Adalbert Stifter
Der Nachsommer
Erster Band
1 Die Häuslichkeit
Mein Vater war ein Kaufmann Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines
mäßig großen Hauses in der Stadt in welchem er zur Miete war In demselben
Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe die Schreibstube nebst den
Warenbehältern und anderen Dingen die er zu dem Betriebe seines Geschäftes
bedurfte In dem ersten Stockwerke wohnte außer uns nur noch eine Familie die
aus zwei alten Leuten bestand einem Manne und seiner Frau welche alle Jahre
ein oder zwei Male bei uns speisten und zu denen wir und die zu uns kamen wenn
ein Fest oder ein Tag einfiel an dem man sich Besuche zu machen oder Glück zu
wünschen pflegte Mein Vater hatte zwei Kinder mich den erstgeborenen Sohn
und eine Tochter welche zwei Jahre jünger war als ich Wir hatten in der
Wohnung jedes ein Zimmerchen in welchem wir uns unseren Geschäften die uns
schon in der Kindheit regelmäßig aufgelegt wurden widmen mussten und in welchem
wir schliefen Die Mutter sah da nach und erlaubte uns zuweilen dass wir in
ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergötzen durften
Der Vater war die meiste Zeit in dem Verkaufsgewölbe und in der
Schreibstube Um zwölf Uhr kam er herauf und es wurde in dem Speisezimmer
gespeist Die Diener des Vaters speisten an unserem Tische mit Vater und
Mutter die zwei Mägde und der Magazinsknecht hatten in dem Gesindezimmer einen
Tisch für sich Wir Kinder bekamen einfache Speisen der Vater und die Mutter
hatten zuweilen einen Braten und jedes Mal ein Glas guten Weines Die
Handelsdiener bekamen auch von dem Braten und ein Glas desselben Weines Anfangs
hatte der Vater nur einen Buchführer und zwei Diener später hatte er viere
In der Wohnung war ein Zimmer welches ziemlich groß war In demselben
standen breite flache Kästen von feinem Glanze und eingelegter Arbeit Sie
hatten vorne Glastafeln hinter den Glastafeln grünen Seidenstoff und waren mit
Büchern angefüllt Der Vater hatte darum die grünen Seidenvorhänge weil er es
nicht leiden konnte dass die Aufschriften der Bücher die gewöhnlich mit
goldenen Buchstaben auf dem Rücken derselben standen hinter dem Glase von allen
Leuten gelesen werden konnten gleichsam als wolle er mit den Büchern prahlen
die er habe Vor diesen Kästen stand er gerne und öfter wenn er sich nach
Tische oder zu einer andern Zeit einen Augenblick abkargen konnte machte die
Flügel eines Kastens auf sah die Bücher an nahm eines oder das andere heraus
blickte hinein und stellte es wieder an seinen Platz An Abenden von denen er
selten einen außer Hause zubrachte außer wenn er in Stadtgeschäften abwesend
war oder mit der Mutter ein Schauspiel besuchte was er zuweilen und gerne tat
saß er häufig eine Stunde öfter aber auch zwei oder gar darüber an einem
kunstreich geschnitzten alten Tische der im Bücherzimmer auf einem ebenfalls
altertümlichen Teppiche stand und las Da durfte man ihn nicht stören und
niemand durfte durch das Bücherzimmer gehen Dann kam er heraus und sagte jetzt
könne man zum Abendessen gehen bei dem die Handelsdiener nicht zugegen waren
und das nur in der Mutter und in unserer Gegenwart eingenommen wurde Bei diesem
Abendessen sprach er sehr gerne zu uns Kindern und erzählte uns allerlei Dinge
mitunter auch scherzhafte Geschichten und Märchen Das Buch in dem er gelesen
hatte stellte er genau immer wieder in den Schrein aus dem er es genommen
hatte und wenn man gleich nach seinem Heraustritte in das Bücherzimmer ging
konnte man nicht im geringsten wahrnehmen dass eben jemand hier gewesen sei und
gelesen habe Überhaupt durfte bei dem Vater kein Zimmer die Spuren des
unmittelbaren Gebrauches zeigen sondern musste immer aufgeräumt sein als wäre
es ein Prunkzimmer Es sollte dafür aber aussprechen zu was es besonders
bestimmt sei Die gemischten Zimmer wie er sich ausdrückte die mehreres
zugleich sein können Schlafzimmer Spielzimmer und dergleichen konnte er nicht
leiden Jedes Ding und jeder Mensch pflegte er zu sagen könne nur eines sein
dieses aber muss er ganz sein Dieser Zug strenger Genauigkeit prägte sich uns
ein und ließ uns auf die Befehle der Eltern achten wenn wir sie auch nicht
verstanden So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer
der Eltern betreten Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufräumung desselben
betraut
In den Zimmern hingen hie und da Bilder und es standen in manchen Geräte
die aus alten Zeiten stammten und an denen wunderliche Gestalten ausgeschnitten
waren oder in welchen sich aus verschiedenen Hölzern eingelegte Laubwerke und
Kreise und Linien befanden
Der Vater hatte auch einen Kasten in welchem Münzen waren von denen er uns
zuweilen einige zeigte Da befanden sich vorzüglich schöne Taler auf welchen
geharnischte Männer standen oder die Angesichter mit unendlich vielen Locken
zeigten dann waren einige aus sehr alten Zeiten mit wunderschönen Köpfen von
Jünglingen oder Frauen und eine mit einem Manne der Flügel an den Füßen hatte
Er besaß auch Steine in welche Dinge geschnitten waren Er hielt diese Steine
sehr hoch und sagte sie stammen aus dem kunstgeübtesten Volke alter Zeiten
nämlich aus dem alten Griechenlande her Manchmal zeigte er sie Freunden diese
standen lange an dem Kästchen derselben hielten den einen oder den andern in
ihren Händen und sprachen darüber
Zuweilen kamen Menschen zu uns aber nicht oft Manches Mal wurden Kinder zu
uns eingeladen mit denen wir spielen durften und öfter gingen wir auch mit den
Eltern zu Leuten welche Kinder hatten und uns Spiele veranstalteten Den
Unterricht erhielten wir in dem Hause von Lehrern und dieser Unterricht und die
sogenannten Arbeitsstunden in denen von uns Kindern das verrichtet werden
musste was uns als Geschäft aufgetragen war bildeten den regelmäßigen Verlauf
der Zeit von welchem nicht abgewichen werden durfte
Die Mutter war eine freundliche Frau die uns Kinder ungemein liebte und
die weit eher ein Abweichen von dem angegebenen Zeitenlaufe zu Gunsten einer
Lust gestattet hätte wenn sie nicht von der Furcht vor dem Vater davon
abgehalten worden wäre Sie ging in dem Hause emsig herum besorgte alles
ordnete alles ließ aus der obgenannten Furcht keine Ausnahme zu und war uns
ein eben so ehrwürdiges Bildnis des Guten wie der Vater von welchem Bildnisse
gar nichts abgeändert werden konnte Zu Hause hatte sie gewöhnlich sehr einfache
Kleider an Nur zuweilen wenn sie mit dem Vater irgend wohin gehen musste tat
sie ihre stattlichen seidenen Kleider an und nahm ihren Schmuck dass wir
meinten sie sei wie eine Fee welche in unsern Bilderbüchern abgebildet war
dabei fiel uns auf dass sie immer ganz einfache obwohl sehr glänzende Steine
hatte und dass ihr der Vater nie die geschnittenen umhing von denen er doch
sagte dass sie so schöne Gestalten in sich hätten
Da wir Kinder noch sehr jung waren brachte die Mutter den Sommer immer mit
uns auf dem Lande zu Der Vater konnte uns nicht Gesellschaft leisten weil ihn
seine Geschäfte in der Stadt festielten aber an jedem Sonntage und an jedem
Festtage kam er blieb den ganzen Tag bei uns und ließ sich von uns beherbergen
Im Laufe der Woche besuchten wir ihn einmal bisweilen auch zweimal in der
Stadt in welchem Falle er uns dann bewirtete und beherbergte
Dies hörte endlich auf anfänglich weil der Vater älter wurde und die
Mutter die er sehr verehrte nicht mehr leicht entbehren konnte später aber
aus dem Grunde weil es ihm gelungen war in der Vorstadt ein Haus mit einem
Garten zu erwerben wo wir freie Luft genießen uns bewegen und gleichsam das
ganze Jahr hindurch auf dem Lande wohnen konnten
Die Erwerbung des Vorstadtauses war eine große Freude Es wurde nun von dem
alten finsteren Stadtause in das freundliche und geräumige der Vorstadt gezogen
Der Vater hatte es vorher im allgemeinen zusammen richten lassen und selbst da
wir schon darin wohnten waren noch immer in verschiedenen Räumen desselben
Handwerksleute beschäftigt Das Haus war nur für unsere Familie bestimmt Es
wohnten nur noch unsere Handlungsdiener in demselben und gleichsam als Pförtner
und Gärtner ein ältlicher Mann mit seiner Frau und seiner Tochter
In diesem Hause richtete sich der Vater ein viel größeres Zimmer zum
Bücherzimmer ein als er in der Stadtwohnung gehabt hatte auch bestimmte er ein
eigenes Zimmer zum Bilderzimmer denn in der Stadt mussten die Bilder wegen
Mangel an Raum in verschiedenen Zimmern zerstreut sein Die Wände dieses neuen
Bilderzimmers wurden mit dunkelrotbraunen Tapeten überzogen von denen sich die
Goldrahmen sehr schön abhoben Der Fußboden war mit einem mattfarbigen Teppiche
belegt damit er die Farben der Bilder nicht beirre Der Vater hatte sich eine
Staffelei aus braunem Holze machen lassen und diese stand in dem Zimmer damit
man bald das eine bald das andere Bild darauf stellen und es genau in dem
rechten Lichte betrachten konnte
Für die alten geschnitzten und eingelegten Geräte wurde auch ein eigenes
Zimmer hergerichtet Der Vater hatte einmal aus dem Gebirge eine Zimmerdecke
mitgebracht welche aus Lindenholz und aus dem Holze der Zirbelkiefer geschnitzt
war Diese Decke ließ er zusammen legen und ließ sie mit einigen Zutaten
versehen die man nicht merkte so dass sie als Decke in dieses Zimmer passte Das
freute uns Kinder sehr und wir saßen nun doppelt gerne in dem alten Zimmer
wenn uns an Abenden der Vater und die Mutter dahin führten und arbeiteten dort
etwas und ließ uns von den Zeiten erzählen in denen solche Sachen gemacht
worden sind.
Am Ende eines hölzernen Ganges der in dem ersten Geschosse des Hauses gegen
den Garten hinaus lief ließ er ein gläsernes Stübchen machen das heißt ein
Stübchen dessen zwei Wände die gegen den Garten schauten aus lauter
Glastafeln bestanden denn die Hinterwände waren Holz In dieses Stübchen tat er
alte Waffen aus verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Gestalten Er ließ an
den Stäben in die das Glas gefügt war viel Efeu aus dem Garten herauf wachsen
auch im Innern ließ er Efeu an dem Gerippe ranken dass derselbe um die alten
Waffen rauschte wenn einzelne Glastafeln geöffnet wurden und der Wind durch
dieselben herein zog Eine große hölzerne Keule welche in dem Stübchen war und
welche mit greulichen Nägeln prangte nannte er Morgenstern was uns Kindern gar
nicht einleuchten wollte da der Morgenstern viel schöner war
Noch war ein Zimmerchen das er mit kunstreich abgenähten rotseidenen
Stoffen die er gekauft hatte überziehen ließ Sonst aber wusste man noch nicht
was in das Zimmer kommen würde
In dem Garten war Zwergobst es waren Gemüseund Blumenbeete und an dem
Ende desselben von dem man auf die Berge sehen konnte welche die Stadt in
einer Entfernung von einer halben Meile in einem großen Bogen umgeben befanden
sich hohe Bäume und Grasplätze Das alte Gewächshaus hatte der Vater teils
ausbessern teils durch einen Zubau vergrößern lassen
Sonst hatte das Haus auch noch einen großen Hof der gegen den Garten zu
offen war in dem wir wenn das Gartengras nass war spielen durften und gegen
welchen die Fenster der Küche in der die Mutter sich viel befand und der
Vorratskammern herab sahen
Der Vater ging täglich morgens in die Stadt in sein Verkaufsgewölbe und in
seine Schreibstube Die Handelsdiener mussten der Ordnung halber mit ihm gehen
Um zwölf Uhr kam er zum Speisen so wie auch jene Diener welche nicht eben die
Reihe traf während der Speisestunde in dem Verkaufsgewölbe zu wachen
Nachmittag ging er größtenteils auch wieder in die Stadt Die Sonntage und die
Festtage brachte er mit uns zu
Von der Stadt wurden nun viel öfter Leute mit ihren Kindern zu uns geladen
da wir mehr Raum hatten und wir durften im Hofe oder in dem Garten uns
ergötzen Die Lehrer kamen zu uns jetzt in die Vorstadt wie sie sonst in der
Stadt zu uns gekommen waren
Der Vater welcher durch das viele Sitzen an dem Schreibtische sich eine
Krankheit zuzuziehen drohte gönnte sich nur auf das Andringen der Mutter
täglich eine freie Zeit welche er dazu verwendete Bewegung zu machen In
dieser Zeit ging er zuweilen in eine Gemäldegalerie oder zu einem Freunde bei
welchem er ein Bild sehen konnte oder er ließ sich bei einem Fremden einführen
bei dem Merkwürdigkeiten zu treffen waren An schönen Sommerfesttagen fuhren wir
auch zuweilen ins Freie und brachten den Tag in einem Dorfe oder auf einem Berge
zu
Die Mutter welche über die Erwerbung des Vorstadtauses außerordentlich
erfreut war widmete sich mit gesteigerter Tätigkeit dem Hauswesen Alle
Samstage prangte das Linnen weiß wie Kirschenblüte auf dem Aufhängeplatze im
Garten und Zimmer für Zimmer musste unter ihrer Aufsicht gereiniget werden
außer denen in welchen die Kostbarkeiten des Vaters waren deren Abstäubung und
Reinigung immer unter seinen Augen vor sich gehen musste Das Obst die Blumen
und die Gemüse des Gartens besorgte sie mit dem Vater gemeinschaftlich Sie
bekam einen Ruf in der Umgebung dass Nachbarinnen kamen und von ihr Dienstboten
verlangten die in unserem Hause gelernt hätten
Als wir nach und nach heran wuchsen wurden wir immer mehr in den Umgang der
Eltern gezogen der Vater zeigte uns seine Bilder und erklärte uns manches in
denselben Er sagte dass er nur alte habe die einen gewissen Wert besitzen den
man immer haben könne wenn man einmal genötigt sein sollte die Bilder zu
verkaufen Er zeigte uns wenn wir spazieren gingen die Wirkungen von Licht und
Schatten er nannte uns die Farben welche sich an den Gegenständen befanden
und erklärte uns die Linien welche Bewegung verursachten in welcher Bewegung
doch wieder eine Ruhe herrsche und Ruhe in Bewegung sei die Bedingung eines
jeden Kunstwerkes Er sprach mit uns auch von seinen Büchern Er erzählte uns
dass manche da seien in welchen das enthalten wäre was sich mit dem
menschlichen Geschlechte seit seinem Beginne bis auf unsere Zeiten zugetragen
habe dass da die Geschichten von Männern und Frauen erzählt werden die einmal
sehr berühmt gewesen seien und vor langer Zeit oft vor mehr als tausend Jahren
gelebt haben Er sagte dass in anderen das enthalten sei was die Menschen in
vielen Jahren von der Welt und anderen Dingen von ihrer Einrichtung und
Beschaffenheit in Erfahrung gebracht hätten In manchen sei zwar nicht
enthalten was geschehen sei oder wie sich manches befinde sondern was die
Menschen sich gedacht haben was sich hätte zutragen können oder was sie für
Meinungen über irdische und überirdische Dinge hegen
In dieser Zeit starb ein Grossoheim von der Seite der Mutter Die Mutter
erbte den Schmuck seiner vor ihm gestorbenen Frau wir Kinder aber sein übriges
Vermögen Der Vater legte es als unser natürlicher Vormund unter mündelgemässer
Sicherheit an und tat alle Jahre die Zinsen dazu
Endlich waren wir so weit heran gewachsen dass der gewöhnliche Unterricht
den wir bisher genossen hatten nach und nach aufhören musste Zuerst traten
diejenigen Lehrer ab die uns in den Anfangsgründen der Kenntnisse unterwiesen
hatten die man heut zu Tage für alle Menschen für notwendig hält dann
verminderten sich auch die welche uns in den Gegenständen Unterricht gegeben
hatten die man Kindern beibringen lässt welche zu den gebildeteren oder
ausgezeichneteren Ständen gehören sollen Die Schwester musste nebst einigen
Fächern in denen sie sich noch weiter ausbilden sollte nach und nach in die
Häuslichkeit eingeführt werden und die wichtigsten Dinge derselben erlernen dass
sie einmal würdig in die Fußstapfen der Mutter treten könnte Ich trieb noch
nachdem ich die Fächer erlernt hatte die man in unseren Schulen als
Vorkenntnisse und Vorbereitungen zu den sogenannten Brodkenntnissen betrachtet
einzelne Zweige fort die schwieriger waren und in denen eine Nachhilfe nicht
entbehrt werden konnte Endlich trat in Bezug auf mich die Frage heran was denn
in der Zukunft mit mir zu geschehen habe und da tat der Vater etwas was ihm
von vielen Leuten sehr übel genommen wurde Er bestimmte mich nämlich zu einem
Wissenschafter im allgemeinen Ich hatte bisher sehr fleißig gelernt und jeden
neuen Gegenstand, der von den Lehrern vorgenommen wurde mit großem Eifer
ergriffen so dass, wenn die Frage war wie ich in einem Unterrichtszweige genügt
habe das Urteil der Lehrer immer auf großes Lob lautete Ich hatte den
angedeuteten Lebensberuf von dem Vater selber verlangt und er dem Verlangen
zugestimmt Ich hatte ihn verlangt weil mich ein gewisser Drang meines Herzens
dazu trieb Das sah ich wohl trotz meiner Jugend schon ein dass ich nicht alle
Wissenschaften würde erlernen können aber was und wie viel ich lernen würde
das war mir eben so unbestimmt als mein Gefühl unbestimmt war welches mich zu
diesen Dingen trieb Mir schwebte auch nicht ein besonderer Nutzen vor den ich
durch mein Bestreben erreichen wollte sondern es war mir nur als müsste ich so
tun als liege etwas innerlich Gültiges und Wichtiges in der Zukunft Was ich
aber im einzelnen beginnen und an welchem Ende ich die Sache anfassen sollte
das wusste weder ich noch wussten es die Meinigen Ich hatte nicht die geringste
Vorliebe für das eine oder das andere Fach sondern es schienen alle
anstrebenswert und ich hatte keinen Anhaltspunkt aus dem ich hätte schließen
können dass ich zu irgend einem Gegenstande eine hervorragende Fähigkeit besäße
sondern es erschienen mir alle nicht unüberwindlich Auch meine Angehörigen
konnten kein Merkmal finden aus dem sie einen ausschliesslichen Beruf für eine
Sache in mir hätten wahrnehmen können
Nicht die Ungeheuerlichkeit welche in diesem Beginnen lag war es was die
Leute meinem Vater übel nahmen sondern sie sagten er hätte mir einen Stand
der der bürgerlichen Gesellschaft nützlich ist befehlen sollen damit ich
demselben meine Zeit und mein Leben widme und einmal mit dem Bewusstsein
scheiden könne meine Schuldigkeit getan zu haben
Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater der Mensch sei nicht zuerst der
menschlichen Gesellschaft wegen da sondern seiner selbst willen Und wenn jeder
seiner selbst willen auf die beste Art da sei so sei er es auch für die
menschliche Gesellschaft Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen
hätte der würde der Menschheit einen schlechten Dienst tun wenn er etwa ein
Gerichtsmann werden wollte wenn er der größte Maler wird so tut er auch der
Welt den größten Dienst wozu ihn Gott erschaffen hat Dies zeige sich immer
durch einen innern Drang an der einen zu einem Dinge führt und dem man folgen
soll Wie könnte man denn sonst auch wissen wozu man auf der Erde bestimmt ist
ob zum Künstler zum Feldherrn zum Richter wenn nicht ein Geist da wäre der
es sagt und der zu den Dingen führt in denen man sein Glück und seine
Befriedigung findet Gott lenkt es schon so dass die Gaben gehörig verteilt
sind so dass jede Arbeit getan wird die auf der Erde zu tun ist und dass nicht
eine Zeit eintritt in der alle Menschen Baumeister sind In diesen Gaben liegen
dann auch schon die gesellschaftlichen und bei großen Künstlern
Rechtsgelehrten Staatsmännern sei auch immer die Billigkeit Milde
Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe Und aus solchen Männern welche ihren innern
Zug am weitesten ausgebildet seien auch in Zeiten der Gefahr am öftesten die
Helfer und Retter ihres Vaterlandes hervorgegangen
Es gibt solche die sagen sie seien zum Wohle der Menschheit Kaufleute
Ärzte Staatsdiener geworden aber in den meisten Fällen ist es nicht wahr Wenn
nicht der innere Beruf sie dahin gezogen hat so verbergen sie durch ihre
Aussage nur einen schlechteren Grund nämlich dass sie den Stand als ein Mittel
betrachteten sich Geld und Gut und Lebensunterhalt zu erwerben Oft sind sie
auch ohne weiter über eine Wahl mit sich zu Rate zu gehen in den Stand geraten
oder durch Umstände in ihn gestoßen worden und nehmen das Wohl der Menschheit
in den Mund das sie bezweckt hätten um nicht ihre Schwäche zu gestehen Dann
ist noch eine eigene Gattung welche immer von dem öffentlichen Wohle spricht
Das sind die welche mit ihren eigenen Angelegenheiten in Unordnung sind Sie
geraten stets in Nöten haben stets Ärger und Unannehmlichkeiten und zwar aus
ihrem eigenen Leichtsinne und da liegt es ihnen als Ausweg neben der Hand den
öffentlichen Zuständen ihre Lage schuld zu geben und zu sagen sie wären
eigentlich recht auf das Vaterland bedacht und sie würden alles am besten in
demselben einrichten Aber wenn wirklich die Lage kommt dass das Vaterland sie
beruft so geht es dem Vaterlande wie es früher ihren eigenen Angelegenheiten
gegangen ist In Zeiten der Verirrung sind diese Menschen die selbstsüchtigsten
und oft auch grausamsten Es ist aber auch kein Zweifel dass es solche gibt
denen Gott den Gesellschaftstrieb und die Gesellschaftsgaben in besonderem Masse
verliehen hat Diese widmen sich aus innerem Antriebe den Angelegenheiten der
Menschen erkennen sie auch am sichersten finden Freude in den Anordnungen und
opfern oft ihr Leben für ihren Beruf Aber in der Zeit in der sie ihr Leben
opfern sei sie lange oder sei sie ein Augenblick empfinden sie Freude und
diese kommt weil sie ihrem innern Andrange nachgegeben haben
Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck
vorgezeichnet weder den Nutzen für uns noch für andere sondern er hat der
Ausübung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene Schönheit gegeben
welchen Dingen die edlen Gemüter nachstreben Wer Gutes tut weil das Gegenteil
dem menschlichen Geschlechte schädlich ist der steht auf der Leiter der
sittlichen Wesen schon ziemlich tief Dieser müsste zur Sünde greifen sobald sie
dem menschlichen Geschlechte oder ihm Nutzen bringt Solche Menschen sind es
auch denen alle Mittel gelten und die für das Vaterland für ihre Familie und
für sich selber das Schlechte tun Solche hat man zu Zeiten wo sie im Großen
wirkten Staatsmänner geheißen sie sind aber nur Afterstaatsmänner und der
augenblickliche Nutzen den sie erzielten ist ein Afternutzen gewesen und hat
sich in den Tagen des Gerichtes als böses Verhängnis erwiesen
Dass bei dem Vater kein Eigennutz herrschte beweist der Umstand dass er im
Rate der Stadt ein öffentliches Amt unentgeltlich verwaltete dass er öfter die
ganze Nacht in diesem Amte arbeitete und dass er bei öffentlichen Dingen immer
mit bedeutenden Summen an der Spitze stand
Er sagte man solle mich nur gehen lassen es werde sich aus dem
Unbestimmten schon entwickeln wozu ich taugen werde und welche Rolle ich auf
der Welt einzunehmen hätte
Ich musste meine körperlichen Übungen fortsetzen Schon als sehr kleine
Kinder mussten wir so viele körperliche Bewegungen machen als nur möglich war
Das war einer der Hauptgründe weshalb wir im Sommer auf dem Lande wohnten und
der Garten welcher bei dem Vorstadtause war war einer der Hauptbeweggründe
weshalb der Vater das Haus kaufte Man ließ uns als kleine Kinder gewöhnlich so
viel gehen und laufen als wir selber wollten und machte nur ein Ende wenn wir
selber aus Müdigkeit ruhten Es hatte in der Stadt sich eine Anstalt entwickelt
in welcher nach einer gewissen Ordnung Leibesbewegungen vorgenommen werden
sollten um alle Teile des Körpers nach Bedürfnis zu üben und ihrer naturgemässen
Entfaltung entgegen zu führen Diese Anstalt durfte ich besuchen nachdem der
Vater den Rat erfahrener Männer eingeholt und sich selber durch den Augenschein
von den Dingen überzeugt hatte die da vorgenommen wurden Für Mädchen bestand
damals eine solche Anstalt nicht daher ließ der Vater für die Schwester in
einem Zimmer unserer Wohnung so viele Vorrichtungen machen als er und unser
Hausarzt der ein Begünstiger dieser Dinge war für notwendig erachteten und
die Schwester musste sich den Übungen unterziehen die durch die Vorrichtungen
möglich waren Durch die Erwerbung des Vorstadtauses wurde die Sache noch mehr
erleichtert Nicht nur hatten wir mehr Raum im Innern des Hauses um alle
Vorrichtungen zu Körperübungen in besserem und ausgedehnterem Masse anlegen zu
können sondern es war auch der Hofraum und der Garten da in denen an sich
körperliche Übungen vorgenommen werden konnten und die auch weitere Anlagen
möglich machten Dass wir diese Sachen sehr gerne taten begreift sich aus der
Feurigkeit und Beweglichkeit der Jugend von selber Wir hatten schon in der
Kindheit schwimmen gelernt und gingen im Sommer fast täglich selbst da wir in
der Vorstadt wohnten von wo aus der Weg weiter war in die Anstalt in welcher
man schwimmen konnte Selbst für Mädchen waren damals schon eigene
Schwimmanstalten errichtet Auch außerdem machten wir gerne weite Wege
besonders im Sommer Wenn wir im Freien außer der Stadt waren erlaubten die
Eltern dass ich mit der Schwester einen besonderen Umgang halten durfte Wir
übten uns da im Zurücklegen bedeutender Wege oder in Besteigung eines Berges
Dann kamen wir wieder an den Ort zurück an welchem uns die Eltern erwarteten
Anfangs ging meistens ein Diener mit uns später aber da wir erwachsen waren
ließ man uns allein gehen Um besser und mit mehr Bequemlichkeit für die Eltern
an jede beliebige Stelle des Landes außerhalb der Stadt gelangen zu können
schaffte der Vater in der Folge zwei Pferde an und der Knecht der bisher
Gärtner und gelegentlich unser Aufseher gewesen war wurde jetzt auch Kutscher
In einer Reitschule in welcher zu verschiedenen Zeiten Knaben und Mädchen
lernen konnten hatten wir reiten gelernt und hatten später unsere bestimmten
Wochentage an denen wir uns zu gewissen Stunden im Reiten üben konnten Im
Garten hatte ich Gelegenheit nach einem Ziele zu springen auf schmalen Planken
zu gehen auf Vorrichtungen zu klettern und mit steinernen Scheiben nach einem
Ziele oder nach grösstmöglichster Entfernung zu werfen Die Schwester so sehr
sie von der Umgebung als Fräulein behandelt wurde liebte es doch sehr bei
sogenannten gröberen häuslichen Arbeiten zuzugreifen um zu zeigen dass sie
diese Dinge nicht nur verstehe sondern an Kraft auch die noch übertreffe
welche von Kindheit an bei diesen Arbeiten gewesen sind Die Eltern legten ihr
bei diesem Beginnen nicht nur keine Hindernisse in den Weg sondern billigten es
sogar Außerdem trieb sie noch das Lesen ihrer Bücher machte Musik besonders
auf dem Klaviere und auf der Harfe zu der sie auch sang und malte mit
Wasserfarben
Als ich den letzten Lehrer verlor der mich in Sprachen unterrichtet hatte
als ich in denjenigen wissenschaftlichen Zweigen in welchen man einen längeren
Unterricht für nötig gehalten hatte weil sie schwieriger oder wichtiger waren
solche Fortschritte gemacht hatte dass man einen Lehrer nicht mehr für notwendig
erachtete entstand die Frage wie es in Bezug auf meine erwählte
wissenschaftliche Laufhahn zu halten sei ob man da einen gewissen Plan
entwerfen und zu dessen Ausführung Lehrer annehmen sollte Ich bat man möchte
mir gar keinen Lehrer mehr nehmen ich würde die Sachen schon selber zu
betreiben suchen Der Vater ging auf meinen Wunsch ein und ich war nun sehr
freudig keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu sein
Ich fragte Männer um Rat welche einen großen wissenschaftlichen Namen
hatten und gewöhnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt beschäftigt
waren Ich näherte mich ihnen nur wenn es ohne Verletzung der Bescheidenheit
geschehen konnte Da es meistens nur eine Anfrage war die ich in Bezug auf mein
Lernen an solche Männer stellte und da ich mich nicht in ihren Umgang drängte
so nahmen sie meine Annäherung nicht übel und die Antwort war immer sehr
freundlich und liebevoll Auch waren unter den Männern die gelegentlich in
unser Haus kamen manche die in gelehrten Dingen bewandert waren Auch an diese
wandte ich mich Meistens betrafen die Anfragen Bücher und die Folge in
welcher sie vorgenommen werden sollten Ich trieb anfangs jene Zweige fort in
denen ich schon Unterricht erhalten hatte weil man sie zu jener Zeit eben als
Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung betrachtete nur suchte ich zum
Teile mehr Ordnung in dieselben zu bringen als bisher befolgt worden war zum
Teile suchte ich mich auch in jenem Fache auszudehnen das mir mehr zuzusagen
begann Auf diese Weise geschah es dass in dem Ganzen doch noch eine ziemliche
Ordnung herrschte da bei der Unbestimmteit des ganzen Unternehmens die Gefahr
sehr nahe war in die verschiedensten Dinge zersplittert und in die kleinsten
Kleinlichkeiten verschlagen zu werden In Bezug auf die Fächer die ich eben
angefangen hatte besuchte ich auch Anstalten in unserer Stadt die ihnen
förderlich werden konnten Büchersammlungen Sammlungen von Werkzeugen und
namentlich Orte wo Versuche gemacht wurden die ich wegen meiner Unreifheit und
wegen Mangel an Gelegenheit und Werkzeugen nie hätte ausführen können Was ich
an Büchern und überhaupt an Lehrmitteln brauchte schaffte der Vater
bereitwillig an
Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen Gegenstande mit
all der entzündeten Lust hin die der Jugend bei Lieblingsdingen eigen zu sein
pflegt Obwohl ich bei meinen Besuchen der öffentlichen Anstalten zu
körperlicher oder geistiger Entwickelung ferner bei den Besuchen welche Leute
bei uns oder welche wir bei ihnen machten sehr viele junge Leute kennen gelernt
hatte so war ich doch nie dahin gekommen so ausschließlich auf bloße
Vergnügungen und noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein wie ich es bei der
größten Zahl der jungen Leute gesehen hatte Die Vergnügungen die in unserem
Hause vorkamen wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten waren auch immer
ernsterer Art Ich lernte auch viele ältere Menschen kennen aber ich achtete
damals weniger darauf weil es bei der Jugend Sitte ist sich mit lebhafter
Beteiligung mehr an die anzuschließen die ihnen an Jahren näher stehen und
das was an älteren Leuten befindlich ist zu übersehen
Als ich achtzehn Jahre alt war gab mir der Vater einen Teil meines
Eigentumes aus der Erbschaft vom Grossoheime zur Verwaltung Ich hatte bis dahin
kein Geld zu regelmässiger Gebarung gehabt sondern wenn ich irgend etwas
brauchte kaufte es der Vater und zu Dingen von minderem Belange gab mir der
Vater das Geld damit ich sie selber kaufe Auch zu Vergnügungen bekam ich
gelegentlich kleine Beträge Von nun an aber sagte der Vater werde er mir am
ersten Tage eines jeden Monats eine bestimmte Summe auszahlen ich solle darüber
ein Buch führen er werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines
Gesamtvermögens welche Verwaltung ihm noch immer zustehe in Abrechnung
bringen und sein Buch und das meinige müssten stimmen Er gab mir einen Zettel
auf welchem der Kreis dessen aufge zeichnet war was Ich von nun an mit meinen
monatlichen Einkünften zu bestreiten hätte Er werde mir nie mehr von seinem
Gelde einen Gegenstand kaufen der in den verzeichneten Kreis gehöre Ich müsse
pünktlich verfahren und haushälterisch sein denn er werde mir auch nie und
nicht einmal unter den dringendsten Bedingungen einen Vorschuss geben Wenn ich
zu seiner Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet hätte dann werde er
meinen Kreis wieder erweitern und er werde nach billigstem Ermessen sehen in
welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen Mündigkeit meine
Angelegenheiten ganz in die Hände werde geben können
2 Der Wanderer
Ich verfahr mit der Rente welche mir der Vater ausgesetzt hatte gut Daher
wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert wie es der Vater versprochen
hatte Ich sollte von nun an nicht bloß nur einen Teil meiner Bedürfnisse von
dem zugewiesenen Einkommen decken sondern alle Deshalb wurde meine Rente
vergrößert Der Vater zahlte sie mir von nun an auch nicht mehr monatlich
sondern vierteljährig aus um mich an größere Zeitabschnitte zu gewöhnen Sie
mir halbjährig oder gar nach ganzen Jahren einzuhändigen wollte er nicht wagen
damit ich doch nicht etwa in Unordnungen geriete Er gab mir nicht die ganzen
Zinsen von der Erbschaft des Grossoheims sondern nur einen Teil den andern Teil
legte er zu der Hauptsumme so dass mein Eigentum wuchs wenn ich auch von meiner
Rente nichts erübrigte Als Beschränkung blieb die Einrichtung dass ich in dem
Hause meiner Eltern wohnen und an ihrem Tische speisen musste Es ward dafür ein
Preis festgesetzt den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte Jedes andere
Bedürfnis Kleider Bücher Geräte oder was es immer war durfte ich nach meinem
Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen
Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles der Erbschaft
des Grossoheims in so weit sie sich für ein Mädchen schickten
Wir waren über diese Einrichtung sehr erfreut und beschlossen nach dem
Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren um ihnen Freude zu machen
Ich ging nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse die ich
zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte und welche als allgemein notwendige
Kenntnisse für einen gebildeten Menschen gelten nach mehreren Richtungen
gearbeitet hatte auf die Mathematik über Man hatte mir immer gesagt sie sei
die schwerste und herrlichste Wissenschaft sie sei die Grundlage zu allen
übrigen in ihr sei alles wahr und was man aus ihr habe sei ein bleibendes
Besitztum für das ganze Leben Ich kaufte mir die Bücher die man mir riet um
von den Vorkenntnissen die ich bereits hatte ausgehen und zu dem Höheren immer
weiter streben zu können Ich kaufte mir eine sehr große Schiefertafel um auf
ihr meine Arbeiten ausführen zu können So saß ich nun in manchen Stunden die
zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt waren an meinem Tische und rechnete Ich
ging den Gängen der Männer nach welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft
nach und nach erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren
geführt worden waren Ich setzte mir bestimmte Zeiträume fest in welchen ich
vom Weitergehen abliess um das bis dahin Errungene wiederholen und meinem
Gedächtnisse einprägen zu können ehe ich zu ferneren Teilen vorwärts schritt
Die Bücher welche ich nach und nach durchnehmen wollte hatte ich in der
Ordnung auf einem Bücherbrett aufgestellt Ich war nach einer verhältnismässigen
Zeit in ziemlich schwierige Abteilungen des höheren Gebietes dieser Wissenschaft
vorgerückt Der Vater erlaubte mir endlich zuweilen im Sommer eine Zeit
hindurch entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen
Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes meines
Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwählt Ich erhielt ein Zimmerchen in dem
obersten Teile des Hauses dessen Fenster auf die nahen Weinberge und zwischen
ihren Senkungen durch auf die entfernten Gebirge gingen Die Frau des Hauses gab
mir in sehr kurzen Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweiße Fenstervorhänge
Sehr oft kamen die Eltern heraus besuchten mich und brachten den Tag auf dem
Lande zu Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt und blieb manchmal sogar
über Nacht in ihrem Hause
Der zweite Aufenthalt im nächst darauf folgenden Sommer war viel weiter von
der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns Man hat häufig in den Häusern
unserer Landleute in welchen alle Wohnstuben und andere Räumlichkeiten
ebenerdig sind doch noch ein Geschoss über diesen Räumlichkeiten in welchem
sich ein oder mehrere Gemächer befinden Unter diesen Gemächern ist auch die
sogenannte obere Stube Häufig ist sie bloß das einzige Gemach des ersten
Geschosses Die obere Stube ist gewissermaßen das Prunkzimmer In ihr stehen die
schöneren Betten des Hauses gewöhnlich zwei in ihr stehen die Schreine mit den
schönen Kleidern in ihr hängen die Scheibenund Jagdgewehre des Mannes wenn er
dergleichen hat so wie die Preise die er im Schießen etwa schon gewonnen in
ihr sind die schöneren Geschirre der Frau besonders wenn sie Krüge aus Zinn
oder etwas aus Porzellan hat und in ihr sind auch die besseren Bilder des
Hauses und sonstige Zierden zum Beispiel ein schönes Jesukindlein aus Wachs
welches in weißem feinem Flaume liegt In einer solchen oberen Stube des Hauses
eines Landmanus wohnte ich Das Haus war so weit von der Stadt entfernt dass ich
die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung des Postwagens besuchen konnte
sie aber gar nie zu mir kamen
Dieser Aufenthalt brachte Veränderungen in mir hervor
Weil ich mit den Meinigen nicht zusammen kommen konnte so lebte die
Sehnsucht nach Mitteilung viel stärker in mir als wenn ich zu Hause gewesen
wäre und sie jeden Augenblick hätte befriedigen können Ich schritt also zu
ausführlichen Briefen und Berichten Ich hatte bisher immer aus Büchern gelernt
deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine Bücherkästen von meinem
Gelde gekauft hatte aber ich hatte mich nie geübt etwas selber in größerem
Zusammenhange zusammen zu stellen Jetzt musste ich es tun ich tat es gerne und
freute mich nach und nach die Gabe der Darstellung und Erzählung in mir wachsen
zu fühlen Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren
Schilderungen
Auch eine andere Veränderung trat ein
Ich war schon als Knabe ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge
gewesen wie sie sich so in der Schöpfung oder in dem geregelten Gange des
menschlichen Lebens darstellte Dies war oft eine große Unannehmlichkeit für
meine Umgebung gewesen Ich fragte unaufhörlich um die Namen der Dinge, um ihr
Herkommen und ihren Gebrauch und konnte mich nicht beruhigen wenn die Antwort
eine hinausschiebende war Auch konnte ich es nicht leiden wenn man einen
Gegenstand zu etwas anderem machte als er war Besonders kränkte es mich wenn
er wie ich meinte durch seine Veränderung schlechter wurde Es machte mir
Kummer als man einmal einen alten Baum des Gartens fällte und ihn in lauter
Klötze zerlegte Die Klötze waren nun kein Baum mehr und da sie morsch waren
konnte man keinen Schemel keinen Tisch kein Kreuz kein Pferd daraus
schnitzen Als ich einmal das offene Land kennen gelernt und Fichten und Tannen
auf den Bergen stehen gesehen hatte taten mir jederzeit die Bretter leid aus
denen etwas in unserem Hause verfertigt wurde weil sie einmal solche Fichten
und Tannen gewesen waren Ich fragte den Vater wenn wir durch die Stadt gingen
wer die große Kirche des heiligen Stephan gebaut habe warum sie nur einen Turm
habe warum dieser so spitzig sei warum die Kirche so schwarz sei wem dieses
oder jenes Haus gehöre warum es so groß sei weshalb sich an einem andern Hause
immer zwei Fenster neben einander befänden und in einem weiteren Hause zwei
steinerne Männer das Sims des Haustores tragen Der Vater beantwortete solche
Fragen je nach seinem Wissen Bei einigen äußerte er nur Mutmaßungen bei
anderen sagte er er wisse es nicht Wenn wir auf das Land kamen wollte ich
alle Gewächse und Steine kennen und fragte um die Namen der Landleute und der
Hunde Der Vater pflegte zu sagen ich müsste einmal ein Beschreiber der Dinge
werden oder ein Künstler welcher aus Stoffen Gegenstände fertigt an denen er
so Anteil nimmt oder wenigstens ein Gelehrter der die Merkmale und
Beschaffenheiten der Sachen erforscht
Diese Eigenschaft nun führte mich da ich auf dem Lande wohnte in eine
besondere Richtung Ich legte die Mathematik weg und widmete mich der
Betrachtung meiner Umgebungen Ich fing an bei allen Vorkommnissen des Hauses
in dem ich wohnte zuzusehen Ich lernte nach und nach alle Werkzeuge und ihre
Bestimmungen kennen Ich ging mit den Arbeitern auf die Felder auf die Wiesen
und in die Wälder und arbeitete gelegentlich selber mit Ich lernte in kurzer
Zeit auf diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des
Landstriches auf dem ich wohnte kennen Auch ihre erste ländliche Verarbeitung
zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen Ich lernte die
Bereitung des Weines aus Trauben kennen des Garnes und der Leinwand aus Flachs
des Butters und des Käses aus der Milch des Mehles und Brotes aus dem Getreide
Ich merkte mir die Namen womit die Landleute ihre Dinge benannten und lernte
bald die Merkmale kennen aus denen man die Güte oder den geringeren Wert der
Bodenerzeugnisse oder ihre nächsten Umwandlungen beurteilen konnte Selbst in
Gespräche wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht zweckmässigere Weise
hervorbringen könnte ließ ich mich ein fand aber da einen hartnäckigen
Widerstand
Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche des
Landes in welchem ich mich aufhielt kennen gelernt hatte ging ich zu den
Gegenständen des Gewerbfleisses über Nicht weit von meiner Wohnung war ein
weites flaches Tal das von einem Wasser durchströmt war welches sich durch
seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und dadurch dass es im Winter nicht leicht
zufror besonders zum Treiben von Werken eignete In dem Tale waren daher
mehrere Fabriken zerstreut Sie gehörten meistens zu ansehnlichen
Handelshäusern Die Eigentümer lebten in der Stadt und besuchten zuweilen ihre
Werke die von einem Verwalter oder Geschäftsleiter versehen wurden Ich
besuchte nach und nach alle diese Fabriken und unterrichtete mich über die
Erzeugnisse welche da hervorgebracht wurden Ich suchte den Hergang kennen zu
lernen durch welchen der Stoff in die Fabrik geliefert wurde durch welchen er
in die erste Umwandlung von dieser in die zweite und so durch alle Stufen
geführt wurde bis er als letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging Ich lernte
hier die Güte der einlangenden Rohstoffe kennen und wurde auf die Merkmale
aufmerksam gemacht aus denen auf eine vorzügliche Beschaffenheit der endlich in
der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte Ich lernte
auch die Mittel und Wege kennen durch welche die Umwandlungen die die Stoffe
nach und nach zu erleiden hatten bewirkt wurden Die Maschinen welche hiezu
größtenteils verwendet wurden waren mir durch meine bereits erworbenen
Vorkenntnisse in ihren allgemeinen Einrichtungen schon bekannt Es war mir daher
nicht schwer ihre besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken die hier
erreicht werden sollten einsehen zu lernen Ich ging durch die Gefälligkeit der
dabei Angestellten alle Teile durch bis ich das Ganze so vor mir hatte und
zusammen begreifen konnte als hätte ich es als Zeichnung auf dem Papier liegen
wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher Art nur aus Zeichnungen kennen zu
lernen Gelegenheit hatte
In späterer Zeit begann ich die Naturgeschichte zu betreiben Ich fing bei
der Pflanzenkunde an Ich suchte zuerst zu ergründen welche Pflanzen sich in
der Gegend befänden in welcher ich mich aufhielt Zu diesem Zwecke ging ich
nach allen Richtungen aus und bestrebte mich die Standorte und die Lebensweise
der verschiedenen Gewächse kennen zu lernen und alle Gattungen zu sammeln
Welche ich mit mir tragen konnte und welche nur einiger Massen aufzubewahren
waren nahm ich mit in meine Wohnung Von solchen die ich nicht von dem Orte
bringen konnte wozu besonders die Bäume gehörten machte ich mir
Beschreibungen welche ich zu der Sammlung einlegte Bei diesen Beschreibungen
die ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen
machte zeigte sich mir die Erfahrung, dass nach meiner Beschreibung andere
Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehörten als welche von den Pflanzenkundigen
als zusammengehörig aufgeführt wurden Ich bemerkte dass von den Pflanzenlehrern
die Einteilungen der Pflanzen nur nach einem oder einigen Merkmalen zum
Beispiele nach den Samenblättern oder nach den Blütenteilen gemacht wurden und
dass da Pflanzen in einer Gruppe beisammen stehen welche in ihrer ganzen Gestalt
und in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind Ich behielt die
herkömmlichen Einteilungen bei und hatte aber auch meine Beschreibungen
daneben In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen nach sinnfälligen Linien
und wenn ich mich so ausdrücken dürfte nach ihrer Bauführung beisammen
Bei den Mineralien welche ich mir sammelte geriet ich beinahe in dieselbe
Lage Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche Stücke zu erwerben
gesucht Fast immer waren dieselben aus anderen Sammlungen gekauft oder
geschenkt worden Sie waren schon Sammlungsstücke hatten meistens das
Papierstückchen mit ihrem Namen auf sich aufgeklebt Auch waren sie wo möglich
immer im Kristallzustande Das System von Mohs hatte einmal großes Aufsehen
gemacht ich war durch meine mathematischen Arbeiten darauf geführt worden
hatte es kennen und lieben gelernt Allein da ich jetzt meine Mineralien in der
Gegend meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug fand ich sie weit öfter in
unkristallisiertem Zustande als in kristallisiertem und sie zeigten da allerlei
Eigenschaften für die Sinne, die sie dort nicht haben Das Kristallisieren der
Stoffe welches das System von Mohs voraussetzt kam mir wieder wie ein Blühen
vor und die Stoffe standen nach diesen Blüten beisammen Ich konnte nicht
lassen auch hier neben den Einteilungen die gebräuchlich waren mir ebenfalls
meine Beschreibungen zu machen
Ungefähr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin eine
Reihe von schönen Hügeln Diese Hügel setzen sich in Stufenfolgen und nur hie
und da von etwas größeren Ebenen unterbrochen immer weiter nach Sonnenuntergang
fort bis sie endlich in höher gelegenes noch hügligeres Land das sogenannte
Oberland übergehen In der Nähe der Stadt sind die Hügel mehrfach von
Landhäusern besetzt und mit Gärten und Anlagen geschmückt in weiterer
Entfernung werden sie ländlicher Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren
Seiten auch Wiesen sind zu treffen und die Gipfel oder auch manche
Rückenstrecken sind mit laubigen mehr busch als baumartigen Wäldern besetzt
Die Bäche und sonstigen Gewässer sind nicht gar häufig und oft traf ich im
Sommer zwischen den Hügeln wenn mich Durst oder Zufall hinab führte das
ausgetrocknete mit weißen Steinen gefüllte Bett eines Baches In diesem
Hügellande war mein Aufenthalt und in demselben rückte ich immer weiter gegen
Sonnenuntergang vor Ich streifte weit und breit herum und war oft mehrere Tage
von meiner Wohnung abwesend Ich ging die einsamen Pfade welche zwischen den
Feldern oder Weingeländen hinliefen und sich von Dorf zu Dorf von Ort zu Ort
zogen und manche Meilen ja Tagereisen in sich begriffen Ich ging auf den
abgelegenen Waldpfaden die in Stammholz oder Gebüschen verborgen waren und
nicht selten im Laubwerk Gras oder Gestrippe spurlos endeten Ich durchwanderte
oft auch ohne Pfad Wiesen Wald und sonstige Landflächen um die Gegenstände zu
finden welche ich suchte Dass wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege
kommen ist begreiflich da sie nur kurze Zeit zu dem Genuße des Landlebens
sich gönnen können und in derselben auf den breiten herkömmlichen Straßen des
Landvergnügens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen An der Mittagseite
war das ganze Hügelland viele Meilen lang von Hochgebirge gesäumt Auf einer
Stelle der Basteien unserer Stadt kann man zwischen Häusern und Bäumen ein
Fleckchen Blau von diesem Gebirge sehen Ich ging oft auf jener Bastei sah oft
dieses kleine blaue Fleckchen und dachte nichts weiter als das ist das
Gebirge Selbst da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufentaltes einen Teil
des Hochgebirges erblickte achtete ich nicht weiter darauf Jetzt sah ich
zuweilen mit Vergnügen von einer Anhöhe oder von dem Gipfel eines Hügels ganze
Strecken der blauen Kette welche in immer undeutlicheren Gliedern ferner und
ferner dahin lief Oft wenn ich durch wildes Gestrippe plötzlich auf einen
freien Abriss kam und mir die Abendröte entgegen schlug weithin das Land in
Duft und roten Rauch legend so setzte ich mich nieder ließ das Feuerwerk vor
mir verglimmen und es kamen allerlei Gefühle in mein Herz
Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurückkehrte wurde ich recht
freudig empfangen und die Mutter gewöhnte sich an meine Abwesenheiten da ich
stets gereifter von ihnen zurück kam Sie und die Schwester halfen mir nicht
selten die Sachen die ich mitbrachte aus ihren Behältnissen auspacken damit
ich sie in den Räumen die hiezu bestimmt waren ordnen konnte
So war endlich die Zeit gekommen in welcher es der Vater für geraten fand
mir die ganze Rente der Erbschaft des Grossoheims zu freier Verfügung zu
übertragen Er sagte ich könne mit diesem Einkommen verfahren wie es mir
beliebe nur müsste ich damit ausreichen Er werde mir auf keine Weise aus dem
Seinigen etwas beitragen noch mir je Vorschüsse machen da meine Jahreseinnahme
so reichlich sei dass sie meine jetzigen Bedürfnisse selbst wenn sie noch um
vieles größer würden nicht nur hinlänglich decke sondern dass sie selbst auch
manche Vergnügungen bestreiten könne und dass doch noch etwas übrig bleiben
dürfte Es liege somit in meiner Hand für die Zukunft die etwa größere
Ausgaben bringen könnte mir auch eine größere Einnahme zu sichern Meine
Wohnung und meinen Tisch dürfe ich nicht mehr wenn ich nicht wolle in dem
Hause der Eltern nehmen sondern wo ich immer wollte Das Stammvermögen selber
werde er an dem Orte an welchem es sich bisher befand liegen lassen Er fügte
bei er werde mir dasselbe sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe
einhändigen Dann könne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten »Ich rate
dir aber« fahr er fort »dann nicht nach einer größeren Rente zu geizen weil
eine solche meistens nur mit einer größeren Unsicherheit des Stammvermögens zu
erzielen ist Sei immer deines Grundvermögens sicher und mache die dadurch
entstehende kleinere Rente durch Mäßigkeit größer Solltest du den Rat deines
Vaters einholen wollen so wird dir derselbe nie entzogen werden Wenn ich
sterbe oder freiwillig aus den Geschäften zurück trete so werdet ihr beide
auch noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten Wie groß dieselbe
sein wird kann ich noch nicht sagen ich bemühe mich durch Vorsicht und durch
gut gegründete Geschäftsführung sie so groß als möglich und auch so sicher als
möglich zu machen aber alle stehen wir in der Hand des Herrn und er kann durch
Ereignisse welche kein Menschenauge vorher sehen kann meine Vermögensumstände
bedeutend verändern Darum sei weise und gebare mit dem Deinigen wie du bisher
zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast«
Ich war gerührt über die Handlungsweise meines Vaters und dankte ihm von
ganzem Herzen Ich sagte dass ich mich stets bestreben werde seinem Vertrauen
zu ent sprechen dass ich ihn inständig um seinen Rat bitte und dass ich in
Vermögensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn handeln und dass ich auch
nicht den kleinsten Schritt tun wolle ohne nach diesem Rat zu verlangen Eine
Wohnung außer dem Hause zu beziehen solange ich in unserer Stadt lebe wäre mir
sehr schmerzlich und ich bitte in dem Hause meiner Eltern und an ihrem Tische
bleiben zu dürfen solange Gott nicht selber durch irgend eine Schickung eine
Änderung herbei führe
Der Vater und die Mutter waren über diese Worte erfreut Die Mutter sagte
dass sie mir zu meiner bisherigen Wohnung die mir doch als einem nunmehr
selbständigen Manne besonders bei meinen jetzigen Verhältnissen zu klein werden
dürfte noch einige Räumlichkeiten zugeben wolle ohne dass darum der Preis
unverhältnismässig wachse Ich war natürlicher Weise mit allem einverstanden Ich
musste gleich mit der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergrößerung der
Wohnung besehen Ich dankte ihr für ihre Sorgfalt Schon in den nächsten Tagen
richtete ich mich in der neuen Wohnung ein
Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen um im nächsten Sommer
wieder große Wanderungen machen zu können Ich hatte mir vorgenommen nun
endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen und in ihm so weit herum zu gehen
als es mir zusagen würde
Als der Sommer gekommen war fuhr ich von der Stadt auf dem kürzesten Wege
in das Gebirge Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann in ihm längs
seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu Fuße fort wandern Ich
begab mich sofort auf meinen Weg Ich ging den Tälern entlang selbst wenn sie
von meiner Richtung abwichen und allerlei Windungen verfolgten Ich suchte nach
solchen Abschweifungen immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen Ich stieg auch
auf Bergjoche und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab
Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und auch schon
die Richtung zu erspähen in welcher ich in nächster Zeit vordringen würde Im
ganzen hielt ich mich stets soweit es anging nach dem Hauptzuge des Gebirges
und wich von der Wasserscheide so wenig als möglich ab
In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten Hirsch
Er war gejagt worden eine Kugel hatte seine Seite getroffen und er mochte das
frische Wasser gesucht haben um seinen Schmerz zu kühlen Er war aber an dem
Wasser gestorben Jetzt lag er an demselben so dass sein Haupt in den Sand
gebettet war und seine Vorderfüsse in die reine Flut ragten Ringsum war kein
lebendiges Wesen zu sehen Das Tier gefiel mir so dass ich seine Schönheit
bewunderte und mit ihm großes Mitleid empfand Sein Auge war noch kaum
gebrochen es glänzte noch in einem schmerzlichen Glanze und dasselbe so wie
das Antlitz das mir fast sprechend erschien war gleichsam ein Vorwurf gegen
seine Mörder Ich griff den Hirsch an er war noch nicht kalt Als ich eine
Weile bei dem toten Tiere gestanden war hörte ich Laute in den Wäldern des
Gebirges die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden klangen Diese Laute kamen
näher waren deutlich zu erkennen und bald sprang ein Paar schöner Hunde über
den Bach denen noch einige folgten Sie näherten sich mir Als sie aber den
fremden Mann bei dem Wilde sahen blieben einige in der Entfernung stehen und
bellten heftig gegen mich während andere heulend weite Kreise um mich zogen in
ihnen dahin flogen und in Eilfertigkeit sich an Steinen überschlugen und
überstürzten Nach geraumer Zeit kamen auch Männer mit Schiessgewehren Als sich
diese dem Hirsche genähert hatten und neben mir standen kamen auch die Hunde
herzu hatten vor mir keine Scheu mehr beschnupperten mich und bewegten sich
und zitterten um das Wild herum Ich entfernte mich nachdem die Jäger auf dem
Schauplatze erschienen waren sehr bald von ihm
Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der Naturgeschichte
aufgesucht obwohl ich die Beschreibungen derselben eifrig gelesen und gelernt
hatte Diese Vernachlässigung der leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so
weit gegangen dass ich selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande
zubrachte noch immer die Merkmale von Ziegen Schafen Kühen aus meinen
Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte die vor mir wandelten
Ich schlug jetzt einen andern Weg ein Der Hirsch den ich gesehen hatte
schwebte mir immer vor den Augen Er war ein edler gefallner Held und war ein
reines Wesen Auch die Hunde seine Feinde erschienen mir berechtigt wie in
ihrem Berufe Die schlanken springenden und gleichsam geschnellten Gestalten
blieben mir ebenfalls vor den Augen Nur die Menschen welche das Tier
geschossen hatten waren mir widerwärtig da sie daraus gleichsam ein Fest
gemacht hatten Ich fing von der Stunde an Tiere so aufzusuchen und zu
betrachten wie ich bisher Steine und Pflanzen aufgesucht und betrachtet hatte
Sowohl jetzt da ich noch in dem Gebirge war als auch später zu Hause und bei
meinen weiteren Wanderungen betrachtete ich Tiere und suchte ihre wesentlichen
Merkmale sowohl an ihrem Leibe als auch an ihrer Lebensart und Bestimmung zu
ergründen Ich schrieb das was ich gesehen hatte auf und verglich es mit den
Beschreibungen und Einteilungen die ich in meinen Büchern fand Da geschah es
wieder dass ich mit diesen Büchern in Zwiespalt geriet weil es meinen Augen
widerstrebte Tiere nach Zehen oder anderen Dingen in einer Abteilung beisammen
zu sehen die in ihrem Baue nach meiner Meinung ganz verschieden waren Ich
stellte daher nicht wissenschaftlich aber zu meinem Gebrauche eine andere
Einteilung zusammen
Einen besonderen Zweck den ich bei dem Besuche des Gebirges befolgen wollte
hatte ich dieses erste Mal nicht außer was sich zufällig fand Ich war nur im
allgemeinen in das Gebirge gegangen um es zu sehen Als daher dieser erste
Drang etwas gesättigt war begab ich mich auf dem nächsten Wege in das flache
Land hinaus und fuhr auf diesem wieder nach Hause
Allein der kommende Sommer lockte mich abermals in das Gebirge Hatte ich
das erste Mal nur im allgemeinen geschaut und waren die Eindrücke wirkend auf
mich heran gekommen so ging ich jetzt schon mehr in das Einzelne ich war
meiner schon mehr Herr und richtete die Betrachtung auf besondere Dinge Viele
von ihnen drängten sich an meine Seele Ich saß auf einem Steine und sah die
breiten Schattenflächen und die scharfen oft gleichsam mit einem Messer in sie
geschnittenen Lichter Ich dachte nach weshalb die Schatten hier so blau seien
und die Lichter so kräftig und das Grün so feurig und die Wässer so blitzend
Mir fielen die Bilder meines Vaters ein auf denen Berge gemalt waren und mir
wurde es als hätte ich sie mitnehmen sollen um vergleichen zu können Ich
blieb in kleinen Ortschaften zuweilen länger und betrachtete die Menschen ihr
tägliches Gewerbe ihr Fühlen ihr Reden Denken und Singen Ich lernte die
Zither kennen betrachtete sie untersuchte sie und hörte auf ihr spielen und
zu ihr singen Sie erschien mir als ein Gegenstand, der nur allein in die Berge
gehört und mit den Bergen eins ist Die Wolken ihre Bildung ihr Anhängen an
die Bergwände ihr Suchen der Bergspitzen so wie die Verhältnisse des Nebels
und seine Neigung zu den Bergen waren mir wunderbare Erscheinungen
Ich bestieg in diesem Sommer auch einige hohe Stellen ich ließ mich von den
Führern nicht bloß auf das Eis der Gletscher geleiten welches mich sehr anregte
und zur Betrachtung aufforderte sondern bestieg auch mit ihrer Hilfe die
höchsten Zinnen der Berge
Ich sah die Überreste einer alten untergegangenen Welt in den Marmoren die
in dem Gebirge vorkommen und die man in manchen Tälern zu schleifen versteht
Ich suchte besondere Arten aufzufinden und sendete sie nach Hause Den schönen
Enzian hatte ich im früheren Sommer schon der Schwester in meinen
Pflanzenbüchern gebracht jetzt brachte ich ihr auch Alpenrosen und Edelweiss
Von der Zirbelkiefer und dem Knieholze nahm ich die zierlichen Früchte So
verging die Zeit und so kam ich bereichert nach Hause
Ich ging von nun an jeden Sommer in das Gebirge
Wenn ich von den Zimmern meiner Wohnung in dem Hause meiner Eltern nach
einem dort verbrachten Winter gegen den Himmel blickte und nicht mehr so oft an
demselben die grauen Wolken und den Nebel sah sondern öfter schon die blauen
und heiteren Lüfte wenn diese durch ihre Farbe schon gleichsam ihre größere
Weichheit ankündigten wenn auf den Mauern und Schornsteinen und Ziegeldächern
die ich nach vielen Richtungen übersehen konnte schon immer kräftigere Tafeln
von Sonnenschein lagen kein Schnee sich mehr blicken ließ und an den Bäumen
unseres Gartens die Knospen schwollen so mahnte es mich bereits in das Freie
Um diesem Drange nur vorläufig zu genügen ging ich gerne aus der Stadt und
erquickte mich an der offenen Weite der Wiesen der Felder der Weinberge Wenn
aber die Bäume blühten und das erste Laub sich entwickelte ging ich schon dem
Blau der Berge zu wenngleich ihre Wände noch von mannigfaltigem Schnee
erglänzten Ich erwählte mir nach und nach verschiedene Gegenden an denen ich
mich aufhielt um sie genau kennen zu lernen und zu genießen
Mein Vater hatte gegen diese Reisen nichts auch war er mit der Art wie ich
mit meinem Einkommen gebarte sehr zufrieden Es blieb nämlich in jedem Jahre
ein Erkleckliches über was zu dem Grundvermögen getan werden konnte Ich spürte
desohngeachtet in meiner Lebensweise keinen Abgang Ich strebte nach Dingen die
meine Freude waren und wenig kosteten weit weniger als die Vergnügungen denen
meine Bekannten sich hingaben Ich hatte in Kleidern Speise und Trank die
größte Einfachheit weil es meiner Natur so zusagte weil wir zur Mäßigkeit
erzogen waren und weil diese Gegenstände wenn ich ihnen große Aufmerksamkeit
hätte schenken sollen mich von meinen Lieblingsbestrebungen abgelenkt hätten
So ging alles gut Vater und Mutter freuten sich über meine Ordnung und ich
freute mich über ihre Freude
Da verfiel ich eines Tages auf das Zeichnen Ich könnte mir ja meine
Naturgegenstände dachte ich eben so gut zeichnen als beschreiben und die
Zeichnung sei am Ende noch sogar besser als die Beschreibung Ich erstaunte
weshalb ich denn nicht sogleich auf den Gedanken geraten sei Ich hatte wohl
früher immer gezeichnet aber mit mathematischen Linien welche nach
Rechnungsgesetzen entstanden Flächen und Körper in der Messkunst darstellten und
mit Zirkel und Richtscheit gemacht worden waren Ich wusste wohl recht gut Dass
man mit Linien alle möglichen Körper darstellen könne und hatte es an den
Bildern meines Vaters vollführt gesehen aber ich hatte nicht weiter darüber
gedacht da ich in einer andern Richtung beschäftigt war Es musste diese
Vernachlässigung von einer Eigenschaft in mir herrühren die ich in einem hohen
Grade besaß und die man mir zum Vorwurfe machte Wenn ich nämlich mit einem
Gegenstande eifrig beschäftigt war so vergaß ich darüber manchen andern der
vielleicht größere Bedeutung hatte Sie sagten das sei einseitig ja es sei
sogar Mangel an Gefühl
Ich fing mein Zeichnen mit Pflanzen an mit Blättern mit Stielen mit
Zweigen Es war anfangs die Ähnlichkeit nicht sehr groß und die Vollkommenheit
der Zeichnung ließ viel zu wünschen übrig wie ich später erkannte Aber es
wurde immer besser da ich eifrig war und vom Versuchen nicht abliess Die früher
in meine Pflanzenbücher eingelegten Pflanzen wie sorgsam sie auch vorbereitet
waren verloren nach und nach nicht bloß die Farbe sondern auch die Gestalt
und erinnerten nicht mehr entfernt an ihre ursprüngliche Beschaffenheit Die
gezeichneten Pflanzen dagegen bewahrten wenigstens die Gestalt nicht zu
gedenken Dass es Pflanzen gibt die wegen ihrer Beschaffenheit und selbst
solche die wegen ihrer Größe in ein Pflanzenbuch nicht gelegt werden können,
wie zum Beispiele Pilze oder Bäume Diese konnten in einer Zeichnung sehr wohl
aufbewahrt werden Die bloßen Zeichnungen aber genügten mir nach und nach auch
nicht mehr weil die Farbe fehlte die bei den Pflanzen besonders bei den
Blüten eine Hauptsache ist Ich begann daher meine Abbildungen mit Farben zu
versehen und nicht eher zu ruhen als bis die Ähnlichkeit mit den Urbildern
erschien und immer größer zu werden versprach
Nach den Pflanzen nahm ich auch andere Gegenstände vor deren Farbe etwas
Auffallendes und Fassliches hatte Ich geriet auf die Faltern und suchte mehrere
nachzubilden Die Farben von minder hervorragenden Gegenständen die zwar
unscheinbar aber doch bedeutsam sind wie die der Gesteine im unkristallischen
Zustande kamen später an die Reihe und ich lernte ihre Reize nach und nach
würdigen
Da ich nun einmal zeichnete und die Dinge deshalb doch viel genauer
betrachten musste und da das Zeichnen und meine jetzigen Bestrebungen mich doch
nicht ganz ausfüllten kam ich auch noch auf eine andere viel weiter gehende
Richtung
Ich habe schon gesagt Dass ich gerne auf hohe Berge stieg und von ihnen aus
die Gegenden betrachtete Da stellten sich nun dem geübteren Auge die bildsamen
Gestalten der Erde in viel eindringlicheren Merkmalen dar und fassten sich
übersichtlicher in großen Teilen zusammen Da öffnete sich dem Gemüte und der
Seele der Reiz des Entstehens dieser Gebilde ihrer Falten und ihrer Erhebungen
ihres Dahinstreichens und Abweichens von einer Richtung ihres Zusammenstrebens
gegen einen Hauptpunkt und ihrer Zerstreuungen in die Fläche Es kam ein altes
Bild das ich einmal in einem Buche gelesen und wieder vergessen hatte in meine
Erinnerung Wenn das Wasser in unendlich kleinen Tröpfchen die kaum durch ein
Vergrösserungsglas ersichtlich sind aus dem Dunste der Luft sich auf die Tafeln
unserer Fenster absetzt und die Kälte dazu kommt die nötig ist so entsteht
die Decke von Fäden Sternen Wedeln Palmen und Blumen die wir gefrorene
Fenster heißen Alle diese Dinge stellen sich zu einem Ganzen zusammen und die
Strahlen die Täler die Rücken die Knoten des Eises sind durch ein
Vergrösserungsglas angesehen bewunderungswürdig Eben so stellt sich von sehr
hohen Bergen aus gesehen die niedriger liegende Gestaltung der Erde dar Sie muss
aus einem erstarrenden Stoffe entstanden sein und streckt ihre Fächer und
Palmen in grossartigem Maßstabe aus Der Berg selber auf dem ich stehe ist der
weiße helle und sehr glänzende Punkt den wir in der Mitte der zarten Gewebe
unserer gefrorenen Fenster sehen Die Palmenränder der gefrorenen Fenstertafeln
werden durch Abbröcklung wegen des Luftzuges oder durch Schmelzung wegen der
Wärme lückenhaft und unterbrochen An den Gebirgszügen geschehen Zerstörungen
durch Verwitterung in Folge des Einflusses des Wassers der Luft der Wärme und
der Kälte Nur braucht die Zerstörung der Eisnadeln an den Fenstern kürzere Zeit
als der Nadeln der Gebirge Die Betrachtung der unter mir liegenden Erde der
ich oft mehrere Stunden widmete erhob mein Herz zu höherer Bewegung und es
erschien mir als ein würdiges Bestreben ja als ein Bestreben zu dem alle meine
bisherigen Bemühungen nur Vorarbeiten gewesen waren dem Entstehen dieser
Erdoberfläche nachzuspüren und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen an den
verschiedensten Stellen sich in das große und erhabene Ganze auszubreiten das
sich unsern Blicken darstellt wenn wir von Hochpunkt zu Hochpunkt auf unserer
Erde reisen und sie endlich alle erfüllt haben und keine Bildung dem Auge mehr
zu untersuchen bleibt als die Weite und die Wölbung des Meeres
Ich begann durch diese Gefühle und Betrachtungen angeregt gleichsam als
Schlussstein oder Zusammenfassung aller meiner bisherigen Arbeiten die
Wissenschaft der Bildung der Erdoberfläche und dadurch vielleicht der Bildung
der Erde selber zu betreiben Nebstdem dass ich gelegentlich von hohen Stellen
aus die Gestaltung der Erdoberfläche genau zeichnete gleichsam als wäre sie
durch einen Spiegel gesehen worden schaffte ich mir die vorzüglichsten Werke
an welche über diese Wissenschaft handeln machte mich mit den Vorrichtungen
die man braucht bekannt so wie mit der Art ihrer Benützung
Ich betrieb nun diesen Gegenstand mit fortgesetztem Eifer und mit einer
strengen Ordnung
dabei lernte ich auch nach und nach den Himmel kennen die Gestaltung seiner
Erscheinungen und die Verhältnisse seines Wetters
Meine Besuche der Berge hatten nun fast ausschließlich diesen Zweck zu ihrem
Inhalte
3 Die Einkehr
Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hügelland hinaus Ich wollte
nämlich von einem Gebirgszuge in einen andern übersiedeln und meinen Weg dahin
durch einen Teil des offenen Landes nehmen Jedermann kennt die Vorberge mit
welchen das Hochgebirge gleichsam wie mit einem Übergange gegen das flachere
Land ausläuft Mit Laub oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Färbung
dahin lassen hie und da das blaue Haupt eines Hochberges über sich sehen sind
hie und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen führen alle Wässer die das
Gebirge liefert und die gegen das Land hinaus gehen zwischen sich zeigen
manches Gebäude und manches Kirchlein und strecken sich nach allen Richtungen
in denen das Gebirge sich abniedert gegen die bebauteren und bewohnteren Teile
hinaus
Als ich von dem Hange dieser Berge herab ging und eine freiere Umsicht
gewann erblickte ich gegen Untergang hin die sanften Wolken eines Gewitters
das sich sachte zu bilden begann und den Himmel umschleierte Ich schritt rüstig
fort und beobachtete das Zunehmen und Wachsen der Bewölkung Als ich ziemlich
weit hinaus gekommen war und mich in einem Teile des Landes befand wo sanfte
Hügel mit mäßigen Flächen wechseln Meierhöfe zerstreut sind der Obstbau
gleichsam in Wäldern sich durch das Land zieht zwischen dem dunkeln Laube die
Kirchtürme schimmern in den Talfurchen die Bäche rauschen und überall wegen
der größeren Weitung die das Land gibt das blaue gezackte Band der Hochgebirge
zu erblicken ist musste ich auf eine Einkehr denken denn das Dorf in welchem
ich Rast halten wollte war kaum mehr zu erreichen Das Gewitter war so weit
gediehen dass es in einer Stunde und bei begünstigenden Umständen wohl noch
früher ausbrechen konnte
Vor mir hatte ich das Dorf Rohrberg dessen Kirchturm von der Sonne scharf
beschienen über Kirschenund Weidenbäumen hervorsah Es lag nur ganz wenig
abseits von der Straße Näher waren zwei Meierhöfe deren jeder in einer mäßigen
Entfernung von der Straße in Wiesen und Feldern prangte Auch war ein Haus auf
einem Hügel das weder ein Bauerhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebäude eines
Bürgers zu sein schien sondern eher dem Landhause eines Städters glich Ich
hatte schon früher wiederholt wenn ich durch die Gegend kam das Haus
betrachtet aber ich hatte mich nie näher um dasselbe bekümmert Jetzt fiel es
mir um so mehr auf weil es der nächste Unterkunftsplatz von meinem Standorte
aus war und weil es mehr Bequemlichkeit als die Meierhöfe zu geben versprach
Dazu gesellte sich ein eigentümlicher Reiz Es war da schon ein großer Teil des
Landes mit Ausnahme des Rohrberger Kirchturmes im Schatten lag noch hell
beleuchtet und sah mit einladendem schimmerndem Weiß in das Grau und Blau der
Landschaft hinaus
Ich beschloss also in diesem Hause eine Unterkunft zu suchen
Ich forschte dem zu Folge nach einem Wege der von der Straße auf den Hügel
des Hauses hinaufführen sollte Nach meiner Kenntnis des Landesgebrauches war es
mir nicht schwer den mit einem Zaune und mit Gebüsch besäumten Weg der von der
Landstraße ab hinauf ging zu finden Ich schritt auf demselben empor und kam
wie ich richtig vermutet hatte vor das Haus Es war noch immer von der Sonne
hell beschienen Allein da ich näher vor dasselbe trat hatte ich einen
bewunderungswürdigen Anblick Das Haus war über und über mit Rosen bedeckt und
wie es in jenem fruchtbaren hügligen Lande ist dass, wenn einmal etwas blüht
gleich alles mit einander blüht so war es auch hier die Rosen schienen sich das
Wort gegeben zu haben alle zur selben Zeit aufzubrechen um das Haus in einen
Überwurf der reizendsten Farbe und in eine Wolke der süßesten Gerüche zu hüllen
Wenn ich sage das Haus sei über und über mit Rosen bedeckt gewesen so ist
das nicht so wortgetreu zu nehmen Das Haus hatte zwei ziemlich hohe Geschosse
Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen Geschosses mit den
Rosen bedeckt Der übrige Teil bis zu dem Dache war frei und er war das
leuchtende weiße Band welches in die Landschaft hinaus geschaut und mich
gewissermaßen herauf gelockt hatte Die Rosen waren an einem Gitterwerke das
sich vor der Wand des Hauses befand befestigt Sie bestanden aus lauter
Bäumchen Es waren winzige darunter deren Blätter gleich über der Erde
begannen dann höhere deren Stämmchen über die ersten empor ragten und so
fort bis die letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses
hinein sahen Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt Dass nirgends eine Lücke
entstand und dass die Wand des Hauses soweit sie reichten vollkommen von ihnen
bedeckt war
Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so großen Maßstabe noch nie
gesehen
Es waren zudem fast alle Rosengattungen da die ich kannte und einige die
ich noch nicht kannte Die Farben gingen von dem reinen Weiß der weißen Rosen
durch das gelbliche und rötliche Weiß der Übergangsrosen in das zarte Rot und in
den Purpur und in das bläuliche und schwärzliche Rot der roten Rosen über Die
Gestalten und der Bau wechselten in eben demselben Masse Die Pflanzen waren
nicht etwa nach Farben eingeteilt sondern die Rücksicht der Anpflanzung schien
nur die zu sein dass in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden möge Die
Farben blühten daher in einem Gemische durch einander
Auch das Grün der Blätter fiel mir auf Es war sehr rein gehalten und kein
bei Rosen öfter als bei andern Pflanzen vorkommender Übelstand der grünen
Blätter und keine der häufigen Krankheiten kam mir zu Gesichte Kein verdorrtes
oder durch Raupen zerfressenes oder durch ihr Spinnen verkrümmtes Blatt war zu
erblicken Selbst das bei Rosen so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte
Ganz entwickelt und in ihren verschiedenen Abstufungen des Grüns prangend
standen die Blätter hervor Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen
wunderlichen Überzug des Hauses Die Sonne die noch immer gleichsam einzig auf
dieses Haus schien gab den Rosen und den grünen Blättern derselben gleichsam
goldene und feurige Farben
Nachdem ich eine Weile mein Vorhaben vergessend vor diesen Blumen
gestanden war ermahnte ich mich und dachte an das Weitere Ich sah mich nach
einem Eingange des Hauses um Allein ich erblickte keinen Die ganze ziemlich
lange Wand desselben hatte keine Tür und kein Tor Auch durch keinen Weg war der
Eingang zu dem Hause bemerkbar gemacht denn der ganze Platz vor demselben war
ein reiner durch den Rechen wohlgeordneter Sandplatz Derselbe schnitt sich
durch ein Rasenband und eine Hecke von den angrenzenden hinter meinem Rücken
liegenden Feldern ab Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner Länge
setzten sich Gärten fort die durch ein hohes eisernes grün angestrichenes
Gitter von dem Sandplatze getrennt waren In diesen Gittern musste also der
Eingang sein
Und so war es auch
In dem Gitter welches dem den Hügel heranführenden Wege zunächst lag
entdeckte ich die Tür oder eigentlich zwei Flügel einer Tür die dem Gitter so
eingefügt waren dass sie von demselben bei dem ersten Anblicke nicht
unterschieden werden konnten In den Türen waren die zwei messingenen
Schlossgriffe und an der Seite des einen Flügels ein Glockengriff
Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten Der Sandplatz
setzte sich hinter dem Gitter fort nur war er besäumt mit blühenden Gebüschen
und unterbrochen mit hohen Obstbäumen welche Schatten gaben In dem Schatten
standen Tische und Stühle es war aber kein Mensch bei ihnen gegenwärtig Der
Garten erstreckte sich rückwärts um das Haus herum und schien mir bedeutend weit
in die Tiefe zu gehen
Ich versuchte zuerst die Türgriffe aber sie öffneten nicht Dann nahm ich
meine Zuflucht zu dem Glockengriffe und läutete
Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebüschen des Gartens gegen
mich hervor Als er an der innern Seite des Gitters vor mir stand sah ich Dass
es ein Mann mit schneeweißen Haaren war die er nicht bedeckt hatte Sonst war
er unscheinbar und hatte eine Art Hausjacke an oder wie man das Ding nennen
soll das ihm überall enge anlag und fast bis auf die Knie herab reichte Er sah
mich einen Augenblick an da er zu mir herangekommen war und sagte dann »Was
wollt Ihr lieber Herr«
»Es ist ein Gewitter im Anzuge« antwortete ich »und es wird in kurzem über
diese Gegend kommen Ich bin ein Wandersmann wie Ihr an meinem Ränzchen seht
und bitte daher Dass mir in diesem Hause so lange ein Obdach gegeben werde bis
der Regen oder wenigstens der schwerere vorüber ist«
»Das Gewitter wird nicht zum Ausbruch kommen« sagte der Mann
»Es wird keine Stunde dauern dass es kommt« entgegnete ich »ich bin mit
diesen Gebirgen sehr wohl bekannt und verstehe mich auch auf die Wolken und
Gewitter derselben ein wenig«
»Ich bin aber mit dem Platze auf welchem wir stehen aller
Wahrscheinlichkeit nach weit länger bekannt als Ihr mit dem Gebirge da ich viel
älter bin als Ihr« antwortete er »ich kenne auch seine Wolken und Gewitter
und weiß dass heute auf dieses Haus diesen Garten und diese Gegend kein Regen
niederfallen wird«
»Wir wollen nicht lange darüber Meinungen hegen ob ein Gewitter dieses Haus
netzen wird oder nicht« sagte ich »wenn Ihr Anstand nehmt mir dieses
Gittertor zu öffnen so habet die Güte und ruft den Herrn des Hauses herbei«
»Ich bin der Herr des Hauses«
Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas näher an Sein Angesicht zeigte
zwar auch auf ein vorgerücktes Alter aber es schien mir jünger als die Haare
und gehörte überhaupt zu jenen freundlichen wohlgefärbten nicht durch das Fett
der vorgerückteren Jahre entstellten Angesichtern von denen man nie weiß wie
alt sie sind Hierauf sagte ich »Nun muss ich wohl um Verzeihung bitten dass ich
so zudringlich gewesen bin ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen
Wenn Eure Behauptung dass kein Gewitter kommen werde einer Ablehnung gleich
sein soll werde ich mich augenblicklich entfernen Denkt nicht dass ich als
junger Mann den Regen so scheue es ist mir zwar nicht so angenehm durchnässt zu
werden als trocken zu bleiben es ist mir aber auch nicht so unangenehm dass
ich deshalb jemanden zur Last fallen sollte Ich bin oft von dem Regen getroffen
worden und es liegt nichts daran wenn ich auch heute getroffen werde«
»Das sind eigentlich zwei Fragen« antwortete der Mann »und ich muss auf
beide etwas entgegnen Das erste ist Dass Ihr in Naturdingen eine Unrichtigkeit
gesagt habt was vielleicht daher kommt dass Ihr die Verhältnisse dieser Gegend
zu wenig kennt oder auf die Vorkommnisse der Natur nicht genug achtet Diesen
Irrtum musste ich berichtigen denn in Sachen der Natur muss auf Wahrheit gesehen
werden Das zweite ist dass, wenn Ihr mit oder ohne Gewitter in dieses Haus
kommen wollt und wenn Ihr gesonnen seid seine Gastfreundschaft anzunehmen ich
sehr gerne willfahren werde Dieses Haus hat schon manchen Gast gehabt und
manchen gerne beherbergt und wie ich an Euch sehe wird es auch Euch gerne
beherbergen und so lange verpflegen als Ihr es für nötig erachten werdet Darum
bitte ich Euch tretet ein«
Mit diesen Worten tat er einen Druck am Schloss des Torflügels der Flügel
öffnete sich drehte sich mit einer Rolle auf einer halbkreisartigen
Eisenschiene und gab mir Raum zum Eintreten
Ich blieb nun einen Augenblick unentschlossen
»Wenn das Gewitter nicht kommt« sagte ich »so habe ich im Grunde keine
Ursache hier einzutreten denn ich bin nur des anziehenden Gewitters willen von
der Landstraße abgewichen und zu diesem Hause heraufgestiegen Aber verzeiht
mir wenn ich noch einmal die Frage anrege Ich bin beinahe eine Art
Naturforscher und habe mich mehrere Jahre mit Naturdingen mit Beobachtungen
und namentlich mit diesem Gebirge beschäftigt und meine Erfahrungen sagen mir
dass heute über diese Gegend und dieses Haus ein Gewitter kommen wird«
»Nun müsst Ihr eigentlich vollends herein gehen« sagte er »jetzt handelt es
sich darum dass wir gemeinschaftlich abwarten wer von uns beiden recht hat Ich
bin zwar kein Naturforscher und kann von mir nicht sagen dass ich mich mit
Naturwissenschaften beschäftigt habe aber ich habe manches über diese
Gegenstände gelesen habe während meines Lebens mich bemüht die Dinge zu
beobachten und über das Gelesene und Gesehene nachzudenken In Folge dieser
Bestrebungen habe ich heute die unzweideutigen Zeichen gesehen dass die Wolken
welche jetzt noch gegen Sonnenuntergang stehen welche schon einmal gedonnert
haben und von denen Ihr veranlasst worden seid zu mir herauf zu steigen nicht
über dieses Haus und überhaupt über keine Gegend einen Regen bringen werden Sie
werden sich vielleicht wenn die Sonne tiefer kommt verteilen und werden
zerstreut am Himmel herum stehen Abends werden wir etwa einen Wind spüren und
morgen wird gewiss wieder ein schöner Tag sein Es könnte sich zwar ereignen dass
einige schwere Tropfen fallen oder ein kleiner Sprühregen nieder geht aber
gewiss nicht auf diesen Hügel«
»Da die Sache so ist« erwiderte ich »trete ich gerne ein und harre mit
Euch gerne der Entscheidung auf die ich begierig bin«
Nach diesen Worten trat ich ein er schloss das Gitter und sagte er wolle
mein Führer sein
Er führte mich um das Haus herum denn in der den Rosen entgegengesetzten
Seite war die Tür Er führte mich durch dieselbe ein nachdem er sie mit einem
Schlüssel geöffnet hatte Hinter der Tür erblickte ich einen Gang welcher mit
Ammonitenmarmor gepflastert war
»Dieser Eingang« sagte er »ist eigentlich der Haupteingang aber da ich
mir nicht gerne das Pflaster des Ganges verderben lasse halte ich ihn immer
gesperrt und die Leute gehen durch eine Tür in die Zimmer welche wir finden
würden wenn wir noch einmal um die Ecke des Hauses gingen Des Pflasters willen
muss ich Euch auch bitten diese Filzschuhe anzuziehen«
Es standen einige Paare gelblicher Filzschuhe gleich innerhalb der Tür
Niemand konnte mehr als ich von der Notwendigkeit überzeugt sein diesen so
edlen und schönen Marmor zu schonen der an sich so vortrefflich ist und hier
ganz meisterhaft geglättet war Ich fuhr daher mit meinen Stiefeln in ein Paar
solcher Schuhe er tat desgleichen und so gingen wir über den glatten Boden
Der Gang welcher von oben beleuchtet war führte zu einer braunen getäfelten
Tür Vor derselben legte er die Filzschuhe ab verlangte von mir Dass ich
dasselbe tue und nachdem wir uns auf dem hölzernen Antritte der Tür der
Filzschuhe entledigt hatten öffnete er dieselbe und führte mich in ein Zimmer
Dem Ansehen nach war es ein Speisezimmer denn in der Mitte desselben stand ein
Tisch an dessen Bauart man sah dass er vergrößert oder verkleinert werden
könne je nachdem eine größere oder kleinere Anzahl von Personen um ihn sitzen
sollte Außer dem Tische befanden sich nur Stühle in dem Zimmer und ein Schrein
in welchem die Speisegerätschaften enthalten sein konnten
»Legt in diesem Zimmer« sagte der Mann »Euren Hut Euren Stock und Euer
Ränzlein ab ich werde Euch dann in ein anderes Gemach fahren in welchem Ihr
ausruhen könnt«
Als er dies gesagt und ich ihm Folge geleistet hatte trat er zu einer
breiten Strohmatte und zu Fussbürsten die sich am Ausgange des Zimmers befanden
reinigte sich an beiden sehr sorgsam seine Fussbekleidung und lud mich ein
dasselbe zu tun Ich tat es und da ich fertig war öffnete er die Ausgangstür
die ebenfalls braun und getäfelt war und führte mich durch ein Vorgemach in ein
Ausruhezimmer welches an der Seite des Vorgemaches lag
»Dieses Vorgemach« sagte er »ist der eigentliche Eingang in das
Speisezimmer und man kommt von der andern Tür in dasselbe«
Das Ausruhezimmer war ein freundliches Gemach und schien recht eigens zum
Sitzen und Ruhehalten bestimmt Es befasste nichts als lauter Tische und Sitze
Auf den Tischen lagen aber nicht wie es häufig in unsern Besuchzimmern
vorkömmt Bücher oder Zeichnungen und dergleichen Dinge sondern die Tafeln
derselben waren unbedeckt und waren ausnehmend gut geglättet und gereinigt Sie
waren von dunklem Mahagoniholze das in der Zeit noch mehr nachgedunkelt war
Ein einziges Geräte war da welches kein Tisch und kein Sitz war ein Gestelle
mit mehreren Fächern welches Bücher enthielt An den Wänden hingen
Kupferstiche
»Hier könnt Ihr ausruhen wenn Ihr vom Gehen müde seid oder überhaupt ruhen
wollt« sagte der Mann »ich werde gehen und sorgen dass man Euch etwas zu essen
bereitet Ihr müsst wohl eine Weile allein bleiben Auf dem Gestelle liegen
Bücher wenn Ihr etwa ein wenig in dieselben blicken wollt«
Nach diesen Worten entfernte er sich
Ich war in der Tat müde und setzte mich nieder
Als ich saß konnte ich den Grund einsehen weshalb der Mann vor dem
Eintritte in dieses Zimmer so sehr seine Fussbekleidung gereinigt und mir den
Wunsch zu gleicher Reinigung ausgedrückt hatte Das Zimmer enthielt nämlich
einen schön getäfelten Fußboden wie ich nie einen gleichen gesehen hatte Es
war beinahe ein Teppich aus Holz Ich konnte das Ding nicht genug bewundern Man
hatte lauter Holzgattungen in ihren natürlichen Farben zusammengesetzt und sie
in ein Ganzes von Zeichnungen gebracht Da ich von den Geräten meines Vaters her
an solche Dinge gewohnt war und sie etwas zu beurteilen verstand sah ich ein
dass man alles nach einem in Farben ausgeführten Plane gemacht haben musste
welcher Plan mir selber wie ein Meisterstück erschien Ich dachte da dürfe ich
ja gar nicht aufstehen und auf der Sache herum gehen besonders wenn ich die
Nägel in Anschlag brachte mit denen meine Gebirgsstiefel beschlagen waren Auch
hatte ich keine Veranlassung zum Aufstehen da mir die Ruhe nach einem ziemlich
langen Gange sehr angenehm war
Da saß ich nun in dem weißen Hause zu welchem ich hinauf gestiegen war um
in ihm das Gewitter abzuwarten
Es schien noch immer die Sonne auf das Haus blickte durch die Fenster
dieses Zimmers schief herein und legte lichte Tafeln auf den schönen Fußboden
desselben
Als ich eine Weile gesessen war bemächtigte sich meiner eine seltsame
Empfindung welche ich mir anfangs nicht zu erklären vermochte Es war mir
nämlich als sitze ich nicht in einem Zimmer sondern im Freien und zwar in
einem stillen Walde Ich blickte gegen die Fenster um mir das Ding zu erklären
aber die Fenster erteilten die Erklärung nicht ich sah durch sie ein Stück
Himmel teils rein teils etwas bewölkt und unter dem Himmel sah ich ein Stück
Gartengrün von emporragenden Bäumen ein Anblick den ich wohl schon sehr oft
gehabt hatte Ich spürte eine reine freie Luft mich umgeben Die Ursache davon
war dass die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren Diese
oberen Teile konnten nicht nach innen geöffnet werden wie das gewöhnlich der
Fall ist, sondern waren nur zu verschieben und zwar so dass einmal Glas in dem
Rahmen vorgeschoben werden konnte ein anderes Mal ein zarter Flor von
weiß-grauer Seide Da ich in dem Zimmer saß war das letztere der Fall Die Luft
konnte frei herein strömen Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen
Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab sah ich doch
hierin nicht die völlige Erklärung allein Ich bemerkte noch etwas anderes In
dem Zimmer in welchem ich mich befand hörte man nicht den geringsten Laut
eines bewohnten Hauses den man doch sonst es mag im Hause noch so ruhig sein
mehr oder weniger in Zwischenräumen vernimmt Diese Art Abwesenheit häuslichen
Geräusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Räume konnte aber
eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben
Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein Ich hörte nämlich fast
ununterbrochen bald näher bald ferner bald leiser bald lauter vermischten
Vogelgesang Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese Wahrnehmung und
erkannte bald dass der Gesang nicht bloß von Vögeln herrühre die in der Nähe
menschlicher Wohnungen hausen sondern auch von solchen deren Stimme und
Zwitschern mir nur aus den Wäldern und abgelegenen Bebuschungen bekannt war
Dieses wenig auffallende mir aus meinem Gebirgsaufentalte bekannte und von mir
in der Tat nicht gleich beachtete Getön mochte wohl die Hauptursache meiner
Täuschung gewesen sein obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch
mitgewirkt haben konnten Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche
Vogelzwitschern achtete fand ich wirklich dass Töne sehr einsamer und immer in
tiefen Wäldern wohnender Vögel vorkamen Es nahm sich dies wunderlich in einem
bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus
Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte oder
aufgefunden zu haben glaubte war auch ein großer Teil ihrer Dunkelheit und
mithin Annehmlichkeit verschwunden
Wie ich nun so fortwährend auf den Vogelgesang merkte fiel mir sogleich
auch etwas anderes ein Wenn ein Gewitter im Anzuge ist und schwüle Lüfte in dem
Himmelsraume stocken schweigen gewöhnlich die Waldvögel Ich erinnerte mich
dass ich in solchen Augenblicken oft in den schönsten dichtesten entlegensten
Wäldern nicht den geringsten Laut gehört habe etwa ein einmaliges oder
zweimaliges Hämmern des Spechtes ausgenommen oder den kurzen Schrei jenes
Geiers den die Landleute Giessvogel nennen Aber selbst er schweigt wenn das
Gewitter in unmittelbarer Annäherung ist Nur bei den Menschen wohnende Vögel
die das Gewitter fürchten wie er oder solche die im weiten Freien hausen und
vielleicht dessen majestätische Annäherung bewundern zeigen sein Bevorstehen
an So habe ich Schwalben vor den dicken Wolken eines heraufsteigenden Gewitters
mit ihrem weißen Bauchgefieder kreuzen gesehen und selbst schreien gehört und
so habe ich Lerchen singend gegen die dunkeln Gewitterwolken aufsteigen gesehen
Das Singen der Waldvögel erschien mir nun als ein schlimmes Zeichen für meine
Voraussagung eines Gewitters Auch fiel mir auf dass sich noch immer keine
Merkmale des Ausbruches zeigten welchen ich nicht für so ferne gehalten hatte
als ich die Landstraße verließ Die Sonne schien noch immer auf das Haus und
ihre glänzenden Lichttafeln lagen noch immer auf dem schönen Fußboden des
Zimmers
Mein Beherberger schien es darauf angelegt zu haben mich lange allein zu
lassen wahrscheinlich um mir Raum zur Ruhe und Bequemlichkeit zu geben denn
er kam nicht so bald zurück als ich nach seiner Äußerung erwartet hatte
Als ich eine geraume Weile gesessen war und das Sitzen anfing mir nicht
mehr jene Annehmlichkeit zu gewähren wie anfangs stand ich auf und ging auf den
Fußspitzen um den Boden zu schonen zu dem Büchergestelle um die Bücher
anzusehen Es waren aber bloß beinahe lauter Dichter Ich fand Bände von Herder
Lessing Goethe Schiller Übersetzungen Shakespeares von Schlegel und Tieck
einen griechischen Odysseus dann aber auch etwas aus Ritters Erdbeschreibung
aus Johannes Müllers Geschichte der Menschheit und aus Alexander und Wilhelm
Humboldt Ich tat die Dichter bei Seite und nahm Alexander Humboldts Reise in
die Äquinoktialländer die ich zwar schon kannte in der ich aber immer gerne
las Ich begab mich mit meinem Buche wieder zu meinem Sitze zurück
Als ich nicht gar kurze Zeit gelesen hatte trat mein Beherberger herein
Ich hatte weil er so lange abwesend war gedacht er werde sich etwa auch
umgekleidet haben weil er doch nun einmal einen Gast habe und weil sein Anzug
so gar unbedeutend war Aber er kam in den nämlichen Kleidern zurück in welchen
er vor mir an dem Gittertore gestanden war
Er entschuldigte sein Aussenbleiben nicht sondern sagte ich möchte wenn
ich ausgeruht hätte und es mir genehm wäre zu speisen ihm in das Speisezimmer
folgen es würde dort für mich aufgetragen werden
Ich sagte ausgeruht hätte ich schon aber ich sei nur gekommen um um
Unterstand zu bitten nicht aber auch in anderer Weise besonders in Hinsicht
von Speise und Trank lästig zu fallen
»Ihr fallt nicht lästig« antwortete der Mann »Ihr müsst etwas zu essen
bekommen besonders da Ihr so lange da bleiben müsst bis sich die Sache wegen
des Gewitters entschieden hat Da schon Mittag vorüber ist wir aber genau mit
der Mittagstunde des Tages zu Mittag essen und von da bis zu dem Abendessen
nichts mehr aufgetragen wird so muss für Euch wenn Ihr nicht bis abends warten
sollt besonders aufgetragen werden Solltet Ihr aber schon zu Mittag gegessen
haben und bis abends warten wollen so fodert es doch die Ehre des Hauses dass
Euch etwas geboten werde Ihr möget es dann annehmen oder nicht Folgt mir daher
in das Speisezimmer«
Ich legte das Buch neben mich auf den Sitz und schickte mich an zu gehen
Er aber nahm das Buch und legte es auf seinen Platz in dem Büchergestelle
»Verzeiht« sagte er »es ist bei uns Sitte dass die Bücher die auf dem
Gestelle sind damit jemand der in dem Zimmer wartet oder sich sonst aufhält
bei Gelegenheit und nach Wohlgefallen etwas lesen kann nach dem Gebrauche
wieder auf das Gestelle gelegt werden damit das Zimmer die ihm zugehörige
Gestalt behalte«
Hierauf öffnete er die Tür und lud mich ein in das mir bekannte
Speisezimmer voraus zu gehen
Als wir in demselben angelangt waren sah ich dass in ausgezeichnet schönen
weißen Linnen gedeckt sei und zwar nur ein Gedecke dass sich eingemachte
Früchte Wein Wasser und Brod auf dem Tische befanden und in einem Gefäße
verkleinertes Eis war es in den Wein zu tun Mein Ränzlein und meinen
Schwarzdornstock sah ich nicht mehr mein Hut aber lag noch auf seinem Platze
Mein Begleiter tat aus einer der Taschen seines Kleides ein wie ich
vermutete silbernes Glöcklein hervor und läutete Sofort erschien eine Magd und
brachte ein gebratenes Huhn und schönen rotgesprenkelten Kopfsalat
Mein Gasterr lud mich ein mich zu setzen und zu essen
Da es so freundlich geboten war nahm ich es an Obwohl ich wirklich schon
einmal gegessen hatte so war das vor dem Mittag gewesen und ich war durch das
Wandern wieder hungrig geworden Ich genoss daher von dem Aufgesetzten
Mein Beherberger setzte sich zu mir leistete mir Gesellschaft aß und trank
aber nichts
Da ich fertig war und die Essgeräte hingelegt hatte bot er mir an wenn ich
nicht zu müde sei mich in den Garten zu fahren
Ich nahm es an
Er läutete wieder mit dem Glöcklein um den Befehl zu geben dass man
abräume und führte mich nun nicht durch den Gang durch welchen wir herein
gekommen waren sondern durch einen mit gewöhnlichen Steinen gepflasterten in
den Garten Er hatte jetzt ein kleines Häubchen von durchbrochener Arbeit auf
seinen weißen Haaren wie man sie gerne Kindern aufsetzt um ihre Locken
gleichsam wie in einem Netze einzufangen
Als wir in das Freie kamen sah ich dass während ich aß die Sonne auf das
Haus zu scheinen aufgehört hatte sie war von der Gewitterwand überholt worden
Auf dem Garten so wie auf der Gegend lag der warme trockene Schatten wie er
bei solchen Gelegenheiten immer erscheint Aber die Gewitterwand hatte sich
während meines Aufenthaltes in dem Hause wenig verändert und gab nicht die
Aussicht auf baldigen Ausbruch des Regens
Ein Umblick überzeugte mich sogleich dass der Garten hinter dem Hause sehr
groß sei Er war aber kein Garten wie man sie gerne hinter und neben den
Landhäusern der Städter anlegt nämlich dass man unfruchtbare oder höchstens
Zierfrüchte tragende Gebüsche und Bäume pflegt und zwischen ihnen Rasen und
Sandwege oder einige Blumenhügel oder Blumenkreise herrichtet sondern es war
ein Garten der mich an den meiner Eltern bei dem Vorstadtause erinnerte Es
war da eine weitläufige Anlage von Obstbäumen die aber hinlänglich Raum ließ
dass fruchtbare oder auch nur zum Blühen bestimmte Gesträuche dazwischen stehen
konnten und dass Gemüse und Blumen vollständig zu gedeihen vermochten Die
Blumen standen teils in eigenen Beeten teils liefen sie als Einfriedigung hin
teils befanden sie sich auf eigenen Plätzen wo sie sich schön darstellten Mich
empfingen von je her solche Gärten mit dem Gefühle der Häuslichkeit und
Nützlichkeit während die anderen einerseits mit keiner Frucht auf das Haus
denken und andererseits wahrhaftig auch kein Wald sind Was zur Rosenzeit
blühen konnte blühte und duftete und weil eben die schweren Wolken am Himmel
standen so war aller Duft viel eindringender und stärker Dies deutete doch
wieder auf ein Gewitter hin
Nahe bei dem Hause befand sich ein Gewächshaus Es zeigte uns aber gegen den
Weg auf dem wir gingen nicht seine Länge sondern seine Breite hin Auch diese
Breite welche teilweise Gebüsche deckten war mit Rosen bekleidet und sah aus
wie ein Rosenhäuschen im kleinen
Wir gingen einen geräumigen Gang der mitten durch den Garten lief entlang
Er war anfangs eben zog sich aber dann sachte aufwärts
Auch im Garten waren die Rosen beinahe herrschend Entweder stand hie und da
auf einem geeigneten Platze ein einzelnes Bäumchen oder es waren Hecken nach
gewissen Richtungen angelegt oder es zeigten sich Abteilungen wo sie gute
Verhältnisse zum Gedeihen fanden und sich dem Auge angenehm darstellen konnten
Eine Gruppe von sehr dunkeln fast violetten Rosen war mit einem eigenen
zierlichen Gitter umgeben um sie auszuzeichnen oder zu schützen Alle Blumen
waren wie die vor dem Hause besonders rein und klar entwickelt sogar die
verblühenden erschienen in ihren Blättern noch kraftvoll und gesund
Ich machte in Hinsicht des letzten Umstandes eine Bemerkung
»Habt Ihr denn nie eine jener alten Frauen gesehen« sagte mein Begleiter
»die in ihrer Jugend sehr schön gewesen waren und sich lange kräftig erhalten
haben Sie gleichen diesen Rosen Wenn sie selbst schon unzählige kleine Falten
in ihrem Angesichte haben so ist doch noch zwischen den Falten die Anmut
herrschend und eine sehr schöne liebe Farbe«
Ich antwortete dass ich das noch nie beobachtet hätte und wir gingen
weiter
Es waren außer den Rosen noch andere Blumen im Garten Ganze Beete von
Aurikeln standen an schattigen Orten Sie waren wohl längst verblüht aber ihre
starken grünen Blätter zeigten dass sie in guter Pflege waren Hie und da stand
eine Lilie an einer einsamen Stelle und wohl entwickelte Nelken prangten in
Töpfen auf einem eigenen Schragen an dem Vorrichtungen angebracht waren die
Blumen vor Sonne zu bewahren Sie waren noch nicht aufgeblüht aber die Knospen
waren weit vorgerückt und ließ treffliche Blumen ahnen Es mochten nur die
auserwählten auf dem Schragen stehen denn ich sah die Schule dieser Pflanzen
als wir etwas weiter kamen in langen weitingehenden Beeten angelegt Sonst
waren die gewöhnlichen Gartenblumen da teils in Beeten teils auf kleinen
abgesonderten Plätzen teils als Einfassungen Besonders schien sich auch die
Levkoje einer Vorliebe zu erfreuen denn sie stand in großer Anzahl und
Schönheit so wie in vielen Arten da Ihr Duft ging wohltuend durch die Lüfte
Selbst in Töpfen sah ich diese Blume gepflegt und an zuträgliche Orte gestellt
Was an Zwiebelgewächsen Hyazinten Tulpen und dergleichen vorhanden gewesen
sein mochte konnte ich nicht ermessen da die Zeit dieser Blumen längst vorüber
war
Auch die Zeit der Blütengesträuche war vorüber und sie standen nur mit
ihren grünen Blättern am Wege oder an ihren Stellen
Die Gemüse nahmen die weiten und größeren Räume ein Zwischen ihnen und an
ihren Seiten liefen Anpflanzungen von Erdbeeren Sie schienen besonders gehegt
waren häufig aufgebunden und hatten Blechtäfelchen zwischen sich auf denen die
Namen standen
Die Obstbäume waren durch den ganzen Garten verteilt wir gingen an vielen
vorüber Auch an ihnen besonders aber an den zahlreichen Zwergbäumen sah ich
weiße Täfelchen mit Namen
An manchen Bäumen erblickte ich kleine Kästchen von Holz bald an dem
Stamme bald in den Zweigen In unserem Oberlande gibt man den Staren gerne
solche Behälter damit sie ihr Nest in dieselben bauen Die hier befindlichen
Behältnisse waren aber anderer Art Ich wollte fragen aber in der Folge des
Gespräches vergaß ich wieder darauf
Da wir in dem Garten so fortgingen hörte ich besonders aus seinem
bebuschten Teile wieder die Vogelstimmen die ich in dem Wartezimmer gehört
hatte nur hier deutlicher und heller
Auch ein anderer Umstand fiel mir auf da wir schon einen großen Teil des
Gartens durchwandert hatten ich bemerkte nämlich gar keinen Raupenfrass Während
meines Ganges durch das Land hatte ich ihn aber doch gesehen obwohl er mir da
er nicht außerordentlich war und keinen Obstmisswachs befürchten ließ nicht
besonders aufgefallen war Bei der Frische der Belaubung dieses Gartens fiel er
mir wieder ein Ich sah das Laub deshalb näher an und glaubte zu bemerken dass
es auch vollkommener sei als anderwärts das grüne Blatt war größer und dunkler
es war immer ganz und die grünen Kirschen und die kleinen Äpfelchen und
Birnchen sahen recht gesund daraus hervor Ich betrachtete durch diese Tatsache
aufmerksam gemacht nun auch den Kohl genauer der nicht weit von unserm Wege
stand An ihm zeigte keine kahle Rippe dass die Raupe des Weisslings genagt habe
Die Blätter waren ganz und schön Ich nahm mir vor diese Beobachtung gegen
meinen Begleiter gelegentlich zur Sprache zu bringen
Wir waren mittlerweile bis an das Ende der Pflanzungen gelangt und es
begann Rasengrund der steiler anstieg anfangs mit Bäumen besetzt war weiter
oben aber kahl fortlief
Wir stiegen auf ihm empor
Da wir auf eine ziemliche Höhe gelangt waren und Bäume die Aussicht nicht
mehr hinderten blieb ich ein wenig stehen um den Himmel zu betrachten Mein
Begleiter hielt ebenfalls an Das Gewitter stand nicht mehr gegen
Sonnenuntergang allein sondern jetzt überall Wir hörten auch entfernten
Donner der sich öfter wiederholte
Wir hörten ihn bald gegen Sonnenuntergang bald gegen Mittag bald an Orten
die wir nicht angeben konnten
Mein Mann musste seiner Sache sehr sicher sein denn ich sah dass in dem
Garten Arbeiter sehr eitrig an den mehreren Ziehbrunnen zogen um das Wasser in
die durch den Garten laufenden Rinnen zu leiten und aus diesen in die
Wasserbehälter Ich sah auch bereits Arbeiter gehen ihre Giesskannen in den
Wasserbehältern füllen und ihren Inhalt auf die Pflanzenbeete ausstreuen Ich
war sehr begierig auf den Verlauf der Dinge, sagte aber gar nichts und mein
Begleiter schwieg auch
Wir gingen nach kurzem Stillstande auf dem Rasengrunde wieder weiter
aufwärts und zuletzt ziemlich steil
Endlich hatten wir die höchste Stelle erreicht und mit ihr auch das Ende
des Gartens Jenseits senkte sich der Boden wieder sanft abwärts Auf diesem
Platze stand ein sehr großer Kirschbaum der größte Baum des Gartens vielleicht
der größte Obstbaum der Gegend Um den Stamm des Baumes lief eine Holzbank die
vier Tischchen nach den vier Weltgegenden vor sich hatte dass man hier ausruhen
die Gegend besehen oder lesen und schreiben konnte Man sah an dieser Stelle
fast nach allen Richtungen des Himmels Ich erinnerte mich nun ganz genau dass
ich diesen Baum wohl früher bei meinen Wanderungen von der Straße oder von
anderen Stellen aus gesehen hatte Er war wie ein dunkler ausgezeichneter Punkt
erschienen der die höchste Stelle der Gegend krönte Man musste an heiteren
Tagen von hier aus die ganze Gebirgskette im Süden sehen jetzt aber war nichts
davon zu erblicken denn alles floss in eine einzige Gewittermasse zusammen
Gegen Mitternacht erschien ein freundlicher Höhenzug hinter welchem nach meiner
Schätzung das Städtchen Landegg liegen musste
Wir setzten uns ein wenig auf das Banklein Es schien dass man an diesem
Plätzchen niemals vorüber gehen konnte ohne sich zu setzen und eine kleine
Umschau zu halten denn das Gras war um den Baum herum abgetreten dass der kahle
Boden hervorsah wie wenn ein Weg um den Baum ginge Man musste sich daher gerne
an diesem Platze versammeln
Als wir kaum ein Weilchen ausgeruht hatten sah ich eine Gestalt aus den
nicht sehr entfernten Büschen und Bäumen hervortreten und gegen uns empor gehen
Da sie etwas näher gekommen war erkannte ich dass es ein Gemische von Knabe und
Jüngling war Zuweilen hätte man meinen können der Ankommende sei ganz ein
Jüngling und zuweilen er sei noch ganz ein Knabe Er trug ein blau und
weissgestreiftes Leinenzeug als Bekleidung um den Hals hatte er nichts und auf
dem Haupte auch nichts als eine dichte Menge brauner Locken
Da er herzugekommen war sagte er »Ich sehe dass du mit einem fremden Manne
beschäftigt bist ich werde dich also nicht stören und wieder in den Garten
hinab gehen«
»Tue das« sagte mein Begleiter
Der Knabe machte eine schnelle und leichte Verbeugung gegen mich wendete
sich um und ging in derselben Richtung wieder zurück in der er gekommen war
Wir blieben noch sitzen
Am Himmel änderte sich indessen wenig Dieselbe Wolkendecke stand da und
wir hörten denselben Donner Nur da die Decke dunkler geworden zu sein schien
so wurde jetzt zuweilen auch ein Blitz sichtbar
Nach einer Zeit sagte mein Begleiter »Eure Reise hat wohl nicht einen
Zweck der durch den Aufenthalt von einigen Stunden oder von einem Tage oder von
einigen Tagen gestört würde«
»Es ist so wie Ihr gesagt habt« antwortete ich »mein Zweck ist soweit
meine Kräfte reichen wissenschaftliche Bestrebungen zu verfolgen und nebenbei
was ich auch nicht für unwichtig halte das Leben in der freien Natur zu
genießen«
»Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig« versetzte mein Nachbar
»und da Ihr Euren Reisezweck bezeichnet habt so werdet Ihr gewiss einwilligen
wenn ich Euch einlade heute nicht mehr weiter zu reisen sondern die Nacht in
meinem Hause zuzubringen Wünschet Ihr dann am morgigen Tage und an mehreren
darauf folgenden noch bei mir zu verweilen so steht es nur bei Euch so zu
tun«
»Ich wollte wenn das Gewitter auch lange angedauert hätte doch heute noch
nach Rohrberg gehen« sagte ich »Da Ihr aber auf eine so freundliche Weise
gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt so sage ich gerne zu die heutige
Nacht in Eurem Hause zuzubringen und bin Euch dafür dankbar Was morgen sein
wird darüber kann ich noch nicht entscheiden weil das Morgen noch nicht da
ist«
»So haben wir also für die kommende Nacht abgeschlossen wie ich gleich
gedacht habe« sagte mein Begleiter »Ihr werdet wohl bemerkt haben dass Euer
Ränzlein und Euer Wanderstock nicht mehr in dem Speisezimmer waren als Ihr zum
Essen dahin kamet«
»Ich habe es wirklich bemerkt« antwortete ich
»Ich habe beides in Euer Zimmer bringen lassen« sagte er »weil ich schon
vermutete dass Ihr diese Nacht in unserm Hause zubringen würdet«
4 Die Beherbergung
Nach einer Weile sagte mein Gastfreund »Da Ihr nun meine Nachterberge
angenommen habt so könnten wir von diesem Baume auch ein wenig in das Freie
gehen dass Ihr die Gegend besser kennen lernet Wenn das Gewitter zum Ausbruche
kommen sollte so kennen wir wohl beide die Anzeichen genug dass wir rechtzeitig
umkehren um ungefährdet das Haus zu erreichen«
»So kann es geschehen« sagte ich und wir standen von dem Bänkchen auf
Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine starke
Planke von der Umgebung getrennt Als wir zu dieser Planke gekommen waren zog
mein Begleiter einen Schlüssel aus der Tasche öffnete ein Pförtchen wir traten
hinaus und er schloss hinter uns das Pförtchen wieder zu
Hinter dem Garten fingen Felder an auf denen die verschiedensten Getreide
standen Die Getreide welche sonst wohl bei dem geringsten Luftzuge zu wanken
beginnen mochten standen ganz stille und pfeilrecht empor das feine Haar der
Ähren über welches unsere Augen streiften war gleichsam in einem unbeweglichen
goldgrünen Schimmer
Zwischen dem Getreide lief ein Fußpfad durch Derselbe war breit und
ziemlich ausgetreten Er ging den Hügel entlang nicht steigend und nicht
sinkend so dass er immer auf dem höchsten Teile der Anhöhe blieb Auf diesem
Pfade gingen wir dahin
Zu beiden Seiten des Weges stand glühroter Mohn in dem Getreide und auch
erregte die leichten Blätter nicht
Es war überall ein Zirpen der Grillen aber dieses war gleichsam eine andere
Stille und erhöhte die Erwartung die aller Orten war Durch die über den
ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein tiefes Donnern und ein
blasser Blitz lüftete zeitweilig ihr Dunkel
Mein Begleiter ging ruhig neben mir und strich manchmal sachte mit der Hand
an den grünen Ähren des Getreides hin Er hatte sein Netz von den weißen Haaren
abgenommen hatte es in die Tasche gesteckt und trug sein Haupt unbedeckt in
der milden Luft
Unser Weg führte uns zu einer Stelle auf welcher kein Getreide stand Es
war ein ziemlich großer Platz der nur mit sehr kurzem Grase bedeckt war Auf
diesem Platze befand sich wieder eine hölzerne Bank und eine mittelgrosse Esche
»Ich habe diesen Fleck freigelassen wie ich ihn von meinen Vorfahren
überkommen hatte« sagte mein Begleiter »obwohl er wenn man ihn urbar machte
und den Baum ausgrübe in einer Reihe von Jahren eine nicht unbedeutende Menge
von Getreide gäbe Die Arbeiter halten hier ihre Mittagsruhe und verzehren hier
ihr Mittagsmahl wenn es ihnen auf das Feld nachgebracht wird Ich habe die Bank
machen lassen weil ich auch gerne da sitze wäre es auch nur um den Schnittern
zuzuschauen und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten Alte
Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes sei es auch nur das des Bestehenden und
immer Gesehenen Hier dürfte es aber mehr sein weshalb die Stelle unbebaut
blieb und der Baum auf derselben steht Der Schatten dieser Esche ist wohl ein
sparsamer aber da er der einzige dieser Gegend ist wird er gesucht und die
Leute obwohl sie roh sind achten gewiss auch auf die Aussicht die man hier
genießt Setzt Euch nur zu mir nieder und betrachtet das Wenige was uns heute
der verschleierte Himmel gönnt«
Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche so dass wir gegen Mittag
schauten Ich sah den Garten wie einen grünen Schoss schräg unter mir liegen
An seinem Ende sah ich die weiße mitternächtliche Mauer des Hauses und über
der weißen Mauer das freundliche rote Dach Von dem Gewächshause war nur das
Dach und der Schornstein ersichtlich
Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen wegen
des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes Gegen Morgen stand der
weiße Turm von Rohrberg und gegen Abend war Getreide an Getreide zuerst auf
unserm Hügel dann jenseits desselben auf dem nächsten Hügel und so fort
soweit die Hügel sichtbar waren Dazwischen zeigten sich weiße Meierhöfe und
andere einzelne Häuser oder Gruppen von Häusern Nach der Sitte des Landes
gingen Zeilen von Obstbäumen zwischen den Getreidefeldern dahin und in der Nähe
von Häusern oder Dörfern standen diese Bäume dichter gleichsam wie in Wäldchen
beisammen Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Häusern teils nach den
Besitzern der Felder
»Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der ersten
Zeile von Obstbäumen sind unser« sagte mein Begleiter »Die wir von dem
Kirschbaum bis hieher durchwandert haben gehören auch uns Sie gehen noch bis
zu jenen langen Gebäuden die Ihr da unten seht welche unsere
Wirtschaftsgebäude sind Gegen Mitternacht erstrecken sie sich wenn Ihr umsehen
wollt bis zu jenen Wiesen mit den Erlenbüschen Die Wiesen gehören auch uns
und machen dort die Grenze unserer Besitzungen Im Mittag gehören die Felder uns
bis zur Einfriedigung von Weissdorn wo Ihr die Straße verlassen habt Ihr könnt
also sehen dass ein nicht ganz geringer Teil dieses Hügels von unserm Eigentume
bedeckt ist Wir sind von diesem Eigentume umringt wie von einem Freunde der
nie wankt und nicht die Treue bricht«
Mir fiel bei diesen Worten auf dass er vom Eigentume immer die Ausdrücke uns
und unser gebrauchte Ich dachte er werde etwa eine Gattin oder auch Kinder
einbeziehen Mir fiel der Knabe ein den ich im Heraufgehen gesehen hatte
vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm »Der Rest des Hügels ist an drei
Meierhöfe verteilt« schloss er seine Rede »welche unsere nächsten Nachbarn
sind Von den Niederungen an die um den Hügel liegen und jenseits welcher das
Land wieder aufsteigt beginnen unsere entfernteren Nachbarn«
»Es ist ein gesegnetes ein von Gott beglücktes Land« sagte ich
»Ihr habt recht gesprochen« erwiderte er »Land und Halm ist eine Wohltat
Gottes Es ist unglaublich und der Mensch bedenkt es kaum welch ein
unermesslicher Wert in diesen Gräsern ist Lasst sie einmal von unserem Erdteile
verschwinden und wir verschmachten bei allem unserem sonstigen Reichtume vor
Hunger Wer weiß ob die heißen Länder nicht so dünn bevölkert sind und das
Wissen und die Kunst nicht so tragen wie die kälteren weil sie kein Getreide
haben Wie viel selbst dieser kleine Hügel gibt würdet Ihr kaum glauben Ich
habe mir einmal die Mühe genommen die Fläche dieses Hügels soweit sie
Getreideland ist zu messen um auf der Grundlage der Erträgnisse unserer Felder
und der Erträgnisfähigkeit der Felder der Nachbarn die ich untersuchte eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen welche Getreidemenge im Durchschnitte
jedes Jahr auf diesem Hügel wächst Ihr würdet die Zahlen nicht glauben und
auch ich habe sie mir vorher nicht so groß vorgestellt Wenn es Euch genehm ist
werde ich Euch die Arbeit in unserem Hause zeigen Ich dachte mir damals das
Getreide gehöre auch zu jenen unscheinbaren nachhaltigen Dingen dieses Lebens
wie die Luft Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht weiter weil von
beiden so viel vorhanden ist und uns beide überall umgeben Die ruhige
Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermessliche Kette durch die Menschheit in
den Jahrhunderten und Jahrtausenden Überall wo Völker mit bestimmten
geschichtlichen Zeichnungen auftreten und vernünftige Staatseinrichtungen haben
finden wir sie schon zugleich mit dem Getreide und wo der Hirte in lockreren
Gesellschaftsbanden aber vereint mit seiner Herde lebt da sind es zwar nicht
die Getreide die ihn nähren aber doch ihre geringeren Verwandten die Gräser
die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten Aber verzeiht dass ich da so
von Gräsern und Getreiden rede es ist natürlich da ich da mitten unter ihnen
wohne und auf ihren Segen erst in meinem Alter mehr achten lernte«
»Ich habe nichts zu verzeihen« erwiderte ich »denn ich teile Eure Ansicht
über das Getreide vollkommen wenn ich auch ein Kind der großen Stadt bin Ich
habe diese Gewächse viel beachtet habe darüber gelesen freilich mehr von dem
Standpunkte der Pflanzenkunde und habe seit ich einen großen Teil des Jahres
in der freien Natur zubringe ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen
gelernt«
»Ihr würdet es erst recht« sagte er »wenn Ihr Besitztümer hättet oder auf
Euren Besjetztümern Euch mit der Pflege dieser Pflanzen besonders abgäbet«
»Meine Eltern sind in der Stadt« antwortete ich »mein Vater treibt die
Kaufmannschaft und außer einem Garten besitzt weder er noch ich einen liegenden
Grund«
»Das ist von großer Bedeutung« erwiderte er »den Wert dieser Pflanzen kann
keiner vollständig ermessen als der sie pflegt«
Wir schwiegen nun eine Weile
Ich sah an seinen Wirtschaftsgebäuden Leute beschäftigt Einige gingen an
den Toren ab und zu in häuslichen Arbeiten begriffen andere mähten in einer
nahen Wiese Gras und ein Teil war bedacht das im Laufe des Tages getrocknete
Heu in hochbeladenen Wägen durch die Tore einzuführen Ich konnte wegen der
großen Entfernung das Einzelne der Arbeiten nicht unterscheiden so wie ich die
eigentliche Bauart und die nähere Einrichtung der Gebäude nicht wahrnehmen
konnte
»Was Ihr von den Häusern und den Besitzern der Felder gesagt habt dass ich
sie Euch nennen soll« fahr er nach einer Weile fort »so hat dies seine
Schwierigkeit besonders heute Man kann zwar von diesem Platze aus die größte
Zahl der Nachbarn erblicken aber heute wo der Himmel umschleiert ist sehen
wir nicht nur das Gebirge nicht sondern es entgeht uns auch mancher weiße Punkt
des unteren Landes der Wohnungen bezeichnet von denen ich sprechen möchte
Anderen Teils sind Euch die Leute unbekannt Ihr solltet eigentlich in der
Gegend herumgewandert sein in ihr gelebt haben dass sie zu Eurem Geiste spräche
und Ihr die Bewohner verstündet Vielleicht kommt Ihr wieder und bleibt länger
bei uns vielleicht verlängert Ihr Euren jetzigen Aufenthalt Indessen will ich
Euch im allgemeinen etwas sagen und von Besonderem hinzufügen was Euch
ansprechen dürfte Ich besuche auch meiner Nachbarn willen gerne diesen Platz
denn außerdem dass hier auf der Höhe selbst an den schönsten Tagen immer ein
kühler Luftzug geht außerdem dass ich hier unter meinen Arbeitern bin sehe ich
von hier aus alle die mich umgeben es fällt mir manches von ihnen ein und ich
ermesse wie ich ihnen nützen kann oder wie überhaupt das Allgemeine gefördert
werden möge Sie sind im ganzen ungebildete aber nicht ungelehrige Leute wenn
man sie nach ihrer Art nimmt und nicht vorschnell in eine andere zwingen will
Sie sind dann meist auch gutartig Ich habe von ihnen manches für mein Inneres
gewonnen und ihnen manchen äußeren Vorteil verschafft Sie ahmen nach wenn sie
etwas durch längere Erfahrung billigen Man muss nur nicht ermüden Oft haben sie
mich zuerst verlacht und endlich dann doch nachgeahmt In vielem verlachen sie
mich noch und ich ertrage es Der Weg da durch meine Felder ist ein kürzerer
und da geht mancher vorbei wenn ich auf der Bank sitze er bleibt stehen er
redet mit mir ich erteile ihm Rat und ich lerne aus seinen Worten Meine
Felder sind bereits ertragfähiger gemacht worden als die ihrigen das sehen sie
und das ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung Nur die
Wiese welche sich hinter unserem Rücken befindet tiefer als die Felder liegt
und von einem kleinen Bache bewässert wird habe ich nicht so verbessern können
wie ich wollte sie ist noch durch die Erlengesträuche und durch die Erlenstöcke
verunstaltet die sich am Saume des Bächleins befinden und selbst hie und da
Sumpfstellen veranlassen aber ich kann die Sache im wesentlichen nicht
abändern weil ich die Erlengesträuche und Erlenstöcke zu anderen Dingen
notwendig brauche«
Um meine Frage nach dem einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen die er
wie ich jetzt einsah nicht beantworten konnte wenigstens nicht wie sie
gestellt war fragte ich ihn ob denn zu seinem Anwesen nicht auch Waldgrund
gehöre
»Allerdings« antwortete er »aber derselbe liegt nicht so nahe als es der
Bequemlichkeit wegen wünschenswert wäre aber er liegt auch entfernt genug dass
die Schönheit und Anmut dieses Getreidehügels nicht gestört wird Wenn Ihr auf
dem Wege nach Rohrberg fortgegangen wäret statt zu unserem Hause herauf zu
steigen so würdet Ihr nach einer halben Stunde Wanderns zu Eurer Rechten dicht
an der Straße die Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben um welche die Straße
herum geht Diese Ecke erhebt sich rasch erweitert sich nach rückwärts wohin
man von der Straße nicht sehen kann und gehört einem Walde an der weit in das
Land hinein geht Man kann von hier aus ein großes Stück sehen Dort links von
dem Felde auf welchem die junge Gerste steht«
»Ich kenne den Wald recht gut« sagte ich »er schlingt sich um eine Höhe
und berührt die Straße nur mit einem Stücke aber wenn man ihn betritt lernt
man seine Größe kennen Es ist der Alizwald Er hat mächtige Buchen und Ahorne
die sich unter die Tannen mischen Die Aliz geht von ihm in die Agger An der
Aliz stehen beiderseits hohe Felsen mit seltenen Kräutern und von ihnen geht
gegen Mittag ein Streifen Landes mit den allerstärksten Buchen talwärts«
»Ihr kennt den Wald« sagte er
»Ja« erwiderte ich »ich bin schon in ihm gewesen Ich habe dort die größte
Doppelbuche gezeichnet die ich je gesehen ich habe Pflanzen und Steine
gesammelt und die Felsenlagen betrachtet«
»Jener Waldstreifen der mit den starken Buchen bestanden ist und noch
mehreres Land jenes Waldes gehört zu diesem Anwesen« sagte mein Beherberger
»Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbühel unser auf dem
stellenweise die Birke sehr verkrüppelt vorkommt welche zum Brennen wenig
taugt aber Holz zu feinen Arbeiten gibt«
»Ich kenne den Bühel auch« sagte ich »dort geht der Granit zu Ende aus
dem der ganze mitternächtliche Teil unseres Landes besteht und es beginnt gegen
Mittag zu nach und nach der Kalk der endlich in den höchsten Gebirgen die
Landesgrenze an der Mittagseite macht«
»Ja der Bühel ist der südlichste Granitblock« sagte mein Begleiter »er
übersetzt sogar die Wässer Wir können hier trotz des Duftes der Wolken hie und
da die Grenze sehen in der sich der Granit abschneidet«
»Dort ist die Klamspitze« sagte er »die noch Granit hat rechts der
Gaisbühl dann die Asser der Losen und zuletzt die Grumhaut die noch zu sehen
ist«
Ich stimmte in allem bei
Der Abend kam indessen immer näher und näher und der Nachmittag war
bedeutend vorgerückt
Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwürdig
geworden
Ich hatte den Ausbruch desselben als ich den Hügel zu dem weißen Hause
empor stieg um eine Unterkunft zu suchen in kurzer Zeit erwartet und nun
waren Stunden vergangen und es war noch immer nicht ausgebrochen Über den
ganzen Himmel stand es unbeweglich Die Wolkendecke war an manchen Stellen fast
finster geworden und Blitze zuckten aus diesen Stellen bald höher bald tiefer
hervor Der Donner folgte in ruhigem schwerem Rollen auf diese Blitze aber in
der Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen
Gewitterballen und es war kein Anschicken zu einem Regen
Ich sagte endlich zu meinem Nachbar indem ich auf die Männer zeigte welche
weiter unten in der Niederung in welcher die Wirtschaftsgebäude lagen Gras
machten »Diese scheinen auch auf kein Gewitter und auf kein gewöhnliches
Nachregnen für den morgigen Tag zu rechnen weil sie jetzt Gras mähen das ihnen
in der Nacht ein tüchtiger Regen durchnässen oder morgen eine kräftige Sonne zu
Heu trocknen kann«
»Diese wissen gar nichts von dem Wetter« sagte mein Begleiter »und sie
mähen das Gras nur weil ich es so angeordnet habe«
Das waren die einzigen Worte die er über das Wetter gesprochen hatte Ich
veranlasste ihn auch nicht zu mehreren
Wir gingen von diesem Feldersitze auf dem wir nun schon eine Weile gesessen
waren nicht mehr weiter von dem Hause weg sondern nachdem wir uns erhoben
hatten schlug mein Begleiter wieder den Rückweg ein
Wir gingen auf demselben Wege zurück auf dem wir gekommen waren
Die Donner erschallten nun sogar lauter und verkündeten sich bald an dieser
Stelle des Himmels bald an jener Als wir wieder in den Garten eingetreten
waren als mein Begleiter das Pförtchen hinter sich geschlossen hatte und als
wir von dem großen Kirschbaume bereits abwärts gingen sagte er zu mir
»Erlaubt dass ich nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle«
Ich stimmte sogleich zu und er rief gegen eine Stelle des Gebüsches
»Gustav«
Der Knabe den ich im Heraufgehen gesehen hatte kam fast an der nämlichen
Stelle des Gartens zum Vorscheine an welcher er früher herausgetreten war Da
er jetzt länger vor uns stehen blieb konnte ich ihn genauer betrachten Sein
Angesicht erschien mir sehr rosig und schön und besonders einnehmend zeigten
sich die großen schwarzen Augen unter den braunen Locken die ich schon früher
beobachtet hatte
»Gustav« sagte mein Begleiter »wenn du noch an deinem Tische oder sonst
irgendwo in dem Garten bleiben willst so erinnere dich an das was ich dir über
Gewitter gesagt habe Da die Wolken über den ganzen Himmel stehen so weiß man
nicht wann überhaupt ein Blitz auf die Erde niederfährt und an welcher Stelle
er sie treffen wird Darum verweile unter keinem höheren Baume Sonst kannst du
hier bleiben wie du willst Dieser Herr bleibt heute bei uns und du wirst zur
Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen«
»Ja« sagte der Knabe verneigte sich und ging wieder auf einem Sandwege in
die Gesträuche des Gartens zurück
»Dieser Knabe ist mein Pflegesohn« sagte mein Begleiter »er ist gewohnt
zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen darum kam er da wir
bei dem Kirschbaume saßen von seinem Arbeitstische den er im Garten hat zu
uns empor um mich zu suchen allein da er sah dass ein Fremder da sei ging er
wieder an seine Stelle zurück«
Mir der ich mich an den einfachen folgerichtigen Ausdruck gewöhnt hatte
fiel es jetzt abermals auf dass mein Begleiter der wenn er von seinen Feldern
redete fast immer den Ausdruck unser gebraucht hatte nun da er von seinem
Pflegesohne sprach den Ausdruck mein wählte da er doch wenn er etwa seine
Gattin einbezog jetzt auch das Wort unser gebrauchen sollte
Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten Garten
betreten hatten gingen wir in ihm auf einem anderen Wege zurück als auf dem
wir herauf gegangen waren
Auf diesem Wege sah ich nun dass der Besitzer des Gartens auch Weinreben in
demselben zog obwohl das Land der Pflege dieses Gewächses nicht ganz günstig
ist Es waren eigene dunkle Mauern aufgeführt an denen die Reben mittelst
Holzgittern empor geleitet wurden Durch andere Mauern wurden die Winde
abgehalten Gegen Mittag allein waren die Stellen offen So sammelte er die
Hitze und gewährte Schutz Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise und aus den
Blättern derselben schloss ich auf sehr edle Gattungen
Wir gingen hier an großen Linden vorüber und in ihrer Nähe erblickte ich
ein Bienenhaus
Von dem Gewächshause sah ich auf dem Rückwege wohl die Längenseite konnte
aber nichts Näheres erkennen weil mein Begleiter den Weg zu ihm nicht
einschlug Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen ich vermutete dass
er mich zu seiner Familie führen würde
Da wir an dem Hause angekommen waren geleitete er mich bei dem
gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein führte mich über eine gewöhnliche
Sandsteintreppe in das erste Stockwerk und ging dort mit mir einen Gang
entlang in dem viele Türen waren Eine derselben öffnete er mit einem
Schlüssel den er schon in seiner Tasche in Bereitschaft hatte und sagte »Das
ist Euer Zimmer solange Ihr in diesem Hause bleibt Ihr könnt jetzt in dasselbe
eintreten oder es verlassen wie es Euch gefällt Nur müsst Ihr um acht Uhr
wieder da sein zu welcher Stunde Ihr zum Abendessen werdet geholt werden Ich
muss Euch nun allein lassen In dem Wartezimmer habt Ihr heute in Humboldts
Reisen gelesen ich habe das Buch in dieses Zimmer legen lassen Wünschet Ihr
für jetzt oder für den Abend noch irgend ein Buch so nennt es dass ich sehe ob
es in meiner Büchersammlung enthalten ist.«
Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte dass ich mit dem Vorhandenen schon
zufrieden sei und wenn ich mich außer Humboldt mit noch andern Buchstaben
beschäftigen wolle so habe ich in meinem Ränzchen schon Vorrat um teils etwas
mit Bleifeder zu schreiben teils früher Geschriebenes durchzulesen und zu
verbessern welche Beschäftigung ich auf meinen Wanderungen häufig abends
vornehme
Er verabschiedete sich nach diesen Worten und ich ging zur Tür hinein
Ich übersah mit einem Blicke das Zimmer Es war ein gewöhnliches
Fremdenzimmer wie man es in jedem größeren Hause auf dem Lande hat wo man
zuweilen in die Lage kommt Herberge erteilen zu müssen Die Geräte waren weder
neu noch nach der damals herrschenden Art gemacht sondern aus verschiedenen
Zeiten aber nicht unangenehm ins Auge fallend Die Überzüge der Sessel und des
Ruhebettes waren gepresstes Leder was man damals schon selten mehr fand Eine
gesellige Zugabe die man nicht häufig in solchen Zimmern findet war eine
altertümliche Pendeluhr in vollem Gange Mein Ränzlein und mein Stock lagen wie
der Mann gesagt hatte schon in diesem Zimmer
Ich setzte mich nieder nahm nach einer Weile mein Ränzlein öffnete es und
blätterte in den Papieren die ich daraus hervor genommen hatte und schrieb
gelegentlich in denselben
Da endlich die Dämmerung gekommen war stand ich auf ging gegen eines der
beiden offenstehenden Fenster lehnte mich hinaus und sah herum Es war wieder
Getreide das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden Hügel erblickte Am
Morgen dieses Tages da ich von meiner Nachterberge aufgebrochen war hatte ich
auch Getreide rings um mich gesehen aber dasselbe war in einem lustigen Wogen
begriffen gewesen während dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von
lockeren Lanzen Vor dem Hause war der Sandplatz den ich bei meiner Ankunft
schon gesehen und betreten hatte Meine Fenster gingen also auf der Seite der
Rosenwand heraus Von dem Garten tönte noch schwaches Vogelgezwitscher herüber
und der Duft von den Tausenden der Rosen stieg wie eine Opfergabe zu mir empor
An dem Himmel dessen Dämmerung heute viel früher gekommen war hatte sich
eine Veränderung eingefunden Die Wolkendecke war geteilt die Wolken standen in
einzelnen Stücken gleichsam wie Berge an dem Gewölbe herum und einzelne reine
Teile blickten zwischen ihnen heraus Die Blitze aber waren stärker und
häufiger die Donner klangen heller und kürzer
Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte hörte ich ein
Pochen an meiner Tür eine Magd trat herein und meldete dass man mich zum
Abendessen erwarte Ich legte meine Papiere auf das Tischchen das neben meinem
Bette stand legte den Humboldt darauf und folgte der Magd nachdem ich die Tür
hinter mir gesperrt hatte Sie führte mich in das Speisezimmer
Bei dem Eintritte sah ich drei Personen den alten Mann der mit mir den
Spaziergang gemacht hatte einen andern ebenfalls ältlichen Mann der durch
nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung welche einen Priester
verriet und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem blaugestreiften
Linnengewande
Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor indem er sagte »Das ist
der hochwürdige Pfarrer von Rohrberg der ein Gewitter fürchtet und deshalb
diese Nacht in unserm Hause zubringen wird« und dann auf mich weisend fügte er
bei »Das ist ein fremder Reisender der auch heute unser Dach mit uns teilen
will«
Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir uns zu
dem Tische an unsere angewiesenen Plätze Das Abendessen war sehr einfach Es
bestand aus Suppe Braten und Wein zu welchem wie zu dem an meinem Mittagsmahle
verkleinertes Eis gestellt wurde Dieselbe Magd welche mir mein Mittagessen
gebracht hatte bediente uns Ein männlicher Diener kam nicht in das Zimmer Der
Pfarrer und mein Gastfreund sprachen öfter Dinge die die Gegend betrafen und
ich ward gelegentlich einbezogen wenn es sich um Allgemeineres handelte Der
Knabe sprach gar nicht
Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark dass die Kerzen welche
früher mit der Dämmerung gekämpft hatten nun vollkommen die Herrschaft
behaupteten und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch die hereinleuchtenden
Blitze erhellt wurden
Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten sagte der
Hauswirt dass er den Pfarrer und mich über die nähere Treppe in unser Zimmer
führen würde Wir nahmen jeder eine Wachskerze die uns angezündet von der Magd
gereicht wurde während dessen sich der Knabe Gustav empfahl und durch die
gewöhnliche Tür entfernte Der Hauseigentümer führte uns bei der Tür hinaus bei
der ich zuerst herein gekommen war Wir befanden uns draußen in dem schönen
Marmorgange von dem eine gleiche Marmortreppe emporführte Wir durften die
Filzschuhe nicht anziehen weil jetzt über den Gang und die Treppe ein
Tuchstreifen lag auf dem wir gingen In der Mitte der Treppe wo sie einen
Absatz machte gleichsam einen erweiterten Platz oder eine Stiegenhalle stand
eine Gestalt aus weißem Marmor auf einem Gestelle Durch ein paar Blitze die
eben jetzt fielen und das Haupt und die Schultern der Marmorgestalt noch röter
beschienen als es unsere Kerzen konnten ersah ich dass der Platz und die
Treppe von oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen
mussten
Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren wendete sich der Hauswirt mit
uns durch eine Tür links und wir befanden uns in jenem Gange in welchem mein
Zimmer lag Es war der Gang der Gastzimmer wie ich nun zu erkennen vermeinte
Unser Gastfreund bezeichnete eines als das des Pfarrers und führte mich zu dem
meinigen
Als wir in dasselbe getreten waren fragte er mich ob ich zu meiner
Bequemlichkeit noch etwas wünsche besonders ob mir Bücher aus seinem
Bücherzimmer genehm wären
Als ich sagte dass ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon
Beschäftigung finden würde antwortete er »Ihr seid in Eurem Gemache und in
Eurem Rechte Schlummert denn recht wohl«
»Ich wünsche Euch auch eine gute Nacht« erwiderte ich »und sage Euch Dank
für die Mühe die Ihr heute mit mir gehabt habet«
»Es war keine Mühe« antwortete er »denn sonst hätte ich sie mir ja
ersparen können wenn ich Euch gar nicht zu Nacht geladen hätte«
»So ist es« antwortete ich
»Erlaubt« sagte er indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und an
meinem Lichte anzündete
Nachdem er dieses Geschäft vollbracht hatte verbeugte er sich was ich
erwiderte und ging auf den Gang hinaus
Ich schloss hinter ihm die Tür legte meinen Rock ab und lüftete mein
Halstuch weil obgleich es schon spät war die ruhige Nacht noch immer eine
große Hitze und Schwüle in sich hegte Ich ging einige Male in dem Zimmer hin
und her trat dann an ein Fenster lehnte mich hinaus und betrachtete den
Himmel So viel die Dunkelheit und die noch immer hell leuchtenden Blitze
erkennen ließ war die Gestalt der Dinge dieselbe wie sie am Abend vor dem
Speisen gewesen war Wolkentrümmer standen an dem Himmel und wie die Sterne
zeigten waren zwischen ihnen reine Stellen Zu Zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen
über den Getreidehügel und die Wipfel der unbewegten Bäume und der Donner
rollte ihm nach
Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte schloss ich mein Fenster
schloss auch das andere und begab mich zur Ruhe
Nachdem ich noch eine Zeit lang wie es meine Gewohnheit war in dem Bette
gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine Schriften geschrieben
hatte löschte ich das Licht aus und richtete mich zum Schlafen
Ehe der Schlummer völlig meine Sinne umfing hörte ich noch wie sich
draußen ein Wind erhob und die Wipfel der Bäume zu starkem Rauschen bewegte Ich
hatte aber nicht mehr genug Kraft mich zu ermannen sondern entschlief gleich
darauf völlig
Ich schlief recht ruhig und fest
Als ich erwachte war mein erstes zu sehen ob es geregnet habe Ich sprang
aus dem Bette und riss die Fenster auf Die Sonne war bereits aufgegangen der
ganze Himmel war heiter kein Lüftchen rührte sich aus dem Garten tönte das
Schmettern der Vogel die Rosen dufteten und die Erde zu meinen Füßen war
vollkommen trocken Nur der Sand war ein wenig gegen das Grün des begrenzenden
Rasens gefegt worden und ein Mann war beschäftigt ihn wieder zu ebnen und in
ein gehöriges Gleichgewicht zu bringen
Also hatte mein Gegner recht gehabt und ich war begierig zu erfahren aus
welchen Gründen er seine Gewissheit die er so sicher gegen mich behauptet hatte
geschöpft und wie er diese Gründe entdeckt und erforscht habe
Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu verzögern
beschloss ich mich anzukleiden und meinen Gasterrn ungesäumt aufzusuchen
Als ich mit meinem Anzuge fertig war und mich in das Speisezimmer hinab
begeben hatte fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu dem Frühmahle
beschäftigt und fragte nach dem Herrn
»Er ist in dem Garten auf der Fütterungstenne« sagte sie
»Und wo ist die Fütterungstenne wie du es nennst« fragte ich
»Gleich hinter dem Hause und nicht weit von den Glashäusern« erwiderte sie
Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewächshaus ein
Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze Es war
derselbe Platz von dem aus ich schon gestern das Gewächshaus mit seiner
schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte Diese Seite war mit
Rosen bekleidet dass das Haus wie ein zweites kleines Rosenhäuschen hervor sah
Mein Gastfreund war in einer seltsamen Beschäftigung begriffen Eine Unzahl
Vögel befand sich vor ihm auf dem Sande Er hatte eine Art von länglichem
geflochtenem Korbdeckel in der Hand und streuete aus demselben Futter unter die
Vögel Er schien sich daran zu ergötzen wie sie pickten sich überkletterten
überstürzten und kollerten wie die gesättigten davon flogen und wieder neue
herbei schwirrten Ich erkannte es nun deutlich dass außer den gewöhnlichen
Gartenvögeln auch solche da waren die mir sonst nur von tiefen und weit
abgelegenen Wäldern bekannt waren Sie erschienen gar nicht so scheu als ich
mit allem Rechte vermuten musste Sie trauten ihm vollkommen Er stand wieder
barhäuptig da so dass es mir schien dass er diese Sitte liebe da er auch
gestern auf dem Spaziergange seine so leichte Kopfbedeckung eingesteckt hatte
Seine Gestalt war vorgebeugt und die schlichten aber vollen weißen Haare
hingen an seinen Schläfen herab Sein Anzug war auch heute wieder sonderbar Er
hatte wie gestern eine Art Jacke an die fast bis auf die Knie hinab reichte
Sie war weisslich hatte jedoch über die Brust und den Rücken hinab einen
rötlichbraunen Streifen der fast einen halben Fuß breit war als wäre die Jacke
aus zwei Stoffen verfertigt worden einem weißen und einem roten Beide Stoffe
aber zeigten ein hohes Alter denn das Weiß war gelblich braun und das Rot zu
Purpurbraun geworden Unter der Jacke sah eine unscheinbare Fussbekleidung
hervor die mit Schnallenschuhen endete
Ich blieb hinter seinem Rücken in ziemlicher Entfernung stehen um ihn nicht
zu stören und die Vögel nicht zu verscheuchen
Als er aber seinen Korb geleert hatte und seine Gäste fortgeflogen waren
trat ich näher Er hatte sich eben umgewendet um zurückzugehen und da er mich
erblickte sagte er »Seid Ihr schon ausgegangen Ich hoffe dass Ihr gut
geschlafen habt«
»Ja ich habe sehr gut geschlafen« erwiderte ich »ich habe noch den Wind
gehört der sich gestern abends erhoben hat was weiter geschehen ist weiß ich
nicht aber das weiß ich dass heute die Erde trocken ist und dass Ihr recht
gehabt habet«
»Ich glaube dass nicht ein Tropfen auf diese Gegend vom Himmel gefallen
ist« antwortete er
»Wie das Aussehen der Erde zeigt glaube ich es auch« erwiderte ich »aber
nun müsst Ihr mir auch wenigstens zum Teile sagen woher Ihr dies so gewiss wissen
konntet und wie Ihr Euch diese Kenntnis erworben habt denn das müsst Ihr zu
gestehen dass sehr viele Zeichen gegen Euch waren«
»Ich will Euch etwas sagen« antwortete er »die Darlegung der Sache die
Ihr da verlangt dürfte etwas lang werden da ich sie Euch der sich mit
Wissenschaften beschäftigt doch nicht oberflächlich geben kann versprecht mir
den heutigen Tag und die Nacht noch bei uns zuzubringen da kann ich Euch nicht
nur dieses sagen sondern noch vieles andere Ihr könnt Verschiedenes anschauen
und Ihr könnt mir von Eurer Wissenschaft erzählen«
Dieses offen und freundlich gemachte Anerbieten konnte ich nicht
ausschlagen auch erlaubte mir meine Zeit recht gut nicht nur einen sondern
mehrere Tage zu einer Nebenbeschäftigung zu verwenden Ich gebrauchte daher die
gewöhnliche Redeweise von Nichtlästigfallenwollen und sagte unter dieser
Bedingung zu
»Nun so geht mit mir zuerst zu einem Frühmahle das ich mit Euch teilen
will« sagte er »der Herr Pfarrer von Rohrberg hat uns schon vor Tagesanbruch
verlassen um zu rechter Zeit in seiner Kirche zu sein und Gustav ist bereits
zu seiner Arbeit gegangen«
Mit diesen Worten wendeten wir uns auf den Rückweg zu dem Hause Als wir
dort angekommen waren gab er das was ich anfangs für einen Korbdeckel gehalten
hatte was aber ein eigens geflochtenes sehr flaches und längliches
Fütterungskörbchen war einer Magd dass sie es auf seinen Platz lege und wir
gingen in das Speisezimmer
Während des Frühmahles sagte ich »Ihr habt selbst da von gesprochen dass
ich hier Verschiedenes anschauen könne wäre es denn zu unbescheiden wenn ich
bäte von dem Hause und dessen Umgebung manches näher be sehen zu dürfen Es ist
eine der lieblichsten Lagen in der dieses Anwesen liegt und ich habe bereits
so vieles davon gesehen was meine Aufmerksamkeit aufregte dass der Wunsch
natürlich ist noch mehreres besehen zu dürfen«
»Wenn es Euch Vergnügen macht unser Haus und einiges Zubehör zu besehen«
antwortete er »so kann das gleich nach dem Frühmahle geschehen es wird nicht
viele Zeit in Anspruch nehmen da das Gebäude nicht so groß ist Es wird sich
dann auch das was wir noch zu reden haben natürlicher und verständlicher
ergeben«
»Ja freilich« sagte ich »macht es mir Vergnügen«
Wir schritten also nach dem Frühmahle zu diesem Geschäfte
Er führte mich über die Treppe auf welcher die weiße Marmorgestalt stand
hinauf Heute fiel statt des roten zerstreuten Lichtes der Kerzen und der Blitze
von der vergangenen Nacht das stille weiße Tageslicht auf sie herab und machte
die Schultern und das Haupt in sanftem Glanze sich erhellen Nicht nur die
Treppe war in diesem Stiegenhause von Marmor sondern auch die Bekleidung der
Seitenwände Oben schloss gewölbtes Glas das mit feinem Drahte überspannt war
die Räume Als wir die Treppe erstiegen hatten öffnete mein Gastfreund eine
Tür die der gegenüber war die zu dem Gange der Gastzimmer führte Die Tür ging
in einen großen Saal Auf der Schwelle an der der Tuchstreifen welcher über
die Treppe empor lag endete standen wieder Filzschuhe Da wir jeder ein Paar
derselben angezogen hatten gingen wir in den Saal Er war eine Sammlung von
Marmor Der Fußboden war aus dem farbigsten Marmor zusammengestellt der in
unseren Gebirgen zu finden ist Die Tafeln griffen so ineinander dass eine Fuge
kaum zu erblicken war der Marmor war sehr fein geschliffen und geglättet und
die Farben waren so zusammengestellt dass der Fußboden wie ein liebliches Bild
zu betrachten war Überdies glänzte und schimmerte er noch in dem Lichte das
bei den Fenstern hereinströmte Die Seitenwände waren von einfachen sanften
Farben Ihr Sockel war mattgrün die Haupttafeln hatten den lichtesten fast
weißen Marmor den unsere Gebirge liefern die Flachsäulen waren schwach rot
und die Simse womit die Wände an die Decke stießen waren wieder aus schwach
Grünlich und Weiß zusammengestellt durch welche ein Gelb wie schöne Goldleisten
lief Die Decke war blassgrau und nicht von Marmor nur in der Mitte derselben
zeigte sich eine Zusammenstellung von roten Ammoniten und aus derselben ging
die Metallstange nieder welche in vier Armen die vier dunkeln fast schwarzen
Marmorlampen trug die bestimmt waren in der Nacht diesen Raum beleuchten zu
können In dem Saale war kein Bild kein Stuhl kein Geräte nur in den drei
Wänden war jedesmal eine Tür aus schönem dunklem Holze eingelegt und in der
vierten Wand befanden sich die drei Fenster durch welche der Saal bei Tag
beleuchtet wurde Zwei davon standen offen und zu dem Glanze des Marmors war
der Saal auch mit Rosenduft erfüllt
Ich drückte mein Wohlgefallen über die Hinrichtung eines solchen Zimmers
aus den alten Mann der mich begleitete schien dieses Vergnügen zu erfreuen
er sprach aber nicht weiter darüber
Aus diesem Saale führte er mich durch eine der Türen in eine Stube deren
Fenster in den Garten gingen
»Das ist gewissermaßen mein Arbeitszimmer« sagte er »es hat außer am
frühen Morgen nicht viel Sonne ist daher im Sommer angenehm ich lese gerne
hier oder schreibe oder beschäftige mich sonst mit Dingen die mir Anteil
einflößen«
Ich dachte mit Lebhaftigkeit ich könnte sagen mit einer Art Sehnsucht auf
meinen Vater da ich diese Stube betreten hatte In ihr war nichts mehr von
Marmor sie war wie unsere gewöhnlichen Stuben aber sie war mit altertümlichen
Geräten eingerichtet wie sie mein Vater hatte und liebte Allein die Geräte
erschienen mir so schön dass ich glaubte nie etwas ihnen Ähnliches gesehen zu
haben Ich unterrichtete meinen Gastfreund von der Eigenschaft meines Vaters
und erzählte ihm in kurzem von den Dingen, welche derselbe besaß Auch bat ich
die Sachen näher betrachten zu dürfen um meinem Vater nach meiner Zurückkunft
von ihnen erzählen und sie ihm wenn auch nur notdürftig beschreiben zu können
Mein Begleiter willigte sehr gerne in mein Begehren Es war vor allem ein
Schreibschrein welcher meine Aufmerksamkeit erregte weil er nicht nur das
größte sondern wahrscheinlich auch das schönste Stück des Zimmers war Vier
Delphine welche sich mit dem Unterteil ihrer Häupter auf die Erde stützten und
die Leiber in gewundener Stellung emporstreckten trugen den Körper des
Schreines auf diesen gewundenen Leibern Ich glaubte anfangs die Delphine seien
aus Metall gearbeitet mein Begleiter sagte mir aber dass sie aus Lindenholz
geschnitten und nach mittelalterlicher Art zu dem gelblich grünlichen Metalle
hergerichtet waren dessen Verfertigung man jetzt nicht mehr zuwege bringt Der
Körper des Schreines hatte eine allseitig gerundete Arbeit mit sechs Fächern
Über ihm befand sich das Mittelstück das in einer guten Schwingung flach
zurückging und die Klappe enthielt die geöffnet zum Schreiben diente Von dem
Mittelstücke erhob sich der Aufsatz mit zwölf geschwungenen Fächern und einer
Mitteltür An den Kanten des Aufsatzes und zu beiden Seiten der Mitteltür
befanden sich als Säulen vergoldete Gestalten Die beiden größten zu den Seiten
der Tür waren starke Männer die die Hauptsimse trugen Ein Schildchen das sich
auf ihrer Brust öffnete legte die Schlüsselöffnungen dar Die zwei Gestalten an
den vorderen Seitenkanten waren Meerfräulein die in Übereinstimmung mit den
Tragfischen jedes in zwei Fischenden ausliefen Die zwei letzten Gestalten an
den hinteren Seitenkanten waren Mädchen in faltigen Gewändern Alle Leiber der
Fische sowohl als der Säulen erschienen mir sehr natürlich gemacht Die Fächer
hatten vergoldete Knöpfe an denen sie herausgezogen werden konnten Auf der
achteckigen Fläche dieser Knöpfe waren Brustbilder geharnischter Männer oder
geputzter Frauenzimmer eingegraben Die Holzbelegung auf dem ganzen Schrein war
durchaus eingelegte Arbeit Ahornlaubwerk in dunkeln Nussholzfeldern umgeben von
geschlungenen Bändern und geflammtem Erlenholze Die Bänder waren wie
geknitterte Seide was daher kam dass sie aus kleinem fein gestreiftem
vielfarbigem Rosenholze senkrecht auf die Axe eingelegt waren Die eingelegte
Arbeit befand sich nicht bloß wie es häufig bei derlei Geräten der Fall ist,
auf der Daransicht sondern auch auf den Seitenteilen und den Friesen der
Säulen
Mein Begleiter stand neben mir als ich diesem Geräte meine Aufmerksamkeit
widmete und zeigte mir manches und erklärte mir auf meine Bitte Dinge die ich
nicht verstand
Auch eine andere Beobachtung machte ich da ich mich in diesem Zimmer
befand die meine Geistestätigkeit in Anspruch nahm Es kam mir nämlich vor dass
der Anzug meines Begleiters nicht mehr so seltsam sei als er mir gestern und
als er mir heute erschienen war da ich ihn auf dem Fütterungsplatze gesehen
hatte Bei diesen Geräten erschien er mir eher als zustimmend und hieher
gehörig und ich begann die Vermutung zu hegen Dass ich vielleicht noch diesen
Anzug billigen werde und Dass der alte Mann in dieser Hinsicht verständiger sein
dürfte als ich
Außer dem Schreibschreine erregten noch zwei Tische meine Aufmerksamkeit
die an Größe gleich waren und auch sonst gleiche Gestalt hatten sich aber nur
darin unterschieden dass jeder auf seiner Platte eine andere Gestaltung trug
Sie hatten nämlich jeder ein Schild auf der Platte wie es Ritter und adeliche
Geschlechter führten nur waren die Schilde nicht gleich Aber auf beiden
Tischen waren sie umgeben und verschlungen mit Laubwerk Blumen und
Pflanzenwerk und nie habe ich die feinen Fäden der Halme der Pflanzenbärte und
der Getreideähren zarter gesehen als hier und doch waren sie von Holz in Holz
eingelegt Die übrige Gerätschaft waren hochlehnige Sessel mit Schnitzwerk
Flechtwerk und eingelegter Arbeit zwei geschnitzte Sitzbänke die man im
Mittelalter Gesiedel geheißen hatte geschnitzte Fahnen mit Bildern und endlich
zwei Schirme von gespanntem und gepresstem Leder auf welchem Blumen Früchte
Tiere Knaben und Engel aus gemaltem Silber angebracht waren das wie farbiges
Gold aussah Der Fußboden des Zimmers war gleich den Geräten aus Flächen alter
eingelegter Arbeit zusammengestellt Wir hatten wahrscheinlich wegen der
Schönheit dieses Bodens bei dem Eintritte in diese Stube die Filzschuhe an
unsern Füßen behalten
Obwohl der alte Mann gesagt hatte dass dieses Zimmer sein Arbeitszimmer sei
so waren doch keine unmittelbaren Spuren von Arbeit sichtbar Alles schien in
den Laden verschlossen oder auf seinen Platz gestellt zu sein
Auch hier war mein Begleiter als ich meine Freude über dieses Zimmer
aussprach nicht sehr wortreich genau so wie in dem Marmorsaale aber
gleichwohl glaubte ich das Vergnügen ihm von seinem Angesichte herablesen zu
können
Das nächste Zimmer war wieder ein altertümliches Es ging gleichfalls auf
den Garten Sein Fußboden war wie in dem vorigen eingelegte Arbeit aber auf ihm
standen drei Kleiderschreine und das Zimmer war ein Kleiderzimmer Die Schreine
waren groß altertümlich eingelegt und jeder hatte zwei Flügeltüren Sie
erschienen mir zwar minder schön als das Schreibgerüste im vorigen Zimmer aber
doch auch von großer Schönheit besonders der mittlere größte der eine
vergoldete Bekrönung trug und auf seinen Hohltüren ein sehr schönes Schild
Laub und Bänderwerk zeigte Außer den Schreinen waren nur noch Stühle da und
ein Gestelle welches dazu bestimmt schien gelegentlich Kleider darauf zu
hängen Die inneren Seiten der Zimmertüren waren ebenfalls zu den Geräten
stimmend und bestanden aus Simswerk und eingelegter Arbeit
Als wir dieses Zimmer verließen legten wir die Filzschuhe ab
Das nächste Zimmer gleichfalls auf den Garten gehend war das Schlafgemach
Es enthielt Geräte neuer Art aber doch nicht ganz in der Gestaltung wie ich
sie in der Stadt zu sehen gewohnt war Man schien hier vor allem auf
Zweckmässigkeit gesehen zu haben Das Bett stand mitten im Zimmer und war mit
dichten Vorhängen umgeben Es war sehr nieder und hatte nur ein Tischchen neben
sich auf dem Bücher lagen ein Leuchter und eine Glocke standen und sich
Geräte befanden Licht zu machen Sonst waren die Geräte eines Schlafzimmers da
besonders solche die zum Aus und Ankleiden und zum Waschen behilflich waren
Die Innenseiten der Türen waren hier wieder zu den Geräten stimmend
An das Schlafgemach stieß ein Zimmer mit wissenschaftlichen Vorrichtungen
namentlich zu Naturwissenschaften Ich sah Werkzeuge der Naturlehre aus der
neuesten Zeit deren Verfertiger ich entweder persönlich aus der Stadt kannte
oder deren Namen wenn die Geräte aus andern Ländern stammten mir dennoch
bekannt waren Es befanden sich Werkzeuge zu den vorzüglichsten Teilen der
Naturlehre hier Auch waren Sammlungen Von Naturkörpern vorhanden vorzüglich
aus dem Mineralreiche Zwischen den Geräten und an den Wänden war Raum mit den
vorhandenen Vorrichtungen Versuche anstellen zu können Das Zimmer war
gleichfalls noch immer ein Gartenzimmer
Endlich gelangten wir in das Eckzimmer des Hauses dessen Fenster teils auf
den Hauptkörper des Gartens gingen teils nach Nordwesten sahen Ich konnte aber
die Bestimmung dieses Zimmers nicht erraten so seltsam kam es mir vor An den
Wänden standen Schreine aus geglättetem Eichenholze mit sehr vielen kleinen
Fächern An diesen Fächern waren Aufschriften wie man sie in
Spezereiverkaufsbuden oder Apoteken findet Einige dieser Aufschriften verstand
ich sie waren Namen von Sämereien oder Pflanzennamen Die meisten aber verstand
ich nicht Sonst war weder ein Stuhl noch ein anderes Geräte in dem Zimmer Vor
den Fenstern waren wagrechte Brettchen befestigt wie man sie hat um
Blumentöpfe darauf zu stellen aber ich sah keine Blumentöpfe auf ihnen und bei
näherer Betrachtung zeigte sich auch dass sie zu schwach seien um Blumentöpfe
tragen zu können Auch wären gewiss solche auf ihnen gestanden wenn sie dazu
bestimmt gewesen wären da ich in allen Zimmern mit Ausnahme des Marmorsaales an
jedem nur einiger Massen geeigneten Platze Blumen aufgestellt gesehen hatte
Ich fragte meinen Begleiter nicht um den Zweck des Zimmers und er äußerte
sich auch nicht darüber
Wir gelangten nun wieder in die Gemächer die an der Mittagseite des Hauses
lagen und über den Sandplatz auf die Felder hinaus sahen
Das erste nach dem Eckzimmer war ein Bücherzimmer Es war groß und geräumig
und stand voll von Büchern Die Schreine derselben waren nicht so hoch wie man
sie gewöhnlich in Bücherzimmern sieht sondern nur so dass man noch mit
Leichtigkeit um die höchsten Bücher langen konnte Sie waren auch so flach dass
nur eine Reihe Bücher stehen konnte keine die andere deckte und alle
vorhandenen Bücher ihre Rücken zeigten Von Geräten befand sich in dem Zimmer
gar nichts als in der Mitte desselben ein langer Tisch um Bücher
darauflegenzukönnen In seiner Lade waren die Verzeichnisse der Sammlung Wir
gingen bei dieser allgemeinen Beschauung des Hauses nicht näher auf den Inhalt
der vorhandenen Bücher ein
Neben dem Bücherzimmer war ein Lesegemach Es war klein und hatte nur ein
Fenster das zum Unterschiede aller anderen Fenster des Hauses mit grünseidenen
Vorhängen versehen war während die anderen grauseidne Rollzüge besaßen An den
Wänden standen mehrere Arten von Sitzen Tischen und Pulten so dass für die
größte Bequemlichkeit der Leser gesorgt war In der Mitte stand wie im
Bücherzimmer ein großer Tisch oder Schrein denn er hatte mehrere Laden der
dazu diente dass man Tafeln Mappen Landkarten und dergleichen auf ihm
ausbreiten konnte In den Laden lagen Kupferstiche Was mir in diesem Zimmer
auffiel war dass man nirgends Bücher oder etwas das an den Zweck des Lesens
erinnerte herumliegen sah
Nach dem Lesegemache kam wieder ein größeres Zimmer dessen Wände mit
Bildern bedeckt waren Die Bilder hatten lauter Goldrahmen waren ausschließlich
Ölgemälde und reichten nicht höher als dass man sie noch mit Bequemlichkeit
betrachten konnte Sonst hingen sie aber so dicht dass man zwischen ihnen kein
Stückchen Wand zu erblicken vermochte Von Geräten waren nur mehrere Stühle und
eine Staffelei da um Bilder nach Gelegenheit aufstellen und besser betrachten
zu können Diese Einrichtung erinnerte mich an das Bilderzimmer meines Vaters
Das Bilderzimmer führte durch die dritte Tür des Marmorsaales wieder in
denselben zurück und so hatten wir die Runde in diesen Gemächern vollendet
»Das ist nun meine Wohnung« sagte mein Begleiter »sie ist nicht groß und
von außerordentlicher Bedeutung aber sie ist sehr angenehm In dem anderen
Flügel des Hauses sind die Gastzimmer welche beinahe alle dem gleichen in
welchem Ihr heute nacht geschlafen habt Auch ist Gustavs Wohnung dort die wir
aber nicht besuchen können weil wir ihn sonst in seinem Lernen stören würden
Durch den Saal und über die Treppe können wir nun wieder in das Freie gelangen«
Als wir den Saal durchschritten hatten als wir über die Treppe
hinabgegangen und zu dem Ausgange des Hauses gekommen waren legten wir die
Filzschuhe ab und mein Begleiter sagte »Ihr werdet Euch wundern dass in meinem
Hause Teile sind in welchen man sich die Unbequemlichkeit auflegen muss solche
Schuhe anzuziehen aber es kann mit Fug nicht anders sein denn die Fussböden
sind zu empfindlich als dass man mit gewöhnlichen Schuhen auf ihnen gehen
könnte und die Abteilungen welche solche Fussböden haben sind ja auch
eigentlich nicht zum Bewohnen sondern nur zum Besehen bestimmt und endlich
gewinnt sogar das Besehen an Wert wenn man es mit Beschwerlichkeiten erkaufen
muss Ich habe in diesen Zimmern gewöhnlich weiche Schuhe mit Wollsohlen an In
mein Arbeitszimmer kann ich auch ohne allen Umweg gelangen da ich in dasselbe
nicht durch den Saal gehen muss wie wir jetzt getan haben sondern da von dem
Erdgeschosse ein Gang in das Zimmer hinaufführt den Ihr nicht gesehen haben
werdet weil seine beiden Enden mit guten Tapetentüren geschlossen sind Der
Pfarrer von Rohrberg leidet an der Gicht und verträgt heiße Füße nicht daher
belege ich für ihn wenn er anwesend ist die Treppe oder die Zimmer mit einem
Streifen von Wollstoff wie Ihr es gestern gesehen habt«
Ich antwortete dass die Vorrichtung sehr zweckmäßige sei und dass sie überall
angewendet werden muss wo kunstreiche oder sonst wertvolle Fussböden zu schonen
sind
Da wir nun im Garten waren sagte ich indem ich mich umwendete und das Haus
betrachtete »Eure Wohnung ist nicht wie Ihr sagt von geringer Bedeutung Sie
wird so viel ich aus der kurzen Besichtigung entnehmen konnte wenige ihres
Gleichen haben Auch hatte ich nicht gedacht dass das Haus wenn ich es so von
der Straße aus sah eine so große Räumlichkeit in sich hätte«
»So muss ich Euch nun auch noch etwas anderes zeigen« erwiderte er »folgt
mir ein wenig durch jenes Gebüsch« Er ging nach diesen Worten voran ich folgte
ihm Er schlug einen Weg gegen dichtes Gebüsch ein Als wir dort angekommen
waren ging er auf einem schmalen Pfade durch dessen Verschlingung fort Endlich
kamen sogar hohe Bäume unter denen der Weg dahin lief Nach einer Weile tat
sich ein anmutiger Rasenplatz vor uns auf der wieder ein langes aus einem
Erdgeschosse bestehendes Gebäude trug Es hatte viele Fenster die gegen uns
hersahn Ich hatte es früher weder von der Straße aus erblickt noch von den
Stellen des Gartens auf denen ich gewesen war Vermutlich waren die Bäume daran
schuld die es umstanden Da wir uns näherten ging ein feiner Rauch aus seinem
Schornsteine empor obwohl da es Sommer war keine Einheizzeit und da es noch
so früh am Vormittage war keine Kochzeit die Ursache davon sein konnte Als wir
näher kamen hörte ich in dem Hause ein Schnarren und Schleifen als ob in ihm
gesägt und gehobelt würde Da wir eingetreten waren sah ich in der Tat eine
Schreinerwerkstätte vor mir in welcher tätig gearbeitet wurde An den Fenstern
durch welche reichliches Licht hereinfiel standen die Schreinertische und an
den übrigen Wänden welche fensterlos waren lehnten Teile der in Arbeit
begriffenen Gegenstände
Hier fand ich wieder eine Ähnlichkeit mit meinem Vater So wie er sich einen
jungen Mann abgerichtet hatte der ihm seine altertümlichen Geräte nach seiner
Angabe wieder herstellte so sah ich hier gleich eine ganze Werkstätte dieser
Art denn ich erkannte aus den Teilen die herumstanden dass hier vorzüglich an
der Wiederherstellung altertümlicher Gerätschaften gearbeitet werde Ob auch
Neues in dem Hause verfertigt werde konnte ich bei dem ersten Anblicke nicht
erkennen
Von den Arbeitern hatte jeder einen Raum an den Fenstern für sich der von
dem Raume seines Nachbars durch gezogene Schranken abgesondert war Er hatte
seine Geräte und seine eben notwendigen Arbeitsstücke in diesem Raume bei sich
das andere was er gerade nicht brauchte hatte er an der Hinterwand des Hauses
hinter sich so dass eine übersichtliche Ordnung und Einheit bestand Es waren
vier Arbeiter In einem großen Schreine der einen Teil der einen Seitenwand
einnahm befanden sich vorrätige Werkzeuge welche für den Fall dienten dass
irgend eines unversehens untauglich würde und zu seiner Herstellung zu viele
Zeit in Anspruch nähme In einem andern Schreine an der entgegengesetzten
Seitenwand waren Fläschchen und Büchschen in denen sich die Flüssigkeiten und
andere Gegenstände befanden die zur Erzeugung von Firnissen Polituren oder
dazu dienten dem Holze eine bestimmte Farbe oder das Ansehen von Alter zu
geben Abgesondert von der Werkstube war ein Herd auf welchem das zu
Schreinerarbeiten unentbehrliche Feuer brannte Seine Stätte war feuerfest um
die Werkstube und ihren Inhalt nicht zu gefährden
»Hier werden Dinge« sagte mein Begleiter »welche lange vor uns ja oft
mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit verfertigt worden und in Verfall geraten
sind wieder hergestellt wenigstens so weit es die Zeit und die Umstände nur
immer erlauben Es wohnt in den alten Geräten beinahe wie in den alten Bildern
ein Reiz des Vergangenen und Abgeblühten der bei dem Menschen wenn er in die
höheren Jahre kommt immer stärker wird Darum sucht er das zu erhalten was der
Vergangenheit angehört wie er ja auch eine Vergangenheit hat die nicht mehr
recht zu der frischen Gegenwart der rings um ihn Aufwachsenden passt Darum haben
wir hier eine Anstalt für Geräte des Altertums gegründet die wir dem Untergange
entreißen zusammenstellen reinigen glätten und wieder in die Wohnlichkeit
einzuführen suchen«
Es wurde da ich mich in dem Schreinerhause befand eben an der Platte eines
Tisches gearbeitet die wie mein Begleiter sagte aus dem sechzehnten
Jahrhunderte stammte Sie war in Hölzern von verschiedener aber natürlicher
Farbe eingelegt Bloß wo grünes Laub vor kam war es von grüngebeiztem Holze
Von außen war eine Verbrämung von in einander geschlungenen und schneckenartig
gewundenen Rollen Laubzweigen und Obst Die innere Fläche welche von der
Verbrämung durch ein Bänderwerk von rotem Rosenholze abgeschnitten war trug auf
einem Grunde von braunlich weißem Ahorne eine Sammlung von Musikgeräten Sie
waren freilich nicht in dem Verhältnisse ihrer Größen eingelegt Die Geige war
viel kleiner als die Mandoline die Trommel und der Dudelsack waren gleich groß
und unter bei den zog sich die Flöte wie ein Weberbaum dahin Aber im einzelnen
erschienen mir die Sachen als sehr schön und die Mandoline war so rein und
lieblich wie ich solche Dinge nicht schöner auf den alten Gemälden meines
Vaters gesehen hatte Einer der Arbeiter schnitt Stocke aus Ahorn Bux
Sandelholz Ebenholz türkisch Hasel und Rosenholz zurecht damit sie in ihrer
kleineren Gestalt gehörig austrocknen konnten Ein anderer löste schadhafte
Teile aus der Platte und ebnete die Grundstellen um die neuen Bestandteile
zweckmäßige einsetzen zu können Der dritte schnitt und hobelte die Füße aus
einem Ahornbalken und der vierte war beschäftigt nach einer in Farben
ausgeführten Abbildung der Tischplatte die er vor sich hatte und aus einer
Menge von Hölzern die neben ihm lagen diejenigen zu bestimmen, die den auf der
Zeichnung befindlichen Farben am meisten entsprächen Mein Begleiter sagte mir
dass das Gerüste und die Füße des Tisches verloren gegangen seien und neu gemacht
werden müssten
Ich fragte wie man das einrichte dass das Neue zu dem Vorhandenen passe
Er antwortete »Wir haben eine Zeichnung gemacht die ungefähr darstellte
wie die Füße und das Gerüste ausgesehen haben mögen«
Auf meine neue Frage wie man denn das wissen könne antwortete er »Diese
Dinge haben so gut wie bedeutendere Gegenstände ihre Geschichte und aus dieser
Geschichte kann man das Aussehen und den Bau derselben zusammen setzen Im
Verlaufe der Jahre haben sich die Gestaltungen der Geräte immer neu abgelöset
und wenn man auf diese Abfolge sein Augenmerk richtet so kann man aus einem
vorhandenen Ganzen auf verloren gegangene Teile schließen und aus aufgefundenen
Teilen auf das Ganze gelangen Wir haben mehrere Zeichnungen entworfen in deren
jede immer die Tischplatte einbezogen war und haben uns auf diese Weise immer
mehr der mutmasslichen Beschaffenheit der Sache genähert Endlich sind wir bei
einer Zeichnung geblieben die uns nicht zu widersprechend schien«
Auf meine Frage ob er denn immer Arbeit für seine Anstalt habe antwortete
er »Sie ist nicht gleich so entstanden wie Ihr sie hier seht Anfangs zeigte
sich die Lust an alten und vorelterlichen Dingen und wie die Lust wuchs
sammelten sich nach und nach schon die Gegenstände an die ihrer
Wiederherstellung entgegen sahen Zuerst wurde die Ausbesserung bald auf diesem
bald auf jenem Wege versucht und eingeleitet Viele Irrwege sind betreten
worden Indessen wuchs die Zahl der gesammelten Gegenstände immer mehr und
deutete schon auf die künftige Anstalt hin Als man in Erfahrung brachte dass
ich altertümliche Gegenstände kaufe brachte man mir solche oder zeigte mir die
Orte an wo sie zu finden wären Auch vereinigten sich mit uns hie und da
Männer welche auf die Dinge des Altertums ihr Augenmerk richteten uns darüber
schrieben und wohl auch Zeichnungen einsandten So erweiterte sich unser Kreis
immer mehr Ungehörige Ausbesserungen aus früheren Zeiten gaben ebenfalls Stoff
zu erneuerter Arbeit und da wir anfangs auch an verschiedenen Orten arbeiten
ließ und häufig genötigt waren die Orte zu wechseln ehe wir uns hier
niederliessen so verschleppte sich manche Zeit und die Arbeitsgegenstände
mehrten sich Endlich gerieten wir auch auf den Gedanken neue Gegenstände zu
verfertigen Wir gerieten auf ihn durch die alten Dinge die wir immer in den
Händen hatten Diese neuen Gegenstände wurden aber nicht in der Gestalt gemacht
wie sie jetzt gebräuchlich sind sondern wie wir sie für schön hielten Wir
lernten an dem Alten aber wir ahmten es nicht nach wie es noch zuweilen in der
Baukunst geschieht in der man in einem Stile zum Beispiele in dem sogenannten
gotischen ganze Bauwerke nachbildet Wir suchten selbstständige Gegenstände für
die jetzige Zeit zu verfertigen mit Spuren des Lernens an vergangenen Zeiten
Haben ja selbst unsere Vorfahrer aus ihren Vorfahrern geschöpft diese wieder
aus den ihrigen und so fort bis man auf unbedeutende und kindische Anfänge
stößt Überall aber sind die eigentlichen Lehrmeister die Werke der Natur
gewesen«
»Sind solche neugemachte Gegenstände in Eurem Hause vorhanden« fragte ich
»Nichts von Bedeutung« antwortete er »einige sind an verschiedenen Punkten
der Gegend zerstreut einige sind in einem anderen Orte als in diesem Hause
gesammelt Wenn Ihr Lust zu solchen Dingen habt oder sie in Zukunft fassen
solltet und Euer Weg Euch wieder einmal hieher führt so wird es nicht schwer
sein Euch an den Ort zu geleiten wo Ihr mehrere unserer besten Gegenstände
sehen könnt«
»Es sind der Wege sehr verschiedene« erwiderte ich »die die Menschen
gehen und wer weiß es ob der Weg der mich wegen eines Gewitters zu Euch
herauf geführt hat nicht ein sehr guter Weg gewesen ist und ob ich ihn nicht
noch einmal gehe«
»Ihr habt da ein sehr wahres Wort gesprochen« antwortete er »die Wege der
Menschen sind sehr verschiedene Ihr werdet dieses Wort erst recht einsehen
wenn Ihr älter seid«
»Und habt Ihr dieses Haus eigens zu dem Zwecke der Schreinerei erbaut«
fragte ich weiter
»Ja« antwortete er »wir haben es eigens zu diesem Zwecke erbaut Es ist
aber viel später entstanden als das Wohnhaus Da wir einmal so weit waren die
Sachen zu Hause machen zu lassen so war der Schritt ein ganz leichter uns eine
eigene Werkstätte hiefür einzurichten Der Bau dieses Hauses war aber bei weitem
nicht das Schwerste viel schwerer war es die Menschen zu finden Ich hatte
mehrere Schreiner und musste sie entlassen Ich lernte nach und nach selber und
da trat mir der Starrsinn der Eigenwille und das Herkommen entgegen Ich nahm
endlich solche Leute die nicht Schreiner waren und sich erst hier unterrichten
sollten Aber auch diese hatten wie die frühern eine Sünde welche in
arbeitenden Ständen und auch wohl in andern sehr häufig ist die Sünde der
Erfolggenügsamkeit oder der Fahrlässigkeit die stets sagt Es ist so auch
recht und die jede weitere Vorsicht für unnötig erachtet Es ist diese Sünde in
den unbedeutendsten und wichtigsten Dingen des Lebens vorhanden und sie ist mir
in meinen früheren Jahren oft vorgekommen Ich glaube dass sie die größten Übel
gestiftet hat Manche Leben sind durch sie verloren gegangen sehr viele andere
wenn sie auch nicht verloren waren sind durch sie unglücklich oder unfruchtbar
geworden Werke die sonst entstanden wären hat sie vereitelt und die Kunst
und was mit derselben zusammenhängt wäre mit ihr gar nicht möglich Nur ganz
gute Menschen in einem Fache haben sie gar nicht und aus denen werden die
Künstler Dichter Gelehrten Staatsmänner und die großen Feldherren Aber ich
komme von meiner Sache ab In unserer Schreinerei machte sie bloß dass wir zu
nichts Wesentlichem gelangten Endlich fand ich einen Mann der nicht gleich aus
der Arbeit ging wenn ich ihn bekämpfte aber innerlich mochte er recht oft
erzürnt gewesen sein und über Eigensinn geklagt haben Nach Bemühungen von
beiden Seiten gelang es Die Werke gewannen Einfluss in denen das Genaue und
Zweckmässige angestrebt war und sie wurden zur Richtschnur genommen Die
Einsicht in die Schönheit der Gestalten wuchs und das Leichte und Feine wurde
dem Schweren und Groben vorgezogen Er las Gehilfen aus und erzog sie in seinem
Sinne Die Begabten fügten sich bald Es wurde die Chemie und andere
Naturwissenschaften hergenommen und im Lesen schöner Bücher wurde das Innere
des Gemütes zu bilden versucht«
Er ging nach diesen Worten gegen den Mann der mit dem Aussuchen der Hölzer
nach dem vor ihm liegenden Plane der Tischplatte beschäftigt war und sagte
»Wollt Ihr nicht die Güte haben uns einige Zeichnungen zu zeigen Eustach«
Der junge Mann an den diese Worte gerichtet waren erhob sich von seiner
Arbeit und zeigte uns ein ruhiges gefälliges Wesen Er legte die grüne
Tuchschürze ab welche er vorgebunden hatte und ging aus seiner Arbeitsstelle
zu uns herüber Es befand sich neben dieser Stelle in der Wand eine Glastür
hinter welcher grüne Seide in Falten gespannt war Diese Tür öffnete er und
führte uns in ein freundliches Zimmer Das Zimmer hatte einen künstlich
eingelegten Fußboden und enthielt mehrere breite glatte Tische Aus der Lade
eines dieser Tische nahm der Mann eine große Mappe mit Zeichnungen öffnete sie
und tat sie auf der Tischplatte auseinander Ich sah dass diese Zeichnungen für
mich zum Ansehen heraus genommen worden waren und legte daher die Blätter
langsam um Es waren lauter Zeichnungen von Bauwerken und zwar teils im Ganzen
teils von Bestandteilen derselben Sie waren sowohl wie man sich ausdrückt im
Perspektive ausgeführt als auch in Aufrissen in Längen und Querschnitten Da
ich mich selber geraume Zeit mit Zeichnen beschäftigt hatte wenn auch mit
Zeichnen anderer Gegenstände so war ich bei diesen Blättern schon mehr an
meiner Stelle als bei den alten Geräten Ich hatte immer bei dem Zeichnen von
Pflanzen und Steinen nach großer Genauigkeit gestrebt und hatte mich bemüht
durch den Schwarzstift die Wesenheit derselben so auszudrücken dass man sie nach
Art und Gattung erkennen sollte Freilich waren die vor mir liegenden
Zeichnungen die von Bauwerken Ich hatte Bauwerke nie gezeichnet ich hatte sie
eigentlich nie recht betrachtet Aber andererseits waren die Linien die hier
vorkamen die von großen Körpern von geschichteten Stoffen und von ausgedehnten
Flächen wie sie bei mir auch an den Felsen und Bergen erschienen oder sie
waren die leichten Wendungen von Zieraten wie sie bei mir die Pflanzen boten
Endlich waren ja alle Bauwerke aus Naturdingen entstanden welche die Vorbilder
gaben etwa aus Felsenkuppen oder Felsenzacken oder selbst aus Tannen Fichten
oder anderen Bäumen Ich betrachtete daher die Zeichnungen recht genau und sah
sie um ihre Treue und Sachgemässheit an Als ich sie schon alle durchgeblättert
hatte legte ich sie wieder um und schaute noch einmal jedes einzelne Blatt an
Die Zeichnungen waren sämtlich mit dem Schwarzstifte ausgeführt Es war
Licht und Schatten angegeben und die Linienführung war verstärkt oder gemässigt
um nicht bloß die Körperlichkeit der Dinge, sondern auch das sogenannte
Luftperspektive darzustellen In einigen Blättern waren Wasserfarben angewendet
entweder um bloß einzelne Stellen zu bezeichnen die eine besonders starke oder
eigentümliche Farbe hatten wie etwa wo das Grün der Pflanzen sich auffallend
von dem Gemäuer aus dem es sprosste abhob oder wo der Stoff durch Einfluss von
Sonne oder Wasser eine ungewöhnliche Farbe erhalten hatte wie zum Beispiele an
gewissen Steinen die durch Wasser bräunlich ja beinahe rot werden oder es
waren Farben angewendet um dem Ganzen einen Ton der Wirklichkeit und
Zusammenstimmung zu geben oder endlich es waren einzelne sehr kleine Stellen
mit Farben gleichsam mit Farbdruckern wie man sich ausdrückt bezeichnet um
Flächen oder Körper oder ganze Abteilungen im Raume zurück zu drängen Immer
aber waren die Farben so untergeordnet gehalten dass die Zeichnungen nicht in
Gemälde übergingen sondern Zeichnungen blieben die durch die Farbe nur noch
mehr gehoben wurden Ich kannte diese Verfahrungsweise sehr gut und hatte sie
selber oft angewendet
Was den Wert der Zeichnungen anbelangt so erschien mir derselbe ein
ziemlich bedeutender Die Hand von der sie verfertigt worden waren hielt ich
für eine geübte was ich daraus schloss dass in den vielen Zeichnungen kein
Fortschritt zu bemerken war sondern dass dieser schon in der Zeit vor den
Zeichnungen lag und hier angewendet wurde Die Linien waren rein und sicher
gezogen das sogenannte Linearperspektive war so weit meine Augen urteilen
konnten denn eine matematische Prüfung konnte ich nicht anlegen richtig
der Stoff des Schwarzstiftes war gut beherrscht und mit seinen geringen Mitteln
war Haushaltung getroffen darum standen die Körper klar da und lösten sich von
der Umgebung Wo die Farbe eine Art Wirklichkeit angenommen hatte war sie mit
Gegenständlichkeit und Maß hingesetzt was wie ich aus Erfahrung wusste so
schwer zu finden ist dass die Dinge als Dinge nicht als Färbungen gelten Dies
ist besonders bei Gegenständen der Fall die minder entschiedene Farben haben
wie Steine Gemäuer und dergleichen während Dinge von deutlichen Farben
leichter zu behandeln sind wie Blumen Schmetterlinge selbst manche Vögel
Eine besondere Tatsache aber fiel mir bei Betrachtung dieser Zeichnungen
auf Bei den Bauverzierungen welche von Gegenständen der Natur genommen waren
von Pflanzen oder selbst von Tieren kamen bedeutende Fehler vor ja es kamen
sogar Unmöglichkeiten vor die kaum ein Anfänger macht sobald er nur die
Pflanze gut betrachtet Bei den ganz gleichen Verzierungen an andern Bauwerken
in andern Zeichnungen waren diese Fehler nicht da sondern die Verzierungen
waren in Hinsicht ihrer Urbilder in der Natur mit Richtigkeit angegeben Ich
hatte da ich einmal zeichnete öfter die Bilder meines Vaters betrachtet und
in ihnen selbst in solchen die er für sehr gut hielt ähnliche Fehler
gefunden Da die Bilder meines Vaters aus alter Zeit waren diese Zeichnungen
aber auch alte Bauwerke darstellten so schloss ich dass sie vielleicht Abrisse
von wirklichen Bauten seien und dass die Fehler in den Zieraten der Zeichnungen
Fehler in den wirklichen Zieraten der Bauarten seien und dass die Zieraten
deren Zeichnungen fehlerlos waren auch an den Bauwerken keinen Fehler gehabt
haben Es gewannen durch diesen Umstand die Zeichnungen in meinen Augen noch
mehr da er gerade ihre große Treue bewies
Auch ein eigentümlicher Gedanke kam mir bei der Betrachtung dieser
Zeichnungen in das Haupt Ich hatte nie so viele Zeichnungen von Bauwerken
beisammen gesehen so wie ich Bauwerke selber nicht zum Gegenstande meiner
Aufmerksamkeit gemacht hatte Da ich nun alle diese Laubwerke diese Ranken
diese Zacken diese Schwingungen diese Schnecken in großer Abfolge sah
erschienen sie mir gewissermaßen wie Naturdinge etwa wie eine Pflanzenwelt mit
ihren zugehörigen Tieren Ich dachte man könnte sie eben so zu einem
Gegenstande der Betrachtung und der Forschung machen wie die wirklichen Pflanzen
und andere Hervorbringungen der Erde wenn sie hier auch nur eine steinerne Welt
sind Ich hatte das nie recht beachtet wenn ich auch hin und wieder an einer
Kirche oder an einem anderen Gebäude einen steinernen Stengel oder eine Rose
oder eine Distelspitze oder einen Säulenschaft oder die Vergitterung einer Tür
ansah Ich nahm mir vor diese Gegenstände nun genauer zu beobachten
»Diese Zeichnungen sind lauter Abbildungen von wirklichen Bauwerken die in
unserem Lande vorhanden sind« sagte mein Begleiter »Wir haben sie nach und
nach zusammen gebracht Kein einziges Bauwerk unseres Landes welches entweder
im Ganzen schön ist oder an dem Teile schön sind fehlt Es ist nämlich auch
hier im Lande wie überall vorgekommen dass man zu den Teilen alter Kirchen oder
anderer Werke die nicht fertig geworden sind neue Zubaue in ganz anderer Art
gemacht hat so dass Bauwerke entstanden die in verschiedenen Stilen ausgeführt
und teils schön und teils hässlich sind Die Landkirchen die auf verschiedenen
Stellen in unserer Zeit entstanden sind haben wir nicht aufgenommen«
»Wer hat denn diese Zeichnungen verfertigt« fragte ich
»Der Zeichner steht vor Euch« antwortete mein Begleiter indem er auf den
jungen Mann wies
Ich sah den Mann an und es zeigte sich ein leichtes Erröten in seinem
Angesichte
»Der Meister hat nach und nach die Teile des Landes besucht« fuhr mein
Gastfreund fort »und hat die Baugegenstände gezeichnet die ihm gefielen Diese
Zeichnungen hat er in seinem Buche nach Hause gebracht und sie dann auf
einzelnen Blättern im Reinen ausgeführt Außer den Zeichnungen von Bauwerken
haben wir auch die von inneren Ausstattungen derselben Seid so gefällig und
zeigt auch diese Mappe Eustach«
Der junge Mann legte die Mappe die wir eben betrachtet hatten zusammen
und tat sie in ihre Lade Dann nahm er aus einer anderen Lade eine andere Mappe
und legte sie mir mit den Worten vor »Hier sind die kirchlichen Gegenstände«
Ich sah die Zeichnungen in der Mappe die er mir geöffnet hatte an wie ich
früher die der Bauwerke angesehen hatte Es waren Zeichnungen von Altären
Chorstühlen Kanzeln Sakramentshäuschen Taufsteinen Chorbrüstungen Sesseln
einzelnen Gestalten gemalten Fenstern und anderen Gegenständen die in Kirchen
vorkommen Sie waren wie die Zeichnungen der Baugegenstände entweder ganz in
Schwarzstift ausgeführt oder teils in Schwarzstift teils in Farben Hatte ich
mich schon früher in diese Gegenstände vertieft so geschah es jetzt noch mehr
Sie waren noch mannigfaltiger und für die Augen anlockender als die Bauwerke
Ich betrachtete jedes Blatt einzeln und manches nahm ich noch einmal vor
nachdem ich es schon hingelegt hatte Als ich mit dieser Mappe fertig war legte
mir der Meister eine neue vor und sagte »Hier sind die weltlichen Gegenstände«
Die Mappe enthielt Zeichnungen von sehr verschiedenen Geräten die in
Wohnungen Burgen Klöstern und dergleichen vorkommen sie enthielt Abbildungen
von Vertäflungen von ganzen Zimmerdecken Fenster und Türeinfassungen ja von
eingelegten Fussböden Bei den weltlichen Geräten war viel mehr mit Farben
gearbeitet als bei den kirchlichen und bei den Bauten denn die Wohngeräte haben
sehr oft die Farbe als einen wesentlichen Gegenstand ihrer Erscheinung
besonders wenn sie in verschiedenfarbigen Hölzern eingelegt sind Ich fand in
dieser Sammlung von Zeichnungen Abbildungen von Gegenständen, die ich in der
Wohnung meines Gastfreundes gesehen hatte So war der Schreibschrein und der
große Kleiderschrein vorhanden Auch der Tisch an dem noch in der
Schreinerstube gearbeitet wurde stand hier schon fertig vor uns auf dem
Papiere Ich bemerkte hiebei dass nur die Platte klar und kräftig ausgeführt
war das Gerüste und die Füße minder gleichsam schattenhaft behandelt wurden
Ich erkannte dass man so das Neue was zu Geräten hinzukommen musste bezeichnen
wollte
Mir gefiel diese Art sehr gut
»Die Kirchengeräte unsers Landes dürften in dieser Sammlung ziemlich
vollständig sein« sagte mein Gastfreund »wenigstens wird nichts Wesentliches
fehlen Bei den weltlichen kann man das weniger sagen da man nicht wissen kann
was noch hie und da in dem Lande zerstreut ist«
Als ich diese Mappe auch angesehen hatte sagte mein Begleiter »Diese
Zeichnungen sind Nachbildungen von lauter wirklichen aus älterer Zeit auf uns
gekommenen Gegenständen wir haben aber auch Zeichnungen selbstständig
entworfen die Geräte oder andere kleinere Gegenstände darstellen Zeigt uns
auch diese Meister«
Der junge Mann legte die Mappe auf den Tisch
Sie war viel umfassender als jede der früheren und enthielt nicht bloß die
vollständige Darstellung der ganzen Gegenstände sondern auch ihre Quer und
Längenschnitte und ihre Grundrisse Es waren Abbildungen von verschiedenen
Geräten dann von Verkleidungen Fussböden Zimmerdecken Nischen und endlich
sogar von Baugegenständen Treppenhäusern und Seitenkapellen Man war mit großer
Zweifelsucht und Gewissenhaftigkeit zu Werke gegangen manche Zeichnung war
vier ja fünfmal vorhanden und jedes Mal verändert und verbessert Die letzten
waren stets mit Farben angegeben und dies besonders deutlich wenn die
Gegenstände in Holz oder Marmor auszuführen waren Ich fragte ob einige dieser
Dinge ausgeführt worden sind.
»Freilich« antwortete mein Begleiter »wozu wären denn so viele Zeichnungen
angefertigt worden Alle Gegenstände die Ihr öfter gezeichnet saht und deren
letzte Zeichnung in Farben angegeben ist sind in Wirklichkeit ausgearbeitet
worden Diese Zeichnungen sind die Pläne und Vorlagen zu den neuen Geräten auf
deren Verfertigung wie ich früher sagte wir geraten sind Wenn Ihr einmal in
den Ort von dem ich Euch gesagt habe dass er mehrere enthält kommen solltet
so würdet Ihr dort nicht nur viele von denen die hier gezeichnet sind sehen
sondern auch solche die zusammen gehören und ein Ganzes bilden«
»Wenn man diese Zeichnungen betrachtet« sagte ich »und wenn man die
anderen betrachtet welche ich früher gesehen habe so kommt man auf den
Gedanken dass die Bauwerke einer Zeit und die Geräte welche in diesen Bauwerken
sein sollten eine Einheit bilden die nicht zerrissen werden kann.«
»Allerdings bilden sie eine« erwiderte er »die Geräte sind ja die
Verwandten der Baukunst etwa ihre Enkel oder Urenkel und sind aus ihr
hervorgegangen Dieses ist so wahr dass ja auch unsere heutigen Geräte zu
unserer heutigen Baukunst gehören Unsere Zimmer sind fast wie hohle Würfel oder
wie Kisten und in solchen stehen die geradlinigen und geradflächigen Geräte
gut Es ist daher nicht ohne Begründung wenn die viel schöneren altertümlichen
Geräte in unseren Wohnungen manchen Leuten einen unheimlichen Eindruck machen
sie widersprechen der Wohnung aber hierin haben die Leute unrecht wenn sie die
Geräte nicht schön finden die Wohnung ist es und diese sollte geändert werden
Darum stehen in Schlössern und altertümlichen Bauten derlei Geräte noch am
schönsten weil sie da eine ihnen ähnliche Umgebung finden Wir haben aus diesem
Verhältnisse Nutzen gezogen und aus unseren Zeichnungen der Bauwerke viel für
die Zusammenstellung unserer Geräte gelernt die wir eben nach ihnen
eingerichtet haben«
»Wenn man so viele dieser Dinge in so vielen Abbildungen vor sich sieht wie
wir jetzt getan haben« sagte ich »so kann man nicht umhin einen großen
Eindruck zu empfinden den sie machen«
»Es haben sehr tiefsinnige Menschen vor uns gelebt« erwiderte er »man hat
es nicht immer erkannt und fängt erst jetzt an es wieder ein wenig einzusehen
Ich weiß nicht ob ich es Rührung oder Schwermut nennen soll was ich empfinde
wenn ich daran denke dass unsere Voreltern ihre größten und umfassendsten Werke
nicht vollendet haben Sie mussten auf eine solche Ewigkeit des
Schönheitsgefühles gerechnet haben dass sie überzeugt waren die Nachwelt werde
an dem weiter bauen was sie angefangen haben Ihre unfertigen Kirchen stehen
wie Fremdlinge in unserer Zeit Wir haben sie nicht mehr empfunden oder haben
sie durch hässliche Aftergebilde verunstaltet Ich möchte jung sein wenn eine
Zeit kommt in welcher in unserem Vaterlande das Gefühl für diese Anfänge so
groß wird dass es die Mittel zusammenbringt diese Anfänge weiter zu führen Die
Mittel sind vorhanden nur werden sie auf etwas anderes angewendet so wie man
diese Bauwerke nicht aus Mangel der Mittel unvollendet ließ sondern aus anderen
Gründen«
Ich sagte nach diesen Worten dass ich in dem berührten Punkte weniger
unterrichtet sei aber in einem anderen Punkte könnte ich vielleicht etwas
sagen nämlich in Hinsicht der Zeichnungen »Ich habe durch längere Zeit her
Pflanzen Steine Tiere und andere Dinge gezeichnet habe mich sehr geübt und
dürfte daher etwa ein Urteil wagen können Diese Zeichnungen erscheinen mir in
Reinheit der Linien in Richtigkeit des Perspektives in kluger Hinstellung
Jedes Körperteiles und in passender Anwendung der Farben als ganz vortrefflich
und ich fühle mich gedrungen dieses zu sagen«
Der Meister sagte zu diesem Lobe nichts sondern er senkte den Blick zu
Boden meinen Gastfreund aber schien mein Urteil zu freuen
Er bedeutete den Meister die Mappe zusammen zu binden und in die Lade zu
legen was auch geschah
Wir gingen von diesem Zimmer in die weiteren Räume des Schreinerhauses Als
wir Über die Schwelle schritten dachte ich dass ich von altertümlichen
Gegenständen trotz der Sammlungen meines Vaters von denen ich doch
lebenslänglich umgeben gewesen war eigentlich bisher nicht viel verstanden habe
und erst lernen müsse
Von dem Zimmer der Zeichnungen gingen wir in das Wohnzimmer des Meisters
welches neben den gewöhnlichen Gerätstücken ebenfalls Zeichnungstische und
Staffeleien enthielt Es war eben so freundlich eingerichtet wie das Zimmer der
Zeichnungen
Auch die Zimmer der Gehilfen besuchten wir und betraten dann die
Nebenräume Es waren dies Räume die zu verschiedenen Gegenständen die eine
solche Anstalt fordert notwendig sind Der vorzüglichste war das Trockenhaus
welches hinter der Schreinerei angebracht war aus der man in die untere und
obere Abteilung desselben gelangen konnte Es hatte den Zweck dass in ihm alle
Gattungen von Holz die man hier verarbeitete jenen Zustand der Trockenheit
erreichen konnten der in Geräten notwendig ist dass nicht später wieder
Beschädigungen eintreten In dem unteren Raume wurden die größeren Holzkörper
aufbewahrt in dem oberen die kleineren und feineren Ich konnte sehen wie sehr
es Ernst mit der Anlegung dieses Werkhauses war denn ich fand in dem
Trockenhause nicht nur einen sehr großen Vorrat von Holz sondern auch fast alle
Gattungen der inländischen und ausländischen Hölzer Ich hatte hierin von der
Zeit meiner naturwissenschaftlichen Bestrebungen her einige Kenntnis Außerdem
war das Holz beinahe durchgängig schon in die vorläufigen Gestalten geschnitten
in die es verarbeitet werden sollte damit es auf diese Weise zu hinreichender
Beruhigung austrocknen konnte Mein Begleiter zeigte mir die verschiedenen
Behältnisse und erklärte mir im allgemeinen ihren Inhalt
In dem unteren Raume sah ich Lärchenholz zu sehr großen seltsamen Gestalten
verbunden gleichsam zu schlanken Gerüsten Rahmen und dergleichen und fragte
da ich mir die Sache nicht erklären konnte um ihre Bedeutung
»In unserem Lande« antwortete mein Begleiter »sind mehrere geschnitzte
Altäre Sie sind alle aus Lindenholz verfertigt und einige von bedeutender
Schönheit Sie stammen aus sehr früher Zeit etwa zwischen dem dreizehnten und
fünfzehnten Jahrhunderte und sind Flügelaltäre welche mit geöffneten Flügeln
die Gestalt einer Monstranze haben Sie sind zum Teile schon sehr beschädigt
und drohen in kürzerer oder längerer Zeit zu Grunde zu gehen Da haben wir nun
einen auf meine Kosten wiederhergestellt und arbeiten jetzt an einem zweiten
Die Holzgerüste um die Ihr fragtet sind Grundlagen auf denen Verzierungen
befestigt werden müssen Die Verzierungen sind noch ziemlich erhalten ihre
Grundlagen aber sind sehr morsch geworden weshalb wir neue anfertigen müssen
wozu Ihr hier die Entwürfe seht«
»Hat man Euch denn erlaubt in einer Kirche einen Altar umzugestalten«
fragte ich
»Man hat es uns erst nach vielen Schwierigkeiten erlaubt« antwortete er
»wir haben aber die Schwierigkeiten besiegt Besonders kam uns das Misstrauen in
unsere Kenntnisse und Fähigkeiten entgegen und hierin hatte man recht Wohin
käme man denn wenn man an vorhandenen Werken vorschnell Veränderungen anbringen
ließe Es könnten ja da Dinge von der größten Wichtigkeit verunstaltet oder
zerstört werden Wir mussten angeben was wir verändern oder hinzufügen wollten
und wie die Sache nach der Umarbeitung aussehen würde Erst da wir dargelegt
hatten dass wir an den bestehenden Zusammenstellungen nichts ändern würden dass
keine Verzierung an einen andern Platz komme dass kein Standbild an seinem
Angesichte seinen Händen oder den Faltungen seines Gewandes umgestaltet werde
sondern dass wir nur das Vorhandene in seiner jetzigen Gestalt erhalten wollen
damit es nicht weiter zerfallen könne dass wir den Stoff wo er gelitten hat
mit Stoff erfüllen wollen damit die Ganzheit desselben vorhanden sei dass wir
an Zutaten nur die kleinsten Dinge anbringen würden deren Gestalt vollkommen
durch die gleichartigen Stücke bekannt wäre und in gleichmässiger Vollkommenheit
wie die alten verfertigt werden könnte ferner als wir eine Zeichnung in Farben
angefertigt hatten die darstellte wie der gereinigte und wieder hergestellte
Altar aussehen würde und endlich als wir Schnitzereien von geringem Umfange
einzelne Standbilder und dergleichen in unserem Sinne wieder hergestellt und zur
Anschauung gebracht hatten ließ man uns gewähren Von Hindernissen die nicht
von der Obrigkeit ausgingen von Verdächtigungen und ähnlichen Vorkommnissen
rede ich nicht sie sind auch wenig zu meiner Kenntnis gekommen«
»Da habt Ihr ein langwieriges und wie ich glaube wichtiges Werk
unternommen« sagte ich
»Die Arbeit hat mehrere Jahre gedauert« erwiderte er »und was die
Wichtigkeit anbelangt so hat sich wohl niemand mehr den Zweifeln hingegeben ob
wir die nötige Sachkenntnis besässen als wir selber Darum haben wir auch gar
keine Veränderung in der Wesenheit der Sache vorgenommen Selbst dort wo es
deutlich erwiesen war dass Teile des Altars in der Zeit in eine andere Gruppe
gestellt worden waren als sie ursprünglich gewesen sein konnten ließ wir das
Vorgefundene bestehen Wir befreiten nur die Gebilde von Schmutz und
Übertünchung befestigten das Zerblätterte und Lediggewordene ergänzten das
Mangelnde wo wie ich gesagt habe dessen Gestalt vollkommen bekannt war
füllten alles was durch Holzwürmer zerstört war mit Holz aus beugten durch
ein erprobtes Mittel den künftigen Zerstörungen dieser Tiere vor und überzogen
endlich den ganzen Altar da er fertig war mit einem sehr matten Firnisse Es
wird einmal eine Zeit kommen in welcher vom Staate aus vollkommen
sachverständige Männer in ein Amt werden vereinigt werden das die
Wiederherstellung alter Kunstwerke einleiten ihre Aufstellung in dem
ursprünglichen Sinne bewirken und ihre Verunstaltung für kommende Zeiten
verhindern wird denn so gut man uns gewähren ließ die ja auch eine
Verunstaltung hätten hervorbringen können so gut wird man in Zukunft auch
andere gewähren lassen die minder zweifelsüchtig sind oder im Eifer für das
Schöne nach ihrer Art verfahren und das Wesen des Überkommenen zerstören«
»Und glaubt Ihr dass ein Gesetz welches verbietet an dem Wesen eines
vorgefundenen Kunstwerkes etwas zu ändern dem Verfalle und der Zerstörung
desselben für alle Zeiten vorbeugen würde« fragte ich
»Das glaube ich nicht« erwiderte er »denn es können Zeiten so geringen
Kunstsinnes kommen dass sie das Gesetz selber aufheben aber auf eine längere
Dauer und auf eine bessere Weise wäre doch durch ein solches Gesetz gesorgt als
wenn gar keines wäre Den besten Schutz für Kunstwerke der Vorzeit würde
freilich eine fortschreitende und nicht mehr erlahmende Kunstempfindung
gewähren Aber alle Mittel auch in ihrer größten Vollkommenheit angewendet
würden den endlichen Untergang eines Kunstwerkes nicht aufhalten können dies
liegt in der immerwährenden Tätigkeit und in dem Umwandlungstriebe der Menschen
und in der Vergänglichkeit des Stoffes. Alles was ist wie groß und gut es sei
besteht eine Zeit erfüllt einen Zweck und geht vorüber Und so wird auch
einmal über alle Kunstwerke die jetzt noch sind ein ewiger Schleier der
Vergessenheit liegen wie er jetzt über denen liegt die vor ihnen waren«
»Ihr arbeitet an der Herstellung eines zweiten Altares« sagte ich »da Ihr
einen schon vollendet habt würdet Ihr auch noch andere herstellen da Ihr sagt
dass es mehrere in dem Lande gibt«
»Wenn ich die Mittel dazu hätte würde ich es tun« erwiderte er »ich würde
sogar wenn ich reich genug wäre angefangene mittelalterliche Bauwerke
vollenden lassen Da steht in Grünau hart an der Grenze unseres Landes an der
Stadtpfarrkirche ein Turm welcher der schönste unseres Landes ist und der
höchste wäre wenn er vollendet wäre aber er ist nur ungefähr bis zu zwei
Dritteilen seiner Höhe fertig geworden Dieser altdeutsche Turm wäre das erste
welches ich vollenden ließe Wenn Ihr wieder kommt so führe ich Euch in eine
Kirche in welcher auf Landeskosten ein geschnitzter Flügelaltar wieder
hergestellt worden ist, der zu den bedeutendsten Kunstwerken gehört welche in
dieser Art vorhanden sind.«
Wir traten bei diesen Worten den Rückweg aus dem Trockenhause in die
Arbeitstube an Mein Begleiter sagte auf diesem Wege »Da Eustach jetzt
vorzugsweise damit beschäftigt ist die im Laufe befindlichen Werke
auszufertigen so hat er seinen Bruder der herangewachsen ist unterrichtet
und dieser versieht jetzt hauptsächlich das Geschäft des Zeichnens Er ist eben
daran die Verzierungen die in unserem Lande an Bauwerken Holzarbeiten oder
sonstwo vorkommen und die wir in unseren Blättern von größeren Werken noch
nicht haben zu zeichnen Wir erwarten ihn in kurzer Zeit auf einige Tage zu
rück An diesen Dingen könnte auch die Gegenwart lernen falls sie lernen will
Nicht bloß aus dem Großen wenn wir das Große betrachteten was unsere Voreltern
gemacht haben und was die kunstsinnigsten vorchristlichen Völker gemacht haben
könnten wir lernen wieder in edlen Gebäuden wohnen oder von edlen Geräten
umringt sein wenigstens wie die Griechen in schönen Tempeln beten sondern wir
könnten uns auch im Kleinen vervollkommnen die Überzüge unserer Zimmer könnten
schöner sein die gewöhnlichen Geräte Krüge Schalen Lampen Leuchter Äxte
würden schöner werden selbst die Zeichnungen auf den Stoffen zu Kleidern und
endlich auch der Schmuck der Frauen in schönen Steinen er würde die leichten
Bildungen der Vergangenheit annehmen statt dass jetzt oft eine Barbarei von
Steinen in einer Barbarei von Gold liegt Ihr werdet mir recht geben wenn Ihr
an die vielen Zeichnungen von Kreuzen Rosen Sternen denkt die Ihr in unsern
Blättern mittelalterlicher Bauwerke gesehen habt«
Ich bewunderte den Mann der da er so redete in einem sonderbaren ja
abgeschmackten Kleide neben mir ging
»Wenigstens Achtung vor Leuten die vor uns gelebt haben könnte man aus
solchen Bestrebungen lernen« fahr er fort »statt dass wir jetzt gewohnt sind
immer von unseren Fortschritten gegenüber der Unwissenheit unserer Voreltern
reden zu hören Das große Preisen von Dingen erinnert zu oft an Armut von
Erfahrungen«
Wir waren bei diesen Worten wieder in die Werkstube gekommen und
verabschiedeten uns von dem Meister Ich reichte ihm die Hand die er annahm
und schüttelte die seinige herzlich Da wir aus dem Hause getreten waren und ich
umschaute sah ich durch das Fenster wie er eben seine grüne Schürze herab nahm
und wieder umband Auch hörten wir das Hobeln und Sägen wieder das bei unserem
Besuche des Werkhauses ein wenig verstummt war Wir betraten den Gebüschpfad
und kamen wieder in die Nähe des Wohnhauses
»Ihr habt nun meine ganze Behausung gesehen« sagte mein Gastfreund
»Ich habe ja Küche und Keller und Gesindestuben nicht gesehen« erwiderte
ich
»Ihr sollt sie sehen wenn Ihr wollt« sagte er
Ich nahm mein mehr im Scherze gesprochenes Wort nicht zurück und wir gingen
wieder in das Haus
Ich sah hier eine große gewölbte Küche eine große Speisekammer drei Stuben
für Dienstleute eine für eine Art Hausaufseher dann die Waschstube den
Backofen den Keller und die Obstkammer Wie ich vermutet hatte war dies alles
reinlich und zweckmäßige eingerichtet Ich sah Mägde beschäftigt und wir trafen
auch den Hausaufseher in seinem Tagewerke begriffen Das flache feine Körbchen
aus welchem mein Beherberger die Vögel gefüttert hatte lehnte in einer eigenen
Mauernische neben der Tür welche sein bestimmter Platz zu sein schien
Wir gingen von diesen Räumen in das Gewächshaus Es enthielt sehr viele
Pflanzen meistens solche welche zur Zeit gebräuchlich waren Auf den Gestellen
standen Kamelien mit gut gepflegten grünen Blättern Rhododendern darunter wie
mir die Aufschrift sagte gelbe die ich nie gesehen hatte Azaleen in sehr
mannigfaltigen Arten und besonders viele neuholländische Gewächse Von Rosen
war die Teerose in hervorragender Anzahl da und ihre Blumen blühten eben An
das Gewächshaus stieß ein kleines Glashaus mit Ananas Auf dem Sandwege vor
beiden Häusern standen Zitronen und Orangenbäume in Kübeln Der alte Gärtner
hatte noch weissere Haare als sein Herr Er war ebenfalls ungewöhnlich gekleidet
nur konnte ich bei ihm das Ungewöhnliche nicht finden Das fiel mir auf dass er
viel reines Weiß an sich hatte welches im Vereine mit seiner weißen Schürze
mich eher an einen Koch als an einen Gärtner erinnerte
Dass die schmale Seite des Gewächshauses von außen mit Rosen bekleidet sei
wie die Südseite des Wohnhauses fiel mir wieder auf aber es berührte mich
nicht unangenehm
Die alte Gattin des Gärtners die wir in der Wohnung desselben fanden war
eben so weissgekleidet wie ihr Mann An die Gärtnerswohnung stießen die Kammern
der Gehilfen
»Jetzt habt Ihr alles gesehen« sagte mein Gastfreund da wir aus diesen
Kammern traten »außer den Gastzimmern die ich Euch zeigen werde wenn Ihr es
verlangt und der Wohnung meines Ziehsohnes die wir aber jetzt nicht betreten
können weil wir ihn in seinem Lernen stören würden«
»Wir wollen das auf eine spätere Stunde lassen in der ich Euch daran
erinnern werde« sagte ich »jetzt habe ich aber ein anderes Anliegen an Eure
Güte das mir näher am Herzen ist«
»Und dieses nähere Anliegen« fragte er
»Dass Ihr mir endlich sagt« antwortete ich »wie Ihr zu einer so
entschiedenen Gewissheit in Hinsicht des Wetters gekommen seid«
»Der Wunsch ist ein sehr gerechter« entgegnete er »und um so gerechter
als Eure Meinung über das Gewitter der Grund gewesen ist weshalb Ihr zu unserem
Hause herauf gegangen seid und als unser Streit über das Gewitter der Grund
gewesen ist dass Ihr länger da geblieben seid Gehen wir aber gegen das
Bienenhaus und setzen wir uns auf eine Bank unter eine Linde Ich werde Euch
auf dem Wege und auf der Bank meine Sache erzählen«
Wir schlugen einen breiten Sandpfad ein der anfangs von größeren Obstbäumen
und später von hohen schattenden Linden begrenzt war Zwischen den Stämmen
standen Ruhebänke auf dem Sande liefen pickende Vögel und in den Zweigen wurde
heute wieder das Singen vollbracht welches ich gestern schon wahrgenommen
hatte
»Ihr habt die Sammlung von Werkzeugen der Naturlehre in meiner Wohnung
gesehen« fing mein Begleiter an als wir auf dem Sandwege dahin gingen »sie
erklären schon einen Teil unserer Sache«
»Ich habe sie gesehen« antwortete ich »besonders habe ich das Barometer
Termometer so wie einen Luftblau und Feuchtigkeitsmesser bemerkt aber diese
Dinge habe ich auch und sie haben eher da ich sie vor meiner Wanderung
beobachtete auf einen Niederschlag als auf sein Gegenteil gedeutet«
»Das Barometer ist gefallen« erwiderte er »und wies auf geringeren
Luftdruck hin mit welchem sehr oft der Eintritt von Regen verbunden ist«
»Wohl« sagte ich
»Der Zeiger des Feuchtigkeitsmessers« fuhr er fort »rückte mehr gegen den
Punkt der größten Feuchtigkeit«
»Ja so ist es gewesen« antwortete ich
»Aber der Elektrizitätsmesser« sagte er »verkündigte wenig
Luftelektrizitat dass also eine Entladung derselben womit in unseren Gegenden
gerne Regen verbunden ist nicht erwartet werden konnte«
»Ich habe wohl auch die nämliche Beobachtung gemacht« entgegnete ich »aber
die elektrische Spannung steht nicht so sehr im Zusammenhange mit
Wetterveränderungen und ist meistens nur ihre Folge Zudem hat sich gestern
gegen Abend Elektrizität genug entwickelt und alle Anzeichen von denen Ihr
redet verkündeten einen Niederschlag«
»Ja sie verkündeten ihn und er ist erfolgt« sagte mein Begleiter »denn
es bildeten sich aus den unsichtbaren Wasserdünsten sichtbare Wolken die ja
wohl sehr fein zerteiltes Wasser sind Da ist der Niederschlag Auf die geringe
elektrische Spannung legte ich kein Gewicht ich wusste dass, wenn einmal Wolken
entstünden sich auch hinlängliche Elektrizität einstellen würde Die Anzeichen
von denen wir geredet haben beziehen sich aber nur auf den kleinen Raum in dem
man sich eben befindet man muss auch einen weiteren betrachten die Bläue der
Luft und die Gestaltung der Wolken«
»Die Luft hatte schon gestern vormittags die tiefe und finstere Bläue«
erwiderte ich »welche dem Regen vorangeht und die Wolkenbildung begann bereits
am Mittage und schritt sehr rasch vorwärts«
»Bis hieher habt Ihr recht« sagte mein Begleiter »und die Natur hat Euch
auch recht gegeben indem sie eine ungewöhnliche Menge von Wolken erzeugte Aber
es gibt auch noch andere Merkmale als die wir bisher besprochen haben welche
Euch entgangen sind Ihr werdet wissen dass Anzeichen bestehen welche nur einer
gewissen Gegend eigen sind und von den Eingebornen verstanden werden denen sie
von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden sind. Oft vermag die
Wissenschaft recht wohl den Grund der langen Erfahrung anzugeben Ihr wisst dass
in Gegenden ein kleines Wölklein an einer bestimmten Stelle des Himmels der
sonst rein ist erscheinend und dort schweben bleibend ein sicherer
Gewitteranzeiger für diese Gegend ist dass ein trüberer Ton an einer gewissen
Stelle des Himmels ein Windstoß aus einer gewissen Gegend her Vorboten eines
Landregens sind und dass der Regen immer kommt Solche Anzeichen hat auch diese
Gegend und es sind gestern keine eingetreten die auf Regen wiesen«
»Merkmale die nur dieser Gegend angehören« erwiderte ich »konnte ich
nicht beobachten aber ich glaube dass diese Merkmale allein Euch doch nicht
bestimmen konnten einen so entscheidenden Ausspruch zu tun wie Ihr getan
habt«
»Sie bestimmten mich auch nicht« antwortete er »ich hatte auch noch andere
Gründe«
»Nun«
»Alle die Vorzeichen von denen wir bisher geredet haben sind sehr grobe«
sagte er »und werden meistens von uns nur mittelst räumlicher Veränderungen
erkannt die wenn sie nicht eine gewisse Größe erreichen von uns gar nicht
mehr beobachtet werden können. Der Schauplatz auf welchem sich die
Witterungsverhältnisse gestalten ist sehr groß dort wohin wir nicht sehen
und woher die Wirkungen auf unsere wissenschaftlichen Werkzeuge nicht reichen
können mögen vielleicht Ursachen und Gegenanzeigen sein die wenn sie uns
bekannt wären unsere Vorhersage in ihr Gegenteil umstimmen würden Die
Anzeichen können daher auch täuschen Es sind aber noch viel feinere
Vorrichtungen vorhanden deren Beschaffenheit uns ein Geheimnis ist die von
Ursachen, die wir sonst gar nicht mehr messen können noch betroffen werden und
deren Wirkung eine ganz gewisse ist«
»Und diese Werkzeuge«
»Sind die Nerven«
»Also empfindet Ihr durch Eure Nerven wenn Regen kommen wird«
»Durch meine Nerven empfinde ich das nicht« antwortete er »Der Mensch
stört leider durch zu starke Einwirkungen die er auf die Nerven macht das
feine Leben derselben und sie sprechen zu ihm nicht mehr so deutlich als sie
sonst wohl könnten Auch hat ihm die Natur etwas viel Höheres zum Ersatze
gegeben den Verstand und die Vernunft, wodurch er sich zu helfen und sich seine
Stellung zu geben vermag Ich meine die Nerven der Tiere«
»Es wird wohl wahr sein was Ihr sagt« antwortete ich »Die Tiere hängen
mit der tiefer stehenden Natur noch viel unmittelbarer zusammen als wir Es wird
nur darauf ankommen dass diese Beziehungen ergründet werden und dafür ein
Ausdruck gefunden wird besonders was das kommende Wetter betrifft«
»Ich habe diesen Zusammenhang nicht ergründet« entgegnete er »noch weniger
den Ausdruck dafür gefunden beides dürfte in dieser Allgemeinheit wohl sehr
schwer sein aber ich habe zufällig einige Beobachtungen gemacht habe sie dann
absichtlich wiederholt und daraus Erfahrungen gesammelt und Ergebnisse zusammen
gestellt die eine Voraussage mit fast völliger Gewissheit möglich machen Viele
Tiere sind von Regen und Sonnenschein so abhängig ja bei einigen handelt es
sich geradezu um das Leben selber je nachdem Sonne oder Regen ist dass ihnen
Gott notwendig hat Werkzeuge geben müssen diese Dinge vorhinein empfinden zu
können Diese Empfindung als Empfindung kann aber der Mensch nicht erkennen er
kann sie nicht betrachten weil sie sich den Sinnen entzieht allein die Tiere
machen in Folge dieser Vorempfindung Anstalten für ihre Zukunft und diese
Anstalten kann der Mensch betrachten und daraus Schlüsse ziehen Es gibt einige
die ihre Nahrung finden wenn es feucht ist andere verlieren sie in diesem
Falle Manche müssen ihren Leib vor Regen bergen manche ihre Brut in Sicherheit
bringen Viele müssen ihre für den Augenblick aufgeschlagene Wohnung verlassen
oder eine andere Arbeit suchen Da nun die Vorempfindung gewiss sein muss wenn
die daraus folgende Handlung zur Sicherung führen soll da die Nerven schon
berührt werden wenn noch alle menschlichen wissenschaftlichen Werkzeuge
schweigen so kann eine Voraussage über das Wetter die auf eine genaue
Betrachtung der Handlungen der Tiere gegründet ist mehr Anhalt gewähren als
die aus allen wissenschaftlichen Werkzeugen zusammen genommen«
»Ihr eröffnet da eine neue Richtung«
»Die Menschen haben darin schon vieles erfahren Die besten Wetterkenner
sind die Insekten und überhaupt die kleinen Tiere Sie sind aber viel schwerer
zu beobachten da sie wenn man dies tun will nicht leicht zu finden sind und
da man ihre Handlungen auch nicht immer leicht versteht Aber von kleineren
Tieren hängen oft größere ab deren Speise jene sind und die Handlungen
kleinerer Tiere haben Handlungen größerer zur Folge welche der Mensch leichter
überblickt Freilich steht da ein Schluss in der Mitte der die Gefahr zu irren
größer macht als sie bei der unmittelbaren Betrachtung und der gleichsam
redenden Tatsache ist Warum damit ich ein Beispiel anfahre steigt der
Laubfrosch tiefer wenn Regen folgen soll warum fliegt die Schwalbe niedriger
und springt der Fisch aus dem Wasser Die Gefahr zu irren wird wohl bei
oftmaliger Wiederholung der Beobachtung und bei sorglicher Vergleichung
geringer aber das Sicherste bleiben immer die Herden der kleinen Tiere Das
habt Ihr gewiss schon gehört dass die Spinnen Wetterverkündiger sind und dass die
Ameisen den Regen vorher sagen Man muss das Leben dieser kleinen Dinge
betrachten ihre häuslichen Einrichtungen anschauen oft zu ihnen kommen sehen
wie sie ihre Zeit hinbringen erforschen welche Grenzen ihre Gebiete haben
welche die Bedingungen ihres Glückes sind und wie sie denselben nachkommen
Darum wissen Jäger Holzhauer und Menschen welche einsam sind und zur
Betrachtung dieses abgesonderten Lebens aufgefordert werden das meiste von
diesen Dingen und wie aus dem Benehmen von Tieren das Wetter vorherzusagen ist
Es gehört aber wie zu allem auch Liebe dazu«
»Hier ist der Sitz« unterbrach er sich »von welchem ich früher gesprochen
habe Hier ist die schönste Linde meines Gartens ich habe einen bessern
Ruheplatz unter ihr anbringen lassen und gehe selten vorüber ohne mich eine
Weile nieder zu setzen um mich an dem Summen in ihren Ästen zu ergötzen Wollen
wir uns setzen«
Ich willigte ein wir setzten uns das Summen war wirklich über unsern
Häuptern zu hören und ich fragte »Habt Ihr nun diese Beobachtungen an den
Tieren wie Ihr sagtet gemacht«
»Auf Beobachtungen bin ich eigentlich nicht ausgegangen« antwortete er
»aber da ich lange in diesem Hause und in diesem Garten gelebt habe hat sich
manches zusammengefunden aus dem Zusammengefundenen haben sich Schlüsse gebaut
und ich bin durch diese Schlüsse umgekehrt wieder zu Betrachtungen veranlasst
worden Viele Menschen welche gewohnt sind sich und ihre Bestrebungen als den
Mittelpunkt der Welt zu betrachten halten diese Dinge für klein aber bei Gott
ist es nicht so das ist nicht groß an dem wir vielmal unsern Maßstab umlegen
können und das ist nicht klein wofür wir keinen Maßstab mehr haben Das sehen
wir daraus weil er alles mit gleicher Sorgfalt behandelt Oft habe ich gedacht
dass die Erforschung des Menschen und seines Treibens ja sogar seiner Geschichte
nur ein anderer Zweig der Naturwissenschaft sei wenn er auch für uns Menschen
wichtiger ist als er für Tiere wäre Ich habe zu einer Zeit Gelegenheit gehabt
in diesem Zweige manches zu erfahren und mir einiges zu merken Doch ich will zu
meinem Gegenstande zurückkehren Von dem was die kleinen Tiere tun wenn Regen
oder Sonnenschein kommen soll oder wie ich überhaupt aus ihren Handlungen
Schlüsse ziehe kann ich jetzt nicht reden weil es zu umständlich sein würde
obwohl es merkwürdig ist aber das kann ich sagen dass nach meinen bisherigen
Erfahrungen gestern keines der Tierchen in meinem Garten ein Zeichen von Regen
gegeben hat wir mögen von den Bienen anfangen welche in diesen Zweigen summen
und bis zu den Ameisen gelangen die ihre Puppen an der Planke meines Gartens in
die Sonne legen oder zu dem Springkäfer der sich seine Speise trocknet Weil
mich nun diese Tiere wenn ich zu ihnen kam nie getäuscht haben so folgerte
ich dass die Wasserbildung welche unsere gröberen wissenschaftlichen Werkzeuge
voraussagten nicht über die Entstehung von Wolken hinausgehen würde da es
sonst die Tiere gewusst hätten Was aber mit den Wolken geschehen würde erkannte
ich nicht genau ich schloss nur dass durch die Abkühlung die ihr Schatten
erzeugen müsste und durch die Luftströmungen denen sie selber ihr Dasein
verdankten ein Wind entstehen könnte der in der Nacht den Himmel wieder rein
fegen würde«
»Und so geschah es auch« sagte ich
»Ich konnte es um so sicherer voraussehen« erwiderte er »weil es an
unserem Himmel und in unserem Garten oft schon so gewesen ist wie gestern und
stets so geworden ist wie heute in der Nacht«
»Das ist ein weites Feld von dem Ihr da redet« sagte ich »und da steht
der menschlichen Erkenntnis ein nicht unwichtiger Gegenstand gegenüber Er
beweist wieder dass jedes Wissen Ausläufe hat die man oft nicht ahnt und wie
man die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen soll wenn man auch noch nicht
weiß wie sie mit den größeren zusammenhängen So kamen wohl auch die größten
Männer zu den Werken die wir bewundern und so kann mit Hereinbeziehung dessen
von dem Ihr redet die Witterungskunde einer großen Erweiterung fähig sein«
»Diesen Glauben hege ich auch« erwiderte er »Euch Jüngeren wird es in den
Naturwissenschaften überhaupt leichter als es den Älteren geworden ist Man
schlägt jetzt mehr die Wege des Beobachtens und der Versuche ein statt dass man
früher mehr den Vermutungen Lehrmeinungen ja Einbildungen hingegeben war
Diese Wege wurden lange nicht klar obgleich sie einzelne wohl zu allen Zeiten
gegangen sind Je mehr Boden man auf die neue Weise gewinnt desto mehr Stoff
hat man als Hilfe zu ferneren Erringungen Man wendet sich jetzt auch mit Ernst
der Pflege der einzelnen Zweige zu statt wie früher immer auf das Allgemeine zu
gehen und es wird daher auch eine Zeit kommen in der man dem Gegenstande eine
Aufmerksamkeit schenken wird von dem wir jetzt gesprochen haben Wenn die
Fruchtbarkeit wie sie durch Jahrzehende in der Naturwissenschaft gewesen ist
durch Jahrhunderte anhält so können wir gar nicht ahnen wie weit es kommen
wird Nur das eine wissen wir jetzt dass das noch unbebaute Feld unendlich
größer ist als das bebaute«
»Ich habe gestern einige Arbeiter bemerkt« sagte ich »welche obwohl der
Himmel voll Wolken war doch Wasser pumpten ihre Giesskannen füllten und die
Gewächse begossen Haben diese vielleicht auch gewusst dass kein Regen kommen
werde oder haben sie bloß Eure Befehle vollzogen wie die Mäher die an dem
Meierhofe Gras abmähten«
»Das letztere ist der Fall« erwiderte er »Diese Arbeiter glauben jedes
Mal dass ich mich irre wenn der äußere Anschein gegen mich ist wie oft sie
auch durch den Erfolg belehrt worden sein mögen Und so werden sie gewiss auch
gestern geglaubt haben dass Regen komme Sie begossen die Gewächse weil ich es
angeordnet habe und weil es bei uns eingeführt ist dass der welcher wiederholt
den Anordnungen nicht nachkömmt des Dienstes entlassen wird Es sind aber
endlich auch noch andere Dinge außer den Tieren welche das Wetter vorhersagen
nämlich die Pflanzen«
»Von den Pflanzen wusste ich es schon und zwar besser als von den Tieren«
erwiderte ich
»In meinem Garten und in meinem Gewächshause sind Pflanzen« sagte er
»welche einen auffallenden Zusammenhang mit dem Luftkreise zeigen besonders
gegen das Nahen der Sonne wenn sie lange in Wolken gewesen war Aus dem Geruche
der Blumen kann man dem kommenden Regen entgegen sehen ja sogar aus dem Grase
riecht man ihn beinahe Mir kommen diese Dinge so zufällig in den Garten und in
das Haus Ihr aber werdet sie weit besser und weit gründlicher kennen lernen
wenn Ihr die Wege der neuen Wissenschaftlichkeit wandelt und die Hilfsmittel
benützt die es jetzt gibt besonders die Rechnung Wenn Ihr namentlich eine
einzelne Richtung einschlagt so werdet Ihr in derselben ungewöhnlich große
Fortschritte machen«
»Woher schließt Ihr denn das« fragte ich
»Aus Eurem Aussehen« erwiderte er »und schon aus der sehr bestimmten
Aussage die Ihr gestern in Hinsicht des Wetters gemacht habt«
»Diese Aussage war aber falsch« antwortete ich »und aus ihr hättet Ihr
gerade das Gegenteil schließen können«
»Nein das nicht« sagte er »Eure Äußerung zeigte weil sie so bestimmt
war dass Ihr den Gegenstand genau beobachtet habt und weil sie so warm war dass
Ihr ihn mit Liebe und mit Eifer umfasst dass Eure Meinung desohngeachtet irrig
war kam nur daher weil Ihr einen Umstand der auf sie Einfluss hatte nicht
kanntet und ihn auch nicht leicht kennen konntet sonst würdet Ihr anders
geurteilt haben«
»Ja Ihr redet wahr ich würde anders geurteilt haben« antwortete ich »und
ich werde nicht wieder so voreilig urteilen«
»Ihr habt gestern gesagt dass Ihr Euch mit Naturdingen beschäftigt« fuhr
er fort »darf ich wohl fragen ob Ihr eine bestimmte Richtung gewählt habt und
welche«
Ich war durch die Frage ein wenig in Verwirrung gebracht und antwortete
»Ich bin doch im Grunde nur ein gewöhnlicher Fussreisender Ich besitze gerade so
viel Vermögen um unabhängig leben zu können und gehe in der Welt herum um sie
anzusehen Ich habe wohl vor kurzem alle Wissenschaften angefangen aber davon
bin ich zurückgekommen und habe mir nur hauptsächlich die einzelne Wissenschaft
der Erdbildung zur Aufgabe gemacht Um die Werke welche ich hierin lese zu
ergänzen suche ich auf den Reisen die ich in verschiedene Landesteile mache
zu beobachten schreibe meine Erfahrungen auf und verfertige Zeichnungen Da
die Werke vorzüglich von Gebirgen handeln so suche ich auch vorzüglich die
Gebirge auf Sie enthalten sonst auch vieles das mir lieb ist«
»Diese Wissenschaft ist eine sehr weite« entgegnete mein Gastfreund »wenn
sie in der Bedeutung der Erdgeschichte genommen wird Sie schließt manche
Wissenschaften ein und setzt manche voraus Die Berge sind wohl jetzt wo diese
Wissenschaft noch jung ist und wo man ihre ersten und greifbarsten Züge
sammelt von der größten Bedeutung aber es wird auch die Ebene an die Reihe
kommen und ihre einfache und schwerer zu entziffernde Frage wird gewiss nicht
von geringerer Wichtigkeit sein« »Sie wird gewiss wichtig sein« antwortete ich
»Ich habe die Ebene und ihre Sprache die sie damals zu mir sprach schon
geliebt ehe ich meine jetzige Aufgabe betrieb und ehe ich die Gebirge kannte«
»Ich glaube« entgegnete mein Begleiter »dass in der gegenwärtigen Zeit der
Standpunkt der Wissenschaft, von welcher wir sprechen der des Sammelns ist
Entfernte Zeiten werden aus dem Stoffe etwas bauen das wir noch nicht kennen
Das Sammeln geht der Wissenschaft immer voraus das ist nicht merkwürdig denn
das Sammeln muss ja vor der Wissenschaft sein aber das ist merkwürdig dass der
Drang des Sammelns in die Geister kommt wenn eine Wissenschaft erscheinen soll
wenn sie auch noch nicht wissen was diese Wissenschaft enthalten wird Es geht
gleichsam der Reiz der Ahnung in die Herzen wozu etwas da sein könne und wozu
es Gott bestellt haben möge Aber selbst ohne diesen Reiz hat das Sammeln etwas
sehr Einnehmendes Ich habe meine Marmore alle selber in den Gebirgen gesammelt
und habe ihren Bruch aus den Felsen ihr Absägen ihr Schleifen und ihre
Einfügungen geleitet Die Arbeit hat mir manche Freude gebracht und ich glaube
dass mir nur darum diese Steine so lieb sind weil ich sie selber gesucht habe«
»Habt Ihr alle Arten unsers Gebirges« fragte ich
»Ich habe nicht alle« antwortete er »ich hätte sie vielleicht nach und
nach erhalten können wenn ich meine Besuche stettig hätte fortsetzen können
Aber seit ich alt werde wird es mir immer schwieriger Wenn ich jetzt zu
seltenen Zeiten einmal an den Rand des Simmeises hinaufkomme empfinde ich dass
es nicht mehr ist wie in der Jugend wo man keine Grenze kennt als das Ende des
Tages oder die bare Unmöglichkeit Weil ich nun nicht mehr so große Strecken
durchreisen kann um etwa Marmor der mir noch fehlt in Blöcken aufzusuchen so
wird die Ausbeute immer geringer sie wird auch aus dem Grunde geringer weil
ich bereits so viel habe und die Stellen also seltener sind wo ich ein noch
Fehlendes finde Da ich allen Marmor selber gesammelt habe so kann ich wohl
auch kein Stück an meinem Hause anbringen das mir von fremder Hand käme«
»Ihr habt also wahrscheinlich das Haus selber gebaut oder es sehr
umgestaltet« fragte ich
»Ich habe es selber gebaut« antwortete er »Das Wohnhaus welches zu den
umliegenden Gründen gehört war früher der Meierhof an dem Ihr gestern da wir
auf dem Bänkchen der Felderrast saßen Leute Gras mähen gesehen habt Ich habe
ihn von dem früheren Besitzer samt allen Ländereien die dazu gehören gekauft
habe das Haus auf dem Hügel gebaut und habe den Meierhof zum Wirtschaftsgebäude
bestimmt«
»Aber den Garten könnt Ihr doch unmöglich neu angelegt haben«
»Das ist eine eigene Entstehungsgeschichte« erwiderte er »Ich muss sagen
ich habe ihn neu angelegt und ich muss sagen ich habe ihn nicht neu angelegt
Ich habe mir mein Wohnhaus für den Rest meiner Tage auf einen Platz gebaut der
mir entsprechend schien Der Meierhof stand in dem Tale wie meistens die
Gebäude dieser Art damit sie das fette Gras das man häufig in den Wirtschaften
braucht um das Gehöfte herum haben ich wollte aber mit meiner Wohnung auf die
Anhöhe Da sie nun fertig war sollte der Garten der an dem Meierhofe stand und
nur mit vereinzelten Bäumen oder mit Gruppen von ihnen zu mir langte
heraufgezogen werden Die Linde unter welcher wir jetzt sitzen so wie ihre
Kameraden die um sie herum stehen oder einen Gartenweg bilden stehen da wo
sie gestanden sind Der große alte Kirschbaum auf der Anhöhe stand mitten im
Getreide Ich zog die Anhöhe zu meinem Garten legte einen Weg zu dem
Kirschbaume hinauf an und baute um ihn ein Bänklein herum Und so ging es mit
vielen andern Bäumen Manche und darunter sehr bedeutende dass man es nicht
glauben sollte haben wir übersetzt Wir haben sie im Winter mit einem großen
Erdballen ausgegraben sie mit Anwendung von Seilen umgelegt hieher geführt
und mit Hilfe von Hebeln und Balken in die vorgerichteten gut zubereiteten
Gruben gesenkt Waren die Zweige und Äste gehörig gekürzt so schlugen sie im
Frühlinge desto kräftiger an gleichsam als wären die Bäume zu neuem Leben
erwacht Die Gesträuche und das Zwergobst ist alles neu gesetzt worden In
kürzerer Zeit als man glauben sollte hatten wir die Freude zu sehen dass der
Garten so zusammengewachsen erschien als wäre er nie an einem andern Platze
gewesen In der Nähe des Meierhofes habe ich manchen Rest von Bäumen fällen
lassen wenn er dem Getreidebau hinderlich war denn ich legte dort Felder an
wo ich die Bäume genommen hatte um an Boden auf jener Seite zu gewinnen was
ich auf dieser durch Anlegung des Gartens verloren hatte«
»Ihr habt da einen reizenden Sitz« bemerkte ich
»Nicht der Sitz allein das ganze Land ist reizend« erwiderte er »und es
ist gut da wohnen wenn man von den Menschen kommt wo sie ein wenig zu dicht an
einander sind und wenn man für die Kräfte seines Wesens Tätigkeit mitbringt
Zuweilen muss man auch einen Blick in sich selbst tun Doch soll man nicht
stettig mit sich allein auch in dem schönsten Lande sein man muss zu Zeiten
wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehren wäre es auch nur um sich an mancher
glänzenden Menschentrümmer die aus unsrer Jugend noch übrig ist zu erquicken
oder an manchem festen Turm von einem Menschen empor zu schauen der sich
gerettet hat Nach solchen Zeiten geht das Landleben wieder wie lindes Öl in das
geöffnete Gemüt Man muss aber weit von der Stadt weg und von ihr unberührt sein
In der Stadt kommen die Veränderungen welche die Künste und die Gewerbe bewirkt
haben zur Erscheinung auf dem Lande die welche naheliegendes Bedürfnis oder
Einwirken der Naturgegenstände auf einander hervorgebracht haben Beide
vertragen sich nicht und hat man das Erste hinter sich so erscheint das Zweite
fast wie ein Bleibendes und dann ruht vor dem Sinne ein schönes Bestehendes
und zeigt sich dem Nachdenken ein schönes Vergangenes das sich in menschlichen
Wandlungen und in Wandlungen von Naturdingen in eine Unendlichkeit zurückzieht«
Ich antwortete nichts auf diese Rede und wir schwiegen eine Weile
Endlich sagte er wieder »Ihr bleibt noch heute nachmittag und in der Nacht
bei uns«
»Nach dem wie ich hier aufgenommen worden bin« antwortete ich »ist es ein
angenehmes Gefühl noch den Tag und die Nacht hier zubringen zu dürfen«
»So ist es gut« erwiderte er »Ihr müsst aber auch erlauben dass ich Euch
einen Teil des Vormittags allein lasse weil die Stunde naht in der ich zu
Gustav gehen und ihm in seinem Lernen beistehen muss«
»Tut Euch nur keinen Zwang an« entgegnete ich
»So werde ich Euch verlassen« antwortete er »geht indessen ein wenig in
dem Garten herum oder seht das Feld an oder besucht das Haus«
»Ich wünsche für den Augenblick noch eine Weile unter diesem Baume sitzen
bleiben zu dürfen« erwiderte ich
»Tut wie es Euch gefällt« antwortete er »nur erinnert Euch dass ich
gestern gesagt habe dass in diesem Hause um zwölf Uhr zu Mittag gegessen wird«
»Ich erinnere mich« sagte ich »und werde keine Unordnung machen«
Eine kleine Weile nach diesen Worten stand er auf strich sich mit seiner
Hand die Tierchen und sonstigen Körperchen die von dem Baume auf ihn
herabgefallen waren aus den Haaren empfahl sich und ging in der Richtung
gegen das Haus zu
5 Der Abschied
Ich saß noch eine geraume Zeit unter dem Baume und legte mir zurecht was ich
gesehen und vernommen Die Bienen summten in dem Baume und die Vögel sangen in
dem Garten Das Haus in welches der alte Mann gegangen war blickte mit
einzelnen Teilen sei es von der weißen Wand sei es von dem Ziegeldache durch
das Grün der Bäume herüber und zu meiner Rechten ging jenseits der Gebüsche in
der Gegend in welcher ich das Schreinerhaus vermutete ein dünner Rauch in die
Luft empor Das Singen der Vögel und das Summen der Bienen war mir beinahe eine
Stille da ich durch meine Gebirgswanderungen an solche andauernde Laute gewohnt
war Die Stille wurde unterbrochen durch einzelne Laute welche von den Arbeitern
im Garten herrührten entweder dass man das Quicken einer Pumpe hörte mit der
man Wasser pumpte und mittelst Rinnen in eine Tonne leitete um es abends zum
Begiessen zu verwenden oder dass eine menschliche Rede ferner oder näher
erscholl die einen Befehl oder eine Auskunft enthielt Die verschiedenen Flecke
des Himmels welche durch das Grün der Bäume hereinsahn waren ganz blau und
zeigten wie sehr mein Gastfreund mit seiner Voraussage des schönen Wetters
recht gehabt hatte
Ich riss mich endlich aus meinen Gedanken und ging in dem Garten empor
Ich ging zu dem großen Kirschbaume Ich suchte das Freie weil ich in dem
Garten wegen der beschränkten Aussicht doch nicht einen genauen Überblick in
Hinsicht der Witterungsverhältnisse machen konnte Hier oben stand der Himmel
als eine große ausgedehnte Glocke über mir und in der ganzen Glocke war kein
einziges Wölklein Das Hochgebirge welches wir gestern nicht hatten sehen
können stand heute in seiner ganzen Klarheit an der Länge des südlichen Himmels
dahin Vor ihm waren die Vorlande mit manchen weißen Punkten von Kirchen und
Dörfern näher zu mir zeigte sich mancher Turm von einer Ortschaft die ich
kannte und unter meinen Füßen ruhte der Garten und das Haus in welchem ich
gestern so freundlich aufgenommen worden war Die Getreide welche nicht weit
von mir hinter der Planke des Gartens standen und die gestern ganz ruhig
gewesen waren befanden sich heute in einem zwar schwachen aber fröhlichen
Wogen Ich musste denken dass das Wetter nicht nur jetzt so schön sei sondern
dass es noch lange so schön bleiben werde
Von dem großen Kirschbaume ging ich wieder in den Garten zurück und
betrachtete verschiedene Gegenstände
Ich ging auch noch einmal in das Gewächshaus Ich konnte nun manches genauer
ansehen als es mir früher möglich gewesen war da ich mit meinem Begleiter das
Haus gleichsam nur durchschritten hatte Der weiße Gärtner gesellte sich zu mir
erläuterte mir manches gab mir über Verschiedenes Auskunft und beantwortete
bereitwillig alle meine Fragen wie weit seine Kenntnisse und seine Übersicht es
zuliessen Als ich das Gebäude verlassen wollte sagte er mir er wolle mir noch
etwas zeigen was der Herr mir zu zeigen vergessen habe Er führte mich auf
einen Platz der mit Sand bedeckt war der von allen Seiten der Sonne zugänglich
und doch durch Bäume und Gebüsche die ihn in einer gewissen Entfernung umgaben
vor heftigen Winden geschützt war Mitten auf dem Platze stand ein kleines
gläsernes Haus welches zum Teile in der Erde steckte Dieser Umstand und dann
der dass es von Bäumen umringt war machten dass ich es früher nicht
wahrgenommen hatte Als wir näher kamen sah ich dass es ganz von Glas sei und
nur so viel Gerippe habe als sich zur Festigkeit der Tafeln notwendig zeige Es
war auch mit einem starken eisernen Gitter wahrscheinlich des Hagels wegen
umspannt Als wir die einigen Stufen von der Fläche des Gartens in das Innere
hinabgestiegen waren sah ich dass sich Pflanzen in dem Hause befanden und zwar
nur eine einzige Gattung nämlich lauter Kaktus Mehr als hundert Arten standen
in Tausenden von kleinen Töpfen da Die niederen und runden standen frei die
langen welche Luftwurzeln treiben hatten Wände von Baumrinden neben sich die
mit Erde eingerieben waren damit die Pflanzen die Luftwurzeln in sie schlagen
konnten Alle Glastafeln über unseren Häuptern waren geöffnet dass die freie
Luft den ganzen Raum durchdringen konnte und doch die Wirkung der
Sonnenstrahlen nicht beirrt war Die Töpfe standen in Reihen auf hölzernen
Gestellen die Gestelle aber waren wieder unterbrochen so dass man in allen
Richtungen herum gehen und alles betrachten konnte Der Gärtner führte mich
herum und zeigte mir die Abteilungen und Unterabteilungen in welchen die
Gewächse beisammenstanden
Ich sagte dass ich mich freue dass mein Gastfreund auf die Familie dieser
Pflanzen eine solche Sorgfalt wende da sie gewiss besonders und merkwürdig
wären
»Wenn man sie länger betrachtet und länger mit ihnen umgeht werden sie
immer merkwürdiger« antwortete mein Nachbar »Die Stellung ihrer Bildungen ist
so mannigfaltig die Stacheln können zu einer wahren Zierde und zu einer
Bewaffnung dienen und die Blüten sind verwunderlich wie Märchen In einem
Monate würdet Ihr sehr schöne sehen jetzt sind sie noch zu wenig entwickelt«
Ich sagte ihm dass ich schon Blüten gesehen habe nicht bloß solche die
wie schön sie seien doch überall wachsen sondern auch andere die selten sind
und solche die mit der Schönheit den lieblichen Duft vereinen Ich sagte ihm
dass ich in früheren Zeiten Pflanzenkunde getrieben habe zwar nicht in Bezug auf
Gartenpflege sondern zu meiner Belehrung und Erheiterung und dass die Kaktus
nicht das Letzte gewesen wären dem ich eine Aufmerksamkeit geschenkt habe
»Wenn der Herr alte Sachen sammelt« sagte er »so wäre es wohl auch recht
wenn er dies auch mit alten Pflanzen täte Im Inghofe ist in dem Gewächshause
ein Cereus der stärker als ein Mannesarm samt seiner Bekleidung ist Er geht an
der Wand empor biegt sich um und wächst an der Decke des Hauses hin an welcher
er mit Bändern befestigt ist Der untere Teil ist schon Holz geworden dass man
Namen eingeschnitten hat Ich glaube es ist ein Cereus peruvianus Sie schätzen
ihn nicht so hoch und der Herr sollte den Cereus kaufen wenn man auch wegen
seiner Länge drei Wägen aneinander binden müsste um ihn herüber bringen zu
können Er ist gewiss schon zweihundert Jahre alt«
Ich antwortete auf diese Rede nicht um ihm seine Zeitrechnung in Hinsicht
der Kaktuspflege in Europa nicht zu stören
Ich dankte ihm da ich endlich alles gesehen hatte für seine Mühe und
verließ das kleine Haus Er verabschiedete sich sehr freundlich und mit vielen
Verbeugungen
Ich ging nun zu dem Eingangsgitter durch welches mein Gastfreund mich
gestern hereingelassen hatte weil ich auch außerhalb des Gartens ein wenig
herumsehen wollte Ein Arbeiter welcher in der Nähe beschäftigt war öffnete
mir die Tür weil ich die Einrichtung des Schlosses nicht kannte und ich trat
in das Freie Ich ging auf der Seite des Hügels auf welcher ich gestern
heraufgekommen war in mehreren Richtungen herum Wenn ich auch die Gegend des
Landes in der ich mich befand im allgemeinen sehr wohl kannte so hatte ich
mich doch nie so lange in ihr aufgehalten um in das Einzelne eindringen zu
können Ich sah jetzt dass es ein sehr fruchtbarer schöner Teil sei der mich
aufgenommen hatte dass sich anmutige Stellen zwischen die Krümmungen der Hügel
hineinziehen und dass ein dichtes Bewohntsein der Gegend etwas sehr Heiteres
erteile Der Tag wurde nach und nach immer wärmer ohne heiß zu sein und es war
jene Stille die zur Zeit der Rosenblüte weit mehr als zu einer anderen auf den
Feldern ist In dieser Zeit sind alle Feldgewächse grün sie sind im Wachsen
begriffen und wenn nicht viele Wiesen in der Gegend sind auf welchen zu jener
Zeit die Heuernte vorkömmt so haben die Leute keine Arbeit auf den Feldern und
lassen sie allein unter der befruchtenden Sonne Die Stille war wie in dem
Hochgebirge aber sie war nicht so einsam weil man überall von der Geselligkeit
der Nährpflanzen umgeben war
Der Klang einer fernen Dorfglocke und meine Uhr die ich herauszog
erinnerte mich daran dass es Mittag sei
Ich ging dem Hause zu das Gitter wurde mir auf einen Zug an der
Glockenstange geöffnet und ich ging in das Speisezimmer Dort fand ich meinen
Gastfreund und Gustav und wir setzten uns zu Tische Wir drei waren allein bei
dem Mahle
Während des Essens sagte mein Gastfreund »Ihr werdet Euch wundern dass wir
so allein unsere Speisen verzehren Es ist in der Tat sehr zu bedauern dass die
alte Sitte abgekommen ist dass der Herr des Hauses zugleich mit den Seinigen und
seinem Gesinde beim Mahle sitzt Die Dienstleute gehören auf diese Weise zu der
Familie sie dienen oft lebenslang m demselben Hause der Herr lebt mit ihnen
ein angenehmes gemeinschaftliches Leben und weil alles was im Staate und in
der Menschlichkeit gut ist von der Familie kommt so werden sie nicht bloß gute
Dienstleute die den Dienst lieben sondern leicht auch gute Menschen die in
einfacher Frömmigkeit an dem Hause wie an einer unverrückbaren Kirche hängen
und denen der Herr ein zuverlässiger Freund ist Seit sie aber von ihm getrennt
sind für die Arbeit bezahlt werden und abgesondert ihre Nahrung erhalten
gehören sie nicht zu ihm nicht zu seinem Kinde haben andere Zwecke
widerstreben ihm verlassen ihn leicht und fallen da sie familienlos und ohne
Bildung sind leicht dem Laster anheim Die Kluft zwischen den sogenannten
Gebildeten und Ungebildeten wird immer größer wenn noch erst auch der Landmann
seine Speisen in seinem abgesonderten Stübchen verzehrt wird dort eine
unnatürliche Unterscheidung wo eine natürliche nicht vorhanden gewesen wäre«
»Ich habe« fuhr er nach einer Weile fort »diese Sitte in unserem hiesigen
Hause einführen wollen allein die Leute waren auf eine andere Weise
herangewachsen waren in sich selber hineingewachsen konnten sich an ein
Fremdes nicht anschließen und hätten nur die Freiheit ihres Wesens verloren Es
ist kein Zweifel dass sie sich nach und nach in das Verhältnis würden eingelebt
haben besonders die Jüngeren bei denen die Erziehung noch wirkt allein ich
bin so alt dass das Unternehmen weit über den Rest meiner Jahre hinausgeht Ich
befreite daher meine Dienstleute von dem Zwange und jüngere Nachfolger mögen
den Versuch wieder erneuern wenn sie meine Meinung teilen«
Mir fiel bei dieser Rede mein Elternhaus ein in welchem es wohltuend ist
dass wenigstens die Handlungsdiener meines Vaters mit uns an dem Mittagstische
essen
Die Zeit nach dem Mittagsessen ward dazu bestimmt den Meierhof zu besuchen
und Gustav durfte uns begleiten
Wir gingen nicht den Weg der an dem großen Kirschbaume vorüber und auf der
Höhe der Felder dahin führt Dieser Weg sagte mein Gastfreund sei mir schon
bekannt sondern wir gingen in der Nähe der Bienenhütte durch ein Pförtchen in
das Freie und gingen auf einem Pfade über den sanften Abhang hinab der noch
mit hohen Obstbäumen die die besseren Arten des Landes trugen und von dem
Meierhofgarten übrig geblieben waren bedeckt war Die Wiesen über die wir
wandelten waren so gut wie ich sie selten angetroffen habe
Da wir zu dem Gebäude gekommen waren sah ich dass es ein weitläufiges
Viereck war wie die größeren Landhöfe der Gegend dass man aber hie und da daran
gebessert und dass man es durch Zubauten erweitert hatte Der Hofraum war an den
Gebäuden herum mit breiten Steinen gepflastert der übrige Teil desselben war
mit grobem Quarzsande bedeckt der öfter umgearbeitet wurde Die Gebäude welche
diesen Raum umgaben enthielten die Ställe Scheunen Wagengewölbe und
Wohnungen Das Vorratshaus stand weiter entfernt in dem Garten Wir besahen die
Tiere welche eben zu Hause waren von den Pferden und Rindern angefangen bis zu
den Schweinen und dem Federvieh hinunter Für die Rinder war hinter dem Hause
ein schöner Platz eingefangen auf welchem sie in freie Luft gelassen werden
konnten Es strömte frisches Wasser in einer tiefen Steinrinne durch den Platz
von welchem sie trinken konnten Ich hatte diese Einrichtung nie gesehen und
sie gefiel mir sehr Ein ähnlicher Platz war für das Federvieh eingefangen und
nicht weit davon war ein Anger auf welchem sich die Füllen tummeln konnten Wir
besuchten auch die Wohnungen der Leute Hier fielen mir die großen schönen
Steinrahmen auf die an den Fenstern gesetzt waren auch konnte man leicht die
bedeutende Vergrößerung der Fenster sehen In der Wagenhalle waren nicht bloß
die Wägen und anderen Fahrzeuge sondern auch die übrigen Landwirtschaftsgeräte
in Vorrate vorhanden Die Düngerstätte welche auch hier wie in den meisten
Wirtschaftshäusern unseres Landes in dem Hofe gewesen war ist auf einen Platz
hinter dem Hause verwiesen worden den ringsum hohe Gebüsche umfingen
»Es ist hier noch vieles im Entstehen und Werden begriffen« sagte mein
Gastfreund »aber es geht langsam vorwärts Man muss die Vorurteile der Leute
schonen die unter anderen Umgebungen herangewachsen und sie gewohnt sind damit
sie nicht durch das Neue beirrt werden und ihre Liebe zur Arbeit verlieren Wir
müssen uns beruhigen dass schon so vieles geschehen ist und auf das Weitere
hoffen«
Die Leute welche dieses Haus bewohnten waren damit beschäftigt das Heu
welches gestern gemäht worden war einzubringen oder wo es not tat vollkommen
zu trocknen Mein Gastfreund redete mit manchem und fragte um Verschiedenes das
sich auf die täglichen Geschäfte bezog
Als wir von der entgegengesetzten Seite des Hauses fortgingen sahen wir
auch den Garten in welchem die Gemüse und andere Dinge für den Gebrauch des
Hofes gezogen wurden
Auf dem Rückwege schlugen wir eine andere Richtung ein als auf der wir
gekommen waren Hatten wir auf unserem Herwege den großen Kirschbaum nördlich
gelassen so ließ wir ihn jetzt südlich so dass es schien dass wir den ganzen
Garten des Hauses umgehen würden Wir stiegen gegen jene Wiese hinan von der
mir mein Gastfreund gestern gesagt hatte dass sie die nördliche Grenze seines
Besitztums sei und dass er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern können
Der Weg führte sachte aufwärts und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen
Windungen ein Bächlein das mit Schilf und Gestrippe eingefasst war entgegen
Als wir eine Strecke gegangen waren sagte mein Begleiter »Das ist die Wiese
die ich Euch gestern von dem Hügel herab gezeigt habe und von der ich gesagt
habe dass bis dahin unser Eigentum gehe und dass ich sie nicht habe einrichten
können wie ich gewollt hätte Ihr seht dass die Stellen an dem Bache versumpft
sind und saures Gras tragen Dem wäre leicht abzuhelfen und das mildeste Gras zu
erzielen wenn man dem Bache einen geraden Lauf gäbe dass er schneller abflösse
die Wände hie und da mit Steinen ausmauerte und die Niederungen mit trockener
Erde anfüllte Ich kann Euch jetzt den Grund zeigen weshalb dieses nicht
geschieht Ihr seht an beiden Seiten des Baches Erlenschösslinge wachsen Wenn
Ihr näher herzutretet so werdet Ihr sehen dass diese Schösslinge aus dicken
Blöcken gleichsam aus Knollen und Höckern von Holz hervorwachsen welches Holz
teils über der Erde ist teils in dem feuchten Boden derselben steckt«
Wir waren bei diesen Worten zu dem Bache hinzugegangen und ich sah dass es
so war
»Diese ungestalteten Anhäufungen von Holz« fuhr er fort »aus denen die
dünnen Ruten oder krüppelhafte Aste hervorragen bilden sich hier in sumpfigem
Boden sie entstehen aber auch im Sande oder in Steinen und sind ein
Aftererzeugnis des sonst recht schön emporwachsenden Erlenbaumes In dem
vielteiligen Streben des Holzes eine Menge Ruten oder zwieträchtige Äste
anzusetzen und sich selber dabei zu vergrößern entsteht ein solches Verwinden
und Drehen der Fasern und Rinden dass, wenn man einen solchen Block
auseinandersägt und die Sägefläche glättet sich die schönste Gestaltung von
Farbe und Zeichnung in Ringen Flammen und allerlei Schlangenzügen darstellt so
dass diese Gattung Erlenholz sehr gesucht für Schreinerarbeiten und sehr kostbar
ist Als ich das Anwesen hier gekauft die Wiese besehen und die Erlenblöcke
entdeckt hatte ließ ich einen ausgraben auseinandersägen und untersuchte ihn
dann Da fand ich der ich damals im Erkennen des Holzes schon mehrere Übung
hatte dass diese Blöcke zu den schönsten gehören die bestehen und dass die
feurige Farbe und der weiche seidenartige Glanz des Holzes auf welche Dinge
man besonders das Augenmerk richtet kaum ihres Gleichen haben dürften Ich ließ
mehrere Blöcke ausgraben und Blätter aus ihnen schneiden Ihr werdet die
Verwendung derselben in unserer Nachbarschaft sehen wenn Ihr uns wieder
besuchen wollt und uns Zeit gebt Euch dorthin zu führen wo sie sind Die
übrigen Blöcke ließ ich in dem Boden als einen Schatz der da bleiben und sich
vermehren sollte Nur wenn einer derselben nicht mehr zu treiben sondern
vielmehr abzusterben beginnt wird er herausgenommen und wird zu Blättern
geschnitten welche ich dann zu künftigen Arbeiten aufbewahre oder verkaufe An
seiner Stelle bildet sich dann leicht ein anderer Zu dem Entschlusse diesen
Anwuchs zu pflegen kam ich nachdem ich einerseits vorher nach und nach die
Gegend um unser Haus immer näher kennen gelernt alle Talmulden und Bachrinnen
erforscht und nirgends auch nur annähernd so brauchbares Erlenholz gefunden
hatte und nachdem anderseits auch das was mir auf mein Verlangen aus mehreren
Orten eingesendet worden war sich dem unseren als nicht gleichkommend gezeigt
hatte Ich ließ oberhalb des Erlenwuchses einen Wasserbau aufführen um die
Pflanzung vor Überschwemmung und Überkiesung zu sichern und das zu sehr
anschwellende Wasser in ein anderes Rinnsal zu leiten Meine Nachbarn sahen das
Zweckdienliche der Sache ein und zwei derselben legten sogar in öden Gründen
die nicht zu entwässern waren solche Erlenpflanzungen an Mit welchem Erfolge
dies geschah lässt sich noch nicht ermitteln da die Pflanzen noch zu jung
sind«
Wir betrachteten die Reihen dieser Gewächse und gingen dann weiter
Wir gingen die Wiese entlang streiften an einem Gehölze hin überschritten
den Wasserbau von dem mein Gastfreund gesprochen hatte und begannen nicht nur
den Garten sondern den ganzen Getreidehügel auf dem das Haus steht zu
umgehen
Da die Sonne immer wärmer wenn auch nicht gar heiß schien wunderte ich
mich dass keiner von meinen zwei Begleitern eine Bedeckung auf dem Haupte trug
Sie waren ohne einer solchen von dem Hause fortgegangen Der alte Mann breitete
dem Glanze der Sonne die Fülle seiner weißen Haare unter und der Zögling trug
auf seinem Scheitel die dichten glänzenden braunen Locken Ich wusste nicht
kamen mir die beiden ohne Kopfbedeckung sonderbar vor oder ich neben ihnen mit
meinem Reisehute auf dem Haupte Der Jüngling hatte wenigstens den Vorteil dass
ihm die Sonne die Wangen noch mehr rötete und noch schöner färbte als sie sonst
waren
Ich betrachtete ihn überhaupt gerne Sein leichter Gang war ein heiterer
Frühlingstag gegen den zwar auch noch kräftigen aber bestimmten und
abgemessenen Schritt seines Begleiters seine schlanke Gestalt war der fröhliche
Anfang die seines Erziehers das Hinneigen zum Ende Was sein Benehmen
anbelangt so war er zurückgezogen und bescheiden und mischte sich nicht in die
Gespräche außer wenn er gefragt wurde Ich wendete mich häufig an ihn und
fragte ihn um verschiedene Dinge besonders um solche die die Gegend umher
betrafen und deren Kenntnis ich bei ihm voraussetzen musste Er antwortete
sicher und mit einer gewissen Ehrerbietung gegen mich obwohl ich ihm an Jahren
nicht so ferne stand als sein Erzieher Er ging meistens auch wenn der Weg
breit genug gewesen wäre hinter uns
Als wir den Hügel vollends umgangen hatten und an mehreren ländlichen
Wohnungen vorbeigekommen waren stiegen wir auf der nämlichen Seite und auf dem
nämlichen Wege gegen das Haus empor auf welchem ich gestern gegen dasselbe
hinangekommen war Da wir es erreicht hatten traten uns die Rosen entgegen wie
sie mir gestern entgegengetreten waren Ich nahm von diesem Anblicke
Gelegenheit meinen Gastfreund der Rosen wegen zu fragen da ich überhaupt
gesonnen war dieser Blumen willen einmal eine Frage zu tun Ich bat ihn ob wir
denn zu besserer Betrachtung nicht näher auf den großen Sandplatz treten
wollten Wir taten es und standen vor der ganzen Wand von Blumen die den
unteren Teil des weißen Hauses deckte
Ich sagte er müsse ein besonderer Freund dieser Blumen sein da er so viele
Arten hege und da die Pflanzen hier in einer Vollkommenheit zu sehen seien wie
sonst nirgends
»Ich liebe diese Blume allerdings sehr« antwortete er »halte sie auch für
die schönste und weiß wirklich nicht mehr welche von diesen beiden
Empfindungen aus der andern hervorgegangen ist«
»Ich wäre auch geneigt« sagte ich »die Rose für die schönste Blume zu
halten Die Kamelia steht ihr nahe dieselbe ist zart klar und rein oft ist
sie voll von Pracht aber sie hat immer für uns etwas Fremdes sie steht immer
mit einem gewissen vornehmen Anstande da das Weiche ich möchte den Ausdruck
gebrauchen das Süße der Rose hat sie nicht Wir wollen von dem Geruche gar
nicht einmal reden denn der gehört nicht hieher«
»Nein« sagte er »der gehört nicht hieher wenn wir von der Schönheit
sprechen aber gehen wir über die Schönheit hinaus und sprechen wir von dem
Geruche so dürfte keiner sein der dem Rosengeruche an Lieblichkeit
gleichkömmt«
»Darüber könnte nach einzelner Vorliebe gestritten werden« antwortete ich
»aber gewiss wird die Rose weit mehr Freunde als Gegner haben Sie wird sowohl
jetzt geehrt als sie in der Vergangenheit geehrt wurde Ihr Bild ist zu
Vergleichen das gebräuchlichste mit ihrer Farbe wird die Jugend und Schönheit
geschmückt man umringt Wohnungen mit ihr ihr Geruch wird für ein Kleinod
gehalten und als etwas Köstliches versendet und es hat Völker gegeben die die
Rosenpflege besonders schützten wie ja die waffenkundigen Römer sich mit Rosen
kränzten Besonders liebenswert ist sie wenn sie so zur Anschauung gebracht
wird wie hier wenn sie durch eigentümliche Mannigfaltigkeit und
Zusammenstellung erhöht und ihr gleichsam geschmeichelt wird Erstens ist hier
eine wahre Gewalt von Rosen dann sind sie an der großen weißen Fläche des
Hauses verteilt von der sie sich abheben vor ihnen ist die weiße Fläche des
Sandes und diese wird wieder durch das grüne Rasenband und die Hecke wie durch
ein grünes Samtband und eine grüne Verzierung von dem Getreidefelde getrennt«
»Ich habe auf diesen Umstand nicht eigens gedacht« sagte er »als ich sie
pflanzte obwohl ich darauf sah dass sie sich auch so schön als möglich
darstellten«
»Aber ich begreife nicht wie sie hier so gut gedeihen können« entgegnete
ich »Sie haben hier eigentlich die ungünstigsten Bedingungen Da ist das
hölzerne Gitter an das sie mit Zwang gebunden sind die weiße Wand an der sich
die brennenden Sonnenstrahlen fangen das Überdach welches dem Regen Taue und
dem Einwirken des Himmelsgewölbes hinderlich ist und endlich hält das Haus ja
selber den freien Luftzug ab«
»Wir haben dieses Gedeihen nur nach und nach hervorrufen können« antwortete
er »und es sind viele Fehlgriffe getan worden Wir lernten aber und griffen
die Sache dann der Ordnung nach an Es wurde die Erde welche die Rosen
vorzüglich lieben teils von anderen Orten verschrieben teils nach Angabe von
Büchern die ich hiezu anschafte im Garten bereitet Ich bin wohl nicht ganz
unerfahren hieher gekommen ich hatte auch vorher schon Rosen gezogen und habe
hier meine Erfahrungen angewendet Als die Erde bereit war wurde ein tiefer
breiter Graben vor dem Hause gemacht und mit der Erde gefüllt Hierauf wurde das
hölzerne Gitter welches reichlich mit Ölfarbe bestrichen war dass es von Wasser
nicht in Fäulnis gesetzt werden konnte aufgerichtet und eines Frühlings wurden
die Rosenpflanzen die ich entweder selbst gezogen oder von Blumenzüchtern
eingesendet erhalten hatte in die lockere Erde gesetzt Da sie wuchsen wurden
sie angebunden im Laufe der Jahre versetzt verwechselt beschnitten und
dergleichen bis sich die Wand allgemach erfüllte In dem Garten sind die
Vorratsbeere angelegt worden gleichsam die Schule in welcher die gezogen
werden die einmal hieher kommen sollen Wir haben gegen die Sonne eine Rolle
Lein wand unter dem Dache anbringen lassen die durch einige leichte Züge mit
Schnüren in ein Dach über die Rosen verwandelt werden kann, das nur gedämpfte
Strahlen durchlässt So werden die Pflanzen vor der zu heißen Sommersonne und die
Blumen vor derjenigen Sonne ge schützt die ihnen schaden könnte Die heutige
ist ihnen nicht zu heiß Ihr seht dass sie sie fröhlich aushalten Was Ihr von
Tau und Regen sagt so steht das Gitter nicht so nahe an dem Hause dass die
Einflüsse des freien Himmels ganz abgehalten werden Tau sammelt sich auf den
Rosen und selbst Regen träufelt auf sie herunter Damit wir aber doch
nachhelfen und zu jener Zeit Wasser geben können wo es der Himmel versagt
haben wir eine hohle Walze unter der Dachrinne die mit äußerst feinen Löchern
versehen ist und aus Tonnen die unter dem Dache stehen mit Wasser gefüllt
werden kann. Durch einen leichten Druck werden die Löcher geöffnet und das
Wasser fällt wie Tau auf die Rosen nieder Es ist wirklich ein angenehmer
Anblick zu sehen wie in Zeiten hoher Not das Wasser von Blättern und Zweigen
rieselt und dieselben sich daran erfrischen Und damit es endlich nicht an Luft
gebricht wie Ihr fürchtet gibt es ein leichtes Mittel Zuerst ist auf diesem
Hügel ein schwacher Luftzug ohnehin immer vorhanden und streicht an der Wand des
Hauses Sollten aber die Blumen an ganz stillen Tagen doch einer Luft bedürfen
so werden alle Fenster des Erdgeschosses geöffnet und zwar sowohl an dieser
Wand als auch an der entgegengesetzten Da nun die entgegengesetzte Seite die
nördliche ist und dort die Luft durch den Schatten abgekühlt wird so strömt sie
bei jenen Fenstern herein und bei denen der Rosen heraus Ihr könnt da an den
windstillsten Tagen ein sanftes Fächeln der Blätter sehen«
»Das sind bedeutende Anstalten« erwiderte ich »und beweisen Eure Liebe zu
diesen Blumen aber aus ihnen allein erklärt sich doch noch nicht die besondere
Vollkommenheit dieser Gewächse die ich nirgends gesehen habe so dass keine
unvollkommene Blume kein dürrer Zweig kein unregelmässiges Blatt vorkömmt«
»Zum Teile erklärt sich die Tatsache doch wohl aus diesen Anstalten« sagte
er »Luft Sonne und Regen sind durch die südliche Lage des Standortes und die
Vorrichtungen so weit verbessert als sie hier verbessert werden können. Noch
mehr ist an der Erde getan worden Da wir nicht wissen welches denn der letzte
Grund des Gedeihens lebendiger Wesen überhaupt ist so schloss ich dass den Rosen
am meisten gut tun müsse was von Rosen kommt Wir ließ daher seit jeher alle
Rosenabfälle sammeln besonders die Blätter und selbst die Zweige der wilden
Rosen welche sich in der ganzen Gegend befinden Diese Abfälle werden zu Hügeln
in einem abgelegenen Teile unseres Gartens zusammengetan den Einflüssen von
Luft und Regen ausgesetzt und so bereitet sich die Rosenerde Wenn in einem
Hügel sich keine Spur mehr von Pflanzentum zeigt und nichts als milde Erde vor
die Augen tritt so wird diese den Rosen gegeben Die Pflanzen welche neu
gesetzt werden erhalten in ihrem Graben gleich so viel Erde dass sie auf
mehrere Jahre versorgt sind Ältere Rosen welche von ihrem Standboden längere
Zeit gezehrt haben werden mit einer Neuerung beteilt Entweder wird die Erde
oberhalb ihrer Wurzeln weggetan und ihnen neue gegeben oder sie werden ganz
ausgehoben und ihr Standpunkt durchaus mit frischer Erde erfüllt Es ist
auffällig sichtbar wie sich Blatt und Blume an dieser Gabe erfreuen Aber trotz
der Erde und der Luft und der Sonne und der Feuchtigkeit würdet Ihr die Rosen
hier nicht so schön sehen als Ihr sie seht wenn nicht noch andre Sorgfalt
angewendet würde denn immer entstehen manche Übel aus Ursachen die wir nicht
ergründen können oder die wenn sie auch ergründet sind wir nicht zu vereiteln
vermögen Endlich trifft ja die Gewächse wie alles Lebende der natürliche Tod
Kranke Pflanzen werden nun bei uns sogleich ausgehoben in den Garten gleichsam
in das Rosenhospital getan und durch andere aus der Schule ersetzt
Abgestorbene Bäumchen kommen hier nicht leicht vor weil sie schon in der Zeit
des Absterbens weggetan werden Tötet aber eine Ursache eines schnell so wird
es ohne Verzug entfernt Eben so werden Teile die erkranken oder zu Grunde
gehen von dem Gitter getrennt Die beste Zeit ist der Frühling wo die Zweige
bloß liegen Da werden Winkelleitern die uns den Zugang zu allen Teilen
gestatten angelegt und es wird das ganze Gitter untersucht Man reinigt die
Rinde pflegt sie verbindet ihre Wunden knüpft die Zweige an und schneidet
das Untaugliche weg Aber auch im Sommer entfernen wir gleich jedes fehlerhafte
Blatt und jede unvollständige Blume Es haben nach und nach alle im Hause eine
Neigung zu den Rosen bekommen sehen gerne nach und zeigen es sogleich an wenn
sich etwas Unrechtes bemerken lässt Auch in der Umgegend hat man Wohlgefallen an
diesen Blumen gefunden man setzt sie in Gärten und pflegt sie ich schenke den
Leuten die Pflanzen aus meinen Vermehrungsbeeten und unterrichte sie in der
Behandlung Zwei Wegestunden von hier ist ein Bauer der wie ich eine ganze Wand
seines Hauses mit Rosen bepflanzt hat«
»Je mehr es mir wichtig erscheint wie Ihr mit Euren Rosen umgeht«
antwortete ich »und für je wichtiger Ihr sie selbst betrachtet desto mehr muss
ich doch die Frage tun warum Ihr denn gerade vorzugsweise an dieser Wand Eures
Hauses die Rosen zieht wo ihr Standort doch nicht so erspriesslich ist und wo
man solche Anstalten machen muss um ihr völliges Gedeihen zu sichern Es ist
zwar sehr schön wie sie sich hier ausbreiten und darstellen aber sollte man
sie denn im Garten nicht auch in Stellungen und Gruppen bringen können die eben
so schön oder schöner wären als diese hier und noch den Vorteil hätten dass
ihre Pflege viel leichter wäre«
»Ich habe die Rosen an die Wand des Hauses gesetzt« erwiderte er »weil
sich eine Jugenderinnerung an diese Blume knüpft und mir dir Art sie so zu
ziehen lieb macht Ich glaube dass mir einzig darum die Rose so schön
erscheint und dass ich darum die große Mühe für diese Art ihrer Pflege
verwende«
»Ihr habt nichts von Ungeziefer gesagt« entgegnete ich »Nun weiß ich aber
aus Erfahrung dass kaum eine Pflanzengattung etwa die Pappel ausgenommen so
gerne von Ungeziefer heimgesucht wird als die Rose die in verschiedenen Arten
und Geschlechtern von demselben bewohnt und entstellt wird Hier sehe ich von
dieser Plage gar nichts als wäre sie nicht vorhanden oder als würde die Rose
von ihr durch irgendein künstliches Mittel befreit Ihr werdet doch nicht so
wie jedes kranke Blatt auch jeden Blattwickler jede Spinne jede Blattlaus
abnehmen lassen Aber dieses bringt mich sogar noch auf einen weiteren Umstand
über den ich mir eine Frage an Euch zu tun vorgenommen habe welche ich gewiss
noch vor meiner Abreise bei einer schicklichen Gelegenheit getan hätte welche
ich mir aber jetzt erlaube da Ihr mit solcher Güte und Bereitwilligkeit mir die
Einsicht in die Dinge dieses Landsitzes gestattet habt Bei meiner Wanderung
durch das flache Land hatte ich mehrfach Gelegenheit zu bemerken dass Obstbäume
häufig kahle Äste haben oder dass überhaupt das Laub zerstört oder verunstaltet
war was von Raupenfrass herrührte Mir fiel die Sache nicht weiter auf da ich
sie von Jugend an zu sehen gewohnt war und da sie sich nicht in einem
ungewöhnlichen Grade zeigte aber das fiel mir auf dass so wie an diesen Rosen
auch in Eurem ganzen Garten nichts von dem Übel zu sehen ist kein dürres Reis
kein kahles Zweiglein kein Stengel eines abgefressenen Blattes ja nicht einmal
ein verletztes Blatt des Kohles dem doch sonst der Weissling so gerne Schaden
tut Im Angesichte dieses Wohlbefindens kamen mir die Zerstörungen wieder zu
Sinne die ich in dem Lande gesehen hatte und ich beschloss in dieser Hinsicht
eine Frage an Euch zu tun ob Ihr denn da eigentümliche Vorkehrungen habt denn
das Ablesen der Raupen und Insekten hat sich ja überall als unzulänglich
gezeigt«
»Wir würden allerdings durch Ablesen des Ungeziefers weder unsere Rosen noch
die Bäume und Gesträuche im Garten vor Verunglimpfung frei halten können«
antwortete er »Wir haben nun in der Tat andere Einrichtungen dagegen Ich muss
Euch sagen dass es mich freue dass Ihr in meinem Garten die Abwesenheit des
Raupenfrasses bemerkt habt und ich werde Euch recht gerne darüber Aufklärung
geben und besonders darum dass es sich auch ausbreiten könne Die Beantwortung
Eurer Frage kann aber am besten in dem Garten geschehen weil ich Euch zur
Bekräftigung gleich manche Vorrichtungen zeigen und die Beweise dartun kann
Wenn es Euch genehm ist so gehen wir in den Garten in welchem auch eine kleine
Ruhe auf irgend einem Bänkchen nach dem Gange von dem Meierhofe herauf nicht
unangenehm sein wird«
»Einen Augenblick lasst mich noch diese Rosen betrachten« sagte ich
»Tut nach Eurem Gefallen« antwortete er
Ich trat zuerst näher an das Gitter um einzelnes zu betrachten Ich sah nun
wirklich die reinliche Erde in welcher die Stämmchen standen und die nicht von
einem einzigen Gräschen bewachsen war Ich sah das gutbestrichene Holzgitter an
welchem die Bäumchen angebunden und an welchem ihre Zweige ausgebreitet waren
dass sich keine leere Stelle an der Wand des Hauses zeigte An jedem Stämmchen
hing der Name der Blume auf Papier geschrieben und in einer gläsernen Hülse
hernieder Diese gläsernen Hülsen waren gegen den Regen geschützt indem sie
oben geschlossen unten umgestülpt und mit einer kleinen Abflussrinne versehen
waren Nach dieser Betrachtung in der Nähe trat ich wieder zurück und besah noch
einmal die ganze Wand der Blumen durch mehrere Augenblicke Nachdem ich dieses
getan hatte sagte ich dass wir jetzt in den Garten gehen könnten
Wir näherten uns dem Torgitter der alte Mann tat einen Druck wie gestern
da er mich eingelassen hatte das Tor öffnete sich und wir gingen in den
Garten Dort näherten wir uns einer Bank die in angenehmem nachmittägigem
Schatten stand Als wir uns auf ihr niedergesetzt hatten sagte mein Gastfreund
»Unsere Mittel die Bäume Gesträuche und kleineren Pflanzen vor Kahlheit zu
bewahren sind so einfach und in der Natur gegründet dass es eine Schande wäre
sie aufzuzählen wenn es andererseits nicht auch wahr wäre dass sie nicht
überall angewendet werden besonders das letzte Was nun das Kahlwerden von
Bäumen und Ästen anlangt so entsteht es nicht immer durch Raupen sondern oft
auch auf andern Wegen nach und nach Gegen ein endliches Sterben und also
Entlaubtwerden des ganzen Baumes gibt es so wenig ein Mittel als gegen den Tod
des Menschen aber so weit darf man es bei einem Baume im Garten nicht kommen
lassen dass er tot in demselben dasteht sondern wenn man ihm durch
Zurückschneiden seiner Äste öfter Verjüngungskräfte gegeben hat wenn aber nach
und nach dieses Mittel anfängt seine Wirkung nicht mehr zu bewähren so tut man
dem Baume und dem Garten eine Wohltat wenn man beide trennt Ein solcher Baum
steht also in einem nur einiger Massen gut besorgten Garten oder auf anderem
Grunde gar nicht Damit aber auch nicht Teile eines Baumes kahl dastehen haben
wir mehrere Mittel Sie bestehen aber darin dem Baume zu geben was ihm nottut
und ihm zu nehmen was ihm schadet Darum gilt als Oberstes dass man nie einen
Baum an eine Stelle setze auf der er nicht leben kann Auf Stellen die Bäumen
überhaupt das Leben versagen setzt wohl kein vernünftiger Mensch einen Aber es
gibt auch Stellen die nur darum nicht taugen weil sie nicht bearbeitet sind
oder weil ihnen etwas mangelt was einem bestimmten Gewächse notwendig ist Um
nun die Stelle gut zu bearbeiten haben wir ehe wir einen Baum setzten eine so
tiefe Grube gegraben und mit gelockerter Erde gefüllt dass der Baum bedeutend
alt werden konnte ehe er genötigt war seine Wurzeln in unbearbeiteten Boden zu
treiben Selbst alte Stämme die ich hier gefunden hatte und deren Zustand mir
nicht gefiel habe ich durch Herausnehmen Lockern ihres Standortes und
Wiedereinsetzen zu vortrefflichem Gedeihen gebracht Aber ehe wir die Grube
gegraben haben ehe wir den Baum in dieselbe gesetzt haben haben wir auch durch
Erfahrung oder Bücher herauszubringen gesucht was ihm auch nebst der Erde noch
not tue und welchen Platz er haben müsse Für welchen Baum ein geeigneter Platz
im Garten nicht ist der soll auch im Garten gar nicht sein Welche Bäume viele
Luft brauchen setzen wir in die Luft die das Licht lieben in das Licht die
den Schatten in den Schatten In den Schutz der größeren oder
windwiderstandsfähigeren setzten wir diejenigen, welche des Schutzes bedurften
Die Frost und Reif scheuen stehen an Wänden oder warmen Orten Und auf diese
Weise gedeihen nun alle durch ihre Lebenskraft und natürliche Nahrung Im
Frühlinge wird jeder Stamm und seine stärkeren Äste durch eine Bürste und gutes
Seifenwasser gewaschen und gereinigt Durch die Bürste werden die fremden
Stoffe die dem Baume schaden könnten entfernt und das Waschen ist ein
nützliches Bad für die Rinde die wie die Haut der Tiere von dem höchsten
Belange für das Leben ist und endlich werden die Stämme dadurch auch schön
Unsere Bäume haben kein Moos die Rinde ist klar und bei den Kirschbäumen fast
so fein wie graue Seide«
Ich hatte wohl gesehen dass alle Bäume eine sehr gesunde Rinde haben aber
ich hatte dieses mit ihren schönen Blättern und mit ihrem guten Gedeihen
überhaupt als eine notwendige Folge in Zusammenhang gebracht
»Wenn nun trotz aller Vorsichten doch einzelne Teile der Bäume durch Winde
Kälte oder dergleichen kahl werden« fuhr mein Gastfreund fort »so werden
dieselben bei dem Beschneiden der Bäume im Frühlinge entfernt Der Schnitt wird
mit gutem Kitte verstrichen dass keine Nässe in das Holz dringen und in dem noch
gesunden Teile eine Krankheit erzeugen kann Und so würde in einem Garten nie
eine Kahlheit zu erblicken sein wenn nicht äußere Feinde kämen die eine solche
zu bewirken trachteten Derlei Feinde sind Hagel Wolkenbrüche und ähnliche
Naturerscheinungen gegen die es keine Mittel gibt Sie schaden aber auch nicht
so sehr In unseren Gegenden sind sie selten und ihre Wirkungen können auch
leicht durch schnelles Beseitigen des Zerstörten durch Nachwuchs und
Nachpflanzungen unbemerkbar gemacht werden Aber gefährlichere Gegner sind die
Insekten diese können die Güte eines Gartens zerstören können seine Schönheit
entstellen und ihm in manchen Jahren einen wahrhaft traurigen Anblick geben
Dies ist der Umstand von dem ich sagte dass ich seiner zuletzt Erwähnung tun
werde Ihr seht dass unser Garten von der Insektenplage die Ihr wie Ihr sagt
auf Eurer Wanderung an anderen Bäumen bemerkt habt in diesem Jahre frei ist«
»Ich habe Äpfelbäume an warmen und stillen Orten fast ganz entlaubt
gesehen« antwortete ich »Es sind mir mehrere Fälle dieser Art vorgekommen
Aber dass einzelne Äste entlaubt waren dass das Laub von ganzen Bäumen entstellt
war habe ich oft gesehen Allein ich habe es für kein großes Übel gehalten und
habe auf kein schlechtes Jahr geschlossen weil ich wusste dass diese
Zerstörungen immer vorkommen und dass ihr Schaden wenn sie nicht im Übermasse
auftreten nicht erheblich ist Ich betrachtete die Erscheinung als ein Ding,
das so sein muss«
»Daran möchtet Ihr unrecht getan haben« sagte mein Gastfreund »einen
Schaden bringt diese Erscheinung immer und wenn man ihn nach ganzen
Länderstrichen berechnete so könnte er ein sehr beträchtlicher sein zu dem
noch der andere kommt dass man den entlaubten Baum anschauen muss Auch ist das
Ding keine Erscheinung die so sein muss Es gibt ein Mittel dagegen und zwar
ein Mittel das außer seiner Wirksamkeit auch noch sehr schön ist und also zum
Nutzen einen Genuss beschert durch den uns die Natur gleichsam zu seiner
Anwendung leiten will Aber dennoch wie ich früher sagte wird dieses Mittel
unter allen am wenigsten gebraucht ja man beeifert sich sogar an vielen Orten
es zu zerstören Ihr solltet das Mittel schon wahrgenommen haben«
Ich sah ihn fragend an
»Habt Ihr nicht etwas in unserem Garten gehört das Euch besonders
auffallend war« fragte er
»Den Vogelgesang« sagte ich plötzlich
»Ihr habt richtig bemerkt« erwiderte er »Die Vögel sind in diesem Garten
unser Mittel gegen Raupen und schädliches Ungeziefer Diese sind es welche die
Bäume Gesträuche die kleinen Pflanzen und natürlich auch die Rosen weit besser
reinigen als es Menschenhände oder was immer für Mittel zu bewerkstelligen im
Stande wären Seit diese angenehmen Arbeiter uns Hilfe leisten hat sich in
unserm Garten so wie im heurigen Jahre auch sonst nie mehr ein Raupenfrass
eingefunden der nur im geringsten bemerkbar gewesen wäre«
»Aber Vögel sind ja an allen Orten« entgegnete ich »Sollten sie in Eurem
Garten mehr sein um ihn mehr schützen zu können«
»Sie sind auch mehr in unserem Garten« erwiderte er »weit mehr als an
jeder Stelle dieses Landes und vielleicht auch anderer Länder«
»Und wie ist denn diese Mehrheit hieher gebracht worden« fragte ich
»Es ist so wie ich früher von den Bäumen gesagt habe man muss ihnen die
Bedingungen ihres Gedeihens geben wenn man sie an einem Orte haben will nur
dass man die Tiere nicht erst an den Ort setzen muss wie die Bäume sie kommen
selber besonders die Vögel denen das Übersiedeln so leicht ist«
»Und welche sind denn die Bedingungen ihres Gedeihens« fragte ich
»Hauptsächlich Schutz und Nahrung« erwiderte er
»Wie kann man denn einen Vogel schützen« fragte ich
»Ihn kann man nicht schützen« sagte mein Gastfreund »er schützt sich
selber aber die Gelegenheit zum Schutze kann man ihm geben Die Singvögel
welche sich nicht mit Waffen verteidigen können suchen gegen Feinde und Wetter
Höhlungen in Bäumen Felsen Mauern oder dergleichen auf die so enge sind dass
ihnen ihr meistens größerer Feind in dieselben nicht folgen kann und so tief
dass er auch nicht mit einem Schnabel oder einer Tatze bis auf den Grund zu
langen vermag einige wie die Spechte machen sich selber die Höhlungen in die
Bäume oder sie gehen in solche Dickichte dass Raubvögel Wiesel und ähnliche
Verfolger nicht durchzudringen vermögen Hiebei ist es ihnen noch mehr um den
Schutz ihrer Jungen die sie in solchen Orten haben als um ihren eigenen zu
tun Erst wenn so gesicherte Stellen nicht zu finden sind und die Zeit drängt
begnügt sich der Singvogel zum Wohnen und Brüten mit schlechteren Plätzen Hat
eine Gegend häufige solche Zufluchtsorte so darf man sicher schließen dass sie
auch wenn die andern Bedingungen nicht fehlen viele Vögel hat Denkt nur an
ein altes löcheriges Turmdach wie ist es von Dohlen und Mauerschwalben
umschwärmt Will man Vögel in eine Gegend ziehen so muss man solche
Zufluchtsorte schaffen und zwar so gut als möglich Wir können wie Ihr seht
nicht Felsen und Baumstämme aushöhlen aber aus Holz gemachte Höhlungen können
wir überall auf die Bäume aufhängen Und dies tun wir auch Wir machen diese
Höhlungen tief genug richten das Schlupfloch von der Wetterseite weg meistens
gegen Mittag und machen es gerade so weit dass der Vogel für den es bestimmt
ist ein und aus kann Ihr müsst ja derlei in den Bäumen unseres Gartens gesehen
haben«
»Ich habe sie gesehen« erwiderte ich »habe dunkel vermutet wozu sie
dienen könnten habe aber die Vorstellung in Folge anderer Eindrücke wieder aus
dem Haupte verloren«
»Wenn wir etwa noch einmal ein wenig in den Garten herumgehn« sagte mein
Gastfreund »so werden wir mehrere solche Vogelbehälter sehen Den Heckennistern
bauen wir ein so dichtes Geflechte von Dornzweigen und Dornästen in unsere
Büsche dass man meinen sollte es könne kaum eine Hummel ein und ausschlüpfen
aber der Vogel findet doch einen Eingang und baut sich sein Nest Solcher Nester
könnt Ihr mehrere sehen wenn Ihr wollt Sie haben das Angenehme dass man diese
Federfamilien in ihrem Haushalte sieht was bei den Höhlennistern nicht angeht
Auf diese Weise schützen wir die kleineren Vögel die wir in unserem Garten
brauchen Die großen welche sich mit Schnabel Krallen und Flügeln verteidigen
können sind bei uns eher Feinde als Freunde und werden nicht geduldet«
»Außer dem Schutze« fuhr er nach einer Weile fort »brauchen die Vögel auch
Nahrung Sie meiden die nahrungsarmen Orte und unterscheiden sich hierdurch von
den Menschen welche zuweilen große Strecken weit gerade dahin wandern wo sie
ihren Unterhalt nicht finden Die Vögel die für unseren Garten passen ernähren
sich meistens von Gewürmen und Insekten aber wenn an einem Platze der zum
Nisten geeignet ist die Zahl der Vögel so groß wird dass sie ihre Nahrung nicht
mehr finden so wandert ein Teil aus und sucht den Unterhalt des Lebens
anderswo Will man daher an einem Orte eine so große Zahl von Vögeln
zurückhalten dass man vollkommen sicher ist dass sie auch in den
ungezieferreichsten Jahren hinlänglich sind um Schaden zu verhüten so muss man
ihnen außer ihrer von der Natur gegebenen Nahrung auch künstliche mit den
eigenen Händen spenden Tut man das so kann man so viele Vögel an einem Platze
erziehen als man will Es kommt nur darauf an dass man um seinen Zweck nicht
aus den Augen zu verlieren nur so viel Almosen gibt als notwendig ist einen
Nahrungsmangel zu verhindern Es ist wohl in dieser Hinsicht im allgemeinen
nicht zu befürchten dass in der künstlichen Nahrung ein Übermaß eintrete da den
Tieren ohnehin die Insekten am liebsten sind Nur wenn diese Nahrung gar zu
reizend für sie gemacht würde könnte ein solches Übermaß erfolgen was leicht
an der Vermehrung des Ungeziefers erkannt werden würde Einige Erfahrung lässt
einen schon den rechten Weg einhalten Im Winter in welchem einige Arten
dableiben und in Zeiten wo ihre natürliche Kost ganz mangelt muss man sie
vollständig ernähren um sie an den Platz zu fesseln Durch unsere Anstalten
sind Vögel die im Frühlinge nach Plätzen suchten wo sie sich anbauen könnten
in unserem Garten geblieben sie sind da sie die Bequemlichkeit sahen und
Nahrung wussten im nächsten Jahre wieder gekommen oder wenn sie Wintervögel
waren gar nicht fortgegangen Weil aber auch die Jungen ein Heimatsgefühl haben
und gerne an Stellen bleiben wo sie zuerst die Welt erblickten so erkoren sich
auch diese den Garten zu ihrem künftigen Aufentaltsorte Zu den vorhandenen
kamen von Zeit zu Zeit auch neue Einwanderer und so vermehrt sich die Zahl der
Vögel in dem Garten und sogar in der nächsten Umgebung von Jahr zu Jahr Selbst
solche Vögel die sonst nicht gewöhnlich in Gärten sind sondern mehr in Wäldern
und abgelegenen Gebüschen sind gelegentlich gekommen und da es ihnen gefiel
da geblieben wenn ihnen auch manche Dinge die sonst der Wald und die
Einsamkeit gewährt hier abgehen mochten Zur Nahrung rechnen wir auch Licht
Luft und Wärme Diese Dinge geben wir nach Bedarf dadurch dass wir die Bauplätze
zu den Nestern an den verschiedensten Stellen des Gartens anbringen damit sich
die Paare die wärmeren oder kühleren luftigeren oder sonnigeren aussuchen
können Für welche keine taugliche Stelle möglich ist die sind nicht hier Es
sind das nur solche Vögel für welche die hiesigen Landstriche überhaupt nicht
passen und diese Vögel sind dann auch für unsere Landstriche nicht nötig Zu
den geeigneten Zeiten besuchen uns auch Wanderer und Durchzügler die auf der
Jahresreise begriffen sind Sie hätten eigentlich keinen Anspruch auf eine Gabe
allein da sie sich unter die Einwohner mischen so essen sie auch an ihrer
Schüssel und gehen dann weiter«
»Auf welche Weise gebt Ihr denn den Tieren die nötige Nahrung« fragte ich
»Dazu haben wir verschiedene Einrichtungen« sagte er »Manche von den
Vögeln haben bei ihrem Speisen festen Boden unter den Füßen wie die Spechte
die an den Bäumen hacken und solche die ihre Nahrung auf der platten Erde
suchen andere besonders die Waldvögel lieben das Schwanken der Zweige wenn
sie essen da sie ihr Mahl in eben diesen Zweigen suchen Für die ersten streut
man das Futter auf was immer für Plätze sie wissen dieselben schon zu finden
Den anderen gibt man Gitter die an Schnüren hängen und in denen in kleine
Tröge gefüllt oder auf Stifte gesteckt die Speise ist Sie fliegen herzu und
wiegen sich essend in dem Gitter Die Vögel werden auch nach und nach
zutraulich nehmen es endlich nicht mehr so genau mit dem Tische und es tummeln
sich Festfüssler und Schaukler auf der Fütterungstenne die neben dem
Gewächshause ist wo Ihr mich heute morgens gesehen habt«
»Ich habe das von heute morgens mehr für zufällig als absichtlich gehalten«
sagte ich
»Ich tue es gerne wenn ich anwesend bin« erwiderte er »obwohl es auch
andere tun können Für die ganz schüchternen wie meistens die neuen Ankömmlinge
und die ganz und gar eingefleischten Waldvögel sind haben wir abgelegene
Plätze an die wir ihnen die Nahrung tun Für die vertraulicheren und
umgänglicheren bin ich sogar auf eine sehr bequeme und annehmliche
Verfahrungsweise gekommen Ich habe in dem Hause ein Zimmer vor dessen Fenstern
Brettchen befestigt sind auf welche ich das Futter gebe Die Federgäste kommen
schon herzu und speisen vor meinen Augen Ich habe dann auch das Zimmer gleich
zur Speisekammer eingerichtet und bewahre dort in Kästen deren kleine Fächer
mit Aufschriften versehen sind dasjenige Futter das entweder in Sämereien
besteht oder dem schnellen Verderben nicht ausgesetzt ist«
»Das ist das Eckzimmer« sagte ich »das ich nicht begriff und dessen
Brettchen ich für Blumenbrettchen ansah und doch für solche nicht zweckmäßige
fand« »Warum habt Ihr denn nicht gefragt« erwiderte er »Ich nahm es mir vor
und habe wieder darauf vergessen« antwortete ich
»Da die meisten Sänger von lebendigen Tierchen leben« setzte er seine
Erzählung fort »so ist es nicht ganz leicht die Nahrung für alle zu bereiten
Da aber doch ein großer Teil nebst dem Ungeziefer auch Sämereien nicht
verschmäht so sind in der Speisekammer alle Sämereien welche auf unseren
Fluren und in unseren Wäldern reifen und werden wenn sie ausgehen oder
veralten durch frische ersetzt Für solche welche die Körner nicht lieben
wird der Abgang durch Teile unseres Mahles zartes Fleisch Obst Eierstückchen
Gemüse und dergleichen ersetzt was unter die Körner gemischt wird Die
Kohlmeise erhält sehr gerne wenn sie tätig ist und besonders wenn sie um ihre
Jungen sich gut annimmt ein Stückchen Speck zur Belohnung den sie
außerordentlich liebt Auch Zucker wird zuweilen gestreut Für den Trank ist im
Garten reichlich gesorgt In jede Wassertonne geht schief ein befestigter
Holzsteg an welchem sie zu dem Wasser hinabklettern können In den Gebüschen
sind Steinnäpfe in die Wasser gegossen wird und in dem Dickichte an der
Abendseite des Gartens ist ein kleines Quellchen das wir mit steinernen Rändern
eingefasst haben«
»Da habt Ihr ja Arbeit und Sorge in Fülle mit diesen Gartenbewohnern« sagte
ich
»Es übt sich leicht ein« antwortete er »und der Lohn dafür ist sehr groß
Es ist kaum glaublich zu welchen Erfahrungen man gelangt wenn man durch
mehrere Jahre diese gefiederten Tiere hegt und gelegentlich die Augen auf ihre
Geschäftigkeit richtet Alle Mittel welche die Menschen ersonnen haben um die
Gewächse vor Ungeziefer zu bewahren so trefflich sie auch sein mögen so
fleißig sie auch angewendet werden reichen nicht aus wie es ja in der Lage der
Sache gegründet ist Wie viele Hände von Menschen müssten tätig sein um die
unzählbaren Stellen an denen sich Ungeziefer erzeugt zu entdecken und die
Mittel auf sie anzuwenden Ja die ganz gereinigten Stellen geben auf die Dauer
keine Sicherheit und müssen stets von neuem untersucht werden In den
verschiedensten Zeiten und unbeachtet entwickeln sich die Insekten auf Stengeln
Blättern Blüten unter der Rinde und breiten sich unversehens und schnell aus
Wie könnte man da die Keime entdecken und vor ihrer Entwicklung vernichten Oft
sind die schädlichen Tierchen so klein dass wir sie mit unseren Augen kaum zu
entdecken vermögen oft sind sie an Orten die uns schwer zugänglich sind zum
Beispiele in den äußersten Spitzen der feinsten Zweige der Bäume Oft ist der
Schaden in größter Schnelligkeit entstanden wenn man auch glaubt dass man seine
Augen an allen Stellen des Gartens gehabt dass man keine unbeachtet gelassen
und dass man seine Leute zur genauesten Untersuchung angeeifert hat Zu dieser
Arbeit ist von Gott das Vogelgeschlecht bestimmt worden und insbesondere das der
kleinen und singenden und zu dieser Arbeit reicht auch nur das Vogelgeschlecht
vollkommen aus Alle Eigenschaften der Insekten von denen ich gesprochen habe
ihre Menge ihre Kleinheit ihre Verborgenheit und endlich ihre schnelle und
plötzliche Entwicklung schützen sie gegen die Vögel nicht Sprechen wir von der
Menge Alle Singvögel wenn sie auch später Sämereien fressen nähren doch ihre
Jungen von Raupen Insekten Würmern und da diese Jungen so schnell wachsen und
so zu sagen unaufhörlich essen so bringt ein einziges Paar in einem einzigen
Tage eine erkleckliche Menge von solchen Tierchen in das Nest was erst hundert
Paare in zehn vierzehn zwanzig Tagen So lange brauchen ungefähr die Jungen
zum Flüggewerden Und alle Stellen wie zahlreich sie auch sein können werden
von den geschäftigen Eltern durchsucht Sprechen wir von der Kleinheit der
Tierchen Sie oder ihre Larven und Eier mögen noch so klein sein von den
scharfen spähenden Augen eines Vogels werden sie entdeckt Ja manche Vögel wie
das Goldhähnchen der Zaunkönig dürfen ihren Jungen nur die kleinsten
Nahrungsstückchen bringen weil dieselben wenn sie dem Ei entschlüpft sind
selber kaum so groß wie eine Fliege oder eine kleine Spinne sind Gehen wir
endlich auf die Abgelegenheit und Unerreichbarkeit der Aufentaltsorte der
Insekten über so sind sie dadurch nicht vor dem Schnabel der Vögel geschützt
wenn sie für ihre Jungen oder sich Nahrung brauchen Was wäre einem Vogel leicht
unzugänglich In die höchsten Zweige schwingt er sich empor an der Rinde hält
er sich und bohrt in sie durch die dichtesten Hecken dringt er auf der Erde
läuft er und selbst unter Blöcke und Steingerölle dringt er Ja einmal sah ich
einen Buntspecht im Winter da die Äste zu Stein gefroren schienen auf einen
solchen mit Gewalt loshämmern und sich aus dessen Innern die Nahrung holen Die
Spechte zeigen auf diese Weise ich sage es hier nebenbei auch die Äste an
die morsch und vom Gewürme ergriffen sind und daher weggeschafft werden müssen
Was zuletzt den unvorhergesehenen und plötzlichen Raupenfrass anlangt den der
Mensch zu spät entdeckt so kann er sich nicht einstellen da die Vögel überall
nachsehen und bei Zeiten abhelfen«
»Wie sehr diese Tiere für das Ungeziefer geschaffen sind« sagte er nach
einer Weile »zeigt sich aus der Beobachtung, dass sie die Arbeit unter sich
teilen Die Blaumeise und die Tannenmeise entdeckt die Brut der Ringelraupe und
anderer Raupengattungen an den äußersten Spitzen der Zweige wo sie unter der
Rinde verborgen ist, indem sie sich an die Zweige hängend dieselben absucht
die Kohlmeise durchsucht fleißig das Innere der Baumkrone die Spechtmeise
klettert Stamm auf Stamm ab und holt die versteckten Eier hervor der Finke der
gerne in den Nadelbäumen nistet weshalb auch solche Bäume in dem Garten sind
geht gleichwohl gerne von ihnen herab und läuft den Gängen der Käfer und
dergleichen nach und ihn unterstützen oder übertreffen vielmehr die Ammerlinge
die Grasmücken die Rotkehlchen die auf der Erde unter Kohlpflanzen und in
Hecken ihre Nahrung suchen und finden Sie beirren sich wechselseitig nicht und
lassen in ihrer unglaublichen Tätigkeit nicht nach ja sie scheinen sich eher
darin einander anzueifern Ich habe nicht eigens Beobachtungen angestellt aber
wenn man mehrere Jahre unter den Tieren lebt so gibt sich die Betrachtung von
selber«
»Auch einen eigentümlichen Gedanken« fuhr er fort »hat das Walten dieser
Tiere in mir erweckt oder vielmehr bestärkt denn ich hatte ihn schon längst
Allen Tatsachen die wichtig sind hat Gott außer unserem Bewusstsein ihres
Wertes auch noch einen Reiz für uns beigesellt der sie annehmlich in unser
Wesen gehen lässt Diesen Tierchen nun die so nützlich sind hat er ich möchte
sagen die goldene Stimme mitgegeben gegen die der verhärtetste Mensch nicht
verhärtet genug ist Ich habe in unserem Garten mehr Vergnügen gehabt als
manchmal in Sälen in denen die kunstreichste Musik aufgeführt wurde die selten
zu hören ist Zwar singt ein Vogel in einem Käfiche auch denn der Vogel ist
leichtsinnig er erschrickt zwar heftig er fürchtet sich aber bald ist der
Schrecken und die Furcht vergessen er hüpft auf einen Halt für seine Füße und
trällert dort das Lied das er gelernt hat und das er immer wiederholt Wenn er
jung und sogar auch alt gefangen wird vergisst er sich und sein Leid wird ein
Hin und Widerhüpfer in kleinem Raume da er sonst einen großen brauchte und
singt seine Weise aber dieser Gesang ist ein Gesang der Gewohnheit nicht der
Lust Wir haben an unserm Garten einen ungeheueren Käfich ohne Draht Stangen
und Vogeltürchen in welchem der Vogel vor außerordentlicher Freude der er sich
so leicht hingibt singt in welchem wir das Zusammentönen vieler Stimmen hören
können das in einem Zimmer beisammen nur ein Geschrei wäre und in welchem wir
endlich die häusliche Wirtschaft der Vögel und ihre Gebärden sehen können die
so verschieden sind und oft dem tiefsten Ernste ein Lächeln abgewinnen können
Man hat uns in diesem Hegen von Vögeln in einem Garten nicht nachgeahmt Die
Leute sind nicht verhärtet gegen die Schönheit des Vogels und gegen seinen
Gesang ja diese beiden Eigenschaften sind das Unglück des Vogels Sie wollen
dieselben genießen sie wollen sie recht nahe genießen und da sie keinen Käfig
mit unsichtbaren Drähten und Stangen machen können wie wir in dem sie das
eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen könnten so machen sie einen mit
sichtbaren in welchem der Vogel eingesperrt ist und seinem zu frühen Tode
entgegen singt Sie sind auf diese Weise nicht unfühlsam für die Stimme des
Vogels aber sie sind unfühlsam für sein Leiden Dazu kommt noch dass es der
Schwäche und Eitelkeit des Menschen besonders der Kinder angenehm ist eines
Vogels der durch seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem
Bereiche menschlicher Kraft gezogen ist Herr zu werden und ihn durch Witz und
Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen Darum ist seit alten Zeiten der
Vogelfang ein Vergnügen gewesen besonders für junge Leute aber wir müssen
sagen dass es ein sehr rohes Vergnügen ist das man eigentlich verachten sollte
Freilich ist es noch schlechter und muss ohne weiteres verabscheut werden wenn
man Singvögel nicht des Gesanges wegen fängt sondern sie fängt und tötet um
sie zu essen Die unschuldigsten und mitunter schönsten Tiere die durch ihren
einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser Vergnügen
sind die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten werden wie Verbrecher
verfolgt werden meistens wenn sie ihrem Triebe der Geselligkeit folgen
erschossen oder wenn sie ihren nagenden Hunger stillen wollen erhängt Und
dies geschieht nicht um ein unabweisliches Bedürfnis zu erfüllen sondern einer
Lust und Laune willen Es wäre unglaublich wenn man nicht wüsste dass es aus
Mangel an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht Aber das zeigt eben wie
weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind Darum haben weise Menschen bei
wilden Völkern und bei solchen die ihre Gierde nicht zu zähmen wussten oder
einen höheren Gebrauch von ihren Kräften noch nicht machen konnten den
Aberglauben aufgeregt um einen Vogel seiner Schönheit oder Nützlichkeit willen
zu retten So ist die Schwalbe ein heiliger Vogel geworden der dem Hause Segen
bringt das er besucht und den zu töten Sünde ist Und selten dürfte es ein
Vogel mehr verdienen als die Schwalbe die so wunderschön ist und so
unberechenbaren Nutzen bringt So ist der Storch unter göttlichen Schutz
gestellt und den Staren hängen wir hölzerne Häuser in unsere Bäume Ich hoffe
dass, wenn unseren Nachbarn die Augen über den Erfolg und den Nutzen des Hegens
von Singvögeln aufgehen sie vielleicht auch dazu schreiten werden uns
nachzuahmen denn für Erfolg und Nutzen sind sie am empfänglichsten Ich glaube
aber auch dass unsere Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten dass ein
strenges Gesetz gegen das Fangen und Töten der Singvögel zu geben wäre und dass
das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden sollte Dann
würde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes Vergnügen aufbewahrt bleiben
wir würden durch die Länder wie durch schöne Gärten gehen und die wirklichen
Gärten würden erquickend da stehen in keinem Jahre leiden und in besonders
unglücklichen nicht den Anblick der gänzlichen Kahlheit und der traurigen
Verödung zeigen Wollt Ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde
ansehen«
»Sehr gerne« sagte ich
Wir standen vor dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe des Gartens
zurück
Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle Singen in
unserer Nähe welches mir gestern nachmittag da ich es in das Zimmer hinein
gehört hatte seltsam gewesen war erschien mir nun sehr lieblich ja ehrwürdig
und wenn ich einen Vogel durch einen Baum huschen sah oder über einen Sandweg
laufen so erfüllte es mich mit einer Gattung Freude Mein Begleiter führte mich
zu einer Hecke wies mit dem Finger hinein und sagte »Seht«
Ich antwortete dass ich nichts sähe
»Schaut nur genauer« sagte er indem er mit dem Finger neuerdings die
Richtung wies
Ich sah nun unter einem äußerst dichten Dornengeflechte welches in die
Hecke gemacht worden war ein Nest In dem Neste saß ein Rotkehlchen wenigstens
dem Rücken nach zu urteilen Es flog nicht auf sondern wendete nur ein wenig
den Kopf gegen uns und sah mit den schwarzen glänzenden Augen unerschrocken und
vertraulich zu uns herauf
»Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern« sagte mein Begleiter »es ist
eine Spätehe wie sie öfter vorkommen Ich besuche es schon mehrere Tage und
lege ihm die Larve des Mehlkäfers in die Nähe Das weiß der Schelm darum frägt
er mich schon danach und fürchtet den Fremden nicht der bei mir ist«
In der Tat das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und ließ sich durch
unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren
»Man muss eigentlich ehrlich gegen sie sein« sagte mein Gastfreund »aber
ich habe keine Larve in der Hand darum bitte ich dich Gustav gehe in das Haus
und hole mir eine«
Der Jüngling wendete sich schnell um und eilte in das Haus
Indessen führte mich mein Begleiter eine Strecke vorwärts und zeigte mir
neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest in welchem eine Ammer saß
»Diese sitzt auf ihren Jungen die noch kaum die ersten Härchen haben und
erwärmt sie« sagte mein Begleiter »Sie kann nicht viel von ihnen weg darum
bringt den meisten Teil der Nahrung der Vater herbei Nach einigen Tagen aber
werden sie schon so stark dass sie der Mutter überall hervor sehen wenn sie
sich auch zeitweilig auf sie setzt«
Auch die Ammer flog bei unserer Annäherung nicht auf sondern sah uns ruhig
an
So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester in denen Junge waren
die wenn sie sich allein befanden auf das Geräusch unserer Annäherung die
gelben Schnäbel aufsperrten und Nahrung erwarteten In zwei anderen waren
Mütter die bei unserem Herannahen nicht aufflogen Da wir im Vorbeigehen noch
eins trafen bei welchem die Eltern äzten ließ sich diese nicht von ihrem
Geschäfte abhalten flogen herzu und nährten in unserer Gegenwart die Kinder
»Ich habe Euch jetzt Nester gezeigt die noch bevölkert sind« sagte mein
Gastfreund »die meisten sind schon leer die Jugend flattert bereits in dem
Garten herum und übt sich zur Herbstreise Die Nester sind zahlreicher als man
vermutet wir besuchen nur die die uns bei der Hand sind«
Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem alten
Manne in die Hand Dieser ging zu der Hecke in welcher das Nest des
Rotkehlchens war und legte die Larve auf den Weg daneben Kaum hatte er sich
entfernt und war zu uns getreten die wir in der Nähe standen so schlüpfte das
Rotkehlchen unter den untersten Ästen der Hecke heraus rannte zu der Larve
nahm sie und lief wieder in die Hecke zurück
Ich weiß nicht welche tiefe Rührung mich bei diesem Vorfalle überkam Mein
Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann der sich zu einem niedreren
Geschöpfe herablässt
Auch der Jüngling Gustav war sehr heiter und zeigte Freude wenn er in die
Büsche blickte in denen eine Wohnung war Es war mir dies ein Beweis dass das
Zerstören der Vogelnester durch Wegnahme der Eier oder der Jungen und das Fangen
der Vögel überhaupt den Kindern nicht angeboren ist, sondern dass dieser
Zerstörungstrieb wenn er da ist von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in
diese Bahn geleitet wurde und dass er durch eine bessere Erziehung sein
Gegenteil wird
Wir schritten weiter In einer kleinen Fichte die am Rande des Gartens
stand zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung die an dem Stamme in das
Geflechte teils hervorgewachsener teils künstlich eingefugter Äste und Zweige
gebaut war An anderen Bäumen sahen wir auch in die aufgehängten Behälter Vögel
aus und einschlüpfen Mein Begleiter sagte dass, wenn ich nur länger hier wäre
mir selbst die Sitten der Vögel verständlicher werden würden
Ich erwiderte dass ich schon mehreres aus meinem Reisen im Gebirge und aus
meinen früheren Beschäftigungen in den Naturwissenschaften kenne
»Das ist doch immer weniger« sagte mein Gastfreund »als was man durch das
lebendige Beisammenleben inne wird«
Es wurden einige Behälter die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an Bäumen
befestigt waren und von denen man wusste dass sie nicht mehr bewohnt seien
herabgenommen und auseinander gelegt damit ich ihre Einrichtung sähe Es war
nur eine einfache Höhlung die aus zwei halbhohen Stücken bestand die man
mittelst Ringen die enger zu schrauben waren aneinanderpressen konnte
»Kein Singvogel« sagte mein Begleiter »geht in ein fertiges Nest es mag
nun dasselbe in einer früheren Zeit von ihm selber oder einem anderen Vogel
gebaut worden sein sondern er verfertigt sich sein Nest in jedem Frühlinge neu
Deshalb haben wir die Behälter aus zwei Teilen machen lassen dass wir sie leicht
auseinander nehmen und die veralteten Nester heraus tun können Auch zum
Reinigen der Behälter ist diese Einrichtung sehr tauglich denn wenn sie
unbewohnt sind nimmt allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Höhlungen
und der Vogel scheut Unrat und verdorbene Luft und würde eine unreine Höhlung
nicht besuchen Im letzten Teile des Winters wenn der Frühling schon in
Aussicht steht werden alle diese Behälter herabgenommen auf das sorgfältigste
gescheuert und in Stand gesetzt Im Winter sind sie darum auf den Bäumen weil
doch mancher Vogel der nicht abreist Schutz in ihnen sucht Die alten Nester
werden zerfasert und gegen den Frühling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in
dem Garten ausgestreut damit die Familien Stoff für ihre Häuser finden«
Ich sah im Vorübergehen auch die Kletterstäbchen in den Wassertonnen und im
Gebüsche fanden wir das kleine rieselnde Wasserlein
Als wir uns auf dem Rückwege zum Hause befanden sagte mein Begleiter »Ich
habe noch eine Art Gäste die ich füttere nicht dass sie mir nützen sondern dass
sie mir nicht schaden Gleich in der ersten Zeit meines Hierseins da ich eine
sogenannte Baumschule anlegte nämlich ein Gärtchen in welchem die zur
Veredlung tauglichen Stämmchen gezogen wurden habe ich die Bemerkung gemacht
dass mir im Winter die Rinde an Stämmchen abgefressen wurde und gerade die beste
und zarteste Rinde an den besten Stämmchen Die Übeltäter wiesen sich teils
durch ihre Spuren im Schnee teils weil sie auch auf frischer Tat ertappt
wurden als Hasen aus Das Verjagen half nicht weil sie wieder kamen und doch
nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule Wache stehen konnte Da dachte ich
die armen Diebe fressen die Rinde nur weil sie nichts Besseres haben hätten
sie es so ließ sie die Rinde stehen Ich sammelte nun alle Abfälle von Kohl
und ähnlichen Pflanzen die im Garten und auf den Feldern übrig blieben
bewahrte sie im Keller auf und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise
auf die Felder außerhalb des Gartens Meine Absicht wurde belohnt die Hasen
frassen von den Dingen und ließ unsere Baumschule in Ruhe Endlich wurde die
Zahl der Gäste immer mehr da sie die wohleingerichtete Tafel entdeckten aber
weil sie mit dem Schlechtesten selbst mit den dicken Strünken des Kohles
zufrieden waren und ich mir solche von unseren Feldern und von Nachbarn leicht
erwerben konnte so fragte ich nichts danach und fütterte Ich sah ihnen oft
aus dem Dachfenster mit dem Fernrohre zu Es ist possierlich wenn sie von der
Ferne herzulaufen dem bequem daliegenden Frasse misstrauen Männchen machen
hüpfen dann aber sich doch nicht helfen können herzustürzen und von dem Zeuge
hastig fressen das sie im Sommer nicht anschauen würden Manche Leute legten
Schlingen da sie wussten dass hier Hasen zusammenkamen Aber da wir sehr
sorgfältig nachspürten und die Schlingen wegnehmen ließ da ich auch verbot
über unsere Felder zu gehen und die Betroffenen zur Verantwortung zog verlor
sich die Sache wieder Auch den Vögeln legten Buben in unserer Nähe Schlingen
aber das half sehr wenig da die Vögel in unserem Garten sehr gute Kost hatten
und nach der fremden Lockspeise nicht ausgingen Die Beute an Vögeln war daher
nie groß und mit einiger Aufsicht und Wachsamkeit die wir in den ersten Jahren
einleiteten geschah es dass dieser Unfug auch bald wieder aufhörte«
Der alte Mann lud mich ein in das Haus zu gehen und die Fütterungskammer
anzusehen
Auf dem Wege dahin sagte er »Unter die Feinde der Sänger gehören auch die
Katzen Hunde Iltisse Wiesel Raubvögel Gegen letzte schützen die Dornen und
die Nestbehälter und Hunde und Katzen werden in unserm Hause so erzogen dass
sie nicht in den Garten gehen oder sie werden ganz von dem Hause entfernt«
Wir waren indessen in das Haus gekommen und gingen in das Eckzimmer in
welchem ich die vielen Fächer gesehen hatte Mein Begleiter zeigte mir die
Vorräte indem er die Fächer herauszog und mir die Sämereien wies Die Speisen
welche eben nicht in Sämereien bestehen wie Eier Brod Speck werden beim
Bedarfe aus der Speisekammer des Hauses genommen
»Meine Nachbaren äußerten schon« sagte mein Begleiter »dass außer der Mühe
die das Erhalten der Singvögel macht auch die Kosten zu ihrer Ernährung in
keinem Verhältnisse zu ihrem Nutzen stehen Aber das ist unrichtig Die Mühe ist
ein Vergnügen das wird der welcher einmal anfängt bald inne werden so wie
der Blumenfreund keine Mühe sondern nur Pflege kennt welche zudem bei den
Blumen viel mehr Tätigkeit in Anspruch nimmt als das Ziehen der Gesangvögel im
Freien die Kosten aber sind in der Tat nicht ganz unbedeutend allein wenn ich
die edlen Früchte eines einzigen Pflaumenbaumes welchen mir die Raupen der
Vögel wegen nicht abgefressen haben verkaufe so deckt der Kaufschilling die
Nahrungskosten der Sänger ganz und gar Freilich ist der Nutzen desto größer je
edler das Obst ist welches in dem Garten gezogen wird und dazu dass sie edles
Obst in dieser Gegend ziehen sind sie schwer zu bewegen weil sie meinen es
gehe nicht Wir müssen ihnen aber zeigen dass es geht indem wir ihnen die
Früchte weisen und zu kosten geben und wir müssen ihnen zeigen dass es nützt
indem wir ihnen Briefe unserer Handelsfreunde weisen die uns das Obst abgekauft
haben Von den Stämmchen die in unserer Obstschule wachsen geben wir ihnen ab
und unterrichten sie wie und auf welchen Platz sie gesetzt werden sollen«
»Wenn wieder einmal ein Jahr kommen sollte wie das welches wir vor fünf
Jahren hatten« fuhr er fort »es war ein schlimmes Jahr heiß mit wenig Regen
und ungeheurem Raupenfrass Die Bäume in Rohrberg in Regau in Landegg und
Pludern standen wie Fegebesen in die Höhe und die grauen Fahnen der
Raupennester hingen von den entwürdigten Ästen herab Unser Garten war
unverletzt und dunkelgrün sogar jedes Blatt hatte seine natürliche Ränderung
und Ausspitzung Wenn noch einmal ein solches Jahr käme was Gott verhüte so
würden sie wieder ein Stückchen Erfahrung machen das sie das erste Mal nicht
gemacht haben«
Ich sah unterdessen die Sämereien und die Anstalten an fragte manches und
ließ mir manches erklären Wir verließen hierauf das Zimmer und da wir auf dem
Gange waren und gegen Gustavs Zimmer gingen sagte er »Dass auch unnütze Glieder
herbeikommen Müßiggänger Störefriede das begreift sich Ein großer
Händelmacher ist der Sperling Er geht in fremde Wohnungen balgt sich mit
Freund und Feind ist zudringlich zu unsern Sämereien und Kirschen Wenn die
Gesellschaft nicht groß ist lasse ich sie gelten und streue ihnen sogar
Getreide Sollten sie hier aber doch zu viel werden so hilft die Windbüchse
und sie werden in den Meierhof hinabgescheucht Als einen bösen Feind zeigte
sich der Rotschwanz Er flog zu dem Bienenhause und schnappte die Tierchen weg
Da half nichts als ihn ohne Gnade mit der Windbüchse zu töten Wir ließ
beinahe in Ordnung Wache halten und die Verfolgung fortsetzen bis dieses
Geschlecht ausblieb Sie waren so klug zu wissen wo Gefahr ist und gingen in
die Scheunen in die Holzhütte des Meierhofes und die Ziegelhütte wo die großen
Wespennester unter dem Dache sind Wir lassen auch darum im Meierhofe und
anderen entfernteren Orten die grauen Kugeln solcher Nester die sich unter den
Latten und Sparren der Dächer oder Dachvorsprünge ansiedeln nicht zerstören
damit sie diese Vögel hinziehen«
Während dieses Gespräches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der Tür
gekommen die in Gustavs Wohnung führte Mein Gastfreund fragte ob ich diese
Wohnung nicht jetzt besehen wollte und wir traten ein
Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern einem Arbeitszimmer und einem
Schlafzimmer Beide waren wie es bei solchen Zimmern selten der Fall ist, sehr
in Ordnung Sonst war ihr Geräte sehr einfach Bücherkästen Schreib und
Zeichnungsgeräte ein Tisch Schreine für die Kleider Stühle und das Bett Der
Jüngling stand fast errötend da da ein Fremder in seiner Wohnung war Wir
entfernten uns bald und der Bewohner machte uns die leichte feine Verbeugung
die ich gestern schon an ihm bemerkt hatte weil er uns nicht mehr begleiten
sondern in den Zimmern zurückbleiben wollte in welchen er noch Arbeit zu
verrichten hatte
»Ihr könnt nun auch die Gastzimmer besuchen« sagte mein Begleiter »dann
habt Ihr alle Räume unseres Hauses gesehen«
Ich willigte ein Er nahm ein kleines silbernes Glöcklein aus seiner Tasche
und läutete
Es erschien in kurzem eine Magd von welcher er die Schlüssel der Zimmer
verlangte Sie holte dieselben und brachte sie an einem Ringe von welchem
einzelne los zu lösen waren Jeder trug die Zahl seines Zimmers auf sich
eingegraben Nachdem mein Beherberger die Magd verabschiedet hatte schloss er
mir die einzelnen Zimmer auf Sie waren einander vollkommen gleich Sie waren
gleich groß jedes hatte zwei Fenster und jedes hatte ähnliche Geräte wie das
meine
»Ihr seht« sagte er »dass wir in unserem Hause nicht so ungesellig sind und
bei dessen Anlegung schon auf Gäste gerechnet haben Es können im äußersten
Notfalle noch mehr untergebracht werden als die Zimmer anzeigen wenn wir zwei
in ein Gemach tun und noch andere Zimmer namentlich die im Erdgeschosse in
Anspruch nehmen Es ist aber in der Zeit seit welcher dieses Haus besteht der
Notfall noch nicht eingetreten«
Als wir an die östliche Seite des Hauses gekommen waren an die Seite die
seiner Wohnung gerade entgegengesetzt lag öffnete er eine Tür und wir traten
nicht in ein Zimmer wie bisher sondern in drei welche sehr schön eingerichtet
waren und zu lieblichem Wohnen einluden Das erste war ein Zimmer für einen
Diener oder eigentlich eine Dienerin denn es sah ganz aus wie das Zimmer in
welchem die Mädchen meiner Mutter wohnten Es standen große Kleiderkästen da
mit grünem Zitz verhängte Betten und es lagen Dinge herum wie in dem
Mädchenzimmer meiner Mutter Die zwei anderen Gemächer zeigten zwar nicht solche
Dinge im Gegenteile sie waren in der musterhaftesten Ordnung aber sie wiesen
doch eine solche Gestalt dass man schließen musste dass sie zu Wohnungen für
Frauen bestimmt sind Die Geräte des ersten waren von Mahagoniholz die des
zweiten von Zedern Überall standen weichgepolsterte Sitze und schöne Tische
herum Auf dem Fußboden lagen weiche Teppiche die Pfeiler hatten hohe Spiegel
außerdem stand in jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel an den
Fenstern waren Arbeitstischchen und in der Ecke jedes Zimmers stand von weißen
Vorhängen dicht und undurchdringlich umgeben ein Bett Jedes Gemach hatte ein
Blumentischchen und an den Wänden hingen einige Gemälde
Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte öffnete mein Begleiter im
dritten Zimmer mittelst eines Drückers eine Tapetentür die sich den Blicken
nicht gezeigt hatte und führte mich noch in ein viertes kleines Zimmer mit
einem einzigen Fenster Das Zimmerchen war sehr schön Es war ganz in sanft
rosenfarbener Seide ausgeschlagen welche Zeichnungen in derselben nur etwas
dunkleren Farbe hatte An dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank
von lichtgrauer Seide hin die mit mattgrünen Bändern gerändert war Sessel von
gleicher Art standen herum Die Seide grau in Grau gezeichnet hob sich licht
und lieblich von dem Rot der Wände ab es machte fast einen Eindruck wie wenn
weiße Rosen neben roten sind Die grünen Streifen erinnerten an das grüne
Laubblatt der Rosen In einer der hinteren Ecken des Zimmers war ein Kamin von
ebenfalls grauer nur dunklerer Farbe mit grünen Streifen in den Simsen und sehr
schmalen Goldleisten Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch
dessen Platte grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war Die Füße des
Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den anderen
Dingen waren von dem schönen veilchenblauen Amarantolze aber so leicht
gearbeitet dass dieses Holz nirgends herrschte An dem mit grauen
Seidenvorhängen gesäumten Fenster welches zwischen grünen Baumwölbungen auf die
Landschaft und das Gebirge hinaussah stand ein Tischchen von demselben Holze
und ein reichgepolsterter Sessel und Schemmel wie wenn hier der Platz für eine
Frau zum Ruhen wäre An den Wänden hingen nur vier kleine an Größe und Rahmen
vollkommen gleiche Ölgemälde Der Fußboden war mit einem feinen grünen Teppiche
überspannt dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Grün der Bänder
abhob Es war gleichsam der Rasenteppich über dem die Farben der Rosen
schwebten Die Schürzange und die anderen Geräte an dem Kamine hatten vergoldete
Griffe auf dem Tische stand ein goldenes Glöcklein
Kein Merkmal in dem Gemache zeigte an dass es bewohnt sei Kein Geräte war
verrückt an dem Teppiche zeigte sich keine Falte und an den Fenstervorhängen
keine Verknitterung
Als ich eine Zeit diese Dinge mit Staunen betrachtet hatte öffnete mein
Begleiter wieder die Tapetentür die man auch im Innern dieses Zimmers nicht
sehen konnte und führte mich hinaus Er hatte in dem Rosenzimmerchen nicht ein
Wort gesprochen und ich auch nicht Als wir durch die anderen Zimmer gegangen
waren und er sie hinter uns zugeschlossen hatte sagte er mir ebenfalls über den
Zweck dieser Wohnung nichts und ich konnte natürlich nicht darum fragen
Als wir auf den Gang hinausgekommen waren sagte er »Nun habt Ihr mein
ganzes Haus gesehen wenn Ihr wieder einmal in der Zukunft vorüberkommt oder
Euch gar in der Ferne desselben erinnert so könnt Ihr Euch gleich vorstellen
wie es im Inneren aussieht«
Bei diesen Worten nestelte er den Ring mit den Schlüsseln in irgend eine
Tasche seines seltsamen Obergewandes
»Es ist ein Bild« erwiderte ich auf seine Rede »das sich mir tief
eingeprägt hat und das ich nicht so bald vergessen werde«
»Ich habe mir das beinahe gedacht« antwortete er
Da wir in die Nähe meines Zimmers gekommen waren verabschiedete er sich
indem er sagte dass er nun einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch genommen
habe und dass er um mich nicht noch mehr einzuengen mir nichts weiter davon
entziehen wolle
Ich dankte ihm für seine Gefälligkeit und Freundlichkeit mit welcher er mir
einen Teil des Tages gewidmet und mir seine Häuslichkeit gezeigt habe und wir
trennten uns Ich nahm den Schlüssel aus meiner Tasche und öffnete mein Zimmer
um einzutreten ihn aber hörte ich die Treppe hinabgehen
Ich blieb nun bis gegen Abend in meinem Gastgemache teils weil ich ermüdet
war und wirklich einige Ruhe nötig hatte teils weil ich meinem Gastfreunde
nicht weiter lästig sein wollte
Am Abende ging ich wieder ein wenig auf die Felder außerhalb des Gartens
hinaus und kam erst zur Speisestunde zurück Ich hatte bei dieser Gelegenheit
gelernt mir selber das Gitter zu öffnen und zu schließen
Es war kein Gast da und beim Abendessen wie beim Mittagessen waren nur mein
Gastfreund Gustav und ich Die Gespräche waren über verschiedene gleichgültige
Dinge wir trennten uns bald ich verfügte mich auf mein Zimmer las noch
schrieb entkleidete mich endlich löschte das Licht und begab mich zur Ruhe
Der nächste Morgen war wieder herrlich und heiter Ich öffnete die Fenster
ließ Duft und Luft hereinströmen kleidete mich an erfrischte mich mit
reichlichem Wasser zum Waschen und ehe die Sonne nur einen einzigen Tautropfen
hatte aufsaugen können stand ich schon mit meinem Ränzlein auf dem Rücken und
mit meinem Hute und dem Schwarzdornstocke in der Hand im Speisezimmer Der alte
Mann und Gustav warteten meiner bereits
Nachdem das Frühmahl verzehrt worden war wobei ich trotz der Forderung mein
Ränzlein nicht abgelegt hatte dankte ich noch einmal für die große
Freundlichkeit und Offenheit mit welcher ich hier aufgenommen worden war
verabschiedete mich und begab mich auf meinen Weg
Der alte Mann und Gustav begleiteten mich bis zum Gittertore des Gartens
Der Alte öffnete um mich hinauszulassen so wie er vorgestern geöffnet hatte
um mir den Eingang zu gestatten Beide gingen mit mir durch das geöffnete Tor
hinaus Als wir auf dem Sandplatze vor dem Hause angeweht von dem Dufte der
Rosen standen sagte mein Beherberger »Nun lebt wohl und geht glücklich Eures
Weges Wir kehren durch unser Gitter wieder in unseren Landaufentalt und zu
unseren Beschäftigungen zurück Wenn Ihr in einer anderen Zeit wieder in die
Nähe kommt und es Euch gefällt uns zu besuchen so werdet Ihr mit
Freundlichkeit aufgenommen werden Wenn Ihr aber gar ohne dass Euch Euer Weg
hier vorüberführt freiwillig zu uns kommt um uns zu besuchen so wird es uns
besonders freuen Es ist keine Redensart wenn ich sage dass es uns freuen
würde ich gebrauche diese Redensarten nicht sondern es ist wirklich so Wenn
Ihr das einmal wollt so lebt in diesem Hause so lange es Euch zusagt und lebt
so ungebunden als Ihr wollt so wie auch wir so ungebunden leben werden als
wir wollen Wenn Ihr uns die Zeit vorher etwa durch einen Boten wissen machen
könntet wäre es gut weil wir wenn auch nicht oft doch manchmal abwesend
sind«
»Ich glaube dass Ihr mich freundlich aufnehmen werdet wenn ich wieder
komme« antwortete ich »weil Ihr es sagt und Euer Wesen mir so erscheint dass
Ihr nicht eine unwahre Höflichkeit aussprechen würdet Ich begreife zwar den
Grund nicht weshalb Ihr mich einladet aber da Ihr es tut nehme ich es mit
vieler Freude an und sage Euch dass ich im nächsten Sommer wenn mich auch mein
gewöhnlicher Weg nicht hieher führt freiwillig in diese Gegend und in dieses
Haus kommen werde um eine kleine Zeit da zu bleiben«
»Tut es und Ihr werdet sehen dass Ihr nicht unwillkommen seid« sagte er
»wenn Ihr auch die Zeit ausdehnt«
»Ich werde vielleicht das letztere tun« antwortete ich »und so lebt
wohl«
»Lebt wohl«
Bei diesen Worten reichte er mir die Hand und drückte sie
Ich reichte meine Hand da er sie losgelassen hatte auch an den Knaben
Gustav welcher sie annahm aber nicht sprach sondern mich bloß mit seinen
Augen freundlich ansah
Hierauf schieden wir indem sie durch das Gitter zurückgingen ich aber den
Hut auf dem Haupte den Weg hinabwandelte den ich vor zwei Tagen heraufgegangen
war
Ich fragte mich nun bei wem ich denn diesen Tag und die zwei Nächte
zugebracht habe Er hat um meinen Namen nicht gefragt und hat mir den seinigen
nicht genannt Ich konnte mir auf meine Frage keine Antwort geben
Und so ging ich denn nun weiter Die grünen Ähren gaben jetzt in der
Morgensonne feurige Strahlen während sie bei meinem Heraufgehen im Schatten des
herandrohenden Gewitters gestanden waren
Ich sah mich noch einmal um da ich zwischen den Feldern hinabging und sah
das weiße Haus im Sonnenscheine stehen wie ich es schon öfter hatte stehen
gesehen ich konnte noch den Rosenschimmer unterscheiden und glaubte noch das
Singen der zahlreichen Vögel im Garten vernehmen zu können
Hierauf wendete ich mich wieder um und ging abwärts bis ich zu der Hecke
und der Einfriedigung der Felder kam bei der ich vorgestern von der Straße
abgebogen hatte Ich konnte mich nicht enthalten noch einmal umzusehen Das
Haus stand jetzt nur mehr weiß da wie ich es öfter bei meinen Wanderungen
gesehen hatte
Ich ging nun auf der Landstraße in meiner Richtung vorwärts
Den ersten Mann welcher mir begegnete fragte ich wem das weiße Haus auf
dem Hügel gehöre und wie es hieße
»Es ist der Aspermeier dem es gehört« antwortete der Mann »Ihr seid ja
gestern selber in dem Asperhofe gewesen und seid mit dem Aspermeier
herumgegangen«
»Aber der Besitzer jenes Hauses ist doch unmöglich ein Meyer« fragte ich
denn mir war wohlbekannt dass man in der Gegend jeden größeren Bauern einen
Meyer nannte
»Er ist anfangs nicht der Aspermeier gewesen« antwortete der Mann »aber er
hat von dem alten Aspermeier den Asperhof gekauft und das Haus hat er gebaut
welches in dem Garten steht und zu dem Asperhof gehört und jetzt ist er der
Aspermeier denn der alte ist längst gestorben«
»Hat er denn nicht auch einen andern Namen« fragte ich
»Nein wir heißen ihn den Aspermeier« antwortete er Ich sah dass der Mann
nichts weiteres von meinem Gastfreunde wisse und sich nicht um denselben
gekümmert habe ich gab daher bei ihm jedes weitere Forschen auf
Es begegneten mir noch mehrere Menschen von denen ich dieselbe Antwort
erhielt Alle kehrten das Verhältnis um und sagten das Haus im Garten gehöre zu
dem Asperhofe Ich beschloss daher vorläufig jedes Forschen zu unterlassen bis
ich zu einem Menschen gekommen sein würde von dem ich berechtigt war eine
bessere Auskunft zu erwarten
Da mir aber der Name Aspermeier und Asperhof nicht gefiel nannte ich das
Haus in welchem ein solcher Rosendienst getrieben wurde in meinem Haupte
vorläufig das Rosenhaus
Es begegnete mir aber niemand den ich noch einmal hätte fragen können
Ich ließ da ich so meines Weges weiter wandelte die Dinge des letzten
Tages in mir vorübergehen Mich freute es dass ich in dem Hause eine so große
Reinlichkeit und Ordnung getroffen hatte wie ich sie bisher nur in dem Hause
meiner Eltern gesehen hatte Ich wiederholte was der alte Mann mir gezeigt und
gesagt hatte und es fiel mir ein wie ich mich viel besser hätte benehmen
können wie ich auf manche Reden bessere Antworten geben und überhaupt viel
bessere Dinge hätte sagen können
In diesen Betrachtungen wurde ich unterbrochen Als ich ungefähr eine Stunde
auf dem Wege gewandert war kam ich an die Ecke des Buchenwaldes von dem wir
vorgestern abends gesprochen hatten der zu den Besitzungen meines Gastfreundes
gehört und in welchem ich einmal eine Gabelbuche gezeichnet hatte Der Weg geht
an dem Walde etwas steiler hinan und biegt um die Ecke desselben herum Da ich
bis zu der Biegung gelangt war kam mir ein Wagen entgegen welcher mit
eingelegtem Radschuhe langsam die Straße herabfuhr Er mochte darum langsamer
als gewöhnlich fahren weil sich diejenigen, welche in ihm saßen Vorsicht zum
Gesetze gemacht haben konnten Es saßen nämlich in dem offenen und des schönen
Wetters willen ganz zurückgelegten Wagen zwei Frauengestalten eine ältere und
eine jüngere Beide hatten Schleier welche von den Hüten über die Schultern
niedergingen Die ältere hatte den Schleier über das Angesicht gezogen welches
aber doch da der Schleier weiß war ein wenig gesehen werden konnte Die
jüngere hatte den Schleier zu beiden Seiten des Angesichts zurückgetan und
zeigte dieses Angesicht der Luft Ich sah sie beide an und zog endlich zu einer
höflichen Begrüßung meinen Hut Sie dankten freundlich und der Wagen fuhr
vorüber Ich dachte mir da der Wagen immer tiefer über den Berg hinabging ob
denn nicht eigentlich das menschliche Angesicht der schönste Gegenstand zum
Zeichnen wäre
Ich sah dem Wagen noch nach bis er durch die Biegung des Weges unsichtbar
geworden war Dann ging ich an dem Waldrande vorwärts und aufwärts
Nach drei Stunden kam ich auf einen Hügel von welchem ich in die Gegend
zurücksehen konnte aus der ich gekommen war Ich sah mit meinem Fernrohre das
ich aus dem Ränzlein genommen hatte deutlich den weißen Punkt des Hauses in
welchem ich die letzten zwei Nächte zugebracht hatte und hinter dem Hause sah
ich die duftigen Berge Wie war nun der Punkt so klein in der großen Welt
Ich kam bald in den Ort in welchem ich da ich bisher nirgends angehalten
hatte mein Mittagsmahl einzunehmen gesonnen war obwohl die Sonne bis zum
Scheitel noch einen kleinen Bogen zurückzulegen hatte
Ich fragte in dem Orte wieder um den Besitzer des weißen Hauses und
beschrieb dasselbe und seine Lage so gut ich konnte Man nannte mir einen Mann
der einmal in hohen Staatsämtern gestanden war man nannte mir aber zwei Namen
den Freiherrn von Risach und einen Herrn Morgan Ich war nun wieder ungewiss wie
vorher
Am andern Tage morgens kam ich in den Gebirgszug welcher das Ziel meiner
Wanderung war und in welchen ich von dem anderen Gebirgszuge durch einen Teil
des flachen Landes überzusiedeln beschlossen hatte Am Mittage kam ich in dem
Gasthofe an den ich mir zur Wohnung ausgewählt hatte Mein Koffer war bereits
da und man sagte mir dass man mich früher erwartet habe Ich erzählte die
Ursache meiner verspäteten Ankunft richtete mich in dem Zimmer das ich mir
bestellt hatte ein und begab mich an die Geschäfte welche in diesem
Gebirgsteile zu betreiben ich mir vorgesetzt hatte
6 Der Besuch
Ich blieb ziemlich lange in meinem neuen Aufentaltsorte Es entwickelte sich
aus den Arbeiten ein Weiteres und Neues und hielt mich fest Ich drang später
noch tiefer in das Gebirgstal ein und begann Dinge die ich mir für diesen
Sommer gar nicht einmal vorgenommen hatte
Im späten Herbste kehrte ich zu den Meinigen zurück Es erging mir auf
dieser Reise wie es mir auf jeder Heimreise ergangen war Als ich das Gebirge
verließ waren die Bergahornblätter und die der Birken und Eschen nicht nur
schon längst abgefallen sondern sie hatten auch bereits ihre schöne gelbe Farbe
verloren und waren schmutzig schwarz geworden was nicht mehr auf die Kinder der
Zweige erinnerte die sie im Sommer gewesen waren sondern auf die befruchtende
Erde die sie im Winter für den neuen Nachwuchs werden sollten die Bewohner der
Bergtäler und der Halden die wohl gelegentlich in jeder Jahreszeit Feuer
machen unterhielten es schon den ganzen Tag in ihrem Ofen um sich zu wärmen
und an heiteren Morgen glänzte der Reif auf den Bergwiesen und hatte bereits
das Grün der Farenkräuter in ein dürres Rostbraun verwandelt da ich aber in die
Ebene gelangt war und die Berge mir am Rande derselben nur mehr wie ein blauer
Saum erschienen und da ich endlich gar auf dem breiten Strome zu unserer
Hauptstadt hinabfuhr umfächelten mich so weiche und warme Lüfte dass ich
meinte ich hätte die Berge zu früh verlassen Es war aber nur der Unterschied
der Himmelsbeschaffenheit in dem Gebirge und in den entfernten Niederungen Als
ich das Schiff verlassen hatte und an den Toren meiner Heimatstadt angekommen
war trugen die Akazien noch ihr Laub warmer Sonnenschein legte sich auf die
Umfassungsmauern und auf die Häuser und schöngekleidete Menschen lustwandelten
in den Stunden des Nachmittages Die liebliche rötliche und dunkelblaue Farbe
der Weintrauben die man an dem Tore und auf dem Platze innerhalb desselben feil
bot brachte mir manchen freundlichen und fröhlichen Herbsttag meiner Kindheit
in Erinnerung
Ich ging die gerade Gasse entlang ich beugte in ein paar Nebenstrassen und
stand endlich vor dem wohlbekannten Vorstadtause mit dem Garten
Da ich die Treppe hinangegangen war da ich die Mutter und die Schwester
gefunden hatte war die erste Frage nach Gesundheit und Wohlbefinden aller
Angehörigen Es war alles im besten Stande die Mutter hatte auch meine Zimmer
ordnen lassen alles war abgestaubt gereinigt und an seinem Platze als hätte
man mich gerade an diesem Tage erwartet
Nach einem kurzen Gespräche mit der Mutter und der Schwester kleidete ich
mich ohne meinen Koffer zu erwarten von meinen zurückgelassenen Kleidern auf
städtische Weise an um in die Stadt zu gehen und den Vater zu begrüßen der
noch auf seiner Handelsstube war Das Gewimmel der Leute in den Gassen das
Herumgehen geputzter Menschen in den Baumgängen des grünen Platzes zwischen der
Stadt und den Vorstädten das Fahren der Wägen und ihr Rollen auf den mit
Steinwürfeln gepflasterten Straßen und endlich als ich in die Stadt kam die
schönen Warenauslagen und das Ansehnliche der Gebäude befremdeten und beengten
mich beinahe als ein Gegensatz zu meinem Landaufentalte aber ich fand mich
nach und nach wieder hinein und es stellte sich als das Langgewohnte und
Allbekannte wieder dar Ich ging nicht zu meinen Freunden an deren Wohnung ich
vorüberkam ich ging nicht in die Buchhandlung in der ich manche Stunde des
Abends zuzubringen gewohnt war und die an meinem Wege lag sondern ich eilte zu
meinem Vater Ich fand ihn an dem Schreibtische und grüßte ihn ehrerbietig und
wurde auch von ihm auf das herzlichste empfangen Nach kurzer Unterredung über
Wohlbefinden und andere allgemeine Dinge sagte er dass ich nach Hause gehen
möchte er habe noch einiges zu tun werde aber bald nachkommen um mit der
Mutter der Schwester und mir den Abend zuzubringen
Ich ging wieder gerades Weges nach Hause Dort machte ich einen Gang durch
den Garten sprach einige liebkosende Worte zu dem Hofhunde der mich mit Heulen
und Freudensprüngen begrüßte und brachte dann noch eine Weile bei der Mutter
und der Schwester zu Hierauf ging ich in alle Zimmer unserer Wohnung besonders
in die mit den alten Geräten den Büchern und Bildern Sie kamen mir beinahe
unscheinbar vor
Nach einiger Zeit kam auch der Vater Es war heute in dem Stübchen in
welchem die alten Waffen hingen und um welches der Efeu rankte zum Abendessen
aufgedeckt worden Man hatte sogar bis gegen Abend die Fenster offen lassen
können Da während meines Ganges in die Stadt mein Koffer und meine Kisten von
dem Schiffe gekommen waren konnte ich die Geschenke welche ich von der Reise
mitgebracht hatte in das Stübchen schaffen lassen für die Mutter einige
seltsame Töpfe und Geschirre für den Vater ein Ammonshorn von besonderer Größe
und Schönheit andere Marmorstücke und eine Uhr aus dem siebenzehnten
Jahrhunderte und für die Schwester das gewöhnliche Edelweiss getrockneten
Enzian ein seidenes Bauertüchlein und silberne Bruskettlein wie man sie in
einigen Teilen des Gebirges trägt Auch was man mir als Geschenke vorbereitet
hatte kam in das Stüblein von der Mutter und Schwester verfertigte Arbeiten
darunter eine Reisetasche von besonderer Schönheit dann sämtliche Arten guter
Bleifedern nach den Abstufungen der Härte in einem Fache geordnet besonders
treffliche Federkiele glattes Papier und von dem Vater ein Gebirgsatlas
dessen ich schon einige Male Erwähnung getan und den er für mich gekauft hatte
Nachdem alles mit Freuden gegeben und empfangen worden war setzte man sich zu
dem Tische an dem wir heute abend nur allein waren wie es nach und nach bei
jeder meiner Zurückkünfte nach einer längeren Abwesenheit der Gebrauch geworden
war Es wurden die Speisen aufgetragen von denen die Mutter vermutete dass sie
mir die liebsten sein könnten Die Vertraulichkeit und die Liebe ohne Falsch
wie man sie in jeder wohlgeordneten Familie findet tat mir nach der längeren
Vereinsamung außerordentlich wohl
Als die ersten Besprechungen über alles was zunächst die Angehörigen
betraf und was man in der jüngsten Zeit erlebt hatte vorüber waren als man
mir den ganzen Gang des Hauswesens während meiner Abwesenheit auseinandergesetzt
hatte musste ich auch von meiner Reise erzählen Ich erklärte ihren Zweck und
sagte wo ich gewesen sei und was ich getan habe ihn zu erreichen Ich
erwähnte auch des alten Mannes und erzählte wie ich zu ihm gekommen sei wie
gut ich von ihm aufgenommen worden sei und was ich dort gesehen habe Ich
sprach die Vermutung aus dass er seiner Sprache nach zu urteilen aus unserer
Stadt sein könnte Mein Vater ging seine Erinnerungen durch konnte aber auf
keinen Mann kommen der dem von mir beschriebenen ähnlich wäre Die Stadt ist
groß meinte er es könnten da viele Leute gelebt haben ohne dass er sie hätte
kennen lernen können Die Schwester meinte vielleicht hätte ich ihn auch der
Umgebung zu Folge in welcher ich ihn gefunden habe schon in einem anderen und
besonderen Lichte gesehen und in solchem dargestellt woraus er schwerer zu
erkennen sei Ich entgegnete dass ich gar nichts gesagt habe als was ich
gesehen hätte und was so deutlich sei dass ich es wenn ich mit Farben besser
umzugehen wüsste sogar malen könnte Man meinte die Zeit werde die Sache wohl
aufklären da er mich auf einen zweiten Besuch eingeladen habe und ich gewiss
nicht anstehen werde denselben abzustatten Dass ich ihn nicht geradezu um
seinen Namen gefragt habe billigten alle meine Angehörigen da er weit mehr
getan nämlich mich aufgenommen und beherbergt habe ohne um meinen Namen oder
um meine Herkunft zu forschen
Der Vater erkundigte sich im Laufe des Gespräches genauer nach manchen
Gegenständen in dem Hause des alten Mannes deren ich Erwähnung getan hatte
besonders fragte er nach den Marmoren nach den alten Geräten nach den
Schnitzarbeiten nach den Bildsäulen nach den Gemälden und den Büchern Die
Marmore konnte ich ihm fast ganz genau beschreiben die alten Geräte beinahe
auch Der Vater geriet über die Beschreibung in Bewunderung und sagte es würde
für ihn eine große Freude sein einmal solche Dinge mit eigenen Augen sehen zu
können Über Schnitzarbeiten konnte ich schon weniger sagen über die Bücher
auch nicht viel und das wenigste beinahe gar nichts über Bildsäulen und
Gemälde Der Vater drang auch nicht darauf und verweilte nicht lange bei diesen
letzteren Gegenständen die Mutter meinte es wäre recht schön wenn er sich
einmal aufmachte eine Reise in das Oberland unternähme und die Sachen bei dem
alten Manne selber ansähe Er sitze jetzt immer wieder zu viel in seiner
Schreibstube er gehe in letzter Zeit auch alle Nachmittage dahin und bleibe oft
bis in die Nacht dort Eine Reise würde sein Leben recht erfrischen und der
alte Mann der den Sohn so freundlich aufgenommen habe würde ihn gewiss herzlich
empfangen und ihm als einem Kenner seine Sammlungen noch viel lieber zeigen als
einem andern Wer weiß ob er nicht gar auf dieser Reise das eine oder andere
Stück für seine Altertumszimmer erwerben könnte Wenn er immer warte bis die
dringendsten Geschäfte vorüber wären und bis er sich mehr auf die jüngeren
Leute in seiner Arbeitsstube verlassen könne so werde er gar nie reisen denn
die Geschäfte seien immer dringend und sein Misstrauen in die Kräfte der
jüngeren Leute wachse immer mehr je älter er werde und je mehr er selber alle
Sachen allein verrichten wolle
Der Vater antwortete er werde nicht nur schon einmal reisen sondern sogar
eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine Handelsgeschäfte weiter
vornehmen
Die Mutter erwiderte dass dies sehr gut sein und dass ihr dieser Tag wie ein
zweiter Brauttag erscheinen werde
Ich musste dem Vater nun auch die einzelnen Holzgattungen angeben aus denen
die verschiedenen Geräte in dem Rosenhause eingelegt seien aus denen die
Fussböden beständen und endlich aus welchen geschnitzt würde Ich tat es so
ziemlich gut denn ich hatte bei der Betrachtung dieser Dinge an meinen Vater
gedacht und hatte mir mehr gemerkt als sonst der Fall gewesen sein würde Ich
musste ihm auch beschreiben in welcher Ordnung diese Hölzer zusammengestellt
seien welche Gestalten sie bildeten und ob in der Zusammenstellung der Linien
und Farben ein schöner Reiz liege Ebenso musste ich ihm auch noch mehr von den
Marmorarten erzählen die in dem Gange und in dem Saale wären und musste
darstellen wie sie verbunden wären welche Gattungen an einander gränzten und
wie sie sich dadurch abhöben Ich nahm häufig ein Stück Papier und die Bleifeder
zur Hand um zu versinnlichen was ich gesehen hätte Er tat auch weitere
Fragen und durch ihre zweckmässige Aufeinanderfolge konnte ich mehr beantworten
als ich mir gemerkt zu haben glaubte
Als es schon spät geworden war mahnte die Mutter zur Ruhe wir trennten uns
von dem Waffenhäuschen und begaben uns zu Bette
Am anderen Tage begann ich meine Wohnung für den Winter einzurichten Ich
packte nach und nach die Sachen welche ich von meiner Reise mitgebracht hatte
aus stellte sie nach gewohnter Art und Weise auf und suchte sie in die
vorhandenen einzureihen Diese Beschäftigung nahm mehrere Tage in Anspruch
Am ersten Sonntage nach meiner Ankunft war ein Bewillkommungsmahl Alle
Leute von dem Handelsgeschäfte meines Vaters waren besonders eingeladen worden
und es wurden bessere Speisen und besserer Wein auf den Tisch gesetzt Auch die
zwei alten Leute die in dem dunkeln Stadtause unsere Wohnungsnachbarn gewesen
waren sind zu diesem Mahle geladen worden weil sie mich sehr lieb hatten und
weil die Frau gesagt hatte dass aus mir einmal große Dinge werden würden Diese
Mahle waren schon seit ein paar Jahren Sitte und die alten Leute waren jedesmal
Gäste dabei
Als ich mit dem Hauptsächlichsten in der Anordnung meiner Zimmer fertig war
besuchte ich auch meine Freunde in der Stadt und brachte wieder manche
Abenddämmerung in der Buchhandlung zu welche mir ein lieber Aufenthalt geworden
war Wenn ich durch die Gassen der Stadt ging war es mir als hätte ich das
was ich von dem alten Manne wusste in einem Märchenbuche gelesen wenn ich aber
wieder nach Hause kam und in die Zimmer mit den altertümlichen Gegenständen und
mit den Bildern ging so war er wieder wirklich und passte hieher als
Vergleichsgegenstand
Die Spuren welche mit einer Ankunft nach einer längeren Reise in einer
Wohnung immer unzertrennlich verbunden sind, namentlich wenn man von dieser
Reise viele Gegenstände mitgebracht hat welche geordnet werden müssen waren
endlich aus meinem Zimmer gewichen meine Bücher standen und lagen zum Gebrauche
bereit und meine Werkzeuge und Zeichnungsgerätschaften waren in der Ordnung
wie ich sie für den Winter bedurfte Dieser Winter war aber auch schon ziemlich
nahe Die letzten schönen Späterbsttage die unserer Stadt so gerne zu Teil
werden waren vorüber und die neblige nasse und kalte Zeit hatte sich
eingestellt
In unserem Hause war während meiner Abwesenheit eine Veränderung
eingetreten Meine Schwester Klotilde welche bisher immer ein Kind gewesen war
war in diesem Sommer plötzlich ein erwachsenes Mädchen geworden Ich selber
hatte mich bei meiner Rückkehr sehr darüber verwundert und sie kam mir beinahe
ein wenig fremd vor
Diese Veränderung brachte für den kommenden Winter auch eine Veränderung in
unser Haus Unser Leben war für die Hauptstadt eines großen Reiches bisher ein
sehr einfaches und beinah ländliches gewesen Der Kreis der Familien mit denen
wir verkehrten hatte keine große Ausdehnung gehabt und auch da hatten sich die
Zusammenkünfte mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im
Garten beschränkt Jetzt wurde es anders Zu Klotilden kamen Freundinnen mit
deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren diese hatten wieder Verwandte und
Bekannte mit denen wir nach und nach in Beziehungen gerieten Es kamen Leute zu
uns es wurde Musik gemacht vorgelesen wir kamen auch zu anderen Leuten wo
man sich ebenfalls mit Musik und ähnlichen Dingen unterhielt Diese Verhältnisse
übten aber auf unser Haus keinen so wesentlichen Einfluss aus dass sie dasselbe
umgestaltet hätten Ich lernte außer den Freunden die ich schon hatte und an
deren Art und Weise ich gewöhnt war noch neue kennen Sie hatten meistens ganz
andere Bestrebungen als ich und schienen mir in den meisten Dingen überlegen zu
sein Sie hielten mich auch für besonders und zwar zuerst darum weil die Art
der Erziehung in unserem Hause eine andere gewesen war als in anderen Häusern
und dann weil ich mich mit anderen Dingen beschäftigte als auf die sie ihre
Wünsche und Begierden richteten Ich vermutete dass sie mich wegen meiner
Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst
Sie erwiesen meiner Schwester große Aufmerksamkeiten und suchten ihr zu
gefallen Die jungen Leute welche in unser Haus kommen durften waren nur
lauter solche deren Eltern zu uns eingeladen waren die wir auch besuchten und
an deren Sitten sich kein Bedenken erhob
Meine Schwester wusste nicht dass ihr die Männer gefallen wollten und sie
achtete nicht darauf Ich aber kam in jenen Tagen wenn mir einfiel dass meine
Schwester einmal einen Gatten haben werde immer auf den nämlichen Gedanken dass
dies kein anderer Mann sein könne als der so wäre wie der Vater
Auch mich zogen diese jungen Männer und andere die nicht eben der Schwester
willen in das Haus kamen öfter in ihre Gespräche sie erzählten mir von ihren
Ansichten Bestrebungen Unterhaltungen und manche vertrauten mir Dinge, welche
sie in ihrem geheimen Inneren dachten So sagte mir einmal einer namens
Preborn welcher der Sohn eines alten Mannes war der ein hohes Amt am Hofe
bekleidete und öfter in unser Haus kam die junge Tarona sei die größte
Schönheit der Stadt sie habe einen Wuchs wie ihn niemand von der halben
Million der Einwohner der Stadt habe wie ihn nie irgend jemand gehabt habe und
wie ihn keine Künstler alter und neuer Zeit darstellen könnten Augen habe sie
welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten schmelzen könnten Er liebe sie
mit solcher Heftigkeit dass er manche Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege
oder in seiner Stube herum wandle Sie lebe nicht hier komme aber öfter in die
Stadt er werde sie mir zeigen und ich müsse ihm als Freund in seiner Lage
beistehen
Ich dachte dass vieles in diesen Worten nicht Ernst sein könne Wenn er das
Mädchen so sehr liebe so hätte er es mir oder einem andern gar nicht sagen
sollen auch wenn wir Freunde gewesen wären Freunde waren wir aber nicht wenn
man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt wir waren es nur wie man es
in der Stadt mit einer Redeweise von Leuten nennt die einander sehr bekannt
sind und mit einander öfter umgehen Und endlich konnte er ja keinen Beistand
von mir erwarten der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert
war und in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand
Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen Leute
außer der Zeit in der wir in Begleitung unserer Eltern zusammenkamen und da
war ebenfalls öfter von Mädchen die Rede Sie sagten wie sie diese oder jene
lieben sich vergeblich nach ihr sehnen oder von ihr Zeichen der Gegenneigung
erhalten hätten Ich dachte das sollten sie nicht sagen und wenn sie eine
mutwillige Bemerkung über die Gestalt oder das Benehmen eines Mädchens
ausdrückten so errötete ich und es war mir als wäre meine Schwester beleidigt
worden
Ich ging nun öfter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten Bau
unseres Erzdomes Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem Rosenhause so
genau und in solcher Menge angesehen hatte waren mir die Bauwerke nicht mehr so
fremd wie früher Ich sah sie gerne an ob sie irgend etwas Ähnliches mit den
Gegenständen hätten die ich in den Zeichnungen gesehen hatte Auf meiner Reise
von dem Rosenhause in das Gebirgstal in welchem ich mich später aufgehalten
hatte und von diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe das mich zur Heimreise
aufnehmen sollte war mir nichts besonders Betrachtenswertes vorgekommen Nur
einige Wegsäulen sehr alter Art erinnerten an die reinen und anspruchlosen
Gestalten wie ich sie bei dem Meister auf dem reinen Papier mit reinen Linien
gesehen hatte Aber in der Nische der einen Wegsäule war statt des Standbildes
das einst darinnen gewesen war und auf welches der Sockel noch hinwies ein
neues Gemälde mit bunten Farben getan worden in der anderen fehlte jede
Gestalt Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorüber die
der Beachtung wert sein mochten aber mein Zweck führte mich in dem Schiffe
weiter An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von Verzierungen Simsen
Bögen Säulen und größeren Teilwerken wie ich sie auf dem Papier im Rosenhause
gesehen hatte Es ergötzte mich in meiner Erinnerung diese Gestalten mit den
gesehenen zu vergleichen und sie gegenseitig abzuschätzen
Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein was der alte Mann in dem
Rosenhause über die Fassung derselben gesagt hatte Es gab Gelegenheit genug
gefasste Edelsteine zu sehen In unzähligen Schaufenstern der Stadt liegen
Schmuckwerke zur Ansicht und zur Verlockung zum Kaufe aus Ich betrachtete sie
überall wo sie mir auf meinem Wege aufstiessen und ich musste denken dass der
alte Mann recht habe Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen Rosen Sternen
Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenständen wie ich sie
im Rosenhause gesehen hatte vergegenwärtigte so waren sie viel leichter
zarter und ich möchte den Ausdruck gebrauchen inniger als diese Sachen hier
und waren doch nur Teile von Bauwerken während diese Schmuck sein sollten Mir
kam wirklich vor dass sie wie er gesagt hatte unbeholfen in Gold und
unbeholfen in den Edelsteinen seien Nur bei einigen Verkaufsorten die als die
vorzüglichsten galten fand ich eine Ausnahme Ich sah dass dort die Fassungen
sehr einfach waren ja dass man wenn die Edelsteine einmal eine größere Gestalt
und einen höheren Wert annahmen schier gar keine Fassung mehr machte sondern
nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten anwendete als unumgänglich nötig
schien die Dinge nehmen und an dem menschlichen Körper befestigen zu können
Mir schien dieses schon besser weil hier die Edelsteine allein den Wert und die
Schönheit darstellen sollten Ich dachte aber in meinem Herzen dass die
Edelsteine wie schön sie auch seien doch nur Stoffe wären und dass es viel
vorzüglicher sein müsste wenn man sie ohne dass ihre Schönheit einer Eintrag
erhielte doch auch mit einer Gestalt umgäbe welche außer der Lieblichkeit des
Stoffes auch den Geist des Menschen sehen ließe der hier tätig war und an dem
man Freude haben könnte Ich nahm mir vor wenn ich wieder zu meinem alten
Gastfreunde käme mit ihm über die Sache zu reden Ich sah dass ich in dem
Rosenhause etwas Erspriessliches gelernt hatte
Ich wurde bei jener Gelegenheit zufällig mit dem Sohne eines Schmuckhändlers
bekannt welcher als der vorzüglichste in der Stadt galt Er zeigte mir öfter
die wertvolleren Gegenstände die sie in dem Verkaufsgewölbe hatten die aber
nie in einem Schaufenster lagen er erklärte mir dieselben und machte mich auf
die Merkmale aufmerksam an denen man die Schönheit der Edelsteine erkennen
könne Ich getraute mir nie meine Ansichten über die Fassung derselben
darzulegen Er versprach mir mich näher in die Kenntnis der Edelsteine
einzuführen und ich nahm es recht gerne an
Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewöhnt war so
ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum oder ich machte einen
Weg in den Umgebungen derselben Das Zuträgliche der starken Gebirgsluft
ersetzte mir hier die Herbstluft die immer rauer wurde und ich ging ihr sehr
gerne entgegen wenn sie mit Nebeln gefüllt oder hart von den Bergen her wehte
die gegen Westen die Umgebungen unserer Stadt säumten
Ich fing auch in jener Zeit an das Theater zuweilen zu besuchen Der Vater
hatte so lange wir Kinder waren nie erlaubt dass wir ein Schauspiel zu sehen
bekämen Er sagte es würde dadurch die Einbildungskraft der Kinder überreizt
und überstürzt sie behingen sich mit allerlei willkürlichen Gefühlen und
gerieten dann in Begierden oder gar Leidenschaften Da wir mehr herangewachsen
waren was bei mir schon seit längerer Zeit bei der Schwester aber kaum seit
einem Jahre der Fall war durften wir zu seltenen Zeiten das Hofteater
besuchen Der Vater wählte zu diesen Besuchen jene Stücke aus von denen er
glaubte dass sie uns angemessen wären und unser Wesen förderten In die Oper
oder gar in das Ballet durften wir nie gehen eben so wenig durften wir ein
Vorstadtteater besuchen Wir sahen auch die Aufführung eines Schauspiels nie
anders als in Gesellschaft unserer Eltern Seit ich selbstständig gestellt war
hatte ich auch die Freiheit nach eigener Wahl die Schauspielhäuser zu besuchen
Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte hatte ich nach
dieser Richtung hin keinen mächtigen Zug Aus Gewohnheit ging ich manchmal in
eines von den nämlichen Stücken die ich schon mit den Eltern gesehen hatte In
diesem Herbste wurde es anders Ich wählte zuweilen selber ein Stück aus dessen
Aufführung im Hofteater ich sehen wollte
Es lebte damals an der Hofbühne ein Künstler von dem der Ruf sagte dass er
in der Darstellung des Königs Lear von Shakespeare das Höchste leiste was ein
Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande sei Die Hofbühne stand auch
in dem Rufe der Musteranstalt für ganz Deutschland Es wurde daher behauptet
dass es in deutscher Sprache auf keiner deutschen Bühne etwas gäbe was jener
Darstellung gleich käme und ein großer Kenner von Schauspieldarstellungen sagte
in seinem Buche über diese Dinge von dem Darsteller des Königs Lear auf unserer
Hofbühne dass es unmöglich wäre dass er diese Handlung so darstellen könnte wie
er sie darstellte wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren Lichtes in ihm lebte
wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit unübertrefflicher Weisheit
ausgestattet worden ist.
Ich beschloss daher da ich diese Umstände erfahren hatte der nächsten
Vorstellung des Königs Lear auf unserer Hofbühne beizuwohnen
Eines Tages war in den Zeitungen die täglich zu dem Frühmahle des Vaters
kamen für die Hofbahne die Aufführung des König Lear angekündigt und als
Darsteller des Lear der Mann genannt von dem ich gesprochen habe und der jetzt
schon dem Greisenalter entgegen geht Die Jahreszeit war bereits in den Winter
hinein vorgerückt Ich richtete meine Geschäfte so ein dass ich in der Abendzeit
den Weg zu dem Hofteater einschlagen konnte Da ich gerne das Treiben der Stadt
ansehen wollte wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge untersuchte ging
ich früher fort um langsam den Weg zwischen der Vorstadt und der Stadt zurück
zu legen Ich hatte einen einfachen Anzug angelegt wie ich ihn gerne auf
Spaziergängen hatte und eine Kappe genommen die ich bei meinen Reisen trug Es
fiel ein feiner Regen nieder obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war
Der Regen war mir nicht unangenehm sondern eher willkommen wenn er mir auch
auf meinen Anzug fiel an dem nicht viel zu verderben war Ich schritt seinem
Rieseln mit Gemessenheit entgegen Der Weg zwischen den Bäumen auf dem freien
Raume vor der Stadt war durch das Eis welches sich bildete gleichsam mit Glas
Überzogen und die Leute welche vor und neben mir gingen glitten häufig aus
Ich war an schwierige Wege gewöhnt und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne
Beschwerde fort Die Zweige der Bäume glänzten in der Nachbarschaft der
brennenden Laternen sonst war es Überall finstere Nacht und der ganze Raum und
die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen Als ich von dem
Gehwege in die Fahrstrasse einbog rasselten viele Wägen an mir vorüber und die
Pferde zerstampften und die Räder zerschnitten die sich bildende Eisdecke Die
meisten von ihnen wenn auch nicht alle fahren in das Theater Mir kam es
beinahe sonderbar vor dass sie und ich selber in diesem unfreundlichen Wetter
einem Raume zustrebten in welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird
So kam ich in die erleuchtete Überwölbung in der die Wägen hielten ich wendete
mich von ihr in den Eingang kaufte meine Karte steckte meine Kappe in die
Tasche meines Überrockes gab diesen in das Kleiderzimmer und trat in den
hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales
Ich hatte von meinem Vater die Gewohnheit angenommen nie von oben herab
oder von großer Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen weil man
die Menschen welche die Handlung darstellen in ihrer gewöhnlichen Stellung
nicht auf die obere Fläche ihres Kopfes oder ihrer Schultern sehen soll und
weil man ihre Mienen und Gebärden soll betrachten können Ich blieb daher
ungefähr am Ende des ersten Dritteiles der Länge des Raumes stehen und wartete
bis sich der Saal füllen würde und die Glocke zum Beginne des Stückes tönte
Sowohl die gewöhnlichen Sitze als auch die Logen füllten sich sehr stark mit
geputzten Leuten wie es Sitte war und wahrscheinlich von dem Rufe des Stückes
und des Schauspielers angezogen strömte heute eine weit größere und gemischtere
Menge wie man bei dem ersten Blicke erkennen konnte in diese Räume Männer
die neben mir standen sprachen dieses aus und in der Tat war in der
Versammlung manche Gestalt zu sehen die von den entferntesten Teilen der
Vorstädte gekommen sein musste Die meisten da endlich gleichsam Haupt an Haupt
war blickten neugierig nach dem Vorhange der Bühne Es war damals nicht meine
Gewohnheit und ist es jetzt auch noch nicht in überfüllten Räumen die Menge
der Menschen die Kleider den Putz die Lichter die Angesichter und
dergleichen zu betrachten Ich stand also ruhig bis die Musik begann und
endete bis sich der Vorhang hob und das Stück den Anfang nahm
Der König trat ein und war wie er später von sich sagte jeder Zoll ein
König Aber er war auch ein übereilender und bedaurungswürdiger Tor Regan
Goneril und Kordelia redeten wie sie nach ihrem Gemüte reden mussten auch Kent
redete so wie er nicht anders konnte Der König empfing die Reden wie er nach
seinem heftigen leichtsinnigen und doch liebenswürdigen Gemüte ebenfalls musste
Er verbannte die einfache Kordelia die ihre Antwort nicht schmücken konnte der
er desto heftiger zürnte da sie früher sein Liebling gewesen war und gab sein
Reich den beiden anderen Töchtern Regan und Goneril die ihm auf seine Frage
wer ihn am meisten liebe mit übertriebenen Ausdrücken schmeichelten und ihm
dadurch wenn er der Betrachtung fähig gewesen wäre schon die Unächteit ihrer
Liebe dartaten was auch die edle Kordelia mit solchem Abscheu erfüllte dass sie
auf die Frage wie sie den Vater liebe weniger zu antworten wusste als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit wo das Herz sich freiwillig öffnete gesagt
hätte Gegen Kent der Kordelia verteidigen wollte watete er und verbannte ihn
ebenfalls und so sieht man bei dieser heftigen und kindischen Gemütsart des
Königs üblen Dingen entgegen
Ich kannte dieses Schauspiel nicht und war bald von dem Gange der Handlung
eingenommen
Der König wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei der
einen Tochter um im zweiten dann bei der anderen zu sein und so abwechselnd
fortzufahren wies es bedungen war Die Folgen dieser schwachen Maßregel zeigten
sich auch im Lande In dem hohen Hause Glosters empört sich ein unehelicher Sohn
gegen den Vater und den rechtmäßigen Bruder und ruft unnatürliche Dinge in die
Welt da auch in des Königs Hause unnatürliche und unzweckmässige Dinge
geschahen In dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt
eingepflanzten zweiten Hofhaltung des Königs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstände und Widrigkeiten und die Entgegnungen der Tochter gegen das Tun des
Königs und seines Gefolges sind sehr begreiflich aber fast unheimlich Beinahe
herzzerreissend ist nun die treuherzige fast blöde Zuversicht des Königs womit
er die eine Tochter die mit schnöden Worten seinen Handlungen entgegen getreten
war verlässt um zu der anderen, sanfteren zu gehen die ihn mit noch härterem
Urteile abweist Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen er selber findet
keine Aufnahme weil man nicht vorbereitet ist weil man die andere Schwester
erwartet die man aufnehmen muss man rät dem König zu der verlassenen Tochter
zurückzukehren und sich ihren Maßregeln zu fügen Bei dem Könige war vorher
blindes Vertrauen in die Töchter Übereilung im Urteile gegen Kordelia
Leichtsinn in Vergebung der Würden jetzt entsteht Reue Scham Wut und Raserei
Er will nicht zu der Tochter zurückkehren eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Heide hinaus die gegen ihn wüten dürfen denen er ja nichts
geschenkt hat Er tritt in die Wüste bei Nacht Sturm und Ungewitter der Greis
gibt die weißen Haare den Winden preis da er auf der Heide vorschreitet von
niemanden begleitet als von dem Narren er wirft den Mantel in die Luft und da
er sich in Ausdrücken erschöpft hat weiß er nichts mehr als die Worte Lear
Lear Lear aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene
Geschichte und liegen seine ganzen gegenwärtigen Gefühle Er wirft sich später
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst Narr Narr ich werde rasend ich
möchte nicht rasend werden nur nicht toll Da er die drei letzten Worte milder
sagte gleichsam bittend so flossen mir die Tränen über die Wangen herab ich
vergaß die Menschen herum und glaubte die Handlung als eben geschehend Ich
stand und sah unverwandt auf die Bühne Der König wird nun wirklich toll er
kränzt sich in den Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen schwärmt auf den
Hügeln und Haiden und hält mit Bettlern einen hohen Gerichtshof Es ist
indessen schon Botschaft an seine Tochter Kordelia getan worden dass Regan und
Goneril den Vater schnöd behandeln Diese war mit Heeresmacht gekommen um ihn
zu retten Man hatte ihn auf der Heide gefunden und er liegt nun im Zelte
Kordelias und schläft Während der letzten Zeit ist er in sich zusammengesunken
er ist während wir ihn so vor uns sahen immer älter ja gleichsam kleiner
geworden Er hatte lange geschlafen der Arzt glaubt dass der Zustand der
Geisteszerrüttung nur in der übermannenden Heftigkeit der Gefühle gelegen war
und dass sich sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder
stimmen werde Der König erwacht endlich blickt die Frau an hat nicht den Mut
die vor ihm stehende Kordelia als solche zu erkennen und sagt im Misstrauen auf
seinen Geist mit Verschämteit er halte diese fremde Frau für sein Kind
Kordelia Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt
gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet knieend und händefaltend
sein eigenes Kind stumm um Vergebung Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam
zermalmt ich wusste mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen Das hatte ich nicht
geahnt von einem Schauspiele war schon längst keine Rede mehr das war die
wirklichste Wirklichkeit vor mir Der günstige Ausgang welchen man den
Aufführungen dieses Stückes in jener Zeit gab um die fürchterlichen Gefühle
die diese Begebenheit erregt zu mildern tat auf mich keine Wirkung mehr mein
Herz sagte dass das nicht möglich sei und ich wusste beinahe nicht mehr was vor
mir und um mich vorging Als ich mich ein wenig erholt hatte tat ich fast scheu
einen Blick auf meine Umgebung gleichsam um mich zu überzeugen ob man mich
beobachtet habe Ich sah dass alle Angesichter auf die Bühne blickten und dass
sie in starker Erregung gleichsam auf den Schauplatz hingeheftet seien Nur in
einer ebenerdigen Loge sehr nahe bei mir saß ein Mädchen welches nicht auf die
Darstellung merkte sie war schneebleich und die Ihrigen waren um sie
beschäftigt Sie kam mir unbeschreiblich schön vor Das Angesicht war von Tränen
übergossen und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie Da die bei ihr
Anwesenden sich um und vor sie stellten gleichsam um sie vor der Betrachtung zu
decken empfand ich mein Unrecht und wendete die Augen weg
Das Stück war indessen aus geworden und um mich entstand die Unruhe die
immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist Ich nahm mein
Taschentuch heraus wischte mir die Stirne und die Augen ab und richtete mich
zum Fortgehen Ich ging in das Kleiderzimmer holte mir meinen Überrock und zog
ihn an Als ich in den Vorsaal kam war dort ein sehr starkes Gedränge und da
er mehrere Ausgänge hatte wogten die Menschen vielfach hin und her Ich gab
mich einem größeren Zuge hin der langsam bei dem Hauptausgange ausmündete
Plötzlich war es mir als ob sich meinen Blicken die auf den Ausgang gerichtet
waren ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrängte Ich zog sie zurück und in
der Tat hatte ich zwei große schöne Augen den meinigen gegenüber und das
Angesicht des Mädchens aus der ebenerdigen Loge war ganz nahe an dem meinigen
Ich blickte sie fest an und es war mir als ob sie mich freundlich ansähe und
mir lieblich zulächelte Aber in dem Augenblicke war sie vorüber Sie war mit
einem Menschenstrome aus dem Logengange gekommen dieser Strom hatte unseren Zug
gekreuzt und strebte bei einem Seitengange hinaus Ich sah sie nur noch von
rückwärts und sah dass sie in einen schwarzseidenen Mantel gehüllt war Ich war
endlich auch bei dem Hauptausgange hinausgekommen Dort zog ich erst meine Kappe
aus der Tasche des Überrockes setzte sie auf und blieb noch einen Augenblick
stehen und sah den abfahrenden Wägen nach die ihre roten Laternenlichter in
die trübe Nacht hinaustrugen Es regnete noch viel dichter als bei meinem
Hereingehen Ich schlug den Weg nach Hause ein Ich gelangte aus den fahrenden
Wägen ich gelangte aus dem größeren Strome der Menschen und bog in den
vereinsamteren Weg ein der im Freien durch die Reihen der Bäume der Vorstadt
zuführte Ich schritt neben den düsteren Laternen vorbei kam wieder in die
Gassen der Vorstadt durchging sie und war endlich in dem Hause meiner Eltern
Es war beinahe Mitternacht geworden Die Mutter welche es sich bei solchen
Gelegenheiten nicht nehmen lässt besonders auf die Gesundheit der Ihrigen
bedacht zu sein war noch angekleidet und wartete meiner im Speisezimmer Die
Magd welche mir die Wohnung geöffnet hatte sagte mir dieses und wies mich
dahin Die Mutter hatte noch ein Abendessen für mich in Bereitschaft und
wollte dass ich es einnehme Ich sagte ihr aber dass ich noch zu sehr mit dem
Schauspiele beschäftigt sei und nichts essen könne Sie wurde besorgt und
sprach von Arznei Ich erwiderte ihr dass ich sehr wohl sei und dass mir gar
nichts als Ruhe not tue
»Nun wenn dir Ruhe not tut so ruhe« sagte sie »ich will dich nicht
zwingen ich habe es gut gemeint«
»Gut gemeint wie immer teure Mutter« antwortete ich »darum danke ich
auch«
Ich ergriff ihre Hand und küsste sie Wir wünschten uns gegenseitig eine gute
Nacht nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer
Ich entkleidete mich legte mich auf mein Bett löschte die Lichter aus und
ließ mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen Es war schon beinahe gegen
Morgen als ich einschlief
Das erste was ich am andern Tage tat war dass ich der Vater um die Werke
Shakespeares aus seiner Büchersammlung bat und sie da ich sie hatte in meinem
Zimmer zur Lesung für diesen Winter zurecht legte Ich übte mich wieder im
Englischen damit ich sie nicht in einer Übersetzung lesen müsse
Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gast freunde Abschied
genommen hatte und an dem Saum seines Waldes auf der Landstraße dahin ging
waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet Damals hatte ich
gedacht dass das menschliche Angesicht de beste Gegenstand für das Zeichnen sein
dürfte Diese Gedanke fiel mir wieder ein und ich suchte mir Kennt nisse über
das menschliche Antlitz zu verschaffen Ich ging in die kaiserliche
Bildersammlung und betrachtet dort alle schönen Mädchenköpfe welche ich
abgemalt fand Ich ging öfter hin und betrachtete die Köpfe Abe auch von
lebenden Mädchen mit denen ich zusammen traf sah ich die Angesichter an ja
ich ging an trockene Wintertagen auf öffentliche Spaziergänge und sah die
Angesichter der Mädchen an die ich traf Aber unter alle Köpfen sowohl den
gemalten als auch den wirklicher war kein einziger der ein Angesicht gehabt
hätte welches sich an Schönheit nur entfernt mit dem hätte vergleichen können
welches ich an dem Mädchen in der Loge gesehen hatte Dieses eine wusste ich
obwohl ich mir das Angesicht eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte und
obwohl ich es wenn ich es wieder gesehen hätte nicht erkannt hätte Ich hatte
es in einer Ausnahmsstellung gesehen und im ruhigen Leben musste e gewiss ganz
anders sein
Mein Vater hatte ein Bild auf welchem ein lesendes Kind gemalt war Es
hatte eine so einfache Miene nichts war in derselben als die Aufmerksamkeit des
Lesens man sah auch nur die eine Seite des Angesichtes und doch war alles so
hold Ich versuchte das Angesicht zu zeichnen allein ich vermochte durchaus
nicht die einfachen Züge von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war
sondern durch das Lid beschattet wurde auch nur entfernt mit Linien wieder zu
geben Ich durfte mir das Bild herabnehmen ich durfte ihm eine Stellung geben
wie ich wollte um die Nachahmung zu versuchen sie gelang nicht wenn ich auch
alle meine Fertigkeit die ich im Zeichnen anderer Gegenstände bereits hatte
darauf anwendete Der Vater sagte mir endlich dass die Wirkung dieses Bildes
vorzüglich in der Zartheit der Farbe liege und dass es daher nicht möglich sei
dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen Er machte mich überhaupt da er meine
Bestrebungen sah mehr mit den Eigenschaften der Farben bekannt und ich suchte
mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und zu üben
Sonderbar war es dass ich nie auf den Gedanken kam meine Schwester zu
betrachten ob ihre Züge zum Nachzeichnen geeignet wären oder den Wunsch hegte
ihr Angesicht zu zeichnen obgleich es in meinen Augen nach dem des Mädchens in
der Loge das schönste auf der Welt war Ich hatte nie den Mut dazu Oft kam mir
auch jetzt noch der Gedanke so schön und rein wie Klotilde könne doch nichts
mehr auf der Erde sein aber da fielen mir die Züge des weinenden Mädchens ein
das die Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten und von dem ich mir einbildete
dass es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe und ich musste
sie vorziehen Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen aber es schwebte mir
ein unbestimmtes dunkles Bild von Schönheit vor der Seele Die Freundinnen
meiner Schwester oder andere Mädchen mit denen ich gelegentlich zusammen kam
hatten manche liebe angenehme Eigenschaften in ihrem Angesichte ich
betrachtete sie und dachte mir wie dieses oder jenes zu zeichnen wäre aber
ich mochte sie ebenfalls nie ersuchen und so kam ich nicht dazu ein lebendes
vor mir befindliches Angesicht zu zeichnen Ich wiederholte also die Züge in der
Erinnerung oder zeichnete nach Gemälden Man machte mich endlich auch darauf
aufmerksam dass ich immer Mädchenköpfe entwerfe Ich war beschämt und begann
später Männer Greise Frauen ja auch andere Teile des Körpers zu zeichnen so
weit ich sie in Vorlagen oder Gipsabgüssen bekommen konnte
Trotz dieser Bestrebungen welchen nach dem Grundsatze unsers Hauses kein
Hindernis in den Weg gelegt wurde vernachlässigte ich meine Hauptbeschäftigung
doch nicht Es tat mir sehr wohl zu Hause unter meinen Sammlungen herum zu
gehen ich dachte oft an die Worte des alten Mannes in dem Rosenhause und im
Gegensatze zu den Festen zu denen ich geladen war oder selbst zu Spaziergängen
und Geschäftsbesuchen war mir meine Wohnung wie eine holde bedeutungsvolle
Einsamkeit die mir noch lieber wurde weil ihre Fenster auf Gärten und wenig
geräuschvolle Gegenden hinausgingen
Die Heiterkeiten wurden in der Stadt immer größer je näher der Winter
seinem Ende zuging und ich hatte in dieser Hinsicht und oft auch in anderer
mehr Ursache und Pflicht zu dieser oder jener Familie einen Gang zu tun
Bei einer solchen Gelegenheit ereignete sich mit mir ein Vorfall der mich
nach dem Betwohnen bei der Aufführung des Lear in jenem Winter am meisten
beschäftigte
Wir waren seit Jahren mit einer Familie sehr befreundet welche in der
Hofburg wohnte Es war die Witwe und Tochter eines berühmten Mannes der einmal
in großem Ansehen gestanden war Da der Vater ein bedeutendes Hofamt bekleidet
hatte wurde die Tochter nach seinem Tode auch ein Hoffräulein weshalb sie mit
der Mutter in der Burg wohnte Von den Söhnen war einer in der Armee der andere
bei einer Gesandtschaft Wenn das Fräulein nicht eben im Dienste war wurde
zuweilen abends ein kleiner Kreis zur Mutter geladen in welchem etwas
vorgelesen gesprochen oder Musik gemacht wurde Da die Mutter etwas älter
wurde spielte man sogar zuweilen Karten Wir waren öfter an solchen Abenden bei
dieser Familie In jenem Winter hatte ich ein Buch welches mir von der Mutter
des Hoffräuleins war geliehen worden länger behalten als es eigentlich die
Höflichkeit erlaubte Deshalb ging ich eines Mittags hin um das Buch persönlich
zu überbringen und mich zu entschuldigen Als ich von dem äußeren Burgplatze
durch das hohe Gewölbe des Gehweges in den inneren gekommen war fuhren eben aus
dem Hofe zu meiner Rechten mehrere Wägen heraus die meinen Weg kreuzten und
mich zwangen eine Weile stehen zu bleiben Es standen noch mehrere Menschen
neben mir und ich fragte was diese Wägen bedeuteten
»Es sind Glückwünsche welche dem Kaiser nach seiner Wiedergenesung von
großen Herren abgestattet worden sind, und welche er eben angenommen hatte«
sagte ein Mann neben mir
Der letzte der Wägen war mit zwei Rappen bespannt und in ihm saß ein
einzelner Mann Er hatte den Hut neben sich liegen und trug die weißen Haare
frei in der winterlichen Luft Der Überrock war ein wenig offen und unter ihm
waren Ordenssterne sichtbar Als der Wagen bei mir vorüberfuhr sah ich
deutlich dass mein alter Gastfreund der mich in dem Rosenhause so wohlwollend
aufgenommen hatte in demselben sitze Er fuhr schnell vorbei wie es bei Wägen
dieser Art Sitte ist und schlug die Richtung nach der Stadt ein Er fuhr bei
dem Tore aus der Burg an welchem die zwei Riesen als Simsträger angebracht
sind Ich wollte jemand von meinen Nachbaren fragen wer der Mann sei aber da
von den Wägen welche die Fußgänger aufgehalten hatten der seinige der letzte
gewesen und der Weg sodann frei war so waren alle Nachbaren bereits ihrer Wege
gegangen und diejenigen, welche jetzt neben mir waren hatten die Wägen nicht
in der Nähe gesehen
Ich ging daher über den Hof und stieg über die sogenannte
Reichskanzleitreppe empor
Ich traf die alte Frau allein übergab ihr das Buch und sagte meine
Entschuldigungen
Im Verlaufe des Gespräches erwähnte ich des Mannes den ich in dem Wagen
gesehen hatte und fragte ob sie nicht wisse wer er sei Sie wusste von gar
nichts
»Ich habe nicht bei den Fenstern hinabgeschaut« sagte sie »es geht vieles
auf dem großen Hofe vor ich achte nicht darauf Ich habe gar nicht gewusst dass
bei dem Kaiser eine Vorfahrt gewesen ist er war vorgestern noch nicht ganz
gesund Da mein Mann noch lebte haben wir immer die Aussicht auf den großen
Platz der Hofburg gehabt und wie bedeutende Dinge da auch vorgehen so
wiederholen sich doch immer die nämlichen wenn man viele Jahre zuschaut und
endlich schaut man gar nicht mehr zu und hat herinnen ein Buch oder sein
Strickzeug wenn draußen in das Gewehr gerufen wird oder Reiter zu hören sind
oder Wagen rollen«
»Wer ist denn von denen die in der Aufwartung bei dem Kaiser wegfuhren in
dem letzten Wagen gesessen Henriette« fragte sie ihre eben eintretende
Tochter das Hoffräulein
»Das ist der alte Risach gewesen« antwortete diese »er ist eigens
hereingekommen um sich Seiner Majestät vorzustellen und seine Freude über
dessen Wiedergenesung auszudrücken«
Ich hatte in meiner Jugend öfter den Namen Risach nennen gehört allein ich
hatte damals so wenig darauf geachtet was ein Mann dessen Namen ich hörte
tue dass ich jetzt gar nicht wusste wer dieser Risach sei Ich fragte daher mit
jener Rücksicht die man bei solchen Fragen immer beobachtet und erfuhr dass
der Freiherr von Risach zwar nicht die höchsten Staatswürden bekleidet habe dass
er aber in der wichtigen und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden
Kaisers in den belangreichsten Dingen tätig gewesen sei dass er mit den Männern
welche die Angelegenheiten Europas leiteten an der Schlichtung dieser
Angelegenheiten gearbeitet habe dass er von fremden Herrschern geschätzt worden
sei dass man gemeint habe er werde einmal an die Spitze gelangen dass er aber
dann ausgetreten sei Er lebe meistens auf dem Lande komme aber öfter herein
und besuche diesen oder jenen seiner Freunde Der Kaiser achte ihn sehr und es
dürfte noch jetzt vorkommen dass hie und da nach seinem Rate gefragt werde Er
soll reich geheiratet aber seine Frau wieder verloren haben Überhaupt wisse
man diese Verhältnisse nicht genau
Alles dieses hatte mir das Hoffräulein gesagt
»Siehst du meine liebe Henriette« sprach die alte Frau »wie sich die
Dinge in der Welt verändern Du weißt es noch nicht weil du noch jung bist und
weil du nichts erfahren hast Das Niedrige wird hoch das Hohe wird niedrig
eines wird so das andere wird anders und ein drittes bleibt bestehen Dieser
Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen Da uns der Vater noch zuweilen in
dem alten Doktorwagen den er hatte und der dunkelgrün und schwarz angestrichen
war spazieren fahren ließ ist er nicht einmal sondern oft auf dem Kutschbocke
gesessen oder er ist gar wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht
sehen konnten hinten aufgestanden wie ein Leibdiener denn der Wagen des Vaters
hat ein Dienerbrett gehabt Wir waren kaum anders als Kinder er war ein junger
Student der wenig Bekanntschaft hatte dessen Herkunft man nicht wusste und um
den man auch nicht fragte Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren
sprang er mit den Brüdern auf den hölzernen Esel oder sie jagten die Hunde in
das Wasser oder setzten unsere Schaukel in Bewegung Er brachte deinen Vater zu
meinen Brüdern als Kameraden in das Haus Man wusste damals kaum wer schöner
gewesen sei Risach oder dein Vater Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger
gesehen ich weiß nicht warum es vergingen manche Jahre und ich trat mit
deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe Die Brüder waren als Staatsdiener
zerstreut die Eltern waren endlich tot von Risach wurde oft gesprochen aber
wir kamen wenig zusammen Der Vater begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst
dann als Risach schon ausgetreten war Da sitze ich jetzt nun wieder aber in
einem anderen Teile der Burg dein Vater hat die Erde verlassen müssen du bist
nicht einmal mehr ein Kind dienst deiner hohen gütigen Herrin und da von
Risach die Rede war meinte ich es seien kaum einige Jahre vergangen seit er
die Schaukel in unserem Garten bewegt hat«
Ich fragte ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe
Man sagte mir dass er dort eine habe
Ich wollte nicht weiter fragen um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr
in diesem Sommer machen zu müssen
Als ich aber nach Hause gekommen war erzählte ich die heutige Begegnung
meinen Angehörigen bei dem Mittagsessen Der Vater kannte den Freiherrn von
Risach sehr gut Er war in früherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen
hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen Als Anhaltspunkte dass mein
Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei dienten dass
ich ihn wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit
getäuscht hat selber gesehen habe dass er im Oberlande eine Besitzung hat dass
er wohlhabend sei was mein Beherberger sein müsse und dass er hohe Geistesgaben
besitze die mein Beherberger auch zu haben scheine Man beschloss in dieser
Sache nicht weiter zu forschen da mein Beherberger mir seinen Namen nicht
freiwillig genannt habe und die Dinge so zu belassen wie sie seien
Außer diesen zwei Begebenheiten die wenigstens für mich von Bedeutung
waren ereignete sich nichts in jenem Winter was meine Aufmerksamkeit besonders
in Anspruch genommen hätte Ich war viel beschäftigt musste oft Stunden der
Nacht zu Hilfe nehmen und so ging mir der Winter weit schneller vorüber als es
in früheren Jahren der Fall gewesen war Im allgemeinen aber befriedigten mich
besonders die Hilfsmittel die eine große Stadt zur Ausbildung gibt und die man
sonst nicht leicht findet
Als die Täge schon länger wurden als die eigentliche Stadtlust schon
aufgehört hatte und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen fragte ich eines
Tages Preborn weshalb er mir denn die Gräfin Tarona nicht gezeigt habe die er
so liebe die so schön sein soll und zu deren Gewinnung er meinen Beistand
angerufen habe
»Erstens ist sie keine Gräfin« antwortete er mir »ich weiß nicht genau
ihren Stand ihr Vater ist tot und sie lebt in der Gesellschaft einer reichen
Mutter aber das weiß ich dass sie nicht von Adel ist was mir sehr zusagt da
ich es auch nicht bin und zweitens ist sie und ihre Mutter in diesem Winter
nicht in die Stadt gekommen Das ist die Ursache, dass ich sie dir nicht zeigen
konnte und dass du Gelegenheit fandest einen Spott gegen mich zu richten Du
musst sie aber vorerst sehen Alle denen heuer Schönheiten gesagt worden sind,
alle die man gerühmt hat alle die geblendet haben sind nichts ja sie sind
noch weniger als nichts gegen sie«
Ich antwortete ihm dass ich nicht spotten sondern die Sache einfach habe
sagen wollen
Wie sich der Frühling immer mehr näherte rüstete ich mich zu meiner Reise
Ich wollte heuer früher reisen weil ich mir vorgenommen hatte ehe ich in die
Berge ginge einen Besuch in dem Rosenhause zu machen Mit jedem Jahre wurden
meine Zurüstungen weitläufiger weil ich in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte
und meine Entwürfe weiter hinaus gingen Heuer hatte ich auch beschlossen
umfassendere Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen Wie es mit jeder
Gewohnheit ist war es auch bei mir Wenn ich mich in jedem Herbste nach der
Häuslichkeit zurück sehnte war es mir in jedem Frühlinge wie einem Zugvogel
der in jene Gegenden zurückkehren muss die er in dem Herbste verlassen hatte
Als sich im März in der Stadt schon recht liebliche Täge einstellten welche
die Menschen in das Freie und auf die Wälle lockten war ich mit meinen
Vorbereitungen fertig und nachdem ich von den Meinigen den gewöhnlichen
herzlichen Abschied genommen hatte reiste ich eines Morgens ab
Mir war damals sowie jetzt noch jedes Fortfahren von den Angehörigen in der
Nacht sowie das Antreten irgend einer Reise in der Nacht sehr zuwider Die Post
ging aber damals in das Oberland erst abends ab darum fuhr ich lieber in einem
Mietwagen Die Landhäuser außer der Stadt welche reichen Bewohnern derselben
gehörten waren noch im Winterschlafe Sie waren teilweise in ihren Umhüllungen
mit Stroh oder mit Brettern befangen was einen großen Gegensatz zu dem heiteren
Himmel und zu den Lerchen machte welche schon überall sangen Ich fuhr nur
durch die Ebene Da ich in den Bereich der Hügel gelangte verließ ich den Wagen
und setzte meinen Weg nach meiner gewöhnlichen Art in kurzen Fussreisen fort
Ich betrachtete wieder überall die Bauwerke wo sie mir als betrachtenswert
aufstiessen Ich habe einmal irgendwo gelesen dass der Mensch leichter und klarer
zur Kenntnis und zur Liebe der Gegenstände gelangt wenn er Zeichnungen und
Gemälde von ihnen sieht als wenn er sie selber betrachtet weil ihm die
Beschränktheit der Zeichnung alles kleiner und vereinzelter zusammen fasst was
er in der Wirklichkeit groß und mit Genossen vereint erblickt Bei mir schien
sich dieser Ausspruch zu bestätigen Seit ich die Bauzeichnungen in dem
Rosenhause gesehen hatte fasste ich Bauwerke leichter auf beurteilte sie
leichter und ich begriff nicht warum ich früher auf sie nicht so aufmerksam
gewesen war
Im Oberlande war es noch viel rauer als ich es in der Stadt verlassen
hatte Als ich eines Morgens an der Ecke des Buchenwaldes meines Gastfreundes
ankam in welchem der Alizbach in die Agger fällt war noch manches Wässerchen
mit einer Eisrinde bedeckt Da ich das Rosenhaus erblickte machte es einen ganz
anderen Eindruck als damals da ich es als weiße Stelle in dem gesättigten und
dunkeln Grün der Felder und Bäume unter einem schwülen und heißen Himmel gesehen
hatte Die Felder hatten noch mit Ausnahme der grünen Streifen der Wintersaat
die braunen Schollen der nackten Erde die Bäume hatten noch kein Knöspchen und
dass Weiß des Hauses sah zu mir herüber als sähe ich es auf einem schwach
veilchenblauen Grunde
Ich ging auf der Straße in der Nähe von Rohrberg vorüber und kam endlich zu
der Stelle wo der Feldweg von ihr über den Hügel zu dem Rosenhause hinaufführt
Ich ging zwischen den Zäunen und nackten Hecken dahin ich ging auf der Höhe
zwischen den Feldern und stand dann vor dem Gitter des Hauses Wie anders war
es jetzt Die Bäume ragten mit dem schwarzen oder braunlichen Gezweige nackt in
die dunkelblaue Luft Das einzige Grün waren die Gartengitter Über die
Rosenbäumchen an dem Hause war eine schöngearbeitete Decke von Stroh
herabgelassen Ich zog den Glockengriff ein Mann erschien der mich kannte und
einließ und ich wurde zu dem Herrn geführt der sich eben in dem Garten befand
Ich traf ihn in einer Kleidung wie im Sommer nur dass sie von wärmerem
Stoffe gemacht war Die weißen Haare hatte er wieder wie gewöhnlich unbedeckt
Er schien mir wieder so sehr ein Ganzes mit seiner Umgebung wie er es mir
im vorigen Sommer geschienen hatte
Man war damit beschäftigt die Stämme der Obstbäume mit Wasser und Seife zu
reinigen Auch sah ich wie hie und da Arbeiter auf Leitern neben den Bäumen
waren um die abgestorbenen und überflüssigen Äste abzuschneiden Als ich im
vorigen Sommer fort gegangen war hatte mein Gastfreund gesagt dass ich meine
Wiederkunft vorher durch eine Botschaft anzeigen möge damit ich ihn zu Hause
treffe Er hatte aber wahrscheinlich nicht bedacht dass dieses Schwierigkeiten
habe indem ich in der Regel selber nicht wissen kann wie sich durch
Witterungsverhältnisse oder andere Umstände meine Vorhaben zu ändern gezwungen
sein dürften Ich habe ihm also eine Botschaft nicht geschickt und ihn auf meine
Gefahr hin überrascht Er aber nahm mich so freundlich auf da er mich auf sich
zuschreiten sah wie er mich bei dem vorigjährigen Aufenthalte in seinem Hause
freundlich behandelt hat
Ich sagte er möge es sich selber zuschreiben dass ich ihn schon so früh im
Jahre in seinem Hause überfalle er habe mich so wohlwollend eingeladen und ich
habe mir es nicht versagen können hieher zu kommen ehe die Täler und die
Fusswege in dem Gebirge so frei wären dass ich meine Beschäftigungen in ihnen
anfangen könnte
»Wir haben eine ganze Reihe von Gastzimmern wie Ihr wisst« sagte er »wir
sehen Gäste sehr gerne und Ihr seid gewiss kein unlieber unter ihnen wie ich
Euch schon im vergangenen Sommer gesagt habe«
Er wollte mich in das Haus geleiten ich sagte aber dass ich heute erst drei
Stunden gegangen sei dass meine Kräfte sich noch in sehr gutem Zustande
befinden und dass er erlauben möge dass ich hier bei ihm in dem Garten bleibe
Ich bitte ihn nur um das einzige dass er mein Ränzlein und meinen Stock in mein
Zimmer tragen lasse
Er nahm das silberne Glöcklein das er bei sich trug aus der Tasche und
läutete Der Klang war selbst im Freien sehr durchdringend und es erschien auf
ihn eine Magd aus dem Hause welcher er auftrug mein Ränzlein das ich
mittlerweile abgenommen hatte und meinen Stock den ich ihr darreichte in mein
Zimmer zu tragen Er gab ihr noch ferner einige Weisungen was in dem Zimmer zu
geschehen habe
Ich fragte nach Gustav ich fragte nach dem Zeichner in dem Schreinerhause
und ich fragte sogar nach dem weißen alten Gärtner und seiner Frau Gustav sei
gesund erhielt ich zur Antwort er vervollkommne sich an Geist und Körper Er
sei eben in seiner Arbeitsstube beschäftigt er werde sich gewiss sehr freuen
mich zu sehen Der Zeichner lebe fort wie früher und sei sehr eifrig und was
die Gärtnerleute anbelange so verändern sich diese schon seit mehreren Jahren
gar nicht mehr und seien heuer wie ich sie im vorigen Sommer gesehen habe Ich
fragte endlich auch noch nach dem Gesinde den Gartenarbeitern und den
Meierhofleuten Sie seien alle ganz wohl wurde geantwortet es sei seit meinem
vorjährigen Besuche kein Krankheitsfall vorgekommen und es habe auch keines der
Leute eine gründliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben
Nach mehreren gleichgültigen Gesprächen namentlich über die Beschaffenheit
der Wege auf denen ich hieher gekommen war und über das Vorrücken der
Wintersaaten auf den Feldern wendete er sich wieder mehr der Arbeit die vor
ihm geschah zu und auch ich richtete meine Aufmerksamkeit auf dieselbe Ich
hatte mir einmal da er mir erzählte dass er die Baumstämme waschen lasse die
Sache sehr umständlich gedacht Ich sah aber jetzt dass sie mittelst
Doppelleitern und Brettern sehr einfach vor sich gehe Mit den langstieligen
Bürsten konnte man in die höchsten Zweige emporfahren und da die Leute von der
Zweckmässigkeit der Maßregel fest überzeugt waren und emsig arbeiteten so
schritt das Werk mit einer von mir nicht geahnten Schnelligkeit vor In der Tat
wenn man einen gewaschenen und gebürsteten Stamm ansah wie er rein und glatt in
der Luft stand während sein Nachbar noch rau und schmutzig war so meinte man
dass dem einen sehr wohl sein müsse und dass der andere verdrossen aussehe Mir
fiel die stolze Äußerung ein die mein Gastfreund im vergangenen Sommer zu mir
getan hatte dass ich nur den Stamm jenes Kirschbaumes ansehen solle ob seine
Rinde nicht aussähe wie feine graue Seide Sie war wirklich wie Seide und musste
es gerade immer mehr werden da sie in jedem Jahre aufs neue gepflegt wurde
Als wir nach einer Weile weiter in den Garten zurückgingen sah ich auch
noch andere Arbeiten Die Hecken wurden gebunden und geordnet das Dornenreisig
zu den Nestern der Vögel unter ihnen hergerichtet die Wege von den Schäden des
Winters ausgebessert unter den Zwergbäumen die schon beschnitten waren die
Erde gelockert und bei den schwächeren welche Stäbe hatten nachgesehen ob
diese festielten und nicht etwa in der Erde abgefault wären Es wurden
losgegangene Bänder wieder geknüpft im Gemüsegarten umgegraben Fenster an
Winterbeeten gelüftet oder zugedeckt die Pumpen ausgebessert mancher Nagel
eingeschlagen und endlich hie und da ein Behältnis für die Vögel gereinigt und
befestigt
Ich verabschiedete mich von meinem Gastfreunde da er sehr mit der Leitung
der Arbeiten beschäftigt war und ging allein in dem Garten herum in Teilen in
die ich wollte Die Vögel waren schon zahlreich da sie schlüpften durch die
laublosen Zweige der Bäume und es begann schon hie und da ein Laut oder ein
Zwitschern Besonders lieblich und hell schallte der Gesang der aufsteigenden
Lerchen von den den Garten umgebenden Feldern herein Die Vorrichtungen zur
Ernährung und Tränkung der Vögel waren wegen der Blattlosigkeit der Bäume und
Gesträuche mehr sichtbar auch schaute ich mehr nach ihnen aus als bei meiner
ersten Ankunft da ich jetzt bereits von ihnen wusste Ich sah mehrere zum
Aufstecken von Kernen dienende Gitter von denen mir mein Gastfreund erzählt
hatte
Ich betrachtete auch die Zweige Die Knospen der Blätter und der Blüten
waren schon sehr geschwollen und harrten der Zeit in welcher sie aufbrechen
würden
Ich stieg bis zu dem großen Kirschbaume empor und sah über den Garten über
das Haus und auf die Berge Eine ganz heitere dunkelblaue Luft war über alles
ausgegossen Dieser schöne Tag deren es in der frühen Jahreszeit noch ziemlich
wenige gibt war es auch der meinen Gastfreund bewog so viele Arbeiten in dem
Garten zu veranlassen Unter der heiteren Luft lag die Erde noch in bedeutender
Öde Ich wollte auch zu der Felderrast hinüber gehen allein der Weg der am
Morgen gefroren gewesen sein mochte war jetzt weich und tief durchfeuchtet dass
das Gehen auf ihm sehr unangenehm und verunreinigend gewesen wäre Ich sah die
dunkeln Wintersaaten und die nackten Schollen der neben ihnen liegenden Felder
eine Weile an und ging dann wieder hinab
Ich ging zu den Gärtnerleuten Mir kam es nicht vor wie mein Gastfreund
gesagt hatte dass sie sich nicht verändert hätten Der Mann schien mir noch
weißer geworden zu sein Seine Haare unterschieden sich nicht mehr von der
Leinwand Die Frau aber war unverändert Sie musste von einer sehr
reinlichkeitliebenden Familie stammen weil sie das Häuschen so nett hielt und
den alten Mann so fleckenlos und knapp heraus kleidete Er machte mir ganz genau
wieder den nämlichen Eindruck wie im vergangenen Jahre als ob er einer ganz
anderen Beschäftigung angehörte
Da ich von dem Gewächshause gegen die Fütterungstenne ging begegnete mir
Gustav Er lief mit einem Rufe auf mich zu und grüßte mich
Der Knabe hatte sich in kurzer Zeit sehr geändert Er stand sehr schön neben
mir da und gegen die raue Art der Natur, die noch kein Laub kein Gras keinen
Stengel keine Blume getrieben hatte sondern der Jahreszeit gemäß nur die
braunen Schollen die braunen Stämme und die nackten Zweige zeigte war er noch
schöner wie ich oft beim Zeichnen bemerkt hatte dass zum Beispiele Augen der
Tiere in struppigen Köpfen noch glänzender erschienen und dass feine
Kinderangesichtchen wenn sie von Pelzwerk umgeben sind noch feiner aussehen
Ein sanftes Rot war auf seinen Wangen braune Haarfülle um die Stirne und die
großen schwarzen Augen waren wie bei einem Mädchen Es war obwohl er sehr
heiter war fast etwas Trauerndes in ihnen
Wir gingen dem Platze zu auf welchem sein Ziehvater beschäftigt war Ich
erzählte ihm auf dem Wege von meinen Angehörigen von meiner Mutter von meinem
Vater und von meiner lieblichen Schwester Auch erzählte ich ihm von der Stadt
wie man dort lebe was sie für Vergnügungen biete was sie für
Unannehmlichkeiten habe und wie ich in ihr meine Zeit hinbringe Er sagte mir
dass er jetzt schon in die Naturlehre eingerückt sei dass ihm der Vater Versuche
zeige und dass ihn die Sache sehr freue
Wir blieben eine Weile bei dem Ziehvater Gustav zeigte mir allerlei und
machte mich bald auf diese bald auf jene Veränderung aufmerksam welche sich
seit meiner früheren Anwesenheit ergeben habe
Der Mittag vereinigte uns in dem Hause
Da ich so da die Speisen erschienen meinem alten Gastfreunde gegenüber
saß fiel mir plötzlich auf was der Mann für schöne Zähne habe Sehr dicht
weiß klein und mit einem feinen Schmelze überzogen saßen sie in dem Munde und
kein einziger fehlte Seine Wangen hatten durch den vielen Aufenthalt in der
freien Luft ein gutes und gesundes Rot nur seine Haare schienen mir wie bei dem
Gärtner noch weißer geworden zu sein
Nach dem Essen begab ich mich ein wenig in mein Zimmer Es war sehr
freundlich hergerichtet worden und in dem Ofen brannte ein erwärmendes Feuer
Nachmittags gingen wir in das Schreinerhaus Eustach begrüßte mich aus
seiner Stelle tretend sehr heiter und ich erwiderte seinen Gruß auf das
herzlichste Auch die andern Arbeiter gaben zu erkennen dass sie mich noch
kannten Ich besah zuerst die Dinge nur flüchtig und im allgemeinen Der schöne
Tisch war sehr weit vorgerückt aber er war noch lange nicht fertig Es waren
wieder ein paar neue Erwerbungen gemacht worden Man zeigte sie mir und machte
mich darauf aufmerksam was aus ihnen werden könne Auch Pläne zu
selbstständigen Arbeiten waren wieder gemacht worden und man legte mir in
kurzem die Grundansichten auseinander Ich bat Eustach dass er erlaube dass ich
ihn während meiner Anwesenheit ein paar Male besuche Er gestand es sehr gerne
zu
Nach diesem Besuche machten wir trotz der sehr schlechten Wege einen weiten
Spaziergang Da ich davon sprach dass ich schon die Vögel in dem Garten bemerkt
habe sagte mein Gastfreund »Wenn Ihr länger bei uns wäret so würdet Ihr jetzt
eine ganze Lebensgeschichte dieser Tiere erfahren Die Zurückgebliebenen fangen
schon an sich zu erheitern die fortgezogen sind treffen bereits allmählich
ein und werden mit Geschrei empfangen Sie drängen sich sehr an die Tafel und
sputen sich bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden sind denn
dort werden sie schwerlich einen Brodvater finden der ihnen gibt Von da an
werden sie immer inniger und singen täglich schöner Dann wird ein Gekose in den
Zweigen und sie jagen sich Hieran schließt sich die Häuslichkeit Sie sorgen
für die Zukunft und schleppen sich mit närrischen Lappen zu dem Nesterbau Ich
lasse ihnen dann allerlei Fäden zupfen sie nehmen sie aber nicht immer sondern
ich sehe manchmal einen wie er an einem kotigen Halme zerrt Nun kommt die Zeit
der Arbeit wie bei uns in den Männerjahren Da werden die leichtsinnigen Vögel
ernstaft sie sind rastlos beschäftigt ihre Nachkommen zu füttern sie zu
erziehen und zu unterrichten dass sie zu etwas Tüchtigem tauglich werden
namentlich zu der großen bevorstehenden Reise Gegen den Herbst kommt wieder
eine freiere Zeit Da haben sie gleichsam einen Nachsommer und spielen eine
Weile ehe sie fort gehen«
Als wir von dem Spaziergange zurückgekehrt waren und es Abend wurde
versammelten wir uns an dem Kamine des Speisezimmers in welchem ein lustiges
Feuerbrannte Auch Eustach wurde herüber geholt und der weiße Gärtner musste
kommen und sagen welche Fortschritte die Pflanzen in den Winterbeeten und in
den Gewächshäusern gemacht hatten Die Haushälterin Katarina setzte hie und da
ein warmes Getränke auf ein Tischchen
Am andern Tage morgens ging ich zu meinem Gastfreunde in das
Fütterungszimmer um zuzusehen Er suchte sich alle Gattungen Nahrung aus den
Fächern zurecht öffnete dann die Fenster und tat das Futter auf die Brettchen
Er blieb an dem Fenster stehen und ich bei ihm Trotzdem kamen die Vögel in
Bögen oder geraden Linien herbei geflogen Ihn fürchteten sie nicht weil sie
ihn als den Nährvater kannten und mich nicht weil ich bei ihm stand Sie
drängten sich pickten zwitscherten und balgten sich sogar mitunter
»Ich gebe im späteren Frühlinge und Sommer den Weibchen sehr gerne noch eine
leckere Draufgabe« sagte er »weil manches Mal eine bedrängte Mutter unter
ihnen sein kann Die so hastig und zugleich so erschreckt fressen sind Fremde
Sie würden um keinen Preis zu einem Menschen herzu gehen wenn sie nicht der
bitterste Hunger nötigte Ich habe in harten Wintern schon die seltensten Vögel
auf diesen Brettern gesehen«
Als alles vorüber war und sich keine Gäste mehr einfanden schloss er die
Fenster
Ich stieg von da auf den Dachboden des Hauses empor weil er gesagt hatte
dass jetzt auch den Hasen außerhalb des Gartens Futter gestreut würde und dass
man sie von da sehen könnte Sie haben noch nichts als die karge Wintersaat und
Nadelreiser weshalb man noch nachhelfen müsse Da die Magd die Blätter
ausgestreut und sich entfernt hatte kamen schon Hasen herzu Ich schraubte ein
Fernrohr an einen Balken und es war lächerlich anzusehen worauf mich Gustav
aufmerksam machte wenn ein riesiger Hase in dem Fernrohre saß mit
schreckhaften Augen auf das verdächtige Mahl sah und schnell die Lippen
bewegte als frässe er schon Da ich auch dies gesehen hatte stieg ich wieder
herunter und ging mit Gustav in das Zimmer in welchem die Geräte zur
Naturlehre standen
Es sollte nun erst das Frühmahl eingenommen werden Dasselbe wurde zur
Winterszeit immer in dem Zimmer der naturwissenschaftlichen Gerätschaften
genommen weil man da man einen Teil des Vormittages in seinen Zimmern
zubrachte nicht eigens dazu in das Speisezimmer hinabsteigen wollte und weil
in derselben Zeit in den andern Wohngemächern des alten Mannes im Arbeitszimmer
und Schlafzimmer eben aufgeräumt und gelüftet wurde
Mein Gastfreund erwartete mich und Gustav schon denn er war nicht mit uns
auf den Dachboden hinauf gestiegen Das Gemach war sanft erwärmt und in der
Nähe des Ofens stand ein Tisch der gedeckt und mit allen Geräten versehen war
ein angenehmes Frühmahl zu bereiten Er stand auf einem freien Raume um den
herum sich die Werkzeuge der Wissenschaft befanden
Da wir nach dem Frühmahle nun so saßen da eine anmutige Wärme das Zimmer
erfüllte da von dem Widerscheine der ganz schief die Fenster treffenden
Morgensonne das Messing das Glas und das Holz der verschiedenartigen Werkzeuge
erglänzte sagte ich zu meinem alten Gastfreunde »Es ist seltsam da ich von
Eurer Besitzung in die Stadt und ihre Bestrebungen kam lag mir Euer Wesen hier
wie ein Märchen in der Erinnerung und nun da ich hier bin und das Ruhige vor
mir sehe ist mir dieses Wesen wieder wirklich und das Stadtleben ein Märchen
Großes ist mir klein Kleines ist mir groß«
»Es gehört wohl beides und alles zu dem Ganzen dass sich das Leben erfülle
und beglücke« antwortete er »Weil die Menschen nur ein Einziges wollen und
preisen weil sie um sich zu sättigen sich in das Einseitige stürzen machen
sie sich unglücklich Wenn wir nur in uns selber in Ordnung wären dann würden
wir viel mehr Freude an den Dingen dieser Erde haben Aber wenn ein Übermaß von
Wünschen und Begehrungen in uns ist so hören wir nur diese immer an und
vermögen nicht die Unschuld der Dinge außer uns zu fassen Leider heißen wir sie
wichtig wenn sie Gegenstände unserer Leidenschaften sind und unwichtig wenn
sie zu diesen in keinen Beziehungen stehen während es doch oft umgekehrt sein
kann«
Ich verstand dieses Wort damals noch nicht so ganz genau ich war noch zu
jung und hörte selber oft nur mein eigenes Innere reden nicht die Dinge um
mich
Gegen Mittag kam derjenige meiner Koffer den ich in das Rosenhaus bestellt
hatte Ich packte ihn aus und zeigte Gustav der mich besuchte manche Bücher
Zeichnungen und andere Dinge die er enthielt und richtete mich in meinem
Zimmer häuslich ein
So gingen nun mehrere Tage dahin
In diesem Hause war jeder unabhängig und konnte seinem Ziele zustreben Nur
durch die gemeinsame Hausordnung war man gewissermaßen zu einem Bande verbunden
Selbst Gustav erschien völlig frei Das Gesetz, welches seine Arbeiten regelte
war nur einmal gegeben es war sehr einfach der Jüngling hatte es zu dem
seinigen gemacht er hatte es dazu machen müssen weil er verständig war und so
lebte er danach
Gustav bat mich sehr ich möchte einmal seinem Unterrichte in der Naturlehre
beiwohnen Ich sagte es meinem Gastfreunde und dieser hatte nichts dawider So
war ich dann nicht einmal sondern mehrere Male bei diesem Unterrichte zugegen
Mein alter Gastfreund saß in einem Lehnsessel und erzählte Er beschrieb eine
Erscheinung er machte die Erscheinung recht deutlich zeigte sie wenn es
möglich war mit den Vorrichtungen seiner Sammlung oder wo dies nicht möglich
war suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen Dann
erzählte er auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung
gekommen waren Wenn er dieses vollendet hatte tat er das gleiche mit einer
zweiten verwandten Erscheinung Und wenn er nun einen Kreis von
zusammengehörigen Erscheinungen der ihm hinlänglich schien ausgeführt hatte
dann hob er dasjenige was allen Erscheinungen gleichartig ist hervor und
stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar Bei diesem Unterrichte wurde
nicht ein gewisses Buch zu Grunde gelegt sondern Gustav schrieb später das was
ihm erzählt worden war aus dem Gedächtnisse auf der alte Mann besserte es dann
in seiner Gegenwart aus und so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der
Naturwissenschaft sondern lernte den Stoff selber schon durch das Aufschreiben
und Ausbessern Was sich Gustav angeeignet hatte wurde zu Zeiten gleichsam in
freundlichen Gesprächen durchgenommen Die Sprache des Unterrichtes war stets so
einfach und klar dass ich meinte ein Kind müsse diese Dinge verstehen können
Mir fiel es jetzt erst recht auf wie ungehörig manche Lehrer in der Stadt in
dieser Wissenschaft verfahren welche sie gewissermaßen in eine
wissenschaftliche Necksprache kleiden die ein Schüler nicht versteht und mit
welcher sie die Mathematik so in eins verflechten dass beide beides nicht sind
und ein Ganzes auch nicht darstellen Ich sah dass Gustav auch die Rechnung auf
die Naturlehre anwandte aber wo er es tat erkannte ich dass er es stets mit
Sachkenntnis und Klarheit tat und dass er immer die Rechnung nicht als
Hauptsache sondern hier als Dienerin der Natur betrachtete Ich urteilte aus
meinen eigenen früheren Arbeiten dass er auch in diesem Fache einen gründlichen
Unterricht erhalten haben musste Ich fragte ihn einmal danach und erfuhr dass
auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei
Ich besuchte später auch den Unterricht in der Länderkunde Hier fiel mir
auf dass gezeichnete Karten gebraucht wurden welche alle den nämlichen Maßstab
hatten so dass Russland in einer außerordentlich großen die Schweiz in einer
sehr kleinen Karte dargestellt war Mir leuchtete der Zweck dieser Maßregel ein
damit nämlich bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der
Grössenverhältnisse dauernd eingeprägt werde Ich erinnerte mich bei dieser
Gelegenheit einer Wette die wir Kinder um eine Kleinigkeit über die Frage
abgeschlossen hatten ob Philadelphia nicht beinahe so südlich wie Rom liege
was die meisten mit Lachen verneinten Eine herbeigebrachte Karte zeigte dass es
südlicher als Neapel liege Allgemein sagten damals auch die großen Leute die
zugegen waren dass bei Kindern dieser Irrtum durch die Raumverhältnisse in
denen unsere gewöhnlichen Karten gezeichnet seien veranlasst werden musste Die
Karten welche Gustav gebrauchte waren von dem Zeichner im Schreinerhause nach
Karten unserer sogenannten Atlasse verfertigt worden
Ich fragte meinen Gastfreund ob Gustav auch Geschichte lerne worauf er
erwiderte »Man nimmt sehr häufig mit jungen Schülern gleich zur Erdbeschreibung
auch Geschichte vor ich glaube aber dass man hierin unrecht tut Wenn man in
der Erdbeschreibung nicht bloß die geschichtliche Einteilung der Erde und Länder
vor Augen hat was ich auch für einen Fehler halte sondern wenn man auf die
bleibenden Gestaltungen der Erde sieht auf denen sich eben durch ihren Einfluss
verschiedenartige Völker gebildet haben so ist die Erde ein Naturgegenstand
und Erdbeschreibung zum großen Teile ein Bestandteil der Naturwissenschaft Die
Naturwissenschaften sind uns aber viel greifbarer als die Wissenschaften der
Menschen wenn ich ja Natur und Menschen gegenüber stellen soll weil man die
Gegenstände der Natur außer sich hinstellen und betrachten kann die Gegenstände
der Menschheit aber uns durch uns selber verhüllt sind Man sollte meinen dass
das Gegenteil stattaben solle dass man sich selber besser als Fremdes kennen
solle viele glauben es auch aber es ist nicht so Tatsachen der Menschheit ja
Tatsachen unseres eigenen Innernwerden uns wie ich schon einmal gesagt habe
durch Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens getrübt
Glaubt nicht der größte Teil dass der Mensch die Krone der Schöpfung dass er
besser als alles selbst das Unerforschte sei Und meinen die welche aus ihrem
Ich nicht heraus zu schreiten vermögen nicht dass das All nur der Schauplatz
dieses Ichs sei selbst die unzähligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet
Und dennoch dürfte es ganz anders sein Ich glaube daher dass Gustav erst nach
Erlernung der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen übergehen
soll und dass er da ungefähr die Reihe beobachten soll Körperlehre
Seelenlehre Denklehre Sittenlehre Rechtslehre Geschichte Hierauf mag er
etwas von den Büchern der sogenannten Weltweisheit lesen dann aber muss er in
das Leben selber hinaus kommen«
Zum Unterrichte für Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt welche der
alte Mann nie versäumte andere Stunden waren für die Selbstarbeit bestimmt
welche Gustav wieder gewissenhaft hielt Die übrige Zeit war zu freier
Beschäftigung überlassen
In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer Mein Gastfreund
kam auch öfter und gelegentlich auch Eustach oder der eine und der andere
Arbeiter Für Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers die Bücher die er lesen
durfte bestimmt Er benutzte sie fleißig ich sah aber nie dass er nach einem
anderen langte Eustach und die anderen Leute hatten freie Auswahl und
natürlich ich auch Da ich das erste Mal in diesem Hause war hatte ich es
getadelt dass das Bücherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei es erschien
mir dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit Da ich aber jetzt länger
bei meinem Gastfreunde war erkannte ich meine Meinung als einen Irrtum
Dadurch dass in dem Bücherzimmer nichts geschah als dass dort nur die Bücher
waren wurde es gewissermaßen eingeweiht die Bücher bekamen eine Wichtigkeit
und Würde das Zimmer ist ihr Tempel und in einem Tempel wird nicht gearbeitet
Diese Einrichtung ist auch eine Huldigung für den Geist der so mannigfaltig in
diesen gedruckten und beschriebenen Papieren und Pergamentblättern enthalten
ist. In dem Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch
dieses Geistes vermittelt und seine Erhabenheit wird in unser unmittelbares und
irdisches Bedürfnis gezogen Das Zimmer ist auch recht lieblich zum Lesen Da
scheint die freundliche Sonne herein da sind die grünen Vorhänge da sind die
einladenden Sitze und Vorrichtungen zum Lesen und Schreiben Selbst dass man
jedes Buch nach dem zeitlichen Gebrauche wieder in das Bücherzimmer an seinen
Platz tragen muss erschien mir jetzt gut es vermittelt den Geist der Ordnung
und Reinheit und ist gerade bei Büchern wie der Körper der Wissenschaft, das
System Wenn ich mich jetzt an Bücherzimmer erinnerte die ich schon sah in
welchen Leitern Tische Sessel Bänke waren auf denen allen etwas lag seien
es Bücher Papiere Schreibzeuge oder gar Geräte zum Abfegen so erschienen mir
solche Büchersäle wie Kirchen in denen man mit Trödel wirtschaftet
Ich ging auch öfter zu Eustach in das Schreinerhaus An einem der ersten
sehr heiteren Tage nahm ich alle Zeichnungen mit seiner Erlaubnis heraus und
sah sie noch einmal mit großer Musse und Genauigkeit an Ich konnte es fast kaum
glauben wie sehr mich meine Zeichnungsübungen während des vergangenen Winters
gefördert hatten Ich verstand jetzt vieles was ich da vorfand besser als im
Sommer und es gefielen mir die meisten Dinge auch mehr Ich teilte ihm manches
von meinen Zeichnungen mit namentlich von Zeichnungen von Pflanzen deren ich
dieses Mal eine größere Anzahl in meinem Koffer mitgebracht hatte Bei meiner
ersten Anwesenheit hatte ich in dem Ränzchen nur einige Schriften ein Fernrohr
und andere Sachen getragen die in ein so kleines Behältnis gehen Zeichnungen
aber nicht Er hatte eine Freude an diesen Dingen aber sonderbar war es
anzusehen wie er die Pflanzenzeichnungen nicht als Pflanzenfreund und Kenner
anblickte sondern als Baumeister der ihre Gestalt verwenden kann Er versuchte
später selber auch Zeichnungen nach lebenden Pflanzen aber hier trat der
Unterschied von einem Pflanzenfreunde noch mehr hervor die Bilder wurden ihm
allgemach durch unmerkliche Zusätze aus Gewächsen schöne Verzierungen Er suchte
sich auch in der Regel solche Vorbilder aus die zu seinem Berufe in näherer
Beziehung standen oder in eine solche gebracht werden konnten In Bezug auf die
anderen Dinge die in dem Schreinerhause gearbeitet wurden zeigte er mir alles
und erklärte mir manches wenn ich nach Erklärung verlangte Auch hierin glaubte
ich seit dem vorigen Sommer Fortschritte gemacht zu haben namentlich da ich
die Gegenstände die mein Vater besaß wohl genau betrachtet und mir eingeprägt
hatte um ihre Bilder hieher übertragen und mit dem was sich hier befand
vergleichen zu können Die Gestalten gingen jetzt leichter in mein Wesen ein
mir gefiel vieles mehr als im vorigen Sommer und ich wurde auf manches
aufmerksam was ich damals nicht beachtet hatte Wir saßen zuweilen in dem
freundlichen Zimmer Eustachs wenn die Vormittagssonne durch die geschlossenen
Vorhänge sanft herein blickte und redeten von allerlei Dingen
An Nachmittagen besonders wenn trübes Wetter war und die Geschäfte im
Freien nicht eine große Ausdehnung hatten versammelte man sich in dem
Arbeitszimmer meines Gastfreundes Dieses Zimmer war an Nachmittagen wo es sehr
zusammengeräumt und wo mehr Musse war der Vereinigungspunkt der kleinen
Gesellschaft wenn sie sich überhaupt vereinigte Mein alter Gastfreund hatte
sich dieses Gemach sehr wohnlich wenn auch für Einsamkeit geeignet herrichten
lassen wie er überhaupt wenn er nicht eigens Menschen um sich versammelte die
Einsamkeit liebte Er hatte neben seinem Sessel einen Glockenzug der durch den
Fußboden in die Gesindezimmer hinab ging um schnell einen Diener rufen zu
können In dem Schlafzimmer war etwas Ähnliches Dort befanden sich außer dem
gewöhnlichen Glockenzuge an den Seitenbrettern des Bettes zwei Platten die
durch das leiseste Auflegen einer Hand eine laut und lange tönende Glocke in
Bewegung setzten damit man wenn dem alten Manne etwas zustiesse schnell zu
Hilfe eilen könnte Zwei Diener hatten immer die Schlüssel zu seinen Gemächern
um auch in der Nacht von außen aufsperren zu können Diese Vorrichtungen waren
eine Erfindung Eustachs weil der alte Mann jede Einschränkung durch
Dienerschaft ja die Nähe derselben nicht wollte um nicht gestört zu werden Er
ließ auch nicht zu dass Gustav in einem Zimmer neben ihm schlafe um sich nicht
an ihn zu gewöhnen und ihn dann zu vermissen da der Jüngling doch einmal fort
müsse Wenn man in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes versammelt war
besprach man gewöhnlich Angelegenheiten des Besitztums Veränderungen die
notwendig sind Arbeiten die man vornehmen müsse und Gegenstände der Kunst
Hieher wurden die Pläne und Entwürfe von Dingen gebracht die man entweder in
Holz ausführen wollte oder die Anlagen in dem Garten oder Umänderungen an
Gebäuden betrafen Es war gut diese Entwürfe gerade in dieses Zimmer zu
bringen weil sie da eine sehr schöne und ausgezeichnete Umgebung antrafen und
sich daher jeder Fehler und jede Unzulänglichkeit wenn derlei in dem Entwurfe
waren sogleich aufzeigte und verbessert werden konnte An dem Tage wo mehrere
Menschen in das Arbeitszimmer des alten Mannes kamen war immer ein Teppich Über
den auserlesenen Fußboden desselben gebreitet damit er keine Beschädigung
erleide
Wenn trockene Wege waren gingen wir öfter in den Meierhof Dort wurden die
Arbeiten welche der erste Frühling bringt rüstig betrieben Das Ganze war seit
meiner vorjährigen Anwesenheit in Ordnung und Fülle sehr vorgeschritten Man
musste bis spät in den Herbst hinein und selbst im Winter soweit es tunlich war
fleißig gearbeitet haben Im Innern des Hofes war nicht mehr bloß die schöne
Pflasterung an den Gebäuden herum und der reinliche Sand über den ganzen
Hofraum sondern es war in der Mitte desselben ein kleiner Springquell der mit
drei Strahlen in ein Becken fiel und eine Blumenanlage um sich hatte Auf das
alles sahen die hellen Fenster des Hofes ringsum heraus So sah dieser Teil des
Gebäudes obwohl zwei Seiten des Hofes Ställe und Scheunen waren wie ein
Edelsitz aus Ich fragte meinen Gastfreund ob er neues Mauerwerk habe aufführen
lassen da ich den Meierhof viel vollkommener sehe als im vergangenen Jahre und
da er auch schöner sei als sie hier im Lande gebaut wurden
»Ich habe keine Mauern aufführen lassen« antwortete er »nur die letzten
äußeren Verschönerungen habe ich angebracht und die Fenster habe ich
vergrößert der Grund war schon da Die Meierhöfe und die größeren Bauerhöfe
unserer Gegend sind nicht so hässlich gebaut als Ihr meint Nur sind sie stets
bis auf ein gewisses Maß fertig weiter nicht die letzte Vollendung gleichsam
die Feile fehlt weil sie in dem Herzen der Bewohner fehlt Ich habe bloß dieses
Letzte gegeben Wenn man mehrere Beispiele aufstellte so würden sich im Lande
die Ansichten über das notwendige Aussehen und die Wohnbarkeit der Häuser
ändern Dieses Haus soll so ein Beispiel sein«
Die Wege um den Hof und dessen Wiesen und Felder waren auch nicht mehr so
wie sie größtenteils in dem vorigen Sommer gewesen waren Sie waren fest mit
weißem Quarze belegt und scharf und wohl abgegrenzt
An schönen Mittagen die bereits auch immer wärmer wurden saß ich gerne auf
dem Bänkchen das um den großen Kirschbaum lief und sah auf die unbelaubten
Bäume auf die frisch geeggten Felder auf die grünen Tafeln der Wintersaat die
schon sprossenden Wiesen und durch den Duft der in dem ersten Frühlinge gerne
aus Gründen quillt auf die Hochgebirge die mit dem Glanze des noch in
ungeheurer Menge auf ihnen liegenden Schnees spielten Gustav schloss sich an
mich viel an wahrscheinlich weil ich unter allen Bewohnern des Hauses ihm an
Alter am nächsten war Er saß deshalb gerne bei mir auf dem Bänkchen Wir gingen
manches Mal auf die Felderrast hinüber und er zeigte mir einen Strauch auf dem
bald Blüten hervor kommen würden oder eine sonnige Stelle auf der das erste
Grün erschien oder Steine um die schon verfrühte Tierchen spielten
Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine
Zusammenstellung aller inländischen Hölzer Sie waren in lauter Würfeln
aufgestellt von denen zwei Flächen quer gegen die Fasern die übrigen vier nach
den Fasern geschnitten waren Von diesen vier Flächen war eine rau die zweite
glatt die dritte poliert und die vierte hatte die Rinde Im Innern der Würfel
welche hohl waren und geöffnet werden konnten befanden sich die getrockneten
Blüten die Fruchtteile die Blätter und andere merkwürdige Zugehöre der
Pflanze zum Beispiel gar die Moose die auf gewissen Orten gewöhnlich wachsen
Eustach sagte mir der alte Herr so nannten alle Bewohner des Hauses meinen
Gastfreund nur Gustav nannte ihn Ziehvater habe diese Sammlung angelegt und
die Anordnung so ausgedacht Sie soll nach dem Willen des alten Herrn noch
einmal gemacht und der Gewerbschule zum Geschenke gegeben werden.
Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit immer barhäuptig zu gehen
welch beides mir anfangs sehr aufgefallen war beirrte mich endlich gar nicht
mehr ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung sowohl seiner Zimmer als der um
ihn herum wohnenden Bevölkerung von der er sich nicht als etwas Vornehmes
abhob der er viel mehr gleich war und von der er sich doch wieder als etwas
Selbstständiges unterschied Mir fiel im Gegenteile ein dass manches nicht
geschmackvoll sei was wir so heißen am wenigsten der Stadtrock und der
Stadtut der Männer
In die Zimmer welche nach Frauenart eingerichtet waren wurde ich einmal
auf meine Bitte geführt Sie gefielen mir wieder sehr besonders das letzte
kleine welchem ich jetzt den Namen die Rose gab Man konnte in ihm sitzen
sinnen und durch das liebliche Fenster auf die Landschaft blicken Dass ich nicht
um den Gebrauch dieser Zimmer fragte begreift sich
Ich erzählte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater von der Mutter und von
der Schwester Ich erzählte ihm von allen unsern häuslichen Verhältnissen und
beschrieb ihm mehrfach so genau ich es konnte die Dinge die mein Vater in
seinen Zimmern hatte und auf welche er einen Wert legte Meinen Namen nannte
ich hiebei nicht und er fragte auch nicht danach
Ebenso wusste ich obwohl ich nun länger in seinem Hause gewesen war noch
immer seinen Namen nicht Zufällig ist er nicht genannt worden und da er ihn
nicht selber sagte so wollte ich aus Grundsatz niemanden darum fragen Von
Gustav oder Eustach wäre er am leichtesten zu erfahren gewesen aber diese zwei
mochte ich am wenigsten fragen am allerwenigsten Gustav wenn er unzählige Male
unbefangen den Namen Ziehvater aussprach Der Mann war sehr gut sehr lieb und
sehr freundlich gegen mich er nannte seinen Namen nicht ich konnte auch nicht
mit Gewissheit voraussetzen dass er meine ich kenne denselben daher beschloss
ich gar nicht selbst nicht in der größten Entfernung von diesem Orte um den
Namen des Besitzers des Rosenhauses zu fragen
Nach und nach änderte sich die Zeit immer mehr und immer gewaltiger Die
Tage waren viel länger geworden die Sonne schien schon sehr warm die Fristen
in denen der Himmel sich klar und wolkenlos zeigte wurden bereits länger als
die in denen er umwölkt oder neblich war die Erde sprosste die Bäume knospten
an den Rosenbäumchen vor dem Hause wurde sehr fleißig gearbeitet alles war
heiter und der Frühling war in seiner ganzen Fülle eingetreten Diese Zeit war
schon lange als diejenige bestimmt gewesen in welcher ich abreisen würde Ich
sagte dieses noch einmal meinem Gastfreunde und da ich Anstalten getroffen
hatte meinen Koffer fort zu senden wurde der Tag der Abreise festgesetzt
Wir hatten früher noch die Verabredung getroffen dass ich meine Arbeiten so
einrichten wolle dass ich zur Zeit der Rosenblüte wiederkommen und wieder
längere Zeit in dem Hause verbleiben könne Da ich sah dass ich gerne
aufgenommen werde und dass ich in Hinsicht der äußeren Mittel keine Last in dem
Hause sei und da mein Gemüt sich auch diesem Orte zugeneigt fühlte so war mir
diese Verabredung ganz nach meinem Sinne Nur meinte mein Gastfreund müsste ich
dann in den Gebirgstälern schon zur Herreise aufbrechen wenn dort kaum die
Rosen völlige Knospen hätten weil sie hier der bessern Erde und der bessern
Pflege willen früher blühen als an allen Teilen des Landes Ich sagte es zu und
so war alles in Ordnung
Am Tage vor meiner Abreise kam Eustachs Bruder zurück Er mochte zwanzig und
einige Jahre alt sein war schön gewachsen hatte braune Wangen und dunkle
Locken und ein klein wenig aufgeworfene Lippen Mir war als wäre ich dem Manne
schon einige Male auf meinen Reisen begegnet Er brachte in seinem Buche viele
und darunter schöne Zeichnungen mit welche mit Anteil betrachtet wurden Sie
sollten nun auf größerem Papiere und in künstlerischer Richtung ausgeführt
werden
Als ich am Abende vor der Abreise noch im Meierhofe gewesen war als ich am
Morgen derselben zu Eustach und den Gärtnersleuten gegangen war als ich den
Hausbewohnern Lebewohl gesagt und von meinem Gastfreunde und von Gustav vor dem
Hause Abschied genommen hatte ging ich den Hügel hinunter und ich hörte schon
von dem Garten und von den Hecken und aus den Saaten den kräftigen
Frühlingsgesang der Vögel
7 Die Begegnung
Auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung zeichnete ich ein schönes
Standbild welches ich in der Nische einer Mauertrümmer fand Ich hatte dazu
mein Zeichnungsbuch aus dem Ränzlein genommen in welchem ich es jetzt immer
trug Dies war die einzige Unterbrechung und der einzige Aufenthalt auf dieser
Reise gewesen
Als ich an meinem Bestimmungsorte angelangt war war das erste was ich tat
dass ich meine Zeit besser zu Rate hielt als früher Ich musste mir bekennen dass
die Art wie in dem Rosenhause das Tagewerk betrieben wurde auf mich von großem
Einflusse sein solle Da dort der Wert der Zeit sehr hoch angeschlagen und
dieses Gut sehr sorgfältig angewendet wurde so fing ich wenn ich mir auch
bisher einen großen Vorwurf nicht hatte machen können dennoch an mit viel mehr
Ordnung als bisher nach einem einzigen Ziele während einer bestimmten Zeit
hinzuarbeiten während ich früher durch augenblickliche Eindrücke bestimmt mit
den Zielen öfter wechselte und obwohl ich eifrig strebte doch eine dem
Streben entsprechende Wirkung nicht jederzeit erreichte Ich machte mir nun zur
Aufgabe eine bestimmte Strecke zu durchforschen und im Verlaufe überhaupt
nichts liegen zu lassen was von Wesenheit wäre aber auch nichts auf eine
gelegenere Zukunft zu verschieben so dass sollte ich bis zur Rosenzeit mit der
vorgesetzten Strecke nicht fertig werden wenigstens der Teil den ich
vollendete wirklich fertig wäre und ich auf genau umschriebene Ergebnisse zu
deuten im Stande wäre Das sah ich nach dem Beginne der Arbeiten sehr bald dass
ich mir den Raum zu groß ausgesteckt hatte aber auch das sah ich sehr bald dass
der kleinere Raum den ich überwinden würde mir mehr an Erfolg sicherte als
wenn ich wie in meiner Vergangenheit durch geraume Zeit den Blick so ziemlich
auf alles gespannt hätte Hiezu kam auch eine gewisse Zufriedenheit die ich
fühlte wenn ich sah dass sich Glied an Glied zu einer Ordnung an einander
reihte während früher mehr ein ansprechender Stoff durcheinander lag als dass
eine aus dem Stoffe hervorgehende Gestaltung sich entwickelt hätte
Meine Kisten füllten sich und stellten sich an einander Meine Führer und
meine Träger gewannen auch einen Halt in der neuen Ordnung und es wuchs ihnen
ein Zu trauen zu mir Ich bekam eine Neigung zu ihnen die sie erwiderten so
dass sich ein fröhliches Zusammenleben immer mehr gestaltete und die Arbeit
heiter und darum auch zweckmäßige wurde Oft wenn wir abends in der Wirtsstube
um den großen viereckigen Ahorntisch oder da die Tage endlich heißer wurden
statt an den toten Brettern des Tisches draußen unter den lebenden und
rauschenden Ahornen saßen um welche ein fichtener Tisch zusammen gezimmert war
und auf welche das viel fenstrige Gasthaus heraus sah rechneten sie sich vor
was heute was seit vierzehn Tagen geschehen sei wie viel wir wie sie sich
ausdrückten abgetan haben und wie viel Gebirge zusammen gestellt worden sei
Sie fingen auch bald an die Sache nach ihrer Art zu begreifen über
Vorkommnisse in den Gebirgszügen zu reden und zu streiten und mir zuzumuten
dass, wenn ich mir merken könnte woher alle die gesammelten Stücke seien und
wenn ich die Höhe und die Mächtigkeit der Gebirge zu messen im Stande wäre ich
das Gebirge im kleinen auf einer Wiese oder auf einem Felde aufstellen könnte
Ich sagte ihnen dass das ein Teil meines Zweckes sei und wenn gleich das
Gebirge nicht auf einer Wiese oder auf einem Felde zusammengestellt werde so
werde es doch auf dem Papiere gezeichnet und werde mit solchen Farben bemalt
dass jeder der sich auf diese Dinge verstände das Gebirge mit allem woraus es
bestehe vor Augen habe Deshalb merke ich mir nicht nur woher die Stücke
seien und unter welchen Verhältnissen sie in den Bergen bestehen sondern
schreibe es auch auf damit es nicht vergessen werde und beklebe auch die
Stücke mit Zetteln auf denen alles Notwendige stehe Diese Stücke in ihrer
Ordnung aufgestellt seien dann der Beweis dessen was auf dem Papiere oder der
Karte wie man das Ding nenne aufgemalt sei Sie meinten dass dieses sehr klug
getan sei um wenn einer einen Stein oder sonst etwas zu einem Baue oder
dergleichen bedürfe gleich aus der Karte heraus lesen zu können wo er zu
finden sei Ich sagte ihnen dass ein anderer Zweck auch darin bestehe aus dem
was man in den Gebirgen finde schließen zu können wie sie entstanden seien
Die Gebirge seien gar nicht entstanden meinte einer sondern seien seit
Erschaffung der Welt schon dagewesen »Sie wachsen auch« sagte ein anderer
»jeder Stein wächst jeder Berg wächst wie die anderen Geschöpfe Nur« setzte
er hinzu weil er gerne ein wenig schalkhaft war »wachsen sie nicht so schnell
wie die Schwämme«
So stritten sie länger und öfter Über diesen Gegenstand und so besprachen
wir uns über unsere Arbeiten Sie lernten durch den bloßen Umgang mit den Dingen
des Gebirges und durch das öftere Anschauen derselben nach und nach ein Weiteres
und Richtigeres und lächelten oft über eine irrige Ansicht und Meinung die sie
früher gehabt hatten
Mein Tagebuch der Aufzeichnungen zur Festaltung der Ordnung dehnte sich
aus die Blätter mehrten sich und gaben Aussicht zu einer umfassenden und
regelmäßigen Zusammenstellung des Stoffes, wenn die Wintertage oder sonst Tage
der Musse gekommen sein würden
An Sonntagen oder zu anderen Zeiten wo die Arbeit minder drängte gab es
noch Gelegenheit zu manchen angenehmen Freuden und zu stärkender Erholung
Eines Tages fanden wir ein Stück Marmor von dem ich dachte dass ihn mein
Gastfreund in seinem Rosenhause noch gar nicht habe Er war von dem reinsten
Weiß Rosenrot und Strohgelb in kleiner und lieblicher Mischung Seine Art ist
eine der seltensten und hier war sie in einem so großen Stücke vorhanden wie
ich sie noch nie gesehen hatte Ich beschloss diesen Marmor meinem Gastfreunde
zum Geschenke zu machen Ich versuchte mir ein Eigentumsrecht darüber zu
erwerben und als mir dieses gelungen war ging ich daran das Stock soweit
seine Festigkeit ununterbrochen war heraus nehmen und in eine Gestalt schneiden
zu lassen deren es fähig war Es zeigte sich dass eine schöne Tischplatte aus
diesem Stoffe zu verfertigen wäre Von den losen Schuttstücken nahm ich mehrere
der besseren mit um allerlei Dinge der Erinnerung daraus machen zu lassen
Eines ließ ich zu einer Tafel schleifen und dieselbe glätten dass mein
Gastfreund die Zeichnung und die Farbe des Marmors auf das beste sehen könne
So war eine Strecke abgetan als in den Tälern sich die kleinen Knospen der
Rosen zu zeigen anfingen und selbst an dem Hagedorn der in Feldgehegen oder an
Gebirgssteinen wuchs die Bällchen zu der schönen aber einfachen Blume sich
entwickelten die die Ahnfrau unserer Rosen ist Ich beschloss daher meine Reise
in das Rosenhaus anzutreten Ich habe mich kaum mit größerem Vergnügen nach
einem langen Sommer zur Heimreise vorbereitet als ich mich jetzt nach einer
wohlgeordneten Arbeit zu dem Besuche im Rosenhause anschickte um dort eine
Weile einen angenehmen Landaufentalt zu genießen
Eines Nachmittages stieg ich zu dem Hause empor und fand die Rosen zwar
nicht blühend aber so überfüllt mit Knospen dass in nicht mehr fernen Tagen
eine reiche Blüte zu erwarten war
»Wie hat sich alles verändert« sagte ich zu dem Besitzer nachdem ich ihn
begrüßt hatte »da ich im Frühlinge von hier fortging war noch alles öde und
nun blättert blüht und duftet alles hier beinahe in solcher Fülle wie im
vorigen Jahre zu der Zeit da ich zum ersten Male in dieses Haus heraufkam«
»Ja« erwiderte er »wir sind wie der reiche Mann der seine Schätze nicht
zählen kann Im Frühlinge kennt man jedes Gräschen persönlich das sich unter
den ersten aus dem Boden hervor wagt und beachtet sorgsam sein Gedeihen bis
ihrer so viele sind dass man nicht mehr nach ihnen sieht dass man nicht mehr
daran denkt wie mühevoll sie hervor gekommen sind ja lass man Heu aus ihnen
macht und gar nicht darauf achtet dass sie in diesem Jahre erst geworden sind
sondern tut als ständen sie von jeher auf dem Platze«
Man hatte mir eine eigene Wohnung machen lassen und führte mich in dieselbe
ein Es waren zwei Zimmer am Anfange des Ganges der Gastzimmer welche man durch
eine neugebrochene Tür zu einer einzigen Wohnung gemacht hatte Das eine war
bedeutend groß und hatte ursprünglich die Bestimmung gehabt mehrere Personen
zugleich zu beherbergen Es war jetzt ausgeleert an seinen Wänden standen
Tische und Gestelle herum so wie in seiner Mitte ein langer Tisch angebracht
war damit ich meine Sachen die ich etwa von dem Gebirge brächte ausbreiten
könnte Das zweite Zimmer war kleiner und war zu meinem Schlaf und Wohngemache
hergerichtet
Der alte Mann reichte mir die Schlüssel zu dieser Wohnung Auch zeigte man
mir in der leichten gemauerten Hütte die nicht weit hinter der Schreinerei an
der westlichen Grenze des Gartens lag und in früheren Zeiten zu den
Steinarbeiten benutzt worden war einen Raum den man ausgeleert hatte und in
welchen ich Gegenstände die ich gesammelt hätte bis auf weitere Verfügung
niederlegen könnte Sollte ich mehr brauchen so könne noch mehr geräumt werden
da jetzt die Arbeiten mit den Steinen fast beendigt seien und selten etwas
gesägt geschliffen oder geglättet werde Ich war über diese Aufmerksamkeiten so
gerührt dass ich fast keinen Dank dafür zu sagen vermochte Ich begriff nicht
was ich mir denn für Verdienste um den Mann oder seine Umgebung erworben habe
dass man solche Anstalten mache Das Eine gereichte zu meiner Beruhigung dass ich
aus diesen Vorrichtungen sah dass ich in dem Hause nicht unwillkommen sei denn
sonst wäre man nicht auf den Gedanken derselben geraten Dieses Bewusstsein
versprach meinen Bewegungen in den hiesigen Verhältnissen viel mehr Freiheit zu
geben Ich stattete endlich doch meinen Dank ab und man nahm ihn mit Vergnügen
auf
Da ich in meiner Wohnung meine Wandersachen abgelegt hatte und die ersten
allgemeinen Gespräche vorüber waren wollte ich einen übersichtlichen Gang durch
den Garten machen Ich ging bei der Seitentür des Hauses hinaus und da ich auf
den kleinen Raum kam der hier eingefasst ist kam der große Hofhund auf mich zu
und wedelte Als ich sah dass der alte Hilan mich erkenne und begrüsse war ich
so kindisch mich darüber zu freuen weil es mir war als sei ich kein Fremder
sondern gehöre gewissermaßen zur Familie
Am nächsten Tage nach meiner Ankunft erschien der Wagen mit meinem Gepäcke
und mit der Marmorplatte Ich ließ abladen und übergab die Platte meinem
Gastfreunde mit dem Bedeuten dass ich ihm in derselben eine Erinnerung aus dem
Gebirge bringe Zugleich händigte ich ihm das kleinere geschliffene Stück zur
genaueren Einsicht in die Natur des Marmors ein Er besah das Stück und dann
auch die Platte sehr sorgfältig Hierauf sagte er »Dieser Marmor ist
außerordentlich schön ich habe ihn noch gar nicht in meiner Sammlung auch
scheint die Platte dicht und ohne Unterbrechung zu sein so dass ein reiner
Schliff auf ihr möglich sein wird ich bin sehr erfreut in dem Besitze dieses
Stockes zu sein und danke Euch sehr dafür Allein in meinem Hause kann er als
Bestandteil desselben nicht verwendet werden weil dort nur solche Stücke
angebracht sind welche ich selber gesammelt habe und weil ich an dieser Art
der Sammlung und an der Verbuchung darüber eine solche Freude habe dass ich auch
in der Zukunft nicht von diesem Grundsatze abgehe Es wird aber ganz gewiss aus
diesem Marmor etwas gemacht werden das seiner nicht unwert ist ich hege die
Hoffnung dass es auch Euch gefallen wird und ich wünsche dass die Gelegenheit
seiner Verwendung Euch und mir zur Freude gereiche«
Ich hatte ohnehin ungefähr so etwas erwartet und war beruhigt
Der Marmor wurde in die Steinhütte gebracht um dort zu liegen bis man über
ihn verfügen würde Meine übrigen Dinge aber ließ ich in meine Wohnung bringen
Ich ging im Sommer immer sehr leicht gekleidet entweder in ungebleichtem
oder gestreiftem Linnen Den Kopf bedeckte meistens ein leichter Strohhut Um
nun hier nicht aufzufallen und um weniger von der einfachen Kleidung der
Hausbewohner abzustechen nahm ich ein paar solcher Anzüge samt einem Strohhute
aus dem Koffer kleidete mich in einen und legte dafür meinen Reiseanzug für
eine künftige Wanderung zurück
Mein Gastfreund hatte auf seiner Besitzung eine etwas eigentümliche Tracht
teils eingeführt teils nahmen sie die Leute selber an Die Dienerinnen des
Hauses waren in die Landestracht gekleidet nur dort wo diese wie namentlich
in unserem Gebirge ungefällig war oder in das Hässliche ging wurde sie durch
den Einfluss des Hausbesitzers gemildert und mit kleinen Zutaten versehen die
mir schön erschienen Diese Zutaten fanden im Anfange Widerstand aber da sie
von dem alten Herrn geschenkt wurden und man ihn nicht kränken wollte wurden
sie angenommen und später von den Umwohnerinnen nicht nur beneidet sondern
auch nachgeahmt Die Männer welche in dem Hause dienten oder in dem Meierhofe
arbeiteten oder in dem Garten beschäftigt waren trugen gefärbtes Linnen nur
war dasselbe nicht so dunkel als es bei uns im Gebirge gebräuchlich ist Eine
Jacke oder eine andere Art Überrock hatten sie im Sommer nicht sondern sie
gingen in lediglichen Hemdärmeln und um den Hals hatten sie ein loses Tuch
geschlungen Auf dem Haupte trugen einige wie der Hausherr nichts andere
hatten den gewöhnlichen Strohhut Eustach schien in seiner Kleidung niemanden
nachzuahmen sondern sie selbst zu wählen Er ging auch in gestreiftem Linnen
meistens rostbraun mit grau oder weiß aber die Streifen waren fast handbreit
oder es hatte der ganze Stoff nur zwei Farben die Hälfte des Längenblattes
braun die Hälfte weiß Oft hatte er einen Strohhut oft gar nichts auf dem
Haupte Seine Arbeiter hatten ähnliche Anzüge auf denen selten ein Schmutzfleck
zu sehen war denn bei der Arbeit hatten sie große grüne Schürzen um Unter
allen diesen Leuten hoben sich der Gärtner und die Gärtnerin heraus welche bloß
schneeweiß gingen
Ich zeigte meinem Gastfreunde und Eustach die Zeichnung welche ich von dem
Standbilde in der Mauernische gemacht hatte Sie freuten sich dass ich auf
derlei Dinge aufmerksam sei und sagten dass sie dasselbe Bild auch unter ihren
Zeichnungen hätten nur dass es jetzt mit mehreren anderen Blättern außer Hause
sei
Ich betrachtete nun alles was mir in dem Garten und auf dem Felde im
vorigen Jahre in derselben Jahreszeit merkwürdig gewesen war Die Blätter der
Bäume die Blätter des Kohles und die von anderen Gewächsen waren vom
Raupenfrasse frei und nicht nur die im Garten sondern auch die in der nächsten
und in der in ziemliche Ferne reichenden Umgebung Ich hatte bei meiner Herreise
eigens auf diesen Umstand mein Augenmerk gerichtet Dennoch entbehrte der Garten
nicht des schönen Schmuckes der Faltern denn einerseits konnten die Vögel doch
nicht alle und jede Raupen verzehren und andererseits wehte der Wind diese
schönen lebendigen Blumen in unsern Garten oder sie kamen auf ihren
Wanderungen die sie manchmal in große Entfernungen antreten selber hieher Der
Gesang der Vögel war mir wieder wie im vorigen Jahre eigentümlich und er war
mir wieder ganz besonders schmelzend Dadurch dass sie in verschiedenen Fernen
sind die Laute also mit ungleicher Stärke an das Ohr schlagen dadurch dass sie
sich gelegentlich unterbrechen da sie inzwischen allerlei zu tun haben eine
Speise zu haschen auf ein Junges zu merken wird ein reizender Schmelz
veranlasst wie in einem Walde während die besten Singvögel in vielen Käfichen
nahe bei einander nur ein Geschrei machen und dadurch dass sie in dem Garten
sich doch wieder näher sind als im Walde wird der Schmelz kräftiger während er
im Walde zuweilen dünn und einsam ist Ich sah die Nester besuchte sie und
lernte die Gebräuche dieser Tiere kennen
In meinen Zimmern richtete ich mich ein ich tat die Bücher und Papiere die
ich mitgebracht hatte heraus um zu lesen einzuzeichnen und zu ordnen Ich
legte auch auf den großen Tisch und auf die Gestelle an den Wänden kleinere
Gegenstände die ich mitgebracht hatte besonders Versteinerungen oder andere
deutlichere Überreste um sie zu benutzen Gustav kam häufig zu mir herüber er
nahm Anteil an diesen Dingen ich erklärte ihm manches und mein Gastfreund sah
es nicht ungern wenn ich mit ihm entweder ein Buch in der Hand unter den
schattigen Linden des Gartens oder ohne Buch auf großen Spaziergängen denn
der alte Mann liebte die Bewegung noch sehr von meiner Wissenschaft sprach Er
erzählte mir dagegen von der seinigen und ich hörte ihm freundlich zu wenn er
auch Dinge brachte die mir schon besser bekannt waren Zeiten in denen ich
ohne Beschäftigung und allein war brachte ich auf Gängen in den Feldern oder
auf einem Besuche in dem Schreinerhause oder in dem Gewächshause oder bei den
Kaktus zu
Die wogenden Felder die ich im vorigen Jahre um dieses Anwesen getroffen
hatte waren auch heuer wogende und wurden mit jedem Tage schöner dichter und
segensreicher der Garten hüllte sich in die Menge seiner Blätter und der nach
und nach schwellenden Früchte der Gesang der Vögel wurde mir immer noch
lieblicher und schien die Zweige immer mehr zu erfüllen die scheuen Tiere
lernten mich kennen nahmen von mir Futter und fürchteten mich nicht mehr Ich
lernte nach und nach alle Dienstleute kennen und nennen sie waren freundlich
mit mir und ich glaube sie wurden mir gut weil sie den Herrn mich mit
Wohlwollen behandeln sahen Die Rosen gediehen sehr Tausende harrten des
Augenblicks in dem sie aufbrechen würden Ich half oft an den Beschäftigungen
die diesen Blumen gewidmet wurden und war dabei wenn die Rosenarbeiten
besichtiget wurden und ausgemittelt ward ob alles an ihnen in gutem Stande
sei Ebenso ging ich gerne zum Besehen anderer Dinge mit wenn auf Wiesen oder
im Walde gearbeitet wurde in welch letzterem man jetzt daran war das im Winter
geschlagene Holz zu verkleinern oder zum Baue oder zu Schreinerarbeiten
herzurichten Ich trug oft meinen Strohhut wenn der alte Mann und Gustav neben
mir barhäuptig gingen in der Hand und ich musste bekennen dass die Luft viel
angenehmer durch die Haare strich als wenn sie durch einen Hut auf dem Haupte
zurück gehalten wurde und dass die Hitze durch die Locken so gut wie durch einen
Hut von dem bloßen Haupte abgehalten wurde
Eines Tages da ich in meinem Zimmer saß hörte ich einen Wagen zu dem Hause
herzufahren Ich weiß nicht weshalb ich hinabging den Wagen ankommen zu sehen
Da ich an das Gitter gelangte stand er schon außerhalb desselben Er war von
zwei braunen Pferden herbeigezogen worden der Kutscher saß noch auf dem Bocke
und musste eben angehalten haben Vor der Wagentür mit dem Rücken gegen mich
gekehrt stand mein Gastfreund neben ihm Gustav und neben diesem Katarina und
zwei Mägde Der Wagen war noch gar nicht geöffnet er war ein geschlossener
Gläserwagen und hatte an der innern Seite seiner Fenster grüne zugezogene
Seidenvorhänge Einen Augenblick nach meiner Ankunft öffnete mein Gastfreund die
Wagentür Er geleitete an seiner Hand eine Frauengestalt aus dem Wagen Sie
hatte einen Schleier auf dem Hute hatte aber den Schleier zurückgeschlagen und
zeigte uns ihr Angesicht Sie war eine alte Frau Augenblicklich da ich sie
sah fiel mir das Bild ein welches mein Gastfreund einmal über manche alternde
Frauen von verblühenden Rosen hergenommen hatte Sie gleichen diesen
verwelkenden Rosen Wenn sie schon Falten in ihrem Angesichte haben so ist doch
noch zwischen den Falten eine sehr schöne liebe Farbe hatte er gesagt und so
war es bei dieser Frau Über die vielen feinen Fältchen war ein so sanftes und
zartes Rot dass man sie lieben musste und dass sie eine Rose dieses Hauses war
die im Verblühen noch schöner sind als andere Rosen in ihrer vollen Blüte Sie
hatte unter der Stirne zwei sehr große schwarze Augen unter dem Hute sahen zwei
sehr schmale Silberstreifen des Haares hervor und der Mund war sehr lieb und
schön Sie stieg von dem Wagentritte herab und sagte die Worte »Gott grüße
dich Gustav«
Hiebei neigte sich der alte Mann gegen sie sie neigte ihr Angesicht gegen
ihn und die beiderseitigen Lippen küssten sich zum Willkommensgrusse
Nach dieser Frau kam eine zweite Frauengestalt aus dem Wagen Sie hatte auch
einen Schleier um den Hut und hatte ihn auch zurückgeschlagen Unter dem Hute
sahen braune Locken hervor das Antlitz war glatt und fein sie war noch ein
Mädchen Unter der Stirne waren gleichfalls große schwarze Augen der Mund war
hold und unsäglich gütig sie schien mir unermesslich schön Mehr konnte ich
nicht denken denn mir fiel plötzlich ein dass es gegen die Sitte sei dass ich
hinter dem Gitter stehe und die Aussteigenden anschaue während die die sie
empfangen mir den Rücken zuwenden und von meiner Anwesenheit nichts wissen Ich
ging um die Ecke des Hauses zurück und begab mich wieder in mein Wohnzimmer
Dort hörte ich nach einiger Zeit an Tritten und Gesprächen dass die ganze
Gesellschaft an meinem Zimmer vorbei den ganzen Gang entlang wahrscheinlich in
die schönen Gemächer an der östlichen Seite des Hauses gehe
Was weiter an dem Wagen geschehen sei ob noch eine oder zwei Personen aus
demselben gestiegen seien konnte ich nicht wissen denn auch nicht einmal beim
Fenster wollte ich nun hinabsehen Dass aber Gegenstände von demselben abgepackt
und in das Haus gebracht wurden konnte ich an dem Reden und Rufen der Leute
erkennen Auch den Wagen hörte ich endlich fortfahren wahrscheinlich wurde er
in den Meierhof gebracht
Ich blieb immer in der Tiefe des Zimmers sitzen Ich ging weder zu dem
Fenster noch ging ich in den Garten noch verließ ich überhaupt das Zimmer
obwohl eine ziemlich lange Zeit ruhig und still verfloss Ich wollte lesen oder
schreiben und tat es dann doch wieder nicht
Endlich da vielleicht ein paar Stunden vergangen waren kam Katarina und
sagte der alte Herr lasse mich recht schön bitten dass ich in das Speisezimmer
kommen möge man erwarte mich dort
Ich ging hinab
Als ich eingetreten war sah ich dass mein Gastfreund in einem Lehnsessel an
dem Tische saß neben ihm saß Gustav An der entgegengesetzten Seite saß die
Frau Ihr Sessel war aber ein wenig von dem Tische abgewendet und der Tür durch
welche ich eintrat zugekehrt Hinter ihr und um eine Sesselhälfte seitwärts saß
das Mädchen
Sie waren nun ganz anders gekleidet als da ich sie aus dem Wagen steigen
gesehen hatte Statt des städtischen Hutes den sie da getragen hatten deckte
jetzt ein Strohhut mit nicht gar breiten Flügeln so dass sie eben genug Schatten
gaben das Haupt die übrigen Kleider bestanden aus einem einfachen lichten
mattfärbigen Stoffe und waren ohne alle besonderen Verzierungen verfertigt so
wie der Schnitt nichts Auffälliges hatte weder eine zur Schau getragene
Ländlichkeit noch ein zu strenge festgehaltenes städtisches Wesen
Es standen mehrere Diener herum so wie Katarina die mich geholt hatte
auch wieder hinter mir in das Zimmer gegangen war und sich zu den dastehenden
Mägden gesellt hatte Selbst der Gärtner Simon war zugegen
Als ich in die Nähe des Tisches gekommen war stand mein Gastfreund auf
umging den Tisch führte mich vor die Frau und sagte »Erlaube dass ich dir den
jungen Mann vorstelle von dem ich dir erzählt habe«
Hierauf wendete er sich gegen mich und sagte »Diese Frau ist Gustavs
Mutter Matildis«
Die Frau sagte in dem ersten Augenblicke nichts sondern richtete ein
Weilchen die dunkeln Augen auf mich
Dann wies er mit der Hand auf das Mädchen und sagte »Diese ist Gustavs
Schwester Natalie«
Ich wusste nicht waren die Wangen des Mädchens überhaupt so rot oder war es
errötet Ich war sehr befangen und konnte kein Wort hervor bringen Es war mir
äußerst auffallend dass er jetzt wo er den Namen beinahe mit Notwendigkeit
brauchte weder um den meinigen gefragt noch den der Frauen genannt hatte Ehe
ich recht mit mir zu Rate gehen konnte ob zu der Verbeugung welche ich gemacht
hatte etwas gesagt werden solle oder nicht fuhr er in seiner Rede fort und
sagte »Er ist ein freundlicher Hausgenosse von uns geworden und schenkt uns
einige Zeit in unserer ländlichen Einsamkeit Er strebt die Berge und das Land
zu erforschen und zur Kenntnis des Bestehenden und zur Herstellung der
Geschichte des Gewordenen etwas beizutragen Wenn auch die Taten und die
Förderung der Welt mehr das Geschäft des Mannes und des Greises sind so ziert
ein ernstes Wollen auch den Jüngling selbst wo es nicht so klar und so bestimmt
ist wie hier«
»Mein Freund hat mir von Euch erzählt« sagte die Frau zu mir indem sie
mich wieder mit den dunkeln glänzenden Augen ansah »er hat mir gesagt dass Ihr
im vergangenen Jahre bei ihm wart dass Ihr ihn im Frühlinge besucht habt und
dass Ihr versprochen habt zur Zeit der Rosenblüte wieder eine Weile in diesem
Hause zuzubringen Mein Sohn hat auch sehr oft von Euch gesprochen«
»Er scheint nicht ganz ungerne hier zu sein« sagte mein Gastfreund »denn
sein Angesicht wenigstens hat noch nicht bei dem früheren so wie bei dem
jetzigen Besuche die Heiterkeit verloren«
Ich hatte mich während dieser Reden gesammelt und sagte »Wenn ich auch aus
der großen Stadt komme so bin ich doch wenig mit fremden Menschen in Verkehr
getreten und weiß daher nicht, wie mit ihnen umzugehen ist In diesem Hause bin
ich da ich irrtümlich ein Gewitter fürchtete und um einen Unterstand
heraufging sehr freundlich aufgenommen worden ich bin wohlwollend eingeladen
worden wieder zu kommen und habe es getan Es ist mir hier in kurzem so lieb
geworden wie bei meinen teuren Eltern bei welchen auch eine Regelmäßigkeit und
Ordnung herrscht wie hier Wenn ich nicht ungelegen bin und die Umgebung mir
nicht abgeneigt ist so sage ich gerne wenn ich auch nicht weiß ob man es
sagen darf dass ich immer mit Freuden kommen werde wenn man mich einladet«
»Ihr seid eingeladen« erwiderte mein Gastfreund »und Ihr müsst aus unsern
Handlungen erkennen dass Ihr uns sehr willkommen seid Nun werden auch Gustavs
Mutter und Schwester eine Weile in diesem Hause zubringen und wir werden
erwarten wie sich unser Leben entwickeln wird Wollt Ihr Euch nicht ein wenig
zu mir setzen und abwarten bis der Willkommensgruss von allen die da stehen
vorüber ist«
Er ging wieder um den Tisch herum zurück und ich folgte ihm Gustav machte
mir Platz neben seinem Ziehvater und sah mich mit der Freude an welche ein
Sohn empfindet der in der Fremde den Besuch der Mutter empfängt
Natalie hatte kein Wort gesprochen
Ich konnte jetzt da ich ein wenig gegen die Frauen hin zu blicken
vermochte recht deutlich sehen dass hier Gustavs Mutter und Schwester zugegen
seien denn beide hatten dieselben großen schwarzen Augen wie Gustav beide
dieselben Züge des Angesichtes und Natalie hatte auch die braunen Locken
Gustavs während die der Mutter die Silberfarbe des Alters trugen Sie gingen
nun recht schön geordnet in einem viel breiteren Bande an beiden Seiten der
Stirne herab als sie es unter dem Reisestrohhute getan hatten
Vor Matilde war während wir unsere Sitze eingenommen hatten die
Haushälterin Katarina getreten
Die Frau sagte »Sei mir vielmal gegrüßt Katarina ich danke dir du hast
deinen Herrn und meinen Sohn in deiner besonderen Obhut und übst viele Sorgfalt
an ihnen aus Ich danke dir sehr Ich habe dir etwas gebracht nur als eine
kleine Erinnerung ich werde es dir schon geben«
Als Katarina zurück getreten war als sich die anderen insgesamt näherten
sich verbeugten und mehrere Mädchen der Frau die Hand küssten sagte sie »Seid
mir alle von Herzen gegrüßt ihr sorgt alle für den Herrn und seinen Ziehsohn
Sei gegrüßt Simon sei gegrüßt Klara ich danke euch allen und habe allen
etwas gebracht damit ihr seht dass ich keines in meiner Zuneigung vergessen
habe denn sonst ist es freilich nur eine Kleinigkeit«
Die Leute wiederholten ihre Verbeugung manche auch den Handkuss und
entfernten sich Sie hatten sich auch vor Natalie geneigt welche den Gruß recht
freundlich erwiderte
Als alle fort waren sagte die Frau zu Gustav »Ich habe auch dir etwas
gebracht das dir Freude machen soll ich sage noch nicht was allein ich habe
es nur vorläufig gebracht und wir müssen erst den Ziehvater fragen ob du es
schon ganz oder nur teilweise oder noch gar nicht gebrauchen darfst«
»Ich danke dir Mutter« erwiderte der Sohn »du bist recht gut liebe
Mutter ich weiß jetzt schon was es ist und wie der Ziehvater ausspricht
werde ich genau tun«
»So wird es gut sein« antwortete sie
Nach dieser Rede waren alle aufgestanden
»Du bist heuer zu sehr guter Zeit gekommen Matilde« sagte mein
Gastfreund »keine einzige der Rosen ist noch aufgebrochen aber alle sind
bereit dazu«
Wir hatten uns während dieser Rede der Tür genähert und mein Gastfreund
hatte mich gebeten bei der Gesellschaft zu bleiben
Wir gingen bei dem grünen Gitter hinaus und gingen auf den Sandplatz vor
dem Hause Die Leute mussten von diesem Vorgange schon unterrichtet sein denn
ihrer zwei brachten einen geräumigen Lehnsessel und stellten ihn in einer
gewissen Entfernung mit seiner Vorderseite gegen die Rosen
Die Frau setzte sich in den Sessel legte die Hände in den Schoss und
betrachtete die Rosen
Wir standen um sie Natalie stand zu ihrer Linken neben dieser Gustav mein
Gastfreund stand hinter dem Stuhle und ich stellte mich um nicht zu nahe an
Natalie zu sein an die rechte Seite und etwas weiter zurück
Nachdem die Frau eine ziemliche Zeit gesessen war stand sie schweigend auf
und wir verließen den Platz
Wir gingen nun in das Schreinerhaus Eustach war nicht bei der allgemeinen
Bewillkommung im Speisezimmer gewesen Er musste wohl als Künstler betrachtet
werden, dem man einen Besuch zudenke Ich erkannte aus dem ganzen Benehmen dass
das Verhältnis in der Tat so sei und als das richtigste empfunden werde Eustach
musste das gewusst haben denn er stand mit seinen Leuten ohne die grünen Schürzen
vor der Tür um die Angekommenen zu begrüßen Die Frau dankte freundlich für den
Gruß aller redete Eustach herzlich an fragte ihn um sein und seiner Leute
Wohlbefinden um ihre Arbeiten und Bestrebungen und sprach von vergangenen
Leistungen was ich da mir diese fremd waren nicht ganz verstand Hierauf
gingen wir in die Werkstätte wo die Frau jede der einzelnen Arbeiterstellen
besah In dem Zimmer Eustachs sprach sie die Bitte aus dass er ihr bei ihrem
längeren Aufenthalte manches einzelne zeigen und näher erklären möge
Von dem Schreinerhause gingen wir in die Gärtnerwohnung wo die Frau ein
Weilchen mit den alten Gärtnerleuten sprach
Hierauf begaben wir uns in das Gewächshaus zu den Ananas zu den Kakteen
und in den Garten
Die Frau schien alle Stellen genau zu kennen sie blickte mit Neugierde auf
die Plätze auf denen sie gewisse Blumen zu finden hoffte sie suchte bekannte
Vorrichtungen auf und blickte sogar in Büsche in denen etwa noch das Nest
eines Vogels zu erwarten war Wo sich etwas seit früher verändert hatte
bemerkte sie es und fragte um die Ursache. So waren wir durch den ganzen Garten
bis zu dem großen Kirschbaume und zu der Felderrast gekommen Dort sprach sie
noch etwas mit meinem Gastfreunde über die Ernte und über die Verhältnisse der
Nachbarn
Natalie sprach äußerst wenig
Als wir in das Haus zurück gekommen waren begaben wir uns da das
Mittagsmahl nahe war auf unsere Zimmer Mein Gastfreund sagte mir noch vorher
ich möge mich zum Mittagessen nicht umkleiden es sei dieses in seinem Hause
selbst bei Besuchen von Fremden nicht Sitte und ich würde nur auffallen Ich
dankte ihm für die Erinnerung Als ich da die Hausglocke zwölf Uhr geschlagen
hatte in das Speisezimmer hinunter gegangen war fand ich in der Tat die
Gesellschaft nicht umgekleidet Mein Gastfreund war in den Kleidern wie er sie
alle Tage hatte und die Frauen trugen die nämlichen Gewänder in denen sie den
Spaziergang gemacht hatten Gustav und ich waren wie gewöhnlich
Am oberen Ende des Tisches stand ein etwas größerer Stuhl und vor ihm auf
dem Tische ein Stoß von Tellern Mein Gastfreund führte da ein stummes Gebet
verrichtet worden war die Frau zu diesem Stuhle den sie sofort einnahm Links
von ihr saß mein Gastfreund rechts ich neben meinem Gastfreunde Natalie und
neben ihr Gustav Mir fiel es auf dass er die Frau als ersten Gast zu dem Platze
mit den Tellern geführt hatte den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm
und von dem aus sie vorlegte Es musste aber hier so eingeführt sein denn
wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu füllen
die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug
Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit Es war mir als wenn das immer
bisher gefehlt hätte Es war nun etwas wie eine Familie in dieses Haus gekommen
welcher Umstand mir die Wohnung meiner Eltern immer so lieb und angenehm gemacht
hatte
Das Essen war so einfach wie es in allen Tagen gewesen war die ich in dem
Rosenhause zugebracht hatte
Die Gespräche waren klar und ernst und mein Gastfreund führte sie mit einer
offenen Heiterkeit und Ruhe
Nach dem Essen kam ein großer Korb welchen Arabella das Dienstmädchen
Mathildens welches mit den Frauen gekommen war welches ich aber nicht mehr
hatte aussteigen gesehen herein gebracht hatte Außer dem Korbe wurde auch ein
Pack in grauem Papiere und mit schönen Schnüren zugeschnürt gebracht und auf
zwei Sessel gelegt die an der Wand standen In dem Korbe befanden sich die
Geschenke welche Matilde den Leuten mitgebracht hatte und welche jetzt
ausgepackt waren Ich sah dass diese Geschenkausteilung gebräuchlich war und
öfter vorkommen musste Das Gesinde kam herein und jede der Personen erhielt
etwas Geeignetes sei es ein schwarzes seidnes Tuch für ein Mädchen oder eine
Schürze oder ein Stoff auf ein Kleid oder sei es für einen Mann eine Reihe
Silberknöpfe auf eine Weste oder eine glänzende Schnalle auf das Hutband oder
eine zierliche Geldtasche Der Gärtner empfing etwas das in sehr feine
Metallblätter gewickelt war Ich vermutete dass es eine besondere Art von
Schnupftabak sein müsse
Als schon alles ausgeteilt war als sich schon alle auf das beste bedankt
und aus dem Zimmer entfernt hatten wies Matilde auf den Pack der noch immer
auf den Sesseln lag und sagte »Gustav komme her zu mir«
Der Jüngling stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr Sie nahm ihn
freundlich bei der Hand und sagte »Was noch da liegt gehört dir Du hast mich
schon lange darum gebeten und ich habe es dir lange versagen müssen weil es
noch nicht für dich war Es sind Goethes Werke Sie sind dein Eigentum Vieles
ist für das reifere Alter ja für das reifste Du kannst die Wahl nicht treffen
nach welcher du diese Bücher zur Hand nehmen oder auf spätere Tage aufsparen
sollst Dein Ziehvater wird zu den vielen Wohltaten die er dir erwies auch
noch die fügen dass er für dich wählt und du wirst ihm in diesen Dingen eben so
folgen wie du ihm bisher gefolgt hast«
»Gewiss liebe Mutter werde ich es tun gewiss« sagte Gustav
»Die Bücher sind nicht neue und schön eingebundene wie du vielleicht
erwartest« fuhr sie fort »Es sind dieselben Bücher Goethes in welchen ich in
so mancher Nachtstunde und in so mancher Tagesstunde mit Freude und mit
Schmerzen gelesen habe und die mir oft Trost und Ruhe zuzuführen geeignet
waren Es sind meine Bücher Goethes die ich dir gebe Ich dachte sie könnten
dir lieber sein wenn du außer dem Inhalte die Hand deiner Mutter daran fändest
als etwa nur die des Buchbinders und Druckers«
»O lieber viel lieber teure Mutter sind sie mir« antwortete Gustav »ich
kenne ja die Bücher die mit dem feinen braunen Leder gebunden sind die feine
Goldverzierung auf dem Rücken haben und in der Goldverzierung die niedlichen
Buchstaben tragen die Bücher in denen ich dich so oft habe lesen gesehen
weshalb es auch kam dass ich dich schon wiederholt um solche Bücher gebeten
habe«
»Ich dachte es dass sie dir lieber sind« sagte die Frau »und darum habe
ich sie dir gegeben Da ich aber auch wohl noch gerne für den Überrest meines
Lebens ein Wort von diesem merkwürdigen Manne vernehmen möchte werde ich mir
die Bücher neu kaufen für mich haben die neuen die Bedeutung wie die alten Du
aber nimm die deinigen in Empfang und bringe sie an den Ort der dir dafür
eingeräumt ist«
Gustav küsste ihr die Hand und legte seinen Arm wie in unbeholfener
Zärtlichkeit auf die Schulter ihres Gewandes Er sprach aber kein Wort sondern
ging zu den Büchern und begann ihre Schnur zu lösen
Als ihm dies gelungen war als er die Bücher aus den Umschlagpapieren gelöst
und in mehreren geblättert hatte kam er plötzlich mit einem in der Hand zu uns
und sagte »Aber siehst du Mutter da sind manche Zeilen mit einem feinen
Bleistifte unterstrichen und mit demselben feingespjetzten Stifte sind Worte an
den Rand geschrieben die von deiner Hand sind Diese Dinge sind dein Eigentum
sie sind in den neugekauften Büchern nicht enthalten und ich darf dir dein
Eigentum nicht entziehen«
»Ich gebe es dir aber« antwortete sie »ich gebe es dir am liebsten der du
jetzt schon von mir entfernt bist und in Zukunft wahrscheinlich noch viel
weiter von mir entfernt leben wirst Wenn du in den Büchern liesest so liesest
du das Herz des Dichters und das Hetz deiner Mutter welches wenn es auch an
Werte tief unter dem des Dichters steht für dich den unvergleichlichen Vorzug
hat dass es dein Mutterherz ist Wenn ich an Stellen lesen werde die ich
unterstrichen habe werde ich denken hier erinnert er sich an seine Mutter und
wenn meine Augen über Blätter gehen werden auf welche ich Randbemerkungen
niedergeschrieben habe wird mir dein Auge vorschweben welches hier von dem
Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzüge von einer vor sich
haben wird die deine beste Freundin auf der Erde ist So werden die Bücher
immer ein Band zwischen uns sein wo wir uns auch befinden Deine Schwester
Natalie ist bei mir sie hört öfter als du meine Worte und ich höre auch oft
ihre liebe Stimme und sehe ihr freundliches Angesicht«
»Nein nein Mutter« sagte Gustav »ich kann die Bücher nicht nehmen ich
beraube dich und Natalie«
»Natalie wird schon etwas anderes bekommen« antwortete die Mutter »Dass du
mich nicht beraubst habe ich dir schon erklärt und es war seit längerer Zeit
mein wohldurchdachter Wille dass ich dir diese Bücher geben werde«
Gustav machte keine Einwendungen mehr Er nahm ihre Rechte in seine beiden
Hände drückte sie küsste sie und ging dann wieder zu den Büchern
Als er alle ausgepackt hatte holte er einen Diener und ließ sie durch ihn
in seine Wohnung tragen
Nach dem Essen war es im Plane dass wir uns zerstreuen sollten und jeder
sich nach seinem Sinne beschäftige
Ich hatte es während des Vorganges mit den Büchern nicht vermocht auf das
Angesicht Nataliens zu schauen was etwa in ihr vorgehen möge und was sich in
den Zügen spiegle Ich musste mir nur denken sie werde von dem höchsten Beifalle
über die Handlung ihrer Mutter durchdrungen sein Als wir uns aber von dem
Tische erhoben als wir das stumme Gebet gesprochen und uns wechselweise
verneigt hatten wobei ich meine Augen immer nur auf meinen alten Gastfreund und
auf die Frau gerichtet hatte und als wir uns jetzt anschickten das Zimmer zu
verlassen und Natalie den Arm Gustavs nahm und beide Geschwister sich
umkehrten um der Tür zuzugehen wagte ich es den Blick zu dem Spiegel zu
erheben in dem ich sie sehen musste Ich sah aber fast nichts mehr als die vier
ganz gleichen schwarzen Augen sich in dem Spiegel umwenden
Wir traten alle in das Freie
Mein Gastfreund und die Frau begaben sich in eine Wirtschaftstube
Natalie und Gustav gingen in den Garten er zeigte ihr verschiedenes das
ihm etwa an dem Herzen lag oder worüber er sich freute und sie nahm gewiss den
Anteil den die Schwester an den Bestrebungen des Bruders hat den sie liebt
auch wenn sie die Bestrebung nicht ganz verstehen sollte und sie wenn es auf
sie allein ankäme nicht zu den ihrigen machen würde So tut es ja auch Klotilde
mit mir in meiner Eltern Hause
Ich stand an dem Eingange des Hauses und sah den beiden Geschwistern nach
so lange ich sie sehen konnte Einmal erblickte ich sie wie sie vorsichtig in
ein Gebüsch schauten Ich dachte mir er werde ihr ein Vogelnest gezeigt haben
und sie sehe mit Teilnahme auf die winzige befiederte Familie Ein anderes Mal
standen sie bei Blumen und schauten sie an Endlich sah ich nichts mehr Das
lichte Gewand der Schwester war unter den Bäumen und Gesträuchen verschwunden
manche schimmernde Stellen wurden zuweilen noch sichtbar und dann nichts mehr
Ich ging hierauf in meine Zimmer
Mir war als müsse ich dieses Mädchen schon irgendwo gesehen haben aber da
ich mich bisher viel mehr mit leblosen Gegenständen oder mit Pflanzen
beschäftigt hatte als mit Menschen so hatte ich keine Geschicklichkeit
Menschen zu beurteilen ich konnte mir die Gesichtszüge derselben nicht zurecht
legen sie mir nicht einprägen und sie nicht vergleichen daher konnte ich auch
nicht ergründen wo ich Natalie schon einmal gesehen haben könnte
Ich blieb den ganzen Nachmittag in meiner Wohnung
Als die Hitze des Tages welcher ganz heiter war sich ein wenig gemildert
hatte wurde ich aufgefordert einen Spaziergang mit zu machen An demselben
nahmen mein Gastfreund Matilde Natalie Gustav und ich Teil Wir gingen durch
eine Strecke des Gartens Mein Gastfreund Matilde und ich bildeten eine
Gruppe da sie mich in ihr Gespräch gezogen hatten und wir gingen wo es die
Breite des Sandweges zuließ neben einander Die andere Gruppe bildeten Natalie
und Gustav und sie gingen eine ziemliche Anzahl Schritte vor uns Unser
Gespräch betraf den Garten und seine verschiedenen Bestandteile die sich zu
einem angenehmen Aufenthalte wohltuend ablösten es betraf das Haus und manche
Verzierungen darin es erweiterte sich auf die Fluren auf denen wieder der
Segen stand der den Menschen abermals um ein Jahr weiter helfen sollte und es
ging auf das Land über auf manche gute Verhältnisse desselben und auf anderes
was der Verbesserung bedürfte Ich sah den zwei hohen Gestalten nach die vor
uns gingen Gustav ist mir heute plötzlich als völlig erwachsen erschienen Ich
sah ihn neben der Schwester gehen und sah dass er größer sei als sie Dieser
Gedanke drängte sich mir mehrere Male auf War er aber auch größer so war ihre
Gestalt feiner und ihre Haltung anmutiger Gustav hatte wie sein Ziehvater
nichts auf dem Haupte als die Fülle seiner dichten braunen Locken und als
Natalie den sanft schattenden Strohhut den sie wie ihre Mutter auf hatte
abgenommen und an den Arm gehängt hatte so zeigten ihre Locken genau die Farbe
wie die Gustavs und wenn die Geschwister die sich sehr zu lieben schienen
sehr nahe an einander gingen so war es von ferne als sähe man eine einzige
braune glänzende Haarfülle und als teilen sich nur unten die Gestalten
Wir gingen bei der Pforte hinaus die gegen den Meierhof führt gingen aber
nicht in den Meierhof sondern machten einen großen Bogen durch die Felder und
kamen dann schief über den südlichen Abhang des Hügels wieder zu dem Hause
hinauf
Da die Täge sehr lang waren so leuchtete noch die Abendröte wenn wir von
unserem Abendessen das pünktlich immer zur gleichen Zeit sein musste
aufstanden Wir gingen daher heute auch noch nach dem Abendessen in den Garten
Wir gingen zu dem großen Kirschbaume empor Dort setzten wir uns auf das
Bänklein Mein Gastfreund und Matilde saßen in der Mitte so dass ihre
Angesichter gegen den Garten hinab gerichtet waren Links von meinem Gastfreunde
saß ich rechts von der Mutter saß Natalie und Gustav Die Lüfte dunkelten immer
mehr ein blasser Schein war über die Wipfel des Gartens der jetzt schwieg und
über das Dach des Hauses gebreitet Das Gespräch war heiter und ruhig und die
Kinder wendeten oft ihr Angesicht herüber um an dem Gespräche Anteil zu nehmen
und gelegentlich selber ein Wort zu reden
Da sich der eine und der andere Stern an dem Himmel entzündete und in den
Tiefen der Gartengesträuche schon die völlige Dunkelheit herrschte gingen wir
in das Haus und in unsere Zimmer
Ich war sehr traurig Ich legte meinen Strohhut auf den Tisch legte meinen
Rock ab und sah bei einem der offenen Fenster hinaus Es war heute nicht wie
damals da ich zum ersten Male in diesem Hause über dem Rosengitter aus dem
offenen Fenster in die Nacht hinausgeschaut hatte Es standen nicht die Wolken
am Himmel die ihn nach Richtungen durchzogen und ihm Gestaltung gaben sondern
es brannte bereits über dem ganzen Gewölbe der einfache und ruhige
Sternenhimmel Es ging kein Duft der Rosen zu meiner Nachterberge herauf da
sie noch in den Knospen waren sondern es zog die einsame Luft kaum fühlbar
durch die Fenster herein ich war nicht von dem Verlangen belebt wie damals das
Wesen und die Art meines Gastfreundes zu erforschen dies lag entweder aufgelöst
vor mir oder war nicht zu lösen Das einzige war dass wieder Getreide außerhalb
des Sandplatzes vor den Rosen ruhig und unbewegt stand aber es war eine andere
Gattung und es war nicht zu erwarten dass es in der Nacht im Winde sich bewegen
und am Morgen wenn ich die geklärten Augen über die Gegend wendete vor mir
wogen würde
Als die Nacht schon sehr weit vorgerückt war ging ich von dem Fenster und
obwohl ich jeden Abend gewohnt war ehe ich mich zur Ruhe begab zu meinem
Schöpfer zu beten so kniete ich doch jetzt vor dem einfachen Tischlein hin und
tat ein heißes inbrünstiges Gebet zu Gott dem ich alles und jedes besonders
mein Sein und mein Schicksal und das Schicksal der Meinigen anheim stellte
Dann entkleidete ich mich schloss die Schlösser meiner Zimmer ab und begab
mich zur Ruhe
Als ich schon zum Entschlummern war kam mir der Gedanke ich wolle nach
Mathilden und ihren Verhältnissen eben so wenig eine Frage tun als ich sie nach
meinem Gastfreunde getan habe
Ich erwachte sehr zeitig aber nach der Natur jener Jahreszeit war es schon
ganz licht ein blauer wolkenloser Himmel wölbte sich über die Hügel das
Getreide unter meinen Füßen wogte wirklich nicht sondern es stand unbewegt mit
starkem Taue wie mit feurigen Funken angetan in der aufgehenden Sonne da
Ich kleidete mich an richtete meine Gedanken zu Gott und setzte mich zu
meiner Arbeit
Nach geraumer Zeit hörte ich durch meine Fenster welche ich bei weiter
fortschreitendem Morgen geöffnet hatte dass auch am äußersten Ende des Hauses
gegen Osten Fenster erklangen welche geöffnet wurden In jener Gegend wohnten
die Frauen in den schönen nach weiblicher Art eingerichteten Gemächern Ich
ging zu meinem Fenster schaute hinaus und sah wirklich dass alle Fensterflügel
an jenem Teile des Hauses offen standen Nach einer Zeit da es bereits zur
Stunde des Frühmahles ging hörte ich weibliche Schritte an meiner Tür vorüber
der Marmortreppe zugehen welche mit einem weichen Teppiche belegt war Ich
hatte auch obwohl sie gedämpft war wahrscheinlich um mich nicht zu stören
Gustavs Stimme erkannt
Ich ging nach einer kleinen Weile auch über die Marmortreppe an dem
Marmorbilde der Muse vorüber in das Speisezimmer hinunter
Der Tag verging ungefähr wie der vorige und so verflossen nach und nach
mehrere
Die Ordnung des Hauses war durch die Ankunft der Frauen fast gar nicht
gestört worden nur dass solche Vorrichtungen vorgenommen werden mussten welche
die Aufmerksamkeit für die Frauen verlangte Die Unterrichts und Lernstunden
Gustavs wurden eingehalten wie früher und ebenso ging die Beschäftigung meines
Gastfreundes ihren Gang Matilde beteiligte sich nach Frauenart an dem
Hauswesen Sie sah auf das was ihren Sohn betraf und auf alles was das
häusliche Wohl des alten Mannes anging Sie wurde gar nicht selten in der Küche
gesehen wie sie mitten unter den Mägden stand und an den Arbeiten Teil nahm
die da vorfielen Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer in den Keller
oder an andere Orte die wichtig waren Sie sorgte für die Dinge, welche den
Dienstleuten gehörten in so ferne sie sich auf ihre Nahrung bezogen oder auf
ihre Wohnung oder auf ihre Kleider und Schlafstellen Sie legte das Linnen die
Kleider und anderes Eigentum des alten Herrn und ihres Sohnes zurecht und
bewirkte dass wo Verbesserungen notwendig waren dieselben eintreten könnten
Unter diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem
Hause und betrachtete gleichsam wehmütig die Rosen die an der Wand des Hauses
empor wuchsen Natalie brachte viele Zeit mit Gustav zu Die Geschwister mussten
sich außerordentlich lieben Er zeigte ihr alle seine Bücher namentlich die
neu zu den alten hinzu gekommen waren er erklärte ihr was er jetzt lerne und
suchte sie in dasselbe einzuweihen wenn sie es auch schon wusste und früher die
nämlichen Wege gegangen war Wenn es die Umstände mit sich brachten schweiften
sie in dem Garten herum und freuten sich all des Lebens was in demselben war
und freuten sich des gegenseitigen Lebens das sich an einander schmiegte und
dessen sie sich kaum als eines gesonderten bewusst wurden Die Zeit welche alle
frei hatten brachten wir häufig gemeinschaftlich mit einander zu Wir gingen in
den Garten oder saßen unter einem schattigen Baume oder machten einen
Spaziergang oder waren in dem Meierhofe Ich vermochte nicht in die Gespräche
so einzugehen wie ich es mit meinem Gastfreunde allein tat und wenn auch
Matilde recht freundlich mit mir sprach so wurde ich fast immer noch stummer
Die Rosen fingen an sich stets mehr zu entwickeln sehr viele waren bereits
aufgeblüht und stündlich öffneten andere den sanften Kelch Wir gingen sehr oft
hinaus und betrachteten die Zierde und es musste manchmal eine Leiter herbei um
irgend etwas Störendes oder Unvollkommenes zu entfernen
Die Mittage waren lieb und angenehm Auch das dass Matilde und Natalie so
fein und passend wenn auch einfach angezogen waren wie ich es von meiner
Mutter und Schwester gewohnt war gab dem Mahle einen gewissen Glanz den ich
früher vermisst hatte Die Vorhänge waren gegen die unmittelbare Sonne jederzeit
zu und es war eine gebrochene und sanfte Helle in dem Zimmer
Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu da noch
lauter schöne Täge gewesen waren Meistens saßen wir bei dem großen Kirschbaume
oben welches bei weitem der schönste Platz zu einem Abendsitze war obgleich er
auch zu jeder andern Zeit wenn die Hitze nicht zu groß war mit der größten
Annehmlichkeit erfüllte Mein Gastfreund führte die Gespräche klar und warm und
Matilde konnte ihm entsprechend antworten Sie wurden mit einer Milde und
Einsicht geführt dass sie immer an sich zogen dass ich gerne meine
Aufmerksamkeit hin richtete und wenn sie auch Gewöhnliches betrafen etwas
Neues und Eindringendes zu hören glaubte Der alte Mann führte dann die Frau im
Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der schmalen Mondessichel die
jetzt immer deutlicher in dem Abendrote schwamm über den Hügel in das Haus
hinab und die schlanken Gestalten der Kinder gingen an den dunkeln Büschen
dahin
Das alles war so einfach klar und natürlich dass es mir immer war die zwei
Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens Gustav und Natalie seien ihre
Kinder und ich sei ein Freund der sie hier in diesem abgeschiedenen Winkel der
Welt besucht habe wo sie den stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit
und Ruhe hinbringen wollten
Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer gehalten Es
war Eustach dann der Hausaufseher der alte Gärtner mit seiner Frau der
Verwalter des Meierhofes und die Haushälterin Katarina geladen worden Statt
Katarinen musste ein anderes die Herrschaft in der Küche führen Es musste wie
ich aus allem entnahm jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein
ein solches Gastmahl abzuhalten die Leute fanden sich auf eine natürliche Art
in die Sache und die Gespräche gingen mit einer Gemässheit vor sich welche auf
Übung deutete Matilde konnte sie veranlassen etwas zu sagen was passte und
was daher dem Sprechenden ein Selbstgefühl gab das ihm den Aufenthalt in der
Umgebung angenehm machte Eustach allein erhielt die Auszeichnung dass man das
bei ihm nicht für nötig erachtete er sprach daher auch weniger und nur in
allgemeinen Ausdrücken über allgemeine Dinge Er empfand dass er der höheren
Gesellschaft zugezählt werde wie ich es auch da ich ihn näher kennen gelernt
hatte ganz natürlich fand während die anderen nicht merkten dass man sie empor
hebe Der Gärtner und seine Frau waren in ihrem weißen reinlichen Anzuge ein
sehr liebes greises Paar welches auch die anderen mit einer gewissen
Auszeichnung behandelten An Speisen war eine etwas reichlichere Auswahl als
gewöhnlich die Männer bekamen einen guten Gebirgswein zum Getränke für die
Frauen wurde ein süßer neben die Backwerke gestellt
Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen wurden einmal Sessel
und Stühle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause aufgestellt so
dass die Öffnung des Kreises gegen das Haus sah und ein langer Tisch wurde in
die Mitte gestellt Wir setzten uns auf die Sessel der Gärtner Simon war
gerufen worden Eustach kam und von den Leuten und Gartenarbeitern konnte
kommen wer da wollte Sie machten auch Gebrauch davon Die Rosen wurden einer
sehr genauen Beurteilung unterzogen Man fragte sich welche die schönsten
seien oder welche dem einen oder dem anderen mehr gefielen Die Aussprüche
erfolgten verschieden und jedes suchte seine Meinung zu begründen Es lagen
Druckwerke und Abbildungen auf dem Tische zu denen man dann seine Zuflucht
nahm ohne eben jedes Mal ihrem Ausspruche beizupflichten Man tat die Frage ob
man nicht Bäumchen versetzen solle um eine schönere Mischung der Farben zu
erzielen Der allgemeine Ausspruch ging dahin dass man es nicht tun solle es
täte den Bäumchen wehe und wenn sie groß wären könnten sie sogar eingehen
eine zu ängstliche Zusammenstellung der Farben verrate die Absicht und störe die
Wirkung; eine reizende Zufälligkeit sei doch das angenehmste Es wurde also
beschlossen die Bäume stehen zu lassen wie sie standen Man sprach sich nun
über die Eigenschaften der verschiedenen Bäumchen aus man beurteilte ihre
Trefflichkeit an sich ohne auf die Blumen Rücksicht zu nehmen und oft wurde
der Gärtner um Auskunft angerufen Über die Gesundheit der Pflanzen und ihre
Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden sie waren heuer so vortrefflich
wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren Auf den Tisch wurden nun
Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen ausgebreitet die zu einem
Vesperbrote notwendig sind Aus den Reden Mathildens sah ich dass sie mit allen
hier befindlichen Rosenpflanzen sehr vertraut sei und dass sie selbst kleine
Veränderungen bemerkte welche seit einem Jahre vorgegangen sind Sie musste wohl
Lieblinge unter den Blumen haben aber man erkannte dass sie allen ihre Neigung
in einem hohen Masse zugewendet habe Ich schloss aus diesem Vorgange wieder
welche Wichtigkeit diese Blumen für dieses Haus haben
Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus Es war ein
Mann welcher in der Nähe eine bedeutende Besitzung hatte die er selber
bewirtschaftete obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit in der Stadt
aufhielt Er war von seiner Gattin und zwei Töchtern begleitet Sie waren auf
der Rückfahrt von einem Besuche begriffen den sie in einem entfernteren Teile
der Gegend gemacht hatten und waren wie sie sagten zu dem Hause herauf
gefahren um zu sehen ob die Rosen schon blühten und um die gewöhnliche Pracht
zu bewundern Sie hatten im Sinne am Abende wieder fort zu fahren allein da
die Zeit so weit vorgerückt war drang mein Gastfreund in sie die Nacht in
seinem Hause zuzubringen in welches Begehren sie auch einwilligten Die Pferde
und der Wagen wurden in den Meierhof gebracht den Reisenden wurden Zimmer
angewiesen
Sie gingen aus denselben aber wieder sehr bald hervor man begab sich auf
den Sandplatz vor dem Hause und die Rosenschau wurde aufs neue vorgenommen Es
waren zum Teile noch die Stühle vorhanden die man heute herausgetragen hatte
obwohl der Tisch schon weggeräumt war Die Mutter setzte sich auf einen
derselben und nötigte Mathilden neben ihr Platz zu nehmen Die Mädchen gingen
neben den Rosen hin und man redete viel von den Blumen und bewunderte sie
Vor dem Abendessen wurde noch ein Gang durch den Garten und einen Teil der
Felder gemacht dann begab sich alles auf seine Zimmer
Da die Stunde zu dem Abendmahle geschlagen hatte versammelte man sich
wieder in dem Speisesaale Der Fremde und seine Begleiterinnen hatten sich
umgekleidet der Mann erschien sogar im schwarzen Fracke die Frauen hatten
einen Anzug wie man ihn in der Stadt bei nicht festlichen aber
freundschaftlichen Besuchen hat Wir waren in unseren gewöhnlichen Kleidern
Aber gerade durch den Anzug der Fremden an dem sachgemäss nichts zu tadeln war
was ich recht gut beurteilen konnte weil ich solche Gewänder an meiner Mutter
und Schwester oft sah und auch oft Urteile darüber hörte wurden unsere Kleider
nicht in den Schatten gestellt sondern sie taten eher denen der Fremden
wenigstens in meinen Augen Abbruch Der geputzte Anzug erschien mir auffallend
und unnatürlich während der andere einfach und zweckmäßige war Es gewann den
Anschein als ob Matilde Natalie mein alter Gastfreund und selbst Gustav
bedeutende Menschen wären indes jene einige aus der großen Menge darstellten
wie sie sich überall befinden
Ich betrachtete während der Zeit des Essens und nachher da wir uns noch
eine Weile in dem Speisezimmer aufhielten sogar auch die Schönheit der Mädchen
Die ältere von den beiden Töchtern der Fremden wenigstens mir erschien sie als
die ältere hieß Julie Sie hatte braune Haare wie Natalie Dieselben waren
reich und waren schön um die Stirne geordnet Die Augen waren braun groß und
blickten mild Die Wangen waren fein und ebenmässig und der Mund war äußerst
sanft und wohlwollend Ihre Gestalt hatte sich neben den Rosen und auf dem
Spaziergange als schlank und edel und ihre Bewegungen hatten sich als
natürliche und würdevolle gezeigt Es lag ein großer hinziehender Reiz in ihrem
Wesen Die jüngere welche Apollonia hieß hatte gleichfalls braune aber
lichtere Haare als die Schwester Sie waren eben so reich und wo möglich noch
schöner geordnet Die Stirne trat klar und deutlich von ihnen ab und unter
derselben blickten zwei blaue Augen nicht so groß wie die braunen der
Schwester aber noch einfacher gütevoller und treuer hervor Diese Augen
schienen von dem Vater zu kommen der sie auch blau hatte während die der
Mutter braun waren Die Wangen und der Mund erschienen noch feiner als bei der
Schwester und die Gestalt fast unmerkbar kleiner War ihr Benehmen minder
anmutig als das der Schwester so war es treuherziger und lieblicher Meine
Freunde in der Stadt würden gesagt haben es seien zwei hinreissende Wesen und
sie waren es auch Natalie ich weiß nicht war ihre Schönheit unendlich
größer oder war es ein anderes Wesen in ihr welches wirkte ich hatte aber
dieses Wesen noch in einem geringen Masse zu ergründen vermocht da sie sehr
wenig zu mir gesprochen hatte ich hatte ihren Gang und ihre Bewegungen nicht
beurteilen können da ich mir nicht den Mut nahm sie zu beobachten wie man
eine Zeichnung beobachtet aber sie war neben diesen zwei Mädchen weit höher
wahr klar und schön dass jeder Vergleich aufhörte Wenn es wahr ist dass
Mädchen bezaubernd wirken können so konnten die zwei Schwestern bezaubern aber
um Natalie war etwas wie ein tiefes Glück verbreitet
Matilde und mein Gastfreund schienen diese Familie sehr zu lieben und zu
achten das zeigte das Benehmen gegen sie
Die Mutter der zwei Mädchen schien ungefähr vierzig Jahre alt zu sein Sie
hatte noch alle Frische und Gesundheit einer schönen Frau deren Gestalt nur
etwas zu voll war als dass sie zu einem Gegenstande der Zeichnung hätte dienen
können wie man wenigstens in Zeichnungen gerne schöne Frauen vorstellt Ihr
Gespräch und ihr Benehmen zeigte dass sie in der Welt zu dem sogenannten
vorzüglicheren Umgang gehöre Der Vater schien ein kenntnisvoller Mann zu sein
der mit dem Benehmen der feineren Stände der Stadt die Einfachheit der Erfahrung
und die Güte eines Landwirtes verband auf den die Natur einen sanften Einfluss
übte Ich hörte seiner Rede gerne zu Matilde erschien bedeutend älter als die
Mutter der zwei Mädchen sie schien einstens wie Natalie gewesen zu sein war
aber jetzt ein Bild der Ruhe und ich möchte sagen der Vergebung Ich weiß
nicht warum mir in den Tagen dieser Ausdruck schon mehrere Male einfiel Sie
sprach von den Gegenständen, welche von den Besuchenden vorgebracht wurden
brachte aber nie ihre eigenen Gegenstände zum Gespräche Sie sprach mit
Einfachheit ohne von den Gegenständen beherrscht zu werden und ohne die
Gegenstände ausschließlich beherrschen zu wollen Mein Gastfreund ging in die
Ansichten seines Gutsnachbars ein und redete in der ihm eigentümlichen klaren
Weise wobei er aber auch die Höflichkeit beging den Gast die Gegenstände des
Gespräches wählen zu lassen
So saßen diese zwei Abteilungen von Menschen an demselben Tische und
bewegten sich in demselben Zimmer wirklich zwei Abteilungen von Menschen
Daraus dass sie gerade zur Rosenblüte herauf gefahren waren erkannte ich
dass die Nachbarn meines Gastfreundes nicht bloß um seine Vorliebe für diese
Blumen wussten sondern dass sie etwa auch Anteil daran nahmen
Es wurde nach dem Essen nicht mehr ein Spaziergang gemacht wie in diesen
Tagen sondern man blieb in Gesprächen bei einander und ging später als es
sonst in diesem Hause gebräuchlich war zur Ruhe
Am anderen Morgen wurde das Frühmahl in dem Garten eingenommen und nachdem
man sich noch eine Weile in dem Gewächshause aufgehalten hatte fuhren die Gäste
mit der wiederholt vorgebrachten Bitte fort sie doch auch recht bald auf ihrem
Gute zu besuchen was zugesagt wurde
Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage auf dem Rosenhause dahin wie sie
seit der Ankunft der Frauen dahin gegangen waren Die Zeit welche jedes frei
hatte brachten wir wieder öfter gemeinschaftlich zu Ich wurde nicht selten in
diesen Zeiten ausdrücklich zur Gesellschaft geladen Natalie hatte auch ihre
Lernstunden welche sie gewissenhaft hielt Gustav sagte mir dass sie jetzt
Spanisch lerne und spanische Bücher mit hieher gebracht habe Ich hatte doch den
Raum welchen man mir in dem sogenannten Steinhause eingeräumt hatte benützt
und hatte mehrere meiner Gegenstände dort hingebracht Gustav las bereits in den
Büchern von Goethe Sein Ziehvater hatte ihm Hermann und Dorotea ausgewählt und
ihm gesagt er solle das Werk so genau und sorgfältig lesen dass er jeden Vers
völlig verstehe und wo ihm etwas dunkel sei dort solle er fragen Mir war es
rührend dass die Bücher alle in Gustavs Zimmer aufgestellt waren und dass man
das Zutrauen hatte dass er kein anderes lesen werde als welches ihm von dem
Ziehvater bezeichnet worden sei Ich kam oft zu ihm und wenn ich nach der
Kenntnis die ich bereits von seinem Wesen gewonnen hatte nicht gewusst hätte
dass er sein Versprechen halten werde so hätte ich mich durch meine Besuche von
dieser Tatsache überzeugt Matilde und Natalie standen oft dabei wenn mein
Gastfreund für seine gefiederten Gäste auf der Fütterungstenne Körner streute
und nicht selten wenn ich des Morgens von einem Gange durch den Garten
zurückkam sah ich dass bei der Fütterung in dem Eckzimmer an dessen Fenstern
die Fütterungsbrettchen angebracht waren eine schöne Hand tätig sei die ich
für Nataliens erkannte Wir besuchten manchmal die Nester in welchen noch
gebrütet wurde oder sich Junge befanden Die meisten aber waren schon leer und
die Nachkommenschaft wohnte bereits in den Zweigen der Bäume Oft befanden wir
uns in dem Schreinerhause sprachen mit den Leuten betrachteten die
Fortschritte der Arbeit und redeten darüber Wir besuchten sogar auch Nachbaren
und sahen uns in ihrer Wirtschaftlichkeit um Wenn wir in dem Hause waren
befanden wir uns in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes es wurde etwas
gelesen oder es wurde ein geistansprechender Versuch in dem Zimmer der
Naturlehre gemacht oder wir waren in dem Bilderzimmer oder in dem Marmorsaale
Mein Gastfreund musste oft seine Kunst ausüben und das Wetter voraussagen Immer
wenn er eine bestimmte Aussage machte traf sie ein Oft verweigerte er aber
diese Aussage weil wie er erklärte die Anzeigen nicht deutlich und
verständlich genug für ihn seien
Zuweilen waren wir auch in den Zimmern der Frauen Wir kamen dahin wenn wir
dazu geladen waren Das kleine letzte Zimmerchen mit der Tapetentür gehörte
insbesondere Mathilden Ich hatte es Rosenzimmer genannt und es wurde
scherzweise der Name beibehalten Mir war es ein anmutiger Eindruck dass ich
sah wie liebend und wie hold dieses Zimmer für die alte Frau eingerichtet
worden war Es herrschte eine zusammenstimmende Ruhe in diesem Zimmer mit den
sanften Farben Blassrot Weissgrau Grün Mattveilchenblau und Gold In all das
sah die Landschaft mit den lieblichen Gestalten der Hochgebirge herein Matilde
saß gerne auf dem eigentümlichen Sessel am Fenster und sah mit ihrem schönen
Angesichte hinaus dessen Art mein Gastfreund einmal mit einer welkenden Rose
verglichen hatte
In den Zimmern las zuweilen Natalie etwas vor wenn mein Gastfreund es
verlangte Sonst wurde gesprochen Ich sah auf ihrem Tische Papiere in schöner
Ordnung und neben ihnen Bücher liegen Ich konnte es nie über mich bringen auch
nur auf die Aufschrift dieser Bücher zu sehen viel weniger gar eines zu nehmen
und hinein zu schauen Es taten dies auch andere nie An dem Fenster stand ein
verhüllter Rahmen an dem sie vielleicht etwas arbeitete aber sie zeigte nichts
davon Gustav wahrscheinlich aus Neigung zu mir um mich mit den schönen Dingen
zu erfreuen die seine Schwester verfertigte ging sie wiederholt darum an Sie
lehnte es aber jedes Mal auf eine einfache Art ab Ich hatte einmal in einer
Nacht da meine Fenster offen waren Zitertöne vernommen Ich kannte dieses
Musikgerät des Gebirges sehr gut ich hatte es bei meinen Wanderungen sehr oft
und von den verschiedensten Händen spielen gehört und hatte mein Ohr für seine
Klänge und Unterschiede zu bilden gesucht Ich ging an das Fenster und hörte zu
Es waren zwei Zitern die im östlichen Flügel des Hauses abwechselnd gegen
einander und mit einander spielten Wer Übung im Hören dieser Klänge hat merkt
es gleich ob auf derselben Zither oder auf verschiedenen und von denselben
Händen oder verschiedenen gespielt wird In den Gemächern der Frauen sah ich
später die zwei Zitern liegen Es wurde aber in unserer Gegenwart nie darauf
gespielt Mein Gastfreund verlangte es nicht ich ohnehin nicht und in dieser
Angelegenheit beobachtete auch Gustav eine feste Entaltung
Indessen war nach und nach die Zeit herangerückt in welcher die Rosen in
der allerschönsten Blüte standen
Das Wetter war sehr günstig gewesen Einige leichte Regen welche mein
Gastfreund vorausgesagt hatte waren dem Gedeihen bei weitem förderlicher
gewesen als es fortdauernd schönes Wetter hätte tun können Sie kühlten die
Luft von zu großer Hitze zu angenehmer Milde herab und wuschen Blatt Blume und
Stengel viel reiner von dem Staube der selbst in weit von der Straße entfernten
und mitten in Feldern gelegenen Orten doch nach lange andauerndem schönem Wetter
sich auf Dächern Mauern Zäunen Blättern und Halmen sammelt als es die
Sprühregen die mein Gastfreund ein paar Male durch seine Vorrichtung unter dem
Dache auf die Rosen hatte ergehen lassen zu tun im Stande gewesen waren
Unter dem klarsten schönsten und tiefsten Blau des Himmels standen nun
eines Tages Tausende von den Blumen offen es schien dass keine einzige Knospe
im Rückstande geblieben und nicht aufgegangen ist In ihrer Farbe von dem
reinsten Weiß in gelbliches Weiß in Gelb in blasses Rot in feuriges Rosenrot
in Purpur in Veilchenrot in Schwarzrot zogen sie an der Fläche dahin dass man
bei lebendiger Anschauung versucht wurde jenen alten Völkern recht zu geben
die die Rosen fast göttlich verehrten und bei ihren Freuden und Festen sich mit
diesen Blumen bekränzten Man war täglich teils einzeln teils zusammen zu dem
Rosengitter gekommen um die Fort schritte zu betrachten man hatte gelegentlich
auch andere Rosenteile und Rosenanlagen in dem Garten besucht allein an diesem
Tage erklärte man einmütig jetzt sei die Blüte am schönsten schöner vermöge
sie nicht mehr zu werden und von jetzt an müsse sie abzunehmen beginnen Dies
hatte man zwar auch schon einige Tage früher gesagt jetzt aber glaubte man sich
nicht mehr zu irren jetzt glaubte man auf dem Gipfel angelangt zu sein So weit
ich mich auf das vergangene Jahr zu erinnern vermochte in welchem ich auch
diese Blumen in ihrer Blüte angetroffen hatte waren sie jetzt schöner als
damals
Es kamen wiederholt Besuche an die Rosen zu sehen Die Liebe zu diesen
Blumen welche in dem Rosenhause herrschte und die zweckmässige Pflege welche
sie da erhielten war in der Nachbarschaft bekannt geworden und da kamen
manche welche sich wirklich an dem ungewöhnlichen Ergebnisse dieser Zucht
ergötzen wollten und andere die dem Besitzer etwas Angenehmes erzeigen
wollten und wieder andere die nichts Besseres zu tun wussten als nachzuahmen
was ihre Umgebung tat Alle diese Arten waren nicht schwer von einander zu
unterscheiden Die Behandlung derselben war von Seite meines Gastfreundes so
fein dass ich es nicht von ihm vermutet hatte und dass ich diese Eigenschaft an
ihm erst jetzt wo ich ihn unter Menschen beobachten konnte entdeckte
Auch Bauern kamen zu verschiedenen Zeiten und baten dass sie die Rosen
anschauen dürfen Nicht nur die Rosen wurden ihnen gezeigt sondern auch alles
andere im Hause und Garten was sie zu sehen wünschten besonders aber der
Meierhof in so ferne sie ihn nicht kannten oder ihnen die letzten
Veränderungen in demselben neu waren
Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg den ich bei meinem
vorjährigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte Er zeichnete sich einige
Rosen in ein Buch das er mitgebracht hatte und wendete sogar Wasserfarben an
um die Farben der Blumen so getreu als nur immer möglich ist nachzuahmen Die
Zeichnung aber sollte keine Kunstabbildung von Blumen sein sondern er wollte
sich nur solche Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren deren
Art er in seinen Garten zu verpflanzen wünschte Es bestand nämlich schon seit
lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das Verhältnis dass mein
Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab womit dieser seinen Garten zieren wollte
den er teils neu um das Pfarrhaus angelegt teils erweitert hatte
Unter allen aber schien Matilde die Rosen am meisten zu lieben Sie musste
überhaupt die Blumen sehr lieben denn auf den Blumentischen in ihren Zimmern
standen stets die schönsten und frischesten des Gartens auch wurde gerne auf
dem Tische an welchem wir speisten eine Gruppe von Gartentöpfen mit ihren
Blumen zusammengestellt Abgebrochen oder abgeschnitten und in Gläser mit Wasser
gestellt durften in diesem Hause keine Blumen werden außer sie waren welk so
dass man sie entfernen musste Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk
zu Nicht nur ging sie zu denen welche im Garten in Sträuchen Bäumchen und
Gruppen standen und bekümmerte sich um ihre Hegung und Pflege sondern sie
besuchte auch ganz allein wie ich schon früher bemerkt hatte die welche an
der Wand des Hauses blühten Oft stand sie lange davor und betrachtete sie
Zuweilen holte sie sich einen Schemel stieg auf ihn und ordnete in den
Zweigen Sie nahm entweder ein welkes Laubblatt ab das den Blicken der andern
entgangen war oder bog eine Blume heraus die am vollkommenen Aufblühen
gehindert war oder las ein Käferchen ab oder lüftete die Zweige wo sie sich
zu dicht und zu buschig gedrängt hatten Zuweilen blieb sie auf dem Schemel
stehen ließ die Hand sinken und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr
ausgebreiteten Gewächse
Wirklich war der Tag den man als den schönsten der Rosenblüte bezeichnet
hatte auch der schönste gewesen Von ihm an begann sie abzunehmen und die
Blumen fingen an zu welken so dass man öfter die Leiter und die Schere zur Hand
nehmen musste um Verunzierungen zu beseitigen
Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen welche sich eine
Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in demselben aufgehalten
hatten Sie hatten den Garten die Felder und den Meierhof besehen In seine
Zimmer und in die Schreinerei hatte sie mein Gastfreund nicht geführt woraus
ich die mir angenehme Bemerkung zog dass er mir bei meiner ersten Ankunft in
seinem Hause eine Bevorzugung gab die nicht jedem zu Teil wurde dass ich also
eine Art Zuneigung bei ihm gefunden haben musste
Gegen das Ende der Rosenblüte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus Da er
sich mehrere Tage in demselben aufhielt fand ich Gelegenheit ihn genauer zu
beobachten Er hatte noch nicht die Bildung seines Bruders auch nicht dessen
Biegsamkeit aber er schien mehr Kraft zu besitzen die seinen Beschäftigungen
einen wirksamen Erfolg versprach Was mir auffiel war dass er mehrere Male
seine dunkeln Augen länger auf Nathalien heftete als mir schicklich erscheinen
wollte Er hatte eine Reihe von Zeichnungen gebracht und wollte noch einen
entfernteren Teil des Landes besuchen ehe er wiederkehrte um den Stoff
vollkommen zu ordnen
Ehe Matilde und Natalie das Rosenhaus verließen musste noch der
versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars welches Ingheim hieß und von dem
Volke nicht selten der Inghof genannt wurde gemacht werden Es wurde
hingeschickt und ein Tag genannt an dem man kommen wollte welcher auch
angenommen wurde Am Morgen dieses Tages wurden die braunen Pferde mit denen
Matilde gekommen war und die sie die Zeit über in dem Meierhofe gelassen
hatte vor den Wagen gespannt der die Frauen gebracht hatte und Matilde und
Natalie setzten sich hinein Mein Gastfreund Gustav und ich der ich eigens in
die Bitte des Gegenbesuches eingeschlossen worden war stiegen in einen anderen
Wagen der mit zwei sehr schönen Grauschimmeln meines Gastfreundes bespannt war
Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den Ort unserer Bestimmung
Ingheim ist ein Schloss oder eigentlich sind zwei Schlösser da welche noch von
mehreren anderen Gebäuden umgehen sind Das alte Schloss war einmal befestigt
Die grauen aus großen viereckigen Steinen erbauten runden Türme stehen noch
ebenso die graue aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Türmen Beide
Teile beginnen aber oben zu verfallen Hinter den Türmen und Mauern steht das
alte unbewohnte ebenfalls graue Haus scheinbar unversehrt aber von den mit
Brettern verschlagenen Fenstern schaut die Unbewohnteit und Ungastlichkeit
herab Vor diesen Werken des Altertums steht das neue weiße Haus welches mit
seinen grünen Fensterläden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht
Wenn man von der Ferne kommt meint man es sei unmittelbar an das alte Schloss
angebaut welches hinter ihm emporragt Wenn man aber in dem Hause selber ist
und hinter dasselbe geht so sieht man dass das alte Gemäuer noch ziemlich weit
zurück ist dass es auf einem Felsen steht und dass es durch einen breiten mit
einem Obstbaumwald bedeckten Graben von dem neuen Hause getrennt ist Auch kann
man in der Ferne wegen der ungewöhnlichen Größe des alten Schlosses die
Geräumigkeit des neuen Hauses nicht ermessen Sobald man sich aber in demselben
befindet so erkennt man dass es eine bedeutende Räumlichkeit habe und nicht
bloß für das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch eine ziemliche
Zahl von Gästen noch keine Ungelegenheit bereitet Ich hatte wohl den Namen des
Schlosses öfter gehört dasselbe aber nie gesehen Es liegt so abseits von den
gewöhnlichen Wegen und ist durch einen großen Hügel so gedeckt dass es von
Reisenden welche durch diese Gegend gewöhnlich den Gebirgen zugehen nicht
gesehen werden kann. Als wir uns näherten entwickelten sich die mehreren
Bauwerke Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebäuden oder der sogenannten
Meierei Dieselben standen wie es bei vielen Besitzungen in unserem Lande der
Brauch ist ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und bildeten eine eigene
Abteilung Von da führte der Weg durch eine Allee uralter großer Linden eine
Strecke gegen das neue Haus Die Allee ist ein Bruchstock von derjenigen die
einmal gegen die Zugbrücke des alten Schlosses hinauf geführt hatte sie brach
daher ab und wir fuhren die übrige Strecke durch schönen grünen Rasen der mit
einzelnen Blumenhügeln geschmückt war dem Hause zu Dasselbe war von weisslich
grauer Farbe und hatte säulenartige Streifen und Friese Alle Fenster soweit
die geöffneten Läden eine Einsicht zuliessen zeigten von innen schwere Vorhänge
Als der Wagen der Frauen unter dem Überdache der Vorfahrt hielt stand schon der
Herr von Ingheim samt seiner Gattin und seinen Töchtern am Ende der Treppe zur
Bewillkommung Sie waren alle mit Geschmack gekleidet so wie die Dienerschaft
die hinter ihnen stand in Festkleidern war Der Herr half den Frauen aus dem
Wagen und da wir mittlerweile auch ausgestiegen und herzugekommen waren wurden
wir von der ganzen Familie begrüßt und die Treppe hinauf geleitet Man führte
uns in ein großes Empfangzimmer und wies uns Plätze an Matilde und Natalie
hatten zwar festlichere Kleider an als sie im Rosenhause trugen aber
dieselben so edel der Stoff war zeigten doch keine übermäßige Verzierung oder
gar Überladung Mein Gastfreund Gustav und ich waren gekleidet wie man es zu
ländlichen Besuchen zu sein pflegt So ließ wir uns in die prachtvollen
Polster die hier überall ausgelegt waren nieder Auf einem Tische über den
ein schöner Teppich gebreitet war standen Erfrischungen verschiedener Art
Andere Tische die noch in dem Zimmer standen waren unbedeckt Die Geräte waren
von Mahagoniholz und schienen aus der ersten Werkskätte der Stadt zu stammen
Eben so waren die Spiegel die Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers Eine
Ecke an einem Fenster nahm ein sehr schönes Klavier ein Die ersten Gespräche
betrafen die gewöhnlichen Dinge über Wohlbefinden über Wetter über Gedeihen
der Feldund Gartengewächse Die Männer nannten sich wechselweise Nachbar die
Frauen benannten sich gar nicht
Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte erhob man
sich und wir gingen durch die Zimmer Es war eine Reihe deren Fenster
größtenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus gingen Alle waren sehr
schön nach neuer Art eingerichtet besonders reich waren die Palisandergeräte im
Empfangszimmer der Frau in welchem so wie in dem Arbeitszimmer der Mädchen
wieder Klaviere standen Der Herr des Hauses führte besonders mich in den Räumen
herum dem sie noch fremd waren Die übrige Gesellschaft folgte uns gelegentlich
in das eine oder andere Gemach
Aus den Zimmern ging man in den Garten Derselbe war wie viele wohlgehaltene
und schöne Gärten in der Nähe der Stadt Schöne Sandgänge grüne ausgeschnittene
Rasenplätze mit Blumenstücken Gruppen von Zier und Waldgebüschen ein
Gewächshaus mit Kamelien Rhododendren Azaleen Eriken Kalzeolarien und vielen
neuholländischen Pflanzen endlich Ruhebänke und Tische an geeigneten schattigen
Stellen Der Obstgarten als Nützlichkeitsstück war nicht bei dem Wohnhause
sondern hinter dem Meierhofe
Von dem Garten gingen wir wie es bei ländlichen Besuchen zu geschehen
pflegt in die Meierei Wir gingen durch die Reihen der glatten Rinder die
meistens weiß gestirnt waren wir besahen die Schafe die Pferde das Geflügel
die Milchkammer die Käsebereitung die Brauerei und ähnliche Dinge Hinter den
Scheuern trafen wir den Gemüsegarten und den seht weitläufigen Obstgarten an
Von diesen gingen wir in die wohlbestellten Felder und in die Wiesen Der Wald
welcher zu der Besitzung gehört wurde mir in der Ferne gezeigt
Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten wurden
wir in eine ebenerdige große Speisehalle geführt in welcher der Mittagtisch
gedeckt war Ein einfaches aber ausgesuchtes Mahl wurde aufgetragen wobei die
Dienerschaft hinter unseren Stühlen stehend bediente Hatte sich die Familie
Ingheim schon bei dem Besuche auf dem Rosenhause als unter die gebildeten
gehörig gezeigt so war dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder
der Fall Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Mädchen war Einfachheit
Ruhe und Bescheidenheit Die Gespräche bewegten sich um mehrere Gegenstände sie
rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen Richtung hin sondern schmiegten
sich mit Maß der Gesellschaft an Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen
brachten wir in den Zimmern des ersten Stockwerkes zu Es wurde Musik gemacht
und zwar Klavier und Gesang Zuerst spielte die Mutter etwas dann beide Mädchen
allein dann zusammen Jedes der Mädchen sang auch ein Lied Natalie saß in den
seidenen Polstern und hörte aufmerksam zu Als man sie aber aufforderte auch zu
spielen verweigerte sie es
Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurück
Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war als mein Gastfreund und ich
denselben verlassen hatten und ich die edle schlanke Gestalt Nataliens gegen
die Marmortreppe hinzu gehen sah blieb ich ein Weilchen stehen und begab mich
dann auch in meine Zimmer wo ich bis zum Abendessen blieb
Dieses war wie gewöhnlich man machte aber nach demselben an diesem Tage
keinen Spaziergang mehr
Ich ging in mein Schlafzimmer öffnete die Fenster die man trotz des warmen
Tages weil ich abwesend gewesen war geschlossen gehalten harte und lehnte
mich hinaus Die Sterne begannen sachte zu glänzen die Luft war mild und ruhig
und die Rosendüfte zogen zu mir herauf Ich geriet in tiefes Sinnen Es war mir
wie im Traume die Stille der Nacht und die Düfte der Rosen mahnten an
Vergangenes aber es war doch heute ganz anders
Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage und als diese
beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten war auch die Zeit
heran genaht in welcher Matilde und Natalie das Rosenhaus verlassen sollten
Es war schon mehreres gepackt worden und darunter sah ich auch die beiden
Zitern die man in samtene Fächer tat welche ihrerseits wieder in lederne
Behältnisse gesteckt wurden
Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden
Am Abende vorher war schon das Hauptsächlichste was mitgenommen werden
sollte in den Wagen geschafft und die Frauen hatten am Nachmittage an mehreren
Stellen Abschied genommen bei den Gärtnerleuten in der Schreinerei und im
Meierhofe
Am andern Morgen erschienen sie bei dem Frühmahle in Reisekleidern während
noch Arabella das Dienstmädchen Mathildens diejenigen Sachen die bis zu dem
letzten Augenblick Leim Gebrauch gewesen waren in den Wagen packte Nach dem
Frühmahle als die Frauen schon die Reisehüte aufhatten sagte Matilde zu
meinem Gastfreunde »Ich danke dir Gustav lebe wohl und komme bald in den
Sternenhof«
»Lebe wohl Matilde« sagte mein Gastfreund
Die zwei alten Leute küssten sich wieder auf die Lippen wie sie es bei der
Ankunft Mathildens getan hatten
»Lebe wohl Natalie« sagte er dann zu dem Mädchen
Dasselbe erwiderte nur leise die Worte »Dank für alle Güte«
Matilde sagte zu dem Knaben »Sei folgsam und nimm dir deinen Ziehvater
zum Vorbilde«
Der Knabe küsste ihr die Hand
Dann zu mir gewendet sprach sie »Habet Dank für die freundlichen Stunden
die Ihr uns in diesem Hause gewidmet habt Der Besitzer wird Euch für Euren
Besuch wohl schon danken Bleibt meinem Knaben gut wie Ihr es bisher gewesen
seid und lasst Euch seine Anhänglichkeit nicht leid tun Wenn es Eure schöne
Wissenschaft zulässt so seid unter denen die von diesem Hause aus den
Sternenhof besuchen werden Eure Ankunft wird dort sehr willkommen sein«
»Den Dank muss wohl ich zurückgehen für alle die Güte welche mir von Euch
und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist« erwiderte ich »Wenn
Gustav einige Zuneigung zu mir hat so ist wohl die Güte seines Herzens die
Ursache, und wenn Ihr mich von dem Sternenhofe nicht zurück weiset so werde ich
gewiss unter den Besuchenden sein«
Ich empfand dass ich mich auch von Nathalien verabschieden sollte ich
vermochte aber nicht etwas zu sagen und verbeugte mich nur stumm Sie
erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm
Hierauf verließ man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus Die braunen
Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter Die Hausdienerschaft war
herbei gekommen Eustach mit seinen Arbeitern stand da der Gärtner mit seinen
Leuten und seiner Frau und der Meyer mit dem Grossknechte aus dem Meierhofe waren
ebenfalls gekommen
»Ich danke euch recht schön lieben Leute« sagte Matilde »ich danke euch
für eure Freundschaft und Güte seid für euren Herrn treu und gut Du
Katarina sehe auf ihn und Gustav dass keinem ein Ungemach zustösst«
»Ich weiß ich weiß« fuhr sie fort als sie sah dass Katarina reden
wollte »du tust alles was in deinen Kräften ist und noch mehr als in deinen
Kräften ist aber es liegt schon so in dem Menschen dass er um Erfüllung seiner
Herzenswünsche bittet wenn er auch weiß dass sie ohnehin erfüllt werden ja dass
sie schon erfüllt worden sind.«
»Kommt recht gut nach Hause« sagte Katarina indem sie Mathilden die Hand
küsste und sich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Augen trocknete
Alle drängten sich herzu und nahmen Abschied Matilde hatte für ein jedes
liebe Worte Auch von Nathalien beurlaubte man sich die gleichfalls freundlich
dankte
»Eustach vergesst den Sternenhof nicht ganz« sagte Matilde zu diesem
gewendet »besucht uns mit den anderen Ich will nicht sagen dass Euch auch die
Dinge dort notwendig haben könnten Ihr sollt unsertwegen kommen«
»Ich werde kommen hochverehrte Frau« erwiderte Eustach
Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Gärtner und seiner Frau und zu dem
Meyer worauf die Leute ein wenig zurück traten
»Sei gut mein Kind« sagte sie zu Gustav indem sie ihm ein Kreuz mit
Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe küsste Der
Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und küsste sie Ich sah in seinen großen
schwarzen Augen die in Tränen schwammen dass er sich gerne an ihren Hals würfe
aber die Scham die einen Bestandteil seines Wesens machte mochte ihn zurück
halten
»Bleibe lieb Natalie« sagte mein Gastfreund
Das Mädchen hätte bald die dargereichte Hand geküsst wenn er es zugelassen
hätte
»Teurer Gustav habe noch einmal Dank« sagte Matilde zu meinem
Gastfreunde Sie hatte noch mehr sagen wollen aber es brachen Tränen aus ihren
Augen Sie nahm ein weißes feines Tuch und drückte es fest gegen diese Augen
aus denen sie heftig weinte
Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig aber es fielen Tränen
aus denselben herab
»Reise recht glücklich Matilde« sagte er endlich »und wenn bei deinem
Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat so rechne es nicht unserer Schuld an«
Sie tat das Tuch von den Augen die noch fortweinten deutete auf Gustav und
sagte »Meine größte Schuld steht da eine Schuld welche ich wohl nie werde
tilgen können«
»Sie ist nicht auf Tilgung entstanden« erwiderte mein Gastfreund »Rede
nicht davon Matilde wenn etwas Gutes geschieht so geschieht es recht gerne«
Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Händen während ein leichtes
Morgenlüftchen einige Blätter der abgeblühten Rosen zu ihren Füßen wehte
Dann führte er sie zu dem Wagen sie stieg ein und Natalie folgte ihr
Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer nicht zu warmer Tag
gefolgt Der Wagen war offen und zurück gelegt Matilde ließ den Schleier von
dem nämlichen Hute den sie bei ihrer Herfahrt gehabt hatte über ihr Angesicht
herabfallen Natalie aber legte den ihrigen zurück und gab ihre Augen den
Morgenlüften Nachdem auch noch Arabella in den Wagen gestiegen war zogen die
Pferde an die Räder furchten den Sand und der Wagen ging auf dem Wege hinab
der Hauptstraße zu
Wir begaben uns wieder in das Haus zurück
Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschäften
Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war suchte ich den Garten
auf Ich ging zu mehreren Blumen die in einer für Blumen schon so weit
vorgerückten Jahreszeit noch blühten ich ging zu den Gemüsen zu dem Zwergobste
und endlich zu dem großen Kirschbaume hinauf Von demselben ging ich in das
Gewächshaus Ich traf dort den Gärtner welcher an seinen Pflanzen arbeitete
Als er mich eintreten sah kam er mir entgegen und sagte »Es ist gut dass ich
allein mit Euch sprechen kann habt Ihr ihn gesehen«
»Wen« fragte ich
»Nun Ihr wart ja auf dem Inghofe« antwortete er »da werdet Ihr wohl den
Cereus peruvianus angeschaut haben«
»Nein den habe ich nicht angeschaut« erwiderte ich indem ich mich wohl
des Gespräches erinnerte in welchem er mir erzählt hatte dass sich eine so
große Pflanze dieser Art in dem Jnghofe befinde »ich habe auf ihn vergessen«
»Nun wenn Ihr ihn vergessen habt so wird ihn wohl der Herr angeschaut
haben« sagte er
»Ich glaube dass uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat als
wir in dem Gewächshause waren« erwiderte ich »denn wenn jemand anderer sich
eigens zu dieser Pflanze gestellt hätte so hätte ich es gewiss bemerkt und
hätte sie auch angesehen«
»Das ist sehr sonderbar und sehr merkwürdig« sagte er »nun wenn Ihr
vergessen habt den Cereus peruvianus anzusehen so müsst Ihr einmal mit mir
hinübergehen wir brauchen nicht zwei Stunden und es ist ein angenehmer Weg So
etwas seht Ihr nicht leicht anders wo Sie bringen ihn nie zur Blüte Wenn ich
ihn hier hätte so würde er bald so weiß wie meine Haare blühen natürlich viel
weißer Die unseren sind noch viel zu klein zum Blühen«
Ich sagte ihm zu dass ich einmal mit ihm in den Inghof hinübergehen werde
ja sogar wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu große Hindernisse
im Wege stehen dass ich auch versuchen werde dahin zu wirken dass diese Pflanze
zu ihm herüberkomme
Er war sehr erfreut darüber und sagte die Hindernisse seien gar nicht groß
sie achten den Cereus nicht sonst hätten sie ja die Gesellschaft zu ihm
hingeführt und der Herr wolle sich vielleicht keine Verbindlichkeit gegen den
Nachbar auflegen Wenn ich aber eine Fürsprache mache so würde der Cereus gewiss
herüber kommen
Wie doch der Mensch überall seine eigenen Angelegenheiten mit sich herum
führt dachte ich und wie er sie in die ganze übrige Welt hineinträgt Dieser
Mann beschäftigt sich mit seinen Pflanzen und meint alle Leute müssten ihnen
ihre Aufmerksamkeit schenken während ich doch ganz andere Gedanken in dem
Haupte habe während mein Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat und Gustav
seiner Ausbildung obliegt Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Gärtners
für mich dass sie mich von meinen wehmütigen und schmerzlichen Gefühlen ein
wenig abzog und mir die Überzeugung brachte wie wenig Berechtigung sie haben
und wie wenig sie sich für das Einzige und Wichtigste in der Welt halten dürfen
Ich blieb noch länger in dem Gewächshause und ließ mir mehreres von dem
Gärtner zeigen und erklären Dann ging ich wieder in meine Wohnung und setzte
mich zu meiner Arbeit
Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen wir machten am Nachmittage einen
Spaziergang und die Gespräche waren wie gewöhnlich
Die Zeit auf dem Rosenhause floss nach dem Besuche der Frauen wieder so hin
wie sie vor demselben hingeflossen war
Ich hatte die Musse welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge zu einem
Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte beinahe schon erschöpft
Das was ich mir in dem Rosenhause als Ergänzungsarbeit zu tun auferlegt hatte
rückte auch seiner Vollendung entgegen Ich ließ mir aber desohngeachtet einen
Aufschub gefallen weil man verabredet hatte einen Besuch auf dem Sternenhofe
zu machen was wie ich einsah Mathildens Wohnsitz war und weil ich bei diesem
Besuche zugegen sein wollte Auch war es im Plane dass wir eine Kirche besuchen
wollten die in dem Hochlande lag und in welcher sich ein sehr schöner Altar
aus dem Mittelalter befand Ich nahm mir vor das was mir an Zeit entginge
durch ein länger in den Herbst hinein fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder
einzubringen
Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen lassen
und beschäftigte dort mehrere Leute Er ging alle Tage hin um bei den Arbeiten
nachzusehen Wir begleiteten ihn sehr oft Es war eben die letzte Einfuhr des
Heues aus den höheren in dem Alizwalde gelegenen Wiesen deren Ertrag später als
in der Ebene gemäht wurde im Gange Wir erfreuten uns an dieser duftenden
würzigen Nahrung der Tiere welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus
den fetten Wiesen der Täler denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige
Kräuter die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die Stoffe ihres
Gedeihens ziehen während die gleichartigere Gartenerde der tiefen Gründe
wenigere wenngleich wasserreichere Arten her vor bringt Mein Gastfreund
widmete diesem Zweige eine sehr große Aufmerksamkeit weil er die erste
Bedingung des Gedeihens der Haustiere dieser geselligen Mitarbeiter der
Menschen ist Alles was die Würze den Wohlgeruch und wie er sich ausdrückte
die Nahrungslieblichkeit beeinträchtigen konnte musste strenge hintan gehalten
werden und wo durch Versehen oder Ungunst der Zeitverhältnisse doch dergleichen
eintrat musste das minder Taugliche ganz beseitigt oder zu andern
Wirtschaftszwecken verwendet werden Darum konnte man aber auch keine schöneren
glatteren glänzenderen und fröhlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe Der
Wirtschaftsvorteil lag außerdem noch als Zugabe bei denn da das Schlechtere gar
nicht verwendet werden durfte wurde bei der Behandlung und Einbringung die
größte Sorgfalt von den Leuten beobachtet abgesehen davon dass mein Gastfreund
bei seiner Kenntnis der Witterungsverhältnisse weniger Schaden durch Regen oder
dergleichen erlitt als die meisten Landwirte die sich um diese Kenntnis gar
nicht bekümmerten Und der Nachteil der Nichtanwendung des Schlechteren wurde
weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens der Tiere aufgewogen In dem
Asperhofe konnte man immer mit einer geringeren Anzahl Tiere größere Arbeiten
ausführen als in anderen Gehöften Hiezu kam noch eine gewisse Fröhlichkeit und
Heiterkeit der untergeordneten Leute die bei jeder sachgemässen Führung eines
Geschäftes bei dem sie beteiligt sind und bei einer wenn auch strengen doch
stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt Ich hörte bei meiner jetzigen
Anwesenheit öfter von benachbarten Leuten die Äußerung das hätte man dem alten
Asperhofe nicht angesehen dass das noch heraus kommen könnte
Es wurde da wieder mehrere Gewitter niedergegangen waren die Luft sich
gereinigt hatte und einige schöne Tage erwartet werden konnten die Reise zu der
Kirche mit dem sehenswürdigen Altare festgesetzt
Im Norden unseres herrlichen Stromes welcher das Land in einen nördlichen
und südlichen Teil teilt erhebt sich ein Hochland welches viele Meilen die
nördlichen Ufer des Stromes begleitet In seinem Süden ist eine acht bis zehn
Meilen breite verhältnismäßig ebene Gegend von großer Fruchtbarkeit die
endlich von dem Zuge der Alpen begrenzt ist Ich war bisher nur vorzugsweise in
die Alpen gegangen die nördlichen Hochlande hatte ich bloß ein einziges Mal
betreten und nur eine kleine Ecke derselben durchwandert Jetzt sollte ich mit
meinem Gastfreunde eine Fahrt in das Innere derselben machen denn die Kirche
welche das Ziel unserer Reise war steht weit näher an der nördlichen als an der
südlichen Grenze des Hochlandes Wir fuhren in der Begleitung Eustachs von dem
Stromesufer die staffelartigen Erhebungen empor und fuhren dann in dem hohen
vielgehügelten Lande dahin Wir fuhren oft mit unserm Gespann langsam bis auf
die höchste Spitze eines Berges empor dann auf der Höhe fort oder wie senkten
uns wieder in ein Tal umfuhren oft in Windungen abwärts die Dachung des Berges
legten eine enge Schlucht zurück stiegen wieder empor veränderten recht oft
unsere Richtung und sahen die Hügel die Gehöfte und andere Bildungen von
verschiedenen Seiten Wir erblickten oft von einer Spitze das ganze flache gegen
Mittag gelegene Land mit seiner erhabenen Hochgebirgskette und waren dann
wieder in einem Talkessel in welchem wir keine Gegenstände neben unserem Wagen
hatten als eine dunkle weitästige Fichte und eine Mühle Oft wenn wir uns
einem Gegenstande gleichsam auf einer Ebene nähern zu können schienen war
plötzlich eine tiefe Schlucht in die Ebene geschnitten und wir mussten dieselbe
in Schlangenwindungen umfahren
Ich hatte bei meinem ersten Besuche dieses Hochlandes die Bemerkung gemacht
dass es mir da stiller und schweigsamer vorkomme als wenn ich durch andere
ebenfalls stille und schweigende Landschaften zog Ich dachte nicht weiter
darüber nach Jetzt kam mir dieselbe Empfindung wieder In diesem Lande liegen
die wenigen größeren Ortschaften sehr weit von einander entfernt die Gehöfte
der Bauern stehen einzeln auf Hügeln oder in einer tiefen Schlucht oder an einem
nicht geahnten Abhange Herum sind Wiesen Felder Wäldchen und Gestein Die
Bäche gehen still in den Schluchten und wo sie rauschen hört man ihr Rauschen
nicht weil die Wege sehr oft auf den Höhen dahin führen Einen großen Fluss hat
das Land nicht und wenn man die ausgedehnte südliche Ebene und das Hochgebirge
sieht so ist es nur ein sehr großer aber stiller Gesichtseindruck In den
Alpen geht der Strassenzug meistens nur in den Talrinnen an den Flüssen oder
Wildbächen dahin er kann sich wenig verzweigen der Verkehr ist auf ihn
zusammengedrängt und es regt sich auf ihm und es wehet und rauscht an ihm
In diesem Lande sind noch viele wertvolle Altertümer zerstreut und
aufbewahrt es haben einmal reiche Geschlechter in ihm gewohnt und die Krieges
und Völkerstürme sind nicht durch das Land gegangen
Wir kamen in den kleinen Ort Kerberg Er liegt in einem sehr abgeschiedenen
Winkel und ist von keinerlei Bedeutung Nicht einmal eine Straße von nur etwas
lebhaftem Verkehre führt durch sondern nur einer jener Landwege wie sie zum
Austausche der Erzeugnisse der Bevölkerung dienen und von dem guten Sand und
Steinstoffe des Landes sehr gut gebaut sind Nur die Lage ist schön da hier die
Bildungen etwas größer sind und mit dämmerigem Walde teilweise bekleidet
anmutig zusammentreten Und doch steht in diesem Orte die Kirche zu welcher wir
auf der Reise waren Hinter dem Orte ungefähr nach Mitternacht liegt ein
weitläufiges Schloss auf einem Berge welches große Garten und Waldanlagen um
sich hat Auf diesem Schloss hat einmal ein reiches und mächtiges Geschlecht
gewohnt Einer von ihnen hatte in dem kleinen Orte die Kirche bauen und
auszieren lassen Er hat die Kirche im altdeutschen Stile gebaut Spitzbogen
schließen sie schlanke Säulen aus Stein teilen sie in drei Schiffe und hohe
Fenster mit Steinrosen und ihren Bögen und mit den kleinen vieleckigen Täfelchen
geben ihr Licht Der Hochaltar ist aus Lindenholz geschnitzt steht wie eine
Monstranze auf dem Priesterplatze und ist von fünf Fenstern umgeben Viele
Zeiten sind vorübergegangen Der Gründer ist gestorben man zeigt sein Bild aus
rotem Marmor in Halbarbeit auf einer Platte in der Kirche Andere Menschen sind
gekommen man machte Zutaten in der Kirche man bemalte und bestrich die
steinernen Säulen und die aus gehauenen Steinen gebauten Wände man ersetzte die
zwei Seitenaltäre von deren Gestalt man jetzt nichts mehr weiß durch neue und
es geht die Sage dass schöne Glasgemälde die Monstranze umstanden haben dass sie
fortgekommen seien und dass gemeine viereckige Tafeln in die fünf Fenster
gesetzt wurden Sie verunzieren in der Tat noch jetzt die Kirche Die neuen
Besitzer des Schlosses waren nicht mehr so reich und mächtig andere Zeiten
hatten andere Gedanken bekommen und so war der geschnitzte Hochaltar von
Vögeln Fliegen und Ungeziefer beschmutzt worden die Sonne die ungehindert
durch die viereckigen Tafeln hereinschien hatte ihn ausgedörrt Teile fielen
herab und wurden willkürlich wieder hinauf getan und durcheinander gestellt und
in Arme Angesichter und Gewänder bohrte sich der Wurm
Darum haben die Behörden des Landes den Altar wieder hergestellt und zu
diesem gingen wir
Eustach geleitete uns in die Kirche es war ein sonniger Vormittag kein
Mensch war zugegen und wir traten vor das Schnitzwerk Eustach konnte vieles
aus den Regeln der alten Kunst und aus der Geschichte derselben erklären Er
sprach über das Mittelfeld in welchem drei ganze überlebensgrosse Gestalten auf
reich verzierten Gestellen unter reichen Überdächern standen Es waren die
Gestalten des heiligen Petrus des heiligen Wolfgang beide in
Bischofsgewändern und des heiligen Christophorus wie er das Jesuskindlein auf
der Schulter trägt und wie dasselbe nach der Legende dem riesenhaft starken
Manne schwer wie ein Weltball wird und seine Kräfte erschöpft welche
Erschöpfung in der Gestalt ausgedrückt ist Sehr viele kleine Gestalten waren
noch nach der Sitte unserer Vorältern in dem Raume zerstreut An dem Mittelfelde
waren in gezierten Rahmen zwei Flügel auf welchen Bilder in halberhabener
Arbeit sich befanden die Verkündigung des Engels die Geburt des Heilandes die
Opferung der drei Könige und der Tod Marias Oberhalb des Mittelstückes war ein
Giebel mit der emporstrebenden durchbrochenen Arbeit die man wie Eustach
meint fälschlich die gotische nennt da sie vielmehr mittelalterlich deutsch
sei In diese durchbrochene Arbeit waren mehrere Gestalten eingestreut Zu
beiden Seiten hinter den Flügeln standen die Gestalten des heiligen Florian und
des heiligen Georg in mittelalterlicher Ritterrüstung empor Der heilige Florian
hatte das Sinnbild des brennenden Hauses und der heilige Georg das des Drachen
zu seinen Füßen Eustach behauptete dass sich nur aus der Ansicht eines
Sinnbildes die Kleinheit solcher Beigaben zu altertümlichen Gestalten erkläre
da unsere kunstsinnigen Altvordern gewiss nicht den großen Fehler der
Unverhältnismässigkeit der Körper der Gegenstände gemacht haben würden Mein
Gastfreund sagte ohne die Meinung Eustachs verwerfen zu wollen dass man die
Sache auch etwa so auslegen könne dass man durch die über alles Maß
hinausgehende Größe der Gestalten gegen welche ein Haus oder ein Drache klein
sei ihre Übernatürlichkeit habe ausdrücken wollen
Mein Gastfreund sagte es müssten einmal nicht nur viel kunstsinnigere Zeiten
gewesen sein als heute sondern es müsste die Kunst auch ein allgemeineres
Verständnis bis in das unterste Volk hinab gefunden haben denn wie wären sonst
Kunstwerke in so abgelegene Orte wir Kerberg gekommen oder wie befänden sich
solche in noch kleineren Kirchen und Kapellen des Hochlandes die oft einsam auf
einem Hügel stehen oder mit ihren Mauern aus einem Waldberge hervor ragen oder
wie wären kleine Kirchlein Feldkapellen Wegsäulen Denksteine alter Zeit mit
solcher Kunst gearbeitet so wie heut zu Tage der Kunstverfall bis in die
höheren Stände hinauf rage weil man nicht nur in die Kirchen Gräber und
heiligen Orte abscheuliche Gestalten die eher die Andacht zerstören als
befördern von dem Volke stellen lässt sondern auch bis zu sich hinauf in das
herrschaftliche Schloss so oft die leeren und geistesarmen Arbeiten einer
ohnmächtigen Zeit zieht Meines Gastfreundes und Eustachs bemächtigte sich bei
diesen Betrachtungen eine Traurigkeit welche ich nicht ganz begriff
Wir betrachteten nach dem Altare auch noch die Kirche betrachteten das
Steinbild des Mannes der sie hatte erbauen lassen und betrachteten noch andere
alte Grabdenkmale und Inschriften Es zeigte sich hier dass die fünf Fenster des
Priesterplatzes nicht wie die Fenster des Kirchenschiffes in ihren Spitzbogen
Steinrosen hatten was als neuer Beweis galt dass das Glas aus diesen Fenstern
einmal heraus genommen worden war und dass man zu besserer Gewinnung der Gemälde
in den Spitzbogen oder gar zu bequemerer Einsetzung der viereckigen Tafeln die
steinernen Fassungen weggeräumt habe
Ich ging mit manchem Gedanken bereichert neben meinen zwei Begleitern aus
der Kirche
Auf der Rückfahrt schlugen wir einen anderen Weg ein damit ich auch noch
andere Teile des Landes zu sehen bekäme Wir besuchten noch ein paar Kirchen und
kleinere Bauwerke und Eustach versprach mir dass er mir wenn wir nach Hause
gekommen wären die Zeichnungen von den Dingen zeigen würde welche wir gesehen
hatten Die Männer sprachen auf der Rückreise auch von der mutmasslichen Zeit in
welcher die Kirche die das Ziel unserer Reise gewesen war entstanden sein
könnte Sie schlossen auf diese Zeit aus der Art und Weise des Baues und aus
manchen Verzierungen Sie bedauerten nur dass man Näheres darüber aus Urkunden
nicht erfahren könne da das Schriftgewölbe des alten Schlosses unzugänglich
gehalten werde
Wir fuhren am Mittage des nächsten Tages wieder die staffelartigen
Erhebungen hinab und gelangten in später Nacht in das Rosenhaus
Ich mahnte in ein paar Tagen darauf den Gärtner an unsern verabredeten Gang
nach Ingheim Er freute sich über meine Achtsamkeit wie er es nannte und an
einem freundlichen Nachmittage gingen wir in das Schloss hinüber Wir sagten die
Ursache unseres Besuches und wurden mit Zuvorkommenheit aufgenommen Wir gingen
sogleich in das Gewächshaus und es war in Wirklichkeit eine sehr schöne und zu
ansehnlicher Größe ausgebildete Pflanze zu der mich der Gärtner Simon geführt
hatte Ich kannte nicht genau wie weit sich diese Pflanzen überhaupt
entwickeln und welche Größe sie zu erreichen vermögen aber eine größere habe
ich nirgends gesehen Dass man sie in Ingheim nicht viel achte erkannte ich
ebenfalls denn der Winkel des Gewächshauses in welchem sie in freiem Boden
stand war der vernachlässigteste es lagen Blumenstäbe Bastbänder welke
Blätter und dergleichen dort und man hatte ihn mit Gestellen auf welchen
andere Pflanzen standen verstellt dass sein Anblick den Augen entzogen werde
Man konnte den grünen Arm dieser Pflanze wohl an der Decke des Hauses hingehen
sehen ich hatte aber dort hinauf bei meiner ersten Anwesenheit nicht geschaut
Mein Begleiter erkannte jetzt dass es ein Cereus peruvianus sei und erklärte
mir seine Merkmale Sonst aber konnten wir keine Kaktus in Ingheim entdecken
Nach mancher Aufmerksamkeit die uns in dem Schloss noch zu Teil wurde begaben
wir uns gegen Abend wieder auf den Rückweg und ich tröstete meinen alten
Begleiter mit den Worten dass ich glaube dass es nicht schwer sein werde diese
Pflanze in das Rosenhaus zu bringen Dort würde sie die Sammlung ergänzen und
zieren während sie in Ingheim allein ist Auch wird man wohl einem Wunsche
meines Gastfreundes willfährig sein und ich werde die Sache schon zu fördern
trachten
Nach kurzer Zeit traten wir unsern Weg zum Besuche in dem Sternenhofe an
Dieses Mal fuhr außer Eustach auch Gustav mit Die Grauschimmel wurden vor einen
größeren Wagen gespannt als wir in den Hochlanden gehabt hatten und wir fuhren
mit ihnen über den Hügel hinab Es war sehr früh am Morgen noch lange vor
Sonnenaufgang Wir fuhren auf der Hauptstraße gegen Rohrberg zu und fuhren
endlich auf der Anhöhe an dem Alizwalde empor Da die Pferde langsam den Weg
hinan gingen sagte mein Gastfreund »Es ist möglich dass Ihr im vorigen Jahre
an dieser Stelle Mathilden und Nathalien gesehen habt Sie erzählten mir als sie
zum Besuche der Rosenblüte zu mir kamen und ich ihnen von Euch von Eurer
Anwesenheit bei mir und von Eurer an dem Morgen ihrer Ankunft erfolgten Abreise
sagte dass sie einem Fussreisenden auf der Alizhöhe begegnet seien der dem
ungefähr gleich gesehen habe den ich ihnen beschrieben«
Plötzlich war es mir ganz klar dass wirklich Matilde und Natalie die zwei
Frauen gewesen waren welchen ich an jenem Morgen an dieser Stelle begegnet bin
Mir waren jetzt deutlich dieselben Reisehüte vor Augen die sie auch dieses Mal
aufgehabt hatten ich sah die Züge Nataliens wieder und auch der Wagen und die
braunen Pferde kamen mir in die Erinnerung Darum also war mir Natalie immer als
schon einmal gesehen vorgeschwebt Ich hatte ja sogar damals gedacht dass das
menschliche Angesicht etwa der edelste Gegenstand für die Zeichnungskunst sein
dürfte und hatte sie als unbeholfner Mensch der im Zurechtlegen aller
Eindrücke geschickter ist als in dem der menschlichen, doch wieder aus meiner
Vorstellungskraft verloren Ich sagte zu meinem Gastfreunde dass er durch seine
Bemerkung meinem Gedächtnisse zu Hilfe gekommen sei dass ich jetzt alles klar
wisse und dass mir auf dieser Anhöhe Matilde und Natalie begegnet seien und
dass ich ihnen da der Wagen langsam den Berg hinab fuhr nachgesehen habe »Ich
habe es mir gleich so gedacht« erwiderte er Aber auch etwas anderes fiel mir
ein und machte dass mein Angesicht errötete Also hatte mein Gastfreund von mir
mit den Frauen gesprochen und mich sogar beschrieben Er hatte also einen Anteil
an mir genommen Das freute mich von diesem Manne sehr
Als wir auf der Höhe des Berges angekommen waren ließ mein Gastfreund an
einer Stelle wo das Seitengebüsch des Weges eine Durchsicht erlaubte halten
stand im Wagen auf und bat mich das gleiche zu tun Er sagte dass man an dieser
Stelle das Stück des Alizwaldes das zu dem Asperhofe gehöre übersehen könne
Er wies mir mit dem Zeigefinger an den Farbunterschieden des Waldes die durch
die Mischung der Buchen und Tannen durch Licht und Schatten und durch andere
Merkmale hervorgebracht wurden die Grenzen dieses Besjetztumes nach Als ich
dies genugsam verstanden und ihm auch mit dem Finger ungefähr die Stellen des
Waldes gezeigt hatte an denen ich schon gewesen war setzten wir uns wieder
nieder und fuhren weiter
Es war bei dieser Gelegenheit das erste Mal gewesen dass ich aus seinem
Munde den Namen Asperhof gehört habe mit dem er sein Besitztum bezeichnete
Nach kurzer Fahrt trennten wir uns von der nach Osten gehenden Hauptstraße
und schlugen einen gewöhnlichen Verbindungsweg nach Süden ein Wir fuhren also
dem Hochgebirge näher Am Mittage blieben wir eine ziemlich lange Zeit zur
Erquickung und zum Ausruhen der Pferde auf deren Pflege mein Gastfreund sehr
sah in einem einzeln stehenden Gasthofe und es war schon am Abende in tiefer
Dämmerung als mir mein Gastfreund die Umrisse des Sternenhofes zeigte Ich war
schon zweimal in der Gegend gewesen erinnerte mich sogar im allgemeinen auf das
Gebäude und wusste genau dass am Fuße des Hügels auf welchem es stand sehr
schöne Ahorne wuchsen Ich hatte aber nie Ursache gehabt mich weiter um diese
Gegenstände zu kümmern
Wir kamen bei Sternenscheine zu den mir bekannten Ahornen fuhren einen
Hügel empor legten einen Torweg zurück und hielten in einem Hofe In demselben
standen vier große Bäume an deren eigentümlichen gegen den dunkeln Nachthimmel
gehaltenen Bildungen ich erkannte dass es Ahorne seien In ihrer Mitte
plätscherte ein Brunnen Auf das Rollen des Wagens unter dem hallenden Torwege
kamen Diener mit Lichtern herbei uns aus dem Wagen zu helfen Gleich darauf
erschien auch Matilde und Natalie in dem Hofe um uns zu begrüßen Sie
geleiteten uns die Treppe hinan in einen Vorsaal in welchem die Begrüßungen im
allgemeinen wiederholt wurden und von wo aus man uns unsere Zimmer anwies
Das meinige war ein großes freundliches Gemach in welchem bereits auf dem
Tische zwei Kerzen brannten Ich legte da der Diener die Tür hinter sich
geschlossen hatte meinen Hut auf den Tisch und das nächste was ich tat war
dass ich mehrere Male schnell in dem Zimmer auf und nieder ging um die durch das
Fahren ersteiften Glieder wieder ein wenig einzurichten Als dieses ziemlich
gelungen war trat ich an eines der offenen Fenster um herum zu schauen Es war
aber nicht viel zu sehen Die Nacht war schon zu weit vorgerückt und die
Lichter im Zimmer machten die Luft draußen noch finsterer Ich sah nur so viel
dass meine Fenster ins Freie gingen Nach und nach begränzten sich vor meinen
Augen die dunkeln Gestalten der am Fuße des Hügels stehenden Ahorne dann kamen
Flecken von dunkler und fahler Farbe wahrscheinlich Abwechslung von Feld und
Wald weiter war nichts zu unterscheiden als der glänzende Himmel darüber der
von unzähligen Sternen aber nicht von dem geringsten Stückchen Mond beleuchtet
war
Nach einer Zeit kam Gustav und holte mich zu dem Abendessen ab Er hatte
eine große Freude dass ich in dem Sternenhofe sei Ich ordnete aus meinem
Reisesacke der heraufgeschaft worden war ein wenig meine Kleider und folgte
dann Gustav in das Speisezimmer Dasselbe war fast wie das in dem Rosenhause
Matilde saß wie dort in einem Ehrenstuhle oben an ihr zur Rechten mein
Gastfreund und Natalie ihr zur Linken ich Eustach und Gustav Auch hier
besorgte eine Haushälterin und eine Magd den Tisch Der Hergang bei dem Speisen
war der nämliche wie an jenen Abenden bei meinem Gastfreunde an denen wir alle
beisammen gewesen waren
Um von der Reise ausruhen zu können trennte man sich bald und suchte seine
Zimmer
Ich entschlief unter Unruhe sank aber nach und nach in festeren Schlummer
und erwachte da die Sonne schon aufgegangen war
Jetzt war es Zeit herum zu schauen
Ich kleidete mich so schnell und so sorgfältig an als ich konnte ging an
ein Fenster öffnete es und sah hinaus Ein ganz gleicher sehr schön grüner
Rasen der durch keine Blumengebüsche oder dergleichen unterbrochen war sondern
nur den weißen Sandweg enthielt breitete sich über die gedehnte Dachung des
Hügels auf der das Gebäude stand hinab Auf dem Sandwege aber gingen Natalie
und Gustav herauf Ich sah in die schönen jugendlichen Angesichter sie aber
konnten mich nicht sehen weil sie ihre Augen nicht erhaben Sie schienen in
traulichem Gespräche begriffen zu sein und bei ihrer Annäherung an dem Gange
an der Haltung an den großen dunklen Augen an den Zügen der Angesichter sah
ich wieder recht deutlich dass sie Geschwister seien Ich sah auf sie so lange
ich sie erblicken konnte bis sie endlich der dunkle Torweg aufgenommen hatte
Jetzt war die Gegend sehr leer
Ich blickte kaum auf sie
Allgemach entwickelten sich aber wieder freundlich Felder Wäldchen und
Wiesen im Gemisch ich erblickte Meierhofe rings herumgestreut hie und da
erglänzte ein weißer Kirchturm in der Ferne und die Straße zog einen lichten
Streifen durch das Grün Den Schluss machte das Hochgebirge so klar dass man an
dem unteren Teile seiner Wand die Talwindungen an dem oberen die Gestaltung der
Kanten und Flächen und die Schneetafeln wahrnehmen konnte
Sehr groß und schön waren die Ahorne die unten am Hügel standen deshalb
mochten sie schon früher bei meinen Reisen durch diese Gegend meine
Aufmerksamkeit erregt haben Von ihnen zogen sich Erlenreihen fort die den Lauf
der Bäche anzeigten
Das Haus musste weitläufig sein denn die Wand in der sich meine Fenster
befanden und die ich hinausgebeugt übersehen konnte war sehr groß Sie war
glatt mit vorspringenden steinernen Fenstersimsen und hatte eine grauweissliche
Farbe mit der sie offenbar erst in neuerer Zeit übertüncht worden war
Hinter dem Hause musste vielleicht ein Garten oder ein Wäldchen sein weil
ich Vogelgesang herüber hörte Auch war es mir zuweilen als vernähme ich das
Rauschen des Hofbrunnens
Der Tag war heiter
Ich harrte nun der Dinge, die kommen sollten
Ein Diener rief mich zu dem Frühmahle Es war zu derselben Zeit wie im
Rosenhause Als ich in das Speisezimmer getreten war sagte mir Matilde dass es
sehr lieb von mir sei dass ich ihre Freunde und ihren Sohn in den Sternenhof
begleitet habe sie werde sich bemühen dass es mir in demselben gefalle wozu
ihr ihr Freund der mir den Asperhof anziehend mache beistehen müsse
Ich antwortete dass ich mich auf die Reise in den Sternenhof sehr gefreut
habe und dass ich mich freue in demselben zu sein Von einer Bedeutung sei es
nicht dass mir eine Rücksicht zu Teil werde ich bitte nur dass man wenn ich
etwas fehle es nachsehe
Nach mir trat Eustach ein Matilde begrüßte auch ihn noch einmal
Gustav der schon zugegen wer gesellte sich zu mir
Die Frauen waren häuslich und schön aber minder einfach als in dem
Rosenhause gekleidet Meinen Gastfreund sah ich zum ersten Male in ganz anderen
Kleidern als auf seiner Besitzung und auf dem Besuche zu Ingheim Er war schwarz
mit einem Fracke der einen etwas weiteren und bequemeren Schnitt hatte als
gewöhnlich und sogar einen leichten Biberhut trug er in der Hand
Nach dem Frühmahle sagte Matilde sie wolle mir ihre Wohnung zeigen Die
andern gingen mit Wir traten aus dem Speisezimmer in einen Vorsaal Am Ende
desselben wurden zwei Flügeltüren aufgetan und ich sah in eine Reihe von
Zimmern welche nach der ganzen Länge des Hauses hinlaufen musste Als wir
eingetreten waren sah ich dass in den Zimmern alles mit der größten Reinheit
Schönheit und Zusammenstimmung geordnet war Die Türen standen offen so dass man
durch alle Zimmer sehen konnte Die Geräte waren passend die Wände waren mit
zahlreichen Gemälden geziert es standen Glaskästen mit Büchern es waren
musikalische Geräte da und auf Gestellen die an den rechten Orten angebracht
waren befanden sich Blumen Durch die Fenster sah die nähere Landschaft und die
ferneren Gebirge herein
Es zeigte sich dass diese Zimmer ein schöner Spaziergang seien der unter
dem Dache und zwischen den Wänden hinführte Man konnte sie entlang schreiten
von angenehmen Gegenständen umgeben sein und die Kälte oder das Ungestüm des
Wetters oder Winters nicht empfinden während man doch Feld und Wald und Berg
erblickte Selbst im Sommer konnte es Vergnügen gewähren hier bei offenen
Fenstern gleichsam halb im Freien und halb in der Kunst zu wandeln Da ich
meinen Blick mehr auf das einzelne richtete fielen mir die Geräte besonders
auf Sie waren neu und nach sehr schönen Gedanken gebildet Sie schickten sich
so in ihre Plätze dass sie gewissermaßen nicht von außen gekommen sondern
zugleich mit diesen Räumen entstanden zu sein schienen Es waren an ihnen sehr
viele Holzarten vermischt das erkannte ich sehr bald es waren Holzarten die
man sonst nicht gerne zu Geräten nimmt aber sie schienen mir so zu stimmen wie
in der Natur die sehr verschiedenen Geschöpfe stimmen
Ich machte in dieser Hinsicht eine Bemerkung gegen meinen Gastfreund und er
antwortete »Ihr habt einmal gefragt ob Gegenstände die wir in unserem
Schreinerhause neu gemacht haben in meinem Hause vorhanden seien worauf ich
geantwortet habe dass nichts von Bedeutung in demselben sei dass sich aber
einige gesammelt in einem anderen Orte befinden in den ich Euch wenn Ihr Lust
zu solchen Dingen hättet geleiten würde Diese Zimmer hier sind der andere Ort
und Ihr seht die neuen Geräte die in unserem Schreinerhause verfertigt worden
sind.«
»Es ist aber zu bewundern wie sehr sie in ihren Abwechslungen und Gestalten
hieher passen« sagte ich
»Als wir einmal den Plan gefasst hatten die Zimmer Mathildens nach und nach
mit neuen Geräten zu bestellen« erwiderte er »so wurde die ganze Reihe dieser
Zimmer im Grund und Aufrisse aufgenommen die Farben bestimmt welche die Wände
der einzelnen Zimmer haben sollten und diese Farben gleich in die Zeichnungen
getragen Hierauf wurde zur Bestimmung der Größe der Gestalt und der Farbe
mithin der Hölzer der einzelnen Geräte geschritten Die Farbezeichnungen
derselben wurden verfertigt und mit den Zeichnungen der Zimmer verglichen Die
Gestalten der Geräte sind nach der Art entworfen worden die wir vom Altertume
lernten wie ich Euch einmal sagte aber so dass wir nicht das Altertum geradezu
nachahmten sondern selbstständige Gegenstände für die jetzige Zeit verfertigten
mit Spuren des Lernens an vergangenen Zeiten Wir sind nach und nach zu dieser
Ansicht gekommen da wir sahen dass die neuen Geräte nicht schön sind und dass
die alten in neue Räume zu wohnlicher Zusammenstimmung nicht passten Wir haben
uns selber gewundert als die Sachen nach vielerlei Versuchen Zeichnungen und
Entwürfen fertig waren wie schön sie seien In der Kunst wenn man bei so
kleinen Dingen von Kunst reden kann ist eben so wenig ein Sprung möglich als in
der Natur. Wer plötzlich etwas so Neues erfinden wollte dass weder den Teilen
noch der Gestaltung nach ein Ähnliches da gewesen ist der würde so töricht sein
wie der der fordern würde dass aus den vorhandenen Tieren und Pflanzen sich
plötzlich neue nicht dagewesene entwickeln Nur dass in der Schöpfung die
Allmählichkeit immer rein und weise ist in der Kunst aber die der Freiheit des
Menschen anheim gegeben ist oft Zerrissenheit oft Stillstand oft Rückschritt
erscheint Was die Hölzer anbelangt so sind da fast alle und die schönsten
Blätter verwendet worden die wir aus den Knollen der Erlen geschnitten haben
die in unserer Sumpfwiese gewachsen sind Ihr könnt sie dann betrachten Wir
haben uns aber auch bemüht Hölzer aus unserer ganzen Gegend zu sammeln die uns
schön schienen und haben nach und nach mehr zusammengebracht als wir
anfänglich glaubten Da ist der schneeige glatte Bergahorn der Ringelahorn die
Blätter der Knollen von dunkeln Ahorn alles aus den Alizgründen dann die
Birke von den Wänden und Klippen der Aliz der Wachholder von der dürren
schiefen Haidefiäche die Esche die Eberesche die Eibe die Ulme selbst
Knorren von der Tanne der Haselstrauch der Kreuzdorn die Schlehe und viele
andere Gesträuche die an Festigkeit und Zartheit wetteifern dann aus unseren
Gärten der Wallnussbaum die Pflaume der Pfirsich der Birnbaum die Rose
Eustach hat die Blätter der Hölzer alle gemalt und zur Vergleichung
zusammengestellt er kann Euch die Zeichnung einmal im Asperhofe zeigen und die
vielen Arten noch angeben die ich hier nicht genannt habe In der Holzsammlung
müssen sie ja auch vorhanden sein«
Ich betrachtete die Sachen genauer Die Erlenblätter von denen mir mein
Gastfreund im vorigen Jahre gesagt hatte dass sie an einem anderen Orte
verwendet worden seien waren in der Tat außerordentlich so feurig und fast
erhaben auch ungemein groß alles andere Holz wie zart wie schön in der
Zusammenstellung dass man gar nicht ahnen sollte dass dies in unseren Wäldern
ist Und die Gestalten der Geräte wie leicht wie fein wie anschmiegend sie
waren ganz anders als die jetzt verfertigt werden und waren doch neu und für
unsere Zeit passend Ich erkannte welch ein Wert in den Zeichnungen liege die
Eustach habe Ich dachte an meinen Vater der solche Dinge so liebt Ach wenn er
nur hier wäre dass er sie sehen könnte Mir war als gingen mir neue Kenntnisse
auf Ich wagte einen Blick auf Natalie ich wendete ihn aber schnell wieder weg
sie stand so in Gedanken dass ich glaube dass sie errötete als ich sie
anblickte
Matilde sagte zu Eustach »Es ist im Verlaufe der Zeit ohne dass eine
absichtliche Störung vorgekommen wäre manches hier anders geworden und nicht
mehr so schön als anfangs Wir werden es einmal wenn Ihr Zeit habt und herüber
kommen wollt ansehen Ihr könnt die Fehler erkennen und Mittel zur Abhilfe an
die Hand geben«
Wir gingen nun weiter Durch eine geöffnete Tür gelangten wir in Zimmer
welche in einer anderen Richtung des Hauses lagen Die durchwanderten hatten
nach Süd gesehen diese sahen nach West Es war ein großer Saal und zwei
Seitengemächer Waren die früheren Zimmer lieb und wohnlich gewesen so waren
diese wahrhaft prachtvoll Der Saal war mit Marmor gepflastert die Zimmer
hatten altertümliche Wandbekleidung altertümliche Fenstervorhänge und
altertümliche Geräte der Fußboden des Saales enthielt die schönsten seltensten
und zahlreichsten Gattungen unsers Marmors nach einer Zeichnung eingelegt und
so geglättet dass er alle Dinge spiegelte Es war der ernsteste und feurigste
Teppich Wir mussten hier auch Filzschuhe anlegen Auf diesem Spiegelboden
standen die schönsten und wohlerhaltensten alten Schreine und andere
Einrichtungsstücke Es waren hier die größten versammelt In den zwei
anstoßenden Gemächern standen auf feurig farbigen Holzteppichen die kleineren
zarteren und feineren Waren gleich die altertümlichen Geräte nicht schöner als
die bei meinem Gastfreunde ich glaube schönere wird es kaum geben so zeigte
sich hier eine Zusammenstimmung als müssten die welche diese Dinge ursprünglich
hatten herrichten lassen in ihren einstigen Trachten bei den Türen hereingehen
Es ergriff einen ein Gefühl eines Bedeutungsvollen
»Die Marmore« sagte mein Gastfreund »sind aller Orten erworben
geschliffen geglättet und nach einer altertümlichen Zeichnung vieler
Kirchenfenster eingesetzt worden«
»Aber dass Ihr die Geräte so zusammen gefunden hasst dass sie wie ein Einziges
stimmen ist zu verwundern« sagte ich
»Also empfindet Ihr dass sie stimmen« erwiderte er »Seht das ist mir
lieb dass Ihr das sagt Ihr seid ein Beobachter der nicht von der Sucht nach
Altem befangen ist wie uns unsere Gegner vorwerfen Ihr empfangt also das
Gefühl von den Gegenständen, und tragt es nicht in dieselben hinein wie auch
unsere Gegner von uns sagen Die Sache aber ist nur so als man die Nichtigkeit
und Leere der letztvergangenen Zeiten erkannte und wieder auf das Alte zurück
wies und es nicht mehr als Plunder und Trödel ansah sondern Schönes darin
suchte da geschahen freilich törichte Dinge Man sammelte wieder Altes und nur
Altes Statt der neuen Mode mit neuen Gegenständen kam die neueste mit alten
Gegenständen Man raffte Schreine Betschemel Tische und dergleichen zusammen
weil sie alt waren nicht weil sie schön waren und stellte sie auf Da standen
nun Dinge beisammen die in ihren Zeiten weit von einander ablagen es konnte
nicht fehlen dass ein Widerwärtiges herauskam und dass die Feinde des Alten
wenn sie Gefühl hatten sich abwenden mussten Nichts aber kann so wenig passen
als alte Dinge von sehr verschiedenen Zeiten Die Voreltern legten so sehr einen
eigentümlichen Geist in ihre Dinge es war der Geist ihres Gemütes und ihres
allgemeinen Gefühlslebens dass sie diesem Geiste sogar den Zweck opferten Man
bringt Linnen Kleider und dergleichen in neue Geräte zweckmässiger unter als in
alte Man kann daher alte Geräte von ziemlich gleicher Zeit aber verschiedenem
Zwecke ohne große Störung des Geistes der Traulichkeit und Innigkeit der in
ihnen wohnt zusammenstellen während von unseren Geräten die keinen Geist
aber einen Zweck haben sogleich ein Widersinniges ausgeht wenn man Dinge
verschiedenen Gebrauches in dasselbe Zimmer tut wie etwa den Schreibtisch den
Waschtisch den Bücherschrein und das Bett Die größte Wirkung erzielt man
freilich wenn man alte Geräte aus derselben und guten Zeit die also denselben
Geist haben und auch Geräte des nämlichen Zweckes in ein Zimmer bringt Da
spricht nun in der Wirklichkeit etwas ganz anderes als bei unseren neuen
Dingen«
»Und das scheint mir hier der Fall zu sein« sagte ich
»Es ist nicht alles alt« erwiderte er »Viele Dinge sind so
unwiederbringlich verloren gegangen dass es fast unmöglich ist eine ganze
Wohnung mit Gegenständen aus derselben Zeit einzurichten dass kein notwendiges
Stück fehlt Wir haben daher lieber solche Stücke im alten Sinne neu gemacht
als alte Stücke von einer ganz anderen Zeit zugemischt Damit aber niemand irre
geführt werde ist an jedem solchen altneuen Stücke ein Silberplättchen
eingefügt auf welchem die Tatsache in Buchstaben eingegraben ist«
Er zeigte mir nun jene Gegenstände welche in dem Schreinerhause als
Ergänzung hinzugemacht worden sind.
Trotzdem war bei mir der Eindruck immer derselbe und ich hatte beständig
und beständig den Gedanken an meinen Vater in dem Haupte Man führte mich auch
zu den alten schweren mit Gold und Silber durchwirkten Fenstervorhängen und
zeigte mir dieselben als echt so auch die ledernen mit Farben und
Metallverzierungen versehenen Belege der Zimmerwände Nur hat man da in dem
Leder nachhelfen und ihm Nahrung geben müssen
Als ich diese ernsten und feierlichen Gemächer genugsam betrachtet hatte
öffnete Matilde das schwere Schloss der Ausgangstür und wir kamen in mehrere
unbedeutende Räume die nach Norden sahen worunter auch der allgemeine
Eintrittssaal und das Speisezimmer waren Von da gelangten wir in den Flügel
dessen Fenster die Morgensonne hatten Hier waren die Wohnzimmer Mathildens und
Nataliens Jede hatte ein größeres und ein kleineres Gemach Sie waren einfach
mit neuen Geräten eingerichtet und drückten durch Dinge unmittelbaren Gebrauches
die Bewohnteit aus ohne dass ich die vielen Spielereien sah mit denen gerne
zwar nicht bei meinen Eltern aber an anderen Orten unserer Stadt die Zimmer der
Frauen angefüllt sind In jeder der zwei Wohnungen sah ich eine der Zitern die
in dem Rosenhause gewesen waren Bei Nathalien herrschten besonders Blumen vor
Es standen Gestelle herum auf welche sie von dem Garten herauf gebracht worden
waren um hier zu verblühen Auch standen größere Pflanzen namentlich solche
welche schöne Blätter oder einen schönen Bau hatten in einem Halbkreise und in
Gruppen auf dem Fußboden
In einem Vorsaale der den Eintritt zu diesen Wohnungen bildete befand sich
ein Klavier
Die Zimmer im zweiten Stockwerke des Hauses waren geblieben wie sie früher
gewesen waren Sie sahen so aus wie sie gerne in weitläufigen alten Schlössern
auszusehen pflegen Sie waren mit Geräten vieler Zeiten die meistens ohne
Geschmack waren mit Spielereien vergangener Geschlechter mit einigen Waffen
und mit Bildern namentlich Bildnissen die nach der Laune des Tages gemacht
waren angefüllt Namentlich waren an den Wänden der Gänge Abbildungen
aufgehängt von großen Fischen die man einmal gefangen nebst beigefügter
Beschreibung von Hirschen die man geschossen von Federwild von Wildschweinen
und dergleichen Auch Lieblingshunde fehlten nicht In diesem Stockwerke waren
nach Süden die Gastzimmer und der Flügel derselben war geordnet worden Hier
befand sich auch mein Zimmer nebst dem Gustavs
Nach der Besichtigung der Zimmer gingen wir in das Freie Die breite
Haupttreppe aus rotem Marmor führte in den Hof hinab Derselbe zeigte wie groß
das Gebäude sei Er war von vier ganz gleichen langen Flügeln umschlossen In
seiner Mitte war ein Becken von grauem Marmor in welches sich aus einer
Verschlingung von Wassergöttinnen vier Strahlen ergossen Um das Becken standen
vier Ahorne welche gewiss nicht kleiner waren als die welche den Schlosshügel
säumten Auf dem Sandplatze unter den Ahornen waren Ruhebänke ebenfalls aus
grauem Marmor Von diesem Sandplatze liefen Sandwege wie Strahlen auseinander
Der übrige Raum war gleichförmiger Rasen nur dass an den Mauern des Hauses eine
Pflasterung von glatten Steinen herum führte
Von dem Hofe gingen wir bei dem großen Tore hinaus Ich wendete mich da wir
draußen waren unwillkürlich um um das Gebäude zu betrachten Über dem Tore war
ein ziemlich umfangreiches steinernes Schild mit sieben Sternen Sonst sah ich
nichts als was ich bei meinem Morgenausblicke aus dem Fenster schon gesehen
hatte Wir gingen auf einem Sandwege des grünen Rasens wir umgingen das Haus
und gelangten hinter demselben in den Garten Hier sah ich was ich mir schon
früher gedacht hatte dass das Gebäude welches man wohl ein Schloss nennen musste
nur aus den vier großen Flügeln bestehe welche ein vollkommenes Viereck
bildeten Die Wirtschaftsgebäude standen ziemlich weit entfernt in dem Tale
Der Garten begann mit Blumen Obst und Gemüse zeigte aber dass er in der
Entfernung mit etwas endigen müsse das wie ein Laubwald aussah Alles war rein
und schön gehalten Der Garten war auch hier mit gefiederten Bewohnern
bevölkert und man hatte ähnliche Vorrichtungen wie im Asperhofe Die Bäume
standen daher auch vortrefflich und gesund Rosen zeigten sich ebenfalls viele
nur nicht in so besonderen Gruppierungen wie bei meinem Gastfreunde Die
Gewächshäuser des Gartens waren ausgedehnt und weit größer und sorgfältiger
gepflegt als auf dem Asperhofe Der Gärtner ein junger und wie es schien
unterrichteter Mann empfing uns mit Höflichkeit und Ehrfurcht am Eingange
derselben Er zeigte mir mit mehr Genauigkeit seine Schätze als ich mit der
Rücksicht auf meine Begleiter denen nichts neu war für vereinbarlich hielt Es
waren viele Pflanzen aus fremden Weltteilen da sowohl im warmen als im kalten
Hause Besonders erfreut war er über seine reiche Sammlung von Ananas die einen
eigenen Platz in einem Gewächshause einnahmen
Nicht weit hinter dem Gewächshause stand eine Gruppe von Linden welche
beinahe so schön und so groß waren wie die in dem Garten des Asperhofes Auch
war der Sand unter ihrem Schattendache so rein gefegt und um die Ähnlichkeit zu
vollenden liefen auf demselben Finken Ammern Schwarzkehlchen und andere Vögel
so traulich hin wie auf dem Sande des Rosenhauses Dass Bänke unter den Linden
standen ist natürlich Die Linde ist der Baum der Wohnlichkeit Wo wäre eine
Linde in deutschen Landen und gewiss ist es in andern auch so unter der
nicht eine Bank stände oder auf der nicht ein Bild hinge oder neben welcher
sich nicht eine Kapelle befände Die Schönheit ihres Baues das Überdach ihres
Schattens und das gesellige Summen des Lebens in ihren Zweigen ladet dazu ein
Wir gingen in den Schatten der Linden
»Das ist eigentlich der schönste Platz in dem Sternenhofe« sagte Matilde
»und jeder der den Garten besucht muss hier ein wenig ruhen daher sollt Ihr
auch so tun«
Mit diesen Worten wies sie auf die Bänke die fast in einem Bogen unter den
Stämmen der Linden standen und hinter denen sich eine Wand grünen Gebüsches
aufbaute Wir setzten uns nieder Das Summen wie es jedes Mal in diesen Bäumen
ist war gleichmäßig über unserm Haupte das stumme Laufen der Vögel über den
reinen Sand war vor unsern Augen und ihr gelegentlicher Aufflug in die Bäume
tönte leicht in unsere Ohren
Nach einiger Zeit bemerkte ich dass auch mit Unterbrechungen ein leises
Rauschen hörbar sei gleichsam als würde es jetzt von einem leichten Lüftchen
hergetragen jetzt nicht Ich äußerte mich darüber
»Ihr habt recht gehört« sagte Matilde »wir werden die Sache gleich
sehen«
Wir erhoben uns und gingen auf einem schmalen Sandpfade durch die Gebüsche
die sich in geringer Entfernung hinter den Linden befanden Als wir etwa vierzig
oder fünfzig Schritte gegangen waren öffnete sich das Dickicht und ein freier
Platz empfing uns der rückwärts mit dichtem Grün geschlossen war Das Grün
bestand aus Efeu welcher eine Mauer von großen Steinen bekleidete die an ihren
beiden Enden riesenhafte Eichen hatte In der Mitte der Mauer war eine große
Öffnung oben mit einem Bogen begrenzt gleichsam wie eine große Nische oder wie
eine Tempelwölbung Im Innern dieser Wölbung die gleichfalls mit Eppich
überzogen war ruhte eine Gestalt von schneeweissem Marmor ich habe nie ein so
schimmerndes und fast durchsichtiges Weiß des Marmors gesehen das noch
besonders merkwürdig wurde durch das umgebende Grün Die Gestalt war die eines
Mädchens aber weit über die gewöhnliche Lebensgröße was aber in der Efeuwand
und neben den großen Eichen nicht auffiel Sie stützte das Haupt mit der einen
Hand den anderen Arm hatte sie um ein Gefäß geschlungen aus welchem Wasser in
ein vor ihr befindliches Becken rann Aus dem Becken fiel das Wasser in eine in
den Sand gemauerte Vertiefung von welcher es als kleines Bächlein in das
Gebüsch lief
Wir standen eine Weile betrachteten die Gestalt und redeten über sie
Eustach und ich kosteten auch mittelst einer alabasternen Schale die in einer
Vertiefung des Efeus stand von dem frischen Wasser welches sich aus dem Gefäße
ergoss
Hierauf gingen wir hinter der Eppichwand Über eine Steintreppe empor und
erstiegen einen kleinen Hügel auf welchem sich wieder Sitze befanden die von
verschiedenen Gebüschen beschattet waren Gegen das Haus zu aber gewährten sie
die Aussicht Wir mussten uns hier wieder ein wenig setzen Zwischen den Eichen
gleichsam wie in einem grünen knorrigen Rahmen erschien das Haus Mit seinem
hohen steilen Dache von altertümlichen Ziegeln und mit seinen breiten und
hochgeführten Rauchfängen glich es einer Burg zwar nicht einer Burg aus den
Ritterzeiten aber doch aus den Jahren in denen man noch den Harnisch trug
aber schon die weichen Locken der Perücke auf ihn herabfallen ließ Die Schwere
einer solchen Erscheinung sprach sich auch in dem ganzen Bauwerke aus Zu beiden
Seiten des Schlosses sah man die Landschaft und hinten das liebliche Blau der
Gebirge Die dunkeln Gestalten der Linden unter denen wir gesessen waren
befanden sich weiter links und störten die Aussicht nicht
»Man hat sehr mit Unrecht in neuerer Zeit die Mauern dieses Schlosses mit
der weissgrauen Tünche überzogen« sagte mein Gastfreund »wahrscheinlich um es
freundlicher zu machen welche Absicht man sehr gerne zu Ende des vorigen
Jahrhunderts an den Tag legte Wenn man die großen Steine aus denen die
Hauptmauern errichtet sind nicht bestrichen hätte so würde das natürliche Grau
derselben mit dem Rostbraun des Daches und dem Grün der Bäume einen sehr
zusammenstimmenden Eindruck gemacht haben Jetzt aber steht das Schloss da wie
eine alte Frau die weiß gekleidet ist Ich würde den Versuch machen wenn das
Schloss mein Eigentum wäre ob man nicht mit Wasser und Bürsten und zuletzt auf
trockenem Wege mit einem feinen Meissel die Tünche beseitigen könnte Alle Jahre
eine mäßige Summe darauf verwendet würde jährlich die Aussicht des widrigen
Anblickes erledigt zu werden angenehm vermehren«
»Wir können ja den Versuch nahe an der Erde machen und aus der Arbeit einen
ungefähren Kostenanschlag verfertigen« sagte Matilde »denn ich gestehe gerne
zu dass mich auch der Anblick dieser Farbe nicht erfreut besonders da die
Außenseite der Mauern ganz von Steinen ist die mit feinen Fugen an einander
stoßen und man also bei Erbauung des Hauses auf keine andere Farbe als die der
Steine gerechnet hat Jetzt ist das Schloss von innen viel natürlicher und wenn
auch nicht an eine Kunstzeit erinnernd doch in seiner Art zusammen stimmender
als von außen«
»Das Grau der Mauer mit den grauen Steinsimsen der Fenster die nicht
ungeschickt gegliedert sind mit der Höhe und Breite der Fenster deren
Verhältnis zu den festen Zwischenräumen ein richtiges ist würde glaube ich
dem Hause ein schöneres Ansehen geben als man jetzt ahnt« sagte Eustach
Mir fielen bei dieser Äußerung die Worte ein welche mein Gastfreund einmal
zu mir gesagt hatte dass alte Geräte in neuen Häusern nicht gut stehen Ich
erinnerte mich dass in dem Saale und in den alt eingerichteten Gemächern dieses
Schlosses die hohen Fenster die breiten Räume zwischen ihnen und die
eigentümlich gestalteten Zimmerdecken den Geräten sehr zum Vorteile gereichten
was in Zimmern der neuen Art gewiss nicht der Fall gewesen wäre
Als wir so sprachen kamen Natalie und Gustav die bei der Nymphe des
Brunnens zurückgeblieben waren die Steintreppe zu uns empor Die Angesichter
waren sanft gerötet die dunkeln Augen blickten heiter in das Freie und die
beiden jugendlichen Gestalten stellten sich mit einer anmutigen Bewegung hinter
uns
Von diesem Hügel der Eichenaussicht gingen wir weiter in den Garten zurück
und gelangten endlich in das Gemisch von Ahornen Buchen Eichen Tannen und
anderen Bäumen welches wie ein Wäldchen den Garten schloss Wir gingen in den
Schatten ein und die Freudenäusserungen und das Geschmetter der Vögel war kaum
irgendwo größer als hier Wir besuchten Stellen wo man der Natur nachgeholfen
hatte um diese Abteilung noch angenehmer zu machen und Gustav zeigte mir
Bänke Tischchen und andere Plätze wo er mit Nathalien gesessen war wo sie
gelernt wo sie als Kinder gespielt hatten Wir gingen an den wunderbar von
Licht und Schatten gesprenkelten Stämmen dahin wir gingen über die dunkeln und
die leuchtenden Stellen der Sandwege wir gingen an reichen grünenden Büschen
an Ruhebänken und sogar an einer Quelle vorbei und kamen durch Wendungen die
ich nicht bemerkt hatte an einer Stelle wieder in den freien Garten zurück die
an der entgegengesetzten Seite von der lag bei welcher wir das Wäldchen
betreten hatten
Wir ließ jetzt die zwei großen Eichen links eben so die Linden und
gingen auf einem anderen Wege in das Schloss zurück
Das Mittagessen wurde an dem äußerst schönen Grün des Hügels unmittelbar vor
dem Hause unter einem Dache von Linnen eingenommen
Am Nachmittage besprachen sich Matilde und Eustach vorläufig über das was
in Hinsicht der Beschädigungen geschehen könnte welche die neuen Geräte in den
Südzimmern sowie die Fussböden und zum Teile auch die alten Geräte in den
Westzimmern in der Zeit erlitten hatten Gegen Abend wurden der Meierhof und die
Wirtschaftsgebäude besucht
So wie Matilde in dem Rosenhause um den weiblichen Anteil des Hauswesens
sich bekümmert alles was dahin einschlug besehen und Anleitungen zu
Verbesserungen gegeben hatte so tat es mein Gastfreund in dem Sternenhofe mit
allem was auf die äußere Verwaltung des Besitzes Bezug hatte worin er mehr
Erfahrung zu haben schien als Matilde Er ging in alle Räume besah die Tiere
und ihre Verpflegung und besah die Anstalten zur Bewahrung oder Umgestaltung
der Wirtschaftserzeugnisse War mir dieses Verhältnis schon in dem Rosenhause
ersichtlich gewesen so war es hier noch mehr der Fall In den Handlungen meines
Gastfreundes und in dem kleinen Teile den ich von seinen Gesprächen mit
Matilde über häusliche Dinge hörte zeigte er sich als ein Mann der mit der
Bewirtschaftung eines großen Besitzes vertraut ist und die Pflichten die ihm
in dieser Hinsicht zufallen mit Eifer mit Umsicht und mit einem Blicke über
das Ganze erfüllt ohne eben deshalb die Grenzen zu berühren innerhalb welcher
die Geschäfte einer Frau liegen Das geschah so natürlich als müsste es so sein
und als wäre es nicht anders möglich
Von dem Meierhofe gingen wir in die Wiesen und auf die Felder welche zu der
Besitzung gehörten Wir gingen endlich über die Grenzen des Besjetztumes hinaus
gingen über den Boden anderer Menschen die wir zum Teile arbeitend auf den
Feldern trafen und mit denen wir redeten Wir gelangten endlich auf eine
Anhöhe die eine große Umsicht gewährte Wir blieben hier stehen Das erste auf
das wir blickten war das Schloss mit seinem grünen Hügel und im Schoße seiner
umgürtenden Ahorne und des begrenzenden Gartenwaldes Dann gingen wir auf andere
Punkte über Man zeigte und nannte mir die einzelnen Häuser die zerstreut in
der Landschaft lagen und durch die Linien von Obstbäumen die hier überall durch
das Land gingen wie durch grüne Ketten zusammenhingen Dann kam man auf die
entfernteren Ortschaften deren Türme hier zu erblicken waren In diesem Stoffe
konnte ich schon mehr mitreden da mir die meisten Orte bekannt waren Als wir
aber mit unsern Augen in die Gebirge gelangten war ich fast der Bewandertste
Ich geriet nach und nach in das Reden da man mich um verschiedene Punkte
fragte und sah dass ich Antwort zu geben wusste Ich nannte die Berge deren
Spitzen erkennbar hervortraten ich nannte auch Teile von ihnen ich bezeichnete
die Täler deren Windungen zu verfolgen waren zeigte die Schneefelder bemerkte
die Einsattlungen durch welche Berge oder ganze Gebirgszüge zusammenhingen oder
getrennt waren und suchte die Richtungen zu verdeutlichen in denen bekannte
Gebirgsortschaften lagen oder bekannte Menschenstämme wohnten Natalie stand
neben mir hörte sehr aufmerksam zu und fragte sogar um einiges
Als die Sonne untergegangen war und die sanfte Glut von den Gipfeln der
Hochgebirge sich verlor gingen wir in das Schloss zurück
Das Abendessen wurde in dem Speisezimmer eingenommen
So brachten wir mehrere Tage in freundlichem Umgange und in heiteren
mitunter belehrenden Gesprächen hin
Endlich rüsteten wir uns zur Abreise Am frühesten Morgen war der Wagen
bespannt Matilde und Natalie waren aufgestanden um uns Lebewohl zu sagen
Mein Gastfreund nahm Abschied von Matilde und Natalie Eustach und Gustav
verabschiedeten sich und ich glaubte auch einige Worte des Dankes für die
gütige Aufnahme an Matilde richten zu müssen Sie gab eine freundliche Antwort
und lud mich ein bald wieder zu kommen Selbst zu Natalie sagte ich ein Wort
des Abschiedes das sie leise erwiderte
Wie sie so vor mir stand begriff ich wieder wie ich bei ihrem ersten
Anblicke auf den Gedanken gekommen war dass der Mensch doch der höchste
Gegenstand für die Zeichnungskunst sei so süß gehen ihre reinen Augen und so
lieb und hold gehen ihre Züge in die Seele des Betrachters
Wir stiegen in den Wagen fuhren den grünen Rasenhügel hinab wendeten
unsern Weg gegen Norden und kamen spät in der Nacht im Rosenhause an
Mein Bleiben war nun in diesem Hause nicht mehr lange denn ich hatte keine
Zeit mehr zu verlieren Ich packte meine Sachen ein bezeichnete die Kisten und
Koffer welchen Weg sie zu nehmen hätten besuchte alle von denen ich glaubte
Abschied nehmen zu müssen dankte meinem Gastfreunde für alle Güte und
Freundlichkeit leistete das Versprechen wieder zu kommen und wanderte eines
Tages über den Rosenhügel hinunter Da es zu einer Zeit geschah in welcher
Gustav frei war begleitete er und Eustach mich eine Stunde Weges
Zweiter Band
1 Die Erweiterung
Ich ging an den Ort wo ich meine Arbeiten abgebrochen hatte Die Leute welche
von meiner Absicht wieder zu kommen unterrichtet waren hatten mich schon lange
erwartet Der alte Kaspar welcher mein treuester Begleiter auf meinen
Gebirgswanderungen war und meistens in einem Ledersacke die wenigen Lebensmittel
trug welche wir für einen Tag brauchten hatte schon mehrere Male in dem
Ahornwirtshause um mich gefragt und war gewöhnlich wie mir die Wirtin sage
ehe er eintrat ein wenig auf der Gasse stehen geblieben und hatte auf die
vielen Fenster welche von der hölzernen Zimmerung des Hauses auf die Ahorne
hinausschauten empor geblickt um zu sehen ob nicht aus einem derselben mein
Haupt hervor rage Jetzt saß er wieder bei mir an dem langen Fichtentische unter
den grünen Bäumen und die andern denen er Botschaft getan hatte fanden sich
ein Ich war sehr erfreut und es rührte mein Herz als ich sah dass diese Leute
mit Vergnügen mein Wiederkommen ansahen und sich schon auf die Fortsetzung der
Arbeit freuten
Ich ging sehr rüstig daran gleichsam als ob mich mein Gewissen drängte
das was ich durch die längere Abwesenheit versäumt hatte einzubringen Ich
arbeitete fleißiger und tätiger als in allen früheren Zeiten wir durchforschten
die Bergwände längs ihrer Einlagerungen in die Talsohlen und in ihren
verschiedenen Höhepunkten die uns zugänglich waren oder die wir uns durch
unsere Hämmer und Meissel zugänglich machten Wir gingen die Täler entlang und
spähten nach Spuren ihrer Zusammensetzungen und wir begleiteten die Wasser die
in den Tiefen gingen und untersuchten die Gebilde welche von ihnen aus
entlegenen Stellen hergetragen und immer weiter und weiter geschoben wurden Der
Hauptsammelplatz für uns blieb das Ahornhaus und wenn wir auch oft länger von
demselben abwesend waren und in anderen Gebirgswirtshäusern oder bei
Holzknechten oder auf einer Alpe oder gar im Freien übernachteten so kamen wir
in Zwischenräumen doch immer wieder in das Ahornhaus zurück wir wurden dort als
Eingebürgerte betrachtet meine Leute fanden ihre Schlafstellen im Heu ich
hatte mein beständiges wohleingerichtetes Zimmer und hatte ein Gelass in
welches ich meine gesammelten Gegenstände konnte bringen lassen
Oft wenn ich von dem Arbeiten ermüdet war oder wenn ich glaubte in dem
Einsammeln meiner Gegenstände genug getan zu haben saß ich auf der Spitze eines
Felsens und schaute sehnsüchtig in die Landschaftsgebilde welche mich umgaben
oder blickte in einen der Seen nieder wie sie unser Gebirge mehrere hat oder
betrachtete die dunkle Tiefe einer Schlucht oder suchte mir in den Moränen
eines Gletschers einen Steinbock aus und saß in der Einsamkeit und schaute auf
die blaue oder grüne oder schillernde Farbe des Eises Wenn ich wieder talwärts
kam und unter meinen Leuten war die sich zusammenfanden war es mir als sei
mir alles wieder klarer und natürlicher
Von einem Jägersmanne welcher aber mehr ein Herumstreicher war als dass er
an einem Platze durch lange Zeit als ein mit dem Bezirke und mit dem Wildstande
vertrauter Jäger gedient hätte ließ ich mir eine Zither über die Gebirge
herüber bringen Er kannte eben weil er nirgends lange blieb und an allen Orten
schon gedient hatte das ganze Gebirge genau und wusste wo die besten und
schönsten Zitern gemacht würden Er konnte dies darum auch am besten
beurteilen weil er der fertigste und berühmteste Ziterspieler war den es im
Gebirge gab Er brachte mir eine sehr schöne Zither deren Griffbrett von
rabenschwarzem Holze war in welchem sich aus Perlenmutter und Elfenbein
eingelegte Verzierungen befanden und auf welchem die Stege von reinem
glänzenden Silber gemacht waren Die Bretter sagte mein Bote könnten von
keiner singreicheren Tanne sein sie ist von dem Meister gesucht und in guten
Zeichen und Jahren eingebracht worden Die Füsslein der Zither waren
elfenbeinerne Kugeln Und in der Tat wenn der Jägersmann auf ihr spielte so
meinte ich nie einen süsseren Ton auf einem menschlichen Geräte gehört zu haben
Selbst was Matilde und Natalie in dem Rosenhause gespielt hatten war nicht so
gewesen ich hatte weit und breit nichts gehört was an die Handhabung der
Zither durch diesen Jägersmann erinnerte Ich ließ ihn gerne in meiner Gegenwart
auf meiner Zither spielen weil ihm keine so klang wie diese und weil er sagte
sie müsse eingespielt werden Er wurde mein Lehrer im Ziterspiele und ich nahm
mir vor da ich sah dass er meine Zither allen anderen vorzog ihm wenn ich
Ursache hätte mit unseren Lehrstunden zufrieden zu sein eine gleiche zu
kaufen Er hatte nämlich erzählt dass der Meister mehrere aus dem gleichen Holze
wie die meinige und in gleicher Art gefertigt habe Da sie nun ziemlich teuer
gewesen war so schloss ich dass der Meister die gleichen nicht so schnell werde
verkaufen können und dass noch eine werde übrig sein wenn ich meinem Lehrer zu
dem gewöhnlichen Lohne den ich ihm in Geld zugedacht habe noch dieses Geschenk
würde hinzufügen wollen
Ich begann in demselben Sommer auch mir eine Sammlung von Marmoren
anzulegen Die Stücke die ich gelegentlich fand oder die ich mir erwarb
wurden zu kleinen Körpern geschliffen gleichsam dicken Tafeln die auf ihren
Flächen die Art des Marmors zeigten Wenn ich größere Stücke fand so bestimmte
ich sie außer dem dass ich die gleiche Art in Tafeln in die Sammlung tat zu
allerlei Gegenständen zu kleinen Dingen des Gebrauches auf Schreibtischen
Schreinen Waschtischen oder zu Teilen von Geräten oder zu Geräten selbst Ich
hoffte meinem Vater und meiner Mutter eine große Freude zu machen wenn ich nach
und nach als Nebengewinn meiner Arbeiten eine Zierde in ihr Haus oder gar in den
Garten brächte denn ich sann auch darauf aus einem Blocke wenn ich einen
fände der groß genug wäre ein Wasserbecken machen zu lassen
Im Lautertale fand ich einmal Roland den Bruder Eustachs Er hatte in einer
alten Kirche gezeichnet und war jetzt damit beschäftigt im Gasthause des
Lautertales diese Zeichnungen und einige andere welche er in der Nähe entworfen
hatte mehr in das Reine zu bringen Es befand sich nämlich nicht weit von
Lautertal ein einsamer Hof oder eigentlich mehr ein festes steinernes
schlossartiges Haus welches einmal einer Familie gehört hatte die durch Handel
mit Gebirgserzeugnissen und durch immer ausgedehnteren Verkehr in viele Gegenden
der Erde wohlhabend und durch Entartung ihrer Nachkommen durch den Leichtsinn
derselben und durch Verschwendung wieder arm geworden war Einer dieses
Geschlechtes hatte das große steinerne Haus gebaut Es gehörte jetzt einem
fremden Herrn aus der Stadt welcher es seiner Lage und seiner Seltenheiten
willen gekauft hatte und es zuweilen besuchte In dem Hause waren schöne
Bauwerke schöne Steinarbeiten und schöne Arbeiten aus Holz teils in
Zimmerdecken Türen und Fussböden teils in Geräten Die Holzarbeit musste einmal
im Gebirge viel blühender gewesen sein als jetzt Von diesen Gegenständen durfte
nichts aus dem Hause gebracht werden auch wurde von ihnen nichts verkauft
Roland hatte die Erlaubnis erhalten zu zeichnen was ihm als zeichnungswürdig
erscheinen würde Dieses Zweckes halber hielt er sich im Lautertalwirtshause
auf Ich besuchte mit ihm öfter das Haus und wir gerieten in mannigfache
Gespräche namentlich wenn wir abends nachdem wir beide unser Tagewerk getan
hatten an dem Wirtstische in der großen Stube zusammen kamen Ich fand in ihm
einen sehr feurigen Mann von starken Entschlüssen und von heftigem Begehren sei
es dass ein Gegenstand der Kunst sein Hetz erfüllte oder dass er sonst etwas in
den Bereich seines Wesens zu ziehen strebte Er verließ diese Stätte früher als
ich
Ehe mich meine Geschäfte aus der Gegend führten fand ich noch etwas das
mich meines Vaters willen sehr freute Kaspar hatte öfters meinen und Rolands
Gesprächen zugehört und mitunter sogar in die Zeichnungen geblickt Einmal sagte
er mir dass, wenn ich an alten Dingen so ein Vergnügen hätte er mir etwas
zeigen könne das sehr alt und sehr merkwürdig wäre Es gehöre einem
Holzknechte der ein Haus einen Garten und ein kleines Feldwesen habe das von
seinem Weibe und seinen heranwachsenden Kindern besorgt werde Wir gingen einmal
auf meine Anregung in das Haus hinauf das jenseits eines Waldarmes mitten in
einer trockenen Wiese nicht weit von kleinen Feldern und hart an einem großen
vereinzelten Steinblocke lag wie sie sich losgerissen oft im Innern von
fruchtbaren Gründen befinden Das alte Werk welches ich hier traf war die
Vertäfelung von zwei Fensterpfeilern ungefähr halbmanneshoch Es war offenbar
der Rest einer viel größeren Vertäfelung welche in der angegebenen Höhe auf dem
Fußboden längs der ganzen Wände eines Zimmers herum gelaufen war Hier bestanden
nur mehr die Verkleidungen von zwei Fensterpfeilern aber sie waren vollkommen
ganz Halberhabne Gestalten von Engeln und Knaben mit Laubwerk umgeben standen
auf einem Sockel und trugen zarte Simse Der Besitzer des Häuschens hatte die
zwei Verkleidungen in seiner Prunkstube so aufgestellt dass sie mit der
unverzierten Höhlung gegen die Stube schauten In diese Höhlung hatte er
geschnitzte und bemalte Heiligenbilder aus neuerer Zeit gestellt Vermutlich war
das Werk einmal in dem steinernen Hause gewesen und war dort weggekommen da
etwa Nachfolger Veränderungen machten und Gegenstände verschleuderten Der
Besitzer des Wiesenhauses sagte uns dass sein Großvater die Dinge in einer
Versteigerung der Hagermühle gekauft habe die wegen Verschwendung des Müllers
war eingeleitet worden Meine Nachfragen um die Ergänzungen zu diesen
Verkleidungen waren vergeblich und durch Vermittlung Kaspars erkaufte ich von
dem Besitzer die übergebliebenen Reste Ich ließ Kisten machen legte die
gefugten Teile auseinander packte sie selber ein und sendete sie unterdessen
in das Ahornhaus zu meinen anderen Dingen
Ich blieb wirklich in jenem Herbste sehr lange im Gebirge Es lag nicht nur
der Schnee schon auf den Bergen sondern er deckte auch bereits das ganze Land
und man fuhr schon in Schlitten statt in Wägen als ich von dem Ahornhause
Abschied nahm Ich hatte alle meine Sachen gepackt und hatte sie voraus
gesendet weil ich im künftigen Jahre nicht mehr in diesem freundlichen Hause
sondern irgend wo anders meinen Aufenthalt würde aufschlagen müssen Ich sagte
allen meinen Leuten Lebewohl und ging auf der glattgefrorenen Bahn neben dem
rauschenden Fluße der schon Stücke Ufereis ansetzte in die ebneren Länder
hinaus Mein Weg führte mich in seinem Verlaufe auf Anhöhen dahin von welchen
ich im Norden die Gegend des Rosenhauses und im Süden die des Sternenhofes
erblicken konnte In dem weißen Gewande welches sich über die Gefilde breitete
und welches von den dunkeln Bändern der Wälder geschnitten war konnte ich kaum
die Hügelgestaltungen erkennen innerhalb welcher das Haus meines Freundes
liegen musste noch weniger konnte ich die Umgebungen des Sternenhofes
unterscheiden da ich nie im Winter in dieser Gegend gewesen war Das aber wusste
ich mit Gewissheit in welcher Richtung das Haus liegen müsse an dem im
vergangenen Sommer so viele Rosen geblüht haben und in welcher das Schloss
hinter dem die alten Linden standen und die Quelle floss an der die weibliche
Gestalt aus weißem Marmor Wache hielt Die wohltuenden Fäden die mich nach
beiden Richtungen zogen wurden von dem stärkeren Bande aufgehoben das mich zu
den lieben teuren Meinigen führte
Als ich das flache Land erreicht hatte und an dem Orte eingetroffen war in
welchem mich meine Kisten erwarten sollten übergab ich dieselben die ich
unverletzt vorfand meinem Frächter zur Beförderung an den Strom und empfahl sie
ihm besonders die mit den Altertümern auf das angelegentlichste Am anderen
Tage reiste ich in einem Wagen nach Am Strome ließ ich die Kisten sorgfältig in
ein Schiff bringen und fuhr am nächsten Morgen mit dem nämlichen Schiffe meiner
Vaterstadt zu
Ich langte glücklich dort an ließ meine Habseligkeiten in unser Haus
schaffen packte zuerst die Kiste mit den Altertümern aus und war beruhigt als
die Holzschnitzereien unversehrt daraus hervor gingen Die Freude meines Vaters
war außerordentlich die Mutter freute sich des Vaters willen und die
Schwester deren glänzende Augen bald auf mich bald auf den Vater schauten
zeigte dass sie mit mir zufrieden sei Dieses ließ mir manches vergessen das
beinahe wie eine Sorge in meinem Herzen war Ich befand mich wieder bei meinen
Angehörigen die mit allen Kräften ihrer Seele an meinem Wohle Anteil nahmen
und dies erfüllte mich mit Ruhe und einer süßen Empfindung die mir in der
letzten Zeit beinahe fremd geworden war
Ich sah am anderen Tage als ich in das Speisezimmer ging den Vater wie er
vor den Verkleidungen stand und sie betrachtete Bald neigte er sich näher zu
ihnen bald kniete er nieder und befühlte manches mit der Hand oder untersuchte
es genauer mit den Augen Mir klopfte das Hetz vor Freude und die weißen Haare
welche unter den dunkeln immer häufiger auf seinem Haupte zum Vorschein kamen
erschienen mir doppelt ehrwürdig und die leichte Falte der Sorge auf seiner
Stirne die in der Arbeit für uns auf diesem Sitze seiner Gedanken entstanden
war während ich meiner Freude nachgehen und die Welt und die Menschen genießen
konnte und während meine Schwester wie eine prachtvolle Rose erblühen durfte
erfüllte mich beinahe mit einer Andacht Die Mutter kam dazu er zeigte ihr
manches er erklärte ihr die Stellungen der Gestalten die Führung und die
Schwingung der Stengel und der Blätter und die Einteilung des Ganzen Die Mutter
verstand diese Dinge durch die langjährige Übung viel besser als ich und ich
sah jetzt dass ich dem Vater etwas weit Schöneres gebracht habe als ich wusste
Ich nahm mir vor im nächsten Frühlinge viel genauer nach den zu diesen
Verkleidungen noch gehörenden Teilen zu forschen ich hatte früher nur im
allgemeinen gefragt jetzt wollte ich aber auf das sorgfältigste in der ganzen
Gegend suchen Nachdem wir noch eine Weile über das Werk geredet hatten führte
mich die Mutter durch alle meine Zimmer und zeigte mir was man während meiner
Abwesenheit getan habe um mir den Winteraufentalt recht angenehm zu machen
Die Schwester kam dazu und da die Mutter fortgegangen war schlang sie beide
Arme um meinen Hals küsste mich und sagte dass ich so gut sei und dass sie mich
nach Vater und Mutter unter allen Dingen die auf der Welt sein können am
meisten und am ausserordentlichsten liebe Mir wären bei dieser Rede bald die
Tränen in die Augen getreten
Als ich später in meinem Zimmer allein auf und ab ging wollte mir mein Herz
immer sagen Jetzt ist alles gut jetzt ist alles gut
Ich kaufte mir am andern Tage eine spanische Sprachlehre welche mir ein
Freund der sich seit mehreren Jahren mit diesen Dingen abgegeben hatte anriet
Ich begann neben meinen anderen Arbeiten vorerst für mich in diesem Buche zu
lernen mir vorbehaltend später wenn ich es für nötig halten sollte auch
einen Lehrer im Spanischen zu nehmen Auch fuhr ich nicht nur fort in den
Schauspielen Shakespeares zu lesen sondern ich wendete die Zeit die mir von
meinen Arbeiten übrig blieb auch der Lesung anderer dichterischer Werke zu Ich
suchte die Schriften der alten Griechen und Römer wieder hervor von denen ich
schon Bruchstücke während meiner Studienjahre als Pflichterfüllung hatte lesen
müssen Damals waren mir die Gestaltungen dieser Völker die ich mit ruhigen und
kühlen Kräften hatte erfassen können sehr angenehm gewesen deshalb nahm ich
jetzt die Bücher dieser Art wieder vor
Meine Zither gereichte der Schwester zur Freude Ich spielte ihr die Dinge
vor die ich bereits auf diesen Saiten hervorzubringen im Stande war ich zeigte
ihr die Anfangsgründe und als für uns beide in dieser Übung auch ein Meister
aus der Stadt in das Haus kam lieh ich ihr die Zither und versprach ihr eine
eben so schöne und gute oder eine noch schönere und bessere für sie aus dem
Gebirge zu schicken wenn sie zu bekommen wäre Ich erzählte ihr dass der Mann
der mir in dem Gebirge Unterricht im Ziterspiele gebe bei weitem schöner wenn
auch nicht so gekünstelt spiele als der Meister in der Stadt Ich sagte ich
wolle in dem Gebirge sehr fleißig lernen und ihr wenn ich wieder komme
Unterricht in dem erteilen was ich unterdessen in mein Eigentum verwandelt
hätte
Unter diesen Beschäftigungen und unter andern Dingen welche schon frühere
Winter eingeleitet hatten ging die kältere Jahreszeit dahin Als die
Frühlingslüfte wehten und die Erde abzutrocknen begann trat ich meine
Sommerwanderung wieder an Ich wählte doch abermals das Ahornhaus zu meinem
Aufenthalte wenn ich auch wusste dass ich oft weit von ihm weggehen und lange
von ihm würde entfernt bleiben müssen Es war mir schon zur Gewohnheit geworden
und es war mir lieb und angenehm in ihm
Das erste was ich vornahm war dass ich Botschaft nach meinem
Ziterspieljägersmanne aussandte Da er überall zu finden ist kam er sehr bald
und wir verabredeten wie wir unsere Übungen im Ziterspiele fortsetzen würden
Gleichzeitig begann ich die Forschungen nach jenen Teilen der Wandverkleidungen
welche zu den meinem Vater überbrachten Pfeilerverkleidungen als Ergänzung
gehörten Ich forschte in dem Hause nach in welchem Roland im vergangenen
Sommer gezeichnet hatte ich forschte bei dem Holzknechte von welchem mir die
Pfeilerverkleidungen waren verkauft worden ich dehnte meine Forschungen in alle
Teile der umliegenden Gegend aus gab besonders Männern Aufträge welche oft in
die abgelegensten Winkel von Häusern und anderen Gebäuden kommen wie zum
Beispiele Zimmerleuten Maurern dass sie mir sogleich Nachricht gäben wenn sie
etwas aus Holz Geschnjetztes entdeckten ich reiste selber an manche Stellen um
nachzusehen allein es fand sich nichts mehr vor Als beinahe nicht zu
bezweifeln stellte sich heraus dass die von mir gekauften Verkleidungen einmal
zu dem steinernen Hause der ausgestorbenen Gebirgskaufherren gehört haben in
welchem sie die Unterwand eines ganzen Saales umgehen haben mochten Bei einer
einmal vorgenommenen sogenannten Verschönerung späterer verschwenderisch
gewordener Nachkommen hat man sie wahrscheinlich weg getan und sie fremden
Händen überlassen die sie in abwechselnden Besitz brachten Die
Pfeilerverkleidungen welche gleichsam Nischen bildeten in die man
Heiligenbilder tun konnte sind übrig geblieben die anderen geraden Teile sind
verkommen oder sogar mutwillig zerschlagen oder verbrannt worden
Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ging ich auch mit meinem
Jägersmanne von dem Ahornhause über das Echergebirge in das Echertal wo der
Meister wohnte von dem der Jäger die Zither für mich gekauft hatte und von dem
ich auch eine für meine Schwester kaufen wollte Dieser Mann verfertigte Zitern
für das ganze umliegende Gebirge und zur Versendung Er hatte noch zwei mit der
meinigen ganz gleiche Ich wählte eine davon da in der Arbeit und in dem Tone
gar keine Verschiedenheit wahrgenommen werden konnte Der Meister sagte er habe
lange keine so guten Zitern gemacht und werde lange keine solchen mehr machen
Sie seien alle drei von gleichem Holze er habe es mit vieler Mühe gesucht und
mit vielen Schwierigkeiten gefunden Er werde vielleicht auch nie mehr ein
solches finden Auch werde er kaum mehr so kostbare Zitern machen da seine
entfernten Abnehmer nur oberflächliche Ware verlangten und auch die
Gebirgsleute die wohl die Güte verstehen doch nicht gerne teure Zitern
kauften
Von dem Ziterspiele welches mein Jäger mir mit übte schrieb ich mir so
viel auf als ich konnte um es der Schwester zum Einlernen und zum Spielen zu
bringen
Gegen die Zeit der Rosenblüte ging ich in den Asperhof und fand die zwei
Zimmer schon für mich hergerichtet welche ich im vorigen Sommer bewohnt hatte
Am ersten Tage erzählte mir schon der Gärtner Simon der von seinem
Gewächshause zu mir herüber gekommen war dass der Cereus peruvianus in dem
Asperhofe sei Der Herr habe ihn von dem Inghofe gekauft und da ich gewiss
Ursache dieser Erwerbung sei so müsse er mir seinen Dank dafür abstatten Ich
hatte allerdings mit meinem Gastfreunde über den Cereus geredet wie ich es dem
Gärtner versprochen hatte aber ich wusste nicht wie viel Anteil ich an dem
Kaufe hätte und sagte daher dass ich den Dank nur mit Zurückhaltung annehmen
könne Ich musste dem Gärtner in das Kaktushaus folgen um den Cereus anzusehen
Die Pflanze war in freien Grund gestellt man hatte für sie einen eigenen
Aufbau gleichsam ein Türmchen von doppeltem Glas auf dem Kaktushause
errichtet und hatte durch Stützen oder durch Lenkung der Sonnenstrahlen auf
gewisse Stellen des Gewächses Anstalten getroffen dass der Cereus der sich an
der Decke des Gewächshauses im Inghofe hatte krümmen müssen wieder gerade
wachsen könne Ich hätte nicht gedacht dass diese Pflanze so groß sei und dass
sie sich so schön darstellen würde
Weil mein Vater an altertümlichen Dingen eine so große Freude hatte weil
ihn die Verkleidungen so sehr erfreut hatten welche ich ihm im vergangenen
Herbste gebracht hatte so tat ich an meinen Gastfreund da ich eine Weile in
seinem Hause gewesen war eine Bitte Ich hatte die Bitte schon länger auf dem
Herzen gehabt tat sie aber erst jetzt da man gar so gut und freundlich mit mir
in dem Rosenhause war Ich ersuchte nämlich meinen Gastfreund dass er erlaube
dass ich einige seiner alten Geräte zeichnen und malen dürfe um meinem Vater die
Abbilder zu bringen die ihm eine deutlichere Vorstellung geben würden als es
meine Beschreibungen zu tun im Stande wären
Er gab die Einwilligung sehr gerne und sagte »Wenn Ihr Eurem Vater ein
Vergnügen bereiten wollt so zeichnet und malet wie Ihr wollt ich habe nicht
nur nichts dagegen sondern werde auch Sorge tragen dass in den Zimmern die Ihr
benützen wollt gleich alles zu Eurer Bequemlichkeit hergerichtet werde Sollte
Euch Eustach an die Hand gehen können so wird er es gewiss sehr gerne tun«
Am folgenden Tage war in dem Zimmer in welchem sich der große
Kleiderschrein befand mit dem ich anfangen wollte eine Staffelei aufgestellt
und neben ihr ein Zeichnungstisch ob ich mich des einen oder des andern
bedienen wollte Der Schrein war von seiner Stelle weg in ein besseres Licht
gerückt und alle Fenster bis auf eines waren mit ihren Vorhängen bedeckt damit
eine einheitliche Beleuchtung auf den Gegenstand geleitet würde der gezeichnet
werden sollte Eustach hatte alle seine Farbstoffe zu meiner Verfügung gestellt
wenn etwa die von mir mitgebrachten irgendwo eine Lücke haben sollten Das
zeigte sich sogleich klar dass die Zeichnungen jedenfalls mit Farben gemacht
werden müssten weil sonst gar keine Vorstellung von den Gegenständen hätte
erzeugt werden können, die aus verschiedenfarbigem Holze zusammengestellt waren
Ich ging sogleich an die Arbeit Mein Gastfreund hatte auch für meine Ruhe
gesorgt So oft ich zeichnete durfte niemand in das Zimmer kommen in dem ich
war und so lange sich überhaupt meine Gerätschaften in demselben befanden
durfte es zu keinem andern Gebrauche verwendet werden Um desto mehr glaubte ich
meine Arbeit beschleunigen zu müssen
Es waren indessen Matilde und Natalie in dem Asperhofe angekommen und sie
lebten dort wie sie im vorigen Jahre gelebt hatten
Ich zeichnete fleißig fort Niemand stellte das Verlangen meine Arbeit zu
sehen Eustach hatte ich gebeten dass ich ihn zuweilen um Rat fragen dürfe was
er bereit willig zugestanden hatte Ich führte ihn daher zu Zeiten in das
Zimmer und er gab mir mit vieler Sachkenntnis an was hie und da zu verbessern
wäre Nur Gustav ließ Neugierde nach der Zeichnung blicken nicht dass ihm
geradezu eine Äußerung in dieser Hinsicht entfallen wäre aber da er sich so an
mich angeschlossen hatte und da sein Wesen sehr offen und klar war so erschien
es nicht schwer den Wunsch den er hegte zu erkennen Ich lud ihn daher ein
mich in dem Zimmer zu besuchen wenn ich zeichnete und ich richtete es so ein
dass meine Zeichnungszeit in seine freien Stunden fiel Er kam fleißig sah mir
zu fragte um allerlei und geriet endlich darauf auch ein solches Gemälde
versuchen zu wollen Da mein Gastfreund nichts dawider hatte so überließ ich
ihm meine Farben zur Benützung und er begann auf einem Tische neben mir sein
Geschäft indem er den nämlichen Schrein abbildete wie ich Im Zeichnen war er
sehr unterrichtet Eustach war sein Lehrmeister dieser hatte aber bisher noch
immer nicht zugegeben dass sein Zögling den Gebrauch der Farben anfange weil er
von dem Grundsatze ausging dass zuvor eine sehr sichere und behende Zeichnung
vorhanden sein müsse Die Spielerei aber mit dem Schreine denn es war nichts
weiter als eine Spielerei ließ er als eine Ausnahme geschehen
Ich wurde in kurzem mit der ersten Arbeit fertig Das Bild sah in den genau
und gewissenhaft nachgeahmten Farben fast noch lieblicher und reizender aus als
der Gegenstand selber da alles ins kleinere und feinere zusammengerückt war
Da ich die Zeichnung vollendet hatte legte ich sie meinem Gastfreunde und
Matilde vor Sie billigten dieselbe und schlugen einige kleine Änderungen vor
Da ich die Notwendigkeit derselben einsah nahm ich sie sogleich vor Hierauf
wurde von ihnen so wie von Eustach die Abbildung für fertig erklärt
Nach dem Kleiderschreine nahm ich den Schreibtisch mit den Delphinen vor
Weil ich durch die erste Zeichnung schon einige Fertigkeit erlangt hatte so
ging es bei der zweiten schneller und alles geriet mit mehr Leichtigkeit und
Schwung Ich war fertig geworden und legte auch diese Abbildung Mathilden
meinem Gastfreunde und Eustach vor Gustav hatte in der Zeit auch seine
Zeichnung des großen Schreines vollendet und brachte sie herbei Er wurde ein
wenig ausgelacht und andererseits wurden ihm auch Dinge angegeben die er noch
zu verändern und hinein zu machen hätte Auch bei mir wurden Verbesserungen
vorgeschlagen Als wir beide mit unsern Ausfeilungen fertig waren wurden in dem
Zimmer in welchem wir gezeichnet hatten die Geräte wieder an ihren Platz
gerückt und die Staffelei und unsere Malergerätschaften wurden daraus entfernt
Ich hatte mir in diesem Zimmer nur die zwei Gegenstände abzubilden vorgenommen
Hierauf versuchte ich noch einige kleinere Gegenstände
Unterdessen waren manche Leute zum Besuche in das Rosenhaus gekommen wir
selber hatten auch einige Nachbarn aufgesucht hatten Spaziergänge gemacht und
an mehreren Abenden saßen wir im Garten oder vor den Rosen oder unter dem großen
Kirschbaume und es wurde von verschiedenen Dingen gesprochen
Eustach sagte mir einmal da ich von den Geräten in dem Sternenhofe redete
und die Äußerung machte dass meinen Vater Abbildungen von ihnen sehr freuen
würden es könne keinen Schwierigkeiten unterliegen dass ich in dem Sternenhofe
ebenso zeichnen dürfe wie in dem Asperhause Ich ging auf die Sache nicht ein
da ich nicht den Mut hatte mit Matilde darüber zu sprechen Am andern Tage
zeigte mir Eustach die Einwilligung an und Matilde lud mich auf das
freundlichste ein und sagte dass mir in ihrem Hause jede Bequemlichkeit zu
Gebote stehen würde Ich dankte sehr freundlich für die Güte und nach mehreren
Tagen fuhr ich mit den Pferden meines Gastfreundes in den Sternenhof während
Matilde und Natalie noch in dem Rosenhause blieben
Im Sternenhofe fand ich zu meiner Überraschung schon alles zu meinem
Empfange vorbereitet Da Bilder in dem Schloss waren hatte man auch mehrere
Staffeleien welche man mir zur Auswahl in das große Zimmer gestellt hatte in
welchem die altertümlichen Geräte standen Auch ein Zeichnungstisch mit allem
Erforderlichen war in das Zimmer geschafft worden Ich wählte unter den
Staffeleien eine und ließ die übrigen wieder an ihre gewöhnlichen Orte bringen
Den Zeichnungstisch behielt ich zur Bequemlichkeit neben der Staffelei bei mir
Es war nun zum Malen beinahe alles so eingerichtet wie im Asperhofe Auch durfte
ich mir die Geräte die ich zu zeichnen vorhatte in das Licht rücken lassen
wie ich wollte Zum Wohnen und Schlafen hatte man mir das nämliche Zimmer
hergerichtet in welchem ich bei meinem ersten Besuche gewesen war Zum Speisen
wurde mir der Saal in dem ich arbeitete oder mein Wohnzimmer frei gestellt
Ich wählte das letzte
Ich betrachtete mir vorerst die Geräte und wählte diejenigen aus die ich
abbilden wollte Hierauf ging ich an die Arbeit Ich malte sehr fleißig um die
Unordnung welche meine Arbeiten notwendig in dem Hause machen mussten so kurz
als möglich dauern zu lassen Ich blieb daher den ganzen Tag in dem Saale nur
des Abends wenn es dämmerte oder morgens ehe die Sonne aufging begab ich
mich in das Freie oder in den Garten um einen Gang in der erquickenden Luft zu
machen oder gelegentlich auch stille stehend oder auf einer Ruhebank sitzend
die weite Gegend um mich herum zu betrachten Oft wenn ich die Pinsel gereinigt
und all das unter Tags gebrauchte Malergeräte geordnet und an seinen Platz
gelegt hatte saß ich unter den alten hohen Linden im Garten und dachte nach
bis das späte Abendrot durch die Blätter derselben herein fiel und die Schatten
auf dem Sandboden so tief geworden waren dass man die kleinen Gegenstände die
auf diesem Boden lagen nicht mehr sehen konnte Noch öfter aber war ich auf dem
Platze hinter der Efeuwand von welchem aus das Schloss in die großen Eichen
eingerahmt zu erblicken war und neben und hinter dem Schloss sich die Gegend
und die Berge zeigten Es war die Stille des Landes wenn der heitere Spätimmel
sich über das Schloss hinzog wenn die Spitzen von dessen Dachfähnchen glänzten
sich in Ruhe das Grün herum lagerte und das Blau der Berge immer sanfter wurde
Zuweilen in besonders heißen Tagen ging ich auch in die Grotte in welcher die
Marmornymphe war freute mich der Kühle die da herrschte sah das gleiche
Rinnen des Wassers und sah den gleichen Marmor auf dem nur zuweilen ein
Lichtchen zuckte wenn sich ein später Strahl in dem Wasser fing und auf die
Gestalt geworfen wurde
In dem Schloss war es sehr einsam die Diener waren in ihren abgelegenen
Zimmern ganze Reihen von Fenstern waren durch herabgelassene Vorhänge bedeckt
und zu dem Hofbrunnen ging selten eine Gestalt um Wasser zu holen daher er
zwischen den großen Ahornen eintönig fortrauschte Diese Stille machte dass ich
desto mehr der Bewohnerinnen dachte die jetzt abwesend waren dass ich meinte
ihre Spuren entdecken zu können und dass ich dachte ihren Gestalten irgendwo
begegnen zu müssen Besser war es wenn ich in die Landschaft hinausging Dort
lebten die Klänge der Arbeit dort sah ich heitere Menschen die sich
beschäftigten und regsame Tiere die ihnen halfen Es war eine Art von
Verwalter in dem Schloss der den Auftrag haben musste für mich zu sorgen
wenigstens tat er alles was er zu meiner Bequemlichkeit für nötig erachtete Er
fragte oft nach meinen Wünschen ließ mehr Speisen und Getränke auf meinen Tisch
stellen als nötig war sorgte stets für frisches Wasser Kerzen und andere
Dinge ließ eine Menge Bücher die er aus der Büchersammlung des Schlosses
genommen haben mochte in mein Zimmer bringen und meinte zuweilen dass es die
Höflichkeit erfordere dass er mehrere Minuten mit mir spreche Ich machte so
wenig als möglich Gebrauch von allen für mich in diesem Schloss eingeleiteten
Anstalten und ging nicht einmal in die Meierei in welcher es sehr lebhaft war
um durch meine Gegenwart oder durch mein Zuschauen nicht jemanden in seiner
Arbeit zu beirren
Als ich mit den ausgewählten Gegenständen fertig war hörte ich nicht auf
denn aus ihnen entwickelten sich wieder andere Arbeiten was seinen Grund darin
hatte dass ein Gegenstand den andern verlangte was wieder daher rührte dass die
Geräte dieses Zimmers und der Nebengemächer ein Ganzes bildeten welches man
nicht zerstückt denken konnte Was mir aber zu statten kam war die große Übung
die ich nach und nach erlangte so dass ich endlich in einem Tage mehr vor mich
brachte als sonst in dreien
Eustach kam einmal herüber mich zu besuchen Ich sah darin ein Zeichen dass
man mir Gelegenheit geben wollte mich seines Rates zu bedienen Ich tat dieses
auch freute mich der Worte, die er sprach und folgte den Ansichten die er
entwickelte Er erzählte mir auch dass Matilde und Natalie noch lange in dem
Asperhofe zu bleiben gedächten Da wie ich wusste ihr Besuch in dem vorigen
Sommer im Rosenhause viel kürzer gewesen war so verfiel ich auf den Gedanken
ob sie nicht etwa gerade darum heuer länger in demselben verweilten um mir Musse
zu meinen Arbeiten in dem Sternenhofe zu geben Ob es nun so sei oder nicht
wusste ich nicht es konnte aber so sein und darum beschloss ich mein Malen
abzukürzen Endlich musste ich doch einmal schließen da ich doch nicht alle
Gegenstände abbilden konnte Ich sagte Eustach die Zeit in der ich fertig sein
würde Er blieb zwei Tage in dem Schloss vermass manches untersuchte einiges
in manchen Zimmern und kehrte dann wieder in das Rosenhaus zurück
Ehe ich ganz fertig war kamen alle vom Asperhofe herüber und blieben einige
Tage Auch Eustach kam wieder mit Ich legte vor was ich gemacht hatte und es
geschah das nämliche was in dem Rosenhause geschehen war Man billigte im
allgemeinen die Arbeit und stellte hie und da etwas aus was zu verbessern
wäre Ich hatte schor zu der Abbildung der Geräte im Asperhofe Ölfarben
angewendet weil ich in Behandlung derselben nach und nach eine größere
Fertigkeit erlangt hatte als in der der Wasserfarben und weil die Wirkung eine
viel größere war Die Geräte des Sternenhofes hatte ich nun auch mit Ölfarben
abgebildet und diese Abbildungen waren viel gelungener als die im Rosenhause
Ich erkannte die Vorschläge welche mir gemacht worden waren an und bemerkte
mir sie zur Ausführung
Eustach ging von dem Sternenhofe wieder in das Rosenhaus zurück mein
Gastfreund Matilde Natalie und Gustav machten eine kleine Reise
Auch mein Bleiben war nicht mehr lange in dem Schloss Ich machte noch
fertig was fertig zu machen war ich verbesserte was zu verbessern
vorgeschlagen worden war und was mir selber noch in der Zeit als
verbesserungswürdig einfiel und wartete dann ab bis alles gut getrocknet wäre
um es einpacken und für den Vater in Bereitschaft halten zu können Da dies
geschehen war dankte ich dem Verwalter sehr verbindlich für alle seine
Aufmerksamkeit gab den Mädchen die für mich zu tun gehabt hatten Geschenke
welche ich mir zu diesem Zwecke schon früher angeschafft hatte und bestieg den
Wagen den mir der Verwalter zu meiner Zurückfahrt in das Rosenhaus zur
Verfügung gestellt hatte
Als ich in dem Rosenhause ankam traf ich meinen Gastfreund und seine
Gesellschaft von der Reise schon zurückgekehrt an Ich blieb noch mehrere Tage
bei ihnen nahm dann Abschied und begab mich in das Ahornhaus zu meinen
Arbeiten zurück
Ich suchte diese Arbeiten rasch zu betreiben aber alles war jetzt anders
und nahm eine andere Färbung in meinem Herzen an
Als ich in dem Frühling die Hauptstadt verlassen hatte und dem langsam über
einen Berg empor fahrenden Wagen folgte war ich einmal bei einem Haufen von
Geschiebe stehen geblieben das man aus einem Flussbette genommen und an der
Straße aufgeschüttet hatte und hatte das Ding gleichsam mit Ehrfurcht
betrachtet Ich erkannte in den roten weißen grauen schwarzgelben und
gesprenkelten Steinen welche lauter plattgerundete Gestalten hatten die Boten
von unserem Gebirge ich erkannte jeden aus seiner Felsenstadt von der er sich
losgetrennt hatte und von der er ausgesendet worden war Hier lag er unter
Kameraden deren Geburtsstätte oft viele Meilen von der seinigen entfernt ist
alle waren sie an Gestalt gleich geworden und alle harrten dass sie zerschlagen
und zu der Straße verwendet würden
Besonders kamen mir die Gedanken wozu dann alles da sei wie es entstanden
sei wie es zusammenhänge und wie es zu unserem Herzen spreche
Einmal gelangte ich zu dem See hinunter und betrachtete an dem sonnigen
Nachmittage die Tatsache, dass die Schönheit der absteigenden Berge meistens
gegen einen Seespiegel am größten ist Kömmt das aus Zufall haben die
abstürzenden dem See zueilenden Wässer die Berge so schön gefurcht gehöhlt
geschnitten geklüftet oder entspringt unsere Empfindung von dem Gegensatze des
Wassers und der Berge wie nämlich das erste eine weiche glatte feine Fläche
bildet die durch die rauen absteigenden Riffe Rinnen und Streifen geschnitten
wird während unterhalb nichts zu sehen ist und so das Rätsel vermehrt wird Ich
dachte bei dieser Gelegenheit wenn das Wasser durchsichtiger wäre zwar nicht
so durchsichtig wie die Luft doch beinahe so dann müsste man das ganze innere
Becken sehen nicht so klar wie in der Luft sondern in einem grünlichen
feuchten Schleier Das müsste sehr schön sein Ich blieb in Folge dieses
Gedankens länger an dem See mietete mich in einem Gasthofe ein und machte
mehrere Messungen der Tiefe des Wassers an verschiedenen Stellen deren
Entfernung vom Ufer ich mittelst einer Messschnur bezeichnete Ich dachte auf
diese Weise könnte man annähernd die Gestalt des Seebeckens ergründen könnte es
zeichnen und könnte das innere Becken von dem äußeren durch eine sanftere
grünlichere Farbe unterscheiden Ich beschloss bei einer ferneren Gelegenheit
die Messungen fortzusetzen
Diese Bestrebungen brachten mich auf die Betrachtung der Seltsamkeiten
unserer Erdgestaltungen In dem Seegrunde sah ich ein Tal in dessen Sohle die
sich bei andern Tälern mit dem vieltausendfachen Pflanzenreichtume und den
niedergestürzten Gebirgsteilen füllt und so einen schönen Wechsel von Pflanzen
und Gestein darstellt kein Pflanzengrund sich entwickelt sondern das Gerölle
sich sachte mehrt der Boden sich hebt und die ursprünglichen Klüftungen
ausfüllt Dazu kommen die Stücke die unmittelbar von den Wänden in den See
stürzen dazu kommen die Hügel die außer der gewöhnlichen Ordnung von
bedeutenden Hochwassern in den See geschoben und von dem nachträglichen
Wellenschlage wieder abgeflacht werden In Jahrtausenden und Jahrtausenden füllt
sich das Becken immer mehr bis einmal mögen hundert oder noch mehr
Jahrtausende vergangen sein kein See mehr ist auf der ungeheuren Dicke der
Geröllschichten der menschliche Fuß wandelt Pflanzen grünen und selbst Bäume
stehen So kannte ich manche Stellen die einst Seegrund gewesen waren Der
Fluss der Vater des Sees hatte sich in seinem Weiterlaufe tiefer gewühlt er
hatte den Seespiegel niederer gelegt der Seegrund hatte sich gehoben bis
nichts mehr war als ein Tal an dem jetzt die Ufer als grüne Wälle in langen
Strecken stehen mit kräftigen Kräutern blühenden Büschen und mancher lachenden
Wohnung von Menschen prangen während das was einmal ein mächtiges Wasser
gebildet hatte jetzt als ein schmales Bändlein in glänzenden Schlangenlinien
durch die Landschaft geht
Ich betrachtete vom See aus die Schichtungen der Felsen Was bei Kristallen
der Blätterdurchgang ist das zeigt sich hier in großen Zügen An manchen
Stellen ist die Neigung diese an manchen ist sie eine andere Sind diese
ungeheueren Blätter einst gestürzt worden, sind sie erhoben worden werden sie
noch immer erhoben Ich zeichnete manche Lagerungen in ihren schönen
Verhältnissen und in ihren Neigungen gegen die wagrechte Fläche Wenn ich so die
Blätter durchging und die Gestaltungen ansah war es mir wie eine unbekannte
Geschichte die ich nicht enträtseln konnte und zu der es doch Anhaltspunkte
geben musste um die Ahnungen in Nahrung zu setzen
Wenn ich die Stücke unbelebter Körper die ich für meine Schreine sammelte
ansah so fiel mir auf dass hier diese Körper liegen dort andere dass ungeheure
Mengen desselben Stoffes zu großen Gebirgen aufgetürmt sind und dass wieder in
kleinen Abständen kleine Lagerungen mit einander wechseln Woher sind sie
gekommen wie haben sie sich gehäuft Liegen sie nach einem Gesetze und wie ist
dieses geworden Oft sind Teile eines größeren Körpers in Menge oder einzeln an
stellen wo der Körper selber nicht ist wo sie nicht sein sollen wo sie
Fremdlinge sind Wie sind sie an den Platz gekommen Wie ist überhaupt an einer
Stelle gerade dieser Stoff entstanden und nicht ein anderer Woher ist die
Berggestalt im großen gekommen Ist sie noch in ihrer Reinheit da oder hat sie
Veränderungen erlitten und erleidet sie dieselben noch immer Wie ist die
Gestalt der Erde selber geworden wie hat sich ihr Antlitz gefurcht sind die
Lücken groß sind sie klein
Wenn ich auf meinen Marmor kam wie bewunderungswürdig ist der Marmor Wo
sind denn die Tiere hin deren Spuren wir ahnungsvoll in diesen Gebilden sehen
Seit welcher Zeit sind die Riesenschnecken verschwunden deren Andenken uns hier
überliefert wird Ein Andenken das in ferne Zeiten zurück geht die niemand
gemessen hat die vielleicht niemand gesehen hat und die länger gedauert haben
als der Ruhm irgend eines Sterblichen
Eine Tatsache fiel mir auf Ich fand tote Wälder gleichsam Gebeinhäuser von
Wäldern nur dass die Gebeine hier nicht in eine Halle gesammelt waren sondern
noch aufrecht auf ihrem Boden standen Weiße abgeschälte tote Bäume in großer
Zahl so dass vermutet werden musste dass an dieser Stelle ein Wald gestanden
sei Die Bäume waren Fichten oder Lärchen oder Tannen Jetzt konnte an der
Stelle ein Baum gar nicht mehr wachsen es sind nur Kriechhölzer um die
abgestorbenen Stämme und auch diese selten Meistens bedeckt Gerölle den Boden
oder größere mit gelbem Moose überdeckte Steine Ist diese Tatsache eine
vereinzelte nur durch vereinzelte Ortsursachen hervorgebracht Hängt sie mit
der großen Weltbildung zusammen Sind die Berge gestiegen und haben sie ihren
Wälderschmuck in höhere todbringende Lüfte gehoben Oder hat sich der Boden
geändert oder waren die Gletscherverhältnisse andere Das Eis aber reichte
einst tiefer wie ist das alles geworden
Wird sich vieles wird sich alles noch einmal ganz ändern In welch
schneller Folge geht es Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner Gewässer
das Gebirge beständig zerbröckelt wird wenn die Trümmer herabfallen wenn sie
weiter zerklüftet werden und der Strom sie endlich als Sand und Geschiebe in
die Niederungen hinausführt wie weit wird das kommen Hat es schon lange
gedauert Unermessliche Schichten von Geschieben in ebenen Ländern bejahen es
Wird es noch lange dauern So lange Luft Licht Wärme und Wasser dieselben
bleiben so lange es Höhen gibt so lange wird es dauern Werden die Gebirge
also einstens verschwunden sein Werden nur flache unbedeutende Höhen und Hügel
die Ebenen unterbrechen und werden selbst diese auseinander gewaschen werden
Wird dann die Wärme in den feuchten Niederungen oder in tiefen heißen
Schluchten verschwinden so wie die kalte Luft in Höhen auf die Erde ohne
Einfluss sein wird so dass alle Glieder in unsern Ländern von demselben lauen
Stoffe umflossen sind und sich die Verhältnisse aller Gewächse ändern Oder
dauert die Tätigkeit durch welche die Berge gehoben wurden noch heute fort
dass sie durch innere Kraft an Höhe ersetzen oder übertreffen was sie von außen
her verlieren Hört die Hebungskraft einmal auf Ist nach Jahrmillionen die Erde
weiter abgekühlt ist ihre Rinde dicker so dass der heiße Fluss in ihrem Innern
seine Kristalle nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag Oder legt er
langsam und unmerklich stets die Ränder dieser Rinde auseinander wenn er durch
sie seine Geschiebe hinan hebt Wenn die Erde Wärme ausstrahlt und immer mehr
erkaltet wird sie nicht kleiner Sind dann die Umdrehungsgeschwindigkeiten
ihrer Kreise nicht geringer Ändert das nicht die Passate Werden Winde Wolken
Regen nicht anders Wie viele Millionen Jahre müssen verfliessen bis ein
menschliches Werkzeug die Änderung messen kann
Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich und es war als wäre in
mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen Wenn ich gleich weniger sammelte
und zusammentrug als früher so war es doch als würde ich in meinem Innern bei
weitem mehr gefördert als in vergangenen Zeiten
Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist so ist es die
Geschichte der Erde die ahnungsreichste die reizendste die es gibt eine
Geschichte in welcher die der Menschen nur ein Einschiebsel ist und wer weiß
es welch ein kleines da sie von anderen Geschichten vielleicht höherer Wesen
abgelöset werden kann. Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber
wie in einem Schriftengewölbe in ihrem Innern auf Quellen die vielleicht in
Millionen Urkunden niedergelegt sind und bei denen es nur darauf ankömmt dass
wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechtaberei nicht verfälschen Wer
wird diese Geschichte einmal klar vor Augen haben Wird eine solche Zeit kommen
oder wird sie nur der immer ganz wissen der sie von Ewigkeit her gewusst hat
Von solchen Fragen flüchtete ich zu den Dichtern Wenn ich von langen
Wanderungen in das Ahornhaus zurück kam oder wenn ich ferne von dem Ahornhause
in irgend einem Stübchen eines Alpengebäudes wohnte so las ich in den Werken
eines Mannes der nicht Fragen löste sondern Gedanken und Gefühle gab die wie
eine Lösung in holder Umhüllung waren und wie ein Glück aussahen Ich hatte
mannigfaltige solcher Männer Unter den Büchern waren auch solche in denen
Schwulst enthalten war Sie gaben die Natur in und außer dem Menschen nicht so
wie sie ist, sondern sie suchten sie schöner zu machen und suchten besondere
Wirkungen hervorzubringen Ich wendete mich von ihnen ab Wem das nicht heilig
ist was ist wie wird er Besseres erschaffen können als was Gott erschaffen
hat In der Naturwissenschaft war ich gewohnt geworden auf die Merkmale der
Dinge zu achten diese Merkmale zu lieben und die Wesenheit der Dinge zu
verehren Bei den Dichtern des Schwulstes fand ich gar keine Merkmale und es
erschien mir endlich lächerlich wenn einer schaffen wollte der nichts gelernt
hat
Die Männer gefielen mir welche die Dinge und die Begebenheiten mit klaren
Augen angeschaut hatten und sie in einem sicheren Masse in dem Rahmen ihrer
eigenen inneren Größe vorführten Andere gaben Gefühle in schöner Sittenkraft
die tief auf mich wirkten Es ist unglaublich welche Gewalt Worte üben können
ich liebte die Worte und liebte die Männer und sehnte mich oft nach einer
unbestimmten unbekannten glücklichen Zukunft hinaus
Die Alten die ich einst zu verstehen geglaubt hatte kamen mir doch jetzt
anders vor als früher Es schien mir als wären sie natürlicher wahrer
einfacher und größer als die Männer der neuen Zeit und als lasse sie der Ernst
ihres Wesens und die Achtung vor sich selbst nicht zu den Überschreitungen
gelangen welche spätere Zeiten für schön hielten Ich trug Homeros Äschylos
Sophokles Tukydides fast auf allen Wanderungen mit mir Um sie zu verstehen
nahm ich alle griechischen Sprachwerke die mir empfohlen waren vor und lernte
in ihnen Am förderlichsten im Verstehen war aber das Lesen selber Bei den
Alten nahm ich Geschichtschreiber gerne unter Dichter sie schienen mir dort
einander näher zu stehen als bei den Neuen
Da geriet ich auch auf das Malen Die Gebirge standen im Reize und im Ganzen
vor mir wie ich sie früher nie gesehen hatte Sie waren meinen Forschungen
stets Teile gewesen Sie waren jetzt Bilder so wie früher bloß Gegenstände In
die Bilder konnte man sich versenken weil sie eine Tiefe hatten die
Gegenstände lagen stets ausgebreitet zur Betrachtung da So wie ich früher
Gegenstände der Natur für wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte wie ich bei
diesen Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war wie ich ja vor kurzem
erst Geräte gezeichnet und gemalt hatte so versuchte ich jetzt auch den ganzen
Blick in dem ein Hintereinanderstehendes im Dufte Schwebendes vom Himmel sich
Abhebendes enthalten war auf Papier oder Leinwand zu zeichnen und mit Ölfarben
zu malen Das sah ich sogleich dass es weit schwerer war als meine früheren
Bestrebungen weil es sich hier darum handelte ein Räumliches das sich nicht
in gegebenen Abmessungen und mit seinen Naturfarben sondern gleichsam als die
Seele eines Ganzen darstellte zu erfassen während ich früher nur einen
Gegenstand mit bekannten Linienverhältnissen und seiner ihm eigentümlichen Farbe
in die Mappe zu übertragen hatte Die ersten Versuche misslangen gänzlich Dieses
schreckte mich aber nicht ab sondern eiferte mich vielmehr noch immer stärker
an Ich versuchte wieder und immer wieder Endlich vertilgte ich die Versuche
nicht mehr wie ich früher getan hatte sondern bewahrte sie zur Vergleichung
auf Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach dass sich die Versuche
besserten und die Zeichnung leichter und natürlicher wurde Es war ein
gewaltiger Reiz für das Herz das Unnennbare was in den Dingen vor mir lag zu
ergreifen und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte desto schöner wurde auch
dieses Unnennbare vor mir selbst
Ich blieb so lange in dem Gebirge als es nur möglich war und als die
zunehmende Kälte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar verbat
Im spätesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in das
Rosenhaus Es war zur Zeit da in dem Gebirge schon mannigfaltige Schneelasten
auf den Höhen lagen und das flache Land sich schon jedes Schmuckes entäussert
hatte Der Garten meines Freundes war kahl die Bienenhütte war in Stroh
eingehüllt in den laublosen Zweigen schrillte nur noch manche vereinzelte
Kohlmeise oder ein Wintervogel und über ihnen zogen in dem grauen Himmel die
grauen Dreiecke der Gänse nach dem Süden Wir saßen in den langen Abenden bei
dem Feuer des Kamins arbeiteten unter Tags an der Einhüllung und Einwinterung
der Gegenstände, die es bedurften oder machten an manchem Nachmittage einen
Spaziergang wenn der regsame Nebel die Hügel und die Täler und die Ebenen
umwandelte
Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen Malen weil
ich es gewissermaßen für eine Falschheit gehalten hätte ihm nichts von der
Veränderung zu sagen die in mir vorgegangen war Ich scheute mich sehr die
Versuche vorzulegen ich tat es aber doch und zwar zu einer Zeit da auch
Eustach zugegen war Als Einleitung erklärte ich wie ich nach und nach dazu
gekommen wäre diese Dinge zu machen
»Es geht allen so welche die Gebirge öfter besuchen und welche
Einbildungskraft und einiges Geschick in den Händen haben« sagte mein
Gastfreund »Ihr braucht Euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen es war zu
erwarten dass Ihr nicht bloß bei Eurem Sammeln von Steinen und Versteinerungen
bleiben werdet es ist so in der Natur, und es ist so gut«
Die Entwürfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen als
sie verdienten Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach jedes Blatt öfter
betrachtet hatten sprachen sie mit mir darüber Ihr Urteil ging einstimmig
darauf hinaus dass mir das Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als
das Künstlerische Die Steine die sich in den Vordergründen befänden die
Pflanzen die um sie herum wüchsen ein Stück alten Holzes das da läge Teile
von Gerölle die gegen vorwärts säßen selbst die Gewässer die sich unmittelbar
unter dem Blicke befänden hätte ich mit Treue und mit den ihnen eigentümlichen
Merkmalen ausgedrückt Die Fernen die großen Flächen der Schatten und der
Lichter an ganzen Bergkörpern und das Zurückgehen und Hinausweichen des
Himmelsgewölbes seien mir nicht gelungen Man zeigte mir dass ich nicht nur in
den Farben viel zu bestimmt gewesen wäre dass ich gemalt hätte was nur mein
Bewusstsein an entfernten Stellen gesagt nicht mein Auge sondern dass ich auch
die Hintergründe zu groß gezeichnet hätte sie wären meinen Augen groß
erschienen und das hätte ich durch das Hinaufrücken der Linien angeben wollen
Aber durch beides durch Deutlichkeit der Malerei und durch die Vergrößerung der
Fernen hätte ich die letzteren näher gerückt und ihnen das Grossartige benommen
das sie in der Wirklichkeit besässen Eustach riet mir eine Glastafel mit
Kanadabalsam zu überziehen wodurch sie etwas rauer würde so dass Farben auf
ihr haften ohne dass sie die Durchsichtigkeit verlöre und durch diese Tafel
Fernen mit den an sie grenzenden näheren Gegenständen mittelst eines Pinsels zu
zeichnen und ich würde sehen wie klein sich die größten und ausgedehntesten
entfernten Berge darstellten und wie groß das zunächstliegende Kleine würde
Dieses Verfahren aber empfehle er nur damit man zur Überzeugung der
Verhältnisse komme und einen Maßstab gewinne nicht aber dass man dadurch
künstlerische Aufnahmen von Landschaften mache weil durch einen solchen Vorgang
die künstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren würde welche in Bezug auf
Darstellung das Wesen und das Herz der Kunst sei Das Auge soll nur geübt und
unterrichtet werden die Seele müsse schaffen das Auge soll ihr dienen In
Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er mir dort wo ich einen Zweifel
hätte ob ich etwas sähe oder nur wisse es lieber nicht anzugeben und
überhaupt in der Farbe lieber unbestimmter als bestimmter zu sein weil dadurch
die Gegenstände an Grossartigkeit gewinnen Sie werden durch die Unbestimmteit
ferner und durch dieses allein größer Durch Linien des Zeichnenstiftes auf dem
kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand könne man nichts groß machen Durch
Verdeutlichung werden die Körper näher gerückt und verkleinert Wenn überhaupt
ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht werden müsse und kein Mensch könne
Dinge namentlich Landschaften in ihrer völligen Wesenheit geben so sei es
besser die Gegenstände großartiger und übersichtlicher zu geben als in zu
viele einzelne Merkmale zerstreut Das erste sei das Künstlerischer und
Wirksamere
Ich sah sehr gut ein was sie sagten und wusste auch woher die Fehler
kämen von denen sie redeten Ich hatte bisher alle Gegenstände in Hinblick auf
meine Wissenschaft gezeichnet und in dieser waren Merkmale die Hauptsache
Diese mussten in der Zeichnung ausgedrückt sein und gerade die am schärfsten
durch welche sich die Gegenstände von verwandten unterschieden Selbst bei
meinem Zeichnen von Angesichtern hatte ich deren Linien ihr Körperliches ihre
Licht und Schattenverteilung unmittelbar vor mir Daher war mein Auge geübt
selbst bei fernen Gegenständen das was sie wirklich an sich hatten zu sehen
wenn es auch noch so undeutlich war und dafür auf das was ihnen durch Luft
Licht und Dünste gegeben wurde weniger zu achten ja diese Dinge als
Hindernisse der Beobachtung eher weg zu denken als zum Gegenstande der
Aufmerksamkeit zu machen Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand
plötzlich geöffnet dass ich das was mir bisher immer als wesenlos erschienen
war betrachten und kennen lernen müsse Durch Luft Licht Dünste Wolken
durch nahe stehende andere Körper gewinnen die Gegenstände ein anderes Aussehen
dieses müsse ich ergründen und die veranlassenden Dinge müsse ich wenn es mir
möglich wäre so sehr zum Gegenstande meiner Wissenschaft machen wie ich früher
die unmittelbar in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte Auf diese Weise
dürfte es zu erreichen sein dass die Darstellung von Körpern gelänge die in
einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Körpern schwimmen Ich sagte das
meinen Freunden und sie billigten meinen Entschluss Wenn der Nebel oder
überhaupt die trübe Jahreszeit einen Blick in die Ferne gestattete wurde das
was mit Worten gesagt wurde auch an wirklichen Beispielen erörtert und wir
sprachen über die Art und Weise wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von
ihnen oder näher gehende von der Hauptkette sich ablösende Gründe darstellten
Es ist unglaublich wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufentalte unterrichtet
wurde
Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern welche ich las und
erzählte ihm von dem großen Eindrucke welchen ihre Worte auf mich machten Wir
gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bücherzimmer er führte mich vor die
Schreine in welchen die Dichter standen und zeigte mir was er in dieser
Hinsicht besaß Er sagte auch ich machte während des Aufenthaltes in seinem
Hause von den Büchern Gebrauch machen wie ich wollte ich könnte sie im
Lesezimmer benützen oder auch in meine Wohnung mit hinübernehmen Es waren Werke
in den ältesten Sprachen da von Indien bis nach Griechenland und Italien es
waren Werke der neueren Zeiten da und auch der neuesten Am zahlreichsten waren
natürlich die der Deutschen
»Ich habe diese Bücher gesammelt« sagte er »nicht als ob ich sie alle
verstände denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd aber ich habe
im Verlaufe meines Lebens gelernt dass die Dichter wenn sie es im rechten Sinne
sind zu den größten Wohltätern der Menschheit zu rechnen sind Sie sind die
Priester des Schönen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der
Ansichten über Welt über Menschenbestimmung über Menschenschicksal und selbst
über göttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende Sie
gehen es uns im Gewande des Reizes der nicht altert der sich einfach hinstellt
und nicht richten und verurteilen will Und wenn auch alle Künste dieses
Göttliche in der holden Gestalt bringen so sind sie an einen Stoff gebunden
der diese Gestalt vermitteln muss die Musik an den Ton und Klang die Malerei an
die Linien und die Farbe die Bildnerkunst an den Stein das Metall und
dergleichen die Baukunst an die großen Massen irdischer Bestandteile sie
müssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen nur die Dichtkunst hat beinahe
gar keinen Stoff mehr ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung
das Wort ist nicht der Stoff es ist nur der Träger des Gedankens wie etwa die
Luft den Klang an unser Ohr führt Die Dichtkunst ist daher die reinste und
höchste unter den Künsten Da ich nun meine dass es so ist wie ich sage so
habe ich die Männer welche die Stimme der Zeiten als große in der Kunst des
Dichtens bezeichnete hier zusammengestellt Ich habe Dichter in fremden
Sprachen die ich nicht verstand dazu getan wenn ich nur wusste dass sie in der
Geschichte ihres Volkes vorzüglich genannt werden, und wenn ich von einem
Fachmanne das Zeugnis hatte dass ich in dem Buche den Dichter besitze den ich
meine Sie mögen unverstanden hier stehen oder es mag wohl einer oder der
andere in diesen Saal kommen der manchen versteht und liest Ich habe wohl auch
solche Bücher hieher gestellt die mir gefallen das Urteil der Zeit mag anders
lauten oder erst festzustellen sein In diesen Büchern habe ich viel Glück
gefunden und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend Wenn auch die
Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken
aufnimmt wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit Sehnsucht in
dem Busen trägt so ist es doch fast stets mehr die Wärme des eigenen Gefühles
die sie empfindet als dass sie die fremde Weisheit und Größe in ein besonnenes
betrachtendes abwägendes Herz aufnehmen könnte Ihr seid selber jung und die
Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag Euch fördern und Euer Herz jedem künftigen
Großen öffnen wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut aber Ihr
werdet selber einmal sehen um wie viel milder und klarer die verglühende Sonne
des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als die feurige
Morgensonne der Jugend die alles mit ihrem Glanze färbt so wie es eine
Tatsache ist dass die innige wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester
und dauernder beglückt als die lodernde Leidenschaft der jungen schönen schim
mernden Braut Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenzteit und
Unendlichkeit der Zukunft diese verhüllt die Mängel und ersetzt das Abgängige
Sie dichtet in das Kunstwerk was im eignen Herzen lebt Daher kommt die
Erscheinung dass Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf
gleiche Art entzücken können und dass Erzeugnisse höchster Größe wenn sie keine
Widerspieglung der Jugendblüte sind nicht erfasst werden können. In dem Alter
werden selbst solche Glanzstellen der Jugend die schon sehr ferne liegen wie
etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und Grenzenlosigkeit
oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe oder die Träume
künftiger Taten und künftiger Größe der Blick in ein unendliches erst
kommendes Leben oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst von dem
Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglückender aufgefasst als von
dem Jünglinge der sie in dem Brausen seines Lebens überhört und an der grauen
Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als der
feurige Funke der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des Jünglings
springt und keine Spur hinterlässt Ich lese jetzt selten mehr die größten
Geister im Zusammenhange mit kleineren tue ich es wohl weil sie in einzelnen
Stellen minder bedeutend sind aber ich lese immer in ihnen und werde wohl
bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen Sie begleiten mich mit ihren Gedanken
wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl
wie ich ahne an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen als wären sie von meinen
eigenen Rosen geflochten Deshalb gehe ich auch kein Buch aus dem Hause weil
ich nicht weiß ob ich es nicht in nächster Zeit selber brauchen werde Im Hause
stehen sie jedem der davon Gebrauch machen will zu Gebote Nur für Gustav wird
eine Auswahl getroffen weil er noch zu jung ist und nicht alles sondern kann
Er würde hier zwar nichts gänzlich Schlechtes finden aber nicht alles Gute
würde er verstehen und dann wäre die daran gewendete Zeit verloren oder er
könnte es missverstehen und dann wäre der Erfolg ein unrichtiger Das Schlechte
das sich Dichtkunst nennt ist der Jugend sehr gefährlich In der Wissenschaft
zeigt es sich viel leichter auf In der Mathematik liegt es in der Darstellung
da solche Werke wohl kaum vorkommen dürften in denen sogar der Stoff fehlerhaft
wäre in der Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe in
welch letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht nur in
der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie in der
Dichtkunst weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen gestellt ist und
wirkt aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst versteckt es sich vor dem
blühenden Gemüte des Jünglings dieser breitet seine Blüten und seine Begierden
darüber und saugt das Gift in sich Ein klarer Verstand der sich von Kindheit
an eben zur Klarheit hingeübt hat und ein gutes reines Herz sind Schutzwehren
vor Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen weil der klare Verstand
den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz die Unsittlichkeit
ablehnt Aber beides geschieht nur gegen die Entschiedenheit des Schlechten Wo
es in Reize verhüllt ist und mit Reinem gemischt dort ist es am bedenklichsten
und da müssen Ratgeber und väterliche Freunde zu Hilfe stehen dass sie teils
aufklären teils von vornherein die Annäherung des Übels aufhalten Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht man kein
Mittel als sie selber Ihr seid zwar noch jung aber Ihr seid nicht so jung zu
dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten unserer Jünglinge und Ihr habt
so viel in Wissenschaften gelernt dass ich glaube dass man Euch alle Dichter in
die Hände geben kann ohne Gefahr zu befürchten selbst bei solchen die in
ihrem Amte sehr zweifelhaft sind Euer Geist wird sich wohl heraus finden und
gerade dadurch noch mehr klären Da ich von der Weisheitslehre sprach welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet muss ich Euch sagen was Ihr wohl
vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt dass ich nicht gar
sehr viel auf sie halte wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande
auftritt Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen
aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben als dass ich auf ledigliche
Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte ja sie sind mir
sogar widerwärtig Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem
Gegenstande Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe so habe ich sie nicht aus
den eigentlichsten Weisheitsbüchern am wenigsten aus den neuen jetzt lese ich
gar keine mehr gelernt sondern ich habe sie aus Dichtern genommen oder aus
der Geschichte die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt«
Als ich meinen Gastfreund so reden hörte erinnerte ich mich dass ich ihn in
der Tat viel lesen gesehen habe Oft war er mit einem Buche unter einem
schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank
oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben er ist sehr häufig in
dem Lesezimmer gewesen und er trug Bücher in seine Arbeitsstube Als wir die
letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten hatte er Bücher mitgenommen und
ich glaube von Gustav gehört zu haben dass er auf jede Reise Bücher einpacke
Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in das
Bücherzimmer und wie ich früher vor den Schränken gestanden war die die Werke
der Naturwissenschaften enthielten und wie ich damals manches Buch in das
Lesezimmer mitgenommen hatte so stand ich jetzt vor den Schreinen mit den
Dichtern sah viele einzelne der vorhandenen Bücher an trug manches in das
Lesezimmer oder mit Bewilligung meines Gastfreundes in meine Stube und schrieb
mir die Aufschrift von manchem in mein Gedenkbuch um es mir wenn ich nach
Hause gekommen wäre zu kaufen
Gegen das Ende meines Aufenthaltes da noch einige sonnige Tage kamen
zeichnete und malte ich auch mehrere Stücke der schönen getäfelten Fussböden die
in diesem Hause anzutreffen waren Ich tat dies um dem Vater von allen Dingen
welche ich gesehen hatte einiger Massen Abbildungen bringen zu können
Als es schon bald zu meiner Abreise kam sagte mein Gastfreund er hätte
noch etwas mit mir zu reden und er sprach »Weil Euch Eure Natur selber zum
Teile aus dem Kreise herausgezogen hat den Ihr um Euch gesteckt habt weil Ihr
zu Euren früheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt
so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein
Schritt aus Eurem Kreise war so erlaubet mir dass ich als Freund der Euch wohl
will ein Wort zu Euch rede Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage
legen Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen
Richtungen tätig sind so wird der Mensch eben weil alle Kräfte wirksam sind
weit eher befriedigt und erfüllt als wenn eine Kraft nach einer einzigen
Richtung hinzielt Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet
Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an verhindert ihn das
Nebenliegende zu sehen und führt ihn in das Abenteuerliche Später wenn der
Grund gelegt ist muss der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden wenn er
irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll Er wird dann nicht mehr in das
Einseitige verfallen In der Jugend muss man sich allseitig üben um als Mann
gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein Ich sage nicht dass man sich in
das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse wie zum Beispiele in
allen Wissenschaften wie Ihr ja selber einmal angefangen habt das wäre
überwältigend oder tötend ohne dabei möglich zu sein sondern dass man das
Leben wie es uns überall umgibt aufsuche dass man seine Erscheinungen auf sich
wirken lasse damit sie Spuren einprägen unmerklich und unbewusst ohne dass man
diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe Darin meine ich besteht das
natürliche Wissen des Geistes zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens Ihr
habt scheint es mir zu jung einen einzelnen Zweig erfasst unterbrecht ihn ein
wenig Ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen Schaut auch
die unbedeutenden ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an Geht in die Stadt
sucht Euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen kommt dann zu uns auf das Land
lebt einmal eine Weile müßig bei uns das heißt tut was Euch der Augenblick
und die Neigung eingibt wir wollen dieses Haus und den Garten genießen wollen
den Nachbar Ingheim besuchen wollen auch zu anderen entfernteren Nachbarn
gehen und die Dinge an uns vorüber fließen lassen wie sie fließen«
Ich dankte ihm für seine Bemerkungen sagte dass ich selber so etwas
Ähnliches in mir empfinde dass ich wohl etwas unbeholfen gegen das Leben sei
dass meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht mit mir haben müssen
und dass ich für jeden Wink dankbar sei Besonders freue mich die Einladung in
sein Haus und ich werde ihr mit vieler Freude Folge leisten
Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war packte ich die Zeichnungen
und alles was ich in dem Rosenhause hatte ein nahm den herzlichsten Abschied
von dem alten Manne Gustav Eustach Roland der gekommen war verabschiedete
mich von allen Bewohnern des Hauses Gartens und Meierhofes und reiste zu
meinen Angehörigen in die Hauptstadt zurück
Das erste was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten Bewillkommen
sah war dass mein Vater das teils gläserne teils hölzerne Häuschen in welchem
die alten Waffen hingen um welches sich der Efeu rankte und welches im Grunde
den äußersten Ansatz oder gleichsam einen Erker des rechten Flügels des Hauses
gegen den Garten bildete in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen Er
hatte es bedeutend vergrößert aber die Leisten Spangen und Rahmen in denen
das Glas befestigt war hatte er in der früheren Art gelassen nur waren sie dem
Stoffe nach neu gemacht und mit schönen Verzierungen und Schnitzereien versehen
Die Simse des Daches waren nach mittelalterlicher Weise verfertigt schön
geschnitzt und verziert Der Efeu war wieder an Leisten empor geleitet worden
und blickte an manchen Stellen durch das Glas herein Die Fenster waren nicht
mehr nach außen und innen zu öffnen wie früher sondern zum Verschieden Die
größte Veränderung aber war die dass der Vater hatte zwei Säulen aufführen
lassen während früher die beiden Wände welche nach außen geschaut hatten aus
Glas verfertigt gewesen waren Diese zwei Pfeiler hatten genau die Abmessungen
dass die zwei Verkleidungen welche ich ihm in dem vorigen Herbste gebracht
hatte auf dieselben passten Die Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen
weil das Mauerwerk zuerst austrocknen musste dass das Holz an demselben keinen
Schaden nehmen konnte Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die
Vorrichtungen zu seiner Ausführung gesagt So wie es mich einerseits freute dass
der Vater das Holzkunstwerk so schätzte dass er eigens zu dem Zwecke es
anbringen zu können das Häuschen hatte umbauen lassen so war es mir
andererseits erst recht schmerzlich dass ich die Ergänzungen zu den
Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen war Ich sagte dem Vater von
meinen Bemühungen und von meinem Leidwesen wegen des schlechten Erfolges Er und
die Mutter trösteten mich und sagten es sei alles auch in der vorhandenen
Gestalt recht schön was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann,
müsse man nicht eigensinnig anstreben sondern sich an dem was eine gute Gunst
uns noch erhalten habe freuen Das Häuschen werde eine Erinnerung sein und so
oft man sich in demselben wenn es vollkommen in den Stand gesetzt sein würde
befinden werde werde einem die Zeit vorschweben in welcher das Holzwerk
gemacht worden sei und die in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters
aus dem Gebirge gebracht habe
Ich musste mich wohl obgleich ungern beruhigen Es erschien mir jetzt erst
recht schön wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des Häuschens herum liefen
und über ihnen einerseits die Pfeiler und andererseits die Fenster schimmerten
Nach einigen Tagen in welchen die ersten Besprechungen geführt wurden die
nach einer Reise eines Familiengliedes im Schoße einer Familie immer vorfallen
wenn auch die Reise eine jährlich wiederkommende ist legte ich dem Vater da
unterdessen auch meine Koffer und Kisten angekommen waren die Abbildungen vor
welche ich von den Geräten und Fussböden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht
hatte Ich war auf die Wirkung sehr neugierig Ich hatte einen Sonntag
abgewartet an welchem er Zeit hatte und an welchem er gerne nach dem
Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte Ich legte
die Blätter vor ihm auf einem Tische auseinander Er schien mir bei ihrem
Anblick ich kann sagen betroffen Er sah die Blätter genau an nahm jedes
mehrere Male in die Hand und sagte längere Zeit kein Wort Endlich ging seine
Empfindung in eine unverhohlene Freude über Er sagte ich wisse gar nicht was
ich gemacht hätte ich wisse gar nicht welchen Wert diese Dinge hätten ich
hätte in früherer Zeit die Schönheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit
Worten gar nicht so in das rechte Licht gestellt wie es sich jetzt in Farbe und
Zeichnung wenn auch beides mangelhaft wäre beurkunde Im ersten Augenblicke
hielt der Vater die Geräte welche ich in dem Sternenhofe abgebildet hatte für
wirklich alte als ich ihn aber auf die tatsächlichen Verhältnisse derselben
aufmerksam machte sagte er das müsse ein außerordentlicher Mensch sein der
diese Entwürfe gemacht habe er müsse nicht nur mit der alten Bauart und
Zusammenstellung der Geräte sehr vertraut sein sondern er müsse auch ein
ungewöhnliches Schönheitsgefühl haben um aus der Menge der überlieferten
Gestalten das zu wählen was er gewählt habe Und die Zusammenreihung der Geräte
sei so aus einem Gusse als wären sie einstens zu einem Zwecke und in einer Zeit
verfertigt worden Auch die wirklich alten Geräte im Rosenhause seien von einer
Schönheit wie er sie nie gesehen habe obgleich ihm die vorzüglichsten und
berühmtesten Sammlungen der Stadt und mancher Schlösser bekannt wären Zwei so
auserlesene Stücke wie den großen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den
Delphinen dürfte man kaum irgendwo finden Sie wären wert in einem kaiserlichen
Gemache zu stehen
Ich erzählte ihm um den Mann der die Entwürfe für den Sternenhof gemacht
hatte näher zu bezeichnen dass ich viele Bauzeichnungen und Zeichnungen von
anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe welche weit höhere Gegenstände
darstellen und auch mit einer ungleich größeren Vollendung ausgeführt seien
als ich bei meinen Abbildungen anzubringen im Stande gewesen wäre Diese
Arbeiten seien bei dem Manne Vorbildungen gewesen damit er die Entwürfe hätte
machen können die er gemacht habe
Er schien auf meine Worte nicht zu achten sondern legte irgend ein Blatt
hin nahm ein anderes auf und betrachtete es
»So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann« sagte er »sind die
altertümlichen Gegenstände welche du mir da veranschaulicht hast nicht nur an
sich sehr vortrefflich sondern sie sind auch höchst wahrscheinlich wie Farbe
und Zeichnung dartut sehr zweckmäßige wieder hergestellt Meine Habseligkeiten
sinken dagegen zu Unbedeutenheiten herab und ich sehe aus diesen Blättern wie
man die Sache anfassen muss wenn man die Zeit die Kenntnisse und die Mittel
dazu hat«
Mich freute es jetzt recht sehr dass ich auf den Gedanken gekommen war dem
Vater diese Dinge nachzubilden um ihm eine Vorstellung von ihnen zu gehen mich
freute sein Anteil den er an ihnen nahm und die Freude die er darüber hatte
»Es sind nun zwei Wege die zu gehen sind« meinte die Mutter »entweder
kannst du dir nach diesen Gemälden die Dinge die sie darstellen machen lassen
um dich immerwährend daran zu ergötzen oder du kannst in den Asperhof und
Sternenhof reisen und sie in Wirklichkeit sehen um eine Freude zu haben so
lange du sie siehst und in der Erinnerung dich zu laben wenn du wieder
weggereist bist«
Der Vater antwortete »Die Geräte die hier gezeichnet sind nachmachen zu
lassen ist eine Unzukömmlichkeit denn erstens müsste hiezu die Einwilligung des
Eigentümers erlangt werden und wenn sie auch erlangt worden wäre so hätten
zweitens die nachgebildeten Gegenstände in meinen Augen nicht den Wert den sie
haben sollten weil sie doch nur wie die Maler sagen Kopien wären Es böte
sich auch noch der Gedanke mit Einwilligung des Eigentümers nach diesen
Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit ausführen zu
lassen allein das verlangt eine so große Geschicklichkeit welche ich nicht nur
mir nicht zutraue sondern welche ich auch an den Arbeitern in ähnlichen Dingen
die ich in unserer Stadt kenne nicht aufzufinden hoffe Und zuletzt wären die
verfertigten Gegenstände doch noch immer nichts mehr als halbe Kopien Das
Verfertigen geht also nicht Was deinen zweiten Weg anbelangt Mutter so werde
ich ihn gewiss gehen Ich habe mir schon früher bei den Erzählungen von diesen
Dingen vorgenommen die Reise zu ihnen zu machen jetzt aber da ich die
Abbildungen sehe werde ich die Reise nicht nur um so gewisser sondern auch in
viel näherer Zeit machen als es wohl sonst hätte geschehen können«
»Das wird recht schön sein« riefen wir fast alle aus einem Munde
Die Mutter sagte »Du solltest gleich die Zeit bestimmen und solltest
gleich mit deinem Sohne verabreden dass er dich in derselben zu dem alten Manne
in das Rosenhaus führe welcher dich schon auch in den Sternenhof geleiten
würde«
»Nun so dränget nur nicht« erwiderte er »es wird geschehen das ist
genug binden wisst ihr kann sich ein Mann nicht der von seinem Geschäfte
abhängt und nicht wissen kann welche Umstände einzutreten vermögen die von ihm
Zeit und Handlungen fordern«
Die Mutter kannte ihn zu gut um weiter in ihn zu dringen er würde bei
seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein Sie beruhigte sich mit dem
Erlangten
Sowohl sie als die Schwester dankten mir dass ich dem Vater die Bilder
gebracht hatte die ihm ein solches Vergnügen bereiteten
»Die Fussböden müssen auch vortrefflich sein« rief er aus »Sie sind viel
schöner als die ungefähre Malerei andeuten kann« erwiderte ich »mein Pinsel
kann noch immer nicht den Glanz und die Zartheit und das Seidenartige der
Holzfasern ausdrücken was man alles dort so liebt dass nur mit Filzschuhen auf
diesen Böden gegangen werden darf«
»Das kann ich mir denken« antwortete er »das kann ich mir denken«
Hierauf musste ich ihm alle Hölzer nennen die hier mit Farben angegeben
waren und aus denen die abgebildeten Gegenstände bestanden Die meisten kannte
er ohnehin was mich freute weil es der Beweis war dass ich die Farben nicht
unsachgemäss angewendet habe Die er nicht kannte nannte ich ihm Ich wusste sie
fast alle ganz genau anzugeben
Er verwunderte sich wieder und immer aufs neue und suchte sich die
Gegenstände recht lebhaft vorzustellen
Die Mutter und Schwester fragten mich ob ich recht lange zu dieser Arbeit
gebraucht hätte und ob ich nicht dabei beklommen gewesen wäre
Ich antwortete dass ich des Zweckes willen sehr fleißig gewesen sei dass es
anfänglich langsam gegangen sei dass ich aber nach und nach Übung erlangt hätte
und dass ich dann weit schneller vorwärts gekommen sei als ich selber geahnt
habe Und was die Beklemmung anbelangt so hätte ich sie freilich im Anfange
gehabt aber da die Dinge einmal auf mich gewirkt hätten da ich in Eifer
geraten wäre da sich hie und da ein Gelingen eingestellt hätte namentlich da
mir durch die Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe
gleichsam von selber in die Hand gegeben worden wäre so hätte sich bald die
Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust hinzu gesellt
Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler den ich in den
Arbeiten gemacht hätte und setzte mir auseinander wie ich selbe falls ich
wieder ähnliche Dinge entwerfen sollte vermeiden könnte Da er Gemälde hatte
da er sich seit Jahren mit denselben beschäftigt hatte so durfte ihm wohl ein
Urteil in dieser Hinsicht zugewachsen sein und ich erkannte das was er sagte
als vollkommen richtig an und glaubte mich aber auch befähigt zu fühlen es in
Zukunft besser zu machen
Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzüge der Arbeit über und
sagte dass er nach den Zeichnungen von Köpfen die ich vor einiger Zeit gemacht
hätte zu schließen von mir nicht erwartet hätte dass ich etwas so Sachgemässes
in Ölfarben würde ausführen können
Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe angenehme Zeit
Die Freundlichkeit der Schwester die sie besonders an diesem Nachmittage an
den Tag legte war mir ein schönerer Lohn als wenn ein Kenner gesagt hätte dass
meine Blätter ausgezeichnet seien das Lob der Mutter dass ich auf den Vater und
das väterliche Haus gedacht habe und aus Liebe zu beiden um Freude zu bereiten
eine beschwerliche Arbeit unternommen habe erregte mir die angenehmsten
Gefühle und da auch der Vater mit einigen gewählten Worten seinen Dank
aussprach und sagte dass er dieses Zartgefühl nicht vergessen werde konnte ich
nur mit großer Gewalt die Tränen bemeistern
Ich gab ihm alle Blätter als Eigentum und er reihte sie seiner Sammlung von
Merkwürdigkeiten ein
Am nächsten Tage packte ich die Zitern aus legte beide der Schwester vor
und ließ ihr die Wahl ob sie die meinige oder die neuangekaufte als für sie
gehörig annehmen wolle Sie wählte die neue und freute sich darüber sehr Ich
zeigte ihr auch die Stücke welche ich mir nach dem Spiele meines
Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte und ließ sie ihr in ihrem Zimmer dass sie
sie abschreiben lassen könne und dass sie ihre Übungen danach begönne Ich
versprach ihr in diesem Winter ihr Lehrer in dieser Kunst zu sein
Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von Gebirgslandschaften
zum Vorscheine Ich hatte bis dahin immer nicht den Mut dazu gehabt aber
endlich machte mir mein Gewissen zu bittere Vorwürfe dass ich gegen meine
Angehörigen Heimlichkeiten habe Ich zeigte meinem Vater die Blätter auch an
einem Sonntagsnachmittage Ich blickte ihm erstaunt in das Angesicht als er
dieselben gesehen hatte und das nämliche sagte was mein Gastfreund im
Rosenhause und was Eustach gesagt hatten Bei diesen letzten beiden hatte es
mich nicht gewundert da ich sie für Kenner hielt und da sie Gebirgsbewohner
waren Der Vater aber der zwar Bilder besaß war ein Kaufherr und war nie lange
in dem Gebirge gewesen Es erhöhte dies meine Ehrfurcht gegen ihn noch mehr Er
zeigte mir wo ich unwahr gewesen war und setzte mir auseinander wie es hätte
sein sollen was ich augenblicklich begriff Das was er lobte und richtig fand
gefiel mir selber nachher doppelt so wohl
Klotilden musste ich die Blätter noch einmal und allein in ihrem Zimmer
zeigen Sie verlangte dass ich ihr beinahe alles erkläre Sie war nie in höherem
oder im Urgebirge gewesen sie wollte sehen wie diese Dinge beschaffen seien
und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr Obgleich meine Malereien keine
Kunstwerke waren wie ich jetzt immer mehr einsah so hatten sie doch einen
Vorzug den ich erst später recht erkannte und der darin bestand dass ich nicht
wie ein Künstler nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung
von Schulregeln rang sondern mich ohne vorgefasster Einübung den Dingen hingab
und sie so darzustellen suchte wie ich sie sah Dadurch gewannen sie was sie
auch an Schmelz und Einheit verloren an Naturwahrheit in einzelnen Stücken und
gaben dem Nichtkenner und dem der nie die Gebirge gesehen hatte eine bessere
Vorstellung als schöne und künstlerisch vollendete Gemälde wenn sie nicht die
vollendetsten waren die dann freilich auch die Wahrheit im höchsten Masse
trugen Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewusster Ahnung
sie wisse jetzt wie die Berge aussehen was sie aus vielen und guten Bildern
nicht gewusst hätte Sie äußerte auch den Wunsch einmal die hohen Berge selber
sehen zu können und meinte wenn der Vater die Reise in das Rosenhaus und in
den Sternenhof mache und bei dieser Gelegenheit auch die Gebirge besuche werde
sie ihn bitten sie mitreisen zu lassen Ich erzählte ihr nun recht viel von den
Bergen beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Größe machte sie mit manchen
Eigentümlichkeiten derselben bekannt und setzte ihr meine verschiedenen Reisen
in denselben und meine Bestrebungen ausführlicher als sonst auseinander Ich
hatte nie so viel von den Gebirgen mit ihr geredet Nach diesen Worten verlangte
sie auch dass ich sie unterrichte eben solche Abbildungen verfertigen zu
können wie sie hier vor ihr liegen Sie wolle sich Farben und alle andere dazu
notwendigen Gerätschaften verschaffen Da sie ohnehin ziemlich gut zeichnen
konnte so war die Sache nicht so schwierig als sie beim ersten Anscheine
ausgesehen hatte Ich versprach ihr meinen Beistand wenn die Eltern einwilligen
würden
Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern Sie hatten im ganzen nichts
dagegen nur die Mutter verlangte ausdrücklich dass diese Arbeiten nur
Nebendinge sein sollen Dinge zum Vergnügen nicht Hauptbeschäftigungen denn
die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus diese Dinge können zwar auch recht
wohl in das Haus gehören aber einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben
untergraben sie eher das Haus als sie es bauen helfen Klotilde aber sei schon
so alt dass sie sich ihrem künftigen Berufe zuwenden müsse
Wir begriffen das alles und versprachen nichts ins Übermaß gehen lassen zu
wollen
Es wurden alle Erfordernisse angeschafft und wir begannen in gegönnten
Zeiten die Arbeit
Auch Spanisch wollte die Schwester von mir lernen Ich betrieb es fort und
da ich ihr voraus war wurde ich auch hierin ihr Lehrer was die Mutter mit
derselben Einschränkung wie das Landschaftsmalen gelten ließ Es waren also in
unserem Hause für dieses Jahr mehr Beschäftigungen für mich vorhanden als in
anderen Zeiten
Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar dass weder Vater noch Mutter
genauer nach meinem Gastfreunde fragten Sie mussten entweder nach meinen
Erzählungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen oder sie wollten durch zu
vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner Handlungen nicht stören
Bei allen häuslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden Winter doch
ein etwas anderes Leben an als ich es bisher geführt hatte und zwar ein etwas
mannigfaltigeres Ich hatte in vergangener Zeit nur solche Stadtkreise besucht
in welche meine Eltern geladen worden waren oder in welche ich durch Freunde
die ich gewann gezogen wurde Diese Kreise bestanden größtenteils aus Leuten
von ähnlichem Stande mit dem meines Vaters Ich spürte Neigung in mir nun auch
Sitten und Gebräuche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen kennen zu
lernen die sich auf glänzenderen Lebenswegen befanden Der Zufall gab bald hier
bald da Gelegenheit dazu und teils suchte ich auch Gelegenheiten Es geschah
dass ich Bekanntschaften machte und mitunter auch fortsetzen konnte Ich lernte
Leute von höherem Adel kennen lernte sehen wie sie sich bewegen wie sie sich
gegenseitig behandeln und wie sie sich gegen solche die nicht ihres Standes
sind benehmen
Es lebte eine alte edle verwitwete Fürstin in unserer Stadt deren zu früh
verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten großen Kriegen geführt hatte
Sie war häufig mit ihm im Felde gewesen und hatte da die Verhältnisse von
Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen gelernt sie war in den größten Städten
Europas gewesen und hatte die Bekanntschaft von Menschen gemacht in deren
Händen die ganzen Zustände des Weltteiles lagen sie hatte das gelesen was die
hervorragendsten Männer und Frauen in Dichtungen in betrachtenden Werken und
zum Teile in Wissenschaften die ihr zugänglich waren geschrieben haben und
sie hatte alles Schöne genossen was die Künste hervorbringen Einstens war sie
in den höheren Kreisen eine der ausserordentlichsten Schönheiten gewesen und
noch jetzt konnte man sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen
klugen und innigen Züge dieses Angesichtes Ein Mann der sich viel mit Gemälden
und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Nähe der Fürstin kam sagte einmal
dass nur Rembrandt im Stande gewesen wäre die feinen Töne und die kunstgemässen
Obergänge ihres Angesichtes zu malen Sie hatte jetzt eine Wohnung an der
Ostgrenze der innern Stadt damit die Morgensonne ihre Zimmer füllte und damit
sie den freien Blick über das frische Grün und auf die entfernten Vorstädte
hätte Blühende Söhne in hohen kriegerischen Würden besuchten die alte
ehrwürdige Mutter hier so oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt
gestattete und so oft während dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte
Schöne Enkel und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein und eine zahlreiche
Verwandtschaft wurde bald in diesen bald in jenen Mitgliedern in ihren Zimmern
gesehen Aber geistige Erholung oder Anstrengung wie man den Ausdruck nehmen
will war ihr ein Bedürfnis geblieben Sie wollte nicht bloß das wissen was
jetzt noch auf den geistigen Gebieten hervor gebracht wurde und in dieser
Beziehung wenn irgend ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte suchte sie
auch an dessen Pforte zu klopfen und zu sehen ob sie eintreten könnte sondern
sie nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand die in ihre
Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren sie ging das Werk durch
und erforschte ob sie auch jetzt noch die zahlreichen mit Rotstift gemachten
Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art machen oder ob sie andere an
ihre Stelle setzen würde ja sie nahm Werke der ältesten Vergangenheit vor die
jetzt die Leute außer sie wären Gelehrte nur in dem Munde führen nicht lesen
sie wollte doch sehen was sie enthielten und wenn sie ihr gefielen wurden sie
nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt Von dem was in den
Verhältnissen der Staaten und Völker vorging wollte sie beständig unterrichtet
sein Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und Bekannten Briefe und
die vorzüglichsten Zeitungsblätter mussten auf ihren Tisch kommen Weil aber
obwohl ihre Augen noch nicht so schwach waren das viele Lesen das sie sich
hatte auflegen müssen bei ihrem Alter doch hätte beschwerlich werden können,
hatte sie eine Vorleserin welche einen Teil und zwar den größten des
Lesestoffes auf sich nahm und ihr vortrug Diese Vorleserin war aber keine bloße
Vorleserin sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Fürstin die mit ihr über
das Gelesene sprach und die eine solche Bildung besaß dass sie dem Geiste der
alten Frau Nahrung zu geben vermochte so wie sie von diesem Geiste auch Nahrung
empfing Nach dem Urteile von Männern die über solche Dinge sprechen können
war die Gesellschafterin von außerordentlicher Begabung sie war im Stande
jedes Große in sich aufzunehmen und wieder zu geben so wie ihre eigenen
Hervorbringungen zu denen sie sich zuweilen verleiten ließ zu den
beachtenswertesten der Zeit gehörten Sie blieb immer um die Fürstin auch wenn
diese im Sommer auf ein Landgut das in einem entfernten Teile des Reiches lag
und ihr Lieblingsaufentalt war ging oder wenn sie sich auf Reisen befand
oder eine Zeit an einer schönen Stelle unsers Gebirges weilte wie sie gerne
tat
An manchen Abenden zu der Zeit da sie in der Stadt war sammelte die
Fürstin einen kleinen Kreis um sich in welchem entweder etwas vorgelesen wurde
oder in welchem man über wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge oder
Dinge der Kunst sprach Die Kreise waren regelmäßig an gleichen Tagen der Woche
sie waren in der Stadt bekannt wurden sehr hoch geachtet oder verspottet wie
eben der Beurteilende war wurden gesucht und bestanden zuweilen aus sehr
bedeutenden Personen In diese Kreise hatte ich Zutritt erlangt Die Fürstin
hatte mich einige Male getroffen es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede
gewesen sie war sehr neugierig was man denn von der Geschichte der Erdbildung
wisse und aus welchen Umständen man seine Schlüsse ziehe und sie hatte mich in
ihre Nähe gezogen Ich hörte aufmerksam zu wenn ich an den bestimmten Abenden
in ihrem Gesellschaftszimmer war sprach selber wenig und meistens nur wenn
ich dazu aufgefordert wurde Die Fürstin saß in schwarzem oder aschgrauem
Seidenkleide lichtere trug sie nie in ihrem Polsterstuhle und hatte einen
Schemel unter ihren Füßen Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grünen
Schirm und goss ihr Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers wenn
eben gelesen wurde Die andern saßen nach ihrer Bequemlichkeit herum Meistens
bildete sich von selber eine Art Kreis Man hörte in tiefer Stille dem Vorlesen
zu und nahm an den Gesprächen die nach dem Lesen folgten oder die wenn gar
keine Vorlesung war den ganzen Abend erfüllten den eifrigsten Anteil Die
Fürstin konnte ihnen den lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben Es schien
dass das was die vorzüglichsten Männer in ihrer Gegenwart sprachen von ihr
angeregt wurde und dass ihre größte Gabe darin bestand das was in anderen war
hervor zu rufen Sie saß dabei mit ihrer äußerst zierlichen Gestalt auf die
anmutigste Weise in ihrem Stuhle und bewegte noch als hochbetagte Frau die
Gesellschaft mit ihrer lieblichen Schönheit Zuweilen wenn sich ihr Inneres
erregte stand sie auf hielt sich an ihrem Stuhle und erklärte und sprach zu
den Anwesenden mit ihrer klaren zarten wohllautenden Stimme
Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Fürstin kennen Zuweilen
war es ein hervorragender Künstler den man dort sprechen hörte zuweilen ein
Staatsmann der mit den wichtigsten Angelegenheiten unseres Landes betraut war
oder es war sonst eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft oder es waren
die Säulen und die Führer unseres tapferen Heeres Ich hörte bei der Fürstin
Aussprüche die ich mir merken wollte die ich mir aufschrieb und die mir ein
unveräusserliches Eigentum bleiben sollten Ich gestehe es dass ich nie ohne eine
gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den blaubemalten Wänden und den
dunkelblauen Geräten und den einigen Bildern worunter mich besonders das anzog
welches ihren Landsitz darstellte trat und ich gestehe es dass ich nie das
Zimmer ohne Ruhe und Befriedigung verließ Ich empfand dass jene Abende für mich
von großer Bedeutung dass sie eine Zukunft seien
Außer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Fürstin auch
noch andere Personen des höheren Adels unseres Reiches kennen kam manches Mal
mit den Kreisen desselben in Berührung und sah seine Art seine Lebensweise und
seine Sitten
Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch mit
anderen zusammen Es war in der Stadt ein öffentlicher Ort welcher
hauptsächlich von Künstlern aller Art besucht wurde welche sich dort
besprachen Erfrischungen zu sich nahmen Zeitungen lasen oder sich mit
körperlichen Spielen ergötzten Diesen Ort besuchte ich gerne Da war der eine
oder der andere Schauspieler von der Hofbühne oder von der Oper da war ein
Maler dessen Namen damals hoch gepriesen wurde da waren Tonkünstler so wohl
ausübende als dichtende da waren Bildhauer und Baumeister vorzüglich aber
waren es Schriftsteller und Dichter und es befanden sich darunter auch
Vorstände und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten Von anderen Personen waren
höhere Staatsdiener Bürger Kaufleute und überhaupt solche vorhanden die einen
Anteil an Kunst und Wissenschaft und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen
Wenn auch eigentlich nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte wenn auch nur
Spiele zu körperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen
schienen so waren doch auch Gespräche und wie es bei solchen Männern zu
erwarten war Gespräche sehr lebhafter Natur im Gange und waren doch im Grunde
die Hauptsache Da konnte man in leichten Worten den tiefen Geist des einen
sehen oder den ruhigen der alles zersetzt und in seine Bestandteile auflöst
oder den lebhaften der darüber weggeht oder den leichtfertigen der alles
verlacht oder den dessen Sitten selbst ein wenig bedenklich waren Oft war es
nur ein Wort ein Witz der den Grund geben konnte um Schlüsse zu bauen Trotz
meiner Schüchternheit die mich ferne hielt geriet ich doch in Gespräche und
lernte den einen und andern Mann von denen kennen die sich hier einfanden
Selbst das äußere Benehmen und Gebaren von Männern die sonst solche Geltung
haben schien mir nicht gleichgültig
Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte an welchen sich viele Menschen
zu ihren Vergnügungen versammeln um die Art ihrer Erscheinung ihr Wesen und
ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu können Vorzüglich ging ich dahin wo
das eigentliche Volk wie man es jetzt häufig zum Gegensatze der sogenannten
Gebildeten nennt zusammen kommt Die man gebildet nennt sind fast überall
gleich das Volk aber ist ursprünglich wie ich es bei meinen Wanderungen schon
kennen lernte und hat seine zugearteten Bräuche und Sitten
Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstücken ich fuhr im Besuche
des Hofteaters fort ging jetzt auch in die Oper und besuchte manche
öffentliche wissenschaftliche Vorträge dann Kunst und Büchersammlungen
hauptsächlich aber zur Vervollkommnung meiner eigenen künftigen Arbeiten die
Sammlungen von Gemälden
Den Umgang mit meinem neuen Freunde dem Sohne des Juwelenhändlers setzte
ich fort Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen Unterrichtsgang über
Edelsteine und Perlen Zwei Tage in der Woche waren festgesetzt an denen ich zu
einer bestimmten für ihn verfügbaren Stunde kam und so lange blieb als es eben
seine Zeit gestattete Er führte mich zuerst in die Kenntnis aller jener
Mineralien ein welche man Edelsteine nennt und vorzüglich zu Schmuck benützt
Eben so zeigte er mir alle Gattungen von Perlen Hierauf unterrichtete er mich
in dem Verfahren die Juwelen zu erkennen und von falschen zu unterscheiden
Später erst ging er auf die Merkmale der schönen und der minder schönen über
Bei diesem Unterrichte kamen mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften
sehr zu statten ja ich war sogar im Stande durch Angaben aus meinem Fache die
Kenntnisse meines Freundes zu erweitern besonders was das Verhalten der
Edelsteine zum Lichtdurchgang zur doppelten Brechung und zu der sogenannten
Polarisation des Lichtes anbelangt Ich hatte aber noch immer nicht den Mut
über die gebräuchliche Fassung der Edelsteine mit ihm zu sprechen und meine
Gedanken hierüber ihm mitzuteilen
Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der Unterricht
den ich meiner Schwester gab regelmäßig fort In der Malerei hatte sie noch
viel größere Schwierigkeiten als ich weil sie einesteils weniger geübt war und
weil sie andernteils die Urbilder nicht gesehen sondern nur fehlerhafte
Abbilder vor sich hatte Im Ziterspiel ging es weit besser Ich wurde heuer ein
wirksamerer Lehrer als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war und konnte
nach dem was ich gelernt hatte überhaupt ein besserer Lehrer für sie sein als
einer in der Stadt zu finden gewesen wäre obwohl diese Schwierigkeiten
überwanden deren Besiegung mir und Klotilden eine Unmöglichkeit gewesen wäre
Nach meinen Ansichten die ich in den Bergen gelernt hatte kam es aber darauf
nicht an Wir lernten endlich wechselweise von einander, und brachten manche
freudige und empfindungsreiche Stunde an der Zither zu
Ich musste zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten Da ich immer
einige Schritte vor ihr voraus war so konnte ich allerdings einen Lehrer für
sie wenigstens in den Anfangsgründen vorstellen Wie es im weiteren Verlaufe zu
machen wäre würde sich zeigen Wir lebten uns in ein wechselseitiges
Tätigkeitsleben hinein
So verging der Winter und ich blieb damals bis ziemlich tief in das
Frühjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt
2 Die Annäherung
Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war dass mich der
Vater in dem nächsten Frühlinge in das Gebirge begleiten werde und dass er bei
dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause besuchen wolle um dessen Seltenheiten
und Kostbarkeiten zu sehen so hatte er doch als der Frühling gekommen war
nicht Zeit sich von seinen Geschäften zu trennen und ich musste wie in allen
früheren Jahren meine Reise allein antreten
Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war war das erste dass ich ihm von
den Wandverkleidungen erzählte Ich hatte früher ihrer nicht erwähnt weil ich
sie doch nicht für so wichtig gehalten hatte Ich erzählte ihm dass ich sie in
dem Lautertale gefunden und gekauft habe und dass sie aus Schnitzarbeit von
Gestalten und Verzierungen beständen Der Vater dem ich sie gebracht habe eine
große Freude darüber gehabt habe sie nicht nur mit großem Vergnügen empfangen
sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut um die
Verkleidungen geschickt anbringen zu können Dieses letztere habe mir erst
gezeigt wie wert der Vater diese Dinge halte und dies habe mich bestimmt noch
genauer nachzuforschen ob ich denn die Ergänzungen zu dem Getäfel nicht
aufzufinden vermöge denn das was der Vater habe seien nur Bruchstücke und
zwar zwei Pfeilerverkleidungen das übrige fehle Ich habe wohl schon
Nachforschungen in der besten Art wie ich glaube angestellt aber ich wolle
sie doch noch fortsetzen und versuchen ob ich nicht noch neue Mittel und Wege
auffinden könne zu meinem Ziele wenn es noch vorhanden sei zu gelangen oder
die grösstmögliche Gewissheit zu erhalten dass das Gesuchte nicht mehr bestehe
Ich beschrieb meinem Gastfreunde so gut ich es aus der Erinnerung konnte die
Vertäflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den Nebenumständen bekannt Ich
verhehlte ihm nicht dass ich das darum tue dass er mir einen Rat geben möge wie
ich etwa weiter vorzugehen habe Es handle sich um einen Gegenstand, der meinem
Vater nahe gehe Nicht vorzüglich weil diese Dinge schön seien obwohl dies
auch ein Antrieb für sich sein könnte sondern hauptsächlich darum suche ich
danach zu forschen weil sie dem Vater Freude machen Je älter er werde desto
mehr schließe er sich in einem engen Raume ab sein Geschäftszimmer und sein
Haus werden nach und nach seine ganze Welt und da seien es vorzüglich Werke der
bildenden Kunst und die Bücher mit denen er sich beschäftige und die Wirkung,
welche diese Dinge auf ihn machen wachse mit den Jahren Er habe sich von dem
Schnitzwerke in den ersten Tagen kaum trennen können er habe es in allen Teilen
genau betrachtet und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden als wäre er
bei dessen Verfertigung zugegen gewesen Darum wolle ich so vorgehen dass ich
mich nicht in die Lage setze mir einen Vorwurf machen zu müssen dass ich in
meinen Nachforschungen etwas versäumt habe Bisher seien sie freilich fruchtlos
gewesen
Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines
Auffindens die ich ihm nicht dargestellt hatte oder die ihm dunkel geblieben
waren und ließ sich die Örtlichkeiten des Auffindens noch einmal auf das
umständlichste beschreiben Hierauf sagte er mir ich möge an meinen Vater
ungesäumt einen Brief senden und ihn bitten die genauen Ausmasse des
Schnitzwerkes nach außen und nach innen zu nehmen und mir zu schicken Ich
begriff augenblicklich die Zweckmässigkeit der Maßregel und schämte mich dass
sie mir selber nicht früher eingefallen war Er selber wolle vorläufig an Roland
schreiben und ihm dann wenn sie eingelangt wären die Ausmasse schicken Auch
wolle er seine Geschäftsführer in jener Gegend beauftragen sich um die Sache zu
bemühen Wenn das Gesuchte zu finden ist so dürfte Roland der geeignetste
Mitelfer sein und die anderen Männer die er noch auffordern werde hätten
sich schon in den verschiedensten Gelegenheiten sehr erprobt
Ich dankte meinem Gastfreunde auf das verbindlichste für seine Gefälligkeit
und versprach in nichts säumig zu sein
Am nächsten Morgen trug ein Bote meinen Brief an den Vater und die Briefe
meines Gastfreundes an Roland und andere Männer auf die nächste Post Mein
Gastfreund musste bis in die tiefe Nacht geschrieben haben denn es war ein
ganzes Päckchen von Briefen Mich rührte diese Güte außerordentlich denn ich
wusste nicht wie ich sie verdient hatte
Dass ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in dem Rosenhause gleich an
alle Orte ging die mir lieb waren begreift sich
In dem Zeichnungszimmer Eustachs fand ich den Musiktisch fertig Es war seit
seiner Vollendung erst eine kurze Zeit verflossen deshalb stand er noch an
dieser Stelle Ich hatte nicht geahnt dass das Werk das ich bei Beginn seiner
Wiederherstellung gesehen hatte sich so darstellen würde wenn es fertig wäre
Ich hatte Bilder Bauwerke Zeichnungen und dergleichen in jüngster Zeit in
großer Menge gesehen und selber ähnliche Dinge verfertigt ich konnte mir daher
in solchen Sachen ein kleines Urteil zutrauen aber wenn ich nicht gewusst
hätte dass der Rahmen und das Gestelle des Tisches neu gemacht worden sei so
hätte ich es nie erkannt so sehr passte beides im Baue in der ganzen Art und
selbst in der Farbe des Holzes zu der Platte Das ganze Werk stand rein
glänzend und klar vor den Augen Die Farben der verschiedenen Hölzer an den
Verzierungen am Laubwerke am Obste und an den Geräten trat unter der Macht des
Harzes kräftig und scharf hervor Selbst die Missverhältnisse der Größen in den
verschiedenen eingelegten Geräten zum Beispiele zwischen der Flöte der Geige
der Trommel welche mir bei meinem ersten Besuche in dem Schreinerhause Anstoß
gegeben hatten erschienen mir jetzt als naiv und hatten etwas Anziehendes für
mich welches mir die Tischplatte lieber machte als wenn sie ganz fehlerfrei
oder etwa nach neuen Kunstbegriffen gemacht gewesen wäre Ich fragte Eustach
wohin der Tisch zu stehen kommen würde Er konnte es mir nicht sagen Es sei
darüber nichts eröffnet worden ob er in dem Hause bleiben oder ob er irgend
wohin versendet werden würde Jetzt bleibe er hier stehen damit alle
Nachtrocknungen in jener allmählichen Stufenfolge vor sich gehen können wie sie
bei jedem neuverfertigten Geräte eintreten müssen dass es nicht Schaden leide
Die meisten der neuverfertigten oder wiederhergestellten Werke seien zu diesem
Zwecke in dem Zeichnungszimmer stehen geblieben wenn sie anders dort Platz
hatten Ich betrachtete den Tisch noch eine Weile und ging dann zu andern
Gegenständen über
Auch die Gärtnerleute besuchte ich die Leute des Meierhofes die
Gartenarbeiter die Dienstleute des Hauses und einige Nachbaren zu denen wir
früher öfter gekommen waren und die ich näher kennen gelernt hatte
Obwohl ich nach dem Rate und der Einladung meines Gastfreundes entschlossen
war heuer meine Berufsarbeit wenigstens jenes Berufes den ich mir selber
aufgelegt hatte ruhen zu lassen sondern einen Teil des Sommers in dem
Rosenhause zu verleben und mich meiner Laune und dem Augenblicke hinzugeben
hatte ich doch nicht den Willen gar nichts zu tun was mir die größte Qual
gewesen wäre sondern mich bei meinen Handlungen von meinem Vergnügen und der
Gelegenheit leiten zu lassen Mein Gastfreund hatte mir die nämlichen zwei
Zimmer eingeräumt welche ich bisher stets inne gehabt hatte und freute sich
dass ich seinen Rat befolgen und einmal auch anderswohin sehen wolle als immer
einseitig auf meine Arbeiten und dass ich einmal zu einem allgemeineren
Bewusstsein kommen wolle als zu dem ich mich bisher gebannt hätte Ich hatte
viele Bücher und Schriften mitgebracht hatte alle Werkzeuge zur Ölmalerei bei
mir und hatte doch aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und
dergleichen eingepackt
Wenn man von dem Rosenhause über den Hügel auf dem der große Kirschbaum
steht nordwärts geht so kommt man in die Wiese durch welche der Bach fließt
an dem mein Gastfreund jene Erlengewächse zieht welche ihm das schöne Holz
liefern das er neben anderen Hölzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet Wir
waren öfter zu diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen Er floss
aus einem Gehölze hervor in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke hatte
aufführen lassen um die Wiese vor Überschwemmungen zu sichern und die
Verwilderung des Baches zu verhindern Im Innern des Gehölzes befindet sich ein
ziemlich großer Teich eigentlich ein kleiner See da er nicht mit Kunst
angelegt sondern größtenteils von selber entstanden war Nur Geringes hatte man
hinzu gefügt um nicht Versumpfungen an seinen Rändern und Überflutungen bei
seinem Ausflusse entstehen zu lassen Das Wasser dieses Waldbeckens ist so klar
dass man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann welche auf
dem Grunde liegen Nur schienen sie grünlich blau gefärbt wie es bei allen
Wässern der Fall ist, die aus unsern Kalkalpen oder in deren Nähe fließen Rings
um dieses Wasser ist das Gezweige so dicht dass man keinen Stein und kaum einen
Uferrand sehen kann sondern die Zweige aus dem Wasser zu ragen scheinen Die
Bäume die da stehen sind eines Teils Nadelholz das mit seinem Ernste sich in
die Heiterkeit mischt die auf den Ästen Blättern und Wipfeln der Laubbäume
ruht die den vorherrschenden Teil bilden Vorzugsweise ist die Erle der Ahorn
die Buche die Birke und die Esche vorhanden Zwischen den Stämmen ist
reichliches Wuchergestrippe Der Bach in der Erlenwiese meines Gastfreundes
verdankt dem See sein Dasein aber da dieser aus Quellzuflüssen lebt so ist der
ausfliessende Bach oft so trocken dass man ohne sich die Sohle zu netzen über
seine hervorragenden Steine gehen kann Wo er aus dem See geht ist eine kleine
Hütte erbaut die den Hauptzweck hat dass die welche in dem See sich baden
wollen in ihr sich entkleiden können Der Seegrund geht mit seinen schönen
Kieseln so sachte in die Tiefe dass man ziemlich weit vorwärts gehen und das
wallende Wasser genießen kann ohne den Grund zu verlieren Auch zum Lernen des
Schwimmens ist dieser Teil sehr geeignet weil man an allen Stellen Grund findet
und sich unbefangener den Übungen hingeben kann Weiter draußen beginnt das
Gebiet derer die ihrer Arme und ihrer Bewegungen schon vollständig Herr sind
Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit Eustach oder mit jemand
anderm oder zuweilen auch mit meinem Gastfreunde zu dem See hinaus um in
demselben zu schwimmen Diese Tätigkeit so wie die andern Körperbewegungen und
Übungen die für ihn in dem Rosenhause angeordnet waren schienen ihm viele
Freude zu machen Mein Gastfreund hielt auf körperliche Übungen sehr viel da
sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgänglich notwendig seien Er lobte diese
Übungen sehr an den Griechen und Römern welche beiden Völker er auf eine
hervorragende Weise ehrte Das liege auf der Hand pflegte er zu sagen dass so
wie die Krankheit des Körpers den Geist zu etwas anderem mache als er in der
Gesundheit des Körpers ist ein kräftiger und in hohem Masse entwickelter Körper
die Grundlage zu allem dem abgebe was tüchtig und herzhaft heißt Bei den alten
Römern ist ein großer Teil ihrer Erfolge in der Geschichte und ihres früheren
Glückes in der Pflege und Entwicklung ihres Körpers zu suchen Ihr Glück dauerte
auch nur so lange als die vernünftige Pflege ihrer Leibesübungen dauerte In
neuen Schulen vernachlässige man diese Pflege zu sehr die bei uns um so
notwendiger wäre als sich durch das Zusammengehäuftsein in dunstigen und heißen
Stuben ohnehin Übel erzeugen die dem Aufenthalte in freier Luft fremd sind
Darum werden auch die Geisteskräfte von Schülern der neuen Zeit nicht
entwickelt wie sie sollten und wie sie es bei Kindern die in Wald und Feldern
schweifen freilich auf Kosten ihres höheren Wesens wirklich sind. Daher stamme
ein Teil der Schalheit und Trägheit unserer Zeiten Ich ging mit Gustav jetzt
da ich viele Musse hatte sehr fleißig zu dem Wäldchen und da ich in der Kunst
des Schwimmens eine große Fertigkeit hatte so sah er an mir ein Vorbild dem er
nachstreben konnte und lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr als er es ohne
mich gekonnt hätte
Überhaupt gewann Gustav eine immer größere Neigung zu mir Es mochte wie
ich mir schon früher gedacht hatte zuerst der Umstand eingewirkt haben dass ich
ihm an Alter nicht so sehr ferne stand Dazu mochte sich gesellt haben dass ich
der ich eigentlich sehr einsam und abgeschlossen erzogen worden war viel tiefer
in spätere Jahre hinein die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als
andere Leute die gleichen Alters mit mir waren und zuletzt konnte jetzt auch
das wirken dass ich bei meiner Geschäftlosigkeit viel mehr Berührungspunkte mit
ihm fand als es bei meinen früheren Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall
gewesen war
Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst ich las in
Dichtern betrachtete alles um mich herum schweifte oft weit in die Gegend
hinaus aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich und ich suchte etwas
hervor was mich tiefer beschäftigte Die Dichter als das Edelste was mir jetzt
begegnete riefen wieder das Malen hervor Ich richtete meine Zeichnungsgeräte
und meine Vorrichtungen zur Malerei in den Stand und begann wieder meine
Übungen im Malen der Landschaft Ich malte je nach der Laune bald ein Stück
Himmel bald eine Wolke bald einen Baum oder Gruppen von Bäumen entfernte
Berge Getreidehügel und dergleichen Auch schloss ich menschliche Gestalten
nicht aus und versuchte Teile derselben Ich versuchte das Antlitz des Gärtner
Simon und das seiner Gattin auf die Leinwand zu bringen Die beiden Leute hatten
eine große Freude über das Ding und ich gab ihnen die Bilder in ihre Stube
nachdem ich vorher nette Rahmen dazu bestellt und in der Zeit bis sie
eintrafen mir Abbilder von den Köpfen für meine eigene Mappe gemacht hatte Ich
malte die Hände oder Büsten verschiedener Leute die sich in dem Rosenhause oder
in dem Meierhofe befanden Meinen Gastfreund oder Eustach oder Gustav zu bitten
dass sie mir als Gegenstand meiner Kunstbestrebungen dienen sollten hatte ich
nicht den Mut weil die Erfolge noch gar zu unbedeutend waren
Gustav nahm unter allen den größten Anteil an diesen Dingen So wie er im
vorigen Jahre Geräte mit mir gemalt hatte versuchte er es heuer auch mit den
Landschaften Sein Ziehvater und sein Zeichnungslehrer hatten nichts dagegen da
nur freie Stunden zu diesen Beschäftigungen verwendet wurden da seine
Körperübungen nicht darunter zu leiden hatten und da sich dadurch das Band
zwischen mir und ihm noch mehr befestigte was mein Gastfreund nicht ungern zu
sehen schien da doch zuletzt der Jüngling niemanden hatte an wen er das Gefühl
der Freundschaft leiten sollte das in seinen Jahren so gerne erwacht und das
sich in sanftem Zuge an einen Gegenstand richtet Da unter seiner Hand ein Baum
ein Stein ein Berg ein Wässerchen in lieblichen Farben hervorging hatte er
eine unaussprechliche Freude Bei Eustach hatte er nur größtenteils Bau und
Gerätezeichnungen gesehen und Roland hatte auch nur Ähnliches von seinen Reisen
zurück gebracht Was von Landschaften in der Gemäldesammlung seines Ziehvaters
hing auf denen er wohl grüne Bäume weiße Wolken blaue Berge beobachten
konnte hatte er nie um seine Entstehung angeschaut sondern die Dinge waren da
wie auch andere Dinge da sind das Haus der Getreidehügel der Berg der ferne
Kirchturm und er hatte nicht daran gedacht dass auch er solche Gegenstände
hervorzubringen vermöchte Er redete auf Spaziergängen davon wie dieser Baum
sich baue wie jener Berg sich runde und er erzählte mir dass ihm oft von dem
Zeichnen lebhaft träume
Man ließ den Jüngling auch auf größere Entfernungen von dem Rosenhause mit
mir gehen Seine Arbeiten wurden dabei so eingerichtet dass, wenn sie auch
unterbrochen werden mussten ein wesentlicher Schaden sich nicht einstellen
konnte Dafür gewann er an Gesundheit und körperlicher Abhärtung bedeutend Wir
waren nicht selten mehrere Tage abwesend und Gustav vergnügte es sehr wenn wir
abends nach unserem leichten Mahle in einem Gasthause in unser Zimmer gingen
wenn er durch die Fenster auf eine fremde Landschaft hinausschauen konnte wenn
er sein Ränzlein und seine Reisesachen auf dem Tische zurecht richten und dann
die ermüdeten Glieder auf dem Gastbette ausstrecken durfte Wir bestiegen hohe
Berge wir gingen an Felswänden hin wir begleiteten den Lauf rauschender Bäche
und schifften über Seen Er wurde stark und das zeigte sich sichtbar wenn wir
von einer Gebirgswanderung denn fast immer gingen wir in das Gebirge
zurückkehrten wenn seine Wangen gebräunt waren als wollten sie beinahe schwarz
werden wenn seine Locken die dunkle Stirne beschatteten und die großen Augen
lebhaft aus dem Angesichte hervor leuchteten Ich weiß nicht welcher innere Zug
von Neigung mich zu dem Jünglinge hinwendete der in seinem Geiste zuletzt doch
nur ein Knabe war den ich über die einfachsten Dinge täglicher Erfahrung
belehren musste namentlich wenn es Wanderungsangelegenheiten waren und der mir
in seiner Seele nichts bieten konnte wodurch ich erweitert und gehoben werden
musste es müsste nur das Bild der vollkommensten Güte und Reinheit gewesen sein
das ich täglich mehr an ihm sehen lieben und verehren lernte
Ich ging auch einige Male zu dem Lautersee Ich hatte im vorigen Jahre
angefangen seine Tiefe an verschiedenen Stellen zu messen um ein Bild
darzustellen in welchem sich die Berge die den See umstanden sichtbar auch
unter der Wasserfläche fortsetzten und nur durch einen tieferen Ton gedämpft
waren Der Reiz der diese Aufnahme herbei geführt hatte stellte sich wieder
ein und ich setzte die Messungen nach einem Plane fort um die Talsohle des
Sees immer richtiger zu ergründen und das Bild einer größeren Sicherstellung
entgegen zu führen Gustav begleitete mich mehrere Male und arbeitete mit den
Männern die ich gedungen hatte das Schiff zu lenken die Schnüre auszuwerfen
die Kloben zu richten an denen sich die Senkgewichte abwickelten oder andere
Dinge zu tun die sich als notwendig erwiesen
Besondere Freude machte es mir dass ich nach und nach die Feinheiten des
menschlichen Angesichtes immer besser behandeln lernte besonders was mir
früher so schwer war wenn der leichte Duft der Farbe über die Wangen schöner
Mädchen ging die sich sanft rundeten schier keine Abwechslung zeigten und
doch so mannigfaltig waren Mir waren die Versuche am angenehmsten das
Liebliche Sittige Schelmische das sich an manchen jungen Land oder
Gebirgsmädchen darstellte auf der Leinwand nachzuahmen
Eines Abends da Blitze fast um den ganzen Gesichtskreis leuchteten und ich
von dem Garten gegen das Haus ging fand ich die Tür welche zu dem Gange des
Ammonitenmarmors zu der breiten Marmortreppe und zu dem Marmorsaale führte
offen stehen Ein Arbeiter der in der Nähe war sagte mir dass wahrscheinlich
der Herr durch die Tür hinein gegangen sei dass er sich vermutlich in dem
steinernen Saale befinden werde in welchen er gerne gehe wenn Gewitter am
Himmel ständen und dass die Tür vielleicht offen geblieben sei damit Gustav
wenn er käme auch hinaufgehen könnte Ich blickte in den Marmorgang sah hinter
der Schwelle mehrere Paare von Filzschuhen stehen und beschloss auch in den
steinernen Saal hinauf zu gehen um meinen Gastfreund aufzusuchen Ich legte ein
Paar von passenden Filzschuhen an und ging den Gang des Ammonitenmarmors
entlang Ich kam zu der Marmortreppe und stieg langsam auf ihr empor Es war
heute kein Tuchstreifen über sie gelegt sie stand in ihrem ganzen feinen Glanze
da und erhellte sich noch mehr wenn ein Blitz durch den Himmel ging und von
der Glasbedachung die über der Treppe war hereingeleitet wurde So gelangte
ich bis in die Mitte der Treppe wo in einer Unterbrechung und Erweiterung
gleichsam wie in einer Halle nicht weit von der Wand die Bildsäule von weißem
Marmor steht Es war noch so licht dass man alle Gegenstände in klaren Linien
und deutlichen Schatten sehen konnte Ich blickte auf die Bildsäule und sie kam
mir heute ganz anders vor Die Mädchengestalt stand in so schöner Bildung wie
sie ein Künstler ersinnen wie sie sich eine Einbildungskraft vorstellen oder
wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen kann auf dem niederen Sockel vor mir welcher
eher eine Stufe schien auf die sie gestiegen war um herumblicken zu können
Ich vermochte nun nicht weiter zu gehen und richtete meine Augen genauer auf
die Gestalt Sie schien mir von heidnischer Bildung zu sein Das Haupt stand auf
dem Nachen als blühete es auf demselben Dieser war ein wenig aber kaum
merklich vorwärts gebogen und auf ihm lag das eigentümliche Licht das nur der
Marmor hat und das das dicke Glas des Treppendaches hereinsendete Der Bau der
Haare welcher leicht geordnet gegen den Nacken niederging schnitt diesen mit
einem flüchtigen Schatten der das Licht noch lieblicher machte Die Stirne war
rein und es ist begreiflich dass man nur aus Marmor so etwas machen kann Ich
habe nicht gewusst dass eine menschliche Stirne so schön ist Sie schien mir
unschuldvoll zu sein und doch der Sitz von erhabenen Gedanken Unter diesem
Throne war die klare Wange ruhig und ernst dann der Mund so feingebildet als
sollte er verständige Worte sagen oder schöne Lieder singen und als sollte er
doch so gütig sein Das Ganze schloss das Kinn wie ein ruhiges Maß Dass sich die
Gestalt nicht regte schien bloß in dem strengen bedeutungsvollen Himmel zu
liegen der mit den fernen stehenden Gewittern über das Glasdach gespannt war
und zur Betrachtung einlud Edle Schatten wie schöne Hauche hoben den sanften
Glanz der Brust und dann waren Gewänder bis an die Knöchel hinunter Ich dachte
an Nausikae wie sie an der Pforte des goldenen Saales stand und zu Odysseus die
Worte sagte »Fremdling wenn du in dein Land kommst so gedenke meiner« Der
eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern ein kleines Stäbchen der andere
war in der Gewandung zum Teile verhüllt die er ein wenig emporhob Das Kleid
war eher eine schön geschlungene Hülle als ein nach einem gebräuchlichen
Schnitte Verfertigtes Es erzählte von der reinen, geschlossenen Gestalt und
war so stofflich treu dass man meinte man könne es falten und in einen Schrein
verpacken Die einfache Wand des grauen Ammonitenmarmors hob die weiße Gestalt
noch schärfer ab und stellte sie freier Wenn ein Blitz geschah floss ein
rosenrotes Licht an ihr hernieder und dann war wieder die frühere Farbe da Mir
dünkte es gut dass man diese Gestalt nicht in ein Zimmer gestellt hatte in
welchem Fenster sind durch die alltägliche Gegenstände herein schauen und
durch die verworrene Lichter einströmen sondern dass man sie in einen Raum getan
hat der ihr allein gehört der sein Licht von oben bekommt und sie mit einer
dämmerigen Helle wie mit einem Tempel umfängt Auch durfte der Raum nicht einer
des täglichen Gebrauchs sein und es war sehr geeignet dass die Wände rings
herum mit einem kostbaren Steine bekleidet sind Ich hatte eine Empfindung als
ob ich bei einem lebenden schweigenden Wesen stände und hatte fast einen
Schauer als ob sich das Mädchen in jedem Augenblicke regen würde Ich blickte
die Gestalt an und sah mehrere Male die rötlichen Blitze und die graulich weiße
Farbe auf ihr wechseln Da ich lange geschaut hatte ging ich weiter Wenn es
möglich wäre mit Filzschuhen noch leichter aufzutreten als es ohnehin stets
geschehen muss so hätte ich es getan Ich ging mit dem lautlosen Tritte langsam
über die glänzenden Stufen des Marmors bis zu dem steinernen Saale hinan Seine
Tür war halb geöffnet Ich trat hinein
Mein Gastfreund war wirklich in demselben Er ging in leichten Schuhen mit
Sohlen die noch weicher als Filz waren auf dem geglätteten Pflaster auf und
nieder
Da er mich kommen sah ging er auf mich zu und blieb vor mir stehen
»Ich habe die Tür zu dem Marmorgange offen gesehen« sagte ich »man hat mir
berichtet dass Ihr hier oben sein könntet und da bin ich herauf gegangen Euch
zu suchen«
»Daran hasst Ihr recht getan« erwiderte er
»Warum habt Ihr mir denn nicht gesagt« sprach ich weiter »dass die
Bildsäule welche auf Eurer Marmortreppe steht so schön ist«
»Wer hat es Euch denn jetzt gesagt« fragte er »Ich habe es selber
gesehen« antwortete ich
»Nun dann werdet Ihr es um so sicherer wissen und mit desto größerer
Festigkeit glauben« erwiderte er »als wenn Euch jemand eine Behauptung darüber
gesagt hätte«
»Ich habe nämlich den Glauben dass das Bildwerk sehr schön sei« antwortete
ich mich verbessernd
»Ich teile mit Euch den Glauben dass das Werk von großer Bedeutung sei«
sagte er
»Und warum hasst Ihr denn nie zu mir darüber gesprochen« fragte ich
»Weil ich dachte dass Ihr es nach einer bestimmten Zeit selber betrachten
und für schön erachten werdet« antwortete er
»Wenn Ihr mir es früher gesagt hättet so hätte ich es früher gewusst«
erwiderte ich
»Jemanden sagen dass etwas schön sei« antwortete er »heißt nicht immer
jemanden den Besitz der Schönheit geben Er kann in vielen Fällen bloß glauben
Gewiss aber verkümmert man dadurch demjenigen das Besitzen des Schönen der
ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen wäre Dies setzte ich bei Euch
voraus und darum wartete ich sehr gerne auf Euch«
»Aber was müsst Ihr denn die Zeit her über mich gedacht haben dass ich diese
Bildsäule sehen konnte und über sie geschwiegen habe« fragte ich
»Ich habe gedacht dass Ihr wahrhaftig seid« sagte er »und ich habe Euch
höher geachtet als die welche ohne Überzeugung von dem Werke reden oder als
die welche es darum loben weil sie hören dass es von andern gelobt wird«
»Und wo habt Ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen« fragte ich
»Es stammt aus dem alten Griechenlande« antwortete er »und seine
Geschichte ist sonderbar Es stand viele Jahre in einer Bretterbude bei Cumä in
Italien Sein unterer Teil war mit Holz verbaut weil man den Platz an dem es
stand und der teils offen teils gedeckt war zu häufigem Ballschlagen
verwendete und die Bälle nicht selten in die Bude der Gestalt flogen Deshalb
legte man von der Brust abwärts einen dachartigen Schutz an der die Bälle
geschickt herab rollen machte und über den sich die Gestalt wie eine Büste
darstellte Es waren in dem Raume teils an den Bretterbauten teils an
Mauerstücken aus denen er bestand noch andere Gestalten angebracht ein
kleiner Herkules mehrere Köpfe und ein altertümlicher Stier von etwa drei Fuß
Höhe denn der Platz wurde auch zu Tänzen benützt und war an den Stellen die
keine Wand hatten mit Schlinggewächsen und Trauben begrenzt an andern war er
offen und blickte über Myrten Lorbeer Eichen auf die blauen Berge und den
heiteren Himmel dieses Landes hinaus Gedeckt waren nur Teile des Raumes,
besonders dort wo die Gestalten standen Diese hatten Dächer über sich wie die
niedlichen Täfelchen welche italienische Mädchen auf dem Kopfe tragen Im
übrigen war die Bedeckung das Gezelt des Himmels Mich brachte ein günstiger
Zufall nach Cumä und zu diesem Ballplatze auf dem sich eben junges Volk
belustigte Gegen Abend da sie nach Hause gegangen waren besichtigte ich das
Mauerwerk welches aus Resten alter Kunstbauten bestand und die Gestalten
welche sämtlich aus Gips waren wie sie in Italien so häufig alten edlen
Kunstwerken nachgebildet werden Den Herkules kannte ich insbesondere sehr gut
nur war er hier viel kleiner gebildet Die Büste des Mädchens für eine solche
hielt ich die Gestalt war mir unbekannt allein sie gefiel mir sehr Da ich
mich über die reizende Lage dieses Plätzchens aussprach sagte die Besitzerin
eine wahrhaftige altrömische Sibylle es werde hier in kurzem noch viel schöner
werden Ihr Sohn der sich durch Handel Geld erworben werde den Platz in einen
Saal mit Säulen verwandeln es werden Tische herum stehen und es werden
vornehme Fremde kommen sich hier zu ergötzen Die Gestalten müssen weg weil
sie ungleich seien und weil Menschen und Tiere unter einander stehen ihr Sohn
habe schon die schönsten Gipsarbeiten bestellt die alle gleich groß wären Sie
führte mich zu dem Mädchen und zeigte mir durch eine Spalte der Bretter dass
dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern Dinge weit überrage Man
habe darum an dem oberen Rande der Balken mit denen die Gestalt umbaut ist
einen hölzernen bemalten Sockel angebracht von dem der Oberleib wie eine Büste
herab schaue Dadurch sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden Ich
fragte wann ihr Sohn hieherkomme und wann das Umbauen beginnen würde Da sie
mir das gesagt hatte entfernte ich mich Zur Zeit des mir von der Alten
angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem Platze wieder ein Ich
traf den Sohn der Witwe eine solche war sie hier an und der Bau hatte schon
begonnen Die alten reizenden Mauerstücke waren zum Teile abgetragen und ihre
Stoffe waren geschichtet um zu dem neuen Baue verwendet zu werden Die
Schlinggewächse und Reben waren ausgerottet die Gesträuche vor dem Platze
vernichtet und man ebnete ihre Stelle um dort Rasen anzulegen Auf der
Südseite baute man schon die Sockelmauern auf welche die Säulen von Ziegeln zu
stehen kommen sollten Die Gestalt des Mädchens von der man die
Balkenverhüllung weggenommen hatte lag in einer Hütte welche größtenteils
Baugeräte enthielt Neben ihr lagen der Herkules der Stier und die Köpfe die
wie ich jetzt sah alte Römer darstellten Mir gefiel nun auch die früher nicht
gesehene übrige Gestalt des Mädchens die nicht wesentlich verletzt war
außerordentlich und ich erhandelte sie da die Dinge zum Zwecke des Verkaufes
in der Bretterhütte lagen Aber der Verkäufer sagte er gebe von der Sammlung
nichts einzeln weg und ich musste den Stier den Herkules und die Köpfe mit
kaufen Der Kaufschilling war nicht geringe da mein Gegenmann die Schönheit der
Gestalt recht gut kannte und sie geltend machte aber ich fügte mich Ich ließ
Kisten machen um die Dinge fortzuschaffen Den Stier den Herkules und die
Köpfe verkaufte ich in Italien um ein Geringes die Mädchengestalt sendete ich
wohlverpackt dass der Gips nicht leide an meinen damaligen Aufenthaltsort ich
kann Euch den Namen jetzt nicht nennen es war ein kleines Städtchen an dem
Gebirge Mir fiel schon damals auf dass das Fahrgeld für die Gestalt sehr hoch
sei und dass man sich über ihr Gewicht beklagt habe allein ich hielt es für
italienische List um von mir dem Fremden etwas mehr heraus zu pressen Als
ich aber nach Deutschland zurüchgekehrt war und als eines Tages die
Gipsgestalt für deren gute Verpackung und Überbringung ich durch mir
wohlbekannte Versendungsvermittler gesorgt hatte in dem Asperhofe ankam
überzeugte ich mich selber von dem ungemeinen Gewichte der Last Da der
Bretterverschlag in welchem sich die Gestalt befand nicht so schwer sein
konnte so entstand in mir und Eustach der damals schon in dem Asperhofe war
der Gedanke die Gestalt möchte etwas nass geworden sein und durch die Nässe
gelitten haben Wir ließ das Standbild in die hölzerne Hütte schaffen welche
ich teils zu seinem Empfange teils zur Reinigung von den vielen Schmutzflecken
die es an seinem früheren Standorte erhalten hatte vor dem Eingange in den
Garten hatte aufbauen lassen Da es dort von den Brettern und von allen seinen
andern Hüllen befreit worden war sahen wir dass sich unsere Furcht nicht
bestätigte Die Gestalt war so trocken wie Gips nur überhaupt zu sein vermag
Wir setzten nach und nach die Vorrichtungen in Gebrauch durch die wir die
Gestalt in die Nähe der Glaswand der Hütte auf eine drehbare Scheibe stellen
konnten um sie nach Bequemlichkeit betrachten und reinigen zu können Da sie
auf der Scheibe stand und wir uns von der Sicherheit ihres Standes überzeugt
hatten gingen wir zu ihrer Betrachtung über Eustach war über ihre Schönheit
entzückt und machte mich auf manches aufmerksam was mir auf dem Tanz und
Ballplatze bei Cumä und später in der Bauhütte entgangen war Freilich stand die
Gestalt jetzt viel vorteilhafter da durch die reinen Scheiben der Glaswand das
klare Licht auf sie fiel und alle Schwingungen und Schwellungen der Gestaltung
deutlich machte Da wir die Überzeugung gewonnen hatten dass ein edles Werk in
das Haus gekommen sei beschlossen wir sofort zu dessen Reinigung zu schreiten
Wir nahmen uns vor dort wo der Schmutz nur locker auf der Oberfläche liege und
dem reinen Wasser und dem Pinsel weiche auch nur Wasser und den Pinsel
anzuwenden Leichtes Übertünchen und sanftes Glätten würde die letzte Nachhülfe
geben Für tiefer gehende Verunreinigung wurde die Anwendung des Messers und der
Feile beschlossen nur sollte die äußerste Vorsicht beobachtet und lieber eine
kleine Verunreinigung gelassen werden als dass eine sichtbare Umgestaltung des
Stoffes vorgenommen würde Eustach machte in meiner Gegenwart Versuche und ich
billigte sein Verfahren Es wurde nun sogleich ans Werk geschritten und die
Arbeit in der nächsten Zeit fortgesetzt Eines Tages kam Eustach zu mir herauf
und sagte er müsse mich auf einen sonderbaren Umstand aufmerksam machen Er sei
auf dem Schulterblatte mit dem feinen Messer auf einen Stoff gestoßen der nicht
das Taube des Gipses habe sondern das Messer gleiten mache und etwas wie die
Ahnung eines Klanges merken lasse Wenn die Sache nicht zu unwahrscheinlich
wäre würde er sagen dass der Stoff Marmor sei Ich ging mit ihm in die
Bretterhütte hinab Er zeigte mir die Stelle Es war ein Platz mit dem die
Gestalt häufig wenn sie gelegt wurde auf den Boden kam und der daher durch
diesen Umstand und zum Teile durch Versendungen denen die Gestalt ausgesetzt
gewesen sein mochte mehr abgenützt war als andere Ich ließ das Messer auf
dieser Stelle gleiten ich ließ es an ihr erklingen und auch ich hatte das
Gefühl dass es Marmor sei was ich eben behandle Weil der Platz an dem die
Versuche gemacht wurden doch zu augenfällig war um weiter gehen zu können und
ihn etwa zu veranstalten so beschlossen wir an einem unscheinbareren einen
neuen Versuch zu machen In der Ferse des linken Fußes fehlte ein kleines
Stückchen dort musste jedenfalls Gips eingesetzt werden dort beschlossen wir zu
forschen Wir drehten die Gestalt mit ihrer Scheibe in eine Lage in welcher das
helle Licht auf die Lücke an der Ferse fiel Es zeigte sich dass neben der
kleinen Vertiefung noch ein Stückchen Gips ledig sei und bei der leisesten
Berührung herabfallen müsse Wir setzten das Messer an das Stück sprang weg
und es zeigte sich auf dem Grunde der bloß wurde ein Stoff der nicht Gips
war Das Auge sagte es sei Marmor Ich holte ein Vergrösserungsglas wir
leiteten durch Spiegel ein schimmerndes Licht auf die Stelle ich schaute durch
das Glas auf sie und mir funkelten die feinen Kristalle des weißen Marmors
entgegen Eustach sah ebenfalls durch die Linse wir versuchten an dem Platze
noch andere Mittel und es stellte sich fest dass die untersuchte Fläche Marmor
sei Nun begannen wir um das Unglaubliche völlig zu beweisen oder unsere
Meinung zu widerlegen auch an andern Stellen Untersuchungen Wir fingen an
Stellen an welche ohnehin ein wenig schadhaft waren und gingen nach und nach
zu anderen über Wir beobachteten zuletzt gar nicht mehr so genau die
Vorsichten die wir uns am Anfange auferlegt hatten und kamen zu dem
Ergebnisse dass an zahlreichen Stellen unter dem Gipse der Gestalt weißer Marmor
sei Der Schluss war nun erklärlich dass an allen Stellen auch den nicht
untersuchten der Gips über Marmor liege Das große Gewicht der Gestalt war
nicht der letzte Grund unserer Vermutung Durch welchen Zufall oder durch welch
seltsames Beginnen die Marmorgestalt mit Gips könne über zogen worden sein war
uns unerklärlich Am wahrscheinlichsten deuchte uns dass es einmal irgend ein
Besitzer getan habe damit ein fremder Feind der etwa seine Wohnstadt und ihre
Kunstwerke bedrohte die Gestalt als aus wertlosem Stoffe bestehend nicht mit
sich fort nehme Weil nun doch der Feind die Gestalt genommen habe oder weil
ein anderer hindernder Umstand eingetreten sei habe die Decke nicht mehr
weggenommen werden können, und der edle Kern habe undenkbar lange Jahre in der
schlechten Hülle stecken müssen Wir fingen nun auf dem Wirbel des Hauptes an
den Gips nach und nach zu beseitigen Teils und zwar im roheren geschah es mit
dem Messer teils und zwar gegen das Ende wurden Pinsel und das auflösende
Mittel des Wassers angewendet Wir rückten so von dem Haupte über die Gestalt
hinunter und alles und jedes war Marmor Durch den Gips war der Marmor vor den
Unbilden folgender Zeiten geschützt worden dass er nicht das trübe Wasser der
Erde oder sonstige Unreinigkeiten einsaugen musste und er war reiner als ich je
Marmore aus der alten Zeit gesehen habe ja er war so weiß als sei die Gestalt
vor nicht gar langer Zeit erst gemacht worden Da aller Gips beseitigt war
wurde die Oberfläche welche doch durch die feinsten zurückgebliebenen Teile des
Überzuges rau war durch weiche wollene Tücher so lange geglättet bis sich der
glänzende Marmor zeigte und durch Licht und Schatten die feinste und zartest
empfundene Schwingung sichtbar wurde Jetzt war die Gestalt erst noch viel
schöner als sie sich in Gips dargestellt hatte und Eustach und ich waren von
Bewunderung ergriffen Dass sie nicht aus neuer Zeit stamme sondern dem alten
Volke der Griechen angehöre erkannten wir bald Ich hatte so viele und darunter
die als die schönsten gepriesenen Bildwerke der alten Heidenzeit gesehen und
vermochte daher zwischen ihren und den Arbeiten des Mittelalters oder der neuen
Zeit zu vergleichen Ich hatte alle Abbildungen welche von den Bildwerken der
alten Zeit zu bekommen waren in den Asperhof gebracht so dass ich neuerdings
Vergleichungen anstellen konnte und dass auch Eustach welcher nicht so viel in
Wirklichkeit gesehen hatte ein Urteil zu gewinnen vermochte Nur nach sehr
langen und sehr genauen Untersuchungen gaben wir uns mit Festigkeit dem Gedanken
hin dass das Standbild aus der alten Griechenzeit herrühre Wir lernten bei
diesen Untersuchungen zu deren größerer Sicherstellung wir sogar Reisen
unternahmen die Merkmale der alten und neuen Bildwerke so weit kennen dass wir
die Überzeugung gewannen die besten Werke beider Zeiten gleich bei der ersten
Betrachtung von einander unterscheiden zu können Das Schlechte ist freilich
schwerer in Hinsicht seiner Zeit zu ermitteln Merkwürdig ist es dass völlig
Wertloses aus der alten Zeit gar nicht auf uns gekommen ist Entweder ist es
nicht entstanden oder eine kunstbegeisterte Zeit hat es sogleich beseitigt Wir
haben in jener Untersuchungszeit viel über alte Kunst gelernt Von wem und aus
welchem Zeitabschnitte aber unser Standbild herrühre konnten wir nicht
ermitteln Das war jedoch gewiss dass es nicht der strengen Zeit angehöre und von
der späteren weicheren stamme Ehe ich aber das Bild aus der Hütte in welcher
es stand entfernte ja ehe ich an den Platz dachte auf welchen ich es stellen
wollte musste etwas anderes geschehen Ich reiste nach Italien und suchte bei
Cumä den Verkäufer meines Standbildes auf Er war mit den Umänderungen seines
Platzes beinahe fertig Dieser war jetzt eine Halle neuer Art in welcher einige
Menschen süßen roten Wein tranken in welcher neue Gipsbilder standen um welche
grüner Rasen war und aus welcher man eine schöne Aussicht hatte Ich erzählte
ihm von der Entdeckung welche ich gemacht hatte und sagte er möge nun nach
derselben den Preis des Bildes bestimmen Er könnte es zu diesem Zwecke selber
in Deutschland besehen oder es besehen lassen Er fand beides nicht für nötig
sondern forderte sogleich eine ansehnliche Summe die den Wert eines solchen
Gegenstandes deren Preise in den verschiedenen Zeiten sehr wechseln darstellen
mochte Ich war damals schon in den Besitz meiner größeren Habe gekommen die
mir durch eine Erbschaft zugefallen war und zeigte mich bereit die Summe zu
erlegen nur möchte ich mich über das Herkommen des Standbildes noch näher
unterrichten und mir die Gewissheit über das Recht verschaffen das mein Vormann
bei so veränderter Sachlage über das Bild habe Meine Forschungen führten zu
nichts weiter als dass das Bild seit vielen Menschenaltern schon in dem Besitze
der Familie sei von welcher ich es habe dass einmal Überreste eines alten
Gebäudes hier gewesen wären dass man das Gebäude nach und nach abgebrochen habe
dass man aus Wasserbecken niederen Säulengittern und andern Dingen von weißem
Steine Kalk gebrannt und dass man aus den Resten des Gebäudes und mit dem Kalke
Häuser in den Umgebungen gebaut habe Es seien mehrere Standbilder bei den
Trümmern gewesen und seien verkauft worden Für das weiße Mädchen mit dem Stabe
in der Hand habe man einmal einen Mantel aus Holz gemacht darüber ist ein
Streit in Hinsicht der Zahlung entstanden und die Schrift welche den Großvater
des jetzigen Besitzers zur Zahlung verurteilte ist mir in dem Amte zur Einsicht
und beglaubigten Abschrift gewiesen worden Nachdem ich mir noch einen
Kaufvertrag über das Marmorbild von einem Notar hatte verfassen lassen und mich
mit einer gefertigten Abschrift versehen hatte erlegte ich die geforderte
Summe und reiste wieder nach Hause Hier wurde beraten wohin das nun mit allem
Rechte mein genannte Standbild kommen sollte Es war nicht schwer die Stelle
auszufinden Ich hatte auf der Marmortreppe schon einen Absatz errichtet der
einerseits die Treppe unterbrechen und ihr dadurch Zierlichkeit verleihen und
andrerseits dazu dienen sollte dass einmal ein Standbild auf ihm stehe und der
Treppe den größten Schmuck verleihe Nachdem wir uns durch Messungen überzeugt
hatten dass die Gestalt für den Platz nicht zu hoch sei wurde der kleine Sockel
verfertigt auf dem sie jetzt steht es wurde eine Vorrichtung gebaut sie auf
den Platz zu bringen und sie wurde auf ihn gebracht Wir standen nun oft vor
der Gestalt und betrachteten sie Die Wirkung wurde statt schwächer immer größer
und nachhaltiger und unter allen Kunstgegenständen die ich habe ist mir
dieser der liebste Das ist der hohe Wert der Kunstdenkmale der alten heitern
Griechenwelt nicht bloß der Denkmale der bildenden Kunst die wir noch haben
sondern auch der der Dichtung dass sie in ihrer Einfachheit und Reinheit das
Gemüt erfüllen und es wenn die Lebensjahre des Menschen nach und nach fließen
nicht verlassen sondern es mit Ruhe und Größe noch mehr erweitern und mit
Unscheinbarkeit und Gesetzmässigkeit zu immer größerer Bewunderung hinreißen
Dagegen ist in der Neuzeit oft ein unruhiges Ringen nach Wirkung das die Seele
nicht gefangen nimmt sondern als ein Unwahres von sich stößt Es sind manche
Männer gekommen das Standbild zu betrachten manche Freunde und Kenner der
alten Kunst und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen ein Ernst der
Anerkennung und der Würdigung Wir Eustach und ich sind in den Dingen der
alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten und beide sind wir von der alten Kunst
erst recht zur Erkenntnis der mittelalterlichen gekommen Wenn wir die
unnachahmliche Reinheit Klarheit Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten
Gestaltungen betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen bei welchen
große Fehler in diesen Beziehungen walten so sahen wir hier ein Inneres ein
Gemüt voll Ungezierteit voll Glauben und voll Innigkeit das uns fast im
Stammeln so rührt wie uns jenes dort im vollendeten Ausdrucke erhebt Über die
Zeit der Entstehung unseres Standbildes können wir auch jetzt noch nichts Festes
behaupten auch nicht ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern das in
Hellas stand nach Rom gekommen ist oder ob es unter den Römern von einem
Griechen gefertigt worden ist, wie man es in jener Römerzeit da griechische
Kunst mit nicht hinlänglichem Verständnisse über Italien ausgebreitet wurde in
den Sitz eines Römers gebracht hat und wie es auf ein ganz anderes entferntes
Geschlecht übergegangen ist«
Er schwieg nach diesen Worten und ich sah den Mann an Wir waren während
er sprach in dem Saale auf und nieder gegangen Ich begriff warum er diesen
Saal bei Abendgewittern aufsucht Durch die hellen Fenster schaut der ganze
südliche Himmel herein und auch Teile des westlichen und des östlichen sind zu
erblicken Die ganze Kette der hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises
gesehen werden Wenn nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht und am schönsten
sind Gewitterwände oder Gewitterberge wenn sie sich über fernhinziehende
Gebirge lagern oder längs des Kammes derselben dahin gehen so kann er
dasselbe frei betrachten und es breitet sich vor ihm aus Zu dem Ernste der
Wolkenwände gesellt sich der Ernst der Wände von Marmor und dass in dem Saale
gar keine Geräte sind vermehrt noch die Einsamkeit und Größe Wenn nun vollends
schon eine schwache Abenddämmerung eingetreten ist so zeigt die Oberfläche des
Marmors den Widerschein der Blitze und während wir so auf und nieder gingen
war einige Male der reine kalte Marmor wie in eine Glut getaucht und nur die
hölzernen Türen standen dunkel in dem Feuer oder zeigten ihre düstere Fügung
Ich fragte meinen Gastfreund ob er das Marmorstandbild schon lange besitze
»Die Zahl der Jahre ist nicht sehr groß« antwortete er »ich kann sie Euch
aber nicht genau angeben weil ich sie nicht in meinem Gedächtnisse behalten
habe Ich werde in meinen Büchern nachsehen und werde Euch morgen sagen wie
lange das Bild in meinem Hause steht«
»Ihr werdet wohl erlauben« sagte ich »dass ich die Gestalt öfter ansehen
darf und dass ich mir nach und nach einpräge und immer klarer mache warum sie
denn so schön ist und welches die Merkmale sind die auf uns eine solche
Wirkung machen«
»Ihr dürft sie besehen so oft Ihr wollt« antwortete er »den Schlüssel zu
der Tür des Marmorganges gebe ich Euch sehr gerne oder Ihr könnt auch von dem
Gange der Gastzimmer über die Marmortreppe hinabgehen nur müsst Ihr sorgen dass
Ihr immer Filzschuhe in Bereitschaft habt sie anzuziehen Ich freue mich jetzt
dass ich den Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen wie sie gemacht
sind Ich habe damals schon immer daran gedacht dass auf die Treppe ein Bild von
weißem Marmor wird gestellt werden dass dann am besten das Licht von oben darauf
herabfällt und dass die umgebenden Wände so wie der Boden eine dunklere sanfte
Farbe haben müssen Das reine Weiß in der lichten Dämmerung der Treppe
erscheint es fast als ganz rein steht sehr deutlich von der umgebenden
tieferen Farbe ab Was aber die Merkmale anbelangt an denen Ihr die Schönheit
erkennen wollt so werdet Ihr keine finden Das ist eben das Wesen der besten
Werke der alten Kunst und ich glaube das ist das Wesen der höchsten Kunst
überhaupt dass man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten findet von
denen man sagen kann das ist das schönste sondern das Ganze ist schön von dem
Ganzen möchte man sagen es ist das schönste die Teile sind bloß natürlich
Darin liegt auch die große Gewalt die solche Kunstwerke auf den ebenmässig
gebildeten Geist ausüben eine Gewalt die in ihrer Wirkung bei einem Menschen
wenn er altert nicht abnimmt sondern wächst und darum ist es für den in der
Kunst Gebildeten so wie für den völlig Unbefangenen wenn sein Gemüt nur
überhaupt dem Reize zugänglich ist so leicht solche Kunstwerke zu erkennen
Ich erinnere mich eines Beispieles für diese meine Behauptung welches sehr
merkwürdig ist Ich war einmal in einem Saale von alten Standbildern in welchem
sich ein aus weißem Marmor verfertigter auf seinem Sitze zurückgesunkener und
schlafender Jüngling befand Es kamen Landleute in den Saal deren Tracht
schließen ließ dass sie in einem sehr entfernten Teile des Landes wohnten Sie
hatten lange Röcke und auf ihren Schnallenschuhen lag der Staub einer
vielleicht erst heute morgen vollbrachten Wanderung Als sie in die Nähe des
Jünglings kamen gingen sie behutsam auf den Spitzen ihrer Schuhe vollends
hinzu Eine so unmittelbare und tiefe Anerkennung ist wohl selten einem Meister
zu Teil geworden Wer aber in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die
Schönheit die in ihr liegt zu fassen und zu genießen versteht oder wer sich
in einzelne Reize die die neuen Werke bringen hineingelebt hat für den ist es
sehr schwer solche Werke des Altertums zu verstehen sie erscheinen ihm
meistens leer und langweilig Ihr wart eigentlich auch in diesem Falle Wenn
gleich nicht von der neuen nur bestimmte Seiten gebenden Kunst befangen habt
Ihr doch Abbildungen von gewissen Gegenständen besonders denen Eurer
wissenschaftlichen Bestrebungen zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht
als dass Euer Auge sich nicht daran gewöhnt Euer Gemüt sich nicht dazu
hingeneigt hätte und ungefüger geworden wäre etwas anderes mit gleicher Liebe
aufzunehmen das in einer anderen Richtung lag oder vielmehr das sich in
keiner oder in allen Richtungen befand Ich habe gar nie gezweifelt dass Ihr zu
dieser Allgemeinheit gelangen werdet weil schöne Kräfte in Euch sind die noch
auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfüllung streben aber ich habe
nicht gedacht dass dies so bald geschehen werde da Ihr noch zu kraftvoll in dem
auf seiner Stufe höchst lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen wart
Ich habe geglaubt irgend ein großes allgemeines menschliches Gefühl das Euch
ergreifen würde würde Euch auf den Standpunkt führen auf dem ich Euch jetzt
sehe«
Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes
nichts antworten Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder und es war
um so stiller als unsere mit weichen Sohlen bekleideten Füße nicht das
geringste Geräusch auf dem glänzenden Fußboden machten Blitze zuckten zuweilen
in den Spiegelflächen um und unter uns der Donner rollte gleichsam bei den
offenen Fenstern herein und die Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trümmern
oder in luftigen Länderstrecken durch den weiten Raum auf den die Fenster des
Saales beherrschten
Ich sagte endlich dass ich mich jetzt erinnere wie mein Vater oft geäußert
habe dass in schönen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein müsse
»Es ist ein gewöhnlicher Kunstausdruck« entgegnete mein Gastfreund »allein
es täte es auch ohne ihn Man versteht gewöhnlich unter Bewegung Bewegbarkeit
Bewegung kann die bildende Kunst von der wir hier eigentlich reden gar nicht
darstellen Da die Kunst in der Regel lebende Wesen Menschen Tiere Pflanzen
und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen
Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes denn sonst wird sie
ihm ein Erstarrendes darstellt so muss sie diese Gegenstände so darstellen
dass es dem Beschauer erscheint sie könnten sich im nächsten Augenblicke
bewegen Ich will hier wieder aus dem Altertume ein Beispiel anführen Alle
Stoffe mit welchen Menschen sich bekleiden nehmen nach der Art der Bewegungen
denen sich verschiedene Menschen gerne hingeben verschiedene Gestaltungen an
Ein Freund von mir erkannte einen alten wohlbekannten und trefflichen
Schauspieler einmal bei einer Gelegenheit bei welcher er nur ein Stück des
Rockes des Schauspielers sehen konnte Wenn nun die Gestaltungen der Stoffe die
sich meistens in Falten kund gehen nach der Wirklichkeit nachgebildet werden
nicht nach willkürlichen Zurechtlegungen die man nach herkömmlichen
Schönheitsgesetzen an der Gliederpuppe macht so liegt in diesen nachgebildeten
Gestaltungen zuerst eine bestimmte Eigentümlichkeit und Einzelheit die den
Gegenstand sinnlich hinstellt und dann drückt die Gestaltung nicht bloß den
Zustand aus in dem sie gegenwärtig ist, sondern sie weist auch auf den zurück
der unmittelbar vorher war und von dem sich die Gebilde noch leise vorfinden
und sie lässt zugleich den nächstkünftigen ahnen zu dem die Bildungen neigen
Dies ist es was bei Gewandungen ganz vorzüglich für das beschauende Auge den
Begriff der Bewegung gibt und mithin der Lebendigkeit Dies ist es da die Alten
so gerne nach der Natur arbeiteten was sie dort wo sie Gewänder anbringen so
rneisterhaft handhaben dass der Spruch entstanden ist sie stellten nicht nur
dar was ist, sondern auch was zunächst war und sein wird Darum bilden sie in
der Gewandung nicht bloß die Hauptteile sondern auch die entsprechenden
Unterabteilungen und dies mit einer solchen Zartheit und Genauigkeit dass man
auf den Stoff des Werkes vergisst und nur den Stoff der Gewandung sieht und ihn
zusammenlegen und in der Hand ballen zu können vermeint Solcher Bildung
gegenüber legen manche Neuen sogenannte edle Falten zurecht bilden sie im Erze
oder Marmor nach vermeiden hiebei in sorglichem Masse zu große Einzelheiten um
nicht unruhig zu werden und erzielen hiebei dass man allerdings große edle
Massen von Faltungen sieht dass aber in der Falte der Stoff des Werkes nicht
des Gewandes herrscht dass man die marmorne die erzene Falte sieht dass das
Gemüt erkältet wird und dass man meint der Mann der damit angetan ist könne
nicht gehen weil ihn die erzene Falte hindere Wie es mit dem Gewande ist, ist
es auch mit dem Leibe der das Gewand der Seele ist und die Seele allein kann
ja nur der Gegenstand sein welchen der Künstler durch das Bild und Gleichnis
des Leibes darstellt Hier auch ließ sich die Alten von der Natur leiten und
wenn sie Sünden begingen die das Auge des naturforschenden Zergliederers
strenge genommen tadeln müsste so begingen sie keine die das nicht so stofflich
blickende Auge der Kunst zu verdammen gezwungen wäre Dafür zeigt die Schwingung
der Gliederflächen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche Ausbildung
und Durchführung dass die Zustände von jetzt und von unmittelbar vorher und
nachher sichtbar werden dass die Glieder wie ich vorher von der Gewandung
sagte die Vorstellung der Beweglichkeit geben und dass sie leben Wie bei den
Gewändern bilden manche Neue auch die Glieder ins Grössere Allgemeinere weniger
Ausgeführte um nicht krampfig zu werden und dann geraten die Muskeln gerne wie
glatte spröde unbiegsame Glaskörper und die Gestalt kann sich nicht rühren
Das Gesagte mag ungefähr den Begriff von dem geben was man in der Kunst unter
Bewegung versteht Was man unter Ruhe begreift das mag wohl zuerst darin
bestehen dass jeder Gegenstand den die bildende Kunst darstellt genau
betrachtet in Ruhe ist Der laufende Wagen das rennende Pferd der stürzende
Wasserfall die jagende Wolke selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung
ein Starres Bleibendes und der Künstler kann nur durch die früher von mir
angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit als Täuschung des Auges
darstellen wodurch er zugleich seinen Gegenstand über die Gränzen des
unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich größere Bedeutung
gibt Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu gewaltsam sein sonst helfen
die Mittel nicht der Künstler scheitert und wird lächerlich Zum Beispiele
Pferde die von einem Felsen durch die Luft hinabstürzen dürfen nicht in der
Luft fallend gemalt werden wenigstens dürfte dies leichter eine den Verstand
befriedigende Zeichnung als ein das ganze Kunstvermögen entzückendes Bild
werden Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit
weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flüssigkeit die aus einem
Gefäße gegossen wird wobei die Einbildungskraft sich mit dem Gedanken quält
dass das Gefäß nicht leer wird Der in hohen Lüften auf seinen Schwingen ruhende
Geier ist im Bilde erhaben der dicht vor unsern Augen auf seine Beute stürzende
kann sehr misslich werden Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich der
von einer abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein
immerwährendes Bleiben Es ist begreiflich dass die Grenzen zwischen dem
Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind und dass größere
Begabungen viel weiter hierin gehen dürfen als kleinere So sah ich schon sehr
oft gemalte fahrende Wägen Die Pferde sind gewöhnlich ihrer Fussstellung nach im
schönsten Laufe begriffen wahrend die Speichen der Wagenräder klar und sichtbar
in völliger Ruhe starren Der größere Künstler wird uns den Nebel der sausenden
Speichen darstellen und manches andere zutun und zusammenstellen dass wir den
Wagen wirklich fahren sehen Außer dem hier gegebenen Begriffe von stofflicher
Ruhe mag wohl unter Ruhe weit öfter die künstlerische zu verstehen sein die ein
Kunstwerk sei es Bild Dichtung oder Musik nie entbehren kann ohne
aufzuhören ein Kunstwerk zu sein Es ist diese Ruhe jene allseitige
Übereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen erzeugt durch jene Besonnenheit
die in höchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf durch jenes
Schweben über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben wie stark
auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen die das Kunstschaffen
des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht und Maß und Ordnung blicken
lässt die uns so entzücken Bewegung regt an Ruhe erfüllt und so entsteht
jener Abschluss in der Seele den wir Schönheit nennen Es ist nicht zu zweifeln
dass sich andere vielleicht anderes bei diesen Worten denken dass dieses Andere
gut oder besser als das Meinige sein kann gewöhnlich geht es mit solchen
Gangwörtern so dass jeder seinen eigenen Sinn hinein legt Das beste ist dass
die schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Sätzen wirkt
sondern das Rechte trifft weil sie die Kraft ist und es desto sicherer trifft
je mehr sie sich auf ihrem eigentümlichen Wege naturgemäß ausbildet Für das
Verständnis der Kunst für solche welche ihre Werke beschauen und sich darüber
besprechen sind Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine
sehr nützliche Sache nur muss man die Worte nicht zum Hauptgegenstande machen
und auf einen Sinn den man ihnen beilegt nicht so bestehen dass man alles
verdammt was nicht nach diesem Sinne ist Sonst müsste man ja den größten und
einzigen Künstler am meisten tadeln Gott der so unzählige Gestaltungen
erschaffen hat und dessen Werke ja wirklich von Menschen untergeordneten
Geistes getadelt werden die meinen sie hätten es anders gemacht«
Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal Die Dämmerung hatte schon stark
zugenommen es regnete aber noch Immer nicht
»Dieser steht noch auf demselben Stande auf welchem Ihr früher gestanden
seid« sagte mein Gastfreund auf Gustav weisend der auf ihn zuging
»Wie meinst du das Vater« fragte der Knabe
»Wir redeten von Kunst« antwortete mein Gastfreund »und da behaupte ich
dass du noch nicht in der Lage bist Kunstwerke so erkennen und beurteilen zu
können wie unser Gast hier«
»Wohl das behaupte ich selber« sagte Gustav »er ist darum auch teilweise
mein Lehrer und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir und Eustach und der
Mutter nachstrebt so werde ich meines Teils ihm wieder nachstreben«
»Das ist gut« sagte mein Gastfreund »aber das ist es nicht so ganz wovon
wir sprachen allein es tut nichts zur Sache und gehört auch nicht zur
Wesenheit«
Mit diesen Worten gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen trat er an ein
Fenster und wir mit ihm
Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns die über dem immer
dunkler werdenden Gefilde immer großartiger wurde und gingen dann da der Abend
beinahe in Finsternis übergehen wollte und die Stunde des Abendessens gekommen
war über die Marmortreppe in das Speisezimmer hinunter
Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen hatte einen Teil derselben mit
Donnern und einen Teil mit bloßem Regen erfüllt und machte dann einem sehr
schönen und heiteren Morgen Platz
Das erste was ich an diesem Tage tat war dass ich zu dem marmornen
Standbilde ging Ich hatte es gestern da wir über die Treppe hinabstiegen
nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze oberflächlich beleuchtet gesehen
Die Finsternis war auf der Treppe schon zu groß gewesen Heute stand es in der
ruhigen und klaren Helle des Tages welche das Glasdach auf die Treppe sendete
schmucklos und einfach da Ich hatte nicht gedacht dass das Bild so groß sei
Ich stellte mich ihm gegenüber und betrachtete es lange Mein Gastfreund hatte
recht ich konnte keine eigentliche einzelne Schönheit entdecken was wir im
neuen Sinne Schönheit heißen und ich erinnerte mich auf der Treppe sogar dass
ich oft von einem Buche oder von einem Schauspiele ja von einem Bilde sagen
gehört hatte es sei voller Schönheiten und dem Standbilde gegenüber fiel mir
ein wie unrecht entweder ein solcher Spruch sei oder wenn er berechtigt ist
wie arm ein Werk sei das nur Schönheiten hat selbst dann wenn es voll von
ihnen ist und das nicht selber eine Schönheit ist denn ein großes Werk das
sah ich jetzt ein hat keine Schönheiten und um so weniger je einheitlicher
und einziger es ist Ich geriet sogar auf den Gedanken und auf die Erfahrung,
die ich mir nie klar gemacht hatte dass, wenn man sagt dieser Mann diese Frau
habe eine schöne Stimme schöne Augen einen schönen Mund eben damit zugleich
gesagt ist das andere sei nicht so schön denn sonst würde man nicht einzelnes
herausheben Was bei einem lebenden Menschen gilt dachte ich gilt bei einem
Kunstwerke nicht bei welchem alle Teile gleich schön sein müssen so dass keiner
auffällt sonst ist es eben als Kunstwerk nicht rein und ist im strengsten
Sinne genommen keines Dessenohngeachtet dass ich oder vielmehr eben darum
weil ich keine einzelnen Schönheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte
machte es wie ich mir jetzt ganz klar bewusst war wieder einen
außerordentlichen Eindruck auf mich
Der Eindruck war aber nicht einer wie ich ihn öfter vor schönen Sachen
hatte ja selbst vor Dichtungen sondern er war wenn ich den Ausdruck
gebrauchen darf allgemeiner geheimer unenträtselbarer er wirkte
eindringlicher und gewaltiger aber seine Ursache lag auch in höheren Fernen
und mir wurde begreiflich ein welch hohes Ding die Schönheit sei wie schwerer
sie zu erfassen und zu bringen sei als einzelne Dinge die die Menschen
erfreuen und wie sie in dem großen Gemüte liege und von da auf die Menschen
hinausgehe um Großes zu stiften und zu erzeugen Ich empfand dass ich in diesen
Tagen in mir um vieles weiter gerückt werde
In der nächsten Zeit sprach ich auch mit Eustach über das Standbild Er war
sehr erfreut darüber dass ich es als so schön erkannte und sagte dass er sich
schon lange danach gesehnt habe mit mir über dieses Werk zu sprechen allein
es sei unmöglich gewesen da ich selber nie davon geredet habe und eine
Zwiesprache nur dann erspriesslich werde wenn man beiderseitig von einem
Gegenstande durchdrungen sei Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk und
machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam die wir an demselben zu erkennen
glaubten Besonders war es Eustach der über das Marmorbild so sehr es sich in
seiner Einfachheit und seiner täglich sich vor mir immer staunenswerter
entwickelnden Natürlichkeit jeder Einzelverhandlung zu entziehen schien doch
über sein Entstehen über die Art seiner Verhältnisse über seine
Gesetzmässigkeit und über das Geheimnis einer Wirkung sachkundig zu sprechen
wusste Ich hörte begierig zu und empfand dass es wahr sei was er sprach
obgleich ich ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund da er
nicht so klar und einfach zu sprechen wusste wie dieser Ich schritt in der
Erkenntnis des Bildes vor und es war mir als ob es nach seinen Worten immer
näher an mich heran gerückt würde
Er suchte viele Zeichnungen hervor auf denen sich Abbildungen von
Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege hervorgebrachten
Gestalten des Mittelalters befanden Wir verglichen diese Gestalten mit der aus
dem Griechentume stammenden Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln
Heiligen oder anderen Personen die sich in dem Rosenhause oder in der Nähe
befanden suchte er zur Vergleichung herbei zu bringen Es zeigte sich hier für
meine Augen dass das wahr sei was mein Gastfreund über griechische und
mittelalterliche Kunst gesagt hatte Es war mir wie ein jugendlicher und doch
männlich gereifter Sinn voll Maß und Besonnenheit so wie voll herrlicher
Sinnfälligkeit der aus dem Griechenwerke sprach In den mittelalterlichen
Gebilden war es mir ein liebes einfaches argloses Gemüt das gläubig und innig
nach Mitteln griff sich auszusprechen der Mittel nicht völlig Herr wurde dies
nicht wusste und doch Wirkungen hervorbrachte die noch jetzt ihre Macht auf uns
äußern und uns mit Staunen erfüllen Es ist die Seele die da spricht und in
ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfüllt während spätere
Zeiten von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von Bildwerken vorlegte trotz
ihrer Einsicht ihrer Aufgeklärteit und ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur
frostige Gestalten in unwahren Flattergewändern und übertriebenen Gebärden
hervorbrachten die keine Glut und keine Innigkeit haben weil sie der Künstler
nicht hatte und die nicht einmal irgend eine Seele zeigen weil der Künstler
nicht mit der Seele arbeitete sondern mit irgend einer Überlegung nach eben
herrschenden Gestaltungsansichten weshalb er das was ihm an Gefühl abging
durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte Was die
Sinnfälligkeit anlangt so schien mir das Mittelalter nicht nach Vollendung in
derselben gestrebt zu haben Neben einem Haupte das in seiner Einfachheit und
Gegenständlichkeit trefflich und tadellos war befinden sich wieder Bildungen
und Gliederungen die beinahe unmöglich sind Der Künstler sah dies nicht denn
er fand den Zustand seines Gemütes in dem Ausdrucke seines Werkes mehr hatte er
nicht beabsichtiget und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht
weil es ihm wenigstens in seiner Kunsttätigkeit ferne lag und er einen Mangel
nicht empfand Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung der Innerlichkeit ein
obgleich wir unähnlich dem schaffenden Künstler des Mittelalters die
sinnlichen Mängel des Werkes empfinden Dies spricht um so mehr für die
Trefflichkeit der damaligen Arbeiten Es waren recht schöne Tage die ich mit
Eustach in diesen Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte
Ich wurde auch wieder auf die Gemälde alter und längstvergangener Zeiten
zurückgeführt Ich hatte in meiner frühesten Jugend eine Abneigung vor alten
Gemälden gehabt Ich glaubte dass in ihnen eine Dunkelheit und Düsterheit
herrsche die dem fröhlichen Reize der Farben wie er in den neuen Bildern sich
vorstellt und wie ich ihn auch in der Natur zu sehen meinte entgegen und weit
untergeordnet sei Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen als ich selber
zu malen begonnen und nach und nach gesehen hatte dass die Dinge der Natur und
selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht haben die sich in
dem Farbekasten befinden dass aber dafür die Natur eine Kraft des Lichtes und
des Schattens besitze die wenigstens ich durch alle meine Farben nicht
darzustellen vermochte Desohngeachtet war mir die Erkenntnis dessen was die
Malerkunst in früheren Zeiten hervorgebracht hatte nicht in dem Masse
aufgegangen als es der Sache nach notwendig gewesen wäre Wenn ich gleich im
einzelnen vorgeschritten war und manches in alten Bildern als sehr schön erkannt
hatte so war ich doch fort und fort zu sehr in meinen Bestrebungen auf dem
Gebiete der Natur befangen als dass ich auf andere Gebilde als die der Natur mit
kräftiger Innerlichkeit geachtet hätte Darum erschienen mir Pflanzen Faltern
Bäume Steine Wässer selbst das menschliche Angesicht als Gegenstände die
würdig wären von der Malerkunst nachgebildet zu werden aber alte Bilder
erschienen mir nicht als Nachbildungen sondern gewissermaßen als kostbare
Gegenstände die da sind und auf denen sich Dinge befinden die man gewohnt ist
als auf Gemälden befindliche zu sehen Diese Richtung hatte für mich den Nutzen
dass ich bei meinen Versuchen Gegenstände der Natur zu malen nicht in die
Nachahmung irgend eines Meisters verfiel sondern dass meine Arbeiten mit all
ihrer Fehlerhaftigkeit etwas sehr Gegenständliches und Naturwahres hatten aber
es erwuchs mir auch der Nachteil daraus dass ich nie aus alten Meistern lernte
wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe und dass ich mir
alles selber mühevoll erfinden musste und in vielem gar zu einem Ziele nicht
gelangte Obwohl ich später der Betrachtung mittelalterlicher Gemälde mich mehr
zuwandte und sogar im Winter viele Zeit in Gemäldesammlungen unserer Stadt
zubrachte so war doch mein früherer Zustand noch mehr oder weniger unbewusst
vorherrschend und die Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe die sie
verdient hätte Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher
bildender Kunst durchging als ich mit ihm ein mir wie ein neues Wunder
aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete als ich dieses Werk mit
den minder alten unserer Vorfahren verglich und die Unterschiede und Beziehungen
einsehen lernte da fing ich auch an die Gemälde meines Gastfreundes anders zu
betrachten als ich bisher sie und andere Gemälde betrachtet hatte Ich ging
nicht nur oft in sein Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben
sondern ich ließ mir auch das Verzeichnis der Bilder geben um nach und nach die
Meister kennen zu lernen die er versammelt hatte ich bat dass mir erlaubt
werde mir das eine oder andere Bild wie ich es eben wünschte auf die
Staffelei stellen zu dürfen um es so kennen zu lernen wie mich ein innerer
Drang trieb und ich brachte oft mehrere Tage in Untersuchung eines einzigen
Bildes zu Welch ein neues Reich öffnete sich vor meinen Blicken Wie die
Dichter mir eine Welt der Seele aufschlossen so lag hier wieder eine Welt es
war wieder eine Welt der Seele wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der
Dichtkunst aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt und
erreicht Welche Kraft welche Anmut welche Fülle welche Zartheit und wie war
dem Schöpfer eine ähnliche eine gleiche aber menschliche Schöpfung
nachgeschaffen Ich lernte die Beziehungen der alten Malerei mein Freund hatte
fast lauter alte Bilder zu der Natur kennen Ich lernte einsehen dass die
alten Meister die Natur getreuer und liebvoller nachahmten als die neuen ja dass
sie im Erlernen der Züge der Natur eine unsägliche Ausdauer und Geduld hatten
vielleicht mehr als ich empfand dass ich selber hätte und vielleicht mehr als
mancher Kunstjünger der Gegenwart haben mag Ich konnte nicht aburteilen da ich
zu wenige Werke der Gegenwart kannte und so betrachtet hatte als ich jetzt
ältere Bilder betrachtete aber es schien mir ein größeres Eingehen in das Wesen
der Natur kaum möglich Ich begriff nicht wie ich das so lange nicht in dem
Masse hatte sehen können als ich es hätte sehen sollen Wenn aber auch die
Alten wie ich hier mit ihnen umging sich der Wirklichkeit sehr beflissen und
sich ihr sehr hingaben so ging das doch nicht so weit als ich bei der
Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstände geschritten war von denen
ich alle Einzelheiten so weit es nur immer möglich gewesen war zu gehen
gesucht hatte Dies wäre wie ich einsah der Kunst hinderlich gewesen und
statt einen ruhigen Gesamteindruck zu erzielen wäre sie in lauter Einzelheiten
zerfallen Die Meister welche mein Gastfreund in seiner Sammlung besaß
verstanden es das Einzelne der Natur in großen Zügen zu fassen und mit
einfachen Mitteln oft mit einem einzigen Pinselstriche darzustellen so dass
man die kleinsten Merkmale zu erblicken wähnte bei näherer Betrachtung aber
sah dass sie nur der Erfolg einer großen und allgemeinen Behandlung waren Diese
große Behandlung sicherte ihnen aber auch Wirkungen im Großen die dem entgehen
welcher die kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet Ich sah
erst jetzt welche schöne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf der
Malerleinwand lebten wie edel ihre Glieder sind wie mannigfaltig strahlend
kräftig geistvoll milde ihr Antlitz wie adelig ihre Gewänder und wäre es
eine Bettlerjacke und wie treffend die Umgebung Ich sah dass die Farbe der
Angesichter und anderer Teile das leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen
ist nicht der Farbestoff mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges
Rot und Weiß gibt dass die Schatten so tief gehen wie sie die Natur zeigt und
dass die Umgebung eine noch größere Tiefe hat wodurch jene Kraft erzielt wird
die sich der nähert welche die Schöpfung durch wirklichen Sonnenschein gibt
den niemand malen kann weil man den Pinsel nicht in Licht zu tauchen vermag
eine Kraft die ich jetzt an den alten Bildern so bewunderte Von der
aussermenschlichen Natur sah ich leuchtende Wolken klare Himmelsgebilde ragende
reiche Bäume gedehnte Ebenen starrende Felsen ferne Berge helle
dahinfliessende Bäche spiegelnde Seen und grüne Weiden ich sah ernste Bauwerke
und ich sah das sogenannte stille Leben in Pflanzen Blumen Früchten in Tieren
und Tierchen Ich bewunderte das Geschick und den Geist womit alles
zurechtgelegt und hervorgebracht ist Ich erkannte wie unsere Vorfahren
Landschaften und Tiere malten Ich erstaunte über den zarten Schmelz womit
einer mittelst Überfarben seinen Gebilden eine Durchsichtigkeit gab oder über
die Stärke womit ein anderer undurchsichtige Farben hinstellte dass sie einen
Berg bildeten der das Licht fängt und spiegelt und es so zwingt das Bild mit
zu malen zu dem ein Licht in dem Farbenkasten nicht war Ich erkannte wie der
eine in durchsichtigen Farben untermalte und auf diese seine festen körperigen
Farben aufsetzte oder wie ein anderer Farbe auf Farbe mit breitem Pinsel
hinstellt und mit ihm die Übergänge vermittelt und mit ihm die Zeichnung
umreisst Dass alte Bilder düsterer sind erschien mir einleuchtend da das Öl die
Farben nachdunkeln macht und der Firnis eine dunkle bräunliche Farbe erhält
Beides haben umsichtige Meister mehr als voreilige zu vermeiden gewusst und mein
Gastfreund hatte Bilder die in schöner Pracht und Farbenherrlichkeit
leuchteten obwohl auch bei ihnen die Würde bewahrt blieb dass sie mehr die
Kraft des Tones als auffallende oder etwa gar unwahre Farben brachten Da ich
schon viel mit Farben beschäftigt gewesen war so verweilte ich oft lange bei
einem Bilde um zu ergründen wie es gemalt ist und auf welche Weise die Stoffe
behandelt worden sind. In dem Rosenzimmerchen Mathildens wohin mich mein
Gastfreund führte um auch dort die Bilder zu sehen hingen vier kleine Gemälde
davon zwei von Tizian waren eines von Dominichino und eines von Guido Reni Sie
waren an Größe fast gleich und hatten gleiche Rahmen Sie waren die schönsten
die mein Gastfreund besaß Je mehr man sie betrachtete desto mehr fesselten sie
die Seele
Ich bat ihn fast zu oft mir diese vier Bildchen zu zeigen und er ermüdete
nicht mir immer die Frauengemächer aufzuschließen mich in das Zimmerchen zu
führen mich die Bilder betrachten zu lassen und mit mir darüber zu sprechen Er
nahm sie öfter herab und stellte sie auf dem Tische oder auf einem Sessel so
auf dass sie in dem besten Lichte standen Ich brachte merkwürdige Tage in jener
Zeit in dem Rosenhause meines Freundes zu Mein Wesen war in einer hohen in
einer edlen und veredelnden Stimmung
Ich fragte ihn einmal woher er denn die Bilder erhalten habe
»Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen wie es der Sammelfleiss
und mitunter auch der Zufall gefügt hat« antwortete er »Ich habe von einem
Oheime mehrere geerbt sie waren aber nicht die besten wie ich sie jetzt habe
ich verkaufte einen Teil davon um mir andere wenn auch wenigere aber bessere
zu kaufen Ich habe Euch schon einmal gesagt dass ich in Italien gewesen bin
Ich habe drei Reisen in dieses Land gemacht Da hat sich manches gefunden Ich
habe stets nach Bildern gesucht habe manches gekauft manches wieder verkauft
Neues gekauft und so war ein fortlaufender Wechsel bis es so wurde wie es
jetzt ist Nun aber verkaufe oder vertausche ich nichts mehr selbst wenn mir
etwas Außerordentliches vorkäme das ich nicht ohne Weggabe eines Früheren
erkaufen könnte Mit dem Alter wird man so anhänglich an das Gewohnte dass man
es nicht missen kann wenn es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen
und verschollen ist Ich lege alte Kleider nicht gerne ab und wenn ich eines
der Bilder die mich nun so lange umgeben aus dem Hause lassen müsste so würde
ich einem großen Schmerze nicht entgehen Sie mögen nun bleiben wie sie sind
und wo sie sind bis ich scheide Selbst der Gedanke dass ein Nachfolger die
Bilder so lasse und sie ehre wie sie hier sind hat für mich etwas sehr
Angenehmes obwohl er töricht ist und ich ihm aus dem Wege gehe denn darin
besteht das Leben der Welt dass ein Streben und Erringen und darum ein Wandel
ist welcher Wandel auch hier eintreten wird Ich habe auch längere Zeit schon
nichts mehr gekauft außer einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael
die neben der Tür im Bilderzimmer hängt und die Ihr so gerne anschaut Ich
würde nur etwas sehr Wertvolles kaufen in so ferne es meine Kräfte zuliessen
Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten müssen das mir sehr gefiel und das
ich zu haben wünschte entweder weil der Besitzer eigensinnig war und obwohl
er das Bild weggeben wollte doch Bedingungen an die Hingabe knüpfte die nicht
zu erfüllen waren oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte
obgleich er es misshandelte und zu Grunde gehen ließ Zuweilen musste ich
schlechtere Bilder kaufen die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das
Auge ansprachen um einen Vorrat zum Tausche zu haben Es gibt nämlich Leute
welche Freude an Bildern haben welche ältere bedeutende Bilder nicht weggehen
wenn sie solche besitzen sie aber doch nicht erkennen und sie durch schlechte
Behandlung Schaden leiden lassen Sie ziehen ein Gemälde vor welches sie besser
verstehen welches ihnen mehr gefällt wenn es auch im Werte minder ist und
sind zu einem Tausche bereit Dieser macht ihnen Freude und wenn ich ihnen
darlegte dass ihr Gemälde einen höheren Wert habe als das meinige und wenn ich
diesen Wert nach genauer Schätzung durch Geld ausglich so war das Vergnügen
noch größer denn sie zweifelten doch immer ob ich recht habe und das alte Bild
nicht aus Vorliebe überschätze da ihnen ja ihre Augen sagten dass der
Unterschied nicht so groß sei Auf diese Weise bekam ich manches Angenehme ohne
meinem Billigkeitsgefühle nahe treten zu müssen was bei Bildergeschäften so
leicht der Fall wird Die heilige Maria mit dem Kinde welche Euch so wohl
gefällt und welche ich beinahe eine Zierde meiner Sammlung nennen möchte hat
mir Roland auf dem Dachboden eines Hauses gefunden Er war dorthin mit dem
Eigentümer gestiegen um altes Eisenwerk darunter sich mittelalterliche Sporen
und eine Klinge befanden zu kaufen Das Bild war ohne Blindrahmen und war
nicht etwa zusammengerollt sondern wie ein Tuch zusammengelegt und lag im
Staube Roland konnte nicht genau erkennen ob es einen Wert habe und kaufte es
dem Manne um ein Geringes ab Ein Soldat hatte es einmal aus Italien geschickt
Er hatte es als bloße Packleinwand benützt und hatte Wäsche und alte Kleider in
dasselbe getan die ihm zu Hause ausgebessert werden sollten Darum hatte das
Bild Brüche wo nämlich die Leinwand zusammengelegt gewesen war an welchen
Brüchen sich keine Farbe zeigte da sie durch die Gewalt des Umbiegens
weggesprungen war Auch hatte man da wahrscheinlich die Fläche zum Zwecke einer
Umhüllung zu groß gewesen war Streifen von ihr weggeschnitten Man sah die
Schnitte noch ganz deutlich während die anderen Ränder sehr alt waren und noch
die Spuren von den Nägeln zeigten mit denen sie einst an den Blindrahmen
befestigt gewesen waren Auch war durch die Misshandlungen der Zeiten
herbeigeführt an andern Stellen als an denen der Brüche die Farbe verschwunden
so dass man nicht nur den Grund des Gemäldes sondern hie und da auch die
lediglichen nackten Fäden der alten Leinwand sehen konnte So kam das Bild auf
dem Asperhofe an Wir breiteten es zuerst auseinander wuschen es mit reinem
Wasser und mussten dann um es als Fläche zu erhalten und es betrachten zu
können Gewichte auf seine vier Ecken legen So lag es auf dem Fußboden des
Zimmers vor uns Wir erkannten dass es das Werk eines italienischen Malers sei
wir erkannten auch dass es aus älterer Zeit stamme aber von welchem Künstler es
herrühre oder auch nur aus welcher Zeit es sei war nach dem Zustande in
welchem die Malerei sich befand durchaus nicht zu bestimmen. Teile welche ganz
waren ließ indessen ahnen dass das Gemälde einen nicht zu geringen Wert haben
dürfte Wir gingen nun daran ein Brett zu verfertigen auf welches das Bild
geklebt werden könnte Wir bereiten solche Bretter gewöhnlich aus Eichenholz
das aus zwei übereinanderliegenden Stücken deren Fasern auf einander senkrecht
sind und einem Roste besteht damit dem sogenannten Werfen oder Verbiegen des
Holzes vorgebeugt werde Als das Brett fertig und die Verkittung an demselben
vollkommen ausgetrocknet war wurde das Gemälde auf dasselbe aufgezogen Wir
hatten dort wo die Ränder des Bildes weggeschnitten waren die Holzfläche
größer gemacht und die neu entstandenen Stellen mit passender Leinwand gut
ausgeklebt um dem Gemälde annähernd wieder eine Gestalt geben zu können die es
ursprünglich gehabt haben mochte und in der es sich den Augen wohlgefällig
zeigte Hierauf wurde daran gegangen das Bild von dem alten hie und da noch
vorfindlichen Firnisse und von dem Schmutze den es hatte zu reinigen Der
Firnis war durch die gewöhnlichen Mittel leicht wegzubringen nicht so leicht
aber der durch Jahrhunderte veraltete Schmutz ohne dass man in Gefahr kam auch
die Farben zu beschädigen Das gereinigte auf der Staffelei stehende Gemälde
wies uns nun eine viel größere Schönheit als es uns nach der ersten
oberflächlichen Waschung gezeigt hatte aber es war durch die vielen Sprünge
Risse und nackten Stellen noch so verunstaltet dass eine genaue Würdigung auch
jetzt nicht möglich war selbst wenn wir bedeutend größere Erfahrungen gehabt
hätten als wir hatten Roland und Eustach schritten zur Ausbesserung Kein Ding
kann schwieriger sein und durch keins sind Gemälde so sehr entstellt und
entwertet worden Ich glaube wir haben einen nicht unrichtigen Weg
eingeschlagen Eine ursprüngliche Farbe durfte gar nicht bedeckt werden Zum
Glücke hatte das Bild gar nie eine Ausbesserung oder sogenannte Übermalung
erhalten so dass entweder nur die ursprüngliche Farbe vorhanden war oder gar
keine In die farbentblössten Stellen wurde die Farbe welche die umgrenzenden
Ränder zeigten gleichsam wie ein Stift eingesetzt bis die Grube erfüllt war
Wir nahmen die Farben so trocken als möglich und so dicht gerieben als es der
Laufer auf dem Steine ohne stecken zu bleiben zuwege bringen konnte Wenn sich
aber doch wieder nach dem Trocknen eine Vertiefung zeigte wurde dieselbe
neuerdings mit der nämlichen Farbe ausgefüllt und so fortgefahren bis eine
Höhlung nicht mehr entstand Erhöhungen die blieben wurden mit einem feinen
Messer gleichgeschliffen Auch über unausrottbaren Schmutz wurde die Farbe
seiner Umgebung gelegt Wenn die Farbe nach längerer Zeit durch das 01 das sie
enthielt und durch andere Ursachen die vielleicht noch mitwirken
nachgedunkelt war und sich in dem Gemälde als Fleck zeigte wurde mit äußerst
trockener Farbe und mit der Spitze eines feinen Pinsels die Stelle so lange
gleichsam ausgepunktet bis sie sich von der Umgebung durchaus nicht mehr
unterschied Dieses Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt Zuletzt
konnte man mit freien Augen die Plätze an welchen sich neue Farben befanden
gar nicht mehr erkennen Nur das Vergrösserungsglas zeigte noch die
Ausbesserungen Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu besonders da
Zwischenzeiten waren die mit andern Arbeiten ausgefüllt werden mussten und da
unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte in denen die Farben auszutrocknen
hatten oder in denen man ihnen Zeit geben musste die Veränderungen zu zeigen
die notwendig bei ihnen eintreten müssen Dafür aber war an dem vollendeten
Gemälde nicht zu merken dass es nicht in allen Teilen ein altes sei es hatte
die feinen Sprünge alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des
Pinsels der es ursprünglich geschaffen hatte Wenn man alte Bilder bei
Ausbesserungen übermalt und dadurch stimmt so ist nicht selten ein Überzug über
die feinen Linien welche die Zeit in alte Bilder sprengt und dieser Überzug
zeigt nicht nur dass das Bild ausgebessert worden ist, sondern er stellt auch
einen feinen Schleier dar der über die Farben gebreitet ist und sie trüb und
undurchsichtig macht Solche Bilder geben oft einen düstern unerfreulichen und
schwerlastenden Eindruck Es werden viele unser Tun in Herstellung alter Bilder
unbedeutend und unerheblich nennen besonders da es so viele Zeit und so viele
Anstalten erforderte uns aber machte es eine große und eine innige Freude Ihr
werdet es gewiss nicht tadeln da Ihr einen so großen Anteil an den
Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt Wenn nach und nach die Gestalt
eines alten Meisters vor uns aufstand so war es nicht bloß das Gefühl eines
Erschaffens das uns beseelte sondern das noch viel höhere eines Wiederbelebens
eines Dinges, das sonst verloren gewesen wäre und das wir selber nicht hätten
erschaffen können Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren zeigte
es sich dass die Farben reiner und glänzender seien als wir gedacht hatten und
dass das Bild einen vorzüglicheren Wert habe als anfangs unsere Vermutung war
So lange die vielen Sprünge und farblosen Stellen und so lange die unreinen
Flecke die wir nicht hatten beseitigen können auf dem Gemälde waren übten sie
auch auf das Nichtzerstörte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einfluss
aus und ließ es im ganzen missfärbiger erscheinen als es war Nachdem aber in
einer ziemlich großen Fläche die widerstreitenden Stellen mit den entsprechenden
Farben zugedeckt waren und die neue Farbe die alte statt ihr zu widersprechen
unterstützte so kam eine Reinheit ein Schmelz eine Durchsichtigkeit und sogar
ein Feuer zu Stande dass wir in Erstaunen gerieten denn bei starkbeschädigten
Bildern kann man die Folgerichtigkeit der Übergänge nicht beurteilen bis man
sie nicht vollendet vor sich hat Freilich mochte der besondere Farbenfluss sich
noch höher darstellen da er von den unverbesserten und widerwärtigen Stellen
umgeben und gehoben wurde aber das war schon vorauszusehen dass, wenn das ganze
Bild fertig sein würde seine Stimmung einen entschieden künstlerischen Eindruck
machen müsse Ich hatte während der Arbeit viele Mühe darauf verwendet die
ganze Geschichte und die Herkunft des Bildes zu erforschen allein ich kam zu
keinem Ergebnisse Der Soldat der die Leinwand aus Italien geschickt hatte war
längst gestorben und es lebte überhaupt niemand mehr der in näherer Beziehung
zu dem Ereignisse gestanden wäre denn dasselbe hatte sich weit früher
zugetragen als ich gedacht hatte Der Großvater des letzten Besitzers des
Bildes hatte öfter erzählt dass er sagen gehört habe dass ein aus dem Hause
gebürtiger Soldat einmal seine Strümpfe und Hemden in ein Muttergottesbild
eingewickelt aus Welschland nach Hause geschickt habe Die Wahrheit der
Erzählung bestättigte sich dadurch dass man noch das alte zerstörte Marienbild
auf dem Dachboden des Hauses fand Ich konnte auch nicht ergründen welche
Gelegenheit es gewesen sei die jenen deutschen Soldaten nach Welschland geführt
hatte Von dem herauszufinden aus welcher Gegend Italiens das Bild gekommen
sei konnte nun vollends gar keine Rede mehr sein Als nach langer Zeit nach
vieler Mühe und mancher Unterbrechung das Gemälde in einem schönen altertümlich
gearbeiteten Goldrahmen fertig vor uns stand war es eine Art Fest für uns
Roland war herbei gerufen worden da er gegen den Schluss des Werkes eine Reise
angetreten und die Vollendung seinem Bruder überlassen hatte Mehrere Nachbaren
waren geladen worden ja ein Freund und Kenner alter Kunst dem ich die Sache
gemeldet hatte war sogar von ziemlich weiter Entfernung herzugekommen um die
Wiederherstellung zu sehen und andere wenn sie auch nicht geladen waren
hatten sich eingefunden da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit
erhalten hatten und wussten dass sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein
würden Es ist nicht wahr was man öfter sagt dass eine schöne Frau ohne Schmuck
schöner sei als in demselben und eben so ist es nicht wahr dass ein Gemälde zu
seiner Geltung nicht des Rahmens bedürfe Ich hatte zu unserem Marienbilde einen
Rahmen nach Zeichnungen aus mittelalterlichen Gegenständen bestellt und hatte
dessen Ausführung gelegentlich wenn mich ein Geschäft oder mein Wille in die
Stadt brachte überwacht Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen als das
Bild fertig war und musste die Zeit über in seiner Kiste verpackt harren Wir
versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn zu fügen ehe es fertig
war um den Eindruck nicht zu schwächen Bei neuen Bildern zeigt freilich der
Rahmen erst dass noch manches hinzuzufügen und zu ändern ist und vieles muss an
solchen Bildern erst gemacht werden wenn man sie bereits in einem Rahmen
gesehen hat Bei alten Bildern die wiederhergestellt werden ist das anders
besonders wenn sie auf unsere Weise hergestellt werden Da gibt das Vorhandene
den Weg der Herstellung an man kann nicht anders malen als man malt und die
Tiefe das Feuer und der Glanz der Farben ist daher durch das bereits auf der
Leinwand Befindliche bedingt Wie dann das Bild in einem Rahmen aussehen werde
liegt nicht in der Willkür des Wiederherstellers und wenn es in dem Rahmen
trefflich oder minder gut steht so ist das Sache des ursprünglichen Meisters
dessen Werk man nicht ändern darf Als unsere Maria welche noch nicht einmal
einen Firnis erhalten hatte aus den altertümlichen Gestalten des Rahmens die
sehr passten heraussah so war es ein wunderbarer Anblick und erst jetzt sahen
wir welche Lieblichkeit und Kraft der alte Meister in seinem Bilde dargelegt
hatte Obwohl der Rahmen erhabene Arbeit in Blumen Verzierungen und sogar in
Teilen der menschlichen Gestalt enthielt und auf demselben Glanzlichter von
starker Wirkung angebracht waren so erschien das Bild doch nicht unruhig ja es
beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu einer anmutigen
Mannigfaltigkeit während es selber durch seine Gewalt sich geltend machte und
in den erhebenden Farben von würdigem Schmucke umgehen tronte Ein leiser Ruf
entschlüpfte den Lippen aller Anwesenden und ich freute mich dass ich mich
nicht getäuscht hatte als ich auf die Macht des Bildes rechnend einen so
reichen Rahmen für dasselbe bestellt hatte Wir standen lange davor und
betrachteten die Schönheit der Farbengebung an den entblößten Teilen so wie die
der Gewandung und der Gründe was im Vereine mit der Einfachheit und Hoheit der
Linienführung und mit der massvollen Anordnung der Flächen ein so würdevolles und
heiliges Ganzes bildete dass man sich eines tiefen Ernstes nicht erwehren
konnte der wie wahrhaftige Andacht war Erst später fingen wir zu sprechen an
beredeten dieses und jenes und kamen wie es natürlich war dahin Vermutungen
über den Meister zu wagen Es wurde Guido Reni genannt es wurde Tizian genannt
es wurde die Raffaelische Schule genannt Für alles hatte man Gründe und der
Schluss war wie er es auch noch heute ist dass man nicht wusste von wem das Bild
sei Roland war außerordentlich vergnügt dass er die Sache in ihrer Entstellung
schon geahnt und durch den Kauf eine so zweckmässige Handlung ausgeführt habe
Damals war er noch außerordentlich jung er war bei weitem nicht so eingeübt wie
jetzt und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher Eustach sah man es an
dass ihm wie der Volksausdruck sagt das Herz vor Freude lache Eine freundliche
Bewirtung meiner Gäste war damals das Ende des Tages Wir suchten in der
folgenden Zeit eine Stelle an welcher das Bild am vorteilhaftesten aufgehängt
werden könnte Roland erhielt eine Belohnung in einem Werke das er sich schon
längst gewünscht hatte und Eustach das sah ich wohl fand seine schönste
Befriedigung darin dass er näher in unsere Kunstkreise gezogen wurde Dem Manne
von welchem das Bild in seinem verstümmelten Zustande gekauft worden war gab
ich noch eine Summe mit welcher er weit über seine Erwartung abgefunden war
denn das Bild hätte er doch nie herstellen lassen können er wäre auch auf den
Gedanken nicht gekommen und ohne Roland wäre das Bild nicht verkauft worden
bis es immer mehr verfallen und einmal vernichtet worden wäre Oft stand ich in
späteren Zeiten noch davor und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes
Ich sah das Angesicht und die Hände der Mutter an und sah das teils nackte
teils durch schöne Tücher schicklich verhüllte Kind Ein dem Lande Italien so
häufig zukommendes Zeichen ist es dass das Kind nicht in den Armen der Mutter
gehalten wird sondern dass es mit schönem Hinneigen zu derselben und von ihr
leicht und sanft umfasst auf einem erhöhten Gegenstande vor ihr steht Der
Künstler hat dadurch nicht nur Gelegenheit gefunden den Körper des Kindes in
einer weit schöneren Stellung zu malen als wenn er von der Mutter an ihren
Busen gehalten gewesen wäre sondern er hat noch den weit höheren Vorteil
erreicht das göttliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen
was die Wirkung hat als ehrten wir gleichsam schon die Macht mit welcher es
einstens handeln wird Dass südliche Völker den Heiland als Kind in so großer
sinnlicher Schönheit malen hat mich immer entzückt und wenn auf meinem Bilde
das heilige Kind eher wie ein kräftiger wunderschöner Leib des Südens aussieht
so beirrt mich das nicht sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des
herrlichen Raffael auch so aus und die Wirkung ist doch eine so gewaltige Dass
die Mutter deren Mund so schön ist die Augen gegen Himmel wendet sagt mir
nicht ganz zu Die Wirkung, scheint mir ist hierin ein wenig überboten und der
Künstler legt in eine Handlung die er seine Gestalt vor uns vornehmen lässt
eine Bedeutung von der er nicht machen kann dass wir sie in der bloßen Gestalt
sehen Wer durch einfachere Mittel wirkt wirkt besser Wenn er die Heiligkeit
und Hoheit statt in die erhobenen Augen in die bloße Gestalt hätte legen Können
wobei die Augen einfach vor sich hinblickten so hätte er besser getan Raffael
lässt seine Madonnen ruhig und ernst blicken und sie werden Himmelsköniginnen
während so manche andere nur betende Mädchen sind Aus diesem möchte ich auch
schließen dass das Bild nicht aus der Raffaelschen Schule ist so sehr die
herrliche Gestalt des Kindes daran erinnert Das Bild hängt nicht mehr dort wo
es anfangs war Wir haben alle Bilder mehrere Male umgehängt und es gewährt
eine eigene Freude zu versuchen ob in einer andern Anordnung die Wirkung des
Ganzen nicht eine bessere sei Auch darüber haben wir ernste Beratungen und
vielerlei Versuche angestellt welche Farbe wir den Wänden geben sollen dass
sich die Bilder am besten von ihnen abheben Wir blieben dann bei dem rötlichen
Braun stehen das Ihr jetzt noch in dem Gemäldezimmer findet Ich lasse nun
nichts mehr ändern Die jetzige Lage der Bilder ist mir zu einer Gewohnheit und
ist mir lieb geworden und ich möchte ohne übelen Eindruck die Sache nicht anders
sehen Sie ist mir eine Freude und eine Blume meines Alters geworden Die
Erwerbung der Bilder die wie Ihr schon aus meinen früheren Worten schließen
könnt nicht immer so leicht war wie die der heiligen Maria stellt eine eigene
Linie in dem Gange meines Lebens dar und diese Linie ist mit vielem versehen
was mir teils einen freudigen teils einen trüben Rückblick gewährt Wir sind in
manche Verhältnisse geraten haben manche Menschen kennen gelernt und haben
manche Zeit mit Wiederherstellung der Bilder mit Verwindung von Täuschungen
mit Hineinleben in Schönheiten zu gebracht wir haben auch manche zu Zeichnungen
und Entwürfen von Rahmen verwendet denn alle Gemälde haben wir nach und nach in
neue von uns entworfene Rahmen getan und so stehen nun die Werke um mich wie
alte hochverehrungswürdige Freunde die es täglich mehr werden und die eine
Annehmlichkeit und eine Wonne für meine noch übrigen Tage sind«
Dass ich durch die Erzählung meines Gastfreundes der Sammlung seiner Bilder
noch mehr zugewendet wurde begreift sich
Ich lenkte meine Aufmerksamkeit nun auch auf die Kupferstiche meines
Gastfreundes Da dieselben nicht unter Glas und Rahmen waren sondern sich in
großen Laden des Tisches im Lesezimmer befanden so konnte man sie weit bequemer
betrachten als die Gemälde Ich nahm mir zuerst die Mappen nach einander heraus
und sah alle Kupferstiche der Reihe nach an Dann aber ging ich an eine mehr
geordnete Betrachtung So wie mein Gastfreund nicht Bücher aus dem Hause gab
wohl aber einem Gaste in sein Zimmer die verlangten bringen ließ so tat er es
auch mit den Kupferstichen nur gab er immer gleich eine ganze Mappe in ein
Zimmer nicht aber leicht einzelne Blätter Er tat dies der Erhaltung und
Schonung willen Weil ich nun nicht viele Stunden im Lesezimmer ununterbrochen
mit Ansehen von Kupferstichen zubringen mochte so ließ mir mein Gastfreund die
einzelnen Mappen nach und nach in meine Wohnung bringen und ich konnte die in
ihnen entaltenen Werke mit Musse betrachten konnte diese Beschäftigung auch
durch anderes unterbrechen und konnte wenn ich die Mappe durch eine beliebige
Zeit in meiner Wohnung gehabt hatte dieselbe durch eine andere ersetzen
Später da ich alle Mappen genau durchsucht hatte wobei ich mir diejenigen
Werke aufzeichnete die mir ganz besonders gefielen oder die von meinem
Gastfreunde und Eustach als vorzüglich bezeichnet waren schlug ich mir bei
Gelegenheit nur die eine oder die andere auf um das eine oder andere mir sehr
liebe Werk des Grabstichels zu besehen Ich merkte mir in meinem Gedenkbache
auch diejenigen an welche ich mir gleichfalls kaufen wollte wenn es solche
waren die man noch im Handel bekommen konnte Ich lernte bei diesen
Untersuchungen die Art und Weise des Vortrags verschiedener Meister und
verschiedener Zeiten kennen und endlich auch würdigen und ich fand wieder wie
es bei den Gemälden der Fall ist, dass mit geringen Ausnahmen auch diese Kunst
eine schönere Vergangenheit gehabt habe als sie eine Gegenwart habe ja bei den
Kupferstichen konnte ich dies noch genauer kennen lernen als bei Gemälden da
mein Freund alte und neue Kupferstiche hatte während in seinem Bilderzimmer nur
sehr wenige neue Bilder hingen die Vergleichung also schwieriger war und ich
mich auf die neuen Bilder weniger erinnerte welche ich in der Stadt gesehen
hatte und welche ich auch mit anderen Augen mochte angeschaut haben Ich lernte
die Feinheiten die Grossartigkeit die Schönheit die Ruhe in der Behandlung
immer mehr kennen und würdigen und beschloss da mir Kupferstiche weit leichter
zu erwerben waren als Gemälde vorläufig damit zu beginnen mir Blätter die ich
für trefflich hielt zu kaufen und eine Sammlung anzubahnen Es war eine
ziemliche Zeit hingegangen die ich mit Betrachtung und Einprägung der
Kupferstiche und Gemälde verbrachte Eustach war häufig bei mir wir sprachen
über die Dinge und ich lernte täglich höher von diesem Manne denken
Ich kam während dieser Zeit auch öfter in das Schreinerhaus und andere
Werkstätten und sah zu was da verfertigt werde
Bei diesen Veranlassungen fiel es mir auf dass mein Gastfreund noch nicht
begonnen hatte aus dem in Wahrheit gewiss außerordentlich schönen Marmor den
ich ihm gebracht hatte dessen Schönheit ich ganz gewiss zu beurteilen verstand
und der ihm selber viele Freude gemacht zu haben schien etwas verfertigen zu
lassen Ich konnte auch den Marmor in dem Rosenhause gar nicht auffinden Er war
in dem Vorratshause gelegen wo sich auch öfter Steine von mir befunden hatten
Jetzt war er nicht mehr dort War er um nicht Verletzungen zu erfahren in
einen anderen sicheren Ort gebracht werden oder hatte man ihn doch irgendwohin
gesendet wo an ihm gearbeitet wurde Das letzte war nicht denkbar da mein
Gastfreund alle Dinge aus Holz und Stein in seinem Hause arbeiten ließ wozu
auch nicht nur die Vorrichtungen und Werkzeuge vorhanden waren sondern wohin
auch zu jeder Zeit die etwa noch mangelnden Arbeitskräfte gezogen werden können.
Ich machte eines Tages eine Reise in das Lautertal und hielt mich einige
Zeit in demselben auf Es war nicht um meine gewöhnliche Beschäftigung dort
vorzunehmen sondern um nach den Arbeiten mit meinem Marmor zu sehen In der
Nähe des Ahorngastauses etwa zwei Wegestunden von demselben entfernt befand
sich die Anstalt in welcher Marmor gesägt und geschliffen wurde und in welcher
man verschiedene Dinge aus Marmor verfertigte Der Ort hieß das Rotmoor
weshalb konnte ich nicht ergründen denn es war Überall Gestein und rauschendes
Wasser und von einem Moore war auf Meilen in der Länge und Breite nichts zu
finden aber der Ort hieß so Es befanden sich dort mehrere Stücke Marmor von
mir damit aus denselben etwas für den Vater ge macht würde Das größte Stück
war fast rosenrot und es sollte daraus ein Wasserbecken Für den Garten werden
Das Becken aber hatte ich selber entworfen Aus großer Vorliebe Für Gewächse
hatte ich seine Gestalt aus dem Gewächsreiche genommen Es war ein Blatt
welches dem der Einheere sehr ähnlich war in welchem die glänzende
dunkelschwarze Kugel liegt Ich hatte das Blatt nach einem wirklichen aus Wachs
gebildet nur die Auszackung machte ich geringer und die Tiefe größer Das
Wachsblatt wurde von einem Arbeiter der des Gestaltens sehr kundig war in Gips
bedeutend größer nachgebildet und nach dem Gipsblatte sollte das Marmorbecken
gearbeitet werden In der Tiefe desselben sollte wie bei dem Einbeerenblatte die
Kugel liegen und aus einem Stiele der sich Über das Blatt erhebt soll das
Wasser in einem feinen Strahle in das Blatt springen Das Blatt selber sollte
von Rosenmarmor der Stamm und Stengel von einem anderen dunkleren sein Ich
bestrebte mich in dem Rotmoore nachzusehen wie weit die Arbeit gediehen sei
und versuchte durch Besprechungen Für größere Leichtigkeit und Reinheit
einzuwirken Aus anderem Marmor sollten andere Dinge verfertigt werden Zuerst
das Pflaster um die Einbeere herum Das Blatt sollte sein Wasser auf dieses
Pflaster hinabgiessen dasselbe sollte auf seiner Ebene eine sanfte Rinne bilden
um das Wasser weiter zu leiten Die Farbe des Pflasters sollte blass gelblich
sein Ich hatte eine erkleckliche Anzahl Stücke hiezu zusammengebracht Für eine
Laube in dem Garten hatte ich die Platte eines Tischchens beabsichtigt Sonst
waren noch kleine Tragsteine ein paar Simse und Briefbeschwerer im Werke Die
Sachen waren in Arbeit Als Daraufgabe war ein Nest in welchem zwei Eier lagen
deren Marmor fast täuschend die Farbe von Kiebitzeiern hatte
Ich war mit den Arbeiten so weit sie jetzt gediehen waren sehr zufrieden
Der Stein zu dem Becken war nicht nur in seine allgemeine Gestalt geschnitten
worden sondern das Blatt war in rohen Umrissen fertig so dass zur feineren
Ausfeilung und zur Glättung geschritten werden konnte Es arbeiteten zwei
Menschen ausschließlich an diesem Gegenstande Mit dem Gipsvorbilde ließ ich
noch einige Veränderungen vornehmen Es war mir nicht leicht genug und zeigte
mir nicht hinlänglich das Weiche des Pflanzenlebens Ich ging in die Berge
suchte Pflanzen der Einbeere und brachte sie samt ihrer Erde in Töpfen zurück
damit sie nicht zu schnell welkten und uns länger als Muster dienen könnten An
diesen Pflanzen suchte ich zu zeigen was an dem Vorbilde noch fehle
Ich erklärte wo ein Blattteil sich sanfter legen ein Rand sich weicher
krümmen müsse damit endlich das Steinbild wenn es fertig wäre nicht den
Eindruck hervor bringe als ob es gemacht worden sondern den als ob es
gewachsen wäre Da ich mich bemühte die Sache ohne Verletzung des Mannes
welcher das Gipsvorbild verfertigt hatte darzulegen und sie eher in das Gewand
einer Beratung einzukleiden so ging man auf meine Ansichten sehr gerne ein und
da die ersten Versuche gelangen und das Becken durch die größere Ähnlichkeit
die es mit dem Blatte erlangte auch sichtbar an Schönheit gewann so ging man
mit Eifer an die Fortsetzung suchte sich den Pflanzenmerkmalen immer mehr zu
nähern und erlebte die Freude dass endlich das Werk in ungemein edlerer
Vollendung dastand als früher Selbst für künftige Arbeiten hatte man durch
dieses Verfahren einen Anhaltspunkt gewonnen und Hoffnungen geschöpft sich in
schönere und heiterere Kreise zu schwingen Der Werkmeister sprach unverhohlen
mit mir über die Sache Früher hatte man nach hergebrachten Gestalten und
Zeichnungen Gegenstände verfertigt dieselben versandt und Preise dafür
erhalten die solchen Waren gewöhnlich zukommen so dass die Anstalt bestehen
konnte aber einer gehäbigen und wohlhabenden Blüte doch nicht teilhaftig war
Dass man sich an Pflanzen als Vorbilder wenden könne war ihnen nicht
eingefallen Jetzt richtete man den Blick auf sie und fand dass alle Berge voll
von Dingen ständen die ihnen Fingerzeige geben könnten wie sie ihre Werke zu
verfertigen und zu veredeln hätten
Ich blieb so lange da bis das Gipsblatt vollkommen fertig war und bis ich
mich darüber beruhigt hatte welche Werkzeuge zum Messen angewendet würden
damit die Gestalt des Vorbildes mit allen ihren Verhältnissen in die Nachbildung
übergehen könnte
Nachdem ich noch die Bitte um Beschleunigung der Arbeit angebracht hatte
damit ich sie so bald als möglich in den Garten des Vaters bringen könnte und
nachdem ich versprochen hatte in diesem Sommer noch einen Besuch in der Anstalt
zu machen trat ich den Rückweg in das Rosenhaus wieder an
Ich bestieg auf meiner Wanderung die ich in den Bergen zu Fuße machte das
Eiskar setzte mich auf einen Steinblock und sah beinahe den ganzen Nachmittag
in tiefem Sinnen auf die Landschaften die vor mir ausgebreitet waren hinaus
In dem Rosenhause beschäftigte ich mich wieder mit Betrachtung der Bilder
Ich nahm sogar ein Vergrösserungsglas und sah die Gemälde an wie denn die
verschiedenen alten Meister gemalt haben ob der eine einen stumpfen starren
Pinsel genommen habe der andere einen langen weichen ob sie mit breitem oder
spitzigem gearbeitet ob sie viel untermalt haben oder gleich mit den schweren
undurchsichtigen Farben darauf gegangen seien ob sie in kleinen Flächen fertig
gemacht oder das Große vorerst angelegt und es in allen Teilen nach und nach der
Vollendung zugeführt hätten
Mein Gastfreund war in diesen Dingen sehr erfahren und stand mir bei
Von den Dichtern nahm ich jetzt Kalderon vor Ich konnte ihn bereits in dem
Spanischen lesen und vertiefte mich mit großem Eifer in seinen Geist
Wir besuchten mehrere Male den Inghof Es wurde dort Musik gemacht es wurde
gespielt wir besuchten die schönsten Teile der Umgebung oder besahen was der
Garten oder der Meierhof oder das Haus Vorzügliches aufzuweisen hatte
Zur Zeit der Rosenblüte kam Matilde und Natalie auf den Asperhof Wir
wussten den Tag der Ankunft und erwarteten sie Als sie ausgestiegen waren als
Matilde und mein Gastfreund sich begrüßt hatten als einige Worte von den
Lippen der Mutter zu Gustav gesprochen worden waren wendete sie sich zu mir und
sprach mit den freundlichsten Mienen und mit dem liebevollsten Blick ihrer Augen
die Freude aus mich hier zu finden zu wissen dass ich mich schon ziemlich
lange bei ihrem Freunde und ihrem Sohne aufgehalten habe und zu hoffen dass ich
die ganze schöne Jahreszeit auf dem Asperhofe zubringen werde
Ich erwiderte dass ich heuer beschlossen habe den ganzen Sommer über bloß
für mein Vergnügen zu leben und dass ich es mit großem Danke anerkennen müsse
dass mir erlaubt sei auf diesem Sitze verweilen zu dürfen der das Herz den
Verstand und das ganze Wesen eines jungen Mannes so zu bilden geeignet sei
Natalie stand vor mir da dieses gesprochen worden war Sie erschien mir in
diesem Jahre vollkommener geworden und war so außerordentlich schön wie ich
nie in meinem ganzen Leben ein weibliches Wesen gesehen habe
Sie sagte kein Wort zu mir sondern sah mich nur an Ich war nicht im
Stande etwas aufzufinden was ich zur Bewillkommung hätte sagen können Ich
verbeugte mich stumm und sie erwiderte diese Verbeugung durch eine gleiche
Hierauf gingen wir in das Haus
Die Tage verflossen wie die in den vergangenen Jahren Nur eine einzige
Ausnahme trat ein Man begann nach und nach von den Bildern zu sprechen man
sprach von der Marmorgestalt welche auf der schönen Treppe des Hauses stand
man ging öfter in das Bilderzimmer und besah verschiedenes und man verweilte
manche Augenblicke in der dämmerigen Helle der Treppe auf welche von oben die
sanfte Flut des Lichtes hernieder sank und vergnügte sich an der Herrlichkeit
der dort befindlichen Gestalt und der Pracht ihrer Gliederung Ich erkannte dass
Matilde in der Beurteilung der Kunst erfahren sei und dass sie dieselbe mit
warmem Hetzen liebe Auch an Nathalien sah ich dass sie in Kunstdingen nicht
fremd sei und dass sie in ihrer Neigung etwas gelten Ich machte also jetzt die
Erfahrung, dass man in früherer Zeit da ich mein Augenmerk noch weniger auf
Gemälde und ähnliche Kunstwerke gerichtet hatte und dieselben einen tiefen
Platz in meinem Innern noch nicht einnahmen mich geschont habe dass man nicht
eingegangen sei in meiner Gegenwart von den in dem Hause befindlichen
Kunstwerken zu sprechen um mich nicht in einen Kreis zu nötigen der in jenem
Augenblicke noch beinahe außerhalb meiner Seelenkräfte lag Mir kam jetzt auch
zu Sinne dass in gleicher Weise mein Vater nie zu mir auf eigenen Antrieb von
seinen Bildern gesprochen habe und dass er sich nur in so weit über dieselben
eingelassen als ich selber darauf zu sprechen kam und um dieses oder jenes
fragte Sie haben also sämtlich einen Gegenstand vermieden der in mir noch
nicht geläufig war und von dem sie erwarteten dass ich vielleicht mein Gemüt zu
ihm hinwenden würde Mich erfüllte diese Betrachtung einigermaßen mit Scham und
ich erschien mir gegenüber all den Personen die nun durch meine Vorstellung
gingen als ungefüg und unbehilflich aber da sie immer so gut und liebreich
gegen mich gewesen waren so schloss ich aus diesem Umstande dass sie nicht
nachteilig über mich geurteilt und dass sie meinen Anteil an dem was ihnen
bereits teuer war als sicher bevorstehend betrachtet haben Dieser Gedanke
beruhigte mich eines Teiles wieder Besonders aber gereichte es mir zur
Genugtuung dass sie mit einer Art von Freude in die Gespräche eingingen die
sich jetzt über bildende Kunst entspannen dass also das nicht unsachgemäss sein
musste was ich in dieser Richtung jetzt äußerte und dass es ihnen angenehm war
mit mir auf einer Lebensrichtung zusammen zu treffen welche für sie Wichtigkeit
hatte
Eines Tages da die Blüte der Rosen schon beinahe zu Ende war wurde ich
unfreiwillig der Zeuge einiger Worte welche Matilde an meinen Gastfreund
richtete und welche offenbar nur für diesen allein bestimmt waren Ich
zeichnete in einer Stube des Erdgeschosses ein Fenstergitter Das Erdgeschoss des
Hauses hatte lauter eiserne Fenstergitter Diese waren aber nicht jene
grossstäbigen Gitter wie man sie an vielen Häusern und auch an Gefängnissen
anbringt sondern sie waren sanft geschweift und hatten oben und unten eine
flache Wölbung die mitten gleichsam wie in einen Schlussstein in eine schöne
Rose zusammenlief Diese Rose war von vorzüglich leichter Arbeit und war ihrem
Vorbilde treuer als ich irgendwo in Eisen gesehen hatte Außerdem war das ganze
Gitter in zierlicher Art zusammengestellt und die Stäbe hatten nebst der
Schlussrose noch manche andere bedeutsame Verzierungen Es war fast gegen Abend
als ich mich in einer Stube des Erdgeschosses deren Fenster auf die Rosen
hinausgingen befand um mir vorläufig die ganze Gestalt des Gitters die außen
zu sehr von den Rosen verdeckt war zu entwerfen Die einzelnen Verzierungen
deren Hauptentwicklung nach außen ging wollte ich mir später einmal von dorther
zeichnen Da ich in meine Arbeit vertieft war dunkelte es vor dem Fenster wie
wenn die Laubblätter vor demselben von einem Schatten bedeckt würden Da ich
genauer hinsah erkannte ich dass jemand vor dem Fenster stehe den ich aber der
dichten Ranken willen nicht erkennen konnte In diesem Augenblicke ertönte durch
das geöffnete Fenster klar und deutlich Mathildens Stimme die sagte »Wie diese
Rosen abgeblüht sind so ist unser Glück abgeblüht«
Ihr antwortete die Stimme meines Gastfreundes welche sagte »Es ist nicht
abgeblüht es hat nur eine andere Gestalt«
Ich stand auf entfernte mich von dem Fenster und ging in die Mitte des
Zimmers um von dem weiteren Verlaufe des Gespräches nicht mehr zu vernehmen Da
ich ferner überlegt hatte dass es nicht geziemend sei wenn mein Gastfreund und
Matilde später erführen dass ich zu der Zeit als sie ein Gespräch vor dem
Fenster geführt hatten in der Stube gewesen sei der jenes Fenster angehörte
so entfernte ich mich auch aus derselben und ging in den Garten Da ich nach
einer Zeit meinen Gastfreund Mathilden Natalie und Gustav gegen den großen
Kirschbaum zugehen sah begab ich mich wieder in die Stube und holte mir meine
Zeichnungsgeräte die ich dort liegen gelassen hatte denn der Abend war
mittlerweile so dunkel geworden dass ich zum Weiterzeichnen nicht mehr sehen
konnte
Als die Rosenblüte gänzlich vorüber war beschlossen wir uns auch eine Zeit
in dem Sternenhofe aufzuhalten Da wir den Hügel zu ihm hinan fuhren sah ich
dass Gerüste an dem Mauerwerke aufgeschlagen waren und als wir uns genähert
hatten erkannte ich dass die Arbeiter die sich auf den Gerüsten befanden
damit beschäftigt waren die Tünche von den breiten Steinen welche an die
Oberfläche der Mauern gingen abzunehmen und die Steine zu reinigen Man hatte
vorher an einem abgelegenen Teile des Hauses einen Versuch gemacht welcher sich
bewährte und welcher dartat dass das Haus ohne Tünche viel schöner aussehen
werde
In dem Sternenhofe wurde ich so freundlich behandelt wie in der früheren
Zeit ja wenn ich meinem Gefühle trauen durfte und wenn man so feine
Unterscheidungen machen darf noch freundlicher als früher Matilde zeigte mir
selber alles von dem sie glaubte dass es mir von einigem Werte sein könnte und
erklärte mir bei diesem Vorgange alles von dem sie glaubte dass es einer
Erklärung bedürfen könnte Während dieses meines Aufenthaltes erfuhr ich auch
dass Matilde das Schloss von einem vornehmen Manne gekauft hatte der selten auf
demselben gewesen war und es ziemlich vernachlässigt hatte Vor ihm war es im
Besitze einer Verwandten gewesen deren Großvater es gekauft hatte In der Zeit
vorher war ein häufiger Wechsel der Eigentümer gewesen und das Gut war sehr
herab gekommen Matilde fing damit an dass sie die zum Schloss gehörigen
Untertanen welche Zehnte und Gaben in dasselbe zu entrichten hatten gegen ein
vereinbartes Entgelt für alle Zeiten von ihren Pflichten entband und sie zu
unbeschränkten Eigentümern auf ihrem Grunde machte Das zweite was sie tat
bestand darin dass sie die Liegenschaften des Schlosses selber zu bewirtschaften
begann dass sie einen geschlossenen Hausstand von Gesinde und ihrer eigenen
Familie begründete und mit diesem Hausstande lebte
Sie richtete den Meierhof zurecht und brachte mit Hilfe tätiger Leute die
sie aufnahm die Felder die Wiesen und Wälder in einen besseren Stand Die
schönen Zeilen von Obstbäumen welche durch die Fluren liefen und die mir bei
meinem ersten Aufenthalte schon so sehr gefallen hatten waren von ihr selber
gepflanzt und wenn sie gute selbst ziemlich erwachsene Obstbäume irgendwo
erhalten konnte so scheute sie nicht die Zeit und den Aufwand sie bringen und
auf ihren Grund setzen zu lassen Da die Nachbarn dieses Verfahren allmählich
nachahmten so erhielt die Gegend das eigentümliche und wohlgefällige Ansehen
das sie von den umliegenden Ländereien unterschied
Die Gemälde welche sich in den Wohnzimmern Mathildens und Nataliens
befanden hatten nach meiner Meinung im ganzen genommen zwar nicht den Wert wie
die im Asperhofe aber es waren manche darunter welche mir nach meinen jetzigen
Ansichten mit der größten Meisterschaft gemacht schienen Ich sagte die Sache
meinem Gastfreunde er bestättigte sie und zeigte mir Gemälde von Tizian Guido
Reni Paul Veronese Van Dyck und Holbein Unbedeutende oder gar schlechte
Bilder wie ich sie so weit mir jetzt dieses meine Rückerinnerung plötzlich und
wiederholt vor Augen brachte in manchen Sammlungen die mir in früheren Jahren
zugänglich gewesen waren gesehen hatte befanden sich weder in der Wohnung
Mathildens noch in dem Asperhofe Wir sprachen auch hier so wie in dem
Rosenhause von den Gemälden und es gehörte zu den schönsten Augenblicken wenn
ein Bild auf die Staffelei getan worden war wenn man die Fenster die ein
störendes Licht hätten senden können verhüllt hatte wenn das Bild in die
rechte Helle gerückt worden war und wenn wir uns nun davor befanden Matilde
und mein Gastfreund saßen gewöhnlich Eustach und ich standen neben uns
Natalie und nicht selten auch Gustav welcher bei solchen Gelegenheiten sehr
bescheiden und aufmerksam war Öfter sprach hauptsächlich mein Gastfreund von
dem Bilde öfter aber auch Eustach wozu Matilde ihre Worte oder einfachen
Meinungen gesellte Man wiederholte vielleicht oft gesagte Worte man zeigte
sich manches das man schon oft gesehen hatte und machte sich auf Dinge
aufmerksam die man ohnehin kannte So wiederholte man den Genuss und verlebte
sich in das Kunstwerk Ich sprach sehr selten mit höchstens fragte ich und ließ
mir etwas erklären Natalie stand daneben und redete niemals ein Wort
Zur Nymphe des Brunnens die unter der Eppichwand im Garten war ging ich
auch öfter Früher hatte ich den wunderschönen Marmor bewundert desgleichen mir
nicht vorgekommen war jetzt erschien mir auch die Gestalt als ein sehr schönes
Gebilde Ich verglich sie mit der auf der Treppe im Hause meines Gastfreundes
stehenden Wenn auch jenes an Hoheit Würde und Ernst weit den Vorzug in meinen
Augen hatte so war dieses doch auch für mich sehr anmutig weich und klar es
hatte eine beschwichtigende Ruhe wie die Göttin eines Quells sollte und hatte
doch wieder jenes Reine und ich möchte sagen Fremde das ein Gemälde nicht
hat das aber der Marmor so gerne zeigt Ich wurde mir dieser Empfindung des
Fremden jetzt klarer bewusst und ich erfuhr auch dass sie mich schon in früherer
Zeit ergriffen hatte wenn ich mich Marmorbildwerken gegenüber befand Es wirkte
bei dieser Gestalt noch ein Besonderes mit was in meiner Beschäftigung der
Erdforschung seinen Grund hat nämlich dass der Marmor gar so schön und fast
fleckenlos war Er gehörte zu jener Gattung die an den Rändern durchscheinend
ist deren Weiße beinahe funkelt und uns verleitet zu meinen man sähe die
zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie Zuckerkörner schimmern Diese Reinheit
hatte für mich an der Gestalt etwas Erhabenes Nur dort wo das Wasser aus dem
Kruge floss den die Gestalt umschlungen hielt war ein grünlicher Schein in dem
Marmor und der Staffel auf dem der am tiefsten herabgehende Fuß ruhte war
ebenfalls grün und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit ein wenig
verunreinigt Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war wohl trefflich es
mochte wahrscheinlich parischer sein aber er hatte schon einigermaßen die Farbe
alten Marmors während die Nymphe wie neu war als wäre der Marmor aus Karrara
Ich dachte mir wohl auch und meine Freunde bestättigten es dass das Bildwerk
neueren Ursprunges sei aber wie bei dem meines Gastfreundes wusste man auch hier
den Meister nicht
Ich saß sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke Es war da ein Sitz von
weißem Marmor in einer Vertiefung die sich seitwärts von der Nymphe in das
Bauwerk zurück zog und von der aus man die Gestalt sehr gut betrachten konnte
Es war ein sanftes Dämmern auf dem Marmor und im Dämmern war es wieder als
leuchtete der Marmor Man konnte hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem
Kruge das Kräuseln desselben in dem Becken das Hinabträufeln auf den Boden und
das gelegentliche Blitzen auf demselben sehen
Zur Wohnung hatte man mir dieselbe Räumlichkeit gegeben die ich in den
ersten zwei Malen inne hatte da ich in diesem Schloss war Man hatte sie mit
allen Bequemlichkeiten ausgestattet auf die man nur immer denken konnte und
deren ich zum größten Teile nicht bedurfte denn ich war in meinem Reiseleben
gewohnt geworden in den äußeren Dingen auf das einfachste vorzugehen
Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen sagte mir Matilde auf die
liebe freundliche Weise Lebewohl mit der sie mich empfangen hatte
Wir besuchten auf unserer Rückreise mehrere Landwirte welche in der Gegend
einen großen Ruf genossen und besahen was sie auf ihren Gütern eingeführt
hatten und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten wünschten Mein Gastfreund
nahm Rebstecklinge Abteilungen von Samen und Abbildungen von neuen
Vorrichtungen mit nach Hause
Ehe ich die Rückreise zu den Meinigen antrat ging ich noch einmal in das
Rotmoor um zu sehen wie weit die Arbeiten aus meinem Marmor gediehen wären
Von den kleineren Dingen waren manche fertig Das Wasserbecken und die größeren
Arbeiten mussten in das nächste Jahr hinüber genommen werden Ich billigte diese
Anordnung denn es war mir lieber dass die Sache gut gemacht würde als dass sie
bald fertig wäre Das Vollendete packte ich ein um es mit nach Hause zu nehmen
In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurückkunft einen Brief von Roland
der über die Ergebnisse der Nachforschungen nach den Ergänzungen zu den
Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach Es war keine Hoffnung vorhanden die
Ergänzungen zu finden Im ganzen Gebirge war nichts was mit den beschriebenen
Verkleidungen Ähnlichkeit hatte überhaupt sind da keine Verkleidungen und
Vertäflungen vorhanden gewesen wohin Roland seit Jahren seine Wanderungen
angestellt hatte sie müssten denn sehr verborgen sein wonach man ein Auffinden
so dem Zufalle anheim geben müsse wie das durch Zufall entdeckt worden sei was
ich meinem Vater gebracht hätte In Hinsicht der Vertäflungen aber um welche es
sich hier handle sei beinahe Gewissheit vorhanden dass sie zerstört worden
seien Die Ausmasse welche ihm über die in den Händen meines Vaters befindlichen
Werke zugesendet worden seien passen genau auf ein Gemach im Steinhause des
Lautertales woher gleich anfangs der Ursprung der Dinge vermutet worden sei
und welches Gemach jetzt öde steht Es habe zwei Pfeiler an denen die noch
vorhandenen Verkleidungen gewesen sein müssen Die Zwischenarbeiten sind eben so
zerstört worden wie vieles was sich in jenem steinernen Schlösschen befunden
habe denn sonst müssten sie sich entweder in dem Gebäude oder in der Gegend
vorfinden was beides nicht der Fall ist, oder sie müssten sehr im Verborgenen
sein da doch sonst die Nachforschungen welche nun schon durch zwei Jahre
angestellt und bekannt geworden seien die Leute veranlasst haben dürften die
Sachen zum Verkaufe um einen guten Kaufschilling zu bringen Man müsse also
seine Gedanken dahin richten dass nichts zu finden sei und wenn doch noch etwas
gefunden würde so müsse man es als eine unverhoffte Gunst ansehen Mein
Gastfreund und ich sagten dass wir ungefähr auf dieses Ergebnis gefasst gewesen
seien
Als der Herbst ziemlich vorgeschritten war begab ich mich auf die Rückreise
in meine Heimat Es war ein sehr heiterer Sonntagsmorgen den ich zu meiner
Ankunft auserwählt hatte weil ich wusste dass an diesem Tage der Vater zu Hause
sein würde und ich daher den Nachmittag in dem vollen Kreise der Meinigen
zubringen konnte Ich war nicht wie gewöhnlich auf einem Schiffe gekommen
sondern ich hatte meine Wanderung längs des ganzen Gebirges gegen Sonnenaufgang
unternommen und war dann mitternachtwärts mit einem Wagen in unsere Stadt
gefahren Den Vater traf ich sehr heiter an er schien gleichsam um mehrere
Jahre jünger geworden zu sein Die Augen glänzten in seinem Angesichte als wäre
ihm eine sehr große Freude widerfahren Auch die anderen sahen sehr vergnügt und
fröhlich aus
Nach dem Mittagessen führte er mich in das gläserne Häuschen und zeigte mir
dass sich die Verkleidungen bereits auf den Pfeilern befänden Es war ein
bewunderungswürdiger Anblick ich hätte nie gedacht dass sich die Schnitzerei so
gut darstellen würde Sie war vollkommen gereinigt und schwach mit Firnis
überzogen worden
»Siehst du« sagte der Vater »wie sich alles schön gestaltet hat Die
Holzverkleidung fügt sich als wäre sie für diese Pfeiler gemacht worden Es ist
fast auch so der Fall wenn nicht die Holzverkleidung für die Pfeiler gemacht
worden ist, so sind doch die Pfeiler für die Holzverkleidung gemacht worden Was
aber von weit größerer Bedeutung ist besteht darin, dass das Holzkunstwerk in
das ganze Häuschen so passt als wäre sie ursprünglich für dasselbe bestimmt
gewesen und dies freut mich am meisten Ich kann mich daher auch nicht so
betrüben wie du dass die anderen Teile der Verkleidungen nicht aufzufinden
gewesen sind Ich müsste ja das ganze Häuschen wieder umbauen wenn die
Ergänzungen zum Vorscheine gekommen wären denn schwerlich würden sie hieher
passen und zu verstümmeln oder zu vergrößern würden sie ihrer Natur nach nicht
sein Wir wollen daher das Vorhandene genießen und kommt durch ein Wunder die
Ergänzung zum Vorscheine so wird sich schon zeigen was zu tun sei Du siehst
wir haben uns viele Mühe gegeben die Lücken auszufüllen und alles in einen
natürlichen Zusammenhang zu bringen«
So war es auch Über den Verkleidungen befanden sich an den Pfeilern Spiegel
eingesetzt deren Rahmen die Verzierungen der Verkleidung fortsetzten und zu den
Verzierungen der Fensterstäbe und Fensterkreuze hinüber leiteten Unter den
Fenstern waren Simse und Vertäflungen so angebracht dass sie eine ruhigere
Fläche zwischen den Schnitzwerken abgaben Ich sprach gegen meinen Vater meine
Bewunderung aus dass man der Sache eine solche Gestalt zu geben gewusst habe
»Es ist uns aber auch ein sehr tüchtiger Lehrmeister beigestanden«
erwiderte er »und wir waren in der Lage nach seinem Rate noch manches in
unserem begonnenen Werke abzuändern denn sonst wäre es nicht so geworden wie
es geworden ist Setze dich zu uns dass ich es dir erzähle«
Er saß mit der Mutter auf einer Bank die aus feinen Rohrstäben geflochten
war die Schwester und ich nahmen ihnen gegenüber auf Sesseln Platz
»Dein Gastfreund« fing er an »hat uns ausgefunden und hat als du zwei
Wochen fort warst seine Bauzeichnungen und die Zeichnungen vieler anderer
Gegenstände hieher gesendet dass ich sie ansehe Er hat mir auch den Antrag
gemacht dass ich manche die mir besonders gefielen zu meinem Gebrauche
nachzeichnen lassen dürfe nur möchte ich ihm die Blätter vorher alle senden und
die bezeichnen deren Nachbildung ich wünschte er würde sie mir dann
gelegentlich zu diesem Gebrauche zustellen Ich lehnte diese Erlaubnis ab nur
einzelnes von Verzierungen oder Stäben ließ ich flüchtig heraus zeichnen in so
ferne ich erkannte dass es mir bei meinen nächsten Anordnungen würde dienlich
sein Den größten Nutzen aber schöpften wir mein Arbeiter und ich aus der
Anschauung des Ganzen überhaupt Wir lernten hier neue Dinge kennen wir sahen
dass es Schöneres gibt als wir selber haben so dass wir den Plan und die
Ausführung zu den Arbeiten in dem Häuschen hier viel besser machten als wir
sonst beides gemacht haben würden Die Zeichnungen von den Bauwerken Geräten
und anderen Dingen welche mir dein Gastfreund gesandt hat sind so schön dass
es vielleicht wenige gleiche gibt Ich habe wohl in jüngeren Jahren bei meinen
Reisen und Wanderungen sehr schöne und hie und da schönere Bauwerke gesehen
aber Zeichnungen von Bauwerken habe ich nie so vollendet klar und rein gesehen
Ich hatte eine große Freude bei dem Anschauen dieser Dinge und wer in dem
Besitze einer so trefflichen Sammlung der schönsten zahlreichen und dabei so
mannigfaltigen Gegenstände ist der kann niemals mehr bei seinen Anordnungen in
das Unbedeutende Leere und Nichtige verfallen ja er muss bei gehöriger
Benützung und wenn sein Geist die Dinge in sich aufzunehmen versteht nur das
Hohe und Reine hervorbringen Das ist eine seltene Gunst des Schicksales wenn
ein Mann die Musse Mittel und Mitarbeiter hat solche Werke anlegen zu können
Es gehörte zu meinen schönsten Augenblicken in diesen Sammlungen blättern zu
dürfen und mich in die Anschauung dessen was mich besonders ansprach zu
vertiefen Vielleicht gönnt es doch noch einmal eine spätere Gunst von dem
Anerbieten dieses Mannes Gebrauch machen zu können und hie und da etwas zu
Stande zu bringen was nicht ganz ein unwerter Zuwachs zu meinen letzten Tagen
ist. Also gefällt dir das was wir zu unseren Verkleidungen hatten hinzu machen
lassen«
»Vater sehr« erwiderte ich »aber ich habe jetzt andere Dinge zu reden
ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen dass mein Gastfreund seine
Zeichnungen hieher gesendet hat die er so liebt die er gewiss nicht weniger
liebt als seine Bücher von denen er doch keines aus seinem Hause gibt Ich habe
eine so große Freude über dieses Ereignis dass ich nicht Worte finde sie nur
halb auszudrücken Vater mein Gefühl hat in jüngster Zeit einen solchen
Aufschwung genommen dass ich die Sache selber nicht begreife ich muss mit dir
darüber reden ich habe sehr viele Dinge mit dir zu reden Und meinem
Gastfreunde muss ich auf das wärmste und heisseste danken sobald ich ihn sehe er
hat mir durch die Sendung der Zeichnungen an dich die höchste Gunst erzeigt die
er mir nur zu erzeigen im Stande war«
»Dann muss ich dich bitten mit mir zu gehen und noch etwas anzuschauen«
sagte mein Vater
Er führte mich in sein Altertumszimmer Die Mutter und die Schwester gingen
mit
An einem Pfeiler der mit einem langen altertümlich gefassten Spiegel
geschmückt war stand der Tisch mit den Musikgeräten den ich im Rosenhause in
der Wiederherstellung befindlich und zu Anfang dieses Sommers bereits vollendet
gesehen hatte
Ich konnte vor Verwunderung kein Wort sagen
Der Vater der mein Gefühl verstand sagte »Der Tisch ist mein Eigentum Er
ist mir in diesem Sommer gesendet worden und es war die Bitte beigefügt ich
möge ihn unter meinen andern Dingen als Erinnerung an einen Mann aufstellen
dessen größte Freude es wäre einem andern der seine Neigung gleichen Dingen
zuwende wie er ein Vergnügen zu machen«
»Da muss ich nun augenblicklich zu meinem Freunde reisen« rief ich
»Den Dank habe ich ihm wohl schon ausgedrückt« sagte der Vater »aber wenn
du hingehen und es mit dem eigenen Munde tun willst so freut es mich um desto
mehr« Die Schwester hüpfte oder sprang beinahe in dem Zimmer herum und rief
»Ich habe es mir gedacht dass er so handeln wird ich habe es mir gedacht O der
Freude o der Freude Wirst du bald abreisen«
»Morgen mit dem frühesten Tagesanbruch« erwiderte ich »heute müssen noch
Pferde bestellt werden«
»Es ist eine späte Jahreszeit und du bist kaum gekommen mein Sohn« sagte
die Mutter »aber ich halte dich nicht ab Der Tisch und noch mehr die Gesinnung
des Mannes der ihn sendete haben auf deinen Vater wie ein Glück gewirkt Das
müssen vortreffliche Menschen sein«
»Sie haben ihres Gleichen nicht auf Erden« rief ich
Ohne zu säumen schickte ich den Knecht auf die Post um mir auf den nächsten
Morgen um vier Uhr zwei Pferde zu bestellen Dann sprachen wir noch von dem
Tische Der Vater breitete sich über seine Eigenschaften aus er erklärte uns
dieses und jenes und setzte mir dann in einer längeren Beweisführung
auseinander warum er gerade auf diesem Platze stehen müsse auf dem er stehe
Ohne von den Gemälden des Vaters etwas zu sagen auf welche ich mich sehr
gefreut hatte und von denen ich mit dem Vater hatte reden wollen und ohne auf
meinen diesjährigen Sommeraufentalt näher einzugehen ließ ich den Rest des
Tages verfliessen und erwartete mit Ungeduld den Morgen Nur gelegentliche Fragen
des Vaters beantwortete ich und hörte zu wenn er wieder von dem sprach was in
diesem Sommer ein Ereignis für ihn gewesen war Vor dem Schlafengehen nahmen wir
Abschied und ich begab mich auf meine Zimmer
Um drei Uhr des Morgens war ein leichter Lederkoffer gepackt und eine halbe
Stunde später stand ich in guten Reisekleidern da In dem Speisezimmer in
welchem noch ein Frühstück für mich bereit stand erwartete mich die Mutter und
die Schwester Der Vater sagten sie schlummere noch sehr sanft Das Frühmahl
war eingenommen die Pferde standen vor dem Haustore die Mutter verabschiedete
sich von mir die Schwester begleitete mich zu dem Wagen küsste mich dort auf
das innigste und freudigste ich stieg ein und der Wagen fuhr in der noch
überall dicht herrschenden Finsternis davon
Ich war nie mit eigenen Postpferden gefahren weil ich die Auslage für
Verschwendung hielt Jetzt tat ich es mir ging die Reise noch immer nicht
schnell genug und auf jeder Post wo ich neue Pferde und einen neuen Wagen
erhielt deuchte mir der Aufenthalt zu lange
Ich hatte den Vater um den Brief nicht gefragt der mit den Zeichnungen oder
mit dem Tische gekommen war auch hatte ich mich nicht um die Art erkundigt wie
diese Dinge eingelangt seien Der Vater hatte ebenfalls nichts davon erwähnt
Ich beschloss meinem Vorhaben treu zu bleiben und hierüber eine Frage nicht zu
stellen
Nach einer nur durch das notwendige Essen von mir unterbrochenen Fahrt bei
Tag und Nacht kam ich gegen den Mittag des zweiten Tages in dem Rosenhause an
Ich hielt vor dem Gitter gab einem Knechte der gar nicht erstaunt war weil er
an mein Gehen und Kommen in diesem Hause gewohnt sein mochte meinen Koffer
sendete Wagen und Pferde auf die letzte Post in die sie gehörten zurück ging
in das Haus und fragte nach meinem Freunde
Er sei in seinem Arbeitszimmer sagte man mir
Ich ließ mich melden und wurde hinaufgewiesen
Er kam mit lächelnd entgegen als ich eintrat Ich sagte er scheine zu
wissen weshalb ich komme
»Ich glaube es mir denken zu können« antwortete er
»Dann werdet Ihr Euch nicht wundern« sagte ich »dass ich in diesem Jahre
für welches ich schon Abschied genommen habe mittelst einer sehr eiligen Reise
noch einmal in Euer Haus komme Ihr habt meinem Vater eine doppelte Freude
erwiesen Ihr hasst zu mir nichts gesagt mein Vater hat mir auch nichts
geschrieben wahrscheinlich um den Eindruck wenn ich die Sache selber sähe
größer zu machen ich müsste ein sehr unrechtlicher Mensch sein wenn ich nicht
käme und für den Jubel der in mein Herz kam nicht dankte Ich weiß nicht
wodurch ich es denn verdient habe dass Ihr das getan habt was Ihr tatet ich
weiß nicht wie Ihr denn mit meinem Vater zusammenhänget dass Ihr ihm ein so
kostbares Geschenk macht und dass Ihr mit den Zeichnungen so in Liebe an ihn
dachtet Ich danke Euch tausendmal und auf das herzlichste dafür Ich habe Euch
für alles Freundliche was mir in Eurem Hause zu Teil geworden ist in meinem
Herzen gedankt ich habe Euch auch mit Worten gedankt Dieses aber ist das
Liebste was mir von Euch gekommen ist und ich biete Euch den heißesten Dank
dafür an der sich am besten aussprechen würde wenn es mir nur auch einmal
gegönnt wäre für Euch etwas tun zu können«
»Das dürfte sich vielleicht auch einmal fügen« antwortete er »das Beste
aber was der Mensch für einen andern tun kann ist doch immer das was er für
ihn ist Das Angenehmste an der Sache ist mir dass ich mich nicht getäuscht
habe und dass Euer Vater an den Sendungen Freude hatte und dass die Freude des
Vaters auch Euch Freude machte Im übrigen ist ja alles sehr einfach und
natürlich Ihr habt mir von den altertümlichen Dingen erzählt welche Euer Vater
besitzt und welche ihm Vergnügen machen Ihr habt von seinen Bildern
gesprochen Ihr habt ihm Schnitzwerke gebracht für welche er eigens einen
kleinen Erker seines Hauses umbauen ließ Ihr habt Euch große Mühe gegeben die
Ergänzungen zu den Schnitzereien zu finden habt sogar meinen Rat hiebei
eingeholt und es war Euch unangenehm befürchten zu müssen dass Ihr das
Gesuchte trotz alles Strebens nicht finden würdet Da dachte ich dass ich
vielleicht mit einem meiner Gegenstände Eurem Vater ein Vergnügen machen könnte
besprach mich mit Eustach und sandte den Tisch Das Übersenden der Zeichnungen
war auch ganz folgerichtig Ihr habt im vorigen Jahre mit vieler Mühe hier und
im Sternenhofe Abbildungen von Geräten gemacht um Eurem Vater nur im
allgemeinen eine Vorstellung von dem zu geben was hier ist Wie nahe lag es
also ihm Zeichnungen zu schicken in denen noch weit mehr weit Umfassenderes
und weit Edleres enthalten ist, obgleich sie nur die Sammlung eines einzelnen
Menschen sind und weit hinter dem zurückstehen was an Prachtwerken hie und da
besteht Wir haben vielerlei an alten Geräten hier wir können etwas entbehren
haben schon manches weggegeben und geben gerne etwas einem Manne der damit
Freude hat und der es zu pflegen und zu achten versteht«
»Es würde mir sehr viel Schmerz machen« sagte ich »wenn Ihr nur im
entferntesten denken könntet dass ich mit meinen Handlungen auf ein solches
Ergebnis habe hinzielen können«
»Das habe ich nie geglaubt mein junger Freund« antwortete er »sonst hätte
ich die Sachen gar nicht geschickt Aber es ist die zwölfte Stunde nahe Gehet
mit mir in das Speisezimmer Wir wussten zwar von Eurer Ankunft nichts aber es
wird sich schon etwas vorfinden dass Ihr nicht Hunger leiden müsst und dass
auch wir nicht einen Abbruch leiden«
Mit diesen Worten gingen wir in das Speisezimmer
Nach dem Essen wurde ich von Gustav in meine Wohnung geleitet die immer in
reinlichem Stande gehalten wurde und die jetzt von einem schwachen Feuer
wohltätig erwärmt war Mir tat eine Ruhe etwas not und die mäßige Wärme
erquickte meine Glieder
Im Laufe des Nachmittages sagte mein Gastfreund zu mir »Es ist nie ein so
schöner Spätherbst gewesen als heuer meine Witterungsbücher weisen keinen
solchen seit meinem Hiersein aus und es sind alle Anzeichen vorhanden dass
dieser Zustand noch mehrere Tage dauern wird Nirgends aber sind solche klare
Späterbsttage schöner als in unseren nördlichen Hochlanden Während nicht
selten in der Tiefe Morgennebel liegen ja der Strom täglich in seinem Tale
morgens den Nebelstreifen führt schaut auf die Häupter des Hochlandes der
wolkenlose Himmel herab und geht über sie eine reine Sonne auf die sie auch
den ganzen Tag hindurch nicht verlässt Darum ist es auch in dieser Jahreszeit in
den Hochlanden verhältnismäßig warm und während die rauen Nebel in der
Tiefgegend schon die Blätter von den Obstbäumen gestreift haben prangt oben
noch mancher Birkenwald mancher Schlehenstrauch manches Buchengehege mit
seinem goldenen und roten Schmucke Nachmittags ist dann gewöhnlich auch die
Aussicht über das ganze Tiefland deutlicher als je zu irgend einer Zeit im
Sommer Wir haben daher beschlossen heuer noch eine Reise in das Hochland zu
machen wie ich es in früherer Zeit schon in manchen Jahren getan habe Die
Entfernungen sind dort nicht so groß und sollten sich die Vorboten melden dass
das Wetter sich zur Änderung anschicke so können wir jederzeit den Heimweg
antreten und ohne viel Ungemach den Asperhof wieder erreichen Morgen wird
Matilde und Natalie eintreffen sie fahren mit uns auch Eustach begleitet uns
Wolltet Ihr nicht auch den Weg mit uns machen und einige Tage der lieblichen
Spätzeit mit uns genießen Kömmt dann Schnee oder Regen wenn wir wieder in
meinem Hause angelangt sind so werdet Ihr wohl auf dem Postwagen Eure Heimreise
machen können und das Wetter wird Euch nicht viel anhaben«
»Es kann mir nie viel anhaben« entgegnete ich »weil ich gegen seine
Einflüsse abgehärtet bin auch könnte mir in dem Gefühle welches ich gegen Euch
habe keine größere Annehmlichkeit begegnen als einige Zeit in Eurer
Gesellschaft zu reisen aber zu Hause wissen sie nichts davon und erwarten mich
wahrscheinlich schon bald«
»Ihr könntet sie ja in einem Briefe verständigen« sagte er
»Das kann ich tun« erwiderte ich »Wenn ich auch gleich nach meiner Ankunft
nach einer viele Monate dauernden Abwesenheit wieder fortgereist bin wenn sie
mich auch schon in den nächsten Tagen erwarten so werden sie doch einsehen dass
ein längerer Aufenthalt in der Gesellschaft eines Mannes zu welchem ich in
einer Angelegenheit wie die zwischen uns vorgefallene gereist bin nur in der
Natur der Sache gegründet ist Sie würden es weit übler nehmen wenn ich unter
den bestehenden Verhältnissen nach Hause käme als wenn ich noch eine Weile bei
Euch bleibe«
»Ich habe Euch meine Frage und mein Anerbieten gestellt« antwortete mein
Gastfreund »handelt nach Eurem besten Ermessen Was Ihr tut wird wohl das
Rechte sein«
»Ich schreibe sogleich den Brief«
»Gut und ich werde ihn sofort auf die Post senden«
Ich ging in meine Zimmer und schrieb einen Brief an den Vater Es war wohl
das Rechte was ich tat Wie schwer würden es mir Vater Mutter und Schwester
verziehen haben wenn ich mich nicht mit Freude an einen Mann zu einer kurzen
Reise angeschlossen hätte der so an unserm Hause gehandelt hat
Als ich mit dem Briefe fertig war trug ich ihn hinab und der Knecht der
gewöhnlich zu allen Botengängen verwendet wurde wartete schon auf ihn um nebst
anderen Aufträgen ihn an den Ort zu bringen in welchem er auf die Post kommen
sollte
Am anderen Tage schon im Verlaufe des Vormittages kamen Matilde und
Natalie Es schien dass allen die Ursache, weshalb ich nachdem ich schon
Abschied genommen hatte wieder in das Rosenhaus gekommen war Freude machte
Sie sahen mich freundlicher an Selbst Natalie die mich so gemieden hatte war
anders Ich glaubte einige Male wenn ich abgewendet war ihren Blick auf mich
gerichtet zu wissen den sie aber sogleich wenn ich hinsah weg wendete Gustav
schloss sich mit ganzem Herzen an mich an und hatte darüber kein Hehl Ich wusste
schon dass er mir immer seine Neigung in großem Masse zugewendet habe und ich
erwiderte sie aus dem Grunde meiner Seele
Nachmittags wurden die Vorbereitungen zur Reise gemacht und am anderen
Morgen noch vor Aufgang der Sonne fuhren wir ab Mit Matilde fuhren Natalie und
ein Dienstmädchen mit meinem Gastfreunde fuhren Eustach Gustav und ich Mit
Roland sollten wir irgend wo im Lande zusammen treffen er sollte eine Strecke
mit uns reisen und für diesen Fall war es dann bestimmt dass Gustav in dem
Wagen der Mutter untergebracht werden musste Die eigentümliche Art des
Hochlandes erzeugte einen eigentümlichen Plan des Reisens Wir hatten nämlich
beschlossen über manchen steilen und länger dauernden Berg hinan zu gehen eben
so über manchen hinab Dies sollte die ganze Gesellschaft zuweilen zusammen
bringen zuweilen trennen Man konnte auf diese Art manches gemeinschaftlich
genießen manches vereinzelt sich aber in Kürze davon Mitteilungen machen
Ehe noch die Sonne den höchsten Punkt ihres Bogens erklommen hatte waren
wir bereits die Dachung empor gekommen welche das niedrere Land von dem
Hochlande trennt und fuhren nun in das eigentliche Ziel unserer Reise hinein
Mein Gastfreund hatte recht In dem milden sanften Schimmer der
Nachmittagsonne die hier fast wärmer schien als in den Ebenen und Tälern des
Tieflandes fuhren wir einem lieblichen Schauplatze entgegen Selbst
untergeordnete Umstände vereinigten sich die Reise angenehm zu machen Die
sandigen Straßen des Oberlandes welche auch sehr gut gebaut waren zeigten
sich ohne staubig zu sein sehr trocken was von den Wegen in der Tiefe nicht
gesagt werden konnte die teils durch die täglichen Morgennebel getränkt teils
ihres schweren Bodens halber schon in langen Strecken feucht kühl und schmutzig
waten So rollten wir bequem dahin alles war klar durchsichtig und ruhig
Nataliens gelber Reisestrohhut tauchte vor uns auf oder verschwand so wie ihr
Wagen einen leichten Wall hinan ging oder jenseits desselben hinab fuhr Die
Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel aber schon tief gegen Süden gleichsam
als wollte sie für dieses Jahr Abschied nehmen Die letzte Kraft ihrer Strahlen
glänzte noch um manches Gestein und um die bunten Farben des Gestrippes an dem
Gesteine Die Felder waren abgeerntet und umgepflügt sie lagen kahl den Hügeln
und Hängen entlang nur die grünen Tafeln der Wintersaaten leuchteten hervor
Die Haustiere des Sommerzwanges entledigt der sie auf einen kleinen Weidefleck
gebannt hatte gingen auf den Wiesen um das nachsprossende Gras zu genießen
oder gar auf den Saatfeldern umher Die Wäldchen die die unzähligen Hügel
krönten glänzten noch in dieser späten Zeit des Jahres entweder goldgelb in dem
unverlorenen Schmuck des Laubes oder rötlich oder es zogen sich bunte Streifen
durch das dunkle bergan klimmende Grün der Föhren empor Und über allem dem war
doch ein blauer sanfter Hauch der es milderte und ihm einen lieben Reiz gab
Besonders gegen die Talrinnen oder Tiefen zu war die blaue Farbe zart und schön
Aus diesem Dufte heraus leuchteten hie und da entfernte Kirchtürme oder
schimmerten einzelne weiße Punkte von Häusern Das Tiefland war von den
Morgennebeln befreit es lag samt dem Hochgebirge das es gegen Süden begrenzte
überall sichtbar da und säumte weitinstreichend das abgeschlossene
Hügelgelände auf dem wir fuhren wie eine entfernte duftige schweigende
Fabel Von Menschentreiben darin war kaum etwas zu sehen nicht die
Begrenzzungen der Felder geschweige eine Wohnung nur das blitzende Band des
Stromes war hie und da durch das Blau gezogen Es war unsäglich wie mir alles
gefiel es gefiel mir bei weitem mehr als früher da ich das erste Mal dieses
Land mit meinem Gastfreunde genauer besah Ich tauchte meine ganze Seele in den
holden Spätduft der alles umschleierte ich senkte sie in die tiefen
Einschnitte an denen wir gelegentlich hin fuhren und übergab sie mit tiefem
innerem Abschlusse der Ruhe und Stille die um uns waltete
Als wir einmal einen langen Berg emporklommen dessen Weg einerseits an
kleinen Felsstücken Gestrippe und Wiesen dahinging andererseits aber den Blick
in eine Schlucht und jenseits derselben auf Berge Wiesen Felder und entfernte
Waldbänder gewährte als die Wägen voran gingen und die ganze Gesellschaft
langsam folgte vielfach stehen bleibend und sich besprechend geriet ich neben
Nathalien die mich nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten fragte ob ich
noch das Spanische betreibe
Ich antwortete ihr dass ich es erst seit kurzem zu lernen begonnen habe dass
ich aber seit der Zeit immer darin fortgefahren sei und dass ich zuletzt mich an
Kalderon gewagt habe
Sie sagte von ihrer Mutter sei ihr das Spanische empfohlen worden Es
gefalle ihr sie werde nicht davon ablassen so weit nämlich ihre Kräfte darin
ausreichen und sie finde in dem Inhalte der spanischen Schriften besonders in
der Einsamkeit der Romanzen in den Pfaden der Maultiertreiber und in den
Schluchten und Bergen eine Ähnlichkeit mit dem Lande in dem wir reisen Darum
gefalle ihr das Spanische weil ihr dieses Land hier so gefalle Sie würde am
liebsten wenn es auf sie ankäme in diesen Bergen wohnen
»Mir gefällt auch dieses Land« erwiderte ich »es gefällt mir mehr als ich
je gedacht hätte Da ich zum ersten Male hier war übte es auf mich schier
keinen Reiz aus ja mit seinem raschen Wechsel und doch mit der großen
Ähnlichkeit aller Gründe stieß es mich eher ab als es mich anzog Da ich mit
unserem Gastfreunde später einmal einen größeren Teil bereiste war es ganz
anders ich fand mich zu dieser Weitsicht und Beschränktheit zu dieser Enge und
Grossartigkeit zu dieser Einfachheit und Mannigfaltigkeit hingeneigt Ich fühlte
mich bewegt obwohl ich an ganz andere Gestalten gewohnt war und sie liebte
nämlich an die des Hochgebirges Heute aber gefällt mir alles was uns umgibt
es gefällt mir so dass ich es kaum zu sagen im Stande bin«
»Seht das geht immer so« erwiderte sie »Als ich mit meinem Vater zum
ersten Male hier war freilich befand ich mich noch in den Kinderjahren war mir
das unaufhörliche Auf und Abfahren so unangenehm dass ich mich auf das äußerste
wieder in unsere Stadt und in deren Ebenen zurück sehnte Nach langer Zeit fuhr
ich mit der Mutter durch diese Gegenden und später wiederholt in derselben
Gesellschaft wie heute außer Euch und jedes Mal wurde mir das Land und seine
Gestaltungen ja selbst seine Bewohner lieber Auch das ist eigentümlich und
angenehm dass man Wagenreisen und Fussreisen verbinden kann Wenn man wie wir
jetzt tun die Wägen verlässt und einen langen Berg hinan geht oder ihn hinab
geht wird einem das Land bekannter als wenn man immer in dem Wagen bleibt Es
tritt näher an uns Die Gesträuche an dem Wege die Steinmauern die sie hier so
gerne um die Felder legen ein Birkenwäldchen mit den kleinsten Dingen die
unter seinen Stämmen wachsen die Wiesen die sich in eine Schlucht hinab
ziehen und die Baumwipfel welche aus der Schlucht herauf sehen hat man
unmittelbar vor Augen In Ebenen eilt man schnell vorbei Hier ist gerade so
eine Schlucht wie ich sprach«
Wir blieben ein Weilchen stehen und sahen in die Schlucht hinab Beide
sprachen wir gar nichts Endlich fragte ich sie woher sie denn wisse dass ich
die spanische Sprache lerne
»Unser Gastfreund hat es uns gesagt« erwiderte sie »er hat uns auch
gesagt dass Ihr Kalderon leset«
Nach diesen Worten gingen wir weiter Die andere Gesellschaft welche vor
uns gewesen war blieb im Gespräche stehen und wir erreichten sie Die
Gespräche wurden allgemeiner und betrafen meistens die Gegenstände welche man
eben entweder in nächster Nähe oder in großer Entfernung sah
Weil nach Untergang der Sonne gleich große Kühle eintrat und unsere Reise
nicht den Zweck hatte große Strecken zurück zu legen sondern das zu genießen
was die Zeit und der Weg boten so wurde als die Sonne hinter den Waldsäumen
hinab sank Halt gemacht und die Nachterberge bezogen Die Einteilung war schon
so gemacht worden dass wir zu dieser Zeit in einem größeren Orte eintrafen Wir
gingen noch ins Freie Wie schnell war in kurzem der Schauplatz geändert Die
belebende und färbende Sonne war verschwunden alles stand einfärbiger da die
Kühle der Luft ließ sich empfinden in der Tiefe der Wiesengründe zogen sich
sehr bald Nebelfäden hin das ferne Hochgebirge stand scharf in der klaren Luft
während das Tiefland verschwamm und Schleier wurde Der Westimmel war über den
dunkeln Wäldern hellgelb manche Rauchsäule stieg aus einer Wohnung gegen ihn
auf und bald auch glänzte hie und da ein Stern die feine Mondessichel wurde
über den Zacken des westlichen Waldes sichtbar um in sie zu sinken
Wir gingen nun in ein Zimmer das für uns geheizt worden war verzehrten
dort unser Abendessen blieben noch eine Zeit in Gesprächen sitzen und begaben
uns dann in unsere Schlafgemächer
Am andern Tage war ein klarer Reif über Wiesen und Felder Die Nebelfäden
unserer Umgebung waren verschwunden alles lag scharf und funkelnd da nur das
Tiefland war ein einziger wogender Nebel jenseits dessen das Hochgebirge
deutlich mit seinen frischen und sonnigen Schneefeldern dastand
Kurz nach Aufgang der Sonne fuhren wir fort und bald waren ihre milden
Strahlen zu spüren Wir empfanden sie der Reif schmolz weg und in kurzem
zeigte sich uns die Gegend wieder wie gestern
Wir besuchten eine Kirche in welcher mein Gastfreund Ausbesserungen an
alten Schnitzereien machen ließ Es war aber gerade jetzt nicht viel zu sehen
Ein Teil der Gegenstände war in das Rosenhaus abgegangen ein anderer war
abgebrochen und lag zum Einpacken bereit Die Kirche war klein und sehr alt Sie
war in den ersten Anfängen der gotischen Kunst gebaut Ihre Abbildung befand
sich unter den Bauzeichnungen Eustachs Als wir alles besehen hatten fuhren wir
wieder weiter
Nachmittags gesellte sich Roland zu uns Er hatte uns in einem Gasthause
erwartet in welchem unsere Pferde Futter bekamen
Ich konnte da wir uns eine Weile in dem Hause aufhielten und später bei
einer andern Gelegenheit da wir eine Strecke zu Fuß gingen wieder bemerken
dass seine Blicke zuweilen auf Nathalien hafteten
Er hatte Zeichnungen in einem Buche das er bei sich trug und er hatte
Bemerkungen und Vorschläge in sein Gedenkbuch geschrieben Er teilte von beiden
einiges mit soweit es die Reise gestattete und versprach abends wenn wir in
der Herberge angelangt sein würden noch mehreres vorzulegen
Am nächsten Tage nachmittags kamen wir nach Kerberg und besahen die Kirche
und den schönen geschnitzten Hochaltar Mir gefiel er jetzt viel besser als da
ich ihn in Gesellschaft meines Gastfreundes und Eustachs zum ersten Male gesehen
hatte Ich begriff nicht wie ich damals mit so wenig Anteil vor diesem
außerordentlichen Werke hatte stehen können denn außerordentlich erschien es
mir trotz seiner Fehler die wie ich wohl sah in jedem Werke altdeutscher
Kunst zu finden sein würden die ich aber in dem Bildnerwerke das auf der
Treppe meines Freundes stand nicht fand Wir blieben lange in der Kirche und
ich wäre gerne noch länger geblieben Vor der Ruhe dem Ernste der Würde und
der Kindlichkeit dieses Werkes kam eine Ehrfurcht ja fast ein Schauer in mein
Herz und die Einfachheit der Anlage bei dem großen Reichtume des Einzelnen
beruhigte das Auge und das Gemüt Wir sprachen über das Werk und aus dem
Gespräche erkannte ich jetzt recht deutlich dass früher auch vor diesem Werke
die zwei Männer auf meine Unkenntnis Rücksicht genommen hatten und ich dankte
es ihnen in meinem Herzen Ich nahm mir vor einmal von dieser Schnitzarbeit ein
genaues Abbild zu machen und es meinem Vater zu bringen
Ich äußerte mich wie schön wie groß einmal die Kunst gewirkt habe und wie
dies jetzt anders geworden scheine
»Es sind in der Kunst viele Anfänge gemacht worden« sagte mein Gastfreund
»Wenn man die Werke betrachtet die uns aus sehr alten Zeiten überliefert worden
sind, aus den Zeiten der egyptischen Reiche des assyrischen medischen
persischen der Reiche Indiens Kleinasiens Griechenlands Roms vieles wird
noch erst in unsern Zeiten aus der Erde zu Tage gefördert vieles harrt noch der
zukünftigen Enthüllung wer weiß ob nicht sogar auch Amerika Schätzenswertes
verbirgt wenn man diese Werke betrachtet und wenn man die besten Schriften
liest die über die Entwicklung der Kunst geschrieben worden sind, so sieht man
dass die Menschen in der Erschaffung einer Schöpfung die der des göttlichen
Schöpfers ähnlich sein soll und das ist ja die Kunst sie nimmt Teile größere
oder kleinere der Schöpfung und ahmt sie nach immer in Anfängen geblieben
sind sie sind gewissermaßen Kinder die nachäffen Wer hat noch erst nur einen
Grashalm so treu gemacht wie sie auf der Wiese zu Millionen wachsen wer hat
einen Stein eine Wolke ein Wasser ein Gebirge die gelenkige Schönheit der
Tiere die Pracht der menschlichen Glieder nachgebildet dass sie nicht hinter
den Urbildern wie schattenhafte Wesen stehen und wer hat erst die Unendlichkeit
des Geistes darzustellen gewusst die schon in der Endlichkeit einzelner Dinge
liegt in einem Sturme im Gewitter in der Fruchtbarkeit der Erde mit ihren
Winden Wolkenzügen in dem Erdballe selber und dann in der Unendlichkeit des
Alls Oder wer hat nur diesen Geist zu fassen gewusst Einige Völker sind
sinniger und inniger geworden andere haben ins Grössere und Weitere gearbeitet
wieder andere haben den Umriss mit keuscher und reiner Seele aufgenommen und
andere sind schlicht und einfältig gewesen Nicht ein einzelnes von diesen ist
die Kunst alles zusammen ist die Kunst was da gewesen ist und was noch kommen
wird Wir gleichen den Kindern auch darin dass, wenn sie ein Haus eine Kirche
einen Berg aus Erde nur entfernt ähnlich ausgeführt haben sie eine größere
Freude darüber empfinden als wenn sie das um Unvergleichliches schönere Haus
die schönere Kirche oder den schöneren Berg selbst ansehen Wir haben ein
innigeres und süsseres Gefühl in unserem Wesen wenn wir eine durch Kunst
gebildete Landschaft Blumen oder einen Menschen sehen als wenn diese
Gegenstände in Wirklichkeit vor uns sind Was die Kinder bewundern ist der
Geist eines Kindes der doch so viel in der Nachahmung hervorgebracht hat und
was wir in der Kunst bewundern ist dass der Geist eines Menschen uns gleichsam
sinnlich greifbar ein Gegenstand unserer Liebe und Verehrung wenn auch
fehlerhaft doch dem etwas nachgeschaffen hat den wir in unserer Vernunft zu
fassen streben den wir nicht in den beschränkten Kreis unserer Liebe ziehen
können und vor dem die Schauer der Anbetung und Demütigung in Anbetracht seiner
Majestät immer größer werden je näher wir ihn erkennen Darum ist die Kunst ein
Zweig der Religion und darum hat sie ihre schönsten Tage bei allen Völkern im
Dienste der Religion zugebracht Wie weit sie es in dem Nachschaffen bringen
kann vermag niemand zu wissen Wenn schöne Anfänge da gewesen sind wie zum
Beispiele im Griechentume wenn sie wieder zurück gesunken sind so kann man
nicht sagen die Kunst sei zu Grunde gegangen andere Anfänge werden wieder
kommen sie werden ganz anderes bilden wenn ihnen gleich allen das nämliche zu
Grunde liegt und liegen wird das Göttliche und niemand kann sagen was in
zehntausend in hunderttausend Jahren in Millionen von Jahren oder in Hunderten
von Billionen von Jahren sein wird da niemand den Plan des Schöpfers mit dem
menschlichen Geschlechte auf der Erde kennt Darum ist auch in der Kunst nichts
ganz unschön so lange es noch ein Kunstwerk ist das heißt so lange es das
Göttliche nicht verneint sondern es auszudrücken strebt und darum ist auch
nichts in ihr ohne Möglichkeit der Übertreffung schön weil es dann schon das
Göttliche selber wäre nicht ein Versuch des menschlichen Ausdruckes desselben
Aus dem nämlichen Grunde sind nicht alle Werke aus den schönsten Zeiten gleich
schön und nicht alle aus den verkommensten oder rohesten gleich hässlich Was
wäre denn die Kunst wenn die Erhebung zu dem Göttlichen so leicht wäre wie
groß oder klein auch die Stufe der Erhebung sei dass sie vielen ohne innere
Größe und ohne Sammlung dieser Größe bis zum sichtlichen Zeichen gelänge Das
Göttliche müsste nicht so groß sein und die Kunst würde uns nicht so entzücken
Darum ist auch die Kunst so groß weil es noch unzählige Erhebungen zum
Göttlichen gibt ohne dass sie den Kunstausdruck finden Ergebung Pflichttreue
das Gebet Reinheit des Wandels woran wir uns auch erfreuen ja woran die
Freude den höchsten Gipfel erreichen kann ohne dass sie doch Kunstgefühl wird
Sie kann etwas Höheres sein sie wird als Höchstes dem Unendlichen gegenüber
sogar Anbetung und ist daher ernster und strenger als das Kunstgefühl hat aber
nicht das Holde des Reizes desselben Daher ist die Kunst nur möglich in einer
gewissen Beschränkung in der die Annäherung zu dem Göttlichen von dem Banne der
Sinne umringt ist und gerade ihren Ausdruck in den Sinnen findet Darum hat nur
der Mensch allein die Kunst und wird sie haben so lange er ist wie sehr die
Äußerungen derselben auch wechseln mögen Es wäre des höchsten Wunsches würdig
wenn nach Abschluss des Menschlichen ein Geist die gesamte Kunst des menschlichen
Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen und
überschauen dürfte«
Matilde antwortete hierauf mit Lächeln »Das wäre ja im Großen was du
jetzt im Kleinen tust und es dürfte hiezu eine ewige Zeit und ein unendlicher
Raum nötig sein«
»Wer weiß wie es mit diese n Dingen ist« erwiderte mein Gastfreund »und
es wird hier wie überall gut sein Ergebung Vertrauen Warten«
Eustach öffnete die Mappe in welcher er die Zeichnung des Altares und die
Zeichnungen von Teilen der Kirche von der Kirche selber und von Gegenständen
hatte die sich in der Kirche befanden
Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare es wurde manches bemerkt
manches gelobt manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen
Wir betrachteten auch die Kirche wir betrachteten Teile derselben wir
besahen Grabmäler und unter ihnen auch den großen roten Stein auf welchem der
Mann mit der hohen schönen Stirne abgebildet ist der die Kirche und den Altar
gegründet hatte
Wir blieben an diesem Tage in Kerberg Wir stiegen auf den Berg auf welchem
das alte Schloss lag und sahen das Schloss und den in dem tiefsten herbstlichen
Zustande stehenden Garten an Wir gingen auf den Stellen auf welchen die alten
mächtigen und reichen Leute gegangen waren die einst hier gewohnt hatten und
auch der Mann als dessen Tat die Kirche in dem Tale steht
»Was alle diese Menschen getan haben« sagte mein Gastfreund »wäre zum
Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten die in den Schlössern und
Häusern dieses Landes und mitunter auch in entfernten Städten liegen Einige
wissen einen Teil dieser Taten die meisten sind damit völlig unbekannt und
diejenigen, welche auf den Spuren herum gehen die ihre Vorfahren getreten
haben wissen oft nicht wer diese gewesen sind Es wäre nicht unziemlich wenn
durch Öffnung der Briefgewölbe in allen Ländern auch Einzelgeschichten von
Familien und Gegenden verfasst würden die unser Herz oft näher berühren und uns
greiflicher sind als die großen Geschichten der großen Reiche Man betritt wohl
diesen Weg aber vielleicht nicht ausreichend und nicht in der rechten Art«
Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den höher gelegenen
Teilen des Landes zu das dichter und ausgebreiteter bewaldet war als die bisher
befahrenen Gegenden und von dem uns durch das Dämmer des Vormittages die
breiten und weitinziehenden Bergesrücken mit Nadeldunkel und Buchenrot entgegen
sahen
Mein Gastfreund hatte recht gehabt Ein Tag wurde immer schöner als der
andere Nicht der geringste Nebel war auf der Erde auf welcher wir reisten
nicht das geringste Wölkchen am Himmel der sich über uns spannte Die Sonne
begleitete uns freundlich an jedem Tage und wenn sie schied schien sie zu
versprechen morgen wieder so freundlich zu erscheinen
Roland blieb drei Tage bei uns dann verließ er uns nachdem er vorher noch
Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes gepackt hatte
Er wollte noch bis zum Eintritt des schlechten Wetters in dem Lande bleiben und
dann in das Rosenhaus zurückkehren
Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise die Gespräche waren
traulich und angenehm und jedes Ding eine kleine alte Kirche in der einst
Gläubige gebetet eine Mauertrümmer auf einem Berge wo einst mächtige und
gebietende Menschen gehaust hatten ein Baum auf einer Anhöhe der allein stand
ein Häuschen an dem Wege auf das die Sonne schien alles gewann einen
eigentümlichen sanften Reiz und eine Bedeutung
Am achten Tage wandten wir unsere Wägen wieder gegen Süden und am neunten
abends trafen wir in dem Asperhofe ein
Ehe ich mich zu meiner Heimreise rüstete sah ich noch einmal manches der
herrlichen Bilder meines Gastfreundes drückte manches Außerordentliche der
Bücher in meine Seele sah die geliebten Angesichter der Menschen die mich
umgaben und sah manchen Blick der Landschaft die sich zu tiefem Ersterben
rüstete
Mein Herz war gehoben und geschwellt und es war als breitete sich in
meinem Geiste die Frage aus ob nun ein solches Vorgehen ob die Kunst die
Dichtung die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende oder ob es noch
ein Ferneres gäbe das es umschliesse und es mit weit größerem Glück erfülle
3 Der Einblick
Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter welches mit Wind Regen und Schnee nach den
hellen und sonnigen Tagen die wir in den Hochlanden zugebracht hatten gefolgt
war von dem Rosenhause ab Die Pferde meines Gastfreundes brachten mich auf die
erste Post wo schon ein Platz für mich in dem in der Richtung nach meiner
Heimat gehenden Postwagen bestellt war Matilde und Natalie waren zwei Tage vor
mir abgereist da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten dass die milden
Tage für dieses Jahr zu Ende gehen würden Roland war von seiner Wanderung in
dem Asperhofe eingetroffen Alles hatte auf stürmische Änderung in dem Luftraume
hingedeutet Ich weiß nicht warum ich so lange geblieben war Es erschien mir
auch einerlei ob das Wetter übel sei oder nicht Ich war von meinen Wanderungen
her an jedes Wetter gewohnt um so mehr konnte mir dasselbe gleichgültig sein
wenn ich in einem vollkommen geschützten Wagen saß und auf einer wohlgebauten
Hauptstraße dahin rollte
Am dritten Tage mittags nach meiner Abreise von dem Rosenhause traf ich bei
den Meinigen ein Die zweite Ankunft in diesem Jahre
Sie hatten aus meinem Briefe die Verspätung meiner Ankunft entnommen den
Grund vollständig gebilligt und wären wie ich ganz richtig vorausgesehen
hatte unwillig auf mich geworden wenn ich anders gehandelt hätte Ich erzählte
nun alles was sich nach meiner schnellen Abreise von Hause begeben hatte Da
bei meiner ersten Ankunft gleich die eine Ursache zur Wiederabreise vorgekommen
war so konnte ich auch jetzt erst nach und nach erzählen was sich im
vergangenen Sommer mit mir zugetragen habe Der Vater kam sehr häufig auf die
Zeichnungen zurück die ihm mein Gastfreund gesendet hatte und aus seinen Reden
war zu entnehmen wie sehr er die Geschicklichkeit des Mannes anerkannte der
die Zeichnungen gemacht hatte und wie hoch in seiner Achtung der stehe auf
dessen Veranlassung sie entstanden waren Er führte mich neuerdings zu dem
Musikgerättische zeigte mir noch einmal warum er ihn gerade an diesen Platz
gestellt habe und fragte mich wieder ob ich mit der Wahl des Ortes
einverstanden sei Mich wunderte anfangs die Frage da er sonst nicht gewohnt
war mich in solchen Dingen zu Rate zu ziehen Nach meiner Ansicht war der Tisch
in dem Altertumszimmer an dem Fensterpfeiler in passender Umgebung sehr gut
gestellt und zeigte seine Eigenschaften in dem besten Lichte Ich wiederholte
daher meine vollkommene Billigung des Platzes die ich schon vor meiner Abreise
ausgesprochen hatte Später aber sah ich wohl recht deutlich dass es nur die
Freude an diesem Stücke war was den Vater zur Wiederholung der Frage über die
Zweckmässigkeit des Platzes und zum wiederholten Zurückkommen zu dem Tische
veranlasst hatte Das freudige Wesen welches ich bei meiner ersten Ankunft in
seiner ganzen Gestalt ausgedrückt gesehen zu haben glaubte erschien mir jetzt
auch noch über ihn verbreitet Selbst die Mutter und die Schwester schienen mir
vergnügter zu sein als in andern Zeiten ja mir war es als liebten mich alle
mehr als sonst so gut so freundlich so hingebend waren sie Wie sehr dieses
Gefühl von den Seinen geliebt zu sein das Herz beseligt ist mit Worten nicht
auszusprechen
Ich erzählte meinem Vater von dem Marmorbilde welches auf der Treppe im
Hause meines Gastfreundes steht und suchte ihm eine Beschreibung von diesem
Kunstwerke zu machen Er sah mich sehr aufmerksam an ja mir war es einige Male
als sähe er mich gewissermaßen betroffen an Er fragte um manches und
veranlasste mich neuerdings von dem Bilderwerke zu sprechen Es schien ihn sehr
angelegentlich zu berühren Ich erzählte ihm dann auch von der Brunnengestalt in
dem Sternenhofe verglich sie mit der Treppengestalt im Rosenhause suchte den
Unterschied hervorzuheben und suchte für die Treppengestalt weit den Vorzug zu
gewinnen obgleich sie der älteren Zeit angehöre und die andere etwa erst im
vergangenen Jahrhunderte verfertigt worden sei und obgleich diese fast blendend
reinen Marmor habe die andere aber einen dem man das hohe Alter schon ansehe
Er fragte auch hier noch um Vergleichungspunkte und ich sah dass er die Sache
ergriff und Einsicht von ihr hatte Ich erzählte ihm dann auch von den Gemälden
meines Gastfreundes ich nannte ihm die Meister von denen Werke vorhanden
wären und bemühte mich Beschreibungen von den Bildern zu geben welche mich am
meisten in Anspruch genommen hätten Er tat auch in dieser Hinsicht zahlreiche
Fragen und machte dass ich mich über den Gegenstand weiter ausbreitete als ich
wohl ursprünglich im Sinne hatte
Am zweiten Tage nach meiner Ankunft da wir wieder von diesen Dingen
gesprochen hatten nahm er mich bei der Hand und führte mich in sein
Bilderzimmer Ich war absichtlich seit meiner Ankunft nicht in demselben
gewesen und hatte mir dessen Besuch auf eine ruhigere Zeit aufgehoben Ich
hatte die zwei Tage in Gesprächen mit meinen Eltern hingebracht zum Teile hatte
ich sie auch benützt die Dinge, welche ich ihnen und der Schwester gebracht
hatte zu übergeben Darunter waren auch die kleineren Marmorgegenstände welche
im Rotmoore fertig geworden waren Der Rest der Zeit war mit Auspacken
Einräumen und mit einigen Ankunftsbesuchen ausgefüllt worden Da wir in das
Zimmer getreten waren und die Mitte desselben erreicht hatten ließ er meine
Hand fahren sagte aber nichts Ich war im größten Erstaunen Die Bilder welche
vorhanden waren und deren Zahl geringe war weit geringer als bei meinem
Gastfreunde ja selbst im Sternenhofe erschienen mir als außerordentlich schön
als ganz vollendete zusammenstimmende Meisterwerke wie sie wenn ich dem
ersten Eindrucke trauen durfte bei meinem Gastfreunde in dieser gleich hohen
und zusammen gehörigen Schönheit nicht vorhanden waren Es befand sich wie ich
bald entdeckte kein Bild der neueren oder neuesten Zeit darunter sämtlich
gehörten sie der älteren Zeit an wenigstens wie ich wahrzunehmen glaubte dem
sechzehnten Jahrhunderte Ein ganz tiefes eigentümliches Gefühl kam in meine
Seele Das ist die große und nicht zu beschreibende Liebe des Vaters Diese
kostbaren Dinge besaß er an diesen Dingen hing sein Herz sein Sohn war vorüber
gegangen ohne sie zu beachten und der Vater entzog dem Sohne doch kein
Teilchen der Zuneigung er opferte sich ihm er opferte ihm fast sein Leben er
sorgte für ihn und suchte ihm nicht einmal zu beweisen wie schön die Sachen
wären Ich erfuhr wie sehr ich auch hier geschont worden war
»Das sind ja herrliche Bilder« rief ich in Rührung aus
»Ich glaube dass sie nicht unbedeutend sind« erwiderte er mit einer durch
Bewegung ergriffenen Stimme
Dann gingen wir näher um sie zu betrachten Es waren in der Tat lauter alte
Gemälde keines von besonders großen Abmessungen keines von kunstwidriger
Kleinheit Ich tat die Bemerkung dass er keine neuen Bilder habe
»Es hat sich so gefügt« sagte er »ich habe schon einige der hier
befindlichen Stücke von deinem Großvater der auch ein Freund von solchen Dingen
war geerbt und anderes habe ich gelegentlich erworben Die mittelalterliche
Kunst steht wohl höher als die neue In ihr ist ein größerer Reichtum schöner
Werke vorhanden als in der neuen es ist daher leichter möglich ein
fehlerfreies altes Bild zu erwerben als ein neues Wer Bilder unserer Zeiten
liebt gibt solche die an Schönheit keinen Tadel verdienen nicht zum Kaufe
sie sind daher nicht leicht zu erhalten Bilder die von Anfängern oder von
solchen herrühren die schwach in der Kunst sind stehen leicht und an vielen
Orten teils von den Künstlern teils von Händlern wie es auch in früheren
Zeiten gewesen sein wird zum Kaufen Zu diesen konnte ich nie eine Neigung
fassen daher ist es gekommen dass ich lauter alte Bilder besitze Es war ein
kräftiges und gewaltiges Geschlecht das damals wirkte Dann kam eine
schwächliche und entartetere Zeit Sie meinte es besser zu machen wenn sie die
Gestalten reicher und verblasener bildete wenn sie heftiger in der Farbe und
weniger tief im Schatten würde Sie lernte das Alte nach und nach missachten
daher ließ sie dasselbe verfallen ja die mit der Unkenntnis eintretende Rohheit
zerstörte manches besonders wenn wilde und verworrene Zeitläufe eintraten Man
wendete dann wieder um und achtete allgemeiner wieder das Alte von allen
Seiten missachtet war es niemals Man suchte sogar nachzuahmen nicht bloß in
der Malerkunst sondern auch und zwar noch mehr in der Baukunst man konnte
aber das Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausführung erreichen so
gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten Es ist langsam
besser geworden was sich eben in dem Zeichen kund tat dass man alte Bauwerke
wieder schätzte ich selber weiß noch eine Zeit in welcher Reisende und
Schriftsteller die man für gelehrt und spruchberechtigt achtete die gotische
Bauweise für barbarisch und veraltet erklärten dass man alte Bilder hervor
zog ja alte Geräte sammelte und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und
Wendungen teilweise einführte Möge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren
und nicht bloß das Alte wieder zu einer Mode machen die den Geist nicht kennt
sondern nur die Veränderung liebt Du kannst es noch erleben wenn wieder eine
Hohe eintritt denn ein Schwellen von Tiefe in Höhe und ein Sinken aus der Höhe
in die Tiefe war immer vorhanden Wenn die Erkenntnis des Altertums nicht bloß
des unsern sondern des noch schöneren des Griechentums wie es sich jetzt
auszusprechen scheint immer fortschreitet und nicht ermattet so werden wir
auch dahin kommen dass wir eigene Werke werden ersinnen können in denen die
ernste Schönheitsmuse steht nicht Leidenschaft oder Absicht oder ein
äusserlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit Werke die nicht
nachgeahmt sind oder in denen nur ein älterer Stil ausgedrückt ist Wenn wir
dahin gekommen sind dann dürften wir wohl auch gesellschaftlich auf einer Stufe
stehen dass nicht bloß Teile unseres Volkes nach außen mächtig sind sondern das
ganze Volk und dass es dann mit seinem Leben gelassen kräftig auf das Leben
anderer Völker wirkt Ich denke immer die sind glücklich die die Lerchen
dieses Frühlings singen hören aber diese werden den Zustand nicht so empfinden
wie der der andere gesehen hat so wie der Unschuldige seine Unschuld nicht
empfindet der rechtliche Mann seine Rechtschaffenheit nicht hoch anschlägt und
verdorbene Zeiten ihre Verdorbenheit nicht kennen«
Ich dachte da mein Vater so sprach an meinen Gastfreund der ähnlich fühlt
und sich ähnlich ausspricht Aber es ist ja kein Wunder dass Männer die ein
ähnliches Streben haben also auch ähnlichen Geist besitzen auf ähnliche
Gedanken kommen besonders wenn sie an Alter nicht zu verschieden sind
Wir betrachteten nun das Einzelne
Mein Vater hatte Bilder von Tizian Guido Reni Paul Veronese Annibale
Karacci Dominichino Salvator Rosa Nikolaus Poussin Klaude Lorrain Albrecht
Dürer den beiden Holbein Lukas Cranach Van Dyck Rembrandt Ostade Potter
van der Neer Wouvermann und Jakob Ruisdael Wir gingen von dem einen zu dem
andern betrachteten ein jedes, taten manches Bild auf die Staffelei und
redeten über ein jedes. Mein Herz war voll Freude Es erschien mir jetzt immer
deutlicher was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte dass die Bilder in
dem Gemäldezimmer meines Vaters lauter vorzügliche seien und dass sie noch dazu
an Wert so sehr zusammen stimmten dass das Ganze eben den Eindruck eines
Ausserordentlichen machte Ich hatte schon so viel Urteil gewonnen dass ich
dachte nicht gar zu weit mehr in die Irre geraten zu können Ich äußerte mich
in dieser Beziehung gegen meinen Vater und er versicherte in der Tat dass er
glaube dass er nicht nur gute Meister besitze sondern auch von diesen Meistern
nach seiner Erfahrung die er sich in vielen Jahren in vielen Gemäldesammlungen
und im Lesen vieler Werke über Kunst erworben habe bessere von ihren Arbeiten
Ich gab mich den Bildern immer inniger hin und konnte mich von manchem kaum
trennen Das Köpfchen von einem jungen Mädchen das ich mir einmal zu einem
Zeichnungsmuster genommen hatte stammte von Hans Holbein dem jüngeren her Es
war so zart so lieb dass es jetzt auch wieder einen Zauber auf mich ausübte
wie es wohl auch damals ausgeübt haben musste denn sonst hätte ich es ja nicht
zum Vorbilde genommen Kaum waren hier Mittel zu entdecken mit denen der
Künstler gewirkt hatte Eine so einfache so natürliche Färbung mit wenig Glanz
und Vortreten der Farben so gering scheinende harmlose Linien und doch eine
solche Lieblichkeit Reinheit Bescheidenheit dass man kaum weggehen konnte Die
blonden Haare die sich von der Stirn gegen hinten zogen waren fast mit keinem
Aufwande gemacht und doch konnte es kaum etwas Schöneres geben als diese
blonden Locken Der Vater erlaubte dass ich mir das Bild zweimal auf die
Staffelei stellen durfte
Als wir mit dem Anschauen der Bilder fertig waren zog der Vater eine flache
Lade aus einem Kasten in dem Altertumszimmer stellte die Lade auf einen Tisch
in der Nähe des Fensters und lud mich ein hinzu zu gehen und seine
geschnittenen Steine anzusehen
Ich tat es
Hier war meine Verwunderung fast noch großer als bei den Bildern Ich fand
auf den Steinen die Gestalten wieder wie die eine war welche auf der Treppe
des Hauses meines Gastfreundes stand
»Das sind lauter antike Bildungen« sagte mein Vater
Es waren verschiedene Steine von verschiedenem Werte und verschiedener
Größe Edelsteine die durch ihren Stoff einen hohen Wert nach unsern heutigen
Begriffen haben wie Saphire Rubine waren nicht dabei doch aber mindere die
wohl als Schmuck getragen werden können und wie ich mich jetzt deutlich
erinnerte von unserer Mutter auch bei Gelegenheiten getragen wurden Es war ein
Onyx da auf welchem eine Gruppe in der gewöhnlichen halb erhabenen Arbeit
geschnitten war Ein Mann saß in einem altertümlichen Stuhle Er hatte nur
geringe Bekleidung Seine Arme ruhten sehr schlicht an seiner Seite und sein
feines Angesicht war nur ein wenig gehoben Er war noch ein sehr junger Mann
Frauen Mädchen Jünglinge standen seitwärts in leichterer Arbeit und weniger
kräftig hervorgehoben eine Göttin hielt einen Kranz oberhalb des Hauptes des
sitzenden Mannes Mein Vater sagte das sei sein bester wie größter Stein und
der sitzende Mann dürfte Augustus sein Wenigstens stimme sein Halbangesicht
wie es auf dem Steine sei mit jenen Halbangesichtern Augustus zusammen die
man auf den gut erhaltenen Münzen dieses Mannes sehe Die Gestalt die
Gliederung die Haltung dieses Mannes die Gestalten der Mädchen Frauen und
Jünglinge ihre Bekleidung ihre Stellungen in Ruhe und Einfachheit die
deutliche und naturgemässe Ausführung der kleinen Teile in den Gliedern und
Gewändern machten auf mich wieder jene ernste tiefe fremde zauberartige
Wirkung welche die Gestalt auf der Treppe in dem Hause meines Gastfreundes in
mir hervorgebracht hatte da ich im vergangenen Sommer während des Gewitters zu
ihr empor gestiegen war Auf den andern Steinen befanden sich Männer in Helmen
entweder schöne junge Angesichter oder alte mit ehrwürdigen Bärten Solche die
in mittleren Mannesjahren standen waren gar nicht vorhanden Auch Frauenköpfe
waren auf einigen Steinen zu sehen Auf mehreren zeigten sich ganze Gestalten
ein Hermes mit den Flügeln an den Füßen ein schreitender Jüngling oder einer
der mit dem Arme zum Wurfe mit einem Steine ausholt Diese Gestalten waren so
genau und richtig dass sie das Vergrösserungsglas ertrugen Steine mit andern
Dingen als menschliche Gestalten hatte mein Vater gar nicht Ich erinnerte mich
dass ich irgendwo des Ortes konnte ich mich nicht mehr entsinnen Käfer auf
Steine geschnitten gesehen hatte
»Ich habe die Steine mit menschlichen Gestalten vorgezogen« sagte mein
Vater als ich in dieser Hinsicht eine Bemerkung machte »weil sie mir doch
dasjenige schienen was zu dem Menschen in der nächsten Beziehung steht Ich bin
nicht reich genug eine große Sammlung von geschnittenen Steinen anlegen zu
können in welcher alle Gattungen enthalten sind so fern man Überhaupt
Gelegenheit hat sie zu kaufen und weil ich das nicht konnte so habe ich mich
lediglich auf menschliche Gestalten beschränkt und unter diesen wieder auf
jene deren Erwerb mir ohne Einfluss auf mein Hauswesen möglich war denn es gibt
da Kunstwerke in diesem Fache welche ein ganzes Vermögen in Anspruch nehmen
von dessen Rente manche kleine Familie deren Ansprüche nicht zu bedeutend sind
leben könnte«
Die Männer in den Helmen trugen diese Kopfbedeckung in der gewöhnlichen Art
wie man sie auf den alten Münzen sieht und wie ich sie schon auf Abbildungen
von Kunstwerken in halberhabener Arbeit gesehen habe die sich auf griechischen
oder römischen Bauten befanden Die einfache Art den Helm zu tragen wenn er
auch eine noch so kostbare Arbeit ist habe ich an Abbildungen aus späteren
Zeiten namentlich aus dem Mittelalter nicht mehr gefunden Die Angesichter
hatten Züge die etwas Fremdes wiesen das jetzt nicht mehr vorkömmt und auf
eine entlegene Zeit zurückdeutet Die Züge waren meistens einfach ia sogar oft
unbegreiflich einfach und doch waren sie schön schöner und menschlich
richtiger so schien es mir wenigstens als sie jetzt vorkommen Die Stirnen
die Nasen die Lippen waren strenger ungekünstelter und schienen der
Ursprünglichkeit der menschlichen Gestalt näher Dies war selbst bei den
Abbildungen der Greise der Fall und sogar da wo man vermuten durfte das
abgebildete Haupt sei das Bildnis eines Menschen der wirklich gelebt hat Es
konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Künstlers sein da offenbar die
Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern angehörten sie musste
also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein Die Köpfe der Frauen waren auch
schön oft überraschend schön sie hatten aber auch etwas Eigentümliches das
sich von unsern gewohnten Vorstellungen entfernte sei es in der Art das
Haupthaar aufzustecken und es zu tragen sei es wie sich Stirne und Nase
zeigten sei es im Nacken im Halse im Beginne der Brust oder der Arme wenn
diese feile noch auf dem Bilde waren sei es in dem uns fernliegenden Ganzen
Allgemein aber waren diese Köpfe kräftiger und erinnerten mehr an die
Männlichkeit als die unserer heutigen Frauen Sie erschienen dadurch reizender
und ehrfurchterweckender Die Ausführung dieser Abbildungen zeigte sich so rein
so entwickelt und folgerichtig dass man nirgends auch nicht im Kleinsten
versucht wurde zu denken dass etwas fehle ja dass man im Gegenteile die Gebilde
wie Naturnotwendigkeiten ansah und dass einem in der Erinnerung an spätere Werke
war diese seien kindliche Anfänge und Versuche Die Künstler haben also große
und einfache Schönheitsbegriffe gehabt sie haben sich diese aus der Schönheit
ihrer Umgebung genommen und diese Schönheit der Umgebung durch ihre
Schönheitsbegriffe wieder verschönert So sehr mir die Bilder des Vaters
gefielen so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes gefallen hatten so sehr
wurde ich wie ich durch die Marmorgestalt meines Gastfreundes ernster und höher
gestimmt worden war als durch seine Bilder auch durch die geschnittnen Steine
meines Vaters ernster und höher gestimmt als durch seine Bilder Er musste das
fühlen Er sagte nach einer Weile da wir die Steine angeschaut hatten da ich
mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in meine Hände genommen
hatte »Das was die Griechen in der Bildnerei geschaffen haben ist das
Schönste welches auf der Welt besteht nichts kann ihm in andern Künsten und in
späteren Zeiten an Einfachheit Größe und Richtigkeit an die Seite gesetzt
werden es wäre denn in der Musik in der wir in der Tat einzelne Satzstücke und
vielleicht ganze Werke haben die der antiken Schlichteit und Größe verglichen
werden können. Das haben aber Menschen hervorgebracht deren Lebensbildung auch
einfach und antik gewesen ist ich will nur Bach Händel Haydn Mozart nennen
Es ist sehr schade dass von der griechischen Malerei nichts übrig geblieben ist
als Teile von dem was in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig
betrachtet worden ist, von der Wandmalerei und Gebäudeverzierung Da die
griechische Dichtkunst das Höchste ist was in dieser Kunstabteilung besteht da
ihre Baukunst als Muster einfacher Schönheit besonders für die Gestaltungen
ihres Landes gilt da ihre Geschichtschreiber und Redner kaum ihres Gleichen
haben so ist anzunehmen dass ihre Malerei auch diesen Dingen gleichgeartet
gewesen sein müsse Sie sprechen in Schriften die bis auf unsere Tage gekommen
sind von ihren Bauwerken von ihrer Weltweisheit Geschichtschreibung
Dichtkunst und Bildnerkunst nicht höher als von ihrer Malerei ja nicht selten
scheint es als zögen sie diese noch vor also muss auch sie vom höchsten Belange
gewesen sein denn es ist nicht anzunehmen dass Schriftsteller die doch endlich
der Ausdruck wenn auch der gehobene ihrer Zeit und ihres Volkes sind so feine
Kenntnisse und so feines Gefühl in andern Künsten gehabt haben und für Fehler
der Malerei blind gewesen wären Wahrscheinlich würden wir uns an Strenge und
Rundung in ihrer Malerei ergötzen und sie bewundern wie wir es mit ihren
Bildsäulen tun Ob wir an ihnen für unsere Malerei etwas lernen könnten weiß
ich nicht so wie ich nicht weiß wie viel es ist was wir an ihrer Bildhauerei
gelernt haben Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergnügen gewesen Oft
in trüben Stunden wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes beraubten und
es dürr vor mich hinzubreiten schienen bin ich zu dieser Sammlung gegangen
habe diese Gestalten angeschaut bin in eine andere Zeit und in eine andere Welt
versetzt worden und bin ein anderer Mensch geworden«
Ich sah meinen Vater an Hatte ich früher schon oft Gelegenheit gehabt ihn
hoch zu achten und hatte ich zu verschiedenen Zeiten entdeckt dass er
bedeutendere Eigenschaften besitze als ich geahnt hatte so war ich doch nie in
der Lage ihn beurteilen zu können wie ich ihn jetzt beurteilte In Geschäfte
der eintönigsten Art gezwungen oder vielleicht selber und freiwillig in diese
Geschäfte gegangen denn er führte sie mit einer Ordnung mit einer
Rechtlichkeit mit einer Ausdauer mit einer Anhänglichkeit an sie dass man
staunen musste hatte er der unscheinbar seinen bürgerlichen Obliegenheiten
nachkam und von dem viele nur glauben mochten dass er in seinem Hause einige
Spielereien von alten Geräten Bildern und Büchern habe vielleicht einen
tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen als ich jetzt noch erkennen
konnte und hatte ohne Anspruch an diesem Kreise fort gebaut Ich empfand
Ehrfurcht vor ihm und fragte ihn ob er die Schriftsteller von denen er
spreche griechisch gelesen habe
»Wie könnte ich sie denn anders gelesen haben und noch lesen wenn ich sie
lieben soll« antwortete er »die alte vorchristliche Welt hat so ganz andere
Vorstellungen als die unsere die Völkerwanderung hat so sehr einen Abschnitt in
der Geschichte gemacht dass die Werke der vorher gewesenen Völker gar nicht
übersetzt werden können, weil unsere Sprachen in ihrem Körper und in ihrem
Geiste auf die alten Vorstellungen nicht passen Im Lesen in ihrer Sprache und
in ihren Dichtungen und Geschichten wird man nach und nach einer von ihnen und
lernt ihre Art beurteilen was man sonst nie mehr kann In unsern Schulen lernen
wir ja römisch und griechisch und wenn man in der Zeit nach der Schule noch
etwas nachhilft und fleißig in den alten Schriften liest so fügt sich die Sache
ohne Mühe und gelingt leichter als man etwa das Französische Italienische
oder Englische lernt wie es ja jetzt die meisten Leute tun«
»Du hast ja aber auch diese Sprachen gelernt« sagte ich
»Wie sie auch andere lernen« antwortete er »und wie es mein Stand
foderte«
»Ich habe es bis heute nicht gewusst dass du in den alten Sprachen Bücher
liesest« sagte ich »und was noch mehr ist dass du dich in die Dichtkunst in
die Geschichte und Weltweisheit der Völker deren Schriften du liesest
vertiefest Du weißt dass wir uns nie anmassten die Bücher zu untersuchen in
denen du liesest«
»Es war keine Ursache vorhanden dir zu erzählen was ich lese« antwortete
er »ich dachte es wird sich schon geben Deine Mutter wusste es wohl«
Die Hochachtung für den Vater der ohne Aufheben mehr war als der Sohn
geahnt hatte und der geduldig auf den Sohn gewartet hatte ob er auf dem Wege
zu ihm stoßen werde war nicht die einzige Frucht dieses Tages Ich empfand
recht wohl dass der Vater auch mich höher achtete und dass er eine große Freude
habe dass der Sohn nun auch in Kunstdingen sich ihm nähere Dass wir in einigen
wissenschaftlichen Sachen zusammen trafen wusste ich wohl da wir über
Gegenstände der Geschichte der Dichtungen und über andere in jüngster Zeit
manchmal gesprochen hatten ich wusste aber nie in wie ferne und auf welchen
Wegen der Vater zu diesen Dingen gekommen war Heute hatte ich einen größeren
Einblick getan und ich wusste nun auch gar nicht welch eine geregelte
wissenschaftliche Bildung der Vater aus seinen früheren Jahren hinter sich habe
und ob es nicht etwa gar aus dieser wissenschaftlichen Bildung herzuschreiben
sei dass er mich gerade meinen Weg habe gehen lassen der mir selber zuweilen
abenteuerlich vorgekommen war Ich musste jetzt doppelt wünschen dass mein Vater
einmal mit meinem Gastfreunde zusammen käme um mit ihm über ähnliche
Gegenstände zu sprechen wie er heute zu mir gesprochen hatte Ich konnte doch
nicht hinreichend eingehen und wusste auch nicht in wie ferne er in seinen
Urteilen über altgriechische Bildnerkunst Dichtkunst Malerei und über die
neuere Musik recht habe Allein der Vater arbeitete so ruhig in seinem
Berufsgeschäfte weiter er war in alle Einzelheiten desselben so vertieft und
sorgte für den regelmäßigen Fortgang desselben dass es nicht leicht zu erwarten
war dass er sich zu einer Reise entschließen würde
Gegen das Ende unseres Gespräches kam auch die Mutter und Klotilde herein
Das Angesicht der Mutter wurde sehr heiter als sie uns bei den Steinen stehen
sah als sie sah dass der Vater sie mir zeigte und erklärte und als sie auch
erkennen mochte dass in dem Wesen des Vaters eine Freude sei und dass die
Annäherung die sie geahnt habe wirklich eingetreten sei
Wir gingen noch einige Male bald in das Bilderzimmer bald in das
Altertumszimmer in welchem noch immer die Lade mit den Steinen auf dem Tische
stand und redeten über Verschiedenes
»Diese Kunstwerke« sagte der Vater da er die Steine wieder verschlossen
hatte und da wir uns aus diesem Zimmer entfernten »könnt ihr in euren Besitz
bringen Wenn ihr Sinn und tiefe Liebe für dieselben habet so werdet ihr sie
nach unserem Tode in einer von mir gemachten und wie ich glaube gerechten
Teilung empfangen Sterbe ich vor eurer Mutter so bleiben sie als Denkmal
unseres friedlichen Hauses in der Lage in der sie jetzt sind und sie werden
euch erst eingehändigt wenn mir auch die Mutter gefolgt ist Will Klotilde dir
ihren Anteil abtreten so ist die Summe schon bestimmt welche du ihr dafür
geben musst und so auch umgekehrt Ist bei beiden nach unserm Absterben eine
solche Liebe zu diesen Bildern und Steinen nicht vorhanden dass ihr sie
unzersplittert bewahret so ist schon bestimmt dass auf eure hierin eingeholte
Erklärung dieselben gegen ein Entgelt das nicht unbillig ist an einen Ort
übergehen an welchem sie beisammen bleiben Ich glaube aber wohl dass diese
Neigung in unserm Hause fortdauern werde«
Wir antworteten auf diese Rede nichts weil sie einen Gegenstand berührte
der wie entfernt wir ihn uns auch denken mussten doch schmerzlich auf uns
einwirkte
Ich verlegte mich nach dieser gemachten Erfahrung mit noch größerem Eifer
auf die Kenntnis der Werke der bildenden Kunst Ich lernte mich in die Bilder
des Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten hinein und war zu diesem Zwecke
sehr oft und zuweilen lange in dem Bilderzimmer ich besuchte alle größeren
zugänglichen Sammlungen und suchte deren Bilder zu ergründen ich besah alle
Bildnerwerke die in unserer Stadt einen Ruf hatten und strebte nach einer
genauen Kenntnis ihrer Beschaffenheiten ich las endlich namhafte Werke über die
Kunst und verglich meine Gedanken und Gefühle mit den in den Büchern gefundenen
Ich sprach viel mit meinem Vater über diese Gegenstände wir näherten uns immer
mehr meine Empfindungen wurden stets inniger und ich versenkte meine Seele in
sie Unsern Erzdom bewunderte ich jetzt in einem höheren Masse als in allen
früheren Zeiten und ich stand manche Stunde vor seinem ungeheuren Baue Selbst
die Gebilde der Mathematik, wenn ich wieder zu Zeiten etwas in ihr zu tun hatte
erschienen mir zuweilen schön und zierlich was mir namentlich bei einigen
französischen Matematikern geschah Das Malen schöner Köpfe setzte ich fort
und eben so wurde das Zeichnen und Malen von Landschaften welches ich im
vorigen Jahre mit der Schwester begonnen hatte nicht bei Seite gesetzt Ich
nahm mit ihr die Zeichnungen vor welche sie im vergangenen Sommer während
meiner Abwesenheit gemacht hatte und so wie ich von meinem Gastfreunde von
Eustach und von dem Vater über die Fehler belehrt worden war die sich in meinen
Landschaftsversuchen befanden so belehrte ich Klotilden wieder über die
ihrigen
Seit ich Mathilden kannte besonders aber jetzt nachdem ich öfter in ihrer
Gesellschaft gewesen war und im Späterbste die Reise mit ihr und den andern in
das Hochland gemacht hatte war ich auch auf die Angesichter ältlicher und alter
Frauen aufmerksam geworden Man tut sehr unrecht und ich bin mir bewusst dass
ich es auch getan habe und gewiss handeln andere Leute in ihrer Jugend ebenfalls
so wenn man die Angesichter von Frauen und Mädchen sobald sie ein gewisses
Alter erreicht haben sofort beseitigt und sie für etwas hält das die
Betrachtung nicht mehr lohnt Ich fing jetzt zu denken an dass es anders sei
Die große Schönheit und Jugend reißt unsere Aufmerksamkeit hin und erregt ein
tiefstes Gefallen warum sollten wir aber mit dem Geiste nicht auch ein
Angesicht betrachten über welches Jahre hingegangen sind Liegt nicht eine
Geschichte darin oft eine unbekannte voll Schmerzen oder Schönheit die ihren
Widerschein auf die Züge gießt dass wir sie mit Rührung lesen oder ahnen Die
Jugend weist auf die Zukunft hin das Alter erzählt von einer Vergangenheit Hat
diese kein Recht auf unsern Anteil Als ich Mathilden das erste Mal sah fiel
mir das Bild der verblühenden Rose ein welches mein Gastfreund von ihr
gebraucht hatte es fiel mir ein weil ich es so treffend fand und später oft
wenn ich Mathilden betrachtete gesellte sich das Bild wieder zu meinen
Gedanken es erregten sich neue und es erzeugte sich eine ganze Folge davon
Ich hatte mir einmal gedacht dass Matilde aussehe wie ein Bild der Vergebung
und später dachte ich es mir öfter Ihr Angesicht musste sehr Schön gewesen sein
vielleicht gar so schön wie jetzt Nataliens nun ist es ganz anders aber es
spricht leise von einer Vergangenheit dass wir meinen wir müssten sie vernehmen
können und wir vernähmen sie auch gerne weil sie uns so anziehend scheint Sie
muss manche Neigungen gehabt haben sie muss manche Freuden erlebt und manches Gut
verloren haben sie hat Schmerzen und Kummer ertragen aber sie hat alles Gott
geopfert und hat gesucht mit sich in das Gleiche zu kommen sie ist mit den
Menschen gut gewesen und jetzt ist sie in tiefem Glücke mit manchem unerfüllten
Wunsche und mit mancher kleineren und größeren Sorge die sie sinnen macht Als
ich einen Mann sagen gehört hatte dass die Fürstin in deren Abendgesellschaften
ich zuweilen sein durfte so schöne Töne in dem Angesichte habe dass sie nur
Rembrandt zu malen im Stande wäre wurde ich nicht bloß auf die Fürstin noch
mehr aufmerksam die in ihrem hohen Alter noch so schön war sondern ich
betrachtete auch Mathilden wieder genauer und lernte die Schönheit wenn schon
manche Jahre über sie gegangen sind besser kennen Ich fing nun an Männer und
Frauen die in höherem Alter sind zu betrachten und sie um die Bedeutung ihrer
Züge zu erforschen dabei fielen mir die Greisenköpfe auf den Steinen meines
Vaters ein Ich betrachtete die Steine öfter da mir der Zugang zu denselben
erlaubt war und verglich die Köpfe die sich auf ihnen befanden mit denjenigen
die mir in dem jetzt lebenden Geschlechte aufstiessen Beide Arten waren wirklich
nicht mit einander vergleichbar und es zeigten sich in ihnen die
Verschiedenheiten menschlicher Geschlechter Das Antlitz der Fürstin erschien
mir nun um vieles schöner als in der früheren Zeit dass ich aber nicht auf den
Wunsch geriet es malen zu wollen also noch weniger dem Wunsche einen Ausdruck
gab begreift sich In den Angesichtern der manchen welche ich jetzt eifriger
betrachtete fand ich freilich oft etwas das mir nicht gefiel sei es Neid sei
es irgend eine Begierlichkeit sei es bloße Abgelebteit oder Geistlosigkeit
sei es etwas anderes ich stellte bei solchen Gelegenheiten meine Betrachtung
bald ein und hegte nicht den Wunsch das Gesehene zu malen Seit ich Gustav
besser kennen gelernt hatte und näher mit ihm befreundet worden war betrachtete
ich auch gerne Köpfe von Jünglingen ob sie nicht Gegenstände zum Malen abgäben
Wenn gleich sein Angesicht ebenfalls nicht jenen schönen und einfachen
Angesichtern auf den Steinen meines Vaters glich die besonders edel und
merkwürdig aus den Helmen heraus sahen so war es ihnen doch näher als alle
andern welche ich jetzt zu erblicken Gelegenheit hatte und war überhaupt so
schön wie es selten einen Kopf eines Knaben geben wird der eben in das
Jünglingsalter übertritt Wenn der Ausdruck der Mienen der Jünglinge unserer
Stadt sehr oft darauf hinwies dass ihr Geist verzogen worden sein mag wenn sie
etwas Weichliches oder etwas zu sehr Herausforderndes oder etwas hatten das
schon über ihre Jahre hinausging ohne doch Kraft zu zeigen so war Gustavs
Antlitz so kräftig dass es vor Gesundheit zu schwellen schien es war so
einfach dass es gleichsam keinen Wunsch keine Sorge kein Leiden keine
Bewegung aussprach und doch war es wieder so weich und gütig dass man wenn der
feurige Blick nicht gewesen wäre in das Angesicht eines Mädchens zu blicken
geglaubt haben würde
Ich zeichnete und malte meine Köpfe jetzt anders als noch kurz vorher Wenn
ich früher vorzüglich bei Beginne dieser meiner Beschäftigung nur auf
Richtigkeit der äußeren Linien sah so weit ich dieselbe darzustellen vermochte
und wenn ich nur die Farben annäherungsweise zu erringen im Stande war so
glaubte ich mein Ziel erreicht zu haben jetzt sah ich aber auf den Ausdruck
gleichsam wenn ich das Wort gebrauchen darf auf die Seele welche durch die
Linien und die Farben dargestellt wird Seit ich die Marmorgestalt in dem Hause
meines Gastfreundes so lieben gelernt hatte und in die Bilder mich vertiefte
welche ich in dem Rosenhause getroffen hatte und in dem Hause meines Vaters
vorfand war alles anders als früher ich suchte und haschte nach irgend einem
Innern nach irgend etwas das weit außer dem Bereiche von Linien und Farben
lag das größer war als diese Dinge und doch durch sie darzustellen sein musste
Einen Kopf so zu zeichnen oder gar zu malen wie ich jetzt wollte war viel
schwerer als wie ich früher anstrebte es war ohne einen Vergleich zuzulassen
schwerer aber es war nicht zu umgehen wenn man überhaupt die Sache machen
wollte es war dichten wenn ein Dichtungswerk geliefert sein sollte Ich
stellte meine Aufgabe kleiner ich suchte die Züge auf einem bescheidenen Raume
zu entwerfen und begnügte mich mit den Andeutungen in Zeichnung und Farben
wenn nur ein Inneres zu sprechen begann ohne dass ich darauf beharrte dass aus
dem Begonnenen ein ausgeführtes Bild werden sollte was nicht selten wenn ich
es versuchte das Innere wieder vertilgte und das Gemälde seelenlos machte Mein
Vater wurde der Richter und war jetzt ein strenger während er früher alles
einfach hatte gelten lassen was ich unternahm Er pflegte zu sagen das was
ich jetzt vor Augen habe sei das Künstlerische mein Früheres sei ein Vergnügen
gewesen Ich nahm häufig wenn ich nicht in das Reine kommen konnte zu den
Bildern meine Zuflucht und suchte zu ergründen wie es dieser und jener gemacht
habe um zu dem Ausdrucke zu gelangen den er darstellte Mein Vater sagte das
sei der geschichtliche Weg der Kunst man könne ihn verfolgen wenn man große
Bildersammlungen besuche und wenn die Werke ohne große Lücken da sind um sie
vergleichen zu können Das sei auch außer der genauesten Betrachtung der Natur
und der Liebe zu ihr der Weg auf dem die Kunst wachse und auf dem sie bei den
verschiedenen Anfängen die sie in verschiedenen Zeiten und Räumen gehabt habe
gewachsen ist bis sie wieder versank oder zerstört wurde um wieder zu
beginnen und zu versuchen ob sie steigen könne Wo der bare Hochmut auftritt
der alles Gewesene verwirft und aus sich schaffen will dort ist es mit der
Kunst wie auch mit andern Dingen in dieser Welt aus und man wirft sich in das
bloße Leere
Außer dem Zeichnungsunterrichte setzte ich mit der Schwester auch die
Übungen in der spanischen Sprache und im Ziterspiele fort Sie war ohnehin von
Kindheit an geneigt gewesen alles was ich tat ein wenig nachzuahmen und ich
hatte immer die Lust gehabt ihr Führer zu werden Dies blieb jetzt zum Teile
auch so fort
Der Unterricht welchen mir mein Freund der Sohn des Juwelenhändlers in
der Edelsteinkunde gegeben hatte wurde wieder aufgenommen und fortgesetzt Da
wir auch außerdem in manchen Stunden einen freundlichen Umgang mit einander
pflegten so nahm ich mir eines Tages obwohl es mir stets schwer wird jemanden
über seinen ihm eigentümlichen Beruf etwas zu sagen doch den Mut ihn meine
Gedanken über die Fassung der Edelsteine wissen zu lassen wie ich nämlich
glaube dass es nicht richtig sei wenn die Edelsteine von der Fassung erdrückt
würden dass ich es aber auch für nicht richtig halte wenn sie keine andere
Fassung hätten als die sie brauchten um an dem Kleidungsstücke mit dem Halt
den sie benötigen befestigt werden zu können und dass daher der Mittelweg sich
darbiete dass die Schönheit des Steines durch die Schönheit der Gestaltgebung
vergrößert werde wodurch es sich möglich mache dass der an sich so kostbare
Stoff das Kostbarste würde nämlich ein Kunstwerk Ich wies hiebei auf die
Gestaltungen hin welche die Kunst des Mittelalters hege und aus denen
geschöpft und weiter fortgeschritten werden könne
»Du hast im Grunde vollkommen recht« erwiderte mein Freund »wir fühlen das
alle mehr oder minder klar außer denen welchen alles gleichgültig und
unwesentlich ist was nicht unmittelbar zum Erwerbe führt darum sind auch
allerlei Versuche gemacht worden und werden noch gemacht die Fassung zu
vergeistigen Sie gelingen in so ferne mehr oder weniger je nachdem es größere
oder kleinere Künstler sind welche die Entwürfe machen Hierin liegt aber eine
mehrfache Schwierigkeit Zuerst sind die welche in Juwelen und Perlen arbeiten
sehr selten Künstler sie können es nicht leicht werden weil die Vorbereitung
dazu zu viel Zeit und Kräfte in Anspruch nehmen würde werden sie es aber so
bleiben sie gleich Künstler verfertigen Kunstwerke und arbeiten nicht in
Edelsteinen was ihrem Geiste und ihrem Einkommen abträglich wäre Müssen nun
Künstler um Entwürfe angegangen werden so bietet sich zweitens der Übelstand
dass der Künstler die Juwelen zu wenig kennt und die Fassung daher zu wenig auf
ihre Natur berechnen kann wozu sich noch gesellt dass die großen Künstler
schwer zugänglich sind Entwürfe für Edelsteinfassungen auszuarbeiten es müsste
denn dies eine besondere Liebhaberei sein und wenn sie es tun so kommt die
Fassung sehr teuer Deshalb muss man zu geringeren Künstlern seine Zuflucht
nehmen welche dann auch wieder geringere Entwürfe liefern Wir haben die Sache
in unserer Handelsstube ganz im Klaren Wir versuchen auch von Zeit zu Zeit ein
wirkliches Kunstwerk in Perlen und edlen Steinen darzustellen und warten ob
ein Kenner komme und es übernehme denn der Leute welche Edelsteine brauchen
sind viel mehr als welche Kunstdinge suchen Solche Werke in großer Zahl
ausführen zu lassen hindert uns der Mangel an zahlreichen trefflichen Entwürfen
und der Mangel an Käufern da der Juwelenverkauf doch endlich unser Erwerb ist
Da unsere gewöhnlichen Kunden aber doch so viel Geschmack haben dass sie eine
unedle Fassung beleidigen würde so wählen wir den natürlichsten Weg die
Fassung im Stoffe edel und in der Gestalt auf das einfachste zu machen so dass
die Schönheit der Steine oder der Perlen allein es ist was herrscht und der
Anker an dem es haftet sich verbirgt Was deinen Gedanken von
mittelalterlichen Gestaltungen anbelangt so ist er nicht neu man hat schon
solche versucht und der Freiherr von Risach hat bei uns nach beigebrachten
Zeichnungen Dinge ähnlicher Art verfertigen lassen«
Mir leuchtete die Sache sehr ein und ich konnte sie nicht weiter beregen
Ich betrachtete von nun an mit noch größerer Sorgfalt und Genauigkeit die
Arbeiten welche mein Freund in den verschiedenen Werkstätten der Stadt machen
ließ Sie waren meistens sehr schön ja ich glaube schöner als man sie
irgendwo zu sehen gewohnt ist Desungeachtet musste ich behaupten dass, wenn nur
überhaupt ein edlerer und höherer Sinn für Kunst vorhanden wäre diejenigen
Leute welche große Summen für Schmuck ausgeben dieselben Summen oder
vielleicht noch größere dahin verwenden würden dass sie gleich wirkliche
Kunstwerke in Juwelen bestellten Dagegen erwiderte mein Freund dass wie hoch
der Kunstsinn auch stehe und wie weit er sich verbreite doch die Zahl derer
immer größer bleiben würde welche bloß Schmuck als Schmucksachen kaufen als
derer welche Kunstwerke in Kleinodien entwerfen und ausfahren lassen was er
allerdings als die höchste Spitze seines Berufes ansehen würde Dazu komme noch
dass mancher der Kunstsinn habe von der Schönheit der Steine sich gefangen
nehmen lasse und zuletzt nichts begehre als diese einzige Schönheit In dem
letzten Grunde hatte mein Freund ganz besonders recht denn je mehr ich selber
die Steine betrachtete je mehr ich mit ihnen umging eine desto größere Macht
übten sie auf mich dass ich begriff dass es Menschen gibt welche bloß eine
Edelsteinsammlung ohne Fassung anlegen und sich daran ergötzen Es liegt etwas
Zauberhaftes in dem feinen samtartigen Glanze der Farbe der Edelsteine Ich zog
die farbigen vor und so sehr die Diamanten funkelten so ergriff mich doch mehr
das einfache reiche tiefe Glühen der farbigen
Meinen Beruf den ich im Sommer bei Seite gesetzt hatte nahm ich wieder
auf Ich machte mir gleichsam Vorwürfe dass ich ihn so verlassen und mich einem
planlosen Leben hatte hingeben können Ich tat das wozu der Winter gewöhnlich
ausersehen war und setzte die Arbeiten der vorigen Zeiten fort Das Regelmässige
der Beschäftigung übte bald seine sanfte Wirkung auf mich denn was ich trotz
der freudigen Stimmung in welcher ich aus meinen Erringungen in der Kunst und
in der Wissenschaft war doch Schmerzliches in mir hatte das wich zurück und
musste erblassen vor der festen ernsten strengen Beschäftigung die der Tag
foderte und die ihn in seine Zeiten zerlegte
Ich besuchte auch wie im vergangenen Winter meine Kreise dann Musik und
Kunstanstalten
Dass das alles vereinigt werden konnte musste eine genaue Zeiteinteilung
gemacht werden und ich musste die Zeit richtig verwenden Dazu war ich wohl von
Kindheit an gewöhnt worden ich stand sehr früh auf und hatte manches für den
Tag schon an der Lampe fertig gemacht wenn die allgemeine Frühstunde in unserm
Hause heran rückte und man sich zu dem Frühmahle versammelte Dazu brauchte ich
nicht viel Schlaf und konnte manche Stunde von der beginnenden Nacht nehmen Die
Tätigkeit stärkte und wenn ein Schwung und eine Erhebung in meinem Wesen war
so wurde der Schwung und die Erhebung durch die Tätigkeit noch klarer und
fester
Einer meiner ersten Gänge war nach meiner Zurückkunft zu der Fürstin um
mich ihr vorzustellen Sie war selber erst vor wenigen Tagen von ihrem
Lieblingslandsitze in die Stadt zurückgekehrt und noch nicht recht heimisch Sie
empfing mich sehr freundlich wie immer und fragte mich um meine Beschäftigungen
während des Sommers Ich konnte ihr nicht viel sagen und erzählte ihr außer den
Messungen die ich am Lautersee vorgenommen hatte von meinen Kunstbestrebungen
meiner Kunstneigung und meiner Liebe zu den Dichtungen Von den besonderen
Verhältnissen zu meinem Gastfreunde erwähnte ich nur das Allgemeine, weil ich es
für anmassend gehalten hätte einer alten würdigen Frau deren Beziehungen
ausgebreitet und inhaltsreich waren unaufgefodert Einzelheiten von meinem Leben
mitzuteilen Sie ging auch nicht näher darauf ein dafür verweilte sie desto
eifriger bei der Kunst und bei den Dichtern Sie fragte mich was ich gelesen
hätte wie ich es aufgefasst hätte und was ich darüber dächte Sie zeigte sich
hiebei mit allen den Werken bekannt welche ich ihr nannte nur hatte sie das
Griechische von dem ich ihr erzählte bloß in der Übersetzung gelesen Sie ging
im allgemeinen auf die Gegenstände ein und verweilte bei manchem einzelnen ganz
besonders Unsere Ansichten trafen oft zusammen oft gingen sie auch
auseinander und sie suchte ihre Meinung zu begründen was mir zum mindesten
immer manche neue Gesichtspunkte gab In Bezug auf die Kunst verlangte sie dass
ich ihr einige Zeichnungen und Malereien zeigen möchte deren Wahl ich selber
vornehmen könne wenn ich schon nicht alle vor ihre Augen bringen wollte Ich
sagte dass alle wohl zu viel wären namentlich da ich in erster Zeit so viele
bloß naturwissenschaftliche Zeichnungen gemacht habe und dass ich selber die
Gränze nicht angeben könne wo die naturwissenschaftlichen Zeichnungen in die
künstlerisch angelegten übergingen Ich würde aus allen Zeitabschnitten etwas
auswählen und es ihr bringen Es wurde ein Tag bestimmt an welchem ich zur
Mittagszeit zu ihr kommen sollte
Ich kam an dem Tage es war niemand als die Vorleserin zugegen und es wurde
der Befehl gegeben niemanden vorzulassen denn ihr allein hätte ich ja die
Zeichnungen gebracht nicht jedem fremden Auge das dazu käme Sie sah alle
Blätter an und billigte alle besonders erregten naturwissenschaftliche
Pflanzenzeichnungen ihre Aufmerksamkeit weil sie sich viel mit Pflanzenkunde
beschäftigt hatte noch jetzt Anteil an dieser Wissenschaft nahm und sie
besonders bei ihren Landaufentalten pflegte Sie freute sich an der Genauigkeit
der Abbildungen und sagte mir ganz richtig welche den Urbildern am meisten
entsprächen Nach diesen Pflanzenzeichnungen sagten ihr am meisten die der Köpfe
zu An den landschaftlichen Versuchen mochte ihr die Einseitigkeit aufgefallen
sein da sie gewiss eine Kennerin landschaftlicher Bildungen war weil sie sehr
gerne im Sommer einige Wochen an irgend einer der schönsten Stellen unseres
Landes verweilte Sie äußerte sich aber in dieser Richtung nicht Von den Köpfen
sagte sie dass man auf diese Weise eine ganze Sammlung merkwürdiger Menschen
anlegen könnte Ich erwiderte darauf sei ich nicht ausgegangen ich könnte auch
nicht so leicht beurteilen wer ein merkwürdiger Mensch sei Es habe mir nur da
ich lange Zeit Gegenstände der Natur gezeichnet hatte eingeleuchtet dass das
menschliche Antlitz der würdigste Gegenstand für Zeichnungen sei und da habe
ich die Versuche begonnen es in solchen auszudrücken Ich habe anfangs dabei
unwissend fast immer die Richtung von Naturzeichnungen verfolgt bis sich mir
etwas Höheres zeigte dessen Darstellung darüber hinausgeht das uns erst die
Züge und Mienen recht menschlich macht und dessen Vergegenwärtigung ich nun
anstrebe in Ungewissheit ob es gelingen werde oder nicht
Sie fragte auch nach denjenigen von meinen wissenschaftlichen Bestrebungen
die ich im Zusammenhange aufgeschrieben habe und ließ den Wunsch blicken etwas
Zusammengehöriges zu erfahren Die Geschichte wie unsere Erde entstanden sei
und wie sie sich bis auf die heutigen Tage entwickelt habe müsste den größten
Anteil erwecken Ich entgegnete dass wir nicht so weit seien und dass ich am
wenigsten zu denen gehöre welche einen ergiebigen Stoff zu neuen Schlüssen
geliefert haben so sehr ich mich auch bestrebe für mich und wenn es angeht
auch für andere so viel zu fördern als mir nur immer möglich ist Wenn sie
davon und auch von dem was andere getan haben Mitteilungen zu empfangen
wünsche ohne sich eben in die vorhandenen wissenschaftlichen Werke vertiefen
und den Gegenstand als eigenen Zweck vornehmen zu wollen so werde sich wohl
Zeit und Gelegenheit finden Sie zeigte sich zufrieden und entließ mich mit
jener Güte und Anmut die ihr so eigen war
Seit dieser Zeit verwandelte sich mein Verhältnis zu ihr in ein anderes Da
ich nun einmal unter Tags in ihrer Wohnung gewesen war geschah dies öfter
entweder wenn wir Werke oder Abbildungen anzuschauen hatten wozu das Licht der
abendlichen Lampen nicht ausreichend gewesen wäre oder wenn sie mich zu
Gesprächen einladen ließ die dann gewöhnlich zwischen ihr ihrer
Gesellschafterin und mir vorfielen selten geschah es dass einer ihrer Söhne
gelegentlich anwesend war oder eine Enkelin oder jemand von ihren näheren
Anverwandten und bei denen meistens die Geschichte der Erde oder etwas in die
Naturlehre Einschlägiges der Gegenstand war Öfter machte ich auch selber einen
kurzen Besuch um mich um den Zustand ihrer Gesundheit zu erkundigen Auch die
Abende kamen in Bezug auf mich in eine andere Gestalt Da wir einmal von
Dichtungen geredet hatten mit denen ich mich in der letzten Zeit beschäftigte
und da gerade diese Dichtungen aus einer vergangenen Zeit stammten die nichts
mit den Tageserzeugnissen gemein hatte da die Fürstin sich in ihren jetzigen
Jahren mit diesen Dingen nicht beschäftigte und die Zeit schon ziemlich weit
hinter ihr lag in der sie Kenntnis von solchen Werken genommen hatte so wurde
beschlossen wieder das eine oder das andere vorzunehmen und es gemeinschaftlich
zu genießen Das geschah an Abenden und ich musste oft die Pflicht des Vorlesers
übernehmen besonders wenn die Gesellschaft nicht zahlreich war was sich gerne
an Abenden ereignete in denen Dichtungen vorgenommen wurden In diese Pflicht
geriet ich bei Gelegenheit der Vornahme einiger spanischen Romanzen Die
Fürstin die Gesellschafterin ich und noch ein Mann welcher zugegen war
verstanden schlecht spanisch doch war beschlossen worden die Romanzen in
spanischer Sprache zu lesen Das Vorlesen wurde mir aufgetragen und wie
schlecht oder gut es ging wir verstanden doch mit eingemischten Erklärungen und
mit gelegentlichen Gesprächen in unserer Muttersprache zuletzt die Romanzen
Nach diesem Vorgange musste ich nun auch öfter in deutscher Sprache vorlesen und
es geschah nicht selten dass ich um meine Meinung über Teile des Gelesenen
befragt wurde und dass man eine Erklärung verlangte Dies wurde um so mehr der
Fall als wir uns auch über Abteilungen aus Cervantes und Kalderon wagten In
andern Sprachen besonders im Italienischen des Dante und Tasso las sehr gerne
die Gesellschafterin der Fürstin Das Alte aus dem Griechischen es wurde nur die
Ilias und Odysseus dann einiges aus Äschylos vorgenommen musste ich ganz
allein in deutscher Übersetzung vorlesen Es wurde da auch sehr viel über das
uralte gesellschaftliche Leben der Griechen über ihre häuslichen Einrichtungen
über ihren Staat ihre Kunst und über die Gestalt und Beschaffenheit ihres
Landes und ihrer Meere gesprochen Ich wurde zu diesen Beschäftigungen in diesem
Winter weit öfter zu der Fürstin eingeladen als es früher der Fall gewesen war
Der Frühling und die Zeit in welcher man wieder den Landaufentalt zu suchen
pflegt kam uns zu früh wir verabredeten noch was wir in dem nächsten Winter
vorzunehmen gedächten und die Fürstin beurlaubte mich mit vieler und sehr
gewinnender Freundlichkeit
Die Beschäftigungen im Kreise unserer Familie bestanden jetzt in sehr
häufigen Gesprächen zwischen dem Vater und mir über die Kunst und über Bücher
Er erzählte mir wie er dazu gekommen wäre Bilder lieb zu gewinnen und sich
Bilder zu sammeln Er kam hiebei auf seine Jugend und da er in einer
freudigeren und erregteren Stimmung war als sonst so erzählte er mir
ausführlich wie er dieselbe verlebt habe Er stellte mir dar wie er sich die
Mittel um etwas lernen zu können selber habe verschaffen müssen und wie ihm
sein älterer Bruder der ein sehr begabter Mensch gewesen wäre hierin zwar ein
wenig aber in der Tat sehr wenig habe beistehen können weil er sich selbst
alles habe herbei schaffen müssen und nur um wenige Jahre älter gewesen sei
Nach Anweisung vernünftiger Menschen habe er zu lesen begonnen und manchen
freien Tag in seiner Lehrzeit habe er in seiner Kammer bei den Büchern
zugebracht Er habe da er frei wurde und teils in unserer Stadt teils in den
ersten Handelsplätzen Europas Dienste tat die Bekanntschaft von Künstlern
gemacht habe sie in ihren Arbeitsstuben besucht habe über die Art zu malen
sich Kenntnisse gesammelt und sei mit diesen Kenntnissen in die berühmtesten
Bildersammlungen der größten Städte gegangen Hiebei sei es ihm widerfahren dass
er zweimal im Lernen habe von vorne anfangen müssen So sei es ihm in Rom wohin
er sich von Triest aus begeben hatte um dort ein halbes Jahr für sich selber zu
leben klar geworden dass er gar nichts wisse Er habe wieder unverdrossen
angefangen und von Rom schreibe sich seine Liebe für alte Bilder her Sein
Bruder habe den Weg durch die Staatsschulen gemacht und da er ihn sehr liebte
habe er von ihm auch die Liebe zu den alten Sprachen angenommen In seinen
Diensten habe er mehr freie Zeit gehabt als da er noch lernte und diese Zeit
habe er zu seinen Lieblingsneigungen angewendet Mit einem alten Abte der die
Verwaltung seines Klosters abgegeben hatte und seine würdevolle Musse wie er
sich ausdrückte im Winter in unserer Stadt genoss habe er alte Dichter und
Geschichtschreiber gelesen Der Abt sei ein großer Freund der alten Schriften
gewesen habe bei ihm Neigung zu diesen Dingen entdeckt und sei ihm mit seinen
Kenntnissen beigestanden Er habe sehr oft im Zimmer des Abtes laut aus den
sogenannten Klassikern lesen müssen Die Bekanntschaft desselben habe er bei
seinem Diensterrn in unserer Stadt gemacht in dessen Hause dem Abte der einst
Lehrer dieses Diensterrn gewesen sei jährlich ein oder zwei Male ein Fest
gegeben wurde Der Diensterr der letzte bei dem sich mein Vater befunden sei
ein Ehrenmann gewesen der seinen Leuten nicht nur Gelegenheit verschafft habe
etwas lernen zu können indem er sie zu den vorkommenden Reisen benützte auf
denen sie Geschäftsfreunde Handelsverbindungen Verkehrswege und dergleichen
kennen lernten sondern der ihnen auch Zeit gönnte selber wenn sie nicht die
Mittel zu großen Geschäftsanlagen besaßen mit kleinen Anfängen zu größeren
Unternehmungen und zu endlicher Selbstständigkeit schreiten zu können So habe
auch der Vater mit kleinen Ersparnissen begonnen habe sich aus gedehnt und sei
endlich da die Anfänge unter den Flügeln seines Herrn geschehen seien mit
dessen Unterstützung ein selbstständiger Kaufmann geworden Was er zu
Vergnügungen hätte verwenden können habe er bei Seite gelegt und habe sich
entweder ein Buch oder ein Kunstwerk gekauft oder habe eine Reise zu seiner
Belehrung gemacht Da sich seine Verbindungen mehrten und stets ergiebiger zu
werden versprachen habe er meine Mutter kennen gelernt und ihre Hand gewonnen
Sie habe eine nicht unbeträchtliche Mitgift in das Haus gebracht und so sei
gemeinschaftlich der Grund gelegt worden dass wir Kinder nun nicht nur frei und
unabhängig bei unsern Eltern in ihrem eigenen Hause leben können sondern auch
für die Zukunft einen Notpfennig zu erwarten hätten und dass er selber sich mit
manchem habe umringen können was ihm die sanfte Neigung seines Herzens ge boten
habe und was ihm als Erheiterung und nach der Liebe seiner Gattin und der
Wohlgeratenheit seiner Kinder auch als Lohn seines Alters dienen werde Der be
tagte Abt habe ihn als seinen letzten Schüler noch ge traut und sei bald darauf
gestorben Mit der jungen Frau habe er dreimal seine alten Eltern welche fern
in einem waldigen Lande von einer wenig ergiebigen Feldwirtschaft lebten
besucht sie seien dann kurz darauf eins nach dem andern gestorben Sein edler
Diensterr habe uns noch aus der Taufe gehoben sei dann von den Geschäften
zurück getreten habe bei seinem einzigen Kinde einer Tochter die an einen
angesehenen Güterbesitzer verheiratet war gelebt und sei bei ihr auch endlich
gestorben So haben sich alle Verhältnisse geändert Das heimatliche Waldhaus
mit der geringen Feldwirtschaft habe er und sein Bruder einer Schwester
geschenkt diese sei ohne Kinder gestorben und da weder er noch der Bruder das
Haus bewirtschaften konnten so haben sie eingewilligt dass es an einen
entfernten Verwandten falle Der Bruder sei während unserer Unmündigkeit
gestorben eben so die Grosseltern von mütterlicher Seite und endlich ein
Grossoheim von eben dieser Seite der uns Kinder zu Erben eingesetzt und da die
Mutter keine Geschwister gehabt habe so seien wir nun allein und so sei keine
Verwandtschaft weder von väterlicher noch von mütterlicher Seite übrig Er habe
die Liebe welche ihm durch den Tod seiner Angehörigen denen er besonders dem
Bruder eine treue Erinnerung weihe anheimgefallen sei an die Mutter und uns
übertragen sein Haus sei nun sein Alles und wir zwei die Schwester und ich
sollten verbunden bleiben und sollten in Neigung nicht von einander lassen
besonders wenn auch wir allein sein und er und die Mutter im Kirchhofe
schlummern würden
Diese Ermahnung zur Liebe war nicht nötig denn dass wir die Schwester und
ich uns mehr lieben könnten als wir taten schien uns nicht möglich nur die
Eltern liebten wir beide noch mehr und wenn eine Anspielung darauf gemacht
wurde dass sie uns einst verlassen sollten so betrübte uns das außerordentlich
und wohin wir die Liebe die uns dann zurückfallen sollte wenden würden wussten
wir sehr wohl wir würden sie an gar nichts wenden sie würde von selber über
die Grabhügel hinaus gegen die verstorbenen Eltern bis an unser Lebensende
fortdauern
Die andern Vorkommnisse die zwar auch in unserer Familie aber nicht in ihr
allein sondern zugleich in Gesellschaft von geladenen Menschen vorfielen waren
mir nicht so angenehm als in früheren Zeiten ja sie waren mir eher widerwärtig
und dünkten mir Zeitverlust Sie bestanden beinahe gleichmäßig wie in früheren
Jahren aus abendlichen Kreisen in denen gesprochen wurde oder aus
Gesellschaften in denen etwas Musik oder gar Tanz vorkam An dem letzteren nahm
ich gar keinen Teil und die Schwester welche wie ich schon seit länger
wahrnahm schier alle meine Neigungen teilte tat es sehr wenig und flüchtete
an solchen Abenden sehr gerne zu mir Ich hatte die Leute darunter aber
vorzüglich die jungen welche bei solchen Gelegenheiten zu uns kamen schon genau
kennen gelernt und wenn ich in früherer Zeit eine Scheu ja sogar eine gewisse
Gattung von Ehrfurcht vor ihnen gehabt hatte so war dies jetzt nicht mehr der
Fall ich hatte durch Nachdenken und durch Erfahrungen im Umgange mit andern
Menschen einsehen gelernt dass das wovor ich besonders eine Scheu hatte
nämlich ihre Sicherheit und Vornehmheit nur ein Ding ist welches man lernt
wenn man sehr viel in solchen Gesellschaften ist wie sie bei uns waren und
wenn man in diesen Gesellschaften viel spricht und in den Vordergrund tritt Und
dass dieses Ding nicht schwer zu erlernen ist sah ich daraus dass es solche inne
hatten deren Geisteskräfte hoch zu achten ich nicht veranlasst war Meine
Erfahrungen an Menschen hatte ich aber nicht bloß in hohen Ständen gemacht
sondern auch in niederen und in diesen zwar nicht in der Stadt sondern bei
Gebirgsbewohnern und Landbebauern In hohen Ständen sah ich junge Leute
namentlich bei der Fürstin war das der Fall welche jenes Benehmen das mir
sonst so hoch über mir schien nicht hatten sondern sich einfach und wenig
vortretend gaben höflich und nicht linkisch waren und an das Wort das ich
öfter in meiner Jugend gehört aber falsch verstanden hatte ein junger Mann von
guter Erziehung erinnerten In den unteren Ständen habe ich manchen Mann kennen
gelernt der wenn er vor solchen stand die er für höher erachtete als sich
selbst nicht die Mühe übernahm auch höher in seinem Benehmen sein zu wollen
sondern der ruhig so sprach wie er die Sache verstand und ruhig die Rede
anhörte die ihm ein anderer erwiderte Dieser Mann schien mir auch von höherer
Erziehung als die welche viele Arten des Benehmens wissen und ersichtlich
machen Ein gültiges Beispiel gab mein Gastfreund der noch einfacher war als
jene Männer von denen ich sagte dass ich sie bei der Fürstin gesehen habe und
dessen Rede und Tun so klare Achtung erzeugten Selbst sein Anzug der anfangs
auffiel stimmte zu allem Auch Eustach Gustav aber ganz gewiss standen im
entschiedenen Vorzuge vor meinen Gesellschaftsleuten Weil ich nun diese
Menschen sehr gut kannte und weil sie mir keine hohe Rücksichtnahme mehr
einflössten war es mir unerspriesslich mit ihnen zu sein und es erschien mir
dass ich die Zeit besser würde benützen können Aber auch die Erfahrungen in
dieser Hinsicht mochte mein Vater für nützlich gehalten haben Ich machte sie
nur an jungen Männern Über Mädchen konnte ich ein Urteil gar nicht sagen weil
ich sehr wenig mit ihnen sprach und weil mich natürlich keine in meiner
Zurückgezogenheit aufsuchen konnte Bei älteren Leuten Männern wie Frauen kam
mir oft jemand entgegen dem ich Achtung zollen musste aber auch zu alten Leuten
wie zu Mädchen konnte ich mich nicht drängen Unter denen welchen ich mehr
zugetan war stand der Sohn des Juwelenhändlers oben an ich war ihm wirklich in
der eigentlichen Bedeutung ein Freund Wir brachten außer unseren
Kleinodienlehrstunden manche Zeit mit einander zu wir besprachen verschiedene
Dinge und lasen auch mitunter kleine Abschnitte von Schriften mit einander, die
wir gemeinschaftlich achteten Seine Eltern waren sehr liebenswürdig und fein
Der junge Breporn war mir auch nicht unangenehm Er sprach noch öfter von der
schönen Tarona und bedauerte sehr dass sie auf weite Reisen gegangen und daher
gar nicht in die Stadt gekommen sei weswegen er mir sie nie habe zeigen können
An den eigentlichen Vergnügungen die junge Männer unter sich anstellten nahm
ich nur ungemein selten Teil Dass ich ber auch überhaupt viel weniger mit
Männern meines Alters umging und nicht wie es bei vielen jungen Leuen in
unserer Stadt der Gebrauch ist Tage mit ihnen zubrachte und dies öfter
wiederholte rührte daher dass ich viele Beschäftigungen hatte und dass mir
daher zu wenig eit übrig blieb sie auf anderes zu verwenden Am liebsten war es
mir wenn ich mit meinen Angehörigen allein war
Ich ging nach dem Winter ziemlich spät im Frühlinge auf das Land So
erfreulich der letzte Sommer für mich gewesen war so sehr er mein Herz gehoben
hatte so war doch etwas Unliebes in dem Grunde meines Innern zurück geblieben
was nichts anders schien als das Bewusstsein, dass ich in meinem Berufe nicht
weiter gearbeitet habe und einer planlosen Beschäftigung anheim gegeben gewesen
sei Ich wollte das nun einbringen und den größten Teil des Sommers einer festen
und angestrengten Tätigkeit weihen Ich nahm alle Geräte und Werke mit welche
ich zur Fortsetzung meiner Arbeiten brauchte Freie Stunden die nach genauer
Zeiteinteilung übrig blieben wollte ich dann meinen Lieblingsdingen widmen
Ich kam in das Ahornwirtshaus und bestellte mir dahin auch die Leute die
ich verwenden wollte wenn sie sich nämlich bereit erklärten mir in entferntere
Teile der Gebirge zu folgen wohin mich heuer meine Arbeiten führen würden Der
alte Kaspar wollte mit gehen zwei andere auch und so hatte ich genug Ich
erkundigte mich nach meinem Ziterspiellehrer er war fort und so gut wie
verschollen Kein Mensch wusste etwas von ihm Ich ging in das Rotmoor um
nachzusehen wie weit die Marmorarbeiten gediehen waren Sie wurden heuer
fertig und ich konnte sie im Herbste nach Hause bringen lassen Da das
geschehen war verließ ich für diesen Sommer das Ahornwirtshaus in welchem ich
nun so lange gewohnt hatte um mich in die Bergabteilung zu begeben die ich
durchforschen wollte Ich ging mit einem wehmütigen Gefühle von dem Hause fort
An einer Stelle wo das Gebirge weit verzweigt und wild verflochten aber
desohngeachtet bei weitem nicht so schön war wie das welches ich verlassen
hatte setzte ich mich wie in einem Mittelpunkte meiner Bestrebungen fest Ich
vermisste das heitere fensterschimmernde Ahornhaus ich vermisste das ganze Tal
in dem ich beinahe heimisch geworden war In einem Hause das an der Öffnung
dreier Täler lag und mir daher den geeignetesten Platz abgab mietete ich mich
ein Schwarzer Tannenwald sah auf meine Fenster schritt an den Bächen welche
aus den drei Tälern kamen neben feuchten Wiesen und andern offenen Stellen in
die Talgründe hinein und zog sich auf die Berge Die höheren Kuppen oder gar
die Schneeberge konnte man wegen der Enge des Tales über den finsteren Tannen
nicht sehen Das mochte auch die Ursache sein dass das Haus und die mehreren in
den Waldlehnen zerstreuten und an den Bächen hingehenden Hütten die Tann hießen
Mauern mit grünem Moose bewachsen bildeten mein Haus und grenzten an ein
zerfallenes Gärtchen in welchem wenig mehr als Schnittlauch wuchs Auf der
Gasse war der Boden schwarz und dieselbe Schwärze zog sich in das Gras hinein
denn das einzige welches häufig an diesem Wirtshause ankam und da hielt damit
sich Menschen und Tiere erquickten waren Kohlenfuhren In dem ganzen bei
näherer Besichtigung sich als ungeheuer zeigenden Waldgebiete waren die
Kohlenbrennereien zerstreut und ganze Züge von den schwarzen Fuhrwerken und den
schwarzen Fuhrmännern zogen die düstere Straße hinaus um die Kohlen gegen die
Ebenen zu bringen von wo sie sogar bis in unsere Stadt befördert wurden Nur
ein einziges Zimmer mit kleinen Fenstern und eisernen Kreuzen daran konnte ich
haben In demselben war ein Tisch zwei Stühle ein Bett und eine bemalte Truhe
in die ich Kleider und andere Dinge legen konnte Für meine größeren Kisten
wurde mir ein Verschlag in einem Schoppen eingeräumt Kaspar und die andern
schliefen wenn wir uns in dem Hause befanden in der Scheuer im Heu Ich ließ
mein Gepäcke größtenteils in meinen Koffern hing nur das Nötige an Nägel die
in dem Zimmer waren legte meine Schreibgeräte meine wissenschaftlichen Bücher
und meine Dichter auf den Tisch füllte das Bettgestelle mit meinen von Hause
mitgebrachten Bettstücken stellte meine Bergstöcke in eine Ecke und war
eingerichtet Die Sonne welche am späten Vormittage bei einem Fenster meines
Zimmers hereinkam streifte am Nachmittage das andere um bald die Spitzen der
Tannen zu vergolden und zu verschwinden Ich war in manchen ähnlichen Herbergen
schon gewesen war daran gewöhnt fügte mich und wurde mit dem Wirte der
Wirtin und einer rührigen Tochter einfachen gutmütigen Leuten die einen
kleinen Gedankenkreis hatten bald bekannt Sonst kam noch manches Mal ein
Gebirgsjäger ein seltener Wandersmann oder ein Hausierer in das Tannwirtshaus
Die größte Zahl der Gäste bestand außer den Kohlenführern in Holzknechten
welche in den großen Wäldern zerstreut waren und welche gerne an Samstagen oder
an Tagen vor großen Festen heraus kamen um zu den Ihrigen zu gehen Da
verweilten sie denn nun nicht selten gerne ein wenig in dem Tannwirtshause um
sich ein Gutes zu tun Die Hauptbeschäftigung aller Bewohner der Tann war die
Holzarbeit und ihr Hauptreichtum waren Kühe und Ziegen welche täglich in die
Wälder gingen und von welchen die jüngeren den ganzen Sommer hindurch auf der
Höhe der Waldungen und der Holzschläge blieben
Von diesem Hause aus fingen wir nun an unsere Beschäftigungen zu betreiben
Durch die langen und weitingestreckten Waldungen ging unser Hammer und die
Leute trugen die Zeugen der verschiedenen Bodenbeschaffenheiten auf denen die
ausgedehnten Waldbestände wuchsen in der Gestalt der mannigfaltigen Gesteine in
die Tann Wenn auch von unserem Gasthause aus die Felsenberge oder gar das Eis
nicht zu erblicken waren so waren sie darum nicht weniger vorhanden Weil hier
alles großartiger war da wir uns tiefer im Gebirge und näher seinem Urstocke
befanden so dehnten sich auch die Wälder in mächtigeren Anschwellungen aus und
wenn man durch eine Reihe von Stunden in dem dunkeln Schatten der feuchten
Tannen und Fichten gegangen war so wurden endlich ihre Reihen lichter ihr
Bestand minderte sich erstorbene Stämme oder solche die durch Unfälle zerstört
worden waren wurden häufiger das trockene Gestein mehrte sich und wenn nun
freie Plätze mit kurzem Grase oder Sandgriess oder Knieholz folgten so sah man
dämmerige Wände in riesigen Abmessungen vor den Augen stehen und blitzende
Schneefelder waren in ihnen oder zwischen auseinanderschreitenden Felsen
schaute ein ganz in Weiß gehüllter Berg hervor Die Gesteinwelt folgte nun in
noch größeren Ausdehnungen auf die Waldwelt Uns führte unsere Absicht oft aus
der Umschliessung der Wälder in das Freie der Berge hinaus Wenn die Bestandteile
eines ganzen Gesteinzuges ergründet waren wenn alle Wässer die der Gesteinzug
in die Täler sendet untersucht waren um jedes Geschiebe das der Bach führt
zu betrachten und zu verzeichnen wenn nun nichts Neues nach mehrfacher und
genauer Untersuchung sich mehr ergab so wurde versucht sich des Zuges selbst
zu bemächtigen und seine Glieder so weit es die Macht und Gewalt der Natur
zuließ zu begehen In die wildesten und abgelegensten Gründe führte uns so
unser Plan auf die schroffsten Grate kamen wir wo ein scheuer Geier oder
irgend ein unbekanntes Ding vor uns aufflog und ein einsamer Holzarm
hervorwuchs den in Jahrhunderten kein menschliches Auge gesehen hatte auf
lichte Höhen gelangten wir welche die ungeheure Wucht der Wälder in denen
unser Wirtshaus lag und die angebauteren Gefilde draußen in denen die Menschen
wohnten wie ein kleines Bild zu unsern Füßen legten Meine Leute wurden immer
eifriger Wie überhaupt der Mensch einen Trieb hat die Natur zu besiegen und
sich zu ihrem Herrn zu machen was schon die Kinder durch kleines Bauen und
Zusammenfügen noch mehr aber durch Zerstören zeigen und was die Erwachsenen
dadurch dartun dass sie die Erde nicht nur zur nahrungsprossenden machen wie
der Dichter des Achilleus so oft sagt sondern sie auch vielfach zu ihrem
Vergnügen umgestalten so sucht auch der Bergbewohner seine Berge die er lieb
hat zu zähmen er sucht sie zu besteigen zu überwinden und sucht selbst dort
hinan zu klettern wohin ihn ein weiterer wichtigerer Zweck gar nicht treibt
Die Erzählung solcher bestandener Züge bildet einen Teil der Würze des Lebens
der Bergbewohner Meine Leute waren in einer gesteigerten Freude und Empfindung
wenn wir mit dem Hammer und Meissel teils Stufen in die glatten Wände schlugen
teils Löcher machten unsere vorrätigen Eisen eintrieben auf solche Weise
Leitern verfertigten und auf einen Standort gelangten auf den zu gelangen eine
Unmöglichkeit schien Wir kamen oft eine Reihe von Tagen nicht in unser
Tannwirtshaus hinab
Ich suchte auch gerne auf die Gipfel hoher Berge zu gelangen wenn mich
selbst eben meine Beschäftigung nicht dahin führte Ich stand auf dem Felsen
der das Eis und den Schnee überragte an dessen Fuß sich der Firnschrund befand
den man hatte Überspringen müssen oder zu dessen Überwindung wir nicht selten
Leitern verfertigten und über das Eis trugen ich stand auf der zuweilen ganz
kleinen Fläche des letzten Steines oberhalb dessen keiner mehr war und sah auf
das Gewimmel der Berge um mich und unter mir die entweder noch höher mit den
weißen Hörnern in den Himmel ragten und mich besiegten oder die meinen Stand in
anderen Luftebenen fortsetzten oder die einschrumpften und hinab sanken und
kleine Zeichnungen zeigten ich sah die Täler wie rauchige Falten durch die
Gebilde ziehen und manchen See wie ein kleines Täfelchen unten stehen ich sah
die Länder wie eine schwache Mappe vor mir liegen ich sah in die Gegend wo
gleichsam wie in einen staubigen Nebel getaucht die Stadt sein musste in der
alle lebten die mir teuer waren Vater Mutter und Schwester ich sah nach den
Höhen die von hier aus wie blauliche Lämmerwolken erschienen auf denen das
Asperhaus sein musste und der Sternenhof wo mein lieber Gastfreund hauste wo
die gute klare Matilde wohnte wo Eustach war wo der fröhliche feurige
Gustav sich befand und wo Nataliens Augen blickten Alles schwieg unter mir
als wäre die Welt ausgestorben als wäre das dass sich alles von Leben rege und
rühre ein Traum gewesen Nicht einmal ein Rauch war auf die Höhe hinauf zu
sehen und da wir zu solchen Besteigungen stets schöne Tage wählten so war auch
meistens der Himmel heiter und in der dunkelblauen Finsternis hin eine endlosere
Wüste als er in der Tiefe und in den mit kleinen Gegenständen angefüllten
Ländern erscheint Wenn wir hinab stiegen wenn Kaspar hinter uns die Eisen aus
den Steinen zog und in den Sack tat den er an einem Stricke um die Schultern
hängen hatte wenn wir nun die Leiter über den Firnschrund zurückzogen oder im
Falle dass wir keine Leiter gebraucht hatten über den Spalt gesprungen waren
so zeigte sich in dem Ernste von Kaspars harten Zügen oder in den Angesichtern
der andern die uns begleiteten eine gewisse Veränderung so dass ich schloss
dass der Stand auf dem wir gestanden waren einen Eindruck auf sie gemacht haben
musste
Die Stunden oder Tage die ich mir von meiner Arbeit abdingen konnte weil
ich Ruhe brauchte oder das Wetter mich hinderte wendete ich zur Entwerfung
leichter Landschaftsgebilde an und die Tiefe der Nacht wurde ehe sich die
Augen schlossen durch die großen Worte eines der schon längst gestorben war
und der sie uns in einem Buche hinterlassen hatte erhellt und wenn die Kerze
ausgelöscht war wurden die Worte in jenes Reich mit hinüber genommen das uns
so rätselhaft ist und das einen Zustand vorbildet der uns noch unergründlicher
erscheint
Wie in der jüngstvergangenen Zeit konnte ich auch jetzt nicht mehr mit der
bloßen Sammlung des Stoffes meiner Wissenschaft mich begnügen ich konnte nicht
mehr das Vorgefundene bloß einzeichnen dass ein Bild entstehe wie alles über
einander und neben einander gelagert ist ich tat dieses zwar jetzt auch sehr
genau sondern ich musste mich stets um die Ursachen fragen warum etwas sei
und um die Art wie es seinen Anfang genommen habe Ich baute in diesen Gedanken
fort und schrieb was durch meine Seele ging auf Vielleicht wird einmal in
irgend einer Zukunft etwas daraus
Zur Zeit der Rosenblüte machte ich einen Abschnitt in meinem Beginnen ich
wollte mir eine Unterbrechung gönnen und den Asperhof besuchen
Ich lohnte meine Leute ab gab ihnen das Versprechen dass ich sie in Zukunft
wieder verwenden werde legte zu ihrem Lohne noch ein kleines Heimreisegeld und
entließ sie In dem Tannhause verpackte ich alles wohl was mein Eigentum war
berichtigte das was ich schuldig geworden sagte dass ich wieder kommen werde
dass man mir das Dagelassene unterdessen gut bewahren möge und fuhr in einem
einspännigen Gebirgswäglein durch den tiefen Weg der von dem rauschenden Bache
des Tannwirtshauses waldaufwärts führt davon Als ich die Heerstraße erreicht
hatte sendete ich meinen Fuhrmann zurück und wählte für die weitere Fahrt
einen Platz im Postwagen Die Strecke von der letzten Post zu meinem Freunde
legte ich zu Fuße zurück Für Nachsendung meines Gepäckes trug ich Sorge
Ich war später gekommen als ich eigentlich beabsichtigt hatte In der
tiefen Abgeschiedenheit und in der hohen kühlen Lage der Tann hatte ich mich
über das was draußen geschah getäuscht In dem freieren Lande war ein warmer
Frühling und ein sehr warmer Frühsommer gewesen was ich in den Bergen nicht so
genau hatte ermessen können Darum blühten schon die Rosen mit freudiger Fülle
in allen Gärten an denen ich vorüber kam In schöner Vollkommenheit schauten
die untadeligen Laubkronen meines Gastfreundes über das dunkle Dach des Hauses
und standen an den beiden Flügeln des Gartengitters als ich den Hügel hinan
stieg Die Fenstervorhänge welche teils ein wenig geöffnet teils der Hitze
willen geschlossen waren laden mich gastlich ein und der Schmelz des Gesanges
der Vögel und mancher lautere vereinzelte Ruf grüßte mich wie einen der hier
schon lange bekannt ist
Da ich die Einrichtung des Gittertores kannte drückte ich an der
Vorrichtung der Flügel öffnete sich und ich trat in den Garten
Mein Gastfreund war bei den Bienen Ich erfuhr das von dem Gärtner welcher
der erste war den ich zu sehen bekam Er ordnete etwas an einem Geranienbeete
in der Nähe des Einganges Ich schlug den Weg zu den Bienen ein Mein Gastfreund
stand vor der Hütte und erwartete das Erscheinen einer jungen Familie die
schwärmen wollte Er sagte mir dieses als ich hinzutrat ihn zu begrüßen Der
Empfang war beinahe bewegt wie zwischen einem Vater und einem Sohne so sehr
war meine Liebe zu ihm schon gewachsen und eben so mochte auch er schon eine
Zuneigung zu mir gewonnen haben
Da er doch wohl von seinem Vorhaben nicht weggehen konnte sagte ich ich
wolle die andern auch begrüßen und er billigte es Er hatte mir erzählt dass
Matilde und Natalie in dem Asperhofe seien
Ich ging gegen das Haus Gustav hatte es schon erfahren dass ich da sei er
flog die Treppe herunter und auf mich zu Gruß Gegengruss Fragen Antworten
Vorwürfe dass ich so spät gekommen sei und dass ich in dem Frühlinge doch nicht
einige Tage benützt habe um in den Asperhof zu gehen Er sagte dass er mir sehr
viel zu er zählen habe dass er mir alles erzählen wolle und dass Ich recht lange
lange da bleiben müsse
Er führte mich nun zu seiner Mutter Diese saß an einem Tische im Gebüsche
und las Sie stand auf da sie mich nahen sah und ging mir entgegen Sie
reichte mir die Hand die ich wie es in unserer Stadt Sitte war küssen wollte
Sie ließ es nicht zu Ich hatte wohl schon früher bemerkt dass sie nicht zugab
dass ihr die Hand geküsst werde aber ich hatte in dem Augenblicke nicht daran
gedacht Sie sagte dass ich ihr sehr willkommen sei dass sie mich schon früher
erwartet habe und dass ich nun eine nicht zu kurze Zeit meinen hiesigen Freunden
schenken müsse Wir gingen unter diesen Worten wieder zu dem Tische zurück auf
den sie ihr Buch gelegt hatte und sie hieß mich an ihm Platz nehmen Ich setzte
mich auf einen der dastehenden Stühle Gustav blieb neben uns stehen Ihr
Angesicht war so heiter und freundlich dass ich meinte es nie so gesehen zu
haben Oder es war wohl immer so nur in meiner Erinnerung war es ein wenig
zurück getreten Wirklich so oft ich Mathilden nach längerer Trennung sah
erschien sie mir obwohl sie eine alternde Frau war immer lieblicher und immer
anmutiger Zwischen den Fältchen des Alters und auf den Zügen welche auf eine
Reihe von Jahren wiesen wohnte eine Schönheit welche rührte und Zutrauen
erweckte Und mehr als diese Schönheit war es wie ich wohl jetzt erkannte da
ich so viele Angesichter so genau betrachtet hatte um sie nachzubilden die
Seele welche gütig und abgeschlossen sich darstellte und auf die Menschen die
ihr naheten wirkte Um die reine Stirne zog sich das Weiß der Haubenkrause und
ähnliche weiße Streifen waren um die feinen Hände Auf dem Tische stand ein
Blumentopf mit einer dunkeln fast veilchenblauen Rose Sie lehnte sich in dem
Rohrstuhle auf dem sie saß zurück faltete die Hände auf ihrem Schoße und
sagte »Wir werden in dem Sternenhofe ein kleines Fest feiern Ihr wisst dass wir
begonnen haben die Tünche womit die großen Steinflächen die die Mauern unsers
Hauses bekleiden in früheren Jahren überstrichen worden sind, wegzunehmen weil
unser Freund meinte dass dieselbe das Haus entstelle und dass es sich weit
schöner zeigen würde wenn sie weggenommen und der bloße Stein sichtbar wäre
Heuer ist nun die ganze vordere Fläche des Hauses fertig geworden die Gerüste
werden eben abgebrochen und da werden wenn die Spuren auch auf dem Boden vor
dem Hause vertilgt sind wenn der Sand geebnet ist wenn der Rasen gereinigt und
gewaschen ist dass er keine Kalkflecke sondern das reine Grün zeigt wir alle
hinausfahren um die Sache zu betrachten und ein Urteil abzugeben ob das Haus
den Gewinn gemacht habe der sich uns versprochen hat Es werden auch andere
Menschen kommen es werden wahrscheinlich sich einige Nachbarn einfinden und da
Ihr zu unsern Freunden aus dem Asperhofe gehört und da wir alle Euer Urteil in
Anschlag bringen möchten so seid Ihr gebeten auch dabei zu sein und die
Gesellschaft zu vermehren«
»Mein Urteil ist wohl sehr geringe« antwortete ich »und wenn es nicht ganz
verwerflich ist und wenn ich mir einige Kenntnisse und eine bestimmte
Empfindung des Schönen erworben habe so danke ich alles dem Besitzer dieses
Hauses der mich so gütig aufgenommen und manches in mir hervor gezogen hat das
wohl sonst nie zu irgend einer Bedeutung gekommen wäre Ich werde also kaum zur
Feststellung der Sache auf dem Sternenhofe etwas beitragen können und meine
Ansicht wird gewiss die meines Gastfreundes und Eustachs sein aber da Ihr mich
so freundlich einladet und da es mir eine Freude macht in Eurem Hause sein zu
können so nehme ich die Einladung gerne an vorausgesetzt dass die Zeit nicht
zu spät bestimmt ist da ich doch wohl noch in diesem Sommer in den Ort meiner
jetzigen Tätigkeit zurückkehren und einiges vor mich bringen möchte«
»Die Zeit ist sehr nahe« erwiderte sie »es ist ohnehin schon seit länger
her gebräuchlich dass nach der Rosenblüte zu welcher ich immer in diesem Hause
eingeladen bin unsere hiesigen Freunde auf eine Weile in den Sternenhof hinüber
fahren Das wird auch heuer so sein Während hier die feinen Blätter dieser
Blumen sich vollkommen entwickeln und endlich welken und abfallen wird unser
Hausverwalter in dem Sternenhofe alles in Ordnung bringen dass keine Verwirrung
mehr zu sehr sichtbar ist er wird uns hierüber einen Brief schreiben und wir
werden den Tag der Zusammenkunft bestimmen Von dem Urteile wenn irgend eines
mit einem überwiegenden Gewichte zu Stande kommt wird es abhängen ob auch die
Kosten zu der Reinigung der andern Teile des Hauses verwendet werden oder ob
der jetzige Zustand dass eine Seite von der Tünche befreit ist die übrigen aber
damit behaftet sind der gewiss weniger schön ist als wenn alles übertüncht
geblieben wäre fortbestehen oder ob gar das Befreite wieder übertüncht werden
solle Dass Ihr übrigens Eure Ansichten geringe achtet daran tut Ihr unrecht
Wenn in der Nähe unsers Freundes einiges an Euch früher zur Blüte kam so ist
dies wohl sehr natürlich es ist ja alles an uns Menschen so dass es wieder von
andern Menschen groß gezogen wird und es ist das glückliche Vorrecht
bedeutender Menschen dass sie in andern auch das Bedeutende das wohl sonst
später zum Vorscheine gekommen wäre früher entwickeln Wie sicher in Euch die
Anlage zu dem Höheren und Grösseren vorhanden war zeigt schon die Wahl mit der
Ihr aus eigenem Antriebe auf eine wissenschaftliche Beschäftigung gekommen seid
die sonst unsere jungen Leute in den Jahren in denen Ihr Euch entschieden habt
nicht zu ergreifen pflegen und dass Euer Herz dem Schönen zugewendet war geht
daraus hervor dass Ihr schon bald begannet die Gegenstände Eurer Wissenschaft
abzubilden worauf der dem der bildende Sinn mangelt nicht so leicht verfällt
er macht sich eher schriftliche Verzeichnisse und endlich habt Ihr ja in kurzem
die Abbildung anderer Dinge menschlicher Köpfe Landschaften versucht und habt
Euch auf die Dichter gewendet Dass es aber auch nicht ein unglücklicher Tag war
an welchem Ihr über diesen Hügel herauf ginget zeigt sich in einer Tatsache
Ihr liebt den Besitzer dieses Hauses und einen Menschen lieben können ist für
den der das Gefühl hat ein großer Gewinn«
Gustav hatte während dieser Rede die Mutter stets freundlich angesehen
Ich aber sagte »Er ist ein ungewöhnlicher ein ganz außerordentlicher
Mensch«
Sie erwiderte auf diese Worte nichts sondern schwieg eine Weile Später
fing sie wieder an »Ich habe mir diese Rosenpflanze auf den Tisch gestellt
gewissermaßen als die Gesellschafterin meines Lesens gefällt Euch die Blume«
»Sie gefällt mir sehr« antwortete ich »wie mir überhaupt alle Rosen
gefallen die in diesem Hause gezogen werden«
»Sie ist eine neue Art« sagte sie »ich habe aus England einen Brief
bekommen in welchem eine Freundin mit Auszeichnung von einer Rose sprach die
sie in Kew gesehen habe und deren Namen sie hinzu fügte Da ich in dem
Verzeichnisse unserer Rosen den Namen nicht fand dachte ich dass dies eine Art
sein dürfte welche unser Freund nicht hat Ich schrieb an die Freundin ob sie
mir eine solche Rosenpflanze verschaffen könne Mit Hilfe eines Mannes der uns
beide kennt erhielt sie die Pflanze und in diesem Frühlinge wurde sie mir in
einem Topfe sehr wohl und sinnreich verpackt aus England geschickt Ich pflegte
sie und da die Blumen sich entwickeln wollten brachte ich sie unserm Freunde
Die Rosen öffneten sich hier vollends und wir sahen besonders er der alle
Merkmale genau kennt dass diese Blume sich in der Sammlung dieses Hauses noch
nicht befindet Eustach bildete sie ab dass wir sie festhalten und ob die
welche in Zukunft kommen werden ihr gleichen Mein Freund schrieb nach England
um Pfropfreiser für den nächsten Frühling diese Pflanze bleibt indessen in dem
Topfe und wird hier besorgt werden«
Während sie so sprach regten sich die Zweige neben einem schmalen Pfade
der aus dem Gebüsche auf den Platz führte und Natalie trat auf dem Pfade
hervor Sie war erhitzt und trug einen Strauss von Feldblumen in der Hand Sie
musste nicht gewusst haben dass ein Fremder bei der Mutter sei denn sie erschrak
sehr und mir schien als ginge durch das Rot des erwärmten Angesichtes eine
Blässe die wieder mit einem noch stärkeren Rot wechselte Ich war ebenfalls
beinahe erschrocken und stand auf
Sie war an der Ecke des Gebüsches stehen geblieben und ich sagte die Worte
»Mich freut es sehr mein Fräulein Euch so wohl zu sehen«
»Mich freut es auch dass Ihr wohl seid« erwiderte sie
»Mein Kind du bist sehr erhitzt« sagte die Mutter »du musst weit gewesen
sein es kommt schon die Mittagsstunde und in derselben solltest du nicht so
weit gehen Setze dich ein wenig auf einen dieser Sessel aber setze dich in die
Sonne damit du nicht zu schnell abkühlest« Natalie blieb noch ein ganz kleines
Weilchen stehen dann rückte sie folgsam einen von den herumstehenden Sesseln
so dass er ganz von der Sonne beschienen wurde und setzte sich auf ihn Sie
hatte den runden Hut mit dem nicht gar großen Schirme wie ihn Matilde und sie
sehr gerne auf Spaziergängen in der Nähe des Rosenhauses und des Sternenhofes
trugen als sie aus dem Gebüsche getreten war in der Hand gehabt jetzt da die
Sonne auf ihren Scheitel schien setzte sie ihn auf Sie legte den Strauss von
Feldblumen den sie gebracht hatte auf den Tisch und fing an die einzelnen
Gewächse heraus zu suchen und gleichsam zu einem neuen Strausse zu ordnen
»Wo bist du denn gewesen« fragte die Mutter
»Ich bin zu mehreren Rosenstellen in dem Garten gegangen« antwortete
Natalie »ich bin zwischen den Gebüschen neben den Zwergobstbäumen und unter den
großen Bäumen dann zu dem Kirschbaume empor und von da in das Freie hinaus
gegangen Dort standen die Saaten und es blühten Blumen zwischen den Halmen und
in dem Grase Ich ging auf dem schmalen Wege zwischen den Getreiden fort ich
kam zur Felderrast saß dort ein wenig ging dann auf dem Getreidehügel auf
mehreren Rainen ohne Weg zwischen den Feldern herum pflückte diese Blumen und
ging dann wieder in den Garten zurück«
»Und hast du dich denn lange auf dem Berge aufgehalten und hast du alle
Zeit zu dem Aufsuchen und Pflücken dieser Blumen verwendet« fragte Matilde
»Ich weiß nicht wie lange ich mich auf dem Berge aufgehalten habe aber ich
meine es wird nicht lange gewesen sein« antwortete Natalie »ich habe nicht
bloß diese Blumen gepflückt sondern auch auf die Gebirge geschaut ich habe auf
den Himmel gesehen und auf die Gegend auf diesen Garten und auf dieses Haus
geblickt«
»Mein Kind« sagte Matilde »es ist kein Übel wenn du in den Umgebungen
dieses Hauses herum gehst aber es ist nicht gut wenn du in der heißen Sonne
die gegen Mittag zwar nicht am heißesten ist aber immerhin schon heiß genug
auf dem Hügel herum gehst welcher ihr ganz ausgesetzt ist welcher keinen Baum
außer bei der Felderrast und keinen Strauch hat der Schatten bieten könnte
Und du weißt auch nicht wie lange du in der Hitze verweilest wenn du dich in
das Herumsehen vertiefest oder wenn du Blumen pflückest und in dieser
Beschäftigung die Zeit nicht beachtest«
»Ich habe mich in das Blumenpflücken nicht vertieft« erwiderte Natalie
»ich habe die Blumen nur so gelegentlich gelesen wie sie mir in meinem
Dahingehen aufstiessen Die Sonne tut mir nicht so weh liebe Mutter wie du
meinst ich empfinde mich in ihr sehr wohl und sehr frei ich werde nicht müde
und die Wärme des Körpers stärkt mich eher als dass sie mich drückt«
»Du hast auch den Hut an dem Arme getragen« sagte die Mutter
»Ja das habe ich getan« antwortete Natalie »aber du weißt dass ich dichte
Haare habe auf dieselben legt sich die Sonnenwärme wohltätig wohltätiger als
wenn ich den Hut auf dem Haupte trage der so heiß macht und die freie Luft
geht angenehm wenn man das Haupt entblößt hat an der Stirne und an den Haaren
dahin«
Ich betrachtete Natalie da sie so sprach Ich erkannte erst jetzt warum
sie mir immer so merkwürdig gewesen ist ich erkannte es seit ich die
geschnittenen Steine meines Vaters gesehen hatte Mir erschien es Natalie sehe
einem der Angesichter ähnlich welche ich auf den Steinen erblickt hatte oder
vielmehr in ihren Zügen war das nämliche was in den Zügen auf den Angesichtern
der geschnittenen Steine ist Die Stirne die Nase der Mund die Augen die
Wangen hatten genau etwas was die Frauen dieser Steine hatten das Freie das
Hohe das Einfache das Zarte und doch das Kräftige welches auf einen
vollständig gebildeten Körper hinweist aber auch auf einen eigentümlichen
Willen und eine eigentümliche Seele Ich blickte auf Gustav der noch immer
neben dem Tische stand ob ich auch an ihm etwas Ähnliches entdecken könnte Er
war noch nicht so entwickelt dass sich an ihm schon das Wesen der Gestalt
aussprechen konnte die Züge waren noch zu rund und zu weich aber es deuchte
mir dass er in wenigen Jahren so aussehen würde wie die Jünglingsangesichter
unter den Helmen auf den Steinen aussehen und dass er dann Nathalien noch mehr
gleichen würde Ich blickte auch Mathilden an aber ihre Züge waren wieder in
das Sanftere des Alters übergegangen ich glaubte desohngeachtet vor nicht
langer Zeit müsste auch sie ausgesehen haben wie die älteren Frauen auf den
Steinen aussehen Natalie stammte also gleichsam aus einem Geschlechte das
vergangen war und das anders und selbstständiger war als das jetzige Ich sah
lange auf die Gestalt welche beim Sprechen bald die Augen zu uns aufschlug
bald sie wieder auf ihre Blumen nieder senkte Dass ihr Haupt so antik erschien
wie der Vater mit einem altrömischen Beiworte von seinen Steinen sagte mochte
zum Teile auch daher kommen wenigstens gewann ihre Erscheinung dadurch dass
es mit einem richtig gebildeten Halse aus einem ganz einfachen schmucklosen
Kleide hervor sah Keine überflüssige Zutat von Stoffen und keine Kette oder
sonst ein Schmuck umgab den Hals dieses macht nur die bloß anmutigen
Angesichter noch anmutiger sondern das Kleid mit einer nicht auffallenden
Farbe und mit einem nicht auffallenden Schnitte schloss den reinen Hals und ging
an der übrigen Gestalt hernieder
Die Mutter sah Nathalien freundlich an da sie sprach und sagte dann »Der
Jugend ist alles gut der Jugend schlägt alles zum Gedeihen aus sie wird wohl
auch empfinden was ihr not tut wie das Alter empfindet was es bedarf Ruhe
und Stille und unser Freund sagt ja auch man soll der Natur ihr Wort reden
lassen darum magst du gehen wie du fühlest dass du es bedarfst Natalie du
wirst kein Unrecht begehen wie du es ja nie tust du wirst keine Maßregel außer
Acht lassen die wir dir gesagt haben und du wirst dich in deine Gedanken nicht
so vertiefen dass du deinen Körper vergässest«
»Das werde ich nicht tun Mutter« entgegnete Natalie »aber lasse mich
gehen es ist ein Wunsch in mir so zu verfahren Ich werde ihn mäßigen wie ich
kann ich tue es um deinetwillen Mutter dass du dich nicht beunruhigest Ich
möchte auf dem Felderhügel herum gehen dann auch in dem Tale und in dem Walde
ich möchte auch in dem Lande gehen und alles darin beschauen und betrachten Und
die Ruhe schließt dann so schön das Gemüt und den Willen ab«
Dass Natalie doch durch das Wandeln in der heißen Sonne unmittelbar vor der
Mittagszeit sich erhitzt habe zeigte ihr Angesicht Dasselbe behielt die Röte
welche es nach dem ersten Erblassen erhalten hatte und verlor sie nur in
geringem Masse während sie an dem Tische saß was doch eine geraume Zeit
dauerte Es blühte dieses Rot wie ein sanftes Licht auf ihren Wangen und
verschönerte sie gleichsam wie ein klarer Schimmer
Sie fuhr in ihrem Geschäfte mit den Blumen fort sie legte eine nach der
andern von dem größeren Strausse zu dem kleineren bis der kleinere Strauss der
größere wurde der größere aber sich immer verkleinerte Sie schied keine
einzige Blume aus sie warf nicht einmal einen Grashalm weg der sich
eingefunden hatte es erschien also dass sie weniger eine Auslese der Blumen
machen als dem alten Strausse eine neue schönere Gestalt geben wollte So war es
auch denn der alte Strauss war endlich verschwunden und der neue lag allein auf
dem Tische
Matilde hatte ihr Buch immer vor sich auf dem Tische liegen und sah nicht
wieder hinein Sie frug mich um meinen letzten Aufenthalt und um meine letzten
Arbeiten Ich setzte ihr beides auseinander
Gustav hatte sich indessen auch auf einen Sessel ganz nahe an mir gesetzt
und hörte aufmerksam zu
Als die Sonne im Mittage angekommen war und nachgerade unsern ganzen Tisch
erfüllt hatte erschien Arabella um uns zum Mittagessen zu rufen
Ein Mann der in dem Garten arbeitete musste den Blumentopf in das Haus
tragen Matilde nahm das Buch und ein Arbeitskörbchen das neben ihr auf dem
Tische gestanden war Natalie nahm ihren Blumenstrauß hing ihren Hut wieder an
ihren Arm und so gingen wir in das Haus Die Frauen wandelten vor uns Gustav
und ich gingen hinter ihnen
Dass ich mich gegen meinen Gastfreund gegen Eustach gegen Gustav und selbst
gegen die Leute des Hauses verteidigen musste weil ich heuer so spät gekommen
sei nahm mich nicht Wunder da ich immer so freundlich hier aufgenommen worden
war und da man sich beinahe daran gewöhnt hatte dass ich alle Sommer in das
Rosenhaus komme wie ja auch mir diese Besuche zur Gewohnheit geworden waren
Mein Gastfreund und ich sprachen von den Dingen, welche ich im Laufe des
heurigen Sommers unternommen hatte so wie er mir auch in den ersten Tagen alles
zeigte was in dem Rosenhause geschah und was sich in meiner Abwesenheit
verändert hatte
Ich sah dass die Zeit der Rosenblüte nicht so lange dauern werde weil ich
ja auch nicht zu ihrem ersten Anfange sondern etwas später gekommen war
Die Bilder gaben mir wieder eine süße Empfindung und die hohe Gestalt auf
der Treppe trat mir immer näher seit ich die geschnittenen Steine gesehen
hatte und seit ich wusste dass etwas unter den Lebenden wandle das ähnlich sei
Ich ging mit Gustav oder allein öfter in der Gegend herum
Eines Nachmittages waren wir in dem Rosenzimmer Matilde sprach recht
freundlich von verschiedenen Gegenständen des Lebens von den Erscheinungen
desselben wie man sie aufnehmen müsse und wie sie in dem Laufe der Jahre sich
ablösen Mein Gastfreund antwortete ihr Bei dieser Gelegenheit sah ich erst
wie zart und schön für das Zimmer gesorgt worden war denn die vier an Größe wie
an Rahmen gleichen Gemälde die in demselben hingen waren trotz ihrer Kleinheit
bei weitem das Herrlichste und Ausserordentlichste was es an Gemälden im
Rosenhause gab Ich hatte mein Urteil doch schon so weit gebildet um bei dem
großen Unterschiede der da waltete das einsehen zu können Doch leitete ich
auch meinen Gastfreund auf den Gegenstand, und er gab meine Wahrnehmung freilich
in sehr bescheidenen Ausdrücken weil Matilde zugegen war zu Wir besahen
nachdem das Gespräch eine Wendung genommen hatte die Bilder und machten uns
auf das Zarte Liebliche und Hohe derselben aufmerksam
Besuche wie gewöhnlich zur Rosenzeit kamen auch heuer aber ich mischte
mich weniger als etwa in früheren Jahren unter die Leute
Natalie ging wirklich wie ich jetzt selber wahrnahm in diesem Sommer mehr
als in vergangenen im Garten und in der Gegend herum sie ging viel weiter und
ging auch öfter allein Sie ging nicht bloß bei dem großen Kirschbaume öfter in
das Freie und ging dort zwischen den Saaten herum sondern sie ging auch
geradewegs über den Hügel hinab zu der Straße oder sie ging in den Meierhof
oder längs der Hügel dahin oder sie ging ein Stück auf dem Wege nach dem
Jnghofe Wenn sie zurückgekehrt war saß sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf
das was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah
Eines Tages da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen Abend in
das Rosenhaus zurück kehrte sah ich da ich von dem Erlenbache hinauf eine
kürzere Richtung eingeschlagen hatte auf bloßem Rasen zwischen den Feldern
gegangen auf der Höhe angekommen war und nun gegen die Felderrast zuging auf
dem Bänklein das unter der Esche derselben steht eine Gestalt sitzen Ich
kümmerte mich nicht viel um sie und ging meines Weges welcher gerade auf den
Baum zuführte weiter Ich konnte wie nahe ich auch kam die Gestalt nicht
erkennen denn sie hatte nicht nur den Rücken gegen mich gekehrt sondern war
auch durch den größten Teil des Baumstammes gedeckt Ihr Angesicht blickte nach
Süden Sie regte sich nicht und wendete sich nicht So kam ich fast dicht gegen
sie heran Sie musste nun meinen Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das
Getreide gehört haben denn sie erhob sich plötzlich wendete sich um damit sie
mich sähe und ich stand vor Nathalien Kaum zwei Schritte waren wir von einander
entfernt Das Bänklein stand zwischen uns Der Baumstamm war jetzt etwas
seitwärts Wir erschraken beide Ich hatte nämlich nicht auch nicht im
entferntesten daran gedacht dass Natalie auf dem Bänklein sitzen könne und sie
musste erschrocken sein weil sie plötzlich Schritte hinter sich gehört hatte wo
doch kein Weg ging und weil sie da sie sich umwendete einen Mann vor sich
stehen gesehen hatte Ich musste annehmen dass sie nicht gleich erkannt habe dass
ich es sei
Ein Weilchen standen wir stumm einander gegenüber dann sagte ich »Seid Ihr
es Fräulein ich hatte nicht gedacht dass ich Euch unter dem Eschenbaume
sitzend finden würde«
»Ich war ermüdet« antwortete sie »und setzte mich auf die Bank um zu
ruhen Auch dürfte es wohl an der Zeit später geworden sein als man gewohnt
ist mich nach Hause kommen zu sehen«
»Wenn Ihr ermüdet seid« sagte ich »so will ich nicht Ursache sein dass Ihr
steht ich bitte setzt Euch ich will so schnell ich kann durch die Felder
und den Garten eilen und Euch Gustav herauf senden dass er Euch nach Hause
begleitet«
»Das wird nicht nötig sein« erwiderte sie »es ist ja noch nicht Abend und
selbst wenn es Abend wäre so droht wohl nirgends ringsherum eine Gefahr Ich
bin schon viel weiter allein gegangen ich bin allein nach Hause zurückgekehrt
meine Mutter und unser Gastfreund haben deshalb keine Besorgnisse gehabt Heute
bin ich bis auf dem Raitbühel bei dem roten Kreuze gewesen und bin von dort zu
der Bank hieher zurück gegangen«
»Das ist ja fast über eine Stunde Weges« sagte ich
»Ich weiß nicht wie lange ich gegangen bin« antwortete sie »ich ging
zwischen den Feldern hin auf denen die ungeheure Menge des Getreides steht ich
ging an manchem Strauche hin den der Rain enthält ich ging an manchem Baume
vorbei der in dem Getreide steht und kam zu dem roten Kreuze das aus den
Saaten empor ragte«
»Wenn ich sehr gut gehe« sagte ich »so brauche ich von hier bis zu dem
roten Kreuze eine Stunde«
»Ich habe wie ich sagte die Zeit nicht gezählt« entgegnete sie »ich bin
von hier zu dem Kreuze gegangen und bin von dem Kreuze wieder hieher zurück
gekehrt«
Während dieser Worte war ich aus der ungefügen Stellung im Grase hinter dem
Bänklein auf den freien Raum herüber getreten der sich vor dem Baume
ausbreitet Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und sich wieder auf das
Bänkchen gesetzt
»Nach einem solchen Gange bedürft Ihr freilich der Ruhe« sprach ich
»Es ist auch nicht gerade deswillen« antwortete sie »weshalb ich diese
Bank suchte So ermüdet ich bin so könnte ich wohl noch recht gut den Weg durch
die Felder und den Garten nach Hause ja noch einen viel weiteren machen aber
es gesellte sich zu dem körperlichen Wunsche noch ein anderer«
»Nun«
»Auf diesem Platze ist es schön das Auge kann sich ergehen ich bin bei
meinen Gedanken ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen was ich doch
tun muss wenn ich zu den Meinigen zurück kehre«
»Und darum ruht Ihr hier«
»Darum ruhe ich hier«
»Seid Ihr von Eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen«
»Ich erinnere mich des Wunsches nicht« antwortete sie »wie es denn
überhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt an welche ich mich
nicht genau erinnern kann und da der Wunsch in meinem Gedächtnisse nicht
gegenwärtig ist so wird auch die Tatsache nicht gewesen sein obwohl es wahr
ist dass ich als Kind lebhafte Bewegungen sehr geliebt habe«
»Und jetzt führt Euch Eure Neigung öfter in das Freie« fragte Ich
»Ich gehe gerne herum wo ich nicht beengt bin« antwortete sie »ich gehe
zwischen den Feldern und den wallenden Saaten ich steige auf die sanften Hügel
empor ich wandere an den blätterreichen Bäumen vorüber und gehe so fort bis
mich eine fremde Gegend ansieht der Himmel über derselben gleichsam ein anderer
ist und andere Wolken hegt Im Gehen sinne und denke ich dann Der Himmel die
Wolken darin das Getreide die Bäume die Gesträuche das Gras die Blumen
stören mich nicht Wenn ich recht ermüdet bin und auf einem Bänklein wie hier
oder auf einem Sessel in unserem Garten oder selbst auf einem Sitze in unserem
Zimmer ausruhen kann so denke ich ich werde nun nicht wieder so weit gehen
Und wo seid denn Ihr gewesen« fragte sie nachdem sie sich unterbrochen und
ein Weilchen geschwiegen hatte
»Ich bin nach dem Essen von dem Erlenbache zu dem Teiche hinauf gegangen«
antwortete ich »dann durch das Gehölze auf den Balkhügel empor von dem man die
Gegend von Landegg sieht und den Turm seiner Pfarrkirche erblicken kann Von dem
Balkhügel bin ich dann noch auf den Höhen fortgegangen bis ich zu den
Rohrhäusern gekommen bin Da ich dort schon zwei starke Wegstunden von dem
Asperhofe entfernt war schlug ich den Rückweg ein Ich hatte im Hingehen viele
Zeit verbraucht weil ich häufig stehen geblieben war und verschiedene Dinge
angesehen hatte deshalb wählte ich nun einen kürzeren Rückgang Ich ging auf
Feldpfaden und mannigfaltigen Kirchenwegen durch die Felder bis ich zwischen
Dernhof und Ambach wieder zu dem Seewalde und zu dem Erlenbache herabkam Von
dort aus waren mir Raine bekannt die am kürzesten auf die Felderrast herüber
führten Obwohl auf ihnen kein Weg führt ging ich doch auf ihrem Grase fort
und kam so gegen Euch herzu«
»Da müsst Ihr ja recht müde sein« sagte sie und machte eine Bewegung auf
dem Bänklein um mir Platz neben sich zu verschaffen
Ich wusste nicht recht wie ich tun sollte setzte mich aber doch an ihrer
Seite nieder
»Habt Ihr etwa ein Buch mit Euch genommen um auf dieser Bank zu lesen«
fragte ich »oder habt Ihr nicht Blumen gepflückt«
»Ich habe kein Buch mitgenommen und habe keine Blumen gepflückt«
antwortete sie »ich kann nicht lesen wenn ich gehe und kann auch nicht lesen
wenn ich im freien Felde auf einer Bank oder auf einem Steine sitze«
Wirklich sah ich auch gar nichts neben ihr sie hatte kein Körbchen oder
sonst irgend etwas das Frauen gerne mit sich zu tragen pflegen um Gegenstände
hinein legen zu können sie saß müßig auf dem Bänklein und ihr Strohhut den
sie von dem Haupte genommen hatte lag neben ihr in dem Grase
»Die Blumen pflücke ich« fuhr sie nach einem Weilchen fort »wenn sie bei
Gelegenheit an dem Wege stehen Hier herum ist meistens der Mohn der aber wenig
zu Sträussen passt weil er gerne die Blätter fallen lässt dann sind die
Kornblumen die Wegnelken die Glocken und andere Oft pflücke ich auch keine
Blumen wenn sie noch so reichlich vor mir stehen«
Mir war es seltsam dass ich mit Nathalien allein unter der Esche der
Felderrast sitze Ihre Fußspitzen ragten in den Staub der vor uns befindlichen
offenen Stelle hinaus und der Saum ihrer Kleider berührte denselben Staub In
der Krone der Esche rührte sich kein Blättchen denn die Luft war still Weit
vor uns hinabgehend und weit zu unserer Rechten und Linken hin so wie rückwärts
war das grüne der Reife entgegen harrende Getreide Aus dem Saume desselben
der uns am nächsten war sahen uns der rote Mohn und die blauen Kornblumen an
Die Sonne ging dem Untergange zu und der Himmel glänzte an der Stelle gegen
die sie ging fast weissglühend über die Saatfelder herüber keine Wolke war und
das Hochgebirge stand rein und scharf geschnitten an dem südlichen Himmel
»Und habt Ihr bei dem roten Kreuze auch ein wenig geruht« fragte ich nach
einer Weile
»Bei dem roten Kreuze habe ich nicht geruht« antwortete sie »man kann dort
nicht ruhen es steht fast unter lauter Halmen des Getreides ich lehnte mich
mit einem Arme an seinen Stamm und sah auf die Gegend hinaus auf die Felder
auf die Obstbäume und auf die Häuser der Menschen dann wendete ich mich wieder
um und schlug den Rückweg zu diesem Bänklein ein«
»Wenn heiterer Himmel ist und die Sonne scheint dann ist es in der Weite
schön« sagte ich
»Es ist wohl schön« erwiderte sie »die Berge gehen wie eine Kette mit
silbernen Spitzen dahin die Wälder sind ausgebreitet die Felder tragen den
Segen für die Menschen und unter all den Dingen liegt das Haus in welchem die
Mutter und der Bruder und der väterliche Freund sind aber ich gehe auch an
bewölkten Tagen auf den Hügel oder an solchen an denen man nichts deutlich
sehen kann Als Bestes bringt der Gang dass man allein ist ganz allein sich
selber hingegeben Tut Ihr bei Euren Wanderungen nicht auch so und wie
erscheint denn Euch die Welt die Ihr zu erforschen trachtet«
»Es war zu verschiedenen Zeiten verschieden« antwortete ich »einmal war
die Welt so klar als schön ich suchte manches zu erkennen zeichnete manches
und schrieb mir manches auf Dann wurden alle Dinge schwieriger die
wissenschaftlichen Aufgaben waren nicht so leicht zu lösen sie verwickelten
sich und wiesen immer wieder auf neue Fragen hin Dann kam eine andre Zeit es
war mir als sei die Wissenschaft nicht mehr das Letzte es liege nichts daran
ob man ein Einzelnes wisse oder nicht die Welt erglänzte wie von einer innern
Schönheit die man auf ein Mal fassen soll nicht zerstückt ich bewunderte sie
ich liebte sie ich suchte sie an mich zu ziehen und sehnte mich nach etwas
Unbekanntem und Grossem das da sein müsse«
Sie sagte nach diesen Worten eine Zeit hindurch nichts dann aber fragte
sie »Und Ihr werdet in diesem Sommer noch einmal in Euren Aufenthaltsort
zurückkehren den Ihr Euch jetzt zu Eurer Arbeit auserkoren habt«
»Ich werde in denselben zurück kehren« antwortete ich
»Und den Winter bringt Ihr bei Euren lieben Angehörigen zu« fragte sie
weiter
»Ich werde ihn wie alle bisherigen in dem Hause meiner Eltern verleben«
sagte ich
»Und seid Ihr in dem Winter im Sternenhofe« fragte ich nach einiger Zeit
»Wir haben ihn früher zuweilen in der Stadt zugebracht« antwortete sie
»jetzt sind wir schon einige Male in dem Sternenhofe geblieben und zwei Mal
haben wir eine Reise gemacht«
»Habt Ihr außer Klotilden keine andere Schwester« fragte sie nachdem wir
wieder ein Weilchen geschwiegen hatten
»Ich habe keine andere« erwiderte ich »wir sind nur zwei Kinder und das
Glück einen Bruder zu besitzen habe ich gar nie kennen gelernt«
»Und mir ist wieder das Glück eine Schwester zu haben nie zu Teil
geworden« antwortete sie
Die Sonne war schon untergegangen die Dämmerung trat ein und wir waren
immer sitzen geblieben Endlich stand sie auf und langte nach ihrem Hute der in
dem Grase lag Ich hob denselben auf und reichte ihn ihr dar Sie setzte ihn auf
und schickte sich zum Fortgehen an Ich bot ihr meinen Arm Sie legte ihren Arm
in den meinigen aber so leicht dass ich ihn kaum empfand Wir schlugen nicht
den Weg auf den Anhöhen hin zu dem Gartenpförtchen ein das in der Nähe des
Kirschbaumes ist, sondern wir gingen auf dem Pfade der von der Felderrast
zwischen dem Getreide abwärts läuft gegen den Meierhof hinab Wir sprachen nun
gar nicht mehr Ihr Kleid fühlte ich sich neben mir regen ihren Tritt fühlte
ich im Gehen Ein Wässerlein das unter Tags nicht zu vernehmen war hörte man
rauschen und der Abendhimmel der immer goldener wurde flammte über uns und
über den Hügeln der Getreide und um manchen Baum der beinahe schwarz da stand
Wir gingen bis zu dem Meierhofe Von demselben gingen wir über die Wiese die zu
dem Hause meines Gastfreundes führt und schlugen den Pfad zu dem
Gartenpförtchen ein das in jener Richtung in der Gegend der Bienenhütte
angebracht ist Wir gingen durch das Pförtchen in den Garten gingen an der
Bienenhütte hin gingen zwischen Blumen die da standen zwischen Gesträuch das
den Weg säumte und endlich unter Bäumen dahin und kamen in das Haus Wir
gingen in den Speisesaal in welchem die andern schon versammelt waren Natalie
zog hier ihren Arm aus dem meinigen Man fragte uns nicht woher wir gekommen
wären und wie wir uns getroffen hätten Man ging bald zu dem Abendessen da die
Zeit desselben schon heran gekommen war Während des Essens sprachen Natalie und
ich fast nichts
Als wir uns im Speisesaale getrennt hatten und als jedes in sein Zimmer
gegangen war löschte ich die Lichter in dem meinigen sogleich aus setzte mich
in einen der gepolsterten Lehnstühle und sah auf die Lichttafeln welche der
inzwischen heraufgekommene Mond auf die Fussböden meiner Zimmer legte Ich ging
sehr spät schlafen las aber nicht mehr wie ich es sonst in jeder Nacht gewohnt
war sondern blieb auf meinem Lager liegen und konnte sehr lange den Schlummer
nicht finden
In den Tagen die auf jenen Abend folgten schien es mir als weiche mir
Natalie aus Die Zitern hörte ich wieder in ein paar Nächten sie wurden sehr
gut gespielt was ich jetzt mehr empfinden und beurteilen konnte als früher Ich
sprach aber nichts darüber und noch weniger sagte ich etwas davon dass ich
selber in diesem Spiele nicht mehr so unerfahren sei Meine Zither hatte ich nie
in das Rosenhaus mitgenommen
Endlich nahte die Zeit in welcher man in den Sternenhof gehen sollte
Matilde und Natalie reisten in Begleitung ihrer Dienerin früher dahin um
Vorkehrungen zu treffen und die Gäste zu empfangen Wir sollten später folgen
In der Zeit zwischen der Abreise Mathildens und der unsrigen tat mein
Gastfreund eine Bitte an mich Sie bestand darin dass ich ihm in dem kommenden
Winter eine genaue Zeichnung von den Vertäflungen anfertigen möchte welche ich
meinem Vater aus dem Lautertale gebracht hatte und welche von ihm in die
Pfeiler des Glashäuschens eingesetzt worden waren Die Zeichnung möchte ich ihm
dann im nächsten Sommer mitbringen Ich fühlte mich sehr vergnügt darüber dass
ich dem Manne zu welchem mich eine solche Neigung zog und dem ich so viel
verdankte einen Dienst erweisen konnte und versprach dass ich die Zeichnung so
genau und so gut machen werde als es meine Kräfte gestatten
An einem der folgenden Tage fahren mein Gastfreund Eustach Roland Gustav
und ich in den Sternenhof ab
4 Das Fest
Ein Fest in dem Sinne wie man das Wort gewöhnlich nimmt war es nicht was in
dem Sternenhofe vorkommen sollte sondern es waren mehrere Menschen zu einem
gemeinschaftlichen Besuche eingeladen worden und diese Einladungen hatte man
auch nicht eigens und feierlich sondern nur gelegentlich gemacht Übrigens
stand es in Hinsicht des Sternenhofes so wie des Asperhofes jedem Freunde und
jedem Bekannten frei zu was immer für einer Zeit einen Besuch zu machen und
eine Weile zu bleiben
Als wir am zweiten Tage nach unserer Abreise von dem Asperhofe wir hatten
einen kleinen Umweg gemacht in dem Sternenhofe eintrafen waren schon mehrere
Menschen versammelt Fremde Diener zuweilen seltsam gekleidet gingen wie sich
das allemal findet wenn mehrere Familien zusammen kommen in der Nähe des
Schlosses herum oder auf dem Wege zwischen dem Meierhofe und dem Schloss hin
und her Man hatte einen Teil der Wägen und Pferde in dem Meierhofe
untergebracht Wir fuhren bei dem Tore hinein und unser Wagen hielt im Hofe
Ich hatte schon da wir den Hügel hinan fahren und uns dem Schloss näherten
einen Blick auf dessen vorderste Mauer geworfen an der jetzt die bloßen Steine
ohne Tünche sichtbar waren und hatte mein Urteil schnell gefasst Mir gefiel die
neue Gestalt um außerordentliches besser als die frühere an welche ich jetzt
kaum zurück denken mochte Meine Begleiter äußerten sich während des
Hinzufahrens nicht ich sagte natürlich auch nichts Im Hofe näherten sich
Diener welche unser Gepäcke in Empfang nehmen und Wagen und Pferde unterbringen
sollten Der Hausverwalter führte uns die große Treppe hinan und geleitete uns
in das Gesellschaftszimmer Dasselbe war eines von jenen Zimmern die in einer
Reihe fortlaufen und mit den neuen im Asperhofe verfertigten Geräten versehen
sind Die Türen aller dieser Zimmer standen offen Matilde saß an einem Tische
und eine ältliche Frau neben ihr Mehrere andere Frauen und Mädchen so wie
ältere und jüngere Männer saßen an verschiedenen Stellen umher Auf dem
unscheinbarsten Platze saß Natalie Matilde so wie Natalie waren gekleidet wie
die Frauen und Mädchen von den besseren Ständen gekleidet zu sein pflegten aber
ich konnte doch nicht umhin zu bemerken dass ihre Kleider weit einfacher
gemacht und verziert waren als die der anderen Frauen dass sie aber viel besser
zusammen stimmten und ein edleres Gepräge trugen als man dies sonst findet Mir
war als sähe ich den Geist meines Gastfreundes daraus hervorblicken und wenn
ich an höhere Kreise unserer Stadt zu denen ich Zutritt hatte dachte so
schien es mir auch dass gerade dieser Anzug derjenige vornehme sei nach welchem
die andern strebten Matilde stand auf und verbeugte sich freundlich gegen uns
Das taten die andern auch und wir taten es gegen Matilde und gegen die andern
Hierauf setzte man sich wieder und der Hausverwalter und zwei Diener sorgten
dass wir Sitze bekamen Ich setzte mich an eine Stelle welche sehr wenig
auffällig war Die Sitte des gegenseitigen Vorstellens der Personen wie sie
fast überall vorkömmt scheint in dem Rosenhause und in dem Sternenhofe nicht
strenge gebräuchlich zu sein denn ich wusste schon mehrere Fälle in denen es
unterblieben war besonders wenn sich mehrere Menschen zusammen gefunden hatten
Bei der gegenwärtigen Gelegenheit unterblieb es auch Man überließ es eher den
Bemühungen des Einzelnen sich die Kenntnis über eine Person zu verschaffen an
der ihm gelegen war oder man überließ es eher dem Zufalle mit einander bekannt
zu werden als dass man bei jedem neuen Ankömmlinge das Verzeichnis der
Anwesenden gegen ihn wiederholt hätte Zudem schienen sich hier die meisten
Personen zu kennen Mich wollte man wahrscheinlich aus dem Spiele lassen weil
ich nie wenn fremde Menschen in den Asperhof gekommen waren gefragt hatte wer
sie seien Gustav benahm sich hier auch beinahe wie ein Fremder Nachdem er sich
gegen seine Mutter sehr artig verbeugt in die allgemeine Verbeugung gegen die
andern eingestimmt und Nathalien zugelächelt hatte setzte er sich bescheiden auf
einen abgelegenen Platz und hörte aufmerksam zu Mein Gastfreund und Eustach so
wie auch Roland waren in den gebräuchlichen Besuchkleidern ich ebenfalls Mir
kamen diese Männer in ihren schwarzen Kleidern fremder und fast geringer vor als
in ihrem gewöhnlichen Hausanzuge Mein Gastfreund war bald mit verschiedenen
Anwesenden im Gespräche Allgemein wurde von allgemeinen und gewöhnlichen Dingen
geredet und das Gespräch ging bald zwischen einzelnen bald zwischen mehreren
Personen hin und wider Ich sprach wenig und fast ausschließlich nur wenn ich
angeredet und gefragt wurde Ich sah auf die Versammlung vor mir oder auf
manchen Einzelnen oder auf Nathalien Roland rückte einmal seinen Stuhl zu mir
und knüpfte ein Gespräch über Dinge an, die uns beiden nahe lagen
Wahrscheinlich tat er es weil er sich eben so vereinsamt unter den Menschen
empfand wie ich
Nachdem man den Nachmittagstee bei dem man eigentlich versammelt war
verzehrt und sich schon zum größten Teile erhoben hatte und in Gruppen zusammen
getreten war wurde der Vorschlag gemacht sich in den Garten zu begeben und
dort einen Spaziergang zu machen Der Vorschlag fand Beifall Matilde erhob
sich und mit ihr die älteren Frauen Die jüngeren waren ohnehin schon
gestanden Ein schöner alter Herr wahrscheinlich der Gatte der ältlichen Frau
welche neben Mathilden gesessen war bot der Hausfrau den Arm um sie über die
Treppe hinab zu geleiten dasselbe tat mein Gastfreund mit der ältlichen Frau
Einige Paare entstanden noch auf diese Weise das andere ging gemischt Ich
blieb stehen und ließ die Leute an mir vorüber gehen um mich nicht
vorzudrängen Natalie ging mit einem schönen Mädchen an mir vorüber und sprach
mit demselben als sie an mir vorbei ging Ich war mit Roland und Gustav der
letzte welcher über die Treppe hinab ging Im Garten war es so wie es bei
einer größeren Anzahl von Gästen in ähnlichen Fällen immer zu sein pflegt Man
bewegte sich langsam vorwärts man blieb bald hier bald da stehen betrachtete
dieses oder jenes besprach sich ging wieder weiter löste sich in Teile und
vereinigte sich wieder Ich achtete auf alles was gesprochen wurde gar nicht
Natalie sah ich mit demselben Mädchen gehen mit dem sie an mir in dem
Gesellschaftszimmer vorüber gegangen war dann gesellten sich noch ein paar
hinzu Ich sah sie mit ihrem lichtbraunen Seidenkleide zwischen andern
hervorschimmern dann sah ich sie wieder nicht dann sah ich sie abermals
wieder Gebüsche deckten sie dann ganz Die jungen Männer welche ich in der
Gesellschaft getroffen hatte gingen bald mit dem älteren Teile bald mit dem
jüngeren Roland und Gustav gesellten sich zu mir und wenn Gustav fragte wie
es dort aussehe wo ich jetzt gearbeitet habe ob hohe Berge sind weite Täler
und ob es so freundlich ist wie am Lautersee und ob ich noch weiter vordringen
wolle und in welche Berge ich dann komme so sprach Roland wieder von den
Anwesenden und nannte mir manchen und erzählte mir von ihren Verhältnissen
Durch seine Reisen in dem Lande durch seinen Aufenthalt in Kirchen Kapellen
verfallenen Schlössern und an allen bedeutenderen Orten erfuhr er mehr als
irgend ein anderer erfahren konnte und durch sein lebhaftes Wesen und sein
gutes Gedächtnis wurde er zur Erforschung angeleitet und war im Stande das
Erforschte zu bewahren Die ältliche Frau welche wir bei unserem Eintritte in
das Gesellschaftszimmer neben Mathilden sitzen gesehen hatten war die
Besitzerin eines großen Anwesens etwa eine halbe Tagereise von dem Sternenhofe
entfernt Ihr Name war Tillburg wie auch ihr Schloss hieß Sie hatte sich mit
allen Annehmlichkeiten und mit allem was prächtig war umringt Ihre
Gewächshäuser waren die schönsten im Lande ihr Garten enthielt alles was in
der Zeit als vorzüglich auftauchte und wurde von zwei Gärtnern und einem
Obergärtner nebst vielen Gehilfen besorgt ihre Zimmer wiesen Geräte und Stoffe
von allen Hauptstädten der Welt auf und ihre Wägen waren das Bequemste und
Zierlichste was man in dieser Art hatte Gemälde Bücher Zeitschriften kleine
Spielereien waren in ihren Wohnzimmern zerstreut Sie machte Besuche in der
Umgegend und empfing auch solche gerne Im Winter ist sie selten in ihrem
Schloss und immer nur auf kurze Zeit sie macht gerne Reisen und hält sich
besonders oft in südlichen Gegenden auf von denen sie Merkwürdigkeiten
zurückbringt Sie war die einzige Tochter und Erbin ihrer Eltern ein Bruder
den sie hatte war in der zartesten Jugend gestorben Der Mann mit dem
freundlichen Angesichte welcher Mathilden aus dem Saale geführt hatte war ihr
Gatte Er war ebenfalls das einzige Kind reicher Eltern die Verbindung hatte
sich ergeben und so waren zwei große Vermögen in eins zusammen gekommen Er
teilte nicht gerade die Liebhabereien seiner Gattin war ihnen aber auch nicht
entgegen Er hatte keine Leidenschaften war einfach machte seiner Gattin die
er sehr liebte gerne eine Freude und fand in den Reisen derselben auf denen
er sie begleitete halb sein eigenes Vergnügen halb eines weil er das ihrige
teilte Er verwaltete aber von jeher die Besitzungen sehr einsichtig Die
Tillburg stammt von ihm Einer von den jungen Männern die im
Gesellschaftszimmer waren der schlanke Mann mit den lebhaften dunkeln Augen ist
der Sohn und zwar das einzige Kind dieser Eheleute er ist gut erzogen worden
und man kann nicht wissen ob von Tillburg her nicht zartere Beziehungen zu dem
Sternenhofe gewünscht werden
Gustav machte bei diesen Worten eine leichte Seitenbewegung gegen Roland
sah ihn an sagte aber nichts
Ich erinnerte mich der Tillburg die ich sehr gut kannte aber nie betreten
hatte Ich war öfter in ihrer Nähe vorüber gekommen und hatte die vier runden
Türme an ihren vier Ecken denen man in der neueren Zeit eine lichte Farbe
gegeben hatte eine Tünche wie man sie gerade jetzt von dem Sternenhofe wieder
weg haben will nicht angenehm empfunden wie sie sich so scharf von dem Grün
der nahen Bäume und dem Blau der fernen Berge und des Himmels abhoben welchen
letzteren sie beinahe finster machten
»Der kleinere Mann mit den weißen Haaren der in der Nähe des mittleren
Fensters gesessen und öfter aufgestanden war« fuhr Roland fort »ist der
Besitzer von Hassberg Sein Vater hatte die Besitzung erst gekauft und sie
ursprünglich für einen jüngeren Sohn bestimmt da der ältere das Stammgut
Weissbach erben sollte allein der jüngere Sohn und der Vater starben und so
hatte der ältere Weissbach und Hassberg Er übergab nach einiger Zeit seinem Sohne
das Stammgut und zog sich nach Hassberg zurück Er ist einer jener Männer die
immer erfinden und bauen müssen In Weissbach hat er schon mehrere Bauten
aufgeführt In Hassberg richtete er eine Musterwirtschaft ein er verbesserte die
Felder und Wiesen und friedigte sie mit schönen Hecken ein er errichtete einen
auserlesenen Viehstand und führte in geschützten Lagen den Hopfenbau ein der
sich unter seine Nachbarn verbreitete und eine Quelle des Wohlstandes eröffnete
Er dämmte dem Ritflusse Wiesen ab er mauerte die Ufer des Mühlbaches heraus er
baute eine Flachsröstanstalt baute neue Ställe Scheuern Trockenhäuser
Brücken Stege Gartenhäuser und ändert im Innern des Schlosses beständig um
Er ist im Laufe des ganzen Tages mit Nachschauen und Anordnen beschäftigt
zeichnet und entwirft in der Nacht und wenn irgendwo im Lande über Führung
einer Straße oder Anlegung eines Bewirtschaftungsplanes oder Errichtung eines
Gebäudes Rat gepflogen wird so wird er gerufen und er macht bereitwillig die
Reisen auf seine eigenen Kosten Selbst bei der Regierung des Landes ist sein
Wort nicht ohne Bedeutung Die Frau mit dem aschgrauen Kleide ist seine Gattin
und die zwei Mädchen welche vor kurzem mit Natalie gegen die Eichen zugingen
sind seine Töchter Frau und Töchter reden ihm zu er solle sich mehr Ruhe
gönnen da er schon alt wird er sagt immer Das ist das Letzte was ich baue
allein ich glaube den letzten Plan zu einem Baue wird er auf seinem Totenbette
machen Unser Freund hält in diesen Dingen große Stücke auf ihn«
Da wir um die Ecke eines Gebüsches bogen und gegen die Eichen welche an der
Eppichwand stehen zugingen sahen wir wieder eine Menschengruppe vor uns
Roland der einmal im Zuge war sagte »Der Mann in dem feinen schwarzen Anzuge
vor dem seine Gattin in dem nelkenbraunen Seidenkleide geht ist der Freiherr
von Wachten dessen Sohn hier ebenfalls zugegen ist ein Mann von mittelgrosser
Gestalt der im Gesellschaftszimmer so lange am Eckfenster gestanden war ein
junger Mann von vielen angenehmen Eigenschaften, der aber zu oft in den
Sternenhof kommt als dass es sich durch bloßen Zufall erklären ließe Der
Freiherr verwaltet seine Besitzungen gut er hat keine besondere Vorliebe hält
alles und jedes in der ihm zugehörigen Ordnung und wird immer reicher Da er
nur den einzigen Sohn und keine Tochter hat so wird die künftige Gattin seines
Sohnes eine sehr ansehnliche und sehr reiche Frau Die Familie lebt im Winter
häufig in der Stadt Die Güter liegen etwas zerstreut Tondorf mit den schönen
Wiesen und dem großen Waldgarten müsst Ihr ja kennen«
»Ich kenne es« antwortete ich
»Auf dem Randek hat er ein zerfallendes Schloss« fuhr Roland fort »in
welchem wunderschöne Türen sind die aus dem sechzehnten Jahrhunderte stammen
dürften Der Verwalter rät ihm die Türen nicht herzugeben und so zerfallen sie
nach und nach Sie sind in unsern Zeichnungsbüchern enthalten und würden
Gemächer im Stile jener Zeit gebaut und eingerichtet sehr zieren Sogar zu
Tischen oder anderen Dingen falls man sie als Türen nicht verwenden könnte
würden sie sehr brauchbar sein Ich habe auch in der sehr zerfallenen Kapelle
von Randek außerordentlich schöne Tragsteine gezeichnet Meistens wohnt der
Freiherr im Sommer in Wahlstein schon ziemlich tief in den Bergen wo die Elm
hervorströmt«
»Ich kenne den Sitz« antwortete ich »und kenne auch die Familie im
allgemeinen«
»Der Mann mit den schneeweißen Haaren« sprach Roland weiter »heißt
Sandung er veredelt die Schafzucht und der eine von den zwei neben ihm
gehenden Männern ist der Besitzer des sogenannten Berghofes ein allgemein
geachteter Mann und der andere ist der Oberamtmann von Landegg Es fehlen noch
die vom Inghof dann sind mehrere Vertreter der hier herum wohnenden Leute
vorhanden Ich teile sie wenn ich in meiner Liebhaberei im Lande herum reise
nach ihren Liebhabereien in Gruppen ein und man könnte eine Landmappe so nach
diesen Liebhabereien mit Farben zeichnen wie Ihr die Gebirge mit Farben
zeichnet um das Vorkommen der verschiedenen Gesteine anzuzeigen«
Da wir wieder eine Wendung machten ganz nahe an der rechten Seite der
Eppichwand ging Matilde mit der Frau von Tillburg auf einem Nebenwege gegen
uns hervor Sie blieb vor uns stehen und sagte zu mir »Ihr habt meiner
Brunnennymphe nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt als Ihr solltet Ihr zieht
die Gestalt auf der Treppe unsers Freundes zu sehr vor Sie verdient es wohl
allein Ihr müsst doch die hiesige auch ein wenig genauer ansehen und sie mir ein
wenig schön heißen«
»Ich habe sie schön geheißen« erwiderte ich »und wenn meine ganz
unbedeutende Meinung etwas gilt so soll ihr die Anerkennung gewiss nicht
entgehen«
»Wir besuchen nun ohnehin alle die Grotte« entgegnete sie
Nach diesen Worten ging sie mit ihrer Begleiterin auf dem Hauptwege gegen
die Eppichwand vor wir folgten Die anderen kamen in verschiedenen Richtungen
herzu und man ging zu der Marmorgestalt in der Brunnenhalle
Einige gingen hinein andere blieben mehr am Eingange stehen und man redete
über die Gestalt Diese ruhte indessen in ihrer Lage und die Quelle rann sanft
und stettig fort Es waren nur allgemeine Dinge, welche über das Bildwerk
gesprochen wurden Mir kam es fremd vor die geputzten Menschen in den
verschiedenfarbigen Kleidern vor dem reinen weißen weichen Marmor stehen zu
sehen Roland und ich sprachen nichts
Man entfernte sich wieder von dem Marmor ging langsam an der Eppichwand
hin und stieg die Stufen zu der Aussicht empor Auf dieser verweilte man eine
Zeit und ging dann gegen die Linden zurück Nach Betrachtung der Linden und des
schönen Platzes unter ihnen begab sich der Zug wieder auf den Rückweg in das
Schloss Eustach hatte ich beinahe die ganze Zeit nicht gesehen
Zugleich mit uns kamen im Schloss Wägen an in denen die von Ingheim und
noch einige Gäste saßen Nachdem man sich bewillkommt hatte und nachdem die
Angekommenen sich von den überflüssigen Reisekleidern be freit hatten teilte
sich wie es bei ähnlichen Gelegenheiten stets vorkömmt die Gesellschaft in
Gruppen von denen einige vor dem Hause standen und plauderten andere auf den
Sandwegen im Rasen herumgingen wieder andere gegen den Meierhof wandelten Als
die Abendröte hinter den Bäumen erschien die in schönen Zeilen im Westen des
Schlosses die Felder säumten und als ihr Glühen immer blässer wurde und dem
Gelb des Spätabends Platz machte sammelten sich die Leute wieder Die einen
kehrten von ihrem Spaziergange die anderen von ihrem Gespräche die dritten von
ihrer Betrachtung verschiedener Gegenstände zurück und man begab sich in das
Speisezimmer In demselben begann nun ein Abend wie sie auf dem Lande wo man
von dem Umgange mit seinesgleichen viel ausgeschlossener ist zu den
vergnügtesten gehören Ich habe diese Betrachtung da ich im Sommer immer ferne
von der Stadt war öfter machen können Da man Menschen mit denen man gleiche
Gesinnungen und gleiche Meinungen hat auf dem Lande viel seltener sieht als in
der Stadt da man mit dem Raume nicht so kargen muss wie in der Stadt wo jede
Familie nur das mit vielen Kosten erschwingt was sie für sich und nächste
Angehörige braucht da die Lebensmittel auf dem Lande gewöhnlich aus der ersten
und unmittelbaren Quelle bei der Hand sind auch strenge Anforderungen hierin
nicht gemacht werden so ist man auf dem Lande viel gastfreundlicher als in der
Stadt und Gelegenheiten wo man sich in einem Zimmer und um einen Tisch
versammelt werden da viel fröhlicher ungezwungener und auch herzlicher
begangen weil man sich freut sich wieder zu sehen weil man um alles fragen
will was sich an den verschiedenen Stellen woher die Ankömmlinge gekommen
sind zugetragen hat weil man die eigenen Erlebnisse mitteilen und weil man
seine Ansichten austauschen will
Der Tisch war schon gedeckt der Hausverwalter wies allen ihre Plätze an
die zur Vermeidung von dennoch möglichen Verwirrungen noch überdies durch von
seiner Hand geschriebene Zettel bezeichnet waren und man setzte sich Der Mann
hatte gesorgt dass solche die sich gut kannten nahe zusammen kamen
Desohngeachtet schritt man mit der Freimütigkeit des Landes und alter Bekannter
dazu die Zettel noch zu verwechseln und sich gegen die Anordnungen des Mannes
zusammen zu setzen Von der Decke des Zimmers hing eine sanft brennende Lampe
hernieder und außer ihr wurde die Tafel noch durch verteilte strahlende Kerzen
erhellt Matilde nahm den Mittelsitz ein und richtete ihre Freundlichkeit und
ihr ruhiges Wesen gegen alle die in ihrem Bereiche waren und selbst gegen die
entferntesten Plätze suchte sie ihre Aufmerksamkeit zu erstrecken Die
bekannteren und älteren Gäste saßen ihr zunächst die jüngeren entfernter
Julie die Tochter Ingheims mit den heiteren braunen Augen saß mir fast
gegenüber ihre Schwester die blauäugige Apollonia etwas weiter unten Sie
hatten sehr geschmackvolle Kleider an das Geschmeide das sie trugen hätte
wie ich meinte etwas weniger sein sollen Neben beiden saßen die jungen Männer
Tillburg und Wachten Natalie saß zwischen Eustach und Roland Ob es so
angeordnet ob es ihre eigene Wahl war wusste ich nicht Man trug ein einfaches
Mahl auf und fröhliche Gespräche belebten es Man sprach von den Begebnissen
der Gegend man neckte sich mit kleinen Erlebnissen man teilte sich Erfahrungen
mit die man in seinem Kreise gemacht hatte man sprach von Büchern die in der
Gegend neu waren und beurteilte sie man erzählte was man im Bereiche seiner
Liebhaberei Neues erworben was man für Reisen gemacht und was man für fernere
vorhabe Auch auf die Geschichte des Landes kam es auf seine Verwaltung auf
Verbesserungen die zu machen wären und auf Schätze die noch ungehoben liegen
Selbst Wissenschaft und Kunst war nicht ausgeschlossen Mancher Scherz
erheiterte die Anwesenden und man schien sehr vergnügt sich so in einen Kreis
versammelt zu haben wo sich Neues ergab und wo man Altes wieder beleben
konnte
Nach ein paar schnell vergangenen Stunden stand man auf die Lichter zu dem
Gange in die verschiedenen Schlafgemächer wurden angezündet und man begab sich
allmählich zur Ruhe
Am andern Morgen nach dem Frühmahle da die höher gestiegene Sonne die
Gräser bereits getrocknet hatte begab man sich in das Freie um das Urteil über
die Arbeiten an der Vorderseite des Hauses zu fällen Alle gingen mit Selbst
Dienerschaft stand seitwärts in der Nähe als ob sie wüsste was geschehe und
sie wusste es wohl auch und als ob sie sich dabei beteiligen sollte Man ging
einige hundert Schritte von der Vorderseite des Hauses weg wendete sich dann
um blieb im Grase stehen und betrachtete die von der Tünche befreite Wand
Hierauf umging man in einem weiten Bogen eine Ecke des Hauses um auch eine Wand
zu sehen auf welcher sich noch die Tünche befand Nachdem man beides wohl
angeschaut hatte nahm man einen Stand ein der beide Ansichten gestattete
Nach und nach wurden Meinungen laut Man fragte zuerst die älteren und
ansehnlicheren Gäste Diese gaben fast alle ihr Urteil unbestimmt und mit
Vorsicht ab Beide Einrichtungen hätten ihr Gutes an beiden wird etwas
auszustellen sein und es komme auf Geschmack und Vorliebe an Da das Gespräch
allgemeiner wurde traten schon manche Meinungen abgeschlossener hervor Einige
sagten es sei etwas Besonderes und nicht überall Vorkommendes die nackten
Steine aus einer Wand stehen zu lassen Wenn die Kosten nicht zu scheuen sind
möge man es an dem ganzen Schloss so machen und man habe dann etwas sehr
Eigenes Andere meinten es sei doch überall Sitte die Wände selbst gegen außen
mit einer Tünche zu bekleiden ein licht getünchtes Haus sei sehr freundlich
darum hätten auch die Vorbesitzer dieses Hauses so getan um sein Ansehen dem
neuen Geschmacke näher zu bringen Darauf sagten wieder andere die Gedanken der
Menschen seien wechselvoll einmal habe man die großen viereckigen Steine aus
denen das Äußere dieser Wände bestehe nackt hervor sehen lassen später habe
man sie überstrichen jetzt sei eine Zeit gekommen wo man wieder auf das Alte
zurück gehe und es verehre man könne also die Steine wieder nackt legen Mein
Gastfreund vernahm die Meinungen und antwortete in unbestimmten und nicht auf
eine einzelne Ansicht gestellten Worten da alles was gesagt wurde sich
ungefähr in demselben Kreise bewegte Matilde sprach nur Unbedeutendes und
Eustach und Roland schwiegen ganz Von der feurigen Natur des letzten wunderte
es mich am meisten Ich schloss aus dieser Tatsache dass meine Freunde ihre
Meinung entweder schon gefasst hatten oder dass sie dieselbe erst für sich fassen
wollten Diese eben abgehaltene Beschau erschien mir also als etwas Allgemeines
Unwesentliches als eine nachbarliche Artigkeit als eine Gelegenheit zusammen
zu kommen um sich gemeinschaftlich zu sehen und zu sprechen wie man es bei
andern Anlässen auch tut
Mir erschien die Blosslegung der Steine unbedingt als das Natürlichste Wie
ich wohl schon erkennen gelernt hatte ist bei Denkmälern und je größer und
würdiger sie sein sollen um desto mehr ist dies der Fall der Stoff nicht
gleichgültig und dann darf er aber nicht mit Fremdartigem vermengt werden Ein
Siegesbogen selbst wenn er unter Dach steht darf von Marmor sein weniger
schon von Ziegeln oder Holz ganz und gar nicht von gegossenem Eisen oder
festgeklebtem Papier Eine Bildsäule kann von Marmor Metall oder Holz sein
weniger von groben Steinen ganz und gar nicht von allerlei zusammengefügten
Bestandteilen Unsere neuen Häuser die nur bestimmt sind Menschen aufzunehmen
um ihnen Obdach zu geben haben nichts Denkmalartiges sei es ein Denkmal für
den Glanz einer Familie sei es ein Denkmal der abgeschlossenen und
wohlgenossenen Wohnlichkeit für irgend ein Geschlecht Darum werden sie
fachartig aus Ziegeln gebaut und mit einer Schicht überstrichen wie man auch
lackiertes Geräte macht oder künstliches Gestein malt Schon die aus bloßem
Holze zur Wohnung eines Geschlechtes in unsern Gebirgsländern nicht zur
Spielerei in Gärten erbauten Häuser haben Denkmalartiges noch mehr die
Schlösser die aus festen Steinen gefügt sind die Torbogen die Pfeiler die
Brücken und noch mehr die aus Stein gebauten Kirchen Daraus ergab sich mir von
selber dass diejenigen die dieses Schloss so bauten dass die Aussenseiten der
Wände fest gefügte viereckige unbestrichene Steine sind recht gehabt haben
und dass die welche die Steine bestrichen im Unrechte waren und dass die
welche sie wieder bloß legen abermals im Rechte sind Ich sah dass man an
sämtlichen Steinen weil sonst die Kalktünche nicht zu vertilgen gewesen wäre
die Oberfläche mit scharfen Hämmern erneuert hatte Dies gab wohl den Steinen
etwas das ein lichteres Grau ist als die alten Simse und Tragsteine hatten
die nicht getüncht waren allein durch Zeit und Wetter werden sich auch die
erneuerten Steinoberflächen wieder dunkler färben
Man ging da man eine Weile gesprochen hatte obwohl ein eigentliches Urteil
nicht gefällt worden war wieder in das Haus zurück und auch die Dienerschaft
welche zugeschaut hatte ging auseinander gleichsam als ob die Sache jetzt aus
wäre
In dem Hause zerstreuten sich die Gäste manche begaben sich in Zimmer
manche gingen in das Freie
Ich nahm in meinem Schlafgemache wozu mir das nämliche Zimmer welches ich
früher bewohnt hatte angewiesen worden war einen Leichteren Hut und einen
bequemeren Rock und ging dann auch in den Garten Ich ging ganz allein in einem
dunkeln Gange zwischen Gebüschen hin und es war mir wohl dass ich allein war
Ich schlug die abgelegenen wenig gangbaren und auch weniger im Stande
gehaltenen Wege ein damit ich niemanden begegne und damit sich niemand zu mir
geselle Es war auch wirklich kein Mensch in den Gängen und ich sah nur kleine
Vögel welche ungescheut in ihnen liefen und Futter von der Erde pickten Ich
umging den Lindenplatz und kam hinter ihm aus dem Gebüsche heraus Von da ging
ich in einem großen Umwege der Eppichwand zu und hatte vor in die
Nymphengrotte zu treten wenn niemand in ihr wäre Als ich schon nahe an der
Grotte war und schief in dieselbe blicken konnte sah ich dass Natalie auf dem
Marmorbänklein sitze welches sich seit wärts von der Nymphengestalt befand Sie
saß an dem innersten Ende des Bänkleins Ihr blassgraues Seidenkleid schimmerte
aus der dunkeln Höhlung heraus Einen Arm ließ sie an ihrer Gestalt ruhen den
andern hatte sie auf die Lehne des Bänkleins gestützt und barg die Stirn in
ihrer Hand Ich blieb stehen und wusste nicht was ich tun sollte Dass ich nicht
in die Grotte gehen wolle war mir klar allein die kleinste Wendung die ich
machte konnte ein Geräusch erregen und sie stören Aber ohne dass ich ein
Geräusch machte sah sie auf und sah mich stehen Sie erhob sich ging aus der
Grotte ging mit beeilten Schritten an der Eppichwand hin und entfernte sich in
das Gebüsch In kurzem sah ich den Schimmer ihres Kleides verschwinden Eine
ganz kleine Zeit blieb ich stehen dann ging ich in die Grotte hinein Ich
setzte mich auf dieselbe Marmorbank auf der sie gesessen war und sah in das
Rinnen des Wassers sah auf die einsame Alabasterschale die neben dem Becken
stand und sah auf den ruhigen glänzenden Marmor Ich saß sehr lange Da sich
Stimmen näherten und da ich vermuten musste dass man die Brunnengestalt besuchen
würde stand ich auf ging aus der Grotte ging in das Gebüsch und begab mich
auf denselben Wegen auf denen ich gekommen war in das Schloss zurück
Der Mittag vereinigte noch einmal alle Gäste bei dem Mahle Mehrere von
ihnen hatten beschlossen gleich nach demselben fort zu fahren um noch vor der
Nacht ihre Heimat zu erreichen Man brachte einen fröhlichen Trinkspruch aus auf
die schöne Gestaltung des Schlosses und einen Dank für die herzliche Bewirtung
Der Spruch wurde mit einem Wunsche für das Wohl der Gesellschaft und für
baldiges Wiedersehen erwidert Die heitere Sommersonne verklärte das Zimmer und
die Blumen des Gartens schmückten es
Nach dem Mahle fuhren mehrere der Gäste fort und im Laufe des Nachmittages
entfernten sich alle
Wir die nach dem Asperhofe mussten hatten beschlossen morgen früh
abzufahren
Bei dem Abendessen kam das Gespräch auf das Unternehmen an dem Hause Ich
sah dass die Übriggebliebenen schon einig waren Es sprach nun mein Gastfreund
es sprachen Eustach und Roland Sie hatten alle meine Ansicht Ich wurde
aufgefordert auch meine Meinung zu sagen Ich sprach sie nach meiner innern
Empfindung aus Alle mochten sie wohl so erwartet haben Über den Aufwand zur
Deckung der künftigen Kosten sprach mein Gastfreund mit Mathilden besonders
Durch das Abschlagen der Steine mit scharfen Hämmern hatten sich die Auslagen
größer gezeigt als man anfangs vermuten konnte Mein Gastfreund riet daher dass
man die Arbeit auf längere Fristen ausdehnen solle wodurch die Kosten weniger
empfindlich würden und da doch das Schaffen des Schönen das Vergnügen bilde
dieses Vergnügen sich verlängere Man billigte den Vorschlag und freute sich
auf das Wachsen des Edleren und freute sich auf den Augenblick wenn das Haus
in einem würdigen Gewande da stehen würde und man die Beruhigung hätte es so
dem künftigen Besitzer übergeben zu können
Mit dem Anbruche des nächsten Tages fuhren mein Gastfreund Eustach Roland
Gustav und ich auf dem Wege nach dem Rosenhause dahin
Als ich in Hinsicht der eben zugebrachten Tage etwas über das Landleben
sagte und die Annehmlichkeiten desselben berührte und als wir eine Zeit über
diesen Gegenstand gesprochen hatten sagte mein Gastfreund »Das
gesellschaftliche Leben in den Städten wenn man es in dem Sinne nimmt dass man
immer mit fremden Personen zusammen ist bei denen man entweder mit andern zum
Besuche ist oder die mit andern bei uns sind ist nicht erspriesslich Es ist
das nämliche Einerlei wie das Leben in Orten die den großen Städten nahe sind
Man sehnt sich ein anderes Einerlei aufzusuchen denn wohl ist jedes Leben und
jede Äußerung einer Gegend ein Einerlei und es gewährt einen Abschluss von dem
einen Einerlei in ein anderes über zu gehen Aber es gibt auch ein Einerlei
welches so erhaben ist dass es als Fülle die ganze Seele ergreift und als
Einfachheit das All umschließt Es sind erwählte Menschen die zu diesem kommen
und es zur Fassung ihres Lebens machen können«
»In der Weltgeschichte kommt wohl Ähnliches vor« sagte ich
»In der Weltgeschichte kommt es vor« antwortete er »wo ein Mensch durch
eine große Tat die sein Leben erfüllt diesem Leben eine einfache Gestalt geben
kann abgelöst von allem Kleinlichen in der Wissenschaft, wo ein grossartiges
Feld höchsten Erringens vor dem Menschen liegt oder in der Klarheit und Ruhe
der Lebensanschauungen die endlich alles auf einige ausgedehnte aber
einfältige Grundlinien zurück führt Jedoch sind auch hier Masse und Abstufungen
wie in allen andern Dingen des Lebens«
»Von den zwei Hauptzeiträumen welche das menschliche Geschlecht betroffen
haben« erwiderte ich »von dem sogenannten antiken und dem heutigen dürfte
wohl der griechischrömische das meiste von dem Gesagten aufzuweisen haben«
»Wir wissen zuletzt gar nicht welche Zeiträume es in der Geschichte gegeben
hat« antwortete er »Die Griechen und Römer sind unserer Zeit am nächsten wir
sind aus ihnen hervor gegangen und wissen von ihnen auch das meiste Wer weiß
wie viele Völkerabschnitte es gegeben hat und wie viele unbekannte
Geschichtsquellen noch verborgen sind Wenn einmal ganze Reihen solcher
Völkerzustände wie Griechenund Römertum vorliegen dann lässt sich eher über
unsere Frage etwas sagen Oder sind etwa solche Reihen nur dagewesen und
vergessen worden und werden überhaupt die hintersten Stücke der Weltgeschichte
vergessen wenn sich vorne neue ansetzen und ihrer Entwicklung entgegen eilen
Wer wird dann nach zehntausend Jahren noch von Hellenen oder von uns reden Ganz
andere Vorstellungen werden kommen die Menschen werden ganz andere Worte haben
mit ihnen in ganz anderen Sätzen reden und wir würden sie gar nicht verstehen
wie wir nicht verstehen würden wenn etwas zehntausend Jahre vor uns gesagt
worden wäre und uns vorläge selbst wenn wir der Sprache mächtig wären Was ist
dann jeder Ruhm Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurück und sehen wir
von Egyptern Assyrern Indern Medern Hebräern Persern von denen Kunde zu
uns herüber gekommen ist ab und vergleichen wir uns nur allein mit der
griechischrömischen Welt so dürfte in ihr wirklich mehr einfache Lebensgröße
gelegen sein als in der unsern liegt Ich verwundere mich oft wenn ich in der
Lage bin zu entscheiden welchen von beiden ich den Preis geben soll Cäsars
Taten oder Cäsars Schriften wie sehr ich im Schwanken begriffen bin und wie
wenig ich es weiß Beides ist so klar so stark so unbeirrt dass wir wenig
desgleichen haben dürften«
»Jene alten Verhältnisse des Handelns und Denkens waren aber wie ich
glaube auch weniger verwickelt als die unsrigen« sagte ich
»Sie hatten einen nicht so ausgedehnten Schauplatz wie wir« erwiderte er
»obwohl auch der Platz der Taten zu Cäsars Zeit Britannien Gallien Italien
Asien Afrika oder zu Alexanders Zeit Griechenland und Orient nicht ganz
klein war Ihre Verhältnisse nach außen gestalteten sich daher leichter aber im
Innern dürften sie bei der großen Zahl der mitandelnden Personen von denen die
meisten Stimme und Gewalt in Staatsdingen hatten nicht so leicht gewesen sein
und die Macht diese Gemüter durch Wort Erscheinung und Handlung zu gewinnen
und zu leiten dürfte schwierig zu erwerben gewesen sein und dürfte eben dem
Wesen eines Mannes die feste Gestalt aufgedrückt haben die wir so oft an ihm
bewundern Unsere Zeit ist eine ganz verschiedene Sie ist auf den Zusammensturz
jener gefolgt und erscheint mir als eine Übergangszeit nach welcher eine
kommen wird von der das griechische und römische Altertum weit wird Übertroffen
werden Wir arbeiten an einem besonderen Gewichte der Weltuhr das den Alten
deren Sinn vorzüglich auf Staatsdinge auf das Recht und mitunter auf die Kunst
ging noch ziemlich unbekannt war an den Naturwissenschaften Wir können jetzt
noch nicht ahnen was die Pflege dieses Gewichtes für einen Einfluss haben wird
auf die Umgestaltung der Welt und des Lebens Wir haben zum Teile die Sätze
dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Büchern oder Lehrzimmern
zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe auf den Handel auf den Bau von
Straßen und ähnlichen Dingen verwendet wir stehen noch zu sehr in dem Brausen
dieses Anfanges um die Ergebnisse beurteilen zu können ja wir stehen erst ganz
am Anfange des Anfanges Wie wird es sein wenn wir mit der Schnelligkeit des
Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können wenn wir
selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten
Stellen der Erde werden gelangen und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit große
Lasten werden befördern können Werden die Güter der Erde da nicht durch die
Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden dass allen alles
zugänglich ist Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem
was sie hat was sie ist und was sie weiß absperren bald wird es aber nicht
mehr so sein sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden Dann wird um
der Allberührung genügen zu können das was der Geringste wissen und können
muss um vieles größer sein als jetzt Die Staaten die durch Entwicklung des
Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben werden an
Reichtum an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage
stellen können Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem
ganzen Wesen erlangen Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste Der Kampf in
dieser Richtung wird sich fortkämpfen er ist entstanden weil neue menschliche
Verhältnisse eintraten das Brausen von welchem ich sprach wird noch stärker
werden wie lange es dauern wird welche Übel entstehen werden vermag ich nicht
zu sagen aber es wird eine Abklärung folgen die Übermacht des Stoffes wird vor
dem Geiste, der endlich doch siegen wird eine bloße Macht werden die er
gebraucht und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat wird eine
Zeit der Größe kommen die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist Ich
glaube dass so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden Wie weit
das geht wie es werden wie es enden wird vermag ein irdischer Verstand nicht
zu ergründen Nur das scheint mir sicher andere Zeiten und andere Fassungen des
Lebens werden kommen wie sehr auch das was dem Geiste und Körper des Menschen
als letzter Grund inne wohnt beharren mag«
Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein behandelten es im
Fahren und suchten die möglichen Folgen anzugeben Besonders wurden Zweige der
Naturwissenschaften genannt welche vorzugsweise vorgeschritten waren und
Einfluss zu gewinnen schienen wie die Chemie und andere Roland war entschieden
für Neuerung wenn sie auch alles umstürzte mein Gastfreund und Eustach hegten
den Wunsch dass jenes Neue welches bleiben soll weil es gut ist denn wie
vieles Neue ist nicht gut nur allgemach Platz finden und ohne zu große Störung
sich einbürgern möchte So ist der Übergang ein längerer aber er ist ein
ruhigerer und seine Folgen sind dauernder
Nach dem Mittagsessen kam das Gespräch auf die Brunnennymphe im Sternenhofe
und mein Gastfreund erzählte mir wie sie erworben worden war Ein Mann der
entfernt mit Mathilden verwandt war hatte zu seinem großen Vermögen noch
Erbschaften gemacht Er verlegte sich auf Sammlungen Er hatte Münzen er hatte
Siegel er hatte keltische und römische Altertümer Musikgeräte Tulpen und
Georginen Bücher Gemälde und Bildsäulen Er baute in seinem Garten an sein
Haus welches etwas erhöht stand eine große Fläche die er mit Steinen
pflasterte und von welcher künstliche steinerne Stufen in mehreren Richtungen
nach dem Garten hinab gingen Auf die Brüstungen dieser Fläche und auf die
Einfassungen der Treppen wurden Bildsäulen gesetzt Es gehörte zu den größten
Vergnügungen des Mannes auf der Fläche hin und her zu gehen Das tat er auch
oft wenn die heisseste Sonne am Himmel stand und das Pflaster in die Sohlen
brannte Außerdem hatte er auch noch Bildsäulen auf den Treppen des Hauses und
in den Zimmern Die Nymphe welche jetzt Matilde besitzt hatte er in einem
Brunnentempel im Garten Er hatte sie von seinem Grossoheime geerbt Sie soll zu
den Jugendzeiten desselben von einem italienischen Bildbauer für einen Fürsten
verfertigt worden sein dessen schneller Todfall das Übergehen an ihre
Bestimmung vereitelte So kam sie nach mehreren Zufällen an den Grossoheim der
Verbindungen mit dem Künstler hatte Man sagt diese Bildsäule sei der Anfang zu
der Bildsäulenliebhaberei des Vetters Mathildens gewesen Als dieser Mann starb
fand sich ein letzter Wille geschrieben vor dass alle Kunstwerke an Kunstkenner
oder Kunstliebhaber nicht aber an Händler verkauft werden und dass das Geld
dafür und die anderen Dinge die er hinterlassen und zwar letztere nach einem
Schätzungswerte unter seine entfernten Verwandten verteilt werden sollten denn
Kinder oder nähere Verwandte hatte er nicht Da nun die Nymphe weitaus das
schönste Kunstwerk war welches er besaß da Matilde es immer bewundert hatte
da sie schon im Besitze des Sternenhofes war und in demselben schon schöne
Gemälde untergebracht hatte so war es ihr nicht schwer sich als eine
Kunstliebhaberin auszuweisen und das Bildwerk anzukaufen Man gönnte es ihr mehr
als einem Fremden weil auf diese Weise das Kunstwerk gewissermaßen in der
Familie blieb und sie überdies auch mehr in die gemeinschaftliche Erbschaft
zahlte als ein Fremder getan haben würde Sie brachte das ihr so liebe Werk in
den Sternenhof und stellte es dort in einem Saale auf Erst lange danach wurde
durch Eustachs und meines Gastfreundes Bemühungen zwischen den Eichen die schon
standen die Eppichwand und die Quellengrotte gebaut und so der Gestalt ein
würdiger und wirkungsvollerer Aufenthaltsort gegeben da sie für den Saal doch
immer zu groß und ihre Stellung und ihre Beschäftigung unpassend gewesen war
Den Krug aus welchem das Wasser rann hatte sie schon das Becken und die Bank
sind neu gemacht worden die Alabasterschale hat Matilde aus ihrem Besitztum
dazu gegeben
Wir kamen am Abende im Rosenhause an Am andern Tage bat ich meinen
Gastfreund er möge erlauben dass ich eine Nachzeichnung von der Zeichnung des
Kerberger Altares die er besitze mache und diese Zeichnung meinem Vater zum
Geschenke bringe Er erlaubte es sehr gerne Die Zeichnung war nach dem
Vorschlage welcher auf der Reise in das Hochland gemacht worden war von Roland
verbessert worden und so wurde sie mir übergeben
Ich schloss mich in mein Zimmer ein und arbeitete mehrere Tage fleißig von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang bis ich mit der Zeichnung fertig war Ich
verpackte sie nun sehr wohl und gab meinem Gastfreunde die Urzeichnung zurück
Nun hielt ich mich nicht mehr länger in dem Asperhofe auf und eilte in die
Tann
Ich stieg dort auf Berge ich arbeitete sehr angestrengt ich spielte sehr
viel auf meiner Zither und las in meinen Büchern
Eines Tages gegen den Spätsommer hin hörte ich mit allem auf Ich packte
meine Kisten tat die Wertzeuge und die Schriften die sich auf meine Arbeiten
bezogen in ihre Fächer und Koffer entließ fast alle Leute versah die Kisten
mit Aufschriften verordnete ihre Versendung und ging dann in das Lautertal
Dort nahm ich nur den alten Kaspar und von den jungen Männern einen der mir
besonders lieb geworden war und beschloss die Messung des Lautersees zu Ende zu
bringen
Ich mietete mich in dem Seewirtshause ein richtete alle Geräte welche mir
zu meinem Vorhaben nötig waren zurecht ließ diejenigen neu verfertigen welche
ich nicht hatte und ging ans Werk Ich arbeitete recht fleißig So lange das
Licht des Tages leuchtete waren wir auf dem Wasser Nachts außer einigen
Stunden Schlafes war ich an dem Papiere teils mit Rechnungen teils mit
Schreiben teils sogar mit Zeichnen beschäftigt Ich wiederholte einige
Messungen welche ich in früheren Zeiten vorgenommen hatte um mich von der
Beständigkeit oder Wandelbarkeit des Wasserstandes oder des Seegrundes zu
überzeugen Da ein durchaus gleicher Wasserstand nicht zu denken ist so bezog
ich meine Messungen auf einen mittleren Stand und stellte immer die Frage wie
tief unter diesem Stande die bestimmten Stellen des Seegrundes liegen Dieser
mittlere Stand der nach demjenigen genommen wurde welcher in der meisten Zeit
des Jahres herrscht war in meiner Abbildung auch der Wasserspiegel Ihn nahm
ich bei den Nachmessungen zur Richtschnur In größeren Entfernungen von dem Ufer
hatte sich der Seegrund seit dem Beginne meiner Messungen nicht geändert oder
wenn er sich geändert hatte war es so wenig dass es durch unsere Messwerkzeuge
nicht wahrzunehmen war An jenen Ufern oder in der Nähe derselben wo große
Tiefen herrschten und steile ruhige Wände standen an denen bei Regengüssen
höchstens schmale Bänder oder seichte Wasserflächen niederrieseln war ebenfalls
keine Veränderung Aber an seichten Stellen bei flacheren Ufern wo der Regen
Gerölle und andere Dinge einführt fanden sich schon Veränderungen vor Am
meisten aber waren die Wandlungen und am größten wo eine Schlucht sich gegen
das Wasser öffnete aus welcher ein Bergbach hervorströmte der je nachdem er
weiter her floss oder bei Güssen heftiger anschwoll auch größere Berge von
Gerölle in den See schob und dort liegen ließ Nach der Wiederholung dieser
alten Messungen wurde zu neuen geschritten die zur Vollendung der mir zum Ziele
gesetzten Kenntnisse notwendig waren Ebenso wurden die Zeichnungen der Gebilde
welche sich außerhalb des Wassers als Ufer befanden fleißig fortgesetzt
Zweimal wurde die Arbeit unterbrochen Ich ging in das Rotmoor um
nachzusehen wie weit die Dinge die aus meinen Marmoren verfertigt werden
sollten gediehen wären und wie gut sie ausgeführt würden Die Fortschritte
waren zu loben Man sagte und ich selber sah die Möglichkeit ein dass in
diesem Sommer noch alles fertig werden würde Aber in Hinsicht der Güte hatte
ich Ausstellungen zu machen Ich ordnete mit Bitten Vorstellungen und
Versprechen an dass man das was ich angab so genau und so rein mache wie ich
es wollte
Wenn Regenzeit war so dass die Wolken an den Bergen herum hingen und weder
diese noch die Gestalt des Sees richtig zu überblicken waren so blieb ich zu
Hause und zeichnete und malte dasjenige in mein Hauptblatt was ich im Freien
auf viele Nebenblätter aufgenommen hatte So rückte das Unternehmen der
Vollendung immer näher
Endlich waren die Arbeiten im Freien beendigt und es erübrigte nur noch
die vielen Angaben welche in meinen Papieren zerstreut waren und welche ich
bisher nicht hatte bewältigen können in die Zeichnung einzutragen und die
Gestalten welche ich auf einzelnen Blättern hatte teils mit der Hauptzeichnung
wegen der Richtigkeit zu vergleichen teils diese wo es nottat zu ergänzen
Auch Farben mussten auf verschiedene Stellen aufgetragen werden
Nach langer Arbeit und nach vielen Schwierigkeiten die ich zur Erzielung
einer großen Genauigkeit zu überwinden hatte war das Werk eines Tages fertig
und der ganze Entwurf lag in schwermütiger Düsterheit und in einer Schönheit vor
meinen Augen die ich selber nicht erwartet hatte Ich betrachtete allein die
Abbildung eine Weile da niemand war der das Anschauen mit mir geteilt hätte
rollte dann das Blatt auf eine Walze verpackte es sehr gut in einen Koffer
nahm von dem See und von allen Bewohnern des Seewirtshauses Abschied und begab
mich auf den Weg in das Ahornhaus des Lautertales
Dort siedelte ich mich an Ich ging nun täglich in das Rotmoor blieb den
ganzen Tag dort und kehrte abends zurück so dass ich in der Dämmerung im
Ahornhause ankam Ich sah im Rotmoore den Arbeiten an meinen Marmoren zu dem
Schneiden Feilen Reiben Schleifen und Glätten Ich gab auch an wie manches
zu behandeln sei und wie es einer größeren Vollendung namentlich aber einer
größeren Genauigkeit entgegen geführt werden könnte
Das Wasserbecken meines Vaters wurde nach und nach fertig und die kleineren
Dinge, welche gemacht werden sollten waren ebenfalls vollendet Die Sonne
schien in die Bauhütte und das Becken erglänzte recht rein und schön in
derselben Ich ließ von starken Balken Behältnisse zimmern In diese wurden die
Teile des Beckens mit Winden Hebeln und Stricken gepackt und zur Versendung
bereitet Die Wägen mussten eigens vorgerichtet werden damit die Behältnisse an
den Strom gebracht werden könnten Diese Vorrichtung war endlich fertig Das
Aufladen wurde bewerkstelligt und die Wägen gingen ab Ich ging mit ihnen bis
an den Strom und verließ sie keinen Augenblick um wo möglich jeden Unfall zu
verhüten Am Strome wurden die Behältnisse auf ein Schiff verladen und weiter
befördert Von dem Landungsplatze vor unserer Stadt wurden sie endlich wieder
durch starke Wägen in unsern Garten gebracht
Es wurde nun daran geschritten das Wasserwerk in diesem Herbste noch fertig
zu machen Der Vater hatte auf Briefe von mir und auf gesendete Masse den Dingen
bereits vorarbeiten lassen Es wurden nun noch mehrere Arbeiter gedungen und ein
Wasserbaukundiger genommen welcher die Arbeiten zu leiten hatte Ich war den
ganzen Tag bei dem Werke zugegen und half mit Der Vater kargte sich ebenfalls
alle mögliche Zeit ab um zugegen sein und zuschauen zu können Die Röhren
wurden gelegt die Steigröhre verzapft der Stengel über sie gebaut mit den
nötigen Eisen gestärkt und verlötet und an demselben wurde das Blatt befestigt
Der Pfropfen welcher den in das Blatt mündenden Stengel geschlossen gehalten
hatte wurde gelüftet und der reine Strahl fiel auf die im Blatte liegende
Einbeere hinunter füllte das Becken und glitt von demselben als es gefüllt
war auf den sanften gelb marmornen Fußboden nieder und rieselte in dessen Rinne
weiter Die Farben stimmten sehr gut zusammen das Dunkel des Stengels hob sich
von dem Rosenrot des Blattes ab und das Gelb des Fussbodens gab dem Rosenrot
eine schönere Farbe und einen feineren Glanz Es waren mehrere Gäste zur
Eröffnung des Werkes geladen worden und diese so wie Vater Mutter und
Schwester freuten sich des Gelingens
Der Vater reichte mir als Gegengeschenk sehr schön gebunden und auf den
Deckeln mit halberhabener Arbeit versehen das Nibelungenlied Ich dankte ihm
sehr dafür
Es wurde beschlossen für den Winter ein Bretterhäuschen über das Wasserwerk
machen zu lassen und dasselbe gut zu verwahren dass keine Kälte eindringen
könne Für den Frühling wurden Plane entworfen wie man die Gartenumgebungen des
Beckens einrichten solle dass der ganze Anblick ein desto würdigerer und
schönerer sei Man hoffte bis zum Eintritte der besseren Jahreszeit mit den
Entwürfen im Reinen zu sein und beginnen zu können
Ich übergab außer dem Becken auch die andern Marmorgegenstände welche in
dem Rotmoore waren verfertigt worden Darunter befanden sich Säulen und Simse
welche an einer Stelle verwendet werden sollten die am Ende des Gartens lag
eine Aussicht auf die Berge und auf die Umgebung bot und auf welcher der Vater
etwas zu errichten vorhatte das der Aussicht würdig wäre und sie besser
genießen lasse Ich meinte es dürfte eine schöne Fassung anzulegen sein die
den Platz begrenzt die breite Flächen hat dass man sich auf dieselben lehnen
und Dinge auf sie legen könne und an der sich Sitze befänden auf welchen man
ausruhen könne Wenn in der Nähe dieser Fassung ein Tisch wäre würde es noch
besser sein Außerdem hatte ich Schalen zu beliebigem Gebrauche gebracht Ringe
die einen Vorhang fassen Tischplatten Pfeilerverzierungen Steine von
verschiedener Farbe die im Vierecke geschliffen waren und die man der Reihe
nach auf Papier oder Ähnliches legen konnte und noch mehrere Dinge dieser Art
Dem Vater zeigte ich die Zeichnung von dem Kerberger Altare und sagte dass
ich sie eigens für ihn gemacht habe und sie ihm hiemit übergebe Er war sehr
erfreut darüber und dankte mir dafür Der Altar war ihm zwar nicht neu er hatte
ihn in früherer Zeit ehe er wieder hergestellt worden war gesehen und die
Zeichnung des wiederhergestellten Altares war unter den von meinem Gastfreunde
dem Vater im vorigen Jahre gesendeten Zeichnungen gewesen Desohngeachtet war es
ihm sehr angenehm die Zeichnung zu besitzen und sie öfter und nach Musse
betrachten zu können Er machte mich auf mehrere Dinge aufmerksam die er nach
wiederholter Betrachtung entdeckt hatte Zuerst sah er dass der Altar viel
reicher und mannigfaltiger sei als da er ihn in noch unverbessertem Zustande
vor vielen Jahren in Wirklichkeit gesehen hatte dann machte er mich darauf
aufmerksam dass dieses Werk schon die Rundlinien habe dass die Türmchen durch
gewundene Stäbe in Gestalten von Pyramiden gebildet und dass die menschlichen
Gestalten schon sehr durchgearbeitet seien was alles darauf hindeute dass das
Werk nicht mehr der Zeit der strengen gotischen Bauart angehöre sondern
derjenigen wo diese Art sich schon zu verwandeln begonnen hatte Auch zeigte er
mir dass Teile der Verzierungen im Laufe der Zeiten an andere Orte gestellt
worden seien als an die sie gehören dass die Büsten sich nicht an dem rechten
Platze befinden und dass menschliche Gestalten verloren gegangen sein müssen Er
holte Bücher aus seinem Bücherschreine herbei in denen Abbildungen waren und
aus denen er mir die Wahrheit dessen bewies was er behauptete Ich sagte ihm
dass mein Gastfreund und Eustach der nämlichen Meinung sind dass aber die
Wiederherstellungen welche man an dem Altare gemacht hat im strengen
Wortverstande nicht Wiederherstellungen gewesen seien sondern dass man sich
zuerst nur zum Zwecke gesetzt habe den Stoff zu erhalten und weitere
Umänderungen oder größere Ergänzungen einer ferneren Zeit aufzubewahren wenn
sich überhaupt die Mittel und Wege dazu fänden Nur solche Ergänzungen sind
gemacht worden bei denen die Gestalt des Gegenstandes unzweifelhaft gegeben
war
Die Bücher des Vaters machten mich auf die Sache die sie behandelten mehr
aufmerksam ich bat ihn dass er sie mir in meine Wohnung leihe und begann sie
durchzugehen Sie führten mich dahin dass ich die Baukunst und ihre Geschichte
vom Anfange an genauer kennen zu lernen wünschte und mir alle Bücher die hiezu
nötig waren nach dem Rate meines Vaters und anderer ankaufte
5 Der Bund
Der Winter verging wie gewöhnlich Ich richtete meine mitgebrachten Dinge in
Ordnung und holte an Schreibgeschäften nach was im Sommer wegen der Tätigkeit
im Freien und der anderweitig verlorenen Zeit im Rückstande geblieben war Der
Umgang mit den Meinigen in dem engsten Kreise des Hauses war mir das Liebste er
war mein größtes Vergnügen er war meine höchste Freude Der Vater bezeigte mir
von Tag zu Tag mehr Achtung Liebe konnte er mir nicht in größerem Masse
bezeigen denn diese hatte er mir immer höchstmöglich bewiesen aber so wie er
früher bei der zärtlichsten Sorg falt für mein Wohl und bei der Herbeischaffung
alles dessen was zu meinem Unterhalte und meiner Ausbildung notwendig gewesen
ist mich meine Wege gehen ließ immer freundlich und liebevoll war und nicht
begehrte dass ich mich in andere Richtungen begebe die ihm etwa bequemer sein
mochten so war er zwar dies jetzt alles auch aber er fragte mich doch häufiger
um meine Bestrebungen und ließ sich die Dinge, welche darauf Bezug hatten
auseinandersetzen er holte meinen Rat und meine Meinung in Angelegenheiten
seiner Sammlungen oder in denen des Hauses ein und handelte danach er sprach
über Werke der Dichter der Geschichtschreiber der Kunst mit mir und tat dies
öfter als es in früheren Zeiten der Fall gewesen war Er brachte in meiner
Gesellschaft manche Zeit bei seinen Bildern bei seinen Büchern und bei seinen
andern Dingen zu und versammelte uns gerne in dem Glashäuschen das eine
erwärmte Luft durchwehte die sich traulich um die alten Waffen die alten
Schnitzwerke und die Pfeilerverkleidungen ergoss Er sprach von verschiedenen
Dingen und schien sich wohl zu fühlen den Abend in dem engsten Kreise seiner
Familie zubringen zu können Mir schien es dass er zu der jetzigen Zeit nicht
nur früher aus seiner Schreibstube nach Hause komme als sonst sondern dass er
sich auch mehr innerhalb der Mauern desselben aufhalte als in früheren Jahren
Die Mutter war sehr freudig über die Heiterkeit des Vaters sie ging gerne in
seine Pläne ein und beförderte alles was sie in ihrem Kreise zu der Erfüllung
derselben tun konnte Sie schien uns Kinder mehr zu lieben als in jeder
vergangenen Zeit Klotilde wendete sich immer mehr und mehr zu mir sie war
gleichsam mein Bruder ich war ihr Freund ihr Ratgeber ihr Gesellschafter Sie
schien gar keine andere Empfindung als für unser Haus zu haben Wir setzten
unsere Übungen im Spanischen im Ziterspielen im Zeichnen und Malen fort
Trotz dieser Dinge war sie auch im Hauswesen eifrig um der Mutter Folge zu
leisten und ihren Beifall zu gewinnen Wenn etwas in dieser Art das eine
größere Sorgfalt und Geschicklichkeit erheischte besonders gelang und dies
erkannt wurde so war ihre Befriedigung größer als wenn sie bei einer ernsten
und wichtigen Bewerbung vor einer ansehnlichen Versammlung den Preis davon
getragen hätte
In den Gesellschaften die in kleineren oder größeren Kreisen nur seltener
als in früheren Jahren in unserem Hause statt fanden wurden jetzt auch mehr
Gespräche geführt als da wir noch jünger waren Es wurden ernsthafte Dinge in
Untersuchung gezogen Angelegenheiten des Staates allgemeine öffentliche
Unternehmungen oder Erscheinungen die von sich reden machten Man sprach auch
von seinen Beschäftigungen von seinen Liebhabereien oder von dem gewöhnlichen
Tagesstoffe wie etwa das Theater ist oder wie Begebenheiten sind die sich in
den nächsten Umgebungen zutragen Im übrigen wurde auch zu den bekannten
Vergnügungen gegriffen Musik Tanz Liedersingen Manche jüngere Leute lernten
sich da neu kennen ältere setzten die früher bestandene Bekanntschaft fort
Ich besuchte meine Freunde besprach mich mit ihnen und erzählte ihnen im
allgemeinen womit ich mich eben beschäftige Sie teilten mir aus dem Kreise
ihrer Erlebnisse mit und machten mich auf manche Persönlichkeiten aufmerksamen
Ich setzte meine Malerei fort ich betrieb die Edelsteinkunde und besuchte
manches Theater Das Lesen der Bücher über Baukunst vergnügte mich sehr und es
eröffnete sich mir da ein neues Feld das manches Erspriessliche und manche
Förderung versprach
Die Abende bei der Fürstin erschienen mir immer wichtiger Es hatte sich
nach und nach eine Gesellschaft zusammen gefunden deren Mitglieder sich häufig
und gerne in dem Zimmer der Fürstin versammelten Es wurden die anziehendsten
Stoffe verhandelt und man schrak nicht zurück wenn jemand die Fragen der
allerneuesten Weltweisheit auf die Bahn brachte Man legte sich die Dinge
zurecht wie man konnte man kleidete die eigentümliche Redeweise der
sogenannten Fachmänner in die gewöhnliche Sprache und wendete den gewöhnlichen
Verstand darauf an Was durch diese Mittel und durch die der Gesellschaft
herausgebracht werden konnte das besaß man und wenn es von der Gesellschaft
als ein Gewinn betrachtet wurde so behielt man es als einen Gewinn Wenn aber
nur Worte da zu sein schienen von denen man eine greifbare Bedeutung nicht
ermitteln konnte so ließ man die Sache dahin gestellt sein ohne ihr eine Folge
zu geben und ohne über sie aburteilen zu wollen Die Dichter und das Spanische
wurden lebhaft fortgesetzt
Wenn sehr klare Tage waren und eine heitere Sonne ein erhellendes Licht in
den Zimmern vermittelte so war ich in dem Glashäuschen und arbeitete an den
Abbildungen der Pfeilerverkleidungen für meinen Gastfreund Ich wollte sie so
gut machen als es mir nur möglich wäre um dem Manne dem ich so viel
verdankte und den ich so hoch achtete Zufriedenheit abzugewinnen oder ihm gar
etwa ein Vergnügen zu bereiten Ich wollte zuerst Zeichnungen von den
Verkleidungen entwerfen und nach ihnen Bilder in Ölfarben ausführen Ich machte
die Zeichnungen auf lichtbraunes Papier tiefte die Schatten in Schwarz ab
erhöhte die Lichter in einem helleren Braun und setzte die höchsten
Glanzstellen mit Weiß auf Als ich die Zeichnungen in dieser Art fertig hatte
und durch vielfache Vergleichungen und Abmessungen überzeugt war dass sie in
allen Verhältnissen richtig seien setzte ich noch den Maßstab hinzu nach dem
sie ausgeführt waren Ich schritt nun zur Verfertigung der Bilder Sie wurden
etwas kleiner als die Entwürfe gemacht aber im genauen Verhältnisse zu
denselben Ich benutzte zum Malen immer die nämlichen Vormittagsstunden um die
Glanzpunkte die Lichter und die Schatten in ihrer vollen Richtigkeit zu
erfassen und auch der Farbe im allgemeinen ihre Treue geben zu können Es
zeigte sich mir da eine Erfahrung in den Farben wieder bestätigt die ich schon
früher gemacht hatte Auf die mit schwachem Firnisse überzogenen
Holzschnitzwerke nahmen die umgebenden Gegenstände einen solchen Einfluss dass
sich Schwerter Morgensterne dunkelrotes Faltenwerk die Führung der Wände des
Fussbodens die Fenstervorhänge und die Zimmerdecke in unbestimmten Ausdehnungen
und unklaren Umrissen in ihnen spiegelten Ich merkte bald dass, wenn alle diese
Dinge in die Farbe der Abbildungen aufgenommen werden sollten die dargestellten
Gegenstände wohl an Reichtum und Reiz gewinnen aber an Verständlichkeit
verlieren würden so lange man nicht das Zimmer mit allem was es enthält mit
malt und dadurch die Begründung aufzeigt Da ich dies nicht konnte und mein
Zweck es auch nicht erheischte so entfernte ich alles Zufällige und stark
Einwirkende aus dem Zimmer und malte dann die Schnitzereien wie sie sich samt
den übergebliebenen Einwirkungen mir zeigten um einerseits wahr zu sein und um
andererseits wenn ich jede Einwirkung der Umgebung weg ließe nicht etwas
geradezu Unmögliches an ihre Stelle zu setzen und den Gegenstand seines Lebens
zu berauben weil er dadurch aus jeder Umgebung gerückt würde keinen Platz
seines Daseins und also überhaupt kein Dasein hätte Was die wirkliche Ortsfarbe
der Schnitzereien sei würde sich aus dem Ganzen schon ergeben und müsste aus ihm
erkannt werden. Ich wendete bei der Arbeit sehr viele Mühe auf und suchte sie
so genau als es meiner Kraft und meinen Kenntnissen möglich war zu verrichten
Ich erhöhte und vertiefte die Farben so lange und suchte nach dem richtigen
Tone und dem erforderlichen Feuer so lange bis das Bild neben die Gegenstände
gestellt aus der Ferne von ihnen nicht zu unterscheiden war Die Zeichnung des
Bildes musste richtig sein weil sie vollkommen genau nach dem ursprünglichen
Entwurfe gemacht worden war den ich nach mathematischen Weisungen zusammen
gestellt hatte Als die Sache nach meiner Meinung fertig war zeigte ich sie dem
Vater welcher sie auch mit Ausnahme von kleinen Anständen die er erhob
billigte Die Anstände beseitigte ich zu seiner Zufriedenheit Hierauf wurde
alles in taugliche Fächer gebracht und zur Verführung bereit gehalten
Es waren fast die Tage des Vorfrühlings herangekommen ehe ich mit diesem
Werke fertig war Dies hatte seinen Grund auch vorzüglich darin dass ich die
späteren hellen Wintertage mehr als die früheren trüben hatte benutzen können
Im Frühlinge trat ich meine Reise wieder an
Ich machte zuerst einen Besuch bei meinem Gastfreunde brachte ihm die
Fächer in denen die Abbildungen der Pfeilerverkleidungen enthalten waren und
händigte ihm sowohl den Entwurf als auch das Farbenbild der Schnitzereien ein
Er berief Eustach in seine Stabe in welcher die Dinge ausgepackt wurden
herüber Beide sprachen sich sehr günstig über die Arbeit aus und zwar
günstiger als über jede frühere die ich ihnen vorgelegt hatte Ich war darüber
sehr erfreut Eustach sagte dass man sehr gut die Ortsfarben und die welche
durch fremde Einwirkungen entstanden waren unterscheiden könne und dass man aus
den letzten die Beschaffenheit der Umgebungen zu ahnen vermöge Sie stellten das
Bild in die nötige Entfernung und betrachteten es mit Gefallen Besonders
anerkennend sprach Eustach über die Richtigkeit und Brauchbarkeit des unfarbigen
Entwurfes
Ich reiste nach dem kurzen Besuche in dem Rosenhause in die Gegend der Tann
blieb auch dort nur kurz und drang tiefer in das Gebirge ein um eine
Mittelstelle zu finden von der aus ich meine neuen Arbeiten unternehmen könnte
Als ich eine solche gefunden hatte ging ich in das Lautertal und dort in das
Ahornwirtshaus um meinen Kaspar und die andern welche mir im vorigen Jahre
geholfen hatten auch für das heurige zu dingen Als dies wie ich glaube zu
gegenseitiger Zufriedenheit abgetan war blieb ich noch einige Tage in dem
Ahornhause teils damit sich meine Leute zu der Abreise rüsten konnten teils um
das mir liebgewordene Haus das liebgewordene Tal und die Umgebung wieder ein
wenig zu genießen Ich ging bei dieser Gelegenheit mehrere Male in das Rotmoor
um dort nachzusehen was man eben für Gegenstände aus Marmor mache Mir schien
es als wäre die Anstalt seit einem Jahre sehr gediehen Ich besprach mich dort
auch über Arbeiten die für mich auszufahren wären falls ich den hiezu nötigen
Marmor fände Erkundigungen um auf Spuren der Ergänzungen der
Pfeilerverkleidungen meines Vaters die ich in dieser Gegend gekauft hatte zu
kommen waren auch heuer wie in früherer Zeit fruchtlos
Ein Ereignis trat in dem Lautertale ein das mich sehr erheiterte Mein
Ziterspiellehrer der einige Zeit gleichsam verschollen war war wieder da Er
zeigte viele Freude mich zu sehen und sagte er wolle mir in das Kargrat
folgen welches jetzt der Mittelpunkt meiner Arbeiten war ein Dörfchen auf
grasigen baum und buschlosen Anhöhen ganz nahe an dem ewigen Eise mit armen
Bewohnern und einem vielleicht noch ärmeren genügsamen Pfarrer Er sagte er
wolle diejenigen Arbeiten die ich ihm auftragen werde gegen Lohn verrichten
und in freier Zeit wollen wir auf der Zither spielen Er habe noch keinen
Schüler gehabt mit dem ihm die Übungen auf der Zither so viele Freude gemacht
hätten Ich beschloss einen Versuch zu wagen und wir wurden über die
gegenseitigen Bedingungen einig
Als alles in Bereitschaft war gingen wir aus dem Ahornhause in das Kargrat
ab Ich ging mit den Leuten auf abgelegenen und schneller zum Ziele führenden
Gebirgspfaden Nur einmal hatten wir eine Strecke gebahnter Straße auf welcher
ich zwei leichte Wägen mietete Im Kargrat fand ich ein kleines Zimmerchen Für
meine Leute wurde eine Scheune zurecht gerichtet und zur Aufbewahrung meiner
Gegenstände wurde aus Brettern ein ganz kleines Häuschen eigens erbaut Wir
waren nun in der Nähe der höchsten Höhen In mein winziges Fenster sahen die
drei Schneehäupter der Leiterköpfe hinter denen die steile ziemlich schlanke
blendend weiße Nadel der Karspitze hervorragte und neben denen die
edelsteinglänzenden Bänke der Simmen oder des Simmieises sich dehnten Um den
sehr spitzen Kirchturm des Dörfchens wehte die scharfe fast harte Gebirgsluft
und senkte sich auf unsere Häupter und Angesichter nieder Weit ab gegen die
Tiefe zu lagen die anderen Berge und die dichter bewohnten und bevölkerten
Länder
Über das Ziterspiel meines wiedergefundenen Lehrers war ich wirklich sehr
erfreut Ich hatte in der Zeit während welcher ich ihn nicht gesehen hatte
schon beinahe vergessen wie vortrefflich er spiele Alles was ich seit dem
gehört hatte erblasste zur Unbedeutenheit gegen sein Spiel von dem ich den
Ausdruck höchste Herrlichkeit gebrauchen muss Er scheint von diesem seinem
Musikgeräte auch ergriffen und beherrscht zu sein wenn er spielt ist er ein
anderer Mensch und greift in seine und in die Tiefen anderer Menschen und zwar
in gute Auf diesen Berghöhen war das schöne Spiel fast noch schöner noch
rührender und einsamer
Wie uns im vorigen Jahre Wälder und Wände eingeschlossen hatten und nur
wenige Stellen uns freien Umblick verschaften so waren wir heuer fast immer
auf freien Höhen und nur ausnahmsweise umschlossen uns Wände oder Wälder Der
häufigste Begleiter unserer Bestrebungen war das Eis
Als die Kalendertage sagten dass die Rosenblüte schon beinahe vorüber sein
müsse beschloss ich meine Freunde zu besuchen Ich ordnete im Kargrat alles für
meine Abwesenheit und Wiederkunft an und begab mich auf den Weg
Als ich in dem Asperhofe ankam sagten mir der Gärtner und die Dienstleute
dass Matilde Natalie mein Gastfreund Eustach Roland und Gustav in den
Sternenhof fort seien Die Rosen waren schon verblüht und man hatte mich nicht
mehr erwartet Mein Gastfreund hatte gesagt dass ich weil ich ihm im Frühlinge
mitgeteilt hatte dass ich heuer ganz nahe an dem Simmieise wohnen werde
wahrscheinlich im Sommer von dorther den weiten Weg nicht werde haben machen
wollen und dass zu vermuten sei dass ich im Herbste meine Arbeit abkürzen und
auf eine Zeit bei meinen Freunden einsprechen werde Sollte ich aber dennoch
kommen so hatten die Leute den Auftrag zu sagen dass man mich bitte in den
Sternenhof nach zu kommen
Ich mietete also des andern Tages auf der Post einen leichten Wagen und
schlug die Richtung nach dem Sternenhofe ein
Als ich in der Umgebung desselben angekommen war sah ich an Zäunen und in
Gärten noch manche Rose frisch blühen obwohl im Asperhofe weder auf dem Gitter
noch im Garten eine zu erblicken gewesen war außer mancher welken und
gerunzelten Blume die man abzunehmen vergessen hatte Auch auf der Anhöhe die
zu dem Schloss empor leitete waren an Rosenbüschen die gelegentlich den Rasen
säumten weil man im Sternenhofe die Rosen nicht eigens pflegte sondern sie nur
wie gewöhnlich als schönen Gartenschmuck zog noch Knospen die ihres
Aufbrechens harrten Diese Tatsache mag daher kommen weil der Sternenhof näher
an den Gebirgen und höher liegt als das Rosenhaus meines Freundes
In dem Hofe des Hauses nahmen die Leute mein Gepäck und die Pferde in
Empfang und wiesen mich die große Treppe hinan Da ich gemeldet worden war
wurde ich in Mathildens Zimmer geführt und fand sie in demselben allein Sie
ging mir fast bis zu der Tür entgegen und empfing mich mit derselben offenen
Herzlichkeit und Freundlichkeit die ihr immer eigen war Sie führte mich zu dem
Tische der an einem mit Blumen geschmückten Fenster stand wo sie gerne saß
und wies mir ihr gegenüber einen Stuhl an dem Tische an Als wir uns gesetzt
hatten sagte sie »Es freut mich sehr dass Ihr noch gekommen seid wir haben
geglaubt dass Ihr heuer den weiten Weg nicht machen würdet«
»Wo man mich so freundlich aufnimmt« antwortete ich »und wo man mich so
gütig behandelt dahin mache ich gerne einen Weg ich mache ihn jedes Jahr wenn
er auch weit ist und wenn ich auch meine Beschäftigung unterbrechen muss«
»Und jetzt findet Ihr mich und Nathalien nur allein in diesem Hause«
erwiderte sie »die Männer da sie sahen dass Ihr nach dem Abblühen der Rosen
noch nicht gekommen wart meinten Ihr würdet im Sommer nun gar nicht mehr
kommen und haben eine kleine Reise angetreten die auch Gustav mitmacht weil
er das Reisen so liebt Sie besuchen eine kleine Kirche in einem abgelegenen
Gebirgstale deren Zeichnung Roland gebracht hat Die Kirche wurde in der
Zeichnung sehr schön befunden und zu ihr sind sie nun unter Rolands Führung auf
dem Wege Wo sie nach der Besichtigung derselben hinfahren werden weiß ich
nicht aber das weiß ich dass sie nur einige Tage ausbleiben und in den
Sternenhof zurückkehren werden Ihr müsst sie hier erwarten sie werden eine
Freude haben Euch zu sehen und ich werde mich bemühen alles Erforderliche
einzuleiten dass Ihr indessen hier die beste Bequemlichkeit haben könnt«
»Der Bequemlichkeit« erwiderte ich »bin ich weder gewohnt noch schlage
ich sie hoch an Ich möchte nur nicht eine Störung in Euer jetziges einsames
Hauswesen bringen Das Höchste was mir zu Teil werden kann, habe ich empfangen
eine freundliche Aufnahme«
»Wenn auch gewiss eine freundliche Aufnahme das Höchste ist und wenn Ihr
auch eine Bequemlichkeit nicht begehret« antwortete sie »so ist die
Freundlichkeit in den Mienen bei der Aufnahme eines Gastes nicht das Einzige so
schätzenswert sie dort ist, sondern sie muss sich auch in der Tat äußern und es
muss uns erlaubt sein unsere Pflicht die uns lieb ist zu erfüllen und dem
Gaste eine so gute Wohnlichkeit zu bereiten als es die Umstände erlauben er
mag sie nun benützen oder nicht«
»Was Ihr für eine Pflicht haltet will ich nicht bestreiten« antwortete
ich »ich will es nicht beirren nur wünschen muss ich dass es mit so wenig
eigener Aufopferung als möglich verbunden ist«
»Diese wird nicht groß sein« sagte sie »auf einige Aufmerksamkeit in
Hinsicht der Genauigkeit und Willigkeit der Leute kommt es an und diese müsst
Ihr mir schon erlauben«
Sie zog mit diesen Worten an einer Glockenschnur und bedeutete den
hereinkommenden Diener dass er ihr den Hausverwalter rufe
Da dieser erschienen war sagte sie ihm mit sehr einfachen und kurzen
Worten dass für einen längeren Aufenthalt für mich in dem Hause auf das beste
gesorgt werden möge Als er sich entfernen wollte trug sie ihm noch auf
vorerst dem Fräulein zu sagen wer gekommen sei sie würde es später auch selber
melden und zum Abendessen würden wir in dem Speisezimmer zusammen kommen
Der Hausverwalter entfernte sich und Matilde sagte jetzt wäre das
Hauptsächlichste getan und es erübrige später nur noch sich einen Bericht über
die Mittel und die Art der Ausführung geben zu lassen
Wir gingen nun auf andere Gespräche über Matilde fragte mich um mein
Befinden und um das Allgemeine meiner Beschäftigungen denen ich mich in diesem
Sommer hingegeben habe
Ich antwortete ihr dass mein körperliches Befinden immer gleich wohl
geblieben sei Man habe mich von Kindheit an zu einem einfachen Leben
angeleitet und dieses verbunden mit viel Aufenthalt im Freien habe mir eine
lauernde und heitere Gesundheit gegeben Mein geistiges Befinden hänge von
meinen Beschäftigungen ab Ich suche dieselben nach meiner Einsicht zu regeln
und wenn sie ordnet und nach meiner Meinung mit Aussicht auf einen Erfolg vor
sich gehen so geben sie mir Ruhe und Haltung Sie sind aber in den letzten
Jahren was meine Hauptrichtung anbelangt fast immer dieselben geblieben nur
der Schauplatz habe sich geändert Die Nebenrichtungen sind freilich andere
geworden und dies werde wohl fortdauern so lange das Leben daure
Hierauf fragte ich nach dem Wohlbefinden aller unserer Freunde
Matilde antwortete man könne hierüber sehr befriedigt sein Mein
Gastfreund fahre in seinem einfachen Leben fort er bestrebe sich dass sein
kleiner Fleck Landes seine Schuldigkeit die jedem Landbesitze zum Zwecke des
Bestehenden obliege bestmöglich erfülle er tue seinen Nachbarn und andern
Leuten viel Gutes er tue es ohne Gepränge und suche hauptsächlich dass es in
ganzer Stille geschehe er schmücke sich sein Leben mit der Kunst mit der
Wissenschaft und mit andern Dingen die halb in dieses Gebiet halb beinahe in
das der Liebhabereien schlagen und er suche endlich sein Dasein mit jener Ruhe
der Anbetung der höchsten Macht zu erfüllen die alles Bestehende ordnet Was
zuletzt auch noch zum Glücke gehört das Wohlwollen der Menschen komme ihm von
selber entgegen Eustach und der ziemlich selbstständige Roland haben sich zum
Teile an dieses Gewebe von Tätigkeiten angeschlossen zum Teile folgen sie
eigenen Antrieben und Verhältnissen Gustav strebe erst auf der Leiter seiner
Jugend empor und sie glaube er strebe nicht unrichtig Wenn dieses sei so
werde dann die letzte Sprosse an jede Höhe dieses Lebens anzulegen sein auf der
ihm einmal zu wandeln bestimmt sein dürfte Was endlich sie selber und Natalie
betreffe so sei das Leben der Frauen immer ein abhängiges und ergänzendes und
darin fühle es sich beruhigt und befestigt Sie beide hätten den Halt von
Verwandten und nahen Angehörigen dem sie zur Festigung von Natur aus zugewiesen
wären verloren sie leben unsicher auf ihrem Besitztum sie müssten manches aus
sich schöpfen wie ein Mann und genießen der weiblichen Rechte nur in dem
Widerscheine des Lebens ihrer Freunde mit dem der Lauf der Jahre sie verbunden
habe Das sei die Lage sie daure ihrer Natur nach so fort und gehe ihrer
Entwicklung entgegen
Mich hatte diese Darstellung Mathildens beinahe ernst gemacht Die Stimmung
milderte sich wieder da wir auf die Erzählung von Dingen kamen die sich in
diesem Sommer zugetragen hatten Matilde berichtete mir über die Rosenblüte
über die Besuche in derselben über ihr Leben auf dem Sternenhofe und über das
Gedeihen alles dessen was der Jahresernte entgegen sehe Ich beschrieb ihr ein
wenig meinen jetzigen Aufenthaltsort erklärte ihr was ich anstrebe und
erzählte ihr auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln wir es auszuführen
versuchen
Nachdem das Gespräch auf diese Art eine Zeit gedauert hatte empfahl ich
mich und begab mich in mein Zimmer
Es war mir dieselbe Wohnung eingeräumt und hergerichtet worden welche ich
jedes Mal so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war inne gehabt hatte Ein
Diener hatte mich von dem Vorzimmer Mathildens in dieselbe geführt Sie hatte
beinahe genau dasselbe Ansehen wie früher wenn ich ein Bewohner dieses Hauses
gewesen war Sogar die Bücher welche der Hausverwalter jedes Mal zu meiner
Beschäftigung herbeigeschaft hatte waren nicht vergessen worden Nachdem ich
mich eine Weile allein befunden hatte trat dieser Hausverwalter herein und
fragte mich ob alles in der Wohnung in gehöriger Ordnung sei oder ob ich einen
Wunsch habe Als ich ihm die Versicherung gegeben hatte dass alles über meine
Bedürfnisse trefflich sei und nachdem ich ihm für seine Mühe und Sorgfalt
gedankt hatte entfernte er sich wieder
Ich überließ mich eine Zeit der Ruhe dann ging ich in den Räumen herum sah
bald bei dem einen bald bei dem andern Fenster auf die bekannten Gegenstände
auf die nahen Felder und auf die entfernten Gebirge hinaus und kleidete mich
dann zu dem Abendessen anders an
Zu diesem Abendessen wurde ich bald da ich spät am Tage in dem Schloss
angekommen war gerufen
Ich begab mich in den Speisesaal und fand dort bereits Mathilden und
Nathalien Matilde hatte sich anders angekleidet als ich sie bei meiner Ankunft
in ihrem Zimmer getroffen hatte Von Nathalien wusste ich dies nicht aber da sie
ein ähnliches Kleid anhatte wie Matilde so vermutete ich es und musste
überzeugt sein dass man ihr meine Ankunft gemeldet habe Wir begrüßten uns sehr
einfach und setzten uns zu dem Tische
Mir war es äußerst seltsam und befremdend dass ich mit Mathilden und
Nathalien allein in ihrem Hause bei dem Abendtische sitze
Die Gespräche bewegten sich um gewöhnliche Dinge
Nach dem Speisen entfernte ich mich bald um die Frauen nicht zu belästigen
und zog mich in meine Wohnung zurück
Dort beschäftigte ich mich eine Zeit mit Papieren und Büchern die ich aus
meinem Koffer hervorgesucht hatte geriet dann in Sinnen und Denken und begab
mich endlich zur Ruhe
Der folgende Tag wurde zu einem einsamen Morgenspaziergange benützt dann
frühstückten wir mit einander, dann gingen wir in den Garten dann beschäftigte
ich mich bei den Bildern in den Zimmern Der Nachmittag wurde zu einem Gange in
Teile des Meierhofes und auf die Felder verwendet und der Abend war wie der
vorhergegangene
Mit Nathalien war ich da sie jetzt mit ihrer Mutter allein in dem Schloss
wohnte beinahe fremder als ich es sonst unter vielen Leuten gewesen war
Wir hatten an diesem Tage nicht viel mit einander gesprochen und nur die
allergewöhnlichsten Dinge
Der zweite Tag verging wie der erste Ich hatte die Bilder wieder angesehen
ich war in den Zimmern mit den altertümlichen Geräten gewesen und hatte den
Gängen Gemächern und Abbildungen des oberen Stockwerkes einen Besuch gemacht
Am dritten Tage meines Aufenthaltes in dem Sternenhofe nachmittags da ich
eine Weile in die Zeilen des alten Homer geblickt hatte wollte ich meine
Wohnung in der ich mich befand verlassen und in den Garten gehen Ich legte
die Worte Homers auf den Tisch begab mich in das Vorzimmer schloss die Tür
meiner Wohnung hinter mir ab und ging über die kleinere Treppe im hinteren Teile
des Hauses in den Garten Es war ein sehr schöner Tag keine einzige Wolke stand
an dem Himmel die Sonne schien warm auf die Blumen daher es stille von
Arbeiten und selbst vom Gesange der Vögel war Nur das einfache Scharren und
leise Hämmern der Arbeiter hörte ich welche mit der Hinwegschaffung der Tünche
des Hauses in der Nähe meines Ausganges auf Gerüsten beschäftigt waren Ich ging
neben Gebüschen und verspäteten Blumen einem Schatten zu welcher sich mir auf
einem Sandwege bot der mit ziemlich hohen Hecken gesäumt war Der Sandweg
führte mich zu den Linden und von diesen ging ich durch eine Überlaubung der
Eppichwand zu Ich ging an ihr entlang und trat in die Grotte des Brunnens Ich
war von der linken Seite der Wand gekommen von welcher man beim Herannahen den
schöneren Anblick der Quellnymphe hat dafür aber das Bänkchen nicht gewahr
wird welches in der Grotte der Nymphe gegenüber angebracht ist Als ich
eingetreten war sah ich Nathalien auf dem Bänklein sitzen Sie war sehr
erschrocken und stand auf Ich war auch erschrocken dennoch sah ich in ihr
Angesicht In demselben war ein Schwanken zwischen Rot und Blass und ihre Augen
waren auf mich gerichtet
Ich sagte »Mein Fräulein Ihr werdet mir es glauben wenn ich Euch sage
dass ich von dem Laubgange an der linken Seite dieser Wand gegen die Grotte
gekommen bin und Euch nicht habe sehen können sonst wäre ich nicht eingetreten
und hätte Euch nicht gestört«
Sie antwortete nichts und sah mich noch immer an
Ich sagte wieder »Da ich Euch nun einmal beunruhigt habe wenn auch gegen
meinen Willen so werdet Ihr mir es wohl gütig verzeihen und ich werde mich
sogleich entfernen«
»Ach nein nein« sagte sie
Da ich schwankte und die Bedeutung der Worte nicht er kannte fragte ich
»Zürnet Ihr mir Natalie«
»Nein ich zürne Euch nicht« antwortete sie und richtete die Augen die sie
eben niedergeschlagen hatte wieder auf mich
»Ihr seid auf diesen Platz gegangen um allein zu sein« sagte ich »also
muss ich Euch verlassen«
»Wenn Ihr mich nicht aus Absicht meidet so ist es nicht ein Müssen dass Ihr
mich verlasset« antwortete sie
»Wenn es nicht eine Pflicht ist Euch zu verlassen« erwiderte ich »so müsst
Ihr Euren Platz wieder einnehmen von dem ich Euch verscheucht habe Tut es
Natalie setzt Euch auf Eure frühere Stelle nieder«
Sie ließ sich auf das Bänkchen nieder ganz vorn gegen den Ausgang und
stützte sich auf die Marmorlehne
Ich kam nun auf diese Weise zwischen sie und die Gestalt zu stehen Da ich
dieses für unschicklich hielt so trat ich ein wenig gegen den Hintergrund
Allein jetzt stand ich wieder aufrecht vor dem leeren Teile der Bank in der
nicht sehr hohen Halle und da mir auch dieses eher unziemend als ziemend
erschien so setzte ich mich auf den andern Teil der Bank und sagte »Liebt Ihr
wohl diesen Platz mehr als andere«
»Ich liebe ihn« antwortete sie »weil er abgeschlossen ist und weil die
Gestalt schön ist Liebt Ihr ihn nicht auch«
»Ich habe die Gestalt immer mehr lieben gelernt je länger ich sie kannte«
antwortete ich
»Ihr ginget früher öfter her« fragte sie
»Als ich durch die Güte Eurer Mutter manche Geräte in dem Sternenhofe
zeichnete und fast allein in demselben wohnte habe ich oft diese Halle
besucht« erwiderte ich »Und später auch wenn ich durch freundliche Einladung
hieher kam habe ich nie versäumt an diese Stelle zu gehen«
»Ich habe Euch hier gesehen« sagte sie
»Die Anlage ist gemacht dass sie das Gemüt und den Versrand erfüllt«
antwortete ich »die grüne Wand des Eppichs schließt ruhig ab die zwei Eichen
stehen wie Wächter und das Weiß des Steins geht sanft von dem Dunkel der
Blätter und des Gartens weg«
»Es ist alles nach und nach entstanden wie die Mutter erzählt« erwiderte
sie »der Eppich ist erzogen worden die Wand vergrößert erweitert und bis an
die Eichen geführt Selbst in der Halle war es einmal anders Die Bank war nicht
da Aber da der Marmor so oft betrachtet wurde da die Menschen vor ihm standen
oder selbst in der Halle neben ihm da die Mutter ebenfalls die Gestalt gerne
betrachtete und lange betrachtete so ließ sie aus dem gleichen Stoffe aus dem
die Nymphe gearbeitet ist diese Bank machen und ließ dieselbe mit der
kunstreichen vorchristlich ausgeführten Lehne versehen damit sie einerseits zu
dem vorhandenen Werke stimme und damit andererseits das Werk mit Ruhe und
Erquickung angesehen werden könne Mit der Zeit ist auch die Alabasterschale
hieher gekommen«
»Die Menschen werden von solchen Werken gezogen« antwortete ich »und die
Lust des Schauens findet sich«
»Ich habe diese Gestalt von meiner Kindheit an gesehen und habe mich an sie
gewöhnt« sagte sie »haltet Ihr nicht auch den bloßen Stein schon für sehr
schön«
»Ich halte ihn für ganz besonders schön« erwiderte ich
»Mir ist immer wenn ich ihn lange betrachte« sagte sie »als hätte er eine
sehr große Tiefe als sollte man in ihn eindringen können und als wäre er
durchsichtig was er nicht ist Er hält eine reine Fläche den Augen entgegen
die so zart ist dass sie kaum Widerstand leistet und in der man als
Anhaltspunkte nur die vielen feinen Splitter funkeln sieht«
»Der Stein ist auch durchsichtig« antwortete ich »nur muss man eine dünne
Schichte haben durch die man sehen will Dann scheint die Welt fast goldartig
wenn man sie durch ihn ansieht Wenn mehrere Schichten übereinander liegen so
werden sie in ihrem Anblicke von außen weiß wie der Schnee der auch aus lauter
durchsichtigen kleinen Eisnadeln besteht weiß wird wenn Millionen solcher
Nadeln auf einander liegen«
»So habe ich nicht unrecht empfunden« sagte sie »Nein« erwiderte ich
»Ihr habt recht geahnt«
»Wenn die Edelsteine nicht nach dem geachtet werden was sie kosten« sagte
sie »sondern nach dem wie sie edel sind so gehört der Marmor gewiss unter die
Edelsteine« »Er gehört unter dieselben er gehört gewisslich unter dieselben«
erwiderte ich »Wenn er auch als bloßer Stoff nicht so hoch im Preise steht wie
die gesuchten Steine die nur in kleinen Stücken vorkommen so ist er doch so
auserlesen und so wunderbar dass er nicht bloß in der weißen sondern auch in
jeder andern Farbe begehrt wird dass man die verschiedensten Dinge aus ihm
macht und dass das Höchste was menschliche bildende Kunst darzustellen vermag
in der Reinheit des weißen Marmors ausgeführt wird«
»Das ist es was mich auch immer sehr ergriff wenn ich hier saß und
betrachtete« sagte sie »dass in dem harten Steine das Weiche und Runde der
Gestaltung ausgedrückt ist und dass man zu der Darstellung des Schönsten in der
Welt den Stoff nimmt der keine Makel hat Dies sehe ich sogar immer an der
Gestalt auf der Treppe unsers Freundes welche noch schöner und
ehrfurchterweckender als dieses Bildwerk hier ist wenn gleich ihr Stoff in der
Länge der vielen Jahre die er gedauert hat verunreinigt worden war«
»Es ist gewiss nicht ohne Bedeutung« entgegnete ich »dass die Menschen in
den edelsten und selbst hie und da ältesten Völkern zu diesem Stoffe griffen
wenn sie hohes Göttliches oder Menschliches bilden wollten während sie
Ausschmückungen in Laubwerk Simsen Säulen Tiergestalten und selbst
untergeordnete Menschen und Götterbilder aus farbigem Marmor aus Sandstein
aus Holz Ton Gold oder Silber verfertigten Es wäre zugänglicherer
behandelbarerer Stoff gewesen Holz Erde weicher Stein manche Metalle sie
aber gruben weißen Marmor aus der Erde und bildeten aus ihm Aber auch die
andern Edelsteine aus denen man verschiedene Dinge macht geschnittene Steine
allerlei Gestalten Blumen und Zierwerk so wie endlich diejenigen die man
besonders Edelsteine nennt und zum Schmucke der menschlichen Gestalt und hoher
Dinge anwendet haben in ihrem Stoffe etwas das anzieht und den menschlichen
Geist zu sich leitet es ist nicht bloß die Seltenheit oder das Schimmern das
sie wertvoll macht«
»Habt Ihr auch die Edelsteine kennen zu lernen gesucht« fragte sie
»Ein Freund hat mir vieles von ihnen gezeigt und erklärt« antwortete ich
»Sie sind freilich für die Menschen sehr merkwürdig« sagte sie
»Es ist etwas Tiefes und Ergreifendes in ihnen« antwortete ich »gleichsam
ein Geist in ihrem Wesen der zu uns spricht wie zum Beispiele in der Ruhe des
Smaragdes dessen Schimmerpunkten kein Grün der Natur gleicht es müsste nur auf
Vogelgefiedern wie das des Kolibri oder auf den Flügeldecken von Käfern sein
wie in der Fülle des Rubins der mit dem rosensamtnen Lichtblicke gleichsam als
der vornehmste unter den gefärbten Steinen zu uns aufsieht wie in dem Rätsel
des Opals der unergründlich ist und wie in der Kraft des Diamantes der wegen
seines großen Lichtbrechungsvermögens in einer Schnelligkeit wie der Blitz den
Wechsel des Feuers und der Farben gibt den kaum die Schneesterne noch der
Sprühregen des Wasserfalles haben Alles was den edlen Steinen nachgemacht
wird ist der Körper ohne diesen Geist es ist der inhaltleere spröde harte
Glanz statt der reichen Tiefe und Milde«
»Ihr habt von der Perle nicht gesprochen«
»Sie ist kein Edelstein gesellt sich aber im Gebrauche gerne zu ihm In
ihrem äußern Ansehen ist sie wohl das Bescheidenste aber nichts schmückt mit
dem so sanft umflorten Seidenglanze die menschliche Schönheit schöner als die
Perle Selbst an dem Kleide eines Mannes wo sie etwas hält wie die Schleife
des Halstuches oder wie die Falte des Brustlinnens dünkt sie mich das Würdigste
und Ernsteste«
»Und liebt Ihr die Edelsteine als Schmuck« fragte sie
»Wenn die schönsten Steine ihrer Art ausgewählt werden« antwortete ich
»wenn sie in einer Fassung sind welche richtigen Kunstgesetzen entspricht und
wenn diese Fassung an der Stelle wo sie ist einen Zweck erfüllt also
notwendig erscheint dann ist wohl kein Schmuck des menschlichen Körpers
feierlicher als der der Edelsteine«
Wir schwiegen nach diesen Worten und ich konnte Nathalien jetzt erst ein
wenig betrachten Sie hatte ein mattes hellgraues Seidenkleid an wie sie es
überhaupt gerne trug Das Kleid reichte wie es bei ihr immer der Fall war bis
zum Halse und bis zu den Knöcheln der Hand Von Schmuck hatte sie gar nichts an
sich nicht das geringste während ihr Körper doch so stimmend zu Edelsteinen
gewesen wäre Ohrgehänge welche damals alle Frauen und Mädchen trugen hatte
weder Matilde je seit ich sie kannte getragen noch trug sie Natalie
In unserem Schweigen sahen wir gleichsam wie durch Verabredung gegen das
rieselnde Wasser
Endlich sagte sie »Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes gesprochen
und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die Edelsteine gekommen aber
eines Dinges wäre noch Erwähnung zu tun das diesen Ort ganz besonders
auszeichnet«
»Welches Dinges«
»Des Wassers Nicht bloß dass dieses Wasser vor vieler die ich kenne gut
zur Erquickung gegen den Durst ist so hat sein Spielen und sein Fliessen gerade
an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas Besänftigendes und etwas
Beachtungswertes«
»Ich fühle wie Ihr« antwortete ich »und wie oft habe ich dem schönen
Glänzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flüchtigen Körpers an
dieser Stelle zugesehen eines Körpers, der wie die Luft wohl viel
bewunderungswürdiger wäre als es die Menschen zu erkennen scheinen«
»Ich halte auch das Wasser und die Luft für bewunderungswürdig« entgegnete
sie »die Menschen achten nur so wenig auf beides weil sie überall von ihnen
umgeben sind Das Wasser erscheint mir als das bewegte Leben des Erdkörpers wie
die Luft sein ungeheurer Odem ist«
»Wie richtig sprecht Ihr« sagte ich »und es sind auch Menschen gewesen
die das Wasser sehr geachtet haben wie hoch haben die Griechen ihr Meer
gehalten und wie riesenhafte Werke haben die Römer aufgeführt um sich das
Labsal eines guten Wassers zuzuleiten Sie haben freilich nur auf den Körper
Rücksicht genommen und haben nicht wie die Griechen die Schönheit ihres Meeres
betrachteten die Schönheit des Wassers vor Augen gehabt sondern sie haben sich
nur dieses Kleinod der Gesundheit in bester Art verschaffen wollen Und ist wohl
etwas außer der Luft das mit größerem Adel in unser Wesen eingeht als das
Wasser Soll nicht nur das Reinste und Edelste sich mit uns vereinigen Sollte
dies nicht gerade in den gesundheitverderbenden Städten sein wo sie aber nur
Vertiefungen machen und das Wasser trinken das aus ihnen kommt Ich bin in den
Bergen gewesen in Tälern in Ebenen in der großen Stadt und habe in der
Hitze im Durste in der Bewegung den kostbaren Kristall des Wassers und seine
Unterschiede kennen gelernt Wie erquickt der Quell in den Bergen und selbst in
den Hügeln vorzüglich wenn er am reinsten aus dem reinen Granit fließt und
Natalie wie schön ist außerdem der Quell«
Hatte nun Natalie schon früher einen Durst empfunden und hatte derselbe ihr
Gespräch auf das Wasser gelenkt oder war durch das Gespräch ein leichter Durst
in ihr hervorgerufen worden sie stand nun auf nahm die Alabasterschale in die
Hand ließ sie sich in dem sanften Strahle füllen setzte sie an ihre schönen
Lippen trank einen Teil des Wassers ließ das übrige in das tiefere Becken
fließen stellte die leere Schale an ihren Platz und setzte sich wieder zu mir
auf die Bank
Mir war das Herz ein wenig gedrückt und ich sagte »Wenn wir beide das
Schöne dieses Ortes betrachtet und wenn wir von ihm und von andern Dingen auf
die er uns führte gerne gesprochen haben so ist doch etwas in ihm was mir
Schmerz erregt«
»Was kann Euch denn an diesem Orte Schmerz erregen« fragte sie
»Natalie« antwortete ich »es ist jetzt ein Jahr dass Ihr mich an dieser
Halle absichtlich gemieden habt Ihr sasset auf derselben Bank auf welcher Ihr
jetzt sitzet ich stand im Garten Ihr tratet heraus und ginget von mir mit
beeiligten Schritten in das Gebüsch«
Sie wendete ihr Angesicht gegen mich sah mich mit den dunkeln Augen an und
sagte »Dessen erinnert Ihr Euch und das macht Euch Schmerz«
»Es macht mir jetzt im Rückblicke Schmerz und hat ihn mir damals gemacht«
antwortete ich
»Ihr habt mich ja aber auch gemieden« sagte sie
»Ich hielt mich ferne um nicht den Schein zu haben als dränge ich mich zu
Euch« entgegnete ich
»War ich Euch denn von einer Bedeutung« fragte sie
»Natalie« antwortete ich »ich habe eine Schwester die ich im höchsten
Masse liebe ich habe viele Mädchen in unserer Stadt und in dem Lande kennen
gelernt aber keines selbst nicht meine Schwester achte ich so hoch wie Euch
keines ist mir stets so gegenwärtig und erfüllt mein ganzes Wesen wie Ihr«
Bei diesen Worten traten die Tränen aus ihren Augen und flossen über ihre
Wangen herab
Ich erstaunte ich blickte sie an und sagte »Wenn diese schönen Tropfen
sprechen Natalie sagen sie dass Ihr mir auch ein wenig gut seid«
»Wie meinem Leben« antwortete sie
Ich erstaunte noch mehr und sprach »Wie kann es denn sein ich habe es
nicht geglaubt«
»Ich habe es auch von Euch nicht geglaubt« erwiderte sie
»Ihr konntet es leicht wissen« sagte ich »Ihr seid so gut so rein so
einfach So seid Ihr vor mir gewandelt Ihr wart mir begreiflich wie das Blau
des Himmels und Eure Seele erschien mir so tief wie das Blau des Himmels tief
ist Ich habe Euch mehrere Jahre gekannt Ihr wart stets bedeutend vor der
herrlichen Gestalt Eurer Mutter und der Eures ehrwürdigen Freundes Ihr wart
heute wie Ihr gestern gewesen wart und morgen wie heute und so habe ich Euch
in meine Seele genommen zu denen die ich dort liebe zu Vater Mutter
Schwester nein Natalie noch tiefer tiefer «
Sie sah mich bei diesen Worten sehr freundlich an ihre Tränen flossen noch
häufiger und sie reichte mir ihre Hand herüber
Ich fasste die Hand ich konnte nichts sagen und blickte sie nur an
Nach mehreren Augenblicken ließ ich ihre Hand los und sagte »Natalie es
ist mir nicht begreiflich wie ist es denn möglich dass Ihr mir gut seid mir
der gar nichts ist und nichts bedeutet«
»Ihr wisst nicht wer Ihr seid« antwortete sie »Es ist gekommen wie es
kommen musste Wir haben viele Zeit in der Stadt zugebracht wir sind oft den
ganzen Winter in derselben gewesen wir haben Reisen gemacht haben verschiedene
Länder und Städte gesehen wir sind in London Paris und Rom gewesen Ich habe
viele junge Männer kennen gelernt Darunter sind wichtige und bedeutende
gewesen Ich habe gesehen dass mancher Anteil an mir nahm aber es hat mich
eingeschüchtert und wenn einer durch sprechende Blicke oder durch andere
Merkmale es mir näher legte so entstand eine Angst in mir und ich musste mich
nur noch ferner halten Wir gingen wieder in die Heimat zurück Da kamet Ihr
eines Sommers in den Asperhof und ich sah Euch Ihr kamet im nächsten Sommer
wieder Ihr wart ohne Anspruch ich sah wie Ihr die Dinge dieser Erde liebtet
wie Ihr ihnen nach ginget und wie Ihr sie in Eurer Wissenschaft hegtet ich
sah wie Ihr meine Mutter verehrtet unsern Freund hochachtetet den Knaben
Gustav beinahe liebtet von Eurem Vater Eurer Mutter und Eurer Schwester nur
mit Ehrerbietung sprachet und da da «
»Da Natalie«
»Da liebte ich Euch weil Ihr so einfach so gut und doch so ernst seid«
»Und ich liebte Euch mehr als ich je irgend ein Ding dieser Erde zu lieben
vermochte«
»Ich habe manchen Schmerz um Euch empfunden wenn ich in den Feldern
herumging«
»Ich habe es ja nicht gewusst Natalie und weil ich es nicht wusste so musste
ich mein Inneres verbergen und gegen jedermann schweigen gegen den Vater gegen
die Mutter gegen die Schwester und sogar gegen mich Ich bin fortgefahren das
zu tun was ich für meine Pflicht erachtete ich bin in die Berge gegangen habe
mir ihre Zusammensetzung aufgeschrieben habe Gesteine gesammelt und Seen
gemessen ich bin auf den Rat Eures Freundes einen Sommer beschäftigungslos in
dem Asperhofe gewesen bin dann wieder in die Wildnis gegangen und zu der Grenze
des Eises emporgestiegen Ich konnte nur Eure Mutter Euren Freund und Euren
Bruder immer wärmer lieben aber Natalie wenn ich auf den Höhen der Berge war
habe ich Euer Bild in dem heitern Himmel gesehen der über mir ausgespannt war
wenn ich auf die festen starren Felsen blickte so erblickte ich es auch in dem
Dufte der vor denselben webte wenn ich auf die Länder der Menschen
hinausschaute so war es in der Stille die über der Welt gelagert war und wenn
ich zu Hause in die Züge der Meinigen blickte so schwebte es auch in denen«
»Und nun hat sich alles recht gelöst«
»Es hat sich wohl gelöst meine liebe liebe Natalie« »Mein teurer
Freund«
Wir reichten uns bei diesen Worten die Hände wieder und saßen schweigend
da
Wie hatte seit einigen Augenblicken alles sich um mich verändert und wie
hatten die Dinge eine Gestalt gewonnen die ihnen sonst nicht eigen war
Nataliens Augen in welche ich schauen konnte standen in einem Schimmer wie
ich sie nie seit ich sie kenne gesehen hatte Das unermüdlich fliessende
Wasser die Alabasterschale der Marmor waren verjüngt die weißen Flimmer auf
der Gestalt und die wunderbar im Schatten blühenden Lichter waren anders die
Flüssigkeit rann plätscherte oder pippte oder tönte im einzelnen Falle anders
das sonnenglänzende Grün von draußen sah als ein neues freundlich herein und
selbst das Hämmern mit welchem man die Tünche von den Mauern des Hauses
herabschlug tönte jetzt als ein ganz verschiedenes in die Grotte von dem das
ich gehört hatte als ich aus dem Hause gegangen war
Nach einer geraumen Weile sagte Natalie »Und von dem Abende im Hofteater
habt Ihr auch nie etwas gesprochen«
»Von welchem Abende Natalie«
»Als König Lear aufgeführt wurde«
»Ihr seid doch nicht das Mädchen in der Loge gewesen« »Ich bin es gewesen«
»Nein Ihr seid so blühend wie eine Rose und jenes Mädchen war blass wie
eine weiße Lilie«
»Es musste mich der Schmerz entfärbt haben Ich war kindisch und es hat mir
damals wohlgetan in Euren Augen allein unter allen denen die die Loge umgaben
ein Mitgefühl mit meiner Empfindung zu lesen Diese Empfindung wurde durch Euer
Mitgefühl zwar noch stärker so dass sie beinahe zu mächtig wurde aber es war
gut Ich habe nie einer Vorstellung beigewohnt die so ergreifend gewesen wäre
Ich sah es als einen günstigen Zufall an dass mir Eure Augen die bei dem Leiden
des alten Königs übergeflossen waren bei dem Fortgehen aus dem Schauspielhause
so nahe kamen Ich glaubte ihnen mit meinen Blicken dafür danken zu müssen dass
sie mir beigestimmt hatten wo ich sonst vereinsamt gewesen wäre Habt Ihr das
nicht erkannt«
»Ich habe es erkannt und habe gedacht dass der Blick des Mädchens
wohlwollend sei und dass er ein Einverständnis über unsere gemeinschaftliche
Empfindung bei der Vorstellung bedeuten könne«
»Und Ihr habt mich also nicht wieder erkannt« »Nein Natalie«
»Ich habe Euch gleich erkannt als ich Euch in dem Asperhofe sah«
»Es ist mir lieb dass es Eure Augen gewesen sind die mir den Dank gesagt
haben der Dank ist tief in mein Gemüt gedrungen Aber wie konnte es auch anders
sein da Eure Augen das Liebste und Holdeste sind was für mich die Erde hat«
»Ich habe Euch schon damals in meinem Herzen höher gestellt als die andern
obwohl Ihr ein Fremder wart und obwohl ich denken konnte dass Ihr mir in
meinem ganzen Leben fremd bleiben werdet«
»Natalie was mir heute begegnet ist bildet eine Wendung in meinem Leben
und ein so tiefes Ereignis dass ich es kaum denken kann Ich muss suchen alles
zurecht zu legen und mich an den Gedanken der Zukunft zu gewöhnen«
»Es ist ein Glück das uns ohne Verdienst vom Himmel gefallen weil es
größer ist als jedes Verdienst«
»Drum lasset uns es dankbar aufnehmen« »Und ewig bewahren«
»Wie war es gut Natalie dass ich die Worte Homers die ich heute nachmittag
las nicht in mein Herz aufnehmen konnte dass ich das Buch weglegte in den
Garten ging und dass das Schicksal meine Schritte zu dem Marmor des Brunnens
lenkte«
»Wenn unsere Wesen zu einander neigten obgleich wir es nicht gegenseitig
wussten so würden sie sich doch zugeführt worden sein wann und wo es immer
geschehen wäre das weiß ich nun mit Sicherheit«
»Aber sagt warum habt Ihr mich denn gemieden Natalie«
»Ich habe Euch nicht gemieden ich konnte mit Euch nicht sprechen wie es
mir in meinem Innern war und ich konnte auch nicht so sein als ob Ihr ein
Fremder wäret Doch war mir Eure Gegenwart sehr lieb Aber warum habt denn auch
Ihr Euch ferne von mir gehalten«
»Mir war wie Euch Da Ihr so weit von mir wart konnte ich mich nicht
nahen Eure Gegenwart verherrlichte mir alles was uns umgab aber das dunkle
künftige Glück schien mir unerreichbar«
»Nun ist doch erfüllt was sich vorbereitete« »Ja es ist erfüllt«
Nach einem kleinen Schweigen fuhr ich fort »Ihr habt gesagt Natalie dass
wir das Glück das uns vom Himmel gefallen ist ewig aufbewahren sollen Wir
sollen es auch ewig aufbewahren Schliessen wir den Bund dass wir uns lieben
wollen so lange das Leben währt und dass wir treu sein wollen was auch immer
komme und was die Zukunft bringe ob es uns aufbewahrt ist dass wir in
Vereinigung die Sonne und den Himmel genießen oder ob jedes allein zu beiden
emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann«
»Ja mein Freund Liebe unveränderliche Liebe so lange das Leben währt
und Treue was auch die Zukunft von Gunst oder Ungunst bringen mag«
»O Natalie wie wallt mein Herz in Freude Ich habe es nicht geahnt dass es
so entzückend ist Euch zu besitzen die mir unerreichbar schien«
»Ich habe auch nicht gedacht dass Ihr Euer Herz von den großen Dingen denen
Ihr ergeben wart wegkehren und mir zuwenden werdet«
»O meine geliebte meine teure ewig mir gehörende Natalie«
»Mein einziger mein unvergesslicher Freund«
Ich war von Empfindung überwältigt ich zog sie näher an mich und neigte
mein Angesicht zu ihrem Sie wendete ihr Haupt herüber und gab mit Güte ihre
schönen Lippen meinem Munde um den Kuss zu empfangen den ich bot
»Ewig für dich allein« sagte ich
»Ewig für dich allein« sagte sie leise
Schon als ich die süßen Lippen an meinen fühlte war mir als sei ein
Zittern in ihr und als fließen ihre Tränen wieder
Da ich mein Haupt wegwendete und in ihr Angesicht schaute sah ich die
Tränen in ihren Augen
Ich fühlte die Tropfen auch in den meinen hervorquellen die ich nicht mehr
zurückhalten konnte Ich zog Nathalien wieder näher an mich legte ihr Angesicht
an meine Brust neigte meine Wange auf ihre schönen Haare legte die eine Hand
auf ihr Haupt und hielt sie so sanft umfasst und an mein Herz gedrückt Sie
regte sich nicht und ich fühlte ihr Weinen Da diese Stellung sich wieder
löste da sie mir in das Angesicht schaute drückte ich noch einmal einen heißen
Kuss auf ihre Lippen zum Zeichen der ewigen Vereinigung und der unbegrenzten
Liebe Sie schlang auch ihre Arme um meinen Hals und erwiderte den Kuss zu
gleichem Zeichen der Einheit und der Liebe
Mir war in diesem Augenblicke dass Natalie nun meiner Treue und Güte
hingegeben dass sie ein Leben eins mit meinem Leben sei Ich schwor mir mit
allem was groß gut schön und stark in mir ist zu streben ihre Zukunft zu
schmücken und sie so glücklich zu machen als es nur in meiner Macht ist und
erreicht werden kann.
Wir saßen nun schweigend neben einander wir konnten nicht sprechen und
drückten uns nur die Hände als Bestättigung des geschlossnen Bundes und des
innigsten Verständnisses
Da eine Zeit vergangen war sagte endlich Natalie »Mein Freund wir haben
uns der Fortdauer und der Unaufhörlichkeit unserer Neigung versichert und diese
Neigung wird auch dauern aber was nun geschehen und wie sich alles andere
gestalten wird das hängt von unsern Angehörigen ab von meiner Mutter und von
Euren Eltern«
»Sie werden unser Glück mit Wohlwollen ansehen«
»Ich hoffe es auch aber wenn ich das vollste Recht hätte meine Handlungen
selber zu bestimmen, so würde ich nie auch nicht ein Teilchen meines Lebens so
einrichten dass es meiner Mutter nicht gefiele es wäre kein Glück für mich Ich
werde so handeln so lange wir beisammen auf der Erde sind Ihr tut wohl auch
so«
»Ich tue es weil ich meine Eltern liebe und weil mir eine Freude nur als
solche gilt wenn sie auch die ihre ist«
»Und noch jemand muss gefragt werden« »Wer«
»Unser edler Freund Er ist so gut so weise so uneigennützig Er hat
unserm Leben einen Halt gegeben als wir ratlos waren er ist uns beigestanden
als wir es bedurften und jetzt ist er der zweite Vater Gustavs geworden«
»Ja Natalie er soll und muss gefragt werden aber sprecht wenn eins von
diesen nein sagt«
»Wenn eines nein sagt und wir es nicht überzeugen können so wird es recht
haben und wir werden uns dann lieben so lange wir leben wir werden einander
treu sein in dieser und jener Welt aber wir dürften uns dann nicht mehr sehen«
»Wenn wir ihnen die Entscheidung über uns anheim gegeben haben so müsste es
wohl so sein aber es wird gewiss nicht gewiss nicht geschehen«
»Ich glaube mit Zuversicht dass es nicht geschehen wird«
»Mein Vater wird sich freuen wenn ich ihm sage wie Ihr seid er wird Euch
lieben wenn er Euch sieht die Mutter wird Euch eine zweite Mutter sein und
Klotilde wird sich Euch mit ganzer Seele zuwenden«
»Ich verehre Eure Eltern und liebe Klotilde schon so lange als ich Euch von
ihnen reden und erzählen hörte Mit meiner Mutter werde ich noch heute sprechen
ich könnte die Nacht nicht über das Geheimnis heraufgehen lassen Wenn Ihr zu
Euren Eltern reist sagt ihnen was geschehen ist und sendet bald Nachricht
hieher«
»Ja Natalie«
»Geht Ihr von hier wieder in die Berge«
»Ich wollte es nun aber hat sich Wichtigeres ereignet und ich muss gleich
zu meinen Eltern Nur auf kurzes will ich so schnell es geht in meinen
jetzigen Standort reisen um die Arbeiten abzubestellen die Leute zu entlassen
und alles in Ordnung zu bringen«
»Das muss wohl so sein«
»Die Antwort meiner Eltern bringt dann nicht eine Nachricht sondern ich
selber«
»Das ist noch erfreulicher Mit unserm Freunde wird wohl hier geredet
werden«
»Natalie dann habt Ihr eine Schwester an Klotilden und ich einen Bruder an
Gustav«
»Ihr habt ihn ja immer sehr geliebt Alles ist so schön dass es fast zu
schön ist«
Dann sprachen wir von der Zurückkunft der Männer was sie sagen würden und
wie unser Gastfreund die schnelle Wendung der Dinge aufnehmen werde
Zuletzt als die Gemüter zu einer sanfteren Ruhe zurückgekehrt waren
erhoben wir uns um in das Haus zu gehen Ich bot Nathalien meinen Arm den sie
annahm Ich führte sie der Eppichwand entlang ich führte sie durch einen
schönen Gang des Gartens und wir gelangten dann in offnere freie Stellen in
denen wir eine Umsicht hatten
Als wir da eine Strecke vorwärts gekommen waren sahen wir Mathilden
außerhalb des Gartens gegen den Meierhof gehen Das Pförtchen welches von dem
Garten gegen den Meierhof führt war in der Nähe und stand offen
»Ich werde meiner Mutter folgen und werde gleich jetzt mit ihr sprechen«
sagte Natalie
»Wenn Ihr es für gut haltet so tut es« erwiderte ich »Ja ich tue es
mein Freund Lebt wohl«
»Lebt wohl«
Sie zog ihren Arm aus dem meinigen wir reichten uns die Hände drückten sie
uns und Natalie schlug den Weg zu dem Pförtchen ein
Ich sah ihr nach sie blickte noch einmal gegen mich um ging dann durch das
Pförtchen und das graue Seidenkleid verschwand unter den grünen Hecken des
Grundes Ich ging in das Haus und begab mich in meine Wohnung
Da lag das Buch in welchem die Worte Homers waren die heute die Gewalt
über mein Herz verloren hatten es lag wie ich es auf den Tisch gelegt hatte
Was war indessen geschehen Die schönste Jungfrau dieser Erde hatte ich an mein
Herz gedrückt Aber was will das sagen Das edelste wärmste herrlichste Gemüt
ist mein es ist mir in Liebe und Neigung zugetan Wie habe ich das verdient
wie kann ich es verdienen
Ich setzte mich nieder und sah gegen die Ruhe der heitern Luft hinaus
Ich verließ an diesem Tage gar nicht mehr das Haus Gegen Abend ging ich in
den Gang der im Norden des Hauses hinläuft und sah auf den Garten hinaus Auf
einer freien Stelle in welcher ein weißer Pfad durch Wiesengrün hingeht sah
ich Mathilden mit Nathalien wandeln
Ich ging wieder in mein Zimmer zurück
Als es dunkelte wurde ich zu dem Abendessen gerufen
Da Matilde und Natalie in den Speisesaal getreten waren und mich Matilde
mit einem sanften Lächeln und mit der Freundlichkeit die ihr immer eigen war
ein an ihrer Seite Platz zu nehmen
Dritter Band
1 Die Entfaltung
Wir waren in dem nämlichen Zimmer zum Speisen zusammen gekommen in dem wir die
Zeit her die ich im Schloss gewesen war unser Mahl am Morgen Mittag und
Abend wie es die Tageszeit brachte eingenommen hatten der Tisch war mit dem
klaren weißen feinen Linnen gedeckt in das schönere und altertümlichere
Blumen als jetzt gebräuchlich sind gleichsam wie Silber in Silber eingewebt
waren der Diener stand mit den weißen Handschuhen hinter uns der Hausverwalter
ging in dem Zimmer hin und her und es war an der Wand der Schrein mit den
Fächerabteilungen in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden die in einem
Speisezimmer stets nötig sind aber heute war mir alles wie feenhaft Matilde
hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit dunkleren Streifen an und um die
Schultern war ein Gewebe von schwarzen Spitzen Sie kleidete sich jedes Mal
wenn ein Gast da war zum Speisen neu an hatte es bisher meinetwillen auch
getan und hatte es an diesem Abende nicht unterlassen Mit dem feinen lieben
und freundlichen Angesichte das durch die dunkle Seide fast noch feiner und
schöner wurde ließ sie sich in ihren Armstuhl zwischen uns nieder Natalie war
rechts und ich links Natalie hatte nicht Zeit gefunden ihr Kleid zu wechseln
sie hatte dasselbe lichtgraue Seidenkleid an das sie am Nachmittage getragen
hatte und das mir so lieb geworden war Ich getraute mir fast nicht sie
anzusehen und auch sie hatte die großen schönen unbeschreiblich edlen Augen
größtenteils auf die Mutter gerichtet So vergingen einige Augenblicke Es wurde
das Gebet gesprochen das Matilde immer in ihrem Armstuhle sitzend stille mit
gefalteten Händen verrichtete und das daher die anderen ebenfalls sitzend und
stille vollbrachten Als dieses geschehen war wurden wie es der Gebrauch in
diesem Hause eingeführt hatte die Flügeltüren geöffnet ein Diener trat mit
einem Topfe herein setzte ihn auf den Tisch der Hausverwalter nahm den Deckel
desselben ab und sagte wie er immer tat »Ich wünsche sehr wohl zu speisen«
Matilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus nahm den großen
silbernen Löffel und schöpfte wie sie es sich nie nehmen ließ zu tun Suppe für
uns auf die Teller welche der Diener darreichte Der Hausverwalter hatte da er
alles in Ordnung sah das Zimmer nach seiner Gepflogenheit verlassen Das
Abendessen war nun wie alle Tage Matilde sprach freundlich und heiter von
verschiedenen Gegenständen die sich eben darboten und vergaß nicht der
abwesenden Freunde zu erwähnen und des Vergnügens zu gedenken das ihre
Rückkunft veranlassen werde Sie sprach von der Ernte von dem Segen der heuer
überall so reichlich verbreitet sei und wie sich alles was sich auf der Erde
befinde doch zuletzt immer wieder in das Rechte wende Als die Zeit des
Abendessens vorüber war erhob sie sich und es wurden die Anstalten gemacht
dass sich jedes in seine Wohnung begebe Mit derselben sanften Güte mit der sie
mich vor dem Abendessen begrüßt hatte verabschiedete sie sich nun wir
wünschten uns wechselseitig eine glückliche Ruhe und trennten uns
Als ich in meinem Zimmer angekommen war trat ich in der Nacht dieses Tages
der für mich in meinem bisherigen Leben am merkwürdigsten geworden war an das
Fenster und blickte gegen den Himmel Es stand kein Mond an demselben und keine
Wolke aber in der milden Nacht brannten so viele Sterne als wäre der Himmel
mit ihnen angefüllt und als berührten sie sich gleichsam mit ihren Spitzen Die
Feierlichkeit traf mich erhebender und die Pracht des Himmels war mir
eindringender als sonst wenn ich sie auch mit großer Aufmerksamkeit betrachtet
hatte Ich musste mich in der neuen Welt erst zurecht finden Ich sah lange mit
einem sehr tiefen Gefühle zu dem sternbedeckten Gewölbe hinauf Mein Gemüt war
so ernst wie es nie in meinem ganzen Leben gewesen war Es lag ein fernes
unbekanntes Land vor mir Ich ging zu dem Lichte das auf meinem Tische brannte
und stellte meinen undurchsichtigen Schirm vor dasselbe dass seine Helle nur in
die hinteren Teile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels nicht
beirre Dann ging ich wieder zu dem Fenster und blieb vor demselben Die Zeit
verfloss und die Nachtfeier ging indessen fort Wie es sonderbar ist dachte
ich dass in der Zeit in der die kleinen wenn auch vieltausendfältigen
Schönheiten der Erde verschwinden und sich erst die unermessliche Schönheit des
Weltraums in der fernen stillen Lichtpracht auftut der Mensch und die größte
Zahl der andern Geschöpfe zum Schlummer bestimmt ist Rührt es daher dass wir
nur auf kurze Augenblicke und nur in der rätselhaften Zeit der Traumwelt zu
jenen Größen hinan sehen dürfen von denen wir eine Ahnung haben und die wir
vielleicht einmal immer näher und näher werden schauen dürfen Sollen wir
hienieden nie mehr als eine Ahnung haben Oder ist es der großen Zahl der
Menschen nur darum bloß in kurzen schlummerlosen Augenblicken gestattet zu dem
Sternenhimmel zu schauen damit die Herrlichkeit desselben uns nicht gewöhnlich
werde und die Größe sich nicht dadurch verliere Aber ich bin ja wiederholt in
ganzen Nächten allein gefahren die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte
bewegt ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten sie sind
dunkelschwarzen gestaltlosen Wäldern oder Erdrändern zugesunken andere sind im
Osten aufgestiegen so hat es fortgedauert die Stellungen haben sich sanft
geändert und das Leuchten hat fortgelächelt bis der Himmel von der nahenden
Sonne lichter wurde das Morgenrot im Osten erschien und die Sterne wie ein
ausgebranntes Feuerwerksgerüste erloschen waren Haben da meine vom Nachtwachen
brennenden Augen die verschwundene stille Größe nicht für höher erkannt als den
klaren Tag der alles deutlich macht Wer kann wissen wie dies ist. Wie wird es
jenen Geschöpfen sein denen nur die Nacht zugewiesen ist die den Tag nicht
kennen Jenen großen wunderbaren Blumen ferner Länder die ihr Auge öffnen wenn
die Sonne untergegangen ist und die ihr meistens weißes Kleid schlaff und
verblüht herabhängen lassen wenn die Sonne wieder aufgeht Oder den Tieren
denen die Nacht ihr Tag ist Es war eine Weihe und eine Verehrung des
Unendlichen in mir
Träumend ehe ich entschlief begab ich mich auf mein Lager nachdem ich
vorher das Licht ausgelöscht und die Vorhänge der Fenster absichtlich nicht
zugezogen hatte damit ich die Sterne hereinscheinen sähe
Des anderen Morgens sammelte ich mich um mir bewusst zu werden was
geschehen ist und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war Ich kleidete mich
an um in das Freie zu gehen und mein Angesicht und meinen Körper der kühlen
Morgenluft zu geben
Als ich mein Zimmer verlassen hatte suchte ich einen Gang zu gewinnen der
im südlichen Teile des Schlosses in der Länge desselben dahin läuft Seine
Fenster münden in den Hof und von ihm gehen Türen in die gegen Mittag liegenden
Zimmer Mathildens und Nataliens Diese Türen einst vielleicht zum Gebrauche für
Gäste bestimmt waren jetzt meistens geschlossen weil die Verbindung im Innern
der Zimmer hergestellt war Ich hatte den Gang darum aufgesucht weil er an der
Westseite des Schlosses zu einer kleinen Treppe fühlt die abwärts geht und in
ein Pförtchen endet das gewöhnlich des Morgens geöffnet wurde und durch das
man unmittelbar in die Felder auf breite trockene Wege gelangen konnte die den
Wanderer unbemerkter ins Weite führen als es durch den Hauptausgang des
Schlosses möglich gewesen wäre Die Bewohnerinnen der Zimmer die an den Gang
stießen glaubte ich darum nicht stören zu können weil das Steinpflaster des
Ganges seiner ganzen Länge nach mit einem weichen Teppiche belegt war der keine
Tritte hören ließ Außerdem hatte die Sonne auch bereits einen so hohen
Morgenbogen zurückgelegt dass zu vermuten war dass alle im Schloss schon längst
aufgestanden sein würden
Da ich gegen das Ende des Ganges und in die Nähe der Treppe gekommen war
sah ich eine Tür offen stehen von der ich vermutete dass sie zu den Zimmern der
Frauen führen müsse War die Tür offen weil man fortgehen wollte oder weil man
eben gekommen war Oder hatte eine Dienerin in der Eile offen gelassen oder war
irgend ein anderer Grund Ich zauderte ob ich vorbeigehen sollte allein da ich
wusste dass die Tür doch nur in einen Vorsaal ging und da die Treppe schon so
nahe war die mich ins Freie führen sollte so beschloss ich vorbei zu gehen und
meine Schritte zu beschleunigen Ich schritt auf dem weichen Teppiche fort und
trat nur behutsamer auf Da ich an der Tür angekommen war sah ich hinein Was
ich vermutet hatte bestätigte sich die Tür ging in einen Vorsaal Derselbe war
nur klein und mit gewöhnlichen Geräten versehen Aber nicht bloß in den Vorsaal
konnte ich blicken sondern auch in ein weiteres Zimmer das mit einer großen
Glastür an den Vorsaal stieß welche Glastür noch überdies halb geöffnet war In
diesem Zimmer aber stand Natalie An den Wänden hinter ihr erhoben sich edle
mittelalterliche Schreine Sie stand fast mitten in dem Gemache vor einem
Tische auf welchem zwei Zitern lagen und von welchem ein sehr reicher
altertümlicher Teppich nieder ging Sie war vollständig gleichsam wie zum
Ausgehen gekleidet nur hatte sie keinen Hut auf dem Haupte Ihre schönen Locken
waren auf dem Hinterhaupte geordnet und wurden von einem Bande oder etwas
Ähnlichem getragen Das Kleid reichte wie gewöhnlich bis zu dem Halse und schloss
dort ohne irgend einer fremden Zutat Es war wieder von lichtem grauem
Seidenstoffe hatte aber sehr feine stark rote Streifen Es schloss die Hüften
sehr genau und ging dann in reichen Falten bis auf den Fußboden nieder Die
Ärmel waren enge reichten bis zum Handgelenke und hatten an diesem wie am
Oberarme dunkle Querstreifen die wie ein Armband schlossen Natalie stand ganz
aufrecht ja der Oberkörper war sogar ein wenig zurückgebogen Der linke Arm war
ausgestreckt und stützte sich mittelst eines aufrecht stehenden Buches auf das
sie die Hand legte auf das Tischchen Die rechte Hand lag leicht auf dem linken
Unterarm Das unbeschreiblich schöne Angesicht war in Ruhe als hätten die
Augen die jetzt von den Lidern bedeckt waren sich gesenkt und sie dächte
nach Eine solche reine feine Geistigkeit war in ihren Zügen wie ich sie an
ihr die immer die tiefste Seele aussprach doch nie gesehen hatte Ich verstand
auch was die Gestalt sprach ich hörte gleichsam ihre inneren Worte »Es ist
nun eingetreten« Sie hatte mich nicht kommen gehört weil der Teppich den
Fußboden des Ganges bedeckte und sie konnte mich nicht sehen weil ihr
Angesicht gegen Süden gerichtet war Ich beobachtete nur zwei Augenblicke ihre
sinnende Stellung und ging dann leise vorüber und die Treppe hinunter Es
erfüllte mich gleichsam mit einem Meere von Wonne Nathalien von der nämlichen
Empfindung beseelt zu sehen die ich hatte von der Empfindung sich das
errungene kaum gehoffte und so hoch gehaltene Gut geistig zu sichern sich klar
zu machen was man erhalten hat und in welche neue unermesslich wichtige
Wendung des Lebens man eingetreten sei Ich konnte es kaum fassen dass ich es
sei um den eine Gestalt die das Schönste ausdrückt was mir bis jetzt bekannt
geworden ist eine Gestalt die man wohl auch stolz geheißen die sich bisher
von jeder Neigung abgewendet hatte in diese tiefe sinnende Empfindung gesunken
sei Ich dachte mir dass ich so lange ich lebe und sollte mein Leben bis an
die äußerste Grenze des menschlichen Alters oder darüber hinaus gehen mit jedem
Tropfen meines Blutes mit jeder Faser meines Herzens sie lieben werde sie möge
leben oder tot sein und dass ich sie fort und fort durch alle Zeiten in der
tiefsten Seele meiner Seele tragen werde Es erschien mir als das süßeste
Gefühl sie nicht nur in diesem Leben sondern in tausend Leben die nach
tausend Toden folgen mögen immer lieben zu können Wie viel hatte ich in der
Welt gesehen wie viel hatte mich erfreut an wie vielem hatte ich Wohlgefallen
gehabt und wie ist jetzt alles nichts und wie ist es das höchste Glück eine
reine tiefe schöne menschliche Seele ganz sein eigen nennen zu können ganz
sein eigen
Ich ging durch das Pförtchen hinaus das ich nur angelehnt fand und ging
auf dem Wege fort der an dieser Seite vor dem Schloss vorbei führt und dann
in die Felder hinaus geht Er ist breit mit feinem Sande belegt und eignet
sich daher seiner Trockenheit willen ganz besonders zu Morgenspaziergängen Er
ist von dem vorigen Besitzer des Schlosses angelegt und von Mathilden verbessert
worden Er geht von dem Pförtchen nach beiden Richtungen nach Norden und nach
Süden ziemlich weit fort und bildet auf diese Weise zu dem Schloss eine
Berührungslinie Roland hatte ihn scherzweise auch immer den Berührweg genannt
Die Obstbäume die ihn jetzt häufig säumen hat Matilde meistens schon
erwachsen an ihn versetzt Früher war der ganze Weg eine Allee von Pappeln
gewesen allein da er ganz gerade durch die Gegend geht und mit den geraden
Bäumen bepflanzt war so erschien er sehr unschön und für einen Lustweg was er
sein sollte wenig geeignet Nach Beratungen mit ihren Freunden hatte Matilde
die Pappeln welche außerdem auch den Feldern sehr schädlich waren nach und
nach beseitigt Sie waren gefällt und ihre Wurzeln ausgegraben worden Da man
die Obstbäume an ihre Stelle setzte vermied man es absichtlich an allen
Plätzen an welchen Pappeln gestanden waren Obstbäume zu pflanzen damit nicht
wieder statt der Pappelallee eine Obstbaumallee würde was zwar minder unschön
als früher gewesen wäre aber doch immer noch nicht schön Durch diese
Unterbrechung der Baumpflanzung erhielt der Weg dessen gerade Richtung schwer
zu beseitigen gewesen wäre und die doch sonst zu eigentümlich war als dass man
sie hätte abändern sollen wenn man nicht alles nach ganz neuen Gedanken
einrichten wollte die nötige Abwechslung Mitternachtwärts von dem Schloss
führt er durch Wiesen und Felder an Gebüschen hin steigt dann zu einem Walde
hinan in welchen er eine Strecke eindringt Südwärts geht er durch Felder hat
dort besonders schöne Apfelbäume an seinen Seiten wölbt sich sanft über einen
Ackerrücken und gewährt von ihm eine schöne Aussicht in die Gebirge
Ich schlug die Richtung nach Süden ein wie ich überhaupt sehr gerne bei dem
Beginne eines Spazierganges so gehe dass ich leicht nach Mittag sehe das Licht
vor mir habe und in den schöneren Glanz und die lieblichere Färbung der Wolken
blicken kann Der Himmel war wie gestern ganz heiter die Sonne stand in seinem
östlichen Teile und begann die Tropfen welche an allen Gräsern und an dem Laube
der Bäume hingen aufzusaugen Die Morgenkühle war noch nicht vergangen obwohl
der Einfluss der Sonne immer mehr und mehr bemerkbar wurde Ich sah mit neuen
Augen auf alle Dinge um mich es schien als hätten sie sich verjüngt und als
müsste ich mich wieder allmählich an ihren Anblick gewöhnen Ich kam auf die
Anhöhe und sah auf den langen Zug der Gebirge Die blauen Spitzen blickten auf
mich herüber und die vielen Schneefelder zeigten mir ihren feinen Glanz Ich
sah auch die Berghäupter an dem Kargrat wo ich zuletzt gearbeitet hatte Mir
war als wäre es schon viele Jahre seit ich in jenen Eisfeldern und
Schneegründen gewesen war Ich ließ während ich so dastand die milde Luft den
Glanz der Sonne und das Prangen der Dinge auf mich wirken Sonst hatte ich immer
irgend ein Buch in meine Tasche gesteckt wenn ich in der Gegend herum gehen
wollte heute hatte ich es nicht getan Mir war jetzt nicht als sollte ich
irgend ein Buch lesen Ich ging nach einer Weile wieder an den Bäumen dahin an
denen schon die mannigfaltigen Äpfel hingen die jeder nach seiner Art brachte
und die schon hie und da ihre eigentümliche Farbe zu erhalten begannen Ich ging
so lange auf der Anhöhe des Felderrückens fort bis sie sich leicht zu senken
anfing über welche Senkung der Weg noch hinabgeht um in dem Tale an der Grenze
eines fremden Gutes zu enden oder vielmehr in einen anderen Weg überzugehen
der die Eigenschaften aller jener Fusswege hat die in unzähligen Richtungen
unser Land durchziehen und auf deren taugliche Beschaffenheit Verbesserung
oder Verschönerung niemand denkt Ich ging auf der Senkung des Weges nicht mehr
hinunter weil ich nicht talwärts kommen wollte wo die Blicke beengt sind
Ich wendete mich um und hatte den Anblick des Schlosses vor mir welches
jetzt von solcher Bedeutung für mich geworden war Die Fenster schimmerten in
dem Glanze der Sonne das Grau der von der Tünche befreiten südlichen Mauer
schaute sanft zu mir herüber das dunkle Dach hob sich von der Bläue der
nördlichen Luft ab und ein leichter Rauch stieg von einigen seiner Schornsteine
auf
Ich ging langsam auf dem Rücken des Feldes an den Obstbäumen vorüber meines
Weges zurück bis er sachte gegen das Schloss abwärts zu gehen begann
An dieser Stelle sah ich jetzt dass mir eine Gestalt welche mir früher
durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte entgegen kam welche die Gestalt
Nataliens war Wir gingen beide schneller als wir uns erblickten um uns früher
zu erreichen Da wir nun zusammen trafen blickte mich Natalie mit ihren großen
dunkeln Augen freundlich an und reichte mir die Hand Ich empfing sie drückte
sie herzlich und sagte einen innigen Gruß
»Es ist recht schön« sprach sie »dass wir gleichzeitig einen Weg gehen den
ich heute schon einmal gehen wollte und den ich jetzt wirklich gehe«
»Wie habt Ihr denn die Nacht zugebracht Natalie« fragte ich
»Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden« antwortete sie »dann
kam er doch in sehr leichter flüchtiger Gestalt Ich erwachte bald und stand
auf Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die
Felderanhöhe fortsetzen aber ich hatte ein Kleid angezogen welches zu einem
Gange außer dem Hause nicht tauglich war Ich musste mich daher später umkleiden
und ging jetzt heraus um die Morgenluft zu genießen«
Ich sah wirklich dass sie das lichte graue Kleid mit den feinen tiefroten
Streifen nicht mehr an habe sondern ein einfacheres kürzeres mattbraunes
trage Jenes Kleid wäre freilich zu einem Morgenspaziergange nicht tauglich
gewesen weil es in reichen Falten fast bis auf den Fußboden nieder ging Sie
hatte jetzt einen leichten Strohhut auf dem Haupte welchen sie immer bei ihren
Wanderungen durch die Felder trug Ich fragte sie ob sie glaube dass noch so
viel Zeit vor dem Frühmahle sei dass sie über die Felderanhöhe hinaus und wieder
in das Schloss zurückkommen könne
»Wohl ist noch so viel Zeit« erwiderte sie »ich wäre ja sonst nicht
fortgegangen weil ich eine Störung in der Hausordnung nicht verursachen
möchte«
»Dann erlaubt Ihr wohl dass ich Euch begleite« sagte ich
»Es wird mir sehr lieb sein« antwortete sie
Ich begab mich an ihre Seite und wir wandelten den Weg den ich gekommen
war zurück
Ich hätte ihr sehr gerne meinen Arm angeboten aber ich hatte nicht den Mut
dazu
Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin an einem Baumstamme nach
dem andern vorüber und die Schatten welche die Bäume auf den Weg warfen und
die Lichter welche die Sonne dazwischen legte wichen hinter uns zurück
Anfangs sprachen wir gar nicht dann aber sagte Natalie »Und habt Ihr die Nacht
in Ruhe und Wohlsein zugebracht«
»Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden aber ich habe es nicht unangenehm
empfunden« entgegnete ich »die Fenster meiner Wohnung welche mir Eure Mutter
so freundlich hatte einrichten lassen gehen in das Freie ein großer Teil des
Sternenhimmels sah zu mir herein Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet Am
Morgen stand ich frühe auf und da ich glaubte dass ich niemand in dem Schloss
mehr stören würde ging ich in das Freie um die milde Luft zu genießen«
»Es ist ein eigenes erquickendes Labsal die reine Luft des heiteren
Sommers zu atmen« erwiderte sie
»Es ist die erhebendste Nahrung die uns der Himmel gegeben hat« antwortete
ich »Das weiß ich wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer
Weite wie ein unausmessbares Meer um mich herum ist Aber nicht bloß die Luft des
Sommers ist erquickend auch die des Winters ist es jede ist es welche rein
ist und in welcher sich nicht Teile finden die unserm Wesen widerstreben«
»Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg auf
dem wir jetzt wandeln Er ist wohl und breit ausgefahren weil die Bewohner von
Erltal und die der umliegenden Häuser im Winter von ihrem tief gelegenen
Fahrwege eine kleine Abbeugung über die Felder machen und dann unseren
Spazierweg seiner ganzen Länge nach befahren Da ist es oft recht schön wenn
die Zweige der Bäume voll von Kristallen hängen oder wenn sie bereift sind und
ein feines Gitterwerk über ihren Stämmen und Ästen tragen Oft ist es sogar als
wenn sich auch der Reif in der Luft befände und sie mit ihm erfüllt wäre Ein
feiner Duft schwebt in ihr dass man die nächsten Dinge nur wie in einen Rauch
gehüllt sehen kann Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar dass man alles
deutlich erblickt Er spannt sich dunkelblau über die Gefilde die in der Sonne
glänzen und wenn wir auf die Höhe der Felder kommen können wir von ihr den
ganzen Zug der Gebirge sehen Im Winter ist die Landschaft sehr still weil die
Menschen sich in ihren Häusern halten so viel sie können weil die Singvögel
Abschied genommen haben weil das Wild in die tieferen Wälder zurück gegangen
ist und weil selbst ein Gespann nicht den tönenden Hufschlag und das Rollen der
Räder hören lässt sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke die man hier
hat anzeigt dass irgend wo jemand durch die Stille des Winters fährt Wir gehen
auf der klaren Bahn dahin die Mutter leitet die Gespräche auf verschiedene
Dinge und das Ziel unserer Wanderung ist gewöhnlich die Stelle wo der Weg in
das Tal hinabzugehen anfängt In der Stadt habt Ihr die schönen
Winterspaziergänge nicht welche uns das Land gewährt«
»Nein Natalie die haben wir nicht Wir haben von der dem Winter als Winter
eigentümlichen Wesenheit nichts als die Kälte denn der Schnee wird auch aus der
Stadt fortgeschaft« erwiderte ich »und nicht bloß im Winter auch im Sommer
hat die Stadt nichts was sich nur entfernt mit der Freiheit und Weite des
offenen Landes vergleichen ließe Eine erweiterte Pflege der Kunst und der
Wissenschaft, eine erhöhte Geselligkeit und die Regierung des menschlichen
Geschlechts sind in der Stadt und diese Dinge begreifen auch das was man in
der Stadt sucht Einen Teil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch
auf dem Lande hegen und ob größere Zweige der allgemeinen Leitung der Menschen
auch auf das Land gelegt werden könnten als jetzt geschieht weiß ich nicht da
ich hierin zu wenig Kenntnisse habe Ich trage schon lange den Gedanken in mir
einmal auch im Winter in das Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit
zuzubringen um Erfahrungen zu sammeln Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung
was uns die Bücher melden die von Leuten verfasst wurden welche im Winter
hochgelegene Gegenden besucht oder gar die Spitzen bedeutender Berge erstiegen
haben«
»Wenn es für Leben und Gesundheit keine Gefahr hat solltet Ihr es tun«
antwortete sie »Es ist wohl ein Vorrecht der Männer das Grössere wagen und
erfahren zu können Wenn wir zuweilen im Winter in großen Städten gewesen sind
und dort das Leben der verschiedenen Menschen gesehen haben dann sind wir gerne
in den Sternenhof zurückgegangen Wir haben hier in manchen größeren Zeiträumen
alle Jahreszeiten genossen und haben jeden Wechsel derselben im Freien kennen
gelernt Wir sind mit Freunden verbunden deren Umgang uns veredelt erhebt und
zu denen wir kleine Reisen machen Wir haben einige Ergebnisse der Kunst und in
einem gewissen Masse auch der Wissenschaft, so weit es sich für Frauen ziemt in
unsere Einsamkeit gezogen«
»Der Sternenhof ist ein edler und ein würdevoller Sitz« entgegnete ich »er
hat sich ein schönes Teil des Menschlichen gesammelt und muss nicht das
Widerwärtige desselben hinnehmen Aber es mussten auch viele Umstände
zusammentreffen damit es so werden konnte wie es ward«
»Das sagt die Mutter auch« erwiderte sie »und sie sagt sie müsse der
Vorsehung sehr danken dass sie ihre Bestrebungen so unterstützt und geleitet
habe weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen wäre«
Wir hatten in der Zeit dieses Gespräches nach und nach die höchste Stelle
des Weges erreicht Vor uns ging es wieder abwärts Wir blieben eine Weile
stehen
»Sagt mir doch« begann Natalie wieder »wo liegt denn das Kargrat in
welchem Ihr Euch in diesem Teile des Sommers aufgehalten habt Man muss es ja von
hier aus sehen können«
»Freilich kann man es sehen« antwortete ich »es liegt fast im äußersten
Westen des Teiles der Kette der von hier aus sichtbar ist Wenn Ihr von jenen
Schneefeldern die rechts von der sanftblauen Kuppe welche gerade über der
Grenzeiche Eures Weizenfeldes sichtbar ist liegen und die fast wie zwei
gleiche mit der Spitze nach aufwärts gerichtete Dreiecke aussehen wieder nach
rechts geht so werdet Ihr lichte fast wagrecht gehende Stellen in dem
graulichen Dämmer des Gebirges sehen das sind die Eisfelder des Kargrats«
»Ich sehe sie sehr deutlich« erwiderte sie »ich sehe auch die Spitzen die
über das Eis empor ragen Und auf diesem Eise seid Ihr gewesen«
»An seinen Grenzen die es in allen Richtungen umgeben« antwortete ich
»und auf ihm selber«
»Da müsst Ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben« sagte sie
»Die Berggestaltungen des Kargrates die wir hier sehen« erwiderte ich
»sind so groß dass wir seine Teile wohl von hier aus unterscheiden können aber
die Abteilungen der hiesigen Gegend sind so klein dass ihre Gliederungen von
dort aus nicht erblickt werden können. Das Land liegt wie eine mit Duft
überschwebte einfache Fläche unten Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne
bekannte Stellen suchen und ich habe mir die Bildungen der Hügel und Wälder des
Sternenhofes gesucht«
»Ach nennt mir doch einige von den Spitzen die wir von hier aus sehen
können« sagte sie
»Das ist die Kargratspitze die Ihr über dem Eise als höchste seht«
erwiderte ich »und rechts ist die Glommspitze und dann der Etern und das
Krummhorn Links sind nur zwei der Aschkogel und die Sente«
»Ich sehe sie« sagte sie »ich sehe sie«
»Und dann sind noch geringere Erhöhungen« fuhr ich fort »die sich gegen
die weiteren Berghänge senken die keinen Namen haben und die man hier nicht
sieht«
Da wir noch eine Weile gestanden waren die Berge betrachtet und gesprochen
hatten wendeten wir uns um und wandelten dem Schloss zu
»Es ist doch sonderbar« sagte Natalie »dass diese Berge keinen weißen
Marmor hervorbringen da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben«
»Da tut Ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht« antwortete ich »sie haben
schon Lager von weißem Marmor aus denen man bereits Stücke zu mannigfaltigen
Zwecken bricht und gewiss werden sie in ihren Verzweigungen noch Stellen bergen
wo vielleicht der feinste und ungetrübteste weiße Marmor ist«
»Ich würde es lieben mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen« sagte
sie
»Das könnt Ihr ja tun« erwiderte ich »kein Stoff ist geeigneter dazu«
»Ich könnte aber nach meinen Kräften nur kleine Gegenstände anfertigen
lassen Verzierungen und dergleichen« sagte sie »wenn ich die rechten Stücke
bekommen könnte und wenn meine Freunde mir mit ihrem Rate beiständen«
»Ihr könnt sie bekommen« antwortete ich »und ich selber könnte Euch hierin
helfen wenn Ihr es wünscht«
»Es wird mir sehr lieb sein« erwiderte sie »unser Freund hat edle Werke
aus farbigem Marmor in seinem Hause ausführen lassen und Ihr habt ja auch
schöne Dinge aus solchem für Eure Eltern veranlasst«
»Ja und ich suche noch immer schöne Stocke Marmor zu erwerben um sie
gelegentlich zu künftigen Werken zu verwenden« antwortete ich
»Meine Vorliebe für den weißen Marmor habe ich wohl aus den reichen schönen
und großartigen Dingen gezogen« entgegnete sie »die ich in Italien aus ihm
ausgeführt gesehen habe Besonders wird mir Florenz und Rom unvergesslich sein
Das sind Dinge die unsere höchste Bewunderung erregen und doch habe ich immer
gedacht ist es menschlicher Sinn und menschlicher Geist der sie entworfen und
ausgeführt hat Euch werden auch Gegenstände bei Eurem Aufenthalte im Freien
erschienen sein die das Gemüt mächtig in Anspruch nehmen«
»Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich und mit Recht« antwortete ich
»sie erfüllen mit Bewunderung und Liebe Die natürlichen Dinge sind das Werk
einer anderen Hand und wenn sie auf dem rechten Wege betrachtet werden, regen
sie auch das höchste Erstaunen an«
»So habe ich wohl immer gefühlt« sagte sie
»Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schöpfung
betrachtet« erwiderte ich »und dann auch so weit es mir möglich war Werke
der Kunst kennen gelernt und beide entzückten meine Seele«
Mit diesen Gesprächen waren wir allmählich dem Schloss näher gekommen und
waren jetzt bei dem Pförtchen
An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte »Ich habe gestern
sehr lange mit der Mutter gesprochen sie hat von ihrer Seite eine Einwendung
gegen unseren Bund nicht zu machen«
Ihre feinen Züge überzog ein sanftes Rot als sie diese Worte zu mir sprach
Sie wollte nun sogleich durch das Pförtchen hinein gehen ich hielt sie aber
zurück und sagte »Fräulein ich hielte es nicht für Recht wenn ich Euch etwas
verhehlte Ich habe Euch heute schon einmal gesehen ehe wir zusammentrafen Als
ich am Morgen über den Gang hinter Euren Zimmern ins Freie gehen wollte standen
die Türen in einen Vorsaal und in ein Zimmer offen und ich sah Euch in diesem
letztern an einem mit einem altertümlichen Teppiche behängten Tischchen die Hand
auf ein Buch gestützt stehen«
»Ich dachte an mein neues Schicksal« sagte sie
»Ich wusste es ich wusste es« antwortete ich »und mögen die himmlischen
Mächte es so günstig gestalten als es der Wille derer ist die Euch
wohlwollen«
Ich reichte ihr beide Hände sie fasste sie und wir drückten uns dieselben
Darauf ging sie in das Pförtchen ein und über die Treppe empor
Ich wartete noch ein wenig
Da sie oben war und die Tür hinter sich geschlossen hatte stieg ich auch
die Treppe empor
Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glänzender als es die
ganze Zeit her gewesen war und ich ging mit einem tief tief geschwellten
Herzen in mein Zimmer
Dort kleidete ich mich in so weit um als es nötig war die Spuren des
Morgenspazierganges zu beseitigen und anständig zu erscheinen dann ging ich da
die Stunde des Frühmahles schon heran nahte in das Speisezimmer
Ich war in demselben allein Der Tisch war schon gedeckt und alles zum
Morgenmahle in Bereitschaft gesetzt Nachdem ich eine Weile gewartet hatte kam
Matilde mit Natalie zugleich in das Zimmer Natalie hatte sich umgekleidet sie
hatte jetzt ein festlicheres Kleid an als sie beim Morgenspaziergange getragen
hatte weil sie gleich Mathilden bei Tische einen Gast durch ein besseres Kleid
ehrte Mit der gewöhnlichen Ruhe und Heiterkeit aber mit einer fast noch
größeren Freundlichkeit als sonst begrüßte mich Matilde und wies mir meinen
Platz an Wir setzten uns Wir waren nun bei dem Frühmahle wie wir es die
mehreren Tage her gewohnt waren Dieselben Gegenstände befanden sich auf dem
Tische und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer Obgleich nur ein
Dienstmädchen ab und zu ging und wir in den Zwischenzeiten allein waren indem
Matilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen die bei einem solchen
Frühmahle nötig sind an dem Tische selbst verrichtete so wurde doch über
unsere besonderen Angelegenheiten auch jetzt nicht gesprochen Gewöhnliche
Dinge wie sie sich an gewöhnlichen Tagen darbieten bildeten den Inhalt der
Gespräche Teils Kunst teils die schönen Tage der Jahreszeit die eben war und
teils ein Abschnitt des Aufenthaltes während der Rosenzeit im Asperhofe wurden
abgehandelt Dann standen wir auf und trennten uns
Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhältnisse inwelches ich zu
Nathalien getreten war nichts gesprochen Wir fanden uns noch im Laufe des
Vormittages im Garten zusammen Matilde zeigte mir einige Veränderungen welche
sie vorgenommen hatte Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne
Hecken die sich noch in einem abgelegenen Teile des Gartens befunden hatten
waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und gefälligeren Anlage Platz
gemacht Blumenbeete waren gezogen worden und mehrere Pflanzen welche man erst
kennen gelernt hatte welche mein Gastfreund sehr liebte und unter denen sich
außerordentlich schöne befanden waren in eine Gruppe gestellt worden Matilde
nannte ihre Namen Natalie hörte aufmerksam zu Am Nachmittage wurde ein
Spaziergang gemacht Zuerst besuchten wir die Arbeiter welche mit der
Hinwegschaffung der Tünche von der Steinbekleidung des Hauses beschäftigt waren
und sahen eine Zeit hindurch zu Matilde tat mehrere Fragen und ließ sich in
Erörterungen über Dinge ein die diese Angelegenheit betrafen Dann gingen wir
in einem großen Bogen längs des Rückens der Anhöhen herum die zu einem Teile
das Tal beherrschen in dem das Schloss liegt Wir kamen an dem Saume eines
Wäldchens vorüber von dem man das Schloss den Garten und die Wirtschaftsgebäude
sehen konnte und gingen endlich durch den nördlichen Arm desselben Spazierweges
in das Schloss zurück in dessen südlichem Teile ich heute morgens mit Nathalien
gewandelt war
Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an
Mein Gastfreund stieg zuerst heraus dann folgten fast gleichzeitig die
übrigen jüngeren Männer Ich wurde von allen gegrüßt und von allen getadelt
dass ich so spät gekommen sei Man begab sich in das gemeinschaftliche
Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine Weile ehe man sich in die
Gemächer verfügen wollte die für einen jeden bestimmt waren
Mein Gastfreund fragte mich wo ich mich heuer aufgehalten und welche Teile
des Gebirges ich durchstreift habe Ich antwortete ihm dass ich ihm schon im
allgemeinen gesagt habe dass ich an den Simmigletscher gehen werde dass ich aber
meinen besonderen Wohnort im Kargrat aufgeschlagen habe in dem mit dem
Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen Dörflein Von da aus habe ich meine
Streifereien gemacht Ich nannte ihm die einzelnen Richtungen weil er besonders
in der Gegend der Simmen sehr bekannt war Eustach sprach über die schönen
Naturbilder die in jenen Gestaltungen vorkommen Roland sagte ich möchte doch
auch einmal die Klamkirche in der sie gewesen seien besuchen die Zeichnungen
werde mir Eustach schon zeigen damit ich einen vorläufigen Überblick davon zu
erlangen vermöge Gustav grüßte mich einfach mit seiner Liebe und Freundschaft
wie er es immer getan hatte Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes ob
ich nun lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei
antwortete ich dass mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon in sehr
kurzer Zeit fortfahren könnte
Nach diesen allgemeinen Gesprächen begaben sich die Reisenden in ihre
Zimmer um die Spuren der Reise zu beseitigen staubige Kleider abzulegen sich
sonst zu erfrischen oder Mitgebrachtes in eine Ordnung zu richten
Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder
Dasselbe war so heiter und freundlich wie es immer gewesen war
Am anderen Morgen nach dem Frühmahle ging mein Gastfreund eine Zeit mit
Mathilden im Garten spazieren dann kam er in mein Zimmer und sagte zu mir »Ihr
habt recht und es ist sehr gut von Euch dass Ihr das was Euren hiesigen
Freunden lieb und angenehm ist Euren Eltern und Euren Angehörigen sagen wollt«
Ich erwiderte nichts errötete und verneigte mich sehr ehrerbietig
Ich erklärte im Laufe des Vormittages dass ich sobald es nur immer möglich
wäre abreisen müsste Man stellte mir Pferde bis zur nächsten Post zur
Verfügung und nachdem ich mein kleines Gepäck geordnet hatte beschloss ich
noch vor dem Mittage die Reise anzutreten Man ließ es zu Ich nahm Abschied
Die klaren heiteren Augen meines Gastfreundes begleiteten mich als ich von ihm
hinwegging Matilde war sanft und gütig Natalie stand in der Vertiefung eines
Fensters ich ging zu ihr hin und sagte leise »Liebe liebe Natalie lebt
wohl«
»Mein lieber teurer Freund lebt wohl« antwortete sie ebenfalls leise
und wir reichten uns die Hände
Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen die da
sie wussten dass ich abreisen werde in das Gesellschaftszimmer gekommen waren
Ich schüttelte Eustach und Roland die Hände und empfing Gustavs Kuss welche
innigere Art des Bewillkommens und Scheidens schon seit längerer Zeit zwischen
uns üblich geworden war und welche mir heute so besonders wichtig wurde
Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen
Mathildens Pferde brachten mich auf die nächste Post Dort sendete ich sie
zurück und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat Ich gönnte mir wenig
Ruhe Als ich dort angekommen war erklärte ich meinen Leuten dass Umstände
eingetreten wären welche die Fortsetzung der heurigen Arbeiten nicht erlaubten
Ich entließ sie also händigte ihnen aber den Lohn ein den sie bekommen hätten
wenn sie mir in der ganzen vertragsmässigen Zeit gedient hätten Sie waren
hierüber zufrieden Der Jäger und Ziterspieler war früher ehe ich gekommen
war fortgegangen Wohin er sich begeben habe wussten die Leute selber nicht
Das Verhältnis mit meinen Arbeitern zu ordnen war mir das Wichtigste auf meinem
Arbeitsplatze gewesen deshalb war ich hingereist Ich hatte ihnen vor meinem
Besuche im Asperhofe gesagt dass ich bald wieder kommen werde hatte ihnen
während meiner Abwesenheit Arbeit aufgetragen und hatte ihnen Arbeit nach
meiner Wiederkunft in Aussicht gestellt Dieses musste nun umgeändert werden Da
es geschehen war gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung dass sie
gesichert waren und reiste sogleich wieder ab Ich hatte die Pferde die ich
von dem letzten größeren Orte in das Kargrat mitgenommen hatte bei mir
behalten und fuhr jetzt mit ihnen wieder fort Auf dem ersten Postamte
verlangte ich eigene Postpferde und schlug die Richtung zu meinen Eltern ein
Als ich dort angekommen war machte mein unvermutetes Erscheinen beinahe den
Eindruck des Erstaunens Alle Ereignisse waren so schnell gekommen dass da
einmal meine Abreise zu meinen Eltern festgesetzt war ein Brief der sie von
meiner Ankunft benachrichtigt hätte wahrscheinlich nicht früher zu ihnen
gekommen wäre als ich selbst Sie konnten sich daher nicht erklären warum ich
ohne vorhergegangene Benachrichtigung nun im Sommer statt im Herbste komme Ich
sagte ihnen auf ihre Frage dass allerdings ein Grund zu meiner jetzigen
Heimreise vorhanden sei aber keineswegs ein unangenehmer dass ich in Ungeduld
so schnell abgereist sei und dass ich ihnen eine frühere Nachricht von meiner
Ankunft nicht habe zugehen lassen können Hierauf waren sie beruhigt und wie es
ihre Art war fragten sie mich nun nicht nach meinem Grunde
Am anderen Morgen ehe der Vater in die Stadt ging begab ich mich zu ihm m
das Bücherzimmer und sagte ihm dass ich zu Nathalien der Tochter der Freundin
meines Gastfreundes schon seit langer Zeit her eine Zuneigung gefasst habe dass
diese Neigung in mir verborgen geblieben und dass es mein Vorsatz gewesen sei
sie wenn sie ohne Aussicht wäre zu unterdrücken ohne dass ich je zu irgend
jemanden ein Wort darüber sagte Nun habe aber Natalie auch mich ihres Anteils
nicht für unwert gehalten ich habe davon nichts gewusst bis ein Zufall da wir
von anderen, weit entlegenen Dingen sprachen die gegenseitig unbekannte
Stimmung zu Tage brachte Da haben wir nun einen Bund geschlossen dass wir uns
unsere Neigung bewahren wollen so lange wir leben und dass wir sie in dieser
Art nie einem anderen Wesen schenken würden Natalie habe verlangt und mein
Sinn stimmte diesem Verlangen vollkommen bei dass wir unseren Angehörigen diese
Tatsache mitteilen sollten damit wir uns unseres Gutes durch ihre Zustimmung
erfreuen oder wenn von einem Teile die Billigung versagt würde die Neigung
zwar unverändert erhalten aber den persönlichen Umgang aufheben Da nun
Nataliens Angehörige nichts eingewendet haben so sei ich hier um die Sache
meinen Eltern zu sagen und ihm sage ich sie zuerst der Mutter würde ich sie
später mitteilen
»Mein Sohn« antwortete er »du bist mündig du hast das Recht Verträge
abzuschließen und hast einen sehr wichtigen abgeschlossen Da ich dich genau
kenne da ich dich seit einiger Zeit noch viel genauer kennen zu lernen
Gelegenheit hatte als ich dich früher kannte so weiß ich dass deine Wahl einen
Gegenstand getroffen hat der wenn ihm auch gewiss wie allen Menschen Fehler
eigen sind an Wert und Güte entsprechen wird Wahrscheinlich hat er beide Dinge
in einem höheren Masse als die Menschen wie sie in größerer Menge jetzt überall
sind In dieser Meinung bestärken mich noch mehrere Umstände Eure Neigung ist
nicht schnell entstanden sondern hat sich vorbereitet du hast sie überwinden
wollen du hast nichts gesagt du hast uns von Nathalien wenig erzählt also ist
es kein hastiges fortreissendes Verlangen welches dich erfasst hat sondern eine
auf dem Grunde der Hochachtung beruhende Zuneigung Bei Nathalien ist es
wahrscheinlich auch so weil wie du gesagt hast ihre Gegenneigung vorhanden
war ehe du sie erkennen konntest Ferner hat bei deinem Gastfreunde die
Gesamtheit deines Wesens eine so entschiedene Förderung erhalten du hast nach
manchem Besuche bei ihm auch so hervorragende Einzelheiten zurückgebracht dass
ihm eine große Güte und Bildung eigen sein muss die auf seine Umgebung übergeht
Ich habe nichts einzuwenden«
Obgleich ich mir vorgestellt hatte dass mein Vater dem geschlossenen Bunde
kein Hindernis entgegenstellen werde so war ich doch bei dieser Unterredung
beklommen und ernst gewesen so wie in der Haltung meines Vaters eine tiefe
Ergriffenheit nicht zu verkennen gewesen war Jetzt da er geredet hatte kam in
mein Herz eine Freudigkeit die sich auch in meinen Augen und in meinen Mienen
ausgedrückt haben musste Mein Vater blickte mich gütig und freundlich an und
sagte »Du wirst mit der Mutter von diesem Gegenstande nicht so leicht sprechen
ich werde deine Stelle vertreten und ihr von dem geschlossenen Bunde erzählen
dass du schneller über die Mitteilung hinwegkömmst Lasse den Vormittag vergehen
nach dem Mittagessen werde ich die Mutter in dieses Zimmer bitten Klotilde wird
dann gelegentlich auch Kenntnis von deinem Schritte erhalten«
Wir verließen nun das Bücherzimmer Mein Vater rüstete sich in seine
Geschäftsstube in die Stadt zu gehen wie er sich jeden Morgen gerüstet hatte
Als er fertig war nahm er von der Mutter Abschied und ging fort Der Vormittag
verfloss wie gewöhnlich die Zeit nach meiner Ankunft verflossen war Die Mutter
und Klotilde fragten nicht nach dem Grunde meines ungewöhnlichen Zurückkommens
und gingen ihren Geschäften nach Als das Mittagmahl vorüber war nahm der Vater
die Mutter in das Bücherzimmer und blieb eine Weile mit ihr dort Als sie
wieder zu mir und Klotilden herauskamen blickte sie mich freundlich an sagte
aber nichts
Sie setzten sich wieder zu uns und wir blieben noch eine Zeit an dem Tische
sitzen
Als wir aufgestanden waren gingen wir in den Garten welchen ich jetzt
durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte Die Rosen welche hie
und da zerstreut waren glichen nicht denen meines Gastfreundes waren aber auch
nicht schlechter als die welche sich in dem Sternenhofe befanden Der Garten
welcher mir in meiner Kindheit immer so lieb und traulich gewesen war erschien
mir jetzt klein und unbedeutend obwohl seine Blumen die gerade in dieser
Sommerzeit noch blühten seine Obstbäume seine Gemüse Weinreben und
Pfirsichgitter nicht zu den geringsten der Stadt gehörten Es zeigte sich nur
eben der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen
Landbesitzers Man wies mir alles was man für wichtig erachtete und machte
mich auf alle Veränderungen aufmerksam Man schien sich gleichsam zu freuen dass
man mich doch einmal zu Anfang der heisseren Jahreszeit hier habe während ich
sonst nur immer am Beginne der kälteren gekommen war wenn die Blätter abfielen
und der Garten sich seines Schmuckes entäusserte Gegen den Abend ging der Vater
wieder in die Stadt Wir blieben in dem Garten Da sich in einem Augenblicke die
Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschäftigte und ich mit der
Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand in welchen das köstliche
helle Wasser nieder rieselte sagte sie zu mir »Ich wünsche dass jedes Glück
und jeder Segen vom Himmel dich auf dem sehr wichtigen Schritte begleiten möge
den du getan hast mein Sohn Wenn du auch sorgsam gewählt hast und wenn auch
alle Bedingungen zum Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein
schwerer und wichtiger noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in
einander bevor«
»Möge es uns Gott so gewähren wie wir glauben es erwarten zu dürfen«
antwortete ich »ich wollte auch kein Glück gründen ohne dass ich meine Eltern
darum fragte und ohne dass ihr Wille mit dem meinigen übereinstimmte Zuerst
musste wohl Gewissheit gesucht werden ob sich die Neigungen zusammen gefunden
hätten Als dieses erkannt war musste der Sinn und die Zustimmung der
Angehörigen erforscht werden und deshalb bin ich hier«
»Der Vater sagt« erwiderte sie »dass alles recht ist dass der Weg sich
ebnen wird und dass jene Dinge die in jeder Verbindung und also auch in dieser
im Anfange ungefügig sind hier eher ihre Gleichung finden werden als irgendwo
Wenn er es aber auch nicht gesagt hätte so wüsste ich es doch Du bist unter so
vortrefflichen Leuten gewesen du würdest auch ohne dem nicht unwürdig gewählt
haben und hast du gewählt so ist dein Geist gut und wird sich in Kürze in ein
Frauenherz finden wie auch sie ihr Leben in dem deinigen finden wird Es sind
nicht alle es sind nicht viele Verbindungen dieser Art glücklich ich kenne
einen großen Teil der Stadt und habe auch einen nicht zu kleinen Teil des
Lebens beobachtet Du hast im Grunde nur unsere Ehe gesehen möge die deinige so
glücklich sein als es die meine mit deinem ehrwürdigen Vater ist«
Ich antwortete nicht es wurden mir die Augen nass
»Klotilde wird jetzt einsam sein« fuhr die Mutter fort »sie hat keine
andere Neigung als unser Haus als Vater und Mutter und als dich«
»Mutter« antwortete ich »wenn du Nathalien sehen wirst wenn du erfahren
wirst wie sie einfach und gerecht ist wie ihr Sinn nach dem Gültigen und Hohen
strebt wie sie schlicht vor uns allen wandelt und wie sie viel viel besser
ist als ich so wirst du nicht mehr von einer Vereinsamung sprechen sondern von
einer Verbindung Klotilde wird um eines mehr haben als jetzt und du und der
Vater werdet um eines mehr haben Aber auch Matilde mein Gastfreund und der
Kreis jener trefflichen Menschen wird in eure Verbindung gezogen werden ihr
werdet zu ihnen hingezogen werden und was bis jetzt getrennt war wird Einigung
sein«
»Ich habe mir es so gedacht mein Sohn« antwortete die Mutter »und ich
glaube wohl dass es so kommen wird aber Klotilde wird die Art ihrer Neigung zu
dir umwandeln müssen und möge das alles mit gelindem Kelche vorübergehen«
Zu dem Ende dieser Worte war auch Klotilde herzu gekommen Sie brachte mir
eine Rose und sagte mit heiteren Mienen dass sie mir dieselbe bloß darum gebe
um mir einen kleinen Ersatz für alle die Rosen zu bieten welche ich heuer im
Asperhofe durch meine Hieherreise versäumt habe
Mir fiel es bei diesen Worten erst auf dass im väterlichen Garten die Rosen
blühten während sie doch in dem höher gelegenen und einer rauheren Luft
ausgesetzten Asperhofe schon verblüht waren Ich sprach davon Man fand den
Grund bald heraus Die Asperhofrosen waren den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt
mochten auch besser gepflegt werden und einen besseren Boden haben während hier
teils durch Bäume die man des kleineren Raumes wegen enger setzen musste teils
durch die Mauern näherer und entfernterer Häuser vielfältig Schatten entstand
Ich nahm die Rose und sagte Klotilde würde meinem Gastfreunde einen
schlechten Dienst tun wenn sie in seinem Garten eine Rose pflückte
»Dort würde ich nicht den Mut dazu haben« antwortete sie
Wir blieben nun eine Weile bei dem Marmorwasserwerke stehen Klotilde zeigte
mir was der Vater im Frühlinge habe machen lassen zum Teile um den Wasserzug
noch mehr zu sichern zum Teile um Verschönerungen anzubringen Ich sah wie
trefflich und zweckmäßige er die Dinge hatte zubereiten lassen und wie sehr ich
von ihm lernen könne Ich freute mich schon auf die Zeit die nicht mehr ferne
sein konnte in welcher der Vater mit meinem Gastfreunde zusammen kommen würde
Als wir von dem Wasserwerke weg gingen führte mich Klotilde nun zu dem
Platze von welchem eine Aussicht in die Gegend geboten ist und den man mit
einer Brustwehr zu versehen beschlossen hatte Die Brustwehr war schon zum Teile
fertig Sie war aufgemauert war mit den von mir gebrachten Marmorplatten
belegt und war seitwärts mit Marmor bekleidet den sich der Vater verschafft
hatte Auch meine Simse und Tragsteine waren verwendet Ich sah aber dass noch
vieles an Marmor fehlte und versprach dass ich suchen werde zu Stande zu
bringen dass die ganze Brustwehr aus gleichartigen Stücken und in gleicher Weise
könne hergestellt werden »Du siehst dass wir auch in der Ferne deiner denken
und dir etwas Angenehmes zu bereiten streben« sagte Klotilde
»Ich habe ja nie daran gezweifelt« antwortete ich »und denke auch eurer
wie meine Briefe beweisen«
»Du solltest doch wieder einmal einen ganzen Sommer hier bleiben« sagte
sie
»Wer weiß was geschieht« erwiderte ich
Als die Dunkelheit bereits mit ihrer vollen Macht hereinzubrechen anfing
kam der Vater wieder aus der Stadt und wir nahmen unser Abendessen in dem
Waffenhäuschen Da sehr lange Tage waren und da es nach dem Eintreten der
völligen Finsternis schon ziemlich spät war so konnten wir nach dem Speisen
nicht mehr so lange in dem Häuschen mit den gläsernen Wänden beim Brennen der
traulichen Lichter sitzen bleiben wie in dem Herbste wenn ich nach einer
langen Sommerarbeit wieder zu den Meinigen zurückgekehrt war Auch hatte man
heute in dem lauen Abende mehrere der Glasabteilungen geöffnet der Eppich
flüsterte in einem gelegentlichen Luftzuge und die Flamme im Innern der Lampe
wankte unerfreulich Wir trennten uns und suchten unsere Ruhe
Am anderen Tage am frühesten Morgen kam Klotilde zu mir Als ich auf ihr
Pochen geöffnet hatte und sie eingetreten war verkündigte ihr Angesicht dass
die Mutter über meine Angelegenheit mit ihr gesprochen habe Sie sah mich an
ging näher fiel mir um den Hals und brach in einen Strom von Tränen aus Ich
ließ ihr ein Weilchen freien Lauf und sagte dann sanft »Klotilde wie ist dir
denn«
»Wohl und wehe« antwortete sie indem sie sich von mir zu einem Sitze
führen ließ auf den ich mich neben ihr niederließ
»Du weißt nun also alles«
»Ich weiß alles Warum hast du mir es denn nicht früher gesagt«
»Ich musste doch vorher mit den Eltern sprechen und dann Klotilde hatte
ich gegen dich gerade den wenigsten Mut«
»Und warum hast du nicht in früheren Sommern etwas gesagt«
»Weil nichts zu sagen war Es ist erst jetzt zu gegenseitiger Kenntnis
gekommen und da bin ich hergeeilt mich den Meinigen zu offenbaren Als das
Gefühl nur das meine war und die Zukunft sich noch verhüllte durfte ich nicht
reden weil es mir nicht männlich schien und weil die Empfindung die
vielleicht in kurzem gänzlich weggetan werden musste durch Worte nicht
gesteigert werden durfte«
»Ich habe es immer geahnt« sagte Klotilde »und habe dir immer das höchste
und größte Glück gewünscht Sie muss sehr gut sehr lieb sehr treu sein Ich
habe nur das Verlangen dass sie dich so liebt wie ich«
»Klotilde« antwortete ich »du wirst sie sehen du wirst sie kennen lernen
du wirst sie lieben und wenn sie mich dann auch nicht mit der in der Geburt
gegründeten schwesterlichen Liebe liebt so liebt sie mich mit einer anderen
die auch mein Glück dein Glück das Glück der Eltern vermehren wird«
»Ich habe oft gedacht wenn du von ihr erzähltest wie wenig du auch
sagtest und gerade weil du wenig sagtest« fuhr sie fort »dass sich etwa da
ein Band entwickeln könnte dass es sehr zu wünschen wäre dass du ihre Neigung
gewännest und dass daraus eine bessere Einigung entstehen könnte als durch die
Verbindung mit einem Mädchen unserer Stadt oder mit einem anderen«
»Und nun ist es so« erwiderte ich
»Warum hast du denn nie ein Bild von ihr gemalt« fragte sie
»Weil ich sie eben so wenig oder noch weniger darum bitten konnte als dich
oder die Mutter oder den Vater Ich hatte nicht das Herz dazu« antwortete ich
»Nun sei recht glücklich sei zufrieden bis in dein höchstes Alter und
bereue nie auch nicht im geringsten den Schritt den du getan hast« sagte
sie
»Ich glaube dass ich ihn nie bereuen werde und ich danke dir innig für
deine Wünsche meine teure meine geliebte Klotilde« erwiderte ich
Sie trocknete ihre Tränen mit dem Tuche ordnete gleichsam ihr ganzes Wesen
und sah mich freundlich an
»Wer wird jetzt mit mir zeichnen spanische Bücher lesen Zither spielen
wem werde ich alles sagen was mir in das Herz kommt« sprach sie nach einer
Weile
»Mir Klotilde« erwiderte ich »alles was ich früher war werde ich dir
bleiben Lesen zeichnen Zither spielen wirst du mit Nathalien auch mitteilen
wirst du dich ihr und mit ihr wirst du das alles vollführen was du bisher mit
mir vollführt hast Lerne sie nur erst kennen und du wirst begreifen dass es
wahr ist was ich sage«
»Ich möchte sie gerne sehr bald sehen« sagte sie
»Du wirst sie bald sehen« antwortete ich »es muss sich jetzt eine
Verbindung unserer Familie mit jenen Menschen bei denen ich bisher so häufig
gewesen bin anknüpfen ich wünsche selber dass du sie bald sehr bald sehest«
»Bis dahin aber musst du mir sehr viel von ihr erzählen und wenn es möglich
ist musst du mir ein Bild von ihr bringen« sagte sie
»Ich werde dir erzählen« antwortete ich »jetzt da wir einmal von der
Sache gesprochen haben werde ich dir sehr gerne erzählen ich werde mit dir
leichter von dem Bunde reden als mit ihr selber Ob ich dir ein Bild werde
bringen oder schicken können weiß ich nicht wenn es möglich ist werde ich es
tun Aber es wird nur in dem Falle sein können wenn ein Bild von ihr da ist
und man es mir oder eine Abbildung davon überlässt Behalte es dann bis du mit
ihr selber zusammen kommst und wir in freundlicher Verbindung mit einander
leben Endlich aber Klotilde«
»Endlich«
»Endlich wird doch auch die Zeit kommen in welcher du von uns ausscheiden
wirst zwar nicht mit deinem Geiste wohl aber mit einem Teile deiner
Beziehungen wenn nämlich auch du eine tiefere Verbindung eingehst«
»Nie nie werde ich das tun« rief sie beinahe heftig »nein ich könnte ihm
zürnen ihm der mein Herz hier wegführen würde Ich liebe nur den Vater die
Mutter und dich Ich liebe dieses stille Haus und alle die berechtigt in
demselben aus und ein gehen ich liebe das was es enthält und die Dinge die
sich in ihm allmählich gestalten ich werde Nathalien und ihre Angehörigen
lieben aber nie einen Fremden der mich von euch ziehen wollte«
»Er wird dich aber von uns ziehen Klotilde« sagte ich »und du wirst doch
da bleiben er wird berechtigt sein hier aus und ein zu gehen er wird ein Ding
sein das sich in dem Hause allmählich gestaltet und du wirst vielleicht nicht
von Vater und Mutter gehen dürfen gewiss aber wird kein Zwang sein dass du sie
oder mich weniger lieben müssest«
»Nein nein rede mir nicht von diesen Dingen« erwiderte sie »es peinigt
mich und zerstört mir das Herz das ich dir mit großer Teilnahme in der
Morgenstunde habe bringen wollen«
»Nun so reden wir nicht mehr davon Klotilde« sagte ich »sei nur
beruhigt und bleibe bei mir«
»Ich bleibe ja bei dir« antwortete sie »und sprich freundlich zu mir«
Sie hatte die letzte Spur der Tränen von ihrem Angesichte vertilgt sie
setzte sich auf dem Sitze neben mir noch mehr zurecht und ich musste mit ihr
sprechen Sie fragte mich von neuem um Nathalien wie sie aussehe was sie tue
wie sie sich zu ihrer Mutter ihrem Bruder und zu meinem Gastfreunde verhalte
Ich musste ihr erzählen wann ich sie zum ersten Male gesehen habe wann ich in
dem Sternenhofe gewesen sei wann sie den Asperhof besucht habe wann ein
Ahnungsgefühl in mein Herz gekommen wie es dort gewachsen sei wie ich mit mir
gekämpft habe was dann gekommen sei und wie es sich gefügt habe dass wir
endlich die Worte zu einander gefunden haben
Ich erzählte ihr gerne ich erzählte ihr immer leichter und je mehr sich
die Worte von dem Herzen löseten desto süßer wurde mein Gefühl Ich hatte nicht
geglaubt dass ich von diesem meinen innersten Wesen zu irgend jemanden sprechen
könnte aber Klotildens Seele war der einzige liebe Schrein in welchem ich das
Teure niederlegen konnte
Wir blieben sehr lange sitzen immer fragte mich Klotilde wieder um Neues
und wieder um Altes Da kam die Mutter in meine Stube Da sie uns in
vertraulichem Gespräche sitzen fand setzte sie sich auch zu dem Tische der vor
mir und Klotilden stand und sagte nach einer kurzen Weile dass sie gekommen
sei uns zum Frühmahle zu holen Sie hätte Klotilden nirgends gesehen und hätte
gemeint dass sie an diesem Morgen bei mir sein müsse
»Meine geliebten Kinder« fuhr sie fort »bewahrt euch eure Liebe
entfremdet euch nie eure Herzen und bleibt euch in allen Lagen zugewandt wie
ihr euch jetzt und wie ihr den Eltern zugewandt seid dann werdet ihr einen
Schatz haben der einer der schönsten im Leben ist und der so oft verkannt
wird Ihr werdet in eurer Vereinigung sittlich stark sein ihr werdet die Freude
eures Vaters bilden und mir werdet ihr das Glück meines Alters sein«
Wir antworteten nichts auf diese Rede weil uns ihr Inhalt so natürlich war
und folgten der Mutter aus dem Zimmer
Der Vater harrte schon unser in dem Speisegemache und da jetzt die Ursache
meiner unvermuteten Nachhausekunft allen bekannt war und keines sich dagegen
erklärte so sprachen wir nun unverhohlen gemeinschaftlich von der
Angelegenheit Die Eltern hegten die besten Erwartungen von dem neuen Bunde und
freuten sich der Übereinstimmung zwischen mir und der Schwester Ich musste ihnen
nun wie ich es schon gegen Klotilde getan hatte noch mehreres von Nathalien
erzählen wie sie sei was sie tue wohin sich ihre Bildung neige und wie sie
ihre Jugend könne zugebracht haben Auch von Mathilden und dem Sternenhofe so
wie von dem Asperhofe und meinem Gastfreunde musste ich noch manches nachholen
was das Bild ergänzen sollte welches sich die Meinigen von den dortigen
Verhältnissen machten Ich sagte ihnen auch dass ein günstiges Geschick hier
walte da gerade Natalie jenes Mädchen gewesen sei welches einmal bei der
Aufführung des König Lear in einer Loge neben mir so ergriffen gewesen sei
welches mir großen Anteil eingeflößt und mich der ich den Schmerz im
Trauerspiele geteilt hätte im Herausgehen gleichsam zum Danke freundlich
angeblickt habe Erst in letzter Zeit sei das aufgeklärt worden
Der Vater sagte dass die Familien die durch längere Zeit gleichsam durch
ein unsichtbares Band verbunden gewesen waren durch das Band der geistigen
Entwicklung seines Sohnes und des Verkehrs desselben mit beiden Teilen auch in
der Wirklichkeit sich nähern sich kennen lernen und in eine Verbindung treten
werden
Die Mutter entgegnete das sei jetzt die dringendste Veranlassung ja es sei
nicht nur eine gesellschaftliche sondern sogar eine Familienpflicht dass der
Vater welcher je älter er werde mit einer desto wärmeren Ausdauer welche
unbegreiflich ist sich an seine Arbeitsstube kette nun endlich einmal sich den
Geschäften entreisse eine Reise mache und sich in derselben nur mit heiteren
und schönen Dingen beschäftige
»Nicht nur ich werde eine Reise machen« antwortete er »sondern auch du und
Klotilde Wir werden die Menschen dort welche meinen Sohn so freundlich
aufgenommen haben besuchen Aber auch sie werden eine Reise machen denn auch
sie werden zu uns in die Stadt kommen und in diesen Zimmern verweilen Wann aber
diese Reisen stattfinden werden lässt sich jetzt noch gar nicht beurteilen
Jedenfalls muss unser Sohn zuerst allein wieder hinreisen und muss die
Einwilligung seiner Familie überbringen Seinem Ermessen und hauptsächlich den
Ratschlägen seines älteren Freundes wird es dann anheimgegeben sein wie die
Sachen im weiteren Verlaufe sich entwickeln sollen Die Reise unseres Sohnes muss
aber sogleich geschehen denn so fordert es die neue Pflicht die er eingegangen
ist Wir werden abwarten welche Nachrichten er uns von seiner Ankunft im
Sternenhofe zusenden oder welche Meinung er uns selber überbringen wird«
»Die Reise mein Vater« entgegnete ich »wünsche ich so bald es nur
möglich ist anzutreten am liebsten sogleich morgen oder wenn ein Aufschub
sein muss doch übermorgen«
»Es wird nicht verspätet sein wenn du übermorgen reisest da sich doch noch
einiges zum Besprechen ergeben kann« antwortete er
Klotilde äußerte ihre Freude dass einmal alle eine Reise antreten würden
»Und für den guten Vater könnte nun öfter der Anlass gegeben sein« sagte die
Mutter »dass er in das Freiere und Weitere komme dass er reine Luft atme und
Berg und Wald und Feld betrachte«
»Ich werde doch einmal meine liebe Terese mein Buch abschließen«
erwiderte der Vater »und es wird für mich der Stillstand der Geschäfte
eintreten Sie mögen in andere Hände übergehen oder sich ganz auflösen Dann
wird es Zeit sein im Anblicke von Berg Wald und Feld ein Haus zu mieten oder
zu bauen dass wir im Sommer dort und im Winter hier wohnen wenn wir nicht gar
lieber auch manchen Winter draußen bleiben wollen«
»So hast du oft gesagt« antwortete die Mutter »aber es ist nicht
geschehen«
»Wenn Zeit und Ort danach angetan sind wird es geschehen« erwiderte er
»Wenn dann noch deine Gesundheit und dein geistiges Wesen davon den
gewünschten Nutzen ziehen« sagte die Mutter »werde ich jeden Winter preisen
welchen wir mitten in irgend einem Lande zubringen«
»Es wird sich vieles ereignen woran wir jetzt nicht denken« antwortete der
Vater
Wir standen von dem Frühmahle auf und jedes ging an seine Geschäfte
Im Laufe des Vormittages ließ mich die Mutter wieder zu sich bitten und
fragte mich wie ich es denn zu halten gedenke wo ich mit Nathalien wohnen
wolle Es sei in dem Hause Platz genug nur müsste alles gerichtet werden Auch
seien viele andere Dinge zu ordnen besonders meine Kleider in denen ich doch
nun anders sein müsse Sie wünsche meine Meinung zu hören damit man zu rechter
Zeit beginnen könne um noch fertig zu werden
Ich sagte dass ich in der Tat auf diese Angelegenheit nicht gedacht habe
dass ihre Erwägung wohl noch Zeit habe und dass wir vor allem den Vater um Rat
fragen sollten
Sie war damit einverstanden
Als wir nach dem Mittagsessen den Vater fragten war er meiner Meinung dass
es noch zu frühe sei an diese Dinge zu denken Es würde schon zu rechter Zeit
geschehen dass alles was not tue in Ordnung gesetzt werden könne Jetzt seien
andere Dinge zu besprechen und zu bedenken Wenn es an der Zeit sei werde es
die Mutter erfahren dass sie alle ihre Maßregeln ausreichend treffen könne
Sie war damit zufrieden
Nachmittags fragte ich in der Stadt im Hause der Fürstin an und erfuhr dass
dieselbe zufällig auf mehrere Tage anwesend sei Sie habe die Absicht nach Riva
zu gehen um dort einige Wochen an den Ufern des blauen Gardasees zu verleben
Sie sei jetzt eben damit beschäftigt die Vorbereitungen zu dieser Reise zu
machen Ich ließ anfragen wann ich sie sprechen könnte und wurde auf den
nächsten Tag um zwölf Uhr bestellt
Ich nahm zu dieser Zeit eine Mappe mit einigen meiner Arbeiten zu mir und
verfügte mich in ihre Wohnung Nach den freundlichen Empfangsworten drückte sie
ihre Verwunderung aus mich jetzt hier zu finden Ich gab die Verwunderung für
ihre Person zurück Sie führte mir als Grund ihre beabsichtigte Reise an und
ich sagte dass plötzlich gekommene Angelegenheiten meinen Sommeraufentalt
unterbrochen und mich in die Stadt geleitet hätten
Sie fragte mich um meine Arbeiten während der Zeit meiner Abwesenheit
Ich erklärte ihr dieselben Als ich von dem Simmigletscher sprach nahm sie
besonderen Anteil weil ihr dieses Gebirge aus früherer Zeit her bekannt war
Ich musste ihr genau beschreiben und zeigen wo wir gewesen und was wir getan
haben Ich zog die Zeichnungen die ich in Farben von den Eisfeldern ihren
Einränderungen ihrer Einbuchtung ihrer Abgleitung und ihres oberen Ursprunges
gemacht hatte und in meiner Mappe mit mir trug hervor und breitete sie vor ihr
aus Sie ließ sich jedes auch das Kleinste an diesen Zeichnungen beschreiben
und erklären Ich musste ihr auch versprechen bei nächster günstiger Gelegenheit
meine Zeichnung von dem Grunde des Lautersees ihr vorzulegen und auf das
genaueste zu erörtern Es sei ihr dies doppelt wünschenswert weil sie jetzt
selber zu einem See reise der einer der merkwürdigsten des südlichen
Alpenabhanges sei Hierauf befragte sie mich um meine anderen Bestrebungen auf
dem Gebiete der bildenden Kunst worauf ich erwiderte dass ich heuer außer den
Gletscherzeichnungen die doch wieder fast nur wissenschaftlicher Natur seien
nichts hatte machen können weder in Landschaften noch in Abbildung menschlicher
Köpfe
»Wenn Ihr ein sehr schönes jugendliches Angesicht abbilden wollt« sagte
sie »so müsst Ihr suchen das Angesicht der jungen Tarona abbilden zu dürfen
Ich bin alt habe viel erfahren habe sehr viele Menschen gesehen und
betrachtet aber es ist mir wenig vorgekommen das edler einnehmender und
liebenswürdiger gewesen wäre als die Züge der Tarona«
Ich errötete sehr tief bei diesen Worten
Sie richtete die klaren lieben Augen auf mich lächelte sehr fein und
sagte »Haltet Ihr etwa schon jemanden für das Schönste«
Ich antwortete nicht und sie schien auch eine Antwort nicht zu erwarten
Von Nathalien konnte ich ihr nichts sagen da die Sache nicht so weit gediehen
war um sie andern verkündigen zu können
Wir brachen ab ich verabschiedete mich bald sie reichte mir gütig die
Hand welche ich küsste und lud mich ein ja im künftigen Winter sehr bald von
dem Gebirge zurück zu kommen da auch sie sehr bald in der Stadt einzutreffen
gedenke
Ich antwortete dass ich über jenen Zeitpunkt jetzt durchaus nicht zu
verfügen im Stande sei
Am zweiten Tage morgens stand ich reisefertig in meinem Zimmer Der Wagen
war vor das Haus bestellt worden Ich hatte mir es nicht versagen können in
einem besonderen Wagen so schnell als möglich in den Sternenhof zu fahren
Vater Mutter und Schwester waren in dem Speisezimmer um von mir Abschied zu
nehmen Ich begab mich auch in dasselbe und wir nahmen ein kleines Frühmahl
ein Nach demselben sagte ich Lebewohl
»Gott segne dich mein Sohn« sprach die Mutter »Gott segne dich auf deinem
Wege er ist der entscheidende du bist nie einen so wichtigen gegangen Wenn
mein Gebet und meine Wünsche etwas vermögen wirst du ihn nicht bereuen«
Sie küsste mich auf den Mund und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf die
Stirn
Der Vater sagte »Du hast von deiner frühen Jugend an erfahren dass ich mich
nicht in deine Angelegenheiten menge handle selbstständig und trage die
Folgen Wenn du mich frägst wie du jetzt getan hast so werde ich dir immer
beistehen in so weit es meine größere Erfahrung vermag Aber einen Rat möchte
ich dir doch in dieser wichtigen Angelegenheit geben oder vielmehr nicht einen
Rat geben sondern deine Aufmerksamkeit möchte ich auf einen Umstand leiten auf
den du vielleicht in der Befangenheit dieser Tage nicht gedacht hast Ehe du das
ernste Band schließt ist noch manches für dich notwendig deinen Geist und
dein Gemüt zu stärken und zu festigen Eine Reise in die wichtigsten Städte
Europas und zu den bedeutendsten Völkern ist ein sehr gutes Mittel dazu Du
kannst es deine Vermögenslage hat sich sehr gebessert und ich lege wohl auch
etwas dazu wie ich überhaupt mit dir Abrechnung halten muss«
Ich war sehr bewegt und konnte nicht sprechen Ich nahm den Vater nur bei
der Hand und dankte ihm stumm
Klotilde nahm mit Tränen Abschied und sagte leise als ich sie an mich
drückte »Gehe mit Gott es wird alles recht sein was du tust weil du gut
bist und weil du auch klug bist«
Ich sprach die Hoffnung aus dass ich bald wieder kommen werde und ging die
Treppe hinab
Meine Reise war sehr schnell weil überall die Pferde schon bestellt waren
weil ich nirgends schlief und zum Essen nur die kürzeste Zeit verwendete
Als ich im Sternenhofe in das Zimmer Mathildens trat kam sie mir entgegen
und sagte »Seid willkommen es ist alles wie ich gedacht habe denn sonst
wäret Ihr nicht zu mir sondern zu unserm Freunde gekommen«
»Meine Angehörigen ehren Euch ehren unseren Freund und glauben an unser
Glück und an unsere Zukunft« erwiderte ich
»Seid willkommen Natalie« sagte ich als diese gerufen worden und in das
Zimmer getreten war »ich bringe freundliche Grüße von den Meinigen«
»Seid willkommen« antwortete sie »ich habe immer gehofft dass es so
geschehen und dass Eure Abwesenheit so kurz sein wird«
»Meine Hoffnung war wohl auch dieselbe« erwiderte ich »aber jetzt ist
alles klar und jetzt ist völlige Beruhigung vorhanden«
Wir blieben bei Mathilden und sprachen einige Zeit mit einander.
Am zweiten Tage nach meiner Ankunft reiste ich zu meinem Gastfreunde
Matilde hatte mir einen Wagen und Pferde mit gegeben
Als ich in das Schreinerhaus gekommen war in welchem sich mein Gastfreund
bei meiner Ankunft befand reichte er mir die Hand und sagte »Ich bin von Eurer
Rückkunft bereits benachrichtigt man hat mir von dem Sternenhofe gleich nach
Eurem Eintreffen in demselben geschrieben«
Eustach sah mich seltsam an so dass ich vermutete er wisse auch bereits von
der Sache
Wir gingen nun in das Haus und man öffnete mir meine gewöhnliche Wohnung
Gustav kam nach einer Weile zu mir herauf und konnte seiner Freude beinahe kein
Ende machen dass alles sei wie es ist Mein Gastfreund hatte ihm die Tatsache
erst heute eröffnet Er sprach ohne Rückhalt aus dass ihm die Sache so weit
weit lieber sei als wenn Tillburg seine Schwester aus dem Hause geführt hätte
dessen Wille wohl immer dahin gerichtet gewesen wäre
2 Das Vertrauen
Ich blieb einige Zeit bei meinem Gastfreunde teils weil er es selber verlangte
teils um jene Ruhe zu gewinnen die ich sonst immer hatte und die ich brauchte
um in meinen Bestrebungen klar zu sehen und sie nach gemachter Einsicht zu
ordnen
Die Leute blickten mich fragend oder verwundert an Vermutlich hatte es sich
ausgebreitet in welche Beziehung ich zu Personen getreten bin welche Freunde
des Hauses sind und welche oft in dasselbe als Besuchende kommen Nirgends aber
trat mir der Anschein entgegen als ob man mir das Verhältnis missgönnte oder es
mit ungünstigen Augen ansähe Im Gegenteile die Leute waren fast freundlicher
und dienstwilliger als vorher Ich kam in das Gartenhaus Der Gärtner Simon trat
mir mit einer Art Ehrerbietung entgegen und rief seine Gattin Klara herbei um
ihr zu sagen dass ich da sei und um sie zu veranlassen dass sie mir ihre
Verbeugung mache Er hatte dies sonst nie getan Als diese Art von Vorstellung
vorüber war führte er mich erst in den Garten wie er mit kurzem Ausdrucke bloß
seine Gewächshäuser nannte Er zeigte mir wieder seine Pflanzen erklärte mir
was neu erworben worden war was sich besonders schön entwickelt habe und was
in gutem Stande geblieben sei er erzählte mir auch welche Verluste man
erlitten habe wie die Pflanzen im schönsten Gedeihen gewesen seien die man
verloren habe und welchen besonderen Ursachen man ihren Verlust zuschreiben
müsse Er bedachte hiebei nicht dass etwa meine Gedanken anderswo sein könnten
wie er bei einer früheren Gelegenheit auch nicht geahnt hatte dass mein Gemüt
abwesend sei da er mir ebenfalls mit vieler Lust und großer Umsicht seine
Gewächse erklärt hatte Besonders eifrig war er in der Darlegung der Vorzüge und
Schönheiten der Rose welche die Frau des Sternenhofes für den Herrn des Hauses
aus England verschrieben habe Er führte mich zu ihr und zeigte mir alle
Vortrefflichkeiten derselben Dann musste ich auch mit ihm in das Kaktushaus
gehen wo er mir sogleich den Cereus Peruvianus wies der durch meine Güte wie
er sich ausdrückte in den Asperhof gekommen sei Er wachse bereits steilrecht
in seinem Glasfache empor was durch viele Mühe und Kunst bewirkt worden sei
Die gelbliche Farbe vom Inghofe sei in die dunkelblaugrüne gleichsam mit einem
Dufte überflogene übergegangen welche die völlige Gesundheit der Pflanze
beweise Wenn es so fortgehe so könne auch noch die Freude der fabelhaften
weißen Blumen der lebendigen Säule in dieses Haus kommen Er führte mich dann zu
einigen Kaktusgestalten die eben im Blühen begriffen waren Es lag eine
ziemlich große Sammellinse in der Nähe um die Blumen und nebstbei auch die
Waffen und die Gestaltungen der Pflanzenkörper unter dem Einflusse des vollen
Sonnenlichtes betrachten zu können Er bat mich die Linse zu gebrauchen Es war
eine farblos zeigende und zugleich eine bei welcher die Abweichung wegen der
Kugelgestalt auf ein Kleinstes gebracht war Überhaupt wies sie sich als
vortrefflich aus Er erzählte mir dass der Herr das Vergrösserungsglas eigens zum
Betrachten der Kakteen habe machen es in das schöne Elfenbein fassen und in das
reine Sammetfach habe legen lassen Heute erst sei er noch in dem Kaktushause
gewesen und habe mit dem Glase die Blüten und viele Stacheln angeschaut Ich
bediente mich des Glases und sah in den von den seidenartigen Blumenblättern
umstandenen gelben weißen oder rosafarbigen Kelch hinein wie sie eben
vorhanden waren Dass der Glanz dieser Blumenfarben besonders schön weit schöner
als die feinste Seide und als der der meisten Blumen sei wusste ich ohnehin
musste es mir aber doch von dem Gärtner Simon zeigen lassen so wie er auch der
schönen grün oder rosig oder dunkelrotbraun dämmernden Tiefe des Kelches
erwähnte aus der die Wucht der schlanken Staubfäden aufsteige die keine Blüte
so zierlich habe Überhaupt seien die Kaktusblumen die schönsten auf der Welt
wenn man etwa einige Schmarotzergewächse und ganz wenige andere vereinzelte
Blumen ausnehme Er machte mich auch auf einen Umstand aufmerksam den ich nicht
wusste oder den ich nicht beobachtet hatte dass nämlich bei einigen Kugelkaktus
sich die Blumen stets aus neuen Stachelaugen meistens mit ganz kurzem Stengel
entwickeln während sie bei andern auf einem mehr oder minder hohen Stiele aus
vorjährigen oder noch älteren Stachelaugen sich erheben Er sagte das werde
gewiss einmal einen Grund zu einer neuen Einteilung dieser Kaktusgestalt geben
Er zeigte mir an vorhandenen Gewächsen den Unterschied und ich musste ihn
erkennen Er sagte dass dies nicht zufällig sei und dass er die Tatsache schon
dreißig Jahre beobachte Damals als er jung gewesen seien kaum einige dieser
Gestaltungen bekannt gewesen jetzt vermehre sich die Kenntnis derselben
bedeutend seit die Menschen zur Einsicht ihrer Schönheit gekommen sind und
Reisende Pflanzen aus Amerika senden wie jener Reisende der von deutschen
Landen aus fast in der ganzen Welt gewesen sei Es könne nur Unverstand oder
Oberflächlichkeit oder Kurzsichtigkeit diese Pflanzengattung ungestaltig nennen
da doch nichts regelmässiger und mannigfaltiger und dabei reizender sei als eben
sie Nur eine erste genaue Betrachtung und Vergleichung derselben sei nötig und
nur ein sehr kurzes Fortsetzen dieser Betrachtung damit die Gegner dieser
Pflanzen in warme Verehrer derselben übergehen es müsste nur ein Mensch
überhaupt kein Freund der Pflanzen sein welche Gattung es vielleicht in der
Welt nicht gibt Als ich das Pflanzenhaus verließ begleitete er mich bis an die
Grenze der Gewächshäuser und auch seine Gattin trat aus der Tür ihrer Wohnung
um sich von mir zu verabschieden
In dem Blumengarten und in der Abteilung der Gemüse blieben die Arbeitsleute
vor mir stehen nahmen den Hut ab und grüßten mich artig
Eustach war mild und freundlich wie gewöhnlich aber er war noch weit
inniger als er es in früheren Zeiten gewesen war Mich freute die Billigung
gerade von diesem Menschen ungemein Er zeigte mir alles was in der Arbeit war
und was sich an wirklichen Dingen was an Zeichnungen was an Nachrichten in der
jüngsten Zeit zu dem bereits Vorhandenen hinzugefunden hatte Er sagte dass mein
Gastfreund in kurzem eine ziemlich weit entfernte Kirche besuchen werde in
welcher man auf seine Kosten Wiederherstellungen mache und dass er mich zu
dieser Reise einladen wolle Ich sah unter allen vorhandenen Dingen und Stoffen
den sehr schönen Marmor nicht den ich meinem Gastfreunde zum Geschenke gemacht
hatte und war auch nie in Kenntnis gekommen dass daraus etwas verfertigt worden
sei Es sprach niemand davon und ich fragte auch nicht In mancher Stunde sah
ich den Arbeiten zu welche in dem Schreinerhause ausgeführt wurden
Roland war wie gewöhnlich im Sommer nicht in dem Asperhofe anwesend
Mit Eustach besuchte ich auch die Bilder meines Gastfreundes seine
Kupferstiche seine Schnitzereien und seine Geräte Wir sprachen über die Dinge
und ich suchte mir ihren Wert und ihre Bedeutung immer mehr eigen zu machen
Auch in das Bücherzimmer den Marmorsaal und das Treppenhaus meines Gastfreundes
ging ich Wie war die Gestalt auf der Treppe erhaben edel und rein gegen die
Nymphe in der Grotte des Gartens im Sternenhofe die mir in der letzten Zeit so
lieb geworden war Durch meine Bitte ließ sich mein Freund bewegen mir die
Zimmer aufzuschließen in denen Matilde und Natalie während ihres Aufenthaltes
in dem Asperhofe wohnen Ich blieb länger als in den anderen in dem letzten
kleinen Gemache mit der Tapetentür welches ich die Rose genannt hatte Mich
umwehte die Ruhe und Klarheit die in dem ganzen Wesen Mathildens ausgeprägt
ist die in den Farben und Gestalten des Zimmers sich zeigte und die in den
unvergleichlichen Bildern lag die hier aufgehängt waren
Wir gingen auch in den Meierhof Die Leute begegneten mir achtungsvoll sie
zeigten mir alle Räume und wiesen was sich in ihnen befinde was dort
gearbeitet werde wozu sie dienen und was sich in neuerer Zeit geändert habe
Der Meyer hatte seine besondere Freude an der neuen von ihm selbst verbesserten
Zucht der Füllen und an dem Volke aller von meinem Gastfreunde eingeführten
Gattungen von Hühnern Als wir uns von dem Meierhofe entfernten und uns der
vielstimmige Gesang der Vögel aus dem Garten des Hauses entgegen schallte sah
ich im Rückblicke dass sich unter dem Torwege eine Gruppe von Mägden mit ihren
blauen Schürzen und weißen Hemdärmeln gesammelt habe und uns nachschaue
Wenn ich auch erkannte dass ich der Gegenstand der Aufmerksamkeit geworden
war so entschlüpfte doch niemandem ein Wort welches einen Grund dieser
Aufmerksamkeit angedeutet hätte
Gustav welcher wohl anfangs seine Freude gegen mich ausgesprochen hatte
dass es sei wie es ist und dass keiner von denen die es gewollt hatten seine
Schwester fortgeführt sprach nun von dem Gegenstande nicht mehr und schloss
sich nur noch herzlicher wenn dieses möglich war an mich an
Mein Gastfreund sagte mir endlich auch von der Reise nach der Kirche von
welcher Eustach gesprochen hatte und lud mich zu derselben ein Ich nahm die
Einladung an
Wir fuhren eines Morgens von dem Asperhofe fort mein Gastfreund Eustach
Gustav und ich Gustav wird wie mir mein Gastfreund sagte auf jede kleinere
Reise von ihm mitgenommen Wenn dies bei ausgedehnteren Reisen nicht der Fall
sein kann so wird er zu seiner Mutter in den Sternenhof gebracht Wir kamen
erst am zweiten Tage bei der Kirche an Roland welcher von unserer Ankunft
unterrichtet gewesen war erwartete uns dort Die Kirche war ein Gebäude im
altdeutschen Sinn Sie stammte wie meine Freunde versicherten aus dem
vierzehnten Jahrhunderte her Die Gemeinde war nicht groß und nicht besonders
wohlhabend Die letztvergangenen Jahrhunderte hatten an dieser Kirche viel
verschuldet Man hatte Fenster zumauern lassen entweder ganz oder zum Teile
man hatte aus den Nischen der Säulen die Steinbilder entfernt und hatte
hölzerne die vergoldet und gemalt waren an ihre Stelle gebracht Weil aber
diese größer waren als ihre Vorgänger so hat man die Stellen an die sie kommen
sollten häufig ausgebrochen und die früheren Überdächer mit ihren Verzierungen
weggeschlagen Auch ist das Innere der ganzen Kirche mit bunten Farben bemalt
worden Als dieses in dem Laufe der Jahre auch wieder schadhaft wurde und sich
Ausbesserungsarbeiten an der Kirche als dringlich notwendig erwiesen gab sich
auch kund dass die Mittel dazu schwer aufzubringen sein würden Die Gemeinde
geriet beinahe über den Umfang der Arbeiten die vorzunehmen wären in großen
Hader Offenbar waren in früheren Zeiten reiche und mächtige Wohltäter gewesen
welche die Kirche hervorgerufen und erhalten hatten In der Nähe stehen noch die
Trümmer der Schlösser in denen jene wohlhabenden Geschlechter gehaust hatten
Jetzt steht die Kirche allein als erhaltenes Denkmal jener Zeit auf dem Hügel
einige in neuerer Zeit erbaute Häuser stehen um sie herum und rings liegt die
Gemeinde in den in dem Hügellande zerstreuten Gehöften Die Besitzer der
Schlossruinen wohnen in weit entfernten Gegenden und haben da sie ganz anderen
Geschlechtern angehören entweder nie eine Liebe zu der einsamen Kirche gehabt
oder haben sie verloren Der Pfarrer ein schlichter frommer Mann der zwar
keine tiefen Kenntnisse der Kunst hatte aber seit Jahren an den Anblick seiner
Kirche gewöhnt war und sie da sie zu verfallen begann wieder gerne in einem so
guten Zustande gesehen hätte als nur möglich ist schlug alle Wege ein zu
seinem Ziele zu gelangen die ihm nur immer in den Sinn kamen Er sammelte auch
Gaben Auf letztem Wege kam er zu meinem Gastfreunde Dieser nahm Anteil an der
Kirche die er unter seinen Zeichnungen hatte reiste selber hin und besah sie
Er versprach dass er wenn man seinen Plan zur Wiederherstellung der Kirche
billige und annehme alle Kosten der Arbeit die über den bereits vorhandenen
Vorrat hinausreichen tragen und die Arbeit in einer gewissen Zahl von Jahren
beendigen werde Der Plan wurde ausgearbeitet und von allen welche in der
Angelegenheit etwas zu sprechen hatten genehmigt nachdem der Pfarrer schon
vorher ohne ihn gesehen zu haben sehr für ihn gedankt und sich überall eifrig
für seine Annahme verwendet hatte Es wurde dann zur Ausführung geschritten und
in dieser Ausführung war mein Gastfreund begriffen Die Füllmauern in den
Fenstern wurden vorsichtig weggebrochen dass man keine der Verzierungen welche
in Mörtel und Ziegeln begraben waren beschädige und dann wurden Glasscheiben
in der Art der noch erhaltenen in die ausgebrochenen Fenster eingesetzt Die
hölzernen Bilder von Heiligen wurden aus der Kirche entfernt die Nischen wurden
in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt Wo man unter dem Dache der
Kirche oder in anderen Räumen die alten schlanken Gestalten der Heiligenbilder
wieder finden konnte wurden sie wenn sie beschädigt waren ergänzt und an ihre
mutmasslichen Stellen gesetzt Für welche Nischen man keine Standbilder auffinden
konnte die wurden leer gelassen Man hielt es für besser dass sie in diesem
Zustande verharren als dass man eins der hölzernen Bilder welche zu der Bauart
der Kirche nicht passten in ihnen zurückgelassen hätte Freilich wäre die
Verfertigung von neuen Standbildern das Zweckmässigste gewesen allein das war
nicht in den Plan der Wiederherstellung aufgenommen worden weil es über die zu
diesem Werke verfügbaren Kräfte meines Gastfreundes ging Alle Nischen aber
auch die leeren wurden wenn Beschädigungen an ihnen vorkamen in guten Stand
gesetzt Die Überdächer über ihnen wurden mit ihren Verzierungen wieder
hergestellt Zu der Übertünchung des Innern der Kirche war ein Plan entworfen
worden nach welchem die Farbe jener Teile die nicht Stein waren so unbestimmt
gehalten werden sollte dass ihr Anblick dem eines bloßen Stoffes am ähnlichsten
wäre Die Gewölbrippen deren Stein nicht mit Farbe bestrichen war so wie alles
andere von Stein wurde unberührt gelassen und sollte mit seiner bloß stofflichen
Oberfläche wirken Die Gerüste zu der Übertünchung waren bereits dort
geschlagen wo man mit Leitern nicht auslangen konnte Freilich wäre in der
Kirche noch vieles andere zu verbessern gewesen Man hatte den alten Chor
verkleidet und ganz neue Mauern zu einer Emporkirche aufgeführt man hatte ein
Seitenkapellchen im neuesten Sinne hinzugefügt und es war ein Teil der Wand des
Nebenschiffes ausgenommen worden um eine Vertiefung zu mauern in welche ein
neuer Seitenaltar zu stehen kam Alle diese Fehler konnten wegen
Unzulänglichkeit der Mittel nicht verbessert werden Der Hauptaltar in
altdeutscher Art war geblieben Roland sagte es sei ein Glück gewesen dass man
im vorigen Jahrhunderte nicht mehr so viel Geld gehabt habe als zur Zeit der
Erbauung der Kirche denn sonst hätte man gewiss den ursprünglichen Altar
weggenommen und hätte einen in dem abscheulichen Sinne des vergangenen
Jahrhunderts an seine Stelle gesetzt Mein Gastfreund besah alles was da
gearbeitet wurde und es ward ein Rat mit Eustach und Roland gehalten dem auch
ich beigezogen wurde um zu erörtern ob alles dem gefassten Plane getreu
gehalten werde und ob man nicht manches mit Aufwendung einer mäßigen Summe noch
zu dem ursprünglich Beabsichtigten hinzu tun könnte was der Kirche not täte
und was ihr zur Zierde gereichte Die Ansichten vereinigten sich sehr bald da
die Männer nach der nämlichen Richtung hin strebten und da ihre Bildungen in
dieser Hinsicht sich wechselweise zu dem gleichen Ergebnisse durchdrungen
hatten Ich konnte sehr wenig mit reden obgleich ich gefragt wurde weil ich
einerseits zu wenig mit den vorhandenen Grundlagen vertraut war und weil
andererseits meine Kenntnisse in dem Einzelnen der Kunst um welche es sich hier
handelte mit denen meiner Freunde nicht Schritt halten konnten Der Pfarrer
hatte uns sehr freundlich aufgenommen und wollte uns sämtlich in seinem kleinen
Hause beherbergen Mein Gastfreund lehnte es ab und wir richteten uns so gut
es ging in dem Gasthofe ein Der Ehrerbietung und des Dankes aber konnte der
bescheidene Pfarrer gegen meinen Gastfreund kein Ende finden Auch kam eine
Abordnung mehrerer Gemeindeglieder um wie sie sagten ihre Aufwartung zu
machen und ihren Dank darzubringen Wirklich wenn man die schlanken edlen
Gestaltungen der Kirche ansah welche da einsam auf ihrem Hügel in einem
abgelegenen Teile des Landes stand in dem man sie gar nicht gesucht hätte und
die schon geschehenen Verbesserungen betrachtete welche ihre feinen Glieder
wieder zu Ansehen und Geltung brachten so konnte man nicht umhin sich zu
freuen dass die reinen blauen Lüfte wieder den reinen einfachen Bau umfächelten
wie sie ihn umfächelt hatten als er nach dem Haupte des längst verstorbenen
Meisters aus den Händen der Arbeitsleute hervor gegangen war Und wirklich musste
man sich auch zum Danke verpflichtet fühlen dass es einen Mann gab wie mein
Gastfreund war der aus Liebe zu schönen Dingen und ich muss wohl auch
hinzufügen aus Liebe zur Menschheit einen Teil seines Einkommens seiner Zeit
und seiner Einsicht opfert um manch Edles dem Verfalle zu entreißen und vor die
Augen der Menschen wohlgebildete und hohe Gestaltungen zu bringen dass sie sich
daran wenn sie dessen fähig sind und den Willen haben erheben und erbauen
können
Das alles wussten aber die Gemeindeglieder nicht sie dankten nur weil sie
meinten dass es ihre Schuldigkeit sei
Nachdem mein Gastfreund den Bau gut befunden und mit Eustach dem
eigentlichen Werkmeister das Nähere angeordnet hatte und nachdem auch Roland
die Zusicherung gegeben hatte dass er dem Wunsche meines Gastfreundes gemäß
öfter nachsehen und Bericht erstatten werde rüsteten wir uns unsere
verschiedenen Wege zu gehen Roland wollte wieder in das nahe liegende Gebirge
zurückkehren von dem er zu der Kirche heraus gekommen war und wir wollten den
Weg nach dem Asperhofe antreten Roland entfernte sich zuerst Wir besuchten
noch den Inhaber eines Glaswerkes in der Nähe der von großem Einflusse war und
begaben uns dann auf den Weg nach dem Hause meines Freundes
Auf dem Rückwege kamen wir über die Bildung des Schönen zu sprechen wie es
gut sei dass Menschen aufstehen die es darstellen dass über ihre Mitbrüder auch
dieses sanfte Licht sich verbreite und sie immer zu hellerer Klarheit fort
führe dass es aber auch gut sei dass Menschen bestehen welche geeignet sind
das Schöne in sich aufzunehmen und es durch Umgang auf andere zu übertragen
besonders wenn sie noch wie mein Gastfreund das Schöne überall aufsuchen es
erhalten und es durch Mühe und Kraft wieder herzustellen suchen wo es Schaden
gelitten hatte Es sei ein ganz eigenes Ding um die Befähigung und den Drang
hiezu
»Wir haben schon einmal über Ähnliches gesprochen« sagte mein Gastfreund
»meine Erfahrungen in der Zeit meines Lebens haben mich gelehrt dass es ganz
bestimmte Anlagen zu ganz bestimmten Dingen gibt mit denen die Menschen geboren
werden Nur in der Größe unterscheiden sich diese Anlagen in der Möglichkeit,
sich auszusprechen und in der Gelegenheit kräftig zur Wirksamkeit kommen zu
können Dadurch scheint Gott die Mannigfaltigkeit der Taten mit ihrem
nachdrücklichsten Erfolge wie es auf der Erde notwendig ist vermitteln zu
wollen Es erschien mir immer merkwürdig wo ich Gelegenheit hatte es zu
beobachten wie bei Menschen die bestimmt sind ganz Ungewöhnliches in einer
Richtung zu leisten sich ihre Anlage bis in die feinsten Fäden ihres
Gegenstandes ausspricht und zu ihm hindrängt während sie in anderm bis zum
Kindlichen unwissend bleiben können Einer der über Kunstdinge trotz aller
Belehrung trotz alles Umganges trotz langjähriger täglicher Berührung mit
auserlesenen Kunstwerken nie anderes als Ungereimtes sagen konnte war ein
Staatsmann der die feinsten Abschattungen seines Gegenstandes durchdrang der
die Gedanken der Völker und die Absichten der Menschen und Regierungen mit
denen er verkehrte erriet und es verstand alle Dinge seinen Zwecken dienstbar
machen zu können so dass das anderen wie ein Zauberwerk eines Geistes erschien
was gleichsam ein Naturgesetz war In meiner Jugend kannte ich einen Mann der
mit einem Verstande über den wir uns vor Bewunderung kaum zu fassen wussten in
die Tiefen eines Kunstwesens das er besprechen wollte einging und Gedanken zu
Tage brachte von denen wir nicht begriffen wie sie in das Herz eines Menschen
haben kommen können während er die Meinungen und Absichten ganz gewöhnlicher
Menschen und gerade solcher die tief unter ihm standen nicht durchschaute und
den notwendigen Gang der Staaten nicht sah weil ihm das Auge dafür versagt war
oder weil er im Drange seiner Gegenstände darauf nicht achtete Ich könnte noch
mehrere Beispiele anführen den zum Feldherrn Geborenen im Richtersaale um Mein
und Dein oder den der wissenschaftliche Stoffe fördert in der Bildung eines
Heeres So hat Gott es auch manchen gegeben dass sie dem Schönen nachgehen
müssen und sich zu ihm wie zu einer Sonne wenden von der sie nicht lassen
können Es ist aber immer nur eine bestimmte Zahl von solchen deren einzelne
Anlage zu einer besonderen großen Wirksamkeit ausgeprägt ist Ihrer können nicht
viele sein und neben ihnen werden die geboren bei denen sich eine gewisse
Richtung nicht ausspricht die das Alltägliche tun und deren eigentümliche
Anlage darin besteht dass sie gerade keine hervorragende Anlage zu einem
hervorragenden Gegenstande haben Sie müssen in großer Menge sein dass die Welt
in ihren Angeln bleibt dass das Stoffliche gefördert werde und alle Wege im
Betriebe sind Sehr häufig aber kommt es nun leider auf den Umstand an dass der
rechten Anlage der rechte Gegenstand zugeführt wird was so oft nicht der Fall
ist.«
»Könnte denn nicht die Anlage den Gegenstand suchen und sucht sie ihn nicht
auch oft« fragte Eustach
»Wenn sie in großer Macht und Fülle vorhanden ist, sucht sie ihn«
entgegnete mein Gastfreund »zuweilen aber geht sie in dem Suchen zu Grunde«
»Das ist ja traurig und dann wird ihr Zweck verfehlt« antwortete Eustach
»Ich glaube nicht dass ihr Zweck ganz verfehlt wird« sagte mein Gastfreund
»das Suchen und das was sie in diesem Suchen fördert und in sich und anderen
erzeugt war ihr Zweck Es müssen eben verschiedene und zwar verschieden hohe
und verschieden geartete Stufen erstiegen werden Wenn jede Anlage mit völliger
Blindheit ihrem Gegenstande zugeführt würde und ihn ergreifen und erschöpfen
müsste so wäre eine viel schönere und reichere Blume dahin die Freiheit der
Seele die ihre Anlage einem Gegenstande zuwenden kann oder sich von ihm fern
halten die ihr Paradies sehen sich von ihm abwenden und dann trauern kann dass
sie sich von ihm abgewendet hat oder die endlich in das Paradies eingeht und
sich glücklich fühlt dass sie eingegangen ist«
»Oft habe ich schon gedacht« sagte ich »da die Kunst so sehr auf die
Menschen wirkt wie ich an mir selber wenn auch nur erst kurze Zeit zu
beobachten Gelegenheit hatte ob denn der Künstler bei der Anlage seines Werkes
seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne wie er es einrichten müsse
dass auf sie die Wirkung gemacht werde die er beabsichtiget«
»Ich hege keinen Zweifel dass es nicht so ist« erwiderte mein Gastfreund
»wenn der Mensch überhaupt seine ihm angeborene Anlage nicht kennt selbst wenn
sie eine sehr bedeutende sein sollte und wenn er mannigfaltige Handlungen
vornehmen muss ehe seine Umgebung ihn oder er sich selber inne wird ja wenn er
zuletzt sich seiner Freiheit gemäß seiner Anlage hingeben oder sich von ihr
abwenden kann so wird er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen im
Stande sein dass sie an einem gewissen Punkte anlanden müsse sondern je größer
die Kraft ist um so mehr glaube ich wirkt sie nach den ihr eigentümlichen
Gesetzen und das dem Menschen inwohnende Große strebt unbewusst der
Äußerlichkeiten seinem Ziele zu und erreicht desto Wirkungsvolleres je tiefer
und unbeirrter es strebt Das Göttliche scheint immer nur von dem Himmel zu
fallen Es hat wohl Menschen gegeben welche berechnet haben wie ein Erzeugnis
auf die Mitmenschen wirken soll die Wirkung ist auch gekommen sie ist oft eine
große gewesen aber keine künstlerische und keine tiefe sie haben etwas anderes
erreicht das ein Zufälliges und Äußeres war das die welche nach ihnen kamen
nicht teilten und von dem sie nicht begriffen wie es auf die Vorgänger hatte
wirken können Diese Menschen bauten vergängliche Werke und waren nicht
Künstler während das durch die wirkliche Macht der Kunst Geschaffene weil es
die reine Blüte der Menschheit ist nach allen Zeiten wirkt und entzückt so
lange die Menschen nicht ihr Köstlichstes die Menschheit weggeworfen haben«
»Es ist einmal in der Stadt die Frage gestellt worden« sagte ich »ob ein
Künstler wenn er wüsste dass sein Werk das er beabsichtigt zwar ein
unübertroffenes Meisterwerk sein wird dass es aber die Mitwelt nicht versteht
und dass es auch keine Nachwelt verstehen wird es doch schaffen müsse oder
nicht Einige meinten es sei groß wenn er es täte er tue es für sich er sei
seine Mit und Nachwelt Andere sagten wenn er etwas schaffe von dem er wisse
dass es die Mitwelt nicht verstehe so sei er schon töricht und vollends wenn
er es schaffe und weiß dass auch keine Nachwelt es begreifen wird«
»Dieser Fall wird wohl kaum sein« antwortete mein Gastfreund »der Künstler
macht sein Werk wie die Blume blüht sie blüht wenn sie auch in der Wüste ist
und nie ein Auge auf sie fällt Der wahre Künstler stellt sich die Frage gar
nicht ob sein Werk verstanden werden wird oder nicht Ihm ist klar und schön
vor Augen was er bildet wie sollte er meinen dass reine unbeschädigte Augen
es nicht sehen Was rot ist, ist es nicht allen rot Was selbst der gemeine Mann
für schön hält glaubt er das nicht für alle schön Und sollte der Künstler das
wirklich Schöne nicht für die Geweihten schön halten Woher käme denn sonst die
Erscheinung dass einer ein herrliches Werk macht das seine Mitwelt nicht
ergreift Er wundert sich weil er eines andern Glaubens war Es sind dies die
Grössten welche ihrem Volke voran gehen und auf einer Höhe der Gefühle und
Gedanken stehen zu der sie ihre Welt erst durch ihre Werke führen müssen Nach
Jahrzehenden denkt und fühlt man wie jene Künstler und man begreift nicht wie
sie konnten missverstanden werden Aber man hat durch diese Künstler erst so
denken und fühlen gelernt Daher die Erscheinung dass gerade die größten
Menschen die naivsten sind Wenn nun der früher angegebene Fall möglich wäre
wenn es einen wahren Künstler gäbe der zugleich wüsste dass sein beabsichtigtes
Werk nie verstanden werden würde so würde er es doch machen und wenn er es
unterlässt so ist er schon gar kein Künstler mehr sondern ein Mensch der an
Dingen hängt die außer der Kunstliegen Hieher gehört auch jene rührende
Erscheinung die von manchen Menschen so bitter getadelt wird dass einer dem
recht leicht gangbare Wege zur Verfügung ständen sich reichlich und angenehm zu
nähren ja zu Wohlstand zu gelangen lieber in Armut Not Entbehrung Hunger
und Elend lebt und immer Kunstbestrebungen macht die ihm keinen äußeren Erfolg
bringen und oft auch wirklich kein Erzeugnis von nur einigem Kunstwerte sind
Er stirbt dann im Armenhause oder als Bettler oder in einem Hause wo er aus
Gnaden gehalten wurde«
Wir waren unseres Freundes Meinung Eustach ohnehin schon weil er die
Kunstdinge als das Höchste des irdischen Lebens ansah und ein Kunststreben als
bloßes Bestreben schon für hoch hielt wie er auch zu sagen pflegte das Gute
sei gut weil es gut sei Ich stimmte bei weil mich das was mein Gastfreund
sagte überzeugte und Gustav mochte es geglaubt haben Erfahrungen hatte er
nicht weil ihm alles Wahrheit war was sein Pflegevater sagte
Von einem Streben das gewissermaßen sein eigener Zweck sei vom Vertiefen
der Menschen in einen Gegenstand dem scheinbar kein äußerer Erfolg entspricht
und dem der damit Behaftete doch alles andere opfert kamen wir überhaupt auf
verschiedenes an das der Mensch sein Herz hängt das ihn erfüllt und das sein
Dasein oder Teile seines Daseins umschreibt Nachdem wir wirklich eine größere
Zahl von Dingen durchsprochen hatten die zu dem Menschen in das von uns
angeführte Verhältnis treten können als ich je vermutet hätte machte mein
Gastfreund folgenden Ausspruch »Wenn wir hier alle die Dinge ausschließen die
nur den Körper oder das Tierische des Menschen betreffen und befriedigen und
deren andauerndes Begehren mit Hinwegsetzung alles andern wir mit dem Namen
Leidenschaft bezeichnen weshalb es denn nichts Falscheres geben kann als wenn
man von edlen Leidenschaften spricht und wenn wir als Gegenstände höchsten
Strebens nur das Edelste des Menschen nennen so dürfte alles Drängen nach
solchen Gegenständen vielleicht nicht mit Unrecht nur mit einem Namen zu
benennen sein mit Liebe Lieben als unbedingte Wertaltung mit unbedingter
Hinneigung kann man nur das Göttliche oder eigentlich nur Gott aber da uns Gott
für irdisches Fühlen zu unerreichbar ist kann Liebe zu ihm nur Anbetung sein
und er gab uns für die Liebe auf Erden Teile des Göttlichen in verschiedenen
Gestalten denen wir uns zuneigen können so ist die Liebe der Eltern zu den
Kindern die Liebe des Vaters zur Mutter der Mutter zum Vater die Liebe der
Geschwister die Liebe des Bräutigams zur Braut der Braut zum Bräutigam die
Liebe des Freundes zum Freunde die Liebe zum Vaterlande zur Kunst zur
Wissenschaft zur Natur und endlich gleichsam kleine Rinnsale die sich von dem
großen Strome abzweigen Beschäftigungen mit einzelnen gleichsam kleinlichen
Gegenständen denen sich oft der Mensch am Abende seines Lebens wie kindlichen
Notbehelfen hingibt Blumenpflege Zucht einer einzigen Gewächsart einer
Tierart und so weiter was wir mit dem Namen Liebhaberei belegen Wen die
größeren Gegenstände der Liebe verlassen haben oder wer sie nie gehabt hat und
wer endlich auch gar keine Liebhaberei besitzt der lebt kaum und betet auch
kaum Gott an er ist nur da So fasst es sich glaube ich zusammen was wir mit
der Richtung großer Kräfte nach großen Zielen bezeichnen und so findet es seine
Berechtigung«
»Jene Zeit« sagte er nach einer Weile »in welcher die Kirchen gebaut
worden sind, wie wir eben eine besucht haben war in dieser Hinsicht weit größer
als die unsrige ihr Streben war ein höheres es war die Verherrlichung Gottes
in seinen Tempeln während wir jetzt hauptsächlich auf den stofflichen Verkehr
sehen auf die Hervorbringung des Stoffes und auf die Verwendung des Stoffes,
was nicht einmal ein an sich gültiges Streben ist, sondern nur beziehungsweise
in so fern ihm ein höherer Gedanke zu Grunde gelegt werden kann. Das Streben
unserer älteren Vorgänger war auch insbesondere darum ein höheres weil ihm
immer Erfolge zur Seite standen die Hervorbringung eines wahrhaft Schönen Jene
Tempel waren die Bewunderung ihrer Zeit Jahrhunderte bauten daran sie liebten
sie also und jene Tempel sind auch jetzt in ihrer Unvollendung oder in ihren
Trümmern die Bewunderung einer wieder erwachenden Zeit die ihre Verdüsterung
abgeschüttelt hat aber zum allseitigen Handeln noch nicht durchgedrungen ist
Sogar das Streben unserer unmittelbaren Vorgänger welche sehr viele Kirchen
nach ihrer Schönheitsvorstellung gebaut noch mehr Kirchen aber durch zahllose
Zubauten durch Aufstellung von Altären durch Umänderungen entstellt und uns
eine sehr große Zahl solcher Denkmale hinterlassen haben ist in so ferne noch
höher als das unsere indem es auch auf Erbauung von Gotteshäusern ausging auf
Darstellung eines Schönen und Kirchlichen wenn es sich auch in dem Wesen des
Schönen von den Vorbildern der früheren Jahrhunderte entfernt hat Wenn unsere
Zeit von dem Stofflichen wieder in das Höhere übergeht wie es den Anschein hat
werden wir in Baugegenständen nicht auch gleich das Schöne verwirklichen können
Wir werden anfangs in der bloßen Nachahmung des als schön Erkannten aus älteren
Zeiten befangen sein dann wird durch den Eigenwillen der unmittelbar Betrauten
manches Ungereimte entstehen bis nach und nach die Zahl der heller Blickenden
größer wird bis man nach einer allgemeineren und begründeteren Einsicht
vorgeht und aus den alten Bauarten neue der Zeit eigentümlich zugehörige
entspriessen«
»In der Kirche welche wir eben gesehen haben« sagte ich »liegt nach
meiner Meinung eine eigentümliche Schönheit dass es nicht begreiflich ist wie
eine Zeit gekommen ist in welcher man es verkennen und so manches hinzufügen
konnte was vielleicht schon an sich unschön ist gewiss aber nicht passt«
»Es waren raue Zeiten über unser Vaterland gekommen« erwiderte er »welche
nur in Streit und Verwüstung die Kräfte übten und die tieferen Richtungen der
menschlichen Seele ausrotteten Als diese Zeiten vorüber waren hatte man die
Vorstellung des Schönen verloren an seine Stelle trat die bloße Zeitrichtung
die nichts als schön erkannte als sich selber und daher auch sich selber
überall hinstellte es mochte passen oder nicht So kam es dass römische und
korintische Simse zwischen altdeutsche Säulen gefügt wurden«
»Aber auch unter den altdeutschen Kirchen ist diese welche wir verlassen
haben wenn ich nach den Kirchen die ich gesehen habe urteilen darf eine der
schönsten und edelsten« sagte ich
»Sie ist klein« erwiderte mein Gastfreund »aber sie übertrifft manche
große Sie strebt schlank empor wie Halme die sich wiegen und gleicht auch den
Halmen darin dass ihre Bögen so natürlich und leicht aufspringen wie Halme die
da nicken Die Rosen in den Fensterbögen die Verzierungen an den Säulenknäufen
an den Bogenrippen so wie die Rose der Turmspitze sind so leicht wie die
verschiedenen Gewächse die in dem Halmenfelde sich entwickeln«
»Darum überkam mich auch wieder ein Gedanke« antwortete ich »den ich schon
öfter hatte dass man nämlich die Fassung von Edelsteinen im Sinne altdeutscher
Baudenkmale einrichten sollte und dass man dadurch zu schöneren Gestaltungen
käme«
»Wenn Ihr den Gedanken so nehmt« erwiderte er »dass sich die welche
Edelsteine fassen im Sinne der alten Baumeister bilden sollen welche Würdiges
und Schönes auf einfache und erhebende Art darstellten so dürftet Ihr glaube
ich recht haben Wenn Ihr aber meint dass Gestaltungen welche an
mittelalterlichen Gebäuden vorkommen im verkleinerten Maßstabe sofort als
Schmuckdinge zu gebrauchen seien so dürftet Ihr Euch irren«
»So habe ich es gemeint« sagte ich
»Wir haben schon einmal über diesen Gegenstand gesprochen« erwiderte er
»und ich habe damals selber auf die altertümliche Kunst als die Grundlage von
Schmuck hingewiesen aber ich habe damit nicht bloß die Baukunst gemeint
sondern jede Kunst auch die der Geräte der Kirchenstoffe der weltlichen
Stoffe die Malerkunst die Bildhauerkunst die Holzschneidekunst und ähnliches
Auch habe ich nicht die unmittelbare Nachahmung der Gestaltungen gemeint
sondern die Erkennung des Geistes, der in diesen Gestaltungen wohnt das
Erfüllen des Gemütes mit diesem Geiste und dann das Schaffen in dieser
Erkenntnis und in diesem Erfülltsein Es steht der Übertragung der baulichen
Gestaltungen auf Schmuck auch ein stoffliches Hindernis entgegen Die Gebäude
an denen der Schönheitssinn besonders zur Ausprägung kam waren immer mehr oder
weniger ernste Gegenstände Kirchen Paläste Brücken und im Altertume Säulen
und Bögen Im Mittelalter sind die Kirchen weit das Überwiegende bleiben wir
also bei ihnen Um den Ernst und die Würde der Kirche darzustellen ist der
Stoff nicht gleichgültig aus dem man sie verfertigt Man wählte den Stein als
den Stoff aus dem das Grossartigste und Gewaltigste von dem was sich erhebt
besteht die Gebirge Er leiht ihnen dort wo er nicht von Wald oder Rasen
überkleidet ist, sondern nackt zu Tage steht das erhabenste Ansehen Daher gibt
er auch der Kirche die Gewalt ihres Eindruckes Er muss dabei mit seiner
einfachen Oberfläche wirken und darf nicht bemalt oder getüncht sein Das
Nächste unter dem Emporstrebenden was sich an das Gebirge anschliesst ist der
Wald Ein Baum übt nach dem Felsen die größte Macht Daher ist eine Kirche in
Würde und künstlerischem Ansehen auch noch von Holz denkbar sobald es nicht
bemalt und nicht bestrichen ist Eine eiserne Kirche oder gar eine von Silber
könnte nicht anders als widrig wirken sie würde nur wie roher Prunk aussehen
und von einer Kirche aus Papier gesetzt man könnte den Wänden auf die Dauer
Widerstand gegen Wetter und den Verzierungen durch Pressen oder dergleichen die
schönsten Gestalten geben wendet sich das Herz mit Widerwillen und Verachtung
ab Mit dem Stoffe hängt die Gestaltung zusammen Der Stein ist ernst er strebt
auf und lässt sich nicht in die weichsten feinsten und gewundensten
Erscheinungen biegen Ich rede von dem Bausteine nicht von dem Marmor Daher
hat man die Gestalten der Kirche aus ihm emporstrebend einfach und stark
gemacht und wo Biegungen vorkommen sind sie mit Maß und mit einem gewissen
Adel ausgeführt und überladen nicht die Wände und die andern Bildungen In der
Zeit als sie das Übergewicht zu bekommen anfingen hörte auch die strenge
Schönheit der Kirchen auf und die Niedlichkeit begann Zu den Fassungen unseres
Schmuckes nehmen wir Metall und zwar meistens Gold Das Metall aber hat
wesentlich andere Merkmale als der Stein Es ist schwerer darf also ohne uns
zu drücken nicht in größeren Stücken angewendet werden sondern muss in zarte
Gestaltungen auseinander laufen dabei hat es unter allen Stoffen die größte
Biegsamkeit und Dehnbarkeit wir glauben ihm daher die kühnsten Windungen und
Verschlingungen und fordern sie von ihm Die Bildungen besonders Zieraten aus
Gold können daher nicht genau dieselben sein wie die aus Stein wenn beide
schön sein sollen Aber aus dem inneren Geiste des einen glaube ich kann man
recht gut und soll man den innern Geist des andern kennen und es dürfte
Treffliches heraus kommen«
Ich vermochte gegen diese Ansicht nichts Wesentliches einzuwenden Eustach
führte sie noch genauer durch Beispiele aus die er von bekannten
Steingestaltungen an Kirchen hernahm Er zeigte wie eine geläufige leichte
kirchliche Steinbildung wenn man sie etwa aus Gold machen lasse sogleich
schwer träg und unbeholfen werde und er zeigte auch wie man nach und nach die
Steingestaltung umwandeln müsse dass sie zu einer für Gold tauge und da lebendig
und eigentümlich werde Er versprach mir dass er mir über diese Angelegenheit
wenn wir nach Hause gekommen sein würden Zeichnungen zeigen würde Ich sah
hieraus wie sehr meine Freunde über diesen Gegenstand nachgedacht haben und
wie sie tatsächlich in ihn eingegangen seien
»Es sind aber nicht bloß die Äußerlichkeiten an unserer Kirche sehr schön«
fuhr mein Gastfreund fort »sondern die Gestalten der Heiligen auf dem Altare
und in den Nischen sind schöner als man sie sonst meistens aus dem Zeitalter
aus welchem die Kirche stammt zu sehen gewohnt ist Wenn ich sagte dass die
griechischen Bilder gestalten eine größere sinnliche Schönheit haben als die
aus dem Mittelalter so ist dieses nicht ausnahmslos so Es gibt auch höchst
liebliche Gestalten aus dem Mittelalter und wo keine Verzeichnung ist und wo
sich Sinnlichkeit zeigt sind sie meistens wärmer als die griechischen In der
kleinen Kirche ist Ähnliches vorhanden deshalb habe ich so gerne ihre
Wiederherstellung übernommen deshalb bedaure ich dass meine Mittel nicht so
groß sind die gänzliche Vollendung herbeiführen zu können und deshalb habe ich
so sehr nach den Gestalten die in den Nischen fehlen suchen lassen um so viel
als möglich die Kirche zu bevölkern wenn auch der Gedanke Raum hatte dass
vielleicht nicht einmal alle Gestalten fertig geworden und alle Plätze besetzt
gewesen seien Vielleicht steht einmal eine höhere und allgemeinere Kraft auf
die diese und noch wichtigere Kirchen wieder in ihrer Reinheit darstellt«
Wir kamen am zweiten Tage in dem Asperhofe an und ich sagte dass ich nun
nicht mehr lange da verweilen könne Mein Gastfreund erwiderte dass er in
einigen Tagen in den Sternenhof fahren werde und dass er mich einlade ihn zu
begleiten und dass ich bis dahin noch bei ihm bleiben möge
Ich erklärte dass bei mir wohl einige Tage keinen wesentlichen Unterschied
machten dass ich aber doch wünsche bald zu meinen Eltern zurückkehren zu
können
So war der Abend vor der Abreise in den Sternenhof gekommen und mein
Gastfreund sagte an demselben in einem gelegenen Augenblicke zu mir »Ihr tretet
nun zu jemandem der mir nahe ist in ein inniges Verhältnis es ist billig dass
Ihr alles wisst wie es in dem Sternenhofe ist und in welchen Beziehungen ich
zu demselben stehe Ich werde Euch alles darlegen Damit Ihr aber in noch viel
größerer Ruhe seid und mit Klarheit das Mitgeteilte aufnehmen könnt so werde
ich es Euch erzählen wenn Ihr wieder in den Asperhof kommt Ihr werdet jetzt zu
Euren Eltern gehen wie Ihr sagt um ihnen zu berichten wie Ihr aufgenommen
worden seid und wie die Angelegenheit steht Wenn Ihr dann nach Eurem
beliebigen Willen wieder zu mir kommt sei es zu was immer für einer Zeit so
werdet Ihr willkommen sein und bereitwilligen Empfang finden«
Am anderen Morgen saß ich nebst Gustav mit ihm in dem Wagen und wir fuhren
dem Sternenhofe zu
Wir wurden dort so freundlich und heiter aufgenommen wie immer ja noch
freundlicher und heiterer als sonst Die Zimmer welche wir immer bewohnt
hatten standen für uns wie für Personen welche zu der Familie gehörten in
Bereitschaft Natalie stand mit lieblichen Mienen neben ihrer Mutter und sah
ihren älteren Freund und mich an Ich grüßte mit Ehrerbietung die Mutter und
fast mit gleicher Ehrerbietung die Tochter Gustav war etwas schüchterner als
sonst und blickte bald mich bald Nathalien an Wir sprachen die gewöhnlichen
Bewillkommungsworte und andere unbedeutende Dinge Dann verfügten wir uns in
unsere Zimmer
Noch an demselben Tage und am nächsten besah mein Gastfreund verschiedene
Dinge, welche zur Bewirtschaftung des Gutes gehörten besprach sich mit
Mathilden darüber besuchte selbst ziemlich entfernte Stellen und ordnete im
Namen Mathildens an Auch die Arbeiten in der Hinwegschaffung der Tünche von der
Außenseite des Schlosses besah er Er stieg selber auf die Gerüste untersuchte
die Genauigkeit der Hinwegschaffung der aufgetragenen Kruste und die Reinheit
der Steine Er prüfte die Größe der in einer gewöhnlichen Zeit vollbrachten
Arbeit und gab Aufträge für die Zukunft Wir waren bei den meisten dieser
Beschäftigungen gemeinschaftlich zugegen Man behandelte mich auf eine
ausgezeichnete Art Matilde war so sanft so gelassen und milde wie immer Wer
nicht genauer geblickt hätte würde keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt
gewahr geworden sein Sie war immer gütig und konnte daher nicht gütiger sein
Ich empfand aber doch einen Unterschied Sie richtete das Wort so offen an mich
wie früher aber es war doch jetzt anders Sie fragte mich oft wenn es sich um
Dinge des Schlosses des Gartens der Felder der Wirtschaft handelte um meine
Meinung wie einen der ein Recht habe und der fast wie ein Eigentümer sei Sie
fragte gewiss nicht um meine Meinung so gründlich zu wissen denn mein
Gastfreund gab die besten Urteile über alle diese Gegenstände ab sondern sie
fragte so weil ich einer der Ihrigen war Sie hob aber diese Fragen nicht
hervor und betonte sie nicht wie jemand getan hätte bei dem sie Absicht
gewesen wären sondern sie empfand das Zusammengehörige unseres Wesens und gab
es so Mir ging diese Behandlung ungemein lieb in die Seele Mein Gastfreund war
wohl beinahe gar nicht anders denn sein Wesen war immer ein ganzes und
geschlossenes aber auch er schien herzlicher als sonst Gustav verlor sein
anfängliches schüchternes Wesen Obwohl er auch jetzt noch kein Wort sagte
welches auf unser Verhältnis anspielte das taten auch die anderen nicht und
er hatte eine zu gute Erziehung erhalten um obgleich er noch so jung war
hierin eine Ausnahme zu machen so ging er doch zuweilen plötzlich an meine
Seite nahm mich bei meinem Arme drückte ihn oder nahm mich bei der Hand und
drückte sie mit der seinen Nur mit Natalie war es ganz anders Wir waren
beinahe scheuer und fremder als wir es vor jenem Hervorleuchten des Gefühles in
der Grotte der Brunnennymphe gewesen waren Ich durfte sie am Arme führen wir
durften mit einander sprechen aber wenn dies geschah so redeten wir von
gleichgültigen Dingen welche weit entfernt von unseren jetzigen Beziehungen
lagen Und dennoch fühlte ich ein Glück wenn ich an ihrer Seite ging dass ich
es kaum mit Worten hätte sagen können Alles die Wolken die Sterne die Bäume
die Felder schwebten in einem Glanze und selbst die Personen ihrer Mutter und
ihres alten Freundes waren verklärter Dass in Nathalien Ähnliches war wusste ich
ohne dass sie es sagte
Wenn wir an dem Scheunentore des Meierhofes vorbeigingen oder an einer
anderen Tür oder an einem Felde oder sonst an einem Platze auf welchem
gearbeitet wurde so traten die Menschen zusammen blickten uns nach und sahen
uns mit denselben bedeutungsvollen Augen an mit denen man mich in dem Asperhofe
angeschaut hatte Es war mir also klar dass man auch hier wusste in welchen
Beziehungen ich zu der Tochter des Hauses stehe Ich hätte es auch aus der
größeren Ehrerbietung der Diener heraus lesen können wenn es mir nicht schon
sonst deutlich gewesen wäre Aber auch hier wie in dem Asperhofe bemerkte ich
dass es etwas Freundliches war etwas das wie Freude aussah was sich in den
Mienen der Leute spiegelte Sie mussten also auch hier mit dem was sich
vorbereitete zufrieden sein Ich war darüber tief vergnügt denn auf welchem
Stande der Entwickelung die Leute immer stehen mögen so ist es doch gewiss wie
ich aus dem Umgange mit vielen Menschen reichlich erfahren habe dass Geringere
die Höheren oft sehr richtig beurteilen und namentlich wenn Verbindungen
geschlossen werden seien es Freundschaften seien es Ehen mit richtiger Kraft
erkennen was zusammen gehört und was nicht Dass sie mich also zu Nathalien
gehörig ansahen erfüllte mich mit nachhaltender inniger Freude Wie Natalie
über diese Kundgebungen der Leute dachte konnte ich nicht erkennen
Nachdem so drei Tage vergangen waren nachdem wir die verschiedensten
Stellen des Schlosses des Gartens der Felder und der Wälder gemeinschaftlich
besucht hatten nachdem wir auch manchen Augenblick in den Gemäldezimmern und in
denen mit den altertümlichen Geräten zugebracht und an Verschiedenem uns erfreut
hatten nachdem endlich auch alles was in Angelegenheiten des Gutes zu
besprechen und zu ordnen war zwischen Mathilden und meinem Gastfreunde
besprochen und geordnet worden war wurde auf den nächsten Tag die Abreise
beschlossen Wir verabschiedeten uns auf eine ähnliche Weise wie wir uns
bewillkommt hatten der Wagen war vorgefahren und wir schlugen die Richtung
zurück ein in der wir vor vier Tagen gekommen waren
Ich fuhr mit meinem Gastfreunde nur bis an die Poststrasse und auf derselben
bis zur ersten Post Dort trennten wir uns Er fuhr auf Nebenwegen dem Asperhofe
zu weil er mir zu lieb einen Umweg gemacht hatte ich aber schlug mit
Postpferden die Richtung gegen das Kargrat ein Ich war entschlossen im Kargrat
für jetzt ganz abzubrechen und also die Gegenstände die ich noch dort hatte
fortschaffen zu lassen Als ich in dem kleinen Orte eingetroffen war richtete
ich meine Verhältnisse zurecht ließ alle meine Dinge einpacken und schickte
sie fort Ich nahm von dem Pfarrer welchen ich kennen gelernt hatte Abschied
verabschiedete mich auch von meinen Wirtsleuten und von den anderen Menschen
die mir bekannt geworden waren sagte dass ich nicht weiß wann ich in das
Kargrat zurückkehren werde um meine Arbeiten welche ich wegen eines schnell
eingetretenen Umstandes hatte abbrechen müssen fortzusetzen und reiste wieder
ab
Ich ging jetzt in das Lautertal um es zu besuchen Es war in der Richtung
nach meiner Heimat ein geringer Umweg und ich wollte das Tal das mir lieb
geworden war wieder sehen Besonders aber führte mich ein Zweck dahin Obwohl
ich wenig Hoffnung hatte dass mein Auftrag den ich in dem Tale gegeben hatte
zu forschen ob sich nicht doch noch die Ergänzungen zu den Vertäflungen meines
Vaters fänden einen Erfolg haben werde so wollte ich doch nicht nach Hause
reisen ohne in dieser Hinsicht Nachfrage gehalten zu haben Die gewünschten
Ergänzungen hatten sich zwar nicht gefunden auch keine Spur zu denselben war
entdeckt worden aber manche Leute hatte ich gesehen denen ich in früheren
Tagen geneigt worden war Gegenstände hatte ich erblickt von denen ich in
vergangenen Jahren zu meinem Vergnügen umringt gewesen war und manches kleine
Zwiegespräch hatte ich gepflogen welches mir und den Leuten mit denen es
gepflogen worden war zu einiger Erquickung gereichte
Ich ging auch in das Rotmoor Dort fand ich die Arbeiten noch in einem
höheren Masse entwickelt und im Gange als sie es bei meiner letzten Anwesenheit
gewesen waren Von mehreren Orten hatte man Bestellungen eingesendet selbst von
unserer Stadt wo das Becken der Einbeere bekannt geworden war und manchen
Beifall gefunden hatte waren Briefe geschickt worden Fremde kamen zu Zeiten in
diese abgelegene Gegend machten Käufe und hinterliessen Aufträge Ich sah also
dass sich manches hier gebessert habe betrachtete die Arbeiten und bestellte
auch wieder einige neue weil ich teils noch Stücke schönen Marmors hatte aus
denen irgend etwas gemacht werden konnte und weil anderen Teils in dem Garten
des Vaters zur Brüstung oder zu anderen Stellen noch Gegenstände fehlten Die
Leute hatten mich recht freundlich und zuvorkommend empfangen sie zeigten mir
was im Gange war welche Verbesserungen sie eingeführt hatten und welche sie
noch beabsichtigen Sie ließ hiebei nicht unerwähnt dass ich der kleinen
Anstalt immer zugetan gewesen sei und dass ich zu den Verbesserungen manchen
Anlass und manchen Fingerzeig gegeben habe Ich drückte meine Freude über alles
das aus und versprach dass ich wenn ich in die Nähe käme jederzeit recht
gerne einen kurzen Besuch in dem Rotmoor machen würde
Nach diesem unbedeutenden Aufenthalte im Lautertale und im Rotmoor setzte
ich meine Reise zu meinen Eltern ohne weitere Verzögerung fort
3 Die Mitteilung
Zu Hause hatten sie mich noch nicht erwartet weil ich ihnen durch meinen Brief
angezeigt hatte dass ich mit meinem Gastfreunde eine kleine Reise zu einer
altertümlichen Kirche machen würde Auch hatten sie sich vorgestellt dass ich
noch einmal in meinen Aufenthaltsort in das Hochgebirge gehen und mich auf der
Rückreise eine Zeit in dem Sternenhofe aufhalten werde Sie irrten aber denn
obwohl ich in beiden Orten war war ich doch nicht lange dort und es drängte
mein Herz den Meinigen zu eröffnen wie meine Angelegenheiten stehen Als ich
dieses getan hatte waren sie bei weitem weniger ergriffen als ich erwartet
hatte Sie freuten sich aber sie sagten sie hätten gewusst dass es so sein
würde ja sie hätten seit Jahren die jetzige Entwicklung schon geahnt Im Rosen
hause und im Sternenhofe meinten sie würde man mich nicht so freundschaftlich
und gütig behandelt haben wenn man mich nicht lieb gehabt und wenn man nicht
selbst das was sich jetzt ereignet hat als etwas Angenehmes betrachtet hätte
dessen Spuren man ja doch habe entstehen sehen müssen So lieb mir diese Ansicht
war weil sie die Gesinnungen meiner Angehörigen gegen mich ausdrückte so
konnte ich doch nicht umhin zu denken dass nur die Meinigen die Sache so
betrachten weil sie eben die Meinigen sind und dass sie mich auch darum des
Empfangenen für würdig erachteten Ich aber wusste es anders weil ich Nathalien
und ihre Umgebung kannte und ihren Wert zu ahnen vermachte Ich konnte das was
mir begegnete nur als ein Glück ansehen welches mir ein günstiges Schicksal
entgegen geführt hatte und dessen immer würdiger zu werden ich mich bestreben
müsse
Mein Vater sagte es sei alles gut die Mutter ließ in wehmütiger und
freudiger Stimmung immer wieder die Worte fallen dass denn so gar nichts für ein
so wichtiges Verhältnis vorbereitet sei die Schwester sah mich öfter sinnend
und betrachtend an
Ich sprach die Bitte aus dass die Eltern mir nun beistehen müssten das was
in den gegenwärtigen Verhältnissen zu tun sei auf das schicklichste zu tun und
ich legte auch den Wunsch dar dass ich nach des Vaters Ansicht eine größere
Reise unternehmen möchte
»Es sind mehrere Dinge nötig« sagte der Vater »Zuerst glaube ich
erwartet man von deinen Eltern eine Annäherung an sie denn die Angehörigen der
Braut können sich nicht schicklich zuerst den Angehörigen des Bräutigams
vorstellen Außerdem hat mir dein Gastfreund Liebes erwiesen was ich ihm noch
nicht habe vergelten können Ferner hat dir dein Gastfreund Mitteilungen zu
machen die er für notwendig hält und endlich solltest du wirklich wie du auch
selber wünschest eine größere Reise machen um wenigstens im allgemeinen
Menschen und Welt näher kennen zu lernen Was deine Gegenleute tun werden ist
ihre Sache und wir müssen es erwarten Unsere Angelegenheit ist jetzt das was
uns obliegt auf solche Weise zu tun dass wir uns weder vordrängen noch dass
etwas geschehe was wie geringere Achtung dessen aussähe was uns durch diese
Verbindung geboten wird Ich glaube die natürlichste Ordnung wäre folgende Du
musst zuerst die Mitteilungen deines Freundes anhören weil sie dir zuerst ohne
Bedingung angetragen worden sind. Dann werde ich mit deiner Mutter eine Reise
zur Mutter deiner Braut machen und bei dieser Gelegenheit deinen Gastfreund
besuchen Endlich magst du den Vorschlag tun dass du eine Reise zu höherer
Ausbildung zu unternehmen wünschest Weil aber dein Gastfreund selber gesagt
hat dass du ehe er dir seine Mitteilungen macht zu größerer Ruhe kommen
sollst und weil es andererseits unziemend wäre zu sehr zu drängen so kannst
du nicht jetzt sogleich zu ihm gehen und ihn um seine Eröffnungen bitten
sondern du musst eine Zeit verfliessen lassen und ihn später vielleicht im
Winter besuchen Dadurch sieht er auch dass du einerseits nicht zudringlich
bist und dass du andererseits da du in ungewohnter Jahreszeit zu ihm kommst
doch die Sehnsucht zu erkennen gibst deine Sache zu fördern Und damit du
gewisser zu der erforderlichen Ruhe gelangest schlage ich dir vor mich auf
einer kleinen Reise in meine Geburtsgegend zu begleiten die wir in Kürze
antreten können Wenn du dann im Winter zu deinem Gastfreunde kommst so kannst
du ihm unsere Grüße bringen und ihm sagen dass wir mit Beginn der schöneren
Jahreszeit kommen und für dich um die Hand der Tochter seiner Freundin werben
werden«
Alle waren mit diesem Vorschlage vollkommen einverstanden Besonders freute
sich die Mutter als sie hörte dass der Vater von freien Stücken auf einen
Reiseplan gekommen sei dessen Richtung sie gar nicht erraten hätte
»Ich muss mich ja üben« erwiderte er »wenn ich im Frühlinge eine Reise in
das Oberland bis in die Nähe der Gebirge antreten soll die uns auch in den
Rosenhof bringt und weiß Gott wie weit noch führen kann denn wenn Leute die
immer zu Hause sind einmal von der Wanderungslust ergriffen werden dann können
sie auch ihres Reisens kein Ende finden und besuchen Gegend um Gegend«
Ich aber sagte hierauf »Weil Klotilde nie die Gebirge gesehen hat weil sie
in dieser ganzen Angelegenheit am weitesten zurückgesetzt ist weil ich ihr
immer versprochen habe sie in die Berge zu führen und weil die Erfüllung
dieses Versprechens durch meine größere Reise wieder hinaus geschoben werden
könnte so mache ich ihr den Vorschlag mit mir wenn ich mit dem Vater von
unserer kleinen Reise zurückgekommen bin einen Teil des Herbstes in dem
Hochgebirge zuzubringen Die Tage des Herbstes selbst die des Späterbstes
sind in den Gebirgen meistens sehr schön und wir können in den klaren Lüften
weiter herum sehen als es oft in dem schwülen und gewitterreichen Dunstkreise
der Monate Juni oder Juli möglich ist«
Klotilde nahm diesen Vorschlag mit Freude an und ich versprach ihr in den
Tagen die noch bis zu meiner Abreise mit dem Vater verfliessen werden alles
anzugeben was sie an Kleidern und sonstigen Dingen zu der Gebirgsreise bedürfe
welche Gegenstände sie dann während meiner Abreise vorrichten lassen könne
»Wenn ich zu den Mitteilungen meines Freundes an Ruhe gewinnen muss« setzte
ich hinzu »so könnten diese Reisen das beste Mittel dazu abgeben«
Der Vater und die Mutter waren mit meinem Vorschlage sehr zufrieden Die
Mutter sagte nur sie werde an den Vorbereitungen Klotildens mitarbeiten und
besonders darauf sehen dass alles vorhanden sei was zu dem Schutze der
Gesundheit gehöre
Ich erwiderte dass das sehr gut sei und dass ich auch bei der Reise selber
alle Maßregeln ergreifen werde dass Klotildens Gesundheit keinen Schaden leide
Wir fingen wirklich am andern Tage an die Dinge zu bereden welche Klotilde
zur Reise brauche Sie ging rüstig an die Anschaffung Ich entwarf ein
Verzeichnis der Notwendigkeiten welches ich nach und nach ergänzte Als einige
Zeit verflossen war glaubte ich es so vervollständigt zu haben dass nun nicht
leicht mehr etwas Wesentliches vergessen werden konnte
Indessen rückte auch der Tag heran an welchem ich mit dem Vater abreisen
sollte
Am frühen Morgen desselben setzten wir uns in den leichten Reisewagen
dessen sich der Vater immer bedient hatte wenn er größere Entfernungen
zurücklegen musste Jetzt war er lange nicht mehr aus dem Wagenbehältnis
gekommen Auf Anordnung der Mutter wurde er einige Tage vorher von Sachkundigen
genau untersucht ob er nicht heimliche Gebrechen habe welche uns in Schaden
bringen könnten Als dies einstimmig verneint worden war gab sie sich
zufrieden Wir hatten Postpferde wechselten dieselben an gehörigen Orten und
hielten uns in ihnen so lange auf als es uns beliebte Gegen jeden Abend ließ
der Vater noch bei Tageslicht halten es wurde das Nachtlager bestellt und wir
machten vor dem Abendessen einen Spaziergang In diesen Tagen an denen ich mehr
Stunden hintereinander ununterbrochen mit dem Vater zubrachte als dies je
vorher der Fall gewesen war sprach ich auch mehr mit ihm als je zu einer
anderen Zeit Wir sprachen von Kunstdingen er erzählte mir von seinen Bildern
sagte mir manches über ihre Erwerbung was ich noch nicht wusste und verbreitete
sich in guter Rede über ihren Kunstwert er kam auf seine Steine und erklärte
mir manches wir ergingen uns in Büchern die uns beiden geläufig waren setzten
ihren Wert wenn er dichterisch oder wissenschaftlich war auseinander und
erinnerten uns gegenseitig an Teile des Inhaltes wir sprachen auch von
Zeitereignissen und von der Lage unseres Staates Er erzählte mir endlich von
seinem kaufmännischen Geschäfte und machte mich mit dessen Grundlagen und
Stellungen bekannt Er zeigte mir Teile der Gegend durch die wir fuhren und
unterrichtete mich von dem Schicksale mancher Familie die in diesem oder jenem
Abschnitte der Landschaft wohnten Unter diesen Verhältnissen kamen wir am
vierten Tage an dem Orte unserer Bestimmung an Die Gegend war mir völlig
unbekannt weil mich meine Wanderungen nie hieher getragen hatten
Am Saume des Waldes der den Norden unseres Landes begrenzt ging ein Tal
hin das einst Wald gewesen war und das jetzt zerstreute Häuser einzelne
Felder Wiesen Felsen Schluchten und rinnende Wasser in seinem Bereiche hegte
Eines der Häuser halb aus Holz gezimmert und halb gemauert war das Geburtshaus
meines Vaters Es stand am Rande eines Wäldschens das von dem großen Walde
herstammte der einst diese ganzen Gegenden bedeckt hatte Es war gegen West
durch eine Gruppe sehr großer und dicht stehender Buchen gedeckt dass ihm die
Winde von dorther wenig anhaben konnten hatte gegen Ost den Schutz eines
Felsens im Norden den des großen Waldbandes und schaute gegen Süden auf seine
nicht unbeträchtlichen Wiesen und Felder deren Ergiebigkeit im Getreide gering
in Futterkräutern außerordentlich war weshalb der größere Reichtum auch in
Herden bestand Wir fuhren in das Gasthaus des Tales ließ unsere Reisedinge
abpacken bestellten uns auf einige Tage Wohnung und besuchten dann die sehr
entfernten Verwandten welche jetzt des Vaters Stammhaus bewohnten Es war gegen
Mittag Sie nahmen uns da wir uns entdeckt hatten sehr freundlich auf und
verlangten dass wir unser Gepäcke holen lassen und bei ihnen wohnen sollten Nur
auf die dringenden Vorstellungen des Vaters dass wir ihnen die Bequemlichkeit
nähmen und selber keine gewännen gaben sie nach und verlangten nur noch dass
wir zum bevorstehenden Mittagessen bei ihnen bleiben sollten was wir annahmen
Da wir nun in der großen Wohnstube saßen zeigte mir der Vater den
geräumigen Ahorntisch bei dem er und seine Geschwister ihre Nahrung eingenommen
hatten Der Tisch war alt geworden aber der Vater sagte dass er noch in
derselben Ecke stehe von den zwei Fenstern beglänzt und von der
hereinscheinenden Sonne beleuchtet wie einst Er zeigte mir seine gewesene
neben der Stube befindliche Schlafkammer Dann gingen wir hinaus er wies mir
die Treppe die auf den hölzernen Gang führte welcher rings um den Hof lief
und den Quell der sich noch immer mit hellem Wasser in den Granittrog ergoss
welchen schon sein Urgroßvater hatte hauen lassen er wies mir den Stall die
Scheune und hinter ihr den Waldweg auf dem er noch ein halbes Kind mit einem
Stabe in der Hand die Heimat verlassen habe um in der Fremde sein Glück zu
suchen Wir gingen sogar in das Freie und dort herum Der Vater blieb häufig
stehen und erinnerte sich noch der Fruchtgattungen welche auf verschiedenen
Stellen gestanden waren als er mit einem Täfelchen darauf sich rote und
schwarze Buchstaben befanden in das eine Viertelstunde entlegene hölzerne Haus
ging das an der Straße stand von Buchen umgeben war und die Schule für alle
Kinder des Tales vorstellte Er sagte es sei alles noch wie zur Zeit seiner
Kindheit die nämlichen Begrenzungen die nämlichen kleinen Feldwege und
dieselben Wassergräben und Quellrinnsale Er sagte es sei ihm als ständen
sogar dieselben Arnikablumen auf der Wiese die er als Knabe angeschaut habe
und da er mich zu dem Steinbühl geführt hatte der am Rande der Felder lag so
ragten die Himbeerzweige empor rankten sich die dornenreichen Brombeerreben um
die Steine und wucherten die Erdbeerblätter gerade wie die von denen er als
Knabe gepflückt hatte Vom Steinbühl gingen wir zu dem einfachen Essen das wir
mit unsern Verwandten verzehrten Nach demselben besuchten wir mit dem jetzigen
Eigentümer alle Besitzungen Der Vater sagte dort habe sein Vater gepflügt
geeggt gegraben hier habe seine Mutter mit der Schwester der Magd und den
Tagelöhnern Heu gemacht dort seien die Kühe und Ziegen gegen den Wald hinan
gegangen wie sie jetzt gehen und die Seinigen haben ausgesehen wie die Leute
jetzt aussehen
Als wir zurückgekehrt waren verabschiedeten wir uns der Vater dankte für
die Bewirtung und sagte dass er gegen den Abend noch einmal in das Haus kommen
werde
Da wir uns in dem Zimmer unseres Gastofes befanden öffnete der Vater
seinen Koffer und nahm allerlei Dinge aus demselben hervor welche zu Geschenken
für die Bewohner des Hauses bestimmt waren in dem wir gespeist hatten Ich war
von ihm nie in die Kenntnis gesetzt worden welche Bewohner wir in seinem
Vaterhause treffen würden er musste sie wohl auch selber nicht genau gekannt
haben Ich war also nicht mit Geschenken versehen Der Vater hatte aber auch für
diesen Fall gesorgt er gab mir mehrere Dinge besonders Stoffe kleine
Schmucksachen und ähnliches um es bei unserem Abendbesuche in dem Hause
auszuteilen Er hatte nicht gleich bei seiner Ankunft die Geschenke mitnehmen
wollen weil er es obwohl die Leute nur die gewöhnlichen Talbewohner dieser
Gegend waren für unschicklich hielt mit Gaben belastet das Haus zu betreten
und ihnen gleichsam sagen zu wollen Ich glaube dass ihr das für das Wichtigste
haltet Jetzt aber war er ihnen etwas schuldig geworden und konnte den Dank für
die gute Aufnahme abstatten
Als wir die Geschenke in dem Hause verteilt und dafür die Freude und den
Dank der Empfänger geerntet hatten die in zwei Eheleuten mittlerer Jahre in
deren zwei Söhnen einer Tochter und in einer alten Großmutter bestanden den
Knecht und die zwei Mägde nicht gerechnet war es mittlerweile Nacht geworden
und wir kehrten wieder in unsere Herberge zurück
Wir blieben noch vier Tage in der Gegend Der Vater besuchte in meiner
Begleitung viele Stellen die ihm einst lieb gewesen waren einen kleinen See
einen Felsblock von dem eine schöne Aussicht war eine Gartenanlage in einem
nicht sehr entfernten schlossähnlichen Gebäude die hölzerne Schule und vor
allen die eine und eine halbe Wegestunde entfernte Kirche welche das Gotteshaus
des Tales war und um welche der Kirchhof bog in welchem sein Vater und seine
Mutter ruhten Eine weiße Marmortafel die er und sein Bruder hatten setzen
lassen ehrte ihr Angedenken Sonst ging der Vater auch fast in allen Zeiten des
Tages auf den Wegen der Felder und des Waldes herum
Am fünften Tage traten wir die Rückreise zu den Unsrigen an
Wir waren am frühen Morgen noch zu unsern Verwandten gegangen Sie waren
wie es bei Landleuten in solchen Fällen gebräuchlich ist schöner angekleidet
als sonst und erwarteten uns Wir nahmen in herzlicher Weise Abschied Ich
versprach da ich ohnehin das Wandern gewohnt sei und viele Gegenden besuche
auch hieher wieder zu kommen und noch öfter in dem kleinen Hause vorzusprechen
Der Vater sagte es könne sein dass er wieder komme oder auch nicht wie es
sich eben beim Alter füge Man müsse erwarten was Gott gewähre Die Leute
begleiteten uns in das Gasthaus und blieben da bis wir den Wagen bestiegen
hatten Aus den Worten ihres Abschiedes und ihrer Danksagungen erkannte ich dass
der Vater ihnen auch eine Summe Geldes gegeben haben müsse Sie sahen uns sehr
lange nach
Im Fortfahren war der Vater anfangs ernst und wortkarg es mochte ihm das
Herz schwer gewesen sein Später entwickelte sich bei uns wieder ein Verkehr der
Rede wie er auf der Herreise gewesen war
Am Abende des dritten Tages nach unserer Abfahrt waren wir wieder in dem
Hause in der Vaterstadt
Die Mutter war sehr erfreut dass der Aufenthalt von elf Tagen in der freien
Luft für den Vater von so wohltätigen Folgen gewesen sei Seine Wangen haben
sich nicht nur schön rot gefärbt sie seien auch voller geworden und das Auge
sei weit klarer als wenn es immer auf das Papier seiner Schreibstube geblickt
hätte
»Das ist nur die Wirkung des Anfangs und eine Folge des Reizes des Wechsels
auf die körperlichen Gebilde« sagte der Vater »im Verlaufe der Zeit gewöhnt
sich Blut Muskel und Nerv an die freie Luft und Bewegung und das erste rötet
sich nicht mehr so und die letzten schwellen Allerdings aber wirkt viel
Aufenthalt in freier Luft und gehörige Bewegung in welche sich keine Sorgen
mischen weit günstiger auf die Gesundheit als ein stetiges Sitzen in Stuben
und ein Hingeben an Gedanken für die Zukunft Wir werden schon einmal und wer
weiß wie nahe die Zeit ist auch dieses Glück genießen und uns recht darüber
freuen«
»Wir werden uns treuen wenn du es geniessest« erwiderte die Mutter »du
entbehrst es am meisten und dir ist es am nötigsten Wir andern können in
unsern Garten und in die Umgebung der Stadt gehen du suchst immer die düstere
Stube Weil du es aber schon so oft gesagt hast so wird es doch einmal wahr
werden«
»Es wird wahr werden Mutter« antwortete der Vater »es wird wahr werden«
Sie wendete sich an uns wir sollen bestättigen dass der Vater nie so gesund
und so heiter ausgesehen habe als nach dieser kurzen Reise
Wir gaben es zu
Nun musste aber auch noch auf eine andere Reise gedacht werden weil heuer
einmal der Sommer der Reisen war und wir mussten dieselbe ins Werk setzen meine
und Klotildens Fahrt ins Gebirge Der Herbst war schon da wie ich an den
Buchenblättern um das Geburtaus meines Vaters hatte wahrnehmen können die
bereits im Begriffe waren die rote Farbe vor ihrem Abfallen zu gewinnen Es war
keine Zeit mehr zu verlieren
Für Klotilden waren die Vorbereitungen fertig ich brauchte keine weil ich
immer in Bereitschaft war und so konnten wir ungesäumt unsere verabredete Fahrt
beginnen
Die Mutter legte mir das Wohl der Schwester sehr an das Herz der Vater
sagte wir sollen die Musse nach unserer besten Einsicht genießen und so fuhren
wir bei dem Aufgange einer klaren Herbstsonne aus dem Tore unseres Hauses
Ich wollte die Schwester welche ihre erste größere Reise machte nicht der
Berührung mit andern Menschen in einem gemeinschaftlichen Wagen aussetzen da
man deren Wesen und Benehmen nicht voraus wissen konnte deshalb zog ich es vor
mit Postpferden so lange zu fahren als es mir gut erscheinen würde und dann
die Art unsers Weiterkommens im Gebirge je nach der Sachlage zu bestimmen. Es
hatte diese Art zu reisen noch den Vorteil dass ich anhalten konnte wo ich
wollte und dass ich der Schwester manches erklären durfte ohne dabei auf jemand
Rücksicht nehmen zu müssen der als Zeuge gegenwärtig wäre Auch konnten wir uns
in unseren geschwisterlichen Gesprächen über unsere Angehörigen unser Haus und
andere Dinge nach der freien Stimmung unserer Seele bewegen Auf diese Art
fuhren wir zwei Tage Ich gönnte ihr öfter Ruhe da sie ein fortwährendes Fahren
nicht gewohnt war und endete immer noch lange vor Abend unsere Tagreise Wir
sahen die Berge schon immer in der Nähe von einigen Meilen mit unserem Wege
gleich laufen aber ihre Teile waren hier weniger wichtig Es war mir äußerst
lieblich die Gestalt der Schwester neben mir in dem Wagen zu wissen ihr
schönes Angesicht zu sehen und ihren Atem zu empfinden Ihre schwesterliche Rede
und die frische Weise alles was ihr neu war in die vollkommen klare Seele
aufzunehmen war mir unaussprechlich wohltätig
Am Vormittage des dritten Tages ließ ich sie ruhen Für den Nachmittag
mietete ich einen Wagen und wir fahren von der Poststrasse weg gerade dem
Gebirge zu Unsere Fahrt war von angenehmer und heiterer Stimmung begleitet und
wir ergingen uns in mannigfaltigen Gesprächen Als die blauen Berge in der
klaren Luft die einen milchig grünlichen Schimmer hatte uns entgegen traten
leuchtete ihr Auge immer freundlicher und ihre Mienen waren teilnehmend der
Gegend in die wir fuhren zugekehrt Gleich wie bei dem Vater röteten sich nach
dieser dreitägigen Reise auch ihre zarten Wangen und ihre Augen wurden
glänzender So kamen wir endlich an dem Orte an den ich für unsere Nachtruhe
bestimmt hatte An demselben rauschte die grüne Afel mit ihren Gebirgswässern
vorüber welches Rauschen durch ein schief über das Flussbett gezogenes Wehr noch
vermehrt wurde Waldhänge in langen Rücken begannen schon sich zu erheben und
oberhalb des dunkeln Randes eines bedeutend hohen Buchenwaldes blickte bereits
das rote Haupt eines im Abende glühenden Berges herein auf welchem schon
einzelne Strecken von Schnee lagen
Des andern Tages mietete ich ein Gebirgswägelchen wie sie zum Fortkommen
auf Wegen die nicht Poststrassen sind in den Gebirgen am besten dienen und
deren Pferde an die Gegenstände des Gebirges und an die Beschaffenheit seiner
Wege gewöhnt und daher am zuverlässigsten sind Wir brachten unsere Sachen in
demselben so gut es ging unter und fuhren der glänzenden Afel entgegen immer
tiefer in die Berge hinein Ich nannte jeden Namen eines vorzüglichen Berges
machte auf die Bildungen aufmerksam und suchte die Farben die Lichter und die
Schatten zu erörtern Überall begannen schon die Laubwälder die rötliche und
gelbliche Färbung anzunehmen was den Hauch über all den Gestaltungen noch
lieblicher machte
Da ich in eine gewisse Tiefe des Gebirges gekommen war änderte ich die
Richtung und fuhr nun nach der Länge desselben hin Als zwei Tage vergangen
waren und der dritte auch schon dem Nachmittag zuneigte blickte uns aus der
Tiefe des Tales das Gewässer des Lautersees entgegen Wir kamen um den Rücken
eines breiten Waldberges herum und die Glanzstellen entwickelten sich immer
mehr Endlich lag der größte Teil des Spiegels unter dem Gezweige der Tannen
der Buchen und der Ahorne zu unsern Füßen Wir sanken mit unserem Wäglein auf
dem schmalen Wege immer tiefer und tiefer bis wir nach etwa zwei Stunden an dem
Ufer des Sees anlangten und die Steinchen in seinen seichten Buchten hätten
zählen können Wir fuhren an dem Ufer dahin umfuhren eine kleine Strecke des
Sees und kamen in dem Seewirtshause an Dort lohnte ich unsern Fuhrmann ab und
mietete uns für mehrere Tage ein Klotilde musste dasselbe Zimmer bekommen
welches ich während der Zeiten meiner Vermessungen des Lautersees innegehabt
hatte Ich begnügte mich mit einem kleineren Stübchen in ihrer Nähe Man staunte
das schöne und wie man sich ausdrückte vornehme Mädchen an und ich gewann
sichtbar an Ansehen da ich eine solche Schwester hatte Alle die ein Ruder
fahren konnten oder die geübt waren Steigeisen anzulegen und einen Alpenstock
zu gebrauchen kamen herzu und boten ihre Dienste an Ich sagte dass ich sie
rufen werde wenn wir sie bedürfen und dass wir uns dann ihrer Gesellschaft sehr
erfreuen würden
Zuerst machte ich Klotilden ein wenig in ihrem Zimmerchen wohnhaft Ich
zeigte ihr bedeutsame Stellen die sie aus ihren Fenstern sehen konnte und
nannte ihr dieselben Ich zeigte ihr wie ich in verschiedenen Richtungen auf
dem See gefahren war um seine Tiefe zu messen und wie wir uns bald auf dieser
bald auf jener Stelle des Wassers festsetzen mussten Sie richtete sich Farben
und Zeichnungsgeräte zurecht um zu versuchen ob sie nicht auch nach der
unmittelbaren Anschauung von den Räumen ihres Zimmerchens aus etwas von den
Gestaltungen die sie hier sehen konnte auf das Papier zu übertragen vermöchte
Die folgenden Tage brachten wir damit zu in den Umgebungen des Seehauses
Spaziergänge zu machen damit Klotilde sich ein wenig in diese Bildungen
einlebe Das vorausgesagte schöne Wetter war eingetroffen es dauerte fort und
so konnten wir uns der Freude und dem Vergnügen welche diese Gänge uns
gewährten um so ungestörter hingeben als auch der Stand unserer Gesundheit ein
vortrefflicher war und die Befürchtungen welche die Mutter und zum Teile auch
ich in Hinsicht Klotildens gehegt hatten nicht in Erfüllung gingen Wir
schickten von hier aus Briefe nach Hause
In der Folge der Tage führte ich sie auf den See hinaus Ich führte sie auf
die verschiedenen Teile die entweder an sich schön und bedeutend waren oder
von denen man schöne und merkwürdige Anblicke gewinnen konnte Ich unterstützte
sie mit allen meinen Erfahrungen die ich mir durch meine mehrfältigen
Aufenthalte in dem Gebirge gesammelt hatte Sie nahm alles mit einer tiefen
Seele auf und durch meine Hilfe waren ihr manche Umwege erspart welche
diejenigen die zum ersten Male die Berge besuchen machen müssen ehe es ihnen
gelingt sich die Größe und Erhabenheit der Gebirge aufschließen zu können Auf
den Seefahrten unterstützten uns zwei junge Schiffer die meine steten Begleiter
bei meinen Messungen gewesen waren Wir gingen auch bergan Ich hatte Klotilden
Fussbekleidungen machen lassen welche nach innen weich nach außen aber hart und
dem rauen Gerölle Widerstand leistend waren Auf dem Haupte trug sie einen
bequemen Schirmhut und in der Hand einen eigens für sie gemachten Alpenstock
Wenn wir auf die Höhen kamen wurde mit Freude die Aussicht genossen Klotilde
versuchte auch nach der Anschauung etwas zu zeichnen und zu malen aber die
Ergebnisse waren noch weit mangelhafter als bei mir da sie einen geringeren
Vorrat von Erfahrung zu dem Versuche brachte
Nachdem über eine Woche vergangen war führte ich Klotilden mittelst eines
gleichen Fuhrwerkes wie wir sie bisher im Gebirge gehabt hatten in das
Lautertal und in das Ahornhaus Dort fanden wir ein besseres Unterkommen als in
dem Seehause und wir erhielten zwei nebeneinander befindliche geräumige und
freundliche Zimmer deren Fenster auf die Ahorne vor dem Hause hinausgingen und
durch die gelben Blätter derselben auf die blauduftigen Höhen sahen die vom
Hause gegen den Süden standen Ich zeigte meine Schwester der Wirtin ich zeigte
sie dem alten Kaspar der auf die Kunde meiner Ankunft sogleich herbei gekommen
war und ich zeigte sie den andern welche sich gleichfalls reichlich
eingefunden hatten Es war hier ein noch größerer Jubel als in dem Seehause es
freute sie dass eine solche Jungfrau in die Berge gekommen und dass sie meine
Schwester sei
Sie boten ihr Dienste an und näherten sich mit einiger Scheu Klotilde
betrachtete alle diese Menschen die ich ihr als meine Begleiter und Gehilfen
bei meinen Arbeiten vorstellte mit Vergnügen sie sprach mit ihnen und ließ
sich wieder erzählen Sie lernte sich immer mehr in die Art dieser Leute ein
Ich fragte um meinen Ziterspiellehrer weil ich Klotilden diesen Mann zeigen
wollte und weil ich auch wünschte dass sie sein außerordentliches Spiel mit
eigenen Ohren hören möchte Wir hatten zu diesem Zwecke unsere beiden Zitern in
unserm Gepäcke mitgenommen Man sagte mir aber dass seit der Zeit als ich ihnen
erzählt habe dass er von meinen Arbeiten fortgegangen sei kein Mensch weder in
den nähern noch in den ferneren Tälern etwas von ihm gehört habe Ich sagte also
Klotilden dass sie keinen andern als die gewöhnlichen einheimischen
Ziterspieler werde hören können wie sie dieselben auch bereits gehört habe
und wie sie ihr anziehender erschienen seien als die Kunstspieler in der Stadt
und als ich der ich wahrscheinlich ein Zwitter zwischen einem Kunstspieler und
einem Spieler des Gebirges sei Wir richteten uns in unserem Zimmer ein und
begannen ungefähr so zu leben wie wir in der Umgebung des Seehauses gelebt
hatten Ich führte Klotilden in das Echertal zu dem Meister welcher unsere
Zitern verfertigt hatte Er besaß noch immer die dritte Zither welche mit
meiner und Klotildens ganz gleich war Er sagte es seien zwar Käufer von
Zitern gekommen die diese gepriesen hätten aber das seien Gebirgsleute
gewesen die nicht so viel Geld haben sich eine solche Zither kaufen zu können
Die andern welche die Mittel besässen vorzüglich Reisende ziehen Zitern vor
welche eine schöne Ausschmückung haben wenn sie auch teurer sind und lassen
die stehen deren Tugenden sie nicht zu schätzen wissen Er spielte ein wenig
auf ihr er spielte mit einer großen Fertigkeit aber in jener wilden und
weichen Weise mit welcher mein schweifender Jägersmann spielte und welche
gerade diesem Musikgeräte so zusagte vermochte weder er zu spielen noch hatte
ich jemanden so spielen gehört Ich sagte dem alten Manne dass das Mädchen meine
Schwester sei und dass sie auch eine von den drei Zitern besitze von denen er
sage dass sie die besten seien die er in seinem Leben gemacht habe Er hatte
seine Freude darüber gab Klotilden ein Bündel Saiten und sagte »Es sind meine
besten Zitern und werden wohl auch meine besten bleiben«
Wir besuchten die Täler und einige Berge um das Ahornhaus und Kaspar oder
ein anderer waren zuweilen unsere Begleiter und Träger
Ich führte Klotilden auch in das Häuschen in welchem ich die
Pfeilerverkleidungen für den Vater gekauft hatte ich führte sie in das
steinerne Schloss in welchem sie ursprünglich gewesen sein mochten ich führte
sie auch in das Rotmoor wo sie das Arbeiten in Marmor betrachten konnte
Wir blieben länger in dem Ahornhause als wir im Seehause gewesen waren und
alle Menschen waren hier noch freundlicher zutraulicher und hilfreicher als
dort Die Wirtin war unerfüllte in Dienstanerbietungen gegen meine Schwester Zu
Ende unseres Aufenthaltes traten hier kühle und regnerische Tage ein Wir
verbrachten sie still in der heitern Wohnlichkeit des Hauses Aber aus der
Beschaffenheit des Laubes an den Bäumen und dem Aussehen der Herbstpflanzen auf
den Matten aus dem Verhalten der Tiere und aus der Beschaffenheit des Pelzes
derselben erkannte ich dass die dauernde kalte und unfreundliche Zeit noch nicht
gekommen sei und dass noch warme und klare Tage eintreten müssen Als daher das
Wetter sich wieder aufheiterte verließ ich mit Klotilden das Ahornhaus und
schlug den Weg in das Kargrat ein
Ich hatte mich in meinen Voraussetzungen nicht getäuscht Nachdem zwei halb
heitere und kühle Tage gewesen waren die wir mit Fahren zugebracht hatten zog
wieder ein ganz heiterer zwar am Morgen kalter in seinem Verlaufe aber sich
schnell erwärmender Tag über die beschneiten Gipfel herauf dem eine Reihe
schöner und warmer Tage folgte die den Schnee auf den Höhen und den welcher
das Eis der Gletscher bedeckt hatte wieder weg nahmen und das letztere so weit
sichtbar machten als es in diesem Sommer überhaupt sichtbar gewesen war Wir
hatten am zweiten dieser schönen Tage das Kargrat erreicht Die Reise war darum
von so langer Dauer gewesen weil wir kleine Tagefahrten gemacht hatten und
weil wir die Berge hinan und hinab recht langsam gefahren waren Wir zogen in
die Ärmlichkeit unserer Wohnung die durch die Größe und Öde der Gegend von
welcher sie umgeben war noch mehr herabgedrückt wurde ein Am zweiten Tage
nach unserer Ankunft da alles vorbereitet worden war folgte mir Klotilde auf
das Simmieis Es waren Führer Träger von Lebensmitteln und von allem was auf
einer solchen Wanderung notwendig oder nützlich sein konnte und endlich auch
solche die eine Sänfte hatten mitgegangen Wir waren am ersten Tage bis zur
Karzuflucht gekommen Dort waren wir in dem aus Holzblöcken für die Besteiger
der Karspitze gezimmerten Häuschen über Nacht geblieben hatten aus
mitgebrachtem Holze Feuer gemacht und uns unser Abendessen bereitet Mit Anbruch
des nächsten Tages gingen wir weiter und kamen im Glanze des Vormittages auf die
Wölbung des Gletschers Dass an eine Besteigung der Karspitze nicht gedacht
werden konnte war natürlich Wir betrachteten hier nun was zu betrachten war
und als sich Kälte in den Gliedern einstellen wollte traten wir den Rückweg an
In der Zuflucht wurden wieder Speisen bereitet und dann gingen wir vollends
hinab Als wir zurückgekehrt waren sank mir Klotilde fast erschöpft an das
Herz
Ich legte am andern Tage Klotilden mehrere Zeichnungen die ich von
Gletschern ihren Einfassungen Wölbungen Spaltungen Zusammenschiebungen und
dergleichen gemacht hatte vor damit sie in der frischen Erinnerung das
Gesehene mit dem Abgebildeten vergleichen konnte Ich machte auf vieles
aufmerksam führte manches in ihr Gedächtnis zurück und erwähnte hier auch als
an der geeignetsten Stelle wie sehr die Abbildung hinter der Wirklichkeit
zurück bleibe In den nächsten zwei Tagen besuchten wir noch verschiedene
Stellen von denen wir das Eis und die Schneegestaltungen dieser Berge
betrachten konnten Auch einen Wassersturz von einer steilrechten Wand zeigte
ich Klotilden Hierauf aber begann ich auf unsere Rückreise zu den Eltern zu
denken Die Zeit war nach und nach so vorgerückt dass ein Aufenthalt in diesen
hochgelegenen Räumen besonders für ein der Stadt gewohntes Mädchen nicht mehr
erspriesslich war Ich schlug daher Klotilden vor nun auf dem nächsten Wege
durch das ebenere Land unsere Heimat zu gewinnen zu suchen Sie war damit
einverstanden Von dem nächsten größeren Orte her wurde ein Fuhrwerk bestellt
welches uns auf die erste Post bringen sollte Wir nahmen von unserer Wirtin und
ihrem Manne so wie von unsern Trägern und Führern die noch zum Empfange eines
kleinen Geschenkes herbei gekommen waren Abschied wir verabschiedeten uns von
dem Pfarrer der uns zuweilen besucht und uns auf Schönheiten von seinem
kleinen Gesichtskreise aus aufmerksam gemacht hatte und fuhren auf unserem
Karren der nur mit einem Pferde bespannt war auf dem schmalen Wege von dem
Kargrat hinab Das letzte was wir von dem kleinen Örtchen sahen war die mit
Schindeln bedeckte Wand des Pfarrhofes und die gleichfalls mit Schindeln
bedeckte Wand der schmalen Seite der Kirche Ich sagte Klotilden dass diese
Bedeckungen notwendig seien um die in diesen Höhen stark wirkende Gewalt des
Regens und des Schnees von dem Mauerwerke abzuhalten Wir konnten nur noch einen
Blick auf die zwei Gebäude tun dann trat eine Höhe zwischen unsere Augen und
sie Wir glitten mit unserem Fuhrwerke sehr schnell abwärts wilde Gründe
umgaben uns und endlich empfing uns der Wald der die Niederungen suchte in
ihnen dahin zog und schon wohnlicher und wärmer war Wir kamen unter Wiegen und
Ächzen unseres Wägleins immer tiefer und tiefer Fahrgeleise von Holzwegen die
den Wald durchstrichen mündeten in unsere Straße diese wurde fester und
breiter und wir fuhren zuweilen schon eben und behaglich dahin
Als wir den Ort erreicht hatten an welchem sich die nächste Post befand
lohnte ich den Führer meines Wägleins ab sendete ihn zurück und nahm
Postpferde Wir fuhren in gerader Richtung auf dem kürzesten Wege aus dem
Gebirge gegen das flachere Land um die Heerstraße zu gewinnen die nach unserer
Heimat führte Immer mehr und mehr sanken die Berge hinter uns zurück die milde
Herbstsonne die sie beschien färbte sie immer blauer und blauer die Höhen
die uns jetzt begegneten wurden stets kleiner und kleiner bis wir in das Land
hinaus kamen dessen Gefilde mit lauter dem Menschen nutzbarem Grunde bedeckt
waren Dort trafen wir auf die große Straße Bisher waren wir gegen Norden
gefahren jetzt änderten wir die Richtung und fuhren dem Osten zu Wir hatten
auch bessere Wägen
Da wir einen Tag auf dieser Straße gefahren waren ließ ich an einem Orte
halten und beschloss einen Tag an demselben zu bleiben den Abend und die Nacht
brachten wir in Ruhe zu Am andern Tage gegen Mittag führte ich die Schwester
auf einen mäßig hohen Hügel Der Tag war ein sehr schöner Herbsttag der
Schleier welcher im Vormittage so Hügel als Gründe zart umwebt hatte war einer
völligen Klarheit gewichen Ich befestigte mittelst Schrauben mein Fernrohr an
dem Stamme einer Eiche und richtete es Dann hieß ich Klotilden durchsehen und
fragte sie was sie sähe
»Ein hohes dunkles Dach« sagte sie »aus welchem mehrere breite und
mächtige Rauchfänge empor ragen Unter dem Dache ist ein Gemäuer von ebenfalls
dunkler Farbe in welchem große Fenster in gemässen Entfernungen stehen Das
Gebäude scheint ein Viereck zu sein«
»Und was siehst du weiter Klotilde wenn du das Rohr in die Umgebungen des
Gebäudes richtest« fragte ich
»Bäume die hinter dem Hause stehen gleichsam wie ein Garten« antwortete
sie »Die Mauern des Gebäudes sind dort licht wie die unserer Häuser Dann sehe
ich Felder in ihnen wieder Bäume hie und da ein Haus und endlich wolkenartige
Spitzen die wie das Hochgebirge sind das wir verlassen haben«
»Es ist das Hochgebirge« antwortete ich
»Ist das etwa « fragte sie den Kopf von dem Fernrohre wegwendend und
mich ansehend
»Ja Klotilde das Gebäude ist der Sternenhof« antwortete ich
»Wo Natalie wohnt« fragte sie
»Wo Natalie wohnt wo die edle Matilde verweilt wo so treffliche Menschen
ein und aus gehen wohin meine Gedanken sich mit Empfindung wenden wo sanfte
Gegenstände der Kunst tronen und wo ein liebes Land um all die Mauern herum
liegt« antwortete ich
»Das ist der Sternenhof« sagte Klotilde blickte wieder in das Fernrohr
und sah lange durch dasselbe
»Ich habe dich mit Freude auf diesen Hügel geführt Klotilde« sagte ich
»um dir diesen Ort zu zeigen in dem mein warmes Herz schlägt und ein tiefer
Teil von meinem Wesen wohnt«
»Ach lieber teurer Bruder« antwortete sie »wie oft gehen meine Gedanken
an den Ort und wie oft weilt mein Gemüt in seinen mir noch unbekannten Mauern«
»Du begreifst aber« sagte ich »dass wir jetzt nicht hingehen können und
dass die Angelegenheit ihre naturgemässe Entwicklung haben muss« »Ich begreife
es« antwortete sie »Du wirst sie sehen an deinem Herzen halten und sie
lieben« sagte ich
Klotilde sah wieder in das Rohr sie sah sehr lange in dasselbe und
betrachtete alles genau Ich lenkte ihren Blick auf die Teile die mir wichtig
schienen erklärte ihr alles und erzählte von dem Schloss und von denen die
in demselben sind
Es war indessen der Mittag gekommen wir lösten das Fernrohr ab und gingen
langsam unserer Wohnung zu
»Kann man hier nicht auch das Rosenhaus deines Freundes sehen« fragte sie
im Heimgehen
»Hier nicht« erwiderte ich »hier ist nicht einmal der höchste Teil der
Rosenhausgegend zu erblichen weil der Kronwald den du gegen Norden siehst sie
deckt Im Weiterfahren werden wir auf einen Hügel kommen von dem aus ich dir
die Anhöhe zeigen kann auf welcher das Haus liegt und von dem aus du mit dem
Fernrohre das Haus sehen kannst«
Wir gingen in unsere Wohnung und am nächsten Tage fuhren wir weiter Als
wir an die Stelle gekommen waren von welcher man die Höhe des Asperhofes sehen
konnte ließ ich halten wir stiegen aus ich zeigte Klotilden den Hügel auf
welchem das Haus meines Gastfreundes liegt richtete das Fernrohr und ließ sie
durch dasselbe das Haus erblicken Wir waren aber hier so weit von dem Asperhofe
entfernt dass man selbst durch das Fernrohr das Haus nur als ein weißes
Sternchen sehen konnte Nach dessen Betrachtung fuhren wir wieder weiter
Als nach diesem Tage der dritte vergangen war fuhren wir gegen Abend durch
den Torweg des Vorstadtauses unserer Eltern ein
»Mutter« rief ich da uns diese und der Vater der unsere Ankunft gewusst
hatte und daher zu Hause geblieben war entgegen kamen »ich bringe sie dir
gesund und blühend zurück«
Wirklich war Klotilde wie es dem Vater auf seiner kleinen Reise ergangen
war durch die Luft und die Bewegung kräftiger heiterer und in ihrem Angesichte
reicher an Farbe geworden als sie es je in der Stadt gewesen war
Sie sprang von dem Wagen in die Arme der Mutter und begrüßte diese und dann
auch den Vater freudenvoll denn es war das erste Mal gewesen dass sie die
Eltern verlassen hatte und auf längere Zeit in ziemlicher Entfernung von ihnen
gewesen war Man führte sie die Treppe hinan und dann in ihr Zimmer Dort musste
sie erzählen erzählte gerne und unterbrach sich öfter indem sie das
inzwischen heraufgebrachte Gepäck aufschloss und die mannigfaltigen Dinge heraus
nahm die sie in den verschiedenen Ortschaften zu Geschenken und Erinnerungen
gekauft oder an mancherlei Wanderstellen gesammelt hatte Ich war ebenfalls mit
in ihr Zimmer gegangen und als wir geraume Weile bei ihr gewesen waren
entfernten wir uns und überließen sie einer notwendigen Ruhe
Nun folgte für Klotilden fast eine Zeit der Betäubung sie beschrieb sie
erzählte wieder sie setzte sich vor Zeichnungen hin blätterte in ihnen oder
zeichnete selber und suchte in der Erinnerung Gesehenes nachzubilden
Aber auch für mich war diese Reise nicht ohne Erfolg gewesen Was ich halb
im Scherze halb im Ernste gesagt hatte dass ich durch diese Reise zu einer
größeren Ruhe kommen werde ist in Wirklichkeit eingetroffen Klotilde welche
alle die Gegenstände die mir längst bekannt waren mit neuen Augen angeschaut
welche alles so frisch so klar und so tief in ihr Gemüt aufgenommen hatte
hatte meine Gedanken auf sich gelenkt hatte mir selber etwas Frisches und
Ursprüngliches gegeben und mir Freude über ihre Freude mitgeteilt so dass ich
gleichsam gestärkter und befestigter über meine Beziehungen nachdenken und sie
mir gewissermaßen vor mir selber zurecht legen konnte
Ich hatte mit Nathalien keinen Briefwechsel verabredet ich hatte nicht daran
gedacht sie wahrscheinlich auch nicht Unser Verhältnis erschien mir so hoch
dass es mir kleiner vorgekommen wäre wenn wir uns gegenseitig Briefe geschickt
hätten Wir mussten in der Festigkeit der Überzeugung der Liebe des andern ruhen
durften uns nicht durch Ungeduld vermindern und mussten warten wie sich alles
entwickeln werde So konnte ich mit dem Gefühle von Seligkeit von Nathalien fern
sein konnte mich freuen dass alles so ist wie es ist und konnte dessen
harren was meine Eltern und Nataliens Angehörige beginnen werden
Klotilden welche ihren Bergen Lüften Seen und Wäldern die Farbe geben
wollte die sie gesehen hatte suchte ich beizustehen und zeigte ihr worin sie
fehle und wie sie es immer besser machen könne Wir wussten es jetzt dass man
die zarte Kraft wie sie uns in der Wesenheit der Hochgebirge entgegen tritt
nicht darstellen könne und die Kunst des Großen Meisters nur in der besten
Annäherung bestehe Auch in ihrem Bestreben die Art wie sie im Gebirge die
Zither spielen gehört hatte und die eigentümlichen Töne die ihr dort
vorgekommen waren nachzuahmen suchte ich ihr zu helfen Wir konnten wohl beide
unsere Vorbilder nicht völlig erreichen freuten uns aber doch unserer Versuche
Bei einigen Freunden machte ich gelegentlich zwei oder drei Besuche
So war der Winter gekommen Ich fasste weil ich schon nach dem Rate des
Vaters beschlossen hatte im Winter meinen Gastfreund zu besuchen zugleich auch
den Entschluss einmal im Winter in das Hochgebirge zu gehen und wenn dies
möglich sein sollte einen hohen Berg zu besteigen und auf dem Eise eines
Gletschers zu verweilen Ich bestimmte hierzu den Januar als den beständigsten
und meistens auch klarsten Monat des Winters Gleich nach seinem Beginne fuhr
ich von dem Hause meiner Eltern ab und fuhr in dem flimmernden Schnee und in
der blendenden Hülle die alle Fluren deckte im Schlitten der Gegend zu in
welcher meine Freunde lebten Das Wetter war schon durch zehn Tage beständig und
mäßig kalt gewesen der Schnee war reichlich und auf der Bahn glitten die
Fahrzeuge wie in den Lüften dahin Wie ich sonst nie anders als im offenen Wagen
fuhr so fuhr ich auch jetzt mit guten Pelzen versehen im offenen Schlitten
und freute mich der weichen Hülle die um meinen Körper war und auch der die
überall und allüberall lag freute mich der schweigenden bereiften Wälder der
ruhenden Obstbäume die ihre weißen Gitter ausstreckten der Häuser von denen
der wohnliche Rauch aufstieg und der Unzahl der Sterne die nachts in dem
kalten und finsteren Himmel feuriger funkelten als je sonst im Sommer Ich hatte
vor zuerst die Gebirge und dann meinen Gastfreund zu besuchen
Ich fuhr bis in die Nähe des Lautertales Da ich die Straße verlassen
sollte mietete ich einen einspännigen Schlitten weil in den Seitenwegen auf
denen man immer im Winter nur mit einem Pferde fährt die Bahn zu enge ist als
dass zwei Pferde sicher neben einander gehen könnten und fuhr in das Tal und in
das Ahornwirtshaus Die Ahorne streckten ungeheure abenteuerlich gestaltete
entblätterte und mit feinen Zweigen wie mit Bärten versehene Arme der
winterlichen Luft entgegen das fensterreiche Wirtshaus war in seiner braunen
Farbe gegen die Schneedecke auf seinem Dache und gegen den Schnee der überall
ringsum lag noch brauner als sonst und die Fichtentische vor dem Hause waren
abgebrochen und in Aufbewahrung getan worden Die Wirtin empfing mich mit
Erstaunen und mit Freude dass ich in einer solchen Jahreszeit komme und gab mir
das beste Versprechen dass meine Stube so warm und heimlich sein solle als wehe
kein einziges Lüftchen hinein und so licht als schiene die Sonne wenn sie
überhaupt scheint sonst nirgends hin als auf meine Fenster Ich ließ meine
Gerätschaften in die Stube bringen und bald loderte auch ein lustiges Feuer in
dem Ofen derselben der ausnahmsweise wie es sonst in den Gebirgen fast gar
nicht vorkömmt von innen zu heizen war Die Wirtin hatte es so einrichten
lassen weil von außen der Zugang zu dem Ofen so schwer gewesen war Als ich
mich ein wenig erwärmt und meine Hauptsachen in Ordnung gebracht hatte ging ich
in die allgemeine Gaststube hinunter In ihr waren verschiedene Leute anwesend
die der Weg vorbei führte oder die eine kleine Erquickung und ein Gespräch
suchten Bei den vielen und sehr nahe stehenden Fenstern drang ein reichliches
Licht herein so dass die Sonnenstrahlen des Wintertages um die Tische spielten
was um so wohltätiger war da auch eine behagliche Wärme von den in dem Großen
Ofen brennenden Klötzen das Zimmer erfüllte Ich fragte wieder um meinen
Ziterspiellehrer es hatte niemand etwas von ihm gehört Ich fragte um den
alten Kaspar er war gesund und es wurde auf meine Bitte um ihn gesendet Ich
sagte dass ich im Sinne hätte von dem Lautersee in die Eisfelder der Echern
hinaufzusteigen Ich hätte anfangs Lust gehabt das Simmieis an der Karspitze zu
besuchen aber der Zugang ins Kargrat sei mir im Winter sehr unangenehm und
wenn die Echern auch etwas tiefer liegen als die Simmen so seinen sie doch
schöner und von unvergleichlich wohlgebildeten Felsen eingefasst Alle rieten mir
von meinem Unternehmen ab es sei im Winter nicht durchzudringen und die Kälte
sei auf den Bergen so groß dass sie kein Mensch zu ertragen vermöge Ich
widerlegte die Einwürfe vorerst dadurch dass ich sagte es sei eben im Winter
niemand auf den Echern gewesen wie sie selber berichten und dass man daher
nichts Sicheres wissen könne
»Aber man kann es sich denken« erwiderten viele »Erfahrung ist noch
besser« sagte ich
Indessen kam der alte Kaspar Die Sache wurde ihm gleich von den Anwesenden
erzählt und er riet auch entschieden von dem Unternehmen ab Ich sagte dass
viele Forscher in Naturdingen im Winter schon auf hohen Bergen gewesen seien
auf höheren als den Echern dass sie dort Nächte und zuweilen auch eine Reihe von
Tagen und Nächten zugebracht haben Man wendete immer ein das seien andere
Berge gewesen und in den hiesigen gehe es durchaus nicht Der alte Kaspar
verstand sich endlich ganz allein dazu mich wenn ich durchaus wolle zu
begleiten Aber das Wetter meinte er müssten wir uns sorgsam dazu auslesen Ich
erwiderte ihm dass ich Geräte bei mir hätte die mir anzeigen wenn eine schöne
Zeit bevorstehe dass ich mich auch ein wenig auf die Zeichen an dem Himmel
verstehe und dass ich selber auf den Höhen nicht gar gerne in einen Schneesturm
oder in einen langedauernden Nebel geraten möchte Alle andern Leute welche mir
sonst gerne bei meinen Bergarbeiten geholfen hatten und welche ich ebenfalls
ins Wirtshaus hatte rufen lassen lehnten es durchaus ab mich im Winter in die
Echern zu begleiten Dem Kaspar sagte ich er müsse sich vorbereiten Ich hätte
selber verschiedene Dinge bei mir von denen er sich die aussuchen könne von
welchen er glaube dass er sie auf unserer Wanderung mitnehmen möge Den Tag an
welchem wir zum See hinunter gehen werden würde ich ihm dann schon sagen Ich
ging unter den lebhaftesten Gesprächen der Anwesenden über diesen Gegenstand in
meine Stube zurück und brachte den Abend in derselben zu Ich wusste dass sie
nun tief in die Nacht hinein über die Sache sprechen würden und dass in den
nächsten Tagen für das ganze Tal diese Unternehmung den Stoff der Unterredungen
bilden würde
Es meldete sich nun auch wirklich keiner mehr um mich und Kaspar zu
begleiten
Die Zeit bis zum Beginne unsers Unternehmens brachte ich damit zu dass ich
Wanderungen in der Umgegend machte Ich betrachtete die Wälder die in Ruhe und
Pracht dastanden ich betrachtete die Höhen auf welchen die unermesslichen
Schneemengen lagen ich betrachtete die Echernwand von der eine Last von
Eiszapfen niederhing deren manche die Dicke von Bäumen hatten zuweilen
losbrachen und mit Krachen und Klingen in den Schnee niederstürzten ich ging
auf Berge und schaute in die stille gleichsam verdichtete Winterluft und auf
alle die weißen Gebilde die durch dunkle Wälder durch Felsen und durch das
sanfte Blau der fernen Bergzüge geschnitten waren
Gegen die Mitte des Januars zu welcher Zeit gewöhnlich das Wetter am
ausdauerndsten zu sein pflegt stellten sich die Zeichen ein dass längere Zeit
schöne Tage sein werden Ein etwas weicher Luftzug der vorigen Tage hatte sich
verloren die graue Decke am Himmel war verschwunden und den verwaschenen
Federwolken war eine tiefe Bläue gefolgt Die Luft zog aus Osten die Kälte
mehrte sich der Schnee flimmerte und abends zeigte sich der feine blauliche
Duft in den Gründen der heitere Morgen und immer größere Kälte versprach Meine
Werkzeuge gaben starken Luftdruck und große Trockenheit an
Ich sagte dem alten Kaspar dass wir nunmehr aufbrechen würden Wir nahmen an
Alpenstöcken Steigeisen Stricken Schneereifen Decken Kleidern was wir
nötig erachteten eine Schaufel eine Axt Kochgeschirr und Lebensmittel auf
mehrere Tage So bepackt gingen wir zu dem See Dort teilten wir unsere Dinge in
zwei bequeme Lasten dass jeder mit der seinigen so leicht als möglich gehen
könne und erwarteten den nächsten Morgen
Beim Grauen des Lichtes machten wir uns auf den Weg und stiegen mit unseren
sehr hohen Stiefeln die ich eigens zu diesem Zwecke hatte machen lassen in den
tiefen Schnee der Wege die zu den Höhen auf die wir wollten führten die aber
nur im Sommer betreten wurden die jetzt keine Spur zeigten und die wir nur
fanden weil wir der Gegend sehr kundig waren Wir gingen mehrere Stunden in
diesem tiefen Schnee dann kamen Wälder in denen er niederer lag und durch
welche das Fortkommen leichter war Viele Gerölle und schiefliegende Wände die
nun folgten zeigten ebenfalls weniger Schnee als die Tiefe und es war über sie
im Winter leichter zu gehen als ich es im Sommer gefunden hatte da die
Unebenheiten und die kleinen scharfen Riffe und Steine mit einer Schneedecke
überhüllt waren Als wir die ersten Vorberge überwunden hatten und auf die
Hochebene der Echern gekommen waren von der man wieder den blauen See recht
tief und dunkel in der weißen Umgebung unten liegen sah machten wir ein wenig
Halt Die Oberfläche der Echern oder die Hochebene wie man sie auch gerne
nennt ist aber nichts weniger als eine Ebene sie ist es nur im Vergleiche mit
den steilen Abhängen welche ihre Seitenwände gegen den See bilden Sie besteht
aus einer Großen Anzahl von Gipfeln die hinter und neben einander stehen
verschieden an Größe und Gestalt sind tiefe Rinnen zwischen sich haben und
bald in einer Spitze sich erheben bald breitgedehnte Flächen darstellen Diese
sind mit kurzem Grase und hie und da mit Knieföhren bedeckt und unzählige
Felsblöcke ragen aus ihnen empor Es ist hier am schwersten durchzukommen
Selbst im Sommer ist es schwierig die rechte Richtung zu behalten weil die
Gestaltungen einander so ähnlich sind und ein ausgetretener Pfad begreiflicher
Weise nicht da ist wie viel mehr im Winter in welchem die Gestalten durch
Schneeverhüllungen überdeckt und entstellt sind und selbst da wo sie
hervorragen ein ungewohntes und fremdartiges Ansehen haben Es sind mehrere
Alpenhütten in diesem Gebiete zerstreut und es befinden sich im Sommer Herden
hier oben die aber wie zahlreich sie auch sind in der Großen Ausdehnung
verschwinden und sich gegenseitig oft Monate lang nicht sehen Wir wünschten
noch beim Lichte des Tages über diese Erdbildungen hinüber zu kommen und hatten
vor zur Einhaltung der Richtung uns gegenseitig in unserer Kenntnis der Riffe
und der Hügelgestaltungen zu unterstützen und uns die entscheidenden Bildungen
wechselseitig zu nennen und zu beschreiben Am oberen Ende der Hochebene wo
wieder die größeren Felsenbildungen beginnen und das Verirren weit weniger
möglich ist steht im Bereiche großer Kalksteinblöcke eine Sennhütte die
Ziegenalpe genannt welche das Ziel unserer heutigen Wanderung war Am Rande der
Bergansteigung und dem Anfange der Hochebene wo wir jetzt waren setzten wir
uns nieder Es liegt da ein großer Stein der beinahe ganz schwarz ist Er ist
nicht nur dieser Farbe willen an sich merkwürdig sondern besonders darum weil
er durch eben diese Farbe dann durch seine Größe und seine seltsame Gestalt von
weitem gesehen werden kann, und denen die von der Ziegenalpe durch die
Hochebene abwärts kommen zum Zeichen und wenn sie bei ihm angelangt sind zur
Beruhigung des richtig zurückgelegten Weges dient Weil vielen die auf der
Hochebene sind Sennen Alpenwanderern Jägern der Stein ein Versammlungsort
ist so findet sich von ihm ab schon ein merkbar ausgetretener Pfad und man
kann die Richtung zu dem See hinab nicht mehr leicht verfehlen Auch ist die
gegen Sonnenaufgang überhängende Gestalt des Felsens geeignet vor Regen und
heftigen Westwinden zu schützen Als wir bei ihm angelangt waren sahen wir
freilich keine Spur eines Menschen rings um ihn denn unberührter Schnee lag bis
zu seinen Wänden hinzu und er stand noch einmal so schwarz aus dieser Umgebung
hervor Wir fanden aber auf kleineren Steinen die unter seinem Überdache lagen
und auf die der Schnee nicht hereingefallen war Raum zum Sitzen und folgten
dieser Einladung willig da sich schon Ermüdung eingestellt hatte Kaspar
schnallte die Umhüllungen der Decken auseinander und holte zwei leichte aber
wärmende Pelze und andere Pelzsachen hervor die ich dazu bestimmt hatte unsere
Körper und Füße die im Wandern sich sehr erwärmt hatten in der Ruhe vor
Verkühlung zu schützen Als wir diese Pelzdinge umgetan hatten schritten wir
dazu uns durch Speise und Trank zu erquicken Etwas Wein und Brod reichte zu
dem Zwecke hin Ich betrachtete nachdem unser Mahl vollendet war den
Wärmemesser welchen ich gleich nach unserer Ankunft an einer freien Stelle auf
meinen Alpenstock aufgehängt hatte und zeigte meinem Begleiter Kaspar dass die
Wärme hier oben größer sei als wir sie gestern zu gleicher Tageszeit unten in
der Ebene des Sees gehabt hatten Die Sonne schien sehr kräftig auf den Schnee
es wehte kein Lüftchen an dem grünlich blaulichen Himmel lagerten nur ein paar
sehr dünne weissliche Streifen Auch konnte man von dem Steinvorsprunge von dem
aus der See zu erblicken war fast deutlich wahrnehmen dass unten nicht nur die
dichtere sondern auch kältere Luft liege Denn so deutlich und klar der See zu
erblicken war so zog sich doch an den weißen oder weissgesprenkelten Wänden
desselben ein feiner blaulich schillernder Dunst hin zum Zeichen dass dort
unsere obere wärmere Luft mit der unteren schon seit längerer Zeit über dem
See stehenden kälteren zusammengrenze und sich da ein sanfter Beschlag bilde
Ich schaute nur noch auf den Feuchtigkeitsmesser und den des Luftdruckes dann
packte Kaspar unsere Decken und Pelze ich meine Geräte ein und wir gingen
unsers Weges weiter
Mit großer Vorsicht suchten wir die Richtung die uns nottat zu bestimmen.
Auf jeder Stelle die eine größere Umsicht gewährte hielten wir etwas an und
suchten uns die Gestalt der Umgebung zu vergegenwärtigen und uns des Raumes, auf
dem wir standen zu vergewissern Ich zog zum Überflusse auch noch die
Magnetnadel zu Rate In den Niederungen und Mulden zwischen einzelnen Höben
mussten wir uns der Schneereife bedienen Gegen den späteren Nachmittag stiegen
uns die höheren und dunkleren Zacken der Echern aus dem Schnee entgegen Als die
Sonne fast nur mehr um ihre eigene Breite von dem Rande des Gesichtskreises
entfernt war kamen wir in der Ziegenalpe an Hier hatten wir einen
eigentümlichen Anblick Es ist da eine Stelle von welcher aus man nicht mehr zu
dem See oder zu seiner Umgebung zurücksehen kann dafür öffnet sich gegen
Sonnenuntergang ein weiter Blick in die Lichtung des Lautertales besonders aber
in das Echertal in welchem der Mann wohnt welcher meine und Klotildens Zither
gemacht hatte In diese Ferne wollte ich noch einen Blick tun ehe wir in die
Hütte gingen Aber ich konnte die Taler nicht sehen
Die Wirkung, welche sich aus dem Aneinandergrenzen der oberen wärmeren Luft
und der unteren kälteren wie ich schon am schwarzen Steine bemerkt hatte
ergab war noch stärker geworden und ein einfaches wagrechtes weisslichgraues
Nebelmeer war zu meinen Füßen ausgespannt Es schien riesig groß zu sein und ich
über ihm in der Luft zu schweben Einzelne schwarze Knollen von Felsen ragten
über dasselbe empor dann dehnte es sich weithin ein trübblauer Strich
entfernter Gebirge zog an seinem Rande und dann war der gesättigte goldgelbe
ganz reine Himmel an dem eine grelle fast strahlenlose Sonne stand zu ihrem
Untergange bereitet Das Bild war von unbeschreiblicher Größe Kaspar welcher
neben mir stand sagte »Verehrter Herr der Winter ist doch auch recht schön«
»Ja Kaspar« sagte ich »er ist schön er ist sehr schön«
Wir blieben stehen bis die Sonne untergegangen war Die Farbe des Himmels
wurde für einen Augenblick noch höher und flammender dann begann alles nach und
nach zu erbleichen und schmolz zuletzt in ein farbloses Ganzes zusammen Nur
die gewaltigen Erhebungen die gegen Süden standen und die das Eis das wir
besuchen wollten enthielten glommen noch von einem unsicheren Lichte während
mancher Stern über ihnen erschien Wir gingen nun in dem beinahe finster
gewordenen und ziemlich unwegsamen Raume zur Hütte um in derselben unsere
Vorbereitungen zum Übernachten zu treffen Die Hütte war wie es im Winter immer
ist wo sie leer steht nicht gesperrt Ein Holzriegel der sehr leicht zu
beseitigen war schloss die Tür Wir traten ein steckten eine Kerze in unsern
Handleuchter und machten Licht Wir suchten das Gemach der Sennerinnen und
ließ uns dort nieder In den Schlafstellen war etwas Heu ein grober
Brettertisch stand in der Mitte des Gemaches eine Bank lief an der Wand hin
und eine bewegliche stand an dem Tische Wir hatten vor hier erst unser
eigentliches warmes Tagesmahl zu bereiten Aber worauf wir kaum gefasst waren
es zeigte sich nirgends auch nicht der geringste Vorrat von Holz Ich hatte für
den Fall Weingeist bei mir um einige Schnitten Braten in einer flachen Pfanne
rösten zu können aber wir zogen es vorzüglich wegen der Erwärmung des Körpers
vor ein Stock Bank zu verbrennen und dem Eigentümer Ersatz zu leisten Kaspar
machte sich mit der Axt an die Arbeit und bald loderte ein lustiges Feuer auf
dem Herde Ein Abendessen wurde bereitet wie wir es oft bei unsern
Gebirgsarbeiten bereitet hatten aus dem Heu der Schlafstellen den Decken und
den Pelzen wurden Betten zurecht gemacht und nachdem ich noch meine
Messwerkzeuge die im Freien vor der Hütte aufgehängt waren betrachtet hatte
begaben wir uns zur Ruhe Auch jetzt am späten Abende war bei ganz heiterem
sternenvollen Himmel eine viel mindere Kälte in dieser Höhe als ich vermutet
hatte
Ehe der Tag graute standen wir auf machten Licht kleideten uns
vollständig an richteten all unsere Dinge zurecht bereiteten ein Frühmahl
verzehrten es und traten unsern Weg an Die Echernspitze stand fast schwarz im
Süden wir konnten sie deutlich in die blasse Luft über dem Haustein der uns
noch unsere Eisfelder deckte empor ragen sehen Der Tag war wieder ganz heiter
Obgleich es noch nicht licht war durften wir eine Verirrung nicht fürchten
denn wir mussten geraume Zeit zwischen Felsen empor gehen die unsere Richtung
von beiden Seiten begrenzten und uns nicht abweichen ließ Wir legten weil
der Schnee in diesen Rinnen sich angehäuft hatte unsere Schneereifen an und
gingen in der ungewissen Dämmerung vorwärts Nach etwas mehr als einer Stunde
Wanderung kamen wir auf die Höhe hinaus wo die Gegend sich wieder öffnet und
gegen Osten weite Felder hinziehen Diese biegen nachdem sie sich ziemlich hoch
erhoben gegen Süden um einen Fels herum und lassen dann den Eisstock
erblicken zu dem wir wollten Dieser drückt mit großer Macht von Süden gegen
Norden herab und hat zu seiner südlichen Begrenzung die Echernspitze Auf den
erklommenen Feldern war es schon ganz licht allein die Berge welche wir am
östlichen Rande derselben unter uns und weit draußen erblicken sollten waren
nicht zu sehen sondern am Rande der mit Schnee bedeckten Felder setzte sich
eine Farbe die nur ein klein wenig von der Schneefarbe verschieden war fast
ins Unermessliche fort die des Nebels Er hatte seit gestern noch mehr überhand
genommen und begrenzte unsere Höhe als Insel Kaspar wollte erschrecken Ich
aber machte ihn aufmerksam dass der Himmel über uns ganz heiter sei Dass dieser
Nebel von jenem sehr verschieden sei der bei dem Beginne des Regen oder
Schneewetters zuerst die Spitzen der Berge in Gestalt von Wolken einhüllt sich
dann immer tiefer oft bis zur Hälfte der Berge hinabzieht und den Wanderern so
fürchterlich ist unser Nebel sei kein Hochnebel sondern ein Tiefnebel der die
Bergspitzen auf denen das Verirren so schrecklich sei freilasse und der beim
Höhersteigen der Sonne verschwinden werde Im schlimmsten Falle wenn er auch
bliebe sei er nur eine wagrechte Schichte die nicht höher stehe als wo der
schwarze Stein liegt Von dort hinab aber ist uns der Weg sehr bekannt wir
müssen unsere eigenen Fußstapfen finden und können an ihnen abwärts gehen
Kaspar welcher mit dem Gebirgsleben sehr vertraut war sah meine Gründe ein und
war beruhigt
Während wir standen und sprachen fing sich an einer Stelle der Nebel im
Osten zu lichten an die Schneefelder verfärbten sich zu einer schöneren und
anmutigeren Farbe als das Bleigrau war mit dem sie bisher bedeckt gewesen
waren und in der lichten Stelle des Nebels begann ein Punkt zu glühen der
immer größer wurde und endlich in der Größe eines Tellers schweben blieb zwar
trübrot aber so innig glimmend wie der feurigste Rubin Die Sonne war es die
die niederen Berge überwunden hatte und den Nebel durchbrannte Immer rötlicher
wurde der Schnee immer deutlicher fast grünlich seine Schatten die hohen
Felsen zu unserer Rechten die im Westen standen spürten auch die sich nähernde
Leuchte und röteten sich Sonst war nichts zu sehen als der ungeheure dunkle
ganz heitere Himmel über uns und in der einfachen Großen Fläche die die Natur
hieher gelegt hatte standen nur die zwei Menschen die da winzig genug sein
mussten Der Nebel fing endlich an seiner äußersten Grenze zu leuchten an wie
geschmolzenes Metall der Himmel lichtete sich und die Sonne quoll wie
blitzendes Erz aus ihrer Umhüllung empor Die Lichter schossen plötzlich über
den Schnee zu unsern Füßen und fingen sich an den Felsen Der freudige Tag war
da
Wir banden uns die Stricke um den Leib und ließ ein ziemlich langes Stück
von der Leibbinde des einen zu der des andern gehen damit wenn einer da wir
jetzt über eine sehr schiefe Fläche zu gehen hatten gleiten sollte er durch
den andern gehalten würde Im Sommer war diese Fläche mit vielen kleinen und
scharfen Steinen bedeckt daher der Übergang über sie viel leichter Im Winter
kannte man den Boden nicht und der Schnee konnte ins Gleiten geraten Ohne
Hilfe der Schneereife die hier weil sie unbehilflich machten nur gefährlich
werden konnten gelangten wir mit angewandter Vorsicht glücklich hinüber lösten
die Stricke bogen nach einer darauf erfolgten mehrstündigen Wanderung um die
Felsen und standen an dem Gletscher und auf dem ewigen Schnee
Auf dem Eise da wir nach uns sehr bekannten Richtungen auf demselben
vorschritten zeigte sich beinahe mit Rücksicht auf den Sommer gar keine
Veränderung Da auch im Sommer fast jeder Regen des Tales die Höhen entweder gar
nicht trifft oder auf ihnen Schnee ist so war es jetzt auf dem Gletscher wie
im Sommer und wir schritten auf bekannten Gebieten vorwärts Wo die Eismengen
geborsten und zertrümmert waren hatte sie an ihren Oberflächen der Schnee
bedeckt mit den Seitenflächen sahen sie grünlich oder blaulich schillernd aus
dem allgemeinen Weiß hervor weiter aufwärts wo die Gletscherwölbung rein
dalag war sie mit Schnee bedeckt Der einzige Unterschied bestand dass jetzt
keine einzige breite oder lange Eisstelle blossgelegt in ihrer grünlichen Farbe
da stand was doch zuweilen im Sommer geschieht Wir verweilten einige Zeit auf
dem Eise und nahmen auf demselben auch unser Mittagsmahl in Wein und Brod
bestehend ein Unter uns hatte sich aber indessen eine Veränderung vorbereitet
Der Nebel war nach und nach geschwunden ein Teil der fernen oder der näheren
Berge war nach dem andern sichtbar geworden verschwunden wieder sichtbar
geworden und endlich stand alles im Sonnenglanze ohne ein Flöckchen Nebel der
wie ausgetilgt war in sanfter Bläue oder wie in goldigem Schimmer oder wie im
fernen matten Silberglanze in tiefem Schweigen und unbeweglich da Die Sonne
strahlte einsam ohne einer geselligen Wolke an dem Himmel Die Kälte war auch
hier nicht groß geringer als ich sie im Tale beobachtet hatte und nicht viel
größer als sie auch zu Sommerszeiten auf diesen Höhen ist
Nachdem wir uns eine geraume Weile auf dem Eise aufgehalten hatten traten
wir den Rückweg an Wir gelangten leicht an den gewöhnlichen Ausgang des
Gletschers von wo aus man das Hinabgehen über die Berge einleitet Wir fanden
unsere Fußstapfen die in der ungetrübten Oberfläche des Schnees da hierauf
selten auch Tiere kommen sehr deutlich erkennbar waren und gingen nach ihnen
fort Wir kamen glücklich über die schiefe Fläche und langten gegen Abend in der
Ziegenalpe an
Es war hier schon zu dunkel um noch etwas von der Umgebung sehen zu können
Wir hielten in der Hütte wieder unser warm zubereitetes Abendmahl wärmten uns
am Reste der Bank und erquickten uns durch Schlaf Der nächste Morgen war
abermals klar in den Tälern lag wieder der Nebel Da auch die Nacht vollkommen
windstill gewesen war so hatten wir uns jetzt in Hinsicht unsers Rückweges über
die Hochebene nicht zu sorgen Unsere Fussstapien standen vollkommen unverwischt
da und ihnen konnten wir uns anvertrauen Selbst da wo wir ratend gestanden
waren und etwa den Alpenstock seitwärts unseres Standortes in den Schnee
gestoßen hatten war die Spur noch völlig sichtbar Wir kamen früher als wir
gedacht hatten an dem schwarzen Steine an Dort hielten wir wieder unser
Mittagmahl und gingen dann unter dem sich immer mehr und mehr lichtenden Nebel
der uns aber hier kein wesentliches Hindernis mehr machte die steile Senkung
der Berge hinunter Der an ihrem Fuße beobachtete Wärmemesser zeigte wirklich
eine größere Kälte als wir auf den Bergen gehabt hatten
Am Nachmittage waren wir wieder in dem Seewirtshause
Am andern Tage gingen wir in das Ahornhaus im Lautertale Alles umringte uns
und wollte unsere Erlebnisse wissen Sie wunderten sich dass die Unternehmung so
einfach gewesen sei besonders aber dass die Kälte die schon im Sommer gegen
die Wärme der Täler so abstehe im Winter nicht ganz fürchterlich soll gewesen
sein Kaspar war ein wichtiger Mann geworden
Ich aber war von dem was ich oben gesehen und gefunden hatte vollkommen
erfüllt Die tiefe Empfindung welche jetzt immer in meinem Herzen war und
welche mich angetrieben hatte im Winter die Höhen der Berge zu suchen hatte
mich nicht getäuscht Ein erhabenes Gefühl war in meine Seele gekommen fast so
erhaben wie meine Liebe zu Nathalien Ja diese Liebe wurde durch das Gefühl noch
gehoben und veredelt und mit Andacht gegen Gott den Herrn der so viel Schönes
geschaffen und uns so glücklich gemacht hat entschlief ich als ich wieder zum
ersten Male in meinem Bette in der wohnlichen Stube des Ahornhauses ruhte
Es hat mich nicht gereut dass ich noch die Weihe dieser Unternehmung auf
mich genommen hatte ehe ich zu meinem Gastfreunde ging um ihm meinen
Winterbesuch zu machen
Ich hielt mich nur noch so lange in dem Lautertale auf um noch die
bedeutendsten Stellen desselben im Winterschmucke zu sehen und um die
Einleitung zu treffen dass dem Eigentümer der Ziegenalpe die Bank die wir
verbrannt hatten ersetzt würde Dann fuhr ich in einem Schlitten in der
Richtung nach dem Asperhofe hinaus Kaspar hatte recht herzlich von mir Abschied
genommen er war mir durch diese Unternehmung noch mehr befreundet geworden als
er es früher gewesen war
Die größere Wärme in den oberen Teilen der Luft welche nur ein Vorbote des
beginnenden Südwindes gewesen war hatte sich nun völlig geltend gemacht der
Südwind war in den Höhen eingetreten obwohl es in der Tiefe noch kalt war
Wolken hatten die Berge umhüllt zogen über die Länder hinaus und schüttelten
Regen herab der in Gestalt von Eiskörnern unten ankam und mir um das Haupt und
die Wangen prasselte als ich in dem Asperhofe eintraf
Die Pferde und der Schlitten wurden in den Meierhof gebracht ich ging zu
meinem Gastfreunde Er saß in seinem Arbeitszimmer und ordnete Pergamentblätter
von denen er einen großen Stoß vor sich hatte Ich begrüßte ihn und er empfing
mich wie immer gleich freundlich
Ich sagte ihm dass ich seit meiner letzten Anwesenheit im Asperhofe fast
immer gereist sei Erst hätte ich noch das Kargrat besucht weil ich dort zu
ordnen gehabt hätte dann sei ich zu meinen Eltern gegangen hierauf habe ich
mit meinem Vater einen Besuch in seiner Heimat gemacht dann sei ich mit meiner
Schwester auf eine Zeit um ihr ein Vergnügen zu bereiten in das Hochgebirge
gefahren als hierauf der Winter gekommen sei habe ich die Echerngletscher
besucht und nun sei ich hier
»Ihr seid wie immer herzlich willkommen« sagte er »bleibt bei uns so
lange es Euch gefällt und seht unser Haus wie das Eurer Eltern an«
»Ich danke Euch ich danke Euch sehr« erwiderte ich
Er zog an der Klingel zu seinen Füßen und die alte Katarina kam herauf Er
befahl ihr meine Zimmer zu hetzen dass ich sie sehr bald benützen könne
»Es ist schon geschehen« antwortete sie »Als wir den jungen Herrn
hereinfahren sahen ließ ich durch Ludmilla gleich heizen es brennt schon aber
ein wenig gelüftet muss noch werden neue Überzüge müssen kommen der Staub muss
abgewischt werden Ihr müsst Euch schon ein wenig gedulden«
»Es ist gut und recht« sagte mein Gastfreund »sorge nur dass alles
wohnlich sei«
»Es wird schon werden« antwortete Katarina und verließ das Zimmer
»Ihr könnt wenn Ihr wollt« sagte er dann zu mir »indessen bis Eure
Wohnung in Ordnung ist mit mir zu Eustach hinüber gehen und sehen was eben
gearbeitet wird Wir können hiebei auch bei Gustav anklopfen und ihm sagen dass
Ihr gekommen seid«
Ich nahm den Vorschlag an Er zog eine Art Überrock über seine Kleider die
beinahe wie im Sommer waren an und wir gingen aus dem Zimmer Wir begaben uns
zuerst zu Gustav und ich begrüßte ihn Er flog an mein Herz und sein Ziehvater
sagte ihm er dürfe uns in das Schreinerhaus begleiten Er nahm gar kein
Überkleid sondern verwechselte nur seinen Zimmerrock mit einem etwas wärmeren
und war bereit uns zu folgen Wir gingen über die gemeinschaftliche Treppe
hinab und als wir unten angekommen waren sah ich dass mein Gastfreund auch
heute an dem unfreundlichen Wintertage barhäuptig ging Gustav hatte eine ganz
leichte Kappe auf dem Haupte Wir gingen über den Sandplatz dem Gebüsche zu Die
Eiskörner welche eine bereifte weiße und raue Gestalt hatten mischten sich
mit den weißen Haaren meines Freundes und sprangen auf seinem zwar nicht
leichten aber doch nicht für eine strenge Winterkälte eingerichteten Überrocke
Die Bäume des Gartens die uns nahe standen seufzten in dem Winde der von den
Höhen immer mehr gegen die Niederungen herab kam und an Heftigkeit mit jeder
Stunde wuchs So gelangten wir gegen das Schreinerhaus Wie bei meiner ersten
Annäherung stieg auch heute ein leichter Rauch aus demselben empor aber er ging
nicht wie damals in einer geraden luftigen Säule in die Höhe sondern wie er die
Mauern des Schornsteins verließ wurde er von dem Winde genommen in Flatterzeug
verwandelt und nach verschiedenen Richtungen gerissen Auch waren nicht die
grünen Wipfel da an denen er damals empor gestiegen war sondern die nackten
Äste mit den feinen Ruten der Zweige standen empor und neigten sich im Winde
über das Haus herüber Auf dem Dache desselben lag der Schnee Von Tönen konnten
wir bei dieser Annäherung aus dem Innern nichts hören weil außen das Sausen des
Windes um uns war
Da wir eingetreten waren kam uns Eustach entgegen und er grüßte mich noch
freundlicher und herzlicher als er es sonst immer getan hatte Ich bemerkte
dass um zwei Arbeiter mehr als gewöhnlich in dem Hause beschäftigt waren Es
musste also viele oder dringende Arbeit geben Die Wärme gegen den Wind draußen
empfing uns angenehm und wohnlich im Hause Eustach geleitete uns durch die
Werkstube in sein Gemach Ich sagte ihm dass ich gekommen sei um auch einen
kleinen Teil des Winters in dem Asperhofe zu bleiben den ich in demselben nie
gesehen und den ich nur meistens in der Stadt verlebt habe wo seine Wesenheit
durch die vielen Häuser und durch die vielen Anstalten gegen ihn gebrochen
werde
»Bei uns könnt Ihr ihn in seiner völligen Gestalt sehen« sagte Eustach
»und er ist immer schön selbst dann noch wenn er seine Art so weit verleugnet
dass er mit warmen Winden blaugeballten Wolken und Regengüssen über die
schneelose Gegend daher fährt So weit vergisst er sich bei uns nie dass er in
ein Afterbild des Sommers wie zuweilen in südlichen Ländern verfällt und warme
Sommertage und allerlei Grün zum Vorschein bringt Dann wäre er freilich nicht
auszuhalten«
Ich erzählte ihm von meinem Besuche auf dem Echerngletscher und sagte dass
ich doch auch schon manchen schönen und stürmischen Wintertag im Freien und
ferne von der großen Stadt zugebracht habe
Hierauf zeigte er mir Zeichnungen welche zu den früheren neu hinzu gekommen
waren und zeigte mir Grund und Aufrisse und andere Pläne zu den Werken an
denen eben gearbeitet werde Unter den Zeichnungen befanden sich schon einige
die nach Gegenständen in der Kirche von Klam genommen worden waren und unter
den Plänen befanden sich viele die zu den Ausbesserungen gehörten die mein
Gastfreund in der Kirche vornehmen ließ welche ich mit ihm besucht hatte
Nach einer Weile gingen wir auch in die Arbeitsstube und besahen die Dinge
die da gemacht wurden Meistens betrafen sie Gegenstände welche für die Kirche
für die eben gearbeitet wurde gehörten Dann sah ich ein Zimmerungswerk aus
feinen Eichen und Lärchenbohlen welches wie der Hintergrund zu Schnitzwerken
von Vertäflungen aussah auch erblickte ich Simse wie zu Vertäflungen gehörend
Von Geraten war ein Schrein in Arbeit der aus den verschiedensten Hölzern ja
mitunter aus seltsamen die man sonst gar nicht zu Schreinerarbeiten nimmt
bestehen sollte Er schien mir sehr groß werden zu wollen aber seinen Zweck und
seine Gestalt konnte ich aus den Anfängen die zu erblicken waren nicht
erraten Ich fragte auch nicht danach und man berichtete mir nichts darüber
Als wir uns eine Zeit in dem Schreinerhause aufgehalten und auch über andere
Gegenstände gesprochen hatten als sich in demselben befanden oder mit demselben
in Beziehung standen entfernten wir uns wieder und mein Freund und Gustav
geleiteten mich in das Wohnhaus zurück und dort in meine Zimmer In ihnen war es
bereits warm ein lebhaftes Feuer musste den Tönen nach die zu hören waren in
dem Ofen brennen alles war gefegt und gereinigt weiße Fenstervorhänge und
weiße Überzüge glänzten an dem Bette und an jenen Geräten für die sie gehörten
und alle meine Reisesachen welche ich in dem Schlitten geführt hatte waren
bereits in meiner Wohnung vorhanden Mein Gastfreund sagte ich möge mich hier
nun zurecht finden und einrichten und er verließ mich dann mit Gustav
Ich pachte nun die Gegenstände welche ich in meinen Reisebehältnissen
hatte aus und verteilte sie so dass die beiden Gemächer welche mir zur
Verfügung standen recht winterlich behaglich wozu die Wärme die in den
Zimmern herrschte einlud ausgestattet waren Ich wollte es so tun ich mochte
mich nun lange oder kurz in diesen Räumen aufzuhalten haben was von den
Umständen abhing die nicht in meiner Berechnung lagen Besonders richtete ich
mir meine Bücher meine Schreibdinge und auch Vorbereitungen zu gelegentlichem
Zeichnen so her dass alles dies meinen Wünschen so weit ich das jetzt einsah
auf das beste entsprach Nachdem ich mit allem fertig war kleidete ich mich
auch um damit die Reisekleider mit bequemeren und häuslicheren vertauscht
wären
Hierauf machte ich einen Spaziergang Ich ging in dem Garten meinen
gewöhnlichen Weg zu dem großen Kirschbaume hinauf Aus dem in dem Schnee wohl
ausgetretenen Pfade sah ich dass hier häufig gegangen werde und dass der Garten
im Winter nicht verwaist ist wie es bei so vielen Gärten geschieht und wie es
aber auch bei meinen Eltern nicht geduldet wird denen der Garten auch im Winter
ein Freund ist Selbst die Nebenpfade waren gut ausgetreten und an manchen
Stellen sah ich dass man nach dauerndem Schneefalle auch die Schaufel angewendet
habe Die zarteren Bäumchen und Gewächse waren mit Stroh verwahrt alles was
hinter Glas stehen sollte war wohl geschlossen und durch Verdämmungen
geschützt und alle Beete und alle Räume die in ihrer Schneehülle dalagen
waren durch die um sie geführten Wege gleichsam eingerahmt und geordnet Die
Zweige der Bäume waren von ihrem Reife befreit der Schnee der in kleinen
Kügelchen daher jagte konnte auf ihnen nicht haften und sie standen desto
dunkler und beinahe schwarz von dem umgebenden Schnee ab Sie beugten sich im
Winde und sausten dort wo sie in mächtigen Abteilungen einem großen Baume
angehörten und in ihrer Dichteit gleichsam eine Menge darstellten In den
entlaubten Ästen konnte ich desto deutlicher und häufiger die Nestbehälter
sehen welche auf den Bäumen angebracht waren Von den gefiederten Bewohnern des
Gartens war aber nichts zu sehen und zu hören Waren wenige oder keine da
konnte man sie in dem Sturme nicht bemerken oder haben sie sich in
Schlupfwinkel namentlich in ihre Häuschen zurückgezogen In den Zweigen des
großen Kirschbaumes herrschte der Wind ganz besonders Ich stellte mich unter
den Baum neben die an seinem Stamme befindliche Bank und sah gegen Süden Das
dunkle Baumgitter lag unter mir wie schwarze regellose Gewebe auf den Schnee
gezeichnet weiter war das Haus mit seinem weißen Dache und weiter war nichts
denn die fernere Gegend war kaum zu erblicken Bleiche Stellen oder dunklere
Ballen schimmerten durch je nachdem das Auge sich auf Schneeflächen oder Wälder
richtete aber nichts war deutlich zu erkennen und in langen Streifen
gleichsam in nebligen Fäden aus denen ein Gewebe zu verfertigen ist hing der
fallende Schnee von dem Himmel herunter Von dem Kirschbaume konnte ich nicht in
das Freie hinausgehen denn das Pförtchen war geschlossen Ich wendete mich
daher um und ging auf einem anderen Wege wieder in das Haus zurück
An demselben Tage erfuhr ich auch dass Roland anwesend sei Mein Gastfreund
holte mich ab mich zu ihm zu begleiten Man hatte ihm in dem Wohnhause ein
großes Zimmer zurecht gerichtet In demselben malte er eben eine Landschaft in
Ölfarben Als wir eintraten sahen wir ihn vor seiner Staffelei stehen die zwar
nicht mitten in dem Zimmer doch weiter von dem Fenster entfernt war als dies
sonst gewöhnlich der Fall zu sein pflegt Das zweite der Fenster war mit einem
Vorhange bedeckt Er hatte ein leinenes Überkleid an seinem Oberkörper an und
hielt gerade das Malerbrett und den Stab in der Hand Er legte beides auf den
nahestehenden Tisch da er uns kommen sah und ging uns entgegen Mein
Gastfreund sagte dass er mich zu dem Besuche bei ihm aufgefordert habe und dass
Roland wohl nichts dagegen haben werde
»Der Besuch ist mir sehr erfreulich« sagte er »aber gegen mein Bild wird
wohl viel einzuwenden sein«
»Wer weiß das« sagte mein Gastfreund
»Ich wende viel ein« antwortete Roland »und andere die sich des
Gegenstandes bemächtigen werden auch wohl viel einzuwenden haben«
Wir waren während dieser Worte vor das Bild getreten
Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen Nicht dass ich gemeint hätte dass das
Bild so vortrefflich sei das konnte man noch nicht beurteilen da sich vieles
in den ersten Anfängen befand auch glaubte ich zu bemerken dass manches wohl
kaum würde bemeistert werden können. Aber in der Anlage und in dem Gedanken
erschien mir das Bild merkwürdig Es war sehr groß es war größer als man
gewöhnlich landschaftliche Gegenstände behandelt sieht und wenn es nicht
gerollt wird so kann es aus dem Zimmer in welchem es entsteht gar nicht
gebracht werden Auf diesem wüsten Raume waren nicht Berge oder Wasserfluten
oder Ebenen oder Wälder oder die glatte See mit schönen Schiffen dargestellt
sondern es waren starre Felsen da die nicht als geordnete Gebilde empor
standen sondern wie zufällig als Blöcke und selbst hie und da schief in der
Erde staken gleichsam als Fremdlinge die wie jene Normannen auf dem Boden der
Insel die ihnen nicht gehörte sich sesshaft gemacht hatten Aber der Boden war
nicht wie der jener Insel oder vielmehr er war so wo er nicht von den im
Altertume berühmten Kornfeldern bekleidet oder von den dunkeln fruchtbringenden
Bäumen bedeckt ist, sondern wo er zerrissen und vielgestaltig ohne Baum und
Strauch mit den dürren Gräsern den weiß leuchtenden Furchen in denen ein aus
unzähligen Steinen bestehender Quarz angehäuft ist und mit dem Gerölle und mit
dem Trümmerwerke das überall ausgesät ist der dörrenden Sonne entgegenschaut
So war Rolands Boden so bedeckte er die ungeheure Fläche und so war er in sehr
großen und einfachen Abteilungen gehalten und über ihm waren Wolken welche
einzeln und vielzählig schimmernd und Schatten werfend in einem Himmel standen
welcher tief und heiß und südlich war
Wir standen eine Weile vor dem Bilde und betrachteten es Roland stand
hinter uns und da ich mich einmal wendete sah ich dass er die Leinwand mit
glänzenden Augen betrachte Wir sprachen wenig oder beinahe nichts
»Er hat sich die Aufgabe eines Gegenstandes gestellt den er noch nicht
gesehen hat« sagte mein Gastfreund »er hält sich ihn nur in seiner
Einbildungskraft vor Augen Wir werden sehen wie weit er gelingt Ich habe wohl
solche Dinge oder vielmehr ihnen Ähnliches weit unten im Süden gesehen«
»Ich bin nicht auf irgend etwas Besonderes ausgegangen« antwortete Roland
»sondern habe nur so Gestaltungen wie sie sich in dem Gemüte finden entfaltet
Ich will auch Versuche in Ölfarben machen welche mich immer mehr gereizt haben
als meine Wasserfarben und in denen sich Gewaltiges und Feuriges darstellen
lassen muss«
Ich bemerkte als ich seine Geräte näher betrachtete dass er Pinsel mit
ungewöhnlich langen Stielen habe dass er also sehr aus der Ferne arbeiten müsse
was bei einer so großen Leinwandfläche wohl auch nicht anders sein kann und was
ich auch aus der Behandlung ersah Seine Pinsel waren ziemlich groß und ich sah
auch lange feine Stäbe an deren Spitzen Zeichnungskohlen angebunden waren mit
welchen er entworfen haben musste Die Farben waren in starken Mengen auf der
Palette vorhanden
»Der Herr dieses Hauses ist so gütig« sagte Roland »und lässt mich hier
wirtschaften während ich verbunden wäre Zeichnungen zu machen welche wir eben
brauchen und während ich an Entwürfen arbeiten sollte die zu den Dingen
notwendig sind die eben ausgeführt werden«
»Das wird sich alles finden« antwortete mein Gastfreund »Ihr habt mir
schon Entwürfe gemacht die mir gefallen Arbeitet und wählt nach Eurem
Gutdünken Euer Geist wird Euch schon leiten«
Um Roland der hier vor seinem Werke stand und dessen ganze Umgebung wie
sie in dem Zimmer ausgebreitet war auf Ausführung dieses Werkes hinzielte
nicht länger zu stören da die Wintertage ohnehin so kurz waren entfernten wir
uns
Da wir den Gang entlang gingen sagte mein Gastfreund »Er sollte reisen«
Als es dunkel geworden war versammelten wir uns in dem Arbeitszimmer meines
Gastfreundes bei dem wohlgeheizten Ofen Es war Eustach Roland Gustav und ich
zugegen Es wurde von den verschiedensten Dingen gesprochen am meisten aber von
der Kunst und von den Gegenständen, welche eben in der Ausführung begriffen
waren Es mochte wohl vieles vorkommen was Gustav nicht verstand er sprach
auch sehr wenig mit aber es mochte doch das Gespräch ihn mannigfaltig fördern
und selbst das Unverstandene mochte Ahnungen erregen die weiter führen oder
die aufbewahrt werden und in Zukunft geeignet sind feste Gestaltungen die
sich fügen wollen einleiten zu helfen Ich wusste das sehr wohl aus meiner
eigenen Jugend und selbst auch aus der jetzigen Zeit
Da ich in mein Schlafgemach zurückgekehrt war fühlte ich es recht angenehm
dass die Scheite aus dem Buchenwalde meines Gastfreundes der ein Teil des
Alizwaldes war in dem Ofen brennen Ich beschäftigte mich noch eine Zeit mit
Lesen und teilweise auch mit Schreiben
Am anderen Morgen war Regen Er fiel in Strömen aus blaulich gefärbten
gleichartigen über den Himmel dahin jagenden Wolken herab Der Wind hatte zu
solcher Heftigkeit zugenommen dass er um das ganze Haus heulte Da er aus
Südwesten kam schlug der Regen an meine Fenster und rann an dem Glase in
wässerigen Flächen nieder Aber da das Haus sehr gut gebaut war so hatte Regen
und Wind keine anderen Folgen als dass man sich recht geborgen in dem
schützenden Zimmer fand Auch ist es nicht zu leugnen dass der Sturm wenn er
eine gewisse Größe erreicht etwas Erhabenes hat und das Gemüt zu stärken im
Stande ist Ich hatte die ersten Morgenstunden bei Licht in Wärme damit
hingebracht dem Vater und der Mutter einen Brief zu schreiben worin ich ihnen
anzeigte dass ich auf dem Echerneise gewesen sei dass ich alle Vorsicht beim
Hinaufsteigen und Heruntergehen angewendet habe dass uns nicht der geringste
Unfall zugestoßen sei und dass ich mich seit gestern bei meinem Freunde im
Rosenhause befinde An Klotilden legte ich ein besonderes Blatt bei worin ich
auf ihre teilweise Kenntnis des Gebirges die sie sich auf der mit mir gemachten
Reise erworben hatte bauend eine kleine Beschreibung des winterlichen
Hochgebirgbesuches gab Als es dann heller geworden und die Stunde zum Frühmahle
gekommen war ging ich in das Speisezimmer hinunter Ich erfuhr nun hier dass es
im Winter der Gebrauch sei dass Eustach und Roland deren gestrige Anwesenheit
bei dem Abendessen ich für zufällig gehalten hatte mit meinem Gastfreunde und
Gustav an einem Tische speisen Es sollte auch im Sommer so sein allein da oft
in dieser Jahreszeit in dem Schreinerhause lange vor Sonnenaufgang aufgestanden
und zu einer Arbeit geschritten wird so verändern sich die Stunden an denen
eine Erquickung des Körpers notwendig wird und Eustach hat selber gebeten dass
ihm dann die Zeit und Art seines Essens zu eigener Wahl überlassen werde Roland
ist ohnehin zu jener Jahreszeit meistens von dem Hause abwesend Ich war nie so
spät im Winter in dem Rosenhause gewesen dass ich diese Einrichtung hätte kennen
lernen können Mein Gastfreund Eustach Roland Gustav und ich saßen also bei
dem Frühmahltische Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um das Wetter
welches so stürmisch herein gebrochen war und es wurde erläutert wie es hatte
kommen müssen wie es sich erklären lasse wie es ganz natürlich sei wie jedes
Hauswesen sich auf solche Wintertage in der Verfassung halten müsse und wie
wenn das der Fall sei man dann derlei Ereignisse mit Geduld ertragen ja darin
eine nicht unangenehme Abwechslung finden könne Nach dem Frühmahle begab sich
jedes an seine Arbeit Mein Gastfreund ging in sein Zimmer um dort im Ordnen
der Pergamente das er angefangen hatte fortzufahren Eustach ging in die
Schreinerei Roland für den die Zeit trotz des trüben Tages doch endlich auch
hell genug zum Malen geworden war begab sich zu seinem Bilde Gustav setzte
sein Lernen fort und ich ging wieder in meine Zimmer
Da ich dort eine Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht hatte und da der
Sturm statt sich zu mildern in den Vormittagstunden nur noch heftiger geworden
war beschloss ich doch wie es meine Gewohnheit war auf eine Zeit in das Freie
zu gehen Ich wählte eine zweckmässige Fussbekleidung nahm meinen Wachsmantel
der eine Wachshaube hatte die man über den Kopf ziehen konnte und ging über
die gemeinschaftliche Treppe hinab Ich schlug den Weg durch das Gittertor auf
den Sandplatz vor dem Hause ein Dort konnte der Südwestwind recht an meine
Person fallen und er trieb mir die Tropfen welche für einen Winterregen
bedeutend groß waren mit Prasseln auf meinen Überwurf in das Angesicht in die
Augen und auf die Hände Ich blieb auf dem Platze ein wenig stehen und
betrachtete die Rosen welche an der Wand des Hauses gezogen wurden Manche
Stämmchen waren durch Stroh geschützt bei manchen war stellenweise die Erde
über den Wurzeln mit einer schützenden Decke bekleidet andere waren bloß fest
gebunden bei allen aber sah ich dass man außerordentliche Schutzmittel nicht
angewendet habe und dass alle nur gegen Verletzungen von äusserlicher Gewalt
gesichert waren Der Schnee konnte sie überhüllen wie ich noch die Spuren sah
der Regen konnte sie begiessen wie ich heute erfuhr aber nirgends konnte der
Wind ein Stämmchen oder einen Zweig lostrennen und mit ihm spielen oder ihn
zerren Die ganze Wand des Hauses war auch im übrigen unversehrt und der Regen
der gegen dieselbe anschlug konnte ihr nichts anhaben Ich ging von dem
Sandplatze über den Hügel hinunter Der Schnee hatte schon die Gewalt des Regens
verspürt welcher ziemlich warm war Die weiche sanfte und flaumige Gestalt war
verloren gegangen etwas Glattes und Eisiges hatte sich eingestellt und hie und
da standen gezackte Eistrümmer gleichsam wie zerfressen da Das Wasser rann in
Schneefurchen die es gewühlt hatte nieder und an offenen Stellen wo es durch
die löcherichte Beschaffenheit des Schnees nicht verschluckt wurde rieselte es
über die Gräser hinab Ich ging ohne auf einen Weg zu achten durch den
wässerigen Schnee fort In der Tiefe des Tales lenkte ich gegen Osten Ich ging
eine Strecke fort ging dort über die Wiesen und ließ das Schauspiel auf mich
wirken Es war fast herrlich wie der Wind welcher den Schnee nicht mehr heben
konnte den Regen auf ihn nieder jagte wie schon Stellen bloß lagen wie die
grauen Schleier gleichsam bänderweise nieder rollten und wie die trüben Wolken
über dem bleichen Gefilde unbekümmert um Menschentum und Menschenwerke dahin
zogen
Ich richtete endlich in der Tiefe der Wiesen meinen Weg nordwärts gegen den
Meierhof hinauf Als ich dort angelangt war erfuhr ich dass der Herr wie man
hier meinen Gastfreund kurzweg nannte heute auch schon da gewesen aber bereits
wieder fortgegangen sei Er hatte mehreres besichtigt und mehreres angeordnet
Ich fragte ob er heute auch barhäuptig gewesen sei und es wurde bejaht Da ich
den Meierhof besehen hatte und in verschiedenen Räumen desselben herum gegangen
war sah ich erst recht was ein wohleingerichtetes Haus sei Der Regen fiel auf
dasselbe nieder wie auf einen Stein in den er nicht eindringen und von dem er
äußerlich nur in Jahrhunderten etwas herab waschen könne Keine Ritze zeigte
sich für das Einlassen des Wassers bereit und kein Teilchen der Bekleidung
schichte sich zur Loslösen an Im Innern wurden die Arbeiten getan wie an jedem
Tage Die Knechte reinigten Getreide mit der so genannten Getreideputzmühle
schaufelten es seitwärts und maßen es in Säcke damit es auf den Schüttboden
gebracht werde Der Meyer war dabei beschäftigt ordnete an und prüfte die
Reinheit Ein Teil der Mägde war in den Ställen beschäftigt ein Teil richtete
auf der Futtertenne das Futter zurecht ein Teil spann und die Frau des Meiers
ordnete in der Milchkammer Ich sprach mit allen und sie zeigten Freude dass
ich sogar in dieser Jahreszeit einmal gekommen sei
Von dem Meierhofe ging ich über den mit Obstbäumen bepflanzten Raum gegen
den Garten hinüber Das Pförtchen an dieser Seite war unter Tags selbst im
Winter nicht gesperrt Ich ging durch dasselbe ein und begab mich in die Wohnung
des Gärtners Dort legte ich meinen Wachsmantel unter dessen Falten das Wasser
rann ab und setzte mich auf die reine weiße Bank vor dem Ofen Der alte Mann
und seine Frau empfingen mich recht freundlich In ihrem ganzen Wesen war etwas
sehr Aufrichtiges Seit geraumer Zeit war bei diesen alten Leuten beinahe etwas
Elternhaftes gegen mich gewesen Die Gärtnersfrau Klara sah mich immer wieder
gleichsam verstohlen von der Seite an Wahrscheinlich dachte sie an Nathalien
Der alte Simon fragte mich ob ich denn nicht in die Gewächshäuser gehen und die
Pflanzen auch im Winter besehen wolle
Das sei außer dem Besuche den ich ihm und seiner Gattin machen wollte
meine Nebenabsicht gewesen erwiderte ich
Er nahm einen anderen Rock um und geleitete mich in die Gewächshäuser
welche an seine Wohnung stießen Ich nahm wirklich großen Anteil an den Pflanzen
selber da ich mich ja in früherer Zeit viel mit Pflanzen beschäftigt hatte und
nahm Anteil an dem Zustande derselben Wir gingen in alle Räume des nicht
unbeträchtlich großen Kaltauses und begaben uns dann in das Warmhaus Nicht
bloß dass ich die Pflanzen nach meiner Absicht betrachtete nahm ich mir auch
die Zeit freundlich anzuhören was mein Begleiter über die einzelnen sagte und
hörte zu wie er sich über Lieblinge ziemlich weit verbreitete Diese Hingabe an
seine Rede und die Teilnahme an seinen Pfleglingen die ich ihm stets bewiesen
hatte mochten nebst dem Anteile den er mir an der Erwerbung des Cereus
peruvianus zuschrieb Ursache sein dass er eine gewisse Anhänglichkeit gegen
mich hegte Als wir an dem Ausgange der Gewächshäuser waren welcher seiner
Wohnung entgegengesetzt lag fragte er mich ob ich auch in das Kaktushaus gehen
wolle er werde zu diesem Behufe da wir einen freien Raum zu überschreiten
hätten meinen Wachsmantel holen Ich sagte ihm aber dass dies nicht nötig sei
da er ja auch ohne Schutz herüber gehe dass mein Gastfreund heute schon
barhäuptig in dem Meierhofe gewesen sei und dass es mir nicht schaden werde
wenn ich auch einmal eine kurze Strecke im Regen ohne Kopfbedeckung gehe
»Ja der Herr der ist alles gewohnt« antwortete er
»Ich bin zwar nicht alles aber vieles gewohnt« erwiderte ich »und wir
gehen schon so hinüber«
Er ließ sich von seinem Vorhaben endlich abbringen und wir gingen in das
Kaktushaus Er zeigte mir alle Gewächse dieser Art besonders den Peruvianus
welcher wirklich eine prachtvolle Pflanze geworden war er verbreitete sich über
die Behandlung dieser Gewächse wahrend des Winters sagte dass mancher schon im
Hornung blüht dass nicht alle eine gewisse Kälte vertragen sondern in der
wärmeren Abteilung des Hauses stehen müssen besonders verlangen dieses viele
Cereusarten und er ging dann auf die Einrichtung des Hauses selber über und
hob es als eine Vorzüglichkeit heraus dass der Herr für jene Stellen an denen
die Gläser über einander liegen ein so treffliches Bindemittel gefunden habe
durch welches das Hereinziehen des Wassers an den übereinandergelegten Stellen
des Glases unmöglich sei und das diesen Pflanzen so nachteilige Herabfallen von
Wassertropfen vermieden werde Dadurch kann es auch allein geschehen dass an
Regentagen und an Tagen an welchen Schnee schmilzt das Haus nicht mit Brettern
gedeckt werden müsse was finster macht und den Pflanzen schädlich ist Ich
könne das ja heute sehen wie bei einem Regen so heftiger Art nicht ein
Tröpflein herein dringen kann oder vom Winde hereingeschlagen wird Bretter
würden überhaupt über dieses Haus nicht gelegt Gegen den Hagel sei es durch
dickes Glas und den Panzer geschützt und wenn kalte Nächte zu erwarten sind
werde eine Strohdecke angewendet und der Schnee werde durch Besen entfernt Mir
war wirklich der Umstand merkwürdig und wichtig dass hier kein Herabtropfen von
dem Glasdache statt finde was meinem Vater so unangenehm ist Ich nahm mir vor
meinen Gastfreund um Eröffnung des Verfahrens zu ersuchen um dasselbe dem Vater
mitzuteilen Als wir auf dem Rückwege durch die anderen Gewàchshäuser gingen
sah ich dass auch hier kein Herabtropfen vorhanden sei und mein Begleiter
bestätigte es
Da ich noch ein Weilchen in der Wohnung der Gärtner leute geblieben war und
mit der Gärtnerfrau gesprochen hatte machte ich Anstalt zum Heimwege Die
Gärtnerfrau hatte meinen Wachsmantel in der Zeit in der ich mit ihrem Manne in
den Gewächshäusern gewesen war an seiner Aussenfläche von allem Wasser befreit
und ihn überhaupt handlich und angenehm hergerichtet Ich dankte ihr sagte dass
er wohl bald wieder verknittert sein würde empfahl mich freundlich nahm die
anderseitigen freundlichen Empfehlungen in Empfang und ging dann in meine
Zimmer
Dort kleidete ich mich sorgfältig um und ging dann zu meinem Gastfreunde
Er war eben mit Gustav beschäftigt der ihm Rechenschaft von seinen
Morgenarbeiten ablegte Ich fragte ob es mir erlaubt wäre in das Bildergemach
oder in ähnliche zu gehen
»Das Lesezimmer und das Bilderzimmer so wie das mit den Kupferstichen sind
ordnungsgemäss geheizt« antwortete mein Gastfreund »der Büchersaal der
Marmorsaal und die Marmortreppe werden leidlich warm sein Verschlossen ist
keiner der Räume Bedient Euch derselben wie Ihr es zu Hause tun würdet«
Ich dankte und entfernte mich Nach meiner Kenntnis der Tageinteilung wusste
ich dass er seine Beschäftigung mit Gustav fortsetzte
Ich ging zuerst auf die Marmortreppe Ich suchte sie von oben zu gewinnen
Als ich von dem gemeinschaftlichen Gange in den oberen Teil des Marmorganges
eingetreten war zog ich wie es hier vorgeschrieben war Filzschuhe welche
immer in Bereitschaft standen an und ging die glatte schöne Treppe hinunter
Als ich in die Mitte derselben gekommen war wo sich der breite Absatz befindet
hielt ich an denn das war das Ziel meiner Wanderung gewesen Ich wollte die
altertümliche Marmorgestalt betrachten Selbst heute in dem bleiernen Lichte
das durch die Glaswölbung welche noch dazu durch das auf ihr rinnende Wasser
getrübt war gleichsam träge nieder fiel war die Erscheinung eine gewaltige und
erhebende Die hehre Jungfrau sonst immer sanft und hoch stand heute in den
flüssigen Schleiern des dumpferen Lichtes zwar trüb aber mild da und der Ernst
des Tages legte sich auch als Ernst auf ihre unaussprechlich anmutigen Glieder
Ich sah die Gestalt lange an sie war mir wie bei jedem erneuerten Anblicke
wieder neu Wie sehr mir auch die blendend weiße Gestalt der Brunnennymphe im
Sternenhofe nach der jüngsten Vergangenheit als liebes Bild in die Seele geprägt
worden war so war sie doch ein Bild aus unserer Zeit und war mit unseren
Kräften zu fassen hier stand das Altertum in seiner Größe und Herrlichkeit Was
ist der Mensch und wie hoch wird er wenn er in solcher Umgebung und zwar in
solcher Umgebung von größerer Fülle weilen darf
Ich ging langsam die Treppe wieder hinan und ging in den Marmorsaal Seine
Größe seine Leerheit der wenn ein solches Wort erlaubt ist dunkle Glanz der
von dem dunkeln und mit ungewissen und zweideutigen Lichtern wechselnden Tage
auf seinen Wänden lag und wechselte ließ sich nach dem Anblicke der Gestalt des
Altertums tragen und ertragen Ja der Saal erschien mir in dem finsteren Tage
noch größer und ernster als sonst und ich weilte gerne in ihm fast so gerne
wie an jenem Abende an welchem ich mit meinem Gastfreunde unter dem sanften
Blitzen eines Gewitterhimmels in ihm auf und ab gegangen war Ich ging auch
jetzt wieder in demselben hin und wider und ließ den Sturm draußen mit seinen
trüben Lichtern die Wände herinnen mit ihrem matten Glanze und die Erinnerung
der eben gesehenen Gestalt in mir wirken
Nach einer Zeit trat ich durch die Tür welche in das Bilderzimmer führt
Die Bilder hingen in dem düsteren Glanze des Tages da und konnten selbst dort
wo der Künstler die kraftvollsten Mittel des Lichtes und Schattens angewendet
hatte nicht zur vollen Wirksamkeit gelangen weil das was die Bilder erst
recht malen hilft fehlte die Macht eines sonnigen und heiteren Tages Selbst
als ich zu einigen die ich besonders liebte näher getreten war selbst als ich
vor einem Guido der auf der Staffelei stand die nahe an das Fenster und in das
beste Licht gerückt worden war niedersass um ihn zu betrachten konnte die
Empfindung die sonst diese Werke in mir erregten nicht emporkeimen Ich
erkannte bald die Ursache, welche darin bestand dass ohnehin eine viel höhere in
meinem Gemüte waltete welche durch die Gestalt des Altertums in mir
hervorgerufen worden war Die Gemälde erschienen mir beinahe klein Ich ging in
das Bücherzimmer nahm mir Odysseus aus seinem Schreine begab mich in das
Lesezimmer in welchem die gesellige Flamme die Freundin des Menschen die ihm
in der Finsternis Licht und im Winter des Nordens Wärme gibt hinter dem feinen
Gitter eines Kamines freundlich loderte und in welchem alles auf das
reinlichste geordnet war setzte mich in einiger Entfernung von dem Fenster in
einen weichen Sitz und begann unter dem Prasseln des Regens an den Fenstern von
der ersten Zeile an zu lesen Die fremden Worte die als lebendig gesprochen
einer fernen Zeit angehörten die Gestalten welche durch diese Worte in unsere
Zeit mit all ihrer ihnen einstens angehörigen Eigentümlichkeit heraufgeführt
wurden schlossen sich an die Jungfrau an welche ich auf der Treppe hatte
stehen gesehen Als Nausikae kam war es mir wieder wie es mir bei der ersten
richtigen Betrachtung der Marmorgestalt gewesen war die Gewänder des harten
Stoffes löseten sich zu leichter Milde die Glieder bewegten sich das Angesicht
erhielt wandelbares Leben und die Gestalt trat als Nausikae zu mir Es war auch
die Erinnerung jenes Abends gewesen die heute meine Hand als ich von der
Treppe in den Marmorsaal und in das Bilderzimmer herauf gekommen war und in
diesen keine Befriedigung gefunden hatte zu den Worten Homers im Odysseus
greifen ließ Als die Helden das Mahl in dem Saale genossen hatten als der
Sänger gerufen worden war als die Worte jenes Liedes vernommen worden waren
dessen Ruhm damals bis zu dem Himmel reichte als Odysseus das Haupt verhüllt
hatte damit man die Tränen nicht sähe welche ihm aus den Augen flossen als
endlich Nausikae schlicht und mit tiefem Gefühle an den Säulen der Pforte des
Saales stand da gesellte sich auch lächelnd das schöne Bild Nataliens zu mir
sie war die Nausikae von jetzt so wahr so einfach nicht prunkend mit ihrem
Gefühle und es nicht verhehlend Beide Gestalten verschmolzen in einander und
ich las und dachte zugleich und bald las ich und bald dachte ich und als ich
endlich sehr lange bloß allein gedacht hatte nahm ich das Buch das vor mir auf
dem Tische lag wieder auf trug es in das Bücherzimmer auf seinen Platz und
ging durch den Marmorsaal und den Gang der Gastzimmer in meine Wohnung zurück
Das Werk des Vormittages war abgetan
Am Mittagtische fanden sich wieder dieselben Personen ein welche bei dem
Frühmahle versammelt gewesen waren Nach dem Genuße eines einfachen aber für
Gedeihen und Gesundheit sehr wohl zubereiteten Mahles wie es immer in dem
Rosenhause sein musste nach manchem freundlichen und erheiternden Gespräche
stand man auf um wieder zu seinen Geschäften zu gehen die jedem ernst und
wichtig genug waren mochten sie nun im Erwerben von Kenntnissen bestehen wie
fast ausschließlich bei Gustav oder mochten sie im Vorwärtsdringen in der Kunst
oder auf wissenschaftlichem Felde oder in einer richtigeren Gestaltung der
eigenen Lebenslage enthalten sein
Für den heutigen Nachmittag war ein besonderes Geschäft Vorbehalten worden
zu welchem auch Roland kommen und deshalb seine heutige Arbeit an seinem Bilde
abbrechen musste Es war eine Sammlung von Kupferstichen eingelangt welche zum
Kaufe angeboten waren und deren Besichtigung man auf den heutigen Nachmittag
anberaumt hatte Mein Gastfreund lud mich zu der Sache ein Die Kupferstiche
lagen in zwei Mappen in dem Zimmer meines Gastfreundes Wir gingen über die
Treppe die für die Dienerschaft bestimmt war in sein Zimmer empor und rückten
den Tisch auf welchem die Mappen lagen näher an ein Fenster damit wir die
Blätter besser betrachten konnten Die Mappen wurden geöffnet und bald sah man
dass der Sammler der in denselben entaltenen Stücke kein Mann gewesen sei der
von der Tiefe der Kunst von ihrem Ernste und von ihrer Bedeutung für das
menschliche Leben eine Vorstellung gehabt habe Er war eben ein Sammler
gewöhnlicher Art gewesen der die Menge und die Mannigfaltigkeit der Stocke vor
Augen gehabt hatte Jetzt lag er im Grabe und seine Erben mussten weder für die
Verhältnisse der Kunst zum menschlichen Leben noch für Sammeln von was immer
für einer Art einen Sinn gehabt haben daher sie alle Hefte meinem Gastfreunde
von dem sie gehört hatten dass er solche Merkwürdigkeiten suche zum Verkaufe
anboten Neben ganz wertlosen Erzeugnissen des Grabstichels nach heutiger
unbedeutender Weise wie sie in Büchern und Bilderwerken zum Behufe des
Gelderwerbes vorkommen neben Steinzeichnungen mit der Feder und der Kreide
befanden sich auch bessere Werke von jetzt und besonders einige Stücke aus
älterer Zeit von großem Werte Mein Gastfreund und seine zwei Gehilfen sprachen
bei dieser Gelegenheit manches über Kupferstiche was mir neu war und woran ich
die Bedeutung dieses Kunstzweiges mehr kennen lernte als ich sie früher kannte
Da er die Übersetzung der Werke der großen Meister aller Zeiten vermitteln kann
da er ein Bild das nur einmal da ist das für viele Menschen an fernen und
ihnen nie erreichbaren Orten sich befindet oder das als Eigentum eines
einzelnen Mannes nicht einmal allen denen die denselben Ort mit ihm bewohnen
zugänglich ist vervielfältiget und zur Anschauung in viele Orte und in ferne
Zeiten bringen kann so sollte man ihm wohl die größte Aufmerksamkeit schenken
Wenn er nicht einer gewissen zu bestimmten Zeiten in Schwung kommenden Art
huldigt sondern strebt die Seele des Meisters wie sie sich in dem Bilde
darstellt wieder zu geben wenn er nicht bloß die Stoffe wie sie sich in dem
Bilde befinden von der Zartheit des menschlichen Angesichtes und der
menschlichen Hände angefangen durch den Glanz der Seide und die Glätte des
Metalles bis zu der Rauhigkeit der Felsen und Teppiche herab sondern auch sogar
die Farben die der Maler angewendet hat durch verschiedene aber immer klare
leicht geführte und schöngeschwungene Linien die niemals unbedeutend niemals
durch Absonderlichkeit auffallend sein niemals einen bloßen Fleck bilden
dürfen und die er zur Bemeisterung jedes neuen Gegenstandes neu erfinden kann
darstellt dann kann er zwar nicht der Malerei in ihren Wirkungen an die Seite
gesetzt werden die sie auf ihre Beschauer geradehin ausübt aber er kann ihr an
Kunstwirkung überhaupt als ebenbürtig erkannt werden, weil er auf eine größere
Zahl von Menschen wirkt und bei denen welche die nachgeahmten Gemälde nicht
sehen können eine desto tiefere und vollere Kunstwirkung hervorbringt je
tiefer und edler er selber ist. Dies habe ich bei meinem Gastfreunde in der
Zeit als ich mit ihm in Verbindung war immer mehr kennen gelernt und dies ist
mir wieder besonders klar geworden als die Kupferstiche durchgesehen wurden
und als man über ihren Wert und über Mittel Wege und Wirkung der
Kupferstecherkunst überhaupt sprach Es wurde da man die Einzelheiten der guten
Blätter genau untersucht und ihre Vorzüge und ihre Mängel sorglich besprochen
hatte festgesetzt dass man der guten Stücke willen die ganze Sammlung kaufen
wolle wenn ihr Preis einen gewissen Betrag den man anbot und den man
gerechter und billiger Weise geben konnte nicht überstiege Die schlechten
Blätter wollte man dann vernichten weil sie durch ihr Dasein eine gute Wirkung
nicht nur nicht hervorbringen sondern das Gefühl dessen der nichts Besseres
sieht statt es zu heben in eine rohere und verbildetere Richtung lenken als
es nähme wenn ihm nichts als die Gegenstände der Natur geboten würden Den
Geist des Menschen sagten die Männer verunreinige falsche Kunst mehr als die
Unberührteit von jeder Kunst Da es dämmerte wurden die Kupferstiche in ihre
Behältnisse getan der Tisch wurde wieder an seine Stelle gerückt und wir
trennten uns
Der Sturm hatte eher zu als ab genommen und der Regen schlug in Strömen an
die Fenster
Abends waren wir wieder in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes vereinigt
nur Gustav fehlte weil er sich in seinem Zimmer noch mit seiner Tagesaufgabe
beschäftigte Ehe wir zu dem Abendessen gingen zeichnete mein Gastfreund noch
den Stand der naturwissenschaftlichen Geräte welche sich auf Luftdruck
Feuchtigkeit Wärme Elektrizität und dergleichen bezogen in seine Bücher und
dann ging er durch das ganze Haus und besah den Verhalt der Dinge in demselben
die geförderten Arbeiten der Hausleute ihr jetziges Tun und den allfälligen
Einfluss des heutigen stürmischen Wetters
Bei dem Abendessen wurde nachdem man die Nahrungsbedürfnisse in kurzer Zeit
gestillt und heitere Gespräche geführt hatte noch aus einem Buche vorgelesen
das damal neu war Es betraf größtenteils die Geschichte des Seidenbaues und der
Seidenweberei und besonders wurde der Abschnitt behandelt wie dieses Gewerbe
aus dem fernsten Morgenlande nach Syrien nach Arabien Egypten Byzanz dem
Peloponnes nach Sizilien Spanien Italien und Frankreich gekommen sei Mein
Gastfreund behauptete dass in der Anfertigung von jenen Prachtstoffen die aus
Seide und Gold oder Silber bestanden was die Feinheit und Zartheit des Gewebes
was dessen Weichheit verbunden mit mildem Glanze gegen den die heutigen Stoffe
dieser Art in ihrer Steifheit und in ihrem harten Schimmer stark abstehen und
was endlich den Schwung die feine Zierlichkeit und die reiche Einbildungskraft
in den Zeichnungen betrifft die Zeit des dreizehnten und vierzehnten
Jahrhunderts den späteren Zeiten und besonders der unsrigen weit vorzuziehen
sei Er habe zu spät angefangen diesem Zweige des Altertumes der beinahe ein
Zweig der Kunst sei seine Aufmerksamkeit zu widmen Eine Sammlung solcher
Stoffe müsste merkwürdig sein er könne aber keine mehr anlegen da sie Reisen
durch ganz Europa ja durch nicht unbedeutende Teile von Asien und Afrika
voraussetze und wahrscheinlich die Kräfte eines einzelnen Mannes überschreite
Gesellschaften oder der Staat könnten solche Sammlungen zur Vergleichung zur
Belehrung ja zur Bereicherung der Geschichte selber zu Stande bringen In
reichen Abteien in den Kleiderschreinen alter berühmter Kirchen in
Schatzkammern und andern Behältnissen königlicher Burgen und größerer Schlösser
dürfte sich vieles finden was dort zu entbehren wäre und in einer Sammlung
Sprache und Bedeutung gewänne Wie viel müsste nach den Kreuzzügen aus dem
Morgenlande nach Europa gekommen sein da selbst einfache Ritter mit dort
gewonnener Beute an Gold und kostbaren Stoffen in die Heimat zurückgekehrt
seien und sich Prunk außer bei kirchlichen Feierlichkeiten Krönungen
Aufzügen Kampfspielen auch im gewöhnlichen Verkehre mehr eingefunden hatte als
er früher gewesen war Wie müsste dieser Zweig auch ein Licht auf die mit seinem
Blühen ganz gleich laufende Zeit werfen in welcher jene merkwürdigen Kirchen
gebaut wurden deren erhabene Überbleibsel noch heute unsere Bewunderung
erregen wie müsste er auch eine Beziehung eröffnen zur Verzierungskunst jener
Zeit in Steinmetzarbeit in Elfenbein und Holzschnitzerei ja zum Beginne der
später blühenden großen Malerschulen in dem Norden und Süden Europas und wie
müsste er sogar auf Gedanken über Anschauungsweise der Völker ihre Verbindungen
und ihre Handelswege leiten Tun das ja auch Münzen tun es Siegel und andere
diesen untergeordnete Dinge Roland sagte er wolle nun solche Stoffe zu sammeln
suchen
Wir gingen an jenem Abende später auseinander als gewöhnlich
Am anderen Morgen als ich aufgestanden war und das beginnende Licht einen
Ausblick durch die Fenster gestattete sah ich frischen Schnee über alle Gefilde
ausgebreitet und in dichten Flocken die um das Glas der Fenster spielten fiel
er noch immer von dem Himmel herunter Der Wind hatte etwas nachgelassen die
Kälte musste gestiegen sein
Wir machten an diesem Tage alle zusammen einen ziemlich großen Spaziergang
Im Garten wurde herumgegangen ob etwas zu richten sei die Gewächshäuser wurden
besucht in dem Meierhofe wurde nachgesehen und abends wurde in dem Buche
welches von der Seidenweberei handelte weiter gelesen Der Schneefall hatte bis
in die Dämmerung gedauert dann kamen heitere Stellen an dem Himmel zum
Vorscheine
Wie diese zwei Tage vergangen waren so vergingen nun mehrere und mein
Gastfreund begann nicht seine Mitteilungen welche er versprochen hatte zu
machen Wir hatten außer der Zeit die jeder in seiner Wohnung bei seinen
Arbeiten zubrachte manche Gänge durch die Gegend gemacht was um so angenehmer
war als nach den stürmischen Tagen bei meiner Ankunft sich heiteres stilles
und kaltes Wetter eingestellt hatte Ich war zu mancher Zeit in der Gesellschaft
meines Gastfreundes ich sah ihm zu wenn er seine Vögel vor dem Fenster
fütterte oder wenn er für Ernährung der Hasen außerhalb der Grenze seines
Gartens sorgte was des tiefen Schnees willen der gefallen war doppelt
notwendig wurde wir hatten weitere Fahrten in dem Schlitten gemacht um
Nachbarn zu besuchen manches zu besprechen oder die freie Luft und die
Bewegung zu genießen einmal war ich mit meinem Gastfreunde zu einer Brücke
gefahren die er mit mehreren Männern beschauen sollte weil man vorhatte sie
im Frühlinge neu zu bauen man hatte meinen Gastfreund nicht verschont und ihn
mit Gemeindeämtern betraut mehrere Male waren wir in verschiedenen Teilen der
Wälder gewesen um bei dem Fällen der Hölzer nachzusehen welche zum Bauen und
zur Verarbeitung in dem Schreinerhause verwendet werden sollten welche Fällung
in dieser Jahreszeit vor sich gehen musste wir waren auch einmal im Jnghofe
gewesen und hatten die dortigen Gewächshäuser besehen Der Hausverwalter und der
Gärtner hatten uns bereitwillig und freundlich herum geführt Der Herr des
Besitztums war mit seiner Familie in der Stadt
Eines Tages kam mein Gastfreund in meine Wohnung was er öfter tat teils um
mich zu besuchen teils um nach zu sehen ob es mir nicht an etwas Notwendigem
gebreche Nachdem das Gespräch über verschiedene Dinge eine Weile gedauert
hatte sagte er »Ihr werdet wohl wissen dass ich der Freiherr von Risach bin«
»Lange wusste ich es nicht« antwortete ich »jetzt weiß ich es schon eine
geraume Zeit«
»Habt Ihr nie gefragt«
»Ich habe nach der ersten Nacht die ich in Eurem Hause zugebracht habe
einen Bauersmann gefragt welcher mir die Antwort gab Ihr seiet der Aspermeier
An demselben Tage forschte ich auch in weiterer Entfernung ohne etwas Genaues
zu erfahren Später habe ich nie mehr gefragt«
»Und warum habt Ihr denn nie gefragt«
»Ihr habt Euch mir nicht genannt daraus schloss ich dass Ihr nicht für nötig
hieltet mir Euren Namen zu sagen und daraus zog ich für mich die Maßregel dass
ich Euch nicht fragen dürfe und wenn ich Euch nicht fragen durfte durfte ich
es auch einen andern nicht«
»Man nennt mich hier in der ganzen Gegend den Asperherrn« antwortete er
»weil es bei uns gebräuchlich ist den Besitzer eines Gutes nach dem Gute nicht
nach seiner Familie zu benennen Jener Name erbt in Hinsicht aller Besitzer bei
dem Volke fort dieser ändert sich bei einer Änderung des Besitzstandes und da
müsste das Volk stets wieder einen neuen Namen erlernen wozu es viel zu
beharrend ist Einige Landleute nennen mich auch den Aspermeier wie mein
Vorgänger geheißen hat«
»Ich habe einmal zufällig Euren richtigen Namen nennen gehört« sagte ich
»Ihr werdet dann auch wissen dass ich in Staatsdiensten gestanden bin«
erwiderte er
»Ich weiß es« sagte ich
»Ich war für dieselben nicht geeignet« antwortete er
»Dann sagt Ihr etwas dem alle Leute die ich bisher über Euch gehört habe
widersprechen Sie loben Eure Staatslaufbahn insgesamt« erwiderte ich
»Sie sehen vielleicht auf einige einzelne Ergebnisse« antwortete er »aber
sie wissen nicht mit welchem Ungemache des Entstehens diese aus meinem Herzen
gekommen sind Sie können auch nicht wissen wie die Ergebnisse geworden wären
wenn ein anderer von gleicher Begabung aber von größerer Gemütseignung für den
Staatsdienst oder wenn gar einer von auch noch größerer Begabung sie gefördert
hätte«
»Das kann man von jedem Dinge Sagen« erwiderte ich
»Man kann es« antwortete er »dann soll man aber das was nicht gerade
misslungen ist auch nicht sogleich loben Hört mich an Der Staatsdienst oder
der Dienst des allgemeinen Wesens überhaupt wie er sich bis heute entwickelt
hat umfasst eine große Zahl von Personen Zu diesem Dienste wird auch von den
Gesetzen eine gewisse Ausbildung und ein gewisser Stufengang in Erlangung dieser
Ausbildung gefordert und muss gefordert werden Je nachdem nun die Hoffnung
vorhanden ist, dass einer nach Vollendung der geforderten Ausbildung und ihres
Stufenganges sogleich im Staatsdienste Beschäftigung finden und dass er in einer
entsprechenden Zeit in jene höheren Stellen empor rücken werde welche einer
Familie einen anständigen Unterhalt gewähren widmen sich mehr oder wenigere
Jünglinge der Staatslaufbahn Aus der Zahl derer welche mit gutem Erfolge den
vorgeschriebenen Bildungsweg zurückgelegt haben wählt der Staat seine Diener
und muss sie im ganzen daraus wählen Es ist wohl kein Zweifel dass auch
außerhalb dieses Kreises Männer von Begabung für den Staatsdienst sind von
großer Begabung ja von außerordentlicher Begabung aber der Staat kann sie
jene ungewöhnlichen Fälle abgerechnet wo ihre Begabung durch besondere Zufälle
zur Erscheinung gelangt und mit dem Staate in Wechselwirkung gerät nicht
wählen weil er sie nicht kennt und weil das Wählen ohne nähere Kenntnis und
ohne die vorliegende Gewähr der erlangten vorgeschriebenen Ausbildung Gefahr
drohte und Verwirrung und Missleitung in die Geschäfte bringen könnte Wie nun
diejenigen, welche die Vorbereitungsjahre zurückgelegt haben beschaffen sind
so muss sie der Staat nehmen Oft sind selbst große Begabungen in größerer Zahl
darunter oft sind sie in geringerer oft ist im Durchschnitte nur
Gewöhnlichkeit vorhanden Auf diese Beschaffenheit seines Personenstoffes musste
nun der Staat die Einrichtung seines Dienstes gründen Der Sachstoff dieses
Dienstes musste eine Fassung bekommen die es möglich macht dass die zur
Erreichung des Staatszweckes nötigen Geschäfte fortgehen und keinen Abbruch und
keine wesentliche Schwächung erleiden wenn bessere oder geringere einzelne
Kräfte abwechselnd auf die einzelnen Stellen gelangen in denen sie tätig sind
Ich könnte ein Beispiel gebrauchen und sagen jene Uhr wäre die vortrefflichste
welche so gebaut wäre dass sie richtig ginge wenn auch ihre Teile verändert
würden schlechtere an die Stelle besserer bessere an die Stelle schlechterer
kämen Aber eine solche Uhr dürfte kaum möglich sein Der Staatsdienst musste
sich aber so möglich machen oder sich nach der Entwicklung die er heute
erlangt hat aufgeben Es ist nun einleuchtend dass die Fassung des Dienstes
eine strenge sein muss dass es nicht erlaubt sein könne dass ein Einzelner den
Dienstesinhalt in einer andern Fassung als in der vorgeschriebenen anstrebe ja
dass sogar mit Rücksicht auf die Zusammenhaltung des Ganzen ein Einzelnes minder
gut verrichtet werden muss als man es von seinem Standpunkte allein betrachtet
tun könnte Die Eignung zum Staatsdienste von Seite des Gemütes abgesehen von
den andern Fähigkeiten besteht nun auch in wesentlichen Teilen darin dass man
entweder das Einzelne mit Eifer zu tun im Stande ist ohne dessen Zusammenhang
mit dem großen Ganzen zu kennen oder dass man Scharfsinn genug hat den
Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen zum Wohle und Zwecke des Allgemeinen
einzusehen und dass man dann dieses Einzelne mit Lust und Begeisterung
vollführt Das letztere tut der eigentliche Staatsmann das erste der sogenannte
gute Staatsdiener Ich war keins von beiden Ich hatte von Kindheit an freilich
ohne es damals oder in den Jugendjahren zu wissen zwei Eigenschaften die dem
Gesagten geradezu entgegen standen Ich war erstens gerne der Herr meiner
Handlungen Ich entwarf gerne das Bild dessen was ich tun sollte selbst und
vollführte es auch gerne mit meiner alleinigen Kraft Daraus folgte dass ich
schon als Kind wie meine Mutter erzählte eine Speise ein Spielzeug und
dergleichen lieber nahm als mir geben ließ dass ich gegen Hilfe widerspänstig
war dass man mich als Knaben und Jüngling ungehorsam und eigensinnig nannte und
dass man in meinen Männerjahren mir Starrsinn vorwarf Das hinderte aber nicht
dass ich dort wo mir ein Fremdes durch Gründe und hohe Triebfedern unterstützt
gegeben wurde dasselbe als mein Eigenes aufnahm und mit der tiefsten
Begeisterung durchführte Das habe ich einmal in meinem Leben gegen meine
stärkste Neigung die ich hatte getan um der Ehre und der Pflicht zu genügen
Ich werde es Euch später erzählen Daraus folgt, dass ich eigensinnig in der
Bedeutung des Wortes, wie man es gewöhnlich nimmt nicht gewesen bin und es
auch im Alter in dem man überhaupt immer milder wird gewiss nicht bin Eine
zweite Eigenschaft von mir war dass ich sehr gerne die Erfolge meiner Handlungen
abgesondert von jedem Fremdartigen vor mir haben wollte um klar den
Zusammenhang des Gewollten und Gewirkten überschauen und mein Tun für die
Zukunft regeln zu können Eine Handlung die nur gesetzt wird um einer
Vorschrift zu genügen oder eine Fassung zu vollenden konnte mir Pein erregen
Daraus folgte dass ich Taten deren letzter Zweck ferne lag oder mir nicht
deutlich war nur lässig zu vollführen geneigt war während ich Handlungen wenn
ihr Ziel auch sehr schwer und nur durch viele Mittelglieder zu erreichen war
mit Eifer und Lust zu Ende führte sobald ich mir nur den Hauptzweck und die
Mittelzwecke deutlich machen und mir aneignen konnte Im ersten Falle vermochte
ich es mir nur durch die Vorstellung, dass der Zweck wenn auch dunkel doch ein
hoher sei abzuringen dass ich mit aller Kraft an das Werk ging wobei ich aber
immer zum Eilen geneigt war weshalb man mich auch ungeduldig schalt im zweiten
Falle gingen die Kräfte von selber an das Werk und es wurde mit der größten
Ausdauer und mit Verwendung aller gegebenen Zeit zu Stande gebracht weshalb man
mich auch wieder hartnäckig nannte Ihr werdet in diesem Hause Dinge gesehen
haben aus denen Euch klar geworden ist dass ich Zwecke auch mit großer Geduld
verfolgen kann Sonderbar ist es überhaupt und dürfte von größerer Bedeutung
sein als man ahnt dass mit dem zunehmenden Alter die Weitaussichtigkeit der
Pläne wächst man denkt an Dinge die unabsehliche Strecken jenseits alles
Lebenszieles liegen was man in der Jugend nicht tut und das Alter setzt mehr
Bäume und baut mehr Häuser als die Jugend Ihr seht dass mir zwei Hauptdinge zum
Staatsdiener fehlen das Geschick zum Gehorchen was eine Grundbedingung jeder
Gliederung von Personen und Sachen ist und das Geschick zu einer tätigen
Einreibung in ein Ganzes und kräftiger Arbeit für Zwecke die außer dem
Gesichtskreise liegen was nicht minder eine Grundbedingung für jede Gliederung
ist Ich wollte immer am Grundsätzlichen ändern und die Pfeiler verbessern
statt in einem Gegebenen nach Kräften vorzugehen ich wollte die Zwecke allein
entwerfen und wollte jede Sache so tun wie sie für sich am besten ist ohne
auf das Ganze zu sehen und ohne zu beachten ob nicht durch mein Vorgehen
anderswo eine Lücke gerissen werde die mehr schadet als mein Erfolg nützt Ich
wurde da ich noch kaum mehr als ein Knabe war in meine Laufbahn geführt ohne
dass ich sie und mich kannte und ich ging in derselben fort so weit ich konnte
weil ich einmal in ihr war und mich schämte meine Pflicht nicht zu tun Wenn
einiges Gute durch mich zu Stande kam so rührt es daher dass ich einerseits in
Betrachtung meines Amtes und seiner Gebote meinen Kräften eine mögliche
Tätigkeit abrang und dass andererseits die Zeitereignisse solche Aufgaben herbei
führten bei denen ich die Pläne des Handelns entwerfen und selber durchführen
konnte Wie tief aber mein Wesen litt wenn ich in Arten des Handelns die
seiner Natur entgegengesetzt sind begriffen war das kann ich Euch jetzt kaum
ausdrücken noch wäre ich damals im Stande gewesen es auszudrücken Mir fiel in
jener Zeit immer und unabweislich die Vergleichung ein wenn etwas das Flossen
hat fliegen und etwas das Flügel hat schwimmen muss Ich legte deshalb in
einem gewissen Lebensalter meine Ämter nieder Wenn Ihr fragt ob es denn
notwendig sei dass sich in der Gliederung des Staatsdienstes eine so große
Anzahl von Personen befinde und ob man nicht einen Teil der allgemeinen
Geschäfte wie sie jetzt sind zu besonderen Geschäften machen und sie besonderen
Körperschaften oder Personen die sie hauptsächlich angehen überlassen könnte
wodurch eine größere Übersichtlichkeit in den Staatsdienst käme und wodurch es
möglich würde dass sich hervorragende Begabungen mehr im Entwerfen und
Vollführen von Plänen zu allgemeinem Besten geltend machen könnten so antworte
ich diese Frage ist allerdings eine wichtige und ihre richtige Beantwortung von
der größten Bedeutung aber eben die richtige Beantwortung in allen ihren
Einzelnheiten dürfte eine der schwersten Aufgaben sein und ich getraue mir
nicht von mir zu behaupten dass ich diese richtige Beantwortung zu geben im
Stande wäre Auch liegt dieser Gegenstand unserem heutigen Gespräche zu ferne
und wir können ein anderes Mal von ihm reden so weit wir im Urteile über ihn zu
kommen vermögen Das ist gewiss wenn auch im gegenwärtigen Staatsdienste
Veränderungen notwendig sein sollten und wenn die Veränderungen in dem früher
angeführten Sinne vor sich gehen werden so hat der gegenwärtige Zustand doch in
den allgemeinen Umwandlungen denen der Staat so wie jedes menschliche Ding und
die Erde selbst unterworfen ist sein Recht er ist ein Glied der Kette und wird
seinem Nachfolger so weichen wie er selber aus seinem Vorläufer hervor gegangen
ist Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen und dass es so schwer
ist seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen in welcher man ihnen ihre Richtung
vorzeichnen das heißt einen Lebensweg wählen muss Wir hatten bei unsern
Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge aber auch von jeder andern
Lebensbeschäftigung gilt dasselbe Selten sind die Kräfte so groß dass sie sich
der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur
Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen oder dass sie selber mit
großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen Ich hatte außer den Eigenschaften
meines Geistes die ich Euch eben darlegte noch eine besondere deren Wesenheit
ich erst sehr spät erkannte Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur
Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind Blosse Beziehungen und
Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert ich
konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen Da ich
noch klein war legte ich allerlei Dinge an einander und gab dem so Entstandenen
den Namen einer Ortschaft den ich etwa zufällig öfter gehört hatte oder ich
bog eine Gerte einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr
einen Namen oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter die Muhme ja
sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen von denen ich sprach gab
ich Gestalten und konnte sie mir merken So erinnere ich mich noch jetzt dass
ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte Wir bekamen damals einen neuen
Ahorntisch dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander
gehalten wurden Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der
Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine und diese Gestalt hieß ich
die Kriegswerbung Diese sinnliche Regung die wohl alle Kinder haben wurde bei
mir da ich heran wuchs immer deutlicher und stärker Ich hatte Freude an
allem was als Wahrnehmbares hervorgebracht wurde an dem Keimen des ersten
Gräsleins an dem Knospen der Gesträuche an dem Blühen der Gewächse an dem
ersten Reife der ersten Schneeflocke an dem Sausen des Windes dem Rauschen
des Regens ja an dem Blitze und Donner obwohl ich beide fürchtete Ich ging
zusehen wenn die Zimmerleute Holz aushauten wenn eine Hütte gezimmert ein
Brett angenagelt wurde Ja die Worte die einen Gegenstand sinnlich vorstellbar
bezeichneten waren mir weit lieber als die welche ihn nur allgemein angaben
So zum Beispiele traf es mich viel mächtiger wenn jemand sagte der Graf reitet
auf dem Schecken als er reitet auf einem Pferde Ich zeichnete mit einem
Rotstifte Hirsche Reiter Hunde Blumen mit Vorliebe aber Städte von denen
ich ganz wunderbare Gestalten zusammensetzte Ich machte aus feuchtem Lehm
Paläste aus Holzrinde Altäre und Kirchen Ich nenne diesen Trieb
Schaffungslust Er ist bei vielen Menschen mehr oder minder vorhanden Eine noch
größere Zahl aber hat die Bewahrungslust von der der Geiz eine hässliche Abart
ist Selbst in späteren Jahren trat diese Lust nicht zurück Da ich einmal an
unserem schönen Strome zu wohnen kam und im ersten Winter zum ersten Male das
Treibeis sah konnte ich mich nicht satt sehen an dem Entstehen desselben und an
dem gegenseitigen Anstossen und Abreiben der mehr oder minder runden Kuchen
Selbst in den nächst folgenden Wintern stand ich oft stundenlange an dem Ufer
und sah den Eisbildungen zu besonders der Entstehung des Standeises Das was
vielen so unangenehm ist das Verlassen einer Wohnung und das Beziehen einer
andern machte mir Lust Mich freute das Einpacken das Auspacken und die
Instandesetzung der neuen Räume In den Jünglingsjahren trat eine weitere Seite
dieses Triebes hervor Ich liebte nicht bloß Gestalten sondern ich liebte
schöne Gestalten Dies war wohl auch schon in dem Kindertriebe vorhanden Rote
Farben sternartige oder vielverschlungene Dinge sprachen mich mehr an als
andere Es kam aber diese Eigenschaft damals weniger zum Bewusstsein Als
Jüngling begehrte ich die Gestalten wie sie als Körper aus der Bildhauerei und
Baukunst hervor gehen als Flächen Linien und Farben aus der Malerei als Folge
der Gefühle in der Musik der menschlich sittlichen und der irdisch merkwürdigen
Zustände in der Dichtkunst Ich gab mich diesen Gestalten mit Wärme hin und
verlangte Gebilde die ihnen ähnlich sind im Leben Felsen Berge Wolken
Bäume die ihnen glichen liebte ich die entgegengesetzten verachtete ich
Menschen menschliche Handlungen und Verhältnisse die ihnen entsprachen zogen
mich an die andern stießen mich ab Es war ich erkannte es spät im Grunde die
Wesenheit eines Künstlers die sich in mir offenbarte und ihre Erfüllung
heischte Ob ich ein guter oder ein mittelmässiger Künstler geworden wäre weiß
ich nicht Ein großer aber wahrscheinlich nicht weil dann nach allem Vermuten
doch die Begabung durchgebrochen wäre und ihren Gegenstand ergriffen hätte
Vielleicht irre ich mich auch darin und es war mehr bloß die Anlage des
Kunstverständnisses was sich offenbarte als die der Kunstgestaltung Wie das
aber auch ist in jedem Falle waren die Kräfte die sich in mir regten dem
Wirken eines Staatsdieners eher hinderlich als förderlich Sie verlangten
Gestalten und bewegten sich um Gestalten So wie aber der Staat selber die
Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist, also nicht eine
Gestalt sondern eine Fassung so beziehen sich die Ergebnisse der Arbeiten der
Staatsmänner meist auf Beziehungen und Verhältnisse der Staatsglieder oder der
Staaten sie liefern daher Fassungen nicht Gestalten So wie ich in der
Kindheit oft den abgezogenen Begriffen eine Gestalt leihen musste um sie halten
zu können so habe ich oft in gereiften Jahren im Staatsdienste wenn es sich um
Staatsbeziehungen um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates an
andere handelte mir die Staaten als einen Körper und eine Gestalt gedacht und
ihre Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknüpft Auch habe ich nie vermocht
die bloßen eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres Staates allein als das
höchste Gesetz und die Richtschnur meiner Handlungen zu betrachten Die
Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an sich sind war bei mir so groß dass ich bei
Verwicklungen streitigen Ansprüchen und bei der Notwendigkeit manche Sachen zu
ordnen nicht auf unsern Nutzen sah sondern auf das was die Dinge nur für sich
forderten und was ihrer Wesenheit gemäß war damit sie das wieder werden was
sie waren und das was ihnen genommen wurde erhalten ohne welchem sie nicht
sein können was sie sind Diese meine Eigenschaft hat mir manchen Kummer
bereitet sie hat mir hohen Tadel zugezogen aber sie hat mir auch Achtung und
Anerkennung eingebracht Wenn meine Meinung angenommen und ins Werk gesetzt
worden war so hatte die neue Ordnung der Dinge, weil sie auf das Wesentliche
ihrer Natur gegründet war Bestand sie brachte in so ferne weil wir vor
erneuerten Unordnungen also vor wiederholter Kraftanstrengung geschützt waren
unserem Staate einen größeren Nutzen als wenn wir früher den einseitigen
angestrebt hätten und ich erhielt Ehrenzeichen Lob und Beförderung Wenn ich
in jenen Tagen der schweren Arbeit eine Ruhezeit hatte und auf einer kleinen
Reise die erhabene Gestalt eines Berges sah oder eine Hügelreihe sich türmender
Wolken oder die blauen Augen eines freundlichen Landmädchens oder den
schlanken Körper eines Jünglings auf einem schönen Pferde oder wenn ich auch
nur in meinem Zimmer vor meinen Gemälden stand deren ich damals schon manche
sammelte oder vor einer kleinen Bildsäule so verbreitete sich eine Ruhe und
ein Wohlbehagen über mein Inneres als wäre es in seine Ordnung gerückt worden
Wenn ein künstlerisches Gestaltungsvermögen in mir war so war es das eines
Baumeisters oder eines Bildhauers oder auch noch das eines Malers gewiss aber
nicht das eines Dichters oder gar eines Tonsetzers Die ersteren Gegenstände
zogen mich immer mehr an die letzteren standen mir ferner Wenn es aber mehr
eine Kunstliebe war was sich in mir äußerte nicht eine Schöpfungskraft so war
es immerhin auch ein Vermögen der Gestalten aber nur eines die Gestalten
aufzunehmen Wenn diese Art von Eigentümlichkeit den Besitzer zunächst beglückt
wie ja jede Kraft selbst die Schaffungskraft zuerst ihres Besitzers willen da
ist so bezieht sie sich doch auch auf andere Menschen wie in zweiter Hinsicht
jede Kraft selbst die eigenste eines Menschen nicht in ihm verschlossen
bleiben kann sondern auf andere übergeht Es ist eine sehr falsche Behauptung
die man aber oft hört dass jedes große Kunstwerk auf seine Zeit eine große
Wirkung hervorbringen müsse dass ferner das Werk welches eine große Wirkung
hervor bringt auch ein großes Kunstwerk sei und dass dort wo bei einem Werke
die Wirkung ausbleibt von einer Kunst nicht geredet werden kann. Wenn irgend
ein Teil der Menschheit ein Volk rein und gesund am Leibe und an der Seele ist
wenn seine Kräfte gleichmäßig entwickelt nicht aber nach einer Seite
unverhältnismässig angespannt und tätig sind so nimmt dieses Volk ein reines und
wahres Kunstwerk treu und warm in sein Herz auf wozu es keiner Gelehrsamkeit
sondern nur seiner schlichten Kräfte bedarf die das Werk als ein ihnen
Gleichartiges aufnehmen und hegen Wenn aber die Begabungen eines Volkes und
seien sie noch so hoch nach einer Richtung hin in weiten Räumen voraus eilen
wenn sie gar auf bloße Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind so müssen die
Werke welche eine große Wirkung hervor bringen sollen auf jene Richtung in
der die Kräfte vorzugsweise tätig sind hinzielen oder sie müssen Sinneslust
und Laster darstellen Reine Werke sind einem solchen Volke ein Fremdes es
wendet sich von ihnen Daher rührt die Erscheinung dass edle Werke der Kunst ein
Zeitalter rühren und begeistern können und dass dann ein Volk kommt dem sie
nicht mehr sprechen Sie verhüllen ihr Haupt und harren bis andere
Geschlechter an ihnen vorüber wandeln die wieder reines Sinnes sind und zu
ihnen empor blicken Diesen lächeln sie und von diesen werden sie wieder wie
herübergerettete Heiligtümer in Tempel gebracht In entarteten Völkern blüht
zuweilen aber sehr selten ein reines Werk wie ein vereinsamter Strahl hervor
es wird nicht beachtet und wird später von einem Menschenforscher entdeckt wie
jener Gerechte in Sodoma Damit aber der Dienst der Kunst leichter erhalten
werde sind in jedem Zeitalter solche denen ein tieferer Sinn für Kunstwerke
gegeben ward sie sehen mit klarerem Auge in ihre Teile nehmen sie mit Wärme
und Freude in ihr Herz und übergeben sie so ihren Mitmenschen Wenn man die
Erschaffenden Götter nennt so sind jene die Priester dieser Götter Sie
verzögern den Schritt des Unheiles wenn der Kunstdienst zu verfallen beginnt
und sie tragen wenn es nach der Finsternis wieder hell werden soll die Leuchte
voran Wenn ich nun ein solcher war wenn ich bestimmt war durch Anschauung
hoher Gestalten der Kunst und der Schöpfung die mir ja immer mit freundlichen
Augen zugewinkt haben Freude in mein Herz zu sammeln und Freude Erkenntnis
und Verehrung der Gestalten auf meine Mitmenschen zu übertragen so war mir
meine Staatslaufbahn in diesem Berufe wieder sehr hinderlich und dürftige
Spätblüten können den Sommer dessen kräftige Lüfte und warme Sonne unbenützt
vorüber gingen nicht ersetzen Es ist traurig dass man sich nicht so leicht den
Weg der der vorzüglichste in jedem Leben sein soll wählen kann Ich
wiederhole was wir oft gesagt haben und womit Euer ehrwürdiger Vater auch
übereinstimmt dass der Mensch seinen Lebensweg seiner selbst willen zur
vollständigen Erfüllung seiner Kräfte wählen soll Dadurch dient er auch dem
Ganzen am besten wie er nur immer dienen kann Es wäre die schwerste Sünde
seinen Weg nur ausschließlich dazu zu wählen wie man sich so oft ausdrückt der
Menschheit nützlich zu werden Man gäbe sich selber auf und müsste in den
meisten Fällen im eigentlichen Sinne sein Pfand vergraben Aber was ist es mit
der Wahl Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind so geworden dass zur
Befriedigung unserer stofflichen Bedürfnisse ein sehr großer Aufwand gehört
Daher werden junge Leute ehe sie sich selber bewusst werden in Laufbahnen
gebracht die ihnen den Erwerb dessen was sie zur Befriedigung der angeführten
Bedürfnisse brauchen sichern Von einem Berufe ist da nicht die Rede Das ist
schlimm sehr schlimm und die Menschheit wird dadurch immer mehr eine Herde Wo
noch eine Wahl möglich ist weil man nicht nach sogenanntem Broderwerbe
auszugehen braucht dort sollte man sich seiner Kräfte sehr klar bewusst werden
ehe man ihnen den Wirkungskreis zuteilt Aber muss man nicht in der Jugend
wählen weil es sonst zu spät ist Und kann man sich in der Jugend immer seiner
Kraft bewusst werden Es ist schwierig und mögen die beteiligt sind darüber
wachen dass weniger leichtsinnig verfahren werde Lasst uns über diesen
Gegenstand abbrechen Ich wollte Euch das was ich gesagt habe sagen ehe ich
Euch erzähle wie ich mit den Angehörigen Eurer künftigen Braut zusammen hänge
Ich sagte es Euch damit Ihr ungefähr den Stand beurteilen könnt auf dem ich
nun stehe Wir wollen zur Fortsetzung eine andere Zeit bestimmen«
Nach diesen Worten ging das Gespräch auf andere Gegenstände über wir
machten dann auch einen Spaziergang dem sich auch Gustav zugesellte
4 Der Rückblick
Ohne dass ich eine nähere oder entferntere Aufforderung oder Bitte gemacht hätte
fuhr mein Gastfreund nach Verlauf eines Tages in seinen Mitteilungen fort Er
hatte gefragt ob er eine Zeit in meinem Zimmer zubringen dürfe und ich hatte
es begreiflicher Weise bejaht Wir saßen an einem angenehmen und stillen Feuer
das von sehr großen und dichten Buchenklötzen unterhalten wurde er lehnte sich
in seinem Polsterstuhle zurück und sagte »Ich möchte wenn es Euch genehm ist
heute meine Mitteilungen an Euch vollenden Ich habe Sorge getragen dass wir
nicht gestört werden Ihr dürft nur sagen ob Ihr mich hören wollt«
»Ihr wisst dass es mir nicht nur angenehm sondern auch meine Pflicht ist«
antwortete ich
»Zuerst muss ich von mir erzählen« begann er »es dürfte so notwendig sein
Ich bin im Dorfe Dallkreuz in dem sogenannten Hinterwalde geboren worden Ihr
wisst dass der Name Hinterwald nicht mehr so viel zu bedeuten hat als er sagt
Einmal war er wie über die ganze Gegend welche von unserem Strome als ein
Gebilde von Hügeln nordwärts geht auch über die Gründe von Dallkreuz
verbreitet Dallkreuz war damals nicht und sein Entstehen mochte mit dem
Aufschlagen von einigen Holzarbeiterhütten begonnen haben Jetzt sind Felder
Wiesen und Weiden über das ganze Hügelland gebreitet und einige Reste der alten
Waldungen schauen ernst auf diese Gründe herab Das Haus meines Vaters stand
außerhalb des Ortes in der Nähe einiger anderer war aber doch frei genug um
auf Wiesen Felder Gärten und im Süden auf ein sehr schönes blaues Waldband zu
sehen Als ich ein Knabe von zehn Jahren war kannte ich alle Bäume und
Gesträuche der Gegend und konnte sie nennen ich kannte die vorzüglichsten
Pflanzen und Gesteine ich kannte alle Wege wusste wohin sie führten und war
in allen benachbarten Orten schon gewesen die sie berühren Ich kannte alle
Hunde von Dallkreuz wusste welche Farben sie hatten wie sie hießen und wem
sie gehörten Ich liebte die Wiesen die Felder die Gesträuche unser Haus
außerordentlich und unsere Kirchenglocken deuchten mir das Lieblichste und
Anmutigste was es nur auf Erden geben kann Meine Eltern lebten in Frieden und
Eintracht ich hatte noch eine Schwester welche meine Knabenfahrten mit mir
machen musste Zu unserem Hause das nur ein Erdgeschoss hatte welches aber
schneeweiß war und weithin in dem Grün leuchtete gehörten Wiesen Felder und
Wäldchen Der Vater ließ aber das durch Knechte verwalten er selber trieb einen
Handel mit Flachs und Linnen der ihn auf vielfache Reisen führte Ich wurde da
ich noch ein Kind war zu dem Erben dieser Dinge bestimmt sollte aber vorher
auf einer Lehranstalt die notwendige Ausbildung bekommen Der Vater hatte als
dessen Eltern die ich nur wenig gekannt hatte gestorben waren keine
Verwandten mehr Meine Mutter die der Vater von ferne her geholt hatte hatte
noch einen Bruder der aber mit ihr weil sie als von einem wohlhabenden Hause
stammend eine Verbindung unter ihrem Stande wie er sich ausdrückte geschlossen
hatte zerfallen war und durch nichts versöhnt werden konnte Wir wussten nichts
von ihm man vermied es seiner Erwähnung zu tun und oft in einem ganzen Jahre
wurde sein Name nicht genannt Die Zustände meines Vaters aber blühten empor
und er war fast der Angesehenste in der Gegend In dem Jahre nach dessen Ende
ich in die Lehranstalt abgehen sollte trafen mehrere Unglücksfälle ein
Hagelschaden verwüstete die Felder ein Teil des Gebäudes brannte ab und als
das alles wieder hergestellt und in das Geleise gebracht worden war starb der
Vater eines plötzlichen unvorhergesehenen Todes Ein lässiger Vormund
hinterlistige Handelsfreunde welche zweifelhafte Forderungen stellten und ein
unglücklicher Prozess der daraus entsprang brachten für die Mutter eine Lage
herbei in welcher sie mit Sorgen für unsere Zukunft zu kämpfen hatte Sie war
da man endlich alles zur Ruhe gebracht hatte auf das Notdürftigste beschränkt
Ich musste im Herbste das geliebte Haus das geliebte Tal und die geliebten
Angehörigen verlassen Mit ärmlicher Ausstattung ging ich an der Hand eines
größeren Schülers zu Fuß den ziemlich weiten Weg in die Lehranstalt Dort
gehörte ich zu den Dürftigsten Aber die Mutter sandte das was sie senden
konnte so genau und zu rechter Zeit dass ich nie viel aber doch das zum
Bestehen Nötige hatte Es war an der Anstalt Sitte dass die Knaben in den
höheren Abteilungen denen in den niedreren außerordentlichen Unterricht
erteilten und dafür ein Entgelt bekamen Da ich einer der besten Schüler war so
wurden mir in meinem vierten Lehrjahre schon einige Knaben zum Unterrichten
zugeteilt und ich konnte der Mutter die Auslagen für mich erleichtern Nach
zwei Jahren erwarb ich mir bereits so viel dass ich meinen ganzen Unterhalt
selbst bestreiten konnte Jede Jahresferien brachte ich bei der Mutter und
Schwester in dem weißen Hause zu Von dem Antreten des Hauses als Erbschaft war
nun keine Rede mehr Ich dachte ich werde mir durch meine Kenntnisse eine
Stellung verschaffen und das Haus und den Grundbesitz einmal als Notpfennig der
Schwester überlassen So war die Zeit heran gekommen in welcher ich mich für
einen Lebensberuf entscheiden musste Die damals übliche Vorbereitungsschule die
ich eben zurückgelegt hatte führte nur zu einigen Lebensstellungen und machte
zu andern eher untauglich als tauglich Ich entschloss mich für den Staatsdienst
weil mir die andern Stufen zu denen ich von meinen jetzigen Kenntnissen
emporsteigen konnte noch weniger zusagten Meine Mutter konnte mir mit keinem
Rate beistehen Ich hatte mir ein kleines Sümmchen durch außerordentliche
Sparsamkeit zusammengelegt Mit diesem und tausend Segenswünschen der Mutter
versehen und mit den Abschiedstränen der geliebten Schwester benetzt begab ich
mich auf die Reise in die Stadt Zu Fuße wanderte ich durch unser Tal hinaus
und suchte durch allerlei Betrachtungen die Tränen zu ersticken welche mir
immer in die Augen steigen wollten Als unsere Wäldergestalten hinter mir lagen
als die Herbstsonne schon auf ganz andere Felder schien als ich durch meine
Jugend hindurch gesehen hatte wurde mein Gemüt nach und nach leichter und ich
durfte nicht mehr fürchten dass mir jeder der mir begegnete ansehen könne dass
mir das Weinen so nahe sei Die Entschlossenheit welche mir eingegeben hatte
in die große Stadt zu gehen und dort mein Heil in dem Berufe eines Staatsdieners
zu suchen ließ mich immer fester und rascher meinen Weg verfolgen und tausend
glänzende Schlösser in die Luft bauen Als ich an jenem Rande angekommen war wo
unser höheres Land in großen Absätzen gegen den Strom hinabgeht und ganz andere
Gestaltungen anfangen sah ich noch einmal um segnete das Mutterherz das nun
beinahe schon eine Tagereise weit hinter mir lag streichelte gleichsam mit den
Fingern die schönen langwimperigen Augenlider der Schwester die immer etwas
blass aussah segnete unser weißes Haus mit dem roten Dache segnete all die
Felder und Wäldchen die hinter mir lagen und die ich durchwandelt hatte und
stieg nun wirklich schwere Tränen in den Augen tragend in den tiefen Weg
hinunter welcher damals unter hohem Laubdache hingehend einen der Pässe
ausmachte die das rauhere Oberland mit dem tiefen Stromlande verbinden Ich
konnte nun nachdem ich drei Schritte gemacht hatte die Gestaltungen meines
Geburtslandes nicht mehr sehen nur sein Rand war alles was meine Augen
erreichen konnten und was mich noch lange begleiten würde Ganz andere
Bildungen lagen vor mir Es war mir ich müsse umkehren um nur noch einmal
zurück schauen zu können Ich tat es aber nicht weil ich mich vor mir selber
schämte und ich ging beeiligten Schrittes den Weg hinunter und immer tiefer
hinunter Ich durfte auch nichts verzögern wenn ich vor Einbruch der Nacht noch
zu dem Strome hinunter gelangen wollte auf dem mich am andern Morgen ein Schiff
weiter tragen sollte Die herbstliche Abendsonne spielte durch die Zweige
manche Kohlmeise ließ einen Ruf erschallen wie ihn die hatten erschallen
lassen welche jetzt noch in meinen heimatlichen Bergwäldchen verweilten
mancher Fuhrmann mancher Wanderer begegnete mir ich ging mit ernstem Herzen
weiter und als die Sonne untergegangen war hörte ich das Rauschen des Stromes
der mir nun so wichtig geworden war und sah sein goldenes abendliches Glänzen
Ich vergesse mich« unterbrach sich hier mein Gastfreund »und erzähle Euch
Dinge die nicht wichtig sind aber es gibt Erinnerungen die wie unbedeutende
Gegenstände sie auch für andere betreffen doch für den Eigentümer im höchsten
Alter so kräftig dastehen als ob sie die größte Schönheit der Vergangenheit
enthielten«
»Ich bitte Euch« entgegnete ich »fahret so fort und entzieht mir nicht
die Bilder die Euch aus früheren Zeiten übrig sind sie gehen schöner in das
Gemüt und verbinden leichter was verbunden werden soll als wenn von dem
lebendigen Leben ein flacher Schatten gegeben werden sollte Auch ist meine
Zeit wenn anders die Eurige nicht strenger zugemessen ist kein Hindernis dass
Ihr mir irgend etwas vorenthalten solltet«
»Meine Zeit« antwortete er »ist entweder so gemessen dass ich nichts
anderes tun sollte als auf mein Ende sehen oder dass ich über sie verfügen
kann wie ich will denn was sollte ein so alter Mann noch Ausschliessliches zu
tun haben Er mag für die paar Stunden die ihm übrig sind noch Blumen zurecht
legen wie er will Ich tue ja eigentlich hier auf dieser Besitzung nichts
anders Auch dürfte das was ich Euch sagen will für Euch nicht ganz unwichtig
sein wie sich wohl in der Folge zeigen wird Ich fahre daher fort wie sich
eben unter den Worten die Erzählung gibt
Die Nacht verbrachte ich in gutem Schlummer und der erste Morgen sah mich
auf einem jener rohen kleinen Schiffe wie sie damals mit verschiedenen Gütern
beladen unsern Strom abwärts befuhren und auch Menschen mit sich nahmen Mehrere
junge Leute die entweder ganz gleichen oder ähnlichen Beruf mit mir verfolgten
standen auf dem Verdecke und legten sogar manches Mal Hand an die Ruder da
unser Schiff auf dem breiten rauchenden Strome sich abwärts bewegte und die
kleine Stadt die uns Nachterberge gegeben hatte sich aus den Morgennebeln
ringend unsern Augen immer weiter und weiter zurück trat Manches Lied mancher
Spruch der aus der Schar meiner Begleiter hervortrat machte seine Wirkung auf
mich und ich wurde stärker und entschlossener
Als am Abende des zweiten Tages unserer Wasserfahrt der hohe schlanke Turm
der Stadt deren Miteinwohner ich nun werden sollte gleichsam luftig blau unter
den Gebüschen der Ufer sichtbar wurde als man sich rief und das Zeichen sich
zeigte das man nun nach Verlauf von etwas mehr als einer Stunde erreichen
werde wollte mir das Herz im Busen wieder unruhiger pochen Dieses Merkmal
vergangener Menschenalter dachte ich welches so viele große und gewaltige
Schicksale gesehen hatte wird nun auch auf dein kleines Geschick herabsehen es
mag sich nun gut oder übel abspinnen und wird wenn es längstens abgelaufen
ist wieder auf andere schauen Wir fuhren rascher zu weil alles hoffnungsvoll
die Ruder führte die Entschlossneren sangen ein Lied und ehe noch die Stunde um
war legte unser Schiff an der steinernen Einfassung des Flusses im Angesichte
sehr großer Häuser an Ein älterer Schüler der schon zwei Jahre in der Stadt
zugebracht hatte und jetzt von den bei seinen Eltern verlebten Ferien
zurückkehrte erbot sich mir einen Gasthof zur Unterkunft zu zeigen und mir
morgen zur Auffindung eines Wohnzimmerchens für mich behilflich zu sein Ich
nahm es dankbar an Unter dem Torwege des Gastofes in den er mich geführt
hatte nahm er Abschied von mir und versprach mich morgen mit Tagesanbruch zu
besuchen Er hielt Wort ehe ich angekleidet war stand er schon in meinem
Zimmer und ehe die Sonne den Mittag erreichte waren meine Sachen schon in
einem Mietzimmerchen das wir für mich gefunden hatten untergebracht Er
verabschiedete sich und suchte seine wohlbekannten Kreise auf Ich habe ihn
später selten mehr gesehen da uns nur die Schiffahrt zusammengebracht hatte und
da seine Laufbahn eine ganz andere war als die meine Als ich von meinem
Stübchen ausging die Stadt zu betrachten befiel mich wieder eine sehr große
Bangigkeit Diese ungeheure Wildnis von Mauern und Dächern dieses unermessliche
Gewimmel von Menschen die sich alle fremd sind und an einander vorübereilen
die Unmöglichkeit wenn ich einige Gassen weit gegangen war mich zurecht zu
finden und die Notwendigkeit wenn ich nach Hause wollte mich Schritt für
Schritt durchfragen zu müssen wirkte sehr niederdrückend auf mich der ich
bisher immer in einer Familie gelebt hatte und stets an Orten gewesen war in
denen ich alle Häuser und Menschen kannte Ich ging zu dem Vorstande der
Rechtsschule um mich für die Vorbereitungsjahre zum Staatsdienste einschreiben
zu lassen Er nahm mich meiner trefflichen Zeugnisse willen sehr gut auf und
ermahnte mich durch die große Stadt mich von meinem Fleiße nicht abbringen zu
lassen Ach Gott die große Stadt war für mich bei meinen so kargen Mitteln
nichts als ein Wald dessen Bäume auf mich keine Beziehung haben und sie trieb
mich durch ihre Fremdartigkeit eher zum Fleiße an als dass sie mich abgehalten
hätte Am Tage der Eröffnung des Unterrichtes ging ich der ich nun doch schon
einige auf mich bezügliche Wege wusste in die hohe Schule Dort wogte ein großes
Gewimmel durch einander Alle Fächer wurden hier gelehrt und für alle Fächer
fanden sich Schüler Die meisten sahen sehr begabt gebildet und behende aus so
dass ich wieder im Glauben an meine nur geringen Kräfte zu zagen anfing hier
gleichen Schritt halten zu können Ich begab mich in den Lehrsaal in den ich
gehörte und setzte mich auf einen der mittleren Plätze Die Lehrstunde begann
und ging vorüber so wie nun viele nach und nach begannen und vorüber gingen
Sie und die ganze Stadt hatten noch immer etwas Ungewöhnliches für mich Das
Liebste war mir in meinem Stübchen zu sitzen an meine Vergangenheit zu denken
und sehr lange Briefe an meine Mutter zu schreiben
Als einige Zeit verflossen war wuchs mir Mut und Kraft im Herzen Unser
Lehrer ein würdiger Rat in der Rechtsversammlung der Schule lehrte fragend
Ich schrieb getreulich seine Lehren in meine Hefte Als schon eine große Zahl
meiner Mitschüler gefragt worden war als endlich die Reihe auch mich getroffen
hatte erkannte ich dass ich vielen die mich an Kleidern und äusserem Benehmen
übertrafen in unserem Lehrfache nicht nachstehe sondern einer großen Zahl vor
sei Dies lehrte mich nach und nach die mir bisher fremd gebliebenen
Verhältnisse der Stadt würdigen und sie wurden mir immer mehr und mehr
vertraut Einige Schüler hatte ich schon früher gekannt da sie vor mir von der
nämlichen Lehranstalt in der ich bisher gewesen war hieher übergetreten waren
andere lernte ich noch kennen Als meine Barschaft mit der ich sehr strenge
Haus hielt sich schon sichtlich zu verringern begann wurde ich von einem
meiner Mitschüler der mein Nachbar auf der Schulbank war und aus meinem Munde
gehört hatte dass ich früher Unterricht gegeben habe aufgefordert seine zwei
kleinen Schwestern zu unterrichten Wir hatten durch die tägliche Berührung eine
Art Freundschaft geschlossen und waren einander geneigt Als er daher zu Hause
gehört hatte dass man für die zwei kleinen Mädchen einen Lehrer suche schlug er
mich vor und erzählte mir auch von der Sache Die Eltern wollten mich sehen er
führte mich zu ihnen und ich wurde angenommen Auch hatten die Schritte welche
ich selber nach meiner Berechnung der Dinge getan hatte um durch Erteilung von
Unterricht einen Erwerb zu bekommen Erfolg Sie hatten zwar keinen bedeutenden
auf einen solchen hatte ich nicht gerechnet aber sie hatten doch einen So war
das in Erfüllung gegangen was ich durch meine Umsiedlung in die große Stadt
angestrebt hatte Ich lebte jetzt sorgenfrei hatte in dem Hause meines
Freundes in welches ich öfter geladen wurde eine Gattung Familienumgang und
konnte mit allem Eifer der Erlernung meines Faches mich widmen
In den ersten Ferien besuchte ich die Mutter und Schwester Ich hatte die
besten Zeugnisse in meinem Koffer und konnte ihnen von meinen sehr guten
anderweitigen Erfolgen erzählen denn gegen das Ende des Schuljahres hatten sich
diese sehr gebessert Mit ganz anderem Herzen als vor einem Jahre konnte ich
nach dem Ende der Ferien das mütterliche Haus verlassen und die Reise in die
Stadt antreten
Nach dem zweiten Jahre konnte ich die Meinigen nicht mehr besuchen Ich war
in der Stadt bekannt geworden die Art wie ich Kinder unterrichtete sagte
vielen Familien zu man suchte mich und gab mir auch einen größeren Lohn Ich
konnte mir dadurch mehr erwerben legte mir stets etwas als Sparpfennig zurück
und hatte bei der Freudigkeit meines Gemütes über diesen Fortgang Kraft genug
neben meinem Fache auch noch meine Lieblingswissenschaften Mathematik und
Naturlehre zu betreiben Nur das einzige war störend dass die Familien bei
denen ich Unterricht gab nicht gerne sahen dass ich durch eine Reise den
Unterricht unterbreche Es war diese Forderung eine begreifliche ich blieb mit
den Meinigen in einem lebhafteren Briefwechsel als früher und verabredete mit
ihnen dass ich nicht eher als nach Beendigung meines Lehrganges sie wieder
besuchen dann aber einige Monate bei ihnen bleiben wolle Hiemit waren auch
die in deren Dienste ich stand zufrieden
Die Stadt welche mir anfangs so unheimlich gewesen war wurde mir immer
lieber Ich gewöhnte mich daran immer fremde Menschen in den Gassen und auf den
Plätzen zu sehen und darunter nur selten einem Bekannten zu begegnen es
erschien mir dieses so weltbürgerlich und wie es früher mein Gemüt
niedergedrückt hatte so stählte es jetzt dasselbe Einen schönen Einfluss übten
auf mich die großen wissenschaftlichen und Kunstilfsmittel welche die Stadt
besitzt Ich besuchte die Büchersammlungen die der Gemälde ich ging gerne in
das Schauspiel und hörte gute Musik Es lebte von jeher ein großer Eifer für
wissenschaftliche Bestrebungen in mir und ich konnte demselben jetzt bei der
Heiterkeit meiner Lage Nahrung geben Was ich bedurfte und was ich durch meine
Mittel mir nicht hätte anschaffen können fand ich in den Sammlungen Da ich den
sogenannten Vergnügungen nicht nachging sondern in meinen Bestrebungen mein
Vergnügen fand so hatte ich Zeit genug und weil ich gesund und stark war
reichte auch meine Kraft aus In hohem Masse befriedigten mich einige schöne
Gebäude besonders Kirchen dann Bildsäulen und Gemälde Ich brachte manchen Tag
damit zu mich in die Betrachtung der kleinsten Teile dieser Dinge zu vertiefen
Auch hatte ich manche Familien kennen gelernt wurde bei ihnen aufgenommen und
bildete nach und nach meinen Umgang mit Menschen etwas mehr heraus
Da ich in dem zweiten Jahre meiner Lernzeit war vermählte sich meine
Schwester Ich hatte ihren jetzigen Gatten schon früher gekannt Er war ein sehr
guter Mann hatte keine Leidenschaften keine übelen Gewohnheiten war häuslich
sogar auch tätig hatte eine angenehme Körpererscheinung war aber sonst nichts
mehr Diese Vermählung hatte mir keine Freude und kein Leid gemacht Da ich
meine Schwester so liebte so war mir stets dass sie nie einen andern Mann als
den allerherrlichsten bekommen solle Dies war nun wohl nicht der Fall Die
Mutter schrieb mir dass mein Schwager seine Gattin sehr verehre dass er lange
und treu um sie geworben und endlich ihr Herz gewonnen habe Sie wohnen in
unserem Hause und von da aus treibe er still und emsig sein kleines
Handelsgeschäft das sie nähre Ich schrieb einen Brief entgegen worin ich den
Vermählten Glück und Segen wünschte und den Schwager bat seine Gattin sehr zu
lieben zu schonen und zu ehren denn ich glaube dass sie es verdiene Die
Antworten versprachen alles so wie die folgenden Briefe immer den Stempel eines
stillen häuslichen Friedens trugen
In diesen Verhältnissen kam die Zeit heran da ich mit den letzten Prüfungen
meine Vorbereitungsjahre beendigt hatte Ich richtete eben mein Reisegepäcke
zusammen um der Verabredung gemäß nach langer Trennung die Meinigen wieder zu
sehen als ein Brief von der Hand der Schwester kam dessen Inneres häufige
Tränenspuren zeigte und der mir sagte dass unsere Mutter gestorben sei Sie war
vor einiger Zeit krank geworden man hielt das Übel nicht für gefährlich und da
man mich in der Vorbereitung zu meinen letzten Prüfungen wusste so wollte man
mir um mich nicht zu stören keine Meldung von der Krankheit zukommen lassen
So zog es sich durch zehn Tage hin von wo es sich rasch verschlimmerte und ehe
man es sich versah mit dem Tode endigte Man konnte mir nur mehr diesen melden
Ich raffte sofort alles zusammen was zu einer Reise nötig schien schrieb zwei
Zeilen an einen Freund worin ich ihn bat die Sache meinen Bekannten die ich
ihm bezeichnete zu melden und mich zu entschuldigen dass ich ohne Abschied
abreise Hierauf ging ich auf die Post und ließ mich einschreiben Zwei Stunden
danach saß ich schon in dem Wagen und obwohl wir in der Nacht wie am Tage
fuhren obwohl ich von der letzten Post aus an der der Weg nach meiner Heimat
ablenkte eigene Pferde nahm und mittelst Wechsels derselben unaufhörlich
fortfuhr so kam ich doch zu spät um die irdische Hülle meiner Mutter noch
einmal sehen zu können Sie ruhte bereits im Grabe Nur in ihren Kleidern in
Geräten im Arbeitszeuge das auf ihrem Tischchen lag sah ich die Spuren ihres
Daseins Ich warf mich in eine Lehnbank und wollte in Tränen vergehen Es war
der erste große Verlust den ich erlitten hatte Zur Zeit des Todes des Vaters
war ich zu jung gewesen um ihn recht empfinden zu können Obwohl der erste
Schmerz unsäglich heiß gewesen war und ich geglaubt hatte ihn nicht überleben
zu können so verminderte er sich wider meinen Willen von Tag zu Tag immer mehr
bis er zu einem Schatten wurde und ich mir nach Verlauf von einigen Jahren keine
Vorstellung mehr von dem Vater machen konnte Jetzt war es anders Ich hatte
mich daran gewöhnt die Mutter als das Bild der größten häuslichen Reinheit zu
betrachten als das Bild des Duldens der Sanftmut des Ordnens und des
Bestehens So war sie ein Mittelpunkt für unser Denken geworden und mir kam
fast nicht zu Sinne dass das je einmal anders werden könne Jetzt wusste ich
erst wie sehr wir sie liebten Sie die nie gefordert hatte die nie auf sich
irgend eine Beziehung gemacht hatte die geräuschlos immer gegeben hatte die
jedes Schicksal als eine Fügung des Himmels empfangen hatte und die in ruhigem
Glauben ihre Kinder der Zukunft anvertraut hatte war nicht mehr Unter der
Decke der Schollen schlummerte ihr Herz das dort vielleicht so ergebungsvoll
schlummerte wie es sonst in der Kammer unter der Hülle seiner weißen Decke
geschlummert hatte Die Schwester war wie ein Schatten sie wollte mich trösten
und ich wusste nicht ob sie des Trostes nicht noch bedürftiger wäre als ich Der
Gatte meiner Schwester war in einer gewissen Ergebung er war stille und ging
an die Beschäftigungen seines Berufes Ich ließ mir nach einer Zeit das frische
Grab der Mutter zeigen weinte dort meine Seele aus und betete für sie zu dem
Herrn des Himmels Da ich in das Haus zurückgekehrt war besuchte ich alle
Räume in denen sie zuletzt geweilt hatte besonders ihr eigenes Stübchen in
welchem man alles gelassen hatte wie es bei ihrer Erkrankung gewesen war Der
Schwager und die Schwester boten mir an und baten mich eine Zeit bei ihnen zu
verweilen Ich nahm es an In dem hinteren Teile des Hauses den ich immer am
meisten geliebt hatte war schon vor der Erkrankung der Mutter ein Zimmer für
mich größtenteils durch ihre Hände hergerichtet worden Dieses Zimmer bezog ich
und packte darin meinen Koffer aus Seine zwei Fenster gingen in den Garten die
weißen Fenstervorhänge hatte noch die Mutter geordnet und das Linnen des Bettes
war durch ihre vorsorglichen Finger gleichgestrichen worden Ich getraute mir
kaum etwas zu berühren um es nicht zu zerstören Ich blieb sehr lange
unbeweglich in dem Zimmer sitzen Dann ging ich wieder durch das ganze Haus Es
schien mir gar nicht als ob es das wäre in welchem ich die Tage meiner
Kindheit verlebt hatte Es erschien mir so groß und fremd Die Wohnung welche
sich meine Schwester und ihr Gatte darin eingerichtet hatten war früher nicht
da gewesen dafür war das Gemach für Vater und Mutter das immer auch nach
seinem Tode noch bestanden war verschwunden ebenso fand ich das Zimmer für uns
Kinder nicht mehr welches ich in allen Ferien die ich zu Hause zugebracht
hatte noch in dem Zustande aus unserer früheren Zeit her gesehen hatte Es war
eben eine neue Haushaltung in dem Gebäude eingerichtet worden Unter dem Dache
angekommen sah ich dass man schadhafte Stellen des Daches ausgebessert hatte
dass man neue Ziegel genommen hatte und dass an den Kanten wo sich früher die
Rundziegel befunden hatten die neue Art der Verklebung durch Mörtel angewendet
worden war Dies alles tat mir wehe obwohl es natürlich war und obwohl ich es
zu einer andern Zeit kaum beachtet haben würde Jetzt aber war mein Gemüt durch
den Schmerz erregt und jetzt schien es mir als ob man alles Alte auch die
Mutter aus dem Hause hinaus gedrängt hätte
Ich lebte von jetzt an still in dem Zimmer las schrieb ging täglich auf
das Grab der Mutter besuchte die Felder und manches Wäldchen hielt mich aber
von den Menschen ferne weil sie immer von meinem Verluste redeten und mit den
Worten in ihm stets wühlten Das Haus war auch sehr stille Die Vermählten
hatten noch keine Kinder mein Schwager dessen Wesen friedlich und einfach war
befand sich größtenteils außer Hause die Schwester besorgte mit der einzigen
Magd die sie hatte die häuslichen Geschäfte und wenn die Abenddämmerung kam
wurde die Tür die gegen die Straße ging mit den eisernen Stangen von innen
verriegelt und nur die in den Garten führende blieb offen bis die Stunde zum
Schlafen kam wo sie dann auch die Schwester mit eigenen Händen schloss Das
häusliche Glück der zwei Ehegatten schien fest gegründet zu sein das war eine
Linderung für meine Wunde und ich verzieh dem Schwager dass er nicht ein Mann
war der durch hohe Begabung und den Schwung seiner Seele die Schwester zu einem
himmlischen Glücke emporgeführt hatte
So vergingen mehrere Wochen Vor meiner Abreise ging ich noch in unser
Gerichtsamt verzichtete dort für meine Schwester auf jeden Erbanspruch des von
unsern Eltern hinterlassenen Besjetztumes und ließ meine Rechte auf die
Schwester überschreiben So war den beiden Gatten das Dasein, so lange es ihnen
der Himmel verlieh gesichert ich hatte als Erbteil den Unterricht bekommen
und hoffte durch das was er mir an Kenntnissen eingebracht hatte und was ich
mir noch erwerben wollte den Unterhalt meines Lebens schon zu decken Hierauf
reiste ich von dem Danke und von den wärmsten Wünschen für mein Wohl von der
Schwester und dem Schwager begleitet wieder in die Stadt ab
In derselben begann ich jetzt ein sehr zurückgezogenes Leben zu führen Ich
hatte mir so viel erspart dass ich nur einen kleinen Teil meiner Zeit zum
Unterricht geben verwenden musste Die übrige wendete ich für mich an und
verlegte mich auf Naturwissenschaften auf Geschichte und Staatswissenschaften
Meinen eigentlichen Beruf ließ ich etwas außer Acht Die Wissenschaften und die
Kunst deren Vergnügen ich nie entsagte füllten mein Herz aus Ich suchte jetzt
weniger als je die Gesellschaft von Menschen auf Die Notwendigkeit die Zeit
der Vorbereitung zu meinem Berufe recht zu benutzen und mir außerdem noch meinen
Lebensunterhalt zu erwerben hatte mich schon in früheren Jahren fast nur auf
mich allein zurückgewiesen und ich setzte jetzt dies Leben fort
Allein es dauerte nicht lange in dieser Art Schon nach einem halben Jahre
als ich das Grab der Mutter verlassen hatte kam mir von meinem Schwager die
Nachricht zu dass zu den zwei Gräbern des Vaters und der Mutter auf unserer
Familienbegräbnisstätte ein drittes Grab gekommen sei das meiner Schwester Sie
hatte sich seit dem Tode der Mutter nicht recht erholt und eine unversehene
Verkühlung raffte sie dahin Der Schwager schrieb mir und wie ich sah in
aufrichtigem Kummer dass er nun ganz verlassen sei dass er keine Freude mehr
habe dass er einsam sein Leben zubringen wolle dass er wohl von der Verewigten
zum Erben eingesetzt worden sei dass er aber gerne mit mir teilen wolle er habe
kein Kind seine einzige Freude liege im Grabe er achte nicht mehr viel auf
Besitzungen sein Stückchen Brod welches für sein einfaches Leben recht klein
sein dürfe werde er für die Zeit schon finden die er noch zubringen müsse ehe
er zu Kornelien gehen könne Da der Mann meine Schwester sehr geliebt hatte da
ihre Briefe an mich immer von ihrem Glücke erzählten gönnte ich ihm das kleine
Besitztum und schrieb ihm zurück dass ich keine Ansprüche erhebe und dass er
das Hinterlassene ungeteilt genießen möge Er dankte mir ich sah aber aus
seinem Briefe dass er über das Geschenk eben keine sonderliche Freude habe
Ich zog mich nun noch mehr zurück und mein Leben war sehr trübe Ich
zeichnete viel ich bildete zuweilen auch etwas in Ton und suchte sogar manches
in Farben darzustellen Nach einiger Zeit kam mir von befreundeter Hand der
Antrag dass ich bei einer gebildeten und wohlhabenden Familie wohnen möchte dass
ich einen Teil des Unterrichtes eines Knaben der in der Familie sei gegen
vorteilhafte Bedingungen übernehmen möchte worunter auch die war dass ich nicht
gebunden sei dass ich öfter abwesend sein und zum Teile sogar kleine Reisen
machen könne In der Verödung in der ich mich befand hatte die Aussicht auf
ein Familienleben eine Art Anziehung für mich und ich nahm den Antrag unter der
Bedingung an dass ich die Freiheit haben müsse in jedem Augenblicke das
Verhältnis wieder auflösen zu können Die Bedingung wurde zugestanden ich
packte meine Sachen und nach drei Tagen fuhr ich in der Richtung nach dem
Landsitze der Familie ab Dieser Sitz war ein angenehmes Haus in der Nähe großer
Meiereien die einem Grafen gehörten Das Haus war beinahe zwei Tagereisen von
der Stadt entfernt Es war sehr geräumig hatte eine sonnige Lage liebliche
Rasenplätze um sich und hing mit einem großen Garten zusammen in dem teils
Gemüse teils Obst teils Blumen gezogen wurden Der Besitzer des Hauses war ein
Mann der von reichlichen Renten lebte sonst aber kein Amt noch irgend eine
andere Beschäftigung zum Gelderwerb hatte So war er mir geschildert worden mit
dem Beifügen dass er ein sehr guter Mann sei mit dem sich jedermann vertrage
dass er eine treffliche sorgsame Frau habe und dass außer dem Knaben nur noch
ein halberwachsenes Mädchen da sei Diese Dinge waren es auch vorzüglich welche
mich zur Annahme bestimmt hatten Mein Name sei der Familie in einem Hause
genannt worden mit dem sie in sehr inniger Beziehung stand und ich sei sehr
empfohlen worden Man hatte mir auf die letzte Post einen Wagen entgegen
gesandt Es war ein schöner Nachmittag als ich in Heinbach das war der Name
des Hauses einfuhr Wir hielten unter einem hohen Torwege zwei Diener kamen
die Treppe herab um meine Sachen in Empfang zu nehmen und mir mein Zimmer zu
zeigen Als ich noch im Wagen mit Herausnehmen von ein paar Büchern und andern
Kleinigkeiten beschäftigt war kam auch der Herr des Hauses herunter begrüßte
mich artig und führte mich selber in meine Wohnung die aus zwei freundlichen
Zimmern bestand Er sagte ich möge mich hier zurecht richten möge hiebei nur
meine Bequemlichkeit vor Augen haben ein Diener sei angewiesen meine Befehle
zu vollziehen und wenn ich fertig sei und etwa heute noch wünsche mit seiner
Gattin zu sprechen so möge ich klingeln der Diener werde mich zu ihr führen
Hierauf verließ er mich unter höflichem Abschiede Der Mann gefiel mir sehr
wohl Ich entledigte mich meiner staubigen Kleider reinigte mich legte nur das
Notwendigste in meinem Zimmer in Ordnung kleidete mich dann besuchsgemäss an
und ließ die Frau des Hauses fragen ob ich bei ihr erscheinen dürfe Sie
sendete eine bejahende Antwort Ich wurde über einen Gang geführt in welchem
allerlei Bilder hingen wir traten in einen Vorsaal und von dem in das Zimmer
der Frau Es war ein großes Zimmer mit drei Fenstern an welches ein niedliches
Gemach stieß In diesem Zimmer waren heitere Geräte einige Bilder und die
Nachmittagssonne war durch sanfte Vorhänge gedämpft Die Frau saß an einem
großen Tische zu ihren Füßen spielte ein Knabe und seitwärts an einem kleinen
Tischchen saß ein Mädchen und hatte ein Buch vor sich Es schien es habe
vorgelesen Die Frau stand auf und ging mir entgegen Sie war sehr schön noch
ziemlich jung und was mir am meisten auffiel war dass sie sehr schöne braune
Haare aber tief dunkle große schwarze Augen hatte Ich erschrak ein wenig
wusste aber nicht warum Mit einer Freundlichkeit die mein Zutrauen gewann hieß
sie mich einen Platz nehmen und als ich dies getan hatte nannte sie meinen
Vor und Familiennamen hieß mich beinahe herzlich willkommen und sagte dass
sie sich schon sehr gesehnt habe mich unter ihrem Dache zu sehen
Alfred rief sie komm und küsse diesem Herrn die Hand
Der Knabe welcher bisher neben ihr gespielt hatte stand auf trat vor
mich küsste mir die Hand und sagte Sei willkommen
Sei auch du willkommen erwiderte ich und drückte ein wenig das Händchen des
Knaben Er hatte ein sehr rosiges Angesicht ebenfalls braune Haare wie die
Mutter aber dunkelblaue Augen wie ich sie an dem Vater gesehen zu haben
glaubte
Das ist das Kind dessentwillen ich Euch so sehr in unser Haus gewünscht
habe sagte sie Ihr sollt dasselbe weniger unterrichten dazu sind Lehrer da
welche das Haus besuchen sondern wir bitten Euch dass Ihr bei uns lebt dass
Ihr dem Knaben öfter Eure Gesellschaft gönnt dass er außer dem Umgange mit
seinem Vater auch den eines jungen Mannes hat was auf ihn Einfluss nehmen möge
Erziehung ist wohl nichts als Umgang ein Knabe selbst wenn er so klein ist
muss nicht immer mit seiner Mutter oder wieder nur mit Knaben umgehen Der
Unterricht ist viel leichter als die Erziehung Zu ihm darf man nur etwas wissen
und es mitteilen können zur Erziehung muss man etwas sein Wenn aber einmal
jemand etwas ist dann glaube ich erzieht er auch leicht Meine Freundin
Adele die Gattin des Kaufherrn dessen Warengewölbe dem großen Tore des
Erzdomes gegenüber ist hat mir von Euch erzählt Wenn Ihr es für gut findet
den Knaben auch in irgend etwas zu unterrichten so ist es Eurem Ermessen
überlassen wie und wie weit Ihr es tut
Ich konnte auf diese Worte nichts antworten ich war sehr errötet
Matilde sagte die Frau begrüsse auch diesen Herrn er wird jetzt bei uns
wohnen
Das Mädchen welches immer bei seinem aufgeschlagenen Buche sitzen geblieben
war stand jetzt auf und näherte sich mir Ich erstaunte dass das Mädchen schon
so groß sei ich hatte es mir kleiner gedacht Es war auf einem etwas niederen
Stuhle gesessen Da es in meine Nähe gekommen war stand ich auf wir verneigten
uns gegen einander Matilde ging wieder zu ihrem Sitze und ich nahm auch den
meinigen wieder ein Die Frau hatte wohl diese Begrüßung eingeleitet um mein
Erröten vorüber gehen zu machen Es war auch zum großen Teile vorüber gegangen
Sie hatte eine Antwort auf ihre an mich gerichtete Rede auch wahrscheinlich
nicht erwartet Sie fragte mich jetzt um mehrere gleichgültige Dinge die ich
beantwortete In meine näheren Verhältnisse oder etwa gar in die in meiner
Familie ging sie nicht ein Nachdem die Unterredung eine Weile gedauert hatte
verabschiedete sie mich sagte ich möchte von der Reise etwas ausruhen bei dem
Abendessen würden wir uns wieder sehen Der Knabe hatte während der ganzen Zeit
meine Hand gehalten war neben mir stehen geblieben und hatte öfter zu meinem
Angesichte heraufgeschaut Ich löste jetzt meine Hand aus der seinen grüßte ihn
noch verneigte mich vor der Mutter und verließ das Zimmer
Als ich in meiner Wohnung angekommen war setzte ich mich auf einen der
schönen Stühle nieder Jetzt wusste ich weshalb man mir so gute Bedingungen
gestellt hatte und wie schwer meine Aufgabe war Ich zagte Das Benehmen der
Frau hatte mir sehr gefallen darum zagte ich noch mehr Als ich eine Zeit auf
meinem Stuhle gesessen war erhob ich mich wieder und es fiel mir ein dass ich
ja dem Herrn des Hauses auch einen Besuch zu machen habe Ich klingelte und
verlangte von dem eintretenden Diener dass er mich zu dem Herrn führe Der
Diener antwortete der Herr sei in den Wald gegangen und werde erst abends
zurückkehren Er hatte den Befehl hinterlassen dass man mir sage ich möge nur
meine Reisesachen auspacken möge ausruhen und möge mir seinetalben keine
Pflichten auflegen morgen könne das Weitere besprochen werden Ich legte daher
die Kleider welche ich zu dem Besuche bei der Frau genommen hatte wieder ab
zog mich anders an und brachte meine Sachen nun in meiner Wohnung in Ordnung
Bei dieser Beschäftigung ging mir nach und nach der ganze Rest des noch übrigen
Tages dahin Als ich fertig war dämmerte es bereits Nachdem ich mich gereinigt
und zum Abendessen angekleidet hatte sagte mir mein Diener dass sich der Herr
der schon nach Hause zurückgekehrt sei zum Besuche bei mir melde Ich sagte zu
der Herr kam und fragte ob man in meiner Wohnung alles nach Gebühr vorbereitet
habe und ob ich nichts vermisse Ich antwortete dass alles meine Erwartung
übertreffe und daher ein weiteres Begehren die größte Unbescheidenheit wäre Er
sagte dass er nun wünsche dass mein Eintritt in sein Haus gesegnet sei dass mein
Aufenthalt darin erfreulich sein möge und dass ich es einst nicht mit Reue und
Schmerz verlasse Hierauf lud er mich zum Abendessen ein Wir gingen in ein sehr
heiteres Speisezimmer in welchem ein einfaches Abendmahl unter einfachen
Gesprächen eingenommen wurde Bei demselben war der Herr die Frau die zwei
Kinder und ich gegenwärtig
Am nächsten Vormittage ließ ich anfragen ob ich den Herrn besuchen dürfe
Ich wurde dazu eingeladen und mein Diener führte mich zu ihm Ich war in
denselben Besuchkleidern wie gestern bei der Frau Der Herr saß bei Papieren und
Schriften er erhob sich bei meinem Eintritte ging mir entgegen grüßte mich
auf das ausgezeichnetste und führte mich zu einem Tische Er war schon völlig
und sehr fein angekleidet Als wir uns niedergelassen hatten sagte er Seid mir
noch einmal in meinem Hause willkommen Ihr seid uns so empfohlen worden dass
wir uns glücklich schätzen dass Ihr zu uns gekommen seid dass Ihr eine Zeit bei
uns wohnen wollt und dass Ihr erlaubt dass mein lieber Knabe dem ich eine
glückselige Zukunft wünsche Eure Gesellschaft genieße Ich glaube Ihr werdet
vielleicht in einiger Zeit sehen dass wir Eure Freunde sind und Ihr werdet uns
etwa auch Eure Freundschaft schenken Richtet Eure Beschäftigungen ein wie Ihr
wollt verlegt Euch auf das was Euer künftiger Beruf fordert und betrachtet
Euch in allen Stücken wie in Eurem eigenen Hause Ihr werdet Euch wohl hier an
Einfachheit gewöhnen müssen Wir haben hier und in der Stadt wenig Besuch und
machen auch wenig Matilde wird von der Frau selber erzogen Mit Erzieherinnen
hatten wir kein Glück Wir gaben es daher auf für Mathilden eine
Gesellschafterin zu suchen Sie ist bei der Mutter zuweilen sieht sie Mädchen
ihres Alters und manches Mal wohnt sie Gesprächen und Spaziergängen mit zwei
älteren guten und lieben Mädchen bei Sonst ist sie in ihrer Ausbildung
begriffen und bringt ihre Zeit mit Lernen zu Wie es mit dem Knaben ist werdet
Ihr wohl sehen Man hat uns gesagt dass Ihr in der Stadt sehr zurückgezogen
gelebt habt deshalb glaubten wir dass Ihr bei uns nicht gar sehr die
menschliche Gesellschaft vermissen werdet Ich beschäftige mich mit einigen
wissenschaftlichen Dingen und wenn Euch ein Gespräch hierin falls wir in den
Gegenständen zusammentreffen nicht unangenehm ist so betrachtet mich als Euren
älteren Bruder und zwar nicht bloß hierin sondern auch in allen anderen
Dingen
Ich bin durch Eure Güte sehr beschämt antwortete ich und sehe jetzt erst
wie groß die Aufgabe ist die ich in Eurem Hause habe Ich weiß nicht ob ich
ihr auch nur in einem geringen Masse werde genügen können
Es wird vielleicht nicht schwer sein zu genügen erwiderte er
Wenn es aber doch nicht geschähe fragte ich
Dann wären wir so offen und sagten es Euch damit man danach handeln
könnte antwortete er
Das erleichtert mir mein Herz sehr erwiderte ich denn auf diese Weise wird
nie Misstrauen aufkommen können Ich habe bisher nur in zwei Familien gelebt in
der meiner Mutter denn mein Vater ist in meiner frühen Jugend gestorben und
in der eines würdigen alten Amtmannes in dessen Hause ich während meiner
lateinischen Schulen in Kost und Wohnung war Die erste Familie ist mir wie
jedem Menschen unvergesslich und die zweite ist es mir auch
Vielleicht wird es auch die unsere sagte er jetzt lasst Euch das Haus und
sein Zugehör zeigen dass Ihr den Schauplatz kennt auf dem Ihr ein Weilchen
leben sollt Oder wollt Ihr etwas anders tun so tut es Zu mir steht Euch der
Zutritt stets offen lasst Euch nicht ansagen und klopft nicht an meine Tür
Mit diesen Worten war unser Gespräch zu Ende wir erhoben uns
verabschiedeten uns er reichte mir freundlich die Hand und ich verließ das
Zimmer
Ich kleidete mich nun in meine gewöhnlichen Kleider und ließ fragen ob
Alfred Zeit habe mich zu begleiten und mir etwas von dem Hause und dem Garten
zu zeigen Man antwortete dass Alfred gleich kommen werde und dass er
hinlänglich Zeit habe Die Mutter führte den Knaben selbst zu mir und sie
brachte auch einen Diener mit welcher einen Bund Schlüssel trug und den
Auftrag hatte mir die Räume des Hauses zu zeigen Der Diener war ein alter Mann
und schien die Aufsicht über die andern Dienstleute zu haben Die Mutter
entfernte sich sogleich wieder Ich sprach einige freundliche Worte mit dem
Knaben welcher über sieben Jahre alt schien er erwiderte diese Worte
unbefangen und wie ich glaubte zutraulich Dann gingen wir die Räume des
Hauses zu betrachten Das Haus war nicht alt es war kein Schloss und mochte in
dem siebenzehnten Jahrhunderte gebaut worden sein Es bestand aus zwei Flügeln
die einen rechten Winkel bildeten und einen Sandplatz einschlossen Die Zufahrt
war aber von entgegengesetzter Seite daher der Sandplatz welcher Blumenbeete
hatte mehr einem Garten und einem Spielplatze für die Kinder als einer Anfahrt
glich Es waren auf demselben und zwar an den Mauern des Hauses auch
Linnendächer zum Aufspannen gegen die Sonne angebracht Das Haus hatte ein
Erdgeschoss und ein Stockwerk Durch beide lief der Länge nach ein breiter Gang
von dem aus man in die Zimmer gelangen konnte Die Mauern des Ganges waren
schneeweiß hatten Stuckarbeit schön vergitterte Fenster und zeigten braune
wohlgebohnte Gemächertüren An vielen Stellen der Gänge hingen Gemälde Sie
waren durchaus nicht vorzüglich aber auch bei weitem nicht so schlecht als
solche Gang und Treppengemälde gewöhnlich zu sein pflegen Die Gegenstände
welche auf ihnen abgebildet waren drehten sich in einem kleinen Kreise
Landschaften mit Ansichten der Umgegend oder merkwürdiger Gebäude Tiere
vorzüglich Hunde mit Jagdgerätschaften Küchengeschirr oder Inneres von
Zimmern und anderen Gelassen Der alte Diener schloss manche Gemächer auf die im
Gebrauche waren denn das Haus hatte mehr als die jetzigen Bewohner benützten
Es war ein großer mit sehr schönen Geräten versehener Saal da in welchem wenn
es notwendig war Gesellschaften aufgenommen wurden dann waren andere Zimmer zu
verschiedenem Gebrauche darunter ein sehr großes Bücherzimmer und die Zimmer
für Gäste Alles war sehr schön eingerichtet und rein und ordentlich gehalten
Als wir das Haus gesehen hatten sagte Alfred Raimund der alte Diener sei nun
nicht mehr vonnöten den Garten werde er mir schon allein zeigen Ich war damit
einverstanden verabschiedete den alten Diener und ging mit Alfred ins Freie
Das Erdgeschoss worin sich die Küche die Gesindezimmer und dergleichen
befanden hatten wir nicht besucht Die Ställe und Wagenbehälter waren abseits
des Hauses in eigenen Gebäuden Als wir in das Freie gekommen waren zeigte sich
ein sehr schöner Rasenplatz der von mannigfaltigen künstlich angelegten Wegen
durchkreuzt war Auf diesem Rasenplatze standen in ziemlichen Entfernungen sehr
große Bäume Zu jedem führte ein Weg und fast unter jedem stand ein Bänkchen
oder ein Sitz Alfred führte mich zu den meisten und nannte mir sie Mich
erfreute dieses Zeichen des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit Er erzählte
mir auch was sie bald unter diesem bald unter jenem Baume getan und wie sie
gespielt hätten Die Bäume waren Eichen Linden Ulmen und eine Anzahl sehr
großer Birnbäume Diese Art von Wald hatte etwas sehr Anmutiges
Ich darf allein nicht zu dem Teiche gehen sagte Alfred weil ich leicht
hinein fallen könnte und ich gehe auch nicht hin aber weil du heute bei mir
bist so dürfen wir ihn besuchen Komme mit ich habe Brot bei mir um es den
Enten und den Fischen zu geben
Er fasste mich bei der Hand und ich ließ mich von ihm führen Er geleitete
mich durch ein kleines Gebüsch zu einem mäßig großen Teiche der das Merkwürdige
hatte dass auf ihm hölzerne Hüttchen in geringen Entfernungen angebracht waren
die die Bestimmung hatten dass darin Wildenten nisteten Das geschah auch
reichlich Es war noch nicht so weit im Sommer und wir sahen noch manche Mutter
mit ihren fast erwachsenen aber noch nicht flugfähigen Jungen auf dem Wasser
herumschwimmen An den Ufern waren an verschiedenen Stellen Futterbrettchen
angebracht Im Wasser selber bewegte sich eine große Zahl schwerfälliger
Karpfen Alfred zog ein Weissbrot aus seiner Tasche zerbrach es in kleine
Stückchen warf diese einzeln in das Wasser und hatte seine Freude daran wenn
die Enten und auch manch ungeschickter Mund eines Karpfen danach haschten Es
schien dass er mich dieses Zweckes halber zu dem Teiche geführt hatte Als er
mit seinem Brote fertig war gingen wir weiter Er sagte Wenn du auch den
Garten sehen willst so werde ich dich schon hinführen
Ja wohl will ich ihn sehen antwortete ich
Er führte mich nun aus dem Gebüsche wir begaben uns auf die
entgegengesetzte Seite des Hauses dort war ein mit einem Gitter umgebener
großer Garten und wir gingen durch das Tor desselben hinein Blumen Gemüse
Zwerg und Lattenobst empfingen uns In der Ferne sah ich die größeren und
wahrscheinlich sehr edlen Obstbäume stehen Dass mir der Garten um viel mehr
gefiel als der Teich sagte ich Alfred nicht er mochte es auch nicht wissen In
sehr schöner Art waren hier die Blumen gepflegt die man gewöhnlich in Gärten
findet Sie hatten nicht bloß ihre ihnen zusagenden Plätze sondern sie waren
auch zu einem sehr schönen Ganzen zusammengestellt An Gemüsen glaubte ich die
besten Arten zu sehen wie man sie nur immer in den Handlungen der Stadt finden
konnte Zwischen ihnen stand das Zwergobst Die Gewächshäuser enthielten Blumen
aber auch Früchte Ein sehr langer Gang welcher mit Wein überwölbt war führte
uns in den Obstgarten Die Bäume standen in guten Entfernungen waren gut
gehalten hatten Grasboden unter sich und es führten auch hier wieder Wege von
einem zum andern An seiner rechten Seite war dieser Gartenteil von dichtem
Haselnussgebüsche begrenzt Ein Pfad führte uns durch dasselbe hindurch Wir
trafen jenseits einen freien Platz auf welchem ein ziemlich großes Gartenhaus
stand Es war gemauert hatte hohe Fenster ein Ziegeldach und seine Gestalt
war ein Sechseck Die Außenseite dieses Hauses war ganz mit Rosen überdeckt Es
waren Latten an dem Mauerwerke angebracht und an diese Latten waren die
Rosenzweige gebunden Sie standen in Erde vor dem Hause hatten verschiedene
Größe und waren so gebunden dass die ganzen Mauern überdeckt waren Da eben die
Zeit der Rosenblüte war und diese Rosen auch außerordentlich reich blühten so
war es nicht anders als stände ein Tempel von Rosen da und es wären Fenster in
dieselben eingesetzt Alle Farben von dem dunkelsten Rot gleichsam
Veilchenblau durch das Rosenrot und Gelb bis zu dem Weiß waren vorhanden Bis
in eine große Entfernung verbreitete sich der Duft Ich stand lange vor diesem
Hause und Alfred stand neben mir Außer den Rosen an dem Gartenhause waren auf
dem ganzen Platze Rosengesträuche und Rosenbäumchen in Beeten zerstreut Sie
waren nach einem sinnvollen Plane geordnet das zeigte sich gleich bei dem
ersten Blicke Alle Stämmchen trugen Täfelchen mit ihrem Namen
Das ist der Rosengarten sagte Alfred da sind viele Rosen es darf aber
keine abgepflückt werden
Wer pflanzt denn diese Rosen und wer pflegt sie fragte ich
Der Vater und die Mutter antwortete Alfred und der Gärtner muss ihnen
helfen
Ich ging zu allen Rosenbeeten und ging dann um das ganze Haus herum Als
ich alles betrachtet hatte gingen wir auch in das Haus hinein Es war mit
Marmor gepflastert auf dem feine Rohrmatten lagen In der Mitte stand ein Tisch
und an den Wänden Bänkchen deren Sitze von Rohr geflochten waren Eine
angenehme Kühle wehte in dem Hause denn die Fenster durch welche die Sonne
herein scheinen konnte waren durch gegliederte Balken zu schützen Da wir
wieder aus dem Innern dieses Gartenhauses getreten waren besuchten wir noch
einmal den Obstgarten und gingen bis an sein Ende Da wir an das Gartengitter
gekommen waren sagte Alfred Hier ist der Garten zu Ende und wir müssen wieder
umkehren
Das taten wir auch wir gingen wieder zu dem Eingangstore zurück
durchschritten es begaben uns in das Haus und ich führte Alfred zu seiner
Mutter
Das war das Haus und der Garten in Heinbach der Besitzung des Herrn und der
Frau Makloden
Der erste Tag verging sehr gut so auch ein zweiter ein dritter und
mehrere Ich wohnte mich in meine zwei Zimmer ein und die Stille des Landes tat
mir in meiner jetzigen Gemütsverfassung sehr wohl Für den Unterricht Alfreds
war in der Art gesorgt dass der Graf dessen Meiereien in der Nähe von Heinbach
lagen und ein Herr von Heinbach wie man Makloden jetzt auch nannte eine Summe
stifteten und dem Lehrer der Gemeinde Heinbach zulegten unter der Bedingung
dass ein in gewissen Fächern gebildeter Mann stets diese Stelle bekleide welchen
sie in Vorschlag zu bringen das Recht hatten und der die Verbindlichkeit
übernahm die Kinder des Hauses Heinbach und die des Verwalters der Meiereien in
ihren Wohnungen zu unterrichten wofür er aber besonders bezahlt wurde Die
Schule und die Kirche Heinbach waren eine kleine halbe Wegstunde von dem
Herrenhause entfernt Der Lehrer kam jeden Nachmittag herüber und blieb eine
Zeit bei Alfred Matilde wurde nur mehr in seltenen Stunden noch von ihm
unterrichtet Für Alfred sollte ich die Art der Lehrstunden einrichten was ich
auch im Übereinkommen mit dem Lehrer der ein sehr bescheidener und nicht
ungebildeter junger Mann war tat Den Unterricht in gewissen Dingen jetzt vor
allem den Sprachunterricht behielt ich mir vor So kam die Sache in den Gang
und so ging sie fort
Das Leben in Heinbach war wirklich sehr einfach Man stand mit der
Morgensonne auf versammelte sich in dem Speisezimmer zum Frühmahle dem einiges
Gespräch folgte und ging dann an seine Geschäfte Die Kinder mussten ihre
Aufgaben machen von denen Matilde besonders von der Mutter manche in einigen
Zweigen bekam Der Vater ging in seine Stube las schrieb oder er sah in dem
Garten oder in dem kleinen Grundbesitze nach der zu dem Hause gehörte Ich war
teils in meiner Wohnung mit meinen Arbeiten die ich in der Stadt begonnen hatte
und hier fortsetzte beschäftigt teils war ich in Alfreds Zimmer und überwachte
und leitete was er zu tun hatte Die Mutter stand mir hierin bei und sie hielt
es für ihre Pflicht noch mehr um Alfred zu sein als ich Der Mittag versammelte
uns wieder in dem Speisezimmer am Nachmittage waren Lehrstunden und der Rest
des Tages wurde zu Gesprächen zu Spaziergängen zum Aufenthalte im Garten
oder besonders wenn Regenwetter war zum gemeinschaftlichen Lesen eines Buches
benützt Was man im Freien tun konnte wurde lieber im Freien als in Zimmern
abgemacht Besonders war hiezu der Aufenthalt unter den Linnendächern am Hause
geeignet den die Mutter sehr liebte Stundenlang war sie mit irgend einer
weiblichen Arbeit und die Kinder mit ihrem Schreibzeuge oder mit Büchern auf
diesem Platze beschäftigt Dies war besonders der Fall wenn die Vormittagssonne
die Luft durchwürzte und doch noch nicht so viel Kraft hatte die Mauern zu
erhitzen und den Aufenthalt an ihnen zu verleiden Auch wurden die
mannigfaltigen Bänkchen auf dem Rasenplatze vor welche man Tischchen stellte
und das Innere des Rosenhauses benützt Zuweilen wurden größere Spaziergänge
verabredet An solchen Tagen waren keine Lehrstunden man bestimmte die Zeit in
welcher fortgegangen werden sollte alle mussten gerüstet sein und mit dem
betreffenden Glockenschlage wurde aufgebrochen Wir besuchten zuweilen einen
Berg einen Wald oder gingen durch schöne ansprechende Gründe Manches Mal war
es auch eine Ortschaft in welche wir uns begaben Um das Haus lagen in geringen
Entfernungen Besitztümer von Familien mit denen die Bewohner von Heinbach
Umgang pflegten Öfter fuhr ein Wagen vor unserem Hause vor öfter fuhr der
unsere in die Nachbarschaft Die Kinder mischten sich zur Geselligkeit und
ältere traten zusammen Die Mutter Alfreds sah es gerne wie sie mir sagte wenn
eine Freundin Mathildens bei ihr durch längere Zeit verweilte sie aber konnte
sich nie entschließen ihre Tochter zu anderen Leuten auf Besuch zu geben Sie
wollte nicht getrennt sein Auch meinte sie würde sich Matilde fern von ihr
nicht wohl fühlen Von Künsten wurde bei wechselseitigen Besuchen vorzüglich die
Musik geübt Es war der Gesang der gepflegt wurde das Klavier und zu
vierstimmigen Darstellungen die Geigen Der Vater Alfreds schien mir ein Meister
auf der Geige zu sein Wir hörten solchen Vorstellungen zu. Wir Unbeschäftigten
sahen aber auch sehr gerne zu wenn die Kinder auf dem Rasenplatze hüpften und
sich in ihren Spielen ergötzten Bei alle dem besorgte die Mutter Alfreds aber
auch ihr ausgedehntes Hauswesen Sie gab den Dienern und Mägden hervor was das
Haus brauchte sorgte für die richtige und zweckmässige Verwendung leitete die
Einkäufe und ordnete die Arbeiten an Die Bekleidung des Herrn der Frau und
der Kinder war sehr ausgezeichnet aber auch sehr einfach und wohlbildend Nach
dem Abendessen saß man oft noch eine geraume Weile in Gesprächen bei dem Tische
und dann suchte jedes sein Zimmer
So war eine Zeit vergangen und so kam nach und nach der Herbst Ich lebte
mich immer mehr in das Haus ein und fühlte mich mit jedem Tage wohler Man
behandelte mich sehr gütig Was ich bedurfte war immer da ehe das Bedürfnis
sich noch klar dargestellt hatte Aber auch nicht bloß das wurde hergestellt
was ich bedurfte sondern auch das was zum Schmucke des Lebens geeignet ist
Blumen die ich liebte wurden in Töpfen in meine Zimmer gestellt ein Buch ein
neues Zeichnungsgeräte fand sich von Zeit zu Zeit ein und da ich einmal auf
mehrere Tage abwesend war sah ich bei meiner Rückkehr meine Wohnung mit Farben
bekleidet die ich einmal bei einem Besuche in einem Nachbarschlosse sehr gelobt
hatte Bei Spaziergängen gesellte sich der Vater Alfreds gerne zu mir wir
gingen abgesondert von den andern und führten Gespräche die mir in dem was er
sagte sehr inhaltreich schienen Ebenso war die Mutter Alfreds nicht ungeneigt
sich mit mir zu besprechen Wenn ich in Alfreds Zimmer war das an das ihrige
grenzte kam sie gerne herein und sprach mit mir oder sie ließ mich in ihr
Zimmer treten wies mir einen Sitz an und redete mit mir Ich hatte ihr nach und
nach alle meine Familienverhältnisse erzählt sie hatte teilnehmend zugehört
und hatte manches Wort gesprochen das höchst wohltätig in meine Seele ging
Alfred war mir gleich in den ersten Tagen zugetan und diese Neigung wuchs Sein
Wesen war nicht verbildet Er war körperlich sehr gesund und dies wirkte auch
auf seinen Geist der nebstdem überall von den Seinigen mit Maß und Ruhe umgeben
war Er lernte sehr genau und lernte leicht und gut er war folgsam und
wahrhaftig Ich wurde ihm bald zugeneigt Noch ehe der Winter kam verlangte er
dass er nicht mehr neben der Mutter sondern neben mir wohnen solle er sei ja
kein so kleiner Knabe mehr dass er die Mutter immer brauche und er müsse nun
bald neben den Männern sein Man willfahrte ihm auf meine Bitte er bekam ein
Zimmer neben mir und der Diener der bis jetzt nebst andern meine Aufträge zu
besorgen gehabt hatte wurde uns gemeinschaftlich beigegeben Sein Körper
entwickelte sich auch ziemlich regsam er war in dem Sommer gewachsen sein
Haupt war regelmässiger und sein Blick war stärker geworden
So endete der Herbst und als bereits die Reife an jedem Morgen auf den
Wiesen lagen zogen wir in die Stadt Hier änderte sich manches Alfred und ich
wohnten wohl wieder neben einander aber statt des Himmels und der Berge und der
grünen Bäume sahen Häuser und Mauern in unsere Fenster herein Ich war es von
früherem Stadtleben gewohnt und Alfred achtete wenig darauf Es wurden mehr
Lehrer in mehr Fächern genommen und die Lehrstunden waren gedrängter als auf
dem Lande Auch kamen wir mit viel mehr Menschen in Berührung und die
Einwirkungen vervielfältigten sich Aber auch hier wurde ich nicht minder gut
behandelt als auf dem Lande Ich wurde nach und nach zur Familie gerechnet und
alles was überhaupt der Familie gemeinschaftlich zukam wurde auch mir
zugeteilt Die Mutter Alfreds sorgte für meine häuslichen Angelegenheiten und
nur die Anschaffung von Kleidern Büchern und dergleichen war meine Sache
Als kaum die ersten Frühlingslüfte kamen gingen wir wieder nach Heinbach
Matilde Alfred und ich saßen in einem Wagen der Vater und die Mutter in einem
anderen Alfred wollte nicht von mir getrennt sein er wollte neben mir sitzen
Man musste es daher so einrichten dass Matilde uns gegenüber saß Sie war als
ich das Haus betreten hatte noch nicht völlig vierzehn Jahre alt Jetzt ging
sie gegen fünfzehn Sie war in dem vergangenen Jahre bedeutend gewachsen so dass
sie wohl so groß war wie ein vollendetes Mädchen Ihr Körper war äußerst
schlank aber sehr gefällig gebildet Man kleidete sie gerne in dunkle Stoffe
die ihr wohl standen Wenn sie in dem tiefen Blau oder in dem Nelkenbraun oder
in der Farbe des Veilchens ging und das schöne Weiß das Kleid oben säumte so
wurde eine Anmut sichtbar die gleichsam sagte dass alles sei wie es sein muss
Ihre Wangen waren sehr frisch sanft rot und wurden jetzt ein wenig länglich
ihr Mund war fast rosenrot die großen Augen waren sehr glänzend schwarz und
die reinen braunen Haare gingen von der sanften Stirne zurück Die Mutter liebte
sie sehr sie ließ sie fast gar nicht von sich sprach mit ihr ging mit ihr
spazieren unterrichtete sie auf dem Lande selber und wohnte in der Stadt jeder
Unterrichtsstunde bei die ein fremder Lehrer erteilte Nur mit mir und Alfred
ließ sie sie im vergangenen Sommer oft im Garten auf dem Rasenplatze ja sogar
in der Gegend herum gehen Da ging ich mit beiden Kindern fragte sie erzählte
ihnen ließ mich selber fragen und ließ mir erzählen Alfred hielt mich
größtenteils an der Hand oder suchte sich überhaupt irgendwie an mich
anzuhängen sei es selbst mit einem Hakenstäbchen das er sich von irgend einem
Busche geschnitten hatte Matilde wandelte neben uns Ich hatte nur den
Auftrag zu sorgen dass sie keine heftigen Bewegungen mache welche an sich für
ein Mädchen nicht anständig sind und ihrer Gesundheit schaden könnten und dass
sie nicht in sumpfige oder unreine Gegenden komme und sich ihre Schuhe oder ihre
Kleider beschmutze denn man hielt sie sehr rein Ihre Kleider mussten immer ohne
Makel sein ihre Zähne ihre Hände mussten sehr rein sein und ihr Haupt und ihre
Haare wurden täglich so vortrefflich geordnet dass kein Tadel entstehen konnte
Ich zeigte den Kindern die Berge die zu sehen waren und nannte sie ich lehrte
sie die Bäume die Gesträuche und selbst manche Wiesenpflanzen kennen ich las
ihnen Steinchen Schneckenhäuschen Muscheln auf und erzählte ihnen von dem
Haushalte der Tiere selbst solcher die groß und mächtig sind und in entfernten
Wäldern oder gar in Wüsten wohnen Alfred liebte das Walten und das Tun der
Vögel sehr besonders ihren Gesang Er freute sich aus dem Fluge einen Vogel zu
erraten und wenn die Stimmen in dem Gebüsche oder im Walde ertönten konnte er
alle die Sänger herzählen von denen sie strömten Er lehrte dies ein wenig auch
Mathilden und fragte sie bei manchem Laute woher er rühre Ich hatte die
Vorschriften der Mutter nie überschritten und Matilde gewann an Schönheit des
Aussehens und an Gesundheit durch diese Spaziergänge So wie die Mutter im
Sommer und Herbste sie mit uns hatte herum gehen lassen so ließ sie sie jetzt
mit uns fahren Sie saß zwei Tage uns gegenüber Es war am Morgen und Abende
noch ziemlich kühl Ich hatte einen Mantel und Alfred war in einen warmen
Überrock geknöpft Matilde hatte über ihr dunkles Wollkleid aus dem nicht
einmal die Spitzen ihrer Schuhe hervorsahn ein Mäntelchen das ihren ganzen
Oberkörper bis an das Kinn verhüllte auf dem Haupte hatte sie einen warmen
wohlgefütterten Hut dessen weite Flügel sich wohl anschmiegten so dass nichts
als beinahe nur die Wangen welche in der Märzluft noch röter geworden waren
und die glänzenden Augen hervorsahn Wir beredeten was wir in dem nächsten
Sommer vornehmen wollten Der Hauptinhalt unserer Gespräche aber war dass alles
was uns auf unserem Wege oder in dessen Nähe begegnete bemerkt wurde dass wir
es nannten und darüber sprachen So kamen wir endlich bei heiterem und klarem
Märzwetter in Heinbach an Die Bäume vor den Fenstern hatten noch kein Laub der
Garten war öde und die Felder waren noch nicht grün außer dort wo sie die
Wintersaaten trugen
Obwohl es draußen sehr unwirtlich war wenn man den äußerst freundlichen
blauen Himmel abrechnet so war es in dem Hause sehr heimisch Alles war auf das
reinlichste geputzt und zu dem Empfange der Bewohner hergerichtet Die Zimmer
glänzten die Fenster spiegelten durch die Vorhänge schien eine helle Märzsonne
herein und in den Kaminen brannte ein behagliches Feuer Meine zwei Gemächer
waren um ein sehr liebliches Eckzimmerchen vermehrt worden und man hatte mir
schönere und bequemere Geräte in meine Wohnung gestellt Ich traf jetzt die
Veranstaltung dass die Tür von meiner Wohnung in Alfreds Zimmer immer offen war
dass beide Wohnungen eine bildeten und dass ich gleichsam neben einem jüngeren
Bruder lebte Hatte ich eine Arbeit vor bei der eine Störung hindernd gewesen
wäre so ging ich in mein Eckzimmer
Das Leben in dem Landhause begann jetzt wieder wie in dem vorigen Sommer
Wenn auch noch kein Laub auf den Bäumen war wenn sich das Grün der Wiesen noch
dürftig zeigte und auf den Feldern für die Sommerfrucht noch die nackte Scholle
lag so gingen wir doch schon vielfach spazieren Alfred und ich gingen täglich
selbst wenn trübes Wetter war nur nicht wenn heftiger Regen von dem Himmel
strömte Wenn nach einem klaren Morgen an dem wir noch die Erde und die Dächer
weiß gesehen hatten ein heiterer Tag kam und die Wege trocken waren ging
Matilde mit uns und wir führten sie auf Anhöhen oder Felder wo wir kurz
vorher die schönsten Triller der Lerchen gehört hatten Diese Sänger waren die
einzigen die mit uns schon die Gegend bevölkerten
Nach und nach wurde das Weiß auf Feld und Wiesen seltener die Sonne schien
kräftiger das Feuer in den Kaminen war nicht mehr nötig die Wiesen gewannen
Grün die Bäume Knospen und an den Zweigen der Lattenpfirsiche im Garten
erschienen einzelne Blüten Die Sänger der Luft erschienen in verschiedenen
Gestalten und Farben Wenn ich irgendwo Veilchen oder andere Frühlingsblumen
fand welche Matilde nicht mit uns hatte pflücken können so brachte ich sie
ihr in einem Strausse für das Blumenglas ihres Tischchens nach Hause Als Dank
für solche Aufmerksamkeiten erhielt ich zu meinem Geburtsfeste welches in die
ersten Tage des Frühlings fiel von ihrer Hand gestickt ein rundes Deckchen
worauf ein silberner Handleuchter den mir Mathildens Mutter gab zu stehen
bestimmt war
Der Frühling war endlich mit voller Pracht gekommen Im vergangenen Jahre
hatte ich ihn in dieser Gegend nicht gesehen weil ich erst später angelangt
war Überhaupt hatte ich meines längeren Stadtlebens willen schon lange nicht
einen vollkommenen Frühling in der Tiefe des Landes erblickt Nur an der Grenze
des Landes das heißt wo es an die Stadt reicht hatte ich den einen oder
andern Frühlingstag zugebracht oder irgend einen Sonnenblick erlauscht Das
teilt man aber mit vielen die aus der Stadt hinaus kommen und muss es im
Gedränge und Staube genießen In Heinbach war Einsamkeit und Stille die blaue
Luft schien unermesslich und die Blütenfülle wollte die Bäume erdrücken Jeden
Morgen strömte neue Würze durch die geöffneten Fenster Man fühlte in Heinbach
wie sehr mich Ungewohnten dieser Reichtum überrasche und freue und man suchte
mir diese Freude auf jede Weise noch fühlbarer zu machen und sie zu erhöhen
Jeden Tag wurden die Blumen in meiner Wohnung durch neu aufgeblühte aus den
Gewächshäusern ersetzt Wenn in dem freien Grunde sich etwas zeigte sei es ein
Gesträuch sei es eine Blume so machte man mich darauf aufmerksam man brachte
den größten Teil der Zeit im Freien zu und machte weit öfter und weit längere
Spaziergänge als sonst Matilde erzählte mir es wenn sie den Gesang eines
Vogels gehört hatte wenn Faltern vorüber geflogen waren wenn sich ein Becher
in einem Gebüsche geöffnet hatte ja sie gab mir zuweilen Blumen um sie in
meiner Wohnung aufzubewahren
So verging der Frühling und der Sommer rückte vor War mir das Leben im
vergangenen Jahre in dieser Familie angenehm gewesen so war es mir in diesem
noch angenehmer Wir gewöhnten uns immer mehr an einander und mir war zuweilen
als hätte ich wieder eine unzerstörbare Heimat Der Herr des Hauses zeichnete
mich aus er besuchte mich oft in meiner Wohnung und sprach lange mit mir er
lud mich zu sich zeigte mir seine Sammlungen seine Arbeiten und sprach über
Gegenstände die bewiesen dass er mich auch achte Mathildens Mutter war sehr
liebreich freundlich und gütig Sie sorgte wie früher für mich aber sie tat es
einfacher und fast wie ein Ding, das sich von selber verstehe Wir waren oft
alle in ihrem Zimmer und spielten ein kindisches Spiel oder trieben Musik
Alfred hatte gleich anfangs schon viel Zutrauen zu mir gezeigt dieses Zutrauen
war immer gewachsen und war dann unbedingt geworden Er war ein vortrefflicher
Knabe offen klar einfach gutmütig lebendig ohne doch einem heftigen Zorne
anheimzufallen heiter unschuldig und folgsam Er war jetzt gegen neun Jahre
alt entwickelte sich stets fröhlicher und gewann am Geiste sowie am Körper
Matilde wurde immer herrlicher sie war zuletzt feiner als die Rosen an dem
Gartenhause zu denen wir sehr gerne gingen Ich liebte beide Kinder unsäglich
Wenn Alfred Unterrichtsstunde hatte war ich dabei und leitete und überwachte
sie ich überwachte sein Lernen und fragte ihn immer um das Gelernte damit er
sich bei dem Lehrer keine Blöße gebe Die Gegenstände die ich mit ihm vornahm
vermehrte ich ansehnlich ich suchte sie ihm recht gut beizubringen und er
lernte sie auch besser als früher bei andern Lehrern Vater und Mutter waren oft
bei dem Unterrichte zugegen und überzeugten sich von den Fortschritten Matilde
nahm ich nicht nur sehr gerne sondern viel lieber als früher zu unsern
Spaziergängen mit Ich sprach mit ihr ich erzählte ihr ich zeigte ihr
Gegenstände die an unserm Wege waren hörte ihre Fragen ihre Erzählungen und
beantwortete sie Bei rauen Wegen oder wo Nässe zu befürchten war zeigte ich
ihr die besseren Stellen oder die Richtungen auf denen man trockenen Fußes
gehen konnte Zu Hause nahm ich an ihren Bestrebungen Anteil Ich sah öfter ihre
Zeichnungen an und gab ihr einen Rat den sie sehr gerne verlangte und
befolgte Sie freute sich sehr wenn das Veränderte dann viel besser aussah Ich
war dabei wenn sie auf dem Klaviere spielte und hörte zu so lange ihre Finger
aus den Saiten die Töne hervor zu locken suchten Ich schrieb ihr in Hefte sehr
zierlich ab wenn sie irgendwo einen Gesang hörte und sich denselben aus dem
Gedächtnisse in Musiknoten aufschrieb Dies war besonders in Hinsicht der Zither
der Fall die sie spielen zu lernen angefangen hatte die sie sehr liebte und
auf der sie bedeutende Fortschritte machte Oft hörte die Mutter Mathildens mit
Aufmerksamkeit zu wenn sie anmutige Weisen aus den Metallsaiten hervorbrachte
und ich und Alfred regten uns nicht und lauschten Ich las ihr und der Mutter
aus ihren Büchern vor und bezeichnete schöne Stellen durch eingelegte Zeichen
Auch Blumen Waldfrüchte und dergleichen brachte ich ihr wenn ich dachte dass
sie ihr Freude machen könnten
Der Sommer war beinahe vergangen und der Herbst stand bevor Wir hatten so
viel getan dass uns die Zeit sehr kurz schien Wir waren uns auch genug um
unsere Stunden zu erfüllen Wenn fremde Kinder zugegen waren wenn Spiele
veranstaltet waren und alle auf dem heiteren Rasen hüpften und sprangen stand
Matilde seitwärts und sah teilnahmlos zu Wir fuhren auch nicht so oft in die
Nachbarschaft wie im vergangenen Jahre und verlangten es auch nicht
Eines Tages nachmittags standen wir drei an dem Ausgange des langen
Laubenweges der mit Reben bekleidet ist und zu dem Obstgarten führt Matilde
und ich standen ganz allein an der Mündung des Laubganges Alfred war unter den
Bäumen damit beschäftigt gewesen einige Täfelchen die an den Stämmen hingen
und schmutzig geworden waren zu reinigen dann las er abgefallenes halbreifes
Obst zusammen legte es in Häufchen und sonderte das bessere von dem
schlechteren ab Ich sagte zu Mathilden dass der Sommer nun bald zu Ende sei
dass die Tage mit immer größerer Schnelligkeit kürzer werden dass bald die Abende
kühl sein würden dass dann dieses Laub sich gelb färben dass man die Trauben
ablesen und endlich in die Stadt zurückkehren würde
Sie fragte mich ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe
Ich sagte dass ich nicht gerne gehe dass es hier gar so schön sei und dass
es mir vorkomme in der Stadt werde alles anders werden
Es ist wirklich sehr schön antwortete sie hier sind wir alle viel mehr
beisammen in der Stadt kommen Fremde dazwischen man wird getrennt und es ist
als wäre man in eine andere Ortschaft gereist Es ist doch das größte Glück
jemanden recht zu lieben
Ich habe keinen Vater keine Mutter und keine Geschwister mehr erwiderte
ich und ich weiß daher nicht, wie es ist
Man liebt den Vater die Mutter die Geschwister sagte sie und andere
Leute
Matilde liebst du denn auch mich erwiderte ich
Ich hatte sie nie du genannt ich wusste auch nicht wie mir die Worte in den
Mund kamen es war als wären sie mir durch eine fremde Macht hineingelegt
worden Kaum hatte ich sie gesagt so rief sie Gustav Gustav so
außerordentlich wie es gar nicht auszusprechen ist
Mir brachen die heftigsten Tränen hervor
Da flog sie auf mich zu drückte die sanften Lippen auf meinen Mund und
schlang die jungen Arme um meinen Nacken Ich umfasste sie auch und drückte die
schlanke Gestalt so heftig an mich dass ich meinte sie nicht loslassen zu
können Sie zitterte in meinen Armen und seufzte
Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer als dieses süße Kind
Als wir uns losgelassen hatten als sie vor mir stand erglühend in
unsäglicher Scham gestreift von den Lichtern und Schatten des Weinlaubes und
als sich da sie den süßen Atem zog ihr Busen hob und senkte war ich wie
bezaubert kein Kind stand mehr vor mir sondern eine vollendete Jungfrau der
ich Ehrfurcht schuldig war Ich fühlte mich beklommen
Nach einer Weile sagte ich Teure teure Matilde
Mein teurer teurer Gustav antwortete sie
Ich reichte ihr die Hand und sagte Auf immer Matilde
Auf ewig antwortete sie indem sie meine Hand fasste
In diesem Augenblicke kam Alfred auf uns herzu Er bemerkte nichts Wir
gingen schweigend neben ihm in dem Gange dahin Er erzählte uns dass die Namen
der Bäume die auf weiße Blechtäfelchen geschrieben sind welche Täfelchen an
Draht von dem untersten Aste jedes Baumes hernieder hängen von den Leuten oft
sehr verunreinigt würden dass man sie alle putzen solle und dass der Vater den
Befehl erlassen sollte dass ein jeder der einen Baum wäscht putzt oder
dergleichen oder der sonst eine Arbeit bei ihm verrichtet sich sehr in Acht zu
nehmen habe dass er das Täfelchen nicht bespritzt oder sonst eine Unreinigkeit
darauf bringt Dann erzählte er uns dass er schöne Borsdorfer Äpfel gefunden
habe welche durch einen Insektenstich zu einer früheren beinahe vollkommenen
Reife gediehen seien Er habe sie am Stamme des Baumes zusammengelegt und werde
den Vater bitten sie zu untersuchen ob man sie nicht doch brauchen könne Dann
seien viele andere welche vor der Zeit abfielen weil die Bäume heuer mit zu
viel Obst beladen wären und ihre Kraft nicht genug ist alle zur Reife zu
bringen Diese habe er auch zusammengelegt so viele er in der ersten Baumreihe
habe finden können Sie werden wohl zu gar nichts tauglich sein Er freue sich
schon sehr auf den Herbst wo man alles das herabnehmen werde und wo auch die
schönen roten blauen und goldgrünen Trauben von diesem Ganggeländer
heruntergelesen werden würden Es sei gar nicht mehr lange bis dahin
Wir sprachen nicht und gingen einige Male in dem Gange mit ihm hin und
wider
Die große Erregung hatte sich ein wenig gelegt und wir gingen in das Haus
Ich ging aber nicht mit Mathilden zu ihrer Mutter wie ich sonst immer getan
hatte sondern nachdem ich Alfred in sein Zimmer geschickt hatte schweifte ich
durch die Büsche herum und ging immer wieder auf den Platz von welchem ich die
Fenster sehen konnte innerhalb welcher die teuerste aller Gestalten verweilte
Ich meinte ich müsse sie durch mein Sehnen zu mir herausziehen können Es war
erst ein Augenblick seit wir uns getrennt hatten und mir erschien es so lange
Ich glaubte ohne sie nicht bestehen zu können ich glaubte jede Zeit sei ein
verlornes Gut in welcher ich das holde schlanke Mädchen nicht an mein Herz
drückte Ich hatte früher nie irgend ein Mädchen bei der Hand gefasst als meine
Schwester ich hatte nie mit einem ein liebes Wort geredet oder einen
freundlichen Blick gewechselt Dieses Gefühl war jetzt wie ein Sturmwind über
mich gekommen Ich glaubte sie durch die Mauern in ihrem Zimmer gehen sehen zu
müssen mit dem langen kornblumenblauen Kleide mit den glanzvollen Augen und dem
rosenherrlichen Munde Es bewegte sich der Fenstervorhang aber sie war nicht an
demselben es schimmerte an dem Glase wie von einem rosigen Angesichte aber es
war nur ein schiefes Hereinleuchten der beginnenden Abendröte gewesen Ich ging
wieder durch die Büsche ich ging durch den Weinlaubengang in den Obstgarten
der Weinlaubengang war mir jetzt ein fremdwichtiges Ding wie ein Palast aus dem
fernsten Morgenlande Ich ging durch das Haselnussgebüsch zu dem Rosenhause es
war als blühten und glühten alle Rosen um das Haus obwohl nur die grünen
Blätter und die Ranken um dasselbe waren Ich ging wieder zu unserem Wohnhause
zurück und ging auf den Platz von dem ich Mathildens Fenster sehen musste Sie
beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen Als sie mich erblickt
hatte fuhr sie zurück Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah
als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen Ich ging wieder in die Büsche Es
waren Flieder in jener Gegend die eine Strecke Rasen säumten und in ihrer Mitte
eine Bank hatten um im Schatten ruhen zu können Zu dieser Bank ging ich immer
wieder zurück Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die
Fenster Sie beugte sich wieder heraus Dies taten wir ungezählte Male bis der
Flieder in dem Rot der Abendröte schwamm und die Fenster wie Rubinen glänzten
Es war zauberhaft ein süßes Geheimnis mit einander zu haben sich seiner bewusst
zu sein und es als Glut im Herzen zu hegen Ich trug es entzückt in meine
Wohnung
Als wir zum Abendessen zusammen kamen fragte mich Mathildens Mutter Warum
seid Ihr denn heute da Ihr mit den Kindern aus dem Garten zurückgekehrt wart
nicht mehr zu mir gegangen
Ich vermochte auf diese Frage nicht ein Wort zu antworten es wurde aber
nicht beachtet
Ich schlief in der ganzen Nacht kaum einige Augenblicke Ich freute mich
schon auf den Morgen an dem ich sie wieder sehen würde Wir trafen alle in dem
Speisesaale zu dem Frühmahle zusammen Ein Blick ein leichtes Erröten sagte
alles sie sagten dass wir uns besaßen und dass wir es wussten Den ganzen Morgen
brachte ich mit Alfred im eifrigen Lernen zu Gegen Mittag als Gräser und
Laubblätter getrocknet waren gingen wir in den Garten Matilde flog mit einem
Buche in dem sie eben gelesen hatte aus dem Hause sie eilte auf uns zu und
wir tauschten den Blick der Einigung Sie sah mich innig an und ich fühlte wie
meine Empfindung aus meinen Augen strömte Wir gingen durch den Blumengarten und
durch den Gemüsegarten auf den Weinlaubengang zu Es war als hätten wir uns
verabredet dorthin zu gehen Matilde und ich sprachen gewöhnliche Dinge und in
den gewöhnlichen Dingen lag ein Sinn den wir verstanden Sie gab mir ein
Weinblatt und ich verbarg das Weinblatt an meinem Herzen Ich reichte ihr ein
Blümchen und sie steckte das Blümchen in ihren Busen Ich nahm ihr das
Papierstreifchen welches als Merkmal in ihrem Buche steckte und behielt es bei
mir Sie wollte es wieder haben ich gab es nicht und sie lächelte und ließ es
mir Wir kamen in das Haselgebüsch durchstreiften es und traten vor die Rosen
des Gartenhauses Sie nahm einige welke Blätter ab und reinigte dadurch den
Zweig
Ich tat das nämliche mit dem Nachbarzweige Sie gab mir ein grünes
Rosenblatt ich knickte einen zarten Zweig was eigentlich nicht erlaubt war
und gab ihr den Zweig Sie wendete sich einen Augenblick ab und da sie sich
wieder uns zugewandt hatte sie den Rosenzweig bei sich verborgen Wir gingen in
das Gartenhaus sie stand an dem Tische und stützte sich mit ihrer Hand auf die
Platte desselben Ich legte meine Hand auch auf die Platte und nach einigen
Augenblicken hatten sich unsere Finger berührt Sie stand wie eine feurige
Flamme da und mein ganzes Wesen zitterte Im vorigen Sommer hatte ich ihr oft
die Hand gereicht um ihr über eine schwierige Stelle zu helfen um sie auf
einem schwanken Stege zu stützen oder sie auf schmalem Pfade zu geleiten Jetzt
fürchteten wir uns die Hände zu geben und die Berührung war von der größten
Wirkung Es ist nicht zu sagen woher es kommt dass vor einem Herzen die Erde
der Himmel die Sterne die Sonne das ganze Weltall verschwindet und vor dem
Herzen eines Wesens das nur ein Mädchen ist und das andere noch ein Kind
heißen Aber sie war wie der Stengel einer himmlischen Lilie zaubervoll
anmutsvoll unbegreiflich
Wir gingen wieder in das Haus und wir gingen ehe wir zu dem Mittagessen
gerufen wurden zu der Mutter Bei der Mutter waren wir stiller und wortarmer
als gewöhnlich Matilde suchte sich ein Papierstreifchen und legte es wieder an
jener Stelle in das Buch wo ich ihr das Merkzeichen herausgenommen hatte Dann
setzte sie sich zu dem Klaviere und rief einzelne Töne aus den Saiten Alfred
erzählte was wir in dem Garten getan hatten und berichtete der Mutter dass wir
verdorrte und unbrauchbare Blätter von den Rosenzweigen die an den Latten des
Gartenhauses angebunden sind herabgenommen hätten Hierauf wurden wir zu dem
Mittagessen gerufen Nachmittag war kein Spaziergang Die Eltern gingen nicht
und ich schlug Alfred und Mathilden keinen vor Ich nahm ein Buch eines
Lieblingsdichters las sehr lange und feurige Tränen wie heiße Tropfen kamen
öfter in meine Augen Später saß ich auf der Bank in dem Fliedergebüsche und
schaute zuweilen durch die Zweige auf die Wohnung Mathildens Dort stand manches
Mal das Mädchen das so schön wie ein Engel war an dem Fenster Gegen den Abend
spielte Matilde in dem Zimmer der Mutter auf dem Klaviere sehr ernst sehr
schön und sehr ergreifend Dann nahm sie noch die Zither und spielte auf
derselben ebenfalls Die Saiten mussten sie so ergriffen haben dass sie nicht
aufhören konnte Sie spielte immer fort und die Töne wurden immer rührender
und ihre Verbindung immer natürlicher Die Mutter lobte sie sehr Der Vater
welcher in einem Geschäfte in der nächsten kleinen Stadt gewesen war kam
endlich auch zur Mutter und wir blieben in dem Zimmer derselben bis wir zu dem
Abendessen gerufen wurden Der Vater nahm Mathilden an den Arm und führte sie
zärtlich in den Speisesaal
Es begann nun eine merkwürdige Zeit In meinem und Mathildens Leben war ein
Wendepunkt eingetreten Wir hatten uns nicht verabredet dass wir unsere Gefühle
geheim halten wollen dennoch hielten wir sie geheim wir hielten sie geheim vor
dem Vater vor der Mutter vor Alfred und vor allen Menschen Nur in Zeichen
die sich von selber gaben und in Worten die nur uns verständlich waren und
die wie von selber auf die Lippen kamen machten wir sie uns gegenseitig kund
Tausend Fäden fanden sich an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen
konnten und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren so fanden
sich wieder tausend und mehrten sich immer Die Lüfte die Gräser die späten
Blumen der Herbstwiese die Früchte der Ruf der Vögel die Worte eines Buches
der Klang der Saiten selbst das Schweigen waren unsere Boten Und je tiefer
sich das Gefühl verbergen musste desto gewaltiger war es desto drängender
loderte es in dem Innern Auf Spaziergänge gingen wir drei Matilde Alfred und
ich jetzt weniger als sonst es war als scheuten wir uns vor der Anregung Die
Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf Das war dann ein großes ein
namenloses Glück Die ganze Welt schwamm vor den Blicken wir gingen Seite an
Seite unsere Seelen waren verbunden der Himmel die Wolken die Berge
lächelten uns an unsere Worte konnten wir hören und wenn wir nicht sprachen
so konnten wir unsere Tritte vernehmen und wenn auch das nicht war oder wenn
wir stille standen so wussten wir dass wir uns besaßen der Besitz war ein
unermesslicher und wenn wir nach Hause kamen war es als sei er noch um ein
Unsägliches vermehrt worden Wenn wir in dem Hause waren so wurde ein Buch
gereicht in dem unsere Gefühle standen und das andere erkannte die Gefühle
oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht oder es wurden Blumen in den
Fenstern zusammengestellt welche von unserer Vergangenheit redeten die so kurz
und doch so lang war Wenn wir durch den Garten gingen wenn Alfred um einen
Busch bog wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief wenn er früher aus
dem Haselgebüsche war als wir wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein
ließ konnten wir uns mit den Fingern berühren konnten uns die Hand reichen
oder konnten gar Herz an Herz fliegen uns einen Augenblick halten die heißen
Lippen an einander drücken und die Worte stammeln Matilde dein auf immer und
auf ewig nur dein allein und nur dein nur dein allein
O ewig dein ewig ewig Gustav dein nur dein und nur dein allein
Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten
So war der tiefe Herbst gekommen Wir hatten in dem Reste des Sommers ein
Äußeres nicht vermisst Matilde und Alfred hatten immer weniger verlangt in die
Nachbarschaft zu fahren und so war es gekommen dass auch die Eltern weniger
fuhren und dass auch Fremde weniger zu uns kamen Wenn sie aber da waren wenn
auch Alfred an den Spielen und Ergötzungen der Kinder Teil nahm so war Matilde
doch teilnahmloser als je Sie hielt sich ferne wie eine die nicht hieher
gehört Auch in ihrem körperlichen Wesen war in dieser kurzen Zeit eine große
Veränderung vorgegangen Sie war stärker geworden ihre Wangen waren purpurner
ihre Augen glänzender geworden Alfred liebte mich sehr Neben seinen Eltern und
seiner Schwester liebte er vielleicht nichts so sehr als mich und ich vergalt
es ihm mit ganzer Seele
Der späte Herbst war endlich dem Beginne des Winters gewichen Wie wir sehr
früh von der Stadt auf das Land gingen so blieben wir auch sehr tief in die
sinkende Jahreszeit hinein auf demselben Alfreds Erwartung war in Erfüllung
gegangen Das Obst und die Trauben waren abgenommen worden Auf den Zweigen der
Bäume war kein Blatt mehr und der Nebel und der Frost zogen sich durch die
Gründe des Tales Da gingen wir in die Stadt Dort war Matilde enger umgrenzt
Lehrer Erziehungsstunden Unterricht Arbeiten drängten sich an sie heran Ihr
ganzes Wesen aber war begeisterter und getragener und ich erschien mir reich
um vieles reicher als die Besitzer all der Häuser der Paläste und des Glanzes
der ungeheuren Stadt Wir konnten uns nur seltener sprechen aber wenn sie mir
auf dem Gange begegnete wenn sie mir in dem Zimmer der Mutter einige Worte
sagen konnte wenn in der Menge das Geschick uns an einander vorüberführte oder
wenn uns ein anderer günstiger Augenblick gegeben war dann sagten mir ihre
schönen Augen dann sagten einige Worte wie sehr wir uns liebten wie
unveränderlich diese Liebe sei und wie unbegrenzt unsere Seelen einander
beherrschten Sie wurde jetzt auch von andern Leuten bemerkt und junge Männer
richteten ihre Augen auf sie aber wenn man ihr entgegen kam wenn ihr gehuldigt
wurde wenn man sie in einer Familie feierte so war sie ganz ruhig gegen diese
Dinge setzte ihnen gar keine Äußerung entgegen und ihr engelschönes Wesen
sagte mir es sagte es nur von mir verstanden dass sie mit ihrer wundervollen
Gestalt mit der Wärme ihrer Seele und dem Glanz ihres Aufblühens nur mich
beglücke und dass es ihr Wonne mache mich beglücken zu können Oft wenn ich
von weiten Gängen in der Stadt zurückkehrte und zu dem Hause kam in welchem wir
wohnten blieb ich stehen und betrachtete das Haus Es war merkwürdiger es war
gefeit worden vor den Häusern der Stadt und mit Rührung sah ich auf die Mauern
innerhalb welcher das Wesen wohnte das von überirdischen Räumen gekommen war
meine Seele zu erfüllen Matilde sah die Vergötterung welche ich ihr weihte
sie sah dieselbe genau auf den geheimen Wegen auf denen ich ihre Liebe
erkannte und Freude leuchtete darüber von ihrer Stirne welche gleichfalls nur
von mir gesehen wurde Die Eltern Mathildens fingen auch an sie in
vorzüglichere Stoffe zu kleiden als sie bisher getan hatten und wenn sie mit
edlen Gewändern angetan vor mir stand kam sie mir ferner und näher fremder und
angehöriger vor als sonst
Eines Tages als ich über die Treppe unsers Hauses welches nur von unserer
Familie allein bewohnt wurde herabging um einen Freund zu besuchen begegnete
mir Matilde Sie war mit der Mutter an das Haus gefahren die Mutter war in dem
Wagen sitzen geblieben sie aber sollte hinaufgehen um irgend etwas zu holen
Sie war in schwarze Seide gekleidet ein seidenes Mäntelchen war um ihre
Schaltern und aus dem Hute mit dem grünen Flore sah das blühende durch die
Kälte erfrischte Angesicht hervor Da wir uns hinter einer Biegung der Treppe
begegneten wurde sie dunkelglühend Ich erschrak und sagte aber O Matilde
Matilde du himmelvolles Wesen alle streben sie nach dir wie wird das werden
o wie wird das werden
Gustav Gustav antwortete sie du bist der trefflichste von allen du bist
ihr König du bist der Einzige alles ist gut und herrlich und Millionen Kräfte
sollen es nicht zerreißen können
Ich ergriff ihre Hand ein glühender Kuss nur einen Augenblick gegeben aber
mit fest aneinandergedrückten Lippen bekräftigte die Worte Ich hörte ihre
Seide die Treppe emporrauschen ich aber ging die Stufen hinunter Da ich unten
die gläserne Doppeltür der Treppe geöffnet hatte sah ich den Wagen stehen
Hinter den Fenstern desselben saß freundlich die Mutter Mathildens und sah mich
an Ich grüßte sie ehrerbietig und ging vorüber Ich ging nun nicht mehr zu dem
Freunde den ich hatte besuchen wollen
Mit Alfred betrieb ich das was er zu lernen hatte immer eifriger ich war
immer sorgsamer dass er es gut inne habe und legte wo ich konnte wie früher
und in noch größerem Masse selber Hand an Auch auf den Gang seiner Entwicklung
im allgemeinen suchte ich so einzuwirken wie es mir nur möglich war Ich sprach
sehr viel mit ihm und ging sehr viel mit ihm um Er schloss sich da er es wohl
wusste dass ich ihn liebe immer inniger an mich an ja er schloss sich auf das
innigste und fast ausschließlich an mich Er wohnte wie auf dem Lande so auch in
der Stadt neben mir
Im ersten Frühlinge fuhren wir wieder wie im vorigen Jahre nach Heinbach Es
war wieder die Veranstaltung getroffen dass Matilde Alfred und ich in einem
Wagen fuhren Alfred saß wieder neben mir und schmiegte sich an mich Matilde
saß gegenüber Und so konnten wir uns zwei Tage mit den Augen der Liebe
ungehindert ansehen und konnten mit einander sprechen Und wenn wir auch von
gleichgültigen Dingen redeten so hörten wir doch unsere Stimme und in
gewöhnlichen Dingen zitterte das tiefe Herz durch Jene zwei Tage waren die
glückseligsten meines Lebens
Auf dem Lande begann nun wieder ein Leben wie es im vergangenen Jahre
gewesen war Wir waren ungebunden und konnten leichter unsere Seelen tauschen
Wir waren freier in dem Zimmer der Mutter oder in dem des Vaters wir konnten
den Garten besuchen wir konnten unter den Bäumen des Rasenplatzes wandeln und
wir konnten spazieren gehen Am liebsten wurde uns der Weinlaubengang Er war
ein Heiligtum geworden seine Zweige sahen uns vertraut an seine Blätter wurden
unsere Zeugen und durch seine Verschlingungen bebte manches tiefe Wort und
wehte mancher Hauch der unergründlichsten Glückseligkeit Fast eben so lieb war
uns das Gartenhaus Manchen Flog der Wonne deckte es mit seinen schützenden
Mauern und es umgab uns wie ein stiller Tempel wenn wir alle drei eintraten
und zwei Gemüter wallten Wir gingen oft an diese beiden Orte Die
Verbindungsfäden wuchsen tausendfach Matilde wurde stets noch herrlicher sie
wurde von andern immer heißer begehrt aber ihre Seele schloss sich nur fester an
die meinige
Ich machte jetzt oft sehr große Wege allein Wenn ich so weit war dass ich
das Haus nicht mehr sehen konnte und wenn ich so dastand und die weißen Wolken
betrachtete die über dem Hause stehen mussten und wenn ich auf den Wald sah
jenseits dessen das Haus sich befand so kam eine tiefe Bewegung in mich Und
wenn ich dann nach Hause eilte ins Innere der Mauern ging sie da sah und an
ihr die Freude des Wiedersehens erkannte so frohlockte gleichsam springend mir
das Herz in dem Busen über meinen unendlichen Besitz
Dennoch war allgemach etwas da das wie ein Übel in mein Glück bohrte Es
nagte der Gedanke an mir dass wir die Eltern Mathildens täuschen Sie ahnten
nicht was bestand und wir sagten es ihnen nicht Immer drückender wurde mir
das Gefühl und immer ängstender lastete es auf meiner Seele Es war wie das
Unheil der Alten welches immer größer wird wenn man es berührt
Eines Tages da eben die Rosenblüte war sagte ich zu Mathilden ich wolle
zur Mutter gehen ihr alles entdecken und sie um ihr gütiges Vorwort bei dem
Vater bitten Matilde antwortete das werde gut sein sie wünsche es und unser
Glück müsse dadurch sich erst recht klären und befestigen
Ich ging nun zur Mutter Mathildens und sagte ihr alles mit schlichten
Worten aber mit zagender Stimme
Ich habe das von Euch nicht erwartet und nicht geahnt erwiderte sie ich
kann Euch auch einen Bescheid nicht geben Ich muss erst mit meinem Gatten
sprechen Kommt in einer Stunde in mein Zimmer und ich werde Euch antworten
Ich verbeugte mich verließ ihr Gemach und begab mich in mein Eckzimmer
Als die Stunde vorüber war ging ich in das Besuchzimmer der Mutter
Mathildens Sie erwartete mich schon Sie saß an ihrem Tische um den wir uns so
oft versammelt hatten Sie bot mir auch einen Stuhl an Nachdem ich mich gesetzt
hatte sagte sie Mein Gatte ist mit mir gleicher Ansicht Wir haben Euch ein
Vertrauen geschenkt das so groß war dass wir es nicht verantworten können Ihr
gabet uns Grund zu diesem Vertrauen Wir wollen nicht weiter darüber rechten
Aber eins muss gesprochen werden Die Verbindung welche ihr beide geschlossen
habt ist ohne Ziel wenigstens ist jetzt ein Ziel nicht abzusehen Ihr mögt
wohl beide einen gleichen Anteil an der Schliessung dieses Bundes haben Aber
beide dürftet ihr vielleicht an seine Folgen nicht gedacht haben sonst könnten
wir euch schwerer entschuldigen Ihr habt euch nur eurem Gefühle hingegeben Ich
begreife das Ich kann mir nur nicht erklären dass ich es nicht schon früher
begriffen habe Ich habe Euch so so sehr vertraut Hört mich aber jetzt an
Matilde ist noch ein Kind es muss eine Reihe von Jahren vergehen in denen sie
noch lernen muss was ihr für ihren einstigen Beruf not tut es muss noch eine
Reihe von Jahren vergehen ehe sie nur begreift was der Bund ist den sie eben
geschlossen hat Sie ist lebhaft sie hat ein Gefühl von ihrer Seele Besitz
nehmen lassen welches ihr angenehm ist und welches wahrscheinlich diese ihre
ganze Seele erfüllt Sollen wir sie in diesem Gefühle befangen sein lassen in
der ganzen Zeit in der sie erst die wichtigsten Vorbereitungen zu ihrem
künftigen Leben treffen muss oder soll sie ruhiger sein um diese Vorbereitungen
in dem rechten Masse treffen zu können Soll das Gefühl nun fortdauern immer
fort bis wir sagen können dass sie Braut sei Wenn es fortdauert wird es nicht
peinigende Stunden bringen da es nicht so bald in seinen natürlichen Abschluss
gelangen kann und Zweifel Ungeduld Vorwärtstreiben Unmut und Schmerz in
seinem Gefolge führen Wird es da nicht jene schönen edlen heitern ruhigen
Tage wegfressen die der aufblühenden Jungfrau bestimmt sind ehe sie den
Brautkranz in ihre Haare flicht Sind nicht oft frühzeitige auf weite Ziele
gerichtete Neigungen die Zerstörerinnen des Lebensglückes geworden Wenn Ihr
Mathilden liebt wenn Ihr sie mit wahrhafter Liebe Eures Herzens liebt könnt
Ihr sie einer solchen Gefahr aussetzen wollen Gräbt nicht tiefes Sehnen und
heftiges Fühlen durch Jahre fortgesetzt alle Kräfte des Menschen an Und wie
wenn die Neigung des einen schwindet und das andere trostlos ist oder wenn sie
in beiden ermattet und eine Leere hinter sich lässt Ihr werdet beide sagen das
sei bei euch nicht möglich Ich weiß dass ihr jetzt so fühlt ich weiß dass es
bei euch vielleicht auch nicht möglich ist allein ich habe oft gesehen dass
Neigungen aufhörten und sich änderten ja dass die stärksten Gefühle welche
allen Gewalten trotzten dann da sie keinen andern Widerstand mehr hatten als
die zähe immer dauernde aufreibende Zeit dieser stillen und unscheinbaren
Gewalt unterlegen sind Soll Matilde ich will sagen Eure Matilde dieser
Möglichkeit anheim gegeben werden? Ist ihr das Leben in das sie jetzt mit
frischer Seele hinein sieht nicht zu gönnen Es ist größere Liebe auf die
eigene Seligkeit nicht achten ja die gegenwärtige Seligkeit des geliebten
Gegenstandes auch nicht achten aber dafür das ruhige feste und dauernde Glück
desselben begründen Das glaube ich ist Eure und ist Mathildens Pflicht Ihr
könnt mir nicht einwenden dass dieses Glück durch eine Verbindung die sogleich
geschlossen wird zu begründen sei Wenn auch Mathildens Vermögen so groß wäre
dass daraus ein Familienbesitzstand gegründet werden könnte wenn Ihr es auch
über Euch vermöchtet von dem Vermögen Eurer Gattin wenigstens eine Zeit
hindurch zu leben was ich bezweifle so wäre damit doch noch nichts gewonnen
da Matilde wie ich sagte die bei weitem größere Zahl von Eigenschaften noch
nicht besitzt welche eine Gattin und Mutter besitzen muss da sie ferner nach
den Ansichten die wir über das körperliche Wohl unserer Kinder für unsere
Pflicht halten wenigstens vor sechs oder sieben Jahren sich nicht vermählen
kann und da also die Unsicherheit und Gefahr wie ich früher sprach auch bei
dieser Eurer Behauptung für sie und Euch vorhanden wären Da die Kinder in dem
Alter Mathildens ihren Eitern ohne Bedingung zu folgen haben und da gute
Kinder wozu ich Mathilden zähle auch wenn es ihrem Herzen Schmerz macht gerne
folgen weil sie der Liebe und der bessern Einsicht der Eltern vertrauen so
hätte ich nur sagen dürfen mein Gatte und ich erkennen dass zum Wohle
Mathildens das Band das sie geschlungen hat nicht fortdauern dürfe und dass
sie daher dasselbe abbrechen möge allein ich habe Euch die Gründe unserer
Ansicht entwickelt weil ich Euch hochachte und weil ich auch gesehen habe dass
Ihr mir zugetan seid wie ja auch Euer Geständnis beweist welches freilich
etwas früher hätte gemacht werden sollen Erlaubt dass ich nun auch von Euch
etwas spreche Ihr seid wenn auch älter als Matilde doch als Mann noch so
jung dass Ihr die Lage in der Ihr seid kaum zu beurteilen fähig sein dürftet
Mein Gatte und ich sind der Ansicht dass Ihr so weit wir Euch kennen durch
Euer Gefühl das immer edel und warm ist in die Neigung zu Mathilden der wir
auch als Eltern immerhin einigen Liebreiz zusprechen müssen gestürzt worden
seid dass sich Euch das Gefühl als etwas Hohes und Erhabenes angekündigt hat
das Euch noch dazu so beseligte und dass Ihr daher an keinen Widerstand gedacht
habt der Euch ja auch als Untreue an Mathilden erscheinen musste Allein Eure
Lage in dieser Art genommen darf nicht als die gesetzmässige bezeichnet werden
Ihr seid so jung Ihr habt Euch in den Anfang einer Laufbahn begeben Ihr müsst
nun in derselben fortfahren oder wenn Ihr sie missbilligt eine andere
einschlagen In ganz und gar keiner kann ein Mann von Eurer Begabung und Eurem
inneren Wesen nicht bleiben Welche lange Zeit liegt nun vor Euch die Ihr
benützen müsst Euch in jene feste Lebenstätigkeit zu bringen die Euch not tut
und Euch jene äußere Unabhängigkeit zu erwerben die Ihr braucht damit Ihr
beides zur Errichtung eines dauernden Familienverhältnisses anwenden könnt
Welche Unsicherheit in Euren Bestrebungen wenn Ihr eine verfrühte Neigung in
dieselben hinein nehmt und welche Gefahren in dieser Euch beherrschenden
Neigung für Euer Wesen und Euer Herz Es wird euch beiden jetzt Schmerz machen
das geknüpfte Band zu lösen oder wenigstens aufzuschieben wir wissen es wir
fühlen den Schmerz ihr beide dauert uns und wir machen uns Vorwürfe dass wir
die entstandene Sachlage nicht zu verhindern gewusst haben aber ihr werdet beide
ruhiger werden Matilde wird ihre Bildung vollenden können Ihr werdet in Eurem
zukünftigen Stande Euch befestiget haben und dann kann wieder gesprochen
werden Ihr hättet auch ohne diese Neigung nicht lange mehr in Eurer
gegenwärtigen Stellung bleiben können Wir verdanken Euch sehr viel Unser
Alfred und auch Matilde reiften an Euch sehr schön empor Aber eben deshalb
hätten wir es nicht über unser Gewissen bringen können Euch länger zu unserem
Vorteile von Eurer Zukunft abzuhalten und mein Gatte hatte sich vorgenommen
mit Euch über diese Sache zu sprechen Überdenkt was ich Euch sagte Ich
verlange heute keine Antwort aber gebt sie mir in diesen Tagen Ich habe noch
einen Wunsch ich kenne Euch und ich will ihn Euch deshalb anvertrauen Ihr
habt eine sehr große Gewalt über Mathilden wie wir wohl immer gesehen haben
wie sie uns in ihrer Größe aber nicht erschienen ist wendet wenn meine Worte
bei Euch einen Eindruck machten diese Gewalt auf sie an um sie von dem zu
überzeugen was ich Euch gesagt habe und um das arme Kind zu beruhigen Wenn es
Euch gelingt glaubt mir so erweiset Ihr Mathilden dadurch eine große Liebe
Ihr erweiset sie Euch und auch uns Geht dann mit dem Eifer der Begabung und der
Ausdauer wie Ihr sie in unserem Hause bewiesen habt an Euren Beruf Wir waren
Euch alle sehr zugetan Ihr werdet wieder Neigung und Anhänglichkeit finden Ihr
werdet ruhiger werden und alles wird sich zum Guten wenden
Sie hatte ausgesprochen legte ihre schöne freundliche Hand auf den Tisch
und sah mich an
Ihr seid ja so blass wie eine getünchte Wand sagte sie nach einem Weilchen
In meine Augen drangen einzelne Tränen und ich antwortete Jetzt bin ich
ganz allein Mein Vater meine Mutter meine Schwester sind gestorben Mehr
konnte ich nicht sagen meine Lippen bebten vor unsäglichem Schmerz
Sie stand auf legte ihre Hand auf meinen Scheitel und sagte unter Tränen
mit ihrer lieblichen Stimme Gustav mein Sohn du bist es ja immer gewesen und
ich kann einen besseren nicht wünschen Geht jetzt beide den Weg eurer
Ausbildung und wenn dann einst euer gereiftes Wesen dasselbe sagt was jetzt
das wallende Herz sagt dann kommt beide wir werden euch segnen Stört aber
durch Fortspinnen Steigern und vielleicht Abarten eurer jetzigen heftigen
Gefühle nicht die euch so nötige letzte Entwicklung
Es war das erste Mal gewesen dass sie mich du genannt hatte
Sie verließ mich und ging einige Schritte im Zimmer hin und wider
Verehrte Frau sagte ich nach einer Weile es ist nicht nötig dass ich Euch
morgen oder in diesen Tagen antworte ich kann es jetzt sogleich Was Ihr mir an
Gründen gesagt habt wird sehr richtig sein ich glaube dass es wirklich so ist
wie Ihr sagt allein mein ganzes Innere kämpft dagegen und wenn das Gesagte
noch so wahr ist so vermag ich es nicht zu fassen Erlaubt dass eine Zeit
hierüber vergehe und dass ich dann noch einmal durchdenke was ich jetzt nicht
denken kann Aber eins ist es was ich fasse Ein Kind darf seinen Eltern nicht
ungehorsam sein wenn es nicht auf ewig mit ihnen brechen wenn es nicht die
Eltern oder sich selbst verwerfen soll Matilde kann ihre guten Eltern nicht
verwerfen und sie ist selber so gut dass sie auch sich nicht verwerfen kann
Ihre Eltern verlangen dass sie jetzt das geschlossene Band auflösen möge und
sie wird folgen Ich will es nicht versuchen durch Bitten das Gebot der Eltern
wenden zu wollen Die Gründe welche Ihr mir gesagt habt und welche in mein
Wesen nicht eindringen wollen werden in dem Eurigen fest haften sonst hättet
Ihr mir sie nicht so nachdrücklich gesagt hättet sie mir nicht mit solcher Güte
und zuletzt nicht mit Tränen gesagt Ihr werdet davon nicht lassen können Wir
haben uns nicht vorzustellen vermocht dass das was für uns ein so hohes Glück
war für die Eltern ein Unheil sein wird Ihr habt es mir mit Eurer tiefsten
Überzeugung gesagt Selbst wenn Ihr irrtet selbst wenn unsere Bitten Euch zu
erweichen vermöchten so würde Euer freudiger Wille Euer Herz und Euer Segen
mit dem Bunde nicht sein und ein Bund ohne der Freude der Eltern ein Bund mit
der Trauer von Vater und Mutter müsste auch ein Bund der Trauer sein er wäre ein
ewiger Stachel und Euer ernstes oder bekümmertes Antlitz würde ein
unvertilgbarer Vorwurf sein Darum ist der Bund und wäre er der berechtigteste
aus er ist aus auf so lange als die Eltern ihm nicht beistimmen können Eure
ungehorsame Tochter würde ich nicht so unaussprechlich lieben können wie ich
sie jetzt liebe Eure gehorsame werde ich ehren und mit tiefster Seele wie fern
ich auch sein mag lieben so lange ich lebe Wir werden daher das Band losen
wie schmerzhaft die Lösung auch sein mag O Mutter Mutter lasst Euch diesen
Namen zum ersten und vielleicht auch zum letzten Male geben der Schmerz ist so
groß dass ihn keine Zunge aussprechen kann und dass ich mir seine Größe nie
vorzustellen vermocht habe
Ich erkenne es antwortete sie und darum ist ja der Kummer den ich und
mein Gatte empfinden so groß dass wir unserem teuren Kinde und Euch den wir
auch lieben die Seelenkränkung nicht ersparen können
Ich werde morgen Mathilden sagen erwiderte ich dass sie ihrem Vater und
ihrer Mutter gehorchen müsse Heute erlaubt mir verehrte Frau dass ich meine
Gedanken etwas ordne und dass ich auch noch andere Dinge ordne die not tun
Die Tränen waren mir wieder in die Augen getreten
Sammelt Euch lieber Gustav sagte sie und tut was Ihr für gut haltet
sprecht mit Mathilden oder sprecht auch nicht ich schreibe Euch nichts vor Es
wird eine Zeit kommen in der Ihr einsehen werdet dass ich Euch nicht so unrecht
tue als Ihr jetzt vielleicht glauben mögt
Ich küsste ihr die Hand die sie mir gütig gab und verließ das Zimmer
Am andern Tage bat ich Mathilden mit mir einen Gang in den Garten zu
machen Wir gingen durch den ersten Teil desselben und wir gingen durch den
Weinlaubengang bis zu dem Gartenhause an dem die Rosen blühten Während wir so
wandelten sprachen wir fast kein Wort außer dass wir sagten wie uns hie und da
eine Blume gefalle wie das Weinlaub schön sei und wie der Tag sich so
ausgeheitert habe Wir waren zu gespannt auf das was da kommen werde Matilde
auf das was ich ihr mitzuteilen habe und ich auf das wie sie die Mitteilung
aufnehmen werde In der Nähe des Gartenhauses war eine Bank auf welche von
einem Rosengebüsche Schatten fiel Ich lud sie ein mit mir auf der Bank Platz
zu nehmen Sie tat es Es war das erste Mal dass wir ganz allein in den Garten
gingen und dass wir allein bei einander auf einer Bank saßen Es war das
Vorzeichen dass uns dies in Zukunft entweder ungestört werde gestattet sein
oder dass es das letzte Mal sei und dass man darum ein unbedingtes Vertrauen in
uns setze Ich sah dass Matilde das empfinde denn in ihrem ganzen Wesen war
die höchste Erwartung ausgeprägt Desohngeachtet rief sie mit keinem Worte den
Anfang der Mitteilungen hervor Mein Wesen mochte sie in Angst gesetzt haben
denn obwohl ich mir unzählige Male in der Nacht die Worte zusammengestellt
hatte mit denen ich sie anreden wollte so konnte ich doch jetzt nicht
sprechen und obwohl ich suchte meine Empfindungen zu bemeistern so mochte
doch der Schmerz in meinem Äußeren zu lesen gewesen sein Da wir schon eine Weile
gesessen waren auf unsere Fußspitzen gesehen und was zu verwundern war uns
nicht an der Hand gefasst hatten fing ich an mit zitternder Stimme und mit
stockendem Atem zu sagen was ihre Eltern meinen und dass sie den Wunsch hegen
dass wir wenigstens für die jetzige Zeit unser Band auflösen mögen Ich ging auf
die Gründe welche die Mutter angegeben hatte nicht ein und legte Mathilden
nur dar dass sie zu gehorchen habe und dass unter Ungehorsam unser Bund nicht
bestehen könne
Als ich geendet hatte war sie im höchsten Masse erstaunt
Ich bitte dich wiederhole mir nur in kurzem was du gesprochen hast und
was wir tun sollen sagte sie
Du musst den Willen deiner Eltern tun und das Band mit mir lösen antwortete
ich
Und das schlägst du vor und das hast du der Mutter versprochen bei mir
auszuwirken fragte sie
Matilde nicht auszuwirken antwortete ich wir müssen gehorchen denn der
Wille der Eltern ist das Gesetz der Kinder
Ich muss gehorchen rief sie indem sie von der Bank aufsprang und ich werde
auch gehorchen aber du musst nicht gehorchen deine Eltern sind sie nicht Du
musstest nicht hieher kommen und den Auftrag übernehmen mit mir das Band der
Liebe das wir geschlossen hatten aufzulösen Du musstest sagen Frau Eure
Tochter wird Euch gehorsam sein sagt Ihr nur Euren Willen aber ich bin nicht
verbunden Eure Vorschriften zu befolgen ich werde Euer Kind lieben so lange
ein Blutstropfen in mir ist ich werde mit aller Kraft streben einst in ihren
Besitz zu gelangen Und da sie Euch gehorsam ist so wird sie mit mir nicht mehr
sprechen sie wird mich nicht mehr ansehen ich werde weit von hier fortgehen
aber lieben werde ich sie doch so lange dieses Leben währt und das künftige
ich werde nie einer andern ein Teilchen von Neigung schenken und werde nie von
ihr lassen So hättest du sprechen sollen und wenn du von unserm Schloss
fortgegangen wärest so hätte ich gewusst dass du so gesprochen hast und tausend
Millionen Ketten hätten mich nicht von dir gerissen und jubelnd hätte ich einst
in Erfüllung gebracht was dir dieses stürmische Herz gegeben Du hast den Bund
aufgelöste ehe du mit mir hieher gegangen bist ehe du mich zu dieser Bank
geführt hast die ich dir gutwillig folgte weil ich nicht wusste was du getan
hast Wenn jetzt auch der Vater und die Mutter kämen und sagten Nehmet euch
besitzet euch in Ewigkeit so wäre doch alles aus Du hast die Treue gebrochen
die ich fester gewähnt habe als die Säulen der Welt und die Sterne an dem Baue
des Himmels
Matilde sagte ich was ich jetzt tue ist unendlich schwerer als was du
verlangtest
Schwer oder nicht schwer von dem ist hier nicht die Rede antwortete sie
von dem was sein muss ist die Rede von dem dessen Gegenteil ich für unmöglich
hielt Gustav Gustav Gustav wie konntest du das tun
Sie ging einige Schritte von mir weg kniete gegen die Rosen die an dem
Gartenhause blühten gewendet in das Gras nieder schlug die beiden Hände
zusammen und rief unter strömenden Tränen Hört es ihr tausend Blumen die
herabschauten als er diese Lippen küsste höre es du Weinlaub das den
flüsternden Schwur der ewigen Treue vernommen hat ich habe ihn geliebt wie es
mit keiner Zunge in keiner Sprache ausgesprochen werden kann. Dieses Herz ist
jung an Jahren aber es ist reich an Großmut alles was in ihm lebte habe ich
dem Geliebten hingegeben es war kein Gedanke in mir als er das ganze künftige
Leben das noch viele Jahre umfassen konnte hätte ich wie einen Hauch für ihn
hingeopfert jeden Tropfen Blut hätte ich langsam aus den Adern fließen und jede
Faser aus dem Leibe ziehen lassen und ich hätte gejauchzt dazu Ich habe
gemeint dass er das weiß weil ich gemeint habe dass er es auch tun würde Und
nun führt er mich heraus um mir zu sagen was er sagte Wären was immer für
Schmerzen von außen gekommen was immer für Kämpfe Anstrengungen und
Erduldungen ich hätte sie ertragen aber nun er er Er macht es unmöglich
für alle Zeiten dass ich ihm noch angehören kann weil er den Zauber zerstört
hat der alles band den Zauber der ein unzerreissbares Aneinanderhalten in die
Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte
Ich ging zu ihr hinzu um sie empor zu heben Ich ergriff ihre Hand Ihre
Hand war wie Glut Sie stand auf entzog mir die Hand und ging gegen das
Gartenhaus an dem die Rosen blühten
Matilde sagte ich es handelt sich nicht um den Bruch der Treue die Treue
ist nicht gebrochen worden Verwechsle die Dinge nicht Wir haben gegen die
Eltern unrecht gehandelt dass wir ihnen verbargen was wir getan haben und dass
wir in dem Verbergen beharrend geblieben sind Sie fürchten Übles für uns Nicht
die Zerstörung unserer Gefühle verlangen sie nur die Aufhebung des Äusserlichen
unseres Bundes auf eine Zeit
Kannst du eine Zeit nicht mehr du sein erwiderte sie kannst du eine Zeit
dein Herz nicht schlagen lassen Äußeres Inneres das ist alles eins und alles
ist die Liebe Du hast nie geliebt weil du es nicht weißt
Matilde antwortete ich du warst immer so gut du warst edel rein
herrlich dass ich dich mit allen Kräften in meine Seele schloss heute bist du
zum ersten Male ungerecht Meine Liebe ist unendlich ist unzerstörbar und der
Schmerz dass ich dich lassen muss ist unsäglich ich habe nicht gewusst dass es
einen so großen auf Erden gibt nur der ist größer von dir verkannt zu sein
Ich unterscheide nicht wer dir das Gebot der Eltern hätte sagen sollen es ist
das einerlei sie sind die Eltern das Gebot ist das Gebot und das Heiligste in
uns sagt dass die Eitern geehrt werden müssen dass das Band zwischen Eltern und
Kind nicht zerstört werden darf wenn auch das Herz bricht So fühlte ich so
handelte ich und ich wollte dir das Notwendige recht sanft und weich sagen
darum übernahm ich die Sendung ich glaubte es könne dir niemand das Bittere so
sanft und weich sagen wie ich darum kam ich Aus Güte aus Mitleid kam ich Die
Pflicht leitete mich in der Pflicht bricht mein Herz und in dem brechenden
Herzen bist du
Ja ja das sind die Worte sagte sie indem ihr Schluchzen immer heftiger
und fast krampfhaft wurde das sind die Worte denen ich sonst so gerne
lauschte die so süß in meine Seele gingen die schon süß waren als du es noch
nicht wusstest denen ich glaubte wie der ewigen Wahrheit Du hättest es nicht
unternehmen müssen mich zur Zerreissung unserer Liebe bewegen zu wollen es
soll wenn hundertmal Pflicht dir nicht möglich gewesen sein Darum kann ich
dir jetzt nicht mehr glauben deine Liebe ist nicht die die ich dachte und die
die meinige ist Ich habe den Vergleichpunkt verloren und weiß nicht wie alles
ist Wenn du einst gesagt hättest der Himmel ist nicht der Himmel die Erde
nicht die Erde ich hätte es dir geglaubt Jetzt weiß ich es nicht ob ich dir
glauben soll was du sagst Ich kann nicht anders ich weiß es nicht und ich
kann nicht machen dass ich es weiß O Gott dass es geworden ist wie es ward
und dass zerstörbar ist was ich für ewig hielt Wie werde ich es ertragen
können
Sie barg ihr Angesicht in den Rosen vor ihr und ihre glühende Wange war
auch jetzt noch schöner als die Rosen Sie drückte das Angesicht ganz in die
Blumen und weinte so dass ich glaubte ich fühle das Zittern ihres Körpers oder
es werde eine Ohnmacht ihren Schmerz erschöpfen Ich wollte sprechen ich
versuchte es mehrere Male aber ich konnte nicht die Brust war mir zerpresst und
die Werkzeuge des Sprechens ohne Macht Ich fasste nach ihrem Körper sie zuckte
aber weg wenn sie es empfand Dann stand ich unbeweglich neben ihr Ich griff
mit der bloßen Hand in die Zweige der Rosen drückte dass mir leichter würde
die Dornen derselben in die Hand und ließ das Blut an ihr nieder rinnen
Als das eine Zeit gedauert hatte als sich ihr Weinen etwas gemildert hatte
hob sie das Angesicht empor trocknete mit dem Tuche das sie aus der Tasche
genommen die Tränen und sagte Es ist alles vorüber Weshalb wir noch länger
hier bleiben sollen dazu ist kein Grund lasse uns wieder in das Haus gehen und
das Weitere dieser Handlung verfolgen Wer uns begegnet soll nicht sehen dass
ich so sehr geweint habe
Sie trocknete neuerdings mit dem Tuche die Augen ließ neue Tränen nicht
mehr hervorquellen richtete sich empor strich sich die Haare ein wenig zurecht
und sagte Gehen wir in das Haus
Sie richtete sich mit diesen Worten zum Gehen gegen den Weinlaubengang und
ich ging neben ihr Das Blut an meiner Hand konnte sie nicht sehen Ich
unternahm es nicht mehr sie zu trösten ich sah dass ihre Verfassung dafür
nicht empfänglich war Auch erkannte ich dass sie im Zorne gegen mich ihren
Schmerz leichter ertrage als wenn dieser Zorn nicht gewesen wäre Wir gingen
schweigend in das Haus Dort gingen wir in das Zimmer der Mutter Matilde warf
sich ihrer Mutter an das Herz Ich küsste der Frau die Hand und entfernte mich
Den ganzen übrigen Teil des Tages verbrachte ich damit meine Habe zu
packen um morgen dieses Haus verlassen zu können Mathildens Vater besuchte
mich einmal und sagte Kränket Euch nicht zu sehr es wird vielleicht noch alles
gut
Im übrigen waren seine Gründe die er freundlich und sanft sagte die
nämlichen wie die seiner Gattin Auch Mathildens Mutter kam einmal zu mir
herüber lächelte trübsinnig bei meinem Treiben und gab mir die Hand Meine
Hoffnungen waren düsterer als es die dieser zwei Menschen zu sein schienen
Mathildens Glauben an mich war erschüttert Da ich meine Absicht morgen
abreisen zu wollen erklärt hatte und man nichts mehr dagegen einwendete was
man anfangs tat rief ich Alfred und sagte ihm dass ich nicht etwa eine größere
Reise vor habe wie er glauben mochte sondern dass ich auf lange vielleicht auf
immer dieses Haus verlasse Es seien Umstände eingetreten die dies notwendig
machten Er fiel mir mit Schluchzen um den Hals ich konnte ihn gar nicht
besänftigen ja ich weinte beinahe selber laut Er wurde später zu beiden
Eltern die in der Schreibstube des Vaters waren geholt damit sie ihn
beruhigten Sein Schlafzimmer war heute unter der Aufsicht eines Dieners ein
anderes. Als er in dasselbe gebracht worden war ging ich zu den Eltern und
sagte ihnen den Dank für alles Gute das ich in ihrem Hause genossen habe Sie
dankten mir auch und ließ mich Hoffnungen erblicken Es ward verabredet dass
ich mit den Pferden des Hauses auf die nächste Post gebracht werden solle
Matilde erschien nicht zum Abendessen
Am nächsten Morgen wurde der Wagen bepackt Ich machte mich reisefertig Es
war mir erlaubt worden von Mathilden Abschied nehmen zu dürfen Sie weigerte
sich aber mich zu sehen Ich ging daher in meine Wohnung reichte dem alten
Raimund die Hand und sagte Lebe wohl Raimund
Lebt recht wohl junger Herr antwortete er und seid recht glücklich
Du weißt nicht Raimund
Ich weiß ich weiß junger Herr es kann ja werden Lebe wohl
Ich ging nun die Treppe hinab er begleitete mich Unten bei dem Wagen stand
der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den Dienstleuten Auch vom
Meierhofe waren Leute herbei gekommen Alfred der spät entschlummert war
schlief noch die Besitzer des Hauses nahmen auf eine auszeichnende Weise von
mir Abschied die Umstehenden beurlaubten sich auch wünschten mir Glück und
eine fröhliche Wiederkehr Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin
Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt Vielleicht verlasset Ihr
einst unser Haus nicht mit Rene und Schmerz
Ich verließ es nicht mit Rene aber mit Schmerz
Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen dass mir etwa auch seine Familie
unvergesslich bleiben dürfte Sie blieb mir unvergesslich
Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach das letzte Merkmal
aus diesem Orte und ließ mich nach der Stadt einschreiben wo ich so lange
gewesen war wo ich meine Lernzeit vollendet hatte von wo ich nach Heinbach
gegangen war und wo sich das Haus von Mathildens Eltern befand Ich blieb aber
nicht in der Stadt
In der Nähe meiner Heimat ist im Walde eine Felskuppe von welcher man sehr
weit sieht Sie geht mit ihrem nördlichen Rücken sanft ab und trägt auf ihm sehr
dunkle Tannen Gegen Süden stürzt sie steil ab ist hoch und geklüftet und
sieht auf einen dünnbestandenen Wald zwischen dessen Stämmen Weidegrund ist
Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen und Feld weiter ein blauliches Moor
dann ein dunkelblaues Waldband und über diesem die fernen Hochgebirge Ich ging
von der Stadt in meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe Ich saß
auf ihr und weinte bitterlich Jetzt war ich verödet wie ich früher nie verödet
gewesen war Ich sah in das dunkle Innere der Schlünde und fragte ob ich mich
hinabwerfen solle Das Bild meiner verstorbenen Mutter mischte sich in diese
unklare schauerliche Vorstellung und wurde mir ein Liebes an das ich denken
musste Ich ging täglich auf diese Kuppe und blieb oft mehrere Stunden auf ihr
sitzen Ich weiß nicht warum ich sie suchte In meiner Jugend war ich oft auf
ihr und wir machten uns das Vergnügen Steine ziemlicher Größe von ihr hinab zu
werfen um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen wenn der geworfene auf Klippen
stieß und um sein Gepolter in den Klippen und sein Rasseln in dem am Fuße des
Felsens befindlichen Gerölle zu hören Von dieser Kuppe war kein Einblick in
jene Länder in denen Mathildens Wohnung lag man sah nicht einmal Gebirgszüge
die an sie grenzten Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung
meines Heimatortes herum Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann und
wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch nicht mehr als
einige Worte
Als eine geraume Zeit vergangen war dachte ich auf meine Abreise und auf
meine Berufsarbeiten die ich schon so lange vergessen hatte und auf die ich
in dem Hause in Heinbach befangen vielleicht noch länger nicht gedacht haben
würde
Ich ging wieder in die Stadt in der ich meine Habe gelassen hatte und
widmete mich ernstlich der Laufbahn zu welcher ich eigentlich die
Vorbereitungsschulen besucht hatte Ich meldete mich zum Staatsdienste wurde
eingereiht und arbeitete jetzt sehr fleißig in dem Bereiche der unteren
Stellen in welchem ich war Ich lebte noch zurückgezogener als sonst Mein
kleiner Gehalt und das Erträgnis meines Ersparten reichten hin meine
Bedürfnisse zu decken Ich wohnte in einem Teile der Vorstadt welcher von dem
Hause der Eltern Mathildens sehr weit entfernt war Im Winter ging ich fast
nirgends hin als von meiner Wohnstube in meine Amtsstube welcher Weg wohl sehr
lange war und von der Amtsstube in meine Wohnstube Meine Nahrung nahm ich in
einem kleinen Gasthause an meinem Wege ein Freunde und Genossen besuchte ich
wenig mir war alle Verbindung mit Menschen verleidet Als Erholung diente mir
der Betrieb der Geschichte der Staatswissenschaften und der Wissenschaften der
Natur. Ein Gang auf dem Walle der äußeren Stadt oder eine Wanderung in einen
einsamen Teil der Umgebungen der Stadt gaben mir Luft und Bewegung Mathilden
sah ich einmal Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem offenen Wagen in einer der
breiten Straßen der Vorstädte in einer Gegend in welcher ich sie nicht vermutet
hatte Ich blickte hin erkannte sie und meinte umsinken zu müssen Ob sie mich
gesehen hat weiß ich nicht Ich ging dann in meine Amtsstube zu meinem
Schreibtische In der ersten Zeit wurde ich von meinen Vorgesetzten wenig
beachtet Ich arbeitete mit einem außerordentlichen Fleiße er war mir Arznei
für eine Wunde geworden und ich flüchtete gern zu dieser Arznei So lange alle
die Verhältnisse welche in meinen Amtsgeschäften vorkamen in meinem Haupte
waren war nichts anderes darin Schmerzvoll waren nur die Zwischenräume Auch
die Wissenschaften leiteten nicht so sicher ab Mein Fleiß lenkte endlich die
Aufmerksamkeit auf sich man beförderte mich Anfangs ging es langsamer dann
schneller Nach dem Verlaufe von mehreren Jahren war ich in einer der
ehrenvolleren Stellungen des Staatsdienstes welche zu dem Verkehre mit dem
gebildeteren Teile der Stadteinwohnerschaft berechtigten und ich hatte die
gegründete Aussicht noch weiter zu steigen In solchen Verhältnissen werden
gewöhnlich die Ehen mit Mädchen aus ansehnlicheren Häusern geschlossen welche
dann zu glücklichem und ehrenvollem Familienleben führen Matilde musste jetzt
einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt sein Irgend eine Annäherung ihrer
Eltern an mich hatte nicht statt gefunden auch konnte ich nicht die geringsten
Merkmale auffinden wie unermüdlich ich auch suchte dass sie sich nach mir
erkundigt hätten Ich konnte also unmittelbare Schritte zur Annäherung an sie
nicht tun Ich leitete also solche mittelbar ein welche sie auf die gewisseste
Art von der Unwandelbarkeit meiner Neigung überzeugten Ich erhielt die
unzweideutigen Beweise zurück dass mich Matilde verachte Zu einer
Verehelichung wozu ihres Reichtums und ihrer unbeschreiblichen Schönheit willen
sich die glänzendsten Anträge fanden konnte sie nicht gebracht werden Mit
tiefem schwerem Ernste breitete ich nun das Bahrtuch der Bestattung über die
heiligsten Gefühle meines Lebens
Ich will Euch nicht mit dem behelligen wie es mir weiter in meiner
Staatslaufbahn erging Es gehört nicht hieher und ist Euch wohl im wesentlichen
bekannt Die Kriege brachen aus ich wurde abwechselnd zu verschiedenen Stellen
versetzt große umfassende Arbeiten Reisen Berichte Vorschläge wurden
erfordert ich wurde zu Sendungen verwendet kam mit den verschiedensten
Menschen in Berührung und der Kaiser wurde ich kann es wohl sagen beinahe
mein Freund Als ich in den Freiherrnrang erhoben wurde kam mein alter Oheim
Ferdinand aus der Entfernung zu mir um wie er sagte mir seine Aufwartung zu
machen Obwohl er meine Mutter vernachlässigt hatte ja nach dem Tode meines
Vaters durch seine Zurückhaltung beinahe hart gegen sie gewesen war so nahm ich
ihn doch freundlich auf weil er in meiner Verlassenheit zuletzt der einzige
Verwandte war den ich noch hatte Wir blieben seit jener Zeit mit einander in
Briefwechsel Es kamen wohl viele Menschen mit mir in Verbindung und ich lernte
manche Seiten der Gesellschaft kennen aber teils waren die Verbindungen
Geschäftsverbindungen teils drängten sich Menschen an mich die durch mich zu
steigen hofften teils waren die Begegnungen ganz gleichgültig Wie schwer mir
aber meine Geschäfte wurden wie sehr ich im Grunde zu ihnen nicht geeignet war
davon habe ich Euch schon gesagt Ich war nach und nach beinahe ein alter Mann
geworden Da ich viel in der Entfernung lebte wusste ich manche Beziehungen der
Hauptstadt nicht Matilde hatte sich in etwas vorgerückteren Jahren vermählt
Der Friede wurde dauernd hergestellt ich blieb wieder beständig in der
Hauptstadt und hier tat ich etwas das mir ein Vorwurf bis zu meinem Lebensende
sein wird weil es nicht nach den reinen Gesetzen der Natur ist obwohl es
tausend Mal und tausend Mal in der Welt geschieht Ich heiratete ohne Liebe und
Neigung Es war zwar keine Abneigung vorhanden aber auch keine Neigung Die
Hochachtung war gegenseitig groß Man hatte mir viel davon gesagt dass es meine
Pflicht sei mir einen Familienstand zu gründen dass ich im Alter von teuren
Angehörigen umgeben sein müsse die mich lieben pflegen und schützen und auf
die meine Ehren und mein Name übergehen können Es sei auch Pflicht gegen die
Menschheit und den Staat Auf meine Einwendung dass ich eine Neigung gegen
irgend ein weibliches Wesen nicht habe sagten sie Neigungen führen oft zu
unglücklichen Verbindungen Kenntnis der gegenseitigen Beschaffenheit und
wechselseitige Hochachtung bauen dauerndes Glück Trotz meiner gereifteren Jahre
hatte ich in diesen Dingen noch immer sehr wenige Kenntnisse Meine
Jugendneigung die so heftig und beinahe ausschweifend gewesen war hatte kein
Glück gebracht Ich heiratete also ein Mädchen welches nicht mehr jung war
eine angenehme Bildung hatte vom reinsten Wandel war und gegen mich tiefe
Verehrung empfand Man sagte ich hätte reich geheiratet weil mein Hauswesen
ein ansehnliches war allein die Sache verhielt sich nicht so Meine Gattin
hatte mir eine namhafte Mitgift gebracht aber ich hätte eine größere Gabe
hinzulegen können Da ich in meinem mäßigen Leben beinahe nichts brauchte so
hatte ich besonders da ich einmal in höherer Stellung war bedeutende
Ersparungen gemacht Diese legte ich in den damaligen Staatspapieren nieder und
da dieselben nach Beendigung des Krieges ansehnlich stiegen so war ich beinahe
ein reicher Mann Wir lebten zwei Jahre in dieser Ehe und in dieser wusste ich
was ich vor der Schliessung derselben nicht gewusst hatte dass nämlich keine ohne
Neigung eingegangen werden soll Wir lebten in Eintracht wir lebten in hoher
Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften wir lebten in wechselweisem
Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit man nannte unsere Ehe musterhaft
aber wir lebten bloß ohne Unglück Zu dem Glücke gehört mehr als Verneinendes
es ist der Inbegriff der Holdseligkeit des Wesens eines andern zu dem alle
unsre Kräfte einzig und fröhlich hinziehn Als Julie nach zwei Jahren gestorben
war betrauerte ich sie redlich aber Mathildens Bild war unberührt in meinem
Herzen stehen geblieben Ich war jetzt wieder allein Zur Schliessung einer neuen
Ehe war ich nicht mehr zu bewegen Ich wusste jetzt was ich vorher nicht gewusst
hatte Liebe und Neigung dachte ich ist ein Ding, das seinen Zug an meinem
Herzen vorüber genommen hatte
Ein Jahr nach dem Tode Juliens starb mein Oheim und setzte mich zu dem Erben
seines beträchtlichen Vermögens ein
Meine Geschäfte wurden mir indessen von Tag zu Tag schwerer So wie ich in
früheren Zeiten schon gedacht hatte dass der Staatsdienst meiner Eigenheit nicht
entspreche und dass ich besser täte wenn ich ihn verliesse so wuchs dieser
Gedanke bei genauerem Nachdenken und schärferem Selbstbeobachten zu immer
größerer Gewissheit, und ich beschloss meine Ämter niederzulegen Meine Freunde
suchten mich daran zu verhindern und mancher den ich als feste Säule des
Staates kennen zu lernen Gelegenheit gehabt und mit dem ich in schwierigen
Zeiten manche harte Amtsstunde durchgemacht hatte sagte eindringlich dass ich
meine Tätigkeit nicht einstellen sollte Aber ich blieb unerschüttert Ich
zeigte meinen Austritt an Der Kaiser nahm ihn wohlwollend und mit übersendeten
Ehren an Ich hatte die Absicht mir für die letzten Tage meines Lebens einen
Landsitz zu gründen und dort einigen wissenschaftlichen Arbeiten einigem
Genuße der Kunst so weit ich dazu fähig wäre der Bewirtschaftung meiner
Felder und Gärten und hie und da einer gemeinnützigen Maßregel für die Umgebung
zu leben Manches Mal könnte ich in die Stadt gehen um meine alten Freunde zu
besuchen und zuweilen könnte ich eine Reise in die entfernteren Länder
unternehmen Ich ging in meine Heimat Dort fand ich meinen Schwager schon seit
vier Jahren gestorben das Haus in fremden Händen und völlig umgebaut Ich
reiste bald wieder ab Nach mehreren missglückten Versuchen fand ich diesen
Platz auf dem ich jetzt lebe und setzte mich hier fest Ich kaufte den
Asperhof baute das Haus auf dem Hügel und gab nach und nach der Besitzung die
Gestalt in der Ihr sie jetzt seht Mir hatte das Land gefallen mir hatte
diese reizende Stelle gefallen ich kaufte noch mehrere Wiesen Wälder und
Felder hinzu besuchte alle Teile der Umgebung gewann meine Beschäftigung lieb
und machte mehrere Reisen in die bedeutendsten Länder Europas So bleichten sich
meine Haare und Freude und Behagen schien sich bei mir einstellen zu wollen
Als ich schon ziemlich lange hier gewesen war meldete man mir eines Tages
dass eine Frau den Hügel herangefahren sei und dass sie jetzt mit einem Knaben
vor den Rosen die sich an den Wänden des Hauses befinden stehe Ich ging
hinaus sah den Wagen und sah auch die Frau mit dem Knaben vor den Rosen
stehen Ich ging auf sie zu Matilde war es die einen Knaben an der Hand
haltend und von strömenden Tränen überflutet die Rosen ansah Ihr Angesicht war
gealtert und ihre Gestalt war die einer Frau mit zunehmenden Jahren
Gustav Gustav rief sie da sie mich angeblickt hatte ich kann dich nicht
anders nennen als du Ich bin gekommen dich des schweren Unrechtes willen das
ich dir zugefügt habe um Vergebung zu bitten Nimm mich einen Augenblick in
dein Haus auf
Matilde sagte ich sei gegrüßt sei auf diesem Boden sei tausend Mal
gegrüßt und halte dieses Haus für deines
Ich war mit diesen Worten zu ihr hinzugetreten hatte ihre Hand gefasst und
hatte sie auf den Mund geküsst
Sie ließ meine Hand nicht los drückte sie stark und ihr Schluchzen wurde
so heftig dass ich meinte ihre mir noch immer so teuere Brust müsse
zerspringen
Matilde sagte ich sanft erhole dich Führe mich in das Haus sprach sie
leise Ich rief erst durch mein Glöckchen welches ich immer bei mir trage
meinen Hausverwalter herzu und befahl ihm Wagen und Pferde unterzubringen Dann
fasste ich Mathildens Arm und führte sie in das Haus Als wir in dem Speisezimmer
angelangt waren sagte ich zu dem Knaben Setze dich hier nieder und warte bis
ich mit deiner Mutter gesprochen und die Tränen die ihr jetzt so weh tun
gemildert habe
Der Knabe sah mich traulich an und gehorchte Ich führte Matilde in das
Wartezimmer und bot ihr einen Sitz an Als sie sich in die weichen Kissen
niedergelassen hatte nahm ich ihr gegenüber auf einem Stuhle Platz Sie weinte
fort aber ihre Tränen wurden nach und nach linder Ich sprach nichts Nachdem
eine Zeit vergangen war quollen ihre Tropfen sparsamer und weniger aus den
Augen und endlich trocknete sie die letzten mit ihrem Tuche ab Wir saßen nun
schweigend da und sahen einander an Sie mochte auf meine weißen Haare schauen
und ich blickte in ihr Angesicht Dasselbe war schon verblüht aber auf den
Wangen und um den Mund lag der liebe Reiz und die sanfte Schwermut die an
abgeblühten Frauen so rührend sind wenn gleichsam ein Himmel vergangener
Schönheit hinter ihnen liegt der noch nachgespiegelt wird Ich erkannte in den
Zügen die einstige prangende Jugend
Gustav sagte sie so sehen wir uns wieder Ich konnte das Unrecht nicht
mehr tragen das ich dir angetan habe Es ist kein Unrecht geschehen Matilde
sagte ich
Ja du bist immer gut gewesen antwortete sie das wusste ich darum bin ich
gekommen Du bist auch jetzt gut das sagt dein liebes Auge das noch so schön
ist wie einst da es meine Wonne war O ich bitte dich Gustav verzeihe mir
O teure Matilde ich habe dir nichts zu verzeihen oder du hast es mir
auch antwortete ich Die Erklärung liegt darin dass du nicht zu sehen
vermochtest was zu sehen war und dass ich dann nicht naher zu treten vermochte
als ich hätte näher treten sollen In der Liebe liegt alles
Dein schmerzhaftes Zürnen war die Liebe und mein schmerzhaftes Zurückhalten
war auch die Liebe In ihr liegt unser Fehler und in ihr liegt unser Lohn
Ja in der Liebe erwiderte sie die wir nicht ausrotten konnten Gustav
ich bin dir doch trotz allem treu ge blieben und habe nur dich allein geliebt
Viele haben mich begehrt ich wies sie ab man hat mir einen Gatten gegeben der
gut aber fremd neben mir lebte ich kannte nur dich die Blume meiner Jugend
die nie verblüht ist
Und du liebst mich auch das sagen die tausend Rosen vor den Mauern deines
Hauses und es ist ein Strafgericht für mich dass ich gerade zu der Zeit ihrer
Blüte ge kommen bin
Rede nicht von Strafgerichten Matilde erwiderte ich und weil alles
andere so ist so lasse die Vergangenheit und sage welche deine Lage jetzt
ist Kann ich dir in irgend etwas helfen
Nein Gustav entgegnete sie die größte Hilfe ist die dass du du bist
Meine Lage ist sehr einfach Der Vater und die Mutter sind schon längst tot der
Gatte ist eben falls vor langem gestorben und Alfred du hast ihn ja recht
geliebt
Wie ich einen Sohn lieben würde antwortete ich
Er ist auch tot sagte sie er hat kein Weib kein Kind hinterlassen das
Haus in Heinbach und das in der Stadt hat er noch bei seinen Lebzeiten verkauft
Ich bin im Be sitze des Vermögens der Familie und lebe mit meinen Kindern
einsam Lieber Gustav ich habe dir den Knaben gebracht wie wusstest du denn
dass er mein Sohn sei
Ich habe deine schwarzen Augen und deine braunen Locken an ihm gesehen
antwortete ich
Ich habe dir den Knaben gebracht sagte sie dass du sähest dass er ist wie
dein Alfred fast sein Ebenbild aber er hat niemanden der so lieb mit ihm
umgeht wie du mit Alfred umgegangen bist der ihn so liebt wie du Alfred
geliebt hast und den er wieder so lieben könnte wie Alfred dich geliebt hat
Wie heißt der Knabe fragte ich Gustav wie du antwortete sie
Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten
Matilde sagte ich ich habe nicht Weib nicht Kind nicht Anverwandte Du
warst das einzige was ich in meinem ganzen Leben besaß und behielt Lasse mir
den Knaben lasse ihn bei mir ich will ihn lehren ich will ihn erziehen
O mein Gustav rief sie mit den schmerzlichsten Tönen der Rührung wie wahr
ist mein Gefühl das mich an dich den besten der Menschen wies als ich ein
Kind war und das mich nicht verlassen hatte so lange ich lebte
Sie war aufgestanden hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt und weinte
auf das innigste Ich konnte mich nicht mehr beherrschen meine Tränen flossen
unaufhaltsam ich schlang meine Arme um sie und drückte sie an mein Herz Und
ich weiß nicht ob je der heiße Kuss der Jugendliebe tiefer in die Seele
gedrungen und zu grössrer Höhe erhebend gewesen ist als dieses verspätete
Umfassen der alten Leute in denen zwei Herzen zitterten die von der tiefsten
Liebe überquollen Was im Menschen rein und herrlich ist bleibt unverwüstlich
und ist ein Kleinod in allen Zeiten
Als wir uns getrennt hatten geleitete ich sie zu ihrem Sitze nahm den
meinigen wieder ein und fragte Hast du noch andere Kinder
Ein Mädchen welches mehrere Jahre älter ist als der Knabe erwiderte sie
ich werde dir dasselbe auch bringen es hat ebenfalls die schwarzen Augen und
die braunen Haare wie ich Das Mädchen behalte ich den Knaben lasse weil du so
gütig bist um dich leben so lange du willst Er möge werden wie du O ich
hatte kaum geahnt wie hier alles werden wird
Matilde beruhige dich jetzt sagte ich ich werde den Knaben holen wir
werden mit ihm freundlich sprechen Ich tat es trat mit dem Knaben an der Hand
herein und wir sprachen mit dem Kinde und abwechselnd unter uns noch eine
geraume Weile Ich zeigte Mathilden hierauf das Haus den Garten den Meierhof
und alles andere Gegend Abend fuhr sie wieder fort um in Rohrberg zu
übernachten Den Knaben sollte sie der Verabredung gemäß wieder mit sich nehmen
ihn ausrüsten und vorbereiten und ihn wie sie es für gelegen halte bringen
Wir blieben von dem Augenblicke an in Briefwechsel und als eine Zeit vergangen
war brachte sie mir Gustav der noch bei mir ist sie brachte mir auch
Nathalien die damals im ersten Aufblühen begriffen war Eine größere Gleichheit
als zwischen diesem Kinde und dem Kinde Matilde kann nicht mehr gedacht werden
Ich erschrak als ich das Mädchen sah Ob in den Jahren in denen jetzt Natalie
ist Matilde auch ihr gleich gewesen ist kann ich nicht sagen denn da war ich
von Mathilden schon getrennt
Es begann nun eine sehr liebliche Zeit Matilde kam mit Nathalien öfter um
uns zu besuchen Ich machte ihr in den ersten Tagen den Vorschlag dass ich die
Rosen wenn sie ihr schmerzliche Erinnerungen weckten von dem Hause entfernen
wolle Sie ließ es aber nicht zu sie sagte sie seien ihr das Teuerste geworden
und bilden den Schmuck dieses Hauses Sie hatte sich zu einer solchen Milde und
Ruhe gestimmt wie Ihr sie jetzt kennt und diese Lage ihres Wesens befestigte
sich immer mehr je mehr sich ihre äußeren Verhältnisse einer Gleichmässigkeit
zuneigten und je mehr ihr Inneres ich darf es wohl sagen sich beglückt
fühlte Ein freundlicher Verkehr hatte sich entwickelt Gustav hatte sich an
mich gewöhnt ich an ihn und aus der Gewöhnung war Liebe entstanden Matilde
gab Rat in meinem Hauswesen ich in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten
Nataliens Erziehung wurde oft zwischen uns besprochen und Schritte getan die
wir verabredet hatten Und in der gegenseitigen Hilfeleistung stärkte sich die
Neigung die wir gegen einander hatten die nie verschwunden war die sich zu
einem edlen tiefen freundlichen Gefühle gebildet hatte und die nun offen und
rechtmäßig bestehen konnte Ich hatte wieder jemanden den ich zu lieben
vermochte und Matilde konnte ihr Herz das mir immer gehört hatte unumwunden
an mein Wohl und an mein Wesen wenden Nach einer Zeit wurde der Sternenhof
verkäuflich Ich schlug Mathilden den Kauf vor Sie besah das Gut Seiner
Nachbarschaft mit mir willen und schon seiner Linden willen die sie an die
großen Bäume auf dem Rasenplatze vor dem Hause in Heinbach erinnerten war sie
zu dem Kaufe geneigt Auch hatte der Sternenhof überhaupt große Ähnlichkeit mit
dem Hause in Heinbach war an sich eine sehr angenehme Besitzung und gab
Mathilden für den Rest ihres Lebens einen festen Punkt und einige Abrundung
ihrer Verhältnisse Also wurde er erworben Um dieselbe Zeit ließ ich in meinem
Hause die Wohnung für Mathilden und Nathalien herrichten In dem Sternenhofe war
viel Arbeit bis alles zur gefälligen Wohnlichkeit geordnet war Und auch nach
dieser Zeit wurde beständig geändert und umgewandelt bis das Haus so war wie
es jetzt ist Und selber jetzt wie Ihr wisst wird dort wie hier gebaut
befestigt verschönert und es wird wohl immer so fortgehen Die Rosen dieses
Merkmal unserer Trennung und Vereinigung sollten vorzugsweise auf dem Asperhofe
bleiben weil es Mathilden lieb war dass sie dieselben dort gefunden hatte Jede
Rosenblütezeit verlebte sie bei mir sie liebte diese Blumen außerordentlich
pflegte sie und konnte sich freuen wenn sie mir eine Art die ich noch nicht
hatte zubringen konnte Dafür ließ ich ihr in ihrem Schloss die Geräte machen
die ihr so viel Vergnügen bereiten Gustav wurde von Tag zu Tage trefflicher
und versprach einmal ein Mann zu werden woran seines Gleichen Freude haben
sollten Natalie wurde nicht bloß schön und herrlich sondern sie wurde auch im
Umgange mit ihrer Mutter so rein und edel wie wenige sind Sie hatte das tiefe
Gefühl ihrer Mutter erhalten aber teils durch ihr Wesen teils durch eine sehr
sorgfältige Erziehung ist mehr Ruhe und Stettigkeit in ihr Dasein gekommen
Zwischen Mathilden und mir war ein eigenes Verhältnis Es gibt eine eheliche
Liebe die nach den Tagen der feurigen gewitterartigen Liebe die den Mann zu
dem Weibe führt als stille durchaus aufrichtige süße Freundschaft auftritt
die über alles Lob und über allen Tadel erhaben ist und die vielleicht das
Spiegelklarste ist was menschliche Verhältnisse aufzuweisen haben Diese Liebe
trat ein Sie ist innig ohne Selbstsucht freut sich mit dem andern zusammen
zu sein sucht seine Tage zu schmücken und zu verlängern ist zart und hat
gleichsam keinen irdischen Ursprung an sich Matilde nimmt Anteil an jeder
meiner Bestrebungen Sie geht mit mir in den Räumen meines Hauses herum ist mit
mir in dem Garten betrachtet die Blumen oder Gemüse ist in dem Meierhofe und
schaut seine Erträgnisse an geht in das Schreinerhaus und betrachtet was wir
machen und sie beteiligt sich an unserer Kunst und selbst an unsern
wissenschaftlichen Bestrebungen Ich sehe in ihrem Hause nach betrachte die
Dinge im Schloss im Meierhofe auf den Feldern nehme Teil an ihren Wünschen
und Meinungen und schloss die Erziehung und die Zukunft ihrer Kinder in mein
Herz So leben wir in Glück und Stettigkeit gleichsam einen Nachsommer ohne
vorhergegangenen Sommer Meine Sammlungen vervollständigen sich die
Baulichkeiten runden sich immer mehr ich habe Menschen an mich gezogen ich
habe hier mehr gelernt als sonst in meinem ganzen Leben die Spielereien gehen
ihren Gang und etwas Weniges nütze ich doch auch noch«
Er schwieg nach diesen Worten eine Weile und ich auch Dann fuhr er wieder
fort »Ich habe das alles mitteilen müssen damit Ihr wisst wie ich mit der
Familie in dem Sternenhofe zusammenhänge und damit in dem Kreise in welchen
Ihr nun auch tretet für Euch Klarheit ist Die Kinder wissen die Verhältnisse
im allgemeinen ein näheres Eingehen war für sie nicht so nötig wie für Euch
Ich wünsche nicht dass Ihr gegen Eure künftige Gattin Geheimnisse habt Ihr
könnt Nathalien mitteilen was ich Euch sagte ich konnte es wie Ihr begreifet
nicht Über Nataliens Zukunft sprach ich oft mit Mathilden Sie sollte einen
Gatten bekommen den sie aus tiefer Neigung nimmt Es sollte die gegenseitige
größte Hochachtung vorhanden sein Durch beides sollte sie das Glück finden das
ihre Mutter und ihren väterlichen Freund gemieden hat Matilde hat in
Begleitung des alten Raimund der seitdem gestorben ist große Reisen gemacht
Sie hat auf denselben dauerndere Ruhe gesucht und auch gefunden Sie hat sie in
der Betrachtung der edelsten Kunstwerke des menschlichen Geschlechtes und in der
Anschauung mancher Völker und ihres Treibens gefunden Natalie ist dadurch
befestigt veredelt und geglättet worden Manche junge Männer hat sie kennen
gelernt aber sie hat nie ein Zeichen einer Neigung gegeben Sogenannte sehr
glänzende Verbindungen sind auf diese Weise für sie verloren gegangen Ich hätte
auch große Sorge gehabt wenn ich unter unseren jungen Männern hätte wählen
müssen Als Ihr zum ersten Male an dem Gitter meines Hauses standet und ich
Euch sah dachte ich das ist vielleicht der Gatte für Nathalien Warum ich es
dachte weiß ich nicht Später dachte ich es wieder wusste aber warum Natalie
sah Euch und liebte Euch so wie Ihr sie Wir kannten das Keimen der
gegenseitigen Neigung Bei Nathalien trat sie anfangs in einem höheren Schwunge
ihres ganzen Wesens später in einer etwas schmerzlichen Unruhe auf In Euch
erschloss sie Euer Herz zu einer früheren Blüte der Kunst und zu einem Eingehen
in die tieferen Schätze der Wissenschaft. Wir warteten auf die Entwicklung Zu
größerer Sicherheit und zur Erprüfung der Dauer ihrer Gefühle brachten wir
absichtlich Nathalien zwei Winter nicht in die Stadt dass sie von Euch getrennt
sei ja sie wurde von ihrer Mutter wieder auf größere Reisen und in größere
Gesellschaften gebracht Ihre Gefühle aber blieben beständig und die
Entwicklung trat ein Wir geben Euch mit Freuden das Mädchen in Eure Liebe und
in Euren Schutz Ihr werdet sie beglücken und sie Euch denn Ihr werdet Euch
nicht ändern und sie wird sich auch nicht ändern Gustav wird einmal den
Sternenhof und was dazu gehört erhalten denn das Haus ist Mathilden so lieb
geworden dass sie wünscht dass es ein Eigentum ihrer Familie bleibe und dass die
kommenden Geschlechter das ehren was die erste Besitzerin darin niedergelegt
hat Gustav wird es tun das wissen wir schon und seinen Nachfolgern die
gleiche Gesinnung einzupflanzen wird wohl auch sein Bestreben sein Natalie
erhält von mir den Asperhof mit allem was in ihm ist nebst meinen Barschaften
Ihr werdet mein Andenken hier nicht verunehren«
Mir traten die Tränen in die Augen da er so sprach und ich reichte ihm
meine Hand hinüber Er nahm sie und drückte sie herzlich
»Ihr könnt hier auf dem Asperhofe wohnen oder in dem Sternenhofe oder bei
Euren Eltern Überall wird Platz für Euch zu machen sein Ihr könnt auch Euren
Aufenthalt abwechselnd zwischen uns teilen und das wird wohl wahrscheinlich der
Fall sein bis sich alle unsere Verhältnisse dem neuen Ereignisse gemäß
gerichtet haben Die Schriften bezüglich der Übertragung meines Vermögens an
Nathalien werden ihr nach der Vermählung eingehändigt werden So lange ich lebe
erhält sie einen Teil den Rest nach meinem Tode Wie Ihr mit dem was sie jetzt
empfängt gebaren sollt darüber wird Euer Vater die beste Belehrung geben
können Er wird wohl mit mir auch darüber sprechen Natalie erhält auch nach
ihrer Vermählung den Teil der ihr aus dem Nachlasse ihres Vaters Tarona
gebührt«
»Ist Nataliens Name Tarona« fragte ich
»Habt Ihr das nicht gewusst« fragte er seinerseits
»Ich habe Mathilden immer die Frau von Sternenhof nennen gehört« antwortete
ich »bin mit Mathilden und Nathalien nirgends zusammen gewesen als im
Sternenhofe Asperhofe und Inghofe und da wurden beide stets bei ihrem Vornamen
genannt Weitere Forschungen stellte ich gar nie an«
»Matilde ließ geschehen dass sie nach dem Sternenhofe geheißen wurde der
Name war ihr lieber So mag es wohl gekommen sein dass Ihr keinen andern gehört
habt Für Gustav wird die Erlaubnis zur Führung dieses Namens nachgesucht
werden«
»Aber die Tarona erzählte man mir sei gerade in jenem Winter an welchem
ich Nathalien in der Loge gesehen habe nicht in der Stadt gewesen« sagte ich
und dachte an Preborn welcher mir diese Tatsache mitgeteilt hatte
»Ganz richtig« erwiderte mein Gastfreund »wir sind auch nur zur Aufführung
des König Lear hingefahren Ich war in der Loge hinter Nathalien habe Euch aber
nicht gesehen«
»Ich Euch auch nicht« antwortete ich
»Natalie hat uns von dem jungen Manne erzählt der ihr im Schauspielhause
aufgefallen sei« erwiderte er »aber erst nach langer Zeit konnte sie uns
eröffnen dass Ihr es gewesen seid«
»Habe ich Euch nicht einmal im Winter in der Stadt nach der Wiedergenesung
des Kaisers mit Euren Ehrenzeichen geschmückt fahren gesehen« fragte ich
»Das ist möglich« antwortete er »ich war in jener Zeit in der Stadt und an
dem Hofe«
»Nun mein sehr lieber junger Freund« sagte er nach einer Weile »ich habe
Euch von meinem Leben erzählt da Ihr einer der Unseren werden sollt ich habe
zu Euch von meinem tiefsten Herzen geredet und jetzt enden wir dieses
Gespräch«
»Ich bin Euch Dank schuldig« antwortete ich »allein all das Gehörte ist
noch zu mächtig und neu in mir als dass ich jetzt die Worte des Dankes finden
könnte Nur eins berührt mich fast wie ein Schmerz dass Ihr mit Mathilden nach
Eurer Wiedervereinigung nicht in einen nähern Bund getreten seid«
Der Greis errötete bei diesen Worten er errötete so tief und zugleich so
schon wie ich es nie an ihm gesehen hatte
»Die Zeit war vorüber« antwortete er »das Verhältnis wäre nicht mehr so
schön gewesen und Matilde hat es auch wohl nie gewünscht«
Er war schon früher aufgestanden jetzt reichte er mir die Hand drückte die
meine herzlich und verließ das Zimmer
Ich blieb eine geraume Weile stehen und suchte meine Gedanken zur Sammlung
zu bringen Das wäre mir nie zu Sinne gekommen als ich zum ersten Male zu
diesem Hause heraufstieg und des andern Tages seinen Inhalt sah dass alles so
kommen würde wie es kam und dass das alles zu meinem Eigentume bestimmt sei
Auch begriff ich jetzt weshalb er meistens wenn er von seinem Besitze sprach
das Wort unser gebrauchte Er bezog es schon auf Mathilden und ihre Kinder
Nachdem ich noch eine Zeit in meiner Wohnung verweilt hatte verließ ich
sie um in frischer Luft einen Spaziergang zu machen und noch das Gehörte in mir
ausklingen zu lassen
5 Der Abschluss
Am nächsten Tage ging ich im Laufe des Vormittages zu einer Stunde an welcher
ich meinen Gastfreund weniger beschäftigt wusste in gewähltem Anzuge in seine
Stube und dankte ihm innig für das Vertrauen welches er mir geschenkt habe
und für die Achtung welche er mir dadurch erweise dass er mich würdig erachte
Nataliens Gatte zu werden
»Was das Vertrauen anbelangt« erwiderte er »so ist es natürlich dass man
nicht jeden der uns ferne steht in unsere innersten Angelegenheiten einweiht
aber eben so natürlich ist es dass derjenige der für die Zukunft einen Teil
ich möchte sagen unserer Familie ausmachen wird auch alles wisse was diese
Familie betrifft Ich habe Euch das Wesentlichste gesagt einzelne kleine
Umstände die der Vorstellungskraft nicht immer gegenwärtig sind ändern wohl an
der Sachlage nichts Was die Hochachtung anbelangt die darin liegt dass ich
Euch zu Nataliens Gatten geeignet erachte so habt Ihr vor allen Männern dieser
Erde den unermesslichen Vorzug dass Euch Natalie liebt und Euch und keinen
andern will aber auch trotz dieses Vorzuges würden Matilde und ich dem man
hierin ein Recht eingeräumt hat nie eingewilligt haben wenn uns Euer Wesen
nicht die Zuversicht eingeflößt hätte dass da ein dauernd glückliches
Familienband geknüpft werden könne Was die Hochachtung anbelangt die ich Euch
abgesehen von dieser Angelegenheit schuldig bin so habe ich meiner Meinung
nach Euch die Beweise derselben gegeben Wenn ich auch gedacht habe Ihr dürftet
Nataliens künftiger Gatte sein so war der Eintritt dieses Ereignisses so
unbestimmt da es ja auf die Entstehung einer gegenseitigen Neigung ankam dass
der Gedanke daran auf mein Benehmen gegen Euch keinen Einfluss haben konnte ja
im Verlaufe der Zeiten war der Gedanke erst der Sohn meiner Meinung von Euch«
»Ihr habt mir wirklich so viele Beweise Eures Wohlwollens und Eurer Schonung
gegeben« antwortete ich »dass ich gar nicht weiß wie ich sie verdiene denn
Vorzüge von was immer für einer Art sind gar nicht an mir«
»Das Urteil über den Grund woraus Achtung und Neigung oder Missachtung und
Abneigung entsteht muss immer andern überlassen werden denn wenn man zuletzt
auch annähernd weiß was man in einem Fache geleistet hat wenn man sich auch
seines guten Willens im Wandel bewusst ist, so kennt man doch alle Abschattungen
seines Wesens nicht in wie ferne sie gegen andere gerichtet sind man kennt sie
nur in der Richtung gegen sich selbst und beide Richtungen sind sehr
verschieden Übrigens mein lieber Sohn wenn es auch ganz in der Ordnung ist
dass man in der Gesellschaft der Menschen einen gewissen Anstand und Abstand in
Kleidern und sonstigem Benehmen zeigt so wäre es in der eigenen Familie eine
Last Komme also in Zukunft in deinen Alltagsgewändern zu mir Und wenn ich auch
kein Verwandter deiner Braut bin so betrachte mich als einen solchen wie etwa
als ihren Pflegevater Es wird schon alles recht werden es wird schon alles gut
werden«
Er hatte bei diesen Worten die Hand auf mein Haupt gelegt sah mich an und
in seinen Augen standen Tränen
Ich hatte nie im Verkehre mit mir die Augen dieses Greises nass werden
gesehen ich war daher sehr erschüttert und sagte »So erlaubt mir dass ich in
dieser ernsten Stunde auch meinen Dank für das ausspreche was ich in diesem
Hause geworden bin denn wenn ich irgend etwas bin so bin ich es hier geworden
und gewährt mir in dieser Stunde auch eine Bitte die mir sehr am Herzen liegt
erlaubt dass ich Eure ehrwürdige Hand küsse«
»Nun nur dieses eine Mal« erwiderte er »oder höchstens noch einmal wenn
du mit Nathalien die ein Kleinod meines Herzens ist von dem Altare gehst«
Ich fasste seine Hand und drückte sie an meine Lippen er legte aber die
andere um meinen Nacken und drückte mich an sein Herz Ich konnte vor Rührung
nicht sprechen
»Bleibe noch eine Weile in diesem Hause« sagte er später »dann gehe zu den
Deinigen und leiste ihnen Gesellschaft Dein Vater bedarf deiner Person auch«
»Darf ich den Meinigen Eure Mitteilung erzählen« fragte ich
»Ihr müsst es sogar tun« antwortete er »denn Eure Eltern haben ein Recht
zu wissen in welche Gesellschaft ihr Sohn durch Schliessung eines sehr heiligen
Bundes tritt und sie haben auch ein Recht zu wünschen dass ihr Sohn nicht
Geheimnisse vor ihnen habe Ich werde übrigens wohl selber mit Eurem Vater über
dieses und viele andere Dinge sprechen«
Wir beurlaubten uns hierauf und ich verließ das Zimmer
Den Rest des Vormittages verbrachte ich mit Abfassung eines Briefes an meine
Eltern
Am Nachmittage suchte ich Gustav auf und er erhielt die Erlaubnis mit mir
einen weiteren Weg in der Gegend zu machen Wir kamen in der Dämmerung zurück
und er musste die Zeit welche er am Tage verloren hatte bei der Lampe
nachholen
Unter Arbeiten in meinen Papieren in welche ich einige Ordnung zu bringen
suchte im Umgange mit meinem Gastfreunde der mir leutselig manche Zeit
schenkte unter manchem Besuche im Schreinerhause wo Eustach sehr beschäftigt
war oder bei seinem Bruder Roland der jeden lichten Augenblick des Tages zu
seinem Bilde benützte und endlich unter manchem weiten Gange in der Umgebung
da dieser Winter der erste war den ich so tief im Lande zubrachte verging noch
die Zeit bis gegen die Mitte des Hornung Ich nahm nun Abschied sendete meine
Sachen auf die Post nach Rohrberg und ging zu Fuße nach harrte dort der Ankunft
des Wagens aus dem Westen erhielt da er gekommen war einen Platz in ihm und
fuhr meiner Heimat zu
Ich wurde wie immer sehr freudig von den Meinigen gegrüßt und musste ihnen
von der Winterreise im Hochgebirge erzählen Ich tat es und erzählte ihnen in
den ersten Tagen auch was mir mein Gastfreund mitgeteilt hatte Es war ihnen
bisher unbekannt gewesen
»Ich habe Risach oft nennen gehört« sagte mein Vater »und stets war der
Ausdruck der Hochachtung mit der Nennung seines Namens verbunden Von der
Familie welche Heinbach besaß habe ich nur Alfred flüchtig gekannt Mit Tarona
war ich einmal in einer entfernten Geschäftsverbindung gestanden«
Die Jugendbeziehungen meines Gastfreundes zu Mathilden mussten sehr geheim
gehalten worden sein da weder je der Vater noch irgend jemand aus seiner
Bekanntschaft von dieser Sache etwas gehört hatte obwohl über ähnliche
Gegenstände die Sprechlust am regesten zu sein pflegt Dass meine Mitteilungen
auf meine Angehörigen nach dem Bunde mit Nathalien den größten Eindruck machten
ist begreiflich Desohngeachtet hatte ich doch auch dem Vater etwas gebracht
was ihn sehr freute Ich war in den letzten Tagen meines Aufenthaltes in dem
Rosenhause noch bei dem Gärtner gewesen und hatte ihn ersucht mir die
Vorschrift zur Bereitung des Bindemittels an den Gläsern des Gewächshauses zu
verschaffen wodurch das Hineinziehen des Wassers zwischen die Gläser und das
dadurch bewirkte Herabtropfen verhindert wird Er hatte die Vorschrift wohl
nicht selber ging aber zu meinem Gastfreunde und durch diesen erhielt ich sie
Ich erzählte meinem Vater von der Sache und übergab ihm die Anleitung zur
Bereitung
»Das wird das für die Pflanzen so schädliche Herabtropfen des Winterwassers
in unserem hiesigen Gewächshause also für die Zukunft verhindern« sagte er
»noch mehr freue ich mich aber es gleich neu in den neuen Gewächshäusern
anwenden zu können welche neben dem Landhause stehen werden das ich bauen
werde«
Die Mutter lächelte
»Bereitet euch einstweilen auf die Reise in den Sternenhof und in das
Rosenhaus vor« sagte der Vater »alles andere ist geschehen der Schritt der
nun zu tun ist liegt uns ob In den ersten Tagen des Frühlings werden wir
hinreisen und ich werde für meinen Sohn werben Ihr Weiber bereitet euch gerne
auf solche Dinge vor tut es und beeilt euch ihr habt nicht lange Zeiten vor
euch zwei Monate und etwas darüber Was mir bis dahin obliegt wird nicht auf
sich warten lassen«
Dass diese Maßregel Beifall hatte ging aus der Sachlage hervor die Zeit zur
Vorbereitung aber wollte man etwas kurz nennen Der Vater sagte es dürfe nicht
das geringste zugegeben werden weil man es sonst der Wichtigkeit des
Verhältnisses nähme Das war einleuchtend
Es ging nun an ein Arbeiten und Bestellen und kein Tag war dem nicht seine
Last zugeteilt wurde Die Mutter traf auch Vorbereitungen für den Fall dass die
neuen Ehegatten in ihrem Hause wohnen würden Der Vater sagte ihr zwar dass
meiner Verbindung noch meine große Reise vorangehen werde allein sie widerlegte
ihn mit der Bemerkung dass es keinen Schaden bringe wenn manches früher fertig
sei als man es eben brauche Er ließ sofort ihrem hausmütterlichen Sinne seinen
Lauf
Zu Ende des Märzes brachte der Vater einen sehr schönen Wagen in das Haus
Es war ein Reisewagen für vier Personen Er hatte den Wagen nach seinen eigenen
Angaben machen lassen
»Wir müssen unsere Freunde ehren« sagte er »wir müssen uns selber ehren
und wer kann wissen ob wir den Wagen nicht noch öfter brauchen werden«
Er verlangte dass man ihn genau besehe und in Hinsicht seiner Bequemlichkeit
besonders für Reisegegenstände von Frauen prüfe Es geschah und man musste die
Einrichtung des Wagens loben Es war Festigkeit mit Leichtigkeit verbunden und
bei einer gefälligen Gestalt bot er Räumlichkeit für alle nötigen Dinge
»Ich bin nun fertig« sagte er »sorgt dass Eure Vorbereitungen nicht zu
lange dauern«
Aber auch die Frauen waren zu der rechten Zeit in Bereitschaft Der Vater
hatte den Beginn der Baumblüte und des Blätterknospens als Reisezeit bestimmt
und zu dieser Zeit fuhren wir auch fort
Ich fuhr nun einen Weg den ich so oft allein oder mit Fremden in einem
Wagen zurückgelegt hatte mit allen meinen Angehörigen Wir fuhren mit Pferden
die wir uns auf jeder Post geben ließ allein wir fuhren zur Bequemlichkeit
der Mutter und Klotildens weshalb wir uns oft länger an einem Orte aufhielten
und kleine Tagereisen machten Ein sehr schönes Wetter und eine Fülle von weißen
und rotschimmernden Blüten begleitete uns
Am vierten Tage vormittags fuhren wir in dem Sternenhofe ein Matilde war
von unserer Ankunft unterrichtet worden Wir hatten das Wagendach zurückgelegt
und alle Blicke meiner Angehörigen hafteten schon von weiter Entfernung her auf
dem Blütenhügel auf dem das Schloss stand sie richteten sich jetzt auf die
Gestalt des Bauwerkes endlich auf das Sternenschild über dem Tore auf die
Wölbung des Torweges und zuletzt auf Mathilden und Nathalien die da standen um
uns zu empfangen Wir stiegen aus Natalie wechselte die Farben zwischen blass
und purpurrot Man wartete nicht weiter mit dem Gruße Klotilde und Natalie
lagen sich an dem Halse und weinten Meine ehrwürdige Mutter war von Mathilden
umfasst und an das Herz gedrückt Dann wurde der Vater von ihr anmutsvoll und
herzlich gegrüßt sie reichte ihm beide Hände und sah ihn mit ihren Augen die
noch immer so schön waren auf das innigste an Natalie hatte indessen die Hand
meiner Mutter gefasst und sie geküsst Diese gab den Kuss auf die Stirne des
schönen Mädchens zurück Der Vater wollte wahrscheinlich etwas Heiteres oder gar
Scherzhaftes zu Nathalien sagen aber als er sie näher anblickte wurde er sehr
ernst und beinahe scheu er grüßte sie anständig und sehr fein Wahrscheinlich
hatte ihn ihre Schönheit überrascht oder er erinnerte sich wie es auch mir
ergangen war an die Pracht seiner geschnittenen Steine Klotilde wurde von
Mathilden auch an das Herz gedrückt Auf mich dachte beinahe niemand Ob dieser
Empfang der strengen Umgangssitte oder irgend einer Rangordnung gemäß war
danach fragte niemand Wir gingen unter einander gemischt die Treppe hinan und
wurden in Mathildens Gesellschaftszimmer geführt Dort lieh man den Grüssen erst
lebhaftere Worte und einen geregelten Ausdruck
»So lange haben wir uns gekannt und erst jetzt sehen wir uns« sagte
Matilde zu meinen Eltern als sie dieselben zum Niedersitzen auf ihre Plätze
veranlasst hatte
»Es war ein Wunsch von vielen Jahren« entgegnete mein Vater »dass wir die
Menschen sähen die gegen meinen Sohn so wohlwollend waren und die sein Wesen
so sehr gehoben hatten«
»Das ist nun Natalie meine teure Klotilde« sagte ich indem ich beide
Mädchen einander vorstellte »das ist Natalie die ich so sehr liebe so sehr
wie dich selbst«
»Nein mehr als mich und so ist es auch recht« erwiderte Klotilde
»Sei meine Schwester« sagte Natalie »ich werde dich lieben wie eine
Schwester ich werde dich lieben so sehr es nur mein Herz vermag«
»Ich nenne dich auch du« erwiderte Klotilde »ich liebe meinen Bruder wie
mein eigenes Herz und werde dich auch so lieben«
Die beiden Mädchen umarmten sich wieder und küssten sich wieder
Als wir uns um den Tisch gesetzt hatten sagte ich zu Nathalien »Und mich
grüßt Ihr beinahe gar nicht«
»Ihr wisst es ja doch« erwiderte sie indem sie mich freundlich ansah
Das Gespräch dauerte nun allgemeiner über denselben Gegenstand fort
Die zwei Frauen konnten sich kaum genug betrachten und nahmen sich immer
wieder bei den Händen
Als man endlich auf andere Gegenstände übergegangen war und über die Reise
und ihre Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gesprochen hatte sagte mein
Vater dass wir noch sämtlich in Reisekleidern seien dass wir uns verabschieden
müssten und er fragte wann er die Ehre haben könnte sich Mathilden wieder
vorstellen zu dürfen
»Nicht Vorstellung« erwiderte sie »Besuch wann Ihr immer wollt«
»Also in zwei Stunden« entgegnete mein Vater
Wir gingen in unsere Zimmer und mein Vater wies uns an uns in Festkleider
zu kleiden Nach zwei Stunden ging er allein mit der Mutter beide wie an einem
hohen Festtage geschmückt zu Mathilden welche sie zu sprechen verlangten
Matilde empfing sie in dem großen Gesellschaftszimmer und mein Vater warb um
die Hand Nataliens für mich
Nach wenigen Augenblicken wurden Natalie Klotilde und ich hineingerufen
und Matilde sagte »Der Herr und die Frau Drendorf haben für ihren Sohn
Heinrich um deine Hand geworben Natalie«
Natalie welche in einem so festlichen Kleide da stand wie ich sie nie
gesehen hatte weshalb sie mir beinahe fremd erschien blickte mich mit Tränen
in den Augen an Ich ging auf sie zu fasste sie an der Hand führte sie vor ihre
Mutter und wir sprachen einige Worte des Dankes Sie entgegnete sehr
freundlich Dann gingen wir zu meinen Eltern und dankten ihnen gleichfalls die
gleichfalls freundlich antworteten Klotilde war in ihrem Festanzuge sehr
befangen was auch fast bei allen andern der Fall war Mein Vater löste die
Stimmung indem er zu einem Tische schritt auf welchen er ein Kästchen
niedergestellt hatte Er nahm das Kästchen näherte sich Nathalien und sagte
»Liebe Braut und künftige Tochter hier bringe ich ein kleines Geschenk aber es
ist eine Bedingung daran geknüpft Ihr seht dass ein Faden um das Schloss liegt
und dass der Faden ein Siegel trägt Schneidet den Faden nicht eher ab als nach
Eurer Vermählung Den Grund meiner Bitte werdet Ihr dann auch sehen Wollt Ihr
sie freundlich erfüllen«
»Ich danke für Eure Güte innig« antwortete Natalie »und ich werde die
Bedingung erfüllen«
Sie empfing das Kästchen aus der Hand des Vaters Auch die Mutter und
Klotilde gaben ihr Geschenke so wie Matilde und Natalie Gegenstände aus den
benachbarten Zimmern herbeiholten um die Mutter Klotilden und den Vater zu
beschenken Natalie und ich gaben uns nichts Dann setzten wir uns um einen
Tisch nieder und es begannen herzliche Gespräche Am Schluße sagte Matilde
»So wäre denn der Bund den die Herzen unserer Kinder geschlossen haben auch
durch die Beistimmung der Eltern bekräftigt Der Tag der ewigen Verbindung mag
nach ihrem Wunsche und unserer Meinung festgesetzt werden Wir wollen darüber
jetzt nicht sprechen sondern es der Beratung und Vereinbarung anheimgeben«
Nach diesen Worten trennten wir uns und begaben uns in unsere Zimmer
Die festlichen Kleider wurden nun abgelegt und es begann das Besuchsleben
wie es in ähnlichen Verhältnissen und namentlich wenn man in so nahe
Beziehungen getreten ist der Fall zu sein pflegt Matilde führte nach und nach
den Vater und die Mutter in alle Teile des Schlosses des Gartens des
Meierhofes der Felder der Wiesen und der Wälder Sie zeigte ihnen alle Zimmer
des Hauses ihre Wohnzimmer die Zimmer mit den alten Geräten sie zeigte ihnen
die Bilder und was sich nur immer in dem Schloss befand Sie ging mit ihnen in
den Garten zu den Linden zu allen Obstbäumen zu den Blumenbeeten in die
Grotte mit der Brunnennymphe auf die Eppichwand und in jede Anlage die in dem
Garten enthalten war Ebenso wurde alles was sich auf die Landwirtschaft bezog
auf das genaueste durchgenommen Gegen den Abend wenn die Sonnenstrahlen milde
auf die blühende Erde leuchteten wurde ein gemeinschaftlicher Gang durch irgend
einen Teil der Gegend gemacht Wiederholt gingen wir die ganze Länge des
Berührweges durch und die Eltern fanden Gefallen an dieser Bahn die eine freie
und rüstige Bewegung in trüben Tagen so wie im Winter auf eine angenehme Weise
gestatte Der Vater konnte über alles der Freude und des Lobes kein Ende finden
Matilde und die Mutter sprachen oft lange und immer sehr freundlich mit
einander, sie tauschten wahrscheinlich ihre Ansichten über Häuslichkeit und
Verwaltung des Zugehörigen aus Natalie und Klotilde waren fast unzertrennlich
sie schlossen sich an einander an bezeigten sich jede Innigkeit und oft wenn
wir alle in das Schloss zurückgekehrt waren gingen sie noch auf einem einsamen
Wege des Gartens oder auf einem Pfade des nächstgelegenen Feldes herum
»Siehst du Klotilde« sagte ich »ich konnte dir kein Bild von Nathalien
bringen weil keins da war jetzt hast du sie selber«
»Um wie viel lieber als jedes Bild« antwortete sie »aber ein Bild muss doch
ausgeführt werden damit man später wisse wie sie in diesen Jahren ausgesehen
habe«
Acht Tage entließ uns Matilde nicht von dem Sternenhofe und jeder Tag fand
seine freundliche Beschäftigung Am neunten wurden die Anstalten gemacht dass
wir alle in das Rosenhaus abreisen konnten Matilde und die Eltern fuhren in
unserem Reisewagen Natalie Klotilde und ich in dem Wagen Mathildens
Als wir den Hügel hinanfuhren konnte mein Vater seine Neugierde kaum mehr
bemeistern Ich sah ihn öfter in dem Wagen aufstehen und herumblicken Es war
ein wolkig heiterer Tag Strichregen gingen auf entferntere Wälder nieder
Sonnenblicke schnitten goldne Bilder auf den Hügeln und Ebenen aus und das Haus
meines Gastfreundes schaute sanft von seiner Anhöhe hernieder Obwohl da wir
von der Stadt abfuhren dort bereits alles in Blüte stand war in der Umgebung
des Rosenhauses trotz der Zeit die wir auf der Reise und in dem Hause
Mathildens zugebracht hatten doch noch die Baumblüte nicht vorüber sondern sie
war erst in ihrer vollen Entfaltung Denn das Land hier lag um ein Bedeutendes
höher als die Stadt Ein Teil des Wintergetreides stand auf dem Hügel in
üppigstem Wuchse ein Teil schickte sich dazu an das Sommergetreide keimte hie
und da und hie und da war noch die braune Erde zu sehen
Mein Gastfreund hatte durch Mathilden Nachricht von unserer Ankunft
erhalten Als wir bei dem Gitter anfuhren stand er mit Gustav Eustach Roland
mit der Haushälterin Katarine mit dem Hausverwalter mit dem Gärtner und
anderen Leuten auf dem Sandplatze vor dem Gitter um uns zu empfangen Wir
stiegen aus und da standen sich nun mein Vater und mein Gastfreund gegenüber
Der letztere hatte schneeweiße Haare mein Vater etwas minder weiße aber liebe
ehrwürdige Männer waren beide Sie reichten sich die Hand sahen sich einen
Augenblick an und schüttelten sich dann ihre Rechte herzlich
»Seid mir gegrüßt seid mir tausendmal gegrüßt an meiner Schwelle« sagte
mein Gastfreund »selten ist hier einer eingegangen der so willkommen gewesen
wäre wie Ihr und selten habe ich mich nach jemanden so gesehnt wie nach Euch
Wir sind nun so lange in Verbindung und ich habe Euch schon so lange in der
Liebe Eures Sohnes geliebt«
»Ich Euch in der Liebe Eures jungen Freundes« erwiderte mein Vater »es ist
einer meiner liebsten Tage der mich unter dieses Dach bringt Ich komme in das
Haus des Mannes den ich durch meinen Sohn kenne obgleich ich auch den
Staatsmann hochachten muss Ich komme mit der Schuld des Dankes belastet Ihr
habt mich ausgezeichnet ehe ich es nur im geringsten Masse um Euch verdient
hatte«
»Lasst das jetzt es machte mir ja selber Freude« entgegnete mein
Gastfreund »aber seht so begeht man Fehler wenn man von einer Leidenschaft
befangen ist besonders wenn zwei alte Altertumsfreunde zusammentreffen Ich
habe versäumt Eurer verehrten Gattin meinen ersten Gruß darzubringen wie es
Pflicht gewesen wäre Aber teure Frau Ihr werdet es wenn auch nicht ganz
entschuldigen doch als ein geringeres Vergehen ansehen als eine andere Frau da
Ihr Euren Gatten und seine Beziehung zu seinen Schätzen kennt Seid mir gegrüßt
und wenn ich sage dass ich Euch nicht minder als Euren Gatten hieher gewünscht
habe so sage ich die Wahrheit und Euer eigener Sohn ist gegen Euch Zeuge wenn
Ihr meine Worte bezweifeln wolltet Es freut mich Euch in mein Haus führen zu
können erlaubt dass ich Eure Hand fasse Matilde Natalie Heinrich ihr
müsst heute etwas Nebensache sein und dieses Fräulein das ich wohl schon als
Klotilde kenne wird erlauben dass ich sie auch ein wenig liebe und um
Gegenneigung bitte Gustav führe das Fräulein«
»Gönnt mir die Gnade Euch führen zu dürfen« sagte Gustav zu Klotilden
Sie sah den Jüngling sanft an und sagte »Ich bitte um die Gefälligkeit«
»Ehe wir gehen« sagte mein Gastfreund noch »seht noch hier meine zwei
ausgezeichneten Künstler Eustach und Roland die mit mir in unserem Besitze
leben den ich Sorgenfrei nennen würde wenn er nicht voll von Sorgen steckte
Sie wollen Euch vor dem Hause begrüßen Seht da auch meine Katarine die das
Haus zusammenhält und dann meinen Hausverwalter und Gärtner und andere welche
die Lust des Empfanges nicht missen wollten«
Mein Vater reichte jedem die Hand und die Mutter und Klotilde verbeugten
sich auf das artigste
Hierauf nahm mein Gastfreund den Arm meiner Mutter mein Vater den
Mathildens ich Nataliens Gustav Klotildens und so gingen wir bei dem
Eisengitter in den Garten und in das Haus Die Wägen fuhren in den Meierhof In
dem Hause wurden wir gleich in unsere Zimmer geführt Matilde und Natalie
gingen in ihre gewöhnliche Wohnung Für meinen Vater und für meine Mutter war
ein Aufenthalt von drei Zimmern eigens gerichtet worden Sie hatten sehr schöne
Wandbekleidungen und vorzügliche Geräte Für alle und jede Bequemlichkeit war
gesorgt Klotilde hatte ein zierliches blassblaues Zimmerchen daneben Ich ging
von der Wohnung meiner Eltern in meine Zimmer welche die gewöhnlichen waren
Gustav besuchte mich hier in dem ersten Augen blicke und umschlang mich mit der
größten Freude und Liebe
»Nun ist doch alles sicher und gewiss« sagte er
»Sicher und gewiss« entgegnete ich »wenn Gott sein Vollbringen gibt Jetzt
bist du mein teurer vielgeliebter Bruder in der Tat wenn du es auch der
Fassung nach erst in einiger Zeit wirst«
»Darf ich auch du sagen« fragte er
»Von ganzem Herzen« erwiderte ich
»Also du mein geliebter mein teurer Bruder« sagte er
»Auf immer so lange wir leben was auch sonst für Zwischenfälle kommen
mögen« sagte ich
»Auf immer« antwortete er »aber jetzt kleide dich schnell um damit du
nicht zu spät kommst Man wird in dem Besuchsaale zu ebener Erde noch einmal zu
einem Gruße zusammenkommen ehe man zum Mittagessen geht Ich muss mich selber
zurecht richten«
Es war so wie Gustav gesagt hatte und es war an alle die Einladung
ergangen Er verließ mich und ich kleidete mich um
Wir versammelten uns in dem Besuchzimmer zu ebener Erde in welchem ich da
ich das erste Mal in diesem Hause war allein gewartet hatte während mein
Gastfreund gegangen war ein Mittagessen für mich zu bestellen Ich hatte damals
den Gesang der Vögel hereingehört Der eingelegte Fußboden war heute mit einem
sehr schönen Teppiche ganz überspannt Auch Eustach und Roland waren zu der
Versammlung eingeladen worden
Als sich alle eingefunden hatten stand mein Gastfreund welcher so festlich
angezogen war wie wir auf und sprach »Ich richte noch einmal an alle welche
gekommen sind den Empfangsgruss innerhalb der Wände dieses Hauses Es ist ein
schöner Tag Wenn gleich mancher liebe Freund und gewissermaßen
Schlachtkamerade den ich noch besitze nicht hier ist so kann eben nicht immer
alles was man liebt versammelt sein Das Eigentliche ist hier ist aus einem
lieben Anlasse hier aus welchem ein noch schönerer Tag für manche hervorgehen
kann Ihr sehr hochgeehrte Frau die Mutter des jungen Mannes welcher zu
verschiedenen Malen unter dem Dache dieses Hauses gewohnt hat seid dem Hause
willkommen Es hat Euren Namen oft gehört und die Namen Eurer Tugenden und wenn
der Schall der Rede oft auch ganz anderes zu verkünden schien so gingen
unbewusst Eure Eigenschaften daraus hervor sammelten sich hier und erzeugten
Ehrerbietung und erlaubt einem alten Manne das Wort Liebe Ihr mein edler
Freund gönnt mir den Namen auch den ich Euch so gerne gebe ein graues
Haupt wie ich aber ehrwürdiger in der Verehrung seiner Kinder und darum auch
in der anderer Leute Ihr habt mit Eurer Gattin unsichtbar dieses Haus bewohnt
und ehrt es da es Eure Gestalt nun selber in seinen Räumen sieht Ihr
Klotilde wandeltet mit Euren Eltern hier und seid gleichfalls in Eurem
Eigentume Zu dir Matilde spreche ich erst jetzt nachdem ich zu den andern
gesprochen habe die nicht so oft die Schwelle dieses Hauses betreten haben wie
du Du bringst uns heute etwas das allen lieb sein wird Sei deshalb nicht mehr
gegrüßt und willkommen als du hier immer gegrüßt und willkommen gewesen bist
Sei willkommen Natalie und seid gegrüsset Heinrich Eustach Roland Gustav
sind als Zeugen hier von dem was da geschieht«
Meine Mutter antwortete hierauf »Ich habe immer gedacht dass wir in diesem
Hause werden herzlich empfangen werden es ist so ich danke sehr dafür«
»Ich danke auch und möge die gute Meinung von uns sich bewähren« sagte der
Vater
Klotilde verneigte sich nur
Matilde sprach »Sei bedankt für deinen Gruß Gustav und wenn du sagst
dass ich etwas bringe das allen lieb sein wird so berichte ich dass Heinrich
Drendorf und Natalie vor neun Tagen im Sternenhofe verlobt worden sind. Wir
haben den Weg zu dir gemacht um deine Billigung zu dieser Vornahme zu erwirken
Du hast immer wie ein Vater an Nathalien gehandelt Was sie ist, ist sie
größtenteils durch dich Daher könnte ein Band sie nie beglücken das deinen
vollen Segen nicht hätte«
»Natalie ist ein gutes treffliches Mädchen« erwiderte mein Gastfreund
»sie ist durch ihr innerstes Wesen und durch ihre Erziehung das geworden was
sie ist Ich mag ein weniges beigetragen haben wie alle nicht bösen Menschen
mit denen wir umgehen zu unserem Wesen etwas Gutes beitragen Du weißt dass der
geschlossene Bund meine Billigung hat und dass ich ihm alles Glück wünsche Weil
du mich aber Vater Nataliens nennst so musst du erlauben dass ich auch als Vater
handle Natalie erhält als meine Erbin den Asperhof mit allem Zubehör und allem
was darin ist sie erhält auch da ich gar keine Verwandten besitze meine ganze
übrige Habe Die Ausfolgung geschieht in der Art dass sie einen Teil des
gesamten Vermögens an ihrem Vermählungstage empfängt nebst den Papieren welche
ihr das Anrecht auf den Rest zusprechen der ihr an meinem Todestage anheim
fällt Einige Geschenke an Freunde und Diener werden in den Papieren enthalten
sein die sie gerne verabfolgen wird Weil ich Vater bin so werde ich auch
meine liebe Tochter ausstatten von ihrer Mutter kann sie nur Geschenke
annehmen Und einen Eigensinn müsst ihr mir gestatten dessen Bekämpfung von
eurer Seite mich sehr schmerzen würde Die Vermählung soll auf dem Asperhofe
gefeiert werden Hieher ist der Bräutigam vor mehreren Jahren zuerst gekommen
hier habt ihr ihn kennen gelernt hier ist vielleicht die Neigung gekeimt und
hier endlich wohnt ja der Vater wie er eben genannt worden ist. Vom
Vermählungstage an wird im Asperhofe für die jungen Eheleute eine Wohnung in
Bereitschaft stehen es wird aber an sie nicht die Forderung gestellt werden
dass sie dieselbe benützen Sie sollen nach ihrer Wahl ihre Wohnung aufschlagen
entweder im Asperhofe oder im Sternenhofe oder in der Stadt oder auch
abwechslungsweise wie es ihnen gefällt«
Matilde war während dieser ganzen Rede mit Würde und Anstand in ihrem Sitze
gesessen wie überhaupt in der ganzen Versammlung ein tiefer Ernst herrschte
Matilde suchte ihre Haltung zu bewahren allein aus ihren Augen stürzten
Tränen und ihr Mund zitterte vor starker Bewegung Sie stand auf und wollte
reden aber sie konnte nicht und reichte nur ihre Hand an Risach Dieser ging
um den Tisch denn eine Ecke desselben trennte sie drückte Mathilden sanft
in ihren Sitz nieder küsste sie sachte auf die Stirne und strich einmal mit
seiner Hand über ihre Haare die sie glatt gescheitelt über der feinen Stirne
hatte
Mein Vater nahm hierauf da Risach wieder an seinem Platze war das Wort und
sprach »Es ist noch ein Vater da welcher auch einige Worte reden und einige
Bedingungen stellen möchte Vor allem Freiherr von Risach empfanget den
innigsten Dank von mir im Namen meiner Familie dass Ihr ein Mitglied derselben
zu einem Mitgliede der Eurigen aufzunehmen für würdig erachtet habt Unserer
Familie ist dadurch eine Ehre erzeigt worden und mein Sohn Heinrich wird sich
sicherlich bestreben sich alle jene Eigenschaften zu erwerben welche ihm zur
Erfüllung seiner neuen Pflichten und zur Darstellung jener Menschenwürde
überhaupt nötig sind ohne welche man ein Teil der besseren menschlichen
Gesellschaft nicht sein kann Ich hoffe dass ich hierin für meinen Sohn bürgen
kann und Ihr selber hofft es da Ihr ihn in die Stellung aufgenommen habt in
der er ist Mein Sohn wird in die neue Haushaltung bringen was nicht für
unbillig erachtet werden soll In meinem Hause in der Stadt wird eine anständige
Wohnung für die Neuvermählten immer in Bereitschaft stehen und wenn ich das
Landleben einmal vorziehen sollte so werden sie auch in meiner neuen Wohnung
einen Platz finden Ihr eigenes ständiges Haus mögen sie nach Belieben
aufschlagen Dass die Vermählung in dem Asperhofe sei ist nach meiner Meinung
gerecht und ich glaube es wird niemand die Maßregel bestreiten Und nun habe
ich noch eine Bitte an Euch Freiherr von Risach nehmt mich alten Mann und
meine alte Gattin nebst unsrer Tochter nicht ungerne in Euren Familienkreis auf
Wir sind bürgerliche Leute und haben als solche einfach gelebt aber in jedem
Verhältnisse unsere Ehre und unsern guten Namen aufrecht zu erhalten gesucht«
»Ich kenne Euch schon lange« antwortete Risach »obwohl nicht persönlich
und habe Euch schon lange hoch geachtet Noch höher achtete und liebte ich Euch
als ich Euren Sohn kennen gelernt hatte Wie sehr es mich freut in eine nähere
Umgangsverbindung mit Euch zu kommen kann Euch Euer Sohn sagen und wird Euch
die Zukunft zeigen Was die Bürgerlichkeit anlangt so gehörte ich zu diesem
Stande Vergängliche Handlungen die man Verdienste nannte haben mich auf eine
Zeit aus ihm gerückt ich kehre durch meine angenommene Tochter wieder zu ihm
zurück der mir allein gebührt Ehrenvoller würdiger Mann einer stettigen
Tätigkeit und eines wohlgegründeten Familienlebens wenn Ihr mich der ich
beides nicht habe für wert erachtet so kommt an mein Herz und lasst uns die
letzten Lebenstage freundlich mit einander gehen«
Beide Männer verließen ihre Plätze begegneten sich auf halbem Wege zu
einander schlossen sich in die Arme und hielten sich einen Augenblick fest
Wie erschütternd das auf alle wirkte zeigte die Tatsache, dass es totenstill im
Zimmer war und dass manche Augen feucht wurden
Meine Mutter war da Risach Mathilden verlassen hatte zu ihr gegangen
hatte sich neben sie gesetzt und hatte ihre beiden Hände gefasst Die Frauen
küssten sich und hielten sich noch immer beinahe umfangen
Ich und Natalie traten jetzt vor Risach und sagten dass wir ihm für alles
Liebe und Gute gegen uns aufs tiefste danken und dass unser einziges Bestreben
sein werde seiner guten Meinung über uns immer würdiger zu werden
»Ihr seid lieb und freundlich und ehrlich« sagte er »und alles wird gut
werden«
Wir gingen wieder an unsere Plätze und Eustach Klotilde Roland Gustav
und selbst die Eltern wünschten uns nun alles Glück und allen Segen
Hierauf nahm das Gespräch eine Wendung auf einfachere und gewöhnlichere
Dinge Man stand auch öfter auf und mischte sich durcheinander Meine Mutter
hatte heute einige der schönsten geschnittenen Steine meines Vaters als Schmuck
an ihrem Körper Mein Gastfreund hatte öfter darauf hingeblickt allein jetzt
konnten er und Eustach dem Reize nicht mehr widerstehen sie traten zu meiner
Mutter betrachteten verwundert die Steine und sprachen über dieselben Später
kam auch Roland hinzu Meinem Vater glänzten die Augen vor Freude
Als das Gespräch noch eine Weile gedauert hatte trennte man sich und
bestellte sich auf einen Spaziergang der noch vor dem Mittagessen statt finden
sollte Auf dem Sandplatze vor dem Rosengitter an dem Hause wollte man sich
versammeln
Wir kleideten uns in andere Kleider und kamen vor dem Hause zusammen
Mein Vater der wahrscheinlich sehr neugierig war alles in diesem Hause zu
sehen hatte sich zu Risach gesellt sie standen vor den Rosengewächsen und
mein Gastfreund erklärte dem Vater alles Matilde war an der Seite meiner
Mutter Klotilde und Natalie hielten sich an den Armen und ich und Gustav so
wie zu Zeiten auch Eustach und Roland hielten uns in der Nähe der alten Männer
auf Wir gingen von dem Sandplatze in den Garten damit die Meinigen zuerst
diesen sähen Mein Gastfreund machte für meinen Vater den Führer und zeigte und
erklärte ihm alles Wo meine Mutter und Klotilde an dem Gesehenen Anteil nahmen
wurde es ihnen von ihren Begleiterinnen erläutert
»Da sehe ich ja aber doch Faltern« sagte mein Vater als wir eine geraume
Strecke in dem Garten vorwärts gekommen waren
»Es wäre wohl kaum denkbar und möglich dass meine Vögel alle Keime
ausrotteten« antwortete mein Gastfreund »sie hindern nur die unmässige
Verbreitung Einiges bleibt aber immer übrig was für das nächste Jahr Nahrung
liefert Zudem kommen auch von der Ferne Faltern hergeflogen Sie wären wohl
auch die schönste Zierde eines Gartens wenn ihre Raupen nicht so oft für unsere
menschlichen Bedürfnisse so schädlich wären«
»Bringen denn nicht aber auch die Vögel manchen Baumfrüchten Schaden«
fragte mein Vater
»Ja sie bringen Schaden« entgegnete mein Gastfreund »er trifft
hauptsächlich die Kirschenarten und andere weichere Obstgattungen aber im
Verhältnisse zu dem Nutzen den mir die Vögel bringen ist der Schaden sehr
geringe sie sollen von dem Überflusse den sie mir verschaffen auch einen Teil
genießen und endlich da sie neben ihrer natürlichen Nahrung von mir noch
außerordentliche und mitunter Leckerbissen bekommen so ist dadurch der Anlass zu
Angriffen auf mein Obst geringer«
Wir gingen durch den ganzen Garten Jedes Blumenbeet jede einzelne
merkwürdigere Blume jeder Baum jedes Gemüsebeet der Lindengang die
Bienenhütte die Gewächshäuser alles wurde genau betrachtet Der Tag hatte sich
beinahe ganz ausgeheitert und eine Fülle von Blüten lastete und duftete
überall Wir gingen bis zu dem großen Kirschbaume empor und sahen von ihm über
den Garten zurück Der Vater fühlte sich ganz glücklich alles das sehen und
betrachten zu können Die Mutter mochte wohl ihren Umgebungen nicht so viel
Aufmerksamkeit geschenkt haben wie der Vater und sie mochte mit Mathilden mehr
über das Wohl und Wehe und über die Zukunft ihrer Kinder gesprochen haben Auch
dürfte der Inhalt der Gespräche zwischen Klotilden und Nathalien nicht
vorherrschend der Garten gewesen sein Sie konnten manche Fäden über andere
Dinge anzuknüpfen gehabt haben
Von dem großen Kirschbaume musste wieder in das Haus zurückgegangen werden
weil die Zeit welche noch bis zu dem Mittagessen gegeben gewesen war ihren
Ablauf genommen hatte Man verfügte sich einen Augenblick in seine Zimmer und
versammelte sich dann im Speisesaale
Der Nachmittag war zur Besichtigung des Meierhofes der Wiesen und Felder
bestimmt Wir gingen von dem großen Kirschbaume auf den Getreidehügel hinaus und
auf ihm fort bis zu der Felderrast Wir gingen genau den Weg welchen ich an
jenem Abende mit meinem Gastfreunde gegangen war als ich mich zum ersten Male
in dem Asperhofe befunden hatte Wir sahen von der Felderrast ein wenig herum
Die Esche hatte eben ihre ersten kleinen Blätter angesetzt und suchte sie
auszubreiten Wir konnten uns nicht niedersetzen weil das Bänkchen dazu viel zu
klein war Von der Felderrast gingen wir in den Meierhof Wir schlugen den Weg
ein welchen ich einmal mit Nathalien allein gewandelt war Nach der Besichtigung
des Meierhofes in welchem mein Gastfreund meinem Vater das Kleinste und Größte
zeigte und in welchem er ihm erklärte wie alles früher ausgesehen hatte was
daraus geworden war und was noch werden sollte gingen wir durch die
Meierhofwiesen durch die Felder am Abhange des Hügels des Rosenhauses dann den
Hügel herum endlich in das Gehölze des Teiches hinauf und von ihm an dem
Erlenbache zurück so dass wir wieder zu dem großen Kirschbaume kamen und von ihm
in das Haus zurückkehrten Es war mittlerweile Abend geworden Alles hatte die
Bewunderung meines Vaters erregt
Der nächste Tag war dazu bestimmt das Innere des Hauses seine Kunstschätze
und alles was es sonst enthielt zu besehen Mein Gastfreund führte meinen
Vater zuerst in alle Zimmer des Erdgeschosses dann über den Marmorgang die
Treppe hinan zur Marmorgestalt Wir waren alle mit außer Eustach und Roland
Bei der Marmorgestalt hielten wir uns sehr lange auf Von ihr gingen wir in den
Marmorsaal in welchem mein Gastfreund meinem Vater alle Marmorarten nannte und
ihm die Orte ihres Vorkommens bezeichnete Dann besuchten wir nach und nach die
Wohnzimmer meines Gastfreundes die Zimmer mit den Bildern Büchern
Kupferstichen das Lesezimmer das Eckzimmer mit den Vogelbrettchen und endlich
die Gastzimmer und die Wohnung Mathildens Auch Rolands Gemach wurde besehen in
welchem auf einer Staffelei sein beinahe fertiges Bild stand Den Beschluss
machte der Besuch des Schreinerhauses und die Besichtigung seiner Einrichtung
und alles dessen was da eben gefördert wurde War mein Vater schon gestern voll
Bewunderung gewesen so war er heute beinahe außer sich Die Marmorgestalt hatte
seinen Beifall so sehr dass er sagte er könne sich von seinen Reisen her nicht
auf vieles erinnern was von altertümlichen Werken besser wäre als diese
Gestalt Sie wurde von allen Seiten besehen und wieder besehen dieser Teil und
jener Teil und das Ganze wurde besprochen So etwas sagte mein Vater könne er
nicht entfernt aufweisen nur einige seiner alten geschnittenen Steine könnten
neben dieser Gestalt noch besehen werden Der Marmorsaal gefiel ihm sehr und
der Gedanke ein solches Gemach zu bauen erschien ihm als ein äußerst
glücklicher Er pries die Geduld meines Gastfreundes im Suchen des Marmors und
lobte die welche die Zusammenstellung entworfen hatten dass etwas so Reines und
Grossartiges zu Stande gekommen sei Die alten Geräte die Bilder die Bücher
die Kupferstiche beschäftigten meinen Vater auf das lebhafteste er sah alles
genau an und sprach als Liebhaber und auch als Kenner über vieles Mein
Gastfreund verständigte sich leicht mit ihm ihre Ansichten trafen häufig
zusammen und ergänzten sich häufig in so ferne man überhaupt Ansichten in einer
Gesellschaft in welcher man sich kurz fassen musste aussprechen konnte Meine
Mutter freute sich innig über die Freude des Vaters So war es denn also doch in
Erfüllung gegangen was sie so oft gewünscht hatte dass mein Vater das Haus
meines Gastfreundes besuchte und es war auf eine liebe Art in Erfüllung
gegangen die sie sich gewiss einstens nicht gedacht hatte Rolands Bild
betrachtete der Vater sehr aufmerksam er hielt es für höchst bedeutend er
sprach mit Risach über Verschiedenes in demselben und äußerte sich dass nach
diesem Werke zu urteilen Roland eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich haben
dürfte Dass es meinen Gastfreund mit Vergnügen erfüllte dass seine Schöpfungen
mit solcher Anerkennung von einem Manne aus dessen Worten die Berechtigung zu
einem Urteile hervorging betrachtet werden, ist begreiflich Die zwei Männer
schlossen sich immer mehr an einander und vergaßen zuweilen ein wenig die
übrige Gesellschaft In dem Schreinerhause in welchem Eustach den Führer
machte wurden nicht nur alle Zeichnungen und Pläne durchgesehen sondern die
ganze Einrichtung und die Art wie hier verfahren werde samt allen Werkzeugen
wurde einer genauen Beobachtung unterzogen Der Vater war voll der Billigung
darüber Mit Besichtigung dieser Dinge war der ganze Tag verbraucht worden
Am nächsten Tage fuhr man in den Alizwald damit mein Gastfreund meinen
Eltern den Forst zeigen konnte welcher zu dem Asperhofe gehörte
Die folgenden Tage waren für die Gesellschaft schon weniger vereinigend Man
zerstreute sich und ging dem nach was eben die meiste Anziehungskraft ausübte
Zu mir und Nathalien kamen nach und nach alle Bewohner des Rosenhauses und des
Meierhofes um uns Glück und Segen zu unserer bevorstehenden Vereinigung zu
wünschen Sie hatten jetzt erst nach geschehener Verlobung die Gewissheit davon
erhalten hatten es aber in früherer Zeit aus den Vorgängen die sie sahen
gemutmasst und geschlossen Mein Vater holte vieles wieder im einzelnen nach was
er im allgemeinen gesehen hatte er war bald hier bald dort und war viel mit
dem Besitzer des Hauses beschäftigt Die Frauen ließ sich das angelegen sein
was Sache des Hauswesens ist und verkehrten manche Weile mit Katarinen Wir
jüngeren Leute gingen viel in dem Garten herum besuchten manche Stelle und
machten Spaziergänge Wir waren mehrere Male bei den Gärtnerleuten saßen einmal
lange bei ihrem Tische und besahen einmal ausführlich für uns die Gewächshäuser
und ließ uns das Vorhandene von dem Gärtner erklären Eines Tages waren wir
auch alle im Inghofe und die Bewohner des Inghofes waren eines andern Tages im
Asperhofe Der Pfarrer von Rohrberg und mehrere der angeseheneren Bewohner der
Gegend waren von nahe oder von ferne herzugekommen um zu dem Ihnen bekannt
gewordenen Ereignisse ihren Glückwunsch darzubringen Selbst Bauersleute der
Nachbarschaft und andere die mich und Nathalien kannten kamen zu demselben
Zwecke
Wir mussten zwölf Tage in dem Asperhofe zubringen dann aber wurde unser
Reisewagen bepackt und wir traten die Rückreise in unsere Vaterstadt an
Da wir zu Hause angekommen waren wurde sogleich daran gegangen Zimmer in
Bereitschaft zu setzen dass wir den Gegenbesuch wenn er eintreffen würde
anstandsvoll empfangen könnten Ich rüstete mich indessen auch noch zu etwas
anderem was noch vor der Verbindung mit Nathalien stattaben musste zu meiner
großen Reise Ich suchte die Anstalten so zu treffen dass ich glaubte nichts
Wesentliches außer Acht gelassen zu haben Die Notwendigkeit mir durch diese
Reise noch manches was mir fehlte anzueignen und in dieser Hinsicht nicht zu
weit hinter Nathalien zurückstehen zu müssen war mir einleuchtend und eben so
einleuchtend war es mir dass ich eine größere Reise allein machen müsse ehe ich
in künftiger Zeit mit Nathalien eine Reise antreten könnte Ich hatte auch vor
mich gleich nach der Zeit in der uns der Gegenbesuch abgestattet sein würde
auf die Reise zu begeben
Der Gegenbesuch kam drei Wochen nach dem Tage an welchem wir in der Stadt
angelangt waren Ein Brief hatte ihn vorher angekündigt Matilde Risach
Natalie und Gustav trafen in einem schönen Reisewagen ein Sie wurden in die für
sie in Bereitschaft gehaltenen Zimmer geführt Nachdem sie sich umgekleidet
hatten kamen wir zum Gruße in unserem Besuchzimmer zusammen Der Empfang in
unserem Hause war so herzlich und innig wie er nur immer in dem Sternenhofe und
in dem Hause meines Gastfreundes gewesen war In allen Mienen war Freude und
alle Worte setzten die begonnene Bekanntschaft und die sich entwickelnde
Freundschaft fort Selbst bis auf die Dienerschaft pflanzte sich das angenehme
Gefühl über Aus einzelnen Worten und aus den heitern Angesichtern entnahm man
wie sehr ihnen die wunderschöne Braut gefalle Was unser Haus und die Stadt für
die Gäste Angenehmes bieten konnte wurde ihnen zur Verfügung gestellt Wie auf
den beiden Landsitzen wurde auch hier alles gezeigt was das Haus enthält Die
Gäste wurden in die Zimmer geführt besahen Bilder Bücher alte Schreine und
geschnittene Steine Sie kamen in das gläserne Eckhäuschen und in alle Teile des
Gartens In Hinsicht der Bilder meines Vaters sprach sich mein Gastfreund dahin
aus dass sie als Ganzes durchaus wertvoller seien als seine Sammlung obwohl er
auch einzelne Stücke besitze welche dem Besten aus meines Vaters Sammlung an
die Seite gestellt werden könnten Meinen Vater freute dieses Urteil und er
sagte er hätte ungefähr dasselbe gefällt Die geschnittenen Steine sagte mein
Gastfreund seien auserlesen und denen hätte er nichts Gleiches entgegen zu
stellen es müsste nur das Marmorstandbild sein
»Das ist es auch und das ist das Höchste was in beiden Kunstsammlungen
besteht« erwiderte mein Vater
Die Schnitzarbeiten im Glashäuschen waren meinem Gastfreunde aus meinen
Abbildungen bekannt Er beschäftigte sich aber doch mit ihrer genauen
Besichtigung und erteilte ihnen mit Rücksicht auf die Zeit ihrer Entstehung viel
Lob Mein Einbeerblatt aus Marmor im Garten wurde einer Anerkennung nicht für
unwürdig erachtet Meinen Vater erquickte die Würdigung seiner Schätze von einem
Manne wie Risach war sehr und ich glaube er hatte keine angenehmeren Stunden
gehabt seit er all diese Dinge zusammen gebracht als die Zeit die Risach bei
ihm gewesen war Selbst jenen Augenblick dürfte er kaum vorgezogen haben da
sich zum ersten Male meine Augen für den Wert dessen geöffnet hatten was er
besaß Bei mir war es damals nur Gefühl gewesen bei Risach war jetzt es Urteil
Zum Vergnügen außer dem Hause geschahen zwei Teaterbesuche drei
gemeinschaftliche Besuche in Kunstsammlungen und einige Fahrten in die Umgebung
Bei dieser Zusammenkunft wurde auch die Vermählungszeit besprochen Ich
sollte meine angekündigte Reise unternehmen und nach der Zurückkunft sollte
kein Aufschub mehr stattfinden Der Tag werde dann festgestellt werden Nach
dieser Verabredung wurde Abschied genommen Der Abschied war dieses Mal sehr
schwer weil er auf länger genommen wurde und weil unglückliche Zufälle in der
Abwesenheit nicht unmöglich sein konnten Aber wir waren standhaft wir scheuten
uns vor Zeugen selbst vor so lieben einen Schmerz zu äußern sondern trennten
uns und versprachen uns zu schreiben
Als uns unsere Gäste verlassen hatten zeigten wir in Briefen an einige uns
sehr befreundete Familien meine Verlobung an Zur Fürstin ging ich selbst um
ihr dieses Verhältnis zu eröffnen Sie lächelte herzlich und sagte dass sie sehr
wohl bemerkt habe dass ich einmal da sie des Namens Tarona Erwähnung getan
hatte äußerst heftig errötet sei
Ich erwiderte dass ich damals nur errötet sei weil sie mich auf einer
inneren Neigung betroffen habe den Namen Tarona habe ich in jener Zeit an
Nathalien noch gar nicht gekannt Ich sprach auch von meiner Reise sie lobte
diesen Entschluss sehr und erzählte mir von den Verhältnissen verschiedener
Hauptstädte in denen sie in früheren Jahren zeitweilig gewohnt hatte Sie
erwähnte kurz auch manches über das äußere Ansehen der Länder da sie eine große
Freundin landschaftlicher Schönheiten war Sie hatte eben in dem Augenblicke
vor wieder an den Gardasee zu gehen den sie schon öfter besucht hatte Das war
auch die Ursache, dass sie noch so spät im Frühlinge in der Stadt war Sie
ersuchte mich nach meiner Zurückkunft wieder bei ihr auf ein Weilchen zu
erscheinen Ich versprach es
Meine Reise wurde nun keinen Augenblick mehr verzögert Ich nahm von den
Meinigen Abschied und fuhr eines Tages zu dem Tore unserer Stadt hinaus
Ich ging zuerst über die Schweiz nach Italien nach Venedig Florenz Rom
Neapel Syrakus Palermo Malta Von Malta schiffte ich mich nach Spanien ein
das ich von Süden nach Norden mit vielfachen Abweichungen durchzog Ich war in
Gibraltar Granada Sevilla Kordoba Toledo Madrid und vielen anderen
minderen Städten Von Spanien ging ich nach Frankreich von dort nach England
Irland und Schottland und von dort über die Niederlande und Deutschland in
meine Heimat zurück Ich war um einen und einen halben Monat weniger als zwei
Jahre abwesend gewesen Wieder war es Frühling als ich zurückkehrte die
mächtige Welt der Alpen der Feuerberge Neapels und Siciliens der Schneeberge
des südlichen Spaniens der Pyrenäen und der Nebelberge Schottlands hatten auf
mich gewirkt Das Meer vielleicht das Grossartigste was die Erde besitzt nahm
ich in meine Seele auf Unendlich viel Anmutiges und Merkwürdiges umringte mich
Ich sah Völker und lernte sie in ihrer Heimat begreifen und oft lieben Ich sah
verschiedene Gattungen von Menschen mit ihren Hoffnungen Wünschen und
Bedürfnissen ich sah manches von dem Getriebe des Verkehres und in bedeutenden
Städten blieb ich lange und beschäftigte mich mit ihren Kunstanstalten
Bücherschätzen ihrem Verkehre gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Leben
und mit lieben Briefen die aus der Heimat kamen und mit solchen die dorthin
abgingen
Ich kam auf meiner Rückreise früher in die Gegend des Asperhofes und des
Sternenhofes als in meine Heimat Ich sprach daher in beiden ein Alles war sehr
wohl und gesund und fand mich sehr gebräunt Hier erfuhr ich auch eine
Veränderung die mit meinem Vater vorgegangen war und die sie mir in den
Briefen verschwiegen hatten damit ich überrascht würde Alle seine
Anspielungen dass er plötzlich einmal in den Ruhestand treten werde dass er
sich ehe man sichs versehe auf dem Lande befinden werde dass sich vieles
ereignen werde woran man jetzt nicht denke dass man nicht wisse ob man nicht
den Reisewagen öfter brauchen könne waren in Erfüllung gegangen Er hatte sein
Handelsgeschäft abgetreten und hatte den auf einer sehr lieblichen Stelle
zwischen dem Asperhofe und Sternenhofe gelegenen verkäuflich gewordenen
Gusterhof gekauft den er eben für sich einrichten lasse Man freute sich schon
darauf wie er sich in diesem neuen Besitztum häuslich und wohnlich
niederlassen werde Ich nahm mir nicht Zeit diesen Hof den ich von außen
kannte zu besuchen weil ich Nathalien die mir wie ein Gut wieder gegeben
worden war nicht noch unnötig länger von meiner Seite entfernt wissen wollte
Nach innigem Empfange und Abschiede reiste ich zu meinen Eltern und reiste Tag
und Nacht um bald einzutreffen Sie wussten von meiner Ankunft und empfingen
mich freudig Ich richtete mich sogleich in meiner Wohnung ein Es war mir
seltsam und wohltuend den Vater jetzt immer zu Hause und ihn stets mit Plänen
Entwürfen Zeichnungen umringt zu sehen Er war während meiner Abwesenheit fünf
Male in dem Gusterhofe und bei diesen Gelegenheiten öfter bei Matilde oder
Risach als Gast gewesen Die Mutter und Klotilde hatten ihn zweimal begleitet
Er war in diesen zwei Jahren um ein gut Teil jünger geworden Auch die Bewohner
des Sternen und Asperhofes hatten sich einmal im Winter bei meinen Eltern als
Gäste eingefunden Die Bande waren sehr schön und lieb geflochten
Gleich am ersten Tage meiner Anwesenheit im elterlichen Hause führte mich
meine Mutter in die Zimmer die für mich und Nathalien als Wohnung hergerichtet
worden waren wenn wir uns in der Stadt aufhalten wollten Ich hatte gar nicht
gedacht dass in dem Hause so viel Platz sei so geräumig war die Wohnung Sie
war zugleich so schön und edel angeordnet dass ich meine Freude daran hatte Ich
sprach bei dieser Gelegenheit von dem Vermählungstage und die Mutter
antwortete dass der Vater glaube es sei nun keine Ursache einer Säumnis und
von uns als von der Seite des Bräutigams müsse die Anregung ausgehen Ich bat um
Beschleunigung und am folgenden Tage gingen schon unsere Briefe in den
Sternenhof und zu Risach ab In kurzem kam die Antwort zurück und der Tag war
nach unsern Vorschlägen festgesetzt Der Sammelplatz war der Asperhof
Meinem Versprechen getreu stellte ich mich nun auch bei der Fürstin Sie
war schon auf ihren Landsitz abgereist Ich schrieb ihr daher einige Zeilen dass
ich zurück sei und zeigte ihr meinen Vermählungstag an In kurzer Zeit kam
eine Antwort von ihr nebst einem Päckchen welches ein Erinnerungszeichen an
meine Vermählungsfeier von ihr enthalte Sie könne es mir nicht persönlich
übergeben weil sie seit einigen Wochen kränklich sei und sich deshalb so früh
auf das Land habe begeben müssen Das Erinnerungszeichen liege schon seit länger
in Bereitschaft Ich öffnete das Päckchen Es enthielt eine einzige aber sehr
große und sehr schöne Perle Die Fassung war fast keine Nur ein Stengel und ein
Goldscheibchen hafteten an der Perle dass sie eingeknöpft werden konnte Ich
freute mich außerordentlich über die Gesinnung der edlen Fürstin über die
Trefflichkeit des Geschmackes und über dessen Sinnigkeit denn eine Perle ist es
ja in meinen Augen die ich mir als Geschenk an meine Brust zu heften im
Begriffe war Ich schrieb eine innige Dankanwort zurück
Unsere Vorbereitungen waren bald gemacht und wir reisten ab
»Wir können ja unsere letzten Rüstungen in meinem Landhause machen« sagte
der Vater mit heiterem Lächeln
Wir fuhren in den Gusterhof Eine kleine aber freundlich bestellte Wohnung
die der Vater vorläufig für solche Gelegenheiten hatte herrichten lassen
empfing uns Es war ein liebliches Gefühl in unserem eigenen uns zugehörigen
Landsitze zu sein Der Vater schien dieses Gefühl am tiefsten zu hegen und die
Mutter freute sich dessen ungemein Wir blieben hier so lange und
vervollständigten unsere Vorbereitungen dass wir zwei Tage vor der Vermählung in
dem Asperhofe eintreffen konnten Matilde und Natalie waren schon anwesend da
wir ankamen Wir begrüßten uns herzlich Alles war in einer gewissen Spannung
der Vorbereitungen Ich konnte Nathalien oft nur auf einige Augenblicke sehen
Klotilde wurde auch sofort hineingezogen Botschaften kamen und gingen ab Gäste
und Trauzeugen trafen ein Ich selber war in einer Art Beklemmung
Am Nachmittage des ersten Tages fand ich einmal Mathilden meinen Gastfreund
und Gustav im Lindengange auf und ab wandeln Ich gesellte mich zu ihnen Gustav
verließ uns bald
»Wir sprachen eben davon dass mein Sohn sich nun bald von hier entfernen und
in die Welt gehen müsse« sagte Matilde »habt Ihr ihn nach Eurer Reise nicht
auch verändert gefunden«
»Er ist ein vollkommener Jüngling geworden« erwiderte ich »ich habe auf
meinen Reisen keinen gesehen der ihm gleich wäre Er war ein sehr kraftvoller
Knabe und ist auch ein solcher Jüngling geworden aber wie ich glaube
gemilderter und sanfter Ja sogar in seinen Augen die noch glänzender geworden
sind erscheint mir etwas das beinahe wie das Schmachten bei einem Mädchen
ist«
»Es freut mich dass Ihr das auch bemerkt habt« sagte mein Gastfreund »es
ist so und es ist sehr gut wenn auch gefährlich dass es so ist Gerade bei
sehr kraftvollen Jünglingen deren Herz von keinem bösen Hauche angeweht worden
ist, tritt in gewissen Jahren ein Schmachten ein das noch holder wirkt als bei
heranblühenden Mädchen Es ist dies nicht Schwäche sondern gerade Überfülle von
Kraft die so reizend wirkt wenn sie aus den meistens dunkeln
sanftschimmernden Augen blickt und gleichsam wie ein Juwel an den unschuldigen
Wimpern hängt Solche Jünglinge dulden aber auch wenn böse Schicksalstage
kommen mit einem Starkmute der der Krone eines Märtyrers wert wäre und wenn
das Vaterland Opfer heischt legen Sie ihr junges Leben einfach und gut auf den
Altar Sie können aber auch zu falscher Begeisterung getrieben und missbraucht
werden und wenn ein solches Jünglingsauge zu rechter Zeit in das rechte
Mädchenauge schaut so flammt die plötzlichste heisseste aber oft auch
unglücklichste Liebe empor weil der junge unverfälschte Mann sie fast
unausrottbar in sein Herz nimmt Wir werden wenn die jetzige Angelegenheit
vorüber ist weiter von dem sprechen was etwa not tut«
»Ich sehe ja das Gute und die Gefahr« sagte Matilde Wir gingen bald in
das Haus zurück
»Er muss in die Härte der Welt die wird ihn stählen« sagte mein Gastfreund
auf dem Wege dahin
Endlich war der Vermählungstag angebrochen Die Trauung sollte am Vormittage
in der Kirche zu Rohrberg stattfinden in welche der Asperhof eingepfarrt war
Der Versammlungsort war der Marmorsaal dessen Fußboden zu diesem Zwecke mit
feinem grünem Tuche überspannt worden war Gleiches Tuch lag auf allen Treppen
Ich kleidete mich in meinen Zimmern an tat ein Gebet zu Gott und wurde von
einem meiner Trauzeugen in den Marmorsaal geführt Von unsern Angehörigen waren
erst die Männer dort Die Zeugen und die meisten Gäste waren zugegen Risach war
im Staatskleide und mit allen seinen Ehren geschmückt Da tat sich die Tür die
von dem Gange hereinführte auf und Natalie mit ihrer und meiner Mutter mit
Klotilden und mit noch andern Frauen und Mädchen trat herein Sie war prachtvoll
gekleidet und mit Edelsteinen gleichsam übersät aber sie war sehr blass Die
Edelsteine waren in mittelalterlicher Fassung das sah ich wohl aber ich hatte
nicht die Stimmung auch nur einen Augenblick darauf zu achten Ich ging ihr
entgegen und reichte ihr sanft die Hand zum Gruße Sie zitterte sehr
Mein Gastfreund sagte zu meinen Eltern »Das Lieblingsgespräch Eures Sohnes
waren bisher seine Eltern und seine Schwester wer ein so guter Sohn ist wird
auch ein guter Gatte werden«
»Die schöneren Eigenschaften die eine Zukunft gewähren« sagte mein Vater
»hat er von Euch gebracht wir haben es wohl gesehen und haben ihn darum immer
mehr geliebt Ihr habt ihn gebildet und veredelt«
»Ich muss antworten wie bei Nathalien« erwiderte mein Gastfreund »sein
Selbst hat sich entwickelt und aller Umgang der ihm zu Teil geworden vorerst
der Eurige hat geholfen«
Ich wollte etwas sprechen konnte aber vor Bewegung nicht
Gustav der in der Nähe der Frauen stand sah mich an ich ihn auch Er war
ebenfalls sehr blass
Indessen hatten sich alle nach und nach eingefunden die bei der Trauung
gegenwärtig sein sollten die Stunde der Abfahrt war da und der Hausverwalter
meldete dass alles in Bereitschaft sei
Matilde machte Nathalien das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne den Mund
und die Brust und diese beugte sich mit ihren Lippen auf die Hand der Mutter
nieder Dann fassten die Mädchen den Schleier der wie ein Silbernebel von dem
Haupte Nataliens bis zu ihren Füßen reichte hüllten sie in ihn und Natalie
ging von ihren Mädchen umringt und von den Frauen geleitet die Treppe
hinunter auf welcher die Marmorgestalt stand Wir folgten Mit mir waren meine
Zeugen und Risach und der Vater Den ersten Teil der Wagenreihe nahmen die
Frauen die Braut und die Mädchen ein den letzten die Männer und ich Wir
stiegen ein der Zug setzte sich in Bewegung Es war viel Volk gekommen die
Brautfahrt zu sehen Darunter erblickte ich meinen Ziterspiellehrer welcher
mir mit einem grünen Hute auf dem er Federn hatte winkte Die Bewohner des
Meierhofes und die Diener des Hauses waren größtenteils vorausgegangen und
harrten unser in der Kirche Einige befanden sich auch in den Wägen Der Zug
fuhr langsam den Hügel hinab
In der Kirche erwartete uns der Pfarrer von Rohrberg wir traten vor den
Altar und die Trauung ward vollbracht
Zum Zurückfahren kamen Natalie und ich allein in einen Wagen Sie sprach
nichts der Schleier blieb zurückgeschlagen und Tropfen nach Tropfen floss aus
ihren Augen
Da wir wieder in dem Marmorsaale waren wurden auf den langen Tisch den man
heute hier aufgerichtet und mit vielen Stühlen umgeben hatte von Risach und von
meinem Vater die Papiere niedergelegt die sich auf unsere Vermählung und unser
Vermögen bezogen Ich aber nahm indessen Nathalien an der Hand und führte sie
durch das Bilder und Lesezimmer in das Bücherzimmer in welchem wir allein
waren Dort stellte ich mich ihr gegenüber und breitete die Arme aus Sie
stürzte an meine Brust Wir umschlangen uns fest und weinten beide beinahe laut
»Meine teure meine einzige Natalie« sagte ich
»O mein geliebter mein teurer Gatte« antwortete sie »dieses Herz gehört
nun ewig dir habe Nachsicht mit seinen Gebrechen und seiner Schwäche«
»O mein teures Weib« entgegnete ich »ich werde dich ohne Ende ehren und
lieben wie ich dich heute ehre und liebe Habe auch du Geduld mit mir«
»O Heinrich du bist ja so gut« antwortete sie
»Natalie ich werde suchen jeden Fehler dir zu Liebe abzulegen« erwiderte
ich »und bis dahin werde ich jeden so verhüllen dass er dich nicht verwunde«
»Und ich werde bestrebt sein dich nie zu kränken« antwortete sie
»Alles wird gut werden« sagte ich
»Es wird alles gut werden wie unser zweiter Vater gesagt hat« antwortete
sie
Ich führte sie näher an das Fenster und da standen wir und hielten uns an
den Händen Die Frühlingssonne schien herein und neben den Diamanten glänzten
die Tropfen die auf ihr schönes Kleid gefallen waren
»Natalie bist du glücklich« sagte ich nach einer Weile
»Ich bin es im hohen Masse« antwortete sie »mögest du es auch sein«
»Du bist mein Kleinod und mein höchstes Gut auf dieser Erde« erwiderte ich
»es ist mir noch wie im Traume dass ich es errungen habe und ich will es
erhalten so lange ich lebe«
Ich küsste sie auf den Mund den sie freundlich bot In ihre feinen Wangen
war das Rot zurückgekehrt
In diesem Augenblicke hörten wir Tritte in dem Nebenzimmer und Matilde
meine Mutter Risach mein Vater und Klotilde die uns gesucht hatten traten
ein
»Mutter teure Mutter« sagte ich zu Mathilden indem ich allen entgegen
ging Mathildens Hand fasste und sie zu küssen strebte Matilde hatte sich nie
die Hand von irgend jemanden küssen lassen Dieses Mal erlaubte sie dass ich es
tue indem sie sanft sagte »Nur das eine Mal«
Dann küsste sie mich auf die Stirne und sagte »Sei so glücklich mein Sohn
als du es verdienst und als es die wünscht die dir heute ihr halbes Leben
gegeben hat«
Risach sagte zu mir »Mein Sohn ich werde dich jetzt du nennen und du musst
zu mir wie zu deinem ersten Vater auch dies Wörtchen sagen mein Sohn nach
dem was heute vorgefallen ist deine erste Pflicht ein edles reines
grundgeordnetes Familienleben zu errichten Du hast das Vorbild an deinen Eltern
vor dir werde wie sie sind Die Familie ist es die unsern Zeiten not tut sie
tut mehr not als Kunst und Wissenschaft als Verkehr Handel Aufschwung
Fortschritt oder wie alles heißt was begehrungswert erscheint Auf der Familie
ruht die Kunst die Wissenschaft, der menschliche Fortschritt der Staat Wenn
Ehen nicht beglücktes Familienleben werden so bringst du vergeblich das Höchste
in der Wissenschaft und Kunst hervor du reichst es einem Geschlechte das
sittlich verkommt dem deine Gabe endlich nichts mehr nützt und das zuletzt
unterlässt solche Güter hervor zu bringen Wenn du auf dem Boden der Familie
einmal stehend viele schließen keine Ehe und wirken doch Großes wenn du
aber auf dem Boden der Familie einmal stehst so bist du nur Mensch wenn du
ganz und rein auf ihm stehst Wirke dann auch für die Kunst oder für die
Wissenschaft, und wenn du Ungewöhnliches und Ausgezeichnetes leistest so wirst
du mit Recht gepriesen nütze dann auch deinen Nachbarn in gemeinschaftlichen
Angelegenheiten und folge dem Rufe des Staates wenn es not tut Dann hast du
dir gelebt und allen Zeiten Gehe nur den Weg deines Herzens wie bisher und
alles wird sich wohl gestalten«
Ich reichte ihm die Hand er zog mich an sich und küsste mich auf den Mund
Natalie war indessen in den Armen meiner Mutter meines Vaters und
Klotildens gewesen
»Er wird gewiss bleiben wie er heute ist« sagte sie wahrscheinlich auf
einen Wunsch für die Zukunft antwortend
»Nein mein teures Kind« sagte meine Mutter »er wird nicht so bleiben das
weißt du jetzt noch nicht er wird mehr werden und du wirst mehr werden Die
Liebe wird eine andere in vielen Jahren ist sie eine ganz andere aber in jedem
Jahre ist sie eine größere und wenn du sagst jetzt lieben wir uns am meisten
so ist es in kurzem nicht mehr wahr und wenn du statt des blühenden Jünglings
einst einen welken Greis vor dir hast so liebst du ihn anders als du den
Jüngling geliebt hast aber du liebst ihn unsäglich mehr du liebst ihn treuer
ernster und unzerreissbarer«
Mein Vater wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen
Meine Mutter küsste Nathalien noch einmal und sagte »Du liebe gute teure
Tochter«
Natalie gab den Kuss zurück und schlang die Arme um den Hals meiner Mutter
»Kinder jetzt müssen wir zu den andern gehen« sagte Risach
Wir gingen in den Saal Dort gab Risach Papiere in die Hände Nataliens Sie
legte sie in die meinigen Mein Vater gab mir auch Papiere Alle Anwesenden
wünschten uns nun Glück vor allen Gustav den ich die letzte Zeit her gar nicht
gesehen hatte Er fiel der Schwester um den Hals und auch mir In seinen schönen
Augen perlten Tränen Dann beglückwünschten uns Eustach Roland die vom
Inghofe der Pfarrer von Rohrberg der mich auf unser erstes Zusammentreffen in
diesem Hause an jenem Gewitterabende erinnerte und alle andern
Risach sagte dass jetzt jedem zwei Stunden zur Verfügung gegeben seien dann
müsse sich alles in dem Marmorsaale zu einem kleinen Mahle versammeln
Natalie wurde von ihren Trauungsjungfrauen in die Gemächer ihrer Mutter
geführt dass sie dort die Trauungsgewänder ablege Ich ging in meine Wohnung
kleidete mich um und verschloss die Papiere ohne sie anzusehen Nach einer
geraumen Zeit ging ich in das Vorzimmer zu Mathildens Wohnung und fragte ob
Natalie schon in Bereitschaft sei ich ließe bitten mit mir einen kurzen Gang
durch den Garten zu machen Sie erschien in einem schönen aber sehr einfachen
Seidenkleide und ging mit mir die Treppe hinab Sie reichte mir den Arm und
wir wandelten eine Zeit unter den großen Linden und auf anderen Gängen des
Gartens herum
Nachdem die zwei Stunden verflossen waren wurde mit der Glocke das Zeichen
zum Mahle gegeben Alles begab sich in den Saal und erhielt dort seine Sitze
angewiesen Das Mahl war wie gewöhnlich bei Risach einfach aber vortrefflich
Für Kenner und Liebhaber standen sehr edle Weine bereit Es war nie in dem Saale
ein Mahl abgehalten worden und der Ernst des Marmors bemerkte mein gewesener
Gastfreund dürfe nur in den Ernst des edelsten Weines nieder blicken
Trinksprüche wurden ausgebracht und sogar Reime auf ewiges Wohl hergesagt
»Habe ich es gut gemacht Natta« sagte mein einstiger Gastfreund »dass ich
dir den rechten Mann ausgesucht habe Du meintest immer ich verstände mich
nicht auf diese Dinge aber ich habe ihn auf den ersten Blick erkannt Nicht
bloß die Liebe ist so schnell wie die Elektrizität sondern auch der
Geschäftsblick«
»Aber Vater« sagte Natalie errötend »wir haben ja über diesen Gegenstand
nie gestritten und ich konnte dir die Fähigkeit nicht absprechen«
»So hast du dir es gewiss gedacht« erwiderte er »aber richtig habe ich doch
geurteilt er war immer sehr bescheiden hat nie vorlaut geforscht und gedrängt
und wird gewiss ein sanfter Mann werden«
»Und du Heinrich« sagte er nach einer Weile »werde darum nicht stolz
Verdankst du mir nicht endlich ganz und gar alles Du hast einmal da du zum
ersten Male in diesem Hause warst in der Schreinerei gesagt dass der Wege sehr
verschiedene sind und dass man nicht wissen könne ob der der dich eines
Gewitters wegen zu mir herauf geführt hat nicht ein sehr guter Weg gewesen ist
worauf ich antwortete dass du ein wahres Wort gesprochen habest und dass du es
erst recht einsehen werdest wenn du älter bist denn in dem Alter dachte ich
mir damals übersieht man erst die Wege wie ich die meinigen übersehen habe
Wer hätte aber damals geglaubt dass mein Wort die Bedeutung bekommen werde die
es heute hat Und alles hing davon ab dass du hartnäckig gemeint hast ein
Gewitter werde kommen und dass du meinen Gegenreden nicht geglaubt hast«
»Darum Vater war es Fügung und die Vorsicht selber hat mich zu meinem
Glücke geführt« sagte ich
»Die alte Frau die in dem dunkeln Stadtause unsere Wohnungsnachbarin und
zuweilen unser Gast war« sagte mein Vater »hat dir Heinrich die Weissagung
gemacht es werde recht viel aus dir werden und nun bist du bloß wie du selber
sagst glücklich geworden«
»Das andere wird kommen« riefen mehrere Stimmen
»Eine gute Eigenschaft habe ich an deiner Gattin zu ihren andern Tugenden
entdeckt« fuhr mein Vater fort »sie ist nicht neugierig oder hast du liebe
Tochter das Kästchen schon eröffnet welches ich dir gegeben habe«
»Nein Vater ich wartete auf deinen Wink« antwortete Natalie
»So lasse das Kästchen bringen« entgegnete mein Vater
Es geschah Der Faden mit dem Siegel wurde entzwei geschnitten das Kästchen
geöffnet und auf weißem Samt lag ein außerordentlich schöner Schmuck von
Smaragden Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung machte sich hörbar Nicht nur
waren die Steine an sich obwohl nicht zu den größten ihrer Art gehörend sehr
schön sondern die Fassung die Steine nicht drückend war doch so leicht und so
schön dass das Ganze wie ein zusammengehöriges in einander gewachsenes Werk
wie ein wirkliches Kunstwerk erschien Selbst Eustach und Roland sprachen ihre
Bewunderung aus und vollends Risach Sie versicherten dass sie keine neue
Arbeit gesehen hätten die dieser gliche
»Dein Freund mein Heinrich hat diesen Schmuck fertigen lassen« sagte mein
Vater »wir haben Smaragde gewählt weil er eben sehr schöne und in
erforderlicher Anzahl hatte weil Smaragde unter allen farbigen Steinen den Ton
des weiblichen Halses und Angesichtes am sanftesten heben und weil du tief
gefärbte und reine Smaragde so liebst Und alle hier sind tief und rein Wir
haben gesucht nach deinen Grundsätzen die Steine fassen zu lassen Es sind
viele Zeichnungen gemacht gewählt verworfen und wieder gewählt worden Es
dürfte der beste Zeichner unserer Stadt sein der endlich das Vorliegende
zusammen gestellt hat Es wurde hierauf beinahe Tag und Nacht gearbeitet um zu
rechter Zeit fertig zu sein Geöffnet sollte das Kästchen darum nicht werden
damit meine Tochter nicht etwa bloß mir zu Liebe diesen Schmuck an ihrem
Trauungstage nehme und einen schöneren und kostbareren den sie besitze zu
ihrem Leidwesen ruhen lasse«
»Sie besitzt keinen schöneren« erwiderte Risach »wir haben den welchen
sie heute trug nach Zeichnungen die wir aus mittelalterlichen Gegenständen
frei zusammen trugen ebenfalls bei Heinrichs Freunde verfertigen lassen
Matilde lass doch den Schmuck herbei bringen dass wir beide vergleichen«
Matilde reichte an Nathalien ein Schlüsselchen und diese holte selber das
Fach in welchem der Schmuck lag Er war eine Zusammensetzung von Diamanten und
Rubinen Er sah so zart rein und edel aus wie ein in Farben gesetztes
mittelalterliches Kunstwerk Ein wahrer Zauber lag um diese Innigkeit von
Wasserglanz und Rosenröte in die sinnigen Gestalten verteilt die nur aus den
Gedanken unserer Vorfahren so genommen werden können. Und dennoch stand nach
einstimmigem Urteile der Smaragdschmuck nicht zurück Der Künstler der Gegenwart
kam zu Ehren
»Es ist aber auch keiner in unserer Stadt und vielleicht in weiten Kreisen
der so zeichnen kann« sagte mein Vater »er huldigt keinem Zeitgeschmacke
sondern nur der Wesenheit der Dinge, und hat ein so tiefes Gemüt dass der
höchste Ernst und die höchste Schönheit daraus hervorblicken Oft wehte es mich
aus seinen Gestalten so an wie aus den Nibelungen oder wie aus der Geschichte
der Ottone Wenn dieser Mann nicht so bescheiden wäre und statt den Dingen,
womit man ihn überhäuft lieber große Gemälde machte er würde seines Gleichen
jetzt nicht haben und nur mit den größten Meistern der Vergangenheit
zusammengestellt werden können.«
»Ein Schmuck in seinem Fache« sagte eine Stimme »ist doch wie ein Bild
ohne Rahmen oder noch mehr wie ein Rahmen ohne Bild«
»Freilich ist es so« entgegnete Risach »man kann jedes Ding nur an seinem
Platze beurteilen und da mein Freund als mein Nebenbuhler aufgetreten ist so
wäre es nicht zu verwerfen Natta bist du mein liebes Kind«
»Vater wie gerne« antwortete diese
Sie stand von ihrem Stuhle auf entfernte sich und kam so gekleidet wieder
dass man ihr einen kostbaren Schmuck umlegen konnte Es geschah zuerst mit den
Diamanten und Rubinen Wie herrlich war Natalie und es bewährte sich dass der
Schmuck der Rahmen sei Am Vormittage in beklemmenden und tieferen Gefühlen
befangen konnte ich dem Schmucke keine Aufmerksamkeit schenken Jetzt sah ich
die schönen Gestaltungen wie von einem sanften Scheine umgehen Im Mittelpunkte
aller Blicke errötete die junge Frau und die Rosen ihrer Farbe gaben den
Rubinen erst die Seele und empfingen sie von ihnen Der Ausdruck der
Bewunderung war allgemein Hierauf wurde der Smaragdschmuck umgelegt Aber auch
er war vollendet Der dunkle tiefe Stein gab der Oberfläche von Nataliens
Bildungen etwas Ernstes Feierliches fremdartig Schönes War der Diamantschmuck
wie fromm erschienen so erschien der Smaragdschmuck wie heldenartig Keiner
erhielt den Preis Risach und der Vater stimmten selber überein Natalie nahm
ihn wieder ab beide Schmuckstücke wurden in ihre Fächer gelegt Natalie trug
sie fort und erschien nach einer Zeit wieder in ihrem früheren Anzuge
Bei dem Smaragdschmucke hatte sich etwas Auffälliges ereignet Von ihm waren
die Ohrgehänge im Fache zurückgeblieben Der Diamantschmuck enthielt keine
Ohrgehänge Matilde und Natalie trugen Ohrgehänge nicht weil nach ihrer
Meinung der Schmuck dem Körper dienen soll Wenn aber der Körper verwundet wird
um Schmuck in die Verletzung zu hängen werde er Diener des Schmuckes
Als noch immer von den Steinen gesprochen wurde was ihre Bestimmung sei
und wie sie sich auf dem Körper ganz anders ansehen lassen als in ihrem Fache
sagte Eustach etwas das mir als sehr wahr erschien »Was die innere Bestimmung
der Edelsteine ist« sprach er »kann nach meiner Meinung niemand wissen für
den Menschen sind sie als Schmuck an seinem Körper am schönsten und zwar zuerst
an den Teilen die er entblößt trägt dann aber an seinem Gewande und an allem
was sonst mit ihm in Berührung kommt wie Königskronen Waffen An bloßen
Geräten wie wichtig sie sind erscheinen die Steine als tot und an Tieren sind
sie entwürdigt«
Man sprach noch länger über diesen Gegenstand und erläuterte ihn durch
Beispiele
»Da heute unser Wettkampf unentschieden geblieben ist« sagte Risach zu
meinem Vater »so wollen wir nun sehen wer mit geringerem Aufwande seinen Sitz
zu einem größeren Kunstwerke machen kann du deinen Drenhof oder wenn du ihn
lieber Gusterhof nennen willst oder ich meinen Asperhof«
»Du bist schon im Vorsprunge« entgegnete mein Vater »und hast gute
Zeichner bei dir ich fange erst an und mein Zeichner liefert mir
wahrscheinlich keine Zeichnung mehr«
»Wenn es uns im Asperhofe an Arbeit fehlt so werden wir in den Drenhof
hinüber geliehen« sagte Eustach
»Auch dann wenn wir hier Arbeit haben« erwiderte Risach »ich will dem
Feinde Waffen liefern«
Der Nachmittag war ziemlich vorgerückt und es fehlte nicht mehr viel zum
Abende Das Mahl war schon längst aus und man saß nur mehr wie es öfter
geschieht im Gespräche um den Tisch
Mir war schon länger her das Benehmen des Gärtners Simon aufgefallen denn
er so wie die vorzüglicheren Diener des Hauses und Meierhofes war zu Tische
geladen worden Die andern hatten in dem Meierhofe ein Mahl Ich hatte ihm am
Morgen zur Erinnerung an den heutigen Tag eine silberne Dose mit meinem Namen in
dem Deckel gegeben Diese Dose hatte er bei sich auf dem Tische und sprach ihr
unruhig zu Manches Mal flüsterte er mit seinem Weibe das an seiner Seite saß
und öfter ging er fort und kam wieder Eben trat er nach einer solchen
Entfernung wieder in den Saal Er setzte sich nicht und schien mit sich zu
kämpfen Endlich trat er zu mir und sprach »Alles Gute belohnt sich und Euch
erwartet heute noch eine große Freude«
Ich sah ihn befremdet an
»Ihr habt den Cereus peruvianus vom Untergange gerettet« fuhr er fort
»wenigstens hätte er leicht untergehen können und Ihr seid Ursache gewesen dass
er in dieses Haus gekommen ist und heute noch wird er blühen Ich habe ihn
durch Kalte zurück zu halten gesucht selbst auf die Gefahr hin dass er die
Knospe abwerfe damit er nicht eher blühe als heute Es ist alles gut gegangen
Eine Knospe steht zum Entfalten bereit In mehreren Minuten kann sie offen sein
Wenn die Gesellschaft dem Gewächshause die Ehre antun wollte«
»Ja Simon ja wir gehen hin« sagte mein Gastfreund
Sofort erhob man sich von dem Tische und rüstete sich zu dem Gange in die
Gewächshäuser Simon hatte alles andere um die Stelle des Peruvianus der in ein
eigenes Glashäuschen hinein ragte entfernt und Platz zum Betrachten der Pflanze
gemacht Die Blume war da wir hinkamen bereits offen Eine große weiße
prachtvolle fremdartige Blume Alles war einstimmig im Lobe derselben
»So viele Menschen den Peruvianus haben« sagte Simon »denn gar selten ist
er eben nicht so mächtig groß sie auch seinen Stamm ziehen so selten bringen
sie ihn zur Blüte Wenige Menschen in Europa haben diese weiße Blume gesehen
Jetzt öffnet sie sich morgen mit Tagesanbruch ist sie hin Sie ist kostbar mit
ihrer Gegenwart Mir ist es geglückt sie blühen zu machen und gerade heute
Es ist ein Glück das die wahrste Freude hervorbringen muss«
Wir blieben ziemlich lange und erwarteten das völlige Entfalten
»Es kommen auch nicht viele Blumen wie bei gemeinen Gewächsen hervor« sagte
Simon wieder »sondern stets nur eine später etwa wieder eine«
Mein Gastfreund schien wirklich Freude an der Blume zu haben ebenso auch
Matilde Natalie und ich dankten Simon besonders für seine große Aufmerksamkeit
und sagten dass wir ihm diese Überraschung nie vergessen werden Dem alten Manne
standen die Tränen in den Augen Er hatte Lampen um die Blume angebracht die
bei hereinbrechender Dämmerung angezündet werden sollten wenn etwa jemand die
Blume in der Nacht betrachten wolle Bei längerem Anschauen gefiel uns die Blume
immer mehr Es dürften in unsern Gärten wenige sein die an Seltsamkeit
Vornehmheit und Schönheit ihr gleichen Von den Anwesenden hatte sie nie einer
gesehen Wir gingen endlich fort und der eine und der andere versprach im
Laufe des Abends noch einmal zu kommen
Da wir auf dem Rückwege waren und an dem Gebüsche das sich in der Nähe des
Lindenganges befindet vorbeigingen ertönte dicht am Wege in den Büschen ein
Ziterklang Risach welcher meine Mutter führte blieb stehen ebenso mein
Vater und Matilde und dann auch die andern die sich eben in unserer Nähe
befanden Ich war mit Nathalien mehr gegen den Busch getreten denn ich erkannte
augenblicklich den Klang meines Ziterspiellehrers Er trug eine ihm
eigentümliche Weise vor dann hielt er inne dann spielte er wieder dann hielt
er wieder inne und so fort Es waren lauter Weisen die er selber ersonnen
hatte oder die ihm vielleicht eben in dem Augenblicke in den Sinn gekommen
waren Er spielte mit aller Kraft und Kunst die ich an ihm so oft bewundert
hatte ja er schien heute noch besser als je zu spielen Es war als wenn er
nichts auf Erden liebte als seine Zither Alles was sich in der Nähe befand
lauschte unbeweglich und nicht einmal ein Zeichen eines Beifalles wurde laut
Nur Matilde sah einmal auf Nathalien hin und zwar so bedeutsam als wollte sie
sagen das haben wir nicht gehört und das vermögen wir nicht hervorzubringen
Die Zither war ein lebendiges Wesen das in einer Sprache sprach die allen
fremd war und die alle verstanden Als die Töne endlich nicht mehr wieder
beginnen zu wollen schienen trat ich mit Nathalien ins Gebüsch und da saß mein
Ziterspiellehrer an einem Tischchen und hatte seine Zither vor sich Sein Anzug
war graues Tuch und sehr abgetragen sein grüner Hut lag neben der Zither auf
dem Tische
»Joseph bist du wieder in der Gegend« fragte ich ihn
»So recht nicht« antwortete er »ich bin gekommen Euch auf der Hochzeit
einmal gut aufzuspielen«
»Das hast du getan und das kann keiner so« sagte ich »du sollst dafür
eine Freude haben und ich weiß dir eine zu verschaffen welche dir die größte
ist Bessere Hände können das was ich dir geben will nicht fassen als die
deinen Das Rechte muss zusammenkommen Ich bin dir ohnehin auch noch einen Dank
schuldig für dein eifriges Lehren und für deine Begleitung im Gebirge«
»Dafür habt Ihr mich bezahlt und das Heutige tat ich freiwillig« sagte er
»Warte nur einige Tage hier dann wirst du empfangen was ich meine« sprach
ich
»Ich warte gerne« erwiderte er
»Du sollst gut gehalten sein« sagte ich
Indessen waren alle andern auch herbeigekommen und überschütteten den Mann
mit Lob Risach lud ihn ein eine Weile in seinem Hause zu bleiben Er spielte
noch einige Weisen er vergaß beinahe dass ihm jemand zuhöre spielte sich
hinein und hörte endlich auf ohne auf die Umstehenden Rücksicht zu nehmen
genau so wie er es immer tat Wir entfernten uns dann
Ich rief sogleich den Hausverwalter herbei sagte ihm er möge mir einen
Boten besorgen welcher auf der Stelle in das Echertal abzugehen bereit sei Der
Hausverwalter versprach es Ich schrieb einige Zeilen an den Zitermacher legte
das nötige Geld bei versprach noch mehr zu senden wenn es nötig sein sollte
und verlangte dass er die dritte Zither welche die gleiche von der meinigen und
der meiner Schwester sei in eine Kiste wohlverpackt dem Boten mitgebe der den
Brief bringt Der Bote erschien ich gab ihm das Schreiben und die nötigen
Weisungen und er versprach die heutige Nacht zu Hilfe zu nehmen und in
kürzester Frist zurück zu sein Ich hielt mich nun für sicher dass nicht etwa im
letzten Augenblicke die Zither wegkomme wenn sie überhaupt noch da sei
Indessen war es tief Abend geworden Ich ging mit Nathalien und Klotilden
noch einmal zu dem Cereus peruvianus der im Lampenlichte fast noch schöner war
Simon schien bei ihm wachen zu wollen Immer gingen Leute ab und zu Joseph
hörten wir auch noch einmal spielen Er spielte in der großen unteren Stube wir
traten ein er hatte guten Wein vor sich den ihm Risach gesendet hatte Das
ganze Hausvolk war um ihn versammelt Wir hörten lange zu und Klotilde begriff
jetzt warum ich im Gebirge so gestrebt habe dass sie diesen Mann höre
Ein Teil der Gäste hatte noch heute das Haus verlassen ein anderer wollte
es bei Anbruch des nächsten Tages tun und einige wollten noch bleiben
Im Laufe des folgenden Vormittages da sich die Zahl der Anwesenden schon
sehr gelichtet hatte kamen noch einige Geschenke zum Vorscheine Risach führte
uns in das Vorratshaus welches neben dem Schreinerhause war Dort hatte man
einen Platz geschafft auf welchem mehrere mit Tüchern verhüllte Gegenstände
standen Risach ließ den ersten enthüllen es war ein kunstreich geschnittener
Tisch und hatte den Marmor als Platte welchen ich einst meinem Gastfreunde
gebracht hatte und über dessen Schicksal ich später in Ungewissheit war
»Die Platte ist schöner als tausende« sagte Risach »darum gebe ich das
Geschenk meines einstigen Freundes in dieser Gestalt meinem jetzigen Sohne
Keinen Dank bis alles vorüber ist«
Nun wurde ein großer hoher Schrein enthüllt
»Ein Scherz von Eustach an dich mein Sohn« sagte Risach
Der Schrein war von allen Hölzern welche unser Land aufzuweisen hat in
eingelegter Arbeit verfertigt Eustach hatte die Zusammenstellung entworfen Die
Sache sah außerordentlich reizend aus Ich hatte bei meinem Winterbesuche im
Asperhofe an diesem Schreine arbeiten gesehen Ich hatte damals die Ansammlung
von Hölzern seltsam gefunden auch hatte ich den Zweck des Schreines nicht
erkannt Er war in mein Arbeitszimmer für meine Mappen bestimmt
Zuletzt wurden mehrere Gegenstände enthüllt Es waren die Ergänzungen zu
meines Vaters Vertäflungen Das war gleich auf den ersten Blick zu erkennen und
erregte Freude aber o6 sie die rechten oder nachgebildete seien war nicht zu
entscheiden Risach klärte alles auf Es waren nachgebildete Zu diesem Behufe
hatte man von mir die Abbildungen der Vertäflungen des Vaters verlangt Roland
hatte vergeblich nach den echten geforscht Er hatte Messungen nach den
vorhandenen Resten vorgenommen und nach Orten gesucht auf welche die Messungen
passten In einem abgelegenen Teile der Holzbauten des steinernen Hauses hatte er
endlich Bohlen gefunden welche den Messungen genau entsprachen Die Bohlen
waren teils vermorscht teils zerrissen und trugen die Verletzungen wie man
die Schnitzereien von ihnen herab gerissen hatte Es war nun fast gewiss dass die
Ergänzungen verloren gegangen seien Man machte daher die Nachbildungen In
demselben Winterbesuche hatte ich auch das Bohlenwerk zu diesen Schnitzereien
gesehen Mein Vater erklärte die Arbeit für außerordentlich schön
»Sie hat auch lange gedauert mein lieber Freund« sagte Risach »aber wir
haben sie für dich zu Stande gebracht und sie wird genau in dein Glashäuschen
passen oder leicht einzupassen sein außer du zögest vor die Schnitzereien in
den Drenhof bringen zu lassen«
»So wird es auch geschehen mein Freund« sagte mein Vater
Nun ging es erst an ein Danksagen und an ein Ausdrücken der Freude Die
Geber lehnten jeden Dank von sich ab Man beschloss die Gegenstande in kurzer
Zeit auf ihren Bestimmungsort zu bringen
An diesem Tage und in den folgenden verließen uns nach und nach alle
Fremden und erst jetzt begann ein liebes Leben unter lauter Angehörigen Risach
hatte für mich und Nathalien eine sehr schöne Wohnung herrichten lassen Sie
konnte nicht groß sein war aber sehr zierlich In den zwei Jahren meiner
Abwesenheit waren ihre Wände bekleidet und waren neue ausgezeichnete Geräte für
sie angeschafft worden Wir beschlossen aber unsere regelmäßige Wohnung so
lange in dem Sternenhofe aufzuschlagen bis ihn Gustav würde übernehmen können
damit Matilde in der Zwischenzeit nicht zu vereinsamt wäre dabei würde ich oft
in den Asperhof kommen um mit Risach zu beratschlagen oder zu arbeiten oft
würden auch die andern kommen und oft würden wir uns da oder im Gusterhofe oder
im Sternenhofe oder in der Stadt besuchen und zeitweilig dort wohnen Mit
Nathalien hatte ich eine größere Reise vor Für den Fall dass ich in was immer
für Angelegenheiten abwesend sein sollte nahm jedes Haus das Recht in Anspruch
Nathalien beherbergen zu dürfen Der Ziterspieler spielte täglich und oft
ziemlich lange vor uns Am fünften Tage kam die Zither Ich überreichte sie ihm
und er da er sie erkannte wurde fast blass vor Freude Dieses Geschenk durfte
das beste für ihn genannt werden; von diesem Geschenke wird er sich nicht
trennen während es von jedem andern zweifelhaft wäre ob er es nicht
verschleudere Als er die Zither gestimmt und auf ihr gespielt hatte sahen wir
erst wie trefflich sie sei Er wollte fast gar nicht aufhören zu spielen
Risach ließ ihm noch über ihr Fach ein wasserdichtes Lederbehältnis machen Nach
mehreren Tagen nahm er Abschied und verließ uns
Wir machten alle eine kleine Reise in das Ahornwirtshaus und ich stellte
Kaspar und alle andern die mit mir in Verbindung gewesen waren Risach
Mathilden meinen Eltern und Nathalien vor Wir blieben sechs Tage in dem
Ahornhause Von da gingen wir in den Sternenhof Die Tünche war nun überall von
ihm weggenommen worden und er stand in seiner reinen ursprünglichen Gestalt
da Auch hier wurden wir in die Wohnung eingeführt die während meiner
Abwesenheit für uns hergestellt worden war Sie konnte in dem weitläufigen
Gebäude viel größer sein als die im Asperhofe Sie war zu einer vollständigen
Haushaltung hergerichtet
Von dem Sternenhofe gingen wir in die Stadt Dort machten wir alle Besuche
welche in den Kreisen meiner Eltern und in denen Mathildens notwendig waren
Risach stellte manchem Freunde seine angenommene und neuvermählte Tochter nebst
ihrem Gatten und ihrer Mutter vor Ich erfuhr dass meine Vermählung mit Natalie
Tarona Aufsehen errege ich erfuhr dass insbesonders einige meiner Freunde sie
hatten sich wenigstens immer so genannt geäußert haben das sei unbegreiflich
Nataliens Neigung zu mir war mir stets ein Geschenk und daher unbegreiflich da
aber nun diese es aussprachen begriff ich dass es nicht unbegreiflich sei Ich
besuchte meinen Juwelenfreund der wirklich ein Freund geblieben war Er hatte
die innigste Freude über mein Glück Ich führte ihn in unsere Familien ein
Bekannt war er mit allen Teilen schon lange gewesen Ich dankte ihm sehr für die
prachtvolle Fassung der Diamanten und Rubinen und des Smaragdschmuckes Er
fühlte sich über Risachs und meines Vaters Urteil sehr beglückt
»Wenn wir solche Kunden in großer Zahl hätten wie diese zwei Männer sind
teurer Freund« sagte er »dann würde unsere Beschäftigung bald an die Grenzen
der Kunst gelangen ja sich mit ihr vereinigen Wir würden freudig arbeiten und
die Käufer würden erkennen dass die geistige Arbeit auch einen Preis habe wie
die Steine und das Gold«
Ich nahm bei ihm eine sehr wertvolle und mit Kunst verzierte Uhr als
Gegenscherz für Eustachs Mappenschrein Klotilde hatte sie ausgewählt Für
Roland ließ ich einen Rubin in einen Ring fassen dass er ihn zur Erinnerung an
mich trage und meine Dankbarkeit für seine Bemühungen zur Auffindung der
Ergänzungen der Pfeilerverkleidungen anerkenne
»Er ist ohnehin ein Nebenbuhler von mir« sagte ich »er hat Nathalien oft
lange und bedeutend angesehen«
»Das hat einen sehr unschuldigen Grund« entgegnete mein Gastfreund »Roland
erwarb sich ein Liebchen mit gleichen Augen und Haaren wie sie Natalie besitzt
Er hat uns das öfter gesagt Das Mädchen ist die Tochter eines Forstmeisters im
Gebirge und ihm äußerst zugetan Da nun der Arme ihren Anblick oft lange
entbehren muss so sah er zur Erquickung Nathalien an Es hat Schwierigkeiten mit
diesem jungen Manne ich wünsche sein Wohl Er kann ein bedeutender Künstler
werden oder auch ein unglücklicher Mensch wenn sich nämlich sein Feuer das
der Kunst entgegen wallt von seinem Gegenstande abwendet und sich gegen das
Innere des jungen Mannes richtet Ich hoffe aber dass ich alles werde ins
Gleiche bringen können«
Da alle notwendigen Dinge in der Stadt abgetan waren wurde die Rückreise
angetreten und zwar in den Asperhof Die Zeit der Rosenblüte war herangerückt
und heuer sollte sie von den vereinigten Familien als ein Denkzeichen der
Vergangenheit und aber auch als eins der Zukunft zum ersten Male in dieser
Vereinigung und mit besonderer Festlichkeit begangen werden Mein Vater sollte
sehen welche Gewalt die Menge und die Mannigfaltigkeit auszuüben im Stande ist
wenn diese Menge und Mannigfaltigkeit auch nur lauter Rosen sind Nach Verlauf
der Rosenblüte sollte alles und jedes das durch diese Vermählung unterbrochen
worden war in das alte Geleise zurückkehren
Da wir in dem Asperhofe angekommen waren gelangte ich erst zu einiger Ruhe
Da sah ich auch gelegentlich die Papiere an die uns Risach und der Vater
gegeben hatten und erstaunte sehr Beide enthielten für uns viel mehr als wir
nur entfernt vermutet hatten Risach wollte bis zu seinem Tode das Haus in der
Art wie bisher fort bewirtschaften damit wie er sagte er seinen Nachsommer
bis zum Ende ausgeniessen könne Unser Rat und unsere Hilfe in der
Bewirtschaftung wird ihm Freude machen Einen namhaften Teil seiner Barschaft
hatte er uns übergeben Und weil öfter zwei Familien in dem Asperhofe sein
können so lagen den Papieren Plane bei dass auf einem schönen Platze zwischen
dem Rosenhause und dem Meierhofe hart am Getreide ein neues Haus aufgeführt und
sogleich zum Baue geschritten werden möge Aber auch das von dem Vater uns
Übergebene war der gesamten Habe Risachs ebenbürtig und übertraf weit meine
Erwartungen Als wir unsern Dank abstatteten und ich mein Befremden ausdrückte
sagte der Vater »Du kannst darüber ganz ruhig sein ich tue mir und Klotilden
keinen Abbruch Ich habe auch meine heimlichen Freuden und meine Leidenschaften
gehabt Das geben verachtete bürgerliche Gewerbe eben bürgerlich und schlicht
betrieben Was unscheinbar ist hat auch seinen Stolz und seine Größe Jetzt
aber will ich der Schreibstubenleidenschaft die sich nach und nach eingefunden
Lebewohl sagen und nur meinen kleineren Spielereien leben dass ich auch einen
Nachsommer habe wie dein Risach«
Als wir einige Zeit in dem Rosenhause verweilt hatten traten eines Tages
Natalie und ich zu unserem neuen Vater und baten ihn er möge ein Versprechen
von uns annehmen dessen Annahme uns sehr freuen würde
»Und was ist das« fragte er
»Dass wir wenn du uns dereinst in dieser Welt früher verlassen solltest als
wir dich keine Veränderung in allem wie es sich in dem Hause und in der
Besitzung vorfindet machen wollen damit dein teures Andenken bestehe und
forterbe« sagten wir
»Da tut ihr zu viel« antwortete er »ihr versprecht etwas dessen Größe ihr
nicht kennt Diese Bande darf ich nicht um euren Willen und eure Verhältnisse
legen sie könnten von den übelsten Folgen sein Wollt ihr mein Gedächtnis in
mannigfachem Bestehenlassen ehren tut es und pflanzt auch euren Nachkommen
diesen Sinn ein sonst ändert wie ihr wünscht und wie es not tut Wir wollen
so lange ich lebe selber noch mit einander ändern verschönern bauen ich will
noch eine Freude haben und mit euch zu ändern und zu wirken ist mir lieber als
wenn ich es allein tue«
»Aber der Erlenbach muss als Denkmal der schönen Geräte bestehen bleiben«
»Setzt eine Urkunde auf dass ihm nichts angetan werde von Geschlecht zu
Geschlecht bis seine Reste vermodern oder ein Wolkenguss ihn von seiner Stelle
feget«
Er küsste Nathalien wie er gerne tat auf die Stirne mir reichte er die
Hand
Als die Rosenzeit wirklich recht innig und zum Staunen meiner Angehörigen
welche so etwas nie gesehen hatten vorüber gegangen war nahmen wir Abschied
die Vereinigung welche nun so lange bestanden hatte löste sich und die Tage
kehrten in ihren gewöhnlichen Abfluss zurück Meine Eltern gingen mit Klotilden
in den Gusterhof wo sie bis zum Winter bleiben wollten und ich siedelte mit
Nathalien in unsere ständige Wohnung in den Sternenhof über Wir sollten nun die
eigentliche Familie desselben sein Matilde werde bei uns wohnen und mit an
unserem Tische speisen Die Bewirtschaftung des Gutes sollte ebenfalls ich
leiten Ich übernahm die Pflicht und bat um Mathildens Beihilfe so ausgedehnt
sie dieselbe leisten wolle Sie sagte es zu
So rückte nun die Zeit in ihr altes Recht und ein einfaches gleichmässiges
Leben ging Woche nach Woche dahin
Nur im Herbste fand eine Abwechslung statt Die Vettern aus dem Geburtshause
des Vaters besuchten meine Eltern in dem Gusterhofe Wir fuhren zu ihnen
hinüber Der Vater ließ sie reichlich beschenkt in einem Wagen in ihre Heimat
zurückführen
Mit Beginn des Winters war Rolands Bild fertig Es war seiner Größe willen
zu rollen hatte einen großen Goldrahmen der zu zerlegen war und wurde in dem
Marmorsaale auf einer Staffelei aufgestellt Wir reisten alle in den Asperhof
Das Bild wurde vielfach betrachtet und besprochen Roland war in einer
gehobenen schwebenden Stimmung denn was auch die Meinung seiner Umgebung war
wie sehr sie auch das Hervorgebrachte lobte und wohl auch Hindeutungen gab was
noch zu verbessern wäre so mochte ihm sein Inneres versprechen dass er einmal
vielleicht noch weit Höheres ja ein ganz Großes zu Stande zu bringen vermögen
werde Risach sagte ihm die Mittel zu reisen zu können und ordnete die
Zubereitung zu einer baldigen Abreise nach Rom an Gustav musste noch den Winter
im Asperhofe zubringen Im Frühlinge sollte er endlich in die Welt gehen
So waren nun mannigfaltige Beziehungen geordnet und geknüpft
Matilde hatte einmal da ich sie im Sternenhofe besuchte zu mir gesagt
das Leben der Frauen sei ein beschränktes und abhängiges sie und Natalie hätten
den Halt von Verwandten verloren sie müssten manches aus sich schöpfen wie ein
Mann und in dem Widerscheine ihrer Freunde leben Das sei ihre Lage sie daure
ihrer Natur nach fort und gehe ihrer Entwicklung entgegen Ich hatte mir die
Worte gemerkt und hatte sie tief ins Herz genommen
Ein Teil dieser Entwicklung glaubte ich nun war gekommen der zweite wird
mit Gustavs Ansiedlung eintreten An mir hatten die Frauen wieder einen Halt
gewonnen dass sich ein fester Kern ihres Daseins wieder darstelle ein neues
Band war durch mich von ihnen zu den Meinigen geschlungen und selbst das
Verhältnis zu Risach hatte an Rundung und Festigkeit gewonnen Den Abschluss der
Familienzusammengehörigkeit wird dann Gustav bringen
Was mich selber anbelangt so hatte ich nach der gemeinschaftlichen Reise in
die höheren Lande die Frage an mich gestellt ob ein Umgang mit lieben Freunden
ob die Kunst die Dichtung die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende
oder ob es noch ein Ferneres gäbe das es umschliesse und es mit weit größerem
Glück erfülle Dieses größere Glück ein Glück das unerschöpflich scheint ist
mir nun von einer ganz anderen Seite gekommen als ich damals ahnte Ob ich es
nun in der Wissenschaft, der ich nie abtrünnig werden wollte weit werde bringen
können ob mir Gott die Gnade geben wird unter den Großen derselben zu sein
das weiß ich nicht aber eines ist gewiss das reine Familienleben wie es Risach
verlangt ist gegründet es wird wie unsre Neigung und unsre Herzen verbürgen
in ungeminderter Fülle dauern ich werde meine Habe verwalten werde sonst noch
nützen und jedes selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit
Halt und Bedeutung