage lang nicht beruhigen können
vor Lachen wenn plötzlich unter dem Blumengarten ihrer Haube der kahle Kopf zum
Vorschein gekommen wäre«
    Sie wollte sich auch jetzt ausschütten vor Lachen bei dem Gedanken Ihr
Begleiter aber schritt wortlos als habe er von ihrem ganzen langen Geschwätze
nicht eine Silbe gehört immer rascher vorwärts In seinem ganzen Wesen lag eine
auffallende Hast und Unruhe Es schien ihm offenbar daran zu liegen die
vorausgegangene Gesellschaft so schnell wie möglich zu erreichen Sein Blick
eilte stets weit voraus und drang nach allen Richtungen hin in das Gebüsch nur
wenn der Schimmer eines weißen Kleides in der Ferne auftauchte dann blieb er
einen Augenblick stehen als wolle er beobachten
    »Nein Sie sind doch zu langweilig Hollfeld Langweilig bis zum Sterben«
rief die Hofdame ärgerlich »Sie haben zwar das Privilegium stumm zu sein wie
ein Fisch um dabei doch für einen geistreichen Mann zu gelten  wo ich aber
in diesem Momente Ihren Geist suchen soll weiß ich wahrhaftig nicht 
Weshalb um Gotteswillen rennen Sie denn so  Und denken Sie wenn ich
bitten darf doch an mein nagelneues Kreppkleid das alle Augenblicke an den
Büschen hängen bleibt an denen Sie mich vorbeizerren wie ein armes
Schlachtopfer«
    Der sogenannte Nonnenturm das einzige standhafte Überbleibsel eines
ehemaligen Frauenklosters lag tief versteckt in einem Eichen und Buchenforste
auf dem Waldgebiet das zu dem Gute Lindhof gehörig sich meilenweit nach Osten
hin erstreckte
    Ein Fräulein von Gnadewitz die Schwester jenes Ahnherrn mit dem Rade hatte
das Kloster erbaut um mit noch zwölf anderen Jungfrauen für das Seelenheil des
schmählich Dahingegangenen zu beten Viele Jahre lang hatten die mächtigen Äste
der Eichen an die Zellenfenster geklopft und sich über die Mauer in den engen
Garten geneigt Sie hatten gesehen wie manches junge frische Menschenkind
hastig den schmalen stillen Waldweg dahergeschritten kam in fieberhafter
Ungeduld an dem schrillen Pfortenglöcklein reißend als dürfe der verheissene
Frieden da drinnen nicht um eine Minute verzögert werden  Sie hatten gesehen
wie dann hinter den nie wieder zu lösenden Riegeln der schweigende Mund der
Nonne erblasste wie ihre wachsbleichen Hände krampfhaft das Kruzifix
umschlossen wie ihre wundgeriebenen Kniee immer wieder auf das Steinpflaster
sanken während der Blick angstvoll am Boden irrte  denn der heitere blaue
Himmel da droben der sich auch draußen über den geniessenden Weltkindern wölbte
rief glückliche Erinnerungen wach und hauchte Lebensluft und fröhliche Sehnsucht
in die Brust die unwiderruflich eingesargt war in das härene Ordensgewand
    Die Reformation welche die Klöster umstiess wie Kartenhäuser war auch durch
den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger über die Mauern des
dunkeln Hauses gestreift das um Verbrechen und Elend zu sühnen dem Fluche
seiner Entstehung zufolge stets neues Elend umschloss  Und siehe da selbst
das Scheinleben entfloh nach allen vier Winden  ein Stein nach dem andern
rollte herab neben die alten Eichenstämme deren Wipfel ihn einst als zierlich
gemeisselten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berührt hatten und
die nun jahraus jahrein ihr Laub auf ihn streuten bis er versank weicher
gebettet als die Nonnenleichen da drunten die der Sage nach samt und sonders
in einem unterirdischen Grabgewölbe schliefen
    Der Turm stieg viereckig plump und schmucklos in die Höhe Droben auf dem
platten Dach das eine steinerne Galerie umgab endete die Treppe in einem engen
viereckigen Raume den eine schwere Eichentür verschloss Von dem Plateau aus
genoss man eine reizende Fernsicht nach L Diesem Vorzuge hatte wohl
hauptsächlich der Turm sein durch aufbessernde Menschenhände gefristetes Dasein
zu verdanken Mächtige Eisenklammern umschnürten die Ecken und zahllose Adern
frischen Mörtels ringelten sich durch das geschwärzte Gemäuer so dass der alte
Bau von weitem aussah wie ein riesiger Achat
    Heute aber hatte sich der alte Bursche ausstaffiert wie ein junges Blut das
auf die Wanderschaft gehen will Frische Reiser dh vier kräftige Tannenbäume
steckten auf seinem alten Hute und darüber her wehten ungeheure Fahnen und
schwammen wie helle Schwäne über den grünen Wogen der Baumwipfel Er der zwar
bisher Tag und Nacht ein trautnachbarliches Gespräch mit seinen Kameraden den
Eichen geführt hatte nie aber auch nur fingerbreit von seinem würdevollen
Standpunkte aus ihnen entgegengerückt war er griff heute mit grünen Armen keck
an ihr ehrwürdiges Haupt es waren lange Guirlanden an den Mauern befestigt
deren anderes Ende unter den Zweigen der Bäume verschwand Sogar ein langes
weißes Taschentuch hing dem junggewordenen Springinsfeld aus der Tasche Die
beiden freien Zipfel des Tuches waren stramm an zwei mit Laubwerk bekleideten
Tannenstämmen befestigt es beschützte einige Fässchen eine ganze Batterie
bestaubter rotgesiegelter Bouteillen zahllose Flaschen mit silbernen Köpfen in
Eiskübeln und ein neben all diesen Herrlichkeiten stehendes hübsches Mädchen in
Marketenderkostüm vor den Sonnenstrahlen 
    Elisabet hatte willenlos und schweigend an Herrn von Waldes Arme den Saal
verlassen Sie hatte trotz der Überzeugung dass sie gehen müsse nicht den Mut
gefunden ihm zu widersprechen zu sagen dass sie bei ihrem Entschlusse beharre
Er hatte in einem so gebietenden Tone gesprochen und  was ihr zumeist den Mund
verschloss  er war für sie in die Schranken getreten und hatte ihr offenbar aus
der Verlegenheit helfen wollen jeder Widerspruch hätte in jenem Momente wie
Trotz aussehen müssen auch wäre durch eine Entgegnung ihrerseits das peinliche
Aufsehen erhöht worden dessen Gegenstand sie ohnehin schon geworden war
    Hinter ihr streiften knisternd die seidenen Gewänder der Damen an die Wand
des Korridors Lachend und plaudernd folgte der Menschenschwarm in langem Zuge
Herrn von Walde bis vor das Haupttor dann aber floh alles auseinander und
begab sich auf die verschiedenen Waldwege die nach dem Nonnenturme führten
Viele die besondere Toiletterücksichten zu nehmen hatten blieben auf dem
breiten gut gehaltenen Fahrwege Herr von Walde hatte sicher keine Ahnung dass
seine Begleiterin ihr selbstgewaschenes und gebügeltes Mullkleid mit ebenso
ängstlichem Auge behütete wie die anderen Damen ihre teueren Toiletten sonst
würde er sie sicher nicht auf den schmalen wenig betretenen Weg geführt haben
in den er plötzlich einbog
    »Hier ist es gewöhnlich sehr feucht« brach Elisabet mit schüchterner
Stimme das Stillschweigen denn es war bisher kein Wort zwischen ihnen gefallen
Ihr Fuß zuckte als habe er die größte Lust zurück statt vorwärts zu gehen
Vielleicht dachte sie aber auch in diesem Augenblicke gar nicht an ihr Kleid und
ihre dünnen Schuhe und sah nur den engen grünen Laubgang vor sich durch den
sie mutterseelenallein mit ihm gehen sollte hörte bebend schon im Geiste seine
Stimme die plötzlich rau ungeduldig und herrisch wurde denn das war ja stets
der Fall wenn er sich mit ihr allein sah
    »Es hat lange nicht geregnet sehen Sie die Risse und Sprünge in dem
trockenen Boden« entgegnete er ruhig weiterschreitend und einen Zweig
abknickend der Elisabeths Wange bedrohte »Wir kommen auf diesem Wege schneller
vorwärts und haben den Vorteil auf eine Viertelstunde dem Geschnatter zu
entgehen das meine Verwandten zur Verherrlichung meiner siebenunddreissig Jahre
heraufbeschworen haben  Oder fürchten Sie in dieser engen Gasse Linkes
Begegnung«
    Ein Schauder flog durch die Glieder des jungen Mädchens Sie dachte an das
verzweiflungsvolle Ende des Verbrechers aber sie konnte es nicht über sich
gewinnen Herrn von Walde diese Mitteilung zu machen
    »Ich fürchte ihn nicht mehr« sagte sie ernst
    »Er hat auf alle Fälle die Gegend verlassen und wenn nicht nun so wird er
doch nicht so unhöflich sein den Leuten die Freude zu verderben die sich nun
auch für die gehabte Anstrengung des Glückwünschens amüsieren wollen 
Apropos es wird Ihnen nicht entgangen sein dass ein jedes aus der Gesellschaft
mir heute einen Augenblick besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat selbst das
jüngste Gänschen im florenen Flügelkleide hat nicht versäumt mir seinen
huldigenden Knix zu machen und einen einstudierten Glückwunsch herzusagen 
Sie halten mich wohl noch nicht für alt genug um mir ein noch längeres Leben zu
wünschen«
    »Ich meine diesen Wunsch kann man der Jugend und dem kräftigen Lebensalter
so gut aussprechen wie den greisen Menschen denn jene haben ebensowenig ein
Monopol für die Lebensdauer wie diese«
    »Nun warum kamen Sie dann nicht auch zu mir  Gestern retten Sie mir das
Leben und heute ist es Ihnen so gleichgültig dass Sie nicht einmal die Lippen
öffnen und sagen mögen Gott beschütze es auch ferner«
    »Sie sagten vorhin selbst Jedes aus der Gesellschaft ich gehörte aber
nicht zu der Gesellschaft und durfte mich deshalb auch nicht in die Reihen der
Glückwünschenden drängen« Sie sprach hastig denn schon grollte es in seiner
Stimme und er machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Arme auf welchem ihre
Hand lag
    »Sie waren doch eingeladen «
    »Um die Eingeladenen zu amüsieren«
    »War diese bescheidene Ansicht einzig und allein der Grund weshalb Sie
vorhin nicht mit mir gehen wollten«
    »Ja meine Weigerung galt durchaus nicht dem Herrn dessen Name mir ja
völlig unbekannt war«
    »Das machen Sie mir nicht weis Sie mussten ja auf den ersten Blick sehen
dass bereits sämtliche Herren  mich ausgenommen  versagt waren Sie wussten
sogar dass meine Schwester ohne ein Papier zu ziehen sich schon vorher
Hollfelds Begleitung ausgebeten hatte weil sie an seinem Arme am sichersten
geht  Gestehen Sie«
    »Ich sah und wusste gar nichts  Ich war viel zu aufgeregt als ich in den
Saal trat um das Papier zurückzugeben denn man hatte mir gestern ganz bestimmt
die Stunde genannt zu welcher mir gestattet sein würde nach Hause zu gehen
Dass nach dem Konzerte irgend welche Festlichkeit folgen könne darüber hatte ich
gar nicht nachgedacht mit der Annahme der kleinen Papierrolle habe ich mir eine
Gedankenlosigkeit zu schulden kommen lassen die ich mir nie verzeihen werde«
    Er blieb plötzlich stehen
    »Sehen Sie mich einmal an« sagte er gebieterisch
    Sie hob das Auge und obgleich sie fühlte dass eine hohe Röte in ihr Gesicht
stieg hielt sie seinen Blick doch aus der zuerst flammend auf ihren Zügen
ruhte dann aber in einem unbeschreiblichen Ausdrucke schmolz
    »Nein nein« flüsterte er wie für sich mit weicher Stimme »es wäre Sünde
hier an das abscheuliche Laster die Lüge zu denken  Ja doppelte« fuhr er
in gänzlich verändertem sarkastischem Tone fort  es klang fast als wollte er
seine momentane Weichheit persiflieren  »habe ich nicht selbst als
unfreiwilliger Zeuge den Ausspruch von Ihnen gehört Man brauche mehr Mut dazu
eine offenbare Lüge dreist zu sagen als einen Fehler zu bekennen«
    »Das ist meine Überzeugung ich wiederhole sie«
    »Ah es ist etwas Hohes um die Charakterfestigkeit  aber ich meine wenn
man zu wahrhaftig ist um seine Lippen mit einer Unwahrheit zu beflecken so
darf man auch seinem Auge nicht gestatten zu lügen  ich kenne jedoch einen
Moment in Ihrem Leben wo Sie sich anders zeigten als Sie dachten«
    Das junge Mädchen zog verletzt die hand aus seinem Arme
    »O nein so wohlfeil entkommen Sie mir nicht« rief er sie festhaltend
»Jetzt heißt es bestätigen oder widerlegen  Sie schienen neulich
gleichgültig als ich das zärtliche Andenken meines Vetters die Rose wegwarf«
    »Hätte ich ihr nachspringen sollen«
    »Allerdings wenn Sie wahrhaftig waren«
    Elisabet wusste jetzt weshalb er den einsamen Waldweg mit ihr betreten
hatte sie sollte beichten wie sie über Hollfeld denke es war richtig wie sie
damals vermutet hatte Herr von Walde war offenbar in großer Besorgnis dass sie
jene Huldigung seines Vetters zu hoch anschlagen und sich wohl gar einbilden
könne er habe ihren bürgerlichen Standpunkt vergessen Jetzt war der Moment
gekommen wo sie ihre Ansicht aussprechen durfte Mit einer raschen Bewegung
befreite sie ihre Hand von der seinigen und trat einen Schritt seitwärts
    »Ich muss Ihnen zugeben« sagte sie dass mein Äußeres wenn es in jenem
Augenblicke gleichgültig war durchaus nicht im Einklange mit meinem Innern
gewesen ist«
    »Sehen Sie« rief er aber es lag nichts weniger als ein Triumph in diesem
Ausrufe
    »Ich war vielmehr entrüstet«
    »Über mich«
    »Zunächst über den unpassenden Scherz des Herrn von Hollfeld«
    »Er hat Sie erschreckt  freilich «
    »Nein beleidigt Wie konnte er es wagen sich mir in der Weise
aufzudrängen  Ich verabscheue ihn«
    Sie hatte recht gehabt in ihrer Voraussetzung aber dass er einen solchen
außerordentlichen Wert auf ihren Ausspruch legen würde hatte sie nicht geahnt
Es schien ihm eine Zentnerlast vom Herzen zu fallen  Brach es nicht wie
heller Jubel aus den Augen die eben noch in einem Gemische von Misstrauen Hohn
und Bitterkeit auf sie gerichtet gewesen waren Er schöpfte tief Atem und
breitete plötzlich die Arme aus  Elisabet sah sich um nach dem unbekannten
Etwas das seine leuchtenden Blicke in der Luft suchten um es ohne Zweifel an
sein Herz zu ziehen Sie entdeckte nichts wohl aber fühlte sie ein heftiges
Zittern seiner Hand als er die ihrige nahm und sie wieder auf seinen Arm legte
Sie gingen einige Schritt weiter er sprach kein Wort
    Plötzlich blieb er wieder stehen
    »Wir sind in diesem Augenblicke ganz allein« sagte er mit unbeschreiblich
milder Stimme »Sehen Sie nur ein Stückchen blaues Himmelsauge sieht auf uns
herab keines jener Gesellschaftsgesichter drängt sich zwischen uns  ich kann
und will Ihren Glückwunsch nicht entbehren  Sagen Sie ihn jetzt wo ihn
niemand hört als ich ich ganz allein«
    Sie schwieg verlegen
    »Nun wissen Sie nicht wie man das macht« drängte er
    »O ja« entgegnete sie und ein schelmisches Lächeln flog um ihren Mund
»ich habe Übung darin die Eltern der Onkel Ernst «
    »Jedes hat seinen Geburtstag« fiel er lächelnd ein »aber Sie können es mir
nicht verdenken wenn ich meinen Glückwunsch für mich ganz allein haben will
dass ich verlange er soll ganz anders klingen als alle die Sie bisher
ausgesprochen haben denn ich bin weder Ihr Vater noch der barsche
Försteronkel am allerwenigsten beanspruche ich die Rechte des Bruders mit dem
Sie spielen  Nun sprechen Sie«
    Sie schwieg abermals Was sollte sie sagen  Sie hatte schon längst die
Augen gesenkt denn sie konnte den Blick nicht ertragen der so peinlich
forschend mit einem eigentümlichen Ausdrucke von ängstlicher Unruhe und
Erwartung tief in ihre Seele drang
    »Kommen Sie« rief er rau nachdem er einen Augenblick auf einen Laut von
ihren Lippen gewartet hatte und zog sie fort »Es war ein törichtes Verlangen
von mir  Ich weiß ja Ihr Mund der allezeit bereit ist anderen Freundliches
und Liebes zu sagen schweigt entweder für mich oder ergeht sich in strenger
Zurechtweisung«
    Sie erblasste bei diesen Worten und blieb unwillkürlich stehen
    »Sie wollen« frug er milder »Geht es durchaus nicht« fuhr er
kopfschüttelnd fort als sie noch immer nicht sprach ihn aber bittend ansah
»Nun dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen  Ich werde Ihnen den
Glückwunsch sagen wie ich ihn ungefähr von Ihren Lippen zu hören gewünscht
hätte aber ich mache die Bedingung dass Sie ihn Wort für Wort nachsprechen«
    Jetzt erschien wieder ein Lächeln auf Elisabeths Gesicht und sie nickte
zustimmend
    »Zuerst reicht man dem  dem Freunde die Hand« begann er und nahm ihre Hand
in die seine  sie bebte zog aber die Hand nicht zurück  »und spricht Sie
sind bisher ein armer unbeglückter Wanderer gewesen es war hohe Zeit dass die
Wolken sich teilten und dass endlich der holde Lichtstrahl erschien der Ihr
ganzes Dasein umgewandelt hat Es ist mein eigener unumstösslicher Wunsch und
Wille dass er Sie nie wieder verlasse hier ist meine Hand als Bürge eines
unaussprechlichen Glückes «
    Bis dahin hatte sie den höchst seltsam lautenden Glückwunsch pünktlich
nachgesprochen bei dem letzten Satze trat sie erstaunt zurück und zögerte Er
aber fasste heftig auch ihre andere Hand und drängte »Weiter weiter«
    »Hier ist meine « begann sie endlich
    »Das ist hübsch Herr von Walde« rief plötzlich Kornelies Stimme durch das
Gebüsch »dass wir uns hier treffen So habe ich doch den Triumph an Ihrer Seite
mit Musik empfangen zu werden«
    Nie in ihrem ganzen Leben hatte Elisabet eine so entsetzliche Veränderung
in einem menschlichen Antlitz bemerkt wie die welche in Herrn von Waldes Zügen
vor sich ging Auf der bleichen Stirn zeigte sich sofort eine starke blaue Ader
seine Augen sprühten und die Nasenflügel dehnten sich aus Er stampfte heftig
mit dem Fuße und es sah aus als habe er die größte Lust die unwillkommene
Störerin die jetzt ihr Kreppkleid hoch aufnehmend sich durch die Büsche
arbeitete wieder dahin zurückzuschleudern wo sie hergekommen war Diesmal
gelang es ihm nicht so rasch Herr seiner inneren Bewegung zu werden vielleicht
wollte er auch gar nicht denn seine Augenbrauen falteten sich noch grimmiger
als Hollfeld hinter der Hofdame auftauchte Bei dessen Erblicken schob Herr von
Walde Elisabeths Arm heftig in den seinigen und presste ihn fest an sich als
solle sie ihm entrissen werden
    »Wie sehen Sie denn aus Herr von Walde« rief Fräulein von Quittelsdorf
mitten in den Weg springend »Sie machen uns wahrhaftig ein Gesicht als wären
wir Banditen die es auf Ihr kostbares Hab und Gut abgesehen hätten«
    Ohne ein Wort auf diese Ansprache zu erwidern wandte er sich an seinen
Vetter und fragte kurz »Wo ist Helene«
    »Sie bekam plötzlich Angst vor dem weiten unebenen Wege« entgegnete
dieser »und hat es vorgezogen zu fahren«
    »Nun ich denke du wirst es dem alten Grafen Wildenau nicht überlassen
Helene aus dem Wagen zu helfen ich begreife überhaupt nicht wie du als
vielgetreuer Ritter den Hauptweg verlassen konntest  Einige rasche Schritte
werden die Versäumnis ausgleichen ich will dir nicht hinderlich sein« sagte
Herr von Walde mit auffallend scharfer Stimme während ein sarkastisches Lächeln
um seine Lippen zuckte Er trat mit Elisabet seitwärts um das Paar
vorüberzulassen
    »Und warum sind Sie nicht auf dem Hauptwege geblieben wenn man fragen
darf« frug Fräulein von Quittelsdorf pikiert und schnippisch sie war in diesem
Augenblicke bei weitem mehr Kammerkätzchen als Hofdame
    »Das können Sie erfahren einfach weil ich hoffte auf diesem einfachen
Wege der redseligen Zunge gewisser Damen zu entgehen« erwiderte Herr von Walde
trocken
    »Hu wie grob  Gott behüte einen in Gnaden vor solch einem
sauertöpfischen Geburtstagskinde« rief die Hofdame sich schüttelnd und im
komischen Entsetzen einen Schritt zurückprallend »Es war sicher ein Missgriff
dass wir heute nicht mit Leichenbittermienen Zitronen in den Händen und bis über
die Nase in schwarzen Krepp gewickelt erschienen sind«
    Sie hing sich schmollend wieder an Hollfelds Arm und schob ihn vorwärts
allein es hatte den Anschein als wolle dieser unerhörterweise und vielleicht
zum erstenmale in seinem Leben seinem Vetter trotzen Langsam wie ein
Lebensmüder schritt er weiter Er sah angelegentlich rechts und links in die
Büsche als beschäftige ihn jeder Stein jede vorbeihuschende Eidechse dabei
knüpfte er ein Gespräch mit seiner Begleiterin an ihre Antworten waren
scheinbar von großem Interesse für ihn denn er blieb sogar einmal stehen um
keines ihrer Worte zu verlieren
    Herr von Walde murmelte etwas zwischen den Zähnen Elisabet konnte es nicht
verstehen aber der feindselige Blick den er auf seinen Vetter schleuderte
ließ sie erraten dass er aufs äußerste ergrimmt sei über dessen Gebaren Mit ihr
sprach er nicht mehr Er wandte einmal langsam den Kopf nach ihr und sie
fühlte dass seine Blicke unverwandt auf ihr ruhten allein es war ihr unmöglich
die Augen zu ihm aufzuschlagen Hätte er nicht auf der Stelle sehen müssen dass
ihr ganzes Innere in Aufruhr war über jenen rätselhaften Glückwunsch den er ihr
mit tiefbewegter Stimme souffliert hatte  Er würde mittels eines einzigen
Blickes erraten haben was in ihr wogte und stürmte und  sie mochte diesen
Gedanken gar nicht ausdenken  infolge dieser Wahrnehmung seinen vielleicht sehr
harmlos gemeinten Einfall bereuen Es war eine natürliche Folge dieser
Befürchtung dass die Lider des jungen Mädchens sich noch tiefer senkten als
zuvor und deshalb konnte sie auch nicht bemerken wie ein leiser unhörbarer
Seufzer über die Lippen ihres Begleiters glitt während der Groll aus seinen
Zügen verschwand um dem gewissen melancholischen Schatten über und zwischen den
Augen Platz zu machen
    Ein schwacher schnell hinsterbender Trompetenton den ohne Zweifel die
Ungeduld der auf der Galerie des Turmes wartenden Musikanten hinausgeschickt
hatte verriet die Nähe des Festplatzes Bald summte und lärmte es als ob ein
großes Zigeunerlager in der Nähe sei der Weg wurde breiter hinter dem nächsten
Buschwerke wogte ein buntes Gedränge und plötzlich schmetterte eine wahre Salve
von Posaunen und Trompetentönen auf die Ankommenden herab Elisabet benutzte
diesen Moment ihren Arm leise aus dem Waldes zu ziehen und sich unter die
Gesellschaft zu mischen die einen dichten Kreis um den Schlossherrn bildete
während eine junge Dame als Dryade kostümiert und von vier anderen dekorierten
Waldnymphen umgeben ihn in holperigen Hexametern im Waldreviere begrüßte
    »Nun der Walde hat wenigstens im geeigneten Momente seine aufgedrungene
Dulcinea abzuschütteln gewusst ich sehe die Kleine nicht mehr« flüsterte
lächelnd die Oberhofmeisterin dem Grafen Wildenau zu der neben ihr auf einem
erhöhten Sitze unter den Eichen saß »Der vergibt es der Lessen und unserer
vorwitzigen Hofdame nie und nimmer dass er durch ihr einfältiges Arrangement
gezwungen worden ist, dem kleinen Dinge gegenüber einen Augenblick die Rolle des
Ritters spielen zu müssen  Kindchen« wandte sie sich an Helene die zu
ihrer Rechten sitzend ihr getrübtes Auge suchend über den Menschenschwarm
gleiten ließ »wir müssen ihn nachher wenn die dort drüben ihn freilassen in
unsere Mitte nehmen und alles aufbieten damit er den unerquicklichen Anfang des
Festes vergisst«
    Helene nickte mechanisch mit dem Kopfe Sie hatte offenbar nur die Hälfte
von dem verstanden was die alte Dame ihr zugeflüstert Ihre kleine
verkrüppelte Gestalt die ein schwerer zartblauer Seidenstoff umhüllte drückte
sich hilflos und matt an die hohe Stuhllehne und ihre Wangen waren weißer als
der Seerosenkranz der über ihrer Stirn lag
    Elisabet hatte sich unterdes im Gedränge wieder mit Doktor Fels und dessen
Frau zusammengefunden Letztere nahm das junge Mädchen sogleich bei der Hand
damit sie nicht wieder getrennt würden
    »Bleiben Sie noch so lange bis man anfängt zu tanzen« meinte sie auf
Elisabeths Äußerung hin dass vielleicht jetzt der passende Augenblick gekommen
sei wo sie sich unbemerkt entfernen und nach Hause gehen könne »Ich verdenke
es Ihnen gar nicht wenn Sie die Gesellschaft so bald wie möglich zu verlassen
wünschen« fügte sie lächelnd hinzu »auch wir werden nicht lange bleiben mir
lässt die Sorge um meine Kleinen daheim keine Ruhe und dass ich überhaupt hier
bin ist ein schweres Opfer welches ich der Stellung meines Mannes bringe 
Herr von Walde dem Sie nun einmal heute durch das Los angehören tanzt nicht
er wird Sie gewiss freigeben wenn der Tanz beginnt denke ich«
    Der Menschenknäuel entwirrte sich plötzlich Von der Zinne des Turmes
rauschte ein imposanter Marsch hernieder und während die Herren schattige
Plätze suchten eilten die Damen nach den Büffetts um den Statuten des Festes
gemäß das beste für die Herren der Schöpfung herbeizutragen
    Herr von Walde schritt langsam über den Platz er hatte die Hände auf den
Rücken gelegt und sprach mit dem Kreisgerichtsdirektor Busch der an seiner
Seite ging
    »Mein bester Herr von Walde nun kommen Sie zu uns« rief die
Oberhofmeisterin zu ihm hinüber und streckte ihm in beinahe zärtlicher Weise die
Hände entgegen »Ich habe Ihnen ein reizendes Plätzchen reserviert  Ruhen Sie
hier aus auf den wohlverdienten Lorbeeren die man Ihnen heute streut  Zwar
sind sämtliche junge Damen durch das Los gefesselt aber hier unsere schönen
liebenswürdigen Waldnymphen sind bereit Ihnen den Wein zu kredenzen und von den
Büffetts herbeizutragen was Ihr Herz begehrt«
    »Ihre Güte und Fürsorge rührt mich Exzellenz« entgegnete der Angeredete
»aber ich will nicht hoffen dass Fräulein Ferber mich dem allgemeinen Mitleide
überlassen wird«
    Er sprach mit lauter Stimme und wandte sich um nach Elisabet die nicht
sehr entfernt von ihm stand Sie hatte jedes Wort gehört Sofort schritt sie
hinüber und stellte sich so ruhig und fest an seine Seite als sei sie durchaus
nicht gewillt auch nur ein Haar breit von ihrer Verpflichtung an andere
abzutreten Es flog in diesem Augenblicke etwas wie ein freudiges Erschrecken
über sein Gesicht Sein Auge begegnete aufleuchtend dem ihren das unbeirrt
durch die Umgebung lächelnd zu ihm aufsah Er schien unerhörterweise ganz und
gar zu vergessen dass die Frau Oberhofmeisterin ein »reizendes Plätzchen« für
ihn reserviert hatte denn nach einer leichten Verbeugung gegen die Exzellenz
und die sie umringenden willfährigen jungen Damen reichte er Elisabet den Arm
und führte sie über den Platz nach einer dickstämmigen Eiche unter deren
Schatten Doktor Fels soeben für sich und seine Frau einen Sitz zurechtmachte
    »Nein diese Rache geht denn doch ein wenig zu weit« wandte sich die
Oberhofmeisterin entrüstet an den Grafen Wildenau und die sehr verblüfft
dastehenden fünf Waldgrazien »Er sucht das ganze Fest zu persiflieren indem er
die Anwesenheit der kleinen Person in so auffallender Weise markiert  Jetzt
fange ich an mich über ihn zu ärgern  Niemand sieht es ja besser ein als
ich dass er vollkommen recht hat wenn er zürnt aber ich meine auch er dürfte
sich nicht so weit hinreißen lassen die Rücksicht für die übrigen Anwesenden zu
vergessen die ja völlig schuldlos sind an dem geistlosen Machwerke der Lessen
und der Quittelsdorf  Ich wette schließlich bildet sich das Gänschen dort
auch noch ein das geschehe alles nur um ihrer schönen Augen willen«
    Alle zehn Augen der schönen liebenswürdigen Dryaden schleuderten a tempo
einen vernichtenden Blick auf Elisabet die in diesem Augenblicke unbefangen
nach dem Marketenderzelte ging und bald darauf mit einer Flasche Champagner und
vier Gläsern nach der Eiche zurückkehrte wo sich Herr von Walde und das
doktorliche Ehepaar bereits einträchtig hinter einem Tische niedergelassen
hatten
    »Unsere sämtlichen Damen haben heute wahre Blumengärten auf dem Scheitel«
sagte Frau Fels als das junge Mädchen an den Tisch trat »nur Fräulein Ferber
geht schmucklos wie Aschenbrödel das leide ich nicht«
    Sie zog aus dem großen Boukett das sie in der Hand hielt zwei Rosen und
stand auf um Elisabet mit denselben zu schmücken
    »Halt« rief Herr von Walde und hielt ihre Hand zurück »In diesem Haare mag
ich nur die Orangenblüte sehen«
    »Die ziemt eigentlich nur den Bräuten« meinte die Doktorin unbefangen
    »Ja eben deshalb« entgegnete er und so ruhig als habe er etwas gesagt
das sich ganz von selbst verstehe füllte er die Gläser und wandte sich an Fels
    »Stoßen Sie mit mir an Doktor« sagte er »Ich trinke auf das Wohl meiner
Retterin der Goldelse auf Gnadeck«
    Der Doktor schmunzelte und stieß kräftig an Auf dies Signal näherte sich
eine Schar Herren mit den Gläsern in der Hand
    »Schön meine Herren dass Sie kommen« rief ihnen der Schlossherr entgegen
trinken Sie mit mir auf die Erfüllung meines höchsten Wunsches«
    Ein Hoch schallte durch die Lüfte und die Gläser klangen lustig aneinander
    »Skandalös« rief die alte Exzellenz und ließ die Gabel mit einem saftigen
Stücke marinierten Aales auf den Teller fallen »Dort drüben geht es ja
wahrhaftig zu wie in einer Studentenkneipe  Ich bin ganz konsterniert Welch
unanständiger Lärm Da schreit ja wirklich der Pöbel auf den Straßen
manierlicher wenn er unseren Durchlauchten ein Hoch zu bringen sich erlaubt 
Apropos meine Liebe« wandte sie sich an Helene »ich bemerke mit großem
Erstaunen dass Ihr Herr Bruder ziemlich familiär mit dem Doktor Fels verkehrt«
    »Er schätzt ihn hoch als einen durchaus rechtlichen Mann mit bedeutendem
Wissen« erwiderte Helene
    »Das ist alles recht schön und gut aber er weiß sicher nicht dass dieser
Mensch gegenwärtig sehr übel angeschrieben ist an unserem Hofe Denken Sie sich
er hat die unbegreifliche Kühnheit gehabt unserer allgeliebten Prinzessin
Katarina «
    »Ja ich kenne diese Geschichte« unterbrach Fräulein von Walde die
Entrüstete »mein Bruder hat sie mir vor einigen Tagen selbst mitgeteilt«
    »Wie er weiß das und berücksichtigt so wenig die Stimmung des Hofes der
ihn stets ausgezeichnet hat  Unglaublich  Ich versichere Ihnen liebes
Kind mir schlägt schon jetzt das Gewissen und ich werde bei Ankunft unserer
Herrschaften sicher die Augen nicht aufschlagen können in dem schuldigen
Bewusstsein dass ich mit diesem unmanierlichen Menschen hier zusammengekommen
bin«
    Helene zuckte mit den Achseln und überließ die Oberhofmeisterin ihren
Gewissensbissen und einem frisch gefüllten Glase Champagner mit welchem sie
sich ohne Zweifel jetzt schon für jenen großen gefürchteten Auskunftsmoment Mut
und Fassung einzuflößen suchte
    Fräulein von Walde litt neben der Dame alle jene Qualen die uns so manchmal
die Konvenienz auferlegt sie musste mit zuvorkommender Aufmerksamkeit auf
tausend Nichtigkeiten hören und antworten während ein heißer Schmerz ihr
Inneres zerriss Aber auch nur eine Frau wie die Oberhofmeisterin die das
höchste Erdenglück in einem Gnadenblicke aus fürstlichen Augen suchte und fand
eine Person deren ganze Seelentätigkeit sich darauf beschränkte Schildwache
vor dem Reiche der Etikette zu stehen und den Nimbus ihrer sauer genug
errungenen Exzellenz ängstlich zu behüten nur sie konnte wiederholt in das
Gesicht der jungen Dame sehen ohne die tiefe innere Erregung in den Zügen zu
bemerken
    Hollfeld war nicht allein so unaufmerksam gewesen Helene bei ihrer Ankunft
auf dem Festplatze der Fürsorge des Grafen Wildenau zu überlassen er hatte
auch als er endlich erschienen war kein Wort der Entschuldigung für seine
Säumnis gehabt und mürrisch und zerstreut hatte er sich endlich an ihre Seite
gesetzt Sie fand ihn seltsam verändert und ihr unruhiges Herz ihr Kopf
zermarterten sich in Vermutungen Zuerst folgte ihr argwöhnisches Auge Kornelie
die ihrer Quecksilbernatur gemäß wie ein Irrwisch von Gruppe zu Gruppe flatterte
und unaufhörlich plauderte und lachte Über diesen Punkt war sie jedoch bald
beruhigt denn es gelang ihr nicht ein einziges Mal einen Blick Hollfelds auf
dem Wege nach der koketten aber anmutigen Hofdame aufzufangen Ihre besorgten
Fragen wurden einsilbig beantwortet Sie ließ durch einen Diener Speisen
herbeitragen und legte Hollfeld selbst vor aber er rührte keinen Bissen an und
trank nur rasch hintereinander einige Gläser starken Weines den er sich am
Marketenderzelte einschenken ließ Dies nachlässige Benehmen das sie zum
erstenmale an ihm bemerkte tat ihr unbeschreiblich wehe Sie schwieg endlich
und ließ ermüdet die Lider über die Augen sinken  niemand bemerkte die zwei
hellen Tropfen die an ihren Wimpern hingen
    Mitten in den Toastjubel hinein der augenscheinlich bedeutend erhöht wurde
dadurch dass der sonst so ernste schweigsame Schlossherr ihn veranlasst hatte
fiel plötzlich ein Schatten wenigstens schien es Elisabet als verkünde das
Gesicht des Hausverwalters Lorenz das auf einmal zwischen den Baumstämmen in
der Nähe auftauchte nichts Gutes Der alte Mann gab sich die grösstmöglichste
Mühe um die Aufmerksamkeit seines Herrn auf sich zu lenken ohne dass es die
anderen bemerken sollten Endlich gelang es ihm Herr von Walde warf einen
raschen Blick hinüber stand auf und ging mit dem alten Diener tiefer in das
Gestrüpp während die anderen Herren ihre früheren Plätze wieder aufsuchten Er
kehrte sehr bald mit bleichem Gesichte zurück
    »Ich habe eine erschütternde Nachricht erhalten infolge deren ich sofort
abreisen muss« sagte er mit gedämpfter Stimme zu dem Doktor »Herr von Hartwig
in Talleben ein alter Freund von mir ist auf einer Spazierfahrt verunglückt
die Verletzung ist tödlich wie man mir schreibt kann er höchstens noch einen
Tag leben  er beruft mich zu sich um die Sorge für seine unmündigen Kinder
in meine Hände zu legen  Teilen Sie der Baronin Lessen meine Abreise und
deren Veranlassung mit sie soll dafür Sorge tragen dass das Fest nicht gestört
werde Meine Schwester und die Gesellschaft sollen in dem Wahne bleiben dass ich
in einer Geschäftsangelegenheit abberufen worden bin und möglicherweise bald
wieder nach dem Festplatze zurückkehre Man wird mich nicht mehr vermissen
sobald der Tanz begonnen hat«
    Der Doktor entfernte sich sogleich um die Baronin aufzusuchen Seine Frau
war schon vor einer Weile nach dem Büffett gegangen und so stand Elisabet in
diesem Augenblicke Herrn von Walde allein gegenüber Er näherte sich ihr rasch
    »Ich hatte geglaubt wir würden heute nicht auseinandergehen ohne dass der
Schluss des Glückwunsches ausgesprochen worden wäre« sagte er während sein Auge
ihren ausweichenden Blick aufzufangen suchte Ich gehöre nun schon einmal zu
jenen Glückspilzen denen noch in der letzten Stunde ein Unstern das gelobte
Land verschließt« Er bemühte sich diesen Worten einen humoristischen Anstrich
zu geben aber sie klangen deshalb nur um so bitterer »Diesmal soll er mich
jedoch zähe finden« sprach er in entschlossenem Tone weiter »fort muss ich das
lässt sich nicht ändern aber die Erfüllung dieser schweren Pflicht kann mir sehr
erleichtert und versüsst werden durch ein Versprechen Ihrerseits  Wissen Sie
noch die Worte die Sie mir vorhin nachgesprochen haben«
    »Ich vergesse nicht so schnell«
    »Ah das klingt schon bedeutend ermutigend für mich  Es existiert ein
Märchen in welchem ein einziges Wort ein Reich voll unermesslicher Schätze und
lieblicher Wunder erschliesst der Schluss jenes Glückwunsches ist auch ein
solches Wort  Wollen Sie mir behilflich sein dass es ausgesprochen werde«
    »Wie könnte ich Ihnen zu Schätzen und Reichtümern verhelfen«
    »Das ist meine Sache  Ich bitte Sie ernstlich in diesem Augenblicke
keinen weiteren Ausweichungsversuch zu machen denn die Zeit drängt  Ich
frage Sie also wollen Sie in den Tagen die ich ausbleiben werde sich
bestreben den Anfang des Glückwunsches in Erinnerung zu behalten«
    »Ja«
    »Und Sie werden bereit sein wenn ich zurückkehre das Ende zu hören«
    »Ja«
    »Gut ich werde mitten in Trübsal und Leiden ein Stück blauen Himmels über
mir behalten und Ihnen  möge unterdes mein guter Engel den Namen jenes
Wunderreiches zuflüstern  Leben Sie wohl«
    Er reichte ihr die Hand und schritt hinter dem Turme weg auf den nächsten
Weg der nach dem Schloss führte
    Elisabet blieb eine Weile in einer Art süßer Betäubung stehen aus welcher
sie erst durch die Doktorin geweckt wurde die mit Tellern und Schüsseln beladen
zurückkehrte und nun sehr erstaunt war keinen der Herren vorzufinden Das junge
Mädchen teilte ihr das Geschehene mit Bald darauf kam auch der Doktor und
erzählte die Frau Baronin sei sehr pikiert gewesen dass ihr Cousin es nicht der
Mühe wert gehalten habe sie persönlich von dem Vorfalle in Kenntnis zu setzen
Der unglückliche Doktor hatte einige Bitterkeiten der gereizten Dame in den Kauf
nehmen müssen aber er war so unhöflich sich dadurch ganz und gar nicht in
seiner Gemütsruhe stören zu lassen Er setzte sich behaglich hinter die vollen
Schüsseln und aß mit vortrefflichem Appetit
    Währenddem ging Elisabet hinüber zu Fräulein von Walde um sich zu
beurlauben Es hielt sie ja hier nichts mehr zurück Sie hatte das lebhafte
Verlangen mit ihren Gedanken allein zu sein jedes Wort das er zu ihr
gesprochen sich noch einmal ungestört zurückrufen und über den Sinn desselben
nachdenken zu können
    »Sie wollen gehen« fragte Helene als das junge Mädchen hinter ihren Stuhl
trat und sich empfahl »Was meint mein Bruder dazu«
    »Rudolf ist in einer dringenden Geschäftssache nach dem Schloss gerufen
worden« antwortete die Baronin die eben erschien schnell an Elisabeths
Stelle »Fräulein Ferber ist mithin der Verpflichtung des Hierbleibens
enthoben«
    Helene warf der Sprecherin einen missbilligenden Blick zu »Das sehe ich doch
nicht ein« sagte sie »die Geschäfte werden doch wahrhaftig nicht derart sein
dass er gar nicht wieder hierher zurückkehrt«
    »Ich denke nicht« erwiderte die Baronin zögernd »aber seine Rückkehr kann
möglicherweise sehr spät erfolgen  Fräulein Ferber wird sich voraussichtlich
unterdes sehr langweilen in einem ihr völlig unbekannten Kreise und «
    »Hat mein Bruder Sie frei gegeben« wandte sich Fräulein von Walde an
Elisabet ohne die Baronin ausreden zu lassen
    »Ja« antwortete das junge Mädchen »und ich bitte auch Sie mir zu
erlauben dass ich mich entfernen darf«
    Während dieses kurzen Wortwechsels bog sich die Oberhofmeisterin zurück und
musterte Elisabet von Kopf bis zu den Füßen mit ihren kalten stechenden Augen
Hollfeld aber stand auf und entfernte sich ohne ein Wort zu sagen Fräulein von
Walde sah ihm mit einer Art von schmerzlichem Unwillen nach und antwortete im
ersten Augenblicke gar nicht auf Elisabeths Bitte endlich reichte sie ihr
sichtlich zerstreut die Hand und sagte »Nun da gehen Sie liebes Kind und
haben Sie vielen Dank für Ihre heutige freundliche Mitwirkung«
    Elisabet verabschiedete sich noch rasch von Doktor Fels und Frau und
schritt dann mit erleichtertem Herzen in den Wald hinein
    Sie atmete auf als das Gewühl hinter ihr lag als ein rauschender Akkord
den Walzer schloss dessen jubelnde Töne sie noch eine Weile begleitet hatten 
Jetzt durfte sie sich ungestört dem Zauber hingeben der ihrem ganzen Denken und
Sinnen einen süßen Bann auferlegte der sie zwang immer wieder auf jene längst
verhallte Stimme zu hören die mit ergreifendem Klange ihr Herz bestrickte und
vor welcher alle Vorsätze ihres Mädchenstolzes alle Vorsichtsmassregeln des
Verstandes haltlos verwehten  Sie dachte daran wie sie zuerst ihm
widerstandslos gefolgt war obgleich ihr tief gekränktes Ehrgefühl ihr gebot
den Kreis in welchem sie so unwillkommen erschien zu verlassen sie empfand
noch einmal jene Glückseligkeit mit der sie an seine Seite geeilt war als er
es vor allen Anwesenden betont hatte dass er ihr für heute angehöre und keine
Stellvertreterin für sie wolle Er hätte sie bis an das Ende der Welt führen
können sie wäre ihm blindlings gefolgt mit unerschütterlichem Vertrauen und der
vollsten Hingabe ihres ganzen Wesens  Und ihre Eltern  Jetzt begriff sie
wie eine Jungfrau das Vaterhaus verlassen könne um einem Manne anzugehören
dessen Lebensbahn bis dahin fernab von der ihrigen über vielleicht ganz
entgegengesetztes Gebiet gelaufen war der nichts wusste von all jenen Neigungen
Beziehungen großen und kleinen Ereignissen durch die jede Faser ihres
bisherigen Lebens mit dem ihrer gesamten Familie innig verwebt wurde Noch vor
zwei Monaten war ihr das ein unlösbares Rätsel gewesen
    Sie hatte einen Weg betreten den sie oft in Miss Mertens Gesellschaft
zurückgelegt hatte Er mündete in zahllosen Windungen schmal durch das Dickicht
laufend an der Chaussee die den Wald durchschnitt und eine Strecke lang die
Grenze zwischen dem Fürstlich Lschen Forstgebiete und dem des Herrn von Walde
bildete jenseits der Chaussee dem Fusswege gegenüber öffnete sich die breite
Fahrstrasse die nach dem Forstause lief
    In ihre Träumerei versenkt hatte Elisabet nicht gehört dass schon längst
rasche Schritte ihr folgten deshalb erschrak sie jetzt doppelt als dicht in
ihrer Nähe ihr Name von einer männlichen Stimme genannt wurde  Hollfeld stand
hinter ihr Sie ahnte was ihn hierher führte sie fühlte ihr Herz klopfen aber
sie fasste sich schnell und trat ruhig seitwärts um ihn auf dem schmalen Wege
vorüber zu lassen
    »Nein so ist es nicht gemeint Fräulein Ferber« sagte er lächelnd und in
einem eigentümlich vertrauten Tone der sie tief verletzte »Ich wollte mir
erlauben Sie zu begleiten«
    »Ich danke« entgegnete das junge Mädchen ruhig aber zurückweisend »es
wäre eine nutzlose Aufopferung Ihrerseits denn ich gehe am liebsten allein durch
den Wald«
    »Und kennen Sie keine Furcht« fragte er so nahe an sie herantretend dass
sein heißer Atem ihre Wange berührte
    »Nur die vor ungebetener Gesellschaft« entgegnete sie mühsam ihre
Entrüstung bekämpfend
    »Ah das ist wieder einmal jene hoheitvolle Haltung hinter der Sie sich mir
gegenüber stets verschanzen weshalb nun das weiß ich mir schon zurechtzulegen
 Heute jedoch werde ich sie nicht so respektieren wie ich sonst
folgsamerweise tue  ich muss Sie sprechen«
    »Und ist das so wichtig dass Sie um deswillen Ihre Freunde und das Fest
verlassen«
    »Ja es ist ein Wunsch der mit meinem Leben zusammenhängt der mich Tag und
Nacht verfolgt Ich bin krank und elend seit ich fürchte er könne sich
vielleicht nie verwirklichen  ich «
    Elisabet war unterdes immer rascher vorwärts geschritten Es wurde ihr
unsäglich unheimlich diesem Menschen gegenüber aus dessen Augen jetzt jene
Leidenschaft unverhohlen loderte die ihr schon einen heftigen Abscheu
eingeflößt hatte als sie noch beherrscht wurde Sie fühlte aber auch dass Ruhe
in diesem Augenblicke ihre einzige Waffe sei und deshalb unterbrach sie ihn
während der schwache Versuch eines Lächelns um ihre Lippen zuckte
    »Ach« sagte sie »unsere Klavierübungen sind also vom besten Erfolge
gewesen Sie wünschen meinen Beistand auf dem Gebiete der Musik wenn ich recht
verstehe«
    »Sie verstehen mich absichtlich falsch« rief er zornig
    »Nehmen Sie das als eine Art von Schonung meinerseits ich müsste Ihnen sonst
Dinge sagen die Sie vielleicht noch weniger zu hören wünschen« erwiderte
Elisabet ernst
    »Sprechen Sie immerhin ich kenne die Frauen genug um zu wissen dass sie es
lieben eine Zeitlang die Maske der Kälte und Zurückweisung vorzuhalten  die
Beglückung ist dann um so süßer Ich gönne Ihnen die Freude dieser unschuldigen
Koketterie aber dann «
    Elisabet stand einen Augenblick starr und sprachlos vor dieser
Unverschämtheit solch hässliche Worte hatten noch nie ihr Ohr berührt Scham und
Entrüstung trieben ihr das Blut in das Gesicht und sie suchte vergebens nach
Worten um diese beispiellose Frechheit zu strafen Er fasste ihr Schweigen
anders auf
    »Sehen Sie« rief er triumphierend »dass ich Sie durchschaut habe  Das
Erröten des Ertapptseins steht Ihnen unvergleichlich  Sie sind schön wie ein
Engel noch nie ist mir eine solche Nymphengestalt vor die Augen gekommen wie
die Ihre  Sie wissen recht gut dass Sie mich bei unserer ersten Begegnung
bereits zum Sklaven gemacht haben der zu Ihren Füßen schmachtet  Welcher
Nacken  Welche Arme und das alles haben Sie bisher neidisch verhüllt«
    Ein Ausruf der höchsten Aufregung entrang sich Elisabeths Lippen
    »Wie können Sie es wagen« rief sie laut und heftig »mich so zu beleidigen
 Haben Sie mich vorhin nicht verstanden so sage ich Ihnen jetzt klar und
deutlich dass mir Ihre aufgedrungene Gesellschaft verhasst ist und dass ich
allein sein will«
    »Bravo der befehlende Ton gelingt Ihnen vortrefflich« sagte er spöttisch
»Man sieht doch gleich dass von der Mutter her ein Tröpflein adlig Blut in Ihren
Adern rollt  Was habe ich Ihnen denn getan dass Sie so plötzlich die
Entrüstete spielen Ich habe Ihnen das Kompliment gemacht dass Sie schön sind
das aber lassen Sie sich des Tages unzählige Male von Ihrem Spiegel sagen und
ich bezweifle sehr dass Sie ihn dafür zertrümmern«
    Elisabet wendete ihm verachtungsvoll den Rücken zu und schritt hastig
weiter Er hielt sich an ihrer Seite und schien durchaus nicht gesonnen zu sein
auf einen endlichen Sieg zu verzichten
    Sie hatten oben die Chaussee erreicht als eine Equipage vorüberbrauste Ein
Männerkopf bog sich aus dem Wagenfenster fuhr aber jäh wie erschrocken zurück
 es war Herr von Walde Noch einmal sah er heraus nach dem Waldwege als ob er
sich überzeugen wolle dass er recht gesehen habe dann verschwand der Wagen bei
einer scharfen Biegung der Chaussee
    Elisabet hatte unwillkürlich die Arme nach dem davonrollenden Wagen
ausgestreckt als möchte sie ihn zurückhalten er der da drinnen saß wusste ja
um ihre Abneigung gegen Hollfeld nach ihrer vor wenig Stunden abgegebenen
Erklärung durfte er keinen Augenblick im Zweifel sein dass sie sich nicht
freiwillig in dessen Gesellschaft befand Konnte er nicht für einen Moment seine
Reise unterbrechen um sie von dem Zudringlichen zu befreien
    Hollfeld hatte ihre Bewegung gesehen
    »Ei« rief er unter boshaftem Lachen »das sah ja beinahe zärtlich aus 
Müsste ich nicht an die siebenunddreissig Sommer meines Vetters denken
wahrhaftig ich könnte eifersüchtig werden  Ah Sie dachten wohl er solle
sofort aussteigen und Ihnen galant den Arm bieten um Sie nach Hause zu führen
Sie sehen er ist tugendhaft er verzichtet auf dies Glück und erfüllt lieber
eine sogenannte heilige Pflicht Er ist ein Eisblock für den die Reize des
schönen Geschlechts vergebens in der Welt sind  Dass er heute ausnahmsweise
ritterlich gegen Sie war das galt durchaus nicht Ihren bezaubernden Augen
schöne Goldelse es geschah lediglich um meine Mama ein wenig zu ärgern«
    »Und scheuen Sie sich nicht den Mann dessen Gastfreundschaft Sie
unausgesetzt genießen einer so gemeinen Denkungsweise zu beschuldigen« rief
Elisabet empört Sie hatte sich zwar vorgenommen ihm mit keiner Silbe mehr zu
antworten in der Hoffnung dass sie ihn mit diesem Schweigen langweilen und
endlich verscheuchen würde allein die Art und Weise wie er sich über Herrn von
Walde äußerte brachte ihr ganzes Innere in den heftigsten Aufruhr
    »Gemein« wiederholte er »Sie reden in sehr starken Ausdrücken Ich nenne
es eine kleine Revanche zu der er vollkommen berechtigt war  Und was die
Gastfreundschaft betrifft so genieße ich jetzt schon einfach von dem was
später doch einmal mein Eigentum sein wird ich sehe nicht ein wie ich um
deswillen das Urteil über meinen Vetter ändern soll  Übrigens bin ich
derjenige welcher sich aufopfert und Dank verdient rechnen Sie meine Hingebung
und Aufmerksamkeit für Fräulein von Walde gar nicht«
    »Es mag in der Tat eine schwere Aufgabe sein hie und da einige Blumen zu
pflücken um sie einer armen Kranken zu bringen« sagte Elisabet ironisch
    »O Sie sind über diese kleinen Huldigungen missvergnügt wie ich zu meiner
großen Befriedigung bemerke« rief er triumphierend »Haben Sie im Ernste
geglaubt ich könne da zärtlich fühlen wo mein Schönheitssinn so stark
beleidigt wird  Ich schätze mein Mühmchen aber deswegen vergesse ich doch
keinen Augenblick dass sie ein Jahr älter ist als ich einen Höcker und eine
schiefe Hüfte hat und «
    »Abscheulich« unterbrach ihn Elisabet außer sich vor Entrüstung und
sprang hinüber auf die Chaussee Er folgte ihr
    »Abscheulich sage auch ich« fuhr er fort indem er gleichen Schritt mit ihr
zu halten suchte »besonders wenn ich Ihre Hebegestalt neben ihr sehe  Und
nun laufen Sie nicht so schließen Sie lieber Frieden mit mir und verzögern Sie
nicht mutwillig das Glück von dem ich Tag und Nacht träume«
    Er legte plötzlich den Arm um ihre Taille und zwang sie stehen zu bleiben
sein glühendes Gesicht mit den funkelnden Augen näherte sich dem ihrigen Im
ersten Augenblicke starrte sie ihn an wie gelähmt oder bewusstlos dann flog ein
Schauder durch ihre Glieder und mit einer Gebärde des tiefsten Abscheues stieß
sie ihn von sich
    »Wagen Sie es nicht noch einmal mich zu berühren« rief sie mit weithin
klingender Stimme In diesem Augenblicke erscholl lautes Hundegebell in der
Nähe Elisabet wandte freudig erschrocken den Kopf nach der Richtung
    »Hektor hierher« rief sie in den Wald hinein Gleich darauf stürzte der
Jagdhund des Oberförsters aus dem Dickicht und sprang mit einem Freudengeheul an
ihr in die Höhe
    »Mein Onkel ist in der Nähe« wandte sie sich jetzt ruhig und kalt an den
verdutzt Dastehenden »er kann jeden Augenblick hier sein  Sie werden sicher
nicht wünschen dass ich ihn bitte mich von Ihrer Begleitung zu befreien ich
rate Ihnen deshalb freiwillig den Rückweg anzutreten«
    Wirklich blieb er feige stehen während sie sich mit dem Hunde entfernte
aber er stampfte wütend mit dem Fuße auf und verwünschte seine rasende
Leidenschaft die ihn unvorsichtig gemacht hatte Dass er dem jungen Mädchen in
Wirklichkeit einen Widerwillen einflößen könne das fiel ihm nicht im
entferntesten ein ihm dem Vielbegehrten von dem ein karges Wort eine
Aufforderung zum Tanze in der gesamten Lschen Damenwelt Sensation machte und
oft zur Fackel der Zwietracht wurde Ihm konnte ein solcher Gedanke gar nicht
kommen Es lag viel näher dass die Forstschreiberstochter eine Kokette war die
ihm die Eroberung so schwer wie möglich zu machen suchte An die jungfräuliche
Reinheit der Seele die Elisabeths ganze Erscheinung so unwiderstehlich machte
und deren Zauber gerade auf ihn wenn auch von ihm unverstanden hinreißend
wirkte  an jenes keusche unentweihte innere Leben glaubte er nicht und
deshalb konnte er auch nie zu dem Schluße gelangen dass das junge Mädchen
instinktmässig vor seiner inneren Zerrüttung und Verdorbenheit zurückbebe Er
machte sich heftige Vorwürfe zu plump und stürmisch gewesen zu sein wodurch er
das heissbegehrte Ziel selbst wieder in unbestimmte Ferne gerückt hatte Über
eine Stunde lief er im Walde umher um Herr seiner Aufregung zu werden denn die
dort drüben auf dem Festplatze von welchem die heiteren Klänge der Tanzmusik zu
ihm herüberschallten durften ja nie erfahren dass hinter der interessant
kalten verschlossenen Außenseite ein solcher Vulkan tobte
    Elisabet war scheinbar festen Fußes schnell weiter geschritten Sie hütete
sich jedoch rechts oder links zu sehen in der Furcht sein verhasstes Gesicht
könne plötzlich wieder neben ihr auftauchen Endlich wagte sie es stehen zu
bleiben und sich umzusehen  er war verschwunden Aufatmend lehnte sie sich an
einen Baumstamm um vorerst ihre Gedanken zu sammeln während Hektor ruhig und
mit klugem Blicke vor ihr stehen blieb als wisse er genau dass er heute die
Rolle ihres Beschützers spiele Er hatte ohne Zweifel einen Spaziergang auf
eigene Faust durch den Wald gemacht denn von seinem Herrn war keine Spur zu
sehen Elisabet fühlte jetzt erst wie ihre Kniee zitterten Ihr Schrecken als
Hollfeld gewagt hatte sie zu umschlingen war ein unbeschreiblicher gewesen In
ihrer unschuldigen Seele war nicht einmal der Gedanke an eine solche Roheit
aufgetaucht deshalb hatte der plötzliche Angriff sie momentan starr gemacht vor
Entsetzen Sie vergoss schmerzliche Tränen der Scham als Herrn von Waldes Bild
vor ihr aufstieg nicht mit dem milden Ausdrucke der letzten Stunden sondern in
seiner ganzen Strenge und Unnahbarkeit sie glaubte nicht zu ihm aufblicken zu
dürfen weil jener Mensch sie berührt hatte Ihre ganze Glückseligkeit lag
zertrümmert zu ihren Füßen Die unselige Begegnung mit Hollfeld hatte sie
schonungslos in die Gegenwart zurückgeführt seine Äußerungen über Herrn von
Walde wenn auch niederträchtig und verleumderisch hatten doch vieles wieder
wachgerüttelt was sie sich einst als Steuer gegen ihre wachsende Neigung
eingeprägt  Sie dachte an seinen unerschütterlichen Ahnenstolz an die sich
selbst vergessende Liebe zu seiner Schwester und an die Meinung aller dass er
ein völlig kaltes Herz habe gegenüber dem anderen Geschlechte  All die
bunten schimmernden Träume die sie umflattert hatten auf dem Wege durch den
stillen Wald sie legten jetzt die Flügel zusammen und starben einer nach dem
andern unter dem prüfenden Blicke des erwachten Auges  Sie war sich ja jetzt
nicht einmal klar worin jene Glückseligkeit bestanden Dass er heute eine
wunderbar weiche Stimmung ihr gegenüber gezeigt und sie gegen den Hochmut seiner
Verwandten hochherzig in Schutz genommen hatte konnte dies nicht alles aus dem
Gefühle einer strengen Gerechtigkeitsliebe stammen Hatte er nicht auch Miss
Mertens geschützt und großmütig das Unrecht auszugleichen gesucht das ihr unter
seinem Dache widerfahren war Und der Glückwunsch  an den Glückwunsch und an
sein noch ungelöstes Ende durfte sie freilich nicht denken wenn nicht alle
Traumleichen ein fröhliches Auferstehen feiern sollten
    Als sie in die Tür des Forstauses trat kam ihr Sabine mit angstbleichem
Gesichte entgegen Sie deutete stumm auf die Wohnstube Der Onkel sprach drinnen
laut und heftig und man hörte deutlich wie er dabei mit starken Schritten auf
und ab ging
    »Ach ach« flüsterte Sabine »da drinnen gehts schlimm her  Die Berta
ist dem Herrn Oberförster in den letzten Wochen immer geschickt aus dem Wege
gegangen vorhin aber hat sie hier in der Hausflur gestanden und hat nicht
gemerkt dass er durch die Hoftür hereingekommen ist das war ihm gerade recht
Er hat nicht lange Federlesens gemacht hat sie von hinterrücks bei der Hand
genommen und in die Stube gezogen Sie sah aus wie eine geweisste Wand vor
Schrecken aber all ihr Sperren und Zerren hat nichts genutzt sie hat mit
gemusst  Herr meines Lebens bei dem Herrn Oberförster möchte ich auch nicht
zur Beichte gehen «
    Ein lautes Aufschluchzen das fast wie ein erstickter Schrei klang
unterbrach Sabines Geflüster
    »So recht« hörten sie jetzt den Oberförster mit bedeutend milderer Stimme
sagen »das ist doch ein Zeichen dass du nicht gänzlich verhärtet und verdorben
bist  Und nun sprich auch Denke dass ich hier an Stelle deiner braven Eltern
stehe  Hast du einen Kummer so schütte ihn aus ist er ohne dein Verschulden
über dich gekommen so kannst du sicher sein dass ich ihn redlich mit dir tragen
werde«
    Es erfolgte abermals ein leises Weinen
    »Du kannst nicht sprechen« frug der Oberförster nach einer kleinen Pause
»das heißt ich weiß ganz genau dass dich kein körperliches Leiden verhindert
deine Zunge zu gebrauchen denn du sprichst ja wenn du dich unbeachtet glaubst
mit dir selbst es ist also ein moralischer Zwang dem du dich unterwirfst wohl
gar ein Gelübde«
    Jedenfalls musste ein stummes Kopfnicken seine Vermutung bestätigt haben
denn er fuhr heftiger fort »Hirnverbrannte Idee  Glaubst du dem lieben
Gott eine Freude zu machen wenn du ihm seine herrliche Gabe die Sprache vor
die Füße wirfst  Und willst du deine ganze Lebenszeit hindurch schweigen
 Also nicht Du wirst einmal wieder sprechen auch wenn sich das nicht
erfüllt was du durch dein Gelöbnis zu erreichen suchst  Nun gut ich kann
dich nicht zwingen zu reden trage demnach allein was dich bedrückt und was
dich unglücklich macht denn dass du das bist das steht leserlich genug auf
deinem Gesichte geschrieben  Aber das sage ich dir an mir hast du einen
unerbittlichen Richter wenn es einmal klar werden sollte dass du etwas getan
hast was das Licht scheuen und hüten muss vor den Ohren rechtlicher Menschen
laut zu werden denn du hast in deinem grenzenlosen Hochmute von vornherein
jeden ehrlich gemeinten Rat jede gute Lehre von dir gewiesen und es mir
unmöglich gemacht dir so zur Seite zu stehen wie ich es als Vertreter deiner
Eltern gewünscht und gesollt hätte  Ich will es noch einige Zeit mit dir
versuchen aber sobald ich nur ein einziges Mal merke dass du dich bei Nacht und
Nebel aus dem Hause entfernst dann kannst du dein Bündel schnüren  Noch
eins morgen werde ich den Doktor hierher kommen lassen er soll mir sagen was
dir fehlt denn du bist in den letzten Wochen geradezu unkenntlich geworden 
Jetzt geh«
    Die Tür öffnete sich und Berta taumelte heraus Sie bemerkte Elisabet und
Sabine nicht und als sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen hörte da
streckte sie plötzlich in sprachloser Verzweiflung die gerungenen Hände gen
Himmel und stürzte wie von Furien gejagt die Treppe hinauf
    »Die hat etwas auf dem Gewissen es mag nun sein was es will« sagte Sabine
kopfschüttelnd Elisabet aber ging hinein zum Onkel Er lehnte am Fenster und
trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben was er gewöhnlich tat wenn er
aufgeregt war Er sah sehr finster aus allein es flog ein heller Schein über
sein Gesicht als Elisabet eintrat
    »Gut dass du kommst Goldelse« rief er ihr entgegen »Ich muss ein klares
reines Menschengesicht sehen das tut mir not  Die schwarzen Augen von der
die da eben hinausgegangen ist sind mir fürchterlich  Na nun habe ich doch
mein Hauskreuz wieder aufgenommen um es ein Stück weiter zu schleppen  Kann
nun einmal so ein Wesen nicht weinen sehen und wenn ich zehnmal weiß dass ich
mit dieser Zerknirschung über den Löffel barbiert werden soll«
    Elisabet war herzlich froh dass das gefürchtete Zusammentreffen zwischen
dem Onkel und Berta so glimpflich abgelaufen war Sie beeilte sich seine
Gedanken völlig abzuziehen von der Unglücklichen indem sie ihm von der heutigen
Festlichkeit und wenn auch in etwas hastiger und flüchtiger Weise von der
schnellen Abreise des Herrn von Walde erzählte Auch Linkes schauerliches Ende
teilte sie ihm mit eine Nachricht die ihn nicht sehr überraschte denn er
hatte diesen Ausgang vermutet
    Er begleitete das junge Mädchen bis an die obere Gartentür
    »Sei hübsch vorsichtig und läute nicht zu stark am Mauerpförtchen« mahnte
er beim Abschiede »deine Mutter hat heute nachmittag einen Anfall ihrer Migräne
bekommen sie liegt zu Bette  ich war vorhin noch einmal droben«
    Erschrocken lief Elisabet den Berg hinauf Sie brauchte nicht zu läuten
Miss Mertens kam ihr in Begleitung des kleinen Ernst auf der Waldblösse entgegen
und beruhigte sie sofort Der Anfall war vorüber die Mutter lag in einem
erquickenden Schlummer als das junge Mädchen leise an das Bett trat
    Es dämmerte bereits stark und die tiefste Stille herrschte in der
traulichen Wohnung die Schlaguhren waren in ihrem Gange gehemmt worden an den
verschlossenen Fenstern verhallte das leise Geflüster der Blätter draußen nicht
einmal das Summen einer naseweisen Fliege wurde hörbar denn der Vater hatte
alles was die Ruhe der Kranken stören konnte unerbittlich entfernt
    Hätte die Mutter jetzt auf ihrem Lehnstuhle in der einen Fensternische der
Wohnstube gesessen zwischen dem schützenden Vorhange und der grünen Buschwand
vor dem Fenster auf die der dunkelnde Abendhimmel schweigend niedersah dann
wäre heute die traute Ecke zum Beichtstuhle geworden Elisabet hätte knieend
auf dem Fusskissen den Kopf auf die Kniee der Mutter gelegt ihr übervolles Herz
dem mütterlichen Auge erschlossen  Nun zog sich das süße Geheimnis wieder in
den innersten Schrein ihrer Seele zurück wer weiß ob sie je wieder den Mut
fand das auszusprechen was unter den obwaltenden Verhältnissen die Mutter
voraussichtlich erschrecken und mit großer Sorge um die Tochter erfüllen musste
 
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Die Ruinen von Gnadeck mochten wohl verwundert aufhorchen bei dem seltsamen
Geräusche das seit dem ersten Morgengrauen mit kleinen Unterbrechungen an ihre
schiefen Mauern schlug Das klang so ganz anders als das Zerstörungswerk der
Regenfluten oder der Schneemassen wenn sie in der Frühlingssonne schmolzen
Leise grub dann das Wasser kleine Rinnen zwischen das Gemäuer und hob einen
Granitblock um den andern aus dem Sattel ohne dass er es ahnte er blickte noch
eine Weile stolz und dräuend in die Welt denn sein Untergang wurde so
geräuschlos vorbereitet wie kaum der Sturz eines Fürstengünstlings oder der
eines missliebigen Ministeriums Dann kam nächtlicherweile ein Sturmwind
dahergebraust  es erfolgte ein gewaltiges Krachen und der Strahl der
Morgensonne irrte zum erstenmal über Wände und Fussböden die er bis dahin nie
berührt hatte Es lag dann freilich ein tüchtiges Stück Mauerwerk zerschmettert
unten auf dem Steinpflaster und den ganzen Tag über wenn ein leichtes Lüftchen
vorüberflog oder der Flügel eines Vogels droben anstreifte rieselten
zerbröckelter Mörtel und feine Sandbäche aus der Wunde aber nicht lange so
sprosste junges Grün aus dem Risse und nun vergingen wieder Jahre lange Jahre
ehe das heimtückische Nagen der Wasser unter der trügerischen grünen Decke ein
neues Opfer für die Stürme hergerichtet hatte Das war ein langsames
unmerkbares Hinscheiden  die Ruinen konnten getrost sein wie der Kranke der
ein unheilbares Leiden in sich trägt bei welchem er jedoch ein womöglich
alttestamentliches Alter erreichen kann
    Heute waren es Menschenhände welche das Zerstörungswerk vollbrachten
Unglaublich schnell und rührig hoben sie Stein um Stein ab Der Erker der so
kühn seinen Fuß vorgestreckt hielt und jahrhundertelang wie ein
unerschütterlicher Wachtposten vor dem Flügel gestanden hatte sah kläglich aus
Er hatte bereits ein beträchtliches Stück von seiner Höhe eingebüßt sein
Epheugewand war zerrissen es wurden nun dunkle Fensterhöhlen und
grünangelaufenes Mauerwerk sichtbar dessen jetzt freilich verstümmelte und
zerklüftete Steinzieraten einst schön und kunstreich gewesen sein mochten Die
Arbeiter waren sehr fleißig Es interessierte sie selbst so halsbrechend auch
die Aufgabe war von oben herab in die dunkeln Winkel und Ecken des alten Nestes
sehen zu können das der Gespensterglaube des Volkes mit zahllosen schauerlichen
Erscheinungen bevölkerte
    Am Nachmittage saß Frau Ferber mit Elisabet und Miss Mertens auf dem Damme
als Reinhard der sich stets nachmittags zu einer bestimmten Stunde einfand die
Lektüre unterbrach Er erzählte dass Linke heute morgen in aller Stille beerdigt
worden sei und dass Fräulein von Walde nun auch durch einen unvorsichtigen
Diener das Attentat auf ihren Bruder erfahren habe Mit tiefer Bitterkeit
bemerkte der Erzähler Herrn von Waldes Besorgnis dass der Schreck über den
Vorfall nachteilige Folgen für seine Schwester haben könne sei sehr unnötig
gewesen denn das Fräulein habe die Nachricht mit großer Kaltblütigkeit
entgegengenommen auch das Unglück des Herrn von Hartwig mit dessen Frau sie
befreundet sei berühre sie durchaus nicht in der Weise wie man sich hätte
denken müssen »Ja wenn es ihrem blondgelockten Protegé ans Leben gegangen
wäre« meinte er zornig »dann hätte sie sich sicher ihre schönen
kastanienbraunen Locken einzeln ausgerissen  Dieser Herr von Hollfeld wird
mir nachgerade unerträglich Heute geht er mit einem Gesichte im Hause herum
als ob er die ganze Welt vergiften möchte  Ich wette die rosenfarbene Laune
ist einzig und allein schuld an Fräulein von Waldes verweintem Gesicht das sie
vorhin bei einer Begegnung im Garten vor mir zu verbergen suchte«
    Elisabet bog sich bei Erwähnung des verhassten Namens tiefer auf ihre
Arbeit Das Blut schoss ihr in das Gesicht bei dem Gedanken an Hollfelds gestrige
Unverschämtheit von der sie jedoch bis jetzt der Mutter noch nichts erzählt
hatte aus Furcht sie könne sich nachträglich alterieren Vielleicht war dies
auch nicht der einzige Grund  wenigstens vermied sie es die unumstössliche
Tatsache klar zu erörtern nach welcher sie doch eigentlich große Furcht hatte
die Eltern könnten ihr infolge der Zudringlichkeiten Hollfelds die ferneren
Besuche im Lindhofer Schloss verbieten  damit aber wäre ihr ja jegliche
Gelegenheit Herrn von Walde wieder zu sehen abgeschnitten worden
    Währenddem rollte und prasselte es beinahe unaufhörlich drüben bei dem
Erker Bald darauf trat Ferber in den Garten Er war im Forstause gewesen und
kam nun in Begleitung des Oberförsters zum Kaffeestündchen heim Ernst lief ihm
aufgeregt entgegen Der Kleine hatte obgleich den Kordon streng respektierend
den der Vater der Sicherheit wegen für ihn gezogen bis dahin fast immer im
Hauptwege gestanden und mit großem Interesse das Abtragen des Erkers verfolgt
    »Papa Papa« rief er »der Maurer will dich sprechen du sollst
hinaufkommen  er sagte er habe etwas gesehen«
    Wirklich winkte einer der Arbeiter den beiden Männern eifrig zu näher zu
kommen
    »Wir sind auf eine Kammer oder was es sonst sein mag geraten« rief der
Mann hinab »und wenn ich recht sehe so steht ein Sarg drin Wollen Sie nicht
erst einmal die Sache ansehen Herr Ferber ehe wir weiter arbeiten  Sie
können sich getrost herauf wagen wir stehen auf einer noch recht festen Decke«
    Reinhard hatte den Zuruf gehört und kam eilends die Terrassenstufen
herabgelaufen Ein verborgener Raum der einen Sarg enthielt das klang fast
berauschend für seine Altertumsforscherseele
    Vorsichtig stiegen die drei Männer die Leiter hinauf
    Die Arbeiter standen da wo der Erker aus dem Hauptgebäude hervorsprang und
zeigten auf eine ziemlich weite Öffnung zu ihren Füßen Bis dahin waren sie auf
keinen verschlossenen Raum gestoßen Dem Hauptgebäude fehlte ja zum Teil das
Dach Man sah auf dem Erker stehend nach allen Richtungen hin durch ein
Wirrsal offener Zimmer halb eingestürzter Gänge und durch breite Spalten im
Fußboden hinunter in die Schlosskapelle Der Erker selbst sah ebenfalls in seinem
Innern nicht halb so unheimlich aus wie von draußen gesehen der blaue Himmel
lugte allerorten herein und die frische Luft fegte hindurch soviel sie Lust
hatte  Und nun erschien plötzlich da unten ein Raum umschlossen von
scheinbar festen Wänden und geschützt durch einen ziemlich gut erhaltenen
Plafond Soviel man von oben herab beurteilen konnte schob sich das Zimmer wie
ein Keil zwischen die Kapelle und den Raum der hinter dem Erker lag Jedenfalls
musste sich an der äußersten Spitze welche die Wände bildeten und die in die
Ecke des Erkers und des Hauptgebäudes mündete ein Fenster befinden denn von
dorther fielen schwache Lichtreflexe durch gefärbtes Glas herein und huschten
über den Gegenstand, den man nur zum Teile sah und den der Maurer für einen
Sarg erklärt hatte
    Es wurde sofort eine Leiter von beträchtlicher Länge hinabgelassen da das
Zimmer eine bedeutende Höhe hatte und in lebhafter Spannung stieg einer nach
dem anderen hinunter Man hatte beim Herniedersteigen in nächster Nähe ein durch
das Alter beinahe schwarzbraun gewordenes Wandgetäfel vor sich Das Auge
erschrak fast vor den wunderlichen Schnörkeleien die hier aus der Hand des
Holzschnitzers hervorgegangen waren An der Decke hin lief eine schmale
kunstvolle Holzleiste von viel späterem Datum an der lange schwarze Tuchfetzen
herabhingen die andere Hälfte der Trauerbekleidung lag unten auf dem Boden ein
modernder gestaltloser Klumpen
    Ohne Zweifel hatte der Raum vom Anbeginne den Zweck der Verborgenheit
gehabt denn es war auf seine Form nicht die mindeste Rücksicht genommen worden
Ein unregelmässiges Dreieck in dessen eine etwas abgestumpfte Spitze in der Tat
das vermutete sehr schmale Fenster eingefügt war schmiegte er sich so eng an
die Kapelle dass Reinhards Vermutung man habe hier in alten katholischen
Zeiten die Kirchenkostbarkeiten verwahrt sehr viel Wahrscheinlichkeit erhielt
um so mehr als fünf bis sechs ausgetretene Steinstufen zu einer von innen
vermauerten Tür in der Kapellenwand hinabführten Das Fenster lag hinter der
Steineiche die ihre dicken Äste gerade hier fest andrückte auch einige
Epheuranken woben ein zartes Gespinst über die Scheiben trotzdem stahl sich die
Sonne durch die zierlichen farbenprächtigen Glasrosetten welche auch nicht
eine Spur von Zerstörung an sich trugen
    Es war in der Tat ein Sarg ein kleiner schmaler Zinnsarg der hell von
der schwarzen Samtdecke des Postaments sich abhebend einsam und vergessen
inmitten der drei Wände stand Zu seinen Häupten erhob sich ein mächtiger
Kandelaber auf dessen Armen noch Reste von dicken Wachskerzen sichtbar waren
ihm zu Füßen aber stand ein Schemel eine Mandoline lag darauf die Saiten
hingen zerrissen herab Es war schon ein altes Instrument zu Lebzeiten des
letzten Besitzers gewesen denn das schwarze Griffbrett zeigte viele helle
abgegriffene Stellen und der Resonanzboden war da leicht eingebogen wo der
Spielende den kleinen Finger aufzusetzen pflegt
    Die letzten Atome verdorrter Blumenspenden flogen bei Annäherung der
Herabsteigenden vom Sarge nieder auf dessen Deckel in vergoldeten Lettern der
Name Lila stand
    An der tiefen Wand zugleich auch der breitesten des Raumes, war ein großer
dunkler Schrank aus Eichenholz angebracht  zur Aufbewahrung der Messornate
bestimmt meinte Reinhard im ersten Augenblicke Er schlug die beiden nur
angelehnten Türen zurück infolge dieser Erschütterung rauschte und rieselte es
drinnen und kleine Staubwolken flogen aus den Falten einer Menge hier
aufgehangener Frauengewänder  Es war das aber eine merkwürdig phantastische
Garderobe bunt und von fast leichtfertig kokettem Schnitte kontrastierten
diese Maskeradeanzüge seltsam mit der Feierlichkeit und dem Ernste ihrer
Umgebung
    Es musste ein kleines außerordentlich zartes Geschöpfchen gewesen sein das
diese Gewänder getragen hatte denn die seidenen meist mit einer reichen
Goldstickerei bordierten Röckchen waren kurz wie ein Kinderkleid und die Form
der Mieder von purpurnem oder veilchenblauem Samt mit den seidenen Bandschleifen
und dem Latze von goldenem Zindel ließ auf eine bewundernswürdig biegsame
feine Mädchentaille schließen  Viele viele Jahre mochten hier
vorübergeglitten sein ohne dass ein menschlicher Atemzug in dieser
Abgeschiedenheit hörbar geworden war eine lebenswarme Hand die hier
eingeschlossenen Gegenstände berührt hatte Die Haken im Schranke hatten
allmählich die mürbe gewordenen Stoffe durchbohrt und die Fäden die einst
Perlen und Goldflitter auf den seidenen Boden festgehalten hatten hingen lose
und zerrissen herab
    An eine der Seitenwände lehnte sich ein kleiner Tisch mit einer
Marmorplatte Er schien sich kaum noch auf den alterschwach gewordenen Füßen
halten zu können und brachte durch seine schiefe Haltung einen auf seiner Platte
stehenden Kasten in die Gefahr herabzustürzen Dieser Kasten war ein wahres
Meisterstück von eingelegter Arbeit in Metall und Elfenbein Der Deckel schien
nicht verschlossen zu sein es sah vielmehr aus als sei er nur lose
niedergelegt um ein breites Papier festzuhalten das aus dem Kasten hervorragte
und augenscheinlich mit großer Sorgfalt so placiert war um die Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken Es war braun gefärbt vom Alter auch lagerte wie auf allem
eine dicke Staubschicht darüber aber die großen steifen schwarzen Schriftzüge
schauten unvertilgbar darunter hervor und der Name »Jost von Gnadewitz« war
auch in weiterer Entfernung lesbar
    »Potztausend was steht denn da« rief der Oberförster vor Überraschung
kaum der Worte mächtig »Jost von Gnadewitz das ist ja der Held in Sabines
Geschichte von der Urahne«
    Ferber trat näher und hob bedeutsam den Deckel in die Höhe Da lagen auf
dunklem Samtpolster Schmuckgegenstände von altertümlicher Fassung Armbänder
Nadeln eine Schnur gehenkelter Goldstücke und mehrere Reihen echter Perlen
    Das Papier war herabgefallen Reinhard hob es auf und erbot sich den Inhalt
vorzulesen er war selbst für die damalige Zeit  vor ungefähr zwei
Jahrhunderten  sehr unortographisch und ungelenk geschrieben  der Verfasser
hatte sicher das Schiessgewehr besser zu führen verstanden als die Feder 
trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen Sie lauteten
    »Wer Du auch seist der Du diesen Raum betrittst bei allem was Dir
heilig bei allem was Du liebst und was je Dein Herz gerührt störe ihre Ruhe
nicht  Sie liegt da schlummernd wie ein Kind Das süße Antlitz unter den
dunkeln Locken es lächelt wieder seit der Tod es berührt  Noch einmal wer
Du auch seist ob hochgeboren oder ein Bettler ob Du ein Anrecht an die Tote
hast oder nicht lasse mein Auge das letzte sein das auf ihr geruht
    Ich konnte sie nicht unter die schwere dunkle Erde legen  hier spielen
goldene Lichter um sie her und draußen auf dem Baume lässt sich der Vogel
nieder auf seinen Flügeln ruht noch der Waldodem und aus seiner Kehle strömen
die Lieder die ihre Wiegenlieder waren  Es sanken auch goldene Lichter in
das Walddickicht herab und die Vögel sangen droben auf den Zweigen als das
schlanke Reh das Gebüsch teilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen
Jäger richtete der unter dem Busche ruhte Da fuhr es jäh und heiß durch sein
Herz er warf das Gewehr weit von sich und folgte rastlos der Mädchengestalt
die vor ihm floh Sie das Kind des Waldes eine Tochter jener Horden die ein
Fluch über die Erde treibt die nirgends heimischen Boden unter den irrenden
Füßen nicht eine Scholle vaterländischer Erde haben auf die sie das sterbende
Haupt legen können sie hatte das Herz des wilden Junkers bezwungen  Um ihre
Liebe bettelnd streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes folgte
ihren Schritten wie ein Hund und umschloss rasend vor Leidenschaft ihre Kniee
bis sie gerührt einwilligte die Ihrigen zu verlassen und ihm heimlich zu folgen
 Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schloss  wehe  und
wurde ihr Mörder  Er achtete nicht ihr Flehen als sie plötzlich die
unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfasste wie der gefangene Vogel
umherflattert und angstvoll sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs
stößt so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern die einst ihre
berauschende Stimme ihr wunderbares Saitenspiel gehört hatten und nun von ihren
schmerzlichen Klagen und Seufzern widerhallten Er sah ihre Wangen bleich
werden sah wie ihr Auge im Hass sich von ihm abwandte sein Herz erlitt
tausendfach den Tod wenn sie ihn von sich stieß und vor seiner Berührung
schauderte er geriet in Verzweiflung aber er schob doppelte Riegel vor und
bewachte in Todesangst die festverschlossenen Türen denn er wusste sie war für
ihn verloren wenn einmal ihr flüchtiger Fuß den Waldboden wieder berührte 
Da kam endlich eine Zeit da wurde sie ruhiger zwar glitt sie an ihm vorüber
als sei er ein Schatten ein Nichts sie hob keine Wimper wenn er in ihre Nähe
trat und bittend und schmeichelnd sie anredete seit lange hatte sie kein Wort
zu ihm gesprochen und auch jetzt kam kein Laut über ihre Lippen aber sie
rüttelte nicht mehr wild an den Fenstern die zarte Brust wund schlagend und in
gellenden Tönen nach denen rufend die draußen in goldener Freiheit durch den
Wald zogen sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Säle oder hinauf
auf die Mauer um den schönen Leib im trüben Grabenwasser zu betten Unter der
Eiche neben dem Erker saß sie geduldig mit dem lilienweissen Gesichte und sah
still vor sich hin sie wusste dass sie Mutter werden sollte Und wenn die Nacht
hereinbrach nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf sie litt es aber
sie wandte das Gesicht von ihm dass sein Atem sie nicht berühre und kein Strahl
seines heißen Auges auf sie falle
    Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schlosstor Das Volk
fabelte sein Beichtkind der Jost halte Verkehr mit dem Teufel und da kam er
um die arme Seele zu retten Er fand Einlass und sah das Wesen, um dessen willen
der lustige Jäger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte
Ihre Schönheit und Reinheit rührten ihn er sprach zu ihr mit milder Stimme und
ihr in Schmerz erstarrtes Herz öffnete sich seinem Zuspruche Um ihres Kindes
willen ließ sie sich taufen und ließ es geschehen dass jenes unselige Bündnis
durch Priesterwort geheiligt wurde  Als ihre schwere Stunde vorüber war da
legte sie mühsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes und mit diesem Kusse
entfloh ihre Seele sie war frei frei noch auf der entseelten Hülle strahlt
der Abglanz dieses Triumphes  Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen er
wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Füßen und flehte
vergebens um einen einzigen letzten Liebesstrahl
    Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters  auf meinen Namen 
Ich sah schaudernd in seine Augen  er hat die meinen  er und ich haben sie
gemordet  Mein alter Diener Simon hat den Kleinen fortgetragen ich kann
nicht für ihn leben Simon sagt  der Pfarrer auch  es werde sich kein Weib
entschließen meinem Kinde die Brust zu reichen weil ich in den Augen des
Volkes ein Verlorener ein der Hölle Verfallener sei  Das Weib meines
Forstwarts Ferber nährt den Kleinen jetzt ohne zu wissen von wem er stammt «
    Der Vorleser hielt inne und sah erstaunt über das Papier hinweg Der
Oberförster der bis dahin aufmerksam zuhörend ihm gegenüber an der Wand
gelehnt hatte stand mittels einer raschen Bewegung plötzlich an seiner Seite
und fasste krampfhaft seinen Arm Sein braunes Gesicht war bleich geworden als
ob eine mächtige innere Erschütterung momentan seine Pulse stocken mache Auch
Ferber war mit allen Zeichen höchster Überraschung näher gekommen
    »Weiter weiter« rief endlich der Oberförster mit fast erstickter Stimme
    »Simon hat ihn auf die Schwelle des Forstauses gelegt« las Reinhard »er
hat heute gesehen dass ihn die Ferberin herzt und pflegt wie ihr eigenes
Mägdlein  Nach den Gesetzen meines Hauses hat er keine Ansprüche an das Erbe
derer von Gnadewitz aber mein mütterliches Erbteil wird ihn vor dem Mangel
schützen Auf dem Ratause zu L liegen meine Verfügungen die ihn als meinen
Sohn und Erben bestätigen Mag er als Hans von Gnadewitz ein neues Geschlecht
begründen der Allmächtige möge mitleidige Herzen lenken dass sie seine Jugend
beschützen ich kann es nicht 
    Alles was jene liebliche Hülle in glücklichen Tagen geschmückt hat es soll
sie auch im Tode umgeben soll mit ihr vermodern Auf die Kleinodien hat ihr
Kind Anspruch aber alles in mir empört sich wenn ich denke dass das was auf
ihrer glänzenden Stirn ihrem reinen Nacken geruht hat vielleicht durch
treulose Hände auseinander gerissen und entweiht wird eher soll es hier
erblinden und verderben
    Noch einmal wende ich mich an Dich den vielleicht der Zufall erst nach
Jahrhunderten in dies Heiligtum führt ehre die Tote und bete für mich
                                                            Jost von Gnadewitz«
    Die beiden Brüder reichten sich wortlos die Hände und traten an den Sarg In
ihren Adern kreiste das Blut jenes Wunderwesens das einst den wilden stolzen
Junker in Liebesraserei entflammt jenes Weibes dessen glühende Seele nach
Freiheit lechzend jubelnd dem vergötterten Leibe entfloh der hier im engen
zinnernen Schreine zu einem Häufchen Asche zusammensank  Da standen die zwei
hohen Gestalten die Abkömmlinge dessen der mit dem Weihkusse der sterbenden
Mutter auf der Stirn hinausgetragen wurde in den Wald auf die niedrige Schwelle
des Dieners während sein hochgeborner Vater verzweifelnd in den Tod ging
    »Sie war unsere Stammmutter« sagte endlich Ferber tiefbewegt zu Reinhard
»Wir sind die Nachkommen jenes Findlings dessen Abkunft ein Rätsel geblieben
ist bis zu dieser Stunde denn die Papiere die das Kind in seine Rechte
einsetzen sollten sind mit dem Ratause zu L ungelesen verbrannt  Wir
müssen die Arbeit für einige Tage unterbrechen« wandte er sich an den einen der
Maurer der in verzeihlicher Wissbegierde bis zur Mitte der Leiter
herabgeklettert war und von diesem hohen Standpunkte aus in sprachloser
Verwunderung die Aufklärung einer Geschichte mit anhörte die noch in den
Lindhofer Spinnstuben eine große Rolle spielte
    »Dafür aber sollt Ihr morgen auf dem Lindhofer Gottesacker ein Grab
ausmauern« rief der Oberförster hinauf »ich werde gleich nachher mit dem
Pfarrer Rücksprache nehmen«
    Er trat noch einmal an den Schrank und überblickte die Gewänder die einst
die feinen Glieder des Zigeunerkindes eingehüllt hatten und offenbar mit großer
Genauigkeit in der Zusammenstellung aufgehangen waren wie sie das entzückte
Auge des Liebenden an der schönen Lila gesehen hatte Auf dem Boden des
Schrankes standen Schuhe Der Oberförster nahm ein Paar derselben  sie
bedeckten gerade seine breite Hand es mussten wahre Aschenbrödelfüsschen gewesen
sein die darin gesteckt hatten
    »Die will ich der Else mitnehmen« sagte er lächelnd und fasste sie behutsam
mit Daumen und Zeigefinger »Die wird sich wundern dass ihre Urahne gerade solch
ein Liliput gewesen ist«
    Ferber hatte unterdes die Mandoline vom Staube gesäubert und schob sie
vorsichtig unter den Arm während Reinhard den Juwelenkasten verschloss und ihn
an der im Deckel angebrachten zierlichen Handhabe vom Tische hob So stiegen die
drei Männer die Leiter wieder hinauf Droben wurden alle Bretter deren man
habhaft werden konnte zum einstweiligen Schutze gegen Wind und Wetter über die
Öffnung im Plafond gedeckt und dann trat man den Rückzug an
    Die Damen die unterdes in großer Spannung am Fuße des Erkers gewartet
hatten waren nicht wenig erstaunt über den seltsamen Zug der sich die Leiter
herab bewegte Sie erfuhren aber nicht eher ein Wort von dem was sich droben
ereignet hatte als bis man unter den Linden angekommen war Hier stellte
Reinhard den Kasten auf den Tisch beschrieb genau das verborgene Zimmer und
dessen Inhalt zog endlich das verhängnisvolle Papier hervor und wiederholte
seinen Vortrag von vorhin diesmal jedoch bei weitem fliessender
    Schweigend und atemlos lauschten die Damen den Ausbrüchen eines heißen
leidenschaftlichen Herzens Elisabet saß blass und still da aber als die Stelle
kam die so plötzlich ein grelles Licht auf das dunkle Stück Vergangenheit ihrer
Familie warf da fuhr sie jäh in die Höhe und ihr Auge richtete sich voll
unsäglicher Überraschung auf das lächelnde Gesicht des Onkels der sie
erwartungsvoll beobachtete Auch Frau Ferber blieb eine Weile nachdem der
Vorleser geendet hatte wie betäubt Für ihren klaren gewöhnlich sehr ruhig
erwägenden Geist war diese romantische Lösung einer jahrhundertealten
Familienfrage im ersten Augenblicke unfasslich Miss Mertens aber der Ferber erst
die ganze Tragweite der Entdeckung auseinandersetzen musste da sie ja um die
Findlingsgeschichte nichts wusste schlug die Hände über dem Kopfe zusammen über
die wunderbare Fügung
    »Nun und haben Sie auf dies Blatt hin Ansprüche auf Ihr Erbe« frug sie
lebhaft und gespannt
    »Ohne Zweifel« entgegnete Ferber »aber wie sollen wir wissen worin jenes
mütterliche Erbe bestanden hat  Die Familie ist ausgestorben der Name von
Gnadewitz erloschen Alles ist in fremde Hände übergegangen wer kann uns sagen
was und wo wir beanspruchen sollen«
    »Nein dahinein stören wir nicht« entschied der Oberförster »solche
Geschichten kosten Geld und schließlich haben wir vielleicht das Vergnügen auf
einen Vergleich im Betrage von einigen Talern eingehen zu müssen  Ei was
lass fahren dahin  Wir sind bisher auch nicht verhungert«
    Elisabet nahm träumerisch die Schuhe auf die der Onkel vor sich
hingestellt hatte Der verblichene hie und da zerschljetzte Seidenstoff zeigte
noch jede Biegung des Fußes Sie waren viel benutzt worden aber augenscheinlich
nicht auf dem Waldboden denn die Sohlen waren rein  jedenfalls hatten die
raschen Füßchen darin gesteckt während der Gefangenschaft zu jener Zeit da sie
»wie gehetzt durch die Zimmer und Säle lief die zarte Brust wund schlagend«
    »Guck Else nun wissen wir auch wo du herkommst mit deiner zerbrechlichen
Taille und den Füßen die über den Grashalm hinlaufen ohne dass er sich biegt«
sagte der Onkel »Bist gerade solch ein Waldschmetterling wie deine Urahne
würdest auch die Stirn an den Wänden zerstossen wenn man dich einsperren wollte
 s ist doch ein Zigeunerblut in dir und wenn du zehnmal die Goldelse bist und
eine Haut hast wie Schneewittchen  Da ziehe einmal die Dinger an du wirst
gleich sehen dass du drin tanzen kannst«
    Er hielt die Schuhe hin
    »O nein Onkel« rief Elisabet abwehrend »das sind Reliquien für mich 
Ich könnte sie nie in der Weise berühren ohne zu fürchten dass Josts schwarze
zornige Augen neben mir auftauchten«
    Frau Ferber und Miss Mertens waren derselben Ansicht und erstere meinte der
Schrank mit allem was er enthalte müsse mit möglichster Vorsicht an einen
ruhigen trockenen Ort geschafft werden wo er als Familienreliquie unangetastet
stehen bleiben solle bis sich auch sein Geschick das der zeitlichen
Zerstörung erfülle
    »Nun in dem Punkte will ich die Pietät gelten lassen« nahm Reinhard das
Wort »anders dagegen denke ich über diese Gegenstände«
    Er schloss den Kasten auf Der Sonnenstrahl der in das Innere glitt kam in
tausendfältigen Blitzen zurück und blendete aller Augen Reinhard nahm ein
Halsband heraus es war sehr breit und von bewunderungswürdiger Arbeit
    »Das sind Brillanten vom reinsten Wasser« belehrte er die Umstehenden  das
Kollier war besäet mit den kostbarsten Steinen  »und diese Rubinen hier müssen
wundervoll aus den dunkeln Locken der schönen Zigeunerin gestrahlt haben« fuhr
er fort indem er zwei Nadeln von dem Samtpolster aufhob deren Köpfe
Blumenglocken aus roten Steinen bildeten Aus den Kelchen fielen zierliche
Ketten die in jedem beweglichen Gliede einen kleinen Rubin hielten wie ein
buntfarbiger Regen nieder
    Elisabet hielt lächelnd eine prächtige Agraffe über ihre Stirn
    »Sie meinen also Herr Reinhard« frug sie »hier sollten wir die Pietät
beiseite lassen und uns unbedenklich mit diesen Kostbarkeiten behängen  Was
wohl mein weißes Mullkleid dazu sagen würde wenn ich ihm zumuten wollte eines
Tages neben so vornehmer Gesellschaft zu erscheinen«
    »Die Steine stehen Ihnen unvergleichlich« erwiderte Reinhard lächelnd
»aber zum weißen Mullkleide würde mir ein Strauss frischer Blumen auch besser
gefallen deshalb rate ich diese Steinpracht beim Juwelier in klingende Münze
umschmelzen zu lassen«
    Ferber nickte zustimmend
    »Wie Reinhard« rief Miss Mertens »du glaubst man sollte diese
Familienstücke verkaufen«
    »Ei freilich« erwiderte er »Es wäre geradezu sündhaft und töricht ein
solches Kapital brach liegen zu lassen  Die Steine sind allein gegen
siebentausend Taler wert dann sind noch die sehr schönen Perlen und das
gehenkelte Gold zu berechnen das gibt auch noch ein hübsches Sümmchen«
    »Potztausend« rief der Oberförster überrascht »da wird nicht gefackelt
fort damit  Guck Adolf« fuhr er weicher fort und schlang den Arm um die
Schulter seines Bruders »nun hats der da droben doch noch gut mit dir gemacht
 Ich hab dir gleich gesagt in Thüringen wirds besser wenn mir auch nicht
eingefallen wäre zu denken dass dir auf einmal so ein achttausend Tälerchen
ins Haus fallen würden«
    »Mir allein« rief Ferber erstaunt »Hast du nicht als Aeltester vor allem
Anspruch an den Fund«
    »Nichts da  Was soll ich um Gotteswillen mit dem Mammon anfangen Ich
soll mich wohl in meinen alten Tagen noch damit beschäftigen Kapitalien
auszuleihen  Das könnte mir einfallen  Ich habe weder Kind noch Kegel
beziehe einen schönen Gehalt und wenn es einmal mit den alten Knochen hapert
dann habe ich eine Pension die ich nicht aufzehren kann mit dem besten Willen
nicht Ich trete also mein Erstgeburtsrecht ab und zwar an das Mädel da mit den
goldenen Haaren und unseren Stammhalter den Schelm den Ernst ich will nicht
einmal ein Linsengericht dafür denn dazu schmeckt das Wildbret nicht gut sagt
Sabine  Bleibt mir vom Halse« rief er als Frau Ferber mit feuchtem Auge
sich erhob und ihm die Hand hinstreckte und sein Bruder bewegt ihm noch
Vorstellungen machen wollte »Sie täten viel besser Frau Schwägerin wenn Sie
für eine Tasse Kaffee sorgten das ist ja himmelschreiend  vier Uhr und
noch keinen Tropfen des gewohnten Labsals auf den Lippen um deswillen ich doch
einzig und allein den Berg hinaufgeklettert bin«
    Er erreichte seinen Zweck den Danksagungen zu entgehen vollkommen denn
Frau Ferber eilte von Elisabet begleitet ins Haus und die anderen lachten
Bald saß die Gesellschaft auf der Terrasse um den braunen kräftig duftenden
Trank versammelt
    »Ja ja« sagte der Oberförster sich behaglich in den Stuhl zurücklehnend
»hätte heute morgen beim Aufstehen nicht gedacht dass ich mich am Abend als Herr
von Gnadewitz niederlegen würde  Nun kann mir der Oberforstmeister nicht
entgehen hat mich auf einmal das braune Blättchen da mit seinen verzwickten
Buchstaben geschickt dazu gemacht was dreißig schwere Dienstjahre nicht zuwege
gebracht haben Werde sobald Seine Durchlaucht in L einrückt meinen Kratzfuss
machen und mich vorstellen mit dem neuen Namen  Potz Blitz die werden die
Augen aufreißen da drinnen«
    Ein eigentümlicher Seitenblick huschte bei diesen Worten hinüber nach
Elisabet zugleich aber tat der Sprechende ein paar kräftige Züge aus der
Pfeife und hüllte plötzlich sein Gesicht in eine dicke Rauchwolke
    »Onkel« rief das junge Mädchen »stelle dich wie du willst ich weiß doch
dass dir nicht einfällt das zerbrochene Wappen der Gnadewitze wieder
zusammenzufügen«
    »Aber ich sehe nicht ein es ist ein ganz hübsches Wappen mit Balken
Sternen «
    »Und einem Rade voller Blutflecken« unterbrach ihn Elisabet »Gott behüte
uns dass wir es machen wie jene welche die Sünden ihrer Vorfahren aufgraben
um das Alter ihres Geschlechts zu beweisen und die den Adel dadurch unadlig
machen eine größere Widersinnigkeit hat die ganze Welt nicht  Mir ist als
müssten sich die Schatten aller derer die jenes hochmütige erbarmungslose
Geschlecht gequält und durch das Leben gehetzt hat anklagend erheben wenn der
Name wieder aufleben sollte unter dessen Deckmantel jahrhundertelang alle
erdenklichen Greuel verübt worden sind  Wenn ich die zwei Väter nebeneinander
stelle den leiblichen der feig aus dem Leben floh nicht einen Augenblick
erwägend dass sein armes Kind die heiligsten Rechte an ihn hatte und jenen
armen Diener der den hilflosen Ausgestossenen erbarmungsvoll an sein Herz nahm
und ihm seinen ehrlichen Namen verlieh dann weiß ich welcher der adelige das
heißt der edle war und wessen Namen verdient fortzubestehen  Und wieviel
Herzeleid hat jenes übermütige Geschlecht meinem armen Mütterchen zugefügt«
    »Jawohl jawohl« bekräftigte Frau Ferber mit einem Seufzer »fürs erste
verdanke ich ihm eine stürmische freudenlose Kindheit denn meine Mutter war
ein liebenswürdiges schönes aber bürgerliches Mädchen das mein Vater gegen den
Willen seiner Verwandten geheiratet hat Diese sogenannte Missheirat wurde eine
Quelle endloser Kränkungen und Leiden für die arme Bürgerliche Mein Vater war
nicht willensstark genug um mit jener stolzen Hauptlinie derer von Gnadewitz zu
brechen und nur für seine Frau zu leben Aus dieser Schwäche entstanden zahllose
Konflikte zwischen meinen Eltern die mir nicht verborgen bleiben konnten 
Nun und wir« sie reichte ihrem Manne die Hand über den Tisch hinüber »wir
werden wohl die Kämpfe nie vergessen welche wir durchmachen mussten ehe wir uns
gehören durften  Ich möchte nie wieder in jene Kaste zurückkehren die um
dem äußeren Glanze und der Form zu genügen so oft das warme menschliche Fühlen
unbarmherzig zertritt«
    »Das sollst du auch nicht Marie« beruhigte lächelnd Ferber indem er ihre
Hand drückte Er warf einen schelmischen Seitenblick auf seinen Bruder der
mächtige Dampfwolken vor sich her blies und sich vergebens bemühte die Stirn in
düstere Falten zu legen
    »Ach meine schönen Aussichten« seufzte dieser endlich in komischer Wehmut
»Else du bist grausam und töricht Du bedenkst nicht was ich dir für ein
Herrenleben verschaffen kann wenn ich Oberforstmeister bin  und du ein
gnädiges Fräulein  nun lockt dich das nicht«
    Elisabet schüttelte lachend aber energisch den Kopf
    »Und wer weiß« nahm Miss Mertens das Wort ehe man sich dessen versähe
klopfte irgend ein edler Ritter von tadellosem Geblüt an das alte Gnadeck und
holte die hochgeborne Goldelse als gnädige Frau heim«
    »Und Sie glauben ich würde mit ihm gehen« rief Elisabet heftig und ihre
Wangen flammten in hoher Röte
    »Ei warum denn nicht  wenn Sie ihn liebten «
    »Nie niemals« entgegnete das junge Mädchen mit fast erstickter Stimme
»auch wenn ich ihn liebte  Ich würde dann nur um so unglücklicher sein in dem
Gedanken dass der Nimbus meines Namens schwerer in die Wagschale gefallen sei
als mein Herz dass in den Augen jenes Mannes alles Streben nach geistiger Höhe
und moralischer Tüchtigkeit wertlos zusammensinke vor einem Schemen den
erbärmliche Menschensatzungen mit trügerischem Goldschaume bekleiden«
    Frau Ferber heftete einen erstaunten Blick auf ihre Tochter in deren Zügen
sich plötzlich alle Spuren einer tiefen Gemütsbewegung zeigten Der Oberförster
dagegen klemmte seine Pfeife zwischen den Zähnen fest und klatschte in seine
gewaltigen Hände
    »Else Goldkind« rief er endlich »Na gib deine Hand her bist ein
wackerer Kämpe durch und durch  Ja auch ich sage Gott behüte mich dass ich
die Zahl derer vermehre die um ihres persönlichen Vorteils willen ihren
ehrlichen Namen aufgeben  Gelt Adolf wir machen das Kirchenbuch in der
kleinen schlesischen Dorfkirche wo wir getauft worden sind, nicht zu schanden
wir schreiben unseren Namen fort und fort wie er dort eingetragen«
    »Und wie er ein halbes Jahrhundert hindurch in Freud und Leid uns treulich
begleitet hat« bekräftigte Ferber mit seinem ruhigen Lächeln »Das Dokument
werde ich für diesen hier«  er legte seine Hand auf den Lockenkopf des kleinen
Ernst  »unseren Stammhalter aufheben bis er selbst ein eigenes reifes Urteil
hat Ich kann und darf jetzt nicht für ihn entscheiden aber ich werde ihn zu
lenken wissen dass er es dereinst vorzieht seinen Weg durch eigene Kraft zu
gehen und nicht träge auf dem Lotterbette alter Traditionen und
Ungerechtigkeiten liegend Vorrechte genießt die allein nur das edle Streben
krönen sollten  Die Gnadewitze haben auf ihrer langen Laufbahn der Welt
nichts gegeben dafür aber um so mehr genommen sie mögen modern in ihrer Gruft
und ihr unverdient berühmter Name mit ihnen«
    »Sela« rief der Oberförster und klopfte seine Pfeife aus Er stand auf
»Jetzt wollen wir gehen« sagte er zu seinem Bruder »und Rücksprache mit dem
Lindhofer Pfarrer nehmen Der Platz unter den schönen Linden auf unserem
Dorfkirchhofe gefällt mir tausendmal besser als die drei düsteren Wände da
droben zwischen denen unsere Stammmutter lange Jahre hat ruhen müssen Und
damit die schwere kalte Erde ihren Sarg nicht berühre wollen wir das Grab
ausmauern und mit einem Steine verschließen lassen«
    Er entfernte sich von Ferber und Reinhard begleitet und während die Mutter
und Miss Mertens den Juwelenkasten in Sicherheit brachten stieg Elisabet die
Leiter am Erker in die Höhe schob die Bretter hinweg und schlüpfte hinab in das
verborgene Gemach Ein feiner Strahl der Abendsonne fiel schräg durch einen
rubinroten Glasstreifen des Fensters und warf auf den Namen »Lila« einen
blutigen Schein Lange stand das junge Mädchen mit gesenktem Haupte und
gefalteten Händen neben dem einsamen Totenschreine in welchem jenes heiße Herz
schlief seit dem Augenblicke da sein Jammer ein Ende hatte und in Grabesstille
verhallte Jahrhunderte waren vorübergeflogen sie hatten all den hinreissenden
Zauber jenes kurzen Daseins die stürmischen Gefühle durch die es seinen
Untergang fand hinweggespült als sei all das nie gewesen und doch wähnte das
junge Herz das bang und unruhig inmitten der stillen Totenkammer klopfte sein
inneres Stürmen könne niemals verhallen
 
                                       17
Das Ereignis auf Gnadeck war schon im Lindhofer Schloss ruchbar geworden noch
bevor Reinhard dasselbe betrat Die Maurer hatten auf ihrem Nachhausewege durch
den Park einem Bedienten die wunderbare Geschichte erzählt worauf diese von
Mund zu Mund laufend mit Blitzschnelle zu den Damen des Hauses gedrungen war
und dort beinahe die Wirkung einer hereinfallenden Bombe gehabt hatte
    Es war ein Lieblingstema der Frau Baronin die Lehre vom blauen Blute in
ihrer Untrüglichkeit zu beweisen Sie behauptete mittels einer sehr feinen
empfindlichen Organisation das Vorhandensein dieses bevorzugten Lebensstromes zu
erkennen herauszufühlen an Personen deren Namen sie noch nicht einmal wusste
Es war somit ganz natürlich dass sie auch jedes versprengte edle Tröpfchen in
plebejischen Adern scharfsichtig erkannte Aus dem Grunde gab sie auch stets
bereitwillig zu dass die »kleine Ferber« etwas Distinguiertes in ihrer
Erscheinung habe als das unleugbare Erbteil ihrer adlig geborenen Mutter 
Dem Oberförster gegenüber hatte sich jedoch jene untrügliche Stimme immer so
mäuschenstill verhalten dass es ihr nicht im Traume eingefallen wäre ihm für
seinen Gruß anders zu danken als mit einem Kopfnicken nach der Schablone für
Niedrigstehende Ja im edelen Zorne darüber dass dieser ungeschliffene Mensch
und Gottesverächter seiner Nichte Berta die ferneren Schloss und
Bibelstundenbesuche verboten hatte war sie zum öfteren so weit gegangen zu
behaupten man sähe ihm seine gemeine Abkunft auf hundert Schritt Distanz an 
Und nun sollte gerade er ihren hundertmal erprobten Spürblick für
aristokratisches Blut zu schanden machen Er war der Abkömmling eines berühmten
Geschlechts war der Träger eines Namens den der Nimbus feudalen Glanzes bis in
die fernste Zeit zurück umschwebte
    Freilich lag eine große Beruhigung für sie in dem Gedanken dass das edle
Blut durch bürgerliche Heiraten während zweier Jahrhunderte unkenntlich geworden
sei Sie sprach dies in sehr lebhafter Weise gegen Fräulein von Walde aus die
still auf ihrem Ruhebette liegend mit einem feinen spöttischen Lächeln die
Aufregung der Baronin beobachtete War es nun das persönliche Interesse für die
Familie Ferber oder ein vorurteilsfreier Standpunkt der jungen Dame von
welchem aus sie ihrer Kousine die kleine Lehre gönnte genug sie richtete sich
auf und sagte lebhaft nicht ohne eine leichte Beimischung von Schärfe
»Verzeihe aber das ist ein kleiner Irrtum Amalie  Ich weiß ganz genau dass
die Frau des Forstschreibers nicht die einzige Adlige ist die in die Familie
Ferber geheiratet hat Sie sind ein schönes geistig hervorragendes Geschlecht
immer gewesen dessen persönliche Vorzüge mehrere Male den Sieg über
Geburtsvorurteile davongetragen haben  Es dürfte leicht sein dass sich nicht
mehr bürgerliche Heiraten in jener Familie aufzählen lassen als deren auf den
Stammbaum des guten Lessen fallen und du wirst doch sicher nicht aufstellen
wollen dass kein reines Blut in Bellas Adern fliesse«
    Ein leichtes Rot flackerte über die fahlen Wangen der Baronin und der Blick
war nichts weniger als liebevoll und sanftmütig der unter den halbgesenkten
weissbewimperten Augenlidern hervor nach dem jungen Mädchen zuckte Aber es
erschien fast ebenso schnell ein versöhnliches Lächeln um ihren Mund Sie fühlte
zu ihrem Entsetzen seit gestern öfter den Boden unter ihren Füßen wanken Es war
eine erschreckende Wahrnehmung für sie plötzlich da auf Widerspruch zu stoßen
wo sie seit einem Jahre blinde Unterwerfung und völlige Hingebung zu sehen
gewohnt war
    Sie hatte übrigens ganz recht wenn sie den Grund der Veränderung in Helenes
Benehmen nicht eigentlich in dem »unseligen« Einflusse von deren Bruder suchte
sondern die Schuld bei weitem mehr ihrem Sohne zumass der in den letzten Tagen
eine so eigentümliche Haltung angenommen hatte Helene war zwar im Grunde eine
durchaus edle Natur befähigt sich für Großes und Edles zu begeistern und vom
besten Willen beseelt das Gute zu tun aber sie war von Kindheit auf daran
gewöhnt sich als den Mittelpunkt allseitiger zärtlicher Fürsorge und Rücksicht
zu betrachten Sie hatte trotz ihrer körperlichen Gebrechen nie die Bitterkeit
der Zurücksetzung empfinden müssen Um sie die Verkürzung ihrer natürlichsten
Rechte vergessen zu machen war jedes im Umgange mit ihr beflissen sie doppelt
auszuzeichnen Wohl wissend dass sie dem Berufe als Gattin entsagen müsse hatte
sie doch ihr an Zärtlichkeit so reiches Herz jubelnd der ersten Liebe geöffnet
und wenn sie im stillen weinend die Natur ob der ihr widerfahrenen
Vernachlässigung und somit der Zerstörung ihres Lebensglückes anklagte so blieb
ihr doch immer die beseligende Gewissheit dass ihre Neigung erwidert werde Die
unausgesetzten Aufmerksamkeiten Hollfelds sein stetes Verweilen in Lindhof
einzelne hingeworfene zärtliche Worte waren freilich geeignet gewesen diese
Meinung zu einer unerschütterlichen zu machen  Nun war er plötzlich
beleidigend zerstreut ihr gegenüber und vernachlässigte sie auf eine unerhörte
Weise Sie litt namenlos ihr ganzes Innere empörte sich die gekränkte
weibliche Würde ein nie gekannter heftiger Zorn und ihre unsägliche Liebe
rangen miteinander sie war noch weit entfernt von jenem Stadium welches edle
Naturen früher oder später stets erreichen müssen das der Resignation und
Verzeihung Sie wurde bitter und heftig und diese Empfindungen offenbarten sich
weniger dem der ihr wehe tat als dass sie sich mit einer Art von Genugtuung
gegen diejenigen richteten deren Tyrannei das junge Mädchen um ihrer Liebe
willen bis dahin widerstandslos ertragen hatte
    Hollfeld hatte gerade als die alte Kammerfrau der Baronin einer
unerheblichen Meldung wegen in das Zimmer trat und alsbald mit geläufiger Zunge
die merkwürdige Begebenheit auf Gnadeck mitteilte den Damen vorgelesen Hätten
Helenes Blicke nicht überrascht an den Lippen der Erzählenden gehangen so wäre
ihr sicher die plötzliche Veränderung in den Zügen ihres Vetters nicht
entgangen Atemlos mit dem Ausdrucke höchster Befriedigung hörte er zu Die
gefundenen Kleinodien hatten sich auf dem Wege über die verschiedenen Lippen zu
einem »unermesslichen Werte« gesteigert und der einfache Sarg der schönen Lila
war zu purem Silber geworden
    Auch die Baronin hatte die auffallende Umwandlung in dem bisher so
mürrischen Wesen ihres Sohnes nicht bemerkt und schleuderte ihm infolge jener
bitteren Zurechtweisung Helenes logischerweise einen von dem jungen Mädchen
ungesehenen Zornblick zu Sie war jedoch erstaunt ihn plötzlich Helene näher
rücken zu sehen Er legte das gestickte Rouleau im Nacken der jungen Dame
zurecht und schob das Boukett in der Blumenvase näher zu ihr hin damit sie den
Blumenduft bequemer einatmen könne
    »Helene hat ganz recht Mama« sagte er einen sehr freundlichen Blick auf
das junge Mädchen werfend der mit einem glückseligen Lächeln erwidert wurde
»Es kommt dir am wenigsten zu den guten Adel der Familie anzufechten«
    Obgleich es ihr ein entsetzlicher Gedanke war dass die bisher so tief unter
ihr Stehende jetzt neben ihr stehen und an Reichtum sie sogar bedeutend
überragen sollte war die Baronin doch klug genug die bittere Entgegnung die
ihr auf den Lippen schwebte zu unterdrücken und sich mit der Äußerung zu
begnügen dass die Sache denn doch zu unglaublich und fabelhaft klinge als dass
man ihr so unbedingt Glauben schenken dürfe Sie müsse erst einen kompetenteren
Augenzeugen hören als die beiden Maurer seien bevor sie sich entschließen
könne zu glauben
    Dieser kompetente Augenzeuge schritt eben wie gerufen unter den Fenstern
vorüber Es war Reinhard der von dem Berge zurückkehrte Er lächelte als er
schleunigst zu Fräulein von Walde befohlen wurde denn aus den neugierigen
Fragen des Bedienten ersah er dass der Fund auf Gnadeck im Schloss bereits
bekannt war und dass er nur zu den Damen gerufen werde um berichten zu sollen
    Bei seinem Eintritte wurde er auch sofort von Helene mit Fragen bestürmt Er
erzählte in seiner ruhigen Weise und es belustigte ihn über die Massen hinter
den scheinbar nachlässig und gleichgültig hingeworfenen Fragen und Bemerkungen
der Baronin die gespannte Neugier und den tiefsten Verdruss zu bemerken
    »Und werden die Ferber auf jenen Zettel hin in der Tat Anspruch auf den
alten Namen erheben dürfen« fragte sie eine große Dahlia aus der Blumenvase
ziehend und daran riechend
    »Ich möchte wissen wer ihnen das Recht streitig machen wollte« erwiderte
Reinhard »Es bleibt einfach zu beweisen dass sie die Abkömmlinge jenes
ausgesetzten Hans von Gnadewitz sind und das können sie zu jeder Stunde«
    Die Dame legte den Kopf an die hohe Rücklehne ihres Stuhles und ließ die
Lider wie ermüdet oder gelangweilt halb über ihre Augen sinken
    »Nun und jene entdeckten Schätze von Golkonda sind die wirklich so
unermesslich wie Frau Fama wissen will« fragte sie Ihr Ton sollte spöttisch
klingen allein Reinhards feines Ohr hörte mit großer Genugtuung eine
unsägliche Spannung und etwas wie eine geheime Angst heraus
    Er lächelte
    »Unermesslich« wiederholte er »Nun ja es kommt bei dergleichen Dingen sehr
viel auf den Begriff dessen an den sie berühren  Ich kann hier nicht
urteilen«
    Er hätte es sehr gut gekonnt wie wir wissen aber er meinte
ungalanterweise die kleine Aufregung der Ungewissheit sei der Dame ganz gesund
    Das Examen würde höchst wahrscheinlich noch nicht so schnell sein Ende
erreicht haben wenn nicht plötzlich Bella in ihrer lebhaften aufgeregten Weise
in das Zimmer gestürzt wäre
    »Mama die neue Gouvernante ist angekommen« rief sie atemlos und warf mit
einer schüttelnden Bewegung ihres Kopfes ihre roten Locken zurück die vornüber
gefallen waren »Pfui die ist noch hässlicher als Miss Mertens« fuhr sie fort
ohne die mindeste Rücksicht auf den danebenstehenden Reinhard zu nehmen »Auf
ihrem Hute hat sie knallrotes Band und ihre Mantille ist noch altmodischer als
die von Frau Lehr  Mit der gehe ich ganz gewiss nicht aus darauf kannst du
dich verlassen Mama«
    Die Baronin fuhr mit beiden Händen nach den Ohren
    »Kind ich bitte dich um Gotteswillen sei nicht so laut« stöhnte sie
»Deine Stimme geht mir durch Mark und Bein  Und was sind das für alberne
Reden« setzte sie streng hinzu »Du wirst schon mit Mademoiselle Jamin gehen
müssen wenn ich es wünsche«
    Diese mit ziemlicher Heftigkeit ausgesprochene Zurechtweisung infolge deren
die verdutzte Bella schmollend die Unterlippe hängen ließ und heimlicherweise
ein Stück Franse an dem Fauteuil der Mama abriss hatte einfach ihren Grund in
der sogenannten Marterzeit die auf Miss Mertens Weggang gefolgt war Die
Baronin hatte notgedrungen die einstweilige Aufsicht über Bella übernehmen
müssen und das war wie sie versicherte ein wahrer Totschlag für ihre Nerven
Fräulein von Walde gegenüber behauptete sie zwar stets lediglich unter Miss
Mertens Erziehungssünden leiden zu müssen im Grunde ihres Herzens aber fand
sie dass das Töchterlein in frappanter Ähnlichkeit alle Charaktereigenschaften
des seligen Lessen geerbt hatte worunter sich hauptsächlich ein unbeugsamer
Starrsinn und der unbezwingliche Hang zum süßen Nichtstun auszeichneten  Sie
war indes weit entfernt zu denken dass Miss Mertens Unrecht geschehen sei 
diese Person hatte sich als Erzieherin bezahlen lassen mithin verstand es sich
von selbst dass sie  natürlicherweise ohne je gegen die Wünsche und Ansichten
der Mutter zu handeln oder die Schutzbefohlene gar eigenmächtig zu strafen 
alle Fehler des Kindes beseitigte Jener mütterliche Einblick in Bellas
Charakter hatte deshalb auch ganz und gar keinen Vorteil für die schmerzlich
erwartete neue Gouvernante  die unglückliche Französin mit der Farbe der Freude
auf ihrem Hute hatte sicher keine Ahnung von den freudelosen Tagen denen sie
entgegenging  In diesem Augenblicke jedoch fiel mit ihrem Kommen der Baronin
ein Stein vom Herzen und die Dame wünschte nichts weniger als einen Konflikt
gleich zu Anfang zwischen Lehrerin und Zögling  deshalb wurden Bellas naseweise
Ausstellungen gerügt
    Die Baronin erhob sich und ging in Begleitung ihrer grollenden Tochter
hinüber in ihre Gemächer um die Angekommene in Augenschein zu nehmen Zugleich
wurde Reinhard von Fräulein von Walde entlassen
    »Befiehlst du dass ich weiter lese Helene« fragte Hollfeld nachdem die
drei das Zimmer verlassen hatten in sehr verbindlicher Weise während er die
Zeitung wieder aufnahm
    »Später« entgegnete sie zögernd und richtete forschend aber doch mit einer
Art schüchterner Beklommenheit ihre Augen auf ihn »Ich wollte dich eigentlich
bitten da wir für einen Augenblick allein sind mir endlich zu sagen was dich
in den letzten Tagen so sehr verstimmt hat  du weißt Emil dass es mich
unsäglich schmerzt wenn du mir verweigerst an dem was dich freut oder
bedrückt teilzunehmen Du weißt auch dass es nicht müßige Neugier ist die in
deine Angelegenheiten eindringen will sondern wahres warmes Interesse für dein
Wohl und Wehe  Du siehst dass ich schmerzlich unter deiner kalten
Verschlossenheit leide sage mir offen habe ich unwissentlich etwas getan um
deswillen du mich deines Vertrauens nicht mehr für würdig hältst«
    Sie streckte wie flehend die Hände nach ihm aus ein Stein hätte sich
erbarmen mögen bei dem unsäglich weichen trauervollen Klange ihrer Stimme
    Hollfeld bog das knisternde Zeitungsblatt zwischen seinen Fingern hin und
her Er hielt den Kopf gesenkt und vermied es konsequent dem reinen offenen
Blicke des jungen Mädchens zu begegnen Ein feiner Menschenkenner würde in
dieser Haltung und den unter den gesenkten Lidern rastlos hin und her irrenden
Augäpfeln wohl keinen Moment den Duckmäuser verkannt haben der zögernd
überlegt wie er wohl am schlauesten handelt Für ein argloses liebendes
Mädchenherz dagegen mochte diese hohe ein wenig nach vorn gebeugte Gestalt mit
dem schönen Gesichte unter den prächtigen blonden Haarwellen weit eher ein
sinnender Apoll sein
    »Mein Vertrauen hast du noch Helene« unterbrach endlich der Angeredete das
minutenlange Schweigen »du bist ja die einzige in der Welt der ich vertraue« 
Helenes Augen leuchteten auf bei diesen Worten die Arme war ja so stolz auf
diese Auszeichnung  »aber es gibt herbe Notwendigkeiten die wir uns selbst
zuerst nicht einmal eingestehen mögen geschweige denn dass wir den Mut haben
sie auszusprechen«
    Die junge Dame richtete sich betroffen und in unaussprechlicher Spannung in
die Höhe
    »Ich bin gezwungen« fuhr Hollfeld stockend fort »einen Entschluss zu
fassen der mir sehr sehr schwer wird und das lastet seit einigen Tagen auf
mir«
    Er erhob jetzt den Blick um zu sehen welchen Eindruck seine Worte
hervorgebracht hatten
    Helene schien offenbar keine Ahnung von dem zu haben was er sagen wollte
denn sie veränderte ihre Haltung nicht im geringsten und schien die Worte von
seinen Lippen lesen zu wollen Er sah sich also genötigt weiter zu operieren
ohne dass sie ihm zu Hilfe kam
    »Du weißt Helene« sprach er langsam weiter »dass ich seit einem Jahre
unsäglichen Verdruss mit meinen Wirtschafterinnen gehabt habe Sie laufen mir auf
und davon ehe ich mich dessen versehe und ich vermag nichts diesem Unwesen zu
steuern  Vorgestern hat mir die letzte die kaum vor zwei Wochen den Dienst
angetreten hat wieder gekündigt  Ich bin außer mir denn der bitterste
Schaden erwächst mir aus dem ewigen Wechsel meine Besitzung ist mir dadurch
vollständig verleidet«
    »Ah du willst Odenberg verkaufen« unterbrach ihn Helene lebhaft
    »Nein das würde Torheit sein denn es ist eines der schönsten Güter in
Thüringen aber ich bin gezwungen einen anderen Ausweg zu suchen es wird mir
nichts anderes übrigbleiben als  mich zu verheiraten«
    Wenn eine plötzliche Gewalt die junge Dame gepackt hätte um sie in einen
fürchterlichen Abgrund zu schleudern ihr Gesicht würde sicher nicht mehr
schreckensvolle Überraschung und Entsetzen ausgedrückt haben als in diesem
Augenblicke Sie öffnete die schneebleich gewordenen zuckenden Lippen aber
kein Laut kam hervor und unfähig ihren Schmerz zu bewältigen schlug sie
plötzlich die Hände vor das Gesicht und sank mit einem leisen Weherufe in die
Kissen zurück
    Hollfeld eilte sofort an ihre Seite und nahm ihre beiden Hände in die
seinigen
    »Helene« flüsterte er leise aber zärtlich  der Ton gelang ihm
vortrefflich  »willst du dass ich rede und dir eine wunde Stelle in meinem
Herzen zeige  du weißt es nur zu gut dass ich dich liebe und dass diese
Liebe meine erste und einzige durch mein ganzes Leben hindurch bleiben wird«
    Die Zunge verdorrte ihm nicht bei dieser abscheulichen Lüge ja sie
vermochte sogar mit einer ihr sonst fremden Geschmeidigkeit tiefinnige Klänge
anzuschlagen welche die ganzen Gefühle des jungen Mädchens aufstürmten und in
einen unaussprechlichen Taumel versetzten Hätte ein guter Engel der Armen
zugeflüstert sie möge nur ein einziges Mal die Augen aufschlagen so wäre
freilich der furchtbare Schmerz der Enttäuschung unausbleiblich für sie gewesen
denn der Blick der bei jener Versicherung über ihre verkrüppelte Gestalt
hinglitt war ein überaus spöttischer aber sie hätte doch vielleicht in ihrer
Entrüstung die Kraft gefunden sich den Schlingen des erbärmlichen Egoisten zu
entziehen Ihre Augen blieben jedoch geschlossen als wolle sie die ganze
Außenwelt von sich weisen um einzig in dem Klange der Stimme zu schwelgen die
zum erstenmal das Wort der Liebe aussprach
    »Wollte Gott« fuhr er fort »ich dürfte meinem Herzen folgen und nur dieser
Neigung leben denn wenn auch meine höchsten Wünsche unerfüllt bleiben müssen
so bin ich doch glücklich neben dir in deinem Umgange Helene  Aber du
weißt ich bin der letzte Hollfeld schon aus dem Grunde bin ich gezwungen mich
zu vermählen  Es bleibt mir nur ein Mittel mir dieses Opfer zu erleichtern
ich muss eine Frau wählen die dich kennt «
    »O sag es nur schnell« rief Helene in ausbrechendem Schmerze während
unaufhaltsame Tränenströme aus ihren Augen stürzten »du hast bereits gewählt
meine Ahnung hat mich nicht betrogen es ist Kornelie«
    »Die Quittelsdorf« rief er lachend »dieser Irrwisch  Nein da will ich
doch lieber mein Hab und Gut in den Händen widerspenstiger Wirtschaftsmamsellen
wissen  Wo käme ich hin bei meinem ohnehin nicht sehr bedeutenden Einkommen
mit solch einer putzsüchtigen leichtsinnigen Frau  Übrigens sage ich dir
ja und ich wiederhole es ausdrücklich dass ich noch nicht gewählt habe lass
mich denn ausreden süße Helene und weine nicht so schrecklich du
zerschneidest mir das Herz Ich müsste also eine Frau haben die dich kennt und
lieb hat die einfachen Sinnes und so verständig ist dass ich ihr sagen kann
mein Herz gehört einer anderen die ich nicht besitzen kann sei mir und dieser
anderen eine Freundin«
    »Und glaubst du dazu würde sich irgend eine verstehen«
    »Gewiss wenn sie mich lieb hätte«
    »Nun ich könnte es nicht nie nie« Sie vergrub konvulsivisch
schluchzend ihr Gesicht in die Kissen
    Auf Hollfelds wachsbleicher glatter Stirn erschienen plötzlich zwei
hässliche Falten Seine Lippen pressten sich aufeinander und die Farbe trat für
einen Augenblick aus seinen Wangen Er war offenbar sehr zornig Ein Ausdruck
des Hasses glühte in seinem Auge auf als es auf der jungen Dame haftete die
ihm das Spiel das er sich so leicht gedacht hatte wider alles Erwarten
erschwerte Er beherrschte sich jedoch und hob mit sanfter liebkosender Hand
ihr Gesicht in die Höhe Das arme Wesen zuckte und zitterte unter dieser
heuchlerischen Berührung und ließ willenlos ihr zartes Köpfchen auf seiner Hand
liegen
    »Du würdest mich also verlassen Helene« frug er traurig »wenn ich den
schweren Schritt tun müsste Würdest dich von mir abwenden und mich einsam
lassen mit einer ungeliebten Frau«
    Sie hob die vom Weinen geröteten Lider in die Höhe und ein Strahl
unsäglicher Liebe brach aus ihren Augen Er hatte seine Rolle vortrefflich
gespielt und erkannte aus diesem einen Blicke sofort dass er gewonnenen Boden
unter den Füßen habe
    »Du kämpfst jetzt denselben Kampf« fuhr er fort »den ich in den letzten
Tagen durchmachen musste ehe ich zu dem festen Entschlusse kam  Im
Augenblicke mag auch dir der Gedanke schrecklich sein dass eine dritte Person in
unser schönes Verhältnis eintreten soll ich gebe dir aber mein Wort dass dies
durchaus nicht auf störende Weise geschehen wird  Bedenke Helene dass ich
dann viel mehr für dich tun für dich leben kann als jetzt  Du kannst zu
mir nach Odenberg ziehen und ich will die Hände unter jeden deiner Schritte
legen will dich behüten und halten wie meinen Augapfel«
    Hollfeld besaß nicht Geist dafür aber einen hohen Grad von Schlauheit wie
wir sehen mit der er wirksamer agierte als vielleicht ein anderer mit
bedeutenden Gedanken Sein armes Opfer ging mit blutendem zerrissenem Herzen
und völlig zerstörter Willenskraft in sein Netz
    »Ich will es versuchen den Gedanken zu ertragen« flüsterte Helene endlich
fast unhörbar »Was aber müsste das für ein Wesen sein das mich duldet und das
ich endlich als Schwester lieben lernte  Kennst du wohl ein solch
opfermutiges hochstehendes weibliches Gemüt«
    »Ich habe eine Idee  sie kam mir vorhin ganz plötzlich  sie ist aber
ganz flüchtig und unausgebildet Ich behalte mir vor sie dir nach reiflicher
Überlegung mitzuteilen  Aber du musst erst ruhiger werden teure Helene
Bedenke ich lege ja die Wahl meiner künftigen Gattin einzig und allein in deine
Hände es hängt von dir ab das zu verwerfen oder anzuerkennen was ich dir
vorschlagen werde«
    »Und fühlst du dich stark genug neben einem Weibe zu leben dem dein Herz
nicht gehört«
    Er unterdrückte weislich ein spöttisches Lächeln denn Helenes Augen hingen
an seinem Munde
    »Ich kann alles was ich will« antwortete er »und deine Nähe wird mir
Kraft geben  Um eins aber will ich dich bitten sage meiner Mutter noch
nichts von dieser wichtigen Angelegenheit Sie will wie du weißt ihre Hände in
allem haben und ich dulde nun einmal ihre Bevormundung nicht sie erfährt die
Sache noch zeitig genug in dem Momente wo ich ihr meine Braut vorstelle«
    Zu jeder anderen Zeit würde dieser herzlose unkindliche Ausspruch Helene
empört haben aber in diesem Augenblicke hörte sie ihn kaum denn ihr ganzes
Fühlen und Denken wirbelte abermals in einem wilden Aufruhr durcheinander bei
dem einzigen Worte »Braut« das nun einmal  obgleich es sehr oft namenlos
unglückliche Bräute gibt  den Begriff von Liebesseligkeit und Maiwonne an sich
knüpft
    »O mein Gott« seufzte sie und rang die fest zusammengeballten Hände die
auf ihren Knieen lagen in namenloser Qual Ich habe immer gehofft das nicht
erleben zu müssen  Nicht dass ich so selbstsüchtig gewesen wäre zu denken du
solltest um meinetwillen einsam durchs Leben gehen aber ich glaubte die
voraussichtlich kurze Dauer meines Daseins würde dich bestimmen diesen
Schmerzenskelch an mir vorübergehen zu lassen du würdest warten bis meine
Augen das Schreckliche nicht mehr sehen könnten«
    »Aber Helene wo gerätst du hin« rief Hollfeld nur noch mühsam seine
Ungeduld unterdrückend »Wer wird in deinen Jahren an den Tod denken  Leben
leben wollen wir und mit der Zeit noch recht glücklich werden das hoffe ich
ganz gewiss  Ich will dich jetzt allein lassen Überlege dir die Sache und
du wirst zu demselben Schluße kommen wie ich«
    Er drückte ihre Hände zärtlich an seine Lippen hauchte einen Kuss auf ihre
Stirn  was er bis dahin nie getan hatte  nahm seinen Hut und verließ leise
das Zimmer
    Draußen nur durch die Tür von der armen Getäuschten geschieden schlug er
verschmitzt lächelnd ein Schnippchen wie gemein und bubenhaft sah er in diesem
Augenblicke aus Er war über die Massen zufrieden mit sich selbst  Noch vor
einer Stunde war sein Herz von Grimm erfüllt gewesen Seine Leidenschaft für
Elisabet durch den Widerstand des jungen Mädchens zu einer rasenden angefacht
war in hellen Flammen über seinem eigenen Haupt zusammengeschlagen und hatte ihn
seit gestern um alle seine gerühmte Selbstbeherrschung gebracht Inmitten dieser
Liebesraserei war ihm aber trotzdem nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen
dem heissbegehrten Mädchen seine Hand zu bieten um in ihren Besitz zu gelangen
er würde sich selbst für wahnsinnig gehalten haben wenn eine solche Idee durch
seinen Kopf geflogen wäre Dafür aber zermarterte er sein Gehirn in
niederträchtigen Plänen und Anschlägen wie er den Widerstand der
Forstschreiberstochter besiegen könne  Das Ereignis auf Gnadeck lenkte
plötzlich seine Gedanken in eine ganz andere Bahn Das junge Mädchen war jetzt
eine begehrenswerte Partie von altem Adel und reich Kein Wunder dass er
innerlich aufjubelte bei der Nachricht und sofort den großmütigen Entschluss
fasste die liebreizende Blume auf Gnadeck mit einem Heiratsantrage zu beglücken
 Dass sie ohne Zögern die Ehre annehmen würde lag natürlich außer allem
Zweifel denn wenn sie auch aus Koketterie seinen Liebesanträgen auf eine Zeit
zu widerstehen vermocht hatte so war das doch nicht denkbar der Aussicht
gegenüber vielbeneidete Frau von Hollfeld zu werden Über diesen Punkt war er
so vollkommen klar und sicher dass auch nicht ein Wölkchen der Befürchtung ihm
die lockende Aussicht verdunkelte  Es war indes nicht der glühende Wunsch
allein Elisabet zu besitzen der ihn antrieb so rasch wie möglich zu handeln
er musste sich sagen dasswenn der Fund in den Ruinen bekannt wurde auch noch
andere Freier bei der ihrer Schönheit wegen bereits vielgenannten Goldelse
anklopfen würden  schon der Gedanke machte ihm das Blut sieden
    Der Ausführung seines Entschlusses stand indes noch ein Hindernis entgegen
und das war Helene Nicht etwa weil ihm eine mitleidige Regung gekommen wäre
darüber dass das heissliebende Mädchen namenlos leiden müsse infolge dieses
Schrittes  was das betraf so kannte er kein Erbarmen  wohl aber hatte er zu
bedenken dass er möglicherweise durch die plötzliche Heirat um die Erbschaft
kommen könne die er von Helene erwartete Es galt also vorsichtig und schlau
zu sein Wir haben gesehen wie er kalten Blutes die tiefe blinde Liebe der
Unglücklichen ausbeutete und sie dadurch dass er sich in seiner höchsten
Lebensfrage ihr scheinbar unterwarf unauflöslich an sich kettete
    Sobald er das Zimmer verlassen hatte schwankte Helene nach der Tür und
schob den Riegel vor Jetzt erst überließ sie sich völlig ihrer Verzweiflung
    Wer sie nicht kennt jene qualvollen Stunden die auf eine ungeahnte
plötzlich wie aus der Luft herniederstürzende zermalmende Nachricht folgen
jene Stunden in denen der Mensch seinen Schmerz in die Welt hinausschreien
möchte und wo er der Stütze und des Trostes anderer so bedürftig doch scheu
und wie gehetzt Dunkel und Einsamkeit aufsucht als seien Licht und Klang
tödliches Gift für seine brennende Wunde wem sie erspart wurden jene Qualen
die plötzlich ein harmonisch geordnetes Gemüts und Gedankenleben aus den Fugen
zu reißen vermögen der wird freilich nicht begreifen dass Helene auf dem
Fussteppich zusammensank und verzweiflungsvoll in ihren Locken wühlte während
ihre kleine gebrechliche Gestalt wie im Fieber hin und her geschüttelt wurde
 Sie lebte und atmete ja nur in dieser glühenden Neigung Hatten doch schon
einige finstere Blicke eine mehrtägige düstere Zurückhaltung des geliebten
Mannes hingereicht sie in den tiefsten Kummer zu versenken und sie sogar
teilnahmslos zu machen für ein Ereignis das in früherer Zeit ihr
schwesterliches Herz tief erschüttert haben würde um wie viel mehr musste sie
jetzt leiden in der Überzeugung dass sie ihn verlieren werde
    Obwohl ein wildes Chaos von Gedanken in ihrem Kopfe kreiste so war sie doch
unfähig einen einzigen klaren sichtenden zu erfassen Das demütigende
Bewusstsein ihrer körperlichen Gebrechen um deren willen sie aus ihrem
geträumten Paradiese gestoßen wurde Hollfelds heutiges Bekenntnis seiner Liebe
das ihr zugleich Himmel und Hölle erschlossen hatte eine wahnsinnige Eifersucht
auf diejenige die sie noch gar nicht einmal kannte welche aber dereinst an
seiner Seite mit allen Rechten der Gattin stehen sollte das alles wogte und
stürmte in ihr und drohte den schwachen Faden zu zerstören der ihre Seele an
den hinfälligen Körper fesselte
    Erst spät nachdem die Nacht bereits hereingebrochen war öffnete sie der
besorgten Kammerfrau die Tür und ließ sich auf vieles Bitten derselben zu Bette
bringen Sie verbat sich streng den Besuch des Arztes den die Zofe vorschlug
ließ der Baronin die ihr persönlich gute Nacht wünschen wollte hinaussagen
dass sie der größten Ruhe bedürfe und nicht gestört sein wolle und verbrachte
dann einsam die schrecklichste Nacht ihres Lebens
    Sie wurde erst ein wenig ruhiger das heißt die furchtbare Spannung ihrer
Nerven ließ nach als das Morgenlicht durch eine Spalte des Vorhanges in das
Zimmer huschte Es war als glitte der dünne goldene Strahl auch in ihre
umnachtete Seele und werfe ein Streiflicht auf das was ihre Gedanken im tollen
Kreislaufe unberührt gelassen hatten Sie fing an zu überlegen dass Hollfeld ja
völlig selbstlos handle Wenn auch die Notwendigkeit dass er sich vermählen
müsse stets wie ein Schreckbild vor ihr aufgestiegen war so hatte sie dieselbe
doch nie wegzuleugnen vermocht und musste sie es nicht anerkennen dass ihr
Gedanke er werde warten bis sie aus dieser Welt geschieden sei in ihm keinen
Raum gefunden hatte Brachte er nicht auch ein schweres Opfer Denn er liebte ja
sie nur sie allein und musste sich entschließen einer anderen anzugehören
durfte sie ihm die Erfüllung einer heiligen Pflicht noch schwerer machen durch
ihren Jammer  Er forderte sie auf einen mühevollen Weg mit ihm zu gehen
sollte sie sich da feig und mutlos zeigen wo er eine große Willensstärke bei
ihr vorausgesetzt hatte  Und fand er ein Weib das sich mit der Freundschaft
begnügte da wo es mit vollstem Rechte Liebe heischen konnte wie hätte sie
sich an Selbstverleugnung übertreffen lassen mögen
    In fieberhafter Hast griff sie nach der silbernen Glocke auf dem Nachttische
und berief die Kammerfrau um sich ankleiden zu lassen Ja sie wollte entsagen
wollte stark sein aber sie meinte auch nur der ganzen vollen Gewissheit
gegenüber werde sie Mut und Stärke finden und deshalb musste sie vor allem den
Namen derjenigen wissen welche Hollfeld für geeignet hielt die schwere Mission
zu übernehmen Sie hatte freilich bereits alle unverheirateten weiblichen Wesen
ihrer Bekanntschaft prüfend an sich vorübergehen lassen doch da war auch nicht
eine einzige die sie nicht sofort ungeduldig und heftig verworfen hätte
    Es war zwar noch nicht die Stunde in welcher sie jeden Morgen mit der
Baronin und Hollfeld zu frühstücken pflegte  ihr Bruder blieb diesen frühen
Zusammenkünften stets fern  aber sie hielt es nicht länger aus in ihrem
einsamen Zimmer und ließ sich da sie sich sehr schwach fühlte im Rollstuhle
nach dem Esssalon fahren Zu ihrer Verwunderung hörte sie von dem Bedienten der
alles zum Frühstücke vorbereitete dass die Baronin schon vor einer halben Stunde
spazieren gegangen sei das war ein seltener Fall aber er kam der jungen Dame
sehr erwünscht denn in dem Augenblicke als sie sich in eine der
Fenstervertiefungen rollen ließ erblickte sie Hollfeld der draußen auf dem
großen Kiesplatze vor dem Schloss auf und ab promenierte Er schien keine
Ahnung zu haben dass er beobachtet werde Den breiten schöngebauten Oberkörper
elastisch auf den Hüften hin und her wiegend schritt er rasch und leicht dahin
Dann und wann führte er mit sichtlichem Wohlbehagen die Zigarre an den Mund
deren feiner Duft durch das geöffnete Fenster bis zu Helene drang Die junge
Dame war zuerst schmerzlich betroffen und wollte es sich durchaus nicht
eingestehen dass das Aussehen des Geliebten ein auffallend frisches war und von
heiterster Laune zeugte aber es war ihr unmöglich in seiner Haltung in jeder
Bewegung ja selbst in dem halb unbewussten Lächeln das seine Lippen öffnete und
die wunderschönen Zähne sehen ließ einen anderen Ausdruck zu finden als den
eines kecken jugendlichen Übermutes der Lebenslust und eines unendlichen
Behagens  Da war auch nicht eine Spur jener Kämpfe zu entdecken in denen sie
die ganze Nacht verbracht hatte wie ein Opfer grausam gebieterischer
Verhältnisse sah er ganz gewiss nicht aus  oder wirkte hier eine große
geistige Kraft der starke männliche Wille Dann mussten beide einen Höhepunkt
erreicht haben der an das Übermenschliche streifte
    Die junge Dame zog finster die Augenbrauen zusammen
    »Emil« rief sie heftig mit fast rauer Stimme hinab
    Hollfeld erschrak sichtlich aber mit einem Satze stand er unter dem Fenster
und schwenkte grüßend seinen Hut
    »Wie« rief er »du bist schon hier  Darf ich hinaufkommen«
    »Ja« klang es in bereits milderem Tone herab
    Nach wenigen Augenblicken trat er in den Salon Helene hatte jetzt eher
Grund mit seinem Aussehen zufrieden zu sein denn es lag ein tiefer Ernst auf
seiner Stirn Er warf seinen Hut auf den Tisch und rückte einen Stuhl neben die
junge Dame Ihre beiden Hände zärtlich an sich ziehend sah er ihr ins Gesicht
er schien selbst betroffen zu sein über ihre aschbleichen Wangen und den
erloschenen Blick der dem seinigen begegnete
    »Du siehst sehr übel aus Helene« bemerkte er teilnehmend
    »Und nimmt dich das wunder« fragte sie unfähig ihre Bitterkeit zu
unterdrücken »Mir ist leider jene glückliche Gabe des Gleichmuts versagt
mittels der man schon wenige Stunden nach einer herben Prüfung wieder heiter und
lebensfroh in die Welt blicken kann  Ich beneide dich«
    Ihr Auge streifte vorwurfsvoll sein blühendes Gesicht Er verwünschte
innerlich seine Morgenpromenade oder vielmehr die Unvorsichtigkeit mit der er
seine Gedanken an Elisabet und den Sieg welchen er über das spröde Mädchen
feiern werde zur Schau getragen hatte
    »Du bist ungerecht Helene« entgegnete er lebhaft »wenn du mich nach
meiner äußeren Haltung beurteilst  Soll denn der Mann wenn er sich in das
Unvermeidliche fügen muss weinen und wehklagen«
    »Nun davon schienst du vorhin auch sehr weit entfernt zu sein«
    Ein unaussprechlicher Ärger bemächtigte sich seiner Das armselige Wesen da
vor ihm das bei seinem missgestalten Körper Gott danken musste wenn ein Mann ihm
gegenüber sich überwand nicht gerade unfreundlich und abstoßend zu sein und
das auch wirklich früher jede kleine Aufmerksamkeit mit unsäglicher Dankbarkeit
aufgenommen hatte  es wurde plötzlich so anmassend ihm Vorwürfe zu machen
Obgleich er alles daran gesetzt hatte sie an seine feurige Liebe glauben zu
machen meinte er doch innerlich es sei eine grenzenlose Eitelkeit von der
kleinen Buckeligen sich einzubilden sie könne in der Tat eine solche Neigung
einflößen auch erkannte er voll Ingrimm dass er es hier mit dem »hartnäckigsten
Eigensinn und einer widerwärtigen Sentimentalität« zu tun habe Es kostete ihn
unsägliche Mühe sich zu beherrschen aber er tat es und es glückte ihm sogar
ein Lächeln mit einem Anstriche von Melancholie was ihn in diesem Augenblicke
sehr interessant erscheinen ließ
    »Wenn du hörst weshalb ich vorhin heiter ausgesehen habe so wirst du
deinen Vorwurf gewiss bereuen« sagte er »Ich vergegenwärtigte mir nämlich den
Moment wo ich vor deinen Bruder hintreten und sagen darf Helene hat sich
entschlossen künftig in meiner Familie zu leben und ich leugne nicht dass ich
das mit einer Art von Genugtuung dachte denn er hat ja von jeher meine Liebe
zu dir mit scheelen Augen angesehen«
    Leser  man sagt die Liebe sei blind allein in den meisten Fällen schließt
sie freiwillig die Augen denn sie weiß dass sie an der Erkenntnis sterben
müsste und gegen die Vernichtung kämpft sie verzweifelter noch als das Leben
    Helene bemühte sich das was er vorgab mit seinem Aussehen von vorhin in
Einklang zu bringen und es harmonierte denn auch vortrefflich Sie reichte ihm
aufatmend die Hand
    »Ich glaube dir« sagte sie innig »der Verlust dieses Glaubens wäre ja auch
mein Todesurteil  Ach Emil du darfst mich nie niemals hintergehen auch
nicht wenn du denkst dass es zu meinem Heile sei  ich will lieber eine
schlimme Wahrheit hören als den qualvollen Verdacht mit mir schleppen dass du
nicht wahr gegen mich seist  Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt aber
jetzt bin ich gefasster und bitte dich mir die Idee mitzuteilen von der du
gestern sprachst Das fühle ich klar ich werde nicht eher mein inneres
Gleichgewicht wieder erlangen bis ich das Gesicht kenne das für die Zukunft
zwischen uns stehen soll Bis jetzt ist dieses Wesen nur noch ein Phantom für
mich und ich glaube eben in dieser Unsicherheit liegt die quälende Unruhe die
mich verzehrt  also den Namen Emil ich bitte dich inständig«
    Hollfelds Augen irrten wieder am Boden Die Sache schien ihm misslich in
diesem Augenblicke
    »Weißt du auch Helene« begann er endlich »dass ich großes Bedenken trage
heute die Angelegenheit mit dir zu besprechen  Du bist sehr angegriffen ich
fürchte ein eingehendes Gespräch macht dich krank Und dann muss ich sagen dass
mir mein gestrigen Gedanke je öfter ich ihn beleuchte immer praktischer
erscheint es sollte mir deshalb sehr leid tun wenn du in der Aufregung seine
vorteilhaften Seiten übersähest«
    »Das werde ich ganz gewiss nicht« rief Helene sich lebhaft emporrichtend
ihr Auge hatte einen fieberhaften Glanz »Ich habe mich überwunden und bin
bereit mich in das Unvermeidliche zu fügen  Ich verspreche dir so völlig
unparteiisch zu sein als ob  ich nicht liebte« Sie errötete denn zum
erstenmal sprach sie das Wort aus
    »Nun denn« sagte Hollfeld zögernd  er vermochte nicht ganz seine innere
Erregung zu beherrschen  »was meinst du zu dem jungen Mädchen auf Gnadeck«
    »Elisabet Ferber« rief Helene aufs höchste überrascht
    »Elisabet von Gnadewitz« verbesserte Hollfeld rasch »Gerade die
plötzliche Veränderung ihrer Stellung hat mich auf die Kleine aufmerksam
gemacht Bis dahin habe ich sie wenig beachtet und ist mir nur ihr bescheidenes
Wesen und die große Ruhe in ihren Gesichtszügen aufgefallen«
    »Wie an der reizenden wunderbar beseelten Erscheinung wäre dir nichts
bemerkenswert vorgekommen als die Ruhe und Bescheidenheit«
    »Nun ja« entgegnete er gleichgültig »Ich erinnere mich dass du manchmal
über deine eigenen Finger ärgerlich wurdest während sie nie eine Miene verzog
und geduldig immer wieder von vorn anfing bis du ihr folgen konntest Das
gefiel mir schon damals Ich halte sie für einen sehr ruhigen Charakter und den
muss vor allem meine künftige Frau haben Auch ist es nicht zu verkennen dass sie
dich verehrt damit wäre die Hauptbedingung erfüllt Ferner ist sie in engen
beschränkten Verhältnissen aufgewachsen sie wird keine Ansprüche machen und
sich leicht in die Stellung dir und mir gegenüber finden Ich glaube sie hat
Takt ist sehr häuslich erzogen ein großer Vorzug und «
    Helene war in das Kissen zurückgesunken und legte die Hand über die Augen
    »Nein nein« rief sie sich rasch wieder aufrichtend und seinen eifrigen
Redefluss unterbrechend »Nicht das arme liebliche Kind Elisabet verdient
geliebt zu werden«
    Ein plötzliches Hundegeheul unterbrach sie und ließ sie selbst einen Schrei
des Schreckens ausstoßen Hollfeld hatte seine Diana die mit hereingekommen war
und zu den Füßen ihres Herrn hingestreckt lag auf die Pfote getreten Dieser
Zwischenfall kam ihm sehr gelegen denn Helenes letzte Worte klangen seinen
eigenen glühenden Wünschen gegenüber so komisch dass er lachen musste Er
öffnete die Tür und jagte das hinkende Tier hinaus Als er zu dem jungen
Mädchen zurückkehrte waren seine Züge wieder völlig ruhig und beherrscht
    »Lieben wollen wir ja die Kleine auch Helene« sagte er anscheinend
gleichmütig während er seinen Platz wieder einnahm  Helene war zu sehr erregt
und wohl auch zu reinen Sinnes um die leichte Beimischung von Frivolität in
seinem Tone herauszuhören  »sie soll dir nur den Vorrang lassen in meinem
Herzen und das wird sie auch gewiss  Sie besitzt sehr viel ruhige Überlegung
und Kaltblütigkeit das hat sie vorgestern vollständig bewiesen als sie Rudolf
rettete«
    »Wieso« rief Helene die Augen voll unsäglichen Erstaunens weit öffnend
    Der Diener welchem gestern wider Willen das Ereignis im Walde entschlüpft
war hatte erschrocken über sein Versehen alle näheren Umstände des Attentats
unerörtert gelassen und war einfach dabei stehen geblieben dass der
beabsichtigte Schuss Herrn von Walde glücklicherweise nicht getroffen habe Auch
Hollfeld hatte den Sachverhalt erst vor einer Stunde vom Gärtner erfahren Das
unerschrockene Benehmen Elisabeths verlieh ihr wie man denken kann in seinen
Augen einen neuen Reiz und stachelte seine Sehnsucht sie so rasch wie möglich
zu gewinnen aufs höchste Er teilte Helene jetzt alles mit was er über die
Begebenheit erfahren hatte und schloss mit den Worten »Du hast jetzt einen
Grund mehr das Mädchen zu lieben und mich bestärkt ihre Handlungsweise in dem
Glauben dass sie die einzige ist die in die Verhältnisse passt«
    Hiermit hatte er sein letztes Pulver verschossen Er strich mit seiner
weißen schlanken Hand langsam das Haar von der Stirn zurück und beobachtete
dabei hinter dem vorgehaltenen Arme gespannt die junge Dame die den Kopf so in
das Kissen gedrückt hatte dass er nur ihr Profil sehen konnte Aus ihren
geschlossenen Lidern quollen Tränen Sie sprach kein Wort mehr vielleicht rang
sie zum letztenmal mit sich selbst
    Warum sie aber nicht ein einziges Mal die Frage aufwarf ob auch Elisabet
in der Tat Hollfeld ihre Neigung zuwenden werde Das wird sich vielleicht
manche Leserin selbst beantworten können sobald sie bedenkt dass das liebende
Herz gewöhnlich den Gegenstand seiner Leidenschaft für unwiderstehlich hält und
es schwer begreift wenn er nicht allen anderen Menschenkindern ebenso
begehrenswert erscheint
    Das Schweigen das peinlich zu werden anfing wurde durch das Eintreten der
vom Spaziergange zurückkehrenden Baronin unterbrochen Helene fuhr in die Höhe
und trocknete rasch ihre Tränen Mit sichtlicher Ungeduld ließ sie sich die
Liebkosungen gefallen mit denen sie von der augenscheinlich sehr echauffierten
Dame förmlich überschüttet wurde und antwortete sehr einsilbig auf die Fragen
nach ihrem Befinden
    »Puh« rief die Baronin sich schüttelnd und ließ die Mantille in den Händen
ihres Sohnes während sie schwerfällig in einen Fauteuil niedersank »Mir ist
warm geworden  Ist das ein vertrackter Weg über den Berg  Mich bringt
keine Macht der Erde je wieder da hinauf«
    »Du warst auf dem Berge Mama« frug Hollfeld ungläubig
    »Nun ja  du weißt ja der Arzt hat dergleichen Morgenspaziergänge immer für
mich gewünscht«
    »Ach das war aber vor so und so viel Jahren und seitdem behauptest du ja
stets dein Herzübel mache dir derartige Promenaden ganz unmöglich«
    »Man muss alles in der Welt mehrmals probieren« entgegnete die Mama ein
wenig verlegen »und als ich heute nacht durchaus nicht schlafen konnte
beschloss ich nochmals einen Versuch zu wagen  und dabei bleibt es nun auch 
Ich habe obendrein gleich wieder einen tüchtigen Ärger gehabt Denke dir nur
Helene da kommt mir draußen auf dem Kiesplatze Bella in Begleitung der neuen
Gouvernante entgegen  kannst du wohl glauben dass diese Person die
Unverschämtheit hat das Kind zu ihrer Linken gehen zu lassen  Dazu sieht
sie aus dass man sie in die Schoten stellen möchte  Ich war sehr außer mir
und habe ihr sofort ihren Standpunkt klar gemacht  Aber sage selbst ob es
nicht arg ist ich darf nur daran denken mich einmal erholen zu wollen da kann
ich sicher sein dass alles geschieht um mich krank und elend zu machen«
    Sie wollte die Stirn schwermütig auf den Arm stützen fühlte aber in diesem
Augenblicke dass die geschickt angebrachten falschen Zöpfe an den Schläfen unter
dem Drucke des Hutes eine bedenkliche Richtung angenommen hatten Sie erhob sich
schnell und erbat sich noch auf ganz kurze Zeit Urlaub um ihre derangierte
Morgentoilette in Ordnung bringen zu lassen
    »Apropos« sagte sie nachlässig und drehte sich im Weitergehen noch einmal
um nach den Zurückbleibenden während sie den Hut einstweilen fest auf die
rebellischen Zöpfe drückte »da hat uns der einfältige Reinhard gestern schön
blau anlaufen lassen  Ich begegnete zufälligerweise dem Forstschreiber Ferber
droben bei den Ruinen  ich gratulierte ihm «
    »Ah ich begreife jetzt deine Wanderung auf den Berg« unterbrach Hollfeld
ironisch seine Mutter »Und du hast den Mann angeredet Mama«
    »Nun jetzt kann man das ja  Mich interessierten hauptsächlich die
Juwelen«
    »Wolltest du sie kaufen« fragte ihr Sohn spöttisch  er mochte an die stete
Ebbe in ihrer Kasse denken
    »Das weniger« erwiderte sie mit einem Zornblicke »Aber ich habe stets eine
Leidenschaft für schöne Steine gehabt  und wäre dein Vater nicht so plötzlich
gestorben so hätte ich jetzt sehr schöne Brillanten denn er hatte sie mir
versprochen du aber wärst um ein Kapital von circa sechstausend Talern ärmer
 Aber um wieder auf die gefundenen Kostbarkeiten zu kommen Ferber sagte mir
aus was sie bestanden und erzählte mir auf mein Befragen ohne Umstände dass sie
ungefähr  achttausend Taler wert seien  und das nennt der Mensch der
Reinhard einen unermesslichen Wert  Einstweilen Gott befohlen  in wenigen
Augenblicken bin ich wieder da«
    Aus Hollfelds Gesicht war das spöttische Lächeln verschwunden mit dem er
die Erzählung der Mutter angehört und hatte einem unverkennbaren Ausdrucke der
Enttäuschung Platz gemacht es war ihm plötzlich zu Mute als ob ein kaltes
Sturzbad sich über ihn ergossen habe
    Kaum hatte sich die Tür hinter der Baronin geschlossen als Helene aus
ihrer bisherigen scheinbaren Apathie erwachte und Hollfeld beide Hände
entgegenstreckte
    »Emil« sagte sie rasch wenn auch mit etwas verschleierter Stimme und
bebenden Lippen »wenn es dir gelingt Elisabeths Herz zu gewinnen was ich
nicht bezweifle dann gehe ich auf deinen Plan ein aber es bleibt dabei dass
ich bei euch in Odenberg wohne«
    »Das versteht sich« entgegnete er wenn auch etwas zögernd sein Ton hatte
bei weitem nicht mehr die Festigkeit von vorhin »aber ich mache dich vorher
darauf aufmerksam dass du eine etwas schmale Küche finden wirst  Meine
Einkünfte sind nicht besonders glänzend und dass Elisabet so gut wie gar nichts
besitzt hast du eben gehört«
    »Sie soll nicht arm in dein Haus kommen Emil darauf verlasse dich«
antwortete das junge Mädchen mit weichem Tone und unnatürlich glänzenden Augen
»Von dem Augenblicke an wo sie erklärt die Deine sein zu wollen ist sie meine
Schwester  Ich will redlich mit ihr teilen  ich weise ihr vorläufig die
Einkünfte von meinem Gute Neuborn in Sachsen zu und werde über diesen Punkt mit
Rudolf sprechen sobald er zurückkehrt  Und wenn ich die Augen schließe so
gehört euch beiden dann alles was ich besitze  Bist du zufrieden mit mir«
    »Du bist ein Engel Helene« rief er »Niemals sollst du deine Großmut und
aufopfernde Liebe bereuen«
    Diesmal war sein Feuer seine Ekstase nicht erheuchelt denn die Einkünfte
von Neuborn machten Elisabet zu einer sehr reichen Braut
 
                                       18
Zwei Tage waren vergangen seit dem Morgen an welchem Helene wie sie wähnte
den vollständigen Sieg über sich selbst errungen hatte wo sie fest überzeugt
war der unumstösslichen Gewissheit gegenüber werde das Stürmen und Wogen ihrer
aufgeregten Gefühle sich beruhigen  Wie wenig war sie im stande gewesen die
Tiefe ihrer Leidenschaft zu bemessen Sie hatte nach einem Strohhalme in der
empörten Flut gegriffen und er war treulos mit ihr gesunken  Nur zwei Tage
 aber sie wogen ihr ganzes bisheriges Leben an Seelenschmerzen auf Sie sagte
sich unaufhörlich dass das Ziel ihrer Tage die heissersehnte Ruhe nicht fern
sei und doch schauderte sie vor dem kurzen Stücke irdischen Daseins das noch
vor ihr lag wie die nichtgläubige Seele angesichts des Grabes Sie fühlte immer
deutlicher dass ihr Versprechen in Odenberg leben zu wollen ihr Opfer erst
recht zu einem übermenschlichen mache aber um keinen Preis hätte sie auch nur
ein Jota von dem ändern mögen was sie Hollfeld gelobt hatte sie wollte seiner
Liebe würdig sein wollte seine Achtung verdienen durch die ungeheuerste
Selbstüberwindung  Arme Verblendete
    Ihr schwaches Nervenleben litt unbeschreiblich unter den fortgesetzten
inneren Kämpfen Sie fieberte beständig und wurde von einer quälenden Unruhe
fast aufgerieben Fort und fort drängte sich das womit sich ihr ganzes Denken
und Empfinden ausschließlich beschäftigte auf ihre Lippen aber sie schwieg
pflichtschuldigst weil Hollfeld es wünschte Ebensowenig hatte er erlaubt dass
sie Elisabet in den ersten Tagen zu sich berufen durfte denn er fürchtete
vielleicht nicht mit Unrecht sie möchte ihm in ihrer Aufregung das Spiel bei
dem jungen Mädchen verderben Er selbst hatte bereits die ersten Schritte
getan um sich Elisabet wieder zu nähern Er war schon zweimal vor dem
Mauerpförtchen erschienen um »der Familie von Gnadewitz« seine Aufwartung zu
machen aber ob er auch den Klingelgriff fast abgerissen hatte es war ihm doch
nicht aufgetan worden Das erste Mal war in der Tat niemand zu Hause gewesen
gestern jedoch hatte ihn Elisabet kommen sehen Die Eltern waren mit Ernst im
Forstause und Miss Mertens erklärte sich mit der Absicht des jungen Mädchens
den Besuch nicht einzulassen völlig einverstanden Die beiden saßen oben
lachend in der Wohnstube während die kleine Mauerglocke sich fast heiser
läutete Von diesem Komplott hatte der Untenstehende freilich keine Ahnung
    Es war sieben Uhr morgens Helene lag bereits angekleidet auf ihrem
Ruhebette sie hatte sich die ganze Nacht schlummerlos auf ihrem Lager
umhergeworfen Die Baronin schlief noch Hollfeld war ebensowenig sichtbar
allein sein konnte und wollte die junge Dame um keinen Preis deshalb hatte die
Kammerfrau eine Handarbeit nehmen und sich zu ihr setzen müssen Was das Mädchen
plauderte es flog unverstanden an ihren Ohren vorüber aber nichtsdestoweniger
hatte der Klang einer menschlichen Stimme nach der einsamen fieberhaften Nacht
etwas Beschwichtigendes für sie
    Das Geräusch eines näherkommenden Wagens ließ plötzlich die Erzählerin
verstummen Helene öffnete das Fenster und bog sich hinaus Eben verließ die
zurückkehrende Equipage ihres Bruders die Chaussee und ihre Räder sanken tief
ein in den hochaufgeschichteten knirschenden Kies des breiten Parkfahrweges
Der Wagen war leer
    »Wo ist dein Herr« rief Helene dem Kutscher zu als er ziemlich nahe
vorüberfuhr
    »Der gnädige Herr sind auf der Chaussee ausgestiegen« antwortete der alte
Mann seinen Hut abnehmend »und kommen zu Fuße über den Berg bei dem Gnadecker
Schloss vorüber«
    Die junge Dame schlug das Fenster zu und schauderte zusammen als fröstele
sie das einzige Wort »Gnadeck« hatte ihre Nerven berührt wie ein elektrischer
Schlag Sie konnte nichts mehr hören was sie an Elisabet erinnerte ohne jenen
jähen Schrecken zu empfinden den zB eine plötzlich erscheinende Spukgestalt
unserer Einbildungskraft verursacht
    Sie erhob sich und ging gestützt auf die Kammerfrau hinunter in die Zimmer
ihres Bruders In dem Salon dessen Glastüren auf die Freitreppe mündeten ließ
sie ein Frühstück servieren und setzte sich den Zurückkehrenden erwartend in
einen Lehnstuhl Sie nahm eines der prachtvoll gebundenen Albums die auf den
Tischen umherlagen auf den Schoss mechanisch wendete ihre Hand die Blätter um
ihre Augen ruhten wohl auf den feinen Stahlstichen aber sie hätte um alles
nicht zu sagen gewusst ob sie ein Porträt oder eine Landschaft ansehe
    Nach halbstündigem Warten erschien endlich die hohe Gestalt ihres Bruders in
der Glastür Sie ließ das Buch von ihrem Schoße heruntergleiten und streckte
dem Eintretenden die Hand entgegen Er schien überrascht von dem Empfange aber
es berührte ihn offenbar sehr wohltuend die Schwester nach so langer Zeit
wieder einmal allein und für seine Bequemlichkeit zärtlich besorgt zu sehen
Rasch eilte er zu ihr hin allein ein zweiter Blick den er auf ihr Gesicht
warf machte ihn stutzen
    »Fühlst du dich kränker Helene« fragte er besorgt indem er sich neben sie
setzte Er schob seinen Arm unter ihren Rücken und hob sie sanft ein wenig
höher um besser in ihr Gesicht sehen zu können Es lag so viel Bekümmernis und
zärtliche Teilnahme in seinem Blicke und Tone dass es ihr war als zöge
plötzlich eine milde Frühlingsluft durch ihr schmerzerstarrtes Innere Zwei
schwere Tränen rollten über ihre Wangen und sie drückte ihr Gesicht fest an
die Schulter ihres Bruders
    »Hat Fels in diesen Tagen nicht nach dir gesehen« fragte er beklommen Das
Aussehen des jungen Mädchens versetzte ihn offenbar in heftige Sorge
    »Nein  und ich habe auch ausdrücklich befohlen dass man ihn nicht rufen
solle Ich nehme die Tropfen die er mir für meine Nervenanfälle verschrieben
hat mehr können er und ich nicht tun  Aengstige dich nicht Rudolf es wird
wohl auch einmal wieder besser mit mir  du hast eine schwere Zeit in
Talleben durchmachen müssen«
    »Ja« entgegnete er während sein Auge noch immer ängstlich auf den
merkwürdig veränderten Zügen der Schwester ruhte »Ich fand den armen Hartwig
nicht mehr am Leben ein Schlagfluß hatte seinen unaussprechlichen Qualen rasch
ein Ende gemacht  Gestern abend wurde er beigesetzt Seine unglückliche Frau
würdest du nicht wieder erkennen Helene sie ist über Nacht zur Matrone
geworden«
    Er teilte ihr noch näheres mit über den Unglücksfall dann strich er mit der
Hand über die Augen als wolle er damit all den Jammer den er in den letzten
Tagen gesehen wegwischen
    »Nun und finde ich hier alles beim alten wieder« frug er nach einem kurzen
Schweigen
    »Nicht ganz« antwortete Helene zögernd »Möhring hat gestern unser Haus
verlassen«
    »Ah  Glück auf die Reise  Er ist einer letzten Begegnung mit mir
geschickt ausgewichen  Nun habe ich einen Feind mehr draußen in der Welt  es
konnte nicht wohl anders sein da er zu jenem unheimlichen Nachteulengeschlechte
gehört das ich verabscheue«
    »Und auf dem Berge  bei den Ferbers  ist das Glück eingekehrt« fuhr
Helene mit gepresster Stimme und abgewendetem Gesicht in ihrem Berichte fort
    Der Fauteuil auf welchem sie saß erhielt plötzlich einen Ruck an der
Seite wo ihr Bruder seinen Arm aufgestützt hatte Sie sah nicht auf und
deshalb bemerkte sie nicht wie das Gesicht neben ihr für einen Augenblick mit
einer fahlen Blässe überzogen wurde und wie die bebenden Lippen zweimal
vergebens sich mühten um endlich das einzige Wörtchen »nun« hervorzubringen
    Helene erzählte die Begebenheit in den Ruinen während ihr Bruder aufatmend
zuhörte Mit jedem Worte weiter schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen er
ahnte freilich nicht dass jedes dieser Worte wie ein zweischneidiges Schwert in
dem Herzen der Erzählerin wühlte und dass diese Mitteilung bereits der Anfang
eines furchtbaren Opfers war das sie bringen sollte
    »Das ist in der Tat eine wunderliche Lösung alter Rätsel« sagte er
nachdem Helene geendet hatte »Ob aber die Familie es für ein Glück hält dem
Geschlechte der Gnadewitz anzugehören bezweifle ich«
    »Ah du meinst« unterbrach ihn Helene rasch »weil das junge Mädchen einst
sehr viel an dem Namen auszusetzen hatte  Ich kann mir nicht helfen aber
ich denke bei dergleichen Dingen manchmal unwillkürlich an die Trauben die dem
Fuchse zu sauer sind« Sie sprach die letzten Worte mit einer schneidenden
Schärfe So weit ging ihre leidenschaftliche Aufregung und Bitterkeit dass sie
ihre bessere Einsicht verleugnete und die Gesinnungen eines Wesens verdächtigte
das sie nie beleidigt und welches sie früher bei unparteiischer Anschauung als
eines der reinsten bezeichnet hatte
    Ein Ausdruck des höchsten Erstaunens erschien in Herrn von Waldes Zügen Er
bog sich nieder und sah forschend in das gesenkte Gesicht der Schwester als
wollte er sich überzeugen ob es wirklich ihr Mund gewesen sei der diese herben
Worte gesprochen hatte
    In diesem Augenblicke sprang Hollfelds Jagdhund die Stufen herauf machte
einige täppische Sprünge durch das Zimmer und verschwand sofort wieder auf einen
grellen Pfiff der über den breiten Kiesplatz herüberscholl Sein Herr ging
drüben vorüber Er schien nicht zu wissen dass Herr von Walde zurückgekehrt war
sonst würde er doch gewiss gekommen sein ihn zu begrüßen Er schritt eilig
vorwärts und bog in den Weg ein der hinauf nach Gnadeck führte Helenes Blicke
folgten der Gestalt bis sie verschwunden war dann sank sie mit krampfhaft
gefalteten Händen in den Stuhl zurück es sah aus als versagten ihr momentan
die Kräfte
    Herr von Walde schenkte ein wenig Rotwein in ein Glas und hielt es an ihre
Lippen Sie sah dankbar auf und versuchte zu lächeln
    »Ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Berichte« begann sie wieder und
richtete sich auf aus ihrer halbliegenden Stellung »Ich mache es wie der
Romandichter der den Haupteffekt bis zuletzt aufhebt« es war nicht zu
verkennen dass sie während dieser Vorrede die scherzhaft klingen sollte nach
Kraft und Festigkeit rang um das was sie sagen musste ruhig vorzubringen Ihr
Auge haftete angestrengt auf einem der gegenüberliegenden Bosketts während sie
fortfuhr »Unserem Hause steht ein glückliches Ereignis bevor Emil  wird sich
verloben«
    Sie hatte sicher erwartet ihr Zuhörer werde sofort seine höchste
Überraschung aussprechen denn nach einem augenblicklichen Schweigen drehte sie
sich erstaunt nach ihm um Er hatte die Hand auf Stirn und Augen gepresst und
der Teil des Gesichts den sie nicht bedeckte war aschbleich Bei Helenes
Bewegung jedoch ließ er die Hand sinken erhob sich rasch und trat an das offene
Fenster um frische Luft einzuatmen
    »Bist du unwohl Rudolf« rief sie ängstlich hinüber
    »Ein vorübergehender Schwindel weiter nichts« antwortete er und näherte
sich ihr wieder Seine Züge sahen entstellt aus Er ging einigemal im Zimmer auf
und ab und nahm dann seinen Platz wieder ein
    »Ich habe dir gesagt dass Emil sich verloben will Rudolf« begann Helene
wieder jedes Wort markierend
    »Das hast du gesagt« wiederholte er tonlos und mechanisch
    »Du billigst diesen Schritt«
    »Der geht mich nichts an Hollfeld ist sein eigener Herr er kann tun was
ihm beliebt«
    »Ich glaube er hat gewählt Dürfte ich so wollte ich dir den Namen des
jungen Mädchens nennen«
    »Ist nicht vonnöten  Ich werde ihn früh genug hören wenn er von der
Kanzel herab verkündigt wird«
    Sein Gesichtsausdruck war eisig die Stimme klang rau und abweisend und
aus den Wangen schien auch der letzte Blutstropfen entwichen zu sein
    »Rudolf ich bitte dich sei nicht so entsetzlich schroff« bat Helene
flehentlich »Ich weiß ja dass du die vielen Worte nicht liebst und bin an
deine lakonischen Antworten gewöhnt aber in diesem Augenblicke bist du geradezu
abstoßend und gerade jetzt wo ich eine Bitte an dich richten möchte«
    »Sprich nur soll ich vielleicht die Ehre haben Brautführer des Herrn von
Hollfeld zu sein«
    Helene zuckte zusammen vor dem schneidenden Hohne mit welchem diese Worte
gesprochen wurden
    »Du bist dem armen Emil abgeneigt und das macht sich heute wieder einmal
recht geltend« sagte sie vorwurfsvoll nach einer kleinen Pause während welcher
Herr von Walde aufgestanden war und mit raschen Schritten einigemal das Zimmer
durchmessen hatte »Ich bitte dich inständig lieber Rudolf höre mich ruhig an
ich muss heute mit dir über die Angelegenheit sprechen«
    Er lehnte sich mit verschränkten Armen an einen Fensterpfeiler in der Nähe
und sagte kurz »Du siehst ich bin bereit zu hören«
    »Das junge Mädchen« hob sie stockend an diesmal weniger infolge einer
Gemütsbewegung als weil sie der eiskalte Blick ihres Bruders einschüchterte
»das junge Mädchen das Emil gewählt hat ist arm«
    »Sehr uneigennützig in der Tat weiter«
    »Emils Einkünfte sind nicht sehr bedeutend «
    »Der arme Mann hat nur sechstausend Taler Revenüen er muss notwendig dabei
verhungern«
    Sie schwieg sichtlich betroffen Ihr Bruder übertrieb nie die Summe die
er aufstellte war sicher bis auf den Groschen richtig angegeben
    »Nun er mag schon reicher sein als ich glaubte« hob sie nach einer kurzen
Pause wieder an »das kommt übrigens hier ganz und gar nicht in Betracht  Ich
habe die Erwählte sehr sehr gern«  mit welcher Anstrengung sie sprach  »sie
hat etwas getan wofür ihr mein schwesterliches Herz ewig dankbar sein wird«
Herrn von Waldes verschränkte Arme lösten sich er trommelte mit den Fingern der
Linken so heftig gegen die Fensterscheibe dass Helene meinte das Glas müsse
zerspringen
    »Sie soll meine Schwester sein« fuhr sie fort »ich will nicht dass sie
Emils Haus arm betrete und möchte ihr sehr gern die Einkünfte von Neuborn
zuweisen  darf ich«
    »Das Gut gehört dir du bist majorenn ich habe hier durchaus nicht das
Recht zu verweigern oder zu erlauben«
    »O ja Rudolf insofern als du die nächsten Ansprüche an mich und mein Erbe
hast  Also bin ich deiner Zustimmung gewiss«
    »Vollkommen wenn du denn durchaus der Ansicht bist dass sie dazu gehöre «
    »Dank vielen Dank« unterbrach sie ihn und bot ihm die Hand aber er schien
es nicht zu bemerken obgleich sein Blick auf sie gerichtet war  »Verdenkst
du mir das« fragte sie nach einer Weile beklommen
    »Ich verdenke es dir nie wenn du den Wunsch hast Menschen glücklich zu
machen du wirst dich erinnern dass ich dir stets bei dergleichen Gelegenheiten
rückhaltlos die Hand geboten habe Wohl aber mache ich dir den Vorwurf der
Übereilung du bist sehr schnell bereit jenes junge Wesen ins Unglück zu
stoßen«
    Sie fuhr wie von einer Viper gestochen in die Höhe »Das ist ein harter
Ausspruch« rief sie heftig »dein Vorurteil gegen den beklagenswerten Emil
Gott mag wissen auf was es sich begründet geht denn doch zu weit  du kennst
den armen Menschen viel zu wenig «
    »Ich kenne ihn viel zu gut als dass ich ihn noch näher kennen lernen möchte
 Er ist ein ehrloser Schmarotzer ein erbärmlicher Bursche ohne allen
Charakter an dessen Seite ein Weib selbst wenn es nur geringe Anforderungen an
männliche Ehrenhaftigkeit stellt elend werden muss  wehe der Armen wenn sie
zur Erkenntnis kommt«  Seine Stimme wankte im verhaltenen Schmerze Helene
hörte jedoch nur Groll und Ingrimm heraus
    »Gott wie ungerecht« rief sie ihre weinenden Augen nach der Zimmerdecke
richtend »Rudolf du versündigst dich schwer  Was hat dir nur Emil getan
dass du ihn so unversöhnlich verfolgst«
    »Muss man erst persönlich beleidigt werden um zu wissen was man von dem
Charakter eines andern halten soll« frug er zürnend zurück »Kind du bist die
Schwerbeleidigte aber du bist verblendet  Es wird eine Zeit kommen wo du
das tief gedemütigt erkennst Wenn ich dir auch diesen Schmerzenskelch von den
Lippen nehmen wollte es würde zu nichts führen du wehrst dich verzweifelt und
siehst in mir einen Barbaren der dich in deinen heiligsten Gefühlen kränkt 
Du zwingst mich selbst dich deinen Weg allein gehen zu lassen bis zu dem
Augenblicke wo du trostbedürftig an mein Herz zurückflüchten wirst  Dir ist
dann die Umkehr möglich was aber bleibt jener anderen übrig die unauflöslich
gebunden ist«
    Er ging in das Nebenzimmer und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen
Helene saß eine Zeitlang wie betäubt dann erhob sie sich mühsam und verließ
sich an Wänden und Möbeln festhaltend so schnell es ihr möglich war den Salon
    Eine unsägliche Bitterkeit ja beinahe ein Gefühl von Hass erfüllte sie gegen
den Bruder der heute zum erstenmal das was jede Faser ihres Herzens liebend
umschloss so rücksichtslos und rau antastete Ihr Herz brach fast vor Leid
indem sie sich alle vermeintliche Aufopferung des Geliebten lebendig zurückrief
ja es war ihr als habe sie sich ihm gegenüber schon dadurch der größten Sünde
schuldig gemacht dass jene abscheulichen Schmähungen ihr Ohr berührt hatten Er
sollte nie niemals erfahren zu welchen Beschuldigungen ihr Bruder sich hatte
hinreißen lassen Keines auch nicht das größte Opfer sollte ihr jetzt zu schwer
werden um das Unrecht zu sühnen das er wenn auch unbewusst erdulden musste
Freilich nun nachdem ihr Bruder so unumwunden seine schlimme Meinung über
Hollfeld ausgesprochen hatte durfte sie nicht mehr leiden dass letzterer die
Gastfreundschaft in Lindhof genieße Sie wollte  natürlich ohne Angabe der
Gründe  ihn selbst veranlassen nach Odenberg zurückzukehren vorher aber
sollte er sein Verhältnis zu Elisabet feststellen
    Mit diesen Gedanken betrat sie das Esszimmer und als Hollfeld sich kurze
Zeit darauf auch einfand empfing sie ihn mit einem ruhig freundlichen Lächeln
und verkündete ihm dass ihr Bruder ohne den Namen der Erwählten erfahren zu
haben ihren Entschluss bezüglich der Mitgabe für die Braut billige Sie
verlangte nun aber auch Elisabet heute bei sich sehen zu dürfen und Hollfeld
sehr erfreut über die ruhige Art und Weise mit welcher sie sprach ging darauf
ein Nachmittags um vier Uhr sollte die Zusammenkunft im Pavillon stattfinden
Hollfeld verließ sofort das Zimmer um einem Bedienten in Helenes Namen den
Auftrag zu geben Wie würde die junge Dame erstaunt gewesen sein hätte sie
hören können dass dem Diener ganz ausdrücklich die Weisung gegeben wurde
Fräulein Ferber auf drei Uhr einzuladen während der Haushofmeister den Befehl
erhielt bis zu der genannten Stunde alles Erforderliche im Pavillon zu
arrangieren ja nicht später
 
                                       19
Als der Diener aus Lindhof am Mauerpförtchen läutete saß Elisabet in der
großen Halle Sie wand aus Immergrün und Epheu eine lange Guirlande während Miss
Mertens ihr zur Seite sitzend einen halbfertigen bunten Asternkranz in den
Händen hielt Das Grab auf dem Lindhofer Gottesacker war vollendet Heute
nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr sollte der Zinnsarg mit den sterblichen
Überresten der schönen Lila der Erde feierlich übergeben werden Hätten Josts
gefürchtete Augen neben den Kranzwinderinnen auftauchen können sie würden gewiss
mild und versöhnt geruht haben auf seinem lieblichen Urenkelkinde welches die
frisch vom Waldboden abgeschnittenen grünen Ranken als letzten Schmuck auf den
Totenschrein legen wollte
    Nach Rücksprache mit der Mutter nahm Elisabet die Einladung an um so mehr
da sie nur »auf ein Plauderstündchen« lautete Bald nachdem der Diener sich
entfernt hatte kam auch Reinhard Er sah sehr ernst aus und erzählte auf Miss
Mertens Befragen dass sein Herr in einer nicht zu beschreibenden Gemütsstimmung
aus Talleben zurückgekehrt sei
    »Die Eindrücke im Trauerhause müssen schrecklicher Art gewesen sein«
bemerkte er »denn ich erkenne Herrn von Walde nicht wieder Ich hatte ihm
notwendig verschiedene Meldungen zu machen allein im Laufe meines Vortrags
merkte ich wohl dass ich umsonst sprach  Er saß vor mir wie gebrochen wie
völlig verloren in qualvolle Gedanken Merkwürdigerweise fuhr er heftig auf als
ich ihm zum Schluße die Entdeckung hier oben in den Ruinen mitteilen wollte
ich habe die Sache bereits zur Genüge gehört unterbrach er mich zornig und
ungeduldig bitte lassen Sie mich allein«
    Es entging Miss Mertens nicht dass Reinhard sich verletzt fühlte durch die
Art und Weise wie sein Gebieter ihn angelassen hatte
    »Lieber Freund« sagte sie beschwichtigend »in einem Augenblicke wo ein
großer Seelenschmerz uns beherrscht berührt uns die Außenwelt entweder gar
nicht oder sie wird uns peinlich wir fühlen uns abgestoßen dadurch dass in ihr
sich alles nach wie vor unbeirrt abwickelt während unsere innere Welt schwankt
und aus dem Geleise getrieben ist Herr von Walde mag den Verunglückten wohl
sehr geliebt haben  Aber mein Gott Elisabet was tun Sie denn« unterbrach
sie sich selbst »Meinen Sie wirklich dass das hübsch aussieht«
    Sie deutete auf die Guirlande Elisabet hatte nämlich während Reinhard
sprach mit zitternden Händen einige dickköpfige Dahlien ergriffen und dieselben
dem schlanken bis dahin einförmig grünen Gewinde einverleibt Es war in der
Tat ein arger Missgriff auf den sie selbst mit erstaunten Augen und
hochgeröteten Wangen niedersah Die armen Dinger wurden sofort wieder von dem
weichen grünen Pfühle entfernt an den sie sich behaglich geschmiegt hatten
und mit einer Strenge behandelt als hätten sie sich eigenmächtig vorgedrängt
    Es hatte schon längst auf dem Lindhofer Kirchturme drei geschlagen als
Elisabet den Berg hinabeilte Der Onkel hatte sie im Gespräche festgehalten er
war unwirsch darüber dass sie der Einladung folgen wollte »Denn« meinte er
und zwar nicht mit Unrecht »das arme Wesen welches heute eingesenkt werden
soll verdiene es schon dass man wenigstens einen Tag seinem Andenken allein
weihe« Er hatte freilich keine Ahnung von dem was in dem Herzen des jungen
Mädchens vorging Er wusste nicht dass sein kleiner Liebling in den letzten Tagen
sehnsüchtig Stunde auf Stunde gezählt hatte deren jede den Augenblick ja näher
rücken musste da es heißen würde »Er ist wieder da« und musste es erleben dass
sein sonst so gehorsames Herzblatt unter seinen Händen wegschlüpfte und wie ein
Sturmwind durch das Mauerpförtchen flog
    Ihre Füße berührten kaum die Erde Sie hoffte durch rasches Laufen den
Zeitverlust einigermaßen zu ersetzen aber beinahe hätte sie Tränen der
Ungeduld vergossen als zum Überflusse auch noch ihr leichtes Kleid an einer
wilden Rosenhecke hängen blieb und mit sehr vorsichtiger Hand und vieler Langmut
losgemacht werden musste Fast atemlos erreichte sie den Pavillon Beide Flügel
der Tür standen offen der Salon war noch leer Auf dem Tische war eine Auswahl
von Erfrischungen und die eine Ecke im Sofa für Helene bequem hergerichtet
    Mit erleichtertem Herzen trat Elisabet ein und lehnte sich an eines der
hinteren Fenster vor welchem sich die dichte Buschwand hinzog als sie ein
leises Geräusch hinter sich hörte  Hollfeld hatte hinter einem der
vorstehenden Türflügel gestanden und näherte sich ihr Sie wollte sofort den
Salon wieder verlassen ohne den Verhassten eines Blickes zu würdigen er trat
ihr jedoch in den Weg wenn auch durchaus nicht in unbescheidener Weise es lag
vielmehr etwas Unterwürfiges und Ehrerbietiges in seiner Haltung und
versicherte die Damen würden gleich erscheinen Elisabet sah erstaunt auf da
war auch nicht der leiseste Rest jenes frechen Tons in seiner Stimme zu
bemerken der ihr neulich jeden Blutstropfen empört hatte
    »Ich gebe Ihnen mein Wort dass Fräulein von Walde jeden Augenblick kommen
muss« beteuerte er als sie abermals den Versuch machte in die Tür zu treten
»Ist Ihnen denn meine Gegenwart hier gar so schrecklich« fügte er leiser mit
einem Anfluge von Trauer hinzu
    »Allerdings« entgegnete Elisabet kalt und rückhaltlos »wenn Sie sich
Ihres neulichen Benehmens gegen mich erinnern so werden Sie wissen dass es mir
unerträglich sein muss auch nur einen Augenblick mit Ihnen allein zu sein«
    »Wie hart und unversöhnlich klingt das  Soll ich den kleinen
unbedachten Scherz wirklich so grausam büßen«
    »Ich rate Ihnen künftig vorsichtiger zu sein in der Wahl der Leute mit
denen Sie scherzen wollen«
    »Mein Gott ich sehe ja ein dass es ein Missgriff war ich schäme mich dieser
Übereilung  wie hätte ich aber auch ahnen können «
    »Dass man mir Achtung schuldig sei« unterbrach ihn Elisabet mit flammenden
Augen
    »Nein nein  das habe ich gar nicht bezweifelt Gott wie Sie heftig
werden können! Aber ich konnte doch wahrhaftig nicht wissen dass Ihnen das Recht
zusteht weit weit mehr zu beanspruchen«
    Elisabet sah ihn fragend an sie verstand ihn offenbar nicht
    »Kann ich mehr tun als Sie kniefällig um Verzeihung zu bitten« fuhr er
fort
    »Die soll Ihnen werden unter der Bedingung dass Sie mich sofort allein
lassen«
    »Hartnäckiger Trotzkopf der Sie sind  Ich wäre ein Tor wenn ich den
kostbaren Augenblick vorübergehen lassen wollte  Elisabet ich habe Ihnen
bereits gesagt dass ich Sie glühend liebe liebe bis zum Sterben«
    »Und ich bin mir bewusst Ihnen sehr deutlich erklärt zu haben dass mir dies
sehr gleichgültig ist« Sie fing an zu zittern nichtsdestoweniger blieb ihr
Blick fest und ruhig
    »Elisabet treiben Sie mich nicht zum äußersten« rief er aufgeregt
    »Vor allem muss ich Sie ersuchen die einfachste Höflichkeitsform
festzuhalten die uns gebietet Fremde nicht mit dem Eigennamen anzureden«
    »Sie sind ein Satan von Kälte und Bosheit« rief er bebend vor Zorn »Nun
ich gebe zu dass Sie einen Schein von Berechtigung haben mich zu quälen« fügte
er sich mühsam bezwingend hinzu »ich habe mich gegen Sie vergangen aber ich
will ja alles wieder gutmachen  Hören Sie mich nur einen Augenblick ruhig an
und Sie werden mir Ihre Härte sicher abbitten  Ich biete Ihnen hiermit meine
Hand Sie werden wissen dass ich im stande bin meiner künftigen Frau was Rang
und Vermögen betrifft eine glänzende Existenz zu bereiten«
    Mit einem triumphierenden Lächeln sah er auf sie nieder Es war ja so
natürlich dass seine schöne Widersacherin diese beglückende Wendung nicht
vermutet hatte sie musste wohl starr sein vor freudiger Überraschung aber das
geschah unerhörterweise nicht Elisabet richtete sich vielmehr stolz auf und
trat einen Schritt zurück
    »Ich bedauere Herr von Hollfeld« sagte sie mit ruhiger Würde »Sie hätten
sich selbst einen unangenehmen Moment ersparen können Nach allem was ich Ihnen
bis jetzt gesagt habe fasse ich kaum dass Sie noch ein solches Wort aussprechen
mögen  Da Sie mich denn durchaus zwingen so erkläre ich Ihnen hiermit dass
unsere Wege weit auseinandergehen «
    »Wie«
    »Und dass ich mich nie entschließen könnte an Ihrer Seite zu leben«
    Er starrte sie einen Moment an wie geistesabwesend oder wie gänzlich
unfähig ihre Worte aufzufassen Seine Gesichtsfarbe wurde grünlich und seine
weißen Zähne gruben sich in die Unterlippe
    »Und Sie treiben wirklich die Komödie so weit mir eine solche Antwort zu
geben« frug er endlich mit ungewisser fast heiserer Stimme
    Elisabet lächelte verächtlich und wandte sich ab Diese Bewegung brachte
ihn fast zur Wut
    »Die Gründe die Gründe will ich wissen« stammelte er und trat abermals
zwischen Elisabet und die Tür nach der sie zustrebte Er haschte mit der Hand
nach ihrem Kleide um sie festzuhalten Sie erschrak vor dieser Bewegung und
wich einige Schritt tiefer ins Zimmer zurück
    »Lassen Sie mich« rief sie mit fliegendem Atem die Angst erstickte ihr
fast die Stimme trotzdem raffte sie ihren ganzen Mut noch einmal zusammen und
hob den Kopf stolz und gebieterisch »Wenn denn nicht ein Funken von Ehre in
Ihnen ist an den ich appellieren kann so sehe ich mich gezwungen auch meine
Waffen zu gebrauchen indem ich Ihnen sage dass ich Sie tief tief verachte dass
ich Ihren Anblick hasse nicht das Zischen einer Schlange könnte mir mehr
Abscheu und Schrecken einflößen als Ihre Worte mit denen Sie meine Zuneigung
zu erringen hoffen  Niemals hat auch nur die leiseste Regung in mir zu Ihren
Gunsten gesprochen aber selbst wenn es der Fall gewesen wäre sie hätte sofort
erstickt werden müssen durch Ihr verachtungswürdiges Betragen gegen mich 
Lassen Sie mich jetzt ruhig gehen und «
    Er ließ sie den Satz nicht vollenden »Das werde ich wohl bleiben lassen«
knirschte er wütend Sein vorher so bleiches Gesicht glühte die Augen rollten
er war außer sich vor Leidenschaft und stürzte auf sie zu wie ein Raubtier Sie
floh zu dem Fenster weil sie die Tür nicht zu erreichen vermochte und
versuchte den Flügel aufzureissen um über die sehr niedrige Brüstung
hinauszuspringen aber wie angefesselt vor Schrecken haftete plötzlich ihr Fuß
am Boden Draußen aus dem Buschwerke dicht an den Scheiben starrte ein
schreckliches Gesicht Die todbleichen Züge verzerrten sich in einem höhnischen
Grinsen und aus dem Auge das sich stier in das Gesicht des jungen Mädchens
bohrte glühte der Wahnsinn  Elisabet erkannte mit Mühe die stumme Berta
sie schüttelte sich vor Entsetzen und wich zurück Hollfelds Arme fingen sie auf
und umklammerten sie mit eiserner Gewalt blind vor Aufregung bemerkte er die
Erscheinung vor dem Fenster nicht Elisabet drückte die eiskalten Hände auf
ihre Augen um das entsetzliche Gesicht draußen nicht zu sehen sie fühlte den
heißen Atem ihres Peinigers über ihre Finger hinstreifen sein Haar berührte
ihre Wange sie schauderte aber alle physischen Kräfte versagten ihr
buchstäblich das zwiefache Entsetzen hatte sie momentan gelähmt nicht einmal
ein Laut entrang sich ihrer Kehle  Bei Hollfelds Anblick erhob Berta drohend
die festgeballten Hände und richtete sie gegen die Scheiben um das Glas zu
zerschmettern doch plötzlich wandte sie den Kopf seitwärts als lausche sie auf
ein Geräusch sie ließ die Hände sinken stieß ein grelles Lachen aus und
entfloh in das Gebüsch
    Das alles war das Werk weniger Augenblicke gewesen Infolge des hässlichen
Geschreies sah Hollfeld erschreckt auf Einen Moment versuchte sein Auge in das
Gebüsch zu dringen wo Berta verschwunden war aber gleich darauf kehrte es
wieder zurück auf die Gestalt die er in seinen Armen hielt und die er nur um
so fester an seine Brust drückte Seine ängstliche Vorsicht sein heuchlerisches
Bestreben seine niedrigen Neigungen vor dem Auge der Welt zu verbergen waren
in diesem Augenblicke völlig von ihm gewichen Er dachte nicht daran dass die
Zeit da war wo Helene kommen sollte durch die weit offene Tür konnten jeden
Moment der Gärtner oder einer von der Dienerschaft hereinsehen er lag völlig im
Banne seiner Leidenschaft und bemerkte deshalb nicht dass Fräulein von Walde in
der Tat am Arme ihres Bruders auf der Türschwelle stand hinter ihnen erschien
die Baronin mit langem Halse und einem nicht zu verkennenden Ausdrucke heftigen
Unwillens
    »Emil« rief sie mit zornbebender Stimme Er fuhr empor und sah mit wirren
Blicken um sich unwillkürlich öffneten sich seine Arme Elisabet ließ die
Hände von den Augen fallen und fasste taumelnd nach der nächsten Stuhllehne
Diesmal klang ihr die harte abscheuliche Stimme der Baronin süß wie Musik denn
von ihr kam ja die Hilfe  Und dort stand die hohe männliche Gestalt deren
Anblick sofort ihre stockenden Pulse lebendig klopfen machte Sie hätte sich ihm
zu Füßen werfen und bitten mögen »Schütze mich vor jenem dort den ich fliehe
und verabscheue wie die Sünde« Aber welch ein Blick fiel auf sie  Kam
dieser niederschmetternde Strahl in der Tat aus jenem Auge das erst vor wenig
Tagen mit so wunderbar süssinnigem Ausdrucke das ihre gesucht hatte War jene
Erscheinung mit dem streng zurückgeworfenen Kopfe und der todbleichen eisernen
Stirn jener Mann der sich damals über sie geneigt und in unsäglich weichem
Klange die Worte gesprochen hatte »Ihnen möge unterdes mein guter Engel den
Namen jenes Wunderreiches zuflüstern«  Er selbst stand dort wie ein böser
Engel der gekommen ist zu rächen zu vernichten und ein armes zuckendes
Menschenherz zu zertreten
    Helene die wie angemauert oder leblos auf die Szene in der Tiefe des
Zimmers geblickt hatte zog plötzlich hastig ihren Arm aus dem ihres Bruders und
wankte auf Elisabet zu sie war keinen Augenblick im Zweifel dass Hollfelds
Werbung geglückt und der Bund geschlossen sei
    »Seien Sie mir tausendmal willkommen liebe Elisabet« rief sie in heftiger
Bewegung während Tränenströme aus ihren Augen stürzten sie nahm die
zitternden Hände des jungen Mädchens zwischen die ihren »Emil führt mir in
Ihnen eine liebe Schwester zu haben Sie mich lieb als eine solche ich werde
Ihnen lebenslänglich dafür dankbar sein  Sei nicht so finster Amalie«
wandte sie sich bittend zurück nach der Baronin die noch immer wie eine
Bildsäule außerhalb des Pavillons stand »es gilt ja Emils ganzes Lebensglück
 Sieh dir Elisabet an Kann sie nicht alle Ansprüche erfüllen die du mit
Recht an diejenige stellst welche dir in Zukunft so nahe stehen soll Jung von
der Natur reich ausgestattet aus alter Familie mit berühmtem Namen «
    Sie hielt erschrocken inne Es war als kehre erst jetzt das Leben in
Elisabeths erstarrte Glieder zurück als sei sie erst in diesem Momente fähig
das was gesprochen wurde aufzufassen Mittels einer raschen Bewegung hatte sie
Helene beide Hände entzogen und stand plötzlich hoch aufgerichtet neben ihr
    »Sie irren gnädiges Fräulein« sagte sie in eigentümlich vibrierendem Tone
»ich bin eine Bürgerliche«
    »Wie haben Sie nicht das festbegründete Recht den Namen von Gnadewitz zu
führen«
    »Ja unzweifelhaft aber wir lassen dieses Recht fallen«
    »Sie würden in Wirklichkeit ein solches Glück mit dem Fuße fortstossen«
    »Ich kann nicht einsehen wie das wahre Glück sich an einen Klang einen
Schall knüpfen soll« Man hörte deutlich wie sie rang um ihrer tonlosen Stimme
Festigkeit zu geben
    Die Baronin war indessen näher getreten Sie fing an zu begreifen was hier
vorging Innerlich war sie wütend dass ihr Sohn eine Wahl getroffen hatte ohne
auch nur im entferntesten um ihren mütterlichen Rat ihre Einwilligung zu
fragen ferner war und blieb der Gegenstand dieser Wahl für sie ein verhasstes
Wesen Allein sie wusste recht gut dass ihr Einspruch höchstens ein mitleidiges
Achselzucken eine spöttische Miene ihres Sohnes hervorrufen und ihn erst recht
in seinem Vorhaben bestärken würde auch fiel es für sie und ihre eigenen
Interessen schwer ins Gewicht dass Helene die Sache in die Hand genommen hatte
und dieselbe mit einer Art von entusiastischem Opfermute durchführen zu wollen
schien Wenn auch völlig im unklaren über die Motive dieser höchst merkwürdigen
Tatsache fühlte sie doch instinktmässig dass hier kein Nachteil zu befürchten
sei und deshalb entschloss sie sich rasch obschon mit grollendem Herzen gute
Miene zum bösen Spiele zu machen und die Rolle der verzeihenden und segnenden
Mutter zu spielen Elisabeths Antworten verschlossen ihr jedoch plötzlich wieder
den Mund Die Hoffnung tauchte in ihr auf dass das Mädchen durch seinen
Eigensinn die Sache selbst verderben würde und dann galt es Öl ins Feuer zu
gießen
    »Da stoßen wir auf einen spiessbürgerlichen Begriff meine Liebe« sagte sie
zu Helene die Elisabeths Erwiderung ganz bestürzt gemacht hatte »Sie mögen
indes jedenfalls Ihre triftigen Gründe haben das Licht der höheren Regionen zu
scheuen« fuhr die Dame in beissendem Tone zu Elisabet gewendet fort
    »Ich habe durchaus keine Ursache das Licht zu fliehen« entgegnete diese
bei weitem ruhiger und beherrschter sprechend als zuvor »es müsste mir denn
plötzlich unvermutete hässliche Fehler meines Charakters zeigen wie es die
Flecken auf jenem Wappenschild grell beleuchtet  Aber wir lieben unseren
Namen weil er rein und ehrlich ist und wollen dies fleckenlose Erbteil nicht
vertauschen gegen ein Gut das sich aus den Tränen und dem Schweiße anderer
groß genährt hat«
    »Gott wie erhaben« rief die Baronin höhnisch lachend
    »Das kann Ihr Ernst nicht sein Elisabet« sagte Helene »Vergessen Sie
nicht dass an diesem Ausspruche das Lebensglück zweier Menschen hängt« Sie warf
dem jungen Mädchen einen vielsagenden Blick zu der aber begreiflicherweise
nicht verstanden wurde »Sie müssen nun einmal in die Sphäre der Sie von nun an
angehören sollen einen adligen Namen mitbringen das wissen Sie so gut wie ich
und werden um einer Grille willen nicht Ihre eigenen Hoffnungen und die anderer
zerstören wollen«
    »Aber ich bin völlig unfähig Sie zu verstehen« rief Elisabet aufgeregt
»Es fällt mir gar nicht ein irgend eine Hoffnung mit jenem Namen in Verbindung
zu bringen am allerwenigsten aber begreife ich wie die Wünsche oder das
Geschick anderer abhängen sollten von dem Entschlusse eines so unbedeutenden
armen Mädchens wie ich bin«
    »Sie sind nicht arm liebes Kind« erwiderte Helene »Kommen Sie« fuhr sie
tief bewegt fort »wir sind von heute an treue Schwestern  Nicht wahr
lieber Rudolf« wandte sie sich nicht ohne Verlegenheit an ihren Bruder »auch
du heissest Emils Braut willkommen in unserer Familie und erlaubst dass ich
schwesterlich mit ihr teile«
    »Ja« klang es dumpf aber fest herüber
    Elisabet fuhr mit der Hand nach der Stirn es klang so unglaublich was sie
eben gehört hatte  »Emils Braut« hatte Fräulein von Walde gesagt und das
sollte sie sie sein  es war unmöglich Hatten diese Menschen sich verschworen
ihr einen fürchterlichen Schrecken einzujagen  Und er der wusste dass sie
Hollfeld verabscheue er hielt zu jenen er stand dort drüben mit
untergeschlagenen Armen ein Bild unerbittlicher Strenge und Zurückweisung Er
hatte die ganze Zeit unbeweglich gestanden und jetzt nur die Lippen geöffnet um
das Ja auszusprechen das von beinahe zermalmender Wirkung für das junge Mädchen
war Hatte er nicht früher selbst in der rauhesten Weise ein Entgegenkommen
seines Vetters ihr gegenüber zu verhindern gesucht  Wie ein leuchtender
Blitz fuhr es plötzlich bei diesem Gedanken durch ihre Seele Sie war jetzt von
Adel das erklärte alles Hollfelds Stammbaum wurde nicht mehr verunehrt durch
die bürgerlich Geborene daher die Bereitwilligkeit der Verwandten ihn in seiner
Werbung zu unterstützen daher Helenes Betroffenheit bei ihrer Erklärung dass
sie den ihr zugefallenen Namen verschmähe  Wie es aber zusammenhing dass alle
bereits ein völliges Einvernehmen zwischen ihr und dem Verhassten voraussetzten
das zu ergründen war ihr im Augenblicke unmöglich denn ihre Gedanken wirbelten
in einem unaussprechlichen Aufruhre durcheinander Nur eines war ihr klar dass
sie augenblicklich ohne Rückhalt jenes Ansinnen zurückweisen müsse
    »Ich sehe mich einem Missverständnisse gegenüber dessen Entstehen ich mir
nicht enträtseln kann« nahm sie das Wort in fliegender Hast »Es wäre wohl
Herrn von Hollfelds Pflicht hier Aufklärung zu geben da er es jedoch vorzieht
zu schweigen so sehe ich mich genötigt auszusprechen dass er nie und nimmer
irgend welches Versprechen von mir erhalten hat«
    »Aber liebes Kind« sagte Helene zögernd und verlegen »haben wir nicht
vorhin bei unserem Eintritte mit eigenen Augen gesehen dass « sie brach ab
    Wie ein Donnerschlag trafen Elisabet diese Worte In ihrer reinen
unschuldigen Seele war auch nicht einen Moment die Furcht aufgetaucht dass jener
Augenblick des Schreckens und der Hilflosigkeit missverstanden werden könne und
nun musste sie zu ihrem höchsten Schmerze erfahren dass er ein abscheuliches
Licht auf sie geworfen hatte  Sie wandte sich noch einmal rasch um nach
Hollfeld doch schon der eine Blick auf ihn belehrte sie dass sie von dieser
Seite keine Genugtuung keine Ehrenrettung zu hoffen habe Er lehnte den
anderen Anwesenden den Rücken halb zuwendend wie ein ertappter Schulknabe am
Fenster Wären die Damen allein gewesen so hätte er sich ohne Zweifel durch ein
freches Lügengewebe zu helfen gesucht allein Herrn von Waldes Anwesenheit
lähmte ihn vollständig Er begnügte sich in einem zweifelhaften Schweigen zu
verharren welches die verschiedenartigsten Deutungen zuließ
    »Gott im Himmel wie schrecklich« rief das junge Mädchen außer sich und
rang die Hände »Sie haben gesehen« fuhr sie das Gesicht schamhaft senkend
nach einem tiefen Atemholen fort »wie ein wehrloses Mädchen vergebens gestrebt
hat die Zudringlichkeiten eines Ehrlosen zurückzuweisen  Die Versicherung
meiner tiefsten Verachtung meiner völligen Abneigung vermochten nicht ihn zu
verscheuchen Ich habe Herrn von Hollfeld diese Gesinnungen stets unverhohlen
gezeigt trotzdem «
    Ein starkes Geräusch hinter ihr ließ sie plötzlich verstummen Helene war in
das Sofa zurückgesunken ihre Rechte klammerte sich krampfhaft an die Tischecke
und zitterte so heftig dass das auf der Platte stehende Porzellangeschirr
aneinanderklirrte Das Gesicht der jungen Dame war aschfarben ihr erlöschender
Blick irrte hinüber zu Hollfeld  Vergebens bemühte sie sich ihrer tödlichen
Bestürzung Herr zu werden das Licht das plötzlich auf ein Netz hässlicher
Intriguen fiel war zu grell sein Strahl hatte etwas von der vernichtenden
Gewalt des Blitzes für das bis dahin arglos vertrauende Gemüt Helenes
    Obgleich selbst in höchster Aufregung und im Begriffe ihrer Entrüstung noch
weiteren Ausdruck zu geben fühlte Elisabet doch sofort ihr Herz in innigem
Mitleiden schmelzen bei dem Anblicke der jungen Dame Sie hatte indem sie ihre
Ehre vertrat der Unglücklichen die Binde von den Augen gerissen das tat ihr
schmerzlich leid um Helenes willen wenn sie auch wusste dass diese Enttäuschung
doch früher oder später hätte erfolgen müssen Rasch trat sie zu ihr und nahm
die eiskalten Hände die langsam vom Tische niederglitten zwischen die ihrigen
    »Vergeben Sie mir wenn ich Sie durch meine heftigen Worte erschreckt habe«
sagte sie bittend aber fest Es wird Ihnen nicht schwer werden sich in meine
Lage zu versetzen  Einige erklärende Worte des Herrn von Hollfeld würden
genügt haben den unwürdigen Verdacht von mir zu nehmen Ich würde dann nicht
gezwungen gewesen sein meine Ansicht über seinen Charakter und seine
Handlungsweise so unumwunden auszusprechen  Ich bedauere dass es geschehen
musste aber ich kann kein Jota davon zurücknehmen«
    Sie küsste Helenes Hände und verließ schweigend den Pavillon Es war ihr als
strecke Herr von Walde hastig die Hand nach ihr aus als sie an ihm
vorüberschritt aber sie sah nicht auf
    Draußen verfolgte sie den schmalen gewundenen Pfad der durch ein kleines
Gehölz nach dem Teiche mündete sie schritt über den großen Kiesplatz am
Schloss vorüber und betrat den engen Waldweg der nach dem Nonnenturme führte
ohne zu wissen wo sie sich befand ohne daran zu denken dass sie sich immer
weiter vom Heimwege entferne
    Sie war in einer unaussprechlichen Gemütsaufregung Wie ein Sturm brauste es
durch ihr Gehirn  Hollfelds Heiratsantrag seine masslose Leidenschaft
Bertas plötzliche Erscheinung am Pavillonfenster die unbegreifliche Tatsache
dass Helene sie freudig als die Braut dessen begrüßt hatte den sie selbst
leidenschaftlich liebte dies alles flog immer und immer wieder an ihr vorüber
und dazwischen klang schneidend das »Ja« des Herrn von Walde  Er hätte sie
also willkommen geheißen als Hollfelds Braut  es würde ihn nicht die
geringste Überwindung gekostet haben sie an der Seite seines Vetters zu sehen
 Diese Heirat war ohne Zweifel im Familienrate beschlossen worden Herr von
Walde hatte mit kalt prüfendem Verstande das Für und Wider erwogen und war
schließlich mit seiner Schwester darin übereingekommen dass Emils Auserwählte
jetzt die Geschlechtstafel derer von Hollfeld nicht mehr verunehre man wolle
sie in Gnaden annehmen und einem Mangel der Braut ihrer Armut großmütig aus
eigenen Mitteln abhelfen
    Bei diesem Gedanken biss Elisabet die Zähne heftig aufeinander wie bei
einem starken körperlichen Schmerze Eine unaussprechliche Bitterkeit erfüllte
ihr Gemüt dessen tiefsinnige Neigung unverstanden zertreten worden war von
jenem kalt berechnenden eingefleischten Aristokraten  Wie hatte sie nur
hoffen können dass er je Sympatie fühlen könne für ein warmpulsierendes
weibliches Herz für eine junge Seele die nach Freiheit ringend keinen Raum
gab jenen engherzigen oft so lächerlichen Satzungen der Menschen  er der
nur in Moder und Schutt alter Geschlechter den Nimbus und die Vorzüge der Frau
suchte
    Sie blieb manchmal in Gedanken versunken stehen dann schritt sie wieder
hastig wie von ihrem Gedankenstrome getrieben weiter ohne zu bemerken dass
sie denselben Weg verfolgte den sie vor wenigen Tagen an seiner Seite voll
Scheu und Angst betreten hatte Die vorstehenden Zweige der Büsche schlugen an
ihre Stirn sie dachte nicht daran dass er sie neulich vorsorglich weggebogen
hatte wenn sie ihr Gesicht bedrohten  Noch war das Buschwerk eingeknickt
und abgestreifte Blätter lagen welkend am Boden da wo Fräulein von
Quittelsdorf und Hollfeld sich Bahn gebrochen hatten zu den zwei einsam
Wandelnden Das war auch die Stelle wo der halbvollendete Glückwunsch
souffliert worden war Elisabet glitt achtlos vorüber und das war gut denn
ihr heißes Auge hatte keine Tränen und hier war der Ort wo sie sicher ihr
ganzes Herz hätte ausweinen mögen
    Endlich sah sie sich erstaunt um Sie stand vor dem Nonnenturme Sie war
vielleicht das erste menschliche Wesen das den Festplatz wieder betrat seit
ihn die letzten Gäste oder die müde Schlossdienerschaft neulich nachts verlassen
hatte
    Es sah wüst und unordentlich aus auf dem kleinen Plane der auch nicht ein
aufrechtstehendes Grashälmchen mehr zeigte alles war niedergetreten worden beim
Tanze der sonach kein Elfenreigen gewesen sein mochte Die zwei Tannen die das
Marketenderzelt getragen hatten lagen hingestreckt am Boden auf einem Gemische
von Flaschenscherben und den Überresten eines in der Nähe abgebrannten
Feuerwerkes und droben hingen noch die zusammengeschrumpften Guirlanden
zwischen Turm und Eichen ein leiser Luftzug strich flüsternd über die dürren
Blumenhäupter die fest aneinander gepresst und hoch in der Luft schwebend über
einem Zusammenflusse von Genüssen hatten verschmachten müssen
    Eine leichte Dämmerung webte bereits unter den Eichen wenn auch noch ein
goldiger Schein auf ihren Wipfeln und über der grauen Zinne des Turmes gaukelte
    Elisabet fühlte plötzlich leicht zusammenschauernd ihr Alleinsein mitten
im Herzen des todstillen dunkelnden Waldes trotzdem zog es sie noch einmal
unwiderstehlich nach jener Stelle wo Herr von Walde von ihr Abschied genommen
hatte Sie schritt über den zerstampften Rasenplatz blieb aber einen Augenblick
wie festgewurzelt stehen denn der Abendwind trug einzelne abgebrochene Töne
einer menschlichen Stimme zu ihr herüber Anfänglich klang es wie ein ferner
vereinzelter Hilferuf aber allmählich reihten sich die Töne aneinander sie
kamen rasch näher Es war eine schneidend scharfe gellende weibliche Stimme
die ein geistliches Lied mehr schrie als sang Elisabet hörte deutlich dass das
Wesen während des Singens schnell vorwärts lief
    Plötzlich zerriss die Melodie und an ihre Stelle trat ein entsetzliches
Gelächter oder vielmehr ein Geschrei das eine Skala von Hohn Triumph und
bitteren Qualen bildete
    Eine schlimme Ahnung stieg in Elisabet auf Ihr Blick tauchte erschreckt in
das Baumdunkel nach der Richtung hin wo der Lärm sich näherte Er verstummte in
diesem Augenblicke jedoch wieder und die Stimme begann das Lied von neuem 
jetzt aber kam sie wie im Sturmschritte heran
    Elisabet trat in die offene Tür des Turmes denn sie mochte der wandernden
Sängerin die offenbar ein unheimliches Wesen sein musste nicht in den Weg
kommen allein kaum hatte sie die Schwelle überschritten als das Gelächter
abermals und zwar sehr nahe erscholl
    Jenseits des Rasenplatzes stürzte Berta aus dem Walddickicht hervor ihr
zur Seite lief Wolf der grimmige Hofhund des Oberförsters
    »Wolf fass an« kreischte sie beide Hände nach Elisabet ausstreckend Das
Tier jagte heulend über den Platz
    Elisabet warf die Tür ins Schloss und lief die Treppe hinauf Sie gewann
einen Vorsprung aber noch ehe sie die Zinne des Turmes erreicht hatte wurde
drunten die Tür aufgestoßen Der keuchende Hund stürzte herauf ihm nach die
Wahnsinnige indem sie unausgesetzt ihren hetzenden Zuruf wiederholte
    
    Atemlos erreichte die Verfolgte die letzte Stufe sie hörte das Schnauben
des ungebärdigen Tieres hinter sich  es war ihren Fersen nahe  warf mit der
letzten Kraftaufwendung die eichene Tür zu die auf das Plateau führte und
stemmte sich dagegen
    Einen Augenblick darauf rüttelte Berta drinnen am Türschlosse es wich
nicht Sie tobte und warf sich wütend mit der ganzen Schwere ihres Körpers gegen
die eichenen Bohlen während Wolf abwechselnd heulend und knurrend an der
Schwelle kratzte
    »Bernsteinhexe da draußen« schrie sie »Ich drehe dir den Hals um  Ich
werde dich bei deinen gelben Haaren nehmen und dich durch den Wald schleifen
 Du hast mir sein Herz gestohlen du Mondscheingesicht du Tugendspiegel
Scheinheilige Wolf fass an fass an«
    Der Hund winselte und schlug mit den Tatzen gegen die Tür
    »Zerreisse sie in Stücke Wolf schlage deine Zähne in ihre weißen Finger
die ihn behext haben mit der Musik die vom Teufel kommt  Wehe wehe
Verdammt seist du da draußen verdammt seien die Töne die deine Finger
hervorbringen sie sollen zu giftigen Mordspitzen werden die sich gegen dein
eigenes Herz wenden und es zerfleischen«
    Abermals warf sie sich gegen die Tür Das alte Brettergefüge erzitterte und
ächzte aber es wich nicht unter den Stößen des kleinen ohnmächtigen Fußes
    Elisabet lehnte währenddem mit festgeschlossenen Lippen und bleichem
Gesichte draußen Sie hatte ein Stück Holz das zu ihren Füßen lag ergriffen
um sich nötigenfalls gegen den Hund zu verteidigen Bei den Flüchen und
Verwünschungen die Berta außstieß erbebte ihr ganzer Körper doch sie
richtete sich um so entschlossener und trotziger auf
    Hätte sie einen prüfenden Blick auf das Türschloss geworfen so würde sie
gemerkt haben dass das Anstemmen ihrer zarten Gestalt ganz unnötig sei denn ein
mächtiger Riegel war vorgesprungen gegen den die schwache Kraft der
Wahnsinnigen nichts auszurichten vermochte
    »Wirst du wohl aufmachen« tobte sie wieder drinnen »Du durchsichtiges
zerbrechliches Ding  Ha ha ha Goldelse nennt sie der alte Brummbär den
ich hasse wie das Gift der Alte will durchaus nicht fromm werden er mag zur
Hölle fahren aber ich werde selig sein selig  Goldelse nennt er sie weil
sie bernsteingelbes Haar hat Pfui wie bist du hässlich du Füchsin Mein
Haar ist schwarz wie ein Rabenflügel Ich bin schön tausendmal schöner als
du Hörst du das du Affengesicht da draußen«
    Sie schwieg erschöpft auch Wolf unterbrach sein Zerstörungswerk an der
Schwelle
    In demselben Augenblick zog fernes Glockengeläute durch die abendstillen
Wipfel des Waldes Elisabet wusste was es bedeutete Aus den Ruinen der alten
Burg Gnadeck bewegte sich eben ein Leichenzug den Berg herab Lilas sterbliche
Überreste verließen das Haus gegen dessen Mauern einst das schöne Zigeunerkind
verzweifelnd die Stirn geschlagen hatte Sie wurde durch den grünen Wald
getragen um deswillen vor zwei Jahrhunderten ihr Herz gebrochen war
    Auch Berta schien den Glockentönen zu lauschen Sie regte sich nicht
    »Sie läuten« schrie sie plötzlich »Komm Wolf wir wollen in die Kirche
gehen  Sie muss droben bleiben bei den Wolken die werden des Nachts über sie
herstürzen der Sturm reißt an ihren Haaren und die Raben werden kommen und
nach ihren Augen hacken denn sie ist verflucht verflucht«
    Gleich darauf begann sie das Lied wieder Ihre schreckliche Stimme schlug
grauenhaft gegen die engen Wände des Treppenhauses Polternd lief sie hinab und
trat unten aus der Tür Sie sprang singend über den Plan nach derselben
Richtung woher sie gekommen war der Hund trabte nebenher Nicht ein einziges
Mal drehte sie sich um nach dem Turme nun sie ihn im Rücken hatte schien sie
bereits nicht mehr zu wissen dass da droben hinter dem grauen Steingeländer der
Gegenstand ihres Hasses stehe Noch einmal tauchte ihr hochroter Rock aus dem
dunkelnden Gebüsch auf dann verschwand die Gestalt samt ihrem schrecklichen
Begleiter Allmählich verhallte auch ihr Gesang und bald trug die weiche Luft
nur noch das Geläute zu der Einsamen auf der Turmzinne
    Sie verließ aufatmend ihren Verteidigungsposten den sie mechanisch noch
inne behalten hatte und griff nach dem Türschlosse aber der alte
eingerostete Knauf blieb so unbeweglich wie unter Bertas Händen Mit Schrecken
entdeckte sie den vorgesprungenen Riegel er hatte sie freilich wacker geschützt
und verteidigt indes hielt er sie auch gefangen Er rührte sich nicht von der
Stelle bei allen Versuchen und Anstrengungen ermattet und mutlos ließ das junge
Mädchen endlich die Hände sinken
    Was nun anfangen Angstvoll dachte sie an ihre Eltern die gewiss schon in
diesem Augenblicke sich um ihr Ausbleiben beunruhigten denn sie hatte ja
selbstverständlich der Beisetzung beiwohnen wollen
    Um sie her scharten sich die gewaltigen Häupter des Waldes hier und da noch
rosig betupft von einem verblassenden letzten Sonnenstrahle Weit weit da
drüben schloss sich erst ein lichter Streifen an die dunkeln Massen dort lag L
mit seinem stolzen hochgelegenen Schloss dessen lange Fensterreihe eben noch
einmal feurig aufblitzte und dann erlosch  Und dort türmte sich der Berg mit
den Gnadecker Ruinen aber der Wald verbarg die traute Heimat nicht einmal die
weithin sichtbare Fahnenstange war von hier aus zu entdecken
    Die Hoffnung gesehen zu werden gab Elisabet sofort auf und ihr schwacher
Hilferuf das sagte sie sich ebenfalls musste ungehört verhallen denn der Turm
lag ja so tief versteckt im Forste keine belebte Fahrstrasse führte in der Nähe
vorüber und wer betrat wohl bei hereinbrechendem Abende noch die stillen Wege
die kein anderes Ziel hatten als den Nonnenturm
    Trotzdem machte sie einen Versuch und schickte einen Ruf hinaus in die
Lüfte Wie schwach klang er Es kam ihr vor als hätten ihn die nächsten
Baumkronen eingezogen er hatte nur einige Raben in der Nähe aufgeschreckt die
nun krächzend über dem Haupte des jungen Mädchens wegflogen dann war es wieder
still schaurig still Die Lindhofer Kirchenglocken waren verstummt Im Westen
glimmte ein schwaches Rot einige kleine Wölkchen zart besäumend der Wald aber
lag bereits im tiefen Abendschatten
    Ratlos schritt Elisabet auf dem Plateau des Nonnenturmes hin und her
Manchmal blieb sie an einer Ecke stehen in deren Richtung das Lindhofer Schloss
liegen musste  denn das war dem Nonnenturm noch am nächsten  und erhob ihre
Stimme zu erfolglosen Hilferufen Endlich gab sie die Bemühung auf und setzte
sich auf die Bank welchein die äußere Mauer des Treppenhauses eingefügt von
dem überstehenden Schieferdache desselben so ziemlich gegen Wind und Wetter
geschützt wurde
    Sie fürchtete nicht die Nacht hier oben zubringen zu müssen denn es lag
wohl auf der Hand dass man sie im Walde suchen würde Bis man sie in ihrer Haft
entdeckte welche Stunden qualvoller Ungewissheit und Befürchtungen mussten die
Ihrigen durchleben
    Dieser Gedanke ängstigte sie unbeschreiblich und steigerte ihre nervöse
Aufregung Alle heute empfangenen Eindrücke waren ja so schrecklicher Art
gewesen und sie musste alles allein ohne jedwede Stütze als die ihrer eigenen
moralischen Kraft durchkämpfen  Noch zitterten ihre Kniee infolge des
letzten Angstmomentes  Was mochte Bertas plötzlichen Wahnsinn zum Ausbruche
gebracht haben Sie hatte von einem Herzen gesprochen das Elisabet ihr geraubt
habe war wirklich wie die Mutter in der letzten Zeit öfters die Vermutung
ausgesprochen hatte Hollfeld in die dunkle Geschichte verwebt
    Bei dem Gedanken an ihn tauchten alle die schmerzlichen Empfindungen wieder
auf die ihr Inneres heute durchstürmt hatten Jetzt aber wo sie still und
unbeweglich an die Mauer gedrückt dasaß dem dunkelnden Himmel näher gerückt
kein Zeichen des Lebens um sich fühlend als das Wehen der feuchten Nachtluft
die schmeichelnd über ihr heißes Gesicht strich jetzt brach der finstere Trotz
mit welchem ihr zertretenes Herz sich zu waffnen gesucht hatte und ihre Augen
wurden feucht  Es war nun alles alles vorüber sie hatte heute mit den
Bewohnern von Lindhof gebrochen für alle Zeiten Helene hatte sie ihr Ideal
geraubt und Herrn von Walde der gewähnt hatte sie mit seiner in Gnaden
gewährten Einwilligung zu beglücken ihm hatte sie diese Gabe vor die Füße
geworfen  sie hatte ohne Zweifel seinen Stolz tief verwundet
Wahrscheinlicherweise sah sie ihn nie wieder er reiste fort und war froh
draußen den unangenehmen Eindruck los zu werden welchen ihm das undankbare
Benehmen der armen Klavierspielerin gemacht hatte
    Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und die Tränen drangen zwischen
den schmalen weißen Fingern hervor
    Inzwischen dämmerte die Nacht herein es wurde jedoch nicht völlig dunkel
Die schmale Mondsichel stand am Himmel und die anderen leuchtenden Wanderer
traten hervor und wandelten ihre Bahn nicht ahnend dass der mit ihnen im All
kreisende Planet die Erde Millionen kleiner Welten in sich schließt deren
jede ihre Höhen und Tiefen ihre brausenden Meereswogen mit Ebbe und Flut ihre
gewaltigen Stürme selten aber die heilige Stille des Friedens hat
    Im Turme wurde es lebendig Aengstliches Stöhnen und leise Klagelaute
drangen heraus Es polterte schwerfällig auf der Treppe schlug klatschend gegen
die inneren Wände und klopfte an die Tür die Eulen und Fledermäuse wollten
ihre Abendbesuche machen und suchten vergebens den gewohnten Ausweg Auch
drunten im Walde knisterte und rauschte es das Wild brach aus dem Dickicht und
schritt in vollkommener Sicherheit über die Lichtung  Aus weiter Ferne von
Osten her da wo der Wald fast noch in unberührter Urwüchsigkeit und Wildheit
in tiefe Täler hinabstieg und an den jenseitigen Bergen ungebändigt wieder
hinaufkletterte klang bisweilen ein schwacher Knall herüber Elisabet
schmiegte sich dann jedesmal leise erbebend fester an die Mauer unter das
schützende Vordach als könne irgend ein unheimliches Augenpaar von dort herüber
bis zu ihr dringen die dort jagten hatten gebrochen mit dem Gesetze
    Noch kam keine Hilfe Ihre Sorge dass sich die Eltern ängstigen könnten war
sonach ganz unbegründet gewesen Auf alle Fälle vermuteten sie die Tochter noch
im Schloss waren vielleicht sehr ungehalten über ihr Ausbleiben und warteten
möglicherweise bis um zehn Uhr auf ihre Heimkehr So konnte Mitternacht
herankommen bis man sie erlöste
    Es wurde empfindlich kühl Fröstelnd zog sie die leichte Mantille über die
Brust zusammen und schlang das Taschentuch um den Hals Sie sah sich genötigt
die Bank zu verlassen und auf der Plattform hin und her zu gehen um sich vor
Erkältung zu schützen Oefters bog sie sich über das Geländer und sah hinab
    Über die Lichtung wogten und wallten weissliche Streifen wirbelten zusammen
und flatterten zerrissen wieder auseinander es waren die Nebel die dem
feuchten Waldboden entstiegen  Elisabet dachte nicht mehr wie bisher an
die buntschimmernde Pracht an die Anmassung und Eitelkeit die sich vor wenigen
Tagen da drunten gebläht hatten nicht mehr an die vielen nichtigen Worte die
da gefallen sein mochten und die ein Geschwirr hervorgebracht hatten als stehe
der Nonnenturm nicht auf altehrwürdigem türingischem Waldboden sondern erhebe
sich himmelstürmend an den Ufern des Euphrat Aus den Dunstwogen tauchten die
Schatten der Klosterfrauen auf mit starren leidenschaftslosen Zügen das
ausgeglühte Herz unter dem lang herabfliessenden Gewande und die wächserne Stirn
hinter der mattschimmernden Binde befreit von den unruhigen marternden
Gedanken die den Weg zwischen Himmel und Welt unausgesetzt durchlaufen hatten
und störrig immer wieder zurückgesunken waren auf die enge Erde voll Sünde und
böser Lust 
    Elisabet dachte an jene finstere Zeit da hier dunkle Mauern in die Lüfte
stiegen die Verbrechen eines adligen Mörders zu sühnen  kalte starre Mauern
um den zu versöhnen der uns das lebendige Wort gegeben hat der der Urquell der
warmen ewigen Liebe ist  Ob wohl all die geflüsterten Gebete der lebendig
Begrabenen all der Messgesang und Orgelklang vermocht hatten die Blutflecken
hinwegzuspülen die der Verbrecher hinauftrug zu den Füßen des Ewigen  Nein
und abermals nein Er lässt sich nicht Weihrauch streuen im Baalsdienste und
ändert niemals seine ewigen Beschlüsse nach dem einsichtslosen Begehr seiner
Kreaturen 
    Welch grauenvolles Stück Familiengeschichte derer von Gnadewitz erzählten
die zerbröckelnden Mauerreste da drunten  Und doch sollte ein Wesen das
sich seines Ringens und Strebens nach Tugend und geistigem Fortschreiten wohl
bewusst war erst Geltung erhalten in dem Augenblicke da es jenen Namen tragen
durfte Es musste erfahren dass sein reines Leben als ein Nichts galt
menschlicher Satzung gegenüber die in der Tat ein Hirngespinst ein Nichts
war
    War der Aberglaube der Hexen verbrannte finsterer als der Wahn der
Geburtsbevorrechtigung der in seinen Konsequenzen wahrlich nicht weniger
grausam als die Flamme des Scheiterhaufens manche schöne reiche Menschenseele
erstickt Jener Wahn der schnöde entgegentritt der Absicht des Allgütigen nach
welcher alle seine Kinder gleich aus seiner Hand hervorgehen gleich in der
äußeren Gestalt in ihrem Baue in der Ausrüstung ihrer Sinneswerkzeuge mit
denen der König wie der Bettler auf gleiche Weise genießt oder leidet gleich in
der Beschaffenheit des Lichtfunkens der diese äußere Hülle beseelt oder wo
wäre eine Seele die selbst auf dem Gipfel menschlicher Vollkommenheit nicht
ihre Schwächen hätte und wo der gesunkenste Mensch bei welchem unter dem
Schutte der Verkommenheit nicht noch wenigstens eine gute Eigenschaft
auftauchte  Und er der das Gepräge eines denkenden Geistes auf der ernsten
Stirn trug dessen Blick und Stimme wenn auch selten doch in einer Weichheit
schmelzen konnten wie sie nur aus einem Gemüte kommt welches tiefen
Erschütterungen zugänglich ist auch er stand unter dem Einflusse jener starren
Vorurteile Die zerbrechliche Form stellte er über das unsterbliche Recht des
Menschengeistes nach welchem wir frei denken und handeln sollen  Und war es
nicht gerade das höchste und heiligste Gefühl des menschlichen Herzens die
Liebe das so oft von jenem Systeme erbarmungslos zermalmt wurde Hätte
Elisabet in der Tat Hollfeld geliebt was wäre ihr Los gewesen ohne jene
Entdeckung  Und wäre  ein schneidender Zug flog um die zuckenden Lippen des
jungen Mädchens  in Herrn von Waldes Brust je eine Neigung für sie aufgetaucht
und er käme jetzt und böte ihr seine Hand Schrecklicher Gedanke Nie und nimmer
würde sie neben ihm leben können in dem Bewusstsein dass ihre unsägliche Liebe
nur insoweit erwidert werde als es die Konvenienz alterssteife verknöcherte
Gesetze gestatteten Einer solchen fortgesetzten Qual gegenüber verlor der
Schmerz der Entsagung viel von seiner Furchtbarkeit
    Mit verfinstertem Blick trat Elisabet in die Ecke des Geländers und sah
hinüber nach dem Lindhofer Schloss Dort herrschte das tiefste Schweigen Über
der ärmlichsten Hütte des Dorfes wie über dem stolzen Schlossbau flimmerte ein
und derselbe Stern und schickte seinen milden Schein unparteiisch hernieder
oder fiel wirklich ein vereinzelter Strahl des roten Lichtes dort auf die
Stelle wo der Wald sich lichtete und in den Park auslief Nein der Schimmer
stieg vom Boden auf und färbte rasch in den dichten Wald eindringend und
fortlaufend schwachrötlich die Wipfel Es war ohne Zweifel eine Fackel die den
schmalen Weg entlang getragen wurde auf welchem auch Elisabet bis zum
Nonnenturm gelangt war
    Einmal blieb das Licht unbeweglich stehen und in demselben Augenblicke
drang ein ferner Ruf bis zu Elisabet herüber Sie sagte sich freudig dass sich
Hilfe nahe dass sie gesucht werde und erhob ihre Stimme zu einer Antwort
obwohl sie wusste dass der schwache Laut die Rufenden nicht erreichen könne Noch
einen Augenblick verweilte der Schimmer dann kam er in fliegender Eile näher
und näher Das junge Mädchen unterschied bald die Flamme und sah wie beim
Niederstossen auf den Boden ein Funkenregen umhersprühte
    »Elisabet« scholl es plötzlich durch den Wald
    Die Stimme ging ihr durch Mark und Bein denn es war seine Stimme Herr von
Walde rief nach ihr in den Tönen unbeschreiblicher Angst
    »Hier« rief sie hinab »hier bin ich auf dem Turme«
    Der Fackelträger stürzte durch das Dickicht über die Waldblösse hinweg In
wenigen Augenblicken stand er drinnen auf den obersten Treppenstufen und
rüttelte mit gewaltiger Hand an der Tür Unmittelbar darauf erfolgten einige
kräftige Fussstösse und das alte Brettergefüge barst krachend auseinander
    Herr von Walde trat heraus auf die Plattform In der Linken hielt er die
Fackel und mit der Rechten zog er Elisabet in den Bereich der Flamme Er war
ohne Kopfbedeckung das dunkle Haar fiel ungeordnet auf die Stirn und eine tiefe
Blässe bedeckte sein Gesicht Sein Blick lief wie ein Blitz über ihre Gestalt
als wollte er sich überzeugen dass sie auch wirklich unverletzt vor ihm stehe
Er schien in einer unbeschreiblichen Aufregung zu sein die Hand die ihren Arm
umklammerte zitterte heftig er war im ersten Augenblicke keines Wortes
mächtig
    »Elisabet armes Kind« stieß er endlich seufzend hervor »Hierher in die
dunkle Nacht auf dies unheimliche Gemäuer hat Sie die Schmach getrieben die
Sie heute in meinem Hause erdulden mussten«
    Elisabet erklärte ihm dass ihr Verweilen hier oben kein freiwilliges
gewesen sei wie ja die geschlossene Tür beweise und erzählte in flüchtigen
Worten den Verlauf der Sache dabei schritt sie die Treppe hinab Er ging ihr
voraus und bot ihr die Hand um sie zu stützen aber sie fasste nach dem Strick
der als Treppengeländer diente und wandte die Augen weg um seine Bewegungen
ignorieren zu können
    In diesem Augenblicke erlosch die Fackel die ohnehin nur noch schwach
brannte in einem starken Luftzuge der durch eine offene Luke einströmte tiefe
Finsternis umgab die Hinabsteigenden
    »Geben Sie mir jetzt die Hand« sagte er in den befehlenden Ton von früher
verfallend
    »Ich halte mich am Geländer und brauche keine andere Stütze« entgegnete sie
abwehrend
    Kaum war das letzte Wort über ihre Lippen als sie sich von zwei Armen
umschlungen fühlte die sie ohne weiteres wie eine Feder vom Boden aufhoben und
die Treppe hinabtrugen
    »Törichtes Kind« sagte er indem er sie draußen auf dem Rasenplatze
niederließ »ich werde doch nicht leiden dass Sie sich auf den Steinfliesen des
Turmes die Glieder zerschmettern«
    Sie schlug den Weg ein der direkt nach dem Lindhofer Schloss führte er
war ja der kürzeste Herr von Walde schritt schweigend neben ihr her
    »Sie haben die Absicht heute von mir zu gehen ohne mir ein versöhnliches
Wort zu sagen« fragte er plötzlich stehen bleibend In seinem Tone stritten
Schmerz und verhaltener Groll »Ich habe das Unglück gehabt Sie zu beleidigen«
    »Ja Sie haben mir wehe getan«
    »Weil ich meinen Vetter nicht sofort zur Rechenschaft zog«
    »Das konnten Sie ja nicht seine Werbung geschah mit Ihrer Genehmigung Sie
so gut wie die anderen wollten mich zwingen Herrn von Hollfeld meine Hand zu
reichen«
    »Ich Sie zwingen  Kind wie schlecht verstehen Sie sich auf die
Erforschung eines männlichen Herzens  Ich war von einem finsteren Irrtume
befangen oder richtiger ich wollte diesen Irrtum vollends von mir werfen
wollte prüfen als ich ja sagte  Sie sollen im Gegenteil erfahren dass ich
alles entfernen werde was Sie an den heutigen Vorfall erinnern könnte  Sie
sind gern in Lindhof«
    »Ja«
    »Die Baronin Lessen wird das Schloss verlassen und ich will Sie bitten
meiner Schwester Stütze und Umgang zu sein wenn  wenn ich wieder in die weite
Welt hinausziehen werde wollen Sie«
    »Das kann ich Ihnen nicht versprechen«
    »Und warum nicht«
    »Fräulein von Walde wird meine Gesellschaft nicht wünschen und wenn auch
 ich habe heute schon einmal erklärt dass ich den neuen Namen nicht führen
werde«
    »Wunderliche Antwort  Das gehört nicht hierher  Ah jetzt verstehe
ich Endlich wird es hell vor meinen Augen Sie glauben also ich habe Hollfelds
Wahl gebilligt weil Ihnen plötzlich ein adliger Name zugefallen ist  wie
ists nicht so«
    »Ja das glaube ich«
    »Und folgern weiter dass ich Sie aus dem Grunde auch jetzt als Umgang für
meine Schwester wünsche  Sie sind überhaupt der Ansicht dass der Aristokrat
bei allem was ich tue und denke die erste Stimme hat«
    »Ja ja«
    »Nun dann frage ich Sie welchen Namen führten Sie als ich hier auf
diesem Wege Sie um einen Glückwunsch für mich bat«
    »Damals wussten wir noch nicht welches Geheimnis der Erker enthielt«
flüsterte Elisabet kaum hörbar
    »Haben Sie die Worte vergessen die Sie mir an jenem Tage nachsprechen
mussten«
    »Nein ich habe jede Silbe klar und fest im Gedächtnis« entgegnete das
junge Mädchen rasch
    »Nun und halten Sie es für möglich dass solche Worte enden könnten mit
einem und bleiben Sie gesund im neuen Jahre oder dergleichen«
    Das junge Mädchen antwortete nicht sah aber tief errötend zu ihm auf
    »Hören Sie mich einen Moment ruhig an Elisabet« fuhr er fort er selbst
aber war so wenig ruhig dass man das Klopfen seines Herzens in der schwankenden
von innerer Bewegung fast erstickten Stimme hören konnte »Ein Mann den das
Glück bevorzugte indem es ihm eine höhere Lebensstellung und Reichtum in die
Wiege legte misstraute diesen Vorzügen als er anfing selbständig zu denken Er
fürchtete dass gerade an ihnen das scheitern könne was er Lebensglück nannte
Er schuf sich deshalb in bezug auf die Wahl seiner Lebensgefährtin ein Ideal
nicht dass er außerordentliche geistige und körperliche Vorzüge beansprucht
hätte er suchte einfach ein Wesen im Besitze eines reichen und reinen Herzens
das kein Verständnis habe für die Vorteile des Ranges und Reichtums und sich
ihm nur ihm ohne jedwede Nebenrücksicht hingeben würde  Er kam allmählich
zu der Überzeugung dass sein Ideal ein Ideal bleiben werde denn er war über
seiner Erforschung nachgerade siebenunddreissig Jahre alt geworden  Wenn die
Hoffnung bereits die Flügel zusammenfaltet wenn es dunkel werden will dann hat
das in der zwölften Stunde noch plötzlich aufglühende Morgenrot etwas
Überwältigendes für die Menschenseele Sie wird aus dem Geleise gerissen und
eben die Verspätung das so lange erfolglose Harren stürzen sie in ein Meer von
Zweifeln und lassen sie nicht recht mehr an das unerwartete Glück glauben 
Elisabet er fand ein solches Herz das unterstützt von einem klar erwägenden
reich ausgestatteten Geiste hoch stand über jenen kleinlichen Interessen aber
es schlug in einer jungen mit dem höchsten Liebreize geschmückten Hülle  War
es da wohl ein Wunder wenn der gereifte Mann der wie er wohl wusste nichts
Bestechendes in seinem Äußern hatte misstrauisch und voll Angst auf einen
anderen blickte der Jugend und eine schöne Gestalt in die Wagschale legen
durfte  War es ein Wunder wenn er durch einen Blick eine Versicherung
eine Handlung des jungen Mädchens sich einen Augenblick zu den kühnsten
Hoffnungen hinreißen ließ um im nächsten der tiefsten Mutlosigkeit zu
verfallen wenn er jenen um sie bemüht sah War es nicht ganz begreiflich wenn
er fürchtete die Jugend werde sich zur Jugend gesellen  Nie hat wohl ein
männliches Herz glühender die Erfüllung seiner Wünsche herbeigesehnt als das
seinige nie aber auch mag feiger gezweifelt worden sein an einem Erfolge als
er in namenloser Qual gezweifelt hat  Und als man ihm sagte dass sein
kleiner vergötterter Liebling jenem andern angehören werde da leerte er den
Schmerzenskelch und sagte ja weil er wähnte er handle in ihrem Sinne 
Elisabet ich stand heute völlig vernichtet und verzweifelnd an der Schwelle
des Pavillons Sie wissen nicht was es heißt wenn der Schiffer alle seine
besten Schätze seine Kleinodien auf ein einziges Schiff häuft und dies vor
seinen Augen versinkt  Soll ich Ihnen beschreiben was ich empfand als Sie
so entschieden die Standeserhöhung von sich wiesen und somit eine Verbindung mit
Hollfeld unmöglich machten Soll ich Ihnen sagen dass mich nur der Zustand
meiner Schwester und die Rücksicht auf Sie selbst abhalten konnten den ehrlosen
Buben vor Ihren Augen zu züchtigen  Er hat bereits Lindhof verlassen und
wird nie wieder Ihren Weg kreuzen  Wollen Sie die Beleidigung vergessen die
Ihnen heute in meinem Hause widerfahren ist«
    Er hatte längst ihre beiden Hände ergriffen und hielt sie gegen seine Brust
Sie ließ es widerstandslos geschehen und bejahte mit bebenden Lippen seine
Frage
    »Und wollen wir nicht überhaupt alles vergessen meine süße kleine
Goldelse was sich zwischen Anfang und Schluss des Glückwunsches gedrängt hat
 Mein liebliches blondes Mädchen die Wonne meiner Augen meine kleine
Elisabet Ferber steht wieder vor mir und sagt folgsam Wort für Wort nach nicht
wahr  Der letzte Satz der so grausam unterbrochen wurde lautete«
    »Hier ist meine Hand als Bürge eines unaussprechlichen Glückes« stammelte
Elisabet
    »Ich will die Deinige sein im Leben und Sterben bis in alle Ewigkeit«
    Aber sie öffnete vergebens die Lippen um die Worte die er feierlich in
tiefster Bewegung sprach zu wiederholen Tränen stürzten aus ihren Augen und
sie schlang ihre Arme um den Hals dessen der sie jubelnd an seine Brust zog 
    »Nun flieht mein himmlischer Traum wieder von mir« sagte er mit einem
Seufzer als sich Elisabet endlich leise aus seinen Armen wand »Lasse mir
wenigstens deine Hand Elisabet ich muss erst lernen an mein Glück zu glauben
Wenn du heute von mir gehst werde ich in die Nacht der Zweifel zurückfallen 
Du bist dir klar und fest bewusst dass du jetzt unwiderruflich mein bist Du
weißt doch dass du nun Vater und Mutter und die traute Heimat auf dem Berge
verlassen musst um meinetwillen«
    »Ja das weiß ich und das will ich Rudolf« sagte sie lächelnd aber fest
    »Sei gesegnet mein Liebling für diese Worte  Aber du sollst die ganze
Schwäche meines Unglaubens kennen lernen War es nicht nur Erbarmen mit meiner
grenzenlosen Liebe was dich bewog meiner ungestümen Werbung nachzugeben«
    »Nein Rudolf es war die Liebe die in meinem Herzen lebt seit ich 
klingt das nicht seltsam  in deine zürnenden Augen sah seit ich deine Stimme
gehört hatte wie sie menschliche Grausamkeit und Härte unerbittlich richtete
Und sie ist seit jenem Augenblicke auch nie wieder von mir gewichen sie ist im
Gegenteil groß gewachsen und immer mächtiger geworden trotz all meines
Bestrebens sie zu vernichten trotz aller rauen Worte die oft genug tödlich
verwundeten«
    »Wer hat das getan«
    »Du selbst du warst heftig abstoßend gegen mich«
    »O Kind das waren die Ausbrüche einer wahnsinnigen Eifersucht Ich habe
mich mein ganzes Leben hindurch in der Selbstbeherrschung geübt aber jene
schrecklichste aller Qualen ließ sich nicht hinter den Schild zwingen  Und
deshalb wollte mein kleines Mädchen den Himmel zerstören den sie mir jetzt
eröffnet«
    »Deshalb nicht das wäre auch ganz vergebliche Mühe gewesen denn ein warmer
Blick von dir machte alles wieder gut aber es trat ein anderer hartnäckiger
Streiter in die Schranken  das war der Verstand. Er hatte sich die allgemein
verbreitete Sage von deinem unglaublichen aristokratischen Hochmute wacker
eingelernt und wiederholte mir bei jeder Aufwallung meines Herzens eindringlich
den Grund weshalb du die Hand einer fürstlichen Hofdame zurückgewiesen haben
solltest«
    »Ah die sechzehn Ahnen« rief Herr von Walde lächelnd »Siehst du kleine
Goldelse das ist das Walten der Nemesis« fuhr er ernster fort »Um
Widerwärtigkeiten zu entgehen griff ich ohne weitere Überlegung zu dem ersten
besten Mittel das wie ich jetzt merke mich um ein Haar mein ganzes Lebensglück
gekostet hätte  Ich verkehre sehr gern mit dem Fürsten von L aber der
Aufenthalt an seinem Hofe wurde mir eine Zeitlang gründlich verleidet durch die
Heiratspläne mit denen mich besonders die Prinzessin Katarine verfolgte Sie
hatte sich in den Kopf gesetzt aus einer ihrer Hofdamen und mir ein Paar zu
machen Dass mir das Mädchen völlig gleichgültig sein könne hielt man für
unmöglich da sie für eine der ersten Schönheiten galt und vieler Herzen
umstrickt hatte All mein Protestieren half nichts man spann die kleine Intrige
immer weiter und so schnitt ich sie eines Tages kurz ab indem ich Ihrer
Durchlaucht erklärte dass mich eine derartige Wahl eines meiner Güter kosten
würde denn es falle laut Testament meines Onkels dem Staate anheim wenn ich
eine Gattin heimführen sollte die nicht ihre sechzehn Ahnen habe  Mit jener
Erklärung hatten alle Quälereien ein Ende im ganzen kleinen Lande ist ja kein
solcher Stammbaum zu finden und man begriff völlig dass ich mein Gut zu
behalten wünschte«
    »Und um meinetwillen erleidest du jetzt einen solchen Verlust« rief
Elisabet betroffen
    »Es ist kein Verlust Elisabet es ist nur ein Tausch ein Tausch bei
welchem ich einen unermesslichen Schatz des Lebens höchste Glückseligkeit
gewinne«
    Eine Fackel tauchte seitwärts im Dickicht auf
    »Halt hierher« rief Herr von Walde
    Einer seiner Diener stand alsbald vor ihm Er beauftragte denselben so
rasch wie möglich hinauf nach Gnadeck zu eilen und Fräulein Ferbers Zurückkunft
anzumelden
    Der Bediente eilte spornstreichs davon
    »Ich bin sehr egoistisch gewesen Elisabet« sagte Herr von Walde indem er
ihren Arm in den seinen legte und nun ungesäumt mit ihr vorwärts schritt »Ich
wusste dass deine Verwandten in großer Angst und Unruhe um dich sind Vater und
Onkel suchen dich drüben im fürstlichen Waldreviere meine sämtlichen Leute und
die Lindhofer Bauern durchstreifen deinetwegen die Gegend nach allen Richtungen
hin und ich vergaß alles in dem Augenblicke als ich dich fand«
    »Meine armen Eltern« seufzte Elisabet nicht ohne Gewissensbisse auch für
sie war ja die ganze Welt versunken als er gekommen war sie zu befreien
    »Friedrich hat flinke Füße« tröstete Walde »er wird lange vor uns auf dem
Berge sein und die Deinen beruhigen«
    Sie traten in den Park ein und schritten am Schloss vorüber Es lag finster
und schweigend da Nur aus Helenes Schlafzimmer schimmerte gedämpftes
Lampenlicht
    »Dort wird jetzt ein Kampf auf Leben und Tod gekämpft« murmelte Herr von
Walde hinüberblickend »Sie hat den Elenden wahrhaft fanatisch geliebt wie
furchtbar muss die Erkenntnis sein«
    »Gehe hinauf und tröste sie« bat Elisabet
    »Trösten In solchem Augenblicke  Kind mir hätte einer mit Trostgründen
kommen sollen als ich dich zu verlieren glaubte  Helene hat sich
eingeschlossen seit ich den Befehl gegeben habe man möge Herrn von Hollfelds
Pferd vorführen aber die Kammerfrau ist in ihrer Nähe Es wird einer längeren
Zeit bedürfen ehe sie mich sucht und meinen Anblick wünscht denn sie hat sich
um jenes Erbärmlichen willen von mir losgerissen ein Mensch aber der so schwer
getäuscht wurde kehrt selten augenblicklich zurück zu denen die ihn gewarnt
haben  Übrigens werde ich heute mein Haus nicht wieder betreten ohne mich
versichert zu haben dass deine Eltern dich mir nicht entreißen wollen«
    Seitwärts zweigte sich der Weg ab an welchem die bewusste Gartenbank stand
    »Weißt du noch« fragte Elisabet lächelnd und deutete hinüber
    »Ja ja Dort sprachst du den kühnen Entschluss aus als Erzieherin in die
weite Welt zu gehen und ich nahm mir die Freiheit zu denken dass ich dies nun
und nimmer zugeben würde Es bedurfte all meiner Selbstbeherrschung dass ich den
kleinen verwegenen Zugvogel nicht sofort in meine Arme nahm und sein goldenes
Köpfchen voll trotziger stolzer Gedanken an meine Brust drückte  Dort
entlockte ich dir das unbewusste naive Geständnis dass deine Eltern noch den
ersten Platz in deinem Herzen behaupteten Aber du nahmst auch eine abweisende
kühle Haltung an als ich mich unterfangen wollte vertrauensvoll zu sprechen«
    »Das war Schüchternheit  und ich bin noch nicht sicher ob ich nicht
morgen wenn ich deine strenge Stirn bei Tagesbeleuchtung sehe in meine
Verzagteit zurückfalle«
    »Sie wird nicht mehr streng aussehen mein Kind das Glück hat sie mit
weichem Finger berührt« 
    Bald nachher erlebten die alten Buchen die über die Waldblösse hinweg in das
hellerleuchtete Ferbersche Wohnzimmer sehen konnten ein seltenes Schauspiel
Ein hoher Mann dessen Gesicht die Blässe tiefer innerer Bewegung bedeckte
führte die Tochter den Eltern zu um sie in demselben Augenblicke
zurückzufordern als sein künftiges Weib sein zweites Ich Die alten Buchen
sahen wie er die junge Braut in die Arme nahm und so den Segen der
erschütterten Eltern empfing sahen wie ein unter Tränen lächelndes
Muttergesicht dankend zum Himmel aufblickte und wie der kleine Ernst an
Hänschens Käfig rüttelte um dem verschlafenen Sänger im gelben Fracke feierlich
zu verkünden dass die Else merkwürdigerweise Braut sei
 
                                       20
Während im Zwischenbau auf dem alten Gnadeck Glück und Freude einzogen
ereignete sich ein Fall trauriger Art unten im Tale
    Zwei Lindhofer Bauern die mit Fackeln versehen nach Elisabet suchten
hörten als sie von ihrem Dorfe her nach dem Walde schritten vor sich plötzlich
ein heftiges Knurren es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes Nicht
weit von ihnen lag eine Gestalt quer über den Weg hingestreckt ein großer Hund
stand daneben und hatte wie zur Verteidigung beide Vorderpfoten auf das am
Boden liegende Wesen gestellt Das Tier wurde wütend bei Annäherung der Männer
fletschte die Zähne und machte Miene auf sie loszuspringen Sie wagten sich
nicht weiter und liefen in das Dorf zurück wo sich in demselben Augenblicke
mehrere Fackelträger zusammenfanden unter ihnen der Oberförster der soeben
durch Herrn von Waldes Bedienten erfahren hatte dass Elisabet gefunden sei
    Sofort eilten alle nach der bezeichneten Stelle Diesmal knurrte der Hund
nicht Er winselte und kroch schwanzwedelnd bis zu den Füßen des Oberförsters
es war Wolf sein Hofhund und dort lag anscheinend leblos Berta Sie blutete
aus einer Kopfwunde und das Gesicht hatte die Blässe des Todes
    Der Oberförster sagte kein Wort Er vermied es den mitleidigen Blicken der
Umstehenden zu begegnen in seinen Zügen kämpften Groll und Schmerz Er hob
Berta vom Boden auf und trug sie in das letzte Haus des Dorfes es war das
Weberhäuschen Von dort aus schickte er einen Boten nach Sabine Zum Glück
verweilte der Wahlheimer Arzt noch bei einem Patienten im Dorfe Er wurde
herbeigeholt und brachte die Ohnmächtige sehr bald wieder zu sich Sie erkannte
ihn und verlangte nach einem Trunke Wasser Ihre Wunde war ungefährlich aber
der Arzt schüttelte den Kopf und warf einen seltsamen Blick auf den Oberförster
der mit besorgter Miene seine Manipulationen verfolgte
    Der Doktor war ein gerader Mann von etwas rauen derben Manieren Er trat
plötzlich auf den Oberförster zu und sagte ihm mit nicht sehr unterdrückter
Stimme einige Worte
    Wie von einem tödlichen Schusse getroffen taumelte der alte Mann zurück
starrte den Doktor an wie geistesabwesend und ohne auch nur eine Silbe zu
erwidern ohne einen Blick auf die Kranke zu werfen schritt er zur Tür hinaus
    »Onkel Onkel verzeihe mir« schrie das Mädchen mit herzzerreissender Stimme
auf aber er war schon verschwunden in der dunklen Nacht draußen
    Dafür erschien Sabine atemlos auf der Schwelle Eine Magd folgte ihr und
trug ein ungeheures Bündel Bettstücke auf dem Kopfe und einen Handkorb voll
Verbandzeug Erfrischungen und aller möglichen praktischen und nötigen Dinge am
Arme
    »Gott im Himmel was machen Sie für Streiche Bertchen« rief die Alte mit
Tränen in den Augen als sie das entfärbte Gesicht mit dem Verbande über der
Stirn auf dem Kissen liegen sah »Und gerade heute mittag wie Sie fortgingen
kamen Sie mir munterer vor Sie hatten so schöne rote Backen«
    Das Mädchen vergrub das Gesicht in das Bett und verfiel in ein
konvulsivisches Schluchzen
    Der Arzt gab Sabine einige Verhaltungsregeln verbot der Kranken streng
alles Reden und verließ das Zimmer
    »Nicht sprechen soll ich« rief Berta indem sie sich im Bette aufsetzte
»Solch einem alten Manne mit dem kühlen Blute in den Adern und den abgemessenen
Gedanken unter den weißen Haaren dem mag das Schweigen freilich leicht werden
Aber ich ich muss sprechen Sabine und wenn es mir den Tod bringt desto
besser«
    Sie zog die Haushälterin auf den Bettrand und beichtete bitterlich weinend
ihre Schuld
    Sie hatte ein Liebesverhältnis mit Hollfeld gehabt Er hatte ihr
versprochen sie zu heiraten sie dagegen hatte ihm feierlich schwören müssen
dass sie das Verhältnis geheimhalten und ihre Rechte auch nicht eher öffentlich
geltend machen wolle als bis er sie dazu autorisiere denn er musste wie er
vorgab seine Mutter und die Verwandten in Lindhof berücksichtigen die er erst
ganz allmählich seinen Wünschen geneigt machen könne Die Unbesonnene schwur
und exaltiert wie sie war fügte sie das Gelübde hinzu dass anderen gegenüber
nicht eher wieder ein Wort über ihre Lippen kommen solle als bis sie der Welt
ihr stolzes Geheimnis mitteilen dürfe Die Zusammenkünfte beider fanden
gewöhnlich im Nonnenturme oder im Pavillon des Lindhofer Parkes statt Niemand
kam ihnen auf die Spur Nur die Baronin Lessen hatte eines Tages Verdacht
geschöpft infolgedessen sie in den heftigsten Zorn geriet und dem Mädchen den
ferneren Zutritt im Lindhofer Schloss verbot
    Das erschütterte Bertas kühne hochstrebende Hoffnungen nicht denn
Hollfeld tröstete sie und verwies sie auf die Zukunft  Aber da kam Elisabet
Ferber und von jenem Augenblicke an war er ein anderer Er vermied sie und
wenn sie ihn endlich durch Drohungen zu einer Zusammenkunft zwang zeigte er ihr
eine höhnische Kälte eine Nichtachtung die ihr das Herz umwendeten und ihr
leidenschaftliches Gemüt bis zur Wut empörten
    Als sie endlich erkannte dass sie es mit einem Ehrlosen zu tun habe da
wurden ihr die ganzen Schrecken ihrer Lage klar Sie geriet in Verzweiflung und
von da an begannen ihre nächtlichen Wanderungen Kein Schlaf berührte ihre
Augen und nur draußen im nachtstillen einsamen Walde wo sie ihren heißen
Schmerz ihre Seelenangst ausschreien durfte ward sie momentan ruhiger
    Endlich fand das Drama seinen Schluss wie dergleichen Liebesdramen schon
unzähligemal geschlossen haben und wohl noch ebenso oft schließen werden denn
das warnende Exempel hat wohl Kraft für den Verstand nie aber für ein arglos
liebendes weibliches Herz Hollfeld bot der Betörten eine Summe Geldes wenn
sie ihre Ansprüche aufgeben und sich in eine entfernte Stadt zurückziehen wolle
Er gab vor dass seine Mutter und die Lindhofer Verwandten ihn zwängen das
»neugebackene Fräulein von Gnadewitz« zu heiraten Sie schalt ihn einen
ehrvergessenen Lügner und stürzte wie rasend fort  Zornflammend und
rachedürstend drang sie in das Zimmer seiner Mutter und sagte ihr alles
    Bis dahin hatte Berta unter heftigen Gestikulationen mitunter von
Schluchzen und Weinen unterbrochen in geordneter Reihenfolge erzählt Jetzt
aber schwieg sie einen Augenblick und ein Ausdruck von unauslöschlichem Hasse
entstellte ihr fiebergerötetes Gesicht
    »Das abscheuliche Weib« rief sie endlich mit fliegendem Atem »hat stets
Bibelsprüche auf den Lippen Sie strickt und näht und sammelt Tag und Nacht für
die Mission die Gottes Wort unter die Heiden tragen soll damit sie menschlich
werden unmenschlicher und grausamer aber können sie nicht sein in ihrer
Unwissenheit als diese Christin in ihrem Hochmute Den Götzendienst will sie
ausrotten helfen diese Hochgeborne sie selbst aber macht sich zum Götzen
umgibt sich mit Kriechern Schmeichlern und Speichelleckern welche ihr stets
wiederholen müssen dass sie zu den Auserwählten gehöre die aus ganz anderem
Stoffe gemacht sein sollen als die übrigen Menschenkinder Wehe wenn ein
gerader ehrlicher Mensch diese Meinung nicht teilt seine Schuld ist nicht
geringer als die des Gotteslästerers  Sie stieß mich vor die Tür und
wollte mich mit Hunden aus dem Schloss hetzen lassen wenn ich mich je wieder
blicken ließe  Von dem Augenblicke an weiß ich nicht mehr was mit mir
vorgegangen ist« sagte sie erschöpft in die Kissen zurücksinkend während sie
die Hand gegen die schmerzende Stirn presste »Ich weiß nur dass ich erwachte und
das Gesicht des Doktors über mir sah  Er hat dem Onkel meine Schmach
mitgeteilt ich hörte es  Was soll aus mir werden«
    Sabine hatte die Beichte mit Schauder und Schrecken gehört Sie hielt streng
auf einen reinen Lebenswandel und war eine unnachsichtige Richterin für
Fehltritte wie sie Berta bekannt hatte Aber sie besaß auch ein Herz reich an
Liebe und tiefem Erbarmen Deshalb sah sie jetzt mit Tränen auf die
zerknirschte Verirrte und legte tröstend und beschwichtigend das müde Haupt an
ihre Brust Sie hatte die Genugtuung dass das Mädchen wie ein müdegeweintes
Kind in ihren Armen einschlief
    Bald hörte man nur noch die ruhigen Atemzüge der Kranken und das leise
Ticken der Wanduhr im engen Stübchen Sabine zog die Brille und ein abgerissenes
Exemplar des Neuen Testamentes aus dem Handkorbe und wachte treulich bis das
helle Morgenlicht durchs Fenster schaute
    Berta starb nicht wie sie gehofft hatte infolge ihrer erschütternden
Bekenntnisse Sie erholte sich im Gegenteile wunderbar schnell unter Frau
Ferbers und Sabines Pflege Ein Anfall von Geistesstörung war nicht
wiedergekehrt Die Kopfwunde die von einem Falle auf einen spitzen Stein
herrührte war durch den starken Blutverlust den sie zur Folge hatte
heilbringend geworden
    Der Oberförster war außer sich über die Schande die Berta unter sein
ehrliches Dach gebracht Selbst dem ruhigen Zuspruche seines Bruders war er in
den ersten Tagen nicht zugänglich Nachdem ihm Sabine Bertas Bekenntnisse
mitgeteilt hatte ritt er sofort nach Obenberg um den »nichtswürdigen Buben«
zur Rede zu stellen aber die Dienerschaft berichtete ihm achselzuckend der
gnädige Herr sei auf unbestimmte Zeit verreist und man wisse nicht wohin Auch
Herrn von Waldes Nachforschungen blieben ohne Erfolg
    Berta selbst erklärte dass sie von ihrem Verführer den sie jetzt ebenso
glühend hasse wie sie ihn ehedem geliebt habe nichts wieder hören wolle
Wenige Wochen nach ihrer Wiederherstellung verließ sie das Weberhäuschen  das
Forstaus hatte sie nicht wieder betreten dürfen  um nach Amerika auszuwandern
Aber sie ging nicht allein Ein Jägerbursche ihres Onkels ein braver junger
Mann bat eines Tages um seine Entlassung weil er die Berta immer im stillen
geliebt habe und es nun nicht übers Herz bringen könne sie so
mutterseelenallein in die weite Welt ziehen zu lassen Sie habe ihm versprochen
die Seine zu werden In Bremen wolle er sich mit ihr trauen lassen und es dann
drüben mit dem Farmerleben versuchen Herr von Walde unterstützte das Paar mit
einer bedeutenden Summe Geldes und auf Frau Ferbers und Elisabeths Bitten ließ
es der Oberförster stillschweigend geschehen dass Sabine die aufgespeicherten
Leinenschätze der seligen Oberförsterin plünderte um die künftige Farmerin
anständig auszustatten
    Es war ein trüber nebeliger Herbsttag als ein bepackter Reisewagen das
Lindhofer Schloss verließ und die Richtung nach L einschlug Völlig
zusammengebrochen und vernichtet drückte sich die Baronin Lessen in die Ecke des
Wagens Ihre glänzende Rolle in Lindhof war zu Ende sie kehrte unfreiwillig
zurück in enge Räume und dürftige Verhältnisse
    »Mama« sagte Bella mit ihrer scharfen kreischenden Stimme während sie das
Glasfenster unablässig auf und nieder zog und mit den Füßen baumelte »gehört
denn nun das Schloss der Elisabet Ferber Wird sie in unserem schönen Wagen mit
den weißen Seidendamastpolstern fahren Darf sie jetzt in deinen Salon gehen und
sich auf die schönen gestickten Fauteuils setzen Der alte Lorenz sagt sie
werde nun die gnädige Frau und alles was sie befehle müsse geschehen«
    »Kind martere mich nicht mit deinem Geschwätze« stöhnte die Baronin und
versenkte das Gesicht in das Taschentuch
    »Es ist doch sehr dumm von Onkel Rudolf dass er uns fortschickt« fuhr die
Kleine unerbittlich fort »Gelt wir haben in B keine silbernen Teller von
denen wir essen werden Mama Ich weiß es noch von früher  Und einen Koch
haben wir auch nicht Werden wir wieder aus dem Speisehause essen Mama 
Wirst du dich wieder selbst frisieren wenn die Karoline wäscht und bügelt
Warum «
    »Schweig« unterbrach die Mama den Schwall von Worten deren jedes zur
Dolchspitze für sie wurde
    Bella kauerte sich erschrocken in die Ecke und tauchte erst wieder empor
als der Wagen über das Strassenpflaster in L rasselte Die Baronin dagegen warf
einen scheuen Blick hinauf nach dem Schloss dann zog sie den Schleier hastig
über das Gesicht und brach in ein heftiges Weinen aus
    Es war infolge von Bertas Geständnissen zu einem heftigen Auftritte
zwischen Herrn von Walde und der Baronin gekommen der mit Ausweisung der
letzteren endete Helene stieß sie mit Abscheu zurück als sie Hilfe und
Fürsprache bei ihr suchte und so sah sie sich gezwungen den Reisewagen zu
besteigen der pünktlich zu der vom Schlossherrn bestimmten Stunde an der
Einfahrt hielt  In den Wermutbecher fiel übrigens ein Tröpfchen Süßigkeit
Herr von Walde hatte ein Erziehungsgeld für Bella ausgesetzt unter der
Bedingung dass sie von nun an vernünftiger erzogen werde als bisher geschehen

    Fast zur nämlichen Stunde da die Baronin Lessen Lindhof für immer verließ
erschien die Oberhofmeisterin von Falkenberg im Boudoir der Fürstin die in
Begleitung ihres Gemahls vor wenigen Tagen aus dem Bade zurückgekehrt war
    Die Oberhofmeisterin verbeugte sich so tief wie es ihre unsicheren
Fundamente nur irgend gestatteten aber es geschah in einer eigentümlichen Hast
die sie bei jedem anderen Eintretenden höchst indigniert als etikettenartig
gerügt haben würde Sie hielt einen offenen Brief in den Händen der seine
ursprüngliche Glätte offenbar erst zwischen den zitternden Fingern eingebüßt
hatte
    »Ich bin sehr unglücklich« begann sie mit alterierter Stimme »den
durchlauchtigsten Herrschaften eine skandalöse Nachricht unterbreiten zu müssen
 O mon dieu wer hätte das gedacht  Nun wenn selbst in dieser Sphäre
Scham und höheres Bewusstsein aufhören wenn jeder der Eingebung einer gemeinen
Neigung folgen will und seine heiligen Vorrechte unter die Füße des Pöbels
wirft dann ist es freilich kein Wunder dass wir zuletzt den Nimbus nicht mehr
zu halten vermögen und das Volk sogar an den Tronen zu rütteln wagt«
    »Alterieren Sie sich nicht meine liebe Falkenberg« sagte der Fürst der
zugegen war sichtlich amüsiert »Ihre Einleitung hat etwas vom grandiosen Stile
der Kassandra  Aber ich spüre bis jetzt noch nichts von dem geweissagten
Erdbeben und zu meiner Befriedigung bemerke ich auch«  sein Blick streifte
lächelnd drunten den stillen Marktplatz  »dass meine getreuen Untertanen sich
ruhig verhalten  Was haben Sie mir mitzuteilen«
    Sie sah betroffen zu ihm auf sein sarkastischer Ton machte sie unsicher
    »O wenn Durchlaucht wüssten« rief sie endlich »Gerade er auf dessen
stolzes Blut ich Häuser gebaut haben würde Herr von Walde zeigt mir an dass er
sich verlobt habe und mit wem mit wem«
    »Mit Fräulein Ferber der Nichte meines alten braven Oberförsters«
ergänzte der Fürst lächelnd »Ja ja ich habe schon so etwas gehört  Der
Walde ist nicht auf den Kopf gefallen wie ich merke Die Kleine soll ein wahres
Wunder von Schönheit und Liebenswürdigkeit sein  Nun ich hoffe er lässt uns
nicht lange warten auf die allerliebste kleine Bekanntschaft und stellt sie uns
bald vor«
    »Durchlaucht« rief die Oberhofmeisterin erstarrt »sie ist die Tochter
Höchstihres Forstschreibers«
    »Ja ja beste Falkenberg« beschwichtigte die Fürstin »das wissen wir ja
Aber beruhigen Sie sich nur sie ist ja eigentlich doch von Adel wie ich gehört
habe«
    »Erlauben Eure Durchlaucht gnädigst« entgegnete die alte Dame hochrot im
Gesicht und deutete auf den zerknitterten Brief »hier steht sie schwarz auf
weiß diese Verlobung mit einer Bürgerlichen hier steht der Name Ferber und
kein anderer und so wird er auch auf dem Stammbaume derer von Walde stehen für
alle Zeiten scheint es doch als ob ihn der Herr Bräutigam auch noch mit einer
gewissen Ostentation betone  Dass diese Menschen mit dem edelen Geschlechte
der Gnadewitze nichts gemein haben beweisen sie am schlagendsten dadurch dass
sie den herrlichen alten Namen nicht zu würdigen wissen indem sie sich in
unbegreiflicher Indolenz weigern ihn zu führen Der versprengte Tropfen nobles
Blut ist im Laufe der Jahre verkommen in ihren Adern und für meine
Adelsbegriffe ist und bleibt das Mädchen unadlig  Ich beklage aufrichtig den
armen Hollfeld der wie Eure Durchlaucht doch gewiss gnädigst zugeben werden
ein Kavalier vom reinsten Wasser ist er verliert durch diese Mesalliance
mindestens eine halbe Million und die unglückliche Lessen von der ich mit der
Verlobungsanzeige zugleich einige trostlose Abschiedszeilen erhielt verlässt
heute noch Lindhof jedenfalls um der skandalösen Geschichte aus dem Wege zu
gehen«
    »Das sind Dinge die speziell Ihr freundschaftliches Gefühl berühren und
deshalb will ich nicht rechten mit Ihnen über die Art und Weise Ihrer
Auffassung« entgegnete der Fürst nicht ohne Schärfe »Übrigens will ich Sie
hiermit ersucht haben der Fürstin und mir sofort Anzeige zu machen wenn Herr
von Walde uns seine Braut vorzustellen wünscht«
    Drin im Nebenzimmer dessen Tür offen stand drehte sich Kornelie lustig
auf dem Absatz herum und schlug ein Schnippchen
    »Ah also deswegen wollte der Herr Eisbär der Zunge gewisser redseliger
Damen entgehen« rief sie mit unterdrücktem Lachen »Kornelie wo blieb damals
dein untrüglicher Scharfblick für das Verliebtsein der Männer  Übrigens
macht mir die Geschichte unendlichen Spaß um der alten Falkenberg willen«
wandte sie sich flüsternd an eine andere junge Dame die stickend am Fenster
saß »Jetzt werden wir mindestens vierzehn Tage lang das Vergnügen haben zu
sehen wie die vielgetreue Royalistin unsere Durchlauchten am liebsten mit den
Blicken spiessen möchte sobald sie ihr ahnungslos den Rücken zukehren während
sie den Honigseim des gelobten Landes über ihre welken Lippen fließen lässt wenn
der Sonnenschein der fürstlichen Augen auf sie fällt Um dieses Genusses willen
möchte man wirklich wünschen dass unsere sämtlichen Herren solche dumme Streiche
machten«
    »Um Gotteswillen Kornelie bist du wahnsinnig« rief die Kollegin im
Fenster und ließ entsetzt die Nadel fallen 
    Und wiederum in der nämlichen Stunde da sich selbst das kleinste Tröpflein
Blut in den aristokratischen Adern der Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg
empörte trat Doktor Fels heimkehrend in die Kinderstube wo seine Frau eben das
Kleinste badete und dabei die strickenden Fingerchen ihrer zwei kleinen Töchter
beaufsichtigte
    »Frau freue dich mit mir« rief er mit strahlendem Gesichte schon vor der
Tür »Lindhof bekommt eine Herrin und was für eine  Goldelse die schöne
Goldelse wirds hörst du mein Schatz  Nun wirds wieder hell und sonnig da
draußen Der gesunde Gedanke siegt und der finstere Geist der auf die armen
Menschenseelen einen wahren Mehltau geworfen hatte entflieht  ich habe ihn
eben im Reisewagen des Herrn von Walde vorbeirasseln sehen Draußen in Lindhof
mögen vor einer Stunde der unsichtbaren Kreuze genug in der Luft herumgeflogen
sein  Die Verlobungsanzeige ist wie eine Bombe in unsere gute Stadt gefallen
Ich sage dir es ist eine wahre Lust die langen die ungläubigen und die
neidischen Gesichter alle zu sehen  Mich aber hat sie ganz und gar nicht
überrascht diese Nachricht Ich wusste seit der Attentatgeschichte was kommen
würde Als ich noch an demselben Abende an Herrn von Waldes Seite nach Lindhof
rollte um zu sehen ob die Alteration für das kleine kühne Mädchen keine
nachteiligen Folgen gehabt habe da merkte ich plötzlich dass endlich auch seine
Stunde geschlagen hatte dass auch er ein Herz habe und zwar eines voll tiefer
leidenschaftlicher Liebe«
Will der Leser einen Zeitraum von zwei Jahren überspringen und noch einmal an
unserer Hand die Gnadecker Ruinen betreten so führen wir ihn auf den Windungen
einer breiten schönen Fahrstrasse den Berg hinauf vor das Schlosstor das neu
angestrichen seine rostigen Schlösser und Bänder mit neuem Eisenwerke
vertauscht hat
    Wir gedenken fröstelnd des kalten feuchten Hofraumes hinter diesem
Haupttore den düstere Kolonnaden an drei Seiten einschliessen während die
oberen Stockwerke die mörderische Absicht zeigen auf uns herabzustürzen Wir
erinnern uns des einsamen Wasserbeckens inmitten des Hofes das von den
steinernen Löwen beherrscht seit vielen Jahren vergebens auf die silberhellen
Fluten hofft die sein Rund ausfüllen sollen
    Mit diesen Vorstellungen läuten wir Auf den tiefen Klang der Glocke öffnet
alsbald eine frische kräftige Magd den schweren Torflügel und bittet uns
einzutreten Wir aber weichen wie geblendet zurück denn aus der Türöffnung
quillt uns ein Licht und Farbenstrom entgegen Die Ruinen sind verschwunden
nur die hohe eisenfeste Ringmauer steht noch und lässt uns jetzt erst recht
erkennen wie ausgedehnt der Raum ist den sie umschließt
    Wir treten nicht auf das hallende Steinpflaster des Hofes unter dem Fuße
weicht hoch aufgeschichteter Kies Vor uns dehnt sich eine prächtige
wohlgepflegte Rasenfläche In ihrer Mitte ruht die ungeheure Granitschale und
aus den dräuenden Löwenrachen rauschen vier gewaltige Wasserstrahlen Die
Kastanien stehen noch als treue Wächter um das Bassin aber seit sie ihre Wipfel
in dem freien frischen Luftstrome baden haben sie sich erholt und sind in
diesem Augenblicke mit zahllosen weißen Blütenkerzen besteckt
    Wir biegen in einen der Kieswege die das Rasenrund umschließen wandeln
zwischen geschmackvoll angelegten freilich noch schwach entwickelten Bosketts
und weiden unsere Augen an blühenden Sträuchern und augenscheinlich zärtlich
gepflegten Blumenbeeten die buntfarbig auf dem Rasen liegen
    Da drüben liegt der Zwischenbau Die Luft bestreicht jetzt seine vier Wände
die ein sauberes helles Kleid angelegt haben aber seine Fronte ist stattlicher
geworden An jeder Seite blitzen neue Fenster Ferber hat das Haus um vier
Zimmer erweitern lassen denn der Oberförster will wenn er sich ins Privatleben
zurückzieht mit Sabine da droben wohnen
    Im Ferberschen Wohnzimmer dessen zwei hohe Fenster jetzt dieselbe Aussicht
gewähren wie früher nur das Bogenfenster in Elisabeths ehemaligem Stübchen 
Herr von Walde hat die Bäume lichten lassen damit die Eltern das Heim ihres
Kindes immer vor Augen haben  also im Wohnzimmer steht die junge Frau von
Walde Sie ist mehrere Wochen an das Haus gebannt gewesen und ihr erster
Ausgang führt sie auf den Berg um ihren Erstgeborenen im grosselterlichen Hause
vorzustellen  Da liegt er auf ihrem Arme Miss Mertens oder vielmehr die
längst glücklich verheiratete Frau Reinhard hat den Kleinen heraufgetragen und
schiebt vorsichtig den schützenden Schleier zurück Das frische rote
Gesichtchen trägt die Züge derer von Walde und aus dem Spitzenhäubchen fällt
ein feiner dunkler Haarstreifen auf die Stirn Ernst will sich totlachen über
die täppischen Bewegungen der drallen roten Fäustchen die sich nach allen
Richtungen hin recken und strecken Der Oberförster aber hat in eigentümlich
ängstlicher Haltung seine eigenen gewaltigen Hände auf den Rücken gelegt als
fürchte er durch irgend eine seiner kräftigen Bewegungen dem winzigen
Geschöpfchen einen Schaden zuzufügen Er ist nicht minder entzückt von seinem
Grossneffen wie die Grosseltern von ihrem Enkelchen Er hat die schlimme
Erfahrung bezüglich Bertas verschmerzt und sonnt sich in Elisabeths Glück das
ihm anfangs wunderbar genug vorkam und von welchem er behauptete er müsse
jeden Morgen von neuem lernen daran zu glauben Nicht etwa dass er gemeint
hätte es sei zu außerordentlich für seinen kleinen Liebling  er hätte wohl die
höchste Krone der Erde auf Elisabeths reiner Stirn als ganz an ihrem Platze
gefunden  es war ihm nur sehr verwunderlich das junge Wesen »mit den
quecksilbernen Füßen und dem sonnigen Gesichte« so hingebend an der Seite des
ernsten gereiften Mannes zu sehen
    Elisabet ist glücklich in des Wortes höchster Bedeutung Ihr Mann betet sie
an und sein Ausspruch ist wahr geworden jener Ausdruck von Melancholie und
Strenge scheint für immer von seiner Stirn gewichen zu sein
    Sie blickt in diesem Augenblicke glückselig auf das zarte Wesen in ihrem
Arme und dann hinunter ins Tal wo er bald über den Kiesplatz schreiten und
heraufeilen wird um sie und das Kleine abzuholen  Einen Moment verdunkelt
sich ihr Blick und wird feucht er fällt auf ein hohes vergoldetes Kreuz das
aus dem Wäldchen am See aufbljetzt dort unter den rauschenden Wipfeln in einem
prächtigen Mausoleum schlummert Helene seit einem Jahre Sie ist in Elisabeths
Armen gestorben mit dem Gebete auf den Lippen dass Gott die segnen möge die
des Grames Last treulich mit ihr getragen und sie gestützt hat bis die
gebrochene Seele sich losringen durfte von der hinfälligen Hülle
    Hollfeld hat Odenberg verkaufen lassen und niemand weiß in welchem Winkel
der Erde er über das Scheitern aller seiner Anschläge und Pläne grollt