Wilhelm Raabe
Der Hungerpastor
Nicht mitzuhassen
mitzulieben bin ich da
Sophokles
Erstes Kapitel
Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln von dem was er bedeutet
was er will und was er vermag Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu
Zerstörer und Erhalter in einer Person ist kann ich freilich nicht
auseinandersetzen denn das ist die Sache der Geschichte aber schildern kann
ich wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an
der Welt Ende
Dem Hunger der heiligen Macht des echten wahren Hungers widme ich diese
Blätter und sie gehören ihm auch von Rechts wegen was am Schluss hoffentlich
vollkommen klargeworden sein wird Mit letzterer Versicherung bin ich einer
weiteren Vorrede welche zur Gemütlichkeit Erregung und Aufregung des Lesers
doch nur das wenigste beitragen würde überhoben und beginne meine Geschichte
mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen Mitwelt und Nachwelt als auch gegen
mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder
des großen Entstehens Seins und Vergehens des unendlichen Werdens welches
man Weltentwicklung nennt welches freilich ein wenig interessanter und reicher
als dieses Buch ist das aber auch nicht wie dieses Buch in drei Teilen zu einem
befriedigenden Abschluss kommen muss
»Da haben wir den Jungen Da haben wir ihn endlich endlich« rief der
Vater meines Helden und tat einen langen erleichternden Atemzug wie ein Mann
der langes vergebliches Sehnen schwere Arbeit viele Mühen und Sorgen getragen
hat und endlich glücklich zu einem glücklichen Ziel gekommen ist Mit klugen
glänzenden Augen sah er herab auf das unansehnliche kümmerliche Stück
Menschentum welches ihm die Wehemutter in die Arme gelegt hatte grad als die
Feierabendglocke erklang Eine Träne stahl sich über die hagere Wange des
Mannes und die scharfe spitze kluge väterliche Nase senkte sich immer tiefer
gegen das unbedeutende kaum erkennbare Näschen des Neugeborenen bis sie
plötzlich mit einem Ruck wieder emporfuhr und sich ängstlich fragend gegen die
gute hülfreiche Frau die soviel zu seinem Entzücken beigetragen hatte
richtete
»O Frau Gevatterin Gevatterin Tiebus es ist doch wirklich wirklich
einer Sagts noch einmal dass Ihr Euch nicht irrt dass dem wirklich wirklich
also ist«
Die Wehemutter die bis jetzt mit selbstbewusstem lächelndem Kopfnicken der
ersten zärtlichen Begrüßung zwischen Vater und Sohn zugesehen hatte hob nun
ebenfalls ihre Nase sehr ruckartig verscheuchte mit einer unnachahmlichen
Bewegung beider Arme alle Geister und Geisterchen des Wohlwollens und der
Zufriedenheit von welchen sie bis jetzt umflattert wurde stemmte die Fäuste in
die Seite und mit Hohn Verachtung und beleidigtem Selbstgefühl sprach sie
»Meister Unwirrsch Ihr seid ein Narr Lasst Euch an die Wand malen Ob
es einer ist Hat die Welt je so was gehört von solchem alten verständigen
Menschen und Hausvater Ob es einer ist Meister Unwirrsch ich glaube
nächstens verlernt Ihr noch einen Stiefel von einem Schuh zu unterscheiden Da
sieht mans recht was für ein Leiden es ist wenn die Gottesgabe so spät kommt
Ist das kein Junge den Ihr da haltet Ist das wirklich kein Junge kein
richtiger echter Junge Jesus wenn die alte Kreatur nicht das arme Geschöpf in
den Armen hielte so möchte ich ihr schon eine Tachtel um solch ne
nichtsnutzige fürwitzige Frage stechen Kein Junge Wohl ist es ein Junge
Gevatter Pechdraht zwaren keiner von die schwersten aber doch n Junge wie
was Und wieso ists kein Junge Ist nicht der Buohnohparteh der Napohlion
wieder unterwegens übers Wasser und gibts nicht Krieg und Katzbalgerei
zwischen heut und morgen und braucht man etwan keine Jungen und werden nicht
etwan in jetziger gesegneter und geschlagener Zeit mehr Jungen als Mädchen drum
in die Welt gesetzt und kommen nicht auf ein Mädchen drei Jungen und kommt Ihr
mir so Gevatter und wollt einer gewickelten und gewiegten Perschon
nichtswürdige Fragen stellen Lasst Euch an die Wand malen Gevatter Unwirrsch
und drunter schreiben wofür ich Euch halte Gebt her den Jungen Ihr seid gar
nicht wert dass er sich mit Euch abgibt marsch fort mit Euch zu Eurer Frau
am Ende fragt Ihr die auch noch obs ein Junge ist«
Unsanft wurde das Wickelkind aus den Armen des verachteten
niedergeschmetterten Vaters gerissen und nach abermaligem Atemholen humpelte
der Meister Anton Unwirrsch in die Kammer zu seiner Frau und die Glocken des
Feierabends läuteten immer noch wir aber wollen weder die beiden Ehegatten noch
die Glocken stören sie sollen ihre Gefühle ausklingen lassen und niemand soll
dreinreden und schreien dürfen
Arme Leute und reiche Leute leben auf verschiedene Art in dieser Welt aber
wenn die Sonne des Glücks in ihre Hütten Häuser oder Paläste fällt so
vergoldet sie mit ganz dem nämlichen Schein die hölzerne Bank wie den
Sammetsessel die getünchte Wand wie die vergoldete und mehr als ein
philosophischer Schlaukopf will bemerkt haben dass was Freude und Leid
betrifft der Unterschied zwischen reichen und armen Leuten gar so groß nicht
sei wie man auf beiden Seiten oft sehr oft ungemein oft denkt Wir wollen das
dahingestellt sein lassen uns genügt es dass das Lachen nicht Monopol und das
Weinen nicht Servitut ist auf diesem rundlichen an beiden Polen abgeplatteten
feuergefüllten Ball auf welchem wir uns ohne unsern Willen einfinden und von
welchem wir ohne unsern Willen abgehen nachdem uns der Zwischenraum zwischen
Kommen und Gehen sauer genug gemacht wurde
In armer Leute Haus schien jetzt die Sonne das Glück beugte sein Haupt
unter der niederen Tür und trat lächelnd herein beide Hände offen zum Gruß
darbietend Es war hohe Freude über die Geburt des Sohnes bei den Eltern dem
Schuster Unwirrsch und seiner Frau welche so lange drauf gewartet hatten dass
sie nahe daran waren solche Hoffnung gänzlich aufzugeben
Und nun war er doch gekommen gekommen eine Stunde vor dem Feierabend Die
ganze Kröppelstraße wusste bereits um das Ereignis und selbst zum Meister
Nikolaus Grünebaum dem Bruder der Wöchnerin der ziemlich am andern Ende der
Stadt wohnte war die frohe Botschaft gedrungen Ein grinsender Schusterjunge
der seine Pantoffeln um schneller laufen zu können unter den Arm genommen
hatte brachte die Nachricht dahin und schrie sie atemlos dem Meister in das
weniger taube Ohr was zur Folge hatte dass der gute Mann während fünf Minuten
viel dümmer aussah als er war Jetzt aber war er bereits auf dem Wege zur
Kröppelstraße und da er als Bürger Hausbesitzer und ansässiger Meister die
Pantoffeln nicht unter den Arm nehmen konnte so war davon die Folge dass ihn
der eine treulos an einer Straßenecke verließ um das Leben auf eigene Hand oder
vielmehr auf eigener Sohle anzufangen
Als der Oheim Grünebaum in dem Hause seines Schwagers anlangte fand er
daselbst so viele gute Nachbarinnen mit Ratschlägen und Meinungsäusserungen vor
dass er sich in seiner jammerhaften Eigenschaft als alter Junggesell und
ausgesprochener Weiberhasser höchst überflüssig erscheinen musste Er erschien
sich auch in solchem Lichte und wäre beinahe umgekehrt wenn ihn nicht der
Gedanke an den in dem »Lärmsal« elendig verlassenen Schwager und
Handwerksgenossen doch dazu gebracht hätte seine Gefühle zu bemeistern
Brummend und grunzend drängte er sich durch das Frauenvolk und fand endlich
richtig den Schwager in einer auch nicht sehr beneidenswerten und leuchtenden
Lage und Stellung
Man hatte den Armen vollständig beiseite geschoben Aus der Kammer der
Wöchnerin hatte ihn die Frau Tiebus hinausgemassregelt in der Stube unter den
Nachbarinnen war er auch vollkommen überflüssig der Gevatter Grünebaum
entdeckte ihn endlich in einem Winkel wo er kümmerlich zusammengedrückt auf
einem Schemel saß und Teilnahme nur an der Hauskatze fand die sich an seinen
Beinen rieb Aber in seinen Augen war noch immer jener Glanz der aus einer
andern Welt zu stammen scheint der Meister Unwirrsch hörte nichts von dem
Flüstern und Schnattern der Weiber er sah nichts von ihrem Durcheinander er
sah auch den Schwager nicht bis dieser ihn an den Schultern packte und ihn auf
nicht sehr sanfte Art ins Bewusstsein zurückschüttelte
»Gib n Zeichen dass du noch beis labendige Dasein bist Anton« brummte der
Meister Grünebaum »Sei n Mensch und n Mann wirf die Weibsleute raus alle
bis auf bis auf die Base Schlotterbeck dort Denn obschonst der Deibel die
Graden und die Ungraden nimmt so ist das doch die einzigste drunter die nen
Menschen wenigstens alle Stunde einmal zu Worte kommen lässt Willst du nicht
Kannst du nicht Darfst du nicht Auch gut so fass hinten meine Jacke dass ich
dich sicher aus dem Tumult bringe komm die Treppe herauf und lass es gehen wie
es will Also der Junge ist da Na gottlob Ich dachte schon wir hätten wieder
vergeblich gelauert«
Durch die Weiber schoben sich seitwärts die beiden Handwerksgenossen
gelangten mit Mühe auf den Hausflur und stiegen die enge knarrende Treppe
hinauf welche in das obere Stockwerk des Hauses führte allwo die Base
Schlotterbeck ein Stübchen eine Kammer und eine Küche gemietet hatte und wo
also die Familie Unwirrsch nur noch über ein Gemach gebot das so mit
Gegenständen von allerlei Art vollgepfropft war dass für die beiden ehrenwerten
Gildebrüder kaum noch der nötige Platz zum Niederhocken und Seelenaustausch
übrigblieb Kisten und Kasten Kräuterbündel Maiskolben Lederbündel
Zwiebelbündel Schinken Würste unendliche Rumpeleien waren hier mit wahrhaft
genialer Geschicklichkeit neben unter über vor und
zwischeneinandergedrängt gehängt gestellt gestopft und geworfen und
kein Wunder wars wenn der Schwager Grünebaum hier seinen zweiten Pantoffel
verlor
Aber die letzten Strahlen der Sonne fielen durch die beiden niedrigen
Fenster in den Raum vor den Nachbarinnen und der Frau Tiebus war man in
Sicherheit auf zwei Kisten setzten sich die beiden Meister einander gegenüber
nieder reichten sich die Hände und schüttelten sie während wohlgezählter fünf
Minuten
»Gratulabumdum Anton« sagte Nikolaus Grünebaum
»Ich danke dir Nikolaus« sagte Anton Unwirrsch
»Vivat er ist da Vivat er lebe hoch nochmals ab « schrie aus vollem
Halse der Meister Grünebaum brach aber ab als ihm der Schwager die Hand auf
den Mund drückte
»Nicht so laut um Gottes willen nicht so laut Niklas Die Frau liegt hier
grade unter uns und hat so schon ihre liebe Not mit den Weibern«
Die Faust ließ der neue Onkel auf seine Knie fallen
»Hast recht Bruderherz der Deibel hole die Graden und die Ungraden Aber
nun geh mal los Alter wie ist dir denn zumute Allewege ganz und gar nicht wie
sonsten Hoho Wie sieht denn die Kröte aus Alles an die rechte Stelle Nase
Mund Arm und Bein Nichts vermalhört Alles in Ordnung Strippen und Schäfte
Oberleder Spann Hacken und Sohle Gut verpicht vernagelt und adrett
gewichst«
»Alles wie es sein muss Bruderherz« rief der glückliche Vater die Hände
aneinander reibend »Ein Staatsjunge Gott segne uns in ihm O Niklas
tausenderlei wollt ich dir sagen aber es würgt mich zu sehr in der Kehle alles
geht rund mit mir um «
»Lass es gehen wies will wenn die Katze vom Dach geworfen ist muss sie
sich erst besinnen« sagte der Schwager Grünebaum »Die Frau ist doch wohlauf«
»Gott seis gedankt Sie hat sich gehalten wie eine Heldin keine Kaiserin
hätts besser gemacht«
»Sie ist eine Grünebaum« sagte Nikolaus mit Selbstbewusstsein »und die
Grünebäume können im Notfall die Zähne zusammenbeissen Auf was für n Namen
willst du den Jungen gehen lassen Anton«
Mit der hageren Hand fuhr der Vater des Neugeborenen über die hohe
furchenreiche Stirn und starrte einige Augenblicke durch das Fenster ins Weite
Dann sagte er
»Getauft soll er werden auf drei Handwerksgenossen Johannes soll er heißen
wie der Poete in Nürnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz
und wie zwei Flügel sollen ihm die beiden Namen sein dass er damit aufsteige von
der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme Aber zum dritten will ich
ihn Nikolaus nennen damit er immer wisse dass er auf der Erde einen treuen
Freund und Fürsorger habe an welchen er sich halten kann wenn ich nicht mehr
vorhanden bin
Das nenn ich nen Satz mit nem Kopf von Sinn und Verstand und nem dicken
unsinnigen Schwanz Die Namen gib ihm und es soll für uns alle drei Perschonen
ne Ehre sein aber mit den alten närrischen Todesschrullen bleib mir vom
Leibe Fett bist du nicht und nen Ochsen schlägst du auch grade nicht mit dem
bloßen Knieriemen nieder aber den Pechdraht kannst du noch manch hübsches
Jährlein ziehen du alter spintisierender Bücherhase du«
Der Meister Unwirrsch schüttelte den Kopf und brachte die Rede auf was
anderes und mancherlei sprachen die beiden Schwäger noch miteinander bis es
vollständig Dämmerung in der Rumpelkammer geworden war
Es klopfte jemand an die Tür und der Meister Grünebaum rief
»Wer ist mich da Weibervolk wird nicht hereingelassen«
»Ich bins« rief eine Stimme draußen
»Wer«
»Iche«
»s ist die Base Schlotterbeck« sagte Unwirrsch »Schieb nur den Riegel
zurück wir haben lange genug hier oben gesessen vielleicht darf ich die Frau
noch einmal sehen«
Brummend gehorchte der Schwager und die Base leuchtete mit ihrer Lampe in
die Kammer
»Richtig da sitzen sie Na kommt nur ihr Helden die Nachbarinnen sind
fort Kriecht hervor Eure Frau Meister Unwirrsch Ja die ist wohlberaten sie
schläft und Ihr dürft sie nicht stören aber ne Neuigkeit sollt Ihr wissen und
Gott danken Drüben über der Gasse beim Juden Freudenstein ists heut auch so
gegangen wie in diesem Haus aber nicht ganz so Das Kind ist da auch ein
Junge aber s Blümchen Freudenstein ist tot und großes Wehklagen ist drüber
Lobt Gott den Herrn Meister Unwirrsch Ihr aber Meister Grünebaum macht Euch
fort nach Haus Nun nun Unwirrsch steht nicht so betroffen da der Tod tritt
ein oder geht vorbei nach Gottes Befehl Ich bin wie gerädert und will ins Bett
kriechen Gute Nacht Gevattern«
Die Base Schlotterbeck verschwand hinter ihrer Tür die beiden Meister
schlichen auf den Fußspitzen die Treppe hinab und der Oheim Grünebaum hatte an
diesem Abend in seiner Stammkneipe zum Roten Bock viel weniger das große Wort in
Politik Stadtangelegenheiten und andern Angelegenheiten als sonst Der Meister
Unwirrsch lag die ganze Nacht ohne ein Auge zuzutun der Neugeborne schrie
mächtig und es war kein Wunder dass diese ungewohnten Töne den Vater wach
erhielten und ein wirbelndes Heer von hoffenden und sorgenden Gedanken
aufstörten und in wilder Jagd durch Herz und Hirn trieben
Es ist nicht leicht eine gute Predigt zu machen aber leicht ist es auch
nicht einen guten Stiefel anzufertigen Zu beiden gehört Geschick viel
Geschick und Pfuscher und Stümper sollten zum Besten ihrer Mitmenschen lieber
ganz davonbleiben Ich für mein Teil habe eine ungemeine Vorliebe für die
Schuster sowohl in der Gesamtheit bei ihren feierlichen Aufzügen wie auch in
ihrer Eigenschaft als Individuen Es ist wie das Volk sagt eine
»spintisierende Nation« und kein anderes Handwerk bringt so treffliche und
kuriose Eigentümlichkeiten bei seinen Gildegliedern hervor Der niedrige
Arbeitstisch der niedrige Schemel die wassergefüllte Glaskugel welche das
Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft der
scharfe Duft des Leders und des Pechs müssen notwendigerweise eine nachhaltige
Wirkung auf die menschliche Natur ausüben und sie tun es auch mächtig Was für
originelle Käuze hat dieses vortreffliche Handwerk hervorgebracht eine ganze
Bibliothek könnte man über »merkwürdige Schuster« zusammenschreiben ohne den
Stoff im mindesten zu erschöpfen Das Licht das durch die schwebende Glaskugel
auf den Arbeitstisch fällt ist das Reich phantastischer Geister es füllt die
Einbildungskraft während der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten
und Bildern und gibt den Gedanken eine Färbung wie sie ihnen keine andere
Lampe patentiert oder nicht patentiert verleihen kann Auf allerlei Reime
seltsame Märlein Wundergeschichten und lustige und traurige Weltbegebenheiten
verfällt man dabei worüber dann die Nachbarn sich verwundern wenn man sie mit
schwerfälliger Hand zu Papier gebracht hat und wobei die Frau lacht oder sich
fürchtet wenn man sie in der Dämmerung mit halblauter Stimme summt Oder aber
man fängt an noch tiefer zu grübeln und »Not« wird uns »zu entsinnen des
Lebens Anfang« Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel und in dem Glase
sehen wir das Universum in all seinen Gestalten und Naturen durch die Pforten
aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und
Elementen höchste Ahnungen gehen uns auf und niederschreiben wir während der
Pastor Primarius Richter von der Kanzel den Pöbel gegen uns aufhetzt und der
Büttel von Görlitz der uns ins Gefängnis bringen soll vor der Tür steht
»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen dass sie nur einen Willen
hat Wenn sie deren zweene hätte so zerbräche einer den andern und wäre Streit
Sie steht wohl in viel Kraft und Wundern aber ihr Leben ist nur bloß allein
die Liebe aus welcher Licht und Majestät ausgehet Alle Kreaturen im Himmel
haben einen Willen und der ist ins Herze Gottes gerichtet und geht in Gottes
Geist wohl im Centro der Vielheit im Wachsen und Blühen aber Gottes Geist ist
das Leben in allen Dingen Zentrum Naturae gibt Wesen Majestät und Kraft und
der Heilige Geist ist Führer«
Viel sehen wir in der glänzenden Kugel durch welche die schlechte Lampe so
armes Licht wirft dass wir dabei kaum zu Papier bringen können was wir sahen
aber nichtsdestoweniger können wir unter das vollendete Manuskriptum schreiben
»Geschrieben nach göttlicher Erleuchtung durch Jakob Böhm sonsten auch
Teutonicus genannt«
Wer gegen die Schuster was hat und ihre Trefflichkeit im einzelnen wie im
allgemeinen nicht nach Gebühr zu schätzen weiß der bleibe mir vom Leibe Wer
sie gar ihres oft wunderbaren Äußeren wegen ihrer krummen Beine ihrer harten
schwarzen Pfoten ihrer närrischen Nasen ihrer ungepflegten Haarwülste halben
naserümpfend verachtet den möge man mir stehlen ich werde keine Belohnung um
seine Wiedererlangung aussetzen Ich schätze und liebe die Schuster und vor
allen halte ich hoch den wackeren Meister Anton Unwirrsch den Vater von Hans
Jakob Nikolaus Unwirrsch Obgleich er leider recht bald nach jenem Feierabend
an welchem ihm der längst erwünschte Sohn geboren wurde selbst für immer
Feierabend machte so hängen doch aus seinem Leben zu viele Fäden in das des
Sohnes hinein als dass wir die Schilderung seines Seins und Wesens umgehen
könnten Der Mann stand wie wir bereits wissen körperlich auf nicht sehr
festen Füßen aber geistig stand er fest genug und nahm es mit manchem der sich
hoch über ihn erhaben dünkte auf Aus allen Reliquien seines verborgenen
Daseins geht hervor dass er die Mängel einer vernachlässigten Ausbildung nach
besten Kräften nachzuholen suchte es geht daraus hervor dass er Wissensdrang
viel Wissensdrang hatte Und wenngleich er niemals vollständig ortographisch
schreiben lernte so war er doch ein dichterisches Gemüt wie sein berühmter
Handwerksgenosse aus der »Mausfalle« zu Nürnberg und las soviel er nur irgend
konnte Was er las verstand er meistens auch und wenn er aus manchem den Sinn
nicht herausfand welchen der Autor hineingelegt hatte so fand er einen andern
Sinn heraus oder legte ihn hinein der ihm ganz allein gehörte und mit welchem
der Autor sehr oft höchst zufrieden sein konnte Obgleich er sein Handwerk
liebte und es in keiner Weise versäumte so hatte es doch keinen goldenen Boden
für ihn und er blieb ein armer Mann Goldene Träume aber hatte seine
Beschäftigung für ihn und alle Beschäftigungen die dergleichen geben können
sind gut und machen glücklich Anton Unwirrsch sah die Welt von seinem
Schusterstuhl fast gradeso wie sie einst Hans Sachs gesehen hatte doch wurde
er nicht so berühmt Er hinterließ ein eng und fein geschriebenes Büchlein
welches zuerst seine Witwe in der Tiefe ihrer Lade neben ihrem Gesangbuch
Brautkranz und einem schwanen Kästchen von welchem später noch die Rede sein
wird aufbewahrte gleich einem Heiligtum Gleich einem Heiligtum überlieferte
die Mutter es dem Sohne und dieser hat ihm den Ehrenplatz in seiner Bibliothek
zwischen der Bibel und dem Shakespeare gegeben obgleich es nach Gehalt und
Poesie ein wenig unter diesen beiden Schriftwerken steht
Die Base Schlotterbeck und der Schwager Grünebaum hatten eine dumpfe Ahnung
von dem Vorhandensein dieses Manuskripts aber wirklich Bescheid darum wusste nur
die Frau des Poeten Für sie war es das Wunderbarste was man sich vorstellen
konnte es reimte sich ja »wie s Gesangbuch« und ihr Mann hatte es gemacht
das ging über alles was die Nachbarschaft zutage fördern konnte
Für den Sohn waren diese zusammengehefteten Blätter später ein teures
Vermächtnis und ein rührendes Zeichen des ewig aus der Tiefe und Dunkelheit zur
Höhe zum Licht zur Schönheit emporstrebenden Volksgeistes
Die harmlosen formlosen Seelenergüsse des Schusters Unwirrsch feierten
naturgemäß die Natur in ihren Erscheinungen das Haus das Handwerk und einzelne
große Fakta der Weltgeschichte vorzüglich Taten und Helden des eben
vorübergedonnerten Befreiungskrieges Sie zeugten von einem bald gemütlichen
bald gehobenen Denken nach allen diesen Seiten hin Ein wenig Humor mischte sich
auch darein doch trat das Patetische am meisten hervor und musste auch meistens
das bekannte Lächeln erregen Der wackere Meister Anton hatte so viel Donner und
Blitz Hagelschlag Feuersbrünste und Wassersnot erlebt hatte so viele
Franzosen Rheinbündler Preußen Österreicher und Russen vor seinem Hause
vorüberziehen sehen dass es kein Wunder war wenn er dann und wann auch ein
wenig versuchte zu donnern zu blitzen und totzuschlagen Mit den Nachbarn
geriet er deshalb nicht in Feindschaft denn er blieb was er war ein »guter
Kerl« und als er starb trauerte nicht allein die Frau der Schwager Grünebaum
und die Base Schlotterbeck nein die ganze Kröppelstraße wusste und sagte dass
ein guter Mann fortgegangen und dass es schade um ihn sei
Auf die Geburt eines Sohnes hatte er lange und sehnsüchtig gewartet Oft
malte er sich aus was er daraus machen könnte und wollte Sein ganzes eifriges
Streben nach Erkenntnis trug er auf ihn über der Sohn sollte und musste
erreichen was der Vater nicht erreichen konnte Die tausend unübersteiglichen
Hindernisse die das Leben dem Meister Anton in den Weg geworfen hatte sollten
den Lauf des Unwirrsches der Zukunft nicht aufhalten Frei sollte er die Bahn
finden und keine Pforte der Weisheit keine der Bildung sollte ihm der Mangel
die Not des Lebens verschließen
So träumte Anton und ein Jahr der Ehe ging nach dem andern hin Es wurde
eine Tochter geboren aber sie starb bald nach der Geburt dann kam wieder eine
lange Zeit nichts und dann dann kam endlich Johannes Jakob Nikolaus
Unwirrsch dessen Eintritt in die Welt uns bereits den Stoff zu mehreren der
vorhergehenden Seiten gab und dessen spätere Leiden Freuden Abenteuer und
Fahrten kurz dessen Schicksale den größten Teil dieses Buches ausmachen
werden
Wir sahen den Schwager und Oheim Grünebaum seinen Pantoffel verlieren wir
sahen und hörten den Tumult der Weiber lernten die Frau Tiebus und die Base
Schlotterbeck kennen wir sahen endlich die beiden Schwäger Unwirrsch und
Grünebaum in der Rumpelkammer sitzen und sahen die Dämmerung in den
ereignisvollen Sonnenuntergang hereinschleichen noch ein Jahr lebte der Meister
Anton nach der Geburt seines Sohnes dann starb er an einer Lungenentzündung
Das Schicksal machte es mit ihm nicht anders als mit so manchem andern es gab
ihm sein Teil Freude in der Hoffnung und versagte ihm die Erfüllung welche von
der Hoffnung doch stets allzu weit überflogen wird
Johannes schrie tüchtig in der Todesstunde seines Vaters doch nicht um den
Vater Die Frau Christine aber schrie sehr um den Gatten und wollte sich lange
Zeit weder durch die tröstenden Worte der Base Schlotterbeck noch durch die
philosophischen Zusprüche des weisen Meisters Nikolaus Grünebaum beruhigen
lassen Dem Sterbenden versprach der Schwager sein Bestes zu tun für die
Hinterlassenen und ihnen in allen Nöten nach besten Kräften beizustehen Noch
einmal rang Anton Unwirrsch nach Luft aber die Luft war für ihn zu sehr mit
Feuerflammen gefüllt er seufzte und starb Der Doktor schrieb ihm den
Totenschein es kam die Frau Kiebike die Totenfrau und wusch ihn sein Sarg
war zur rechten Zeit fertig ein gutes Gefolge von Nachbarn und Freunden gab ihm
das Geleit zum Kirchhof und im Winkel neben dem Ofen saß die Frau Christine
hielt ihr Kind auf dem Schoss und sah mit starren verweinten Augen auf den
niederen schwarzen Arbeitsschemel und den niederen schwarzen Arbeitstisch und
wollte es noch immer nicht glauben dass ihr Anton niemals mehr drauf und dran
sitzen sollte Die Base Schlotterbeck räumte die leeren Kuchenteller die
Flaschen und Gläser fort welche voll den Leidtragenden den Leichenträgern und
den kondolierenden Nachbarinnen zur Stärkung im Jammer vorgesetzt worden waren
Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch kreischte in kindlicher Lust und streckte
verlangend die kleinen Hände nach der blitzenden Glaskugel aus welche über des
Vaters Tische hing auf welche jetzt die Sonne schien und welche einen so
merkwürdigen Schein über die Gedankenwelt Anton Unwirrschs gegossen hatte Der
Einfluss dieser Kugel sollte noch lange fortdauern Die Mutter hatte sich an das
Licht derselben so gewöhnt dass sie es auch nach ihres Mannes Tode nicht
entbehren konnte es leuchtete weit in das Jünglingsalter des Sohnes hinein
manche Erzählung von des Vaters Wert und Würdigkeit vernahm Johannes dabei und
unlöslich verknüpfte sich allmählich in des Sohnes Geist das Bild des Vaters mit
dem Schein dieser Kugel
Zweites Kapitel
Die Alten meinten es sei für ein großes Glück zu achten wenn die Götter einen
in einer berühmten Stadt geboren werden ließ Da aber dieses Glück sehr
berühmten Männern nicht zuteil geworden ist, indem Bethlehem Eisleben
Stratford Kamenz Marbach und so weiter vordem nicht grade glänzende Punkte in
der Menschen Gedanken waren so wird für Hans Unwirrsch wenig darauf ankommen
wenn er in einem Städtchen namens Neustadt das Licht der Welt erblickte Es gibt
nicht wenige gleichbenannte Städte und Städtchen aber sie haben sich nicht um
die Ehre unsern Helden zu ihren Bürgern zu zählen gezankt Johannes Jakob
Nikolaus Unwirrsch machte seinen Geburtsort nicht berühmter in der Welt
Zehntausend Einwohner hatte das Nest im Jahre 1819 heute hat es
hundertundfünfzig mehr Es lag und liegt in einem weiten Tal umgehen von Hügeln
und Bergen von denen herab Wälder sich bis in die Stadtmarkung ziehen Trotz
seines Namens ist es nicht neu mehr mühsam hat es seine Existenz durch wilde
Jahrhunderte gerettet und genießt jetzt eines ruhigen schläfrigen
Greisenalters Die Hoffnung noch einmal zu etwas Rechtem zu kommen hats
allmählich aufgegeben und fühlt sich darum nicht unbehaglicher In dem kleinen
Staate welchem es angehört ist es immer ein Faktor und die Regierung nimmt
Rücksicht auf es Der Klang seiner Kirchenglocken machte einen angenehmen
Eindruck auf den Wanderer der auf der nächstgelegenen Höhe aus dem Walde trat
und wenn sich grade die Sonne in den Fenstern der beiden Kirchen und der Häuser
spiegelte so dachte derselbe Wanderer selten daran dass nicht alles Gold ist
was glänzt und dass Glockenklang fruchtbare Felder grüne Wiesen und eine
hübsche kleine Stadt im Tal noch lange nicht genug sind um ein Idyll
herzustellen Amyntas Palämon Daphnis Doris und Chloe konnten sich das Leben
drunten im Tal oft recht unangenehm machen Da das Lämmerweiden und scheren
ein wenig aus der Mode gekommen ist so fiel man sich einander gegenseitig in
die Wolle und es mangelte nicht an Scherereien aller Art Aber man freite und
ließ sich freien und kam alles in allem genommen doch ziemlich gemächlich
durch das Leben dass die Lebensbedürfnisse nicht unerschwinglich teuer waren
trug wohl sein Teil dazu bei Der Teufel hole den ganzen Gessner wenn Obst und
Most missraten und Milch und Honig rar sind in Arkadien
Doch wir werden wohl noch Gelegenheit finden über dies alles hie und da
einige Worte zu verlieren und wenn nicht so schadet es nichts Für jetzt
müssen wir uns zu dem jungen Arkadier Hans Unwirrsch zurückwenden und sehen auf
welche Weise er sich im Leben zurechtfindet
Eine recht ungebildete Frau war die Witwe des Schusters Lesen und schreiben
konnte sie kaum notdürftig ihre philosophische Bildung war gänzlich
vernachlässigt sie weinte leicht und gern In der Dunkelheit geboren blieb sie
in der Dunkelheit säugte ihr Kind stellte es auf die Füße lehrte ihm das
Gehen stellte es für das ganze Leben auf die Füße und lehrte ihm für das ganze
Leben das Gehen Das ist ein großer Ruhm und die gebildetste Mutter kann nicht
mehr für ihr Kind tun
In einem niederen dunkeln Zimmer in das wenig frische Luft und noch weniger
Sonne drang erwachte Hans zum Bewusstsein und dies war in einer Hinsicht gut
er fürchtete sich später nicht allzusehr vor den Höhlen in welchen die bei
weitem größere Hälfte der an den Segnungen der Zivilisation teilnehmenden
Menschheit ihr Dasein hinbringen muss Sein ganzes Leben hindurch nahm er Licht
und Luft für das was sie sind Luxusartikel die das Geschick gibt und
verweigert und welche es lieber zu verweigern als zu geben scheint
Die nach der Gasse gelegene Stube welche zugleich des Meisters Anton
Werkstatt gewesen war wurde unverändert in ihrem vorigen Zustande erhalten Mit
ängstlicher Sorgfalt wachte die Witwe darüber dass nichts von ihres Seligen
Arbeitsgerät verrückt wurde Der Oheim Grünebaum hatte zwar das ganze
überflüssige Handwerkszeug für einen namhaften Preis an sich kaufen wollen aber
die Frau Christine konnte sich nicht entschließen irgendein Stück davon
herzugeben In allen ihren Feierstunden saß sie auf ihrem gewohnten Platz neben
dem niedrigen Schustertisch und am Abend konnte sie wie wir wissen nur beim
Licht der Glaskugel stricken nähen oder das große Gesangbuch
durchbuchstabieren
Die arme Frau musste sich jetzt sehr quälen um sich und ihr Kind ehrlich
durchzubringen in der kleinen Schlafkammer deren Fenster nach dem Hofe
hinaussahn lag sie manche Nacht wachend in großen Sorgen während Hans
Unwirrsch in seines Vaters großer Bettstatt von den großen Butterbröten und den
Semmeln glücklicherer Nachbarskinder träumte Der weise Meister Grünebaum tat an
seinen Verwandten was er konnte aber das Handwerk hatte für ihn nicht den
Segen den man nach jedem »Kinderfreund« davon erwarten möchte er hielt
allzugern allzulange Reden im Roten Bock und seine Kunden vertrauten ihm lieber
dass sie ein neues Paar bei ihm bestellten Er hielt selber mit Mühe den Kopf
überem Wasser mit seinem Rat aber hielt er nicht zurück sondern gab ihn
willig und in großen Quantitäten und leider müssen wir das nicht ungewöhnliche
Faktum berichten dass die Quantität meistenteils durchaus nicht im richtigen
Verhältnis zur Qualität stand Die Base Schlotterbeck obwohl lange nicht so
weise wie der Meister Grünebaum war praktischer und auf ihren Rat wurde die
Frau Christine eine Wäscherin die des Morgens zwischen zwei und drei Uhr
aufstand und am Abend um acht todmüde und zerschlagen nach Hause kam um den
ersten den physischen Hunger ihres Kindes stillen und seine Träume in die
Wirklichkeit setzen zu können
Hans Unwirrsch behielt aus dieser Zeit seines Lebens dunkle unbestimmte
wunderliche Erinnerungen und hat davon seinen nächsten Freunden Bericht gegeben
Von frühester Jugend an hatte er einen leisen Schlaf und so erwachte er auch
öfters von dem Lichtschein des Schwefelhölzchens mit welchem seine Mutter in
dunkler kalter Winternacht ihre Lampe anzündete um sich zu ihrem frühen Wege
zu rüsten Warm lag er in seinen Kissen und rührte sich nicht bis die Mutter
sich über ihn beugte um nachzusehen ob sie den kleinen Schläfer auch nicht
durch das Klappern ihrer Pantoffeln erweckt habe Dann schlang er seine Arme um
ihren Hals und lachte bekam einen Kuss und die Ermahnung schnell wieder
einzuschlafen da es noch lange nicht Tag sei Dieser Ermahnung folgte er
entweder sogleich oder erst später Im zweiten Fall beobachtete er durch
halbgeschlossene Augenlider die brennende Lampe die Mutter und die Schatten an
der Wand
Merkwürdigerweise stammten diese frühen Erinnerungen fast alle aus der Zeit
des Winters Um die Flamme der Lampe war ein Dunstkreis der Atem fuhr in einer
Wolke gegen das Licht die gefrorenen Fensterscheiben flimmerten es war bitter
kalt und in das Behagen des sichern warmen Bettes mischte sich für den kleinen
Beobachter das Grauen der bitteren Kälte vor welchem er sein Näschen unter die
Decke ziehen musste
Begreifen konnte er nicht weshalb die Mutter so früh aufstehe während es
so dunkel und kalt war und während so tolle schwarze Schatten an der Wand
vorübergingen nickten sich aufrichteten und sich beugten Noch unbestimmtere
Begriffe hatte er von den Orten wohin die Mutter ging je nach seinen
Gemütsstimmungen stellte er sich diese Orte mehr oder weniger angenehm vor und
vermischte damit allerlei Einzelheiten der Märchen und allerlei Bruchstücke aus
den Gesprächen der erwachsenen Leute denen er gelauscht hatte und die sich
jetzt in diesen unklaren Augenblicken zwischen Schlaf und Wachen bunt und immer
bunter färbten und mischten
Endlich war die Mutter mit ihrem Ankleiden fertig und noch einmal beugte
sie sich über das Lager des Kindes Abermals erhielt es einen Kuss allerlei gute
Ermahnungen und lockende Versprechungen damit es still liege nicht heule
schnell wieder einschlafe Die Versicherung dass der Morgen und die Base
Schlotterbeck bald kommen würden wurde hinzugefügt die Lampe wurde
ausgeblasen die Kammer versank in die tiefste Dunkelheit die Tür knarrte die
Schritte der Mutter entfernten sich schnell war der Schlaf wieder da und
wenn Hans zum zweitenmal erwachte saß die Base gewöhnlich schon vor seinem
Bett und in der Stube nebenan prasselte das Feuer im Ofen
Die Base Schlotterbeck war obgleich sie nicht älter war als die Frau
Christine Unwirrsch immer die Base Schlotterbeck gewesen Niemand in der
Kröppelstraße kannte sie unter einer andern Bezeichnung und bekannt war sie in
der Kröppelstraße wie der Alte Fritz der Kaiser »Napohlion« und der alte
Blücher wenngleich sie sonst mit diesen drei berühmten Helden weiter keine
Ähnlichkeiten hatte als dass sie schnupfte wie der preußische König und eine
gebogene Nase hatte wie der »korsische Wüterich« Eine Ähnlichkeit mit dem
Marschall Vorwärts wäre schwer herauszufinden gewesen
Die Base war früher ebenfalls Wäscherin gewesen aber sie war nun längst
ausrangiert und ernährte sich kümmerlich durch Spinnen Strumpfstricken und
ähnliche Arbeiten Der Magistrat hatte ihr ein kärgliches Armengeld gewährt und
der Meister Anton dessen sehr entfernte Verwandte sie war hatte ihr das
Stübchen welches sie in seinem Hause bewohnte aus Mildtätigkeit für ein
billiges eingeräumt Eigentlich verdiente sie ein eigenes Kapitel in diesem
Buche auszufüllen denn sie hatte eine Gabe welcher sich nicht jedermann rühmen
kann die Gestorbenen waren für sie nicht abgeschieden von der Erde sie sah sie
durch die Gassen schreiten sie begegneten ihr auf den Märkten wie man
Lebendige sieht und unvermutet an einer Ecke auf sie stößt Damit war für sie
nicht der geringste Hauch von Unheimlichkeit verbunden sie sprach davon wie von
etwas ganz Natürlichem Gewöhnlichem und es gab durchaus keinen Unterschied für
sie zwischen dem Bürgermeister Eckerlein der im Jahr 1769 gestorben war und ihr
in Beutelperücke und rotem Sammetrock an der Löwenapoteke begegnete und dem
Enkel des Mannes welcher im Jahr 1820 die Löwenapoteke besaß und der eben aus
dem Fenster sah ohne von seinem Herrn Großvater Notiz nehmen zu können
Selbst den Bekannten und Bekanntinnen der Base Schlotterbeck erregte die
»Gabe« derselben zuletzt kein Grauen mehr Die Ungläubigen hörten auf darüber
zu lächeln und die Gläubigen deren es eine gute Zahl gab segneten sich
nicht mehr und schlugen nicht mehr die Hände über dem Kopfe zusammen Auf den
Charakter des guten Weibleins selber hatte die hohe Vergünstigung keinen
verschlechternden Einfluss Die Base überhob sich nicht in ihrer seltsamen
Sehergabe sie nahm diese wie eine unverdiente Gnade Gottes und blieb demütiger
als viele andere Leute die lange nicht soviel sahen wie die ältliche Jungfer in
der Kröppelstraße
Was das Äußere anbetrifft so war die Base Schlotterbeck mittlerer Größe
doch ging sie sehr gebückt und mit weit vorgeneigtem Kopfe Die Kleider hingen
an ihr wie etwas das nicht recht an seinem Platze ist und ihre Nase war wie
schon gesagt sehr scharf und sehr gebogen Sie hätte einen unangenehmen
Eindruck gemacht diese Nase wenn die Augen nicht gewesen wären Die Augen aber
machten alles wieder gut was die Nase sündigte es waren merkwürdige Augen und
sahen ja auch merkwürdige Dinge Klar und leuchtend blieben sie bis in das
höchste Alter blaue junge Augen in einem alten alten vertrockneten Gesichte
Hans Unwirrsch hat sie nie vergessen obgleich er später in noch viel schönere
Augen sah
Den Wissenschaften war die Base Schlotterbeck in naiver Weise ergeben Sie
hatte einen ungeheuren Respekt vor der Gelehrteit und vorzüglich vor der
Gottesgelehrteit der kleine Hans verdankte ihr die erste Einführung zu allen
Wissenschaften deren er sich in kommender Zeit mehr oder weniger bemächtigte
Den Gebrüdern Grimm hätte sie Märchen erzählen können und wenn die böse Königin
der gehassten Stieftochter die goldene Nadel in den Scheitel stieß so fühlte
Hans Unwirrsch die Spitze bis in das Zwerchfell hinunter
Hans und die Base waren unzertrennliche Genossen während der ersten
Lebensjahre des Knaben Vom frühen Morgen bis zum späten Abend vertrat die
Geisterseherin Mutterstelle bei dem Kinde ohne ihren Rat und ihren Beistand
geschah nichts was auf es Bezug hatte manchen Hunger stillte sie doch manchen
Hunger lernte Johannes Unwirrsch auch durch sie kennen Der Oheim Grünebaum
brummte oft genug bei seinen Besuchen aus solchem Weiberverkehr könne nichts
Gutes kommen der Teufel nehme die Graden und die Ungraden Schrullen
Phantaseien und Gespensterimaginationen könnten einem Menschen nichts helfen und
machten ihn nur zu einem Konfuzius und Konfusionsrat »Dummes Zeug Und dabei
bleibe ich«
Die Base zuckte zur Antwort auf solche Anfälle nur die Achseln und Hans
kroch dichter an sie heran Brummend wie er gekommen war zog der Oheim ab
er hielt sich für einen ungemein praktischen und klaren Kopf und blies
Verachtung durch die Nase ohne zu bedenken dass das beste Pfeifenrohr
verschlämmen kann
Hans Unwirrsch war ein frühreifes Kind und lernte das Sprechen fast eher als
das Gehen das Lesen lernte er spielend Die Base Schlotterbeck verstand die
letztere schwere Kunst sehr gut und stolperte nur über allzu lange und allzu
ausländische Worte Sie las gern laut und mit einem näselnden Patos das den
größten Eindruck auf das Kind machte Ihre Bibliothek bestand in der Hauptsache
aus Bibel Gesangbuch und einer langen Reihe von Volkskalendern welche sich
seit dem Jahr siebzehnhundertneunzig in ununterbrochener Reihenfolge
aneinanderschlossen und deren jeder eine rührende oder komische oder
schauerliche Historie nebst einem Schatz guter Haus und Geheimmittel und einer
feinen Auswahl lustiger Anekdoten enthielt Für eine reizbare Kinderphantasie
lag eine unendliche reiche Welt in diesen alten Heften verborgen und Geister
aller Art stiegen daraus empor lächelten und lachten grinsten drohten und
führten die junge Seele durch die wechselndsten Schauer und Wonnen Wenn der
Regen an die Scheiben schlug wenn die Sonne in die Stube schien wenn das
Gewitter mit schwarzen Wolkenarmen über die Dächer griff und seine roten Blitze
über die Stadt schleuderte wenn der Donner rollte und der Hagel auf dem
Strassenpflaster prasselte und hüpfte so geriet alles das auf irgendeine Weise
mit Gestalten und Szenen aus jenen Kalendern in Verbindung und die Helden und
Heldinnen der Historien schritten durch gutes und schlechtes Wetter vollständig
klar deutlich und bestimmt vorüber an dem kleinen träumerischen Hans der
seinen Kopf in den Schoss der alten Geisterseherin gelegt hatte Die »Geschichte
vom braven Kasperl und dem schönen Annerl« gab einen Klang der durch das ganze
Leben forttönte aber einen noch größeren Eindruck machte auf den Knaben das
»Buch der Bücher« die Bibel Die einfache Grossartigkeit der ersten Kapitel der
Genesis muss die Kinder wie die Erwachsenen die geistig Armen wie die Millionäre
des Geistes überwältigen Unendlich glaubwürdig sind diese Historien vom Anfang
der Dinge, und glaubwürdig bleiben sie trotzdem jeden Tag klarer bewiesen wird
dass die Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde Mit schauerlichem Behagen
vertiefte sich Hans zu den Füßen der Base in den dunkeln Abgrund des Chaos Und
die Erde war wüste und leer bis das Licht sich schied von der Finsternis und
das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste Wenn Sonne Mond und
Sterne ihren Tanz begannen Zeichen Zeiten Tage und Jahre gaben dann atmete
er wieder auf und wenn die Erde Gras und Kraut und Fruchtbäume aufgehen ließ
wenn das Wasser die Luft und die Erde sich erregten mit wehenden und
lebendigen Tieren dann klatschte er in die kleinen Hände und fühlte sich auf
sicherm Boden Ganz deutlich und von unumstösslicher Wahrheit war ihm die Art
wie Gott dem Adam den Odem einblies während dagegen der erste kritische Zweifel
in dem Kindeskopf entstand als das Weib aus der Rippe des Mannes erschaffen
wurde denn »das tat doch weh«
Auf die einfachen Geschichten vom Paradies Kain und Abel von der Sündflut
folgten aber die Geschlechtsregister mit den langen schwierigen Namen Diese
Namen waren wahre Dornbüsche für Vorleserin und Zuhörer es waren Fallgruben in
welche sie Hals über Kopf hineinstürzten es waren Steine über welche sie
stolperten und auf die Nase fielen Immer wanden sie sich los rafften sie sich
auf und arbeiteten sie sich weiter mit ehrfürchtiger Feierlichkeit »Aber die
Kinder von Gomer sind diese Ascenas Riphat und Torgama Die Kinder von Javan
sind diese Elisa Tarsis Kitim und Dodanim«
Doch die Tage verflossen nicht ganz allein unter Lesen und
Geschichtenerzählen Sobald Hans Unwirrsch seine Hände nicht mehr in halb
unwillkürlichen Bewegungen hin und her warf oder in den Mund steckte wurde er
sogleich von der Mutter und der Base mit dem großen Prinzip der Arbeit bekannt
gemacht Die Base Schlotterbeck war ein kunstreiches Weib welches sich dadurch
einen kleinen Nebenverdienst verschafte dass es für eine große Spielwarenfabrik
Puppen ankleidete eine Beschäftigung die dem Interesse eines Kindes nahe genug
lag und wobei Hans bald und gern hilfreich Hand leistete Herren und Damen
Bauern und Bäuerinnen Schäfer und Schäferinnen und mancherlei andere lustige
Männlein und Fräulein aus allen Ständen und Lebensaltern entstanden unter den
Händen der Base welche wacker mit Leim und Nadel bunten Zeugstückchen
Goldund Silberschaum hantierte und jedem sein Teil davon gab je nach dem
Preise Es war eine philosophische Arbeit bei welcher man mancherlei Gedanken
haben konnte und Hans Unwirrsch stellte sich gut dazu an wenn ihm auch die
Kinderfreude an diesem Spielzeug natürlich bald verlorenging Wer in einem Laden
voll Hampelmänner aufwächst den kümmert der einzelne Hampelmann wenig sei er
auch noch so bunt und zappele er auch noch so sehr
Nach Martini welcher berühmte Tag leider nicht durch eine gebratene Gans
gefeiert werden konnte begann eine Fabrikation auf eigene Rechnung Die Base
konnte jetzt den größten Nutzen aus ihrem Talent für die plastische Kunst
ziehen sie baute Rosinenmänner auf Weihnachten und für bescheidenere Gemüter
Pflaumenkerle Der erste Bursche letzterer Art welchen Hans ohne Beihilfe
herstellte machte ihm ein ebenso großes Vergnügen wie dem hoffnungsvollen
Kunstjünger die Preisarbeit die ihm ein Stipendium zur Reise nach Italien
verschafft
Der Beginn des Weihnachtsmarktes war für den kleinen Bildner ein großes
Ereignis Mancherlei Gefühle beschreibt der Epiker indem er auseinandersetzt
dass er sie nicht beschreiben könne die Gefühle Hansens bei dieser Gelegenheit
waren von solcher Art und mit Wonne trug er die Laterne voran während die Base
auf einem kleinen Handwagen ihre Bank ihren Korb ihr Feuerbecken und einen
kleinen Tisch zum Markt zog
Die Eröffnung des Geschäftes in dem vor dem schärfsten Wind geschützten
Häuserwinkel war allein ein wundervolles Ereignis Das Zusammenkauern unter dem
großen alten Regenschirm das Anblasen der Glut in dem Kohlenbecken das
Aufstellen der Handelsartikel der erste ruhige und doch erwartungsvolle Blick
in das Getümmel des Marktes alles hatte seine herzerschütternden Reize Der
erste Pflaumenkerl der behandelt verkauft und gekauft wurde erweckte einen
wahren Wonnesturm in der Brust von Schlotterbeck und Kompanie Das Mittagessen
welches ein gutwilliges Kind aus der Kröppelstraße in einem irdenen Henkeltopf
brachte schmeckte ganz anders auf dem freien Markt als in der dunkeln Stube
daheim aber das Beste von allem war doch der Abend mit seinem Nebel seinem
Lichter und Lampenglanz und seinem verdoppelten Lärmen Drängen Stoßen und
Treiben
Nicht immer konnte das Kind ruhig auf der Bank neben der Alten sitzen
Bezaubert verzaubert trotz Kälte trotz Regen und Schnee unternahm es
Streifzüge über den ganzen Markt und schob als Teilhaber der Firma Schlotterbeck
und Kompanie sein Kinn jeder andern Firma mit Bewusstsein und Kritik auf den
Verkaufstisch
Um acht Uhr kam die Mutter und holte den jüngeren Kompagnon des Hauses
Schlotterbeck nach Haus aber nicht ohne Widerstreben Heulen und Zappeln ging
das ab und nur die Versicherung dass »morgen wieder ein Tag« sei konnte den
kleinen Grosshändler bewegen der Base das Geschäft bis elf Uhr allein zu
überlassen
Ein Faktum aus dieser Lebenszeit unseres Helden ist zu berichten Für den
Erlös eines selbstverfertigten Rosinenmannes kaufte er einen andern von einem
Handelshause welches sich am entgegengesetzten Ende des Marktes etabliert
hatte Ein Zug der von großer Bedeutung für die künftige Entwicklung des Knaben
war Hans Unwirrsch welcher die schwarzen Kerle für andere verfertigte wollte
wissen was für ein Spaß darin liege solch einen Gesellen selbst zu kaufen Er
ging dem Vergnügen auf den Grund und natürlich zog er keine Freude aus diesem
allzufrühen Analysieren Als die Pfennige von dem Verkäufer eingestrichen waren
und der Käufer das Geschöpf in der Hand hielt kam die Rene in vollem Masse über
ihn Heulend stand er in der Mitte der Gasse die verhutzelten Zwetschen von dem
Drahte nagend und zuletzt schleuderte er den Einkauf weit von sich und lief
die bittersten Tränen hinunterschluckend so schnell als möglich davon Weder
die Base noch die Mutter erfuhren was aus dem Groschen wofür man den ganzen
Markt hätte kaufen können geworden war
Manche Freuden hat der Winter doch führt er auch die größten Beschwerden
mit sich Mit sehr armen Leuten haben wir es zu tun und arme Leute leben
gewöhnlich erst mit dem Frühjahr und den Maikäfern wieder auf Hunderttausende
Millionen könnten jene glücklichen Tiere beneiden welche die kalten Tage
bewusstlos und behaglich durchschlafen
Nach der Heiligen Weihnacht die so gut als möglich gefeiert wurde kam der
Neujahrstag und nach ihm zogen die Heiligen Drei Könige heran Die Schatten
vieler Gestorbenen begegneten um diese Zeit der Base Schlotterbeck in den Gassen
oder traten mit ihr in die Kirche und umschritten den Altar Nach Mariä Lichtmess
behaupteten einige Leute dass die Tage länger würden aber man merkte noch nicht
viel davon Um Mariä Verkündigung jedoch war die Sache nicht mehr zu leugnen
die Schneeglöckchen hatten sich hervorgewagt der Schnee hielt sich nicht mehr
in der Welt die Knospen schwollen und sprangen auf die Nase der Base
Schlotterbeck verlor viel von ihrer Röte Wenn die Mutter in der Frühe jetzt
aufstand so schien die Lampe nicht mehr durch einen frostigen Nebelkreis Hans
Unwirrsch schrie nicht mehr Zeter am Waschnapf seine Füße brauchten nicht mehr
mit Gewalt in die Schuhe gezwängt zu werden Das Warmsitzen wurde nicht mehr von
groben Holzbauern in die Stadt gefahren und um ein »Sündengeld« verkauft Es
kamen die Tage wo die Sonne es umsonst gab und nicht einmal ein SchönDank
dafür forderte Der Palmsonntag war da ehe man es sich versah und das
Osterfest knüpfte den Kranz welchen das Fest der Freude das grünende
blühende jauchzende jubilierende Pfingsten dem jungen Jahr auf die Stirn
drückte Die Base Schlotterbeck strickte ihre Strümpfe auf der Bank vor der
Haustür und Hans Unwirrsch beobachtete ernst und scheu den Trödler Freudenstein
gegenüber welcher seinen kleinen Moses ein kränkliches mageres jämmerliches
Stück Menschheit wohlverpackt in Kissen und Decken auf einem Rollstuhl in die
Sonne schob
Drittes Kapitel
Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch war in seinem fünften Jahr ein kleiner
plumper Gesell in einer Hose die auf Wachstum berechnet und zugeschnitten
worden war Er sah aus blaugrauen Augen fröhlich in die Welt und die
Kröppelstraße seine Nase hatte bis jetzt noch nichts Charakteristisches sein
Mund versprach sehr groß zu werden und hielt sein Versprechen Das gelbe Haar
des Jungen kräuselte sich natürlich und war das Hübscheste an ihm Er hatte in
jeder Beziehung einen ausgezeichneten Magen wie alle die Leute welche viel
Hunger in ihrem Leben dulden sollen er wurde mit dem größten Stück Schwarzbrot
und dem vollsten Suppenteller fast noch leichter und schneller fertig als mit
dem Abc Von den beiden Weibern der Mutter und der Base wurde er natürlich
sehr verzogen und als Kronprinz Heros und Weltwunder behandelt und verehrt so
dass es ein Glück war als der Staat sich ins Mittel legte und ihn für
schulpflichtig erklärte Hans setzte den Fuß auf die unterste Stufe der Leiter
die an dem fruchtreichen Baum der Erkenntnis lehnt die Armenschule tat sich vor
ihm auf und Silberlöffel der Armenschullehrer versprach an ihrer Tür der
Base dass das »Herzenskind« weder von ihm selber noch von den hundertsechzig
Rangen die seiner Zucht untergeben waren totgeschlagen werden sollte
Mit dem Schürzenzipfel vor dem Auge zog die Base ab und tröstete sich erst
als ihr am Brunnen der Pastor Primarius Holzapfel der im Jahr
achtzehnhundertfünfzehn gestorben war in seinem schwarzen Predigerrock mit
Halskrause und Bibel begegnete Die Base hatte den Pastor und seine Eltern sehr
gut gekannt Der Vater war ein Holzhauer gewesen und die Mutter war im Spital
zum Heiligen Geist gestorben der Pastor Primarius aber von dessen Ruhm und
Preis die Stadt noch voll war hatte auf demselben Platz in der Armenschule
gesessen zu welchem Silberlöffel jetzt den kleinen Hans führte
In einem dunkeln Sackgässchen in einem einstöckigen Gebäude das einst als
Spritzenhaus diente hatte die Kommune die Schule für ihre Armen eingerichtet
nachdem sie sich so lange als möglich geweigert hatte überhaupt ein Lokal zu so
überflüssigem Zweck herzugehen Es war ein feuchtes Loch fast zu jeder
Jahreszeit lief das Wasser von den Wänden Schwämme und Pilze wuchsen in den
Ecken und unter dem Pult des Lehrers Klebrignass waren die Tische und Bänke die
während der Ferien stets mit einem leichten Schimmelanflug überzogen wurden Von
den Fenstern wollen wir lieber nicht reden es war kein Wunder wenn sich auch
in ihrer Nähe die interessantesten Schwammformationen bildeten Ein Wunder war
es auch nicht wenn sich in den Händen und Füßen des Lehrers die allerschönsten
Gichtknoten und in seiner Lunge die prachtvollsten Tuberkeln bildeten Es war
kein Wunder wenn zeitweise die halbe Schule am Fieber krank lag Hätte die
Kommune auf jedes Kindergrab welches durch ihre Schuld auf dem Kirchhof
geschaufelt wurde ein Marmordenkmal setzen müssen so würde sie sehr bald für
ein anderes Schullokal gesorgt haben
Karl Silberlöffel unterschrieb sich der Lehrer auf den Quittungen für die
stupenden Geldsummen die ihm der Staat quatemberweise auszahlte Ach der Arme
führte seinen Namen nur der Ironie wegen er war nicht mit einem silbernen
Löffel im Munde geboren worden Er hätte dem Kultusministerium viel Stoff zum
Nachdenken geben müssen wenn nicht diese verehrliche und hochlöbliche Behörde
durch Wichtigeres abgezogen gewesen wäre Wie kann sich die hohe Behörde um den
Lehrer Silberlöffel bekümmern wenn die Frage welches Minimum von Wissen den
unteren Schichten der Gesellschaft ohne Schaden und Unbequemlichkeit für die
höchsten gestattet werden könne noch immer nicht gelöst ist Noch lange Zeit
werden die mit der Lösung dieser Frage beauftragten Herren die Volkslehrer als
ihre Feinde betrachten und es als eine höchst abgeschmackte und lächerliche
Forderung auffassen wenn böswillige revolutionäre Idealisten verlangen auch
ein hohes Ministerium möge seinen Feinden Gutes tun und sie zum wenigsten
anständig kleiden und notdürftig füttern O du gute alte Zeit wo die Menschheit
noch aus der Hand des einen Unteroffiziers in die des andern überging O du gute
alte Zeit wo nicht allein die Armee unter dem Korporalstock stand
Der Hungerpastor hat später noch einmal so gern seinen Schulmeister in
Grunzenow zu seinem Sonntagsbraten seiner Martinsgans und seinem
Weihnachtspunsch eingeladen wenn er sich seiner ersten Schultage und des
Armenlehrers Silberlöffel erinnerte Er hatte auch nichts dagegen wenn der
Schulmeister an der Ostsee einen Teil der guten nahrhaften Dinge für seine
sieben Buben daheim einsäckelte er brachte ihm selbst die alte Zeitung dazu und
half die Tüte in die enge Rocktasche zwängen
In dem Spritzenhause zu Neustadt saßen rechts die Mädchen links die Knaben
Zwischen diesen beiden Abteilungen lief ein Gang von der Tür zum Pult des
Lehrers und in diesem Gange hustete Silberlöffel auf und ab ohne dass es
irgendeinen in der jugendlichen Schar rührte Lang sehr lang war der Arme
hager sehr hager war er sehr melancholisch sah er aus und das mit Recht Ein
anderer an seiner Stelle hätte sich in dem feuchten kalten Raume munter und
warm geprügelt aber selbst dazu war er nicht mehr imstande Seine schwachen
Versuche in dieser Hinsicht galten nur für gute Späße seine Autorität stand
unter Null Ein herzzerreissender Vorwurf für alle Wohlgekleideten war der Anzug
dieses verdienstvollen Mannes der Hut führte mit seinem Besitzer eine wahre
Tragödie auf Zwischen beiden handelte es sich darum wer den andern überdauern
würde und der Hut schien zu wissen dass er gewinnen müsse Ein diabolischer
Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen Das Scheusal wusste dass es auch
noch den Nachfolger des armen schwindsüchtigen Mannes überleben könne es
machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses
Hans Unwirrsch trat mit keineswegs sentimentalen Gefühlen in die
Gemeinschaft und das Gewimmel der Armenschule Nachdem die erste Verblüffung und
Blödigkeit überwunden war nachdem er sich halbwegs hereingefunden hatte zeigte
er sich nicht besser als jeder andere Schlingel und nahm nach besten Kräften
teil an allen Leiden und Freuden dieser preiswürdigen Staatseinrichtung Er
orientierte sich bald Die Freunde und Feinde unter den Knaben waren schnell
herausgefunden gleichgeartete Gemüter schlossen sich an ihn entgegenstehende
Naturen suchten ihn an den Haaren aus seiner Weltanschauungsweise
herauszuziehen und im Einzelkampf wie in der allgemeinen Prügelei kam manches
Leid über ihn das er aber als anständiger Junge ertrug ohne sich hinter dem
Lehrer zu verkriechen Als anständiger Junge hatte er in dieser Lebensepoche
gegen das weibliche Geschlecht auf den Bänken zur Rechten des Ganges im
allgemeinen eine heilsame Idiosynkrasie Er klebte den Mädchen gern Pech auf
ihre Plätze und knüpfte ihnen noch lieber paarweise verstohlen die Zöpfe
zusammen er verachtete sie höchlichst als untergeordnete Geschöpfe die sich
nur durch Geschrei wehrten und durch die der Lehrer mehr über die linke Hälfte
seiner Schule erfuhr als den Buben lieb war Von ritterlichen Regungen und
Gefühlen fand sich anfangs in seiner Brust keine Spur doch die Zeit wo es in
dieser Hinsicht anfing zu dämmern war nicht fern und bald machte wenigstens
ein kleines Geschöpfchen von der andern Seite der Schule her seinen Einfluss auf
Hans Unwirrsch geltend Es kam die Zeit wo er eine kleine Mitschülerin nicht
weinen sehen konnte und wo er einen unbestimmten Hunger empfand der nicht auf
die großen Butterbrote und Kuchenstücke der benachbarten Strassenjugend gerichtet
war Doch für jetzt steckte er frech die Hände in die Taschen der Pumphose
spreizte die Beine voneinander stellte sich fest auf den Füßen und suchte sich
soviel als möglich von der absoluten Herrschaft der Weiber zu befreien Nicht
mehr wie sonst saß er still und artig zu den Füßen der Base Schlotterbeck und
horchte andächtig ihren Lehren und Ermahnungen ihren Märchen und
Kalendergeschichten ihren biblischen Vorlesungen Zum großen Missbehagen der
guten Alten fing er an täglich mehr Kritik zu üben Die Kalendergeschichten
wusste er allesamt auswendig kein Märchen konnte die Base beginnen ohne dass der
Bengel ihr ins Wort fiel um Verbesserungen anzubringen oder nichtsnutzige
ironische Fragen zu stellen gegen ihre guten Ermahnungen rückte er immer mit
verwirrenden Einwänden hervor welche die Base öfters ganz und gar aus der
Fassung brachten Wenn sich die treue Seele nach ihrer Art in einem langatmigen
Geschlechtsregister der Bibel verwickelt hatte so hatte Hans eine wahrhaft
diabolische Lust daran und suchte die Arme immer tiefer und hülfloser in das
Dorngestrüpp zu treiben so dass sie oft ganz ärgerlich und giftig das Buch
zuklappte und das einstige »kleine Lamm« eine »nichtsnutzige naseweise Kröte«
nannte Hinter ihrem Rücken spielte er ihr allerlei Possen ja er entblödete
sich nicht vor einem ausgewählten Publikum der Kröppelstraße das mit ihm im
gleichen Alter stand eine Vorstellung zu geben in der er die Art der Base aufs
komischste nachäffte Kurz Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch hatte jetzt eine
Lebensstufe erreicht auf welcher liebende Verwandte ihren hoffnungsvollsten
Sprösslingen und jugendlichen Bekannten mit finstermelancholischen Blicken und
warnenden Handbewegungen eine düstere Zukunft den Bettelstab das Gefängnis
das Zuchthaus und zuletzt zum angenehmen Beschluss den schimpflichen Tod am
Galgen vorhersagen Es ist auch in diesem Falle ein Glück dass Prophezeiungen
gewöhnlich nicht in Erfüllung gehen
Hans zog eben in dieser Epoche das bewegte Leben der Gasse mit seinen
Einzelheiten dem häuslichen Glück dem stillen ungestörten Frieden der vier
Wände bei weitem vor O du schöne Zeit der schmutzigen Hände der blutenden
Nasen der zerrissenen Jacken der zerzausten Haare Wehe dem Mann der dich
nicht kennenlernte Es wäre ihm besser gewesen er hätte manches andere nicht
kennengelernt welches die liebenden Verwandten und Freunde mit den
finstermelancholischen Blicken ihm als sehr löblich lieblich und rühmlich
priesen und anempfahlen
Naturgemäss hielt sich Hans jetzt mehr an den Oheim Grünebaum als an die
Mutter und die Base Der wackere Flickschuster hatte manches was ein
jugendliches Gemüt anziehen konnte In der Gesellschaft dieses würdigen Mannes
wurde dem Neffen selten die Zeit lang
Sehr schmutzig und vernachlässigt erschien jedem ordentlichen Weibe die
Haushaltung und Umgebung des Oheims Grünebaum In seiner Werkstatt sah es aus
als hätten die Hutzelmännchen nicht wohlwollend sondern in grimmigster
Erzürnung darin gehaust Ein tolleres KopfüberKopfunter kann man sich nicht
leicht vorstellen und wenn jemand hätte das Suchen lernen wollen so hätte er
hier die beste Gelegenheit dazu gehabt Der Oheim Grünebaum verbrachte aber auch
den größten Teil des Tages und seiner Arbeitszeit im vergeblichen Suchen Das
Gerät das er eben brauchte war fast niemals zu finden und das Wühlen und
Rumoren danach brachte keine größere Ordnung in den Wirrwarr Dazu schrien
pfiffen und sangen von den Wänden aus großen und kleinen Käfigen Vögel
mannigfacher Art ein Laubfrosch zeigte in seinem Glase am Fenster das Wetter
an Das politische Wetter aber zeigte sich der Meister Grünebaum selber an
indem er sich und seinen Vögeln den »Postkurier für Stadt und Land« mit lauter
Stimme vorlas was ebenfalls einen ziemlichen Teil seiner Arbeitszeit wegnahm
Der wackere Oheim Grünebaum schusterte nur gerade so eifrig und so lange als
nötig war um sich und seine Vögel notdürftig zu erhalten und den »Postkurier
für Stadt und Land« halten zu können Seine Schoppen im Roten Bock ließ er öfter
ankreiden als für einen soliden Bürger und Handwerksmeister sichs eigentlich
schickte
Für den Sohn des seligen Schwagers mangelte es jedoch dem guten Mann
durchaus nicht an natürlicher Zuneigung Mit Wohlwollen nahm er ihn auf in
seinem verwahrlosten Loche und gab ihm gute Lehren über Welt und Leben
Vogelzucht und Politik nach seiner Art Wenig verstand Hans von der Weisheit des
»Postkuriers für Stadt und Land« aber einzelne Namen wie Navarin Missolunghi
Bozzaris IbrahimPascha nahm er doch mit offenem Mund in sich auf und eine
große GriechenundTürkenSchlacht wurde in der Kröppelstraße geschlagen
blutige Köpfe gabs dabei und Silberlöffel der Armenlehrer musste viel
Anzüglichkeiten darob von den erzürnten Eltern vernehmen
Der Oheim Grünebaum war ein gewaltiger Philhellene aber noch mehr war das
der arme Karl Silberlöffel der mit wahrhaft fieberhaftem Interesse dem blutigen
Kampfe im fernen Osten folgte Auch die Base Schlotterbeck war eine große
Philhellenin und in der Kröppelstraße gab es eigentlich nur einen Mann der
Partei für die Türken nahm weil er die Griechen aus eigener Anschauung und
Erfahrung kannte Dieser Mann war Samuel Freudenstein der Trödeljude der einst
weit genug in der Welt umhergekommen war und welcher von den »Höllönen« fast
noch weniger hielt als Jakob Philipp Fallmerayer der orientalische Fragmentist
Der Trödler behielt aber seine Ansicht für sich und entging somit den
mannigfachen Unannehmlichkeiten die der treffliche Münchener Gelehrte zu
erdulden hatte
Von dem Oheim Grünebaum wurde Hans übrigens zum erstenmal wirksam darauf
aufmerksam gemacht dass man dem Lehrer Silberlöffel doch wenigstens einigen
Respekt schuldig sei Unter meinen männlichen Lesern wird wohl niemand sein der
nicht weiß was für eine Tyrannei in der Schule von Schulknaben ausgeübt werden
kann und ertragen wird der nicht weiß was es um die »öffentliche Meinung«
unter einer Bande solcher jungen Geister ist Der Oheim Grünebaum war schuld
daran dass Hans Unwirrsch dieser öffentlichen Meinung in einem Falle die ganze
Wucht seiner kleinen Persönlichkeit entgegenwarf und heldenmütig die Folgen
davon ertrug Zwischen Lehrern und Schülern herrscht dasselbe Verhältnis wie im
Völkerverkehr Was auch der Lehrer tun mag um das Vernunftrecht zur Darstellung
zu bringen seine Schüler stützen sich immer wieder auf das Naturrecht Ein
fortwährender scharf beobachtender Kriegszustand ist die Folge davon und nicht
immer hat der Lehrer die bessere Hand im Kampf gegen den rücksichtslosen Feind
dem jede Waffe recht ist und der kein Erbarmen kennt Manch hochbegabte Natur
ist schon in solchem Kampfe zugrunde gegangen
»Hannes« sagte der Oheim »wenn ich in deiner Stelle wäre so machte ich
nicht mit die andern so n tagtäglich heillos Spektakulum in der Schule dass,
wenn n Mensch da vorbeigeht er sich die Ohren zustopfen muss Mich jammert der
Magister in der Seele und lange leben wird er auch nicht mehr Die
unglückselige miserable Kreatur hustet sich zu Tode und ihr gottverlassenen
inkomparabeln Satans brüllt ihn zu Tode Hier mal vors Brett Hans und nicht
ausgewichen Was ist das mit der Schule Bist du immer mit bei dem Gebrüll und
Getrampel und Spietakel Junge Junge in deiner Stell ginge ich in mir und
bedächte dass wer n Menschen umbringt n Mörder ist und dass n toter Mensch
einem sehr auf die Seele liegen kann als was man dann nachher böses Gewissen
nennt Gehe in dich herein Hannes und bedenke dass sich wohl ein Stiebel lange
flicken versohlen und vorschuhen lässt dass aber noch kein Doktor nen
schwindsüchtigen Schulmeister dem seine Schlingel also grausam mitspielen wie
ihr eurem den Atem gerettet hat Der Mensche jammert mich wirklich und der
Deibel nimmt die Graden und die Ungraden also gib Achtung Hans dass er dich
nicht mit den andern Bälgern in den Sack steckt das Recht hat er wohl gewiss
schon längst dazu«
Diese Rede machte auf Hans einen größeren Eindruck als ihm der Oheim
anmerkte In einem günstigen Augenblick hatte dieser geredet seine Worte waren
nicht auf schlechten Boden gefallen und hatten eine bessere Wirkung als alle
früheren Ermahnungen Zum erstenmal dämmerte in der Brust des Kindes ein Gefühl
welches über den Egoismus des Kindes hinausging Als Hans Unwirrsch am folgenden
Morgen seinen Platz in dem Spritzenhause einnahm sah er den Armenlehrer mit
ganz andern Augen an als am vergangenen Tage und da Silberlöffel an diesem
kalten unfreundlichen Regenmorgen noch jammervoller und hungriger als sonst
aussah und noch mehr hustete so erlosch das Gefühl nicht sondern es wurde
stärker Hans saß zum erstenmal still in der Schule
An dem nächsten Komplott nahm er auch nicht teil verfiel der allgemeinen
Verachtung und kriegte fürchterliche Prügel die ihn jedoch nur in seinen guten
Vorsätzen bestärkten Der Streich wurde natürlich auch ohne ihn ausgeführt und
gelang vollkommen Es war ein Hauptstreich und die Befriedigung der jungen
Taugenichtse und Galgenstricke war groß der arme Lehrer dessen Brustschmerzen
an diesem Tage noch stärker als gewöhnlich waren unterlag kraftlos und der
Blick hülfloser Verzweiflung den er über die rebellische Schule schweifen ließ
und welcher auch Hans Unwirrsch streifte wurde von letzterem niemals vergessen
seine Wirkungen reichten bis in das späteste Alter
Am nächsten Morgen kam der Herr Lehrer nicht in das Spritzenhaus er sollte
es niemals wieder betreten Ein Blutsturz war in der Nacht über ihn gekommen
und zum Sterben krank lag er auf seinem Bett in seiner schlechten kalten Stube
Ein anderer nahm seine Stelle an dem Marterpult in der Armenschule ein Karl
Silberlöffel war aufgebraucht worden wie ein Rad in der Maschine Ein anderes
Rad wurde eingesetzt langsam drehte sich das Ding weiter und »unsere
fortschreitende Bildung und humane Entwicklung« war und blieb das Lieblingstema
manches wohlmeinenden Mannes damals
Wenig Leute kümmerten sich um den abgenutzten sterbenden Armenschullehrer
zu den wenigen aber die das Ihrige taten ihm seine letzten Lebenstage und
Nächte zu erleichtern gehörten der Oheim Grünebaum und die Base Schlotterbeck
An der Hand der letztern kam Hans Unwirrsch um seinen Lehrer sterben zu sehen
und um zum erstenmal die feierlichen Schauer zu empfinden die das Nahen des
Todes in der Seele des Menschen erregt auch wenn er noch ein Kind ist
Der todkranke Mann hielt lange die Hand des Kindes und sah ihm lange und
tief in die Augen Aber in dem Blicke mit welchem er es ansah war jetzt nichts
mehr von jenem Elend zu finden das ihn durch sein kurzes dunkeles Leben
unablässig bedrängt und ihm gnadenlos jedes freiere Aufsehen und Aufatmen
verwehrt hatte Matt war jetzt das Auge aber still und befriedigt war es auch
der Kampf war zu Ende noch ein Schritt und das Land der ewigen Freiheit war
erreicht Auf seinem Sterbebette fühlte sich der Armenschullehrer zum erstenmal
als ein freier Mann der sich vor niemand mehr zu neigen und in den Winkel zu
drücken brauchte Der alte rötliche diabolische Hut der hinter der Tür am
Nagel hing hatte freilich das Spiel gewonnen aber weder er noch ein
hochlöbliches Kultusministerium zogen einen großen Vorteil davon Der eine wurde
als Vogelscheuche in ein Kornfeld gestellt und das andere blieb fürs erste was
es war
Laut sprechen konnte der Kranke nicht aber Hans vernahm doch was er zu ihm
sagte und vergaß es nicht
»Weine nicht liebes Kind und fürchte dich auch nicht Du bist immer ein
guter Junge gewesen und wirst dereinst auch ein guter Mann werden Großen Hunger
jeder Art wirst du auch zu erdulden haben aber du wirst satt werden wie ich
denn endlich endlich wird doch einmal jeder satt«
Das was der sterbende Herr Silberlöffel damals noch hinzufügte verstand
Hans freilich nicht und die Base Schlotterbeck wusste auch nicht recht ob der
Kranke bereits in den letzten Todesphantasien liege oder nicht
Er sagte während seine Augen sich nach der niederen schwarzen Decke der
Stube richteten
»Ich bin sehr hungrig gewesen Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und
durstig nach Wissen alles andere war nichts Goldene Äpfel hängen lockend im
Gezweig und schießen ihre Strahlen durch das Grün Sie blenden so die Augen die
schönen glänzenden Früchte Die Hände habe ich ausgestreckt und habe sie mir
zerrissen an den Dornen viel Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen
Glanz im Grün Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch und doch
war auch ich für das Licht geboren Es ist hart hart hart im Schatten sitzen
zu müssen und Hungers zu sterben während so schöne Augen leuchten in der Welt
während so holdselige Stimmen locken in der Nähe und ach auch aus so weiter
weiter Ferne Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne aber im Schatten musste
ich bleiben auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt Ein goldener
Regen umspielte mich oft in Schauern fielen die leuchtenden Früchte nieder um
mich her und glänzten durchs Grün und durch die Morgen und Abendröten mir aber
waren die Hände gefesselt und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen Ich
habe nichts nichts erhalten von dem reichen Leben Nur mein Sehnen ist mir
zuteil geworden und auch das geht nun zu Ende So wirds dunkel vor den Augen
still vor den Ohren und im Herzen ich werde satt sein im Tode«
Man begrub den Armenschullehrer Karl Silberlöffel einige Tage vor
Weihnachten und die Armenschule unter dem Nachfolger folgte dem Sarge der
nicht mit Silber beschlagen und nicht mit Samt behängt war Nicht über reinen
Schnee sondern durch ein schmutziges Schlackerwetter trug man den Leichnam und
scharrte ihn kurz und gut ein ohne das allergeringste Gepränge Die Schule
zerstreute sich vom Kirchhofe und flatterte auseinander gleich einem
Sperlingsschwarm und auch Hans war mit im Schwarm und fühlte sich nicht viel
beklommener als die andern Der Tod hat doch eigentlich für das Kind keinen
Sinn erst wenn uns das Leben recht zusammengerüttelt und geschüttelt hat
geht uns das rechte Verständnis dafür auf
Der Kindheit der alles noch neu ist drängt jeder neue Tag den vergangenen
in die vollständigste Vergessenheit Am Morgen nach dem Begräbnis des guten
Lehrers spielte Hans Unwirrsch bereits wieder lustig in der Gasse und dachte für
jetzt mit keinem Gedanken mehr an den toten Mann Der Schnee der gestern
gemangelt hatte war über Nacht reichlichst herabgefallen es hatte kein Junge
in der Stadt Zeit an etwas anderes zu denken als an den Schnee
Großes Geschrei war in der Kröppelstraße und mächtig wuchs der Schneemann
zur Lust der jungen Künstlerbande und zum Ärger des misantropischen
pensionierten Stadtbüttels Murx der wie ein podagrischer Oger in seinem
Lehnstuhl am Fenster festgebannt saß und den Lärm und die Lust der lieben Jugend
für eine ganz persönliche Beleidigung nahm Aber der spanische Rohrstock war
pensioniert wie sein Herr und hing in grimmiger Unzufriedenheit über dem
pensionierten Dreimaster an der Wand
Unablässig wanderte das Auge des zur Ruhe gesetzten Schützers der
öffentlichen Ruhe und Sicherheit zwischen dem Stock und der Straße hin und her
und in der Brust des Vortrefflichen grollte und brummte es wie in einem dem
Ausbruch nahen Vulkan Prometeus am Kaukasus angeschmiedet Napoleon auf Sankt
Helena fühlten wohl ähnliche Bitternisse wie der gichtische Büttel aber ihr
Beispiel tröstete ihn nicht Lustig ging der Spektakel in der Gasse fort und
nachdem der Schneemann vollendet war stürzte sich die Bande jugendlicher
Missetäter auf Moses Freudenstein den Sohn des Trödlers und fing an ihn zu
waschen
In jenen vergangenen Tagen herrschte vorzüglich in kleineren Städten und
Ortschaften noch eine Missachtung der Juden die man so stark ausgeprägt
glücklicherweise heute nicht mehr findet Die Alten wie die Jungen des Volkes
Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn unendlich langsam
ist das alte schauerliche Hephep welches so unsägliches Unheil anrichtete
verklungen in der Welt Vorzüglich waren die Kinder unter den Kindern elend
dran und der kleine gelbe kränkliche Moses führte gewiss kein angenehmes
Dasein in der Kröppelstraße Wenn er sich blicken ließ fiel das junge
nichtsnutzige Volk auf ihn wie das Gevögel auf den Aufstoss Gestossen an den
Haaren gezerrt geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit ließ er sich
auch sowenig als möglich draußen blicken und führte eine dunkle klägliche
Existenz in der halbunterirdischen Wohnung seines Vaters
An diesem Tage aber hatte ihn sein Unstern doch mitten unter seine Peiniger
geführt und man hatte wie gewöhnlich in solchen Ausnahmefällen ihn in einen
engen Kreis geschlossen Was fiel dem Judenjungen ein dass auch er den neuen
Schnee sehen wollte In der Mitte seiner Tyrannen stand Moses Freudenstein und
reichte mit verhaltenen Tränen und einem Jammerlächeln die Hand in welche jeder
junge Christ und Germane mit hellem Hohngeschrei hineinspie in die Runde Es
gab wenige Leute in der Kröppelstraße die nicht ihren Spaß an solcher infamen
Quälerei gefunden hätten Keiner von den Gaffern in den Haustüren trat
dazwischen um der Erbärmlichkeit ein Ende zu machen Man lachte zuckte die
Achseln und hetzte wohl gar noch ein wenig es hatte eben wenig auf sich wenn
der schmutzige Judenjunge ein bisschen in seiner Menschenwürde gekränkt wurde
Hilfe und Rettung sollten für Moses Freudenstein von einer Seite kommen von
woher er sie nicht erwartet hatte
Hans Unwirrsch hatte bis zu dieser Stunde auch hier mit den Wölfen geheult
und was die andern taten hatte er leichtsinnig ohne Erbarmen und ohne
Überlegung ebenfalls getan Jetzt kam die Reihe an ihn in die offene Hand des
heulenden Judenknaben zu speien und wie ein Blitz durchzuckte es ihn dass da
eben eine große Niederträchtigkeit und Feigheit ausgeübt werde Es war ihm als
blicke das bleiche Gesicht des Lehrers Silberlöffel der gestern begraben worden
war ernst und traurig über die Köpfe und Schultern der Buben in den Kreis Hans
spie nicht in die Hand des Moses Er schlug sie weg und streckte seine Faust den
Kameraden entgegen Wild schrie er man solle den Moses zufrieden lassen er
Hans Jakob leide es nicht dass man ihm ferner Leid antue Die Faust fiel auf
die erste Nase die sich frech näher drängte Blut floss ein verwickelter
Knäuel Püffe Knüffe Fußtritte Wehgeheul Wutgebrüll Sausende Schneebälle
zerrissene Rappen und Jacken Exaltierteste Aufregung des pensionierten
Stadtbüttels Elektrisches Erzittern des spanischen Rohres an der Wand
Übereinander und Durcheinander Untereinander und Zwischeneinander Hernieder
in den Laden des Trödlers Samuel Freudenstein rollten Moses und Hans
schwindlig zerschlagen mit blutenden Mäulern und verschwollenen Augen Auch
Moses Freudenstein hatte zum erstenmal in seinem Leben einen Schlag gegen seine
Peiniger zu führen gewagt Es war eine glorreiche Stunde und ihr Einfluss auf
das Leben von Hans Unwirrsch war unberechenbar im Guten wie im Bösen Indem er
aus dem wilden Gewühl der Gassenschlacht die Stufen in den Trödelladen
hinabrollte fiel er in Verhältnisse welche unendlich wichtig für ihn werden
sollten In mehr als einer Hinsicht entschied sich sein Schicksal an diesem
Tage eine ganz andere Welt tat sich vor seinen Augen auf Es wohnten seltsame
Leute in dem Keller Leute die auch ihren Hunger hatten und ihn nach Kräften zu
befriedigen suchten Leute über welche die Kröppelstraße sehr mit Unrecht sich
erhaben dünkte
Das nächste Kapitel soll uns zeigen wer der Trödler Samuel Freudenstein
war dann werden wir bei Gelegenheit wohl auch erfahren auf welche Weise er
seinen Sohn Moses erzog und welche Ansichten von der Welt und von dem Leben in
der Welt er ihm beizubringen strebte
Viertes Kapitel
Auf malerische Mittelalterlichkeit machte die Kröppelstraße keinen Anspruch
Sämtliche Häuser darin waren nach einem großen Brande der während des
Siebenjährigen Krieges stattgefunden hatte mit möglichster Schnelligkeit und
mit möglichst wenigen Kosten wiederaufgebaut worden Jetzt war ein Teil der
Gebäude bereits wieder so baufällig dass ein neuer Brand vonnöten schien um
größeres Unheil durch ganz unmotiviertes Zusammenstürzen über Nacht bei
vollständiger Windstille ohne Erdbeben und dergleichen Anstössigkeiten zu
verhüten Samuel Freudenstein bewohnte mit seinem Sohn und einer uralten
Haushälterin das wackligste Haus der ganzen Reihe und wenn alle andern Besitzer
allerlei mehr oder weniger schwache Anstrengungen machten ihr Eigentum vor dem
gänzlichen Verfall zu sichern so tat der israelitische Handelsmann durchaus
nichts zur Erhaltung seines Hauses und noch weniger zur Verschönerung desselben
Seit dem Anfang des Jahrhunderts waren die Mauern nicht getüncht seit dem
Hubertusburger Frieden schienen die Fenster nicht geputzt worden zu sein Auf
dem Dach wuchs Moos und allerlei Krautwerk es hatte sich mehr als ein Ziegel
abgelöst und war durch keinen andern ersetzt worden Die Baupolizei war schlecht
in Neustadt aber Samuel Freudenstein verlangte gar keine bessere
Eigentliche Kellerwohnungen und läden gab es in Neustadt nicht die Stadt
war dazu nicht überfüllt genug Der ärmere Teil der Bevölkerung wurde weder zu
hoch hinauf noch zu tief hinabgedrängt Das einzige Lokal welches jenen
troglodytischen Einrichtungen größerer Städte ähnelte und welches somit dem
Geschmacke Freudensteins entsprach hatte dieser bei seiner Ansässigmachung in
Neustadt bald gefunden und nach seinem Geschmack hatte er sich darin
eingerichtet
Dem durch die Kröppelstraße Wandelnden machte sich der Laden des Trödlers
glänzend durch eine vor der Tür aufgehängte Hoflakaienlivree des Königs
Hieronymus von Westfalen bemerklich Dieser bunte Anzug diente besser als alles
andere als Aushängeschild eines Trödelladens und ein vorzüglicheres Symbolum
dafür als dieses Hausratstück des Trödelkönigreichs Westphalie war schwerlich zu
finden Es war niemand in der Stadt der diese Livree nicht kannte und Leute
welche sie als Kinder angestaunt hatten mussten sich ihrer noch im späten
Greisenalter erinnern
Dem Lakaien gegenüber hing am andern Türpfosten eine schadhafte
Eierkuchenpfanne und zwischen beiden gingen die Kunden ein und aus brachten
die verschiedenartigsten Gegenstände oder schleppten die verschiedenartigsten
Gegenstände fort Das Schaufenster gab nur einen schwachen Begriff von dem was
der Laden in seinem Innern enthielt Damenhüte und Herrenhüte Schulbücher
Bündel verrosteter Schlüssel staubige Rokokogläser und Schüsseln ein Fächer
eine Standuhr desolate Porzellanfiguren Kinderpuppen ein Zettel mit der
Inschrift »Hier werden die höchsten Preise für Lumpen aller Art gezahlt« ein
anderer Zettel mit der Inschrift »Allerhöchste Preise für Knochen zerbrochenes
Glas und Eisen« ein dritter Zettel mit den verlockenden Worten »Einkauf von
Gold Silber Juwelen und getragenen Kleidungsstücken« viel enthielt das
Schaufenster und doch sehr wenig im Vergleich zu dem Laden selbst
Wenn man über die Schwelle getreten und die drei Stufen hinabgestolpert war
geriet man in eine Dämmerung in welcher man anfangs keinen Gegenstand von dem
andern unterschied und in eine Atmosphäre welche ebenfalls aus mancherlei
ununterscheidbaren Düften zusammengesetzt war Nur ganz allmählich gewöhnten
sich Auge und Nase an die Lokalitäten nur ganz allmählich erkannte man dass der
Mensch hier alles loswerden konnte was er nicht gebrauchte oder nicht länger
gebrauchte und dass er hier vieles fand was er gebrauchte Ein Gegenstand
mochte durch noch so viele Hände gegangen sein noch so viele Schicksale in auf
und absteigender Linie gehabt haben Samuel Freudenstein brachte ihn doch noch
im gegebenen Augenblick in Bewegung und an den rechten Mann Er konnte dem
ältesten Plunder täuschend den Anschein der Neuheit gehen und seine Ansichten
über die Dauer im Wechsel wären höchst belehrend und anziehend für jeden
Philosophen gewesen Wie ein Alchimist und Zauberer waltete er aber auch in
seinem dämmerigen Reich und seine Erscheinung weckte nicht das Zutrauen
welches dem Handelsmann so nützlich ist
Samuel Freudenstein war ein Sechziger der wenig auf äußere Eleganz hielt
und der allein imstande gewesen wäre den Hut des Armenlehrers Silberlöffel für
eine höchst anständige Kopfbedeckung zu halten Er war groß doch ging er sehr
gebückt und schien an einem ewigen Frost zu leiden Die Art wie er seine
schlotternden Glieder in seinem zerlumpten Schlafrock verbarg konnte in den
Hundstagen einem eine Gänsehaut hervorbringen Der Mann war ein fortwährendes
Zähnklappern und ein Greuel für jeden der etwas auf ein wohlgewaschenes Gesicht
und reinlich beschnittene Nägel gab Dass er sich stets genügend rasiert habe
konnte man ebenfalls nicht behaupten und dass er einst ein Weib gefunden hatte
und zwar ein sehr hübsches und sehr reinliches das glaubten nicht alle welche
mit der Tatsache bekannt gemacht wurden Es war aber doch so und das Weib hatte
ihn sogar geliebt und hatte ihn höchst ungern allein gelassen in der Welt
Nicht immer hatte Samuel in der Dunkelheit seines Ladens in Neustadt
gesessen er hatte mehr von der Welt gesehen als sämtliche anderen Neustädter
zusammengenommen
Geboren war er in jener angenehmen Gegend wo Katze und Hund sich gute Nacht
sagen und wo Russen Polacken und Türken einander seit undenklichen Zeiten in
den Haaren liegen Gehandelt hatte Samuel bis hinauf nach Warschau und
Petersburg und bis hinunter nach Konstantinopel Im Jahr 1799 zog er mit Suwarow
nach Italien und machte gute Geschäfte wäre aber beinahe von dem alten
Italinsky gehängt und von Massena füsiliert worden Als vorsichtiger Mann blieb
er deshalb an der nächsten Ecke zurück und ließ die kriegführenden Parteien
allein weitermarschieren Er ging nach Wien und als ihm das Glück dort nicht
wohlwollte nach Prag wo er in der Jüdenstadt sich sehr behaglich fühlte und wo
er jedenfalls sich für immer festgesetzt hätte wenn nicht die große Konkurrenz
gewesen wäre Er handelte um diese Zeit mit Rauchwaren und machte ein ziemlich
bedeutendes Geschäft in Füchsen von allen Farben Mardern und dergleichen
Pelztieren Als er zum erstenmal zur Messe nach Leipzig kam glaubte er sich
gerade mitten in Abrahams Schoss setzen zu können aber er setzte sich nebenzu
und verlor in einer allzu gewagten Spekulation fast sein sämtliches Vermögen
Die Zeiten waren für jedermann hart und wurden immer härter aber Samuel
Freudenstein gehörte zu den Leuten die jeder Windstoß nach Belieben dreht und
wendet und das kann unter Umständen trotz allem was man dagegen sagen mag ein
großes Glück sein Er verstand zu lavieren und durch alle Gefahren alles
Kriegswetter Krachen und Poltern rettete er sich mit seinem Päcklein zog im
Sommer des Jahres achtzehnhundertundsechs durch das Rosentor zu Neustadt ein und
wurde als Jude nach damaligem löblichem Gebrauch gleich dem eingetriebenen
Schlachtvieh verzollt Nach dieser lobwürdigen Gewohnheit konnten Zettel auf
irgendeinem Steueramt in jeder beliebigen deutschen Stadt abgeliefert werden
auf welchen zu lesen stand
»Heute am Januar 178 verzollt und versteuert am Kreuztor
I drei Rinder
II vierzehn Schweine
III zehn Kälber
IV ein Jüd nennt sich Moses Mendelssohn aus Berlin«
Die Schlacht bei Jena welche so manche Niederträchtigkeit so manchen Unsinn
über den Haufen warf machte auch diesem Skandal ein Ende aber Anno fünfzehn
hätte mancher liebende Landesvater die gute alte Sitte allergnädigst gern
wiedereingeführt
In Neustadt lud Samuel Freudenstein sein Bündel bei einem Glaubensgenossen
ab und präsentierte demselben einen Wechsel der sein ganzes damaliges Vermögen
darstellte Er war des umherschweifenden Lebens überdrüssig wollte von jetzt an
das Leben auf bescheidenem Fuße anfangen und das Städtlein gefiel ihm Was ihm
der Gastfreund über die sonstigen Verhältnisse mitteilte befestigte seinen
Entschluss hiesigen Orts den Wanderstab abzusetzen und sich häuslich
niederzulassen Trotz dem Unglück welches Samuel bei seinem letzten Unternehmen
gehabt hatte war der Wechsel den er aus seiner schmierigen Brieftasche
hervorwühlte für die Neustädter Verhältnisse doch nicht so unbedeutend und es
ließ sich wohl ein neues Geschäftchen damit gründen Die Häuser waren damals
wohlfeil der ewigen Einquartierung wegen Samuel erhielt das beschriebene
Gebäude in der Kröppelstraße fast geschenkt und richtete sich darin ein wie ein
Ohrwurm in einem leeren Schneckenhaus Im Jahre 1815 heiratete er die Tochter
des weisen und wohlhabenden Mannes der seinen Wechsel so prompt saldiert hatte
Sein Trödelgeschäft hatte unter den Durchmärschen von Feind und Freund nicht
gelitten es hatte sich im Gegenteil sehr dadurch gehoben denn Freund und Feind
hatten mancherlei Dinge loszuschlagen an welche sie leicht gekommen waren
welche sich aber schwer mitschleppen ließ im Tornister oder auf dem
Bagagewagen Nach dem zweiten Pariser Frieden ahnte die Kröppelstraße dass der
Jüd im Keller sein Schäflein geschoren habe der Gastfreund aber wusste es und
gab seine Tochter das schöne Blümchen gern an ihn ab Wir wissen dass Moses
Freudenstein und Hans Unwirrsch fast um dieselbe Stunde im Jahre 1819 geboren
wurden und dass das »Blümchen« im Kindbett starb Der Frauen Amme fütterte den
Säugling auf und Samuel erzog ihn auf seine Weise welche von dem Schulplan des
Spritzenhauses in mancher Hinsicht bedeutend abwich Um die Erziehung der Juden
bekümmerte sich das hohe Kultusministerium damals noch nicht es ließ sie in
dieser Beziehung ganz und gar ihren eigenen Weg suchen und sie fanden ihn und
gingen ihn Moses Freudenstein wusste um viele Dinge Bescheid von welchen die
Taugenichtse die ihn in der Kröppelstraße misshandelten nicht das mindeste
ahnten
Dass die Kröppelstraße den Juden nicht mit den freundlichsten Augen ansah und
sich ihm gegenüber nicht auf den Standpunkt des »Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst« stellte brauchte keine Verwunderung zu erregen aber übertrieben war es
doch wenn die Mütter ihre hoffnungsvollen Sprösslinge vor dem Trödelladen
dadurch warnten dass sie behaupteten man verfertige darin Würste aus dem
Fleisch kleiner unartiger und unschuldiger Christenkinder und benutze dazu statt
ihrer Därme ihre wollenen Strümpfe
Auch für Hans Unwirrsch hatte einst die Idee, zu Wurstfleisch gehackt und in
seinen eigenen wollenen Strumpf gestopft zu werden nichts Verlockendes als er
aber mit Moses hinab in den dunkeln Laden polterte war er über diese Fabel
längst hinaus und sah sich nur sehr neugierig in dem geheimnisvollen Raume um
in den er bis jetzt nur ganz verstohlen von der Straße aus zu blicken gewagt
hatte
Aus der Finsternis des Hintergrundes hervor stürzten der Vater Samuel und
die alte Ester um den jetzt in lautes Geheul ausbrechenden Moses in ihre Arme
zu schließen auszufragen und zu beruhigen Verwünschungen aller Art schleuderte
Ester auf den Haufen in der Gasse und als sie gar bewaffnet mit einem Besen
einen Angriff darauf machte stob er entsetzt nach allen Seiten hin auseinander
Mit traurigem Kopfschütteln ließ sich der Trödler das Geschehene
auseinandersetzen aber sein Zorn machte sich nicht in lauter Weise Luft Er
hatte in seinem Leben so viele Demütigungen hinunterschlucken müssen dass es ihm
auf eine mehr oder weniger nicht ankam Aber dem Verteidiger seines Sohnes
stattete er seinen Dank fast in einer Art ab wie er es einem erwachsenen Mann
gegenüber getan haben würde und Hans fühlte sich höchlichst geschmeichelt und
schenkte ihm seine ganze Hochachtung Er genoss in dem dunkeln Hinterzimmer eine
Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen fand auch hier manches was seine
Aufmerksamkeit erregte und versprach sich und der Familie Freudenstein die
angeknüpfte Bekanntschaft fortzusetzen
Die Base Schlotterbeck war grade nicht sehr entzückt als sie das Geschehene
vernahm Sie hatte auch ihre kleinen Vorurteile gegen die Juden und sah nicht
ein welchen Nutzen ein solcher Umgang ihrem Pflegling bringen könne Die Frau
Christine aber erinnerte sich dass ihr seliger Mann einst geäußert hatte der
Nachbar Freudenstein sei kein übler Mann es lasse sich recht gut mit ihm
verkehren Die Frau Christine welche mehr als einer wohlhabenden israelitischen
Familie in der Hauptstraße die Hemden gewaschen hatte meinte daher die Juden
seien auch Menschen und könnten recht vernünftige Leute sein Sie hatte nichts
gegen den Verkehr mit dem westfälischen Lakaien drüben und auch der Oheim
Grünebaum gab als »zivilisierter Mann« und »Philosophikus« seine Zustimmung
Hans durfte Moses besuchen und Besuche von Moses annehmen Die Nachbarn und
Nachbarinnen schüttelten bedenklich die Köpfe aber hinderten nicht was das
Geschick beschlossen hatte
Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit des Trödelladens gewöhnt hatten
entdeckte Hans darin so viele Wunder dass sich sein Leben jetzt erst mit dem
wahren Inhalt zu füllen schien Zu gleicher Zeit erstieg er eine zweite Stufe
auf der Leiter des Wissens, sagte er dem Spritzenhaus und dem Nachfolger
Silberlöffels Valet um in die unterste Klasse der »Bürgerschule« einzutreten
Das war ein wichtiger Schritt vorwärts und wurde als solcher gebührend
anerkannt und gefeiert Der Oheim Grünebaum hielt dabei eine seiner schönsten
und längsten Reden welche aber doch weniger Wirkung auf den Neffen machte als
ein Paar neuer Stiefel womit er ihn beschenkte Es waren die ersten auf welche
Hans Unwirrsch trat in fieberhafter Aufregung hatte er ihren Bau von den ersten
Anfängen an bewacht mit Nägeln waren sie beschlagen dass man von der Sohle fast
nichts erblickte wenn man darin einherstapfte so hörte man den Schritt drei
Gassen weit Der Oheim Grünebaum hatte ein Meisterstück gemacht und hatte das
seltene Vergnügen dass es als solches anerkannt wurde Ein großes Sehnen in
Hansens Brust war durch die Stiefeln befriedigt worden er schritt auf ihnen mit
bedeutend erhöhterem Selbstbewusstsein durch das Leben Ein Junge mit so vielen
und so dickköpfigen Nägeln unter den Füßen konnte schon seinen Standpunkt den
neuen Lehrern und den neuen Schulgenossen gegenüber behaupten und Hans
behauptete ihn und trat jetzt auch erst in ein innigeres Verhältnis zu dem
andern Geschlecht welches er bis dahin so sehr verachtet hatte insofern es
nicht durch seine Mutter und die Base Schlotterbeck repräsentiert wurde
Neben dem Trödelladen wohnte eine Frau die sich durch eine Semmel und
Obstbude vor der Tür der Bürgerschule erhielt Ihr Name tut nichts zur Sache
aber sie hatte eine Tochter von ungefähr acht Jahren und das kleine Mädchen
hatte eine Katze Das Kind starb zuerst dann starb die Katze die Obständlerin
ist heute auch längst tot sie haben keine unausfüllbare Lücke in der Welt
gelassen aber die kleine Sophie war doch Hans Unwirrschs erste Liebe
In Abwesenheit der Mutter saß das Kind in der Obstbude an der Bürgerschule
und neben ihm saß die Katze Beide blickten unbeschreiblich ernstaft und
verständig über die Haufen rotbäckiger Äpfel und Birnen die Körbe mit den
Pfefferkuchen und Semmeln und die Glaskästen voll verlockenden Zuckerwerks Sich
selber ließ sie niemals durch die ausgelegten Schätze verlocken Pflichtgetreu
saßen sie da warteten auf die Kunden und besorgten den Handel ebensogut wie die
Inhaberin der Firma
Zuerst wurde Hans natürlich durch das Obst die Pfefferkuchen und Semmeln zu
der Bude gezogen dann übte die Katze eine bedeutende Anziehungskraft auf ihn
aus die kleine Sophie würdigte er seiner Aufmerksamkeit zuletzt und es dauerte
eine ziemliche Zeit ehe das Verhältnis sich umkehrte Letzteres trat erst dann
ein als der ritterliche Hans auch hier als Beschützer aufgetreten war und dazu
mangelte die Gelegenheit nicht
Nicht Hans allein richtete seine Aufmerksamkeit auf die Katze in der
Semmelbude Auch andere jugendliche Gemüter nahmen teil an ihrem Wohl aber noch
viel mehr an ihrem Wehe Die offenen oder geheimen Angriffe auf das ehrbare
gesittete Tier nahmen nie ein Ende und die kleine Herrin wusste im Kampf mit
allen finsteren Mächten ihrem Jammer oft keinen Rat An jedem Abend trug sie ihre
vierbeinige Freundin auf den Armen nach Haus und dann war auch die rechte Zeit
der Wegelagerer gekommen An jeder Straßenecke hatten Kind und Katze Leid zu
bestehen und immer neue Verfolger schlossen sich zur Begleitung an
Bei solcher Gelegenheit zeigte sich Hans wieder als ein edles Gemüt und nahm
sich der duldenden Unschuld nach Kräften an Er trug zwar wiederum einige Beulen
und blaue Flecke davon aber das stolze Gefühl mit welchem er die kleine Sophie
sicher bis zur Kröppelstraße geleitete war doch auch nicht zu verachten Die
Bekanntschaft war angeknüpft und gegenseitige innigste Zuneigung entstand
daraus An jedem Abend fand sich Hans an der Obstbude ein um seine beiden
Schutzbefohlenen abzuholen Moses Freudenstein war bald der Vierte im Bunde
Durch einen Lenz einen Sommer und einen Winter verkehrten die Kinder so
miteinander Sie trieben alle Kinderspiele zusammen mit seinen schönsten Blüten
überschüttete sie der Frühling der Sommer gab alle Freuden welche er dem
jungen Menschen zu geben hat Holdselig war das Jahr keine Blüte keine Frucht
blieb aus In den Herzen der Greise regten sich die ältesten fröhlichen
Erinnerungen die Schatten der Toten welche der Base Schlotterbeck in den
Gassen begegneten schienen sich nach der Aussage der Base mit den Lebendigen
zu freuen Die Jünglinge und Jungfrauen lebten ein doppeltes Leben in einer
schönen Gegenwart und einer schöneren hoffnungsreichen Zukunft Sorgenvolle
Väter und Mütter warfen wenigstens auf Augenblicke die Not des Tages von sich
aber die Glücklichsten waren doch die Kinder die vom Alter vom Tod von der
Hoffnung und von der Sorge noch nichts wussten Ihnen gehörte die Lust des Jahres
ganz und gar und größtes Unrecht war es in ihr Reich allzu verständig mit
kalter Hand einzugreifen
Zu Wald und Feld führte Hans die kleine Sophie Sie verloren sich freilich
nicht weiter in die grüne Freiheit als der Schall der Glocken der kleinen Stadt
reichte aber welch eine Unendlichkeit war ihnen darin gegeben Der Inbegriff
aller Dinge die Welt die absolute Totalität eröffnet dem Forscher nicht
weitere und nicht geheimnisvollere Räume als dem Kinde die engbegrenzte Wiese
und das Stückchen Himmelblau darüber bieten
Mit dem Hunger nach der Unendlichkeit wird der Mensch geboren er spürt ihn
früh aber wenn er in die Jahre des Verstandes kommt erstickt er ihn meistens
leicht und schnell Es gibt soviel angenehme und nahrhafte Sachen auf der Erde
es gibt so vieles was man gern in den Mund oder in die Tasche schiebt Hans
Unwirrsch war jetzt in dem Alter wo die ersten Klänge der großen Weltenharfe
leise leise das aufhorchende Ohr berühren wo man im Gras sich wälzt oder still
liegt und den Wind in den Blättern hört die Wolken in der Luft schwimmen sieht
und nach den fernen Bergen hinüberstaunt wo man läuft um die Stelle zu finden
an welcher der Regenbogen auf der Erde steht wo man mit Gras und Baum mit dem
lieben Gott mit jedem Vogel jeder bunten Mücke jedem glänzenden Käfer auf du
und du steht wo man Panteist in der lautersten Bedeutung des Wortes ist
Ernstaft wie in der Holzbude vor der Schule saß das kleine Mädchen am Rande
des Waldes oder in der Blumenfülle der Wiese Ihre Hände waren nie
unbeschäftigt ihre Augen waren stets für alles weit geöffnet aber sie sprach
seltener als andere Kinder und was sie sagte war viel vernünftiger als anderer
Kinder Worte Die Nachbarn in der Kröppelstraße schüttelten oft den Kopf über
sie und nannten sie altklug allein das war sie nicht Ihre Gedanken über das
Rauschen im grünen Baum über den Sonnenschein über die weiße und über die
rosige Wolke über den stillen blauen Himmel waren echte Kindergedanken trotz
aller Vernünftigkeit Mit ihren großen Augen sah sie fest und tief in die schöne
Welt und schloss sie dann geraume Zeit als wolle sie versuchen wieviel sie von
all der Pracht und Lieblichkeit mit sich hineinnehmen könne in die Dunkelheit
den Winter das Grab
Sie starb in dem Winter an einer Kinderkrankheit die arme kleine Sophie
Wenn wir auf das anmutige Bild hauchen so ist es verschwunden als sei es
nimmer dagewesen
Auf der obersten Stufe der steilen Treppe die zu der Wohnung der
Obstökerin führte saßen dicht aneinandergedrängt Hans Unwirrsch und Moses
Freudenstein und die Katze Sophiens saß eine Stufe niedriger auf der Treppe
Hinter der Tür lag das kleine Mädchen von welchem gesagt wurde dass es noch an
dem nämlichen Tag sterben müsse
Durch ein einziges morsches und schmutziges Fenster wurde der enge Vorplatz
erhellt der Regen schlug an die Scheiben und der Wind rüttelte daran Mehr als
einmal hatte man den Versuch gemacht die beiden Knaben von ihrem Platze zu
vertreiben doch Hans wich weder der Gewalt noch der Überredung und Moses der
gern fortgeschlichen wäre musste seinetwegen bleiben Die Katze miauzte von Zeit
zu Zeit leise und klagend wenn die Knaben zueinander sprachen so geschah das
auch leise und ängstlich Sie sahen die Katze an und die Katze sah sie an der
Tod aber lag auf der Lauer wie damals als der Lehrer Silberlöffel so krank war
ein lautes Wort durfte nicht gesprochen werden der Tod konnte es nicht
leiden
Der Jude wie der Christ fühlten gleicherweise die Schwere der Stunde jeder
jedoch machte auf seine Weise seine Bemerkungen darüber
»Hast du gehört was der Doktor sagte zur Jungfer Schlotterbeck« fragte
Moses
»Sie machts nun nicht lange mehr hat er gesagt und er hat den Kopf
geschüttelt so«
Moses Freudenstein schüttelte den Kopf wie ihn der Doktor geschüttelt
hatte und Hans sah die Katze an und streichelte sie und schluchzte
»Sie machts nun nicht lang mehr«
Die Katze aber wimmerte als wollte auch sie sagen
Ja sie machts nun nicht lang mehr und niemand weiß das besser als ich
»Wohin wird sie nun gehen wenn sie tot ist« fragte der Jude ohne seinen
Freund dabei anzusehen Moses schien für sich allein tief darüber nachzugrübeln
und das Grübeln schien das Gefühl in den Hintergrund zu drängen
»In den blauen Himmel zu den Engeln zu dem lieben Gott geht siel«
flüsterte Hans den Finger auf den Mund legend
Aber Moses legte den klugen Kopf auf die Seite und blickte nach dem
klirrenden Fenster an welchem der Regen in Strömen herniederfloss
»Mein sie wird einen bösen Weg haben Wird sie doch sehr frieren auf dem
Weg«
Hans Unwirrsch sah ebenfalls nach dem trostlosen Fenster und zog die
blauroten Hände so tief als möglich in die Ärmel seiner Jacke aus welcher er
der Base und der Mutter wieder einmal ganz unbemerkt herausgewachsen war Er
konnte über das was hinter der dunklen Tür vorging nicht solche Fragen
aufwerfen wie der kleine scharfe semitische Dialektiker ihm zur Seite er war
zu unglücklich dazu und fror zu sehr körperlich und geistig Er hatte mit
dunklern verworrenern aber auch schmerzvolleren Gefühlen zu kämpfen als Moses
Freudenstein Der Tod der Spielgefährtin machte einen noch viel schärfern
Eindruck auf ihn als der des Lehrers zum erstenmal fühlte Hans Unwirrsch dass
er ein Stück von seinem Leben verliere
Aber der schaurige Gast der Tod hinter der Tür achtete weder auf Grübeln
noch auf Gefühl Mit einem Satz schoss die Katze von ihrem Platz auf der
Treppenstufe gegen die Tür sie fing an heftig daran zu kratzen ihr Haar
sträubte sich sie schrie kläglicher als je Jemand öffnete die Tür um das Tier
zu verscheuchen aber blitzschnell schoss es in die Spalte und dann dann
durfte auch Hans eintreten die kleine Sophie verlangte nach ihm
Das Kind wusste ganz klar dass es sterben müsse Die großen ernstaften
Augen hatten einen Glanz bekommen der nicht mehr von dieser Welt war Sophie
wehrte sich nicht gegen den Tod sie lag ganz still und sprach auch nicht viel
mehr Mit ihren Augen nahm sie Abschied von ihrem Gespielen und als Hans laut
und bitterlich weinte schüttelte sie nur ganz leise den Kopf und flüsterte
»Ich habe sie gesehen gestern in der Nacht die schöne große Wiese O
Hans wie die Sonne darauf schien das glänzte und so viele viele viele
Blumen Oh mir fehlt gar nichts mehr morgen bin ich ganz gesund So schöne
goldene Äpfel in den grünen grünen Bäumen Wenn der Wind geht fallen sie wie
ein Regen von Gold herunter Morgen bin ich auf der schönen schönen großen
großen Wiese gute Nacht Hans lieber Hans«
Sie schloss die Augen und schlief ein und im Schlafe ging sie hinüber in die
Ewigkeit wo die goldenen Äpfel im grünen Gezweig hingen all der liebliche
Glanz nach welchem der Armenschullehrer hier auf Erden so großen Hunger gehabt
hatte den er so vergeblich hier auf Erden zu ergreifen gesucht hatte
Die Katze war auf die Bettdecke der Kranken gesprungen hatte sich ihr zu
Füßen in einen Knäuel gerollt und schnurrte behaglich Man ließ das arme Tier
wo es war aber den weinenden Hans führte die Base Schlotterbeck fort er sah
seine Spielgefährtin nicht eher wieder als bis sie im Sarge lag
Als das Kind gestorben war wollte man die Katze wegnehmen von der Decke
sie gebärdete sich jedoch wie toll biss und kratzte und spuckte und sprang erst
dann freiwillig herab als die winzige Leiche aus der Bettstelle gehoben wurde
Als der Sarg geschlossen worden war und auf zwei Stühlen in der Mitte der Stube
stand legte sich das Tier unter den Sarg und wollte auch von dieser Stelle
nicht weichen Als der Sarg aus dem Hause getragen wurde folgte ihm die Katze
bis zur Haustür und sah ihm nach Dann schoss sie wieder die Treppe hinauf und
fing an zu suchen in allen Winkeln und Ecken und wollte dies Suchen nicht
aufgehen trotz allem was man tat um sie davon abzubringen Tagelang
nächtelang wimmerte sie umher dass das roheste Gemüt im Haus und in der
Nachbarschaft ein Grauen und eine Wehmut darüber ankam Vergeblich bot man dem
armen Geschöpf die besten Bissen es nahm sie nicht an Niemand hatte das Herz
es roh und rau anzufassen aber man fürchtete sich vor ihm und jeder atmete
auf als es nach acht Tagen allmählich still wurde Es hatte ein altes Kleidchen
der Toten gefunden darauf wickelte es sich in einem Winkel zusammen und starb
vor Gram und Hunger Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein begruben es und der
Vater Samuel gab aus seinem Trödelvorrat eine bunte Schachtel zum Sarge her
Der Tod der kleinen Sophie und der Katze machte wie gesagt einen viel
größeren Eindruck auf Hans als der Tod des Lehrers Silberlöffel Mit einem
andern Mädchen schloss er fürs erste keine Freundschaft aber der Trödelladen
gewann von jetzt an einen immer größeren Einfluss auf ihn Die Base Schlotterbeck
und die Mutter Christine hätten Grund gehabt recht eifersüchtig auf den Nachbar
Samuel Freudenstein zu sein
Fünftes Kapitel
Die Freundschaft zwischen dem Sohne des Schusters und dem Sohne des Trödlers
zwischen dem Christen und dem Juden zog den ersteren immer mehr von dem Umgang
mit den übrigen Altersgenossen ab Diese betrachteten das Verhältnis nicht von
der günstigsten Seite sie hatten mancherlei daran auszusetzen und Hans musste
viel darum leiden innerhalb und außerhalb der Schule Die witzigen Köpfe machten
die lächerlichsten Glossen über diese merkwürdige Freundschaft Die welche
Talent für die zeichnenden Künste besaßen bedeckten Gartenmauern Hauswände und
Türen mit mehr oder weniger gelungenen Illustrationen der zwei Freunde und
krummnasige Abbildungen von Moses und Hans worunter wieder andere geistreiche
Bemerkungen schrieben sah man nicht selten und auch an Orten wo man sie nicht
vermutete Körperlich aber vergriff man sich nicht mehr an den beiden man
machte in dieser Beziehung zu böse Erfahrungen Es war übrigens abzusehen dass
eine Zeit kommen könne wo das Interesse an ihnen vollständig erloschen sein
würde und wo man sie ruhig ihres Weges gehen lassen würde ohne sich weiter um
sie zu bekümmern
Wie in einer Märchenhöhle saß Hans Unwirrsch in dem Laden des Trödlers und
Samuel Freudenstein war auch in seiner Art ein Zauberer der durch sein
Hantieren durch sein Wesen und seine Worte wohl einen mächtigen Eindruck auf
ein kindliches Gemüt machen musste Mit dem Pinsel wie mit dem Leimtopf wusste er
gleich geschickt umzugehen Vögel allerlei Vierfüssler stopfte er sehr
naturgetreu aus und verkaufte sie in Glaskästen den Liebhabern Er war auf einer
ewigen Jagd nach Merkwürdigkeiten begriffen saß in seinem Gewölbe wie eine
Spinne in ihrem Netz und lauerte auf seine Kunden Käufer und Verkäufer Selten
entging ihm eine römische Münze oder ein Brakteat die den Versuch gemacht
hatten noch einmal am Weltverkehr teilzunehmen und die vom Krämer oder vom
Bauer mit Grimm und Verachtung ganz unvermutet in der Ladenkasse oder im
Lederbeutel entdeckt und angehalten worden waren Merkwürdige gläserne Pokale
und Becher wusste Samuel sehr zu schätzen er witterte sie in den dunkelsten
Winkeln und Küchenschränken auf den Dörfern aus und zahlte gern dafür was die
Besitzer verlangten Auch Ahnenbilder kaufte er gern doch meistens mehr des
Rahmens wegen Es war ein Wunder wie viele Leute die auf solche »Ahnen«
durchaus keinen Anspruch hatten doch dergleichen angeschleppt brachten Wie
kamen diese Kotsassen Halbspänner und Brinksitzer diese kleinen Handwerker zu
diesen stattlichen Herren in Perücke Ringkragen und Brustarnisch zu diesen
hochtoupierten und gepuderten Damen die zu ihrer Entwürdigung so holdselig
lächelten und auf Rosen und Lilien rochen Der Stolz und die Verehrung manches
Geschlechtes wurde in der Kröppelstraße auf das schnödeste mit dem Gesicht gegen
die Wand gelehnt und manchen gnädigen Herrn manche gnädige Frau und manches
gnädige Fräulein nahm der Trödler nur als Zugabe auf einen alten Sessel
wackligen Tisch oder wurmstichigen Rokokokasten mit Achselzucken an
Auch mit Büchern gab sich Samuel Freudenstein ab alte Folianten in
Schweinsleder waren ein wertvoller Handelsartikel es gab keine Scharteke die
nicht zuletzt doch noch der Welt auf irgendeine Art nützlich wurde an die der
Autor einst nicht gedacht hatte Manches Buch aber welches der Zufall in den
Trödelladen hinabwarf sollte auf Hans Unwirrsch später eine Wirkung haben mit
welcher der Verfasser zufrieden sein konnte
Die mannigfachen Gegenstände welche der Laden enthielt eröffneten dem in
einfachster Ärmlichkeit aufwachsenden Knaben den Blick in unendliche Räume Was
die Schule nüchtern lehrte gewann hier bunteste und lebendigste Gestalt und
vielerlei von dem die Schule nichts sagte trat ihm hier zuerst entgegen
Einst war in die Kröppelstraße ein Bilderbuch geraten das einem Kinde
wohlhabender Eltern gehörte und sehr stolz war der Besitzer darauf und gab es
nicht aus den Händen Der arme Hans durfte nur aus der Ferne einen ganz
flüchtigen Blick hineintun worauf es ihm sogleich wieder vor der Nase
zugeschlagen wurde Wie früher von den großen Butterbröten der Genossen so
träumte Hans geraume Zeit von diesem Bilderbuche er hätte gern tagelang
gehungert wenn es ihm dafür auf eine Stunde in die Hände gelegt worden wäre
den Besitzer hielt er für den glücklichsten Jungen den es jemals gegeben habe
Er hatte einen großen Hunger nach diesem Bilderbuch und musste ihn sich vergehen
lassen wie so manchen andern Hunger damals und später
Jetzt wurde ein in jeder Beziehung viel reichhaltigeres Bilderbuch vor ihm
aufgeschlagen und nach Belieben durfte er darin blättern Nun dämmerte ihm eine
Ahnung von dem Reichtum der Welt immer bestimmtere Formen erhoben sich unter
den schwankenden Märchenbildern den verschwimmenden Gestalten und Klängen
welche durch die Base Schlotterbeck und ihre Kalenderbibliotek in der
Kinderseele wachgerufen worden waren Aus der Schule konnte Hans Unwirrsch
nichts mitbringen welchem Moses Freudenstein nicht eine andere Färbung hätte
gehen können und die Worte des Vaters Samuel gewannen bald ein ebenso großes
Gewicht wie die der Lehrer in der Bürgerschule In diesem Trödelladen wuchs Hans
über diese Schule schnell hinaus
Der Vater Freudenstein hatte eine gewaltige Achtung vor den Wissenschaften
eine fast ebenso große Achtung wie weiland der arme Anton Unwirrsch Doch wenn
dieser sie um ihrer selbst willen einst verehrte so schätzte jener sie weil er
darin den Talisman glaubte gefunden zu haben der zugleich mit dem Gelde ein
Schild und eine Waffe sei für sein immer noch ob seiner und der Väter Sünden so
vielfach bedrängtes und zurückgesetztes Volk Das Leben welches dem Manne so
arg mitgespielt hatte hatte ihm immer von neuem diese Lehre vor die Augen
gerückt und wie der Meister Anton beschloss er seinen Sohn mit diesen mächtigen
Verteidigungs und Angriffswaffen genügend auszurüsten Wie Anton Unwirrsch
wollte er seinem Sohn den Weg durch die Welt freier machen als er selbst ihn
gefunden hatte wie Anton Unwirrsch lebte er seit der Geburt seines Kindes nur
in der Zukunft desselben
»Lerne dass dir schwitzet der Kopf Moses« sagte er sobald der Knabe nur
irgend imstande war ihn zu verstehen »Wenn se dir hinhalten an Stück Kuchen
und an Buch so lass den Kuchen und nimm das Buch Wenn du was kannst kannste
dich wehren brauchste dich nicht lassen zu treten kannste an großer Mann
werden und brauchst dich zu fürchten vor keinem und den Kuchen wirst du auch
dazu bekommen Se werden dir ihn geben müssen ob se wollen oder nicht«
Moses Freudenstein öffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen sehr
weit und kniff sie dann zu und fragte wohl
»Und ich brauch wenn ich lern mich nicht lassen zu schimpfen und schlagen
in der Gass Ich kanns ihnen heimzahlen was sie mir tun brauch mich nicht zu
verkriechen vor ihnen«
»Wenn du hast Kunst und wenn du hast Geld kannst du sie stecken alle in den
Sack Und wenn du jetzt sitzest im Winkel kannst du denken du bist die Katz
und die Mäus tanzen vor dir und pfeifen dir zum Hohn Lass sie pfeifen und lern
wenn der jungen Katz sind gewachsen die Krallen kann sie spielen mit der Maus
und die Maus hat das Schlimmste davon«
»So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles was es gibt und wenn
ich alles weiß und habe das Geld so will ich es ihnen in der Gasse vergelten
was sie mir tun«
»Ich will dir helfen zu kriegen das Geld« sagte der Vater und die alte
Haushälterin in der Ecke kicherte und rieb sich die Hände und murmelte Segnungen
und Flüche zu gleicher Zeit jene über ihren Broterrn sein Kind und sein Haus
diese über die Stadt Neustadt und die Kröppelstraße samt allem was dran und
drum hing
Als Hans Unwirrsch die nähere Bekanntschaft von Moses Freudenstein machte
war dieser ihm in den meisten Elementarkenntnissen weit voraus und wusste
außerdem in Dingen Bescheid die den armen Hans mit Staunen und Bewunderung
erfüllten Er wusste wie eine Kokosnuss aussah denn der Vater Samuel hielt eine
verschlossen im Schranke Er wusste ganz genau Bescheid im Lande der Kokosnüsse
und im Affenlande und knüpfte daran die Bemerkung dass die Jungen in der
Kröppelstraße auch zum Affengeschlecht gehörten dass er Moses Freudenstein
aber doch lieber ein Aff als ein Jung aus der Kröppelstraße sein wolle
In den Geschichten des Alten Bundes war Moses natürlich sehr bewandert und
sprach davon immer in der ersten Person Pluralis als wir in Ägypten waren als
wir abfielen vom König Saul als wir zu Babylon in der Gefangenschaft saßen
als wir die Assyrier verjagten
Diese Art zu reden welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt hatte er
auch von seinem Vater der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte
stolz darauf war und gern und viel davon sprach Moses Freudenstein warf diese
Eigentümlichkeit auch erst sehr spät ab ja eigentlich verlor er sie nie völlig
selbst in jener Zeit als er die Erinnerungen und den Einfluss des Ladens in der
Kröppelstraße wie ein altes Kleid von sich gestreift hatte
Es gab in dem Laden alte holländische Reisebeschreibungen vom Ende des
siebenzehnten Jahrhunderts voll der merkwürdigsten Kupfer Vor diesen
Foliobänden war Moses groß Hans Unwirrsch aber vergaß über ihnen alles andere
Selbst die »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl« verblasste vor
den Wundern von Surinam dem Hof des Grossmoguls den Elefanten und den Tigern
den stolzen Kriegsschiffen der Herren Generalstaaten die mit ihren Kanonen die
wundersamen phantastischen indischen Städte im Kupferstich begrüßten
Aber das waren noch lange nicht alle Reichtümer von denen Moses umgehen
war Noch ganz andere Wunder barg der Laden des Trödlers Das Ei des Vogels Roch
im Märchen Sindbads des Seefahrers ist ein Gegenstand, der wohl die Phantasie
gefangennehmen kann aber das wirkliche und wahrhaftige Straussenei welches
einem vor der Nase liegt und welches man mit dem Finger vorsichtig berühren
darf hat doch einen noch größeren Reiz Der westfälische Hoflakai vor der Tür
hielt alles was er versprach er hing Wache vor so vielen Schätzen dass das
jugendliche Gemüt durch den Reichtum fast verwirrt wurde
Es war gut dass Hans in dieser Epoche einen so kühlen Burschen wie den
kleinen Moses neben sich hatte Dieser hatte sich längst in dem Wirrwarr
zurechtgefunden und ließ sich so leicht durch nichts mehr verblüffen Er hatte
die große Gabe von der Natur empfangen in seinem Kopf sogleich alles an die
rechte Stelle legen zu können Im gegebenen Augenblick wusste er alles sofort zu
finden ein Kind ein wahres rechtes echtes Kind war er eigentlich nie
gewesen
Ein wahres rechtes echtes Kind blieb dagegen Hans Unwirrsch sehr lange
fast über die gewöhnliche Zeit hinaus Auch der Verkehr mit dem israelitischen
Freunde änderte daran nichts die Phantasie behielt noch das Obergewicht über
den Verstand der Kreis in welchem Hans wie jedes andere Menschenkind stand
erweiterte sich nur und füllte sich mit immer buntern glänzenderen lockenderen
Gestalten Bildern und Träumen Die zusammengerollten farblosen Flügel der
jungen Psyche entfalteten sich allgemach im belebenden Strahl der Weltensonne
ein leichter Schimmer von Azur Purpur und Gold fing an sie zu überziehen in
Purpur Azur und Gold aber wiegten sich im Garten der Welt alle Blumen und
Blüten alle Wissenschaften und Künste und alle neun Musen die hohen Göttinnen
und Gärtnerinnen saßen und lächelten still und freudig über all die flatternden
Dinger die verlangenden Seelen und die geöffneten prangenden Kelche
Eines Abends trat Hans sehr nachdenklich aus der Dunkelheit des
Trödlerladens hervor und stand einen Augenblick ganz geblendet im Schein der
Abendsonne der noch auf dem Pflaster der Kröppelstraße lag Dann schoss er
schnell über die Straße zum mütterlichen Hause als ob er einen großen Gedanken
so eilig als möglich hinübertragen müsse Aber still setzte er sich neben der
Base Schlotterbeck die ihrer Gewohnheit nach um diese Zeit mit ihrem
Strickstrumpf vor der Tür hockte nieder und starrte mit offenem Munde zum
Sonnenhimmel hinauf
Anfangs gab die Base weiter nicht acht auf ihn als sie ihn aber zufällig
ansah ließ sie ihr Strickzeug in den Schoss sinken und rief
»Hannes was ist dir begegnet Kind wie siehst du aus Junge mach den Mund
zu und gib Antwort von dir was haben sie dir drüben angetan«
Hans warf einen ziemlich verstörten Blick auf den königlich westfälischen
Lakaien drüben antwortete aber nicht und die Base musste ihn erst tüchtig an
der Schulter rütteln ehe er sich in die Gegenwart zurückfand
»Jesus sie haben es fertiggebracht sie haben dem Kinde den Kopf verwirrt
O das Volk das Volk Hans Hans mein Liebling komm zu dir und gib aus was
dir passiert ist was sie dir getan haben«
»Er lernt das Lateinische« rief Hans und jetzt sperrte die Base den Mund
auf
»Er geht zu Michaeli aufs Gymnasium« jammerte der Junge und die Base
schlug die Hände zusammen
»Und ich muss n Schuster werden und n Pechschuster bleiben« heulte Hans
und strömend brachen die Tränen hervor
»n Schuster Ei sieh mal n Pechschuster und weiter nichts« rief eine
ironische Brummstimme und ein grimmer Schatten fiel auf die Base und den
Knaben Der Oheim Grünebaum stand vor den beiden ein würdiger Vorwurf für den
Pinsel eines großen Malers Verwunderungsvolle Entrüstung malte sich in
Ermangelung eines großen Meisters selber in allen seinen Zügen sie trieb ihm
fast die Augen aus dem Kopfe Jedes borstige und widerborstige Haar seines
Hauptes schien einen beleidigten Schuster zu bedeuten und der ganze
emporgesträubte und gewühlte Wulst die gekränkte Würde der ehrsamen Zunft im
ganzen Im Innern des Mannes kollerte knurrte und polterte es aufs
bedrohlichste aber nur in abgebrochenen Worten und Sätzen vermochte die
gerechte Entrüstung sich Luft zu machen
»So n Knirps will sich an der ganzen ehrbaren Schusterei vergreifen der
Deibel wenn mans nicht mit höchsteigenhändigen Ohren gehört hätte sollte
mans nicht glauben bis dahin dass mans mit seinen eigentümlichen Augen
gesehen hätte hallo Donner und Hagel und als wenn nicht von Adam herunter
ein ganzer Schwanz von Schustern hinge einer am andern und diese miserablige
naseweise Kröte das letzte Exkrementum von die ganze achtbare und notable
Reihe
I da soll ja «
Die Base streckte dem erzürnten Meister abwehrend beide Arme entgegen und
Hans verkroch sich angstvoll hinter ihrem Stuhl und Rock
»Raus mit ihm Base Wenn ich ihn nicht überlege als Mensch und wenn ich ihn
nicht haue als Oheim Pate und Vormund so ist mein Offizium als Meister von die
löbliche Schusterzunft dass ich ihm die Büchse prallziehe Stehe Sie beiseite
Base Schlotterbeck ich will dem gottlosen und lasziven Lästermaul sein Urteil
so gut hinten aufschreiben dass er sich drei Tage nicht hinsetzen soll von wegen
die Schriftzüge«
»Aber Meister was hat denn das arme Kind eigentlich gesagt was Euch so aus
Rand und Band bringt« rief die Base die ihr Leben in der Verteidigung ihres
Lieblings geopfert haben würde
»Was die Kreatur gesagt hat Sie fragt mich noch Dass er kein Schuster
werden will weil er die löbliche Schusterei verachtet hat er gesagt Dass er
seinen Oheim und Paten Grünebaum fürn Pechesel und Phülister ästimiert hat er
gesagt Der Deibel nehme die Graden und die Ungraden ich aber Niklas
Grünebaum will justement meinen Newö bei der Jacke nehmen Diktus faktus gehe
Sie mich stantepe aus die Sonne gehe Sie mich auf die Stelle aus die angenehme
Gelegenheit Base Schlotterbeck«
Die Base wich dem Zorn des göttlichen Schusters Nikolaus Grünebaum nicht
sie wurde allmählich ebenso hitzig wie der wackere Meister Erst mit sanft
überredenden Worten dann mit drohenden zuletzt mit ausgespreizten Fingern und
Nägeln verteidigte sie den armen Hans und da die Nachbarschaft durch den Lärm
in Scharen herbeigezogen wurde und da der Meister Grünebaum auf Anstand hielt
und da er wusste dass, wenn sechs acht oder zwölf Gevatterinnen die Fäuste in
die Seite stemmen meistens ein Geschrei entsteht welches kein Mann länger als
es unbedingt nötig ist aushält so gab er fürs erste klein bei oder verlegte
wenigstens die Fortsetzung der Verhandlung in das Innere des Hauses Der
Nachbarinnen wegen riegelte er auch die Tür zu aber der Frau Tiebus Entrüstung
und der Frau Kiebike Verachtung drangen während einer geraumen Zeit doch hinein
und ihm nach
Der Oheim Grünebaum hielt jetzt seinen Neffen und Paten am Kragen setzte
sich auf den Arbeitsstuhl des Meisters Anton und zog den schluchzenden Sünder
zwischen seine Knie wo er ihn wie in einem Schraubstock hielt Die Base
Schlotterbeck stand kummervoll aber machtlos daneben
»Nun noch einmal von vorn« rief der Oheim »Also n Pechschuster muss dieses
unglückselige Opferlamm werden und will es nicht Soll mich doch wundern ob
ich aus das Stückchen Unglück den Grund herausquetschen kann weshalb es nicht
nur seine eigene schätzbare Familie sondern auch noch dazu das ganze
hochlöbliche Schustergewerk verschimpfiert«
Er schrob seinen Schraubstock zu und lautauf heulte Hans Unwirrsch
»Weil der Moses das Latein lernt und Herr wird über die ganze Straße und die
ganze Stadt und alle Jungen darin Und weil meine Mutter ne arme Witfrau ist
und weil der Herr Oheim mich auch nicht das Latein lernen lassen wird und weil
und weil «
»Und weil und weil Base Schlotterbeck auf Euch gehts aus Wenn ein
Mensch angefangen hat dem Jungen Dummheiten in den Kopf zu setzen so seid Ihr
die Perschon mit Respekt zu sagen Was Latein Ich will dich Knirps
belateinen Mit dem Juden drüben ists aus Dir werde ich das Festkleben da
drüben vertreiben Lass mich noch einmal merken dass du da hinüberschnüffelst so
will ich dich an der Nase fassen dass du dein Lebtag kein Schnupptuch mehr
gebrauchen sollst Latein Konnte dein Vater Latein Kann ich Latein Und wir
sind doch Meister und wohlberedte Leute geworden und wenn ich im Roten Bock den
Mund auftue so klappt das weiteste Maul zu ohne dass ich es mit Latein stopfe
Aber in dir Junge kommt dein Vater wieder heraus das war auch so ein
Phantastiktus und wenn er das Latein nicht konnte so hatte er sich doch auf
andere Schrullen gelegt aber ich habe ihm auf dem Todbette versprochen einen
Menschen aus dir zu machen und das soll geschehen Da ist jetzt grade der König
Karl in Frankreich der macht es grade jetzt so mit seine geliebten Untertanen
und französischen Landeskindern wie ich es mit dir machen werde Hans
Unwirrsch willste nicht so sollste Also in aller Güte willst du nun ein
Schuster werden wie deine Vorfahren oder nicht«
Da diese letzte Frage mit einem neuen heftigen Druck des Schraubstocks
verbunden an Hans gestellt wurde so konnte letzterer nicht umhin seine
vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten des Oheims kundzugeben Die
Tränenfluten aber welche das Versprechen begleiteten nahmen ihm freilich den
größten Teil seines Wertes und in dem sehr legitimen König Charles dix hatte
sich der gute Meister Grünebaum auch nicht das rechte Muster für sein Verhalten
ausgesucht Es ist als ob das Schicksal hinterlistigerweise manche Wegweiser
nur deshalb aufpflanze um sich mit der Menschheit einen nicht immer harmlosen
Fastnachts oder Aprilscherz zu machen
Stumm hatte die Base des Meisters Wortschwall über sich ergehen lassen als
er nun aber endlich seine Meinung von der Seele los war begann sie die
Antistrophe zu singen und das Wort ließ sie sich sowenig wie der Oheim
Grünebaum nehmen
»So Also Er ist fertig Gevatter und hat gesagt was Er zu sagen hatte
Das ist ein Glück für mich das Kind und die vier Wände Da sollte man ja
auseinandergehen vor Grauen vor solcher Trompete Ihr seid mir ein schöner Mann
Gevatter Im Roten Bock mögt Ihr wohl allein das große Wort haben aber hier
haben doch auch noch andere Leute dreinzusprechen Das Kind hat nichts gesagt
was einen halbewegs vernünftigen Mann aufbringen kann und wenn es eine
fremdländische Sprache lernen will von der Er nichts versteht Gevatter so
braucht Er darum noch lange nicht solch einen grausamen Aufruhr zu stiften Ihr
lasst Euer Vogelviehzeug auch nicht einzig singen wie ihm der Schnabel
gewachsen Pfeift Ihr nicht etwa Eurem Dompfaffen tagelang den Alten Dessauer
vor Gevatter Grünebaum Ihr seid wohl ein rechter Schuster Ihr habt wohl
Grund Euch Eures Handwerks zu rühmen Ach du lieber Gott ja wenn man die
Stiefel mit alten Lügenzeitungen flicken könnte und wenn man die Schusterei am
besten nur auf der Bierbank im Roten Bock treiben könnte so wäret Ihr wohl der
Mann dazu Seht mir doch Er hat es wohl mit seinem Räsonieren vors ehrbare
Handwerk weit darin gebracht Grünebaum Sei Er ganz still die ganze Stadt
weiß ja wies mit Ihm bestellt ist Keinen ganzen Stuhl im Haus keinen heilen
Rock am Leib besehe Er sich nur in dem Spiegel und dann spreche Er die
Wahrheit ob Er ein Musterbild und Exempel von m Schuster für die Menschheit
ist Grünebaum Grünebaum wenn das Kind nicht darbeistände und ich mir darvor
zusammenhielte so wollt ich Euch den Text schon lesen Ihr seid mir ein schöner
Vormund aber lasst nur die Christine nach Haus kommen«
Auch die Base Schlotterbeck hatte den trefflichen Meister Grünebaum in den
Schraubstock genommen und jedesmal wenn sie zukniff zuckte der arme Mann
nicht weniger zusammen als vorhin Hans Unwirrsch Er wand sich wie ein Aal
welchem die Köchin lebendig die Haut vom Leibe zieht Mit beiden Händen griff er
nach dem Kopfe fand jedoch wenig Erleichterung darin dass derselbe nicht auf
den Küchentisch genagelt war Sein Selbstgefühl erlitt beträchtlichen Schaden
und als die Base notgedrungen Atem schöpfen musste trotzdem dass sie sich so
meisterlich zusammengehalten hatte gab es in ganz Neustadt keinen Schuster von
kläglicherer Erscheinung als den Meister Niklas Grünebaum Rückwärts schreitend
zog er sich gegen die Tür zurück ein Bild äußerster Entwürdigung innerlich und
äußerlich
»Himmeldonnerwetter« brummte er den Riegel wegschiebend und die Tür
öffnend aber das Brummwort bedeutete keinen Fluch keine Verwünschung es war
nur eine unwillkürliche Interjektion der allerbedrängtesten Verblüffteit Für
jetzt war der Oheim Grünebaum nicht mehr fähig den Kampf gegen die Sprache der
Römer fortzusetzen Und dazu brachte der »Postkurier für Stadt und Land« an
diesem selbigen Abend so wichtige unerhörte kuriose Nachrichten Rewwolution
in Paris Bollinjak an die Beine aufgehängt Fünfzigtausend Pariser
niederkradätscht Garden Linie und Schweizer totalemang kaputtgemacht Thron
von Frankreich und Navarra in die Luft geflogen Güljottine Marseljäse
Barrikaden
Der Politiker Schuster Vormund und Oheim Nikolaus war wie vor den Kopf
geschlagen es kostete im Roten Bock mehr als einen Extraschoppen ehe er sich
zu der Überzeugung dass er das große politische Ereignis längst vorhergewusst und
vorausgesagt habe emporschwingen konnte Endlich brachte er es aber doch
gottlob wieder fertig und je schwankender sein körperlicher Zustand wurde
desto mehr wuchs wieder der Glaube an seine moralische und staatsmännische
Unfehlbarkeit Er trug sein schweres Haupt in vollkommener Zufriedenheit mit
sich selbst zu Bett und schlief den Schlaf des Gerechten was Hans Unwirrsch und
seine Mutter nicht taten und die Base Schlotterbeck auch nicht
Sechstes Kapitel
Eine schöne liebliche Nacht war auf den Tag gefolgt über ganz Europa und seine
Völker schien der Mond Alles Gewölk war fortgetrieben und lagerte und lauerte
nun auf dem Atlantischen Ozean Wer schlafen konnte schlief aber es konnten
nicht alle schlafen
Brautnacht und Todesnacht zugleich Durch die Wälder spritzten die Bäche
ihre silbernen Funken die großen Ströme flossen still und glänzend Die Wälder
Wiesen und Felder die Seen Flüsse und Bäche die waren in voller Harmonie mit
dem Mond aber das wunderliche Pygmäenvolk der Menschen in seinen Städten und
Dörfern weit davon entfernt in Übereinstimmung mit sich selber zu sein ließ
in jener Beziehung manches zu wünschen übrig Wäre er nicht der »sanfte Mond
gewesen hätte er nicht einen guten Ruf zu bewahren gehabt er würde der
Menschheit trotz allen Dichtern und Verliebten nicht geleuchtet haben Er war
sanft und schien zu allem andern rührte ihn vielleicht auch noch das
Vertrauen der städtischen Verwaltungen die sich auf ihn verließen und
seinetwegen ihre Strassenlaternen nicht anzündeten
Er schien mit gleicher Klarheit und Sanftmut über Europa auf die wilde
arme Stadt Paris wo so viele Tote noch unbegraben lagen und so viele blutige
Verwundete mit dem Tode rangen nicht anders als auf die winzige Stadt Neustadt
in ihrem friedlichen weiten Tal Er guckte mild in die überfüllten Spitäler und
Leichenkammern er guckte mild in die Reisekutsche des zehnten Karls und nicht
weniger mild in die niedrige Kammer in welcher die Frau Christine Unwirrsch mit
ihrem Knaben lag
Das Kind schlief aber die Mutter lag wachend konnte nicht schlafen vor
dem was sie gehört hatte nachdem sie von ihrer schweren Arbeit so müde müde
nach Haus gekommen war
Es hatte ziemlich lange gedauert ehe sie den verworrenen Bericht den ihr
Hans und die Base Schlotterbeck gaben verstand sie war eine einfache Frau die
Zeit brauchte ehe sie sich in irgendeiner Sache welche über ihre tägliche
Arbeit und ihren armen Haushalt hinausging zurechtfand Wenn sie ein Ding
begriff so konnte sie freilich dasselbe auch ordentlich und verständig
auseinanderlegen und das Für und Wider jeder Einzelheit gehörig betrachten und
gegeneinander abwiegen aber dieses Streben ihres Kindes aus der Dunkelheit nach
dem Licht konnte sie kaum in seinen weitesten Umrissen verstehen
Sie wusste nur dass sich in diesem ihrem Kinde jetzt derselbe Hunger
offenbart hatte an welchem ihr Anton gelitten hatte dieser Hunger den sie
nicht verstand und vor welchem sie doch einen solchen Respekt hatte dieser
Hunger welcher den lieben seligen Mann so gepeinigt hatte der Hunger nach den
Büchern und den Wunderdingen welche in ihnen verborgen lagen Die Jahre welche
hingegangen waren seit man ihren Gatten zu Grabe trug« hatten keine Erinnerung
verwischt In dem Gemüt der stillen Frau lebte der gute Mann noch mit allen
seinen Eigentümlichkeiten deren kleinste und unbedeutendste der Tod verklärt
und zu einem Vorzug gemacht hatte Wie er mit der Arbeit einhielt und
minutenlang selbstvergessen in die Glaskugel vor seiner Lampe starrte wie er
auf Spaziergängen am schönen Feiertag plötzlich stillstand und den Boden
betrachtete und das Himmelsgewölbe wie er nachts erwachte und stundenlang
schlaflos im Bette saß unzusammenhängende Worte murmelnd das alles war nicht
vergessen und konnte nie vergessen werden Wie der gute Mann zwischen Seufzern
und frohen Aufwallungen zwischen heiterer und niedergeschlagener Stimmung in
seinem Handwerk sich abquälte wie er in seinen seltenen Feierstunden so sehr
studierte und vor allem wie er auf seinen Sohn hoffte und so wunderlich
hochhinauf träumte von der Zukunft dieses Sohnes das stand der Frau Christine
klar vor der Seele
Die Mutter richtete sich von ihrem Kopfkissen empor und blickte nach dem
Lager des Kindes hinüber Der Mondschein spielte auf der Decke und den Kissen
und verklärte das Gesicht des schlafenden Knaben welcher sich nach seinem
betrübten Bericht in den Schlaf geweint hatte und auf dessen Wangen noch die
Spuren der Tränen zu finden waren obgleich er jetzt im Schlummer wieder
lächelte und nichts mehr wusste von dem Kummer des Tages Rund um die Stadt
Neustadt in den Büschen und am Rande der Gewässer regte sich das Nachtgevögel
des Nachtwächters raue Stimme erschallte bald näher bald ferner die Uhren der
beiden Kirchen zankten sich um die richtige Zeit und waren sehr abweichender
Meinung sehr lebendig waren alle Neustädter Fledermäuse und Eulen die ihre
Stunden ganz genau kannten und sich um keine Minute irrten Mäuse zirpten hinter
der Wand der Kammer und eine Maus raschelte unter dem Bette der Frau Christine
eine Brummfliege welche auch nicht schlafen konnte summte bald hier bald da
stieß mit dem Kopf bald gegen das Fenster bald gegen die Wand und suchte
vergeblich einen Ausweg es knackte in der Stube der Grossvaterstuhl hinter dem
Ofen und auf dem Haustoden trappelte und schlich es so schauerlich und
gespenstig dass es schwerhielt den beruhigenden Glauben an »Katzen«
festzuhalten Die Frau Christine Unwirrsch welche als eine ahnungsvolle Seele
sonst ein scharfes ängstliches Ohr für alle Töne und Laute der Nacht hatte und
an dem Hereinragen der Geisterwelt in ihre Kammer nicht im mindesten zweifelte
hatte in dieser Nacht nicht Zeit darauf zu horchen und die Gänsehaut darüber zu
bekommen Ihr Herz war zu voll von andern Dingen und die Gespenster die
zwischen Erd und Himmel wandeln und mit den Nerven der Menschen ihr Spiel
treiben hatten keine Macht über sie Die Mutter fühlte die Verantwortlichkeit
für das Schicksal ihres Kindes schwer auf sich lasten und obgleich sie eine
ungebildete arme Frau war so war ihre Sorge darum nicht geringer ja ihre
Sorge war vielleicht noch schwerer weil ihr Begriff von dem Verlangen ihres
Kindes mangelhaft und unzureichend war
Lange betrachtete sie den schlafenden Hans bis der Mond am Himmelsgewölbe
weiterglitt und der Strahl von dem Bette verschwand und sich langsam gegen das
Fenster zurückzog Als endlich vollkommene Dunkelheit die Kammer füllte seufzte
sie tief und flüsterte
»Sein Vater hats gewollt und es soll niemand gegen seines Vaters Willen
sich setzen Der liebe Gott wird mir armem dummem Weib schon helfen dass das
Rechte daraus wird Sein Vater hats gewollt und das Kind soll seinen Willen
haben nach seines Vaters Willen«
Sie erhob sich leise von ihrem Lager und schlich um den schlafenden Knaben
nicht zu erwecken auf bloßen Füßen aus der Kammer In der Stube zündete sie die
Lampe an Auf den Arbeitsstuhl ihres Mannes setzte sie sich noch einige
Augenblicke nieder und wischte die Tränen aus den Augen dann aber trug sie das
Licht zu jener Lade im Winkel von der wir schon vorhin erzählt haben kniete
davor nieder und öffnete das altertümliche Schloss welches dem Schlüssel so
lange als möglich den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzte
Als der schwere Deckel zurückgelegt war erfüllte ein Duft von frischer
Wäsche und getrockneten Kräutern Rosmarin und Lavendel das Zimmer Diese
Lade enthielt alles was die Frau Christine Köstliches und Wertvolles besaß und
sorgsam nahm sie sich in acht dass keine Träne dazwischenfalle Sorgsam legte
sie die bunten und weißen Tücher zurück jede Falte sogleich wieder glättend
vorsichtig stellte sie die Schächtelchen mit alten armseligen Spielereien
zerbrochenen wohlfeilen Schmucksachen vereinzelten Bernsteinperlen Armbändern
von farbigen Glasperlen und dergleichen Schätzen der Armen und der Kinder zur
Seite bis sie fast auf dem Grunde des Koffers zu dem kam was sie in der Stille
der Nacht suchte Mit scheuer Hand holte sie erst ein Kästchen mit einem
Glasdeckel hervor ihr Haupt senkte sich tiefer als sie es öffnete Es enthielt
des Liederbuch des Meisters Anton und auf demselben lag ein vertrockneter
Myrtenkranz Wie ferne Glocken wie Orgelklang durchzitterte es die Nacht und
die Seele der knienden Frau nicht klarer und deutlicher sah die Base
Schlotterbeck die Toten lebendig als die Frau Christine sie in diesem
Augenblick sah Sie faltete über dem offenen Kästchen die Hände und leise
bewegten sich ihre Lippen Es fiel ihr zwar weiter kein Gebet ein als das
Vaterunser aber es genügte
Ein zweites Kästchen stand neben dem ersten ein altes Ding von Eichenholz
eisenbeschlagen mit festem Schloss eine künstliche Arbeit aus dem siebenzehnten
Jahrhundert welche schon seit Generationen im Besitz der Unwirrsche gewesen
war Diesen Kasten trug die Frau Christine zum Tisch und ehe sie ihn öffnete
legte sie erst in der Lade alles wieder sorgsam an seinen Platz sie liebte die
Ordnung in allen Stücken und übereilte selbst auch jetzt nichts
Hellen Glanz gaben die kleine Lampe und die schwebende Glaskugel aber das
altersschwarze Kästchen auf dem Tische überstrahlte sie doch sein Inhalt sprach
lauter von der Köstlichkeit der Elternliebe als wenn ihr Preis unter dem Schall
von tausend Trompeten auf allen Märkten der Welt verkündet worden wäre Das
Schloss sprang auf und der Deckel schlug zurück Geld enthielt der Kasten
Viel viel Geld silberne Münzen von aller Art und sogar ein Goldstück
eingewickelt in Seidenpapier Reiche Leute hätten mit Recht über den Schatz
lächeln können aber wenn sie jeden Taler und Gulden nach dem wahren Wert hätten
bezahlen sollen so würde vielleicht all ihr Reichtum nicht genügt haben den
Inhalt des schwarzen Kastens auszukaufen Mit Schweiß und Hunger war jede Münze
gewonnen worden und tausend edle Gedanken und schöne Träume hingen daran
Tausend Hoffnungen lagen in dem dunklen Kästchen sein edelstes Selbst hatte der
Meister Anton darin verborgen und all ihre Liebe und Treue hatte Christine
Unwirrsch hinzugelegt
Wer sah das dem ärmlichen Häuflein abgegriffener Geldstücke an
Ein kleines Buch bestehend aus wenigen zusammengehefteten Bogen grauen
Konzeptpapiers lag neben dem Geld des Vaters Hand hatte die ersten Seiten mit
Buchstaben und Zahlen gefüllt dann aber hatte der Tod den Schlussstrich unter
des wackeren Meisters Anton Rechnung gezogen und nun hatte bereits durch lange
Jahre die Mutter Buch gehalten auf Treu und Glauben ohne Buchstaben und Ziffern
und die Rechnung stimmte immer noch
Wie oft hatte sich die Frau Christine Unwirrsch hungrig zu Bett gelegt wie
oft hatte sie allen möglichen Mangel erduldet ohne der Versuchung die Hand
nach dem schwarzen Kästchen auszustrecken zu unterliegen In jeder Gestalt war
die Not an sie herangetreten in ihrer kümmerlichen Witwenschaft aber heldenhaft
hatte sie Widerstand geleistet Auch ohne Schriftzeichen und Zahlenzeichen
konnte sie in jedem Augenblick Rechenschaft ablegen sie trug keine Schuld
wenn aus dem schwarzen Kästchen nicht die glückliche ehrenvolle Zukunft die
der Tote für seinen Sohn erträumt hatte emporstieg
Länger als eine Stunde saß die Frau Christine in dieser Nacht vor dem Tisch
zählte an den Fingern und rechnete während drüben im Hinterstübchen des
Trödlerhauses ebenfalls ein Mann rechnend und zählend saß Auch Samuel
Freudenstein wachte für seinen schlafenden Knaben Manche Rolle mit Goldstücken
manche Rolle mit Silberstücken lag vor ihm er hatte mehr in die Waagschale des
Glückes seines Kindes zu werfen als die arme Witwe
»Ich will ihn wappnen mit allem was eine Waffe ist« murmelte er »Sie
sollen ihn finden gerüstet auf allen Seiten und er soll ihrer spotten Ein
großer Mann soll er werden er soll alles haben was er will Ein Knecht war
ich er soll ein Herr sein im fremden Volk und leben will ich in seinem Leben
Einen guten Kopf ein scharfes Auge hat er er wird seinen Weg schon gehen Er
soll gedenken an seinen Vater wenn er ist angekommen auf der Höhe leben will
ich in seinem Leben«
Die Witwe teilte ihren kümmerlichen Tageslohn in zwei Teile Der größte
derselben fiel in das Kästchen von Eichenholz zu den andern Ersparnissen so
langer mühevoller Jahre und einen hellen Klang gaben die schlechten Münzen
Mehr als hundert blanke Taler legte Samuel Freudenstein zu dem Vermögen seines
Sohnes niemand in der Kröppelstraße hatte eine Ahnung davon welch ein reicher
Mann der Trödler allmählich wieder geworden war
Aus der Kammer der Witwe war der Mondschein gänzlich wieder verschwunden
als die Mutter fröstelnd zurückschlich aus der Stube Noch immer schlief Hans
Unwirrsch fest und erwachte auch nicht von dem Kuss den die Mutter auf seine
Stirn drückte Auch die Lampe erlosch und die Frau Christine schlief bald so
sanft wie ihr Kind Um das Bett des Königs Salomo standen mit Schwertern in den
Händen sechzig Starke geschickt zum Streiten »um der Furcht willen in der
Nacht« zu Häupten der Witwe und ihres Kindes jedoch stand ein Geist der
bessere Wacht hielt als alle Gewappneten in Israel
Fast den ganzen Sommer hindurch dauerte der Kampf gegen den Oheim Grünebaum
Einen so hartnäckigen Schuster hatte die Welt lange nicht gesehen Tränen
Bitten und Vorstellungen erweichten rührten und überzeugten ihn nicht Ein
Mann der es mit den sieben weisen Meistern in jeder Beziehung aufnahm ließ
sich durch zwei alberne Weibsbilder und einen dummen Jungen so leicht nicht
seinen Standpunkt verrücken Beschlossen hatte er in seiner zottigen
Männerbrust dass Hans Unwirrsch wie alle andern Unwirrsche und Grünebäume ein
Schuster werden müsse und mit höhnischem Gepfeife schlug er alle Angriffe auf
seinen Verstand seine Vernunft und sein Herz zurück Es verging kaum ein Tag
an welchem er nicht die Base Schlotterbeck aus ihrer Gelassenheit herausflötete
Je mehr sich die Frauen ärgerten je hitziger sie in ihren Argumenten je
schärfer sie in ihren Worten wurden desto melodiöser wurde der Oheim Grünebaum
Mit einer mutigen kriegerischen Weise begleitete er gewöhnlich den Anfang jeder
neuen Unterhandlung und unter den schmelzendsten sehnsüchtigsten Melodien
brachte er sie ergebnislos zu Ende
»Gevatter Gevatter« rief die Base »wenn das Kind unglücklich wird so
ists Eure Schuld Eure Schuld allein Solch ein Mensch wie Ihr ist mir in
meinem ganzen lieben langen Leben nicht vorgekommen«
Ob nun das Lied vom Prinzen Eugen zur Beantwortung dieser Anmahnung gesungen
worden war konnte einigem Zweifel unterliegen der Meister Grünebaum wie
»selber ein Türke« pfiff es
»O Niklas« rief die Schwester »was bist du für ein Mann Es ist ein so
gutes Kind und seine Lehrer sind so mit ihm zufrieden und sein Vater hats
gewollt dass er alles lernen solle was es zu lernen gibt Denke an Anton
Niklas und gib dich ich bitte dich herzlich drum«
Der Oheim Grünebaum gab sich noch lange nicht Er drückte den Gedanken dass
die Schusterei ebenfalls ein schönes nachdenkliches gelehrtes Geschäft sei und
dass das Handwerk einen goldenen Boden habe sehr bezeichnend durch die Melodie
»Die Leineweber haben eine saubere Zunft« aus ließ sich aber auf Weiteres nicht
ein
»Pfeife Er nur« schrie die Base erbost die Arme in die Seite stemmend
»Pfeife Er nur zu Er Narr Ich aber sage Ihm Er mag sich nur auf den Kopf
stellen das Kind soll doch auf die Hohen Schulen und Universtäten Sitze Er nur
wie ein geblendeter Gimpfel pfeife Er nur zu Base Unwirrsch heule Sie nicht
tue Sie ihm nicht den Gefallen er hat nur seine abscheuliche Lust daran Solch
ein Tyrann Solch ein Barbare Und es ist doch Ihr Kind Base nicht seins Aber
der liebe Gott wird schon ein Einsehen haben lasse Sie nur die Schürze vom
Auge Base Pfeife Er jetzt nur zu Gevatter aber verantworte Er nachher es
auch und überlege Er sich was Er einst dem Meister Anton da oben sagen will«
Es schien als ob der Oheim Grünebaum sich dereinst bei seinem seligen
Schwager durch das schöne Lied »Sass ein Eichhorn auf dem Heckendorn«
verantworten wolle wenigstens pfiff er es nachdenklich und gerührt und drehte
dazu die Daumen umeinander
»O Niklas was für ein harterziger Mann du bist« schluchzte die Schwester
»Die Base hat ganz recht du wirst es nicht verantworten können was du an
deines Schwagers Kinde tust«
»Und lieber noch n Lumpensammler als solch ein lumpiger Flickschuster der
dem lieben Gott seine Tage im Roten Bock auf der Bierbank abstiehlt Und solch
eine Kreatur will sich dagegensetzen und hinten ausschlagen wenn ein armes Kind
über ihr hinauswill Wenn er sich nur die Hände waschen und die Haare kämmen
wollte der Mann ich möchte den sehen welchem es eine Ehre wäre ihn zum
Vorbild und Muster zu nehmen Es lebt so was weiter nicht und so einer will
andere abhalten sich rein zu waschen und ihren Eltern Ehre zu machen Aber ich
bau auf den Herrgott Meister Grünebaum Derselbigte wird Euch schon zeigen was
Ihr eigentlich seid s ist doch wirklich ne Lächerlichkeit dass ein Mensch den
Vormund spielen will der sich selber nicht bemündeln kann«
Die Melodie »Guter Mond du gehst so stille« muss in der Tat eine sehr
besänftigende Wirkung auf die menschlichen Gefühle ausüben der Oheim Grünebaum
pfiff sie schmelzend solange die Base Schlotterbeck redete und wie großer Zorn
auch in seinem Busen kochen mochte die Welt bekam nichts davon zu sehen Hans
Unwirrsch mit seinem Bücherränzel aus der Schule heimkehrend fand die beiden
Frauen in sehr erregter Stimmung mit hochroten Gesichtern und den Oheim sehr
gefasst gleichmütig und kühl er ahnte wohl wovon wiederum die Rede gewesen
war aber selten erfuhr er etwas Näheres über die Verhandlung
Gewöhnlich nahm der Oheim Abschied indem er einen Choral oder sonst eine
schwermütige Weise flötete und dabei den armen Hans grinsend in das Ohr kniff
Mephistopheles hätte ihn um sein Lächeln beneiden können und die Frauen fielen
nach seinem Abmarsch gewöhnlich matt und gebrochen auf die nächsten Stühle und
waren für mehrere Stunden unfähig an die menschliche und göttliche
Gerechtigkeit zu glauben
Im Kornfelde blitzte und klang die Sense der Oheim Grünebaum hatte noch
immer nicht nachgegeben Allerlei Früchte lösten sich ohne dass der Wind wehte
von den Zweigen und fielen herab der Oheim Grünebaum hielt seine Meinung
hartnäckiger als je fest Silberne Fäden umspannen die Welt und schwebten durch
die Luft der Oheim Grünebaum schwebte nicht mit sondern lachte hohn von seinem
niedrigen Dreifuss Bunt und immer bunter färbte sich der Wald aber des Oheim
Grünebaums Ansicht von Welt und Leben hielt Farbe Moses Freudenstein brüstete
sich immer stolzer in seinem Triumphe und Hans Unwirrsch sah immer kläglicher
und trübseliger drein Die Singvögel flöteten ihre letzten Weisen und rüsteten
sich zur Abreise nach Süden der Oheim Grünebaum flötete auch aber er blieb im
Lande und nährte sich redlich denn er war zu sehr überzeugt dass er nicht zu
entbehren sei in Neustadt im Roten Bock und in seiner Familie Kein Deus ex
machina stieg herab dem armen Hans Hilfe zu bringen und so blieb ihm zuletzt
nichts weiter übrig als sich selbst zu helfen Er führte einen Plan aus der
längerer Zeit bedurft hatte um in seiner kleinen Brust zu reifen setzte
dadurch die Base und die Mutter in schwindelnde Verwunderung und brachte den
steifnackigen Oheim Grünebaum vollständig aus der Fassung
An einem Sonntagmorgen zu Anfang des Septembers hatte der Gymnasialprofessor
und Doktor der Philosophie Fackler das Reich allein in seinem Haus und fühlte
sich geborgen behaglich wie selten in seiner Studierstube Die Frau Professorin
und Doktorin befand sich mit ihren beiden Töchtern in der Kirche und bat
höchstwahrscheinlich den lieben Gott um Verzeihung für die unruhigen Stunden
welche sie dann und wann dem »guten Mann« dh ihrem Gemahl und Herrn
bereitete Die Magd hatte sich in Privatangelegenheiten entfernt still war
das Haus ein grauer Tag blickte freilich in die mit Tabakswolken gefüllte
Studierstube aber die freudige Seele des Professors wandelte auf blauem Gewölk
mit dem Liederbuch des Quintus Valerius Katullus und schlürfte die wonnigen
Minuten der Freiheit
Vivamus mea Lesbia atque amemus
rumoresque senum severiorum
omnes unius aestimemus assis
Am See Benacus lustwandelte er im Schatten der Granatbäume und Pinien auf der
glückseligen Halbinsel Sirmio und die funkelnden Verswellen des römischen
Dichters spülten jeden Gedanken an die Gegenwart und jene Lesbia die
augenblicklich in der Kirche scharf und schrill mitsang in das Nichts hinab Er
überhörte den Klang der Haustürglocke vernahm nicht den ängstlich leisen
Schritt der die Treppe emporstieg er fuhr erst auf als etwas leise an seiner
Tür kratzte und klopfte Schnell verbarg sich der lateinische Schalk Katull
unter einem Haufen ernstern gelehrten Rüstzeugs und würdig rief der Professor
und Doktor der Philosophie:
»Herein«
Niemand folgte der Einladung und lauter wurde sie wiederholt aber auch
dieses Mal ohne Erfolg Verwundert erhob sich der Gelehrte aus seinem Sessel
zog seinen langen Schlafrock fest um sich und ließ nun mit noch größerer
Verwunderung ein winziges Bürschlein von ungefähr elf Jahren in seine
Studierstube ein Bürschlein das an allen Gliedern zitterte und dem die Tränen
über die Backen liefen Niemand war bei der Unterhaltung welche dieser Besucher
mit dem Herrn Professor Fackler hatte zugegen und die Einzelheiten des
Gesprächs können wir nicht angeben Nur das können wir sagen dass die aus der
Kirche mit den holden Pfändern der »tausend und aber tausend Küsse« ihren
beiden Töchtern heimkehrende Lesbia ihren Gatten in einer sehr vergnügten
Stimmung fand Er trug ihr nicht die Aufmerksamkeit entgegen welche sie von ihm
erwartete sondern fuhr fort weitbeinig in der Stube auf und ab zu laufen und
zu murmeln
»Seh einer Ein wackerer kleiner Kerl Puer tenax propositi Er soll
seinen Willen haben Bei allen olympischen Göttern er soll erreichen was er
will und möge es zu seinem Heil sein«
»Was soll zum Heil sein Wem soll was zum Heil sein Blasius« fragte
Lesbia ihr Gesangbuch weglegend
»An der Ferse soll jemand genommen und in den Styx soll er getaucht werden
Beste auf dass er gegen der Welt Bedrängnisse gefeiet sei und als Sieger aus der
Männerschlacht hervorgehe«
»Du hast heute wieder deinen albernen unverständlichen Tag Blasius« rief
die Frau Professorin ärgerlich und sah dabei aus als habe sie Lust den Gemahl
tüchtig durchzuschütteln Glücklicherweise jedoch sprangen in diesem Augenblicke
Eugenia und Kornelia herein und hingen sich mit allerlei kindlichen Fragen und
Bitten an den Papa Dieser wies auf die Mutter und zitierte dumpf
»Jove tonante fulgurante comitia populi habere nefas«
Er zog den Rock an setzte den Hut auf nahm den Stock ging aus und
stattete dem Oheim Grünebaum einen Besuch ab Der Oheim Nikolaus Grünebaum aber
hielt zu seiner eigenen »höchsten Perplexität« am Nachmittag in der
Kröppelstraße eine lange schöne Rede zu welcher die Base Schlotterbeck einen
ausgezeichneten Kaffee gebraut hatte und expektorierte sich ungefähr
folgendermaßen
»Sintemalen denn ein Schuster ein nobles und ehrerbietiges Geschäft ist
aber dennoch so können nicht alle Menschenkinder Schuster werden sondern es muss
item noch anders Volk gehen Schneider Bäcker Zimmerlinge Maurer und
dergleichen auf dass für jedes Gefühl und Sentiment gesorgt werde und kein Sinn
ohne die nötige Bedeckung bleibe Weilen es aber auch noch andere
Bedürftigkeiten in der Welt gibt und der Mensch viel nötig hat ehe und bevor er
nichts mehr nötig hat so gibt es auch item Advokaten und Doktors mehr als
zuviel und dazu Professors Pastöre mehr als genug Aber der Herrgott lässts
gehen wies will und der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden was soviel
heißen soll als ein Junge der sich sein Geschäft aussuchen will der soll sich
sehr vorsehen und bedenken wozu ihm die Nase steht denn es hat sich schon mehr
als einmal zugetragen dass der Esel meinte er könne die Laute schlagen Aber
einen Stiebel kann auch nicht jeder machen es ist nicht so leicht als es sich
ansieht Nun ist hier vorhanden Christine Unwirrsch weiland Anton Unwirrschs
Witfrau und zweitens die unverehelichte Base Schlotterbeck auch ein sehr gutes
Spezifikum von gesundem Menschenverstand und natürlicher Begabung Ferner ist
gegenwärtig Meister Niklas Grünebaum als wie ich selber ohne Rühmens auch
nicht auf den Kopf gefallen sondern ganz adrett auf die Füße Vor sie drei aber
steht das Geschöpf um das es sich handelt Hans Jakob Niklas Unwirrsch was
wenigstens sich als einen Jungen von Kurasche demonstriert hat und seine liebe
Anverwandtschaft hinterrücks ein Bein gestellt hat Solch ein Knirps«
Beide Frauen erhoben hier die Hände um des Himmels Segen auf den
jugendlichen Genius Hans Unwirrsch herabzuflehen aber der Oheim fuhr fort
»Ich denke Grünebaum fall vom Stuhle als der Herr Professor so mit einem
Male vor mir steht Solch ein Junge Aber ein ästimabler räsonabler angenehmer
Herr ist der Herr Professor und so ist das Lange und Kurze von der Geschichte
dass ich von heute morgen um halber zwölfe an nichts mehr damit zu tun haben will
und meine Hände mir drüber wasche«
»Woran Er sehr wohltut Gevatter« sagte die Base Schlotterbeck
»Und so mag es denn gehen wies geht der Deibel nimmt die Graden und die
Ungraden« schloss der Oheim
»Niklas« rief aber die Frau Christine ärgerlich »ich hoffe mein Sohn wird
weder grad noch ungrad mit dem Teufel zu tun haben und gehen lassen wies
geht soll er es auch nicht«
»Keine Reverenzien und Übelnehmerischkeiten« brummte der Oheim »Also was
ich und der Herr Professor denn sagen wollten Junge da n Überstudierter am
Ende doch auch ein Mensch bleibt so sollst du unsertwegen deinen Willen haben
Basta ich habs gesagt Die hochlöbliche Schusterei wird doch wohl nicht ein
Mirakelum an dir Lümmel vorbeilassen«
In einem Tränenstrom machten sich die Gefühle der Mutter Luft die Base
Schlotterbeck zerfloss fast in freudiger Rührung Hans Unwirrsch war später
niemals imstande sich und andern Rechenschaft zu geben über die Gefühle dieser
Stunde Wer aber auch jetzt vollkommen trocken und kühl blieb oder tat war der
Oheim Grünebaum Mit seinem Schusterdaumen drückte er gemütlich den Tabak in
seiner kurzen Pfeife nieder klappte bedächtig den Deckel zu wie ein Mann der
ein gutes Werk getan hat und sich die ihm von Rechts wegen zukommende Belohnung
höchstens im Hauptbuch des Himmels gutschreiben lässt
Er mochte aber aussehen wie er wollte seine Macht über seinen Neffen hatte
er verloren und niemals konnte er das Eingebüsste wiedergewinnen Seit dem
Augenblick in welchem Hans Unwirrsch mit der eigenen winzigen Hand dem Steuer
seines Lebens einen so wirkungsvollen Ruck gegeben hatte stand er dem wackeren
Meister mit vollberechtigtem Willen gegenüber und des Meisters Erstarrung und
Ratlosigkeit war um so grenzenloser je größere Gleichmütigkeit er äußerlich zur
Schau trug
Die Geschicke mussten sich erfüllen und Hans Unwirrsch betrat den Weg
welchen Anton Unwirrsch nicht gehen durfte Am folgenden Mittag begegnete der
verstorbene Meister der Base Schlotterbeck er ging gebückt und mit gesenktem
Kopfe nach seiner Art aber er lächelte zufrieden
Siebentes Kapitel
Die Pforte die sich nun vor unserm Hans geöffnet hatte führte wie jeder
welcher durch sie schritt weiß nicht gleich in die weiten hohen herrlichen
Säle wo die weißen Marmorgestalten die aus dem Schutt der klassischen Welt
aufgegraben wurden feierlich die Wände entlang stehen Sowohl Hans als Moses
fanden das sehr bald aus doch ersterer hatte mit dem Faktum bitterer zu kämpfen
als der letztere Verwirrt und bestürzt stolperten beide auf der heiligen
Schwelle und rutschten durch den abschüssigen Gang des Vokabulariums hinab in
das grauenvolle Labyrinth der Deklinationen und Konjugationen in welchem der
Kollaborator Klopffleisch als erbarmungsloser Minotaur auf seine Opfer wartete
Aber Moses Freudenstein fand sich schnell wieder auf den Füßen während Hans
Unwirrsch noch längere Zeit kläglich auf seinem Hinterteil sitzen blieb und
verloren verraten und verkauft um sich starrte Die schnelle Fassungsgabe das
treffliche Gedächtnis des jüdischen Knaben hoben ihn schnell über die ersten
Schwierigkeiten der gelehrten Laufbahn weg und nur mühsam und keuchend konnte
Hans ihm folgen
Doch Wille ist Werk sagt das Sprichwort und Hans Unwirrsch hatte den
besten Willen seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren alle Kraft setzte
er daran und der Kollaborator Klopffleisch respektierte bald den Willen seines
Schülers
Glückliche Jahre Ach wenn sie nur nicht so schnell vorüberrauschten o
Postumus liebster Postumus
Eben schien noch die heiße Julisonne durch die Fenster der Quinta auf unsere
Köpfe und wir schwitzten zu allem andern Schweiß dicke Angsttropfen über der
zerlesenen Grammatik während die Vögel draußen in den Bäumen uns auslachten und
die Fliege die frei über das blaue Heft spazierte die frech um die Nase des
Magisters summte uns ein beneidenswertes Tier dünkte Nun ist es schon Winter
Schnee liegt auf dem Boden und den Dächern und wird vom freien lustigen Wind
gegen die Fenster der Quarta gewirbelt Der Wind und die tanzenden Flocken
höhnen uns nicht weniger als die Sommervögel und die Fliegen es gewährt uns nur
eine sehr mangelhafte Genugtuung dass wir uns nach Herzenslust über den
Kornelius Nepos aufhalten dürfen weil er seine Vorrede mit einem
grammatikalischen Fehler anfängt und non dubito nicht mit quin konstruiert Eine
ganz andere Befriedigung würde es uns geben wenn wir dem edlen Römer draußen
auf dem Marktplatz die Qualen und den Jammer welche er über so manche
Generation von Schulbuben gebracht hat durch einen tüchtigen Hagel von
Schneebällen heimzahlen könnten O Postumus wie schnell rauschen die Jahre
Eben saßen wir noch als Tertianer wie junge Affen flegelhaft zähnefletschend
und schnatternd im Baum der Wissenschaften und fanden wenig Geschmack an den
vielgepriesenen Früchten besagten Baumes nun ist das auf einmal ganz anders
geworden Wir werden in der Sekunda mit »Sie« angeredet weit in nebelgrauer
Ferne liegt jene Zeit wo wir selbst des Nachts in unsern Träumen nicht vor dem
Rohrstock des Kollaborators Klopffleisch sicher waren wir haben unter den
Folgen der ersten Zigarre schauerlich aber heldenhaft gelitten einige von uns
erweitern ihre Ansicht von ihrer gesellschaftlichen Stellung und Würde dadurch
dass sie Brillen von Fensterglas aufsetzen wir fangen an vor den Fenstern der
ersten Klasse der Mädchenschule Parade zu machen und einen Hauptgegenstand
unserer Unterhaltungen bilden die Vorfälle der Tanzstunde Grinsend stoßen wir
einander unter den Tischen die Fäuste in die Seite wenn der Konrektor Gnurrmann
über einzelne Stellen und Szenen klassischer Dichtung schnell hinweggleitet oder
sie ganz überschlägt wir haben diese Stellen natürlich längst und gründlich
studiert und halten sie für die besten im Buche und es ist ein Wunder wenn
unser Exemplar der »Odyssee« nicht stets da auseinanderfällt wo Demodokos den
Phäaken zur klingenden Harfe den schönen Gesang »über des Ares Lieb und der
reizenden Aphrodite« singt Es ist ein Glück dass wir das andere Geschlecht in
dieser blöden bärenhaften Epoche unseres Daseins so sehr fürchten dass das was
uns zum erstenmal so geheimnisvoll so unverständlich wunderlich anzieht uns zu
gleicher Zeit in so respektvolle Entfernung zurückstösst O selige Zeit wo wir
ein Zwitterding vom Knaben und Jüngling im Grunde genommen mit unserem Dasein
nicht das mindeste anzufangen wissen und zwischen Verständigkeit und Unsinn
angenehm für uns sehr unangenehm aber für unsere lieben erwachsenen Angehörigen
in der Schwebe hängen
Ganz anders sieht sich Welt und Leben von den Bänken der Prima an
Selbstgefühl entfaltete sich schon im vorigen Stadium im reichlichsten Masse in
unserer Brust jetzt steht es in voller Blüte wir werden sehr kitzlig im Punkt
der Ehre Der »erworbene« Charakter entwickelt sich nun immer schneller bei
manchem steht er bereits vollkommen fest So recht zufrieden sind wir freilich
nicht mehr mit unserm Zustand das Studententum lockt in zu großer Nähe und
fester noch als unser Charakter steht in unserer Seele die Form des Bartes den
wir in Jena oder Göttingen tragen werden Unsere Stimme schnappt nicht mehr
über wohl aber öfter unsere Ansicht von der Achtung welche uns die Herren
Lehrer schuldig sind es kann vorkommen dass unsere Anschauung in diesem Punkte
allzusehr von der des Professors Fackler abweicht und dass wir schnöderweise
deshalb vom Maturitätsexamen zurückgesetzt werden
O Postumus Postumus was würden wir darum gehen wenn wir die Jahre
zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten noch nicht hinter uns hätten Sie
hatten ihre Leiden und Ängste aber wir sprechen doch am liebsten von ihnen
wenn wir grauköpfig kahlköpfig abends im Goldenen Löwen oder Silbernen Lamm im
Kasino oder in der Harmonie unsere Stühle zusammenrücken und den Staub des
Berufs abschütteln oder hinunterspülen Wir vergessen darüber die Stunde in
welcher die Frau uns daheim erwartet wir vergessen darüber die Aktenstösse die
sich um unsern Schreibtisch türmen die Nase welche wir heute von einem hohen
Vorgesetzten erhielten wir vergessen darüber unsern Rheumatismus unsere
heiratsfähigen Töchter und unsern Hausherrn der uns wieder um ein Drittel des
Mietzinses gesteigert hat Nur mit Mühe können wir bei der Nachhausekunft unserm
ältesten Schlingel Eduard welcher heute einen zwölfstündigen Karzer absass den
gebührenden Ernst zeigen Wir haben in demselben Karzer gesessen und wenn
seitdem die Wände nicht geweisst worden wären so hätte unser hoffnungsvoller
Sprössling mehr als eine der damaligen Lebensmaximen seines Erzeugers daran
finden können Aber die Wände sind glücklicherweise geweisst und die Porträts
des Oberlehrers Säger welche damals unser Mitdulder Fritz Scharfnagel ebenso
kühn als geistreich entwarf sind heute durch ebenso kühne als geistreiche
Karikaturen auf den Oberlehrer Dr Scharfnagel ersetzt
Eheu fugaces Postume Postume
Labuntur anni
Moses Freudenstein und Hans Unwirrsch gingen ihren Weg durch die verschiedenen
Klassen aber in beiden haben wir dem Leser zwei Ausnahmen des Schülerlebens vor
die Augen stellen müssen In einer Ausnahmestellung befand sich Moses schon
durch seine Nationalität und seine Religion welche ihn hinderten in dem
Gemeinwesen des Gymnasiums gleichberechtigt mitzu »taten« und mitzu »raten« der
Sohn der Witwe aber wurde durch seine Armut gezwungen dem fröhlichen Gewimmel
fernzubleiben Wie früher gingen auch jetzt die beiden Freunde aus der
Kröppelstraße vereinsamt auf einem Seitenpfade und warteten auf den
Stundenschlag durch welchen sie in die Mitte des Getümmels der Welt gerufen
werden sollten
Aus dem Dachstübchen der Polterkammer in welche sich einst der Meister
Anton am Geburtstage seines Sohnes aus dem Weibertumult rettete hatte Hans
seine Studierstube gemacht Hier hatte er seine wenigen Bücher und sein
Tintenfass aufgestellt hier war er ein glücklicher Herrscher im Reich der
Gedanken und Träume und hielt Zwiesprache mit allen Geistern die er
heraufbeschwören konnte Harte Kämpfe kämpfte er hier mit den Wächtern die vor
den Pforten jeder Wissenschaft liegen und überwältigte mit Schweiß und
unsäglicher Mühe das über was der semitische Grammatiker Moses spielend
hinwegschritt Letzterer hatte den Vorteil dass die Phantasie sich ihm nicht
hindernd in den Weg stellte Gradeaus ging er mit klarem Kopf und scharfen
Augen die verlockenden Wege die seitab ins Grüne aber auch in die wirre
Wildnis führen waren für ihn nicht da Moses Freudenstein sah nicht während
der Doktor Fackler die schwierigen Satzbildungen des Tukydides konstruierte
hinaus auf die blauschimmernde Fläche des Ionischen Meeres sah nicht auf der
Meereshöhe die weißen Segel von Korzyra auftauchen sah nicht die
hundertundfünfzig Schiffe der Korinter von Chimerium heranschweben Wenn der
Professor von den Traniten Zygiten und Talamiten den Arten der Ruderer
sprach so vernahm Moses Freudenstein nicht ihr Jauchzen wie die Flotten
aufeinanderstiessen Er vernahm nicht den Befehlruf der Stolarchen das Krachen
der Schiffsschnäbel das Triumphgeschrei des Siegers das Wehgeheul des
Sinkenden er sah nicht die blaue Flut rotgefärbt sah sie nicht bedeckt mit
Trümmern und Leichen und wenn der Professor plötzlich eine Frage an ihn
richtete so fuhr er nicht ratlos und beschämt auf wie der arme Hans Unwirrsch
der all das eben Geschilderte sah und hörte der aber ganz und gar vergessen
hatte dass es sich weniger um die Schlacht am Vorgebirge Leukimme und den Beginn
des Peloponnesischen Krieges als um die Ansicht des Professors Fackler über die
Konstruktion mit de handelte
Der Professor schüttelte jedoch bei solchen Gelegenheiten nur ganz leise den
Kopf ohne eine der trefflichen Reden zu halten die er sonst so gern von sich
gab Seit an jenem längst vergangenen Sonntagmorgen das verweinte stammelnde
Bürschlein in den zu langen Hosen und der zu engen Jacke vor ihm erschienen war
hatte es stets bei ihm einen Stein im Brette gehabt er hatte den Knaben auf
seinem Wege durch die Klassen seiner Hohen Schule nicht aus den Augen verloren
er wusste dass es von Übel sein würde den scheuen Jüngling noch mehr zu
verschüchtern und nahm vielleicht ein regeres Interesse an ihm als an
irgendeinem andern seiner Schüler Vor Moses Freudenstein schien sich der gute
Mann ein wenig zu fürchten aber Gerechtigkeit ließ er ihm ebenfalls
widerfahren
Einen flüchtigen Blick haben wir bereits in das Hinterstübchen des
Trödlerhauses geworfen jetzt müssen wir uns näher damit bekannt machen Es war
so dunkel wie man es nur von einem Gemach das auf einen so schmutzigen und
dunkeln Hof hinaussah erwarten konnte Feuchte Mauern sperrten jeden frischen
Hauch von seinen niederen Fenstern ab und der Sonnenschein war wirklich
künstlich ausgeschlossen von dem Baumeister der im angenehmen Mittelalter
sicher Wirklicher Geheimer Verliesbaurat geworden wäre Den dunkelsten Winkel in
diesem Gemach nahm die alte Haushälterin ein auf der Grenze zwischen Nacht und
Dämmerung stand der Tisch und Sessel des Vaters Samuel und in der Dämmerung des
Fensters stand Moses Tisch und Stuhl
Die schwarzen Haare zerwühlend saß hier Moses immer mehr beschäftigt die
bunte Mannigfaltigkeit des Lebens aufzulösen und sie in die Fächer einer
unbarmherzigen Logik zu ordnen Je mehr Wissen er aufhäufte desto kälter wurde
sein Herz mit höhnischem Spott erdrosselte er den letzten Rest warmer
Phantasie der ihm geblieben war Nicht Werkzeug zum Nutzen und Genuss für sich
und die Welt schuf er Waffen nur Waffen gegen die Welt schmiedete er und
keinen Augenblick der Ruhe des Atemholens gönnte er sich bei der Arbeit
Der alte Vater rieb hinter seinem Geldkasten frohlockend die knöchernen
Hände wenn er auf seinen Sohn blickte
»Er wird seinen Weg gehen« murmelte er »Er wird herausbrechen wie das
Licht und wird seinen Rücken nicht beugen wenn die rechte Zeit gekommen ist
Ich werde es erleben dass die Gojim sich vor ihm neigen Gott Abrahams ich
werde sitzen im Dunkeln aber mein Herz wird lachen und sich freuen«
Der Vater Samuel hatte seine Phantasie nicht ertötet wie Moses sie trug ihn
auch hochhinauf sie trug ihn weitinaus über seine verborgene gedrückte
dunkle Existenz kosend wiegte sie ihn in den Traum und häufte auf das Haupt
seines Kindes allen Glanz alle Würden und Ehren der Welt Moses Freudenstein
verachtete aber seinen »halbkindischen« Vater ganz im stillen sehr wenn er auch
seine Meinung jetzt noch nicht laut äußerte
Das Verhältnis zwischen Hans und dem Sohn des Trödlers blieb äußerlich
dasselbe aber nur Hans glaubte noch als Pylades an Orest Moses übersah den
Jugendgenossen und da er keinen Grund hatte ihn in irgendeiner Hinsicht zu
fürchten oder zu beneiden so ließ er sich die Zuneigung desselben gefallen
ohne aber einen bedeutenden Wert darauf zu legen Ein schärferes Auge als das
des armen Hans würde dieses bald entdeckt haben doch Hans gab eine Illusion
nicht so leicht auf wie Moses und so hielt er auch den Glauben an diese
Freundschaft fest Manche gute Lebensstunde brachte er in dem dunkeln
Hinterstübchen zu aber soviel warmes Licht er auch aus seinem Kreise
hineintrug es konnte den dunkeln Raum nicht heller es konnte das kalte Herz
des Jugendgenossen nicht wärmer machen Zu allem andern kam noch ein ganz
besonderer Reiz durch welchen er in jedem freien Augenblick zu dem Trödlerhause
hinübergezogen wurde Seit sein Sohn wirklich auf dem Wege war ein gelehrter
Mensch zu werden hatte Samuel Freudenstein seinen Bücherhandel erweitert Es
verging kaum ein Tag an welchem er nicht einen Haufen alter Scharteken in
Schweinsleder Franzband oder Pappband in das Hinterstübchen schleppte und um
den Arbeitstisch seines Sohnes aufhäufte Wenn nun Moses den größten Teil dieser
Bücher als unnützen Plunder verächtlich beiseite schob so wühlte Hans mit
gieriger Wonne darunter und verschlang alles durcheinander wie es ihm in die
Hände fiel Griechische und lateinische Klassiker Reisebeschreibungen
moderfleckige abstruse Theologie vergessene philosophische Traktate moderne
inländische und ausländische Dichter waren ihm gleich willkommen wenn auch
nicht gleich geschätzt Es gab fast keinen Tröster über den nicht sein Geist
sich aus der Gegenwart verlieren konnte um im blauen Äther der über den Dingen
ist träumerisch lächelnd zu schweben bis ihn die metallscharfe Stimme des
Freundes durch eine ironische Frage oder Bemerkung wieder herabzog in die dunkle
Stube in der Kröppelstraße die dunkle Stube mit der schönen Aussicht auf den
schwarzen Hof über welchen so viele schnelle und feiste Ratten liefen Der
sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha allein hob unsern Hans vergnügt über
einen ganzen langen Winter hinaus und die Schillerschen und Goeteschen
Dichtungen die hinunter in die dumpfige dunkle Stube gerieten waren imstande
alle Regentage des Lebens in ein olympisches Sprühen von Goldsonnenfunken zu
verwandeln
Hans Unwirrsch gehörte in dieser Epoche zu den Glücklichen der Erde Der
Oheim Grünebaum war vollständig versöhnt und nachdem er anfangs die bekannte
saure Miene gezogen hatte hatte er jetzt seinen Standpunkt verändert und
behauptete in seiner eigenen Behausung sowohl wie unter dem Dache der Frau
Christine und im Roten Bock er Nikolaus Grünebaum seis gewesen welcher
dem Neffen den ersten Stoß und Schub auf der Laufbahn der »Gelehrteit« gegeben
habe er Meister Grünebaum seis gewesen welcher die widerstrebende Nase
des Neffen in die lateinischen und griechischen »Lexizizibus« gestoßen habe Er
fing an fürchterlich mit seinem Hans zu renommieren und den Professor Fackler
grüßte er stets mit einem gewissen Augenblinzeln welches nur bedeuten konnte
Na habe ich es Ihnen nicht gesagt Habe ich nicht recht gehabt Vernäht mich
als Pechdraht wenn dieser Junge nicht Euren ganzen Topf voll Weisheit zum
Frühstück auslöffelt Und das sollte ein Schuster werden Ja es sollte mir
einer damit gekommen sein
Zu den Glücklichen dieser Welt gehörten auch die Witwe des Meisters Anton
Unwirrsch und die Base Schlotterbeck Sie trieben einen wahren Götzendienst mit
ihrem Hans und ergingen sich in kaum weniger ausschweifenden Träumen über seine
Zukunft als die waren welche Samuel Freudenstein von dem Lose seines Sohnes
hatte
Es war ein Glück dass Hans keine Anlage zum Stolz und Hochmut hatte sie
wäre sonst durch die übergrosse Fügsamkeit und Demütigkeit der beiden dummen
Weiblein aufs schönste zur Blüte gebracht worden Aber hier wie bei andern
Gelegenheiten zur Selbstüberhebung brachte der Gedanke an das schwarze Kästchen
in der Lade der Mutter den jungen Menschen stets schnell wieder zur Besinnung
Die Existenz dieses Kästchens war ihm bald nach seiner Aufnahme auf das
Gymnasium bekannt geworden
»Rücke heraus damit Stine« hatte der Oheim Grünebaum gesagt »Stelle es
ihm auf den Tisch Stinchen dass der Knirps einsehe was für merkwürdig
anständige verehrungswürdige und politische Personen seine Eltern gewesen sind
dass er sich nach der Decke strecke und dass er nachher seinen Kindern davon
erzähle wie sein Vater und seine Mutter für ihn gehungert haben«
Hans Unwirrsch hatte damals wenigstens schon geahnt was dieses Kästchen
bedeutete und je älter er wurde desto mehr begriff er die Entsagung den
Heroismus welche darin verborgen lagen Die beiden Frauen hatten ihm jede nach
ihrer Weise verworrenklar von seinem Vater erzählt und schmückten ihren
Bericht noch täglich mit neuen Zügen Hans selbst tat das Seinige dazu und schuf
sich so ein Bild des toten Mannes das seine ärmliche Umgebung in wahrhaft
magischer Weise verklärte Des Vaters Kampf mit der Unwissenheit sein Streben
nach dem Höhern sein Hunger nach dem Ideal hatten eine Fortsetzung in dem Sohn
gefunden und alles was es Edles in dem Wesen des Toten gab wirkte viel
mächtiger auf den Sohn ein als das was Samuel Freudenstein seinem Moses geben
und sagen konnte
Früh fühlte Hans dass er alle Kraft aufwenden müsse die Vorsorge seines
Vaters und die Aufopferung seiner Mutter zu verdienen und dass er keine
Gelegenheit durch eigene Anstrengung sich den Weg durchs Leben weiterzubahnen
versäumen dürfe Die Werke der Not verwandelten sich ihm in teuere Pflichten
wie das bei allen edleren Naturen der Fall ist. Was für schöne Tage lächelnde
Gesellen in weißen Gewändern mit Kränzen auf den Häuptern und Lilienstengeln in
den Händen hinter dem dunkeln Vorhang auf ihre Zeit warten mochten die Tage
der Gegenwart streuten im Vorüberziehen ebenfalls ihre Blüten aus und Hans
Unwirrsch konnte sie niemals vergessen wie großes Glück auch später ihm zuteil
wurde
Wie süß war später die Erinnerung an jene Abende wo die rote Sonnenkugel in
den Winternebel versunken war der Schnee bleich von der Gasse in das Fenster
blickte und der Schüler nach einem in fleißiger Arbeit verbrachten Tage neben
dem Stuhle der Mutter saß Wie süß wars beim Schnurren des Spinnrades der
Mutter beim Klirren der Stricknadeln der guten Base aus den eigenen Gedanken
und den einfältigen Worten der beiden armen Weiblein Luftschlösser zu bauen Wie
süß wars für jede Phantasie für jedes Wort in klassischer oder moderner Zunge
zwei so andächtige Zuhörerinnen zu haben Lauscherinnen die um so andächtiger
wurden je weiter sich der Redner aus ihrem Gesichtskreis entfernte je höher er
sich erhob über die Dächer der Kröppelstraße und der Stadt Neustadt
Es war die Zeit gekommen wo nicht bloß die Kronenträger die Weisen Helden
und hohen Frauen der Vorwelt durch die Dämmerung der armen niederen Stube
schritten Hans war ein Mann der großen Welt geworden und blickte durch mehr als
eine Ritze und Türspalte in den Haushalt der Weisen Helden und hohen Frauen
die noch in Fleisch und Blut sich in Neustadt das Leben so angenehm als möglich
machten und vor deren Haustüren der arme Knabe sonst nur im Schwarm der Menge
gaffen durfte wenn sie in den Mietwagen stiegen um zum Ball nach dem Kasino zu
fahren
Dominus Blasius Fackler welcher als Professor und Doktor der Philosophie
die Schlüssel des griechischen und römischen Olymps hielt hatte durch seine
Stellung im Staat und durch seine holdanlächelnde Gattin auch einigen Einfluss
auf den Neustädter Olymp und benutzte denselben bestens für seinen Schützling
Ein ungezähltes Heer von Grillen und gelehrten Schrullen durchsummte das Hirn
des gelehrten Mannes und fuhr dem Unvorsichtigen der sich ihm von der falschen
Seite oder zur unrechten Stunde näherte ins Gesicht wie der Chor der Insekten
welchen Mephistopheles aus dem Schlafrocke Fausts schüttelte Aber der gelehrte
Mann war zu gleicher Zeit ein guter Mann und um so mehr imstande sich in die
Seele seines Schülers zu versetzen weil er ebenfalls ein Sohn der Armut und des
Hungers war Sein Vater ein Leinweber hatte nicht einmal sein Leichentuch
weben können er wurde auf öffentliche Kosten eingewickelt und im Armenwinkel
verscharrt Der Professor Fackler hatte einen mühevollen Weg zurückgelegt ehe
er sich auf seinem Lehrstuhl niederlassen konnte er vergaß die harten Tage
seiner Jugend nicht und machte auch was ein großer Ruhm vor Gott ist niemals
den Versuch sie zu vergessen
Eines Morgens nach der »TacitusStunde« beschied er Hans Unwirrsch im
Feiertagsgewand zu sich gab ihm ein Glas Burgunder zur Herzstärkung trug ihm
eine für die Gelegenheit ungemein passende Abhandlung über das Patronen und
Klientensystem bei den Alten vor und führte ihn sodann zu dem Hause eines der
honoriertesten Honoratioren der nie genug gelobten Stadt Neustadt Mit Beben und
Herzklopfen folgte ihm Hans durch die Gassen um dann einem kahlköpfigen Herrn
welcher recht gut die Stelle des königlich westfälischen Kammerlakaien vor
Samuel Freudensteins Trödelladen hätte ausfüllen können von dem Professor als
das besprochene Individuum das augenblicklich die meisten Talente zum
Erziehungsfach in seiner Schule verrate vorgestellt zu werden Ein höherer
Justizbeamter in einem kleinen Staat ist freilich ein gefährlich Ding aber mit
der Zeit gewöhnt man sich doch an seinen Anblick und fühlt sich wieder in seiner
Haut sicher Auch Hans Unwirrsch erhob das Haupt wieder nachdem der erste
Eindruck des Feierlichen Erhabenen und Geheimnisvollen überwunden war Mit
Eifer suchte er die Befähigung zum Erzieher die man an ihm loben wollte an
zwei verzogenen Rangen von sechs bis acht Jahren zu betätigen Was für Erfolge
er erzielte braucht hier nicht erörtert zu werden aber über andere Eindrücke
welche ihm in dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler zuteil wurden dürfen wir
nicht schweigen
Die Frau Kanzleidirektorin liebte einen großen Verkehr es gab außer den
beiden hoffnungsvollen Söhnen auch einige erwachsene Töchter im Hause welche zu
nicht geringeren Hoffnungen berechtigten Sie waren die unschuldigen Urheberinnen
der neuen Ahnungen die in Hans Unwirrsch aufgingen mit welchen neuen Ahnungen
und Sensationen übrigens die Dea omnipotens die Liebe nichts zu schaffen
hatte Die Personen in ihren modischen Gewändern deren Fasson um ein Halbjahr
von Berlin und um ein Jahr von Paris differierte waren zu sehr Geschöpfe einer
andern Welt als dass sich das Auge des staubgeborenen Hans anders als in
tiefster Demut zu ihnen erhoben hätte
Aber sie rauschten und schwebten an ihm vorüber wenn er kam um seine
Lektionen zu geben er vernahm ihr Klavierspiel ihr silbernes Gelächter durch
halbgeöffnete Türen sie erschienen ihm unbeschreiblich schön elegant vornehm
sie eröffneten ihm den ersten Blick in jene Welt welche so viele demütige
dumme hungrige arme Teufel die sich vergeblich hineinsehnen die »vornehme«
nennen
Die Töchter des Kanzleidirektors und ihr Umgangskreis waren schuld daran
dass Hans während eines gottlob nur kurzen Zeitraums Augenblicke hatte in denen
er nicht nur den Oheim Grünebaum gründlich verachtete sondern in welchen er
auch die Base Schlotterbeck zwar für eine gute aber sehr alberne und
langweilige alte Jungfer hielt
Seltsamerweise war es Moses Freudenstein der »Primus« welcher Hans seine
Gemütsstimmung klarmachte sie natürlich aufs schärfste analysierte und ihn
dadurch zur Besinnung brachte
»Ich will dir was sagen Hans« meinte er indem er mit den Augen zwinkerte
und die Knie aneinanderrieb eine Gewohnheit die er von allen andern
Eigentümlichkeiten allein nie ganz ablegen konnte »ich will dir sagen was
dich jetzt so grob macht Neidisch ist der Hans Es wird ihm eine Tür vor der
Nase aufgemacht aber niemand ruft Treten Sie ein gefälligst Herr Unwirrsch
Er muss stehen und zuschauen wie die andern ihren Spaß haben in der Welt er muss
stehen wie unsereiner Nicht den Mund darf er auftun und wenn er grüßt und man
dankt nicht muss er auch zufrieden sein Mein Fräulein darf ich um den nächsten
Walzer bitten darf er schon gar nicht sagen er kann nicht einmal tanzen er
wird es auch niemals lernen aber ich werde es lernen«
Das letzte sagte der Sprecher mit einem merkwürdigen Nachdruck und fügte
noch bei »Werde aber nicht tanzen mit diesen naseweisen Äffinnen Hans
Unwirrsch sieh mich also nicht an wie ein Bär Ich bitte dich friss mich
nicht«
Die beiden Freunde kamen von einem Spaziergang heim und näherten sich eben
der Kröppelstraße als Moses an viele andere Auslassungen über das Volk von
Neustadt diesen Schluss hing In die dunkle Gasse fiel der Schein der Lampe durch
die niederen Fenster des Vaterhauses Hans ließ den Arm des Genossen los und
eilte schneller voran Er blickte in das Fenster die glänzende Kugel schwebte
über dem Werktisch des Vaters in dem Lehnstuhl saß die Mutter und hielt die
Hände über dem Strickzeug im Schoss gefaltet sie schlummerte o sie sah so müde
aus so abgearbeitet müde müde Die Base Schlotterbeck hatte die große Bibel
vor sich liegen fuhr mit dem Finger den Zeilen nach und nickte nach ihrer Art
mit dem Kopfe Hans Unwirrsch fuhr heftig zusammen als Moses sich schwer ihm
auf die Schulter hing und seine scharfe Nase ebenfalls gegen die trübe Scheibe
vorschob Er schüttelte ihn durch eine hastige Bewegung ab und sagte ihm kürzer
als sonst gute Nacht
Welch eine Zaubermacht lag in der schwebenden Glaskugel Sie verklärte die
Welt mit den schönsten Farben und doch konnte sie auch jedes Ding wieder in das
rechte Licht stellen Wir können dreist unsern Hans bei ihrem Schein seine
Luftschlösser bauen lassen
Achtes Kapitel
Der Oheim Grünebaum im Festtagshabit war eine Erscheinung würdig gediegen
selbstbewusst und fest Wer zuerst nur einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen
hatte ließ gewöhnlich diesem Blick freudig überrascht eine minutenlange
Betrachtung folgen eine Betrachtung die der Oheim je nach der beschauenden
Persönlichkeit entweder mit huldvoller Gemütsruhe gestattete oder durch ein
unnachahmliches »Nanu« zu Ende brachte
In seinem Sonntagshabit stand der Oheim Niklas Grünebaum an der Ecke dem
Gymnasium gegenüber und glich insofern einem Engel als er einen schönen langen
blauen Rock trug welcher freilich was den Schnitt betraf wenig mit den
Gewändern der Heiligenbilder gemein hatte Die Taille dieses Rockes war durch
den Verfertiger dem Nacken so nah als möglich gerückt und zwei
Nonplusultraknöpfe bezeichneten ihren Beginn Deutlich zeichneten sich die
Taschen in der unteren Gegend der Schösse ab und eine kurze Pfeife mit anmutig
schaukelnden Quasten sah neugierig aus der einen hervor Eine gelb und braun
gestreifte Weste trug der Oheim und Hosen von grünlichblauer Färbung etwas zu
kurz aber von angenehmer Konstruktion oben zu eng unten zu weit Die
Petschafte welche über dem Magen des würdigen Mannes baumelten waren
eigentlich einer seitenlangen Beschreibung würdig und von dem Hut wollen wir
deshalb nichts sagen weil wir fürchten dadurch über die Grenzen des gegebenen
Raumes unwiderstehlich hinausgerissen zu werden
Weshalb stand der Oheim Grünebaum an einem ganz gewöhnlichen Wochentage in
seinem Sonntagsrock an der Ecke dem Gymnasium gegenüber Sage uns o Muse den
Grund davon Nimm den Finger von der Nase schönredende Kalliope du hast den
Meister Niklas genug betrachtet wende dein göttliches Auge nach dem Schulhause
und melde uns als ein gutes Mädchen das es nicht übers Herz bringen kann
jemanden lange zappeln zu lassen was darin vorgeht
Wahrlich es war Grund zur Aufregung für mehr als eine der Personen welche
bis jetzt in diesen Blättern erwähnt wurden vorhanden Hans Unwirrsch und Moses
Freudenstein machten an diesem Mittwoch vor dem Grünen Donnerstag ihr
Abiturientenexamen und schlossen damit wenn das Ding gut ausfiel ihr
Schülerleben
Deshalb hatte der Oheim Grünebaum einen aussergewöhnlichen blauen Montag
gemacht und stand im Feierkleide an der Ecke deshalb behauptete er mit so
anerkennenswerter Hartnäckigkeit seinen Platz im Gedränge des Wochenmarkts
deshalb griff er so krampfhaft nach den Rockknöpfen der Bekannten die
unvorsichtigerweise sich nach dem Grunde seines aussergewöhnlichen Aufputzes
erkundigten Den am heutigen Tage gepackten Knopf ließ der Meister nur sehr
schwer wieder los Seine Seele war zu voll von dem wichtigen Ereignis Dasselbe
ließ sich unter so vielen Gesichtspunkten betrachten Wenn das da drüben im
Schulhaus so ausfiel wie man erwartete und wünschte wem hatte die Welt dafür
zu danken Keinem andern als dem ehrsamen Meister Nikolaus Grünebaum Wenn der
betäubte Nachbar oder Bekannte endlich sich aus dem Griff des Meisters
losgemacht hatte so war er wahrend der ersten Minuten durchaus nicht im reinen
mit sich darüber wer denn eigentlich examiniert werde vom Professor Fackler ob
der Oheim Grünebaum oder Hans Unwirrsch des Oheims Neffe
Um zwölf Uhr sollte das Examen beendet sein und von Augenblick zu
Augenblick geriet des Oheims Nervensystem in lebendigere Schwingungen Er nahm
den Hut ab und wischte sich mit dem Sacktuch die Stirn er stülpte ihn wieder
auf schob ihn nach hinten schob ihn nach vorn nach rechts und nach links Er
nahm die langen Rockschösse unter die Arme und ließ sie wieder fallen er
schneuzte sich dass man es drei Straßen weit hörte Er fing an laut mit sich
selber zu sprechen und gestikulierte dabei sehr zum hohen Ergötzen sämtlicher
Gaffer und Gafferinnen in den Ladentüren und hinter den Fenstern der nächsten
Umgebung Die Marktweiber denen er den ganzen Morgen über den Weg versperrt
hatte setzten öfters ihre Eierkörbe Gemüsekörbe und Milchkannen nieder um ihm
wenigstens moralisch seinen Standpunkt zu verrücken aber er war taub für ihre
Anzüglichkeiten Er hätte sich heute selbst von den Hunden verächtlich behandeln
lassen
Um drei Viertel auf zwölf nahm er im nächsten Materialladen den sechsten
Bittern und es war die höchste Zeit dazu denn er fühlte sich so schwach auf
den Füßen dass er fast dem Umsinken nahe war Von jetzt an hielt er die Uhr ein
Familienstück für welches ein Raritätensammler viel Geld bezahlt haben würde
krampfhaft in der zitternden Hand und als die Glocke der Stadtkirche zwölf
schlug wäre er beinahe »fertig und kaputt« nach Haus gegangen um sich zu Bett
zu legen
Er genoss noch einen Bittern es war der siebente und im Verein mit den
andern wirkte er und seine Folgen waren erkennbarer als die der
vorhergegangenen
Fest lehnte jetzt der Oheim an der Hauswand er lächelte durch Tränen Von
Zeit zu Zeit machte er abwehrende Handbewegungen als wolle er unberufene
Gefühle in ihre Schranken zurückweisen es war ein Glück für ihn dass um diese
Stunde der jüngere Teil der Bevölkerung von Neustadt sich den Genüssen des
Mittagstisches hingab es wurden ihm viele Kränkungen und ironische Bemerkungen
dadurch erspart Er fing an die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen und sie
gab ihm mütterlich besorgt den Rat nicht länger zu warten sondern nach Haus zu
gehen was zur Folge hatte dass er sich nur noch fester an die Wand lehnte und
mit missfälligem Gegrunz schnaufend und glucksend die Absicht aussprach bis
zum Jüngsten Gericht an dieser Ecke auf den »Jungen« zu warten Da er bis jetzt
die öffentliche Ruhe noch nicht sehr störte so zog sich die Polizei ein wenig
zurück behielt ihn aber scharf im Auge bereit in jedem Augenblick
hervorzuspringen und zuzupacken
Glücklicherweise wachte mit der löblichen Sicherheitsbehörde über dem
Meister Niklas auch sein Schutzengel oder vielmehr der kam eben von einem
Privatgeschäftswege zurück um seine Wache wiederanzutreten Mit Entsetzen
erkannte er wie die Sachen standen und seiner Vermittlung wars
höchstwahrscheinlich zuzuschreiben dass drüben im Schulhause dem Professor
Doktor Fackler auch ein heftiger Schreck mit dem Gedanken an die mit der
Mahlzeit harrende Lesbia durch die gelehrte Seele ging Hastig sah er nach der
Uhr und fuhr von seinem Sitz empor die andern Herren rauschten ihm nach
secundum ordinem die Examinanden denen allmählich alles vor den Augen schwamm
erhoben sich ebenfalls schwindelnd schwitzend und erschöpft nur noch eine
kleine Viertelstunde hatte der Oheim Grünebaum durch eigene Kraft das
Gleichgewicht zu bewahren um drei Viertel auf eins sank er fiel er schlug
er dem bleichen aufgeregten Neffen in die Arme Viktoria Gesiegt hatte
Hans Unwirrsch gesiegt hatte der Meister Grünebaum Der eine über die Fragen
der sieben examinierenden Lehrer der andere über die sieben Bittern Viktoria
Professor Fackler wollte auf den Oheim zutreten um ihm Glück zu wünschen
unterließ es aber ganz erschrocken als er den aufgelösten Zustand des
Trefflichen erkannte Moses Freudenstein Primus inter pares lachte nicht wenig
über die hülflosen und kläglichen Blicke welche Hans Unwirrsch nach allen
Seiten umhersandte die gute Stunde jedoch hatte sein Herz weicher als
gewöhnlich gemacht er bot sich dem Freunde zur tätigen Hülfeleistung an und
zwischen den beiden Jünglingen wandelte der alte heitere Knabe Niklas Grünebaum
lächelnd und lallend schwankend und schluchzend der Kröppelstraße zu
Was wollte es bedeuten dass der Oheim in der niederen dunkeln Stube sogleich
auf den nächsten Stuhl fiel und die Arme auf den Tisch legte und den Kopf auf
die Arme Was kümmerten sich die Mutter Christine und die Base Schlotterbeck in
dieser Stunde um den Oheim Grünebaum Gänzlich überließen sie ihn sich selber
und den sieben Die beiden Frauen waren fast ebenso betäubt und verwirrt wie der
Meister durcheinander schluchzten und lächelten sie wie jener geschluchzt und
gelächelt hatte und Hans gab ihnen an Rührung und Jubel nichts nach
Der Tag war von den beiden Knaben aus der Kröppelstraße gewonnen den ersten
Platz unter den Examinanden hatte natürlich Moses Freudenstein eingenommen aber
den zweiten hatte Hans Unwirrsch errungen
Es hatte alles in der Stube ein ganz anderes Ansehen als sonst ein
magisches Licht hatte sich über alles ergossen Dass die Glaskugel leuchtete war
kein Wunder sie stand mit der Sonne auf zu gutem Fuße um nicht an einem
solchen Tage zu funkeln als sei sie selbst eine kleinere Sonne Wer genau
hinblickte der sah dass in ihr sich mehr spiegelte als er vermuten konnte
lachende und weinende Gesichter Stücke von den Wänden ein Stück von der
Kröppelstraße samt einem Stück vom blauen Himmel der königlich westfälische
Leiblakai und der Trödler Samuel Freudenstein welcher besagten Lakaien in
seltsam hastiger Weise vom Haken riss und Laden und Tür seines Hauses schloss
Die Base Schlotterbeck sah diesen Vorgang welcher in der schwebenden Kugel
sich abbildete durch das Fenster und wollte eben ihre Verwunderung darüber
kundgeben als der Oheim Grünebaum das müde Haupt wieder vom Tisch emporhob und
seine Umgebung mit mehr als erstaunten Blicken zu mustern begann Er rieb sich
die Augen er fuhr durch das Haar und nahm mit der Versicherung dass jedes
Übermaß von Freude und Jubel sehr gefährlich sei und schlagflussähnliche Anfälle
hervorbringen könne wie sein »leibeigenes Exemplum« soeben dargetan habe seine
Stellung im Familienkreise wieder ein Mit der Besinnung ward ihm die Gabe der
holden Rede im reichen Masse wiedergeschenkt und er machte sogleich in gewohnter
Weise einen ausgiebigen Gebrauch davon
»So hat denn dieser hiesige junge Mann unser Nehvö und Diszendente seiner
geliebten Anverwandtschaft alle Ehre gemacht und es ist richtig nichts mit die
Schusterei Mit das Kapitolium ist er nun glücklich durchs Loch nach seinem
Willen und so wird er Bauch und Beine mit der Zeit und Rat wohl auch
durchkriegen und wir können wohl guter Hoffnung sein dass er uns dieserseits
von der Mauer nicht vergisst wenn er die Füße dem Kopf hinterdreingezogen hat
Man hat ja wohl Exempel von Beispielen dass dem Schenie bei solchem
Durchgedrängel der Hirnkasten verdreht wird und dass es solchergestalt verlernt
was hinter der Mauer gewesen ist und wer allda steht und vordem nach Kräften
geschoben hat aber dieser hier gegenwärtige Hans wirds seinem Oheim
imgleichen seiner Mutter und nicht zu vergessen der Base Schlotterbeck
gedenken was sie an ihm getan haben und wie ers ihnen niemalen genugsam
verdanken kann Da steht er nun Christine Unwirrsch geborene Grünebaum da
steht er Jungfer Base und hat den Kopf voll von guten Dingen und die Tränen
laufen ihm über die Backen dass es ein erfreuliches Schauspiel und schmerzliches
Vergnügen ist Wir wollens ihm auch lassen dass er mehr gelernt hat als er
verantworten kann und wenn ihn die Base auf griechisch fragt so wird er auf
hebräisch antworten So wollen wir denn für die gute Gabe dankbar sein und
wollen uns nicht drum kümmern dass der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt
Komm her Junge und wenn du mich auch damalen das löbliche Handwerk infamigt
verachtet hast und anjetzo dem Pastor näher bist als dem Pechschuster Grünebaum
so komm her und umarme mir dein Oheim er sagt dir aus dem Grunde seines
Herzens prost zu diesem heutigen Ehrentage«
Es war Sinn in dem Unsinn welchen der Oheim so pathetisch von sich gab
aber hätte er auch nichts als Blödsinn zutage gefördert Hans würde sich
nichtsdestoweniger schnell in die weitgeöffneten Arme des wackeren Mannes
gestürzt haben Nach minutenlangem Schütteln und Drücken küsste er von neuem
seine Mutter ab ging denselben Prozess abermals mit der Base durch und gab
dazwischen seinen überströmenden Gefühlen nach Möglichkeit Worte
»O wie soll ich es euch allen danken was ihr an mir getan habt« rief er
»O Mutter Mutter wenn doch mein Vater noch lebte«
Die Mutter brach bei diesem Ausruf ihres Sohnes natürlich in lautes Weinen
aus aber die Base legte nur die Hände im Schoss zusammen nickte mit dem Kopf
und lächelte vor sich hin sprach jedoch ihre Gedanken nicht aus Auf einmal
erhob sie sich aber schnell vom Stuhl fasste den Rock der Frau Christine
deutete geheimnisvoll nach dem Fenster
Jeder folgte der Richtung ihres Winkes mit den Augen Aber niemand außer ihr
sah etwas Die Kröppelstraße lag im vollen Mittagssonnenschein von ihren
Bewohnern war jedoch niemand zu erblicken das Haus des Trödlers sah aus als ob
es seit einem halben Jahrhundert bereits von seinen Bewohnern verlassen worden
sei nur eine Katze benutzte den stillen Augenblick und schlich vorsichtig quer
über die Gasse
»Sie könnte einen am hellen lichten Tage aus die Kontenankse bringen«
murmelte der Oheim mit einem scheuen Seitenblick auf die Base die Mutter fasste
die Hand ihres Sohnes fester und zog ihn näher zu sich was auch Hansens Meinung
von den geheimnisvollen Gaben der Base Schlotterbeck sein mochte in diesem
Augenblick war er nicht imstande sich gegen das Gefühl welches ihr Gebaren
erregte zu wehren
Welch ein Erwachen am Morgen nach diesem schweren und glücklichen Tage Ein
Sieger der sein Zelt auf triumphierend behauptetem Schlachtfeld aufschlug ein
junges Mädchen das sich gestern auf dem Ball verlobte mögen in ähnlicher Weise
wie Hans Unwirrsch nach seinem Examen erwachen Die Nerven haben sich noch nicht
beruhigt aber man ist von dem beseligenden Gefühl durchdrungen dass sie Zeit
haben sich zu beruhigen Noch zucken einzelne Schauer der großen Aufregung
durch die Seele aber man fühlt sich trotzdem ja grade deshalb so sicher dass
es eine Wonne ist Was bleibt von dem Glücke des Menschen wenn man die Hoffnung
vor dem Kampf vor dem Erlangen des Wunsches und diese ersten verwirrten
unklaren Augenblicke nach ihm davon abzieht
Summa cum laude lächelte der Sonnenstrahl der das Bett in welchem Hans
Unwirrsch mit halbgeschlossenen Augenlidern lag umspielte Summa cum laude
zwitscherten die frühwachen Sperlinge und Schwalben vor dem Fenster Summa cum
laude riefen die Glocken die den Grünen Donnerstag einläuteten Summa cum
laude sagte Hans Unwirrsch als er in der Mitte seiner Kammer stand und einen
Bückling machte welcher ihm selber galt
Er war mit seinem Anzug noch nicht ganz fertig als die Mutter bereits
hereinschlich Sie hatte ihre Schuhe unten an der Treppe gelassen um die Base
die ihre Schlafkammer dicht neben Hansens Kammer hatte nicht zu wecken Sie
setzte sich auf das Bett des Sohnes und betrachtete ihn mit naivem Stolz und
ihre Blicke taten ihm bis ins Innerste wohl
Unten wartete der Feiertagskaffee und die Base saß am Tisch Sie hatte ihre
Schuhe oben an ihrer Tür gelassen um den Studenten und die Frau Christine nicht
zu wecken und es gab ein kleines Gelächter wegen der wechselseitigen Vorsicht
Ein Stück Jubelkuchen war auch vorhanden und obgleich der Grüne Donnerstag nur
ein halber Festtag ist wie jeder weiß der sich in harter Arbeit quälen muss so
stand es doch fest dass er als ein ganzer gefeiert werden solle
Zuerst ging man natürlich zur Kirche nachdem Hans noch einmal vergeblich an
die Tür des Trödlerhauses geklopft hatte Seit der alte Samuel den Lakai des
Königs Hieronymus vom Haken genommen und ihn somit seiner Stellung oder vielmehr
seines Schaukelns im gesellschaftlichen Leben für immer enthoben hatte war die
Tür noch nicht wieder geöffnet worden Was hinter ihr vorging war ein Rätsel
für die Kröppelstraße aber ein noch größeres Rätsel für Hans der den Freund
seit ihrem Heimgang aus dem Examen nicht wiedergesehen hatte und von jedem
Versuch in das Haus drüben einzudringen ohne Erfolg zurückgekommen war Murx
der pensionierte Stadtbüttel der immer noch in ohnmächtiger Wut und
gichtbrüchig mehr als je von seinem Lehnsessel aus auf die Kröppelstraße
achtgab hatte bereits den gegenwärtigen Stabschwinger und Nachfolger im Amt auf
den »verflucht verdächtigen Kasus« aufmerksam gemacht ja der Bürgermeister
hatte bereits das Haupt darüber geschüttelt Das stille Haus fing an die Ruhe
der Stadt mehr zu stören als der betrunkenste Raufbold es vermocht hätte
Aber die Glocken riefen zur Kirche und dort schritt der Oheim Grünebaum
heran im blauen Rock in seegrünen Hosen und gestreifter Weste zum Schutz
gegen alle bitteren und süßen Verlockungen mit dem mächtigsten aller Gesangbücher
bewaffnet eine Zierde jeder Straße durch welche er stapfte ein Schmuck jeder
Versammlung von Christen Politikern und zivilisierten Menschen die er mit
seiner Gegenwart beehrte
Hand in Hand ging Hans mit seiner Mutter und an der Seite der Base schritt
der Oheim der nur da ein wenig von seinem selbstbewussten Anstand verlor als
man um die Ecke bog wo er gestern wo ihn gestern seine Gefühle übermannt
hatten Ein sehr rotes Taschentuch zog er hervor schneuzte sich heftig
gelangte so glücklich über die böse Stelle hinweg und landete seine Würde ohne
Havarie in dem Kirchenstuhl der Familie es ist schade dass wir seinem Gesang
nicht ein eigenes Kapitel widmen dürfen niemals psallierte ein Schuster mit
größerer Andacht und Gewalt durch die Nase
Von der Predigt verstand Hans an diesem Tage nicht viel und obgleich sie
ziemlich lang war deuchte sie ihm sehr kurz Summa cum laude grinste sogar das
steinerne Skelett an dem alten Grabmal neben dem Kirchenplatz der Unwirrsche
dieses Scheusal welches Hans lange Jahre über die Kindheit hinaus nie von dem
Begriff Kirche ablösen konnte Auch die Orgel sang durch alle Pfeifen Summa cum
laude und begleitete damit die Familie bis vor die Tür des Gotteshauses Summa
cum laude lächelte vor allem der Professor Doktor Fackler der mit Kornelia und
Eugenia ebenfalls in der Kirche gewesen war der es nicht unter seiner Würde
hielt mit der Verwandtschaft seines Lieblingsschülers eine Strecke weit zu
gehen und der dem Oheim Grünebaum nun nachträglich Glück wünschen konnte
Summa cum laude schien auf den Gesichtern aller Begegnenden zu stehen es
war wirklich eine merkwürdige Geschichte
Mit Gruß und Händedruck hatte der Professor sich verabschiedet und Eugenia
und Kornelia hatten die unbeholfene Verbeugung des schüchternen errötenden
Studenten mit zierlichem Knicks erwidert da war die Kröppelstraße wieder und
ihre Bewohner hatten bereits die Feiertagskleider ausgezogen und die
Werktagskleider angelegt
Sie arbeiteten aber noch nicht eine große Aufregung herrschte in der
Kröppelstraße alt und jung war auf den Beinen und schrie und lief und
handzappelte durcheinander
»Holla was ist da wieder los« rief der Oheim »Was hats denn gegeben Was
gibt es denn Meister Schwenckkettel«
»Er hats Es hat ihn« lautete die Antwort
»Der Deibel wer hats Was hat ihn«
»Der Jud der Freudenstein Er liegt auf dem Rücken und schnappt «
Die Frauen schlugen die Hände zusammen Hans Unwirrsch stand starr und
erbleichend der Oheim Grünebaum aber sprach phlegmatisch
»Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden Nur immer langsam Hans
Donnerwetter da ist er schon hin«
Im vollen Laufe stürzte Hans nach dem Laden des Trödlers dessen Tür jetzt
offenstand und von einem dichten Menschenhaufen belagert wurde Einer guckte dem
andern über die Schulter und obgleich niemand in dem dunkeln Raume etwas
Aussergewöhnliches erblickte so wäre doch keiner von der Stelle gewichen die
Kröppelstraße liebte solche nichtskostende Aufregung viel zu sehr
Nur mit Mühe gelang es dem betäubten Hans sich Bahn zu brechen Endlich
stand er in der Dämmerung des Ladens mit einem Gefühl als sei er von der
freien frischen Frühlingsluft für ewig ausgeschlossen Wie durch einen Nebel
starrten die Gesichter des Volkes von der Treppe am Eingang auf ihn herab eben
wollte er die zitternde Hand auf den Griff der Tür welche in das Hinterzimmer
führte legen als sie geöffnet wurde
Der Arzt trat heraus und rückte die Brille zurecht
»Ah Sie sinds Unwirrsch« sagte er »Es geht schlecht drinnen Apoplexia
spasmodica Gastrischer krampfhafter Schlagfluß Augenblicklich alle Vorsorge
getroffen In einer Stunde wieder nachsehen Gesegnete Mahlzeit«
Hans Unwirrsch erwiderte den letzten Wunsch des Doktors nicht denn nur
dieser ging zu seinem Mittagessen Hans aber raffte alle Energie zusammen und
trat in die Hinterstube die sich jetzt in ein Sterbezimmer verwandelt hatte
Ein durchdringender Geruch von Salmiakspiritus schlug ihm entgegen auf dem
Lager im Winkel röchelte der Kranke der Ortsrabbiner war bereits gekommen saß
zu Häupten des Bettes und murmelte hebräische Gebete in welche die Stimme der
alten Ester von der andern Seite von Zeit zu Zeit einfiel
Zu Füßen des Lagers stand regungslos Moses Er stützte sich auf die Pfosten
und blickte starr auf den Kranken Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht in
seinen Augen zeigte sich keine Spur von Tränen fest geschlossen waren seine
Lippen
Er wandte sich um als Hans zu ihm trat und legte seine kalte Rechte in die
Hand des Freundes dann aber wandte er das Gesicht sogleich wieder ab und sah
von neuem auf den kranken Vater Es war als sei er mit dem Examentag um einen
Kopf höher geworden der Ausdruck seiner Augen war unbeschreiblich es war um
ein schreckliches Gleichnis zu gebrauchen als ob der Todesengel auf das
Niederfallen des letzten Sandkornes lausche Moses Freudenstein war allmählich
ein schöner Jüngling geworden
»O mein Gott Moses so sprich doch Wie ist das gekommen Wie ist das so
schnell gekommen« flüsterte Hans
»Wer das sagen könnte« sagte Moses ebenso leise »Vor zwei Stunden noch
saßen wir ruhig zusammen und und er zeigte mir allerlei Papiere und wir
ordneten wir haben seit gestern mancherlei zu ordnen gehabt da stöhnt er
plötzlich und fällt vom Stuhl und nun da liegt er Der Doktor sagt er werde
nicht wieder aufstehen«
»O wie schrecklich Ich habe gestern so oft an eure Tür geklopft weshalb
wolltet ihr niemanden einlassen«
»Er dort wollte es nicht er war immer ein eigener Mann Er hatte sich
vorgesetzt an diesem Tag wenn ich mein Examen glücklich überstanden hätte
sein Geschäft für immer zu schließen Er wollte keinen Zeugen keinen Störer
haben als er seine geheimen Kasten und Fächer mir öffnete Ein eigener Mann ist
er gewesen und jetzt schließt mit dem Geschäft sein Leben wer hätte es gedacht
Freilich wer hätte es gedacht«
Die Stimme mit welcher diese Worte gesprochen wurden war klanglos und
klagend aber in den Augen schimmerte etwas was keine Trauer und Klage war
Eine geheime Befriedigung lag in ihnen ein verhaltener Triumph die Gewissheit
eines Glückes welches plötzlich sich offenbart hatte welches in solcher Fülle
nicht gehofft worden war und welches augenblicklich noch unter dem dunkeln
Mantel versteckt werden musste
Wir wollen erzählen wie Vater und Sohn die Zeit seit dem vergangenen Tage
zugebracht hatten und wir werden uns diesen Blick welchen Moses Freudenstein
auf den sterbenden Vater warf erklären können
In ebenso großer Aufregung wie die Verwandten Hans Unwirrschs hatte der
Meister Samuel auf die Heimkehr seines Sohnes gewartet Ruhelos irrte er in
seinem Hause umher und fing ein Wühlen an ein Aufundzuschieben von Kasten ein
Durchstöbern der vergessensten Winkel als wolle er eine letzte Generalmusterung
seines Besitztums und seiner tausendfachen Handelsgegenstände halten dabei
sprach er fortwährend mit sich selbst und obgleich er keinen Tropfen
spirituosen Getränkes je über die Lippen brachte schien er um die Zeit als der
Oheim Grünebaum dem Schulhaus gegenüber sich fest an die Mauer lehnte mehr
berauscht als dieser Der große Entschluss den er so lange mit sich
herumgetragen hatte und welcher jetzt zur Ausführung kommen sollte machte ihn
wie trunken Gegen elf Uhr trieb er die Haushälterin Ester aus der Hinterstube
und verriegelte fest auch diese Tür Geheimnisvolle Schlüssel brachte er nun zum
Vorschein geheimnisvolle Fächer öffnete er in seinem Schreibtisch knarrend
erschloss sich eine geheimnisvolle Tür in einem geheimnisvollen Wandschrank Es
klirrte wie Gold und Silber es rauschte wie Staatspfandbriefe und ähnliche
wertvolle Papiere und es murmelte zwischen dem Klirren und Rauschen der Vater
Samuel
»Er ist geboren in einer finsteren Ecke er wird haben Sehnsucht nach dem
Licht er hat gesessen in einem dunkeln Haus er wird wohnen in einem Palast Sie
haben ihn verspottet und geschlagen er wird es ihnen vergelten nach dem Gesetz
Auge um Auge Zahn um Zahn Er ist ein guter Sohn und er hat gelernt was der
Mensch braucht um in die Höhe zu kommen Er ist nicht ungeduldig geworden
sondern er ist stillgesessen gewesen vor seinen Büchern hier an diesem Tisch Er
hat sein Werk getan und ich habe getan das meinige Er soll mich finden hier an
diesem Tisch wo er gesessen hat still sein junges Leben hindurch Er wird nun
hinausgehen und ich werde hierbleiben aber meine Augen werden ihm folgen auf
seinem Wege und ich werde große Freude von ihm haben Ich bin ihm immer gefolgt
mit meinen Augen er ist ein guter Sohn Nun ist er ein Mann geworden und sein
Vater wird nichts Geheimes mehr vor ihm haben Sechshundert siebenhundert
zweitausend ein guter Sohn der Gott unserer Väter möge ihm und seinen
Kindern und seiner Kinder Kindern Segen geben«
Das Geschrei die Segnungen und Beschwörungen Esters draußen und ein
Klopfen an der Tür jagten den Alten aus seinen Berechnungen und Gedanken in die
Höhe
»Gott Abrahams da ist er«
Mit zitternder Hand schob er den Riegel zurück und fasste seinen eintretenden
Sohn in die Arme
»Da ist er Da ist er Mein Sohn der Sohn meines Weibes Nun Moses
sprich wie ists gegangen«
Auf Moses Gesicht zeigte sich keine Spur von Veränderung er erschien kalt
wie immer und ruhig hielt er dem Vater das Zeugnis hin
»Ich wusste es dass sie schreiben mussten was sie geschrieben haben Sie
werden schöne Gesichter geschnitten haben aber sie mussten mir die erste Stelle
geben Spaß Macht Euch nicht lächerlich Vater werdet nicht toll Ester
Spaß Sie hätten mir den sentimentalen Hans drüben gern vorgeschoben aber es
ging nicht an ich wusste es Bei allen albernen Göttern Vater was habt Ihr
aber angefangen heute morgen Gold Gold über Gold Was ist das Was soll das
Mein Gott woher «
Er brach ab und beugte sich über den Tisch Dieser Anblick warf seine
gewohnte Selbstbeherrschung für einige Zeit wenigstens völlig über den Haufen
»Dein Dein Alles dein« rief der Vater »Ich habe dir gesagt dass ich das
Meinige tun würde wenn du tätest das Deinige an dem Tisch da Noch nicht alles
Da da«
Der Alte war wieder zu dem Wandschrank gesprungen und warf noch einige
klirrende Beutel auf den schwarzen Fußboden und noch einige Bündel Dokumente auf
den Tisch Seine Augen glühten wie im Fieber
»Gewaffnet bist du und gerüstet nun hebe dein Haupt Iss wenn du bist
hungrig und greife nach allem wonach der Sinn dir steht Sie werden es dir
entgegenbringen wenn du bist klug du wirst ein großer Mann werden unter den
Fremdlingen Sei klug auf deinem Wege Stehe nicht still stehe nicht still
stehe nicht still«
Die schwebende Kugel in dem Hause gegenüber spiegelte wider wie Samuel
Freudenstein hervoreilte und den westfälischen Lakai von dem Haken riss und ihn
in die Tiefe des Trödelladens begrub er schloss sein Geschäft damit für immer
der Lakai hatte als Aushängeschild für manche Dinge gedient welche mit der
Trödlerei eigentlich nichts zu tun hatten es war kein Unglück dass er aus der
Kröppelstraße verschwand
Hätte die Glaskugel des Meisters Anton Unwirrsch doch auch das Bild Moses
Freudensteins wiedergeben können wie er in der kurzen Abwesenheit seines Vaters
mit untergeschlagenen Armen vor dem so reich belasteten Tische stand Er war
bleich und seine Lippen zuckten er fuhr mit den Fingerspitzen über einige der
aufgezählten Goldreihen und ein leises Zittern ging dabei durch seinen Körper
Tausend blitzschnelle Gedanken überschlugen sich in seinem Gehirn aber nicht
einer dieser Gedanken stieg aus seinem Herzen empor er dachte nicht an die
Arbeit die Sorge die Liebe welche an diesem aufgehäuften Reichtum hafteten
er dachte nur daran wie er selbst sich nun zu diesem plötzlich ihm offenbarten
Reichtum stellen müsse welch eine veränderte Existenz für ihn selbst von diesem
Augenblick anheben werde Sein kaltes Herz schlug so sehr dass fast ein
physischer Schmerz daraus wurde Es war eine böse Minute in welcher Samuel
Freudenstein seinem Sohne verkündete dass er ein reicher Mann sei und dass der
Sohn es dereinst sein werde Von diesem Augenblick liefen tausend dunkle Fäden
in die Zukunft hinaus was dunkel in Moses Seele war wurde von diesem
Augenblick an noch dunkler heller wurde nichts der Egoismus richtete sich
dräuend empor und streckte hungrige Polypenarme aus um damit die Welt zu
umfassen
Das Dasein des Vaters war in diesem sich überstürzenden wild
heranschwellenden Gedankensturm nichts mehr es war ausgelöscht als ob es nie
gewesen sei Nur an sich selbst nur an sich selbst dachte Moses Freudenstein
und als des Vaters Schritt wieder hinter ihm erschallte fuhr er zusammen und biss
die Zähne aufeinander
Samuel Freudenstein hatte die Tür verriegelt die Läden hatte er
geschlossen die weite liebliche Frühlingswelt den blauen Himmel die schöne
Sonne sperrte er mit aus wehe ihm
Mit den fröhlichen Klängen den glänzenden Farben des Lebens hatte er nichts
zu schaffen sie hätten ihn nur gestört er wollte einen Triumph feiern zu
welchem er sie nicht nötig hatte wehe ihm Die graue Dämmerung die durch die
schmutzigen Scheiben der Hinterstube fiel genügte vollkommen um dabei dem
Sohne das geheime Geschäftsbuch vorzulegen und ihm zu zeigen auf welche Weise
der Reichtum den er vor ihm ausgebreitet hatte erworben worden war
Die Sonne ging unter und übergoss vor ihrem Scheiden die Welt mit einer
Schönheit sondergleichen in jedes Fenster welches sie erreichen konnte
lächelte sie zum Abschied aber dem armen Samuel Freudenstein konnte sie nicht
Lebewohl sagen wehe ihm
Es wurde Nacht und Ester trug die angezündete Lampe in das Hinterstübchen
Die Kinder wurden zu Bett gebracht der Nachtwächter kam auch die älteren Leute
verschwanden von den Bänken vor den Haustüren Jedermann trug seine Sorgen zu
Bett aber Samuel und Moses Freudenstein zählten und rechneten weiter und erst
der grauende Morgen fand letztern in einem unruhigen fieberhaften Schlummer
aus welchem er wieder auffuhr nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte Er
erwachte nicht wie Hans Unwirrsch er erwachte mit einem Angstruf und streckte
die Hände aus und zog die Finger zusammen als entreisse man ihm etwas unendlich
Kostbares als bestrebe er sich in tödlicher Angst es festzuhalten Aufrecht
saß er im Bette und starrte umher fasste die Stirn mit den Händen und sprang
dann empor Er zog die Kleider hastig an und stieg in die Hinterstube nieder wo
sein Vater noch im Schlafe lag und unruhig abgebrochene Sätze murmelte Vor dem
Bette des Vaters stand der Sohn und seine Blicke wanderten von dem Gesichte des
Vaters zu dem leeren Tisch der vorhin so reich belastet war
O über den Hunger den schrecklichen Hunger von welchem Moses Freudenstein
gepeinigt verzehrt wurde Zwischen dem Mahl und dem Hungrigen stand ein
überflüssiges Etwas das Leben eines alten Mannes Die Zähne des Sohnes dieses
alten Mannes schlugen aneinander wehe auch dir Moses Freudenstein
Wie war die Sanduhr von der Kanzel der christlichen Kirche in den
Trödelladen gekommen Sie war da und stand neben dem Bett des Greises in einem
Fach an der Wand In früheren Jahren hatte sie Moses und Hans oft als Spielwerk
gedient und sie hatten sich an dem Niederrinnen des Sandes ergötzt nun hatte
schon längst keine Hand sie mehr berührt die Spinnen hatten ihr Gewebe um sie
gezogen es war auch ein nutzloses Ding Was fuhr dem Sohn des Trödlers
plötzlich durch den Sinn dass er das alte Stundenglas von neuem umdrehte Die
erschreckte Spinne fuhr an der Wand hinauf der Sand rieselte wieder nieder und
Samuel Freudenstein erwachte schreckhaft Er zog die Decken zusammen er griff
nach dem Schlüsselbund unter seinem Kopfkissen dann fragte er fast kreischend
»Was willst du Moses Bist du es Was willst du Es ist ja noch Nacht«
»Heller Tag ists Hat der Vater vergessen dass wir noch nicht fertig
geworden sind gestern Es ist heller Tag der Vater hat mir noch soviel zu
sagen«
Der Vater blickte den Sohn starr an und sah ihn wieder an Dann fiel sein
Blick auf die Sanduhr
»Weshalb hast du umgewendet das Glas Weshalb weckst du mich vor dem Tag«
»Spaß Der Vater weiß dass die Zeit ist kostbar und verrinnt wie der Sand
Will der Vater aufstehn«
Der Alte wendete sich unruhig in seinem Bette hin und her und immer von
neuem blickte er auf den Sohn bald forschend bald angstvoll bald zornig
Moses hatte sich abgewendet und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster
aufrecht saß der Alte und zog die Knie in die Höbe Der Sand in der Uhr rieselte
nieder nieder und die Augen des Greises wurden immer starrer Ob er in seinem
kurzen Schlaf einen Traum gehabt hatte und nun überlegte ob dieser Traum nicht
Wahrheit sein könne wer konnte das sagen War es ihm urplötzlich klargeworden
dass er seinem Kinde mit seinem so lange und gut verborgenen Schatz nur
Finsternis und Verderben gegeben hatte Welch ein Leben hatte er geführt um die
gestrige Stunde feiern zu können Wehe ihm
Scheue Blicke warf der Sohn über die Schulter auf den Vater »Was ist dem
Vater Ist er nicht wohl«
»Ganz wohl Moses ganz wohl Sei still ich will aufstehen Sei nicht
zornig Still still auf dass du lange lebest auf Erden«
Er erhob sich und kleidete sich an Ester kam mit dem Frühstück aber sie
hätte das Tassenbrett fast fallen lassen als sie ihrem alten Herrn in das
Gesicht sah
»Gott der Gerechte Was ist dem Freudenstein«
»Nichts nichts Sei still Ester es wird vorübergehen«
Er saß den ganzen Morgen in seinem Stuhl ohne sich zu regen Nur sein Mund
bewegte sich aber ein lautes Wort kam nur einmal über seine Lippen er wollte
jetzt dass man die Tür und die Laden wieder öffne
»Was soll die Ester aufsperren das Haus« fragte Moses »Wollen wir doch
erst zu Ende bringen das Geschäft von gestern und brauchen dazu keine Gaffer und
Horcher«
»Still still du hast recht mein Sohn Es ist gut Ester Nimm die
Schlüssel unter meinem Kissen Moses«
Die Sanduhr war wieder abgelaufen Moses Freudenstein selber hatte den
Wandschrank abermals geöffnet und kramte in den Papieren Der Greis rührte sich
nicht aber er folgte jeder Bewegung seines Sohnes mit den Augen und fuhr dann
und wann fröstelnd zusammen Ester hatte ihm eine alte Decke um die Schultern
gelegt er war wie ein Kind das alles mit sich geschehen lassen muss
Wieder nahm Moses einen Geldsack hervor er glitt ihm aus den Händen und
fiel klirrend auf den Boden wobei ein Teil der Münzen über den Fußboden
hingestreut wurde In das Klirren und Klingen mischte sich ein Schrei der das
Blut erstarren machte
»Apoplexia spasmodica« sagte eine Viertelstunde später der Doktor »Hm hm
seltener Fall bei einer solchen Konstitution«
Neuntes Kapitel
Drei Tage nach dem ersten Anfall wiederholte sich der Schlagfluß aber der
Doktor bildete sich nichts darauf ein dass er das vorhergesagt hatte Ob der
Kranke in dem Zeitraum zwischen den beiden Anfällen das Bewusstsein zeitweilig
wiedererlangt habe blieb zweifelhaft Hans Unwirrsch glaubte es aber Moses
wollte es nicht zugestehen der Doktor zuckte nur die Achseln
In der Todesstunde des alten Trödlers war Hans nicht zugegen aber zu seinem
Grabe folgte er ihm und erschien vielen Leuten bewegter als der Sohn Samuel
Freudenstein war keine unwichtige Person in der Geschichte seiner Jugend er
betrauerte aufrichtig sein Hinscheiden
Auf dem Heimwege von dem abgelegenen ärmlichen Judenkirchhofe hielt er sich
dicht an der Seite des Freundes den ein so harter Verlust betroffen hatte um
ihn durch innige teilnehmende Worte in seinem Schmerze aufzurichten er hatte
keine Ahnung davon dass der Freund diesen Trost gar nicht nötig hatte Finster
und bleich schritt Moses an seiner Seite und stellte während er die Worte des
Trösters dann und wann durch einen Seufzer oder eine Handbewegung erwiderte ein
genaues Verzeichnis des Nachlasses vorläufig auf
An den folgenden Tagen vervollständigte er diese Aufstellung mit Hilfe
zweier würdiger Semiten welche die Behörde in der Judenschaft zu seinen
Vormündern ausgewählt hatte Er zeigte dabei einen so scharfäugigen Überblick
dass die beiden ehrenwerten Handelsleute sich und ihn höchlichst segneten und
sich ähnliche Söhne Enkel und Urenkel wünschten Wir wissen schon dass
bedeutende Summen in barem Geld und in Wertpapieren vorhanden waren aber es
fanden sich auch noch manche andere wertvolle Dinge in den wunderlichsten
Verstecken und selbst Hans Unwirrsch fiel die Umsicht des Freundes beim
Aufsuchen und Finden dieser Verstecke auf
Während der Katalog des Trödelladens aufgenommen wurde hielt es Hans nicht
weniger für seine Pflicht dem Freunde mit seinem Troste nahe zu bleiben Welch
ein Staub wurde aufgewühlt welch ein Moderdunst stieg auf aus manchen
Schiebladen die der Schlosser öffnen musste weil die Schlüssel dazu nicht zu
finden waren Es war ein Wunder was alles aus den Winkeln zum Vorschein kam
sogar die beiden Israeliten hielten sich öfters die Nasen zu Die Verachtung
mit welcher Moses auf all den Plunder herniederblickte war nicht zu
beschreiben
Man ließ jetzt soviel Licht als möglich in den Laden und das Haus aber
beide blieben doch noch dunkel genug Oft fuhr Hans zusammen er glaubte in dem
Schatten einen Schatten zu sehen es war ihm als ob der tote Mann noch nicht
ganz fortgegangen sei er war ja auch der Base Schlotterbeck begegnet und die
Gute schüttelte bedenklich den Kopf als man sie näher darum befragte
Nur ein einziges Wort sprach Hans mit Moses über diese seine Gefühle aber
Moses wurde ganz zornig darüber
»Die Toten kommen nicht zurück Hans Ich wollte ich wüsste alles so genau
wie das« rief er Er hielt eben die Sanduhr die neben dem Bette des Vaters
gestanden hatte in der Hand Die Hand zitterte und das alte Ding entglitt ihr
zerbrochen lag es am Boden ein Fußtritt sandte die Trümmer in die Ecke
Während man in dem Trödelladen auf diese Weise aufräumte waren die Frau
Christine und die Base eifrigst beschäftigt ihren Hans zur großen Fahrt nach
der Universität auszurüsten Sie konnten ihm nicht viel mitgehen auf die
Wanderschaft wenn sich jedoch die guten Wünsche die in die Hemden vernäht und
in die Strümpfe verstrickt wurden alle erfüllten so nahmen die Götter nur ihr
Recht wenn sie auch hier bösartig neidisch wurden
Die Ausstattung füllte einen Seehundskoffer welchen der Oheim Grünebaum
nebst einer Rede hergegeben hatte und den Lederranzen welchen der Meister
Anton Unwirrsch während seiner Wanderjahre mit soviel Nutzen auf dem Rücken
geschleppt hatte Acht Tage nach Ostern war alles in Ordnung soweit es von den
beiden Frauen abhing
Auf einsamen Wegen in der Stadt und um die Stadt nahm Hans Abschied von
allerlei Dingen die ihm seit frühester Kindheit lieb und vertraut waren Auch
Besuche machte er bei manchen Leuten deren Namen in diesen Blättern erwähnt und
nicht erwähnt wurden und jedermann stopfte gern seinen Beitrag in den Sack voll
guter Wünsche den er auf diesen Gängen mit sich trug
Der Professor Doktor Fackler gab ihm eine seltene Ausgabe der »Bekenntnisse«
des heiligen Augustin und der Oheim Grünebaum eine kurze Pfeife auf deren Kopf
die Hoffnung abgebildet war ein schauderhaftes Weibsbild das sich jedenfalls
selber in sehr hoffnungsreichem Zustand befand und über welches der Oheim eine
Rede hielt
Der Trödelladen ging unter Zustimmung der beiden obenerwähnten
israelitischen Berater in die Hände eines dritten Semiten über welcher jedoch
den westfälischen Lakai nicht wieder in seine früheren Funktionen einsetzte
Auch Moses Freudenstein war bereit zum ersten Ausflug in die Welt und wenn
er weniger gute Wünsche von der Stadt Neustadt mit auf den Weg erhielt so
kümmerte ihn das nicht im geringsten die Abrechnung über das gegenseitige
Wohlwollen schloss aber doch mit einem wenn auch nur geringen Überschuss auf
seilen der Stadt ab
Die Osterfeiertage gingen vorüber die Stunde des Abschieds kam ehe man es
sich versah
Es war ein Morgen wie man ihn sich wünscht zu allem Angenehmen und Guten
zu Hochzeiten und Kindtaufen zu Landpartien und vor allem zur Reise in die
Fremde Wenn es am Tage vorher merkwürdig schlechtes Wetter gewesen war so ging
heute die Sonne so schön auf als wolle sie Hans Unwirrsch ein ganz besonderes
Zeichen ihrer Gunst und Zuneigung geben Der Hahn auf dem Turm der
Valentinskirche glänzte wie ein junger eben aus den Flammen aufgestiegener
Phönix und Kirche und Turm warfen ihren Schatten ungemein behaglich über den
grünen Kirchplatz und die Dächer der nächsten Häuser Noch schliefen die meisten
Leute und wenn nicht ein sehr wacher und vergnügter Hund der in einem
Bäckerladen eine Irische Semmel gestohlen hatte von einem Lehrjungen mit großem
Geschrei durch die Gassen verfolgt worden wäre so hätte man glauben können man
befinde sich in einer verzauberten Stadt Der Hund der atemlose Lehrling und
die plätschernden Brunnen waren bis jetzt die einzigen beruhigenden Zeichen
dafür dass Senatus Populusque Neustadiensis weniger verzaubert als verschlafen
seien
In der ganzen Stadt gab es nur einen Verzauberten und dieser war freilich
ebenfalls sehr wach und guckte seit drei Uhr in der Kröppelstraße aus einer
Bodenluke Hans Unwirrsch wars
Die Aufregung hatte ihn aus dem Bett gejagt und die Leiter emporgetrieben
welche zu seinem Lugaus hinaufführte Nach dem Kalender sollte die Sonne um vier
Uhr neunundfünfzig Minuten kommen und es verlohnte sich schon an einem so
wichtigen Tage auf sie zu warten Schon der Blick in den Nebel welcher zwischen
drei und fünf die Stadt das Tal und die Berge verschleierte wog das halbwache
Träumen im Bett auf Die Seele verlor sich ahnungsvoll in diesem Nebel der die
ganze Heimat verhüllte wir haben in einem vorigen Buch einen Greis Bilder und
Gestalten in solch wallendes Gewölk zeichnen lassen aber eigentlich gehört der
Nebel doch der Jugend nur der Jugend
Nur die Jugend hält den Zauberstab der die rechten Bilder auf der grauen
Fläche hervorzaubert die Jugend die Jugend allein ist fähig alles zu erfassen
und zu finden was in dem Nebel dem geheimnisvollen Nebel verborgen liegen
kann Als er sich an diesem Morgen senkte und die Sonne strahlend hervorbrach
war das Herz des Jünglings so voll geworden dass er nur mit Lebensgefahr die
Leiter und die enge halsbrechende Treppe niedersteigen konnte
Nimm Abschied von dem alten gekitteten und vernieteten Kaffeetopf Hans
nimm Abschied von den henkellosen blauen Tassen Nimm vor allen Dingen Abschied
von der Glaskugel und trotz allem Hunger nach der Ferne wirst du dich oft sehr
gar sehr nach ihrem vertrauten Leuchten zurücksehnen Nimm Abschied von der
verweinten Mutter und von der Base die eine so schöne Haube zu Ehren der
feierlichen Stunde aufgesetzt hat Fasse dich mein Junge nimm dir ein gutes
Beispiel an dem Oheim Grünebaum der als ein erfahrener Mann weiß dass man zu
einer langen Wanderung der Stärkung bedarf und der zwischen Kauen und Schlucken
recht jovial ein Wanderburschenlied summt und dich mehr als einmal versichert
dass du froh sein kannst aus dem Nest und Käfig herauszukommen
Es klopft an der Tür Moses Freudenstein ists Er könnte zwar mit
Extrapost fahren aber aus alter Freundschaft hat er sich entschlossen mit dir
Hans Unwirrsch das neue Leben zu Fuß zu beginnen Sei ein Mann Hans fahr
schnell mit dem Ärmel über die Augen dass der Schulgenosse dich nicht auslache
wegen deiner Weichmütigkeit
Moses Freudenstein sah die Träne im Auge des Freundes nicht er befand sich
im Geist bereits auf der Landstraße ungeduldig schwang er den Wanderstab
»Auf auf Hans Es ist höchste Zeit dass wir aufbrechen Es ist nicht
angenehm in der vollen Sonnenhitze auf der Landstraße zu schwitzen«
»Na denn Christine« rief der Oheim Grünebaum »haue deinem Lamento den
Schwanz ab und gib jetzt den Jungen frei Habt Euch nicht Base Schlotterbeck
Ihr seid doch sonsten ein fermes Frauenzimmer O Weibsen Weibsen ihr seid mir
ein paar rare Exemplare und nun hat der Junge auch wieder an die Zwiebel
gerochen Ach du liebster Gott wenn das nicht über alle Fontänen geht so will
ich mir meine eigene Nase besohlen beflecken und vorschuhen O du grundgütiger
Heiland Herr Freudenstein wie nannten doch die alten Griechenländer solch
einen Gesang«
»Vielleicht würden sie ihn durch das Wort Trenodie bezeichnet haben«
antwortete Moses
»Richtig Ganz recht Ich konnte mir nur nicht gleich darauf besinnen Eine
Tränodie Und jetzt ist es aus und zu Ende damit sage ich euch der Deibel hole
eure Wasserwerke Packe auf Hans und marsch Die Weiber bleiben zurück von
wegen dem öffentlichen Anstand ich als unaffizinierter Vormund marschiere mit
bis zum Tor und dann Gott befohlen und n fröhliches fideles Wiedersehen«
Hans Unwirrsch sackte den Tornister des Vaters auf drei Minuten später bog
er zwischen Moses und dem Oheim um die Ecke der Kröppelstraße und ungestört
konnten die beiden armen Frauen ihrem Kummer und ihrer Freude Luft machen
Vor der verschlossenen Tür des Trödelladens hatten sich drei alte
Judenweiber gegen welche der verstorbene Samuel dann und wann den barmherzigen
Samaritaner spielte samt der Haushälterin Ester eingefunden um dem Sohne
ihres Wohltäters ihren Segen und ihre Glückwünsche auf den Weg mitzugeben Wir
haben schon gesagt dass dem armen Moses wenig davon geboten wurde aber er
zeigte auch jetzt wieder dass er selbst das wenige gründlich verachtete Höchst
missmutig hielt er sich die Ohren zu vor dem heisern Geschrei der Alten und mit
schlecht verhehltem Ekel und Verdruss entriss er seine Rockschösse ihren Händen
wehe ihm
Sie ließ den Taler den er ihnen zuwarf liegen auf der Erde Auf der
Schwelle des Trödelladens kauerten sie wie vier Schicksalschwestern die über
ein großes Unglück nachsannen Moses Freudenstein musste sehr böse Worte zu ihnen
gesprochen haben dass sie so erschreckt erstarrt die Hände zusammenschlugen
dass sie ihm ein Gebet nachsandten welches zur Hälfte ein Fluch war Wehe riefen
sie über ihn wie im Tal Achor über Achan den Sohn Serahs gerufen wurde sie
verglichen ihn mit Absalom dem Sohne Davids und manchem andern
alttestamentlichen Übeltäter
»Hat er gelernt zuviel ist er geworden zu klug wird er werden ein Verräter
an seinem Volk« seufzten sie als sie davonhumpelten
Aber da war das uralte Tor umsponnen von uraltem Efeu Und die Morgensonne
strahlte durch die dunkeln Bogen und das inhaftierte Vagabundenpaar im oberen
Stock sang hinter den grünen Ranken ganz idyllisch sein Morgenlied »Sind wir
wieder mal beisamm gewesen« und schien mit seinem Los ungemein zufrieden zu
sein Groß war des Oheims Verdruss über diese jubilierenden Lumpen und in der
sittlichen Entrüstung welche ihn darob befiel ging der letzte Tropfen
Abschiedswehmut ohne Bodensatz auf
»Wer es nicht hört der glaubt es nicht« knurrte er »Jedweder moralische
Mensch und honorable Handwerksmann muss jetzt an seinen saueren Schweiß und
schwere Arbeit und dies Pack und Exkrement von der sozialen Gesellschaft wälzt
sich auf dem Stroh und hat sein Pläsier auf öffentliche Unkosten Nun ihr
beiden jungen Gesellen macht euch auf die Beine und greift aus Hans mein
Junge ich sage dich nichts mehr Du bist nun allgemächlich in die Zuständigkeit
der Mündigkeit angekommen und wenn du auch bei die Gelehrten noch nicht aus der
Lehre bist so weißt du doch schonst mehr wie unsereins vons Metier Halte den
Kopf in die Höhe und sieh scharf nach rechts und links denn jedes Ding hat zwei
Seiten die Schusterei sowohl als imgleichen die Gelehrsamkeit Bedanke dich
nicht um das was ich an dir getan habe es ist nicht der Rede wert und die
Sorgen die du mir in die schlaflosen Nächte gemacht hast kannst du mir doch
nicht ersetzen Ich verlange es auch gar nicht sondern beruhige mir für das in
meiner Gewissenhaftigkeit was ein sehr schönes Kopfkissen ist im Kinderfreund
Also hier nimm n Schluck auf n gesundes Wiedersehen und schreib auch wenn
du mal Zeit hast an die Weiber sie möchten sich sonsten bei unpassender
Gelegenheit vom Tage tun Herr Freudenstein bleiben Sie gesund stecke die
Pulle nur ein Hans du bist in die Jahre wo man schon dir und ihr allein
zusammenlassen kann Adjes und nun machts gut ohne Schwanz und Umschweife«
Schnellen Schrittes entfernte sich der Oheim die beiden jungen Männer sahen
ihm nach bis er verschwunden war dann schritten auch sie fort entgegen der
jungen Morgensonne und bald hatten sie die Stadt hinter sich
Die Sonne hielt was sie versprochen hatte sie sorgte für einen schönen
Tag Auf die Gärten der Bürger folgten die frischgrünen Felder und die
Landstraße die sich zuerst in Schlangenlinien durch die Ebene wand stieg
allmählich zu den Höhen zu dem Wald hinan
Noch hing der Tau an den Grasspitzen die Lerche sang und die Butterweiber
kamen im Butterweibertrab den beiden Jünglingen entgegen Mehr als eine der
schwerbeladenen Frauen gehörte zur Bekanntschaft der Base Schlotterbeck und
somit natürlich auch zur Bekanntschaft Hans Unwirrschs große Verwunderung und
helles Geschrei war die Folge von mancher Begegnung Es war wirklich ein Wunder
wie viele Menschen dem ausmarschierenden Hans ihre Teilnahme kundzugeben hatten
O du lustige lustige Landstraße was geht alles auf dir vor Der
Handwerksbursch sitzt nieder am Rand des Grabens und zieht die Stiefel aus und
sieht sich die schöne Natur durch das Loch in der Sohle an während gegenüber
auf dem Steinhaufen die Tochter des Vagabundenpaars drunten im Turm unbefangen
ihr Kind an die Brust legt Mit klingenden Schellen Peitschenknall Hallo
Geschnauf und Gestampf schwankt der weiße Lastwagen daher und der weiße
Spitzhund ist entweder sehr ärgerlich oder sehr spaßhaft gestimmt jedenfalls
würde er zerspringen wenn er seinen Gefühlen nicht Luft machte Was hat der
Hase auf der Landstraße zu tun Dort Dort Galopp mit angelegten Löffeln quer
über den Weg Es soll Unglück Ärgernis und Kummer bedeuten dreimal ein Vivat
für ihn und sechsmal ein Vivat für den Schalk der das schnurrige Omen in jener
unvordenklichen Zeit als die Leute noch dumm waren unter die Leute brachte
Hurra auf den Hasen im Galopp eine Stafette im Galopp jedenfalls von der
Regierung mit der allerneuesten politischen Neuigkeit an den Oheim Grünebaum
abgesandt Nach der Staubwolke welche Ross und Reiter einhüllt zu urteilen muss
entweder Serenissimus eine Nase vom Kaiser Nikolaus erhalten oder Serenissima
das »angestammte Fürstenhaus« durch einen neuen apanagefähigen Sprössling
allergnädigst vor dem Ausgehen gesichert haben Was es auch sein mag ein
kindlich heiteres Vivat für Serenissimum und Serenissimam Mögen sie alle die
freudigen Überraschungen erleben die wir unsererseits ihnen schuldig sind
Aber die Höhe des Weges ist erreicht da ist der knospende Wald und alle
ausgewachsenen Bäume schütteln im leisen Morgenwind altväterlich gutmütig die
Häupter über das vorwitzige Gesindel der Sträucher und Büsche welches die Zeit
nicht erwarten konnte welches über Nacht grün geworden ist
Natürlich standen Hans und Moses am Rande des Waldes still und blickten
zurück auf den Weg auf das Heimatstal und die Stadt Neustadt Keine Spur mehr
von Nebel nach keiner Seite hin Alles klar und licht und frisch und sonnig
Man konnte die Ziegel auf den Dächern drunten im Tal zählen es schlägt eben
sechs und es ist so wunderlich damit Abschied auch von den Glocken nehmen zu
müssen
Wie verschieden waren die Gedanken der beiden jungen Männer welche an
demselben Baumstamm lehnten Licht und Schatten sind nicht so verschieden wie
das was durch die Seelen von Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein zog Der
eine der Jünglinge hielt das Haupt gesenkt und bedeckte die Augen mit der Hand
der andere sah scharf hinab und lächelte Sie standen beide und fühlten einen
großen Hunger in ihrer Seele alles was in verschiedener Weise seinen Anfang
genommen hatte musste auch in verschiedener Weise seinen Fortgang nehmen
In einer langen Reihe wechselnder Bilder zog die Kinderzeit vor Hans
vorüber Alle die Gestalten die ihm auf seinem Lebenswege bis jetzt
entgegengetreten waren glitten vorüber und es fehlte niemand unter ihnen
nicht der Lehrer Silberlöffel aus der Armenschule nicht die arme kleine Sophie
welche doch beide schon so lange tot waren
Auch Moses hatte seine Toten drunten im Tal aber er verscheuchte jeden
Gedanken daran und für die Lebenden hatte er nichts als jenes feine böse
Lächeln Er hasste die Stadt Neustadt und hielt den guten Professor Fackler für
einen albernen Pedanten Der Professor Fackler würde aber auch die Art wie sein
früherer klügster Schüler den träumenden Hans durch eine spöttische Bemerkung
aus dem Traum emporriss für höchst unpassend erklärt haben
Aber es war geschehen ein Blick ein Wort und die Bilder der Kindheit
der ersten Jugend verflüchtigten sich die Gestalten lösten sich auf Hans
Unwirrsch hörte wieder die Lerche in der Luft den Fink im Wald und vor allem
das scharfe Lachen des Freundes neben sich Noch ein Blick hinab ins Tal und
dann vorwärts hinein in den Wald hinein in die weite Welt das neue Leben
Bald war die weiteste Grenze früherer Wanderungen und Ausflüge
überschritten unbekannte Täler durchwanderte man unbekannte Höhen wurden
erstiegen unbekannte Kirchtürme lugten bald rechts bald links hervor Da musste
wohl das drückende Gefühl des Abschieds mehr und mehr schwinden und dem
wonniglichen Gefühl der Wanderfreiheit Platz machen Mehr und mehr merkte Hans
Unwirrsch dass er geschaffen sei Wunderdinge zu erleben und sie wie der Oheim
Grünebaum sich ausdrücken würde »richtig und gerecht zu taxieren« Was erlebte
der närrische Bursch alles an dem ersten Reisetage Wie sperrte er den Mund auf
vor den allergewöhnlichsten Dingen Wie lächerlich närrisch und tölpelhaft
erschien er dem scharfen nüchternen Moses
Nicht vor jedem Wirtshause das ihnen am Wege mit langem Arm winkte hielten
die beiden fahrenden Schüler an aber mancher Lockung konnten sie doch nicht
widerstehen die heißesten Mittagsstunden verbrachten sie jedoch wieder in einem
Wald abseits von der Landstraße Auf dem weichen Rasen lagerten sie und
während Moses in seinem Taschenbuch allerlei Berechnungen anstellte fiel Hans
über einer Taschenausgabe des Virgil in einen Halbschlaf in welchem er das
ferne Postorn für die römische Tuba nahm die der Reiterei der Bundesgenossen
das Zeichen zum Vorrücken gab Aufgerüttelt starrte er sehr verblüfft um sich
und wusste während mehrerer Minuten nicht wo er sich befand er hatte zuletzt
ganz fest geschlafen und von dem berühmten Schäferstudenten Chrysostomo und der
schonen Marzella geträumt Moses Freudenstein aber beglückte ihn mit einer
Vorlesung über die Träume und ihr Verhältnis zum Gangliensystem er war über
seine finanziellen Verhältnisse wieder einmal im reinen und daher zu allen
Bosheiten und philosophischen Deduktionen aufgelegt Im Lauf des Nachmittags
wurde er sehr lebendig und nahm dadurch aufs innigste an den Schwärmereien und
Entzückungen seines Gefährten teil dass er sie auf die schändlichste Weise durch
die verständigsten und trockensten Bemerkungen über den Haufen warf oder zu
werfen suchte
Er Moses Freudenstein träumte nicht von der schönen Marzella und dem
Schäferstudenten und die Wolken für allerlei Tiere oder gar schöne Göttinnen zu
halten hielt er ganz unter seiner Würde Von der schlafenden Prinzessin
Dornröschen und dem Zauberer Merlin behauptete er nie ein Wort gehört zu haben
und der Alte mit dem langen weißen Bart und dem langen Stab der auf dem
Waldwege daherkam war ihm ein verdammter alter Topfbinder und weiter nichts
Für ganz verruchten Unsinn erklärte er Hansens und der Romantiker
»Waldeinsamkeit« er war frech genug zu behaupten dass ihm bei dem lieblichen
Wort stets ganz übel zumute werde
So hatte Hans Unwirrsch Augenblicke in denen er mit dem Freund
Reisegefährten und Studiengenossen gar nicht harmonierte wo er sich sogar über
ihn ärgerte und ihn von seiner grünen Seite so weit als möglich wegwünschte
aber diese Augenblicke gingen stets sehr schnell vorüber und nachdem am Abend
im Wirtshaus einige naseweise Gesellen den Versuch gemacht hatten den klugen
Moses an seiner Adlernase zu ziehen und nur durch das energische Verhalten des
guten Hans davon abgehalten worden waren wurde das freundschaftliche Verhältnis
zwischen den beiden angehenden Studenten fernerhin kaum noch durch einen Misston
gestört Am Morgen des dritten Tages ihrer Wanderung standen sie wiederum auf
einer Anhöhe am Rande eines Gehölzes und sahen in ein Tal hinab in welchem eine
andere kleine aber viel und hochgetürmte Stadt lag und Moses der nicht nur
die alten Sprachen innehatte sondern auch einige neue deklamierte mit
ironischem Patos
Ma quando il soll gli aridi campi fiede
Kon raggi assai ferventi e in alto sorge
Ecco apparir Gierusalem si vede
Ecco additar Gierusalem si scorge
Ecco da mille voci unitamente
Gierusalemme salutar si sente
Er teilte dem aufgeregten Hans mit dass er sich augenblicklich zwar viel mehr
als Kreuzfahrer denn als Jude fühle dass er aber vor allem froh sei dass die
langweilige Wanderschaft endlich zu Ende sei und während Hans auf dem nun
betretenen heiligen Boden gern die Schuhe ausgezogen hätte sprach jener seine
Meinung sehr massgeblich dahin aus dass manches faule oder ausgeblasene Ei in dem
morschen Nest da unten liegen möge Und als nun gar ein alter Herr von sehr
gelehrtem professorlichem Ansehen der eine Driburger Brunnenkruke im Arm trug
ihnen entgegenstieg da murmelte Moses Freudenstein dass er Moses sich so
leicht nicht imponieren lasse
Zehntes Kapitel
In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universitätsstadt
bezog Hans ein Stübchen und es war nicht ganz Zufall dass sein Hausherr ein
Schuster war Das Fenster des beschränkten Raumes gewährte eine treffliche
Aussicht auf zwei fensterlose hohe Brandmauern und das schwarze Dach eines
Speichers Hätte nicht über dieses Dach ein Stück von einem bewaldeten
Bergrücken gesehen so würden die grauen Wände des Zimmers welche der
Antezessor in heiteren und melancholischen Stimmungen mit Fratzen und lasziven
satirischen und philosophischen Streckversen beschmiert hatte ein viel
reicheres Feld sinniger Betrachtungen geboten haben
Es war ein Loch nehmt alles nur in allem aber Hans Unwirrsch verlebte auch
hier glückliche Stunden und das griechische Wort dass Olymp und Tartarus jedem
Erdenflecke gleich fern und gleich nah seien bewährte sich auch hier wieder Es
waren recht kluge Leute diese alten Griechen
Moses Freudenstein der Mann der »glücklichsituierten Minderheit« hatte
sich einen behaglichern poetischern Aufenthaltsort aufsuchen können war aber
dadurch den unsterblichen Göttern nicht nähergerückt dass er in dem höher und
freier gelegenen Teil der Stadt wohnte und über einen anmutigen mit Gebüsch und
Springbrunnen gezierten Platz auf die alte prächtige gotische Hauptkirche sah
Dagegen zeigte sich bald dass in der unansehnlichen Puppe die in der
Kröppelstraße in einem Winkel eingesponnen gehangen hatte ein recht hübscher
buntfarbiger munterer epikureischer Schmetterling verborgen gewesen war Die
Metamorphose ging so schnell vor sich der ausgekrochene Papillon regte so
unbefangen sicher und gewandt die glänzenden Flügel dass selbst Hans Unwirrsch
ihn nur schwer mit dem verstaubten Neustädter Kokon in Verbindung bringen
konnte Moses Freudenstein entwickelte in den meisten Dingen des äußern Lebens
einen guten Geschmack zeigte sich den feinen Genüssen des Daseins in keiner
Weise abgeneigt richtete sich in seinem Eckzimmer am Domplatz sehr elegant ein
und setzte den guten Hans durch die über Nacht ihm angeflogene Lebenserfahrung
nicht wenig in Erstaunen
Schon am Tage nach ihrer Ankunft hatten sich beide Jünglinge immatrikulieren
lassen und versprochen data dextra jurisjurandi loco die Gebote der »Hohen
Mutter« halten zu wollen und alles zu vermeiden was der Mama missliebig sein
möge
In das Album der theologischen Fakultät wurde natürlich der biedere Name
Hans Unwirrsch juvenis eingetragen Moses Freudenstein juvenis dagegen
ging zu den Philosophen mit der Absicht viel mehr als nur Philosophie zu
studieren Dass er das ausführte dass er vielerlei lernte und dass er es weit
brachte in der Welt werden wir später sehen
Durch den Rest des Inhalts des schwarzen Kästchens ein Stipendium und
einige Empfehlungsschreiben des Professors Fackler war Hans Unwirrsch vor dem
leiblichen Hunger fürs erste geschützt den geistigen Hunger suchte er nun auch
mit Anspannung aller Fähigkeiten zu befriedigen
Wir können unsern beiden Freunden natürlich nicht Schritt für Schritt auf
ihrem Wege durch den großen Wald der Wissenschaften folgen wir können nur
sagen dass beide im Verlauf ihrer Studienjahre zu den Füßen mancher Lehrer
niedersassen und dass sie mittelbar und unmittelbar reiche Erfahrungen
sammelten jeder nach seiner Art
Rührend war die ehrfurchtsvolle Scheu welche Hans diesen mehr oder weniger
berühmten bekannten oder berüchtigten Lichtern und Spiegeln der Weisheit
entgegentrug wahrhaft diabolisch aber war die Art und Weise in welcher Moses
bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit diesem Glauben an die Autorität
ein Bein zu stellen suchte
Da war der große Hermeneutiker Professor Doktor Gamaliel Unkemann ein
Schriftausleger dessen historische geographische antiquarische und
sprachliche Kenntnisse nichts zu wünschen übrigliessen Moses Freudenstein
behauptete er reinige den Lehrbegriff wie Herkules den Stall des Königs Augias
und benutzte ein Gleichnis das an und für sich gar nicht so unpassend und
unwürdig war zu einer Reihe von Folgerungen Nebengleichnissen und
Unterstellungen durch welche die Würde des Mannes keineswegs erhöht werden
konnte
Noch schlimmer sprang der vorurteilsfreie Moses mit dem bekannten Dogmatiker
Weihel um Dieser Herr der zugleich ein Patristiker ersten Ranges war und
welcher schon einem Kirchenvater den Daumen auf das Auge drücken konnte wurde
von allerlei dunkeln unheimlichen Gerüchten verfolgt die seine Moralität nicht
in das beste Licht stellten ihn aber dafür zu einem angenehmen Gedüft in der
ironischen Nase Moses Freudensteins machten Der Professor Weihel hatte durch
seine milde Erscheinung seine weiche Bruststimme seine evangelischen Locken
und vor allem durch das was er vortrug einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht
Moses Freudenstein hielt es natürlich für seine Pflicht dieses Ideal
umzustürzen und viel Vergnügen zog er aus den schmerzvollen Gefühlen seines
Freundes
Der arme Hans verbarg seine Gefühle zuletzt instinktiv in Moses Gegenwart
da er wusste dass der Eimer kalten Wassers immer bereit war um darüber
ausgeleert zu werden Es war fast für ein Wunder zu nehmen dass der Verkehr
zwischen den beiden Neustädtern dadurch keinen Abbruch erlitt aber so viel
Moses zerstören konnte so viel hatte er auch zu geben Nicht leicht war es ihm
zu widerstehen und manche reiche Kraft die er sozusagen mit Gewalt erdrückte
weil er sie nicht »gebrauchen« konnte wäre ein schönes Erbteil für manche
kärglicher ausgestattete Natur gewesen
In seinem behaglich eingerichteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn
und Erbe des Trödlers bald mit Haufen von Büchern aus allen Fächern des Wissens
umgeben und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren baute er
sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf
Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er »manches gebrauchen« und
machte den Freund Hans öfters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch dass er ihn
und alles was er mit sich trug irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete
Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien und vorzüglich
eingehend beschäftigte er sich mit dem Staatsrecht der Macchiavell und der
»Reineke Fuchs« waren in dieser Epoche zwei Bücher die selten von seinem
Arbeitstisch kamen Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund
Unterricht im Hebräischen von welcher Sprache er mehr wusste als der ordentliche
Professor der darüber »las«
Auf das Hebräische folgten gewöhnlich die schon erwähnten Disputationen über
Gott und die Welt Physik und Metaphysik sowie auch über das »deutsche
Vaterland« seine innern und äußern Verhältnisse
Moses Freudenstein stand natürlich dem deutschen Vaterland ebenso objektiv
gegenüber wie allem andern worüber sich reden ließ Über seine Stellung ließ er
sich ungefähr folgendermaßen aus
»Ich habe das Recht nur da ein Deutscher zu sein wo es mir beliebt und
das Recht diese Ehre in jedem mir beliebigen Augenblick aufzugeben Wir Juden
sind doch die wahren Kosmopoliten die Weltbürger von Gottes Gnaden oder wenn
du willst von Gottes Ungnaden Seit der Erschaffung bis zum Zehnten des Monats
Ab im Jahr siebzig eurer Zeitrechnung haben wir eine Ausnahmestellung
innegehabt und nach der Zerstörung des Tempels ist uns dieselbe geblieben wenn
auch in etwas veränderter Art und Weise Durch lange Jahrhunderte hatte diese
Ausnahmestellung ihre großen Unannehmlichkeiten für uns jetzt aber fangen die
angenehmen Seiten des Verhältnisses an zutage zu treten Wir können ruhig
stehen während ihr euch absetzt quält und ängstet Die Erfolge welche ihr
gewinnt erringt ihr für uns mit eure Niederlagen brauchen uns nicht zu
kümmern Wenn wir in den Kampf eintreten so ist es immer nur sozusagen die
Hand des Pococurante die wir dazu bieten Wir sind Passagiere auf eurem Schiff
das nach dem Ideal des besten Staats steuert aber wenn die Barke scheitert so
ertrinkt nur ihr wir haben unsere Schwimmgürtel und schaukeln lustig und
wohlbehalten unter den Trümmern Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter
und Christenkindermörder totschlägt und verbrennt sind wir viel besser gestellt
als ihr alle wie ihr euch nennen mögt ihr Arier Deutsche Franzosen
Engländer Einzelne Narren unter uns mögen diese günstige Stellung aufgeben und
sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grämen à la Löb Baruch germanice Ludwig
Börne mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weißen
Katechumenengewandes ein echter Jude dem alles Taufwasser aller französische
Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern spült
Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von
Wehmut verspotten Jede Dummheit und Niederträchtigkeit die man diesseits des
Rheins begeht ist ja ein Gottessegen für ihn«
Wie Hans Unwirrsch während solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und
her rutschte wie er vergeblich versuchte den Redner zu unterbrechen ist kaum
zu beschreiben Und wenn Moses endlich eine Pause machte um Atem zu schöpfen
zog Hans doch keinen Vorteil daraus er war ebenso atemlos wie der Redner und
brachte kaum einige klägliche Interjektionen und das Wort »Egoismus« heraus
Egoismus Moses Freudenstein hatte das Wort natürlich sogleich aufgefangen
und ging mit frischer Kraft ins Zeug
»Egoismus Du nennst das so aber beschau nur die Sache näher Die
Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums
gibt mir recht Ich sage übrigens ja gar nicht dass der Vorteil unserer
gegenwärtigen Stellung darin bestehe dass wir bei euren Haupt und
Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des
Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen Wir können auch für irgendeine
schöne hohe Sache zum Beispiel Schicksal Ehre und Glück der deutschen Nation
in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafür auf uns nehmen Unser Vorteil
besteht grade auch darin dass wir mit einem freiern geistigeren animus in
solches Elend in solchen Tod gehen Ihr kämpft und leidet pro domo wir opfern
uns für einen reinen Gedanken was sagst du dazu mein Sohn Johannes«
Nun wäre es selbst für einen schnellern Geist schwierig gewesen auf diese
Rede alles das kurz und bündig zu erwidern was darauf gehörte Von Hans
Unwirrsch war es nicht zu verlangen und Moses Freudenstein durfte nach
Herzenslust mit den Augen zwinkern Hände und Knie aneinanderreiben Wenn aber
Hans den Wortschwall gehörig verdaut hatte wozu er öfters mehrere Tage
jedenfalls aber eine Stunde nötig hatte ermangelte er nicht seine Einwendungen
und seine Verwahrungen gegen solche Sophismen gehörig vorzubringen worauf er
durch die talmudistische Spitzfindigkeit natürlich von neuem in eine gelinde
Betäubung versetzt wurde
Das oft so närrische und triviale Treiben unserer deutschen Universitäten
ist nur allzuoft mit Begeisterung beschrieben worden Hans und Moses wurden
wenig davon berührt das was die Mehrzahl sich unter einem »Studenten«
vorstellt war keiner von beiden Hans ging ganz unangefochten seinen Weg und
Moses hätte es auch so haben können wenn er nicht durch zwei Charakterzüge
mehrfach in unangenehme Vorfälle verwickelt worden wäre Wir müssen leider an
dieser Stelle eingestehen dass er nicht nur sehr naseweis sondern auch im
höchsten Grade neugierig war und dass er seiner Neugier oft sogar die gewohnte
Klugheit und gepriesene Logik zum Opfer brachte Die Folge davon war dass er zum
öfteren in Lagen geriet aus welchen ihn ein schlagfertiger Arm leichter und
anständiger erlöst hätte als sein schlagfertiges Maul Aber viele große Männer
haben die Meinung der Welt insofern sie ihnen keinen Schaden bringen konnte
verachtet und so trug es auch Moses Freudenstein mit ziemlichem Gleichmut wenn
er dann und wann für einen Duckmäuser und »schofeln Kerl« erklärt wurde
Nach dem ersten Semester bereits sah Hans Unwirrsch ein dass er mehr für die
praktische als für die teoretische Theologie bestimmt sei Mit Eifer suchte er
unter der Leitung des Professors Vogelsang die hohen Geheimnisse der Homiletik
zu ergründen und wenn er einst als Kind in seiner Mutter Stube der Base
Schlotterbeck erbauliche Predigten gehalten hatte so erbaute er jetzt sich
selber nächtlicherweise erboste aber dadurch nicht wenig seinen Stubennachbar
einen Mediziner der meistens sehr spät und sehr betrunken nach Haus kam Es war
für den Redner nicht gerade angenehm statt durch das Schluchzen einer
höchlichst gerührten Zuhörerschaft durch ein ärgerliches Klopfen des
Stiefelknechtes an der dünnen Wand akkompagniert zu werden und dumpf dazwischen
allerlei böse Wünsche für den »wahnsinnigen Bonzen« zu vernehmen Am Tage war
die Sache noch schlimmer dann hatte der Mediziner gewöhnlich den Katzenjammer
und konnte das Predigen noch weniger vertragen Die Versunkenheit des Menschen
war so groß dass er selbst in den Momenten kläglichster Auflösung noch imstande
war dem armen Hans sein Missfallen zu erkennen zu geben
Am liebsten hielt Hans daher seine Predigten im Freien Längst hatte er den
Weg zu dem Berge den er von seinem Fenster aus erblickte gefunden Dort unter
den schattigen Bäumen und vorzüglich unter einer hohen Eiche auf einer engen
Waldwiese richtete er seine Kanzel auf predigte er den Vögeln und es war ein
ganz ander Ding wenn der Kuckuck als wenn der Mediziner die Responsen sang
Unter der großen Eiche war der Prädikante vor noch einem andern
Freudenstörer sicher vor dem berühmten Professor Vogelsang nämlich
Dieser ehrwürdige Herr war nicht immer ja sogar sehr selten mit der Art
zufrieden in welcher Hans die gegebenen Temata behandelte Er der Professor
fand in den Reden des Schülers viel zuviel »Poäsie« viel zuviel
Naturschwärmerei er witterte sogar stellenweise einen Duft von Panteismus der
seiner ortodoxen Nase im höchsten Grade widerlich war aber er hatte gut reden
er war nicht der Abkömmling einer so langen Reihe nachdenklicher grübelnder
Schuster und über seine Wiege hatte wahrlich nicht die wundersame schwebende
Kugel die auch über Jakob Böhmes Tisch hing ihr Licht ergossen
Finke und Specht im Walde waren duldsamer als der Professor das Eichhorn
sah von seinem Zweig nicht so grimmig herab wie der Professor von seinem
Katheder und wenn der Prediger in der Wildnis an den Rand des Holzes vortrat
und die Aussicht über Tal Stadt Berg und Ebene bis zur blauesten Ferne sich
vor ihm entfaltete so lag in dem Sonnenschein der das alles überstrahlte
selber etwas so Panteistisches dass es dem Professor nicht zu verargen war
wenn er niemals solch einen Berg bestieg und von der weiten Welt und ihren
Wundern die außerhalb seiner vier Wände lagen nur mit Geächz Geseufz und
Gestöhn sprach
In den Kollegien die der Professor Gingler über praktische Pastoralklugheit
hielt träumte Hans viel Angenehmes und Idyllisches von einer künftigen
Dorfpfarre unter Blumen Kornfeldern und frommen Bauern Der näselnde Vortrag in
den Mittagsstunden war ganz geeignet dabei allerlei Phantasien über Trösten der
Kranken Kindtaufen Hochzeiten sich hinzugeben Hans musste die Enttäuschungen
die er später erfuhr als er in Grunzenow das Ideal mit der Wirklichkeit
verglich dann auch hinnehmen
In die dornigen Wüsteneien der Kasuistik führte ihn der Doktor und Professor
Mundrecht und in diesem Kolleg traf er stets mit einem eifrigen Hospitanten
dem Philosophen Moses Freudenstein zusammen welcher bereits so viel Fetzen
seines bessern Selbstes an den Büschen hatte hängenlassen dass ihm der
Geistesglanz dieses hell leuchtenden Kirchenlichtes wenig mehr schaden konnte
Die Jahreszeiten wechselten nach altgewohnter Weise vorwärtsstrebten beide
jungen Männer jeder in seiner Art mit nie erlöschendem Hunger nach dem Wissen.
Beim Beginn jeder Ferien schnürte Hans seinen Ranzen mit hoher Freude zur Fahrt
nach der Heimat und steuerte derselben manchmal auf einem kleinen Umwege aber
immer mit dem nämlichen Behagen entgegen Und jedesmal trat er mit lichterm
Haupt und mit erweitertem Herzen in den kleinen engen Kreis der treuen
beschränkten Menschen die er hinter sich zurückgelassen hatte die er aber
nicht verachtete wie Moses sie verachtete Letzterer kehrte während seiner
Studienzeit nicht nach Neustadt zurück das Nest mit allen seinen Erinnerungen
war ihm zu sehr zuwider Fest verriegelte er sich in den Ferien in seinen
Zimmern und kam beim Wiederbeginn der Vorlesungen jedesmal skeptischer und
sarkastischer in betreff dessen was Alma mater ihren Kindern zu bieten hatte
oder bieten wollte zum Vorschein
So kam endlich für Hans und Moses das letzte Halbjahr ihrer Universitätszeit
heran Um Michaelis sollte Hans in der Heimat das Examen als Kandidat der
Gottesgelehrteit machen und da er das Seinige getan hatte so sah er diesem
kritischen Moment trotz des Professors Vogelsang und anderer schwer zu
befriedigender Gemüter mit ziemlicher Gelassenheit entgegen
Zu Anfang desselben Semesters schrieb Moses eine famose Doktordissertation
über die »Materie als Moment des Göttlichen« und verteidigte seine Meinungen
darüber indem er die Tese ganz allmählich umdrehte und das Göttliche zu einem
Moment der Materie machte vor einer zahlreichen Versammlung in klassischem
Latein Das Schriftstück sowie die Disputation erregten vielen Lärm und viel
Staub wurde durch dieselben aufgewirbelt der israelitische Schlaukopf aber
grinste nicht wenig durch den Dunst der von den Häuptern der Pneumatomachoi
Geisttotschläger wie der Schurke seine ehrwürdigen Lehrer nannte aufstieg
Als Doctor philosophiae stieg aber auch Moses Freudenstein aus dem Dunst der
Aula empor sein Ruf war groß in den letzten Tagen seiner studentischen
Laufbahn und soweit er nicht berühmt war war er berüchtigt von Hans
Unwirrsch sprach niemand und durch seinen Abgang fühlte sich niemand bedrückt
und niemand erleichtert
Bis jetzt hatte Moses auf alle Fragen was er inskünftige mit seinem Leben
zu beginnen gedenke nur durch ausweichende Redensarten geantwortet oder er
hatte auch wohl die fabelhaftesten Pläne mit treuherzigstem Ernst dem guten Hans
zur Begutachtung vorgelegt Nach seiner Promotion erklärte er eines Abends ganz
beiläufig
»Ah ehe ichs vergesse Hans übermorgen gehe ich nach Paris heute
nachmittag hab ich den Pass von der französischen Gesandtschaft in erhalten
Fall nicht vom Stuhl mein Junge Siehst du irgend etwas aussergewöhnlich
Interessantes an meiner Nase Was starrst du mich so an«
Hans Unwirrsch machte wirklich ein verwunderungsvolles Gesicht wenn der
Professor Vogelsang auf seinem Katheder plötzlich das Lied »Mein Lebenslauf ist
Lieb und Lust« angestimmt hätte würde ihn Hans auf ungefähr gleiche Weise
angeblickt haben Erst als Moses ihm den Pass unter die Nase hielt glaubte er
was er vernommen hatte
»O Moses Moses was willst du dort« rief er endlich und Moses antwortete
»Das Schwimmen will ich dort lernen Wir Deutsche sind seltsame Fische
eine Quabbenart mit ungeheueren Geistesflossen mit denen sich ein
ungeheuerliches Geplätscher machen lässt Wenn nur nicht die Pfützen in denen
wir unser jämmerliches Dasein hinbringen so seicht so eng wären Was ist
Deutschland anders als ein Strand von welchem sich die Flut zurückgezogen hat
Hier ein Sumpf dort ein Sumpf voll elender Geschöpfe glotzäugig quabbelig
dumm und zufrieden mit ihrer jämmerlichen Pfuhlexistenz trotzdem dass sie alle
Augenblicke auf dem Trockenen schnappen Ich danke dafür ich habe die Ahnung
des großen Meeres noch nicht verloren und bin so gottverlassen und
unpatriotisch mich danach zu sehnen Ich will einmal weiteres Wasser für meine
Flossen suchen Hänschen Was meinst du wenn du den Ausflug nach Sodom und
Gomorra mitmachtest frommer Hans«
»Über Sodom und Gomorra steht das Tote Meer« sagte Hans der sich
allmählich wieder beruhigt hatte und sehr nachdenklich dasaß »Moses wenn deine
ersten Vergleiche richtig waren so hast du das durch dein letztes Wort
umgestossen«
»Bravo« lachte Moses »Sei nur ruhig du sanftes teologisches Gemüt ich
will dich deinem behaglichen Sumpf nicht entreißen aber jetzt komme mit mir
wir wollen auf den Schreck eine Flasche Wein trinken ich stehe sie«
Moses Freudenstein »stand« wirklich die Flasche Wein und dies Faktum wäre
vielleicht für mehr als einen von denen welche die Ehre seiner Bekanntschaft
genossen das sicherste Zeichen davon gewesen dass er ein aussergewöhnliches
Vorhaben in seinem Busen bewege
Am bezeichneten Tage stieg er wirklich in den Postwagen und fuhr ab gen
Westen und sehr bewegt blieb Hans auf den Stufen der Tür des Postauses zurück
Er konnte es törichterweise noch immer nicht fassen dass die beiden Wege welche
so lange nebeneinander hergelaufen waren sich jetzt vielleicht für alle Zeit
getrennt hatten Es war ihm wie ein Traum in welchem selbst das Natürliche
ganz Gewöhnliche in unbegreiflichen seltsamen verwirrenden Farben spielt
Eine große Lücke war in Hans Unwirrschs Leben entstanden und schwer schwer
vermisste er trotz allen seinen unliebsenswürdigen Eigenschaften diesen »Freund«
welcher die Existenz des Jugendgenossen wahrscheinlich noch vor dem ersten
Pferdewechsel vergessen hatte Er zog sich noch mehr als sonst aus dem Leben
zurück und verbrachte seine Tage in angestrengter Arbeit er verfiel in einen
trüben ungesunden Zustand aus welchem er erst gegen Ende des Semesters durch
einen Brief gerissen wurde der ihm zeigte dass in seinem Dasein noch größere
Lücken entstehen könnten
Dieser Brief kam vom Oheim Grünebaum und Hans fand ihn an einem grauen
Abend von einem langen Spaziergang heimkehrend auf seinem Tisch
Wenn der Oheim Nikolaus Grünebaum schrieb so schrieb er wenig anders als
er sprach
Der Brief lautete folgendermaßen
»Liebwertester Nevö
Teuerster Bruder Studio
Wenn Du wie nicht zu erwägen steht von wegen Deines seligen Vaters in
Erfahrung gebracht haben wirst dass der Mensch nicht ewig lebt allhier auf
dieser Erde sondern dass des Menschen Leben seine Zeit währet und er schon
zufrieden sein muss wenn er nicht schon vor der Zeit abfährt und nach dem
Kirchhof abgefahren wird und sintemalen und alldieweilen Du nun mit Respekt zu
sagen ein angehender Pastore bist und in Gottes Wort erzogen bist und sonsten
ein verträgliches Gemüt und patibeles Temperament hast so verhoffen wir als
wie ich Deine Mutter und die Base Schlotterbeck dass Du dieses Schreiben Dir
nicht zu sehr zu Herzen nehmen wirst Denn mit Deiner Mutter steht es schlecht
Wir haben länglich geschwiegen weil es leise anging und wir vermeinten es
solle besser werden ehe wir Dir Nachricht von das Malör gäben aber nun ists
aus und am Ende schlechter kanns nicht werden und wir vermelden es Dir
hiermit Du musst den Bündel auf den Buckel laden und als ein geistlicher Mensche
zeigen dass Du den Trost nicht bloß für andere in der Tasche trägst und mits
Schnupptuch herfürziehst Habe Dir also nicht zu schrecklich und unvernünftig
über das was in diesem selbigen Brief Dir zukommt Deiner Mutter der guten
Seele ist es denn doch wohl zu gönnen dass sie einen sanften Tod hat und sich
nicht allzu elend und langweilig hinquälen muss ehe ihr der Odem stillesteht
Aber der Doktor sagt es kann nicht sein und sie wird noch viel Drangsal
leiden ehe und bevor der liebe Gott sie zu sich nimmt Du musst Dich also darin
finden mein Junge lass es gehen wies geht ich sage nichts weiter Die Frau
hat aber grausame Sehnsucht nach Dir und wenn Du abkommen kannst von Deine
Gelehrsamkeit und Deine Herren Lehrerprofessors Dich loslassen wollen so wäre
es uns sehr angenehmlich wenn Du Dein Wanderbuch so schnell als möglich
hierherfisieren lassen wolltest Deine Mutter hat es wohl um Dich verdient dass
sie Trost an Dir hat in ihre letzten Tage und große Schmerzen denn sie hat die
zurückgetretene Gicht und das Wasser und Waschen hat ihr den Dampf angetan was
was Schreckliches ist Mache Dich also somit auf die Wanderschaft und komm
eilends hierher wo wir in großer Not Deiner erwarten
Sonsten ist noch alles wie sonst aber es ist nicht viel Pläsier mehr in der
Welt und in den Zeitungen auch nicht mehr Es waren ganz andere Zeiten als ich
und Deine Mutter noch solch jung Volk waren wie Du anjetzo und Dein Vater auch
ein jung Blut um Deine Mutter freiete welches mir ist wie heute und kann noch
nicht daran glauben wenn ich bedenke dass der Anton schon so lange tot ist und
wenn ich die Christine will sagen Deine Mutter ansehe wie sie da liegt
Komm also schnell und behalte bis dahin in guten Gedanken Deinen geliebten
Oheim und Paten
Niklas Grünebaum
Schuhmachermeister«
Der Blitz welcher du den Füllen Hans Unwirrschs einschlug betäubte ihn nur auf
kurze Zeit er stand auf den Füßen und horchte auf den feierlich verrollenden
Donner Hans der so leicht vor jeder rauben Berührung zurückwich wich nicht
als sich die Hand des Unglücks nun wirklich grimmig gegen ihn ausstreckte Er
packte seine Zeugnisse und wenigen Habseligkeiten mit Überlegung zusammen und
zog fort von der Universität nach dem alten Neustadt zum Sterbebett der Mutter
Elftes Kapitel
Es war ein melancholischer Weg durch das herbstliche Wetter Auf der ganzen
Länge seines Pfades begleitete den armen Wanderer der Wind der kalte
grämliche greinende stöhnende Oktoberwind Den Wäldern riss er ein gut Teil des
Schmuckes mit welchem er im Frühling und Sommer so oft schmeichlerisch
getändelt hatte höhnisch ab Auf der Landstraße jagte er dichte Staubwolken
empor und über die Stoppeln der Felder fuhr er mit einem heulenden Gezisch
welches keinem lebenden Wesen außer der Krähe behagen konnte Nur das Geklapper
der Dreschflegel in nahen und fernen Dörfern konnte als tröstliches Zeichen
genommen werden dass noch nicht alles für die Erde verloren sei und dass der
Triumph welchen der Wind auf den leeren Feldern feiere nur ein trüglicher sei
Aber für den einsamen Wanderer in den Staubwolken der Landstraße ging dieser
Trost verloren er konnte wenig darauf achten und bedrückt und bedrängt aufs
tiefste zog er einen Fuß dem andern nach Er hatte diesen Weg nun schon so oft
gemacht dass ihm weder zur Rechten noch zur Linken irgendein hervortretender
Gegenstand unbekannt war Bäume und Felsstücke Häuser und Hütten Wegweiser
Kirchtürme alte Grenzsteine die nichts mehr bedeuteten als die Vergänglichkeit
auch des weitesten Besitzes alles hatte schon früher in wechselnden Stimmungen
einen wechselnden Eindruck auf ihn gemacht Er erinnerte sich wie er dort
nachdenklich gesessen dort unter jenem Gebüsch einen Nachmittag verschlafen
habe Er gedachte vorzüglich jener Tage als er diesen Weg zum erstenmal mit dem
großen Hunger nach dem Wissen in Begleitung des entschwundenen Jugendgenossen
gezogen war Nun kam er zum letztenmal zurück auf diesem Wege viel hatte er
gelernt mancherlei geduldet und viele Freuden genossen Wie stand es nun in
seiner Seele
Er war niedergeschlagen er war traurig und wäre es auch ohne den bösen
Brief des Oheims Grünebaum gewesen Mit aller Kraft hatte er gestrebt das zu
lernen was von der hohen Wissenschaft der er sich ergeben hatte sich lernen
ließ und er musste sich sagen dass dies im Grunde wenig genug war Er fühlte
tief das Unzulängliche dessen was ihm die Herren von ihren Katedern doziert
hatten aber er fühlte noch etwas anderes und das war das was der Professor
Vogelsang und die meisten übrigen Mitglieder der hochpreislichen ehrwürdigen
Fakultät nicht gelten lassen wollten weil sie es nicht lehren konnten
Er befand sich auf dem Wege um das geliebteste Wesen sterben zu sehen der
Dunkelheit schritt er entgegen und Dunkelheit ließ er hinter sich zurück Einst
hatte er dem Walde und den Vögeln gepredigt weil die Welt von seinen Gefühlen
nichts wissen wollte und er hatte sich nie darüber beklagt Nun schien der
Hunger nach dem Wissen tot aber die Gefühle waren noch lebendig und drängten
sich empor und um sein Herz zusammen sie wurden zu dem bittersten Schmerz
welchen der Mensch erdulden kann In diesem Augenblick unterschied sich nichts
in dem drängenden Gewühl der Schmerz um die Mutter Enttäuschung Sorge und
Furcht vermischten sich und wunderlicherweise klangen dazwischen scharf und
schneidend längst vergessene Worte auf welche Moses Freudenstein einst
gesprochen hatte Hans Jakob Unwirrsch befand sich auf diesem Wege in ähnlicher
Stimmung wie ein anderer Hans Jakob der vor langen Jahren von Annécy nach Vevei
ging und von diesem Weg schrieb
»Kombien de fois marrêtant pour pleurer à mon aise assis sur une große
pierre je me suis amusé à voir tomber mes larmes dans leau«
Immer der Wind Er jagte den ganzen Tag dunkeles Gewölk über den grauen
Himmel doch fiel kein Regentropfen herab Er wühlte in den Hecken um die
verwilderten unordentlichen Gärten wo die vertrockneten Sonnenblumen und
Stockrosen kläglich die Köpfe hingen Er rüttelte an den Fenstern des
Dorfwirtshauses wo Hans sein Mittagsmahl einnahm und umbrauste das Haus und
wartete grimmig auf den Wanderer der sich für einen kurzen Augenblick ihm
entzogen hatte Er hatte sein Wesen um den Reisewagen der unter dem Schlagbaum
anhielt und schlug dem Kutscher den weiten Mantelkragen so um die Ohren dass
der kaum das Wegegeld hervorlangen konnte Durch das Fenster warf Hans einen
gleichgültigen Blick auf diesen Wagen aber im nächsten Augenblick sah er doch
schärfer hin Der Ledervorhang an der Seite des Wagens war zurückgezogen worden
ein junges Mädchen sah heraus und blickte die traurige Landstraße hinab Der
Wind hob den schwarzen Schleier von dem schwarzen Trauerhut und hatte nicht mehr
Mitleid mit dem bleichen traurigen Mädchenangesicht darunter als mit jedem
andern Ding welches ihm in den Weg kam Aber auf Hans Unwirrsch machte dieses
Gesichtchen einen desto größeren Eindruck Der Kummer begrüßte den Kummer und
der Schmerz der zu Fuß die Landstraße beschritt neigte sich vor dem Schmerz
welcher im Wagen durch die Staubwirbel rollte Dieses kindliche abgehärmte
Gesicht passte ganz zu der Stimmung in welcher Hans sich befand er hätte gern
mehr gewusst von diesem ihm jetzt noch unbekannten fremden Schicksal
Aber der Kopf des Mädchens zog sich zurück und an seiner Stelle erschienen
ein grauer Schnauzbart und eine alte Militärmütze Ein Schnapsglas wurde voll in
den Wagen hineingereicht und kam sehr rasch leer wieder zum Vorschein auch der
Kutscher hatte es möglich gemacht sich trotz des heftigen Kampfes mit seinem
Mantelkragen ebenfalls durch einen Trunk der nicht unmittelbar aus der Quelle
kam zu stärken Hoho Vorwärts Die Pferde zogen an mit seiner Staubwolke
rasselte das alte Gefährt davon der Wind war hinter ihm her wie der Schweisshund
auf der Fährte und es war mehr als merkwürdig dass er als Hans nun auch
hervortrat aus dem Haus zum Goldenen Hirsch ihn ebenfalls
triumphierendärgerlich in Empfang nahm und ihn dem Wagen nachblies
Die Leute im Goldenen Hirsch hatten nicht sagen können wer der alte
militärische Herr und die junge Dame in Trauerkleidung seien sie kannten nur
den Kutscher die beiden hageren Gäule und das alte baufällige Fuhrwerk und
sagten aus dass diese vier Stücke öfters von Reisenden gedungen würden weil sie
hier oft das einzige Mittel zum Weiterkommen seien
Zu allen seinen übrigen Gedanken hatte Hans nun noch das Bild des lieben
Gesichtchens auf seinem Wege durch den dunkeln Nachmittag Es kam ihm immer von
neuem vor die Seele er konnte nichts dagegen tun So zog er fort und hielt
nicht eher wieder an bis die Dämmerung dichter wurde und das Städtchen in
welchem er Nachtquartier nehmen musste erreicht war
Dämmerung war freilich den ganzen Tag über gewesen und der Abend konnte an
der Beleuchtung der Welt wenig ändern Aber nun sank die Nacht herab und machte
gemeinschaftliche Sache mit dem Winde und wenn der Teufel als Dritter zum Bunde
getreten wäre so hätte er die Sache nicht viel schlimmer machen können
Es war nicht des Windes Schuld wenn die alten schiefen Häuser des
Landstädtchens in welches Hans jetzt einzog am andern Morgen noch aufrecht
standen Die Lichter schienen in den Stuben hinter den Fenstern zu flackern und
die wenigen Menschen die sich noch in den Gassen befanden arbeiteten schräg
vor oder zurückgelehnt dem Sturme ihren Weg ab Haustüren flogen mit
donnerndem Krachen zu Fensterladen mit Geprassel auf und der einzige Glaser im
Ort horchte mit ganz einzigem Vergnügen auf jedes helle Klingen und Klirren in
der Ferne
Wenn aber der Wind das Städtchen im allgemeinen doch stehenlassen musste so
konnte er noch viel weniger dem Wirt zum Postorn was anhaben Den Mann von
seinen Füßen zu blasen und auf die Erde zu setzen wäre in der Tat ein Kunststück
gewesen welches Äolus als Preisaufgabe für seine Untergebenen hätte
ausschreiben können Auf kurzen wohlgerundeten Beinen stand er fest und
unbewegt vor seinem Torweg unter seinem knarrenden Schild und gab seine Befehle
in Hinsicht auf eine Kutsche die eben von zwei Knechten unter einen Schuppen
gezogen wurde An dem Fleischkoloss dem Postornwirt strandete der hagere
Teologe Hans Unwirrsch im wörtlichsten Sinne des Worts halb erstickt und halb
erblindet wurde er in den Torweg hineingeblasen und fuhr mit voller Gewalt gegen
den Bauch des Postalters doch auch dieser Anprall brachte den Block nicht aus
dem Gleichgewichte
Der Postornwirt war dabei glücklicherweise ein Mann welcher die zwingende
Gewalt der Umstände zu würdigen wusste er nahm den Anfall nicht so grob auf wie
man hätte erwarten sollen Er forderte den herangeschleuderten Gast nicht auf
sich zu allen Teufeln zu scheren er machte sogar eine halbe Schwenkung um ihm
Einlass in sein Haus zu gewähren und folgte ihm nur mit einigen leise
geschnauften Bemerkungen
»Verfluchte Steuerdirektion Immer langsam über die Brücke Nicht zu
scharf um die Ecke Donner grad auf den vollen Magen«
Als er aber in der trüb erhellten Gaststube den Fremdling welchen der böse
Wind in sein Haus geweht hatte erkannte verschwand der letzte Schatten des
Missmutes aus seinem runden Gesicht und ganz vergnügt reichte er seine breite
Pfote zum Gruß hin
»Ah Sie sinds Herr Studente Wieder einmal eingesprungen in den Ferien
Das freut mich s ist wie man sagt Das muss ein böser Wind sein der einem
nichts Gutes herbläst«
Hans entschuldigte nach besten Kräften die ungestüme Begrüßung in dem
Haustor doch der Wirt sah ihn jetzt nur lächelnd und mitleidig an und blies
über die Hand als wolle er sagen Eine Feder Eine Feder Nichts als eine
Feder Er sagte aber »Lassen Sies gut sein Herr Unwirrsch ich stehe schon
meinen Mann Legen Sie Ihren Ranzen ab haben ihn wohl wie gewöhnlich den
ganzen Tag auf dem Rücken geschleppt Du liebster Gott«
Da war die Frau Wirtin ebenso wohlbeleibt wie der Herr des Hauses Da war
der Frau Wirtin Töchterlein aber diesmal gottlob noch nicht in einem schwarzen
Schrein sondern sehr lebendig und ebenfalls von wohltuender Fülle Und sie
begrüßten den armen traurigen Hans dessen gutes Herz und winzigen Geldbeutel
sie von manchen frühern Ferien her kannten und mit der gehörigen Achtung
behandelten Sie fragten ihn aus ehe er zu Atem gekommen und wussten den
betrübten Grund der ihn jetzt nach der Heimat rief ehe er den Ranzen und den
Ziegenhainer abgelegt hatte Und da sie ein gutes Mahl und einen guten Trunk für
die beste Panazee gegen alle Übel hielten so stieg er der Wirt in den Keller
während die Wirtin sich mit ihrem Töchterlein in die Küche begab und jetzt
konnte Hans Unwirrsch den ersten Blick auf die übrigen Gäste werfen
Es waren nur zwei vorhanden Im Winkel am Ofen war ein Tisch gedeckt und
daran saßen sie ein alter schnauzbärtiger Herr in einem langen militärischen
bis an das Kinn zugeknöpften Rock und ein junges blasses kränklich aussehendes
Mädchen in Trauerkleidung Das Mädchen hielt die Augen niedergeschlagen aber
der alte Herr fixierte den Theologen so fest und unbefangen dass letzterm dabei
ganz unbehaglich zumute wurde und er sehr froh war als der dicke Wirt wieder in
der Gaststube erschien und seine undurchsichtige Gestalt zwischen den
scharfäugigen Schnauzbart und den Tisch schob an welchem Hans Platz genommen
hatte
Eine volltönende Stimme hatte der Herr Wirt und stellte seine Fragen nicht
so leise wie Hans gewünscht hätte etwas schwerhörig war der Herr Wirt und
verlangte die Antworten so laut als möglich Und als die Frau Wirtin mit
Schüsseln und Tellern und der Wirtin Töchterlein mit Messer und Gabeln kamen
wollten auch sie das Ihrige wissen Der Schnauzbart brauchte nicht den Horcher
zu spielen um alles Wissenswürdige über den Schwarzrock zu erfahren
Wenn nun der Mensch der viel Schmerzliches zu ertragen hatte dazu seit
langer Zeit keine freundlichen teilnehmenden Stimmen um sich her gehört hat so
wird er wenn nun endlich solche Stimmen mit Fragen und Bedauerungen ihm zu
Ohren und zu Herzen dringen auch mitteilsamer so verschlossen er sonst sein
mag Hans Unwirrsch aber war wie wir wissen nicht verschlossen er hielt mit
seinen Leiden und Freuden nicht hinter dem Berge und da er nichts zu
verschweigen hatte gab er den gutmütigen Wirtsleuten unverhohlenen Bericht wie
die Welt mit ihm gefahren sei und er mit der Welt
Der militärische alte Herr hatte alles bald weg was an einem so hungrig
aussehenden jungen schwarzröckigen Theologen Interessantes sein konnte Er
kannte seinen Namen er wusste dass er aus der berühmten Stadt Neustadt sei er
hatte in Erfahrung gebracht dass ein gewisser Oheim Grünebaum immer noch bei
guter Gesundheit sei und dass eine ebenso gewisse Base Schlotterbeck immer noch
die Toten in den Gassen umherwandeln sehe Dass der Teologe eine alte Mutter in
der Stadt Neustadt habe und dass diese Mutter an böser schmerzhafter Krankheit
darniederliege und vielleicht sterben müsse das alles vernahm der graue
Schnauzbart und das junge Mädchen vernahm es auch und zwar mit Teilnahme wie
es schien denn sie hatte das Gesicht erhoben und nach der Stelle gerichtet wo
der Teologe saß Das Gesicht war gut aber nicht schön schön waren die Augen
mit welchen sie jedoch den Theologen nicht sehen konnte wohl aber den breiten
Rücken des Herrn Wirtes zum Postorn Der Herr Wirt verdeckte sowohl ihr die
Aussicht als auch dem jungen Mann den er mit so großem Eifer ausfragte
Wie der Wind draußen sich ärgerte und seine Wut auf das unzweideutigste
kundgab Er lief um das Haus wie toll rüttelte an jedem Fenster in welches
seine Mitverschworene die Nacht die grämliche Herbstnacht menschenfeindlich
lichtfeindlich hineinsah O wie ärgerten sich Wind und Nacht über die Reisenden
die jetzt so sicher vor ihnen waren wie ärgerten sie sich über den dicken Wirt
zum Postorn und die Wirtin und der Wirtin rosige Tochter Keine Häscher deren
Opfer sich in eine heilige unverletzliche Freistatt gerettet hatten konnten
sich mehr ärgern
Wer aber schnarrte in diesem Augenblick mit Nachdruck die Worte
»Unverschämter Judenjunge«
War es der Wind oder wars die Nacht
Nein es war der ältliche militärische Herr mit dem Schnurrbart und wenn
ein Zweifel übrigbleiben konnte dass er mit dieser wohlwollenden Bezeichnung
unsern Freund Moses Freudenstein meinte dessen Namen soeben von Hans Unwirrsch
genannt worden war so zerstreute er diesen Zweifel sogleich indem er
hinzusetzte
»Ein naseweiser vorwitziger Judenbengel wenns der Schlingel ist dem ich
neulich in Paris seinen Standpunkt mit Nachdruck habe klarmachen müssen nicht
wahr Fränzchen Moses Freudenstein ja der Name wars Rücken Sie doch mal
näher Herr Kandidate kommen Sie zu diesem Tisch der Abend ist ganz dazu
geschaffen dass die Leute zusammenrücken und es wird mich freuen Ihre nähere
Bekanntschaft zu machen und etwas Weiteres über besagten Moses zu hören«
Sehr verwundert über die plötzliche Unterbrechung hatten sich die
Wirtsleute nach dem Sprecher umgedreht und sehr erregt über den unvermuteten
Angriff auf den Freund hatte sich Hans erhoben
Ohne alle Schüchternheit hub er die Verteidigung seines Moses Freudenstein
auf der Stelle vom Platze aus an aber der alte Herr winkte begütigend
»Na na nur immer Schritt Rechten linken Rechten jetzt hat der Wind
erst mal wieder das Wort Hören Sie nur wie er draußen rasaunt Das ist ein
Wetter wo selbst den Pastoren die Lust vergeht sich zu zanken Rücken Sie
herüber Herr Kandidate zu einem Glas Punsch und nehmen Sies nicht übel wenn
ich schon wieder was Unpässliches gesagt habe s muss wohl so sein denn mein
Fräulein Nichte hier zupft mich sehr am Rockschwanz«
Vielleicht wärs der jungen Dame jetzt ganz angenehm gewesen wenn der Herr
Wirt immer noch zwischen ihr und dem Theologen gestanden hätte aber die
Aussicht war nunmehr vollkommen frei und nichts hinderte unsern Hans sich
durch einen Blick zu bedanken bei dem errötenden Kinde welches den grauen
Schnauzbart am Rockschoss gezupft hatte
»Immer heran Herr Kandidate immer heran Gewehr über marsch halt
Rücke zu Franziska du wirst dich doch nicht vor dem Schwarzrock fürchten
Herr Wirt was meinen sie zu einem zweiten Aufgebot dieses angenehmen und
gesunden Getränkes«
Der Wirt meinte dass das Getränk dem Wetter und der Zeit ganz und gar
angemessen sei und bereitete es auf einen Wink Ehe Hans Unwirrsch so recht
wusste wie es zugegangen war saß er an der Seite des alten Kriegers dem
bleichen Fräulein gegenüber und vor dem dampfenden Glase
»So ists recht Herr Kandidate« sagte der Schnauzbart »Ich wusste es ja
dass Sie einen abgedankten Landsknecht nicht um ein lumpiges Wort oder zwei mit
der Nase auf den Tisch stoßen würden Ihr Wohlsein Herr Kandidate und da ich
nun allgemach Ihren Namen Umstände und so weiter in Erfahrung gebracht habe so
sollen Sie über uns auch nicht im dunkeln tappen Ich bin der Leutnant außer
Dienst Rudolf Götz und dies Kind ist meine Nichte Franziska Götz deren Vater
vor kurzem in Paris gestorben ist und welche ich von dort abgeholt habe um sie
meinem dritten Bruder der ein großes juristisches Tier ist zu überliefern das
arme Ding«
Die letzten Worte brummte der Leutnant nur ganz leise und setzte sogleich
sehr laut hinzu
»Da wir somit wissen woran wir gegenseitig sind verhoffe ich dass es heut
abend ohne Spektakel im Quartier abgehen wird Prosit Herr Kandidat Ihr habt
heute einen guten Marsch gemacht und darauf gehört ein guter Trunk«
Hans tat dem Leutnant Bescheid und fand bald heraus dass die Stimme und der
Schnurrbart in gar keinem Verhältnis zu den lustigen Augen der gutmütigen Nase
und dem fröhlichen Mund standen Er fand dass kein Grund zu der Befürchtung die
Theologie sei hier in die Gewalt und Tyrannei eines bramarbasierenden
Eisenfressers gefallen vorhanden war Er fand auch dass große innere Verderbnis
dazu gehöre um in der Gegenwart dieser Franziska das Rauhe nach außen zu
kehren
Ein angenehmes Bild wars dieser alte Soldat zwischen den beiden betrübten
jungen Leuten Große Lust hatte er unbedingt sehr vergnügt zu sein aber da das
nun doch so recht nicht angehen wollte spielte er nach besten Kräften den
Tröster
»So ists in der Welt« sagte er über den Rand seines Glases weg »eben
fahrt oder trabt man auf der Landstraße aneinander vorüber und denkt nicht
aneinander und dann sitzt man auf einmal behaglich und streckt die Beine unter
einen Tisch So ists auch bei uns eben steht man im Viereck und hat rechts und
links seine Nebenmänner seine besten Freunde bei sich und kann sich auf sie
verlassen Man sieht ganz ruhig zu wie die zwei Zwölfpfünder drüben auffahren
und die Partie beginnen Sst sst die Kugeln ziehen böse Striche durchs
Bataillon aber euch tuts nichts und euren Nebenmännern auch nicht Drüben
denken sie jetzt sei ihre Zeit gekommen da ist die Kavallerie Trab Galopp
ihr seht sie herankommen mit Gestampf und Gebrüll wie das Donnerwetter Feuer
also Es kracht euch um die Ohren und es ist euch so konfus im Sinn dass ihr
nicht einmal prosit sagen könnt wenn der Teufel niest Aber ihr steht fest so
schwarz es euch auch vor den Augen werden mag das ist das rechte Gedrängele
und ihr stolpert über allerlei was zappelt oder still liegt Es quietscht und
heult und ächzt euch zwischen den Beinen aber s ist einerlei ihr steht so
fest als möglich wenn ihr auch nichts dafür könnt Zurück müssen die Hunde und
tuns auch richtig Durch den Pulverdampf seht ihr nichts als Pferdeschwänze
und jeder macht dass er hinkommt woher er gekommen ist und der Wind bläst den
Qualm nach ja Teufel wo sind aber eure Nebenmänner Fremde Gesichter habt ihr
zur Seite und eine fremde Hand reicht euch die Flasche Da sauf Kamerad auf
die Arbeit Drei Schritt geht das Bataillon vor dass die Toten und Verwundeten
aus der Reihe kommen Die Kerle ringsum dampfen vor Schweiß und da und dort
träufelt einem das Blut aus der Nase oder sonstwoher Der Boden ist schlüpfrig
und zerwühlt genug und es ist ein Stank wie aus der Hölle aber die guten
Freunde sind fort und ihr dürft euch noch nicht einmal danach umgucken denn
Ruhe geben die Karnaljen drüben am Walde noch lange nicht die werden noch oft
genug herankommen bis Sonnenuntergang um ihr Abendbrot zu verdienen und den
Namen Waterloo in die Weltgeschichte reinzubringen Da ist nun meine Nichte
Franziska die hat auch ihren Nebenmann aus dem Gesicht verloren und hier ist
der Herr Pastor mit einem Gesicht wie ein schwarzer Kater der in den Essigtopf
fiel und hier bin ich auch ne arme Waise Ich sage euch junges Volk wem es
erst öfters in den Feldkessel regnete der lernt den Deckel auflegen und wer
schon mehr als einen guten Kameraden von der Seite verlor der lernt ade sagen
Die weichsten Herzen habens gelernt im Elend nur dreimal trocken
überzuschlucken und sind dabei doch die besten und treuesten Kreaturen
geblieben Kopf in die Höhe Fränzel tus deinem alten Onkel zuliebe Kopf in
die Höhe Hans Unwirrsch Wenn solch junges Blut die Nase durch den Staub zieht
was sollen dann wir Alten tun«
Franziska drückte die harte haarige Hand die ihr der Soldat hinhielt
zärtlich an ihre Brust sie sah ihn an und obgleich ihre Augen feucht
schimmerten lächelte sie doch und sagte
»O lieber guter Oheim ich will alles tun was du willst Ich sehe es wohl
ein dass es unrecht von mir ist deine Liebe durch solchen Trübsinn zu erwidern
du musst Nachsicht mit mir haben du hast mich recht verwöhnt durch deine
Liebe«
Der Alte nahm die kleine schwache Hand die er in seiner breiten Tatze
hielt auf und betrachtete sie ganz aufmerksam
»Armes Kind armes Kind« murmelte er »So verlassen und umhergetrieben wie
ein kleiner Vogel der aus dem Nest gefallen ist und dieser Theodor und sein
Weib und die Kleophea ach es ist ein Jammer Armes Vögelchen armes
Vögelchen und ich alter Vagabund habe nicht den jämmerlichsten Winkel in
welchen ich es aufnehmen könnte«
Er schüttelte lange den Kopf knurrend und seufzend dann schlug er auf den
Tisch
»Lustig Herr Kandidate Also Sie kennen jenen Moses Freudenstein der jetzt
mit achtmal hunderttausend andern Tagedieben die Pariser Gassen unsicher macht
Das ist ja eine schöne Bekanntschaft und passt eigentlich zu Ihnen wie eine
Haubitze zu gelben Erbsen«
»Es sollte mir sehr leid tun wenn Moses wenn er es wirklich ist Ihr
Missfallen wirklich so sehr verdient hätte Herr Leutnant« antwortete Hans »Wir
sind zusammen aufgewachsen wir sind Schulfreunde und Universitätsfreunde und
er kann sich außerdem kaum seit einem halben Jahr in Paris befinden Ich hoffe
es ist ein Irrtum ich hoffe es von ganzem Herzen«
Der Leutnant ließ sich nun ganz genau die Persönlichkeit des armen guten
Moses beschreiben und nickte leider bei jeder Einzelheit mit dem Kopfe indem er
seine Nichte fragend dabei ansah
»Er ist es Er ists so sicher wie ein Kolbenschlag Ists nicht der
Halunke Fränzel Ich will Ihnen die Geschichte kurz erzählen um dem Ding ein
Ende zu machen Da meines Bruders Tod sehr schnell erfolgte so war meine Nichte
hier für einige Zeit sehr verlassen in dem Satansnest und was das heißen will
das weiß ich noch von Anno vierzehn und fünfzehn her wo ich aber mit mehreren
dort auf Besuch war Armes Kind armes Kind Was das heißen will in dem Gewühl
dort verlassen zu sein Herr Kandidate sie zupft mich schon wieder Ich bitte
dich Fränzel gib Ruhe lass mich erzählen«
»Ich möchte es lieber nicht Onkel« flüsterte das junge Mädchen »Du hast
die Sache auch schlimmer genommen als sie war jener Herr «
»War eine Kanaille die zu Brei verrieben werden musste nein zupfe mich
nicht Fränzel«
Franziska warf einen flehenden Blick auf Hans Unwirrsch und dieser hatte
sich selten auf einem Stuhl so unbehaglich gefühlt und dazu erfuhr er jetzt
doch nicht in welche Beziehungen sein Freund Moses zu der jungen Dame und zu
dem alten Krieger getreten war Obgleich ihn die Ungewissheit tief beunruhigte
und der Zweifel an dem Freunde ihm wie mit spitzigen Nadeln in das Herz drang
so hätte er doch um alles in der Welt nicht den Kummer des bleichen Mädchens
durch heftige zudringliche Fragen vermehren können Nur das wurde ihm klar dass
ein Spiel des Zufalls den angenehmen Moses in das Haus geführt haben musste in
welchem Franziska Götz nach dem Tode ihres Vaters hilflos einsam und schutzlos
lebte und dass sein Betragen nicht von der ritterlichsten Art gewesen war Auf
einem der Boulevards hatte dann eine heftige Szene zwischen dem Leutnant Götz
und Monsieur Freudenstein stattgefunden und eine eingewurzelte Abneigung gegen
den armen Moses hatte ersterer sicherlich in das deutsche Vaterland
heimgebracht
Misstönig erschallte vor den Fenstern des Postorns ein anderes Horn durch
den Sturm Der Nachtwächter rief die zehnte Stunde ab und die kleine
Gesellschaft trennte sich In herzlicher Weise nahm der Leutnant von dem
Theologen Abschied und forderte ihn nochmals auf den Kopf über dem Wasser zu
halten und den Hals wenn es sein müsse mit Gesundheit zu brechen Auch
Franziska Götz musste auf seinen Befehl dem jungen Mann die Hand zum Lebewohl
geben und tat es ganz natürlich und ungeziert Früh mussten der Leutnant und das
Fräulein am andern Morgen abfahren um den Eisenbahnstrang der jetzt bereits
nach der großen Hauptstadt im Norden führte zu erreichen Hans Unwirrsch konnte
länger schlafen nach Neustadt ging noch keine Eisenbahnlinie und die Stadt
trug eigentlich auch gar kein Verlangen danach in solcher Weise der übrigen
Welt zugänglicher gemacht zu werden Wenn Hans sich vornahm noch einmal am
Wagen den beiden Reisenden eine glückliche Fahrt zu wünschen so war das sein
guter Wille und wenn er die Zeit verschlief so war das Schicksal welches den
guten Willen nicht zur Tat werden ließ schuld daran
Er verschlief richtig die Zeit nachdem er sich die halbe Nacht hindurch
schlaflos auf seinem Lager hin und her gewälzt hatte Die lange Wanderung und
der Wind welcher über das Dach fuhr und um die Ecke pfiff der Brief des Oheims
Grünebaum und der starke Punsch des Leutnants Rudolf Götz Herr Moses
Freudenstein in Paris und die bleiche traurige Franziska ließ ihn nicht
schlafen Er stand auf und zündete das Licht an um es wieder auszublasen er
konnte nicht die geringste Ordnung in seine Gedanken bringen und wenn ihm sonst
seine Phantasie in bedrückten Stimmungen zu Hilfe gekommen war um ihn mit
allerlei heiteren und lieblichen Bildern aus der Vergangenheit zu trösten oder
ihm den magischen Spiegel der Zukunft mit Lächeln und neckischen Winken
vorzuhalten so trieb sie ihm jetzt nur gespenstische Schatten um das Haupt und
verhüllte ihm die Nähe und die Ferne in der drohendsten Weise
So mutlos wie in dieser Nacht hatte sich Hans Unwirrsch in seinem ganzen
Leben noch nicht gefühlt er war eben bis jetzt zu glücklich gewesen Zum
erstenmal griffen jetzt von allen Seiten die dunkeln erbarmungslosen Hände in
sein Leben der enge sichere Kreis welchen ein gütiges Geschick um seine
Jugend gezogen hatte war durchbrochen worden hinausgerissen wurde er in den
großen Kampf der Welt von welchem das junge Mädchen das mit ihm in dieser
Nacht unter dem Dach des Postorns wohnte schon soviel mehr wusste als er
Vae victis
Zwölftes Kapitel
Sie waren gegangen er aber wusste nicht wer sie waren und was sie ihm werden
sollten Dort am Ofen stand der Tisch an welchem sie gesessen hatten und die
Wirtin setzte den Kaffee darauf und rückte den Stuhl zurecht für Hans Unwirrsch
Der Wirt kam von seinem Morgengang durch Hof und Garten zurück und brachte noch
einen Gruß von den beiden Reisenden Sie waren gegangen das heißt fortgefahren
Ehe Hans den Kaffee trank sah er noch einmal aus dem Fenster auf die
Straße Keine Spur mehr von ihnen
»Das war ein wackerer alter Herr« sagte der Postalter und die
Postalterin sagte »Arme junge Dame Ich möchte wohl wissen was ihr fehlte
meine Marie welche neben ihrer Kammer schlief hörte sie die ganze Nacht
hindurch weinen Sie muss schon manches Leid erlebt haben in ihrem jungen Leben«
Hans kam vom Fenster zurück setzte sich auf den Stuhl auf welchem er am
vorigen Abend saß und sah auf die beiden leeren Stühle Er fing an jedes Wort
welches gestern gesprochen worden war sich zu wiederholen
Und er schreibt mir nicht ich weiß seine Adresse nicht ich kann ihn nicht
fragen was er dieser jungen Dame zuleide getan hat Es ist wie ein Traum O
Moses Moses
Sie waren fort und auch der Wind hatte sich gelegt Der Himmel war fast
noch grauer als gestern aber kein Lüftchen regte sich mehr
Es war doch ein wunderliches Zusammentreffen Hätte ich den Herrn Leutnant
doch noch einmal gesehen Und die Last auf meinen Schultern ist schon so
schwer O was gäbe ich darum wenn ich die Adresse des Moses wüsste
Der Postalter fühlte die Verpflichtung seinen Gast zu erheitern und
erzählte die merkwürdigen lustigen und traurigen Vorkommnisse des Fleckens
aber Hans konnte nur halben Ohres darauf hören sie waren fort und er
hielt es zuletzt auch nicht mehr aus in der dumpfen Wirtsstube Er musste
ebenfalls fort er musste frische Luft schöpfen Er bezahlte also seine Rechnung
und ging ab begleitet von den besten Segenswünschen des Postornes Er
durchschritt den verschlafenen Flecken ohne nach rechts und links zu blicken
erst als er sich wieder auf der Landstraße befand sah er auf und umher und
hätte fast den Wind von gestern zurückgewünscht Gestern war doch noch
wenigstens Leben wenn auch ein unheimliches aber heute rief jede kahle Furche
Der große Pan ist tot und die Wolken senkten sich trauernd auf die gestorbene
Erde herab Es war ein Glück für den Wanderer dass der Weg hinter dem nächsten
Dorf in einen weiten Tannenwald führte Wars darin auch noch dunkler als
zwischen den freien Feldern so wirkte doch der frische Duft des Harzes
kräftigend auf Sinn und Seele In diesem Tannenwald ließ Hans Unwirrsch
wenigstens die beunruhigenden Gedanken an den Jugendgenossen zurück denn als er
wieder aus der Dämmerung des Forstes hervortrat erhoben sich am Horizont jene
Höhen hinter welchen die Heimatstadt lag und vor dem Bild der kranken Mutter
musste
nunmehr alles andere zurückweichen selbst das Bild der lieben jungen Dame
die ihm gestern abend gegenübergesessen hatte
Ununterbrochen wanderte Hans Unwirrsch fort er gönnte sich keine Rast mehr
Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn vorwärts um die zweite Stunde des
Nachmittags stand er am Rande jenes Waldes von welchem man Neustadt zu seinen
Füßen liegen sieht
»O Mutter Mutter« seufzte Hans die Hände der Stadt zustreckend »Ich
komme ich komme Ich bin ausgezogen in großer Hoffnung und ich komme heim in
großem Schmerz und mit vielem Zweifel O liebe liebe Mutter willst du dein
Kind auch verlassen Du kannst das nicht Weh mir dass ich nicht dort unten
geblieben bin weh über die falsche Sehnsucht die mich über diesen Berg und
Wald so trügerisch hinausgelockt hat Was bringe ich heim was mir und dir
Ersatz bereiten könnte für das aufgegebene verlorene ruhige friedliche Glück
in welchem meinem Vater die Tage verflossen sind«
Nun kam ihm der schreckliche Gedanke die Mutter sterbe während er hier
oben zögere und er lief die Höhe hinunter bis ihm der Atem ausging und er sich
im gemässigten Gang ein wenig fasste
Nun schritt er durch das alte Tor und nun durch die Gassen der Stadt Aus
manchem Fenster blickte man ihm nach manch ein Bekannter begegnete ihm und
grüßte ihn er aber konnte auf niemand achten Er befand sich in der
Kröppelstraße er stand vor dem väterlichen Hause er kniete am Bett der Mutter
und wusste nicht ob seit dem Augenblick wo er am Rand des Gehölzes stand eine
Minute oder ein Jahrhundert vergangen sei Auch über das was in den ersten
Momenten nach dieser Heimkehr gesprochen wurde konnte er keine Rechenschaft
ablegen Es wurde auch vielleicht nichts gesprochen
Jetzt las er von dem Gesichte in den zerstörten Zügen die furchtbaren
Leiden der Mutter und weinte bitter Jetzt flüsterte er ihr zu dass er da sei
dass er niemals wieder fortgehen wolle dass auch sie ihn nicht verlassen dürfe
Und dann bemühte sich
die Kranke mit matter Stimme ihn zu beruhigen und er fühlte eine Hand auf
seiner Schulter und richtete sich endlich empor
Die Base Schlotterbeck stand hinter ihm an ihr hatte sich nichts verändert
und leise ermahnte sie ihn sich zu fassen und die Kranke nicht zu sehr
aufzuregen
Da war auch der Oheim Nikolaus Grünebaum sehr weich und scheu der Oheim
Grünebaum ein Mann der da wusste dass alles seine Zeit hat und dass alles auf
die gehörige Weise betrachtet und behandelt und besprochen werden muss
Nun reichte Hans sowohl der Base als auch dem Oheim die Hand und beide
sprachen ihm tröstend und beruhigend zu Er sah sich wieder einmal um in dem
ärmlichen niederen dunkeln Zimmer und trotz aller Trauer trotz alles
Schmerzes zu welchem er gerufen war fühlte er eine Beruhigung eine Sicherung
in sich die er während der qualvollen Wanderung für immer glaubte verloren zu
haben
Jetzt machte der Oheim Anstalt seine Gefühle in wohlerwogener Rede
kundzugeben aber die Base legte sich nach dem ersten bedenklichen Räuspern ins
Mittel und führte ihn halb durch Überredung halb mit Zwang aus der Tür wobei
et wenigstens noch über die Schulter zurückrief
»Rege ihr nicht auf Hans Geh human mit ihr um betrage dir als ein
filialer Sohn und ein gefasstes Gemüte der Doktor hat es uns streng verordnet«
Als Mutter und Sohn allein waren sagte die Mutter
»Du musst es mir vergeben Hans dass ich dich von deiner Arbeit hab abrufen
lassen aber ich hatte solch ein groß Sehnen nach dir dass es nicht anders ging
Du bist immer mein Trost gewesen nun musst du es auch jetzt sein Ich habe ein
so groß gewaltig Verlangen nach dir gehabt«
»O Mutter liebe Mutter« rief Hans Unwirrsch »sprich nicht so als sei an
meinem Glück und Wohlergehen mehr gelegen als an dem deinigen O wenn du
wüsstest wie gern ich alles was ich durch meine Arbeit in der Fremde errungen
habe hergeben würde wenn ich dir dadurch nur den kleinsten Teil deiner
Schmerzen verscheuchen könnte Aber es wird auch besser werden bald wirst
du wieder gesund sein O Mutter du weißt nicht wie nötig ich dich habe keine
Weisheit die auf Erden gelehrt werden kann, kann das uns geben was uns ein
Wort und ein Blick der Mutter gibt«
»Sieh sieh den Jungen« rief Frau Christine »Will er über die alte
Waschfrau lachen Solch ein gelehrter Herr Aber es ist schon gut Hans
Hans weißt du wohl dass du deinem seligen Vater immer ähnlicher wirst Der
konnte sich auch so haben wenn sich die Sonne einmal ein bisschen hinter der
Wolke verkroch Er war auch so n Gelehrter wenn er auch nicht studiert hatte
und ich habe mich oft über den Mann wundern müssen Den einen Tag war er so hoch
in den Lüften wie ne Lerche und am andern Tag kroch er auf der Erde wie die
Schnecke Wirst auch schon wieder ins Blaue aufsteigen Hans sorge dich nur
nicht um mich ich hab dem lieben Herrgott nichts vorzuwerfen er hats wohl mit
mir gemacht ein glückselig Leben hat er mir gegeben und was er mir jetzt
auferlegt nun dazu kann er nichts das ist am Ende jedem bestimmt und es wird
wohl niemand darum wegkommen«
Hans fühlte sich sehr gedemütigt am Lager dieser armen einfältigen Frau
die so große Qualen erdulden musste und welche doch so heldenmässig sprechen und
trösten konnte Wenn auch der Schmerz um den drohenden Verlust heftiger wurde
so verflog doch die schwächliche Missstimmung der vorigen Tage Er fühlte sich
wieder sicher auf seinen Füßen das echte wirkliche Leid gab ihm die geistige
Haltung wieder in seinem Beruf schied er das Wahre den Inhalt von dem
Nebensächlichen und trug ihn zum erstenmal wirklich in das Leben über Diese
schweren Tage wirkten bedeutender auf ihn ein als alle jene Tage die er in den
Hörsälen oder über seinen Büchern im halb unfruchtbaren Studium verbracht hatte
Aus dem Zauberbann schmeichlerischer entnervender Phantasien und stumpfen
dumpfen Grübelns trat er jetzt zuerst in das wahre Leben er verlor den Hunger
nach dem Idealen dem Überirdischen nicht aber dazu gesellte sich nunmehr der
Hunger nach dem Wirklichen und
die Verschmelzung von beiden die in so feierlichen Stunden stattfand musste
einen guten Guss geben
Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch Da
saß er und schrieb indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte Das
Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt er begann dieselben
mit einem Eifer den er gänzlich in sich erloschen geglaubt hatte Es war eine
seltsame traurigglückliche Zeit
Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton
über den Tisch und durch das Gemach warf Niemals vorher und niemals nachher gab
sie solchen Schein In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in
einem Zauberspiegel Sie sah sich als Kind als junges Mädchen und fühlte auch
so Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen sie sah sie so deutlich
und lebendig wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte An ihre
Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine und das Licht
der Kugel war wie Mondenschein Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der
klare Mittag Die kranke Frau hatte so vieles vergessen und nun war es auf
einmal wieder da und nichts davon war verlorengegangen man konnte sich wohl
darüber verwundern Die kranke Frau musste oftmals die Augen schließen weil die
Gestalten und bunten Bilder in zu großer Fülle aus der fernen Zeit
herüberschwebten jetzt kam es ihr recht in den Sinn wieviel wie unendlich
viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte Da war ihr Anton der wohl öfters
geklagt hatte dass er so still und so in der Dämmerung sitzen müsse und dass er
gar nicht daran denken dürfe wie so viele Menschen über Berg und Tal führen und
über das weite Meer und wie man fremde Länder entdecke und wie soviel Gewimmel
und Lärm in der Welt sei die Frau Christine dachte dieser Klagen wie sie auf
ihrem Schmerzensbett lag und nickte mit dem Kopf und schüttelte ihn und
lächelte Der närrische Anton hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in
seinem Leben Gab es darin nicht genug Hinundherrennen Da war zum Beispiel der
Hochzeitstag wo die Christine zum allerletztenmal als Mädchen tanzte und Anton
so stattlich aussah in seinem Bräutigamsrock War das nicht ein helles Leben
und war das nicht ein größer Ding als über die See zu fahren nach den
Affenländern Und was musste man nicht erleben in der Franzosenzeit als die
Anna welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen hätte mit den Husaren
fortging Das war Anno sechs und es war doch merkwürdig daran zu gedenken
welchen Kummer damals Anton um die schwere Zeit hatte und wie jetzt niemand mehr
an die Welschen dachte sowenig wie der Bruder Niklas jetzt an die Anna Da war
die Base Schlotterbeck die hatte das alles miterlebt und konnte auch die Toten
sehen aber an so vieles gedenken wie die Frau Christine konnte sie doch nicht
denn sie hatte kein Kind geboren und ihr Sohn konnte später nicht am Tisch
sitzen ein so gelehrter Mann und konnte nicht über seine Bücher herübersehen
und mit den Augen winken O wieviel wieviel ließ sich denken beim Leuchten der
Wunderkugel da wars wahrlich keine Kunst auch unter den allerbösesten
Schmerzen ruhig zu liegen und in Geduld auf das letzte Stündlein zu warten
Wir haben früher beschrieben wie Hans als kleines Kind in seinem Bette lag
in der Winternacht und die Mutter welche sich zu ihrer frühen Arbeit rüstete
belauschte Wir haben davon gesprochen wie er sich allerlei geheimnisvolle
seltsame Vorstellungen von den Orten machte wohin sie ging wie er die Schatten
an den Wänden tanzen sah und genau achtgab was daraus werde wenn die Lampe
ausgeblasen wurde Nun musste er als erwachsener Mensch sich ganz ähnlichen und
doch ganz andern Gefühlen hingehen Mancherlei hatte er erfahren und vieles
gelernt es wäre kein Wunder gewesen wenn er verständigere Stimmungen in diese
Stunden hineingetragen hätte aber wie die Mutter sich über die Rückkehr ihrer
Jugenderinnerungen wunderte so hatte er Grund sich über die Rückkehr dieser
Gefühle zu wundern
Während er beim Licht der Glaskugel die Blätter seiner Bücher umwandte und
von Zeit zu Zeit nach dem Lager der Kranken hinübersah dachte er daran wie die
Mutter jetzt wieder sich zum Fortgehen rüste um ihn allein in der Dunkelheit zu
lassen Wie er sie damals oft mit Tränen bat zu bleiben so hätte er sie auch
jetzt bitten mögen Oft überkam ihn die große Angst die er vor so langen Jahren
gefühlt hatte wenn die Lampe ausgeblasen der Tritt der Mutter verhallt war und
der Schlaf ihm nicht sogleich die Augen zudrückte Er hörte den Schnee am
Fenster rieseln wie damals wie damals rief der Nachtwächter die Stunden ab wie
damals flimmerte der Mond durch die gefrorenen Scheiben wie damals knarrten und
knackten die alten Gerätschaften wie damals regte sich geisterhaft die
nächtliche Welt
Wenn die Mutter in solchen Augenblicken schlief so konnte er sich nur
dadurch aus dem ängstlichen Gewühl retten dass er in den schwierigsten Teilen
seiner Aufgabe so angestrengt als möglich fortarbeitete und nicht immer gelang
das Wenn aber die Mutter wachte so brauchte er nur die Feder niederzulegen und
die treue Hand der Kranken zu nehmen er bekam dann den besten Trost den es für
ihn gehen konnte Wenn etwas später Einfluss auf seine Handlungen seine Pläne
seine Ansichten und sein ganzes Leben hatte so waren es die leisen Worte die
ihm in diesen Stunden zugeflüstert wurden
»Sieh liebes Kind« sagte die alte Frau »in meinem schlechten Verstande
hab ich mir immer gedacht dass aus der Welt nicht viel werden würde wenn es
nicht den Hunger darin gäbe Aber das muss nicht bloß der Hunger sein der nach
Essen und Trinken und einem guten Leben verlangt nein ein ganz ander Ding Da
war dein Vater der hatte solch einen Hunger wie ich meine und von dem hast du
ihn geerbt Dein Vater war auch nicht immer zufrieden mit sich und der Welt
aber nicht aus Missgunst weil andere in schöneren Häusern wohnten oder in
Kutschen fuhren oder sonsten dergleichen nein er war nur deshalb bekümmert
weil es so viele Dinge gab die er nicht verstand und die er gern hätte lernen
mögen Das ist der Männer Hunger und wenn sie den haben und dazu nicht ganz
derer vergessen die sie liebhaben dann sind sie die rechten Männer ob sie nun
weit kommen oder nicht s ist einerlei Der Frauen Hunger aber liegt nach der
andern Seite Da ist die Liebe das erste Der Männer Herz muss bluten um das
Licht aber der Frauen Herz muss bluten um die Liebe Um das müssen sie auch ihre
Freude haben O Kind mir ist es viel besser geworden als deinem Vater denn ich
habe viel Liebe geben können und viel viel Liebe ist mir zu meinem Teil
geworden Er war so gut gegen mich solange er lebte und dann hab ich dich
gehabt und nun wo ich meinem Anton nachgeh sitzest du neben mir und was er
haben wollte ist dir zuteil geworden und ich habe dazu geholfen Ist das nicht
ein glückselig Ding Du musst dich nicht so sehr härmen um deine dumme Mutter du
machst mir sonsten nur das Herz schwer und das willst du doch nicht hast es ja
nie getan«
Der Sohn verbarg sein Gesicht in die Kissen der Kranken er vermochte nicht
zu sprechen nur das Wort Mutter wiederholte er schluchzend es war aber alles
was ihn bewegte darin zusammengefasst
Aus dem Hause trat Hans Unwirrsch während seines jetzigen Aufenthalts in
Neustadt wenig hervor Die Nachbarn begrüßte er alle in der Stube der Base
Schlotterbeck nur wenig Besuche stattete er ab Wo er aber erschien wurde er
freundlich aufgenommen und der Professor Fackler hielt ihn so fest dass er sich
endlich nur mit Gewalt losreißen konnte
Der Professor nahm merkwürdigerweise jetzt ein großes Interesse an dem
Doktor Moses Freudenstein und holte den unruhigen Hans auf das genaueste über
ihn aus
»Also nach Paris ist der talmudistische Spitzkopf gegangen Ich sage Ihnen
Unwirrsch der Bursch hat mir während seiner Schulzeit mehr Verlegenheiten
bereitet als ich mir habe merken lassen Wir können jetzt darüber sprechen
seine Einwürfe und Schlüsse sein FrageundAntwortSpiel haben mir oft den
hellen Angstschweiß auf die Stirn getrieben Da hieß es wahrlich nicht Credat
Judaeus Apella dieser hoffnungsvolle Jüngling war nicht so leichtgläubig Er
wird mit seinem Appetit nach allen guten Dingen dieser Welt seinen Weg auch
schon machen Unwirrsch Ich sage Ihnen es geht nichts über den richtigen
Hunger im Mönchslatein die Götter von Latium schützen uns würde man sagen
Fames famositas hehehe Na Gott behüte Sie Johannes und gebe Ihnen Kraft
das Unglück zu Hause zu tragen Wir nehmen den innigsten Anteil daran und wenn
wir Ihnen in irgendeiner Beziehung nützlich sein können so kommen Sie nur zu
mir oder meiner Frau Eheu das menschliche Leben ist trotz aller guten Dinge
ein Jammertal«
Auf was sich der letzte Stossseufzer so recht eigentlich bezog bleibt unklar
für uns wenn auch nicht für Hans Unwirrsch welcher der festen Meinung war dass
er der Krankheit seiner Mutter galt und tiefgerührt für diesmal Abschied von
dem guten Professor nahm
Der Oheim Grünebaum fand in dieser Zeit natürlich zum öfteren Gelegenheit
sich in seiner ganzen Größe zu zeigen Er ging und kam fortwährend und das Haus
in der Kröppelstraße war keinen Augenblick vor ihm sicher Jetzt trat er so
plötzlich in die Tür dass die Kranke erschreckt in ihrem Bett zusammenfuhr
jetzt verdunkelte sein würdiges Haupt so plötzlich das Fenster neben Hansens
Arbeitstisch dass Hans jach emporschoss von seinem Sitz um die Erscheinung
anzustarren Ohne die Base Schlotterbeck wäre der Oheim recht lästig geworden
aber diese sorgliche Seele organisierte zuletzt einen förmlichen Wachtdienst
und mehr als ein Kind der Kröppelstraße war beauftragt ein warnendes Zeichen zu
geben wenn der Meister Grünebaum um die Ecke bog Erschallte der Alarmruf so
stand auch jedesmal die Base an der Tür um den Oheim aufzufangen und ihn schlau
heimzuschicken oder ihn unter Umständen in ihr eigenes Stübchen zu führen
Dorthin wurde dann auch Hans beordert um des Oheims Tröstungen und Ratschläge
in Empfang zu nehmen
»Also es geht ihr noch immer nicht besser Sehre unangenehm sehre betrübt
Aber so gehts in der Welt und wenns beim einen auf den schlechten Tabak
ankommt so liegts beim andern an der Pfeife Wir müssen alle dran aberst
wie Da sitzt nun die Base eine hinfällige miserable Perschon pure Knochen
in einem ledernen Beutel und wenn Sies mir nichtübelnimmt Jungfer
Schlotterbeck so muss ich sagen dass ich die letzten zwanzig Jahre durch von Tag
zu Tag vermeint habe dass Sie mir ausgehen wird wie n Dreierlicht Aber nun
liegt die Schwester so doch eine merkwürdig robuste Frau war auf n Tod und
Sie Base Sie glimmt fort als ob sich das ganz von selbst verstünde und am
Ende kann Sie auch mir noch nach meinem Tode in die Gassen herumlaufen sehen als
n Geist in nem weißen Hemd und mit drei Paar alten Stiebeln unter jedem Arm
Ich traue Ihr jetzt alles zu Ach Gott Hans was ist der Mensch Was hat er
alles auszustehen in seinem Leben So großen Hunger «
»Und so sehre großen Durst« warf die Base ein
»Auch diesen Jungfer Schlotterbeck« fuhr der Oheim würdig aber schon
etwas verschnupft fort »So großen Hunger und Durst dass kein Engel der es
nicht probiert hat es glaubt Was tut der Mensch wenn er geboren wird Er
saugt Und was tut der Mensch wenn er in seine verständigen Jahre gekommen
ist«
»Manchmal sauft er dann« brummte die Base drein
»Er hungert und begehrt alles mögliche was zu hoch für ihn hängt«
schnarrte der Oheim wütend »Wer unbescheiden ist verdient nichts zu kriegen
wer aber bescheiden ist der kriegt ganz gewiss nichts Da war dein Vater Junge
der hatte einen pudelnärrischen Hunger und einen unbescheidenen dazu er wollte
ein Schuster und ein Gelehrter zu gleicher Zeit sein Was ist daraus geworden
Nichts Nun ist hier dein lieber Oheim Niklas der war mit zu großer
Bescheidenheit begabt und wollte nichts als sein täglich Brot «
»Und den Roten Bock und die politische Zeitung« fuhr die Base wieder
dazwischen »Und da er lieber im Roten Bock saß als auf dem Arbeitsschemel und
da er lieber den Vögeln vorpfiff als seine Arbeit tat und lieber den
Postkurier als das Gesangbuch las so kommt er nun her und fragt was daraus
geworden ist und will sich noch wundern wenn es wiederum heißt nichts«
»Jungfer Schlotterbeck« erwiderte der Oheim »Sie kann jedem Esel
imponieren nur mir nicht Für diesmal habe ich genug von Ihr und ich wünsche
Ihr einen guten Abend Da sollte man ja die ganze Kröppelstraße verschwören Geh
hin zu deiner Mutter Hans grüße sie von mir und bestell ihr meine
Entschuldigung dass ich sie für diesmal nicht sehe von wegen Aufgeregteit und
mangelhafte Selbstbeherrschung Ich bedanke mir Base Schlotterbeck für die
angenehme Unterhaltung und wünsche wenns möglich ist ein sanftes Gewissen und
eine gute Nachtruhe«
Die Base umgab in dieser traurigen Zeit unsern Hans womöglich noch mit mehr
Liebe und sorglicher Aufmerksamkeit als sonst Das Wunderbare das sich in ihre
Tröstungen mischte konnte nicht stören Diese Erscheinungen der Abgeschiedenen
von denen sie wie von etwas Wirklichem sprach hatten nichts Schreckhaftes
nichts Verwirrendes stundenlang konnte Hans Unwirrsch sitzen und zuhören wie
die Base der kranken Mutter von ihren Phantasmen sprach und wie die Mutter bei
mancher Einzelheit nickte und sich an lang Vergangenes und Vergessenes
erinnerte
Den guten Meister Anton sah die Base jetzt sehr häufig und die schlimmsten
Schmerzen der Kranken sänftigten sich wenn die Base von ihm berichtete
Es war ein sehr strenger Winter Weder die Base noch die Mutter welche doch
schon so manchen Winter erlebt hatten erinnerten sich eines ähnlichen Wenn Hans
halb gezwungen einen Gang ins Freie machte um einmal gesunde Luft zu schöpfen
so war es ihm zumute als werde das alles ringsumher in Ewigkeit so tot so
starr so kahl und bleich bleiben als sei es unmöglich dass in wenig Wochen die
Bäume wieder grün würden Mehr als einmal brach er mechanisch einen Zweig ab um
die fest geschlossenen braunen Blattknospen vorsichtig aufzuwickeln und sich zu
vergewissern dass der Frühling wirklich nur schlafe und nicht tot sei
Der Schnee zerfloss aber zu seiner Zeit und die ausgefrornen Wasser brachen
triumphierend ihre Bande Hans Unwirrsch vollendete seine Arbeiten und legte
eines Abends die Feder nieder trat leise zu dem Bett der Mutter und flüsterte
indem er sich niederbeugte und sie küsste
»Liebe Mutter ich hoffe das ist gelungen«
Da zog die Mutter mit den beiden kranken Händen das Haupt des Sohnes zu sich
hernieder und küsste ihn ebenfalls Dann schob sie ihn sanft von sich und faltete
die Hände Sie bewegte die Lippen aber Hans konnte nicht alles verstehen was
sie sagte Nur die letzten Worte vernahm er
»Wir haben es fertiggebracht Anton Nun kann ich zu dir kommen«
Am Anfang des neuen Frühjahrs kam der Sonntag an welchem Hans seine
Prüfungspredigt halten sollte Es war ein Tag an dem die Sonne wieder schien
Ein Glas mit Schneeglöckchen stand neben dem Bett der Kranken und
feierlicher als heute hatten die Kirchenglocken nie geklungen Im schwarzen
Chorrock beugte sich der Sohn über die Mutter und sie legte ihm die Hand auf
das junge Haupt und sah ihn lächelnd und mit glänzenden Augen an Tief tief
blickte Johannes Unwirrsch in diese Augen die mehr sagten als hunderttausend
Worte gesagt haben würden dann ging er und die Base und der Oheim folgten ihm
Die Mutter wollte es so sie wollte allein sein
Da lag sie still und hatte keine Schmerzen mehr In Gedanken verfolgte sie
ihr Kind durch die Gassen über den Markt über den alten Kirchhof zu der niederen
Tür der Sakristei Sie vernahm die Orgel und schloss die Augen Nur noch einmal
öffnete sie sie verwundert und sah nach der Glaskugel über dem Tische es war
ihr als habe dieselbe plötzlich einen hellen Klang gegeben und als sei sie
durch den Klang erweckt worden Sie lächelte und schloss die Augen wieder und
dann
Und dann Es kann niemand sagen was darauf folgte aber als Hans Unwirrsch
heimkehrte aus der Kirche war seine Mutter gestorben und alle die sie sahen
sagten dass sie einen glückseligen Tod gehabt haben müsse
Dreizehntes Kapitel
Vergeblich hatte die Frau Tiebus die auch noch lebte aber längst ihrer
stumpfen Augen wegen aus einer Hebamme eine Totenfrau geworden war einen
hartnäckigen Angriff auf die Leiche in der Kröppelstraße gemacht Mit Hilfe des
Oheims Grünebaum hatte die Base Schlotterbeck diesen Angriff abgewehrt sie
hatte es sich nicht nehmen lassen die sterblichen Reste ihrer alten Freundin
selber zu waschen und mit dem Totenhemd zu bekleiden
Die Schreiner hatten die Frau Christine in den Sarg gelegt und der Sarg war
zugeschlagen worden an der Seite ihres Gatten hatte die Frau ihre Ruhestätte
gefunden und es war nun so wie sie es sich oft oft vorgestellt hatte wenn
sie am Sonntagnachmittag nach der Kirche auf dem Kirchhof unter dem Fliederbusch
saß und auf den Hügel sah welcher den Meister Anton deckte und auf das
Plätzchen daneben
Da war alles in Ordnung und mehreres andere war ebenfalls so gut als
möglich geordnet Da in dem ärmern Stadtteil von Neustadt augenblicklich niemand
so reich war um das alte Haus in der Kröppelstraße zu kaufen so wurde es an
einen Maurer vermietet mit der Bedingung dass die Base Schlotterbeck von dem
Anwesen in jeder Weise als Hausmeisterin anerkannt wurde Der wenige Hausrat war
entweder verkauft oder dem wackeren Oheim Grünebaum zur Nutzniessung übergeben
oder von der Base zur Aufbewahrung an sich genommen worden Unter letztern
Dingen befanden sich alle die Sachen des armseligen Nachlasses die Hans
Unwirrsch um keinen Preis weggegeben hätte und von welchen er jetzt mit fast
ebenso süßschmerzlichen Gefühlen Abschied nahm wie von der Base und dem Oheim
Zum andernmal nahm Hans Abschied von Neustadt Er ging in die weite Welt
und wann er wiederkam konnte er diesmal nicht so sicher bestimmen wie damals
als er zum erstenmal die Berge überschritt um mit Moses Freudenstein nach der
Universität zu ziehen Längst hatte er eingesehen dass bei jedem Kirchturme der
aus den Kornfeldern und Obstbäumen des Vaterländchens hervorguckte längst ein
Pastor in guter Gesundheit mit seiner Pastorin und wenigstens einem halben
Dutzend Kindern saß und Hans war nicht der Mann dazu auch nur in Gedanken den
behaglichen geistlichen Herrn auf seinem eigenen Kirchhof zu begraben und seine
Frau zur Witwe seine Kinder zu Waisen zu machen Neidlos zog er an den
fettesten und anmutigsten Pfarren vorüber ins Hauslehrertum
Zwei Inkarnationen dieses glückseligen Zustandes hatte er durchzumachen ehe
er zu der dritten letzten und wichtigsten kam Von den beiden ersten wollen wir
in diesem Kapitel kurz Bericht geben von der letzten müssen wir freilich länger
und ausführlicher handeln
Die erste Stelle erhielt Hans durch Vermittlung des Professors Fackler Das
Empfehlungsschreiben desselben führte ihn auf das Gut eines Landedelmanns eines
Herrn von Holoch wo er sehr gut aufgenommen wurde und wo für ihn auf die magere
Zeit des Studententums zwei sehr nahrhafte Jahre folgten in denen sein äußerer
Mensch zusehends an Fülle gewann zum großen Vergnügen der Hausfrau die sich
selbst eines rundlichen Aussehens erfreute und deren Stolz es war alles was
mager ins Hoftor kam fett wieder herauszulassen Es war diese Dame noch eine
Gutsfrau vom alten Schlage die es nicht unter ihrer Würde hielt ihren Knechten
und Mägden dann und wann eigenhändig den Brei zu kochen und auszuteilen In
allen guten Dingen ging sie ihren Haus und Hofleuten mit dem besten Beispiel
voran stand früh auf und kroch spät ins Bett spielte mit dem ersten Verwalter
dem Pastor und dem Strohmann Whist und hatte nichts dagegen wenn sich die Hunde
in ihrem Zimmer umhertrieben und auf den Kissen ihres Kanapees ihren
Mittagsschlaf hielten
Der Herr des Hauses spielte nicht Whist aber er war ein gewaltiger Jäger
vor dem Herrn und sein Wald und seine Jagd waren sein höchster Stolz Ein
Studierzimmer besaß er von einem alten verrückten Vetter her der auf dem Gut
zu Tod gefüttert worden war An Regentagen verfertigte er darin Fischnetze in
welcher Kunst er es zu einer großen Geschicklichkeit gebracht hatte zu anderer
Zeit wurde es von der gnädigen Frau zu allerlei wirtschaftlichen Zwecken
gebraucht und mancherlei wurde darin aufbewahrt was mit der Wissenschaft und
dem Studium nur in losester Verbindung stand Als der Kandidat Unwirrsch kam
wurde es demselben übergeben und er fand ebenfalls bald dass der Vetter in der
Tat ein höchst origineller Vetter ein ganz verrückter Vetter gewesen sein
müsse seine auf diesem protestantischen Gutshofe mitten im nüchternen
verständigen Norddeutschland zurückgelassene Bibliothek bestand aus lauter
Schriften über die immaculata conceptio und kein Autor in Folio Quart und so
weiter war darunter den der Vetter nicht durch die tollsten seltsamsten und
kuriosesten Randbemerkungen verziert hatte Eine ungemeine Belesenheit auf
diesem merkwürdigen Felde zeigte der Vetter sehr sarkastisch und bissig konnte
er sein aber es gab auch keinen Unsinn in den Bänden den er nicht durch eine
doppelte Dosis Verschrobenheit überbot Des Kandidaten Augen die beim ersten
Anblick der Bücherreihen einen eigentümlichen Glanz erhalten hatten verloren
diesen Glanz auf der Stelle nachdem sie die Titel überflogen und in einige der
Bücher hineingeblickt hatten Wehmütig und enttäuscht wandte sich Hans ab
rotbäckig war der Apfel doch faul war er auch
Aber Hans Unwirrsch war ja auch nicht hierhergerufen worden um die kitzlige
Frage die der Welt bereits soviel Kopfzerbrechen bereitet hatte zu lösen
seine Aufgabe bestand darin den Stammhalter derer von Holoch mit den höheren
Kulturanforderungen des neunzehnten Jahrhunderts bekannt zu machen und den
guten gesunden Jungen zu lehren was er eben lernen konnte Mit Eifer unterzog
er sich dieser Aufgabe und unterwies daneben noch ein kleines ebenfalls sehr
gesundes Fräulein in einigen harmlosen Wissenschaften als da sind Ortographie
Geographie und dergleichen Beide Kinder erwiesen sich als dankbare treuherzige
Schüler und es war recht traurig dass das kleine Mädchen später in einer
übelberatenen Ehe elend zugrunde ging und dass der Sohn als Sekondeleutnant in
der Residenz an der Rückenmarksschwindsucht starb ohne sein Geschlecht legitim
fortzupflanzen
Wenn des Vetters bändereiche Bibliothek sich als ein bloßes Schaugericht
zeigte so war dem Herrn Hauslehrer dagegen jetzt Gelegenheit gegeben sich ein
gutes Stück von der hochedlen Wissenschaft der Landwirtschaft anzueignen und
der Gutsherr verfehlte nicht ihn einzuweihen in die hohen und tiefen
Geheimnisse deren Meister er war Auch der Pfarrer des Dorfes hielt dem
Kandidaten manche nützliche Vorlesung über Feld Garten und Wiesenbau über
Viehund Kinderzucht Behandlung der Frau als Gattin und selbständiges
eigenwilliges Wesen und sonst alles was zum christlichgermanischen Hausstand
und Regiment gehört Der gute Mann stand arg unter dem Pantoffel der Gutsherr
nicht weniger und vieles lernte Hans Unwirrsch wenn die beiden Herren über der
Abendpfeife in Abwesenheit ihrer bessern Hälften natürlich ihre Herzen
gegeneinander ausschütteten die junge kandidatliche Unschuld mit naivem
Vertrauen in ihre geheimen Freuden und Leiden einweihten und ihr den reichen
Schatz ihrer Erfahrungen offenbarten
Aber nicht weniger vertraut wendeten sich bald auch die beiden Damen in
allerlei kleinen Angelegenheiten Nöten und Intrigen an den Hauslehrer und oft
flog dieser gleich einem Federball zwischen den beiden Parteien hin und her
ohne es jedoch im geringsten zu ahnen
Es war ein gemütliches Stilleben Die Verwalter die sich durch ungeheure
Wasserstiefel vor der übrigen Menschheit auszeichneten waren ehrliche Naturen
denen man eine kleine Grobheit nicht übelnehmen konnte es gab auf dem Gute
nur ein einziges Wesen welches das Vertrauen das Hans Unwirrsch ihm
entgegentrug schändlich missbrauchte Dieses schlechte Wesen war die Mamsell
die zu den korpulentesten und hässlichsten ihrer Art gehörte und in
unverantwortlicher Weise den armen Hans in die allergrösste Verlegenheit setzte
indem sie sich heftig in ihn verliebte Großes Leiden brachte sie über den Herrn
Hauslehrer aber nachdem sie an einem heißen Mittage in der Grünenerbsenzeit den
Versuch gemacht hatte die Ophelia in einem stehenden Gewässer welches die
Gutsbewohner euphemistisch einen Teich nannten in welchem aber kein Huhn
ertrinken konnte zu spielen musste sie den Hof verlassen nachdem sie von zwei
Knechten aus dem Sumpf hervorgezogen worden war und sich gewaschen hatte Ihre
Nachfolgerin nahm sich entweder ein gutes Beispiel daran oder war bereits über
solche Versuchungen hinaus sie störte den Frieden nicht Wie aber der Prinzipal
und leider auch der Herr Pastor die Geschichte ausbeuteten wollen wir nicht
beschreiben um die Gefühle der Leserin zu schonen
Zwei Jahre Hauslehrertum sind eine Zeit in der man manches lernen erfahren
und vergessen kann Hans Unwirrsch lernte in ihnen sein Leben bis zum Tode der
Mutter wie einen schönen stillen Traum zu betrachten an dessen Einzelheiten
man sich während der Arbeit des Tages mit wehmütiger Lust erinnert er erfuhr
dass es sehr viele und sehr verschiedenartige Menschen in der Welt gibt und er
vergaß vollständig dass er einmal einem Leutnant Rudolf Götz begegnet war der
seine Nichte von Paris abgeholt hatte und sie an vornehme Verwandte in der
großen Hauptstadt abliefern wollte
Im zweiten Jahr von Hans Unwirrschs Aufenthalt auf dem Gut des Herrn von
Holoch erschien daselbst eine reiche Erbtante auf welche die Familie viel
Rücksicht zu nehmen hatte Diese Dame war ebenso hager wie jene entsetzliche
Haushälterin wohlbeleibt war und der arme Hans missfiel ihr in demselben Grade
wie er der Mamsell gefallen hatte Diese Dame war ebenso gebildet wie sie hager
war und erklärte den Herrn Hauslehrer für einen unpolierten Tölpel der selbst
nicht erzogen sei und darum vollständig der Berechtigung ermangele andere zu
erziehen Sie examinierte nicht nur den Junker Erich sondern auch den
Kandidaten Unwirrsch und dies Examen fiel freilich sehr kläglich aus Gegen
alles Achselzucken Gebrumm und Geseufz des wackeren Gutsherrn gegen alle
Einwendungen der braven Gutsfrau welche mit ihrem Hauslehrer und seiner
Erziehungsmetode sehr wohl zufrieden waren behauptete sie energisch ihren
Standpunkt und da von ihrer Gnade und Ungnade viel für den Junker Erich abhing
so kam Hans Unwirrschs Aufenthalt auf Bocksdorf plötzlich zu einem betrübten
Ende Die Erbtante nahm es auf sich den Junker Erich in der kleinen Residenz
wo sie eine ziemlich große Geige spielte zum Edelmann der Zukunft ausbilden zu
lassen der Kandidat Unwirrsch erhielt die Erlaubnis von ihr sich nach einer
neuen Stellung umzusehen Er erhielt eine solche vermittelst eines
Zeitungsinserates bei einem wohlhabenden Fabrikanten welcher im Magdeburgschen
irgendeinen übelriechenden Stoff fabrizierte den man wieder in andern Fabriken
zur Herstellung anderer Fabrikate sehr notwendig gebrauchte
Die Stunde des Abschieds kam der Herr von Holoch schob seine Fuchsmütze hin
und her und seufzte
»Und es wäre doch besser gewesen wenn ich die alte Schachtel hätte abziehen
lassen und nicht Sie Herr Kandidat Gott behüte Sie Sie sind ein wackerer
Kerl und wir werden Sie sehr vermissen Ohne meine Frau hätte die Alte ihren
Willen auch nicht durchgesetzt aber die Weiber die Weiber O Unwirrsch
darüber können Sie noch nicht mitsprechen aber wenn Sies gelernt haben so
denken Sie an mich«
Mit aller Gewalt wollte der gute Herr dem abziehenden Hans eine
Lieblingsjagdflinte zum Angedenken aufdringen und konnte durchaus nicht
begreifen weshalb ein Kandidat der Gottesgelehrteit eine verwunderungswürdige
Figur spiele wenn er als bewaffneter Mann also durch die Welt ziehen wolle Die
schönen Pantoffeln die das kleine Fräulein ihrem Lehrer zum Abschied gearbeitet
hatte auf jeden derselben war ein Hase gestickt nahm er mit Dank an und
war sehr gerührt darüber Sehr gerührt war auch die gnädige Frau welche einen
großen Sack mit Lebensmitteln und Delikatessen für den Abziehenden füllte und
ihm mit fast mütterlicher Sorge allerlei gute Ratschläge und Gesundheitsregeln
mit auf den Weg gab Das Pastorenhaus fühlte den Abschied bitter das ganze Dorf
Bocksdorf schien teil daran zu nehmen sogar die Hunde des Gutshofes zeigten
sich sehr aufgeregt und umschnüffelten und umwedelten mit kläglichem und
ausdrucksvollem Winseln den Proviantsack auch der Junker der sich doch schon
mit halbem Geist im Kadettenhaus befand vergoss einige Tränen
Der Gutsherr selber fuhr den scheidenden Hausgenossen ein gut Stück Weges
bis hinein in die goldene Au Dort in einem lustigen Wirtshaus bestellte er noch
ein grossartiges Mahl und wenig fehlte daran dass candidatus teologiae Hans
Unwirrsch sich einen kleinen Rausch zeugete Dann kam die Post herangerasselt
und der Schwager blies Frisch auf Kameraden Der Herr von Holoch der nunmehr
einen wirklichen und wahrhaftigen kleinen Rausch hatte nahm noch einmal
Abschied in fröhlicher Rührung und schrie noch aus dem Fenster dem Wagenmeister
nach ja recht achtzugeben auf den jungen Menschen und das unerfahrene Wort
Gottes Hans Unwirrsch aber fuhr dahin und fiel wie sehr er sich auch dagegen
wehren mochte in einen unruhigen Schlaf in welchem ihm träumte dass er von der
gnädigen Tante in die Bibliothek des Vetters auf ewige Zeit eingesperrt sei um
sich die Bildung die ihm fehlte daraus anzueignen
Ein Stück Weges auf der Post ein Stück Weges auf der Eisenbahn ein Stück
Weges auf einem Feldwege damit ging der Tag hin und es kam der Abend heran
Auf dem Feldwege zog Hans zu Fuß neben einem Karren her der sein Gepäck
trug und da er mit dem elenden Gaul welcher den Karren zog Schritt halten
musste so hatte er Musse sich gehörig zu sammeln und sich auf alles Gute und
Böse was ihn an seinem neuen Aufenthaltsort erwartete vorzubereiten
Mancherlei Omina sandten ihm auch diesmal die Götter Es flog ein Rabe zu
seiner Rechten es lief wiederum ein Hase über den Weg es begegnete ihm nicht
ein altes Weib sondern zwanzig kamen ihm entgegen Eine Glücksspinne kroch über
seine Hand und als der Blaukittel der zu der Mähre gehörte endlich mit dem
Peitschenstiel eine Rauchwolke als »Kohlenau« bezeichnete musste der Wandrer
niesen was bei Heiden und Christen als ein glückliches Zeichen gilt aber in
diesem Fall da der Qualm schuld daran war doch auch sehr bedenklich erscheinen
konnte Alles in allem genommen machte der schwarze hohe Schornstein inmitten
der Dampfwolke keinen angenehmen Eindruck auf Hans und die Aschenhaufen zu
beiden Seiten des Weges welcher ebenfalls immer schwärzer wurde schienen ihm
nichts zur Erhöhung des landschaftlichen Reizes beizutragen
An einer langen Mauer lief der Weg jetzt hin zu einem weiten Tor Hans
Unwirrsch war an seinem neuen Aufenthaltsort angelangt Alles war auf dem Hofe
an seinem rechten Flecke und das Wohnhaus des Fabrikanten welches links von
dem Fabrikgebäude mit demselben einen rechten Winkel bildete hatte Fenster und
Türen wie es sich gehörte mehr ließ sich aber auch nicht darüber sagen
Die Wolken die sich den ganzen Nachmittag über immer mehr zusammengezogen
hatten ließ sich jetzt leise und feucht zur Erde herab Schwarze Gestalten
liefen über den Hof des Geschäftsanwesens aus Röhren die aus den Mauern der
Fabrik guckten zischte weißer Dampf in dem Wohnhause wurde auf einem
Fortepiano etwas Musik gemacht doch nicht ausreichend um eine helle Stimme zu
übertäuben welche sich sicherlich einbildete angenehm zu sein Auf den
Treppenstufen der Haustür drängten sich drei blöd aussehende Knaben sämtlich
mit den Zeigefingern im Munde zusammen und mit wahrem Präzeptorblick erkannte
Hans in ihnen sogleich seine Zöglinge Dann trat ein Herr hervor welcher statt
des Zeigefingers eine Zigarre im Munde hatte und sich durch einen roten Fes mit
blauem Quast glänzend und vorteilhaft von der in Grau und Schwarz getuschten
Umgebung abhob dieser Herr winkte dem Kandidaten näher zu treten und forderte
ihn etwas kurz auf nicht in dem Regen stehenzubleiben es blieb kein Zweifel
übrig dass dies der Mann war der einen Hauslehrer für hundertundfünfzig Taler
bar und eine angenehme und freie Station gesucht hatte
Hans Unwirrsch fand dass er sich wirklich auch in dieser Vermutung nicht
getäuscht hatte Er wurde etwas steif aber nicht unfreundlich aufgenommen und
den Damen des Hauses vorgestellt Nicht die Hausfrau sondern die Schwägerin der
Hausfrau gab sich holdverschämt als die musikalische Verbrecherin zu erkennen
die Hausfrau eine sehr stämmige Dame erklärte die Musik für ihre schwächste
Seite und verletzte ihre Schwägerin durch die Bemerkung dass sie nie begriffen
habe wie ein Frauenzimmer welches schon so lange über das Tanzen hinaus sei
sich aus so was noch was machen könne
Recht real zeigte sich somit die Hausfrau und stach um so vorteilhafter von
der Schwägerin ab welche auf den lieblichen Ruf »Fräulein« ging und dazu den
Namen Eleonore führte Fräulein Eleonore schwärmte für das ganze übrige Haus mit
und fabrizierte Gefühle Träume Tränen und Seufzer weit über den Bedarf hinaus
Kalt und klar stand der Herr der Erwerbsanstalt als ein unstreitig sehr
nützliches Glied der großen menschlichen Gesellschaft inmitten seiner schwarzen
dampfenden zischenden ächzenden knarrenden geschäftigen Welt Auch er hielt
den Lärm seiner Maschinen für die beste Musik und in bezug auf Poesie hatte er
abgeschlossen mit einem »Buch der Toaste und Gelegenheitsgedichte« das er als
lebenslustiger Kommis und junger Sünder erstanden hatte Jetzt war die Zeit
längst vorüber wo es ein Genuss war durch witzsprühende Improvisationen und
geistreiche Trinksprüche zu glänzen Stumm trank er jetzt sein Glas aus und
stumm füllte er es wieder und seine Geschäftsfreunde achteten ihn deshalb nur
um so höher
Kurz und bündig setzte er dem Kandidaten Unwirrsch auseinander was für
Leute er aus seinen Söhnen zu machen wünsche
»Gute Geschäftsmänner sollen sie werden« sagte er »aber bis sie alt genug
sind um in die Lehre genommen zu werden wirds nichts schaden ihnen ein wenig
von dem was ihr Herren die Humaniora nennt beizubringen Die Zeit schreitet
mächtig fort und wir Kaufleute und Fabrikanten haben uns wahrhaftig nicht über
sie zu beklagen sie nimmt uns gern mit wenn wir nur wollen Der Mensch muss
sich jetzt in mehr Dingen zurechtfinden lernen als in unserer Väter Tagen also
trichtern Sie nur Herr Präzeptor trichtern Sie Ich will schon Halt rufen
wenn ich denke es ist genug und die edleren Organe werden unter Wasser gesetzt
Die Praxis ist doch die Hauptsache «
»Und davon versteh ich leider wenig sehr wenig« sagte Hans mit einer
Vornehmheit welche ihm Moses Freudenstein gewiss nicht zugetraut haben würde
Der Fabrikant lachte und klopfte ihn auf die Schulter »Dafür hab ich Sie
auch nicht engagiert Setzen Sie nur Ihren Trichter an lieber Herr und füllen
Sie auf Bildung ist eine schöne Gegend und etwas Latein kann gar nicht
schaden Wissen Sie es gibt so viele Fremdwörter in der Welt und dergleichen
Latein ist auch eine sehr schöne Gegend und gar nicht zu verachten aber immer
mit Maß immer mit Maß Na trichtern Sie nur ich will die Augen schon
offenhalten«
Hans Unwirrsch zuckte die Achseln und fing an zu »trichtern« und ließ es
sich sauer werden die hundertfünfzig Taler sowie die freie und angenehme
Station durch die Allotria die er lehren konnte zu verdienen Über seine
Zöglinge hatte er sich übrigens nicht zu beklagen es waren aufgeweckte muntere
Knaben welche schnell auffassten und begriffen Die materielle Verpflegung in
diesem Hause ließ auch wieder nichts zu wünschen übrig und der Fabrikant gab
der Nachbarschaft sehr stattliche Mittags und Abendmahlzeiten von denen der
Hauslehrer nicht ausgeschlossen wurde Die Hausherrin konnte grob sein wurde
aber eigentlich doch nie beleidigend Eleonore war zart betrachtete aber doch
nicht jedes männliche Wesen als einen Stamm der es ruhig dulden müsse wenn er
mit Lianenarmen umrankt werde Jeder tat pünktlich seine Pflicht man stand früh
auf und ging früh zu Bett man gähnte nur am Abend nach getaner Arbeit wenn man
das Recht dazu hatte
Was die Gegend anbetraf die der Prinzipal ebenfalls eine »schöne« nannte
so hatte Hans Unwirrsch noch niemals eine so platte gesehen und man konnte
nicht sagen dass die Neuigkeit eines solchen Anblicks einen großen Reiz für ihn
gehabt hätte Die Aussicht blieb überall dieselbe man sah von jedem Standpunkt
aus zwei oder drei Dörfer zehn bis zwanzig hohe Schornsteine zehn bis zwanzig
Windmühlen und hie und da einige zerrissene Fichtenbestände Kornfelder gab es
wenige aber sehr schöne Zuckerrüben wuchsen bis über den fernsten Horizont
hinaus trugen jedoch auch nichts zur Verschönerung der Landschaft bei Auf
engen Pfaden wandelte zwischen dieser nutzbringenden Vegetation der welcher
spazierenging und nichts in der Nähe und nichts in der Ferne hinderte ihn sich
geistig in die wundersamsten paradiesischen Gegenden der Erde zu versetzen wenn
der Unglückliche Phantasie besaß so hatte sie den weitesten Spielraum sich zu
entfalten
Schwer sank das Leben auf Hans Unwirrsch herab Er erwachte des Morgens und
verwunderte sich gar nicht alles noch auf seiner Stelle zu finden Er der
immer in der Einsamkeit und Stille gelebt hatte fing an hier wie ein lebendig
Begrabener zu leiden Ketten von deren Existenz er bis jetzt keine Ahnung
gehabt hatte fühlte er nun an Händen und Füßen und ihr Geklirr fing an ihn in
tiefster Seele zu ängstigen Wenn er sein unruhig Herz aus den schwarzen Mauern
der Fabrik auf die Feldwege trug schritt er der sonst die Kunst des
Schlenderns aufs höchste ausgebildet hatte so hastig hin als ob er einem
Gefängnis entflohen sei und die Verfolger hinter sich höre Mehr als je dachte
er jetzt wieder an den verschollenen Moses und allerlei bunte Phantasien über
das Los welches diesem zuteil geworden sein mochte kamen ihm in den Sinn
Wunderliche Ideen und Wünsche kehrten jetzt seltsamerweise in verdoppelter
Stärke wieder Vergebens suchte er dieselben zu bekämpfen vergebens sagte er
sich täglich vor dass er mit ihnen eigentlich schon vor langen langen Jahren in
dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler in seiner Vaterstadt gebrochen habe
sie waren immer wieder da und ließ sich nicht so leicht vertreiben wie damals
als Hans noch mit Moses Freudenstein auf die Schule ging Seltsam wars in
Hinsicht auf Hans doch kein Wunder überhaupt dass diese Wünsche nach einer
freiern weitern schöneren Welt sich regten Es musste so herrlich sein und so
nutzbringend inmitten eines strebenden Gewühls der Intelligenzen zu leben Dort
allein wo alle Grade und Schattierungen der menschlichen Gesellschaft auf dem
Kampfplatz vertreten waren in den großen Städten konnte man den Menschen und
das was über dem Menschen ist erst recht erkennen lernen In der Öde und
Abgeschiedenheit lernte Hans Unwirrsch seinen Freund Moses begreifen aber die
Maschen des Netzes welches ihn gefangenhielt lagen dicht und unzerreissbar um
seine Glieder und je mehr er zappelte desto erstickender zogen sie sich um ihn
zusammen In diesem Netze tötete ihn fast der Hunger Er konnte seine Stellung
nicht verlassen Durch einen guten sichern Kontrakt hatte ihn der Prinzipal auf
drei lange Jahre gebunden und nur er der Prinzipal konnte diesen Kontrakt
aufheben Trichtern musste Hans Unwirrsch wenn nicht die Götter sich ins Mittel
legten und ihn aus der selbstverschuldeten Knechtschaft erlösten Dass dieses
geschah musste der Befreite für ein hohes Glück nehmen obgleich es die Folge
sehr trauriger Ereignisse war
Es brach in der Gegend gegen Mitte des Herbstes eine böse Krankheit aus die
viel Ähnlichkeit mit dem Hungertyphus hatte Sehr viele Leute starben daran
sehr viele trugen ein lebenslängliches Siechtum davon und sehr sehr viele der
Überlebenden fanden sich wenn die Leichen aus den Häusern geschafft waren in
der drückendsten Not und Armut Auch der ärmste Mensch kann zuletzt den Hunger
und die Sorge nicht mehr ertragen und leider macht er dann keine schriftlichen
Eingaben an die Behörden sondern er schlägt mit der Faust an die Tür der Leute
welche noch etwas zu essen haben Letzteres geschah denn auch diesesmal an
dieser Stelle Das Murren des Arbeitervolkes wurde zur Meuterei man demolierte
ein wenig und warf sehr viele Fenster ein man sprach davon dass es nützlich
sein würde verschiedene Leute lebendig zu braten Aus der nächsten
Garnisonstadt rückte natürlich eine Infanteriekompanie heran um die Ruhe
wiederherzustellen Es kam zu einem Zusammenstoß drei der unglücklichen
Fabrikler wurden erschossen mehrere erhielten Schuss und Stichwunden Die arme
Eleonore lag tagelang in den bösesten Krämpfen aber die Prinzipalin schnob Wut
wie jene sanfte Agnes die nach der Ermordung des Kaisers Albrecht des Ersten
das Kloster Königsfelden baute nachdem ihr das Blut der Unschuldigen bis an die
Waden gestiegen war Auch der Prinzipal war sehr erbost und mit ihm geriet Hans
jetzt auf eine Art aneinander welche die Lösung des Kontraktes die Kündigung
desselben auf Ostern zur Folge hatte Es war aber auch dem Prinzipal nicht zu
verdenken wenn er mit einem Menschen der in Betracht solcher Vorkommnisse
solche zugleich abgeschmackte und schändliche Ansichten offenbarte nicht länger
unter einem Dache leben wollte Aber es war schon recht was konnte man von
solch einem Hungerleider von Hauslehrer anders erwarten als dass er die Partei
der Hungerleider nehme Wie konnte »das« eine eigene Meinung haben selbst
wenn es darum gefragt wurde
Einen trübseligen Winter verlebte Hans Unwirrsch Vergeblich bot er wiederum
seine Dienste in den Zeitungen an vergeblich schrieb er an die wenigen
Bekannten welche er besaß Es war als ob die Welt fürs erste vollständig mit
Präzeptoren versorgt sei auf die Anerbietungen antwortete niemand und die
Bekannten wussten auch keinen Rat Dazu war große Ebbe in der Kasse des
Kandidaten Wo soviel Elend ringsumher die Hände ausstreckte da konnte Hans
Unwirrsch nicht die Taschen zuknöpfen Er gab was er hatte und behielt kaum
etwas Nennenswertes für sich selber übrig Ein Proletarier wandelte er unter
den Proletariern und die Felder waren kahl und Schnee lag in den Furchen und
graue Nebel verhingen den Horizont nach allen Seiten In den Nebel in welchen
Hans aus dem Bodenfenster seines väterlichen Hauses hineingesehen war er nun
wieder ein gut Stück Weges weiter hineingeschritten immer hatte er vor sich den
hellen Schein erblickt der vor dem einzelnen nicht weniger herschwebt als vor
dem Volk auf dem Marsche Die Feuersäule die vor dem Zuge Israels wandelte die
gläubige Hoffnung hatte bis jetzt auch den armen Kandidaten geleitet aber
nunmehr gab es Augenblicke in denen sie erloschen schien Augenblicke in
welchen er auf gut Glück nach allen Seiten hin im Dunkeln und vergeblich
umhergriff
Seine Stellung in dem Hause seines jetzigen Broterrn wurde von Tag zu Tag
unerträglicher und es wurde Februar ohne dass sich ihm eine freundlichere
Aussicht eröffnet hätte Aus der Heimat schrieb der Oheim Grünebaum gar kuriose
Klagebriefe und die Base Schlotterbeck litt an den Augen und konnte nicht
schreiben Die beiden alten Leute waren auch hart bedrängt und von Neustadt aus
hatte Hans keine Hilfe zu erwarten und Frost konnten sie ihm auch nicht geben
Wir haben von den Fichtenholzungen gesprochen welche hie und da die
Einförmigkeit der Ebene unterbrachen Eine derselben war das gewöhnliche Ziel
der Spaziergänge des Hauslehrers Wenn die Sonne schien und wenn kein Schnee
lag so schritt man dort mitten im Winter wie in einem wunderlich guterhaltenen
Stück Frühling Kein entblätterter Laubholzbaum störte die Täuschung aber auch
kein singender Vogel vervollständigte sie Eine Landstraße lief durch dieses
Gehölz und auf dieser Landstraße trabte das Geschick in der Gestalt eines
ältlichen schnauzbärtigen etwas rotnasigen Reiters heran während Hans
Unwirrsch in bangem wehmütigem Sinnen auf einem Stein am Wege saß und keine
Ahnung davon hatte wie nahe die Wendung seines Schicksals sei
Vierzehntes Kapitel
In so tiefe Gedanken war Hans Unwirrsch versunken dass er von dem sich nahenden
Hufschlag nichts vernahm Um so erschreckter fuhr er empor als der Reiter
seinen Gaul dicht vor ihm anhielt und den Träumer mit einem lauten Hallo
begrüßte
»Holla mein Söhnchen sind wir es denn wirklich Sitzen wir denn leibhaftig
auf dem Stein am Weg wie ein Schneider mit Leibweh Wacht heraus Präsentiert s
Gwer Trrrrrrbumbum guten Abend Herr Kandidate ich bins«
Mit weitaufgerissenen Augen stand Hans da ohne doch recht zu wissen wer
sich da so sehr verwunderte ihn hier unter den Fichten zu treffen Der Reiter
tat auch nichts den Armen aus seiner Verwirrung zu reißen außer dass er ihm
fortwährend lächelnd oder vielmehr grinsend in das Gesicht sah Die Mähne seines
Pferdes legte er dabei gemütlich zurecht und erst als er damit fertig war und
nun eine ähnliche Handhabung mit seinem Schnurrbart begann ging dem Hauslehrer
ein Licht auf
Das war ja der alte Herr aus dem Postorn zu Windheim Es war kein Zweifel
das war jener alte Herr der so gern Punsch trank und jene junge liebe Dame in
Trauerkleidung zu den Verwandten bringen wollte Das war der alte Herr welcher
Moses Freudenstein in Paris gesehen hatte und so schlecht von ihm sprach Es war
kein Zweifel Kein Haar fehlte in dem langen Schnurrbart kein Knopf an dem bis
zum Hals zugeknöpften langen etwas schäbigen Rock
Er musste auch wohl merken dieser alte Herr dass es in der Erinnerung des
Theologen klar wurde denn er rüstete sich zum Absteigen und sagte
»Na rücken Sie nur zu auf Ihrem Steine ich bins wirklich und hier bin
ich«
Er war abgestiegen und schüttelte dem Kandidaten die Hand
»Guten Abend Schwarzrock man sagt wohl was sich liebt das trifft sich
aber zuweilen trifft sich auch das was einander braucht Rücken Sie zu auf dem
Stein und du alte Mähre halt dich ruhig ich habe mit diesem Jüngling einige
Worte zu reden Angenehmes Biwak hier wenn die Sonne darauf scheint man sollte
den grauweissen Klumpen dort im Graben kaum noch für Schnee halten also Sie
suchen eine Stelle Herr Johannes Unwirrsch Kandidat der Theologie«
Wiederum zeigte Hans alle Zeichen der Verwunderung und des Staunens und
dazu murmelte und stotterte er dass er nicht wisse dass er nicht begreife dass
er nicht imstande sei kurz dass ihn diese Begegnung und diese Frage im höchsten
Grade überrasche
»Gott was für Augen kann deine Eule machen« rief aber der Leutnant Götz
der jetzt ein zerknittertes Zeitungsblatt aus der Brusttasche zog »Steht es
hier nicht unter Butter Käse verlaufenen Hunden und ehrlichen Findern Hier
ein junger Mann in den besten Jahren sucht auf diesem Wege eine Lebens
nein das ist eins von den verfluchten Heiratsgesuchen aber hier was steht da
schwarz auf weiß«
Der Leutnant hielt dem Kandidaten richtig sein Inserat unter die Nase und
Hans bekannte dass er der Johannes Unwirrsch sei welcher eine Stelle als
Hauslehrer wohl gebrauchen könne
»Und jetzt habt Ihr höchstwahrscheinlich schon sechs für eine gefunden und
ein zwei Dutzend junge reiche Witwen mit nur einigen Unmündigen reißen sich um
Euch und Ihr habt der jüngsten geschrieben dass Ihr zu Ostern kommt he
Pfäfflein«
Hans Unwirrsch erklärte halb entrüstet halb kläglich dass weder eine junge
noch eine alte Witwe noch sonst wer nach seinen Dienstleistungen Verlangen
getragen habe dass die Sache ihm übrigens durchaus nicht lächerlich vorkomme
»Und so sitzen Sie denn hier an der Landstraße und warten auf die Güte
Gottes Das ist recht von Ihnen das gefällt mir Wer weiß was alles zwischen
Sonnenaufgang und untergang hier vorüberkommen kann«
»Habe ich Sie doch getroffen Herr Leutnant« antwortete Hans »Ich habe es
nicht vergessen dass Sie einst so freundlich gegen mich waren Oft habe ich an
jenen Abend Sie und Ihr Fräulein Nichte gedacht«
»So« sagte der Leutnant »Ei Hm Nun ich denke Ihnen beweisen zu
können dass auch ich Sie nicht vergessen habe aber zuerst möchte ich Ihnen gern
eine Frage vorlegen Haben Sie etwas dagegen mir zu erzählen wie es Ihnen seit
jenem Abend wo wir zuerst die Füße unter einen Tisch stellten ergangen ist und
wie Sie leben Offen gestanden Sie sehen mir aus als ob es jetzt nicht weniger
als damals in Ihre Suppe regne Erzählen Sie Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort dass
ich im Grunde augenblicklich ebensowenig zum Scherz aufgelegt bin wie Sie«
Hans Unwirrsch sah dem alten Herrn ins Gesicht und fand dass wohl etwas
Wahres an der letzten Behauptung desselben sein möge Da er übrigens auch jetzt
noch nichts in seinem Leben zu verbergen hatte so besann er sich nicht lange
und gab heute Bericht darüber wie einst im Postorn zu Windheim Er erzählte
alles was man bereits weiß und der Leutnant hörte aufmerksam zu ohne ihn nur
ein einziges Mal zu unterbrechen aber es war als ob er sich vorgenommen habe
seinen jungen Bekannten aus einer Verwunderung in die andere zu stürzen denn
als Hans endlich zu Ende war mit der Aufzählung seiner Erlebnisse schlug ihn
jener mit großer Gewalt auf das Knie und rief
»Vortrefflich Ausgezeichnet So musste es kommen Also es geht Ihnen
miserabel Na das freut mich unendlich Geben Sie mir Ihre Hand also es geht
Ihnen hundsübel Das ist mir eine wahre Beruhigung Kandidate ich habe eine
Stelle für Sie«
»O Herr Leutnant«
»Ruhe im Glied Sie verwundern sich und das nicht ohne Grund Auch mir
kommt es jetzt noch verwunderlich vor dass wir zwei beide hier auf diesem
verflucht kühlen Stein sitzen und einander so nötig haben wie die liebe Luft Es
ist keine kuriose Geschichte dass wir einst im Postorn zu Windheim
zusammensassen und es ist keine kuriose Geschichte dass ich später mit keinem
Gedanken an den jungen Pfaffen der mir damals seine Geschichte über einem Glase
Grog erzählte gedacht habe aber eine kuriose Geschichte ists dass ich vor
acht Tagen in Kummer und Sorge im Russischen Hof in sitze und denke an das
arme Mädel dummes Zeug und denke an den langen Theodor das heißt meinen
Herrn Bruder den Geheimen Rat und wie er für seinen Jungen einen Präzeptor
sucht unverdorben demütig und in der Furcht des Herrn ergeben der Gebieterin
der Gräfin von Savern welches sagen will dass auch meine Schwägerin nicht
allzuviel an ihm auszusetzen finde Sitze da und sehe durch den Rauch meiner
Pfeife die Welt so erbärmlich und jämmerlich wie man nur wünschen kann an und
denke dass die Billardkugeln besser dran sind als die Menschen die sich auch
von allen möglichen Tölpeln und Lümmeln umherstossen lassen müssen aber mit
Gefühl Ich zerreibe mir die Stirn doch es will kein vernünftiger Gedanke
heraus Herrgott meine ich Rudolf du alter Knabe du bist doch mit vielen
Menschen in der Welt zusammengekommen existiert denn keine einzige Kreatur auf
dem ganzen Erdhoden welche du dahin schicken könntest dass das arme Kind
na ja hier ist der Wisch Ich gucke erst hinein um meinen Ärger
vollzumachen und dann ists mir als ob mich jemand mit der Nase aufs Blatt
stoße und sage Da Hörst dus alter Schwede was sagst du nun Was sagst du zu
der Etappenstrasse Johannes Unwirrsch Will eine Stelle als Hauslehrer
haben Ich stülpe meinen Gedächtniskasten um da ists und hier bin ich
Ich fahre noch in derselben Nacht auf der Eisenhahn nach marschiere nach
Dort miete ich diese vierbeinige Schwindsucht und reite vor den Goldenen
Schnabel in dem Nest dessen Kirchturm dort hinter dem Wald zu sehen ist Da
mache ich Quartier und rekognosziere wie ein Lützower Kohlenau Richtig es
gibt es hierherum Kohlemeier Schon recht so heißt der Kerl beim Schornstein
Kandidatus Johannes Unwirrsch Denke ich das alte Weib in der Wirtsstube wird
verrückt bei dem Namen alles andere Gesindel spitzt die Ohren und drängt sich
heran Nun gehts los ich muss schöne Geschichten hören da hast du
nochmals meine Hand mein Junge ich mache dir meine Honneurs von wegen des
süßen Duftes welchen du in dieser Gegend von dir gelassen hast Ich lasse mir
den Burschen der allhier in so gutem Geruch steht genau beschreiben und das
Konterfei trifft mit dem Schwarzrock aus dem Postorn aufs beste zusammen Da
sattle ich wieder und ich habe nur noch die Angst dass das Nest schon
ausgenommen ist und mein Vogel in einem fremden Käfig sitzt dort komme ich um
die Ecke und gucke auf und sehe was Schwarzes am Weg hocken Sollte dir der
liebe Gott so wohlwollen dass du das Geschäft schon hier abmachen kannst fährt
mir durch den Sinn und richtig es ist so er ist es Und trotzdem dass er
wiederum aussieht wie die Klagelieder Jeremiä ist mir sehr wohl zumut und nun
Kandidate tun Sie einem alten herrenlosen Hunde und heimatlosen Bettelmann
seinen Willen und schreiben Sie an den Geheimen Rat Götz Hochwohlgeboren und
vergessen Sie nicht auf den Brief Amtssache zu setzen und das Wort zu
unterstreichen von wegen a hm von wegen der Schwägerin und der Kleophea
Schreiben Sie dem Mann ich hätte Sie empfohlen Hier ist die vollständige
Adresse schreiben Sie gleich wenn Sie nach Haus kommen Sie werden jedenfalls
bald Antwort erhalten auch ich werde von mir hören lassen und somit ist alles
gesagt was augenblicklich zu sagen war Lassen Sie sich noch einmal ansehen
geben Sie mir noch einmal Ihre liebe Hand und nun leben Sie wohl und bleiben
Sie gesund Ihr Sie liebender Rudolf Götz Leutnant außer Dienst und so
weiter«
»Aber ich weiß ja eigentlich noch gar nicht «
»Schreiben Sie an den Rat dass Sie Hans Unwirrsch heißen und eine Stelle als
Hauslehrer suchen«
»Aber Herr Leutnant «
»Man merkt doch dass es noch nicht völlig Frühling ist Da sehen Sie
lieber Junge eben nimmt die Sonne dort von der höchsten Fichte Abschied es ist
zu Ende für heute und mein Rossinante wird auch ungeduldig Wohlauf Kameraden
wohlauf aufs Pferd Herrgott wie ist dem Menschen leicht wenn du ihm ein Stück
Sorge aus dem Tornister genommen hast Auf Wiedersehen Kandidate«
Schon saß der Leutnant im Sattel den Zügel hatte er auf den Sattelknopf
gelegt beide Zeigefinger in die Ohren gestopft und so ritt er dahin woher er
gekommen war Hans Unwirrsch gab es auf ihm nachzurufen er sah ihm nur nach
und war in diesem Augenblick selbst zu der Frage ob er wache oder träume nicht
fähig Wie festgewurzelt stand er und hielt das Papierstück mit der Adresse des
Geheimen Rats Götz in Berlin in der Hand und der Leutnant Götz winkte von der
Ecke des Weges noch einmal zurück Dann war er verschwunden und nun war es in
der Tat mehr als fraglich ob er wirklich da vor dem Stein am Wege gehalten und
auf dem Stein gesessen hatte Ebenso zweifelhaft wars ob die Sonne wirklich
heute so warm geschienen habe frostig und dunkel wars nun auch unter den
Fichten mit dem Licht auf den Stämmen und in den Wipfeln waren alle
Frühlingsgefühle erloschen Grau war der Himmel über dem Walde Hans knöpfte
seinen Rock zu und ging ebenfalls Die Adresse steckte er bald in die Tasche
bald zog er sie wieder hervor dieses Stück Papier wenigstens war doch
Wirklichkeit war doch kein Stück von einem Traum
Vor dem Walde lag das Feld traurig kahl und der Schnee lag immer noch in
den Furchen die Sonne hatte ihn an diesem einen Nachmittag nicht auflösen
können aber der rote Strich am westlichen Horizont war wie ein Zeichen das sie
gemacht hatte um ihr angefangen Werk nicht zu vergessen Aus dem hohen
Schornstein von Kohlenau quoll wie gewöhnlich die schwarze Rauchwolke und wälzte
sich langsam über den grauen Himmel gegen den Schein im Westen auf dem schmalen
Feldwege schritt Hans hastig fort die Nase hoch in der Luft und den Hut weit im
Nacken allein wie er sich auch abquälte jetzt brachte er noch keinen
Zusammenhang zwischen jenen Abend im Postorn zu Windheim und die heutige
Unterredung im Fichtengehölz Alle Einzelheiten jenes Abends rief er sich
zurück jedes Wort welches damals gesprochen wurde war ihm wichtig weil er
dadurch das Rätsel des heutigen Tages glaubte lösen zu können Er löste es
jedoch nicht nur die Gestalten des alten Soldaten und des jungen Mädchens die
allmählich so ziemlich in seiner Erinnerung erloschen waren waren wieder klar
geworden und vorzüglich das Bild Franziskas stand in lebenskräftigen Farben vor
seiner Seele
Er kam heim und wurde auf die gewohnte Art halb gleichgültig halb abweisend
empfangen unwillkürlich fühlte er nach dem Papierstück welches ihm der
Leutnant gegeben hatte er würde es schwer empfunden haben wenn er es unterwegs
verloren hätte In seinem unbehaglichen Zimmer war das Feuer erloschen als er
nach dem Abendessen hinaufstieg Er fühlte die Kälte nicht er saß am Tisch
nieder legte das Blatt mit der Adresse vor sich hin und begann sein Grübeln von
neuem Als die Fabrikglocke zwei Uhr schlug hatte er das Schreiben an den
Geheimen Rat Götz fertig und kroch im halben Fieber ins Bett als er aber am
andern Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte fühlte er sich erleichtert wie
seit langer Zeit nicht Während des Ankleidens fielen ihm freilich noch einige
gute Sätze ein die er dem Briefe hätte anfügen können allein da das Siegel
einmal aufgedrückt war so behielt er sie für sich und der Bote des Prinzipals
nahm das inhaltsvolle Schreiben um zehn Uhr mit zur nächsten Poststation Hans
Unwirrsch sah dem Kerl und der ledernen Tasche nach bis zum Hoftor dann seufzte
er tief auf wie ein Mann der eine schwere Last niedergesetzt hat darauf nahm
er sich vor nun gar nicht mehr zu denken an den Kerl an die Tasche an den
Brief und an den Leutnant Rudolf Götz sondern sich ganz seinen Zöglingen zu
widmen Die armen Jungen hatten gegründete Ursache sich über ihren Lehrer zu
verwundern er trichterte mit einer Krampfhaftigkeit dass ihnen der Kopf
brummte und der Prinzipal der wie wir wissen scharf Achtung gab sagte zu
seiner Gemahlin
»Der arme Teufel er fängt doch an mir leid zu tun Alle Mühe gibt er sich
das muss man ihm lassen aber behalten kann ich ihn nicht Was hilft mir alle
Gelehrsamkeit wenn sie solche frivolen Grundsätze zutage fördert Das Volk
zieht die Kappen nicht tiefer vor mir als vor ihm je eher der Mensch also geht
desto besser ists für uns beide«
Vierzehn Tage vergingen vierzehn Tage voll wechselnden Februarwetters und
Hans Unwirrsch dachte seinem Vorsatz zuwider sehr sehr häufig an seinen Brief
und den Leutnant Götz Zwischen der Fabrik und der Poststation wanderte der
Briefsack hin und her aber kein Schreiben fiel für den Präzeptor heraus Jeden
Abend legte sich Hans bedrückter zu Bett und jeden Morgen erwachte er
hoffnungsleerer Wenn die Witterung es irgend erlaubte wanderte er zu den
Fichten mit dem Gefühl als werde ihn dort das treffen was er neben dem hohen
Schornstein mit so nervösem Bangen so vergeblich erwartete Aber niemand saß
wenn er aus dem Gebüsch trat auf dem Stein weder die alte Frau die sich in
die allerschönste und gütigste Fee verwandeln konnte noch der Herr Geheime Rat
Götz der einen Hauslehrer suchte Und wenn nun Hans selber niedersass und
wartete so sah er wohl dann und wann irgendein Menschenwesen vorbeiziehen aber
der Leutnant Götz trabte nicht um die Waldecke Immer bedrückter und
hoffnungsloser kehrte Hans von den Fichten heim An den Prinzipal kam in der
ledernen Brieftasche ein Brief von dem neuen Präzeptor der seine demnächstige
Ankunft meldete
Der achtundzwanzigste Februar fiel auf einen Sonntag und es regnete an
diesem Sonntage fast ununterbrochen Die nächste Kirche war eine Stunde von
Kohlenau entfernt und der Weg dahin war bei solchem Wetter mit so großen
Beschwerden verbunden dass der Pastor an solchen Tagen seine Predigt so ziemlich
für sich und seinen Küster allein hielt Auch Hans Unwirrsch hatte sich von
derartigem Wetter öfters abhalten lassen die schönen Reden anzuhören aber in
seiner jetzigen Stimmung zog er den schlimmsten Weg dem ruhelosen Stillsitzen im
Hause vor Unter seinem Regenschirm watete er kläglich durch die aufgeweichten
Felder und die durchnässten Meisen und Spatzen in den tröpfelnden Hecken zogen
die Köpfe unter den Flügeln hervor und blinzelten ihm mit spöttischem aber
leisem Gezirp nach So grau der Himmel war so grau war die Predigt kläglich
erklang der Gesang der sechs andächtigen Christenleute welche die andächtige
Versammlung bildeten und doch verließ der Hauslehrer von Kohlenau nur ungern
die Kirche als der Gottesdienst zu Ende war und der Heimweg war fast noch
schlimmer als der Herweg
Eine Stelle gabs auf diesem Pfade die vorzüglich Lust hatte unvorsichtige
Wanderer mit Haut und Haar zu verschlingen und als Hans hügelab auf sie
zutrabte vernahm er in der Tiefe ein großes Geplatsch und Gefluche und
erblickte richtig ein unglückliches Menschenkind im Kampf mit den unsaubern
Geistern des Abgrundes Ein Postbote im blauen Rock mit rotem Kragen wars und
ein Glück wars dass Hans ihn vom Versinken rettete denn einen rekommandierten
Brief gerichtet an den Kandidaten Unwirrsch trug er in der Tasche und dieser
Brief war von dem Geheimen Rat Götz Seine Sterne und den Zufall der ihm den
Rest eines solchen Weges erspart hatte preisend verschwand der blaugerockte
Mann mit aller Münze die Hans bei sich geführt hatte im Nebel und Regen
Hans Unwirrsch aber stand am Rande des Abgrundes und hielt das Schreiben in
zitternder Hand und der Regen trommelte auf seinem Regenschirm Es dauerte eine
geraume Zeit ehe er sich so weit gefasst hatte dass er das Siegel erbrechen
konnte
Wenig mehr stand in dem Brief als dass sich der Herr Kandidat am achten
März mittags um zwölf Uhr weniger fünfzehn Minuten pünktlich und persönlich
dem Geheimen Rat vorstellen möge aber auch dieses wenige genügte um die
schwerste Last der Ungewissheit von der Brust des armen Hans abzuwälzen Tief
aufatmete der Befreite und dann setzte er seinen Weg fort er schwebte jetzt
über den Dreck und nach seiner Heimkehr verwendete er den Nachmittag dazu
seine Habseligkeiten zusammenzupacken Gern überließ er seinem Nachfolger das
Zimmer mit der schönen Aussicht auf den Schornstein und wünschte ihm von Herzen
dass er sich wohler darin fühlen möge als er Hans Unwirrsch sich darin
gefühlt hatte Der Prinzipal freute sich wie er sagte herzlich über die gute
Aussicht auf eine neue angenehme Stellung welche sich dem Herrn Kandidaten
eröffne die Prinzipalin zeigte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite die
Schwägerin die von allen Seiten liebenswürdigst war fing an für den
abziehenden Präzeptor einen Geldbeutel in Seide und Perlen zu arbeiten
beglückte damit aber erst den folgenden jungen Pädagogen zum Heiligen Christ
Die Knaben nahmen von ihrem jetzigen Lehrer nicht ohne Rührung Abschied auf der
Landstraße befand sich Hans Unwirrsch nun eher wieder als er es sich
vorgestellt hatte
Seinen Koffer hatte er zurückgelassen nachdem der Buchhalter versprochen
hatte denselben später auf Order nach jedem beliebigen Ort zu spedieren mit
einer leichten Reisetasche wanderte Hans aus seinem weitern Schicksal entgegen
Ein leichter Frost hatte den Boden gefestigt man blieb nicht mehr darauf
kleben sondern schritt frei und elastisch darüber hin Die Spatzen und Meisen
saßen auch nicht mehr kümmerlich und kläglich in den Hecken lustig flogen sie
umher und die Sonne schien in den Nebel der sich senkte eine Reihe guter Tage
versprechend
Da war der Fichtenwald mit seinem morgendlichen aromatischen Duft und der
Kandidat nahm den Hut ab als er in den heiligen Schatten trat setzte ihn aber
der Kühle wegen wieder auf
Da war der Stein am Wege und auf dem Stein auf dem Stein saß wahrhaftig
was das sich erhob militärisch grüßte und im fröhlichen Basston sprach
»Guten Morgen Herr Kandidate«
Ein Wunder musste geschehen an diesem Morgen Hans Unwirrsch hatte es bei
jedem Schritt erwartet und vorgefühlt Jetzt war es da und erschien zuletzt gar
nicht einmal als ein Wunder sondern als ein ganz natürlicher Vorgang Der
Leutnant Rudolf Götz wenigstens fand durchaus nichts Verwunderungswürdiges an
diesem abermaligen Zusammentreffen an dieser Stelle Der wackere Soldat hatte
natürlich Kenntnis von dem Briefe seines Bruders und da er sonst nichts
Wichtiges zu tun hatte machte er sich auf den Präzeptor von Kohlenau
abzuholen um ihn an den Bestimmungsort abzuliefern
Diese Wendung gab er selber der Sache und Hans nahm sie gläubig an der
Gute ahnte ganz und gar nicht dass der alte Krieger einen sehr bestimmten Zweck
dabei hatte grade diesen Präzeptor in das Haus seines Bruders zu bringen aber
da wir teilweise diese Geschichte auch dieses Zweckes wegen erzählen so wird es
nicht nötig sein dass man an dieser Stelle mehr davon erfahre als der Kandidat
Eine umsponnene Flasche die Hans bereits kannte reichte der Leutnant dem
jungen Theologen zum Willkommen und zum Wahrzeichen dass die Begegnung im
Fleisch und in der Wirklichkeit vor sich gehe dann erkundigte er sich sehr
teilnehmend nach dem Befinden des Jünglings und dann schlug er vor dass man
weiterwandere
Nun wagte es Hans auch sich nach dem Befinden der Nichte zu erkundigen
worauf der Alte mit Gebrumm meinte dass es ihr leidlich gehe dass es ihr aber
noch viel besser gehen könne und dass man im Grunde in einer Lumpenwelt lebe Der
Kandidat dachte an den Oheim Grünebaum der das letztere ebenfalls öfters mit
demselben Worte aber eigentlich ohne genügenden Grund verkündigte und sah mit
Mitgefühl auf das arme Pack das ihm und seinem Reisegenossen begegnete
Wahrlich manch eine zerlumpte Kreatur hielt den Präzeptor an und nahm Abschied
von ihm mit Tränen oder einem Kratzfuss Hans Unwirrsch hatte eine große und
nette Bekanntschaft in dieser schönen flachen Gegend
Aber der Wald ging zu Ende hinter dem Walde lag das Dorf Plackenhausen und
in dem Dorf das Wirtshaus zum Schnabel vor dessen Tür dem Leutnant schwach
wurde und er einiger geistigen Anregung und eines Frühstücks bedurfte Nachdem
dasselbe eingenommen war und Hans auch von den Wirtsleuten einen gerührten
Abschied genommen hatte behauptete der Leutnant dass ein Frühstück ihn stets am
Marschieren hindere und es fand sich vor der Tür ein Gefährt auf zwei Rädern
das von einem Ross gezogen wurde und in welchem zwei Herren behaglich
nebeneinander sitzen konnten In diesem Fuhrwerk setzten der Soldat und der
Teologe ihre Fahrt bis zur Stadt fort wo sie um Mittag anlangten Dann
führte sie die Eisenbahn weiter bis zur letzten Station vor der großen
Allerweltsstadt die von nun an der Aufenthaltsort Hans Unwirrschs sein sollte
Auf der letzten Station aber verließen die beiden Reisenden den Zug auf Wunsch
des Leutnants welcher behauptete es sei besser in das neue Leben zu Fuß
einzuwandern da man dem Geist dadurch Gelegenheit gebe sich zu beruhigen und
da er Rudolf Götz noch eine Geschichte zu erzählen habe welche er am besten
im Marschieren von sich geben könne Dem Präzeptor war dieser Vorschlag höchst
angenehm mit Vergnügen sah und hörte er den Dampfzug fortschnauben rasseln
und klappern mit Behagen atmete er die scharfe Luft des nahenden Abends ein
Ungemein belebend und kräftigend hatte bereits die Reise und die Gesellschaft
des Leutnants auf ihn gewirkt Kohlenau mit dem grämelnden Herrn im roten
blauquastigen Fes Kohlenau mit der harten Prinzipalin und der weichen
Schwägerin Kohlenau mit seinen Aschenhaufen und Kohlenhaufen seinen Rädern und
Rollen seinem Gezisch und Gesause seinem Schornstein und seinen Dämpfen und
Dünsten Kohlenau war hinter ihm versunken als wäre es nie dagewesen
Hans Unwirrsch stand mit Wanderstab und Reisetasche auf dem Bahnhof wie ein
Abenteurer vom reinsten Wasser er fühlte sich fähig dem seltsamen Begleiter in
die möglichsten und unmöglichsten Fährlichkeiten und Wunder zu folgen und der
bleiche zunehmende Mond sah durch das gesänftigte Sonnenlicht lächelnd auf den
verwegenen jungen Menschen herab
Fünfzehntes Kapitel
Von mancherlei Dingen hatten die beiden Reisenden auf ihrer Fahrt bis jetzt
gesprochen Wieder hatte der Leutnant seinen Begleiter wenn auch wie einen
Schwamm so doch immer auf die unverfänglichste Weise ausgepresst Der alte
Schlaukopf hatte den Kandidaten gleich einem Buche durchblättert und die
Notizen die er sich dabei gemacht hatte schienen ganz und gar befriedigend
ausgefallen zu sein denn jetzt klappte er um diesen Vergleich fortzuführen
das Buch zu und seufzte behaglich während er mit dem Begleiter in die stille
kalte Abendlandschaft hineinschritt
Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags und die Sonne ging dem
Kalender nach erst um fünf Uhr fünfzig Minuten unter Ein bläulicher Nebel lag
über der Ferne ein zarter Hauch überzog die grünen Spitzen der jungen
keimenden Saat Still wars auf der Landstraße still auf den Feldern still
lagen die fernen Dörfer im Duft nur das dumpfe Geroll des forteilenden
Bahnzuges vernahm man noch aus der Weite aber auch es verhallte die weiße
Wolke verschwand im Dunst des Horizontes nun war es ganz still
»Also Freund« sagte der Leutnant zu Hans »mit Ihnen wären wir fertig
Jetzt wird es nötig sein dass Sie auch von mir und dem was daran bummelt eine
nützliche Erkenntnis gewinnen und dass Sie etwas über das Haus erfahren zu
welchem ich Sie führe Wer weiß ob Sie den Quartiermacher nachher nicht
tausendmal zum Henker wünschen Ja sehen Sie mich nur an schütteln Sie nur den
Kopf für Wanzen Flöhe und dergleichen Ungeziefer wird nicht garantiert Doch
zur Sache Wir waren unserer drei Brüder Götz Ich bin der älteste Theodor der
Geheime Rat ist der zweite der arme Felix war der jüngste und ist leider
zuerst kaputtgegangen das Fränzchen ist seine Tochter doch von der ist jetzt
nicht die Rede Unser Papa war zu der Zeit geboren als der Siebenjährige Krieg
seinen Anfang nahm um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ich bin 1782
geboren und also jetzt ein rüstiger Sechziger Theodor ist ein starker
Fünfziger und Felix kam um vierundneunzig ans Licht der hatte den Teufel im
Leib und der Satan hat ihn auch geholt Unser Alter war Justizbeamter eines
jetzo glücklich mediatisierten Grafen am Harz es war ein grillenhafter
kränklicher Knabe der seine Frau unsere Mutter vor der Zeit zu Tode quälte
und uns mancherlei erdulden ließ dazu unmenschlich gelehrt und seine
Bibliothek war weit in die Runde berühmt Uns hätte er nur allzugern ebenfalls
zu solchen trübseligen Vielwissern von denen er ein bejammernswertes Exemplar
war erzogen aber es gelang ihm nur beim Theodor der überdies an den Skrofeln
litt Ich ging im Jahre 1798 auf die Forstschule und Theodor bezog seinerzeit
die Universität um die Juristerei zu studieren Felix hatte damals eben das
Laufen gelernt Wir kamen obgleich die Welt voll mächtigen Spektakels war
ziemlich ruhig in das neunzehnte Jahrhundert hinüber ich erhielt eine
hochgräfliche Unterförsterstelle Theodor sah als Auskultator sich den Einzug
der Franzosen in der Hauptstadt an Felix saß auf einem Gymnasium bis man ihn
von demselben fortjagte Ich glaube Theodor kümmerte sich am wenigsten darum
was damals aus dem deutschen Lande geworden war ich ging nach dem achtzehnten
Oktober Anno sechs mit nach Ostpreussen und war bei Eylau und allem was daran
hängt Leutnant wurde ich bald zog mit Yorck nach Russland und hatte die Wacht
vor dem Hauptquartier zu Tauroggen Daran will ich noch auf meinem Todbett mit
Vergnügen gedenken habe sonst wenig Vergnügen in der Welt gehabt Von dem
was darauf geschehen ist und wie der Sündenknäuel abgewickelt wurde will ich
nicht weiter sprechen jedes Kind weiß davon zu erzählen Ich war bei manchem
lustigen Tanz bis wir von der Weichsel an die Elbe kamen Um seine lieben
Verwandten konnte man sich im Tumult wenig bekümmern seit langer Zeit hatte ich
weder von dem Alten noch von den Brüdern Nachricht Steh ich am 22 Juni 1813 an
der Elbe vielleicht eine Stunde oberhalb Aken auf Vorposten und denke an
nichts Gutes und nichts Schlimmes und der Abend ist still genug Unser Feuer
ist niedergebrannt und wer nicht wacht der schläft Ich höre das Wasser
rauschen manche Stunde lang ohne dass was passiert bis auf einmal alles
auffährt und alert in die Höhe springt drüben am andern Ufer es ist als
ob jeder Frosch auf das Horn da drüben horcht Und dazwischen knackt und
knattert es nach der bekannten Melodie Da sind die Freiwilligen am Werk meinen
meine Leute und unser Horniste fragt an was er ihnen zum Trost blasen soll
Den Alten Dessauer Kerl sage ich und der Kerl trompetet dass ihm fast das
Horn und die Backen platzen
Verflucht die Schufte sind tüchtig hinter ihnen meinen unsere Leute und
sie können recht haben denn wir wissen dass drüben wenige der Unsrigen und
viele von den Vivelamperörs und den Westfälingern sind Da platscht es in den
Strom und wir stehen mit den Kuhfüssen in Anschlag um auf alles gerüstet zu
sein Bescheid im Lande müssen sie wissen sie haben die seichte Stelle gut
gefunden und halb watend halb schwimmend kommen sie an und von drüben pfeifen
uns die blauen Bohnen um die Ohren Das Horn meldet sich auch wieder es bläst
den Jäger ruf der Freiwilligen und da sind sie und wir drängen uns an die
schwarzgeräucherten bärtigen zerlumpten lausigen Teufels jungen und der Mond
scheint auf alles herab und amüsiert sich göttlich Nun wissen wir woran wir
sind versprengte Reiter Kolombs sinds und wir erfahren die ganze
Prostemahlzeit Bei Werbzig bei Köten hat der Westfälinger General von
Hammerstein den Rittmeister verräterisch und heimtückisch über fallen aber der
Kolomb war ihm zu schlau und ist besser davon gekommen als die Lützower bei
Kitzen Seine lustigen Burschen haben ein fideles Ende für diesmal gemacht und
dem Feinde die Plempe zu guter Letzt noch mal tüchtig durch die Fressage
gezogen Dann ist das Hauptkorps auf und davon und ist mit einer Subtraktion von
vierzehn glücklich bei Aken über die Elbe gekommen Aber zur Seite ist hier und
da ein Häuflein abgesprengt und solch eins fällt uns hier mit Jubilation und
Hurra in die Arme und über unsere Feldkessel und Flaschen her Drüben ists
wieder ruhig und keine Katze wagt sich übers Wasser wir sind ganz unter uns
und haben Zeit einander genauer ins Gesicht zu sehen Da ist ein blutjunges
Bürschlein unter den reitenden Rattenfängern wie ein Zigeuner zerzaust und ich
fall aus den Wolken als die Kreatur die Hand an den Tschako legt und sagt Herr
Leutnant ich melde mich als das Jüngste aus dem Nest columba Kolombi ein
Freiwilliger des Herrn Rittmeisters von Kolomb Ich packe den Burschen und
ziehe ihn zum Fenster und dann in den Mondenschein ich bin starr unser Felix
ists und kein anderer Spricht der Bengel lateinisch so zieh auch ich gelehrt
vom Leder und rufe Et tu Brute O du Teufelsjunge wo kommst du her und was
hat der Alte dazu gesagt Ja der Alte wer fragt in solcher Zeit nach dem
Alten Frage den Theodor drum ruft der Naseweis ich bin aus dem
Hinterfenster ohne Abschied ausgerückt Und so wars Ich hörte in der
nächsten halben Stunde noch von manchem tollen Streich dann waren die wilden
Gesellen wieder in den Sätteln und fort gings in die Nacht ich sah den Felix
erst in Paris wieder im folgenden Jahr«
Hier hielt der Erzähler inne und schüttelte melancholisch den Kopf Der
Teologe hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit dieser Schilderung aus
vergangenen wilden Tagen zugehört
»Welch eine Zeit« rief er jetzt unwillkürlich aber der alte Krieger sagte
»Eine ganz vortreffliche Zeit wie alle Zeiten in denen man einen großen
Hunger nach irgend etwas hat von dem man weiß dass man es durch Mühen und
Arbeit erlangen kann Ihr jungen Leute habt keinen Begriff davon wie wohl dem
Fisch ist der sich im Netz abgezappelt hat und aus ihm kopfüber in sein Element
hinunterschlägt Doch davon ist nicht die Rede sondern von den drei Gebrüdern
Götz Deren ging jeder seinen besonderen Weg und da jeder Weg um die besondere
Ecke ging so verloren wir uns einander bald aus dem Gesicht Es ist fast ein
Wunder dass ich wenigstens mit dem Theodor so a hm wieder zusammengekommen
bin Dieser gute Knabe war während der Kriege ruhig hinter seinem Schreibpult
sitzen geblieben und er hatte recht daran getan denn man hätte ihn im Felde
höchstwahrscheinlich sehr wenig gebrauchen können es hat sich ausgewiesen dass
er stärker von Begriffen als von Nerven war Er ist ewig ein Jammerbild gewesen
und jetzt a hm Kandidate na ich sage nichts aber was man sonst in einer
Bude auf dem Jahrmarkt für seine Groschen sieht das werdet Ihr gratis zu sehen
kriegen Also mein Theodor saß hinter seinem Schreibtisch und schrieb sich zum
Assessor ich blieb was ich war Leutnant bei der Infanterie O du mein Je
ich wollts nicht besser haben nach all dem lustigen Lärm wollt mir nichts
anders so recht mehr behagen und ich dachte dazu mit Geduld kommst du
vielleicht doch noch in die Höhe wenn du dich nicht allzu schnell dem Trunk
ergibst s ist aber nichts daraus geworden es wird auch manch besserer Kerl in
den Winkel geschoben Dem lieben Theodor ists dagegen herrlich ergangen Sie
haben ihn wohl gebrauchen können und allzu steifnackig ist er auch nicht
gewesen da hat er sein täglich Brot schon gefunden und auch noch was dazu
nämlich seine Frau Die kam aus einem gar frommen und gottseligen Nest und einem
hochadligen hieß mit Namen Aurelie von Lichtenhahn und ist heute noch sehr
fromm sehr adlig und meines Bruders Weib Sie zeugten zuerst meine teure Nichte
Kleophea und ich habe es immer für eins der größten Wunder gehalten dass sie
das fertiggebracht haben Verliebt Euch nicht in das Wettermädel mit dem
heiligen Namen junger Pfaff Bei allem was blitzt und kracht die Dirne passt
in jede Schilderei der Verführung des heiligen Antonius Mein Fränzchen na ja
Ihr werdet schon sehen Kandidate Nach der Geburt Kleopheas gabs lange Jahre
weiter nichts Keiner denkt an was Arges und mein lieber Theodor vielleicht am
wenigsten da erscheint sieben Jahre sinds jetzt her meine Schwägerin ganz
unvermutet abermals in der Zeitung Diese Nacht mit Gottes gnädigem Beistand
wurde gesunder Knabe und so weiter und so weiter Es muss wohl auf ganz
natürliche Weise zugegangen sein denn die Welt ist darum nicht umgekippt
wenngleich sich auch ein Teil davon recht verwundert hat Aimé heißt der Knabe
und Sie Hans Unwirrsch sind auserwählt ihm das Abc beizubringen und ich
gratuliere dazu das übrige besorgt die Mutter wozu ich Ihnen ebenfalls
gratuliere Dass meine Nichte Franziska jetzt in dem Hause des Geheimen Rats
Theodor wohnt haben Sie bereits erfahren die ist die Tochter meines Bruders
Felix und da Sie das Kind nun ganz von selber genauer kennenlernen werden so
will ich von ihr nicht weiter sprechen sondern nur über ihren Vater das Nötige
rapportieren Da geht nun auch eben der letzte Schnitzel der Sonne zum Henker
und so ist die Zeit recht passend und angenehm dazu Von uns drei Brüdern hatte
Felix jedenfalls die wenigste Ähnlichkeit mit dem Vater welchem Theodor in
jeder Hinsicht am meisten ähnelte Wenn ich es auch zu weniger als nichts auf
der Welt gebracht habe so kann ich wenigstens stellenweise ein vernünftiger
Mensch sein Felix aber wars höchstens nur durch Zufall Ein tollköpfiger
prächtiger Bursche war er und selbst die welchen er seine Streiche spielte
konnten ihm nicht gram werden Ich hab ihn als Unterförster in meinem Walde das
Schießen gelehrt und manches andere Stück der edlen Jägerei Ich hatte den
Knaben so lieb wie meinen Augapfel und auch er hing an mir soviel das ihm bei
seinem leichten Sinn möglich war Hätte ihn der Alte im Walde gelassen wer
weiß ob nicht alles gut abgelaufen wäre aber der Alte holte ihn eines Tages
selber zurück und brachte ihn in einer fest verschlossenen Kutsche nach Ilfeld
auf die Schule und gab ihn da in grimmige Zucht Wenn nur die Welt dann nicht
selbst aus Rand und Band gegangen wäre Das war nichts für den jungen Falken
stillzusitzen hinter dem Gitter und in das grüne Tal hinab und zu dem blauen
Himmel emporzugucken und auf das Jägerhorn zu hören Das Jägerhorn erklang eben
durch die ganze Welt und rief alle jungen Falken heraus Felix Götz hätte sich
den Kopf an dem Gitter zerstossen wenn es ihm nicht gelungen wäre es zu
zerbrechen Aus einer Schule hatte man ihn fortgejagt von Ilfeld entfloh er bei
Nacht und Nebel und der erste Trupp freiwilliger Reiter auf welchen er stieß
nahm ihn gern und willig auf und gab ihm ein ledig Pferd Da hatte er was er
wollte Ich habe schon erzählt wie er mit den Kolombschen ritt über die Elbe
versprengt wurde und in unsere Beiwacht fiel wie der Stein vom Monde Ich habe
auch gesagt dass wir uns nicht eher wiedersahen bis Paris genommen war und nun
muss ich hinzufügen dass das Wiedersehen meinerseits gar nicht so recht
erfreulich war Der Feldzug in Frankreich hatte dem tollen Felix nicht gutgetan
liederlich und heruntergekommen sah er aus und Drangsale und Entbehrungen waren
nicht allein schuld an seinem Aussehen Ich nahm ihn natürlich tüchtig ins
Gebet aber leider sah ich ein dass ich nicht der rechte Mann dazu sei und dass
für jetzt wenig an dem Unheil zu ändern sei und zu einem gemütlichen
Gedankenaustausch hatten wir auch nicht die gehörige Zeit denn der große Tumult
riss uns wieder auseinander wie er uns zusammengebracht hatte Mit dem
Donnerwetter bei Waterloo war der Krieg zu Ende ich marschierte in eine kleine
Garnisonsstadt deren Name nichts zur Sache tut Theodor schrieb immer noch
Akten und Felix Felix schien vollständig überflüssig in Europia geworden zu
sein Es waren größere Akteurs von der Bühne abgetreten und wussten nunmehr
nichts mehr mit ihrer Zeit zu beginnen Felix schlug die Zeit tot mit Sünden
Bis der Alte starb lag er dem auf der Tasche und alle Versuche die Theodor
und ich machten dem Jungen wieder zu einer nützlichen Existenz zu verhelfen
schlugen fehl Zum letztenmal redeten wir bei unseres Vaters Begräbnis auf ihn
ein er aber ging mit seinem Erbteil welches gleich dem unsrigen nicht sehr
bedeutend war zum zweitenmal nach Paris und als er dort binnen kurzem aufs
trockne kam als richtiger Glückssoldat nach Amerika wo seine Spur sich für
Jahre verlor Ich saß in meiner Garnison und zählte die Pappeln an den Teichen
und Wegen des verlorenen Nestes Man wollte mich im Steuerfach anstellen aber
dazu hatte ich keine Lust in den Wald wäre ich lieber zurückgegangen doch da
war jedes Loch vernagelt und auf keine Weise in das Gehege zu kommen Ich
vegetierte also fort wie der Schwamm im Dunkel zog auf die Wache mit Gähnen
trank mehr als einem Menschen der mal eine Nichte zu versorgen haben soll gut
ist drillte Rekruten mit Ekel zählte Pappelbäume und spielte Schach kurz tat
alles was man unter besagten Umständen in unserm Stande sich wissenschaftlich
beschäftigen nennt Die alten Kameraden verloren sich allmählich aus dem
Regiment blutjunges naseweises Gesindel rückte ein und machte einem das Leben
noch saurer Die Frauenzimmer an den Fenstern mokierten sich über den
grauköpfigen Leutnant der eigene Hund verlor den Respekt vor einem und zuletzt
wunderte man sich im Kriegsministerium gar noch wenn man sich dem stillen Suff
ergab und dann und wann den Anstand verletzte in der so überaus anständigen
Zeit Es schneite es regnete es gab auch Sonnenschein während welchem die
Sümpfe um das holde Städtlein anfingen zu stinken Eins war mir so egal wie das
andere und als das Jahr achtzehnhundertunddreissig kam wos wieder anfing
lebendig in der Welt zu werden wunderte ich mich sehr dass ich selber noch
lebendig war Aber wie es auch nunmehr in der Welt rumoren mochte uns schien
man in unserm Winkel total vergessen zu haben Wie die Spinnen hinter dem
Spiegel saßen wir was für Bilder durch den Spiegel selber gingen ging uns
nichts an und so wars jetzt fast noch schlimmer als vorher Die Franzosen
hatten natürlich nach gewohnter Weise den Tanz angefangen in Belgien gings
lustig los in einigen kleinen deutschen Vaterländern folgte man dem guten
Beispiel einige jüngere Kameraden liefen Tag für Tag hinaus auf die Heerstraße
um den Kurier ankommen zu sehen der den Marschbefehl bringen sollte Sie
mochten sich die Hälse ausrecken so lang sie wollten aus dem Sommer wurde
Herbst ohne dass es jemandem eingefallen wäre uns unsern wissenschaftlichen
Beschäftigungen zu entreißen Es wäre auch schade darum gewesen Nun sitze ich
gegen das Ende des Oktobers eines Abends ein Glas zur Linken und die Karte der
Türkei vor der Nase um mit dem Bleistift dem General Sabalkanskoi nachzuziehen
Draußen heult der Wind und zwar nicht nach Noten Ich denke an mancherlei was
mit Diebitsch nichts zu tun hat an den Alten der nun längst von seinen
Hämorrhoiden erlöst ist an die Brüder an die Schlacht bei Leipzig deren
Jahrestag wir neulich dadurch feierten dass wir auf höheren Befehl Kommandos
ausschickten um die Freudenfeuer auszulöschen Denk auch noch dazwischen wozu
solch ein alter Hund wie ich wohl eigentlich gut sein möge als plötzlich mein
Bursch vor mir steht und hinter ihm ein Mann im Mantel der viel kalte Luft mit
ins Quartier bringt Herr Leutnant will der Bursche rapportieren aber der
Fremde schnauzt ganz à la militaire Abtreten und verwundert winke ich meinem
Kerl zu gehen Er geht und der andere bleibt Ich will eben die gewohnten
Phrasen machen Mit wem habe ich die Ehre und so fort aber der Fremde nimmt
sich wie es in solchen Fällen heißt selber die Freiheit schlägt mich auf die
Schulter und ruft Alter Mensch du bist doch recht grau geworden Er wirft den
Mantel ab und Felix Götz war über mich gekommen wie an der Elbe Anno
dreizehn ich aber griff die Lampe vom Tisch und beleuchtete wiederum die
Erscheinung Es dauerte geraume Zeit ehe ich mich von ihrer Wirklichkeit
überzeugt hatte ehe ich es glauben konnte dass dieser durchwetterte Mann mein
Bruder sei Er war es aber und es blieb kein Zweifel übrig Nach einer
Viertelstunde saßen wir vor vollen und geleerten Flaschen und erzählten uns wie
damals an der Elbe unsere Schicksale Beim Hauptmann von Kapernaum Felix hatte
mehr zu erzählen als ich und Hauptmann ließ er sich auch titulieren und ein
peruvianischer Hauptmann oder ein kolumbianischer war er Wir hatten zwischen
unsern Pappeln Teichen und Viehweiden vom Bolivar von der Schlacht bei
Karabobo und der Schlacht bei Pinchincha gelesen Felix aber hatte mit dem
großen Mann aus einem Napf gegessen und seine Schlachten hatte er
mitgeschlagen Und verheiratet war er auch und zwar mit einer deutschen
Kolonistentochter aus irgendeinem Fiebernest an irgendeinem scheußlichen
Krokodilenfluss und die Frau saß jetzt mit einem kleinen Mädchen in Paris und
der Kapitano ging in Angelegenheiten von denen er nicht sprechen durfte nach
Polen Als der Morgen graute saßen wir beiden Brüder noch zusammen und in
den Tabaksqualm konnte sich eine Pionierkompanie mit Schaufel und Hacke
hineingraben Die ganze Nacht durch hatte es geregnet und es regnete immer
noch als es fünf schlug und Felix aufsprang mir die Adresse seines Weibes auf
einen Zettel schrieb und versicherte dass er nunmehr keinen Augenblick weiter
zögern dürfe da um ein Viertel auf sechs die Post weitergehe nach Polen Das
war auch nicht anders als damals wo er mit den Kolombschen Reitern aus unserm
Biwak ritt Ich brachte ihn zur Post sah ihn abfahren und kam betäubt und halb
benebelt durch alles was ich in der Nacht vernommen hatte zurück ins Quartier
Ich schrieb an die unbekannte Schwägerin und erhielt nach einiger Zeit wiederum
einen Brief den nur ein gutes aber sorgenvolles Weib geschrieben haben konnte
in diesem Briefe wurde mir meine Nichte Franziska für künftige Zeiten
anempfohlen Aber aus Polen kamen zu Anfang des Dezembers die merkwürdigsten
Nachrichten Revolution in Warschau Chlopicki Diktator Schlacht bei Grochow
Schlacht bei Praga Skrzynecki Paskewitsch noch ist Polen nicht verloren
ich wusste jetzt weshalb Felix Götz so schnell auf der Post weitermusste der
wilde Gesell wusste besser auf dem teatro mundi Bescheid als wir in unserer
Vergessenheit Ich glaube er hat manchen unserer früheren Alliierten auf dem
Gewissen aber ich bin auch fest überzeugt dass er nicht schlechter darum
schlief Erst nach dem Malheur bei Ostrolenka kam er zurück klopfte krank
zerlumpt und blutend an meine Tür in der Nacht vom siebenten auf den achten
Januar achtzehnhundertzweiunddreissig Das war schuld daran dass ich meinen
Abschied nahm um ihn nicht zu erhalten doch darüber sprech ich nicht gern Er
ging nach Paris zurück zu seinem armen Weib und Kind und ich habe mich seitdem
als halber Bettler und ganzer Vagabond so gut und jämmerlich als möglich durch
die Welt geschlagen Anno sechsunddreissig war ich in Paris und kam gerad recht
zum Begräbnis meiner Schwägerin Felix war noch mehr auf dem Hund als ich Er
gab Fechtstunden und ich hab ihm durch ein paar Jahre dabei geholfen und ihm
und mir sein Quantum Eaudevie täglich zugemessen und seinem Kind die deutsche
Sprache gelehrt Ich vergebs mir heute noch nicht dass ich endlich ging als
ich glaubte ihn nunmehr wieder fest auf die Füße gestellt zu haben Als ich
fort war hat natürlich das alte Lied sofort von neuem angefangen der Teufel
der Liederlichkeit hatte ihn zu fest gepackt und gewann die Bataille Vor fünf
Jahren ist der Bruder Felix gestorben ich habe sein Kind aus der Fremde
heimgeholt und nun hab ich erst recht gespürt was es ist wenn der Mensch kein
eigen Dach hat um solch ein verlassen Würmchen darunter zu bergen Zum Theodor
hab ich das arme Fränzchen bringen müssen und wenn ich es nicht zu lieb hätte
könnte ich schon damit zufrieden sein Seht dorthin Kandidate«
Und Hans sah auf sah dass es Nacht dunkle Nacht geworden war fühlte dass
es bitter kalt geworden war Über der Erzählung seines Begleiters hatte er alles
um sich her vergessen hatte er vergessen wieviel er für sich selber von dem
nahen Ziel der Reise zu hoffen und zu fürchten habe
Die Landstraße hatte sich an einem ziemlich unbedeutenden Hügel
emporgewunden und auf der Höhe derselben vollendete der Leutnant seinen
Familienbericht stand still und wies mit ausgestrecktem Arm in die Ferne
Nacht wars und still kein Zweig der kahlen Bäume zu beiden Seiten des
Weges regte sich Schwarz war der Himmel sternenleer war er und von der
zunehmenden Mondsichel war keine Spur mehr zu erblicken Vor dem Hügel lag die
Ebene wie sie hinter ihm sich dehnte aber mit Staunen und Schrecken starrte
Hans auf den feurigen Schein vor ihm und horchte auf das dumpfe Rollen und
Summen welches aus einer unendlichen Tiefe dicht zu seinen Füßen zu kommen
schien
»Das ist die Stadt« sagte der Leutnant Götz »In einer halben Stunde sind
wir an den Barrieren und in einer Stunde im Grünen Baum bei den Neuntötern«
Hans achtete jetzt nicht auf die letztere mysteriöse Versicherung der
ungewohnte überraschende Anblick nahm alle seine Sinne und Gefühle gefangen und
verwirrte ihn dergestalt dass er nach Luft schnappte wie jemand der in einer
windstillen Straße in Gedanken gegangen ist und den an der Ecke plötzlich der
Sturm mit vollen Backen anbläst
»Das ist die Stadt« wiederholte er »das ist die Stadt Ich habe davon
geträumt aber das ist doch noch anders als der Traum«
Er blickte schnell zur Seite Die Idee war ihm gekommen sein Gefährte habe
ihn verlassen sei in die Erde gesunken und er Hans Unwirrsch stehe allein
dem drohenden Untier da unten gegenüber Es war das Gefühl welches die
gefangenen Sklaven hatten wenn das dunkle Tor hinter ihnen zugefallen war und
der unentrinnbare Kreis der Arena mit seinem zerstampften Sande seinen
Blutlachen seinem Gebrüll Hohngelächter und Geheul sich vor ihnen dehnte Es
war eine große Beruhigung als er statt eines hunderttausendstimmigen »recipe
ferrum« doch noch die ehrliche Stimme seines Begleiters neben sich vernahm
»Wenn Sie genug von dem kuriosen Ding haben so lassen Sie uns
weitermarschieren Es ist hier oben längst nicht so behaglich wie im Grünen
Baum« meinte der Leutnant den Arm des jungen Mannes nehmend
»Das ist wie das Meer sein muss« sagte Hans »und ich stehe am Rande wie
ein Knabe der das Schwimmen lernen soll Es treibt mich mit unwiderstehlicher
Gewalt hinab und doch fürchte ich mich Ich fürchte mich vor der Gewährung
meiner Wünsche was mich vordem mit so tiefem Verlangen erfüllt hat macht mir
jetzt ebenso tiefes Grauen«
»Frisch mit einem Satz hinunter« rief der alte Kriegsmann »Streicht nur
wacker mit Händen und Füßen aus Freundchen Man platzt noch nicht gleich wenn
man auch mal das Maul voll Wasser kriegt Brr fort Was kümmert uns das
Wasser Vivat der Grüne Baum und die Neuntöter«
Abwärts trabten die beiden Wanderer und nach fünf Minuten befanden sie sich
wieder auf ebenem Boden Felder Gärten und Gartenmauern zu beiden Seiten Sie
kamen durch ein kleines Gehölz dann in eine Wüstenei von Häusern die man
abzubrechen schien die aber erst aufgebaut wurden Fertige Häuser standen
ungemütlich und frostig zwischen Pfahlgerüsten und unvollendeten Mauern oder auf
kahlen Flecken Selbst der Lichterschein der aus diesen Häusern in die Nacht
hinausfiel hatte nichts von Gemütlichkeit und Behaglichkeit Dies tolle
Durcheinander mit seinem Geruch nach Kalk und frisch behauenen Balken schien
kein Ende nehmen zu wollen bis es auf einmal so plötzlich ein Ende nahm dass
Hans Unwirrsch über den neuen Anblick abermals in die grösseste Verwirrung
geriet Die Menschen und die Laternen auf ihrem Wege hatten sich von Minute zu
Minute vermehrt jetzt standen die zwei Reisenden vor einem der Tore des Teiles
der Stadt der wie der Leutnant sich ausdrückte fertig war Soldaten auf
Wache Laternenreihen die ebenfalls auf Wache zu sein schienen Menschen im
Überfluss ungeheuer viele Menschen
Wache heraus Trommelwirbel »Grade neun Uhr Zapfenstreich« meinte
der Leutnant seinen altmodischen Zeitmesser mühsam aus der Tasche
hervorhaspelnd
Für Hans Unwirrsch aber gab es in diesem Augenblick keine Zeit Er stand und
gaffte über den Platz der vor ihm sich ausbreitete er starrte auf die
lichterhellten vier Straßen die auf diesen Platz ausmündeten und deren Anfang
in unendlichster Ferne zu liegen schien Ungeheuer viele Menschen Neustadt war
doch auch ein ziemlich bevölkerter Ort aber dies ging noch über Neustadt
hinaus das ging über alles hinaus was der Herr von Maltus jemals geschrieben
hatte
»Kommen Sie Pfäfflein« sagte der Leutnant »Für diesen Abend und morgen
gehören Sie mir übermorgen liefere ich Sie an Ihren Bestimmungsort ab und
müssen Sie dann sich auf eigene Faust zurechtfinden Kleophea und Appendix wird
Ihnen schon manche harte Nuss zwischen die Zähne schieben Na kommen Sie Sie
werden Ihr blaues Wunder haben«
Quer über den Platz hinein in eine der breiten und langen Straßen Hans
Unwirrsch hätte nie gedacht dass es soviel Menschen gäbe welche Kutschen halten
könnten An jeder Strassenkreuzung entging er nur mit Mühe dem grässlichen Tode
durch das Rad Ohne den schnauzbärtigen Mentor würde er sich dem Geheimen Rat
Götz nur als Krüppel oder als Leiche haben vorstellen können
»Vorgesehen Rechts links Donnerwetter wo stecken Sie Achtung
Augen links ein Omnibus«
Als Telemachos endlich in eine ruhigere Straße gerettet worden war wischte
sich der Leutnant schnaufend und blasend die hellen Angsttropfen von der Stirn
fächelte sich mit dem Sacktuch diese Stirn und seufzte
»Mit Erlaubnis zu sagen Kandidate das ist ja schlimmer schweisstreibender
und verantwortungsvoller als wenn ein Bauer sein Schwein zu Markte bringt«
Hans war nicht in der Stimmung den Vergleich übelzunehmen Er war einfach
schwindlig und hielt seinen Führer krampfhaft am Rockschoss und im Auge
»Nur ruhig wir haben jetzt klareren Weg vor uns Sechsmal gradaus und
sechsmal um die Ecke dann sind wir gerettet Im Grünen Baum wird abgekocht und
dann machen wir eine freie Nacht draus Vorwärts Marsch Das war n
Laternenpfahl junges Wort Gottes Marsch Marsch«
Sie standen eher vor dem Grünen Baum als Hans es vermutet hatte Und die
Tür des gastlichen Gebäudes stand offen und auf dem hell erleuchteten Hausflur
stand der Wirt und ohrfeigte einen sehr jugendlichen und sehr hoffnungsvollen
Ganymed der vor der Tür der Gaststube die Zungenspitze vorwitzig in die
Nektarschale des Zeus steckte vulgo in das Glas Punsch welches der Herr Oberst
von Bullau bestellt hatte
Aber die geballte Faust des Wirtes zum Grünen Baum öffnete sich es öffneten
sich die drohenden Falten seines Gesichts der Knabe Louis entfloh seinem
Griffe und das Geheul des Knaben verklang in der Tiefe des Hauses Nimmer wurde
ein müder Wanderer unter einem Schenkenzeichen freudiger begrüßt als der
Leutnant Rudolf Götz unter dem Schilde des Grünen Baumes Der Grüne Baum und der
Leutnant Götz kannten einander seit langer Zeit und Hans Unwirrsch zog
ebenfalls Vorteil aus diesem freundschaftlichen Verhältnis
»Das Nest beisammen Lämmert« fragte der Leutnant
»Jeder Vogel auf seinem Zweig« antwortete der Wirt in ordonnanzmässiger
Positur beide Hände an den Hosennähten
»Bullau«
»Auf seinem Zweig im Baum«
»Schön Stoff«
»Propre« antwortete der Wirt den Zeigefinger langsam und bedeutungsvoll
über die Lippen ziehend
»Sehr schön Ich gehe in das gewohnte Loch und hier der Herr Kandidat
erhält das Zimmer nebenan«
»Zu Befehl Herr Leutnant« antwortete der Wirt mit einem Seitenblick auf
unsern Hans eine Glocke ziehend »Johann der Herr Leutnant auf sein Zimmer
der andere Herr auf Numero dreizehn Licht schnell marsch«
Treppauf marschierte mit dem Lichte Johann der Hausknecht den der Leutnant
ebenfalls seit längerer Zeit zu kennen schien Die beiden Reisenden folgten ihm
der Wirt aber sah ihnen nach goss langsam den Punsch welcher für den Oberst von
Bullau bestimmt gewesen war die eigene Gurgel hinab und bündelte alle seine
Verwunderung und alle seine Ideen über Hans Unwirrsch und das Erscheinen
desselben im Grünen Baum zusammen in dem ausdrucksvollen Worte »Putzig«
Sechzehntes Kapitel
Hans Unwirrsch stand noch längere Zeit betäubt in der Mitte des ihm angewiesenen
Gemaches und sah auf die trübe Kerze die Johannes auf den Tisch gestellt hatte
bis ihn ein großes Wassergeplätscher nebenan aus seiner Betäubung
emporschreckte Der Leutnant Götz schnaufte und schnob gleich einem Walfisch in
seinem Waschnapf und nun wusch sich auch der Teologe Eben war er mit der
Toilette fertig als auch schon sein Begleiter den Kopf in die Tür steckte
»Angenehmer Ort nicht wahr Etwas schmal niedrig und dunkel aber sehr
angenehm Kandidate Lag hier nach der Schlacht bei Friedland vier Wochen in der
Gesellschaft von Ratten Mäusen alten Besen und Stiefeln versteckt Sehr duftig
und sehr angenehm Haben ein wenig gelüftet seit dem Jahre sieben Lämmert
senior Vater von Lämmert junior Unteroffizier in unserm Regiment Patriotische
Gemüter drinnen französische Spürnasen draußen Rettung Tugendbund Aufruf
an mein Volk Leipzig Waterloo Viktoria Äusserst angenehm Kommen Sie wenn
Sie im Wichs sind man wartet drunten auf uns wir sind gemeldet«
Mehr denn bloß erwartungsvoll folgte Hans seinem Führer die Treppe hinab
und unten an der Treppe stand bereits Herr Lämmert der Wirt salutierte
abermals und riss mit Nachdruck eine Tür auf hinter welcher es sehr laut war
Dass die in dem Gemach anwesenden Herren rauchten sah man aber die
anwesenden Herren selber sah man anfangs nicht Selbst die Gasflamme über dem
Tische und die beiden Lichter auf ihm ließ sich kaum ahnen »ein Hof war um
sie her« wie um den Mond um welchen sich der gute Sir Patrick Spence im Schloss
zu Dumferline so kläglich hinter dem Ohr kratzte Magisch tauchte aber ein
Neuntöter nach dem andern aus dem Nebel auf und es waren lauter ältere Herren
deren jeder ein Glas mit irgendeinem behaglichen Getränk vor sich stehen hatte
und die sämtlich die beiden Eintretenden mit einem aufgeregten Gegrunze
begrüßten Präses der Gesellschaft schien ein alter Herr mit schneeweissem Bart
zu sein Hans Unwirrsch wurde ihm zuerst vorgestellt und erfuhr dass der würdige
Alte mit der kolorierten Nase der Oberst und Oberneuntöter von Bullau sei und
dass der Leutnant Götz einst in dem Regimente desselben gestanden habe Wir aber
berichten jetzt wer die Neuntöter eigentlich waren was sie wollten woher sie
ihren Namen genommen hatten und ob sie denselben mit Recht führten
Jedes Mitglied der Gesellschaft hatte einst mittelbar oder unmittelbar mit
dem Wehrstande in Verbindung gestanden jedes Mitglied fühlte mehr oder weniger
den Trieb der Geselligkeit und hatte ihn zu befriedigen gesucht obgleich nicht
jedes Mitglied unbeweibt und somit unbehütet unbeaufsichtigt durch das Leben
wandelte oder humpelte Jedes Mitglied der Gesellschaft hatte das Recht zu
rauchen und spirituöse Getränke jeder andern Feuchtigkeit vorzuziehen selbst
dem funkelnden Tropfen im Auge der bessern Hälfte daheim wenn besagtes Auge
schmerzlich sich auf den Nagel richtete an welchem der Hausschlüssel gehangen
hatte
Jedes Mitglied hatte das Recht zu lügen und Gäste einzuführen die fähig
waren bis zu einem gewissen aber ziemlich weit hinausgeschobenen Punkte
jedwede Erzählung für verbriefte besiegelte und beschworene Wahrheit zu nehmen
Jedwedes Mitglied hatte das Recht an jedem Gesellschaftsabend ein gewisses
Quantum Blut zu vergießen doch durften nach Paragraph acht der Statuten nicht
mehr als neun Leichen auf den Erzähler kommen Davon der sehr schöne Name des
Klubs
Ging ein exaltiertes Individuum über die heilige Zahl Neun in seinem Eifer
hinaus so verfiel es wenn auch nicht sehr drakonischen Gesetzen so doch der
sittlichen Entrüstung der ganzen löblichen Tafelrunde die in solchen Momenten
von dem Unbefangenen oder vielmehr dem Befangenen für den obersten Gerichtshof
der Wahrhaftigkeit genommen werden konnte
Die Neuntöter führten ihren Namen mit Recht nicht der kleinste Einwand ließ
sich dagegen erheben es fiel übrigens auch niemandem ein dagegen aufzutreten
Nicht alle Mitglieder der Gesellschaft waren festeingesessene Bewohner der
Stadt Der Oberst von Bullau zum Beispiel brachte einen großen Teil des Jahres
auf seinem Gute Grunzenow zu andere der Herren und Vögel waren in kleinen
Städten und Ortschaften der Umgegend zu Hause aber wen Geschäfte Reiselust
Vergnügen oder ein zusammengedrücktes Zwerchfell zur Hauptstadt führten der
suchte unter allen Umständen das alte Nest im Grünen Baum auf und war gewiss
einen Kreis wackerer Jugend und Kampfgenossen an dem runden Tisch
zusammenzufinden
Nachdem der Oberst von Bullau den Kandidaten einer kurzen aber eingehenden
Untersuchung unterzogen hatte entließ er ihn für dieses Mal mit dem Prädikate
»dienstfähig« und Hans wurde von dem Leutnant Götz jetzt auch den anderen
Herren vorgestellt
Zuerst machte er seinen unbeholfenen Diener vor einem rotgesichtigen
vollwangigen apoplektischen Neuntöter dessen Haupteigenschaften ein inniges
Wohlwollen und Wohlbehagen und ein merkwürdiger Husten waren Wohlbehagen
Wohlwollen und Husten schienen in seinem Innern im immerwährenden Kampf zu
liegen und erschütterten seinen respektablen Bauch wechselweise Dieser Herr
hatte einst der Artillerie angehört und erzählte an diesem Abend eine sehr
interessante Geschichte von einer feindlichen Kanonenkugel bei BarsurAube die
so verständig in die Mündung seiner des Erzählers eigenen Kanone geflogen
sei und sich so regelrecht auf die Pulverladung gesetzt habe dass »das
herauskam was ich ein richtiges Fangballspiel nenne Paff wir schickten sie
ihnen wieder und da sie uns allbereits das Schwanzende zugekehrt hatten so
hatten sie das Schlimmste davon und der Spaß kostete sie elf Beine welche wir
nachher auf einem Haufen fanden als wir zur Strecke kamen«
»Elf elf Beine« fragte der Oberst von Bullau die Augenbrauen bedenklich
in die Höhe ziehend »Lauter rechte oder lauter linke Kamerad«
»Sechs rechte und fünf linke Kamerad« antwortete ohne Zögern der
Artillerist und war gerettet
»Macht sechs Mann« summierte der Oberst und alle Neuntöter gestanden der
Geschichte »nach Adam Riese« ihre Meriten zu
Neben dem dicken Artilleriekapitän saß auf seinem Ast ein Vogel mit einem in
der Tat unheimlichen Ausdruck im linken Auge und einem diabolischen linken
Vatermörder der triumphierend gradauf stand während sein rechter Genosse
schlaff und geknickt herabgesunken war Dieser Herr nahm nur mit der linken
Seite Notiz von dem Kandidaten als solcher ihm vorgestellt wurde er erzählte
an diesem Abend durchaus keine Geschichte aber er war selbst eine Zum
Finanzfach gehörte er und der Leutnant Götz flüsterte seinem Schützling ins
Ohr der Kamerad Schwappler sei heute »links« und werde morgen »rechts« sein
seine Schwapplers Ansicht von der Behandlung der Organisation des Menschen
bestehe darin dass man dieselbe am besten dadurch ausbilde und erhalte wenn man
in allem was sie betreffe einen Wechsel von rechts nach links und umgekehrt
eintreten lasse heute sei der Kamerade links knöpfe seinen Rock nach links zu
und sein ganzes Wesen dito morgen sei er rechts Er nenne das sein »Debet« und
»Kredit«
Hans Unwirrsch betrachtete das Phänomen mit großem Staunen und schweigend
sah ihn der Steuerrat mit dem linken Auge an schweigend schlürfte er seinen
Grog mit dem linken Mundwinkel schweigend blies er aus dem linken Mundwinkel
dichte Tabakswolken
Einem sehr missvergnügten Neuntöter wurde Hans vorgestellt und einem sehr
fröhlichen der aber nur einen Flügel oder einen Arm hatte Das Abendessen
welches der Leutnant Götz für sich und seinen geistlichen Begleiter bestellt
hatte war jetzt angekommen und mit nicht geringem Appetit folgte Hans der
Einladung seines Führers und »hieb ein« der eben erwähnte fröhliche Herr aber
hielt es sofort für seine Pflicht den Kandidaten durch eine recht appetitliche
Geschichte zu erfreuen und zum Angriff zu ermuntern
»Bouillon und Beefsteak« sagte der fröhliche Herr einen Blick auf Hans
die Schüsseln und Hansens Teller werfend »Ist mir sehr zuwider sehr
Unbehagliches Gefühl wenn einem ein geliebtes Glied seines eigenen geliebten
Körpers als Bouillon und Beefsteak vorgesetzt wird Was denken Sie Herr
Pastore wer von dem was in diesen Ärmel gehörte satt geworden ist«
Hans wagte schüchtern seine Meinung dahin auszusprechen dass es »Würmer«
gewesen seien welche diesen Genuss gehabt hätten und er fühlte sich sehr
erleichtert als der fröhliche Herr die noch vorhandene Faust schwer auf den
Tisch fallen ließ und rief
»Richtig ganz recht Ins Schwarze getroffen Herr Schwarzrock«
Messer und Gabel legte der Herr Pastor aber nieder als der fröhliche Herr
jetzt fragend hinzusetzte
»Aber was für Würmer« und die Frage selber beantwortete »Die vier Würmer
meines Bauern zu Niederkrayn an der Wütenden Neisse wo alles aufgefressen war
bis auf meinen Arm den mir der Feldscherer abgesägt hatte Es ging uns hart an
aber was konnte es helfen ich kriegte die Brühe und die andern den Braten Der
Mensch tut vieles was er nicht lassen kann«
Der Kandidat der Theologie Johannes Unwirrsch tat auch was er nicht
lassen konnte er legte Löffel Messer und Gabel nieder sah den fröhlichen
Herrn mehrere Augenblicke starr und bleich an wischte den kalten Schweiß von
der Stirn und goss auf das Gewühl und Rumoren in seinem Innern sehr schnell
hintereinander drei Gläser Wein die ihm bei seinem aufgeregten Zustande
baldigst zu Kopfe stiegen Der fröhliche Herr spürte wie wir leider sagen
müssen nicht die mindesten Gewissensbisse über die Wirkung seiner Erzählung
der Leutnant Götz war abgestumpft gegen ihre Wirkung und die übrigen Herren
hatten ihr Abendbrot längst hinter sich und in Sicherheit gebracht
Noch manche wunderbare Historien Behauptungen und Bemerkungen bekam Hans an
diesem Abend zu hören aber nicht alle wurden zu seinem speziellen Vergnügen und
Behagen zum besten gegeben Die Neuntöter nahmen einander nichts übel und am
schlimmsten waren jedenfalls diejenigen daran welche durch ihre Frauen an ihrer
Pflicht als Gesellschaftsmitglieder gehindert wurden Arme Burschen aber es
geschah ihnen schon recht hatten sie das Vergnügen ihres Zustandes so mussten
sie auch seine Molesten auf sich nehmen
Sehr viel lernte Hans an diesem Abend und nicht alles auf seine Kosten Die
Haare standen ihm seit der Bouillongeschichte noch öfters zu Berge aber er
erkannte doch auch dass die Neuntöter im Grunde recht wackere anständige
ehrliche Gesellen waren
Immer mehr trat es hervor dass der Leutnant Rudolf Götz ein sehr angesehenes
Mitglied des Vereins war und es zu sein verdiente Er log fabelhaft und war
übrigens der einzige der heute die gesetzmässige Leichenzahl überschritt und
dadurch dem allgemeinen Gegrunz Oho Aha und Hurra verfiel
Nach zehn Uhr erhoben sich diejenigen der alten Knaben welche am meisten
mit dem Podagra zu schaffen hatten und nach elf Uhr befanden sich Bullau Götz
und der Kandidat Unwirrsch allein an dem runden Tisch der in seiner Mitte einen
klaffenden Spalt hatte der wie der Oberst schmunzelnd gegen Hans bemerkte
jedenfalls entstanden war weil selbst der Tisch das Bedürfnis fühlte das Maul
aufzureissen über das was er an jedem Abend zu hören kriegte
Der Oberst von Bullau der Leutnant Götz und der Kandidat Unwirrsch litten
bis jetzt noch nicht an der Gicht und nichts hinderte sie noch einige
Augenblicke vergnüglich zusammenzubleiben wenngleich vor Hansens Augen die
Umgebung sich nicht mehr in den bestimmtesten Umrissen präsentierte Da war ein
lebensgrosses Porträt des Marschalls Vorwärts an der Wand und immer
bedrohlichere Blicke warfen Seine Durchlaucht auf den Theologen Da stand auf
dem Ofen in der Ecke die Büste des weisen aber mopsnasigen Mannes Sokrates die
immer sehr verwundert sich hiesigen Orts zu finden in diesen Augenblicken
mit wahrhaft beängstigendem Ausdruck der Missbilligung von ihrer Höhe in den
Dampf hinuntersah Der Philosoph war vorzüglich schuld daran dass der Kandidat
Unwirrsch für ein »letztes« Glas Punsch herzlich dankte Hans fühlte es innig
dass dieses »letzte Glas« unbedingt der Giftbecher für ihn sein würde Auch die
Zigarre legte er fort und tat wohl daran
Aber jetzt erst erfuhr der Oberst von Bullau ganz genau wer der Gastfreund
der Neuntöter eigentlich sei und wie es komme dass er mit dem Leutnant Götz
komme
»I verflucht« sagte der Oberst von Bullau als er erfuhr dass der Herr
Kandidate jener Präzeptor sei welchen der Kamerade Götz so lange für das Haus
seines Bruders gesucht habe Weiter sagte der Herr Oberst jedoch nichts Hans
Unwirrsch durfte zu Bett gehen und ging Was die beiden alten Kriegsmänner
weiter sprachen und taten nachdem Hans schlaftrunken unter der Aufsicht und
Beleuchtung des Hausknechtes treppauf geschwankt war können wir nicht
verkünden Jedenfalls gingen sie noch nicht zu Bett
Trotzdem dass zuerst ein unbekannter aber höchst bösherziger und
schadenfroher Geist großes Vergnügen daran fand erst das Fussende des Lagers des
Kandidaten bis an die Zimmerdecke emporzuheben und darauf das Kopfende fiel
Hans zuletzt doch in einen tiefen schweren Schlaf der ihm weder erfreuliche
noch drohende Bilder vorgaukelte Nicht eine der fabelhaften Geschichten die er
im Klub der Neuntöter vernommen hatte drückte ihn als Alp und als er erwachte
war es heller Tag und der Leutnant Götz stand vor seinem Bett frisch scharf
und fidel als sei auch um ihn kein Gespenstertanz in der Nacht aufgeführt
worden
»Na junger Mensch heute stehen Sie noch unter meinem Kommando« sagte der
Leutnant »Zu den Waffen also Marsch aus den Federn Morgen um diese Zeit
sollt Ihr die Mundwinkel nach Belieben herunterziehen dürfen heute aber
aufwärts mit dem Riecher Die Jugend kann die Nase nicht hoch genug heben was
man auch dagegen sagen mag Marsch in die Kleider Sie schwarzgebundenes
Prachtexemplar aus unseres Herrgotts Regimentsbibliotek«
Wir wollen und können nicht auf allen Wegen welche der Leutnant an diesem
Tage unsern Freund führte mitgehen wenngleich es sehr respektable und
anständige in jeder Beziehung anständige Wege waren Nicht nur durch Kneipen
und Konditoreien führte den Theologen der Kriegsmann Er schleifte ihn durch das
Arsenal und verschiedene Waffensammlungen ließ aber mit Verachtung freilich die
Bibliothek zur Seite liegen Dagegen schien er sehr gern bunte Bilder in den
Fenstern der Kunstläden sowie in den Museen zu sehen und entwickelte dabei die
eigentümlichsten Kunstansichten Die antiken Bildsäulen erklärte er für
prachtvolle Kreaturen und »ganz außerordentlich dienstfähig« führte jedoch im
Grunde seinen Begleiter nur deshalb in die Galerie der Skulpturwerke um ihm ein
ziemlich unanständiges Basrelief zu zeigen auf welches ihn selber höchst
frivolerweise der Herr Oberst von Bullau aufmerksam gemacht hatte
Verschiedene Genüsse hatten und verschiedene Fährlichkeiten bestanden die
zwei Herumtreiber den Tag über In einen Streit mit einem in ungewöhnlicher
Weise jähzornigen Droschkenkutscher geriet der Leutnant eigentlich durch seine
eigene Schuld rief aber auch nicht die Polizei zu Hilfe sondern machte zuletzt
sogar gemeinschaftliche Sache mit dem Droschkenkutscher gegen die Polizei Der
Leutnant Götz hielt es nicht unter seiner Würde in einem sehr tiefen sehr
dunkeln und sehr feuchten Viktualienkeller einen Bittern mit dem
Droschkenkutscher zu trinken während die Polizei grimmig von der Straße in das
Loch hinabsah und den armen Hans als das ihr verdächtigste Subjekt von den
beiden Bauernfängern scharf ins Auge nahm
Am Abend fand sich Hans Unwirrsch wirbelig von allen Erlebnissen des Tages
plötzlich wieder im Grünen Baum vor einem nahrhaften Abendessen Den fröhlichen
Herrn fand er aber glücklicherweise nicht und durfte somit das Seinige in
Frieden genießen
Nach dem Abendessen erklärte der Leutnant dass er nunmehr bereit sei seinen
Schützling in die Oper zu führen und sämtliche anwesende Neuntöter erklärten
diese »Idee« für sehr unzurechnungsfähig und sehr lächerlich Der Leutnant
führte jedoch seinen Kandidaten ohne weitere Diskussion der Frage aus dem
trauten Nest der biederen Vögel hinweg und letztere entliessen das »bunte und
schwarze Tuch« mit einer knatternden Abschiedssalve der bemerkenswertesten
Bemerkungen und der anzüglichsten Anzüglichkeiten
Don Juan Wenn der Mensch mit Mühe und Not in dunkeln engen Straßen
hinter wackelnden Tischen in Kälte und Hunger großem Hunger aufgewachsen ist
und es endlich endlich zum Kandidaten der Theologie gebracht hat wenn der
Mensch dazu noch gar Johannes Unwirrsch heißt und soviel im Innern und sowenig
nach außen hin erlebt hat dann ist es ein merkwürdig Ding wenn er zum
erstenmal in ein großes Schauspielhaus tretend sich diesem Bruchstück
menschlicher Unsterblichkeit gegenüberfindet
Der prächtige Saal die Menschen die Lichter berauschten den Theologen
mehr als das der Wein am vergangenen Abend vermochte Wie war es möglich dass
solch ein reiches farbenprächtiges Leben rauschen konnte ohne dass Tausende
Hunderttausende Millionen eine Ahnung davon hatten
Wer hat nie das tiefschmerzliche Gefühl des Versäumtabens kennengelernt
Elans Unwirrsch empfand es in diesem Augenblick wieder einmal recht sehr wenn
auch nur auf eine flüchtige Minute
»Lasst Euch nicht verführen durch das närrische Gewimmel« sagte der
Leutnant der beide Arme auf die Brüstung der Loge im dritten Rang stützte und
dabei aussah als ob er sehr gern in die Tiefe hinabgespuckt haben würde »Das
muss man kennen um es zu würdigen Herr Kandidate Das imponiert nur das erste
Mal wartet nur auf die Musik vor ihr ist dieses Gekribbel Gekrabbel und
Affenspiel wie Schaum der verfliegt wenn man dagegenbläst Es hat nichts auf
sich mit diesem Flitter Da ist die Ouvertüre nun sind wir alle tot und nichts
und lebendig ist allein Wolfgang Amadeus Mozart«
Der Vorhang ging auf Leporello greinte und grinste Don Juan lästerte
Donna Anna erschien in Verzweiflung Wut und im Nachtrock auf der Bühne der
Komtur wurde erstochen um später im Lapidarstil den Wüstling zu überzeugen dass
es sehr gefährlich sei Leute von rachgierigem Gemüt mit denen man nicht auf
dem besten Fuß steht zum Souper einzuladen Wenn der Komtur im letzten Akt eine
für Sandstein oder Marmor etwas ungewöhnliche Lebendigkeit zeigte so saß Hans
Unwirrsch wirklich wie versteinert dabei da und erwachte nicht eher zum
Bewusstsein seiner selbst, bis der lebenslustige heitere junge Spanier kopfüber
in den feurigen Pfuhl gestürzt und der Vorhang niedergerollt war
Das Rauschen und Durcheinander der sich erhebenden und drängenden Menge
trieb auch den Kandidaten empor aber der Leutnant zog ihn am Rockschoss wieder
auf die Bank herab
»Bleiben Sie sitzen Unwirrsch« sagte er »ich liebe es nicht im Wirbel
aus solcher Musenbude herausgeschoben zu werden Ich bin gern der letzte im
Theater obgleich den Menschen dabei ein Gefühl überkommen kann als ritte er
der letzte von einem Schlachtfeld Es ist aber ein nützlich Gefühl auf all den
Spektakel«
Sie blieben sitzen und so wurde es allgemach leer um sie her sie sahen die
Lampen erlöschen und zuletzt den gewaltigen funkelnden Kronleuchter sie gingen
nicht eher bis der Logenschliesser und der wachtabende Soldat ihre Blicke mit
Winken verbanden
»Nicht wahr das gehörte dazu« fragte der Leutnant als sie auf der Gasse
standen und Hans konnte nur stumm und fröstelnd mit dem Kopfe nicken
»Etwas Warmes darauf« sagte der Leutnant dann aber auch »Rechtsum
Gradaus Rechten linken Sie wollen lieber heimgehen Haben etwas Kopfweh
Dummes Zeug Ich habs Ihnen ja schon gesagt morgen können Sie mit sich
anfangen was Sie wollen heute aber trage ich die Laterne Hier sind wir
nehmen Sie sich in acht dass Sie nicht auf der Treppe stolpern«
In eine bekannte Weinstube nicht weit von dem Theater führte der Leutnant
den Theologen und vermischte auf dem Wege dahin allerlei Melodisches aus der
eben gehörten Oper mit allerlei Hindeutungen auf die Annehmlichkeiten und
Zuträglichkeiten von Kaviar und Rüdesheimer
Nicht wenig wunderte sich der Kandidat der Theologie als er in dieser
Weinstube den Komtur ohne eine Spur von Mehlstaub im Gesicht an einem Tisch mit
dem Verführer seiner reizenden Tochter sitzen sah Ohne den Leutnant wurde Hans
nimmer darauf gekommen sein dass es diese beiden behaglichen Herren mit dem
prachtvollen Appetit waren die ihm vorhin die Seele halb aus dem Leibe gesungen
hatten Manch ein unscheinbares Individuum zeigte der Leutnant seinem jungen
Freunde in dem weiten Gemache und raunte ihm den Namen desselben in das Ohr
worauf Hans mehrfach besagtes Individuum beinah mit Andacht betrachtete Mehrere
sehr durstige und berühmte Künstler wurden ihm gewiesen und auch einen der
grössesten Geister im Lande einen geliebten berühmten lyrischen Dichter sah er
mit ehrfurchtsvollem Schauder und tiefer Rührung und zwar von einem ganz neuen
Gesichtspunkt aus der Poet litt an einem furchtbaren Katarrh trank Eierpunsch
und wurde Punkt elf Uhr von einem schrillstimmigen lumpenhaften Dienstmädchen
nach Haus beordert »Frau Doktorn lässt eine Empfehlung bestellen und sie habe
nicht länger Lust allein wach zu sitzen und auf Herrn Doktor zu warten«
»Mi fa pietà Masetto« sang seltsamerweise diesmal nicht Zerline sondern
der Komtur im kläglichsten komischen Bass und der Lyriker wickelte einen sehr
bunten Schal um den Hals und wurde von dem kategorischen Aschenbrödel abgeführt
Hans Unwirrsch hörte ihn draußen unter dem Fenster vorüberniesen und las von
diesem Moment an die Lieder des geweihten Sängers mit gänzlich veränderten
Gefühlen
In diesem Lokale verwandelte sich auch der Leutnant aus einem Erzähler in
einen Zuhörer mit hoch emporgezogenen Augenbrauen saß er hinter seiner Flasche
und Zigarre und gab acht auf die Umgebung
Es war ein immerwährendes Kommen und Gehen die Kellner stolperten
übereinander in hastiger Verrichtung ihres Dienstes Fast das ganze
Opernpersonal männlichen Geschlechts fand sich allmählich zusammen doch auch
viele andere Herren kamen
»Je später der Abend desto schöner die Leute Da kommt Teophile« rief
plötzlich Don Giovanni als sich die Tür wieder einmal öffnete »Da ist Stein
Hierher hierher Doktor Der Dichter soll mit dem König gehen «
»Welches hier wohl soviel heißen will als der Kritiker soll mit dem Sänger
trinken« sagte lächelnd der als Doktor Stein bezeichnete Herr indem er dabei
vorsichtig seine eleganten Handschuhe auszog
Der Leutnant Götz hatte eben seinen Platz verlassen um in einem Nebenzimmer
einen Bekannten aufzusuchen dessen Stimme er durch all den Lärm gehört hatte
Hans Unwirrsch der jetzt allmählich Lust bekam die Augen ganz zu schließen
richtete sie noch mal auf seine Umgebung sah auf den fremden Herrn am
Nebentisch anfangs sehr flüchtig dann aber wie erstarrt zwischen Freude und
Schrecken
War es möglich War es eine Täuschung oder Wahrheit War er es oder war er
es nicht Kein Zweifel er wars trotz Bart und allem andern
Zitternd vor Aufregung erhob sich der Kandidat und trat zu auf den Herrn
der ihm jetzt den Rücken zuwandte Leise berührte er seinen Arm und jener
drehte sich um und sah dem Theologen voll ins Gesicht
»Moses Moses Freudenstein« murmelte Hans Unwirrsch beide Arme ausbreitend
zur Umarmung jener jedoch trat einen Schritt zurück und schien einen Augenblick
in seiner Erinnerung zu suchen während seine Augenbrauen sich zusammenzogen und
seine Lippen fest sich schlossen Aber er schien schnell wenn auch nicht
freudig überrascht zu einem Entschluss gekommen zu sein Er fasste fest beide
Hände des Kandidaten und zog ihn dicht zu sich heran
»Ei du bist es Hans Bist du es Welch ein Zusammentreffen Sprich nicht
so laut O wie ich mich freue Nenne meinen alten Namen nicht mehr ich will dir
später sagen warum nicht Jetzt bin ich der Doktor Teophile Stein Mach mir
hier keine Szene Freund Alle die Narren sehen auf uns Nachher morgen
nachher«
Moses Freudenstein schob den bestürzten Jugendfreund von sich und wandte
sich wieder zu den andern Herren Sie schienen ihn über den Auftritt und den
drolligen Schwarzrock auszufragen er flüsterte ihnen etwas zu und nun sah
jedermann mit einem gewissen wohlwollenden Lächeln auf den armen Hans
Noch einmal trat Moses zu dem Freund und sagte leise und eindringlich
»Geh zu deinem Tisch zurück Errege kein Aufsehen es hängt viel für mich
davon ab Sei ein guter Kerl Hans wie du es immer gewesen bist Mach uns hier
keine Szene«
Von allen Seiten wurde jetzt der Doktor Teophile Stein gerufen Er schien
ein sehr beliebter und bekannter Charakter zu sein Wie der Kellner in
Shakespeares »Heinrich dem Vierten musste er nach allen Seiten hin Gleich
Gleich antworten Bald war er von einer ganzen Schar der Anwesenden umgeben
jedermann horchte mit lachendem Munde auf seine Aussprüche Witzig scharf
zufahrend im höchsten Grade waren diese Aussprüche niemand schien ihm auf
irgendeinem Felde standhalten zu können nichts nichts nichts in dem Wesen
des Mannes erinnerte mehr an den dunkeln Laden in der Kröppelstraße an den
königlich westfälischen Lakai Hans war zu seinem Tisch zurückgewichen und
strich immer von neuem die Haare aus der Stirn es war ihm fast unmöglich an
das zu glauben was er sah und hörte«
Jetzt kam der Leutnant Götz zurück und sagte indem er neben Hans sich
wieder niederließ
»Ah da ist ja auch der Doktor Stein Ein merkwürdiges Menschenkind Herr
Kandidate Ist erst vor kurzem in hiesiger Stadt angelangt Literat
Journalist Buch über den Weltgeist oder dergleichen Ein fabuloses Mundwerk
Wenn ich nur wüsste wo ich das Gesicht schon gesehen habe Kann nicht sagen dass
mir der Mensch so außerordentlich gefalle aber die andern haben ohne Frage den
Narren an ihm gefressen«
Hans saß auf glühenden Kohlen er wusste wo der Leutnant seinen Moses
Freudenstein der sich jetzt Teophile Stein nannte gesehen hatte er musste es
sagen und doch durfte er es nicht denn plötzlich richteten sich die schwarzen
Augen des Jugendgenossen mitten aus dem Gewühl auf ihn Den Finger legte Moses
auf den Mund und schüttelte den Kopf Der arme Hans befand sich in
ungemütlichster Kollision der Pflichten aber die Kröppelstraße ging nochmals
aus dem Kampfe in der Brust des Theologen als Siegerin hervor das Postorn zu
Windheim unterlag An diesem Abend erfuhr der Leutnant noch nicht wer der
interessante Fremdling war Hans aber versprach sich fest dem Zwiespalt in
seinem eigenen Innern so schnell als möglich ein Ende zu machen er beruhigte
sich endlich in dem Gedanken dass es zu gegebener Zeit leicht sein müsse diese
beiden edlen Charaktere einander entgegenzuführen und vorgefallene kleine
Zwistigkeiten auszugleichen Das aber stand auch fest geschlafen hatte die
Seele des Kandidaten der Gottesgelehrteit Johannes Unwirrsch bis jetzt wie die
Prinzessin Dornröschen im Zauberwald und während dieses allzu tiefen Schlafes
hatte sich die Welt vollkommen verändert und den Kandidaten bei diesem Prozess
durchaus nicht vermisst In seinem Trübsinn bedachte Hans nicht dass die
verzauberte Prinzessin jung jung erwachte und dass das blühendste Leben anhub
im Schloss während draußen vor dem Walde die Leute so alt so sehr alt geworden
waren
Seit der Doktor Teophile erkannt hatte dass Hans ihn nicht an den Leutnant
verraten würde widmete er sich gänzlich dem eigenen fröhlichen Kreise ohne
weitere Notiz von dem Jugendgenossen zu nehmen Als aber der Leutnant sich zum
Abschied gerüstet hatte und zuerst aus der Tür gegangen war fühlte der Kandidat
plötzlich eine Berührung Moses stand neben ihm und drückte ihm eine Karte in
die Hand dann sprang er zurück küsste wie zärtlich die Fingerspitzen gegen den
Freund und Hans befand sich einen Augenblick später auf der Gasse an der Seite
des Leutnants Götz der heute auch übermüdet zu sein schien und an der Kammertür
im Grünen Baum schnell Abschied von seinem Begleiter nahm
Lange betrachtete der Kandidat in seiner Kammer die Karte mit der Adresse
des Jugendfreundes Schwer wog sie auf seiner Seele obgleich sie zart und
zierlich genug war
Siebzehntes Kapitel
Fast die ganze Nacht hindurch musste Hans Unwirrsch auf alle die Turmuhren
horchen deren Glockenklänge bis zu seinem Kopfkissen drangen Stimmen von jeder
Art vernahm er wie er wachend lag Zwölffach rief ihm die große Stadt jede
verrauschte Viertelstunde ins Ohr Aus der Nähe wie aus der Weite kamen die
Klänge erst die dumpfe ganz nahe Glocke dann die feine die in der Ferne
bimmelte und viel Ähnlichkeit mit der Passagierglocke eines Bahnhofes hatte Auf
das feine ferne Stimmchen das sonore Dröhnen von dem Nikolausturm und so fort
so fort eine Uhr und Glocke der andern dicht auf dem Nacken folgend
Es war ein eigen Ding zu liegen in dem fremden Haus der fremden Stadt der
fremden Welt die nächtlichen Stunden zählend und das vergangene Leben im Geist
zu wiederholen um die wirren tollen Erlebnisse der Gegenwart nur irgendwie
damit verknüpfen zu können
Wie stellte sich dieser Doktor Teophile Stein zu dem Moses aus der
Kröppelstraße dem Moses des Gymnasiums und der Universität Hans Unwirrsch gab
es auf darüber sich abzuquälen So unerklärlich diese plötzlich aus dem Boden
gestiegene Erscheinung sein mochte ihre Umrisse waren doch zu bestimmt und
scharf als dass es möglich gewesen wäre ihr Dasein in der Wirklichkeit zu
bezweifeln
Man kann an viele Leute denken während man die Stunden zählt in der Nacht
An Lebende und Tote kann man denken und vorzüglich an die letzteren denn die
Nacht ist die Zeit der Geister
An seine Toten dachte Hans an die Mutter ihren alten schwarzen
Sparkasten ihre guten treuen Augen und den Morgen an welchem er von seiner
Predigt heimkehrend diese Augen geschlossen fand An den Vater dachte Hans an
die glänzende Glaskugel an sein schönes Liederbuch Nun stieg allmählich die
ganze eng eingeschränkte Kindheit aus dem Dunkel empor und einmal richtete sich
der ruhelose Träumer schnell von seinem Lager empor weil er glaubte die
Stimmen der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum draußen auf der Treppe
zu hören Es war freilich eine enge begrenzte Welt die den Kandidaten in
dieser Nacht umgab als aber der Morgen graute hatte sie ihn fähig gemacht der
weitern Welt die sich jetzt vor ihm öffnete fest entgegenzutreten An diesem
Morgen brauchte der Leutnant Götz »seinen Präzeptor« nicht aus den Federn
aufzujagen vollständig gerüstet fand er ihn und bereit wie derselbe Leutnant
sich ausdrückte »einen breiten Buckel zu machen für alles was man ihm
auflegen mochte«
Dreimal ging der Leutnant Götz um den Kandidaten der Gottesgelehrteit
Unwirrsch herum und betrachtete ihn mit Wohlgefallen
»Wie auf der Bühne« sagte er als er zum drittenmal seinen Kreis vollendet
hatte »Was ist die Theologie ohne schwarze Hosen Was ist ein Präzeptor ohne
Frack Donner und Hagel famos Etwas aus der Mode aber sehr anständig
Freundchen wenn diese beiden schönen schwarzen Schwänze dem Bruder Theodor
nicht gefallen so so kanns nur an dem blauen Taschentuch liegen das
vielleicht etwas zu naseweis für die feine Frau Schwägerin zwischen ihnen ich
meine den Frackschössen hervorguckt«
Schnell schob Hans das Taschentuch so tief als möglich in den Abgrund der
Tasche der Leutnant aber rief
»Lassen Sie hängen Lassen Sie dreist hängen Deshalb habe ichs wahrhaftig
nicht bemerkt Was geht Sie der Theodor und die Kleophea an Wenn nur«
Der Alte brach ab Hans Unwirrsch erfuhr jetzt nicht was sich an dieses
»wenn nur« schließen sollte Um fünfzehn Minuten nach elf Uhr war er mit dem
Leutnant auf dem Wege zum Hause des Geheimen Rats Götz
Den Ratschlag des alten Kriegers sich vor dem Ausmarsch durch einen Kognak
zu stärken hatte Hans fest abgelehnt und der Leutnant hatte gesagt
»Alles in allem genommen mögen Sie recht haben mein Herr Bruder hat eine
ziemliche Nase und möchte durch dieselbe einen ungerechtfertigten Argwohn in
sich hineinziehen Vorwärts«
Schief hatte Hans den kandidatlichen Frack über dem klopfenden Herzen
zugeknöpft Aus dem Fenster des Grünen Baumes hatte der Oberst von Bullau
spaßhaftironisch mit einem weißen Taschentuch gewinkt lächelnd aber ohne
Ironie sah die Sonne vom Himmel auf den Präzeptor herab Das Wetter ließ heute
weniger zu wünschen übrig als die Stimmung des Leutnants Auf dem ganzen Wege
sprach oder brummte der vielmehr mit sich selbst die Mütze hatte er tief in die
Stirn gezogen die Hände schien er in den Taschen seines Oberrocks geballt zu
haben Wie er kurz angebunden war war durchaus nicht zum Entzücken und recht
ordentlich fuhr der Präzeptor zusammen als der übellaunige Führer plötzlich
schnarrte »Verflucht da sind wir ja schon«
Sie hatten erst die lebensvolle lärmvolle Geschäftsstadt hinter sich
gelassen hatten dann ein stilleres Viertel vornehmeres Viertel durchwandert
und gelangten jetzt durch einen Teil des Parkes zu der letzten Häuserreihe eines
noch vornehmeren Viertels welche sich den Park entlangzog und von ihm durch
Fahr und Reitwege getrennt war Durch kleine aber selbst in dieser frühen
Jahreszeit zierlich gehaltene Gärten gelangte man zu den Häusern dieser Straße
und vor einem eleganten eisernen Gartentor stand jetzt der Leutnant still und
deutete grimmig auf das elegante Gebäude jenseits des runden Rasenfleckens und
des leeren Springbrunnenbeckens
Grimmig zog der Leutnant die Glocke des Gartentores Sesam tat sich auf um
den Rasen und das Brunnenhecken schritten die beiden Herren Drei Treppenstufen
eine reich geschnitzte Tür die sich ebenfalls von selbst zu öffnen schien
ein dämmeriger vornehmer Flur bunte Glasscheiben die Töne eines Fortepianos
ein kreischender Papagei irgendwo in einem Zimmer ein Bedienter in Grün und
Gold welchem Hans Unwirrsch in der Verwirrung auf den Fuß trat und der es
verachtete von den gestammelten Entschuldigungen Notiz zu nehmen eine
geöffnete Tür ein Fräulein in Violett ein melodisch vergnügter überraschter
Ausruf und ein helles Gelächter des Fräuleins drei Viertel auf zwölf
»Der Onkel Der schreckliche Onkel Der Onkel Petz O welch ein Glück
Onkelchen Grimbart vor allen Dingen einen Kuss mon vieux«
Das Fräulein in Violett hing so plötzlich am Halse des bärbeissigen Alten
dass er den Kuss dulden musste und ihn wie es schien etwas weniger missgestimmt
erwiderte Dann machte er sich aber schnell aus den schönen Armen los schob das
Fräulein in Violett zurück und wandte sich an seinen schwarzen Hans
»Dies ist meine Nichte Kleophea meine Nichte mit dem frommen Namen und dem
bösen Herzen Hüten Sie sich vor ihr Herr Kandidate«
Der Herr Kandidat trat der jungen schönen Dame nicht auf den Fuß in
achtungsvollster Ferne verbeugte er sich vor ihr und sie erwiderte seinen Gruß
durchaus nicht unfreundlich Das wechselnde holdselige Licht ihrer Augen machte
einen großen Eindruck auf Hans trotz der Warnung seines treuen Eckarts
»Wollen Sie mir den Herrn nicht gleichfalls vorstellen Onkel Rudolf«
fragte Kleophea lächelnd »Meinen Namen und meinen Charakter haben Sie nach
Gebühr kundgemacht Sie wissen dass in meinem bösen Herzen Sie das lichteste und
behaglichste Winkelchen innehaben Nun seien Sie billig und «
»Herr Johannes Unwirrsch aus Neustadt Kandidatus der Gottesgelehrteit
ein junger Mensch wohlgeschickt verzogene Rangen von beiden Geschlechtern zur
Räson zu bringen ein Jüngling der meine ganze Billigung besitzt«
»Das ist sehr übel für Sie Herr Kandidat« sagte das Fräulein »Was mein
Herr Onkel billigt das wird in diesem Hause Jean ich bitte Sie um alles in
der Welt starren Sie uns nicht so geistreich an gehen Sie doch vielleicht
existiert irgendwo doch noch eine nützlichere Beschäftigung für Sie wird in
diesem Hause sehr oft ungemein oft nicht in seinem vollen Wert erkannt Aber
Sie gefallen mir und ich will Sie unter meinen allerleichtsinnigsten Schutz
nehmen Herr Umquirl«
»Unwirrsch Kandidatus teologiae Unwirrsch« schnarrte der Leutnant
»Bitte um Verzeihung« sagte Kleophea »Also Sie Herr Kandidat sind der
duldsame Herr den wir für unsern lieblichen engelhaften Aimé so lange und so
vergeblich gesucht haben O wie interessant Herr Rumwisch«
»Unwirrsch Zum Henker« rief der Leutnant »Ist dein Vater zu Hause
Mädchen«
Kleophea nickte »Marsch« kommandierte der Alte Jeans hasenhaft
aufgesperrte Augen und imponierender Backenbart erschienen als Kleophea Hans
und der Leutnant die Treppe hinaufstiegen von neuem auf dem Flur und ihr
entrüsteter Besitzer wartete mit Ungeduld auf den Wagen der gnädigen Frau
welcher die Nachricht dass der Hauslehrer in der Begleitung des Herrn Leutnants
Götz angelangt sei jedenfalls sehr interessant sein musste
An der Seite des Kandidaten stieg Kleophea die Treppe hinauf Der Oheim
stieg ihnen brummend nach
Zwölf Stufen Mit der dreizehnten wandte sich die Treppe nach rechts und
als Hans oben auf dem Korridor sich nach dem Leutnant umsah war dieser
verschwunden Der Kandidat stand mit Kleophea allein und das Fräulein amüsierte
sich sehr über den verblüfften Herrn Hauslehrer
»Ja wo ist er Wo mag er geblieben sein« lachte sie »Kennen Sie ihn von
dieser Seite noch nicht Er hat Sie hierher abgeliefert und ist verschwunden wie
ein alter schnauzbärtiger Zauberer Der Zauberwagen ist zu einer leeren
Nussschale geworden die Rosse haben sich als Mäuse verkrochen geben Sie nur das
Umsichblicken auf Herr Unwirrsch Der Alte wird höchstwahrscheinlich meine
Kusine Franziska aufgesucht haben Sie sind jetzt auf sich und mich allein
angewiesen hier ist das Zimmer meines Papas ich werde mir ein Vergnügen
daraus machen Sie vorzustellen Ohne Schmeichelei Sie gefallen mir recht gut
und ich hoffe dass wir beide in diesem Hause uns das Leben nicht allzusehr
verbittern werden«
Da sie ihn bei den letzten Worten ansah so war Hans ausserstande sich vor
ihr zu hüten wie ihm der Leutnant so eindringlich anempfohlen hatte Diese
braunen Augen besaßen eine Zaubermacht ersten Ranges und wenn Circe in nur
irgend ähnlicher Weise geblickt hatte so war es kein Wunder wenn Gryllus
lieber ein Schwein in ihrem Dienst als ein Koch im Dienst des Odysseus sein
wollte
Aber die Tür öffnete sich Durch einen eleganten Salon führte Kleophea den
Kandidaten in ein anderes Gemach voll Bücher und Aktenschränke Drei
Verbeugungen machte Hans Unwirrsch gegen einen umfangreichen mit grünem Tuch
überzogenen Tisch der auch mit Büchern und Akten bedeckt war Ein Herr saß
hinter dem Tisch und erhob sich bei dem Gruß aus seinem Sessel wuchs lang
lang immer länger dünn schwarz schattenhaft empor und stand zuletzt lang
dünn und schwarz zugeknöpft bis an die weiße Halsbinde hinter seinen Akten da
gleich einem Pfahl mit der Warnungstafel An diesem Ort darf nicht gelacht
werden
Kleophea lachte aber doch
»Der Herr Kandidat Unwirrsch Papa« sagte sie wieder verbeugte sich Hans
und der Geheime Rat Götz räusperte sich schien es sehr zu bedauern
aufgestanden zu sein blieb jedoch da er einmal stand stehen und fuhr mit dem
rechten Arm schnell nach dem Rücken was in jedem andern als dem Kandidaten die
Vermutung erregt haben würde jetzt drücke er auf eine Feder oder drehe eine
Schraube oder ziehe an einem Faden
Was er aber auch an den beiden Knöpfen am Hinterteil seines Frackes
vornehmen mochte die Folge davon war eine schlechte Nachahmung einer der sechs
theologischen Verbeugungen
»Der Herr Kandidat Unwirrsch« wiederholte Kleophea ihre Vorstellung
während der Papa in einem wirklichen geheimen Rat zu überlegen schien in
welcher Weise er den Präzeptor empfangen solle Jetzt entschloss er sich und
sagte
»Ich sehe den Herrn habe ihn auch bereits seit zehn Minuten erwartet heiße
denselben aber auch jetzt noch willkommen Ist meine Frau deine Mutter zu
Haus liebe Kleophea«
»Nein Papa«
»Sehr leid Herr Kandidat ich hoffe dass ein längeres näheres Zusammenleben
uns auch näher zusammenführen wird Kleophea wann wird meine Frau deine
Mutter nach Haus kommen«
»Ich kann es nicht sagen Papa Du weißt dass sich selten darüber etwas
Genaues bestimmen lässt«
Es schnurrte jetzt in dem Geheimen Rat und er räusperte sich bedenklich
Hans Unwirrsch hielt es für gelegen seinen festen Willen kundzugeben sich so
nützlich als möglich zu machen und seinem schweren aber auch segensreichen
Werke mit allen Kräften obzuliegen Er sprach dem Rate seinen besten Dank aus
für das Vertrauen welches er in einen unbekannten Mann gesetzt habe und
gelobte freiwillig es in keiner Weise zu täuschen
Der Geheime Rat hatte wieder hinten an seinem Mechanismus gedrückt und war
langsam in seinen Sessel hinter seine Aktenhaufen hinabgesunken Zweifelhaft
konnte es sein ob er über die Worte seines neuen Hauslehrers tief nachdenke
oder ob er dieselben gar nicht gehört habe aber wahrhaft magisch wars wie er
wieder in die Höhe fuhr als plötzlich der grüngoldne Lakai im Zimmer stand und
anzeigte dass die gnädige Frau soeben nach Haus gekommen sei und auf der Stelle
den neuen Lehrer sehen und sprechen wolle
»Gehen Sie Jean und sagen Sie meiner Frau ich würde ihr den Herrn
Kandidaten sogleich vorstellen Liebe Kleophea willst du nicht auch vorangehen
zu deiner Mutter«
Jean verbeugte sich und ging Kleophea zuckte die Achseln lächelte ironisch
und ging ebenfalls Als sie beide fort waren geschah ein Wunder der Geheime
Rat fasste den Kandidaten am Knopf zog ihn dicht zu sich heran und flüsterte ihm
zu
»Es ist mein Wunsch dass Sie in diesem Hause bleiben Sie gefallen mir
soweit sich Ihre Personalakte bis jetzt übersehen ließ sehr gut Ich wünsche
dass Sie auch meiner Frau gefallen mögen Tun Sie das Ihrige dazu und nun kommen
Sie«
Durch den schon erwähnten Salon führte der Geheime Rat jetzt den Kandidaten
zu dem gegenüberliegenden Zimmer an dessen Tür noch einmal eine merkliche
Veränderung über den Mann kam Die Federn in seinem Innern schienen plötzlich
ihre Spannkraft zu verlieren das Räder und Zugwerk versagte seinen Dienst die
ganze Gestalt schien kleiner zu werden der Herr Geheime Rat klopfte an die
Tür seiner Gemahlin und schien Lust zu haben vorher durch das Schlüsselloch zu
sehen oder doch an demselben zu horchen Einen Augenblick später stand Hans
Unwirrsch vor der Herrin des Hauses
Eine stattliche Dame in Schwarz mit Adlernase und Doppelkinn ernst wie
eine sternenlose Nacht auf einem dunkelfarbigen Diwan hinter einem
dunkelfarbig behängten Tische Feierlicher Eindruck des ganzen Gemaches Jeder
Stuhl und Sessel ein Altar der Würde Ernst keusch feierlich und würdig Wände
Plafond und Teppiche Bilder und Vorhänge alles in stattlicher Ordnung und
Gesetzteit bis auf den siebenjährigen kaffeegesichtigen geschwollenen kleinen
Schlingel der beim Anblick des Präzeptors ein entsetzliches widerliches
wütendes Geheul erhob und mit einer Kinderpeitsche Angriffe auf die Beine des
Kandidaten Unwirrsch machte
»O Aimé welch ein Betragen« sagte die Dame in Schwarz »Komm zu mir mein
Liebling rege dich nicht so schrecklich auf Kleophea willst du nicht dem Kind
das Peitschchen fortnehmen«
Kleophea zuckte wiederum die Achseln
»Ich danke Mama Aimé und ich«
Die gnädige Frau mit der Hand winkend rief
»Schweige nur ich weiß schon was jetzt kommen wird Sieh mein Püppchen
was ich dir für deine Peitsche gebe«
Einer Bonbontüte konnte das liebliche Kind nicht widerstehen es gab sein
Marterinstrument in die Hände der Mutter die dadurch alles erhielt was ihr
noch zur letzten Vollendung ihrer imponierenden Erscheinung fehlte
Mit der Peitsche in der Hand widmete sich jetzt die Geheime Rätin gänzlich
dem neuen Hauslehrer Sie unterwarf ihn einem strengen Examen und erbat sich die
allergenaueste Auskunft über die »Führung« seines Lebens Moral und Dogma des
jungen Mannes dem ein so kostbares Juwel anvertraut werden sollte waren ihr
sehr wichtig und nicht ganz gings bei einigen Einzelfragen ohne Stirnrunzeln
ab Im ganzen jedoch fiel das Examen zugunsten des Examinanden aus und der
Schluss war sogar recht befriedigend
»Ich freue mich hoffen zu können dass Ihr Wirken in diesem Hause ein
gesegnetes sein werde« sagte die gnädige Frau »Sie werden finden Herr
Kandidat dass der Herr Sie unter ein streng christliches Dach geführt hat Sie
werden finden dass der Same des Heils in dem Herzen dieses kleinen sensitiven
Engels bereits ausgestreut ist Unter meiner speziellen mütterlichen Aufsicht
werden Sie zur Entfaltung aller schönen Blüten in diesem jungen Herzen nach
Kräften beitragen und der Herr wird Ihr Werk uns zum Segen gereichen lassen
Demütigen und einfältigen Herzens werden Sie unter uns wirken und sich durch
kein weltliches Lächeln und Spötteln hier traf ein Blick und ein imaginierter
Peitschenhieb die schöne Kleophea beirren lassen Aimé mein süßes Blümchen du
darfst jetzt dem Herrn Kandidaten die Hand geben«
Das süße Blümchen musste die Aufforderung jedenfalls falsch verstanden haben
Statt dem Herrn Kandidaten die Hand zu geben zeigte es ihm etwas anderes und
brach von neuem in jenes vorhin erwähnte Mark und Bein durchdringende Geschrei
aus und als der Hauslehrer es wagte sich ihm zu nähern stieß es mit den Füßen
nach seinen Schienbeinen so dass er schmerzlich bewegt zurückwich und nur aus
der Ferne die Hoffnung aussprach dass Aimé und er bald vertrauter miteinander
werden würden
»Ich hoffe es auch« sagte die gnädige Frau »Ich hoffe dass Sie alles
aufbieten werden sich die Liebe und Zuneigung meines Knaben zu erwerben Durch
ein kindlich einfältigliches und demütiges Wesen lässt sich leicht die Liebe
eines Kindes erlangen O welch einen Schatz lege ich in Ihre Hände Herr
Unwirrsch O meine liebliche Sensitive mein Aimé«
Der Geheime Rat hatte während der ganzen Verhandlung nicht ein einziges Wort
gesprochen Er stand da und hielt wenigstens äußerlich alles was ward für
gut Was er im Innern seines Busens bewegte ward in keiner Weise kund der
gute Mann hatte gelernt in Gegenwart seiner Gemahlin stille in dem Herrn zu
sein
Kleophea war ganz verschwunden Was sie hinter dem Fenstervorhang hinter
den sie sich versteckt hatte trieb bleibt ebensosehr ein Geheimnis wie die
Gefühle des Papas Die Gefühle des Herrn Hauslehrers waren nicht die
angenehmsten Mit Unbehagen sah er in die Zukunft und gestand sich seufzend dass
auch Kohlenau seine Reize gehabt habe Er fühlte sich von einer Luft umgeben
die den Schweiß beförderte ihn aber auch zurückhielt Mit nicht allzu heißem
Dank dachte er an den Leutnant Rudolf Götz der ihm die Ehre und das Vergnügen
verschafft hatte in diesem Hause Erzieher zu sein Das rätselhafte Verschwinden
des Mannes im wichtigsten Augenblick und auf der Treppe konnte auch nicht zu
seinen Gunsten gedeutet werden Hans Unwirrsch fing an den Leutnant Rudolf Götz
für einen arglistigen Charakter zu halten der getreue Eckart verwandelte sich
in einen heimtückischen Irrwisch der mitten im Sumpf erlosch Hans Unwirrsch
sank unter den Blicken der Geheimen Rätin Aurelia Götz geborener von
Lichtenhahn langsam aber sicher in die Tiefe und weder hinter dem
Fenstervorhang noch hinter dem Rücken des Geheimen Rats kam eine helfende Hand
hervor
Von einer andern Seite streckte sich die hülfebringende Hand aus
»Wo ist Franziska« fragte die gnädige Frau Kleophea hinter dem Vorhang
wusste es nicht der Geheime Rat wusste es ebenfalls nicht
»Bitte Herr Unwirrsch wollen Sie die Güte haben die Glocke zu ziehen«
sagte die gnädige Frau und Hans Unwirrsch suchte mit den Blicken den Zug In
dem Augenblick aber wo er ihn gefunden hatte öffnete sich bereits die Tür die
aus dem Salon in das Gemach der gnädigen Frau führte und eine kleine
unscheinbare Gestalt im grauen unscheinbaren Kleide glitt mit gesenkten Augen
in das Gemach Hans Unwirrsch klingelte nicht An Franziska Götz hatte er
während der letzten halben Stunde nicht gedacht
»Da bist du ja Franziska« rief die Geheime Rätin »Meine Nichte Fräulein
Götz Herr Unwirrsch« fügte sie kurz hinzu und sah dabei womöglich noch
stattlicher aber auch noch viel gletscherhafter aus »Lass dem Herrn Kandidaten
sein Zimmer anweisen Kind wir haben ihn unter unsere Hausgenossen
aufgenommen«
Franziska Götz verneigte sich stumm und als sie unhörbar an Hans
vorüberglitt hob sie die Augen zu ihm empor um sie blitzschnell wieder zu
senken
»Folgen Sie dem Fräulein Herr Kandidat« sagte die gnädige Frau die
Peitsche weglegend Hans machte ihr abermals eine Verbeugung von welcher
diesmal keine Notiz genommen wurde er verbeugte sich vor dem Geheimen Rat der
wenigstens ein klein wenig auf seinen Mechanismus drückte und da der
Fenstervorhang sich jetzt leise bewegte so machte Hans auch dem eine
Verbeugung dann folgte er dem Fränzchen des Leutnants Rudolf und erlaubte sich
auf dem Korridor tief aber doch vorsichtig aufzuatmen
Da stand auch wieder der majestätische Bediente dessen Backenbart immer
mehr anzuschwellen schien je länger man ihn betrachtete Über seine
Achselschnüre sah er mit legitimer Verachtung auf den »neuen Hauslehrer« und gab
nur zweifelhafte Geneigteit kund den ungentilen Hungerleider zurechtzuweisen
Fräulein Franziska Götz sah aber auch zweifelhaft auf den Mann in Grün und
Gold wandte sich dann an Hans und sagte leise
»Wenn Sie die Güte haben wollen mir zu folgen so werde ich Ihnen Ihr
Zimmer zeigen«
Sanft war ihre Stimme zärtlich und mild »ein köstlich Ding an Fraun« wie
der alte König Lear sagte und auf den Hacken drehte sich Jean bei ihrem Klang
und schritt davon mit ungebogenen Knien sehr auswärts und sehr überzeugt dass
er seine Stellung zu wahren wisse
»O mein Fräulein wie seltsam führt uns das Schicksal wieder zusammen und
wie sehr habe ich demselben dafür zu danken« rief Hans das Fräulein aber legte
den Finger auf den Mund und flüsterte
»Ich habe meinen Onkel Rudolf gesehen habe ihn gesprochen er hat mir
von Ihnen erzählt O mein armer treuer lieber Onkel Rudolf«
Sie schwieg aber Hans Unwirrsch sah eine Träne an ihren Wimpern er wagte
es nicht mehr sie anzureden sondern folgte ihr stumm in das zweite Stockwerk
des Hauses Im Innersten seiner Seele sagte er Gottlob Er musste wohl Ursache
dazu haben
»Hier ist Ihr Gemach« sagte Franziska eine Tür aufschliessend »Mögen Sie
frohe und glückliche Stunden darin verleben Es ist mein herzlicher Wunsch und
auch der meines Onkels Rudolf welcher Sie sehr gern zu haben scheint«
»Wie danke ich Ihnen wie dem Herrn Leutnant Und es ist alles so
unverdient was der Herr Leutnant an mir getan hat Es ist so traumhaft wie er
mein Geschick in die Hand genommen und mich in dieses Haus geführt hat«
»Er hat oft von Ihnen gesprochen seit jenem Abend an welchem wir in jenem
Wirtshaus zusammentrafen Ich war damals sehr bekümmert sehr unglücklich O der
gute Onkel Rudolf Auch mein armes Leben hat er geführt Ach wenn Sie ihn ganz
ganz kennten Herr Kandidat«
»Ich hoffe ihn nach seinem vollen Wert kennenund schätzenzulernen« rief
Hans »Bei längerm Aufenthalt in diesem Hause «
Wie erschrocken legte Franziska wieder den Finger auf den Mund
»In diesem Hause dürfen Sie nicht zuviel von dem Onkel Rudolf reden« sagte
sie »Die Tante liebt ihn nicht Es ist recht traurig«
»Ah« seufzte Hans Unwirrsch und im nächsten Augenblicke hatte ihn des
Leutnants Fränzchen allein in seinem neuen Aufenthaltsort gelassen er konnte
sich ihn genauer betrachten und aus dem Fenster sehen nachdem er die vier Wände
und die Gerätschaften gemustert hatte Die blautapezierten Wände die vier
Stühle der Tisch der Kleiderstock das kleine Sofa und der kleine Kanonenofen
hatten nichts Aussergewöhnliches an sich der Blick aus dem Fenster dagegen war
nicht so leichthin abgetan
Jetzt sprang der Brunnen inmitten des Grasplatzes und spielte lustig im
Sonnenschein mit einer glänzenden Messingkugel Da war das zierliche
Eisengitter welches das geheimrätliche Besitztum von dem Spazierweg der großen
Stadt schied Es war etwas Wunderbares für Hans Unwirrsch auf diesen Weg und
sein Gewühl von Wagen Reitern und Fussgängern hinabzublicken und vergeblich zu
warten dass der bunte Strom sich verlaufe Und da war jenseits des Weges für
Rosse Wagen und Fußgänger der waldähnliche Park und die schnurgraden Alleen in
die man hineinsah wie in einen Guckkasten Und wie musste das alles sein wenn
erst die Bäume grün waren Wahrlich diese Hoffnung auf dieses Grün konnte
allein schon einigen Trost im Grau der Gegenwart gewähren
Der Hausknecht vom Grünen Baum brachte jetzt mit einem Gruß des Herrn
Leutnants Götz die Reisetasche des Kandidaten und entriss denselben dadurch
seinen Fensterbetrachtungen An den Faktor zu Kohlenau musste der
zurückgelassenen Habseligkeiten wegen geschrieben werden aus dem
Taschenexemplar des griechischen Neuen Testamentes das Hans auf den Tisch
legte fiel die Karte auf welcher fein in Stahl gestochen zu lesen war
Dr Teophile Stein
Hedwigstr 25 2 Tr
Hans Unwirrsch hatte keine Zeit mehr zu träumen er musste überlegen so gut ihm
das bei dem Durcheinander der Gestalten und Verhältnisse in seinem Innern
möglich war Moses Freudenstein und der Leutnant Götz Moses Freudenstein und
Franziska Götz Franziska und die gnädige Frau die gnädige Frau und Kleophea
der Geheime Rat Jean in Grün und Gold bellum omnium contra omnes und Hans
Unwirrsch candidatus teologiae und Präzeptor mittendazwischen Es war ein
Zustand in welchem der Mensch wohl berechtigt war nach der Stirn zu greifen
wie jemand der mit verbundenen Augen längere Zeit im Kreise gedreht wurde und
der nach abgenommener Binde sich durchaus nicht fest auf den Füßen fühlt und
noch weniger weiß was er von seiner Umgebung denken soll
Auch Hans Unwirrsch fühlte das unabweisbare Bedürfnis einige Federn seines
Wesens schärfer anzuspannen und einige Schrauben desselben anzuziehen Er las
ein Kapitel des Neuen Testamentes und darauf eine Seite in einer Taschenausgabe
des Epiktet Nachher konnte er mit größerer Fassung dem stattlichen Jean unter
die Augen treten als dieser ihn zum Diner herniederentbot und die Bemerkung
fallenliess dass es anständig sei mit weißen Handschuhen dabei zu erscheinen
Zum erstenmal aß Hans Salz und Brot mit seiner neuen Lebensgenossenschaft
Wieder hatte er viele Fragen nach seiner Präexistenz zu beantworten und es
zeigte sich dass in seiner Präexistenz viele der Dinge, welche auf die Tafel
kamen noch nicht vorgekommen waren Die gnädige Frau blieb auch jetzt eine
Geborene von Lichtenhahn der Geheime Rat blieb was er war Kleophea lächelte
und zuckte die Achseln Aimé war sehr unaimable und Fränzchen saß zuunterst am
Tisch neben dem Kandidaten Hans Unwirrsch
Achtzehntes Kapitel
Der neue Hauslehrer orientierte sich nun in dem Hause des Geheimen Rates Götz
so gut es angehen wollte Den Leutnant bekam er richtig nicht wieder zu Gesicht
und so war er im Anfang vollständig auf sich allein angewiesen Dass das Regiment
des Hauses in den Händen der gnädigen Frau lag musste auch dem Befangensten bald
klarwerden in seinem Kollegio mochte der Geheime Rat eine Autorität sein in
seinem Heimwesen war er es jedenfalls nicht
Mit starker Hand führte Aurelia Götz geborene von Lichtenhahn das Zepter
nicht allein der Sitte und ließ selten etwas über sich kommen Bis an die
Grenzen des Reiches Kleopheas gebot sie unumschränkt Reunionskriege Ober jene
Grenzen hinaus waren jedoch immer erfolglos gewesen und so herrschte zwischen
Mutter und Tochter das was man in der Politik einen bewaffneten Frieden nennt
Kleophea erschien dem Hauslehrer als ein Wunder und sie war es auch in
mancher Beziehung Aussergewöhnlich schön war sie auch aussergewöhnlich
talentreich Sie zeichnete und malte vortrefflich doch am liebsten Karikaturen
sie spielte Klavier und sang wenngleich ihre Stimme nicht zu den klangvollsten
gehörte sie sprach und schrieb mehrere Sprachen am liebsten aber die
französische Sie las viel überschlug aber auch viel doch nie das was junge
Damen lieber überschlagen sollten Eine ihrer schrecklichsten Waffen gegen die
Mama war dass sie imstande war in einem vollen Gesellschaftszimmer höchst
unbefangen Bücher und Schriftsteller zu zitieren die einen ganzen Teetisch in
die Luft sprengen konnten In einem Damentee und noch dazu in einem frommen
den Boccaccio und den »Decamerone« zu nennen musste freilich auf die Mama wirken
wie ein Flintenschuss auf eine Schneealpe Es kam eine Lawine herunter aber
verschüttet wurde weiter nichts als einige Tassen Tee Das schöne Haupt der
Sünderin ließ sich nicht so leicht verschütten die glänzenden Augen leuchteten
munter durch alle eisigen stäubenden Wirbel und es befand sich in dem
entsetzten Zirkel keine Matrone die nicht ein Fräulein das sich in solcher
Weise blossgeben konnte zu vielen andern Dingen fähig hielt
Wie zornig nach jedem solchen Vorfall die Geheime Rätin Götz sein mochte und
wie sehr sie Recht dazu haben mochte recht behielt sie nicht Kleophea war eine
gewandte Dialektikerin fast so gewandt in der großen Kunst wie Moses
Freudenstein Mit tausend allerliebsten Bosheiten schlug sie die Mutter aus
allen ihren Verschanzungen und es gab keinen Engel im Himmel der das
Verhältnis zwischen der Geheimen Rätin Götz und dem Fräulein Kleophea Götz
gebilligt hätte
Kleophea hasste ihre Mama schon des Namens wegen welchen sie in der Taufe
von derselben erhalten hatte Von frühester Jugend an hatte sie gegen diesen
Namen Opposition gemacht und viel sehr viel in ihrer jetzigen
Charakterentwicklung war aus diesem Namen und der Opposition dagegen abzuleiten
Die Geheime Rätin war sehr kirchlich gesinnt und hatte in ihrem Boudoir
einen sehr zierlich geschnitzten Betschemel aufgestellt an welchem Kleophea in
ihrer Kindheit so oft und so lange hatte knien müssen dass sie es jetzt fast für
ihre Pflicht hielt sich an demselben und allem was damit zusammenhing zu
rächen Sie wurde im vollsten Sinne das Enfant terrible des Hauses und dass
unter so bewandten Umständen die Schrauben am und im Mechanismus ihres Vaters
vor ihren vorwitzigen Fingern sicher seien war eigentlich nicht zu verlangen
Der Geheime Rat hatte noch weniger Einfluss auf die Tochter als die Geheime
Rätin der Unterschied zu seinem Nutzen lag nur darin dass er der Vater nicht
so sehr darauf bestand seine Autorität auszuüben Seine Frau hatte ihn das
gelehrt
Um ihren Bruder kümmerte sich Kleophea durchaus nicht Sie erklärte ihn für
eine »ekelhafte kleine Kröte« und er durfte kaum sich in ihre Nähe wagen Sie
war die einzige im Hause welche die Tyrannei des kränklichen verzogenen Kindes
nicht duldete wodurch sich freilich das Verhältnis zur Mutter nicht
verbesserte
Ganz eigentümlicher Art aber war das Verhältnis der Tochter des Hauses zu
der darin aus Barmherzigkeit aufgenommenen armen Verwandten Anfangs war ihr
Kleophea mit großer Freundlichkeit und Teilnahme entgegengekommen eine
Bundesgenossin glaubte sie gewonnen zu haben hatte sich darauf gefreut mit ihr
zusammen den Schelm spielen zu können und fühlte sich um so mehr enttäuscht
als sie das Fränzchen nach der ersten Stunde ihres Zusammenseins für ein »Lamm«
erklären musste Nun versuchte sie es eine Sklavin aus der Kusine zu machen und
dieses gelang ihr wenigstens zum Teil In allen Dingen bei denen es nicht auf
das Weh anderer abgesehen war unterwarf sich das stille Fränzchen vollständig
der schönen munteren Kleophea doch zu keinem der vielen Streiche die das
Hauswesen dann und wann in Verwirrung brachten bot Franziska Götz ihre Hand und
Hilfe So war sie bald Vertraute bald das Gegenteil so wurde sie jetzt
geliebkost und verhätschelt um im nächsten Augenblick schnöde und kühl beiseite
geschoben zu werden Je nachdem die Wolken am Himmel des Hauses wechselten je
nachdem der Barometer der Mädchenlaune stieg oder fiel wurde des Leutnants
Fränzchen aus dem Winkel hervorgeholt oder in denselben zurückgetrieben Immer
gut sanft und freundlich blieb des Leutnants Fränzchen und nur ein scharfes
Auge konnte den oft so leidvollen Ausdruck ihrer Züge erfassen Man lernte
Franziska Götz doch nicht in der ersten Stunde kennen wie Kleophea sich
einbildete
Von der Tante wurde die Nichte nicht ganz so gut behandelt als man hätte
wünschen sollen Die Geheime Rätin hatte mit ihren beiden Schwägern nie auf dem
besten Fuße gestanden weder Felix noch Rudolf passten in den Kreis ihrer
Anschauungen sie hielt sie beide für »gemeine Naturen« im besonderen aber Felix
für einen »geächteten gottlosen Freibeuter und Jakobiner« und Rudolf für
einen »leichtsinnigen Bettler und unsittlichen Vagabonden« Dessenungeachtet
hatte sie die Waise gern in ihr Haus aufgenommen die Stadt sprach davon und
man konnte auch selber davon sprechen Es war Christenpflicht der Verlorenen
eine hülfreiche Hand zu bieten es war Verwandtenpflicht den Versuch zu machen
das »bejammernswerte verwahrloste Geschöpf« den anständigen Kreisen der
Gesellschaft zu erhalten Es gab keine Frau in der ganzen Stadt die ihre
Pflichten genauer kannte als die Geheime Rätin Götz aber ein so großer
sittlicher Vorzug das auch sein mochte Franziska fühlte sich darum nicht
glücklicher in der Temperatur dieser Pflichten denn kühl sehr kühl war diese
Temperatur
Von Kohlenau schickte der Buchhalter den Koffer mit einem Briefe in welchem
er mitteilte dass der neue Hauslehrer eingerückt sei dass aber er der
Buchhalter kein Agio auf ihn gäbe und dass er brutto wie netto ein Artikel sei
der keinem Menschen gefallen könne außer der Schwägerin Dieses alles ließ Hans
Unwirrsch auf sich beruhen er packte seinen Koffer aus und da fast mit jedem
Gegenstande der darin verborgen war eine Erinnerung früherer freierer
glücklicher Stunden ans Licht kam so trug das viel dazu bei ihm sein Gemach in
dem Hause des Geheimen Rates Götz behaglicher zu machen Viel hatte ihm die
Natur versagt aber die Kunst sich einzurichten hatte sie ihm gegeben und
damit ein großes Gut Den süßen Aimé durfte der Präzeptor natürlich nur unter
den Augen der Mama unterrichten und der Lehrer schwitzte dabei mehr als der
Schüler Manches hatte die Geheime Rätin an dem armen Hans auszusetzen seine
Lehrmetode seine Ansichten erschienen ihr oft im höchsten Grade tadelnswert
und dass er nicht schon jetzt ein Nervenfieber bekam hatte er nur der ungemeinen
Zähigkeit seiner Nerven zu danken
Dass Kleophea dann und wann bei den Lektionen zugegen war machte dieselben
auch nicht behaglicher Sie hatte eine Art über ihre Arbeit oder ihre Schulter
zu blicken welche zumal wenn die Mama redete sehr leicht in Verlegenheit
bringen konnte Sie war zu schön um andere Leute ruhig sitzen zu lassen und
selber ruhig zu sitzen Ihre Garnknäule rollten nicht durch Zufall sondern
meistens mit Absicht im Zimmer umher und die Fäden schlangen sich dann oft mit
großer Arglist um die Füße des Herrn Kandidaten und sehr schwer wurde es dem
Herrn Kandidaten sich von diesen bunten Fäden loszumachen während die Mutter
des jungen Gracchen den er unterweisen sollte stirnrunzelnd und drohend sich
über ihn wunderte Ob sich Franziska im Zimmer befinde konnte oft sehr
zweifelhaft sein meistens wurde ihre Anwesenheit erst durch eine
Seitenbemerkung oder einen frostig gegebenen Auftrag der gnädigen Frau kund Es
dauerte eine geraume Zeit ehe Hans auch aus andern Zeichen ihre Gegenwart
erkannte Der größte Trost für den Präzeptor lag in dieser Epoche in der
Gefrässigkeit seines Zöglings Sehr oft überarbeitete das heißt überass sich
Aimé und an den Tagen an welchen er dafür büsste und sich etwas zu voll fühlte
fühlte sich sein Lehrer verhältnismäßig erleichtert ja er kam sich dann
stellenweise wie einer jener jugendlichen Engel vor die beim Kinn aufhören und
für alle andern Gliedmaßen durch ein Paar hinter den Ohren befestigte Flügel
entschädigt sind An einem solchen Tage fand er auch Gelegenheit und Zeit von
der Karte Gebrauch zu machen die ihm der Doktor Teophile Stein in die Hand
gedrückt hatte und die ihm schon so viele Sorgen gemacht hatte der schiefen
Stellung wegen in welche er durch sie sowohl dem Leutnant Götz als auch der
Hausgenossin Franziska gegenüber kam Der Gedanke dass Moses Freudenstein am
meisten zur Lösung dieses für einen Menschen wie Hans so bedenklichen Knotens
beitragen könne kam ihm natürlich auch allmählich wieder in den Sinn
Wie ein Maikäfer der einem Knaben entwischte aber noch den Faden an dem
er gehalten wurde am Beine trägt flog Hans aus Das wonnige Gefühl der
Freiheit und Selbständigkeit mit welchem er quer durch den Park und durch die
ersten Straßen der Stadt schritt wich jedoch mehr und mehr je weiter er in dem
Gewühl vordrang Als er vor dem eleganten modernen Gebäude in der Hedwigstrasse
in welchem der Doktor Stein den zweiten Stock bewohnte stand fühlte er sich
wieder bedeutend beklommen starrte geraume Zeit nach den Fenstern hinauf und
hätte viel darum gegeben wenn der Moses oder Teophilus aus einem derselben
hätte heraussehen und rufen wollen »Na alter Kerl was stehst du da und
gaffst Es ist richtig es ist meine Bude komm herauf und salve«
Da aber niemand aus dem Fenster sah als eine alte Dame im ersten Stock und
diese sehr bedrohlich so blieb für Hans zuletzt doch nichts weiter übrig als
in das Haus hineinzutreten und die Treppe hinaufzusteigen Er nahm es für ein
günstiges Zeichen dass jene alte grimmige Dame nicht auch aus einer Tür guckte
als er über die Wachstuchdecke ihrer Hausregion schritt oder vielmehr auf den
Zehen schlich Er hätte nicht gewusst was er antworten sollte wenn sie ihn
gefragt hätte was er suche und ob sie nach der Polizei schicken solle Ohne
Fährlichkeiten erreichte Hans das zweite Stockwerk und die Tür an der ein
Porzellantäfelchen den geänderten Namen seines Jugendfreundes verkündete
Er klopfte fuhr aber mit höchst charakteristischem Ruck des Oberkörpers
zurück als nicht Moses sondern eine frische jugendliche Weiberstimme
»Herein« rief Er starrte nochmals das Schildchen mit dem Namen an es war ganz
richtig Dr Teophile Stein Wie lange er noch seine Zweifel hin und her
gewogen hätte wenn die Tür nicht von drinnen geöffnet worden wäre können wir
nicht sagen Aber sie wurde geöffnet und eine hübsche junge Dame mit sehr
schwarzem Haar und einem etwas aufgestülpten Näschen blickte auf den Korridor
hinaus und auf den schwarzen Theologen
Sie lachte sehr über den letzteren gab aber der Kürze der Zeit wegen keinen
Grund dafür an Hinter diesem heitern Fräulein tauchte das Gesicht Teophiles
auf und zwar mit etwas ärgerlich verlegenem Ausdruck er schien das Gebaren der
jungen Dame für unpassend zu halten und suchte sie in das Zimmer zurückzuziehen
Als er jedoch den Mann erkannte der geklopft hatte zuckte er die Achseln und
lächelte
»Ah du bists Hans Komm herein Du durftest auch ohne Anklopfen
hereintreten«
Er flüsterte dann der jungen Dame etwas sehr ernst fast böse ins Ohr diese
aber zuckte wiederum die Achseln fast wie Kleophea Götz und lachte ohne
viel auf die Worte des Doktors zu achten Sie hüpfte zurück in das Zimmer griff
ein zierliches rosiges Hütchen von einem Stuhl setzte dasselbe vor dem Spiegel
auf und warf zum größten Schrecken des Kandidaten der Theologie Johannes
Unwirrsch aus Neustadt diesem durch denselben Spiegel eine Kusshand zu was der
Doktor Teophile Stein wieder sehr missbilligte Den Zipfel eines schönen großen
Manteltuches reichte das Fräulein dem Kandidaten Unwirrsch und deutete ihm durch
lebendige Zeichen an dass sie ohne seine spezielle Hilfe nicht imstande sei
dieses Tuch um ihre hübschen Schultern zu legen In seine Verlegenheit und in
die weiten Falten des Schals verwickelte sich der Kandidat natürlich so sehr
dass die Heiterkeit des Fräuleins ihren Höhepunkt erreichte Der Doktor Teophile
machte der Sache dadurch ein Ende dass er dem unbeholfenen Theologen den Umhang
entriss und den Ritterdienst selber versah Nun verbeugte sich das Fräulein sehr
tief und feierlich vor beiden Herren um jedoch in demselben Augenblick in ihre
vorherige Lustigkeit zu verfallen
Wieder küsste sie die Hand gegen den Kandidaten Unwirrsch und
merkwürdigerweise rief sie ihm obgleich er ihr gar nicht vorgestellt worden
war von der Tür aus zu
»Bonjour monsieur le curé«
Zierlich wie ein Vogel entschlüpfte sie und der Doktor Stein folgte ihr auf
den Gang hinaus Noch längere Zeit vernahm Hans ihr helles Gelächter während er
sich in dem Zimmer seines Jugendfreundes umsah
»Famos« sagte er unwillkürlich beim ersten Blick und dieser
Studentenausruf war ganz und gar an seinem Platze Im reichsten Masse entfaltete
Moses Freudenstein den Luxus des gebildeten Mannes Die Unordnung die in dem
Gemache herrschte war nur scheinbar jedes Möbel stand da wo es stehen musste
um zur Bequemlichkeit beizutragen Bei einem zweiten Blick schüttelte der gute
Hans freilich den Kopf manches gefiel ihm bei näherer Betrachtung doch nicht
ganz einige Bilder und Statuetten erregten sogar seine höchste Missbilligung
die Reste eines üppigen Frühstücks auf dem Tische beunruhigten sein
Schicklichkeitsgefühl viel weniger als die Tiziansche Venus welche sich auf
ihrem Ruhebett so breitmachte
»Traitre va« rief die helle Stimme draußen auf dem Gange und einen
Augenblick später trat Moses in das Zimmer zurück und begrüßte nun den
Jugendgenossen aufs freundlichste
»Da bist du also endlich alter Hans« rief er »Du hattest an jenem Abend
wo du aus der Wolke tratest wie ein griechischer Gott versäumt mir deine Karte
zu geben ich würde dich sonst jedenfalls selbst aufgesucht haben denn ich
brenne vor Neugier zu erfahren wie du in jene Weinstube und in diese Stadt
kommst Setze dich Alter hoffentlich hast du noch nicht gefrühstückt«
Hans dankte sehr für alle leibliche Nahrung sein Herz war zu voll Über die
alten Erinnerungen vergaß er alles andere für diesen Augenblick gewann Moses
den alten Einfluss über ihn in seinem ganzen Umfange zurück Übrigens ließ ihm
der Freund auch gar nicht Zeit seine Ideen zu ordnen
»Es würde mir sehr leid tun wenn ich dich eben gestört hätte« hub Hans an
»Gestört In diesem Nest der Langeweile Keineswegs Du bist mir
willkommener als irgend jemand«
»Wahrscheinlich eine Verwandte von dir«
»Des südlichen Teints der schwarzen Locken und Augen wegen Du irrst dich
Schlaukopf Es ist eine Tochter Frankreichs echtes Pariser Vollblut das
heißt es ist eine eine arme Waise eine kleine Putzmacherin que sais je
der ich in Paris allerlei Gefälligkeiten erwiesen habe und die hierhergekommen
ist um bei den Damen hiesiger Stadt ihr Glück zu machen Denke nicht zu
schlecht von mir du frommes Blut«
Weshalb sollte Hans darum schlechter von dem Freunde denken weil dieser
sich einer armen Waise in bedrängten Umständen hilfreich angenommen hatte
Eifrig sprach er ihm seine ganze Billigung aus und setzte hinzu dass er etwas
anderes auch gar nicht von dem Jugendgenossen erwartet habe Moses Freudenstein
freute sich sehr die Meinung des Theologen getroffen zu haben und das Gespräch
wandte sich zu wichtigeren Dingen
Obgleich nun eigentlich Hans die meisten Fragen zu stellen hatte und
obgleich Moses Freudenstein von Rechts wegen hätte Antwort darauf geben müssen
so drehte letzterer sogleich das Verhältnis um Moses fragte und Hans
antwortete
»Nun sage alter Knabe wie ists gekommen dass du der Kröppelgasse untreu
wurdest Weshalb haben sie dich nicht zum Stadtpfarrer von Neustadt gemacht die
Philister Was treibst du hier in Babylon Wo wohnst du Wie lebst du«
Hans berichtete dass er Hauslehrer im Hause des Geheimen Rats Götz sei und
der Freund sah hoch auf
»Dort Da Diable Hans weißt du dass du ein beneidenswerter Gesell bist
Wahrhaftig ich bin überzeugt dass der Mensch sein Glück gar nicht kennt Unter
demselben Dache mit der schönen Kleophea zu leben Hans Hans manch einer würde
viel darum geben wenn er sich an deiner Stelle befände«
Mit einem tiefen Seufzer bemerkte der Hauslehrer dass er nicht einsehen
könne worin hier das große Glück bestehe und immer heiterer wurde der Freund
»Per Bacco Ein köstlicher Kerl bist du immer gewesen Hans und du bist es
noch O wenn du wüsstest wie dankbar ich dir dafür bin dass du grade in diesem
Hause deine Erziehungsexperimente machst Ich darf dich doch besuchen«
»Gewiss gewiss ich freue mich so sehr darauf Erinnerst du dich wohl noch
der Abende die wir in deines Vaters Hinterstübchen und später auf der
Universität zubrachten Du hast mir oft den Angstschweiß auf die Stirn
getrieben aber es waren doch schöne Zeiten«
»O ja« seufzte Moses »sehr schöne Zeiten Aber die Gegenwart ist auch
etwas wert Ich werde gewiss bald an deine Tür klopfen Hans«
Nun schob aber plötzlich der Präzeptor seinen Stuhl zurück und sah den
Freund an
»Moses du hast schon eine Bekannte in dem Hause des Herrn Geheimen Rats
und diese Kunde hat mir lange schwer auf der Seele gelegen O weshalb hast du
niemals an mich geschrieben Es war sehr sehr unrecht von dir Ich habe dich
deshalb auch nicht zur Verteidigung aufrufen können gottlob dass ich es jetzt
kann Weshalb ist der Leutnant Rudolf so erzürnt auf dich und was hast du
seiner Nichte dem Fräulein Franziska welche jetzt in dem Hause ihrer
Verwandten wohnt getan«
»Leutnant Götz Fräulein Franziska Götz« fragte Moses ganz verwundert
»Jawohl jawohl Im Postorn zu Windheim haben sie deinen Namen genannt und
sehr böse hat der Herr Leutnant über dich gesprochen Viel hätte ich darum
gegeben wenn ich damals deine Adresse gewusst hätte O es war sehr unrecht von
dir dass du mir niemals schriebst«
Nun erzählte Hans wie ernst der Leutnant Götz behauptete den Doktor
Freudenstein in Paris zu kennen und Moses zog die dunkeln Brauen zusammen und
warf sehr finstere Blicke auf den armen Hans Aber er war Herr über sein
Mienenspiel glatt ward seine Stirne und nach einigen Augenblicken lächelte er
wie gewöhnlich Ruhig ließ er Hans ausreden und sagte dann
»Also das ist es Sieh Hans dir gegenüber muss ich mich verteidigen so gut
ich es kann Einem andern würde ich wohl nicht das Recht zugestehen solche
Fragen an mich zu stellen Ich bin sehr jung in die Welt hinausgeworfen worden
und weil ich immer nur auf die eigene Kraft angewiesen war so wars kein
Wunder wenn ich zuletzt einen sehr übertriebenen Begriff von derselben bekam
So musste ich denn natürlich mein Lehrgeld bezahlen wie jedes andere
unglückselige Menschenkind Trotzdem dass ich als Doktor der Philosophie nach
Paris ging gabs noch vielerlei zu lernen Aber die echte Philosophie lernt
sich nicht auf den Schulbänken wer davon das Seinige kapieren will tut wohl
sich auf einen Eckstein zu setzen das Maul aufzusperren und zu warten bis die
Weisheit zu Wagen zu Pferd oder zu Fuß vorbeikommt So hab ich in Paris wie
anderwärts gesessen und allerlei Volk habe ich kennengelernt Viel Lehrer habe
ich gehabt und wie gesagt viel Lehrgeld bezahlt ein gut Teil von dem letztern
an den Papa der jungen Dame welche du vorhin erwähntest Der Mann war ein
Trunkenbold und ein Stück von einer Kanaille ein Charakter der jedem
lebhaften jugendlichen Geiste gefährlich werden musste Er hatte viel erlebt und
wusste gut davon zu erzählen wenn er nicht betrunken war er ernährte sich
dadurch dass er Fechtstunden gab und ein eigentümliches Talent besaß in den
Kafés der Boulevards oder den Schenken der Barriere junge Leute an sich zu
ziehen und da er die Fechtstunden in seiner Wohnung hielt so kam jeder sowohl
mit der Tochter wie dem Vater in Berührung Die edleren Naturen unter uns
bedauerten das arme kummervolle Kind die Taugenichtse gebärdeten sich nach
ihrer Art gegen sie In seinen nüchternen Momenten war der Chevalier so nannte
man den Mann ein grimmiger Wächter der Ehre seines fünften Stockwerks und
seines Kindes aber er war selten nüchtern und die arme Franziska war dann
völlig auf sich selbst angewiesen Da hat sie mir leid getan und ich habe mich
ihr genähert ohne ihr Wissen habe ich sie oft vor dem Hunger und vielleicht
auch manchem andern Unheil geschützt Ohne mich würde der Teufel ihren Vater
noch viel früher geholt haben als es geschah Der alte Freibeuter starb im
Delirium tremens und das Kind war ganz verlassen auch da habe ich mich des
unglücklichen Mädchens angenommen bis der Herr Oheim aus Deutschland kam um es
heimzuholen Ich war ein Jude Hans Unwirrsch und ich habe meinen Lohn dafür
genommen Das Fräulein meinte ich habe meine Grenzen überschritten als ich
mich wehrte wurde ich beleidigt und geschmäht Es war die alte Geschichte vom
Lohn der Welt der jungen Dame will ich übrigens nicht den mindesten Vorwurf
machen sie war stets ein Engel und wird es hoffentlich auch jetzt noch sein
Deinen Leutnant habe ich kaum zu Gesicht bekommen Deinem Willen habe ich nun
Genüge geleistet ich werde kein Wort mehr über diese alte Geschichte verlieren
dreist kann ich dem Fräulein Franziska Götz unter die Augen treten«
Moses schwieg und sah wieder finster auf den Freund unruhig rückte dieser
auf seinem Stuhl hin und her jetzt sprang er auf und lief durch die Stube
Sollte er dem Freunde glauben oder dem Leutnant Er wusste keinen Rat hätte er
gesehen auf welche Weise er während seines Umherlaufens von Moses beobachtet
wurde er würde dem Leutnant geglaubt haben so aber blieb ihm nichts übrig als
mit einem tiefen Seufzer dieses Blatt für jetzt umzuschlagen
»So setze dich doch Hans« rief endlich der Jugendgenosse »Glaube mir
diese Sachen kümmern mich mehr als dich Ich hatte schwerer daran zu tragen und
es ist nicht recht von dir dass du die erste Stunde unsres Wiedersehens auf
solche Weise trübst«
»O Moses Moses«
»Nenne mich nicht Moses Ich heiße Teophile Teophile Stein ich habe
dem Glauben meiner Väter entsagt und bin Christ katholischer Christ«
Hans Unwirrsch setzte sich jetzt wirklich und zwar auf den nächsten Sessel
Gründlicher waren noch niemals seine Gedanken von einem Punkt auf den andern
gewendet worden Es dauerte Minuten ehe er sich so weit gefasst hatte dass er
stammeln konnte
»Du du Du Moses Freudenstein Du Katholik Du Christ«
Teophile wie wir den Sohn des Trödlers aus der Kröppelstraße von jetzt an
immer nennen dürfen nickte indem er sich in seinem Sessel wiegte
»Ich bin katholischer Christ Ich Teophile Stein Doktor der Philosophie,
demnächst vielleicht außerordentlicher Professor der semitischen Sprachen an
hiesiger Universität Mein Leben ist wilder gewesen als das deinige Hans
Unwirrsch so bin ich auch dem Untergang dann und wann näher gewesen als du
aber unschätzbare Weisheit habe ich aus den Strudeln und Wirbeln aus dem
Abyssus mit emporgebracht«
»Und du glaubst Du glaubst Du bist gläubig zur katholischen Kirche
übergetreten«
»Zur alleinseligmachenden« sagte Teophile »Ich der Sohn Samuels des
jüdischen Trödlers habe es vollbracht im Besitz meiner gesunden fünf Sinne und
bei vollständigem geistigem Bewusstsein Ich habs gewagt mit Sinnen wie Herr
Ulrich von Hutten der Ketzer sagen würde«
»O Moses Moses«
»Teophile liebster Freund Teophile Stein Der Moses aus dem Trödelladen
der Moses aus der Kröppelstraße ist tot und begraben und wird nicht
wiederauferstehen«
»Du der Skeptiker Der Zweifler Ich fasse es nicht« rief Hans in halber
Verzweiflung
»Lieber Alter« sagte Teophile »so schnell lässt sich das auch nicht
begreifen Du kennst allzu wenig von meinem Leben um dir auf der Stelle ein
Urteil über mich und meinen Weg bilden zu können Es findet sich aber wohl noch
Gelegenheit wo du klarsehen wirst Ich rechne dann auf deine Billigung Jetzt
lass uns auch über diesen Punkt schweigen ich habe längst damit abgeschlossen«
Wortlos und wie vernichtet saß Hans Unwirrsch da Was er vernommen hatte und
die Art wie er es vernommen hatte gefiel ihm gar nicht schwindelnd sah er in
die unergründlichen Tiefen fremden Lebens die sich vor seinen Füßen öffneten
Er konnte seines Unbehagens in keiner Weise Herr werden
Wieder lenkte der Doktor Stein sein Gespräch auf das Haus des Geheimen Rates
Götz er nahm ein ungemeines Interesse an allem was dasselbe betraf Über
Kleophea erfuhr er allmählich alles was Hans von ihr ihrem Wesen und Sein
wusste
»Ich bin dem Mädchen hier und da in der Gesellschaft begegnet« sagte
Teophile »Diese holde Spötterin mit dem biblischen Namen wird überall in einer
Weise besprochen die mich sehr reizt ihre nähere Bekanntschaft zu machen Du
musst mich in dem Hause vorstellen Hans«
»Ich« fragte der Hauslehrer der Frau Geheimen Rätin Götz mit einem solchen
Ausdruck kläglichster Hülflosigkeit dass Teophile hell auflachte
»Armer Kerl ich vergaß Nun ich werde dich besuchen und nous verrons
Was das stille Veilchen anbetrifft das da im verborgenen blüht die andere
junge Kreatur «
»Fräulein Franziska« rief Hans »O Mo Teophile ich bitte dich sprich
nicht in solchem Ton von ihr«
»Nein nein entschuldige mich lieber Junge Du kennst ja meine Art Jenes
arme Kind hat freilich mehr Anspruch auf meine Achtung und Teilnahme als irgend
jemand Was du willst schon gehen«
»Meine Zeit ist abgelaufen und über das Wichtigste willst du doch nicht
mehr mit mir sprechen So lebe denn für jetzt wohl O Moses Teophile wie
anders habe ich dich wiedergefunden«
»Aus Knaben werden Männer Hans Du lebst immer noch sozusagen außerhalb
deiner Zeit sitzest still und hörst nur ein großes Sausen und Brausen in der
Ferne Ich dagegen arbeite mitten im Sturm und es ist oft ein schwieriges Ding
sich dabei auf den Fussen zu halten So lebe denn wohl für jetzt Wir werden uns
bald wiedersehen Wenn du mir einen Gefallen erweisen willst so sprich für
jetzt daheim nicht von mir Lebe wohl Alter«
Hans ging und wäre jedenfalls an diesem Tage ein schlechter Lehrmeister
gewesen aber glücklicherweise wurde seine Kunst nicht in Anspruch genommen
Aimés Verdauungsbeschwerden gestatteten noch immer nicht die kleinste geistige
Anstrengung In seine Stube stieg der Präzeptor hinauf schloss die Tür hinter
sich ab und sann nach über den Lebensgang seines Freundes des Moses
Freudenstein der sich jetzt Teophile Stein nannte und vom Judentum zur
christlichen Kirche übergetreten war In seine beängstigenden Gedanken mischten
sich scharf die Töne von Kleopheas Stimme und Fortepiano Die junge Dame sang
mit großer Bravour eine italienische Arie aber der Gesang missfiel dem
Hauslehrer wie der Religionswechsel seines Jugendfreundes
Neunzehntes Kapitel
Es blieb für die nächste Zeit alles wie es war Der Hauslehrer tat seine
Pflicht so gut als möglich die gnädige Frau fand immer mehr heraus dass er
leider doch auch einen recht versteckten und heimtückischen Charakter besitze
Kleophea fand einen neuen Namen für Franziska nannte sie leau dormante und
zeichnete Karikaturen über Hans von denen mehrere in seinen Besitz übergingen
und die er stets sorglich unter den übrigen Gedenkblättern und Zeichen seines
Lebens aufhob Franziskas Schritt über den Boden blieb so unhörbar wie vorher
und ihr freundlichsorgenvolles Gesicht wurde selten durch ein flüchtiges
Lächeln erhellt von dem Leutnant kam weder Gruß noch Botschaft er war und
blieb verschwunden Von dem Geheimen Rat war in des Geheimen Rates Hause am
wenigsten die Rede Hans beklagte ihn von Tag zu Tag mehr und beneidete den
armen Mann nicht um die Grandezza mit welcher er auf seinen armen Hauslehrer
herabsah Jean der Bediente war ein freierer Mann als sein Herr der sich aus
den Ketten der häuslichen Tyrannei nur in den jammervollsten stupidesten
Bürokratendünkel der je von einer freien Seele verlacht wurde flüchten konnte
Es sah um diese Zeit wunderlich aus in der Seele des Kandidaten der
Gottesgelehrteit Johannes Unwirrsch aus der Kröppelstraße Inmitten des
Getriebes nach welchem er sich so gesehnt hatte stand er niedergestiegen war
er und das große Brausen hatte sich aufgelöst in einzelne Stimmen und Töne und
mehr grelle und böse Stimmen als liebliche vernahm er um sich her
Er fühlte sich unbefriedigter als je und sagen musste er sich dass er ein
Verständnis für diese Welt noch nicht gewonnen habe Er gehörte nun einmal zu
jenen glücklichunglücklichen Naturen die jeden Widerspruch der ihnen
entgegentritt auflösen müssen die nichts mit einem Apage beiseite schieben
können Er hatte eben jenen Hunger nach dem Maß und Gleichmass aller Dinge den
so wenige Menschen begreifen und welcher so schwer zu befriedigen ist und
vollständig nur durch den Tod befriedigt wird
So saß er denn in seinem hochgelegenen Stübchen dachte mit Seufzen seiner
fernen stillen Jugend und horchte den Disharmonien der Gegenwart Mit Seufzen
dachte er wie er nun mitten in dem Nebel wandele den er einst sah von seines
Vaters Hause Mit Seufzen dachte er dass jeder Schritt vorwärts im Leben ihm nur
erneute Enttäuschungen gebracht habe dass er nicht glücklicher geworden sei mit
den Jahren Und zu seinen Füßen wogte der bunte Strom der Existenzen
Stundenlang konnte er hinabsehen auf die unbekannten Leute die da vorübergingen
und fuhren auch wohl vorüberhinkten und krochen Er hörte manch lautes
Lachen und sah in manch fröhliches Gesicht doch der Gesamteindruck der Menge
blieb ein trauriger Einzelne Figuren wurden ihm allmählich bekannter und er
bemühte sich ihr Schicksal aus ihrer Erscheinung zu lesen wie sie
vorüberglitten Das waren Phantasien gefährlicher Natur für einen Charakter wie
Hans Unwirrsch der mehr zu der melancholischen Philosophie des Mannes von
Ephesus als zu der heitern Lebensweisheit des Abderiten hinneigte Es war fast
ein Glück dass sie ihn nur traurig nicht verbissen und vergrillt machten Die
Einzelheiten welche sich aus der Allgemeinheit abhoben drängten letztere nicht
so zurück dass er sie aus den Augen verloren hätte und das Allgemeine macht den
denkenden Menschen unter keinen Umständen grillenhaft sondern erweitert seine
Seele selbst durch den Kummer
Und die Anzeichen des wiederkehrenden Frühlings mehrten sich Der Himmel
wurde blauer das Gras um den Springbrunnen grüner auch über die Wipfel des
Parkes lief ein freudiger Schein und die Vögel wurden lustiger und lauter
darob Kleopheas Klagelieder über die Langweiligkeit und Nüchternheit des
Winters schlugen um in Frühlingsbetrachtungen die sich in mehr als einer
Hinsicht von den Ergüssen der lyrischen Gedichtsammlungen unterschieden und
nicht ganz zu den pensées musicales über das erste Veilchen passten die das
Fräulein an ihrem Flügel so kunstfertig absang Sie tadelte gern denn es ist
viel leichter geistreich zu tadeln als geistreich zu loben Zu allen andern
Bedrängnissen hatte sich Hans sehr gegen den Zauber zu wehren welchen das
schöne Mädchen auf ihn ausübte
Franziska war stiller als je
Doktor Teophile Stein machte dem Hauslehrer des Geheimen Rates Götz seinen
ersten Besuch
Von Tag zu Tag hatte ihn Hans erwartet doch er kam erst im Anfang des
April und Jean der Bediente hatte seine Karte erst in das Zimmer der gnädigen
Frau gebracht ehe er den Besuch zu dem Zimmer des Präzeptors geleitete
Hans empfing den Jugendfreund mit sehr gemischten Gefühlen aber seine
Gegenwart übte bald den alten Einfluss aus und zerstreute die Wolken die sich um
das Bild jenes Moses aus der Kröppelstraße zusammengezogen hatten
Sehr gewinnend und liebenswürdig war der Doktor Stein er spottete nicht
mehr über die Unbeholfenheiten und Eigentümlichkeiten des armen Hans sondern er
behandelte sie jetzt mit einem gewissen gutmütigen Humor den Hans niemals an
ihm gekannt hatte und der ihm unendlich wohltat Nach der Heimat und den
Bekannten von Neustadt erkundigte sich der elegante Doktor aufs eingehendste
und die Art und Weise wie er über die Mutter des Freundes ihr Leben und ihren
Tod sprach konnte nicht inniger und teilnehmender sein Er erkannte alte Bücher
in der kleinen Bibliothek des Jugendgenossen wieder und erinnerte sich des
Tages an welchem er seinen Namen und das Wort des Chrysostomus vor eine
teologische Abhandlung vom Ursprung des Bösen gesetzt hatte »Pono sedem meam
in Aquilonem et ero similis Altissimo« Als er aber bemerkte dass er dadurch die
Rede auf seinen Übertritt zum Christentum lenkte brach er schnell ab und fing
an allerlei Fragen zu stellen die anfangs nur auf das Leben des Freundes im
allgemeinen Bezug hatten dann aber allmählich sich immer fester und bestimmter
auf das Leben des Hauslehrers des Geheimen Rates Götz bezogen Und sehr
aufmerksam und sehr zerstreut zu gleicher Zeit war der Doktor Stein während der
Fragen Keine Antwort musste er sich wiederholen lassen und doch horchte er auf
jedes Geräusch im Hause auf alle Schritte und alles Türklappen Als Kleophea
anfing zu singen erhob er sich schnell setzte sich aber ebenso schnell wieder
und fragte
»Das ist nicht die Tochter des Chevaliers des Kapitän Götz«
»Nein es ist Fräulein Kleopheas Stimme«
»Ah«
Er horchte einige Augenblicke um dann seine Fragen von neuem aufzunehmen
und gab Hans wiederum mehrfachen Grund zur Verwunderung Nach der Bauart des
Hauses erkundigte er sich nach der Lage und Einrichtung der Zimmer des ersten
Stocks nach den Bildern an den Wänden und nach der Bedienung in der Küche Die
Lieblingsneigungen der Geheimen Rätin waren ihm nicht gleichgültig und ihre
Abneigungen noch weniger Über Aimé verlangte er ebenfalls eingehende Auskunft
ebenso über den Herrn des Hauses Endlich war er zu Ende klappte innerlich sein
Notizbuch zu und brachte durch einen sehr feinen Schluss den armen Hans zu der
festen Überzeugung dass er diese vielen Fragen nur aus Interesse an dem
Schicksal und jetzigen Leben des Jugendgenossen gestellt habe
»O lieber Hans« schloss er »nicht vielerlei aber viel hast du erlebt Wer
weiß ob dir nicht der glücklichere Weg von den Göttern vorgezeichnet wurde Du
bist am Ufer geblieben und die Wellen haben dir gnädig mitgespielt Ich habe
mich weiter hinausgewagt in die See weil ich mich für einen tüchtigeren
Schwimmer hielt aber mit mancher harten Felsenkante habe ich auch Bekanntschaft
machen müssen Du wirst Geduld mit mir haben müssen wenn ich mich dann und wann
nicht mehr gleich in deinen Anschauungen zurechtfinden sollte«
Wer konnte dem widerstehen Innig gerührt drückte Hans dem Freunde beide
Hände begleitete ihn mit Tränen im Auge die Treppen hinab und würde ihn noch
weiter begleitet haben wenn er nicht durch den Blick des olympischen Jeans
zurückgescheucht worden wäre
Wieder war Hans Unwirrsch nicht tiefer in den Seelenzustand des Doktor
Teophilus eingedrungen aber eine glückliche Stunde hatte er gewonnen und das
Nachklingen derselben war auch was wert
An der Mittagstafel richtete die gnädige Frau ihre großen Augen auf den
Hauslehrer
»Sie haben heute einen Besuch gehabt Herr Unwirrsch«
»Ein Jugendfreund der Doktor Stein « sagte Hans sich verbeugend
»Ich weiß« sprach die Dame und Kleophea richtete ihre großen Augen fast
noch forschender auf den Hauslehrer als die Mama
»Man spricht augenblicklich viel von diesem Herrn in der Stadt« fuhr die
Geheime Rätin fort »Er soll sehr begabt sein soll große Reisen gemacht haben
Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft Herr Unwirrsch«
Das Herz trat wie man sagt dem Kandidaten auf die Zunge Zum erstenmal
durfte er in diesem Hause sprechen ohne unterbrochen zu werden er erzählte
alles was er von Moses Freudenstein zu erzählen wusste Er rühmte sein gutes
Herz seinen scharfen Verstand seine Gelehrsamkeit Er wurde sehr warm in
seiner Apologie und bemerkte leider nicht welch ein Schrecken des Leutnants
Fränzchen überkam als sie erfuhr wer heute das Haus betrat in dem sie Schutz
gesucht hatte Mit größtem Interesse vernahm die Frau des Hauses wer der
bekannte ja berühmte Doktor Teophile Stein sei Kleophea war gleichgültig
oder schien so der Geheime Rat war wie gewöhnlich nur körperlich anwesend
Von der munteren französischen Waise erzählte Hans nichts da ihn der Doktor
Stein noch beim Abschied bescheiden und scherzhaft gebeten hatte ihrer nicht zu
erwähnen
Am folgenden Tag erschien Franziska nicht bei Tische sie war unwohl Eine
ganze Woche lang musste sie das Bett hüten und Hans hatte zum erstenmal
Gelegenheit zu bemerken welch eine Lücke durch ihre Abwesenheit in dem Kreise
entstand der ihn umgab Sie hatte neben ihm gesessen an der Tafel und er hatte
sich wohl und sicher in ihrer Nähe gefühlt Kleophea stieß ihn ebensosehr ab
wie sie ihn anzog die andern standen ihm kalt fremd feindselig gegenüber
Halb unbewusst war das Gefühl gewesen welches ihn mit dem Fränzchen verband nun
das Fränzchen nicht da war trat es klar ins Bewusstsein
Es drangen nur unbestimmte Nachrichten über das Befinden des jungen Mädchens
zu dem Kandidaten Es habe nichts zu sagen meinte man es sei eine leichte
Erkältung ein unbedeutender Nervenzufall die Sache werde bald vorübergehen
Alles was der Leutnant Götz über seine Nichte dem Kandidaten mitgeteilt
hatte rief sich dieser ins Gedächtnis zurück plötzlich kam ihm der Gedanke
dass seine Tischrede über Moses Freudenstein schuld an der Krankheit des armen
Kindes sein könne und dieser Gedanke trieb ihm so sehr alles Blut gegen das
Herz dass er kaum zu atmen vermochte Er glaubte fest dass seine Hülf und
Ratlosigkeit seine Unruhe und Angst ihren Höhepunkt erreicht hätten wurde aber
an demselben Morgen noch eines Bessern belehrt
Jean steckte den Kopf in sein Gemach und meldete mit Herablassung die
gnädige Frau wünsche den Herrn Hauslehrer zu sprechen und lasse ihn bitten so
schnell als möglich in ihr Zimmer herabzukommen
Nun war Hans in diesem Augenblick zu aufgeregt und sorgenvoll um bei dieser
Botschaft die gewohnte Beklemmung zu empfinden Er vervollständigte schnell
seine Toilette und stieg die Treppe hinab Obgleich er nicht an der Tür horchte
vernahm er doch dass die gnädige Frau nicht allein war Man sprach drinnen sehr
lebhaft Kleophea lachte es mussten fremde Herren zugegen sein Hans klopfte
aber sein Klopfen wurde überhört So wagte er es denn einzutreten tamquam
cadaver blieb er jedoch auf der Schwelle stehen neben der gnädigen Frau und dem
Sessel Kleopheas gegenüber saß sein Freund Teophilus Stein alias Moses
Freudenstein den kleinen Aimé auf dem Knie schaukelnd im lebhaftesten
Gespräch Ein anderer älterer Herr im schwarzen Frack mit langem grauem nach
hinten gekämmtem Haar saß daneben lächelte und liebkoste das glattrasierte
behägliche Kinn mit dem goldenen Stockknopf
Man hatte unbedingt von dem Kandidaten der Theologie Unwirrsch gesprochen
das ging aus der Art hervor wie man sich nach ihm umwandte und wie man ihn
ansah
»Ach da ist er ja der Hungerpastor« rief der Doktor und gab somit zum
erstenmal unserm Hans offiziell den Titel welchen wir diesem Buche vorgesetzt
haben »Sehen Sie ihn an gnädige Frau so pflegt er immer auszusehen wenn er
vor einer Unbegreiflichkeit steht Komm zu dir Johannes ich bin es in Fleisch
und Blut«
Selbst die gnädige Frau ließ sich herab zu lächeln ehe sie mit gerunzelter
Stirn ihrem Hauslehrer winkte die Tür nicht allzu weit über die Grenzen des
Anstandes hinaus offenzuhalten Hans trat näher und durfte sich ebenfalls
setzen
Der Herr mit dem Christusscheitel der weißen Halsbinde und dem goldenen
Stockknopf wies sich als der außerordentliche Professor der Ästetik Doktor
Blütemüller aus und es frappierte ihn dass der Herr Kandidat bis zu dieser
Stunde noch nicht das mindeste von ihm und seiner Wirksamkeit vernommen hatte
Mit Fug und Recht nahm auch er deshalb gar keine Notiz weiter von Hansens
Anwesenheit sondern ließ sein Licht das heißt den merkwürdigen Schein seiner
Hornlaterne auf die andern fallen
»Der Herr Doktor Stein hat uns manche Einzelheiten aus Ihrem Leben erzählt
welche uns sehr amüsiert haben Herr Unwirrsch« sagte die gnädige Frau »Es war
sehr unrecht von Ihnen dass Sie uns nur die äußere Schale Ihrer früheren
Existenz zeigten«
Nun hätte Hans viel auf diese Worte entgegnen können aber es kam ihm ein
Gefühl als würde er seiner Mutter Grab enteiligen wenn er sich in dieser
Gesellschaft über solchen Vorwurf rechtfertige Er sagte nur kurz
»Ich danke dem Doktor Stein für alles Gute was er von mir gesprochen hat
Es gehört viel Geist dazu über ein Leben wie das meinige etwas Geistreiches zu
sagen«
»Von einem Idyll verlangt man gerade nicht dass es sehr geistreich sei«
erwiderte Teophile »Und dein Leben ist ein Idyll Johannes und ich
wiederhole was ich schon gesagt habe du bist einer der Glücklichsten dieser
Welt«
Mit großem Unbehagen sah Johannes auf den Redner Kleophea zuckte die
Achseln der außerordentliche Professor der Ästetik rückte seinen Sessel so
dass er dem Hauslehrer den Rücken zukehrte wandte sich zu der gnädigen Frau und
brachte das Gespräch vom Besonderen auf das Allgemeine.
Er sprach von der Kunst schön zu leben und redete sehr schön darüber aber
so ganz schulmässig dass dem Kandidaten welcher den Sinn dessen was der Mann
sagen wollte erst aus der sonderbarsten Terminologie heraushülsen musste öfters
der Verstand stillstand Kläglich hinkte er im Verständnis der Rede nach und
blieb somit vollständig auf die Rolle des Zuhörers beschränkt
Nachdem der Professor Doktor Blütemüller seinen Sack ausgeschüttet hatte
öffnete die Dame vom Hause den ihrigen
Mit einem gewissen seufzenden Patos entwickelte sie ihre Ansicht vom Wege
zur christlichästhetischen Ruhe in Gott in dem Gott den eine krankhafte
modische Schwärmerei durch ihre romantisch buntgefärbten
Kirchenfensterscheiben»erkennt« den sie aber nicht sieht nicht sehen will
wenn die helle prächtige vernünftige Sonne am Himmel steht und klar prächtig
und verständig jedwedes Ding in der Welt dem Menschen in der wahren echten
treuen Farbe und Gestalt zeigt
Die Geheime Rätin schwärmte sehr für den Weg der Heiligen Gottes und für die
altitalienischen Bilder mit ihren himmelwärts blickenden Jungfrauen Märtyrern
und Donatoren Sie schwärmte für die beseligten Künstler welche die Bilder in
Tempera und Öl gemalt hatten und Professor Blütemüller stimmte ihr in Ekstase
bei und verriet nicht was für gottverlassene heillose Kanaillen und Halunken
die Maler sowohl wie die Donatoren öfters waren Er machte es eben wie andere
Leute die Seite der Geschichte welche er nicht gebrauchen konnte ließ er im
Dunkel liegen und seine Kollegiengelder als außerordentlicher Professor bezog
er ja dafür dass er nur die eine Seite der Medaille zeigte Wenn dann auch ein
anderer gelehrter Mann von einem andern Lehrstuhl aus in den geschichtlichen
Sumpf schlug so tat er das vor einem andern Publikum und in einem andern
Auditorio und es war nicht jedermanns Sache die beiden Seiten zusammenzulegen
Wenn wir es nicht gewiss sagen können so wollen wir doch zur Ehre der
Menschheit annehmen dass es nicht Perfidie war als der Doktor Teophile Stein
seinen Jugendfreund fragte ob er bereits das Museum der Stadt besucht und die
Bilder von denen die gnädige Frau spreche gesehen habe Hans Unwirrsch hatte
das Museum besucht er hatte die Bilder gesehen und leider sagte er auch auf
die an ihn gestellte Frage was er von ihnen dachte und hielt Wir werden uns
gefälligst hüten das Urteil des unerfahrenen jungen Mannes nachzusprechen wir
können nur sagen dass der Doktor Teophile wenn er seine Frage aus boshafter
vorbedachter Absicht gestellt hatte seinen Zweck vollständig erreichte Es
wurde sehr dunkel auf der Stirn der gnädigen Frau eine schwüle Atmosphäre
schien plötzlich das Gemach zu füllen es blitzte und wenn es nicht donnerte
so hatte das seinen Grund nur darin dass solches Getön in der guten
Gesellschaft wenn zwei fremde Herren zugegen sind nicht zum guten Ton gehört
Geschenkt wurde der Donner dem Sünder darum nicht er kam nur etwas nach
Eine treffliche Abhandlung über die Präraffaeliten gab nun der Doktor Stein
dem kleinen Kreise zum besten und zeigte seine Belesenheit Kunsterfahrung und
Weltkenntnis aufs glänzendste Geistreiche Blicke warf er nach allen Seiten hin
aufs Leben und die große Kunst mittelmäßige oder gar alberne Gedanken
anwesender Leute von denen man etwas zu erlangen wünscht brillant
aufzupolieren und sie ihnen dann als ihr eigenstes Eigentum mit einer Verbeugung
zurückzugeben verstand er vortrefflich Er wusste Bescheid um den Fang alles
möglichen Getiers und fing zuerst die Frau Geheime Rätin Götz geborene von
Lichtenhahn aber während er den einen Fang auf das Land zog ließ er die
goldenen Schuppen die purpurnen Flossen die noch frei umherspielten nicht aus
dem Auge
Kleophea Götz die bis jetzt von allen den Hauslehrer nicht ausgenommen
am schweigsamsten dagesessen hatte regte sich nun und sagte zu Hans Unwirrschs
gewaltigem Schrecken
»In einer Beziehung muss ich dem Herrn Kandidaten recht geben auch ich
finde jene Bilder von welchen vorhin die Rede war unbeschreiblich scheusslich
und chinesisch Die griechische lustige nackte Götterwelt «
»Kleophea« ächzte die gnädige Frau
»Was kann ich dafür liebste Mama Ich liebe meine Verwandten und Freunde
Ich rühme sie gern vor den Leuten und bin stolz auf ihre Schönheit und vergnügt
über ihre Heiterkeit Da ist ein anbetender Knabe von dem ich glaube dass er
seinen Ball wiederfangen will Der Bube ist mein Bruder wie wie Aime und ich
würde ihn ebenso gern auf dem Schoss halten Herr Doktor«
Der Herr Doktor ließ den holden Aimé sanft von seinem Knie herabgleiten und
lächelte ein wenig verlegen Kleophea aber fuhr lachend fort
»Sieh nicht so böse gnädige Mama Mit meinen Verwandten lebe ich in
Harmonie am trübsten Regentage Vergangene Nacht ist eine ganze Schar von ihnen
gekommen die Venus von Melos der Apoll von Belvedere die attischen
Tauschwestern der Dornzieher und der Antinous Sie riefen mich Kleophea
Kleophea und schienen sich sehr über den Namen zu amüsieren Sie lachten so
herzlich laut und unschicklich dass es eine Lust war Worüber wir uns dann
ferner unterhielten darf ich jedoch nicht verraten da sonst meine Mama ein
Autillo ein MiniaturAutodafé für mein Persönchen anzünden würde Sie gingen
göttlich heiter fort auf beflügelten Sohlen und baten mich sie meiner Mama zu
empfehlen was ich hiermit tue«
Die junge Dame neigte sich gegen ihre Mutter die einem Krampfanfall nahe
war Der Kandidat Unwirrsch kroch sehr in sich zusammen eifrigst polierte der
Professor Blütemüller sein Kinn das schöne intelligente Gesicht des Doktors
Teophile Stein schien in diesem Augenblicke einer jener Statuen anzugehören
welche Kleophea zu ihren Verwandten und Freunden rechnete Kein Muskel regte
sich darin aber es war ein schönes intelligentes Gesicht parteilos wie aus
gelbweissem Marmor gebildet ließ es sich sowohl von Kleophea wie von ihrer
Mutter ruhig ansehen
»So führen Sie doch den Knaben fort Herr Kandidat« keuchte nach einer
ängstlichen Pause die gnädige Frau »Führen Sie ihn ein wenig in die freie Luft
in den Garten diese Atmosphäre hier ist erstickend«
Noch leiser keuchte sie »Abscheulich Empörend« Doch was sie noch sagte
und was Kleophea darauf erwiderte was der Professor Blütemüller lispelte und
was der Doktor Stein sprach ging für Hans in dem Gezeter unter das der
liebliche Knabe Aimé erhub als er von seinem Lehrer mit einiger Gewalt
hinausgeleitet wurde
Nach weitern fünf Minuten nahmen die beiden Herren Abschied dann zeterte
auch die Frau Geheime Rätin los dann eilte Kleophea rauschend durch den
Korridor und schlug so heftig die Tür ihres Gemaches zu dass die arme Franziska
erschreckt von ihren Kissen emporfuhr Dann musste sich Kleophea an ihr Klavier
geworfen haben und fuhr mit Trillern und Läufen die Tasten hinauf und hinab wie
eine Göttin des Wirbelwindes Es schien sehr nötig zu sein dass sie wieder einen
Besuch ihrer »Freunde und Verwandten« erhalte um von denselben auf die Vorteile
und Vorzüge der »klassischen Ruhe« aufmerksam gemacht zu werden
Am Rande des Parkes traf Hans den widerwilligen Aimé an der Hand führend
noch einmal mit dem Professor Blütemüller und dem Doktor zusammen
»Für diesmal sind wir glücklich entkommen Hans« rief lachend der letztere
»Ein eigentümliches Haus aber die Damen sind entzückend jede in ihrer Art
Welch ein reizendes Kind Freund es scheint eine große Neigung zu dir zu haben
Ich könnte dich darum beneiden«
»Ich habe mit dir zu sprechen viel sehr viel« sagte Hans nicht mit der
gewohnten Freundlichkeit
»Immer zu deinen Diensten Alter« lächelte der Doktor »Wann willst du mich
besuchen Wir werden uns übrigens auch wohl noch öfters in jenem Hause dort
sehen«
»Ich werde zu dir kommen« sagte Hans
»Und ich werde dich mit Sehnsucht erwarten« erwiderte Teophile Abschied
nehmend
Fünfzig Schritte weiter ab murmelte er zwischen den Zähnen
»Die Frage ist nur ob du mich fürs erste zu Hause antreffen wirst liebster
Hans«
Den Arm des Professors nehmend rief er lachend
»Kommen Sie Kollege Allons diner Ich bin Ihnen unendlich verbunden für
Ihren Führerdienst den Sie mir heute geleistet haben Das Mädchen ist
herrlich«
»Und eine treffliche Partie« sagte der Professor Blütemüller und kostete
ein imaginäres Glas Madeira
Hans das Handgelenk Aimés krampfhaft festhaltend sah den zwei Herren nach
Das war alles was er tun konnte und wir können leider nicht leugnen dass er
etwas stupide dabei aussah
Zwanzigstes Kapitel
Es geschah so wie es sich der Doktor Teophile Stein vorgestellt hatte Hans
klopfte einige Male an seine Tür erhielt aber keine Antwort oder die dass der
Herr Doktor nicht zu Hause sei und er kehrte jedesmal missmutiger und
niedergeschlagener in seinen unbehaglichen Käfig zurück Er befand sich in
diesem Gefängnis jetzt gegen jedermann in einer falschen Stellung selbst gegen
Franziska Götz
Des Leutnants Fränzchen war noch stiller als zuvor aus ihrem Stübchen zum
Vorschein gekommen und wenn in ihrem Verhalten gegen die übrigen Hausbewohner
keine Veränderung eingetreten war so fühlte Hans um so tiefer und
schmerzlicher dass ihr Wesen ihm gegenüber nicht mehr das vorige war Und er
kannte den Grund davon genau und konnte sie doch nicht fragen ob das wahr sei
was Moses Freudenstein von ihrem Vater erzählt habe Er hatte nicht das Recht
diese Frage zu stellen tragen musste er die Last die auf seinem Herzen Von Tag
zu Tag schwerer wurde Nun drückte und ängstete ihn die Gegenwart des Mädchens
um so mehr je mehr Frieden und Ruhe ihm bis dahin ihre Nähe gebracht hatte
seine Aufmerksamkeit aber musste sich in einem noch höheren Grade auf die arme
Nichte des Leutnants Rudolf richten Er war jetzt sozusagen gezwungen auf sie
mit ängstlicher Spannung zu achten und bald überhörte er nicht mehr den leisen
Fußtritt hinter seinem Rücken und kein Ton der süßen Stimme ging mehr in den
grellen Dissonanzen dieses Hauses für ihn verloren
Die glänzende Kleophea verlor in dem Masse an Einfluss auf den Kandidaten
Unwirrsch wie Franziska ihn gewann Ihre Pracht ihre Schönheit ihr
funkensprühender Geist ihr Widerstand gegen das ungesunde Wesen des Hauses
hörten auf den dummen Hans zu verblenden Das was ihn zuerst so magisch
angezogen hatte stieß ihn auch ab er erkannte immer mehr dass nicht jeder
Glanz echt ist und die Opposition der jungen Dame erschien ihm bald fast ebenso
unberechtigt wie das wogegen sie gerichtet war Er fing an auch Kleophea zu
bedauern doch aus einem andern Grunde als Franziska Oft konnte er den Gedanken
nicht loswerden dass jenem herrlichen Wesen all die geistigen und körperlichen
Vorzüge dereinst zum größten Elend gereichen würden
Der Doktor Teophile Stein wiederholte seinen Besuch in dem Hause des
Geheimen Rates Götz Er kam diesmal ohne den Professor Blütemüller und der
Kandidat Unwirrsch wurde nicht zu seiner Begrüßung in den Salon beordert Auch
dem Herrn des Hauses war der Doktor von sehr einflussreicher Seite empfohlen
worden und er empfing ihn demgemäss da auch die Gattin dazu das Haupt neigte
mit all der Wärme deren seine so ungemein tropisch angelegte Natur fähig war
Der Geheime Rat schrob sehr an seinem Mechanismus ehe er aus seinem
Arbeitszimmer hervortrat Dafür war dann aber auch das Räder und Federwerk im
Gange wie selten während der ersten Viertelstunde welche er dem Besucher
widmete Nachher lief es freilich in gewohnter Weise ab und wer den berühmten
Juristen nicht kannte hätte ihm in der folgenden Viertelstunde nicht die Ehre
gegeben welche ihm gebührte die nämlich die Pandekten und das Landrecht
auswendig zu wissen und in der Kontroversenliteratur bewanderter zu sein als
irgendeiner der Kollegen Die Lebhaftigkeit welche dem Gemahl abging ersetzte
die Geheime Rätin vollkommen Da Kleophea nicht zugegen war sie besuchte eine
Freundin konnte der Doktor ohne Schaden eine tiefinnere Übereinstimmung mit
den Meinungen der Hausherrin kundgeben und tat es ohne zu erröten Er errötete
auch nicht als Franziska in das Zimmer trat und beim Anblick des Besuchers
zusammenfuhr und totenbleich wurde Ganz unbefangen blieb er bei der Vorstellung
und sprach ganz kühl davon dass er bereits die Ehre gehabt habe in Paris mit
dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen
Überraschung und Staunen der Geheimen Rätin ruckartiges Aufschnellen und
Aufhorchen des Geheimen Rates waren die Folgen dieser Erklärung Dann kam ein
Durcheinander von Fragen welchem Teophile mit melancholisch gesenktem Haupte
und sehr fein auswich während Franziska mit zusammengepressten Lippen halb
bewusstlos vor Schmerz und Zorn dastand
»Es waren leider sehr trübe Verhältnisse unter denen wir uns
kennenlernten« flüsterte der Doktor »Die Krankheit der Tod des Vaters des
gnädigen Fräuleins die Verlassenheit des gnädigen Fräuleins in der
ungeheueren erbarmungslosen Stadt o mein Fräulein«
Franziska Götz wankte zur Tür und hielt sich auf ihrem Wege an den Möbeln
um nicht zur Erde zu sinken Der Oheim sah ihr mit offenem Munde nach die Tante
rief scharf ihren Namen aber sie hörte diesmal nicht darauf Teophile
betrachtete mit großem Interesse die Blumen des Teppichs zu seinen Füßen was
ihn jedoch nicht hinderte einen schrägen Blick sowohl auf die gnädige Frau wie
auf die hinter dem Fränzchen sich schliessende Tür zu werfen
»Welch eine Szene Was ist das« rief die Geheime Rätin »Herr Doktor ich
glaube Sie sind uns einigen Aufschluss über diesen wunderlichen Vorgang
schuldig Was kann das Mädchen haben Wann und unter welchen Umständen haben Sie
meine Nichte in Paris getroffen Theodor ich bitte dich die Tür zu verriegeln
Sprechen Sie sprechen Sie Herr Doktor Sie spannen mich auf die Folter«
Mit beiden Händen wehrte Teophile während Theodor die Tür verriegelte den
Verdacht ab ein solches Verbrechen an der Menschheit und eine solche
Grausamkeit gegen eine solche Dame begehen zu wollen dass er aber der Aufregung
durch eine schnelle klare Darlegung der Tatsachen ein Ende gemacht hake können
wir auch nicht sagen Er sprach davon wie er es tief bedauere dem Fräulein so
schmerzliche Erinnerungen zurückgerufen zu haben Er hielt es für seine Pflicht
dieses Haus nie wieder zu betreten Er trug allen Verhältnissen Rechnung und sah
deshalb auch dem Geheimen Rat tief bewegt in die gläsernen Augen Um so
merkwürdiger war es dass ihm sein Bericht zuletzt so glatt von der Zunge ging
es würde ein gänzlich falscher Ausdruck sein wenn wir sagen wollten dass er ihn
herauswürgte Er erzählte sehr gut der Doktor Teophile Stein und seine sonore
Bruststimme war ganz dazu geeignet alle Nuancen ins Tragische aufs zarteste
hervorzuheben wir haben von seiner Kunst bereits an einer anderen Stelle
gesprochen Dazu wurde über Wahres Halbwahres und Falsches stets das rechte
Licht gegossen es gab keinen größeren Meister in der Kunst des Helldunkels
als den Doktor Teophile Stein
Der Geheime Rat Götz und seine Gemahlin erfuhren dieselbe Geschichte welche
Hans Unwirrsch vernommen hatte doch das Kolorit war in jeder Beziehung ein
anderes Der Doktor Teophile Stein nahm den größten Anteil an diesem
Familienunglück Schmerzlich empfand er nach was die gnädige Frau um das Leben
und Sterben ihres Schwagers empfinden musste Er hing mit ihr die Harfe an die
Weide und war so überwältigt von seinen Erinnerungen wie man es nur von einem
verständigen Menschen vernünftigerweise verlangen konnte Von dem Geheimen Rate
der sehr in sich zusammengesunken war und die Augen mit der Hand beschattete
nahm er weniger Notiz er überließ die Bemerkungen welche direkt an denselben
zu richten waren seiner Gattin und konnte nichts Besseres tun
Sehr oft unterbrach die gnädige Frau den melancholischen Bericht Teophiles
um ihren Gemahl zu fragen wer nun recht gehabt habe ob sie Aurelie geborene
von Lichtenhahn das nicht immer gesagt habe usw usw
Dann versicherte sie ihn dass das Maß ihrer Geduld gefüllt bis zum Rande
sei dass der Herr Schwager Rudolf ihr Haus nicht wieder betreten solle dass sie
das unglückselige Geschöpf die Franziska nicht auf die Straße stoßen wolle
dass sie aber dafür dereinst im himmlischen Jerusalem eine ganz aussergewöhnliche
Belobung und Belohnung zu erwarten habe
Sie wurde sehr heftig und sehr bissig die Frau Geheime Rätin Götz sie
besann sich keinen Augenblick sehr verächtlich und wegwerfend von der Familie
ihres Mannes zu sprechen Sie wusste eine Menge Züge aus dem Leben der beiden
Brüder ihres Gatten welche sie mit hexenmässiger Zungenfertigkeit
durcheinanderquirlte und in die klangvolle klagende Erzählung des Doktor
Teophile hineinsprudelte Der Abenteurer und der Bettler wurden beide nach
Gebühr gewürdigt und die Tochter des Abenteurers bekam auch ihr Teil
Es musste für den Geheimen Rat Götz eine wahre Erlösung sein als der Doktor
endlich den Armensarg des armen Felix durch die Barrière dAunay gebracht und
ihm im Armenviertel des PèreLachaise die klägliche Grube gegraben hatte
»Oh so hat mir Rudolf das nicht erzählt« stöhnte der Geheime Rat Er ließ
die Hand von der Stirn sinken und wer ihn jetzt sah musste eingestehen dass der
Mann noch nicht ganz Maschine war aber er musste ihn deswegen bedauern
»Und dies ist die Wahrheit« rief die gnädige Frau »Der Herr Leutnant Götz
betritt mein Haus nicht wieder«
Ein Rauschen und ein Triller draußen Ein Klopfen an der Tür
»Kleophea« rief die Mutter »Theodor schieb den Riegel zurück Ich glaube
wir haben genug vernommen Herr Doktor Sie haben sich ein großes Verdienst um
unser Haus erworben Ich danke Ihnen herzlich dafür«
»Ein trauriges Verdienst« seufzte Teophile die Hand aufs Herz legend
Kleophea hüpfte in das Gemach
Sie brachte Sonnenschein mit sich und Jugendlust ihre Augen leuchteten
ihre roten Lippen lachten sie berührte den Boden kaum mit den Füßen Sie
begrüßte den Doktor mit solcher allerliebsten Ironie sie war so voll kleiner
boshafter Geschichten und wusste dieselben so gut zu erzählen Sie war
aussergewöhnlich gut gelaunt und deshalb auch aussergewöhnlich aufgelegt die
Gefühle ihrer Nebenmenschen durch kleine anmutige perfide Anspielungen zu
verletzen und äußerte eine große Wissbegierigkeit in Hinsicht auf gewisse
mosaische Gebräuche und Gesetzesvorschriften Es fand sich jedoch dass ihr der
Doktor Teophile mehr gewachsen war als die Mama er ließ sich nicht so leicht
aus dem Gleichgewicht bringen und konnte schon seiner anmutigen Gegnerin einen
Zug vorgeben
Er sprach sehr pathetisch über das Judentum Die außerhalb der Bibel
liegende Geschichte und Überlieferung desselben ist unendlich reich an Zügen
individuellen Heldenmutes stoischer Todesverachtung reich an Zügen von
Standhaftigkeit und Glaubensstolz wie sie kaum ein anderes Volk aufzuweisen
hat Auch nach der Zerstörung des Tempels sind Helden und Propheten unter dem
zerstreuten Israel aufgetreten und über eine eigene Poesie einen Schatz voll
ergreifender und hinreissender Anekdoten hat der zu gebieten welcher diese so
tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann Teophile Stein wusste
von der Heroen und Märtyrerhistorie seines Volkes den besten Gebrauch zu
machen und wenn schon die Seelen der Weiber durch Anekdoten leicht zu fesseln
sind musste man es doch dem Doktor lassen dass er die Kunst Geschichten zu
erzählen bis zur Meisterschaft ausgebildet hatte Er brachte sogar Kleophea zum
aufmerksamsten Lauschen und nachdem er zum Schluss und besonders für die gnädige
Frau sich in seinen seraphweissen Konvertitenmantel drapiert hatte konnte er mit
einer demütigstolzen Verbeugung sich empfehlen und mit den Erfolgen seines
Besuches zufrieden sein
Er war was er sein wollte Hausfreund Von jetzt an konnte er ohne
Schaden an seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden zu leiden den Besuch
des Kandidaten Hans Unwirrsch annehmen Er war der festen Überzeugung dass ihm
derselbe nicht mehr gefährlich sein könne er beherrschte die öffentliche
Meinung des Hauses des Geheimen Rates und fühlte sich stark genug nötigenfalls
den armen Hans so wie das Fränzchen seine andere kleine Pariser Bekanntschaft
vor die Tür zu setzen
Nun war der Frühling in seiner ganzen Pracht gekommen das Getümmel auf dem
Spazierwege vor den Fenstern des Geheimen Rates Götz hatte sich verdoppelt und
verdreifacht Die Kinder der armen Leute liefen mit nackten Füßen umher und die
Kinder der besseren Stände mit nackten Beinen Der Park war grün und es gab
seltsamerweise sogar Nachtigallen darin aber Hans Unwirrsch zog nicht den Trost
heraus den er davon gehofft hatte und welcher auch allenfalls darin hätte
liegen können
Kaum war das Lustgehölz grün geworden so frassen es die Raupen wieder kahl
und eine abscheuliche Sorte von diesem Getier wars die sich das Vergnügen
machte Wenn die Ungeheuer welche durch ihre Zahl sehr imponierten einen Baum
leer und sich voll gegessen hatten betätigten sie einen ausgebildeten Sinn für
das Schöne An langen Fäden ließ sie sich von den Zweigen hernieder auf die
Köpfe und Nacken der lustwandelnden Damen und der Kandidat Unwirrsch konnte
nicht aus dem Fenster sehen ohne dass er holde Frauen und Jungfrauen in Gruppen
oder einzeln in der berühmten Stellung der Venus Kallipygos doch mit anderm
Gesichtsausdruck stehen sah Hans guckte jedoch wenig aus dem Fenster Er hatte
keine Zeit dazu Je tiefer er in der Gunst und Achtung der Geheimen Rätin sank
desto weniger überließ sie ihn sich selbst desto enger fesselte sie ihn an den
Pfahl desto schärfer bewachte sie ihn
Sie hatte nun mal das Opfer gebracht und »diesen Menschen« auf Wunsch ihres
Gemahls ins Haus genommen und täglich musste sie sich diese Schwachheit
vorwerfen aber es war ihr Trost sich sagen zu können dass sie auch unter
solchen Umständen ihre Mutterpflicht nicht versäume
Mit verdoppelten Kräften griff sie in das Erziehungswerk des Hauslehrers
ein wirkte sie allen schädlichen Einflüssen entgegen und glänzend waren die
Erfolge Es ist ein Glück für uns sowohl wie für den Leser dass wir dieselben
beiseite liegenlassen können ohne irgend jemand Rechenschaft darüber schuldig
zu sein da Aimé ein Charakter ist dessen Wohl und Wehe uns in diesem Buche
wenig berührt
Fränzchen Fränzchen Götz wie ein lieblicher Ton von jenem fernen
fernen Göttereiland welches den Hass den Neid den Eigennutz und die hundert
gleichen praktischen Weltlichkeiten nicht kennt klingt uns dieser Name ins Ohr
und ins Herz
Aber tiefe Wehmut überfällt uns zugleich dass wir von solcher Stelle aus ihm
lauschen und ihn nachsprechen müssen und von derselben Wehmut wusste der
Kandidat Unwirrsch zu sagen Ach es war eine Trostlosigkeit sondergleichen
sich diesen süßen Namen innerhalb dieser kalten bösen im Katakombenstil
bemalten Mauern immer immer wiederholen zu müssen Tief in den Wald gehört der
Klang oder noch besser an den Rand des Waldes wo dicht neben dem kühlen
lieblichen Schatten das Ährenfeld im Sonnenglanz sich wiegt wo die Glocken der
Heimat aus dem Tal heraufklingen und der Bach lustig aus dem Forst
hervorspringend mit fröhlich jugendlichem Geplauder ins Tal hinabhüpft Wie
mochte es kommen dass Hans Unwirrsch in dieser öden Gegenwart den Namen
Fränzchen mit allen teuren Erinnerungen immer fester verknüpfte Er konnte nicht
an den Mondenschein seiner Kinderjahre gedenken ohne dass das Bild Franziskas
darin emporstieg Was hatte das Fränzchen mit seinem großen Hunger nach dem
Wissen, der Welt und dem Leben zu schaffen Was hatte sie zu schaffen mit seinen
Enttäuschungen
In alles in die geheimsten Winkel seines Herzens drängte sie sich Es war
unmöglich an die Base Schlotterbeck ja an den Oheim Grünebaum zu denken ohne
Franziska des Leutnants Rudolf Götz Nichte Sie saß in der niederen dunkeln
Stube zu Neustadt unter der magisch leuchtenden Glaskugel sie saß zu Neustadt
auf dem Kirchhofe im Sonnenschein neben dem Grabe der Mutter und des Vaters
Fremd fremd fremd Das Weltmeer hätte zwischen dem Kandidaten Unwirrsch
und der Nichte des Leutnants Götz rollen mögen sie würden dadurch nicht weiter
getrennt worden sein Sie grüßten sich stumm wenn sie einander in den Gängen
des Hauses begegneten sie nahmen stumm ihre Plätze nebeneinander ein der
giftige Schatten des Sohnes des Trödlers Samuel Freudenstein aus der
Kröppelstraße lag zwischen ihnen
Hans suchte den Doktor Teophile wieder in dessen Wohnung auf und zum
zweitenmal begegnete ihm die französische Waise die dem Doktor so vielen Dank
schuldig war Sie kam die Treppe herab dem Kandidaten entgegen und schritt
diesmal mit gebeugtem Haupte an ihm vorbei Sie hüpfte und lachte nicht mehr
sie stützte sich schwer auf das Geländer der Treppe und trug das Haupt sehr
gesenkt Sie sah sehr bleich aus und ihr Äußeres hatte viel von der früheren
Eleganz verloren Hans Unwirrsch nahm sich vor den Doktor um den Grund dieser
Veränderung zu fragen vergaß es jedoch da er so viele andere Fragen zu stellen
hatte
Teophile beantwortete alle Fragen die Hans an ihn richtete und tat ihm
den Gefallen und ließ sich ins Gebet nehmen aber die Art und Weise wie er sich
verantwortete ließ für ein frommes redliches Gemüt doch viel zu wünschen
übrig
Hans hielt es für seine Pflicht ihn mit ernsten Worten über sein Auftreten
im Hause des Geheimen Rates zur Rede zu stellen worauf der Doktor Stein
antwortete dass er Teophile in keiner Weise die Grenzlinien des Anstandes und
der Bildung zu überschreiten gedenke sich jedoch nur eines gewissen
elektrischen Lichtes in seinem eigensten Innern zur Beleuchtung des Weges
bedienen könne
Hans rügte in halber Verzweiflung die Indelikatesse des Freundes sich in
das Haus zu drängen in welchem Franziska Götz Schutz gesucht habe Teophile
fühlte sich bewogen darauf zu versichern dass das Fräulein welches vordem
seine Teophiles Gegenwart Hilfe und Dienstfertigkeit in der Pariser Mansarde
nicht von sich gewiesen ja sie ohne Scheu angenommen habe im Kreise so
liebender Verwandten nichts »Unrechtes« von ihm zu »befahren« habe
Als der Kandidat Unwirrsch lauter als gewöhnlich rief dass er berechtigt
sei an der Liebe und Neigung der Verwandtschaft gegen das junge arme Mädchen
zu zweifeln zuckte der Doktor nur die Achseln und hielt sich für berechtigt
aus christlicher Liebe zu schweigen aber er rieb dabei einmal wieder die Knie
aneinander nach der Art Moses Freudensteins
Der Doktor Teophile Stein schwieg auch in den ersten Augenblicken nachdem
Hans von dem schillernden Stern Kleophea zu reden angefangen hatte ein
eigentümliches Gesicht machte der Herr Doktor aber dazu
Ei seht das Pfäfflein dachte er Für so schlau hätte ich es gar nicht
gehalten Laut sagte er
»Liebster Freund was willst du Das Mädchen ist schön ist geistreich wird
von der ganzen Stadt als ein Wunder angesehen weshalb soll ich Vorzüge die von
jedermann anerkannt werden nicht auch nach Gebühr schätzen Ist denn Lieben ein
Verbrechen darf kein Schwarzer glücklich sein«
»Aber es ist ein gefährliches Spiel das du mit dem Fräulein treibst Trotz
ihres scharfen Geistes ist sie dir nicht gewachsen Mo Teophile nimm es mir
nicht übel es kommt mir immer von neuem der Gedanke du habest in diesem Hause
nichts zu suchen Ich kann das Gefühl nicht loswerden du müssest irgendein
großes Unglück über diese Menschen bringen«
»Du ahnungsvoller Engel du« lachte der Doktor »Deine Sorgen zeugen von
einem höchst vortrefflichen Herzen und übel will ich dirs nicht nehmen wenn
du ihnen Ausdruck verleihst Ich will dich sogar dafür belohnen Gleiches mit
Gleichem vergelten und ungeheuer offen gegen dich sein Du hast von deinem
Standpunkt aus ganz recht wenn dir manches an mir missfällt Mit Recht bist du
im unklaren über den innersten Grund meines Übertritts zum Katholizismus Ist es
nicht so«
Hans nickte mit einem Nachdruck wie er ihn selten kundgab
»So öffne deine Ohren mein Sohn um zu hören und deinen Mund um deine
Billigung auszusprechen die heilige Macht des Hungers hat mich dazu
getrieben«
Hans Unwirrsch griff nach seinem Hut
»Der Hunger nach dem Ideal« seufzte Teophile und Hans Unwirrsch setzte
seinen Hut wieder nieder
»Ich wünsche Vortragender Rat im Kabinett Seiner Majestät des Königs zu
werden« schloss Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße zu Neustadt und Hans
Unwirrsch erhob sich und griff nach der Stirn als ob er von einem plötzlichen
Schwindel ergriffen werde
»Ich bin ganz offen Hans Es ist meine Absicht mich um die Neigung und
späterhin um die kleine Hand des Fräuleins Kleophea Götz zu bewerben die
Wasserflasche steht hinter dir«
»Moses Moses« rief Hans Unwirrsch
»Ja nenne mich nur Moses Bei allen schönen Erinnerungen welche sich an
diesen Namen knüpfen beschwöre ich dich deinen Einfluss in diesem Hause nicht
gegen den Freund deiner Jugend zu wenden Bedenke wie wenig du vom verworrenen
Lauf der Welt erfahren hast und wie schwierig es ist recht zu richten Das
Schicksal hat uns erfreulicherweise wieder zusammengeführt nur sind die
Gegensätze welche in unserer Jugend bereits in uns vorhanden waren etwas
schroffer herausgebildet Lege immer wenn ich dir in einem falschen Lichte
erscheinen mag die Hand aufs Herz und frage dich ja recht ob du tief genug in
den Gang meines Lebens eingeweiht seist um gegen mich auftreten und zeugen zu
können«
Das war bewunderungswürdig gesprochen Ohne den Gedanken an das bleiche
Fränzchen würde der Kandidat der Theologie Johannes Unwirrsch an demselben Abend
noch ein Eisenbahnbillett in der Richtung nach Neustadt und der Kröppelstraße
gelöst haben
Einundzwanzigstes Kapitel
Die Raupen im Park verschwanden nachdem sie ihr Teil an der Tafel des Lebens
verzehrt hatten aber der Doktor Stein verschwand nicht aus dem Hause des
Geheimen Rates Götz Er kam täglich und wurde täglich mit verbindlicherem
Lächeln von der gnädigen Frau empfangen Er las mit den Damen er fuhr mit ihnen
aus und es gab viele Leute in der Stadt welche die Geheime Rätin um diese
interessante Bekanntschaft beneideten denn der Doktor war ein Mann dessen Ruf
sehr wuchs Man hörte ihn wachsen ohne dass man im geringsten berechtigt war
von aussergewöhnlicher Reklame und dergleichen zu reden Vor einem ausgewählten
Publikum beiderlei Geschlechts hielt Teophile Vorlesungen über die »Rechte und
Pflichten in der menschlichen Gesellschaft« welche dem exklusiven eleganten
Bruchteil der Menschheit für welches sie berechnet waren sehr gefielen Doktor
Stein schüttelte den Sack nicht roh und gewissenlos aus nachdem er den Inhalt
kräftig durcheinandergerüttelt hatte nein reinlich zart und zierlich
sortierte er die Rechte wie die Pflichten legte die ersten mit Grazie neben das
Wachslicht zur Rechten und die zweiten mit der bekannten das Gewissen so sehr
beruhigenden lächelnden Wehmut neben das Licht zur Linken Sodann lud er das
gegenwärtige Publikum ein gefälligst zu wählen und es wählte mit Behagen Die
Vorlesungen aber wurden gedruckt und es sollte wie man sagte bis in die
höchsten Kreise hinein viel die Rede von ihnen sein Die Geheime Rätin Götz war
jedenfalls sehr entzückt von ihnen die Einwände aber die Kleophea machte
gaben dem Doktor erwünschte Gelegenheit hundert glänzende Schlingen um ihr
rebellisches Selbst zu werfen Mit Kleophea Götz sprach Teophile in einer
andern Weise als mit ihrer Mutter Nicht bloß die weiche sanfte Desdemona wird
gewonnen wenn der »abenteuernde Afrikaner« erzählt von
weiten Höhlen wüsten Steppen
Steinbrüchen Felsen himmelhohen Bergen
Von Kannibalen die einander schlachten
Antropophagen Völkern deren Kopf
Wächst unter ihrer Schulter
Der Zauber ist fast noch größer wenn dem unbiegsamen kräftigen feurigen
Weibe das sich in Trotz und Unmut vergeblich gegen kleinliche Verhältnisse
abängstigt und in zorniger Schönheit an verachteten Ketten zerrt in solcher
Weise vorgelogen wird Es gehört nicht viel dazu unter solchen Umständen die
Seele eines Weibes zu fangen Von Schlachten und Belagerungen konnte nun
freilich Teophile nicht erzählen und als Sklav war er auch nicht verkauft
worden aber er sprach von andern Dingen die ihm Anspruch auf eine »Welt von
Seufzern« geben konnten Er machte Kapital aus seiner Abstammung und dunkeln
Jugendexistenz und war elegisch und rührend trotz Hans Unwirrsch Wie leicht und
eben ihm der Weg in die Welt durch seinen armen Vater gemacht worden war
verschwieg er weislich durch eigene Manneskraft und eigenen Mannesmut hatte er
natürlich alle Hindernisse besiegt die sich ihm entgegengestellt hatten Er
klappte seinen Hemdkragen à la Byron um und deutete an dass er lord of
himself tat heritage of woe nicht immer den graden Pfad gegangen sei dass
es Tiefen dunkle schwarze Tiefen in seinem Busen gebe Abgründe in die er
nicht hinabsehen dürfe ohne schwindlig zu werden Offen aber mit dumpfer
Bitterkeit sprach er von einzelnen Epochen seiner Vergangenheit von frühen
Irrtümern und Fehlern er verlangte nicht das Mitleid der Menschen aber er
duldete auch nicht ihre Vorwürfe er schloss seine Rechnungen selber ab finstere
Wolken hingen ringsumher Nacht war es in seinem Innern aber er hatte den
Hunger nach dem Licht noch nicht verloren und deshalb allein konnte er noch
unter den Lebenden wandeln ohne von der Last des Daseins zum Krüppel gedrückt
zu werden
Kleophea war in ihrem ganzen Leben nicht so schweigsam gewesen wie um diese
Zeit Die Geheime Rätin fing an von dem günstigen Einfluss zu reden welchen der
Doktor auf das Mädchen ausübe Was um diese Zeit der Herr des Hauses von dem
Verkehr Teophiles mit seiner Gemahlin und Tochter dachte ist deshalb nicht
kundgeworden weil er nicht um seine Meinung gefragt wurde Aber eine Tatsache
ist dass er öfter als je in tiefe Gedanken versunken schien und seltsamerweise
dann am ersten daraus erwachte wenn Franziska ihn anredete oder auch nur den
andern antwortete Da der Geheime Rat nicht ein Gegenstand der allgemeinen
Aufmerksamkeit genannt werden konnte so gingen auch für jeden andern als den
Hauslehrer die traurigen ängstlichen Blicke verloren mit welchen der Mann das
Fränzchen auf ihren scheuen Wegen durch die Zimmer seiner Frau begleitete Es
war als erwarte er von der selbst so Hülflosen irgendeinen Trost eine Hilfe
In Fränzchens Verhältnis zu Hans war keine Veränderung eingetreten sie
gingen umeinander herum und fühlten sich sehr unbehaglich Der Leutnant Rudolf
ließ sich nicht blicken im Grünen Baum wo sich Hans erkundigte wusste niemand
Bescheid von ihm zu geben im Hause des Geheimen Rates wurde sein Name niemals
erwähnt ob Franziska Nachricht oder Briefe von ihm erhielt blieb für Hans
unklar Wenn es der Fall war so mussten sie ihr jedenfalls wenig Trost geben
Hans Unwirrsch fühlte sich täglich jenem Star ähnlicher der in »Yoricks
sentimentaler Reise« an den Stäben seines Käfigs rüttelt und jammert »Ich kann
nicht heraus Ich kann nicht heraus«
Um die alten Leute in der Heimat nicht zu beunruhigen hatte er immer an sie
gemeldet dass es ihm gut sehr gut gehe dass er nach seinem Wunsche in einer
großen Stadt unter vielen Menschen und in einem vornehmen Hause lebe und
dergleichen mehr Aber es ging ihm nicht gut Er konnte nicht heraus aus dem
verzauberten Kreis den das Schicksal um ihn her gezogen hatte Er fühlte dass
die Zeit nicht fern sei wo er Moses Freudenstein hassen wo er Franziska Götz
lieben werde und er befand sich auf einer ewigen Flucht vor seinen eigenen
Gedanken Es ging dem armen Hans Unwirrsch gar nicht gut
Der Sommer war frostig und regnicht eine mit dem Doktor Stein verabredete
Badereise wurde von der Familie aufgegeben man blieb zu Hause um grämlich und
langweilig auf den triefenden tröpfelnden Park und die kotigen Spazierwege
hinauszusehen oder um mit Teophile dem Professor Blütemüller und einer langen
Reihe ähnlicher Bekannten und Freunde beiderlei Geschlechts die Tage in
gewohnter winterlicher Weise hinzubringen Kleophea wäre ohne den Doktor
Teophile in einem solchen Sommer verloren gewesen sie würde erst ihre Mama
dann den holden Aimé und zuletzt sich selbst umgebracht haben Teophile aber
erzählte ihr jetzt wenn die Mama nicht anwesend war Pariser Geschichten und
erhielt sie sowie die beiden lieben Angehörigen dadurch am Leben
Unter den strengen Augen der Geheimen Rätin unterrichtete der Hauslehrer
nach wie vor den Sohn des Hauses und duldete schrecklich Er fing allmählich an
auch körperlich sich unwohl zu fühlen litt an Schwindel und Kopfweh und wurde
von Tag zu Tag mehr zum Hypochonder Er litt am Herzen und wusste es aber mehr
und mehr bildete er sich auch ein an der Lunge zu leiden fragte jedoch wenig
danach Er hatte keinen Hunger mehr nach irgendeinem Dinge nur dem Fränzchen
hätte er sein ganzes Herz klar darlegen mögen und dann dann Einerlei Der
Tod war ja Ruhe und Ruhe Ruhe wünschte sich Johannes Unwirrsch den Moses
Freudenstein den »Hungerpastor« genannt hatte
Es war ein Sonnabendnachmittag in den letzten Tagen des Augusts und es
hatte wieder einmal vom frühesten Morgen an unaufhörlich geregnet
Am Fenster seines Stübchens saß Hans dessen Kopfweh heute heftiger als
gewöhnlich war und der Gott dankte dass er heute keine Lektionen mehr zu geben
hatte Der Zögling befand sich im Zimmer der Mutter und zerfetzte zu den Füßen
des Doktor Stein ein schönes Bilderbuch welches dieser Herr ihm mitgebracht
hatte Der Doktor Stein hatte für Aimé sehr häufig irgendein Spielzeug oder
dergleichen in der Tasche er wusste dass es in der Diplomatie nichts Großes und
nichts Kleines gibt
An diesem Sonnabendnachmittag an welchem Kleophea Götz trotz der
geistreichen Unterhaltung Teophiles mürrisch war und blieb an diesem Tage an
welchem der Kandidat Unwirrsch von seiner baldigen Auflösung fest überzeugt war
an welchem es nicht nur draußen sondern bis tief in seine Seele hinein regnete
an diesem Sonnabendnachmittag erhielt der Kandidat Unwirrsch von der Post ein
Paket aus Neustadt künstlich geschnürt und nicht nur mit Siegellack sondern
auch zu größerer Vorsicht mit Pech verpicht ein Paket das Jean mit Ekel und
Verachtung auf den nächsten Stuhl neben der Tür fallen ließ
In diesem Paket befanden sich ein Paar neuer Stiefel von Rindshaut ein
Schächtelchen mit halbwelken Blumen ein Brief von der Base Schlotterbeck und
ein Brief von dem Oheim Nikolaus Grünebaum
Des Oheims Schreiben aber ging folgendermaßen seinen Weg
»Hochzuverehrender Nevö
insbesonderegeliebter Herr Teologus Kantidatiä
Studio und Hauspräzeptor Wohlgeboren
Insbesondere von wegen dem nassen Sommer das ewige Geregne dem Dreck und die
verwandtschaftliche Liebe und Affektion übersende ich ein Paar Stiebeln mit
doppelte Sohlen und dem Wunsch dass sie mit Gesundheit verrissen werden möchten
Lieber Hans Es freut mich sehr zu vernehmen dass Du noch bei Kräften bist und
ich danke für die gütigst zum Präsent geschickte Weste und Dabacksbeutel mits
Porträt vom Mohrenkönig Mir gehts hundeübel und elend man wird älter mit jedem
Tage der Magen will nicht mehr fort und die Augen sind auch nichts mehr wert
und auf der Brille habe ich mir vorgestern hingesetzt weswegen ich von wegen
diesem Brief um Verzeihung bitte wenn er nicht zu lesen sein sollte Dein Vater
hats ganz recht gemacht dass er früh abgefahren ist aus diesem Jammertal Was
will der Mensch drin wenn er sich den letzten Zahn an einer trockenen Brotrinde
ausgebissen hat und der Podagra in seine Zehen murxst welches mich darauf
bringt dass der Nachbar Murx auch erlöst ist und ich habe sein Spanisches
erstanden in der Auktion Lieber Hans sonsten gehts gut und wir sind ganz
fidel aber der alte Bieräugel im Roten Bock hats Geschäft abgegeben an seinen
Sohn so das Haus verputzt hat innerlich und auswendig und Dapeten eingeklebt
hat und Bilder in goldem Rahmen aufgehängt hat undn großen Spiegel weswegen das
Bier schandhaft und die Gemütlichkeit zum Henker ist und der Alte aus
natürlichem Kummer mitn Strick in die Tasche umgeht und sich nachm passenden und
haltbaren Nagel für sich umsieht So sind wir in die Traube gezogen aber das
ist aus die Gewohnheit und dem Weg und wenn man alt geworden ist so bleibt man
am liebsten beis Gewohnte Mit die Politik ists auch das alte nicht mehr Da
müsste man ja den Postkurier mitn französischem Wörterbuch verstudieren bitt ich
Dir Wars mir aber doch sehre angenehm Deine Ansicht von denen Konstitutionen
zu vernehmen so sie uns versprochen haben für den vielen Kontributionen so sie
uns in die Befreiungskriege aus die Nase gezogen haben und halten nun nicht
Wort Ich bleib aber derbei der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden und
lieber Hans was nun die Base Schlotterbeck anbetrifft so hat sie immerdar noch
ihre Tücken Schrullen und Spitzfindigkeiten aber missen möcht ich ihr doch um
keinen Preis in die Welt Eine Perschon ist sie und im Sack hat sie mir aber
wenn sie mir stramm hält so hält sie mir doch auch warm und ich wüsste nicht
was ich ohne ihr anfangen sollte hier in Neustadt Das istn gefährlich Ding ihr
vor die Haustür zu kommen wenn sie sie schonsten verriegelt hat und im Bett
ist Gnade Gott der Schnabel ist ihr dann nicht zugewachsen und man möchte
gewisslich wohl lieber als einer von ihre Geister denn in Fleisch und Blut
anklopfen und ihr die Treppe herunterkommen hören
Lieber Hans der Hauszins so Du uns aus Güte lässest in unsere
Gebrechlichkeit geht noch immer druf aber wir wollen Dir die Lujedors aus die
ewige Seligkeit überschicken wenn sie uns hereingelassen haben Du kannst Dir
darauf verlassen Wir haben es uns ganz feste vorgenommen
Die Stiebeln sind mit Schenie gearbeitet und haltbar wenn Deine
Brinzipalität Dir darin trapsen hört sag nur dreiste Dein Oheim Niklas
Grünebaum sei der Mann zu so was und damit Gott befohlen
Lebe wohl und grüße bald von Dir Deinen alten betrübten Oheim
Niklas Grünebaum«
Der Brief der Base Schlotterbeck lautete
»Lieber Sohn
Wenn ich nur wüsste was Dir wäre und wie Dir zu helfen wäre Du schreibest
zwar es ginge Dir recht gut und schickst mir aus gutem Herzen eine warme Jacke
für den Winter aber dem ist nicht also es geht Dir nicht zum besten Das mit
dem Moses Freudenstein dass er ein Christ worden ist und seinen Namen
umverändert hat und soviel in Eurem Haus ein und aus geht solches will mir
nicht in den Sinn Es gefällt mir gar nicht und die alte Ester die auch in
ihrem Elend noch lebt ist gestern abend vor mein Fenster gehumpelt gekommen und
hat angeklopft und sich schlimm gehabt und gesagt der Moses sei ein böser
Mensch und es gehe nicht gut mit ihm aus Sein Vater sei um seinetwillen
gestorben und er sei ein schlechter Mensch und sie habe es nie geglaubt dass es
also sei bis zum Tode des alten Samuel Sie hat gebeten ich möge Dir warnen
vorm Moses und seinen glatten Worten er sei ein falscher Mensch bis in das Mark
von seine Knochen
O lieber Sohn Du weißt es kommen auch noch andere Leute vor mein Fenster
oder ich begegne ihnen in den Gassen oder sie stehen vor den Häusern und sehen
aus als warteten sie auf jemanden wo denn einer im Haus von ihrer Familie
sterbet und zu ihnen kommt Deine Mutter und Dein Vater sind oft da gewesen in
der letzten Zeit und haben sehr betrübt ausgesehen und mit den Köpfen
geschüttelt Da weiß ich nun dass es schlecht um Dich steht und gräme mich
weil ich nicht weiß wo es Dir fehlt Bitt Dich also von Herzen lieber
Johannes Du wolltest Dich recht fest stellen gegen alle Anfechtungen und den
Moses keine Macht über Dich gewinnen lassen trotzdem Ihr so gute Freunde
gewesen seid in Euerer Jugend Der Herr Professor Fackler der jetzt recht alt
und kümmerlich wird und seine Eugenie hat gefreit aber die andere ist noch zu
haben hat dasselbe gesagt Er hat noch darzugewelscht in lateinscher Sprache
aber ich habe nur das Deutsch verstanden und er hat den Moses auch nicht recht
leiden können da er ihn noch unter der Rute hatte und Du solltest ihm aus dem
Wege gehen
Es regnet hier dieses Jahr sehre und bitte Dich Du mögest mir schreiben
ob das bei Euch auch so ist Aber ich habe keine Langeweile wenn ich am Fenster
sitze und denke an die alte Zeit und wie das Leben hingeht und wie wir zusammen
auf dem Christmarkt saßen Mit Deines Oheims Arbeit hats nie viel auf sich
gehabt und jetzt noch weniger aber ich komme schon aus mit dem Mann und je
älter er wird desto stiller sitzt der Mensch und selber der Niklas
Grünebaum Nun denk ich mir auch wen Du wohl heiraten wirst wenn Du erst ein
Pastore bist ich möchte sie wohl noch sehen die junge Frau Der Maurer zahlt
die Miete schlecht denn es geht ihm schlecht bei das nasse Wetter Wir behelfen
uns wie es geht Lieber Sohn Johannes Geld kann ich Dir nicht schicken von
Deinem Eigentum aber ich schicke Dir einen Strauss von Deiner Eltern Grabstelle
Ich habe sie im Regen gepflückt und das wird sie wohl frisch er halten auf dem
langen Wege Es ist wunderlich doch die Blumen fahren so weit und noch gar auf
die Eisenhahn und ich sitze und kann nur die Gedanken fahren lassen Dir
entgegen Meister Grünebaum möchte auch wohl die Eisenbahn sehen aber wenn sie
nicht zu uns kommt so wirds ein übel Ding darum sein Lieber Sohn Johannes
schreibe mir bald und wenn der Moses Freudenstein mit dem fremden Namen danach
fragt was sie in Neustadt von ihm denken so sage ihm nur gradheraus was ich
Dir geschrieben habe und Du lieber Sohn hüte Dich vor ihm und gedenke an
Deine getreue Base Schlotterbeck
Nachschrift Des Oheims Stiebeln trage nur ja bei dem feuchten Wetter sie
mögen wohl schon einen Schnupfen und sonstige Verkühlungen abhalten
Nicht zu vergessen empfiehl mich Deiner Herrschaft und sag ihnen ich
machte ihr mein Kompliment und sie möchten aus gutem Herzen für Dich sorgen da
Du eine Waise bist und immer nicht selber auf Dich achtgibst Sei nochmalen
gegrüßt von
Deiner Base«
Die beiden Briefe waren im Original nicht so leicht zu lesen wie sie hier im
Druck erscheinen Nicht alle Buchstaben drin standen auf der rechten Stelle und
nicht jedem Worte sah mans an was es bedeuten sollte Die Korrespondenten
hatten jeden Klecks der ihnen »passiert« war zierlich mit dem Zeigefinger
ausgewischt dadurch freilich den Text nicht deutlicher gemacht Die Buchstaben
lagen durcheinander wie ein Wald in welchem der Orkan gehaust hatte es war
keine Kleinigkeit sich durch diese Wildnis zu arbeiten noch dazu wenn man
körperlich unwohl war und durch manchen Passus der Briefe tief gerührt und
bewegt wurde Als Hans endlich den Kopf wiederaufrichtete war es ihm dunkel vor
den Augen und die herankommende Dämmerung trug nicht allein die Schuld davon
Eigentümliche Lichter zuckten durch den grauen Schleier der vor den Augen des
Kandidaten lag er musste den Kopf mit beiden Händen fassen es war ihm als
wolle er zerspringen und dumpf dröhnte es vor seinen Ohren als würde dicht
neben ihm eine große Glocke angezogen Er wollte sich aufraffen um das Fenster
zu öffnen vermochte es aber nicht er war ernstlich krank so krank dass sich
alle übelen Gefühle in das tote Nichts der Bewusstlosigkeit auflösten um dann in
das geisterhafte grausame Spiel des Phantasierens überzugehen
Hans Unwirrsch hatte eine Gehirnentzündung und war in der Tat während
mehrerer Tage dem Tode nahe genug aber er hatte auch Visionen während dieser
Krankheit die nicht zu teuer durch alle Schmerzen die er dulden musste erkauft
wurden
Der Herrin des Hauses war dieser Zufall welcher den Hauslehrer betraf
natürlich in höchstem Grade unangenehm und unbehaglich Sie fühlte sich im
Grunde ihrer Seele nicht verpflichtet diesen fremden Menschen mit solcher
gefährlichen Krankheit im Hause zu behalten Aber unangenehm wars ihr
anderseits der Welt wegen von ihren innersten Gefühlen Gebrauch zu machen und
ihn aus der Tür zu werfen und nach dem Krankenhause bringen zu lassen Sie hatte
einen Charakter zu bewahren und sie war eine fromme Dame Sie musste also
zulassen was sie nicht ändern konnte und fand wiederum eine große Hilfe an dem
Doktor Teophilus Stein der sich bereit erklärte den Kranken unter seine
besondere Obhut zu nehmen und in betreff seiner alles Nötige zu besorgen
Der Doktor Teophilus Stein gehörte zu den Visionen Hans Unwirrschs
Es war am zweiten Tage nach dem Ausbruch des Fiebers als sich Teophilus am
Bett des kranken Jugendgenossen allein befand allein und unbeachtet wie er
glaubte Er war draußen auf dem Gange mit einer spöttischen Verbeugung an
Franziska Götz vorübergeschlüpft und beugte sich nun über das Lager des
Kandidaten Auf Wunsch der Geheimen Rätin war er gekommen um nachzusehen »was
der junge Mann mache«
Wirr sah es in dem Geiste Hans Unwirrschs aus Von seltsamen lichten
Augenblicken wurden seine Phantasien unterbrochen Dunkelheit Dämmerung und
Licht Wirklichkeit und Traum wechselten fortwährend Die beiden Briefe aus der
Heimat bei deren Lesung die Krankheit ihre giftige Hand auf sein Haupt gelegt
hatte hatten das Ihrige getan seine Seele mit den Bildern der Vergangenheit zu
füllen obgleich das kaum noch nötig war Der Brief der Base hatte die geistigen
Qualen der letzten Zeit mit der körperlichen Not in wahrhaft schrecklicher Weise
durcheinandergewühlt Teophile aber glaubte sich allein und unbeachtet
Er hatte den Arzt zu dem Kranken hinaufbegleitet der Arzt hatte bedenklich
den Kopf geschüttelt ein neues Rezept geschrieben und war gegangen Teophile
war geblieben obgleich er eigentlich keinen Grund dazu hatte Nachdem er einen
Augenblick dem Kranken in die fieberglühenden Augen geblickt hatte wandte er
sich ab und sah sich mit einem mitleidigen Lächeln im Zimmer um Er war sehr
neugierig wie wir wissen und schnüffelte gern um und in anderer Leute Sachen
und Angelegenheiten wenn es ohne Schaden und Unannehmlichkeiten geschehen oder
gar Nutzen bringen konnte Die Sachen und Angelegenheiten des Kandidaten
Unwirrsch hatten für ihn natürlich noch ein besonderes Interesse
So musterte er denn die kleine Bibliothek zog das eine oder das andere Buch
hervor warf einen Blick hinein lächelte und stellte es wieder an seine Stelle
Er hielt es nicht unter seiner Würde in den Kleiderschrank zu gucken zuletzt
wandte er sich zu dem Schreibtisch
Wir haben erzählt wie Hans von der Krankheit überrascht wurde Teophile
hielt es für keine Indiskretion in Schubladen zu schauen welche offenstanden
und in Briefe welche geöffnet dalagen Er hob den welken Blumenstrauß den die
Base Schlotterbeck auf den Gräbern von Anton und Christine Unwirrsch gepflückt
hatte an die Nase und warf ihn dann mit Verachtung wieder hin Er fand den
Brief des biederen Oheims Grünebaum und studierte ihn mit Behagen Dann nahm er
das Schreiben der Base auf er fühlte sich angenehm gerührt und gekitzelt
durch diese Laute aus jener längst abgetanen Welt und zog einen Stuhl an den
Tisch um sich seinen gemütlichen Empfindungen mit Bequemlichkeit hingeben zu
können Er gähnte als er den Brief der Base öffnete aber er schloss den Mund
gleich darauf nachdem er die ersten Zeilen entziffert hatte Schnell drehte er
sich nach dem Kranken um und erhob sich halb vom Stuhl den Brief in der Hand
zusammenknitternd Hans Unwirrsch stöhnte tief aber er lag jetzt mit
geschlossenen Augen Teophile konnte seine Lektüre ungestört beendigen
Er las biss sich auf die Unterlippe und lachte er sah nicht dass der
Jugendfreund die Augen von neuem geöffnet hatte und ihn mit dem starren
unheimlichen Blick des Fiebers anstarrte
»Wie toll Wie närrisch Wie albern« sagte Teophile das Schreiben mit
Bedacht wieder glättend
»Lächerlich originell« sagte er die Arme auf der Brust kreuzend »Aber der
Tölpel könnte endlich doch unbequem werden es wird das beste sein ihn aus dem
Hause zu schaffen Wir wollen sehen nimm dich in acht liebster Hans jedes
Übermaß muss gefährlich werden selbst ein Übermaß von Gemüt«
Er stand auf und schob den Stuhl ziemlich heftig zurück Wieder trat er an
das Bett des Kranken So völlig geistig gebunden glaubte er den armen Hans dass
er es für gänzlich unnötig hielt sich irgendeinen Zwang aufzulegen aber er
irrte sich Hans sah klar ganz klar erschrecklich klar Zwischen Sein und
Nichtsein Bewusstsein und Bewusstlosigkeit kam ihm die Erkenntnis gleich einem
Blitz Er sah die Augen des Mannes der vor ihm stand leuchten wie die eines
bösen Geistes der sich an einem Unglück weidet Die ganze Herzlosigkeit dessen
den er einst seinen Freund nannte offenbarte sich in diesen Augen diesem
Lächeln Hans Unwirrsch fühlte zum erstenmal in seinem Leben was der Hass sei
er hasste die schlüpfrige ewig wechselnde Kreatur die sich einst Moses
Freudenstein nannte von diesem Augenblick an mit ganzer Seele Er hätte laut
aufschreien mögen aber seine Zunge war nicht in seiner Gewalt er hätte
aufspringen mögen um diesen Moses Freudenstein mit den Fäusten und Zähnen zu
packen allein sein armer Körper war eine bewegungslose Masse über die er
keine Macht hatte Aber mit dem Auge konnte er ihn erreichen Teophile Stein
fuhr zusammen und zurück er lächelte nicht mehr Johannes Unwirrsch versank
abermals in die Phantasien des Fiebers doch die Gewissheit nahm er in sie mit
hinüber dass er sich einen unversöhnlichen Feind erworben habe
Als er von neuem aufwachte war manch ein Tag vergangen
Zwei andere Gesichter und Gestalten sah er neben seinem Schmerzenslager Zu
Füßen des Bettes saß der Geheime Rat Götz gelblichbleich müde und kummervoll
ganz ohne Mechanik aber als ein gebeugter Mann der teilnehmen konnte an
fremdem Elend Und neben ihm neben ihm mit der Hand auf seiner Schulter
stand Franziska das Fränzchen mitleidig und mild wie immer und mit Tränen
in den Augen des Leutnants Rudolf liebliches Fränzchen
Und dieses Fränzchen hatte keine Ahnung davon wie scharf der Kranke auch in
diesem Augenblick sah Es war doch sonst so ziemlich Herrin über seine
Gesichtszüge zum Beispiel der Herrin des Hauses gegenüber bei manchen bösen
Gelegenheiten aber in dieser Stunde gab es sich nicht die geringste Mühe sie
zu beherrschen
Es erschrak auch sehr das Fränzchen und errötete tief als es plötzlich
bemerkte dass Hans Unwirrsch wache und sehe Hans musste die Augen schließen und
als er sie wieder öffnete er konnte die Zeit nicht recht angeben waren auch
diese beiden Gestalten nicht mehr da Sie hatten der alten rohen Wärterin aus
dem Hospital Platz gemacht aber es schadete nichts
Die Sonne war aufgegangen in Hans Unwirrschs Seele es wusste dass er nicht
sterben würde und er wusste ein noch viel Wichtigeres er hatte erkannt weshalb
der vagabundierende Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in dieses Haus in so großes
Ärgernis und unbehagliches Wesen gebracht hatte
Nach allen Seiten hin nahmen die bösen Geister die Flucht Segen über den
Leutnant Rudolf Götz Gottes Segen über des Leutnants Fränzchen Es war großer
Jubel in der hungrigen Seele des Kandidaten Johannes Unwirrsch und es schadete
auch nichts dass ihm noch einmal die Sinne vergingen es war alles gut Die
Fieberphantasien wiederholten sich nicht es kamen die Tage der Genesung Weder
Franziska noch der Doktor Teophile Stein zeigten sich ferner in dem Zimmer des
Kranken aber der Geheime Rat Götz zeigte sich öfters und zwar von einer sehr
guten Seite Er war an dem Bette seines kranken Hausgenossen ein ganz anderer
Mensch als in seiner Studierstube oder gar in den Gemächern seiner Gemahlin
Hans der geglaubt hatte das Haus und seine Bewohner durch und durch zu kennen
erfuhr erst durch seine Krankheit dass ihm doch noch manches da verborgen
geblieben sei
O über die einsamen nachdenklichen grübelnden Stunden der Genesung
Es kam der Tag an welchem der Herr Hauslehrer sehr hager und etwas
schwindlig die Treppe wieder hinab in den Salon stieg um der gnädigen Frau und
Kleophea für alle bewiesene Güte seinen Dank abzustatten Die Sache war sehr
schnell abgetan Ein paar kalte Worte der Geheimen Rätin einige Anspielungen
auf die vielen Unannehmlichkeiten welche durch diesen »accident« im Hauswesen
hervorgerufen worden waren und das in dieser Beziehung Nötige war besprochen
Kleophea sagte gar nichts Aimé aber schien das Wiedererscheinen seines Lehrers
für eine persönliche Beleidigung zu nehmen
Am folgenden Tage hatte die gnädige Frau eine zweite Unterredung mit dem
Kandidaten und drückte den Wunsch aus bis zum Tage des Heiligen Christfestes
das bestehende Verhältnis zu lösen Sie sprach ihre Meinung dahin aus dass sie
die Einwirkung des Herrn Kandidaten auf ihren Sohn für nicht allzu segensreich
erachten könne und dagegen konnte Hans nicht das geringste einwenden Betäubt
wankte er in sein Zimmer hinauf und murmelte nur den Namen
»Franziska«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Es hatte sich sehr vieles während der Krankheit des Kandidaten Unwirrsch zum
Schlimmern verändert Wie sich die Verhältnisse im Hause des Geheimen Rates Götz
weiter ineinander verschoben hatten erkannte er nur allmählich aber dass es
Herbst geworden war in der Welt sah er mit Schrecken auf den ersten Blick Der
Rasen und die Wege unter den Bäumen des Parkes waren bereits mit den
abgefallenen Blättern bedeckt der Park selbst fing an einem verschossenen
Teppich mit sehr vielen Motten drin zu gleichen es war fast ein Glück zu
nennen dass Hans keine Zeit hatte sich darum zu bekümmern
Der Doktor Teophile hatte das Spiel der schönen geistvollen Kleophea
gegenüber vollständig gewonnen Kleophea liebte diesen Mann mit aller
Leidenschaft deren eine Natur wie die ihrige fähig war Es gehörte ein feines
Gefühl dazu um das Feuer zu merken welches unter dem blumengeschmückten Boden
glimmte aber es war da und durch es stand für den Augenblick der Garten in
noch herrlicherer Pracht es war sehr traurig es war eine Geschichte zum
Weinen
Der Geheime Rat war seit Hans wieder auf den Füßen stand so unnahbar wie
früher für ihn geworden seine Frau hatte gesprochen und er er fügte sich
dieser höheren Macht Hans sah ein dass dieser Mann die seinem Hause drohende
Gefahr nicht abwehren könne und dass eine Warnung jedenfalls nichts helfen
vielleicht sogar noch schaden und die Sache verschlimmern werde Bei der
gnädigen Frau hatte Teophile so trefflich vorgearbeitet dass von dieser Seite
auch nicht das geringste zu erwarten war und Kleophea die stolze prächtige
Kleophea würde sicher jeden Versuch der Einmischung in diese ihre eigensten
innersten Angelegenheiten mit tiefster Verachtung zurückgewiesen haben Sie
hatte viel zu oft mit Teophile über den »Hungerpastor« gelacht um sich nun von
demselben warnen zu lassen Falschheit und freche Selbstsucht bejammernswerte
Schwäche störrische Dummheit und frömmelnde Hoffart Leichtsinn Überhebung
Übermut Spott und Hohn auf allen Seiten o es war wahrlich eine Welt um darin
Hunger zu empfinden Hunger nach der Unschuld der Treue der Sanftmut der
Liebe
O Fränzchen Fränzchen Götz welch ein sanftes süßes Licht umstrahlte deine
holde Gestalt in diesem fratzenhaften Gewimmel Wo anders konnte Friede Schutz
und Ruhe sein als bei dir O Fränzchen Fränzchen wie konnte es doch geschehen
dass du dem armen Hans so seltsame Schmerzen bereitetest Wie konnte es doch
geschehen dass du um ihn so seltsame Schmerzen zu ertragen hattest Wie konntet
ihr beide euch gegenseitig so sehr quälen und noch dazu so ganz gegen den
Willen und die gute Absicht des Herrn Leutnants a D Rudolf Götz
Ach der Herr Leutnant Rudolf war auch nicht im Rat der Vorsehung
angestellt er hatte mit sich selber oft die liebe Not das Geschick hat seinen
eigenen Lauf und jede Prüfungszeit will ihr Ende auf ihrem eigenen Wege finden
in diesem hungrigen Erdengetriebe
Seit der Kandidat genesen war wich ihm Fränzchen nicht mehr so scheu aus
Je mehr Macht der Doktor Teophile Stein im Hause erhielt desto mehr sah die
arme Nichte ein dass zwischen dem Doktor und dem guten Hans das Verhältnis doch
nicht ganz so sein könne wie sie sichs zuerst vorgestellt hatte und nicht
ohne Berechtigung An dem Tage an dem die Tante dem Kandidaten sein
Präzeptorentum kündigte saß das Fränzchen in ihrem Gemach und weinte
Freudentränen und murmelte dazu den Namen ihrer Mutter wie solche armen
verwaisten Dinger gerne tun wenn ihnen ein großes unerwartetes Glück begegnet
ist Und dann trocknete sie ihre Tränen und lachte in ihr letztes Schluchzen und
ihr feuchtes Taschentuch hinein
»Dank dir Dank du lieber Onkel Rudolf Siehst du nein ja Dank dir
Dank dir«
Dann kam sie herab um ihren Platz an der Mittagstafel einzunehmen und
obgleich die geistige Atmosphäre während dieses Mahles noch drückender als
gewöhnlich war und die Tante giftspitziger als je so hatte des Fränzchens
liebliches Herz seit langer langer Zeit nicht so frei und leicht geklopft Und
es war als ob der Kandidat Hans Unwirrsch das auf der Stelle verspüre Auch er
sah unbefangener und wohliger auf die Leute ringsum ihr Sagen und Tun hatte
nicht mehr den früheren schlimmen Einfluss auf ihn Fränzchen Götz wich seinen
Augen nicht mehr aus und frei konnte er Atem holen
Es war nicht anders was sich so lange in eintöniger Unerquicklichkeit
hingeschleppt hatte musste sich endlich in seiner ganzen Nacktheit und
Trostlosigkeit zeigen Die Krisis war nahe zur Hand und wenn gegenwärtig das
Übel sich ohne greifbare fassbare Äußerlichkeiten fortspann so konnte der
elektrische Schlag der das stille vornehme Haus des Geheimen Rates in die
grösstmöglichste Verwirrung setzte und es zum Gespräch im Maule der ganzen Stadt
machte nicht ausbleiben Die böse Hand ballte sich und schlug dröhnend an die
Pforte um aller Verblendung aber auch allem Schlaf ein Ende zu machen
In den ersten Tagen des Oktobers folgten auf den langen widerlichen Regen
einige Tage in denen die Natur über ihre Misslaunigkeit Reue zu empfinden schien
und sich bestrebte durch verdoppelte Liebenswürdigkeit sich wiederum angenehm
zu machen Die Sonne brach durch die Wolken für sechsunddreissig kurze Stunden
zeigte sich das Jahr in seiner matronenhaften Schönheit und wer den holden
Augenblick benutzen konnte und wollte mochte sich beeilen denn so ganz ist
doch eigentlich selten irgendeiner Reue zu trauen
Die gnädige Frau gab ihrem Eheherrn den Befehl für einen oder zwei Tage
Urlaub zu nehmen und entführte ihn wie den teuren Aimé nach dem nicht allzu
fernen Landgute einer befreundeten Familie die über den längst angekündigten
Besuch höchstwahrscheinlich sehr erfreut war
Kleophea hatte sich nicht mitentführen lassen sie hasste das Land gründlich
und jene landbebauende Familie fast noch mehr Und sowenig sie Sinn für
Naturschönheiten besaß sowenig Geschmack fand sie an dem heiratsfähigen
Erstgeborenen jener achtbaren Familie der das schöne Mädchen mit seinen
glänzenden gesunden aber leider etwas glotzenden Augen und seinen
schüchternen meistens misslingenden Konversationsversuchen bis zum Tode
langweilen konnte Kleophea Götz die nicht gewohnt war über ihre Grillen
Launen Wege und Gänge Rechenschaft zu geben blieb daheim sah ihre Eltern mit
einem Seufzer der Befriedigung abfahren litt den Nachmittag an Migräne ließ
den Doktor Teophile abweisen und fuhr am Abend mit einer ihr befreundeten
Familie in die Oper wo sie den Doktor Teophile nicht abweisen konnte Mit
heftigem Kopfweh kam sie nach Hause und schloss sich in ihr Zimmer ein nachdem
sie seltsamerweise vorher ihrer Kusine einen Kuss gegeben und sie ein »armes
gutes Kind« genannt hatte Sie musste wirklich eine unruhige Nacht gehabt haben
denn am andern Morgen kam sie sehr spät und sehr abgespannt und nervös zum
Vorschein Als sie von Fränzchen mitleidig auf den Sonnenschein aufmerksam
gemacht wurde erklärte sie dass sie nichts danach frage und nannte die Kusine
ein »einfältiges Ding welches keinen Willen habe außer zum Leiden« dabei
weinte sie setzte sich aber im folgenden Augenblick an den Flügel um sich in
ein Gewirbel der gellendsten Arien zu verlieren Gegen Mittag wurde sie fast
ausgelassen heiter und während des Mahles forderte sie Hans auf zu gestehen
dass er in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft erschrecklich in sie verliebt
gewesen sei dass sein ehrbarer Charakter allmählich aber das Richtige gefunden
und sich jetzt zum »sanften Fränzchen« gewandt habe Sie hatte sehr heiße Wangen
und lachte sehr laut über die Verwirrung in welche sie ihre Tischgenossen
stürzte Sie sprach mit sehr unkindlichem Achselzucken von ihrer Mutter nannte
ihren Vater einen »armen Wurm« und ihren Bruder einen »Wurm« ohne Beiwort Sie
forderte ihre Kusine auf zu gestehen dass dieses Haus eine »Hölle« für sie
gewesen sei und den Kandidaten bat sie offen zu sagen dass er behaglichere
Orte zum »Atemholen« kenne Sie zeigte sich über alle Beschreibung heftig gegen
den aufwartenden Diener und jagte ihn hinaus um zu gestehen dass sie ein sehr
»unartiges Mädchen« und dass Franziska ein »armer Liebling« sei Sie trank auf
das Wohl von Hans und Fränzchen und bat dass man Nachsicht mit ihr haben möge
Dann bekam sie von neuem die Migräne und verriegelte sich abermals in ihrem
Zimmer Gegen fünf als es bereits dämmerig wurde ging sie aus
Hans saß den Nachmittag über an seinem Fenster ohne imstande zu sein etwas
Vernünftiges vorzunehmen Er schlug ein Buch auf legte es aber wieder fort
stopfte mit geheimem Zittern die Pfeife die er von dem untersten Grunde seines
Koffers heraufholte sie ging ihm jedoch bald wieder aus als wisse auch sie
dass in diesem Hause nicht geraucht werden dürfe Auf das Gewimmel der drunten
vorbeiziehenden Reiter Fußgänger und Wagen sah er wie gewöhnlich hinunter und
versuchte seine Aufmerksamkeit auf den alten schnauzbärtigen Leierkastenmann
mit der WaterlooMedaille zu richten aber auch das wollte nicht recht gehen
Alles zog ihn immer wieder in das Innere des Hauses zurück und von einer
unwiderstehlichen Macht wurde er gezwungen auf die leisesten Laute in den
Gängen und auf den Treppen zu horchen
Ihr leichter Fußtritt Nein nein es war nur das Schleichen der
Kammerkatze die samt dem betressten Jean beauftragt war ein scharfes Auge
sowohl auf den Herrn Hauslehrer wie auch auf das Fräulein Franziska zu haben um
über jeglichen Vorfall später genauen Bericht geben zu können
Ihre süße Stimme Torheit es war ein altes Weib draußen in der Allee das
geräucherte Heringe den Liebhabern anbot
Ach wenn Seufzer die Welt verbessern könnten sie wäre längst keiner
Verbesserung mehr fähig O wie oft und wie sehr der Kandidat Unwirrsch an diesem
ungesegneten Nachmittag seufzte Er starrte auf seine Stubentür und dachte an
alle jene behaglichen Märchen in denen die Fee stets zur rechten Stunde
ungerufen und gerufen kommt Als sie nicht kam und er sich hundertmal gesagt
hatte dass er ein Narr sei ging er zum fünfzigstenmal zum Fenster zurück um
wieder in das lustige Leben drunten hinabzustarren Er legte die Stirn an die
Fensterscheibe und stand wieder lange so aber auf einmal fuhr er schnell zurück
und sah schärfer hin Ein Schatten glitt durch das bunte Gewühl ein schwarzer
bleicher Schatten Unter den Bäumen hervor kam langsam ein ärmlich gekleidetes
hageres junges Weib und stand still dem Hause des Geheimen Rates Götz
gegenüber und sah zu den Fenstern desselben empor Hans aber erkannte dieses
Weib obgleich er es nur zweimal gesehen hatte und obgleich es sich seit der
Zeit so sehr verändert hatte
Es war die kleine einst so lustige Französin die er in der Wohnung des
Doktors Stein getroffen hatte und es war als ob ihre Augen in schmerzlichster
Hülflosigkeit ihn ihn Hans Unwirrsch suchten Es überkam ihn so seltsam
bange er hatte nach seinem Hute gegriffen und befand sich auf der Treppe ehe
er sich Rechenschaft über diese Gefühle geben konnte Er trat aus dem Hause und
schritt schnell um den Springbrunnen und den Rasenplatz er schritt über den
Fahrweg zu den Bäumen des Parkes aber da war der schwarze Schatten
verschwunden und vergeblich sah Hans sich suchend nach ihm um Hatte ihn seine
Phantasie wieder einmal in die Irre gelockt Er stand einen Augenblick in
Zweifeln aber die Sonne schien die Luft war so erfrischend er kehrte nicht
in das Haus zurück sondern wandelte langsam weiter unter den Bäumen Natürlich
verließ er bald die breiten Wege wo die meisten Leute gingen Die gewundenen
einsamen Pfade welche sich durch das Gebüsch zogen suchte er auf diese Pfade
auf denen alle die welche mit gesenktem Haupte gehen und gern ohne einen Grund
stehenbleiben am häufigsten zu finden sind Aber es gab an diesem Tage kaum
einen gänzlich verödeten Weg Sie waren alle draußen alle Da waren die Leute
welche zu Mittag gegessen hatten und die welche zuviel zu Mittag gegessen
hatten und die welche gar nicht zu Mittag gegessen hatten Da waren die Leute
welche fahren konnten und die welche auf Krücken gehen mussten Da waren die
altklugen Kinder welche es unter ihrer Würde hielten durch den Reifen zu
springen und die kindischen Greise welche gern durch den Reifen gesprungen
wären es jedoch nicht konnten und statt dessen nun den jungen Mädchen verliebte
Blicke nachsandten Es war sehr schwierig eine noch unbesetzte Bank zu finden
Auf den Plätzen die jedermann sehen konnte saßen die Leute welche nichts zu
verbergen oder gar noch etwas zu zeigen hatten in den Verstecken saßen die
Liebespaare oder die Leute welche sich ihrer schlechten Röcke schämten und von
der einzigen Bank welche Hans endlich noch leer fand verscheuchte ihn eine
unortographische Notiz an der Rücklehne
Mit Bleistift stand da gekritzelt
»Da ich es vonwegen Louwisen nicht aushalten kann so will ich nach
Amerikah und wenn Berger aus Koblenz hierherkommen sollte und dies lesen so
wärs ein Freundschaftstück wenn er meine Alten in die Glockengasse die Sache
mit Maniehr beibrächte auf dass sie sich nicht allzusehre von Tage täten und
mits Essen warteten«
Nun war freilich kein vernünftiger Grund vorhanden dass der Kandidat
Unwirrsch es sich zu Herzen gehen ließ wenn der Taugenichts durchbrannte und
Berger aus Koblenz nach der Glockengasse spazierte er tats aber doch Nachdem
Hans eine Weile darüber nachgedacht hatte ob es nicht seine eigene Pflicht sei
in der Glockengasse nachzufragen ob der Koblenzer dagewesen sei und ob die
Alten auch nicht mehr mit dem Essen auf den verlorenen Sohn warteten sprang er
auf um sich einen andern Sitz zu suchen Auf dieser Bank litt es ihn nicht
mehr
Ein kurzer Weg führte ihn zu jenen romantischen Wasserflächen jenen
fettiggrünen Kanälen die den entferntern Teil des Parkes verschönen und das
Herz jedes Liebhabers des Mikroskops und der Infusionstiere mit Entzücken füllen
müssen jedenfalls aber in jedem neuen Frühling wahrhaft pharaonischen
Froschscharen ein fröhliches und melodisches Dasein möglich machen
Hier war ein Plätzchen wo keine Liebespaare sich hinsetzten eine Bank vor
einer tieferen Wasserstelle aus der man schon öfters einen Leichnam ans Land
gezogen hatte eine recht versteckte Bank an einem recht feuchten und dumpfigen
Orte eine Bank welche man selbst in dieser Jahreszeit wo schon so manche
Bäume und Büsche ihre Blätter verloren nicht leicht auffand Man bekam sie ganz
plötzlich zu Gesicht indem der schmale Weg sich um ein dicht Verwirrtes
dorniges Gesträuch wand um an dem Wasser zu enden und es fehlte weiter nichts
als ein schwarzer Pfosten mit einem schwarzen Arm der in die regungslose
sumpfige Flut wies um den kläglichen unbehaglichen Eindruck vollständig zu
machen
Mit gesenktem Haupte folgte Hans dem engen Wege und trat hinter dem Gebüsch
hervor blieb aber starr und erschreckt stehen dicht Vor ihm auf der
halbverrotteten Bank saß das was er gegen seinen Willen suchte was ihn vorhin
aus dem Hause des Geheimen Rates Götz gezogen hatte das Schattenbild des
kleinen französischen Mädchens welches einst so hell in Teophiles Zimmer
gelacht hatte über seine Unbeholfenheit
Jene Französin war es unzweifelhaft und doch war von ihrer früheren
Erscheinung kaum noch etwas übriggeblieben Sie schien krank recht krank zu
sein sie trug noch Handschuhe aber sie waren zerrissen wie ihre kleinen einst
so hübschen Zeugstiefelchen der Schal in welchen sie sich fröstelnd gehüllt
hatte war abgenutzt und verblichen ganz ach ganz und gar das arme Grillchen
ihres Landsmanns Monsieur Jean de la Fontaine
Und sie erkannte den Kandidaten Unwirrsch auf der Stelle denn schnell erhob
sie sich zog ihren Schal zusammen und griff hastig nach dem Taschentuch
welches auf der Bank neben ihr lag Mit angstvollem etwas teatralischem Zorn
sah sie auf den Kandidaten Unwirrsch
»Ah ce monsieur«
Sie wollte an ihm vorüber aber er trat ihr in den Weg und hielt den
verächtlichen Blick ihrer schwarzen Augen ruhig aus
»Monsieur Ihr Freund ist eine canaille« rief sie die Hand ballend »Lasse
Sie mik vorbei wolle Sie«
»Mein Fräulein« sagte Hans Unwirrsch sanft und traurig »der Doktor
Teophile Stein ist mein Freund nicht Hören Sie mich mein Fräulein«
»Ik will Sie nik mehr hör Ik will Sie nix seh Ik will nix mehr seh von der
Welt als ma figure in dies hier Wasser«
Das wurde mit einer Heftigkeit einer Wildheit gerufen dass Hans
unwillkürlich ihren Arm fasste um sie vom Sprung in den Sumpf zurückzuhalten
sie aber riss sich los lachte bitter um dann mit beiden Händen das Gesicht zu
bedecken und ebenso bitter zu weinen
»Mein Fräulein« rief Hans »Sie haben harte Worte gegen mich gesprochen
Sie haben mich tief betrübt Ich bin mir keiner Schuld gegen Sie bewusst und ich
will Ihnen helfen wenn ich es kann ich wiederhole es Ihnen ich bin nicht
der Freund des Doktors Stein ich bin es nicht mehr«
Sie ließ langsam die Hände sinken und sah abermals dem Kandidaten in die
Augen
»Auch Sie klagen den an welchen Sie eben nannten Nennen Sie mir den Teil
seiner Schuld den ich auf mich zu nehmen habe« sagte Hans leise und sie sie
musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen und dann es war so seltsam dann
überflog ein schwaches Lächeln ihre kummervollen kranken Züge
»Sie sind nicht sein Freund« fragte sie
»Ich bin es nicht mehr und es ist ein großer Schmerz für mich«
Jetzt fasste die Französin die Hand des Kandidaten und ihre Finger waren wie
Eisen
»Monsieur le curé ik bin ein armes Mädchen und ganz allein in die fremde
Land Ik bin krank und ein leichtsinnlich Geschöpf Ik abe geabt ein ganz klein
Kind aber es ist tot ik bin ganz alleingelassen in die fremde Land O
monsieur das ist eine böse slekte Mensch und wenn Ihr nik seid seine Freund
so verzeihe Sie mir was ik eben gesakt je nai plus rien à dire«
Hans verstand ihr gebrochenes Deutsch sehr schlecht und ihr schnelles
Französisch gar nicht aber ihre Bewegungen ihr Mienenspiel vervollständigten
das was zum Verständnis fehlte Er führte sie zu der Bank zurück und sie ließ
ihm ihre Hand als er sich neben sie setzte und ihr sanft und beruhigend
zusprach Es war fünf Uhr die Sonne sank eben hinter die Bäume aus den Teichen
stieg der weissliche Nebel es wurde kalt und grau es war die Stunde in
welcher die schöne Kleophea Götz ihr elterliches Haus verließ
So gut er es vermochte erzählte Hans dem französischen Mädchen das Nötige
über sein Verhältnis zu dem Doktor Stein und dann erfuhr er allmählich die
traurige Geschichte ihres Lebens und die hässliche Rolle welche Moses
Freudenstein aus der Kröppelstraße darin spielte
Henriette Trublet war nicht dazu gemacht auf den gradesten Wegen durch das
Leben zu gehen und es war sehr wahrscheinlich dass der Doktor Teophile in
dieser Hinsicht wenig an ihrem Schicksal veränderte Sie trug ein
abenteuerliches Köpfchen auf den Schultern und glaubte nur an den Augenblick
Sie war die Gehülfin einer Modistin zu Paris gewesen und so hatte sie Teophile
kennengelernt und gewonnen Geliebt hatte sie ihn eigentlich nicht aber er
hatte ihr gefallen und die Pariser Freunde des Doktors seine Art das Leben zu
genießen sagten ihr zu Sie war die schillernde Schleife an einem sehr bunten
lustigen Kranze und als derselbe wie es zu geschehen pflegt zerriss und der
Doktor Teophile nach Deutschland zurückgegangen war bekam sie bald die
Sehnsucht nach dem Doktor Sie hatte mancherlei wunderliche Geschichten gehört
von dieser armen guten »Allemagne« Die Leute waren da so ehrlich und so
musikalisch und so blond sie waren wohl auch ein bisschen zurück in der
Zivilisation und etwas einfältig aber es war doch ein ganz ander Ding als um
die albernen langen Engländer Und sie holten alle ihre Hüte und Hauben und
ihre künstlichen Blumen und ihren Champagner aus Paris diese guten Deutschen
und jedes hübsche kluge Kind der »Belle France« musste sein Glück dort bei ihnen
machen trotz allem Nebel Eis und Schnee trotz allen Wölfen und Eisbären
Erlkönigen Nixen und sonstigen Ungeheuern Eines Morgens fand sich Henriette
auf dem Strassburger Bahnhof ein mit einem Lederkoffer und ungemein vielen und
verschiedenartigen Schachteln und Schächtelchen und gute Reisegesellschaft zum
Rhein fand sie auch allons enfants de la patrie gen Homburg BadenBaden usw
où le drapeau là est la France ubi bene ibi patria Und eines andern Morgens
vernahm der Doktor Teophile Stein ein leises Klopfen an seiner Tür und ein
leises Kichern vor seiner Tür Henriette Trublet hatte ihn wiedergefunden
Soweit war das alles in der Ordnung und keines von beiden hatte dem andern
etwas vorzuwerfen aber nun unter einem andern Himmelsstriche gestaltete sich
das Verhältnis anders Die arme Henriette verlassen rat und hilflos fand
sich ganz in die Hände Teophiles gegeben sie wurde zu einem verachteten
misshandelten Spielzeug und der flüchtige farbige Staub der ihre
leichtsinnigen Schmetterlingsflügel bedeckte war bald abgewischt und verblasen
Der Doktor Stein hatte jetzt einen Ruf zu bewahren und wenn er schwach genug
war um die kleine arme Pariserin nicht Von sich stoßen zu können so war er
doch stark genug sie so tief hinabzudrücken und niederzuhalten dass sie ihm
dienen und gehorchen musste aber in keiner Weise imstande war seinen Plänen und
Hoffnungen hinderlich in den Weg zu treten Durch seine Schuld und Intrige wurde
sie gehindert von ihren kunstfertigen Händen Gebrauch zu machen Nur wenn sie
ganz von ihm abhängig war konnte er seine Tyrannei ganz ausüben an ihr Als er
ihrer überdrüssig war hielt er sie auch für gänzlich gebrochen und ganz
ungefährlich er verschloss ihr daher auch ohne Bedenken die Tür und überließ sie
ihrem Schicksal Im Krankenhause gebar sie ein Kind gegen Mitte des Septembers
und am zweiten Oktober starb dieses Kind Es war ein böser Platz diese Bank an
dem regungslosen grünlichen Wasser auf welcher der Kandidat Unwirrsch am
vierten Oktober die arme Henriette Trublet sitzend fand
Traître va
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Henriette Trublet hatte ihre Geschichte erzählt und dem Kandidaten Unwirrsch
war heiß und kalt dabei zumute geworden Es war aber sein Unglück dass er sich
von so ganz gewöhnlichen Dingen so sehr aufregen ließ und dass es ihm so schwer
wurde jedes dritte Vorkommnis lächerlich zu finden oder unbedeutend Betäubt
saß er da bis die Französin plötzlich aufsprang leidenschaftlich mit dem Fuß
aufstampfte und rief
»O er hat bös an mir gehandelt aber ik will mir rächen wie ik kann Ik
will doch in seine Weg treten und wärs in der letzte Stund Und ik will zu ihr
ik will Ik will sagen der schöne Mademoiselle wer er ist le juif le
misérable Er soll nicht habe seine Willen «
»Kleophea« rief Hans »Mein Gott jaja auch das Fräulein Fräulein Sie
wissen um das O mein Kopf schwindelt ich wir Sie müssen zu ihr sie muss
dies wissen Nein nein und abermals nein sie soll nicht in seine Hände
fallen wir müssen sie retten und geschähe es selbst gegen ihren Willen«
»Ik aben wohl gewusst dass er nachgeht der schöne junge Dam dort in der Haus
am Park ik bin gewesen viel giftig gegen sie pauvre petite Ik aben gesteht
vor ihre Fenster und gelacht o mon Dieu und meine Herz hat mir geblutet Es
war sehre bös es war sehre slekt pauvre coeur ik will ihr retten von diese
Mann Venez monsieur le curé«
Kalt und dunkel war der Abend das schöne Wetter war ganz und gar vorbei
und der Wind fing an den Nebel über den Teichen zu bewegen und die Zweige zu
schütteln Er fing an zu stöhnen und zu seufzen wie an jenem Tage an dem Hans
von der Universität zum Sterbebett der Mutter zog Es rauschte in der Weite und
ächzte in der Nähe die Lichter und Laternen in der Ferne zwischen den Bäumen
schienen hin und her geworfen zu werden wie das Gezweig Der feurige Schein der
großen Stadt am schwarzen Himmel war wie das Hauchen des schrecklichsten
letzten Abgrundes
Nun war freilich das Getümmel der Spaziergänger längst zerstoben die
Reichen wie die Armen hatten sich verkrochen den schattenhaften Gestalten die
noch in den Gängen des Parkes umherschlichen war wenig zu trauen man tat gut
ihnen wo möglich auszuweichen Aus einem fernen Vergnügungslokal trug der Wind
die Töne einer Tanzmusik her stückweise in Fetzen Dicht an der Seite des
Kandidaten schritt Henriette Trublet und er gab ihr seinen Arm als sie
erschöpft hinter seinem hastigen Schritt zurückblieb Immer häufiger und heller
blitzten die Gaslaternen durch die Bäume da war die Straße und dort das Haus
des Geheimen Rates Götz
Die beiden Wanderer standen einen Augenblick still
Nur ein einziges Fenster war erhellt
»Das ist nicht ihr Licht Da wohnt sie nicht« sagte die Französin
Hans Unwirrsch schüttelte den Kopf er konnte den Namen Franziska in dieser
Begleitung nicht aussprechen O über dieses erhellte Fenster in der unruhvollen
wilden finsteren Nacht Friede und Ruhe Gottes Segen über das Fränzchen Der
Kandidat neigte sein Haupt gegen den dämmerigen Schein in der Höhe und dann
fasste er sanft die Hand des armen Geschöpfes das beim Austritt aus dem Dunkel
der Bäume sich wieder von seiner Seite zurückgezogen hatte
»Kommen Sie pauvre enfant wir gehen einen guten Weg« sagte er
Sie gingen durch den kleinen Garten und Hans zog die Türglocke Sie mussten
eine geraume Zeit warten ehe es Jean gefiel zu öffnen Endlich kam er und
verwunderte sich sehr über die Begleiterin des Hauslehrers aber noch mehr über
den Nachdruck mit welchem Hans den Äußerungen seiner Verwunderung ein Ende
machte
»Ist das gnädige Fräulein zu Hause«
Jean starrte starrte und schwieg aber im nächsten Augenblick griff die
Faust des Kandidaten in seine Achselschnüre
»Weshalb antworten Sie nicht Melden Sie mich auf der Stelle bei dem
Fräulein dem Fräulein Kleophea«
Diese unerhörte Frechheit brachte den eleganten Jüngling für einige
Augenblicke ganz aus dem gewohnten lümmelhaften Gleichgewicht als er sich
endlich besann kannte aber auch seine Entrüstung keine Grenzen Und die
Haushälterin erschien und die Kammerjungfer der gnädigen Frau das kleine
Küchenmädchen sah im Hintergrunde scheu um eine Ecke die arme Henriette zog
sich aus dem Lichte der Flurlampe so tief wie möglich in die Dunkelheit zurück
Hans wollte vor Aufregung und Unmut unter all den unverschämten zweifelhaften
Blicken fast vergehen mit erhobener Stimme wiederholte er nochmals seine Frage
nach Kleophea Da beugte sich über das Geländer der Treppe Franziska Götz Sie
trug ihre kleine Lampe in der Hand
»Das gnädige Fräulein sind nicht zu Hause« schnarrte Jean »Übrigens
verbitte ich mir «
»Malheur à elle« rief die Französin
»O Herr Unwirrsch was ist geschehen Was ist mit meiner Kusine« rief das
Fränzchen herniedersteigend
»Ist sie nicht zu Hause Wir müssen sie sprechen o mein Gott wohin ist
sie gegangen«
»Sie hat es nicht gesagt sie verließ in der Dämmerung das Haus«
»So müssen Sie hören so müssen Sie uns raten Ja vielleicht ist es noch
besser so«
Auch Franziska sah verwundert auf die Fremde dann sagte sie
»Wenn ich Ihnen meiner Kusine nützlich sein kann o mein Gott sie wird
ohnmächtig«
Die Französin schüttelte den Kopf
»Nein nein es geht vorüber ce nest rien«
»Kommen Sie auf mein Zimmer Was ist geschehen Was haben Sie mir zu sagen
O wie bleich Sie sind stützen Sie sich auf meinen Arm«
Die Französin schüttelte wieder den Kopf sie wich vor der stillen
lieblichen unschuldigen Erscheinung scheu zurück und wandte sich an Hans
»Wenn die andere nicht ist da was soll ik in diese Haus Sage Sie es ihr
monsieur le curé Ik will nix eintret in diese Haus ik will geh«
»Nein nein bleiben Sie Fräulein Henriette« rief Hans aber die Fremde
zog ihr Tuch fester um sich reichte dem Kandidaten die Hand
»Adieu monsieur le curé Sie ist ein ehrlik Mann« Sie wandte sich gegen
das Fränzchen neigte das Haupt und flüsterte leise und langsam
»Priez pour moi Vous«
Franziska legte ihr die Hand auf die Schulter
»Ich will Sie aber nicht so fortgehen lassen Sie sind unglücklich und
krank und Sie haben diesem Hause eine böse Nachricht zu bringen Kommen Sie
stützen Sie sich auf meinen Arm o kommen Sie Herr Unwirrsch Kleophea wird
gewiss bald zurückkehren« Sanft leitete das Fränzchen diese arme französische
Henriette die Treppe hinauf und winkte dem Kandidaten zu folgen während die
Dienstboten die Köpfe zusammensteckten und hämisch die Achseln zuckten
Zum erstenmal betrat Hans Unwirrsch das Gemach welches Franziska in dem
Hause ihres Onkels bewohnte und sein Herz erzitterte sehr als er über diese
Schwelle schritt
Es war gleich einem Traume Der stöhnende Wind vor den Fenstern das
Rauschen und Ächzen der Bäume war alles nicht ganz wie damals im Postorn zu
Windheim als zuerst das süße Gesicht Fränzchens auftauchte aus der Finsternis
als zum erstenmal der Leutnant Rudolf Götz den Doktor Moses Freudenstein einen
Schuft nannte
Wie lange Zeit lag zwischen dem heutigen bangen Abend und jenem Abend
Wer war die bleiche abgehärmte Fremde in dem schlechten abgetragenen Kleid
und Tuch Wie kam sie hierher in dieses Haus Was hatte sie zu schaffen mit dem
Fränzchen und welch ein Haus war dies
Wo war der Jugendfreund Wo war Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße
Der schaurige unbarmherzige kalte Wind da draußen war wie eine Antwort auf
alle diese Fragen
»Wehrt euch wehrt euch wir siegen doch Wir siegen über den Frühling über
die Jugend über die Treue und Unschuld Vergänglichkeit und Selbstsucht sind
eure Herren Wehrt euch wehrt euch Es ist unsere Lust wenn ihr euch wehrt
Das einzige Treue Unschuldige Ewige sind doch wir«
Und die Dunkelheit sah auch wieder so drohend in die Fenster als habe sie
jedes andere Licht verschlungen und als sei der Schein von Fränzchens kleiner
Lampe allein noch übrig von allem Glanz und Leuchten in der Welt Hans Unwirrsch
stand in dem engen Lichtkreise dieser Lampe mit dem Gefühl als sei hier allein
noch Schutz in jeder Not hier allein Befriedigung jeden Hungers hier allein
Trost für allen Schmerz zu finden Er wagte kaum zu atmen
Auf dem Tische lag ein offenes Buch und eine weibliche Arbeit von jenem
Stuhl hatte Fränzchen sich erhoben und jetzt saß dort das fremde leichtfertige
junge Weib es konnte nicht Wirklichkeit sein es war eine Phantasie eine der
Fieberphantasien der letzten Zeit
Nein nein das war des Fränzchens sanfte süße Stimme und das Fränzchen
hatte die Hand auf die Schulter der armen Henriette gelegt welche das Gesicht
verbarg zitternd und schluchzend Feines Pariser Französisch sprach Fränzchen
Götz zu der armen Henriette Trublet aber Hans der die Sprache nur aus den
Büchern kannte wusste doch was sie sagte Und die Fremde hatte bei den ersten
Lauten ihrer Muttersprache die tränenvollen Augen erhoben horchte mit ganzer
Seele und küsste dann die Hand Fränzchens
In ihrer Muttersprache erzählte sie zum zweitenmal ihre traurige Geschichte
Franziska sah im Verlauf derselben immer angstvoller auf den Kandidaten sie
hielt sich mit zitternder Hand an dem Tisch an welchem sie lehnte und als die
Pariserin geendet hatte rief sie
»O Herr Unwirrsch und Kleophea Kleophea Wo ist Kleophea Wenn sie doch
käme jetzt jetzt«
Sie ging zu dem Fenster und öffnete es Der Wind riss ihr den Flügel fast aus
der Hand die Lampe flackerte vor seinem wilden Eindringen die Gasflammen am
Rande des Parkes wurden in ihren Glasgehäusen hin und her getrieben sie warfen
rote unsicher zuckende Lichter auf den Weg aber der Weg war leer und ein
Wagen dessen Rollen unerträglich lange in der Ferne blieb fuhr vorüber ohne
anzuhalten
»Und ihr Vater ihre Mutter Was ist zu tun o was ist zu tun Herr
Unwirrsch«
Hans sah nach seiner Uhr
»Es ist neun« sagte er »Beruhigen Sie sich Fräulein Franziska Sie wird
gewiss nicht lange mehr ausbleiben wir müssen sie in Geduld erwarten es ist
alles was wir tun können«
Fränzchen hatte sich zu der Fremden gewendet trotz ihrer Angst und
Aufregung hatte sie doch noch Trost genug für die arme Henriette Leise sprach
sie ihr zu und Henriette küsste immer von neuem ihre Hand Hans stand am Fenster
und lauschte auf die leisen Worte der beiden Frauen auf die laute Stimme des
Sturmwindes Durch das flackernde Licht welches die Gaslaternen gaben glitt
dann und wann eine Gestalt es fuhr noch manch ein Wagen vorüber aber Kleophea
Götz wollte noch immer nicht kommen
Franziska schürte das Feuer im Ofen Sie öffnete die Tür und erbat sich von
der Wirtschafterin deren Ohr und Auge abwechselnd sich seit geraumer Zeit am
Schlüsselloch befunden hatten Tee und etwas zu essen für die hungrige halb
ohnmächtige Fremde Je weiter die Nacht vorschritt desto größer wurde ihre
Angst
Gierig aß und trank Henriette Trublet sah darauf mit starren gläsernen
Augen sich noch mal im Zimmer um und ließ dann das Haupt auf die Brust sinken
sie schlief
Es war der Schlaf der tiefsten Erschöpfung
»Die Arme die Unglückliche« seufzte Franziska »Welch eine Nacht Welch
eine entsetzliche Nacht«
Sie legte den Arm um die Schlafende sie vor dem Fallen zu bewahren ihre
Locken berührten die Stirn der Sünderin und wenn Hans Unwirrsch tausend Jahre
alt geworden wäre so hätte er das Bild nicht vergessen können
Sie sah zu ihm herüber
»O helfen Sie mir wir wollen sie auf dem Diwan niederlegen Horch wovon
redet sie«
Die Fremde murmelte im Schlaf vielleicht den Namen ihrer Mutter
vielleicht den Namen ihrer Schutzheiligen Sie merkte es nicht als Hans sie in
die Arme fasste und sie zu dem kleinen Sofa trug wo ihr das Fränzchen die Kissen
zurechtrückte und sie mit ihrem Mantel und Tuch bedeckte
Es schlug elf Uhr Kleophea Götz war immer noch nicht nach Haus gekommen
»Welch eine Nacht Welch eine Nacht« murmelte Fränzchen »Was sollen wir
tun Was können wir tun«
Sie fuhr plötzlich empor und streckte abwehrend beide Hände aus
»Wenn sie fortgegangen wäre um nie mehr heimzukehren Wenn sie an diesem
Abend das Haus ihrer Eltern für immer verlassen hätte Nein nein der Gedanke
wäre allzu schrecklich«
»Sie kann nicht so verblendet gewesen sein es ist unmöglich« rief Hans
»Das wäre wirklich zu schrecklich es ist unmöglich«
»O diese tödliche Angst« murmelte Franziska »Ist das Regen«
Es war Regen Anfangs schlugen nur vereinzelte Tropfen gegen die Scheiben
aber bald war es wieder das alte Rauschen und Plätschern In Stößen trieb der
Sturm die Schauer über das Land den weiten Park und die große Stadt
»Ihre Mutter würde trotz allem diese Verbindung mit diesem diesem Doktor
niemals zugegeben haben« sagte Franziska »Sie sieht den Doktor zwar gern in
ihrem Salon aber sie ist eine stolze Frau und glaubt die Zukunft Kleopheas
bereits in ganz anderer Weise geordnet zu haben Sie hat kurz vor ihrer Abreise
in ihrer Art von jener glänzenden Partie gesprochen o es wäre freilich das
Äußerste wenn meine Kusine in ihrem Widerspruchsgeiste einen solchen Schritt
getan hätte Horch wieder ein Wagen gottlob da ist sie«
Sie horchten wieder und einen Augenblick später schüttelte Hans den Kopf
und Fränzchen sank gebrochen auf einen Stuhl Henriette Trublet schlief fest und
tief
»Sie wäre verloren für ihr ganzes Leben« sagte Hans für sich aber
Franziska vernahm doch die leisen Worte sie fuhr zusammen schauderte und
nickte
»Sie wäre verloren«
»Dieser Mann würde ihre Seele wie ihren Leib töten Wehe mir dass dem so ist
und dass ich es bin der es sagen muss«
Fränzchen stand wieder auf von ihrem Stuhl sie schritt zu dem Kandidaten
sie legte ihre kleine zitternde Hand auf seinen Arm und flüsterte kaum hörbar
»Lieber Herr Unwirrsch ich habe Ihnen ein großes Unrecht angetan Können
Sie mir verzeihen Wollen Sie mir vergeben Ich habe schwer schwer dafür
gebüßt Es hat mich viele viele Tränen und wache Nächte gekostet O verzeihen
Sie mir dieses Misstrauen verzeihen Sie mir um meines Oheims willen«
Hans Unwirrsch schwankte auf den Füßen vor diesem Worte
»O Fräulein Franziska« stammelte er »nicht Sie nicht Sie haben mir
unrecht getan Wir sind beide im Wirrsal dieser Welt gefangen gewesen Böse
Mächte haben ihr Spiel mit uns getrieben und wir konnten uns nicht gegen sie
wehren Das ist doch ganz einfach und klar«
»Es ist so« sagte das Fränzchen »Wir haben uns nicht wehren können«
In Strömen rauschte der Regen hernieder gleich einer wilden Bestie rüttelte
der Wind an dem Fenster aber sie mochten in Verbindung mit der Nacht ihr
Schlimmstes tun und drohen und sagen sie hatten nunmehr selbst in dieser Nacht
wo Kleophea Götz nicht heimkehrte in ihr elterliches Haus kaum noch etwas
Schreckliches Unheimliches Segnungen in der liebenden Hand Gottes waren auch
sie jetzt und nicht mehr Boten des Abgrundes welche die Vernichtung den Tod
und das Reich der Selbstsucht verkündeten
Es war längst Mitternacht und Kleophea war noch immer nicht gekommen Hans
und Fränzchen saßen neben der schlafenden Fremden und sprachen mit leiser Stimme
zueinander Ach sie hatten sich soviel zu sagen
Sie sprachen nicht von Liebe sie dachten gar nicht daran Sie sprachen
einfach davon wie sie gelebt hatten und alles was so verworren geschienen
hatte löste sich so leicht und alles was so dunkel und drohend gewesen war
wurde licht und einfach und klar tröstlich oft durch ein einziges Wort
Von ihrem Vater erzählte Franziska Götz und ganz anders sprach die Tochter
davon als der Leutnant Rudolf Götz oder gar der Doktor Teophile Stein Der
Tochter Auge leuchtete als sie erzählte wie ihr Vater so stolz und tapfer
gewesen sei und wie er auf so manchem Schlachtfelde sein Blut für die Freiheit
vergossen habe Von ihrer Mutter erzählte das Fränzchen wie sie so lieblich und
gut gewesen sei wie sie soviel Angst Unruhe und Not in ihrem wechselvollen
Leben erlitten habe ohne je zu klagen und wie sie endlich im Jahre
achtzehnhundertsechsunddreissig nach langem Krankenlager zu Paris an der
Schwindsucht gestorben sei Das gute Fränzchen erzählte wie tief der Tod der
Mutter den Vater gebeugt habe und wie er nach dem Begräbnis eigentlich nie mehr
freudig das Haupt erhoben habe Sie erzählte wie der gute Onkel Rudolf zu
diesem Begräbnis gekommen sei auch als ein alter invalider Kriegsmann mit einem
kleinen Bündel und einem dicken Knotenstock Sie wusste von der wunderlichen
Haushaltung der beiden Brüder in Paris und wie so viele andere Kriegsleute aus
allen Nationen Deutsche Franzosen Polen Italiener und Amerikaner kamen und
gingen und alle dem Fränzchen so gut waren viel zu erzählen Sie erzählte von
den Fechtstunden welche die beiden Brüder gaben und wie sie den jungen
Schülern von der Polytechnischen Schule und den Studenten aus dem Quartier latin
in einem Hof vor der Barriere das Pistolenschiessen lehrten Sie erzählte von den
alten abgedankten Brummbären von der alten Garde die so gute Freunde der
beiden deutschen Bekannten von der Katzbach von Leipzig und Waterloo wurden und
mit ihnen in ihrer Dachstube rauchten und tranken und gleichfalls ihre
Geschichten erzählten
Mit gesenktem Haupte erzählte sie dann wie der gute Onkel Rudolf endlich
das Heimweh nach Deutschland bekommen habe wie er fortgereist sei und wie
darauf so böse Zeiten kamen Zeiten voll Elend und Kummer böse böse Zeiten
Mit kaum vernehmbarer Stimme erzählte Franziska Götz wie es ihrem Vater immer
schlimmer erging und wie seine Hülfsquellen immer mehr versiegten und wie er
seinen Trost immer häufiger in der Betäubung durch starke Getränke gesucht habe
und wie sich allmählich so viele schlechte und tückische Menschen an ihn
gedrängt hätten
Endlich sprach Franziska Götz noch leiser von dem Doktor Teophile wie er
in demselben Hause mit ihnen wohnte und wie der die Schwäche des unglücklichen
Vaters in so abscheulicher Weise auszubeuten trachtete Von ihrer grenzenlosen
Verlassenheit sprach Fränzchen und Hans Unwirrsch zerbiss die Lippen und
umspannte in der Einbildung die Kehle Moses Freudensteins aus der Kröppelstraße
mit seinen zwei braven Fäusten um ihm die Seele aus dem Leibe zu drücken
Von dem Tode ihres Vaters erzählte Franziska und wie in ihrer höchsten Not
der Onkel Rudolf wiedergekommen sei um sie zu retten
Einen Brief des Onkels Theodor zeigte Franziska dem Kandidaten und da war
es wieder höchst merkwürdig wie der Geheime Rat Götz ganz anders schreiben
konnte als er aussah und sprach
Der Leutnant Rudolf Götz war sehr arm hatte keine Heimat in die er das
verwaiste Kind des Bruders führen konnte und jetzt erst erfuhr Hans recht wie
der gute Alte lebte wie er nomadisch schier omnia sua secum portans
umherschweife und nur im Winter festes Quartier nehme bei irgendeinem
gleichaltrigen Kriegsgenossen und mit Vorliebe bei dem Herrn Obersten von Bullau
hinten an der Ostsee in Grunzenow
Der Leutnant Rudolf konnte die Waise nur abholen von Paris ein sicheres
Dach konnte er ihr nicht anbieten Da war der Brief des Onkels Theodor den die
Geheime Rätin Götz nicht diktiert hatte und der auch nicht unter ihren Augen
geschrieben worden war sondern nur unter einem seiner Aktendeckel und auf
diesen Brief hin hatte der Leutnant seine Nichte in das Haus seines Bruders
Theodor gebracht
»Und da hatte ich das Glück Sie in dem Postorn zu Windheim zu treffen«
rief Hans »Ich wanderte zu meiner Mutter Sterbebett und der Herr Leutnant
nannte den Moses einen Schuft und der Sturmwind und Sie o Fräulein
Franziska mein Gott mein Gott und es ist eine Wahrheit und Wirklichkeit
dass wir hier sitzen und auf Fräulein Kleophea warten«
Sie fuhren beide bei diesem Namen zusammen und sahen nach den schwarzen
Fenstern an welchen immer noch der Regen niederfloss an welchen immer noch der
Wind rüttelte Sie hofften nicht mehr auf die Heimkehr der Unglücklichen
Die Französin regte sich im Schlaf und rief ängstlich den Namen Teophile
Franziska legte sanft und sorglich mit barmherziger Hand den Mantel wieder über
die Schultern der Verlassenen und nahm dann ihren Sitz von neuem ein
Sie sprachen weiter von jenem Abend ihres ersten Zusammentreffens und
Fränzchen erzählte wie der Kandidat dem Onkel Rudolf so gut gefallen habe und
wie er öfters während der Reise von ihm gesprochen habe Hans erzählte von
seiner Mutter Tode von dem Oheim Grünebaum und der Base Schlotterbeck und
suchte aus seiner Brieftasche den jüngsten Brief der letzteren hervor um ihn
dem Fränzchen zu zeigen Er erzählte wie auch der Doktor Teophile diesen Brief
gelesen habe als er Hans Unwirrsch im Fieber gelegen habe er erzählte wie
ein schrecklicher Blick und Blitz ihm den Doktor Teophile in seiner ganzen
Bosheit und Falschherzigkeit gezeigt habe
Nun schloss Fränzchen ein Kästchen auf und wies dem Kandidaten eine ganze
Reihe von Briefen des Onkels Rudolf alle fast so unleserlich wie die Schreiben
des Oheims Grünebaum und die letzten alle von Grunzenow an der Ostsee datiert
In Grunzenow auf des Herrn von Bullau Gute lag der Leutnant in großen
Schmerzen seit dem Sommer nun doch an der Gicht darnieder und das Fränzchen
gestand mit Tränen in den Augen dass sie dem armen Onkel nur fröhlich heiter
und zufrieden geschrieben habe und dass sie um alles in der Welt nicht anders
habe schreiben können Da hätte Hans wieder und immer wieder die kleine
tapfere segensreiche Hand küssen mögen aber er wagte es nicht und es war auch
so am besten Zürnend über sich selber aber bereute er tief die Segenswünsche
die er zu gewissen Zeiten dem verlorengegangenen Leutnant nachgeschickt hatte
Tief bereute er sie zumal als er jene Briefe des Leutnants las in denen der
alte Kriegsknecht kläglich gestand dass er lieber dem Teufel seine Großmutter
entführen als noch einmal einen Präzeptor nach seinem nicht des Teufels
Wunsche in das Haus seiner »gnädigen Frau Schwägerin« einführen und schmuggeln
wolle
»Sie hatten an jenem Abend seine ganze Seele gewonnen Herr Unwirrsch«
sagte Fränzchen »Er sprach soviel von Ihnen auf unserer Reise hierher und ich
ich habe Sie auch nicht so ganz vergessen in den Jahren die dann folgten
Ach ich hatte viel Zeit und ein großes Bedürfnis aller derer zu gedenken
welche mir je freundlich entgegengetreten waren Ach Herr Unwirrsch wir haben
beide in diesem Hause nicht glücklich leben können aber mein Los ließ sich doch
am schwersten tragen Ich habe oft oft einen gar bitteren Hunger nach einem
freundlichen Gesicht nach einem freundlichen Wort gehabt Ich wäre gern
fortgegangen um in irgendeiner Weise mein Brot selber zu verdienen aber das
wollte die Tante ja nicht leiden Doch Sie wissen ja das alles Herr Unwirrsch
was sollen wir noch darüber sprechen Es ist auch unrecht in diesem Augenblicke
nur an uns selber zu denken«
»Es ist nicht unrecht« rief Hans mit ganz ungewohnter Heftigkeit »O
Fräulein Franziska wir dürfen wohl in dieser Stunde von uns selber reden die
harte kalte Welt hat uns auf den innersten Punkt unseres Daseins zurückgedrängt
wir dürfen von uns selber reden um uns selber zu erretten Diese Nacht wird
vergehen ein neuer Tag wird kommen Was wird er uns bringen In ganz neue
Verhältnisse wird er uns wahrscheinlicherweise hineinreissen Wie wird es morgen
in diesem Hause aussehen Ich werde gehen müssen aber Sie Sie Fräulein
Franziska was werden Sie tun und leiden Wie düster wie schauerlich öde und
ausgestorben wird morgen dieses Haus sein Jede andere Existenz wird eine
Seligkeit gegen das Leben in diesem Hause sein O Franziska Fräulein
Fränzchen schreiben Sie morgen an den Herrn Onkel den Herrn Leutnant oder
oder lassen Sie mich an ihn schreiben Bleiben Sie nicht hier bleiben Sie nicht
in diesem Hause seine Luft ist tödlich o Fränzchen Fränzchen lassen Sie mich
an den Herrn Leutnant schreiben«
Franziska schüttelte sanft das Haupt und sagte einfach
»Ich muss bleiben Wenn ich früher nicht gehen konnte so darf ich es jetzt
gar nicht Ich bin nicht froh in diesem Hause gewesen aber es hat mir doch
Schutz verliehen und der Onkel Theodor o nein könnte ich jetzt den armen
Onkel Theodor verlassen Jetzt schwindelt mir freilich mein Kopfüber bleiben muss
ich ich täusche mich nicht es wird so recht sein und ich will nichts
Unrechtes tun Lieber Freund ich darf nicht an den Onkel Rudolf schreiben dass
er mich von hier fortnehme und Sie dürfen es auch nicht Ich weiß es wird so
recht sein«
Hans Unwirrsch wagte es er küsste die kleine milde treue Hand die sich
so scheu und doch in so unbesieglicher Macht gegen ihn ausstreckte Heisse Tränen
liefen ihm über die Wangen
Ja sie hatte recht Sie hatte immer recht Segen über sie Wie ein schönes
liebliches Wunder saß sie in dieser stürmischen Nacht dieser Nacht des Elends
und Verderbens neben dem fremdländischen Mädchen und legte die reine
unschuldige Hand auf die heiße fieberhafte Stirn desselben jaja barmherzig
und von großer Güte war sie und bleiben musste sie in diesem trostlosen Hause
das war gewiss recht so
Zwei Uhr war längst vorüber
»Lassen Sie uns jetzt scheiden lieber Freund« sagte das Fränzchen »Sie
ist nicht heimgekommen sie hat ihr Geschick auf sich genommen Gott mag sich
ihrer erbarmen und sie schützen auf ihrem finsteren Wege Lassen Sie uns jetzt
scheiden lieber Freund ich will über diese Arme hier wachen und morgen früh
wollen wir alles andere weiterbesprechen«
»Morgen früh« sagte Hans »Es ist mir als würde diese Nacht nie zu Ende
gehen Ich fürchte mich vor diesem Morgen denn trotz aller Zweifel weiß ich
dass er kommen wird Ach Fräulein Fränzchen es ist eine lange und doch eine
kurze kurze Nacht gewesen Schrecklich war sie und doch voll Süßigkeit Gott
segne Sie Franziska o was soll ich Ihnen sagen wie werden wir sein wenn
der neue Tag gekommen ist«
Franziska senkte tief das Haupt und reichte stumm dem Kandidaten Unwirrsch
die Hand Sie schieden voneinander in Sorgen und Seligkeit Sie konnten den
Segen welchen ihnen beiden diese finstere unheimliche Nacht brachte noch
nicht ganz fassen Sie schieden voneinander und ihre Herzen klopften laut
Vierundzwanzigstes Kapitel
In graue Nebel gehüllt kam der Morgen Die entblätterten Wipfel des Parkes
tauchten auf im Dunst und feinen Regen zerrissenes Gewölk fing sich in dem
Gezweig und aus dem Gezweig tröpfelte es unaufhörlich Gekommen war der Morgen
unbemerkt wie so vieles in der Welt Weder Hans noch Fränzchen hatten auf den
ersten trüben Schein im Osten geachtet Der Morgen war da ehe sie es
vermuteten und sie erhoben beide ihre Häupter und traten fröstelnd beide an
ihre Fenster um die Schatten weichen zu sehen
Sie hatten nicht geschlafen sie hatten gar nicht an die Möglichkeit des
Schlafens gedacht in einer dumpfen Betäubung saßen sie und mühten sich
vergeblich klare Reihen von Gedanken Urteilen und Schlüssen zusammenzubringen
Sie vermochten es nicht und als sie in fieberhafter Unruhe und Verwirrung
aufsahen und erkannten dass es Tag werde da wurde das was sie vor einigen
Stunden so sehr gefürchtet hatten doch zu einem Troste für sie Sie atmeten
tief auf und begrüßten dankbar das graue Licht es brachte ihnen die vollste
Überzeugung dass ein ganz neues und süsseres Leben für sie begonnen habe Sie
waren nicht mehr allein in einer Umgebung die nur im Bösen auf sie achtete
viel viel hatten Hans und Fränzchen in der Nacht in der Kleophea Götz ihr
Vaterhaus verließ gewonnen
Früher als sonst wurde es an diesem Morgen in den unteren Räumen des Hauses
lebendig Die Haushälterin der vornehme Jean die Köchin und die Kammerjungfer
befanden sich in einer nicht gelinden Aufregung seit gestern abend und waren zu
jedem andern Ding als zum Horchen an den Türen und zum Austausch ihrer Gefühle
und Empfindungen unfähig Es ist ein Trost für uns dass wir uns mit den letztern
nicht zu beschäftigen brauchen
Um sieben Uhr erwachte die Französin aus ihrem totenähnlichen Schlaf und es
dauerte eine lange Zeit ehe sie vollständig begreifen konnte wo sie sich
befinde wie sie in diesen Raum gekommen sei Als ihr alles wieder klargeworden
war fing sie heftig an zu weinen und wollte vor dem Fränzchen niederknien und
Fränzchen war darüber sehr erschrocken und litt es nicht aber es fürchtete sich
nicht vor dieser Fremden und vor dem was die Leute im Hause und die Leute vor
dem Hause sagten und sagen würden Liebevoll sprach Fränzchen mit der armen
Henriette Trublet von Dingen, von denen sie meinte dass das verlassene Mädchen
nicht darüber weinen werde von ihrer Jugend von der schönen großen
lebendigen Stadt Paris von den springenden Wassern zu SaintKloud und den
Elysäischen Feldern und als das französische Blut wieder etwas schneller und
wärmer durch die Adern lief sprach sie ernst und eindringlich von der Zukunft
Nun fing Henriette von neuem an die Hände zu ringen und schluchzte und sagte
dass sie heimgehen wolle in ihr Vaterland und gut sein und recht arbeiten und
sich durch ihre Arbeit nähren nach Gottes Willen Und Fränzchen Götz legte in
ihre leeren Hände all ihre weltlichen Schätze und dann dann klopfte monsieur
le curé an die Tür und Fränzchen Götz erschrak wieder sehr und drückte der
Französin mit flehentlicher Gebärde die Hand auf den Mund Die Französin konnte
jedoch nicht schweigen in gebrochenem Deutsch bat sie den Kandidaten Unwirrsch
doch ebenfalls dem »Engel vom Himmel« zu sagen dass sie Henriette Trublet die
schlechte böse leichtsinnige Henriette das Geld nicht nehmen könne und noch
weniger das goldene Kettchen mit dem Kreuz das Granatarmband und den silbernen
Fingerhut und die silberne Schaumünze der Republik Bolivia
Hans aber sah auf das Fränzchen und das Fränzchen sah ihm in die Augen
Hans Unwirrsch schüttelte den Kopf gegen das französische Mädchen zum Zeichen
dass er in dieser Sache ein schlechter Mittelsmann sei Seines Vaters ehrwürdige
und merkwürdige Taschenuhr zog er hervor und legte sie zu den Schätzen
Franziskas ebenso eine Börse in welcher sich fünf harte Taler und wenig kleine
Münzen befanden Hätte er an den silbernen Beschlag der kurzen Pfeife gedacht
die ihm einst der Oheim Nikolaus Grünebaum schenkte er würde sie ebenfalls
geholt haben er dachte jedoch nicht daran
Es war sehr schlimm für Henriette dass sie den beiden schon soviel zu danken
hatte es ward ihr um so schwieriger sich gegen ihren Willen zu wehren und sie
vermochte es auch zuletzt nicht mehr Sie wurde gezwungen alles zu nehmen und
mit zitternden Händen nahm sie es
Um acht Uhr trat Henriette Trublet wieder hervor aus dem Hause des Geheimen
Rates Götz Hans und Franziska geleiteten sie bis an das Gitter das den Garten
von der Straße schied um sie wenigstens vor den Worten der Dienerschaft zu
schützen Vor ihren Blicken konnten sie sie nicht schützen
Mit gesenktem Haupte war die Fremde gegangen jetzt hob sie es empor ihre
ganze Gestalt schien sich aufzurichten wie unter dem Antrieb eines festen
unerschütterlichen Entschlusses Sie neigte sich vor Hans und Fränzchen und
sagte
»Der gute Gott wird euch vergelt was ihr abt getan an mir Ik will gedenk
an euch immer und immer Ik will geh und nicht werd müd ik will sie such und
find und gedenk an dieser Nakt und euch Malheur à lui«
Es war als ob sie sich von jemand mit Gewalt losrisse sie lief hastig über
den durchweichten schmutzigen Fahrweg sie sah zurück von den ersten Bäumen des
Parkes dann war sie verschwunden in dem dichten Nebel Und wenn jetzt Kleophea
Götz ein Fenster geöffnet hätte um den Kandidaten Unwirrsch und Franziska den
»Hungerpastor« und das »schlafende Wasser« nach ihrer Art zu grüßen so hätten
beide sich für eben erweckte Nachtwandler gehalten und keinem ihrer Sinne
keiner ihrer Empfindungen und Urteile mehr getraut
Aber Kleophea sah nicht neckisch und spöttisch aus dem Fenster nur Jean und
die Wirtschafterin fuhren etwas verlegen aus der Haustür zurück als Hans und
Fränzchen sich umwandten
Hans und Fränzchen hatten nicht achtzehn Stunden so bittersüsse Dinge
geträumt es war kalt bitter kalt und es fing wieder an zu regnen der
Morgen war eine Wahrheit und der Nebel war eine Wahrheit eine Wahrheit war der
Schatten der im Nebel verschwand und der Stadtbriefträger welcher eilig
herankam seine Ledertasche öffnete und dem Kandidaten Unwirrsch einen Brief
reichte den Kleophea geschrieben hatte und welcher die Adresse ihres Vaters
trug
Er schien der Schwere nach zu urteilen ein Doppelbrief zu sein und musste
dem Poststempel zufolge am vorigen Abend in den Briefkasten geworfen sein Er
brannte wie Feuer in der Hand des Kandidaten und Franziska wich scheu vor ihm
zurück wie vor einem gefährlichen Tier
Sie gingen wortlos in das Haus zurück und fanden auf dem Flur die gesamte
Dienerschaft mit der Milchfrau und dem Semmelträger in gespannter Erwartung
versammelt
Hans winkte ruhig dem Bedienten
»Kommen Sie mit uns Jean wir haben mit Ihnen zu reden und Ihnen einen
Auftrag zu geben«
Jean verbeugte sich mit ungewohnter Höflichkeit und Dienstwilligkeit warf
der Kammerjungfer über die Schulter einen vielsagenden Blick zu und hielt es
diesmal nicht unter seiner Würde dem »Schulmeister« und der »Jungfer Nichte«
die Treppe hinauf in den Salon zu folgen um anzuhören was sie ihm zu sagen
hatten
Es war unbehaglich kalt in dem weiten Gemache es war als liege unsichtbar
eine Leiche darin Gespenstisch schien der graue Tag durch die niedergelassenen
Vorhänge gespenstisch war der offene Flügel mit den durcheinandergeworfenen
Notenheften den morceaux de salon songes dorés cascades carillons
nocturnes fleurs pensées fugitives cloches du monastère Kleopheas
Gespenstisch war das zerbrochene Steckenpferd Aimés welches auf dem Teppich
lag und vor allem andern gespenstisch war auf dem Ölgemälde über dem Flügel der
Kopf des Pharisäers der dem Heiland den Zinsgroschen lauernd entgegenhielt
»Wir haben Ihrer Herrschaft schnell eine Nachricht zu geben Jean« sagte
Hans »Wieviel Zeit werden Sie gebrauchen um einen Brief dort abzuliefern«
Jean sah einen Augenblick nach der Decke und meinte sodann dass er mit Hilfe
guter Pferde bis ein Uhr der gnädigen Frau alles was man nur wünsche
überbringen oder mündlich berichten könne und dass er trotz des unangenehmen
Wetters den Auftrag mit Vergnügen übernehmen werde Daraufhin ersuchte ihn Hans
für Wagen und Pferde zu sorgen und sich bereit zu halten
Um neun Uhr fuhr Jean ab mit einem Paket welches das Schreiben Kleopheas
und einen Brief Franziskas enthielt um vier Uhr nachmittags konnten die
Eltern von ihrem Ausflug zurück sein
Fränzchen reichte dem Kandidaten die Hand und sagte
»Wir müssen jetzt still sein und warten lieber Freund«
Hans neigte sich über die kleine Hand und sagte
»Wir wollen geduldig sein und warten«
Sie schieden jetzt voneinander und jedes verschloss sich in seiner Stube
Still saßen sie und vertieften sich in die Geheimnisse der eigenen Brust
Gegen Mittag klärte sich der Himmel ein wenig auf die vornehme Welt fuhr
spazieren und zu einem Teil derselben waren bereits dumpfe verworrene Gerüchte
von den Vorgängen im Hause des Geheimen Rats Götz gedrungen Die Nachbarschaft
zur Rechten und Linken beobachtete hinter den Vorhängen und Blumentöpfen
neugierigbedauernd oder auch wohl recht schadenfroh das Haus und aus den
vorüberrollenden Wagen wurden wunderliche Blicke auf es geworfen Das war doch
noch einmal etwas worüber sich sprechen ließ Hans und Fränzchen zeigten sich
nicht mehr an ihren Fenstern Fränzchen lag fröstelnd zusammengekauert auf
ihrem kleinen Diwan und hatte das Gesicht in den Kissen verborgen und ein Tuch
über den Kopf gezogen Hans schrieb an die Base Schlotterbeck und verwandte viel
Fleiß auf das Malen der Buchstaben damit die gute Alte sie lesen könne
Er schrieb
»Liebe treue Seele
Es ist keine Zeit in meinem Leben gewesen in welcher ich mehr an das Vergangene
habe gedenken müssen als in den letzten Wochen und Tagen Es war recht schwarze
Nacht um mich her geworden und viel Angst und Kummer habe ich erdulden müssen
Da hab ich wohl wieder einmal des Vaters leuchtende Glaskugel in der Finsternis
aufhängen müssen und habe mich in ihren frommen milden Schein gerettet und alle
Menschen bedauert die in solcher Zeit das nicht können Ach liebe Base Ihr
und die Ester habt wohl recht gehabt mit dem Moses und was Ihr liebe Base in
Eurer ängstlichen Seele gedacht und gesehen habt das kann ich Euch leider nicht
mehr anfechten Ich bin krank gewesen und in Sorgen und Moses Freudenstein hat
sich als falsch erwiesen Ein großes Unrecht hat er auf sich geladen und ein
großes Unglück hat er über das Haus gebracht in welchem ich jetzt bin Er ist
tot für mich und ich bedauere ihn tief ich trage schweres Leid um ihn
Viel habe ich in der vorigen Nacht über die vergangene Zeit nachgedacht und
darüber wie es gekommen ist dass also Verachtung aus der Freundschaft werden
musste Ich habe mich wie durch einen dunkeln Irrgarten bis zu den Häusern
unserer Väter in der Kröppelstraße zurückgetastet und habe mit Seufzen gefunden
was ich suchte Der Hunger der uns beide den Moses Freudenstein wie den Hans
Unwirrsch ausgetrieben hat in die Welt hat den Moses zu dem gemacht was er
ist Und eine bittere Lehre ist es mir Nach dem Wissen sind wir ausgezogen und
nach dem Glück in dunkeln armen Hütten sind wir geboren und aufgewachsen und
der Glanz welcher durch die Spalten und Ritzen der niederen Dächer fiel hat uns
gelockt Es ist so wunderlich wie ich so lange Zeit gemeint habe wir gingen
denselben Weg diesem Glanze nach aber es ist nicht so gewesen Von unseren
Wiegen an haben sich unsere Wege geteilt ich sehe es jetzt ganz klar und das
Herz blutet mir darum Böse Geister standen um die Wiege des armen Moses nur
gute um die meinige Er ist seinen Weg mit offenen klaren scharfen Augen
gegangen ich bin wie träumend vorwärtsgeschritten Sein Hunger ist überall
befriedigt worden was er wünschte hat er immer erlangt auch in dieser Stunde
noch hat er was er will Das war nicht gut und das ist jetzt schrecklich Mein
Hunger ist nicht gestillt wie der seinige ach ich habe so oft nicht gewusst
was ich wollte und weiß es auch jetzt oft noch nicht Es ist ein wundersam Ding
um des Menschen Seele und des Menschen Herz kann sehr oft dann am glücklichsten
sein wenn es sich so recht sehnt Der arme Moses hat sich nie gesehnt er hat
nur gerechnet und seine Exempel sind immer richtig aufgegangen das Herz blutet
mir darum Wenn ich bei der Base wäre so wollten wir die kleine Blechlampe
durch des Vaters gläserne Kugel scheinen lassen am Abend wenn die Laden
vorgesetzt wären und wir wollten zuerst von meinem Vater und meiner Mutter und
den Gräbern auf dem Kirchhofe sprechen und dann wollt ich der Base alles sagen
wie es mir ums Herz ist und wollte nichts verschweigen so aber kann ich der
Base nur schreiben dass sie keine Sorge mehr um mich zu haben braucht Über den
Moses darf ich ihr augenblicklich nichts sagen es ist zu viel Bitterkeit in
meinem Herzen und alles noch zu verworren umher ich will der Base so bald als
möglich wieder Nachricht geben«
Noch ließ der Kandidat Unwirrsch den Oheim Nikolaus durch die Base Schlotterbeck
grüßen und versprach auch ihm demnächst ein ausführliches Schreiben dann schloss
er und verblieb der beiden Alten getreuester Johannes Unwirrsch und ja und
Als er erschrocken wieder auffuhr wusste er nicht wie lange er geschlafen
hatte
Wer kennt nicht diesen Schlaf nach einer qualvoll aufgeregt durchwachten
Nacht diesen Schlaf der über uns kommt und uns überwältigt ohne dass er uns
Erquickung bringt Wer kennt nicht diesen Schlaf der uns in der kürzesten Zeit
wenn er uns nicht das Bewusstsein ganz nimmt das Gehirn mit verworrenen Bildern
füllt wie die längste Nacht es nicht vermag
Eine Stunde schlief Hans Unwirrsch und in dieser Stunde sah er fast soviel
wie jener Sultan des Morgenlandes der den Kopf in das Wasserbecken des
Zauberers steckte und ein Weib wurde und von einem Eckensteher gefreit sieben
Kinder und viel Schläge bekam und den weisen Mann sehr ärgerlich köpfen lassen
wollte als er den Kopf wieder hervorzog aus dem Waschnapf
Bald glänzte hell die schwebende Kugel bald war es Tag bald Dämmerung
bald Nacht Straßen Plätze Kirchen dunkle und helle Stuben und Kammern grüne
Bäume und beschneite Felder schoben sich durcheinander Der Weihnachtsmarkt und
die Schulstube des Armenlehrers Silberlöffel waren da und waren nicht da
kindische Freude und kindische Angst wechselten fortwährend Seinen Stab schwang
der Zauberer Traum im Kreis bis er ihn dann wieder deutend auf eine andere
Stelle hielt Ein Knabe war Hans Unwirrsch und ein Knabe war Moses
Freudenstein und mit Händen und Füßen verteidigte Hans den Moses gegen die
Knaben der Kröppelstraße Hinunter in die Finsternis des Trödelladens aus dem
Schnee und Getümmel der Gasse Blutend und zerschlagen die Treppe hinunter in
die Arme des Meisters Samuel Aber der Meister Samuel war ja tot und Moses
stand mit verschränkten Armen neben dem Lager des Toten und die Sanduhr war
ausgelaufen Die kleine Sophie war auch gestorben war sie es nicht Wie kam
auch sie in den Keller des Trödlers und legte den Finger auf den Mund so ernst
und so schön War das die kleine tote Sophie welche sagte dass das Schöne das
Wahre das Gute nicht sterbe in der Welt War es die tote Sophie welche sagte
dass der Mensch durch die Sehnsucht lebe Hans Unwirrsch hatte doch die kleine
Sophie so gut gekannt er hatte sie in ihrem Sarge gesehen gleich einem Püppchen
aus Wachs war sie es wirklich die so groß schön und ernst zwischen ihm und
dem Doktor Teophile Stein der erst Moses Freudenstein war stand
»Franziska Fränzchen« rief Hans Unwirrsch und mit diesem Ruf erwachte er
Es regnete augenblicklich nicht mehr aber der Tag war darum nicht heller
geworden es schien sogar als würde er noch immer dunkler als senkten sich die
Wolken immer tiefer und erdrückender herab Langsam langsam schlichen die
Stunden vorüber und es gab kein Buch in der Bibliothek des Kandidaten das
imstande war auch nur für Minuten den Lauf der Zeit zu beschleunigen Auf und
nieder schritt Hans und blieb bei jedem Geräusch im Hause stehen und horchte
obgleich er wusste dass nur die Haushälterin oder die Kammerjungfer draußen sich
rege
Es wurde Mittag und man brachte ihm zu essen er zwang sich etwas
herunterzuschlingen Als er aber die Uhr eins schlagen hörte legte er Messer
und Gabel nieder denn jetzt musste Jean an seinem Bestimmungsorte angelangt und
der Brief Kleopheas in den Händen der Eltern sein Vielleicht befanden sich die
Eltern bereits auf dem Heimwege und der vornehme Jean saß mit verschränkten
Armen neben dem Kutscher und der Kutscher wusste auch schon was zu Hause
vorgegangen war zog die Backen ein und pfiff und der Himmel war so grau und
der Weg so schlecht und die Wolken zogen so niedrig über die Felder hin Auch
an Aimé und sein Betragen während dieser Fahrt musste der Kandidat Unwirrsch
denken Er war in keiner Weise mehr Herr über seine Phantasie und sie zog ihn
immer immer wieder fort aus dem Stübchen Franziskas wie er sich auch dagegen
wehrte
Stundenlang hatte Fränzchen unter ihrem Tuch auf ihrem kleinen Diwan
gelegen gegen ein Uhr erhob sie sich um doch notwendige Haushaltungsgeschäfte
zu besorgen und vernahm dabei wie sich bereits die Welt unter den
mannigfaltigsten Vorwänden in das Haus eingedrängt hatte »um Näheres über die
seltsamen Gerüchte zu erfahren«
Man hatte sich nach diesem und jenem erkundigt man hatte geliehene Bücher
und Musikalien zurückgeschickt man dh eine »intime« Freundin hatte sogar
Fräulein Kleophea zum Tee einladen lassen der Professor Blütemüller war
persönlich gekommen um sich zu erkundigen wann die gnädige Frau von ihrem
Ausflug zurückkehren würde Er hatte eine Visitenkarte mit einem Eselsohre und
seine besten Grüße zurückgelassen
Die Haushälterin und das übrige Dienstpersonal erwies sich aussergewöhnlich
teilnehmend und schlich flüsternd auf den Zehen umher Gegen zwei Uhr brannte
das Feuer im Studierzimmer des Geheimen Rates und im Gemach der gnädigen Frau
zwischen drei und vier kam die Herrschaft heim
Wenn man sei es in freudiger oder in schmerzlicher Aufregung lange auf das
Eintreffen eines Ereignisses die Erfüllung eines höchsten Wunsches das
Niederfallen eines Schlages gewartet hat dann merkt man wenn das Erwartete
gekommen ist so recht aus wie flüchtigen Momenten des Menschen Leben besteht
Zu einem Augenblick zieht sich die längste unruhvolle Vergangenheit zusammen
und der Lichtblitz der an einem Regentage über das Land fliegt ist nicht
schneller vorüber als die Stunde auf welche wir hofften oder welche wir
fürchteten
Hans Unwirrsch stand an seinem Fenster und sah den kotbesprjetzten Wagen des
Geheimen Rates heranfahren und Jean saß wirklich neben dem Kutscher auf dem
Bocke als ein Mann der sich seines Wertes bewusst war Hans verwunderte sich
dass er in diesem Augenblicke auf die Mienen des Bedienten achten konnte aber es
war so
Im Hause wurden Türen geöffnet und zugeschlagen der Wagen hielt die
Dienerschaft stürzte heraus Jean sprang herab um den Schlag zu öffnen und den
Aussteigenden behilflich zu sein Der Geheime Rat Götz trat zuerst hervor ihm
folgte seine Gemahlin tief verschleiert sie führte den Knaben an der Hand und
trat schnellen und schallenden Schrittes zuerst in das Haus ohne die
herbeigeeilte Nichte zu beachten Der Geheime Rat stand einen Augenblick
wankend wie ein von einem plötzlichen Schwindel Ergriffener vor seiner Tür er
stieß den Arm Jeans zurück und griff nach der Hand Franziskas Auf das Fränzchen
stützte er sich als er langsam und unsicher die Treppenstufen emporstieg und
so begegnete er in dem Hausflur dem Kandidaten an welchem ebenfalls die gnädige
Frau gleich einem Sturmwind vorbeigefahren war
Dünn schwarz und schattenhaft trotz seines Pelzes sah der Geheime Rat auch
jetzt aus aber ach das Federwerk in seinem Innern war nun ganz und gar in
Unordnung und heftig musste Hans darüber erschrecken wie über alle Massen
unglücklich und hilflos der Geheime Rat umhersah Er reichte dem Hauslehrer die
Hand die wie im Fieber zitterte und sagte er freue sich den Herrn Kandidaten
so wohl zu sehen und es sei ein recht unangenehmes Wetter heute Und als in
diesem Augenblicke die Glocke der gnädigen Frau im heftigen Affekt angezogen
durch das Haus gellte fuhr er zusammen fasste den Arm Fränzchens fester und
flüsterte
»Mein armes Kind arme Kleophea Es konnte ja nicht anders kommen arme
Kleophea«
Mit Tränen in den Augen stand Hans Unwirrsch am Fuße der Treppe und sah dem
Fränzchen nach wie sie den gebrochenen Mann stützte und führte
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Wenn es regnete als wir den zweiten Teil unseres Buches schlossen so regnet es
nicht weniger indem wir den dritten Teil desselben anfangen Wer etwas einem
Regenschirm nur irgend Ähnliches sein nannte spannte es auf und schritt
darunter her ohne sich zu schämen Alle Hunde ließ die Ohren hängen und zogen
die Schwänze zwischen die Hinterbeine alle ausgehängten Mietzettel an den
Fenstern drehten und wendeten sich im Winde und zeigten bald ihre Vorderseite
bald ihre Rückseite Man zählte den sechsten Oktober und es war neun Uhr
morgens an der Ecke der Grinsegasse erschien das ungesegnete Individuum das
bei solchem Wetter eine Wohnung suchte Herr Johannes Unwirrsch Kandidat der
Theologie aus Neustadt und der Kröppelstraße
Den Kragen des Überrockes in die Höhe geklappt den Hut in die Stirn
gedrückt den aufgespannten Regenschirm nach dem Nacken zu gesenkt die Nase
suchend forschend hoch in der Luft wurde er herangeblasen und alle Dachrinnen
der Grinsegasse begrüßten ihn lustig plätschernd Es war durchaus nicht
angenehm bei solchem Wetter vor die Tür gesetzt worden zu sein und eine andere
Tür suchen zu müssen der Gedanke daran erregt Gefühle die eine kleine
Abschweifung sehr verzeihlich erscheinen lassen
Unser Herr Die Betonung dieser beiden Worte unterliegt den
verschiedenartigsten Abschattungen Anders sprechen sie die Leute einer gewissen
Partei aus anders die Frommen anders die Bedienten anders die bedrängten
Familien größerer Städte die auf der Grenze zwischen Kaum genug und Fast
zuwenig ihre pekuniären Umstände dadurch zu verbessern sich bemühen dass sie
einen heimatlosen Junggesellen anlocken einfangen und ihm ein möbliertes oder
unmöbliertes Zimmer ihrer Wohnung veraftermieten »Unser Herr« ist jener
Zugvogel der ohne ein eigenes Nest zu besitzen kommt und unterkriecht wo und
wie es ihm seine Mittel erlauben und der verschwindet wie er gekommen ist nur
wenige und schlechte Spuren hinter sich lassend Die bedrängte Familie wird
diesem oft sehr unsoliden Vogel gegenüber eigentlich nur durch die Frau des
kleinen Beamten und Handwerkers oder die Frau an und für sich die »redliche
Witwe« kurz und gut die »Madam« repräsentiert Sie ist es der die Folgerungen
der Spekulation zufallen sie ist es die Unsern Herrn lobt über ihn schimpft
und ihn mit Klagen beim Bezirkspolizeileutnant bedroht Sie ist es die dafür
sorgt dass Unser Herr im Winter grad am Erfrieren vorbeirutscht sie ist es die
seine Vorräte beaufsichtigt und sich mit demselben Recht seine Haushälterin
nennt mit welchem jene deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg die Lotringen
Elsass und so weiter und so weiter verjubilierten sich »allezeit Mehrer des
Reichs« nannten Sie ist es endlich die auf Verlangen an jedem Morgen jenes
unergründbare Gebräu bereitet welches Unser Herr unter dem Namen »Kaffee« am
liebsten aus dem Fenster gösse
Unser Herr hat seinen Mietzettel ins Auge gefasst die Lage der Dinge und den
Inhalt seines Geldbeutels erwogen er ist zu einem Entschluss gekommen und tritt
in das Haus Über die Köpfe unzähliger Kinder weg steigt er vorsichtig zu dem
Stockwerk empor in welchem er seine künftige Heimat zu finden hofft und
gelangt auf einen nicht sehr hellen Vorplatz mit vielen Türen an denen die
Visitenkarten der verschiedenartigsten Existenzen kleben Aufs Geratewohl zieht
der Heimatlose einen Glockenstrang und wartet vergeblich einige Minuten auf
Antwort Er zieht eine andere Glocke neben einer andern Tür und erhält auf seine
Frage ob hier eine Wohnung zu vermieten sei von einem Rüpel eine grobe
verneinende Antwort Unser Herr mag die dritte Glocke ziehen und nach einigem
Zögern entschließt er sich dazu Diesmal taucht eine Weiberhaube in der
Dämmerung auf die Frage wird wiederholt und die Antwort lautet bejahend Unser
Herr seufzt aus tiefster Brust und folgt der Dame die ihn bittet einzutreten
Er tritt aus der Dämmerung in das Tageslicht und seine Persönlichkeit wird
blitzschnell vom Kopf bis zu den Füßen einer ungemein scharfen Kritik
unterworfen er ist berechtigt im geheimen die Frage aufzuwerfen weshalb man
eigentlich nicht das schöne Geschlecht mit der Staatspolizei beauftrage Fällt
die Kritik befriedigend aus so wird Unser Herr in die zu vermietenden Gemächer
eingeführt Man erlaubt ihm sich einige Minuten umzusehen und man beantwortet
seine Fragen nach dem Mietzins mit einem gewissen unbeschreiblichen Lächeln das
sich wie Goldschaum um eine unverschämt bittere Pille legt Auf die Frage Kann
ich gleich einziehen folgt ein bejahender Knicks und auf den Seufzer Ich
werde diese Wohnung nehmen ein zweiter Knicks und eine phantasielose
Schilderung aller möglichen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten die Unsern
Herrn der »das kennt« sehr kalt lässt Aber Unser Herr ist nun wirklich Unser
Herr geworden und hat das Recht sich die Möbel und die Bilder an den Wänden
genauer anzusehen Die Möbel lassen sehr viel von dem was man von ihnen
verlangen kann zu wünschen übrig die Bilder bestehen in einigen
grellkolorierten Litographien weiblicher Gestalten in schlechten Goldrahmen
Sehr luftig gekleidet sind diese Schönheiten sie streicheln entweder
Schosshündchen oder zerpflücken Blumen oder beschäftigen sich mit Melancholie und
starren über ein sehr blaues Meer »Klotilde« »Die Sehnsucht« »Er liebt
mich« »Luzia« oder etwas dem Ähnliches steht unter ihnen zu lesen und wenn
Unser Herr nur den winzigsten Funken guten Geschmacks in sich trägt sagt er
»Aber Madam ich möchte bitten diese Kunstwerke von den Wänden zu
entfernen«
Die Madam ärgert sich zum erstenmal über Unsern jetzigen Herrn »Unserm
Vorigen Herrn gefielen diese Bilder sehr gut« sagt sie etwas schnippisch »aber
die Jungfer soll sie fortnehmen ganz wies beliebt«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden« sagt Unser jetziger Herr und fügt hinzu »Da
hält soeben eine leere Droschke ich werde jetzt meine Sachen holen in einer
halben Stunde bin ich zurück Ach so welche Hausnummer«
»Zweiundzwanzig« sagt die Madam »Sie werden bei Ihrer Rückkehr alles in
der besten Ordnung finden Bitte stoßen Sie sich nicht die Tür ist etwas
niedrig«
Unser Herr der sich bereits gestoßen hat zieht den Hut wieder von der Nase
in die Höhe stürzt die Treppe hinunter wirft sich in die angeschriene
Droschke und rasselt davon Madam sieht ihm aus dem Fenster nach bis das
Fuhrwerk um die Ecke verschwindet und tritt dann zurück in die Mitte des
Zimmers Mit einem Wiegen des Kopfes das für unsern Herrn nicht viel Gutes
bedeutet berechnet sie welcher Vorteil aus ihm zu ziehen sei und grübelt nach
über seine schwachen Seiten Klotilde mit dem Schosshund lächelt dumm herab von
der Wand die Sehnsucht glotzt verwundertschnupfig auf den blauen Klecks des
Meeres Gretchen zerpflückt ihre Sternblumen Er liebt mich er liebt mich
nicht er liebt mich »Unser Herr liebt meine Bilder nicht« schreit die Madam
»bah Karl Karl komm herein wir haben wieder einen Herrn«
Karl der Gemahl erscheint scheu und schäbig auf der Türschwelle begleitet
von einem ganzen Haufen Kinder und ein verwirrtes Getöse und der wiederholte
Ruf »Wir haben wieder einen Herrn wir haben wieder einen Herrn« erfüllt den
Raum Dann geht die bedrängte Familie in krampfhafter Aufregung ans Werk die
vermietete Wohnung in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen Man hängt den
Hausschlüssel hinter die Tür und stellt eine gefüllte Wasserflasche nebst einem
Glas auf einen Seitentisch Die exilierten Damen steigen herab von den Wänden
und an ihrer Stelle erscheinen auf der verblassten Tapete vier dunklere Flecken
die dem Schönheitssinn Unseres Herrn auch nicht zum besten gefallen werden
»Unser Herr Unser Herr« flüstert plötzlich der Gemahl »Unser Herr Unser
Herr« schrillen alle Kinder Eine Droschke hält wieder vor der Haustür und der
Kutscher sitzt nicht auf dem Bock sondern auf einem Lederkoffer der seinen
legitimen Platz einnimmt Wie mit einem Zauberschlag ist die Familie aus dem
Zimmer Unseres Herrn verschwunden und nur die Madam hat darin standgehalten
wie es ihre Pflicht und ihr Recht ist Ein aufgegriffener Bummler schleppt die
Habseligkeiten Unseres Herrn welcher den Kutscher bezahlt die Treppe hinauf
Er setzt den bereits erwähnten Koffer mit einem Knacks auf den Boden ab und
ächzt und stöhnt und schnauft grässlich Unser Herr erscheint ebenfalls einen
Reisesack in der einen Hand eine Hutschachtel in der andern ein Bündel
Pfeifen Spazierstöcke Schirme Rapiere unter dem Arm tragend Unser Herr ist
da Unser Herr ist eingezogen Unser Herr ist gegangen es lebe Unser Herr Le
roi est mort vive le roi NB wenn die hochlöbliche Polizei seine Papiere in
Ordnung gefunden und ihm eine Aufentaltskarte gegeben hat Es lebe Unser Herr
der Kandidat Hans Unwirrsch aus Neustadt Er fand in der Grinsegasse das was er
suchte eine Dachstube zu einem merkwürdig billigen Preise und zog auf der
Stelle ein ohne von seinem Rechte bis zum Schluss des Jahres im Hause der
Geheimen Rätin Götz zu bleiben Gebrauch zu machen Darüber werden wir mehr
sagen müssen wenn wir ihn glücklich unter Dach gebracht haben
Eine sehr taube redliche Witib wars die das Gelass dessen Luxus und Glanz
mit den Mitteln des Kandidaten übereinstimmte zu vermieten hatte und nicht
gefahrlos war der Weg zu ihr Ein einziges Fenster erhellte den Verschlag aber
die Aussicht über die Dächer war vortrefflich An den Wänden beleidigten keine
litographischen Versündigungen am schönen Geschlecht das Auge und das Herz die
Wände waren nackt und kahl Das Mobiliar konnte freilich nur auf einen zynischen
Philosophen einen angenehmen Eindruck machen auf Hans Unwirrsch wirkten jedoch
der Stolz mit welchem die taube Alte darauf blickte und die Reinlichkeit
wohltuend Er seufzte nur ganz gelinde als er den Mietvertrag der ihn zum
zeitweiligen Herrn von Bett Tisch und Stuhl machte abschloss und dadurch Besitz
ergriff dass er einen Efeuzweig mit drei oder vier grünen Blättern den er bis
jetzt in der Hand getragen hatte auf den Tisch niederlegte Auch er holte
sodann seine Habseligkeiten in der bereits angegebenen Weise und richtete sich
ein Wenn das Gefühl sein eigener Herr zu sein nicht ganz ohne Beimischung von
Wehmut war so war es doch recht erquicklich Schon der Gedanke dass der
grüngoldene Jean in diese Tür sein freches Gesicht und seinen Backenbart nicht
ohne ausdrückliche Erlaubnis schieben dürfe war etwas wert Als die Einrichtung
vollendet war jedes Ding seinen Platz hatte und der Kandidat sich auf seinen
Stuhl vor seinem Tische niederließ überkam ihn ein Behagen das er seit seiner
Studentenzeit nicht mehr gekannt hatte Der Zugwind der durch das schlecht
verwahrte Fenster zischte war Hauch der Freiheit alle Bequemlichkeiten und
Opulenz von Bocksdorf Kohlenau und dem Hause des Geheimen Rates Götz konnten
ersetzt werden durch das stoische frohe Frösteln das er hervorbrachte Wie sich
die Verhältnisse im Hause des Geheimen Rats weiterentwickelt hatten können wir
jetzt erzählen da der Kandidat wenn nicht warm so doch trocken sitzt und der
Regen machtlos über seinem Kopfe auf dem Dache trommelt
Die Glocke die so gellend durch das Haus schallte als der Vater Kleopheas
in sein Zimmer wankte verkündigte der Hausgenossenschaft sehr bestimmt die
Stimmung in welcher sich die Mutter befand Krämpfe und Ohnmachten waren die
erste Folge des Briefes Kleopheas gewesen während der Fahrt nach der Stadt
hatte die gnädige Frau im apatisch brütenden Stumpfsinn in ihrer Wagenecke
gelegen nach der Heimkehr brach die Leidenschaft des Weibes in wilder
Furienhaftigkeit hervor Die Geheime Rätin wütete und es war gefährlich in
ihre Nähe zu kommen was fast alle Glieder des Hausstandes nacheinander
erfuhren Selbst der Gedanke an die »Welt« war zuerst nicht imstande ihr die
wünschenswerte Selbstbeherrschung wiederzugeben obgleich der Schmerz und Zorn
der Dame sich im Grunde nur um diese »Welt« drehten Nicht das Geschick in
welches sich die Tochter gestürzt hatte sondern der éclat den das abscheuliche
Begebnis machen musste und ohne Zweifel bereits machte trieb die Mutter fast in
den Wahnsinn Sie suchte nach jemand an welchem sie ihren Grimm auslassen
konnte und sie fand zwei für einen
Da war das Fränzchen welches anhören musste was man ihm sagte und da war
der Hauslehrer der Kandidat Unwirrsch welchem man sogar ins Gesicht schreien
konnte dass durch seine Schuld der schändliche Verräter der Doktor Stein der
Jude in das Haus gekommen sei Die Geheime Rätin war fähig dem armen Hans die
ganze Schuld an dem grässlichen Skandal aufzuladen und vom medizinischen
Standpunkt aus betrachtet war dieses ein großes Glück für sie Hans Unwirrsch
wehrte sich diesmal nach Kräften bis er einsah dass es unmöglich sei diesem
Weibe gegenüber und noch dazu im jetzigen Moment einen Rechtsstandpunkt
behaupten zu wollen Er ließ das Unwetter über sich ergehen in dem Gedanken wie
das Fränzchen so unendlich viel schlimmer dran sei als er Seine Angst um das
Fränzchen überwog alles andere
Zerschlagen an allen Gliedern verwirrt in allen Sinnen mit dem Gefühl
plattgedrückt auseinandergerissen und zu einem Knäuel gewickelt zu sein
verließ Hans das Gemach der gnädigen Frau und stieg in sein Zimmer hinauf um in
der Abenddämmerung seinen Koffer zu packen Am andern Morgen schon musste er das
Haus verlassen und bis zum andern Morgen sah er außer dem Bedienten niemanden
mehr von der Hausgenossenschaft auch das Fränzchen nicht Er schlief wenig in
der Nacht und war früh wach und angekleidet Um acht Uhr erschien Jean mit der
Meldung dass der Herr Geheime Rat ihn zu sprechen wünsche und ohne Verzug stieg
er zu der Studierstube desselben hinab
Er klopfte an und trat ein obgleich ihn niemand dazu einlud und als er
eingetreten war stand er einige Augenblicke verdutzt an der Tür weil er
glaubte es befinde sich auch niemand im Zimmer
Da stand der gefrässige Riesenpapierkorb in den schon soviel nutzlos
beschriebenes Papier hinabgeworfen worden war in welchem aber das klägliche
Dokument Theodor Götz contra mundum noch nicht steckte obgleich es vielleicht
so besser für dasselbe gewesen wäre Da standen die vielen rechtsgelehrten
Bücher in langen dürren Reihen in Schränken und Fächern Da stand der
grünbeschlagene Riesenschreibtisch mit seinen berghohen Aktenhaufen und hinter
diesen Aktenhaufen sah Hans als er sich auf den Zehen erhob den Geheimen Rat
sitzen im schwarzen Frack mit weißer Halsbinde wie gewöhnlich Und die Arme
des Mannes lagen auf dem Tisch und der Kopf lag auf den Armen es war ein Kopf
mit recht dünn gesäten grauen Haaren ein trübseliges Haupt welches der
Kandidat Unwirrsch tief bedauern musste
Hans trat einige Schritte näher der Geheime Rat erhob das Gesicht doch der
Ausdruck desselben war so überwacht so kummergeschlagen nichtssagend dass Hans
nicht glauben konnte von seiner Gegenwart im Zimmer sei bereits Kenntnis
genommen worden
Er trat noch einen Schritt heran und sagte
»Herr Geheimer Rat ich bins ich bin gekommen Abschied von Ihnen zu
nehmen und Ihnen Ihnen zu zu «
Er wusste eigentlich nicht was er sagen sollte und es war ihm nicht
unangenehm als ihm das Weiterreden erspart wurde Der Geheime Rat erwachte aus
seiner Erstarrung und erhob sich aus seinem Sessel wie ein von unten auf
Geräderter der eine Stunde auf dem Rade gelegen hat sich erheben würde Mit
einer Gebärde der Hülflosigkeit die Hans niemals vergaß sank er auch sogleich
wieder zurück und seufzte
»Ja Sie gehen fort ich weiß es Sie haben auch recht Was wollen Sie in
diesem Hause Es lässt sich nicht gut darin atmen O Herr Unwirrsch«
Er legte die Hand auf die Augen Hans stand jetzt dicht neben ihm und sah
dass er einen Brief geschrieben und denselben vor sich liegen hatte Das Licht
an welchem er ihn zusiegelte brannte noch Wieder schien er in das vorige
Brüten zu versinken und es folgten einige peinliche Augenblicke in denen dem
Exhauslehrer nichts einfiel was er hätte sagen oder tun können Diese
Augenblicke waren jedoch nicht von langer Dauer der Vater Kleopheas fasste
plötzlich ganz überraschend die Hand des Kandidaten und sagte mit einer
Innigkeit welche ihm der Chef seines Kollegiums gewiss nicht zugetraut hätte und
welche von seiner Gemahlin ebenso gewiss nicht gewürdigt worden wäre
»Unwirrsch Herr Unwirrsch es tut mir sehr leid dass Sie gehen gehen
müssen Ich wir haben Ihnen dieses Haus nicht zu einer behaglichen Stätte
gemacht Wir haben ja selber kein behagliches Dasein darin geführt Ich danke
Ihnen für die treuen Dienste die Sie meinem Sohne haben leisten wollen ich
danke Ihnen dafür dass Sie nicht früher fortgegangen sind ich danke Ihnen für
die Art in der Sie gestern unser Haus vertreten haben meine Nichte Franziska
hat mir alles referiert und ich danke Ihnen von Herzen dafür Meine Nichte
Franziska wird es ebenfalls sehr bedauern dass Sie uns verlassen und mein
Bruder Rudolf auch Herr Unwirrsch Sie können keinen Begriff davon haben wie
schwer das rasche inkorrekte Vorgehen meiner Tochter auf meiner Seele wiegt
Aber sie ist von frühester Jugend an eigenwilligen Sinnes gewesen und unsere
Zucht hat zur bitteren Frucht gebracht was im Temperament ausgesäet lag ich
habe nicht das Recht meinem armen Kinde zornige Vorwürfe auf den Weg
nachzusenden wir müssen nun die Noxa tragen wie wir können Sie ist nach Paris
gegangen Herr Unwirrsch sie notifizierte es uns gestern ich habe in
vergangener Nacht und heute am Morgen wieder an sie geschrieben um ihr meinen
Segen zu ihrer Heirat zu geben Ich konnte nicht anders handeln Gott schütze
sie Wenn der Mann der sie uns entführt hat seine mir beiläufig gesagt
völlig rätselhaften Intentionen klarer dargelegt haben wird wird sich das
Weitere finden aber wie ich die Sache ansehe wird er sodann mit meiner Frau
verhandeln müssen da unser Vermögen von ihr stammt Mein Einfluss ist in dieser
Beziehung ziemlich irrelevant und ich vermag ipso facto nicht das geringste zu
tun Ach Herr Unwirrsch ich bin ein kranker schwacher Mann und habe meine
Welt aus den Bücherreihen dieser vier Wände machen müssen Wozu soll ich Ihnen
das zu verbergen suchen was Sie wahrscheinlicherweise schon längst erkannt
haben Sie werden da draußen nicht über den schwächlichen Narren spotten
sondern Sie werden den Mann bedauern der so vielen Kummer in seinem Leben hat
niederschlucken müssen Leben Sie wohl lieber Unwirrsch meine besten Wünsche
begleiten Sie Und wenn Sie eine glücklichere Stätte und weisere stärkere Leute
gefunden haben so gedenken Sie nein so vergessen Sie was Sie hier erfahren
haben vergessen Sie vor allem mich einsamen verlassenen Mann«
»O nicht einsam nicht verlassen« rief eine weiche innige Stimme und an
der Seite des tiefbewegten Kandidaten vorüber glitt Franziska Götz zu dem
gebeugten Oheim und umfasste ihn weinend mit beiden Armen
»Nicht einsam und verlassen mein lieber lieber Onkel Sage das nicht es
soll nicht so sein Denke daran wieviel Treue und Liebe ich dir schuldig bin
denke daran wie nötig wir einander haben wir wollen fest so recht fest
zusammenhalten also sprich nicht von Einsamkeit und Verlassenheit«
Der Oheim legte ebenfalls den Arm um das Fränzchen
»Bist du es armes Kind« sagte er »Ja du bist gut und geduldig aber dein
Anblick muss mir ja der bitterste Vorwurf sein wie unbehaglich und traurig
haben wir auch dein junges Leben gemacht Und du bist ganz hilflos und kannst
diesen Ort mit keinem andern vertauschen«
»Ich will es auch nicht Ich möchte es auch nicht um keinen Preis in der
Welt« rief Fränzchen »Bei dir ist jetzt meine Stelle Onkel und wenn du mich
nicht von dir stössest und mich bösherzig in das Gouvernantentum hinausjagst so
so wirst du mich wohl bei dir behalten müssen«
Sie lächelte bei den letzten Worten durch ihre Tränen und der Oheim küsste
die kleine Hand die er zwischen seinen dürren kalten Schreiberfingern hielt
Es war wunderlich anzusehen
Man sprach nun noch davon dass der Brief an Kleophea sogleich abgehen solle
sobald sie ihre Adresse angegeben haben würde und dann sprach man von den
Plänen des Kandidaten Unwirrsch Der Geheime Rat zahlte dem Kandidaten das
unermessliche Salarium für das letzte Semester aus und es war Hans sehr
angenehm dass dies in Gegenwart Fränzchens geschah denn sie konnte daraus
ersehen dass der ausgewiesene Hauslehrer trotz seiner Ausweisung fürs erste noch
nicht den kläglichen Tod des Verhungerns in Aussicht habe Hans Unwirrsch
erklärte dass es nicht seine Absicht sei sich sogleich nach einer neuen
Stellung als Präzeptor umzusehen sondern dass er den Winter über als ein freier
Mann in dieser Stadt leben und ein Buch schreiben wolle
Mit Erröten sagte er das letztere und er sagte es eigentlich auch nur für
das Fränzchen das denn auch lieblich überrascht auf und den Kandidaten ansah
»Ich habe so vieles erlebt« fuhr Hans fort »aber es sieht bunt in mir aus
und es wird die höchste Zeit dass ich mich zusammennehme und mich besinne So
will ich denn bis zum Frühling eine Stube mieten und still sitzen und zusehen
was daraus werden mag Was ich schreiben möchte wüsste ich wohl schon aber wie
es herauskommt das weiß nur der Himmel«
Fränzchen nickte lächelnd und drückte die Hand auf das Herz um sie dann
mit feuchten Augen dem alten einfältigen Hans zu reichen Auch der Geheime Rat
Götz reichte ihm die Hand indem er sich zum zweitenmal aus seinem Sessel erhob
und wünschte ihm zu seinem Vorhaben in praesenti casu und in allen späteren
Angelegenheiten das beste Glück Das Haus verließ Hans Unwirrsch recht gern
aber diese beiden Menschen verließ er mit gar schwerem Herzen Die Herrin des
Hauses bekam er nicht mehr zu Gesicht und seinen Zögling ebenfalls nicht Das
Dienstpersonal hätte ihn gern durch seine auf dem Hausflur aufgestellten Reihen
Spiessruten laufen lassen leider ließ er sich aber angrinsen ohne die
gewünschte ärgerliche Notiz davon zu nehmen
Er schritt über den knirschenden Kiesweg an dem Rasenrundstück und dem
wasserleeren Springbrunnen vorüber den er so oft von seinem Fenster aus mit der
glänzenden Messingkugel hatte spielen sehen Er dachte daran wie oft er den
Wasserstrahl mit der Lebenslust und Kraft der Jugend und die blanke Kugel mit
der schillernden Hoffnung der Jugend verglichen habe und dann dann spannte er
jenseits des zierlichen eisernen Gartentors seinen Regenschirm auf und sah unter
demselben hervor auf das Haus zurück Er gedachte jenes Morgens an welchem der
Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in diese Tür geschoben hatte und er gedachte
daran wie er den Mann so oft dafür verwünscht hatte Jetzt verwünschte er ihn
nicht mehr mit heißer Dankbarkeit gedachte er des Leutnants Rudolf Er
pflückte noch einen kleinen Efeuzweig der sich durch das eiserne Gitter wand
dann ging er weiter sein eigener Herr zwar aber nicht mehr der Herr seines
Herzens Er ging suchte und fand die Wohnung in der Grinsegasse legte den
Efeuzweig auf den Tisch an welchem er sein »Buch« schreiben wollte zum guten
glücklichen und gesegneten Zeichen Was daraus werden würde konnte in der Tat
nur der Himmel wissen das war aber auch genug
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Es war ein eigentümliches Gefühl nach so langen Jahren der pharaonischen
Dienstbarkeit endlich einmal wieder sein eigener Herr zu sein und einen Raum
vierzehn Schuh lang und zehn breit sein unbestrittenes Reich und Eigentum
nennen zu dürfen Was liegt alles in den wenigen Worten Sein eigener Herr sei
Wie viele Millionen und aber Millionen mehr oder weniger geplagter mehr oder
weniger denkender Wesen sprechen diese Worte mit tiefen Seufzern aus Wie viele
Millionen Menschen aus allen Ständen und Lebenslagen gelangen nie dazu auch nur
für die kürzeste Zeit ihre »eigenen Herren« zu werden wie viele sinken alt und
grau müde und gebrochen ins Grab und werden mit ihren Ketten begraben wie
Christoph Kolumbus mit den seinigen Wie viele gehen aber auch ins Grab die
sich ihr Leben lang für frei gehalten haben und die doch mit Banden beladen
waren tausendmal stärker und schwerer als alle die welche sie vielleicht ihren
Untergebenen und Abhängigen mit Bewusstsein auflegten Es ist ein trauriges
Thema und manches ließe sich darüber sagen aber wir wollen lieber den Mund
halten da wir uns die letzte Zeit hindurch doch schon genug und übergenug mit
traurigen Dingen beschäftigen mussten Es ist ein zu gutes Ding diese Dachstube
mit der trefflichen Aussicht auf die Fenster so mancher andern Dachstube mit
den drei wackligen Stühlen dem spartanischen Bett mit dem rotbraunen Tisch von
Tannenholz und mit dem freien Mann Hans Unwirrsch vor diesem Tische
Nachdem Hans von seinem Gemache Besitz ergriffen und die sehr taube
Vermieterin sich mit den besten Wünschen für »Glück und Wohlergehen im neuen
Loschi« entfernt hatte nachdem der Koffer angelangt war und seine Stelle im
Winkel erhalten hatte sah Hans noch einmal aus dem Fenster in das Regenwetter
verriegelte sodann vorsichtig die Tür zählte auf den Tisch die fabelhafte
unermessliche unendliche Summe von hundertfünfundzwanzig Talern und stand vor
diesem unerschöpflichen Schatz eine lange Zeit in andächtigster Betrachtung
Jedes Silberstück verwandelte sich zu einem mächtigen Baustein des
Luftschlosses das er aufführte und mit den Papierscheinen ließ sich prachtvoll
das Dach ebendieses Luftschlosses decken Es war nach den Zeiten der
Gebundenheit eine Wonne sich um das Verwaltungsfach der leiblichen Nahrung
selber kümmern zu müssen es war ein unbeschreibliches Vergnügen im strömenden
Regen auszugehen und eine Flasche Tinte ein halbes Ries Schreibpapier und die
nötigen ausserseelischen Federn für das literarische Bedürfnis einzuziehen In
größter Aufregung verging darüber der Tag und mit der Dämmerung kam die Zeit
des ruhigeren Nachdenkens
Seine Tür hatte Hans Unwirrsch von neuem verriegelt in seinem neuen
Aufentaltsorte hatte er sich jetzt so ziemlich orientiert sein äusserliches
Leben hatte er so ziemlich geregelt jetzt wo es sehr still um ihn her geworden
war wo die Lichter der gegenüberliegenden Dachstuben in sein Zimmer schienen
und er durch ihren Schein in der hereinbrechenden Nacht auf und ab ging jetzt
musste er sich mit der Unordnung und Verwirrung die in der Welt seines Inneren
herrschten beschäftigen und als es acht Uhr schlug da hatte er längst
erkannt dass er sich nicht sogleich niedersetzen könne um das Manuskript des
»Buches vom Hunger« zu beginnen
In dem Augenblick wo er körperlich zur Ruhe kam hub der Tumult in seiner
Seele an und die aufgeregten Gespenster spotteten aller
Beschwichtigungsversuche
Während dreier Tage hielt sich der Kandidat Unwirrsch auf seiner Stube
eingeschlossen verkehrte nur durch eine möglichst enge Türritze mit seiner
Wirtin und erregte in der Brust der guten Frau die merkwürdigsten Besorgnisse
über den Geisteszustand ihres neuen Herrn und sein Verhältnis zu den staatlichen
Gewalten Die gute Frau konnte freilich nicht ahnen dass der Kandidat Unwirrsch
während dieser drei wunderlichen Tage den Gewinn und Verlust des letzten Jahres
seines Lebens überschlug und das Fazit zog dass er mit Gewinn aus diesem
Zeitraum hervorgeschritten sei
Die Jugend mit ihren bunten Träumen lag jetzt freilich hinter ihm es war
manche Blüte in seiner Seele geknickt worden es war manch heller Schein der
Welt verblasst und manches Ding nach dem Hans Unwirrsch großen Hunger empfunden
hatte widerte ihn nunmehr sehr an aber wenn auch die weißen und roten
Blütenblätter verweht waren so reifte langsam manche gute Frucht Nicht alles
in der armen irrenden Welt war falsches Schimmern und Flimmern das größte
tiefste Sehnen war immer noch nicht gestillt und das war das allerbeste Am
dritten Tage seines Sinnens hatte dieses Sehnen den nackten kahlen Raum des
Zimmers vollständig verändert Hans Unwirrsch bewirtete in seiner Dachstube das
Ideal Die taube Frau Wirtin hatte somit recht wenn sie glaubte dass ihr
Mietsmann ein wenig übergeschnappt sei
Es überkam den Hungerpastor eine vollkommen romantische Stimmung jene ganz
polizeiwidrige Stimmung in der man bittere bittere Tränen vergisst wenn man
in ihr das erhabene feierliche lustige Buch aufschlägt die »Abenteuer des
sinnreichen Ritters Don Quijote von La Mancha« welche Miguel Cervantes de
Saavedra »geübt in Trübsalen« im Gefängnis begonnen und in Armut und Elend
behaftet mit der Wassersucht vollendet hat
Es war eine liebenswürdige Prinzessin die war in ein uneinnehmbares
verzaubertes Schloss mit himmelhohen Mauern dessen Eingang harte Wächter und
böse Dämonen bewachten gebannt Und es war ein junger Ritter der hatte die
Prinzessin durch ein Wunder und eine Spalte in der Mauer gesehen und hatte auch
ihre süße Stimme vernommen Da war er auch verzaubert worden Er wurde freilich
nicht festgebannt er durfte umhergehen und laufen wie es ihm beliebte und
wenn er hätte nach Amerika auswandern wollen so hätte ihm das freigestanden
aber er ging nur um den Turm in dem das Fräulein im dunkeln Winkel saß und
Geduld hatte Während nun dieser Ritter um den Turm ging dachte er nach über
allen Zauber und alle Verzauberungen sowie über die dahin einschlägigen Bücher
eine sehr nützliche Beschäftigung welche wohl Klarheit in die Verhältnisse der
menschlichen Natur bringen kann Während dieser Ritter mit seiner Sehnsucht im
Herzen seinen eigenen Weg ging musste er auf die Fußstapfen vieler anderer
achten und er sah »wie der eine einhergeht auf dem weiten Felde des Ehrgeizes
der andere auf dem Schleichwege der knechtischen niederträchtigen Schmeichelei
wieder ein anderer den Weg der heuchlerischen Betrüger« Er sah wie der
Menschen Pfade weit hinausliefen in die Welt und er wurde besser treuer und
mannhafter indem er seinen Kreis um das Zauberschloss mit der sanften
lieblichen Prinzessin beschritt Es war kein enger Kreis es hatte alles Raum
darin was im Menschen und um ihn Echtes Wahres und Schönes aufwächst Allein
schon die Überzeugung dass das Fräulein im Turm erlöst werden müsse dehnte den
Ring bis in die Ewigkeit aus und bewahrte vor Engherzigkeit und jeglicher
Verkümmerung Dass das zu schaffende Manuskript des Hungerbuches ebenfalls mit in
den Kreis gehöre schien keinem Zweifel zu unterliegen wie es aber damit wurde
sollte der Paladin baldigst erfahren
Am Abend des dritten Tages nach Hans Unwirrschs Einzug in die Grinsegasse
besserte sich das Wetter und man konnte ohne Regenschirm ausgehen Der Kandidat
trat hervor um frische Luft zu schöpfen und natürlicherweise führte ihn sein
Weg nach der Parkstrasse vorüber an dem Hause des Geheimen Rates Götz Das Haus
sah heute in der Dämmerung nicht anders aus als sonst zu dieser Tages und
Jahreszeit aber dem unter den Bäumen hinschleichenden Hans schien es so tot und
ausgestorben dass es nicht auszusagen war Der Mut sank ihm sehr vor einer
Stunde noch hatte ihm in seiner Dachstube die hochfliegende Phantasie vorgemalt
wie der treue Ritter den bösen Mächten das Spiel abgewann und das verzauberte
rosige Fräulein hervorführte aus dem dunkeln Kerker in den Sonnenschein unter
die Rosenhecken die singenden Bäume zu den murmelnden Quellen und Brunnen Nun
waren die Gartentür und die Haustür in der Parkstrasse fest verschlossen und
wenn man den Glockenstrang zog erschien Jean der Pförtner welches nicht
angenehm war Und die Rosenhecken standen leer von den singenden Bäumen war gar
nicht die Rede der Springbrunnen war mit Stroh umwickelt und das Abonnement
für den lustigen Strahl war für dieses Jahr abgelaufen
An den Fenstern des Hauses war niemand zu erblicken Kleopheas Flügel war
verstummt es war ein recht trauriges Gefühl in der Dämmerung zu stehen und
nichts zu hören als plötzlich den »sprechenden Vogel« nämlich den Papagei der
mit abscheulich kreischender Stimme seine Gegenwart kundgab und sich sehr wohl
zu befinden schien
Hans wich in einen Nebenweg des Parkes zurück als er aber in die Nähe jener
Bank kam auf der er Henriette Trublet gefunden hatte kehrte er schnell um und
eilte fröstelnd heim mit der festen Überzeugung dass es auch an diesem Abend
vergeblich sein würde das Manuskript zu beginnen Mit Seufzen zündete er seine
Lampe an und legte nach einer guten Stunde den ersten Bogen des »Buches« weg
nachdem er nichts als drei große Kreuze auf das unschuldige Papier gemalt hatte
Er schrieb an die Base Schlotterbeck und den Oheim Grünebaum
Der ersteren teilte er jetzt ziemlich ausführlich alles mit was in den
letzten Tagen geschehen war und es konnte nicht fehlen dass der Brief ziemlich
melancholisch ausfiel An den biederen Oheim richtete er ein munteres Schreiben
über dessen Ton er sich nachher selber verwunderte Am folgenden Tage nahm er
den Bogen mit den drei Kreuzen von neuem vor und schrieb eine Seite die ihm am
Morgen sehr gefiel welche er jedoch am Abend wieder zerriss Am zwanzigsten
Oktober zerriss er den ersten Bogen des Manuskriptes und fand sich in einer
Stimmung welche nicht zu den »schönsten Hoffnungen für die Zukunft«
berechtigte Er zählte auch seinen Geldvorrat nach und allmählich dämmerte die
Überzeugung in ihm dass ein Hauptflügel seines Luftschlosses dem Einsturz nahe
sei und dass dem Fundament des Gebäudes gar nicht recht zu trauen sei
Er hatte es sich so schön ausgemalt über den Hunger in der Fülle und
zugleich über den Frühling im Winter zu schreiben und als ein freier Mann
Goldund Silberfäden aus dem schwarzen Tintenfass zu ziehen Nun fror ihn und er
hatte gegründete Ursache die Ehrlichkeit seiner Wirtin seinem Holzvorrat
gegenüber in Zweifel zu ziehen Die Schneeflocken konnten aus dem grauen Gewölk
über Nacht herabtanzen und wirbeln und somit ihr Teil zur Verwirklichung der
behaglichen Phantasie beitragen aber die tanzenden wirbelnden Gedanken wollten
sich nicht bändigen und auf dem Konzeptpapier fesseln lassen Hungrig ging Hans
auf die Jagd nach ihnen während die Spatzen immer weniger wählerisch wurden
was ihre Nahrung anbetraf Es musste die Zeit kommen wo der »Hungerpastor«
einsah dass es nichts half die Gedanken zu jagen wenn man von ihnen gejagt
wurde Die Zeit wo er auf den Bergen und in den Wäldern der Universitätsstadt
den Vögeln Bäumen Blumen und Wolken im überströmenden Gefühl so leicht die
schönsten Reden gehalten hatte war auch vorbei Der Mann der von der Welt
soviel mehr erfahren hatte als einst der Schüler davon wusste konnte in solcher
Weise nicht mehr reden und schreiben Die mit Fleisch und Blut begabten
Gestalten die wirklichen lebendigen Verhältnisse kurz die Dinge wie sie
waren hatten eine völlige Umwälzung im Gemüt hervorgebracht Eine so völlig
subjektive Natur wie Hans Unwirrsch wurde damit auf dem Papier nicht so leicht
fertig wie es vor dem Versuche erschien und am einundzwanzigsten Oktober
brachte ihm der Postbote einen Brief welcher den in Sorgen Wehmut und Überdruss
verlorenen Schriftsteller vollständig verwirrte und die Vollendung des
Manuskriptes ganz und gar in Frage stellte
Es war ein nebeliger Nachmittag am Himmel über den Dächern konnte man nicht
eine scharf gezeichnete Wolkenbildung ausfindig machen und in ihrem langsamern
oder schnellern Zuge verfolgen Mit bänglichen Gefühlen hatte Hans wieder in
seinen Geldbeutel geblickt kein Gott half ihm fort über die jammervolle
Gewissheit dass er nicht ein Millionär sei wie er vor vierzehn Tagen geglaubt
hatte
Wenn man sich nur jedesmal das richtige passende Wetter für jede krankhafte
Stimmung verschreiben könnte so würde man viel leichter darüber wegkommen Es
war sehr unangenehm dass Hans sich für diesen Nachmittag keinen klaren blauen
Himmel oder ein lustiges Schneegestöber bestellen konnte der Nebel scheuchte
ihn immer tiefer »in die Melancholei«
Er saß also am Fenster stützte den Kopf mit der Hand starrte auf die
Wäsche die vor den Fenstern gegenüber trocknen sollte und grübelte nach über
des Erdballs Ärgernisse In Wahrheit, es ging schlecht mit Hans und der
Gedanke dass er für die Freiheit vollständig untauglich sei erwies sich als
sehr peinigend Was hatte der Kandidat in der gewünschten Freiheit begonnen
Drei Tage lang hatte er Luftschlösser gebaut dann hatte er an jedem Morgen bis
tief in den Tag hinein geschlafen sehr billigen Tabak hatte er zu sehr
scheusslichem Kaffee geraucht und nun hatte er den ersten Bogen seines »Buches«
zerrissen Am einundzwanzigsten Oktober hielt Hans Unwirrsch die Idee, durch
seine Hungerpredigten ein berühmter Mann und der Befreier des Fränzchens zu
werden für unpraktisch töricht und albern ohne dass ihm ein Verleger seinen
Standpunkt klargemacht hatte Der harte Knöchel des Briefträgers welcher an
seine Tür pochte riss ihn aus Betrachtungen empor die nicht heitere genannt
werden konnten
Aber mit dem Briefträger pochte wieder das Schicksal an seine Tür Zum
zweitenmal rief der Oheim Niklas Grünebaum als heiserer Unglücksrabe seinen
Neffen zu einem Sterbebett und folgendermaßen schrieb er
»Hochverliebtester Herr Nefö Hochzuverachtender Herr Kandidatus Mein lieber
Junge
Wenn ich nicht wüsste dass Du als Pastor in guter Hoffnung und gottesfürchtiger
Mensche nicht übelnehmerischer Natur wärest und es nicht Deinen Oheim entgelten
ließest so täte ich Dir dieses nicht schreiben Wir haben Deine Briefe erhalten
und uns sehr darüber gefreut und uns noch sehrer darüber verwundert und ich
kanns nicht klein kriegen dass Du so von so n nobles Haus gutes Futter und
Verpflegung abgegangen bist aberst da die Base sagt es sei recht so ists mir
auch recht und Du mussts am besten wissen über welchen Leisten Du passest und
ich bin auch wie vor m Kopf geschlagen von wegen die Base weilen ich
vorgestern gedacht habe sie geht mir unter den Händen kaput und wenn sie jetzt
auch noch pustet so ists doch mit ihrem neunten Leben alleweile bald zu Ende
und ein anderes gibts nicht für keine Katze und ist auch nicht zu pretentieren
allhier auf dieser Erde Liebster Hans Du weißts was es für eine Perschon war
und wie sie einem die Leviten lesen konnte und wie sie bockbeinicht gegen einen
ansprang wenn einer nicht wollte wie sie Sie konnte eine grausame Kreatur und
Tyrann sein als was den Hausschlüssel anbetrifft und den Spirituohsa und was
sonsten des Menschen Herz erfreut Ich will ihr auch keine Eloschen halten
denn es stößt mir fast das Herz ab aber ein honettes Frauenzimmer war sie und
ein mächtig gescheites hat mir auch redlich in aller Not und Verlegenheit
beigestanden und ich könnte nicht betrübter um ihr sein wenn sie eine Fenus
wäre welches sie nicht ist und kein Mensche behaupten kann Lieber Hans Nevö
und Patenkind hab ich Dir zu Deiner Mutter gerufen so muss ich Dir auch anjetzo
herbitten von wegen dass der Tod auf keinen wartet und die Alte wie ich aus
Experientz weiß gar nicht Der Doktor sagt es ist Altersschwäche und es mag
wohl auch so sein aber was es auch sein mag lange hält der Schuh nicht mehr
und was ein befahrener Meister ist weiß dass bei jedem Stiebel der Momang
kommt wo das Flicken nichts mehr hilft und die ganze löbliche Gilde dem
Ausreissen nicht steuern kann wenns auch der verehrenswürdige Publikus und hohe
Adel noch lange nicht glauben und an ein neues Paar will
Liebster Hans ich fange eine neue Reihe an weilen mir mein Gefühl
überwältigt welches nicht zu verwundern ist denn es ist ein Jammer wenn man
sieht wie der Deibel die Graden und die Ungraden holt und die Wackersten
zuallererst Sie hat es gut mit mir gemeint wenn sie mir unter dem Daumen
gehalten und ich weiß nicht was ich anfangen soll wenn sie mir nicht mehr mit
Pauken und Bosaunen meinen Lebenswandel vorentält und mir in Deh und Wehmut
hineinschändieret schimphieret und tribulieret Ich gebe keinen Pfennig für
ihr Leben aber für hunderttausend dreidoppelte Lujedors wärs mir nicht feil
Lieber Hans da Du keine feste Stellung und Kondition und Prinzipalität nicht
mehr hast und kein Mensche sich um Dich zu bekümmern braucht und Du Dir auch um
keinen Menschen und wenns Dich nicht ans Beste als an Moses und die Propheten
ermangelt so komme zu uns und tröste die arme alte Seele ehe sie zu ihre
Geister geht die ihr und uns allewege soviel kujoniert haben hier in Neustadt
Sie verlangt fast so sehr nach Dir als weißt Du Deine Mutter damals wo ich
Dir von Universtäten abrief Wir sein allesamt merkwürdig neugierig Dich
nochmals mit leiblichen Augen zu sehen und mit der Base Schlotterbeck
pressierts und ich brauche nicht mehr zu sagen
Seit acht Tagen bin ich nicht mehr vors Haus gekommen sondern habe die Alte
abgewartet Es gibt auch sonsten noch gute Seelen die sie nicht verlassen
wollten aberst der Oheim Niklas Grünebaum nimmts mit allen in die
Anhänglichkeit und angenehmliche Dankbarkeit und Weisswassichschicktlichkeit auf
vorzüglich mit das Weibervolk und da wiederum vorzüglich mit denen Alten so
der Base schon längst mit Teen und Giftgebräude die Eingeweide aus dem Leibe
drangsaliert hätten wenn ich nicht wäre was man kennen muss um es zu glauben
und nicht doll zu werden
Also wertester Nevö und Neffe tus der guten Seele und Deinem geplagten
und schickanierten unglückseligen Oheim und Vormund zu Gefallen und versüsse sie
ihre letzten Stunden durch Deine geistliche Gegenwart und Tröstungen Was
mündlich noch zu sagen wäre will ich anjetzo noch für mich behalten da ich mir
doch schon über diesen Brief verwundere weil er so lang ist und woran Du meine
Betrübnis abmerken kannst und weilen ich Tag für Tag bei der Base sitze und
nicht herauskomme aus dem Loch
Verbleibe in guter Gesundheit und mache Dir keine Sorgen wegen meiner
Es grüßt Dir in großer Beklemmung Dein Oheim
Niklas Grünebaum
Schuhmachermeister
Postskriptus Bringe mich ein Pfund Luisianaknaster mit Allhier ist keinem
Menschen und Kaufmann mehr zu trauen und dem Bier gar nicht Die Menschheit
verschmiert alle guten Dinge Ich glaube fest sie erfinden alleweile zuviel
und wenn das so fortgeht so wirds nach hundert Jahren einen schönen Brei
geben Der einzigste Trost ist dass wirs nicht erleben
In großer Jammerhaftigkeit Dein Oheim
Niklas G«
Es dauerte seine Zeit ehe sich Hans die ganze Bedeutung dieses Schreibens
klargemacht hatte Es dauerte seine Zeit ehe er aus der Erstarrung der er
verfallen war erwachte Er musste diesem Briefe so gut folgen wie einst jenem
welcher ihn zum Sterbebett seiner Mutter rief Um ein gutes Stück Liebe wurde
sein Leben wiederum ärmer und wieder wurde eine Stelle dunkel wo bis jetzt
Licht gewesen war Dass er so bald als möglich reisen musste begriff er aber die
Überzeugung dass er jetzt aus dieser Dachstube in dieser Stadt nicht auf
dieselbe Weise fortgehen könne wie einst aus seiner Studentenstube kam ihm
auch Er ließ jetzt mehr hinter sich zurück als damals auf der Universität
Seine Seele war gefesselt an das Haus in der Parkstrasse und grade weil er durch
so unübersteigliche Schranken von demselben ferngehalten wurde erschien ihm der
Gedanke noch weiter fortzugehen um so schrecklicher Auf welche Weise sollte
er das Fränzchen von diesem Schlage des Schicksals benachrichtigen Verlassen
durfte er die Stadt nicht ohne dass sie Kunde davon erhielt aber wie wie
sollte das geschehen
Er zerrieb sich die Stirn und mit erneutem Kummer machte er sich die
bittersten Vorwürfe das Vertrauen welches der Leutnant Rudolf in ihn gesetzt
hatte so wenig gerechtfertigt zu haben Wir müssen leider gestehen dass es
einen Augenblick gab während welchem Hans Unwirrsch fest entschlossen war dem
kläglichen Ruf des Oheims Grünebaum nicht zu folgen die Base Schlotterbeck
nicht auf ihrem Sterbebett zu trösten sondern zu bleiben wo er war und
fernerhin um das verzauberte Schloss und das ebenso verzauberte Manuskript im
Kreis herumzulaufen Aber dieser Augenblick ging gottlob blitzschnell vorüber
die bösen Geister entflohen und Hans wusste was er zu tun habe Er ließ nicht
in den Kirchen für einen Verreisenden bitten wie der verliebte junge Bremenser
in des alten Musäus prächtiger Geschichte von der Stummen Liebe Er schrieb
einfach und nur vom Standpunkt der Frau Geheimen Rätin aus unmotiviert an den
Geheimen Rat Götz wie man an einen Mann schreibt von dem man glaubt dass er
noch Interesse an einem früheren Lebensgenossen haben könne Diesen Brief ließ
er noch an demselben Abend in den nächsten Briefkasten gleiten und rüstete sich
sodann zur Reise Er wusste dass jetzt Fränzchen über sein Verbleiben Kenntnis
erhalten würde und seine Seele durfte sich nun ganz der alten Heimat zuwenden
Die leuchtende Kugel die in seiner Eltern Stube gehangen hatte hatte ihr
ganzes Licht zurückgewonnen und in alle Tiefen seines Herzens fiel ihr milder
Schein Die taube Wirtin wurde von der bevorstehenden Reise in Kenntnis gesetzt
und um fünf Uhr am andern Morgen befand sich Hans Unwirrsch auf dem Wege nach
Neustadt das heißt er stand gerüstet aber fröstelnd in der Dunkelheit vor dem
eisernen Gartengitter in der Parkstrasse und nahm stummen Urlaub von dem Hause
des Geheimen Rates Götz Der Bahnzug den er benutzen musste ging erst um halb
sechs ab Fränzchen Götz schlief noch und träumte Sie hörte ein Rauschen in
ihrem Traum gleich dem des Meeres und jemand den sie nicht kannte in ihrem
Traum sagte es sei auch das Meer
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Auf dem Bahnhofe läutete bereits die Glocke zum Einsteigen als der Kandidat
Unwirrsch atemlos im vollen Lauf anlangte ein Billett löste und sich in einen
Waggon und auf den Schoss einer dicken gegen die Kälte wohlverwahrten Dame die
sich späterhin als Menageriebesitzerin auswies stürzte Mit mehr als sittlicher
Entrüstung wurde er abgeschüttelt und zurückgestoßen und flog gegenüber auf
einen Herrn von mürrischem Aussehen der die Frage an ihn stellte ob er etwa
als Gummielastikum in Hinterindien aus einem Baum geflossen sei und ob er einen
polizeilichen Erlaubnisschein für solches »Gehopse« aufweisen könne Nachdem
noch die trübe Laterne an der Decke des Wagens in bedrohliche Berührung mit
seiner Stirn gekommen war fand er endlich einen unbehaglichen Platz zwischen
zwei robusten Fräuleins die einen merkwürdig durchdringenden WildenTierGeruch
an sich hatten und deren eine auf dem Schoss einen wohlverhüllten Kasten mit
einem vor Frost schnatternden Titi oder Eichhornäffchen hielt Anderes
wunderliches Volk in Schnürenröcken Troddelmützen und mit eigentümlich
verwelschtem Jargon füllte die andern Abteilungen des Wagens und setzte die
wenigen gowöhnlicheren Leute die dazwischen eingeschachtelt waren durch
vagabundenhaft geniales Gebaren und Räsonieren in Verwunderung
In eine bessere Gesellschaft hätte der Kandidat Unwirrsch in seiner jetzigen
Stimmung vom Schicksal nicht geworfen werden können. Es war unerträglich und um
so unerträglicher als es sich baldigst zeigte dass die Gesellschaft der
Tierbändiger bis zum Abend nicht loszuwerden war Sie fuhr desselbigen Weges wie
Hans um irgendwo einen großen Jahrmarkt oder eine Messe durch ihre Gegenwart zu
vervollständigen es galt sich in Geduld zu fassen
Rings um Hans her schwatzte und schnarrte das durcheinander Flaschen mit
erwärmenden Getränken gingen von Hand zu Hand und Geschichten wurden erzählt
welche oft ebensogut ihre Verdienste hatten wie die der Neuntöter im Grünen
Baum Die dicke bepelzte Dame die Herrin der wandernden Bestien empfing auf
jedem Halteplatz von den die Tierkästen auf den Packwagen des Zuges bewachenden
Leuten Bericht über ihre interessanten Ungeheuer und schimpfte mit gleicher
Zungenfertigkeit auf deutsch und französisch Die junge Dame mit dem Titi
unterstützte die Mama darin aufs beste und der mürrische Herr
höchstwahrscheinlich eine Kreuzung zwischen Eisbär und braunem Bär geriet auf
jeder Station mit den Bahnbeamten in Streit und erging sich mit Seitenblicken
auf Hans in den schnödesten Bemerkungen über »zudringliche Bagage« die nie
einsehen könne dass ein Käfig voll sei
Es war auch nicht sehr angenehm für den Kandidaten Unwirrsch zu erfahren
dass der Kasten mit den Klapperschlangen glücklich unter seinen Sitz geschmuggelt
sei Er war bald so weit herunter dass er sich kaum noch gewehrt haben würde
wenn ihm die andere junge Dame das Stinktier zur sorgsamen Verpflegung in die
Arme gelegt hätte Dass das Wetter nicht ganz so ungemütlich war wie die
Reisegesellschaft kam unter diesen Umständen kaum in Betracht Mit den Händen
auf den Knien saß Hans ohne sich zu rühren und der Zug klapperte durch den Tag
mit solcher Hast als ob ihm selber daran gelegen sei die Fahrt zu Ende zu
bringen und seiner jetzigen Last ledig zu werden Der afrikanische Löwe brüllte
in seinem Behälter der asiatische Leopard heulte und der deutsche Kandidat der
Gottesgelehrteit dankte seinem Schöpfer als er endlich am Abend um sechs Uhr
die Station erreichte von der aus man auf der Post weiter nach Neustadt fuhr
Aber die Post ging erst am folgenden Morgen ab und Hans Unwirrsch war
gezwungen einen unruhigen Schlaf in einem zu kurzen Wirtshausbett zu schlafen
Er erwachte früh und wusste kaum noch etwas von der gestrigen Fahrt und
Reisegesellschaft das Gefühl der Nähe der Heimat hatte sich ganz und gar seines
Wesens bemächtigt und der Gedanke dass er in einigen Stunden den heiligen
Boden auf welchem er jung und glücklich gewesen war in welchem seine Eltern
schliefen nach so manchem unruhvollen Jahre wieder betreten solle verscheuchte
alles andere Am Fenster seines Zimmers stand Hans sah auf den Marktplatz des
kleinen Städtchens hinaus und erwartete den Tag mit melancholischem Frohlocken
Gestern während der Fahrt hatte er wohl Zeit gehabt der alten Freundin seiner
Jugend der alten guten Base Schlotterbeck in Angst und Schmerz zu gedenken
und darin wenigstens hatte ihn der Lärm umher nicht gestört nun dachte er an
diesem Morgen zwar immer noch an die Base aber in anderer Weise als gestern Er
hatte keine Sorge und Angst mehr um sie die Gestalt der treuen Hüterin stand so
klar und ruhig vor seinem Geiste dass er fest Überzeugt war die Base sei gar
nicht so krank oder sei doch nicht mehr so krank als wie der Oheim schrieb Er
fühlte sein Herz ganz frei und leicht und dem Briefe des biederen Oheims Niklas
traute er nicht recht mehr die Base Schlotterbeck konnte nicht mehr so krank
sein wie es der Oheim kläglich ausmalte
Zu Fuß hätte der Kandidat auswandern mögen der Heimat entgegen aber er
bezwang sich in Anbetracht der aufgeweichten Wege und setzte sich auf die Post
In jedem einsteigenden Mitpassagier glaubte er einen Bekannten aus alter Zeit zu
entdecken und es berührte ihn fast schmerzlich dass es zuletzt doch nur fremde
Gesichter waren die ihn umgaben Unter dem letzten Schlagbaum vor seiner
Vaterstadt bezwang er sich nicht mehr sondern stieg aus und überließ seinen
Platz jedem beliebigen blinden Passagier den der Schwager an seiner Stelle
aufnehmen wollte
Zu Fuß schritt er weiter und auf die aufgeweichte Landstraße schien die
Sonne so schön wie man es zu dieser Jahreszeit von ihr verlangen konnte
Wie das Bekannte am Wege sich nun bei jedem Schritt vorwärts mehrte wie die
Türme des guten Städtchens auftauchten wie der Kandidat Hans Unwirrsch
stillstand auf der letzten Höhe und seiner Erregung kaum Herr werden konnte
kann wohl jeder sich vorstellen und nachempfinden
Da war die Mauer des Kirchhofs an welcher der Weg vorüberführte Über die
Mauer heraus sahen die schwarzen Kreuze die Knöpfe der Trauerurnen und die
kahlen Zweige der Bäume und Büsche Über die Mauer hinein sah der heimkehrende
Hans Eine frisch gegrabene Grube erblickte er ziemlich dicht vor sich die
Gräber seiner Eltern waren jedoch durch eine Erhöhung des Bodens seinen Augen
entzogen Die Tür des Gottesackers war verschlossen und der Wanderer zog
fürder nachdem er das Haupt gegen den Ort geneigt hatte wo sein Vater und
seine Mutter die kleine Sophie der Armenschullehrer Silberlöffel und so viele
viele andere schliefen Er gedachte des Hungers seines Vaters und des Hungers
des Armenlehrers und dann kam ihm der Gedanke für wen wohl dieses neue Grab
bestimmt sein möge Es machte ihm Sorge dieses neue Grab Er hätte grade jetzt
niemanden aus der Stadt Neustadt missen mögen Es war so traurig dass jemand
begraben werden sollte den er vielleicht gekannt hatte begraben in dem
Augenblick seiner Heimkehr
Er schritt schneller weiter in diesen Gedanken und der alte Torbogen unter
dem einst der Oheim Grünebaum stand und ihm und dem Moses Freudenstein nachsah
als sie zur Universität zogen warf seinen Schatten auf ihn Er dachte an Moses
Freudenstein solange der Schatten über ihm lag dann trat er in die sonnenhelle
Gasse und die Glocke auf dem Valentinsturm schlug drei Uhr der Klang duldete
es nicht dass er augenblicklich noch länger an jenen Mann dachte der sich jetzt
Teophile Stein nannte
Nun sah er mancherlei Leute die er wohl kannte aber niemand erkannte ihn
Es hatte sich wenig in Neustadt verändert Nur ein Haus am Markt war abgebrannt
und an dessen Stelle war ein neues gebaut sonst erschien alles als ob es unter
einer Glasglocke aufbewahrt worden sei Dass die Menschen sich mehr verändert
hatten als die Gebäude erschien fast als ein Wunder
Jetzt zog es ihn so sehr nach seinem Hause in der Kröppelstraße dass er
nicht aufblickte aus Furcht nun von jemand erkannt und festgehalten zu werden
Schnell schritt er dicht an den Häusern hin bis er um die letzte Straßenecke
bog die das niedere Dach unter welchem er geboren war seinen Blicken entzog
Nun ging er sehr langsam und verwunderte sich über die Kinder die sich vor
seiner Haustür versammelt hatten und auf den Flur starrten Noch einige
Schritte und er sah über ihre Häupter weg auch in die Tür und sah vier Lichter
um einen Sarg brennen Die Base Schlotterbeck war gestorben und ließ ihn durch
den Oheim Grünebaum grüßen und ließ ihm noch manches andere durch den Oheim
bestellen der Sarg war schon am Morgen zugenagelt worden und das Begräbnis war
auf vier Uhr nachmittags festgesetzt Die Grube die Hans Unwirrsch auf dem
Friedhof gesehen hatte war eben für die gute alte Base Schlotterbeck bestimmt
es war alles in der Ordnung zugegangen aber Hans konnte doch nicht begreifen
dass es so sein müsse
Da war der Oheim Grünebaum Er erkannte den Neffen nicht und es dauerte
geraume Zeit ehe es ihm klar wurde wer der Herr war der solchen Anteil an ihm
und der Jungfer Schlotterbeck nahm Es mochte viele Leute geben die den Oheim
für einen Schuster hielten der sich um die meisten seiner fünf Sinne getrunken
hatte aber sie taten ihm unrecht Der Oheim hatte viel Durst in seinem Leben
gehabt und ihn oft gestillt aber er hatte auch »ein Herz im Leibe« und das
hatte ihm »jetzo den Dampf angetan« Der Oheim Nikolaus Grünebaum war ein
hinfälliger halb kindischer Greis geworden er saß im Winkel und winselte und
verlangte nach der Base
Es waren noch andere Leute zugegen der Maurer mit seiner Familie viele
Nachbarn und Nachbarinnen die dem Leichenkuchen zugesprochen hatten und sich
jetzt halb verlegen halb zudringlich um den Herrn Kandidaten drängten um die
Verstorbene zu rühmen und ihre Meinung dahin auszusprechen dass es gut sein
würde wenn der Himmel nun auch baldigst den Meister Grünebaum zu sich nähme
Hans zog halb mit Gewalt den guten Oheim aus dem kläglichen Gewirr das er nicht
aus dem Hause bannen konnte Er führte ihn sorglich gleich einem guten Sohn die
Treppe hinauf in das Gemach in welchem einst Anton Unwirrsch und der Oheim an
Hansens Geburtstag zusammengesessen hatten welches dann des Schülers
Studierstube geworden war und wo zuletzt des Oheims Bett stand Hier setzte der
Neffe den Alten nieder setzte sich zu ihm und tröstete ihn so gut er es
vermochte und hier kam der Oheim allmählich wieder zu klarerem Bewusstsein der
Vorgänge der letzten Tage
Sanft und schmerzlos war die Base eingeschlafen nachdem sie vorher noch dem
Oheim aufgetragen hatte wenn Hans ankäme ihm zu sagen dass sie ihn sehr sehr
liebgehabt habe dass er immer in ihren Gedanken gewesen sei dass er nimmer aus
ihren Gedanken kommen könne und dass sie im ewigen Leben für ihn bitten wolle
dass es ihm gut gehe in seinem Erdenleben Ferner ließ sie vermelden sie wisse
ganz genau dass das womit ihr Hans sich jetzo plage gut ausgehen müsse doch
könne sie nicht sagen auf welche Art
»Ja mein Junge wir haben viel über dir konversieret« sagte der Oheim
Grünebaum »Wir hatten ja die gehörige Zeit darzu und gingen in allen Nähten
auf wenn die Rede auf dir kam Wenn wir uns tüchtig gekatzebalgt haben so
haben wir doch in punkto deiner in ein Loch geguckt was ich nicht gedacht
hätte wenn ich dir in deine unschuldige Jugend übers Knie legte O liebster
Hans ich hätte auch nie geglaubt dass n Schuster so knickebeinig werden könne
als wie ich anjetzo s ist aus mit dem Meister Grünebaum und wenn du nicht für
die Base zur rechten Zeit gekommen bist so bist dus für mich was an und für
ihm auch n Trost ist Ach die Base die Base die Base Solch ne kuraschierte
Perschon mit solchem Instinkt für Klocke zehn und s richtige Zubettegehen Ich
kann nicht auskommen ohne die Base und drunten haben sie ihr vernagelt und
hier sitze ich nun noch und kanns mir nicht vorstellen Jetzt gibts keinen
mehr in der Welt der mit einem ein vernünftiges Wort reden kann Der Anton und
die Christine sind tot und die Freundschaft ist auch immer mehr auf der Bank
zusammengerückt und die Besten sind zuerst heruntergerutscht Ich will mir auch
begraben lassen Hans ich will dich nicht länger auf m Halse liegen Du bist
zwar n guter Kerl und ein geistlicher Pastor aber du hast auch deine Wege und
verliebet bist du auch wie die Base noch zu allerletzt herausspintisieret hat
wir wollen derohalben adjes sagen am Wegweiser Bruderherz und n letzten
Schluck nehmen aufs vergnügte Wiedersehen in die große Herberge wo Meister
Altgesell Gesell und Junge die Füße unter einen Tisch strecken«
Vergeblich suchte Hans den alten Oheim zu ermuntern und aufzurichten Er
wollte von keinem Trost hören und schüttelte zu allen Ermahnungen nur den Kopf
Er war jetzt in seiner Niedergeschlagenheit ebenso steifnackig und widerborstig
wie sonst
»Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden« sagte er »Erst hat er die
Base Schlotterbeck bei der Jacke genommen und jetzt stellt er mir das Bein
aberst was dem einen recht ist das ist dem andern billig Komm Hans ich
höre sie werden ungeduldig da unten wir wollen ein Ende mit der Alten machen
dass sie zur Ruhe kommt«
Es gaben merkwürdig viele Menschen der Base Schlotterbeck das Geleit zu der
Grube die Hans auf dem Friedhofe gesehen hatte und Hans führte den Oheim
Grünebaum dicht hinter dem Sarge
Die Stadt wusste bereits dass der Kandidat Unwirrsch angelangt sei und
richtete ihre Augen auf ihn während der Leichenzug sich durch die Straßen wand
Manch alter Bekannter schloss sich dem Grabgefolge an und auf dem Kirchhofe
hielt der Hülfsprediger von der Valentinskirche eine wohlmeinende Rede über die
Tote den Oheim Grünebaum und den jungen geistlichen Kollegen Nach dem
Begräbnis kamen viele um den beiden Leidtragenden die Hände zu schütteln und
darunter befand sich mehr als einer der mit Hans auf der Schulbank vor dem
Armenlehrer Silberlöffel und dem Professor Fackler gesessen hatte
Nun waren der Oheim und Johannes wieder zu Hause und hatten sich des Maurers
und seiner Familie dadurch für eine Zeit wenigstens entledigt dass sie die Tür
des Stübchens der seligen Base verriegelten Der Oheim setzte sich in den
Lehnstuhl der Base um vor Kummer und Ermüdung einzuschlafen der Kandidat
Unwirrsch zum erstenmal seit seiner Heimkehr sich selber überlassen konnte zum
erstenmal versuchen es zu fassen dass dies das Haus sei in welchem er geboren
wurde in welchem die leuchtende Kugel hing in welchem er eine so stille so
reiche Jugend verlebte
Er sah sich um in der Stube der Base und erkannte jeden Gegenstand wieder
auch die Glaskugel des Vaters war am Platz und ein Strahl der Abendsonne fiel
darauf Der alte Mann in dem Sorgenstuhl musste wirklich der Oheim Grünebaum
sein und das war die Kröppelstraße kein Zweifel kein Zweifel daran Und
drüben das alte verfallene Haus mit der engen niederen Tür und dem eisernen Arm
und Haken an der Tür Alles wie es war nur dass der königlich westfälische
Lakai fehlte und der hatte ja schon gefehlt als Hans noch ein ganz junger Mann
und ein angehender Student war
Nun war die alte Zeit ganz und gar wieder lebendig geworden Hans Unwirrsch
sah so viele Geister in der Kröppelstraße wie die Base Schlotterbeck nur jemals
gesehen haben mochte Sie stiegen herauf und gingen vorüber sie kamen zurück
und versanken um näher oder ferner wieder emporzusteigen Immer mehr immer
mehr drängten sich heran fast erdrückend war diese »Fülle der Gesichte« man
konnte wohl darüber sich und die gegenwärtige Stunde vergessen Eine Bewegung
des Oheims riss endlich den Kandidaten Unwirrsch in die Wirklichkeit zurück Es
war Dämmerung der Oheim Grünebaum war aus dem Armstuhl in die Höhe gefahren und
rief mit seltsam unheimlicher Stimme
»Alle Schuster ran Immer herein immer herein wer s Letzte von s Spiel
sehen will Base Schlotterbeck Sie hat doch recht gehabt Lustig gelebt und
selig gestorben und auf den Rest kann ich mir nicht mehr besinnen Bist du noch
da Hans so komme heran und gib mir die Hand Wir sind gute Kameraden und
Verwandte gewesen aber besser wärs vielleicht doch gewesen wenn du n
Schuster geworden wärest wie alle andern Grünebäume und Unwirrsche und kein
Pastore Base Schlotterbeck ich grüße Ihr s ist mir alleweile ein Kompliment
und eine Ehre in Ihre frivole und angenehme Gesellschaft zu sein Wenn du was
an Vatern und Muttern zu bestellen hast Hans so rücke raus damit s ist wie
ichs sagte ich sage dir Valet und der Deibel nein na du weißts ja Gehab
dir wohl mein Junge und habe dir nicht Ich wünsche dir alles mögliche Pläsier
und sage Amen und der Stiebel ist fertig Amen und der Stiebel ist fertig«
Hans sprang entsetzt herzu und rief nach Licht und um Hilfe Der Maurer mit
seiner Familie pochte an die verriegelte Tür Hans öffnete mit zitternder Hand
Man beleuchtete den Oheim Grünebaum und der Oheim Grünebaum war so gut gewesen
wie sein Wort er war der Base Schlotterbeck nachgegangen das aber was er an
Körper und sonstigem Eigentum auf der Erde zurückließ wollte nicht viel
bedeuten
Vergeblich wurde der Arzt herbeigerufen der Oheim Nikolaus Grünebaum war
tot und keine menschliche Kunst konnte ihn wiedererwecken Nachdem er sich so
viele Jahre hindurch mit der Base gekatzbalgt hatte frass ihm der Tod derselben
das Herz ab Ein widerhaarigerer Schuster hatte seit lange nicht den Atem
aufgegeben und jeder welcher den Mann näher gekannt hatte und nun von seinem
Verscheiden hörte fuhr mit der Hand durch die Haare zog die Achseln in die
Höhe und sprach seine Meinung dahin aus dass es ein Verlust nicht bloß für das
menschliche Herz sondern auch für das menschliche Auge sei Hans Unwirrsch
wurde sehr bedauert und mehrere Leute boten ihm ihren Beistand in dieser
traurigen Zeit an und der Maurer zeigte ihm an dass er geneigt sei jetzt wo
die beiden Alten tot seien das Haus in der Kröppelstraße gegen ein nicht
unbilliges an sich zu bringen
Und wieder stand Johannes auf dem Gottesacker doch dieses Mal ganz allein
Das kleine Grabgefolge das dem Oheim die letzte Ehre angetan hatte hatte sich
verlaufen Hans hatte dem Totengräber versprochen ihm den Schlüssel des
Kirchhofes ins Fenster zu reichen Hans Unwirrsch stand allein und der
Schlüssel wog schwer in seiner Hand
In dem gelben zerwühlten Boden zu seinen Füßen lagen jetzt alle die einst
jedes in seiner Art so treu freundlich und fest zwischen ihm und der harten
kalten Welt der Wirklichkeit gestanden hatten Unter den Hügeln lagen die
Wächter seiner Jugend und er den einst ein so mächtiges Sehnen aus ihrem
Kreise weggetrieben hatte er stand jetzt und sehnte sich wieder doch nicht
mehr in die Ferne Der rostige Schlüssel in seiner Hand zog ihn fast zur Erde
nieder es war kein Gewicht der Welt dem seinigen zu vergleichen Hinter der
Pforte welche dieser Schlüssel öffnete war alles vollendet und Hans Unwirrsch
hatte Lust den andern nachzusteigen in die Tiefe
Da aber trat aus dem Dunkel und der Bedrängnis die ihn umgaben eine lichte
Gestalt diese hielt ihn zurück und um ihretwegen sagte er dass seine Zeit noch
nicht gekommen sei Einen letzten Blick warf er über die Gräber dann ging er
fort und schloss die Pforte des Kirchhofes hinter sich wie er es versprochen
hatte Er gab den Schlüssel der so rostig war obgleich er doch soviel
gebraucht wurde in der Wohnung des Totengräbers einem lachenden hübschen
Kinde das versprach ihn an den Vater abzuliefern Wie er den Rest des Tages
und die Nacht verbrachte konnte er später nicht sehr genau angeben er saß in
dem Stübchen der Base Schlotterbeck in dem Lehnstuhl in welchem der Oheim
Grünebaum gestorben war und sah die Lampe die ihm in seiner Kindheit
geleuchtet hatte durch die gläserne Kugel scheinen Er sah sie langsam
erlöschen und sah den Morgen über dem Hause dämmern das einst der Trödler
Samuel Freudenstein mit seinem Sohn Moses bewohnt hatte
In den folgenden Tagen besuchte er alle Orte an die sich eine
Kindheitserinnerung knüpfte und viele Menschen die ihm einst nahegestanden
hatten besuchte er auch Der Professor Fackler war jetzt auch ein alter Mann
und ebenfalls ein wenig kindisch er konnte den Namen des Kandidaten Unwirrsch
nicht behalten und an Moses Freudenstein erinnerte er sich gar nicht Seine
Frau war gestorben aber auch das vergaß er dann und wann und redete seine
jüngste Tochter mit dem Vornamen der Gefürchteten an Der Kanzleidirektor
Trüffler hatte längst das Zeitliche gesegnet und seine Nachkommen hatten die
Stadt verlassen Auf der Schwelle eines ärmlichen Judenhauses sah Hans auch
Ester die Haushälterin des Trödlers Freudenstein Sie war das älteste Weib der
Stadt grade hundert Jahre alt Der Segen des Herrn war bei ihr ihre Augen
waren noch hell ihr Geist war noch scharf und klar doch in welcher Weise sie
gegen Hans über Moses den Sohn Samuels sprach darüber redete Hans niemals
Ein Schulgenosse der das Jus studiert hatte und jetzt eine ähnliche Rolle
in Neustadt spielte wie der Armenadvokat Siebenkäs in Kuhschnappel ordnete
währenddem die Vermögensverhältnisse des Kandidaten Unwirrsch Das Haus in der
Kröppelstraße wurde versteigert und dem Maurer für bare dreihundert Taler
zugeschlagen Fünfzig blanke bare Taler wurden gelöst aus der fahrenden Habe der
Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum aber die Glaskugel wurde nicht
verkauft Hans Unwirrsch hatte soviel Geld niemals auf einem Tische zusammen
gesehen aber auch niemals hatte ihn ein Haufen so angewidert und so unglücklich
gemacht Musste es ihm doch zumute sein als ob er alle seine süßesten liebsten
Erinnerungen zu Gelde gemacht habe und von welcher Seite er auch den Mammon
ansehen mochte und wie vernünftig und verständig er sich auch die Sache
vorstellen mochte seine Gefühle blieben dieselben Und wenn ihm jemand das Geld
gestohlen oder abgeschwindelt hätte so würde er sich gewiss nicht an die Polizei
gewendet haben sondern wäre dem Halunken noch dankbar gewesen
Es kam der Tag ein schneedrohender Novembertag wars an dem Hans
Unwirrsch nichts mehr in seiner Vaterstadt zu schaffen hatte Er konnte gehen
wann es ihm beliebte und eine große Öde ließ er hinter sich zurück Für die
Gräber auf dem Kirchhofe hatte er nach Kräften gesorgt Abschied hatte er von
den Toten und den Lebenden genommen der Advokat gab ihm das Geleit zum
Postause und sah ihn abfahren kehrte frierend heim und dachte eine
Viertelstunde nachher nicht mehr an ihn Als die Post sich mühsam zu den Höhen
hinaufarbeitete fing es wirklich an zu schneien und durch das runde Fenster an
der Hinterwand des Wagens sah Hans seine Heimat im Dunst und Nebel versinken Er
war allein im Wagen und hatte Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken aber er war
nicht dazu imstande Nur verworrene Bruchstücke von allerlei Erlebnissen
Gedanken und Bildern durchfuhren seinen Geist Körperlich und geistig
durchgerüttelt und durchgeschüttelt erreichte er am Mittag die Eisenbahnstation
und kroch als der erste in einen leeren Waggon der jedoch nach einigen
Augenblicken voll wurde Es stiegen verschiedene Damen und Herren ein die der
Kandidat Unwirrsch bereits kannte Der Kasten mit dem Titi langte an unter dem
Arme jenes großen Barbaren der so unhöfliche Bemerkungen machen konnte Die
beiden jungen Damen mit dem WildenTierGeruch waren nicht verlorengegangen und
die Krone des Ganzen erschien die Herrin der wandernden Horde die dicke Madam
mit der männerhaften Stimme und dem ausgezeichneten Pelzrock Nichts von
alledem was die Herreise so gemütlich für Hans machte fehlte auf der
Rückreise und da die Gesellschaft schlechte Geschäfte auf ihrer Razzia gemacht
und dazu den Waschbären an der Schwindsucht verloren hatte so war ihre Stimmung
womöglich noch heiterer und liebenswürdiger als bei der ersten Begegnung
Mitten in der Nacht langte Hans in der Grinsegasse an und fand in seiner
Wohnung nicht alles in der richtigen Ordnung Es wurde viel Kinderwäsche darin
getrocknet und sehr böse Dünste herrschten darin Mit grimmigem Kopfweh
behaftet saß Hans auf dem Rande seines Bettes während die taube Wirtin das
Gemach zu einem Aufenthaltsort für Menschen machte aber die Karte die der
Oberst von Bullau für den Kandidaten zurückgelassen hatte vergaß sie natürlich
und erinnerte sich erst am andern Morgen daran
Als am andern Morgen Hans die Karte erhielt fuhr er freilich hoch empor von
seinem Stuhl und überhäufte die gute Frau mit Fragen nach dem welcher sie
gebracht wann er sie gebracht und was er gesagt habe
Die Wirtin erschrak nicht wenig vor der Heftigkeit mit welcher diese Fragen
gestellt wurden Sie berichtete es sei vor acht oder vierzehn Tagen ein alter
Herr mit einem weißen Schnauzbart gekommen der arg über die Treppe und die
Dunkelheit auf der Treppe geschimpft und sich böse am Waschfass vor der Tür die
Knie zerstossen habe Die Kinder hätten vor Angst sehr geschrien er aber habe
jedem ein Viergroschenstück geschenkt und sich dann nach dem Herrn Kandidaten
erkundigt und habe dabei sehr grimmig ausgesehen Als er vernommen habe dass der
Herr Kandidat verreist sei habe er wieder geflucht und habe die Karte auf den
Tisch geworfen und gesagt wenn der Kandidat Unwirrsch heimkomme möge er in den
Grünen Baum gehen da werde er das Weitere erfahren Darauf habe sie die
Wirtin ihre Lampe anzünden und dem Alten die Treppe hinableuchten müssen
obgleich es heller Tag gewesen sei Auf der Straße habe er gesagt sie möge sich
zum Teufel scheren und die ganze Grinsegasse habe sich über diesen Herrn
verwundert und das sei auch nicht zum Verwundern gewesen
Nach dem Grünen Baum O Fränzchen Götz
Achtundzwanzigstes Kapitel
»Der Herr Oberst von Bullau« fragte Lämmert der soldatische Wirt des Grünen
Baumes als Hans nüchternen Magens ganz außer Atem vor ihm erschien und sehr
phlegmatisch wiederholte er
»Ja der Herr Oberst von Bullau«
»Ist er nicht hiergewesen Hat er keine Bestellung für mich hinterlassen«
rief Hans der ebenso heiß erschien als der Wirt kühl war
»Sie sind der Herr Kandidat Unwirrsch und sind hier einmal mit dem Herrn
Leutnant Götz eingekehrt«
»Jawohl ich bitte Sie «
»Wenn Sie der Herr Kandidat Unwirrsch sind so sind Sie der Mann allein
aber der Herr Oberst von Bullau sind nicht mehr hier«
»Aber er hat vielleicht eine Bestellung für mich hier zurückgelassen Ich
bin doch hierherbeschieden«
Von neuem betrachtete Lämmert den Theologen vom Kopf bis zu den Füßen
verschlang das Wort Putzig und sagte mit Gelassenheit
»Vielleicht wissen die Herren im Nest etwas davon und wenn der Herr
Kandidat heute abend zur bekannten Zeit einfliegen will so wird es ihm und den
Herren angenehm sein«
Hans Unwirrsch konnte trotz der Versicherung des Wirtes den Gedanken heute
abend die Gesellschaft der Neuntöter zu genießen nicht so angenehm finden Er
sah befangen auf den Wirt und der Wirt sah unbefangen auf ihn und meinte
»Wenn der Herr Kandidate etwas Herz und Magenstärkendes zu sich nehmen
wollten so würde das an diesem kalten Morgen und bei solcher Gesichtsfarbe
nicht von Übel sein«
»Ja ich will kommen Ich muss wohl Es wird wohl nichts anderes
übrigbleiben« seufzte Hans Lämmerts menschenfreundliche Anlockung überhörend
Er nahm Abschied von dem Wirt zum Grünen Baum und wenn derselbe vorhin seinem
Herzen nicht Luftgemacht hatte so tat er es jetzt
»Sehr putzig« sagte er dem Kandidaten Unwirrsch kopfschüttelnd
nachblickend »Solch ein Vogel fehlte uns grade noch«
Er trat in sein Haus zurück um irgendeinem nachlässigen Kellner an den Kopf
zu fahren und Hans Unwirrsch eilte immer noch nüchtern nach dem Park der
Parkstrasse und dem Hause des Geheimen Rates Götz
Da war es wieder dieses Haus Unverändert frostig elegant Und scheu
schlich Hans vorüber und sah nach dem Fenster des Zimmers welches er selber
bewohnt hatte und sah nach einem andern Fenster Die wahnsinnige Hoffnung
durchfuhr ihn es müsse jemand an die Scheibe klopfen um ihn hereinzurufen
aber da es nicht geschah sagte er sich dass es nicht geschehen würde und
schlich vorüber durchkreuzte den Park kam wieder in die Stadt zurück und
suchte die Expedition der meistgelesenen Zeitung auf um ein Inserat abzugeben
Er zeigte der Haupt und Residenzstadt und dem Fränzchen in dem Hause in
der Parkstrasse den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum an Dann
trank er in einer Konditorei Kaffee dann aß er irgendwo mit dem dumpfen Gefühl
dreihundert Taler zu besitzen zu Mittag und dann ging er nach Haus und
erwartete den Abend Er war sehr müde und dachte nicht daran das Manuskript des
Hungerbuches von neuem zu beginnen An die Toten dachte er und an das Fränzchen
und dann stieg er auf den Tisch um einen Nagel in die Decke zu schlagen An
diesen Nagel hing er die Glaskugel bei deren Schein sein Vater Schuhe und
Gedichte gemacht hatte in deren Schein seine Mutter saß und ihre Wiegenlieder
sang in deren Scheine die Base Schlotterbeck auf ihrem niedrigen Schemel
kauerte und ihre Märchen erzählte Vieles hatte er als Kind vieles als Jüngling
in dem zerbrechlichen Dinge gesehen nun saß er als Mann dabei und sann nach
über das was sich verändert hatte und das was geblieben war Dann stand er
auf und ging ruhiger nach den Grünen Baum um von irgendeinem der Neuntöter zu
erfahren was ihm der Oberst von Bullau zu sagen habe
Er hatte seinen Weg einem heftigen Winde abzukämpfen aber glücklich langte
er zuletzt doch an seinem Bestimmungsorte an und stand in der Tür jenes
Gemaches in dem man ihm einst so viele und so merkwürdige Geschichten erzählt
hatte Alles noch ganz so wie es damals war der weise Heide Sokrates auf dem
Ofen und der alte Schwede Lebrecht Blücher an der Wand Tabaksdampf zur Genüge
anmutige Dünste von Punsch Grog und andern heißen und kalten Erquickungen
ein halb Dutzend Neuntöter um den runden grinsenden Tisch und der einarmige
Herr mit der »wackeren« Geschichte von der Wütenden Neisse und dem ausgehungerten
Bauernhaus auf dem Präsidentenstuhl
»Der Herr Kandidatus Drumwisch« rief Lämmert in den Qualm hinein und wer
dem hülflosen Hans den Rücken zuwandte drehte sich um wedelte den Rauch vor
den Augen weg und stierte auf den Kandidaten
»Holla« rief der einarmige Herr »eintreten Tür zumachen Abtreten
Lämmert alles in der Ordnung Hierher Herr Pastore«
Da war der Vogel der bald rechts bald links war da war der joviale Vogel
mit dem seltsamen Husten da waren noch verschiedene andere Vögel die der
Kandidat Unwirrsch bis jetzt noch nicht kannte denen er aber nunmehr
Vorgestellt wurde und zwar als junger Mann der imstande sei mehr zu halten
als er verspreche und der einmal einen recht brauchbaren Feldprediger abgeben
werde
Sie begrüßten ihn allesamt nach der Art der Neuntöter und jeder sammelte
feurige Kohlen nicht auf dem Haupte des Kandidaten sondern unter seinen Füßen
»Sie sind der Mann meines Herzens« sagte der einarmige Herr »Setzen Sie
sich doch ein Glas Grog sollen Sie auch haben Setzen Sie sich Sie sehen
wahrhaftig aus als ob Ihnen etwas Warmes sehr gut bekommen würde«
»O Herr Hauptmann« rief Hans »Sie werden mir Nachricht von dem Herrn
Oberst von Bullau und dem Herrn Leutnant Götz geben können Ich bitte Sie sagen
Sie mir was mir die beiden Herren sagen lassen Ich habe so viel Böses und
Trauriges in der letzten Zeit erlebt dass ich kaum noch weiß wie ich mich
dagegen wehren soll Es ist nicht etwas Warmes was ich bedarf Gestern abend
bin ich aus meiner Geburtsstadt hierher zurückgekehrt ich habe dort meine
letzten Verwandten begraben ich bitte Sie teilen Sie mir mit was Sie mir zu
sagen haben«
»Aber mein Junge« rief der einarmige Herr »wahrhaftig bei meiner Seele
Kommen Sie setzen Sie sich Sie sehen in der Tat jämmerlich aus und da mag der
Spaß aufhören Was haben Sie denn Was ist Ihnen begegnet Ich für mein Teil
habe Ihnen weiter nichts zu sagen als dass Sie hinbeordert sind«
»Hinbeordert Wohin Zu wem«
»Nun alle Teufel nach Grunzenow zum Kameraden Götz Der Oberst wollte Sie
auf der Stelle mit sich nehmen und hat nicht wenig räsoniert als er Sie nicht
in Ihrem Bau fand Er hat mir aufgetragen Sie ihm zu schicken das ist aber
auch alles was ich Ihnen sagen kann Sie tun vielleicht ein gutes Werk an dem
Kameraden Götz wenn Sie sich so bald als möglich auf die Beine machen der arme
Teufel scheint sehr festzusitzen und in großer Not zu sein wegen des kleinen
Mädchens seiner Nichte die er vor einigen Jahren aus Paris holte Sie werden
die Verhältnisse besser kennen als ich oder irgend jemand hier im Nest Da war
das Fräulein in dem Hause des Geheimen Rates Götz welches neulich mit dem Juden
durch die Lappen ging und noch manche andere Dinge Wir haben allerlei darüber
gehört aber wir halten es nicht für anständig in den Familientopf der
Kameraden zu schnüffeln wenn das Ding ernst und nicht mit einem schlechten Witz
abzumachen ist Gehen Sie nach Grunzenow zu dem alten braven Burschen wer
weiß was für einen Trost er von Ihnen erwartet«
»Morgen morgen« rief Hans und der Hauptmann gab ihm die Hand welche
nicht nach der Schlacht an der Katzbach den Weg alles Nahrhaften und Delikaten
gewandelt war
»So ists recht Sie sind ein wackerer Knabe und gefallen mir ganz
merkwürdig und etwas Warmes sollen Sie trotz allem trinken und dann rücken Sie
heraus mit ihrem eigenen Elend Wir haben alle hier um den Tisch unser Teil
Trübsal im Ranzen und ich glaube mehr als einer lässt manchmal innerlich das
Maul hängen wenn er mit Lachen auf den Tisch schlägt Auf Ihr Wohl Herr
Kandidate und nun geben Sie Ihr Ungemach von sich Feuer«
Hans sah ein dass es vergeblich sein würde sich gegen die gemütliche
Teilnahme der Neuntöter zu wehren Er erzählte deshalb in kurzen Worten von
seiner Fahrt nach Neustadt und dem Tode seiner Base und des Oheims Als er zu
Ende war tranken sämtliche anwesende Neuntöter auf das Wohl der Base und des
Oheims und stießen ihnen zu Ehren die Gläser mit Gekrach auf den Tisch Sie
hatten auf diese Weise schon manchem Kameraden die »letzten Honneurs« gemacht
es blieb Hans nichts übrig als sich im Namen der Base Schlotterbeck und des
Oheims Grünebaum zu bedanken Die Sache hatte nichts Lächerliches und
Possenhaftes an sich der Kandidat Unwirrsch sprach seinen Dank für die Ehre
mit Tränen in den Augen aus
»Na Sie rücken sehr auf Ihrem Stuhle junger Mann« sagte der einarmige
Hauptmann von der Wütenden Neisse »Es wäre auch unrecht Sie hier festhalten zu
wollen machen Sie dass Sie fortkommen und gehen Sie nach Grunzenow Der Mensch
kann gesund von manchem Schlachtfeld marschieren und wenn er ein gut treu
Angedenken für die behält welche darauf verfaulen müssen so wirds ihm niemand
übelnehmen wenn er daneben an das kommende Quartier denkt obs trocken
behaglich und wohlverproviantiert sein wird Bestes Glück für die Zukunft Herr
Kandidate marschieren Sie auf Grunzenow und grüßen Sie die beiden alten
Kameraden Schwerenöter und Neuntöter dort wir wären alleweile noch auf dem
Zweig aber der Kamerad Öchsler sei weggeblasen worden und wir hätten ihm
vorgestern das Geleit gegeben«
Um den Tisch ging Hans und jeder Neuntöter schüttelte ihm die Hand Lämmert
gab ihm das Geleit bis zur Haustür nachdem er ihm eigenhändig in den Überrock
geholfen hatte
»Es ist mich eine kuriose Ehre Herr Pastore« sagte er »Ich werde mich
freuen Sie bei Kräften und bei besserer Witterung wiederzusehen Meine
gehorsamste Empfehlung an den Herrn Leutnant und den Herrn Oberst«
Auch dem Herrn Wirt zum Grünen Baum drückte Hans die Hand und merkte erst zu
Hause welch ein schwerer Gegenstand ihm unterwegs fortwährend gegen die
Schenkel geschlagen hatte Eine wohlverpichte Flasche alten Rums wars
gewickelt in einen Bogen weißen Papiers mit dem Vermerk von Lämmerts Hand
Zur Erquicklichkeit und Tröstung
unterwegens
Nach Grunzenow Nach Grunzenow Alle Ermattung war verschwunden alle Steifheit
aus den Gliedern gewichen Mit weiten Schritten durchmass Hans Unwirrsch beim
Schimmer der schwebenden Kugel sein Gemach und überlegte Der Gedanke mit dem
Leutnant Rudolf Götz über das Fränzchen und über das Haus des Geheimen Rates zu
reden stand so hell in seiner Seele dass alles übrige davor mehr oder weniger
in die Dunkelheit zurückwich Ja das war das Rechte Nach Grunzenow nach
Grunzenow zu dem Leutnant Rudolf Dort war Rat und Hilfe von dort aus mussten
sich alle diese Wirrnisse lösen So leicht ums Herz wie in dieser Stunde wars
dem Hungerpastor lange nicht gewesen
Noch an demselben Abend wurde die taube Wirtin von der neuen Reise in
Kenntnis gesetzt und sie legte eine schickliche Verwunderung darob an den Tag
Hans Unwirrsch suchte von neuem sein Reisegepäck zusammen und am folgenden Tage
um Mittag folgte er bereits dem Rufe des Leutnants Rudolf Götz nachdem er noch
einen vergeblichen Versuch gemacht hatte den Geheimen Rat Theodor Götz zu
sprechen Schnöde wurde er von Jean dem Bedienten abgewiesen unter dem
Vorgeben der Herr sei nicht zu Hause Die Karte die er zurückließ gelangte
ebenfalls nicht an den Ort ihrer Bestimmung Jean steckte sie aus alter
Anhänglichkeit an den frühern Hauslehrer an den Spiegel in seiner eigenen
Kammer wo sie neben einer Pfauenfeder sechs neben schönen Liedern gedruckt in
diesem Jahr und einem Billetdoux der Köchin ein verfehltes Dasein fristete
Nordostwärts lag diesmal der Weg des Kandidaten Unwirrsch und mit welcher
Hast sich auch die Räder des Dampfwagens drehen mochten sie rissen den
hungrigen Hans doch nicht schnell genug vorwärts Er sehnte sich allzusehr nach
Grunzenow und dem alten gichtbrüchigen »Bettelleutnant« der dort dem Oberst von
Bullau »auf der Tasche lag«
Seiner diesmaligen Reisegesellschaft wusste er sich später in keiner Weise zu
entsinnen nur das wusste er dass sich die Leute mit dem Titi und dem
Klapperschlangenkasten nicht darunter befanden und dass er den mürrischen Herrn
von damals fast herbeiwünschte als Dämpfer seiner Aufregung
Was hatte er alles dem Leutnant zu berichten Was konnte der Leutnant zu
diesem und jenem sagen Wie mochte der Leutnant über sein Verhalten im Hause des
Geheimen Rates denken
Und dazwischen fuhren dann wieder die Gedanken an die beiden Särge und
Gräber zu Neustadt an den schweren Schlüssel den er auf dem Kirchhof in der
Hand gehalten hatte an das alte Haus in der Kröppelstraße das nun einem andern
gehörte trotzdem dass er darin geboren und dass seine ganze Verwandtschaft darin
gestorben war
Wahrlich die Gedanken wirbelten schneller im Kreis als sich die Räder um
ihre Achse drehen konnten Weder Kälte noch Hunger fühlte Hans auf dieser Fahrt
und die erquickliche und tröstliche Flasche des wackeren Wirtes zum Grünen Baum
hatte er in der Grinsegasse vergessen ohne mehr an sie zu denken als an das
Manuskript des Buches vom Hunger Wohl aber dachte er viel an jenen Abend im
Postorn zu Windheim wo er den Leutnant Götz und das Fränzchen zum erstenmal in
seinem Leben sah Dann auch an die betrübten Tage in Kohlenau und jenen Tag an
dem er im Fichtengehölz saß auf das gute Glück wartete und den Herrn Leutnant
um die Waldecke traben sah An jene Wanderung nach der großen Stadt dachte er
jene Wanderung während welcher er zuerst ausführlich die Geschichte der drei
Bruder Götz und des Fränzchens vernahm Als die neue Nacht kam und die vor den
Fenstern des Wagens vorübergleitende Landschaft sich den Blicken entzog dachte
er an jenen Hügel auf dem er mit dem Leutnant Rudolf stand und bänglich
hinabsah auf das feurige Leuchten und auf die Bewegung der Hunderttausende
horchte
In wie weiter Ferne das alles hinter ihm lag Wie sich Menschen und Dinge
das eigene Ich und die Welt seitdem verändert hatten Es kam in dieser Stunde
über den hungrigen Kandidaten Johannes Unwirrsch gleich einem ernsten Vorwurf
wie er so oft scheu und gebrochen sich in sich selber zurückgezogen habe wo er
mutig und tapfer sich und sein Gefühl das was er für das Rechte Gute Schöne
und Wahre hielt vor aller Gegnerschaft hätte verteidigen müssen Er musste es
sich gestehen dass er nicht überall für seine Ansichten und Wünsche so
selbstbewusst eingetreten sei wie es sich von Rechts wegen gehört hätte Er
dachte an Moses Freudensteins unbesiegbaren Willen und ließ das Haupt sinken und
schämte sich der eigenen Weichheit Als der Zug hielt war er ziemlich besorgt
über den Empfang den ihm der wackere Leutnant Rudolf in Grunzenow bereiten
werde und ängstliche Träume quälten ihn die Nacht hindurch in seinem
ungemütlichen Gastofzimmer In diesen Träumen stellte der Leutnant ein scharfes
Examen mit ihm dem Kandidaten an und dieses Examen fiel nicht ganz zu seinen
Gunsten aus
Am folgenden Morgen verfiel der erwachte Träumer wieder der Post und zwar
sehr früh am Tage Die Laternen auf dem Postofe die Laternen in den Händen der
Schaffner Stallknechte und Postillione hatten auch nichts von dem geheimen
Reize den wohl anderer Lichter und Feuerschein haben kann Der Wind auf dem
Postofe war widerlich zudringlich und die Atmosphäre in der Passagierstube war
widerlich ohne Beiwort Es schwebten vereinzelte Schneeflocken in der Luft und
es waren alles in allem genommen Gründe genug für den reisenden Menschen
vorhanden sich unbehaglich zu finden den Kandidaten Unwirrsch fror aber er
fühlte sich gehoben und bot männlich jeder Unverschämtheit der Menschen wie der
Witterung Trotz Er setzte sich fest auf seinem Sitze als der schwerfällige
Räderkasten aus dem Postofe rumpelte Viele verkümmerte schmutzige Städtchen
Flecken und Dörfer sah er und eine wechselnde Reisegesellschaft aus allen
Ständen sah er auch Langgelockte Männer in schwarzen Kaftans stiegen ein und
aus unterwegs und dufteten nicht angenehm Hans sprach hebräisch mit ihnen
Lang war die Fahrt und die Schneeflocken in der Luft mehrten sich man
blieb stellenweise im Schlamm stecken und arbeitete sich mit Energie wieder
heraus Auf polnisch und auf deutsch wurde arg geflucht und ein Jude von den
Vorspannbauern durchgeprügelt Auch Hans sollte durchgeprügelt werden aber er
war diesmal der Sachlage gewachsen Er sprach lateinisch und griechisch mit den
Lümmeln die ihn am Kragen genommen hatten da bekamen die rohen Gemüter
Respekt und ihre schmierigen Fäuste ließ den Kragen fahren
Weiter arbeiteten sich die müde Gäule durch endlose Nadelholzwaldungen bis
gegen Mittag ein kleines Städtchen in öder unfruchtbarer Heidegegend erreicht
wurde Bis hierher »ging die Post« aber weiter ging sie nicht die königliche
Post und Eisenbahndirektion wusste nichts von Grunzenow dem Oberst von Bullau
und dem Leutnant Götz
Im kniehohen Schmutz versank der Kandidat Unwirrsch auf dem Forum dieses
hochpreislichen Gemeinwesens als er aus dem Postwagen stieg und großes
Aufsehen erregte seine Erscheinung sowohl unter den Eingeborenen die einen
Kreis um den Postwagen schlossen als auch unter denen welche die den
Marktplatz umgebenden Häuser bewohnten
Freudenstadt hieß der Ort doch woher und weshalb er grade diesen Namen
empfangen hatte das hatte noch kein der vaterländischen Geschichte kundiger
Mann enträtseln können Selbst der Steuerinspektor der am hiesigen Platze
geboren und eine Autorität in allen Dingen welche denselben betrafen war der
Steuerinspektor von Freudenstadt der seit mehr als zwanzig Jahren eine
Abhandlung über den Götzen Triglaff herausgeben wollte sah hierin nicht klar
und gestand seufzend seiner Gattin die nicht am Platze geboren war zu dass
Freudenstadt jedenfalls kein Aufenthaltsort für gebildete Menschen und geistig
strebende Naturen sei
Aus der innabilis unda des Marktes rettete sich der Kandidat Unwirrsch mit
Mühe und Gefahr auf eine höher gelegene Stelle von welcher aus er sich nach dem
Wege gen Grunzenow erkundigen konnte und das versammelte Volk umdrängte ihn und
öffnete die Mäuler um ihm die gewünschte Auskunft zu geben Aber das Schicksal
das dem Menschen nicht immer wohlwill hatte es gefügt dass die Frage nicht in
dem rechten Augenblick gestellt worden war Zwölf Uhr schlugs auf dem Kirchturm
von Freudenstadt und sämtliche anwesende Bewohner von Freudenstadt schlossen
mit einem Ruck die zur Antwort geöffneten Kau und Schluckorgane drehten sich
mit einem Ruck auf den Hacken und gingen davon ohne Antwort ein jeglicher zu
seinem Mittagessen Mit offenem Munde aber stand Hans Unwirrsch da und sah ihnen
nach der Eindruck den diese Pünktlichkeit auf ihn machte war wahrhaft
überwältigend und wenn die alten schiefen Giebelhäuser sich ebenfalls
umgedreht hätten und abmarschiert wären zum Essen so würde das kaum noch seine
Bewunderung erhöht haben
Die alten schiefen Häuser blieben jedoch an ihrem Platz und sahen den
Kandidaten an Er aber fasste sich und schritt um die Hälfte des Marktviertels
vorsichtig durch den Schlamm auf ein Gebäude zu welches dem Schilde nach zu
urteilen ein Gasthof sein musste und das sich als der Polnische Bock auswies Er
trat ein und fand auch hier jedermann am Werke Sie aßen alle und niemand hatte
Zeit dem Fremdling auch nur einen Blick zu schenken Jener müde Wanderer der
in jene Stadt kam deren sämtliche Bewohner durch ein Zauberwort zu Stein
geworden waren konnte sich nicht verlegener und verlorener fühlen als Hans in
Freudenstadt um diese zwölfte Stunde des Tages Um so merkwürdiger wars für
ihn als ihm der Zufall die magische Formel in den Mund legte die den Bann
wenigstens für den Polnischen Bock zerbrach
Der Name des Oberst Bullau erlöste die Geister wenigstens für einen
Augenblick aus den Banden der Materie und brachte den Mastikationsprozess
momentan zum Stillstande
Der Hand des Wirtes zum Polnischen Bock entfiel bei diesem Namen der große
Löffel und mit offenem Munde sah er auf den Kandidaten der dastand wie Aladin
nachdem er die Wunderlampe gerieben hatte und der Geist erschienen war um zu
fragen was dem Herrn gefällig sei
Von seinem Sitze in der Mitte seines Hausgesindes erhob sich der Wirt zum
Polnischen Bock ein Mann der dem Oheim Grünebaum höchstwahrscheinlich sehr gut
gefallen haben würde
»Der Herr Oberst von Bullau Ob ich den kenne Jawohl kenne ich ihn
Sackerment Da kann der Herr weit rumfragen in der Stadt ehe er einen findet
der den Herrn Oberst von Bullau nicht kennt Es ist in der ganzen Stadt kein
Hund welcher den nicht mit Achtung bewedelt Solch ein höflicher angenehmer
und niederträchtiger Herr ein nobler Herr kommt nicht selten in den
Polnischen Bock Ja wenn der Herr zum Herrn Obersten von Bullau will weshalb
hat Er denn das nicht gleich gesagt Toffel Trine Louis dieser Herr isst in
der Honoratiorenstube zu Mittag derenweilen angespannt wird Wir haben unsern
besonderen Wein für den Herrn Oberst und Sie sollen ihn kennenlernen«
Fast gegen seinen Willen wurde Hans Von den kräftigen Händen des Wirtes in
die Honoratiorenstube geschoben wo bereits einige unverheiratete Freudenstädter
aus den schreibenden Ständen ebenfalls die Hände zum lecker bereiteten Mahle
erhoben und kaum aufsahen vom löblichen Werke Über das was man sprach können
wir ohne uns an unserm Leser zu versündigen fortschlüpfen um ein Uhr hielt
ein offenes bedenklich aussehendes Fuhrwerk vor der Tür und um zehn Minuten
nach eins fuhr Hans über ein noch bedenklicheres Pflaster durch die Hauptstraße
von Freudenstadt dem Tore zu das gen Grunzenow führte Seine demütigsten
Komplimente an den Herrn Obersten von Bullau hatte ihm der Wirt aus dem
Polnischen Bock mitgegeben
Kahle Felder steinige Heiden und Nadelholzwaldungen lösten sich wieder im
anmutigen Wechsel ab aber des Kandidaten Unwirrsch Herz schlug hoch und hoch
trug er seine Nase in der Luft Es kam ein Wehen von Norden her ihm entgegen
und der Freudenstädter Mann der neben ihm saß und die beiden Gäule lenkte
sagte das sei der Seewind und weiterhin werde man schon das Salz auf der Zunge
merken
Die See die See
Dem Meere fuhr Hans Unwirrsch entgegen und wie nach so manchem andern Dinge
hatte er sich nach dem Meer gesehnt
Bezaubert war der Weg und bezaubert waren die schrecklichen verwahrlosten
Dörfer am Wege Ein gewisses unbeschreibliches Bangen erfüllte die Seele des
Kandidaten und dieses Bangen galt nicht allein dem grimmiglustigen Obersten
von Bullau und den Fragen welche der Leutnant Rudolf Götz stellen mochte die
See trug auch ihre Schuld an diesem Schauern
Nun wechselte Buchenwald mit den Tannenwäldern viel gebrochenes kahles
Gezweig bedeckte den Boden und der Fuhrmann fing an von dem »großen Wind vor
acht Tagen« zu sprechen Durch kahles hügeliges Land wand sich der Weg und der
Fuhrmann wies auf wunderlich aufgeschichtete Steinblöcke die auf der Höhe
dunkel sich gegen den grauen Himmel abhoben
»Da sind in der Heidenzeit von den Riesen viele Menschen und Könige
geschlachtet« berichtete er
Das Rauschen der Wälder verhallte im Rücken leise zischte der Wind durch
das trockene Heidekraut auf den Hügeln unbekannte Vögel schwangen sich im
Kreise in den Lüften und der Fuhrmann nannte sie Möwen
Der Fuhrmann stopfte sich eine Pfeife aber Hans stellte sich aufrecht im
Wagen um sogleich durch einen Stoß desselben belehrt zu werden dass er seine
Gefühle beherrschen und sich jedenfalls wieder setzen müsse
Wiederum eine kahle Höhe und darüber hinaus ein dumpfes Geräusch nicht
Wind und Wald sondern die See die Stimme der See
»Wenn der Herr jetzt ausstiege so würde er ein gutes Werk an seinen
gesunden Gliedern und meinen Pferden tun« sagte der Fuhrmann »Es geht ein gut
Stück jetzt durchs Moor und der Sturm vor acht Tagen hat sein Teufelsspiel
getrieben Es geht gradaus der See nach und der Herr kann nicht fehlen wenn er
die Ohren offenhält dort rechts auf dem Fußsteig s ist der gradeste Weg auf
Grunzenow Unsereins muss sehen wie er durchkommt«
Mit großer Bereitwilligkeit kam Hans dem Wunsche des Fuhrmannes nach und
sprang aus dem Wagen Er hatte doch nur mit Mühe stillgesessen und es war viel
besser zu Fuße rasch diesem Rauschen und Brausen entgegenzueilen
Eine Viertelstunde schritt er rasch auf dem angegebenen Fusspfade vorwärts
und lauter und lauter erklang die Stimme des Meeres Einen letzten Hügel hatte
er zu erklimmen als er oben stand keuchend atemlos da lag es vor ihm das
Meer da breitete es sich in der fahlen Beleuchtung des Abends und der Nebel
verschlang den Horizont und rollte über die Wasser heran gegen den öden Strand
auf dem tiefer unten zur Rechten rötlich die Lichter aus den Hüttenfenstern von
Grunzenow schimmerten
So hatte sich Hans das Meer nicht vorgestellt Unermesslich im hellen Tage
blitzend im höchsten Glanz den Irdisches geben konnte war es ihm in seinen
Träumen erschienen nun war auch das anders ganz anders aber er musste doch
die Hand aufs Herz drücken und der Atem stockte in seiner Brust
Neunundzwanzigstes Kapitel
Mit dem Nebel kam die Nacht schneller über das Land und fast gleich einem
Kinde das sich fürchtet lief der Kandidat hügelab über Kiesgeröll und
knirschenden Sand gegen die Lichter die ihm zuletzt allein noch die Lage von
Grunzenow andeuteten Er geriet bald in die Atmosphäre von Teer und Tran die
das Fischerdorf umgab und kam einige Male dem Rauschen des Strandes so nahe
dass er scheu zur Seite wich und Schaumspritzer im Gesicht zu spüren vermeinte
Endlich erreichte er die ersten Hütten des Ortes und verwirrte und fing sich
mehr als einmal in Netzen die zum Trocknen ausgespannt waren von lebenden
Wesen aber war ringsum nichts zu sehen Die See sang eintönig ihre Weise und
ein Hund bellte hinter einer Tür Nach einigem Zögern klopfte der Wanderer an
eins der Fenster blickte natürlich zugleich in das Gemach und sah dass er eine
ganze seefahrende Familie sehr erschreckt habe Ein halbes Dutzend Kinder
drängte sich schüchtern um eine mütterlich aussehende Frau ein alter
weisshaariger Mann sah von einer großen aufgeschlagenen Bibel verwundert in die
Höhe ein jüngerer Mann in hohen Schifferstiefeln hatte sich von seinem Stuhl
erhoben und nur ein uraltes Mütterlein spann ruhig am Ofen fort
»Wer will da was« rief der jüngere Mann in seiner Mundart Er öffnete das
Fenster und Hans grüßte sehr höflich indem er seine Frage nach dem Gutsherrn
an den Mann brachte Nicht sehr höflich erwiderte der Fischer den Gruß aber
sehr dienstfertig zeigte er sich und erschien sogleich vor der Tür seines
Hauses um den Fremden zurechtzuweisen Mit seiner kurzen Pfeife im Munde setzte
er sich ohne weiter ein Wort zu verlieren in Bewegung und trabte ohne sich
nach dem Fremden umzusehen in die Nacht hinein Um manche Hausecke bog er und
über manchen Gegenstand, der im Wege lag und den er recht gut kannte Hans
Unwirrsch aber nicht trat er weg Stolpernd zwischen Fallen und Aufstehen
folgte ihm der Kandidat und fühlte sich sehr erleichtert als sein biederer
aber wortkarger Führer nachdem der Weg ein wenig hügelauf geführt hatte
plötzlich stehenblieb und wahrscheinlich mit der Pfeifenspitze auf eine
unregelmässige Schattenmasse deutend sagte
»Da«
»Wo« fragte Hans allein seine Frage verhallte in der Nacht und nur die
See gab Antwort darauf aber eine ungenügende Der Führer in den
Schifferstiefeln hatte seine Pflicht getan und hatte sich umgedreht wie ein
Freudenstädter beim Klange der Essglocke Er war abgetrabt ins Dunkle mit seiner
Pfeife und seiner bunten Zipfelmütze und kein Hallo und Holla brachte ihn
zurück
Vorsichtig tastete Hans seinen Weg gegen die nächtlich schwarzen Massen auf
die des meerkundigen Mannes Pfeifenspitze gewiesen hatte Er geriet richtig vor
ein großes aber geschlossenes Hoftor mit der Stirn und ein Hundegebell wie
die Welt es noch nicht gehört hatte brach los als er den Klopfer fand und ihn
gegen die eichenen Bohlen fallen ließ In allen Tonarten machte das entrüstete
Vieh sich Luft und ein Mann der etwas auf seine Waden hielt durfte mit
Unbehagen dem Konzert horchen
Nach einigen Minuten bänglichen Harrens fuhr jemand mit der Peitsche unter
die vierbeinigen Randalisten die nunmehr zu heulen anfingen Es fluchte jemand
grässlich und ein schwerer Schritt näherte sich dem Tor Der Riegel rasselte
das Schloss kreischte Lichtschein fiel in die Nacht hinaus aber es war
zweifelhaft ob dieses Licht von der Laterne oder von der Nase ihres Trägers
ausging Gleich einer Königin in Purpur saß die Nase in dem verwetterten
Gesicht welches jetzt aus dem Hoftor blickte und den Kandidaten Unwirrsch in
der Dunkelheit suchte
»Wer da« schnarrte eine Stimme die ganz zu der Nase passte »Kein
Gottesgeschöpfe zu sehen Doch da hierher Mann was solls Wo juckts
Euch Was beliebt dem Herrn«
Hans gab kund wer er sei und wie er auf Wunsch und Befehl des Herrn
Obersten von Bullau und des Herrn Leutnant Götz hier erschienen sei und
angeklopft habe
»Warten Rapportieren« sagte der Mann mit der Laterne und schlug die Tür
dem Kandidaten vor der Nase zu Von neuem erhoben die Hunde ihre Stimme und
Hans fand den Empfang zum mindesten ungewöhnlich Die Zeit wurde ihm sehr lang
während der folgenden Minuten und unwillkürlich dachte er an verschiedene
Märchen aus seiner Kindheit die in ähnlicher Weise begannen und stets damit
endeten dass irgend jemand in die Gewalt von Ogern oder Werwölfen fiel und
aufgefressen wurde Aber nun ließ sich jenseits der Mauer und des Tores
mehrere Stimmen vernehmen abermals wurde die Pforte aufgerissen abermals hielt
der Mann mit der glühenden Nase seine Laterne in die Nacht hinaus und der
Oberst von Bullau im grünen bepelzten Jagdrock und in hohen Wasserstiefeln
griff zu fasste den Kandidaten zog ihn ins Tor und rief
»Richtig er ists mich Bei Nacht und Nebel Mann Gottes das gefällt mir
gar nicht übel herein mit Euch Willkommen in Grunzenow wo kommt das
Menschenkind so spät her Wie seid Ihr gekommen Zu Fuß zu Wagen oder auf einem
Besenstiel«
Hans berichtete kurz wo er den Wagen verlassen habe und in dem nämlichen
Augenblicke vernahm man das Rollen desselben im Dorfe
»Sehr schön« rief der Oberst »herein mit Euch Kandidate Grips sorge für
die Karrete im Dorf Marsch mein Söhnchen der Leutnant hüpft in seinem Stuhl
wie auf einem Senfpflaster Ihr seid mir ein schöner Hahn Herr Kandidate der
Alte hats gut mit Euch im Sinne er wird Euch schön den Text lesen«
Über den wie es schien ziemlich umfangreichen Hof führte der Oberst von
Bullau seinen Gast in das Haus Schloss oder Kastell von Grunzenow in dem es
dann auch wild genug aussah Die Dienerschaft die in der großen steinernen
Halle erschien hätte dem Jean in der Parkstrasse jedenfalls unsägliches
Entsetzen in die zarten Knochen gejagt denn grimmige Kerle waren es Jagd und
Fischergerätschaften aller Art hingen an den Wänden und hie und da dazwischen
ein altes Porträt längst vermoderter männlicher oder weiblicher Bullaus Hunde
waren im Überfluss vorhanden sie lagen gähnten und knurrten in der Halle sie
sahen aus geöffneten dunkeln Türen sie schlichen hinter dem Kandidaten
Unwirrsch die Treppe hinauf Und eine solche Treppe hatte Hans auch noch nicht
gesehen Man hätte hinaufreiten können und es ging die Sage dass ein Bullau des
Dreissigjährigen Krieges das Stücklein wirklich ausgeführt habe Des Obersten
dröhnender Bass rollte durch den Korridor und erweckte die Echos des Hauses
Grunzenow bis in die tiefsten Keller
»Hurra Götz wir haben ihn er ists wirklich aber mager und gelb wie ein
getrockneter Flunder und knielahm wie ein Gaul mit der Flussgalle Tillenius
hier ist der Kollege Schwarzrock wenns jetzt kein Leben auf Grunzenow geben
wird so mag der Teufel dazwischenfahren ich gebs auf«
Eine Tür wurde von einem Gesellen aufgerissen der wie alles in diesem
Hause ein Drittel Seemann ein Drittel Förstersmann und ein Drittel Kriegsmann
zu sein schien Ein Schub von der Hand des Obersten beförderte den Gast in die
Mitte des Gemaches wo der Leutnant Rudolf Götz und ein greiser geistlicher Herr
vor einem mit Karten und Gläsern bedeckten Tisch saßen »Da ist er« rief der
Leutnant den Versuch machend sich aus seinem hochlehnigen Sessel zu erheben
Mit einem Schmerzensseufzer sank er zurück seine Beine waren in Kissen und
Decken wohlverpackt und sein linker Fuß ruhte schwer auf einem niederen Schemel
Der Leutnant hatte sich sehr verändert er war viel älter geworden in kurzer
Zeit und Hans musste wohl über sein Aussehen erschrecken
»Wie gebt es meinem Kinde meinem Fränzchen« rief er mit zitternder Stimme
»Ich will es wissen ich will es wissen« schrie er und schlug heftig mit seinem
Krückstock auf den Boden Der Pfarrer von Grunzenow Ehrn Tillenius erhob
beschwichtigend die Hände
»Jaja ich will es wissen« schrie der Leutnant »Hier sitze ich Jammermann
und lasse mir von der Sorge das Herz abfressen gib mir deine Hand Hans so
nun heraus mit allem was in dir steckt«
Hans Unwirrsch stand vor Schmerz auf einem Beine wenn die Füße des
Leutnants noch gelähmt waren so konnte man das von seiner Faust nicht mehr
behaupten dieser Griff hatte nichts gar nichts mit dem Chiragra zu schaffen
Wenn der Kandidat auch nicht mit der Absicht alles zu sagen was er wusste nach
Grunzenow gekommen wäre so hätte er unter diesem eisernen Griffe doch beichten
müssen und zwar alles was der Leutnant verlangen mochte
Glücklicherweise hielt der Konfrater es für seine Pflicht und Schuldigkeit
dem jungen Amtsbruder zu Hilfe zu kommen
»Aber Leutnant« sagte er »seid doch kein Wüterich Welch einen Randal Ihr
macht Lasst doch den jungen Herrn zu Atem kommen Und Hunger und Durst wird er
auch haben Alles der Reihe nach Oberst Ihr könnt mich auch dem Herrn
Kandidaten vorstellen alles der Reihe nach«
»Ja alles nach der Reihe Pastor Ihr habt recht« rief der Oberst von
Bullau »Also Herr Kandidate mir kennt Ihr von die Neuntötersch her den
Leutnant kennt Ihr auch und hier habt Ihr unsern Feldprediger und Freund in
diesem Leben und unsern Trost fürs andere Josias Tillenius derweilen mein
Pastor in Grunzenow ein Mann geschickt in vielen Dingen und welcher es mit
jedem Superndenten aufnehmen kann Also Ehrn Josias Tillenius Ehrn Hans
Unwirrsch und umgekehrt Nun gebt Euch einen Kuss Da ist Grips mit dem Rapport
aus der Küche«
Einen Kuss gaben sich die beiden Theologen zwar nicht aber die Hände
schüttelten sie einander herzhaft Das Äußere des Grunzenower Pastors gefiel dem
Kandidaten recht wohl »und zweiundachtzig Jahre ist der Mann alt sehen Sie es
ihm an« sagte und fragte der Oberst
Auf festen Füßen stand der alte Josias seine Augen waren noch scharf und
klar ein wenig rötlich schimmerte freilich sein Gesicht aber die Haare waren
desto weißer Ein echter Schifferpastor war dieser alte Josias Tillenius und
konnte schon einen tüchtigen Sturmwind aushalten er passte ganz zu dem
wetterfesten Obersten von Bullau und dem Leutnant Rudolf Götz Es war ein
Kleeblatt wie man selten ein ähnliches unter einem Dache beisammen finden
konnte und die Wirtschaft war auch sonderbar und toll genug
Nun setzte Grips das Faktotum nachdem die Spielkarten beiseite geschoben
worden waren einen Rindsbraten auf den ungedeckten Tisch stellte andere
Schüsseln daneben und klapperte unbeholfen aber gastesfroh mit Tellern Messern
und Gabeln Alle anwesenden Hunde hoben die Nasen so hoch als möglich
»Fallt zu« kommandierte der Oberst »Ruhe im Glied Rudolf Der Bursch
schießt mich nicht eher los bis er geladen hat Schiebe den Flaschenkorb heran
Grips und fülle die Gläser Herr Kandidatus Unwirrsch ich heiße Ihnen
willkommen auf Hof Grunzenow tun Sie mich ganz als ob Sie zu Hause wären
zieren Sie sich nicht und ein langes Leben und gute Gesundheit Prosit«
Trotz seiner Fahrt und seines Marsches hatte Hans sowenig Appetit wie der
Leutnant Götz dem er gegenübersass und der ihn nicht aus den grollenden Augen
ließ Die beiden andern Strandbewohner sprachen jedoch den guten Dingen auf dem
Eichentisch mit Behagen zu und die Hunde erhielten die Knochen Grips räumte
sodann den Tisch ab und brachte die Pfeifen der Herren
»Nun der Reihe nach« sagte der Oberst »Kandidatus der Gottesgelehrteit
Unwirrsch wo steckten Sie als ich Ihnen in Ihrem Neste vergeblich aufsuchte
und mich die Schienbeine auf Ihrer Treppe zerstiess«
»Ich befand mich in meiner Heimatstadt wo ich meine beiden letzten
Verwandten begrub« antwortete Hans
»Hm« brummte der Oberst eine dichte Rauchwolke ausblasend der Leutnant
aber legte die Pfeife nieder und sagte
»Wen haben Sie verloren Unwirrsch«
Hans gab einen kurzen Bericht von dem Tode und dem Begräbnis der Base
Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum Aufmerksam hörten die drei alten Knaben
von Grunzenow zu und schüttelten bedächtig die Häupter Nach Schluss des
Berichtes sagte der Oberst
»Ich glaube Rudolf dass er in diesem Punkt entschuldigt ist weil er seinen
Posten verlassen hat«
»Auch meine Meinung« sagte der Pastor »Ehre Vater und Mutter «
»Base Oheim und die übrige Sippschaft« fiel der Oberst ein »auf dass es
dir wohl gehe et ceterum Vorwärts Leutnant inquiriere mich ihn weiter das
Gros steckt noch im Defilee«
»O Unwirrsch« rief der Leutnant Götz kläglich »ich habe mich in Ihnen
getäuscht ich habe mich sehr in Ihnen getäuscht Weshalb hatte ich Sie mit so
vieler Mühe in das Haus meines Bruders meiner Schwägerin hineingebracht Ich
konnte es Ihnen doch nicht unter die Nase reiben dass Sie mir auf mein
Fränzchen mein armes Fränzchen achten helfen sollten Was haben Sie getan Was
haben Sie mir da genützt Sie haben den Wolf in das Haus gelassen ohne mir
Nachricht davon zu geben und dann haben Sie sich ohne jede Gegenwehr fortjagen
lassen und haben den Staub von Ihren Schuhen geschüttelt Ich hielt Sie für
einen guten harmlosen Gesellen an welchem das Fränzchen eine Stütze und einen
Trost finden könnte aber Sie haben sich schier noch mehr misshandeln lassen als
das Fränzchen Sie sind mir ein schöner Patron Hier sitze ich auf meinem
Marterstuhl und höre von gar nichts und das Kind schreibt mir ihre armen lieben
Briefe und lügt darin wie gedruckt das ganze Leben im Hause ihrer Tante ist wie
ein einziges Christfest zum Henker eine schöne Bescherung ists in der Tat
Drei Millionen blaue Teufel Herr habe ich Ihnen nicht schon damals in Windheim
gesagt dass Ihr Freund den Sie so herausstrichen eine Kanaille sei Wie
konnten Sie es dulden dass er mit meinem Fränzchen dieselbe Luft in demselben
Hause atmete Die Gicht soll mir auf der Stelle in den Magen steigen wenn das
nicht das Schlimmste ist was mir passieren konnte Und sie hat es ertragen und
wird nur im stillen geweint haben und ich armseliger Tropf muss hier fest liegen
und erfahre nicht das geringste davon und dieser Herr konnte sich einen
Gotteslohn um das Fränzchen und mich er werben wenn er bloß das Maul aufsperrte
und gleich einem Mann auftrat Bewahre er lässt Gott einen guten Mann sein
wozu hat er auch sonst Theologie studiert Was gehts ihn an was aus der
bettelhaften Nichte des alten abgedankten verschollenen Bettelleutnants wird
Als die Blase platzt und der Jude mit dem sauberen Fräulein Kleophea durchbrennt
da salviert sich natürlich auch mein Herr Präzeptor und durch eine alte Zeitung
erfährt der Leutnant Götz zu Grunzenow von dem was im Hause seines Bruders
vorgegangen ist es wirds keiner glauben dem ich es nicht auf mein Ehrenwort
versichere Das Fränzchen schreibt einen Brief Voll Tränenflecke
Gedankenstriche und Kleckse und meldet der Onkel Theodor befinde sich nicht
wohl was ich wohl glaube die Tante zum Teufel mit ihr die Tante
halte sich meistens in ihrem Zimmer ein geschlossen und der Herr Kandidat
Unwirrsch habe gleich nach Kleopheas Eskapade das Haus verlassen Und ich liege
hier wie ein Klotz und kann dem armen Wurm meinem Fränzchen nicht zu Hilfe
kommen zapple mich ab bis es dem Obersten zuviel wird und er das Elend nicht
mehr mit ansehen kann Also packt er auf und rückt bei Nacht und Nebel auf
Kundschaft aus als er dann wieder auf den Hof reitet schüttelt er einen leeren
Sack aus Sie haben ihn fein abgeführt vor der Haustür der Geheimen Rätin Götz
und die Neuntöter haben nur das gewusst was die ganze Stadt wusste und der
Kandidat Unwirrsch «
»War nicht zu Hause« sagte der Oberst gravitätisch
»Ja er war nicht zu Hause aber jetzt haben wir ihn hier fest und
ausquetschen will ich ihn wie eine Zitrone« schrie der Leutnant »Sage für
dich was du zu sagen hast Hans Wischlappen Du hast mich aussprechen lassen
und sollst wenigstens auch aussprechen«
Hans sah von einem der drei Insassen des Hauses Grunzenow auf den andern
und sosehr es ihn auch drängte seinem Herzen Luft zu machen so konnte er doch
durchaus keinen Anfang finden
Der Pastor Tillenius nahm nunmehr seine Pfeife aus dem Munde und sprach
»Wäre es nicht besser wenn der Herr Kollege dir seine Enthüllungen privatim
machte Götz Wenn man die Sache von der rechten Seite betrachtet so scheints
mir dass der Oberst und ich ziemlich überflüssige Beisitzer in diesem Falle
sind«
»Nein nein« rief der Leutnant »Ihr beide kennt diese Verhältnisse so gut
wie ich selbst Ich habe euch oft genug meine Jammerlieder darüber vorgesungen
ihr bleibt hier und hört an was der Herr Kandidat zu sagen hat ich jetziger
Krüppel kann ohne euren Rat und eure Hilfe ja doch nichts tun«
»Gebe Er dem Herrn Leutnant einen Fidibus Grips« sagte der Oberst »Und
dann schere Er sich zum Tempel hinaus Vorwärts«
»Marsch« kommandierte Grips sich selber und marschierte ab
»Herr Leutnant« hub der Kandidat Unwirrsch an »ich wusste es dass Sie in
ähnlicher Weise zu mir sprechen würden Ich habe mich auf dem ganzen Weg hierher
damit getragen und habe es auch tief bedacht was ich Ihnen erwidern könnte
Ach Herr Leutnant dieses Jahr ist das schwerste meines Lebens gewesen und
Sie Herr Leutnant Sie haben mich hineingestossen in alle Wirbel und Wirrnisse
mit denen ich kämpfen musste mit denen ich noch kämpfe Ich bin Ihnen zufällig
auf der Landstraße begegnet und Sie haben Gefallen an dem armen unerfahrenen
Studenten gefunden Sie haben später den ebenso unerfahrenen Hauslehrer da
vorgeschoben wo Sie selber nichts vermochten Sie haben wenig daran gedacht
was aus mir werden würde Sie wollten um Ihrer Fräulein Nichte willen einen
Vermittler zwischen sich und das Haus Ihres Bruders stellen und wenn dieses
Mitglied die ihm zufallende Rolle vielleicht gar nicht ahnte so war das um so
besser Ach Herr Leutnant wir sind beide nicht zu Diplomaten gemacht wir
haben nicht das geringste am Lauf der Dinge geändert und das Schicksal hat böse
Geister aufsteigen lassen an die keiner von uns beiden gedacht hat Sie haben
mir vorgeworfen Herr Leutnant dass ich dem Doktor Teophile Stein nicht
entgegengetreten sei das ist zum größten Teil Ihre Schuld denn Sie haben mir
meine Rolle gegeben ohne sie mir zu deuten und haben mich in fremde
Verhältnisse geschoben ohne die meinigen zu kennen Bei unserm ersten Begegnen
sprachen Sie harte Worte über denjenigen welcher sich später Teophile Stein
nannte aber was Sie dazu trieb haben Sie mir nicht erklärt Und jener war mit
mir aufgewachsen und erzogen ich hielt ihn für meinen Freund und konnte ihn
nicht auf das flüchtige Wort eines Fremden hin verleugnen zumal da er fern war
und sich nicht verteidigen konnte Als ich erkannte dass er falsch treulos ein
Egoist und Verächter des Göttlichen und Menschlichen sei habe ich ihn aus
meinem Herzen gerissen und sein Name ist ein leerer Schall für mich geworden
Schwer schwer habe ich für meinen Glauben an ihn gelitten Sie Herr Leutnant
tragen die Schuld daran dass mich das Fränz Ihre Nichte für ebenso falsch und
heuchlerisch wie den Moses Freudenstein halten musste Sie haben mich elend und
unglücklich über alles Maß gemacht denn Sie hatten mich in eine Lage gebracht
in der ich mich nicht verteidigen konnte in der ich es dem Zufall überlassen
musste den stummen trüben Vorwurf der Gemeinheit und Treulosigkeit von mir zu
nehmen Wie ich in dem Hause Ihres Bruders gelitten habe kann ich nicht sagen
Sie aber sind gewiss nicht berechtigt mehr Rechenschaft von mir zu verlangen
als ich Ihnen geben will«
In dieser Rede zeigte Hans Unwirrsch aus der Kröppelstraße dass seine
Lehrjahre nicht nutzlos vorübergegangen waren Er stand wie ein Mann vor dem
Leutnant Rudolf Götz und der Eindruck seiner Worte auf diesen sowohl wie auf
die beiden andern Herren war merkwürdig und dem Sachverhalt angemessen
Jetzt hatten alle drei ihre Tonpfeifen weggelegt und starrten auf den Redner
wie auf etwas ganz und gar Neues
Der erste der sich von seiner Verwunderung erholte war der Oberst von
Bullau
»Potz Blitz Rudolf« rief er »da rieche drauf Davon kannst du mich
manches gebrauchen und in die Tasche stecken Tillenius Mann nächsten Sonntag
soll dieser Jüngling uns eine Predigt halten Donner und Wetter Herr Kandidate
das geht Sie ja recht glatt ab und ich glaube einigemal haben Sie den Nagel
richtig auf den Kopf getroffen Alert Götz so was kann nicht ungerochen
hingehen Was hast du ihm nun wieder drauf zu antworten Kamerade«
Der Leutnant zog einen Seufzer aus seinem tiefsten Innersten hervor und
sagte ohne den gesenkten grauen Kopf emporzuheben
»Ich will mit Wissen keinem Menschen ein Unrecht antun und wenn es mir doch
passiert ist so will ich ihn gern um Verzeihung bitten Jetzt bin ich wirblig
und konfus im Kopf und muss mich erst besinnen auf das was ich noch zu sagen
habe Gib mir die Hand Hans und erzähle mir morgen genau wie es dir in meines
Bruders Haus ergangen ist du wirst mit einem alten kranken Burschen Geduld
haben o das Fränzchen mein Fränzchen«
Hans ergriff mit tiefer Rührung die jetzt so zitternde Hand die ihm
entgegengestreckt wurde Er drückte sie heftig er hatte ja dem Alten noch
soviel zu sagen Er hatte ihm zu sagen dass er ihm auf den Knien danken müsse
für all die Unruhe Sorge all den Zwiespalt Kummer und Schmerz die er auf
seine Seele geladen habe Er hatte ihm zu sagen dass er der hungrige Hans
Unwirrsch seinen schönsten edelsten Hunger sein schönstes edelstes Sehnen
ihm dem alten treuen Eckart Rudolf Götz verdanke Er hatte ihm soviel von
sich und dem Fränzchen zu erzählen aber es ging gleichfalls noch nicht an der
Augenblick dazu war noch nicht gekommen
Der Schifferpastor Tillenius sah kopfschüttelnd auf den Leutnant der dem
Augenblick und der Gesellschaft gänzlich entrückt zu sein schien dann sagte er
zu Hans
»Sie werden von Ihrer Reise müde sein Herr Amtsbruder Grips soll Ihnen Ihr
Zimmer anweisen Ich hoffe wir werden gute Freunde wenn Sie länger hier
verweilen Der Wind der über die See kommt macht die Haut hart und rau aber
dem inwendigen Menschen kann er weniger anhaben als man glaubt Geben Sie mir
Ihre Hand zur guten Nacht ich will auch heim in mein Nest Sie schlafen ja wohl
zum erstenmal beim Rauschen des Meeres Geben Sie Achtung auf Ihre ersten
Träume es ist ein eigen Ding sich von den Wellen in den Schlaf singen zu
lassen«
»Schlaft wohl Tillenius« rief der Oberst »Ich empfehle Euch Eurer
Haushälterin Nehmt einen Kerl mit einer Laterne vom Hofe mit und haltet Euch
rechts bei dem Graben Vorsicht ziert den Mann selber wo er den Weg schon
seit vierzig Jahren kennt«
»Gute Nacht Rudolf« seufzte der alte Pfarrer dem Leutnant sanft die Hand
auf die Schulter legend »Richte den Kopf auf mein Alter morgen gibts einen
heitern Tag«
»Wir wollen es wünschen« sagte Götz »Grips rolle mich in mein Loch Gute
Nacht ihr Herren Gute Nacht Hans Unwirrsch mein Junge du hast mir eine
harte Nuss mit ins Bett gegeben Halte dich selber an das Wort des Pastors und
lass dich sanft in den Schlaf singen«
Ehrn Josias Tillenius der Pfarrer von Grunzenow war abgehumpelt Grips
hatte den Leutnant Götz in seinem Rollstuhl zur Tür hinausgeschoben jetzt griff
der Oberst von Bullau ein Licht von der Tafel auf und sagte
»Ich werde Sie selber Ihr Zimmer zeigen Herr Kandidat nochmalen heiße ich
Ihnen von Herzen willkommen auf Grunzenow Wenns Ihnen etwas wüste scheint so
nehmen Sies nicht für ungut wir leben hier wie im Felde und halten uns das
Weibervolk soviel als möglich vom Leibe Also gucken Sie mich nicht zu genau in
die Ecken s ist eine Wirtschaft von Kriegsleuten und Mannsleuten Put put
mein Hühnchen«
Hans Unwirrsch folgte dem Kastellan von Grunzenow durch den langen gewölbten
Korridor in das Gemach das er bewohnen sollte Der Oberst setzte das Licht auf
den Tisch schüttelte seinem Gast nochmals die Hand und Hans war allein Er
horchte wie der schwere soldatische Schritt seines braven Wirtes verhallte er
horchte wie noch mehrmals Türen in der Entfernung krachend zugeschlagen wurden
er horchte nach dem Fenster hin fuhr mit der Hand über die Stirn und sah auf
und umher doch nicht in die Ecken wie es ihm der Oberst geraten hatte
Das Zimmer war nur auf das Notwendigste eingerichtet die Stühle der Tisch
der Schrank von dunklem Eichenholz hätten ein modernes Haus wahrscheinlich zum
Einsturz gebracht von den Wänden hingen Fetzen einer uralten Ledertapete Das
Bett war von spartanischer Einfachheit aber auch in diesem Gemach verbreitete
ein uralter holländischer Ofen eine wohltuende Wärme Auf dem Tischchen neben
dem Bett stand zum Nachttrunk eine Flasche Bordeaux die jedoch der Herr
Kandidat mit Abneigung betrachtete Er schritt zu den Fenstern und fand zwischen
beiden eine Tür die auf einen kleinen Balkon führte der mit einer kugelfesten
Brüstung von Stein umgeben war Im kalten schneidenden Nachtwind stand er
bezaubert von dem was er sah und was er hörte Zur Linken lag das schweigende
Dorf in welchem jetzt kein Licht mehr glimmte vor ihm dehnte sich der kahle
Strand über den sich in den letzten Abendstunden eine leichte Schneedecke
gelagert hatte und der sich im weiten Bogen im Dunst und Nebel verlor Über Dorf
und Strand aber hinaus bewegte sich das Meer beleuchtet vom Monde der
verschleiert vom Gewölk sich dem Untergang zuneigte das Meer »gekleidet in
Wolken und in Dunkel eingewickelt wie in Windeln«
»O Fränzchen« sagte Hans wusste aber nicht weshalb er es sagte Dann
verging diese erste Nacht die er in dem alten Herrenhause verbrachte ruhiger
friedlicher und stiller als er geglaubt hatte Er hörte das Meer in den
tiefsten Schlaf hinein aber er hörte es nicht dräuend und unheilverkündend Die
Geister der Wasser verliehen ihm keinen klaren bestimmten Traum wie es ihm der
Pastor Tillenius verheißen hatte Mancherlei Bilder und Gestalten sah er wieder
er musste viel an die arme Kleophea denken Als er erwachte war es Morgen und
was ihn weckte war nicht der Wogenschlag an Fels und Düne sondern Grips der
mit der Faust an seiner Tür trommelte und dienstlich meldete dass das Frühstück
auf dem Tische stehe
Dreissigstes Kapitel
Wochen gingen nun vorüber in denen der Kandidat Unwirrsch das Meer das Dorf
Grunzenow den Oberst von Bullau und den Pastor Josias Tillenius genauer
kennenlernte und in denen er dem Leutnant Rudolf Götz hundert und aber hundert
Fragen zu beantworten hatte Bis in die kleinsten Einzelheiten gab er dem Alten
Bericht von seinem Hauslehrertum im Hause des Geheimen Rates Götz und verschwieg
ihm nichts als das was sein eigenstes hohes und teures Geheimnis war und über
welches er bis jetzt mit keinem andern Menschen sprechen konnte und mit sich
selbst kaum zu sprechen wagte Er erzählte aber dem Leutnant doch soviel von dem
Fränzchen als er immer verlangen mochte Es war ein unerschöpfliches Thema und
dem invaliden Krieger ging oft vor Rührung die Pfeife darüber aus aber weder
der Leutnant Rudolf noch Hans wussten zu sagen wie man dem Kinde helfen könne
da es den Onkel Theodor nicht verlassen wolle Der Oberst und der Pastor wussten
auch keinen Rat bei so bewandten Umständen sie schüttelten nur die Köpfe und
dadurch ist nur selten ein Ding besser geworden in der Welt
Die Alten sind übrigens in solchen Umständen schlimmer daran als die Jungen
Obgleich Hans Unwirrsch sowenig Rat wusste als der Leutnant so konnte er doch
mit der Hoffnung auf die Zukunft am Ufer des Meeres spazierengehen während die
Gedanken des alten Invaliden die sich am höchsten erhoben immer nach kurzem
Fluge auf dem kleinen Kirchhofe niedersanken auf welchem die Leute von
Grunzenow ihre eigenen Toten und die fremden die das Meer ihnen an den Strand
trieb begruben
Hans Unwirrsch lernte das Meer in den verschiedenartigsten Stimmungen
kennen er sah es in der Ruhe und sah es im Zorn er sah es in tristitia
hilare in hilaritate triste Wie ein Kind griff er nach dem bunten Spielzeug
dessen die See überdrüssig geworden war er sammelte Muscheln aber er sammelte
auch Gedanken Der Oberst von Bullau machte ihn mit der Natur des wilden
Erdstriches bekannt der Pfarrer Tillenius lehrte ihn die Menschen kennen
welche diese öde unfruchtbare Scholle bewohnten nur von dem lebten was sie
der See abrangen und die der stete harte gefahrvolle Kampf mit dem
grimmiglaunischen Element so ernst schweigsam rau und ausdauernd machte Es
wurde dem Kandidaten Unwirrsch fast zu einem Traum dass er ein Buch des Hungers
voll Hauch und Glanz aus grünen Wiesen und hoffnungsreichen Kornfeldern her
hatte schreiben wollen Nun stand er in einer ganz andern Welt ein Kandidat des
Predigertums in der Wüste und der harte Boden auf den sein Fuß trat gab einen
ganz andern Klang als die heilige Erde von Neustadt als das Parkett und das
Strassenpflaster der großen Stadt
In dem Pastorenhaus wurde der Kandidat ein täglicher Gast er fand daselbst
einen sehr alten und einfachen Haushalt unter der Leitung einer ebenso alten
Haushälterin Er fand den alten Josias sehr in Tabaksdampf gehüllt sehr in
seinem Schlafrock verwickelt eifrigst uralte Folianten nach uralter Theologie
durchwühlend um wie er sagte »im Gange« zu bleiben Es war aber eine
eigentümliche Sache um dieses ImGangeBleiben Seine Kollegienhefte hatte er
schon lange vor Beginn der Befreiungskriege verloren neue Schriften gelangten
nicht leicht nach Grunzenow und so beschränkte sich sein gelehrter Apparat auf
die Bücher die seine Vorgänger seit hundertundfünfzig Jahren auf der Pfarre
zurückgelassen hatten und die ein Pastor bei dem Tode des andern übernommen
hatte wie man sonst wohl die ehrsame Witib samt der übrigen fahrenden Habe
seines Vorgängers übernimmt Die Herren von Bullau welche die Pfarre von
Grunzenow zu vergeben hatten hatten einen gewaltigen Respekt vor dieser
Bibliothek und das seefahrende Volk von Grunzenow einen noch größeren Die
geistlichen Herren aber die nacheinander in das Pastorenhaus einzogen fanden
sich mit ihr ab ein jeder nach seiner Weise Wenn sie von dem einen
leichtgenommen wurde so lag sie dem andern wie ein Alp auf den Schultern und
zu den letzteren gehörte der wackere Pastor Josias Tillenius Der Greis hatte
viel gesehen und erlebt in seiner Jugend da er als Feldprediger mit gegen die
Franzosen auszog im Jahre siebenzehnhundertdreiundneunzig Er war ein ehrlicher
guter Mann der es wohlmeinte und der jedem Menschen vor allem jedoch dem
Patronatsherrn von Grunzenow gefallen musste Bullau und Tillenius hatten
zusammen an einem Wachtfeuer gelegen sie rückten nachher an einem Feuerherde
zusammen Der Gutsherr fühlte sich so behaglich an dem Ofen im Pfarrhause wie
der Pastor an dem des Gutshofes und der wandernde Leutnant Rudolf Götz
vervollständigte das Kleeblatt und die Behaglichkeit und wurde sehr vermisst
wenn ihn sein unruhiges Blut in die Weite getrieben hatte Der Oberst verließ
seinen Stammsitz am Meere nur um von Zeit zu Zeit den Neuntötern in ihrem Nest
im Grünen Baum einen Besuch abzustatten Josias Tillenius aber hatte in dieser
Beziehung schon längst mit der Welt abgeschlossen Wenn die beiden Freunde nicht
anwesend waren genügten ihm die Leute des Dorfes der Anblick der See seine
Pfeife und seine Erinnerung wenn sie wiederkehrten genügte ihm das was sie
von dem fernen Weltgetümmel zu erzählen wussten Ein beschaulicherer Philosoph
und Pastor hatte noch niemals am Meer in seiner Studierstube gesessen und im
Kampfe mit einer so merkwürdigen Bibliothek Weisheit gelernt aus dem einförmigen
Rauschen der Wellen Abseits von dieser Bibliothek baute er im Laufe seines
langen Lebens und seiner langen Amtsführung ganz allmählich fast ohne es zu
ahnen seine eigene Theologie sein eigenes System der Welt und
Gottesanschauung auf und in demselben hatten Dinge Platz die den Kandidaten
Unwirrsch oft mit Rührung oft mit Staunen und sehr oft auch mit Verwunderung
aufblicken ließ Wie in einen Spiegel sah Hans Unwirrsch in das Leben dieses
Greises den seine Kollegen weiter hinten im fetten fruchtbaren Lande den
»Hungerpastor« nannten und ihm somit denselben Namen im Ernst gaben welchen der
Doktor Teophile Stein einst im Salon der Geheimen Rätin Götz seinem
Jugendfreund im Scherz beigelegt hatte
»Mein lieber Sohn« sagte der Alte »ich bin ein ungelehrter Mann und wenn
ich heute aufgerufen würde mein Examen vor dem hochehrwürdigen Konsistorio zu
bestehen so würde man mir wohl nicht erlauben Gottes Wort hier am Wasser zu
predigen Die Bücher dort machen mir Kopfweh und viele Sorgen ich bin ihnen
nicht gewachsen und wenn ich den Kampf gegen sie aufnehme so ziehe ich
regelmäßig den kürzeren Es ist auch so lange lange her als ich auf der
Schulbank saß und ich bin allmählich ein Solcher alter Bursch geworden dass es
gar kein Wunder ist wenn ich mich verhaspele und wenn mir der Atem entgeht Ich
bin da steckengeblieben in der Wissenschaft, wo andere erst anfangen und als
ich Zeit gewann zum Lernen da hatte mich das wilde Leben allbereits untauglich
dazu gemacht Ich habe alle Begeisterung Sturm und Drang so der Mensch fühlen
kann in meinem Herzen gefühlt ich habe aber auch allen Menschenjammer gesehen
und in mir gespürt Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die
Buchstaben und Zeilen stellen dem Aufmerken ein Bein schütteln die Gedanken
durcheinander und es ist keine Abhülfe davon als dass ich herauswackele aus dem
Loch und auf irgendeiner Ofenbank oder einer Bank vor der Hüttentür im Dorfe
Posto fasse oder den Möwen zusehe die um den Strand fahren oder über die Wellen
schießen Seht Herr Kandidat Ihr seid ein junger Mensche und fallet dazu in
eine ganz andere Zeit aber es gleicht sich manches auf Erden was es nicht
glaubt So ist es mit unsern Wegen in der Jugend Der meinige ist durch
grimmiges Wetter Mord und Tod gegangen der Eurige geht in der Stille fort
aber auf diesen verschiedenen Wegen haben wir viel gleiche Gedanken gehabt und
wenn Ihr Herr Kollege einmal so alt wie ich geworden seid wer weiß ob dann
die Ähnlichkeit nicht noch viel größer ist Wir haben uns beide recht gesehnt
auf unserm Wege nach dem Wissen, nach der Welt nach der Liebe Mir hat der
Krieg die Bücher aus der Hand geschlagen und die Welt habe ich gesehen aber
zerstampft von Mann und Ross und Wagen und übergossen mit rotem Blut und
geschändet von der Brandfackel meine Liebe aber hier lüftete der Alte das
schwarze Käppchen meine Liebe nun deren sterbliches Teil habe ich begraben
dahinten im Lande auf einem grünen Kirchhof es ist lange her Nun sehne ich
mich nach Ruhe und der Liebe unsterbliches Teil wird mir den Tod süßer machen
wie es mir das Leben sanft und alle Arbeit gering und leicht gemacht hat Sie
haben wohl recht dahinten im Lande wenn sie mich den Hungerpastor nennen ich
habe großen Hunger gelitten im Leben nun der Tag sich neiget danke ich dem
Herrgott in Demut dafür Erst am Abend erfährt der Mensch so recht was ihn
unter den Mühen des Tages aufrechterhalten hat Ihr seid jung Herr Konfrater
und seid einen stilleren Weg gewandelt als ich aber auch auf einem kurzen und
stillen Wege kann man viel erfahren Euch hat nicht eine wilde Zeit von den
Büchern weggerissen es hat Euch niemand gehindert Euren Durst nach dem Wissen
zu stillen und wenn Ihr auch nicht vom Werk abgelassen habt und nicht von ihm
ablassen könnt so habt Ihr doch das Glück und die Ruhe nicht darin gefunden
Und Euer Sehnen in die weite Welt in der Menschen buntes Spiel und Treiben hat
auch Euch hinausgetrieben eheu sudores et cruces Johannis Unwirrschii Ihr
habt wohl Stoff gesammelt zu vielen schönen Predigten aber ein traurig Wesen
wars doch Ihr habt Euren Jugendgenossen in seinem Hunger seinen Weg gehen
lassen Ihr habt sonst Kleinliches und Nichtiges gesehen und erfahren der Tod
hat Euch die letzten Verwandten genommen und was der eine Mensch leicht trägt
und abschüttelt das wird dem andern Menschen zu einer schweren Last die ihn zu
Boden drückt und die er nicht von sich werfen kann Du hast das Recht betrübt
zu sein Johannes obgleich du nicht von den Schlachtfeldern der Menschheit
kommst und nicht von dem Grabe der Braut soll ich nun von dem letzten
Sehnen in welchem im Grunde jeglicher Hunger wurzelt zu dir reden«
Hans konnte nicht sprechen er nickte nur und hielt in seiner Hand die Hand
des Greises aber der Pastor Josias Tillenius der so schweren Kampf mit der
Bibliothek seiner Vorgänger im geistlichen Amt zu Grunzenow kämpfte und doch so
viel viel mehr wusste als in all den halbvermoderten Scharteken zu finden war
der Pastor Tillenius konnte seine Rede nicht zum Schluss bringen Es klopfte
jemand hastig an das Fenster Grips mit seiner Laterne stand draußen im Schnee
und kalten Abendwind und entbot beide geistliche Herren zum Gutshofe mit dem
Anfügen es müsse wohl etwas Absonderliches passiert sein in der Zeitung denn
der Herr Oberst und der Herr Leutnant seien in merkwürdiger Emotion seit der
Christof mit ihr von Freudenstadt gekommen sei Seit der Geschichte von Anno
fünfzehn habe er Grips so etwas nicht erlebt
Fragend sahen sich Hans und der Pastor von Grunzenow an
»Was mag es sein Was ist geschehen«
»Es soll mich wundern« meinte Ehrn Tillenius »Die beiden alten Freunde
treiben in ihrer Einsamkeit eine seltsame AlteSoldatenPolitik es wird
jedenfalls irgendeine kriegerische Wolke an ihrem Horizont aufgestiegen sein Es
ist nur schade dass die Zeitung gewöhnlich erst dann nach Grunzenow gelangt
wenn die Welt um acht oder vierzehn Tage älter und klüger geworden ist Lassen
Sie uns aber gehen Johannes ich bin gerüstet und Geduld gehört im Grunde
nicht zu den Haupttugenden der beiden Veteranen da oben«
Mit der Laterne schritt Grips gravitätisch den geistlichen Herren voran
durch den Schnee Es war ziemlich stürmisch die See brauste gewaltig der
Schnee stäubte um die Wanderer und um die Hütten des Dorfes es war eine böse
Nacht geworden Hans befand sich in sehr erregter Stimmung er konnte nicht
glauben dass es eine politische Neuigkeit sei die auf Schloss Grunzenow
angelangt war Er hatte ein dumpfes Vorgefühl dass etwas sich ereignet haben
musste was auch von tief eingreifender Wirkung auf sein eigenes Leben war
Allerlei verworrene Gedanken und Fragen schossen ihm durch den Sinn während er
den alten Pastor Tillenius sorgsam durch den Schnee führte aber den Gedanken
dass eine Nachricht aus dem Hause in der Parkstrasse gekommen sei wurde er nicht
los und es fand sich dass dem so war
Die Hände auf dem Rücken schritt der Oberst von Bullau in dem Gemache
welches wir bereits kennen auf und ab In seine Decken gewickelt saß der
Leutnant Rudolf Götz in seinem Rollsessel und das Zeitungsblatt das Christof
von Freudenstadt gebracht hatte lag vor ihm auf dem Tische
Beide alte Herren waren sehr ernst der Leutnant seufzte von Zeit zu Zeit
tief und schwer und der Oberst hielt von Zeit zu Zeit in seinem Marsche an um
kopfschüttelnd auf den Freund und Kameraden zu blicken Er knurrte auch von Zeit
zu Zeit mitleidig der Oberst von Bullau und brummte »Na na« oder
»Schwerenot« oder »Kopf in die Höhe« oder »Brust heraus« oder dergleichen
Endlich blieb er sogar stehen um sich durch ein herzhaftes
»Kreuzhimmeldonnerwetter« mit dem Zusatz Luft zu machen »Wenn man die Papen
braucht so sind sie nie vor der Front zu haben«
Es war ein Glück dass einige Minuten später Grips den beiden geistlichen
Herren die Tür öffnete
Der Leutnant Götz sah auf und Hans Unwirrsch wusste nunmehr dass er in
seinen Ahnungen recht gehabt hatte die Zeitungsnachricht betraf das Haus des
Geheimen Rates betraf das Fränzchen
»Was ist denn vorgefallen Bullau« fragte der Pastor den Oberst leise
»Es steht in der Zeitung Geburts und Todesnachrichten«
»Um Gottes willen was ist s Was steht in der Zeitung Wer ist geboren oder
gestorben«
»Armer Teufel« seufzte der Oberst von Bullau »Sein Bruder natürlich
Herzschlag um stille Teilnahme bittet die trauernde Witwe Aurelie Götz
geborene von Lichtenhahn«
Der Pastor war bereits an der Seite des Leutnants und drückte ihm die Hand
Rudolf Götz hatte das Zeitungsblatt schon dem Kandidaten Unwirrsch gereicht
»Lies lies«
Hans suchte in seiner Aufregung längere Zeit vergeblich in den Spalten des
Blattes endlich fand er die Anzeige und las
»Den 10 Dezember 18 Gestern morgen entschlief unerwartet schnell an den
Folgen eines Herzschlags mein teurer Gatte der Geheime Rat Theodor Friedrich
Ferdinand Götz Ritter usw usw
Ich weine doch nicht wie jene welche den Herrn nicht gefunden haben Ich
weine doch nicht wie jene welche den Herrn nicht suchen wollen
Aurelie Götz geborene von Lichtenhahn«
»Du musst Trost annehmen Rudolf« sagte der Oberst »Wird dem armen Kerl fidel
zumute sein Er hat wenig Freude in seinem Leben gehabt Nun hat ihm die
Geschichte der Kummer um seine Tochter den Rest gegeben es ist klar er
wird einen guten festen Schlaf haben nach seinem trübseligen Schreiberleben
Richte den Kopf auf Kamerad du hast noch an andere Dinge zu denken«
»Mein Kind mein Fränzchen Was ist aus meinem Fränzchen geworden Was soll
aus meinem Fränzchen werden« rief der Leutnant Er stand trotz seiner Gicht
plötzlich auf den Füßen aber der Schmerz warf ihn sogleich wieder in den Sessel
zurück
»Vom zehnten Dezember ist die Todesanzeige heute schreiben wir den
neunzehnten was kann das Kind in die kurze Zeit passiert sein« sagte der
Oberst »Heute abend noch packt der hier gegenwärtige Hans Unwirrsch ein junger
Mensch auf welchen man sich verlassen kann seinen Tornister Wir haben Grips
und den Schlitten wir haben die Post in Freudenstadt und dann die Eisenbahn
Was aus deinem Kinde werden soll Nach Grunzenow wirds vom Kandidaten Unwirrsch
geholt Es hat ja nun keinen Grund mehr sich dagegen zu wehren wenn es sich
vor dem Schweinestall dem Meer und dem kahlen Strande nicht allzusehr fürchtet
Und dass es willkommen ist auf Grunzenow wie der Frühling und der Sonnenschein
das brauche ich doch beim Donnerwetter nicht mehr zu sagen Was sagst du
Rudolf und du alter Feldpape so nett und anmuselig hätten wir uns unser Alter
auf Grunzenow gar nicht vorgestellt Aber Gott verlässt kein ausrangiert
Dragonerpferd also noch viel weniger solche drei saubere Burschen und
Hauptähne wie wir Gebt den Toten eine Salve übers Grab und lasst die Lebendigen
reiten Da schlag ein Kamerade Götz wir wissens wie wirs gegeneinander
halten Gib dem jungen Schwarzrock stantepe deine Ordersch und deinen Segen und
schicke ihn mich aus nach unserm Kinde es soll ein Glückstag für uns alle
werden wenn es durch das alte Tor von Grunzenow einfährt«
»Ich weiß wahrlich wie wirs gegeneinander zu halten haben lieber Alter«
sagte der Leutnant Götz dem zwei große Tränen in den eisgrauen Bart liefen
»Was meinst du Hans Unwirrsch willst du mein Kind ablösen von seinem schweren
Posten und es nach Grunzenow holen«
Hans Unwirrsch antwortete nicht er stand wie vom Blitz gerührt er stand
ohne sich zu regen wortlos stand er da
Der Pastor Tillenius fasste ihn am Arm und schüttelte ihn ein wenig
»Wachet auf ihr Christenleut Der Leutnant hat eine Frage an Euch
gerichtet Hans gebt Antwort sagt ob Ihr besorgen wollt was er verlangt
Wie ist Euch Freund Johannes« Der Kandidat fuhr mit der Hand über die Stirn
und trat näher an den Sessel des Leutnants heran
»O Herr Leutnant« sagte er »ich habe Ihnen an jenem Abend als ich Ihnen
Rechenschaft gab über meinen Aufenthalt in dem Hause Ihres Bruders nicht alles
gesagt nicht alles sagen können Nun muss ich sprechen ehe ich Ihren Auftrag
annehmen kann Sie haben so vieles vieles nicht bedacht als Sie kamen um
meine Schritte auf einen bestimmten Weg zu lenken Sie haben auch daran nicht
gedacht dass die Seelen der Menschen sich in der Bedrängnis leichter
zusammenfinden fester zusammenhalten als sonst Es ist geschehen und kein
Widerstand mehr dagegen ich sollte eine Hilfe für Ihre Nichte sein nun liebe
ich das Fränzchen ich liebe es in alle Ewigkeit all mein Halt in der Welt ist
bei Ihrem Fränzchen und ich kann es nicht nach Grunzenow holen wenn Sie es
jetzt nicht noch einmal von mir fordern«
Der Pastor Josias Tillenius beschattete die Augen mit der Hand aber er
lächelte der Oberst von Bullau lachte gutmütig und brummte »So musste es
kommen Guck einer o du liebster junger Himmel« Der Leutnant Rudolf Götz aber
wusste eigentlich nicht recht ob er lachen oder weinen segnen oder fluchen
sollte
»O du meine Güte« sagte er zuletzt »Das ist freilich der Pfropfen auf die
Flasche Bullau Tillenius was sagt ihr dazu«
»Ich trinke einmal auf den Schrecken« meinte der Oberst aber der alte
Pastor von Grunzenow beugte sich zu dem Leutnant nieder legte ihm sanft die
Hand auf die Schulter und sagte
»Ich ließe ihn sein Fränzchen holen er soll mein Adjunkt auf der
Hungerpfarre werden ihre Kinder sollen unsere Gräber in Ordnung erhalten«
»So komm her Hans Unwirrsch und gib mir die Hand wie ein Mann sich mir in
die Augen und sprich frei ob mein Kind sich gern und willig von dir
hierherführen lassen wird«
Der Kandidat beugte sich über den Stuhl des Greises und was er sagte
verstand weder der Oberst von Bullau noch der Pastor Tillenius aber der
Leutnant legte ihm die Hand auf das Haupt und sagte fast ebenso leise
»So geh sag ihr was du zu sagen hast und hole sie Gesegnet sei euer
Weg«
An diesem Abend geleitete nicht Grips den Pastor Tillenius zu seiner
Pastorei Hans Unwirrsch führte den Greis und trug die Laterne
»Sieh mein lieber Junge ich wusste wohl dass du das auf der Seele trugest
Man braucht nicht grad in allem Weltgewühl sich umzutreiben um die Herzen der
Menschen kennenzulernen Man erfährt viel wenn man am Strande sitzt dem Spiel
der Wellen zusieht und zuhört und an das denkt was einem selber begegnet ist im
Leben oder was das Häuflein Menschentum in den umliegenden Hütten angeht Was
ich früher vernommen hatte was du am Abend deiner Ankunft dem guten Leutnant
Rudolf erzähltest das genügte mir um daraus meinen Schluss aufzubauen Nun bist
du aber gebannt in die Wüste an dieses öde Ufer Hans Unwirrsch was ist aus
deinen glänzenden jungen Träumen und Hoffnungen geworden«
»Wirklichkeit Wirklichkeit« rief Hans »O mein Gott was sind alle Träume
und Hoffnungen gegen diesen Weg den wir jetzt zusammen gehen«
»Halt einmal Johannes« sagte der Alte »Der Wind nimmt einem wirklich den
Atem und die See scheint auch immer toller zu werden Hier ist ein Winkel wo
du mich ein wenig ausruhen lassen musst mein Kind«
Sie traten an die Mauer eines kleinen Hauses aus dessen Fenstern kein Licht
schimmerte das ganz unbewohnt zu sein schien
»Der Erblasserin dieses Hauses habe ich nicht lange vor deiner Ankunft die
Grabrede gehalten« sprach der Pastor »Ach es ist nicht immer eine leichte
Sache auf der Hungerpfarre zu Grunzenow zu sitzen Eine stattliche brave
Familie wohnte in dieser Hütte Vater und Mutter und sechs Söhne Der älteste
Sohn ging mit einer Hamburger Brigg an den Galapagosinseln verloren der zweite
ist auf einem englischen Schiff im Opiumkriege von einem chinesischen Pfeil
getroffen worden und der Vater ertrank mit den vier letzten Söhnen im vorigen
Jahre im Angesicht des Dorfes In Stärke und Geduld hat sich mehr wie jeder
andere der Mann zu wappnen dem die Wogen des Meeres mit in die Worte rauschen
die er zu den Schiffern und Fischern von seiner Kanzel spricht Das Volk das
mit dem Pflug und der Sichel auf das Ackerfeld und die Wiese zieht ist ein
anderes als das welches im zerbrechlichen Boot stets über seinem feuchten Grabe
schwebt Viel Liebe muss der Prediger am Meer beweisen können und viel vom
eigenen Glück muss er verleugnen können für die Hütten um seine Kirche Es ist
nur der heiligste Hunger nach Liebe der den Menschen für solche Erdstelle stark
genug macht Nun lass uns gehen mein lieber Sohn«
Hans Unwirrsch legte die Hand an das Gemäuer der unbewohnten Hütte er hatte
sein Herz dem Fränzchen Götz vermählt er vermählte seine Seele jetzt mit dem
hungrigen Strand von Grunzenow
»Nun geleite mich heim und dann geh und schlafe wohl mein Kind« sagte
Ehrn Tillenius »es wird die Zeit kommen wo dich die wildeste Musik der Wasser
nicht erweckt Ich werde dich morgen früh wohl nicht sehen so lass uns denn für
jetzt Abschied nehmen Grüße dein Fränzchen auch von dem alten Josias bringe es
uns bald wir wollen ihm eine freundliche Stätte zu bereiten suchen Es soll
sanft ausruhen an dem wilden Strande von Grunzenow«
Einunddreissigstes Kapitel
Mit Tagesanbruch hielt der Schlitten auf dem Gutshofe zu Grunzenow Der Sturm
hatte sich gelegt aber der Schnee lag ziemlich hoch
»Einen angenehmen Weg werdet Ihr nicht haben« sagte der Oberst von Bullau
seinem Gast die Hand zum Abschied reichend »Na Grips und die Gäule wissen wie
sie sich zu benehmen haben Alles in Ordnung Nichts vergessen Brennt die
Pfeife Na dann in Gottes Namen vorwärts ganze Batterie Lasst mir nicht
allzulang auf Euch warten junger Schwarzspecht«
Der Leutnant lag so weit als möglich aus dem Fenster schwang seine alte
Soldatenmütze und wiederholte in größter Aufregung dem abreisenden Hans eine
ganze Reihe von Verhaltungsmassregeln die aber alle damit endeten dass er ihm
unnötigerweise befahl auf sein Mädchen zu achten wie auf seinen Augapfel
»Fahr zu und mach ein Ende daran« schrie der Oberst »Ein Vivat fürs
Fränzchen und abermals und nochmals hoch«
Sämtliche Gutsleute schrien mit und sämtliche Hunde erhoben ihre Stimme
Der Schlitten klingelte aus dem Hoftor und bog ein auf den Weg nach
Freudenstadt nicht die Kälte des Wintermorgens allein wars was die Tränen in
das Auge des Kandidaten lockte Er hatte seit so langen Jahren keine rechte
Heimat gehabt nun war eine solche für ihn gefunden es war kein Wunder dass
sein Herz sich heftig bewegte als der Turm von Grunzenow hinter den Dünenhügeln
verschwand als die Stimme der See allmählich schwächer und schwächer wurde und
zuletzt ganz verhallte und Grips der Schlitten und die beiden schwarzen Gäule
für jetzt von dem Zauberschloss am Meer allein übriggeblieben waren
Wir wollen die Reise des Kandidaten dieses Mal nicht beschreiben Sie war
beschwerlich genug und mancherlei Hindernisse versperrten den Weg zu der
nächsten Eisenbahnstation hinter Freudenstadt Hier war die Straße durch den
Schneefall unfahrbar gemacht dort zerbrach ein Rad des Postwagens und erst am
Abend des zweiten Reisetages bekam Hans Unwirrsch die feurige Dunstwolke über
der großen Stadt von neuem zu Gesicht Als der Zug in der Halle hielt die
Lokomotive zischend ihre Dämpfe ausgespien hatte und Hans aus dem Gedränge der
Reisenden seinen Weg ins Freie gefunden hatte war es zu spät um an dem
heutigen Tage noch einen Besuch in dem Hause der Geheimen Rätin Götz abzustatten
und das verzauberte Kind aus dem Drachenloch herauszuholen
Mit der Reisetasche über der Schulter lief aber der Kandidat durch den
verschneiten Park und an dem Hause vorüber Es hatte kein Zauberer aus dem Lande
Afrika die Wunderlampe gerieben und dem Genius der Lampe befohlen das Gebäude
mit der schönen Prinzessin aufzunehmen und in der Mandschurei niederzusetzen
Das Haus stand noch auf dem alten Fleck aber nicht ein Fenster daran war
erleuchtet es war als ob mit dem Herrn der letzte Schimmer von irgendwelcher
Lebendigkeit ausgelöscht sei es fror den Kandidaten Unwirrsch und beinahe
hätte er doch noch die Glocke gezogen um das arme Fränzchen auf der Stelle dem
dunklen Gebäude und der Frau Tante abzuverlangen
Er bezwang sich jedoch und bald befand er sich mitten in dem Getümmel der
Stadt auf dem Wege nach seiner Wohnung in der Grinsegasse Abermals setzte er
durch sein plötzliches Erscheinen seine Wirtin in das größte Erstaunen aber
frei von Wäsche und Kindergeruch fand er dieses Mal seine Hungerbuchstube
Da stand er in der Mitte des Gemaches An den Fensterscheiben glitzerten die
Eisblumen die Lampe die von der Wirtin angezündet war erhellte kaum die
Platte des Tisches die gläserne Kugel hing dunkel an der Decke
Es war so wunderlich so über alle Massen wunderlich hier zu stehen nach der
langen kalten Fahrt und an das veränderte Leben und an das Fränzchen zu denken
es war so wunderlich so über alle Massen wunderlich hier in dem kläglichen
Raume wach und vollständig bei klaren Sinnen zu stehen und doch nicht zu wissen
ob die Ostsee da vor dem Fenster sich bewege oder die große Stadt Trotzdem dem
Kandidaten Hans Unwirrsch einfiel dass er sich versprochen hatte fürs erste
nicht wieder dem gewohnten Tagträumen sich hinzugeben vermochte er nicht
diesem Spiel der Gedanken und Empfindungen zu widerstehen Er fühlte weder Kälte
noch Müdigkeit o wie hatte sich die Welt seine Welt verschoben seit jenem
Abend an welchem er von dem Kirchhofe zu Neustadt zurückkehrend die Karte des
Obersten von Bullau erhielt und im Grünen Baum die Neuntöter um Erklärung
derselben bat
Aber nun kam der Augenblick wo er sich ruhig hinsetzen und sich fassen
sollte Das vermochte er nicht Es trieb ihn immer von neuem auf es trieb ihn
um »als hätt er wen erschlagen« und die Unruhe stieg von Minute zu Minute
Weshalb war das Haus in der Parkstrasse so ganz dunkel Was konnte alles in
den letzten Tagen darin vorgefallen sein
Nun kam der Rückschlag nach den wonnigen Gefühlen Gedanken und Bildern der
Reise Es zerbrach der Becher so oft dem Menschen vor den Lippen Der Kranz
zerriss so oft in dem Augenblick in welchem ihn die Hand des Ringers berührte
Dieses Bangen diese dumpfe Furcht vor verborgenem Unheil war nicht zu
ertragen Hans Unwirrsch musste wieder hinaus in die Gassen um einen Menschen
zu suchen der ihm Nachricht von dem Hause des Geheimen Rates Götz Nachricht
von dem Fränzchen geben konnte
Es fiel ihm ein dass im Grünen Baum unter den Neuntötern Männer saßen die
in den Geschichten der Stadt nicht unerfahren waren der Oberst von Bullau hatte
ihm einen ganzen Sack voll Grüße an die Vögel mitgegeben Hans eilte nach dem
Grünen Baum Es schlug grade elf Uhr als er von Lämmert und dem Nest mit dem
gewohnten vergnügten Wohlwollen begrüßt wurde ehe er aber fragen durfte
hatte er lange Zeit selber zu antworten Was er dann in kurzen Worten erfuhr
reichte freilich hin ihn zur harmlosen Teilnahme an der ferneren Unterhaltung
der Neuntöter ganz und gar untauglich zu machen Ein früherer Kollege des
Geheimen Rates Götz der pensionierte Assessor Weitzel wusste dem Kandidaten
Unwirrsch die sichersten Mitteilungen über das Haus in der Parkstrasse zu machen
und da heute kein »Lügenabend« war so konnte sein Bericht vollkommen
glaubwürdig sein
Franziska Götz befand sich nicht mehr in dem Hause ihrer Tante sie hatte
es wie der Assessor aus lauterster Quelle wusste am Begräbnistage ihres Onkels
verlassen oder verlassen müssen
Wohin sie sich gewendet habe konnte der Assessor und Neuntöter Weitzel
nicht sagen Das Haus in der Parkstrasse stehe übrigens augenblicklich
verschlossen erzählte der Assessor die Witwe des Kollegen Götz habe sich für
die erste Trauerzeit mit ihrem Söhnchen zu einer alten sehr frommen Verwandten
in einen andern entlegenen Stadtteil zurückgezogen und man murmele und munkele
in der Stadt dass sie die Frau Geheime Rätin sehr zerfallen mit der Welt und
von nicht sehr angenehmer Laune sei Der Assessor war im Begriff seiner Rede
noch manches zuzusetzen aber da er von dem Fränzchen nichts weiter wusste so
war Hans nicht imstande es anzuhören und zu schätzen Der Kandidat Unwirrsch
erregte an diesem Abend durch seinen kurzen Abschied und sein tolles Fortstürzen
ein nicht geringes Aufsehen im Klub der Neuntöter Sämtliche Vögel fragten ihn
mit großem Geschrei ob ihn die Tarantel gestochen habe oder obs in seinen
Feldkessel regne da er so mit dem Deckel laufe Sie hätten aber noch viel lauter
schreien müssen um sich dem Kandidaten verständlich zu machen Er rannte den
Wirt Lämmert der einen Präsentierteller mit vielen Flaschen und Gläsern ins
Zimmer brachte fast über den Haufen Er befand sich vor der Haustür im Schnee
er rannte mit solcher Hast vorwärts als ob er wirklich überzeugt sei durch
möglichst rasche Beinbewegung dem Schicksal den Vorsprung abgewinnen zu können
Er verlor aber nur den Atem und hielt keuchend an einer Strassenkreuzung an Das
Laufen half zu nichts und Mitternacht war vorüber und langsam langte Hans in
seiner Grinsegasse wieder an nachdem ihm noch von einem verwunderten
Polizeimann der von einem Strassenwinkel aus auf Nachtschwärmer Betrunkene und
Diebe vigilierte die Versicherung gegeben worden war dass es im Polizeigebäude
ein Bureau gebe von welchem man gegen Erlegung von zweiundeinemhalben
Silbergroschen die Angabe der Adresse einer jeden in der Stadt sich aufhaltenden
Person erwarten könne
In welcher Weise der Kandidat den Rest dieser Nacht verbrachte entzieht
sich unserer Schilderung Er warf sich auf das Bett um wieder aufzuspringen
mit dem besten Willen konnte er keine Ordnung in seine toll gewordene Phantasie
bringen jeden Augenblick vernahm er ängstlichen kläglichen Hülferuf und immer
wars das Fränzchen das Von aller Welt verlassen krank hungrig und frierend
in der Dunkelheit klagte
Endlich endlich dämmerte der Morgen endlich endlich rollte der erste
Milchwagen gezogen von zwei unmutigen Hunden um die Ecke der Grinsegasse
endlich endlich war der Tag so weit vorgeschritten dass Hans sein Suchen nach
dem Fränzchen beginnen konnte
Er rannte natürlich trotz dem Berichte des Assessors Weitzel zuerst nach
der Parkstrasse und zog die Glocke an der Gartentür und stand mit klopfendem
Herzen und horchte Er stand und horchte vergeblich weder Jean noch ein anderer
zeigte sich das Haus war so stumm und tot wie die verschneite Fontäne auf dem
verschneiten Grasplatz Der Bäckerjunge welcher seinen Semmelkorb vorbeitrug
bestätigte die Erzählung des Assessors der Bäckerjunge erklärte »abbestellt«
zu sein und dasselbe erklärte die Milchfrau Der Briefträger kam mit einem
Briefe Kleopheas an die Tür und schob ihn achselzuckend wieder in seine
Ledertasche Hans Unwirrsch hätte viel darum gegeben wenn er das Geschrei des
grünen Papageis vernommen hätte aber der Papagei war ebenfalls gestorben oder
mit der gnädigen Frau zu der alten Kusine gezogen
Eine frühe Droschke nahm den Kandidaten auf und führte ihn viel zu langsam
für seine qualvolle Aufregung nach dem Polizeihause Der Brief Kleopheas war
noch an den Vater gerichtet wie ihm ein flüchtiger Blick auf die Adresse
gezeigt hatte der Poststempel trug das Wort »Paris« Den Kandidaten fror noch
mehr als er in dem klappernden Fuhrwerk das ihn durch die schmutzigen Straßen
trug an diesen Brief dachte dem sich die Tür des Hauses in der Parkstrasse auch
nicht geöffnet hatte der nie mehr an seine Adresse gelangen konnte
Wir haben das Zentralpolizeihaus bei einer andern Gelegenheit aber bei
ähnlichem Wetter geschildert und sind deshalb einer nochmaligen Beschreibung
überhoben Nach mehrfachen Fragen und längerm Umherirren in den endlosen
labyrintischen Gängen des Gebäudes fand Hans die gewünschte Tür und fand dazu
dass er nicht der einzige war der den Aufenthaltsort eines Nebenmenschen
ausfindig machen wollte
Sehr viele Menschen wissen nicht wo sehr viele Menschen wohnen Gläubiger
erkundigen sich mit unendlicher Zärtlichkeit nach den Schlupfwinkeln ihrer
Schuldner junge Mädchen mit verweinten Augen erkundigen sich nach jungen
Männern die plötzlich unerklärlicherweise ihre Wohnung gewechselt haben
Abgehärmte Weiber mit oder ohne Kinder erscheinen auch es kommen Lohndiener es
kommen Fremde Volk aus allerlei Völkern Tausenderlei Formen und Gestalten
nimmt die Frage an und es ist auch ganz und gar nicht selten dass die
hochlöbliche Polizei ihr Honorar einstreicht ohne es zu verdienen Selbst die
Polizei weiß sehr oft nicht wo sich der und der die und die aufhalten Es gibt
viele Leute die viele Kunst und viel Geschick drauf wenden sich und ihren
Aufenthaltsort allen polizeilichen und sonstigen Nachforschungen zu entziehen
Eine gute Stunde stand Hans und wartete bis die Reihe an ihn kam dann
reichte er seinen Zettel mit seiner Frage in das Gitter des Beamten und erhielt
nach fünfzehn weiteren Minuten den Zettel zurück mit der Antwort unter der
Frage
»Annenstrasse Nr 34 4 Treppen bei der Witwe Brandauer Wäscherin«
Das Papier war grau das Gekritzel der Polizeipfote im höchsten Grade
unkalligraphisch aber beides gab den glänzendsten Schein in der Hand des
Kandidaten still und warm wurde es ihm ums Herz verschwunden war alle Angst
und Unruhe da war Sicherheit Gewissheit da war das freie Fränzchen das
Fränzchen erlöst von den bedrückenden Banden des Hauses in der Parkstrasse
»Annenstrasse Nummer vierunddreissig vier Treppen hoch« Ein grimmiger Stoß
seines Hintermannes weckte den Kandidaten aus seiner Verzückung er wusste
wieder wo er sich befand und eilte fort da er den Zettel an dieser Stelle
doch nicht küssen konnte Wie ein Nachtwandler auf den Dächern so fand sich
Hans auf dem Wege nach der Annenstrasse zurecht Es war keine Zeit zwischen dem
Augenblick in welchem er das Gekritzel des Polizeibeamten las und zwischen dem
Augenblick in welchem er an die Tür klopfte hinter der Franziska Götz wohnen
sollte Ein Jahrhundert lag zwischen seinem ersten und seinem zweiten Klopfen
und eine Viertelstunde später saß er still neben dem Fränzchen beide Hände des
Fränzchens in den seinigen haltend und das Wichtigste war gesagt er hatte
sogar bereits das Mädchen geküsst Die Erde stand noch der Himmel war nicht
eingefallen aber die Sonne war auch nicht strahlend hinter dem winterlichen
Gewölk hervorgebrochen es war nicht auf der Stelle Frühling geworden und des
Fränzchens schwarzes Trauerkleid hatte sich nicht in ein lichtblaues Gewand der
Freude verwandelt
Sie hatten einander soviel zu sagen und wenn auch das Wichtigste in den
flüchtigsten Augenblicken ausgesprochen werden konnte so blieb doch viel viel
zurück was nicht an einem Tage in einer Woche oder einem Monat erzählt werden
konnte
Was Hans zu berichten hatte wissen wir wir wollen jetzt versuchen
nachzuerzählen was dem Fränzchen geschehen war und wie es lebte seit der
Kandidat Unwirrsch das Haus des Geheimen Rates Götz verließ und das ist um so
schwieriger da das Kind von sich selber eigentlich gar nicht sprach sondern
nur von den andern
Die Lebendigkeit welche Kleophea in dem Hause ihrer Eltern verbreitete war
eine unnatürliche gewesen das Licht welches ihr Dasein über die Umgebung
ausstrahlte war ein ungesundes irrwischartiges gewesen Als beides aber für
immer verschwand setzten sich Schweigen Kälte und Dunkelheit an dem trostlosen
Herde so dräuend nieder dass der tolle Leichtsinn all die buntschillernden
glänzenden Fehler des entflohenen Mädchens fast als Tugenden erschienen Die
frische Stimme der leichte Fußtritt das eilige Rauschen der seidenen Gewänder
auf den Treppen und in den Gängen waren verhallt aber der arme Vater und das
Fränzchen saßen doch horchten auf und senkten die Häupter wenn sie irgendein
anderes Geräusch für den Schritt der Verlorenen genommen hatten Am dritten Tage
nach der Flucht der Tochter trat die Mutter wieder aus ihren Gemächern hervor
und wenn sie früher noch einige bunte Zeichen weltlicher Eitelkeit an sich trug
so hatte sie solche jetzt vollständig abgelegt Sie war ein wenig hagerer und
gelblicher geworden aber sie hatte auch ihre Seele ausgekehrt kein Zug ihres
Gesichtes bewegte sich ihre Stimme war ein wenig hohler aber auch sie war von
aller sündhaften Leidenschaftlichkeit gereinigt und konnte im Notfall tonlos der
Welt den Anfang des Jüngsten Gerichtes und das ewige Verderben von neun Zehnteln
aller Geschaffenen verkünden Augenblicklich aber verkündigte die gnädige Frau
ihrem Gemahl ihrer Nichte und dem übrigen Hausstand nur dass der Name ihrer
Tochter nie mehr vor ihren Ohren genannt werden dürfe Sie ließ sich von ihrem
Gatten den Brief geben den Kleophea gleich nach ihrer Flucht geschrieben hatte
und zerriss ihn vor ihrem Hausgesinde Sie war sich keiner Schuld an der
verderblichen Charakterentwicklung Kleopheas bewusst sie konnte sich deshalb
jetzt auch vollständig von ihr lossagen der Gott welchem sie Aurelie von
Lichtenhahn angehörte sah es mit Wohlgefallen Die Mutter zürnte dem Doktor
Stein lange nicht so sehr wie ihrem Kinde und in den Zorn gegen das letztere
mischte sich sogar eine gewisse Befriedigung ein gewisser schrecklicher
Triumph Die Mutter hatte recht behalten in ihrer Antipathie alle Demütigungen
und alles Elend die der Tochter widerfahren mochten konnten nur das geheime
Gefühl der Befriedigung erhöhen Die Geheime Rätin konnte hier mit der Welt in
einer Weise abschließen bei der sich ein erkleckliches Gutaben ihrerseits
herausstellte und so schloss sie ab
Auch der Vater Kleopheas zog das Fazit seines Lebens ihm aber konnte
niemand helfen und er sich selber am wenigsten er war bankerott geworden und
leugnete es auch nicht Viel nutzlose Arbeit hatte er in seinem mühseligen Leben
gehabt nun ging er kummervoll und hungrig dem Grabe entgegen und sein einziger
Halt war die treue sanfte Hand des Fränzchens die er jetzt hielt wie sie auch
der tolle Felix in seinen letzten Schmerzenstagen gehalten hatte Das war eins
der tragischen Wunder welche auf dieser Erde geschehen dass das Fränzchen an
den Sterbebetten dieser beiden Männer saß die so verschiedene Pfade gegangen
waren um am Ziel ihres Daseins in gleicher Weise verloren bettelarm mit
leerer Hand und leerem Herzen aufgegeben von sich selber und der Welt
anzulangen Alles Licht was in ihre letzten Stunden fiel ging von diesem Kinde
aus es war der Engel welcher den Dürstenden den letzten Tropfen kühlen Wassers
in die Todesstunde trug welcher den Hungernden die letzte Labung reichte Sie
hatten ein jeder in seiner Art soviel erstrebt jeder hatte soviel gewinnen
wollen und als Almosen wurde ihnen das Herz dieses Kindes gegeben
Kleophea hatte an das Fränzchen geschrieben und Hans las den Brief Noch
sprach die alte Kleophea aus diesen flüchtigen Zeilen aber stellenweise
erschien bereits eine Gezwungenheit eine Befangenheit in den Herzensergüssen
und Schilderungen mit welchen die frühere Kleophea nichts mehr zu tun hatte
Das Weib des Doktors Teophile Stein erinnerte sich inmitten ihres jetzigen
bewegten Lebens an manche Einzelheiten ihres frühesten harmlosen Verkehrs mit
der Kusine dass dem Fränzchen darüber das Herz sehr schwer werden musste
Kleophea Stein schrieb von »einsamen herzweichen Stunden« in denen sie sich
solcher »minuties« erinnere und dann bat sie in dem nächsten Satze das Bäschen
den Papa zu küssen und ihm zu sagen dass sie »soviel soviel« an ihn gedenke und
dass sie ihn des Nachts im Traum in seiner Studierstube sehe und um ihn weine
Auf dieses folgte eine Beschreibung eines glänzenden Balles und eines Murillo im
Louvre dann kam eine Schilderung des kleinen Grafen von Paris sowie des
Bürgerkönigs Louis Philipp samt seinem Regenschirm und in Verbindung damit die
Frage wie Aimé den Verlust seiner Schwester ertrage Von der Mutter war in dem
ganzen Briefe nicht die Rede und der Doktor Stein erschien erst ganz gegen den
Schluss darin Es wurde von ihm gesagt dass er einen großen Kreis von Bekannten
und Freunden in Paris habe dass er dadurch oft länger vom Hause ferngehalten
werde als einer jungen Frau lieb sein könne dass sie Kleophea es aber
begreiflich finde und glücklich sei Noch sprach die Schreiberin von den
Erfolgen des Doktors in der deutschen Stadt und den Verbindungen daselbst Sie
sprach die feste Überzeugung aus dass alle Verwirrungen sich bald durch
gegenseitiges Entgegenkommen lösen würden und dass man die Hoffnung auf eine
»rosige Zukunft« nie aufgeben dürfe In einem Postskript würde der
liebenswürdige Herr Johannes Unwirrsch bestens gegrüßt und es wurde
hinzugefügt dass man ihm mancherlei abzubitten habe und dass man dafür in Zukunft
wohl ein ruhiges Stündchen finden werde In sehr wehmütiger Stimmung schloss der
Brief und unter tausend und aber tausend Grüssen und Küssen wurde das Fränzchen
gebeten das »dumme nichtsnutzige Gekritzel« zu zerreißen und in alle vier
Winde zu verstreuen damit es ihm gehe wie allem übrigen »Gedankenhirngespinst
der armen Kleophea« das auch zerrissen von allen vier Winden umgetrieben
durcheinanderflattere
Franziska hatte ebenfalls wieder einen langen Brief an die Kusine
geschrieben und in demselben mit Tränen treue Nachricht von den Zuständen im
Elternhause Kleopheas gegeben Franziska Götz schrieb mit blutendem Herzen über
den Vater und die Mutter doch den Doktor Teophile konnte sie nicht erwähnen
Von der Zukunft aber schrieb das Fränzchen ebenfalls es bat die Kusine in
keiner Not des Lebens zu vergessen dass das Fränzchen immer da sei um
mitzufühlen und mitzuleiden um zu trösten und wo möglich zu helfen
Diesen Brief hatte Franziska mit großem Bangen ganz verstohlen geschrieben
und längere Zeit währte es ehe sich eine Gelegenheit fand ihn der Post zu
übergeben denn wenngleich die Tante mit der Welt abgeschlossen hatte so war es
doch nicht leicht etwas gegen ihren Willen zu unternehmen und auszuführen und
die Geheime Rätin Götz wollte nicht dass jemand aus ihrem Hause mit der
entflohenen Tochter Briefe wechsele
Das Fränzchen erzählte nicht wie schwer ihr von der Tante das Leben gemacht
worden war aber selbst die schwächsten Andeutungen genügten dem Kandidaten
Heiss und kalt überlief es ihn wenn er sich vorstellte was das arme Mädchen zu
erdulden hatte während er in seiner Stube in der Grinsegasse in seinen
Phantasien mit der Pfeife im Munde auf und ab spazierte und zwischen seinen
Gedanken an das Fränzchen an sein großes Manuskript dachte Das Billett das
er nach Empfang des letzten Schreibens des Oheims Grünebaum an den Geheimen Rat
richtete hatte dieser nicht erhalten Jean hatte es aufgefangen und die
gnädige Frau hielt es nicht für nötig Gemahl und Nichte davon in Kenntnis zu
setzen Den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum hatte Franziska
dagegen richtig durch die Zeitung erfahren und Hans und Fränzchen sprachen in
der Annenstrasse von der guten Base und dem biederen Oheim
Ach der Tod ist uns nichts Neues mehr sagte Fränzchen »Beide haben wir oft
den kalten Flügelschlag über und neben uns gehört es ist mancher Platz leer
geworden uns zur Seite Es ist so traurig o so traurig Serrez les rangs
sagten die alten Soldaten die in Paris meinen Vater besuchten wenn sie hörten
dass wieder ein Kamerad gestorben sei Es ist ein böses Kommandowort in der
Schlacht denn die kommenden Kugeln fahren immer wieder durch geschlossene
Kolonnen aber es ist doch ein gutes Wort im Leben serrez les rangs wir
sollen die Liebe die wir den Toten mit ins Grab geben nicht den Lebenden
entziehen «
»Nein nein nein« rief Hans »das sollen wir nicht Was für eine trostlose
Welt würde das geben wenn die Toten alle Liebe mit sich hinabnähmen in die
Gruft Das wird geschehen wenn die Erdenuhr ablaufen will und dann erst wird
es recht sein aber dann werden auch alle Sonnen und Sterne ihre leuchtenden
Augen abwenden es wird dunkel werden und kalt immer dunkler und kälter dann
wird es recht sein dass jeder Hunger jedes Sehnen unter sich geht dass alle
Liebe mit in den Sarg gelegt wird Dann dürfen auch die letzten Blumen im Garten
zu den Totenkränzen gebrochen werden es wird ja niemand übrigbleiben der noch
seine Lust an ihnen haben könnte«
»Den Gestorbenen welche die gute alte Frau in den Gassen sah gehört dann
die Welt in der es kein Sehnen mehr gibt in der alles ausgeglichen ist« sagte
Franziska »Sonne und Sterne haben dann der neuen Welt ihr Antlitz zugewendet
und alle Nachtigallen der Erde steigen als Lerchen dort wieder aufwärts«
Sie sprachen nun von dem Tode des Onkels Theodor Franziska erzählte wie
seine Kräfte täglich abnahmen wie er aber auch täglich mehr von seinem früheren
förmlichen Wesen verlor wie er so gern von seinem elterlichen Hause seinen
beiden Brüdern sprach und wie er einen Brief an den Onkel Rudolf anfing ihn
aber nicht zu Ende bringen konnte Franziska erzählte wie der Onkel Theodor den
Brief Kleopheas sich geben ließ und ihn bis zu seiner Todesstunde in der
Brusttasche seines Frackes trug nachdem jenes erste Schreiben welches
anlangte als Henriette Trublet das Haus in der Parkstrasse verließ von der
Gattin zerrissen worden war
Am neunten Dezember morgens acht Uhr fand Jean seinen Herrn vollständig
angekleidet im schwarzen Frack und mit weißer Halsbinde tot vor seinem
Schreibtisch sitzend und erfüllte das Haus mit seinem Geschrei Die Frau Geheime
Rätin kam und war sehr gefasst sie sandte zu dem Hausarzt der auch nur sagen
konnte dass der Herr Geheime Rat tot sei und dann sandte sie zu ihrem Notar
Aimé schrie jämmerlich und schlug mit Händen und Füßen aus als man ihm seinen
Vater zum letztenmal zeigen wollte Die Dienerschaft gehorchte zum erstenmal dem
Fränzchen ohne Widerstreben das Fräulein war von der Tante Aurelie mit der
Besorgung des Begräbnisses beauftragt worden und die Dienerschaft scheute sich
vor dem Toten in ähnlicher Weise wie der arme Aimé
Auf dem Schreibtisch an welchem sitzend der Geheime Rat Götz starb fand
man unter seiner erkalteten Hand die noch im Krampf die Feder hielt einen
Stempelbogen auf welchem die Worte standen
»Ich vergebe «
Dann hatte die Feder in der Hand des vom Tod Getroffenen einen Strich über
das Blatt gemacht der Geheime Rat hatte nicht schreiben können wem und was er
vergebe Seine Witwe nahm das Blatt an sich ohne zu sagen wie sie darüber
denke Sie die Witwe erklärte auch dass es genüge den Verwandten ihres Gatten
den Todesfall durch die Zeitung anzuzeigen
Es war schade dass das Fränzchen das Leichenbegängnis des Geheimen Rates
nicht schilderte denn es ging im höchsten Trauerstil vor sich Die Spitzen der
Gesellschaft und der Justiz erschienen in Person dazu oder schickten doch
wenigstens ihre Kutschen aber das Fränzchen saß im Hause in der Studierstube
ihres Onkels und weinte Sie allein weinte wirklich alle andern waren nur ein
wenig betäubt durch den Duft von Königsräucherpulver und Chlorkalk
Zweiunddreissigstes Kapitel
Das war ein Wunder über alle Wunder so hoch oben in der Annenstrasse bei der
Frau Brandauer zu sitzen Hand in Hand während es wieder anfing zu schneien
und von allen diesen Dingen und von dem was kommen sollte zu sprechen
»Du armes Kind was hast du alles erlitten« rief Hans »aber nun sage mir
auch wie du in diesen Raum gekommen bist wer dich hierhergeführt hat O Gott
wie du gelebt hast in den letzten Tagen Es ist so kalter Winter und der
geringste Vogel hat sein Nest das ihn vor der Kälte birgt dich aber hat man
hinausgejagt «
Franziska schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf
»Ich bin aus eigenem Willen gegangen« sagte sie »Man hat nicht das Fenster
geöffnet und gerufen Da flieg Rotkehlchen Ich bin freiwillig gegangen und
niemand hätte mich in jenem Hause zurückhalten können Ach es ist nicht viel
gewesen was ich mit meinem Herzen und mit meinen Händen tun konnte und als das
Haus nach dem Begräbnis des guten Onkels wieder in Ordnung gebracht war da
konnte ich gar nichts mehr tun Mich fror so sehr in des Onkels Studierstube
und einen andern Aufenthaltsort gab es nicht mehr für mich im Hause denn mein
Stübchen hatte ich an ein altes Fräulein das von der Kusine der Tante zum Trost
geschickt war abtreten müssen und dieses Fräulein nahm auch alle Besorgungen
die sonst mir anvertraut gewesen waren über sich Die Tante sah ich fast gar
nicht mehr Ich hatte kein Recht mehr in diesem Hause seit der Onkel tot war
und ich bin fortgegangen«
»Und du hattest niemand um dir zu raten um dir zu helfen« rief Hans aber
das Fränzchen lächelte zum erstenmal ganz fröhlich
»Oh bin ich nicht eine fast ebenso tapfere und gewandte Pariserin wie die
arme Henriette Trublet Ich war nicht ganz von Geld entblößt und dann bin ich
ja auch das Kind des Kapitäns Götz die Tochter des abenteuernden Soldaten und
Freiheitskämpfers Es wäre nicht sehr ehrenvoll für mich gewesen wenn ich
meinen Weg nicht gefunden hätte Ach Gott trotz dem tiefen Schmerz um den Onkel
fühlte ich mich ja frei meine eigene Herrin es durfte niemand mehr zwischen
mich und mein Gefühl treten alle schweren Ketten waren von mir abgefallen Und
wahrlich es war etwas von meines Vaters wildem Mut und Geist an dem Tage in
mir an dem ich unter meinem Regenschirm auszog um mir ein Schlupfwinkelchen zu
suchen Ich habe dieses gefunden und nun gesessen während der letzten Tage und
habe der guten Frau Brandauer viele wunderliche Fragen über mein junges Dasein
beantworten müssen aber wir sind gut miteinander fertig geworden und haben
einander ordentlich ins Herz geschlossen Ich habe an Kleophea und an den
Herzensonkel Rudolf geschrieben jetzt werden sie die Briefe wohl erhalten
haben ach und ich wollte ich wäre jetzt bei Kleophea«
Sie sprachen mit leiser Stimme von dem Doktor Teophile Stein und wie er
auftreten werde nun seine Frau von der reichen Mutter verstoßen und enterbt
worden sei Das Fränzchen weinte bitterlich über das Los der unglückseligen
Kleophea und draußen schneite es immerzu es sollte ein harter böser Winter
über die Welt kommen
Sie standen jetzt am Fenster und sahen auf das Gestöber schweigend standen
sie eine geraume Weile
»Es ist ein weiter Weg nach Grunzenow« sagte Hans »Es wird auch ein
beschwerlicher Weg sein Wie willst du die Mühen bestehen mein Lieb Jetzt
wollte ich wohl ich besäße den Zaubermantel dass ich ihn um dich schlagen und
dich warm darin über das weiße winterliche Land forttragen könnte«
Fränzchen hob das Gesichtchen zu dem Freunde empor und lächelte durch die
Tränen welche es um Kleophea Stein geweint hatte
»Deine Liebe ist ja der Mantel in welchem du mich an dein Herz genommen
hast Wie könnte mich frieren an deinem Herzen in deiner Liebe Und dazu soll
ich eine Heimat an jenem Orte finden ich die ich niemals eine rechte Heimat
gehabt habe ich die ich vom Leben immer so barsch hin und her geschoben worden
bin durch Mangel und Überfluss durch allen Wirrwarr und Zwiespalt Wie könnt ich
den Schnee den Winter fürchten unter deinem Mantel Johannes an deinem
Herzen«
»O Liebe Liebe« rief Hans »ja du hast recht wir sind gefeit gegen allen
Erdenfrost und sturm Wir hören den Wind brausen aber wir fühlen ihn nicht «
»Und den Onkel Rudolf werde ich sehen endlich endlich werde ich ihn
wiedersehen Auch an seinem Herzen bin ich so sanft gebettet Gottes Segen über
ihn« fuhr das Fränzchen fort »Und den guten Oberst und den guten alten Pastor
werde ich sehen O Johannes wie großen Dank sind wir denen schuldig Es ist so
märchenhaft schön o Gott und das schönste ist dass aller Kinderlebensmut dazu
wieder herabgekommen ist vom Himmel Ach wäre nicht Kleophea die helle reine
Kinderfreude käme auch wieder herab O Johannes Johannes habe mich recht
lieb recht recht lieb«
Johannes Unwirrsch antwortete nicht auf diese letzten Worte des Fränzchens
aus dem einfachen Grunde weil er es nicht konnte Er nahm die Braut nur fester
in die Arme und sie barg ihr Gesicht an seiner Brust
Erst nach einiger Zeit sprachen sie weiter von dem Weihnachtsschnee und
davon dass es ganz und gar nicht recht sei sich vor ihm zu fürchten Sie
sprachen von dem Onkel Rudolf dem Obersten von Bullau samt seinem Grips und
seinen Hunden sie sprachen von dem trefflichen Pfarrherrn Josias Tillenius und
bis ins einzelnste beschrieb Hans nach besten Kräften Land und Leute zu
Grunzenow an der Ostsee Er beschrieb das Dorf den Gutshof und das
Pastorenhaus vor allem aber suchte er den Eindruck zu beschreiben welchen das
Meer auf ihn gemacht hatte
»Ich fürchte mich nicht vor dem Meer« sagte Franziska »Manchmal kommt es
mir ganz traumhaft vor dann bin ich ein ganz kleines Mädchen in den Armen
meiner Mutter dann sehe ich den Mond aufsteigen über den schwarzen Wassern und
eine lebendige tanzende Lichtstrasse wird bis zum Horizont Es ist wunderlich
des Meeres im Sonnenlicht kann ich mich nicht mehr entsinnen obgleich ich es
oft gesehen haben muss auf der langen Fahrt von Montevideo bis HavredeGrâce Ich
entsinne mich auch keines Sturmes obwohl wir einen sehr grimmigen auszuhalten
hatten wie mir mein Vater nachmals erzählt hat Das Schiff hieß der Amphitryon
und im Jahr achtundzwanzig oder neunundzwanzig kamen wir nach Paris zurück Ich
freue mich so sehr auf das Meer es hat mich gar sanft geschaukelt in meiner
allerfrühesten Kindheit«
»Du hast soviel gesehen soviel erfahren mein Lieb« sagte Hans ganz
kleinmütig »Eine halbe Weltumseglerin bist du und was ist alles in Paris vor
den Fenstern deines Stübchens vorübergezogen Du hast so reiches buntes Leben
kennengelernt und nun ziehe ich dich mit mir in die tiefste Armut und
Einsamkeit wo wir nur die alten Freunde die armen Fischersleute die See und
uns selber haben«
»O welch ein Reichtum welch eine weite weite Welt« rief das Fränzchen
die Hände faltend »Wie hätte ich in meinen kühnsten Träumen hoffen können so
überschwenglich reich so unsäglich glücklich in so weitem Wirkungskreis zu
werden O Johannes wer hätte es gedacht dass wir beide so glücklich werden
könnten Aber wir wollen auch glücklich machen wir wollen nicht selbstsüchtig
nur in uns allein leben unsere Herzen sollen in unserer Liebe nicht enge
werden wir wollen Liebe und Glück geben und beide sollen nicht weniger
werden«
»Das wollen wir« sagte Hans feierlich und in seinen Gedanken stand er
wieder im nächtlichen Schneetreiben mit dem Pastor von Grunzenow an der Mauer
der dunklen Hütte in der kein Licht mehr brannte auf deren Herde kein Feuer
mehr glimmte deren Leben erloschen war für alle Zeiten
Es schneite immer lustiger Die Kinder in der Gasse sprangen und jauchzten
in dem wirbelnden Gestöber Ein schwarzer Rabe flatterte über die Dächer setzte
sich auf einen Schornstein schüttelte den Schnee von den Fittichen und schrie
mit heiserer Stimme sein Behagen in die Welt hinaus Hans hielt sein Mädchen
umschlungen und immer tiefer und tiefer versanken alle die dunklen Zeichen und
Merksteine auf ihren jüngst durchschrittenen Wegen Trotz der frischen Gräber
trotz der armen Kleophea wurden Hans und Fränzchen immer mehr und mehr von der
sichern Ruhe des Glücks überkommen Hans sah sich in dem Stübchen seiner Braut
um und verglich es mit seinem Aufenthaltsort in der Grinsegasse er zeigte sich
als ein ungemein würdiger und aufmerksamer Haushalter und Beobachter bis das
Fränzchen zu seinem großen Unbehagen nach dem Hungerbuche fragte
Er wehrte sich anfänglich so gut als möglich gegen die Fragen bis er
endlich zwischen Lachen und Erröten gestand wie es mit dem Ding bestellt sei
und wie oft er das vortreffliche Schriftstück wieder zerrissen habe
Nun war es sehr hübsch wie das Fränzchen für das berühmte aber leider noch
nicht in Erscheinung getretene Werk Partei nahm und das Wort ergriff
Der Kandidat Unwirrsch konnte nur leise auf die Zeit der Musse zu Grunzenow
hindeuten und mit Behagen auch in dieser Hinsicht herrliche und liebliche Dinge
in Aussicht stellen nachdem er wieder einmal alle Zweifel an der Möglichkeit
der saubersten Vollendung der Handschrift niedergekämpft hatte
Nun ließ sich ein nicht sehr leichter Schritt auf der Treppe vernehmen es
klopfte an der Tür und eine recht martialische Frau trat ohne den Hereinruf
abzuwarten ein setzte den schweren Marktkorb nieder und verwunderte sich nicht
wenig über den Besucher ihres »Fräuleins« Als sie aber mit Namen Stand und
sonstigen Eigenschaften und Würden des jungen Herrn bekannt gemacht worden war
erheiterte sich ihr Blick sie reichte dem Kandidaten zum Gruß eine Hand die
ihn lebhaft an die arbeitsselige Hand seiner Mutter erinnerte Und der Geruch
von Seife und frischer Wäsche welchen die Frau Brandauer in das Zimmer
mitbrachte musste ihn ebenfalls ganz und gar anheimeln Hans erkannte zu seiner
hohen Freude dass das Fränzchen wirklich hier in gute Hände gefallen sei und dass
das Geschick freundlich über sie gewacht habe
Er stattete der Frau Brandauer seinen und des Herrn Leutnants Götz besten
Dank ab wurde aber grob angeschnauzt und gefragt was er sich denke ob solch
ein liebes Fräulein einem nicht vom Himmel auf die Seele gebunden würde wie ein
verlorenes Königskind
Die Frau Brandauer verlangte den Dank des Herrn Leutnant Götz und des Herrn
Kandidaten Unwirrsch nicht aber sie ließ den ersteren Herrn bestens grüßen
empfahl sich seinem »gnädigen Wohlgefallen« und ließ ihm sagen dass sie
verhoffe er werde dankbar für den Schatz sein den ihm der liebe Gott in dem
lieben Fräulein verliehen habe
Darauf hätte sie den Kandidaten sehr entrüstet fast beim Kragen genommen
weil er »sich nicht schämte in solcher Jahreszeit und bei solchem Wetter solch
eine arme herzige junge Dame zu den Mongolen Tartaren und Lappländern wollens
und nollens zu schleppen« Sie bat das Fränzchen ja die Sache dreimal zu
überlegen hier sei der Ofen warm und jede Hyazinte besehe sich bei solchem
Wetter den Schnee am besten durchs Fenster Als ihr der Gedanke kam dass es »da
oben« sogar noch Wölfe und Bären gebe wurde sie von ihren fast
mütterlichsorglichen Gefühlen so sehr überwältigt dass alle tröstenden
Versicherungen des Kandidaten und Franziskas sie nicht beruhigten und nur die
Frage ob es möglich sei den Herrn Johannes zum Mittag einzuladen konnte sie
wieder zum Bewusstsein und auf die Füße bringen
Es musste möglich sein und es war möglich Ein köstlicheres seligeres Mahl
hatte man dem armen hungrigen Kandidaten noch niemals in seinem Leben bereitet
Immer märchenhafter wurde die Welt immer märchenhafter Das geringste Gerät in
dem Gemach und auf dem Tische war wie ein Stück Hausrat aus dem Haushalt der
guten Feen der guten Waldmütterchen alles hatte ein Etwas an sich was nicht
aus der Werkstatt der Fabrik oder dem Kaufmannsladen stammte Hans Unwirrsch
würde sich gar nicht verwundert haben wenn das irdene Salzfass einen Tanz um die
Suppenschale begonnen wenn die Suppenschale ihm und der Braut aus der Tiefe
ihres Bauches Glück gewünscht hätte und wenn der Rabe der vorhin sich auf dem
Schornstein niederließ und den Schnee von den Flügeln schüttelte an das Fenster
gekommen wäre um dem Brautpaar einen Gruß aus dem Reich der Zwerge und zwei
goldene Ringe von dem Könige der Bergkobolde zu überbringen
Dass er Hans Unwirrsch dabei unaufhörlich an jene Zeit denken musste in
welcher er ebenfalls an des Fränzchens Seite aber an dem Tische der Frau
Geheimen Rätin Götz gesessen hatte vermehrte nur noch den Zauber des
Augenblicks Zu kurze Wochen waren seit jenen hässlichen Tagen vergangen als dass
es nicht gespensterhaft aus ihnen in die blühende Gegenwart herübergehaucht
hätte aber dieses Gruseln gehört zu dem Märchenbehagen wie alles andere
Es wurde nun das Nähere über die Reise nach Grunzenow verabredet und die
Frau Brandauer gab auch ihren besten Rat dazu Es war jedoch nicht viel zu
bereden nachdem die Stunde der Abfahrt festgesetzt worden war Fränzchens
Habseligkeiten hatten in einem winzigen Koffer Raum sie war mit noch weniger
Gepäck belastet als Hans da sie keine Bibliothek mit sich herumschleppte wie
dieser gelehrte Tebaner Auf den kürzesten Wink konnte sie ein echtes
Soldatenkind zu jedem Marsch bereit sein
O über diesen kleinen Koffer Er wurde dem Kandidaten Unwirrsch gezeigt und
der Kandidat Unwirrsch stand daneben und sah auf ihn und das Fränzchen welches
kniend den Deckel abhob um dem Freunde das Miniaturbild ihrer Mutter und den
polnischen Orden des Weißen Adlers ihres Vaters zu zeigen O über diesen armen
kleinen Koffer So zierlich geglättet und gefältelt so sorglich
eingeschachtelt und künstlich an seinen Ort gelegt erschien alles darin Wie die
Zaubernuss die drei Ballkleider und eine sechsspännige Kutsche mit Kutscher
Läufer und Lakaien barg war dieser Koffer eine ganze behagliche und
wohleingerichtete stille und friedliche Haushaltung stieg in der Phantasie des
Kandidaten daraus hervor und hundert freundliche Geisterchen flogen empor
summten um des Kandidaten Haupt und flüsterten ihm von dem Meer dem Gutshof und
dem Pfarrhof von Grunzenow vom knisternden Feuer am Winterabend von der
zerzausten Laube im Pfarrgarten am heißen Sommernachmittag von diesem und jenem
so vielerlei so bunt durcheinander ins Ohr dass er sich auf den nächsten
Stuhl setzen musste weil ihm Kopf und Herz zu sehr aus dem Gleichgewicht
gerieten
Nicht das geringste fand sich was das Fränzchen hätte hindern können schon
am folgenden Tage mit dem Mittagszug dem Kandidaten nach Grunzenow zu folgen
immer märchenhafter immer märchenhafter wurde das Leben je klarer und
einfacher es sich gestaltete Nun waren gar die Stunden zu zählen bis zu dem
Augenblick in welchem Hans die Braut aus dieser Stadt die ihnen beiden so
wenige freundliche freudige Tage aber dabei das höchste Glück ihres Lebens
gegeben hatte fortführen konnte Nun kam der Abend und die Lichter flammten
auf in der Annenstrasse und es leuchteten alle Fenster hinaus auf den weißen
Schnee der keinen Schritt und kein Geröll der Räder laut werden ließ Die Frau
Brandauer zündete ebenfalls ihre kleine Lampe an und der Tag der für den
Kandidaten Hans Unwirrsch in so großer Unruhe Verwirrung und Angst begonnen
hatte neigte sich in Seligkeit und im süßesten Frieden seinem Ende zu
»Jaja« seufzte die Frau Brandauer »junges Volk will seinen Weg gehen es
liegt einmal so in der Natur. Wer hätte gedacht Herzensfräulein als Sie
neulich so leise leise an meine Tür klopften und fragten ob hier das Stübchen
wäre das in der Zeitung stände wer hätte gedacht dass Sie dem Stübchen und der
alten dummen Witwe Brandauer so bald wieder untreu werden würden O je o je
Herr Kandidate da in der Tür stand das Fräulein in ihrem schwarzen Kleide wie
ein Engel und die Händchen waren so kalt und die Füße und wir alle zwei beide
standen und sahen uns an und dann gab es mir einen Knuff in den Rücken wie von
oben und ich knickste und sagte Ja und der Nachbar Grillmann auf der andern
Seite des Ganges hintenheraus habe mir geholfen es in die Zeitung zu bringen
Da haben wir denn diese Wochen zusammengehalten wie zwei gute Leute Ach Gott
das Beste vergeht immer am schnellsten und der Sommer dauert einem lange nicht
so lange als der Winter und so ist denn keine Hilfe morgen sitze ich wieder
allein und diese Stube ist wie ein alter leerer Scherben in dem das
Winterröschen ausblühte«
»Wir wollen einander nie vergessen« rief Franziska die Hand der guten Frau
gerührt drückend »Der liebe Gott hat mich zu Ihnen geführt und Sie haben die
Fremde empfangen wie eine Mutter ihre Tochter in der Verlassenheit aufnehmen
würde Ich will auch immer wie eine Tochter an Sie denken liebe liebe Frau
Brandauer«
Die gute Witwe lachte und weinte und küsste das Fränzchen
»Herzchen es wäre ja das größte Unrecht wenn ich Ihnen das Glück
missgönnte so einem kleinen ängstlichen abgejagten Vögelchen Herr
Kandidate Gott hat Ihnen ein gutes Gesicht gegeben und so hoffe ich dass er
Ihnen ein gutes Herz dazu geschenkt hat in Gottes Namen denn nehmen Sie das
Fräulein mit sich fort und Gott helfe Ihnen beiden weiter anjetzt durch den
Schnee und dann durchs liebe lange Leben bis in die ewige Seligkeit und ich
will an diese Tage und Wochen denken als ob ich ein Zeichen in mein Leben
gelegt hätte wie ins Gesangbuch«
Hans dankte der guten Frau aus vollem Herzen für ihr Vertrauen und ihre
guten Wünsche dann aber musste er der Nachbarn wegen und vorzüglich des
Nachbars Grillmann wegen der ein ziemlich neugieriger und naseweiser Patron zu
sein schien für diesen Abend Abschied nehmen Wie schwer er sich von dem
Stübchen im vierten Stockwerk der Nummer vierunddreissig in der Annenstrasse
trennte wollen wir nicht beschreiben wie er dann unten im Schnee stand die
Hand auf das jubelnde Herz drückte und nach dem Lichte in der Höhe starrte
wollen wir der Einbildungskraft der Leser überlassen Wie er berauscht vom
Glück es möglich machte die Grinsegasse zu finden wie er seiner tauben Wirtin
die Wohnung kündigte wie er seinerseits seine Sachen zusammenpackte und die
Glaskugel des Vaters vorsichtig von der Decke nahm wie er die letzte Nacht in
der Grinsegasse schlief das alles mag der Leser sich ebenfalls ausmalen Der
Morgen fand ihn wach aufgeregt und reisefertig der Mittag fand ihn an des
Fränzchens Seite im Eisenbahnwagen
Und die Sonne schien auf den Schnee es war sehr kalt und die Schaffner und
die Reisenden hatten sehr rote Nasen Rotgeweinte Augen hatte die Frau
Brandauer die mit dem Taschentuch zum Abschied winkte
Ja junges Volk will seinen Weg gehen Ein letzter Gruß für die brave Frau
aus der Annenstrasse ein letzter Blick auf das zurückbleibende
Menschengedränge »Alles fertig vorwärts«
Dreiunddreissigstes Kapitel
Es war der vierundzwanzigste Dezember und alle die jungen Damen welche
Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen für den Rücken gestickt
hatten die Seelen der Männer der jungen und alten zu fangen nach dem Wort
des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel Vers siebenzehn und achtzehn
waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge die da kommen
sollten Es warteten sehr viele Leute große und kleine auf kommende gute
Dinge der Himmel war am Morgen und Mittag so blau wie man es sich nur
wünschen mochte die Sonne bestrahlte glitzernd die weiße Weihnachtswelt und
färbte sich erst am Nachmittag blutrot als sie in den aufsteigenden Nebel
hinabsank Es schien als ob die Sonne es wisse dass hunderttausend Christbäume
auf ihren Niedergang warteten und es schien als ob sie gutmütigfroh ihren
Lauf beschleunige Um fünf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stückchen
feuriges Gold hinter dem Horizont versunken der Heilige Abend war da war
endlich gekommen nachdem sich Millionen Kinderherzen so lange nach ihm gesehnt
hatten Um fünf Uhr läuteten alle Glocken im Lande den morgenden Festtag ein
und die Kuchen waren fertig es wurde Friede in der Brust auch der
scheuereifrigsten Hausfrau Um sechs Uhr stand jeder festlich geschmückte
Tannenbaum in vollem Lichterglanz und wer noch froh und glücklich sein konnte
der war es gewisslich um diese Stunde in welcher sich das Himmelreich derer die
da sind wie die Kinder auch dem trübsten Blick öffnet und das dunkelste Herz
hell macht
Das war ein Reisetag Das war ein Tag um der Heimat zuzueilen Hans
Unwirrsch und Fränzchen Götz bedurften keines Zaubermantels keines
übernatürlichen Beförderungsmittels mehr der Postwagen oder vielmehr
Postschlitten der sie gen Freudenstadt führte war selber ein zauberhaftes
Vehikel das dreist mit Oberons fliegender Muschel mit dem fliegenden Koffer
der arabischen Märchen mit dem hölzernen Gaul auf welchem der Ritter Peter mit
dem silbernen Schlüssel und die schöne Magelone ritten es aufnehmen konnte
Hans hatte sich als der trefflichste Reisemarschall erwiesen sowohl während der
Eisenbahnfahrt als auch am vergangenen Abend im Gasthof zu wo er das
Fränzchen unter den besondersten Schutz der vornehmen Frau Wirtin stellte und
die freundliche Versicherung erhielt dass das Fräulein unter keinem Dach in der
Welt sicherer und behaglicher schlafen solle Richtig wurde es ihm am andern
Morgen vergnüglich und wohlbehalten überliefert sie nahmen Abschied von der
wackeren Frau Wirtin die dem Fränzchen noch einen Sack mit heißem Sande »der
kalten Füße wegen« nach dem Postofe schickte sie fanden ihre Plätze auf dem
Postschlitten und fuhren hinein in den vierundzwanzigsten Dezember ohne die
Lerchen am klaren hellblauen Himmel zu vermissen
Wahrlich war die Post und der Weg nach Freudenstadt verzaubert Hans
Unwirrsch der doch beides ziemlich genau kennengelernt hatte erkannte beides
nicht wieder Die Juden schienen bei solcher Kälte nicht zu reisen und die
Passagiere die unterwegs einund ausstiegen waren mit ihren mannigfaltigen
Paketen Schachteln und Körben in heiterster Weihnachtsstimmung und der alte
joviale Herr welchem der Hanswurst der den Enkel am Abend erfreuen sollte aus
der Brusttasche guckte konnte schon allein die Beschwerlichkeiten der Reise zu
einem Spaß machen
Der Weg war vortrefflich und kein grober Bauer brauchte mit seinen Gäulen
Vorspann zu leisten Auf der glatten Bahn flog der Schlitten pfeilschnell dahin
und die Postillione wurden nicht müde ihre Weihnachtsstimmung durch
Peitschengeknall und wohlgemeinte Hornmusik kundzugeben Durch alle Orte durch
welche die Post fuhr war vor ihr der Weihnachtsmann geschritten und jedermann
sah aus als ob er ihm so lange als möglich nachgesehen habe Auch der
bösartigste Stallknecht vor den Postaltereien hatte sein Gesicht zu einem
Grinsen verzogen dessen letzte Ursache nicht etwa in einem extraordinär nobeln
Trinkgeld zu suchen war
An solchem Tage mussten die letzten Gedanken an die trübe Vergangenheit mit
ihren Kirchhofskreuzen aus der Brust entweichen Die reine weiße Decke des
Schnees hatte sich über die Gräber gebreitet und der Sonnenschein glitzerte
darauf die Toten feierten die ewige Weihnacht jenseits der niederen Hügel und
auch jenseits des Sonnenscheines Anton und Christine Unwirrsch die Base
Schlotterbeck der Oheim Grünebaum der Geheime Rat Theodor Götz Felix Götz und
des Fränzchens Mutter hatten nichts dagegen dass Hans und Fränzchen am Fest der
Kinder froh und selig wie Kinder der irdischen Weihnachtsfreude ihre Herzen
öffneten
Da waren die großen Nadelholzwälder und sahen heute ganz anders aus als an
jenem dunkeln Tage an welchem der Kandidat sie zum erstenmal durchfuhr Das
wilde Schwein das vom Rande des Forstes grunzend in den Schatten zurücktrabte
die Hasen die komisch eilig über den Schnee hüpften der Zug Schneegänse der
mit Geschrei über den Wald zog alles machte einen angenehmen Eindruck auf das
Gemüt Nur vergnüglich wars heute dem Fränzchen die Stelle zu zeigen an
welcher während der ersten Reise nach Grunzenow der Wagen im Schlamm
steckenblieb und wo der erzürnte Vorspannbauer erst den Juden durchprügelte und
dann das Wort Gottes den Kandidaten Hans Unwirrsch am Kragen nehmen wollte
Welch ein ander Ding war die Heide im sonnbeglänzten Weihnachtsschnee als
die Heide über welcher der Novembernebel lag Welch ein ander Ding war die
Stadt Freudenstadt am vierundzwanzigsten Dezember als am trüben Tage des Wind
und Reifmonats an dem der Kandidat Unwirrsch zum erstenmal das Vergnügen hatte
ihren Kirchturm am Horizont auftauchen zu sehen
Ja da war die Stadt Freudenstadt wieder und vor dem Tor stand wachehaltend
ein mächtiger Schneemann und sämtliche versammelte Jugend begrüßte die
heranklingelnde Post mit langhallendem Jubelgeschrei Auch durch das Tor von
Freudenstadt war der Weihnachtsmann den Reisenden vorangeschritten und jedes
Gesicht das hinter den Fenstern der Gasse durch welche das königliche Postorn
erschallte erschien und neugierig der Post nachsah musste ihn gesehen haben Da
war der Marktplatz von Freudenstadt »Frisch auf Kameraden aufs Pferd aufs
Pferd« blies der Schwager und hielt mit einem Ruck die Gäule zehn Minuten vor
der durch den Postzettel dem Publikum kundgemachten Zeit an es war der
vierundzwanzigste Dezember
Hans Unwirrsch hatte keine Zeit an die merkwürdige Pünktlichkeit der
Freudenstädter um zwölf Uhr mittags zu denken und das Fränzchen damit bekannt zu
machen
Wer stand im Schnee vor der Tür der Postalterei
Ein Mann der ganz und gar aussah wie der Weihnachtsmann und jedenfalls ein
Vetter oder sonst ein naher Verwandter von ihm war Ein Mann in hohen
Wasserstiefeln Pelzrock und Pelzmütze Ein Mann mit Pelzhandschuhen und einer
qualmenden kurzen Tabakspfeife ein Mann der beim Anblick des Kandidaten
Unwirrsch unzweifelhafte Zeichen ungemeiner Befriedigung und hohen Vergnügens zu
erkennen gab ein Mann bei dessen Anblick der Kandidat Unwirrsch die Hand
Franziskas fassend rief
»Der Herr Oberst von Bullau«
»Ja er selber Hurra wo ist mich das Wurm Das ist es Komm raus
Herzenskind Komm her Liebchen Dies ist unser Fränzchen Götz Vivat nochmals
und abermals Gott grüß dir Liebchen und sei tausendmal willkommen und
Tausendschwerenot vom Erdboden stammst du wohl nicht«
Die letzte Frage war sehr erklärlich der Oberst hatte den Schlag des
Postschlittens aufgerissen hatte die junge Dame in die Arme gefasst um ihr
einen Schmatz zu geben und ihr das Aussteigen zu ersparen Nun hielt er die
leichte Last hoch in den Lüften und verwunderte sich ehe er sie auf den Boden
absetzte und das Fränzchen sträubte sich gar nicht gegen seine rauen
Liebesbezeugungen
»Schätzchen Schätzchen haben wir dir« rief der Oberst von Bullau »Das
ist mir mein Christkind Ein Hurra für den Leutnant Rudolf Götz und sein
Fräulein Schreit mit ihr Dickköpfe«
An das versammelte Volk von Freudenstadt war die Aufforderung gerichtet und
das Volk schrie mit
Der Oberst drückte nun auch dem Kandidaten die Hand gab ihm einige
wohlmeinende vielsagende Ellenbogenstösse und verkündete dass der Onkel Rudolf
»wohl bis aufs Pedal« sei und mit Grips das Haus Grunzenow auf den Kopf stelle
Er verkündete dass das Frühstück bereit sei im Polnischen Bock und dass der
Schlitten von Grunzenow ebendaselbst warte Mit ritterlichem Anstand führte er
das Fränzchen über den Marktplatz von Freudenstadt und alle Honoratioren von
Freudenstadt gerieten in die grösstmöglichste Aufregung über den alten Krieger
und das fremde Fräulein Die seltsamsten Vermutungen wurden darüber angestellt
alle Damen einigten sich jedoch sehr bald dahin dass der Oberst des ehelosen
Lebens müde geworden und dass die arme junge Braut gekommen sei »sich die
Heidenwirtschaft in Grunzenow anzusehen« Die guten Seelen bedauerten das
Fränzchen sehr und hätten ihre Meinungen dem Oberst im Polnischen Bock den
Appetit verderben können so würde der wackere Kriegsmann gewiss nicht so
seelenvergnügt von Freudenstadt abgefahren sein wie er daselbst ankam
Nun aber zeigte es sich weshalb der Wirt zum Polnischen Bock einen solchen
Respekt vor dem Namen des Obersten von Bullau hatte Ein solcher Gast musste ein
Segen für jedes Wirtshaus in der Welt sein ein solcher Gast fuhr nicht alle
Tage vor um Küche und Keller zu revidieren
Der Polnische Bock befand sich in einer Aufregung wie ein Ameisenhaufen den
ein Stockschlag oder Fußtritt traf Es roch gut und nahrhaft im Polnischen Bock
es war aber kein Wunder wenn Hans und Franziska über das Frühstück des Obersten
von Bullau ein wenig erschraken der Oberst hatte ihren Hunger sehr überschätzt
Weihnacht Weihnacht Wir lassen das Fränzchen und den Obersten genauere
Bekanntschaft machen bei diesem trefflichen Frühstück um ihnen und dem
Kandidaten vorauszueilen nach Grunzenow an der See wo der Leutnant Rudolf vor
Ungeduld vergehen will und dem treuen Grips das Leben sauer macht
Das Meer im Weihnachtssonnenschein ist auch eine Vorstellung, die das Herz
weiter machen kann Auch durch das Dorf Grunzenow war der Weihnachtsmann
geschritten und hatte grüne Tannenzweige vor den Hütten des seefahrenden Volkes
verloren Der Rauch der aus den Schornsteinen in die kalte Luft stieg sah aus
als ob er mehr als an andern Tagen zu bedeuten habe die Seevögel die Kinder
die Alten und der Pastor Ehrn Josias Tillenius der durch das Dorf humpelnd
fast vor jeder Tür stehenblieb wussten was sie von diesem Tage zu halten
hatten
Wenn wir das Dorf verlassend und hinter dem Pfarrherrn her zu dem
Herrenhause emporsteigend den Hof daselbst betreten so dürfen wir starr
stehenbleiben vor Verwunderung
Auch auf dem Hofe von Grunzenow stand ein riesenhafter Schneemann und hielt
Wacht vor einer aus grünen Tannenbäumen und Tannenzweigen künstlich errichteten
Ehrenpforte über der ein noch dunkles Transparent das Fränzchen und den
Kandidaten Unwirrsch willkommen hieß Das Hausgesinde schien das Fieber zu
haben die Hunde wussten augenscheinlich dass etwas Aussergewöhnliches im Werke
sei die Aufregung des Leutnants Götz aber kannte keine Grenzen und musste jedem
mit den Verhältnissen Unbekannten nicht wenig bedenklich erscheinen
Der körperliche Zustand des Leutnants hatte sich so weit gebessert dass der
biedere Krieger mit Hilfe eines Krückstockes in wohlwattierten Pelzstiefeln
umherhinken konnte und das war ein großes Glück denn in seinem Rollsessel
hätte er es an dem heutigen Tage nicht ausgehalten Seit vier Uhr morgens war er
auf den Beinen um das was in dem Kastell noch auf dem Kopfe stand auf die
Füße zu stellen wobei ihm Grips an der Spitze des verwilderten Hausvolks
hilfreich zur Hand ging während der Oberst sich zur Fahrt nach Freudenstadt
rüstete
Haus Grunzenow war nicht wiederzuerkennen seit dem Tage an welchem Hans
Unwirrsch es verlassen hatte um das Fränzchen zu holen Man hatte »das
Weibervolk hereingelassen« und es war gekommen mit Besen und Bürsten mit Lauge
und Seife mit warmem und kaltem Wasser und mit dem besten Willen dem Greuel
der Sünde und der Schande ein Ende zu machen Als das Aufgebot ins Dorf
gelangte wäre Grips der es hinabtrug beinahe ein Opfer desselben geworden
Die Frauen hätten ihn fast erdrückt sie stürzten sich auf ihn wie das
Tagesgevögel auf die Eule die unvorsichtigerweise um Mittag ihren Schlupfwinkel
verließ Sie wollten und konnten zuerst gar nicht glauben was er ihnen
verkündete und er der mit großem Ekel vor ihrem Geschrei sich die Ohren
verstopfte war nicht imstande mit seinen erhobenen Ellenbogen sich gegen den
übermächtigen Andrang zu wehren Glücklicherweise erschien Ehrn Josias Tillenius
zu seiner Hilfe und in langem Zuge zogen die Weiber bewaffnet wie wir bereits
schilderten nach dem Hofe und es bewährte sich für den Oberst und den Leutnant
wieder einmal das schöne alte Sprichwort vom Teufel dem man den kleinen Finger
gibt
Es war keine Kleinigkeit das Haus Grunzenow zu scheuern Wenn das Alter
ehrwürdig macht so waren der Schmutz der Staub der Schimmel das Wurmmehl und
die Spinnengewebe gewiss im höchsten Grade ehrwürdig sie wichen aber auch nur
den hartnäckigsten Angriffen Von allen Treppen rauschten die Wasserströme in
allen Gemächern wirbelte der Staub die Hunde verkrochen sich heulend in die
entlegensten Winkel um den Besenstielen zu entgehen das Hausgesinde kroch
fluchend in den Ställen zusammen und der Oberst und der Leutnant die sich »die
Sache doch nicht so vorgestellt« hatten retteten sich mit einem wohlgefüllten
Flaschenkorb und einem entsprechenden Knastervorrat in das Pfarrhaus und ließ
Grips wie den grimmigsten aller Tritonen unter den Wasserweibern zurück mit dem
Auftrag »Meldung zu tun« wenn »die Arche wieder auf dem Trockenen sitze« Zwei
Tage hindurch saß Grips auf dem Treppengeländer seinen Trost in diesem Jammer
weniger an einem Muschelhorn als an einer dickbäuchigen Flasche echten alten
Wacholders findend Am Ende des zweiten Tages sanken die Wasser und gegen den
Mittag des dritten Tages meldete sich der »Faktotus« auf der Pfarre und zeigte
an »dass das Haus rein die Bestialität zu Ende und das Frauengezimmer wieder
abgezogen sei«
»Gott straf mir meine Herrens« sagte Grips »schöne ists aber besser
roch es doch sonst Grüne Seife Herr Oberst allgemeiner Rasiertag
Regimentswäsche Herr Leutnant Sehr schöne meine Herren kein Hund wagt mehr
fest aufzutreten«
»Grips« sagte der Oberst von Bullau »Grips der Herrgott weiß am besten
was nem Menschen und nem alten Soldaten gut ist Propperté ist ne angenehme
Tugend«
»Mit Maß zu Befehl Herr Oberst« erwiderte Grips gebrochen Der Leutnant
wurde samt dem leeren Flaschenkorb wieder in den Schlitten gehoben die beiden
alten Herren zogen in Begleitung des Pastors wieder in das alte Kastell ein
alle zwei und vierfüssigen Hausbewohner krochen mit Graus und Gewinsel aus ihren
Schlupflöchern hervor
»Alle Hagel Alle Hagel« rief der Oberst einmal über das andere als er aus
einem Gemache in das andere schritt
»Alle alten Herrens möchten sich an der Wand umdrehen« seufzte Grips
wehmütig zu den Ahnenbildern des Hauses Bullau empornickend
»Aber die Damen Grips aber die Damen« lachte Ehrn Josias Tillenius
fröhlich und rieb sich die Hände »Seht die Damen Grips Sie haben noch nie
seit ich die Ehre habe sie zu kennen so frisch und vergnügt ausgesehen
Wahrlich Bullau es tat Eurem Bau not dass einmal in solcher Art Kehraus
gemacht wurde«
»An der Hofmauer liegts« seufzte Grips »Viertehalb Fuder sechs Scheffel
Pröppe und drei Sack Tabaksasche dabei ist n Elend und Jammer aber eine
Merkwürdigkeit ists auch«
»Eine Prinzessin könnte auf dem Fußboden niedersitzen« schrie der Oberst
plötzlich in Ekstase geratend »Hurra Rudolf jetzt kann das Mädel mit dem
Schwarzrock einrücken Hurra jetzt wirds mich aber Tag auf Grunzenow«
Der Leutnant stand auf den Füßen als kenne er das Podagra noch nicht einmal
dem Namen nach er schwang den Krückstock und die Kappe und schrie ebenfalls
hurra aus vollem Halse aber die Tränen standen ihm in den Augen Der Pastor sah
auch mit glänzenden Augen von dem Boden zur Decke und von einem der beiden
greisen Kriegsgefährten auf den andern
»Es ist uns eine gute Stätte bereitet für unsere alten Tage« sagte er
leise »Schlagt ein Kameraden Wir haben gut zusammengehalten und es soll so
bleiben bis zum letzten«
Die drei alten Hähne schüttelten sich energisch die Hände und dann
erkundigte sich der Oberst besorglich ob die Weiber auch nicht über den Keller
geraten seien und erhielt von Grips die beruhigende Versicherung dass der
Schlüssel nicht aus seiner Tasche gekommen sei Bei einer dampfenden Bowle
Punsch wurde die Reinigung des Hauses Grunzenow gefeiert und bei ebenderselben
ein Kriegsrat gehalten übel die Frage was nunmehr weiter zu beginnen sei um
dem Kind den Aufenthalt in der Wüste behaglich zu machen letzt war der Pastor
der Mann dessen Meinung den Ausschlag gab Er bezeichnete das Eckzimmer von
welchem aus man den weitesten Blick über Land und Meer hatte als das Gemach in
dem sich das Fränzchen am heimischsten fühlen werde Er bezeichnete die Möbel
mit welchen dieses Zimmer auszufüllen sei und versprach aus seinem Pfarrhause
einen Beitrag dazu zu liefern
Des Leutnants Hirn siedete und kochte auch er brachte mancherlei Vorschläge
zur Verschönerung und Wohnlichmachung des Kastells an den Tag aber gleich den
Plänen des Obersten litten diese Vorschläge meistenteils an einer
Abenteuerlichkeit die dem Pfarrherrn öfters ein höchst behagliches doch
kopfschüttelndes Lächeln entlockte
Grips wurde nach Freudenstadt gesendet um allerlei notwendige Dinge zu
holen Mit hochbepacktem Schlitten kam er zurück und bewies dass er ein Mann von
Geschmack wenn auch vielleicht ein wenig zu sehr »für das Bunte« sei Es wurde
viel geklopft und gehämmert auf Haus Grunzenow der weibliche Hausstand wurde
vermehrt und verbessert Am dreiundzwanzigsten Dezember war alles zum Empfang
des jungen Gastes bereit und das Stübchen welches der Kandidat und
demnächstige Adjunktus Hans Unwirrsch auf der Hungerpfarre bewohnen sollte
war ebenfalls aufs beste ausgekehrt und eingerichtet
Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember fuhr der Oberst nach Freudenstadt
das ankommende Paar daselbst in Empfang zu nehmen während der Leutnant der
Pastor und Grips die Errichtung des Schneemanns und der Ehrenpforte
beaufsichtigten und noch andere wichtige Vorbereitungen trafen
In zappelnder Ungeduld Hast und Aufregung verbrachte der Leutnant Götz den
Tag Die Vorstellung, dass nunmehr sein Fränzchen ihm wiedergegeben werden
sollte der Gedanke dass sich nun niemand mehr trennend zwischen ihn und das
arme Kind drängen dürfe trieben ihn alle Augenblicke von seinem Sessel in die
Höhe jagten ihn alle Augenblicke ans Fenster oder vor die Tür Der Rollsessel
war ein überwundener Standpunkt oder vielmehr Sitzpunkt es zeigte sich wieder
dass die Hoffnung und die Freude die besten Ärzte sind Der Leutnant Rudolf Götz
war einfach außer sich und seine Unruhe brachte nicht nur den Pastor Tillenius
sondern sogar den praktischen unbeweglichen Grips aus dem Gleichgewichte
Vergeblich zitierte der Pfarrer aus der Pfarrbibliotek und ermahnte zur
Selbstbeherrschung Fassung und Geduld vergeblich erklärte Grips dass sich
die Zeit nicht vorschieben lasse dass die Laterne im Kopf des Schneemanns die
Lampen hinter dem Transparent die Lichter an der Weihnachtstanne im großen Saal
zum Anzünden bereit dass die Böller geladen und Petersen und Gerd Klassen zum
Losbrennen gerüstet seien Weder die Ermahnungen des Pastors noch die
Versicherungen des Hausmeiers von Grunzenow brachten den Leutnant zur Ruhe und
als ihm gar noch um drei Uhr des Nachmittags einfiel dass das Fränzchen den
jungen Papen habe »ablaufen« lassen und dass der Oberst von Bullau »solus« von
Freudenstadt heimkehren werde da bedurfte Ehrn Josias Tillenius seiner ganzen
Beredsamkeit und Überzeugungskraft um den Onkel Rudolf vom Haarausraufen
zurückzuhalten
Hussa Die Rappen des Obersten von Bullau wurden im Polnischen Bock mit
derselben Aufmerksamkeit behandelt wie ihr Herr der noch dazu gewohnt war
selbst im Stall ihre Verpflegung zu überwachen Hussa Mit freudigem Wiehern
galoppierten sie über die glatte Bahn ohne das Geknall der Schlittenpeitsche
und das Hallo des Obersten für eine Drohung zu nehmen Das war eine andere Fahrt
als jene auf dem elenden Marterfuhrwerk des Wirtes zum Polnischen Bock Der
Oberst befand sich in der allerbesten Stimmung auch seine ganze Seele hatte das
Fränzchen bereits gewonnen er nannte es sein Kind sein Liebchen sein Lamm er
fragte es einmal über das andere ob es ihm auch niemals gereuen werde ihm und
dem Onkel Rudolf und »dem da« in ein so wildes wüstes Nest zu folgen er
schalt es dass es ihn den Oberst und den Onkel Rudolf und den Pastor Tillenius
so lange bei den Seelöwen und Klabautermännern allein habe sitzenlassen Er
stieß alle fünf Minuten den Herrn Kandidaten Unwirrsch in die Rippen und nannte
ihn einen »ganz merkwürdigen Burschen« er zog ihn am Ohr und erinnerte ihn
grinsend an die Rede die er neulich dem Leutnant gehalten habe es war ein
Wunder dass der Oberst von Bullau den Schlitten nicht um und den Kandidaten und
das Fräulein in den Schnee warf
Nun war der Augenblick da in welchem die rote Sonnenscheibe hinter der
weißen Heide versank
»O sieh sieh Johannes wie schön« rief Franziska Es stieg der Mond
hinter dem Hünengrabe empor und wie im Traum sprach Hans Unwirrsch
»Viele Menschen und Könige sind da geschlachtet in der Riesenzeit von den
Riesen«
Und wieder erscholl durch die Dämmerung die große Stimme des Meeres erst
dumpf in weiter Ferne dann immer näher und lauter
Nun war die Stunde in der alle Christbäume im deutschen Lande aufflammten
die rechte Stunde um in ein neues glückliches Dasein mit freudigvollem
dankbarbewegtem Herzen einzuziehen Nun saß die Freude nieder an jedem Herd an
welchem sie nicht bereits die Sorge die Krankheit den Hass den Neid und den
Tod sitzend fand wahrlich es war die Zeit um hungernd nach Frieden und
Liebe die Heimat zu erreichen
Das böse Moor lag hinter den Reisenden schnaufend arbeiteten sich die
Pferde die letzten Hügelreihen hinan Hans hatte den Arm um seine Braut gelegt
es war allmählich sehr kalt geworden und die Luft war so rein der Mond schien
so hell dass weithin jeder Gegenstand sich aufs schärfste von der
schneebedeckten Erde abhob
Auf dem letzten Dünenhügel dicht am Wege stand eine dunkle Gestalt und
»Kreuzhimmeldonnerwetter« schrie der Oberst von Bullau die Zügel mit aller
Kraft fassend Ein Blitz und ein Knall Das war einer der Böller des Hauses
Grunzenow und die dunkle Gestalt war der Posten den Grips aufgestellt hatte
das Nahen des Schlittens zu verkünden
Die Gäule bäumten sich und schlugen aus es bedurfte aller Geschicklichkeit
des rossekundigen Obersten um sie zu beruhigen
»Hier mal ran Wer war mich denn dieser knallende Satan« rief der Oberst
und die dunkle Gestalt kam im kurzen Trab an den Schlitten um sich zu melden
»Hurra für Grunzenow« schrie der Oberst eine Rakete stieg jenseits des
Hügelrückens auf Grips mit den Seinigen meldete sich ebenfalls der Schlitten
erreichte die Höhe des Weges und das weiße Ufer das Meer im Mondenschein und
die hellen Hüttenfenster von Grunzenow lagen vor den Blicken des Fränzchens
»Da sind wir Willkommen zu Hause mein Liebling« rief der Oberst und gab
dem jungen Mädchen wiederum einen herzhaften Kuss gegen welchen es sich wiederum
nicht wehrte Hügelabwärts gings durch das Dorf klingelte der Schlitten
Weihnacht Weihnacht Glanz und Lichter der Weihnacht aus allen Fenstern
Weit auf stand das Hoftor von Grunzenow an dem Hans Unwirrsch einst so
lange hämmern musste Grimmig leuchtete die Laterne aus Augen und Maul des
Schneemanns Willkommen rief mit feurigen Lettern der Triumphbogen des
Tausendkünstlers Grips Willkommen brüllte aus rauen Kehlen das Hofgesinde
Die Böller krachten die Hunde bellten der Leutnant Rudolf Götz hielt sein
Kind in den Armen und hätte es fast erdrückt und erstickt Ehrn Josias Tillenius
hatte sich des Kandidaten Unwirrsch bemächtigt und flüsterte ihm ins Ohr
»Eheu eheu sudores et cruces Johannis Unwirrschii Ei ei ei ei das
ist sie Gott segne dich Hans das ist sie«
»Jaja das ist sie« rief Hans Unwirrsch und der Leutnant Rudolf
wiederholte dasselbe und legte das Fränzchen in die Arme des alten Pfarrherrn
von Grunzenow
Der Oberst schritt von einem zum andern und schüttelte sich und den Freunden
fast die Hand ab Grips zog grinsend den Mund bis zu beiden Ohren auseinander
und beleuchtete die Gruppe als gerührter Statist
Da war der große alte Saal des Hauses Grunzenow Die beiden riesenhaften
holländischen Kachelöfen glühten ein riesenhafter Christbaum glänzte im Schein
von hundert Wachslichtern Weihnacht Weihnacht Ein solches Weihnachtsfest
hätte das Haus Grunzenow seit hundert Jahren nicht erlebt
Unter der Weihnachtstanne saß Fränzchen Götz umgeben von den drei greisen
Männern und ein liebliches Bild wars Die altersschwarzen Jägerbilder auf den
Tapeten schienen zu lächeln es lächelten aus ihren dunkeln Rahmen die grimmigen
Herren und die zierlichen Frauen von Bullau und Hans Unwirrsch lächelte auch
aber durch Tränen
Viel war nun zu bereden Vergangenes und Zukünftiges doch jetzt musste
sich ja eine Zeit für alles finden für Leben und Tod wie der Oberst von Bullau
sagte Weihnacht Weihnacht das Fränzchen unter dem Christbaum zu Grunzenow an
der Ostsee Wenn der Kandidat Unwirrsch am nächsten Morgen nicht in der
Grinsegasse vier Treppen hoch unter dem Dach erwachte so hatte sich der Ring
seines Glückes geschlossen
Vierunddreissigstes Kapitel
Das Meer und nicht die große Stadt bewegte sich rauschend am andern Morgen vor
den Fenstern Hans Unwirrschs doch wollte er es anfangs nicht glauben Lange vor
seinem Erwachen redete das Meer in seine Träume hinein und ihm träumten
wunderliche Dinge Die ganze Nacht hindurch hatte er sich gegen das rätselhafte
Sausen und Brausen zu wehren das in der Ferne sich erhob und heran und
heraufschwellend ihn zu ersticken drohte Die ganze Nacht hindurch kämpfte er
gegen dieses geheimnisvolle Etwas dieses Gewirr von tausend und aber tausend
Stimmen in dem seine eigene Stimme so machtlos verklang wie der Hülferuf eines
Kindes im wildesten Orkan Es war wie eine Erlösung als er endlich erwachte und
nicht mehr zweifeln durfte dass er die See höre und nicht das Geräusch der Welt
durch die ihn sein Lebensweg geführt hatte
Nachdem es ihm zur Gewissheit geworden war dass er sich unter dem Dach der
Hungerpfarre zu Grunzenow und nicht in der Grinsegasse oder gar in dem Hause in
der Parkstrasse befinde lag er noch eine geraume Zeit mit halbgeschlossenen
Augen und überließ sich dem wonnigen Gefühl des sichern Glückes und den
süßwehmütigen Gedanken und Erinnerungen die immer und immer so unauflöslich
mit diesem Gefühl verbunden sind. Der Augenblick der dem Menschen seinen Gewinn
zeigt lehrt ihn auch seinen Verlust am deutlichsten erkennen Wie viele treue
Herzen und warme Hände fehlen uns immer in der besten Stunde
Es war noch ganz dunkel als Hans erwachte nur der Schnee erhellte ein
wenig die Nacht Hans brauchte nicht die Schatten der Toten mit Blut zu tränken
um ihnen Stimme zu geben er brauchte sie nicht zu rufen sie kamen freiwillig
er aber legte ihnen Rechenschaft ab an diesem Christmorgen
Ein gebeugter hagerer Mann mit mildem ernstheiterem Gesicht stand vor
seinem geistigen Auge der Meister Anton Unwirrsch der so großen Hunger nach
dem Licht gehabt hatte und der in seinem Sohne sein Dasein seine Wünsche und
Hoffnungen vollenden wollte »O Vater« sagte Johannes »ich bin den Weg
gegangen den du mir gewiesen hast und habe mich in harter Arbeit abgemüht die
Wahrheit zu erfassen Viel habe ich geirrt und Ratlosigkeit und Kleinmut haben
mich oft erfasst ich habe nicht mit stetigem Schritte vorwärts schreiten
können Die Welt war mir ein zu großes Wunder als dass ich so keck und kühn wie
andere nach ihren Schleiern und Hüllen greifen konnte sie erschien mir zu
ernst und feierlich als dass ich ihr gleich andern mit Lächeln entgegentreten
konnte Vater wer aus so armen niederen Häusern kommt wie wir dem darf man es
nicht vorwerfen wenn er die erste Strecke seines Weges nur scheu und zögernd
zurücklegt wenn ihn Nichtigkeiten blenden wenn ihn falsche Trugbilder
verwirren wenn ihn Irrlichter verlocken Vater wer unter so niederm Dach
hervortritt wie wir der muss im Guten oder im Bösen ein starkes Herz haben um
nicht nach den ersten Schritten aufwärts wieder umzukehren und in der Tiefe
sein dunkles Leben weiterzuführen Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen
die er erwirkt dienen nur dazu den Einklang seines Wesens zu zerstören sie
machen ihn nicht glücklich Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den
Zweifel an sich selber O Vater Vater es ist schwer ein rechter Mensch zu
sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben wer aber mit der Sehnsucht
danach in der Tiefe geboren wird der wird doch eher dazu kommen als jene die
zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich
unbekannt und gleichgültig bleibt Aus der Tiefe steigen die Befreier der
Menschheit und wie die Quellen aus der Tiefe kommen das Land fruchtbar zu
machen so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt O Vater
der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben
Ohne es bleibt er immerdar Erde von Erde genommen in ihm und durch es richtet
er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf in ihm reicht er wie wenig
es auch sei was er erlange allen himmlischen Mächten die Hand in ihm steht er
auf der winzigsten Scholle in dem engsten Kreise als Herrscher des
unendlichsten Gebietes da als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja
Gewinn in seinem Leben und der Schmerz ist so edel oft edler als das Glück
die Freude Vater ich bin meinen Weg in Unruhe gegangen aber ich habe die
Wahrheit gefunden ich habe gelernt das Nichtige von dem Echten den Schein von
der Wirklichkeit zu unterscheiden Ich fürchte mich nicht mehr vor den Dingen,
denn die Liebe steht mir zur Seite Vater segne deinen Sohn für seinen
künftigen Weg und bitte für ihn dass der Hunger der ihn bis hierher geleitet
hat ihn nicht verlasse solange er lebt«
Mit allen seinen Gestorbenen Verkehrte Hans an diesem dunkeln Christmorgen
ehe die Dämmerung kam Sie schritten im langen Zuge vorüber und er dankte jedem
für das was er von ihm als Mitgabe für den Lebensweg erhalten hatte Dass die
Mutter die kleine Sophie der Armenlehrer Karl Silberlöffel die Base
Schlotterbeck und der Oheim Nikolaus Grünebaum vorübergingen und ihm lächelnd
zunickten das war kein Wunder aber es war fast ein Wunder wie viele andere
Leute aus dem Dunkel hervortraten um ihr Teil an seinem Werden und Wachsen in
Anspruch zu nehmen Es war ein Wunder an wie vielen Stätten die Geschichte
seiner Bildung haftete wie weit zurück oft der Ausgangspunkt jeder Seelenregung
lag Erst in diesen Augenblicken sah Hans so recht ein wie reich sein
bisheriges Leben gewesen war welchen Reichtum er aus der versunkenen Welt
seiner Jugend aus der mit der Base Schlotterbeck und dem Oheim versunkenen Welt
von Neustadt aus der versunkenen Welt seiner Wanderjahre mit hinübernahm in das
neue Leben zu Grunzenow an der Ostsee Immer neue immer wechselnde Bilder und
Gestalten zogen vorüber und stiegen herauf als die Kirchenglocke von Grunzenow
anfing zu läuten
Die Glocke von Grunzenow der neuen Heimat Die Glocke der Weihnachtskirche
Aufrecht saß Hans Unwirrsch auf seinem Lager und horchte sein Herz klopfte
und alle Pulse schlugen Nach Herz und Hirn drängte sich alles Blut o
Fränzchen Fränzchen
Alle Kindheitsgefühle waren in der Brust des Mannes wach geworden Ehe er
die Treppe hinabstieg kniete er nieder und barg minutenlang stumm das Gesicht
in den Händen er hörte es nicht dass die Tür hinter ihm sich öffnete
In seinem schwanen Predigerrock trat der alte Josias in die Kammer und
setzte leise das Licht das er trug neben die Lampe des Kandidaten Regungslos
stand er solange die kleine Glocke läutete solange Johannes Unwirrsch neben
seinem Bette kniete Als die Glocke schwieg und der junge Hausgenosse das Haupt
wieder erhob legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte gerührt indem er
sich zu ihm niederbeugte
»Es ist ein glückliches Zeichen unter solchem Geläut zu neuer Arbeit neuen
Sorgen neuem Leben zu erwachen Mein lieber lieber Sohn sei mir willkommen in
diesem armen und doch so reichen diesem so begrenzten und doch so grenzenlosen
Wirkungskreise Gott gebe dir Kraft und Segen an diesem Strand unter diesen
Hütten unter diesem Dache Gott behüte dich in deinem Glücke und segne dich im
Leid«
Zum zweitenmal läutete die Glocke als Hans an der Seite des greisen
Pfarrherrn die Stufen emporstieg die hinter dem Pastorenhaus auf den Kirchhof
des Dorfes führten Quer über den Kirchhof ging der Weg zur Kirche und zwischen
den weißen Gräbern und den schwarzen Kreuzen welche auch alle Schneehauben
trugen blieben die beiden geistlichen Herren stehen um auf das Dorf
zurückzuschauen Das Meer rauschte in der Finsternis aber im Dorf war fast
jedes Fenster erleuchtet und ein reges Leben herrschte auf dem Kirchwege Aus
seinen Hütten stieg das Volk der Fischerleute zu seiner Kirche empor Greise
Männer Weiber Kinder Sie kamen mit Laternen und Lichtern und wenn die
Erwachsenen die Älteren im Vorüberschreiten mit vertraulicher Ehrerbietung
ihren Pfarrherrn grüßten so kam fast jedes Kind zu ihm heran um ihm die Hand
zu geben er aber kannte sie alle bei ihrem Namen kannte ihre kleine kurze
Lebensgeschichte und hatte fast für jedes ein anderes Liebkosungswort Von Zeit
zu Zeit zögerte einer der Erwachsenen auf dem Wege oder wandte sich seitwärts
um seine Laterne niederzusetzen und sich über eins der verschneiten Gräber zu
beugen dann war der Pfarrherr von Grunzenow an der Seite der Trauernden und
sprach ihnen leise zu und die Sterne lächelten am schwarzen Winterhimmel und
es war als ob das Meer sanfter rausche
Zum drittenmal zog der Küster von Grunzenow den Glockenstrang als wieder
eine größere Gruppe in die Kirchhofspforte trat und Grips wars der hier die
Laterne vortrug Ritterlich führte der Oberst von Bullau das Fränzchen an der
Spitze seiner Hofleute und sagte als Hans Unwirrsch vor ihm stand und Grips
seine Laterne erhob um die Begrüßung zu beleuchten
»Also pflegt der Mensch auszusehen der nicht sagen kann wie wohl ihm
zumute ist Da Herr Kandidatus da habt Ihr Euer Mädchen ich wünsche Euch
fröhliche Feiertage und viel Pläsier damit«
Hand in Hand gingen Hans und Fränzchen mit den andern Leuten von Grunzenow
in die kleine Kirche wo der Küster bereits vor der Orgel saß Auf dem kurzen
Wege konnte Franziska dem verlobten und Hans der Braut wirklich nicht sagen wie
ihnen zumute sei aber beide wussten es doch Den schönsten Gruß von Onkel Rudolf
bestellte jedoch das Fränzchen unter dem Christbaum im Kastell saß der Onkel
mit seiner Pfeife und hatte seine Weihnachtsgedanken so gut wie alle andern
Wohl hundert Lichter erhellten die kleine Kirche niemand hatte sein
Lämpchen beim Eintritt ausgeblasen und wunderbar feierlich erschien die
Versammlung dieser Gemeinde am Ufer der See
Auf einer der vordersten Bänke dicht vor dem Altar und der Kanzel saß der
Kandidat Unwirrsch neben seiner Braut und dem Obersten von Bullau nieder und
sang im rauen Chor der Fischer das alte Weihnachtslied mit bis zum Ende bis
unter den letzten Klängen der Orgel und des Gesanges Ehrn Josias Tillenius auf
seine Kanzel trat um seine Weihnachtspredigt zu halten bis alle die von der
Sonne gebräunten vom Sturm und Wetter zerbissenen Gesichter der Männer bis
alle die ernsten Gesichter der Frauen bis alle Kinderaugen sich zu dem alten
treuen Berater und Tröster emporhoben Und keiner der berühmten und beliebten
Redner die Hans in der großen Stadt gehört hatte keiner der berühmten
Professoren die ihm auf der Universität so viele gute Lehren gaben hätte eine
trefflichere Rede halten können als der Greis von der Hungerpfarre zu Grunzenow
der sich in der Bibliothek seiner Vorgänger nicht zurechtfinden konnte und dem
die moderne Wissenschaft der Theologie ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
war
Mit jenem Gruß der Engel über welchen kein anderer in der Welt geht grüßte
er seine Gemeinde »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen« Dann wünschte er allen Glück zu dem hohen Feste den
Jungen wie den Alten den Greisen wie den Kindern und er hatte recht als er
einst zu Hans Unwirrsch sagte dass es ein seltsam Ding sei wenn einem Pastor
das Meer in seine Worte klinge Er sprach von dem Guten und Bösen was geschehen
sei seit man vor einem Jahre diesen Tag feierte er sprach von dem was werden
könne bis zu dem nächsten Weihnachtsglockenklang Er hatte ein Wort für die
Trauernden und für die welchen Freude gegeben worden war Seine Vergleiche
konnte er nicht wie seine Amtsbrüder weiter im Lande die jetzt auch auf ihren
Kanzeln standen der Arbeit des Ackermanns entnehmen er konnte nicht sprechen
vom Säen Blühen Fruchtbringen und Verwelken das Meer rauschte in seine
Worte
Er sprach von den Angehörigen seiner Gemeinde die jetzt in der Fremde
schifften von denen man nicht wusste ob sie lebten oder ob sie tot seien die
Erde vom Nordpol bis zum Südpol musste Raum finden in seiner Predigt Er sprach
von den Verschollenen deren Platz am Herde seit Jahren leer war nannte zwei
weinende Mütter bei ihren Namen und tröstete sie mit der Verheißung dass
niemand niemand verlorengehen könne so weit die Welt auch sei da geschrieben
stehe dass Gott die Meere in der hohlen Hand halte Er sprach von dem großen
Weihnachtsbaum der Ewigkeit unter welchem einst alle alle versammelt sein
würden
Hans Unwirrsch dachte an die Hungerpredigten welche er in der Grinsegasse
hatte schreiben wollen um durch ihren Druck einen Namen zu erwerben und
Tausende dadurch zu rühren und zu erheben Er ließ das Haupt sinken vor der Rede
dieses Greises die gewiss nicht druckfähig war und doch den Hörern bis ins
tiefste Herz drang Das Fränzchen weinte ihm zur Seite der Oberst von Bullau
räusperte sich von Zeit zu Zeit sehr vernehmlich und murrte in den grauen Bart
das Volk der Fischer seufzte und schluchzte der Kandidat Unwirrsch hatte
keine Zeit die Erinnerung an sein Manuskript und die Grinsegasse
weiterzuverfolgen
Ehrn Josias Tillenius war an den Weihnachtsbaum jeder Hütte seines Dorfes
getreten nun stand er plötzlich im Schatten des Baumes der Weltgeschichte
durch dessen Gezweig der Stern der Verkündigung auf die Krippe zu Bethlehem
niederleuchtete In einfachergreifender Art erzählte er seiner Gemeinde wie es
aussah auf Erden als die Engel ihren Gruß vom Himmel niederbrachten Von der
Stadt Rom erzählte er und von dem römischen Kaiser Augustus von den stolzen
Tempeln den stolzen Weisen Kriegern und Poeten Er sprach davon wie die
Sonne der Mond und alle Gestirne damals so segensreich ihren Weg gingen als wie
heute wie die Erde ihre Früchte trug wie das Meer seine Schätze ebenso
gutwillig hergab als jetzt Er erzählte wie die Menschen sich damals wie jetzt
in ihrer Zeit eingerichtet hatten wie Zoll gefordert und gegeben wurde wie die
Seen und Flüsse und das Meer voll Schiffe wie die Landstraßen voll Wanderer und
die Märkte voll Kaufleute waren Er berichtete wie die Schätze der Nationen wie
heute hin und her getragen wurden und dann dann sprach er von dem großen
Hunger der Welt
Die schönen Götterbilder in den herrlichen Tempeln waren Masken die kein
Leben hatten Die Priester welche ihnen dienten spotteten ihrer und des
Volkes das vor ihnen kniete die Weisen und Klugen aber schämten sich der
Götter und der Priester Die Welt war zu einem Durcheinander geworden in dem es
keinen Halt mehr gab Frieden fand der Mensch weder in seinem Herzen noch in
seinem Hause noch draußen auf dem Markte In dem römischen Kaiserreich hatte
die Menschheit sich an sich selber verloren sie lag in Ketten unter dem
Purpurmantel der ihre blutenden zerschlagenen Glieder deckte der Himmel war
dunkel über ihr und das Licht das von ihrem goldenen Diadem ausging war nur
das fahle Leuchten in der Nacht des Todes Trotz aller Pracht und Bewegung des
Lebens war die Erde wüst und leer geworden wie vor dem Erschaffungswort Ehrn
Josias Tillenius sagte das in Worten die seine Gemeinde verstand Es wagte
niemand sich zu regen man hörte nur das schnellere Atmen der Zuhörer und als
der fast hundertjährigen Urgrossmutter Margarete Jörensen die allein schlummerte
in der Versammlung und nach einem früheren Gebot des Predigers unter keiner
Bedingung geweckt werden durfte das große Gesangbuch vom Schoss rutschte und zu
Boden fiel ging es wie ein jäher Schrecken durch jedes Herz und die
abgehärtetsten Seeleute fuhren zusammen
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen« Es war als ob das Wort den Bann der auf dem Volk von Grunzenow
lag löste wie einst die Fesseln der ganzen Menschheit
Über der Hütte zu Bethlehem stand der Stern der Erlösung der Heiland war in
die Welt des Hungers geboren worden der Schmerzenssohn der Menschheit der Sohn
Gottes der die Sünde seiner Mutter auf sich nehmen sollte war erschienen und
vom Felde kamen die armen Hirten denen die Könige und Weisen erst später
folgten hergelaufen um das Kind in der Krippe zu begrüßen dieses Kind das
nun noch mit in die Register der Bevölkerung des römischen Reiches die der
Kaiser Augustus anfertigen ließ aufgenommen werden konnte Nun war die Zeit
erfüllt und das Reich Gottes erschienen Die hungrige Menschheit aber reckte die
Hände auf nach dem »Brot das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt« Der
Himmel der so finster und leer gewesen war öffnete sich über den Kindern der
Erde alle Völker sahen das große Licht die Menschheit riss die Krone von dem
gedemütigten Haupt und warf den Purpurmantel von den Schultern Sie schämte sich
ihrer blutenden Wunden ihrer gefesselten zerschlagenen Glieder nicht mehr
sie kniete und horchte Wahrheit jauchzte es vom Aufgang Freiheit jauchzte es
vom Niedergang Liebe sangen die Engel um die Hütte in welcher die
Erbtochter des Stammes David und Joseph der Zimmermann von Nazaret den Hirten
das Kind zeigten das in der Nacht geboren worden war Ehrn Josias Tillenius
aber zeigte es jetzt den Kindern seines Dorfes denn das Weihnachtsfest ist das
Fest des Kindes welchem die erhabenen Ostern fremd bleiben bis es über den
ersten wahren Schmerz nachdenken musste In die Weihnachtsworte aber die der
alte Prediger zu den Kindern sprach dämmerte der neue Tag Es wurde Dämmerung
vor den Fenstern der kleinen Kirche und das Licht der Lampen und Wachskerzen
erbleichte vor dem rosigen Schimmer der den Winterhimmel überzog Wieder
erklang die Orgel die Gemeinde von Grunzenow sang den Schlussvers des
Weihnachtsliedes die Kirche war zu Ende
Hans und Fränzchen standen auf dem Kirchhofe neben dem Prediger und dem
alten Oberst und alle Grunzenower die an ihnen vorübergingen um wieder in das
Dorf hinabzusteigen nickten ihnen zu oder kamen auch wohl heran um ihnen die
Hand zu geben und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen Röter und röter
färbte sich der Himmel die Lichter des Dorfes erloschen in der Dämmerung wie
die Lichter in der Kirche Die Orgel schwieg der Küster kam auch
lächelndscheu den Kandidaten Unwirrsch zu beglückwünschen Es wurde Tag aber
die Stimme des Meeres verklang nicht
Die letzten Bewohner des Dorfes hatten sich entfernt Ehrn Josias Tillenius
sah auf das Brautpaar und sagte dann
»Kommt Oberst Ihr müsst mir wie gewöhnlich Euren Arm leihen Die jungen
Leute werden schon ihren Weg allein finden«
Der Oberst von Bullau sah auf Hans und Fränzchen und zog die Hand des alten
Freundes unter seinen Arm
Auch der Pastor und der Herr von Bullau stiegen herab von dem Kirchhofe
Hans und seine Braut standen allein unter den schneebedeckten Gräbern Sie
standen und hielten einander fest umschlungen Zu gleicher Zeit kam beiden
derselbe Gedanke dass sie dereinst auch auf diesem kleinen Kirchhof liegen und
schlafen würden aber sie lächelten und sehnten sich nicht fort
Arbeit und Liebe zitterte es durch ihre Herzen und sie wussten dass ihnen
beides gegeben worden war Klar kam der Tag vom Osten über der See zerrissen
die Nebel von der Freiheit sang das Meer von der Wahrheit sang die Sonne die
Welt aber gehörte nicht dem Doktor Teophile Stein der einst Moses Freudenstein
hieß über den Gräbern des armen Dorfes Grunzenow standen Johannes und Franziska
und fürchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod
Fünfunddreissigstes Kapitel
Herbst
Auf alle Höhen Nun ists geschehen
Da wollt ich steigen Aus allen Räumen
Zu allen Tiefen Hab ich gewonnen
Mich niederneigen Ein holdes Träumen
Das Nah und Ferne Nun sind umschlossen
Wollt ich erkünden Im engsten Ringe
Geheimste Wunder Im stillsten Herzen
Wollt ich ergründen Weltweite Dinge
Gewaltig Sehnen Lichtblauer Schleier
Unendlich Schweifen Sank nieder leise
Im ewgen Streben Im Liebesweben
Ein Nieergreifen Goldzauberkreise
Das war mein Leben Ist nun mein Leben
Diese Reime standen mit abgebrochenen Sätzen in Prosa Gedankenbruchstücken
aller Art griechischen und hebräischen Schriftschnitzeln und sonstigem
Federwirrwarr auf ein und demselben Blatte Dieses Blatt aber lag auf dem
Schreibtische des Pastoradjunkt Unwirrsch und der Pastoradjunkt saß davor
stützte die Stirn mit der Hand und blickte durch das offene Fenster auf die im
verschleierten Sonnenlicht glitzernde See auf der weiße Pünktchen die Segel
der Fischerboote von Grunzenow hin und her glitten
Herbst
Von dem verschleierten Kirchhof waren Hans und Fränzchen am Christmorgen des
vergangenen Jahres niedergestiegen in eine stille glückliche Zeit der Arbeit
und Liebe Auf dem Haus Grunzenow veränderte sich unter dem lieblichen Wirken
des jungen Mädchens das Leben sehr zu seinem Vorteile und das wilde Volk wäre
bald für sein Fräulein durch Wasser und Feuer gegangen Die alten Herren in den
Bilderrahmen drehten nicht ihre verdunkelten Visagen der Wand zu es fehlte
wenig dass Grips jetzt behauptet hätte sie lachten als hingen ihre Damen nicht
neben ihnen Grips war in die Bande des Fränzchens gefallen wie jeder Bewohner
des Dorfes und Kastells es war ihm angetan wie er sagte und wir müssen zu
seinem Lobe melden dass er den Zauber mit grimmiger Vergnüglichkeit trug und dass
er niemals mehr von seiner martialischen Gravität verlor als wenn des Fräuleins
Stimme bittend oder dankend erklang oder ihre kleine Hand winkte
Wenn in dieser Weise die Dienerschaft dem magischen Einfluss unterlegen war
so kann sich jedermann leicht vorstellen wie leicht das Dasein dem Obersten und
dem Oheim durch das »Kind« gemacht wurde Der Oberst von Bullau hatte wiederum
sich »das so nicht gedacht« er war glücklich und nur ein wenig eifersüchtig auf
den Leutnant der überglücklich war Es war rührend zu sehen und zu fühlen wie
zart die beiden alten Kriegsleute mit dem Mädchen umgingen wie einer den andern
in Sorglichkeit und Aufmerksamkeit zu überbieten trachtete und wie sich der
»Liebling« wehren musste dass sie das Haus Grunzenow seinetwegen nicht auf eine
andere Stelle trugen Des Obersten Kopf summte und brummte von den
wunderlichsten Plänen und Vorschlägen wie man das wüste Nest zum Paradies
machen könne in jeder Nacht fiel ihm »etwas« ein und an jedem Morgen rückte er
mit »etwas« heraus was nicht immer so höchst praktisch angenehm und leicht
ausführbar war wie er es sich vorstellte Grips der künstliche Mann und
»Faktotus« hatte niemals so hoch in der Achtung seines Herrn gestanden als
jetzt Seine Talente für Malerei Schreinerei Gärtnerei und höhere
Dekorationskunst wurden alle Augenblicke in Anspruch genommen der Oberst von
Bullau entwickelte selber Farbensinn und strich die unmöglichsten Dinge so bunt
als möglich an Noch niemals war seine Burg so sehr wie jetzt sein Haus gewesen
er vergaß nicht nur den Polnischen Bock zu Freudenstadt er vergaß sogar die
Neuntöter in ihrem Neste darüber
Die Pelzstiefel des Leutnants Rudolf wurden auf die Rauchkammer gebracht um
sie gegen die Motten zu schützen der Rollsessel wurde in die Polterkammer
gerollt das Podagra wanderte aus und zog zu Leuten die seines Besuches
würdiger waren Der Leutnant marschierte frisch wie ein Jüngling umher und
freute sich seines Fränzchens und seines Lebens die heitere Gegenwart ließ ihn
alle Trübnisse der Vergangenheit leicht vergessen Er hatte seinen Bruder
zugleich betrauert und wegen seiner Erlösung beglückwünscht von Kleophea sprach
er wenig doch wenn es geschah nie gehässig sondern bedauernd und mild
entschuldigend Nur wenn der Name seiner Schwägerin und Teophiles genannt
wurde fuhr er auf und schnaubte Grimm Zorn und Verachtung aber es wurde auf
Grunzenow von der verwitweten Geheimen Rätin Götz geborener von Lichtenhahn
sowie von dem Doktor Stein wenig gesprochen Die Gefühle und Auslassungen des
alten Herrn gegen den Verlobten seiner Nichte waren anfangs sehr wechselnder
Natur und verfestigten sich erst um die Zeit des längsten Tages in gleichmässiger
Gemütlichkeit Wenn er ein wenig eifersüchtig auf den Obersten war so war er
auf den armen Hans sehr eifersüchtig Der lächelnde Gott welcher die Karte die
der schlaue Alte so fein in das Spiel schob so glänzend bedient hatte lächelte
gewiss wieder über den Seelenprozess dem der Leutnant Rudolf anheimfiel Auf das
grenzenloseste Erstaunen folgte die langatmige zweifelnde Verwunderung über
sich selbst und die Welt der weisen Betrachtung dass Geschehenes sich schwer
ändern lasse folgten die bekannten philosophischen Versuche das Ding im
rechten und besten Lichte zu betrachten Erst um die Zeit der ersten Tag und
Nachtgleiche war der Onkel Rudolf so weit in seinen Beweisführungen gekommen wie
der Oheim Grünebaum in ähnlichen Fällen nämlich dass er frischweg gegen sich
und die Welt behaupten konnte er habe den Kandidaten Unwirrsch nur deshalb von
Kohlenau geholt und in das Haus des Bruders geführt damit er sich in das
Fränzchen und das Fränzchen sich in ihn verliebe Indem er auf diese Weise die
Leiter der Selbstüberwindung hinaufstieg wuchsen mit den wachsenden Tagen des
jungen Jahres seine Heiterkeit und Selbstzufriedenheit so sehr dass sie am
längsten Tage ebenfalls unmöglich mehr zunehmen konnten
Herbst In den Versen die zu Anfang dieses Kapitels stehen hat Hans
eigentlich alles gesagt was wir über seine vita nuova am Strande der Ostsee
berichten können aber wenn sich auch sein Leben im »engsten Ringe«
zusammengezogen hatte so war es doch kein enges Leben Er hatte sich so sehr
nach der rechten tüchtigen Arbeit gesehnt nun hatte er sein gutes volles Teil
davon erlangt und tat seine Pflicht wie ein echter Mann sie tun soll Nachdem
ein hochehrwürdiges Oberkonsistorium und die Regierung sein Adjunktentum
bestätigt hatten lud ihm der greise Tillenius lächelnd ein gut Teil seiner
Amtsbürde auf den Rücken und bereitwilliger hatte Hans Unwirrsch noch niemals
eine Last auf sich genommen Trotzdem dass er ein Mann aus dem Binnenlande war
war das seefahrende Volk mit seinen Predigten zufrieden und gewann ihn lieb Er
taufte das erste Kind und legte die erste Leiche in die Erde er gab das erste
Paar zusammen und hatte sich nur selten von Ehrn Josias Tillenius sagen zu
lassen dass weder er Ehrn Josias noch die Leute von Grunzenow ihn den
Herrn Pastoradjunkt verstanden hätten
Solch einen Frühling und solch einen Sommer wie im ersten gesegneten Jahre
seines Wohnens in Grunzenow hatte er noch nicht erlebt Alle Herrlichkeiten des
Traumes reichten nicht an die Wirklichkeit dieser goldenen Tage seines
Bräutigamsstandes am Ufer der Ostsee Klar und mutig sah er in das Leben alles
Unbestimmte und Schwankende welches Natur und Schicksal in seinen Charakter
gelegt hatten suchte er mit männlichem Willen von sich zu weisen Soviel er dem
Glücke zu verdanken hatte soviel und mehr suchte er durch treues Bemühen und
ernstestes Streben zu verdienen Der unbestimmte Hunger seiner Jugend war nun zu
dem ruhigen überlegten still anhaltenden Streben geworden das in den
Millionen wirkend die Menschheit auf ihrer Bahn erhält und weiterführt
Johannes Unwirrsch hatte das Leben wohl kennengelernt im Guten wie im Bösen Nun
waren die Kreise die er durchwandert hatte mit allen ihren Gestalten
lieblichen wie schreckhaften versunken er stand nun inmitten des Ringes den
sein Wirken ausfüllen sollte Es war ihm nicht gleichgültig dass ihn kein Band
mehr an die Heimatstadt fesselte dass er aus der Kröppelstraße in das neue Leben
nichts mit hinübernehmen konnte als die süße wehmütige Erinnerung an die
glänzende Glaskugel welche vordem über seines Vaters Tische hing Diese
Glaskugel warf ihren Schein jetzt über das Leben welches der Meister Anton
Unwirrsch in seinen Träumen vom wahren Dasein auf Erden aufbaute aber kein
Geschlecht der Menschen reicht weit genug in die kommenden Geschlechter dass es
seine Ideale die dann selten noch die ganzen Ideale sind erfüllt sähe
Herbst
Die Tage des Frühlings und des Sommers waren vorüber aber die Sonne des
Herbstes leuchtete so lieblich wie je und Land und Meer freuten sich ihrer Der
Adjunktus am offenen Fenster jedoch hatte das Recht ihrer trotz aller
Holdseligkeit nicht zu achten man schrieb den siebenten September und morgen
am achten September einem Sonntag sollte seine Hochzeit sein Er hatte die
Reime nicht in dem Augenblick gemacht in welchem er sie zwischen die andern
Gedankenschnitzel hinkritzelte
Der Pastor Tillenius hatte den Hochzeitstag ausgewählt und bestimmt der
Pastor Tillenius hatte dem Onkel Rudolf und dem Oberst von Bullau die
Einwilligung künstlich und diplomatisch genug abgelockt und sie festgehalten
als die beiden alten Herren sie zurücknehmen und »ihr Mädchen« aus ihrem Kastell
nicht herausgehen wollten Der Pastor Tillenius gestützt auf den apostolischen
Satz »Ein Bischof soll sein eines Weibes Mann« hatte das Feld gegen die beiden
hartnäckigen eigensinnigen Kriegsmänner behauptet Es stand fest dass das
Fränzchen das Haus Grunzenow verlassen und auf die Hungerpfarre ziehen müsse
das Fränzchen hatte ja ebenfalls seine Einwilligung dazu gegeben und dies war
im Grunde ja doch das Wichtigste
Herbst Was war alle Wonne des Frühlings und des Sommers gegen die
Seligkeit die der Herbst zu geben versprach Es war als ob alle Zugvögel im
Lande bleiben müssten um die Hochzeit und die Flitterwochen mitzufeiern
Nachdem sich Haus Grunzenow in das Unabänderliche gefunden hatte zog es
unendliches Vergnügen aus der Notwendigkeit und stürzte sich wieder mit einem
Eifer der alles hinter sich zurückließ in die Vorbereitungen zu dem festlichen
Tage Der Oberst befand sich Tag und Nacht in einem gelinden Fieber der
Leutnant in einem ähnlichen Zustand aber wahrhaft groß war Grips der Mann für
alles
»Wer preist genug des Mannes kluge Hand« Hier schlug sie einen allzu
»unbegrifflichen« Hofjungen »hinter den Löffel« dort schlug sie wohlüberlegt
einen Nagel ein um zierlich eine selbstgewundene Girlande daran aufzuhängen
Grips hatte etwas gelernt auf seinen Feldzügen
Im Dorfe regte es sich ebenfalls Alt und jung wollten das Ihre dazu tun
den achten September zu einem Gedenktag in der Chronik von Grunzenow zu machen
wochenlang vorher waren die Frauen und Mädchen in Bewegung wochenlang vorher
schlief der Küster welcher der lieben Jugend die Hochzeitskantate einstudierte
sehr schlecht vor innerer Aufregung und allzu lebendigen Träumen von Gelingen
und Glorie von Misslingen Schmach und Jammer
Ehrn Josias Tillenius verfertigte seine Hochzeitsrede und da er die
schönsten wenn auch traurigsten Erinnerungen seines eigenen Lebens sein
ganzes gutes altes volles Herz dazu gab so geriet sie vortrefflich ohne
niedergeschrieben oder auswendig gelernt zu werden
Am siebenten September waren alle Vorbereitungen beendet es mangelte auf
Haus Grunzenow weder an Speisen noch an Getränk die Pfosten und Säulen waren
bekränzt die Türen standen offen den Hochzeitsjubel herein und die Braut
herauszulassen
Lichtblauer Schleier
Sank nieder leise
Im Liebesweben
Goldzauberkreise
Ist nun mein Leben
hatte der Bräutigam in seinem Studierstübchen auf der Hungerpfarre auf das
bekritzelte Blatt geschrieben Es war alles bereit und das Fränzchen legte
leise dem Verlobten die Hand auf die Schulter sah lächelnd auf das Papier vor
ihm und führte ihn aus dem Haus zu ihrem Lieblingsplätzchen am Ufer der See
Das war eine Höhe wo zwischen Gestein und leichtbeweglichem Dünensand
niederes Gesträuch und einige vom Wind wunderlich zerrissene höhere Bäume in
mühseliger Zähigkeit ihr Dasein dem harten Boden dem wehenden Sand und den
Stürmen abkämpften Ein einsames Fleckchen wo sich gut mit Land und Meer mit
den Wolken und Möwen mit den eigensten Gedanken Zwiegespräch halten ließ Hier
hatte Grips dem Fräulein einen einfachen Sitz gebaut und hier saßen am Abend
Vor ihrer Hochzeit Hans Unwirrsch und Franziska Götz sprachen von ihrem eigenen
Schicksal und von Kleophea und sahen die Sonne untergehen
Sie sprachen viel von Kleophea während sie auf das Meer blickten über
welchem sich nach dem schönen glänzenden Tage die Nebel zusammenzogen Die arme
Kleophea war verschollen auf keinen der Briefe die Fränzchen im Laufe des
Jahres an sie geschrieben hatte war eine Antwort gekommen Die Verlobten wussten
nichts von ihr es war so seltsam dass sie gerade an diesem Abend immer von
neuem ihr Bild vor sich auftauchen sahen dass ihre Gedanken nicht in dem eigenen
Glück haften wollten Hans und Franziska wussten nicht dass das Schiff welches
Kleophea Stein trug hinter dem grauen Nebel schwebe der sich über die Wellen
legte Sie wussten nicht dass Kleophea auf dem Meere fuhr während Ehrn Josias
Tillenius am folgenden Tage ihre Hände für Zeit und Ewigkeit ineinanderlegte
Am achten September wollte die Sonne den ganzen Tag über nicht hervorkommen
Sie war wie die Seeleute sagten am Abend vorher in einem Sack untergegangen
und das bedeutete trübes Wetter für die nächste Zeit Es wurde ein schwüler Tag
an welchem sich kein Lüftchen regte an welchem dasselbe traurige Grau Himmel
und Erde überzog an welchem man sich nach einem tüchtigen Regenschauer hätte
sehnen mögen wenn es nicht Hochzeitstag gewesen wäre
Es regnete nicht in des Fränzchens Brautkrone es regnete nicht in die
treffliche Rede des Pastors Tillenius es regnete nicht in die grimmige Rührung
des Onkels Rudolf und des Obersten von Bullau es regnete auch nicht in den
Jubellärm des Hauses und Dorfes Grunzenow Johannes Unwirrsch und Franziska Götz
gaben sich die Hände wie sie sich die Herzen gegeben hatten nach der Traurede
des Pastors hielt der Leutnant Götz eine Tischrede und auf den Orgelklang und
die Kantate des Küsters folgte lustig die Tanzmusik von Freudenstadt welche der
Oberst von Bullau auf einem Leiterwagen hatte holen lassen In seinem Kastell
bewirtete der Oberst das ganze Dorf und Grips als Majordomus und arbiter
elegantiarum zeigte sich nicht als das was er war sondern als das was er sein
konnte liebenswürdig zuvorkommend zärtlich gegen das schöne höflich gegen
das starke Geschlecht
In dem großen Saale wurde getanzt und unendlicher Beifall wurde laut als
der Oberst mit der jungen Frau den Ball eröffnete Es war ein Vergnügen jetzt
dem Leutnant in die strahlenden Augen zu blicken es war ein Vergnügen den
Pastor Josias Tillenius im Gespräch mit der Mutter Jörensen zu beobachten und
ein Hauptvergnügen wars zu sehen wie der Pastoradjunkt und Bräutigam Hans
Unwirrsch der schwindelerregenden Göttin Terpsichore verfiel und um einen
Ausdruck der anwesenden befahrenen Seeleute zu gebrauchen durch den Saal
»schlingerte« Die ältesten Leute selbst die Urgrossmutter Margarete Jörensen
wussten sich eines solchen Tages nicht zu erinnern die Lust stieg von Augenblick
zu Augenblick und riss alt und jung fort halb betäubt blickte das Brautpaar das
sich mit Mühe in einen stillen Winkel gerettet hatte auf das Getümmel
»Feuer auf See« Wer rief das Wer hatte das gerufen
Feuer auf See Feuer auf See Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch
das Fest Die Musik brach ab die Tanzenden hielten an wie gebannt die
Zechenden sprangen von den Sitzen empor und dem alten einarmigen Hochbootsmann
Steffen Groote blieb das malaiische Lied des er eben einem kleineren Zirkel von
Kennern zum besten gab zur Hälfte in der Kehle stecken
Auch Hans und Fränzchen waren emporgesprungen obgleich sie anfangs den
Grund des panischen Schreckens nicht begriffen Der Oberst drängte sich durch
den Saal nach der Tür und ihm nach stürzte der größte Teil seiner männlichen
Gäste Die Zurückbleibenden liefen aufgeregt durcheinander oder zu den Fenstern
welche auf das Meer gingen Franziska fasste den Arm des Pastors Tillenius
»O mein Gott was ist denn Was ist geschehen«
»Dort dort Wahrhaftig O Gott erbarme dich ihrer« rief der Greis der
das Fenster aufgerissen hatte und auf die See deutete »Ein Schiff im Brande
dort dort«
Die Blicke des jungen Paares folgten der zitternden Hand im tödlichsten
Schrecken stockte das Herzblut
»Dort dort«
Es war halbe Abenddämmerung geworden und der Übergang aus dem grauen Tage
war so unmerklich geschehen dass keiner der fröhlichen Hochzeitsleute darauf
geachtet hatte Noch immer bewegte kein Luftzug den Dunst der über Land und
Meer lag und den Horizont vollständig verschleierte nur die Bewohner des
Strandes konnten wissen was seewärts der rote Schein bedeutete den beiden
Kindern des Binnenlandes aber musste bei dem unbekannten Schrecknis das Herz um
so wilder schlagen
Ein brennend Schiff Hunderte von Menschen in der grässlichsten Todesnot Die
Sinne verwirrten sich bei dem Gedanken bei den hundert furchtbaren Bildern die
sich durch das Gehirn drängten
Das Haus Grunzenow wurde leer von seinen Gästen auch die Weiber stürzten
durch die Gänge und eilten nach dem Strande hinunter Als Ehrn Josias Tillenius
Hans und Fränzchen an dem Landungsplatz der Boote anlangten fanden sie die
Fischer sowie den Oberst von Bullau den Leutnant und die Hofleute in harter
Arbeit beschäftigt alles zur Ausfahrt fertig zumachen während die Frauen in
fieberhafter Aufregung durcheinanderliefen und schrien und nach dem Schein in
Nordwest winkten und deuteten Unter die Männer mischte sich Hans Unwirrsch und
zog und schob mit den andern die Weiber suchte der Pastor zur Vernunft oder
doch wenigstens zur Ruhe zu bringen wobei ihm Frau Franziska nach besten
Kräften half Zur glücklichsten Stunde entfaltete der Wind vom Süden ein wahrer
Engel Gottes seine Schwingen und griff in die Segel der Boote von Grunzenow
nur die ältesten Männer die Frauen und die Kinder blieben am Ufer zurück
während die jüngeren Männer hülfebringend ausfuhren In dem ersten Boot welches
vom Strande sich losmachte befanden sich der Oberst und der Pastoradjunkt der
Leutnant Rudolf Götz war bis zum Tode erschöpft hingesunken und seine Nichte
kniete neben ihm und hielt sein weißes Haupt im Schoss das furchtbare Leuchten
in der Ferne aber erschien deutlicher und deutlicher
»Es ist ein Dampfer sie könnten sonst nicht so gegen den Wind arbeiten«
riefen einige der alten Seeleute die zurückbleiben mussten
»Sie wollen den Strand anlaufen« meinte ein anderer
Allerlei Vermutungen über den Kurs des Schiffes wurden angestellt Die einen
hielten es für ein Stettiner Schiff auf dem Wege nach Stockholm aber dagegen
erhoben sich viele Einwendungen Andere meinten es sei das Petersburger
Paketboot auf der Fahrt von Lübeck nach Kronstadt Dieser Ansicht fielen die
meisten und unter ihnen der Pastor Tillenius bei
Die Boote von Grunzenow waren längst in der zunehmenden Dunkelheit
verschwunden Man schleppte Brennmaterial am Strande zusammen und zündete ein
mächtiges Feuer an und traf sowohl am Ufer wie in den Hütten andere
Vorbereitungen für den Fall dass das Volk des brennenden Schiffes von den
Männern von Grunzenow heimgebracht würde
»Gott segne dich mein Kind mein ruhiges Herz« sagte Ehrn Josias dem
Fränzchen die Hand drückend »dein Hochzeitstag geht bös zu Ende aber du bist
recht zur Frau eines Fischerpastors geschaffen Du trittst dein Amt in Ehren an
Gott segne dich für ein langes hülfreiches tapferes Leben«
Der Leutnant Götz saß auf einem umgestürzten Kahn die alte Plage meldete
sich wieder er hielt den Fuß in beiden Händen und biss die Zähne zusammen vor
Schmerz
»Jaja Alter« rief er »Da sitzen wir Krüppel im Sande und halten Maulaffen
feil Nimm mich in den Mantel Fränzel trag mich nach Haus und koch mir ein
Süppchen Sapperment und Bullau ist zwei Jahre älter als ich«
Ein Schrei der Menge unterbrach die kläglichen Betrachtungen des Leutnants
Der Feuerschein auf dem Meere verlor ziemlich schnell an Helligkeit und erlosch
plötzlich ganz Ein tiefes Schweigen folgte auf das schreckhafte Rufen die
Bemerkungen die jetzt noch gemacht wurden geschahen im leisesten Flüsterton
Es war als ob niemand mehr laut zu atmen wage
»Sie sind gerettet oder verloren« sagte endlich der alte Pastor nahm das
Käppchen ab und faltete die Hände Er sprach das Gebet für die Schiffbrüchigen
und Männer Weiber und Kinder beteten inbrünstig mit die Väter der betenden
Greise aber hatten noch das Strandrecht in seiner ganzen Scheusslichkeit für
Recht erkannt und ausgeübt
Eine tödlich bange Stunde verfloss dann tauchten wieder Lichter in der
Finsternis seewärts auf Es waren die Fackeln der heimkehrenden Boote und nun
schrie wieder alles auf was noch der Stimme irgendwie mächtig war Nach einer
halben Stunde peinlichster Erwartung lief der erste übervolle Kahn an den
Landungsplatz
»Rettung Rettung Sauvé sauvé« schallte es durcheinander in deutscher und
französischer Sprache In halb wahnsinniger Entzückung sanken die ersten der
Geretteten nieder küssten unter krampfhaftem Lachen und Weinen den festen Boden
der Erde umarmten und küssten die Leute von Grunzenow die sich geschäftig alle
mögliche Stärkung und Hilfe bietend an sie drängten
Der Oberst von Bullau und der Pastoradjunkt befanden sich nicht in diesem
ersten Boot man vernahm aber jetzt dass das verbrannte Schiff die »Adelaide«
von HavredeGrâce sei welche eine Ladung französischer Weine und einige
Passagiere nach Petersburg führen sollte Die Aufregung war jedoch noch zu groß
um über die Einzelheiten des Brandes Näheres zu erfragen und zu erfahren
Vierundsechzig unglückliche zum Teil verwundete Menschen hatten die
Grunzenower an das Land gebracht es fehlte nur noch der letzte Fischerkahn mit
dem Oberst und Hans Unwirrsch
»Sie bringen den Kapitän und die Frauen« lautete die Antwort auf die
ängstlichen Fragen des Fränzchens »Sie müssen gleich dasein es ist ihnen
nichts passiert«
Franziska Unwirrsch drückte die Hand auf das Herz und wandte sich wieder zu
ihrem Amt zurück Sie musste die Dolmetscherin zwischen der französischen
Schiffsmannschaft und dem Dorfe Grunzenow sein Gleich einem hilfe und
trostbringenden Engel schritt sie in dem wirren wilden Getümmel einher der
Onkel Rudolf der sein Französisch ebenfalls noch nicht gänzlich vergessen
hatte hatte den Kopf viel mehr verloren als seine Nichte
Eben kniete sie neben einem bärtigen halbnackten provenzalischen Matrosen
welcher beide Füße gebrochen hatte als ein erneutes Rufen die Ankunft des
letzten Kahnes ankündete Der Provenzale hielt in seinem Schmerz ihre Hände so
fest dass sie sich nicht losmachen konnte wenn sie es auch gewollt hätte Sie
konnte sich nicht einmal nach ihrem Gatten umwenden aber zwischen den
Trostesworten welche sie zu dem armen Verwundeten sprach drängten sich doch
alle ihre Gedanken nach dem Landungsplatze wo es plötzlich ganz still geworden
war
Sie horchte mit ganzer Seele als eine Bewegung unter das Volk kam Eine
helle Frauenstimme rief mit fremdartigem Akzent
»Wo ist sie O ciel wo ist sie«
Der Provenzale ließ die barmherzige milde Hand die er bis jetzt so fest
gehalten hatte frei ein Weib warf sich neben dem Fränzchen auf die Knie
fasste sie wild um den Leib küsste ihr Kleid ihre Hand schluchzte und schrie
Der brennende Holzstoss und die Fackeln warfen ihr flackernd Licht auf die
aufgeregte Fremde auch Hans beugte sich bleich und bewegt zu der Gattin herab
es war ein Traum nur ein Traum Wie kam Henriette Trublet an den Strand von
Grunzenow
»Sie ists sie ists O alle Heiligen O Mademoiselle O Madame Ma
mignonne gesegnet sei das süße Gesicht Gelobt sei Gott O Wunder Wunder sie
ists«
»Henriette Henriette Trublet« murmelte das Fränzchen mit starren
zweifelnden Augen auf die Französin sehend
»Jaja la pauvre Henriette und die andere die andere«
Hans Unwirrsch hielt seine Frau im Arm und zog ihr Haupt an seine Brust
»O Liebe Liebe wen haben wir mitgebracht an das Land aus dem Feuer und
von der wilden See«
Er führte sie sanft zu dem Ufer hinab sie zitterte heftig sprachlos
schwankte sie zwischen dem Gatten und dem französischen Mädchen durch das
einheimische und fremde Volk das ihr ehrerbietig Platz machte
Auf einem Stein saß der Kapitän der »Adelaide« und stützte den Kopf mit
beiden Händen Neben ihm stand ernst und schweigend wie auf einem seiner
Schlachtfelder der Oberst von Bullau Der Leutnant Rudolf Götz aber kniete im
Sande und hielt in seinem Schoss das Haupt eines bewusstlosen Weibes
»Kleophea Kleophea« rief Franziska mit gefalteten Händen neben der
Ohnmächtigen niedersinkend
»Ja Kleophea« rief der Leutnant und mit den Zähnen knirschend setzte er
hinzu
»Und sie ist allein Gottlob«
Sechsunddreissigstes Kapitel
So hatte sich das Geschick erfüllt und so unbegreiflich seltsam alles im
Anfange erscheinen musste so einfach und natürlich war es zugegangen Das
Schicksal des Vogels der plötzlich aus den Lüften tot zu unsern Füßen
niederfällt begreifen wir auch nicht eher bis wir die kleine Leiche eine Weile
in unserer Hand gehalten haben dann aber begreifen wir es
Sie trugen die arme Kleophea in das Pfarrhaus und bereiteten ihr zuerst ein
Lager in einem Zimmer welches der See zu gelegen war sie konnte jedoch die
Stimme des Meeres nicht ertragen schauernd verlangte sie in ihren Fieberträumen
von dieser Stelle fort und man musste sie in ein anderes Gemach betten wo der
Wellenschlag nicht so vernehmbar war
Da lag sie über eine Woche betäubt und bewusstlos ohne zu ahnen dass die
Freunde welche sie im Fieber rief ihr so nahe waren Nur ganz allmählich
gelangte sie ins Bewusstsein zurück und noch tagelang waren ihr Franziska der
Leutnant Rudolf und Hans Unwirrsch nur Traumgestalten an deren Wirklichkeit sie
nicht glauben konnte
Franziska Unwirrsch wich nicht von dem Lager der Kranken und ihr ihr
allein gelang es die niedersinkende Lebensflamme der einst so lebensvollen
schönen prächtigen Kleophea noch einmal aber nur für kurze Zeit vor dem
Erlöschen zu bewahren Die Zeit der Täuschung war abgelaufen der Sand war
verronnen das nackte hülflose Ich des einst so stolzen Wesens lag zitternd und
blutend da und im Erwarten der letzten dunkeln Stunde befreite Kleophea Stein
ihr Herz nach Möglichkeit von allem Irdischen Sie hatte nichts mehr zu
verschweigen Alle die buntfarbigen Schleier die sie sonst über ihr anmutiges
Haupt ihr lachendes Leben gezogen hatte alle die Schleier unter denen sie so
neckisch so leichtsinnig hervorlugte waren zerrissen und zerfetzt der
erbarmungslose Sturm des Lebens hatte sie wirbelnd entführt Kleophea erzählte
von dem Jahre welches verging seit sie ihr elterliches Haus verließ so
tonlos hoffnungslos müde dass es ein Grauen war Ihr Haupt aber lag an der
Brust des Fränzchens während sie sprach und ihre Hand hatte sie dem
Pastoradjunkt gegeben nur Hans und seinem Weibe erzählte sie alles
»Ach es war nur die wildeste Selbstsucht die mich aus dem Hause meiner
Eltern trieb ich habe keine keine Entschuldigung für mich Mein Herz war so
kalt so öde mich schaudert wenn ich daran denke in welcher schlechten bösen
Stimmung ich jenem jenem Manne folgte Oh was bin ich gewesen und wie sterbe
ich Ihr Guten wisst es ja was ich in dem Hause meiner Mutter war Was wusste ich
von der Liebe Ich bin nicht um der Liebe willen fortgegangen Seht seht ich
habe nur allzu gut zu dem Doktor Teophile Stein gepasst ich habe ihm auch
nichts nichts vorzuwerfen Es musste so kommen ich habe es ja so gewollt Der
Dämon der in mir war suchte in seinem wüsten Hunger nach seinesgleichen und
als er fand was er suchte da fassten sich die Bestien mit den Zähnen ah
poverina ich bin doch am schlimmsten dabei weggekommen«
Hans und Franziska schauderten über diese schreckliche Art der Klage aber
in demselben Augenblick wars als ob ein Teil der früheren lebendigen Grazie
der armen Kranken zurückkehre Sie richtete sich lächelnd auf fasste aber die
Hand des Adjunkten fester und sagte
»Wie ich euch gequält habe wie ich über euch gelacht habe O Fränzchen
Fränzchen es war gestern als wir in der Parkstrasse zusammensassen leau
dormante der Hungerpastor der arme kleine Aimé Wie habe ich euch gequält
wie habe ich mich an euch versündigt es war so komisch und jedermann schnitt
solche Gesichter ein Leichenstein hätte lachen müssen«
Das Lächeln verschwand von dem Gesichte Kleopheas sie barg ihr Gesicht in
den Kissen und schluchzte leise Als Franziska sich mit sanften beruhigenden
Worten zu ihr niederbeugte stieß sie sie von sich und rief
»Lasst mich geht weg Lasst mich allein sterben ich habe von niemand
niemand Liebe verdient und meinen Vater habe ich getötet Wisst ihr es nicht
dass ich meinen Vater getötet habe Weshalb lasst ihr mich nicht allein mit dem
Gedanken Ich habe genug daran bis zum Ende «
An einem andern Tage erfuhren Hans und Fränzchen mehr von dem Pariser Leben
der unglücklichen Frau Je klarer es dem Doktor Teophile Stein wurde dass er
sich in seinen Voraussetzungen geirrt hatte desto erbärmlicher wurde die Art
und Weise in welcher er sein Weib behandelte Die Gewissheit dass die Geheime
Rätin Götz nie den Schritt ihrer Tochter verzeihen werde entledigte einen
Charakter wie den Doktor Stein jeder Verpflichtung die lächelnde Maske
vorzuhalten Er hatte Geld viel Geld haben wollen und hatte es nicht erhalten
sondern sich nur eine Last aufgebürdet die ihm jeden Schritt durch das Leben
wie er es verstand unendlich erschweren musste Den Grund und Boden den er so
fein in der großen deutschen Stadt gewann auf dem sich so gut und fest bauen
ließ hatte er durch diesen falsch berechneten Zug gänzlich verloren Er
knirschte mit den Zähnen wenn er seinen Gewinn überdachte Und er hatte doch
alle Wahrscheinlichkeiten so gut berechnet er verstand doch so trefflich das
»calculer les chances« Nichts nichts Nun saß er in Paris und sein Weib hatte
ihm nichts zu geben als den Brief ihres Vaters der ihr seine Verzeihung
ankündigte Es war lächerlich aber es war auch zum Tollwerden
»Er hat den Brief zerrissen und mir die Stücke vor die Füße geworfen«
erzählte Kleophea in dem Pfarrhause zu Grunzenow »und ich ich hatte gedacht
ich wäre seine Herrin ich hätte die Stärke ich hätte den Willen ich hätte den
Geist Weil ich daheim ungestraft ausging weil daheim keiner die Macht hatte
mich zu bändigen meinte ich die Welt sei wie das Haus meiner Mutter und zu
bewegen durch ein Lachen ein Lippenverziehen ein Achselzucken Ich habe es
versuchen müssen sie durch Tränen zu bewegen und habe den besten Willen dazu
gehabt ihr könnt es mir glauben es ist aber auch nicht gelungen und ich habe
mir oft vorgestellt solch ein elend närrisch dumm und einfältig Ding wie ich
habe noch niemals fünf Stockwerk hoch im quartier du Marais gesessen und seinen
Jammer im Spiegel besehen Ich habe viel viel gelernt Frau Fränzchen
Unwirrsch aber das hätte ich in meiner Mutter Haus doch nicht geglaubt dass ich
das Gähnen verlernen würde Langeweile habe ich nicht gehabt in Paris ich musste
mir mein schwarzes Trauerkleid für den toten Vater nähen und musste es gegen
gegen meinen Gatten verteidigen O mein Gatte hatte einen großen Umgang es
kamen viele Leute die alle die schwarze Farbe nicht leiden konnten Es war ein
tolles Leben und wenn mein dummer wirrer schmerzender Kopf nicht gewesen
wäre ich glaube ich hätte eine allerliebste Rolle spielen können Ich glaube
wir nahmen es nicht allzu genau mit unserer Ehre wir hatten zu viel Geld nötig
um uns mit lächerlichen Vorurteilen zu befassen Wir knüpften Korrespondenzen
mit allerlei merkwürdigen hochgestellten Personen in Deutschland an und
schrieben Briefe die uns sehr gut bezahlt wurden Ich glaube wir achteten im
Auftrage verschiedener Regierungen auf das Befinden mancher Landsleute denen
man daheim nicht traute Wir machten uns sehr nützlich denn wir waren sehr
hungrig ich hatte mich für zwei zu schämen Gesellschaften gaben wir auch es
wurde hoch gespielt und man kam sehr gern zu uns die Schande stieg uns an den
Hals und es war nur schade dass ich nicht so gut zu schwimmen verstand wie
monsieur mon époux Lasst mich allein o lasst mich allein«
Die Mannschaft der verbrannten »Adelaide« hatte nun allmählich das Dorf
Grunzenow verlassen und sich über Land nach der nächsten Hafenstadt begeben Die
Verwundeten waren geheilt und der letzte welcher unter tausend Segenswünschen
von dem Obersten von Bullau Abschied nahm war der Provenzale der die Füße
gebrochen hatte Grips fuhr ihn nach Freudenstadt um ihn daselbst mit einem
gefüllten Geldbeutel auf die Post zu setzen Nur das Pfarrhaus behielt seine
Gäste noch für eine kurze Zeit und während derselben hatte auch Henriette
Trublet viel viel zu erzählen Sie hatte ihr Wort gehalten sie hatte den
Doktor Teophile Stein und Kleophea gesucht und hatte sie gefunden
»Voyez« sagte sie »ik wär ihnen nachgegangen bis zu der End von der Welt
aber sie war nur gelauf bis Paris Oh monsieur le curé o mademoi madame der
gute Gott der mik zu Euch führt in jener Nacht der hat mik auch geführt in
der Not zu der pauvre enfant und dem slekt Mann dass ik hab könn tun das Meinige
für sie und gehalten gekonnt ma parole voyezvous Und wenn ik alt würde
tausend Jahr wollt ik nik vergess der Nacht in welcher Ihr mik zudecktet mit
Euer Mantel und mir gabet Euer Hand und mir sprachet aus Euer Herz in das
meinige Da bin ik gekommen mit Euer Geld in ma patrie und nach Paris und hab
gedacht ik hab geträumt ein Traum von der slimm Allemagne vraiment un très
mauvais songe Da sind meine Bekannten gewesen et le PalaisRoyal et les
Tuileries et Minette et Loulou et les Champs et Arthur Albert et les autres
und ik wie die Fisch in der Wasser Aber ik haben gedacht an der cigale und der
fourmi und an der Allemagne an monsieur le curé und mademoiselle lange und
habe stillgesessen wie ein Maus und hab gemacht der modes und nur gesucht den
Halunk monsieur Téophile und die arm Dame Das war nicht schwer die zu find
Da ist gewesen Albert und Kölestin Armand der Vicomte de la Dératerie dann
mon petit agent de change die kann ik fragen in der Gass und ik hab bald
gewusst was ik wissen wollt O mon Dieu voilà la petite in schwarzer robe und
so bleich so bleich und solch Augen Mein Herz hat mir geblutet aber courage
hab ik gesagt und hab den Koncierge ausgefragt und seine Frau und dann hab ik
gewusst was ik muss tun Me voilà en robe bleue bei Armand Mon cher sage ik da
bin ik zurück aus der vilaine Allemagne Vive Paris mon petit coeur wie
gehts Was fangen wir an Komment vont les plaisirs Téophile ist auch zurück
und gar mit einer Frau Du weißt wie wir haben gestanden zusammen er und ik
je men vengerai ik gehöre wie früher zu euch führe mik zu ihm Armand lakt
wie ein enragé und wir schütteln uns die Hand An die folgend Abend komm ik wie
der Kommandeur in die festin de Pierre und Armand weiß gewisslich nicht wie
mein arm Herz schlägt auf der Trepp Monsieur Armand Mademoiselle Henriette
Trublet Voilà les autres und die kleine bleiche Dame en deuil und
Téophile Ah monsieur le curé jai fait une scène à cet homme Ik hab diesen
Mensch gut in Szene gesetzt«
Fränzchen und Hans sahen erschreckt auf Kleophea aber diese nickte nur
lächelte matt und sagte
»Es war wohlgetan Gott segne sie für ihr gutes Herz Sie kam zur rechten
Zeit doch es war wirklich eine recht komische Szene und die Gesellschaft
lachte sehr über uns Ich kann freilich nicht leugnen dass ich am Anfang ein
wenig den Kopf verlor und sehr daran zweifelte ob ich meinen gesunden Verstand
wohl über die Nacht hinaus retten würde aber als ich aus der dummen Betäubung
in den Armen Henriettes erwachte und sie mir zurief das Fränzchen habe sie
geschickt als sie mich ihr armes liebes Lamm nannte und mit den Fingernägeln
gegen meinen Herrn Gemahl anfuhr da orientierte ich mich o es war so lustig
so lustig War es nicht Henriette«
Henriette weinte zu sehr um die Frage beantworten zu können Sie schüttelte
nur den Kopf und warf sich dann leidenschaftlich aufgeregt neben dem Lager der
Kranken auf die Knie um ihr wieder und immer wieder Mund und Hände zu küssen
Nun erzählte Kleophea in ihrer Weise wie von diesem Abend an Teophile ihr
das Leben noch mehr zur Hölle gemacht habe wie sie die Tage im tatlosen
unbeschäftigten Abquälen verbracht habe wie sie zitternd die Minuten in der
Nacht gezählt und auf den gefürchteten Schritt auf der Treppe gehorcht habe Sie
erzählte von geheimen scheuen Zusammenkünften mit Henriette von unsinnigen
Plänen sich diesem unerträglichen grässlichen Dasein zu entziehen von
Todesgedanken und Todeshoffnungen und endlich wie der Gedanke der Flucht
aufgetaucht sei sich festgesetzt habe und zum Entschluss geworden sei Es traf
sich dass aus Petersburg ein sehr schlecht stilisierter und sehr
unortographischer Brief von Mademoiselle Euphrosyne Lechargeon einer
Jugendfreundin von Henriette anlangte Diese Freundin schrieb begeistert von
dem Glück das die Pariser putzverständigen Demoiselles unter den »Mongolen«
machten und meldete dass sie Euphrosyne Lechargeon Herrin eines großartigen
Etablissements und enfant gâtée aller möglichen Herrschaften auf off ow
sky eff iew usw sei und dass es Eulalie Véronique Valérie und Georgette
auch nicht übel gehe und dass Philippine eine glänzende Partie gemacht und den
Obersten Timoteus Trichinowitsch Resonowski geheiratet habe
»Partons pour la Tartarie« hatte Henriette gerufen »Madame Kleophea hat
ihre Juwelen ik habe fünfunddreissig Francs Ersparnisse Allons au bout du
monde Retten wir uns vor diesem Verräter filou und slekten juif Es ist
besser zu betteln bei messieurs les Esquimaux als mit dieser Fratz ebendasselb
Luft zu atmen Wir wollen gehen wie swei Swestern wir woll mach ein Geschäft en
compagnie wir woll setzen in Verwunderung die Eisbär wir woll bau ein château
dEspagne en Russie Allons allons vive laventure«
Kleophea hatte den Fluchtgedanken lange böse Wochen hindurch mit sich
herumgetragen sie hatte ihn vergeblich zu bekämpfen gesucht er kam immer von
neuem und immer unerträglicher wurden die Ketten welche die unglückselige Frau
an diesen Mann fesselten Es kam der Tag an welchem der Doktor Teophile aus
der Kröppelstraße die Hand gegen sein Weib erhob und es schlug in der folgenden
Nacht floh Kleophea und verbarg sich in dem Dachstübchen Henriettes bis die
Vorbereitungen zu der weiten Reise vollendet waren
»Man wird mich nur in der Morgue gesucht haben« sagte die Gattin Moses
Freudensteins in dem Pfarrhause zu Grunzenow
Von Paris nach HavredeGrâce dann das Meer das Schiff die Seefahrt
Alles unbestimmt verschwommen ungreifbar und unbegreiflich
»Les côtes de lAllemagne«
Der Ruf geht durch Mark und Bein Arme heimatlose wandernde Seele Wer
doch still in seinem Grabe läge dort wo der dunkle nebelhafte Strich die
deutsche Küste auf dem Horizont liegt Es ist als habe man einmal von festem
grünem Boden grünen Bäumen von einem stillen friedlichen Kirchhof im Grün ein
Lied gehört und könne sich auf die Weise nicht recht mehr besinnen und müsse
sich doch immerdar mühen sie wiederzufinden Das Schiff geht seinen Weg ächzend
und keuchend wieder kommt der Abend und die Küste der Heimat verschwindet in
der Dämmerung die alte traurige Weise ist noch immer nicht gefunden und das
Schiff ächzt und keucht die ganze Nacht durch und weiter durch den neuen Tag
den grauen verschleierten Tag
Am Rande des Schiffes lehnt Kleophea unbeweglich und blickt in den Dunst
über den Wassern und sucht die alte Weise Sie haben ihr gesagt die deutsche
Küste sei wiederum ganz nahe und ohne den Nebel würde man sie längst erblickt
haben
Henriette Trublet erzählte wie sie eine Viertelstunde vor dem Ausbruch des
Feuers Kleophea mit geschlossenen Augen bewusstlos am Schiffsrand lehnend
gefunden habe und wie dieselbe in diesem Zustande während aller Schrecknisse
die nun folgten blieb Erst in dem Pfarrhause zu Grunzenow in den Armen
Fränzchens sollte Kleophea erwachen
Wie die Wogen heranrollen gegen das Pfarrhaus das von seinem Hügel hinausblickt
auf den Spiegel der Ostsee Die Wogen der See erreichen das ärmliche kleine
Gebäude nicht sie vermögen ihm auch nichts zuleide zu tun wie grimmig sie sich
manchmal stellen Sie können Inseln verschlingen Dörfer Städte Leuchttürme
Kirchen und Kirchhöfe Sie können die morschen Särge längst befriedeter
Geschlechter hervorwühlen und sie der schaudernden Gegenwart umwunden mit
Seetang bedeckt mit Schlamm vor die Füße werfen Grimmig recht grimmig können
die Wellen des großen Meeres sein aber das kleine Haus am Kirchhügel des armen
Dorfes Grunzenow ist gefeit es steht auf einem sichern Grunde und wer unter
dem niederen Dache seine Zuflucht gefunden hat der ist wohl geborgen Aber vor
allem wohl geborgen war das arme irrende Herz Kleopheas es vor allem durfte
ausruhen
Bis in die Mitte des Winters lag das Weib Moses Freudensteins still und
friedlich und fürchtete sich nicht mehr Die grausamen Bilder der letzten
Vergangenheit verblassten Gott schenkte der schönen Kleophea einen guten Tod
Wenn man sich an die Stimme des Meeres gewöhnt hat so lässt es sich gar
sanft dabei einschlummern Es ist als ob die Ewigkeit eine Zunge bekommen habe
die Kinder der Erde in den Schlaf zu singen
Rührend war es wie der alte Onkel Rudolf nicht von dem Lager seiner Nichte
weichen wollte wie er ihr Haupt an seiner Brust hielt wie er mit ihr sprach
und wie er vor der Tür weinte Sie weinten alle um die arme schöne Kleophea
der Pastor Tillenius der Adjunkt Hans Unwirrsch Fränzchen Unwirrsch Henriette
Trublet der Oberst von Bullau alle alle
Noch einmal schrieb Kleophea an ihre Mutter aber auch dieser Brief wurde
ungeöffnet zurückgeschickt das war die letzte Wunde welche dieses abgejagte
Herz empfing An den Doktor Teophile Stein hatte Hans Unwirrsch geschrieben
und wenn dieses Schreiben auch nicht zurückkam so kam doch keine Antwort
darauf Man vernahm in Grunzenow nicht eher wieder etwas von dem Doktor
Teophile Stein der in der Kröppelstraße Moses Freudenstein hieß als im Jahre
achtzehnhundertzweiundfünfzig wo er verachtet von denen welche ihn
gebrauchten verachtet von denen gegen die er gebraucht wurde den Titel
Geheimer Hofrat erhalten hatte bürgerlich tot im furchtbarsten Sinne des
Wortes.
Auf dem kleinen Kirchhofe zu Grunzenow befand sich ein halbversunkener
Grabhügel unter dem ein unbekanntes Weib schlief dessen Leichnam vor langen
langen Jahren die Wellen hier an den Strand getrieben hatten Neben diesem Hügel
wurde Kleophea begraben von einem wildern Meer als der Ostsee hierhergeworfen
Fränzchen hatte den Platz ausgesucht für die arme Schiffbrüchige und ein
passenderer mochte in der ganzen weiten Welt nicht zu finden sein Die Grabrede
sprach Johannes Unwirrsch aber soviel er auch zu sagen hatte sowenig vermochte
er in Worte zu fassen doch die welche zunächst um den Sarg und die offene
Grube standen verstanden ihn alle
Eine gute Wärterin und Gärtnerin am Grabe Kleopheas war Franziska Unwirrsch
und manche Blume die sonst an dem öden Ufer nicht fortkommen wollte von deren
Dasein das Dorf Grunzenow bis jetzt nichts gewusst blühte unter ihrer
glücklichen Hand hinter der Kirchhofsmauer welche den Hügel vor dem Seewind
schützte
Eine glückliche Hand hatte das Fränzchen es gedieh alles unter ihr die
Hungerpfarre das Schloss das Dorf
Der Leutnant Rudolf Götz erholte sich nur langsam von der tiefen
Erschütterung die in ihm durch den Tod seiner Nichte hervorgerufen war Lange
Zeit wurde er wieder an seinen Lehnstuhl gefesselt und nicht jeden Fluch den
er dem Doktor Teophile Stein sandte konnte das Fränzchen von seinen Lippen
wegküssen Der Oberst wurde immer galanter seine Burg immer wohnlicher er sah
immer mehr ein dass »die Welt ohne das Weibervolk keinen Schuss Pulver wert« sei
Ihm nicht weniger als dem Leutnant Rudolf hatte das Schicksal noch manch gutes
Jahr aufgehoben
Henriette Trublet hielt es nur bis zum nächsten Frühling in Grunzenow aus
Als die ersten Schwalben ankamen regte sich das Pariser Blut Sie wäre
kümmerlich vergangen wenn man ihr nicht die Mittel gegeben hätte ihre
Sehnsucht nach der »Welt« zu befriedigen Sie weinte bitterlich beim Abschied
und glaubte ihn nicht überleben zu können flatterte aber lustig fort langte
glücklich auf dem Landwege bei Mademoiselle Euphrosyne in Petersburg an und
heiratete daselbst im folgenden Jahre einen sehr reichen deutschen Bäcker den
sie so glücklich machte als sie es vermochte
In dem Frühling des folgenden Jahres entschlief sanft ohne Krankheit der
alte Josias Tillenius nach einem langen schönen segensreichen Dasein und wenn
das harte wetterfeste seefahrende Volk dereinst ebenso an dem Sarge des
Pastors Unwirrsch weint wie an dem Sarge dieses Greises so hat er sein Amt am
Ufer des Meeres wohl geführt
Über des Hungerpastors Arbeitstisch hängt die Glaskugel durch die so
wundersames Licht auf den Arbeitstisch des Meisters Anton Unwirrsch fiel bei
deren Leuchten der arme Handwerksmann in der Kröppelstraße gleich seinem
Handwerksgenossen Jakob Böhme des Lebens Anfang und Ende »entsann« Johannes hat
die Feder weggelegt mit der er sein Leben und seinen Hunger nicht für den Druck
und die Welt sondern für seinen Sohn beschreibt er horcht in tiefen Gedanken
auf das Wiegenlied welches sein Weib ihrem Bübchen singt Der Schein der
glänzenden Kugel trifft auch das Köpfchen des Knaben mit großen verwunderten
Augen sieht das Kind empor zu ihr es wundert sich über das Licht
Draußen in der Nacht braust das Meer zornig und wild und Vater und Mutter
horchen von Zeit zu Zeit ängstlich Es gehen böse Geister um draußen in der
Finsternis Geister die keinen Platz in dem Lichtkreis der glänzenden Kugel
finden und Vater und Mutter denken an die Zeit wo auch ihr Kind hinaustreten
muss in den Streit mit den Dämonen Bald wird die Stimme des Meeres der Mutter
Lied übertönen dann ist der Anfang des Kampfes gekommen
Wie die Augen des Kindes an der leuchtenden Kugel hangen Regt sich schon
der Hunger der die Welt zertrümmert und wiederaufbaut
Ein Geschlecht der Menschen vergeht nach dem andern ein Geschlecht gibt die
Waffen des Lebens weiter an das andere erst wenn der Ruf »Kommet wieder
Menschenkinder zum letztenmal erklungen ist wird mit ihm zum letztenmal der
Hunger geboren werden welcher die beiden Knaben aus der Kröppelstraße durch die
Welt führt
Gib deine Waffen weiter Hans Unwirrsch