1852_Alexis_Ruhe.html




        
                                Willibald Alexis
                        Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
                             Vaterländischer Roman
                                 Erstes Kapitel
                              Die Kindesmörderin
»Und darum eben« schloss der Geheimrat
    In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen Charlotte hatte
ihn nie so gesehen Der Zorn strömte über die Lippen bis vor dem Redefluss des
Kindermädchens die allzeit fertige Zunge verstummte Sie war erschrocken
zurückgetreten bis sie sich selbst verwundert an der Türe fand aber der
Geheimrat schritt noch in der Stube auf und ab
    Charlotte hatte leise zu weinen angefangen »Aber Herr Geheimrat um solche
Kleinigkeit«
    »Eine Kleinigkeit die Angst besorgter Eltern um ihre Kinder  Fünf Stunden
von Hause fort ohne eine Sterbenssylbe mir zurückzulassen und die Kleinen
mitgenommen ohne um Erlaubnis zu fragen«
    »Herr Geheimrat« schluchzte sie »haben nie nach gefragt ich weiß auch
gar nicht warum jetzt«
    »Schweige Sie« fuhr der Hausherr fort »Sie hat kein Einsehen keine
Moralität Sie missbraucht meine Güte Sie muss aus meinem Hause Es haben sich
schon Viele gewundert dass ich Sie noch behielt Aber Sie schlägt mit Ihrer
Unverschämtheit den Boden aus dem Fass Versteht Sie mich Ein Glück noch dass
wir vom Viertelkommissar erfuhren dass Sie zur Excekution hinaus war wir hätten
sonst gar nicht gewusst wo Sie geblieben war«
    »Wenn das die selige Frau Geheimrätin wüsste« schluchzte das Mädchen »das
war eine seelensgute Frau Und wie oft hat sie gesagt wenn wir nicht wären
mein Mann kümmert sich gar nicht um die Kinder Ja das hat sie gesagt nicht
einmal hundertmal Und haben Herr Geheimrat jetzt auch nur einmal nach den
Kindern gefragt Das eben aber sagten die selige Frau Geheimrätin er hat kein
Herz für sie und es war eine Frau so sanft wie die himmlische Güte und viel
zu gut für diese Welt und wer nur ihre stillen Tränen gesehen hat die sie
Nachts vergoss und darum nahm der liebe Gott sie zu sich und sie würde sich im
Sarge umdrehen wenn sie wüsste dass der Herr Geheimrat mir darum solchen
Affront antun«
    Charlotte musste die schwache Seite des Hausherrn kennen Er wandte sich um
und fuhr mit dem Taschentuche über das Auge ob um eine Träne abzuwischen oder
die Verlegenheit zu verbergen lass ich ungesagt An der Wand hing das Bild der
Verewigten in sehr abgeblassten Wasserfarben gemalt ein eben so abgeblasster
Immortellenkranz darum Darunter hing eine andere Schilderei eine Urne mit
einer Trauerweide Ein Genius senkte eine Fackel Das Bild war auf Pappe
gezogen und wenn man näher hinzusah bemerkte man dass in der Urne ein
Medaillon angebracht war in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge
sich verschlangen Der Geheimrat nahm es heraus und drückte es an seine Lippen
    »O du Unvergessliche« sagte er noch einmal mit dem Tuch über die Augen
fahrend Sein Zorn war gewichen in weicherem Tone fuhr er fort »Aber
Charlotte wie oft habe ich Ihr gesagt Sie soll mich nicht daran erinnern Ein
Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefühlen hingeben Aber Sie weiß das
wohl Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern so tritt mirs in die
Augen Sie führt sich auf als wenn Sie die Hausfrau wäre  und ist doch nur
eine  Sie ist eine «
    Dem Geheimrat war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten was er daraus
fortzuwischen suchte und darüber in Heftigkeit geriet Es war der dicke Staub
aus der Schilderei als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu
drücken bemüht war Je mehr er im Ärger darauf schlug so dichter puderte es
ihm ums Gesicht »Aus dem Haus muss Sie dass Sies weiß« schloss er mit den
Augen beschäftigt aus denen jetzt wirkliche Tränen aber der Rührung sich
pressten
    »Ja Herr Geheimrat das werde ich auch sobald Sie es befehlen« sagte
Charlotte die ihrerseits die Ruhe wieder gewonnen hatte »Denn ich kenne meine
Schuldigkeit Aber erst werde ich vors Hallesche Tor gehen aufs Grab der
seligen Frau Geheimrätin und die Kinder nehme ich mit Da werde ich mit ihnen
weinen und sie sollen die kleinen Hände falten und ihre Mutter bitten dass sie
ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt der sie in Schutz nimmt Denn
wissen Sie noch Herr Geheimrat wie die selige Frau Geheimrätin auf dem
Todtenbette lagen Kreideweiss das Gesicht Ach Jesus was wird aus meinen
Kindern ja das hat sie gesagt«
    »Charlotte« sagte der Geheimrat »Sie weiß dass ich meine selige Frau
innigst geliebt habe aber die Welt gehört den Lebendigen sagt der Dichter und
die Toten soll man ruhen lassen«
    »Die selige Frau Geheimrätin sollen wohl Ruhe haben wenn sie aus dem Grabe
sehen wies hier oben zugeht Die Frau Geheimrätin Ihre Schwägerin kommt
auch nicht so oft ins Haus Aber ich werde mich wohl hüten und mir die Zunge
verbrennen wie damals und sagen was ich denke Aber was die selige Frau
Geheimrätin denkt wenn die Geheimrätin Schwägerin den Kleinen Zuckerbrod
bringt und sie über den Kopf streichelt das weiß ich«
    »Meine Schwägerin ist eine sehr respektable Frau Charlotte«
    »I Herr Jesus wer redet denn auch gegen sie Aber den Blick vergess ich
nicht auf ihrem Todtenbett wie die selige Frau zurückschauderte Ach wie sieht
sie die Kinder an sagten sie nämlich die Frau Geheimrätin auf dem Todtenbett
Und so riss sie die Kinder an sich und dann sagte sie Ach sie hat so spitze
Finger«
    »Das waren Visionen sie war im hitzigen Fieber«
    »Aber die Frau Geheimrätin Schwägerin verknifften ordentlich den Mund und
sagten Mein Gott als ob ich mich um die Bälger risse Und dann sagte die
Sterbende und da war sie nicht mehr im Fieber die Charlotte die hat
wenigstens ein weiches Herz  und da hatte die Selige recht und ich habe die
Kinder lieb gehabt als wenns meine eigenen wären und wenns nicht die Kinder
wären i da wäre ich ja schon längst aus dem Hause wo man so mit mir umgeht«
    Dem Geheimrat schien unangenehm zu Mute zu werden da Charlotte in einen
Tränenstrom ausbrach der nicht mehr zu stillen schien
    »Es war ja auch nicht so gemeint« sagte er endlich  »Sie soll ja nicht
auf der Stelle fort ich meinte nur «
    »Es werden sich schon Andere finden  o das weiß ich  ich weiß auch wer
Und wenn die Selige das von oben sieht wie die Schwägerin mit ihren spitzen
Fingern die Kleinen liebkost dann wird sie Nachts vor des Geheimrats Bette
treten und was sie ihn dann fragen wird «
    »Halte Sie doch das Mau  Charlotte  liebe Charlotte Sie ist echauffirt«
    Das Kindermädchen war echauffirt es ließ sich nicht in Abrede stellen Es
waren auch Gründe dafür
    Aber der Geheimrat liebte nichts Echauffirtes nämlich wenn es ihn in
seiner Ruhe inkommodirte Er suchte sie zu beruhigen er erklärte die Kündigung
für eine Aufwallung ein Echauffement Indem er sagte solche Dinge müsse man
bei kaltem Blute überlegen schob er den Stein des Anstoßes etwas weiter auf den
Weg
    Da schien ein Friede geschlossen wenigstens ein Waffenstillstand Charlotte
weinte nur noch still der Geheimrat seufzte und mochte wieder an Anderes
denken als er sich erkundigte was denn die Kinder machten Gleich darauf fiel
ihm noch etwas anderes ein
    »Aber Charlotte sage Sie wie kam Sie nur darauf und mit den Kindern
vors Tor zu laufen dahin Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergnügen
habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt es ist gegen die Humanität ein
Schauspiel woran nur der rohe Pöbel Vergnügen finden kann«
    »Sie haben schon ganz Recht Herr Geheimrat aber Sie hätten die Person
sehen sollen die Marianne ganz schlooseweiss war sie vom Kopf bis zum Fuß und
wie sie die Augen niederschlug die Hände hielt sie so vor sich gefaltet Und
der Herr Prediger saß neben ihr und noch oben sprach er mit ihr und dann
küsste sie ihm die Hand und knixte noch einmal vorher gegen uns Alle Und die
vornehmsten Herren in Tränen Ach Herr Geheimrat es war Ihnen etwas ich sage
Ihnen es ging einem durch Mark und Bein und Manche dachten ach wenn du doch
auch so sterben könntest so den Herrn Prediger neben sich und ganz weiß und
Blumen und die Putzmacherin Mamsell Guichard an der Stechbahn hatte ihr ein
Tuch mit Spitzen geschenkt und die vornehmsten Personen weinten Und ich habe
sie auch gekannt die Marianne und eiedem war sie keine schlechte Person«
    »Sie hat mir davon erzählt Aber nun ist sie eine Kindesmörderin«
    »Und das ist schlecht von ihr Herr Geheimrat das wird auch kein Mensch
abstreiten Und wir habens ihr alle vorhergesagt An solchen Kerl sich zu
hängen Er war noch nicht einmal königlicher Stallknecht da konnte er noch
lange dienen Und wenn ers geworden ob er sie dann geheiratet hätte Wenns
denn doch einmal sein sollte wärs nur ein anständiger Herr gewesen sagte ihre
Tante Der hätte doch fürs Kind bezahlt und wenn er nicht wollte da ist das
Stadtgericht Das weiß ich ja von meiner Kousine Heiraten oder bezahlen
sagten der Herr Präsident Da hat er auch gezahlt jeden Ersten der Herr
Hoflackirer und wenns bis zum Dritten nicht da war auf der Stelle Exekution
jeden Monat Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen Gleich
gezahlt o s ist ein sehr reputirlicher Herr das muss man ihm nachsagen und
wenns dritte kommt wer weiß ob sie dann nicht schon unter der Haube ist Denn
seine Alte wirds ja nicht mehr lange machen die hat er nur mit dem Geschäft
geheiratet Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen Ist ja sein purer
Profit Er kommt viel wohlfeiler fort als wenn er Alimente zahlen muss Aber ein
Begräbnis wird er seiner Alten ausrichten  na da könnte sich mancher
Geheimrat schämen Nein das muss man ihm nachsagen lumpen lässt sich der Herr
Hoflackirer nicht ist ein sehr reputabler Herr  Und wie gesagt hübsch war
die Marianne so blass und schön und das Kind blutrot hats wie ne Schnur um
den Hals gehabt«
    »Und meine Kinder hat sie mitgenommen Die unschuldigen Würmer Sie Person
Sie«
    »Aber Herr Geheimrat ich weiß auch nicht wie Sie mir vorkommen Es ist ja
nur dass die Kinder es einmal gesehen haben Das ist ja fürs ganze Leben So was
kriegen sie nicht wieder zu sehen Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet
werden«
    »Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt«
    »Sie könnens mir ganz gewiss glauben Herr Geheimrat Das ist die letzte
Hinrichtung hat der König gesagt Und sie haben ihn beinah zwingen müssen dass
er nur die Feder in die Hand nahm Die junge schöne Königin hat geweint Und da
hat er sie gefragt Aber Louise warum weinst Du denn Denn unter sich sagen sie
immer du und es kommt Einer zum Andern ohne dass die Kammerherren anklopfen und
sie melden und darüber ist die Hofmarschallin die alte Gräfin Voss ganz
aufgebracht Aber das tut nun nichts Es wird Alles noch ganz anders werden
sagen sie und gar nicht wie beim Dicken Die Livreen werden auch anders Und
alle Menschen sollen Brüder sein und alle Frauenzimmer Schwestern «
    Der Geheimrat intonirte wie durch eine Erinnerung geweckt plötzlich das
Lied indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug
»Wir Menschen sind ja alle Brüder
Vereinigt durch ein heilig Band
Du Schwester mit dem Leinwandmieder
Du Bruder mit dem Ordensband«
    Das Kindermädchen warf einen schlauen Blick »Gestern hinterm Gitterfenster
auf dem Hofe  da sangens Herr Geheimrat viel lauter«
    Die Erwähnung schien dem Geheimrat unangenehm »Das versteht Sie nicht Es
ist allerdings gegen die Humanität einen Menschen ums Leben zu bringen Aber
wie gesagt das versteht Sie noch nicht und das ist nur unter uns und wie
sollten wir denn die Spitzbuben los werden und die atrocen Menschen Lass Sie
sich also so was nicht einbilden und die Königin «
    »Ja Herr Geheimrat die Königin das weiß ich express von Jemand der es
weiß vom Kommissar die Köchin die hat beim Doktor der die Hoflakaien kurirt
vorher gedient und da hat sies von der Mamsell die beim Hofmarschall ist mit
eigenen Ohren gehört zum König hat sies gesagt die Königin sie könnte ihm ja
keinen Kuss geben weil seine Hände voll Blut wären und nur diesmal hat er
gesagt hätte ers tun müssen weils eine Kindesmörderin wäre nämlich von
wegen des Beispiels weils sonst Alle täten Aber dann soll Keiner mehr
geköpft werden und dies ist das letzte Mal und darum verdientens wohl die
Kinder dass ich sie hinführte denn es soll auch gar kein Blut mehr fließen und
kein Krieg mehr sein auf der ganzen Welt nicht und der König hats gesagt«
    »Aber sage Sie mal Sie ist doch eine vernünftige Person«  der Hausherr war
aufgestanden um ihr zu beweisen dass sie diesmal unvernünftig sei Das ist
überall eine schwierige Aufgabe wo die Person welcher man es beweisen will
sich für vernünftig hält Sie musste überdem eine gute Royalistin sein denn auf
die Vorstellung des Geheimrates dass so etwas gar nicht in des Königs Macht
stehe ja nicht in des Kaisers auch nicht in der Macht des großen Feldherrn und
Konsuls der Franzosen erklärte sie wozu denn ein König wäre wenn er das nicht
mal könne Der König könne aber noch weit mehr wenn er nur wolle es gäbe aber
Personen die viel klüger sein wollten als der König und alles besser wissen
und machen und sie wisse auch was sie gehört und könnte manches sagen was
Mancher nicht gern hörte Und wer nur gestern Abend sein Ohr aufgehabt hätte im
hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht was die Gefangenen gesungen
Davon könnte manches Vögelchen Lieder singen die Manchermann gar hässlich
klingen würden
    »Sie unverschämtes  ich glaube gar Sie hat getrunken«
    »Ich getrunken Habe ich das um den Herrn Geheimrat verdient als ich
gestern Abend gar nicht sah wie Sie die Treppe herauskamen die kleine
Hintertreppe und nicht wussten wo die Tür war Ich getrunken Ein Glas
Weissbier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz LouisDragonern vor und
das trank ich der Kinder wegen denn wir waren außer Atem weil die Leute so
grausam drängten und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder über die
Lyceumshecke und ich quetschte mich durch die Hecke und da sagte der
Wachtmeister ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm über die Lippen nehmen
weil ich so echauffirt wäre Das kann der Wirt im blauen Himmel bezeugen der
sagte wir zerträten ihm seine Hecke und er war betrunken Aber wo wären wir
alle und die lieben Kinder die schrien dass es ein Gotts Erbarmen war aber
der Wachtmeister gabs dem Wirt dass er mäuschenstill ward Ich hätts nicht
geraten mit dem anzufangen Er hat die Rheincampagne mitgemacht und trägt noch
eine Kugel in der Schulter Alles für seinen König sagt er und wenn Friede
bleibt kriegt er eine Civilanstellung«
    Es war eine Veränderung in dem Geheimrat vorgegangen Von Zorn keine Spur
mehr in seinem Gesichte als er aus der emaillirten Dose ein lange Prise Spaniol
nahm und mit dem Battisttuch den Tabak der sich ausgestreut von den
Kleidungsstücken abklopfte und »Ja ja so gehts in der Welt« sagte Man sah
zwischen Beiden hatte ein langer Verkehr eine Verständigung hervorgebracht die
gewissermaßen in hieroglyphischen Ausdrücken sich Luft machte Und Jeder
verstand den Andern Offenbar war er an etwas erinnert worden was er nicht
liebte und ebenso offenbar dass Charlotte auf einen andern Gegenstand
übergesprungen war entweder um ihm die Verlegenheit abzukürzen oder weil
dieser Gegenstand für sie einen Zweck hatte
    Und doch schien der Geheimrat nicht recht zu wissen was er sagen sollte
indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug »Ja sieht Sie
Charlotte« sagte er »wer das wüsste ob Friede bleibt oders wieder losgeht
 Und hat Sie auch das bedacht ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall« 
wollte er sagen oder hatte es gesagt 
 
                                Zweites Kapitel
                   Die Geheimrätin mit den spitzen Fingern
 Als die Seitentür aufging und die Geheimrätin Schwägerin hereinrauschte
    Rauschte sage ich denn ihr hellseidenes Kleid obgleich die Schleppe
abgeschnitten bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr
    »Ich hoffe doch nicht zu derangiren« sagte die Dame als der Geheimrat in
einiger Verlegenheit aufsprang und die Spanioldose auf die Erde fiel Wenn sich
Charlotte in Verlegenheit gefühlt fand sie Gelegenheit sie zu verbergen indem
sie die Dose auflangte und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schürze das
Zimmer verließ
    »Wie kann meine teure Frau Schwägerin mich überraschen« sagte der
Überraschte
    »Die Überraschung ist nicht ganz meine Schuld denn der Herr Schwager
hörten in dem konfidentiellen Gespräch was ich zu meinem Bedauern stören
musste nicht mein Klopfen Da musste ich endlich ohne auf die Invitation zu
warten eintreten denn ich liebe nicht das Lauschen«
    Er drückte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und führte sie
auf das Kanapé
    Ob die Finger besonders spitz waren kann ich für jetzt nicht sagen denn
sie waren in Tricotandschuhen versteckt und während die eine Hand an den
Lippen des Geheimrats ruhte umfasste die andere den Fächer um das Spiel zu
beginnen was bei einer Konversation auf dem Kanapé notwendig ist
    Aber das ganze Gesicht war was man spitz nennt Vielleicht hätte man auch
die kleine Gestalt der Dame so nennen mögen indes war ein Etwas darin entweder
nenne ich es Anmut oder Elasticität was diesen Eindruck verwischte
Alabasterarbeit hätte ein Dichter oder Künstler gesagt der erst der Hauch des
Gedankens oder Gefühls Farbe und Bewegung gibt Weder jung noch alt weder
schön noch eigentlich hübsch konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen
Augen wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen anziehen
Es war schwer zu sagen wovon diese Blicke sprachen ob von Verstand Gefühl
Sinnlichkeit ob sie stachen suchten lockten ob sie aus einer beglückten oder
zerissenen Brust kamen Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen nur
nicht den der ursprünglichen Wahrheit jenen Glanz der auf den ersten Blick
einnimmt und überzeugt Man sah in diesen Augen dass sich die Gedanken und
Gefühle erst sammeln mussten um ihrem Blick den Ausdruck zu geben den sie
wollte Es war überhaupt etwas Besonderes in der Frau es lag in ihrem Wesen
Ruhe und Unruhe Man konnte sie in diesem Augenblick für sehr bedeutend im
nächsten für ein gewöhnliches Weib halten Ihre Kleidung war einfach aber
gesucht zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal
das Mode geworden Kurze eng anschmiegende Ärmel ein weit ausgeschnitten Kleid
mit kurzer Taille die eine rosaseidne Schärpe noch mehr hervorhob aber ein
Überwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der
griechischen Nacktheit wieder zu verbergen
    Der Geheimrat entschuldigte sich wegen seiner Toilette Er hatte Ursache
Die Geheimrätin sagte lächelnd sie hätte für dieses Aeusserliche keinen Sinn
Aber während er seine Füße in den Pantoffeln zu verstecken suchte ohne sich
doch der Bemerkung enthalten zu können dass er sich von ihnen nicht trennen
könne weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wären verbarg die
Geheimrätin keineswegs ihre sehr zierlichen Füße auf dem Schemel als sie mit
der sanften fast süßen Stimme durch die nur zuweilen ein seiner schneidender
Ton fuhr sagte
    »Man muss gestehen dass der Herr Schwager die Treue gegen die selige
Geheimrätin bis zum Exzess kultiviren«
    »Und wie geht es denn meinem teuren Bruder dem Geheimrat« seufzte er
»Wir haben uns so lange nicht gesehen Ach Gott wir Geschäftsmänner«
    »Er ist in seinen Büchern vergraben«
    »Er kultivirt nicht das Leben« fiel der Hausherr ein »Ich hatte immer
gehofft dass eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben würde«
    »Passons làdessus« sagte die Geheimrätin mit einer eigentümlichen
Bewegung des Fächers »Ich begreife freilich zuweilen nicht warum eigentlich
die Männer auf der Welt sind die sich nichts aus ihr machen Aber ich bin
gewissermaßen in seinem Auftrage hier«
    »Von einem Gelehrten wie er weiß ich diese Attention zu schätzen Warum
musste er aber neulich wieder ablehnen Zu einer einfachen Suppe à la fortune
du pot ein Paar gute Freunde nur«
    »Lupinus sagt er verdirbt sich bei Ihnen immer den Magen«
    »Scherz Scherz Spanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen auch
ist mein Malaga mein Hochheimer kein Falerner Nichts als was ein armer Mann
bieten kann Müssen uns alle nach der Decke strecken aber herzlich gegeben und
 gut gekocht«
    »Wenn Ihre Charlotte will kocht sie trefflich« sagte die Geheimrätin mit
einem jener Blicke von denen wir sprachen  »Sie werden sich schwer von ihr
trennen können« setzte sie langsam hinzu »Sie werden sich vielleicht nie von
ihr trennen wollen«
    Der Blick und die Beobachtung hatten für den Geheimrat etwas was ihn aus
seiner Ruhe brachte
    »Liebste Schwägerin in meiner Lage  in meinen Dienstverhältnissen
begreifen Sie muss ich dann und wann kleine Diners arrangieren  man muss sich
Freunde  man muss die Gönner warm halten Einer hilft dem Andern Es geht einmal
nicht anders«
    »Das begreife ich vollkommen« sagte die Schwägerin mit dem gedehnteren
Tone »aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schüsseln beim Koch Korsika«
    »Das wohl in der Regel wenigstens  indessen «
    »Essen Sie auch gern zu Hause gut Und damit Sie immer gut gekocht bekommen
ist Ihnen darum zu tun dass Charlotte immer bei guter Laune ist Der Kalkul ist
richtig nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht wenn sie einen andern macht
«
    »Welchen meine verehrteste Schwägerin«
    »Mon beaufrère« sagte die Geheimrätin mit dem Fächer einige kurze
bedeutungsvolle Schläge durch die Luft führend »die Familie hofft dass Sie ihr
nicht den Chagrin antun werden die Person zu heiraten«
    Der Geheimrat wurde rot aber nicht sehr er klatschte mit beiden flachen
Händen auf die Kniee und seufzte »Ja  man wird doch auch mit jedem Jahr älter
Und eine Pflege wie ich sie nur wünschen kann«
    »Herr Geheimrat aber eine Mesalliance«
    »Mais ma belle soeur Adam war unser Aller Vater Neulich am Klavier ich
hätte meine Schwester embrassiren mögen Sie sangen es zu allerliebst
Als Adam grub und Eva spann
Wer war denn da  der erste Geheimrat«
    Er begleitete es durch ein angenehmes Gelächter
    »Es ist also vollkommener Ernst«
    »Ernst teuerste Schwägerin Ich hielt es für einen deliciösen Scherz
wenn es von der Kanzel stürzte Der königliche Herr Geheimrat Lupinus mit der
ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine Katarine Tochter des ehrbaren  was
weiß ich wer ihr Vater war wenn sie einen hat Ma belle soeur wie hätten sie
die Köpfe zusammen gesteckt wie wären sie aus dem Dom gestürzt Diese Gruppen
unter den Pappeln Nachmittags die Kaffeeklatsche Und nun denken Sie sich
Schwägerin Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten Vierzehn Tage
kein ander Gespräch Und das Hochzeitmenuett Sanft gebannt  an ihre Hand 
durchs Leben  schweben«
    Die Dame war sehr ruhig geworden »Mais mon beaufrère warum haben Sie es
aufgegeben«
    »Mon Dieu wer sagt Ihnen dass ich es aufgab«
    »Ein witziger Einfall über den man nachdenkt ist keiner mehr«
    »Es geht doch nichts über einen sublimen Verstand Ich werde mich hüten sie
zu heiraten«
    »Ich bin jetzt ganz getröstet wenn Sie es tun Wirklich lieber Schwager
Die Person hat gute Eigenschaften und Ihre Erziehung «
    »Wenn ich sie heirate ist die Erziehung aus« zischelte er ihr laut ins
Ohr »Sobald der Hochmutsteufel in sie schießt kocht sie nicht mehr pflegt
mich nicht mehr Kurzum sie ist nicht mehr was sie ist und darum müsste mich ja
der  Excus wenn ich meine gute Charlotte aufgäbe um eine schlechte
Geheimrätin draus zu machen  Man wirft so gemütliche Redensarten hin
möglich es könnte sein  wenn nur nicht das und das wäre wünscht ihr den
besten Mann aber klopft ihr auf die Schulter sich nicht zu übereilen es würde
sich wohl noch alles anders und besser finden als Mancher denkt Et caetera«
    Nach einer Pause während sie auf ihre spitzen Finger gesehen sagte die
Geheimrätin »Aber die Person ist auch klug Sie merkt es Lieber Schwager
kein Mann ist so klug dass nicht eine Frau die er beständig um sich hat ihm
die schwache Stunde abmerkt Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer
Schwäche es ist in der Natur. Entweder entschließen Sie sich und heiraten sie
oder brechen Sie schnell«
    »Das kann ich nicht cest absolument impossible S ist wahr Korsika kocht
gut s kocht keiner so in Berlin Das heißt en general  mais  Was hilft mir
das wenn die Gäste fortgehen und sagen es war alles recht fein aber man weiß
von nichts besonderm zu sprechen nichts hat einen Eindruck hinterlassen Das
ist gleichsam ein verlorener Tag In der Charlotte verzeihen Sie mir ist ein
Genie S ist nicht zu leugnen Manches verdirbt sie aber plötzlich mit einem
Elan hat sie eine Komposition gefunden parbleu Erinnern Sie sich noch des
Rebhühnerfricassés mit farcirten Trüffeln Da war doch nur eine Stimme Noch
acht Tage drauf als wir bei Excellenz SchulenburgKehnert am Tisch saßen
sprach Lombard davon Sein Koch hats versucht der Englische Gesandte auch es
schickten noch mehrere ihre Köche Warten Sie  ça ne fait rien Es hats Keiner
rausgekriegt Und wärs auch nur um Lombards Willen Es war ein glücklicher Tag
als er mir beim Abschied die Hand drückte Ich weiß es Lombard hat viele
Feinde aber in der Freundschaft und  und in gewissen Ideen hat er eine gewisse
constance persévérance Man kann wohl sagen s ist ein Mann von einem nobeln
Esprit ein Mann comme il faut«
    »Schade dass Lombard verreist ist« sagte die Geheimrätin »ich meine
schade für Sie«
    Es war wieder ein so eigener Ton eiskalt und bitter wie der Blick der den
Geheimrat traf  und sie brach so scharf ab dass die Wärme und Gemütlichkeit
welche die Erinnerung der Trüffeln und Rebhühner angeregt plötzlich gedämpft
war
    »Mein Gott belle soeur Sie kommen «
    »Von meinem Mann geschickt Was ist denn das mit den Gefangenen in der
Vogtei und den eingeschmissenen Fensterscheiben Mein Mann hofft dass Sie dabei
außer dem Spiele sind«
    Wir wissen dass diese Erinnerung für den Geheimrat zu den unangenehmen
gehörte Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue
Runzeln Er schlug auch etwas die Augen nieder
    »Ma bellesoeur wissen dass ich immer ein Herz habe für die Leiden der
Menschheit Was an mir ist tue ich um das Schicksal der armen Gefangenen zu
erleichtern«
    »Sie sollen unerhörte Freiheiten genießen Neulich bei Präsident Kircheisen
ward behauptet sie kämen Abends frei zusammen und spielten Hazardspiele ja
Einer hielte förmlich Bank«
    »Um die Humanität zu fördern drücke ich ein Auge zu Die inneren Türen
lassen sie sich zuweilen aufschließen Es ist nicht gut dass der Mensch allein
sei und unter Gottes Himmel sind wir Alle «
    »Und zwischen den Mauern der Vogtei« fiel die Geheimrätin ein »Gestern
Abend «
    »Sehen Sie teuerste Schwägerin da hatte ich eine rechte Freude Sie
schickten eine Deputation an mich mit der Bitte ihnen eine kleine
gewissermaßen religiöse Celebration zu gestatten Da morgen als heute ein
menschliches Mitwesen eine irrende Schwester gewaltsam aus dieser Welt
gerissen werden sollte wollten sie den Abend nicht ohne stille ich möchte
sagen sympatetische Betrachtung hingehen lassen Ich war wirklich gerührt über
dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern wie ich sie gern nenne«
    »Sie waren also selbst bei dem  sogenannten Festin«
    »Sie erzeigten mir die Ehre mich einzuladen Ach aber so bescheiden Und
ich versichere Sie ich fand eine Stimmung die einer Kirche Ehre gemacht Und
die Arrangements so sinnreich und einfach Der Regimentsquartiermeister der bei
der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte
 ein unglücklicher Mensch er mag geirrt haben wer irrt nicht  konnte um
lumpige 10000 Taler die Quittungen nicht aufweisen Lieber Gott wenn man für
Alles Quittungen verlangte was zur Zeit der Komtess Lichtenau ausgegeben ist
Ein charmanter Mann sonst sage ich Ihnen von so philosophischer Ruhe  Das
kleine Zimmer war griechisch drapirt et aussi un peu gotique Hinten ein
Opferaltar in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel aus welchem
das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte Der Rendant vom Salzsteueramt
«
    »Der in Hamburg ergriffen ward als er sich einschiffen wollte«
    »Ein Opfer der Missverständnisse Er hatte die beste Absicht von London aus
den kleinen Irrtum auszugleichen  sonst ein Mann von Charakter sublimen
Ideen ist auch Maçon In einem weißen Talar eine Binde um die Stirn hielt er
eine Rede ich wünschte Sie hätten sie gehört wie ließ er die irrende
Schwester beten Ach aber wie das kleine Kind das der Mutter voraufgegangen
die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach Mutter Dir ist vergeben
die Seligen warten auf Dich  da blieb kein Auge trocken«
    »Und nachher haben sie getrunken«
    »Die Gesellschaft hatte einige Flaschen besorgt Das Herz schloss sich
unwillkürlich auf Man durfte sich doch nicht lumpen lassen Ich ließ ein
Dutzend Hochheimer bringen Ich sage Ihnen diese Empfindungen die sich da
aufschlossen Da war doch kein böser Gedanke nichts als die reinste allgemeine
Menschenliebe und wäre nicht der verlorene Mensch der Sohn des Geheimrats
Bovillard dazwischen gekommen so wäre auch alles ganz gut abgelaufen«
    »Lässt ihn der Vater noch immer einsperren«
    »Nein er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem
GensdarmerieOffizier Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie
in meiner Gesellschaft Indessen man hat doch Rücksichten wegen des Vaters«
    »Gewiss und sehr ernste«
    »Und unser Hofrat Süssring Sie kennen den exzentrischen Kopf  Bös ist er
nicht nur wenn er etwas im Kopfe hat Ich vergaß Ihnen zu sagen man war so
froh geworden man sah das Opferfeuer brennen Man wollte sich daran wärmen Man
machte den Vorschlag an der Flamme das Getränk der Freiheit zu brauen das
aromatische der Engländer das unser Schiller so herrlich besungen hat 
Vier Elemente innig gesellt«
    »Man kochte eine Bowle Punsch das weiß ich auch und sehr starken«
    »Süssring der eigentlich in Glatz sitzen soll aber er ist kränklich und
kann die freie Bergluft nicht vertragen Bellesoeur wissen ja durch welche
Konnexionen  und er ist auch eigentlich unschuldig Es war nur der Punsch
Sprang er plötzlich auf den Tisch «
    »Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden«
    »Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein die Eisenstäbe sollte man
zerbrechen und die Schwerter auch und als er das Lied sang und wir einfielen
Allen Sündern soll vergeben
Und die Hölle nicht mehr sein«
    »Da schmissen sie mit den Gläsern die Fenster ein«
    »Nein da sprang Bovillard erst auf den Tisch Den eigentlichen Zusammenhang
weiß ich wirklich nicht mehr aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge
Mensch wenn wir die Hölle zerstörten wo wir denn bleiben wollten Nun ich
sage Ihnen einen Gallimatias plein de romantique dass uns Hören und Sehen
verging«
    »Ich glaube Ihnen wirklich dass Sie beides nicht mehr konnten«
    »Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestört 
meine Schwester das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll
Harmonie der Seelen Und der Mond stand draußen und schien so friedlich durchs
Gitterfenster«
    »Der Mond wird auch vermutlich stehen geblieben sein« sagte die
Geheimrätin aufstehend »wo blieben denn aber der Herr Schwager«
    Sie machte Miene zum Gehen und er beugte sich um wieder ihre Hand an die
Lippen zu führen »Homo sum nil humani a me alienum puto sagt Terenz
teuerste Schwägerin Fragen Sie meinen Bruder was das heißt Im Übrigen 
abgeschüttelt«
    »Meinen Sie Geheimrat In der Stadt ist man anderer Meinung Man spricht
davon dass Sie die Ihnen obliegende surveillance über die Gefangenen schlecht
beobachtet«
    »Man hat schon viel über mich gesprochen Quimporte«
    »Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht Auch im Palais Auch wenn der
König entrüstet ist Auch wenn Kabinetsrat check auf der Stelle an den
Justizminister schreiben müssen dass die Sache untersucht wird Herr Schwager
es ist kein Spaß warum ich hier bin es handelt sich um Ihre Existenz«
    Der Geheimrat war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen
Berührung Sein Gesicht war blass seine Vollmondswangen schienen wie welk
herabgesunken Er öffnete die Lippen und wollte sprechen aber die Zähne die in
eine unwillkürliche Berührung gerieten stammelten nur die Formel »Mein
allerdurchlauchtigster König mein allergnädigster König und Herr«
    »Ist eine Natur die wir Alle eigentlich noch nicht kennen aber in gewissen
Dingen hat er sich außerordentlich streng gezeigt« So sagte die Geheimrätin
Schwägerin die ruhig vor dem Zerknickten stand
    Der Geheimrat stammelte noch etwas von geheimen Feinden und nachdem er
einige Schritte getan fiel er auf seinen Armsessel
    »Von Feinden weiß ich nichts« sagte die Schwägerin »im Gegenteil Sie
haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht und es trifft sich nur sehr
unglücklich dass Lombard nach Frankreich ist Aber sich in den Sorgenstuhl zu
werfen ist nicht Zeit mon beaufrère Ihre Freunde können wenig Sie müssen
selbst etwas tun und auf der Stelle Ihr Zopf ist noch gut die Frisur passiert
für den Abend Werfen Sie sich in Ihr Habillement«
    »Mein Gott doch nicht zu Seiner Majestät« rief er aufspringend und rang
die Hände
    »Auch nicht zum Justizminister Ich rate Ihnen auch nicht Haugwitz zu
inkommodiren Aber zu Bovillard müssen Sie Schnell schnell Herr Geheimrat
Er vertritt Lombard beim Minister Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet«
    »Zu Bovillard ja zu Bovillard Aber mein Gott was wird er sagen«
    »Wenn Sie von seinem Sohne sprechen wenn Sie auf ihn die Schuld schieben
wollen würden Sie alles verderben Sie müssen ihn ganz ignoriren Verstehen Sie
mich diese Schonung kann nur den Vater gewinnen denn Vater bleibt er Dass er
von ihm erfahren soll überlassen Sie Andern Sie exkulpiren sich nur für sich
Das Wie überlass ich Ihrem Genie wie Sie jetzt Ihrer Toilette«
    Sie war hinausgerauscht und der Geheimrat wankte nach seinem
Kleiderschrank
 
                                Drittes Kapitel
                                Eine Heimfahrt
Die Geheimrätin stieg die Hintertreppe hinab auf der sie gekommen Sie ging
langsam oft schien es in Gedanken versinkend
    Auf dem Podest blieb sie stehen von wo man einen Blick durch ein
Wandfenster in die Küche hat Charlotte spielte mit den Kindern oder vielmehr
die Kinder spielten mit Charlotte Sie zupften sie vom Herde fort Malwine
wollte ihr etwas ins Ohr sagen derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den
Herd und schüttete die Salzmetze in die Kasserolle Malwine fing plötzlich an zu
lachen und ätschte das Mädchen aus Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf
ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen Sie sträubte sich
schimpfte und suchte den Alp los zu werden die Kinder tobten sie schlug
    Eine charmante Erziehungsscene dachte die Geheimrätin und unwillkürlich
entschlüpfte es ihren Lippen »Es wäre eigentlich nicht so übel wenn der liebe
Gott die Kinder zu sich nähme«
    »Warum den inkommodiren« sagte eine Stimme dicht hinter ihr Ein Fremder
in seinen Mantel geschlungen der vom Regen triefte stand auf der Stufe neben
ihr Sie hatte ihn nicht bemerkt als er vom Hofe die Treppe heraufkam Auch
erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht das
Gesicht zu sehen als er im Vorbeigehen den Hut lüftete Es lag etwas
Unheimliches für sie in der Begegnung Wer lässt sich gern in seinen Gedanken
belauschen
    »Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäß war« setzte der Fremde
hinzu
    »Wie meinen Sie das«
    »Der Mutwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen«
    »Das einzige Unglück wäre doch nur dass er heut Abend eine versalzene Suppe
auf den Tisch bekommt« bemerkte die Geheimrätin die schnell zu sich
gekommen ihre Unruhe nicht merken ließ
    »So treffe ich den Geheimrat zu Hause was mir sehr angenehm ist«
entgegnete der Fremde noch einmal den Hut anfassend um die Treppe
hinaufzusteigen
    »Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm« konnte die Geheimrätin sich
nicht enthalten zu bemerken »Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung
um sich melden zu lassen«
    »Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe«
    »Auch wenn er zu Hause wäre zweifle ich dass ihm überhaupt Besuch gelegen
kommt da er selbst im Begriff ist einen zu machen«
    »Ich weiß es« entgegnete der Fremde »und wenn auch nicht mein Besuch wird
ihm doch mein Rat nicht ungelegen kommen Ich habe die Ehre mich der Frau
Geheimrätin gehorsamst zu empfehlen«
    »Seltsam« sprach die Geheimrätin für sich als der Fremde mit sichern
leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war »Er kennt mich Wer ist er
Er kommt gewiss in der Angelegenheit  was kann er aber für Rat bringen«
    »An der Hoftür stürzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen Ihre Kutsche
hielt auf der Straße vor der Haustür Sie überlegte ob sie einen Versuch
machen sollte durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen
trockneren Weg nach dem großen Hausflur zu suchen als ihr Bedienter mit einem
Regenschirm ihr entgegen trat Auf ihr Befremden darüber da sie beim Ausfahren
keinen mitgenommen antwortete der Diener der fremde Herr welcher eben
durchgegangen habe ihm den seinen zurückgelassen mit der Bemerkung ihn für
die Frau Geheimrätin zu benutzen damit sie über den Hof in ihren Wagen könne«
    »Kennt Er den Herrn« fragte sie beim Einsteigen
    »Ich habe ihn nie gesehen«
    »Seltsam« wiederholte die Geheimrätin nachdenkend Nicht alle Gedanken
drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus und in einer dunklen Kutsche nur
erhellt von einem ungewissen Laternenlicht wenn der Regen gegen die Fenster
schlägt lässt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen Dem Dichter ist es
indes zuweilen vergönnt eine andere Sonde in die Brust zu senken wie er ja
auch Geister und Träume citirt wo er der Vermittler zwischen dem Reich des
Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf
    Sie sann dem Fremden nach Seine äußeren Umrisse waren ihr verwischt nur
war es ein blasses Gesicht mit scharfen tiefliegenden Augen dessen konnte sie
sich entsinnen Sie hatte ihn noch nie gesehen Doch es waren damals viele
Fremden in Berlin auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches Aber
was wollte er bei ihrem Schwager Wirklich einen guten Rat geben Wenn auch der
Geheimrat nicht eben persönliche Feinde hatte waren doch Viele die auf sein
einträgliches Amt lauerten Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen
gerade ihrem Schwager zu helfen Aber sie vertiefte sich im Aufzählen wer wohl
ihm auf den Dienst lauern könnte bis ein leises Gelächter aus ihren feinen
Lippen brach
    Die Geheimrätin fragte sich woher denn ihr eigener Anteil an dem Geschick
des Geheimrates kam  Achtete sie ihn liebte sie ihn Oder weil er der Bruder
ihres Mannes war Was war ihr ihr Mann  Ein Mann der sich in seiner
Bücherstube vergrub wo die Welt umher für ihn lachte
    Man hätte jetzt eine Röte sehen können über ihr blasses Gesicht steigen
Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung darum Intriguen damit eines
ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme Sie kam sich selbst in dem Augenblick
so ordinair vor
    Die Kutsche hielt vor ihrem Hause Der Diener öffnete den Schlag Er schien
aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen Sie warf einen Blick auf die
erleuchteten Fenster »Herr Geheimrat erwarten Frau Geheimrätin zum Piquet« 
Sie hatte schon einen Fuß auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick
stehen als tue der Regen der in unverminderter Heftigkeit fiel ihr wohl
dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl »In die Komödie«
    Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage Es war
seit lange keine Hinrichtung vorgefallen Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus
den Schenken zurück es gab mancherlei Unruhe kleine Aufläufe Verhaftungen
Der Kutscher zog es der tobenden Menschenschwärme wegen vor durch eine der
Quergassen zu fahren welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden Auch
hier stopften sich die Fuhrwerke und die Dame hatte Gelegenheit durch die
Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten was Frauen ihres Standes sonst
nicht aufsuchen  an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der
kleinen Häuser die Schönheiten welche sich den Vorübergehenden zur Schau
stellen
    Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab Sie fühlte
auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen Sie schlürfen des Lebens Glut in
vollen Zügen aus einem Taumel in den andern gestürzt kaum dazwischen
erwachend bis sie verwelken und man sie fortwirft Und das ist unser Aller Loos
 ob früher ob später Was kommt es darauf an Wer nur sagen kann er hat sein
Leben genossen
    Das Komödienhaus war nicht gefüllt Die Geheimrätin saß allein in ihrer
Loge Ihr schien das Haus dunkel Es war nicht dunkler als gewöhnlich Die
Talglichter die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte
duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut
Man sah wohl damals schärfer denn man sah mehr aber das Licht kam aus der
Darstellung versichern uns Die welche aus jener Zeit das deutsche Theater
kennen Für die Geheimrätin aber blieb es dunkel obgleich Fleck als Odoardo
seine ganze adlige Kraft entfaltete die spätere HändelSchütz als Orsina das
Publikum entzückte Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen
das sie sich nicht erklären konnte der jungen Schauspielerin welche die Emilie
zum ersten Male gab hätte sie nachhelfen mögen Wenn sie sich Rechenschaft gab
war es aber nicht die Schauspielerin sondern sie hätte ihrer Rolle ihrem
Charakter eine andere Richtung geben mögen Ihre Phantasie beschäftigte sich
eine welche andere Rolle Emilie spielen können selbst glücklich und beglückend
glänzend und Glanz um sich verbreitend wenn sie den Pulsen folgte die für den
Prinzen schlugen Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der
stolzen Orsina vermöge ihres Liebreizes ihrer geistigen Vorzüge Sie hatte es
in ihrer Macht auch dieses Prinzen Wankelmut zu fesseln und Tausende ein
ganzes Land glucklich zu machen Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoss
der alle unglücklich macht und  die Törin bat selbst darum
    Die Geheimrätin war gewohnt in ihrer Loge Besuche zu empfangen Entweder
zeigte sich heut kein Bekannter oder sie hielten sich entfernt In einer Loge
gegenüber wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß hörte das
Klappern der Logentür nicht auf Ihr war diese Störung unangenehm das
Schauspiel fing an sie zu langweilen Sie besann sich dass sie zwar die
Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen aber auch nicht
abgelehnt hatte Sie hatte nur gesagt sie fürchte einer Migraine wegen nicht
erscheinen zu können Sie hatte oder wollte jetzt keine Migraine haben und
verließ die Loge
    Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit »Er zittert ja«
    Sie hätte kaum nötig gehabt sich nach dem Grund zu erkundigen der
Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern in welchen er auf
dem langen Doppelwege aufgestanden Der zugigte Korridor hinter den Logen war
nicht geeignet die Nasskälte zu vertreiben Johann sagte das Fieber sei noch
immer nicht ganz fort Die Geheimrätin erwiderte nicht unfreundlich er müsste
endlich etwas dazu tun
    Der Regen goss noch immer in Strömen als sie wieder in die Kutsche stieg und
Johann hinten auf Der arme Mensch dachte die Geheimrätin Seltsam dass es so
sein muss Es musste so sein über diesen Damm kam sie nicht hinweg ja sie
lächelte über den närrischen Gedanken dass sie Johann auffordern könnte sich in
den Wagen zu setzen Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach Er litt
nicht vom Regen sondern an einer inneren Krankheit deren gelegentliche
Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten Sie glaubte etwas von der
Arzneikunde zu verstehen und den Schluss ziehen zu dürfen dass er nie vollständig
genesen werde Was wird nun aus solchem Menschen Eine Zeitlang hält man es noch
mit ihm aus Wenn er aber immer wieder zurückfällt muss man ihn entlassen Dann
findet er wohl noch einen Dienst Aber auf wie lange Die neuen Herrschaften
werden nicht so lange Geduld mit ihm haben Er wandert ins Krankenhaus
vielleicht ins Spital vielleicht auf die Gasse Und wäre es ihm nicht besser
wenn er durch einen Blutsturz eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände
Er ist auch eine verfehlte Existenz
    Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen dem die Ausdrücke fehlten bis der
Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt
 
                                Viertes Kapitel
                         Hier politisch dort poetisch
Der Eintritt der Geheimrätin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen
Aufstand es schien ein froher Man hatte sie nicht mehr erwartet Die Wirtin
und einige Damen embrassirten sie die älteren Herren bemühten sich ihr die
Hand zu küssen »Nein das ist hübsch und liebenswürdig von Ihnen uns doch noch
zu überraschen«  »Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau
Geheimrätin« sagte der Wirt Ein Dritter »Je später der Abend so schöner
die Gäste« Es war eine ansehnliche aber etwas bunte Gesellschaft vielleicht
eine wo die Wirte auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben welche
sonst sagen konnten »Zu so etwas werden wir nicht eingeladen« Die Geheimrätin
war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit Man konnte auf den ersten Blick
annehmen dass sie wenn nicht an Stand und Vermögen doch von Natur und Bildung
von feinerer Art ein Wesen war was man so gewöhnlich ein höheres nennt wenn
es in Kreise tritt die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewusst sind Der Neid den es
hervorruft zeigt sich in der Regel erst dann wenn dies vornehme Wesen seine
Eigenschaften geltend machen will Dies war bei der Geheimrätin nicht der Fall
Sie konnte nicht liebenswürdiger bescheidener gewissermaßen harmonischer zur
Gesellschaft auftreten sie bedauerte so sehr den Aufstand den sie erregt
    »Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen Wir sind ihm zwar
unendlich verbunden dass er sich entschlossen unsere Frau Geheimrätin uns zu
gönnen aber es wäre doch hübsch gewesen wenn er sich selbst entschlossen Das
hätte erst unsere Freude vollkommen gemacht«
    »Sie tun meinem Manne Unrecht« entgegnete die Angekommene »Wenn es nach
ihm gegangen wäre ich längst hier Er kann es nicht sehen wenn ich ein
Vergnügen seinetwegen entbehre Aber liebe Frau Geheimrätin«  die Wirtin
nämlich war auch eine Geheimrätin  »Sie glauben nicht wie er jetzt mit
Arbeiten überhäuft ist und ich sehe mit wahrer Angst wie er sich dabei
anstrengt dass sein Kopfleiden wieder heraustritt So machte ich mir ein
Gewissen daraus ihn heut zu verlassen Aber er hatte keine Ruhe Wir wollten
Piquet spielen da legte er mit dem freundlichen Blicke dem man nicht
widerstehen kann die Karten weg streichelte mir über die Backe und sagte
Liebe Ulrike ich werde viel mehr Ruhe haben wenn ich Dich in heiterer lieber
Gesellschaft weiß Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen Da kann man
denn nicht widerstehen«
    »Man muss gestehen unsere Frau Geheimrätin Lupinus ist das Muster einer
Hausfrau« sagte der Wirt »und diese Ehe eine exemplarische Man wird nicht
viele in Berlin so finden«
    »Mit Ausnahme jedoch« sagte die Geheimrätin Wirtin und die Geheimrätin
Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter »Ich kenne eine Ausnahme Was
unsere Ehe betrifft so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen
dass wir uns so innig verstehen ohne es auszusprechen Wir gehen eigentlich
Jeder seinen eigenen Weg was gewiss zu Missdeutungen Anlass gibt aber Jeder
fühlt für den Andern mit er verfolgt ihn still in den Gedanken Jeder ist
unsichtbar beim Andern Wir wissen oft nicht woher diese Sympatie kommt doch
sie ist da So in diesem Augenblick Das Vergnügen in dieser liebenswürdigen
Gesellschaft zu sein ist mir gestört weil ich weiß mein Mann hat nicht die
Augen geschlossen und ruht nicht wie er mir versprach im Lehnstuhl aus
sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen er vergleicht zwei alte
Handschriften er bückt sich über er drückt die Feder während der Angstschweiß
ihm von der Stirne träuft weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht
erklären kann Ich sehe das Alles so deutlich vor mir wie den PiqueAs in Ihrer
Hand «
    Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck den ihre
Rede gemacht dabei kam ihr zu Sinn dass die Gesellschaft ja durch sie vom
Spieltisch zurückgehalten werde Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer
unzeitigen Herzenseröffnung
    »Was kann eine schöne Seele Schöneres tun als Andere ihre Empfindungen
mitempfinden lassen« lispelte eine Seele die sich wohl selbst für schön hielt
    »Nennen Sie es lieber eine Schwäche« schüttelte die Geheimrätin den Kopf
»Die Welt will nicht dass wir uns geben wie wir sind und die Welt hat im
Grunde Recht«
    Nun aber hatte sie auch keine Ruhe als bis die Herrschaften sich
niedergesetzt Ein heiteres Vergnügen zu stören erschien ihr immer wie eine
Todsünde
    Sie hatte Recht Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält lässt sich
ungern stören am wenigsten durch Hergensergüsse einer schönen Seele
    Einige hatten die Geheimrätin schon immer für eine Klairvoyante gehalten
die Klairvoyance war in der Mode Andere meinten sie sei nur von einer
außerordentlich reizbaren nervösen Komplexion Man bedauerte sie es gab wohl
auch Andere die sie darum beneideten Hier lobte man sie wie schonend sie das
Verhältnis zu ihrem Ehemann darzustellen wisse da Jedermann bekannt sei ein
wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrat wäre Sie sei gewissermaßen
eine Märtyrerin ihres feinen Sentiments Er bereite und gönne ihr kein
Vergnügen was sie sich nicht abstehle Eine Andere rief »Und wie unrecht von
ihm denn von ihr kommt doch das Geld«
    Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höheren Kreisen des mittleren
Lebens Aber man muss an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts
ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen als an die Komödienhäuser
von damals den unserer Theater Der Vergleich geht vielleicht noch weiter Die
Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer gediegener und dauerhaltiger aber
im künstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Teil
seine Wirkung erhalte haben wir es weiter gebracht Trifft das vielleicht auch
auf die Unterhaltung zu  Aber gar keinen Vergleich duldeten die
Räumlichkeiten Unsere Bürgerhäuser werden Paläste Diese hohen Räume die
gewaltigen Fenster und Flügeltüren welche den Zimmern die Wände stehlen fand
man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern
der nenen Stadt Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt
aus Friedrichs Zeit haben zum Teil anspruchsvolle Façaden im Innern ist alles
klein und zugemessen Die niedrigen Zimmer liefen eines in das andere dennoch
blieb der Wohnung etwas wohnliches weil Flügeltüren und Fenster nicht die
Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an
den Wänden fand und trauliche Winkel sich zu verlieren
    Wovon man sich unterhielt  Wer fasst die zückenden Irrlichter zusammen
die von Mund zu Munde hüpfen Und in einer gemischten Gesellschaft
Hier politisch dort poetisch
Regelrecht wie ein Lineal
Philosophisch und Aestetisch
Krümmend hier sich wie der Aal
Sprudelnd wie der Dampf vom Teetisch
Aber überall trivial
hat ein späterer Dichter sie beschrieben
    Ob die Geheimrätin sie auch so fand Sie wechselte oft die Gruppen Hier
der ewige Streit ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter sei In diesen
Kreisen war es längst entschieden Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen
widersprochen welche dem Dichter der gesungen
Ehret die Frauen sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben
den Preis zuerkannten Es war nur seltsam dass der Streit trotz der
Entscheidung immer wieder von Neuem aufgeworfen werden konnte Eine
Geheimrätin  es war aber eine dritte Geheimrätin  stellte sogar die
Behauptung auf während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment
enthalte wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe welche die Seele rührt und
erhebt Dies fand doch Widerspruch und man citirte aus der Iphigenie die Verse
Wehe dem der fern von Eltern und Geschwistern
Ein einsam Leben führt ihm zehrt der Gram
Das nächste Glück von seinen Lippen weg
Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden aneinander knüpften
    Ein junger Mann mit blassem ernstem aber etwas eingefallenem Gesicht
recitirte die Verse mit Ausdruck Man schwieg eine Weile Als die Geheimrätin
sie schön fand drückten Alle ihre Bewunderung aus Eine Dame hatte bis da
geglaubt sie rührten von Schiller her sie hatte die Erhabenheit des Gefühls
Goethe nicht zugetraut Doch bemerkte sie die Verse ründeten sich nicht so wie
bei Schiller und bei aller Schönheit fehle ihnen der schmeichelhafte Klang des
Gefühls »Aber er liegt in unserer Seele und fühlt das Weh das uns in der
einsamen Brust verzehrt« hatte die Geheimrätin gesagt als sie sich abwandte
Man schien sich zu fragen was sie damit meine Ein alter Hofrat antwortete
seiner etwas schwerhörigen Nachbarin »Sie ist eine Adlige von Geburt und mags
nun doch nicht recht verschnupfen dass sie einen Bürgerlichen geheiratet hat
Darum hält sie wohl das von seines Vaters Hallen auf sich anzüglich Aber Schloss
Wustenau stand schon 1762 sub hasta und sie ist auch gar nicht mal drin geboren
sie bildet sichs nur ein«  Die Dame vor Kurzem erst nach Berlin gekommen
war zufällig selbst eine adlige Offiziersdame was der Hofrat vermutlich nicht
gewusst »Wenn er ihr ein Sort gemacht hätte« erwiderte sie »das passiert wohl
aber wie ich höre ist das Vermögen von ihr et voilà qui est bien curieux« 
»Ja meine gnädige Frau« erklärte der Hofrat »als sie ihn heiratete war sie
ein blutarmes Fräulein man hielts für ein großes Glück dass sie ihn kriegte
Erst nachher machte sie die große Erbschaft«  »Ah cest ça« sagte die
gnädige Frau und sagte nichts weiter
    »Wie kommt es dass man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht« sagte
die Geheimrätin im Vorübergehen zu dem jungen Manne der die Verse gesprochen
»Und noch mehr wie kommt es dass Sie Goethe noch für wert achten ihn
auswendig zu lernen Wer so in transcendentalen Regionen der neuen Poesie
schwebt gäbe auf die alten Dichter dachte ich nichts mehr Aber nehmen Sie
sich in Acht dass mein Mann nichts davon erfährt Herr van Asten Für ihn wie
Sie wissen sind ja schon Goethe und Schiller Neuerer«
    Ohne eine Antwort abzuwarten war sie vorübergeschwebt In einem Kreise wo
man über Politik sprach stritten sie sich wer ein größerer Feldherr gewesen
Moreau oder Napoleon Bonaparte Die Parteien standen scharf gesondert Der
Geheimrätin kam das sonderbar vor den Grund wusste sie sich nicht recht
anzugeben Das Gespräch ward ihr langweilig
    Es gab aber noch einen andern Gegenstand Man berührte ihn nicht in ihrer
Gegenwart Die Geheimrätin sah nicht allein in die Ferne sie konnte auch dahin
hören Sie wusste genau was gesprochen wurde und dass sie ihr Mann dessen
Bruder das fatale Ereignis der vorigen Nacht den Stoff abgab Vielleicht dass
sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte um zu zeigen dass sie ohne
Besorgnis war oder  darüber hinweg
    Aber es gefiel ihr nicht länger dass das Gespräch verstummte wo sie sich
näherte Wer spielt gern die Vogelscheuche Bei einer Whistpartie fehlte durch
einen Zufall der vierte Mann Sie zeigte sich bereitwillig die Karte zu
übernehmen Man erkannte das ganze Opfer welches sie brachte Sie versicherte
wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergnügen ihrer Mitspieler störe so sei
ihre Schuld doch nicht so groß als ihre Genugtuung in so angenehmer
Gesellschaft eine Stunde zu verbringen
    Das Spiel prosperirte in der Tat nicht durch ihren Eintritt aber wie die
Mücken um den hellsten Lichtschein sammelte sich um diesen Tisch die
ambulirende Gesellschaft Wer fühlte sich nicht geehrt der Geheimrätin Rat zu
geben die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlüssigkeit verriet als in
ihrem Charakter lag Und wie liebenswürdig nahm sie ihn hin »Sie ist die
charmanteste Frau« flüsterten die Andern Die Geheimrätin zankte auch nicht um
die Points
    »So aufgeräumt Herr v Dohleneck« sagte sie die Karten prämelirend zu
einem Kavallerieoffizier der sich neben ihr etwas brüsk auf einen Stuhl warf
den ein Civilist eben für eine junge Frau hingestellt zu haben schien Die Dame
warf dem Offizier einen bösen Blick zu den er aber nicht bemerkte oder
bemerken wollte und der Civilist beeilte sich ihr einen andern Stuhl
hinzusetzen den sie aber nicht annahm sondern ins Nebenzimmer eilte »Sie
irrten sich« sagte die Dame »ich wollte mich gar nicht setzen ich suchte
meinen Mann«
    Möglich dass nur zwei Augen vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette
diesen Auftritt bemerkt der wie ein Lüftchen über den Wasserspiegel der
Societät hinkräuselte um am Ufer zu verschwinden Aber am Ufer trieb und wühlte
das Lüftchen weiter im aufgelockerten Sande
    Der ihn bemerkte war ein Herr etwas über die mittleren Jahre hinaus
welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu
mustern schien ehe er sich ihr zeigte Wir werden ihn näher kennen lernen
    Der sich auf den Stuhl warf war  nur ein Abdruck von Hunderten oder von
Tausenden Das wohlgeformte volle Modell eines Kriegsgottes den man vielleicht
hätte schön nennen können wenn die Überfülle der Gesundheit und Kraft in dem
beinahe sechsfüssigen Körper etwas mehr Elasticität und das volle rote Gesicht
unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und
weniger Gutmütigkeit verraten hätte Er war ein Mann der seinen Mann stand
aber der militärische Grimm der auch den Mann herausfordert welcher Miene
macht nicht stehen zu wollen fehlte ihm
    »S ist um sich tot zu lachen wenn Federfuchser über Dinge schwatzen die
nicht in ihren Büchern stehen«
    »Besser tot lachen als tot ärgern lieber Rittmeister« bemerkte die
Geheimrätin »Was hat Sie denn in die Rage gebracht«
    Der Offizier kam aus der politisirenden Ecke
    »Stellen Sie sich vor schöne Frau der Professor da oder was er ist Sie
kennen ihn ja wohl«  er zeigte auf den jungen Mann von vorhin jedoch mehr
durch ein Augenblinzeln indem er sich den Schnurrbart strich  »der junge Herr
meint wenns mit den Franzosen los geht wäre es doch sehr zweifelhaft wer
Sieger bleibt«
    Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die
glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede
    »Na auf Ehre s ist wahr« setzte der Offizier hinzu »Er raisonnirt von
Bonapartes Genie als Feldherr nun das mag er haben wir lassens ihm Und s
wäre auch zweifelhaft ob selbst Friedrichs Genie im Stande wäre ihm überall zu
pariren wie er Daun und Laudon getan Nu darüber kann man nur lachen Aber
als ich ihn fragte was er denn zu unserer Armee meinte wissen Sie was er
sagte «
    »Es ist mir etwas ganz Neues dass Herr van Asten sich mit Politik
beschäftigt«
    »Ich dachte er würde nach der Rheincampagne retiriren da hätte ich ihm mit
ner Antwort gedient Nein er sagte hören Sie ich habs des Spasses wegen
behalten uns stehe ein Heer gegenüber das aus dem jugendlichen
Volksbewusstsein stets neue Kräfte schöpft wie der heidnische Riese ich weiß
nicht wie der Kerl heißt der zu jedem neuen Kampfe seine Mutter Erde küsste
Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme aber ohne den
Genius der ewig zeugt uns getrauten eine Kraft zu werfen die ewig neu wächst
Ich sage Ihnen es war zum Bersten Gut dass keiner meiner Kameraden es gehört
Ich sagte ihm nur Mein lieber Herr wer die Erde küsst macht sich das Maul
schmutzig und hol mich Der und Jener wenn wir unseren Soldaten nicht die
Propreté eingefuchtelt haben«
    Der Verlegenheit über die Rede zu lächeln oder sich zu äußern wurden die
Zuhörer durch den Wirt überhoben der plötzlich mit einer Stimme die eher auf
die Kanzel als an den Whisttisch gehörte laut sprach
    »Aber meine verehrte Herren und Damen Gott sei Dank dass wir der
Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unserer Staatsmänner überhoben
sind welche es nicht dahin kommen lassen werden dass der Degen des großen
Friedrich aus der Gruft geholt wird um mit dem Degen des großen Mannes sich zu
kreuzen und die es nicht dulden werden dass die beiden ruhmwürdigen und
erleuchteten Nationen in andern Streit geraten als den aus welchem für die
Zivilisation die schönsten Früchte entspringen Wozu also dieser Dispüt der uns
nichts angeht Die weisen und humanen Männer denen unsere Regierung anvertraut
ist werden immer für unser Bestes sorgen und was sie ersinnen ist gut und
wird zu unsrer Aller Ruhe beitragen«
 
                                Fünftes Kapitel
                               Der vornehme Gast
Der Grund dieser seltsamen Anrede war dass der Wirt in dem Augenblicke den Gast
in der Tür bemerkt hatte welcher vorhin mit der Lorgnette die Gesellschaft
musterte und jetzt mit einer raschen Vorwärtsbewegung den nächsten Gruppen
zueilte Und doch schien er als der Geheimrat Bovillard ihn im Vorübergehen
mit einem freundlichen Händedruck begrüßte von dieser unerwarteten Gegenwart
nicht wenig überrascht und erschreckt
    »Mesdames  Messieurs« sagte der wirkliche Geheimrat mit einer
verbindlichen Neigung gegen den Spieltisch »ich hoffe dass sich Niemand
derangiren lässt« und war durch die nächste Gruppe auch durch eine zweite und
dritte ohne sich um die Personen zu kümmern geeilt bis er die Wirtin fand
deren Hand er an die Lippen führte und seine verspätete Erscheinung mit vielen
schmeichlerischen Worten und einer höchst wichtigen Konferenz entschuldigte
    Es war ein Funke in die Gesellschaft gefahren die zu ermatten anfing und
der Funke hatte gezündet Einen liebenswürdigeren einen freundlicheren Mann
als diesen vornehmen Gast konnte man sich nicht denken Wie wusste er Jedem
der ihm vorgestellt ward etwas Angenehmes zu sagen wie wandte er sich mit
Teilnahme und Herablassung zu ganz unbedeutenden Personen Für Jeden hatte er
ein verbindliches Wort
    Die Tasse in der einen Hand den Biscuit in der andern wie geriet er
plötzlich ins Feuer und erzählte mit hinreissender Lebendigkeit irgend ein
gleichgültiges Ereignis das er am Hofe erlebt Der subalterne Zuhörerkreis war
in Entzücken über die Vertraulichkeit eines so hochgestellten Mannes Ebenso
plötzlich konnte er freilich einen Andern am Arm ergreifen und ohne sich zu
kümmern um Die welche er eben an seine Fersen gebannt und um sich als Trabanten
gezaubert ihn mit einem à propos wissen Sie schon beiseit ziehen Er
flüsterte ihm etwas ins Ohr er setzte die Tasse fort die Hand vor dem Munde
sprach er noch leiser aber mit faunischem Lächeln nein er lächelte nicht
mehr er lachte er kicherte wenn sich das für einen wirklichen Geheimrat
geschickt hätte Der Andere natürlich lächelte auch er lachte er versuchte zu
kichern
    Die Lorgnette am Auge und das Gesicht halb über die Schulter gewandt
konnte man glauben dass er nach dem Gegenstande suche den sein beissender Witz
eben getroffen Aber er lorgnettirte nur ein hübsches Gesicht und sprach seine
Admiration aus dass die Kleine die er nannte sich so ausgewachsen er hätte es
nicht erwartet Wenn man ihm bescheiden bemerkte dass er die Personen
verwechsele fand er sich nicht in Verlegenheit sondern stellte das Paradoxon
auf die Liebe solle zwar nicht wechseln aber alle wahre Liebe bestände aus
Verwechseln »Unsere Phantasie schafft sich ein Ideal Das lieben wir Je öfter
wir nun in einer beauté dies Ideal wiederzufinden glauben um so glücklicher
sind wir und um so mehr Andere beglücken wir Nicht wahr Herr Geheimrat die
Fabel vom Amphitryo ist das Chef dOeuvre in der Mythologie«
    Der in den Kreis getretene Geheimrat war nicht allein ein ernsthafter Mann
sondern er stand auf einer amtlichen Stufe die der eines wirklichen sehr nahe
kam Es hatte sich die Nachricht in der Gesellschaft verbreitet dass ein
Kourier der heut Nachmittag wichtige Nachrichten gebracht den Geheimrat so
lange zurückgehalten Er glaubte ein Recht zu haben sich bei diesem danach zu
erkundigen
    »Bester Freund« sagte letzterer in der Fensternische wohin sie sich
zurückgezogen »wann verging ein Tag wo nicht ein Kourier an einen Minister
kam und wenn ich ihre Wichtigkeit nämlich unserer Minister danach abwägen
sollte so wüsste ich wirklich nicht wo vor Respekt bleiben  Aber Gott weiß
mich hat nie danach gelüstet ihre Geheimnisse früher zu erfahren als sie an
den Tag kamen Denn was hilft mirs ob der Kurfürst von Hessen seiner jüngsten
Maitresse einen so kostbaren Hut geschenkt hat dass die nächstältere darüber in
einen Wutkrampf verfallen ist Oder wenn die Fetzen des heiligen Römischen
Reichs sich darüber streiten ob der Professor Fichte ein Deist ist oder keiner
Und diese Bagatellen Sie glauben nicht wie man uns damit überschüttet Diese
Geschichte mit«   er flüsterte einen Namen »Sie kennen sie doch der
halbe Mulatte aus Holland  wie hieß er doch gleich  ließ ihm auf dem Sopha
zwei Rollen jede mit hundert Friedrichsdor zurück Als unser Freund es sah
rief er ihn zurück Sie haben etwas vergessen Unterstehen Sie sich nicht mir
noch einmal vor die Augen zu treten Konnte der Graf nobler handeln  Eine
Woche darauf kommt der Baron der in Batavia wie Sie wissen einmal Gouverneur
war zu ihm und fragt ihn ob er nicht seine Schimmel verkaufen wolle Sie
erinnern sich doch der Wagenschimmel Blind und lahm ein wahrer Scandal ein
Spott der Kutscher Unser Freund sagt Nein Wie kommen Sie darauf Excellenz
sagt Der ich zahle jeden Preis Ich muss sie haben Ein verrückter Lord hat
seinen Sinn darauf gesetzt ein Achtgespann gerade von solchen Tieren zu
besitzen Einem Toren und Nabob kommt es nicht aufs Geld an Ich habe alle
Rosstäuscher in der Provinz in Acquisition gesetzt sie können mir nur fünf
auftreiben und mir geht dadurch ein großer Gewinn verloren Ich sähe es daher
als eine große Gefälligkeit von Ew Exellenz an wenn Sie mir zu Hilfe kämen 
Ich bin kein Kaufmann sagte unser Freund weiß keinen Preis zu setzen lassen
wir die Sache fallen  Der Baron überschlägt sich Hundertfünfzig
Friedrichsdor für jedes kann ich geben Summa dreihundert Zug um Zug Mein
Kutscher wartet unten Unser Freund sah ihn ernst an Man soll auch zuweilen den
Narren gefällig sein aber Ihnen soll der Reukauf frei bleiben  Nun gesteh
ich Ihnen zu der Schinder gab nicht zwanzig Taler für beide Bestien  nun
wir haben es Alle verstanden es war ein Witz nichts als ein Witz Aber können
sie glauben liebster Geheimrat wie man uns bombardirt mit anonymen
Denunciationen Wir sollten Lärm schlagen dem Könige die Sache hinterbringen
Soll man sich um solche Bagatellen die Finger verbrennen check schmunzelte
neulich Ich hätte die Pferde wohl nicht verkauft aber Sie wissen doch der
Pferdehandel unterliegt andern Gesetzen als die im Landrecht stehen Darin soll
der Bruder dem Bruder nicht trauen Und ich bitte Sie der König hat für andre
Dinge zu sorgen Haugwitz sagte sollen wir etwa darum Einen verlieren der sich
nicht um Politik kümmert Sehen Sie liebster Geheimrat je weniger wir sind
die sich um die Dinge nach außen kümmern um so besser wird alles gehen«
    Der Geheimrat wusste nun wenigstens dass Bovillard ihm nicht sagen wollte
was er wusste Doch wusste er darum noch nicht ob er etwas wusste
    Seltsam derselbe vornehme Mann ging gleich darauf mit einem angesehenen
Kaufmann aus der Brüderstrasse Arm in Arm durch die Zimmer und wenn wir recht
gehört vertraute er demselben was er dem Geheimrat nicht für gut gefunden
mitzuteilen
    »Sie kennen meine Amtspflicht aber einem Freunde wie Ihnen kann ich die
Versicherung geben unsere Sachen stehen gut Phantasten unpraktische Köpfe
Schwärmer die an Krieg denken Idealisten liebster Splittgerber Vor denen
müssen wir uns vor allem hüten Es taucht jetzt hier solche Klasse von jungen
Strudelköpfen auf die von Deutschland deutschem Wesen deutscher Sprache Art
sprechen Man kann darüber lachen aber man muss Achtung geben Die Ideen können
viel Unheil in der Welt anrichten Erinnern Sie sich an Frankreich Da ist hier
der junge Professor Fichte O es sind ihrer mehrere Ein sublimer Kopf  aber
sie sehen den Wald vor den Bäumen nicht Auf das Praktische auf das was uns
Not tut den Sinn gerichtet Das Hemde ist uns näher als der Rock Der
Kaufmann ist eigentlich der wahre Philosoph für die Welt Er weiß was uns Not
tut Sie geben mir Recht lieber Splittgerber Wenn wir ein Trauerjahr vor uns
haben werden Sie nicht Kochenille verschreiben Das heilige Römische Reich als
es existirte brauchte freilich vielerlei Nürnberger Ware unter anderm auch
einen Kaiser Brauchen wir das Wir sind das Reich du grand Frédéric Sie werden
mir darin Recht geben Eine Weltkatastrophe hat alle Verhältnisse umgeworfen
Was sind Nationalitäten  Irrlichter LaternaMagicabilder Wenn man eine
anders gefärbte Glasscheibe vorschiebt sehen sie anders aus Wie Preußen sich
selbst gefunden hat in seinem großen Könige so haben die Franzosen sich in
Bonaparte gefunden Wie Friedrich das Genie der Franzosen erkannte erkennt
Napoleon den Genius der in unserer Monarchie lebt Sie glauben garnicht wie man
uns erkannt Wir sind wie bestimmt von dem Geist über dem Sternenzelt
brüderlich Hand in Hand im Völkerbunde neben einander zu schreiten Und da
wollen Querköpfe eine tudesque Idee dazwischen schieben Ich bitte Sie ich
wiederhole es was sind Nationalitäten Fragen Sie wenn Sie Pfeffer kaufen von
wem Sie ihn kaufen Der billigste Verkäufer ist der beste Und wenn Sie
verkaufen wer den höchsten Preis dafür zahlt der ist der beste Käufer nicht
ob er Italiener ist Franzos oder Russe«
    Dem Kaufmann aus der Brüderstrasse schien der Ideengang des Staatsmannes denn
doch nicht ganz geläufig Er handelte nicht mit Pfeffer »Herr Geheimrat
beliebten von einem Kourier zu sprechen «
    Bovillard legte die Hand auf seinen Arm und mäßigte die Stimme »Nur Ihnen
und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses« Bovillards Gesicht glänzte 
»alle Missverständnisse gehoben alle Schwierigkeiten ausgeglichen der König und
unser Vaterland können sich glücklich schätzen dass sie Diplomaten haben welche
es verstehen Krieg zu führen ohne den Degen zu ziehen«
    An der Türpfoste gelehnt lorgnettirte der Geheimrat noch einmal ins
Zimmer nur stand neben ihm nicht mehr der Kaufmann aus der Brüderstrasse
sondern ein Herr mit dem Kammerherrnschlüssel und einem Krückstock
    »Parbleu comme elle est belle  et bête Nestce pas«
    Die Bemerkung galt der Dame welcher der Rittmeister vorher den Stuhl vor
der Nase fortgenommen Eine fast junonische Gestalt aber mit ausdruckslosem
Gesicht stand sie in der Mitte des andern Zimmers  zufällig allein
    »Ist denn Niemand da ihr die Kour zu machen«
    »Hier« sagte der Kammerherr mit verächtlichem Blick sich umsehend
    »Wir befinden uns allerdings in einer etwas gemischten Gesellschaft Nen
parlons pas Wer ist denn sonst ihr Amoroso«
    »Wissen Sie denn nicht Bovillard« sagte der Kammerherr verwundert »sie
ist ohne Passionen«
    »Tant mieux so müsste man sie ihr einjagen Ich bitte Sie Kammerherr
sehen Sie diese Formen an Vielleicht ein Tugenddrache Liebt sie ihren Mann«
    »Sie sind sechs oder acht Jahre verheiratet«
    »Der Baron spielt sie stellt sich neben ihn«
    »Um eine Position zu haben«
    »Wie sie den Arm aufhebt Sehen Sie  sehen Sie ganz die Attitüde der
Lichtenau Die Lichtenau war auch nicht immer was sie ist «
    »Sie wollten sagen was sie war«
    »Wäre die Lichtenau nicht in Paris erzogen worden  Sehen Sie jetzt wieder 
täuschend Aus der Baronin kann etwas werden«
    »Nur keine Lichtenau« seufzte der Kammerherr »Diese Zeiten sind vorüber«
    »Les temps changent mais pas les hommes Mon cher baron die Welt ist rund
et tout ça reviendra Aber das Leben entflieht die Jugend verblüht es wäre
wirklich ein mildtätiges Werk die schöne Frau verliebt zu machen Schaffen Sie
mir einen Gegenstand ich unternehme es«
    »Ich will Prinz Louis noch einmal aufmerksam machen er scheint aber nicht
darauf zu reflectiren«
    »Was Prinzen Den ersten besten es gilt ja nur die Gaben der schönen Frau
an den Mann bringen Wir wollen sie etwas ins Gebet nehmen und sehen wo in der
Konversation der Stahl den Feuerstein berührt«
    Als sie sich der Tür näherten schwenkte indes der Geheimrat den
Kammerherrn unterfassend schnell wieder zurück Die Dame in Rede stand hinter
dem Stuhle ihres Gatten und diesem gegenüber saß unsere Bekannte welche uns in
diese Gesellschaft geführt
    »Ein Andermal« sagte Bovillard leis zu seinem Begleiter »Da sitzt die
Geheimrätin«
    »Die Lupinus  Sind Sie Feinde oder  es ist doch keine alte Liaison«
    »Bewahre mich der Gottseibeiuns Ich weiß nicht die Frau hat für mich etwas
 je ne sais quoi Lombard lacht mich immer aus Aber wer kann für Sympatieen
und Antipatieen«
    »Sie ist eine gescheidte Frau«
    »Gewiss aber heut muss ich doppelt ihre Distance wünschen Habe mich zwei Mal
vor ihrem Schwager verleugnen lassen Was diese verdammten Kindesmörderinnen für
Anhängsel haben«
 
                               Sechstes Kapitel
                                Der späte Gast
Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel Der Spieltisch an dem die
Geheimrätin Lupinus saß war sehr einsam geworden die Vögel die nach dem
Licht flackerten blieben aus seit das Licht des wirklichen Geheimrates durch
die Zimmer flackerte
    »Aber meine beste Frau Geheimrätin« rief ihr Partner der Ehemann der
schönen Frau »wir hätten die Trics gewiss gemacht wenn «
    »Die schönen Augen der Frau Baronin haben mich geblendet  Sie haben da
eine Hilfe bei sich Baron die eigentlich unerlaubt ist«
    Die Geheimrätin war am Geben Sie vergab sich Es war der Augenblick wo
sie den wirklichen zur Tür hereinblicken und sich rasch wieder entfernen sah
    »Die Frau Geheimrätin sind wohl unpässlich« bemerkte die schöne Frau
    »Ich meine liebe Baronin  Ach nein Die Seele muss immer Herr sein über
den Körper Das sagt mein guter Lupinus so oft Dadurch erhält er sich in seinen
anstrengenden Arbeiten Und ich «
    Sie hatte sich wieder vergeben
    Die andern Partner sahen sich verlegen an Der Baron zeigte die Karten
seiner Frau »Jammerschade dass man solches Spiel fortwerfen muss« Die Lupinus
hielt sich das Taschentuch aus Gesicht »Es ist nichts nur ein heftiges
Herzklopfen es wird gleich vorüber sein Wirklich liebe Baronin« sagte sie zu
dieser welche von Hoffmannstropfen gesprochen  »der Schmerz ist gar nichts
wenn nur der Verdruss nicht wäre dass mein Unwohlsein die Gesellschaft stört 
Sehen Sie jetzt habe ich nicht vergeben Was ist Atout wenn ich fragen darf
Koeur oder Pique Es flimmert mir nur vor den Augen«
     »Frau Geheimrätin haben kein Atout mehr« Sechs Augen starrten die
Spielerin in gläserner Verwirrung an Die schöne Baronin öffnete ihre Lippen
weiter als nötig war um ihre Perlenzähne bewundern zu lassen Die Spielerin
hatte noch eine Hand voll Trumpf
    Stumm hatte die Geheimrätin die Karten niedergelegt »Sie sind ein Engel
voll Güte« sagte sie zur Baronin als diese die Karten nahm »Und nun um
Gotteswillen kein Derangement«
    Sie entschlüpfte  nur um einen Augenblick sich zu erholen »Ein Glas Wasser
wird es tun« Aber die Wirtin betraf sie als sie ihr Umschlagetuch nahm um
fortzugehen
    »Liebste Geheimrätin Sie werden uns das nicht antun Ich führe Sie in die
Schlafstube ein halb Stündchen Ruhe ich kenne ja Ihre Seelenstärke und Sie
haben sich erholt wenn Sie uns gut sind«
    »Beste Geheimrätin« erwiderte die Lupinus »ich erkenne Ihre himmlische
Güte aber glauben Sie mir die Luft erdrückt mich«
    »Im Speisesaal ist sie ganz anders Es ist gedeckt Wir warten nur auf den
interessanten Fremden den Legationsrat v Wandel Sie haben doch schon von ihm
gehört er ist sehr begütert in Thüringen Mein Mann sagt ein Mann von
eminenten Gaben Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt er sollte Sie zu Tisch
führen Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen Er ist nur
zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden aber er
muss den Augenblick hier sein«
    »Ich einen Mann von Geist unterhalten Sie spotten meiner Ach aber es ist
nicht das  Mein armer Mann  er sitzt noch bei der Studirlampe  ich sehe ihn
wieder verzeihen Sie teuerste Freundin es presst mich es sprengt mir die
Brust  ja mir ist als wenn jetzt ein großes Unglück zu Hause geschähe Nicht
mir meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung«
    »Es ist recht schade dass die Frau Geheimrätin an Visionen leidet«
bemerkte die Hofrätin am Spieltisch der man die Zufriedenheit ansah dass die
Baronin die Karten übernommen hatte »Es ist doch mit dem Nervensystem etwas
Singuläres Und es stört mancherlei«
    »Cest le temps« bemerkte Bovillard der inzwischen hinzugetreten »Un peu
mystique un peu clairobscur un peu clairvoyance et un peu de vérité voilà
tout Es ist wie mit dem Schnupfen Man glaubt ihn los zu sein da kommt er
wieder«
    »Herr Jemine« rief die Baronin als sie ausspielen sollte »Ich kann ja
nicht ich habe meinem Manne seine Karten gesehen«
    Das sah Jeder ein Die Hofrätin öffnete vor Schreck den Mund fast wie
vorhin die junonische Frau Die Partie war wirklich zerstört Da übernahm der
wirkliche Geheimrat die Karten Er blieb der Gott des Abends Man sprach noch
nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes  Er
ist später gestürzt die Hofrätin hielt fest am Glauben Sie versicherte noch
nach langen Jahren es sei nur die schwärzeste Kabale die einen solchen Mann
stürzen können
    Unten im Hausflur wartete Johann Er zitterte noch immer Indem er der
Geheimrätin die Enveloppe umgab ging die Haustür auf ein verspäteter Gast
trat ein Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des
Abholens gab erkannte sie in ihm den Fremden dem sie vorhin auf der
Hintertreppe begegnet war Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze
seine Hoftracht nicht gemindert Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher
Figur stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe
hinauf Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt Ein Band
am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen
    Der Fremde hatte die Geheimrätin die im Schatten der aufgehenden Tür
stand nicht gesehen Einen Augenblick schien sie im Zweifel ob sie nicht
umkehren solle Sie fühlte sich wieder wohl Die frische Luft im Flur hatte
wahrscheinlich gut gewirkt Aber  es schickte sich nicht
    Sie saß im Wagen Die Tür schlug zu Sie lehnte sich in die Ecke und 
weinte Weil es sich nicht schickte  Darum  »Und das heißt leben« fuhr sie
auf »unter diesen langweiligen nüchternen abgeschmackten Puppen wandeln sich
kleiden sprechen die Gefühle und Gedanken zusammenhalten damit ja nichts
entschlüpft was sich nicht schickt Und darum leben wir«
    Der Herr Geheimrat sind noch auf hörte sie im Hause angelangt aber Sie
haben befohlen es soll Sie Niemand stören Sie sind in einer wichtigen
Untersuchung
    Zum ersten Mal seit wie langer Zeit fühlte die Geheimrätin ein Verlangen
ihren Mann zu sehen Er war doch etwas anders als die Larven in der
Gesellschaft Er liebte die Menschen in seinen Büchern im Vergleich mit Jenen
war er ein freier Mann denn von dem Gesetz des Sichschickens was diese
tyrannisirte hatte er sich losgemacht Hatte er doch auch als sie vor langen
Jahren nach Italien reisten geschwärmt wie er es konnte wenn nicht für Kunst
und Natur doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege welche Horaz
geschildert für die Ruinen welche die Sage nach ihm nennt
    Das waren nun längst vergangene Dinge Die Geheimrätin schwärmte nicht mehr
für Italien Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist jetzt auch
vielleicht nicht mehr Berlin war ihr unausstehlich aber sie wusste nicht
wohin sich wünschen
    Sie wollte ihren Mann sehen irgend etwas mit ihm sprechen was sie nicht an
die Gesellschaft erinnerte Vielleicht traf sie doch auf einen Ton wo ihre
Seelen zusammenklangen
    Er sah nicht auf als sie eintrat Er hörte auch nicht die leis geöffnete
Türe nicht das Rauschen ihres Kleides Den Lichtschirm vor den Augen die
Feder im Munde saß er zwischen zwei Folianten in denen seine Finger als
Zeichen lagen um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu kennen und
seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle Sie trat näher auch da
keine Regung Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn  Ist das ein
Mensch oder eine Pagode  Sie schritt langsam im Kreis um ihn ohne sich zu
sehr Mühe zu geben leis aufzutreten aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke
verriet sie nicht In einem Moment war es ihr als ob sie auflachen müsse im
nächsten als müssten die Tränen ihr aus den Augen stürzen Sollte sie ihn
anreden Das hieße einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen Erst als sie
sich wandte um hinauszugehen wehte er mit der Hand Es war als ob
instinktartig eine Ahnung ihn überkommen dass ein Wesen in der Nähe sei das ihn
stören könnte
    Leise hatte sie die Tür wieder zugedrückt Durch das Flurfenster schien der
Mond auf die Rumpelkammer durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte Die
wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbeln starrten sie im Mondenlicht
eigentümlich an Es überfuhr sie ein Schauer sie lachte um sich Luft zu
machen hell auf Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten
    Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt Der
Geheimrätin war es zu dunkel Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter
anzünden Sie war beim Entkleiden ungehalten sie behauptete die Jungfer
verfahre mit Absicht ungeschickt Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf
sie steche sie aus Bosheit Die Jungfer weinte Die Geheimrätin hielt ihr eine
ernste Vorhaltung ob das ein Grund sei um Tränen zu vergießen Sie erinnerte
sie an die vielen leidenden Kreaturen denen der Schöpfer nicht einmal eine
Stimme gegeben um zu klagen Wenn Jeder klagen wollte was ihn drückte ob es
in der Welt vor Gewimmer und Tränen auszuhalten sei Die Geheimrätin fragte
sie mit Würde ob sie glaube dass die armen Mädchen mehr litten als die
vornehmen Damen die ihre Schmerzen verhalten müssten Sie ermahnte sie zur
Duldung zum Gehorsam zur Tugend und entließ sie
    Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung
geübt zu haben Sie saß entkleidet an ihrem Bett das Gesicht im Ellenbogen
gestützt und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze Da fiel ihr Auge den
Lichtstrahlen folgend auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke Es war
Freitag Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen Die dicke
Spinne die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt lag schlafend in der Mitte
des Raubnetzes das sie ausgespannt gesättigt und erschlafft schien es von
dem Mordgeschäft worauf die toten Fliegen im Netz deuteten Die Geheimrätin
stand auf und nahm den Armleuchter Ihre Augen waren scharf ihr Arm aber
reichte nicht bis an die Decke Ein Kitzel die Nemesis zu spielen überkam sie
Die Bäume im Hofe vom Winde bewegt schlugen gegen das Fenster Das war doch
keine warnende Stimme Es war ja kein Unrecht ein solches mörderisches
Ungeziefer zu vertilgen das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner
Mitgeschöpfe Sie holte einen Stuhl Auch der war zu niedrig Sie schleppte mit
Anstrengung einen Tisch heran Warum tat sie es mit angehaltenem Atem warum
bemühte sie sich ja kein Geräusch zu machen Warum schlich sie auf den Zehen
da sie schon in bloßen Füßen ging Warum pochte ihr Herz als sie auf den Stuhl
und vom Stuhl auf den Tisch stieg Die Spinne regte sich nicht Nur das Gewebe
schaukelte etwas wie eine Hängematte vom Hauch des Lichtes angeregt Draußen
rauschten wieder die Äste Hätten sie die Spinne geweckt vielleicht hätte die
Geheimrätin sie geschont Was schonen Morgen vollbrachte es der Besen der
Magd
    Wer ihr ins Gesicht gesehen wie die Augen glänzten die Lippen sich
krampfhaft verzogen Jetzt wars geschehen Ein Knistern Die Spinne
zusammenglühend schien sich einmal zu krümmen dann flackerte das Netz in
leichten Flammen auf und der verkohlende Körper schwebte nieder Die
Geheimrätin schloss krampfhaft zurückfahrend die Augen als sie einen heftigen
Schmerz empfand Die schief gehaltene Kerze hatte einen heißen Wachstropfen auf
ihren bloßen Fuß gesprjetzt
    Die Äste rauschten zum dritten Mal Es war der Grabesgesang »Die hat
ausgelitten Sie empfindet keinen Schmerz mehr Und wie leicht und schnell«
sagte die Geheimrätin Ihr Fuß musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion
ihres Körpers empfindlich schmerzen
    Jetzt aber schmerzte er sie nicht Sie empfand ein Wohlbehagen das der
Empfindung eines Rausches verwandt war Sie hatte eine Kreatur die doch zum Tod
verdammt war rascher aus der Welt geschafft als es morgen der stumpfe Besen
der gefühllosen Magd getan hätte Und im Schlaf Sie hatte ihr einen seligen
Tod bereitet
    Sie suchte noch mehr Spinnen aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken
Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen die der regnerische Tag
hineingetrieben Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran und es
glückte ihr die erste zweite auch eine dritte durch das schnell angehaltene
Licht zu töten Morgen würden sie langsam unter furchtbaren Qualen am
Fliegenstock verenden jetzt im Lichtschein im Taumel waren sie einen
Augenblick erwacht und verglüht
    So musste auch Semele in einem Moment glückselig und tot sein angeleuchtet
von Zeus Lichtglanz und verbrannt von der Wonne  dachte die Geheimrätin
    Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben Als sie der
einen die Flügel angesengt und das Insect summend aufflog löste sich allmälig
der Schwarm von den Wänden Sie summten um das Licht um ihren Kopf und die
Geheimrätin stand wieder atemlos in der Mitte des Zimmers mit dem freien Arm
die aufgestörten Tiere abwehrend In dem Augenblick war ihr nicht wohl zu
Mute Die Tiere wurden so groß und schwarz und mit feurigen Augen sie kamen
ihr wie die Erynnien vor In dem Augenblick wünschte sie sie hätte nicht
angefangen
    Sie wollte das Licht auslöschen sich ins Bett vergraben und die Decke über
den Kopf ziehen aber sie fürchtete sich ohne Licht Da hörte sie die Stimme
ihres Mannes der draußen die Türe öffnete »Johann ich will zu Bett gehen«
Aber Johann hörte nicht auch nicht auf den wiederholten verstärkten Ruf
Johann hatte sich auf ihr Geheiß zu Bett gelegt um zu schwitzen Es war ihr
lieb dass Johann nicht hörte er schlief also wahrscheinlich »Dem tut es mehr
Not« dachte sie »und Lupinus kann sich selbst helfen«
    Der Geheimrat schlug brummend die Tür zu und musste sich wohl selbst
geholfen haben Sie hörte nichts mehr Auch die Fliegen hatten sich wieder zur
Ruhe begeben Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer Sie schellte
immer stärker und die Jungfer musste aus dem Bette
    Als sie ins Zimmer kam war die Geheimrätin eigentlich in Verlegenheit Sie
wusste nicht warum sie nach ihr verlangt
    »Befehlen Frau Geheimrätin vielleicht Cremor Tartari Oder soll ich
Kamillentee kochen«
    »Nein mir ist ganz wohl« sagte die Geheimrätin Aber im nächsten
Augenblick sagte sie morgen früh solle zum Hofrat Heim geschickt werden »Und
ganz früh Hört Sie Lisette Damit Sie ihn noch zu Hause treffen Und ich ließe
ihn dringend ersuchen mich zu besuchen ehe er zur Prinzess Ferdinand fährt Die
hält ihn immer so lange auf Ja hört Sie es soll ihm recht dringend gemacht
werden denn ich fühle ich werde sehr krank werden Und er kann auch für den
Johann gleich ein Recept verschreiben die Sache muss doch endlich zu Ende
kommen«
    Wenn ängstliche Träume ein Zeichen der Ungesundheit sind musste die
Geheimrätin sehr krank sein Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen sondern
lauter Marionetten die ihr keine Ruhe ließ Da kam der fieberkranke blasse
Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie ob es nun nicht
bald mit ihm zu Ende ginge Dann füllte sich die Schlafstube mit der ganzen
Gesellschaft vom vorigen Abend lauter Gliederpuppen die an Drähten vom
Schornstein aus geführt wurden Sie tanzte und das Holz klappte unangenehm Wenn
sie am Bette vorbeikamen gähnten sie und fragten ob es nicht bald
Schlafenszeit wäre Gern hätte die Geheimrätin gesehen wer den Draht führte
aber sie konnte wie sie auch sich anstrengte den Kopf nicht in den Schornstein
zwängen und wenn es ihr einmal gelang schoss eine neue Figur herunter und
schreckte sie zurück Dazu klappte ihr Mann als Pantaleone immerfort durch die
Stube und hauchte sich in die Hände und sagte ihn fröre und wer ihn nur heiß
machen könne Da rief eine Stimme aus dem Schornstein deren sie sich nicht
entsann aber gehört hatte sie dieselbe schon ein Mal Wenns weiter nichts ist
man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen das gibt ein gutes
Kaminfeuer Und dann war es ihr als ob alles um sie her verbrenne Sie geriet
in Angst dass sie mit verbrennen könne und hüllte sich in ihr Bette bis eine
wohltätige Transpiration ihrer Natur zu Hilfe kam und sie in einen tiefen
ruhigen Schlaf einhüllte der so lange andauerte dass sie erst aufwachte als
das freundliche Gesicht des Hofrat Heim mit den durchdringenden blauen Augen
sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengruß
bot »Na da leben Sie ja noch Frau Geheimrätin hab ich doch wirklich nicht
anders geglaubt wie das Mädchen reinstürzte als Sie wären schon maustodt«
 
                               Siebentes Kapitel
                                Der Staatsmann
Wir führen unsere Leser in die Wohnung und die Geschäftszimmer des vornehmen
Mannes dessen flüchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht In
seinem Hause unter seinen Untergebenen war der wirkliche Geheimrat ein
anderer Mann Man könnte sagen er sei um einige Zoll gewachsen der von den
vielen huldreichen Verbeugungen gekrümmte Rücken war hier gerade geworden Er
war aber um deswillen kein großer und auch kein gerader Mann
    Im Vorzimmer warteten Expectanten Die trüben Mienen verrieten dass nicht
Jeder Hoffnung hatte vorgelassen zu werder Sie wandten sich an die
durchpassirenden Beamten Wie viele große Männer hätte ein Neuling da zu
entdecken geglaubt wenn sie freundlich zuhörten sich an der Binde zupften oder
die Schultern zuckten Und doch waren es nur Schreiber und Boten Ob einer von
ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulicheren Verständigung
hinreißen ließ will ich nicht verraten haben
    Das Zimmer wo der Geheimrat empfing war geräumig halb mit Aktentischen
und Repositorien halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen
Lebens ausgestattet Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in
elegantem Einband die neusten Werke der französischen Literatur Am Ende des
Aktentisches saß ein jüngerer Rat in den eingegangenen Schriftstücken
blätternd und sie zum Vortrag ordnend Im entfernteren Winkel stand der
Geheimrat und hatte einer Dame Audienz erteilt die sich sehr bescheiden in
der Ecke zwischen Fenster und Hintertür hielt Es war eine Tapetentür durch
welche sie auch vermutlich der Kammerdiener eingelassen denn nach Beendigung
der Audienz schlich sie durch diese Tür hinaus Ihre vielen Ringe eine
Garderobe aus den kostbarsten und auffällig modernen Stücken und der
prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht aus einen Platz auf dem
Sopha zu geben wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verraten
hätte dass die Hülle nicht recht zum Körper oder der Körper zur Hülle sich
schickte Einem Psychologen hätte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben
Füße angezeigt dass die feine Kleidung ihr nicht angeboren war Wer ihr aber ins
Gesicht sah wo trotz aller Sanftmut und Glätte die ursprüngliche Gemeinheit
sich nicht verbergen konnte begriff warum der Geheimrat in einer Art ihr
Audienz gab wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame
gegenüber übers Herz bringen würde Er stand die Hände in den Seitentaschen
halb seitswärts halb ihr den Rücken kehrend wodurch sie freilich Gelegenheit
gewann ihr Anliegen auf dem nächsten Wege ihm ins Ohr zu flüstern Sie sprach
leise Er hatte mehrmals den Kopf geschüttelt Dann sprach er gleichfalls mit
gedämpfter Stimme »Gedulden Sie sich also bis Lombard kommt er kann die Sache
allein arrangieren Und bis dahin hüten Sie sich dass keine Klage einläuft
Keinen Skandal In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten«
    Die Supplikantin verbeugte sich tief Er klopfte ihr freundlich auf die
Schultern Sie wollte ihm die Hand küssen Das litt er nicht
    Der junge Rat las von einem Zettel den Namen der nächst zur Audienz
aufgeschriebenen Person Der Geheimrat machte eine Bewegung mit der Hand und
warf sich die Beine übereinander aufs Sopha ein Zeichen dass er sich erholen
wolle vielleicht glaubte der Vortragende darin eines für sich zu erkennen dass
Bovillard sich über die vorige Audienz auszulassen Lust hatte
    »Was wollte denn die Schubitz« fragte er zwischen den Papieren kramend
»Eine Eingabe von ihr ist nicht da«
    »Man will sie in der Behrenstrasse nicht länger dulden Sie soll ihr Haus
verlegen  in eine minder anständige Straße« setzte der Geheimrat mit
sarkastischer Miene hinzu
    »Wer will denn das wenn ich fragen darf«
    »Erinnern Sie sich was le grand Frédéric dem alten Spalding antwortete Der
beklagte sich auch über eine Nachbarschaft die ihn in seinen Meditationen
störte und Friedrich schrieb nur auf den Rand des Memorials Mon cher Spalding
ni vous ni moi  pourquoi donc gêner dautres  Unter Friedrich hätte die
Behrenstrasse petitioniren können bis sie aschgrau ward«
    »Auch unter « der Rat verschluckte es denn der Geheimrat unterbrach ihn
    »Das muss man Wöllnern lassen Er wusste christlich ein Auge zuzudrücken
wenn  es die Schwäche seines Nächsten galt« Er betonte die letzten Worte
    Der junge Rat hatte vorhin die Aufforderung zum Lächeln übersehen Er
lächelte jetzt »Aber wer kann es sein«
    »Wer Wer Mon cher Haugwitz vielleicht oder Lucchesini Schulenburg oder
check der Kato Censorinus Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands
sittliches Gefühl beleidigt«
    Der Geheimrat gefiel sich so dass er aufstand und mehrmals durch die Stube
schritt »Ja ja es hat sich so manches in Preußen geändert«
    »Und wird noch manches anders werden« setzte der Rat hinzu
    »Gewiss wenn man uns in Ruhe lässt wenn man verständig denkt und handelt
wenn man auf die Kläffer nicht hört wenn wenn  was liegt noch vor lieber
Rat«
    »Herr Geheimrat ließ gestern fallen dass Ihnen eine Notiz im Hamburger
Unparteiischen bezüglich auf Lombards Depesche nicht unangenehm wäre Wir
wurden unterbrochen Meine Feder und mein Wille stehen zu ihrer Disposition«
    Bovillard setzte sich halb auf den Tisch indem er vertraulich den Arm auf
die Schulter des Rates legte die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein
wohlgefälliges Lächeln
    »Mich hat seit lange kein Brief so erquickt«
    »Lombard muss Wichtiges berichtet haben« bemerkte der Beamte »Nach den
Äußerungen des Herrn Geheimrats gestern zu mehreren Geschäftsmännern herrscht
unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung«
    »Dürfte ich Ihnen den Brief zeigen Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie
einen Abgesandten sondern wie einen alten lieben Bekannten den er endlich von
Angesicht zu Angesicht sieht Er saß auf dem Sopha und las Was denken Sie Den
Ossian Nachdem er Lombard die Hand gereicht recitirte er ihm eine Stelle voll
der tiefsten Empfindung für Menschenwohl Er fragte ihn ob er Ossians Gefühle
teile Lombard war nicht ganz vertraut da las er ihm selbst die Szene vor wo
Malvine im Mondenschein über das Schlachtfeld eilt und süße Betrachtungen
ausgiesst darüber dass Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit
reguliren Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab um seine
eigene Bewegung zu verbergen Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker
einen Blutmenschen zu nennen Wer gebietet der Parteienwut Das warf auch
Bonaparte im Gespräch hin Sire erwiderte Lombard Europa kennt den Sieger des
18ten Brumaire Der Kaiser schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf Ach das war
für die Straßen von Paris für Frankreich vielleicht aber der Genius muss noch
geboren werden der Europa wieder in seine Fugen richtet Lombard citirte eine
Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon Napoleon schien sie zu kennen
aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein Mich dünkt der Sinn ist
weit schlagender in den Worten ausgedrückt  Und was citirte er Eine Stelle
aus einem von Lombards Traités«
    »Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben« rief der junge Rat mit
einem ungläubigen Lächeln
    »Dieselbe Frage stellte Lombard natürlich nur mit andern Worten und sein
Gesicht mag auch dabei geglänzt haben denn wir wollen es nicht leugnen er ist
etwas eitel Eitel sind wir Alle lieber Fuchsius Napoleon sah ihn mit seinen
schönen klugen Augen vielsagend an und griff dann nach einem Buche das neben
ihm auf dem Tische lag Es war Pariser Druck und Band Sie werden es sehen
Kaum dass er darin geblättert schlug er eine Seite auf und reichte sie dem
Gesandten Es war Lombards Dictum Unverdiente Ehre wenn mich ein französischer
Schrifsteller citirt hat  Sie sind es ja selbst lächelte Napoleon und wies
ihn auf den Titel Kurzum es waren Lombards Traités in einer Pariser Ausgabe
prachtvoll gedruckt Und mit einem Wort es kam heraus Der Kaiser hat Lombards
Abhandlungen weil sie ihm so sehr zusagen in einer Prachtausgabe für sich und
seine vertrauten Freunde drucken lassen Napoleon Bonaparte sage ich Ihnen der
Genius des Jahrhunderts kann sich von Lombards Schriften nicht trennen er
führt sie mit sich in seinem FeldNecessaire er blättert täglich er findet
Zerstreuung Erholung Erquickung darin wenn die Sorgen ihn drücken Mit
französischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks den
er in seinem Reiche streng bestrafen würde denn jeder Arbeiter müsse die
Früchte seiner Arbeit genießen können Aber die deutsche Typographie sei noch so
weit zurück es tue seinen Augen wehe einen schönen Gedanken grob auf
deutschem Papier zu sehen Ach fügte er hinzu was könnte aus Deutschland ich
meine aus Ihrem Preußen werden wenn ein Genius die Industrie belebte Lombard
erwiderte in galanter Weise die Artigkeit er fühle sich in seinem Interesse
durch den Nachdruck so lädirt dass er auf eine große Entschädigung Anspruch
mache Er fordere nicht weniger als das Exemplar welches durch des Kaisers Hand
geweiht sei Ich gebe es ungern es ist mir lieb geworden sagte der Kaiser
aber Sie sind im Recht und nun ist es nicht mehr meines Er hatte rasch seinen
Namen mit einer verbindlichen Zeile hinein geschrieben«
    Der Geheimrat war nach dem verschlossenen Schrank geeilt von wo er einen
in saubere Hüllen verschlossenen Band holte und auf dem Tische enthüllte
»Lombard hat ihn voraus geschickt Doch das ist nur für uns Um Himmels Willen
davon keine Mitteilungen  Da ist sein Name Schöne feste Züge der Charakter
des Genius Ex ungue leonem  Hier ist auch mein Bericht den Lombard die Güte
hatte in seinem Traité aufzunehmen mit abgedruckt«
    Der Geheimrat umhüllte das Buch wieder mit einer Geschickslichkeit die
einem Buchbinder Ehre gemacht und stellte es auf einen Ort zurück »Was sagen
Sie nun Ist der Mann wie seine enragirten Feinde ihn uns darstellen wollen«
    »Das sind allerdings überraschende Kombinationen«
    »Sie haben an eine Atrappe gedacht Sehen Sie wie Sie sich durch Ihr
Vorurteil täuschen ließ Überhaupt da war nichts Affektirtes in Bonapartes
Benehmen nichts von der Herablassung eines Emporkömmlings Er verhandelte mit
unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen Lombard wollte diplomatisch
Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrücken Napoleon unterbrach ihn
rasch Ich bin Frankreich die Welt fängt an es zu erkennen und Sie sind
Preußen die Welt erkennt es noch nicht aber ich Überlassen wir doch das
Anderen sich untereinander zu täuschen setzte er mit dem durchdringend
freundlichen Blicke hinzu  Das bleibt natürlich unter uns und Lombard tat
natürlich das Seinige dagegen zu protestiren und auf seine untergeordnete
Stellung zu weisen  Wie Sie wollen sagte Napoleon lächelnd ich nehme die
Menschen wie sie sind respektire aber auch den Schein den sie hervorzukehren
für nötig halten  Und nun floss das Gespräch anmutig hin wie zwischen
Zweien die wie Schiller sagt auf der Menschheit Höhen stehen und parteilos
und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten«
    »Und bei dem Gespräche blieb es«
    »Lombard kann nicht genug sein Entzücken über den reichen Geist ausdrücken
Er schüttete seine Anschauungen über die Weltverhältnisse wie eine Fee aus ihrem
Füllhorn Unser Freund sagt er hat in dieser einen Stunde viel gelernt«
    »Dazu ward er indes nicht hingeschickt  Und noch gar keine positiven
Resultate«
    »Wir können ganz beruhigt sein Bonaparte hegt eine Achtung vor Preußen die
mich wirklich überrascht hat Wenn er von Friedrich spricht  nun das versteht
sich von einem Genius wie seiner von selbst Er malte seine Schlachten als er
die von Hochkirch schilderte geriet er in eine wahre Begeisterung Die
gewonnenen Schlachten wolle er dem großen Toten lassen rief er aus aber er
gebe drei seiner eigenen Siege für den Rückzug von Hochkirch«
    »Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich sich Unterricht über den
siebenjährigen Krieg geben zu lassen«
    »Spötter wissen Sie was Napoleon über den Baseler Frieden sagte«
    »Die erste Wunde unserer Ehre« seufzte der Rat
    »Das gab er selbst zu Erkennen Sie die Größe des Mannes Aber nach diesem
Frieden sei es Preußens Aufgabe gewesen die demarkirten Teile von Deutschland
die unter seinem Schutz gegeben waren sich zu unterwerfen Ein kleines Unrecht
rief er kann in der Politik nur gut gemacht werden durch ein großes Unrecht
Was wäre Preußen jetzt es stände da eine europäische Macht die nicht nötig
hätte Sie mein lieber Lombard zu mir zu schicken um mich zu sondiren Es
wäre an mir gewesen zu Ihnen zu schicken ich hätte aber freilich schwer einen
Lombard gefunden Er tat einige Schritte im Zimmer auf und ab Aber es tut
nichts hub er wieder an Preußen ist ohnedem was es ist Der Genius Friedrichs
schwebt über ihm und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug dass sich
so leicht kein Feind heranwagt«
    »Und weiter berichtet Lombard nichts«
    »Sie bleiben ein ungläubiger Thomas Der Kaiser ist nicht allein weit
entfernt von einer feindlichen Absicht sondern eine innige Verbindung mit uns
wäre sein Wunsch Wohl verstanden eine Alliance welche die Zügel der Welt in
die Hand nimmt Zivilisation Kultur wahre Aufklärung das Glück des
Menschengeschlechts und ewiger Friede wären ihr Ziel Wer zwingt ihn denn
immerfort das Schwert wieder zu ziehen als die Manövres des Herrn Pitt der
jetzt Österreich jetzt Neapel nun Russland Schweden und die Kleinen warum
nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt Was sind diese Subsidien die
das monopolisirende England verschwenderisch auswirft als das Blutgeld womit
es den Ruin der Länder erkauft die sich verführen lassen England wäre es
recht wenn der ganze Kontinent zur Wüste würde wenn er nur damit der Markt
wird wo die Bettelvölker um ihre Blöße zu kleiden seine schlechtesten Waren
kaufen müssen Das ist sein Ziel und jedesmal wenn Bonaparte seinen Degen
gegen einen neuen Feind ziehen muss tut er es mit Seufzen er weiß er kriegt
nicht gegen die armen Neapolitaner Hessen und Schwaben die sind nur die
Schlachtopfer seine eigentlichen Gegner die reichen Kaufleute an der Temse
sitzen ruhig hinter ihren Wollsäcken und trinken ihren Ostindischen Tee
derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergnügen zu ihrer Spekulation
erkauften Völker in die französischen Kanonen getrieben werden Darum ist sein
Grimm gegen Pitt und die Andern unbeschreiblich Wenn ihm die Landung gelänge
wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte so würde er vielleicht der
Blutmensch den man aus ihm macht Aber seine Vernunft regelt seine Begierden
Seine Pläne sind andre Könnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die
fremde Ware umspannen dass kein Ballen ihrer Manufacte eindringt könnte er den
Gewerbfleiss unter den Kontinentalen anstacheln dass wir gezwungen würden für uns
selbst zu erfinden und zu schaffen könnte er die Brtten aushungern dass sie
sich den Tod essen an ihren Schlauderwaaren dann hätte er gesiegt wie er
wünscht nicht für sich für die ganze europäische Menschheit Dann würde wir
alle reiche glückliche selbstständige Völker Aber er allein ein wie großes
Genie auch kann das nicht Er braucht einen Bundesgenossen Russland kann es
nicht sein Österreich ist des Gedankens nicht fähig Preußen allein steht auf
der Höhe der Zivilisation und Intelligenz mit Preußen Hand in Hand könnte er
den Weltgedanken ausführen Begreifen Sie nun warum es in seinem Interesse ist
mit uns Freund zu bleiben«
    »Lombard hat die Propositionen zur Alliance vermutlich schon in der
Tasche«
    »Bonaparte kennt uns und darum gibt er fast die Hoffnung auf Er kennt die
Hindernisse Ich versichere Sie mit erschreckender Genauigkeit kennt er die
Koterien an unserem Hofe er weiß was bei der Radziwill in den Kreisen der
Prinzess Wilhelm über ihn gesprochen wie er titulirt wird Er weiß die
Ausdrücke das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein
Haar ja er liest die Gedanken die der Prinz unterdrücken muss Die Discourse in
unsern Wachtstuben die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Korps liegen
aufgezeichnet in seinen Akten Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns
einflößen«
    Der Rat war ernstaft geworden »Das ist schlimm Man sagt seine Spione
kosten ihm viel Preußen soll ihm überhaupt viel kosten und das ist noch
schlimmer«
    »Ich sage Ihnen jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell diese
sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruiniren Die bohrt und drängt und stürmt
bis ein Mal der Widerstand der wahren Staatsmänner zu schwach wird und das gute
Herz des Königs nachgibt«
    
    »Und wir ständen allein« fiel der Rat ein
    »Prenez garde mon cher das auszusprechen Man muss diesen Fanatikern
gegenüber vorsichtig sein Es freut mich dass Sie den Wahn nicht teilen als
wären wir allein stark genug gegen den Strom zu schwimmen Doch besser dass man
dies für sich behält Um so mehr als denken Sie auch Napoleon zweifelt Wie
hübsch er das auffasst Ich bin ja nicht so töricht sagte er zu Lombard um
nicht zu wissen dasswenn Preußen bei Valmy Pirmasens wenn es am Rhein
ernstlich gewollt hätte Frankreich nicht mein Frankreich und ich nicht ich
wäre Das ist nun allerdings zu viel Artigkeit indessen ersehen Sie daraus wie
hoch er auch unsre Armee schätzt Ich weiß sagte er Ihres Königs Herz schlägt
für Menschen und Völkerglück wie nur meines aber ich würdige vollkommen seine
Lage er ist jung befangen zu gewissenhaft er weiß sich nicht zu helfen
zwischen den guten und bösen Ratgebern Zu viel Blutsbande verknüpfen ihn mit
den Ungestümen Rasenden und man kann sich keines Augenblicks versehen dass
nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanität siegen«
    »Und wird Mortier Hannover räumen« fragte der Rat mit scharfer Betonung
»Wird die Sperrung der Weser und Elbemündungen worauf Preußen bestehen muss
aufgehoben werden Unser Handel geht zu Grunde wenn das nicht geschieht Das
ist schlimm aber es gibt Schimmeres Wir verfeinden uns England Das ist aber
noch nicht das Schlimmste Ganz Deutschland blickt sehnsüchtig und erwartend auf
Preußen als die einzige Macht die ungebrochen da steht frei noch von
Frankreichs Einfluss als die einzige Macht welche die Ehre des Vaterlandes
retten der übermütigen Gewalttat eine Schranke entgegensetzen kann Wenn wir
diese Aufgabe nicht erfüllen nicht rettend einschreiten attestiren wir unsere
Ohnmacht und wir laden die Schmach auf uns dass eine Koalition fremder Mächte
die nicht ausbleiben kann diese Aufgabe übernimmt Ich wiederhole nur was die
Tausende täglich sagen die man Biedermänner nennt mich selbst wie sich
versteht jedes Urteils begebend«
    »So« sagte der Geheimrat gedehnt »Diese Biedermänner werden sich gedulden
müssen bis Lombard aus Brüssel zurück ist Die Spezialitäten seines Auftrages
wird er mündlich Sr Majestät vortragen«
    Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzählen nichts von diesem
Gespräch und dem was es hervorrief der Dichtung aber ist es erlaubt auch aus
der Tradition zu schöpfen wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht
hat die es glaubten Was einmal geglaubt ward ist ein Faktum das auch der
Geschichte angehört Übrigens mag der Geheimrat Bovillard Verhandlungen und
Gespräche anders aufgefasst haben als die welche gesprochen und verhandelt
hatten er war ein Mann von lebhafter Imagination
    »Und der Artikel für den Hamburger Korrespondenten« sagte nach einer Weile
der Rat Fuchsius
    »Sie werden das selbst am besten kombiniren Ihre feine Feder weiß die Fäden
zu verschlingen dass man nicht ahnt woher es kommt De haut en bas etwas mit
einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt Es versteht
sich die hohen Personen die ich nannte bleiben unverwähnt auch die Generale
namentlich Rüchel Blücher Nur mit der höchsten Distinttion von ihnen
gesprochen Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht dass sie
die verderblichen Ratschläge von des Königs Ohr abhalten würden Die
Seitenhiebe werden Sie eben so geschickt appliciren Es bleibt wie gesagt ganz
Ihrem Ermessen überlassen Es ist Ihr Dafürhalten«
    »Dann bleiben nur die GensdarmerieOffiziere übrig«
    »Mit diesen Herren komm ich nicht gern in Konflikt Man begegnet sich doch
täglich in Gesellschaften«
    »So könnten nur die deutschen Gelehrten die Romantiker die Zielscheibe
sein«
    »Ganz richtig«
    »Die Herr Geheimrat für unschädlich erklärt«
    »Sie verführen die Anderen mit ihren abstracten Ideen Ja setzen Sie es
recht ins Licht die Lächerlichkeit dieser Teoretiker die sich einbilden über
Dinge mitsprechen zu können von denen sie nichts verstehen Geben Sies ihnen
recht stark legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund über die
deutsche Ideologen Sie wären das einzige Hindernis des Friedens nach dem alle
Welt sich sehnt Ich weiß sie sind es nicht Darauf kommt es aber nicht an Sie
schlägt man die Kriegspartei meint man Die Herren vom Miliär erfreut es
inniglich wenn man gegen die Professoren und Schreiberweisheit loszieht Sie
schlucken die Invectiven mit Heisshunger herunter und merken nicht dass es
Schläge für sie selbst waren  A propos wenn Sie auch einige scharfe
Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen könnten «
    »Rechnen Herr Geheimrat den Freiherrn zu den Ideologen zu den Romantikern
oder der Kriegspartei«
    »Quimporte«
    »Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn«
    »Um so schlimmer der Mann wäre im Stande «
    Der Geheimrat hielt plötzlich wie durch eine Erinnerung gestört inne
    Ein Secretair unterbrach das Gespräch in einem Augenblick wo der Geheimrat
selbst im Begriff stand es zu enden vielleicht weil ihm Gedanken aufstiegen
für die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien
    »Ich kann heut Niemand mehr empfangen« rief er dem Sekeretair zu »Mein
Gott wenn man doch wüsste wie ich überlaufen bin Ich kann mich doch nicht
verdoppeln und verdreifachen«
    Der Sekretär nannte einen Namen Das Gesicht des Wirklichen verzog sich
merklich in die Länge
    »Diesmal werden Herr Geheimrat ihn wohl nicht abweisen können« sagte der
Rat »Sie ließ ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden«
    Aufgähnend und mit einer französische Phrase fand sich der Geheimrat in
sein Schicksal
    Der Rat beurlaubte sich das nächste Gespräch wurde wohl  besser ohne
Zeugen geführt
 
                                Achtes Kapitel
                Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrat
Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause als  wir ihn hier wieder sehen
Die süßesten Falten glätteten sein volles Gesicht und die Glätte ging über die
sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf Lächelnd der Mund das Auge den Hut in
der Hand hatte er an der Tür seine respektvolle Verbeugung gemacht um den
Dreiecker an die Brust gedrückt mit einer Bewegung welche an die der Maus
erinnern konnte auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen
    »Mein teuerster Gönner«
    Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck der
ihm drohte sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt den er mit der Linken fasste
und bewegte um sich gelegentlich darauf zu stützen während er mit der Rechten
sich auch gelegentlich bewegte Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um
einen Kopf größer als der andere Geheimrat Ob er es war lass ich ungesagt
    »Mein Herr Geheimrat ich hatte nicht erwartet dass wir uns so begegnen
sollten«
    Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt Den Hut noch fester an die
Brust drückend verneigte er sich noch tiefer »Mein Herr Geheimrat wer hat
keine Feinde«
    »Um das kurz abzuschneiden von Ihren Feinden weiß ich nichts aber ich weiß
doch Alles Ich bin nicht Ihr Richter das wissen Sie Wie Sie sich vor dem weiß
brennen wollen ist Ihre Sache zu mir kommen Sie aus andern Gründen Einem
Advokaten muss man Alles sagen«
    »Soll ich sagen dass mich diese edle Gesinnung überrascht Nein Iustice et
humanité voilà le patrimoine de la famille de Bovillard Si mon ami Bovillard
est mon advocat je suis lhomme le plus heureux«
    »Herr rasen Sie Von Ihrer Kassation ist die Rede Um des Himmels Willen
plagte Sie denn der Teufel Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst wissen
Sie nicht wie man uns auf die Finger sieht wie man die unschuldigsten
Handlungen verdächtigt und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen Herr
Geheimrat Sie verdienten ja schon darum «
    »Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt «
    »Zum Geier mit Ihren Intentionen Wissen Sie wie der König die Lippen biss
wie die Königin blass ward wie ein Jemand den ich nicht nennen will die
Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte das sind die Freunde des Herrn
Lombard wie Seine Majestät die Hände auf dem Rücken stumm durchs Zimmer
gingen das muss anders werden  heißt das Ordnung Das nennt man Humanität dass
man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lässt  Es muss
es soll anders werden schlossen Seine Majestät check hat ihn noch nie so
gesehen Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug
er musste sie umschreiben Was sagen Sie nun«
    Lupinus wusste nichts zu sagen Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb
mechanisch die Hände über den Hut bis der Wirkliche ihm zu Hilfe kam
»Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein aber verstehen Sie ganz
reinen und bis auf den Grund«
    Ob der Wein ganz rein war lassen wir auf sich beruhen Es war so ziemlich
derselbe den wir in Lupinus Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet Nur blieb
der tolle Sohn des Geheimrats aus dem Spiele Der Zuhörer welcher besonders am
Schluss aufmerksam den Kopf wiegte schien einigermaßen befriedigt denn er
sagte als der Andere zu Ende war »Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten
dass Sie nichts hinzugetan noch davon genommen haben ich meine dasswenn Sie
vor dem Richter stehen Sie ebenfalls nichts mehr noch weniger aussagen
würden«
    
    »Wir sind Menschen Herr Geheimrat wir sind alle Menschen und unser Loos
ist irren«
    »Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen die nicht irren
sollen sonst jagt man sie fort«
    »Seine Majestät der König kennt gewiss meine Loyalität«
    »Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz Ich möchte Ihnen
nicht raten sich darauf zu berufen Überhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen
und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art Wenn man ein Beamter ist Ihres
Ranges die gebildete Gesellschaft besucht ist erste Pflicht dass man sich um
die Verhältnisse und Ansichten kümmert Vielleicht liegt das in Ihrer Familie «
    »Herr Geheimrat meinen meinen Bruder in der Jägerstrasse Ja um die Dehors
kümmert er sich allerdings wenig Sollte er sich vielleicht bei irgend einer
Gelegenheit einen Verstoss haben zu Schulden kommen lassen Gott er hat ein
gewissermaßen kindliches Gemüt er kann kein Wasser trüben Aber Gelehrte 
Gelehrte mein teuerster Gönner ach der Vers ist wie auf ihn gemacht
Er weiß wie man in Rom gegessen
Und zu Athen sich gab den Kuss
Darüber hat er ganz vergessen
Wie man die Gabel halten muss
Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen dass er sich
doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte«
    »Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten« fiel der
Wirkliche wieder verdrießlich ein »Mein Herr Geheimrat es ist ganz
unbegreiflich wie Sie die Veränderungen übersehen haben die sich in unsern
Sitten zutrugen Ja ja in unsern Sitten Sehen Sie denn nicht ein dass und wie
sich alles geändert hat Ein junger tugendhafter König ist unser
Staatsoberhaupt eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner
Seite Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität von wirklich rührender
Häuslichkeit Fühlen Sie denn nicht wie dies Beispiel schon auf das Publikum
einwirkt Anfangs war man etwas frappirt man verstand es nicht dass es dauern
könne man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel Manche fürchteten sogar
dass die Königliche Autorität verlieren würde ohne Gold und Silberapparat Aber
es war anders Wird dieser König weniger geliebt als der höchstselige Ja ich
wage zu behaupten der große Friedrich ward nicht so venerirt Wenn dieser
jugendliche Monarch mit zwei Rappen die schöne Königin an seiner Seite durch
die Linden kutschirt wie schlagen alle Herzen Hören Sie die Bemerkungen der
Leute Das sind Symptome mein Lieber auf die man achten muss Bemerken Sie denn
nicht wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen Man muss
sich fügen mein Lieber man muss mit dem Strome schwimmen man muss sich kleiden
wie die Andern wenn uns auch die Mode nicht gefällt Ou voulezvous être un
original qui ne se désoriginalisera jamais Glauben Sie mir es gefällt Manchem
am Hofe nicht ich muss manche Klage hören aber man fügt sich Manche Liaisons
sind stadtkundig wer hatte bisher Arges daran aber  man genirt sich jetzt
man fährt nicht mehr zusammen in den Tiergarten Ich könnte Ihnen  aber nen
parlons pas à propos  man sagt mir Sie besuchen noch immer das Haus der
Schubitz«
    Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an
    »Mein hochverehrtester Gönner auch das«  Offenbar wollte er was man nennt
mit etwas herausplatzen vielleicht aus der Defensive in die Offensive
übergehen aber rasch sich besinnend fuhr er in dem vorigen süß flötenden Tone
fort
    »Wenn ich sagen dürfte wie anständig es dort hergeht Ich kann beteuern
dass alles Unmoralische davon entfernt ist In den unteren Zimmern versammelt sich
abendlich gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen Man trinkt Tee
man lässt sich eine Bowle brauen in heitern Gesprächen vergehen die Stunden
Wie mancher Geschäftsmann erdrückt von der Last des Tages der keine Familie
hat oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet sucht die
Zerstreuung die notwendige Erholung um sich wieder zu erfrischen für die
Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages Der Staat fordert von uns ungeheure
Opfer er muss uns doch auch etwas Erholung gönnen Einige machen auch ein
Spielchen die Räume sind so gemütlich und hell Muss man denn immer Arges
denken Diese leichten anmutigen Kinder der Natur  ich will im entferntesten
nicht für ihre vertu sonst einstehen  aber in diesen Reunions wenn doch auch
nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre Hüpfende Gazellen Hebes mit der
rauchenden Schaale mischen sie sich in das Gespräch man hält sie fest wenn
sie entschlüpfen wollen man richtet Fragen an sie und freut sich ihrer
schalkhaften Antworten Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen Ich
will auch nicht dafür einstehen dass man nicht einmal überrascht von einer
naiven Antwort den losen Schalk auf den Schoss zieht und ihn dafür mit einem
Kuss auf die Lippen belohnt oder bestraft Aber wie gesagt il ny a rien là
dimmoral Monsieur le conseiller Man findet immer achtungswerte Gesellschaft
die höchstachtungswerteste zuweilen  Herr Geheimrat würden erstaunen wenn
Sie hörten welche Equipagen vor dem Hause halten  oft die ganze Behrenstrasse
hinauf bis zur Friedrichsstrasse Man trifft sich auch mit den Künstlern den
Genies unserer Stadt Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten
Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgesprjetzt Da ist der berühmte
Bildhauer das Genie  wie heißt er doch gleich  der macht Studien zum
Basrelief für das neue Schauspielhaus Der tiefsinnige Herr Adam Müller ce
génie mystique las den Damen aus seinen Schriften vor sil mest permis de
mexprimer ainsi pour les convertir Reine psychologische Studien Der Herr
Hofrat Hirt versichert bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer
erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde was der Lichtenau so gefallen hatte
er hat es im Marmorpalais contrefeien müssen Da sagte auch neulich Fleck  doch
das erinnern sich Herr Geheimrat  von der Auguste könnte die Schick agiren
lernen wenn sie die Dido singt Enfin je vous assure mon génie protecteur on
ny va que pour faire ses études artistiques philosophiques psychologiques «
    »Et physiologiques« unterbrach Bovillard »Und was studirten Sie Herr
Geheimrat«
    »Menschenkenntnis Herr Geheimrat Lernt man in der Schwäche sich nicht
selbst am besten kennen«
    »Das will ich gelten lassen Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl
seine Pantoffeln in das Haus«
    Der Geheimrat senkte den Blick »So viel mir bekannt sind diese schon vor
Monaten wieder abgeholt«
    »Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt Denn merken Sie noch etwas
eine Polizeiordre ist unter der Feder in diesen Häusern soll künftig eine
Präsenzliste geführt werden Wer aus und eingehet muss seinen Namen
einschreiben An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen wer sie besucht
hat und die Beamten werden höheren Orts gemeldet«
    Die beiden Geheimräte sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke
an Es entstand eine Pause Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem
Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten als jener nach einem kurzen
Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend sich mit überkreuzten
Beinen auf das Sopha setzte Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern
Ecke Platz
    »Und dann warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Straße Konversation
anfangen und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen«
    »Mon Dieu auch das ein Verbrechen wenn das Herz uns treibt unsere
Mitmenschen zu uns zu erheben Je vous proteste ce nest rien que linspiration
dun coeur humain«
    »Genialität mon ami Ces beaux temps sont passées Sie werden mich gewiss
nicht zu den Rigorosen rechnen aber man muss doch auch mit einem gewissen Ernst
der unserer Stellung und unserm Alter ziemt die Verhältnisse betrachten Es
musste anders werden Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so
viel Affröses verletzt Man hätte sich nicht wundern dürfen wenn er selbst mit
rigoroser Strenge dazwischen fuhr Aber in seiner milden bescheidenen Weise
zieht er es vor nur durch sein Beispiel zu wirken Und es ist überraschend wie
es schon gewirkt hat Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe Hört man noch
das disgustirende Geplauder von sonst Ein Wort ein strafender Blick der
Königin und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein  die chocquirenden
Konfidenzen verstummen Kennen Sie die alte Voss wieder Ganz die Airs einer
würdigen Matrone Wenn es auch noch nicht überall einklingt so macht man doch
Efforts Selbst Komtess Laura geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst
Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht mit welcher Decenz
geschieht es Da kennt Keine die Andere so tief maskirt Ihre Wagen lassen sie
schon an der Ecke der Doroteenstrasse zurück Nein die Progressen in der
öffentlichen Moral sind unverkennbar Und die Minister Was kann denn erhebender
sein als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat und
wie ein Patriarch unter den Seinen lebt Die Frau Ministerin wenn sie das
schlichte Häubchen auf dem Kopf die Schürze vor als Hausfrau in Küch und
Keller waltet Ein Fremder könnte glauben dass er in eine gewöhnliche
Bürgerwirtschaft gerät Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüßen ein
Trunk Bier steht immer auf dem Tische« 
    »Trinken Excellenz jetzt Bier« fiel Lupinus rasch ein  »Wahrscheinlich
von dem was mein Freund der Hofrat Fredersdorf in Spandow braut Ein
treffliches Bier aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein«
    »Das tut wohl nichts zur Sache Ich meinte nur «
    »Vielleicht nur des Magens wegen  Excellenz leiden an Indigestionen  da
würde ein bitteres Magenbier zum Exempel das Zerbster  der Magen eines
Ministers ist etwas kostbares für das Land  ich habe da eine gute Quelle
Meinen Herr Geheimrat vielleicht dass Excellenz es nicht ungütig nehmen würden
wenn ich mir erlaubte ein Fässchen «
    »Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen« sagte Bovillard aufstehend
»denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen« Aber der Alp auf der Brust des
Geheimrat Lupinus schien sich doch allmälig gelöst zu haben als er die
Teilnahme seines Gönners bemerkte Die Sache war nicht durch einen Scherz zu
beseitigen Man sprach auch von einem Dritten der seine Vermittlung schon
angeboten »Wenn man dem nur ganz trauen kann« sagte Lupinus Der Wirkliche
lächelte leichthin »Das zu prüfen ist meine Sache Ihre Anstand Ernst
Moralität zu zeigen  und vorsichtig zu sein Denn mir ist gar nichts darum zu
tun dass Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hintertür schlüpfen
sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen Verstehen Sie mich mein Herr
Geheimrat Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung weil unser
Interesse damit zusammenhängt Verstehen Sie mich Wissen Sie auch dass der
Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat«
    »Womit habe ich das verdient« Beinahe entfiel ihm der Hut als er mit der
Hand über die Stirn fuhr
    »Das machen Sie mit sich selbst aus Dann kann ich Ihnen auch nicht
verbergen dass das Verhältnis mit Ihrer Köchin Seine Majestät choquirt Sie
täten besser sie wegzuschicken oder wieder zu heiraten«
    »Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte  mein Gott ich
bin ja zu allem bereit  jeden Augenblick«
    »Warten Sies doch noch ab«  entgegnete der Wirkliche wirklich von diesem
Zeichen der Devotion überrascht »Es kann sich manches wieder ändern Überhaupt
müssen wir warten« setzte er hinzu »denn ich besinne mich dass der Minister
morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist«
    Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug Bovillard schien
schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt als er die Hand an der Tür ihm
ein à propos nachrief
    »A propos wissen Sie nicht was aus der Jenny geworden ist«
    Lupinus halb schon aus der Tür war im Augenblick zurückgeschnellt und
mit derselben Elasticität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck der das
grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war Es war die
allmächtige Natur welche die Folterbande gesprengt hatte
    »Die ging ja nach Leipzig  nach dem Vorfall «
    »Das weiß ich Aber von da«
    »Man sagte nach Paris Ah ces souvenirs« Der Geheimrat von der Vogtei
küsste seine Finger
    »Wie eine Gazelle« sagte der Wirkliche
    »Und eine Taille«
    »Quand elle pirouettait autor dellemême «
    »En petit comité viel ravissanter als hinter den Lampen Diese Grazie«
    »Augen wie eine étincelle«
    »Et sont esprit«
    »Witzig Sie konnte fünf Mann tot machen«
    »Et ses délicieux petits pieds Erinnern sich Herr Geheimrat noch an jenen
Abend wie sie auf den Tisch sprang« 
    »Nen parlons pas« Bovillard wehrte mit der Hand Mit einem eigentümlichen
Blick setzte er hinzu »Mon cher conseiller cest à vous taire  et surtout à
présent«
    »A moi« Lupinus senkte die Augen die Hand auf der Brust »Dailleurs ces
souvenirs dureront plus que ma vie«
    »Ja sie hat manche Erinnerungen hinterlassen« schmunzelte Bovillard
    »Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen« setzte der Andere hinzu
»So was kommt doch nicht wieder Sind Herr Geheimrat nicht auch der Meinung es
verschlechtert sich Alles in der Welt«
    »Es kann aber auch Einiges besser werden« sagte Bovillard Noch einmal rief
er dem Scheidenden nach »Also un peu plus de morale et  de modération«
 
                                Neuntes Kapitel
                               Der dritte August
Der dritte August fing in Berlin an ein Feiertag zu werden Die Bürger freuten
sich dass sie einen guten König hatten Sie hatten lange keinen guten König
gehabt denn der alte Fritz war wohl ein großer König aber er war ein Fürst
gewesen den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte Es verehrte
es bewunderte ihn aber den Bürger schauerte wenn er dachte dass er mit ihm auf
einer Diele unter einem Dache stehen sollte Der Müller von Sanssouci war ein
einzelner Mann Und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich
und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten Wenn er durch die
Linden ritt auf seinem alten Schimmel liefen ihm die Kinder nach und schrien
und waren glücklich wenn sie die Sohle seines Stiefels den Saum seines Rockes
anfassen konnten auch leuchtete sein Auge noch immer groß und durchdringend
und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem großen Könige aber Liebe hat der
matte Strahl des großen Auges nicht mehr geweckt
    Und als der große Mann im Sterben lag durchschauerte es auch wohl die guten
Bürger dass so ein großer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt
scheiden müsse Aber an seine großen Schlachten und was noch größer seine
Taten für den Staat und dass er die Seele dieses Staates gewesen und ob eine
andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde daran dachten
sie nicht Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein dass der Staat ein Leib
sei der eine Seele braucht Sie dachten vielmehr  ganz still  wenn der Alte
tot ist hören die Kaffeeriecher auf und vielleicht auch die Tabaksregie
Unter diesen Gefühlen der guten Bürger die man später die Gutgesinnten nannte
entschlief der größte Mann seines Jahrhunderts Wenn ers gewusst vielleicht
hätte sein letzter Seufzer geklungen das hatte ich nicht verdient Und darum
jubelten die guten Bürger dem neuen gütigen Könige entgegen der auch wirklich
die Kaffeeriecher fortjagte aber später und sehr bald ward er kein guter König
 Er starb in seinem Marmorpalais am heiligen See einsamer als der große
Friedrich in Sanssouci Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige
und dem Volke
    Und nun hatte man wirklich einen guten König Durch viele Jahre war er
derselbe geblieben es war Friede im Lande keine Kaffeeriecher den Tabak
kaufte man zu müßigen Preisen die Geisterbanner und Frömmler waren
fortgeschickt Handel und Gewerbe blühten die Soldaten waren zwar noch
Soldaten aber man konnte sich ja vor ihnen hüten und der König und die schöne
Königin fuhren so bürgerlich geschmückt so herzlich und zutraulich durchs Volk
Keine Läufer selten ein Vorreiter oft in einer einfachen zweispännigen
Kutsche Das Volk fing an diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen und 
es liebte seinen König
    Darum war bald der dritte August des Königs Geburtstag ein Feiertag
geworden Sie gingen vors Tor in die Schenkgärten sie strömten aufs Land in
die Dörfer die glücklichen Familien welche die Sorgen abwerfen konnten um
einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern
    Auf dem Hochplateau südlich von Berlin lag damals ein ländliches Dorf mit
hohen schönen dicht umwipfelten Bäumen mit moosbewachsenen Schilfdächern und
einer alten gotischen Kirche von Granitquadern Nur eine halbe Meile von der
Stadt versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern wo die Aehre im
Lehmboden üppig wucherte Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben
einst eine Besitzung der Tempelherrn von denen das Dorf den Namen trägt Diese
sind vor alten Zeiten schon von der märkischen und von der Erde überhaupt
verschwunden und das Feuer das ihre Edelsten verschlang hat auch allmälig die
schönen Linden und Ulmen der Dorfstraße versengt und die Schilfdächer der Häuser
verzehrt
    Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt Aber auf
den üppigen Rasen unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein
Spielplatz für ländliche Lust wie man ihn nur wünschen mochte Wo konnte man
freiere Luft atmen wo hingestreckt im Grün dem Spiel des Laubes dem Gesang
der Vögel ungestörter lauschen Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Ästen
um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen Noch prangten die Dörfer um die
Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirtshausschildern noch lauerten die
Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte Die Schenke war eine
Trinkstube und Kegelbahn weiter nichts die Familien kehrten bei den Bauern
ein die sie vom Markte kannten Und noch strömte nicht Alles hinaus was an
Sonn und Feiertagen die Werkstätte schließt um das Geräusch der Straßen
draußen durch neuen Lärm in ersetzen und den Staub den sie hinter sich
gelassen durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen
    Es war eine Pilgerfahrt der Familien Sie brachten eine sonntägliche
Stimmung mit Man hatte sie lang vorher besprochen Man freute sich einmal
unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern Wie Wenige waren gereist und
hatten schönere Gegenden gesehen und wie Viele hatten die Dichter gelesen und
konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur Auch wer das Theater
besuchte was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als
jetzt hörte und sah wenn er es glauben wollte dass die Menschen in den Dörfern
andere und bessere wären als die in der Stadt weil sie Gott und seiner Natur
näher sind Wenn auch nicht bei den Schäfern doch in der Hütte die der
Fliederstrauch überschattet sollte der Friede und das Glück des Lebens zu
suchen sein Bei aller Blasierheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung
durch Spott nicht wehren ja sie erwehrte sich selbst ihrer nicht Man musste
idyllisch sein
    Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen beschwerlichen Weg
hinaus wandern Sie steigen über den Sand des Templower Berges dann suchen sie
den festeren Fußsteig der neben der durchwühlten Straße fast baumlos nach dem
Dorfe führt Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel und ihre Schritte sind
nicht leicht außer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompaduren
mit was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll Oft muss der Familienvater
das Taschentuch herausziehen um den Schweiß zu trocknen und oft hält er still
und sieht ob die Andern nachkommen Da verstummt wohl das Gespräch aber sie
bleiben heiter Unter den schattigen Ulmen welche die Avenue des Dorfes bilden
hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder während der Vater sich
umsieht »Aber wo ist denn Adelheid«  »Ach du mein« ruft die Mutter »da
trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette Hab ichs ihr nicht verboten«
Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füßen nieder
»Mütterchen er war gar nicht schwer« Die Glutröte die ihr Gesicht
überzieht straft sie Lügen Sie steht einen Augenblick atemlos »Aber
englisches Mädchen wie konntest Du das tun« Der Vater schüttelte den Kopf
Aber als ihre Röte verschwindet weist die Tochter auf das Mädchen das noch
röter gefärbt herankeucht »Die Jette konnte ja nicht mehr« Der Vater
murmelte »Dafür ist sie im Dienst« doch es schien ihm nicht Ernst er klopfte
die Tochter auf die leuchtenden Schultern »Knüpfe Dein Tuch zu Du bist
echauffirt und wir sind gleich im Dorf« Der Wind wehte in die alten Ulmen als
wollte er die kleine Disharmonie weghauchen die Jette nimmt wieder den schweren
Korb auf die Hüfte und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter
    Nun fängt der Festtag an Die Hunde klaffen als sie das leichte Gittertor
in der Lyciumhecke geöffnet Adelheid kennt sie und sie kennen Adelheid sie
streichelt sie und sie wedeln zu ihren Füßen Aber es ist tiefstill im Gehöft
Die Flurtür ist nicht verschlossen doch auch im Innern des Hauses kein
menschliches Wesen Nur der graue Kater springt über den Herd und im Zimmer
schnattert der Staar in seinem Käfig indes die Wanduhr monoton tickt  Ach sie
sind Alle auf dem Felde Und das Feld ist weit  Dadurch scheint die
Lustbarkeit gestört Soll man die Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken
Nein der graue Kater der vor den Eindringlingen durch die angelehnte
Kammertür entflohen ist zeigt ihnen ein anderes Auskunftmittel Da liegt ja
die alte Großmutter im Bette Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr
sprechen aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden ihr Töne und
Verständnis zu entlocken Ja die Alte liegt noch da stumpfsinnig lächelt sie
wie zu allem auch den Eintretenden zu ihre Anrede ist ihr nichts anderesals
das Ticken der Uhr Aber sie gafft Adelheids Gesicht an ihr Grinsen wird zum
Lächeln sie muss sich neben sie setzen sie streichelt ihre Locken mit der
dürren Hand und wie durch die Berührung allmälig elektrisirt kommen Töne
hervor minder kreischend Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge Sie
verständigen sich ein Wort ein Blick und sie wissen dass die Hausfrau im
Kuhstall ist
    Bald fährt Frau Brösike vom Melken auf denn ein seltsames Kikeriki schallt
ihr aus der Wandluke »Wetter Wo kommen denn die Hühner her« und als sie sich
umwendet blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden
Lockenfülle und die kirschroten Lippen öffnen sich um zwei Reihen Perlenzähne
zu zeigen und ein »Angeführt mit Löschpapier Frau Brösike« ihr zuzurufen »I
so soll doch« ruft die Bäuerin und lässt den Melkeimer fallen aber ihre
Überraschung ist keine unangenehme »Ach die seelenhübsche Mamsell Adelheid
vom Gensdarmenmarkt« Auf dem Hofe aber hat eine andere Überraschung Platz
gegriffen die nicht so angenehmen Eindruck hinterlässt Das Dienstmädchen hatte
eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt als
eine heftige Ohrfeige die aus der Luft zu schwirren schien ihre brennenden
Backen noch röter machte Der Eimer schnellte aus ihrer Hand und das Wasser
das sie nicht trinken sollte überschüttete sie aus den Lüften »Es geht doch
nichts über die Unvernunft solcher Leute Zu trinken wenn sie erhitzt sind« 
Das Mädchen weint aber sie beklagt sich nicht Der Hausherr hat das Recht Auch
die Hausfrau widerspricht nicht nur flüstert sie ihrem Alten zu »Alter
Solchen Leuten schadet es nicht Das liebe Vieh trinkt auch wenn es Lust hat
und frägt nicht obs die Doktoren verboten haben«
    Nun ist alles helle Tätigkeit inner und außer dem Hause Jeder hilft mit
denn mitarbeiten an der Herrichtung der Tafel zum Mittagstisch ist ein Teil
der Freude Jeder nur der Vater nicht Ihm wird der erste Schemel unter die
Linde gesetzt dass er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann Die Bäuerin will dem
Herrn Kriegsrat selbst die Kohle bringen aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab
Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft und einige Züge versucht kräuselte
es sanft aus dem Meerschaumkopf und aus den Lippen schießen Rauchwirbel
regelmäßig hervor Die Pfeife zieht alles ist in Ordnung der Vater nicht
freundlich der Tochter zu und sie flieht vergnügt ins Haus
    Was soll man zuerst ergreifen Die Bäuerin eilt aus Heck auf den kleinen
Hügel und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde Sie mussten es wohl
gehört haben denn bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche
die ihr zur Hand sind Da knarrt der Ziehbrunnen das Reisig prasselt auf dem
Herde bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes die der älteste
Knab noch eben im Hofe gespalten und die Mutter aus der Stadt packt in der
Stube aus den Körben und Beuteln und verteilt und bespricht mit der Hausfrau
Aber eben so schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch Schemel und Bänke
aufs Grüne unter die Linde Es fügt und schichtet sich wenn auch nicht ganz
regelrecht Wie kann ein winklich gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen
die ja rund ist Das Tischtuch fliegt hinauf die irdenen Schüsseln und Teller
halten es fest wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will und die Schüsseln
füllen sich schon nicht vom Reis der noch über dem Feuer siedet aber von den
Lindenblüten die der Zephyr von den Zweigen schüttelt
    Es war ein goldiger Tag Die Hitze war nicht gering aber auf den Körper des
Familienvaters der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche schien sie wie
ein Balsam sich zu senken Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn Drinnen
war alles geordnet sie konnte es den andern überlassen und den Strickstrumpf
vorholen um auch der Ruhe zu pflegen
    »Es hat Dich aufgeheitert Du warst heut Morgen anders« sagte sie »noch
als wir zum Tor hinausgingen sahst Du vor Dich hin dass ich wunders dachte
was es wäre«
    »Und Du eiltest so aus dem Tor dass ich auch dachte wunders was es wäre«
    Sie ließ den Strickstrumpf sinken »Ja sieh mal ich hätte es nicht gern
gehabt wenn uns Einer begegnet wäre Denn eigentlich es ist doch nicht was
sich für uns schickt ich meine nämlich für Dich Ja als Du noch Subalterner
warst  aber nun und wer weiß was Du noch wirst da der Justizminister es mit
Dir so gut meint«
    Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und ließ die Pfeife am Fuße
ruhen »Das ist nicht immer ein Glück  Schickt sich Gottes Natur nur für die
Subalternen für die Vornehmen aber nicht«
    »Wie Du wieder bist Mann Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im
Hofjäger  Ins Freie raus ist recht hübsch ja und ich sage gar nichts
dagegen aber so zu Fuß mit Sack und Pack  Das schickt sich doch nicht mehr«
    Er war bei guter Laune »Nächstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen«
    Sie nahm die gute Laune wahr »Es ist mir auch schon recht dass Du lieber
hier raus wolltest als nach Charlottenburg denn da sind immer unterwegs die
Soldaten und die Gensdarmenoffiziere flankiren in den Gärten nach hübschen
Gesichtern und Du hast schon recht hier heraus kommen sie nicht geritten
weils zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren aber sieh mal
unsre Kinder werden doch jetzt größer besonders die Adelheid  Was siehst Du
denn so besonders dahin«
    »Ich freue mich dass die Adelheid so groß geworden ist«
    »Ist Dir sonst was Besonderes«
    »Ja ich habe Lust nach was Besonderm« nickte er »denn ich bin durstig«
    Die Erklärung des Besonderen schwebte schon heran Adelheid kam aus dem
Kruge mit einem Glase Weissbier Wer ein Glas Weissbier das berliner große Glas
welches in der populären Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heißt gesehen
hat wie der Schaum wenn es gut eingegossen noch einige Zoll über den Rand
steht und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben
muss  und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwägt vom Kruge bis
zur Linde der konnte sich über Adelheids Geschicklichkeit wundern ein Künstler
aber würde sich gefreut haben mit welcher Grazie sie das Glas trug
    Die schönen Formen des Mädchens entwickelten sich bei jedem Schritt und mit
jedem trat sie zuerst vorsichtig ausschreitend sicherer auf Als sie aber die
Anhöhe unterm Baume hinaufsteigend das Glas mit beiden Armen erhob und dem
Vater zulächelte glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meissels der
Hebe die den Göttern die Schaale reicht
    »Dass Dirs gut bekommt Papachen«
    Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge Er reichte
es der Tochter weil sie als Botenlohn das nächste Recht habe Sie nippte und
reichte das Glas der Mutter
    »Ich mag nichts« die Mutter musste ja stricken
    »Alte trinke Schluck runter was Dich verdriesst«
    Sie durstete auch Sie wollte nur gezwungen nippen aber sie trank  Den
Unmut hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt als sie das Glas zurückgab
    »Die Adelheid in den Krug zu schicken Das ging wohl an so lange sie die
Flechten im Nacken trug Und weißt Du denn ob nicht Soldaten im Kruge sind«
    Der dritte August oder die warme Sonne oder das Spiel des Lindenlaubs
musste auf der Brust des Kriegsrats das Erz geschmolzen haben Er fuhr die Frau
nicht an worauf sie doch gefasst war er sagte nicht sie solle sich um das
bekümmern was sie anginge  er gab ihr Recht Aussprach er es nicht aber er
zupfte der Lieblingstochter am Ohr »Die Klara soll das Glas nachher
zurückbringen und das Pfand einlösen«
    »Vater es sind im Krug keine Soldaten Aber den alten Major Rittgarten traf
ich da mit dem steifen Beine  Der lässt Dir sagen nach Tisch will er uns auf
eine Tasse Kaffee besuchen Er freute sich mich zu sehen und freut sich noch
mehr mit Dir ein halb Stündchen zu plaudern«
    »Ich will gar nichts damit gesagt haben Alter dass Du durstig warst und mal
einen guten Trunk Dir machen wolltest« sagte die Frau als die Tochter
fortgehüpft war »auch meinethalben mochtest Du sie schicken aber tue doch die
Augen auf sie wächst ja aus den Kleidern raus und wir tun noch immer als ob
sie ein Kind wäre«
    »Ist geboren in der Nacht wo der Gensdarmenturm einstürzte« sagte der
Kriegsrat »Das vergisst sich nicht und lässt sich leicht ausrechnen«
    »Nun ja siehst Du für uns kann sie immer noch ein Kind sein aber was
sollen die Leute draußen sagen Die kurzen Röckchen das passt doch wirklich
nicht mehr«
    Nach einer kurzen Pause sagte der Vater »Soll andere Kleider bekommen
habs schon in meinem Etat mir zurecht gelegt«
    In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen Ein Eisen
muss man schmieden so lange es heiß ist
    »Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind«
    »Ist Dir das wieder nicht Recht Soll ich das auch anders machen«
    »Du nicht Alter nein aber die Erziehung Die Nähschule und die andere
nun ja so lange ging es aber wir sind doch nun was anderes Das Bischen
Französisch das ist ja gar nichts Sieh mal des Inspektors Töchter die über
uns wohnen wie parliren die schon Und wovon sprechen sie nicht wenn sie in
Gesellschaft sind von römischer Geschichte und Bonaparte und Afrika und von
dem Dichter Schiller wissen Dir die Tischlertöchter drüben ganze Gedichte
auswendig Mir ist da oft zu Mute als müsste ich mich verkriechen weil ich
davon nichts gelernt Nun ich bin eine alte Frau oder werdes doch werden
aber um die Adelheid tuts mir oft in der Seele weh wenn sie so gar nicht
mitsprechen kann Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen und ein einziges Mal
ist sie in der Komödie gewesen Gott sei Dank sie hat Mutterwitz dass sies
ihnen geben kann und darum behält sie Respekt Aber lieber Mann französisch
muh sie lernen und ein Bischen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen«
    Der Vater passte drei Mal heftig und schlug sich auf den Schenkel »Tanzen
soll sie nicht lernen Und Romane und französisch parliren und klimpern auch
nicht Dass Dich Ich werfs zum Fenster hinaus wenn ich was attrapire Und  in
die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht«
    Sie ließ ihn sich erholen »Da hast Du auch ganz recht Alter« hub sie
ihre Maschen zählend wieder an »und sie wird schon ohnedem tanzen lernen denn
sie hat ein Geschick dazu und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist Aber
sie wird doch älter und ein Mal wird sie heiraten müssen Der Sohn vom
Hofbronceur der möchte sie gern haben Die Eltern sind reich Nun ja wenn Du
sie dem geben willst da braucht sie nicht mehr zu lernen«
    Der Vater schwieg wieder »Sie konnte ihn ja nie leiden«
    »Und weißt Du was die Jette sagt Sie hätte doch bei vielen Herrschaften
gedient Aber eine solche Mamsell wäre ihr noch nicht vorgekommen Die stäche
manches Fräulein aus auch manche Gräfin hätte nicht so seine Art Du bist doch
nun einmal Kriegsrat und wir müssen in Gesellschaften Sollen wir die Adelheid
immer zu Haus einschliessen Du siehst es freilich nicht wie sie zu uns rauf
gaffen wenn sie am Fenster strickt und ich habs Dir nicht sagen wollen vom
Bäcker nebenan oben auf dem Boden kann man in unsere Schlafstube sehen Da
steigen die jungen Herren vom Kammergericht die Referendare die beim Bäcker
wohnen hinauf und sehen runter wenn wir Licht anmachen Seit ichs weiß darum
hab ich Dir die dicken Vorhänge abgeschwatzt Aber willst Du sie immer
behüten«
    Der Kriegsrat antwortete nicht
    »Du hast schon ganz recht Wenn wir sie in Gesellschaft führen da wirds
ein großes Gaffen geben und die Herren werden um sie schwenzeln Aber ich weiß
doch nicht Alter ob sie da besser dran ist wenn sie nicht französisch kann und
nicht Klavier spielen und wenn die Leute endlich merken sie ist ein Gänschen
mit der kann man schon was aufstellen oder «
    Der Kriegsrat war aufgestanden Die Pfeife stellte er an den Baum seine
Frau nahm er unter den Arm Sie gingen unter den Linden langsam auf und ab und
er klopfte ihr auf den Arm »Du bist schon eine kluge Frau« Sie hatte gesiegt
Sie waren einig dass Adelheid eine Erziehung erhalten müsse um in der Welt
aufzutreten Weniger einig waren sie über das wie »Davon ein ander Mal« sagte
der Kriegsrat Aber sie hielt plötzlich inne und sah ihn groß an »Alter
dahinter steckt noch was andres Gestern Abend kamst Du nachdenklich nach Haus
und Du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und
heute Morgen auch Alter da ist was los Sonst hättest Du auch nicht so schnell
nachgegeben«
    Der Kriegsrat sah seine Frau scharf an aber nicht unfreundlich
»Christine es ist was los  eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen bis
es gewiss ist aber ich weiß Du plauderst nicht Der Geheimrat Lupinus von der
Voigtei «
    »Wird kassirt« fiel sie ein »weil die Gefangenen die Fensterscheiben
eingeschlagen haben«
    »Es ist möglich dass er sein Amt verliert oder seine Entlassung nehmen
muss« korrigirte der Kriegsrat »In diesem Falle gedenkt seine Excellenz der
Herr Justizminister «
    »Dir  Dir Mann« rief sie verwundert »Siehst Du wohl was Konnexionen
machen Ich weiß es von mehr als Einem wie Dir der Herr Justizminister gewogen
sind«
    »Ich verdanke ihm meine Stellung das weiß ich Eigentlich wäre das nun
nicht meines Amtes noch ists meine Karriere aber Excellenz haben die gute
Meinung von mir dass ich der rechte Mann wäre um dort die Zucht und Ordnung
herzustellen«
    »Und Du nimmst sie doch an«
    »Still« gebot ein fast drohender Blick »Die Sache mit Lupinus ist noch
nicht entschieden Und wenn soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen
Denn wie Viele Würdigere würden um mich zurückgesetzt«
    Die Frau Kriegsrätin wusste sehr viele Gründe warum er annehmen müsse sie
wusste dass er ganz zu dem Posten befähigt sei denn daran zweifeln hieße ja an
der Autorität seines hohen Vorgesetzten zweifeln der werde es doch am besten
wissen wozu er tauge Und um die Andern kümmere sie sich gar nicht »Und«
schloss sie »Du würdest dann auch Geheimer « Sie erschrak und verschluckte das
Wort »Aber «
    Aber einig wurden sie doch Die Adelheid sollte französisch lernen und ein
Lehrer im Hause angenommen werden für Geographie und Geschichte und was sonst
so nötig ist damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist Dazu gab der Vater
die Einwilligung Klavierspielen  auch das  aber Aestetik Ja Gellert und
auch Bürger und vor allem der treffliche Gleim Er konnte alle seine
Preussenlieder auswendig  »Mann Mann« sagte die Mutter »da lächeln sie über
uns Sie sprechen immer nur über Schiller und Goethe und Tiedge Die muss sie
kennen lernen« Gegen Schiller hatte der Kriegsrat nichts einzuwenden die
Königin liebte diesen Dichter und er hatte erfahren dass auch der König sich
einmal günstig über ihn geäußert Und Goethe ließ er passieren sein Götz von
Berlichingen hatte ihm wunderbar ums Herzl geklungen »Solche eiserne Hand täte
unserer Zeit not« Aber Tiedge der sollte ja extravagante Ideen und die ganze
junge Schule unsittliche Grundsätze predigen Darüber wusste die Mutter nicht
Auskunft zu geben sie hatte nur gehört dass er ein frommes und himmlisches
Gedicht geschrieben was Orania heißt und ein anderes was die Verkehrte Welt
heißt Das wäre nicht so gut dafür wäre er aber der Verfasser von sehr hübschen
und moralischen Kindermärchen Im Übrigen meinte sie was sich für junge
Mädchen schickt werde wohl der Lehrer am besten wissen
    Damit war auch der Vater einverstanden auch dass Adelheid in bessere
Gesellschaft gebracht werden sollte Nur über die Familien wo man sie einführen
sollte war man in Streit Endlich schloss der Vater »Meinetalben wo Du
willst denn Du kennst die Frauen besser als ich nur nicht wo sie Romane
findet und Offiziere«
 
                                Zehntes Kapitel
                                 Die alte Zeit
Mit einem Schlag auf die Schulter rief eine Stimme hinter ihm »Und warum keine
Offiziere alter Schwede  Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen
Meinst ich könnte Deine Tochter verführen So seid Ihr Menschen am grünen Tisch
und hinter den Büchern lasst Euch einen Schreck vom ersten Besten einblasen und
weil Ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt um dem Ding ins Gesicht zu sehen
vermeint Ihr es sei Wunder was Ich sage Dir wer nicht der Gefahr entgegen
geht der ist schon halb verloren Was wäre Preußen wenn wir abgewartet hätten
bis die Oesterreicher und die Franzosen und Russen den siebenjährigen Krieg
anfingen Dass wir nicht die Hände in den Schoss legten dass wir nicht abwarteten
bis der liebe Gott es so schickte dass wir in ihr Gespinnst drein schlugen ehs
zum Netze ward das hat uns Glück gegeben uns stark gemacht und groß Wäre der
alte Fritz ein Duckmäuser gewesen und hätte gewartet und gelauert bis die
Anderen angegriffen dann hätte der liebe Gott ihm auch nicht beigestanden und
was aus unserm Preußen geworden das weiß der Teufel«
    Ein herzlicher Händeschlag folgte dem Schulterschlag Auch mit der Frau
Kriegsrätin »Reden Sie meinem Manne nur ein Bischen ins Gewissen rein Herr
Major s tut zuweilen Not wenn er gar zu zipp ist Sonst ists ein guter
Mann Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast Es wird gleich
angerichtet«
    »Dante schönstens Frau Kriegsrätin habe meinen Speckeierkuchen schon im
Kruge verzehrt aber ein Gläschen Wein da ich so was im Korbe flimmern sehe
und auf des Königs Gesundheit das schlägt ein guter Soldat und Untertan
niemals aus«
    Der Invalide konnte doch nicht lange stehen zum einen Schemel unter der
Linde war ein zweiter gerückt und als die Wirtin sich empfahl um in der Küche
nachzusehen dampften schon zwei Pfeifen
    »Es kann doch nicht Dein Ernst sein« sagte der Kriegsrat »Denn wer kennt
besser unsere Offiziere als Du«
    »Freilich kenne ich sie ich habe sie jedoch auch gekannt als sie noch
andere waren Aber das weiß ich auch je mehr Ihr Euch von ihnen zurückzieht um
so schlimmer wirds Auch die Soldaten waren nicht so arg als Friedrichs Auge
noch über sie wachte Doch das tuts nicht allein Wenn Ihr nicht vor ihrem
Anblick liefet und die Türen zuschlügt wo einer nur von fern sich blicken
lässt wenn Ihr ihnen offen entgegenträtet ein ernst Wort mit ihnen sprächet
so würdet Ihr manches anders finden als Ihr denkt Sie sind auch Menschen
aber wenn Ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet das macht sie wild und
boshaft«
    »Aber Du gibst mir doch recht dass man ein junges Frauenzimmer vor den
Offizieren wahren muss Vor allem eines das noch unerfahren ist«
    »Da schlägst Du Dich selbst Ein junges Frauenzimmer das sich zu benehmen
weiß läuft weit weniger Gefahr als eins das schon vor Schrecken aufschreiet
wenns einen Federbusch sieht weil die Mama ihm gesagt es soll sich davor in
Acht nehmen wie vor einem Raubtiere Denn das sind unsere jungen Offiziere
wenns auch nicht mehr dieselben doch nicht Ich sags grad heraus Ihr Herren
von der Feder und die anderen Ihr habt sie verderben helfen Warum macht Ihr
ihnen überall Platz und weicht vor ihnen zurück wo Ihrs nicht nötig hattet
Ists nicht eine Schande wenn ein alter Kriegsrat oder ein ehrenwerter
Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fähnrich ausweicht
Wo stehts denn geschrieben dass es so sein soll Wenn Ihr ihnen nicht immer das
Feld liesset und das Maul schlösset sondern grab raus den jungen Herrchen die
Wahrheit sagtet nun je Einer oder der andere würde ein Mal anlaufen aber im
Ganzen würde es anders wenn sie wüssten dass sie unter den Civilisten auch
ihren Mann fänden Darum dominiren jetzt die Uniformen wo sie mit den Fracks
zusammen kommen und die trennen sich immer mehr die doch bestimmt sind
zusammen zu halten als Brüder und Glieder eines Volkes«
    »Es ist seltsam einen alten Offizier so reden zu hören«
    »Es war nicht alles gut unter dem großen König aber es war anders Sein
Auge war ein Etwas was das träge Blut in Bewegung brachte Es war überall wenn
er auch nicht zugegen war Man stellte sich vor wenn man etwas tat oder
unterließ dass der König es gesehen haben könnte man fragte sich was er wohl
dazu gesagt wie er geurteilt hätte und das gab eine Disziplin die kein
Kommando macht Er war ungerecht O ja er ist es oft gewesen Aber wer von ihm
litt der setzte einen Stolz darin dass er litt er dachte sich eigentlich weiß
es wohl Friedrich jetzt dass er dir unrecht getan aber er kanns oder mags
nicht ändern um der Autorität willen oder aus Eigensinn Das Gefühl tat dann
wohl wie das pour le mériteKreuz auf der Brust Man litt um seinen König und
durch seinen König und der König weiß es auch und trägt vielleicht noch
schwerer daran«
    »Den Orden trägst Du auch«
    »Den dass ich ein Bürgerlicher war Ein Leiden lässt sich schon tragen was
viele Hunderte mit uns tragen«
    »Bei Torgau war es ja wohl«
    »Da fiel der Major der mein Regiment kommandirte und schon der dritte der
mir vorgezogen war Fiel auf den ersten Schuss Ich kommandirte es war nun mal
kein Anderer da und nahm das Fichtenwäldchen Die Herren gratulirten mir schon
diesmal komme ich doch nicht zu früh Herr Major sagte der alte Zieten der an
mir vorüber ritt Kam doch zu früh Der junge Kapitän  was soll ich in meinem
Groll einen Ehrenmann nennen  der noch Page beim König war kurz vor Ausbruch
des Krieges ward Major auf dem Schlachtfeld und erhielt nachher als Obrist das
Regiment hatte es gewiss verdient und was konnte er dafür dass die Übermacht
auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb Friedrich wusste es hatte ihn vom
Pferde stürzen sehen überreiten und wieder aufsitzen so war er blutend und zu
den Seinen zurückgekehrt«
    »Jedermann gibt Dir das Zeugnis dass Du es auch verdient hattest
Rittgarten Ich habe viele brave Offiziere gesprochen«
    »Wer sagt denn dass es Friedrich nicht auch dachte Aber er hatte mich zwei
Mal übergangen Wenn er es nun zum dritten Mal anders machte strafte er sich ja
selbst So wird der König gedacht haben und darum avancirte ich nicht auf dem
Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment Er ließ mich nachmalen fragen ob
ich nicht ein paar Freibataillons kommandiren wolle die sich damals über der
Elbe bildeten und hatte wohl die Absicht dass ich dann avanciren sollte Ich
ließ gehorsamst mich bedanken für die gnädige Attention mein ganzes Leben aber
wäre regulär gewesen und so möcht ichs auch gern zu Ende bringen Da hat
Friedrich gelacht ich weiß es und hat gesagt Der ist ein Starrkopf so soll
ers haben  Siehst Du das war so viel für mich als ein Orden  Nachher hat
er mich wohl vergessen Aber ich habe noch einen Orden von ihm«
    »Du«
    »Es war sein Sterbejahr Mir ahnte es Da hatte ich keine Ruhe mehr Wenn
ich ihn noch einmal sehen könnte Hatte längst meinen Abschied wie Du weißt
Jetzt war ich Major ein Invalidenmajor Reiste nach Potsdam und ging nach
Sanssouci hinaus Das Glück wollte mir wohl Ein alter Kammerdiener den ich
kannte ließ mich auf die Terasse Es war ein sonniger schöner Nachmittag wie
heut nur noch schöner es spielte so was wie Duft in den Orangenbäumen die
Sperlinge zwitscherten Der König saß an der offenen Glastür in seinem
Lehnstuhl den Pelz übergedeckt Sie wollten ihn zum letzten Mal die Luft dieser
Erde recht frisch kosten lassen Vor sich sah er nun was er geschaffen hatte
und darüber hinaus den blauen Himmel den der liebe Gott geschaffen hat Die
Kieferwälder in der Ferne bewegten sich Mir wars als hätte ich beten mögen
Und ich muss auch wohl die Hände gefaltet haben Wollte stehen bleiben da in dem
Winkel wo die Hunde begraben liegen Da klopfte der Wachtabende ders mir
wohl ansah an dem blauen Überrock dass ich auch Soldat gewesen  oder hatte es
ihm der Kammerdiener gesagt  er klopfte mir leis auf die Schulter Gehen Sie
nur immer vor und sehen sich Ihren König noch einmal au er schläft fest Wer
weiß ob er wieder erwacht Er stieß mich sanft vor  Das war ein eigen Gefühl
Mir klopfte das Herz wie da ich zum ersten Mal ins Feuer kam aber zugleich war
mir so ruhig so sonntäglich zu Mut  Nun stand ich vor ihm nicht zehn
Schritt entfernt die Sonne wollte hinter die Bäume sinken Gott weiß was ich
dachte Einmal wars mir als würde er wenn sie sinke auch die Augen
schließen und dann würde es Nacht werden und Alles was er geschaffen mit ihm
untersinken  Und das Gesicht des Schlafenden  Was lag darin Herr du mein
Gott was konnte Einer darin lesen Die Lippen bewegten sich ganz leise als
spräche er im Traume Nun schlug er plötzlich das große Auge auf Er sah mich
Ich stand wie eingewurzelt den Hut presste ich in der Hand und hätte mögen in
die Erde versinken Da öffnete er die Lippen Ihn kenne ich auch  bei Torgau 
vergess er mich nicht Sah mich wohl wie auch im Traum der vor ihm gaukelte
denn er schloss sie wieder Nur die Finger machten eine leise Bewegung Wars ein
Wink für mich oder was war es Da hub das Glockenspiel in Potsdam an die Sonne
war hinter die Bäume gesunken der Schatten fiel auf den großen König und ich
weiß nicht mehr wie ich fortkam«
    Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu tun der Kriegsrat
ebenfalls Es entstand eine Pause Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung
geraten denn beide Herren zogen sehr eifrig und benutzten den Rest der Pause
dazu dicke Wolken in die Luft zu blasen Und dann war alles wieder in Ordnung
    »Einem außerordentlichen Manne muss man schon Manches nachsehen« hub der
Major an »was man einem gewöhnlichen Menschen nicht verziehe Dafür ist er ein
großer Mann Und wenn Friedrich heut lebte so würde er wohl anders urteilen
und nicht noch weinen dass ein Bürgerlicher nur unter den Husaren gut ist nur
unter der Artillerie zum Offizier taugt  Und dass er dem jungen Herrn der sein
Page gewesen mein Regiment gab daran hat er ganz recht getan oder meinst Du
anders Ist er nicht ein General geworden der dem Staat Ehre gebracht hat
Warum ward der Bonaparte ein großer Feldherr warum hat er um sich eine Schule
guter Generale Weil ers mit der Anciennität nicht genau nimmt weil er die
Tüchtigen sich herausgreift wo er sie findet weil er auf dem Schlachtfelde
avanciren lässt wies ihm grade zu Mut ist Da ist Salz da ist Blut im Heere
er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprüchen Jeder hat
Aussicht dass ers bis zum General bringt und noch weiter wenn er seine
Schuldigkeit tut oder noch mehr Wenn das nicht gute Soldaten machen muss Fort
mit den Steifen und Alten in die Magazine und in den Train vorwärts mit den
Jungen«
    Der Kriegsrat sah ihn verwundert an »Damit tadelst Du ja Friedrich er
tat es nicht«
    »Der alte Fritz wusste was sich schickte und was er brauchte Er hatte es
mit einem Daun zu tun und seine Zieten und Seidlitze wusste er wohl zu
brauchen wo andere Feinde sich zeigten Und wie ich Dir sagte es war sein
Auge seine Presence die das Blut wieder umrührte wo es stockig ward Seitdem
ists schrecklich stockig geworden sonst wären wir nicht im Lehm festgeklebt in
der Champagne und seit dem Baseler Frieden ists noch ärger«
    Der alte Major wollte noch mehr sagen aber er tats nicht mit Worten er
klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel dass die
Pfeife ausging Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation
die Magd trug begleitet von den jubelnden Kleinen die rauchende Schüssel
Milchreis auf den Tisch Klara sprach das Gebet und die Mutter streute einen
Staubregen von Zimmt und Zucker über die Schüssel Ein Ah der Verwunderung und
Freude ging durch den Kreis der Kleinen »Das ist ein Sonntag Das ist Festtag«
Sie blickten den Major verwundert an nicht einmal Milchreis mit Zucker und
Zimmt wollte er genießen
    Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in
der Schaale auf den Tisch trug die aufgesprungen ihre würzige weiße Fülle
entfalteten ward das Ah noch lauter Aber wie erschrocken blickten sie auf den
Vater als dieser plötzlich die Hand auf die Schüssel legte »Halt Kinder Ist
es denn schon polizeilich erlaubt Mich dünkt das ist erst vom fünfzehnten
August ab«
    Die Bäuerin gab die Versicherung sie dürften jetzt schon vom ersten August
ab frische Kartoffeln zu Markte bringen und sie meinte es werde künftig noch
früher erlaubt werden weil die Kultur fortschreite
    »Dann schreiten wir doch in einem Ding fort« sagte lächelnd der Major
»Habs mir auch so gedacht wenn ich bedenke wie sie jetzt die Kriege führen
Ach die Küchenwagen die wir mitschleppen mussten und die Magazine die der
große Friedrich anlegte Das kostete ein Heidengeld und ein Fuhrwesen Der
Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindes Land ohne dass es ihm einen
Groschen kostet und eher fängt er den Krieg nicht an als bis sie fertig sind«
    »Wie meinst Du das«
    »Er lässt nicht früher ausmarschiren als bis die Kartoffeln reif werden Da
finden seine Soldaten ihre Magazine überall auf dem Felde Aber sie buddeln und
kochen sie auch im Juli ja wenn sie Hunger haben schon im Juni Kriegsrat
nicht wahr das ist abscheulich so gegen die Polizeiordnung zu handeln wenn
man hungert«
    »Ich finde es nur einem guten Patrioten kontrair Herr Obristwachtmeister
wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt«
    »Was Feind Kriegsrat Er ist unser Alliirter bedenke das Landrecht da
steht was von Landesverrat drin wenn man gegen alliirte Mächte raisonnirt Und
ein wie großmütiger Alliirter Fordert nichts von uns sie sagen er schickt
sogar recht viel ins Land Und rings um uns her stäubt er und fegt und macht
uns los von anderen lästigen Alliancen bis wir mutterseelenallein auf der Welt
dastehen Da wird er uns dann aus Herz fallen und drücken Du liebes Preußen
nun hindert mich nichts mehr Dir zu sagen wie ich Dich so recht herzinnig und
ganz besonders geliebt habe«
    Der Frau Kriegsrätin ward bange bei dem Gespräch Sie verstand es nicht
aber der Instinkt sagte ihr es sei anders gemeint als gesprochen und sie sah
eine hässliche Falte auf der Stirn ihres Mannes Da sah sie auch plötzlich die
Bienen die sie übrigens viel früher hätte sehen können denn sie summten
unverschämt um Gläser und Teller »Jemine Herr Obristwachtmeister da ist sie
in Ihrem Glase Schütten Sie aus das ganze Glas  frisch zu  Sie müssen mit
reinem Wein des Königs Gesundheit trinken«
    »Der schöne alte Franzwein« sagte der Major als er das Gläschen auf die
Erde tröpfeln ließ »Der gährte gewiss schon im Fass als ich bei Rossbach die
Schärpe verdiente« Er hielt plötzlich inne als er die Wespe mit dem Finger
hinausgeworfen »Alter Freund ein frisch Glas auf den jungen König aber jetzt
stoss an mit dem Restchen dass Preußen noch einmal ein Rossbach erlebt«
    Es war die Versöhnung Der Kriegsrat verstand es er fuhr aber so heftig
gegen das Glas des Majors dass es einen Sprung bekam »Tut nichts Ein neues
Rossbach wenn ichs auch nicht erlebe«
    Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Königs Gesundheit zu trinken
musste ein neues herbeigeschaft werden Dazu kamen andere Unterbrechungen Die
Jette trug lachend eine verhüllte Schüssel auf Die Mutter hob das Tuch und als
die Kirschkuchen sichtbar wurden war die Ordnung am Tische nicht mehr zu
erhalten »Gib ihnen die Kuchen und lass sie laufen« sagte der Vater »sie
haben doch keine Geduld mehr und stören uns nur« Dazu erschallte Trompeten
und Paukenmusik von einem Dorfende Es war lebhafter im Dorfe geworden
Equipagen fuhren vor aus der Schenke tönte militärische Musik
    »Mein alter Dessauer« sagte der Major »Verzeihung meine Freunde wenn ich
da zu meinen alten Kameraden muss«
    »Aber vorerst das Glas auf den König Alter«
    Der Major erhob sich Er sammelte sich zu einem Spruch indem er in die
Wipfel sah Es strahlte nicht mehr das Gold der Mittagssonne im Laube Eine
schwarze Wolke fuhr gerade über den Horizont Es war sehr heiß der helle
Schweiß perlte ihm auf der Stirn Indem er ihn abtrocknete verweilte er an den
Augen Er musste auch da etwas zu trocknen haben
    »Du helle Sonne die Du auf ihn schienst den Einzigen Herr Gott wenn Du
untergesunken wärst mit dem Licht seiner Augen und es wäre wirklich Nacht
geworden «
    Er sprachs mit feierlicher aber zitternder Stimme es war nicht was er
sprechen wollte Darum hielt er wohl inne das Glas in seiner Hand zitterte Der
Kriegsrat sah ihn ängstlich an die Kriegsrätin nach der Flasche ob er zu
viel getrunken
    Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge Er fuhr fort
    »Nein  nein  es wird wieder Tag werden Das alles kann nicht untergegangen
sein  es kann nicht es kann nicht Es schläft nur eine Weile Und wir werden
aufwachen und andere Augen werden strahlen Unser junger lieber
bürgerfreundlicher König meine Freunde dass die Sonne Preußens vor ihm aufgehe
dass sein Auge hell aufgehe das Gute vom Bösen zu unterscheiden dass sein Sinn
sich kräftige und stählern werde gegen die Ratschläge der Weichherzigen der
Schmeichler und Bösen unser guter junger König soll leben hoch in aller Preußen
Herzen«
    Man stieß an und die Gläser klangen auch ziemlich hell aber die innere
Bewegung des Invaliden hatte sich den Andern mitgeteilt es war kein fröhlicher
Gläserklang wo man den Becher mit vollem Herzen anstösst Auch ward es laut im
Dorfe eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Töne mit den
schmetternd kecken des Dessauer Marsches So ward eine kleine Disharmonie
    Der Major nahm kurz mit einem Händedruck Abschied die Bäuerin deckte rasch
den Tisch ab Es konnte ein Gewitter kommen und es war eine Reiterbande im
Dorf Man musste sich vorsehen
    Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen und ein Reiter im
sogenannten spanischen Kostüm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf in
gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel express zu Ehren Sr
Majestät des Königs einladend und umwogt von einer zahllosen Menge großer und
kleiner Zuschauer trottete ein Kameel heran einen Affen mit roter Jacke auf
dem Sattel und ein Bär in Ketten marschirte hinterher zum unendlichen Jubel
der Jugend dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd
 
                                Elftes Kapitel
                               Die Frau Obristin
»Herr Gott wo sind die Kinder«
    Kaum aber war der Angstruf heraus als die Verschwundenen schon unter den
Bäumen zum Vorschein kamen doch nicht allein Eine fremde Dame führte Klara an
der Hand zwei junge Mädchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu
    »Da sind gewiss die lieben Eltern« rief schon von fern eine Dame halb im
Reisekleide aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette »Entschuldigen
Sie nur meine Herrschaften dass ich mich so unangemeldet eindränge Aber die
englischen Kleinen gingen mir ans Herz und ich weiß was ein Mutterherz leidet
wenn es in Angst ist um seine Kinder Da liebe Kleinen sind Eure Eltern Habt
sie nun auch recht lieb und lauft ihnen nie mehr fort«
    »Mein Gott was ist es« rief die Kriegsrätin
    Die fremde Dame gab eine Erklärung die wir kurz zusammenfassen Sie war von
einer Reise mit ihren Nichten zurückgekehrt und hatte am Eingange des Dorfes die
ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen Um nicht mit solchen Menschen
zusammen zu kommen und auch des grässlichen Staubes wegen war sie ausgestiegen
und auf einem Fusswege durch die Felder ins Dorf gegangen aber sie traf doch
wieder auf der Dorfstraße die Gesellschaft und hatte mitten im Gedränge der
Zuschauer die allerliebsten Kinder die offenbar von guten Eltern waren
bemerkt Da war es ihr wie durchs Herz geschossen dass die Kleinen sich
verlieren und den Reitern nachlaufen könnten und einer der Reiter hatte die
Klara gefragt ob sie zu ihm aufs Pferd wollte und da hätte sie es für
Gewissenspflicht gehalten das Kind an sich zu reißen und die anderen auch um
sie nach ihren Eltern zu fragen und da sies erfahren hätte sie dem lieben
Gott gedankt dass sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen um die Kinder vor der
Gefahr zu retten und ihren lieben Angehörigen zuzuführen
    Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht Der jüngste Knabe namentlich
zankte mit dem hübschen jungen Mädchen welches ihn an der Hand noch immer
festhielt und schrie er wollte zu den Affen
    Der Kriegsrat hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich dass es
nichts weiter auf sich habe
    »Ach mein sehr geehrter Herr den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen«
sagte die Dame »aber gewiss sind Sie ein Patriot denn das sehe ich an den
Weingläsern und wer unseres guten Königs Geburtstag trinkt den erlauben Sie
mir schon dass ich ihn als meinen Freund ansehe Aber Sie meinen das hätte
nichts auf sich Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben Man kann sich
vor ihnen nicht genug in Acht nehmen O du mein Gott ich könnte Ihnen davon
Geschichten erzählen dass einem das Haar zu Berge steht Sehen Sie ich fuhr mit
meinen Nichten nach Leipzig damit sie ihren Vater sehen sollten Wir haben ihn
nicht mehr getroffen Nun das schadet nichts der Wille war doch gut und
Leipzig ist eine schöne Stadt und zur Messe Sie hätten die Freude der Kinder
sehen sollen bei den tausend bunten schönen Sachen Na ich gönnte sie den armen
Dingern Und als wir zurückfuhren brach ein Rad am Wagen Ich sagte zum
Kutscher der sonst ein recht verständiger Mensch ist i kann ers nicht
zusammenbinden dass wir noch nach Berlin kommen vor Königs Geburtstag Er sagte
partout nein Der Wagen müsste zum Schmied wir riskirten sonst auf der
Landstraße liegen zu bleiben Nun können Sie denken das wollte ich doch auch
nicht drei einzelne Frauenspersonen und so kamen wir in das Dorf drüben wie
heißt es doch gleich wo die Schmiede ist Ja da hieß es machen könnte er ihn
aber nicht vor heute früh und wir hätten auf der Streu liegen müssen in der
Schenke unter all dem Bauernvolk in der Wirtsstube Nun Sie können meinen
Schreck denken wenn nicht der Herr Prediger davon gehört und der invitirte uns
in sein Haus Sage ich Ihnen war das ein charmanter Mann und sagte
Unglücklichen helfen ist Christenpflicht Und die Frau Predigerin und ihre
Töchter Es ward uns heut Morgen recht schwer uns von ihnen zu trennen und die
Töchter und meine Nichten die konnten gar nicht von einander los und haben
Brüderschaft getrunken Im Himbeersaft nämlich Gott bewahre dass Sie denken
sollten in Wein Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen
Weinkeller Lieber Gott sie sind recht schlecht gestellt Ja wenn man so über
alle Ungerechtigkeit in der Welt machdenken wollte Aber ein Mann wie ein Mann
Gottes An den Augen sah er uns alles ab Und wie wir heut schon im Wagen saßen
brachten sie der Jülli und der Karoline die Vergissmeinnichtsträusse die sie am
Herzen tragen Sage ich doch man findet in der Welt überall gute Menschen und
wo man gute Menschen findet ist die Welt gut Wir werden uns auch wiedersehen
und vielleicht sehr bald Denn der Herr Prediger hat vom Könige eine Vokation
nach Berlin Der König hat ihn mal predigen gehört wo war es doch  auf einem
Schloss und hat gesagt das ist ein Mann der zum Herzen predigt solche
Prediger möchte ich in meiner Residenz haben die nicht das Wort Gottes
auslegen wies ihnen gefällt sondern wies in der Bibel steht Ja wir haben
schon einen frommen König der alle Menschen glücklich machen will und der
vorige hatte auch ein frommes Gemüt wer ihn nur gekannt hatte und das sind
eigentlich neidische und schlechte Gemüter die ihn schlecht machen Mein König
ist mein König und das sage ich grade raus wer das nicht sagt der ist nicht
mein Mann Sehen Sie mein Herr Geheimrat oder was Sie sind «
    »Kriegsrat« sagte der Kriegsrat
    »O Sie werden auch noch Geheimrat werden das sehe ich Ihnen an der Stirne
an Also mein Herr Kriegsrat sind Sie nicht auch der Meinung dass die
jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst Nein was raisonniren sie
und Alles wollen sie besser wissen Ich bin eine gute Royalistin ich liebe
meinen König und sein Haus und wer das nicht tut der kann mir zu Hause
bleiben Da waren wir doch ein Herz und eine Seele der Herr Prediger und ich
alle Obrigkeit kommt von Gott und wenn er nach Berlin kommt wird er bei mir
logiren Und wie gern wäre ich gestern schon rein gefahren denn man richtet
doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage Nun schadet es aber nicht Wir
tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit und nun ward mir wieder
das Glück unter solcher charmanten lieben Familie diesen schönsten Festtag für
jeden Preußen zuzubringen«
    Der Kriegsrat war anfänglich nicht ganz gut gestimmt diese Stimmung war
überwunden Er pfropfte die letzte Flasche auf »Erlauben Sie mir auch meine
verehrte Madame ehe der Kaffee kommt mit Ihnen anzustossen auf die Gesundheit
Seiner Majestät«
    »Mein Herr Kriegsrat sind die Gütigkeit selbst Wie sollte ich das
ausschlagen«
    »Wenn ich auch nicht die Ehre habe Sie zu kennen wird es mir doch zur Ehre
gereichen mit einer solchen Patriotin ein Gläschen zu leeren«
    »Obristin Malchen« sagte die Dame »Mein Mann ist in holländischen Diensten
und steht in Batavia Ein grausam heißes Land er wird aber heut hierher denken
Ach er ist ein Patriot«
    »Und doch in fremden Diensten«
    »Ja sehen Sie Verehrtester Herr Kriegsrat da ließe sich mancherlei von
sagen Er war auch in preußischen Diensten ehedem aber Sie glauben nicht was
draußen die preußischen Militärs in Respekt stehen Und unsre Disziplin und der
große Friedrich Wenns heißt der hat unter ihm gedient Nu lieber Gott
Schwächen haben wir Alle da werden mir Herr Kriegsrat Recht geben aber sonst
ist er  und hat mir erst voriges Jahr ein rotseiden Umschlagetuch geschickt
wag die Mamlucken oder Malayen weben ich sage Ihnen von Berlin rede ich gar
nicht aber auch in Leipzig hats kein Mensch für möglich gehalten«
    »Die gnädige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schaale Kaffee
erzeigen« sagte die Kriegsrätin die wohl Lust hatte das rote Umschlagetuch
zu sehen aber es war tief im Wagen verpackt
    Der Kaffee dampfte in der großen braunen Bunzlauer Kanne wie sie vom Feuer
gekommen auf dem Tisch aber die Kinder dampften auch  vor Ungeduld Die
Beckenmusik dröhnte verführerisch aus dem Kruge herüber und die Kleinen
blickten erwartungsvoll bald auf den Vater bald auf die Mutter
    »Das ist ein Kaffee so schön wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat
direkt aus Batavia« sagte die Obristin
    »Die Cichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik« sagte die Mutter
Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee noch von den Cichorien aus
Herrn Rimplers Fabrik gelockt Der kleine Junge schrie vielmehr »Ich will zu
den Affen«
    Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater Die Frau Obristin fing
ihn auf »Um Gottes Willen Sie werden doch nicht« Der Kriegsrat meinte ob
denn in einem bevölkerten Orte und wo so viel anständige Leute beisammen
Gefahr sei und die Mutter setzte hinzu wenn sie die Kinder an der Hand
führten
    »Meine allerbeste Frau Kriegsrätin erlauben Sie mir zu sagen ich weiß
davon Solche Bande ist ärger als der Gott sei bei uns Die stibitzen ihnen die
Kinder vor den Augen weg und Sie merken es nicht Hinter die Ecke ein
Pechpflaster schnell aufs Gesicht und dann wenn sies in der Scheune haben
beschmieren sies und färbens und ziehen ihm Lumpen an und in einer
Viertelstunde kennts die eigene Mutter nicht wieder Ja was ich Ihnen sagen
wollte im Dorfe beim Herrn Prediger da hatte der Oberst der gottvergessenen
Bande einer Wittwe Sohn ein hübsches Kind gefragt ob er nicht mit ihnen
wollte er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen
und der Junge hatte Lust aber sie haben ihn gottsjämmerlich geprügelt der
Schulz und die Bauern da ist ihm die Lust vergangen Solche Bande sind ja gar
keine Christenmenschen nicht das sind Zigeuner und Juden und Spanier und wo
kriegten sie denn ihre Leute her wenn sie nicht Christenkinder stählen Eltern
können gar nicht genug vorsichtig sein denn Sie glauben nicht wie sie die
Kinder maltraitiren Hungern lassen sie die Kleinen und dursten und Schläge
kriegen sie dass Gott im Himmel sich erbarmen müsste und ihre Glieder werden
gereckt dass sie die Purzelbäume schießen lernen Und Nachts mit Respekt zu
melden sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kameelen wo eine
Unreinlichkeit ist die erschrecklich ist Nein für Reinlichkeit bin ich das
ist die erste Tugend und erhält den Körper gesund Wer reinlich ist und seine
Mitmenschen liebt und den Armen Almosen gibt der ist ein guter Mensch und Gott
wohlgefällig das sage ich oft meinen Nichten Aber wie die Bären werden sie
abgerichtet und lernen Vater und Mutter vergessen Wenn ich so einen armen
Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie ne Fliege an der Decke nein meine
Herrschaften sagen Sie was Sie wollen das kann ich nicht ansehen das heißt ja
die unsterbliche Seele verlieren und was mich nur wundert ist dass die Könige
solche Seelenverkäufer dulden Die müssten mir alle auf die Festung und ins
Zuchtans und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht denn es sind alles
Ausländer und Spione«
    »Ists die Möglichkeit« sagte die Mutter die es kalt überrieselte
    »Nun bitte ich Sie allerbeste Frau Kriegsrätin wenn Sie einmal so einen
Pajazzo sehen wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt und Sie
erkennten dass er Ihr kleiner Theodor wäre alles andere ist ja gar nichts pure
Spielerei gegen eine solche Empfindung O du mein himmlischer Vater wer möchte
eine solche Mutter sein«
    Die Kriegsrätin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mädchens auf den
Schoss »Lieber Theodor das wirst Du mir nie antun« Der Junge aber schrie
nach wie vor er wolle zu den Affen
    »Und mit den Jungens ginge es noch« fuhr die Frau Obristin fort »aber bei
der Bande ist auch ein Frauenzimmer eine ganz hübsche junge Person ungefähr so
groß wie  ich habe doch die Ehre Ihr Fräulein Tochter vor mir zu sehen«
    »Wir sind nicht von Adel« sagte der Kriegsrat »Meine Tochter Adelheid«
    »Nein du mein himmlischer Vater wenn ich dächte dass so ein himmlisches
Mädchen mit den Bären tanzen sollte und dem Vieh einen Kuss geben Und dann
springt sie aufs Pferd in Hosen und Stiefelchen und reitet nicht sitzend
sondern sie steht und in Karrière die Zügel so in der Hand und die Röcke
flattern nur so Nein wie die Polizei das zugeben kann Das erlauben Sie mir
ist ganz unweiblich«
    Darm waren Vater und Mutter einig Auch darin dass man nicht zu den
Seiltänzern gehen sollte worüber aber nicht allein die Kleinen unglücklich
sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren Jene suchte
die Obristin durch Zuckerbrode zu beschwichtigen die sie aus dem Pompadour
holte und erklärte sie hätte sie für artige Kinder aus Leipzig mitgebracht
Karoline schien aber gar nicht zu begreifen warum sie das hübsche Schauspiel
nicht mit ansehen solle und auch die ernstere Julie sah die chère tante
verwundert an warum sie grad heut so strenge war
    »Mes chères nièces« sagte sie »weil man nicht weiß wen man im Gedränge
findet Wer wird immer nach Vergnügungen aus sein wenn die Eltern sagen dass es
sich nicht schickt Da seht Euch die Mamsell Kriegsrätin an und nehmt Euch an
der ein Muster Sie sähe auch gern die Reiter springen aber wo fällts ihr ein
darum zu bitten sie sieht dass ihre lieben Eltern es für unanständig halten
Ja die Predigerstöchter stürzten mit Euch nach der Schenke das sind gute
Mädchen aber wilde Hummeln Nein Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind wie es
sein muss die ihren Eltern Freude macht Der könnt Ihr Vieles absehn Seht nur
wie sie ganz rot wird Ach wenn Ihr auch noch so rot werden könntet«
    Die Mädchen senkten die Köpfe Adelheid war schnell zwischen beide
gesprungen und umfasste sie traulich sie sollten nicht darauf hören Die Tante
scherze nur Sie selbst wäre auch manchmal eine wilde Hummel und würde auch
recht gern die Seiltänzer sehen aber es wäre auch sonst viel hübsches im Dorf
und im Freien was sie zusammen besehen könnten und sie hoffte dass sie noch
hier bleiben und die Tante ihnen erlaube mit ihr spazieren zu gehen dabei
könnten sie plaudern singen Blumen pflücken und Kränze winden Vor allem aber
würde sie sich freuen wenn sie ihr von Leipzig erzählen wollten und den tausend
schönen Sachen die sie da gesehen Das wären alles Wunderdinge für sie denn
sie sei noch mit keinem Fuß aus Berlin gewesen Papa und Mama hätten wohl davon
gesprochen einmal eine Reise nach Potsdam zu machen aber es sei immer etwas
dazwischen gekommen und sie glaube auch gar nicht dass es noch dahin kommen
werde denn der Gedanke sei doch gar zu schön
    Die Obristin sagte Mamsell Adelheid sei ein prächtiges Mädchen und ihre
Eltern würden viele Freude an ihr erleben und um der guten Gesellschaft willen
wolle sie noch bis Abend bleiben dann hoffte sie die beiden Familien könnten
Kompagnie machen in ihrem Wagen Die Kriegsrätin der das längere Beisammensein
mit einer so vornehmen Dame natürlich nur schmeichelhaft war fand sich doch
etwas dadurch in Verlegenheit von der wir nachher reden wollen
    Einstweilen riss die Obristin sie daraus die aufstand um die Jugend wie
sie sagte eine Strecke zu begleiten Sie wollte die Spiele der Kinder
arrangieren damit sie nichts Unschickliches trieben und zusehen ob die Gegend
auch sicher wäre Der Lärm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem andern
Teil des Dorfes gezogen
    Die Kinder fanden bald auf den grünen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren
Spielen denen die freundliche Obristin ratgebend zusah bis es ihr zu heiß
ward die drei jungen Mädchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern
 
                               Zwölftes Kapitel
                              Schwanenjungfrauen
In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn Der ebene Boden wird noch
jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen ehemals waren es Seen dann wurden
es Moräste seit die Kultur vorgerückt sind es nur noch Tümpel geblieben Doch
ladet ein heller klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein Der Bauer der Dich
trifft warnt Dich aber denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig
sich senkenden Löcher unergründlich Außerdem gab es ehemals eine Britzer Heide
ein übelberüchtigter Wald dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hinein
wuchs Und endlich schnitten viele Wege und Fusssteige durch diese Felder Das
Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen es dünkte ihm eine
unermessliche goldene Aehrenfläche darin die Korblumen und der rote Mohn über
die Einsamkeit klagten
    An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen abschüssigen Rande ein
junger Mann auf dem Rücken hingestreckt Er hatte sich gebadet Ob das Wasser
unergründlich danach hatte er nicht gefragt es auch wohl nicht untersucht er
war ein guter Schwimmer der sich im Wasser nach Lust getummelt Er ruhte jetzt
von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten vielleicht auch um sich mit der
Einsamkeit zu unterhalten Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein großer
Hagebuttenstrauch Die Hände unterm Kopf sah er dem Zuge der Wolken nach der
Flucht der Vögel vielleicht horchte er auch auf die Lieder welche die
rauschenden Ähren ihm sangen
    Ein Geräusch was sich näherte störte ihn auf Den Fahr oder Reitweg der
in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte hatte er beim Herkommen
durch die Felder nicht bemerkt Ein schaumbedecktes Pferd schoss aus dem
Aehrenfelde Noch zwei Sätze und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht
mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe Dieser sah die Gefahr
nicht er ließ dem Ross die Zügel der Instinkt des Tieres bewahrte beide Im
Augenblick wo es galt bäumte es und warf den Reiter ab oder er gleitete aus
Sattel und Bügel die er längst verloren denn er strauchelte nur etwas und
stand gleich wieder auf seinen Füßen Vielleicht aus seinem Traum erwachend
denn ohne sich um das Pferd zu kümmern das seinen eigenen Weg suchte stand er
und hielt sich mit den Händen das Gesicht
    Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener hatte der Liegende geschlossen
denn durchgegangen war das Pferd nicht Es war ein ihm wohlbekannter
friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers Der Reiter hatte
nachlässig aber sicher gesessen und die blutenden Seiten des Tieres
verrieten deutlich genug die Behandlung welche es außer sich gebracht Walter
war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen aber die seltsame Stellung des
Ankömmlings fiel ihm auf Durch die Hände schielte er auf das Wasser und seine
dunklen Augen glänzten seltsam
    »Plagt Dich   wenn Dus bist« Er hatte die Hand auf die Schulter des
Reiters gelegt Dieser war nicht sehr erschrocken als er sich umsah und den
Andern erkannte
    »Vielleicht  eigentlich aber nicht Ich dachte nur an ein Bad  So aus dem
Glutofen in die kühle Tiefe«
    »Was hier dasselbe wäre« entgegnete der zuerst Dagewesene und fasste
heftig seinen Arm »Kommst Du aus dem Gefängnis Louis Wardst Du heut
entlassen«
    »Um meine Freiheit zu genießen jagte ich den Gaul fast tot und ward
selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege Und wenn ich wieder aufflattere
steht doch tausend gegen eins dass ich wieder gegen etwas anstosse Wärs nun
nicht ein wunderschönes Ende um gar keinen Anstoß mehr zu geben wenn ich
erhitzt durstend an eines Felsens Rand in der Mittagssonne eine Flasche
Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer  Übrigens gebe
ich Dir mein Wort es war kein Ernst wenigstens hätte ich mir eine andere
Pfütze ausgesucht S war nur ein aufsteigender Gedanke«
    »Aber keine Lerche die in den Äther steigt« sagte Walter als Beide sich
auf dem Rasen gelagert Der Ankömmling sog hingestreckt die Luft ein
    »Nur nichts vom Äther in diesem Schwefeldampfe« sagte er nach einer Weile
»Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen ich glaube nicht mehr dass es in
Feuer oder Wasser geschieht sondern Gott Vater lässt sie ersticken in den
Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende
für sie«
    »Mitgebrachte Gefängnissgedanken«
    »Grillen Schrullen oder Ungeziefer wenn Du willst denn als ein
vernünftiger Mensch glaubst Du doch nicht dass ich in dieser Societät eximirter
Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte Ja hätten sie mich an eine Karre
geschmiedet unter den Baugefangenen gibts vielleicht noch Menschen«
    »Du solltest ins Gebirge Dich baden in der Morgenluft im Felsbach  Du
solltest auf lange Zeit aus der Stadt«
    »Alles Selbsttäuschung Betrug Walter Freilich wenn Tieck uns Abends in
dem verschlossenen halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas mochte ich den
Waldduft herunter schlürfen der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken
fallen und die Allmutter Natur an meine Brust pressen aber in natura ists
anders  Bin ich nicht umhergestürmt Die Sohlen habe ich mir abgelaufen aber
keine Nixe nicht mal eine Hexe gefunden Beim Morgenrot rufst Du Ah und
findest Dich in Odenstimmung und Abends wirst Du empfindsam und könntest
Mattisson mit seinem Zopf an die Brust drücken Alles Illusionen Sei redlich
gegen Dich selbst  Die Wahrheit sucht man doch wo die Sonne am höchsten
steht und ich habe sie gesucht rechtschaffen Schlürfte alle Aussichten und
meine Ansichten wurden immer enger Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da
hinter Dresden die wir Beide einmal bewunderten nicht anders vor als die
gepuderten Köpfe unserer Kriegsräte Und mehr haben sie anch nicht zu schaffen
mit dem Weltgeist als dass sie rot werden im Morgenlicht und Abends Schatten
werfen Rot werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr aber wenn sie
uns im Lichte stehen kann man sie wegschuppfen Diese verfluchten toten Felsen
bleiben aber immer stehen Nein Teuerster die Romantik in Ehren die Menschen
bleiben doch wenigstens Puppen mit denen man Schach spielen kann«
    »Wenn wir nur stiegen könnten Wenigstens so hoch wie die Lerche«
    »Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runter blasen Da fliegt das
Biest hinauf schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins
leere Blaue  Ja Walter wenn mans recht besieht kommen wir auch noch zum
Schluss dass die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel Morgens und Abends
geschminkt Und weil sie sich bei Tage nicht besehen lassen will sticht und
brennt die Sonne«
    »Nur dass die Schminke immer frisch bleibt heut wie am Tag der Schöpfung«
    »Wer sagt Dir das Es hat Keiner gelebt als Gott Vater auf den Einfall kam
diesen Spielball Erde zu erschaffen und in das Uhrwerk Universum zu schleudern
damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist«
    Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter die seine Hand
ablangte mit der Wurzel aus
    »Suchst Du nach der Alraunwurzel«
    »Könnte ich sie finden Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe
herausziehen vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen
erscheinen«
    »Der tiefste Schmerz müsste doch töten Darum verbarg ihn die Natur Was
wühlen wir denn nun tiefer und tiefer «
    »Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergissmeinnicht und Veilchen Nicht
wahr das ist viel gescheiter Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater
Gleim im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und anfingen Du mein
Anakreon ich Dein Tibull«
    »Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung und zum Selbstmord schuf uns
nicht die Natur« rief Walter ohne auf den Spott des Freundes zu achten
    Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden
Händen »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus  Wenn ich nur
wüsste ob dieser Wunsch Sünde wäre«
    »Welcher«
    »Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen«
    Es folgte eine Pause »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende«
    »Ist das ein Trost dass ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der
allgemeinen Erbärmlichkeit«
    »Er lässt Dir Freiheit«
    »Er lässt aller Wett die Freiheit so niederträchtig zu sein wie sie Lust
hat damit er nicht schamrot zu werden braucht«
    »Das ist ein hartes Wort« dachte Walter und auch Louis musste es denken
denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand »Adieu«
    Walter umfasste seinen Arm er wollte ihn in der Aufgeregteit nicht von
sich lassen »Du verwünschest Dich selbst Ich bin nicht zum Moralprediger
geboren aber  Du warst es zu besserem«
    »Was kann man denn besseres tun in dieser Gesellschaft als sich selbst
verwüsten Trinken und wenn man erwacht wieder trinken Sind nicht alle
Edleren dazu bei uns verdammt Tadelst Du den Prinzen dass er den Schaumbecher
nicht von der Lippe lässt dass er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will
wo er nicht helfen darf Lieber doch berauscht untertauchen und rasch als
nüchtern zusehen wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken Oder wo ist denn
die Kraft die nach Besserem ringt wo nur ernster Wille Der gute zahme
bescheidene da der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will
leiten lassen aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt Die beschrankte
duckmäuserige Tugend die sich den Himmel malt an ihre vier Wände aber der
Himmel draußen ist ihr zu frisch und kühl Sturmwind ringsum nur aufspannen
nur zusteuern brauchten wir und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff 
prost Mahlzeit Man kettet das Steuer an umwickelt die Ruder und lavirt Das
ist eine berauschende Kunst Soll ich mich auch anlernen lassen Bei wem Bei
meinem Vater Staatsdienst Herrliche Menschenbestimmung Dein Vater predigt es
Dir ja wohl auch täglich lass Dich anstellen Wollen wir uns polnische
Krongüter schenken lassen Die sind schon weggeschnappt Wollen wir mit den
Juden und Domainenräten die Guter taxiren und Hypotheken verschreiben die
ihren Wert im Monde haben S ist auch schon zu viel drin gepfuscht
Lieferanten für die Armee aber es gibt keinen Krieg Oder uns üben solche
süssgänseschmalzhonigduftenden Kabinetsund Humanitätsdecrete schreiben die
beweisen dass Gott der König seine Minister und Regierungsräte alles mit
Weisheit und Verstand gemacht haben Himmel und Hölle wem nun anderes Blut in
den Adern pulst  Die schönen Verse die hochedlen Charaktere des großen
Dichters auf der Menschheitöhen Schlugen wir ihnen nicht oft in
mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen dass es nur Masken waren Gib
zeig schenke mir was wofür ich mich begeistern was ich ans warme Herz drücken
kann wofür es in Flammen aufschlägt wofür ich mich in die Schanze oder in den
Tod stürze Fähndrich Pistol ist mein Philosoph wenn er die Welt doch noch für
eine Auster hält Leider fehlt aber das Schwert jetzt sie zu öffnen Lass mich
rasen«
    »Ich hätte gar nichts dagegen wenn Du ein rasender Roland würdest und Dich
einmal zum Tollwerden verliebtest Du bedarfst einer Radikalkur«
    Louis Bovillard lachte »In diese Mücken  Schaffe mir was anderes Schaffe
mir ein Vaterland Das das Vielleicht war ich ein anderer«
    Er spuckte und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er sein Pferd suchen
das gemütlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing
    »Ein Vaterland« wiederholte Walter Es war ein Funken der viele Gedanken
zündete aber es waren nicht die Gedanken um die er heut die Einsamkeit
gesucht Er stand mit unterschlagenen Armen seine Augen schienen die Würmer im
Grase zu verfolgen und er hörte nicht wie sein Freund zurückgekehrt war
diesmal den Gaul am Halfter und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte Er
hörte erst als Louis seinen Namen rief
    »Was sinnst Du Bei Dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz
durchgeschlagen während ich sie abschüttele Du weißt den Zerbino auswendig
und ich wette Du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem
Sandhügel«
    »Und warum nicht Tieck hat Unrecht wenn er die Lust schilt die sich auch
aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe
die Du suchst Aber was führt Dich zurück«
    »Der Anblick einiger Herren von der Gensdarmerie die mein scharfes Auge
vom Gaule aus in der Ferne entdeckte Um nicht ihnen zu begegnen stieg ich ab
und will mich durch einen Fußsteig schlängeln Auch auf die Gefahr hin dass der
Bauer uns pfändet Nun bewunderst Du nicht meine Vernunft«
    »Wenn ich nicht wüsste dass Du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit
ihnen zusammenstössest«
    »Das ist mein Fatum Konnte Mercutio für seine Natur«
    »Wenigstens spielt wieder Humor auf Deiner Stirn«
    »Und in Deinen Augen glänzt ein Gedicht«
    »Ich habe das Versmachen verschworen Du weißt es«
    »Aber Walter in solcher Natur Ich müsste Dich ja nicht kennen Ein tiefer
See mit romantischen Ufern Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen
entkleiden sich ihre Schleier hängen sie an die Hagebutten Husch hast Du einen
weggestohlen und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne die als
mediceische Venus um Gottes Willen um ein Stückchen Bekleidung bittet«
    »Wir irrrten darin das wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten
Willst Du immer weiter schweifen
Sieh das Gute liegt so nah
Lerne nur das Glück ergreifen
Denn das Glück ist immer da«
    »Wie schon Goethes anderer guter Mann der nach Schätzen gräbt
Und froh ist wenn er Regenwürmer findet«
    »Wer den Sinn für sie mitbringt dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom
Tautropfen der am Grashalm hängt er wiegt sich in den Ähren über die der
Wind hinspielt«
    »Er glitzert auch im Mistkäfer warum gähnt er nicht auch in dem Frosch der
da unvernünftig weit über der Mummel das Maul aufsperrt Sieh ihn an welche
tiefe Weisheitssprüche die Padde krächzt  Und welche Weisheit bläht sich eben
auf Deiner Brust Es muss heraus ich sehe es und Du brauchst einen Zuhörer
Frisch losgelegt Gleichviel ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie
rausbricht Die Gensdarmen sind noch im weiten Felde Heraus denn ein
verschluckter Gedanke ist Gift«
    Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedürfen den
Gedankenstrom der in ihm arbeitete auszugiessen
    »Weil wir zu viel tranken und seine üblen Wirkungen empfanden sollen wir
darum den Wein selbst ausgiessen Sollen wir zur Nüchternheit zur Korrekteit
zurückkehren Tut der Gärtner recht der lauter exotische Gewächse in seinem
Garten ziehen wollte und sie kamen nur zum Teil oder verkrüppelt fort der
darum alle ausreutet und meint der Boden tauge nur zu Kartoffeln Legen wir
doch das Geständnis ab dass wir im Übermut gelangweilt und aus Verdruss über
die ekle Schaalheit der Poesie wie sie getrieben wird uns in kecker Laune oft
auf den Kopf stellten und vom Publikum verlangten es solle es mit uns tun
Wir fanden Anhänger und es ging eine Weile wie alles Neue Nun finden sie die
Stellung unbequem Ist das zu verwundern Sollen wir aber alles darum als
Visionen fahren lassen was wir in der Begeisterung in dem seeligen Rausche
sahen Hörten wir die Wälder die Bäche nicht anders rauschen als der Prediger
in Werneuchen blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück
nicht die Schauer der Ahnung das Wesen der Wunder welche die Welt erfüllen
Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran auch wenn wir uns matematisch
beweisen dass es keine Hexenmeister gibt und keine Gespenster um die Grüfte
schweben Haben wir nicht Geister citirt von denen unsere Väter nichts wussten
Wie anders lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an als die Philologen mit
den Perrücken sie sahen Lebt nicht der brittische Riese unter uns ein
geharnischter Geist der unsere Teatermisère zertritt Citirten wir nicht
Dante nicht Kalderon aus seinem vergessenen Grabe Diese können sie nie wieder
tot machen sie werden leben und noch vieles mit ihnen und wir mit Stolz
sagen wir wurden ihre zweiten Väter«
    »Das ist alles recht schön« entgegnete Louis »Wenn die Geister nur Mark
und Bein bekämen wenn sie unseren Geheimräten und Ministern einen Rippenstoss
geben könnten und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen Da
es aber nicht ist bin ich doch der Meinung Deines Gärtners dass unser Boden nur
zu Kartoffeln taugt Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs und
Vetter Michel ein dito Mensch Er grämt sich nicht er schämt sich nicht
erträgt Fußtritte und Prügel wie der Esel wenn er nur Kartoffeln hat und item
Sag mir nichts von gutem Boden
Nichts vom Magdeburger Land
Selig ruhen unsre Toten
In dem leichten kühlen Sand«
    »Vaterländisch« fuhr Walter auf »Und hat die Schule nicht gerade auch
unsere eigensten zertretenen vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem
Staub und Rost ans Licht gezogen Was kannten wir davon Einzelne
Aeolsharfentöne der Minnesänger Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im
Nibelungenliede Du lächelst weil die Toren lachen Wir erfuhren unser Volk
hat gelebt wie die Griechen durch die Iliade wussten dass sie gelebt dass ihre
Väter groß und herrlich waren ehe es eine Geschichte gab Das wussten wir nun
auch dass Krimhilden und Siegfriede dass Günter und Hagen unserer Geschichte
vorangingen O welchen Born der Sage die Romantik uns erschloss Jetzt verstehen
wir erst nicht aus den nüchternen Chronisten welch ein Volk wir waren unter
den Hohenstaufen Im alten Kyffhäuser schläft nur der Kaiser seiner
Herrlichkeit und die Raben krächzen um seine Trümmer und die Geister warten
auf seine Erweckung Das Louis hat uns die Romantik enthüllt der Du einen
Fußtritt geben willst weil sie nur Trugbilder zeigt und Du willst Realitäten
Was hatten die Juden mehr von Palästina als ein Traumbild Das Traumbild weckte
einen Moses Lass einen Moses erweckt sein und wir haben wieder ein deutsches
Volk eine deutsche Herrlichkeit  Vielleicht dass wirs darin versahen«
schloss der Aufgeregte »wir machten aus der ungeheuren Sage nur für uns ein
Spielzeug aber Andere mögen nach uns kommen die unserm Volke diese gewaltigen
Bilder anders hinhalten einen kolossalen Spiegel vor dem unsere Erbärmlichkeit
erschrickt  und sie können sich ermannen können besser werden wenn «
    »Wenn ein Moses geboren wird« fiel Louis ein drückte rasch Waltern die
Hand und riss sein Pferd in den Fußsteig »Da liegt es« tönte noch seine Stimme
aus dem Korn »Einen Moses Nur ein Moses Die Juden und die
Ziegelstreicherknechte sind immer da«
    Walter lag wieder in der Hagebutte
    »Wenn er einen anderen Vater hätte ein anderes Vaterland« Waren das nicht
Streiflichter des ewigen Schmerzes für den es keine Heilung gibt Waller
starrte auf den Wasserspiegel Auch die Frösche lagen wie matt von der Hitze auf
den breiten Blättern der Wasserlilie regungslos »Ein Moses« Wo sollte der
Moses herkommen wenn auch über den Wassern nicht mehr der Atem Gottes
schwebte Wenn die Verstockung auf dem Element das die Erde umgürtet sich
niedersenkt Nein es war nur die schwüle Luft Die Augen fielen ihm zu und die
Natur übte ihren beschwichtigenden Zauber über die finsteren Gedanken Die
Falten verzogen sich um seine Brauen der Mund fing wieder an zu lächeln und
man konnte denken dass Traumbilder aus einer glückseligen Welt um seine Schläfen
spielten
    Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie die blühenden Mädchenköpfe im
Korn Schossen Elfen auf zwischen den Ähren Der Hagebuttenstrauch im Korn der
grüne Rain der die Felder trennt ist ja ihr Spielplatz Hier führen sie
Reigentänze hier stampfen ihre zierlichen Füßchen die Ringelkreise die der
Landmann am Morgen findet und der Abendtau fiel noch auf frisches Gras Aber
schnell wenn ein Späherauge sie entdeckt verschrumpfen sie hängen sich an den
Ginsterstrauch sie klettern in die Hagebutte Der Wind scheint in den Blättern
und Zweigen zu spielen aber es sind ihre leichten Körper die sich daran
schaukeln
    Diese verschwanden nicht
    Die Eine eine schmächtige Brünette von dunkeln aber etwas umflorten Augen
mit einem getrübten Blick Die roten Mohnblumen die ihre losen Blätter im
schwarzen Haar flattern ließ passten zu der Gestalt dem melancholischen
Gesicht Eine Else die den Einen unwiderstehlich anziehen mochte den Andern
zurückstossen Die andere kleinere rundliche ein nussbraunes Mädchen mit
Schelmengrübchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen wie wohl stand ihr
der Kranz von Kornblumen Ähren und Mohn im Haar
    Aber die Dritte die Elfenkönigin Wie frei schaute ihr blaues Auge blau
wie die Kornblumen blau wie der Himmel aus der freien Stirn Wie leicht
bewegte sie sich wie anders atmete sie die Luft ein nicht als gehöre die Welt
ihr aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft von Farbe
und Atem Und wie hatten die andern das konnte sie nicht selbst getan haben
die Felder geplündert um die eine auszustatten Ein dichter Kornblumenkranz war
auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt und eine Mohnblume aber keine rote die
hätte nicht hierher gepasst eine seltene volle weiße glänzte als Diamant über
ihrer Stirn Eine andere Guirlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe um ihren
Nacken und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen die
als scheckiges Unkraut zwischen den Ähren blühen besetzt Eine Hochzeit mit
der Natur?
    So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grünen Platz drüben
am Rande »Ach wie hübsch« rief die Königin »Da ist Wasser« und breitete die
Arme aus indem sie sich Luft nach der Brust fächelte Das nussbraune Mädchen
umfasste sie plötzlich und ergriff die Hand der Brünette »Fass sie an hier
wollen wir tanzen  RingelRingelRosenkranz«
    Die Elfen schwebten im Ringeltanz bis es ihnen zu heiß ward Sie lagerten
sich auf den Abhang die Königin in der Mitte Sie scherzten und plauderten wie
neckische Kinder
    »Ich muss mich eigentlich schämen« sagte die Königin »wie habt Ihr mich
ausgeputzt und ich bins doch nicht wert«
    »Schäme Dich nicht« sagte die schmächtige Else mit dem schwarzen Haar die
ganz auf dem Boden ausgegossen lag und drückte die Hand der Königin an ihre
Lippen
    »Herr Gott« rief die Königin »Du küssest mir die Hand und ich glaube gar
Du weinst« Sie zog erschrocken die Hand zurück
    Die Nussbraune lachte auf »Die Jülli ist immer närrisch und ich bin immer
lustig So sind wir wir bleiben aber doch gute Freunde Nicht wahr«
    »So wollen wirs alle drei sein« sagte die Königin »Ich komme mir nur so
dumm unter Euch vor Ihr seid in Leipzig gewesen Das will mir gar nicht aus dem
Kopf Und Euer Onkel ist ein Offizier und gar in Indien So was hätte ich in
meinem Leben nicht geträumt«
    Die Schwarzbraune schüttelte den Kopf »Der ist nicht mein Onkel«
    »Na meiner auch nicht« lachte die Nussbraune
    Die Elfenkönigin bat die Gespielinnen nun ihr Wort zu halten und ihr recht
viel so viel sie könnten von Leipzig zu erzählen Die Nussbraune hatte auch
Lust dazu nur brachte sie die Herrlichkeiten die sie gesehen etwas konfus
heraus und man wusste oft nicht ob sie von den Menschen oder von den Waren
sprach Aber Alles war herrlich dort gewesen die Affen und die Seiltänzer die
Komödianten und die Buden auf den Straßen Über die Griechen und polnischen
Juden und die Türken hätte sie sich bucklicht lachen mögen und vor ihren langen
Bärten hätte sie sich zuerst grausam gefürchtet aber dann hätte sie gesehen
dass es alle reiche und generöse Herren wären mancher hätte mit den Dukaten um
sich geworfen wie mit Zahlpfennigen und alle hätten gesagt solche gute Messe
hätten sie lange nicht erlebt und sie wünschten alle ihre Lebtage auf der
Leipziger Messe zu sein
    Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf »Mir ists hier viel lieber Hier ists
hübsch«
    »Wenn man nur Gesellschaft hätte« rief die Nussbraune
    Ein stummer Blick der anderen schien sie zu strafen Auch die Königin sah
sie verwundert an und sagte »Sind wir uns nicht genug Wir plaudern ja so
allerliebst zusammen wenns nur nicht so heiß wäre«
    »Wir könnten uns baden« rief plötzlich die Muntere »Ja baden baden
Kinder das ist prächtig«
    Der Gedanke zückte wie ein Blitz Der Ort war so still und einsam ein
tiefer Kessel geschützt durch einen Rand von über Manneshöhe und darüber stand
noch wie eine Ringmauer das Aehrenfeld Wo sollte da ein Lauscherblick
herkommen Selbst die Vögel flogen nicht mehr Im Strauche regten sich die
Blätter die Kornähren wiegten sich durch ihre Schwere
    Die Karoline war plötzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung als wolle
sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen Jülli die Schwarzbraune sah fragend
auf die Elfenkönigin ob sie Lust habe  Lust hatte sie wohl aber  aber sie
machte die Bemerkung man wisse ja nicht ob das Wasser nicht zu tief sei
Darauf wandte Karoline ein sie wollten am Rande bleiben und es zuerst
versuchen Adelheid errötete jetzt sie fühlte dass sie nicht ganz die Wahrheit
gesagt sie wusste nicht und zweifelte sogar ob ihre Eltern es erlauben würden
Jülli sagte »So lassen wir es lieber wer weiß ob es chère tante auch recht
ist«
    »Wer wird denn ma chère tante fragen wenn sie nicht bei ist« lachte
Karoline aber der Blick den ihr Jülli zuwarf schien sie doch unschlüssig zu
machen
    Man unterhandelte und kam überein dass man sich nur die Strümpfe ausziehen
wolle und ein wenig die Füße baden das gebe Erfrischung für den ganzen Leib
und sei auch gar nicht gefährlich Die Füße sich waschen ohne die Eltern zu
fragen sei doch wohl erlaubt dachte Adelheid Nur ihren kleinen Bruder hatte
die Mutter einmal geohrfeigt als er sich beim Regen die Strümpfe ausgezogen und
durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war Die Züchtigung hatte er indes
ausdrücklich nur erhalten weil das die Strassenjungen täten weil es sich in
einer Stadt nicht schicke und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei
    Diese drei Gründe griffen ja hier nicht Platz Die Strümpfe und Schuhe
flogen auf den Rasen und sechs zierliche Füße plätscherten im Wasser Die
Mädchen fassten sich an um die Kühlung gemeinschaftlich zu genießen Karoline
zog die Anderen unmerklich etwas weiter »Hier können wir bis am Knie stehen
ach das tut wohl«  »Herr Gott Karoline was willst Du« rief Jülli die sah
dass Karoline Miene machte ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen 
»Ich bin ja vom Kietz in Spandau ich ertrinke nicht«
    In dem Augenblicke fuhr ein Ton durch die Luft Wars das Gekreisch eines
Reihers wars ein Pfeifen der Warnungsruf einer menschlichen Stimme
Erschrocken sahen die Mädchen sich um das war ein Moment Im nächsten waren sie
es die laut aufschrieen und mit einem Sprunge am Ufer nach Schuh und
Strümpfen griffen Ein dritter Moment ein helles Gelächter vieler
Männerstimmen Säbel klirrten in der Scheide Pferde wieherten Mehrere
Kavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg und Einer rief »Hussei richtig
gesehen Badende Mädchen da wollen wir helfen« Zwei machten Miene vom Ross zu
springen während der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu
bahnen suchte ohne dabei besonders auf die Ähren Acht zu haben Aber das Pferd
scheute vor einer Unebenheit und die Elfen gewannen den Vorsprung Sie
kletterten sprangen schwebten in atemloser Hast um den Rand des Sees nach
einem Ausweg suchend Der auf dem sie gekommen war ihnen schon durch den
Reiter versperrt Sie fanden ihn in der Nähe des Hagebuttenstrauches Den
Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt aber die Unordnung in den
schwankenden Ähren verriet noch lange die Richtung in der sie verschwunden
waren
    »Echappirt« rief der vorderste Reiter die Terrainschwierigkeiten als guter
Kavallerist erwägend und ließ den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen
    »Wollen wir schwenken nachpreschen Dohleneck« fragte der Zweite
    »Müssten ein ganzes Kornfeld niederreiten« sagte der Rittmeister »und das
käme wieder zu des Königs Ohren Ihr wisst wie er die Bauern protegirt«
    »Jammerschade« Der Zweite schlug vor abzusitzen die Pferde anzubinden
und ihnen zu Fuß nachzueilen
    »Die sind fix wie der Wind«
    »Aber barfuß Die Füßchen würden ihnen doch zu weh tun so über Stock und
Block Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama
Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strümpfe an da attrapiren
wir sie und probiren ob sie die Strumpfbänder nicht zu fest binden Das ist
schädlich sagt Hufeland«
    Der Rittmeister strich den Bart und sagte »Meine Maxime sei nie was
suchen aber die Überraschung hinnehmen Das ist soldatisch Und wenn wir sie
bei nahe besehen wer weiß ob wir uns nicht schämen ihnen nachgelaufen zu
sein«
    Hexen wären es nicht meinte der Zweite und der Dritte er müsse die eine
schon gesehen haben auch die andere kam ihm bekannt vor aber er wusste nicht
wo sie hinbringen Man beschloss endlich beim Rückwege durchs Dorf zu reiten wo
man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird
    Sie sprengten fort 
    Es war still wie vorher »Wars ein Traum« dachte Walter der sich hinter
dem Strauch aufrichtete und über die Stirn fuhr Die eingeknickten Ähren
sprachen dagegen Unfern von der Stelle wo er gelegen lagen Kornblumen die
sich von einem Strauss aufgelöst »Das hatte sie an der Brust« Er raffte die
Blumen rasch auf An einer halb geknickten Aehre flatterte ein blauseidenes
Strumpfband »Das hatte sie verloren« Er ergriff es und schlang es um die
Kornblumen zum Bouquet
    »Und die Toren wollen sagen es gebe keine Romantik«
    Er blieb zaudernd stehen Sollte er auch ins Dorf »Die Erscheinung war so
schön warum denn die Wirklichkeit aufsuchen welche in einem Augenblick
vielleicht den ganzen Zauber löst« Dazu erinnerte er sich dass er dem
Geheimrat Lupinus versprochen ihm bei der Kollationirung zweier Manuskripte
heute Abend zu helfen Und Lupinus hatte gesagt dass er ihm einige Privatstunden
verschaffen zu können hoffe
    Walter schlug vergnügt den Rückweg ein Er war es der bei Annäherung der
Reiter das Warnungszeichen aus dem Busche gegeben welches die jungen Mädchen
vor einer Szene bewahrt in der er unmöglich den stillen Lauscher spielen
durfte Aber welche Rolle hätte er spielen sollen
 
                              Dreizehntes Kapitel
                                 Das Gewitter
Auch die Sonne hat Flecken und auch in der glücklichsten Ehe gibt es
Familienscenen
    »Ach dass ein so schöner Tag so ausgehen muss« seufzte die Hofrätin aber
der Kriegsrat blieb unerbittlich Es war doch wie vom Himmel gefügt dass sie
mit einer so vornehmen liebenswürdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft
gemacht Die Herzensgüte sah man ihr an den Augen ab Was konnte ihre Tochter
davon profitiren Sie war ganz gewiss dass die Obristin Adelheid zu sich einladen
würde und wer weiß wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlössen ob sie
nicht an ihren Privatstunden Teil nehmen könnte Ja es wäre wohl möglich dass
die Obristin ihre Tochter ins Haus nähme in Pension wollte sie gar nicht sagen
denn sie hätte wohl bemerkt mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer
angesehen Und alle diese Vorteile und Aussichten wolle er mutwillig von sich
stoßen Und warum
    »Weil wir keine Equipage halten können« recapitulirte der Kriegsrat
    »Wie Du auch bist Mann Wer redet denn davon Aber den Christian von der
Brösike könnten wir heimlich in die Stadt schicken dass er uns eine Lohnkutsche
holt von Herrn Verdriess dem Fuhrmann er wohnt ja gleich am Halleschen Tor
Für einen Groschen tuts der Junge ach er tuts umsonst aus Plaisir dass er
zurückkutschiren kann Dann fährt der Kutscher vor wir kommen mit Anstand in
die Stadt zurück und sie denken es ist unser Wagen«
    »Sie sollen nichts denken was nicht wahr ist«
    »Alter verstehe mich nur s ist ja auch nicht darum dass wir was scheinen
was wir nicht sind Fürnen Registrator schickte sichs auch aber  wenn Du nun
Geheimrat wirst«
    »Kommt Zeit kommt Rat«
    »Und bis dahin kommst Du ins Gerede und wirst am Ende gar nicht
Geheimrat«
    »Dann bleibe ich Kriegsrat«
    »Und Deine Tochter bleibt sitzen Sie kommt ins Gerede Wenn wir nun mit
Sack und Pack unterm Arm trotten liebster bester Mann und die Obristin kommt
gerollt in der schönen Equipage und die Adelheid trägt wohl gar wieder den Korb
 ach wird sie denken das sind solche Leute Und Du bists der das Glück
Deiner Kinder verscherzt hat aus Eigensinn«
    »Da können wir ja gleich die Obristin fragen«
    Sie kam Und ehe noch das Wort »Du wirst doch nicht« von ihren Lippen war
musste die arme Frau hören was sie doch nicht von einem Manne der auf
Reputation hält für möglich gehalten Er musste entweder sehr bös oder bei
sehr guter Laune sein
    »Ach Du meine Güte« rief die Obristin »Liebe Frau Kriegsrätin mein Mann
war auch nicht immer Obrist Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Samt
getragen Ein Korb am Arm auch ein großer Korb ist keine Schande wenn man
sich nur nicht mit Jedem abgibt der gelaufen kommt da kann man auch im blauen
Kattunspencer ein honetter Mensch sein Es ist schon recht dass man auf
Distinktion hält und ich halte gewiss darauf davon können Ihnen meine Niecen
was erzählen aber pfui wenn man darum einen Menschen nicht ästimiren wollte
wenn er nicht mit Vieren fährt Ich könnte Ihnen von Prinzen erzählen haben den
Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fuß aus im Surtout bis über die Ohren
zugeknöpft und wenn sie anklopfen man hört das gleich raus So treten sie in
die Hütten der Armut und wie Mancher der hungert wird von ihnen satt
Strecke Jeder sich nach seiner Decke das ist meine Maxime Wer seine
Nebenmenschen nicht achtet den achte ich auch nicht Meine liebe Frau
Kriegsrätin was ist aller Glanz dieser Erde Eitelkeit sagt der Herr
Prediger und wer solide handelt der kommt noch am besten fort in diesem
irdischen Jammertal Und wenn ich nur Platz hätte in meinem Wagen mein Gott
ich würde es mir ja zur größten Ehre rechnen wenn ich eine so solide Familie
mitnehmen könnte Einen Platz haben wir noch der stuckert aber so sehr Und als
wir Abschied nahmen so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und
sagte Eigentlich wollte ich bei Keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt
aber Sie sind eine rechtschaffene solide Frau Frau Obristin zu Ihnen komme
ich bis ich mir ein Quartier gemietet habe Na den Herrn Prediger sollen Sie
kennen lernen wenn Sie mir die Ehre erzeigen auf eine Schale Kaffee In seiner
Jugend hat er in Leipzig studiert da haben wir geplaudert von  ich sage Ihnen
ein charmanter Mann«
    Der Kriegsrat seufzte »Ach Leipzig Sie wissen nicht was mich das
gekostet hat«
    »Ja s ist teures Pflaster und gar in der Messe Na das freut mich aber
dass Herr Kriegsrat auch da waren«
    »Mich gar nicht liebe Frau Obristin« sagte der Kriegsrat der gemütlich
seine Pfeife ausklopfte »Es kostet mich meine Karriere Ich ließ mich da ich
in Halle studierte verführen mit andern meiner älteren Kommilitonen einmal nach
Leipzig hinüber zu reiten Nur einen Tag am nächsten kehrten wir zurück Als
mein Vater es erfuhr bekam ich einen Brief Das war ein Brief nicht mit Tinte
mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf Der verlorne Sohn in der
Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben sonst wäre er nicht verloren
gegangen Ich musste auf der Stelle zurück Da standen schon die Pedelle vom
Rektor geschickt und brachten mich auf die Post und der Herr Postverwalter
hatte mir einen Platz bestellt neben dem Schirrmeister dass er auf mich Acht
habe Und als ich nun ins elterliche Haus kam Meine arme Mutter in Tränen und
meine Schwestern Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt fast bei Wasser
und Brod und musste die Psalmen auswendig lernen Aber das war noch gar nichts
dagegen wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Tür öffnete und mich
so mit untergeschlagenen Armen ansah ein Blick dass mir das Herz im Leibe zu
Stein ward und mir ankündigte dass es nun mit meinem Studiren aus sei Nun
versuche Du ungeratener Sohn sprach er ob Du durch Dein ferneres Leben es
wieder gut machen kannst dass Du Deines Vaters Schweiß und Deiner Mutter und
Schwester saure Händearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast Der
Bauerwagen stand vor der Tür der mich in eine kleine Stadt brachte wo ich als
unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Karrierr anfangen musste
Sehen Sie das kostet mich Leipzig«
    Die Kriegsrätin war erstaunt aber nicht ganz unzufrieden dass ihr Mann
durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mitteilungen sich hinreißen ließ
Diese machte ihm ein Kompliment »wer weiß wozu es gut gewesen Die Studirten
kämen oft nicht weiter und wer klein anfinge der hörte oft groß auf«
    »Mein Vater war ein strenger Mann aber ein braver Mann und er hatte
Recht« sagte der Kriegsrat »Denn meine Eltern mussten sichs schwer
verdienen dass sie nur durchkamen Und was hatte ich in Leipzig zu suchen«
    Das gefiel der Kriegsrätin wieder nicht dass er zu erzählen anfing wie
knapp es in seinem älterlichen Hause zugegangen Die Obristin horchte aber sehr
teilnehmend
    Jetzt kamen auch die jungen Mädchen zurück Sie hatten unter sich
ausgemacht nichts von dem Abenteuer zu erwähnen Jülli und Karoline sprangen
als wäre nichts vorgefallen Adelheid ging langsamer und bückte sich oft Schlug
ihr das Gewissen dass sie etwas nicht Erlaubtes getan oder dass sie darauf
eingegangen es zu verschweigen Die Aufforderung für das Abendessen zu sorgen
war ihr willkommen Im Hause schlüpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und
setzte den Fuß auf den Schemel um mit einigen Flachsfäden aus dem Spinnrocken
den Strumpf fest zu binden War es die alte Wanduhr oder ihr Herz das so laut
schlug Ein heiseres Gelächter schallte plötzlich hinter ihr Die Alte hatte
sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an
»Verloren  Strumpfband verloren  hi hi hi Das bedeutet was  Ders fand
wird sich freuen Hi hi hi«  Das junge Mädchen floh wie vor dem Spottgesang
böser Geister
    Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt
als der Milchreis zu Mittag Die Kinder waren müde die jungen Mädchen in
Gedanken die Aelteren hatten sich ausgesprochen Alle drückte die Schwüle des
Tages der zum Abend geworden
    Aus dem Kruge schallte Tanzmusik Reiter gallopirten auf dem Fahrwege heran
es waren Gensdarmerieoffiziere Sie hielten plötzlich an und lorgnettirten die
Gesellschaft Mit einem hässlichen Gelächter gab der eine ein Zeichen Die
Frauen schrien sie glaubten die Reiter wollten den Tisch umreiten sie ritten
nur um den Tisch einer hinter dem andern im Kreise oft so nahe dass die Pferde
die Stuhllehnen berührten Die Kriegsrätin ward blass vor Schreck der
Kriegsrat vor Unwillen die jungen Mädchen senkten die Köpfe die Kinder waren
ängstlich vor den Pferden Die Obristin fasste den Arm des Kriegsrats unter dem
Tisch und flüsterte ihm zu »es sind junge Leute« Die jungen Leute aber beugten
sich seltsam im Sattel sie warfen Kusshände zu mit den Fingern mit beiden
Händen sie miauten schnalzten krähten Endlich waren sie wie der Sturmwind
verschwunden nachdem sie ein »Auf Wiedersehen allerliebste Engelchen« der
Gesellschaft zugerufen
    Der Schemel hinter ihm fiel auf die Erde als der Kriegsrat aufsprang und
der Aufbruch war damit gemacht »Gerechter Gott« rief er den Stock auf die
Erde stampfend »wann wird das endlich mal ein Ende nehmen Gibts denn keinen
Fleck auf der Erde wo man seine Tochter ruhig hinführen kann Gibts denn
Niemand der dem Könige das sagt denn er ist gütig und gerecht«
    Die Frau Kriegsrätin wehrte still die Obristin ab die beruhigende Worte
auf der Lippe hatte von Jugend und Tugend »Um Gottes Willen Frau Obristin
jetzt keine Sylbe sonst bricht es los«
    Es schien aber schon jetzt loszubrechen wenn auch nicht in Worten als er
den Hut aufstülpte den Rock zuknöpfte und rief »Nun marsch nach Haus«
    Wir sehen die Familie auf dem Marsche Es hatte Jeder seine eigenen
Gedanken darum war es heut Abend so still als es an manchem laut gewesen
Vergnügt war eigentlich nur die Kriegsrätin Sie baute Schlösser in die
Zukunft und war ihr Wunsch nicht erfüllt als ihr Mann der Obristin die Hand
gedrückt und gesagt hatte »Sie sind eine brave und praktische Frau Ich freue
mich Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben« Eigentlich war das etwas
unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen aber sie hatte es nicht übel
genommen Sie hatte die Hoffnung auf nähere Bekanntschaft ausgesprochen aber
nicht in der ordinären Weise dass sie gleich zum Kaffee gebeten sondern sie
hatte gesagt das würde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fügen
dass die zusammen kämen die zusammen gehörten Aber beim Abschied  denn sie
wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hinein tun weil sie Freunde
ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt  hatte sie noch von dem
roten Umschlagtuch aus Malaya ein Wort fallen lassen und dass sie nur wünsche
dass die Mamsell Adelheid es einmal um die Schulter nehme Das Tuch würde ihr
doppelt lieb sein wenn es dem englischen Kinde gut stände
    Der Weg ward so schwer die Luft so drückend Die Kinder waren müde Nur der
Kriegsrat schritt stramm voran Da ging ein Lüftchen durch die Ulmen aber kein
erfrischendes es war der Vorbote eines nahenden Sturmes Vom Templower Berge
kamen dicke Gewitterwolken »Wenn uns das noch träfe« sagte die Kriegsrätin
Es fielen die ersten Tropfen einzelne aber sehr schwere »Herr Jesus Mann
obs nicht besser wäre wenn wir umkehren ins Dorf Die Stadt erreichen wir
nicht mehr«  Der Kriegsrat wies schweigend mit dem Stock zurück »Ich kehre
nicht um« Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen von Blitzen
schon durchzuckt und am sternenflimmernden Horizont näherte sich die Wand den
beiden Wolken »Wenn das zusammenstösst«  »Wenn das uns träfe«  »Es trifft
uns schon« Der erste Donner rollte dumpf über die Fläche Der zweite dritte
war schon näher Jetzt tröpfelte es nicht mehr es prasselte »Unter die Bäume
Dicht unter die Bäume« rief die Mutter Die Bäume halfen wenig und bald hatten
sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht von wo ab das freie weite
Bachfeld vor ihnen lag und kein Schutz vor dem Regen der nicht mehr strömte
es schoss und goss
    Sie standen unter der letzten Ulme die dicht um ihren Stamm noch ein
Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewährte aber nicht vor dem Regen den
der Wind heranschlug Sie standen auf den vom Erdreich losgespülten Wurzeln um
nicht im puren Wasser zu stehen das schon über den Boden wallte Jette hatte
sich im Gehen Strümpfe und Schuhe abgestreift ihr Sonntagszeug nicht zu
verderben Die Frauen schürzten ihre Kleider schickte es sich aber auch für
sie die Schuhe auszuziehen  »Die Kinder aufgenommen« rief der Vater Jette
hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt Adelheid dafür den von ländlichen
Einkäufen schweren Korb aufgenommen Der Vater wollte die Klara aufheben das
Wasser das aus seinem dreieckigen Hute wie aus einer Rinne goss überschüttete
das Kind Das dritte nahmen sie zwischen sich
    Es waren furchtbare Minuten Das Wasser klatschte mit blauen Blitzstrahlen
gemischt auf die Erde vor ihnen nur ein wellender Spiegel vom Winde
gepeitscht Ein Todtenschweigen nur durch das Gewimmer der Mutter einmal
unterbrochen »Und alles das um acht Groschen zu sparen Du rechnest auch
nicht was die verdorbenen Kleider wert sind« Die Antwort des Vaters
übertäubte ein Aufschrei aus Aller Munde Der Regen von den höher gelegenen
Feldern zur Rechten ergoss sich in einen Graben der in der Regel ganz trocken
und verschüttet war Das aufschwellende Wasser brach den Damm und wühlte ein
breiter Bach den Fusssteg auf dicht vor der Ulme und ein immer tieferer und
rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab
    »Seht nicht in die Blitze das verdirbt die Augen« rief der Vater »Wenns
nur nicht so grässlich donnerte« jammerte die Magd »Und unsere besten
Sonntagskleider sind hin«  »Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten«
sagte der Vater »Denk Dir unsere armen Soldaten im Kriege die haben kein Haus
und keinen Mantel«  »Aber ihre Monturen muss der König bezahlen« entgegnete
die Kriegsrätin »Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid Und wenns sies
Fieber kriegt«  »O Gott wir gehen alle unter« schluchzte wieder die Magd
als ein stärkster Donnerschlag dicht über der Erde hinzurollen schien »Wär ich
doch nie in den Dienst gegangen«
    Da schien das stärkste Gewitter sich entladen zu haben Die
zusammengekeilten Wolken brachen Es rauschte noch vom Himmel und er schien sein
blaues Licht niederzugiessen aber man hörte auch schon wieder die Bäume rauschen
und der Donner ward dumpfer Man hörte auch einen Wagen Die Pferde stampften im
Wasser Es war die Obristin mit ihren Nichten Ein heller lang andauernder
Blitz  ein Schrei der Freude und des Schreckens
    Hätte die Frau Kriegsrätin doch mögen in die Erde versinken als der
Kutscher hielt Ach es war weder Zeit sich zu schämen noch Toilette zu machen
Die gute Obristin hätte so gern Alle mitgenommen Was an Platz war in der
Kutsche sie sollten nur kommandiren die Kleinen wollten sie schon auf den
Schoss nehmen »Mann um Gottes Willen Du wirst doch jetzt nicht
Bedenklichkeiten machen« Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine sie
waren rasch hineingeschoben Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen Die
Kriegsrätin hätte sich ja nimmermehr hineingedrängt Sie war so stark und nass
und in solchem Aufzuge »Väterchen Du« rief Adelheid Konnte er Mutter und
Tochter allein in Nacht und Regen lassen »Kommen Sie Adelheidchen Sie erkälten
sich ja ganz die Füßchen« rief die Obristin »Wenn für die Kinder gesorgt ist
für die Eltern sorgt der liebe Gott« Der Kutscher entschied in letzter Instanz
über alle Bedenklichkeiten Er ließ mit einem »Donnerwetter wenns nicht bald
wird« die Peitsche knallen und ich glaube er hätte sein Wort gehalten
 
                              Vierzehntes Kapitel
                           Wie es im Hause aussieht
Weshalb der Kriegsrat endlich nachgab war dass er in der Ferne die
Gensdarmerieoffiziere gallopiren hörte Aber die Wagentür klappte noch in der
Luft sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen als die Räder schon durch
den flutenden Giessbach rollten
    Entweder wollte er die Wagentür zuschlagen oder war es um seiner Tochter
Anweisungen zu geben weshalb der Vater nachstürzte »Der Herr Kriegsrat
ertrinken« schrie die Jette aus der Kutsche wehten sie er möge zurückbleiben
    »An den Tag werden wir lange denken« entfuhr es dem Kriegsrat Seine Frau
drückte verstohlen seine Hand er drückte sie wieder »Und Mamsell Adelheid
werden auch bald warm werden« tröstete die Jette »sie sitzen so eng zusammen«
    Die Offiziere ritten vorüber ohne von der Familie Notiz zu nehmen Das
Wasser war schon im Ablaufen und man versuchte die Passage Sie gelang endlich
nach der richtigen strategischen Maßregel dass ein Fluss leichter an der Quelle
als am Ausströmen zu forciren ist Forcirt musste er aber doch werden und man
versank nicht allein im Moor und Wasser sondern auch im trockenen Sande da ein
Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat dass er nur die Oberfläche
durchnässt
    Die Sterne schienen wieder auf einen langen sauren Weg Der Kriegsrat ging
Arme und Stock auf dem Rücken vorauf er schien in die Sterne zu sehen
    Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd Sie gingen eine Weile neben
einander ohne zu sprechen ihre Gedanken schienen sich zu begegnen »Wir kennen
sie eigentlich nicht«  »Wenn Du nur gefragt hättest wo sie wohnt« sagte nach
einer Pause die Frau »Aber die Adelheid weiß wo wir wohnen und sie ist ja
kein Kind mehr«
    Eine neue Pause Sie näherten sich schon dem Tore »Wenn wir sie nun nicht
zu Hause finden«
    Die Kriegsrätin hatte keine Antwort darauf Es presste sie etwas auf der
Brust Sie strengte sich an mit ihrem Manne Schritt zu halten Da musste am
Tor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Torschreiber den
Korb der Jette untersuchen Der Kriegsrat musste seine Börse ziehen um einige
Groschen Accise zu zahlen und die Sohlen brannten ihnen unter den Füßen Selbst
über den schönen Stern in der Mitte des Platzes der seine Strahlen von großen
und kleinen Pflastersteinen ausgiesst eilten sie ohne einen Blick dahin zu
werfen was der Jette unbegreiflich schien denn es war doch die größte
Merkwürdigkeit von Berlin die jeder Handwerksbursche gesehen haben musste
sonst war er nicht in Berlin gewesen
    Der schöne Stern ist längst verschwunden Auf seinem Kernpunkt steht die
Friedensgöttin die man aufgerichtet als der Friede anfing aufzuhören Auf
einer spitzen Säule flattert sie in die Luft wie der Vogel der mit einem Fuß
auf der Dachfirste Posto gefasst und sich umschaut ob es drüben geheuer ist
    Die große Friedrichsstrasse war ihnen nie so lang vorgekommen und doch
eilten sie dass der Kriegsrätin der Atem verging Die Jette dachte mit dem
schweren Korb Ich bin doch auch ein Mensch  An den Fenstern zählten sie die
Lichter Würden sie ihre Wohnung dunkel finden »Wenns um diese Ecke das Haus
da hell ist« sagte sich die Mutter »dann finden wirs auch bei uns hell«
Einmal war es dunkel dann wieder hell Man muss an ein Orakel nicht zu oft
dieselbe Frage stellen Der Vater dachte an die Schwalben die Schüsse gehört
und Brannstgeruch gerochen und mit gestreckten Flügeln schießen ob sie ihr
Nest noch finden Aber er hatte keinen Schuss gehört und keinen Brannstgeruch
empfunden Die Frau Kriegsrätin beruhigte sich auch wie schrecklich hatte
nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt denen die
Seiltänzer ihre Kinder stehlen
    Beide sagten sich sie wären beruhigt aber Beider Herz klopfte dass Jeder
das des Andern hätte können schlagen hören als sie um die letzte Ecke zum
Gensdarmenmarkt bogen  Zwei Herzen und ein Schlag ein freudiges Ah Ihre
Fenster waren hell sehr hell  Die Haustür offen Die Magd des Wirtes kam
ihnen entgegen »Na Gott sei Dank dass Sie da sind Die Mamsell und die Kinder
haben sich schon zu Tode geängstigt«  Auf der halben Treppe sprang ihnen
Adelheid entgegen »Ach mein lieber Vater meine liebe Mutter Gott sei Dank«
 Der Vater drückte sie an seine Brust die Mutter riss sie an sich »Ach und
Ihr seid ganz durchnässt Schnell schnell oben liegt Alles schon bereit« Die
Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern »Das hat Alles die Adelheid
getan«  »Nicht alles Mütterchen die Jülli und die Karoline halfen ach die
gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter«
    »Hat Euch im Wagen hergebracht«
    »Und war auch so nass und müde von der Reise Aber Gott bewahre Anvertrautes
Gut muss man eher zurückliefern als man an seines denkt sagte sie Und Euer
Vater ist ein guter Diener seines Königs Und der König geht vor allem und heut
ist sein Geburtstag Denkt Euch als wir ausgestiegen waren wollte sie die
Kutsche zurückschicken um Euch holen zu lassen Aber der Kutscher war ein
garstiger Mensch Er fluchte um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch
seine Pferde ruiniren Die gute Obristin wurde ganz erschrocken und steckte ihm
noch Geld zu dass er nur ruhig wäre denn es wäre ja des Königs Geburtstag und
darauf sollte er trinken«
    »Unverschämtes Volk« rief der Kriegsrat seinen Stock erhebend
    »O das ist noch nicht Alles« sagte Adelheid »kommt nur herein und seht«
    Sie traten in das helle Zimmer Eine Punschbowle dampfte über einem
Kohlenbecken
    »Das hat alles die Obristin für Euch besorgt damit Euch die Erkältung
nichts schadet Die Karoline musste selbst zum Kaufmann die Citronen und den
Rum kaufen und die Gustel unten kochte das Wasser und dann erst gingen sie
und wollten nicht bleiben um Euch nicht zu stören Und so herzliche Grüße haben
sie mir aufgetragen dass ich sie gar nicht bestellen kann«
    Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber der
Kriegsrat in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln die Kriegsrätin in
ihrer Dormeuse Die Kinder waren längst im Bett die Bowle bis auf einen kleinen
Rest geleert Den goss der Kriegsrat redlich teilend in die Gläser »Es wird
zu viel Alter« sagte die Frau
    »Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstossen«
    Der Mann setzte die Pfeife fort
    »Mann da sieht man wie man sich täuschen kann«
    »Aber s ist gut wenn mans wieder gut machen kann«
    Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein aber die Herzen
klangen Der Kriegsrat ging sehr vergnügt aber nicht so kerzengrad wie am
Tage nach seinem Bett Die Kriegsrätin leerte noch den Rest ihres Glases im
Stillen Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten die sich
mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten »Uns kommt alles
unverhofft« sagte sie und wischte eine Träne der Rührung aus dem Auge Im
Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen was sie tun müssten um es
der Obristin zu vergelten Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten
gezeigt die in Güte beigelegt werden sollten aber man hörte bald nur eine
vollkommene Harmonie  im Schnarchen
    Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen aber
etwas abgekühlt Gestern wollte der Kriegsrat sobald er aufgestanden der
Obristin seine Aufwartung machen Heute fand die Frau dass eine Visite so früh
am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke Der Mann aber dachte dass
er ja ins Bureau müsse und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor sagen
die Geschäftsmänner Es war aber noch ein Grund weshalb es nicht ging sie
wussten ja nicht wo die Obristin wohnte Wohnungsanzeiger gab es noch nicht
Der Kriegsrat wollte sich im Bureau danach erkundigen
    Der Kriegsrat kam heute spät nach Hause Seine Nachforschungen nach der
Obristin waren nicht glücklich gewesen Man glaubte wohl den Namen gehört zu
haben wusste aber nichts Gewisses Übrigens hatte das nichts Auffallendes
denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf
Da wäre eine russische Fürstin hier und Damen und Herren vom höchsten Stande
aus Frankreich und England von denen man wohl wisse dass sie andere Namen
führten als ihnen zukämen aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr
Incognito oder drücke ein Auge zu weil sie mit dem Hofe und den Ministern ins
Geheim verkehrten damit andre Mächte nicht aufmerksam würden und plötzlich
würde aus Einem oder dem Andern der in einer Winkelgasse wohnt der
außerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten Denn ganz Europa blickte
jetzt erwartungsvoll auf Preußen »und wie es sich jetzt entscheidet das gibt
den Ausschlag«
    Die Kriegsrätin hatte mit sichtlicher Ungeduld ihm auch etwas
mitzuteilen zugehört aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern »Ach
Gott das wäre ja viel zu vornehm für uns«
    »Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten«
    »Ja und das war sie« brach es heraus »ihr Gesicht strahlte von Freude
Männchen wir sind glücklicher gewesen als Du Als wir eben dasassen die
Adelheid und ich und überlegten was wir anziehen sollten wenn wir sie
besuchten klingelte es und wer trat ein  Sie selbst Wir waren Beide einig
dass wir uns nicht sehen lassen konnten aber sie sagte sie müsste uns sehen
und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt obs uns auch bekommen wäre
Ich sage Dir nein es war eine Liebenswürdigkeit als wenn wir alte Freunde
wären«
    »Da seid Ihr gewiss schon heut zum Kaffee invitirt«
    »Nein das bedauerte sie eben so sehr dass sie uns in den ersten Tagen nicht
bei sich sehen könnte denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden Nichts wäre
gemacht wie sies bestellt und sie müsste Tapeten runter reißen lassen und Gott
weiß was«
    »Aber wo wohnt sie«
    »Wir sollens gar nicht wissen bis sie in Ordnung ist Aber bei uns wird
sie ein Mal ansprechen und mit ner Tasse Kaffee verlieb nehmen Doch ganz unter
uns wie wir sind ohne Umstände und wir sollten Niemand dazu bitten Oder sie
wird auch mal vorfahren und anfragen ob einer von uns mit ihnen spazieren
fahren will Alter weißt Du sie meint Du sässest zu viel Du müsstest Dir mehr
Bewegung machen Solche gute Staatsdiener wie Du müssten sich ihrem Könige
erhalten das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit und sie hätte so viel zu
Deinem Lobe gehört was sie in der Seele erfreut und sie wisse auch schon dass
Dein Avancement vor der Tür steht«
    »Da hat sie zu viel gehört« unterbrach der Kriegsrat und ging auf und ab
»Damit ist es vorbei Ich hörte «
    »Hat sie auch gehört Du solltest Dir aber keine grauen Haare darum wachsen
lassen Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz oder was er ist der
möchte den Geheimrat Lupinus aus der Patsche ziehen und es soll ihm schon
gelungen sein dass er die andern Gefangenen dazu rum gekriegt eine Schrift zu
unterschreiben dass sie schuld wären und nicht er«
    »Und im Grunde solls mir auch lieb sein« sagte der Kriegsrat »von wegen
seines Bruders in der Jägerstrasse Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht
sehr es wäre aber doch immer hässlich wenn es hieße dass ich ihn aus dem
Dienst verdrängt  Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn
Geheimrat gesprochen  Er ist ein junger Mann aber wir sollten uns daran
nicht stoßen sagte der Geheimrat Er kennt ihn seit Jahren und er hilft ihm
bei seiner Bibliothek Ein Mann von admirablen Kenntnissen und treibe gerade
das was ein junges Mädchen braucht um in den Gesellschaften nicht den Mund
zuzuhalten Und wir würden schon zufrieden sein Er wird sich heute Nachmittag
uns präsentiren«
    Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe
Adelheid hatte die meiste Besorgnis sie fürchtete das erste Examen und dass sie
der Lehrer doch gar zu dumm finden würde
    Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu »Die Adelheid stellt sich wirklich
vor« sagte die Mutter »als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger
klopfen«
    Endlich klingelte es kurz vor der Dämmerstunde der Lehrer trat ein Den
Eindruck den er auf den Vater machte war ein guter Er hatte sich einen
excentrischen jungen Mann gedacht laut und viel sprechend wie ihm die jungen
Männer von der Schule geschildert worden zu der er gehören sollte Aber er war
von bescheidenem ernstem gehaltenem Wesen An seinem Benehmen sah man dass er
die Welt kannte Seine Anrede war bestimmt fest und kurz Auch der Mutter
missfiel er nicht aber die Frau Kriegsrätin glaubte sich doch einem solchen
bloßen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen und sie fragte ihn womit
er seine Lektionen anzufangen denke
    »Dazu gehört dass ich meine künftige Schülerin kenne« entgegnete er die
Handschuhe leicht in den Hut werfend um den Stuhl einzunehmen den der Vater
ihm präsentirt
    Aber die Schülerin präsentirte sich schon selbst Adelheid die bei seinem
Eintritt abwärts gestanden war unbefangen vorgetreten und ohne die Vorstellung
der Mutter abzuwarten sprach sie sich leicht neigend »Ihre Schülerin ist
schon hier ich bin es«
    Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter
aber sie bemerkte dass der Lehrer erschrak Er wich einen halben Schritt zurück
und errötete Adelheid meinte später die Mutter könne sich wohl getäuscht
haben da es schon anfing dunkel zu werden Als die Jette das Licht gebracht
setzte man sich und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt Man
sprach über dies und jenes Tagesereignisse und Naturerscheinungen man ward
über die Stunden einig über die Bedingungen war man es schon vorher durch den
Geheimrat Er hatte gar nicht examinirt und doch sagte er beim Abschied zur
Mutter er wisse nun genau wo er anfangen solle Adelheid nahm das Licht vom
Tisch und leuchtete ihm hinaus Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine
gute Nacht
    Die Mutter begriff ihre Tochter nicht noch eben so bang und plötzlich so
unbefangen Adelheid erklärte der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein
Lehrer vor sondern wie ein gewöhnlicher Mensch Er spräche ja so dass ein Kind
ihn verstehen könnte  Das aber gerade machte die Mutter bedenklich ob ihr
Mann auch an den rechten geraten Sie hatte Achtung gegeben ob er nicht einmal
einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller citiren werde Aber wenn sie
das Gespräch darauf lenkte brach er ab oder vielmehr er lenkte es auf Dinge
die Jedem geläufig und wenn nicht gab er solche Erklärungen davon dass sie
Jedem verständlich wurden Ein Lehrer muss doch da sein um zu belehren und doch
wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen dachte sie die nicht
Jedermann versteht die aber so schön klingen dass man neugierig wird und zum
Lernen Lust bekommt Ihr Mann meinte wenn die Stunden anfingen werde er wohl
gelehrter sprechen Die Kriegsrätin aber wollte ihre Freundin die Obristin
bitten einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein um ihr aufrichtig zu sagen
ob der neue Lehrer was tauge
    Nur über eins war sie beruhigt Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine
Gefahr auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre Er war ja viel
älter als sie gedacht und blass und hatte auch einige Pockennarben und tanzen
konnte er gewiss nicht Sie meinte es ginge ihm wohl kümmerlich obschon sie
sich entsann dass er einen feinen Rock trug und um ihm etwas Gutes zu
erzeigen dachte sie daran ihm einen Freitisch anzubieten
    »Das würde sich nun nicht schicken« sagte der Kriegsrat der andern Tages
von Erkundigungen heim kam die er im Interesse seines Kindes eingezogen Zuerst
hatten ihn die gescheitesten Leute versichert der Herr van Asten wisse mehr
als in tausend Büchern steht aber er habe den Tik dass er das Sprüchwort zu
schanden machen wolle der spricht ja wie ein Buch Das wäre überhaupt jetzt
Mode dass die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten dass sie gelehrt
wären
    Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsrätin als sie erfuhr Herr van
Asten habe einen angesehenen Vater den Prinzipal des alten Handlungshauses in
der Spandauer Straße Weil er jedoch zu der jungen ästhetischen Schule halte
die man Romantiker nennt habe er sich mit seinem Vater überworfen und sei aus
dessen Hause gezogen und nehme keine Unterstützung von ihm an sondern er habe
sich vorgesetzt sich selbst fortzuhelfen So knapp es ihm gehe schlage er sich
durch und es könne ihm Niemand etwas nachsagen als dass er stolz sei und andere
nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse
    Die Kriegsrätin sah den jungen Mann schon ganz anders an als er zur ersten
Stunde kam Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen Nur gefiel es
ihr auch heute nicht dass er die Adelheid so viel sprechen ließ und selbst wenig
sprach Sie nahm sich vor nachher ihrer Tochter zu rügen dass sie ihre
Unwissenheit so bloß gegeben aber wie war sie verwundert als van Asten sie
beim Fortgehen versicherte dass Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse als er
geglaubt und dass sie sich selbst am besten unterrichten werde Der Lehrer
brauche nur wenig hinzuzutun
    Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand »Auf Wiedersehen
Herr van Asten« Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich
Adelheid sah sie aber groß an »Wenn ich ihm nun gut bin soll es sich nicht
schicken dass ich ihm die Hand schüttele«
    Die Stunden hatten ihren Fortgang und Adelheid reichte jedes Mal beim
Abschied dem Lehrer die Hand als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren
Nichten vorfuhr und die Mutter oder die Adelheid auffordern ließ mit ihnen
einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen Die Kriegsrätin entschied auf der
Stelle für Adelheid Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen indem die
letzte fragte ob es sich auch schicke während die erste sagte wenn ihre
Tochter ein Vergnügen habe sei es als ob sie selbst es genossen und was sie
denn für Bedenken haben könne
    Als Adelheid am Abend zurückkehrte waren alle Bedenken verschwunden In der
Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über Liebenswürdiger konnten Nichten
und Tante nicht sein Wie anmutig war die Unterhaltung geflossen während der
Spazierfahrt wie rasch der Wagen dahin gerollt durch den Tiergarten Als sie
nach Hause fuhren hatten die Nichten sie so dringend gebeten einen Augenblick
bei ihnen hinaufzuspringen Die Tante meinte es sei noch nicht alles
eingerichtet Aber die Nichten sagten »Chère tante sie muss doch Dein rotes
Shawl sehen« Und oben die Zimmerchen es war so niedlich und fein wie sie es
nie gesehen man fühlte den Fußboden nicht solche weichen Decken lagen und
Sophas an allen Wänden und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel
dass sie vor der Zeit Licht anzünden mussten Keine Talglichte sondern eine
Lampe mit gedämpftem Glase die an der Decke hing Da hätte das Zimmer erst
wunderbar schön ausgesehen Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten wo das
rote Tuch lag und die Tante hatte gemeint sie müsse es zuerst ein Mal bei
Tage sehen weil die Farben bei Licht ganz andere würden Auch war ein Besuch
gerade eingetreten ein vornehmer Herr vor dem es doch nicht schicklich war
Toilette zu machen Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen er war
klein und hüftenlahm und ging an einem Stock der ihm als Krücke diente Auch
sein gerötetes Gesicht mit vielen Pickeln war hässlich Aber sie hätte auch da
bald eingesehen wie der Schein trügen kann Er war ein Kammerherr vom Hofe der
Herr von St Real den sie schon nennen gehört der eine gelegentliche
Vorfuhrvisite bei der Obristin machte Er war die Artigkeit selbst gegen die
Damen und auch gegen sie Er sprach so fein und verbindlich wie sie noch keinen
Herrn sprechen gehört und schien alles zu wissen denn er lächelte fein zu
Allem was sie sagte und machte dann eine Bemerkung woraus sie sah dass er die
Sache kannte Sie hatte nie geglaubt dass die vornehmen Herrn so freundlich
gegen Bürgerliche wären
    Er hatte sich erkundigt ob sie Klavier spiele und singen könne und was
ihre Lektüre sei was sie zuerst nicht verstanden Dann hätte er ihre Eltern
sehr gelobt dass sie ihr keine Romane in die Hände gaben denn das sei alles
nicht wahr was darin stehe und verwirre die Phantasie
    »Und denkt Euch« fuhr sie auf »er kennt auch Herrn van Asten Denn er
fragte bei wem ich Unterricht hätte Und als ich ihn nannte sagte er er hätte
von ihm gehört dass er ein sehr verständiger junger Mann wäre Und den Beweis
sähe er jetzt vor Augen Ich wurde rot Aber er fuhr fort das Gute kommt doch
wohl nicht alles vom Lehrer sondern das Beste von den Eltern Ich war wie
übergossen als er Deinen Namen nannte Väterchen und in meiner Verlegenheit
fragte ich ihn ob er Dich denn kenne Ich selbst habe nicht die Ehre
antwortete er aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und
sehr gut angeschrieben«
    Sie sprang auf und fiel dem Vater um den Hals »Väterchen man kennt Dich
bei Hofe«
    Die Mutter wischte eine Träne aus dem Auge Der Vater meinte man müsse
auch nicht alles glauben was die Leute uns ins Gesicht sagen
    Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen so höflich und fast
respektvoll dass sie sich wieder geschämt denn gegen die Nichten war er gar
nicht so fein Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen und die Obristin hatte
gesagt das solle nächstens geschehen auf eine Tasse Chokolade wenn ihre
Wohnung erst ganz in Ordnung sei und darauf war sie mit dem Kammerherrn
fortgefahren in die Oper Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen aber
die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen sie selbst zu begleiten Der
Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen denn sie wären oft angesprochen
worden von unverschämten jungen Männern Aber die Nichten hätten sie schön
zurecht gewiesen »Schämen Sie sich nicht anständige Damen zu attaquiren« Da
hätten die Herren gelacht aber die Nichten hätten sie um Gottes Willen gebeten
es der Tante nicht wieder zu sagen denn sie würde sehr böse sein weil sie die
Adelheid wie ihren Augapfel liebte aber sie hätten es auch ja nur getan weil
sie sie noch mehr lieb hätten
    Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude dass ihr Vater bei
Hofe bekannt sei das Haus und die Straße vergessen So wusste man noch immer
nicht wo die Frau Obristin wohnte
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                               Auch eine Idylle
Der Minister saß in seiner Laube Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr
großen Garten von dem nur der kleinere Teil von Gärtners Hand in Blumenbeete
und Weingelände geordnet war Auf durchschnittenen Wiesen weideten Kühe mit
Schweizergeläut
    Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug Neben ihm saß
die Frau Ministerin
    Der Minister saß in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus oder
Gartenschuhen Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm die Tinte
in der Feder war eingetrocknet und der Kanzleibote hinter der Laube wartete
eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime  denn der Minister
horchte den Kopf im Arm auf das Schweizergeläut
    Die Ministerin in einem so einfachen Hauskleide dass man sie für eine
einfache Bürgerfrau gehalten hätte wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen
besetzt gewesen und ein Mullumwurf den bloßen Hals bedeckte strickte eifrig
Sie strickte blauwollene Strümpfe und erzog ihre Kleinen die an der Laube
spielten Wenn sie sich mit Sand warfen sollte sie den Streit schlichten und
doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen die auf ihrem Knie Vossens
Louise ihr vorlesen musste Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und
gähnte oft
    Der Minister richtete respirirend den Blick aufwärts nach den reifenden
Trauben am Laubendach
    »Du hast wohl recht schwer zu arbeiten« sagte die Ministerin »Du solltest
Dich schonen«
    »Mir war es eben als wäre ich noch in Florenz So schwebten auch die
Trauben von unserer Veranda Und dieser Wiesenhauch Als wehte es von Fiesole
her und der Arno plätscherte unter mir«
    »Ich weiß nicht ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist als der Duft der
Orangen Ist es überhaupt Recht dass Du so oft dahin zurückdenkst Solche
Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele Wir sind doch einmal in diesem
Lande es ist auch hier schön und wir sind zufrieden und glücklich und «
    »Und« fiel er ein ihr die Hand reichend
»Süße heilige Natur
Lass uns gehen auf deiner Spur
Leite uns an deiner Hand
Wie ein Kind am Gängelband«
    Die Ministerin accompagnirte die Stollbergschen Verse durch eine stumme
Lippenbewegung indem sie andächtig in die Luft schaute Dann zählte sie die
Maschen sie hatte eine verloren Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst Das
Ehepaar war in sein stilles Glück versunken und in Betrachtungen warum Leopold
Stollberg katholisch geworden
    Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht warum der Minister respirirend
schwer den Blick nach den Trauben gerichtet warum er das Citissime drei Mal
durchlesen hatte ohne zu wissen was darin stand warum er wie ein Träumer auf
das Schweizergeläut hörte kurz warum er in der elegischen Stimmung war
    Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen
gefunden Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht Er hatte laut für
sich gerufen »Dann ist Alles aus Dann gehen wir Alle unter« Er hatte nach
seinem Kammerdiener und Jäger geschellt »Anspannen und ankleiden« Er wollte an
den Hof fahren selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füßen
legen Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die
Schnallen als er ihn wieder hinaus schickte er wollte sich einen Augenblick
ausruhen Auf das Sopha sich niederlassend löste er unwillkürlich die
Bandschnalle Es war so heiß »Wozu sich denn auch persönlich den Ärger
bereiten« Es wäre doch möglich dass er mit dem Könige aneinander geriet Das
fruchtet ja zu nichts Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen warum der
Mann dessen Name ihn so erschreckt nicht zum Minister tauge
    Er hatte wieder geklingelt und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen »Und
die Equipage Excellenz«  »Ausspannen« Der Sekretär hatte die
Schreibmaterialien zurecht legen müssen der beste und fertigste Kopist in
Bereitschaft stehen Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit
gestanden es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen
    Der Minister saß auch gar nicht mehr am Schreibtisch er saß zurückgelehnt
auf dem Sopha »Entweder es ist oder es ist nicht« dachte Seine Excellenz
»Wenn es nicht so ist so ist es gut wenn es ist so ist es vielleicht auch
gut«  gähnte er von der Hitze im Zimmer übermannt  »dann ist doch das Ende
vom Liede dass wir unsere Entlassung nehmen müssen« Weshalb sich für diese
Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen es kann
der Griff in ein Wespennest werden und an stechenden Insekten fehlte es
ohnedies nicht Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heiße
Stirn
    Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Tür an der er gelauscht an sein
Pult begeben und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt als man den
Minister endlich sah mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd sich ins Freie zu
begeben Beim Durchgehen hatte er verordnet die Akten ihm in die Laube zu
tragen
    Die stille Szene glücklicher Häuslichkeit in welcher die Sorgen von vorhin
schon verschwunden schienen hatte aber noch einen Beobachter Der Geheimrat
Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube den Hut im Arm und die Arme
gekreuzt Eine Pause benutzend trat er mit einigem Geräusch vor
    »Sie haben uns wohl belauscht lieber Bovillard« sagte die Ministerin »Das
ist nicht recht wer zur Familie gehört der muss nie zu stören fürchten«
    Er wollte ihre Hand an die Lippen führen sie zog sie unwillig zurück »Wir
sind Deutsche Einen ehrlichen Handschlag«
    »Ich bewundere Ihren Fleiß Excellenz«
    »Häusliche Angelegenheiten« sagte die Excellenz »gehen der Freundschaft
vor Halte mir mal Deinen Fuß her lieber Christian«
    Sie probirte den Strumpf am Fuße des Ministers »Sie lächeln wohl über mich
Bovillard Das genirt mich aber gar nicht Ehe wirs uns versehen kommt der
Winter ins Haus und da muss eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben Setzen
Sie sich und plaudern mit meinem Mann von Staats und gelehrten Dingen ich
werde Sie nicht stören«
    »Und keinen Handschlag für mich« sagte der Minister seine Hand über den
Tisch ihm entgegenhaltend
    
    »Frauendienst geht vor Herrendienst«
    Der Geheimrat nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem
Gartenschemel Lieber hätte er in einem Fauteuil gesessen
    »Ach wer auch eine Frau hätte die uns Strümpfe strickte«
    »Ist Ihre Schuld Bovillard Warum haben Sie nicht wieder geheiratet«
    »Wo jetzt Frauen finden die wie Excellenz nur für das Glück ihres Mannes
leben«
    »Wenn man sie suchte würde man sie schon finden«
    »Alles will jetzt ästetisch sein«
    »Und Sie wenn Sie eine Frau hätten die Ihnen Strümpfe strickte würden
französische Spottverse auf sie machen Im Ernst Geheimrat bessern Sie sich
ein Bischen«
    »Soll ich katholisch werden wie Graf Stollberg Wenn Excellenz befehlen
tout à vos ordres«
    »Pfui über den Spötter und Ateisten Da sitzen Sie nun wieder mit dem
Rücken gegen die Natur«
    »Ich kann Excellenz doch nicht den Rücken kehren«
    »Sinn für Häuslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der französischen
Literatur beizubringen müssen wir wohl aufgeben aber rührt Sie denn gar nicht
die Natur hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen«
    »Nein Excellenz Aber ich hätte beinahe mal eine ergriffen Sie flatterte
nur wieder fort«
    »Inkorrigibler Flattergeist Sehen Sie meine Angelique lass ich Vossens
Louise lesen und freue mich wie das Kind immer mehr Sinn dafür bekommt«
    »Ach wer wieder ein Kind werden könnte«
    »Und wer kein Staatsmann geworden wäre« seufzte der Minister »Ich war
eigentlich zum Herrnhuter geboren Warum musste man mich hinausreissen an die
Höfe ins Feld der Intriguen Ich hätte ein Vater unter meinen Untertanen
gelebt sie beglückend selbst beglückt«
    »Und nun beglücken Excellenz ein ganzes Volk Voilà la différence«
    »Das mich verunglimpft weil ich  solche gute Freunde habe«
    »Wer wollen uns Alle bessern Excellenz Diese Laube sei der Tempel der
Tugend wo wir ihr Gehorsam geloben und die Frau Ministerin die erhabene
Priesterin welche unsere Schwüre empfängt«
    »A propos« hub die Ministerin an »wissen Sie denn den Vorfall von gestern
bei Hofe«
    Der Geheimrat kannte ihn noch nicht
    »Der König und die Königin hatten eine Landpartie verabredet nach
Pichelswerder Sie laden die alte Voss ein daran Teil zu nehmen Aber ganz
ländlich heißt es Wird das unserer lieben Gräfin auch anstehen Sie fühlt sich
unendlich geehrt an einem Vergnügen Teil zu nehmen was Ihr Majestäten nicht
verschmähen und in voller Galla rauscht sie die Treppen hinunter worüber die
Majestäten schon kaum ihre Lust zurückhalten Denn mit Schrecken sieht die
Gräfin die Mütze des Königs und die Königin in dem Morgenrock der ihr so
reizend steht Aber unten im Charlottenburger Hofe Was steht vor der Tür Ein
Leiterwagen mit Stroh  Sie fragt nach der königlichen Kutsche  Dies ist sie
sagt der König wir werden uns etwas behelfen müssen ländlich sittlich Die
alte Voss ist erstarrt aber noch entsetzter als sie sieht wie der König die
Königin hinaufhebt Die anderen Hofdamen helfen sich selbst Der König bietet
endlich der alten Dame seine Dienste an aber sie erklärt feierlich so lange
sie ihr Amt als OberCeremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren werde und
könne sie sich dazu nicht entschließen Und setzte sie hinzu wenn ich auch so
unglücklich wäre darüber die Gnade Ihr Majestäten zu verlieren  Der König
sagte freundlich Um des Himmels willen liebe Voss wenn Sie nicht mit wollen
bleiben Sie zurück aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen Und hinauf sprang
er und der Wagen rollte fort«
    Der Geheimrat schnalzte auf »Délicieux die alte Voss allein am Tor wie
die Henne am Teich«
    »Ich glaube Komtess Laura« fuhr die Ministerin fort und zog ihren Strumpf
 »ich glaube die hat auch nicht sehr vergnügte Mienen auf dem Leiterwagen
gemacht Es ist erschrecklich welche Airs sie sich gibt«
    »Ich finde sie nicht mal schön« sagte Bovillard am Halstuch zupfend Er
fand sie nicht schön weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand was ihm
sagte dass die Ministerin eine solche Findung wünschte
    »Sie fischt ihn auch nicht weg« sprach der Minister
    »Und wenn meine weisen Herren « fiel die Ministerin ein »was hätten Sie
gewonnen Hat sie den Esprit um ihn zu gouverniren So wenig als die Fromm die
Pauline und die andern Er ist zu impetuös Überdies erlauben Sie mir ich
finde es von so klugen Leuten unverantwortlich eine solche Person in ihre
Konfidence zu ziehen«
    »Der Minister meinte sie hätte wohl neulich beim té dansant zu scharf
gesehen Als Frau sei die Komtess ein gutmütiges Geschöpf«
    »Dass sie sich mir da vordrängte will ich ihr vergeben haben« sagte die
Ministerin »sie hat keinen Takt aber ich bitte Sie wenn auch Komtess Laura
sich unterstehen will das Mulltuch um den Hals zu binden wie unsere
tugendhafte Königin so finde ich das rebutant ja geradezu rebutant meine
Herren und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht wie
man das hingehen lasien kann Aber die Herren werden wohl Gründe dafür haben 
Die Herren haben auch zu sprechen was ich nicht hören soll« setzte sie das
Strickzeug weglegend hinzu »und ich will Sie nicht stören Aber das sage ich
Ihnen ich bin keine Freundin von Intriguen Schlicht und grad damit kommt man
am weitesten Geben Sie es auf den Prinzen einzufangen Er bricht durch alle
Ihre Netze Und was hätten Sie am Ende gefangen Er hat eine Partei aber diese
Partei wird nie ans Ruder kommen so lange er und der König ihre Natur nicht
changiren und die klugen Herren klug handeln Umstellen Sie Seine Majestät
seien Sie auf der Hut dass keine zweifelhafte Person in seiner Nähe sich
festnistet lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen auch
immerhin seine genialen Streiche die in einem gewissen Publikum so viele
Bewunderer finden Desto besser der König kann nun einmal geniale Streiche
nicht leiden Das Übrige macht sich dann schon von selbst«
    Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt »Mir aus der Seele gesprochen
Nichts von Intriguen Den geraden Weg«
    Der Geheimrat und der Minister hatten allerdings ein Geschäft
    »Excellenz hatten die Eingabe vor sich wie ich zu sehen glaubte« sagte der
Geheimrat als sie durch ein Weinspalier gingen wo der Minister die Trauben
mit Lust befühlte und weit mehr Lust zu haben schien ein naturhistorisches
Gespräch zu führen als über die Angelegenheit um die der Begleiter gekommen
war
    »Und gelesen« seufzte der Minister als er nicht mehr ausweichen konnte
»Aber ich bitte Sie Freund Sie lasen sie doch auch«
    »Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt«
    »Ja klarer kann es kaum sein dass man die Gefangenen beschwatzt hat etwas
zu unterschreiben was ein handgreifliches Märchen ist Sie attestiren dass sie
unter sich in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des königlichen
Geburtstages einen ungebührlichen Lärm gemacht dass sie dadurch den Voigt in ihr
Gefängnis gelockt dass sie die Tür hinter ihm verschlossen und ihn gezwungen
an ihrem Gelage Teil zu nehmen bis es ihm zu arg geworden Ich bitte Sie was
konstatirt denn selbst aus dieser Erzählung Selbst wenn die Fabel Wahrheit
wäre hat ein Mensch der so wenig seine Autorität zu erhalten weiß sein Amt
verwirrt  Wer ist dieser Herr von Wandel« fragte er mit verändertem Tone
»Warum interessiert sich dieser Legationsrat so lebhaft für die Sache«
    »Es ist nicht die erste Excellenz«
    »In die er sich mischt Ich weiß es Er tritt auf wie der Alte überall und
nirgends Diese Geflissentlichkeit sich in Dinge zu mischen die ihn nichts
angehen gefällt mir nicht«
    »Was kann er davon haben dass Lupinus los kommt  Excellenz halten ihn für
einen Aventurier Aber er spielt nicht macht keinen übermäßigen Aufwand er
beschäftigt sich mit Naturwissenschaften«
    »Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin Darum drängt man sich in alle
Gesellschaften macht den Affairirten weiß um alle Secrets macht sich bei
Prinzen und Damen beliebt spielt hier den Weisen dort den Liebenswürdigen und
für uns Alle den Rätselhaften«
    »Er ist ein Mann des Friedens« lächelte Bovillard
    »Aber unseres Friedens Er ist zu klug um zu schwärmen also was will er
Ich liebe nicht die rätselhaften Menschen Wäre er nur ein Kundschafter ein
Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander von wem es sei gleich viel ich
wüsste mich mit ihm zu stellen aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance
der hat etwas  bleiben Sie mir mit ihm vom Leibe ich gestehe mir wird unwohl
wenn ich in das gläserne Gesicht sehe«
    Bovillard lächelte nicht er erlaubte sich zu lachen »Excellenz er ist ein
Schwärmer Zudem ein Philosoph Er hat ein System Männer mit Ideen pflegt keine
Puissance zu Spionen zu wählen«
    Der Einwand frappirte dem Minister »Jedenfalls muss man mit solchen Menschen
vorsichtig sein«
    Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen »Bovillard wozu denn der
Embarras um einen Menschen zu retten der sein Schicksal verdient hat Seine
Diners sind doch dünkt mich zu ersetzen«
    »Excellenz ein Ring heraus und eine Kette ist entzwei Seine
Familienverbindungen«
    »Man darf nicht schonen wo es an den eigenen Ruf geht Sie haben es nicht
zu vertreten aber ich wenn es am Hofe heißt das ist Einer von der
Lombardschen Klique Gerade wenn wir ihn springen lassen befestigen wir unsern
Ruf«
    »Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt«
    Der Minister sah ihn mit kaum unterdrücktem Lächeln an »Und dann der König
Es geht nicht er ist diesmal selbst Partei«
    »Ich weiß ich weiß  Indessen sollten Excellenz  ich meine wenn Sie sich
der Sache annehmen wollten wenn Sie das Loos der armen Kinder des Geheimrats
mit aller Ihrer Humanität erwögen sollte es Excellenz nicht möglich sein vor
der königlichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte  aber  mein Gott wie
schön ist die Aussicht Welch ein wunderbares Licht«
    Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten und der Geheimrat blieb wie
versunken in der Anschauung stehen Ein Eisen muss man schmieden wenn es heiß
ist aber an eine Tür die man verschlossen findet nicht klopfen bis das Haus
in Aufruhr gerät Wenn man wartet öffnet sie sich wohl von selbst
    »In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wieder zu sehen Wie
geschickt Excellenz die Stadtmauer da mit Gebüsch versteckt haben«
    »Der Garten war sehr morastig als ich das Grundstück kaufte es war mein
Vergnügen das Wasser in Gräben zu leiten die sich aber wie natürliche Bäche
schlängeln Hält man die schilfigte Krümmung dort wohl für gegraben«
    Der Geheimrat fand die Lorgnette im Auge nichts als Natur »Da auch
Mummeln im Teich  ich wollte sagen in dem kleinen See Il faut avouer que
cest plus quimiter la nature Cest la nature prise sur le fait«
    Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des künstlichen
Baches stellen um sich im Wasser zu spiegeln Der Minister hielt ihn am
Rockschoss zurück »Um Gottes Willen er kippt über Mein Gärtner hat ihn erst
heute Morgen aus Treptow eingefahren«
    »En vérité« sagte der Geheimrat »die Täuschung ist mir lieb denn ich
wollte schon mit Ihnen zürnen einen solchen Kernbaum umzuhauen«
    »Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen«
entgegnete der Minister über die Täuschung doch nicht ganz unzufrieden »Wenn
ich auf etwas mir zu Gute tue ist es nächst meinem Weinbau von dem Sie ja
wohl schon gelesen haben werden« setzte er lächelnd hinzu »auf meine Kühe Es
ist holsteinische Zucht check will in Steglitz auch den Versuch machen ich
zweifle aber dass sie ihm fortkommen  Und mit welchen Vorurteilen ich zu
kämpfen hatte Zwei Kuhhirten musste ich entlassen Der eine hielt das
Schweizergeläut den Kühen für schädlich Wohin sehen Sie dort«
    »Was ist das blendende Weiß da«
    »Meinen Sie das Stückchen Stadtmauer worauf die Sonne scheint Der Teil
ist neu geweisst«
    »Sollt ich mich so getäuscht haben  Richtig Sie springt da gerade über
die Büsche Wissen Excellenz es ist eine Torheit  aber die Phantasie geht
oft mit uns durch  in dem Augenblick dachte ich an Schnee Man könne der
Illusion zu Hilfe kommen Ich meine «
    Der Minister fiel ein er sei kein Freund der Spielereien im Wörlitzer Styl
»die Natur und nichts als die Natur Da hatte ich auch einen Wasserfall
angelegt ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen Man erreicht
weder ihre Größe noch ihre Einfachheit«
    Der Geheimrat empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berührung auf dem
Rücken Der Minister zuckte sogar schmerzlich zusammen denn eins der
Kieselsteinchen mit denen beide beworfen wurden hatte ihn in dem Nacken
getroffen
 
                             Sechszehntes Kapitel
               Von Urmenschen und großen Menschen im Schlafrock
»Verfluchter Junge« entschlüpfte es ihm indem er sich umdrehend die Hand
erhob »Jean oder warst Du es Jacques Du siehst doch ich bin nicht allein«
    Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel Er kam aus den Ästen einer der
Ulmen die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in
einer Gruppe Buschwerk standen Bovillards Lorgnette entdeckte in den Ästen
einen der Knaben des Ministers einen andern am Ufer als wilder Mann kostümirt
Dieser schrie auf seine Keule gestützt in unartikulirten Tönen deren leicht
verständlicher Sinn war dass sie Riesen oder Waldmenschen wären denen dieser
Wald gehöre und dass kein Fremdling aus der feigen schwächlichen Menschenrace
sich in ihr Territorium ungestraft verirren dürfe
    »Da werden wir wohl unterhandeln müssen lieber Bovillard«
    »Ah Dero Herren Söhne  spielen Ritter«
    »Die Passion ist vorbei sie wollen nichts als Menschen Urmenschen sein
Na Jean Jacques sagt was wollt Ihr denn von uns«
    »Jean Jacques Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht urmenschlich
genug«
    »Eine Passion meiner Frau« Der Minister verneigte sich »Also Ihr
grossmächtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes was fordert Ihr von
uns armen Menschenkindern damit wir unter Eurer Gnade einen ungehinderten
Durchweg haben«
    Während die Knaben dies »freche Ansinnen« wie sie es nannten in
Überlegung ziehen wollten und dazu der eine Waldmensch vom Baume
herabrutschte hatte Bovillard Zeit die Insel zu betrachten von deren Existenz
er noch nichts wusste Sie war sichtlich erst vor Kurzem gegraben so wie die
künstliche Höhle aufgeschüttet von Erdreich Ästen und Moos mit rohem Tisch
und Bänken und ein schadhaftes Bärenfell das am Eingang hing verriet an
seiner Furnitur dass es von irgend einem Liebhaberteater stammte
    Der Riese indem er den Blätterkranz auf der Stirn zurecht rückte während
der Andere das Bärenfell auf die Erde breitete und sich in malerischer Position
hinwarf stellte nun in einer schwulstigen Knabenrede an die jämmerlichen Wichte
und elenden Kreaturen der Zivilisation seine Forderungen und Vorstellungen dass
sie die auf Lotterbetten lägen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und
Speisen ihnen den Waldmenschen die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln
lebten ihr Trank das klare Quellwasser ihr Becher die Hand nicht einmal ihr
letztes Asyl die Waldwildniss gönnten Wohl kennten sie die Urmenschen die
Arglist ihrer Verfolger die ihnen die Erde entrissen und sie wilde Männer
schalten und dass sie nur kämen um sie auszukundschaften und durch
gleisnerische Worte zu betrügen Eigentlich sollten sie nun zu ihrer Rettung die
verräterischen Spione der Kulturmenschen vernichten aber die Waldmenschen
wären großmütiger sie wollten ihre Hände nicht mit ihrem Blute besudeln denn
Allvater rausche in den Eichen über ihnen Lasst sie noch diesmal laufen Darum
möchten sie noch diesmal laufen mit geduckten Köpfen die Hände auf dem Rücken
laufen was sie könnten denn wenn sie bis zwölf gezählt würden sie Felsstücke
auf ihre Schädel nachschleudern
    »Cest bien joli« sagte der Geheimrat und klopfte den Staub von den Füßen
als sie außer Atem die Büsche erreicht
    »Ein prächtiger Junge«
    »Aber wie kamen sie auf die Idee
    »Ganz ihre eigene Das ist es eben was mich freut Auf einem Spaziergange
im Tiergarten sprach meine Frau beim Anblick der RousseauInsel einige
gefühlvolle Worte Die Jungen schnappten es auf wir mussten ihnen erklären wer
Rousseau gewesen es kam dazu dass sie vor Kurzem den Robinson gelesen  kurz
die Jungen wollten als Einsiedler auf einer Insel leben Sie glauben nicht mit
welchem Scharfsinn sie argumentirten Wir riskirten dass die Kinder uns eines
Morgens fortliefen und nach der RousseauInsel wateten Um den Skandal zu
verhindern ließ ich ihnen diese hier graben Es gab eine angenehme
Beschäftigung und jetzt muss ich wirklich ihre Perseverance admiriren mit der
sie sich auf der Insel «
    »Ennuyiren« fiel der Geheimrat ein
    Es trat eine Pause ein Der Minister hub wieder an »Ich gebe Ihnen zu
Bovillard wir erscheinen als Kinder indem wir dies unterstützen Ich gebe
Ihnen noch mehr zu meine ganze in einer großen Stadt hervorgezauberte
Ländlichkeit ist auch nur ein Kinderspiel wer aber hielte es aus ohne ein Spiel
der Phantasie Nur darin ist der Unterschied, dass die Einen es wie ein joujou de
la Normandie in die Hand nehmen um es aufzurollen und wieder fallen zu lassen
Wir Andere vertiefen uns glücklich wenn wir in dem Spiel uns selbst vergessen«
    »Die Tiefe Ihres Sentiments Excellenz wird Ihnen Niemand abstreiten«
    »Sagen Sie lieber Innigkeit Zärtlichkeit wie Sie wollen Ich empfinde es
tiefer als Viele was uns Alle ermattet Wie es um uns her grau ist abgelebt
aussieht wie auf einem Stoppelfelde Was ging nicht unter Unsere
Adelsherrlichkeit unsere Schlösser und Burgen Der Lüster unserer Salons Das
heilige Römische Reich folgte unserem Glauben an seine Herrlichkeit Was ist
unsere Philosophie unsere Gelehrsamkeit selbst unsere Poesie und Literatur
die kaum aufgeblühten die kaum das Ausland zu observiren schien  ils sont
passés ces jours de fête denn selbst dem vergötterten Schiller zupfen die
jungen Romantiker seine Schwanenfedern aus«
    »Excellenz ein anderer Matisson Elegieen auf die Ruinen einer verfallenen
Welt«
    »Durchrieselt uns nicht Alle das Gefühl eines inneren Zerfalls der Dinge!
Unsere Kultur unsere Industrie Politik vielleicht selbst unsere Population
alle zuweit getrieben schmachten nach einer Rekreation«
    Durch den Buschweg den sie nach dem Hause einschlugen kam ihnen der
Kammerdiener mit einem verdeckten Korbe entgegen »Ah Rekreationen die uns die
Frau Ministerin schickt« rief Bovillard der hungrig geworden und schlug die
Serviette zurück Die frischen Kirschkuchen und das Gelée in Gläsern blickten
ihm nicht unangenehm entgegen aber der Kammerdiener zog den Korb entschieden
zurück »Verzeihn Sie gnädiger Herr das ist für die Herren Urmenschen auf der
Insel Ich habe mich etwas verspätet«
    »Gedulden Sie sich etwas lieber Bovillard Für Ihren Geschmack sind doch
nicht diese idyllschen Fruchtgenüsse Aber ich will Ihnen eine allerliebste
kleine Strassburgerin vorsetzen« lächelte die Excellenz »Wenn auch nicht ganz
Unschuld doch sehr pikant und eben frisch angekommen«
    »Die Damen bleiben doch die Blüten der Natur,« entgegnete der Geheimrat
»ich meine aber die in der Mitte zwischen Gänseblumen und verwelkten Tulpen«
    Bei einer Öffnung der Büsche hatten die Spaziergänger einen Blick auf die
Rückseite der sogenannten Insel Der Kammerdiener hatte auf einer Stange den
Erfrischungskorb hinüber gereicht Die Urmenschen hielten es für naturgemäß
sich darum zu balgen Der stärkere stemmte den Kopf gegen den Bauch des andern
und hob ihn durch einen gymnastischen Schwung auf die Schultern
    Bovillard lachte der Minister glaubte eine Erklärung oder Entschuldigung
geben zu müssen Die Kinder glaubten nur es den wilden Tieren nachtun zu
müssen wenn ihnen das Fressen vorgeworfen wird übrigens liebten sie sich als
Brüder und würden nachher schon gerecht teilen
    »Ich lache nicht darüber mir kam nur eine Szene bei Rietz in den Sinn«
    »Bei Rietz« wiederholte der Minister nachsinnend
    Um des Geheimrates Lippen schwebte ein faunisches Lächeln »Excellenz
werden sich vielleicht noch der Jenny erinnern Sie sang uns da die Marseillaise
entzückend schön Während wir klatschten rief sie mit einem Mal ça ira und
mit einem Satz vom Stuhl auf den Tisch Schenkt ein rief das delicieuse Wesen
und nur auf einem Zeh schwebend hob sie das schäumende Glas Vive la liberté
Ohne einen Tropfen zu vergießen trank sies aus Eine Grazie wie eine Göttin
wie sie zwischen den Flaschen schwebte das leichte Mousselinkleid in antiken
Falten den Rosazephyr um ihren Nacken und ihr Teint von der Freude vom Wein
angerötet So tanzte sie nein es war kein Tanz es war doch ein Hinsäuseln
der äterischen Freude über die Tafel Kein Glas fiel um Die ganze Gesellschaft
außer sich wir mussten ihre Füße küssen« Der Minister hatte unwillkürlich den
Kopf gesenkt Bovillard fuhr fort »Einer unserer verehrten Freunde erinnere
ich mich noch sehr wohl war so benommen von olympischer Lust dass er sich die
Weste aufriß und das Füßchen an sein pochendes Herz drückte Darüber verlor die
Grazie das Übergewicht und ehe wirs uns versahen umfasste er sie und trug
sie fort«
    Bovillard sah nicht wie der Minister mit der Hand abwehrend winkte »Wie
die Najade sich schalkhaft sträubte ihr Zephyr flatterte eine Attitüde
Excellenz ich wünschte Sie hätten es sehen können Das war doch ein Jubel
eine Admiration Der Sabinerinnen Raub wie aus einem Munde scholls Ein
leibhafter Johann von Bologna«
    »Was öffnen Sie die Gräber der Vergangenheit Bovillard Ich ward ein
schlichter Hausmann«
    »Wars denn was Böses«
    »Eine Verirrung doch wohl liebster Freund Das müssen wir zugeben aber die
edelsten Empfindungen lagen zum Grunde. Es war mir oft so wie in der
Brüdergemeinde Aller Schein aller Standesunterschied das Drückende unsrer
Verhältnisse sinkt wie ein Schleier Der Bruder und Schwesterkuss drückt das
Siegel der Humanität der edlen Gleichheit auf unsre Lippen und nun fallen mit
den Titeln alle beengenden Rücksichten fort Man fühlt sich wieder in der Natur,
dem Ursprünglichen näher gerückt das Herz geht auf man schließt es
unwillkürlich weiter auf vielleicht weiter als man sollte  aber es ist ja eben
dieser Drang der uns glücklich macht«
    Der Geheimrat blieb einen Augenblick stehen »Ich besorge dass Excellenz an
jenem Abend Ihr Herz zu weit aufgeschlossen haben Die Jenny war ein pfiffiges
Ding«
    »Ich wüsste doch nicht «
    »Das glaube ich gern Der Champagner bei Rietz war immer première qualité
Aber erinnern sich Excellenz dass damals die hannöversche Geschichte spielte 
man schickte einen Kourier nach um eine gewisse Depesche coûte que coûte
zurückzuholen Die Jenny wenn sie noch lebt wird das freilich längst vergessen
haben aber «
    »Wem könnt ich sonst «
    »Nicht Excellenz aber die Jenny Als sie nach Hause fuhren stahl sich
Lupinus zu ihr Ich bin nicht bei ihrer Entrevue gewesen noch habe ich Gott
bewahre mein Ohr ans Schlüsselloch gelegt aber ich weiß nur dass auch sie von
allen beengenden Rücksichten sich frei sich wieder in der Natur fühlte dem
Ursprünglichen näher gerückt dass sie ihr Herz auch aufschloss «
    »Dem Lupinus Pfui«
    »Der Schwesterkuss drückte das Siegel der edlen Gleichheit Allen auf Ich
will auch nicht verschwören dass nicht die undankbare Schelmin Ew Excellenz
etwas raillirt hat Der Sillery hatte sie wie gesagt auch animirt und statt
die Mysterien der süßen Stunde in ihrer Brust zu verschließen machte sie sich
über den Minister lustig der ihr zu Füßen gestürzt ihre Knie umfasst und
geschworen hatte vor solcher Huld und Grazie etwas Geheimes auf der Brust zu
behalten wäre Sünde Wie die Sonne die Knospe entfalte müsse das Herz sich
erschließen vor der Schönheit  Excellenz solche Geschöpfe sind launenhaft
unberechenbar Sie hatte sich vielleicht bei den politischen Herzensergiessungen
etwas ennuyirt Nun musste sie gegen den ersten besten den sie sah auch ihr
Herz und ihr Lachen ausschütten Wie gesagt was die Jenny betrifft sie hat
alles ausgeschüttet aber  ich weiß nur aus manchen gelegentlichen Redensarten
dass der Geheimrat manche dieser Reminiscenzen eingeschachtelt hat«
    Es folgte eine lange Pause in welcher im Minister Vielerlei vorging Sie
setzten sich auf eine beschattete Bank mit der Aussicht auf einen Wiesenplan
und das Haus Ihr Gespräch war noch nicht zu Ende das fühlte sich von beiden
Seiten heraus wenn gleich Jeder den Anfang zu machen scheute Der Minister saß
nachdenkend den Kopf im Arm gestützt
    »Bovillard« hub er endlich an »will Ihr Protegé sich rächen vergessene
Dinge ausplaudern so trifft es nur mich Was ist der Einzelne dem Staat
gegenüber«
    »Excellenz auf der Goldwaage auf der Lupinus zu leicht wiegt müssten
Viele springen«
    »Und wer sagt ihnen dass sie nicht springen werden  wenn ein Changement
eintritt«
    Bovillard sah den Minister groß an »Nach Lombards Depeschen Die Radziwill
hat sich vor Ärger krank melden lassen die schöne Prinzess Wilhelm schreitet
wie eine heilige Katarina in stummem Zorn durch ihre Gemächer die Garde du
Korps  was weiß ich was sie tun Prinz Louis hat glaube ich ein Pferd tot
geritten und bei der Mamsell Rahel Levin ein Kollegium Philosophikum aus
Verzweiflung sich bestellt«
    »Sind damit Ihre Novitäten zu Ende«
    »Der Einfluss der auswärtigen Mächte ist damit paralysirt«
    »Wer denkt an das  Im Innern droht der Feind Bovillard  Stein wird ins
Ministerium treten«
    »Der Freiherr von Stein«
    »Stein vom Stein«
    Der Geheimrat war ein Mann der sich nicht leicht aus der Fassung bringen
ließ Der Minister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken als er sein
verlängertes Gesicht sah
    »Wer hätte es noch vorgestern erwartet Man hat dem Könige seine
außerordentlichen Verdienste in Westphalen seine Rechtschaffenheit seinen
graden Sinn seine hohe Geburt unterbreitet man hat «
    »Wer«
    »Ein guter Freund von uns Bovillard Wer anders als check«
    »Ist check toll«
    »Man sagt er hätte zuweilen Gewissensskrupel dass er sich uns so unbedingt
anschliesst«
    »Die Schrullen vom Kammergericht Was habe ich mir Mühe gegeben ihn davon
los zu bringen«
    »Es ist mit den Juristen wie mit Ihren Puppen und Vogelscheuchen
Bovillard In der Regel sind sie trefflich zu nutzen wenn man ihr Formelwesen
sich zum Panzer ajustirt wenn sie aber widerborstig werden sind sie Stacheln
in unserm Fleisch check hat den Vortrag an den König aufgesetzt«
    »Und hinter ihm diktirte  Wer bester Freund könnte unsere Aufmerksamkeit
so getäuscht haben Hardenberg«
    »Wird ihn vielleicht nicht grade wünschen aber noch mehr fürchten dass er
ihn zu fürchten scheinen könnte Hardenberg ist ein Spekulant auf die Zukunft
der sich um desswillen den Genuss der Gegenwart nicht will trüben lassen Er
möchte gern aus der Vogelperspektive die Dinge betrachten um wenn seine Zeit
gekommen auf seine Beute herabzuschiessen Dass die Zeit jetzt für ihn noch nicht
da ist sieht er ein«
    »Aber wer in aller Welt steckt hinter check«
    »Wir müssen höher suchen Einer sehr tugendhaften Frau am Hofe sind wir
nicht tugendhaft genug lieber Bovillard«
    »Der wird der Hecht im Karpfenteich« rief der Geheimrat
    »Ja wenn er hier agirt wie in seinem Westphalen Ich bestreite durchaus
nicht Steins Verdienste O er hat charmant administrirt was Steine anbetrifft
und Wege und Metalle Nur mit den Menschen hat er eine eigentümliche Art
umzugehen«
    »Der Herr Oberpräsident waren ja ein kleiner König von Westphalen«
    »Und er wird sich hier nicht degradiren wollen Ich sehe schon wie er sein
Bureau reformirt das möchten wir ihm immerhin lassen aber von seinem
FinanzKastell aus wird er Invektiven Aggressionen Blitze nach allen Seiten
schleudern Der Hitzkopf kann nun einmal nicht aus seiner Natur«
    »Mit dem feinen Ton unserer Societé ists aus Wie war der Brief an den
Herzog von Nassau an ein regierendes Haupt Excellenz ich weiß Geschichten von
seiner Grobheit«
    »Ich kenne sie auch und seinen Ungestüm Er wird mit dem Könige selbst
aneinander geraten«
    »Desto besser«
    »Sagen Sie das nicht Bovillard Der König hält allerdings auf seine Würde
Es ist aber eben so möglich dass er sich in seine Art fügt Hat er sich einmal
darin gefunden eine gewisse Estime für seinen Charakter empfangen und sieht
er dass das Staatsschiff so leidlich dabei fortsteuert so kennen Sie ja des
Monarchen Natur die vor jeder durchgreifenden Änderung eine Scheu hat Selbst
ihm unliebsame Personen lässt er in ihren Aemtern und am Ende gewöhnt er sich
auch an das Toben seines Premiers denn dass Stein das wird wenn er erst einen
Fußtritt im Ministerium hat können Sie glauben«
    »Was haben wir da zu tun« fragte der Geheimrat aufspringend
    Der Minister erhob sich langsam es schien wie von einer schweren Sitzung
    »Wir Nichts Bovillard Wir fügen uns als Philosophen in das was nicht zu
ändern ist Mich persönlich kümmert es nicht Bedarf der König meiner Dienste
nicht mehr so danke ich ihm aufrichtig für das mir so lange geschenkte
Vertrauen und singe mit ebenso aufrichtigem Herzen mein beatus ille qui procul
negotiis und die paterna rura sollen mir doppelt willkommen sein«
    »Aber der Staat Excellenz«
    Der Minister sah ihn mit einem schlauen Blick unter den herabgezogenen
Augenbrauen an »I der wird wohl auch ohne uns bestehen«
    Es trat eine neue Pause ein sie gingen langsam dem Hause zu
    »Sie und unsre Freunde allein tun mir leid Er ist jeder Zoll ein
Reichsfreiherr Seiner Majestät Diener wird er empfinden lassen dass ein
Unterschied ist zwischen Dienern und Dienern Er hat gar kein Hehl dass er
Lombard nicht leiden kann ja er hat eine recht reichsfreiherrliche Verachtung
gegen den Sohn des Perrückenmachers«
    »Da werden sich ja unsre kurmärkischen Edelleute die Hände reiben«
    »Ich zweifle ob ihnen mit dem Changement gedient ist So ein ehemals
Reichsunmittelbarer sieht mit einer eignen Verachtung auf unsre wendischen
Krautjunker herab Ich sage Ihnen in dem Mann ist alles Aristokrat und die
Autorität die er am Rhein verloren muss er suchen an der Havel wieder zu
gewinnen Von der Illusion lassen Sie ab dass das Kabinet bleibt was es war
Die Fiction dass die bürgerlichen Herren Kabinetsräte die Volkstribunen sind
wird er mit einem Hagelwetter auseinander treiben Er kann sein gewesenes
Deutschland auch als Preuße nicht vergessen er wird eingreifen durchgreifen
reformiren bis  doch ich mache keine Ansprüche auf Klairvoyance Aber lieber
Bovillard Sie sehen ein der Augenblick wo Stein ans Ruder kommt ist nicht
angetan um Ihren Geheimrat zu retabliren«
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                 Das Citissime
»Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenuss
vergönnt« seufzte der Minister als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen
wieder entgegenkam  Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St Real
Man hörte den Wagen in den Hof fahren
    »Unterzeichnen Sie für mich lieber Bovillard hier gleich in der Laube Im
Auftrag es wird genügen «
    »In welcher Angelegenheit«
    »Ich weiß es wirklich nicht Der Kammerherr versprach mir im Vorüberfahren
vom Palais anzusprechen wenn etwas Neues passiert Auf Wiedersehen im Pavillon 
bei der Strassburgerin«
    Der Geheimrat ließ die schon eingetauchte Feder fallen als er einen Blick
in die Reinschrift geworfen Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen  ein
Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage im Belang des den Königlichen
Geheimrat Lupinus betreffenden Amtsvergehens Der Minister erteilt sein
Gutachten dahin dass nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger
Strenge zu behandeln sei und dass jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des
königlichen Dienstes ausschlagen müsse Er drang selbst im Interesse des
Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des
Angeschuldigten
    Es war nicht in Bovillards Art alles was er unterschrieb durchzulesen Er
las diese Schrift zwei Mal und murmelte »Sieh da die Feder meines jungen
Freundes Nicht zu verkennen Ei ei Herr von Fuchsius wollen Sie sich schon
so wichtig machen und unentbehrlich Und auch diese feinen Anspielungen auf uns
Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern«
    Der Kanzleidiener hätte noch lange auf die Unterschrift warten müssen wenn
ihm der Geheimrat nicht die Weisung gab die Sache bedürfe noch einer
Regulirung mit Seiner Excellenz Die Regulirung schien aber dem Geheimrat
selbst einige Sorge zu machen denn den Kopf im Arm stierte er lange in die
Luft bis allmälig ein sardonisches Lächeln über seine Lippen spielte und er
mit einem ganz eigentümlichen Blick ausrief »Wenn es denn doch einmal sein
muss wollen wir es etwas gründlicher anfassen«
    Er schrieb sehr schnell Zwei Seiten waren gefüllt mit Schmunzeln überlas
er das Konzept »hätte ich doch selbst kaum gedacht dass der Mensch so verworfen
ist« Und dieser Schluss Demnächst kann ich nicht umhin es gerade in diesem
Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer königlichen Majestät zu Füßen zu
legen die Angelegenheit nur von dem angegebenen höheren Gesichtspunkte zu
betrachten und den Rücksichten der Humanität und Gnade denen höchst Ihr Herz
so gern sich erschliesst diesmal nicht nachzugeben Ja ich muss für strengste
Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen
Staatswohles und zur Erhaltung der Moralität unter Dero Dienern stimmen sondern
auch in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener denen
Eure Majestät Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht Leider steht die
betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschaftsund frühere
gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Männer in einer
gewissen Relation und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene
Aufgabe aus diesem zufälligen Annex Verdächtigungsgründe zu schöpfen ich
wiederhole es gegen Männer die der Verdacht nicht berühren kann weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind Desto mehr wird es
zur Pflicht gerade im Interesse des Trones auch vor dem Publikum diese Männer
zu schützen Eure Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung
gewähren als wenn Sie das Recht und nur das Recht walten lassen Was ist ein
Staat ohne Moralität seiner Bürger was eine Monarchie wo der Beamte nicht in
Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem
erhabenen Exempel welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke täglich gibt
    »Wunderschön« Es entfuhr unwillkürlich den Lippen des Geheimrats und er
steckte das Konzept in die Brusttasche »Die Excellenz wird sich wenigstens
eingestehen müssen dass sie Räte um sich hat die auf ihre Ideen einzugehen
wissen Das kann man auch dem Herrn von Stein unter die Nase halten«
    Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers St Real stand hinter
dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen während der Hausherr auf und ab
ging Als er den Geheimrat eintreten sah hielt er ihm die Hand entgegen
»Wissen Sie schon Bovillard«
    »Nichts Excellenz als dass Ihre Ansichten mich überführt haben«
    »Lassen Sie sichs von St Real sagen« Er warf sich in den Fauteuil
überschlug die Beine und rieb die Hände
    »Seine Majestät haben in Gnaden die Anstellung des Herrn von Stein
abgelehnt«
    »Stein wird nicht Finanzminister« wiederholte der Minister
    »Da fällt uns also ein Stein vom Herzen«
    Bovillards Bonmot so leicht es war fand empfängliche Herzen Gut dass
kein Lauscherauge in den Pavillon drang Es hätte Mienen Bewegungen und Gesten
gesehen schwer verträglich mit der ministeriellen Autorität eines Grossstaates
Nur der Geheimrat hatte rasch eine Flasche entkorkt um ein Glas
hinunterzustürzen aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die
faunischen Gesichter welche Rubens Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand
warf Belauschte Augenblicke der kanibalischen Natur im Menschen die nun ewig
geworden sind durch die Kunst Wenn Jemandem wem darf man es weniger verargen
als einem Staatsmann wenn er im unbelauschten Augenblick die geglättete Maske
fallen lässt um einmal wenigstens in der ursprünglichen sich vor sich selbst zu
sehen
    »Nun heraus Wie wars« rief der Geheimrat am Tische indem er einen tief
aushöhlenden Schnitt in die Leberpastete tat Ich vergaß zu sagen dass man die
Türen vorher verschlossen und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben
fest umrankten Fenster gezogen  der Kühlung wegen hieß es Es war allerdings
ein sehr heißer Tag geworden Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere
Ordre des Ministers selbst in die Keller gestiegen und ein Korb mit Flaschen
staubig kalkigt mit Spinneweben umwoben stand in Folge dessen am Tische Auf
demselben hatten sich aber neben der Strassburgerin noch Schüsseln des
verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden »ein
Frühstück wies ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt die nach dem
Herzen sehen nicht auf den Wert« hatte der Minister gesagt Was bedurfte es
der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden Darum sollte
Niemand gemeldet Niemand eingelassen werden und der gütige Wirt selbst nahm
den Pfropfenzieher zur Hand
    »Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach« sagte St Real »Gestern Abend
war der König noch dafür gestimmt So nahmen wirs wenigstens an Sie mögen sich
das Geflüster in den Vorzimmern denken die Fragen die man hören musste Die
Damen wollten wissen ob der Herr von Stein noch ein junger Mann wäre Ob er ein
Haus mache Ob er ästetisch ist Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine
und Schiller oder Goethe vorzieht Die Herren steckten die Köpfe zusammen Es
wusste eigentlich Niemand woher der Wind blies denn wenn man auch sagte
check hat Lombards Abwesenheit benutzt so erklärte das wieder nicht warum
check gegen seinen Freund intriguiren sollte Andere kalkulirten gar die ganze
Sache ginge von Lombard selbst aus er wünsche solchen Mauerbrecher in des
Königs Nähe entweder um Andre damit aus dem Weg zu räumen oder er wünsche dass
die höchste Person es einmal empfinde wie unangenehm der Umgang mit einem
deutschen Degenknopf ist«
    »Torheit« sagte der Minister
    »Und doch vielleicht nicht übel spekulirt«
    »Nichts meine Freunde« entgegnete Jener »lernt sich leichter an Höfen
als das Vergessen ehemaliger Freunde Nur die Kränkungen vergisst man dort nie«
    »Die alte Voss ließ für mich keinen Zweifel« fuhr St Real fort »Sie rühmte
gegen Komtess Laura die alte Familie der Stein von Männern solcher Abkunft könne
man sich versprechen dass sie wieder die nötigen Dehors auch an den Hof bringen
werden«
    »Charmant« Man ließ bei Gläserklang die alte Voss leben Der weiße
prickelnde Burgunder schärft die Zunge man schärfte die Darstellung von
Anekdoten die Jeder kannte aber Jeder gern wiederhörte bis sie für den haut
goût appretirt waren und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging
die Wahrheit
    »Aber wir kommen von der Sache ab Was erfuhren Sie von Ihr«
    »Nicht mehr als sie mich erraten ließ und ich eigentlich schon wusste
dass die Königin dahinter steckte Geben Sie nur Acht flüsterte sie mir zu wenn
Ihr Majestät herauskommt«
    »Und«
    »Ihr Majestät kamen bald heraus«
    »Und«
    »S ist doch eine wunderschöne Frau Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte über
die Schwelle und wars Zufall oder Absicht die Türe klappte hinter ihr dass
mirs noch ins Ohr gellt Die Oberlippe ein Bischen eingekniffen Keinen von uns
ansehend raus war sie und winkte nur der Berg ihr zu folgen«
    »Und das ist Alles«
    »Mich dünkt genug«
    »Man kann sich täuschen«
    »Meine Ohren Excellenz sind sehr scharf Wenn ich im blauen Saal die
Stiefeln Sr Majestät im roten Zimmer knarren höre weiß ich was die Glocke
geschlagen hat«
    »Ging also unruhig auf und ab«
    »Wir sahen uns an und dankten Gott dass nur ein Stein gefallen war«
    »Er ist also
    »Ist Bald kam check heraus dann auch Köckeritz check fragte nach der
Berg Da sie fort war wandte er sich an die Voss und zuckte die Achseln Madame
jai fait mon possible Zwischen den Zähnen murmelte er ultra posse nemo
obligatur Nachher schenkte uns Köckeritz reinen Wein ein«
    »Excellenz« rief Bovillard bei einer neuen Flasche »dieser St Peray ist
gewiss reiner«
    »Hatte die Radziwill zu stark urgirt ein neuer Geniestreich des Prinzen ihn
verdrossen« Der Minister setzte hinzu »Ehe ich die Motive nicht kenne
bezweifle ich doch das Faktum«
    »Was bedarf es der Motive Natur rien que de la nature Er hatte sich
beschmeicheln lassen unter Händedrücken das halbe Versprechen gegeben Dann
gereute es ihn War schon gestern Abend umhergegangen die Hände auf dem Rücken
Die Berg hatte ein Selbstgespräch belauscht Man will mir auch meine Minister
machen Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit die Königin davon zu avertiren
Heute Morgen muss ihm ein Blatt in die Hände fallen worin die Kindesmörderin
eine irrende Schwester genannt wird ein Opfer der gesellschaftlichen
Verhältnisse Es war mit etwas Emphase ihre Geschichte erzählt Resultat Sie
waren aigrirt sehr aigrirt Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte
Gottes fortkorrigiren wollten Wer Menschenblut vergisst dessen Blut soll
wieder vergossen werden Man antwortete der Verfasser sei kein Gelehrter
sondern eines von den jungen Genies  Die eine verkehrte Welt machen wollen
brach es nun heraus Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen
soll Alles in der Ordnung bleiben Leute waren doch sonst mit mir zufrieden
Schöne Wirtschaft würden die Herren Genies anfangen alles auf den Kopf zu
stellen Kindermörderinnen am Ende noch belohnen Während sie sich nun noch so
expektorirten kommt check zum Vortrag der wirklich nichts davon wusste und
indem er die Gründe für Steins Anstellung resumirt entfährt ihm
unglücklicherweise der Ausdruck vor seinem Genie würden auch die und die
Vorurteile sich beugen Da wars um ihn geschehen Der König sagte er brauche
keine Genies er wolle keine Genies und  das Übrige können Sie sich selbst
erzählen«
    Bovillard goss den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es
»Angestossen Freunde Auf das Andenken der Kindesmörderin Seelige verirrte
Schwester dieser Tropfen sei Dir geweiht dass Du Preußen vor Ministern bewahrt
hast die Genies sind  Was stiert Excellenz Christian ins Glas und trinkt
nicht Suchst Du im Wein nach einem untergegangenen Genie Verlorne Mühe
Ertrunkenes lebt nicht wieder auf«
    »Mir kommt nur der Gedanke« sagte der Minister nach einer Pause »ob eine
Regierung denn überhaupt der Genies bedarf Unser Minos vom Kammergericht
fertigte neulich einen Bekannten der ihm einen genialen Juristen für das
Kollegium empfahl mit den Worten ab Ich brauche nur zwei für die knifflichen
Sachen für die andern sind Ochsen ausreichend«
    »Ochsen mögen eine Weile die Tretmühle treiben wie Exzellenz das selbst am
besten wissen im Übrigen meine ich dass Ochsen noch nie eine Mühle in Gang
gebracht haben«
    »Woran ging Josephs II Schöpfung unter« fuhr die Excellenz fort »Und was
meint Ihr dass aus unserm Staat würde wenn irgend ein Zufall Prinz Louis
Ferdinand auf den Thron brächte«
    Nach einer kleinen Pause hob der Geheimrat an den Weinrest in seinem Glase
schüttelnd
    »Ich meine zuerst würde er unsern verehrten Wirt zur Tür hinaus
komplimentiren Dann gings an Lombard check Lucchesini an uns Alle Es würde
aufbrausen wie tausend auf ein Mal entkorkte Champagnerflaschen Da man sie aber
nicht alle auf ein Mal austrinken kann würde der Wein bald schaal werden Und
wie er seiner Maitressen satt wird würde ers auch der Genies Dann kämen die
unermüdlichen Geschöpfe dran die man nun Zuträger nennen kann oder
Sykophanten oder Gelegenheitsmacher Kuppler oder auch Ochsen wie man will
die immer für neue Stosse in Wein Ideen und Liebe sorgen Diese bleiben endlich
seine Gesellschaft eben weil sie sich zur Tür hinauswerfen lassen und immer
wieder kommen Endlich gewöhnt man sich an sie weil man ihrer bedarf weil sie
zu Allem zu brauchen man verachtet sie aber sie bleiben doch unser Umgang
weil sie immer gefällig unsere Freunde weil wir keine besseren finden und
schließlich  es blieb auch unter Louis Ferdinand Alles beim Alten Christian
wir blieben auch«
    Der Minister drohte mit dem Finger
    »Ach was wir sind unter uns Wein und Wahrheit Betrachten wir hier unseren
würdigen Kammerherrn Verzog er die Miene ward er nur einmal rot als ich von
Kupplern sprach«
    »St Real kann ja nicht mehr rot werden«
    »Excellenz Dieser echte Philosoph beschämt uns Sein purpurn Antlitz
brennt wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz nicht
röter als wenn er eine Tasse Tee nippt Wenn wir wankend aufstehen sagen
sie er hinkt ja immer Er kennt die Liebe nicht mehr aber sein
liebebedürftiges Gemüt schafft sie für Andere Wir kamen überein dass er ohne
Schmeichelei unter uns das Minimum von Verstand hat aber wie weiß er den
Überfluss an Mangel zu cachiren dass Jemand der jetzt durchs Fenster sähe doch
schwören könnte er hätte die meiste Raison Und Excellenz sehen Sie seine
Lippen und Manchetten er hat immer noch etwas in petto uns zu überraschen«
    »Nein er scheint mir melancholisch weil er die Laura beim Prinzen nicht
anbringen kann«
    »A propos St Real wie ists mit der junonischen Gans«
    »Aha der schönen Eitelbach« sagte der Minister
    Der Kammerherr schüttelte den Kopf »Geben Sie die Hoffnung auf meine
Herren Königliche Hoheit exprimirten sich in drastischer Kürze ich sollte die
Tugend nicht der Versuchung aussetzen Übrigens wisse ich ja dass Sie
Gänsebraten nicht liebten«
    Glich der muntere Frühstückstisch doch auch auf Augenblicke einem
Secirtisch Alle Qualitäten der schönen Frau wurden von Experten zergliedert und
abgewogen wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der
Pastete nicht verschmähte Das Resultat war dass man alles in ihr fand nur
keine Seele keinen Verstand und keine Passionen Ja es sei Hopfen und Malz
verloren erklärte der Kammerherr ihr eine Inklination beizubringen »Es ist
nichts unmöglich« trumpfte Bovillard
    Der Minister bemerkte dass seine Augen von einem eignen Feuer strahlten Das
könnte allerdings vom Weine sein er goss schon die fünfte Flasche an als er die
Stimme erhob
    »Jeder Humanitätsbürger hat die Pflicht das Seine zu tun zur
Vervollkommnung des Menschengeschlechts und ist ein Weib meine Freunde
vollkommen hat es eine andere Bestimmung als die Liebe Seid Ihr denn
Kannibalen oder habt Ihr Herzen von Stein dass Euch das schöne Weib nicht
rührt dass in ungeheurer Langeweile mit ihrer bête noire von Mann ihre
Rosentage verträumt Christian und Sie St Real waren unsere Vorfahren nicht
Ritter die ihre Lanze für die gefangene Schönheit einlegten Und ist sie nicht
gefangen gleichviel ob von einem brutalen Ungeheuer oder von einem Alp von
Apathie Welche Schätze liegen da wüst in dem schönen Tempel und Ihr wollt
zaudern Hand anzulegen Nein Ihr Ritter Schatzgräber Maurer sinnt auf ein
Zauberwort das ihren Bann löst Angefasst gehämmert Funken geschlagen bis wir
das innere Feuer in der schönen Bildsäule entzündet Seht doch den dicken
Iffland auf der Szene wenn er als Pygmalion Leben in seine Galatee schwatzt
und klopft Was sollen wir ungeschickter sein Glut soll durch ihre Adern
strömen sterblich soll sie sich verlieben interessant werden rührend sie
soll uns Tränen entlocken Kinder könnt Ihr Euch denn ein pikanteres Schauspiel
vorstellen als die Eitelbach in rasender Leidenschaft«
    »Bovillard rast«
    »Du willst sie doch nicht selbst in Dich verliebt machen« sagte der
Minister
    »Nichts davon es muss etwas ganz Absonderliches dabei sein« Er zog den Rock
aus und warf ihn auf die Erde Auch das Halstuch folgte Die Toilette des
Ministers entsprach allerdings diesem Negligé nur der Kammerherr blieb
zugeknöpft
    »Unser Geheimrat ist im Zustand der Divination«
    »Etwas Frappantes« rief Bovillard »dass man drei Tage vor lautem Gelächter
die Glocken nicht hört  Wenns irgend einen berühmten Kanzelredner gäbe «
    »Warum nicht gar«
    »Du hast Recht Da machte man sie zu einer Schwärmerin Es muss gar keine
Erklärung für die Neigung geben Etwas Originelles ein Flügelmann von der Garde
oder ein Zwerg Ein grundhässlicher Kerl ein Bucklichter ein Weiberfeind ein
Trunkenbold ein Weiser Wenn der alte Gundling noch lebte oder Moses
Mendelssohn«
    »Ich schlage Johannes Müller vor«
    »Er müsste sich doch auch in sie verlieben können«
    »Und am Ende hieße es sie hätte sich nur in seine Schweizergeschichte
verliebt« sagte der Minister und mit niedergeschlagenen Augen flüsterte er
»Ich wüsste schon Jemand «
    Das stille Gelächter die verkniffenen Lippen die blinzelnden Augen der
Anderen bekundeten dass der Minister verstanden war In jovialen Kreisen solcher
Freunde versteht man sich an Zeichen Ein »Schade schade« ging wie der Hauch
des Abendwindes über ein Aehrenfeld
    »Da uns hier eine höhere Magie entgegenarbeitet bescheide ich mich wiewohl
ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen würdige« schmunzelte
Bovillard
    St Real schüttelte den Kopf »Es kann doch nicht immer so dauern«
    »Das Reich der Tugend Hört den grauen Sünder der es nicht mal von dem
göttlichen Schiller weiß Und die Tugend sie ist kein leerer Wahn Sein Himmel
hängt nicht voll Geigen sondern voll lauter Pompadoure Er ist ein
Kryptokatolik sein Heiligenkalender fängt an mit der Sanct Agnes Sorel und
hört auf mit der heiligen Baranius«
    »Bovillard merkt nicht dass St Real einen Einfall hat«
    »Wenn wir den Witz ausgeschüttet kraucht ihn immer einer an Heraus damit
Sollten wir etwa Namen aufschreiben und würfeln Auch das ich parire jede
Wette wen das Loos trifft in den will ich die Eitelbach verliebt machen«
    Der Kammerherr spiegelte sich im Glase das er dicht ans Gesicht hielt
»Herr von Bovillard ich zweifle wenn ich den nenne der mir eben einfiel«
    »Nenne den Namen ich will ihn beschwören«
    »Dass er davon läuft das will ich glauben er hat mehr Schulden als Haare
auf dem Kopf«
    »Nein auch er soll kleben wie eine Klette Und sie verliebt sein wie  ein
verliebter Maikäfer Das ist das Einzige was mir aus einer tollen Tragödie
kleben blieb aus der Iffland uns neulich Abends zum Jokus vorlas von dem
verrückten Kleist«
    »Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck Getrauen Sie sich auch
mit dem eine Liaison zu Stande zu bringen«
    Der Geheimrat sprang auf »Was gilt die Wette«
    »Bovillard sein Sie nicht unsinnig« sagte der Minister
    »Ich frage wer wettet« fuhr der Erhjetzte fort »Aber dazu andern Wein
feurigern« Er schleuderte das Glas hinter sich »Vom Spanischen her einen
Pedro Ximenes Die Eitelbach und Dohleneck eine liaison tragique eine liaison
dangereuse ein Turtelpärchen was Ihr wollt Wer hält die Wette auf was es
sei Christian parire«
    »Bovillard weiß nicht «
    »Alles weiß ich dass sie wie Katze und Hund sind eine Aversion fühlen eine
gegenseitige Idiosynkrasie die stadtkundig ist Desto besser je schwieriger
die Aufgabe so ehrenvoller der Success Vaten Christian wettest Du«
    »Meinetalben«
    »Auf was Nicht Geld nicht Champagner etwas Abnormes was den Appetit
reizt«
    »Excellenz könnten eine Geliebte abtreten« kicherte der Kammerherr
    »Ich und eine Geliebte«
    »So sinne etwas Sinnreiches aus was Du gegen Dein Gewissen tust«
    »Ich will Gentz hinterlassene Schulden bezahlen«
    »Accedo Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn von Stein Dass
er uns unentbehrlich ist lass ich drucken Ein Schelm gibt nur was er kann Ich
habe mehr eingesetzt Topp eingeschlagen«
    Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen »Wozu Krieg meine Herren
Depensen die keinen Vorteil bringen Warum denn überhaupt eine Wette warum
nicht eine Allianz«
    »Was meinst Du Christian«
    »Ich bin doch immer ein Mann des Friedens«
    »Topp Alle drei eingeschlagen Männer des Friedens einen Rütlibund Wir
Alle gemeinschaftlich an das Werk Aber Teilung der Arbeit Du nimmst den
Rittmeister auf Dich und sträubt sich die Excellenz dagegen wird der Kammerherr
zum Diensttuenden Ich weiß schon meinen Helfershelfer für die Baronin
übrigens Jeder hilft dem Andern und bei dem erhabenen Geiste der aus diesen
Flaschenmündungen noch duftet geloben wir Todesverschwiegenheit«
    Während sie sich die Hände reichten klopfte es
    »S ist nichts ein Hund schlug an die Tür« beruhigte der Wirt
    »Wer würde sich auch unterstehen wenn wir in Staatsangelegenheiten
beisammen Excellenz zu stören Oder ists keine Staatsangelegenheit Womit
sollten wir uns amüsiren da nun Friede bleibt Das Leben muss einen Zweck haben
Auch die besten Kräfte ermatten ohne ein Ziel Mit Hindernissen zu kämpfen ist
unsere Bestimmung Je schwieriger um so elastischer streckt sich unser Geist
Darum gerade im Staatsinteresse wir müssen unsere Kräfte an subtilen Aufgaben
üben um zuverlässig zu sein in der Stunde die da kommt«
    Es klopfte wieder »Lass die Geister pochen wir antworten mit diesem
Gläserklang Auf den Amandus und die Amanda«
    »Bravo Einer der da lieben soll und muss«
    »Noch etwas wenn etwa in Folge dieses schönen Seelenbundes ein Weltbürger
das Licht der Welt erblicken sollte so «
    Ein klirrender Schall unterbrach sie Es pochte Jemand mit Heftigkeit ans
Fenster »Es brennt«
    Alle waren aufgesprungen Der Kammerherr schien am festesten auf seiner
Krücke zu stehen Der Geheimrat machte eine Bewegung nach seinem Rocke die
damit endete dass er auf den Stuhl zurücksank Der Minister hatte seinen
geschleudert und mit der Hand am Tische machte er die Geste des Riechens Aber
die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretärs rief draußen »Halten zu Gnaden
Excellenz das Citissime  Das Citissime das Gutachten des Ministeriums an
Seine Majestät den König Herr Geheime Kabinetsrat check haben schon zwei
Expressen geschickt Heute Abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestät
sämtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinetsrats Händen nur
unseres fehlt noch Der Bote steht auf Kohlen«
    Bovillard hatte mit einem glücklichen Griff seinen Rock erfasst und warf die
Papiere auf den Tisch »Da Excellenz  ein Bischen schmutzig Schadet nichts
die Sache ists auch Unterschreibe «
    »Zwei Papiere«
    »Ist gleichgültig er muss doch springen«
    »Muss er absolut«
    »Ist sehr gesund für sein Podagra«
    Der Minister war in einen Sessel gesunken »Muss er denn Wir sitzen so
fröhlich beisammen  und Stein kommt ja nicht«
    »Hätts beinahe vergessen Mais cest bon«
    »Wozu Rigorosität gegen einen Mitmenschen der uns nichts getan hat«
sprach St Real
    »Also
Allen Sündern soll vergeben
Und die Hölle nicht mehr sein«
    »Bovillard Ihnen fließt es ja von den Fingern Da an der Ecke auf dem
Schreibtisch ein anderes Gutachten Kurz nur Wegen der Förmlichkeit weiß ja
check wie wirs halten Trinken Sie ein Glas Champagner um sich aufzuheitern«
    »Nicht nötig Excellenz Hier das Konzept brauche nur ein paar Striche zu
ändern«
    Mit Sekretär und Bote war man in Ordnung natürlich nachdem man es
einigermaßen mit der Toilette geworden zwei Krystallflaschen mit frischem
Brunnenwasser standen auf dem Tisch und der Geheimrat schrieb an der Ecke
während der Minister ein Gespräch mit dem Kammerherrn führte St Real hatte
sichtlich am wenigsten von dem süßen Traubensaft genossen oder es darin zu
einer Virtuosität gebracht dass man die Wirkungen nicht merkte Der Minister
hörte ihn im Armstuhl zurückgesunken mit einiger Anstrengung an während der
Kammerherr halb vor ihm stand halb auf dem Tisch saß Wir hören da das
Gespräch halb laut geführt wird nur einiges heraus
    »Malchen  Malchen Der Name kommt mir bekannt vor«
    »Erinnern sich Excellenz vielleicht des Waldkindes das der Höchstselige auf
einer Promenade finden musste«
    »Das ist lange her  spielte sie nicht die Gurli Die war freilich noch
nicht geschrieben«
    »Einer der hübschesten Züge von der Lichtenau wie überhaupt es war doch
eine seltene Frau Der Höchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen und
empfand eine Sehnsucht nach etwas Natürlichem und Frischem Die Gräfin wusste
auf der Stelle Rat  Im roten Friessröckchen bis an die Kniee aufgeschürzt
barfuß huckte das Kind im Revier und pflückte Erdbeeren ohne sich umzusehen
Der König winkte uns Stille zu er wollte sie überraschen Er fuhr sie an was
sie in dem Walde zu tun und drohte sie zu pfänden denn das sei verboten Das
Mädchen spielte prächtig Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Körbchen dann
lag sie auf den Knieen der gestrenge Herr möchte sie nur diesmal noch gehen
lassen Der König befahl ihr barsch die Erdbeeren und den Korb zurückzulassen
Da stürzten ihr die Tränen aus den Augen und sie bat um Gottes Willen die
möchte er ihr lassen für ihre arme Mutter sie wollte es lieber dem gnädigen
Herrn Förster abarbeiten was sie Schaden getan Das befremdete ihn doch von
solchen Leuten Isst denn Deine Mutter so gerne Erdbeeren Und er sprach von
Abkaufen Die Kleine wehrte schnell mit der Hand Nichts verkaufen Meine Mutter
hat mir aufgetragen die schönsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln Alles für
den guten Herrn König  Den König rief der König wie kommt der dazu Für den
König werden wohl Andere denken und sorgen die ihm näher stehen  Das ists
eben was Mutter sagt fiel das Mädchen ein die denken und sorgen nicht so für
ihn wie ers verdient und er ist so sehr gut und jetzt krank Die frischen
Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken und jeder
Augenblick der dem guten König eine Erquickung schafft sagt Mutter das ist
ein gesegneter vor dem Herrn«
    »Oh weh« zuckte der Minister auf »Da hätte er etwas merken können«
    »Nein Excellenz er merkte nichts Er drückte die Träne aus dem Auge
Lichtenau ich werde doch geliebt Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rücken
gedreht«
    »Richtig ich sehe sie noch stehen«
    »Und wischte auch am Auge Er streichelte sie sanft am Arm und sagte in
seiner Herzensgüte Das Kind versteht es nicht Es sind Viele um den König die
für ihn sorgen und ihn lieb haben  Wie das Kind ihn da groß und unschuldig
ansah Der König hat Jeden lieb sagt Mutter und das wäre ein schlechter
Mensch der nicht sein Alles für ihn gibt  Er musste schnell weiter gehen er
fühlte sich erleichtert Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehört Die
Lichtenau sagte plötzlich Ich wünschte Eure Majestät hörten einmal die Stimme
Ihres ganzen Volkes  Ach die ist wohl anders  Nein Sire sagte die Gräfin
das Tuch vor ihren geröteten Augen Überall dieselbe Liebe und Verehrung nur
uns traut man nicht zu dass wir sie teilen Es ist vielleicht recht gut so 
Ach es war ein kapitales Weib«
    »Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute  wie heißt es doch
gleich  über das noch der Prozess ist Aber die Malchen jetzt entsinne ich mich
ihrer ganz deutlich Ein anstelliges Ding leichtsinnig aber wohl zu leiden
War sie nicht schon früher zu den Genien gebraucht worden auch in den
Kinderballets«
    »Und später bei den Geistererscheinungen Sie war viel bei Bischofswerder
und Hermes Vielleicht erinnern sich Excellenz auch dass sie nachher einen
Unteroffizier von Larisch Musketieren heiratete Im Anfang gings ihnen gut
aber der Mann trank es gab Unrichtigkeiten mit dem Montirungsgeschäft im
Lagerhause die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen sie ward doch auch älter
und eines Nachts waren sie über Hals und Kopf verschwunden Sonst ein braver
Mann auch sehr zu brauchen und soll jetzt holländischer Werbeoffizier sein
oder schon drüben in Ostindien Genug sie hat ihn avanciren lassen was uns
nichts angeht und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin Ich
versichere Excellenz sie ist ein wahrer Trüffelhund«
    Der Minister griff tief in seine Spanioldose »Wenn nur keine Klagen bei der
Polizei eingehen Sie wissen nicht lieber St Real was uns diese Bagatellen
oben zu schaffen machen«
    »Man sucht ihr ein gewisses Lüstre zu erhalten«
    »Der Name der neuen Schönheit«
    St Real sprach leise ins Ohr des Ministers
    »Wie gesagt durchaus keine beauté du diable eine wie gemacht um auf die
Dauer zu fesseln und eine Fraicheur Excellenz wie er es liebt«
    »Und ein halbes Kind«
    »Weil sie noch nicht erzogen ist Aber mit einem Elan einer Vivacité für
alle neue Eindrücke«
    »Languissant«
    »Au contraire eher un peu romantique etwas Spirituelles soit disant
Schwärmerisches Es kommt nur darauf an ihrer Phantasie eine Richtung zu
geben«
    »Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen«
    »Warum nicht eine La Balliere«
    »Tugendhafte Maitressen helfen uns nichts Übrigens wünsche ich dass Ihnen
keinen Querstrich kommt«
    Der Kammerherr drückte mit einiger Heftigkeit seine Krücke »Das ist es
eben Zwar tun wir Alles die Dehors zu beobachten auch ist es nur ein ganz
kleiner höchst anständiger Societätskreis der sich da zur Erholung
zusammenfindet Ganz anders als bei der Schubitz un petit circle von Gewählten
Aber sie ist noch immer die alte gutmütig leichtsinnig unbesonnen zum
Rasendwerden Ihre Zunge geht mit ihr durch und um einen witzigen Einfall setzt
sie ihre Existenz aufs Spiel Habe ich das Wunderkind erst in einige Kreise
entrückt mag sie der Teufel holen aber sie ist meine einzige Brücke jetzt
Stellen sich Excellenz vor da hat sie den frommen Pfaffen den Seine Majestät
jetzt nach Berlin zieht irgendwo auf einer Reise kennen gelernt ihn zu sich
invitirt und jetzt hat sie die Unverschämtheit ihn und seine Töchter bei sich
einzulogiren Bei sich in ihrem Hause Ich erfuhr es erst beim Herfahren Wenn
das ruchbar wird das gibt einen Skandal und ich zittere vor den Folgen«
    »So eilen Sie St Real den Ruf des frommen Mannes zu retten«
    »Er ist gerettet« rief Bovillard aufstehend »da hören Sie nur den Schluss
Demnächst kann ich nicht umhin es gerade in diesem Augenblick als eine
dringendste Pflicht Eurer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen den
Rücksichten der Humanität und Gnade denen Ihr Herz so gern sich erschliesst
auch diesmal nachzugeben Ja ich muss darauf dringen in spezieller Rücksicht auf
die Männer und erprobten Staatsdiener denen Eure Majestät Höchstihr Vertrauen
besonders zuzuwenden geruht Weil der unglückliche Mann der vielleicht in einem
Augenblick aus zu großer Güte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes
gefehlt  was aber noch keineswegs ermittelt ist  mit einem oder einigen jener
gedachten Männer in einer gewissen Relation gestanden ist es eine willkommene
Gelegenheit für deren Feinde und Neider Verdächtigungsgründe auch gegen sie
diese Männer zu schöpfen die freilich über den Verdacht hinaus sind weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Eurer Majestät gewürdigt sind die aber eben um
ihrer Pflichttreue und dieser besonderen Verdienste willen auch vor dem Publikum
gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben Eure Majestät können ihnen keine
willkommere Rechtfertigung gewähren als indem Sie über die Anschuldigungen des
Hasses und des Neides mit stummer Verachtung wegsehend Ihre Gnade walten
lassen«
    »Bravo bravo« riefen die Zuhörer
    »O es kommt noch besser dieser Schluss muss sein Herz erweichen Was ist ein
Staat ohne Moralität seiner Bürger was eine Monarchie wo der Untertan und der
Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern
strebt dem erhabenen Exempel das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke täglich
gibt«
    »Bravissimo Er ist gerettet« Noch einmal wurden die Gläser gefüllt und
erklangen auf den edlen Menschenfreund der über die Kabale gesiegt Das Konzept
wanderte in die Kanzlei wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte und
die Reinschrift kam wie wir aus dem Erfolg annehmen noch zur rechten Zeit an
Ort und Stelle Der Kammerherr wollte abfahren der Minister aber Lhombre
spielen Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers alle Drei aber
bedachten dass man nach der Arbeit ausruhen muss Erst in der Nacht wurden die
Karten weggelegt Der Minister und sein Geheimrat warfen sich in Surtouts um
die Kühlung der Abendluft in den Straßen zu genießen
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                Der rote Shawl
Karoline kam aus der Seitenkammer und drückte die Tür leise zu »Er ist
eingeschlafen«
    »Wenn er nur nicht aufwacht bis ma chère tante in die Komödie fährt« sagte
Jülli die durchs Schlüsselloch sah
    »Er verdiente es schon« meinte Karoline »Ich liebe es gar nicht wenn die
Herren betrunken vom Frühstück kommen und glauben sie tun uns noch eine Ehre
an wenn sie in ein anständig Haus poltern Schmeisst sich da mir nichts dir
nichts aufs Sopha gähnt und ehe man sichs versieht ist er eingeschlafen Da
soll man sich wohl aus der Konversation bilden Ma chère tante hat gut reden«
    »Die vornehmen jungen Herren tuns Alle so« warf Jülli ein
    »Und er hat nie kein Geld sagt ma chère tante« fuhr die Andere fort »und
wenn sie nur gewusst wie er mit seinem Vater steht der ein sehr anständiger
und vornehmer Herr ist hätte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen Aber nun
sies weiß soll er sich nicht mausig machen und sie wird ihm mal den Stuhl vor
die Tür setzen dass er sich verwundern soll hat sie gesagt Und vollends
jetzt wo die Predigers oben sind Still sie kommt runter«
    Jülli drückte ihr Gesicht an eine Scheibe Karoline hatte sich ans andere
Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen Die Tante schalt
Junge Frauenzimmer müssten nicht immer am Fenster sitzen Das gäbe übel Gerede
die Stadt sei gottlos genug dass sie immer an Schlimmes denkt »Was hast Du Dir
wieder die Nase platt gedrückt an der Scheibe« fuhr sie Jülli an »Siehst Du
davon kommt die Träne ins Auge und das habe ich Dir gesagt wenn eine erst
anfängt sich die Augen rot zu weinen dann ists mit uns aus Siehst Du etwa
die Karoline weinen Die lacht den ganzen Tag Alles was recht ist In der
Kirche vor unserm Herrgott soll man weinen und das Gesicht lang ziehen wenn
der Prediger gerührt spricht und Niemand kann mir nicht sagen dass ich Euch
nicht in die Kirche führe und Keiner dass Ihr nicht fein und anständig
gekleidet seid dass Ihr Euch mit Ehren sehen lassen könnt aber zu Hause sollt
Ihr nicht sein wie in der Kirche Die hat der liebe Herrgott bauen lassen dass
man da traurig sein soll aber die Welt daneben dass man lustig sein soll Und
die Herrschaften die zu uns kommen die wollens auch sonst würden sie in die
Kirche gehen und nicht zu uns«
    Karoline unterbrach die Rede indem sie hell auflachte Wenn sie damit der
eben ausgesprochenen Weisung nachkam sündigte sie doch sogleich dagegen indem
sie das Fenster aufriß Der Lärm und das Gelächter draußen rief indes auch die
Tante heran An der Ecke war ein Fischmarkt und es war nichts Ungewöhnliches
dass der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art
Auflauf veranlasste Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der
Lustigkeit Der ältliche Herr hatte mit den sämtlichen Verkäuferinnen ein
Geschäft angeknüpft und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten
Karpfen und Aale zeigen lassen alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen
wegen des Preises unterhandelt Wenn das schon nicht ohne beissende Bemerkungen
von beiden Seiten abgegangen war so steigerte sich das Gezänk in das was man
in Berlin ein »Aufgebot« nennt als der Käufer sich endlich wie sich von selbst
verstand für die Ware nur einer Verkäuferin entschied Die übrigen erhoben
sich und überschütteten mit einer Flut nicht schmeichelhafter Namen den Käufer
der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Mut zeigte denn er harrte nicht
allein aus sondern haranguirte seine Feinde durch Gegenreden Seine graziösen
Gestikulationen bewiesen dass er der Höflichere war und man konnte bemerken
dass in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen
einstimmten Ein schärferer Beobachter hätte indes darin keine Feindseligkeit
sondern nur ein Schauspiel entdeckt das sich gewiss schon oft ereignet und zur
gegenseitigen Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte Diesmal mussten
jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere
Anzüglichkeiten eingemischt haben welche die Köchin des ältlichen Herrn
veranlassten durch deutliches Zupfen am Ärmel ihn zu einem frühzeitigeren
Rückzug zu veranlassen als ihm lieb schien Eines der Weiber ob nun im Scherz
oder Ernst hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung das
wolle sie ihm schenken damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine
Gefangenen Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die
Perrücke heruntergerissen Während die Köchin sich danach bückte waren ihr die
Fische aus dem Korb geglitten Das Wiedereinfangen der Aale verursachte
allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr worüber man zuerst nicht bemerkte dass
sie ihm in der Hast die Perrücke verkehrt aufgestülpt hatte was denn das
Gelächter unwiderstehlich machte und weder der Rückzug noch die Adjustirung
der Perrücke halfen vor dem Tross begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der
Neugierigen welche der Lärm an die Fenster zog
    »Ach der Herr Geheimrat Lupinus« hatte die Tante ausgerufen »Das ist ein
spassiger Mann Wie niederträchtig er ist auch gegen die gemeinsten Leute Sieh
mal selbst dem Apfelweib wirft er ne Kusshand zu und so gravitätisch wie zum
Menuet Seht Kinder daran könnt Ihr Euch ein Exempel nehmen so wird mancher
rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden aber s gibt
einen Gott im Himmel und einen König auf Erden und wer ehrlich sein Brot
erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen der geht nicht zu
Schanden«
    Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn
Geheimrat zurufen wollte »Warum tragen Sie nicht die Fische selbst« drückte
die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe »Untersteh
Dich« Das Fenster flog zu Die Szene hatte sich verändert Karoline weinte Nur
war sie keine so unterwürfige Zuhörerin
    »Und s ist wahr er hat immer die Fische vom Markt getragen mit einem
Kapaun unterm Arm hab ich ihn selbst gesehen und darum bin ich kein schlechtes
Mädchen nicht Und das ist Wahrheit«
    Die Obristin mäßigte sich »Der Herr Geheimrat sei eine obrigkeitliche
Person und mit genialischen Herren müsse mans anders nehmen Und wenn er keine
Respektsperson wäre und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte
dann säße er jetzt Gott weiß wo Und das einzige was man ihm nachsagen könnte
sei seine Köchin Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen denn sie
wäre ein braves Mädchen aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht
so was im Hause zu haben Außer dem Hause geht das Niemand was an hatte ihr ein
sehr tugendhafter und angesehener Herr gesagt Dass er die Charlotte auf den
Markt mitnehme wolle sie nicht gerade gut heißen aber der Mensch der es
Jedermann recht täte müsste erst erfunden werden«
    Die gute Tante hatte je mehr sie ins Reden kam desto mehr auszusetzen Ja
die Predigerstöchter oben wären neugierig wie ein neugeboren Kalb und wenn nur
ein Wagen vorbeifährt rutschten die Köpfe zum Fenster raus Das habe sie sich
nun einmal aufgebunden weil sie ein so gutmütig Herz habe Aber ihre Nichten
sollten doch bedenken dass sie nicht aus dem Kuhstall wären und auf sich was
halten »Wie ich so alt war als Ihr da hielt man mich für ne Gräfin und ich
hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Straße wie Ihr tut Und an guten
Exempeln fehlt es Euch doch nicht in mein Haus kommen nur die feinsten Leute
Und wie sprecht Ihr mit dem Herrn Kammerherrn der so gütig ist ich werde
manchmal purpurrot wenn ich denke dass ers am Hofe wieder erzählt Merkt Ihr
dumme Liesen denn nicht wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsrätin sich
unterhält wenn die hier ist Die weiß ihm zu antworten dass er oft nicht weiß
was er sagen soll so frappirts ihn Und das sage ich Euch wenn sie heut zur
Chokolade kommt dass Ihr Euch nicht wieder das Maul verbrennt Du vor allem
Karline So ein Trampeltier merkt auch gar nicht wie ich ihr neulich auf den
Fuß trat Denn sie ist zu ganz was anderm weil sie ein feines sittsames Mädchen
ist und s noch weit mehr werden wird und Ihr könntet mal froh sein wenn Ihr
ihr die Schuhbänder zumachen dürft Aber Mädchen was hast Du Dir wieder die
Schuhe schief getreten Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft Und wie
breit der Fuß wird das kommt davon wie Du beim Tanzen ranzest Die Jülli hat
noch ein ganz schmales Füßchen aber die hält auch auf Anstand Und das neue
Kleid zu Weihnachten erst hast Dus gekriegt und wie siehts schon wieder aus
dass Gott erbarm«
    »Ma chère tante wann krieg ich das bombasin Kleid«
    »Ei was lass Dirs von den Herren schenken«
    »Die Herren sind nicht so generös«
    »Wenn sie Dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl und so
rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne da sollen sie sich wohl Wunder was
vorstellen was Ihr seid Zu meiner Zeit sag ich kerzengrad saßen sie auf dem
Stuhl und so schlugen sie die Augen nieder wenn ein Herr zu ihnen sprach aber
da verstanden sie auch zu bitten und da waren die Herren auch generös«
    »Man soll die Herren nicht rupfen Das haben ma chère tante immer gesagt Na
nu ists nu nicht wahr«
    »Sie unverschämtes Geschöpf Was das für Reden sind in meinen Apartements
Wenns Ihr nicht mehr gefällt werd ich Ihr nen Stuhl vor die Tür setzen
Dann mag Sie sehen wos Ihr besser gefällt Denn überhaupt solls anders werden
bei mir Ja ja meine Damen das merken Sie sich ich will keine Pension wo
das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht Ein Wort kostet michs und Sie wird nach
Spandow zurückgeschaft Mamsell Karline da wo ich Sie herholte auf den
Kietz Wirds Ihr besser gefallen barfuß im Kahn und Plötzen schuppen oder
Winters beim Kienspahn Netze flicken Ihre Finger sahen ja aus mit Respekt zu
sagen wie Pfoten rot und geborsten und hab ich das für meine Mühe dass ich
sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen ließ Sag
ich doch wer Dank säet der wird Undank ernten«
    Es klingelte der Chokoladengast stand im Zimmer Ein Livreebedienter der
die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentirte
hatte Adelheid abgeholt
    »Nein sage ich doch nicht wie ein Fräulein wie eine Prinzessin Und mit
jedem Tag möcht ich sagen gewachsen«
    »Das kommt nur vom langen Kleide« lächelte Adelheid und war mit raschem
sicherm Schritt nach einer flüchtigen Begrüßung der Tante zu den Nichten
geeilt die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küsste
Sie schalt und bedauerte dass sie gar nicht zu ihr kämen die Nichten waren
verlegen Wars der scharfe Blick der Tante wars die überwiegende Erscheinung
des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens Aber der Strahl aus dem
klaren Auge goss in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht
Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre die etwas von ihrem heilenden
Balsam auch auf sie träufelte
    Die Obristin hielt es für gut allein das Wort zu führen Ihre Lippen
flossen über vom Lobe der braven Eltern die wohl mehr zu tun hätten als
solchen Besuch zu empfangen Sie wisse wohl was der Herr Kriegsrat und die
Frau Kriegsrätin für die Erziehung ihrer Tochter täten und da wäre es ja
ausverschämt sich aufdrängen wollen Aber um so mehr schätze sie es und rechne
die Ehre sich an dass sie ihrem Lieblingskinde erlaubt sich ein Stündchen in
ihrem schlichten Hause zu gefallen Sie wäre nun eigentlich in rechter
Verlegenheit worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen die so viel schon
wisse und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde
    Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit Sie was man
nennt »kappte« die Obristin durch kurze natürliche Antworten und schon vor der
Chokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange denn es betraf das neue feine
Kleid das der Vater ihr geschenkt und die größte Aufmerksamkeit der Nichten
erregte Das Zeug der Laden wo es gekauft der Kaufmann seine Waren Preise
es ward alles ausführlich behandelt die Krone der Verwunderung aber blieb dass
Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht »und sitzt wie
angegossen« rief die Tante »nu seht wenn Ihr das könntet Und Mamsell
Kriegsrätin tuts nur zum Plaisir Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den
ersten Schneider ins Haus schicken und später werden ihr ganz andere Leute
Kleider machen lassen Ja ja«
    Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht auch missfiel ihr dass die
Tante immer um sie herauszustreichen ihre Nichten demütigte Ohne sie zu
beachten erbot sie sich deshalb gegen Jülli wenn sie ein neues Kleid bedürfe
es ihr zuzuschneiden auch wenn sie es wünsche ihr Unterricht im Schneidern zu
geben so gut sie es eben könne
    Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt bei der Jülli könnte es
vielleicht noch anschlagen aber die Karline wäre gar zu faul »Wer den
Unterricht zu schätzen weiß und was lernt aus dem kann alles werden und oft
habe ich ihnen das gesagt Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich Ja mein
liebes Engelchen  verzeihen Sie schon Fräulein Adelheid dass ich so zu Ihnen
rede aber ich kann gar nicht anders wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe 
ja das muss ich Ihnen auch sagen seit ich die Ehre habe Ihre Bekanntschaft
gemacht zu haben da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen Ach
Sie haben einen vortrefflichen Lehrer«
    Adelheids Gesicht leuchtete auf »Kennen Sie ihn«
    »Habe nicht die Ehre aber ich wollte wetten er heißt Cupido«
    »Nein er heißt van Asten Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden Es
plaudert sich so fort und sind immer zu End ehe wir es versehen Ich schäme
mich zuweilen wenn er fort ist dass ich so wenig aufgeschrieben habe aber wenn
ich mich hinsetze um es niederzuschreiben dann muss ich oft einen ganzen Tag
schreiben und noch mehr Ich tue es nun gar nicht mehr denn ich behalte doch
alles auswendig«
    »Ists die Möglichkeit«
    »Manchmal ists mir wie einem Vogel zu Mute als schwebte ich hoch in die
Luft unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse So weiß er das alles klar
zu machen wenn er erzählt Da ist mir oft als müsste ich das Umschlagetuch
zusammenziehen wenn er die kalten Länder beschreibt wo ewiger Schnee liegt und
Eis Und wenn er die heißen schildert da wirds mir so heiß so heiß  ach ich
rede gewiss recht dummes Zeug es ist nur gut dass es Herr van Asten nicht hört«
    »Ach liebe Seele Engelchen das versteh ich Wer das einmal gekostet hat
wies draußen schön ist in der Welt der möchte immerfort fliegen Na nu
versteht sich fliegen kann keiner von uns denn wir haben keine Flügel Aber
zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen oder noch besser viere Extrapost und
nun Schwager ins Horn gestoßen und geknallt über Berg und Tal und
Sonnenschein und überall geputzte und frohe Menschen Das ist ein Leben mein
Engelchen Berlin ist eine hübsche Stadt aber ach Gott was gibts noch für
andere Das zu sehen und sich erklären zu lassen Und Herr van Asten müsste
neben Ihnen im Wagen sitzen Na das wäre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag
Ihnen gönne ichs S kommt auch mal so Was man sich wünscht das kommt«
    Adelheid schwieg betroffen Hatte sie sich denn das gewünscht »Nein liebe
Frau Obristin daran habe ich gar nicht gedacht Neulich da schämte ich mich
fast dass ich noch nicht in Potsdam gewesen und dass Sie aus Leipzig kamen aber
jetzt  jetzt ist mir gar nicht als wenn das nötig wäre Wenn Herr van Asten
mir von den fremden Ländern erzählt so brauche ich gar nicht zu reisen«
    »Ist das ein himmlisches Gemüt  Und wie sie die Chokolade nippt seht
Euch mal das an Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen und wie Ihr immer
schlürft Die Schaale fasst sie doch an als hätte sies bei Hofe gelernt  Nu
müssen Sie auch mal in die Untertasse sehen das ist ein Spiegel da sieht
Adelheidchen sich selbst«
    Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen »Die Venus das ist ja die
Venus« kreischten die Mädchen Die Tante wollte über die Atrappe sich
ausschütten vor Lachen aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte nahm sie
rasch die Untertasse in die Hand und meinte da müsste sie sich vergriffen
haben denn sie habe noch eine Tasse wo die Venus ein Umschlagetuch hat
    Adelheid hatte wohl von der Venus gehört aber in der Mythologie und
Geschichte sollte der Unterricht später anfangen weil Herr van Asten sie zuvor
die Erde und ihre Bewohner wie sie ist und sind habe kennen lernen wollen ehe
er zu den Menschen überginge die vormals gelebt und was sie geglaubt und sich
vorgestellt Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige
Kenntnis und schien sie mit Vergnügen auszukramen Sie wusste namentlich viel
von Najaden und Dryaden von den Metamorphosen und sogar von Ovid der ein
charmanter Dichter gewesen dass Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte Sie
hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen wie man
die Götter und Göttinnen anzog und den Engeln Flügel anband
    »Da könnte ich wohl manches von erzählen was Herr van Asten nicht wissen
wird denn er war nicht dabei Liebes Kind Sie müssen nur denken die Leute
waren damals spassiger als jetzt das wird auch Herr van Asten wissen und Böses
war nichts bei Denn die wurden bloß so Heidengötter genannt wir kannten uns ja
Alle als gute Christen und alles Tricots pfui wenn Einer denken könnte dass
es was anders war Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen  ich weiß
auch gar nicht wo er bleibt er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe
zur Chokolade bei mir ansprechen  nein sag ich Ihnen der weiß die ganze
Mythologie auswendig Venus das war die Mutter vom Cupido oder Amor und ihr
Vater war Jupiter und sie war aus Meeresschaum geboren und die Kinder vom Amor
waren Amoretten Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog das war zum
Todtlachen Kinderchens nicht größer als so mit Papierflügeln einem Gürtel um
den Leib und Alle an einem langen Strick gebunden der so hing und wenn sie
artig blieben und nicht zappelten kriegte Jede nachher einen Honigkuchen Ich
selbst war mal ein Cupido na Engelchen das war eine Geschichte wenn ich
daran denke Sehen Sie so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn
Jemand ins Herz stoßen versteht sich nur von Pappe und Schaumsilber aber wenn
ich Ihnen den Jemand nennte da würden sie Augen und Ohren aufsperren Es war
ein sehr reicher und vornehmer Herr und wurde nachher noch vornehmer und
reicher Ach und ein Herz und ein Gemüt so gut wie ein Kind Da gab ein Jeder
gern sein Liebstes hin wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah Und wie
generös Da wurden die Goldstücke nicht gezählt nur so in der Hand gewogen Und
einmal es war nämlich in einer kleinen engen Gasse da neben der
Spandauerstrasse zwei Stock hoch in einem finsteren Hause Treppen so grade
rauf wie ne Leiter und stockduster dass man sich Hals und Bein bricht da
kommt der Herr eines Abends rauf Gott bewahre er wird nicht allein ausgehen
Einer in Livree vorauf und zwei Herren begleiten ihn Alle in großen Mänteln
Nämlich er hatte in Dresden ein Bild gesehen von einem gewissen Titus oder
Tilian darauf kommts nicht an Es stellte eine Venus vor die auf einem
Kanapee ruht und es hatte ihm so gefallen dass er gar nicht die Augen
wegkriegen konnte Da hatte Jemand zu ihm gesagt Gnädiger Herr ich weiß in
Berlin ein Original dazu das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten Wie
der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte das halte er für ganz
unmöglich denn so was gebe es gar nicht lebendig sagte der Andre Wenn
gnädigster Herr sich dafür interessieren so käme es ja nur auf die Probe an Ich
weiß der Mann dem es gehört würde es sich zur größten Ehre schätzen Sehen
Sie so war der Hergang«
    Adelheid wollte nach Hut und Handschuh greifen Warum wusste sie nicht aber
sie war unruhig geworden Die Obristin fasste sie am Ann »Engelchen liebes
Sie ängstigen sich doch nicht Das war nur was sie lebende Bilder nennen
lassen Sie sichs nur von Herrn van Asten erklären und der hat sie auch gar
nicht gesehen Gott bewahre der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der
silbernen Leuchter denn darin hatte ers versehen Die Stube sah Ihnen doch wie
ein Paradies aus Da hatte er Blumen und Bäume von WinkelBouchés bringen
lassen und Wachslichter hinter die Büsche und oben hatte er sich vom Theater
eine Lampe geborgt ganz blass die sah wie Modenschein aus und hinten war die
rote Gardine zum Zurückschlagen und davor zwei große Bäume das waren aber
Tannen aus dem Tiergarten und da huckten oben zwei Amoretten sie waren
angebunden aber nicht ganz fest Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken
gestreut das war so verdeckt dass es wie ein Altar aussah und die kleine Stube
roch Ihnen süß und schön Ich musste nun dahinter kauern und wenn er einträte
sollte ich vorspringen und ihm den Pfeil auf die Brust halten und die Worte
sprechen
O edler Menschenfreund Dein tugendhaftes Herz
Wenn dieser Pfeil es trifft so sei es nicht zum Schmerz
Wenn dies ihr Tempel war ist er von jetzt ab Dein
Und sei Du Phöbus nun in diesem Mondenschein
Nu können Sie sich vorstellen Engelchen wie mein Herz schlug als ich ihn die
Treppe raufkommen hörte Herr Jesus ich glaubte doch mir würde es in der Kehle
stecken bleiben Und der Mann von der Frau der stand auch so und japste an der
Tür er war auch baumgross mit einem Tressenrock und weissseidenen Strümpfen 
Und die weißen Handschuhe zitterten nur so wie er die Armleuchter hielt Und
wie der Herr draußen die letzte Treppe rauf steigt  wir hörten ihn husten 
er nun mit dem Fuß die Tür zurückgeschmissen und raus da sinkt er beinah in
die Kniee und leuchtet runter Mein gnädigster Herr das ist zu viel
Sonnenschein in mein armes Haus Der Herr nun der nicht weiß wie ihm ist hält
den Arm vors Gesicht und stolpert just wie er ruft Verfluchter Kerl Das hab
ich selbst gehört das andre hab ich nicht gesehen das haben sie mir gesagt
Nämlich darüber hat er die Balance verloren und drei Stufen rutschte er und
hätte ihn der Andre nicht gehalten wäre er gefallen Da schrie es Lichter aus
Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoßen der helfen kam und der
kriegte den Schuss Das hörte ich poltern Und da riefen sie von unten Licht
Licht Aber dann schrien sie wieder Nein kein Licht Der Bediente aber der
oben gehuckt war nun wie ein Satan zugesprungen dem Mann hatte er die Kerzen
ausgeblasen und stieß ihn dass er in die Stube zurückfiel Aber nun stellen Sie
sich vor Ich wie ich meine dass er reintreten muss war mit dem Pfeil
aufgesprungen und stoße ein Bischen ans Kohlenbecken derweil aber ist sie schon
rausgesprungen und eh ich michs versehe krieg ichs um die Ohren Du  die
Schimpfworte will ich gar nicht sagen  das ist ja zu früh Darüber purzelt der
Altar um und die Kohlen kullern Nu wär noch alles gegangen aber die kleinen
Engelchen nämlich die Amoretten sind angestossen von ihr wie sie rausspringt
nämlich die großen Tannenbäume und wo sie hinschlug wuchs kein Gras Diese
Engelchen waren nun runter gerutscht vom Ast aber weil sie angebunden sind
konnten sie doch nicht runter also zappelten sie Ihnen und schrien Ihnen
gottserbärmlich«
    »Ach Gott die armen Kinder« rief Adelheid
    »Und im ganzen Hause schrien sie und das war ein Türenklappen Herr Gott
was ist denn los  Da schreits mit einem Mal Feuer und der Nachtwächter
tutet und es war auch Feuer denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen und
die brannte hell auf Na der Mann das muss man ihm lassen schnell wie der
Wind runter die Gardine ausgetreten aber auf der Straße hatten sie den Schein
gesehen und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde«
    »Aber die armen Kinder Was ward aus denen«
    »I die haben sie runter geschnitten und links rechts ein Bischen dann
nach Haus Ich kriegte auch nen Katzenkopf da musste man schon nicht drauf
sehen Aber der Mann und die Frau nein ich sage doch wenn gemeine Leute ohne
Bildung in Rage sind Einer auf den Anderen los dass ers verdorben hätte Mit
dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht sie hatte ihm aber vor den
Bauch getreten das muss man auch wissen Tot geschlagen hätten sie sich und
Gott weiß was wenn nicht die Polizei kam die riss sie auseinander«
    »Die Polizei« Es überrieselte Adelheid sie war schon aufgestanden Sie
hatte die Polizei nur auf dem Markte gesehen oder wenn sie einen Dieb
einbrachte aber sie wusste doch dass es etwas Schlimmeres war wo die Polizei
kam
    »Gott sei Dank die kam aber erst als der Herr fort war Das war noch ein
Glück Aber der Bediente und der Andere konnten kaum den Einen fortschleppen so
war er auf die Hüfte gefallen Hatte sich was gebrochen Und der Herr trägts
heute noch «
    Sie verstummte plötzlich Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht
bemerkt dass der Kammerherr von St Real im Zimmer stand
    Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid »Verzeihen Sie mein Fräulein
wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe
Nur einige dringende Worte «
    Adelheid erklärte sie wolle nicht stören sie müsse nach Hause Warum sie
das musste wusste sie selbst nicht aber sie musste das war ihr klar Den
eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefasst ihre
Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haften geblieben die mit Stricken am
Baume hingen Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe welche die Seiltänzer
ihren Eltern stehlen und die auf immer verloren gehen Wie herzergreifend hatte
die Frau Obristin im Dorfe erzählt Es war der Gedanke des Verlorengehens die
Vorstellung, dass ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte
sein können Mein Gott wenn auch sie Jemand dahin geführt hätte um das Bild zu
sehen und dann der Feuerlärm die Polizei Es drückte sie centnerschwer Die
Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an so herausfordernd fast alles
mytologische Darstellungen sie hatte sie früher nicht genau betrachtet jetzt
schlug sie die Augen nieder Wenn sie nur erst hinaus wäre wollte sie die
Mutter bitten sie nie wieder in das Haus zu lassen
    »Ich kam in der Absicht« sagte der Kammerherr »das Fräulein um die Ehre zu
ersuchen Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen Vorhin
begegnete ich Ihrem Herrn Vater dem Kriegsrat und er erlaubte mir diese
Bitte an Sie zu richten Wenn ich Ihre Zustimmung habe vergönnen Sie mir nur
einige Momente mit Ihrer würdigen Wirtin«
    Das Zwiegespräch in der Fensternische ward sehr leise geführt Mit der
süßesten Miene flötete St Real der Frau ins Ohr »Sie unverantwortliches
Plappermaul Jetzt auf der Stelle wiederhole ich Ihr schaff Sie die
Predigerfamilie fort« Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand und wie war
sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen und bat ihn ihr ja diese gütige
Gesinnung zu bewahren »Weiß Sie was der König tut wenn ers erfährt« dabei
klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern  »Nur bis morgen gnädigster Herr
ich kann sie ja doch nicht auf die Straße schmeissen«  »Durch den Büttel lässt
er Sie aus der Stadt peitschen und Sie hats verdient Sie unverschämtes
Mensch«  »Zu gütig«  »Ihre Zunge müsste man Ihr mit glühenden Zangen
ausreißen denn sie geht mit Ihr durch weiß Sie bis wohin  bis zum Galgen
und Sie hat ihn verdient«  »Nein mein Herr Kammerherr sind doch die
Obligeance selbst und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsrätin
entführen Ganz nach Ihrem Kommando«
    »Man hat sich kaum gefreut so soll die Adelheid schon wieder fort« sagte
Karoline »Jülli aber sagte es sei wohl gut es scheine ihr ein Gewitter
aufzusteigen dass sie das nicht noch überraschte Sie sah dabei aber ängstlich
nach der Tür zum Seitenzimmer Der Kammerherr meinte ein Gewitter wäre nicht
im Anzuge es sei dafür zu kühl aber ein Sturm und Regen Er fragte ob
Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe«  »O wir leihen ihr ein andres«
sagte Jülli »Ach das rotseidne der chère tante« rief Karoline »Adelheid
hats ja noch nicht gesehen Das ist ja wahr  Wie prächtig wird sie darin
aussehen Und das hält warm «
    Der Kammerherr nickte der Obristin zu sie möge das Fräulein nur recht warm
und schön anziehen Dann ging er hinaus um nach dem Wagen zu rufen sagte er
Es mochte aber auch sein um nicht bei der Toilette zu stören oder um sich nach
dem Lärm zu erkundigen den man auf der Straße hörte Ein Reiterregiment ritt
vorüber aber es schien als ob sie Halt machten und man hörte Gelächter und
Rufen
    Die Obristin hatte das viel besprochene Tuch vom Malayenlande aus der
Kommode geholt als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf »Was
das nun wieder ist Sind doch die Herren Gensdarmen nur da um Unfug mit
ehrlichen Leuten anzufangen« Sie breitete das Tuch aus und es glänzte in so
köstlichem duftendem Rot dass Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach ausrief
    Man hing es ihr um man zog sie vor den Spiegel Zuerst als wallender Talar
Die Obristin schien darin wirklich geschickt »Du meine Güte wie eine
Opferpriesterin«  »Wie eine Königin«
    Der Lärm draußen wurde lauter kein Aufruhr aber ein wüstes Gelächter Man
rief Spottnamen hinauf es schien als ob von oben geantwortet würde Darauf ein
noch ausgelasseneres Gelächter und einzelnes gellendes Pfeifen Die Tante
beschwor die Nichten sich vom Fenster fern zu halten Sie nahm das Tuch wieder
ab um es anders zu drapiren als man Jemand die obere Treppe hastig herabkommen
hörte und die Tür aufklinkte Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu
erwarten als das etwas ängstliche welches zur halb aufgestossenen Tür
hereinsah Die Päffchen über der schwarzen Weste verrieten einen Geistlichen
Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife welche die halbzugehaltene Tür
verbergen sollte und doch nicht verbarg hätten sich auch zu jedem guten Bürger
geschickt dem häusliche Behaglichkeit über alles geht
    »Haben Sie gehört verehrteste Frau Obristin«
    »Ach mein allerbester Herr Prediger«
    »Bitte tausend Mal um Vergebung wenn ich derangire insondern wegen meiner
Toilette Aber das ist ja nicht zum Aushalten«
    »Ist Ihnen was arrivirt«
    »Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus und meine Töchter neben mir und rauche
ganz in Frieden mein Pfeifchen als Einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach
mir weist ich weiß noch nicht warum und darauf strecken Alle die Hälse und
heben mit einem Aha ein schallendes Gelächter an Sagen Sie mir was man da zu
tun hat Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet sehr freundlich und
zurechtweisend sie antworteten mir aber nur durch unarticulirte Laute
nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki oder noch unbegreiflicher
durch ein sogenanntes Kukuksgeschrei«
    »Ists die Möglichkeit« rief die Obristin
    »Ja von einem der Herren Offiziere bei denen man doch Bildung annehmen
sollte hörte ich den unanständigen Ausdruck Pfaff und Pfäffchen Und Einer
rief Gefällts Dir im Kukukssneste Wird mir doch in der Tat bange denn der
Pöbel fängt auch schon an mit zu krähen und die Nachbarn reißen die Fenster auf
Soll ich nun zur Polizei schicken oder erlauben Sie mir dass ich hier ans
Fenster trete wo sie mich besser hören können und ihnen recht eindringlich ins
Herz rede wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt als der
Residenzstadt unseres Königs«
    » Sodom und Gomorrha Da haben Sie recht das ist das richtige Wort« rief
die Obristin erfreut an ein Wort sich klammern zu können das sie für den
Augenblick aus einer Verlegenheit riss die wie man an ihrem Zittern wahrnehmen
konnte schon peinlich geworden Wie sie sich herausriss war ihr gleichgültig
»Sodom und Gomorrha Herr Prediger O Sie werden unsere Stadt noch anders
kennen lernen Aber um Gottes Willen nicht die Polizei Nicht zehn
rechtschaffene Menschen unter tausend Aber nicht die Polizei Wer sich die auf
den Hals ladet sehen Sie « Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin und
hergewickelt bis sies Jülli zuwarf mit dem Befehl es ordentlich zu legen dass
es das Fräulein umschlagen könne und hatte damit schnell einen neuen Ausweg
gefunden  »Sehen Sie Herr Prediger das ists ein reines pures
Missverständnis Sehen Sie Herr Prediger das Tuch hier weils so kokliko rot
ist  hier gibts nicht solche  müssen die Mädchen damit rum schmeissen
gegens Fenster  das haben sie für nen Affront angesehen die Herren
Kavalleristen  warum das weiß der liebe Himmel Was sehen die nicht für nen
Affront an wenn ein ehrlicher Bürgersmann was tut  Sie wissen ja vom Lande
man darf kein rot Tuch aufhalten dann fliegt das Federvieh  und rote
Federbüsche haben sie  alles lieber Herr Prediger nur nicht die Polizei Und
die Herren Offiziere sind im Grunde genommen seelensgute Menschen Nur Jugend
Jugend muss man austoben lassen Aber nur nicht die Polizei Soll Ihnen auch
Keiner ein Haar krümmen lieber Herr Prediger jetzt erlauben Sie will Sie in
ein Dachstübchen schaffen hinten raus und Ihre Mamsell Töchter die lieben
Mädchen wie mögen sich die erschrocken haben da soll Sie auch keine Seele
finden Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren
Geistlichen ach und die Herren Offiziere auch aber unser herzensguter König
wird sie schon besser machen Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom
Hofe her da wollen wir Alles arrangieren ganz nach Ihrem Belieben Nur nicht
die Polizei«
    Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt er
wusste so wenig warum als Adelheid den Zusammenhang verstand und noch weniger
warum die beiden Nichten die mit ihr allein geblieben in ein Kichern
ausbrachen Sie fragte nach dem Grunde Karoline wollte vor Lachen platzen und
drehte sich auf dem Hacken Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte
einen Kuss auf ihre Schultern »Ach s ist besser für Dich dass Du das nie
erfährst«  Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise »Das
musst Du mir das nächste Mal sagen wenn wir uns wiedersehen«  Jülli drückte
hastig einen Kuss auf die schönen Lippen »Du darfst uns nie wiedersehen Adieu
auf immer«
    Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken
geschlungen Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen In
antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter während die Kleine mit
verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog »Nun sieh Dich
in den Spiegel Das ist Venus wie sie leibt und lebt da auf dem Bilde«
    Adelheid sah in den Spiegel und errötete als sie den kleinen Betrug
entdeckt Es war ein schöner Anblick sie musste es sich selbst sagen Sie hob
eben die Hand um ihren Anzug zu ordnen als  sie noch etwas anderes im Spiegel
sah
 
                              Neunzehntes Kapitel
                             Der Sturm bricht los
Eine Tür ging auf und ein junger Mann trat ein Sein wild schönes Auge trüb
und wüst wie eines Trunkenen der eben aus dem Schlaf erwacht die Haare
verstört Die Halsbinde hing ungeknotet über die Weste den Rock hatte er nicht
nötig gefunden anzuziehen Er blieb auf der Schwelle stehen und reckte die
Arme um den Schlaf zu vertreiben
    Dies Bild sah Adelheid im Spiegel Sie blieb atemlos stehen
    Jetzt sah er sie nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit ihr Gesicht im
Glase Sein Auge belebte sich es schoss auch im Spiegel einen Blitz vor dem sie
erschrak
    »Was habt Ihr denn da für eine neue Tugend«
    Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten und ehe Adelheid
ausweichen konnte hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen
»Tugend ich will Dir ins Gesicht sehen«
    »Louis Du wirst  Um Gottes Willen Louis sie ist nicht von hier« hatte
Jülli geschrien und riss vergebens an seinem Arm »Eure Larven kenn ich« Im
selben Augenblick war die andere Tür aufgeflogen die Obristin hereingestürzt
Ihre sonst so gutmütigen Augen funkelten »Der wieder da O das musste noch
kommen Für einen verlorenen Sohn ist Die zu gut Reisst sie dem Trunkenbold aus
den Armen« Es wäre nicht unmöglich gewesen dass sie mit ihren Fingern einen
Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht wenn nicht Adelheid sich
jetzt rasch umgewandt die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen
hätte und gerufen »Mein Herr So sehe ich aus«
    Es war etwas Überwältigendes in dem Blicke der äußersten Entrüstung was
man nicht vergisst im Tone der Stimme ein Metall das Keiner bis da gehört es
tönte durch das Zimmer und in den nächsten Sekunden hörte man nichts anderes
    Er hatte sie unwillkürlich losgelassen Sie standen nicht einen Schritt von
einander, und ihre Blicke begegneten sich Sie wollte sprechen aber die Stimme
versagte ihr Tränen wären eine Wohltat geworden es überstürzte sie nur eine
krankhafte Hitze der sogleich eine fieberhafte Kälte folgte Sie wandte den
Kopf ab bedeckte das Gesicht und ein Schrei der gepressten Brust stürzten
die Worte heraus »O mein Gott wo bin ich hingeraten Was ist das mit mir«
    Sie wankte aber sie schauderte vor der Obristin die sie auffangen wollte
sie tappte mit aufgehobenen Armen als der junge Mann eine Bewegung machte
wars seine Beute wieder zu ergreifen wars der Ohnmächtigen beizustehen
Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes der ein »Halt mein Herr« ihm
entgegen rief veränderte die Szene
    Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem vornehmem Anstande In seinem
blassen ausdrucksvollen Gesicht in dem man einen Philosophen Staatsmann
wenigstens einen Denker erkennen mögen brannten auch zwei dunkle Augen nicht
groß aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes der in ihnen glühte Ein
Mann von mittleren Jahren der aber durch die Entrüstung den Stolz seiner
Haltung die Elasticität der Bewegung, um vieles jünger schien Es war ohne
Zweifel das bedeutendste ausdruckvollste Gesicht im Zimmer vielleicht was man
überhaupt in diesen Räumen gesehen ein Mann in dem jeder Muskelzug jede
Bewegung die Weltkenntnis und Erfahrung ausdrückten und ein Mann der geboren
schien um zu imponiren Den leichten Umwurfmantel mit dem er ins Zimmer
getreten hatte er schon an der Türe abgeworfen und stand im schwarzen
Civilkostüm dem Andern gegenüber
    Auf dem Gesichte dieses Jüngern dem die Leidenschaften viele Falten
eingedrückt hatten suchte man indes umsonst nach einem Zuge der eine
Inklination verriet sich imponiren zu lassen Mit einem verächtlichen
Achselzucken »Das geht Sie nichts an Die Dame ist ohnmächtig« wollte er an
ihm vorüber Ein »Elender zurück« donnerte ihm entgegen »Ihr Arm darf die
Unschuld nicht berühren« Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen
Mannes gefasst als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet Ein
fürchterlicher Blick des Jüngeren während seine Arme krampfhaft zitterten
sagte dem Kavalier was er im nächsten Moment erwarten konnte wenn er nicht
zuvor kam Louis war unzweifelhaft der Stärkere aber er war in einer
ungünstigen Stellung des Angriffs nicht gewärtig noch vom wüsten Traumschlaf
ermattet Der Kavalier war auf einen Angriff gefasst eingetreten wahrscheinlich
ein gewandter Fechter der die Schwäche des Gegners zu nutzen weiß Ihn kurz an
sich ziehend warf er ihn mit einem heftigen Stoß zurück »Schlafen Sie Ihren
Rausch aus«
    Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl doch so heftig gegen die
Lehne geschleudert dass er einen Moment besinnungslos blieb Ein fürchterlicher
Moment Heulen Schreien Lärm jeder Art
    Es polterte von oben es stürmte die Treppen herauf Leute waren
eingedrungen ins Haus schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer Als
Adelheid an die Wand gelehnt ihre Besinnung zurückkam hatte auch der junge
Mann sie wieder gewonnen Es war der entsetzlichste Blick den sie gesehen eine
Basiliskenblick die Zornader glühte auf seiner Stirn und die Brust hob sich wie
eine Meereswelle als er aufsprang und nach einer Waffe griff »Mord«
»Todtschlag« »Polizei«  »Blut« schrien verwirrte Stimmen Dem Stuhle den
der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang hätte der Galanteriedegen den
der Andere rasch gezogen nicht parirt Aber die Obristin fasste nach dem
Stuhlbein als der Degen schon mit einem gefährlichen Parirstoss nach der Brust
zückte Jülli sah die Spitze funkeln sie hing an Louis Brust sie umklammerte
seinen Hals ein Schild das ihn schützte aber ihm die freie Bewegung raubte
»Louis nicht Dein Blut« Der Stoß des nur zur Verteidigung gezückten Degens
hätte tötlich werden können, wo der Feind in blinder Wut sich auf den Gegner
gestürzt hatte als Adelheid dem Kavalier in die Arme fiel »Um Gottes um
Gottes Barmherzigkeit willen kein Blut um mich«
    Es war alles das Werk eines Momentes Die Degenspitze hatte Jüllis Schulter
gesteift es rieselte rot von ihrem Nacken Im selben Augenblicke trennte ein
dritter Fremder die Kämpfer »Auch Mord und Blut in diesem Sündenhaus« Des
Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen er hob die zitternden Arme gegen die
Obristin er drohte ihr aber die Stimme schien auch ihm zu versagen Er griff
in die Tasche und warf ihr eine kleine Börse zu Füßen »Weib mach Dich bezahlt
mit meinem Sparpfennig«
    Der Lärm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen Den
Pöbel kitzelte die wilde Luft hier die Nemesis zu spielen zerstören zu können
Die Träger der Effekten des Predigers die er in aller Hast hinunterschaffen
ließ fanden auf Treppen und Türen kaum Durchweg man wollte untersuchen ob
nichts Verdächtiges damit entschlüpfe Rohe Witzworte begleiteten diese
Improvisation Noch ärgere Invektiven schallten von der Straße denn das Gerücht
von dem was im Hause sich zugetragen wuchs natürlich je entfernter man davon
stand Die Schwadronen zogen ab und das von den Blasinstrumenten angestimmte
Lied »Ach du lieber Augustin« dröhnte als Parodie durch das Getöse Da hatte
die Obristin die nicht nach dem Geldbeutel griff denn sie sah es war hier
mehr verspielt eine unbeschreibliche Wut ergriffen Die Larve der Sanftmut
und Gleisnerei war abgefallen die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich
herausgekehrt und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zähne suchten nach
einem Gegenstand der Rache Sie hatte ihn gefunden Den Geistlichen hatte sie
mit dem Ellnbogen und einem Schimpfwort bei Seite geschoben die »Natterbrut an
ihrem Busen« die ihr so mit Undank gelohnt die den Störenfried versteckt
sollte es entgelten Aber stand der nicht selbst vor ihr der all das Unglück
angerichtet  mit seinen bösen schönen Augen Sprach sies aus oder sah sies
an ihren gespitzten Fingern an den gehobenen Armen die Hyäne auf dem Sprunge
Jüllis Augen funkelten auch dämonisch »An seinen schönen Augen Deine Hand Du
schändlich Weib Erst über meinen Leib den zertritt nun vollends«
    »Die Weiber bringen sich um« schrie es »Polizei« Schon arbeitete der
Kommissar sich durch die Tür Das Weib hatte das Mädchen an der Schulter
gepackt wo der Degen gestreift Das Mädchen stieß einen Schmerzensschrei aus
und sank ohnmächtig nieder während von hinten eine andere Megäre die Wütende
umklammerte Auch hier eine abgefallene Larve auch hier die lang verhaltene
Wut einer gemeinen Natur die keine Rücksichten mehr kennt
    Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezückten Degen er hatte ihn
eingesteckt auch der geschwungene Sessel war längst aus Louis Händen zu Boden
gefallen er saß zurückgesunken in einem Stuhl und starrte Todtenblässe im
Gesicht auf das zu seinen Füßen liegende Mädchen seine Lebensretterin Der
Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber eine blutbedeckte Hand von der
zusammenschnürenden Umarmung einer Wütenden in die Luft gestreckt Mit
kräftigem Arm mit dem Griff des Säbels der unsanft auf ihre Schultern fuhr
riss er sie auseinander Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und
Karolinen Indem sein Blick umherstreifte nach den übrigen Komplicen zu suchen
fiel er zunächst auf Adelheid Sie war von Mitleid fortgerissen neben der
Verwundeten hingekniet aus dem natürlichen Impuls sich den Blicken zu
verbergen beugte sie sich tiefer über das unglückliche Mädchen als nötig war
in dem Augenblick vielleicht das glücklichere sie wusste ja nicht was um sie
vorging Auch Adelheid wusste es kaum als die raue Hand des Kommissars sie
aufriß »Aufgestanden Marsch«  »Sie ist unschuldig« rief eine Stimme  »Da
den Beweis ihrer Unschuld« sagte der Kommissar und zeigte Adelheids Hand auch
sie blutig von der Berührung »Auf der Wache wird sich alles herausfinden mein
schönes Kind Einstweilen mitgefangen mitgehangen«  »Sie ist unschuldig«
schrie Louis aus seinem Starrsinn erwachend Er war aufgesprungen Der Beamte
sah ihn mit einem höhnischen Blicke an »Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird
ist Zeit für sie zu sprechen Oder sind Sie etwa auch unschuldig Die Person
hier auf eine Trage und vorsichtig Auf der Wache wollen wir untersuchen wo
sie hin muss«
    Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelächter in Adelheids Herz An wen
sich wenden Sie hatte keinen Freund keinen Bekannten hier Der Kammerherr war
verschwunden Sollte sie das Weib anrufen das jetzt noch kochte und grimmige
Blicke mit dem andern Mädchen tauschend von neuen Tätlichkeiten nur durch die
Wache abgehalten ward Und was hätte deren Zeugnis in dieser Lage ihr geholfen
Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen
    Der Retter stand aber schon vor ihr »Diese Dame ist an den Auftritten hier
so unbeteiligt als ich selbst« rief der Fremde und schon sein Kostüm und
Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor dass er unmerklich
Adelheids Arm losliess »Ich bin der Legationsrat Kammerherr von Wandel aus
Thüringen Auf der Rückkehr von der Tafel Seiner Königlichen Hoheit führte mich
der Zufall ich meine der Spektakel in dies Haus und ich kam glücklicherweise
noch zu rechter Zeit um dies junge Mädchen vor Beleidigungen zu retten über
die ich wenn es erfordert wird Zeugnis ablegen kann Ich verbürge mich für den
unbescholtenen Ruf der Dame deren Name und Familie mir bekannt sind und die
nur der Zufall oder die Bosheit hierher locken konnte Diesem würdigen
Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen Dass sie keinen
Teil an den Excessen dieser Personen da hat brauche ich kaum auszusprechen
das Blut an ihrer Hand rührt wie Sie sehen von der liebreichen Pflege die sie
jenem armen Geschöpfe angedeihen ließ«
    Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden nachdem dieser
ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflüstert hatte »Diese Demoiselle kann
demnächst auf Bürgschaft des Herrn Legationsrats entlassen werden«
    »Und ich ersuche Sie mein Herr Prediger« wandte sich der Legationsrat an
den durch das Gedränge noch immer festgehaltenen Geistlichen »das junge Mädchen
unter dem Geleit Ihrer Töchter aus diesem Hause zu bringen Sie bedarf eines
weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitäten die Begleitung eines
Mannes wer es auch sei würde sie nur anlocken«
    »Bleiben Sie mir vom Leibe Soll ich noch von der Brut mir anhängen wo ich
kaum weiß wie ich mit meinen unschuldigen Töchtern ohne Insulten davon komme«
    Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewiss zur Entschuldigung
wenn er jetzt so hart erschien als er früher leichtgläubig gewesen Auch die
Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen denn man zischelte sich zu
oder sagte es vielmehr ganz laut »Die Hübscheste wird losgerissen von dem
vornehmen Herrn« »Das weiß man schon an wem nichts mehr zu verlieren ist den
lässt man dem Galgen«
    Der Polizeikommissar der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht wies auf
Louis »Wollen Herr Legationsrat auch etwa für diesen jungen Herrn bürgen«
    »Mich dünkt sein Zustand bürgt für ihn« sagte Wandel »Wenn er ernüchtert
ist wird er selbst am besten Rechenschaft geben welche Motive ihn in dies Haus
geführt Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprüche an den Sohn des Herrn «
er flüsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten »sollte der Herr
Forderungen an mich haben so ist ihm meine Adresse bekannt« setzte er scharf
betonend mit einem eben so scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu
    »Demoiselle« sagte er dann Adelheid seinen Arm bietend »da sich kein
anderer Ritter findet müssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen Platz« Die
Menge machte ihn Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkürlich zurück »Sie mögen
sich entfernen Herr von Bovillard« hatte der Komissar diesem zugeflüstert
indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notirte »Doch erst
nachher wenn die Menge sich verläuft Sie verdanken diese Berücksichtigung dem
Zeugnis des Herrn Legationsrat Sie werden selbst am besten wissen dass die
Polizei andere über Sie hat« Der junge Mann stand aufgerichtet wie eine
Bildsäule regungslos seine Hand wühlte krampfhaft in der Brust nur die Augen
schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter dessen Ausdruck sich nicht
beschreiben lässt Es war nicht mehr das Feuer des Zornes nicht das Aufprasseln
eines Brandes der seinen Höhepunkt erreicht es war die Glut des Hasses die
still fortlodert weil sie unerschöpflichen Stoff unter der Asche gefunden Und
doch zuckte dies stiere Auge als es dem des jungen Mädchens begegnete und
senkte unwillkürlich die Augenlider
    »Eilen Sie« rief ihr Begleiter »Draußen ist frische Luft« Sie schwankte
an seinem Arm als er sie durch die Tür gerissen
    »Nur einen  einen Augenblick nur«  stöhnte sie im Vorzimmer »O Gott
mein Vater meine Mutter« Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken Der
Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzfläschchen aus der Tasche gezogen und
tupfte vorsichtig Tropfen davon auf den Finger giessend über ihre Stirn Die
Vorübergehenden machten ihre Glossen es waren keine freundlichen Ein Glück für
die Ohnmächtige dass sie nichts davon hörte Ihr Begleiter hörte und verstand
sie Aber keine Miene kein Blick verriet ein innere Bewegung
    Er betrachtete die Ohnmächtige wie der Kenner ein Bildwerk Als das Zimmer
zufällig leer war lüftete er vorsichtig das Tuch das sie um sich geschlungen
»In der Tat ein Prachtwerk der Schöpferin Fast zu schön um es zu
verschwenden setzte er hinzu Und doch wenn wir es nicht verschwendeten nicht
mehr wert als eine Mumie in einer Raritätensammlung«
    Erst die Tropfen aus dem letzten Fläschchen die er noch behutsamer
anwandte brachten die Wirkung, die er beabsichtigt hervor Es musste eine sehr
starke gefährliche Essenz sein denn nur nachdem er verdrießlich nach der Uhr
und der Sonne gesehen und die Schläferin ohne dass sie erwachte stark am Arm
gerüttelt hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stöpsel gelüftet Sie war
erwacht aber ihre Augen ihr Atmen ihr Lächeln bald auch ihre Sprache
zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven die der Retter nicht beabsichtigt
hatte Sie erhob sich und sprach in Extase Es war das schöne Metall der Stimme
das vorhin fast berauschend ins Ohr der Zuhörer geklungen aber hier nicht ein
schneidender Laut der Todtenglocke es klang und wogte melodischer wie ein
Lobgesang als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach ihn versichernd es werde
alles gelingen alles gut werden er sollte nicht sorgen Sie sprach sehr
schnell Der Legationsrat kniff sich ängstlich in die Lippen als sie
Schillersche Verse recitirte von der Tugend die kein leerer Wahn von der
Welt die das Strahlende zu schwärzen liebe aber die edlen Herzen schlügen
überall auch im Hause des Verderbens O wie würde sich ihr herrlicher Lehrer
freuen welch ein Triumph für ihn dass sein Wort in Erfüllung gehe nur durch
die Leiden die großen Leiden entwickele sich die Seele Und wie erst würde ihr
Vater sich freuen wie sehne sie sich ihm in die Arme zu sinken Da da  sie
zeigte ans Fenster Die Türme auf dem Gensdarmenmarkt glühten in der
Abendsonne in jener wunderbaren Pracht wie sie ein kalter nordischer
Abendhimmel zuweilen auf die Dächer und Spitzen höherer Gebäude ausgiesst die
gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner dass diese
schöne Röte kein Vorbote eines schönes Tages sei »Mein Vater sieht sie auch
aus seinem Fenster er freut sich und er darf sich freuen denn bald werde ich
auch in seine Arme stürzen rot von dieser Sonne angeleuchtet«
    »Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch Mademoiselle Sie sind erhitzt und es
ist sehr kühl draußen geworden« Das Gewitter das sich auswärts entladen hatte
eine empfindliche Kälte verursacht
    »In dies Tuch« rief Adelheid als der Legationsrat bemüht war den
seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen Sie riss es hastig ab und schleuderte
es in den Winkel »Es ist nicht meines« Sie schauderte »Fort fort nach
Hause«
    »Unmöglich Demoiselle Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu Wenn
das Tuch nicht Ihnen gehört schicken wir es sogleich zurück Nur bis ich Sie zu
Ihrem Vater gebracht«
    »Mein Vater soll das Netz nicht sehen worin sie seine Tochter fangen
wollten« Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm »Mich friert aber nur hier
Gewiss nur hier da draußen ist es warm«
    Auch den Legationsrat fröstelte Er konnte die Retterrolle die er
übernommen bereuen Die entschlossenen Züge seines Gesichts schienen dem zu
widersprechen Aber seine Lage war eine kitzliche für einen vornehmen Mann dem
der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht Oeffentlich aus diesem
Hause eine Dame zu führen deren aufgeregter halb verwildeter Zustand den
Vermutungen die sich von selbst machten nur zu sehr Tor und Tür bot »Sie
ist ja offenbar betrunken« musste er im Vorbeigehen hören »Die Schminke eben
abgewischt« sagte ein Anderer »Und in der Windfahne auf offener Straße«
    Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels es waren die Urteile ruhiger
Bürger Es waren dieselben Personen welche vorhin den Prediger und seine
Töchter vor den Insulten der Buben geschützt Denn diesen Landmädchen sähe man
es ja an dass sie nicht in das Haus gehörten aber es sei doch eine Verhöhnung
alles Anstandes wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne
ohne Scham und Scheu auf offener Straße sich zeigt So etwas sei selbst zu den
schlimmsten Zeiten der Lichtenauschen Wirtschaft nicht vorgekommen
    Zum Glück hörte davon Adelheid nichts Der Legationsrat hörte Alles aber
keine Miene verriet es Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd die
Gassenbuben liefen ihm höhnend nach Er schwieg auch da er beschleunigte nicht
einmal seine Schritte Er suchte nur nach etwas vielleicht nach einem
Bekannten nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen es gab deren in
Berlin noch nicht »Wissen Sie die Wohnung meines Vaters« fragte Adelheid »Ich
weiß sie« Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine
Schritte Als Adelheid ihn daran erinnern wollte trat er an eine offene
Kutsche welche in der Querstrasse vorüberfuhr und gab dem Kutscher ein Zeichen
zum Halten zum großen Befremden der Dame welche darin saß zu ihrem noch
größeren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der
Menschenfreundlichkeit Er nannte seinen Namen Eine leichte Röte überflog die
blassen Wangen der Geheimrätin Lupinus Sie neigte sich anmutig über den
Wagenschlag sein Anliegen zu hören
    »Erlauben Sie dass ich französisch spreche« sagte er »wegen der Zuhörer«
Es blieb zweifelhaft ob er die Gassenbevölkerung meinte die sich schon um den
Wagen drängte oder Adelheid die noch an seinem Arm hing In einer fließenden
kurzen Darstellung mit einem Accent in welchem die Geheimrätin den Pariser zu
erkennen glaubte erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause ohne alle
Personen die darin verwickelt waren zu nennen und den wahrscheinlichen Grund
wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt »Sie sehen
Madame« schloss er »die schreckliche Lage in welche eine Verkettung von
Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat Wenn es mir auch dort mit
meinem Degen gelang sie vor der Brutalität zu schützen so ist der Stahl doch
eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermutungen und die aufgeregte
Populace hier Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hilfe an Meine Bitte sie in Ihrem
Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern ist nur der geringste Teil
meines Anliegens Die Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen
Akt der Anerkennung Wenn Sie sich entschließen könnten sie hier öffentlich zu
embrassiren so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Strassenpublikum retablirt
Denn wer kann zweifeln wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimrätin Lupinus sie
dieser Auszeichnung wert hält«
    Die Geheimrätin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt Sie
fragte leise übergebeugt »Wer ist ist eigentlich die junge Person ich hörte
den Namen nicht deutlich«  Der Name des Kriegsrats mochte der Geheimrätin
eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein Aber sie stieß plötzlich den Schlag
auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen welches der
Legationsrat rasch hineinhob
    »Meine werteste Demoiselle mein liebes Kind wie konnte ich auch nicht
gleich die Tochter meines Freundes des wackeren Kriegsrats erkennen Das ist
ja abscheulich dass Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntniss hat und sich in das
Haus verirren musste Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen ach und wie
echauffirt Johann schnell den Mantel aus dem Kasten Ich hoffe das wird nicht
von üblen Folgen sein Wie sie zittert  Herr von Wandel es gibt eine Justiz
hier und einen König der solchen Affront einer achtungswerten Familie
angetan strafen wird«
    »Dessen bin ich gewiss« rief der Legationsrat seinen Hut abziehend
    »Mein Gott Sie steigen doch auch ein«
    »Meine Gegenwart könnte stören«
    »Wie das Wer verdient wie Sie den Dank des erfreuten Vaters entgegen zu
nehmen O rasch ein dass ich das Vergnügen habe dem Manne den Wohltäter den
Retter seines Kindes zu präsentiren«
    »Erlauben Sie mir ich bitte inständigst darum Ihre gütige Einladung
ablehnen zu dürfen Es gibt Erörterungen welche das Gefühl verwunden die
Wunde wird schmerzlicher wenn ein fremder Mann sich in das Heiligtum des
Familienkreises drängt Vermutungen könnten aufsteigen die so empörend sie
klingen doch immer ihr Recht verlangen Den Dank ach mein Gott wer denkt in
dieser Welt an Dank  Es ist Ihr Schützling jetzt tragen Sie das ganze
Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme über und wenn es anginge
verschweigen Sie meinen Namen Ich übte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers
weiter nichts Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die bloße
Bitte eines Ihnen fremden Mannes Vergönnen Sie ihm nur dieser Tage seine
Aufwartung zu machen um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schützlings zu
erkundigen«
    »Ein Mann von seltener Delikatesse« sagte die Geheimrätin nachdem er sich
beurlaubt Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt Sie saß wieder
sprachlos in sich versunken und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu
schütteln an Der Kutscher erhielt den Auftrag rasch zu fahren
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                          Abällino der große Bandit
Als die Polizei die Türen der Wohnung verschlossen hatte war manches in
derselben nicht mehr wie es vorher gewesen Die Volksjustiz hatte geglaubt
auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen Die Polizei
hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt um ihren ungebetenen Helfershelfern
überall auf die Finger sehen zu können und diesem Umstand darf man es
zuschreiben dass als sie die Wohnung räumte eine Person ganz von ihr
übersehen zurückgeblieben war
    Die Hände fest auf die Stirn gespannt den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt
saß ob schlafend träumend in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken wir
wissen es nicht der junge Bovillard Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken Er
sprang auf Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle wo der Legationsrat
zuletzt stand wo er seinen Blick aushalten musste und mehr als das wo der
Mann der ihn tötlich beleidigt als sein Fürsprecher auftrat Ihm verdankte er
seine Freiheit und  doch hätte er eine Wollust darin empfunden wenn er mit
seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren wenn er ihn erwürgen können Den Arm mit
der geballten Faust streckte er aus  zum Zweikampf mit einem Luftbilde Aber
indem er ihm in dem Augenblick einen tötlichen Hass schwur übergoss ihn die
Röte der Scham Wie Vielen hätte er den Todhass schwören müssen die alle Zeugen
seiner Beschämung gewesen Noch eine andere Erinnerung stieg auf er drückte mit
der Faust gegen die Stirn und atmete schwer Dann suchte sein Auge an der Wand
drüben nach der Tür durch welche Adelheid fortgeführt ward »Und von dem
Schuft« Es war das erste laute Wort und der Schall schien die neckischen
Geister zu wecken die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten
    Im letzten Sonnenstrahl der durch die oberen Scheiben drang wirbelte der
dichte Staub der sich noch immer nicht gesetzt hatte Es schwirrte in der Luft
von Fasern und Federn die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern der
Spiegel war zerschlagen Stühle und Tische umgestürzt den weiblichen Figuren
auf den Gemälden hatte man mit Kohle große Bärte angemalt Er stieß die Tür
auf Im Vorzimmer war es still und leer Schien er doch zu suchen ob nicht
Jemand wie er zurückgeblieben wäre ob er nicht vielleicht ein stilles
Schluchzen höre Es waren die Tauben auf dem Dache Er sah sich noch ein Mal um
ehe er die Wohnung verlasse und aus dem gebrochenen Spiegel grüßte ihn sein
Bild ihn daran erinnernd dass er so auf der Straße sich nicht zeigen dürfe Er
ging nach dem Seitenzimmer zurück seinen Rock zu holen Die Luft wimmelte wie
von Schneeflocken Von der Zugluft welche die aufgestossene Tür verursachte
wirbelten die Federn aus den Betten welche sie in mutwilliger Zerstörungslust
aufgeschnitten Vergebens suchte er nach Rock und Hut Sie waren verschwunden
gestohlen Fort aus dieser Höhle der Verwüstung Die ihm wohlbekannte Hintertür
war verschlossen der Schlüssel fehlte Er eilte zurück nach dem Vorzimmer auch
diese Tür war zu er war eingeschlossen Sollte er Lärm machen Nach so vielem
Lärm Er hatte keinen Grund die Trommel des Aufruhrs zu rühren
    Indem er noch unschlüssig was er solle aufmerksam beobachtend umher ging
fiel sein Auge auf einen Kamin der nach alter Art in einen weiten aber nur
kurzen Schornstein führte Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden dass die
heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde wenn es
stark wehte selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier
getrieben wurden
    Indem er den Kamin untersuchen wollte ob von da vielleicht ein Ausgang zu
entdecken wäre entdeckte er etwas was er nicht erwartet einen Stock und zwei
Beine die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten Als er sie ergriff
stieß eine Stimme die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte einen Angstschrei
aus er zog einen vollständigen Menschen herunter weit vollständiger und
anständiger gekleidet als er gefärbt wie er nur nicht weiß vom Federstaub
sondern schwarz vom Russ
    »Ach Sie Bovillard« sagte der Geschwärzte aufatmend »Gott sei Dank Ich
glaubte es wäre der Polizeikommissar«
    »Ich freue mich auch ungemein gerade den Herrn von St Real zu begrüßen
Wie befinden sich Herr Kammerherr Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich
zu meinem Bedauern ans Bette«
    »Sie sehen ich bin wieder passabel hergestellt«
    »Ja wer schon gymnastische Übungen machen kann Aber im Schornstein ist
das doch etwas unbequem Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium ein
Herr Jahn der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben Wie ich höre
beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere
des Menschengeschlechts Da sollten Sie sich melden bester Kammerherr«
    »Pestilenz Wo kommen Sie her Bovillard« rief der Kammerherr sich
schüttelnd
    »Von einem Dejeuner bei Dallach Ich versichere Sie Kammerherr der Mann
perfektionirt sich Austern wie frisch aus der See ein Kaviar und ein
Burgunder der Minister kann ihn nicht besser haben Schade dass Ihr Podagra den
Burgunder oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt Wir vertrugen uns
vortrefflich lauter Freunde einer Gesinnung alles Verehrer der Schick Nein
sie hat doch eine Stimme darüber geht nichts«
    »Ihre Stimme in Ehren aber Ihre Bovillard war mir lieber Wenn der
verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte bis ich erstickt war«
    »Kommen Sie von oben da her Kammerherr Oder wollten Sie oben hinaus«
    »Ich war hierhergeraten ich weiß noch nicht wie«
    »Vermutlich wie ich«
    »Damit der Rotkragen mich nicht finde kroch ich in der ersten Bestürzung
da hinein Nun aber teuerster Mann können Sie mir nicht gelegener kommen Ich
habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit«
    »Ich gleichfalls«
    »Schaffen Sie mir meinen Wagen versteht sich dort um die Ecke Ich hoffe
der Kerl wird sich von selbst retirirt haben als der Skandal los ging Dann
rekognosciren Sie etwas Luft und Terrain«
    »Mit dem größten Vergnügen«
    »Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen rechnen Sie auf meine
Bereitwilligkeit Liebster junger Mann wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen
schenkten hoffe ich gewiss die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen«
    »Nichts von Frieden ich will Krieg Sie haben hier gelauscht Sie erfuhren
Sie wissen Alles hätten Sie etwas vergessen will ich Sie daran erinnern Dem
Herrn von Wandelstern oder wie er heißt will ich den Hals umdrehen natürlich
ganz in legaler Weise durch Pistolen oder Stichdegen wie es ihm mehr Vergnügen
macht Sie sollen mein Kartellträger sein Die Sache eilt weil man so etwas
leicht vergisst und auf der Stelle wenn Sie los sind ersuche ich Sie in
eigener Person zu ihm zu fahren meine Herausforderung zu bringen und das
Nötige mit ihm abzumachen«
    St Real sah etwas verblüfft den Andern an und wollte seine Hand fassen
»Liebster junger Mann um solche Kleinigkeiten «
    »Da ist nun der Geschmack verschieden Herr Kammerherr ich behandle das
Kleine groß Andre das Große klein Da muss man Jeden seinem penchant
überlassen«
    »Mein Gott teuerster Freund bei solcher Art von Konflikten muss man nicht
mit gefärbten Gläsern sehen Wo nichts zu gewinnen muss man nichts einsetzen
Sie begreifen dass gewiss Niemand von dem plaudern wird was hier vorfiel Unter
Kavalieren ist es eine stillschweigende Übereinkunft dass man an solchen Orten
sich nicht kennt Die Person ist ja nun auch verschwunden sie wird über die
Grenze geschafft In ein paar Tagen wie gesagt ist der Vorfall vergessen und
verdampft wie ein Rausch Stänkern Sie nicht darin liebster bester junger
Mann«
    »Die Person Sie meinen die Frau Obristin Malchen Das ist ja eine höchst
respektable Dame Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion die ihr nur Ehre
bringen kann«
    »Liebenswürdiger Schäker Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel«
    »Vermutlich ein eben so respektabler Herr wie Ihre Freundin«
    »Teuerster Bovillard Sie irren sich Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn
Vaters ich versichere Sie einer der feinsten Köpfe ein Mann der Wissenschaft,
ein Gelehrter ein Mann von stupenden Kenntnissen ein Diplomat und von den
liebenswürdigsten Eigenschaften Sie müssen sich kennen lernen O Sie werden es
mir danken Und dabei ein Gemüt wie ein Kind unwiderstehlich bei den Damen
Ich sage Ihnen Sie werden Freunde werden wenn ich Sie bei ihm einführe Sie
werden sehen er hat Alles vergessen«
    »Ich nicht mein Herr« trumpfte Bovillard »Entweder oder  Wollen Sie
nicht«
    »Sein Sie überzeugt ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus«
    Der Jüngere eilte ans Fenster um es aufzureissen
    »Bovillard Was wollen Sie tun«
    »Die Polizei rufen Wissen Sie nicht dass wir eingeschlossen sind In dem
leeren Nest habe ich nicht Lust die Nacht zu verbringen«
    »Sind Sie rasend Man würde «
    »Uns auf die Wache bringen Ganz in der Ordnung Wer bei einbrechender Nacht
in einem verdächtigen Orte betroffen wird und sich nicht ausweisen kann dass er
dahin gehört wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht Das ist das erste
Erfordernis eines gesetzlichen Staates Der Staat muss auch seine Ruhe haben wie
jeder Mensch wenn er schlafen will«
    »Unsere Lage würde ja weit schlimmer«
    »Unsre Mein Herr Sie bedenken nicht welch ein Unterschied zwischen uns
ist Sie haben einen guten Ruf zu verlieren ich gar keinen Denn einen
schlechten verliert man nicht wenn man auf die Wache geschleppt wird Sie
sehen dass ich gar nichts dabei riskire«
    Der Kammerherr hatte sich mit großer Gewandtheit zwischen Bovillard und das
Fenster gedrängt »Wenn Sie denn absolut wollen Ich wills arrangieren aber 
er schießt Ihnen  den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem
Kuchenreuter vom Zaune Sie junger Hitzkopf tun Sies doch lieber nicht s
ist gegen mein Gewissen«
    »Herr Kammerherr Ihr Gewissen ist mir zu wert Ihr Gewissen dürfen Sie
nicht dran setzen Sie müssen es mit gutem Gewissen tun sonst schreie ich
Polizei«
    »Monsieur de Bovillard fils est un original Ganz der Vater nur in anderer
Manier Sie sind beleidigt Sie müssen Satisfaktion haben ich sehe es ein Mit
schwerem Herzen aber  ich sehe es ein Nun suchen Sie mir aber meinen Kutscher
auf«
    »Ich sagte Ihnen ja wir sind eingesperrt«
    »Vaten Was soll daraus werden Wir müssen doch raus«
    »Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten Man erzählt
sich zwar dass Herr von St Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung
getan woran er sein Leben lang denkt indessen dieser Abgrund ist keine
Treppe und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird das überlass ich Ihrem
Ermessen«
    »Bovillard bringen Sie mich nicht außer mir«
    »Wenn ich Sie außer sich setzte was könnte ich Ihnen jetzt besseres
antun«
    »Schaffen Sie Rat Ihr Genie hat etwas in petto«
    »Vermutlich haben Sie schon untersucht dass es durch den Schornstein nicht
geht Indessen kommt Zeit kommt Rat nämlich Dunkelheit und im Dunkeln findet
sich Manches besser das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen Aber Sie sind
müde setzen Sie sich«
    Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas
gesehen was die Tumultuanten übersehen haben mussten sonst würde man es
wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben ein Fläschchen süßen Weins mit
Spitzgläsern dahingestellt um nach der Chokolade die Kollation zu würzen Er
langte den Schatz schnell herunter von dem er nachdem er ihn gekostet
versicherte es sei ein echter Malaga der ihnen eine wohltätige Wärme geben
werde
    Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfnis Er war sehr müde Der kalte
Angstschweiß stand auf seiner Stirn
    »Ausgetrunken ein zweites Glas«
    »In der Tat eine seltsame Situation« Indessen er trank
    »Warum seltsam Ein Weltmann muss sich in alle Situationen finden Tun Sie
ganz als wären Sie zu Hause«
    »Der Wein war doch nicht für uns bestimmt«
    »Für mich nicht aber für Sie«
    »Man muss auch im Scherz ein Maß finden«
    »Was Scherz Das Nest ist leer aber die Erinnerungen sind geblieben Nicht
wahr Kammerherr Durch diese Dämmerung schweben die Grazien Auf den Wirt
Angestossen«
    »Bovillard«
    »Bester St Real wir sind ja unter uns Reden wir denn zum profanum vulgus
Auf den Höhen der Menschheit wie der Dichter sie nennt verlangt man auch
Freude den schönen Götterfunken Wer pour les menus plaisirs sorgt ist ein
Wohltäter der höheren Menschheit Oder sind Sie traurig dass die raue Hand der
Wirklichkeit eingriff Sehen Sie ich bin Idealist mich kümmert die Polizei
nicht Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen die süßen Erinnerungen und
Entzückungen die Küsse und Rosen Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein
Poetisches nur das Geld darf nicht fehlen Hätten Sie Kammerherr mit rechtem
Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen  nun ich will dem Manne nichts
nachreden er ist gewiss ein ausgezeichneter Staatsdiener  aber aber wenn man
sich nur verständigen will wird man verstanden«
    »Le père tout craché Aber gehen Sie mir mit Ihrer Poesie ich habe mit der
Sache nichts zu tun«
    »Sie lieben die Realitäten Ich lebe nur in den Ideen konstruire mir meine
Welt selbst Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirtschaft drin werde
ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert«
    »Hüten Sie sich aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu
werden«
    »Kennen Sie den Dichter Dante«
    »Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse sage ich Ihnen sie müssten denn
so allerliebste französische Verse machen wie Ihr Herr Vater«
    »Dante hat nur italienische Chansons gedichtet Aber eins dieser
wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen die Melodie ist reizend Es fängt an
Ah tutta lItalia è un gran bordello
    Da denk ich immer an Sie an alle Ihre Freunde an dies ganze bezaubernde
FreundschaftsLiebesSippschaftswesen Angestossen Kammerherr« schrie er auf
»auf die große lustige Wirtschaft wo Einer den Andern betrügt eine Hand die
andere wäscht Angestossen auf den Kleister und Firnis der die Fäulnis
zusammenhält bis  angestossen«
    Der Zitternde stieß mit dem Glas gegen die Flasche die Bovillard auf einen
Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte wo sie in tausend Stücke zerbrach
»Bis dahin Nicht wahr  zu Wasser bis er bricht darin sind wir
einverstanden wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt«
    Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn die er mit dem
andern Arm an seine Brust hielt »Ja mein teuerster Herr von St Real wenn
alle so verständig und gesetzt wären wie wir Beide Diese Tagesfliegen
schwärmen ums Licht und wenn Einer sich verbrennt lacht der Andere vergnügt
dass es ihn traf Wir aber sehen die Nacht wir sehen was hinter uns liegt und
sehen was vor uns kommt A propos was halten Sie denn von Napoleon«
    »Sie belieben zu scherzen Ein großes Genie Machen Sie dass wir
fortkommen«
    »Wie er aus Ägypten Wissen Sie wie  Er hat sich dem Teufel verschrieben
in einer Pyramide wars eine Nacht wie diese Ja ich habe auch meine
diplomatischen Mitteilungen Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen und
weiter nichts dafür gefordert als seine Seele Kammerherr denken Sie wenn Sie
für solche Bagatell könnten Grossmogul werden«
    »Das erzählen Sie mir alles weiter  aber nachher«
    »Ein einziges Hindernis nur muss er forträumen  die Gruft in Potsdam Darum
 Sie verstehen mich  Nun bitte ich Sie aber als einen vernünftigen Mann ist
das ein so unübersteigliches Hindernis Braucht es eines Krieges um einen
Leichnam  Denn Sie werden mir wieder zugeben es ist jetzt nur noch ein
Leichnam Sollen wir um point dhonneur so eigensinnig sein darum Blut
vergießen einen Krieg anfangen der sechszigtausend Menschen kosten kann darum
das Wohl von Hunderttausenden von Millionen aufs Spiel setzen Unsere
Seehandlung unsre Zuckerfiedereien unser Messingwerk in NeustadtEberswalde
Ich bitte Sie Ruh und Frieden unserer Bürger  was wirst die
Porzellanmanufaktur nicht ab wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu
ihren Hochzeiten wir haben ja schon die Meissner Fabrik überholt  das ist auch
ein Ehrenpunkt Und unsere Gold und Silberfabrik und unser Pfandbriefsystem
wir können ja Geld machen so viel wir wollen nur die Güter höher abgeschätzt
als sie wert sind und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen
sogenannten Ehrenpunkt Das fordern gewisse Menschen Wissen Sie was ich
glaube dass der geheime Grund von Lombards Sendung ist  Er soll versuchen ob
Napoleon sich nicht abfinden lässt mit Friedrichs Rock und Hut Ja ich vermute
noch etwas Besteht der Kaiser drauf so geben wir auch die Krücke aber das
wäre auch das Ultimatum  den Leichnam nein nimmermehr Wenigstens für jetzt
nicht  Bester Kammerherr ich lese Ihre Gedanken Sie wollen sagen das sei
wieder nur ein halber Schritt Napoleon würde doch nicht eher ruhen bis er das
Ganze bis er Friedrichs Sarg in Paris hat und wir würden auch da nachgeben
Möglich aber liebster Mann wahren Sie Ihre Zunge wer spricht denn so was
Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht Halbes immer Halbes S ist richtig
aber es ist nun mal so Wer änderts Zwei Halbes macht ein Ganzes Erst geben
wir den Rock und dann den Leib Und wenn man mehr will noch mehr Seele und
Geist wenn  wir noch davon haben Ein guter Untertan lieber St Real findet
sich in Alles Der liebe Gott wirds zum Guten fügen und das Genie unserer
großen Staatsmänner und wir haben einen guten König was will man mehr A
propos was halten Sie von unserm König«
    Der Kammerherr der sich schon zu besinnen anfing ob nicht am Ende die Arme
der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären stammelte etwas von seinem
grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät
    »Das ist mir sehr lieb zu hören« sagte Bovillard »vielleicht wissen Sie
auch warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind«
    »Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Untertanen blicken könnten würden
sie gewiss keinen Grund finden« antwortete der Kammerherr in der Angst des
seinen die Hand auf die Brust drückend
    Bovillard war um einen Kopf größer als der Kammerherr Mit unterkreuzten
Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen die durch die
Nacht glänzten in sein Herz bohren zu wollen »Es ist Manches faul im Lande
Preußen und Mancher der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt
ich sage es Ihnen im Vertrauen ist ein Schurke Im Lagerhause in der
Klosterstrasse wird das Soldatentuch gewebt Schön und dicht sieht es aus und
blau wenn der Appreturbügel darüber fuhr aber die Witterung verträgt es nicht
Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug schrumpft es im Regen zusammen
dass der Ärmel dem Soldaten am Ellnbogen sitzt Kann man jedem Soldaten einen
Regenschirm in die Hand geben Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg führen
Wissen Sie nun warum wir keinen Krieg führen können Wissen Sie nun warum
Seine Majestät betrübt sind«
    »Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu tun« rief der
Kammerherr aus »Ich bin kaum ein Mal in meinem Leben im Lagerhause gewesen«
    »Sie haben mit andern Lieferungsgegenständen genug zu tun ich weiß es
Aber Vorsicht lieber Kammerherr Um Gottes Willen was soll der Monarch sagen
wenn er wieder von dieser Geschichte hört«
    »Bovillard liebster bester Freund Sie werden doch nicht«
    »Ich nicht aber Sie können sich doch leicht vorstellen dass Andere ihm
davon sagen werden was er wissen soll Beim Frühstück ehe er die letze Tasse
geleert weiß er alles was am vorigen Tage passiert ist Und wenn alle Zeugen
vernommen sind die Polizei kreuz und quer fragt und spionirt Hergang Wirkung
Ursach s ist nichts so fein gesponnen es kommt ans Licht der Sonnen Liebster
Kammerherr ich bin im Ernst um Sie besorgt In diesen Angelegenheiten ist der
Monarch sehr irascibel«
    »Wenn ich nur ganz gewiss sein könnte « sagte gedehnt mit scharfem und
schüchternem Blick auf den Plagegeist der Kammerherr  »von unsern Freunden
wird die Sache schon in dem rechten Licht vorgetragen werden«
    Bovillard drückte ihn heftig an die Brust »Wie Sie mich beruhigen
Offenherzig gestanden ich bedurfte dieser Beruhigung nicht ich wollte Sie nur
auf die Probe stellen Ein Tor wer da sagt dass die Tugend von der Erde
Abschied nahm Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt übt sie Und Ihre
Freunde werden sie ebenfalls üben O ich möchte bei dem Vortrage sein ob nun
ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt wie sie weissbrennen werden
was schwarz ist und vielleicht anschwärzen was weiß wie Schnee ist Ja so
beim Kaffee so unter der Hand gelegentlich hingeworfen erfährt ein Fürst die
Wahrheit  von guten Freunden Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock Denn
wenn nach dem Hofe der officielle Vortrag kommt muss er doch ergrimmt werden
über die falsche Darstellung Er weiß es ja alles besser er hat es alles wie
selbst erlebt Wenn der Vortragende da erblasst stockt nicht vorbereitet ist
keinen Zornableiter da zur Hand hat dann wird es schlimm Lassen Sie den
Kommissar opfern mich wenn es sei retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande
 Na nu wollen wir uns aber zusammen retten«
    Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer welches plötzlich
in seiner Hand blitzte »Seien Sie ohne Sorge nur im höchsten Notfall stoße
ich es Einem durch die Gurgel« Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen
Er musste schon vorher die Gelegenheit geprüft haben In der alten Ausgangstür
des Vorzimmers war in der unteren Füllung eine Ritze er vergrößerte sie durch
das Messer und lockerte die anderen Fugen bis er das Brecheisen hineinpassen
konnte »Jetzt warten wir bis ein Wagen vorüberrasselt dann ein Krach und wir
haben ein Mauseloch Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen
Kammerherr«  »Ich«  »Versteht sich nur wenn wir attrapirt werden Der
Unterschied ist wenn Sie es auf sich nehmen ist es nur ein Ausbruch Sie
können beweisen dass Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören außerdem
sind Sie ein anständiger Mann dem die Polizei aufs Wort glaubt Wenn es aber
auf mich kommt mir glaubt man nichts außerdem bin ich in Hemdsärmeln die
Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen
und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen in Betracht dessen
dass man Vieles in diesem Hause vermissen wird was dazu gehörte ich meine nicht
uns Beide aber die gestohlenen Sachen«
    »Bovillard machen Sie keine Faxen Wie werde ich denn einen Freund in der
Not verlassen«
    »Aber nur der Tod ist umsonst Was krieg ich für meine Arbeit Ich friere
so kann ich mich nicht auf der Straße sehen lassen Leihen Sie mir Ihren Rock«
    »Dann hab ich ja keinen«
    »Sie fahren in Ihrer Kutsche ich gehe nach Hause«
    Man einigte sich dass Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte Die
Freunde würden sich schon warm machen »Was geht über eine echte Freundschaft«
sagte Bovillard hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das
weggeworfene Umschlagetuch entdeckt das er jetzt ergriff um sich damit wie er
sagte gegen die Kälte zu schützen bis sie im Wagen säßen
    Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Strassenpflaster die Türe
krachte und Bovillard war hinaus Als St Real auf den Knien heranrutschend
den Kopf durch die Öffnung stecken wollte drückte Jener das halbe Brett wieder
hinein »Halt so ist nicht gewettet Was geben Sie Zoll«
    »Bovillard nur jetzt keine Possen«
    »Es ist mein feierlicher Ernst Ein Narr wer eine vorteilhafte Situation
nicht nutzt«
    »Sie haben geschworen mich nicht zu verraten«
    »Richtig Und Ihren Kutscher zu avertiren Weiter nichts Ich klemme die
Füllung wieder ein  sehen Sie so  Sie können nicht aufstossen denn ich stemme
hier das Eisen dagegen Nun bedenken Sie wenn morgen die Polizei öffnen lässt«
    »Bovillard Sie sollen meinen Rock haben«
    »Pfui es ist nicht Eigennutz«
    »Meine Freundschaft Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der
Fürsprache bedürfen Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können«
    »Ich will nichts für mich sage ich Ihnen ein für alle Mal  Gehen Sie in
sich St Real werfen Sie einen Blick zurück auf Ihr äußeres ach auch auf
Ihr inneres Leben Bedenken Sie wie oft Sie die Gelegenheit versäumt die sich
Ihnen darbot Gutes zu tun und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke
gefallen sind Ach Wurden Sie nicht selbst zum Versucher Legten Sie nicht
selbst Stricke stellten Sie nicht Netze Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche
Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele Ich höre
diese Anklagestimmen St Real noch ist es nicht zu spät Benutzen Sie
wenigstens diese Gelegenheit hören Sie auf die Stimme und bessern sich Ihr
Haar wird grau Ihr Atem kurz mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer
Sie hinken ach das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt wenn das
Ziel das Grab ist Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen weit
sind die Pforten zur Hölle aber eng die zum Himmel wie dieses Loch Geloben
Sie St Real Sie wollen Ihr Dasein bessern wie es Ihren Jahren Ihrer Geburt
Ihrem Stande entspricht O Sie wissen nicht wie das Ihre Brust erleichtern
wird Ihr Keuchhusten wird nachlassen Ihr Bein flinker werden der Burgunder
Ihnen wieder schmecken Retten Sie sich sich selbst Ihrem Könige dem Staate
Schwören Sie mir Sie wollen tugendhaft werden«
    »Alles was Sie wollen«
    »Hier Ihre Hand darauf«
    »Ja ja ja  ziehen Sie mich nur raus«
    Es war zum Glück still im Hause und Niemand begegnete ihnen bis sie vor die
Tür traten St Real hielt es für angemessen hinter seinem Begleiter
zurückzubleiben der zu teatralisch den roten Shawl um die Schulter drapirt
hatte Ja er blieb um mehrere Schritte zurück als eine Patrouille die Gasse
heraufkam
    Auf das Werda des Gefreiten welches dem Manne in der roten Toga galt
antwortete er ein Gutfreund Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen
Person wissen
    »Abällino der große Bandit«
    Die Wache schien sich zu besinnen was ein Bandit sei Einer meinte es sei
ein Komödiant
    »Ihr Geschäft«
    »Die Tugendhaften retten die Schurken entlarven«
    »Auf die Wache«
    Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schulter und schickte sich an
schweigend zu folgen
    »Da kommt noch Einer der scheint zu ihm zu gehören«  »Ein Hinkepeter« 
»Verstellung« sagte der Gefreite »nur rasch ran«
    Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust weil der Husten ihm stecken
geblieben war »Kennen Sie Den« fragte der Gefreite den Rotmantel
    Der Rotmantel schien ihn scharf anzusehen dann sagte er »Dieser Mann
trägt eine Larve reißen Sie ihm dieselbe ab mein Herr Korporal«
    Den Hut ließ der Kammerherr sich abreißen aber er schwor Stein und Bein
das sei sein wahres Gesicht Die Wache schien unschlüssig
    »Schwere  ich frage Ihn« rief der Korporal »ob Er Den hier kennt«
    »Dies ist nicht sein natürlich Gesicht« Abällino schüttelte den Kopf »Das
ist keine natürliche Röte Sehen Sie mein Herr Wachtkommandant jetzt wird er
blass«
    »Potz Blitz Millionen er hinkt Ist das nicht auch natürlich«
    »Das ist wohl seine Natur« sagte Abällino mit der größten Ruhe »Indes
meine Bande ist sehr groß es hinken Viele Lassen Sie ihn den Mund auftun An
seiner Sprache werde ich leichter erkennen ob er der ist den ich vermute
Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst ob er mich kennt«
    »Kennt Er  kennen Sie diesen hier«
    Unter einem Guss von Angstschweiß platzte er heraus »Ich bin so  ich weiß 
ich kenne ihn so  ich kenne ihn so wahr nicht«
    »Jetzt kenne ich ihn Herr Wachtkommandant ein sehr gefährliches Subjekt
Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei In Wirklichkeit heißt er
Judas Ischariot ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und
Frauenpuppen«
    »Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen« sagte der Korporal dessen Augen
entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen oder für die Bewegung
seine Hand in die Tasche
    »Bei einem Krankenbesuch« stotterte St Real  »eine unglückliche arme
Kranke  im Auftrag einer hohen Mildtätigkeit die ihre Gaben nicht bekannt
wissen will  Dort hält meine Equipage«
    Das war hervorgestossen während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken
nach dem Banditen hinaufschielte ob er nicht widersprechen werde Der Bandit
bewegte sich nicht er schenkte ihm Gnade Der Korporal der sich zwischen ihn
und Bovillard gestellt um die Kollusionen zu verhindern hörte den harten
Taler der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt auf das Pflaster fallen
»Marsch« kommandirte der Gefreite »Auf die Wache Dies ist ein anständiger
Herr vom Hofe«
    Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache Der Kammerherr sank
fast ohnmächtig in seine Wagenkissen zurück und stöhnte »Das kommt davon wenn
man mit der Kanaille sich abgibt«
    Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin wie man richtig vermutet Aufsehen
und Entrüstung erregt Um so beruhigender für alle gute Bürger wirkte ein
Artikel der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien Bovillard und St
Real hatten auch richtig gerechnet dass wer nur guten Freunden vertraut nicht
verloren ist Der Artikel lautete
    »Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit wenn der böse Wille aus den
geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft um Misstrauen gegen die Maßregeln
der hohen Obrigkeit zu verbreiten Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereignis das
man dazu benutzt aufgeklärt und beseitigt als man böswillig abermals einen
sehr unbedeutenden Vorfall benutzt diesmal um ein falsches Licht auf die
Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen dabei aber sich nicht
entblödend den Verdacht auf höher gestellte Personen zu lenken als
begünstigten sie die Immoralität Damals war ein gewiss unter keinen Umständen zu
billigender Exzess in unserer Vogtei Anlass einen unserer rechtschaffensten
Staatsdiener der Konnivenz mit Verbrechern zu beschuldigen Dem Scharfblick
einer hohen Person die hier zu nennen der Respekt uns verbietet war es
vorbehalten die Wahrheit von der Verleumdung zu unterscheiden und den
eigentlich Straffälligen das Bekenntnis ihrer alleinigen Schuld zu entlocken 
In gleicher Weise wird der traurige Exzess welcher neulich in einer unserer
belebteren Straßen stattfand seine Aufklärung finden Einer wohllöblichen
Polizei war es keineswegs entgangen dass das Haus einer jetzt viel genannten
Dame zu Verdacht Anlass gab Sie vigilirte vielmehr auf dasselbe um beim ersten
gegründeten Anlass einschreiten zu können Bei dem wirklichen oder angeblichen
Stande der Bewohnerin und den unverdächtigen Attesten welche dieselbe von
auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht Staaten mit denen unsere Regierung in
Frieden lebt war es indes unzulässig auf bloßen Verdacht hin einzuschreiten
Wer dies doch für gerechtfertigt hielte teilt nicht unsere Ansicht von dem
was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt Diesem Umstande ists
zuzuschreiben dass es der gedachten Frau gelang unbefangene Gemüter zu
täuschen wir wissen kaum was wir mehr bedauern sollen dass es ihr gelang
einen durch seinen strengen religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich
ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause unter dem Schilde
der Gastfreundschaft aufzunehmen oder dass sie die sittsame Tochter höchst
verehrter Eltern und eines unserer bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu
verlocken wusste Der traurige oder wenn wir wollen glückliche Vorfall der
sich hierauf ereignete ist bekannt Übrigens hätte es dieses Vorfalls nicht
bedurft denn wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick Jeden
überzeugen sollte der Augen dafür hat hatte die Polizei schon die Beweise in
der Stille gesammelt die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten Die Anwesenheit
einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause gibt zwar für diejenigen,
welche am Argen Wohlgefallen haben willkommene Nahrung Wir lassen ihnen dieses
Vergnügen teilen aber mit jedem Gutgesinnten der diese Herren kennt die
Überzeugung dass sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben
hatten Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet indem er das
Opfer der Intrigue unbekümmert um die Insulten des Pöbels von dem man doch
nicht fordern darf dass er den Schein von der Wahrheit unterscheide aus dem
Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat Wir zweifeln gar nicht dass auch
dies zu bösen Nachreden Anlass geben wird ebenso der Umstand dass ein gewisser
Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb um Kollisionen von
außerhalb auf die Spur zu kommen wenn man gleich weiß dass durch seine
aufopfernde Vermittlung diejenige Person endlich arretirt wurde welche den
Unfug in dem Hause veranlasst ja wir sind auch davon überzeugt dass die in
letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängnis einer
Intrigue wird zugeschrieben werden Indem wir unser Bedauern über derartige
Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit mit der das Publikum
auf sie horcht eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern sind wir
doch des Glaubens dass der größere und bessere Teil des Publikums sich davon
nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird dass Niemand besser
als unsere Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt welche in der Ruhe und dem
Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht Die Argwöhnischen und
Böswilligen das wissen wir werden wir nicht damit zum Schweigen bringen aber
Heil dem Staate wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl Aller wacht wo
vor seinem Throne der Kleinste wie der Größte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat
Wo die Tugend auf dem Throne sitzt kann die Immoralität keinen dauernden
Wohnsitz im Lande haben«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                                     Staub
»Und wir behalten Frieden und Alles bleibt beim Alten« schloss der Geheimrat
Lupinus diesmal aber in der Jägerstrasse und schob den grünen Augenschirm
zurecht
    Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube Kein
Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten Die Frau Geheimrätin
besorgte selbst das Abstäuben der Bücher und wenn sie der Hilfe einer gröberen
Hand bedurfte musste der Fuß der zu dieser Hand gehörte die Schuhe
zurücklassen Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag zu dem man die
günstige Stunde ablauschen musste Der Geheimrat behauptete nichts sei so
gefährlich der Gesundheit als der Staub in demselben sammelten sich die Atome
die der organische Lebensprozess nicht zu absorbiren vermöge also das Tote
vielleicht das Tödtende Warum also das aufregen künstlich in Bewegung setzen
was sich selbst bereits nach dem Gesetz der Schwere vom Leben abgesetzt hat
    Die Geheimrätin hatte dagegen nur zwei Einwendungen Es sei doch besser
den Staub mit allen Vorsichtsmassregeln für die Gesundheit als da sind nasse
Tücher Handbesen feuchter Sand und geöffnete Fenster durch einen raschen
wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen als abzuwarten bis eine zufällige
Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt Demnächst
wenn er immer liegen bleibt verderbe er die Bücher selbst und darunter
Raritäten die unersetzlich wären
    Das letzte Argument hatte angeschlagen Wenn Menschen sterben werden andere
dafür geboren seltene Ausgaben Incunablen gehen unter um nie wieder geboren
zu werden
    Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt Die
Vorsicht die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende könne besser darauf
verwandt werden dass man sich jeder heftigen Bewegung enthalte was überhaupt
zur Konservation des Lebens zuträglich sei Denn das eigentliche Gift des
Lebensorganismus seien die Affekte weit gefährlicher als üble Angewöhnungen
selbst als Laster Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen
und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen auch eine Doppeltür vor das
Vorzimmer und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim
Gehen
    »Sie vergessen nur« hatte die Geheimrätin erwidert »dass Ihre Fussdecke mit
dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist und dass Sie beim leisesten
Auftreten diese feinen Atome aufrühren und gerade die welche am gefährlichsten
auf die Lunge fallen«
    Der Geheimrat sparte im Leben die lauten Worte da ein Wortwechsel auch mit
sich selbst zu Affekten führen kann aber wenn ein Thema ihn angeregt ergossen
sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen Er erinnerte daran
dass die Müller und Steinsetzer ein verhältnismäßig kurzes Leben führten und
gewöhnlich an der Auszehrung stürben weil der feine Mehlstaub von den
zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle Es gebe auch einen
Staub von gewissen Vegetabilien SteinErden und Metallen so feiner Art dass
ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge und doch sei er höchst
schädlich So wirke der Arsenik in den Gruben Gewöhnlich sage man die
Verbrecher die dort arbeiten stürben an der vergifteten Luft das sei aber
uneigentlich gesagt denn sie kämen um an dem atomisirten Staub des Metalls Im
Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste
hervorgegangen man habe durch künstlich präparirte Stoffe einen Staub erzeugt
der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten
Opfer getötet Dieser habe einen Brief eröffnet und der Streusand der ihm
entgegen spritzte sei Gift gewesen Einem Andern  und er nannte sogar einen
KaiserNamen habe man die Kerzen die in seinem Zimmer brannten mit Arsenik
versetzt und das aussprühende Licht habe allmälig den vergiftet der nach der
Meinung einer Hofpartei die das Dunkel liebte zu viel Licht geliebt hatte
    Die Geheimrätin hatte aufmerksam zugehört »Und doch wollen Sie sich mit
dem Staube vertragen«
    Er hatte gelächelt »Das sind Ausnahmen meine Liebe aus den Zeiten der
Barbarei und Finsternis Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger
Tätigkeit«
    Dann wäre eigentlich das Beste sein ganzes Leben lang schlafen hatte seine
Frau gedacht Er aber hatte fortgefahren »Wenn wir alles ruhen ließ ließ
was liegt wäre das Leben noch einmal so glücklich Weil die Menschen
allesbesser machen wollen rühren sie das auf was die Vernunft und die
Geschichte längst beseitigt hatte und es kommt in neuer Form und Färbung zum
Vorschein und quält uns aufs Neue was unsere Väter und Urgrossväter schon
gequält hatte Die Geschichte des Menschengeschlechts meine Teure« pflegte er
lächelnd hinzuzusetzen »ist in einem kleinem Buch geschrieben wenn wir das
immer und immer wieder lesen kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum
nefas alle seine eitle Hoffnungen und Torheiten und die Lehre welches der
einzige Weg zum Glück ist sich zu finden in das was ist und  und nicht
unnötig Staub aufrühren«
    Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen die aber von der
Geheimrätin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf
etwas anderes übergeleitet ward Der Geheimrat wusste es lächelte schwieg und
war eigentlich zufrieden In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord
gekommen Seine Ausgaben des Horaz die auf einer Reihe niedriger Regale wie
eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen durfte die Frau wöchentlich
einmal abstäuben aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel Sie
nahm jeden Band einzeln heraus trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am
geöffneten Fenster Da lächelte er zufrieden die andern Bücher die hinten bis
an die Decke die Zimmerwände füllten sollten nur dann und wann und nur ganz
oberflächlich abgestäubt werden Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet
werden weil die Sonne den Staub niederdrückt Die Horazregale sollten dabei mit
Leinentüchern überdeckt und der Geheimrat selbst jedesmal vorher avertirt
werden um zu untersuchen ob es nötig sei  Ob diese Bedingungen streng inne
gehalten wurden bleibt ein häusliches Geheimnis Die letzte gewiss nicht denn
der Geheimrat hätte es nie für nötig gefunden
    Aber der Eifer der Geheimrätin musste nachgelassen haben die Luft
verriet dass die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden Der chromatische
Farbenspiegel der Scheiben und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den
vollgültigsten Beweis dafür dass wie alle Passionen auch die des
Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind Oder waren es andere Gründe
Grade diese Spinnen der schillernde Glanz der Scheiben der Duft des
Unberührtseins war es was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit
gab Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen
Gelehrtenstube in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den
Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat Und ganz zu dieser Stube will man
sagen wie die Seele zum Körper oder die Spinne in ihrem Netze passte die
Gestalt des Geheimrates der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem
Folianten in ihrer Mitte saß wohlgefällig zufrieden schlau lächelnd
    So hatte er das Wort gesprochen »Und wir behalten Frieden und Alles bleibt
beim Alten« als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete
    Der Geheimrat glaubte an keine Gespenster er sah auch nach keinem als
sein schlauer Blick über das Regal welches die Zweibrückner Horaze trug auf
die schweinslederne Hinterwand fiel wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in
der Hand wiegte
    »Gehören Sie auch zur Kriegspartei mein Herr van Asten«
    »Ich bin ein stiller Civilist Herr Geheimrat« war die Antwort
    »Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius Sein de jure
gentium gehört doch sonst nicht zu Ihren Studien«
    Wenn der Geheimrat soweit hätte sehen können würde er eine leichte Röte
auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben
    »Nehmen Sies nur runter« fuhr er fort »Sie könnens auch mit nach Hause
nehmen wenns Ihnen nicht zu schwer ist die Edition ist nicht selten man kann
sie bei den Antiquaren bekommen Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben«
    Der junge Mann war von der Leiter gestiegen den Folianten im Arm »Wenn sie
mir also erlauben «
    »Aber nehmen Sie sich in Acht Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz
staubig Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt wenn ich mich recht
entsinne einer Bücherkiste und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein
aber er wollte nur in Freiheit kommen nicht zu einer jungen schönen Demoiselle
Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen
hatten Das Kind ist zwar gescheit aber ich zweifle doch dass ihr die Lektüre
sehr plaisant sein wird«
    Der Geheimrat war in ungewöhnlich guter Laune der junge Mann schien außer
Gewohnheit befangen Indessen hatte er sich schnell gesammelt während er den
Staub vom Rock abklopfte
    »Herr Geheimrat sind heiterer seit Mamsell hier ist Ihr Haus ward
belebter Stören Sie aber die vielen Gesellschaften nicht«
    »Au contraire Was so jetzt die Menschen allarmirt und auch sonst wohl bis
zu mir drang bleibt nun außer meinem Rayon Die Herrschaften können das nun
bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen«
    »Sollte es nie in Ihren Rayon dringen« sagte van Asten sehr ernst
    »Wenn ich mich einschliesse das wollte ich doch mal sehen Aber ei ei Herr
van Asten will die Romantik Sie nicht verlassen Sie sehen da wieder eine
Geistererscheinung«
    »Die welche ich sehe Herr Geheimrat sehen Viele mit mir Dieser Herbst
wird die Fluren wo fröhliche Saaten gereift mit Leichen und Blut decken«
    »Sehen Sie mal« sagte der Geheimrat »was Sie alles sehen« und wischte mit
dem Läppchen die Tinte aus der Feder die er dann sorgsam vor sich auf das
Papier legte Sein Gesicht bekam dabei einen immer was man nennt glaueren
Ausdruck wie ein kluger Mann wenn er Einen der sich auch für klug hält auf
eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt »Und diese Vielen die mit Ihnen diese
erschreckliche Geistererscheinung sehen sind kurios genug dieselben die vor
Freude damals zitterten als der Herr General Bonaparte wie sie es nannten die
Hydra der Revolution niedergetreten hatte Da sollten wir Andern mit ihnen
hüpfen und springen vor Entzücken denn sie sagten uns es wäre ein Messias der
neuen Weltordnung Sehen Sie mal wir taten das nun nicht denn wir entsannen
uns dass dieselben springund hüpflustigen jungen und alten Herren ein Zehn Jahr
vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten als diese Hydra in Paris den Kopf
erhob und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglücker
und wer weiß was entdeckt Wir sprangen nicht weil wir mit König Salomo
wissen es gibt nichts Neues unter der Sonne aber wir ließ sie springen
weil wir wussten sie werden schon müde werden  Es ist Mancher müde geworden
mehr als müde Da ich nun nicht in Verzückungen geraten bin nicht damals bei
der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglückung warum soll ich
denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus geraten weil diese
selben Herren in ihrem Götzen nun plötzlich das Tier der Apokalypse entdeckt
haben Was kümmert mich Hannover Im siebenjährigen Kriege waren die
französischen Marschälle oft darin und brandschatzten aber gerade nur so lange
als der große Friedrich Besseres zu tun hatte Und wenn sies ihm zu arg
machten und er verdrießlich wurde schickte er seinen Seidlitz oder einen
Braunschweiger hinüber und ließ sie wieder fortjagen«
    »Es sind aber andere Zeiten Wir haben keinen Friedrich mehr und die
Konstellationen sind furchtbar Herr Geheimrat«
    »Und der alte Lupinus weiß nichts davon Nicht wahr« Der Geheimrat nahm
mit großem Wohlgefallen eine lange Prise »Der Mortier oder wie sein General
heißt hat Hannover mir nicht dir nichts besetzt ohne uns zu fragen und wir
hatten es doch so halbweges noch vom Baseler Frieden her garantirt Und er hat
es getan um uns mit England aneinander zu bringen Er sperrt die Flusshäfen
gegen die Kolonialwaaren und die Engländer sperren sie uns dass wir unser Holz
und unsere Leinwand nicht rausschicken können Das gibt nun viel Jammer und
Geschrei aber das ist alles nichts als das Strohfeuer womit man die Bienen aus
dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt Die ganze deutsche Nation hat auf
uns gewartet dass wir doch nun losschlagen würden Man kanns in allen Zeitungen
lesen dass alle Biedermänner auf uns warten Aber es gibt noch viel
ungeduldigere Leute Der Schwedenkönig ist wie toll umhergelaufen und hat
überall angeklingelt Macht doch Krieg Der russische Kaiser rüstet Krieg
partout ruft er Und ganz in der Stille rüstet Österreich Darum sollen wir
auch in die Falle gehen und auch rüsten Aber wir gehen nicht in die Falle und
rüsten nicht Denn Rüsten kostet Geld und der Krieg bringt nichts ein und was
gehts uns an Sehen Sie der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen
geguckt«
    »Und wir eingekeilt in diese Mitte Ganz Europa in Waffen gegen einander
und wir «
    »Sehen zu  wie sie sich schlagen und vertragen und denken mit König
Salomo Alles ist eitel«
    Walters Brust hob sich es waren ernste Gefühle die heraus wollten aber er
überwand sich  es war hier nicht der Ort dazu Nur ein Stossseufzer brach es
hervor »Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden«
    »Ein Eimer Wasser drauf lieber Walter Ist probat« Hatte der Gelehrte ein
Sonntagsgesicht Er der nichts sah was um ihn vorging blickte er heute in die
Seelenzustände eines Andern und fand sein Vergnügen darin das Verborgene heraus
zu schöpfen  »Da steht nun wieder auf Ihrem Gesicht Ach Gott der gute
Geheimrat Lupinus Er weiß woran die Verfassungen in Rom und Athen zu Grunde
gingen aber wie es im Preussischen Staat gährt und stockt das sind ihm
Böhmische Dörfer  Wer wird denn gleich Einen verdammen junger Herr ohne das
er ein bisschen versucht hat ihn zu bessern  Oder zu untersuchen ob denn
nicht doch ein Lichtchen der Erkenntnis in ihm flackert  Manche Fahne die vor
dem Heer des großen Königs flatterte ist von den Motten zerfressen das weiß
ich und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder wenn man sie ausklopft
Weiß auch noch mehr Unsere Soldaten sind nicht Bonapartes Soldaten Und unsere
Offiziere  weiß ich auch man muss aber nicht alles sagen was man weiß Die
eisernen Ladestöcke durch die wir bei Mollwitz siegten sind jetzt Gemeingut
geworden die Räder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno
ehemals Unser Schatz ist ausgepumpt das weiß ich auch und das Bischen was
unser junger König durch Sparsamkeit wieder hineinfliessen lässt löscht noch
nicht den Durst Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus unter dem
Schimmel werden wohl noch manche harte Taler liegen aber man kratzt den
Schimmel nicht ab weil manches andre damit bloß gelegt würde Ja ja die Blöße
fürchtet man und hat daran ganz recht Viele Schlösser sehen blank geputzt aus
schließen aber nicht mehr und manche Mühlen klappern wohl mahlen aber nicht
mehr Auch die große Staatsmühle macht noch dasselbe Geräusch dass mans in
weiter Ferne hört und wunders denkt was sie mahlen muss aber wer in die
Mehlkammer sieht merkt dass es kaum zur Not hinreicht Das kann nun von
mancherlei herkommen Etwa davon dass man niemals vorher weiß woher der Wind
kommt und wenn er da ist erschrocken links und rechts rennt und was links
stehen soll rechts stellt und was rechts links Auch kann die Mühle von alter
Konstruktion sein und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gänge
erfunden Und dann spricht man auch von der großen Staatsuhr deren Räderwerk
erst gar quer und verkehrt wäre denn wenn einer nicht täglich sie stellte so
zeigte sie nie die rechte Stunde an Das käme aber daher weil kein Rad ins
andre griffe große und kleine es ginge jedes für sich die Räder der Minister
und kein Oberminister der sie regulirte und wenn sie auch mal regulair gingen
so hätten die Geheimen Kabinetsräte wieder ihren aparten Schlüssel und die
Oberpräsidenten in den Provinzen wohl auch und wäre mal rara avis alles egal
und konform dann schöbe ein Finger von ganz oben den Zeiger um eine
Viertelstunde zurück wodurch denn das ganze Räderwerk in Unordnung geriete
Das ist nur etwas es ist aber noch viel mehr«
    Walter hatte mit steigender Bewunderung zugehört
    »Und was ich nun tue wollen Sie fragen Da will ich Ihnen mit einem
Dichter antworten keinem alten nein einem allerneuesten den ich auf meiner
Frau Tisch fand das ist der Herr Bürde aus Schlesien Da lesen Sie es
Glücklich wer im engbegrenzten Raume
Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlägt
Und gleich einem wohlgediehnen Baume
Fest steht und die Äste nur bewegt
Der die LebensNotdurft nur begehret
Und allein auf Gegenwart beschränkt
Was er heut erworben heut verzehret
Und sich weder heftig freut noch kränkt
Den die Welt zu sehen nicht gelüstet
Der mit Bessrem Gutes nicht vergleicht
Und zur letzten Reise stets gerüstet
Sich geräuschlos aus dem Leben schleicht
Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte
Nie erreichen wir das Ziel der Bahn
Immer stehen wir in des Cirkels Mitte
Und der Umkreis weicht so wie wir nahn
Das sind noch Gefühle eines Dichters« sprach er das Buch fortlegend
    »Der einer ersterbenden Welt angehört wie sein Horaz« sprach Walter für
sich Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied der Geheimrat hatte es
aber nicht so gemeint
    »Wenn eine Mühle ins Stocken gerät glauben Sie dass wir darum kein Brod
mehr zu essen bekommen und wenn alle Uhren unrichtig gingen dass die Sonne sich
darum auch einmal verspätet aufzugehen«
    Walter meinte es sei doch eines Jeden Pflicht dafür zu sorgen dass seine
Uhr richtig gehe
    »Für seine eigene mag er sorgen lieber Herr van Asten aber nicht um die
Rathausuhr«
    Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an Walter errötete wieder »Sie möchten
unsern Staat wieder auf die Beine bringen Da ließ Sie neulich einen Zettel
fallen  warten Sie wo hab ich ihn gleich hingelegt  Hier Das ist wohl kein
Excerpt so mit frischer Tinte recht frisch aus dem Herzen geschrieben Dass ein
Staat der bestehen will der Sitten oder wo diese fehlen kräftiger Männer
zur Ausführung kräftiger Maßregeln bedürfe gewahrt Niemand Die Augen gehen
erst in der Not auf«
    Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche »Zu einem Briefe «
    »So also ein Brief Da wollte ich Sie nur bitten sich an den zu erinnern
welchen der junge Herr Gentz bei der Tronbesteigung an seine Majestät den König
schrieb Das war mal genial Wie riss man sich darum Da lags doch klar wie ein
umgestürzter Pudding auf der Schüssel wos bei uns manquirte was anders
besser nun gemacht werden sollte Man brauchte nur zuzugreifen gar keine Mühe
sich zu geben nur zu tun zu decretiren wies der junge Herr Gentz den
Ministern wies  Haben sies getan Haben sie zugegriffen Nichts angerührt
s ist Alles beim Alten geblieben Und Herr Gentz Ist er Minister
Kabinetsrat Präsident geworden Er blieb Kriegs und Domainenrat hatte
niemals Geld aber immer Schulden Bis es ihm hier zu langweilig ward und er
fortlief nach Österreich Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen dafür
sorgten schon seine Gläubiger aber seine Grundsätze die waren lange vorher
schon versilbert Na an wen ist denn Ihr Brief gerichtet«
    Da lag sein Geheimnis trocken an der Luft Walter hatte bis da nur einen
Stolz als freier Mann unter den drängenden Verhältnissen zu stehen Musste ihm
der von dem er es am wenigsten vermutete ablauschen was er sich selbst noch
nicht vollkommen eingestand
    Lupinus musste seine innersten Bewegungen verstanden haben
    »Junger Freund Warum denn gegen sich selbst unwahr sein Was die Freiheit
ist hat weder Plato noch Seneca erklärt gewiss ist aber sie gibt nichts zu
beißen und zu brechen Ein Dichter wollen Sie nicht werden und ein Kaufmann
auch nicht Ganz recht der eine kann Bankerott machen und der andere
verhungert wenn nicht ganz doch beinah Also was bleibt Ihnen als eine
Anstellung suchen Den Staat verbessern wollen ist aber der schlechteste Anfang
von einer Karriere«
    Walter hatte sich wieder gesammelt »Wenn ich nun aber doch so töricht
wäre anmassend geben Sie meinem Willen einen Namen welchen Sie wollen ich
protestire nicht dagegen aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fühlte nach
diesem Ziele zu streben warum nicht anfangen wie ich enden will«
    Der Gelehrte sah ihn scharf an »Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen« hub
er nach einer Pause an »Ein Mann der seine Frau erziehen will muss es ihr ja
nicht sagen so sagt man wenigstens und wer den Staat verbessern will muss es
ja nicht merken lassen Wollen Sie mein Recept wissen S ist kein neues uralt
wie die Welt Wenn man groß ist muss man sich klein ducken sich anschlängeln an
das was gilt Meistens an Personen zuweilen an Gedanken Wenns auch recht
dumm ist und man von Herzen drüber lacht oder sich ärgert  Lachen Sie immer
und ärgern sich nur bei zugeschlossenen Türen  Ohr und Auge aufhaben
aufgepasst auf alle Falten und Fältchen und da bei guter Zeit ein Zeichen
zwischen gelegt Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen und hat man
erst die Schwächen eines großen Mannes weg dann mit einiger Klugheit wird man
ihm bald notwendig Und ist man ihm erst notwendig so ist man auch sein Herr
Vor dem Brausewind der alles besser wissen alles wegfegen will verschließen
sich solche Herren auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen Sie denken der
kann dich mal selbst fortfegen  Und die Herren am Ruder hier sind so affabel
An Protektionen solls Ihnen nicht fehlen Schreiben Sie eine Verteidigung der
Politik der Herren Kabinetsräte Man wird Sie nicht gleich zum Kriegs und
Domainenrat machen aber ein kleines Pöstchen gibts schon vielleicht ein
besseres als mit einem Titel so ein Sekretär in secretis «
    »Und wohin führt das«
    »Warten Sie doch Ein klein Bischen Geduld nur und ein Bischen mehr noch
Haben Sie erst Posto gefasst Ihre Fühlfäden ausgestreckt kennen Sie die
Menschen und ihre Gedanken was sich anzieht und was sich abstösst wissen Sie
was noch feststeht und was schwankt dann ist ja noch immer Zeit«
    »Wozu«
    »Was Sie wollen Meinetalben Sie werden schon was Gutes gewollt haben
Sind Sie der Mann am Steuer und an Kapacitäten fehlt es Ihnen nicht und
ästimire auch Ihren Charakter aufrichtig dann  einen Schub einen Fussstoss
Wie Sies anfangen dass der alte Plunder zusammenbricht darum ist mir nicht
bange Nicht wie Koriolan und Katilina muss man anfangen Cicero wusste wo er
sich bücken musste und wo er grad aufrecht stehen durfte «
    Walter hatte seinen Hut ergriffen »Dass Ciceros Name auf der
Proscriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel würde mich
vielleicht nicht abhalten wie Cicero zu handeln aber  mein Herr Geheimrat
ich habe ein anderes Vorbild aus dem Alterhum von dem Ihr großer Horaz gesungen
hat Integer vitae «
    »Scelerisque purus« fiel der Gelehrte ein und nahm wieder eine lange
Prise »Auch ein schönes Vorbild Gar nichts dagegen zu sagen Au contraire
aber dieser Integer vitae war nicht verliebt«
    Da war abermals ein zweites Geheimnis und von den poesielosesten Lippen
trocken in die Luft gesetzt ein so still in der Brust gehütetes kaum sich
selbst gestandenes ein so zartes Kind dass es in dieser rauen Luft erstarren
konnte War dieser Bücherwurm heute ein Magier
    In dem Augenblick öffnete sich die Tür und der Kopf der Geheimrätin
blickte herein »Ehe Sie gehen Herr van Asten auf ein Wörtchen«
    Die Tür ging wieder zu Der Blick musste eine eigentümliche Wirkung haben
Ihr Gespräch war unterbrochen aber auch die sonntägliche Stille des Zimmers war
gestört Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet und Staub wirbelte durch
den Sonnenschein Es blieb noch eine Weile still Es war als ob der Gelehrte
sich schämte Dem Eindringling hätte er nicht zurufen können Noli turbare
circulos meos er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten das machte ihn
befangen
    Walter war es auch Vor dem alten freundlichen Manne der mit der
Wünschelrute seinen verborgenen Schatz berührt hätte er sprechen mögen wie
ihm zum Herzen war Es lag schon auf der Zunge Da war es plötzlich erstarrt vor
dem stechenden Blicke das süße Geheimnis schien ihm vergiftet ein Nebelschauer
hatte einen Mehltau auf die Blüten gelagert Er besann sich und sprach schöne
Worte die nicht der Ausdruck seines Gefühls waren
    »Seine Träume gehören nicht dem Menschen allein es sind gaukelnde Kinder
aus anderen Welten Sie haben einen berührt der lieblich gaukelnd Einlass
forderte Aber  auch die süßesten Träume muss der Mann verscheuchen können wo
die Pflicht gebietet Ich glaube meinen Gönner nicht versichern zu dürfen dass
dies schöne Mädchen dem Sie gastlich Ihr Haus geöffnet dem Ihre Gattin
Muttersorge widmet ihres Unglücks wegen mir heilig ist Sie und ich das ist
ein langer Weg den wir zu gehen hätten bis wir uns träfen und sie selbst
vielleicht noch nicht «
    Der Geheimrat wehrte mit beiden Händen »Ist nicht mein Departement Ist
meiner Frau ihres Da sprechen Sie da schweigen Sie wie Sies für gut finden«
Er fasste seine Hand und sah ihn vertraulich fast bittend an »Lieber Walter
schweigen Sie lieber es ist besser dass Niemand etwas davon erfährt Wir haben
hier vielerlei Allotria getrieben Gott weiß wie ich mich fortreißen ließ So
ists mit unsrer Stärke und unsern Entschlüssen Rühmte mich nichts solle in
meine Kreise dringen wenn ich meine Tür verschlösse und plötzlich stand
drinnen der Bonaparte unsre Monturen Finanzen und gar eine Liebschaft von
Ihnen und rannten mich beinahe um unter meinen Büchern  Vergessen Sie dass
Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben«
    »Also das bleibt Alles unter uns« schien das letzte Wort als er Waltern
gleichsam an die Türe gedrängt aus Besorgnis dass von den Allotriis doch noch
etwas über die Lippen kommen könnte Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal
auf die Schulter
    »Lieber Herr van Asten um Sie ist mir nicht bange So oder so aus Ihnen
wird was Bleiben Sie ein vir integer Rühren Sie nicht mehr Staub auf als
absolut nötig ist Aber das kann ich Ihnen wohl sagen Wer nie in Italien war
nie das AlbanerGebirge gesehen hat mit keinem Fußtritt am See gestanden und
doch wie Sie den Tractus von Albalonga die alte Latinerstadt in dem länglichen
Bergrücken herausfand der ist auch zu mehr berufen Heine und Wolf und Alle im
Grunde genommen was sind sie uns Graeca sunt non leguntur es hat etwas für
sich Aber Latium Rom ist ewig Und nun will ichs Ihnen sagen habe Ihre
Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt Er findet Sentiment darin  ästimirt
Ihre Konjekturalkritik wird einmal selbst an Ort and Stelle untersuchen  jetzt
kommt er her und wird wahrscheinlich BancoDirektor Ist das dann können Sie
auf eine Anstellung bei der Bank rechnen und Ihr Schicksal ist gemacht«
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel
                          Unterricht in der Erziehung
Wir waren nur am späten Abend bei einem flüchtigen Besuch in den Zimmern der
Geheimrätin Es sah jetzt anders darin aus Die Möbel hatten neue Überzüge
erhalten manches Veraltete war einem neu Angeschaften gewichen Die
Schildereien waren geschmackvoller geordnet das Silberzeug glänzte frisch
aufgeputzt und die Geheimrätin war selbst beim Drapiren der Gardinen
beschäftigt als van Asten eintrat
    »Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung Aber wenn man etwas
ordentlich gemacht haben will kann man es den Leuten nicht überlassen Es hält
schwer unseren Ouvriers Geschmack beizubringen«
    »Frau Geheimrätin erwarten Gesellschaft«
    »Eine ganz kleine Sie wissen wie die großen glänzenden mir zuwider sind
wo Alles auf den Apparat abgesehen ist und Geist und Herz sich verstehen
müssen«
    »Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Cirkeln«
    Die Geheimrätin zuckte die Achseln sie möchte wünschen dass man weniger
davon spreche man könnte sein Haus doch auch nicht für Jedermann offen halten
Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab als Walter van Asten die
Äußerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte die sich gefreut dass doch
endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst
erschlossen da wer nach Geist und Intelligenz verlangt sie bis jetzt fast nur
in den reichen Judenhäusern suchen musste
    Die Geheimrätin lächelte »Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin Der
Prinz ihr Bruder macht allerdings keinen Unterschied ob er in der haute volée
oder in den Judenhäusern ist nur im Schoss seiner Familie sieht man ihn am
seltensten«
    Die Bemerkungen waren so hingeworfen dass Walter darin die Aufforderung las
noch mehr zu erzählen obwohl ihre Worte dagegen protestirten Dieselbe
Prinzessin hatte geäußert es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern
Adel dass er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der
Nation sich verschliesse die ihre Ehre ausmachen Da hätte eine Fremde die
Staël nach Berlin kommen müssen um ästhetische Zirkel zu bilden und jetzt
usurpire Prinzess Biron von Kurland was die Pflicht des einheimischen Adels sei
    Die Geheimrätin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland
dass sie sich merkwürdig konservirt habe schöner eigentlich noch als ihre
Töchter die doch auch sehr liebenswürdig wären Aber ihre Gedanken waren wohl
nicht bei der Herzogin noch den Gelehrten und Dichtern die sie in ihren Bann
gezogen
    »Prinzess Radziwill hat auch gefragt wer denn Schiller gefeiert als er hier
war Ebenfalls wieder Juden Fremde Diplomaten einige bürgerliche Häuser«
    »Ich habe mir Schiller doch anders gedacht« sagte nach einer Pause die
Lupinus »Er war so schweigsam An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich
nicht gefehlt aber es blitzte so selten das innere Feuer auf Ich sprach zwei
Mal mit ihm und beide Mal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch Ob er uns
vielleicht der erhabenen Sentiments der berauschenden Gedanken nicht wert
hält die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine
aufsteigen emporwirbeln müssen denke ich wie die Lerche in den Äther«
    »Es ist vielleicht nicht gut dass man die Dichter mit Lerchen vergleicht«
    »Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen« sagte die Lupinus
spitz »die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen wenn es
ihnen eben bequem ist eigensinnig quimporte wer sie hört«
    »Es mag auch manches Andere ihn verstimmt haben« sagte Walter noch ungewiss
wohin die Geheimrätin steuerte »Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern
hierher gezogen«
    »Meinen Sie nicht auch ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube
unserer Kritik an unserer Hofluft untergegangen In Weimar tront er in einem
Tempel hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen Es fehlt hier an der
rechten Sonne meinen Sie nicht auch Und noch immer so viel Rücksichten
Bedenklichkeiten Es sieht Einer den Andern an wenn er in die Gesellschaft
tritt und wenn er ihn noch nicht gesehen fragt er zuerst ob er auch zu ihm
gehört Mein Gott Diese Geburts und Standesunterschiede müssten doch
verschwinden wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle
schiene gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten
werfen wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet So könnte ich mir
das Haus der Herzogin denken Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung und
dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein es ist auch noch manches
andere da doch passons làdessus Ebenso können die Kreise der geistreichen
Jüdinnen nicht dominirend werden es stößt sich doch Mancher daran«
    Jetzt wusste van Asten wohin die Geheimrätin steuerte Warum sollte er
nicht in ihre Wünsche eingehen Es war keine Sünde gegen die Wahrheit dass er es
für verdienstlich erklärte wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für
die Notabilitäten der Intelligenz öffne eine Dame die mit klarem Verstande
Belesenheit seiner Sensualität und durch den Stand ihres Gatten und ihre
eigene Geburt dazu wie berufen scheine
    »Sie scherzen Das könnte eine Jede, wenn sie wollte Im Übrigen was ist
es denn auch besonderes wenn man etwas anders aussieht als diese ehrbaren
Hausfrauen die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen wenn sie
ihr Gesellschaftskleid angelegt haben Denn allerdings kommt mir Manche vor
wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt als mache sie eine Bewegung
um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen Und dann lieber van Asten Sie
spielen auf meine Herkunft an Ich bitte Sie um Gottes Willen nur davon
nichts dass ich von Adel bin Über diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus
Sie wissen dass ich meinen Namen ohne Tränen einem Bürgerlichen hingeopfert
habe Lassen wir die Toten ruhen Ja ich will gern meine Schwäche bekennen es
ist mir manches Mal recht angenehm ja es schmeichelt mir wenn ich mich als den
Mittelpunkt dieser heitern von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte
Aber  sie hielt einen Augenblick inne  aber wenn sie gegangen die Lichter
ausgelöscht sind überfällt mich doch wieder ich weiß nicht was ein inneres
Gähnen eine Hohlheit«
    »Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat«
    »Aber von all dem schwirrenden Geschwätz von den Händedrücken den
zärtlichen Beteuerungen was bleibt denn andres als  eine Lüge Ich weiß recht
gut dass einige von den jungen Leuten die am Tisch die Mässigen gespielt noch
ins Weinhaus eilen um sich zu restauriren Es tun es auch noch Andere
Johannes Müller Herr Dedel auch vom Prinzen weiß ich es In ihren Symposien
machen sie sich herzlich über uns lustig Und ich verdenke es ihnen nicht Gährt
und kocht es doch auch in mir und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke
nicht entgegen wären könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen  Sie
sehen mich verwundert an Nein nein ich versichere Sie ich empfinde das ganze
Unbehagen von dem man mir erzählt dass es die Schwelger nach ihrem Rausche
fühlen«
    Van Asten sah sie betroffen an »Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge
wenn Sie ihre Wirkungen kennen« Er verschluckte es
    »Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsirt haben« fuhr sie nach einer
Pause fort »wie sie versichern worüber war es Die in der Ecke am lustigsten
schienen lachten vielleicht über mich über mein Bestreben ihnen einen
angenehmen Abend zu bereiten Vielleicht über den Geheimrat unsre Bewirtung
Einrichtung Gott weiß worüber Alle sind meine Feinde Neider und ich musste
doch beim Abschied die Hand ihnen drücken und sie versichern wie unendlich ich
mich gefreut sie bei mir zu sehen warum sie so schnell forteilten Darum
Embrassements nachgewinkte Küsse Beteuerungen dass sie seit lange keinen so
vergnügten Abend verlebt Und wenn sie auf der Straße sind kaum in den Wagen
gestiegen gähnen sie wie ich gähne Gott sei Dank dass der langweilige Abend
vorüber ist«
    Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren Mit der
Gefallsucht über die er nicht Richter sein wollte hatte sie begonnen und aus
ihrem Innersten quoll heraus was sie ihm nicht hatte sagen wollen War er der
Magnet der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte
oder welche unsichtbare Macht zwang sie noch eben in der geschmückten Lüge sich
schaukelnd den hässlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren Es war eine
Wahrheit der Empfindung dieser verkniffene Zug um den Mund dieser böslächelnde
Blick konnten nicht heucheln
    »Es ist das Mysterium der Natur,« sagte er »dass oft wo wir nicht säen wir
Liebe ernten«
    »Und doch sind Liebe Freundschaft Entzücken und Begeisterung nur Masken
für den Egoismus Mit ihnen will Jeder so viel für sich herauspressen als er
kann So lange es ihm gelingt ein Vergnügen sich zu verschaffen so lange dauert
die Freundschaft die Liebe der Fanatismus die er auch grade so lange für echt
und wahr hält als der Reiz dauert Ist der hin das Thema erschöpft wird uns
die liebste Freundin der beste Freund gleichgültig Anstandshalber führen wir
noch eine Weile die Täuschung fort bis wir die Puppen fallen lassen herzlich
froh wenn ein Zufall uns trennt«
    Damit war das Gespräch zu Ende Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand
neben ihm eine Salzsäule Es war eine Verwandlung zu der sie so wenig getan
als Lots Frau zu der ihren nur ein Naturprozess Es wehte ihn kühl an er hatte
nichts mehr mit ihr zu reden und doch forderte die Konvenienz dass er nicht
schweigend ging »Wenigstens« äußerte er »werde die Tochter des Kriegsrats
Alltag davon sei er überzeugt nie vergessen was sie der Geheimrätin Lupinus
verdankt«
    »Meinen Sie« Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigentümlichen Blicke
an und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln »Grade so
lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes entusiastisch lieben als
sie sich in meinem Hause amüsirt und vergöttert wird Vielleicht auch nicht
einmal so lange Nur bis sie auf eigenen Füßen steht und von mir nichts mehr
profitiren kann«
    Er verbeugte sich »Frau Geheimrätin haben sonst mir nichts zu befehlen«
    »Adieu  doch Warten Sie Ich hatte ja einen Auftrag für Sie Richtig 
Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an Die Kriegsrats werden sich
vielleicht wundern wenn sie von der Gesellschaft heut Abend hören und nicht
eingeladen sind Aber das geht doch nicht immer Sie passen ja nicht«
    »Ihre Eltern «
    »Eben darum nur Adelheid zu Liebe  Wenn sie sehen dass das Mädchen solche
gewöhnliche Eltern hat«
    »Der Vater ist doch ein geachteter Mann «
    »Wer redet von solchen Äußerlichkeiten Sie passen nicht zu der gebildeten
Gesellschaft Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern und
Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spaß finden so sind doch Andere die
daran keinen Spaß finden Die Russische Fürstin hat zugesagt und ich  Sie
sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung  ich hoffe auch Jean Paul
wird kommen«
    »Jean Paul Friedrich Richter«
    »Ich hoffe wenigstens Man reißt sich so um ihn dass man es wirklich einen
glücklichen Augenblick nennen kann wo man ihn frei trifft  Indessen  wie
gesagt also gehen Sie zu den Eltern und Sie werden schon die beste Art finden
es ihnen begreiflich zu machen Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht «
    »Es wird schwer sein die Art zu finden die nicht beleidigt«
    »So sagen Sie nein sagen Sie was Sie wollen es ist mir im Grunde ganz
gleichgültig Was gehören Alltags zu Jean Paul«
    Van Asten verneigte sich wieder aber an der Tür rief ihn die Geheimrätin
wieder zurück »A propos ich habe doch vergessen was ich Ihnen sagen wollte
Mein Kompliment dem Lehrer sie lernt unbegreiflich schnell aber sie müssen ihr
etwas mehr ästhetischen Elan geben«
    Van Asten sah sie erstaunt an »Ich finde in ihr ein Verständnis der Dichter
«
    »Ja ja das ist schon recht  das ist es aber nicht «
    »Ihr Gedächtnis für alle wahrhaft schönen Stellen «
    »Ist bewunderungswürdig Das Fischerlied von Goethe hörte sie nur ein Mal
von Ihnen und am Abend recitirte sie es mir vor dem Zubettegehen Admirabel
Das ist alles recht schön auch kann sie die Glocke beinahe auswendig Schiller
war enchantirt davon Ich hatte es nämlich so einzurichten gewusst dass er sich
mit der Berg an der Tür im Nebenzimmer unterhielt als sie von den jungen
Mädchen wie zufällig aufgefordert einige Partien daraus deklamirte Aber Sie
hätten ihr Gesicht sehen sollen als Schiller plötzlich in die Hände klatschte
Glauben Sie dasswenn ich sie vorher ihm vorgestellt sie nur den Mund
aufgetan hätte Mit Schiller passirte das noch aber wie benahm sie sich gegen
Jean Paul Da von der Gesellschaft unter den Linden will ich nicht sagen Es war
ja ein Gedränge um ihn beinahe ein Skandal«
    Walter lächelte Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen die in
derselben Absicht nach dem Sessel eilten von dem der Dichter eben aufgestanden
Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die glückliche sein und sitzen wo der
Dichter gesessen Man behauptete dass beide seitdem nicht mehr Freundinnen
wären
    Die Geheimrätin las aus Walters Lächeln den Sinn »So seid Ihr alle und
Keiner besser als der Andere Die Huldigungen edler Frauen für eine Größe wenn
sie Euch selbst nicht gelten sind nur gut für Euren Spott Nicht wahr das
charmante Triolett was durch die Stadt läuft ist von einem Ihrer Freunde von
dem Herrn Tieck oder Bernhardy oder einem der Herren Schlegel«
    »Unsere Freunde« sagte er »erkennen das echte Feuer das aus diesem Genius
in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel
prasselt wenngleich der krause irdische Tross den es mitnimmt Vielen das
Verständnis seiner Seelenaccorde erschwert«
    »Wir nun bemerken nicht diesen Tross und sind darin glücklicher als die
Herren der Schöpfung denen so oft der Sinn über die verletzte Form verloren
geht  Das aber ist es ja ja Herr van Asten Sie wollen Ihrer Schülerin
einen zu klassischen Sinn einimpfen Sie dämpfen ihre Entzückungen  aber was
ich sagen wollte  ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht «
    »Jean Paul  und mit Adelheid«
    »Die Russische Fürstin war eben fortgefahren Wir trafen nur noch vier
Damen die ihm einen Teppich gebracht denn der Fußboden ist sehr kalt weil er
über einem Stall wohnt Sie ließ es sich nicht nehmen ihn selbst anzunageln
und während dem hatten wir die schönsten Minuten Ach wie ganz anders ist Jean
Paul als Schiller Jeden Moment jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiß er zu
benutzen es sprüht immer etwas Sinnvolles Angenehmes Wenn eine der Damen sich
auf die Finger klopfte beneideten die Genien sie um den Schmerz den eine edle
Seele bei einem Liebeswerk empfindet«
    »Und die Damen erwiderten die Galanterien«
    »Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsere Landsmänninnen gefahren
Denken Sie selbst die Eitelbach wie berauscht von seiner Nähe ward witzig
Sie sprach etwas was im Hesperus stehen könnte«
    »Oder vielleicht schon darin steht«
    »Gleich viel es ist eine Magie die alle in seiner Gegenwart über sich
selbst erhebt Ich ließ ihm durch Adelheid ein Bouquet überreichen«
    »Gewiss mit Worten die im Titan einen Ehrenplatz fänden«
    »Es war meine ich keine üble Phrase eine Phantasie die mir am Morgen
eingefallen war Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt eine Art
Streckvers  Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar«
    »Kornblumen «
    »Natürlich künstliche die Kornblumenzeit ist ja vorüber Sie sollte mir
recht natürlich kindlich aussehen Aber sie sprach so hölzern ich möchte sagen
gedehnt Mir ward schon ängstlich zu Mute und sie war kaum in der Mitte als
die Eitelbach den Schrei außstieß Sie nämlich war es die sich mit dem Hammer
auf den Finger geklopft hatte Da sprang Jean Paul vom Sopha und küsste ihr das
Blut vom Finger«
    »Was eine unangenehme Unterbrechung gab«
    »Stellen Sie sich vor Adelheid war nun so in Konfusion oder was war es
sie hatte den Streckvers vergessen überreichte ihm wie ein Bauermädchen den
Strauss und sagte Die Blumen bleiben ja was sie sind auch ohne Worte«
    »Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben«
    »Das ist es eben er sprach so wunderschön in lauter gewählten ich möchte
sagen selbst in Streckversen aber sie antwortete ihm als wäre er ein Mann wie
andere ganz offen naiv dreist Es schnitt mir durch die Seele Das Mädchen
empfand so gar nichts von der Veneration Jeder gibt sich doch Mühe so viel er
wenigstens kann sie an den Tag zu legen«
    »Jean Paul wird ihr verziehen haben«
    »Ich aber nicht« fiel die Geheimrätin scharf ihn anblickend ein »Was
soll er von mir denken wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den
Tag zu legen weiß das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt Unbedeutend ist
Adelheid nicht es muss also doch etwas an ihren Lehrern liegen «
    »Oder an ihrem Charakter«
    »Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde mein Herr van
Asten Übrigens wird sie Gelegenheit haben ihn in diesem Augenblick zu zeigen
Da ich heut Morgen durch Doktor Selle erfuhr dass die Gesellschaft der Kurland
ausfällt  sie ist an den Hof geladen  also Jean Paul frei ist schickte ich
Adelheid zu ihm ihn zu invitiren«
    »Das junge Mädchen «
    »Mit dem Bedienten«
    »Aber  er logirt  was man gewöhnlich eine Kneipe nennt«
    »Ich weiß es unten ist eine Bierstube auf dem Hofe eine Hufschmiede Ist
er darum weniger der Dichter«
    »Und in der frühen Stunde In Pantoffeln und Schlafrock die Pfeife im Munde
«
    »Empfängt er Fürstinnen denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig
erscheint wenn es gilt dem Genius die Huldigungen darzubringen würdig des
Mannes welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat Adelheid wird davon nicht
sterben beruhigen Sie sich wenn sie sich einmal selbst überwindet Wir müssen
uns Alle überwinden das  ist die Aufgabe unseres Lebens Morgen aber kommen
Sie etwas später zur Lektion Herr van Asten wir müssen ausschlafen«
    Als er die Tür öffnen wollte trat Adelheid ein
    »Kommt er« rief die Geheimrätin
    »Er kommt« Sie flog der Geheimrätin an den Hals die ihre Locken
streichelte und ihre Stirn küsste
    »Ich wusste es einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen«
    »Ach hätten Sie ihn gesehen wie ich ihn sah liebe  Mutter«  das Wort
kam etwas zögernd über die Lippen »Mit welchem Herzklopfen ich die kleine
steile Treppe hinaufstieg aber es war heut alles ganz anders Wie er mir schon
entgegentrat Er ist ein herrlicher Mann  Ach Herr van Asten bald hätte ich
Sie übersehen O gehen Sie noch nicht fort bleiben Sie Sie müssen es auch
hören «
    Sie reichte ihm die Hand »Ja wie man sich in dem Menschen täuschen kann
Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor und dass er das zuließ von
den Damen Mir fiel einer von den Götzen ein von denen Sie mir aus Indien
erzählt die sich umherrollen lassen und ihre Sklaven liegen auf der Erde
Verzeihen Sie mir Mama ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen er kam
mir so unmännlich albern vor wie er auf dem Sopha ruhig die Huldigungen
hinnahm und nichts dafür gab als blumigte Reden Aber heut trat er mir mit
einem frischen kräftigen Herein entgegen schon angekleidet Er fasste meine
Hand als ich Ihre Bitte kurz aussprach aber nicht so süß wie neulich es war
wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt Er hörte mich freundlich an und
sprach dann Sagen Sie Ihrer Pflegemutter ich nehme ihre Einladung mit Dank an
und werde kommen ich danke Ihnen aber mein liebes Kind  doch das tut nichts
zur Sache «
    Aber die Geheimrätin wollte mehr sie wollte alles wissen was Adelheid
nicht wiedersagen wollte Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten
    »Er fuhr mit der Hand über meine Stirn dabei sah er mich ungemein
freundlich an Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen Das kann ich wohl
wiedersagen ohne zu erröten aber was er nachher sprach wie er sich ein
deutsches Mädchen und wie er sein großes Vaterland sich denke und es liebe ach
da müsste ich ja selbst eine Dichterin sein Ich dachte an Sie Herr van Asten
wissen Sie noch als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in
Feuer gerieten es war wie ein großes Bild das Sie in die Luft malten und ich
sah alles leuchten wie Flammen und Abendrot wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise
durch die Luft zogen Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen
dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland jetzt nach
Italien nach Asien ich sah deutlich den reißenden Fluss mit den schönen Bäumen
in dem der Kaiser Barbarossa ertrank dann fuhren Sie hinüber nach Sizilien Sie
zeigten das Blutgerüst auf dem der edle Konradin verblutete und endlich wiesen
Sie nach dem Berge in Thüringen und schlossen Das war Deutschland und da ruht
seine Zukunft Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien großen
Nation der wir freudig entgegen leben sollten uns vorbereitend in Tugend und
Sitte und reinem Natursinn da stand mir Ihr Bild wieder klar vor meiner Seele«
    »Dass es Ihnen nie untergehe« sprach rasch der junge Mann »Ich irrte mich
nicht in ihm Leben Sie wohl«
    »Auf Wiedersehen heute Abend Ich selbst will Sie ihm vorstellen«
    Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte Die Geheimrätin stotterte
»Herr van Asten sei wohl heute behindert da er von ihrem Manne so lange
aufgehalten worden«
    »Mama haben Sie ihn nicht eingeladen« fragte Adelheid verwundert als sich
die Tür schloss
    »In die Gesellschaft passt er doch nicht«
    »Mein Lehrer den Sie selbst so hoch schätzen«
    »Es ist nicht deswillen Aber er ist zu unansehnlich«
    »Unansehnlich«
    »Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen Van Asten ist doch
eigentlich hässlich«
    »Hässlich« rief Adelheid mit Schaudern und schien sich zu besinnen »Das
ist mir nie eingefallen dass van Asten hässlich sei Daran habe ich überhaupt
nie gedacht«
    »Was auch recht gut ist liebes Kind« entgegnete lächelnd die Geheimrätin
»Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft«
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel
                             Man muss gelten wollen
Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig
es musste indes nicht so sein wenn wir gegen Mittag eine Szene im Speisesaal
der Geheimrätin belauschen
    In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf und neben ihr mit
prüfendem Blicke jede ihrer Bewegungen beobachtend die Geheimrätin Um
Adelheids Augen war eine Binde geknüpft Sie übte sich den Salat zu mischen
die Eier zu zerdrücken Öl und Essig aufzugiessen ohne diese Ingredienzien zu
sehen Aber die Geheimrätin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten
Ort gestellt und wenn Adelheids Arm irrte gab sie durch leise Töne ihr ein
Zeichen Einige Schüsseln zur Seite gesetzt deuteten darauf dass dieses
Experiment schon mehrmals versucht war Jetzt schien es zu gelingen Der Salat
kräuselte sich im Napf doch verrieten Adelheids Bewegungen noch immer eine
innere Ängstlichkeit und wer unter die Binde hätte sehen können würde eine
Träne in ihrem Auge entdeckt haben
    »Nur etwas ruhiger« sagte die Wirtin »und dann geht es vortrefflich«
    »Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen« entgegnete das
junge Mädchen
    »Du wirst aber wenn Du den Salat machst gen Himmel das heißt an die Decke
blicken Es wird sich irgend eine Gelegenheit finden Dich aufzufordern ein
Gedicht am besten eines von ihm herzusagen Du gerätst von der Schönheit
hingerissen in Affekt und blickst in die Wolken Während Du recitirst stellt
der Bediente den Salatnapf vor Dich und flüstert Dir zu Fräulein der Salat Du
lässt Dich nicht stören und unterbrechen greifst aber unwillkürlich nach Löffel
und Gabel und ohne einen Blick hinunter zu werfen verrichtest Du mechanisch
die Arbeit«
    »Aber die Liane aus dem Titan ist ja wie Sie mir gestern vorlasen wirklich
in dem Augenblick blind und der hässliche Minister ihr Vater zwingt sie nur
zu der Komödie damit die Gesellschaft glauben soll seine Tochter könne noch
sehen Herr Richter und alle unsere Gäste wissen aber dass ich sehen kann warum
soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen von der jeder Mensch weiß dass sie
eine außerordentliche Abrichtung kostet Die Gäste werden wahrscheinlich den
Titan gelesen haben«
    Adelheid hatte die Binde abgerissen
    »Das setze ich sogar voraus« sagte lächelnd die Lupinus »Sie werden
sogleich wissen was es bedeutet Ach eine Liane wird es von Mund zu Munde
gehen Du liebst ja nicht die groben Komplimente dies hoffe ich soll eines
der feinsten sein das ihm in Berlin begegnet«
    Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor
gegen den großen Mann
    »Du kennst nicht die Welt und noch nicht die großen Männer« seufzte die
Geheimrätin »Gerade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung ist am
empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten Kann man Jean Paul noch mehr
mit Huldigungen überschütten als es die Damenwelt hier getan Der Hausknecht
schimpft schon wo er wohnt über die vielen verwelkten Blumen die er täglich
in die Müllgrube kehren muss und glaubst Du dass wir ihm eine Freude machten
wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten Er würde das hinnehmen
als etwas was sein muss und denken wenn Ihr nichts weiter könnt Aber eine
solche versteckte Anspielung muss ihm schmeicheln eben weil er recht gut weiß
welche große Vorbereitungen es gekostet hat«
    »Und warum muss ihm denn geschmeichelt werden«
    »Weil er ein Mensch ist wie andere«
    »Und warum muss man überhaupt schmeicheln«
    »Weil wir leben wollen«
    Adelheid sah sie groß an Sie schien sagen zu wollen ich schmeichle Niemand
und lebe doch
    »Weil Du jung und hübsch bist« antwortete die Geheimrättin auf den
unausgesprochenen Gedanken »darum ist man gegen Dich aufmerksam Wenn Du nicht
mehr jung und hübsch bist wirst Du Dich schminken müssen Es gibt mancherlei
Schminke Je älter man wird mein liebes Kind um so mehr Arbeit hat der Mensch
denn um so mehr muss man die Schwächen der Anderen studieren um vor ihnen zu
gelten«
    »Warum muss man denn gelten wollen« Es entfuhr ihren Lippen sie wusste sich
kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt als die
Pflegemutter sie anschielte
    »Ja warum lebt man Der Philosoph fehlt noch der uns die Frage
beantwortet«
    Es entstand eine Pause Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen
fortgeschaft die Geheimrätin brachte die Tafel wieder in Ordnung putzte die
Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand Adelheid war
emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt es schien um ihr Gesicht zu
verbergen Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet Es
klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder
    »Kam das auch von Deinem Lehrer«
    »Was Mama«
    »Dass man nicht soll gelten wollen Herr van Asten ist ein Philosoph der
sich die Welt konstruirt wie ein Dichter sie ansieht Nicht wahr hat er Dir
nicht gesagt jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen sondern nur sein was
er ist Das klingt hübsch aber die Menschen sähen sehr hässlich aus wenn sie
nichts täten um sich zu verschönern Davon mein Kind macht Keiner eine
Ausnahme«
    »Er selbst will gewiss nicht mehr scheinen als er ist «
    »Sprich es nur aus was Du verschluckst Du meinst er wäre sogar noch
besser als er scheinen will Nicht wahr denkst Du es nicht bisweilen wenn er
in einer begeisterten Rede plötzlich inne hält als wolle er etwas nicht sagen
aus Bescheidenheit wenn er die Augen abwendet rasch auf ein anderes Thema
übergeht  Und wenn er nun damit nichts wollte als dass Du glauben solltest er
wäre und wisse noch weit mehr als Du denkst«
    Adelheid sah sie groß an »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch«
    »Nicht schlimmer als Andere Ja er täte gewissermaßen nur seine Pflicht
Ein Arzt ein Prediger und Lehrer wenn sie wirken wollen müssen einen Glauben
an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten damit ihre Patienten und Schüler an
sie glauben«
    »Er brauchte es gewiss nicht« sagte Adelheid
    »Da hast Du gewissermaßen wieder Recht Er war ein guter Lateiner wie mein
Mann sagt er hätte nur einen gewissen Klassiker zu ediren brauchen und eine
Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt Aber man sagt das gilt
jetzt nicht mehr viel Da wandte er sich den jüngeren Geistern zu die aus der
Natur, veralteten Poeten und der Mystik Gott weiß welche Schätze zu graben
vermeinten Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke durch
welche jene Männer die vor ihnen berühmt waren ihren Ruhm gewonnen Auf dem
Wege war kein Platz mehr für sie zur Geltung zu kommen Van Asten wollte auch
ein Dichter sein«
    »Das hat er wieder aufgegeben liebe Mutter Er sagte mir wer fühlt dass
seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht soll davon bei Zeiten abstehen«
    »Sehr vernünftig Von der ganzen jungen Schule hat noch kein Einziger eine
Anstellung erhalten Herr Iffland will auch ihre Teaterstücke nicht zur
Aufführung bringen Es hat einen glänzenden Schein mein Kind aber es gilt
nicht Darum hat Dein Herr van Asten sich wieder auf Anderes geworfen Er will
ein selbstständiger Mann ein Charakter sein Er hat sich von seinem Vater
getrennt der ein angesehener reicher Mann ist und will sich selbst sein
Fortkommen verschaffen Wenn es ihm gelingt hat er recht Das ist die Aufgabe
des Genies aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen Sein Anfang ist recht
hübsch Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat der mit gekrümmtem Rücken um
die Erlaubnis bittet ein Wort mitsprechen zu dürfen sondern er geht aufrecht
und spricht wenig kurz aber entschieden Das frappirt auch Vornehmere und man
fragt wer er ist Ich will ihm nur wünschen dass es ausreicht Aber ich
fürchte es wird nicht ausreichen Gute Privatstunden geben und dann und wann
eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen damit erlangt ein junger
Mann keine Bedeutung Er täte noch immer am gescheitesten wenn er zu seinem
Vater ins Komptoir zurückkehrte Wenn man einmal der Erbe von van Asten und
Kompagnie wird kann man sich schon bequemen ein paar Jahre am Ladentisch zu
stehen«
    »Walter«
    »Dann würde er Dir wohl weniger gelten«
    »Das nicht aber «
    »Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren Ach mein Kind es steht
Keiner so hoch dass er nicht Alles verliert wenn er vor den Leuten nicht mehr
gilt Kaufleute und Könige Gelehrte und junge Mädchen Warst Du etwa eine
andere als Du in dem schlechten Hause betroffen wardst Benahmst Du Dich wie
die Mädchen dort trugst Du Kleider wie sie blicktest Du frech die Männer an
Nichts von alledem Du warst die tugendhafte sittsame Adelheid die Du vorher
warst und jetzt bist aber Du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die
andern und aller Deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet wärst Du auf ewig
verloren gewesen «
    »Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten«
    Man täte der Geheimrätin Unrecht wenn man glaubte dass sie mit dem langen
Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe Im Gegenteil sie liebte
nicht Affectscenen wo das Herz auf dem Präsentirbrett liegt
    »Ich habe nichts für Dich getan damals« sprach sie mit einer Ruhe welche
die Aufwallung entschieden zurückwies »Du wurdest nur dadurch gerettet weil
der Zufall Dich in mein Haus führte Das Deiner Eltern ist gewiss ein sehr
ehrbares aber Dein Vater und Deine Mutter haben wenig Umgang mit der
Gesellschaft Wenn Sie Dich auch noch so behütet und eingeschlossen Du hättest
doch einen Flecken behalten Die Dich gekannt wussten freilich was Du warst
die Andern aber hätten gedacht schade um das arme Mädchen sie lebt nun so
zurückgezogen führt sich so sittsam auf und tut alles was sie kann den
Verstoss wieder gut zu machen sie ist auch vielleicht ohne eigene Schuld aber
sie war doch einmal in dem Hause und das vergisst man nicht So argumentirte
der Legationsrat und ich gab mich gefangen und Deine Eltern endlich auch Und
hatte der Treffliche nicht Recht Ist nun nicht Alles gut Man reißt sich um
Dich Bist Du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am
Gensdarmenmarkt Habe ich Dich besser gemacht erzogen Ich bin weit von der
Eitelkeit entfernt mir das anzumassen ich weiß sogar dass Du ein Charakter bist
der sich eigentlich nicht erziehen lässt der sich aus sich selbst herausbildet
Was Du nach meinem Willen tust geschieht nur aus Dankbarkeit und Du behältst
noch Deinen Willen Aber vor der Welt bist Du eine andre Du giltst ich sage
nicht für tugendhast davon ist nicht mehr die Rede aber vielleicht für mehr
als Du jetzt schon bist Du bist ein enfant gaté der Modewelt alles weil Du in
einem Hause lebst was Geltung hat Ja mein liebes Kind wer unter den Menschen
leben will muss vor ihnen gelten wollen«
    Die Geheimrätin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen Es
war nicht das erste Mal es geschah auch nicht zufällig sie meinte auch nicht
mit grausamer Absicht Um fest zu werden für das Leben vor uns muss man jeden
Augenblick über das hinter uns klar sein war ihr Argument
    Auch Adelheid wiederholte nur was sie schon tausendmal gesagt von dem
Schutzengel den sie gefunden dem neuen Leben welches sie in diesem Hause
angefangen wie sie sich jedesmal strafe wenn sie dem Willen ihrer Retterin
entgegen handelte wie Alles hier zu ihrem Glücke ausschlage
    »Und doch wünschtest Du Dich schon fort«
    »Nicht doch nicht doch« Adelheid küsste mit Heftigkeit die Hand der
Lupinus
    »Du bist unruhig Hättest Du wieder beleidigende Äußerungen gehört«
    »Im Gegenteil liebe Mutter das ist alles überwunden selbst der
schreckliche Gedanke dass ich in die Zeitungen kommen musste auch das ist nun
vorüber Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren und die Sonne
ging dann auf und sie verdampften bis alles alles klar war da fühlte ich
mich wie aufgelebt Das Gras die Büsche und die Blumen sind doch nicht Schuld
daran dachte ich dass der hässliche Nebel sie belegt«
    Der Geheimrätin prüfender Biick war noch derselbe »Und Dir ist doch etwas
Du kamst so echauffirt zurück Du kannst Dich nicht verstellen Ist er Dir
wieder begegnet«
    Adelheid nickte nur mit dem Kopf
    »Wo«
    »Als ich in den Torweg zu Herrn Richter einbog glaubte ich ihn um die
andere Ecke kommen zu sehen ich hoffte er hätte mich nicht bemerkt Und darum
war es mir lieb dass Herr Richter mich länger aufhielt Aber als ich heraustrat
und wirklich ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen
Mann da «
    »Unterstand er sich Dich auf offener Straße anzutreten«
    »Nein eigentlich nicht Er stand am Eckhause wo ich vorbei musste mit
gekreuzten Armen wie ein Träumender«
    »Und als Du vorbei gingst«
    »Mama ich glaube beinahe ich hüpfte vorbei so wohl war mir in dem
Augenblick und ich sah ihn erst und er gewiss mich auch als ich beinahe an ihn
stieß«
    »Und «
    »Ich weiß nicht stieß ich einen Schrei aus aber es war gewiss nicht laut
ich fuhr zurück «
    »Und er«
    »Vielleicht sagte er auch etwas Das weiß ich nicht mehr Aber der Blick
den er auf mich warf verfolgte mich«
    »Unerhört Liessest Du ihn nicht durch den Bedienten zurecht weisen Er ist
ja ein fürchterlicher Mensch«
    »Den armen kranken Johann der sich nur so hinschleppt «
    »Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen«
    »Nein teuerste Mutter lassen Sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre
Begleitung Ich bitte Sie recht dringend inständigst darum Ich hätte wohl den
Mut ihm Rede zu stehen wie er verdient aber «
    »Drei Mal hatte er ja wohl die Unverschämtheit sich anmelden zu lassen
seit er aus dem Arrest ist«
    »Das dritte Mal gerade als Sie zum PolizeiPräsidenten gefahren waren«
    »Da ist auch keine Abhülfe« sagte die Geheimrätin kopfschüttelnd »Der
Präsident meinte die paar Wochen die man ihn wieder eingesperrt seien das
Äußerste was man tun könne Denn von der Insulte gegen Dich ist nicht die
Rede gewesen nur weil er maskirt auf der Straße erschienen und mit der Wache
seinen Spott trieb Aber mit uns treibt er täglich seinen Spott sagte ich er
verfolgt im Theater auf der Straße meine Pflegetochter er dringt in mein Haus
Wer schützt uns Der Herr Präsident hatten keine Antwort als er bedaure dass
wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen die uns
unbequem sind«
    Adelheid senkte die Augen »Was tat er uns auch eigentlich was die
Obrigkeit verbieten kann Andre fixiren mich auch im Theater Er wollte in unser
Haus aber bei hellem Tage er klingelte und ließ sich ordentlich melden Er
schrieb einen Brief an mich aber wir schickten ihn uneröffnet zurück Wir
können dem Richter nicht einmal angeben was er will«
    »Sollen wir warten bis er eine Leiter anlegt oder Nachts übers Dach
einbricht«
    »Neulich als Sie fortgefahren waren hatte er mich durch das Flurfenster
gesehen und doch respectirte er die Unwahrheit die der Bediente auf Ihren
Befehl sagte ich sei nicht zu Hause Johann hatte die Tür schon geöffnet er
brauchte nur den Fuß vorzusetzen ihn mit dem Ellenbogen zurückstossen und wenn
er seiner Tollheit nachgehen wollte war er Herr im Hause Es mag in dem
Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein Die Arme auf der
Brust gekreuzt stand er eine Weile auf dem Flur und sein Auge schien in die
Dielen zu brennen Da hab ich auch einen Augenblick gezittert Plötzlich rief
er ich werde sie ein ander Mal zu Hause finden und ohne sich umzusehen
stürzte er die Treppe hinunter Es kann doch also keine böse Absicht sein«
    »Seine Absicht ist meinem Hause einen Affront anzutun Es ist eine
Beleidigung jetzt mir zugefügt Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouirt
nichts desto weniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrat Bovillard der am
Ende noch Gefallen daran findet wenn sein ungeratener Sohn eine Dame
insultirt die er schon mit seinen Plaisanterien verfolgt Aber das soll muss
anders werden Wir werden einen Beschützer finden Dein Erretter der
Legationsrat der unglücklicher Weise bald nach jener Affäre Berlin verlassen
musste um seine Güter zu revidiren wird bald zurückkehren Er weiß wie man
uns Ruhe verschafft Er ist jetzt der Mann der gilt der Stern der
Gesellschaften und ich hoffe von seinem Einfluss auf den alten Bovillard dass er
selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft«
    Die Lupinus hatte in ihren Eifer übersehen dass Adelheid den Mund zu einer
Mitteilung geöffnet »Herr von Wandel ist ja zurück«
    Die Geheimrätin hätte jetzt ebenso Grund gehabt in Adelheids Art etwas
Auffälliges eine Aufgeregteit zu finden aber weil sie selbst aufgeregt war
merkte sie es nicht
    »Er zurück  Woher weißt Du das«
    »Als ich vor ihm  vor Jenem  in einen Laden flüchten wollte trat er
heraus«
    »Wandel  und  mein Gott das Wichtigste sagst Du mir jetzt erst«
    »Ich war so überrascht verwirrt «
    »Und «
    »Ja was eigentlich geschehen weiß ich nicht Ich glaube ich habe ihm die
Hand gereicht«
    »Du glaubst «
    »Mama ich glaube ich hätte Jedem sie gereicht der mir entgegentrat es
war eine Angst ich sah nichts mehr vor mir«
    »Und der Legationsrat  Haben sich Beide wiedererkannt«
    »Ich weiß es nicht Der Legationsrat sah nur meine Angst Aber dann hat er
mich nach Haus geführt«
    »Er  Dich Hierher Wo ist er  Was sagte er«
    »Liebe Mutter zürnen Sie mir ich weiß nichts von dem Gespräch Ich horchte
nur immer ich bebte ob er noch hinter uns wäre Er wird mich für sehr kindisch
gehalten haben«
    »Ich will es Dir vergeben weil Du beschämt warst nicht mehr Mut gezeigt
zu haben Und vor dem herrlichen Mann dessen Gegenwart schon Deine gesunkenen
Geister erheben musste  Aber mein Gott wo ist er Er hat Dich hergeführt
Warum kam er nicht mit herauf«
    Adelheids Geister waren nicht gehoben Auf alle Fragen der Geheimrätin über
ihren Begleiter wusste sie sich kaum zu entsinnen dass er beim Abschied gesagt
wenn er nicht zu einem Minister berufen würde er sich sofort das Vergnügen
gemacht haben bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen Adelheid ward mit
dem Befehl entlassen für ihre Toilette zu sorgen
    Die Geheimrätin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben Ihre Gedanken
machten Kreuz und Quersprünge Wenn sie den Legationsrat präsentiren konnte
ihn den neuesten Lion der Gesellschaft den bewunderten rätselhaften Mann
der aber als er eine neue Sonne aufgegangen plötzlich wieder verschwunden
war Wenn er nach seiner langen Abwesenheit zuerst in ihrer Gesellschaft wieder
erschien Wenn er jetzt anklopfen sollte sein erster Besuch bei ihr Wenn 
Niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthaltes in Berlin und welches
Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich
auf seine Güter rief  Wenn er sich gedrungen fühlte sie zur Mitwisserin
seiner Ideen zu machen Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer
Situationen als eine kalte Frage dazwischenfuhr Wird er denn überhaupt kommen
Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden nur um sie los zu werden
Ist er nicht vielleicht abgereist um seine Verbindungen hier zu brechen Er
kehrt zurück Gott weiß warum aber nicht um die wieder anzuknüpfen deren er
überdrüssig ist Er ist ein Mann der der Welt angehört Berlin ihm ein
Stationsort um sich auszuruhen nicht länger als nötig und die Personen mit
denen er umgeht zum Zeitvertreib zu gebrauchen Zum Tor hinaus in der
nächsten Stadt hat er uns vergessen 
    Aus diesem peinlichen Selbstgespräch riss sie ein fester Klingelzug und
gleich darauf meldete der Diener den Legationsrat von Wandel
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel
                               Der Legationsrat
Die Geheimrätin war in der Regel die Erste in den Kreisen in welchen sie sich
bewegt sie war sich dieses Übergewichts bewusst dennoch glaubte sie den rohen
Kitzel überwunden zu haben welcher sich darin gefällt dies Übergewicht auch
die Anderen empfinden zu lassen Dem Legationsrat gegenüber fühlte sie diesen
Zauberbann zerstört Aber grade gegen eine geistige Übermacht anzukämpfen ist
interessant Eine Frau hat so viele kleine Künste mit denen sie unbemerkt in
das feste System des Mannes Bresche legt wenn es der Mühe verlohnt
    Er stand auf der Höhe wo man nur wenig auszugeben braucht aber man reißt
sich um die Münze wie um eine Seltenheit Dann sieht man auch wohl nicht immer
genau nach ob die Münze echt ist Er saß nachlässig im Fauteuil doch mit dem
Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber die er auch dafür anerkennt
    Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen in welchen wir
die Lupinus zu Hause wissen
    »Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen in die sie
dringen will« hatte er auf eine Bemerkung der Geheimrätin erwidert dass sie
die Sphären des Staats für ihr Geschlecht wenn nicht unzugänglich doch
geschlossen halte
    »Man sagt uns doch so oft wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre
verlieren«
    »Wer das uns auf sich beziehen will Ist die Stael keine Frau Mich dünkt
man braucht nicht so weit zu suchen Sind nicht die höchsten Damen an unserem
Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik Und wer sagt uns ob nicht die
ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird«
    »O wer in diese Zukunft blicken könnte ob sie uns Aufschlüsse Lichter
Befriedigung bringt oder das alte Einerlei des Zweifels der getäuschten
Hoffnungen der immer neuen Erwartungen die nie erfüllt werden«
    »Die Zukunft gnädige Frau wird sein wie die Gegenwart wenn wir sie nicht
zu ergreifen verstehen«
    »Und wer ergreift diese Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu
bestimmt«
    »Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der
Mann es bleibt das ist so lange als er sich selbst beherrscht«
    »Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen«
    »Die Kraft das Ziel unverrückt im Auge zu behalten die Wege die die
kürzesten und sichersten nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben wie man
Rosse zügelt und spornt deren Natur wir kennen«
    »Das ist nur an den Männern«
    »Warum Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung Bezüge zum Leben
weit leichter der Verführung ausgesetzt«
    »Das sind Paradoxien«
    »Nichts weniger Er ist zugänglicher den Leidenschaften weil er sie
leichter befriedigen kann dem Ehrgeiz den Illusionen aller Art und gibt er
ihnen sich hin hört er auf zu berechnen verfolgt er eine Phantasie ist er
schon verloren Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre
ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren und wie
sie den Mann beherrscht wenn sie will warum nicht die Welt«
    »Spötter«
    »Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft die wir nur mit
unendlicher Anstrengung uns aneignen die Gabe aus Symptomen die unserem in die
Ferne schweifenden Blick entgehen Seelenzustände vergangene und künftige
Begebenheiten zu entziffern Vermag sies Herrin zu werden über ihre Neigungen
Vorurteile ihre Liebe und ihren Hass ihre Impulse und abergläubischen
Vorstellungen vermag sies ihre Bestrebungen ihre Liebe und ihren Hass auf
größere Dinge zu richten als den Untergang einer Rivalin die Protektion eines
Günstlings dann sage ich Ihnen kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln
Großes Außerordentliches warum nicht das Größte«
    Die Geheimrätin schwieg nachsinnend Sie hielt es für den Moment geeignet
seitwärts abzuspringen »Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen« sagte
sie wieder aufblickend
    »Ich kann einen Trunkenen beneiden aber nur so lange er es ist«
    »Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Taten«
    »Aus der Geschichte nicht meine Gnädigste Sie ist ein großes Quodlibet wo
Platz ist für vieles Nur aus dem Katechismus der Wenigen streiche ich sie
welche wissen was sie wollen«
    »Und wie wenige Größen bleiben dann übrig« erwiderte die Geheimrätin
    »Wenige aber zum belehrenden Exempel genug Cäsar blieb sich gleich bis zum
Gipfelpunkt«
    »Und fiel durch Mörderhand«
    »Der rohe Zufall liegt außer unserer Berechnung er fiel nachdem er
erreicht was er erstrebt Und doch vielleicht wars auch nicht ganz Zufall«
    »Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können wenn er keine Ahnung
seines Vorsatzes hatte«
    Der Legationsrat lächelte »Cäsar hatte Vertrauen wo er nur Argwohn haben
durfte Cäsar war der große Mann weil er sich selbst Alles verdankte weil er
im Siegerglück nicht glaubte dass er nun genug gehandelt dass nun das Schicksal
für ihn wieder handeln müsse weil er nicht von der eignen Größe trunken an
eine Mission glaubte Aber er irrte als er glaubte dass ein großer Mann auch
sogenannte menschliche Regungen haben dass er ohne ein bestimmtes Interesse
großmütig sein dürfe Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen
spekuliren und er spekulirte nur auf ihren Edelsinn Er in seiner Lage durfte
nicht hoffen und lieben nur beobachten und rechnen und ihm war der Argwohn
eine Tugend und Notwendigkeit Er schloss das scharfe Auge er rechnete falsch
und vertraute Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen«
    Es trat eine Pause ein Das Gespräch hatte eine Wendung genommen die
vermutlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte Man hatte von den
Ereignissen des Tages gesprochen von dem Stern über den die Meinung sich noch
teilen konnte ob er ein leuchtendes TagesGestirn sei oder ein nächtliches
Meteor
    »Und er ist Kaiser« hub die Geheimrätin an »er hat sich selbst dazu
erklärt Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin ein
gewesener Artillerielieutenant Und die altgekrönten Mächte beeilen sich ihn
anzuerkennen«
    »Sie müssen wohl«
    »Nehmen Sie sich in Acht Herr Legationsrat Man darf ihn hier nicht
ungestraft in allen Kreisen bewundern Und Sie besuchen «
    »Die verschiedensten« fiel er rasch ein Es war das gewesen wofür der Gast
es nahm ein Klopfen auf den Busch »Ich bewundere nichts fuhr er fort ich
beobachte nur und mein Facit der Anerkennung ziehe ich erst wenn ich einen
Mann am Ziele sehe«
    »Wird er es erreichen« fragte die Geheimrätin leiser
    »Wenn Sie mir sagen könnten was sein Ziel ist würde ich versuchen auf die
Frage zu antworten«
    »Sein Ziel«  die Geheimrätin sah ihn groß an aber sie verstummte vor
seinem abmessenden Blick Mit einem Seufzer sagte sie »War es denn ein
Verbrechen in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken«
    »Ein Verbrechen ist Unsinn und der Wahn dass Einer für Alle etwas schaffen
könne eine Torheit Jeder schafft für sich Ich weiß nicht ob der junge
Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing der Kaiser der
Franzosen wird ihn belächeln Man muss die Menschen kennen gelernt haben wie
wir gnädige Frau um zum Resultat gekommen zu sein dass was man so die
Menschheit nennt nicht wert ist sein Bestes für sie zu opfern«
    »Aber mein Gott für wen soll man sich denn opfern«
    Der Gast schien es überhört zu haben oder seine Gedanken hatten
unwillkürlich einen andern Gang genommen »Es ist zu bedauern dass die Kaiserin
ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt Eine wahre Zierde ihres Geschlechts«
    »Sie kennen die Kaiserin Josephine«
    »Ihre Majestät Königin Louise ist gewiss die personificirte Huld und
Schönheit aber diese Creolin in der sichtlich noch das tropische Blut pulst
hat etwas Bestechendes Fortreissendes Man muss sie gesehen haben  ach schon
als Josephine Beauharnais«
    »Sie kannten sie damals schon«
    »Es rühmen sich Viele doch wer kann sagen dass er sie kennt Kennt man nur
ihren Einfluss auf den Kaiser«
    »Sie hat vieles Blutvergießen verhindert«
    »Sagt man Wer diese on dits geschickt auszustreuen weiß der kommandiert
über Armeekorps Und Beide der Kaiser und die Kaiserin sind darin geschickt
es fragt sich eben nur wie lange Beide zusammen operiren werden«
    »Mein Gott Sie scheinen auch mit den häuslichen Angelegenheiten des
Kaiserpaares vertraut«
    »Ich lese nur was Jeder lesen kann der die Augen auf hat Will er ein
Reich gründen was ihn überlebt muss er einen Sohn haben der ihn beerbt Wer
arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten Was ist ihm der adoptirte
Stiefsohn Erinnern Sie sich was die sentimentalen Seelen von ihm hofften
nachdem er die Revolution besiegt«
    »Ich habe nie geglaubt dass Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen
könne« sagte die Geheimrätin
    »Gewiss wer die Kraft hat ein Egoist zu sein wird sich nie mit einer Livree
begnügen«
    »Egoist«
    »Alle großen Männer sind es eigentlich alle wahren Männer Wer schaffen
will muss für sich schaffen und wer ein Weltreich gründen will für eine
Dynastie die seine ist Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau
Sie sieht das ein wie weit sie voraussieht wissen wir nicht aber sie hat
einen Sohn Es ist nun ein recht kluger Anfang dass sie die Maske der Milde
Liebe und besänftigenden Güte vornimmt und ob es von ihrem Gatten klug ist sie
ihr zu lassen  das ist eine andere Frage die  uns Beide wenigstens meine
teuerste Geheimrätin glücklicherweise nichts angeht«
    Er war aufgestanden Die Geheimrätin hätte die Unterhaltung gern
fortgesetzt »Sie sind gewiss sehr affairirt Eine so ehrenvolle Sendung muss Ihre
ganze Zeit in Anspruch nehmen«
    »Ich bitte Sie kein Wort von der Bagatelle Natürlich wird man nicht gerade
zur Tür hinausgeworfen wenn man als Überbringer solcher Ehrenzeichen ankommt
indessen wie gesagt ich wünschte dass man in den Cirkeln hier kein Aufhebens
davon machte«
    »Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigene Brust mit einem dieser
Ehrenzeichen geschmückt«
    »Für einen Briefträgerdienst Monsieur Laforest der Gesandte lachte über
die Mission und das verdient sie auch haben wir doch Jeder für Wichtigeres zu
sorgen Ich freue mich nur dass die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt
lohnt Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet«
    »Ich freue mich dass alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen Adelheids
Renommee ist nicht allein hergestellt sie ist  nun Sie erfahren es schon
Möchte sie nie den Dank gegen Den vergessen dem sie ihr Alles verdankt«
    »Dank meine Gnädige Es gibt keine Substanz in der Chemie die so schnell
verflüchtigt Wer darauf bauen wollte «
    »Sie brauchen nicht zu bauen denn Ihr Haus steht fest Freilich was ist
Ihnen daran gelegen dass man Sie in Berlin vergöttert Indessen es ist doch auch
für einen Philosophen nicht ganz unangenehm wenn ihn die Leute auf der Straße
kennen und feiern Ach mein Gott warum mussten Sie damals so schnell abreisen
Das war ein Erkundigen ein Fragen nach Ihnen Der Hausknecht wie Ouvriers die
für Sie gearbeitet wer nur das Glück gehabt Sie in Gesellschaft in seinem
Hause zu sehen musste Auskunft geben wie Sie aussähen sprächen welche Ihre
Freunde ob Sie verheiratet wären ob Sie hier Ihr Domicil aufschlagen würden
Man wusste Sie in kleine Teile zu zerlegen und meinte der kleinste wäre doch
noch etwas was der Betrachtung Stoff gibt Einige meinten es sei doch eine
Art Koketterie dass Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung
sich entzögen ich indes meinte etwas anderes «
    »Und darf ich fragen was meine Freundin meinte«
    »Sie leben sich selbst und fühlen einen andern Beruf als der Neugier der
Menge Rätsel aufzugeben die Sie nicht lösen wollen vor ihr wenigstens
Wahrhaftig ich verdenke es Ihnen nicht«
    Der Legationsrat ließ einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele
haften einen der Blicke welche die tiefste Absorbirung der Gedanken
ausdrücken man will indes behaupten dass auch die Kunst solche Blicke
gebrauche um den Mangel an Gedanken zu verbergen »Ach meine Freundin was
verrät uns mehr welche Leerheit rings um uns ist als dieses Haschen nach
Geheimnissen die nicht da sind Weil sie aus sich selbst nichts sind darum
haschen sie nach einem Spielwerk und ein unbekannter Fremder wird zu einem
Rätsel weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft anders den Hut abnimmt
einen andern Ton auf die Worte legt als hier alltäglich ist«
    »Da ich immerwährend bestürmt werde sagen Sie mir was ich den Leuten
sagen oder wenigstens was ich ihnen verschweigen soll «
    »Verschweigen Mein Gott ist denn zwischen uns ein Geheimnis Malen Sie
mich Ihren Bekannten wie Sie wollen Eine solche Meisterin wird immer das
Richtige treffen Warum ich hier bin das ist ja wohl das interessanteste
Rätsel Ich soll Emissair sein Gott weiß von welchem Illuminaten oder
FreimaurerOrden obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind Ich bin
geheimer Envoyé einer Macht man weiß nur nicht welcher Nicht wahr Natürlich
soll ich Staatsgeheimnisse ausspioniren Ja wenn nur deren hier wären Und da
ich an der Tafel der Minister der Prinzen speise da ich ziemlich offen mit
ihnen konferire ist es doch nicht meine Schuld wenn ich Dinge erfahre an
denen mir wirklich nichts gelegen ist Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein
und bald wieder ein Glücksritter Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe
mich umsehen«  Er seufzte »Und die Geister einer unaussprechlich geliebten
Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel Doch genug davon Meinetwegen lassen
Sie mich einen Kagliostro sein Im Übrigen habe ich noch Niemand verhehlt dass
der Zustand meiner Güter in Thüringen mich hergeführt hat Treffliche Güter
aber verwildert unter meinem Vorbesitzer Es bedarf einer wissenschaftlichen
Agrikulturbehandlung um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen die ich
mir zum Ziele gesetzt Ich besitze chemische Kenntnisse wer aber kann alles
wissen wer braucht nicht des Rates fremder Einsicht In Berlin finde ich
einen Hermbstädt Klaprot Flittner Sie sind meine Lehrer Freunde ich
konsultire sie experimentire mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde Mergel
in allen Arten künstlicher Dungmittel Das meine Beschäftigung hier  Sie
selbst aber sehen mich ungläubig an Ach ich versichere Sie in dieser
Wissenschaft allein ist Trost Hier ist Wahrheit hier lerne ich kennen was
sich bindet was sich abstösst hier ist Folgerung Zusammenhang hier löse ich
mir Rätsel welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen
Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt dass oft das schärfste Auge wenn
es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben doch nur beschämt vor einer neuen
Larve steht Vor der Chemie gilt keine Täuschung Während sie Formen und Farben
zaubert zersetzt sie Alles in seine Urstoffe Das Kräuseln des Dampfes in der
Retorte im Tiegel der Geruch den sie entwickelt den Lichtglanz die
schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben flüchtige Momente
während wir doch nur den Tod produciren Schlacke Asche Staub Luft in Luft
Der Tod nur ist dauerd Leben Sie wohl«
    »Mein Gott was ist Ihnen Sie betonen das Wort Tod so besonders«
    »Mit jeder Stunde die wir leben bereiten wir ja den Tod Ich hoffe also
heut Abend auf Wiedersehen«
    »Sie hoffen nur Vorhin sagten Sie bestimmt zu Sie erwarten heut keinen
Befehl eines Prinzen mehr«
    »Nein wenn indes ein Hindernis «
    »Sie müssen doch nicht wieder fortreisen«
    »Ich hoffe nicht dass es so schlimm ausfallen wird«
    »Sie spannen meine Neugier Jetzt müssen Sie sprechen«
    »Es ist nur eine der Kleinigkeiten die das Leben pikant machen Den jungen
Bovillard den ich in der Tat auf meiner Reise vergessen hatte traf ich vorhin
auf der Straße und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht finde ich zu
Hause das was ich längst erwarten durfte Indessen wird er sich doch nicht so
überhasten dass er mir nicht noch das Vergnügen gönnt einen vergnügten Abend in
Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen«
    »Allmächtiger Gott« rief die Geheimrätin erblassend  »Eine
Herausforderung  Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen einen Mann wie
Sie  und um die edelste Handlung «
    »Vor seine Kugel zu fordern«
    »Das darf nicht sein Bester Freund Sie kennen nicht seinen Ruf Mit Ihrer
Ehre verträgt es sich nicht «
    »Er saß noch nicht im Zuchtause ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen
auch hat er seine Spielschulden wie ich höre noch immer bezahlt und ein
Dutzend Duelle als Kavalier bestanden das meine gütige Freundin gibt dem
Sohn des Geheimrat Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht
auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Armes zu laden und wenn
seine Kugel dies Herz durchbohrt so versichere ich Sie ist sein Renommee nicht
schlimmer sondern besser«
    »Abscheulich Wer bessert das«
    »Ein Mirabeau hate einmal den Mut Er sprach es aus dass man einem Dummkopf
nicht das Recht lassen dürfe dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück
Blei seinen Kopf zu zerschmettern  Die Revolution ist überwunden und die
Dummköpfe haben wieder ihr Recht«
    »Aber um Gottes Willen es muss doch Mittel geben «
    »Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Fall Mittel finden auch haben
sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten die allerdings mehr von ihrem
Ingenium profitirt hat als von zehn Haudegen welche die Weinhäuser mit ihren
Radomontaden erfüllen Indessen wir sind keine Borgias und das neunzehnte
Jahrhundert verträgt keine Stilets und Banditen«
    »Aber es muss seine edelsten Männer schützen Es gibt auch andere Mittel
eine höhere Polizei eine Justiz Bovillard der Vater muss es erfahren er muss
endlich etwas tun dem Unwesen seines Sohnes zu steuern Der König selbst ist
entsetzt über diese blutigen Raufereien «
    Der Gast hatte ihren Arm ergriffen »Um des Himmels willen meine gütigste
Freundin soll ich bereuen dass ich im Vertrauen die Lippen öffnete Es war
Alles Scherz «
    »Nein es ist Ernst«
    »Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen so beschwöre ich Sie kein
Sterbenswörtchen davon Sie werden mich verstehen Was ist das Leben Eine
Anweisung auf Geltung Wird dieser Wechsel zurückgewiesen was bleibt uns davon
Wer mag der Lebensluft in der wir nur atmen können den Rücken kehren Ich
rechne also auf Ihre Diskretion Jedes Wörtchen jeder Wink könnte von meinen
Feinden anders gedeutet werden Es ist ja auch möglich dass der junge Mann sich
eines Besseren besinnt Ach Gott der Möglichkeiten sind so viele dass ich es
aufrichtig bereue Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben Keinenfalls
darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören Meine soll es wenigstens gewiss
nicht denn ich freue mich aufrichtig den neuen Abgott der Residenz kennen zu
lernen«
    »Sie kennen Jean Paul nicht«
    »Ich begegnete ihm wohl irgendwo«
    Die Geheimrätin sah etwas verlegen vor sich hin »Ich hoffe Sie
disapprobiren nicht «
    »Was sich versteht in Kredit zu setzen Der Wert eines Staatsmannes meine
Freundin und der eines Dichters was sind sie an und für sich es kommt allein
ihr Kourswert in Betrachtung gleichviel ob der Dichter ihn sich selbst
gemacht oder Andere so gütig waren A propos da kann ich Ihnen eine Neuigkeit
mitteilen Bei Hofe ist eine lebhafte Intrigue Nachdem es nicht gelungen
Schillern hier zu fesseln versucht man Herrn Richter uns einzuimpfen Die
Parteien sind geteilt Ihre Majestät die Königin wünscht ihm eine Präbende
zuzuwenden Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stoßen Um desswillen
spielen alle Maschinen Der Berg läuft von Diesem zu Jenem Herr Jean Paul soll
von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden bis er dem Throne so ins
Auge gerückt ist dass Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam
gezwungen fühlen Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exzess um ihre seltenen
Blumen geplündert daher die Damendeputation an den neuen Frauenlob Die Königin
lüde ihn gern selbst ein aber er muss erst gewisse Leiterstufen der Einladung
durchgemacht haben bis das in einem petit circle möglich ist Man ist daher
auch sehr zufrieden mit den Arrangements unserer teuren Freundin und die Stufe
der Ehre die Sie ihm heut erweisen «
    »Mein Gott wie kann man wissen «
    »Man weiß Alles Aber bedenken Sie wohl dass die Gunst der Königin nicht
jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt Er ist kein Freund der Abgötterei
Doch quimporte aber hüten Sie sich dass unsere Schönheit hier wenn sie ihm
den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt nicht zu tief ins Auge des Dichters
sieht Man fand zwar er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt und in seinen
Entzückungen weiß er nur noch nicht welcher er das Tuch zuwerfen soll aber nur
nicht unserer Adelheid Ihre Natur ist zu schön um sie mit einem Dichter zu
verträumen Au revoir«
    Der Legationsrat ließ die Geheimrätin in einem Meere von Gedanken Sie
passten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas
zu trüben
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel
                               Mars mit dem Zopf
Eine Gesellschaft zur Zeit als Gesellschaften die Blüte des geistigen Lebens
repräsentirten mag man mit einem Sonnensystem vergleichen Wenn aber viele
Sonnen mit gleichen Ansprüchen da sind kann sie uns wie ein Universum
erscheinen das nicht fertig noch nach einem Centralpunkt sucht Ein solches
meteorisches Wogen ist für Viele unbehaglich für den Beobachter interessant
für den Maler aufzufassen unmöglich Er muss sich mit Segmenten genügen lassen
    Die Wirtin wäre gern die Sonne gewesen Aber eine Sonne muss nicht allein
scheinen und leuchten sie muss auch wärmen Sie war eine Frau von Verstand und
selbst Witz eine Erscheinung die nicht ohne Eindruck blieb aber es war nicht
der Verstand und Witz der fesselt nicht die Erscheinung die zugleich imponirt
und anzieht Sie durchdrang die Gespräche sie wusste sie zu leiten
abzubrechen aber ihnen nicht den Hauch und die Färbung zu geben dass sie sich
von selbst fortspannen Sie war die liebenswürdige Wirtin die für Jeden etwas
Angenehmes in Bereitschaft hatte aber es schien so spitz zugeschnitten dass die
Oekonomie dem Geschmeichelten nicht entging Es blitzte wo sie erschien die
Konversation wogte in sanften Wellenlinien einer gewählten Sprache aber sie
stockte plötzlich wenn sie zu anderen Kreisen sich wandte Man fühlte sich
genirt wo sie hinzutrat und frei wenn sie den Rücken gedreht Das wird
freilich in allen Gesellschaftskreisen sein wo eine an Geist und Bildung
überragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrückt die minder
Gebildeten fühlen das unsichtbare Joch die Magie des Geistes, gegen die sie
ohne sich selbst bloß zu geben nicht rebelliren dürfen sie fühlen sie sogar
doppelt wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herablässt und sie würdigt
in ihrer Sprache zu reden Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere als
die gemischte in der wir neulich die Geheimrätin zu beobachten Gelegenheit
hatten Sie war eine gewählte Die Geheimrätin kannte Alle sie wusste was man
vermeiden was man andeuten dürfe und doch traf sie es nicht dass es den Leuten
wohl ward Eine liebenswürdige Wirtin eine geistvolle Frau war das allgemeine
Urteil wohlverstanden das was Zwei sich sagten die sich und ihre Meinungen
noch nicht kannten Wenn sie sich verständigten kamen einige »Aber« hinterher
»Aber sehr scharf«  »Geistreich sehr geistreich aber ihr Geist schneidet« 
»Enfin« sagte ein Dritter »sie hat Alles um eine Gesellschaft zu entzücken
nur fehlt ihr der Aplomb«
    Es waren Wandelsterne und Fixsterne Zu jenen gehörten die Wirtin und ihre
Pflegetocher Wenn Jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte konnte
man sie mit einer Geistererscheinung vergleichen Das ist ein gewagtes
Gleichniss aber eben so gewagt ist es doch wenn Andere Adelheid mit dem
aufgehenden Morgenstern verglichen oder gar mit einer Sonne die Frohsinn und
Lust verbreite Wer schärfer gesehen hätte vielleicht auch die Anstrengung des
jungen Mädchens bemerkt so zu erscheinen wie die Pflegemutter es wünschte
immer munter naiv geistreich Es war noch ein anderer weiblicher Stern von
sehr verschiedener Natur auf den wir später treffen werden Jean Paul war noch
nicht da auch Herr von Wandel ließ noch auf sich warten Dagegen schien an dem
großen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des
französischen Gesandten Laforest Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht
aufzusuchen oder er wollte es nicht aber er zog magnetisch die kleinen Lichter
an sich Er war heute sehr aufgeräumt und liebeswürdig behauptete man Ein
Bonmot ging schon durch die Zimmer Auf eine unbescheidene Frage was ihm in
Berlin am besten gefalle hatte er geantwortet die Oefen Andere hatten schon
gehört dass er gesagt es sei das einzige Gute was er in Berlin gefunden Noch
Andere er habe gesagt in einer Stadt wo er nichts kalt und warm gefunden sei
eine Maschine die man nach Belieben heizen und kühlen könne der preiswürdigste
Gegenstand
    In einer Herrengruppe musterten Einige die Gesellschaft Man wunderte sich
den Geheimrat Lupinus von der Voigtei unter den Gästen zu sehen
    »Was wundert Sie das« sagte der Regierungsrat von Fuchsius »Er ist völlig
frei gesprochen und Alles bleibt ja beim Alten«
    »Aber sein Leben auch dasselbe Es ist doch ein Skandal wie ich hörte«
bemerkte ein Major noch in jüngeren Jahren er hatte nicht den preußischen Pli
    »Wir bleiben Alle was wir sind« sagte aufseufzend Fuchsius »Seit Lombard
zurück die Anstrengungen der Königin neue Lebensgeister ins Ministerium zu
bringen gescheitert sind ist es mit allen den guten Vorsätzen und den schönen
Ansätzen vorüber Welche treffliche Reden und Memoiren sind umsonst
geschrieben«
    »Zum Teufel mit den Reden« sagte ein General den grauen Schnurrbart
streichend aber es leuchtete noch Feuer aus seinen lebhaften Augen
    »Das denkt vermutlich der Geheimrat Lupinus auch« fuhr der Rat fort
»Warum soll er sich geniren Es schwimmt ja Alles wieder in diesem Sumpfe süßer
Gewohnheit weiter Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbrette weiter
streckt und wiegt was darf er vom Einzelnen fordern dass er sich aufrafft Der
König das gebe ich Ihnen zu wünschte es «
    »Wenn er nur wenigstens die französischen Orden nicht angenommen hätte«
rief der General der sich auf einen Stuhl gesetzt und presste die Brust auf
der Rabatte zusammen »Schimpf und Schande Mag er sie der Klique austeilen
aber der preußische Ehrenrock ist beschimpft wenn auch Militairs sie tragen
müssen«
    »Das kommt auf Ansichten an« erlaubte sich der jüngere Militär zu
entgegnen »Der feindliche General den Napoleon in seinen Bulletins lobt fühlt
sich doch mehr geschmeichelt als selbst durch die Orden die ihm sein eigener
Fürst erteilt«
    »Spitzfindigkeiten mein Herr von Eisenhauch« fiel der General ein »Sie
gerade würden sich am meisten schämen  Alliancen wo sie natürlich und möglich
sind ein Entschluss wo die Ehre gebietet und Krieg wo es die Existenz gilt«
    Fuchsins sagte sich vorsichtig umblickend »Nehmen Sie sich etwas in Acht
Man weiß in Saint Kloud dass Sie ein militärischer Ideologe und ich weiß dass
Laforest Sie beobachten lässt Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens wie
der neue Kaiser zu schrecken versteht«
    »Pah« rief der General »Wir sind nicht in Baden Ich sage Ihnen wer jetzt
nicht herbeieilt um am Brande mitzulöschen ist so schlimm als wer Feuer
hinzuträgt Wonach Bonaparte trachtet liegt klar zu Tage Österreich soll
erdrückt zermalmt werden Ein Tor wer jetzt noch glaubt dass Oesterreichs
Vernichtung Preußens Erhebung ist Das Schicksal hat bestimmt dass beide Feinde
zusammen handeln Nur darin sollen sie rivalisiren wer am tüchtigsten
losschlägt Zaudern wir jetzt wieder «
    »So sind wir isolirt und  verloren« rief Fuchsius
    Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher »Wer sagt das«
    »Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestoßen «
    »Sind wir noch wir selbst«
    Der General hatte sich erhoben die beiden Herren folgten sie blickten sich
bedeutungsvoll an
    »Ja meine Herren« fuhr der General fort »es wäre ein namenloses Unglück
man könnte uns der Frechheit des Verrates beschuldigen wenn wir wieder die
Gelegenheit entwischen lassen wie vor sechs Jahren aus Eigensinn oder
Eigennutz Ein Unglück ja wenn wir nicht losschlagen aber verloren sind wir
nicht wenn wir allein stehen«
    Die jüngeren Zuhörer senkten die Augen Der Veteran aber fuhr mit
leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort
    »Nein meine Herren vielleicht fügt es das Schicksal so damit wir noch
größer einst dastehen Sie sind kein Preuße Herr von Eisenhauch Herr von
Fuchsius ist kein Militär ich bin beides und mein Herz pocht laut und froh bei
dem Gedanken wir allein ihm gegenüber Dann Alles in die Wagschaale geworfen
und ich sage Ihnen wir schnellen nicht in die Luft Braunschweig Möllendorf
Hohenlohe Kalkreut sind das nicht Namen vor denen die Davoust und
Bernadotte und wie sie heißen erbleichen Einer genügte schon denn welcher
Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert Und nun denken Sie alle diese
Namen vor einer Armee deren Offiziere zur Hälfte noch unter Friedrich siegten
vor graubärtigen Soldaten die noch sein Auge anfunkelte Und die Generale die
zum Felddienst zu alt pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen
Festungen Denken Sie sich dies Korpus von altem Ruhm unvergleichlicher Taktik
von preussischem Mute beseelt von Wut entflammt zehnjährige Unbilden zu
rächen und gegenüber  die zusammengestoppelten gepressten Schaaren der
windigen Franzosen die nur siegten weil sie schneller sich bewegen konnten 
dies räumen wir ihnen ein  denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwärmen
gegen ein Quarré ein Quarré aus der ganzen Preussischen Armee und fragen Sie
sich dann wie viel Napoleon Bonapartes Name wiegen wie viel Überzahl er
haben muss welche taktische Künste ausreichen damit er diese Eisenmauer
durchbricht Er wird sie nicht durchbrechen und wir wir wollen sehen wie
Friedrichs Geist von Leuten auf uns herabblicktt«
    Es war etwas Hinreissendes in dem Feuer dem der alte Kriegsmann sich
überlassen Man wusste als Kornet hatte er unter Friedrich seine Sporen
erworben der große König selbst hatte dm Jüngling mit seiner Gnade beglückt Es
war Wahrheit in der Rede wenn auch nur die des Glaubens
    »Aber Herr General geben mir zu « was der Major sagen wollte ward vom
General unterbrochen
    »Dass einige Reformen notwendig sind Ja einige Herr Major« Er hatte ihn
am Rock gefasst und fuhr vertraulicher fort »Die reitende Artillerie das
bedenken Sie wohl war Friedrichs Schöpfung In einem Lieblingskinde sehen die
gescheidtesten Väter oft nicht die Fehler Auch ein großer Mensch ist ein
Mensch und darum keinen Vorwurf auf den großen König Ihre Konstruktion der
Lafetten ich sage es grade heraus trotz Tempelhofs Autorität ist admirabel
sie muss eingeführt werden was auch der Kriegsminister opponirt Auch Ihre Ideen
über die Bespannung zeugen von dem Scharfsinn den ich ästimire Selbst zugeben
will ich dass in unserm Geschützgiessen Verbesserungen möglich sind aber ich
denke dass unsre Kanonen noch wie sie sind einen Preussischen Donner orgeln
sollen der die Franzosen an Rossbach erinnern wird Nicht alles auf ein Mal
Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich das sage ich Ihnen
jetzt offen raus Da SpontonExercitium mag immerhin andern närrisch erscheinen
Narren werden Sie in der Welt überall finden Das Präsentiren mit dem Sponton
ist das Präsentiren der Armee vor sich selbst Der Fähnrich der vor die Front
springend es balancirt jetzt senkrecht nun verquer macht die Honneurs vor
dem Feldherrn dem General vor dem Bataillon vor sich selbst nicht vor dem
Publikum Das halten Sie fest Der Franzos mag darüber sich moquiren so viel er
will er hat Recht für ihn ists Narreteidung weil er das nicht hat was wir
haben  verstehen Sie mich recht  unsre Essenz meinethalben Existenz Das
Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im Preussischen Militär Wenn
ich so sagen darf er betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das
Symbolum des Respektes vor sich selbst Und meine Herren schaffen Sie erst die
Spontons ab so fällt auch der Ringkragen warum nicht auch die Schärpe und der
Federhut und wo ist das Ende«
    Fuchsins und der Major hatten sich angesehen
    »Sie wollen auch gern die Kamaschen fort haben« fuhr der General freundlich
fort »Der Preussische Soldat ohne die Kamasche sage ich Ihnen ist nicht mehr
der Preussische Soldat So kennen sie uns so sollen sie uns wieder kennen
lernen anders nicht Weiß wohl liebster Major was Sie in Ihrem Memoire über
die Massenbewegungen sagen Charmant exprimirt sein beobachtet Durch diese
schnellen Evolutionen dass er gleichsam aus einem Sack die leichtfüssigen Massen
schüttelte seinen Feind flankirte von allen Seiten scheinbar zugleich angriff
sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte dadurch hat Bonaparte in den
meisten Bataillen gesiegt Richtig Aber gegen welche Feinde Sehen Sie
offenherzig gesprochen ich admirire auch seinen Erfolg und sein Genie aber was
sagt Friedrich in seinen Memoiren Wenn sich zwei Feldherren in langen Kampagnen
gegenüberstanden lernen sie sich dermaßen kennen dass jeder die Manier und die
Finten des andern auswendig weiß Wir sind nun in der Lage dass wir durch bald
zehn Jahr ihn aus der Ferne beobachtet haben und ich sage Ihnen dieses großen
Taschenspielers Kunststücke kennen wir nun er aber kennt uns nicht und kann uns
nicht überraschen Seine Chocs werden an uns abprallen wie die Schwärme der
Parter an den Römischen Triariern und was unsere Kavallerie anlangt so
braucht Niemand in Sorge zu sein Die Zieten und Seidlitze werden sich finden
zur poursuite wenn wir einmal die Kanaille geworfen Freilich im Laufen kommen
wir ihnen nicht gleich«
    Der General glaubte gesiegt zu haben Der Major aber sah ihn wieder fragend
an »Indessen mein General es waren doch auch andere Punkte «
    Der Veteran lächelte mit der Freundlichkeit eines Gönners der einen
Klienten nicht zu derb in die Grenzen des Respektes zurückweisen will
    »Ich habe das auch wohl gelesen und mich über die Intentionen und die
wohlarrangirte Explikation gefreut Aber meine Herren«  er schien auch den
Rat in seine Belehrung hineinziehen zu wollen  »mit Theorien hätte Friedrich
Schlesien nicht erobert unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders Herr
von Eisenhauch Und so war sie gut und ob sie dann noch gut bleiben wird wenn
Ihr Rekrutirungssystem durchginge Um Gottes Willen keine neuen Flicken auf ein
alt Kleid Draußen Unruhe aber Ruhe Ruhe Ruhe im Innern Nichts angerührt
Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermützen so gut als in
dem point dhonneur der Offiziere und der Kanton pflicht der Rekruten Ich räume
Ihnen ein ein Etwas muss anders werden das Verhältnis der Kapitäne mit
Kompagnie zu den Kapitäns ohne Kompagnie Diese sechshundert Taler und jene
mit vielen Tausenden mit Equipagen Reitpferden Fourgons Dienerschaft Das
schadet der Disziplin Das muss anders werden Die Zahl der zu Beurlaubenden muss
den Herrn Kompagniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darüber«
    »Würde diese Bestimmung genügen«
    »Für jetzt Herr Major wenn wir das durchsetzen können wir zufrieden sein
Wenn Sie mich nicht verraten wollen in meinen Ideen gehe ich weiter Es wird
eine Zeit kommen wo der Kapitän nichts mit dem Traktement seiner Leute zu
schaffen haben darf wo sie nur in einem Konnex reiner Disziplin zu einander
stehen So muss es einst kommen sag ich Ihnen aber diese Zeit erleben nicht
wir vielleicht nicht unsere Kinder Denn  der Mensch muss nicht zu klug sein
wollen oder es ist vorüber mit aller Autorité«
    Der General ging
    »Eine aus lauter Preussentum konzentrirte Säure« sagte der Major
    »Und doch immer noch einer der bessern« entgegnete der Rat »Er wird sich
auch wenn es gilt in seiner verrosteten Rüstung noch mit einem gewissen
Geschick rütteln«
    »Was hilfts den Andern« rief der Major der sich in den Armstuhl mit einem
Schmerzensseufzer niederwarf  »Ist dies die Haupstadt des großen Genius von
dem das Licht nicht über sein nein über unser Aller Deutschland aufging
Deutschland glaubt wenigstens noch dass es hier hell sei es ist der Anker an
den seine letzte schmerzliche krampfhafte Hoffnung sich anklammert«
    »Hat man es Ihnen draußen anders geschildert«
    »Nein Aber den Tand das Spiel und die Eitelkeit hielt ich für die Maske
unter der der männliche Entschluss die Vorbereitung zur Tat sich verbirgt Der
blonde Arminius ließ auch die schönen Römerinnen lange mit seinen Locken
spielen Mit dieser Selbsttäuschung reiste ich durch Ihre Provinzen Es sieht
knöchern aus überall ausgewaschene Kleider schlotternde Glieder eine
Maschine die klappert Der Geist nur kann das zusammenhalten tröste ich mich
der Nimbus um Friedrichs Thron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz von
fern gesehen Und nun hier zur Stelle Aus Kreisen in Kreise aus Gesellschaften
in Gesellschaften werde ich geschleppt Irgendwo hoffe ich wird ein Vorhang sich
lüften die Stimme von Sais ertönen Aber ein Vorhang nach dem andern reißt «
    »Und Sie sehen nur Draht Stricke und Kulissenschieber der Dirigent fehlt«
    »Sie haben doch einen König der nüchtern blieb unter den Taumelnden der
nicht blasirt ist ein scharfes Auge hat für das Unziemliche der nicht den
Esprit fort spielen will um seine Frivolität zu entschuldigen und seine
Unwissenheit zu verbergen Er will das Gute «
    »Gewiss Und es überkommt ihn oft ein Schauer in mancher Morgenstunde fühlt
er es kann so nicht mehr lange gehen Aber von wem soll er erfahren wie es
gehen muss  Keine Stände keine Magnaten kaum etwas was einem Adel ähnlich
sieht Die Prinzen was sind sie ihm Die Polterer verträgt er nicht die Genies
sind seiner Natur zuwider Unsere Minister kennen Sie unsre Kabinetsräte noch
besser Sie leben nur in den Tag hinein zufrieden wenn sie bis Morgen gesorgt
haben Er ist friedfertig und alle Morgen präsentiren sie ihm einen Schüssel
Ruhe mit Maasslieb und Vergissmeinnicht geschmückt So sieht es bei uns aus
Majestät und sehen Sie wie es draußen aussieht wo sie alles bessern wollten«
    »Aber er ist Friedrichs Enkel«
    »Grade der ist sein Spukbild Wo es ihm zu arg wird wo er darunter fahren
möchte es anders haben sagt man ihm das hat doch unter Friedrich bestanden
und es ging ganz gut Oder gar Majestät das hat Friedrich selbst eingerichtet
Dann erschrickt er in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht es besser
machen zu können Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Fürsten grade von
Denen citirt welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken müssten Es
sollte mich nicht wundern wenn der König einen förmlichen Widerwillen gegen
seinen Grossoheim einsaugte so störend wird sein Bild ihm überall vorgehalten
wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will«
    »Aber mein Gott Ihr großer König nannte sich Rex Borusorum König von
Preußen Wo sind denn seine Preußen Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr
das ihn einst auf seinen Schildern trug Oder war der Schmerzenslaut auf seinem
Sterbebett eine Wahrheit War der Große wirklich müde über Sklaven zu
herrschen«
    Der Rat zuckte die Achseln »Das ist eine Frage mein Herr über die wir
die Antwort der Zukunft überlassen«
    »Aber wenn keine Stimme hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr Wo die
Sturmglocken über den Kontinent läuten wo der nächtliche Feuerschein von allen
Seiten der Branstgeruch den Siebenschläfer aufwecken muss schläft das
preußische Volk allein da fort begreift es nicht was selbst jener verrostete
General ahnt dass es sich um Sein und Nichtsein handelt  Wo der Geist schläft
wacht doch das Interesse Für die Notdurft den Vorteil ist auch im Sklaven
der Sinn rege«
    Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gespräch oft in ein lautes
Der Regierungsrat hatte mit vorsichtigem Blicke Wache haltend den Eifer zu
dämpfen versucht Er setzte sich jetzt dicht neben ihn
    »Mein teuerster Freiherr rufen Sie Alles hier an nur nicht das Interesse
Wer soll denn wünschen dass es anders wird Sie befinden sich ja noch erträglich
wohl und die Kette klinkt auch noch ineinander wenn man nicht zu stark dran
reißt Der Ertrag der großen Güter steigt ihre adeligen Besitzer zahlen keine
Steuern und ihr Wert lässt sich durch die bekannten Künste im Hypotekenbuch ins
Enorme hinaufschrauben Ein Krieg und dieser Wert sinkt Und sollen die Junker
ihn wünschen denen im Heere am Hofe selbst in der Regierung die obersten
Stellen nach wie vor reservirt sind So viel Bürgerliche sich auch dazu im Laufe
eines Jahrhunderts aufgeschwungen sie blieben Ausnahmen oder gingen da oben in
die Klasse der Bevorzugten über Sollen die Kaufleute einen Krieg wünschen oder
auch nur eine Änderung  Sie seufzen unter starken Abgaben aber der Handel
blüht und sie werden reich Die übrigen Staatsdiener werden zwar kärglich
bezahlt aber pünktlich Wenn ein Krieg die Kassen leert woher dann die
Besoldung nehmen«
    »Ist das Ihre ganze Nation Haben Sie nicht Künstler Handwerker Männer der
Wissenschaft, kleinere Grundbesitzer Bauern die unter einer drückenden
Einteilung der Lasten seufzen«
    »Sie seufzen wohl aber sie sprechen nicht mit Und wenn sie zu sprechen
Lust hätten so haben sie noch nicht zu denken gelernt Mein Herr Major
Preußens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke Und nun betrachten
Sie auf den Wachtparaden die schwerfälligen alten Offiziere die Pontacsnasen
diese Kapitäne die kaum die Schärpe um den Leib pressen in den sie drei
Viertel ihrer Kompagnie verschluckten Sollen die Besserung wünschen nach
Neuerung verlangen Ich gebe Ihnen zu es sind nicht alle so die Armee zählt
schon viel jüngere Offiziere voll Feuer Begeisterung «
    »Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung« unterbrach der
Major »und ihr Herz schlägt nicht fürs Vaterland nur für das point dhonneur
und den esprit de corps «
    »Halt mein Herr es gibt auch «
    »Ich sah ich hörte sie auf meiner Reise Mir ward bange wenn ich dachte
dass Preußen auf diesen Säulen allein ruht und die Säulen sind unterspült und
gelöst von der Erde die sie tragen soll Ich schauderte wenn ich hörte wie
man überall vor den Soldaten die Schubläden und Türen verschließt als wären es
nur geworbene Landsknechte nicht des Landes Söhne Doch sei das mögen sie noch
Leibeigene sein nicht dem Vaterlande ihrem Kapitäne Aber allmächtiger Gott
welche Sprache musste ich unter diesen hören in den Wachtstuben der Herren
Offiziere Wäre das Deutschlands Adel so wäre er verloren nur schmählicher als
der Frankreichs nicht unter der Guillotine er stürbe an einem innern
fressenden Schaden In den kleinen Städten wenn der Bürger dem Wachtexercitium
zusah welche Urteile Sie gönnen es den Junkern dass sie recht tüchtig mal von
den Franzosen geklopft würden Und das musste ich von guten Patrioten hören
Weiß man denn nichts davon hier Ist man blind taub stumpf Ist das nicht ein
Zersetzungsprozess der den Blutlauf erstarrt«
    Der Major empfand einen Stoß an seinen Ellenbogen »Pst Laforest wirst
schon lange von seinem Ofen her beobachtende Blicke«
    »Mag er es« rief der Major aufstehend »Lieber ihm in den Rachen als da
dem neuen Rhinoceros«
    Das neue Rhinoceros war der eben eingetretene Legationsrat von Wandel eine
Sonne die sofort ihre Trabanten hatte
    »Ich kann den Menschen nicht leiden ich weiß nicht warum« sagte der Major
    »Das geht Anderen auch so Herr von Eisenhauch zum Exempel unserm Minister
Bovillard möchte ihn gar zu gern in unsern Staatsdienst ziehen Excellenz haben
aber eine unwiderstehliche Aversion«
    »Ist es denn wahr dass er die sieben Adler von Napoleon hergebracht hat«
    »So ist es«
    »Dann ists ja klar er ist eine französische Kreatur«
    »An dem Herrn ist mir noch nichts klar«
    »Mir scheint er gefährlich«
    »Ists Ihnen darum zu tun Aufklärung über den Punkt zu erhalten lassen
Sie uns zu Laforest gehen Der Kreis um ihn lichtet sich«
    »Sie warnten mich eben vor ihm«
    »In seinem Rayon ist man wenigstens vor seinen Spionen geschützt Es ist
sogar gut dass Sie sich ihm arglos zeigen«
    »Wie sollte er aber dazu kommen uns Aufschlüsse zu geben«
    »Er gehört nicht zu den zugeknöpften Diplomaten Überdem ist er jetzt satt
Bonapartes Gesandter hat was er will hier erreicht Er kann den nonchalanten
Plauderer spielen Er kann nicht allein den Rock aufknöpfen auch das Hemde
aufreißen damit wir seine Brust schlagen sehen Die gewinnende Vertraulichkeit
wird auch wohl noch zum Leimstock für eine harmlose Fliege Wie vergnügt Alle
von ihm fortgehen Trauen Sie keinem seiner Worte und doch ist es möglich dass
er uns die reinste Wahrheit schenkt Denn ob er mit ihr oder mit der Lüge uns
täuscht ist ihm gleichgültig Übrigens weiß er alles was hier geschieht und
früher und genauer als der Polizeipräsident Was der König beim Frühstück
geäußert lässt er schon am Mittag chiffriren Er kennt die Anträge der Minister
die nicht bis zum Könige durchgedrungen sind weil die Kabinetsräte Widerstand
leisten und ehe noch Seine Majestät eine Sylbe davon erfahren fliegt der
Kourier damit schon nach Paris«
    »Warum macht man Laforest nicht zum Minister des Auswärtigen«
    »Besser des Innern Der russischen Fürstin ward vorgestern ein
Brillantalsband gestohlen Die Polizei suchte umsonst Er hat es gefunden
Gestern erhielt die Fürstin das Band heut die Gerechtigkeit die Diebe«
    »O wer den Dieb der Deutschlands Heiligtum gestohlen der Gerechtigkeit
überlieferte« seufzte der Major »Ob wir uns auch an die fremde Diplomatie
werden wenden müssen«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
                                 Der Diplomat
Die Unterhaltung mit Laforest ward natürlich französisch geführt Der Gesandte
pikirte sich dann und wann eine barocke deutsche Phrase einzuschalten Es klang
so vertraulich und so abscheulich er war von der besten medisirenden Laune
    »Excellenz scheinen sich zu amüsiren«
    »Vortrefflich où peuton être mieux quan sein der illüstren Geister dieser
Residenz«
    »Die Dame des Hauses kann von besonderem Glück sagen wenn Herr von Laforest
so lange in ihrer Gesellschaft verweilt« sagte Herr von Fuchsius
    »Ein Gesandter muss beobachten«
    »Da Preußen in den letzten Monaten in Brüssel und Paris war« bemerkte der
Major »hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin
zu berichten«
    »Sagen Sie das nicht mein Herr Baron Den Kaiser interessieren die inneren
Bewegungen Ihrer Kapitale mehr als Sie denken Vor seinem durchdringenden
Blicke ist kein Winkel in Madrid und Konstantinopel verborgen aber in
Deutschland diesem Lande der Ideen und Schulen sind ihm überall Querzäune
Hecken und Gräben gezogen Er hat sich oft darüber geäußert Wenn er über
ReussGreitz im Klaren zu sein glaubt gewahrt er plötzlich dass es in
ReussSchleitz ganz anders aussieht Hier verehren sie Schiller dort Goethe
Dort Kant hier Fichte Hier gilt schon etwas für Dummheit und Aberglauben was
dort noch gefährliche Aufklärung ist Feine Konjekturalpolitik logische
Schlüsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus Da stampft er
mit dem Fuß schreibt eigenhändig MarginalBemerkungen Warum dies Warum das 
Ein französischer Gesandter an einem deutschen Hofe wüsste eigentlich erst auf
deutsche Schulen gehen wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten
wollte«
    »Allerdings bequemer wenn man auch Deutschland über einen Leisten scheeren
könnte«
    Der Gesandte lächelte beifällig
    »Er hat ein gutes Scheermesser wie Sie wissen und was das übrige
Deutschland betrifft kommt es ihm auf einige Höcker mehr oder weniger nicht an
Aber warum Ihr specielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet das
interessiert ihn Diese intensiven Bande der Sprache des Gefühls der Poesie und
Philosophie«
    »Was ihm gewiss ungleich interessanter ist als die Situation unserer
Festungen und Straßen zu erhalten«
    »Unbedenklich« sagte der Gesandte eine Prise nehmend die verbergen
sollte dass er recht wohl bemerkte wie der Rat umsonst dem Major einen Wink
gab seine Invectiven zu lassen »Denn wenn es zum Kriege mit Preußen käme was
der Himmel verhüte und ich für unmöglich halte so lässt der Kaiser mein Herr
weder durch TerrainSchwierigkeiten noch Festungen sich aufhalten Der
Kontinent liegt vor ihm wie eine Specialkarte er hat die Risse aller Festungen
und die Kataster Ihrer Zeughäuser Er weiß wo er die Elbe passieren muss um nach
Berlin zu marschiren er kennt sogar die Straßen durch die er einrücken würde
aber Ihre Parteien das muss ich gestehen kennt er nicht«
    »Auch nicht wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntnis setzt«
    »Ma foi ich kenne sie auch nicht Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen
Geister die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reichs deklamiren von Arminius
und Wittekind und  Tusnelda und deutschem Adel zuweilen von Freiheit
zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhäusern und die überall
konspiriren möchten im Namen der Religion und Tugend für ein Etwas was nie
gewesen ist Verzeihen Sie darüber berichte ich ihm wirklich nicht er würde
mich auslachen«
    »Sind Seine Majestät der Kaiser so scherzhaft gestimmt«
    »Er lachte wenigstens eines Tages als Talleirand ihn auf die gefährlichen
Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte Soll ich mich etwa um
KommisVoyageurs bekümmern welche die verlegene Ware des feudalistischen
Patriotismus an den Mann zu bringen suchen  Aber als Freund möchte ich Ihnen
meine Herren anraten wo Sie etwa einen dieser Reisenden träfen ihn zu warnen
dass er es nicht zu arg treibt Der Kaiser einmal in Harnisch gebracht versieht
keinen Spaß mehr«
    Der Rat hatte die Hand des Majors rasch ergriffen ehe dieser den Mund
öffnen konnte »Excellenz haben ganz Recht es gibt unter uns keine Parteien
da wir Alle dasselbe wollen das Glück unseres Vaterlandes«
    »Ganz wie in Frankreich« sagte der Gesandte »Wenn die Nationen sich nur
verständen so wäre die Erde ein Paradies«
    »Und Diplomaten können viel dazu beitragen«
    »Wie ich von Herrn von Laforest überzeugt bin dass er nur Gutes und
Wohlmeinendes über uns nach Paris berichtet«
    »Was könnte ich anders A propos da fällt mir ein neulich konnte ich ihm
nur Stossseufzer berichten Sagen Sie was ist das für ein Weg von hier nach
Tegel Knietiefer Sand und Steine Aus Erbarmen für meine Pferde musste ich aus
dem Wagen springen«
    »Was führte Excellenz nach Tegel«
    »Sein expresser Auftrag«
    »Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen«
    »Im Kreise der Kaiserin war von der Staël die Rede gewesen Madame Josephine
suchte sie zu verteidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls  unter uns
Napoleon ist darin etwas kleinlich  dabei kam man auf ihre Studien in
Deutschland auf Herrn von Goethe der ein romantischer Poet und Minister
zugleich sei was Napoleon wieder nicht begriff auf ein didaktisches oder
dramatisches Poem desselben Doktor Faust auf die Illustration eines
Hexensabbats ich glaube Walpurgisnacht wo ein Vers vorkommt der ja wohl
heißt
Und dennoch spukts in Tegel
Irgend ein Germanomane muss wohl in der kleinen Societät gewesen sein wie dem
nun sei der Kaiser ließ sich die Worte übersetzen und erklären Das Spuken kann
er nicht leiden er meinte es spuke überall in Deutschland warum in dem Orte
von dem man ihm gesagt dass er dicht bei Berlin liegt was das zu bedeuten habe
was Tegel sei Kurz das Ende vom Liede eine Anfrage an mich ein Befehl an Ort
und Stelle zu untersuchen und zu berichten«
    »Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des großen Gelehrten der wohl
nicht auf den Kordilleren mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspirirt haben
wird«
    »Ein großer Mann pikirt sich in seiner Laune oft auf Kleines Er traut Ihrem
Könige wie seinem Busenfreunde aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er
sogleich an Höllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt Den Baron
Humboldt ästimirt er sehr«
    Der Major bemerkte »Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige was
Excellenz aus Berlin zu melden hatten«
    »Im Gegenteil Herr von Eisenhauch was gab es nicht in den letzten Monaten
zu berichten Die Ansichten die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der
Hinrichtung der Kindesmörderin Es handelte sich dabei um Abschaffung der
Todesstrafe im Volk glaubte man es wenigstens Wenn Preußen die Initiative
ergriffe glauben Sie nicht dass der Kaiser mit Vergnügen darauf einginge Dann
die Frage ob der Geheimrat Lupinus abzusetzen sei oder nicht Welche andere
Frage knüpfen sich nicht daran Unter uns Napoleon würde vielleicht kürzeren
Prozess gemacht haben freilich je nachdem Und dann die Excesse in dem Hause der
Obristin Wie viele seine Hoffäden spielen da hinein und ich muss gestehen man
hat es mit Takt applanirt Der Kaiser war wie ich Ihnen im Vertrauen sagen
kann darüber erfreut an einem andern Hofe würde man in der verdächtigen Dame
eine seiner Emissairinnen gewittert haben Auch die Anwesenheit der vielen
vornehmen Fremden genirt ihn gar nicht Ginge es freilich nach Talleirand so
hätten wir längst auf die Ausweisung der Fürstin Gargazin gedrungen Sagt man
nicht im Publikum sie intriguire für Russland Immerhin wir kennen Ihren König
Ihren Hof Ihr Volk und Land und sind vollkommen ruhig«
    »Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden«
    »Und was habe ich jetzt zu berichten über den Empfang des Monsieur Jean
Paul Muss ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft um nur Zeuge zu sein der
Huldigung und Vergötterung des Poeten«
    »Wenn Troubadoure wie die Rattenfänger von Hameln durch den Kontinent
zögen würde Seine Majestät Kaiser Napoleon sparen können an  Diplomaten die
beobachten vielleicht auch an Armeen die für ihn erobern«
    »Mein Kaiser ist ein Eroberer Sie haben Recht Major er ist dazu geboren
Glauben Sie aber nicht dass er es vorzöge wenn er den Embarras der Waffen
sparen und die Herzen erobern könnte Wenn die Deutschen doch ihre wahren
Interessen verständen Teilen wir Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt
und lässt dafür Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und
der Schönheit Die Deutschen haben Überfluss an Produkten und ihnen fehlt nur
der Markt dafür Den eröffnet er ihnen in seinem Weltreiche«
    »Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Teilung«
    »Ach ich weiß vom Parnass«
    »Indessen hat uns Seine Majestät der Kaiser auch schon mit etwas Irdischem
beglückt Sieben seiner höchsten Ordenszeichen allein für unsern Hof«
    »Ich bin beschämt eben zu hören dass Seine Majestät Ihr König so schnell
sich revanchiren will Auch sieben seiner schwarzen Adlerorden gehen nach
Paris«
    »In der Tat« sagte der Major »Ich möchte der glückliche Überbringer
sein«
    »Wie der Überbringer der Kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer
glücklichen Entree sicher ist« setzte Herr von Fuchsius hinzu
    »Nein er hat das Bein gebrochen« sagte der Gesandte
    Rat und Major sahen sich verwundert an und dann nach dem andern Zimmer wo
der Legationsrat der Russischen Fürstin eben die Pflegetochter des Hauses
vorstellte
    »Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen«
    »Ach ein kleiner Irrtum meine Herren Ein Adjutant von Mortier war als
Kabinetscourier hergeschickt Er brach in einem Hohlweg unglücklicherweise Wagen
und Bein und da ihm zur Pflicht gemacht war Depesche und Beilage an einem
bestimmten Tage mir einzuhändigen glaubte er ihr zu genügen wenn er beides
Jemand überlieferte auf den er sich verlassen könnte Der arme Debeleime liegt
noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel der wirklich
mit aufopfernder Güte und Kourierpferden den Auftrag statt seiner ausgeführt
hat«
    Rat und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren was sie wissen
wollten
    »Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen« fragte nach
einer Pause der Major
    »Ein Packet von Erfurt nach Berlin zu tragen Das übergebe ich dem ersten
besten Landreiter der ein anständiges Trinkgeld einem gefährlichen Angriff auf
bunte Blechwaaren vorzieht« Laforest lächelte »Meine Freunde wozu unter uns
ein Versteckspiel wo Jeder dem Andern in die Karten sieht Sie wünschen zu
erfahren ob und in welchem Konnex ich mit Herrn von Wandel stehe Wenn ich nun
feierlich dagegen protestirte würden Sie mir glauben  Sie würden wenigstens
sehr unrecht tun Ich protestire aber gar nicht dagegen«
    »Sie geben ihn nur durch Ihre Erklärung bloß«
    »Ich übergebe ihn Ihrer Divinationsgabe denn meine ist bis dato noch an ihm
gescheitert«
    »So muss er Ew Excellenz beschäftigen«
    »En passant Der Fürstin Gargazin drängt er sich auf also gehört er nicht
zu ihr Ein Oesterreichischer Agent ist er auch nicht er spricht zu viel von
seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hose Für Englische Spione habe ich
einen besonderen Takt Aber «
    »Vielleicht aus Spanien oder Schweden« warf der Major ironisch hin
    Ein eigenes Lächeln schwebte um die Lippen des Gesandten »Warum nicht auch
aus Frankreich Ich bin nur der offizielle Gesandte mag Talleirand nicht auch
einen geheimen für nötig halten der mich beobachtet«
    Hier war die Möglichkeit einer Wahrheit Die Blicke der Beiden gestanden es
sich und Fuchsius erwähnte dass der Legationsrat seiner Angabe nach
bedeutende Güter in Thüringen besitze Interessirte er wirklich in der
angegebenen Art den Gesandten so musste dieser sich darüber Aufklärung
verschafft haben Laforest ging auch sofort darauf ein
    »Allerdings hat er sich dort angekauft in einer Subhastation erstand er
nicht unbedeutende Güterstrecken man sagt indes solche die nie lange in der
Hand ihres Besitzers blieben weil sie schwer belastet kaum die Mühe der
Kultur lohnen Hier in Berlin will er sein um mit den Männern der Wissenschaft
einen Meliorationsplan zu entwerfen Warum nicht Er kann aber auch zu allerhand
andern Geschäften da sein um die Quadratur des Cirkels zu finden Geister zu
citiren  das Wahrscheinlichste ist mir aber immer um Geld zu machen
Dailleurs Messieurs diese Mysticismus duftenden Personen sind meiner Natur
entgegen Ich überlasse daher den Legationsrat auf parole dhonneur ganz wie
er ist Ihren Recherchen Aber da fällt mir ein  wissen Sie schon dass der
junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat«
    »Den Legationsrat  Ach es ist richtig wegen jener alten Geschichte«
    »Man findet es sonderbar dass Herr von Wandel gleich nach der Affäre
abreiste und gerade damals an Ort und Stelle seine Güter und so lange
amelioriren musste«
    Der Major hatte während des Gesprächs die betreffende Person scharf ins Auge
gefasst »Ich sehe keine Veränderung in diesem eisernen Gesicht«
    »Möglich Naturen dieser Art sind mir wie gesagt fremd Die Präparationen
des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen werden
Beobachten Sie doch gefälligst meine Herren wenn Sie sich nachher in die
Gesellschaft verlieren ob schon Andere davon wissen ob der Legationsrat
bekannte Personen in den Winkel zieht Das sind freilich Bagatellen aber aus
Bagatellen lernt man einen Menschen kennen«
    Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht
zu haben die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgültig Auch die
Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge übergegangen Er
sprach etwas von Sympatien und Antipatien jene weil sie sich chemisch auf
ihre Elemente zerlegen lassen kümmerten ihn nicht woher aber komme die
Idiosynkrasie jener angeborene Widerwille den die Vernunft umsonst bekämpfe
Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause Aber er schien
jetzt nur der Sympatie zu huldigen indem er die Frauen die Musterung passieren
ließ
    »Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympatie die schöne Pflegetochter
des Hauses zu beobachten Allen Respekt Ihrem Geschmack Oder flattern Ihre
Augen weiter denn man muss gestehen es entfaltet sich ein unvergleichlicher
Blumenflor Wer ist die junonische Schönheit dort«
    »Excellenz meinen die Herz«
    »Nein die den halben Rücken uns zugedreht«
    »Baronin Eitelbach«
    »Die« Der Gesandte schielte mit sardonischem Lächeln über das Ofengesims
»Schön ist sie«
    »Auch tugendhaft«
    »Nous le verrons«
    »Zweifeln Sie nicht daran Excellenz die arme schöne Frau hat keine andern
Eigenschaften«
    »Messieurs Die Gelegenheit macht Diebe und Intriguen den Verstand Geben
Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin versetzen Sie sie täglich in
die Salons wo der Verstand sich reiben und schleifen muss  Der Witz spriesst
von selbst heraus und  Ihre Landsmänninnen werden so liebenswürdig und
intriguant wie eine Pariserin«
    »Was die Baronin betrifft so haben wir Grund es zu bezweifeln«
    »Meine Herren was gilt die Wette diese Dame die jetzt für dumm gilt hat
in Jahr und Tag Esprit sie wird interessant witzig das Stadtgespräch
vielleicht die Beauté die Sonne der Gesellschaften«
    Man sah Laforest verwundert an
    »Die neuesten Mysterien von Berlin Und es ist exakte Wahrheit«
    Er zog sie hinter den Ofen und flüsterte die Hand am Munde etwas was ihn
selbst wenigstens angenehm kitzeln musste denn das Gesicht verlor im Erzählen
den diplomatischen Ausdruck
    »Que ditesvous Aber es bleibt ein Mysterium«
    »Was sagen Sie dazu« fragte der Regierungsrat als Laforest sie verlassen
    »Dass Berlin auf gutem Wege ist Paris zu werden Aber das riecht sogar nach
Byzanz Im Augenblick des höchsten Ernstes ein solches Spiel niederträchtiger
Frivolität«
    »Diese Menschen können nicht aus ihrer Natur«
    »Was solls mich dann kümmern ob Einer mehr noch einen Faden treibt in das
Gewebe verstockter Torheit niederträchtiger Gesinnung und liederlichen
Willens«
    »Sie müssen spielen um zu leben«
    »Man naht doch mit heiliger Scheu der Stätte die ein großer Geist geweiht
hat Noch sinds nicht zwanzig Jahr dass sein Auge leuchtete seine Stimme
tönte und nun solche Kreaturen wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes Sind das
die Würmer die an des Riesen Leichnam nagten Oder fragt man sich
unwillkürlich erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem
Dunstkreise Und war es anders wenn man ihn im Schlafrock sah«
    »Das ist eine fürchterlich ernste Frage mein Herr von Eisenhauch Seine
Atmosphäre war vielleicht nicht angetan um Männer zu erzeugen Er sehnte sich
nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit aber sein scharfer Atem das Feuer
seines Auges ließ die Embryonen nicht aufkommen Friedrichs Tafelrunde war für
blitzende Geister und kühne Ritter aber für Charaktere war doch kein Platz«
    »Und wir brauchen sie Männer  wenn nur einen und der Eine ist es auch
nicht  eine verglaste Ruine an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt um
die ungeheuere Verwüstung zu zeigen«
    Der Rat drückte ihm die Hand »Trösten wir uns dass die Zeiten verschieden
sind Eine jede gebiert das dessen sie bedarf also auch ihre Männer«
    Sie verloren sich in der Gesellschaft Fuchsius stieß an der Tür mit
Laforest wieder zusammen der den Hut in der Hand die Versammlung rasch
verlassen zu wollen schien »Wohin Excellenz«
    »Zum Berichten«
    »Was wenn das Herz des Diplomaten noch geöffnet ist«
    »Was Sie mehr interessiert als mich«
    »Geht die Eitelbach in die Falle«
    Der Gesandte flüsterte ihm ins Ohr »Stein wird doch Minister«
    »Eine Attrape«
    »Für den es trifft übrigens eine neueste wirkliche Neuigkeit«
    »Von Engeln ihnen zugeraunt«
    »Der Russischen Fürstin«
    »Und warum jetzt«
    »Weil man keinen andern Finanzminister austreiben kann Nutzen Sie es Herr
von Fuchsius Ein neuer Minister verspricht alles und gewährt zuweilen einiges
wenn man schnell dahinter ist«
    Laforest verschwand
 
                         Siebenundzwanzigstes Kapitel
                             Die russische Fürstin
Einfacher konnte man für eine große Gesellschaft nicht gekleidet sein als die
russische Fürstin Ihr Kleid schimmerte ins Graue nichts von Brillanten kein
Geschmeide Die glänzend schwarzen Haare scheitelten sich schmucklos um ein
seines ausdrucksvolles Gesicht in dessen breiter als europäisch geschlitzten
Augen zuweilen ein stilles Feuer glühte das seine Strahlen aus einer schöneren
Welt zu borgen schien und ein süßes harmonisches Lächeln spielte dazu um die
wohlgeformten Lippen Sie musste Jedem etwas Angenehmes oder Interessantes zu
sagen wissen denn ein solcher Eindruck strahlte vom Gesicht Derer die vor ihr
gingen
    Seit Laforest den Schauplatz verlassen schien sie der Magnet geworden
welcher die Wandelsterne anzog
    »Was hat die nordische Sybille meiner Freundin vertraut« fragte die Wirtin
die Baronin Eitelbach »Sie lächeln ja so vergnügt«
    »I Gott bewahre ich lache nicht Sie hat mir nur gesagt  es ist zum
Todtlachen«
    »Gewiss eine Wahrheit Das sehe ich auf Ihrem Gesicht«
    
    »Sehen Sie auch in die Gesichter rein Geheimrätin Ich wäre sterblich
verliebt hat sie gesagt oder wenn noch nicht so würde es bald zum Ausbruch
kommen Ist das nicht zum Todtlachen«
    »Prüfen Sie Ihr Herz« sprach die Geheimrätin den Zeigefinger erhebend
und entfernte sich in der Richtung nach dem neuen Zauberkreise Die Anwesenheit
der Fürstin war ihr zwar angenehm sogar sehr angenehm es war die vornehmste
Frau in ihrer Societät Aber was sie Laforest vergab war ihr hier nicht mehr
angenehm die Fürstin zauberte zu viel
    Herr von Wandel stand neben der schönen Frau die an ihrer Schärpe zupfte
Er hatte das Gespräch behorcht »Prüfen Sie Ihr Herz« wiederholte er mit
sanfter Stimme
    Sie fuhr etwas zusammen Ein Wort des Vorwurfs schien auf ihren Lippen
bereit aber mit so Zutrauen erweckendem Blicke sah der ernste Mann sie an Er
hatte es nicht böse gemeint und er spasste nicht
    »Wenn dies Herz am Altar der Grausamkeit geopfert hat so seien Sie
wenigstens menschlich grausam zeigen sich nicht immer Mittags am Fenster ihr
Köpfchen zwischen den Balsaminentöpfen Das nährt die Hoffnung die Sie nicht
erfüllen können«
    »Das tue ich ja immer«
    »Und weil er das weiß reitet er immer vorüber«
    »Wer  Sie meinen doch nicht die Dragoner und die Gensdarmen die
marschiren immer nach der Parade durch unsere Straße Ihre Musik ist gar zu
schön und die Uniformen «
    »Der Dragoner  und auch der Gensdarmen« setzte der Legationsrat mit
Betonung hinzu
    »Herr Gott Sie ängstigen mich Legationsrat wer sieht denn nach mir
rauf«
    »Machen Sie eine Badereise Vielleicht vergisst er Sie«
    »Wer Wer Sie Quälgeist«
    Der Legationsrat hielt die schöne Hand noch immer in seiner und blickte so
sinnig fragend zu ihr herab »Sollte das Verstellung sein Nein dies
seelenvolle Auge kann nur der Spiegel der inneren Wahrheit sein«
    »Sie meinen doch nicht den Lieutenant Kleist oder den Fähndrich Kaphengst
Mit dem hab ich ja noch gespielt als Kind und der ist mein Neveu«
    »Sie spielten ein gefährlich Spiel mit ihm  das Spiel des Zornes gnädige
Frau Eine Frau darf nicht hassen«
    »Wen hab ich denn gehasst ich wüsste Niemand«
    »Nennen Sie es Antipathie Widerwillen wie Sie wollen sobald die Abneigung
zur Leidenschaft wird hat Sie etwas  Interessantes Lockendes Mancher Kranke
der eine Medizin mit Widerwillen nahm schlürft sie zuletzt mit Leidenschaft Ja
hätten Sie ihm gleichgültige Verachtung gezeigt Aber Sie exponirten ja Ihre
Antipathie Das darf eine Frau nie tun Sie ließ ihn merken wie schon seine
Gegenwart sein Anblick Ihnen zuwider war Das von einem Weib reizt den Mann
Er kann sich rächen wollen Das sind unedle Naturen Aber gehasst zu werden von
einer schönen Frau ist ein berauschendes Gefühl Es stachelt unsre Eitelkeit
wir sinnen nach welche unsrer Eigenschaften denn diese Leidenschaft in dem
schönen Gegenstande geweckt haben kann«
    »Herr Gott Sie meinen doch nicht«
    »Namen nenne ich nie Wenn Sie ihm den Rücken kehren sieht er nur Ihre
schöne Taille wenn Sie die Schleppe verächtlich um den Arm schlagen nur den
gerundeten Ellenbogen So wissen Sie nicht dass Sie in jeder Bewegung die Ihre
Abneigung deployiren soll einen Köder auswerfen und statt ihn abzustossen
fesseln Sie ihn«
    Die schöne Frau warf einen Blick ins Leere und er traf die Wahrheit Momente
gibt es wo sie in jeder Natur durchschlägt aber es sammelten sich zugleich
eine Masse Erinnerungen die ihr Auge jetzt trübten jetzt einen Strahl des
Zornes entzündeten und es platzte heraus
    »Wie das Porzellanservice aus Meissen ankam und der Spediteur es so schlecht
verpackt hatte und mehr als die Hälfte war auf dem Transport zerschlagen
vierhundertfünfzig Taler der Schaden und Gott weiß welche Mühe es gekostet
dass ich Meinen dazu gekriegt Und war nicht versichert Da sollten Einem wohl
nicht die Tränen ins Auge treten ich möchte heut noch weinen und er  lachte
ja das hat er sich ordentlich geschüttelt O er hat ein schlechtes Herz Ich
habs ihm aber gesagt das kam aus einem boshaften Gemüt Und voriges Jahr noch
in der Gesellschaft bei den Leuten  i mein Gott Sie kamen ja auch noch nachher
 da nahm er mir ja den Stuhl vor der Nase weg Ich begreife gar nicht wie man
so grob sein kann und so maliciös«
    »Vor Andern Wer sieht ins Herz«
    »Er pustet ja ordentlich vor Selbstgefälligkeit Glaubt er alle Frauen
müssten sich in ihn verlieben wenn er den Bart streicht«
    »Das ist ein eigen Kapitel meine Freundin von der Sympatie und der
Antipathie Ich kenne den Herrn Rittmeister nicht ich weiß nur «
    »Dass mir ordentlich wohl ist wenn ich ihn in einer Gesellschaft nicht
treffe«
    »Ob ihm aber wohl ist  Sie sahen nicht wie er nach jener Gesellschaft wo
er Sie so auffallend beleidigt Ihnen immer von sein folgte wie er wartete um
Sie einsteigen zu sehen wie er als der Wagen vor Ihrem Hause vorfuhr schon
durch Quergassen schneller dahin gekommen war und an der Ecke im Mantel
verhüllt sah er Sie aussteigen Mich dünkt Sie sahen sich um und wandten
schnell den Kopf «
    »Ich erinnere mich nicht«
    »Sie müssen ihn gesehen haben Wenn da grade nicht doch ein ander Mal
Entsinnen Sie sich nur Man kann sagen er folgt Ihnen auf Schritt und Tritt
vielleicht unwillkürlich«
    »Sie erschrecken mich Herr von Wandel Der Mensch lauert mir auf um mir
einen Affront anzutun«
    »Das will ich nicht hoffen«
    »Aber ich bitte Sie s ist ja rein unmöglich Wer sich so vor den Menschen
beträgt was kann der Gutes im Schilde führen«
    »Der unerklärte Trieb unserer Naturder ewige Zwiespalt unserer selbst das
Licht und der Schatten der Ahriman und der Ormuz dass wir schaffend vernichten
vernichtend schaffen Wenige die sich über diesen Zwiespalt erheben die dies
Rätsel der Natur gelöst Sie selbst meine teure Freundin werden dies oft
empfunden haben Ihr sinnend Auge gibt mir die Antwort«
    »Dieser Mensch begegnet mir überall« sagte der Major an einer andern Stelle
zum Regierungsrat »wie ein eiskalter Luftzug Undurchdringlich im Gespräch
alles wissend jedem Gefühl verschlossen Ich bin jetzt zu glauben geneigt dass
Laforest wirklich kein Bohrloch in dieser glatten Wand gefunden«
    »Und doch sehen Sie welches Leben er in die schöne Bildsäule gehaucht Man
möchte erfahren was der Magus mit ihr sprechen konnte«
    »Sollte er in der frivolen Intrigue mitspielen Sie waren nachher in
eifriger Konversation mit ihm«
    »Eifrig«
    »So war seine Miene«
    Fuchsius lächelte »Er fragte mich ob das Vermögen von ihr oder von ihm
käme Von Heims neuer Wunderkur von der Legirung des Platina und von der
neuesten Liaison der Unzelmann Das war ein Teil unseres Gesprächs das glatt
wie ein Aal hingleitete Nähern wir uns der Sybille Jetzt spricht er mit ihr«
    »Auch nur en passant«
    Die Sybille schien einen Köcher von Liebespfeilen ausgeschossen zu haben
oder waren es wirklich sybillinische Sprüche was der Physiognomie der Andern
einen so besonderen Ausdruck gab Doch hatte Jene plötzlich Allen den Rücken
gekehrt um der Wirtin ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken
    »Elle est une merveille damabilité« versicherte der Geheimrat Lupinus von
der Vogtei beide Hände als Schallrohr vor dem Mund denen die ihm entgegen
kamen »Pleine de grâce et dune sagesse sil mest permis de mexprimer ainsi
presque étérée Et un savoirfaire«
    »Na warum denn« sagte der Doktor Marcus Herz der ihm in den Weg getreten
kam und nicht Platz machte
    »Mon ami« rief Lupinus »Elle a une pénétration parfaite elle lit dans
votre coeur comme dans un livre ouvert«
    »Auch in Ihrem Geheimrat« fragte der Arzt seine Hand auf Lupinus
Schulter legend
    »Elle connaît tout le monde elle enchante tout et est enchantée de tout«
    »Auch von Ihnen Na hören Sie dann ist sie mehr als ein Wunder  ein
Meerwunder«
    »Immer der liebenswürdige Satyriker Mais quant à la beauté Madame Herz
kein Vergleich Elle est la beauté même et aussi pleine de sagesse«
    Die Fürstin hatte ihren schönen Arm halb um die Wirtin geschlungen ihr für
den vergnügten Abend zu danken »Aber das Beste entziehen Sie mir so lange«
    Die Lupinus bedauerte dass der Dichter noch immer auf sich warten lasse
gewiss sei es ein plötzliches Hindernis was die Ankunft der alle Herzen
entgegen schlügen nur verzögere
    »Ich kann die Spannung begreifen« entgegnete die Fürstin »ob er aber die
Erwartung befriedigen wird Es kommt sehr auf die Laune an in der er ist Aber
ich meine jetzt unsere teure Wirtin die freilich der Gesellschaft angehört
und ein einzelner Gast wäre unbescheiden wenn er mehr fordert als auf seinen
Teil ihm zukommt«
    Die Geheimrätin meinte sie habe nicht den Andern im Lichte stehen wollen
und besonders vor Einem nach dem Alle unwiderstehlich sich angezogen fühlten
    Ohne auf das Bittere zu achten was sich dem Kompliment unwillkürlich
beimischte sah mit einem innigen Blick die Fürstin sie an »Wozu diese
Gemeinplätze zwischen uns Sie sind eine Märtyrin und Ihr ganzes Leben ist ein
Opfer Ich weiß ja alles und ich betrachte mit einer bewundernden Teilnahme Ihr
stilles Wirken der Resignation Was kann Ihnen diese Gesellschaft sein Sind Sie
nicht mit sich selbst mit Ihren Büchern in einer besseren Und alle diese
Embarras nur um Andern Freude zu machen«
    Die Lupinus protestirte dagegen Sie kannte die Fürstin noch zu wenig Sie
wusste nur dass sie vertrauten Umgang mit Elise von der Recke gepflogen dass die
Jünger der romantischen Schule bei ihr Zutritt hatten man sagte auch dass sie
der katolisirenden Richtung dieser Schule huldige Sie antwortete mit der
Banalphrase dass Andern Freude bereiten selbst Freude schaffe
    Die Fürstin streifte darüber hinweg wie über ein etwas was keiner
Erwiderung bedurfte Aber es lag keine Beleidigung in ihrem Blick
    »Ihr ganzes Opferleben fühl ich in mir selbst wieder« sprach sie sich in
die Ottomane zurücklehnend auf der Beide in einer Nische Platz genommen »Ich
fühle es wieder obgleich mir was die Welt ein glücklicheres Los nennt
beschieden war Der Fürst mein Gatte verstand mich ich verstand ihn Ich
brauchte nicht ängstlich vor der Welt den Schirm vorzuhalten damit man seine
Schwächen nicht gewahre Er war kein eminenter Geist kein Gelehrter er liebte
das Leben und trank seine Genüsse wie den Schaum des Weines er war was die
Welt nennt ein vollkommener Lebemann aber ohne Arg grade wie er war gab er
sich Da musste die Vorsehung nach einem kurzen Glück  wozu Elegieen an einem
so frohen Tage Es war so besser für ihn für mich«
    Wo sollte das hinaus dachte die Geheimrätin »Mein Mann ist « die Fürstin
unterbrach sie aber mit einem sanften Händedruck
    »Ich frage mich oft warum müssen diese Kräfte durch Anstrengungen gehemmt
werden die nie eine andre Frucht tragen können als einen Schein Denn Ihren
sonst to trefflichen Mann werden Sie doch nicht gesund machen ich meine so
gesund das er sich wieder ins Leben taucht«
    »Ich versuche wenigstens es ihm so angenehm wie möglich zu machen Seine
Ansprüche sind so bescheiden«
    »Das weiß ich Aber ist das eine Aufgabe für eine Frau Ihres Geistes Sein
Glück ist gemacht indem Sie ihm in seiner Assiette sich selbst überlassen Sie
könnten doch frei sich mehr Ihren eigenen edleren Trieben überlassen Freilich
haben Sie sich eben wieder eine neue Sorge auferlegt die Sie ganz absorbirt
doch wer wollte da ein Wort gegen sagen  Aber nun bewundere ich Sie wieder
wie Sie sich auch der Familie Ihres Mannes annehmen Dies Festin ist doch auch
gegeben um Ihren Schwager gewissermaßen in der Gesellschaft wieder zu
retabliren«
    Die Geheimrätin seufzte »Man muss doch für seine Familie leben«
    »Das ist ein schöner Zug im deutschen Gemütsleben«
    »Wo der Staat seine Ehre anerkannt hat darf die Familie sie nicht sinken
lassen«
    »Hoffen Sie dass er wieder den rechten Weg finde der arme Irrende«
    »Das hoffe ich nicht «
    »Man muss nie eine Hoffnung aufgeben Aber sehen Sie da  sie ist reizend
Und welche Gruppe diese beiden Frauen Zum Malen«
    Ihre Blicke hafteten auf Adelheid die mit der Doktor Herz im Nebenzimmer
sich unterhielt Die Fürstin schwärmte in dem Lobe ihrer Schönheit Es war mehr
als Malerei sie lebte in der Schilderung mit ihre nervösen Bewegungen
verrieten es
    »Hier kann man den Unterschied von Schönheit und Schönheit studieren Madame
Herz ist gewiss eine vollkommene aber ihr fehlt etwas«
    »Der Kopf ist zu klein für die junonische Gestalt« sagte die Geheimrätin
    »Ich betrachte sie nicht als Sculpteur Die Psyche ists die mich
interessiert wie das innerste ein knospet und blüht in der Erscheinung! Aber Sie
mögen Recht haben liebe Frau aus dieser edlen großen Gestalt schoss nicht mehr
auf als ein kleiner Kopf weil es an dem Feuer gebrach das eine gebietende
Stirn eine Jupiternase schwellende Lippen das schwimmende überwältigende
Auge schafft«
    »Die Herz ist passiv aber sehr intensiv«
    »Quimporte«
    »Und tugendhaft«
    »Cest ça Par son naturel Aber sehen Sie trotz des orientalischen Nimbus
ich frage Sie könnte ein Maler aus dem Gesicht eine Heilige machen Nimmermehr
ihm fehlt die Sinnlichkeit  Sie bewegt sich  jetzt recht lebhaft  drückt
ihre Lippe es aus Verrät es das Auge  Und nun dagegen Adelheid Eine
unwillkürliche Bewegung ihres Füsschens und die Lippe spricht es aus das
Grübchen am Kinn Elastisch die ganze Figur aber das Gesicht die Blüte Wenn
ich nichts als das Gesicht sähe wollte ich mir ihre ganze Gestalt konstruiren
O Sie müssen eine wahre mütterliche Freude an dieser Requisition haben«
    »Wenn sie meinen Erwartungen entspricht Ihre Erziehung entsprach den
beschränkten Sphären ihres elterlichen Hauses Es müssen viele Gewöhnungen
vulgäre Ansichten ausgetrieben werden «
    »Nichts austreiben um Gottes willen nichts austreiben teure Frau«
    »Ihr fehlt das Sublime Ich sehe noch immer durch alle ihre Reize den Ton
aus dem sie gebildet Aus ihren ästhetischen Urteilen platzt zuweilen eine
Natürlichkeit über die ich erschrecke Dass die Herz sich für sie interessiert
ist mir lieb ich hoffe sie soll aus ihrer Konversation lernen Manches Eckige
Erdige wird sich abschleifen um dem Sinnigen Platz zu machen«
    Die Fürstin sah sie verwundert an aber die Missbilligung die in ihrem
Blicke lag ging in ein Lächeln über »Nicht die Herz Keine Hofmeisterin Die
Herz würde ihr schöne Maximen predigen O keine Predigten  Sie zur Tugendpuppe
erziehen das heißt eine Natur verderben wie sie nicht oft aus Gottes Schöpfung
hervorgeht«
    »Ich meinte auch nicht grade eine Klostererziehung«
    
    »Dies pulsende Blut will sein Recht Der Schöpfer träufte es in unsere
Adern wie er die Sonne in den Aeterbogen warf wie er der Traube würziges Blut
gab uns zu berauschen Wer nie berauscht war nie im Wirbel der Leidenschaft
taumelte wer nie die Wonne dieser Erde kostete der kann auch nicht die Wonne
der himmlischen Seligkeit empfinden«
    Ihr schönes Auge glänzte so seltsam dabei während sie starr nach der Decke
sah Nach einer langen Pause stand sie auf und strich tief aufatmend ihren
Scheitel mit beiden Händen Sie lächelte schelmisch die Geheimrätin an
    »Nicht wahr ich habe recht viel dummes Zeug gesprochen Vergessen Sie es
und entschuldigen mich  Aber als ob ich mich vor Ihnen zu entschuldigen
brauchte vor einer Frau die ja auch weiß wie der Geist so oft sich vom Körper
trennt und die Seele hinfliegt in Räume wohin das Auge nicht dringt  Aber
kommen Sie schnell unter die Andern wir kommen ins Gerede Wenn man auch etwas
anders ist als die Andern um Gottes willen man muss es ihnen nicht verraten«
    »Wo sehen Durchlaucht Plötzlich hin«
    »Ich « Die Fürstin errötete leicht und flüsterte ihr ins Ohr »Mir wars
als sähe ich Jean Paul dort über den Gensdarmenmarkt kreuzen um schneller hier
zu sein  Da unterhält sich ja der Herr von Fuchsius sehr lebhaft mit Ihrer
Tochter  Ei ei selbst der ernste Major Eisenhauch widersteht dem Magnete
nicht und vergisst auf einen Augenblick seine großen Vaterlandsgedanken Ich
besorge meine Freundin Ihr Haus wird bald wie Troja aussehen «
    »Sehen Sie eine Zerstörung voraus« fragte die Lupinus Der
Klairvoyantenblick der Fürstin hatte sie etwas verstimmt
    »Nur die Helena um die ein trojanischer Krieg entbrennen wird Sorgen Sie
bald wenn Sie dem entgehen wollen für eine anständige Partie Der
Regierungsrat ist ein junger Mann dem eine gute Karriere bevorsteht«
    »Herr von Fuchsius sieht nach Vermögen Es ist nur Galanterie Ich werde
indes ein wachsames Auge haben«
    »Wozu Lasst doch die Schmetterlinge spielen Die Jugend ist so kurz Und
was sagen Sie zum Legationsrat«
    »Der « Das Wort schien der Geheimrätin auf der Lippe zu ersterben »Er
und das Kind«
    »Sie haben nicht daran gedacht Es ist auch so besser«
    »Durchlaucht kennen ihn Er wird von so Vielen verkannt«
    »Die Bestimmung jeder Größe Sie fühlt sich nur zu Gleichgesinnten
hingezogen Es täuschten mich auch vorhin wohl nur einzelne Blicke Es war
Elise die mir ihre Beobachtungen mitteilte Ach die gute Recke dachte
vielleicht an ihr eigenes Verhältnis mit Kagliostro«
    »Kagliostro« wiederholte die Lupinus
    »Kagliostro war doch vielleicht mehr als wofür die Welt ihn jetzt erkannt
haben will meine Freundin Er musste fallen wie Viele gefallen sind weil 
passons ladessus  Unsere große Katarina war in diesem Punkte eifersüchtig 
Es ist mir recht verdrießlich dass Herr von Wandel der Affäre wegen mit dem
jungen Manne  nicht wahr Bovillard heißt er  in Verwickelung gekommen ist
Und wie ich höre stellt er Adelheid nach Das muss für Sie doppelt peinlich
sein«
    »Ich hoffe Durchlaucht das wird nichts auf sich haben Der wüste Mensch
soll uns nicht länger stören«
    Die Fürstin sah sie fragend an »Blutdürstig meine sanfte Freundin Der
Lauf der Kugeln ist zweifelhaft  Das war auch nicht Ihre Meinung«
    »Durchlaucht dieser Mensch ist incorrigibel«
    »Desto besser Lassen Sie ihn fortsündigen Gerade über diese Sünder die
ihr Ohr der Stimme der Vernunft verschlossen haben zuckt schon ein anderer
Strahl Da tun wir nichts bei das kommt mit einem Male Was wäre die Welt mit
ihren gaukelnden Marionettenpuppen die das grelle Schauspiel von Eitelkeit
Verkehrtheit Ungerechtigkeit und Sünde vor uns aufführen wenn wir nicht
wüssten dass plötzlich eine unsichtbare Hand aus den Wolken fährt und zerstört
ist ihr Spiel Ein Licht zückt herab und die Irrenden sehen den Abgrund vor dem
sie stehen Warum den jungen Wüstling gleich aufgeben opfern wollen da gibt
es ja tausend Mittel  Nur keine öffentlichen Schritte Es lässt sich so Vieles
unter der Hand abtun eben wenn man Freunden vertraut Freunden haben Sie ja
nur zu winken Kommandiren Sie auch über mich A propos ich habe viel von dem
jungen Lehrer gehört ein origineller Charakter sagt man Wo ist er Stellen
Sie ihn mir vor«
    »Er ist nicht hier  Für unsere Gesellschaft «
    »Würde er keine Augen haben nur für seine schöne Schülerin  Sie sehen
mich an Wie Soll er sein Blut in Eis verwandeln oder spielt die Geschichte
von Abälard und Heloise nur in der grauen Vorzeit Ach eine reizende
Geschichte aber wenn Sie dieselbe nicht wiederholt sehen wollen müssen Sie
auch da Acht haben mehr als nach Außen das Auge wach Ja teure Frau die
Obliegenheiten einer Mutter sind groß Sie haben eine halb Gefallene
aufgerichtet aber wer sich vor dem Fallen noch fürchten kann ist stets dem
Fallen nahe  O weh da fällt Ihr Diener  ein Glück dass der andere ihm das
Präsentirbrett hielt Der arme Mensch ist krank «
    »Aber Johann wie konnte er auch« fuhr die Geheimrätin auf
    Der Diener hatte sich wieder erhoben und es schien erholt Er versicherte
es wenigstens und wollte sich nicht hinausschicken lassen es sei eben nur ein
Schwindel gewesen Die Geheimrätin versicherte der Fürstin sie habe soviel
Lohnbedienten angenommen dass Johann gar nicht nötig gehabt selbst zu
serviren er habe es nur aus Eigensinn getan
    »Oder Furcht dass seine Herrschaft ihn für entbehrlich hält« sagte die
Fürstin  »Wie liebreich Adelheid ihm zuspricht Sie hat ihn überredet sie
schickt ihn hinaus Bravo Hören Sie Herren und Damen sind entzückt sie muss
etwas Seelenvolles gesagt haben«
    Die Geheimrätin fand sich allein Auch die Fürstin war zu Denen geeilt die
Adelheid mit ihrem Beifall überhäuften Die Geheimrätin fand sich sehr allein
Nur Diener auf den Tag gemietet in Livreen frisirt oder noch in Perrücken
bewegten sich in den Zimmern mit den Vorbereitungen für die Abendtische
beschäftigt Sie kannte mehrere von ihnen nicht Der eine schien im Vorübergehen
einen seltsamen Blick auf sie zu werfen zwei dunkle Augen aber er wandte sie
rasch auf die Teller die er trug Ward sie beobachtet hatte man auch in ihre
Gesellschaft Lauscher geschickt von Seiten der clairvoyanten Gesandten oder
Gesandtinnen  Sie wollte in den Saal Aber der Fürstin nacheilen welche ihr
eben so brüsk den Rücken gedreht Sie umfasste Adelheid So hatte die Gargazin
auch sie vorhin umfasst Sie zog sie auf ein Kanapee sie spielte mit ihrer
Hand sie sagte sie flüsterte ihr tausend schöne Dinge ins Ohr Adelheids
Gesicht glühte O sie war weit liebenswürdiger lebhafter zuvorkommender gegen
die Tochter als gegen die Mutter Alle gruppirten sich näher oder ferner um
diesen Mittelpunkt Nach der Wirtin sah Niemänd es kam Niemand in den Sinn
dass sie abgeschlossen war Der Legationsrat stand in einer Fensternische weit
jenseits die Arme unterschlungen und beobachtete die Gruppen sein Gesicht
unbeweglich wie immer aber als der Strahl seines Auges sie traf glaubte sie in
dem Auge eine an sie gerichtete Bemerkung zu lesen War es ein Vorwurf
Bedauern Mitleid
    »Warum sich der Gesellschaft entziehen ma belle soeur« rief der Geheimrat
Schwager der zufällig aus einem hinteren Zimmer kommend der Wirtin
entgegentrat als sie die beste Partie ergriff weil kein Mensch sich um sie
sich auch nicht um die Menschen zu kümmern sondern um die Teller und Tische
    »Weil ich überflüssig bin« war die kurze Antwort mit der sie an ihm
vorüberstreifte
    Wenn er an Ton und Art noch nicht gemerkt dass sie auch ihn für überflüssig
hielt ward er auf der Schwelle zum Saal daran gemahnt als die Fürstin am Arm
des Legationsrates über diese Schwelle rauschte Wenn es nicht grade mit dem
Ellenbogen geschah fühlte er sich doch durch Blick und Bewegung mit seiner
ganzen Persönlichkeit bei Seite geschoben
    Die Fürstin verließ die Gesellschaft Den Legationsrat hatte sie gewürdigt
sie als Kavalier an den Wagen zu begleiten aber nicht einmal eines Blickes
würdigte sie den Mann der vorhin ihre Liebenswürdigkeit ausposaunt War er ein
Anderer geworden Sie gewiss Einen Kopf größer schien sie ihm Fort waren die
Rollen der Liebenswürdigen der nervös Irritirten der Bescheidenen und der
Schwärmerin geworfen als Fürstin hielt sie ihren Ausgang
    »Ach unsere emsige Wirtin Immer wie eine Biene für den Honig sorgend«
    »Durchlaucht wollen uns doch nicht verlassen«
    »Leider eine heftige Migräne O bitte nehmen Sie nicht auf mich Rücksicht
Ich verschwinde wie ein Schattten um Licht und Heiterkeit zurückzulassen«
    Die Geheimrätin öffnete den Mund um dagegen zu demonstriren aber
unwillkürlich kehrte ihr die Erinnerung an jene Gesellschaft vom vorigen Sommer
zurück  da war sie es ja welche die Rolle der Fürstin gespielt Sie
verstummte Migrainen sind oft angenehm für Die welche sie vorschützen nicht
immer für Die welchen Sie vorgeschützt werden
    »A propos« rief die Fürstin »Herr von Wandel nur einen Augenblick zwei
Worte mit unserer Freundin«
    Sie zog diese bei Seite »Wissen Sie schon Jean Paul «
    »Kommt nicht Vielleicht hat er von einer Klairvoyanten gehört dass er
Fürstin Gargazin nicht mehr trifft«
    »Nein er kommt aber in welcher Laune Es ist mir wirklich recht leid Nur
Ihretwillen«
    »Ist ihm etwas passiert«
    »Er ward bei der Berg so lange aufgehalten In der besten Absicht denn wer
konnte anders denken bei der besonderen Vorliebe mit der die Königin sich der
Sache angenommen Da um neun erst bringt der Fourier die Hiobspost«
    »Eine Hiobspost«
    »Der König will die Präbende nicht geben«
    »Und Ihre Majestät die Königin hatte doch «
    »Nichts gespart was Klugheit und Liebenswürdigkeit vermögen Bis acht Uhr
gaben sie im Palais die Hoffnung nicht auf Man passte nur auf den günstigen
Augenblick und er schien gekommen Majestät brachen eben ein Stückchen von dem
Kuchen den Sie besonders lieben und versicherten so vortrefflich sei er noch
nie gebacken Das benutzte Ihre Majestät und der König lächelte ihr auch mit
der liebenswürdigsten Laune zu aber ebenso liebenswürdig schüttelten Sie den
Kopf und sagten Herr Jean Paul mag ein sehr guter Romanschreiber sein aber
darum ist er noch kein guter Domherr«
    »Hat Ihre Majestät nicht Lafontaines Beispiel eingewandt Der hat doch auf
ihre Vorstellung die Präbende erhalten«
    »Ihre Majestät sind zu klug um nach solcher Erklärung noch ein Mal
anzufangen Und es gibt Wichtigeres zu bitten«
    »Der arme Jean Paul also gänzlich aufgegeben«
    »Für Berlin verloren Ich wollte Sie nur avertiren Noch weiß Niemand hier
davon Sie tun also gut liebe Frau die Sache auch zu ignoriren Die Verehrung
für den Dichter hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen die ihm der Hof erzeigt
Erfahren Sie dass der ihn aufgibt ist der Lustre fort«
    »Nein es gilt nichts mehr« sagte die Geheimrätin bitter
    »Es tut mir nur um Sie leid aufrichtig meine liebe Geheimrätin So viel
Embarras Sie würden die Gesellschaft auch nicht gegeben haben wenn Sie das
voraus gewusst Adieu et au revoir«
    »Jean Paul kommt« ging ein Gemurmel durch das Zimmer
    Die Geheimrätin meinte der Legationsrat hätte doch in zu ehrerbietiger
Entfernung auf die Fürstin gewartet als er sie hinausführte
    »Fürstin Gargazin liebt Herrn Jean Paul nicht« bemerkte Herr von Wandel
als er auf einen raschen Armdruck sie seitwärts in ein Zimmer geführt damit sie
dem Dichter der die Treppe herauskam nicht begegne
    »Ich liebe nicht den Kultus für sogenannte große Menschen« antwortete die
Fürstin beim Hinuntergehen »Die Lupinus wird sich mit diesem Zauberfest wieder
lächerlich machen«
    »Ein Erbstück der Familie«
    »Sagen Sie dieser Menschen dieser Stadt dieser Zeit Weil Jeder aus seiner
Sphäre treten möchte «
    »Ohne den Charakter zu haben die neue sich untertänig zu machen«
    »Wenn Jeder die Sphäre des Andern durchschauen könnte« erwiderte die
Fürstin langsam den Blick auf den Begleiter gerichtet »Übrigens tut mir die
arme Frau leid Prinz Louis wird nie zu ihr kommen Sie lässt alle ihre Minen
umsonst springen« Die Fürstin drückte beim Einsteigen dem Legationsrat die
Hand »Ich werde nichts vergessen«
 
                          Achtundzwanzigstes Kapitel
                              Eine schlimme Nacht
Ein Geflüster war durch die Gesellschaft gegangen Man steckte die Köpfe
zusammen und das Geheimnis welches die Fürstin der Wirtin anvertraut war
längst ein Gemeingut als die Gesellschaft zu Tisch ging Vorher aber sah man
ein Schauspiel es war ein Impromptu Adelheid hatte von der Tafel einen
Blumenkranz ergriffen und ihn plötzlich auf die Stirn des Dichters gedrückt
»Nun sind Sie ein freier Mann«
    Es war alles anders geworden als die Geheimrätin gewollt Die Bekränzung
sollte stattfinden aber in anderer Art später an der Tafel selbst Sie hatte
Figuranten geworben die bei jedem Gespräch mit Phrasen aus des Dichters
Schriften ihm antworten sollten das musste jetzt rückgängig gemacht werden es
passte nicht mehr Die Empfindsameren umringten ihn statt mit Siegeshymnen mit
Kondolenzversicherungen Es sah nicht wie bei einem Freudenfeste aus Während
die Mehrzahl nicht laut genug ihr Bedauern an den Tag legen zu können glaubte
schlichen Andere fort Die Geheimrätin begegnete dem General der seinen Hut
zum Gehen ergriffen
    »Auch Sie uns verlassen«
    »Man weiß nicht was im Palais vorgegangen ist« sagte der Offizier mit
seiner soldatischen Offenheit »nicht in wie weit Seine Majestät sich über die
Person des Herrn aus Baireut ausgesprochen haben«
    »Aber ein Charakter wie mein Herr General «
    »Hat auch Rücksichten zu nehmen Der König meine liebe Frau Geheimrätin
erfährt jeden Morgen genau wer bei Rüchel war und wer bei Blücher war Und Sie
wissen gar nicht wie diese Rapportements gemacht werden Hat er sich nun
wirklich ungnädig über den Poeten ausgedrückt so wird auch von Ihrem Festin ihm
berichtet und Sie wissen nicht wie Ihnen kann das nun nichts schaden wenn
Einer sagt Es ist doch auffällig dass die Lupinus dem Fremden ein Fest gibt
als wenn er ein Potentat wäre und gerade in dem Augenblick wo Eure Majestät
sich so nachdrücklich über die Stellung ausgesprochen haben die er nur
beanspruchen kann check setzt vielleicht hinzu Und jetzt wo Eure Majestät
eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgeübt Wer weiß denn wer
zwischen den Lippen murmelt Undank ist der Welt Lohn Und wenn Lombard dabei
ist wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen mir einen kleinen
Freundschaftsstoss zu versetzen Ich höre ihn schon hinwerfen Es ist doch noch
sonderbarer dass gerade unser General dabei sein musste Er ist doch sonst kein
Admirateur von Poeten  Sollte das andere Gründe haben fügt vielleicht noch
ein guter Freund hinzu denn Sie glauben nicht wie viel gute Freunde Jedermann
am Hofe hat der eine gute Stellung hat die Andern zu gut für ihn dünkt«
    »General aber bei Ihrer Renommee«
    »Je höher der Kornhaufen so mehr Mäuse hausen unten Mein Kommando wird mir
Seine Majestät darum nicht nehmen aber wird mir vielleicht das nächste Mal
sagen Sind auch ein so großer Verehrer von dem Herrn Romanschreiber Meinte die
Lorbeerkränze schickten sich nur für Generäle  Und das wäre noch das Beste
dann ist es ausgeschüttet Ohnedem bleibt etwas denn der König hat ein
vortrefflich Gedächtnis Und wissen wir von wem und wann daran weiter gebohrt
wird Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft Und weiß ich was noch hier
geschieht bei Tisch von den Admirateurs welche Gesundheiten sie ausbringen
Kann nicht Einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestät aussprechen
Höre ichs ruhig mit an so heißts im Palais ich habe eingestimmt und rede
ich drein  nein meine gnädige Frau ich will ihr schönes Festin nicht stören«
    Sie selbst aber wollte es stören Die Salatscene sollte nun unterbleiben
Sie war als der General ihr begegnete eben auf dem Wege zum kranken Johann
gewesen um ihm Kontreordres zu geben Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum
Serviren gegeben und in dem Augenblick brach die Gesellschaft um zu Tisch zu
gehen auf Es entwickelte sich heut Alles gegen ihren Willen Jean Paul hatte
ihr seinen Arm reichen sollen Ihrer Zweifel ob es nicht jetzt passender sei
diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu übertragen ward sie überhoben als
der Dichter schon ihre Tochter entführte Sie musste um nicht allein zu gehen
ihren Arm notgedrungen Dem reichen welcher allein ledig an der Tür stand es
war der Schwager und sie musste zufrieden sein dass es ihr wenigstens gelang
eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen
    Wenigstens saß Jean Paul neben ihr Wenn er von dem Fehlschlag seiner
Hoffnungen verstimmt gewesen hatte er unter so viel Teilnahme und beim Klang
der Gläser es überwunden Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt Er
sprach oder sang in Worten die wie Streckverse klangen Die Lüfte in den
märkischen Pinien hätten ihm zugerauscht das alte Lied Wo es Dir wohl geht ist
Dein Vaterland aber da sei aus dem blauen Äther eine Taube niedergerauscht mit
einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflüstert Der Dichter muss frei sein Und ein
frischer Morgenwind habe seine Stirn seine heiße Brust gekühlt er sei erwacht
und wieder arm aber frei frei wie der Vogel in der Luft und dies Glas bringe
er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich
    Nur ein Teil der Gesellschaft verstand es Der Geheimrat von der Voigtei
der auch sein Glas gefüllt hatte und sich für verpflichtet hielt als nächster
Anverwandter der Wirtin die Gesundheit des Gastes zu übernehmen unterbrach
den Dichter die erste Gesundheit gebühre ihm selbst In einer Rede die wenn
auch sonst nichts doch verriet dass er von dessen Schriften nichts gelesen
gratulirte er dem Poeten der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen könne
Cigît Piron qui ne fut rien
Pas même académicien
Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben obgleich er sonst nichts gewesen so
werde auch ohne Präbende für sie Alle hier
Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter
Bleiben ein ihnen unvergesslicher Dichter
    Im Gläserklang erhob sich der Gast »Unser Auge blickt nach den blauen
Bergen und unser Herz schwillt vor Sehnsucht weil der Himmel sie küsst Aber
oben weht es uns zu rein an wir atmen zu bang in der Nähe des
Unaussprechlichen und die Täler verschwimmen vor unsern Augen So sehnt des
Dichters Brust sich nach dem Schönsten und Höchsten wie Semele nach Zeus
wahrhaftiger Gestalt Aber in der Feuerglut zerspringt sein Herz er kann nur
leben im Tal atmen im Duft der Kräuter und die Berge über ihm die
Fussschemel des Unnennbaren sind die Säulen der Ewigkeit an denen sein Geist
sich aufrankt Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken habe genug fürs Leben
Nun möge man ihn beglückt zurückkehren lassen in die stillen Täler seines
Fichtelgebirges Wenn seine Waldbäche über die bemoosten Steinblöcke rieselten
die Fichten säuselten die Veilchen aus dem feuchten Grün dufteten und wenn
dann wieder an des Dichters Seele edle schöne Frauen vorüber schwebten Lianen
und Nathalien im Diadem des Morgenrotes wenn ihre Füße im Tau sich badeten
ihre seelenvollen Augen das Blau des Aeters saugten um Huld und Wohlwollen für
tausend blutende Herzen widerzustrahlen  dann kämen sie von den Bergen die er
einmal bestiegen wo auch er Seligkeit getrunken In seiner Eremitage nun kein
Einsiedler mehr umschwebten ihn Berlins edle Frauen beim Frührot böten sie
aus der Krystallschale ihm den Morgentrank und wenn die Königin des Tages hinter
die Berge sinke sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen
Dies Glas leere er auf Berlins schönere Hälfte«
    Unter dem Gläserklang der Herren unter den Verzückungen der Damen war
Adelheid aufgestanden Den Wink der Geheimrätin hatte sie nicht bemerkt Ihre
Augen gegen den Plafond gerichtet tönte ihre metallreiche Stimme durch den
Saal »Aber die Sterne oben sind nicht stumm sie tönen im Festsaal des Ewigen
kreisend die Sphärensprache der Harmonie und der Geweihte versteht sie Der
blasse Geweihte der am Schmerzenslager überwindet der Geweihte dessen Stirn
die Freude des Sieges rötet und er der Geweihte der der Aeolsharfe ihre
Klagetöne abgelauscht den Vögeln ihren Gesang er der die summenden Stimmen
der Völker versteht Phöbus geweihter Priester hört den Gesang der Sterne «
    »Mamsell der Salat« flüsterte Johanns zitternde Stimme aber er getraute
sich nicht mehr den Napf zu tragen Die Geheimrätin war beim Anfang der Tafel
wieder umgestimmt worden denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden für
den Dichter und die Lupinus teilte nicht die Besorgnis des Generals Im
Gegenteil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt ein Ehrenpunkt Aber
Jean Paul hatte ihr bei der Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen Er
schwärmte in eigenen Gefühlen seine Komplimente waren nur an ihre Tochter
gerichtet Sie wollte es ihn empfinden lassen und ihre Lippen hatten sich zu
einigen spitzen Worten gespitzt die mit dem Stichwort schließen sollten auf
welches Adelheid einzufallen hätte als diese unerwartet gegen die Verabredung
von einem Impuls sich hinreißen ließ Unglücklich fügte sich auch hier alles
der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte während einer der sogenannten
»Ausgestopften« das heißt der gemieteten Lakaien ihr zur Rechten den
Salatnapf überreichte Es war derselbe Lakai dessen funkelnde Augen sie vorhin
erschreckt Adelheid ergriff in ihrer Extase den Napf und statt ihn
niederzustellen hob sie ihn wie eine Opfervase empor  »und er der geweihte
Priester hebt die Schale den Göttern entgegen« fuhr sie in der Rolle fort
entnommen aus irgend einer Dityrambe der Jean Paulschen Poesie die wir wieder
vergessen haben vielleicht auch aus denen die von der Geheimrätin zu diesem
Zweck komponirt waren als der »Ausgestopfte« ihr etwas zuflüsterte Die Worte
hörte man nicht aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken als dass der
Sinn von dem was der Lohnlakai sprach nichts anderes sei als was der kranke
Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach »Auf den Tisch Mamsell
s ist ja der Salatnapf«
    Adelheids Stimme stockte plötzlich Als sie nach der Seite blickte stieß
sie einen Schrei aus Darüber entfiel ihr der Napf Viele Arme wollten helfen
Ein Armleuchter war umgestossen Die Kerzen fielen auf das Tischtuch eine
streifte an den Fruchtkorb der mit künstlichen Papierblättern ausstaffirt war
Das Papier brannte das Tischtuch brannte Man schlug ungeschickt zu Man riss am
Tischtuch und noch ein Leuchter fiel Es flammte und floss man schrie Hilfe
Feuer Die Stühle schlugen um die Damen in den leichten feuerfangenden
Kleidern schrien am lautesten und stürzten fort Herren und Bediente rissen am
Tischtuch Es brannte schon lichterloh die Kerzen vom Kronleuchter träuften
als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden über die gesamme Verwüstung
zusammenschlugen Der Brand war so erstickt aber auch das Porzellan Glaswerk
Torten und alles was zerbrechlich war in dem Chaos zusammengeschüttet und
vernichtet
    So konnte man vermuten dass es hergegangen denn der Brand war gelöscht
ehe die Nachtwächter Berlin in Alarm versetzten Im Übrigen wusste Niemand
später über den Hergang klare Auskunft zu geben Es lag auch in Mancher
Interesse es im Dunkeln zu belassen Die Entschlossensten hatten schnell ihre
Damen fortgerissen um den Abschied unbekümmert nur Garderobe und Straße galt
es zu erreichen Wenn sie dein Feuerschaden auswichen entgingen einige Damen
dem des andern Elements nicht Die Wassereimer mit denen die Diener ihnen
entgegenstürzten verdarben manche Toilette Das Gedränge kam einer Verstopfung
nahe Man sprach von Ohnmachten Die ohnmächtig Gesagten leugneten es Am Boden
gelegen wollte Niemand haben nur vielleicht auf einem Stuhl Viele ließ es
sich nicht nehmen dass die Wirtin wirklich im Gedränge ohnmächtig geworden
Nach ihren eigenen Äußerungen später konnte man es glauben sie sprach von
einem Schleier der über sie gekommen eine wohltätige Macht hätte die
Schreckensscene vor ihr verhüllt Es wäre allerdings eine doppelte
Schreckensscene für sie gewesen wenn sie alle Urteile wirklich hätte hören
müssen welche in der Aufregung über sie und ihr Fest laut wurden
    Der Lärm hatte auch den Geheimrat aus seiner Studirstube gelockt Als er im
Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang war die Gesellschaft schon
entflohen Nur ein branstiger Qualm drang noch durch die Türen Wasserrinnen
ergossen sich über die Dielen und Wirrwarr Gedränge und Getreibe überall Aus
der Tür des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmächtige auf
ein Sopha Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen Ihr
Musselinkleid war von den Flammen ergriffen worden Sie hätte mit einem Druck
der Hand die Flamme löschen können aber sie hatte wie eine Bildsäule
dagestanden regungslos Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen
aber seine Hände zitterten die Serviette geriet selbst in Brand Da hatte
einer der fremden Lakaien ihn fortgestossen und mit Tüchern die er schon in
einen Wassereimer getaucht das Feuer erdrückt Aber jetzt war sie ohnmächtig
geworden und der Lakai ein kräftiger junger Mann hatte sie in das
Entreezimmer getragen als der Geheimrat dazu kam
    Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung welche der Gelehrte
angestellt und bei dem er sich als er später in seine Arbeitsstube
zurückkehrte vollkommen beruhigte »Jetzt muss man ihr die nassen Tücher
abnehmen sie erkältet sich sonst« hatte er gesagt der Lakai aber gerufen
»Man muss den Arzt holen« und war nach der Tür gestürzt »Das wird nicht nötig
sein« hatte der Legationsrat Wandel gesagt der aus der dampfenden Stube trat
»Es ist nur eine Affektion der Nerven« Er hatte mit dem Geheimrat die nassen
Tücher abgezogen und gefunden dass keine Brandverletzung stattgefunden selbst
der Brandfleck am leichten Oberkleide war gerinfügig die Flamme hatte nicht
einmal das festere Unterkleid ergriffen Der Legationsrat steckte das
Essenzbüchschen welches er geöffnet wieder in die Tasche murmelnd »Hydor
ariston« Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimrats
gelockt Er redete den Legationsrat lateinisch an und dieser antwortete
lateinisch Herr von Wandel hatte eine schöne reine Aussprache nicht ganz
ciceronianisch aber er applicirte sehr geschickt einige Feinheiten der
Latinität »Es ist nichts als eine psychische Aufregung vielleicht Exaltation
für den Dichter vielleicht etwas anderes   aber es geht schnell vorüber sie
wird sich von selbst erholen« Und so geschah es auf einige Tropfen die er aus
einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte schlug Adelheid die Augen auf Sie
erkannte die Gegenstände atmete und machte eine Bewegung mit der Hand dass die
Herren sich entfernen möchten »Das Übrige wird weibliche Pflege und ein
Kamillentee tun« beruhigte der Gast den Wirt
    Der Geheimrat hatte dem Legationsrat die Hand gereicht und den Wunsch
seiner näheren Bekanntschaft ausgedrückt Er tat dies selten Im Speisesaal
grinste ihn die Verwüstung an Es dampfte und flutete er musste über
umgeworfene Stühle Tische Scherben steigen Wenn das in seiner Studirstube
passiert wäre Der blasse Geisterschreck den dieser Gedanke auf sein Gesicht
zauberte trieb ihn zu einer ungewohnten Tätigkeit Er rief den Dienern den
Mägden er legte selbst Hand mit an
    Da flog ein erstes Lächeln über die weißen Lippen der Geheimrätin und es
zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke Sie hatte bis da regungslos auf
dem Kanapee halb gesessen halb gelegen vielleicht im Gedränge von den
Fortstürzenden dahin gestoßen Das Eau de Kologne was Lisette ihr ins Gesicht
gesprengt war ohne Wirkung geblieben Jetzt beim Anblick der Tätigkeit ihres
Mannes kehrte das Leben zurück Die Zunge löste sich sie konnte sprechen es
platzte heraus wie ein Lachen »Mit den Pantoffeln Sie erkälten sich ja im
Wasser die Füße«
    Der Geheimrat fühlte jetzt was ihm ein Unbehagen verursacht für das er
sich keinen Grund anzugeben gewusst Er ging im Wasser seine Füße waren ganz
nass
    »Aber es muss doch Ordnung geschafft werden meine Liebe« Er sah sich um
    »Dafür wird Lisette sorgen die versteht es besser Gehen Sie in Ihre Stube
und ziehen sich andere Strümpfe an morgen ist alles wieder wie sonst«
    »Aber  ich hoffe die Incommodität wird Ihnen nicht schlecht bekommen«
    »Ganz und gar nicht« sagte die Geheimrätin die aufgestanden war »Eine
kleine Störung in den Gewohnheiten des Lebens Weiter nichts Morgen ists
vergessen Ich hoffe dass in Ihrer Stube nichts derangirt ist«
    Das hoffte der Geheimrat auch er hatte hier nichts mehr zu tun Die
Geheimrätin ließ sich von Johann führen Mit jedem Schritte den sie tat ging
sie fester Der Bediente hielt sich an den Türpfosten als er sie in ihr
Schlafzimmer gebracht Sie maß ihn mit einem durchdringenden Blicke »Was soll
das werden mit ihm Johann«
    Er verstand es »Um Gottes Erbarmen gnädige Frau Geheimrätin stürzen Sie
mich nicht in mein Elend«
    Ihm war es als bohrte ihr Blick in sein Herz aber sie sprach kein Wort
»Morgen früh soll Hofrat Heim kommen«
    Er ging Sie rief ihn zurück »Nein nicht Heim Der ist zu nichts zu
brauchen « murmelte sie »Selle rufe er den Geheimrat Selle ich lasse ihm
meine dringende Empfehlung machen«  sie stockte und hub wieder an »Nicht zu
Selle zum alten Geheimrat Mucius ich ließe ihn dringend bitten«
    Johann war gegangen Sie schellte wieder »Es soll mich Niemand stören Was
auch vorfalle Ich werde mich selbst ausziehen Lisette soll mit den Andern die
Sachen fortschaffen aber sie soll sich nicht unterstehen Lärm zu machen Ich
will nichts mehr wissen versteht Er mich«
    Johann ging Sie rief ihn doch wieder zurück »Morgen früh wird Niemand
vorgelassen Niemand«
    »Herr Jean Paul Richter fragten wann er seine Aufwartung machen könne um
Abschied zu nehmen«
    »Ich bin nie wenn er sich meldet zu Hause«
    Sie stand noch eine Weile nachdem der Bediente fort war die Blicke auf die
Diele geheftet Ihr musste sehr heiß sein sie schöpfte tief Atem riss Tuch und
Kleidungsstücke auf und warf sich auf das Sopha den Kopf in den Arm gestützt
    Sie wollte nichts von dem Geräusch hören und hörte doch alles das Aufheben
jedes Stuhls das Klappern der Teller so leise Mägde und Diener ihr Geschäft
verrichteten Sie gab sich Mühe tue Tritte jedes Einzelnen zu erkennen und
indem sie sich darüber ärgerte horchte sie nur immer schärfer Sie haderte
innerlich diese Magd sollte einen Verweis erhalten jene entlassen werden
    Was glühte in ihren Adern was war die trockne Hitze die ihr alle
Spannkraft raubte was die Unruhe die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte
Ein verlorener Tag Es war nur ein Tag unter vielen Eine verlorene Schlacht in
einem Kriege in einem langen trostlosen mit dem Leben  Und von wem war sie
geschlagen  Von Allen Heut wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet  Sie
kannte die Gesellschaft die bösen Zungen Macht des Lächerlichen Ihre
Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus Sie hörte schon die Fragen mit
spöttischem Lächeln »Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimrätin« Die
ebenso lächelnden Antworten »Sie hat es sich etwas kosten lassen Recht schade
wozu das«  »Sie hat einmal kein Geschick dazu«  »Die Apoteose Jean Pauls
war doch au comble du ridicule«  »Und dazu das Unglück noch Die arme Frau
Warum wird sie aber nicht klug« Oder die bittersten »Es ist ihr schon recht
dass sie mal die Lektion bekommen«
    Sie war unerschöpflich in der Selbstmarterung sie verteilte diese
Sarkasmen und Bonmots zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte unter ihre
Bekannten ihre besten Freunde Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet
Sie lachte auf Ach das Lachen half nichts Sie empfand einen ungeheuren Durst
aber nicht Wasser nicht Wein konnte den stillen Aber an wem diesen Durst
kühlen  Laforest warum musste er das erste Zeichen zum Aufbruch geben er
der nur gekommen schien um Audienz zu geben Huldigungen zu empfangen Der
General der feige davon lief Mochte er laufen Jean Paul der erstickt von
Eitelkeit nur im Lobe sich berauscht nur mit den jungen Mädchen getändelt
ohne ihr die sie mit so raffinirter Sinnigkeit das ganze Fest für ihn bereitet
nur ein Wort des Dankes zu sagen nur die gewöhnlichste Aufmerksamkeit zu
erweisen Alle alle hatten sich nur um sich bekümmert um andere Gestirne sie
war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft
    Die Dienerschaft draußen musste mit ihrer Verrichtung zu Ende sein In der
Stille hörte man nur noch vereinzeltes Türenklappen und Hin und Herlaufen Sie
lauschte aufmerksamer Den Tritt kannte sie Der Legationsrat war noch im Hause
geblieben Er kam grade auf ihre Tür zu Endlich ein Mensch ein Geist der
sich ihrer annehmen mit dem sie ihre Gedanken austauschen könnte Sie wollte
die Tür aufreißen  Nein es war an ihm Gleichviel wollte er sich melden
lassen klopfen eintreten Er blieb stehen Sie glaubte ihn gähnen zu hören Er
zog sich den Überrock an Er sprach leise mit Lisetten Es war von Tropfen und
andern Hausmitteln die Rede für eine Magd die der Schreck niedergeworfen von
einem Tee den sie dem Geheimrat kochen sollte Auch dem Johann sollte sie
davon eine Tasse geben  von ihr kein Wort  Er fragte nicht nach ihr War sie
kein menschlich Wesen Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung Hatte er sie
vergessen
    Er war fort sie lag wieder auf dem Sopha Ihre Stirn war so heiß so heiß 
ein kühlender Tropfen nur Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in
erschreckender Klarheit Sie wusste jetzt wer ihre Feindin war Wen hatte
Wandel hinausgeführt wem seinen Kavalierdienst erwiesen die gewöhnlichsten
Regeln der Artigkeit gegen die Wirtin wer diese auch gewesen verletzend Weil
sie die Vornehmere die Vornehmste war O dahinter steckte mehr Die Fürstin war
es welche unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend
verdorben welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage
beigebracht Sie hatte das Fest beherrscht sich Huldigungen darbringen lassen
durch ihr Gespräch sie selbst gefesselt dass sie ihr Auge der Gesellschaft
entzog Dann nachdem sie ihr durch die böse Nachricht den Todesschlag versetzt
war sie triumphierend fortgegangen Aber nicht Zufall war es  nein Plan ein
weit hinausreichender Plan Der Fürstin die einen Kreis um sich zaubern wollte
waren die angenehmen Zirkel der Geheimrätin im Wege Hatte sie nicht in einem
langen Gespräch sie nach allen Verhältnissen Personen ausgefragt Wozu das Sie
wollte auskundschaften was den Zauber dieses Kreises bilde Was konnten die
fremde vornehme Frau sonst die Verhältnisse eines bürgerlichen Hauses in Berlin
interessieren Und jetzt wusste kannte sie alles und hatte vielleicht alles
zerstört  Wer würde denn noch ihre Gesellschaft besuchen Nicht weil der König
sich gegen den Dichter ausgesprochen O nein das konnte ihrer Societät gerade
einen neuen Reiz geben die freien mutigen Geister locken aber vor dem Fluch
des Lächerlichen flieht die Geisterwelt Und er  sollte könnte ihr dabei
hülfreiche Hand geleistet haben Unmöglich
    Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequälte Kann eine Frau einen
Mann fordern Was rann eine Frau und wenn sie den Mut einer Judit und
Herodias besaß in dieser Welt der Konventionen Ihr Hass mag glühen wie der
Aetna den Atem muss sie in sich zurück pressen sonst verwundet sie sich
selbst Die Macht des Lächerlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen die
auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Züge ihrer Wut als Karikaturen
wiedergeben Gibt es denn keine Mittel für ein Weib der Welt den Krieg zu
erklären Nur das kleine Spiel der Ränke um hie und da mit giftigen Nadeln zu
stechen ihnen vergönnt Einen Verhassten  mag eine Frau die einen Mächtigen
beherrscht verfolgen vernichten wenn nun aber ihr Hass nicht an Einzelnen sich
genügen lässt wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer
durchglüht wenn sie die Armseligen Gemeinen Undankbaren von der Erde
wegspülen möchte wie Pharaonis Schaaren das rote Meer  wenn sie fühlt mit
diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten  Sie kann nur
morden im Traum
    Sie presste ihre Hände an die heiße Stirn als sie wieder ein Geräusch
hörte  Das war Adelheids Stimme hell  wie ein Aufschrei Es kam von weitem
her aber nicht weit genug dass es von ihrem Zimmer sein konnte Da kam ihr das
Mädchen wieder in den Sinn Sie hatte gar nicht an sie gedacht Was war aus ihr
geworden Sie sann nach Eine dunkle Vorstellung dass man Hilfe Sie brennt
gerufen Sie durfte sich versengt haben Von ihren Feinden war ja alles
geschehen der Sache einen Eklat zu geben Aber der Ton kam wieder nicht mehr
ein Schrei aber der bange tönende Schall den die Menschenstimme annimmt wenn
etwas Ungewöhnliches uns überkommt Sie hörte noch eine andere Stimme Auch ein
Schrei wie wenn man Geister erblickt Das war keiner von der Dienerschaft auch
nicht ihr Mann Wie ein tiefes Schluchzen Eine heftige Bewegung Sie hörte
Männertritte An Mut fehlte es der Geheimrätin nicht Sie ergriff den Leuchter
und trat hinaus Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwüsteten Saal
Ihr »Wer ist da« hallte ohne Antwort durch die Räume aber aus dem Kabinet
daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt Sie schlüpfte durch die
Türe nach dem Entree Sehen konnte sie nur einen Schatten sie hörte das leise
Klinken der Türe draußen sie hörte deutlichere Tritte die auf der Treppe
allmälig verhallten
    Im Kabinet stand Adelheid die zugedrückten Hände an der Stirn Sie atmete
schwer ein intensives Zittern schüttelte ihre Glieder Sie erschrak aber nicht
als sie die Hände allmälig vom Gesicht fortzog nicht vor dem Glanz des Lichtes
und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Auge der Geheimrätin
    »Was war das Adelheid Wer war hier«
    »Fragen Sie mich nicht« antwortete das Mädchen »Es war alles wie ein
Traum«
    »In dem noch ein Anderer mit träumte«
    Das Mädchen schöpfte nach Luft Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit
welche die Geheimrätin frappirte Adelheid sank auf einen Stuhl und stützte den
Kopf im Arme »Es war fast zu viel« schuchzte sie »zu viel für mich Und mein
Gott warum komme ich dazu Warum ich dazu ausersehen«
    Die Geheimrätin setzte sich neben sie »Hat Dich Jemand gekränkt
beleidigt «
    »Ich weiß es nicht«
    »Ein Mensch entschlüpfte durch jene Tür er war bei Dir «
    »O mein Gott er war bei mir und nun ist er fort «
    »Und wer war es«
    »Das ist ein Geheimnis lassen Sie es mir Es sprengt mir die Brust aber
ich werde schon stark werden Er ist fort er wird nicht wiederkommen«
    »Ein Geheimnis vor Der die Mutterstelle an Dir vertritt  Bedenke liebes
Mädchen es darf kein Geheimnis zwischen Der sein für deren Ehre ich durch
Deine Aufnahme in meinem Hause Bürgschaft vor der Welt leistete «
    »Die Sie  von da aufhoben« fiel Adelheid schaudernd ein
    »Und der geringste Verdacht ein Geheimnis was ich verdecken ein Fleck
den ich beschönigen hilfe «
    »Wäre mein Verderben« rief Adelheid aufspringend »Ich weiß es ich weiß
Alles  o Gott ich bin unglücklich aber es ist nicht mein Geheimnis«
    »Wessen denn«
    »Dem ich auf seinen Knieen versprach es zu bewahren«
    »Auf seinen Knieen« Hätte die Lupinus der Beruhigung über einen Punkt
bedurft so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit
ihrer Sprache beruhigt Aber dieser bedurfte sie nicht
    »Verstossen Sie mich gütige Frau Ich weiß ja welchen Undank ich auf mich
lade Stoßen Sie mich aus Ihrem Hause zurück in meine ungewisse Lage  nein
mehr als das es kostet Ihnen nur ein Wort wenn Sie mich aufgeben so fällt der
ganze Fluch wieder auf mich alle die bösen Erinnerungen das Gerede erhält neue
Kraft dann bin ich vor der Welt verloren«
    »Exaltire Dich nicht« sagte die Geheimrätin »mich kümmert das Urteil der
Welt nicht ich verlange nur Wahrheit zwischen uns«
    »Und ich  darf Sie Ihnen  heut nicht geben«
    »Heut nicht « wiederholte langsam die Geheimrätin »Da es kein Dieb und
Räuber war denn es ist doch nichts entwendet und er floh vor dem Anblick einer
schwachen Frau kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein Da Du
aufschrieest war es auch kein Rendezvous sondern er überraschte Dich oder
vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst Du seinen Namen jetzt nicht nennen
Nun das pressirt ja auch nicht Du willst ihn nicht wiedersehen und wenn Du es
ihm selbst schon gesagt überhebst Du mich der Mühe ihm mein Haus zu verbieten
Auch wirst Du klug sein um Dich und mich nicht in Demelés zu verwickeln und
die Vorsicht gegen Andere beobachten die Du gegen mich übst Im Übrigen könnte
es mich wenig kümmern wer es ist da es an törichten Menschen in der Stadt
nicht fehlt die Dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns Beiden
Inkommoditäten verursachen wenn ich nicht besorgen müsste dass es einer der
Freunde unseres Hauses wäre Wenn das ist müsste ich Mamsell Alltag bitten bis
morgen sich zu besinnen ob sie mir den Namen nennen will denn Personen welche
hinter meinem Rücken das Recht der Gastfreundschaft verletzen müsste ich den
Stuhl vor die Türe setzen«
    Sie hatte sich umgewandt An der Tür holte Adelheid sie ein Sie presste
die Hand der Geheimrätin an die Lippen und bedeckte sie mit heißen Tränen »O
verzeihen Sie mir ich bin ein undankbares Geschöpf aber  nicht so undankbar
 nein aus Ihrem Hause ist er nicht er ist nie über Ihre Schwelle getreten er
darf nicht über Ihre Schwelle treten«
    Mit dem Lichtstrahl der plötzlich in der Lupinus aufschoss fiel ein
schwerer Stein von ihrem Herzen Es war ein erstes wohlgefälliges Lächeln das
über ihre Lippen schwebte Sie hatte an den Legationsrat gedacht jetzt schämte
sie sich fast dass sie an ihn denken können
    Sie zupfte Adelheid am Ohr »Nimm Dich in Acht  So verrät man sich  Ich
hoffe Du hast Dich gegen ihn nicht verraten  Doch wie kam er ins Haus« 
Plötzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen dessen blitzende Augen sie
am Abend erschreckt »Ich werde künftig dafür sorgen dass man keine
Verkleidungen in meinem Hause aufführt und Du  nun das hängt von Dir ab  Es
ist spät wir wollen zu Bett gehen«
    Dem späten Einschlafen der Geheimrätin gingen Träume vorauf die wir nicht
begleiten Nur einmal schrie und fuhr sie auf Sie hatte von der Folter
geträumt ihre Glieder wurden zerschlagen Sie befühlte ihren Arm Sie hörte ein
stilles Weinen Die Wände sanken nieder die ihr und Adelheids Schlafzimmer
trennten Adelheid lag auf ihrem Bett mit den schlaflosen Augen ins Wüste
starrend »Es leidet noch Eine hier« flüsterte der Dämon und eine wohltätige
Wärme verbreitete sich wieder durch ihre Adern Sie lächelte als sie einschlief
 
                          Neunundzwanzigstes Kapitel
                              Scheiden und Meiden
Jülli weinte den Kopf auf den Tisch gelegt still vor sich hin Vor ihr lag ein
kleiner Beutel mit Geld Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen
Armen den Hut auf dem Kopf der beinahe die Decke des engen Hofstübchens
berührte Es war nichts Freundliches in der Stube bis auf die Resedatöpfe im
Fensterbrett auf welche gerade ein durch zwei hohe Hinterhäuser sich drängender
Sonnenstrahl fiel
    »Damit willst Du mich abkaufen« schluchzte sie
    Er antwortete nicht
    »Du willst verreisen nicht wieder kommen«
    »Ich verreise nicht« sagte er nach einer Pause
    »Aber Du willst mich nicht wieder sehen Warum gibst Du mir mehr als Du
geben kannst Dein Vater gibt Dir nichts Du hast Schulden ich weiß es  Wozu
brauchte ich denn soviel Geld«
    Plötzlich war sie aufgesprungen die Tränen brachen ihr aus den Augen und
sie stürzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals »Nein Louis verzeih mir
Louis ich weiß nicht was ich sage Du hast mich nicht abkaufen wollen Was
hättest Du abzukaufen Du bist die Großmut selbst Nur aus Mitleid aus purem
Mitleid hast Du mich aus dem Staube aufgerafft bloß um die dumme Schmarre da am
Halse O hätte der Herr seinen spitzen Degen mir durchs Herz gestoßen dann
wären meine Schmerzen aus und ich machte Dir nicht so viele Du hast Recht
stoße mich fort ich bin eine Last an Deinen Hacken Du liebst mich nicht Du
hast mich nie geliebt Sags raus grade raus das wirkt vielleicht wie die
Degenspitze  und dann ist alles gut«
    »Mädchen sei nicht närrisch«
    »Närrisch bin ich nicht Ich habs wohl überlegt Du hast unrecht getan
dass Du mich hier in das Haus brachtest wo Du selbst wohnst Das schadet Deinem
Ruf«
    Er lachte auf »Ich habe keinen zu verlieren«
    »Doch O mein Gott ja ich habe es selbst von den Herren gehört Wenn er
wenigstens die Schicklichkeit beobachtet hätte das Geschöpf auswärts
einzumieten Man kann ja nicht mehr mit Anstand über seine Schwelle«
    »Zur Tür hinaus mit den anständigen Freunden«
    »Sage das nicht Louis O wenn ich Freunde gehabt hätte damals einen nur
wie Dich ich wäre jetzt nicht was ich bin  Mein alter Vater der blinde
Konrektor der war so gut er hätte sich meiner erbarmt wenn Einer ihm nur
zugesprochen Aber die Leute und die Stiefmutter  Ach mein Herz brannte mehr
von dem Schimpf als von der Schande  Wie sie mich in den Korbwagen packten
und die halbe Stadt darum  die höhnischen Gesichter die Finger und die spitzen
Reden Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen  nun kann sie Romane lesen
Als es zum Tor hinausrollte wie schnitt mirs ins Herz«
    »Kammermädchenphantasieen«
    »Die gnädige Frau hätte es auch gut mit mir gemeint  aber  ich war noch
stolz wie Du ich wollte mich nicht ihr zu Füßen werfen  Aus Scham stürzte ich
fort ins Elend  Louis glaube mir es braucht Jeder Freunde sonst fällt er«
    »Ich nicht mehr« murmelte er zwischen den Lippen
    Sie riss die Augen weit auf sie fasste ihn krampfhaft an der Weste
»Allmächtiger Himmel ists das  Als ich vorgestern in Dein Zimmer kam  es
war unrecht von mir ich weiß es und Du tatest recht dass Du auffuhrst Du
packtest mich am Arm und fragtest so bös hab ich Dich nie sprechen hören was
ich mich unterstehe Du stiessest mich zur Tür hinaus und schlugst sie mit
einem Schimpfwort zu  es war ein hässlich Wort aber es hat mich nicht
beleidigt es hatte mich auch nicht beleidigt als sie mich Geschöpf nannten
nein ich bin stolz darauf wenn sie mich Dein Geschöpf nennen ich wollte auf
Deiner Schwelle schlafen wenn Du mich mit Füßen trätest wenn Du mich tot
trätest und nur dabei sprächest ich tue es aus Liebe das wäre ein seliger
Tod Aber ich habe etwas gesehen Louis ehe Du mich raus warfst und warum
warfst Du mich raus  Du putztest Pistolen auf dem Tisch«
    »Was kümmerts Dich«
    »Louis Geh nicht allein aus der Welt Wenn Du gehst nimm mich mit«
    »Ich denke Einen mitzunehmen sprach er vor sich hin Im Übrigen sei ruhig
Mädchen die Pistolen sind nicht für mich geladen«
    »Das ist nicht wahr Für wen denn  Ich lasse Dich nicht so fort Willst Du
in den Krieg Es ist ja kein Krieg Sie sagen wir behalten Frieden«
    »Krieg Alles ist in Krieg miteinander Tugend und Vernunft Wahnsinn und
Laster Alles betrügt sich schlägt sich ein Bein kuppelt stiehlt spielt
falsch nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht und wenn sie
in der Stille den Sündenbecher der Niedrigkeit geleert wenn sie satt sind
predigen sie uns Honnetität«
    »Sprich nicht so hässlich Ich kanns nicht leiden Spasse lieber Sags mir
im Spaß dass Du mich nicht mehr magst dass ich Dir unausstehlich bin dass Du das
Geld nur gibst um mich los zu werden hörst Du Louis sags im Spaß und
tus dann im Ernst Aber sag es mir ja nicht vorher Lache mich aus nenne
mich ein dummes Gänschen wie Du sonst wohl tatest so geh fort dass ich denken
kann dass ich träumen kann Du kommst wieder Und wenn Du dann auch nicht wieder
kommst so erwarte ich Dich noch immer und wenn ich Dich erwarte bin ich
glücklich  bis bis  tu mir den einzigen Gefallen «
    Er fuhr mit der Hand in ihre Haare »Bist Du so ein verzogenes Kind das vor
dem rauen Lüftchen Wahrheit zittert Das solltest Du den seinen Damen
überlassen die sich überglätten mit der Politur der Tugend Eine wie Du müsste
doch vor dem Nackten nicht erschrecken nicht vor dem nackten Laster dem
nackten Elend  auch nicht vor dem nackten Tode«
    »Wenn Du mich so recht schmähst und schlecht machst glaube ich zuweilen
dass Du mich doch lieb hast Wenn ich Dir gleichgültig wäre tätest Du es
nicht«
    »Hast recht Wen man lieb hat kann man quälen martern man wird ein wildes
Tier Da am letzten Abend bei der Malchen Nicht wahr Und ich bin seitdem
nicht besser geworden Gott bewahre Wer Dir das sagt belügt Dich«
    »Kaum dass Du frei kamst erkundigtest Du Dich nach mir Du hast für mich
gesorgt dass ich nicht auf die Straße geriet«
    »Einbildung Pure Einbildung Ich wollte nur ein Geschöpf haben an das ich
mein schwarzes Blut meine tolle Laune auslasse Warf ich Dich nicht zur Tür
hinaus schimpfte ich Dich nicht drückte ich Dir nicht mal die Kehle dass Du zu
ersticken glaubtest  aus purem Mutwillen Und habe ich Dich nicht auch
geschlagen«
    »Nein Louis das hast Du nicht Du hast mich nie geschlagen«
    »Dann wars eine Andere Und Eine der ich das größte Herzeleid angetan
Wenn ich ein guter Mensch wäre hätte ich auf meinen Knieen rutschen müssen bis
ich es gut gemacht Beleidigt hatte ich sie dass ich ihr nicht vors Gesicht
treten durfte und ich war rasend toll vor Scham  Da habe ich sie gequält
dass sie auch in Tränen ausbrach  aber das waren andere Tränen  und das war
der Dämon das Ungeheuer das die zerstört die es zu lieben vorgibt  Darum
sei froh Mädchen ich erwürge Dich noch einmal in der Nacht «
    Er drückte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus
    »Louis Das ist wider die Abrede Du wolltest mir noch was vorlügen«
    »Was«
    »Befiehl mir ich solle wenn ich zu Bett gehe die Tür offen lassen Du
wolltest hereinschleichen mich im Schlaf erwürgen Ach Louis wenn Du das
tätest Ich könnte wieder beten zum lieben Gott Wie ruhig würde ich
einschlafen«
    »Bete« sagte er ihr die Hand reichend »Das Andere findet sich Wenn ich 
es ist doch möglich dass ich  vielleicht in ein Weinhaus geriete nicht nach
Hause käme dann setze Dich morgen auf die Post Zu Deinem alten Vater Die
Stiefmutter ist ja tot Er braucht eine Pflege für seine alten Tage«
    »Weil er blind ist sieht er meine Schande nicht denkst Du  Ach die Leute
da «
    »Das Nest Erzähl ihnen von den vornehmen Damen hier auf die sie nicht mit
Fingern weisen  Dummheit ward kein Mädchen dort verführt lief keine mit
ihrem Geliebten fort und kehrte wieder Du hast Dich mit ihm überworfen und
willst solide werden In dem Beutel ist genug damit kannst Du einen Putzladen
anfangen Putzen will sich Jede auch in einem Nest Vielleicht machst Du auch
die Lehmkabache Deines Vaters damit schuldenfrei und dann ist Alles gut«
    »Adieu Louis« sprach sie »ich danke Dir auch recht schön  Ja es wird
Alles gut werden«
    Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger
die Erde im Resedatopf Sie durchstach die Wurzeln
    »Auf Wiedersehen« sagte er die Klinke in der Hand
    Er sah sich noch einmal um Die volle Glut der Sonne fiel auf ihr Gesicht
dennoch war es todtenblass die Zähne klappten unmerklich unter den
festgeschlossenen Lippen Sie verließ plötzlich die Blumentöpfe und kam auf ihn
zu aber nicht stürmisch sie zitterte nur etwas als sie sprach
    »Ich muss Dir doch noch danken lieber Louis dass Du so gut warst selbst zu
mir zu kommen Du hättest mir ja das Geld durch einen Andern schicken können und
schreiben Das wäre Dir viel leichter geworden Du hast es Dir nicht leicht
gemacht um mir noch eine Freude zu machen Das nehme ich dafür dass Du mir doch
gut bist Gott lohn es Dir«
    Sie schüttelte ihm die Hand er drückte einen Kuss auf ihre eiskalte Stirn
    »Also  ich komme wieder« sagte er auch seine Stimme schien zu zittern
    »Nimm Dich nur in Acht auf der steilen Treppe dass Du nicht fällst«
    Sie sah ihm nach Als sie die Tür zudrückte vergingen ihr die Kräfte Sie
wollte nach dem kleinen alten Sopha sie streckte die Arme danach aus aber sie
kam nur bis in die Mitte der Stube Mit einem erstickten Schrei schlug sie
besinnungslos auf die Dielen
    »Dass uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist Selbst dieses« sprach
Bovillard für sich auf dem Rückwege »Und doch woraus besteht das Leben Nur
aus einer langen Reihe von Trennungen Jeder Moment der Abschied von dem
vorangegangenen Und die Menschheit erfand sich keinen anderen Trost als die
Illusion des Wiedersehens Als ob je Einer wiederfand was er verließ Den Trunk
aus dem Becher den süßen Blick den Kuss den sprudelnden Witz Und wenn es
stehen geblieben kein anderes geworden wäre so wärs ein abgestandener Wein
eine ekle Wiederholung Und des Daseins Losung bleibt doch  weiter Bis  und
da hoffentlich auch weiter«
    In seiner Stube fand er zwei versiegelte Briefe Ein verächtliches Lächeln
schwebte über seine Lippen als er den ersten durchflog Er zerriss ihn »Dacht
ichs doch« Er öffnete den zweiten ihm widerfuhr dasselbe Schicksal »Eine
Kopie Süße Harmonie edler Seelen Sie hätten das doppelte Schreiben sparen
können«
    Seine beiden Sekundanten die endlich zugesagt nachdem er vergebens bei
andern angefragt mussten mit dem größten Bedauern sich wieder lossagen der
Eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise dem Andern war eine zärtlich
geliebte Schwester erkrankt
    »O diese zärtlichen und pflichteifrigen Menschen Könnten sie nicht auch aus
Diensteifer für das Gemeinwohl aus Zärtlichkeit für unsern zartpulsirenden
Staat Hilfe leisten wollen wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen
Gesellschaft ausgestoßen werden soll Zittern sie vor Angst dass man sie für
meine Freunde hält  Jülli hat Recht es gibt Momente wo man noch Freunde
braucht  zum Sterben Sonst « er wog seine Pistolen in der Hand  »sind das
die zuverlässigsten Freunde und einen von uns Beiden wenn nickt Beide liefern
sie ins Jenseits ohne viele Umstände Aber auch dazu fordert man Umstände«
    Er ging aus sich einen Sekundanten zu suchen Wen  Er sann umsonst nach
Den ersten besten der ihm auf der Straße nicht ausweichen würde mit einem
Gesicht auf dem geschrieben stände Tritt mir nicht in den Weg Der Zufall
führte ihn in das Haus wo Walter van Asten wohnte Er blieb zaudernd stehen
Schon wollte er kopfschüttelnd weiter als er den Torweg geöffnet hatte »Er
war in Halle ein guter Schläger und als Senior der Marchia stand ich ihm oft
zur Seite Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter
seinem Bücherstand wird ihm ganz zuträglich sein«
    Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen Walter sah jünger frischer
aus Sein Händedruck war elastisch ein kräftiges Willkommen tönte Louis
entgegen
    »Du siehst ja wie das Morgenrot aus Und doch unter Büchern verpackt  Und
da eine neue literarische Arbeit«
    »Dazu ist nicht Zeit jetzt«
    »Nun wozu denn«
    Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Koncept Er
las  las weiter und warf plötzlich den Hut vom Kopf dass er auf die Erde
rollte »Plagt Dich der  Lasten der Bauern Vorspann Naturalverpflegung der
Kavallerie Und alles das noch auf das verkümmerte Dasein einer Menschenklasse
geworfen welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt die wie milde sie
auch immerhin gehandhabt werde das Gefühl der Menschenwürde niederdrückt Unter
Hand und Spanndiensten für den Edelmann gemessenen und ungemessenen Frohnen
ohne Selbstgefühl Freiheitsgefühl ohne Eigentum ohne Liebe zur Scholle an
die er gefesselt ohne Sicherheit für die Vorteile welche sein Fleiß erringt
wie soll da das heiligste Gefühl die aufopfernde Liebe fürs große Vaterland
erstarken  Was hast Du denn mit den Gefühlen der Bauern zu tun«
    »Unsere Gefühle werden darin dieselben sein«
    »Wir machten uns wenigstens Beide über Ifflands tugendhaste Bauern lustig«
    »Ich rede von unserm realen Bauernstande«
    »Wahrhaftig« rief Louis weiterblätternd »Willst Du ein Thomas Münzer oder
ein Gracche werden Was willst Du eigentlich«
    »Es interessiert Dich heut wohl nicht Ein ander Mal«
    »Das könnte dann zu spät werden«
    »Weil Alle zu spät handeln ists jedes Rechtlichen Pflicht zu sprechen so
lange es noch Zeit ist«
    »Ja Du schreibst eine Dissertation willst wohl promoviren ein
Kameralistikum in Halle lesen Stecks nur den Jungen in die Köpfe dann
schießts wild auf als Unkraut und reif wirds grade wenns nicht mehr Zeit
ist Das ist der deutsche Entwicklungsgang«
    »Ich will nicht dociren Ich wills deutsch sagen was ich denke Und ich
denke nicht an die Zuhörer aber an die Sache Und die Sache ist nicht mein sie
ist unser Aller Diese Gedanken fluktuiren in tausend Geistern Sie stöhnten und
ächzten schon längst selbst in der trägen Masse Nach einer Besserung Erlösung
sehnten sich Alle Weil die Gräuel in Frankreich seitdem auch die Besten in
bleichen Schreck versetzt ist darum das Licht nicht Licht weil es einmal
geblendet hat Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wärmen Sieden
Schmelzen weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte Diese Ideen leben noch in
unserer Nation und wo kein Anderer ihm zuvorkommen will ist der Schwächste
stark genug er hat die Pflicht mit ihnen hervorzutreten Mag dann draus
werden mag aus ihm werden was da will«
    »Wenn sies nur läsen  Hast Du noch nicht die Hoffnung auf diese Zöpfe und
Perrücken aufgegeben Das beste noch wenn ein Minister ausruft Da ist auch
wieder Einer ders besser verstehen will als wir«
    »Es sind nicht Alle wie «
    »Mein Vater Kennst Du die Andern Der Beste wird Dir zurufen Das ist Alles
recht schön aber nicht an der Zeit Im Augenblick wo die Renner zum Wettlauf
gesattelt werden ist nicht Zeit eine Vorlesung anzuhören über die Veredelung
der Pferde racen«
    »Und Du auch meinst wie die Tausende und Abertausende dass wir nur berufen
sind über Schiller und Goethe zu streiten nur in die Tiefen der Mystik und der
Metaphysik uns zu versenken Andere für uns handeln lassen das wäre unsre
Destination Louis wir hatten WartburgKrieg von Minnesängern aber von
derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel über Europa «
    »Das war ein Mirakelmann aus der Zeit der Wunder Wir leben unter
Wichtelmännern in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach
Glimmer und Spiessglas Die edlen Erze sind längst gefördert und kursiren als
Scheidemünze«
    »Wir hier haben noch Kräfte nur ungeordnete sie sind überlastet man hat
sie aus dem Auge verloren Nur dran hinzuweisen braucht es dass sie gähren
kochen zum hellen Kristall aufschiessen Dazu ist kein Mirakelmann nur ein
guter Schürmeister nötig Wir haben einen jungen Fürsten der das Rechte will
und bange ahnt wo das Schlechte liegt aber eine dicke Atmosphäre nenns eine
elastische Mauer hat sich um ihn gesetzt O Gott dass die frischen Lüfte die
Lichtblitze endlich zu ihm drängen Da ists Jedes Pflicht da ist Niemand zu
gering zu schwach der eine Stimme hat zu sprechen wer malen kann der male
wer meisseln meissle in Stein das Auge aufreißen vor der Gefahr Und rasch denn
sie rückt mit Riesenschritten näher sie ist nicht zu ermessen wir stehen an
einem Abgrunde der Alle verschlingt Und aus diesem Grunde heraus könnten wir
eine Festung bauen unnehmbar Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung seiner
Gleichgültigkeit seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden
jedes Glied zum mitfühlenden Glied der großen Kette zu erheben Volk und Fürst
in Eins zu verschmelzen das wäre die Aufgabe des Gesendeten Ich sehe ihn
nicht Du siehst ihn nicht Keiner sieht ihn aber ist er darum nicht da Hat
nicht Jeder dem ein Funken durch die Adern zuckt die Aufgabe Steine dem
künftigen David zuzutragen Wenn er die Steine sieht wird er nach der Schleuder
greifen«
    Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört Die Wimpern der
schönen Augen zuckten zuweilen auf und warfen ihm einen teilnehmenden Blick
zu Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne die Walters
Bogen strich  Er schwieg einen Augenblick dann entstieg ein gähnender Seufzer
der Brust der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf »Zum
Steinewerfen haben sie allenfalls noch Mut wenns auch nicht Schädel trifft
doch Fensterscheiben Wenn nicht die des französischen Gesandten doch der
Schauspielerin ihre die er unterhält«
    Walter sah ihn wehmütig an »Haften schweben kräuseln denn Louis
Bovillards sämtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensdarmerie Offizieren
Der Louis Bovillard der einmal auf der Windsbraut reitend nach den Strahlen
der Sonne griff Und heut noch an Persönliches sich klammern in einer Zeit wo
der Einzelne nur Lust zum Atmen findet wenn er sich versenkt ins Allgemeine«
    »Das ist Lüge glaubs mir pure Lüge Wir kriechen nicht aus unserer Haut
Es ist alles persönlich unser Appetit und unsre Begeisterung unser Hass und
unsre Liebe  Auch Dir ist was Angenehmes im Traum begegnet darum träumst Du
jetzt für die Menschheit und für den Staat Seiner Majestät des Königs von
Preußen«
    Der frohe Zug um Walters Lippen sein heller Blick sprach für Louis
Behauptung Ein deutliches Ja beantwortete sie »Ich träume einen schönen Traum
und darum gehe ich mit Mut an mein Werk«
    »Lass es aber nicht drucken« sagte Bovillard
    »Warum«
    »Es sind verteufelt gute Gedanken darin gedruckt sind sie Allgemeingut
Irgend einer schmeisst sie etwas um gießt seine Sauce drauf So laufen sie
durchs Publikum und Du gehst Deinen Prosit quitt«
    »Sie sollen wirken Auf diesem Wege gelangen Sie an ihr Ziel Wenn auch
verrückt verfälscht es haftet etwas Will ich etwas für mich«
    Bovillard sah ihn scharf an und sagte »Ja«
    Walter errötete
    »Du willst wirken das heißt selbst eine Wirksamkeit haben Zünden Deine
Gedanken so wärst Du ein Narr wenn Du am Feuer nicht Deinen Topf wärmen
wolltest Du hoffst noch und hast ein versöhnlich Gemüt  Purpurroter Freund
der Wahrheit wenn Du im Amte bist lerne Dich etwas verstellen nur zum Besten
des Allgemeinen, in das der Einzelne sich versenken muss Wer dem realen Staat
dienen will muss lügen können«
    Walter hatte nicht gesehen wohin Bovillard sah Indem er ihn zu fixiren
schien hatte er über seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter
Kornblumen entdeckt die künstlerisch mit einem blauen Bande verschlungen waren
    »Und außerdem bist Du verliebt und wünschest eine anständige Versorgung um
heiraten zu können«
    Die Purpurröte auf Walters Gesicht wich einer Blässe doch nicht auf lange
In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin
    »Weshalb vor dem Freunde ein Geheimnis Ich liebe und ich hoffe  Nun
schütte Deine Philippica aus gegen meinen Egoismus ich will versuchen ob ich
dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette «
    »Wenn wir auch ein verschieden Facit zögen die letzte Rechnung schließt
Jeder doch nur mit sich ab Du tust recht Dir stehts an der Stirn
geschrieben dass Du zum guten Bürger geboren bist an meiner stand etwas von
Kains Zeichen Hast Du Dich mit Deinem Vater ausgesöhnt«
    »Unsere Trennung ist wohl keine fürs Leben«
    »Fandst Du die Kousine Mamsell Schlarbaum jetzt liebenswürdiger«
    »Ein gutes Mädchen aber noch weniger als der Dichter in ihrer Brust einen
Widerhall gefunden hätte würden es die Töne die jetzt in meiner klingen«
    »Eine politische Schwärmerin hast Du doch nicht zur Hausfrau gewählt«
    »Sie ist ein deutsches Mädchen «
    »Und liebt Dich«
    Walter schwieg dann reichte er dem Freunde die Hand »Ich hoffe es  Nun
von Dir Du kamst in Geschäften Womit kann ich Dir zu Dienst sein«
    »Mit nichts«
    »Du wolltest von mir«
    »Was ich jetzt nicht mehr will«
    »Und warum nicht«
    »Weil Du verliebt bist«
    »Die Liebe tötet nicht die Freundschaft«
    »Weil Du glücklich bist«
    »Liebende und Glückliche sind freigebig Sie möchten die ganze Menschheit
aus Herz drücken«
    »Und ich  ihr den Hals brechen«
    Mit einem raschen Händedruck ging er aus der Tür
 
                              Dreissigstes Kapitel
                             WachtstubenAbenteuer
»Hol Euch alle der « rief der Spieler und warf die Karten auf den Tisch Das
Tarockspiel war beendet Er zog die lange seidene Börse um die letzten
Goldstücke dem Gewinner hinzuschleudern Bei der Berechnung ergab sich dass sie
nicht reichten Er ließ sie zurück gleiten machte einen Knoten und steckte die
Börse in die Tasche »Am nächsten Gagetag«
    Ein höhnisches Gelächter antwortete darauf Es waren Offiziere der Ort des
Spiels eine Wachtstube Der Verlierende war in einer Parüre die auf den ersten
Anblick allerdings Zweifel ließ ob er der Mann sei um einen bedeutenden
Spielverlust durch die Einnahme eines Gagetages aufzubringen In einem nicht
mehr ganz reinlichen Kamisol das zerknitterte Hemde nur durch eine leichte
Binde um den Hals festgehalten die Füße in Pantoffeln im Munde eine
Tonpfeife verriet nur die gelbe Weste unter dem Kamisol und die auch etwas
vernachlässigte Frisur den Offizier Aber der Kapitän war ein Arrestant die
Wachtstube sein Gefängnis
    »Ihre nächste Gage Herr Bruder gehört ja dem Schneider« sagte der
Wachtabende der Einzige unter den Spielern dessen Parüre in parademässigem
Zustande war Das vielstündige Spiel hatte bei den Andern manche Managements in
der Adrettität zur Folge gehabt
    »Den schmeisst er wieder zur Treppe runter« sagte der Kornet auf dem Schemel
kippend
    »Und dann kommt der Ephraim und der Levi«
    »Die bestellt er auf dieselbe stunde wie neulich und sie müssen warten
bis er raus rufen lässt Einer soll rein denn Einer kann heut nur bezahlt
werden Dann fallen sie sich in die Bärte prügeln sich und er lässt sie wegen
Ruhestörung arretiren Onkel und Herr von Kniewitz schade dass Sie nicht dabei
waren Es war ein kapitales Stück Ich sehe noch die Judengesichter und die
blanken Taler neu geprägt auf dem Tische die Sonne schien drauf Freilich
der Regimentsquartiermeister stand dabei Hatte sie ihm nur auf eine
Viertelstunde geliehen Aber die Juden wie sie sie zu Gesicht kriegten sie
trauten zuerst ihren Augen nicht Nun Einer dem Andern vor wie Wasser aus ner
Schleuse und eh Einer die Hand an den Tisch gebracht Einer den Andern zurück
an Brust und Kragen Beide auf der Erde kopfüber das strampelte und schrie«
    »Wenn sie sich nun vertragen und geteilt hätten«
    »War mir gar nicht bange Onkel Der Kapitän verstehts Du hättest ihn
sehen sollen Nicht eine Miene verrückt und mit einemmal schoss er auf Augen
wie der alte Dessauer schafft mir die Bestien aus den Augen Auf die Wache mit
den Schuften die so den Respekt vor dem Rock des Königs verletzen«
    »Dafür soll er leben« der Wachtabende stieß an Die Gläser klangen
    »Und die Strassenjungen hinter den Juden her« setzte der Kornet hinzu »es
war ein Schauspiel für Götter«
    »Eigentlich ists contre façon« sagte der Kapitän »dass christliche
Offiziere einem Kameraden ausziehen was die Juden übrig lassen Und noch dazu
einem gefangenen den Ihr in Eurer Gewalt habt«
    »Hört den Fuchs Du müsstest doppelt blechen weil wir unser Renommee aufs
Spiel setzen Mit Einem spielen der missliebig ward sich vergangen hat an einem
Kaiserlich Russichen Gesandten«
    »Sitz ich etwa darum dass ich den auf der Maskerade emittirt habe 
Euretwillen Ihr Herren Gensdarmen allein um Euretwillen Weil Ihr damals dem
Pfaffen bei der Malchen das Katzenständchen brachtet Majestät waren fuchswild
aber Ihr wurdet durchgeschwatzt Das kennt man schon wenns nur an die
Kavallerie gehen soll Für den Nächsten wars aufgehoben und das war ich Und
nicht um den Alopeus sondern um den Pfaffen bin ich der Sündenbock«
    Der Kornet strich seinen Milchbart als wäre es wirklich schon ein
Knebelbart sein Oheim der Rittmeister lächelte und drehte seinen vollen rot
schimmernden mit stillem Vergnügen in die Höhe »Nicht wahr Fritz das war auch
ein kapitales Vergnügen«
    »Kostet mich baare hundert Friedrichsdor die ich dem Onkel pumpen musste
nachher in der Weinstube Aber Onkel weißt Du ich hätte Dir noch hundert
zugepumpt wenn Du hättest Absitzen blasen lassen«
    »Ich glaubs dem Jungen« sagte der Rittmeister »der hätte gern oben
Ordnung gemacht«
    »Die PredigerMädels sahen wir noch Na die passirten aber die Bescherung
nachher hätte ich sehen mögen«
    »Glaubs auch« sagte der Onkel und wirbelte noch immer am Bart »Na davon
muss man jetzt nicht reden Du vor Allem nicht Wie stehst Du denn mit der Komtess
Laura«
    »Davon redet man nicht« erwiderte der Kornet sich gemächlich ein Bein
übers andre im Schemel wiegend und aus den übermütigen Lippen den Rauch
blasend
    »Verfluchter Junge der« sagte der Onkel »Dem ists Glück mit der
Muttermilch angeblasen Solchem Milchbart der kaum flügge ist muss sie winken«
    »Fortuna ist ein Weibsbild« seufzte der Gefangene
    »Und wenn man den General nicht fängt ist man zuweilen mit dem Kornet
zufrieden« bemerkte der Wachtabende
    »Werde Sie um Erklärung nachher bitten lassen Herr Lieutenant« sagte der
Kornet ohne seine Stellung zu ändern
    »Kik in die Welt« rief der Rittmeister »Kornet Wolfskehl genannt zu
Ritzengnitz ein Kornet kann keinen Offizier um Erklärung bitten lassen«
    »Der wäre im Stande und forderte den Prinzen selbst« sagte der Arrestant
»Gefällt mir an ihm Solche lieben die Damen Plaudert nicht am Morgen in der
Wachtstube die Eroberungen der Nacht aus«
    »Fritz merkst Du was Der Kapitän spekulirt auf Deinen Beutel Lob ist
nicht umsonst Revanchire Dich bezahl seine Schulden  Er rührt sich
wahrhaftig nicht So ein junger Glückspilz Das war das pfiffigste Stück meiner
seligen Schwester dass sie ihren Alten beschwatzen musste ihn mit einundzwanzig
mündig zu erklären Um ne halbe Million das Pupillenkollegium betrügen Als ob
die Weiber das nicht wüssten auch ohne Pupillenkollegium und nun bildet sich
der Junge ein s ist um sein glattes Gesicht«
    »Onkel wir stehen in Relationen«
    »Halts Maul Willst Du dem Herrn Kapitän seine Spielschuld vorstrecken Das
ist das Vernünftigste was Du tun kannst«
    »Mit Vergnügen lieber Onkel sobald Du Deine Wechsel bei mir eingelöst
hast«
    »Kinder nun bitte ich Euch ist das nicht gegen die Moraliät dass ein Neffe
von seinem Onkel Wechsel hat  Hast neulich erst in der Garnisonkirche gehört
was der Prediger von der Sittenverderbniss sprach Pfui«
    »Herr Bruder haben Recht« sagte der Wachtabende »Überhaupt solche
Papierwische War ich König ich ließe alle Wechsel verbrennen«
    »Fritz nimm also Raison an willst Du«
    »Bin nicht bei Kasse«
    »Bin ichs etwa«
    »Lasst den Horstenbock nur erst los kommen« sagte der Wachtabende »Er
findet auch noch einen Salomon Schmuel der ihm fünfundvierzig Prozent auf den
fünfundvierzigsten Gagetag vorschiesst S sind christliche Gemüter unter der
löblichen Judenschaft«
    »Reinen Tisch« rief plötzlich der Rittmeister »Quitte on double«
    Auf dem unreinen wie eine Wachtstube ihn mit sich bringt mischte er die
zergriffenen Karten und blickte fragend den Arrestaten an Er nickte Zustimmung
    »In sechs Monat«
    »Quitte ou quadruple «
    »Was« Alle sahen sich verwundert an
    »Quitte ou quadruple à payer wenn Horstenbock ne Kompagnie hat«
    Alle lachten das Interesse steigerte sich sie rückten wieder näher an den
Tisch Darin war Vernunft Die vervierfachte Summe des Spielgewinnstes war ein
Kapitol aber eine Kompagnie war auch ein Kapital Der Kapitän schlug ein
    »Und meinem Neffen dem Kornet verkauf ich sie für neunzig Nutzt der Junge
wieder sein Geld mit zehn Prozent«
    »Was mein guter Onkel nicht tut« lachte der Kornet »Aber wenn nun Krieg
wird«
    »Tant mieux« rief der Arrestat »Wenn mich ne Kugel trifft lach ich Euch
Alle aus«
    »Rot oder schwarz« rief der Wachtabende die Karten noch einmal zu dem
wichtigen Spiel häufelnd
    »Rot« rief der Rittmeister Also »Schwarz« der Kapitän
    »Verloren« jubelte der Kornet auf mit den Fingern schnalzend »Onkel
verloren«
    Der Arrestat warf diesmal die Karten nicht auf den Tisch er trocknete die
Nässe nämlich vom Wein der reichlich floss mit dem Ärmel ab und legte sie
sorgfältig zusammen »Rittmeister ein andermal bin ich zur Revanche bereit«
    »Die hat Dohleneck nicht nötig Wer so viel Glück in der Liebe hat hats
nicht im Spiel«
    Es prustete unter den Anwesenden auf der Kornet wollte sich überschlagen
    »Herr Bruder Sie haben Unrecht« sagte der Wachtabende als eine Wolke auf
der immer heiteren Stirn des Rittmeisters sich zusammenzog »die Geschichte mit
der Tänzerin noch immer als eine particulaire zu betrachten Sie ist eine
Korpsangelenheit«
    »Eine verflucht kniffliche Geschichte erinnre ich mich« sagte der
Arrestat »sie kam ja bei allen Offizierkorps zur Sprache Die Meinungen waren
sehr geteilt«
    »Kinder« rief der Rittmeister »Über die Sache ist längst Gras gewachsen
Lasst die Toten ruhen«
    »Den Teufel auch« rief der Wachtabende »Der Louis Bovillard ist noch
lebendig und wie Die Sache muss noch mal zu Ende kommen«
    »Die Hetzpeitsche« jubelte der Kornet
    »Man wäre auch schon einig darüber geworden wenn nicht «
    »Der Vater wäre«
    »Der sollte uns nicht geniren Wenn man nur wüsste ob er nicht doch ein
Edelmann ist«
    »Das müssten ja die Listen der Refugiés ergeben«
    »Sind nachgeschlagen so weit wir zukonnten da muss sich der Alte oder
Lombard zwischen gelegt haben und unsre fanden verschlossene Schränke Zwei
verschiedene ältere Listen hatten wir nachgesehen Zu der einen war ein Pierre
Bovillard aufgeführt mit dem Zusatz confiseur in der andern ein Sieur Pierre
Bertolet Fulcrand de Bovillard maître de Cerisé Da standen wir nun am Berge
Der Obrist wollte es mal unter der Hand von Lombard erfahren der Fuchs musste
aber Lunte riechen und antwortet Alle Refugiés stammten direkt von Adam und
alle unsere Väter wären einmal Perrückenmacher gewesen«
    »Ein Skandal« Der Arrestat spuckte
    »Aber kriegen wirs raus dass er vom Konditor ist «
    »Die Hetzpeitsche« jubelte der Kornet »Ich habe ein paar Bursche aus der
Neumark die wissen sie zu appliziren So halb polnische Rasse Habens an ihrem
eigenen Rücken gelernt und teilen herzlich gern Anderen ihre Erfahrung mit«
    »Modération meine Herren Brüder« sagte der Rittmeister aufstehend »Wenn
Einer von uns den Bovillard vor die Klinge fordern könnte tant mieux von
Herzen gern so wäre der Geschichte mit einem Mal der Kopf abgeschnitten Bis
dahin aber  vergessen Sie nicht dass es anders ist als es war «
    »Muss wieder werden wies war« trumpfte der Arrestat mit der Faust auf den
Tisch »Wenn sie uns die Fuchtelklinge nehmen ists mit der Disziplin aus Aber
kommt noch mehr eingeschobene Kanaille in die Armee Adieu dann esprit de corps
Adieu Friedrichs Geist Adieu Preußens Ehre«
    Eine Ordonnanz überbrachte ein Rosabillet mit Vergissmeinnicht sauber
verschlungen es schien ein Spott auf die dampfende Wachtstube »Herrn
Rittmeister Stier von Dohleneck eigenhändig zu übergeben«
    Der Empfänger musste es an das trübbrennende Talglicht halten um in dem
Tabaksrauch die feingekritzelte Adresse zu lesen »Von wem«
    »Ein Frauenzimmer brachte es Sie wollte aber nicht bleiben«
    »Ein Rendezvous  Warum ist sie nicht selbst gekommen das liebe Kind 
Kann nicht mal abwarten bis er von der Wache zurück ist«
    Der Rittmeister hörte nicht auf die Raillerien »Hier ists zu dunkel Herr
Bruder von Horstenbock erlauben wohl dass ichs bei ihm am Fenster lese« Ohne
eine Antwort abzuwarten war er in die daran stossende Kammer getreten die Tür
hinter sich zuwerfend
    »Vielleicht von der Jenny« rief der Kornet »Sie hat Reue gekriegt und ist
zurück«
    Der Arrestat fragte nach dem eigentlichen Zusammenhang der Geschichte die
ihrer Zeit so viel zu reden gemacht Er hatte damals in der Provinz gestanden
und nur Widersprechendes darüber gehört Dohleneck hörte jetzt nicht zu es sei
also kein Grund hinterm Berge zu halten
    »Herr von Dohleneck war nur unser Deputirter« sagte der Wachtabende »es
ist daher töricht wenn er sich die Sache persönlich zu Herzen nimmt Das
Persönliche verschwand bei der Sache gänzlich und er war nur der Vertreter für
das Allgemeine. Wie der Prinz zuletzt mit dem Blitzmädchen stand weiß jedes
Kind Ob er aber wirklich so vernarrt war wie er vorgab das weiß der Himmel
Eines Abends beim Champagner verschwor er sich gegen ein Zehn von uns die er
invitirt die Hexe wäre so speziell in ihn verliebt dass sie auf keinen Andern
hören würde Nun müssen Sie gestehen meine Herren dass das für uns eine direkte
Herausforderung war Wer wusste nicht wies um die Jenny stand Also wir
hielten im Geheimen ein Art Kriegsrat und es war auch nicht eine Stimme
dagegen Es war eine KorpsSache Auf der Stelle ward zusammengeschossen baar
es kam eine erkleckliche Summe zusammen und Zwei wurden ausgelost Sie müssen
auch gestehen Herr Bruder von Horstenbock dass das loyal und kavaliermässig
gegen den Prinzen gehandelt war«
    »Und klug auch Die Liebenswürdigsten und Hübschesten zu wählen wäre doch
eine kitzliche Sache für die Kameradschaft gewesen«
    »Es fiel auf Dohleneck und einen Andern  Ein Billet an die Tänzerin bat um
die Erlaubnis bei ihr ein Souper en trois nach der Oper zu arrangieren und dies
kleine Souvenir mit dem Vergissmeinnicht als Angebinde anzunehmen Drin lagen
hundert Dukaten Die Antwort war sie werde das Vergissmeinnicht zum ewigen
Andenken bewahren und den Tisch decken lassen Unser Koch hatte während der Oper
ein kaltes Souper exquisite Sachen von Sala Tarone arrangirt und die Jenny
sprang ihnen schon an der Treppe entgegen War auch keine Sylbe die Rede von
Tugend und Treue sie war ausgelassen lustig und sagte sie wäre schrecklich
hungrig Unsere Kameraden warens auch Aber kaum fliegt der erste Pfropfen an
die Decke als ein Wagen vor die Tür rasselt Sie erschrickt Er wird doch
nicht Kaum hat sie das Tüchlein wieder um den Hals genestelt als es die Treppe
rauf knarrt Nun aufgesprungen als die Kammerkatze reinstürzt Herr Jemine der
Prinz Mamsell  Retten Sie sich ruft die Jenny und wirst das eine Kouvert in
den Waschkorb Die Offiziere wollen ins Nebenzimmer fliehen da holt sie die
Katze zurück Meine Herren um Gotteswillen da kommt er ja durch Retour also
und wollen zur Stubentür auf den Flur Da klirren seine Sporen und er klopft 
Hannchen mach auf ruft die Jenny und hat derweil schon den großen
Kleiderschrank aufgerissen Meine Herren ists gefällig Platz hatten sie drin
das ist wahr und die süßesten Erinnerungen an alle Schäferinnen und Göttinnen
die in den Kottillons gesteckt aber  nun das Übrige ist kaum nötig zu
erzählen Verschlossen waren sie und der Schlüssel steckte in Jennys Tasche
und Jenny hing am Halse des Eintretenden und bat ihren herzgeliebten Louis und
schönsten Louis und einzigen Louis um Verzeihung dass sie nicht auf ihn
gewartet aber sie wäre zu durstig gewesen vom Echauffement«
    »Merkten sies da«
    »Auf parole dhonneur sie vor unserm Ehrengerichte versichert der Kerl
hätte täuschend den Prinzen gespielt«
    »Sie konnten Alles hören«
    »Jedes Anstossen jeden Kuss das Kritzeln mit dem Messer auf dem Teller«
    »Donner und Wetter«
    »Zwei Pfropfen hörten sie gegen die Decke knallen selbst durstig zum
Verkommen und hungrig auch Zwei Stunden saßen sie am Tisch«
    »Bloß am Tisch«
    »Meine Herren bedenken Sie es waren Offiziere die da für ihre Kameraden
standen Ja sie haben eingeräumt zuletzt entdeckten sie durch eine Ritze dass
es Bovillard war Was aber war zu tun Ich frage Sie Kapitän hätten sie
poltern sollen«
    »Eine verfluchte Situation und eine Frage dass Einem der Kopf schwindelt
Wenn ich für mich dagestanden « «
    »Hätten Sie die Tür gesprengt Sehr richtig Aber in dem Schranke stand das
ganze Offizierkorps das erwägen Sie«
    »Nein da durften sies nicht«
    »So entschied auch unser Ehrengericht«
    »Aber was wird nachher daraus«
    »Sie hörten rutschen packen Kisten und Kasten aufreißen  man sprach unter
Gekicher davon aus den Appolloball zu gehen«
    »Und nachher«
    »Keiner schloss auf Blieben sitzen«
    »Kam denn nicht die Kammerkatze«
    »Nicht Katze nicht Maus die war mit der Jenny fort Kurz um wie Ihnen
bekannt sein wird die Tänzerin war mit Extrapost nach Leipzig gefahren Ist
heut noch nicht zurück Nicht einmal austrommeln lassen konnte man sie Die
Wirtin musste endlich als sie zu poltern anfingen das Schloss aufbrechen
lassen Frei waren sie da freilich aber «
    »Von wem nun Satisfaktion«
    »Meine Herren ich versichere Sie die Sache hat uns Allen schwere Nächte
gemacht Was sollten wir tun Bovillard fordern Wenn es damals noch ging Aber
die Raison Hatten sies denn mit ihm zu tun gehabt  Er stellte sich gegen
Dritte als die pure Unschuld War bei der hübschen Tänzerin gewesen hatte sich
ungemein amüsirt Sollten wir uns nun blamiren und ihm mit dürren Worten sagen
dass wir uns nicht amüsirt hätten Durften wir überhaupt an die große Glocke
schlagen Durften wir es vor dem Prinzen Wer wusste denn ob er nicht mit im
Spiel steckte ob ers nicht eingeleitet um mit guter Manier die Jenny los zu
werden Es war ja ein Labyrinth ein Wespennest in das wir stachen Gott weiß
was daraus geworden wäre Dohleneck und der Andere wollten ihren Abschied
fordern Das ging auch nicht Sie waren ja wir Das ganze Offizierkorps hätte
den Abschied nehmen müssen Meine Herren ich versichere Sie es war eine
Hundegeschichte und dazu den Bovillard ansehen müssen der wie der Sonnenschein
über die Parade spazierte«
    »Sag ich doch man hat zuweilen im Leben Pech und weiß nicht wos
herkommt«
    Der Rittmeister hatte die Worte des Arrestaten noch gehört als er eintrat
den Rosabrief auf den Tisch warf und sich auf den Schemel »Ist das Pech oder
nicht oder was ist es Ich weiß es nicht«
    »Onkel ein Rendezvous Wills Dir abkaufen unbesehens Bin generös Den
ersten Wechsel dafür«
    »Lest mal das Zeug Ich kriegs nicht klar«
    Der Arrestat las Wenn ein menschliches Herz in Ihnen schlägt so setzen Sie
Ihr Betragen nicht fort Mein Gott im Himmel ist es denn möglich dass ein
Kavalier ein Offizier des Königs ein Mann dem man sonst gute Eigenschaften
nicht abspricht im Martern eines weiblichen Herzens sein Vergnügen finden kann
Wenn Sie auf unsere Bitten nicht hören wollen wenn Sie Ihre Schwadron täglich
vorüber reiten lassen müssen treiben Sie den Hohn wenigstens nicht so weit
immer vor ihrem Fenster den Bart zu streichen Sie sehen freilich nicht die
Dolchstiche die es in das Herz der Armen drückt denn die Balsaminen verbergen
sie Ihren Augen Wir verteidigen die Arme nicht sie ist ein schwaches Weib
Sie verspricht uns wohl am Abend morgen will sie sich in die Hinterstube
verschließen aber wenn Ihre Trompeter um die Ecke blasen reißt es sie mit
unwiderstehlicher Gewalt ans Fenster Wenn sie dann schluchzend ohnmächtig in
unsere Arme sinkt verspricht sie uns freilich es soll das letzte Mal gewesen
sein aber  vielleicht wird es ein Mal das letzte Mal sein Bietet denn eines
Mannes Brust eine so unerschöpfliche Höhle für das Rachegefühl dass er nie
vergeben kann und einer Frau einer schönen Frau Sie hat Sie beleidigt ja
das geben wir zu aus Übermut gekränkt aber das Herz des Weibes gehört den
Impulsen Was wären wir wenn wir ihnen nicht mehr gehorchten  Damit Sie es
denn wissen ja dies Gefühl Sie gekränkt zu haben ist es was an ihrem zarten
Dasein nagt diese Vorwürfe die krampfhaft ihre Brust durchschüttern die sie
im Schlaf aufschreien lassen die Wermut in den Becher der Freude träufeln Und
das könnte ein Mann ruhig ansehen und sich durch die Qualen die er einer Frau
bereitet geschmeichelt fühlen  Nein mein Herr es kämpft noch immer mit mir
der Gedanke dass unter diesem brüsken zur Schau getragenen Affront  ein
anderes Gefühl sich nur gewaltsame Selbsttäuschung erheuchelt  Ich wiederhole
meine Bitte besinnen Sie sich nehmen Sie Urlaub entfernen Sie sich einige
Zeit aus Berlin Die Zeit heilt viele Wunden Es ist alles vorbereitet man wird
Ihnen bereitwillig Urlaub erteilen Auch wenn Sie augenblicklich der Mittel
entbehrten soll dafür gesorgt werden Es gilt ja das Glück einer der edelsten
Seelen  Bleiben Sie aber doch  dann dann  nein ich lasse es mir nicht
abstreiten was ich ahne  dann hören Sie mehr von mir
    »Na was ist das Dohleneck«
    »Ja was ists So soll doch Gott den Teufel todschlagen wenn ich ne
Sterbenssylbe davon verstehe«
    »Der Brief deutet auf anderes was voranging«
    »Freilich schon zwei solche Wische und neulich auf der Maskerade ward mir
was ins Ohr geflüstert Ich glaube ich bin in einem Tollhause«
    »Herr Bruder besinnen Sie sich« sagte der Wachtabende »Da sind ja viele
Indicien im Briefe  eine schöne Frau also ists kein Mädchen eine Frau die
Sie beleidigt hat eine Frau an deren Fenster Sie täglich vorbeireiten An
welcher Ecke lassen Sie die Trompeter blasen Und Balsaminen stehen am Fenster«
    Der Arrestat überflog das Billet »Es muss eine Frau von Distinktion sein«
    Der Rittmeister war aufgesprungen Ein Licht schien auf seiner Stirn zu
leuchten und doch glänzten die Augen nicht wie eines Liebenden der im
Mondenschein ein lieblich Bild sieht sondern wie eines aufgeschreckten
Schläfers dem ein Gespenst an der Wand vorübergleitet
    »Donnerwetter SchockSchw   wenn die es wäre«
    Da öffnete sich die Tür und der Gefreite schritt gravitätisch auf den
Wachtabenden los
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
                          Ein Satz in die Löwenhöhle
Der Gefreite schulterte »Herr Lieutenant ich rapportire«
    »Was«
    »Es schleicht ein Verdächtiger um die Wache«
    »Was hat er getan«
    »Er hat ins Fenster geguckt und dann ist er fort«
    »Warum ist er verdächtig«
    »Acht Zoll Haare ohne Puder kleiner Kopf verfluchte Augen und am
Ellenbogen ein Loch oder ists ein Kalkfleck«
    »Und sonstens«
    »Der Vorpahl und Schlagebohm haben ihn schon gesehen Zwei Mal ist er
eingebracht worden auf dem Molkenmarkt Einmal war er Bandit  Da kommt er all
wieder Solln wirn reinschmeissen Herr Lieutenant«
    Der Kornet war ans Fenster gesprungen »Hölle und Teufel das ist
Bovillard«
    »Was« rief der Wachtabende »sollte der Kerl es wagen «
    »Eine Peitsche« schrie der Kornet als Louis Bovillard schon in der Stube
stand und mit ihm beinahe zusammenprallte
    Der Eintretende war nicht der welcher zurückwich
    »Eine Peitsche wünschen Sie Kornet Für Pferde oder für Hunde Das muss man
wohl unterscheiden Pferdegerten bekommen Sie am besten bei Konradi an der
Schleusenbrücke aber wenn Sie Hundepeitschen wollen gehen Sie ja nicht anders
als zu Krilow Spandauerstrasse Echtes Juchtenleder elastisch fein gearbeitet
Aber nehmen Sie sich in Acht nie zu stark geschlagen Der bestdressirte Hund
knurrt wenn man ihn mit Juchtenleder zu stark traktirt Also merken Sie Kornet
von Wolfskehl bei Krilow Spandauerstrasse Eckhaus nach dem neuen Markt zu«
    Bovillard war beinahe um einen Kopf größer als der Kornet und es schien
sehr natürlich als er ihn mit der Hand dabei auf die Schulter klopfte Aber es
war nicht natürlich dass der Kornet es sich gefallen ließ Wars die Magie des
Auges oder was bewirkte nach solcher Ausgelassenheit solche Einschüchterung
    »Was suchen Sie hier« trat ihm der Wachtabende entgegen
    »Männer von Ehre«
    Was dem Kornet geschehen geschah jetzt der ganzen ehrenwerten Versammlung
Sie schwiegen als wärs eine elektrische Berührung die Alle in einem Moment
umgewandelt hatte Ein Dritter würde es ein Gefühl der Geschlagenheit genannt
haben Sie wussten nicht was sie zu tun hatten Bovillard war wie ein Geist aus
der Mauer in ihre Mitte gedrungen ein Zischeln oder selbst nur ein Verständigen
durch Blicke war nicht mehr tunlich Indessen nahm der Wachtabende das Wort
    »Sie kommen in welcher Absicht«
    »Ihren Schutz und Beistand anzusprechen«
    Die Sache war aufs Neue vollständig verrückt
    »Werden Sie von der Populace verfolgt«
    »Die Populace kümmert mich nicht«
    »Oder wollen Sie sich freiwillig in Arrest überliefern weil Sie «
    Der Offizier hielt inne 
    »Nichts weniger als das«
    »So muss ich den Herrn auffordern sich etwas deutlicher zu expliciren«
    »Mit dem größten Vergnügen«
    Der Wachtabende hatte um seine Autorität aufrecht zu erhalten sich auf
den Schemel nieder gelassen was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm
getan Auch der Kornet schien Willens dem Beispiel zu folgen als Bovillard
mit einer raschen Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem
Wachtabenden niedersetzte und sich selbst darauf
    »Ich komme um einer Ehrensache halb«
    Alle sahen unwillkürlich den Sprecher dann sich unter einander an
    »In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen
sondern durch einen Vermittler  wenn überhaupt davon die Rede sein kann«
setzte der Wachtabende trocken hinzu
    »Diesen Vermittler hoff ich hier zu finden«
    »Donnerwetter« brummte der Arrestat »Glaubt der Herr da oder wers ist
den ich nicht kenne dass wir hier solches Gelichters sind Vermitteln
Pestilenz Wer mir das anböte «
    »Ist wohl ein Missverständnis« sagte der Rittmeister
    »Gewiss« fuhr Bovillard ruhig fort »wenn die Herren an Beilegen denken Ich
will nichts beigelegt wissen da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod
vorhabe Wo man a tempo auf zehn Schritt schießt pflegt der Tod näher zu sein
als das Leben Diese Rücksicht bestimmt auch mich über andere Rücksichten
hinweg zu sehen«
    »So weit schon Was wollen Sie denn noch«
    »Nur einen Sekundanten Auf morgen Abend steht die Promenade an Die
Bekannten auf die ich fest gerechnet haben mich nachträglich im Stich
gelassen Freunde habe ich nicht also muss ich an  Nichtfreunde mich wenden
Unter den Civilisten war meine Bemühung vergebens ich wende mich daher an das
Militär«
    »Wie  ich meine wie kommen Sie zu uns«
    »Weil Sie auf der Wache sind  Meine Herren ich betrachte Sie nicht als
Individuen und Personen sondern als Vertreter Ihres Standes und Ihren Stand
als den welcher die Ehre zu vertreten hat In einer Universitätsstadt würde ich
mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben hier wende ich mich an
Sie  Auf der Wache stehen Sie wie im Felde Käme ein feindlicher Offizier zu
Ihnen um eine Ehrenangelegenheit abzumachen so würden Sie als Kavaliere und
Offiziere doch keinen Augenblick anstehen die nötigen Arrangements zu
treffen«
    Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet halb zustimmend an Der
Rittmeister strich vergnügt seinen Bart Der Wachtabende sagte nach einer
Pause
    »In solchen Dingen kommt doch Alles auf die Verhältnisse und Personen an
mit denen man zu tun hat«
    »Gewiss« entgegnete Bovillard »und ich habe keinen Grund vor den Herren
den Namen meines Adversaire zu verschweigen Ihr Wort vorausgesetzt dass Sie
Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen«
    Der Wachtabende blickte sich nach seinen Kamenden um »Ich kann in ihrem
Namen die Versicherung geben«
    »Was kaum not täte Die Herren würden doch nicht eine Ehrensache
rückgängig machen wollen«
    »Hol mich der Teufel nein« brach es von den Lippen des Rittmeisters
derselbe freudig verächtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der Andern
    »Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrat
von Wandel«
    »Der« Alle sahen wieder befriedigt fast vergnügt ihn an
    »Die Sache ist kontrahirt und er hats angenommen«
    »Kontrahirt angenommen Ort Waffen und Zeit bestimmt«
    Der Wert des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen Der
Wachtabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben
    »Meine Herren« sagte er sich umschauend »das ist ein eigener Kasus«
    »Gegen den Kerl der um den Bonapartegesandten schwänzelt muss man Jedem
beistehn« meinte der Kornet
    »Man muss ihn aber doch auch kennen« sagte der Arrestat »Es kommt auf die
Verhältnisse und Personen an mit denen man zu tun hat äußerten Herr Bruder
vorhin«
    »Der Grund Ihres Disputes ist« fragte der Wachtabende
    »Gründe unter Kavalieren« rief Bovillard jetzt auch aufstehend Die Hand in
der Brust verneigte er sich leicht  »Verzeihung meine Herren wenn ich mich
getäuscht hatte Es war nicht meine Absicht Sie zu inkommodiren«
    Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der Andern sie wollten sich
inkommodiren lassen
    »Es fragt sich eben nur mit wem wir « der Redner stockte Bovillard fiel
ein
    »Die Ehre haben zu tun zu haben Sehr begreiflich Da ich nicht so
glücklich bin von Ihnen gekannt zu sein wünschen Sie meinen Stammbaum
einzusehen«
    Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen Dennoch blieb
dem Wachtabenden die Frage im Munde stecken Der Arrestat fragte über den
Tisch
    »Sie heißen  Bovillard«
    »Wie meine Ahnen«
    »Da war auch mal hier ein Pastetenbäcker pâtissier et confiseur Louis
Bovillard«
    »Ich habe die Ehre sein Urenkel zu sein Man rühmt ihn als einen der
trefflichsten Männer in unserm Hause ein Charakter und seltener Esprit«
    »Es gab aber auch unter den Refugiés« fiel der Wachtabende ein »einen
Sieur Louis Bertolet Fulcrand de Bovillard der als Maitre de Cerisé in den
Listen eingetragen steht«
    »War auch mein lieber Urgroßvater ein excellenter Mann«
    »Wie passt das zusammen«
    »Sie waren ein und dieselbe Person«
    »Mein Herr wir sprechen hier in einer serieusen Angelegenheit«
    »Die serieuseste von der Welt Mein Ahnherr konnte die Güter von Cerisé
nicht mitnehmen als er vor Louis Dragonern bei Nacht und Nebel über die Grenze
schlüpfte aber sein Talent Pasteten zu backen hat er mitgebracht Er befand
sich auch ganz wohl dabei Ein jovialer Mann Ich bin nicht stolz auf Verdienste
meiner Vorfahren die mir abgehen aber ich darf mit Ruhm sagen dass seine
Konfituren am Hofe des nachmaligen Königs Friedrich im besten Renommee standen
Sonst wäre er auch nicht auf kurfürstlicher Durchlaucht Befehl mit nach
Königsberg beordert worden«
    »Er ward mit zur Krönung befohlen«
    »Und mit zur Tafel gezogen« fragte der Arrestat
    »Allerdings Die große Pastete an der Krönungstafel war sein Werk Sie nimmt
in der Geschichte keinen unrühmlichen Platz ein Wir besitzen in der Familie
eine Abbildung davon Wenn es den Herren gefällig wäre sie zu sehen stehe ich
immer zu Diensten«
    »Und in die Pastete hat Ihr Urgroßvater seinen Adel eingebacken«
    »Wie Sies nehmen wollen Herr Kapitän Als sie aufgeschnitten ward kam der
bekannte Zwerg heraus Mein Ahnherr ward gerufen mit Lob überschüttet Ihre
Majestät die geistreiche Königin Sophie Charlotte setzte ihm eigenhändig einen
kleinen Lorbeerkranz auf Leibnitz erwähnt seiner und der Pastete in einer
Epistel Gundling schrieb später eine Abhandlung darüber auch Morgenstern«
    »Und für diese Verdienste «
    »Ward er persönlich von der Perrückensteuer befreit«
    »Man muss gestehen Ihre Familie hat eine historische Entrée in unserm Staat
gemacht Aber da Ihre Väter in den Staatsdienst getreten sind erkannten
mutmasslich die Preussischen Könige durch Briefe Ihren französischen Adel an«
    »Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben Kann man etwas
geben was nicht ist und etwas vernichten was ist So hat einer meiner
Vorfahren gesagt dem man einige Schwierigkeiten machte als er aus den
Kreuzzügen zurückkehrte Louis der Heilige sagte lächelnd zu ihm als ers
erfuhr Das kommt mir vor als wenn Martell Deinen Ahnherrn in der
Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt hätte den Mohren den Schädel
einzuschlagen Mein Ahnherr sagte Jener zu König Louis hätte Karl Martell
antworten können Die Römer fragten bei Zülpich nicht danach als mein Urahn
hinter Chlodwig in ihr Speerquarree einhieb«
    Bis zu den Kreuzzügen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die
Kniewitze noch die Horstenbock und Wolfskehlen genannt zu Ritzengnitz folgen
Aus Besorgnis dass er sie nicht noch bis zur Schöpfung der Welt inkommodire
erklärte man schnell das Verhör für beendet und der Rittmeister schätzte es
sich zum Vergnügen den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden
Legationsrat zu begleiten
    Bovillard bat den Wachtabenden ihn mit dem Herrn den er noch nicht zu
kennen die Ehre habe bekannt zu machen Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande
Mit demselben Anstande erfolgte die Präsentation
    »Von einem Offiziere Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung
erwarten«
    »Hol mich Der und Jener« sagte der Rittmeister »ich freue mich dass ich
Sie anders kennen lerne als ich  dachte«
    »Sei keusch wie Eis und rein wie Schnee Du wirst der Verleumdung nicht
entgehen sagte ein Poet zu Ophelia und es ist auch so geschehen«
    »Die sprang ja wohl ins Wasser« sprach der Rittmeister den Pallasch
umschnallend »Herr von Bovillard wir gehen ins Feuer da wird es anders«
    »Hat sich magnifique benommen ganz als ein Kavalier« sagte der
Wachtabende als Beide die Stube verlassen »Man muss es ihm lassen«
    Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft die er nicht nötig fand in
Worten zu äußern Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachtabenden harmoniren
    »Donnerwetter« rief der Kornet am Fenster »Sie gehen Arm in Arm«
    »Was soll nur daraus werden«
    »Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen «
    »Das kommt davon wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat«
    Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mit
empfinden denn auf der Straße hatte er den Rittmeister gefragt ob er sich
nicht fürchte in seiner Gesellschaft gesehen zu werden Der Rittmeister konnte
das Wort fürchten nicht leiden er hatte sich mit einem um so festeren Druck an
Bovillards Arm gehängt »Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist «
    »Über den ist die Fahne geschwenkt« fiel Bovillard ins Wort »und er ist
ehrlich wie des Scharfrichters Schwert den armen Sünder ehrlich macht«
    In der Kaserne wo Dohleneck wohnte hatten Beide eine lange Unterhaltung
Unmöglich konnte das Gespräch allein die Arrangements des morgenden Ganges
betreffen Sie schieden mit einem Händedruck wie Freunde die sich herzlich
über Vieles ausgesprochen haben
 
                          Zweiunddreissigstes Kapitel
                                   Iphigenia
Der Unterricht den Walter im Lupinusschen Hause erteilte war einige Tage
ausgefallen weil Mamsell Alltag sich unpässlich befand Doch hatte der Bediente
hinzugefügt es habe nichts zu bedeuten Walter war zufrieden obgleich er nie
zufriedener war als wenn an den Gensdarmentüren die Glocke schlug die ihn
zur Stunde rief er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen können
    Adelheid sah heute wirklich noch etwas blass aus aber nie hatte Walter sie
reizender gesehen Ein Häubchen umschloss ihre Locken ein leichtes bis unter
dem Halse schliessendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder Den griechischen
Schnitt in den die Geheimrätin sie nötigte hatte er nie geliebt Der schöne
Arm erschien ihm heut schöner unter dem faltigen Überrock als wenn er in
leuchtender Fülle aus den kurz geschnittenen Aermeln schoss Sie war ihm rasch
entgegen geeilt sie hatte seine Hand so herzhaft gedrückt und doch zitterte
sie Sie hatte ihr Guten Morgen nie mit einem so festen Tone gesprochen und
doch war ihre Stimme etwas belegt Sie hatte ihn herzlich angesehen und doch
sogleich wieder die Augen gesenkt
    »Wir haben viel nachzuholen lieber van Asten« hatte sie gesagt »darum
müssen wir rasch anfangen« Sie saß am Tisch er ihr gegenüber Es war ein
wunderschöner Morgen Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein Der
Schatten der Blätter spielte durch das geöffnete Fenster auf die Tischplatte Es
funkelte auch golden auf den Blättern des Buches Daher mochte es kommen dass er
sich verlas auch sie las oft falsch Und dazu zwitscherten die Sperlinge
gewohnt am Fenster die Krumen zu stehlen welche Adelheids Hand ihnen
hinstreute und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug bis man
sie mit den Tüchern hinausgescheucht
    Es war viel Störung in der heutigen Lektion
    Walter schlug vor das Fenster zu schließen Adelheid fand die freie Luft so
schön ihr sei noch so beklommen Aber es würde schon vorübergehen  »ich werde
schon Mut bekommen« setzte sie leiser hinzu
    Sie hatten heute die Iphigenia beendet Adelheid hatte den letzten Akt
gelesen
    »Sie müssen mir später ein Mal die ganze Iphigenia hinter einander vorlesen
wenn Sie bei voller Stimme sind« sagte Walter »Das Gedicht klingt und dringt
ganz ins Herz mit Ihrer schönen Stimme Das Parzenlied «
    »Heut könnte ich es nicht lesen« fiel Adelheid ein »es ist zu
schrecklich«
    »Für den schönen Morgen Sie haben Recht Wir müssen uns heut allein mit dem
Charakter der Iphigenia beschäftigen Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der
Versöhnung der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint
aber er fand noch nicht die eigentliche Verkörperung Was die griechischen
Dichter noch als einen Torso hinstellten hat der Deutsche der aus anderer
Quelle sein Licht schöpfte zur Erscheinung gebracht Dieses Atridengeschlecht
«
    »Um Gottes Willen« rief Adelheid »wie konnten die alten Dichter so etwas
ersinnen Sie sagten doch die Griechen hätten immer der Schönheit gehuldigt und
selbst dem Hässlichen wussten sie eine Wendung zu geben dass es das Gefühl nicht
verletzte Wie ist es nun möglich dass sie solche Greuel erfanden die doch
unmöglich sind«
    »Unmöglich« fragte der Lehrer »Die erste Geschichte des Hellenentums ist
nur eine Verkörperung des Kampfes den die Kultur mit der Barbarei geführt Der
Barbarei ist alles möglich und wenn der finstre religiöse Wahn hinzutritt ist
sie zu Greueln fähig für die uns Begriff und Worte fehlen Ertödten wir aber
Kultur reißen wir die edle Humanität an der Wurzel aus welche Kunst
Wissenschaft der Geist des Christentums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und
gepflegt so sinken wir Alle wieder in den Naturzustand in die Barbarei zurück
wo die Taten des Atreus und Tyestes möglich sind«
    Sie schauderte vor sich niederblickend Hatte er zuviel gesagt
    »Vor einer andern Schülerin würde ich das nicht sagen aber Ihr Geist
Adelheid ist stark Sie selbst haben so jung noch Prüfungen zu überstehen
gehabt Sie haben Blicke in die wüste Verworfenheit getan Ist zB eine
Mutter die ihr Kind ermordet nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft
weiter zu erscheinen so viel besser als jene Barbaren die ihrem Rachetrieb
alles opferten Und sind es die Vielen hier welche aus falscher Empfindsamkeit
die entsetzliche Tat beschönigten Wissen Sie weiß ich welche Prüfungen auch
meiner Freundin noch aufgespart sind wie viele von denen die sie jetzt mit
Aufmerksamkeit überhäufen die so liebenswürdig edel sprechen und zu handeln
scheinen Ihnen in einem ganz anderen Lichte erscheinen werden«
    Adelheid sah ihn verwundert an Er war in Gedanken vertieft  »Es war
Unrecht von mir« rief er plötzlich auf »Die Vorsehung hat uns die schönen
Illusionen als Patengeschenk mitgegeben damit wir Mut behalten Sie selbst
lüftet für Jeden nur so viel von dem Schleier als er ertragen kann Und Niemand
hat das Recht dem Andern die schirmende Decke fortzureissen Vergebung Kehren
wir zur Iphigenia zurück«
    Er hielt die Hand zur Vergebung über den Tisch sie schlug ohne zu zaudern
ein und Beide mussten vergessen haben dass sie eingeschlagen hatten denn als
er in seiner Rede fortfuhr blieben die Hände noch immer auf dem Tisch
    »Das Schrecklichste hat sich nun erfüllt das Schicksal der Atriden liegt
wie ein wüster Traum im Hintergrunde Ein sonst edler Jüngling der den letzten
Blutschlag getan Orestes ist der Träger des Fluches Er wird von den
züngelnden Furien gepeitscht die nur in der Nähe des Heiligtums wo der reine
Gedanke der Geist des Gottes herrscht vor dem Zerrissenen weichen Er ist
geflohen von der Blutstätte von den heimatlichen Gestaden wo jeder Stein an
die Geschichte seiner Ahnen mahnt über Meere und Berge Aber wie der Psalmist
sagt und nähme er Flügel der Morgenröte und flöge aus äußerste Meer die
Erinnyen folgen ihm Da tritt Iphigenia auf die zum Opfer bestimmt die Göttin
schon früh mit gnädiger Hand aus dem Gräuelhause forttrug und zur Priesterin
sich weihte Sie ist das außerordentliche Weib das den Fluch ihrer Geburt
überwunden hat Selbst längst entsühnt ist sie bestimmt als versöhnende
Priesterin zu walten Schon hat die Macht der reinen, edlen Weiblichkeit sogar
die Sitte der Barbaren gemildert und Toas muss von ihr sagen
 es fehlt seitdem du bei uns wohnst
Und eines frommen Gastes Recht geniessest
An Segen nicht der uns von oben kommt
Aber diesen Segen soll sie auch dem verlorenen Bruder mitteilen Der Atem ihrer
reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glühenden Stirne kühlen die wüsten
Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben Er bekennt ihr den ganzen
vollen entsetzlichen Fluch der auf ihm lastet er stürzt vor ihr nieder als
er sie erkennt «
    Walter musste inne halten Adelheid hatte plötzlich die Hand zurückgezogen
und hielt sich die Brust Dann fuhr sie sich über die Stirn
    »Ist Ihnen wieder unwohl«
    »Nichts lieber Walter  Fahren Sie nur fort Sie erzählen so schön«
    »Es ist doch wohl besser wir setzen heut noch die Stunde aus«
    »Nein um Gottes Willen nein heute muss es sein Nichts bis Morgen wieder
verschoben Ich werde gewiss Mut bekommen Es war nur die Vorstellung der Furien
 ich möchte das Stück nie auf dem Theater sehen so schön es ist«
    »Aber Orest wird ja geheilt«
    »Wer seine Mutter tot schlug«
    »Lesen Sie liebe Adelheid irgend eine heitere Rede der Iphigenia Sie kann
wie Balsam wirken«
    Adelheid las was sie zufällig aufschlug
»Das ists warum mein blutend Herz nicht heilt
In erster Jugend da sich kaum die Seele
An Vater Mutter und Geschwister band
Die neuen Schösslinge gesellt und lieblich
Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts
Zu dringen strebten leider fasste da
Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
Von den Geliebten  Selbst gerettet war
Ich nur ein Schatten mir und frische Lust
Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf«
Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf Er suchte nicht viel die
Situation war ihm peinlich er nahm die erste beste dityrambische und sie las
den Anfang des vierten Aktes
»Denken die Himmlischen
Einem der Erdgebornen
Viele Verirrungen zu
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Und den Schmerzen zur Freude
Tief erschütternden Übergang
Dann erziehen sie ihm
In der Nähe der Stadt
Oder am fernen Gestade
Dass in Stunden der Not
Auch die Hilfe bereit sei
Einen ruhigen Freund«
    Sie hatte das Buch fallen lassen sie war aufgestanden An der Tischecke
schwankte sie sie wandte sich ab dann rasch auf Walter zueilend ergriff sie
seine Hand
    »Ich habe den Freund gefunden Walter Sie haben mich lieb«
    Er umfasste aufspringend ihre Hand er bog den Kopf zurück er starrte sie
wie eine Erscheinung an »Ists Traum oder Wahrheit«
    »Walter Walter sprechen Sie sonst wirds ein Traum und mein Mut
verlässt mich«
    Er presste die Hand heftig an seine Brust »Ja  um Gottes Willen Adelheid
Du «
    Er erdrückte den tiefen Seufzer den er zu hören glaubte indem er sie an
die Brust schloss
    Ihr Herz schlug an seinem sie weinte an seinem Halse aber still nicht wie
die Leidenschaft nicht wie die Seligkeit der Liebe weint Er sank auf den Stuhl
zurück er hielt ihre Hände gefasst So beschaute er sie »Es ist des Glücks zu
viel zu viel auf einmal Lass mich Dir ins Gesicht sehen ob es nicht doch nur
ein Traum ist«
    »Jetzt nicht es könnte aussehen wie Lüge« sagte sie »nicht bis ich alles
gesagt Das Schwerste ist heraus   Sie müssten ja rot werden über mich wenn
 wenn nicht alles so gekommen wäre wie es ist«
    »Wie es ist« wiederholte er »Du sahst in mein Herz Du erbarmtest Dich
meiner um mich nicht länger in Hangen und Bangen zu lassen«
    Sie schüttelte den Kopf »Nein Walter Sie müssen sich nicht anklagen um
mich zu entschuldigen Sie waren nicht in Hangen und Bangen Sie sind ein Mann«
    »Nun fort das kalte Sie« rief er »Ich nehme Besitz von meier Eroberung«
    »Du wusstest recht gut dass wenn Du mich fragtest ich nicht nein sagen
könne Und weiß Gott nicht um Dir das Herz zu erleichtern habe ich
gesprochen«
    Er wollte sie noch einmal an sein Herz drücken Aber sie entwand sich sanft
seinen Armen
    »Keinen Kuss auf eine Unwahrheit Es muss jetzt volle Wahrheit zwischen uns
sein«
    »Unwahrheit«
    Sie nickte mit einem tränenfeuchten Blick »Lass mich nur einen Augenblick
Atem schöpfen«
    Sie hatte sich an den Tisch gesetzt der Kopf gleitete in die Arme Er hatte
sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter
»Ich habe Dich lieb und bin bei Dir und Du hast mich auch lieb Was hindert Dich
noch«
    »Ich habe Dich lieb gehabt seitdem ich Dich gekannt« sagte sie ruhig sich
zurücklehnend »wie einen Bruder vor dem ich mein Herz offen legen konnte Habe
ichs nicht getan Und wenn ichs nicht tat war es weil ich dachte Du
läsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche Aber seit der  der
fürchterlichen Geschichte ward es noch anders Du allein bliebest immer derselbe
gegen mich Die Andern  erst wussten sie nicht wie sie mich ansehen sollten
und wichen mir aus Nachher überschütteten sie mich mit Liebkosungen und
Bewunderung und machten aus mir wunder was was ich nicht bin Ich war doch
nicht schlechter nicht besser Gott weiß es  aber was ich nun bin nun ja was
ich besser bin bin ich durch Dich Seit ich das fühlte ward mir bange Du
hattest es mir vorausgesagt durch große Leiden werde der Mensch geläutert
seine Sinne gehen auf für das Edle und Schöne und sein inneres Auge für das
Ewige und Wahre Und da sah ich wie Du viel sorgsamer und liebevoller wardst
und mit jeder Schülerin würdest Du Dir nicht so viele Mühe geben Und Dein
Unterricht ward auch so besonders Und da Walter da kam dann  ich weiß nicht
wie  der Gedanke dass es so sein müsste «
    »Und erschrakst Du vor dem Gedanken«
    Sie schwieg einen Augenblick  »Nein gewiss nicht Walter  Wo konnte ich
besser aufgehoben sein dachte ich wer sollte mich besser zum Rechten führen
und schützen Ich gewöhnte mich so daran dass «
    »Du gewöhntest Dich nur daran«
    Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage Sie legte sanft die Hand auf
seine und blickte ihn klar an »Hast Du nicht zuweilen gemerkt dass ich
lächelte Ich dachte dann an das was Du oft gesagt der Mensch erzieht sich
selbst und man kann keine Natur ändern Und Du wolltest mich doch ändern so
wie Du mich wünschtest Und dann widersprach ich aus Übermut Nur aus
Schelmerei ich nahm mir im Herzen doch vor zu werden wie Du es wünschtest«
    »Das hattest Du Dir vorgenommen und ich war der Gegenstand Deiner Gedanken«
    »Und da kam ich auf kuriose Dinge Ob ich Dir auch würde auf die Schulter
klopfen wie Mutter tut wenn sie der Vater anfährt ob Du auch zornig werden
könntest Und ob ich dann auch so machen dürfte wie Mutter tut um ihn wieder
gut zu machen Ich muss Dir sagen es kam mir nicht ganz recht vor wenn auch
Mutter sagt so muss man die Männer behandeln wenn man Friede im Hause haben
will Du bist doch ein ganz anderer Mann und ich meinte wir müssten uns jeder
dem andern grad heraus sagen was er denkt Ach und tausend Dinge Aber Walter
das dachte ich alles weit entfernt«
    »Hast Du nicht auch gedacht dass Du jetzt in einem glänzenden Hause bist
eine gefeierte Schönheit von Bewerbern umschwirrt die von ihrer Anbetung
sprechen Hast Du nicht an Dein Herz gefühlt ob wenn der Eine oder der Andere
ernst spräche «
    »Nein« fiel sie rasch ein »Sie sind mir alle gleichgültig«
    »Aber die Geheimrätin Du bist ihr Augapfel Sie wünscht dass Du eine gute
Partie machst sie sucht vielleicht schon nach einem passenden Gatten der Dich
über Deinen Stand erhebt Vielleicht auch sie ist kinderlos reich das große
Vermögen kommt von ihr «
    Sie fasste mit Heftigkeit seine Hand »Nein Walter das denke um Gottes
Willen nicht Ich habe nie daran gedacht«
    »Und der Gedanke ist so natürlich Du schauderst ja fast«
    »Ich begreife es oft nicht warum ich nicht mehr Dank für sie fühle aber 
aber lassen wir das Walter verrate mich nicht und deute es mir nicht
schlimm es ist mir oft als möchte ich je eher je lieber aus diesem Hause fort
Es ist mir so heiß so bang oft «
    »Aber weißt Du in welches ich Dich führen könnte Ein armer Gelehrter 
würdest Du aus Deinem Reichtum mir in eine Hütte folgen«
    Sie sah ihn mit ihrem klaren Lächeln an »Ja Walter Ich bin ja nicht für
den Reichtum geboren Wer weiß wenn sie meiner überdrüssig wird setzt sie
mich hinaus Da müsste ich mir vorsorglich ein Obdach suchen  O pfui keinen
Scherz  Aber ich habe mir es auch gedacht dass Du zu stolz sein könntest weil
Du arm bist O ich liebe Dich so stolz wenn Du den reichen und vornehmen Herren
kein Wort keinen Blick schuldig bleibst Wie Viele bücken sich und kriechen Du
gehst grade  Nein Walter auch darum nicht nicht weil ich Dir zu Hilfe
kommen wollte  Ach hilf mir doch  das Schwerste ist heraus das
Allerschwerste steckt noch in der Brust«
    Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse Er strich über ihre Stirn er bat sie
zu denken sie sei in der Kirche wie die fromme Katolikin von der sie neulich
gelesen und er ihr Beichtvater
    »Neulich nach unserem Feste  Du weißt von dem unglücklichen Zufall Ich
verlor meine Besinnung Jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer Hässliche
gleichgültige Menschen kamen und gingen aber in der Nacht als es still ward
halb wachte ich halb träumte ich  die Andern hatten mich wohl vergessen in dem
Wirrwarr und die Nachtlampe brannte dunkel da schlich es herein Er
überraschte mich «
    »Gerechter Gott«
    »Nein Walter erschrick nicht«
    »Wer«
    »Ich kannte ihn und darf ihn doch nicht nennen Er umfasste meine Knie wie
der Orest das Bild der Göttin und seine schönen Augen rollten wie eines
Wahnsinnigen Ich wollte aufschreien mich losmachen aber ich konnte nicht
wenn ich ihm ins Auge sah Ihn peinigten ja auch wie den Sohn des Agamemnon 
die Furien«
    »Was wollte der Freche«
    »Er bat mich dass ich vergessen vergeben sollte«
    »Was solltest Du ihm vergeben«
    »Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte «
    »Von der kein Wort  Die Geheimrätin erwähnte neulich eines Unverschämten
der Dich auf der Straße verfolgt «
    »Ach Walter jetzt verstehe ich erst was wir in den Gedichten lasen Ist
das Liebe so ist ja Liebe eine Krankheit vor der Gott Dich und mich bewahre So
muss Orest krank gewesen sein«
    »Er sprach seine Leidenschaft aus er quälte marterte Dich  Weiß Jemand
darum«
    »Keiner soll davon wissen außer Dir Dich nehm ich aus«
    »Du versprachst ihm Verschwiegenheit«
    »Ihm nicht mir gelobte ich sie aus  einem Mitleid das ich noch nie
empfunden Walter o hättest Du ihm in das Gesicht gesehen das schöne
fürchterliche Gesicht Bald ein wildes Tier das mich zerreißen konnte bald
wie ein Kind so sanft  Ich bedurfte keines Beistandes keiner Hilfe glaube es
mir gewiss nicht Ich wäre ihm wie eine Heilige eine Göttin eine Priesterin
deren Wünsche ihm Befehle sind «
    »Das ist die Sprache der Wüsten Du kennst diese Menschen noch nicht Wo
ihre gewöhnlichen Künste nichts fruchten sie einen Widerstand finden den sie
damit nicht bewältigen stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten
Gefühle um sie zu überlisten Mit Tränen empfindsamen Reden nesteln sie sich
wie der Mehltau an die Fasern und Fäden einer edlen Seele Sie reißen die Brust
auf um Schmerzen zu zeigen die sie erheuchelt und indem sie das Mitleid
aufrufen spritzen sie Gift in die arglose Seele de Teilnehmenden«
    Sie sah ihn ruhig an und schüttelte den Kopf »Du kennst ihn nicht den
nicht Nein Walter das war keine Täuschung Er schüttete seine volle Seele
seinen brennenden Schmerz seine Selbstanklagen aus Und dahinter blieb nichts
zurück kein Fältchen  Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es ja aber wie die
Wahnsinnigen im Altertum sagtest Du die Wahrheit verkündeten So spricht
Keiner dass er unwürdig sei so entsagt Keiner dem was ihm das Liebste ist  so
spricht Keiner von dem Stern der ihm zu spät geleuchtet So nicht vom
Vaterlande das untergeht So klagt sich Keiner an dass er zu früh verzweifelt
und darum selbst in dem Sumpfe versank wo keine Rettung ist Ich reichte ihm
meine Hand ich sagte ich wollte ihn aufziehen er rief berühre mich nicht es
ist zu spät Walter das vergess ich nie das klang wie das Parzenlied Da ist
ein edler Mensch verloren gegangen«
    »Verloren« rief Walter in sich hinbrütend »das ist ein schrecklich Wort«
    Sie ergriff seine Hand »Und darum Walter darum habe ich gesprochen wie
ein Mädchen nicht sprechen soll Und nun betrachte mich wie Dein Eigentum ich
bin ganz ruhig und zufrieden Schalte und walte damit wie Du willst schilt
mich züchtige mich nicht dass ich den Schleier der Schicklichkeit zerriss dass
ich nicht abwartete bis Du gesprochen Bin ich nicht auch wie die griechische
Fürstentochter fortgerissen aus dem Hause der Eltern in die Welt gestoßen
Mein Gott hat es so gewollt dass das Schrecklichste Unerhörteste an einem armen
Mädchen vorüberging Da ward sie eine andere Und Du bist der Mann an den sich
das schwache Mädchen lehnt Du der Einzige den ich wert fand mich ihm zu
geben wie ich bin Wars Recht oder Unrecht nun ists an Dir zu entscheiden
Du aber bist nun die Säule an die der Epheu sich rankt Du der Freund den mir
die Götter erzogen Du sprichst nun für mich So an Dich mich schmiegend will
ich stehen wenn neue Stürme drohen und der Unglückliche der Verlorene wenn
er wieder kommt Deine Verlobte Walter wird ruhig und heiter nicht mehr
erschrecken«
    Die Schwalben und die Bienen und die Sonne in der Linde schauten auf einen
Glücklichen und eine still Zufriedene Ein Moment von dem Dichter jener Zeit
gesagt hätten dass Götter Sterblichen darum beneiden könnten Der Neid der
Götter war immer gefährlich aber auch jene Götter täuschten sich und wurden
getäuscht Sie schaukelten über dem Spiegel auf der See und sahen nicht den
Sturm der ihre Tiefe aufwühlte  Über die Dächer tönte es vom
Gensdarmenturm Die Lehrstunde war wohl zu Ende Sie hörten mit Schrecken die
Schläge Es waren aus der einen Stunde drei geworden
    Das süße Geheimnis was es für Andere noch bleiben sollte durfte es nicht
vor der Pflegemutter Walter hatte es so gewollt Adelheid erkannte seine Gründe
an aber sie seufzte als sie aufstanden Es war ein schwerer Gang
    An der Tür der Geheimrätin hörten sie ein Gespräch Es war Wandels Stimme
Lisette die hinzukam sagte Frau Geheimrätin wolle nicht gestört sein 
Adelheid atmete auf Walter drückte ihre Hand »Also ein andermal teures
Fräulein« 
    »Die sind auch einig« sagte Lisette nachdem sie die Flurtür hinter ihm
zuschloss
 
                          Dreiunddreissigstes Kapitel
                             Auch eine Lehrstunde
In dem Gespräch zwischen der Geheimrätin und dem Legationsrat mochte auch
schon weit über eine Stunde verstrichen sein Es war gewissermaßen auch eine
Lehrstunde aber vom ursprünglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit
abgeschweift sein Wir fanden neulich die Geheimrätin in aigrirter Stimmung auf
den bewunderten Mann Jetzt saßen sie Beide im intimsten Seelenverkehr auf dem
Kanapé Die Aussöhnung war längst erfolgt Am Morgen nach der Gesellschaft war
er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen er hatte ihr von dem präparirten
Äther gebracht der sie wunderbar schnell gestärkt und hergestellt Er hatte
Mucius durch seine Kenntnisse die er in bescheidene Fragen einkleidete
überrascht dass der Doktor beim Weggehen geäußert Das ist ein Tausendkünstler
Madame Den müssten wir setzen lassen dass er nicht ins Handwerk pfuscht Hatte
er nicht Selle der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden so
geschickt in die Konsultation zu ziehen gewusst dass er die Verlegenheit der
Geheimrätin nicht merkte
    Wie gesagt es war alles ausgeglichen  zwischen ihnen aber nicht die
tiefe Falte auf ihrer Stirn Noch heut verriet sie den Riss in der Brust
    »Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben« hatte sie gesagt
    »Gott sei Dank« sagte er
    »Warum«
    »Weil Sie endlich zur Überzeugung kamen dass man das für die Menschen sich
opfern den Narren überlassen muss«
    »Sie meinen doch nur für die reale Menschheit die in ihren Flitterkleidern
ihre Armseligkeit zu verbergen sucht«
    »Und was ist die reale Menschheit Sollen wir uns für den Begriff
begeistern der zwischen Adam und dem jüngsten Wiegenkinde liegt«
    »Aber was ist der Mensch der sich für nichts interessiert Für irgend etwas
muss er doch der Opfer fähig sein er muss leben oder er kehrt zum Tier zurück«
    »Physiologen behaupten dass jedes Menschengesicht eine Ähnlichkeit mit
einer Espeçe derselben hat«
    »So wäre es an uns zu entdecken mit welchem wir Verwandtschaft haben Und
wenn wirs wissen sind wir am Rande unserer Erkenntnis«
    »Moralisten behaupten dass es alsdann unsere Aufgabe sei dieses Tier zu
bekämpfen«
    »Mit welchen haben Sie zu kämpfen« fragte die Lupinus
    »Sie sind in aigrirter Laune teuerste Frau Das ist eigentlich die beste
Mit diesem moralischen Scheidewasser spülen wir am schnellsten die sensualen
Auswüchse ab die uns an unserm Glück hindern«
    »Was verstehen Sie unter diesen Auswüchsen«
    »Die sogenannten wohlwollenden Gefühle die die ärgste Lüge sind der
Selbstbetrug der uns am klaren Denken am folgerechten Handeln hindert«
    »Sie lenken von meiner Frage ab Für was lebt der Mensch«
    »Nur für sich selbst«
    »Aber in dies Selbst schließen Sie die Ideen Bestrebungen Illusionen wie
Sie es nennen wollen ein die unser Dasein über das Vegetiren der Pflanze über
den Instinkt der Tiere erheben«
    »Vielleicht«
    »Warum nur bedingt Sie wollen ihn noch nicht bewundern aber Sie anerkennen
Napoleon«
    Er hatte mit unterschlagenen Armen im Sopha zurückgelehnt gesessen Er sah
sie scharf an »Wollen Sie ein Napoleon werden«
    »Torheit«
    »Fühlen Sie Beruf eine Semiramis Zenobia zu sein oder eine Maria
Teresia Katarina«
    »Das liegt ganz außer meiner Sphäre«
    »Das ist das Lösewort Wer die Grenzen seiner Sphäre erkennt weiß wofür er
lebt Er weiß auch wie er leben soll das heißt er kennt die Mittel mit denen
er wirkt bis wohin er wirken kann Wenn er aber das weiß weiß er auch dass
nichts ihn hindern darf so zu wirken wie er kann sagen wir muss Was man will
und kann muss man es gibt keine höhere Aufgabe Das aber ist die Krankheit
unserer Zeit das Siechtum unserer Halbwollenden dass sie den großen Männern
ihre großen Endziele abstehlen wollen Haben sie Adlerflügel Titanenkräfte So
flattern sie wie die Motten ins Licht und zerstossen ihre blutwarmweichen
Hirnschädel mit denen sie Mauern einbrechen wollten am ersten besten
Zaunpfahl Daher diese Idealisten Staatskünstler Menschheitsverbesserer Was
war es das sie den Größen abstehlen sollten  Die richtige Erkenntnis ihrer
Sphäre die sie füllen der Kräfte über die sie gebieten können Der achtzehnte
Brümaire wäre ein Verbrechen nein eine Dummheit gewesen wenn der Lieutenant
von Toulon ihn gewagt für den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend die
Europa und die Welt bewunderte er wusste was er konnte«
    »Und was können wir die wir nicht wissen was wir wollen können«
    »Kein Mensch ist so gering dass er nicht etwas will was scheinbar über die
Verhältnisse über seine unentwickelten Kräfte hinausgeht Aber wenn er den Mut
hat es sich zu gestehen so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Kräfte
Liegt das Ziel im Kreise des Möglichen wohlverstanden für ihn so ist es auch
für ihn erreichbar  Ich bin entfernt davon in Ihre geheimen Wünsche dringen
zu wollen aber denken Sie sich meine Freundin einen solchen Wunsch den Sie
bisher für unerreichbar hielten verkörpern Sie ihn sich und überrechnen Sie
dann die Mittel die Ihr Geist Ihr Vermögen Ihre physische Kraft Ihre Freunde
Ihnen bieten Reichen diese Mittel aus so sind Sie am Ziel denn es ist allein
Ihre Schuld wenn Sie es nicht erreichen«
    »Das ist ein gefährlicher Gedanke«
    »Warum  Gesetzt Sie fühlten sich unglücklich mit Ihrem Gatten «
    »Ich bitte Sie Herr Legationsrat «
    »Nun Sie wünschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen Ist das
etwas Unrechtes  Doch es ist ein indiskretes Beispiel Verzeihung Also
umgekehrt  Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen Ihr Haus zum Hospital
umschaffen selbst Krankenwärterin werden Ihre Mittel wären endlich erschöpft
ja meine Freundin die Möglichkeit wäre da dass Sie ihm auch seine Stube
nähmen seine Bibliothek verkauften «
    »Ach der arme Mann«
    »Nur nicht Mitleid Wer etwas will muss diese Rücksichten verbannen Sehen
Sie die Fürstin Gargazin möchte uns Alle zu Konvertiten machen sie scheut
keine Mittel  gar keins wenn sie nur Einen bekehren kann«
    »Mein Mann stürbe wenn er von seinen Büchern lassen müsste«
    »Und wird von ihnen lassen müssen wenn er von Allem lässt Doch um wieder
auf Bonaparte zu kommen wie viel Peripherien hat er eine nach der andern um
seinen jeweiligen Standpunkt gezogen weit weiter und das ist das
Bewunderungswürdige nicht seine gewonnenen Schlachten sondern dass er im
Mittelpunkt des Kreises nie über den Kreis hinausgriff So ward er Konsul
Kaiser «
    »O ich bin ungemein begierig Ihre Ansichten darüber zu erfahren«
    »Wozu das Freundin Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen«
    »Aber es ist so interessant «
    »Sie haben Recht  seine Familienverhältnisse Da liegt der Hemmschuh für
den Giganten«
    »Die Familie erhebt er mit sich«
    »Aber Josephine hat keine Kinder  Sie muss fort«
    »Wie Sie hob ihn Er kann sie doch nicht verstoßen«
    »Ei seine Bewunderin hält ihn für so klein Gefühle der Dankbarkeit sollen
ihn an seinem Weltberuf hindern«
    »Aber das Urteil der Welt würde «
    »Den Titanen regieren Da habe ich keine Skrupel Aber die Kreolin ist
eigensinnig reizbar Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will«
    »Sie meinten neulich dass Josephine gegen ihren Mann contre operiren
könnte«
    »Darüber bin ich hinaus Sie ist nur eine Frau mit den gewöhnlichen Affekten
eines Weibes Groß im Kleinen zu klein zu einer Tat zu weich gutherzig
Nein nein von der Seite ist nichts zu besorgen aber er  Napoleon muss sich
von ihr scheiden er muss Söhne haben er ist in voller Manneskraft er ist durch
die Verhältnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrängt die seine
Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht welche aus dem Schutt und Staub
der Revolutionen aufsteigt und die Throne wieder mit einem Nimbus umzieht Das
ist ganz unabänderlich dass muss er Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen
will was muss er tun Was wird er tun Da Freundin wird sichs bewähren ob
er  er ist«
    »Mein Gott Sie meinen «
    »Bisher war er sich immer klar Aber diese Differenz «
    »Er liebt Josephinen«
    »Was ist Liebe Verstehn wir uns Wir Beide meinen nicht jene Veilchenduft
jene Vergissmeinnichtschwärmerei zartgeschaffener Seelen noch jene dämonische
Leidenschaft die Mauern einreisst um im Genuss sich zu töten Das sind
Kinderspiele Ich meine die Liebe vor der Jahre und Verhältnisse wie Plunder
versinken das in den Mysterien der Natur geborene Bündnis Derer die sich
verstehen sich das Zeugnis der Ebenbürtigkeit Einer dem Andern ausstellen
Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder Beteuerung und Schwüre Sie
ist da von sebst Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden und im
Moment ist der Bund geschlossen ohne Worte«
    Die Geheimrätin seufzte »Das ist eine Vorstellung, erhaben wie die
Ewigkeit«
    »Und nun frage ich herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund
Begreift sie ihn nur Freilich möchte sie sich sonnen in seinem DiademenGlanze
die immer liebenswürdige Kaiserin und Französin sein entzückend in
Toilettenkünsten Intriguen brillirend von Esprit in der Konversation
bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz wenn er zuschlagen muss ihm in den
Arm fallend Ach tus doch lieber nicht Was ist sie ihm  Eine Last die er
abstreifen muss Er muss sage ich wenn er vorwärts will und er kann es es
kommt nur darauf an ob er den Mut hat es zu wollen«
    »Mein Kopf schwindelt«
    »Traf dies Loos nicht auch Solche die er wahrhaft liebte Und er
vernichtete sie weil er sie liebte«
    »Ich verstehe sie nicht«
    »Jene graubärtigen Krieger seine Veteranen die Säulen seines Ruhmes die
ihm nach Afrika gefolgt Im Sonnenbrande der syrischen Wüsten war seine Mission
erfüllt er huldigte nicht der Torheit ein romantischer Alexander sein zu
wollen er dürstete nicht nach Eroberungen die sich nicht halten lassen Er
musste zurück Konnte er die Kranken die Verwundeten durch die glühende
Sandwüste mit schleppen kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus Sollte
er die Unglücklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurücklassen Er war rasch
entschlossen «
    »Sie nehmen das Gerücht für wahr an«
    »So wahr ich ihn ehre Gewiss nach einem schweren Kampf Wer trennt sich
leichten Herzens von Denen die uns die Teuersten sind Aber als es ihm klar
war dass er sein musste zauderte er keinen Moment Hand aus Werk zu legen
Durfte er sie erschießen erschlagen lassen Das durfte er nicht vor dem Urteil
der unmündigen Welt nicht vor ihnen selbst In süße Illusionen ließ er sie
einwiegen durch Opium bis  bis sie in süßen Träumen von dieser Welt schieden
Wie Mancher der Soldaten mag auf dem saueren Rückweg unter Durst und
Sonnenstichen erliegend hilflos vielleicht zurückgelassen weil er sich von der
Kolonne verirrt im Angesicht des Tigers der Hyäne deren Geheul seiner
Witterung nachging wie Mancher mag an die schnell und glücklich Gestorbenen in
Accum zurückgedacht ihr Loos beneidet haben Napoleon ging an ihren
Lagerstätten umher seine Augen blitzten sie an dem nickte er dem drückte er
die Hand dem rief er ein baldiges Wiedersehen auf dem Felde der Ehre zu Sie
Alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem großem General ein Vivat«
    »Und im Leibe des « hielt sie zusammenschaudernd inne
    Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel Er hatte sehr wohlgeformte
aristokratisch weiße Hände Ein sanftes Lächeln spielte um die Augen die auf
die Hände niedersahn
    »Wenn wir uns nur gewöhnen könnten die Dinge anzusehen nicht wie die Leute
sondern wie sie sind Wir würden viel glücklicher sein und weit mehr Glück um
uns verbreiten  Hätte der große Mann sich um den Katechismus und die
Morallehrer und Gott weiß welche Gevattern und Muhmen gekümmert was hätte er
dann tun sollen Etwa um die hunderte oder tausende Kranke nicht zu verlassen
selbst zurück bleiben mit seinem schon geschmolzenen Heere ohne Vorräte der
wachsenden Zahl seiner Feinde der Hitze den neuen Krankheiten gegenüber Er
wäre so wahr zwei mal zwei gleich vier ist als Opfer gefallen Dann hätten
freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen als
Märtyrer der sich selbst geopfert für Notleidende und wie viel Tausende mit
das ist ihnen gleichgültig es ist doch eine edle Tat Aber dass er alsdann eine
andere Mission vergessen hätte dass es galt sein großes Frankreich aus der
Anarchie zu retten die aufs Neue ihre Polypenarme ausstreckte daran denken
diese sentimentalen Gemüter nicht Lieber die arme Fliege retten die im Netz
der Spinne sich gefangen hat als zugreifen wo die Gardine Feuer fängt und das
Haus kann verbrennen Das ist die Moral welche die sanften Seelen uns
predigen«
    Er war aufgesprungen »O wie glücklich könnte die Welt sein wenn die
Menschen es verständen frei zu sein« Er war sichtlich in einer
Gemütsbewegung Man hörte Adelheids Stimme am Klavier
    »Was würden Sie tun« wandte er sich plötzlich zur Lupinus »Hier wäre Ihr
Johann erkrankt zu Ihren Füßen hingestürzt und dort hörten Sie einen Schrei
Ihrer Tochter  der tolle Mensch durchs Fenster gestiegen überfiele sie am
Klavier Oder  er ist zwar zu allem fähig  aber setzen wir nur den Fall Sie
wüssten dass er wieder zu ihr eingedrungen dass er sie mit seinen
Verführungskünsten zu umgarnen sucht was würden Sie frage ich zuerst tun
Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen um den Diener zu soulagiren
oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter Ginge Ihnen der Diener oder die
Tochter vor der kranke Mensch der doch über kurz sterben muss oder das
blühende junge Wesen«
    »Meine Tochter natürlich« sagte die Lupinus »Aber wenn der Mensch der
Johann inzwischen stürbe Was würde die Welt dazu sagen«
    »Was würden Sie dazu sagen Das ist allein die Frage Doch nichts anderes,
als: dort droht ein unersetzlicher Verlust hier kann ein Mensch sterben für
den der Tod eine Wohltat ist  Leben Sie wohl«
    »Habe ich Sie beleidigt«
    »Mich«
    »Sie raunen mir da eine entsetzliche Möglichkeit ins Ohr«
    »Possen Phantasiestücke  A propos haben Sie Ihre kleine Apotheke
arrangirt  Den Äther gebrauchen Sie ich bitte nochmals nur im äußersten
Notfall«
    Er war an das Glasschränkchen getreten und übersah die Etiketten der
Gläser
    »Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedürfen«
    »Nur mit keiner Sylbe gegen Jemand davon erwähnt Doktor Mucius und die
Andern wären im Stande einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken Die
Herren Ärzte vertragen es nicht wenn man in ihr Amt pfuscht«
    Mit einem zweiten Händedruck hatte er die Tür erfasst als Adelheids
volltönende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des
Freudvoll und leidvoll
Gedankenvoll sein
am Fortepiano sang
    »Die Kleine singt recht hübsch«
    »Reichardt ist zufrieden Dusseck war neulich entzückt«
    »Weil Sie gut zu essen geben  Und Ihr Wein vortrefflich ist«
    »Lachen Sie nicht so abscheulich«
    »Eine gute Figur Sie könnte auch auf dem Theater ihr Glück machen«
    »Pfui Darum hätte ich sie «
    »Wie sie wollen Aber sie genirt Sie doch wohl zuweilen Nicht wahr
Bekennen Sie es nur«
    »Sie kann recht impertinent sein«
    »Offenherzig Ich verdenke es ihr nicht«
    »Hat sie ein Recht dazu«
    »Wird ihr nicht hundertfach gesagt dass sie hier der Glanzpunkt ist Sie
allein der Magnet der die Leute in dies Haus zieht Sagen Sie es nicht selbst
Freundin Ich könnte mir ein Gewissen draus machen sie zu Ihnen gebracht zu
haben wenn ich nicht wüsste dass auch eine Philosophin zuweilen eine
Narrenschule um sich braucht«
    »Einige finden sie geistreich«
    Jetzt hätte die Geheimrätin mehr Recht gehabt sein Lächeln abscheulich zu
nennen
    »Es wird sich ja wohl bald für das geistreiche Mädchen eine gute Partie
finden«
    »Wer weiß Die jungen Leute sehen nach Geld«
    »Der Herr Bovillard würde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein wenn
er nicht an eine Mariage dächte um seine Schulden zu bezahlen«
    »Wie Sie denken es ist sein Ernst «
    »Wenn es Ihr Ernst ist sie zur Erbin einzusetzen«
    »Wer denkt daran«
    »Außer sehr vielen Adelheids Eltern und sehr ernstlich«
    »Impertinent Am Ende wünschen sie dass ich noch bei meinen Lebzeiten meines
Vermögens mich entäussere um das aufgenommene Mädchen auszustatten«
    »Solche Wünsche spricht man wenigstens nicht laut aus«
    »O sie sollen sich getäuscht sehen Ich will «
    »Keinen Eklat meine Freundin Keine Affekte in solcher gleichgültigen
Sache Ihr Wille ist ja genug Sie hatten also nie im Sinne sie wirklich an
Kindesstatt anzunehmen«
    »Und wenn ich einmal daran dachte «
    »So sind Sie bei reiferer Überlegung von der Törigkeit dieses Entschlusses
überzeugt und Sie sind die Frau die in einer Aufwallung nichts ändert Was
braucht es denn mehr die Sache ist zwischen uns  ich meine in Ihrem Geiste
klar Aber wozu das aussprechen Ich würde es auch nicht merken lassen Lass die
Gimpel sich doch täuschen Wozu gab Gott Jedem sein Maß Klugheit Warum sollen
wir mit dem was wir übrig haben den Toren beispringen Und vielleicht
verschafft der Glaube dem Mädchen doch eine gute Partie Und ist es einmal
soweit dann springt auch nicht gleich Jeder darum ab Das Point dHonneur ist
eine Erfindung um die Mittelmässigen zu reguliren Und gibt es nicht mariages
dinclination Und  wer weiß wie Sie das Mädchen auf andre Art wieder los
werden Es fügt sich so manches  Ich lache ordentlich dass ich Ihnen darüber
Instruktionen geben will Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll unter Hangen
und Bangen ihrem Schicksal entgegen hüpfen Wir haben doch wahrhaftig für
anderes als dafür zu sorgen«
    »Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn« sagte die
Geheimrätin
    »Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen« entgegnete der Legationsrat
indem er ein versiegeltes Päckchen in den Schrank gelegt den Schlüssel
abgezogen und ihn in die Hand der Geheimrätin gedrückt hatte »Bewahren Sie
ihn wohl«
    »Was haben Sie hinein getan«
    »Etwas was Sie nur eröffnen dürfen nach meinem Tode«
    Sie starrte ihn an Er drückte ihre Finger an die Lippen »Auch davon still
still Es ist nur mein Testament«
    Sie presste krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm
    »Was haben Sie mir gesagt«
    »Dass ich einen festen Arm habe einen sichern Blick dass meine Kugel nie
geirrt dass  das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann und  so
gewiss Sie vor mir stehen ich werde nicht fallen Ich habe Ihnen noch mehr
gesagt mit kaltem ruhigem Blute werde ich ihn zu Boden stürzen sehen Das
Bewusstsein, die Gesellschaft von einem Ruhestörer zu befreien wird mir
Befriedigung sein  wenn es dazu kommt«
    »Aber «
    »Weil der Zufall dämonisch ist schrieb ich das auf«
    »Mein Freund was soll ich mit Ihrem Testament«
    »Es lesen  annehmen oder verwerfen« Er wollte mit abgewandtem Gesichte
hinaus
    »Nicht so Ich muss wissen ob ich nichts Gefährliches im Schrank
verschliesse«
    »Gefährliches  Ich hatte eine Freundin eine teure Freundin sie war mein
Alles ich war es ihr Sie verstand mich sie ging nicht in meine Ideen ein sie
ging ihnen voraus «
    »Angelica Ihre Gattin «
    »Auch dies äußere Band sollte das unlösbare unserer Geister befestigen 
wenn das nötig sagen Sie möglich gewesen wäre  als eine andere raue Hand es
zerriss In ihrem Testamente hatte sie mir ihr Vermögen hinterlassen mit den
Worten es ist ja nicht meines es ist Deines denn was mein war war Dein ich
war Du Du ich Wirke es in Deiner Hand für mich  Sollte ich es etwa nun nicht
annehmen weil die Verwandten lamentirten und Gott weiß was für Klagen wegen
Übervorteilung Erbschleicherei vorbrachten  In ihrer Hand war es
vergeudet in meiner lebte es zu den großen Zwecken der Seligen  So wird auch
meine Freundin keinen Anstand nehmen wenn ich das mir Anvertraute ihr wieder
vertraue Sie kannten mich Sie wissen was damit zu wirken und wenn die Spanne
Zeit zu kurz war um unsre Geister ganz in einander aufgehen zu lassen  in dem
Papiere  wozu Schrift wo der Geist lebendig bleibt Ihrer wird klären wo es
dunkel scheint wo es dunkel ist werden Sie Licht bringen Die Verwaltung
meiner Güter braucht Sie nicht erschrecken es ist dafür gesorgt Verwandte
werden Sie nicht stören die Welt der Blutsbande ist hinter mir in aschgraue
Nebel versunken  ich stand allein in dieser  die Zukunft war mein Reich  ich
hoffte vielleicht neue  doch wozu das Pfui über diese angeborene Natur die uns
immer wieder in die Sackgasse der Sentimentalität treibt«
    »Wie komme ich dazu«
    »Wie « Er lächelte »Nein Sie sind im Recht Sie mussten sich darüber
täuschen es musste Sie frappiren dass ich in erster Zeit mich in scheuer Ferne
hielt  Ach die Entschlafene schwebte ja noch immer an meiner Bettwand  und
wer ist stark genug wenn er eine Doppelgängerin sieht  Aber seit auch der
Geist der Seligen nicht tot ist seit  genug Wir werden uns ganz verstehen
lernen und wenn nicht wenn unter einem schrillen Accord Sie plötzlich die
Saiten springen hörten dann  würden sich unsre Geister erst recht gefunden
haben«
    Mit einem langen brennenden Kuss auf ihre Hand war er rasch verschwunden
    Sie betrachtete eine Weile die Hand Entweder weil sie brannte oder weil
sie zitterte oder fragte sie sich warum denn die Schwägerin auf ihrem
Sterbebette gesagt dass sie spitze Finger hätte
 
                          Vierunddreissigstes Kapitel
                                 Im Grunewald
»Sie waren zu eilig«
    »Ich lasse nie auf mich warten« entgegnete der Legationsrat dem noch sehr
jungen Manne welcher diese Frage tat und dessen Äußeres unverkennbar den
Franzosen verriet wir setzen hinzu den Diplomaten wenn gleich die Diplomatie
jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen
hatte und die moderne noch nicht erfunden war
    Der junge Franzos stand unter einem Baum Zwei Paar Pistolen lagen auf einem
über dem Erdreich ausgebreiteten Mantel daneben eine Pulverbüchse ein
Kugelbeutel und was sonst zu den Vorbereitungen eines Geschäfts gehört welches
unzweifelhaft am Ausgange des Kieferwaldes im Werke war Die Pistolen waren noch
nicht geladen der junge Mann prüfte den Hahn abdrückend die Schärfe der
Feuersteine Sie schlugen helle Funken Alles war im guten Stande
    Der Legationsrat ging mit gemessenen Schritten unter den Bänmen auf und ab
In der Ferne hinter dem Kieferngebüsch in welches der hochstämmige Nadelwald
auslief bemerkte man eine leichte Kalesche vor der zwei mutige Hengste
ungeduldig den Sand stampften
    Der Legationsrat sprach ab und zu wenn er vorüber kam seinen Sekundanten
an Zuweilen schien er in Gedanken versunken ihn zu übersehen
    »Wie weit rechneten Sie die Grenze«
    »Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite
Station erreichen sind Sie mit dem Postrelais morgen früh auf sächsischem Grund
und Boden Es ist nur der fatale Sand«
    Der Fragende schien während er die Antwort hörte den Gegenstand schon
vergessen zu haben »Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt werden Sie die
Positionen ändern müssen Vicomte«
    »Seien Sie unbesorgt Die Sonne wird geteilt«
    Der Spaziergänger war nach einer weitern Promenade wieder zurückgekehrt Die
Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden er schien sogar zu lächeln als er
an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog »Die Uhren
können differiren Ich vergaß meine nach der Akademie zu stellen«
    »Auch ist der Rittmeister ein pünktlicher Mann« sagte der Vicomte »Nur
empfahl er Vorsicht Lieber Verspätung als was Verdacht erregen kann«
    »Ich hoffe doch nicht« sagte Wandel und sein Auge blitzte »dass unsrer
Seits etwas versehen ist Die Polizei hat Luchsaugen«
    »Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister Ihm ists ein Vergnügen
und mir auch«
    »Sie sollten sich in Ihrer Vergnügungslust etwas moderiren Vicomte« sprach
leiser der Legationsrat mit einem halb vertraulichen halb strafenden Tone
»Man hat hier andre Ansichten als in Paris«
    »Pah«
    »Und Sie würden nicht immer Jemand finden der Sie aus solchen delicaten
Verwicklungen herausreisst«
    »Tut es Ihnen etwa leid«
    »Mir tut nie etwas leid was ich getan«
    »Dann soll es mir auch nicht leid tun dass ich Ihnen aus Dankbarkeit
sekundire«
    »Bereuten Sie es schon«
    »Halb und halb  Nur aus Zärtlichkeit für meinen Chef«
    »Laforest hat viel Aufmerksamkeit für mich«
    »Weil er Sie fürchtet«
    »Fürchtet er mich wirklich«
    »Er fürchtet was er nicht kennt«
    »Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Kalvy fürchtet er doch nicht«
    »Was er nicht hat macht ihn verdrießlich was er nie erwerben kann
bissig«
    Herr von Wandel zog wieder die Uhr »Ich kann mir das Unbehagen eines so
ausgezeichneten Diplomaten wie Herr von Laforest denken wenn man ihm junge
Männer attachirt die er für Kundschafter seiner Rivalen hält vielleicht selbst
schon für künftige Rivalen denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt
wieder in seine vorigen Rechte Da würde es mir doppelt leid tun Vicomte wenn
Ihre Gefälligkeit gegen mich sein Misstrauen aufs Neue anregte Doch lässt er sie
wohl ohnedies seine wichtigern Depeschen nicht chiffriren«
    Der junge Mann sah auf »Meine Finger sind noch stumpf von dem
Figurenmachen«
    »Die Antwort die Hardenberg an Duroc erteilte kann ihm unmöglich schon
bekannt sein«
    »Ich will sie Ihnen auswendig sagen Preußen werde unwandelbar bei seinen
bisherigen Grundsätzen verharren und treu seinem Programm die Ruhe des
nördlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schützen wissen Duroc zieht mit
einer langen Nase ab wenn er Ihren König zu überreden meinte dass er mit seinen
Truppen wieder in Hannover einrücke um es für uns gegen die Alliirten in Schutz
zu nehmen«
    »Es ist nicht mein König« sagte Wandel kurz
    »Und dass Preußen« fuhr der Attaché fort »rüstet«
    Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen ging sie in
einen sarkastischen Zug über »Preußen rüstet gegen Frankreich Ei ei Herr
Vicomte Sie geben uns überraschende Aufschlüsse«
    »Nur für sich Achtzig Tausend Mann zur bewaffneten Neutralität«
    »Man weiß doch« entgegnete Wandel »dass General Buxhövden hier ist um für
die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern«
    »Ja in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein« sagte schlau der
Attaché
    »Und «
    »Und er hat gewiss wie wir Alle geglaubt die Regierung wäre so schwach
oder franzosenfeindlich oder dämlich dass es nur eines Anstoßes bedürfe um sie
zu zwingen sich öffentlich gegen Napoleon zu erklären Er hat auch angestossen
«
    »Und es hat eine Dröhnung gegeben«
    »Man will nicht dämlich sein nicht absolut franzosenfeindlich und
eingestandenermassen schwach und keine offizielle Gliederpuppe man empfindet die
Kränkung und übermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf um den Russen
die Zähne zu weisen«
    Der Legationsrat hatte hier offenbar Dinge erfahren die ihn überraschten
die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags Wenn er die Überraschung auf
seinem Gesichte verriet so merkte wenigstens der Attaché nichts davon und es
stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lächeln der Überlegenheit
wieder ein wie des Meisters der einen Schüler auf die Probe gestellt hat als
er im gleichgültigem Tone sagte
    »Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon eingepackt als ich vorhin
ansprach Das wird keine ernste Kampagne werden Die Ansichten welche in der
gestrigen Ministerkonferenz siegten «
    »Kennen wir« unterbrach der Attach
    »Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest Indessen
sind hier Viele so glücklich diese Ansichten im Allgemeinen zu kennen«
    »Und wir im Besonderen  Was sehen Sie mich so verwundert an Herr von
Wandel  Ich meine das Circularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und
Petersburg«
    Es war in der Tat ein so skeptischer Blick de haut en bas wie ein
Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehen pflegt als der Legationsrat die
Hand auf die Schulter des Vicomte legend sprach »Ja Herr von Marvilliers die
diplomatische ist eine angenehme Karriere für einen Anfänger wenn man uns nur
nicht immer die Brosamen vom Tisch als Geheimnisse aufpackte Wenn Ihr Gesandter
eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewusst hat so versichere ich
Sie er chiffrirt sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Türen und in
Charakteren wozu  kaum Talleirand den Schlüssel hat«
    Der Attaché fühlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des
Legationsrates berührt Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus
der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt zu dessen Stütze er
keinen Beruf fühlte »Hier hören Sie« Er las von einem Papier
    »Sie werden bemerklich zu machen haben Preußen sei von Frankreich noch
nicht beleidigt im Gegenteil bei der Teilung Deutschlands gut bedacht worden
Warum solle man einen Krieg beginnen nicht für sich sondern für Andere Die
Verbindung werden Sie einfliessen lassen mit Österreich und Russland habe
Preußen nie Segen gebracht Sollte es vom Rhein her angegriffen werden finde es
in seinem eigenen unüberwundenen Heere hinlängliche Verteidigungsmittel Schön
sei es allerdings für Freunde zu kämpfen und wenn man für Freunde so kämpfe
man für sich selbst nur sei es Schade dass Niemand in Deutschland so recht
wisse wer Freund und Feind sei Und wer danke uns denn unsre Erhebung Vielmehr
fordere Klugheit und Gerechtkeit Zurückziehen in sich und Beobachtung strenger
Unparteilichkeit  Die Demonstrationen die wir machen werden seien nur
bestimmt um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen Hannover würden wir nicht
besetzen aber keinen Durchmarsch der vom König von Schweden in Stralsund
gesammelten Truppen gestatten auch nicht den Durchmarsch der Völker Seiner
Majestät des Kaisers von Russland durch Schlesien um Österreich Hilfe zu
bringen und ebensowenig den von Truppen des französischen Kaisers durch welche
Provinzen unsres Staates es sei um einen Angriff gegen die Staaten Seiner
Majestät des Kaisers von Österreich zu effektuiren wir würden vielmehr jedes
Unternehmen der Art als casus belli betrachten getreu dem so lange bewährten
Grundsatz unseres Staates unsre Untertanen vor jeder Unruhe von innen wie von
außen zu bewahren«
    »Ich habe es selbst chiffrirt« setzte der Vicomte hinzu das Papier wieder
einsteckend Die triumphirende Miene des jungen Mannes verzog sich als er das
lauernde Gesicht des Legationsrates sah der mit angestrengter Aufmerksamkeit
das Auge halb zu das Ohr vorgebeugt hingehorcht hatte sich induciren lassen
Wandel hatte indes ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen
zurückgezwängt und auch er zog die Brieftasche heraus hielt sie vors Auge und
las  fast wörtlich dasselbe was der Vicomte gelesen Gleichgültig schloss er
nach dem letzten Worte den Stahldrücker und steckte das Etui in die Brusttasche
    »Ich wollte Ihnen nur zeigen dass es auch andere Quellen gibt um aus den
preußischen Staatsgeheimnissen zu schöpfen  Nun aber wünschte ich wahrhaftig
dass die Herren sich beeilten Ich hatte mir mit dem Englischen Gesandten ein
Rendezvous in der Oper gegeben«
    Er wandte dem Sekundanten den Rücken um mit raschen Schritten wieder einen
Streifzug durch die Bäume zu machen Er hatte Grund gehabt rasch die
Brieftasche zu schließen denn wenn der Attaché einen Blick hinein getan würde
er nur ein leeres Blatt gesehen haben Wandel las aus der Luft vermöge seines
außerordentlichen Gedächtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attaché
vernommenen Brief fast Wort für Wort recitiren
    Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft nicht
ganz mit sich zufrieden als der Legationsrat auch unzufrieden zurückkehrte
und versicherte dass er auch von der Höhe wo man die Straße übersieht keinen
Staub entdeckt habe
    »Ich denke so ungern Übles von meinen Gegnern« sprach er nach einer Weile
vor sich hin
    Der Attaché summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole
    »Was wollen Sie tun Marvilliers«
    »Die Krähe da vom Ast putzen«
    »Warum«
    »Mich zu amüsiren«
    »Verzeihung wenn meine Meditationen Sie langweilten Indessen wer mit einem
Schritt am Rande der Ewigkeit steht «
    Der Franzose lachte auf »Würde nicht zuschnappen wie ein Hayfisch nach
einer politischen Neuigkeit die er auf der Stelle gern an den Mann brächte
oder richtiger gesagt an eine Dame Denn zu madame la conseillère in der
Jägerstrasse reiten Sie doch gewiss wenn die Affäre hier beendet auf Flügeln
der Liebe«
    »Herr Vicomte«
    »Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da täuschen lassen Sie denken
nicht nach Sachsen Sie denken nicht zu sterben Sie wollen leben bleiben hier
bleiben und sich amüsiren«
    »Ich habe allerdings wie ich Ihnen sagte das Präsentiment dass ich von
seiner Kugel nicht fallen werde«
    »Solche Präsentiments in Ehren aber was Ihren Geschmack anbetrifft «
    »Mein Herr«
    »Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln Da Sie das Präsentiment
haben leben zu bleiben müsste ich fallen und wenn ich fiele was würde aus
den Liebesbriefen die ich zu bestellen habe aus den Seufzern die ich
affektiren aus den Vermummungen und Händedrücken die ich am stillen Abend
effektuiren soll Parbleu Herr von Wandel wissen Sie dass Sie mir einen
Kriminalprozess auf die Schultern laden Das wird ja eine Halsbandgeschichte Wie
die La Mote können Sie mich an den Pranger stellen Solche Komödienfarcen en
vue und ich soll glauben dass Sie an den Rand der Ewigkeit denken«
    »Ce ne sont que des services damitié Nichts von Eigennutz«
    »Eigennutz ein abscheuliches Wort wo wir nur des intérêts kennen Von
Interessen und Nutzniessung ist die Rede estce quon parle dun mariage  Und
warum einem Fremden dem Rittmeister ein Glück aufdringen und mit dreifacher
Anstrengung was Sie mit halber Anstrengung selbst genießen könnten Und eine
beauté sans pareille pour samuser und ein Leierkasten den man nur zu stimmen
braucht und er flötet Liebeslieder wie Sie wollen von Dur bis Moll Warum denn
nun für einen Dritten ihn stimmen Ein Götterspass ein solches Weib für sich
schmachten lassen nachlaufen unsre Schulden bezahlen um einen freundlichen
Blick abzustehlen in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen um sich
zu erkundigen warum wir uns so lange nicht sehen ließ ob wir unpässlich
sind grollen Denken Sie sich sie zündet Ihnen die Pfeife an Ist das nicht
auch für die Phantasie eines Deutschen ein entzückender Gedanke«
    »Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes«
    »Alt wie die Welt ist das Vergnügen Etwas jünger vielleicht die Kunst es
sich so pikant zu machen als möglich«
    Der Legationsrat nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus
der Hand »Schießen Sie nicht nach Krähen wo es eines Menschen Leben gilt
Vicomte ein guter Jäger schießt nur auf ein bestimmtes Ziel Dilettanten feuern
auch nach Sperlingen  Halt sie kommen«
    Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf Ein Reiter sprengte in gestrecktem
Galopp heran Er winkte ihnen schon von fern
    »Das ist nicht der Rittmeister er ist in Civil« 
    »Wenn ich recht sehe« sprach Wandel »sein Neffe der Kornet« 
    »Machen Sie sich aus dem Staube meine Herren« rief der Reiter »Wir sind
abgefasst Schon vorm Jagdschloss Alles verraten«
    »Ich fliehe nicht«
    »Wie es Ihnen beliebt Bovillard wird nach der Stadt gebracht Ich fürchte
mein Oheim auch Ich schwenkte ehe sie mich erkannt um Sie zu avertiren«
    Der Vicomte sah den Legationsrat fragend an als der Reiter bereits in der
Schonung verschwand
    »Packen Sie die Pistolen ein wenns Ihnen beliebt wir fahren «
    »Nach Sachsen«
    »Nach der Stadt Dem Schicksal das meinen Gegner trifft werde ich mich
nicht entziehen«
    »Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen je nachdem «
    »Sie sind frei Herr Vicomte Ich überliefere mich der Behörde«
    Der Wagen war noch nicht vorgefahren als eine andere leichte Jagdchaise
heran rollte Der Rittmeister sprang heraus ein Zeuge und ein Wundarzt folgten
    Man erfuhr was eigentlich keiner Verständigung mehr bedurfte »Aufgeschoben
ist nicht aufgehoben« tröstete der Rittmeister »Und wozu hilft eine
Untersuchung mein Herr auf die Sie dringen wer eine Unbesonnenheit und gar
einen Verrat beging Die Polizei gibt ihre Quellen nicht an«
    »Aber wie begnügte man sich damit den einen Duellanten zu verhaften warum
suchte man nicht den andern Verdanke ich das etwa Ihrer Güte mein Herr
Rittmeister«
    »Nur Ihrer eigenen Position« sagte der Rittmeister sich offiziös
verbeugend »Wir wussten ja nicht mit wem wir die Ehre hatten  Ausdrücklich
ist Herr von Bovillard verhaftet worden weil er sich eine Tätlichkeit und
Herausforderung gegen eine diplomatische Person zu Schulden kommen lassen
welche in expressen Angelegenheiten ihres Souverains in Berlin war Wegen
Verletzung des Völkerrechts«
    Der Attaché sah verwundert auf seinen Begleiter während der Rittmeister ein
höhnisches Lächeln kaum unterdrücken konnte
    »Wäre es möglich« rief Herr von Wandel leicht an die Stirn schlagend »Ich
bin allerdings auch hier so zu sagen im Charakter eines Envoyé um die
Beschleunigung einer Prozessangelegenheit zu versuchen Indes wer konnte das
wissen und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle Der Fürst «
    »Von BenteimSchlotzBabenOberstein« sagte der Rittmeister
    »Der zu mediatisiren vergessen ward« lachte Herr von Marvilliers auf »Was
hat denn der hier für Geschäfte wenn er nicht inzwischen mediatisirt ist«
    »Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes in die wir kein
Recht haben einzudringen« sagte der Rittmeister »Die indes unserem Freunde
einige Wochen Haft kosten werden Was man nicht alles der Diplomatie verdankt«
setzte er hinzu auf den Wagen springend
    Beim Heimwege war der Legationsrat verstimmt Der Attaché konnte es nicht
unterlassen ihn als Kollegen zu railliren Er hatte herausgebracht dass die
Angelegenheit des Fürsten von BenteimSchlotzBabenOberstein keine andere sein
könne als den Erlass der Transitosteuer wegen tausend Kruken
SchlossBabenObersteiner Mineralwasser welche bei der Accise mit Beschlag
belegt worden zu erwirken Wer aber konnte sich für das Mineralwasser und die
unangetastete Ehre seines Negocianten so lebhaft interessieren dass er um ihn zu
retten das Duell der Polizei denunzirte  wer anders als die Geheimrätin
Lupinus
    »Sie haben ganz Recht« sagte der Legationsrat als er auf dem
Gensdarmenmarkt halten ließ und ausstieg »ich gehe auch eben um ihr zu
danken oder zu zürnen«
    Aber der Legationsrat bog nur scheinbar in die Jägerstrasse ein als der
Wagen weiter rollte Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstrasse
nach den Linden wo er im Hotel der Fürstin Gargazin verschwand
    Die Fürstin schrieb an ihrem Sekretär an mehreren Briefen für welche die
Boten warteten Niemand sollte gemeldet werden der Legationsrat ward aber
dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und
sogleich empfangen
    Sie hatten ein langes Zwiegespräch Die Fürstin schrieb was Wandel
diktirte »Das Übrige war mir schon heut Nachmittag bekannt« sagte sie
»Buxhövden ist fort aber die Depesche wird ihn überholen Wir sind also für
heute quitt« Beim Abschied drückte er ihre Hand an die Lippen und verschwand
auf dem Wege den er gekommen
 
                          Fünfunddreissigstes Kapitel
                            Gehen Sie nach Karlsbad
»Ruhe« sagte der Minister
    Ein andrer als der welchen wir in seinem Tuskulum gesehen  Trug der hohe
stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband so gehörten sie doch zu dieser
Miene dieser Frisur dieser Gestalt wie dazu geboren Das Wort Ruhe das er
zum Geheimrat Bovillard gesprochen passte ebenso zu der ganzen Erscheinung des
im Vollgefühl seiner Würde aufrecht dastehenden Nannes ein König in seinem
Zimmer
    Bovillard lehnte sich den Hut in der Hand in die Fensterbrüstung Er war
im Gehen begriffen nur noch durch eine Wendung des Gespräches zurückgehalten
Am Tische blätterte der Rat von Fuchsius in einer der aufliegenden
Druckschriften die er später in die Tasche steckte
    »Die Oesterreicher konzentrirten sich zwischen Ulm und Memmingen« sagte er
durch eine Bemerkung im Gespräch der Beiden dazu aufgefordert »Nach den letzten
Nachrichten aber nicht in einer Stärke um einen Angriff wagen zu können Sie
warten offenbar auf Kutusow und die Russen die von der Donau her kommen sollen
«
    »Wenn Napoleon ihnen Zeit lässt« fiel Bovillard ein
    »Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen« sagte der Minister
    »Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen« warf der Geheimrat hin
    »Buxhövden ist eben so unverrichteter Dinge abgereist wie vor ihm Duroc«
    »Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbstständigkeit an«
bemerkte der Rat
    »Sie meinen weil wir Alle vor den Kopf stoßen und Keinen zum Freunde
behalten«
    »Ei Herr von Bovillard von Ihnen das« sagte der Minister »Ist das jetzt
auch Lombards Meinung  Haugwitz war freilich beim Lhombre neulich ganz
konsternirt Aber er leidet am Magen«
    »Excellenz ich muss gestehen die Sachen wachsen mir über den Kopf Eine
Bewegung wie eine Völkerwanderung Und wir so ganz allein in der Mitte«
    »Sollen wir darum auch wandern«
    »Napoleon lässt seine Truppen von Bologne und vom Rhein heranrücken Marmont
führt sein Korps von Mainz her Wrede eins von der oberen Donau Davoust aus
Schwaben Das ist genug um die Oesterreicher zu erdrücken Und nach Allem was
man aus Paris schreibt genügt es ihm diesmal nicht seinen Feind zu schlagen
er will ihn vernichten Sie studirten vorhin die Karte sind Sie nicht der
Ansicht Herr von Fuchsius«
    »Wenn die Russen nicht zu ihm stoßen sei Mack geliefert war Herrn von
Eisenhauchs Meinung Napoleon développirt Kräfte wie nirgend zuvor«
    »Kann er nicht« warf der Minister ein
    »Wer hindert ihn«
    »Wir Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover Lassen wir ihn nicht
durch so ist Bonaparte ohne ihn nicht stärker als die Oestreicher«
    »Und wenn er nun doch stärker wäre« rief Bovillard
    »So lasst sie sich die Köpfe zerschlagen Wir haben Profit tout clair«
    »Wenn aber Napoleon unsere Neutralität nicht respektirt«
    »Lassen wir die Russen durch Sie sind doch sonst ein so ruhiger Mann
Alteriren Sie die Vorwürfe die man Herrn Lombard macht Oder kümmert Sie Ihr
Sohn Das ist ja nun auch abgemacht«
    »Ich weiß nicht Excellenz es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft«
    »Gehen Sie nach Karlsbad Zwei Becher Sprudel täglich nachher drei Drei
Wochen lang Ist Alles vorbei ist Alles nur Imagination«
    »Excellenz mögen recht haben« sagte Bovillard sich zum Gehen anschickend
»Nochmals meinen Dank dass Sie sich meines fils perdu angenommen«
    »Nicht der Rede wert Aber wie gesagt fort muss er wenn er abgesessen
hat Leidet auch an Imaginationen Die Reden die er führt sollen ja exekrabel
sein«
    »Er hat sie nicht von mir«
    »Assurément Aber eben darum Ist für Sie selbst am besten«
    »Gewiss aber wie«
    »Ihr Herr Sohn« sagte Fuchsius benimmt sich diesmal weit gefasster im
Gefängnis »ja er hat selbst erklärt es wäre ihm lieb Berlin und Preußen auf
immer zu verlassen«
    »Charmant« sagte der Geheimrat »Aber wohin Wenn wir Kolonien hätten«
    »Wenn wir die hätten« sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf
Bovillards Schulter »Dann wäre Vieles besser Das waren die Herren von der
Theorie unter den vorigen Königen Gestehen Sie mir Geheimrat ist das ein
kluger Staatsmann der eine Domaine weil sie nur tausend einbringt und er
hoffte eine Million der sie darum für nen Spottpreis fortgibt Brauchten wir
unser Korn Holz den Engländern zu verkaufen uns von ihnen Preise machen
lassen Müssten wir noch von ihren Kolonialwaaren nehmen Hätten wir Not wo
unsre schlesische Leinwand lassen Brauchten wir Russland zu bitten wie neulich
unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen Kolonien Herr
Geheimrat und wir schafften unsre Verbrecher hin unsre Rohprodukte unsre
Fabrikwaare Ihren Herrn Sohn auch wir machten allein die Preise und die
Kolonisten müssten kaufen und bezahlen Wenn das wäre könnten wir doppelt
lachen über die Kalamitäten um uns her wir können es aber auch so Sie schlagen
sich plündern brennen verwüsten und wir kultiviren unser Land protegiren
unsere Fabriken Dann halten wir Markt und machen auch die Preise Wie steigen
jetzt schon unsre Güter mit den Friedensaussichten Wissen Sie was man mir für
Schöneichen geboten hat  Der Herr van Asten in der Spandauerstrasse möchte es
gern Will das Holz schlagen lassen Brettermühlen anlegen aber ich lasse es
ihm nicht A propos «  der Minister zog den Geheimrat bei Seite und sprach
leiser  »kennen Sie den van Asten«
    »Er gilt für einen sehr respektablen Mann«
    »Ja ja aber das intus Er hat viel in französischen Weinen gemacht Seit
dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich teuer Will nun in Brettern
hinmachen und in Wein retour Entre nous soit dit warum soll man den Vorteil
nicht mitnehmen Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die
Bretter zu Geld machen oder auch zu Wein Wein im Keller ist baares Geld«
    »Und der Wein aus Excellenz Kellern unter Freunden doppeltes Geld wert«
    »Also Sie meinen man kann ihm trauen Aber Schöneichen lass ich ihm jetzt
nicht Wissen Sie wie hoch es der Legationsrat taxirt«
    »Herr von Wandel ist ein Kenner«
    »Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen an die kein Mensch gedacht Hat sich
auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn seine sogenannte diplomatische
Qualité ganz desavouirt«
    »Von einem so edel gesinnten Manne konnte ich es erwarten«
    »Er meinte ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise etwa durch
einen Kourierritt nach Petersburg oder Madrid entfernen könnte Was meinen Sie
dazu Könnens ja mit Lombard abmachen«
    »Ich will darüber nachdenken«
    »Reiten ist sehr gut Treibt auch das finstre Blut aus Sollten auch reiten
Geheimrat Ihr Embonpoint  aber besser wie gesagt ist Karlsbad  Haben Sie
solche Eile«
    »Zu Herrn von Wandel dem ich noch meinen Dank schulde Man trifft ihn so
selten zu Hause«
    »Verschliesst sich auch viel in seinem Laboratoire«
    »Oder bei der Lupinus« lächelte Bovillard
    »Inklination«
    »Wer hätte das denken sollen«
    »De gustibus  wissen Sie Überhaupt was der Mann prästiren kann Sagt mir
der Präsident vom Pupillenkollegium tagelang sitzt er in der Registratur ohne
Refraichement«
    »Was macht er denn da«
    »Liest die Akten durch Ich habe ihn empfohlen«
    »Wozu die Pupillenakten«
    »Was der Mann sich für Agrikultur interessiert«
    »Der Grund und Boden der märkischen Güter ist doch nicht in den
Pupillenakten verzeichnet«
    »Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements Sie glauben nicht wie
merveillös er im Diviniren ist Aus einer Gutsrechnung was an Gerste Korn
Weizen gewonnen ist zu welchen Preisen das Holz fortging wie viel Torf
gestochen ist daraus macht er Schlüsse zum Etonnement Sein Kopf ist voll
Verbesserungspläne für unsere Landwirtschaft«
    »Um so mehr zu bedauern dass Haugwitz einen Degout gegen ihn hat Was könnte
er im Staatsdienst nützen«
    »Hat er den Gout dafür«
    »Der kommt von selbst wenn man unter Ministern wie Excellenz arbeitet«
    »Ich ästimire ihn sehr Hat geniale Gedanken zum Beispiel über
Schafzüchterei Wie ich mich mit meinen Bauern separirt habe das möchte er
allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen Hat mir eine Rechnung aufgemacht
wie viel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frohndiensten Ich
versichere Sie die Augen gingen mir über «
    »Vor Freude dass Ihr Genie ein so glückliches Arrangement getroffen Die
Bauern sind gewiss auch zufrieden «
    »Sie wissen wie Bauern sind«
    »Aber das Publikum verehrt Excellenz als einen Wohltäter der unterdrückten
Menschenklasse und als der Staat für Ihre Verdienste Ihnen Schöneichen
schenkte hat er nicht daran gedacht dass es so viel mehr wert war als
Excellenz daraus gemacht In der Taxe die Seiner Majestät damals vorgelegt
wurde war es ja wohl nur geschätzt auf «
    Der Minister unterbrach ihn »Ich ästimire wie gesagt Herrn von Wandel
sehr indessen «
    »Seine Relationen mit der französischen Ambassade«
    »Was kümmert mich das Möchte er den Türken dienen oder wem draußen Aber «
    »Haugwitzs Abneigung «
    »Kümmere ich mich um Haugwitzs äußere Affairen Was braucht er von meinen
inneren zu wissen Auch solche modernen Ideen Jeder Minister trägt Seiner
Majestät vor oder lässt vortragen was er für nötig hält im übrigen Herr in
seinem Departement und kümmert sich nicht was ein anderer Minister will und
denkt oder nicht will und nicht denkt und wenn ich Jemand anstelle der
Haugwitzs Pläne kontrekarriren oder Lucchesini vergiften wollte das ginge doch
nur mich an ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht Also s
nicht um Haugwitz noch um irgend Jemand«
    »Dann wüsste ich in der Tat nichts was man Herrn von Wandel vorwerfen
kann als dass er keine Diners gibt Gewisse Personen choquirt das allerdings«
    »Er hat nicht von unten auf avancirt Verstehen Sie mich wohl was ich damit
meine Kann das Hereingeblasene nicht leiden Der Pli muss durch die Schule
kommen Es ist mir nicht sowohl um die Examina denn wäre er von guter ich
meine von sicherer Extraktion so  aber  die Familie Wandel sie mag sehr
respektabel sein je nen doute pas indessen im Rüxner und in Kaiser Karoli
Landbuch finden wir keinen Wandel Komprenezvous Wie gesagt ein genialischer
Mann sehr unterrichtet generös  ich werde ihn morgen zu Tisch einladen«
    Die Einladung war die Entlassung oder der Wink zum Gehen für Bovillard
    An der Türe winkte ihn noch ein A propos zurück Der Minister ging dem
Rückkehrenden noch um einige Schritte entgegen und mit einem faunischen
Augenblinzeln flüsterte er in einem Tone zwischen Herablassung und Kordialität
»A propos Herr Geheimrat haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt
bei St Real«
    »Verstandesspiele Rekreations in der Gewitterschwüle« entgegnete Bovillard
und war hinaus
    »Wer war denn das im Vorzimmer« fragte er als Fuchsius ihn noch im Flur
des Hotels einholte »Die Physiognomie muss ich schon gesehen haben«
    »Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten«
    »Der  Ist ja ein Genie Was will der beim Minister«
    Fuchsius zuckte die Achseln »Was eigentlich weiß ich nicht Vielleicht
eine Anstellung«
    Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister der in Gedanken versunken ihn
nicht sah Der Rat blickte ihm nach
    »Ob es nicht Pflicht wäre dieser Puppe den Staar zu stechen dass er sähe
an welchem Draht er gezogen wird Es ist doch eine Natur in ihm«
    Er hatte es unwillkürlich halb laut gesprochen Der Major Eisenhauch der
hinter ihm gekommen klopfte ihm auf die Schulter »Lasst die Puppen noch eine
Weile nach der Drehorgel tanzen Der Blitz züngelt schon der die Drähte
schmelzen wird alle mit einem Schlage Dann lasst uns sehen was auf dem
Resonnanzboden fällt was steht«
    »Ihre Augen glühen«
    »Die Wolken rollen das Gewitter muss sich entladen Abermaliger Aufschub ist
unmöglich Die zuverlässigsten Nachrichten« sagte er leiser und sich vorsichtig
umblickend »kamen eben an Napoleon darf kann wird die Oesterreicher an der
Donau nicht eher angreifen als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stößt Er
darf keinen Umweg nehmen die Stunde brennt Napoleon muss schnell zuschlagen
bevor die Oesterreicher sich verstärken Bernadotte muss also durch die
fränkischen Lande um zur Stunde zu kommen Wissen Sie was es heißt wenn
Napoleon sagt es muss sein«
    »Wenn doch ein Mensch bei uns dies Muss ausspräche« stöhnte der Rat
    »Wo die Menschen zu schwach sind donnern die Umstände Er wird die
Traktaten verletzen er wird durch preussisches Gebiet brechen und wir «
    »Was werden wir tun«
    »Wenn noch ein Funke preußischen Mutes ist zündet er und die Mine springt
Sie zweifeln noch  Sie glauben auch diesen Hohn könne unsre Langmut dulden
Herr ich schelte Sie einen Hochverräter an sich selbst Ich hoffe auch
Haugwitz lässt seine Lhombrekarten fallen auch Lombard blitzt es in einem
lichten Momente dass er eine dupe war Wer nicht Oder wäre der Nerv schon
ausgezogen diesem eisernen Volke Glanz und Elasticität diesem
Herrschergeschlechte jene Wunderkraft die dies Reich aus einem Nichts
geschaffen wäre lungenkrank im letzten Stadium«
    »Sei unser Genius wach«
    »Und wir auf sein Kommando Darauf kommt es an«
    »Stein ist fest Er wird auf Hardenbergs eben so feste Unterstützung rechnen
dürfen«
    »Keiner darf ruhen wir müssen einheizen schüren Jeder an seiner Stelle
Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht Keine Parteimeinungen mehr
Civil und Militär die traurige Spaltung muss verschwinden Die Prinzen
unterstützt Die Königin Vor allem Prinz Louis Die Regimenter angejubelt auf
der Parade beim Marsch Haben wir denn keine Kriegslieder keine Dichter Auf
dem Theater Stücke die das Blut entzünden Wozu haben wir Federn Papier
Druckerschwärze Zeitungen wenn sie nur da sind um Rätsel und Anekdoten zu
drucken Das wäre das Mittel um Blitze «
    »Sie vergessen «
    »Die für die Gebildeten schreiben Ins Volk die Blitze geschleudert Das
gilt es Hass Grimm muss die Massen durchwühlen Rachewut zum Opfermut werden
Erfinde man Greuelgeschichten wenn die wirklichen noch nicht zünden vom
FranzosenÜbermut von Schande und Schändungen Erpressungen Hohn und
Höllenlust diese Dichtung ist heilig es gilt ja das Volk nicht uns Ihm sein
Alles zu retten seine Sitte Sprache Geschichte selbst sein eigenes Leben
seine Zukunft Denn alles das steht auf dem Spiel nicht wenn wir geschlagen
werden wenn wir nicht schlagen Wir gehen unter in uns und vor uns selbst Wem
dies Schrecklichste der Schrecken klar ist der kennt keine Rücksichten mehr«
    Während Fuchsius auf der Straße seinen Freund bitten musste sich zu
mäßigen um keine Aufmerksamkeit zu erregen stand Walter van Asten vor dem
Minister Wenn er mit Feuer gekommen war verloderte es vor dem aufrechten Mann
der ohne eine Miene zu verziehen seine Anrede angehört hatte Er war ins Stocken
geraten er hatte wenigstens nicht das gesagt nicht alles was noch auf der
Schwelle zum Hotel noch im Vorzimmer in seiner Brust ein wohlgeordneter Strom
der Überzeugung fertig lag
    »Was wollen Sie eigentlich« sagte der Minister
    »Ich habe es in der Druckschrift welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte
um diese Audienz beilegte dargelegt«
    »Ich lese nichts Gedrucktes« sagte der Minister
    Es war ein kalter Blitzschlag Aber er zündete in Walters Brust Eine Pause
dann verbeugte er sich
    »So bitte ich um Verzeihung dass ich an die unrechte Stelle mich wandte«
    Walter hatte übersehen dass der Olymp aus dessen Wolken der Blitz kam
seine Stirn nicht kräuselte Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich Er
gab nicht das Zeichen zur Entfernung Nach einer neuen Pause kam aus denselben
Lippen dieselbe Frage
    »Was wollen Sie eigentlich«
    »Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen«
    »Sie sind der Sohn von van Asten und Kompagnie«
    »Zur Kompagnie gehöre ich nicht«
    »Ein respektables Haus Macht nur in Geschäften die es versteht«
    Abermals eine Pause und noch kein Zeichen der Entlassung Aber der Olymp
bewegte sich Die Hände auf dem Rücken ging der Minister einige Mal auf und ab
    »Der Tausend noch mal wie kommen Sie denn zu dem Zeug«
    Also hatte er sich doch vortragen lassen von Jemand der Gedrucktes las
Der Schluss war richtig und Waltern ich sage nicht der Mut aber die Lust
zurückgekehrt
    »Weil ich in Euer Excellenz den Mann erkannte welcher durch die Tat dem
was notwendig wird vorausgekommen ist Sie sind es der mit seinen Bauern sich
gesetzt hat der ihnen Freiheit Eigentum zurückgab Sie der erste der dies
glänzende Beispiel «
    »Ach also darum« unterbrach der Minister »Ich glaubte von wegen Ihres
Vaters «
    »Nein weil Excellenz erkannt wo uns der Schuh drückt weil Excellenz
erkannt dass diese Säule auf welcher der germanische Staat ruht der
Bauernstand kein Helotenstand länger bleiben darf «
    »Ja ja ja also darum« wiederholte der Minister ihn unterbrechend und
nahm eine Prise vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit jedenfalls eines dass
er fürs erste nichts weiter hören wollte  »Was geht Sie denn der Bauernstand
an Sie haben doch keine Güter«
    »Erlauben Sie mir zu fragen was ging er Excellenz an «
    »Weil meine Bauern faules Volk sind weil der Meyer sie aus dem Kruge
treiben musste weil mein Inspektor gut rechnen kann und mir wies Ein mal Eins
bewies dass die Frohnarbeit uns teurer zu stehen kam als der Tagelohn weil
ich meine Aecker durch die Bauernäcker arrondirte die sie mir als Abkaufssumme
hergaben weil ich ein guter Landwirt bin und sie zweimal besser nutze als
sie weil ein großer Komplex sich besser bewirtschaftet als ein kleiner Darum
mein junger Herr «
    »Und wenn auch nur diese gelten diese Gründe nicht für Alle«
    »Was gehen mich die Andern an Fege Jeder vor seiner Tür und wer sich im
Mist betten will warum soll ichs hindern«
    Walters Brust hob seine Lippen öffneten sich der vorhin unterdrückte Strom
der Rede floss heraus in kurzen schlagenden Sätzen und die Excellenz hatte die
Güte ihn nicht zu unterbrechen Sie beschäftigte sich einen Fleck auf ihrer
Emaildose abzuwischen Er hatte gesprochen das Was wissen wir schon oder wir
erfahren es noch Da war der Fleck wirklich gereinigt und der Minister sagte
recht freundlich
    »Eine hübsche Elaboration Wenn Sie das geschrieben hätten könnte mans ad
acta nehmen Aber Drucksachen das ist nichts es schickt sich nicht für einen
Geschäftsmann  Was wollen Sie nun eigentlich ich meine Sie für sich«
    »Ich leugne nicht Excellenz wenn diese Ansichten vor unsern Staatsmännern
Eingang finden und man an die Ausführung ginge dass ich mich wohl befähigt
fühlte mit Hand anzulegen Ich würde eine Freiheit opfern die ich mir lange
als ein köstliches Gut bewahrt und würde gern eine Anstellung annehmen«
    »Sehen Sie das lieb ich das ist vernünftig gesprochen Sie gehen auf eine
Anstellung aus um das Übrige kümmern Sie sich nicht«
    »Dies dürfte doch von meiner Ansicht differiren«
    »Drauf kommt es nicht an Wird Ihren Vater sehr freuen Ist ein braver Mann
und wird es Ihnen an Unterstützung nicht fehlen lassen wenn ich ein Wort
einlege Denn Unterstützung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen Die große
Karriere die geben Sie natürlich auf haben ja nicht Kameralia studiert Und die
Examina Schadet nichts Das von unten Anfangen ist das solideste Erst in der
Kanzlei ein Jahr höchstens ein paar als Kopist Dann machen wir einen Versuch
mit dem Expediren Sekretair An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter
Konduite nicht fehlen«  lächelte der Minister  »dann Geheimsekretär
Kanzleiinspektor«
    Der junge Mann stand sprachlos da
    »Der Kriegsrat Alltag sehen Sie dessen Karriere Noch nicht voll sechszig
und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrat und Sie wissen noch
nicht was er noch wird Aber nun etwas mein junger Herr die Flausen lassen
Sie aus dem Kopf Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten Wenns
auch mal falsch wäre nie den Mund aufgetan Sie wissen nicht warum sies
falsch machen Keine Sylbe mehr gedruckt das versteht sich von selbst Wenn Sie
Bücher lesen müssen tun Sies für sich Nötig ists nicht Stört immer im
Dienst Gelehrte sind schlechte Officianten Und«  der Minister fasste mit
holdseliger Miene den Knopf seines Rockes  »und am Kopistentisch sollen Sie
nicht zu lange sitzen Sie schreiben ja eine saubere präzise Hand habe mich
wirklich gefreut die Grundstriche so grade und voll Daran sieht man den
Charakter Da dispensiren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre«
    Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wieder gewonnen
    »Gerührten Herzens habe ich Ew Excellenz gütige Intentionen vernommen die
ich wohl nur der guten Meinung verdanke welche Excellenz für meinen Vater
hegen Da aber meine Ansichten von der Art wie der Staat die Kräfte seiner
Bürger nutzen muss von der Ansicht Deroselben abweichen so glaubte ich unrecht
zu tun wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung Solchen entzöge welche williger
und befähigter zu den Diensten sind für die ich meinen Willen und meine Kraft
unausreichend bekennen muss«
    Der Minister sah ihn weder verwundert noch erzürnt an Er liebte
wohlgesetzte Kanzleiphrasen Dann nickte er ihm freundlich Abschied
    »Also Sie wollen nicht Grüssen Sie Ihren Vater von mir und gehen Sie nach
Karlsbad lieber Herr van Asten Nach Karlsbad sage ich Ihnen Wenn wir alle
Staatsverbesserer dahin schicken könnten würde es mit unserem Staate besser
Nicht nach der Festung dafür bin ich nicht Simpel nach Karlsbad drei Becher
täglich am Sprudel die gehörige Promenade darauf drei Monat und wir hätten
Ruhe im Lande«
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
                  Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften
»Der Herr Geheimrat sind nicht zu Hause « »Der Herr Geheimrat erteilen heute
keine Audienz«  lauteten die verschiedenen Antworten mit denen der
Kammerdiener die verschiedenen Personen welche in der Wohnung des Geheimrats
Bovillard nach ihm fragten abgewiesen hatte Auch Herrn von Fuchsius war
dasselbe begegnet »wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschäften«
    Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschäften war der Rat immer zugezogen
Der Diener zuckte lächelnd die Achseln »Herr Geheimrat haben heut express
befohlen keine Ausnahme zu machen « Fuchsius sah aus dem Torweg den Wagen des
Ministers fahren »Wenn die entsetzlichste Ratlosigkeit wirklich zum Rat  und
wenn sie zur Tat führte« sprach er aufseufzend »Es ist spät aber doch
vielleicht noch nicht zu spät«
    »Excellenz waren nicht aufgelegt« bemerkte der Kammerherr von St Real in
der kleinen Hinterstube wo sich die Konferenz versammelt hatte
    »Leidet am Magen« sagte Bovillard mit dem moquanten Lächeln das seine
Freunde kannten wenn er die Worte eines nicht gegenwärtigen Freundes citirte
    »Am Magen«
    »Excellenz halten nicht Diät Mischen zuviel Trüffelwürste und Rhabarber
Sonnenaufgänge und nächtliche Promenaden Tugend und Tänzerinnen «
    »Die auswärtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und
Rüben«
    »Wir sind indes meines Wissens nicht hier wegen der affaires éntrangères«
bemerkte der Kammerherr
    »Mais questce quon peut faire mon ami wenn der Leiermann vor der Tür
von Morgen bis Abend sie abgeorgelt Hardenberg mit so schönem Discant singt und
Lombard und check und Voss und dazwischen brummt der Bass des Herrn von Stein
und Johannes Müller zwitschert und Herr von Massenbach gibt seine
unmassgebliche Meinung und Luchesini räuspert sich und Rüchel trommelt und
Prinz Louis schmettert mit Trompeten und seine Schwester und die Prinzess
Mariane accompagniren mit Jeremiä Klagegesang Da bleibe ein vernünftiger Mensch
unafficirt Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus
Urania die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probirt und
wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrüstung steht
den sie auf den Monstrepilz bei Gelegenheit werfen will«
    »Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern dass er nie ein
Admirateur der Venus Urania war«
    »Offenherzig ich halte es mit dem edlen Schiller  der ist nun auch tot
alles Edle stirbt meine Freunde  als er sang
Ach da euer Wonnedienst noch glänzte
Wie ganz anders anders war es da
Da man deine Tempel noch bekränzte
Venus Amatusia«
    Der Dritte im Bunde der kein anderer war als der Legationsrat Wandel
meinte er könne die Besorgnis nicht teilen so viel er wisse sei doch gestern
beschlossen der König wolle die besondere Lage seiner fränkischen Lande
erwägend jeder der kriegführenden Mächte den Durchzug gewähren Damit schiene
denn doch alles ausgeglichen und die äußeren Angelegenheiten dürften dem
excellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfbrechen mehr verursachen
    »Gestern Teuerster Aber heute nicht mehr Man hat angeführt das verrate
Schwäche Darum wollen wir heute Stärke verraten und erklären dass wir Niemand
durchlassen Brauchen uns aber darum nicht zu änstigen morgen haben wir uns
wieder anders besonnen und lassen durch Dieser Durchlass nun liegt Christian im
Magen ein Aderlass an seinem Humor und darum lief er fort ehe wir anfingen«
    Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt auf dem wie zum Spott für
vier Personen vier Aktenhefte Papier und Federn lagen das wichtigere
Aktenstück oder Korpus delicti stand unter dem Tische der Champagnerkorb »Von
nun an wird Niemand wer es sei eingelassen« rief Bovillard als der
Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt »Also meine Herren wir
standen bei Artikel zwei « rief er noch mit einer Stimme welche der abtretende
Diener im Nebenzimmer hören konnte Als die äußere Tür zuklang erhob sich der
Flaschenkorb ein Pfropfen knallte gegen die Decke und drei Gläser stießen gegen
einander »Auf guten Fortgang«
    »Der scheint gesichert« sagte Wandel
    »Und wir verdanken ihn was ich als Präsident hier auszusprechen mich für
verpflichtet halte insbesondere der unermüdlichen Tätigkeit unseres teuren
Kollegen Herr Legationsrat von Wandel wiewohl gleichsam als Experter
zugezogen hat sich doch der Sache als Amateur angenommen Gehen wir demnächst
zur Sache über Wir standen also «
    »Ich erlaube mir ehe wir fortfahren eine präjudicielle Bemerkung« hub der
Kammerherr an »Ich weiß für gewiss dass der französische Gesandte von unseren
Verhandlungen Kenntnis hat Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines
Kanzleibeamten demselben ein Aktenstück in die Hände gespielt sein Wenn dem so
wäre erlaube ich mir bei unsern würdigen Herrn Präsidenten den Antrag auf
strengste Recherche deshalb«
    »Das Kollegium hat den Antrag vernommen« sagte Bovillard »Ich muss
präjudiziell bemerken dass ich dagegen stimmen werde Wenn das Kollegium
erlaubt erkläre ich meine Gründe Pro primo haben wir keine Aktenstücke denn
es ward nichts geschrieben logischer Schluss sie können nicht abgeschrieben
werden Pro secundo haben wir keine Kanzlei was nicht ist kann keine
Indiskretion begehen pro tertio würde eine solche Untersuchung den Verdacht der
Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii
werfen was wir aus besonderen und höheren Rücksichten vermeiden müssen Herr
Kollege von Wandel wünscht uns seine Ansicht mitzuteilen«
    »Was das Faktum anlangt« sagte der Legationsrat »so muss ich dem geehrten
Kollegen von St Real beistimmen Laforest weiß es aber was folgt daraus 
Laforest weiß Alles Warum sollte er dies nicht wissen Wer es ihm zuträgt «
    »Vermutlich der Champagnergeist« rief Bovillard sein Glas füllend dass
der Schaum über den Rand stieg »Landsleute plaudern gern weiter«
    »Aber es schadet unserer Sache nichts Diplomatische Berichte bleiben
versiegelte Geheimnisse und wenn die Archive sich für Historiker lüften
kümmert es keinen Lebendigen mehr Ferner was Laforest weiß weiß er nur für
Napoleon oder Talleirand Beide werden unsre Pläne nicht kontrecarriren Endlich
wenn das Geheimnis auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwjetzt hätte was
ich nicht in Abrede stellen will ist die Sache doch zu pikant als dass der
ehrliche Finder den Verräter spielen sollte Aus diesen Gründen meine Herrn
erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr noch etwas Hinderliches
und stimme salve meliori unmassgeblich über den Einwand hinweg zu gehen«
    Der Präsident blickte die Feder in der Hand sich um Es war einstimmiges
Konclusum Der Wein fing an die Zunge zu lösen und man warf den Curialstyl mit
den Akten in den Winkel
    »Sie also tout à fait ébloui« rief Bovillard nach dem Bericht des
Legationsrats
    Der Kammerherr anerkannte mit gebührenden Lobsprüchen die Diligenz welche
Herr von Wandel bewiesen bestand indes darauf dass die Baronin wenn die
Schwadron vorübermaschirte sich jetzt ostensibler am Fenster zeige Es sei
zuviel gefordert wenn sein Pflegebefohlener der Amandus sich jedes Mal
einbilden solle dass der Kopf der Amanda hinter Balsaminentöpfen versteckt sei
Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten
er müsste ihn also dann und wann leibhaftig sehen um im Glauben zu verharren
    »Unser Operationsplan aber forderte Bedacht« entgegnete Wandel »Wir
mussten als Psychologen zu Werke gehen Wer ist schwerer zu erobern Sie oder
Er Das war die Frage Es galt eine Bildsäule zur Galatee zu erweichen und aus
der Galatee eine Potiphar zu machen Haben wir nur erst eine Madame Potiphar
so ist doch keine Sorge darum dass ein GardekavallerieOffizier den Joseph
spielen sollte Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst  A
propos warum ich Herrn Kammerhern so oft ersucht der Amandus Ihr Klient darf
nicht mehr den Knebelbart streichen«
    Der Kammerherr versprach dass es unterbleiben solle
    »Sie haben auch gewiss schon eine kleine Entrevue in petto« sagte Bovillard
»Sie etwa im Negligee von ihm überrascht«
    »Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes wenn er im Gewinnen ist Wer spielt
überhaupt ein gewagtes Spiel wenn er durch aritmetische Progressionen zum
Ziele kommen muss Der beste Zauber meine Herren ist der sich selbst wirkt
auf organischem Wege Neugier und Eitelkeit operiren wunderbar in der Psyche des
Weibes Die gespannte Erwartung entzündet die Phantasie Um zu erfahren ob es
so sei wie ich angab gab sie sich alle Mühe den Amandus zu beobachten und
entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr als ein Mann mit seiner
roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann«
    »Und die Uhr geht fort«
    »Eine schlechte die man jede Stunde anstossen muss Sie geht so normal dass
ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hilfe von draußen
wegwünsche«
    Bovillard wiegte sich beide Hände in den Seitentaschen behaglich im Stuhl
und fixierte schlau den Redner
    »Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken säße Allen Respekt für seine
Intuitionen in die Psyche des Weibes aber er weiß eben so gut wie man Weiber
durch Weiber behandelt und uns möchte er doch einbilden dass wir seine
Agentinnen nicht kennen In der Jägerstrasse hängt freilich ihr Agenturschild
nicht heraus aber die Zwirnsfäden sieht man doch mit denen sie ihre Mirakel
weben Überhaupt cher ami wozu denn diese Mystères Ist gar nicht Ihr Profit
Legationsrat An Talismänner und Wünschelruten glauben wir hier nicht aber je
mehr zweibeinige Maschinen Einer für sich in Bewegung zu setzen versteht ein um
so größerer Wundertäter wird er für uns«
    Auf Wandels Stirn lagerte sich eine officiöse Falte und die Augenbrauen
drückten sich zusammen
    »Prätendire ich ein St Germain zu sein Aber der ausgezeichneten Frau tun
Sie unrecht Eine Dame deren Verstand in so andern höheren Regionen schweift
würde sich nie zu einer mesquinen Intrigue bequemen Verzeihung meine Herren
aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen man muss seine Menschen kennen Ich
hätte nicht einmal gewagt ihr von der Sache zu sprechen Meine Herren ich
wiederhole es Sie kennen diese seltene Frau nicht«
    »Holla Also offen ausgesprochen ihr Ritter Und uns den Handschuh
hingeworfen Kennen Sie sie denn«
    Nach einigem Schweigen antwortete Wandel »Nein  Es gibt Erscheinungen
wo der Augenaufschlag die Seele uns erschliesst andere wo der geschickteste
Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht Ich fühle nur dass dies Seelengewebe
aus so zarten äterischen Fasern zusammengesetzt ist dass die leiseste Berührung
unharmonischer Töne es zusammenschrecken macht und hinwiederum ist es von einer
Elasticität dass ein rauer Anstoß diese Fühlfäden zu hartem Stahl verwandelt«
    »Lassen Sie sich nicht erdrücken von dem Stahl Heim sagte mal in der Frau
wäre eine cachirte Sinnlichkeit Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts aber
das Kachirte liebe ich nicht«
    »Diese rohen Ärzte die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten
Da wollen sie ihren Mann mit Assa foetida und Valeriana behandeln und seine
Krankheit ist rein eine des Gemütes Der Geheimrat lebte längst nicht mehr
wenn sie nicht eine geistige Atmosphäre um ihn zu bereiten wüsste worin er
atmet«
    »So schlimm stände es mit dem Bücherwurm«
    »Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten einen Moribundus Was quält sie
sich ab diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen Ich gebe Ihnen zu es
ist vielleicht ein krankhafter Instinkt der Natur in den Arm greifen zu wollen
aber sie wills sie muss probiren Die Doktoren haben ihn längst aufgegeben er
ist ja nur ein Bedienter aber denken Sie  neulich fand ich sie wie sie von
dem teuren Lebensäter den Herr Flittner präparirt dem Menschen einflößte
Mein Gott sagte ich der Äther ist immer nur ein Palliativ er lässt die
Lebensflamme noch einmal auflodern aber um so schneller verzehrt sie Man
wendet ihn bei hohen Personen an wo die letzten Momente kostbar sind aber
dieser Bediente was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewusstsein an Er
kann Ihnen unter den Hände zusammensinken Was würden Sie dann sagen  Ich kann
Ihnen das wunderbare Lächeln nicht beschreiben mit dem sie anwortete Ich habe
mir dann selbst genügt So ist sie «
    »Eine Schwärmerin Gehen Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensäter«
    »Ich gebe Ihnen gewissermaßen recht Herr von Bovillard Das Verhalten zu
ihrem Pflegekind könnten strenge Moralisten auch eine Schwärmerei nennen Sie
opfert sich ihm ganz und warum und wie wird es ihr belohnt Sie wissen von der
soit disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister Eine andere Frau würde außer
sich sein Welche Pläne sind ihr vereitelt Sie lächelt als Philosophin«
    »Es gibt Personen auf die alles Missgeschick zusammenstürmt« fuhr er den
Kopf schüttelnd nach einer Pause fort wo die Andern geschwiegen der
Abstecher in welchem der Legationsrat sich so zu gefallen schien kam Beiden
ungelegen »Der Vater des Lehrers der alte van Asten brummt über die Sache
und ist sogar auf die Geheimrätin ungehalten«
    Bovillard fiel ein »Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fühlt sich touchirt
Was ist natürlicher er sah sie mal aus einem andern Hause kommen Um das
Renommée eines Hauses und die Ehrbarkeit ists doch eine köstliche Sache Was
macht der Alte für Geschäfte damit mit dem verräucherten Steinhaufen in der
Spandauerstrasse mit dem glatt gepuderten Kopfe der Katomiene die sich nie
verzieht auch nicht wenn er das große Loos gewinnt mit seinen rindsledernen
Schuhen die schon eine Viertelmeile weit knarren Das ist ein Respekt auf dem
Markte an der Börse wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke
heranhustet Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie«
    Der Geheimrat schien vergnügt von dem ihm sichtlich unangenehmen
Gegenstande abgelenkt zu haben während der Kammerherr mit eben so sichtlicher
Ungeduld meinte man komme ja ganz von der Hauptsache ab
    »Mademoiselle Alltag bleibt indes immer eine sehr interessante Nebensache«
lächelte der Legationsrat
    Bovillard stichelte er hege den Verdacht dass sein Freund eine noch
vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt Wandels Stirn legte sich diesmal
nicht in offiziöse Falten sie blieb ganz glatt als er erwiderte
    »Herr von Bovillard will damit andeuten was Herr von Laforest dazu sagen
dürfte wenn ich mit der russischen Fürstin kommunicire Laforest weiß dass ich
Kosmopolit und die Prinzess dass ich ein Sünder bin Der Unterschied ist nur
dass Herr von Laforest es aufgibt die Fürstin aber noch nicht mich zu ihrem
Glauben zu bekehren«
    »O der Verräter Nun ist er auch geständig unsre Geheimnisse an Russland
verraten zu haben«
    »Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft Schlagen Sie diesen
Beistand nicht zu gering an meine Herren Ihre Erlaucht interessiert sich
wirklich en passant für die Baronin Eitelbach«
    »Sie will sie zur Sünderin machen um sie nachher zur Heiligen zu bekehren
Delicieur Magnifique der Gedanke«
    »Meine Herren« sagte der Legationsrat sich verneigend »ich habe das
Meinige getan Die nächste Aktion muss vom Rittmeister ausgehen«
    Man ließ die Gläser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen St
Reals Bericht war kürzer
    »Sie glauben nicht wie schwer es uns ward den Stier auf die Spur zu
bringen Als es indes soweit war ging es auch wie ein Brummtriesel der nicht
mehr zu sich kommt Oder es überschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit
Platzregen Der Mann ist vollkommen ausgetauscht weich sage ich Ihnen wie
Wachs Sein Gewissen gerührt er delirirt verwünscht zuweilen seinen
Knebelbart ja es gibt Augenblicke wo er ihn abschneiden möchte Nach dem
letzten Billet wollte er wirklich Urlaub nehmen Wir hatten Mühe ihm
begreiflich zu machen dass das jetzt als Feigheit ausgelegt werden könnte Mit
einem Wort er ist zu Allem bereit was das verehrte Kollegium über ihn
beschliesst Nur muss man ihm zu Hilfe kommen Er ward ordentlich jungfräulich
schüchtern aus Gewissensbissen dass er eine schöne Dame die ihn liebt so lange
und grausam beleidigt hat«
    »Aber was nun weiter« sagte der Kammerherr
    Der Geheimrat nahm die Präsidentenmiene an »Unser Thema also war sie
sollen und müssen sich verlieben In der Ausführung sind wir auf den Punkt
angelangt sie stehen im Begriff sich zu verlieben Die nächste Frage ist nun
wie soll dieser Prozess weiter geführt werden und die darauf folgende welchen
Ausgang soll er nehmen«
    »Als Tragödie oder als Komödie«
    »Nur keine Tragödie Haben draußen Trauerspiele genug Höchstens etwas
Sentimentales ein wenig Jammer unterbrochen durch einige Affektblitze
Verzweiflungsseufzer einige Tränen etwas Menschenhass und Reue pour décorer
la situation aber so wenig wie möglich«
    »Eine Zwischenfrage meine Herren Wünschen Sie die Sache schnell zum
Resultat geführt«
    »Legationsrat was fällt Ihnen ein Wir führen ja das Stück zu unserer
Rekreation auf«
    »In diesem Falle wird es nötig einen Hemmschuh anzulegen denn lassen wir
die Dinge sich jetzt entwickeln so platzt über kurz die Erklärung heraus und
endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbündniss«
    »Zum Geier mit Ihrem Seelenbündniss Auf Eklat kommts an Schauspiele solls
geben einen Skandal dass die Stadt die Hände zusammenschlägt«
    »Excellenz meinten nicht so « warf St Real ein
    »Excellenz ist ein Hypochonder geworden Wer A gesagt muss B sagen Keine
Retiraden Hemmschuhe meinethalben Ersinnen Sie was Warum ging Ihr verfluchter
psychologischer Prozess auch mit Siebenmeilenstiefeln Etwas von Rendezvous auf
Redouten oder im Mondenschein wo man zusehen kann Dann Hindernisse Wenn
Eitelbach nicht will so werden Sie ja schon Ehrenwächter finden Kann man nicht
eine Prinzessin oder die Königin für die Tugend der Baronin interessieren
Grausame Trennungen überraschendes Wiedersehen«
    »Er könnte wie Leander zur Hero schwimmen Die Spree ist nur nicht breit
genug«
    »Imagination meine Herren Sie können sich in einer Kutsche ein Rendezvous
geben sie wird als verdächtig angehalten Beide auf die Wache gebracht«
    »Nur nicht auf die Wache Das ist ein zu hässlicher Eklat« rief der
Kammerherr
    »Oder er steigt zu ihr ein Der Nachtwächter entdeckt die Leiter Lärm wird
gemacht man sucht nach Dieben«
    »Wünschen Sie dass er mit Madames Bewilligung eingestiegen ist« fragte
Wandel
    »Besser nicht Nein er muss es in toller Leidenschaft tun Sie muss außer
sich sein Man kann sie ja vorher wieder ein Bischen gegen ihn eingenommen
haben Sie wird empört dass er ihren Ruf aufs Spiel setzt In tugendhafter
Entrüstung befiehlt sie ihm sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen Er stürzt
ihr zu Füßen hilft nichts er muss wieder zum Fenster raus  Da fehlt die
Leiter der Lärm geht los Denken Sie sich die pikante Situation Sie in Zorn
er in Verzweiflung Je größer die Gefahr je näher die Tritte so mehr schwindet
ihr Zorn das Mitleid siegt das Bekenntnis ihrer Liebe platzt heraus «
    »Und «
    »Zur Zärtlichkeit ist da nicht Zeit Immer Aufschub Die Polizei schlägt an
die Tür Sie muss ihn verstecken  in den Kleiderschrank«
    »Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein« lächelte St Real
    »Es wird sich ja ein Versteck finden Lassen Sie ihn auf den Boden springen
aufs Dach klettern«
    »Und  Er muss doch auch vom Dach wieder herunter Ich meine was das Ende
vom Liede sein soll«
    »Kommt Zeit kommt Rat Legationsrat schlagen Sie einen alten Roman nach
Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen«
    »Mit einem Worte verlangen Sie eine Entführung oder nur «
    »Prächtig eine Entführung Göttermensch Sie stehlen mirs aus der Seele
Wie lange ist in Berlin Keine entführt worden Das gibt ein Gerede Kinder
einen Spaß Ich will selbst die Postrelais bezahlen mit Seegebart sprechen
die schnellsten Postpferde sollen sie haben«
    »St Real schüttelte den Kopf Alles sehr schön Wer soll sie aber
verfolgen«
    »Nun Ihr Mann«
    Kaum war es über die Lippen als er selbst in das stille Gelächter der
Andern einstimmen musste
    »Er lacht sich vor Vergnügen tot wenn ers hört«
    Es war ein unerwarteter Querstrich
    Bovillard riss die gekreuzten Arme auseinander mit denen er eine Weile vor
sich sinnend gesessen »Er tuts doch vielleicht«
    »Der Baron Er schämte sich in den Tod dass man ihn für eifersüchtig hält«
    »Wer spricht von Eifersucht St Real Neunzigtausend Taler gehen ihm
durch Kann er neunzigtausend Taler mir nichts dir nichts über die Grenze
lassen«
    »Neunzigtausend Taler« wiederholte der Legationsrat
    »Sie haben freilich getrennte Gütergemeinschaft« sagte der Kammerherr »Ihn
schätzt man eben so hoch«
    »Hundertachtzigtausend Taler unter Brüdern meine Herren« fuhr Bovillard
fort »die zerreißen wir Bedenken Sie das wohl«
    »Hundertachtzigtausend Taler« wiederholte der Legationsrat
    »Was so ernstaft Wandel«
    »Die Sache ist es Er müsste sich nach dem Eklat scheiden lassen sie würde
den Rittmeister heiraten und wir verschaffen ihm eine Frau mit neunzigtausend
Talern Meine Herren Sie räumen mir ein dass die Sache dadurch ein ganz
anderes Fundament gewinnt Es ist kein Divertissement mehr es wird zu einem
reinen Geschäft und wir müssten uns fragen  das heißt ich bitte Sie sich
darüber zu entscheiden welche Raison Sie haben den Herrn von Dohleneck zu
einem reichen Mann zu machen«
    »Raison Pah was kommts drauf an Und hab ich keine Der Rittmeister hat
sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen Blutvergießen verhindert Sie
auch Legationsrat Sollen Sie sie entführen Hätte nichts dagegen
Neunzigtausend Taler wir sind ja in einer generösen Laune und er hat Schulden
wie Haare auf dem Kopfe«
    Die vierte Flasche war entkorkt und die Gesicher leuchteten »Handeln wir
wie die Vorsehung welche die Güter dieser Welt ausgleicht Angestossen auf den
großen Gedanken Freunde Für die Menschheit «
    »Das heißt für Stiers Gläubiger«
    »Das Gefühl uneigennützigen Handelns für die Zwecke der Humanität stärke
uns Reine Liebe edler Seelen neunzigtausend Taler in ersten Hypotheken und
schlesischen Pfandbriefen und eine wunderschöne Frau und dumm Was Götter selbst
beneiden könnten wir schenkens einem verschuldeten Kavallerieoffizier«
    Der Legationsrat stimmte nicht in die Ausgelassenheit »Sie zerstören Ihre
eigenen Beschlüsse wenn Sie zu hastig losgehen«
    »Legationsrat ein edler Entschluss darf nicht Runzeln bekommen«
    »Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden sonst bricht seine Spitze
Konclusum est«
    »Sie sollen sich noch eine Weile quälen« sagte der Kammerherr
    »Hatte ich es beinah vergessen S ist mein gutes Herz Ich kann nun einmal
Unglückliche nicht leiden sehen Alle Menschen sind ja Brüder «
    »Und alle Frauen Schwestern« sagte Wandel aufstehend »Aber ich muss
Kontreordre geben wenns nicht schon zu spät ist« Er zog die Uhr und stampfte
auf »Wahrhaftig es ist schon zu spät«
    »Was ists«
    Sie standen nicht mehr ganz fest als sie jetzt aufstanden Der
Legationsrat strich über die Stirn
    »Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorüber Ein leises
Schluchzen sollte seine Schritte fesseln «
    »Ei Herr von Wandel mir ins Gehege« rief der Kammerherr »Der Joseph war
zu meiner Disposition«
    »Verzeihung Ich wollte Sie überraschen es war gut gemeint Eine
schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bouquet auf seine Brust
fallen lassen  eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht Wer konnte den
heutigen Beschluss ahnen Um zehn Uhr wars bestellt und es ist ein Viertel auf
elf Vielleicht kann ich noch retten«
    Bovillard fiel ihm in den Arm »Bleiben Sie lasst sie glücklich sein wir
sinds ja auch Glückliche Menschen machen was gibt es Schöneres unterm
Sternenzelt Fand einmal meine Selige in Tränen über Lafontaines neuestem
Roman Kriegen Sie sich nicht frage ich  Er ist erst am Ende des ersten
Bandes sagte sie  Er muss sage ich  Wie kannst Dus  Da klopft es Wer
tritt ein Herr Lafontaine Ich riss meine Selige auf ich zeigte ihm ihre roten
Augen Barbar das ist Ihr Werk können Sies ruhig ansehen Eine Träne der
Rührung eine Träne der Versöhnung  Er küsste ihre Hand  Sie sollen sich
kriegen Madame  Auf der Stelle ließ ich ihn zu Herrn Sander fahren dem
Buchhändler Zwei Bogen wurden makulirt und nach acht Tagen kriegte sie die
ersten des zweiten Teils Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt 
Den Jammer sparte er nachher für dir Ehe  zwei Bände voll«
    »Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann« sagte Wandel
    »Und Herr Lafontaine kriegte die Präbende« bemerkte St Real
    »Eine gute Tat belohnt die andre«
    Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen ließ hatte man ein
starkes Pochen an der Haustür gehört darauf einen Lärm von mehren Stimmen die
des Kammerdieners war deutlich zu erkennen welche Eindringenden den Zutritt
verwehren wollte Eine andre Stimme tönte aber scharf hindurch welche den
Lagationsrat zu frappiren schien auch der Kammerherr horchte aufmerksam Nur
der Geheimrat hörte in seiner Aufregung erst darauf als feste Männertritte die
kleine Hintertreppe heraufstürmten »Sie dürfen nicht ich darf Niemand
reinlassen« schrie der Kammerdiener der um die Wette mit dem Stürmenden zu
laufen schien »Aber mich« rief es Darauf ein Fall der Diener musste
zurückgestoßen sein und die Tür sprang auf
    »Was bedeutet das« rief der Geheimrat einen Leuchter ergreifend und
wollte ins Kabinet
    »Das Vaterland« rief die Stimme im selben aufgeregten Tone als der
Geheimrat schon wie von einer Erscheinung erschreckt zurückprallte Der
Leuchter entfiel ihm
    Der Legationsrat hatte hastig den Hut gefasst als er den Eintretenden
erblickte der Kammerherr folgte ihm eben so schnell Der Geheimrat Bovillard
blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer
 
                         Siebenunddreissigstes Kapitel
                                Vater und Sohn
Louis Bovillard war entlassen Er war ein stiller Gefangener gewesen die
Beamten waren erstaunt gewesen er hatte diesmal keinen Streit angefangen keine
Scheibe zerschlagen keinen Wärter zur Tür hinausgeworfen Er hatte in sich
versunken da gesessen bis die Stunde der Befreiung schlug Nichts von der
Außenwelt war zu ihm gedrungen da war es doch natürlich dass er sich jetzt
orientiren wollte in der ihm fremd gewordenen Wohl hatte es durch die dicken
Mauern geklungen von ausserordenlichen Dingen von einer Stimmung die nie da
gewesen von einem heißen Fieber das die Glieder schüttle von einem Geist im
Volke der den langen Winterschlaf von den Lidern streife Im Gefängnis träumt
man lebendiger von der Freiheit Er aber hatte auf seinem Holzbett stumm
gelächelt seine Träume waren anderwärts
    Und jetzt lächelte er wieder wenn er durch die bewegten und stillen Straßen
ging Sie waren so breit so tot und so geräuschvoll wie immer die Mühlen
klapperten die Menschen schwatzten wie immer »Was suchen Sie Bovillard«
fragte ein Bekannter der ihm nicht ausweichen können  »Die Stimmung« war
seine Antwort Der Kalkulator stutzte aber er erinnerte sich dass Bovillard
Klavier spielte »Sie suchen einen Stimmer Ihr Klavier«  »Ist total
verstimmt« antwortete der junge Mann und wandte ihm den Rücken
    Ein Plakat an der Ecke Vielleicht ein Aufruf des Königs an sein Volk 
Nein verlorne Sachen drei Auktionen Doch auf der andern Seite eine
obrigkeitliche Bekanntmachung eine Warnung vor falschen Zweigroschenstücken
die sich in Ostfriesland bedenklicherweise gezeigt und eine Einschärfung von
Gouvernement und Polizei wie die unter den vorigen Königen erlassene Verordnung
noch jetzt in voller Kraft sei dass die sogenannten Zelte und Gebäude im
Tiergarten nach wie vor nicht massiv vielmehr nur von Brettern gebaut werden
dürften  Auf dem Papier stand das Gesetz, im Tiergarten baute man wie man
Lust hatte
    Er trat an eines der noch seltenen und sehr bescheidenen Schaufenster wo
Kupferstiche aushingen Vielleicht die großen Generale des letzten Krieges
Würden endlich Erzherzog Karl und die Andern die Bilder der französischen
Generale verdrängt haben  Gar keine Generale Nur König und Königin wie
sichs gebührt Schauspieler und Schauspielerinnen der Jubelgreis Erman der
Astronom Bode mit einem Sternenkranz um die Schläfe Er hatte ja einen neuen
Kometen am großen Bären entdeckt
    Willenlos führten ihn seine Schritte in einen Buchladen Er fragte nach
Novitäten für die Zeitgeschichte »Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in
Breslau Gedichte merkwürdig«  »Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen Er
zeigt seinen Freunden an dass er mit Gott und seinem König heut gesund und
munter in sein neunundfünfzigstes Dienstjahr tritt Das hat denn gleich
Nachfrage nach den Gedichten gemacht«  Der Buchhändler hatte noch einen
interessanten Beitrag für »unsere Zeitgeschichte« »Zuverlässige Nachrichten von
der Sackschen Familienstiftung zu Glogau zum Unterricht für
Stiftsberechtigte« Sie hatten eben die Presse verlassen »Die Lektüre soll mich
heut Nacht erquicken« sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche
    Er maß die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais sieben
Mal hatte er die Länge der Linden gemessen und nichts gesehen als welke
Blätter Die Gesichter denen er begegnete die Blätter die der Staubwind um
seine Füße kräuselte verschmolzen sich Seine Phantasie schweifte in eine
Wüste er grübelte warum die Natur ihnen die Quellen versagt warum keine
Erdbeben die Sahara erschüttern Vulkane erheben sich doch aus dem Meere
    Er saß in einer Weinstube Er hörte viele Stimmen Viele Stimmen machen eine
Stimmung Männer der Wissenschaft zu seiner Linken Männer der Praxis zur
Rechten Männer der Kunst kamen als das Theater aus war Man sprach links und
rechts vom Fortschritt Wie viel öffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die
Wissbegier Klaprot über Chemie für Jedermann Fischer über Experimentalphysik
und der gelehrte Bendavid las gar über Geschmackslehre Aber dann brauste der
Streit von der Rechten zur Linken und im Zentrum über das Stück des Tages »Die
Organe des Gehirns« Wer war größer Kotzebue oder Iffland Kotzebue der mit
beissender Kritik mit übersprudelnder Laune die neue Chimäre der Wissenschaft
geisselte der Gall auf immer vernichtet hatte oder der unvergleichliche Mime
der heute den Lear und morgen den Kannegiesser mit gleicher Virtuosität spielte
Iffland drückte Kotzebue zu Boden Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen man
anatomisirte den kleinen Finger seiner linken Hand mit dem er ein
widerstrebendes Gefühl ausgedrückt man zerschnitt seine karrirte Weste welche
die Zersetzung eines sublimen Gedankens in eben so viele Teile darlegte »Und
Fleck ist doch größer« trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch  »Warum
Renommist« »Er schafft Iffland copirt«  Kunst und Natur ein ewiger Streit
man überschrie sich die Gläser klirrten die Köpfe wurden heiß »Und alle Eure
Kunst ist doch nur Chemie« schrie der Renommist »Die Pest auf Dichter die nur
die Schädellehre zersetzen aber keinen Schädel lebendig machen«
    Er setzte sich von den Genialen zu den Philistern doch es waren Philister
des Fortschritts Die Emdener Heringsfischerei hatte zum ersten Mal Dividenden
ausgeteilt Und die Chaussee von Potsdam nach Brandenburg war ehegestern fertig
geworden »Meine Herren das erwägen Sie man kann von nun an in neun ja
vielleicht künftig in sieben Stunden von Berlin nach Brandenburg fahren Und wie
lange ist es her wo wir einen Tag brauchten durch den Sand um nur nach Potsdam
zu kommen Das war ja schon ein ungeheures Evenement Wenn das der alte Fritz
erlebt hätte Bis Potsdam wie auf einer Diele Und das hat unsre Regierung
getan und doch sind sie nicht zufrieden Ich frage Sie was verlangt man denn
noch Sollen wir fliegen Ja schöne fliegen wenn Krieg kommt«  »Nur die
unruhigen Köpfe Herr Hofrat«  »Ganz richtig Herr Nachbar was geht uns
Österreich was geht uns Napoleon an«  »Jetzt will jeder Mensch eine Meinung
haben und alle Welt soll man fragen«  »Der alte Fritz fragte Niemand und es
ging doch«  »Ganz recht Herr Geheimsekretär es ginge auch noch wenn nur
eben nicht die unruhigen Köpfe wären«  »Und werden die Emdener wieder
Dividenden zahlen wenns losgeht«  »Werden sich hüten Herr Hofrat Mit
Handel und Verkehr mit Fabriken und Allem ists aus«  »Friede Friede« war
das Loosungswort in der Ecke Ein Zeitungleser der zugehört lächelte Da hören
Sie das allerliebste Gedicht »Pensées sur la position dà présent«
    »Die Vossische Zeitung hat immer allerliebste Gedichte«
    Er musste es vorlesen
»Je souhaite la paix en tout
Entre lamante et son amant et sa femme et son èpoux
Beaucoup de pleurs seroient épargnées
Si Mars sauvage encore vouloit se reposer
Léspérance consolante me reste encore
Que les méres et les épouses ne pleureront
De leurs fils et maris la mort
Et que le transport des canons
Et toutes ces préparations
A la paix universelle serviront«
    »Charmant«  »Allerliebst«  »Das ist Poesie«  »Das ist noch ein
Dichter der Gefühl hat«  »Nein eine Dichterin es steht drunter Philippine
de B«  Die poetische Entzückung hatte die andere Seite der Gesellschaft
aufmerksam gemacht Einer das Zeitungsblatt ergriffen und in anderem Patos die
Poesie vorgelesen »Von Bovillard« rief er »das riecht nach seiner Poesie«
und ein schallendes Gelächter bestätigte im Chor
    Louis Bovillard hörte es nicht mehr Er hatte sogleich den Verfasser
erraten Sein Vater liebte seine zarteren Gedanken wie er es nannte unter
weiblichen Namenschiffren ins Publikum zu schicken Er irrte wieder durch die
dunklen Straßen Verspätete Teatergänger Iffland und immer Iffland 
Verliebte Pärchen süßes Geflüster aufgeschreckt durch seinen rauen Fußtritt
 »O Liebe du Zauberin« lachte der Dämon in ihm »nur in die laue Nacht
brauchst du den Arm zu strecken und die Herzen setzen an wie die Fliegen an
die Leimstange«
    In der einsamen Straße durch die er einbog stand ein Militär an ein Haus
gelehnt in horchender Stellung Aus dem geöffneten Fenster oben blickte
verstohlen eine weibliche Gestalt sich um und als sie Niemand zu sehen glaubte
fiel ein Blumenstrauß auf den Lauscher Als der Militär das Geschenk an seine
Brust drücken wollte fühlte er seinen Arm gepackt Ein Halt dröhnte durch die
Stille im selben Augenblick klirrte das Fenster zu
    Zorn und Schreck hatten nicht Zeit über den Vorrang zu streiten als die
Erkennung schon erfolgt war »Bovillard  Plagt Sie der Teufel  Wo kommen Sie
her«
    »Aus meinen Banden«
    »Wohin solls« fragte Dohleneck schon mit gerunzelter Stirn
    »In die Freiheit«
    »Sie brauchten Andere nicht mit sich zu reißen«
    »Nur die ich liebe«
    Der Rittmeister hatte sich eine Weile in der ersten Überraschung von ihm
fortziehen lassen Jetzt erst nachdem sie um die Ecke waren hatte er Posto
gefasst »Himmel Sackerment Bovillard Red und Antwort was war das Wenn
Einer bis über die Ohren verliebt ist «
    »Einen Eimer Wasser ihm über den Kopf Was sich liebt auseinander zu
scheuchen ist heut mein Plaisir«
    »Sie kommen aus dem Tollhause oder «
    »Ich ging aus mir selbst wollen Sie sagen«
    »Warum«
    »Weil es mir zu eng drin ward«
    Der Rittmeister hatte sich erholt »Wenn Sie es nicht wären Wissen Sie was
Sie taten«
    »Zur Hälfte«
    »Sie störten «
    »Einen halben Ernst das ist möglich gewiss eine ganze Posse«
    »Neulich vertraute ich Ihnen «
    »Ein namenloses Liebesabenteuer zur Hälfte Und wenn es dies war gratulire
ich Ihnen wenn ich auch die andere Hälfte verdarb«
    »Kennen Sie das Haus«
    »Nein weiß wahrhaftig nicht mal welche Straße es war« »Aber auf das
Soubrettengesicht fiel grade ein Lichtschein aus dem Fenster drüben«
    »Ein Soubrettengesicht Eine majestätisch schöne Frau«
    Bovillard lachte »Ein durchtrieben Schelmengesichtchen und hinter ihr
guckte ein Bedientengesicht  für so was hab ich Augen So wahr der
Wolkenstreif eben durch die Mondsichel geht man wollte Sie foppen«
    »Nein Sie täuschen sich«
    Ein sanfter aber fester Händedruck antwortete ihm »Darin täusche ich mich
nie  Sie sind betrogen  von wem Das ist gleichgültig  diesmal von denen da
oben am Fenster «
    Er hatte ihm das Bouquet aus der Hand genommen »Fort mit dem Bettel Wer
weiß in welcher Hand er war« Er schleuderte es über die Straße Sie gingen
schweigend neben einander Was in der Brust des Offiziers arbeitete konnte nicht
heraus
    »Lasst die Motten ins Licht fliegen es ist ihre Bestimmung Sie Dohleneck
sind zu gut dazu zu arglos«
    »Sie sollen darüber richten« sprach der Rittmeister plötzlich stehen
bleibend »Grade Sie Gott weiß woher ich traue Ihnen obgleich  verteufelter
Gedanke wenn man mich wieder in den April geschickt«
    »Sie spielen Alle Komödie« rief Bovillard in die Wolkenzüge am Himmel
blickend »Das ist ihre Bestimmung Warum träufte die Natur diesen Reiz in unser
Blut diese Mottenlust in unser Hirn Aber so wollen sie uns vielleicht Dass
unser Auge schwimmt unser Mark weich wird unsere Spannkraft erschlafft das
Hirn unfähig einen Gedanken festzuhalten der Geist zittert vor dem Entschluss
der Arm vor dem Schlag Diesen goldenen Semeleregen sehen sie mit stillem
Vergnügen auf das Geschlecht rieseln damit die Titanenenkel ausgehen sollen aus
dem lebendigen Geschlecht  Rittmeister« rief er »Soldat des Königs Wenn die
Welt in Brand steht ists dann Zeit wie Schmetterlinge um die Flammen wirbeln
Wollen Sie das Haus stürmen auf einer Leiter durchs Fenster brechen Mein Wort
da helfe ich Ihnen Kommen Sie fordern Sie Wahrheit Wollen Sie ein schönes
Weib entführen das Sie genarrt erzürnt hat ich bin dabei Gewalt Gewalt Das
ist noch ein Wort ein Sturmglockenlaut der in den Himmel dröhnt Wollen Sie
Auf der Stelle  nur nicht Seufzer nur nicht Liebesblicke kein Buhlen um
Gunst keine Küsse Ja  ein Weib was mich hasste mit einem Fußtritte mich von
sich stiesse «
    In dem Augenblick rasselte eine staubbedeckte Kalesche um die Ecke Bei der
raschen Wendung mochte das Hinterrad an einen Stein gestoßen sein das Rad brach
und der leichte Wagen stürzte um Schon im nächsten Augenblick hatte der darin
Sitzende mit einem Fluch sich aus dem Wagen gearbeitet Der Fluch galt den
Pferden oder dem Kutscher eine barsche Zurechtweisung den Beiden welche zum
Helfen hinzugesprungen waren Auf ihre Frage ob er keinen Schaden gelitten
antwortete der Mann der seinen militärischen Mantel in die Kalesche zurückwarf
und hastig nach einer Ledertasche griff »Das wäre das Wenigste«
    »Verfluchter Kerl warum hier grade« rief er sich umsehend dem Kutscher zu
»Es ist ja noch eine Viertelstunde bis zum « er nannte den Namen eines
Ministers
    »Wenn es Ihnen darauf ankommt führe ich Sie auf kürzerem Wege dahin« sagte
Bovillard
    Es war ein Kourier Der Rittmeister im Schein der Laterne bei welchem der
Reisende die Ledertasche besah erkannte einen befreundeten jüngeren Offizier
    »Was bringen Sie in Ihrer Tasche Schmilinsky«
    »Brennend Feuer« antwortete der Feldoffizier indem er die Tasche wieder
zuschloss »Ja auf dem nächsten Weg meine Herren zum Minister«
    Der wohlbeleibtere Kavallerieoffizier hatte Mühe den Beiden nachzukommen
    »Was brennt denn« fragte Bovillard als sie ihre Schritte mässigten um
Atem zu schöpfen
    »Ich habe keinen Grund« sagte der Kourier »geheim zu halten was mir auf
dem Fuße nachkommen muss Ja ich wundre mich dass das Gerücht mir nicht
voraufgeeilt ist weil ein ähnlicher Unfall mich unterwegs aufhielt Ich glaubte
Berlin selbst in Aufruhr und finde eine Kirchhofsruhe Am Tor wusste man noch
nichts«
    »Was ists«
    »Die Franzosen sind eingebrochen«
    »Wo« fragte es mit einem Munde
    »Wie ein Platzregen ins Anspachsche  Bernadotte  mit neunzig Tausend Mann
wenigstens wälzt er in Sturmmärschen durch  die Bayern hausen wie in Feindes
Land «
    »Krieg« jauchzte der Rittmeister
    »Und die preußischen Truppen«
    »Was dastand machte Platz oder nicht wie es kam  Sie wissen nicht vor
Ordre und Kontreordre was zu tun «
    Sie waren am Hotel angelangt und rissen an der Schelle Der Kourier lehnte
sich erschöpft am Pfeiler
    »Er wird doch fester halten als der« sagte er »Meine Herren wer das mit
ansehen musste  Sie spuckten auf unsre Grenzpfähle ich sah einen umgerissen 
aus purem Übermut «
    »Wer« rief der Rittmeister
    »Franzosen oder Bayern gleichviel Der preußische Adler im Kot die Tapfen
ihrer schmutzigen Füße auf Friedrichs zerbrochenem Adler Meine Herren es war
ein Stoß ins Herz für einen preußischen Militär«
    »Das muss der Langmut den Hals brechen« jauchzte Bovillard und stürmte an
der Hausglocke Der Portier hatte endlich den Schieber des Seitenfensterchens
geöffnet
    »Ein Kourier Depeschen« riefen drei Stimmen zugleich
    »Excellenz haben sich bereits zur Ruhe verfügt«
    »Der Sekretär Aus dem Bureau wer es sei«
    »Alles schläft schon«
    »In Teufels Namen so weckt sie« schrie der Rittmeister
    »Ich muss Excellenz persönlich sprechen der Kourier Ein Kourier aus dem
Anspachschen Depeschen von äußerster Wichtigkeit«
    »Nach zehn Uhr wird nichts angenommen Morgen früh um acht Uhr Wenns sehr
wichtig ist können Sie schon um sieben klingeln«
    Der Laden klappte das Schiebefenster ging zu
    »Was ist da zu tun«
    »Zum Gouverneur«
    »Er wird noch von der Schnepfenjagd nicht zurück sein« entsann sich
Dohleneck  Es waren wohl Adjutanten und Offiziere da aber sie waren für
außerordentliche Fälle nicht instruirt Es müsste doch wahrscheinlich ein
Ministerkonseil berufen werden Also riet man einen andern Minister
aufzusuchen es werde doch einer wachen
    Es wachte aber zufällig keiner Hier wurden sie angeschrieen dort höflich
zur Ruhe vermahnt Sie sollten wissen dass Excellenz jeden Sonnabend zu
transpiriren einnehmen Dann werde Niemand wer es auch sei vorgelassen
    »Er spielt Lhombre Man darf ihn nicht stören« rief Bovillard und
unterschlug die Arme Sie waren vom letzten Hotel abgewiesen
    »Was sehen Sie da Bovillard«
    »Nach dem neuen Kometen den Herr Bode am großen Bären entdeckt hat Der
Mann hat sich doch ein großes Verdienst um den preußischen Staat erworben«
    »Wenn Kometen auf Krieg deuten« sagte Dohleneck »Wohin Wohin«
    Bovillard stürzte ihnen vorauf
    »Ich sehe Licht Funken schlagen Es gilt einen Sturm«
                                       
    Die Erscheinung welche durch die Hintertreppe ins Arbeitszimmer des
Geheimrats gedrungen war sein Sohn Es waren Jahre vergangen seit Louis
Bovillard seinen Fuß in diese Räume gesetzt
    Die auf des Vaters Seite waren entflohen die auf des Sohnes unten
geblieben oder sie hatten ihm die Sache übergeben und waren auch fortgegangen
Der Vater und der Sohn waren allein
    Der Vater hatte sich wieder gewonnen Wenn der erste Anblick ihn erschreckt
wenn er hinter den Tisch getreten auf dem die Flaschen rollten wenn er an der
Glocke ziehen wollen so war der wüste Traumeindruck so schnell vergangen als
er aufschoss Dieser Sohn kam nicht mit der Pistole in der Brust er floh nicht
vor seinen Verfolgern er war nicht eingedrungen um des Vaters Beutel oder
Schutz aber wie wild auch das Auge rollte wie starr und wüst das Haar um seine
Stirn spielte wie vernachlässigt sein Anzug Louis kam auch nicht als verlorner
Sohn der die Träber gegessen und zerknirscht vor des Vaters Füßen den Boden
küssen will Er blieb aufrecht an der Tür stehen Ein verlorner Sohn hält auch
kein Portefeuille in Händen
    »Mein Vater Vergessen Sie auf einen Augenblick Ihren Sohn dem Sie diese
Schwelle verboten Sehen Sie nur den Sohn des Vaterlandes Es gilt dessen Ehre
vielleicht sein Dasein«
    Er hatte in kurzen abgestossenen Sätzen erzählt  was wir bereits wissen
    »Und was geht es Dich an«
    Louis trat um einen Schritt näher »Das ist nicht Ihr Ernst es kann nicht
Ihr Ernst sein Auch Ihr Auge blitzte auf ich sah es Vergessen Sie dass Ihr
Sohn Zeuge ist dieser Bewegung die Ihnen keine Schande bringt Herr Gott  Sie
müssen «
    Der Geheimrat war in Bewegung es gelang ihm nicht ganz sie zu verbergen
    »Der Du nicht mein Sohn sein willst Du weißt doch dass ich nicht Minister
bin und die Depeschen sind nicht an mich«
    Louis war noch um einen Schritt näher getreten er hatte des Vaters Arm
ergriffen er sah ihn mit einem Blick an den der Geheimrat nicht ertrug
    »Wenn ihr Kind ins Wasser fiel springt die Mutter nach auch wenn sie nicht
schwimmen kann Der Naturtrieb ists sie kann nicht ohne das Kind leben sie
will mit ihm untergehen Hier handelt sichs um Untergang unser Vaterland geht
an der Donau unter Wie Gebirgsbäche nach einem Platzregen ein Tal
überschwemmen so stampfen des Feindes Hufen auf unserm eignen teuren
vaterländischen Boden die Quellen auf Aus unserem Blut aus unseren Brüdern
rekrutirt er sein Heer Der Baier zieht mit ihm wie der Schakal dem Löwen
folgt Baden ist längst gezwungen in diesem Augenblick der Kourier bringt die
Nachricht schließt auch Württemberg sich an die Kleinern die Grössern die
Grössten reißt er er reißt alle mit sich Nur wir glaubten uns von besserer
Natur zu groß wir schrieben Friedrichs Namen mit Ellenbuchstaben an unsre
Grenze Da liegt die falsche Rechnung Eine Tradition wars ein Nebelschild
ein Dunstbild Seine Sappeurs haben unseren Grenzpfahl niedergehauen seine
Kanonen rollen seine Reiter sprengen darüber Der schwarzweisse Pfahl liegt im
Graben der Adler zertreten es gibt keine preußische Grenze mehr es gibt
kein Preußen mehr wenn wir das ruhig hinnehmen«
    »Wenn das Faktum sich als richtig ausweist wird Preußen wegen des
Grenzpfahls Satisfaktion verlangen Dessen darf man sich versichern«
    »Und der große Kaiser« fiel Louis ein »wird sie ihm gewähren o gewiss eine
glänzende Satisfaktion wenn wir ruhig bleiben und uns nicht kümmern um was uns
nichts angeht Er wird uns auf seine Kosten einen neuen Pfahl aufstecken lassen
O es wird ihm eine Lust sein uns Grenzen zu stecken Wenn wir ihm nur Zeit
lassen unsere deutschen Brüder zu erdrücken und erwürgen lässt er uns auch
wohl zur Genugtuung die dummen Sappeure füsiliren dies getan  Seine
Bülletins werden uns cajoliren O süße Harmonie der Geister wenn das ganze
Deutschland zertreten ist Österreich ins Herz gestoßen verblutet wenn uns
dann der große Kaiser belobt wegen unserer weisen Mäßigung  Nur jetzt fordern
Sie nicht mein Vater jetzt hat er anders zu tun Seine Kolonnen wälzen sich
schwarze Rauchsäulen über das blühende Schwaben und Franken er durchbricht die
Donau die Feuerschlünde und die Bajonette die Ross und Mann die es ihm nehmen
sollten er umzingelt Mack und den Erzherzog Von Schwaben aus von Franken von
den Alpen her umgarnt eisern umarmt schon ist die österreichsche Armee durch
eine Übermacht gegen welche die Tapferkeit umsonst ist wenn keine Hilfe
erscheint Ja bei Nördlingen oder Ulm ists vielleicht schon in diesem Moment
entschieden und wir  wir sehen zu und schlafen«
    Der Geheimrat hatte sich ganz wieder gewonnen
    Du weißt ich liebe nicht Exaltation am wenigsten in Staatsangelegenheiten
    Er hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und fuhr mit einem Tuch über
seine Stirn »Wer leugnet dass unsre Lage kritisch ist Sie ist sehr bedenklich
ich will ernstaft mit Dir sprechen weil ich aus Deinem Affekt heraus sehe dass
es Dir ernst ist Es ist mir nicht unlieb denn wer weiß was noch kommt wo
Ernst nottut Wir haben uns täuschen lassen es ist sogar möglich dass wir
nicht zu rechter Zeit uns entschieden uns nicht bei Zeiten wahre Alliirte
verschaften Es ist noch schlimmer dass wenn wir es jetzt wollten man uns
nicht mehr traut Ja ich fürchte Napoleon grollt uns im Innern mehr als einem
seiner Gegner So ists mein Herr Sohn« rief er aufstehend »ja so ist es Und
weil es so ist dürfen wir grade jetzt nicht anders handeln als wir gehandelt
Sollen wir wo das Schicksal von Europa auf der Messerschneide schwebt mit
einem Mal außer uns geraten uns selbst verlieren und dem Teil der auf dem
Punkt steht zu verlieren uns in die Arme werfen Wir gingen mit ihm unter«
    »Wenigstens wäre es ein männliches Ende «
    »Eines das sich selbst verloren gibt So weit sind wir noch nicht Aber
wir sind in einer Lage wo man nicht vorsichtig genug sein kann wo man behutsam
jeden Schritt jedes Wort jeden Blick den Hauch des Mundes abwägen muss Unsere
Politik ist und kann sie darf nicht anders sein als hinzaudern abwarten wie
draußen die Würfel fallen «
    »Das ist Ihre Politik Vater«
    »Aller Vernünftigen Sieh Dich um und höre die Stimmen in Berlin «
    »Das Ihre vernünftigen Freunde demoralisirt haben Die Krämer und
Schreiberseelen zittern freilich vor jedem Feuerhauch Er könnte diese Stickluft
in Brand stecken Ihr Ich ist ihr Vaterland die Kunden die morgen ausbleiben
wenn die Kriegstrompete schmettert sind ihre Brüder Aber die Provinzen das
Land urteilt anders Auch hier «
    »Gibt es Brauseköpfe wie Du Phantasten Patrioten leider sehr hohe und
sehr gefährliche darunter die das Schicksal des Staats auf eine Karte setzen
möchten Das Blut von Tausenden ist ihnen nichts der Wohlstand und das
häusliche Glück von Millionen die Verwüstung und Vernichtung des Landes auf
eine lange Zukunft hinaus wenn sie nur ihrem Götzen Ehre opfern können Der
Krieg ist ihnen ein ritterliches Spiel und um einzuhauen um Lorbeeren zu
ernten als Sieger zurückzukehren «
    »Genug mein Vater« sagte Louis Bouvillard und nahm das Portefeuille vom
Tische »Sie wollen nicht Diese Depeschen sollen noch ruhen wie des Königs
Minister bis  es morgen zu spät ist«
    »Halt mein Sohn was ist denn zu spät Ich habe Alles zwischen uns
vergessen und rede wie zu Einem der mir gleich ist Dieser Kourier bringt uns
nichts Neues Verstehe mich wohl wir sahen was jetzt geschehen ist seit
Wochen voraus Es konnte nicht anders kommen Seit acht Tagen erwarteten wir
jede Stunde dass es geschehen wird Wir waren darum nicht müßig Der weise
Vorschlag dass unser Staat was er nicht ändern konnte freiwillig zugebe die
Erlaubnis des Durchmarsches für alle kriegführenden Mächte scheiterte leider
Wir sannen auf Anderes Ehe das Auskunftsmittel gefunden ward ist das Übel
eingetreten«
    »Das zum Himmel schreit«
    »Die Diplomatie hat Mittel die Schreier stumm zu machen Nur weil die
Hitzigen hier das Oberwasser hatten war die Ausgleichung verspätet Wir haben
noch nichts an unserer Ehre verloren wenn Bernadottes Einbruch von Napoleon
als ein Missverständnis desvouirt wird An der Bereitwilligkeit dazu wird es ihm
nicht fehlen denn mit dem Siege an der Oberdonau hat er weder Oestreich noch
Russland vernichtet Es kann ihm nicht gleichgültig sein wenn Preußen mit seiner
ganzen Kriegsmacht hinter den Verbündeten grollend ihm im Rücken steht Ja wir
wissen er wird Alles tun dem bösen Schritt einen guten Schein zu geben
Laforest erwartet schon einen außerordentlichen Gesandten Napoleon opfert auch
Bernadotte wenn es sein muss Nur muss er wissen dass wir bereit sind auch die
Hand zu reichen um das Missverständnis zu konstatiren Siegen aber in diesem
Augenblick bei uns die Feuerköpfe so ist Alles verloren und wenn im Schrecken
der Nacht ein Ministerrat gehalten wird wer weiß ob ein Schlaftrunkener nicht
die Fackel ins Pulverfass wirft«
    »Haben Sie mir noch mehr zu sagen mein Vater«
    »Dein Herzenswunsch ist es und Dir verzeih ichs und den jungen Leuten und
patriotischen Frauen die keinen Blick in unsere Verhältnisse haben und ob wir
können was wir wollen«
    »Wenn der Eroberer schon mit Angst uns aufmarschirt in seinem Rücken
erblickt«
    »So wird er Kehrt machen wenn er uns in die Zähne sieht meinst Du«  Der
Geheimrat blickte sich um wie wenn er einen Lauscher fürchtete Mit gedämpfter
Stimme sprach er »Wir sind nicht gerüstet da hast Du die Wahrheit die man
nicht aussprechen darf Die Schulden der Rheincampagne sind noch nicht ganz
gedeckt die Mobilmachung nach der Weichsel hat ein neues Loch in den Schatz
gefressen Wir haben kein Geld auf keine Subsidien zu rechnen da wir mit
England blank stehen es sieht schlimm in unserer Kasse aus dass Herr von Stein
darauf dringt Papiergeld zu machen Wer wird das in Zahlung annehmen«
    »Die Millionen Vater die unser Kriegswesen jährlich «
    »Sind ausgegeben um den Schein den äußeren Anstrich von Friedrichs Heer zu
erhalten Polirt und frisch gestrichen ist Alles aber das Holz morsch und faul
Die Schilderhäuser blinken und funkeln in den Magazinen stockt es Unsere
Festungen sind verfallen unsere Generale Greise unser Fuhrwesen verödet von
unseren Truppen standen die Wenigsten im Feuer unser Exercitium ist veraltet
und drüben steht ein Feind flink wie der Wind mit dem Genie aus allem Stoff
den er findet Soldaten zu machen aus Pflastersteinen Kugeln aus einem Lande
in dem wir verhungern würden Vorräte in Überfluss zu pressen ein Feind sage
ich Dir der alle unsere Schwächen kennt und wir kennen sie nicht und das ist
das Schlimmste Wir schaukeln uns im Übermut wir schreien wie Kinder die
durch ein dunkel Zimmer müssen um sich Mut zu machen wir taumeln wie
Nachtwandler auf den Dächern um wenn man unsern Namen ruft herabzustürzen
Das wissen wir die Wenigen die man schimpft und verlästert mein Sohn und
darum ist unsere Politik den Krieg vermeiden um jeden Preis«
    »Um jeden« rief der Sohn »Mein Vater auch um den Preis Ihres eigenen
Rufes die Ehre des Namens den Ihre Väter trugen Bedenken Sie er gehört Ihnen
nicht allein Mir ists nicht gleichgültig wenn sie mit dem Finger auf meinen
Vater weisen wenn einst in der Geschichte auch sein Name unter denen genannt
wird «
    »Louis« fiel der Geheimrat ihm ins Wort »ich könnte Dir heut viel
vergeben«
    »Nicht wenn ich gleichgültig bliebe zu meines Vaters Schmach Auf die Gefahr
hin Ihres letzten Zorns ich will muss reden Kennen Sie das Urteil des
Publikums Ganz verhallt so was nicht ganz lässt es sich nicht übertäuben in
Spässen und in Lustigkeit In einsamen Stunden wenn Sie Nachts aufwachen die
Wanduhr tickt der Wurm im Holze bohrt der Wind gegen die Fenster klappt
schreit es Ihnen da nicht zu was man von Ihnen und Ihren Freunden flüstert
lächelt  Nein man spricht man schreit es laut auf dem Markt  Man schilt
Sie Verräter am Vaterlande Mehr noch man glaubt Sie gewonnen vom Feinde
bestochen Für Napoleons Geld gäbe diese Verräterklique dem Könige Ratschläge
die das Vaterland ins Verderben stürzen«
    »Ich kenne unsere Feinde«
    »Sie kennen sie das ist mir lieb Verachten Sie die giftigen Zungen so
wünsche ich es Aber nicht durch stummes Achselzucken nicht indem Sie die Hände
vornehm in den Schoss legen Dazu ist nicht mehr die Zeit Sie können sie nur
verachten durch helles offenes Handeln Hier ist ein Moment hier gilt es rasch
handeln Was der Kourier gebracht ist kein Geheimnis morgen weiß es Jeder er
weiß auch dass er verschlossene Tore fand dass die Minister schliefen oder
schlafen wollten Der Lieutenant Schmilinsky ein Soldat von rohem Schrot und
Korn nimmt kein Blatt vor den Mund ja er speit schon Feuer und Flamme Er weiß
jetzt dass seine Depeschen in Ihren Händen ruhen dass es an Ihnen wäre die
Minister zusammen zu rufen Geschieht es nicht so fallen mein Vater die
Verwünschungen die Jene treffen auf Ihr Haupt zuerst«
    »Das hast Du getan«
    »Ich und mit freiem Willen «
    »Louis  Deinen Vater in eine Lage zu bringen die «
    »Ihm Gelegenheit verschafft den Makel abzuwaschen Ich freue mich ich bin
stolz darauf  Zum Minister  befehlen Sie dass der Kutscher anspannt 
befehlen Sie ich begleite Sie befehlen Sie was Sie wollen ich bin zu Allem
bereit Nur keinen Augenblick gezaudert «
    »Und nach alledem was ich Dir  nur Dir  vertraute «
    »Will ich meinen Vater rein sehen von der Anklage wie von der Schuld«  Er
griff nach des Vaters Hand  »Enterben Sie mich aber das tun Sie mir zu
Liebe Beim allmächtigen Gott ich glaube nicht was der Argwohn spricht nicht
von Ihnen auch nicht von Andern  aber ich lechze ich sehne mich nach Beweisen
nach einer schlagenden Tat damit was ich wünsche und glaube zur Überzeugung
wird damit ich stolz Jedem die Stirn weisen damit ich ihm ins Gesicht schauen
und ihn einen Lügner strafen kann der meinen Vater  schilt«
    Der Geheimrat war in einer Aufregung die sich nicht verbergen ließ auf
und abgegangen Jetzt plötzlich riss er an der Schelle Er ergriff das
Portefeuille er drückte Louis Hand »Rufe den Kourier wir fahren zum Grafen«
 
                          Achtunddreissigstes Kapitel
                      Gewitterschläge am schwülen Kimmel
Im Hause der Geheimrätin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen
aber es war eine Stille die von sich sprechen machte Sie litt an Kongestionen
des Blutes Beklemmung des Herzens und klagte über Visionen Im Kreise der ihr
liebsten Menschen sah sie oft andere Gesichter Sie redete eine Person an und
meinte eine andere aber sie beteuerte sie wisse sich darüber genau
Rechenschaft wenn der Zustand vorüber Es wären nur nervöse Affektionen über
die die Ärzte keine Auskunft geben könnten Sie sprach bitter von den Doktoren
und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein
    Die Gevatterinnen urteilten verschieden über ihren Zustand Sollte auch die
Lupinus sich der Schwärmerei dem Mysticismus in die Arme geworfen haben sie
auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand Zwar etwas
clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen aber nicht mehr als die
Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren oder sein zu müssen
glaubten Es waren bei ihr nur momentane Wallungen und sie deutete dieselben
nur für das Aufblitzen unbewusster Naturkräfte Sie wollte keine Geisterseherin
sein und erklärte sich gegen den Aberglauben
    Aber die Zungen waren fertig über sie zu richten und es gibt in einer
großen Stadt böse Zungen Wir übergehen das was die Boshaften sich
zuzischelten es sei nur Ärger weil ihre Gesellschaften nicht die
Anziehungskraft geübt die sie gewünscht und die Exklusiven sich zur russischen
Fürstin zögen weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen und es möchte wohl
einen besonderen Grund gehabt haben warum sie den Prinzen so gern an sich
gezogen Worauf Andere hinzusetzten der Prinz müsse auch wohl einen besonderen
Grund haben warum er nicht gekommen Wir heben lieber heraus was die mild
Gesinnten zur Erklärung vorbrachten sie sei zu fein und weil ihr alles Rohe
widerstrebe wirke es afficirend gewissermaßen revolutionirend in dem zarten
Körper Andere sie die für einen kranken wunderlichen Mann zu sorgen habe
nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen Was koste
das nicht Und ob es denn auch recht anerkannt würde Demoiselle Adelheid sei
wohl gut und schön aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen Habe sie es nicht
durchgesetzt gegen Aller Willen dass sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei
einem jungen Menschen der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich
stößt Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht die jetzt auch höher hinaus
dächten noch der Vater des jungen Mannes der geradezu erklärt er werde nie
solche Schwiegertochter in sein Haus lassen Um zu einer solchen Partie ihr zu
verhelfen hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen
und nun sei doch ihre Lage gewiss nicht beneidenswert eine Pflegetochter hüten
an die keine Blutsbande sie fesselten zu einer Verbindung das Auge zudrücken
die sie ungern sähe und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des
Mädchens und gegen den alten van Asten von dem sie noch obenein einen
unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen Könne das nicht ein
edelgesinntes Gemüt herunterbringen 
    In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältnis der Geheimrätin
mit dem Legationsrat Der Legationsrat behielt bei den Anspielungen seine
vollkommene Ruhe und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der
geistreichen Frau Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des
Verstandes eine Geliebte Die Gevatterinnen wussten dass er nur seltene Besuche
machte immer in der allgemeinen Besuchsstunde sie wussten von der
Dienerschaft dass er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege
Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft, oder betrafen
Geschäfte Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten und Wandel
hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe die er für die
sichersten hielt anempfohlen Er war ein Freund des Geheimrates den dieser
oft stundenlang in seinem Studirzimmer festhielt Wandel war ein lebendiges
Lexikon für alle Ausgaben des Horaz Und wie teilnehmend hatte er sich bei dem
letzten Unglücksfall der das Haus betraf benommen wenn man den Todesfall des
alten Bedienten so nennen kann Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen
obgleich Geheimrat Mucius gesagt er könne sich noch zehn Jahre quälen »Wie
recht hatte Ihre Frau Gemahlin« hatte er zum Geheimrat gesagt »die immer
besorgte dass er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde
Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Ärzte erkannt« Als man Johann
an einem Morgen tot neben seinem Bette gefunden und alle Hausgenossen in die
Kammer stürzten war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen Hier ging
ihr der Atem aus die Kräfte versagten und sie war in die Knie gesunken Ihr
Gatte und der Legationsrat mussten die Ohnmächtige aufheben Wie liebevoll
hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen Die Dienerschaft zerfloss in
Tränen »Warum erschrecken meine Freundin über Etwas das nur eine Wohltat
des Himmels ist für den armen Dulder für uns Alle die wir seine Leiden sehend
mit ihm litten Preisen wir vielmehr die Hand die dies getan Sein Wille
geschehe der es gut schnell und kurz gemacht« Gestärkt durch seinen Zuspruch
hatte sie nachher an der Leiche gestanden ihre Züge beobachtend »So ist es
recht« hatte er gesagt »dem was wir als gut erkannt fest ins Auge gesehen
Wem helfen Tränen wem weichliches Gefühl des Mitleids Indem wir das eine
Notwendige erkannt stärken wir unsere Nerven um der Notwendigkeit auch
weiter ins Auge zu blicken und wir mögen endlich den Sinn des alten
Kirchenliedes erfassen Tod wo sind nun deine Schrecken« Sie war gestärkt
worden Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen
geschmückt Die Dienerschaft die Nachbarschaft waren davon gerührt und das Lob
der Geheimrätin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet
    Im Hause der Geheimrätin war es sehr still hergegangen sagten wir heut
aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche
Die Regimenter von Larisch und Winning von der Weichsel zurückberufen
marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort der fränkischen
Grenze Die Straßen waren belebt die Fenster besetzt Der Durchzug erfolgte
unregelmäßig bataillonsweise die Truppen in Eilmärschen aus Polen
herangezogen hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt sich zu
einem Paradezug zu ajustiren Während Monturen Gesichter Haltung von den
Strapazen der angestrengten Märsche sprachen wirbelten aber die Trommeln und
die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft der Jubel der
Zuschauer überbot sie noch Aus den Fenstern schwenkte man Tücher auf der
Straße drückte man den Soldaten die Hand man reichte ihnen zu trinken und
während die Schnapsflaschen und die Semmelkörbe umhergingen schickten
patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter In der
Küche der Geheimrätin brodelte ein Waschkessel Adelheid hatte für den
Soldatenkaffee und für die Chokolade der Gäste zu sorgen
    Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern Es gehörten nicht Alle
zu einander
    Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden
einen Artikel vor Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg
dem französischen Gesandten Herrn Laforest die Antwort erteilt Sein König
wisse nicht worüber er sich mehr zu verwundern habe über die Gewalttat des
französischen Heeres oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür
Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten das Opfer gebracht die
seinen teuersten Pflichten nachteilig werden könnten So könne man denn doch
keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen als dass derselbe Ursachen
gehabt die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für
wertlos zu halten und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller
früheren Obliegenheiten entbunden Frieden wolle Preußen auch noch jetzt halte
sich aber nun verpflichtet seinem Heere die Stellung zu geben welche zur
Verteidigung des Staates unerlässlich sei
    »Ja es werden drei Heere gebildet wie ich aus sicherer Quelle weiß«
bemerkte Jemand Ein Anderer setzte hinzu »Und es bleibt nicht bei der
Rückberufung unserer Weichselarmee sondern wir haben auch den Russen den
Durchzug durch Schlesien geöffnet« Der Kriegsrat Alltag flüsterte seinem
Nachbar ins Ohr »Die Donschen Kosacken sind schon in Breslau angemeldet«
    Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt Sie
lächelte zum Rat Fuchsius sich abwendend »Mir will die Vorstellung einer
Komödie noch nicht aus dem Sinn« »In einer Stadt wo das Theater eine so große
Rolle spielt« entgegnete der Rat »ist dieser Gedanke sehr natürlich« »Es
wäre doch grausam« fuhr die Fürstin fort »wenn man mit den armen Menschen
wieder nur Kämmerchen vermieten spielte Vom Rhein nach der Weichsel und von
der Weichsel nach dem Main« »Das könnte das beste Heer demoralisiren« äußerten
Mehrere
    
    »Aus welcher Zeitung ist der Artikel Herr van Asten« fragte die Lupinus
»Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten der heut Morgen ankam«
»Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren Über etwas das uns
so nahe angeht lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen«
    »Dann ists auch vielleicht nicht wahr« lächelte die Fürstin mit einem
besonderen Blick auf den Regierungsrat Es mochten mehrere den Blick verstehen
Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel
    »Die erlauchte Fürstin« entgegnete Fuchsius »weiß dass gewisse Regierungen
schüchternen Jungfrauen gleichen die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien
vertragen hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt«
    »Ich kenne auch Regierungen« setzte die Gargazin darauf »die erschrecken
wenn man ihre Gedanken ausspricht besonders wenn sie gar keine haben«
    Der Kriegsrat Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab Er hatte
nicht geglaubt dass vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen
könnten
    Die Gruppe löste sich auf als die Janitscharenmusik das Anrücken eines
neuen Bataillons verkündete Adelheid streifte mit dem Präsentirbrett an Walter
vorbei »Ein bisschen zuvorkommender gegen meinen Vater Auch mit Mutter könnten
Sie mehr sprechen« Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die
Antwort
    Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer Eine weibliche
durchdringende Stimme ließ sich vernehmen »Nein sag ich doch so vieles Volk
und alle zum Todtschiessen s ist grausam  Sieh mal Fritz wie sie blitzen
die Spontons Da der mit dem roten Federbusch  Malwine willst Du Dich nicht
so rüber legen  Was man mit den Kindern Not hat Und da das blutjunge
Gesicht  ach du liebe Seele der hinkt hat sich die Füße durchgelaufen  Was
ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muss  Und staubig Alle wie
gepudert  Liebechen« rief sie hinunter  »sehen Sie Dem da schenken Sie ne
Tasse Kaffee Er friert so und ein so hübscher Mensch  Sieht sies wieder
nicht die Lisette  Nu ist er fort  Na s wird wohl noch andere mitleidige
Seelen geben  Was so ein Tornister drücken muss  Fritz wenn Du auch solche
grausame Flinte auf dem Buckel tragen müsstest  Nu pass Acht nu kommt der
Tambour Hurrje hurrje hörst Du wie er schlägt«
    »Will auch Trommler werden« sagte der Junge
    »Nein Fritzchen da wirst Du todtgeschossen Das ist nur für ordinaire
Leute Guter Leute Kinder die sind zu was anderem da«
    »Will Trommler werden« wiederholte der Trotzkopf »Papa hats gesagt«
    »Ja wenn Du ein Taugenichts wirst dann wirst Du unter die Soldaten
gesteckt«
    Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde »Du Olle Du sollst mirs
nicht verbieten Du hast mir nichts zu verbieten«
    »Range Du Untersteh Dich und kneif noch mal Wenn wir nicht bei hübschen
Leuten wären kriegtest Du eins hinter die Ohren dass Du Dich wundern sollst«
    Die Geheimrätin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen Sie brachte den
Kindern Bretzeln und fragte ob sie schon Chokolade bekommen
    »Ach du mein Gott die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die
Kleinen« rief Charlotte die sich umgedreht »Dass wir Ihnen auch so viel
Inkommodität verursachen Aber Kinder sind nun mal Kinder und wer weiß ob sie
so was mal wiedersehen sagte meine Kousine die Frau Hoflackir Ja sie gehen
alle in den Tod«
    »Gibt es einen schöneren als fürs Vaterland« sprach die Geheimrätin mit
Erhebung
    »Das sagte mein Wachtmeister auch Frau Geheimrätin aber nehmen Sie mirs
nicht übel Tod ist doch Tod Und eingebuddelt werden sie ohne Sang und Klang
ohne Leichenhemd und ohne Sarg wo sie stehen und liegen Und der Fritz will
absolut Soldat werden Ist ein rabbiater Junge Und mein guter Geheimrat der
die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht wie er ihm schon auf der Nase
spielt Kinder sind Gottes Segen o gewiss aber sie können auch Gottes Fluch
werden wenn sie ausschlagen«
    Die Geheimrätin streichelte die Köpfe der Kleinen »Geht liebe Kinder in
die andere Stube und lasst Euch Chokolade geben«
    Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbretzel welche die Frau
mit den spitzen Fingern den Kleinen gab warum kamen ihr diese Finger heut nicht
spitz vor als sie über die blonden Haare der Kleinen strich Charlotte war auch
jetzt in innerer Bewegung aber es war eine andere als sie plötzlich in Tränen
ausbrechend den Saum des Kleides der Geheimrätin erfasste und es an die Lippen
drückte »Ach Frau Geheimrätin das müssen Sie mir schon erlauben Es war doch
zu schön So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen und seine
eigne Herrschaft Das wird Ihnen Gott lohnen Darüber ist auch nur eine Stimme
in der Stadt Und meine Kousine die Frau Hoflackir sagt solch einen Sarg und
von so schönem fettem Eichenholz hat sie nicht gesehen als ihr Mann seine Alte
begrub und das war ihr Glück und ihr Mann verstehts wenn der den Beutel
auftut dann hält er nicht den Finger drauf Aber der Silberbeschlag Nein
Frau Geheimrätin das ist es gar nicht Was ist Silber Unter der Erde
rostets wir rosten Alle Aber die Blumen nein du mein Himmel Jesus nein Wie
ein Purpurri rüber geschüttet wie ich da in den Hausflur trat es knickte mir
in die Knie und ich wollts nicht glauben und die Menschheit Vom
Gensdarmenmarkt vom Fürstenhause her die Polizei konnte gar nicht durch dass
die Leichenträger nur Platz hatten Und da war doch nur eine Empfindung«
    »Er war ein treuer Diener und wir sind alle Menschen«
    »Aber doch mit Unterschied Frau Geheimrätin Und den Kranz von weißen
Rosen den Sie auf seine Todtenlocke gedrückt und sein bleiches Antlitz Er war
mein Cousin schluchzte ich und meine Kousine die Frau Hoflackir sprach Ja
das Leben ist doch schön Nein Frau Geheimrätin und wenn Sie mich eine
schlechte Person nennen Sie haben ihn sterben lassen dass Mancher sagen möchte
so möchte ich auch sterben«
    Wenn eine Emotion sich in dem halb geschlossenen Auge der Geheimrätin kund
geben wollte so bemerkte es Niemand Charlotte am wenigsten denn helle
Trompetenstösse lockten jetzt aufs Neue und unwiderstehlich an die Fenster Jeder
stürzte dahin wo er Platz fand Charlotte hatte einen der ihr wohl nicht
zukam eingenommen Arm in Arm mit der Baronin Eitelbach Keine sah die Andere
keine gab auf die andere Acht
    »Ach da reitet er« rief Charlotte den Blick auf eine Schwadron der
Gensdarmen gerichtet die um die Ecke schwenkte Sie gab den durchmarschirenden
Dragonern nur das Geleit
    »Ach da reitet er« tobte es in einer Brust neben ihr ohne dass die Lippen
sich bewegten
    »Nein wie viel schöner sehen doch unsre aus als die Dragoner«
    Wunderbare Sympatie Dasselbe dachte die Baronin
    »Wem gilt dieser Jubel« fragte am andern Fenster die Fürstin »Den neuen
Uniformen Erlaucht« flüsterte Jemand hinter ihr »Die bleiben in Berlin« »Es
wäre schade sie dem Herbstwetter auszusetzen« »Aber die armen maroden Truppen
die ins Feld müssen werden es übel nehmen« »Erlaucht Das Futter fürs Pulver
darf nichts übel nehmen«
    Plötzlich stieß Charlotte die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast
zurück »Er streicht sich den Bart das gilt mir ja ja ich sehs« und damit
ers wieder sähe bog sie sich hinaus Malwine und Fritz waren dafür gestoßen
worden Es war nicht nötig dass sie das Umschlagetuch sich abgerissen der
Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster und warf ihr Kusshände zu Und wie
keck schmunzelnd er wieder den Bart strich
    Die Baronin sah auch etwas aber  sie ward blass Er strich nicht den Bart
nein aber als er hinaufgeblickt ihre Augen ihn getroffen wandte er plötzlich
den Kopf Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen Sie sah ihn
im Gedränge nicht wieder »Ist Ihnen unpässlich meine Gnädige« fragte der
Legationsrat der jetzt erst eingetreten die Dame nach einem Stuhl führte
»Es wird bald vorüber gehen«
    »So ist es recht Weinen Sie sich aus Verhaltener Kummer ist für Seele und
Leib gefährlich«
    Die Eitelbach hatte Zeit sich auszuweinen bis auf die Kinder welche die
Einladung an den Chokoladentisch nicht umsonst vernommen war kein lebendes Auge
im Zimmer Alle auf das Schauspiel draußen gerichtet Prinz Louis selbst ritt
vorüber der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht und brach doch immer
wieder von neuem aus Tücher Hüte Mützen flogen Es wollte nicht enden
    »Der Krieg ist ja noch nicht erklärt« flüsterte der Legationsrat »die
Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht
für einen dieser tapfern Krieger Besorgnis hegt«
    Die Baronin sprach es nur für sich »Er sieht mich ja nicht an« Sie bereute
schon den Selbstverrat als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des
Legationsrates fiel Er rückte einen Stuhl heran
    »Teuerste Frau« hub er nach einer Pause an »erlauben Sie ein Wort des
Vertrauens Sie waren so gütig mir jüngstin Ihres zu schenken und es ruht in
dieser Brust wie in einem Grabe«
    »Sie wissen ja Alles«
    »Ich hielt es für längst vorüber das Spiel des Windes auf einem
Aehrenfelde«
    »O es wird auch wohl so sein Sie werden recht haben ganz recht« brach es
aus der bewegten Brust »Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffällig«
    »Besitzen Sie einen Brief von ihm  sprach er Sie an«
    »Nein  aber  es war ja ganz klar  die Fürstin Gargazin «
    »Können Sie der auch ganz trauen « Der Legationsrat sah sich vorsichtig
um
    »Sie ist eine seelensgute Frau Schon vor acht Tagen versicherte sie mich
ich möchte mich vorbereiten er könne sich gar nicht mehr halten Sie hat ihn
neulich bei sich in ihr Kabinet zurückgedrückt er wäre im Stande gewesen in
ihrer Gegenwart mir zu Füßen zu stürzen«
    Der Legationsrat sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf »Das
glaube ich doch nicht «
    »Als wir von der Waldow kamen öffnete er mir den Wagenschlag Ei wie komm
ich zu der Ehre sagte ich«
    »Und er «
    »Er hatte schon ganz träumerisch einen Fuß auf dem Tritt als mein Mann
dazu kam und ihn einlud mitzufahren «
    »Worüber er zur Besinnung kam das ist freilich sehr begreiflich«
    »Sahen Sie wie er jetzt fortsah als er mich erblickte«
    Er fasste sanft ihre Hand »Einem Kavalier muss der Ruf seiner Geliebten über
Alles gehen Was der Rasende im verschlossenen Kabinet der Fürstin vielleicht
gewagt hätte wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen Nein da
beruhigen Sie sich  und wenn er es getan so hätte ich ein Wort mit ihm reden
wollen Eine Bitte Tun Sie sich Gewalt an Verbergen Sie diese Gefühle Sie
sind zu schön und rein die Welt ist Ihrer nicht wert Möglich das gebe ich
zu möglich dass auch er Ihrer nicht wert ist Aber erscheinen Sie dafür desto
größer und wenn er treu ist bewahren Sie ihm das Vertrauen ist er es nicht
sich die Größe über ihren Schmerz erhaben zu sein Meine Freundin« sagte er
aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust »das Vergängliche gehört der
Zeit was aber in die Aeonen hinausragt das ist das heilige Bewusstsein einer
schönen Seele Sie werden mich verstehen«
    Ganz verstand sie ihn nicht aber es war gut dass sie ihn nicht fragte denn
die Gesellschaft war wieder im Zimmer Nur der Major schien am Eckfenster noch
draußen »Das Friedrichs Heer«
    »Gerade in diesen Regimentern ist nichts geändert« sagte Fuchsius
    »Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken«
    »Sie marschirten doch vortrefflich «
    »Geknickte Glieder eines Riesenkörpers die nicht mehr in einander klingen
Mein Freund zuweilen wills doch auch mich beschleichen als wäre es am
gescheitesten zur Friedenspartei überzugehen«
    Der Legationsrat wurde mit Fragen was er Neues bringe überstürmt »Duroc
ist abgereist«
    »Wirklich Endlich« rief es »Mit einer Kriegserklärung«
    »Man hat ihm nur zu verstehen gegeben dass man unter den obwaltenden
Umständen das Freundschaftsbündniss als gelöst vielleicht zu betrachten genötigt
sein dürfte«
    »Und hat Laforest Pässe erhalten«
    »So unhöflich ist man nicht gewesen«
    Die Fürstin lächelte »Er denkt übermorgen eine Matinée zu geben«
    »Dies unterbleibt doch vielleicht« sagte Wandel »wenn Erlaucht mir
erlaubt das Gerücht mitzuteilen was ich von der Börse bringe Seine Majestät
Kaiser Alexander wird hier erwartet Der Oesterreichische Erzherzog Anton ist
schon auf dem Wege nach Berlin« Die Nachricht überraschte Auch der
Regierungsrat war frappirt »Dieser Mensch weiß Alles«
    »Wenn wir nicht wollen« sagte Eisenhauch die Lippen zusammen beissend »so
zwingen uns Andere zum Ernst«
    Man beobachtete die Fürstin um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen
Man konnte nichts lesen sie war mit Adelheid beschäftigt der sie heut ihre
ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien
    »Herr von Wandel Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende«
    Er war gefällig und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum
Besten »Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt Er will
ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen Einstweilen hat der junge Bovillard
Kourierstiefeln anziehen müssen Er ist fortgeschickt«
    »Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei« sagte die
Geheimrätin mit Bitterkeit und ihr Blick fiel auf Adelheid »Ob zufällig oder
ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte«
    »Meine holde Adelheid erschrak« sagte die Fürstin »bei Ihrer Nachricht von
der Ankunft unseres Kaisers Herr von Wandel Sie stellt sich unter einem Kaiser
aller Reussen einen orientalischen Despoten vor einen Grossmogul vor dem Alles
in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muss Ihr Lehrer wird ihr sagen ein wie
liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist Auch ein Welteroberer aber 
durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen  Doch mich dünkt unser
Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet Was sagt die Falte auf
ihrer Stirn«
    Der Legationsrat zuckte die Achseln »Ich weiß nicht ob ich die frohe
Stimmung hier stören darf«
    Eine Aufforderung zum Reden dringt
    »Die Oesterreicher sind total geschlagen Mack mit 6000 Mann gefangen es
existiert keine österreichische Armee an der Donau mehr Der Kourier kamschon
heut Morgen an Man hielt die Nachricht zurück um den Jubel beim Durchmarsch
der Truppen nicht zu dämpfen«
    Eine stumme Pause folgte Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden
Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast
    »Adieu Deutschland« seufzte Fuchsius »Viktoria« rief der Major »Das geht
ans Leder Die Haut lässt man sich nicht ruhig abziehen« Die Fürstin warf einen
ihrer himmlischen Blicke an den Plafond »So musste es kommen und es muss noch
mehr kommen Meine Herren ich halte es für eine frohe Botschaft Ja der Mann
ist groß denn ein Grösserer hat ihn gewürdigt seine Geissel zu sein Es soll
noch mehr Blut fließen um die Welt zu reinigen und wir haben kein Maß für die
Ströme die da rauschen werden über die Länder«
    »Ach du mein Gott das ist ja schrecklich« rief die Kriegsrätin
erblassend Adelheid war zugesprungen und umfasste die Mutter die auf einen
Stuhl gesunken war
    »Warum schrecklich« sagte die Fürstin mit Holdseligkeit »wenn es Sein
Wille ist Er der die Haare auf unserm Kopfe gezählt hat weiß auch wen er
opfern wen er retten will Und über seinen Erwählten schweben seine Engel
Einen weißen leuchtenden Fittich seh ich gebreit über dieses Kindes Haupt«
sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken
    Die von solcher Huld gerührte Kriegsrätin wollte aufstehen Die Fürstin
drückte sie sanft zurück »Glückliche Mutter auf deren Kindes Stirn die Worte
des Dichters stehen
Und was kein Verstand der Verständigen sieht
Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemüt«
»Die Königin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt
Sie wünscht sie einmal zu sehen« flüsterte die Fürstin im Fortgehen mit
holdseliger Herablassung zur Mutter Sie glaubte in die Erde versinken zu
müssen
    Die Harmonie der Gesellschaft wenn man die Stille so nennen kann die vom
Eindruck der Nachricht hier noch herrschte ward durch hässliche Kinderstimmen in
der Nebenstube unterbrochen und als Charlotte plötzlich in ein heulendes
Geschrei ausbrach stürzte die Gesellschaft dahin
    Der Rat und der Major die nicht für Familienangelegenheiten gestimmt
waren ergriffen die Gelegenheit sich zu entfernen Auf der Treppe sagte
Fuchsius »Der Frömmigkeit der Gargazin wäre es genehm wenn ganz Deutschland in
Brand und Flammen aufginge«
    »Damit Russland es erlösen kann« setzte der Major hinzu »Es fragt sich da
eben nur wo die Scylla und wo die Charybdis ist«
    Das Familienereigniss welches den Aufstand verursachte war auch für die
näher Angehörigen kein eben interessantes Die Lupinusschen Kinder bei der
Aufmerksamkeit welche Prinz Louis und die Retter verursachten sich selbst
überlassen waren über die Reste des Chocoladentisches hergefallen Knabe und
Mädchen hatten um die Wette »gestopft« um die Zeit zu nutzen wo man sie nicht
beobachtete und Fritz es angemessen gefunden auf die Chololade und das viele
Zuckergebäck einige Gläser süßen Weines zu gießen Mit der Schilderung der
Wirkungen, die sich hier zeigten verschonen wir unsere Leser Charlottens
Aufschrei galt dem traurigen Anblick den Malwine verursachte die leichenblass
mit blauen Lippen gläsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle
lag Fritz saß als die andern eintraten noch wie ein Kobold auf dem Tisch und
machte den Versuch mit grinsendem Gesichte aus der Flasche die er in der Hand
hielt das Glas in der andern zu füllen was ihm aber nicht gelingen wollte Der
süße Wein floss auf die Dielen Was noch darauf erfolgte überlassen wir der
Phantasie des Lesers aber der Knabe schlug als er schon Kopf über vom Tische
gefallen war noch mit der Flasche die er krampfhaft in der Hand hielt um
sich Zwar verwundete er keinen der Andern die herbeigesprungen waren aber
indem die Flasche in Scherben zerschlug sich selbst an den Schläfen
    Charlotte schrie wie besessen »Sie stirbt« Den Kindern seis angetan
Andere »Ein Doktor Schnell einen Doktor« Nur die Geheimrätin hatte ihre
Besinnung behalten »Was wird es sein Die Kinder haben sich den Magen
überladen Irgend ein Hausmittel Legationsrat«
    Die kurze Zwischenzeit wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestürzt
waren um nach einem Arzt zu schicken und die noch Anwesenden Miene machten
sich zu entfernen füllte Charlotte mit ihren Lamentationen bis die
Geheimrätin ihr ins Wort fiel sie meinte hier sei nichts weiter zu beklagen
als ein Ungeschick ein trauriger Zufall oder die vernachlässigte Erziehnug der
Kinder
    Das Glück wollte dass ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen
ward und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem
Herwege gefunden und benachrichtigt war Der Chirurg erklärte beider Zustand für
gefährlicher als die Geheimrätin gedacht Malwine deren Natur sich nicht
selbst geholfen bedürfe eines Blutlasses aber er musste die herangeholte
Lanzette noch sinken lassen weil die Wunde an der Schläfe des Knaben so nahe an
die Arterie streifte dasswenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hilfe
komme eine Verblutung zu besorgen stand Wir wissen wirklich nicht ob es
nachdem dieser Verband erfolgt noch nötig ward auch das Blut des kleinen
Mädchens zu fordern denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft und
der Legationsrat der hülfreiche Hand dabei geleistet erklärte als er
zurückkam er hoffe dass andere Mittel ausreichen würden
    Aber um noch die Peinlichkeit der Situation für die noch Gebliebenen zu
vermehren erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel von dessen
Heftigkeit man überzeugt sein wird wenn wir sagen dass Charlotte die Angeklagte
war der Geheimrat der Kläger und die Geheimrätin die angerufene Richterin
sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien Charlotte war ihr eigener Advokat
und der Geheimrat von der Vogtei konnte wie wir wissen wenn die Gelegenheit
es mit sich brachte auch außer sich geraten Er folgte der entgegengesetzten
Maxime seines Bruders er hielt Emotionen nicht für das Gift sondern für eines
der Präservativmittel des Lebens Seine Freunde meinten er alterire sich am
liebsten vor dem Mittagstisch weil dies dem Organismus des Magens zuträglich
sei jedoch immer nur mit Maß
    Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstürzte und Charlotte hinter
ihm schien er eher der Verfolgte Sie wenigstens schrie in die Versammlung
hinein ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen »Meine
Kousine die Frau Hoflackir hat mir wohl gesagt Warum gibst Du Dich noch mit
ihnen ab warum opferst Du Dich ihnen Du kennst sie ja und Undank ist der Welt
Lohn Ja ich kenne sie und Undank bleibt der Welt Lohn«
    »Charlotte« rief das blasse Gesicht der Geheimrätin die an der Schwelle
stehen blieb »Bedenke Sie wo Sie ist«
    »Ja Frau Geheimrätin das bedenke ich auch und Sie sind eine nobel
gesinnte Dame und wer Domestiken behandelt wie er es selbst verdient der ist
rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen Denn wir Domestiken sind auch
Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft und ich brauchte es ja nicht zu sein
sagt mein Cousin der Herr Hoflackir Ja wenn der nur hier wäre Der würde ein
Wort sprechen aber ich bin eine vereinzelte unglückliche ledige Person Und
darum sind der Herr Geheimrat so unverschämt Hab ich denn die Chocolade
gesoffen«
    »Charlotte« wiederholte die Geheimrätin
    Der VogteiLupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes »Sie soll mir
nicht wieder vors Gesicht«
    »Das will ich auch gar nicht I bilden Sie sich das nur nicht ein Und wenn
sies mir auch nicht sagten Gott bewahre dass ich noch einen Fuß in das Haus
täte wo man eine rechtschaffne Person so maltraitirt Meine Kousine die Frau
Hoflackir hat auch gesagt sie könnts nicht begreifen warum ichs so lange
ausgehalten Ja was tut der Mensch nicht wenn die Kinder uns ans Herz
gewachsen sind Und nun soll ich die Schuld sein O du gerechte Güte Hab ich
sie zur Chocolade invitirt Hab ich die Bretzeln gebacken Wer weiß denn was
der Kuchenbäcker rein getan«
    »Charlotte ich bitte Sie sei Sie stille« sprach die Geheimrätin die
Hand am Herzen »Sie weiß nicht was Sie redet Sie ließ die Kinder außer Acht«
    »Wird mir das auch angerechnet«
    »Sie pflichtvergessenes « schrie Lupinus  »derweil Sie am Fenster das
Maul aufsperrte«
    »Weil ich ein Gemüt habe weil ich für meinen Gott und meinen König und
unser herrliches Militär zum Fenster raus sah weil ich als gute Patriotin mein
Herz ausschüttete Nein das geht mir doch über Alles Nu kommen Sie mir
wieder Sag ich doch  nu Kinder hin nu Alles hin nu adjö sag ich Ihnen Sie
sollen mich nicht wieder sehen Herr Geheimrat nu mags gehen wie es will und
wo ich hin will das weiß ich In Ihr Haus zurück  I Gott bewahre Sie können
meine Sachen raus schmeissen lassen auf den Schinkenplatz Was Sie wollen wie
Sie wollen immer zu O das genirt mich noch nicht so viel wie Ihre ganze
Wirtschaft nicht mein Herr Geheimrat Was ist für mich die Welt noch wenn
man so mit meinem Herzen umgeht Aber nehmen Sie sich in Acht Mein Cousin der
Herr Hoflackir weiß was ich habe Der zählt jedes Stück nach  Vors hallsche
Tor will ich aufs Grab der seligen Frau Geheimrätin da will ich sprechen da
will ich mich ausweinen da will ich klagen da will ich mir ein Leids antun 
denn ich kann nicht leben ohne die Kinder«
    Rot vor Echauffement drängte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und
riss das Tuch an sich das die erschrockene Baronin mit ihrem Rücken zufällig
fest hielt
    »Das ist mein Umschlagetuch«
    So ging sie hinaus doch die Tür noch in der Hand fing sie heftig an zu
schluchzen ihr Peroriren war aber diesmal an die Wirtin gerichtet
    »Und das muss ich Ihnen sagen Frau Geheimrätin und wenn Sie mich für eine
schlechte Person halten Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm nein um Gottes
Willen das tun Sie nicht Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren der
Herr Geheimrat verstehen nichts von der Erziehung Das Mädchen verdirbt und der
Junge auch sonst hätten sie auch nicht die Chocolade aufgetrunken aber sie
lernens von ihrem Vater Gott straf mich der kann auch nichts stehen lassen
er muss in Alles die Nase stecken und kosten Und die selige Frau Geheimrätin
werden vom Himmel runter sehen unds Ihnen lohnen Und handeln Sie an diesen
Kleinen wie sie  o Gott an meinem Cousin gehandelt haben«
    Unter noch heftigerem Schluchzen flog die Tür hinter ihr zu Dass die
kranken Kinder einstweilen bei der Geheimrätin blieben war eine Sache die
sich von selbst verstand denn der Arzt hatte schon erklärt sie dürften auf
keinen Fall fortgeschaft werden Warum aber der Geheimrat nach einer Weile
aufsprang und den Hut ergriff um der Köchin nachzueilen blieb zweifelhafter
Er sagte es geschehe um nachzusehen damit die desperate Person nicht sein
Haus von oben zu unten kehre Es gab indes in der Gesellschaft Einige die
meinten es wäre nur um sein Mittagessen In seinem Affekt hatte er nicht
bedacht dass sein Schicksal noch in Charlottens Händen ruhte
    Der Aufbruch war jetzt so allgemein als die Verstimmung Walter empfing für
seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gruß vom Kriegsrat Alltag die
Kriegsrätin musste in einer eigenen Laune sein denn sie zupfte noch ihren
Mann warum er sich so lange aufhalte Auch der Geheimrätin bewies sie lange
nicht mehr die Ehrerbietung und gerührte Dankbarkeit mit der sie sonst von
dieser gütigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm Kaum aber war sie die
Treppe hinunter als es die Brust nicht mehr hielt »Mann hast Du gehört Ihre
Majestät die Königin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt«  Der Mann
sagte »Hm« und meinte man müsse auch nicht alles glauben was vornehme Leute
sagen »Aber« erwiderte sie »eine Fürstin kann doch nicht lügen« Und als er
meinte es könne wohl etwas daran sein es werde aber nicht alles so sein
sprach sie »Dass aber die Königin auch nur von unsrer Tochter weiß dass sie
überhaupt auf der Welt ist das hattest Du und ich uns doch nicht im Traume
einfallen lassen« Sie hatte immer geglaubt die Könige wüssten von den
einzelnen Menschen gar nichts und die Individuen verschwömmen ihnen wie man
von einem hohen Berge eine Landschaft sieht
    Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied Es musste auch hier etwas
von Verstimmung sein Sie meinte er hätte sich doch überwinden können und
zuvorkommender gegen ihre Eltern sein Er sagte es habe ihm etwas die Brust
zugeschnürt Sie entgegnete auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp  »und
ich überwinde es doch« sagte sie und zwang ihr Gesicht zu einem heiter
lächelnden Ausdruck
    »Wenn ich Dich erst aus diesem Hause fort wüsste« sagte er nach einer
Pause
    »Wünsche es nicht« entgegnete sie  »Und wohin So lieb ich meine Eltern
habe so fühle ich doch dahin passe ich nicht mehr«
    »Du verlangst nicht nach Glanz und Reichtum «
    »Aber « unterbrach sie ihn und schwieg plötzlich »Daran bist Du auch
schuld warum hast Du aus mir eine Andre gemacht als ich war «
    Er ging mit einem stumm wehmütigen Händedruck
    An der Tür wandte er sich noch einmal um Sie war ihm nachgeeilt und hielt
den Kopf an seine Brust »Gib den Mut nicht auf Walter Ich lerne mich
täglich mehr überwinden und es wird alles besser werden   für uns Beide«
    Der Legationsrat hatte beim Hinausbegleiten die Hand der Baronin Eitelbach
sanft ergriffen »Meine Freundin mir ist eingefallen haben Sie sich auch
nichts vorzuwerfen Ich meine keine Schuld aber vielleicht doch irgend einen
geringschätzigen Blick eine Bewegung  Sie wissen Männer sind eitel und
Verliebte leicht gereizt  Sinnen Sie darüber nach« hatte er teilnehmend
hinzugesetzt als sie ihn erschreckt anblickte und klopfte sanft auf ihre Hand
 
                          Neununddreissigstes Kapitel
                    Es war etwas nicht wie es sein sollte
Die Geheimrätin ruhte in einem Fauteuil als Wandel ins Zimmer zurückkehrte
Sie sah sehr abgespannt aus über das blasse Gesicht flog aber doch eine nervöse
Röte und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher In dem weißen Kleide
das sich in weiten weichen Falten um sie breitete und der Haube von derselben
Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges
    »Wie steht es nun also« fragte sie »Ach mein Gott es ist so viel was mir
durch den Kopf geht«
    »Das Kapital was Sie morgen ausgezahlt erhalten würde ich meiner Freundin
raten baar in Händen zu behalten«
    Die Geheimrätin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an Sie hatte von
dieser Sache nie mit ihm gesprochen Erst heute hatte sie das Notifikatorium
erhalten dass das Geld für sie fällig im Depositorium des Kammergerichts liege
    »Beruhigen Sie sich ich bin kein Geisterseher Dies erfuhr ich auf ganz
natürlichem Wege als ich heut früh auf der Registratur des Pupillenkollegiums
einige Akten durchsah Nicht aber die Ihrigen« setzte er rasch hinzu »Hinter
meinem Rücken sprach der Decernent mit dem Registrator von den fünftausend
Talern Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Börse erkundigen in welchen
Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen könnten als ich die
beunruhigende Nachricht erhielt Hätte ich nicht Gesellschaft gefunden wäre es
natürlich das erste gewesen was ich Ihnen mitteilte«
    »So wäre es auch wohl am besten wenn ich jetzt meine Pfandbriefe
verkaufte«
    Er schien sich zu besinnen »Nein Sie werden wieder steigen Ich bin
überzeugt dass es nur eine Demonstration ist Die bewaffnete Neutralität ist zur
Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung Man muss der Kriegspartei ein Spielzeug
hinwerfen  Schaudern Sie nicht es ist die höchste Weisheit der Staatskunst
wenn die Gemüter in Wallung sind immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu
haben Wenn die Leidenschaften Stimmungen Phantasien die Zügel zerreißen wenn
die Völker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind ach meine Freundin
wehe uns Allen dann Man wird die Sache hinziehen vor dem Publikum rüsten die
Kriegshelden fluchen und schwören lassen heimlich aber verhandeln laviren
proponiren unmögliche und mögliche Friedensvorschläge machen «
    »Bis«
    »Ja  bis es sich entschieden hat In Mähren muss es sich entscheiden dann
«
    »Nun und dann«
    »Nie zu weit hinaus denken«
    »Sie hätten neulich die Radziwill hören sollen«
    »Zu Palastverschwörungen ist bei uns kein Terrain«
    »Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen«
    »Der letzte Verzweiflungsaufschrei der Kriegspartei Es wird viele
erhebende rührende Auftritte geben Aber lässt sich eine scheue Natur ändern
Die Koterie wird für einen Panzer sorgen von Gummi elasticum damit die Tränen
oder für einen von Asbest damit die Funken abgleiten Der Eindruck wird stark
sein aber vorübergehen Und reist Alexander fort vor einem Entschluss  nein
vor einer Tat so werden unsre Freunde dafür sorgen dass alles wieder aplanirt
wird«
    »Alles« sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick der im Zimmer umher
irrte »Mir sind diese Menschen zuwider die ihre ganze Kraft nur darauf
vergeuden damit es nicht anders wird als es ist«
    »Wir sollten sie loben Träge Wellen sind oft das beste Fahrwasser«
    »Was müssen wir tun«
    »Nicht die Pfandbriefe verkaufen baares Geld für den Notfall im Sekretär
und in den Kriegsentusiasmus einstimmen«
    Sie war aufgestanden und hatte mit einem nervösen Aufgähnen den Stuhl
fortgesetzt »Warum müssen wir das Warum können wir nicht auch darin frei sein
Warum dürfen wir nicht die Mode beherrschen Wir verachten sie doch«
    »Weil es uns nichts einbrächte als einen Heiligenschein den
unglücklicherweise wir selbst nur sehen Weil es die Menschen von uns entfernt
und wir sie brauchen  als Instrumente Darum spielen wir mit ihrer Torheit«
    »Oder sie mit unsrer«
    »Man muss sich das Spiel nur nicht zu ernst denken«
    »Diesmal dünkte ich ihnen gut genug ihr Operngucker zu sein« sprach sie
mit Bitterkeit »Welche brillante Gesellschaft bloß zu Chocolade und
Zuckergebäck Wenn noch mehr Regimenter vorüber marschiren kommt mein Haus wohl
wieder in die Mode Selbst die Gargazin hatte die Gnade aus meinem Fenster die
Truppen zu sehen«
    »Die Kinder werden Sie auch recht geniren«
    »Warum Unsre Wohnung ist groß«
    »Ich besorge nur dass Ihr Schwager wenn die Charlotte von ihm zieht sich
nicht beeilen wird sie Ihnen wieder abzunehmen«
    »So bleiben sie Ich liebe Kinder  sie bringen Frische ins Haus«
    Er sah sie zweifelhaft an »Ich besorge nur dass dies wieder zu
Missdeutungen Anlass gibt Seit man zu wissen glaubt dass Sie Mamsell Alltag
nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten «
    »Als meine Erbin wollten Sie sagen«
    »Ich meine nur dass man auf den Gedanken kommen könnte Sie wollten die
Kinder Ihres Schwagers adoptiren«
    »Wer sagt dass er ein falscher ist Die Leute wissen es nicht Sie wissen es
nicht und ich weiß es auch noch nicht Ich weiß nur dass Mamsell Adelheid nicht
meine Erbin wird«
    »Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben«
    »Soll ich mein Haus zu etwas Aehnlichem hergeben wie das aus welchem ich
sie hernahm« Wandel warf einen forschenden Blick »Sie approbiren nicht die
Inklination mit dem Herrn van Asten«
    »Ich Was geht das mich an Meinetalben könnte sie sich hängen an wen sie
will das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen Aus kleinen
Verhältnissen  nein aus einer solchen Katastrophe die doch die Seele eines
jungen Mädchens erschüttern muss trat sie in mein Haus Was hatte ich gehofft
dass sich aus ihr entwickeln würde bei ihren Gaben ihrem Mute ihrer lebhaften
Phantasie Sie hätte die Königin der Stadt werden können
    »Nur dass die Rolle der Herzenskönigin eines apanagirten Prinzen niemals eine
glänzende werden kann
    »Was kümmert mich der Prinz« rief sie »Sie selbst sollte sich ihr Loos
werfen Wie es war und wenn ein faux pas eine rasende Leidenschaft eine
Entführung  ja wenn der tolle Mensch der Bovillard sie gewaltsam geraubt
hätte es wäre doch eine Abwechselung es hätte zu sprechen gegeben  Sie
lächeln weil Sie die Affekte begraben haben aber doch sage ich Ihnen der
Durst unsrer Seele nach dem was uns über den Alltag erhebt ist  das Bessere
in uns«
    Der Legationsrat musste zerstreut sein die Sache interessierte ihn nicht
mehr »Der alte van Asten rückt auch mit keinem Groschen raus wenn sein Sohn
Adelheid heiratet«
    In dem Blick den die Lupinus ihm zuwarf hätte ein Psycholog eine
verächtliche Beimischung lesen können »Sie liebt ihn gar nicht«
    »Sie sprechen in Rätseln«
    »Sie erwähnten einmal einer chemischen Agenz die allen Stoffen ihre
natürlichen Säfte aussaugt dass sie Farbe und Geschmack verlieren«
    »Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen«
    »Es ist übel wenn ein Lehrer eine zu gute Schülerin hat Ich konnte nichts
mehr wirken wo ich von einem Vorgänger Geist und Gemüt schon ganz eingenommen
fand Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren
Wohltäter um nicht zu sagen als ihren Schöpfer sich wenigstens als seine
Schöpfung Es ist keine unedle Natur meine ich« fuhr die Lupinus nach einer
Pause fort »die den Drang in sich fühlt sich selbst einem verehrten Mann zum
Opfer zu bringen Aber das Mädchen ist krank Das ist die Krankheit der
Resignation Ja wir in unseren Jahren  aber wenn junge Mädchen die Blüte
ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht  was lachen Sie so hässlich«
    »Dass Sie ein armes junges Mädchen anklagen um die Krankheit welche
Theologen Dichter Philosophen um die Wette unserm Geschlecht einimpften Um
das Siechtum unsrer Staaten unsrer Bildung dass wir aus uns hinaus uns denken
schwärmen spekuliren statt zu rechnen Dies Infusorium des Universums will mit
dem bisschen Kraft Talent das die Natur in seine Wiege als Patengeschenk
legte den Sternenlauf reguliren statt für sich selbst zu sorgen da wo sein
höchstes Ziel nur sein kann sich erträglich und behaglich über dem Strom zu
erhalten der es täglich zu verschlingen droht Welcher Hochmut in dieser
Tugend eine Welt um sich beglücken zu wollen um dann sich selbst die
Märtyrkrone aufzudrücken«
    »Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein«
    »Erst sich selbst  Ich verstehe natürlich darunter dass zwei die sich
verstehen sich als eine Einheit betrachten Wer sie errungen hat die Höhe die
er erreichen kann ja dann meine Freundin dann mag er ein Gott sein der
goldnen Regen um sich sprenkelt der Trost der Unterdrückten der Rächer der
Gekränkten dann mag er schwärmen schwelgen « Er bedeckte das Gesicht mit
beiden Händen »O lassen Sie uns von meinen Planen ein ander Mal reden Heute
könnten sich meine Phantasien verirren  Gott weiß in welche  lassen Sie mich
heute schweigen «
    Er hatte ihre Hand ergriffen eigentlich ihren Arm und den Blick gen
Himmel die Hand an seine Lippen gedrückt  So starrte er eine Weile die Augen
aufwärts in einem Zustande völliger Absorbirung
    Er schien als sie sanft den Arm zurückzog sich nur mit Anstrengung wieder
zu finden »Also was Sie sagten  Sie liebt ihn nicht«
    »Sie liebt einen Andern«
    »Tant mieux«
    Die Geheimrätin sah ihn forschend an »Auch wenn der Andre ein guter
Bekannter von Ihnen ist  sie liebt Bovillard ohne es sich zu gestehen«
    »In der Tat« Der Legationsrat biss sich in die Lippe aber lachte mit
völliger Unbefangenheit auf »Wir sind Gegner nicht Rivalen«
    »Sie retteten sie vor ihm und zum Dank «
    »Würde sie mich an ihn verraten Ist das etwas Besonderes Zum Unglück für
das arme Kind  oder zum Glück für Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard
jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt Ja ich glaube sie haben
ihn so geschickt dass sie wünschen er möchte nie wiederkehren«
    »Und ich habe die Bescherung im Hause«
    »Arme Freundin  Zurückschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht«
    »Es würde mir jetzt übel ausgelegt werden«
    »Sie haben recht Es gäbe zu viel Gerede sie ist einmal die Modepuppe Ja
wenn man sie entführte Sie selbst deuteten vorhin darauf«
    »Adelheid lässt sich nicht entführen«
    »Und eine Mariage «
    »Sie scheinen wieder zerstreut«
    »In der Tat ich bin es Verzeihung Nein fort muss sie jedenfalls Ihrer
Ruhe wegen Bedenken Sie dass Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben Also
sorgen Sie dafür auf eine oder die andere Weise Finden wird sie sich«
    »A propos« rief er von der Tür zurückkehrend »Etwas noch Sie müssen die
Mode mitmachen Hüllen Sie sich in Patriotismus von so tiefer Farbe als Sie
können Immer exaltirt Beim allgemeinen Fanatismus merkt man das nicht zuviel
Franzosenhass Durst nach Blut und Rache auf den Lippen Man kann nicht zu stark
auftragen denn man weiß nicht wie bald man überboten wird Und wer nicht voraus
schwimmt ist bald zurück gedrängt und aus Ufer geworfen«
    War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft was mehr jetzt als sie
allein in der Mitte des Zimmers stand das Ohr etwas geneigt nach der Tür Sie
horchte  sollte er nicht wiederkehren  Nein  keine Tritte mehr auf der
Treppe es hallte vom Flur  die schwere Haustür öffnete sich Ein Schlag dann
der sie durchschütterte Aber sie blieb stehen die Finger etwas krampfhaft
zusammenziehend  Warum blieb sie stehen  Unter den halb niedergeschlagenen
Wimpern schielten ihre Augen umher Warum schlug sie die Augen nicht auf die
sonst so durchdringend scharf in der Seele des Andern zu lesen schienen 
Fürchtete sie sich vor der Leere im Zimmer Es war noch heller Tag
    Es war etwas nicht wie es sein sollte Sie hatte eine andre Sprache andre
Mitteilungen erwartet  Glatt wie ein Aal  Aber vielleicht trug sie selbst
die Schuld Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit überlassen Was interessirten
ihn Adelheids Liebesverhältnisse  Darum war er zerstreut brach plötzlich ab
in Sinnen versunken  Sie atmete auf ihre Wange rötete sich etwas  Aber 
es war doch etwas nicht wie es sein sollte  Warum sprach der große
herrliche seltene Mann nur in Rätseln warum auch gegen sie die
Hieroglyphensprache   Hätte sie ihn falsch verstanden Er vor dessen Augen
die Hüllen der Menschen der Dinge, in Krystall sich verwandelten und er
schaute bis in die Keime der Taten und Gedanken hatte er auch in ihr Inneres
einen Blick geworfen und 
    In dem Augenblick knarrte die Tür der neue Bediente Christian trat etwas
ungeschickt herein indem er um die Türe zu schließen den Rücken zeigte Der
Rücken zeigte nur die Livree seines Vorgängers Die Lupinus stieß einen Schrei
aus sie fuhr zusammen wankte vielleicht wäre sie gefallen wenn ihr Arm nicht
die Lehne eines Stuhls erfasst hätte  »Johann  ungeschickter Mensch  wie
kann er mich erschrecken«
    »Aber gnädige Frau ich komme ja nur wie Sie befohlen «
    »Er soll nicht hinterrücks hereinschleichen Christian Meine Nerven
vertragen es nicht«
    »Aber die Kinder gnädige Frau das Mädchen besonders sie ächzen und
piechen  ich glaube immer denen hats Einer angetan«
    »Lügner  Unverschämter Verleumder«  Mit einem zornfunkelnden Blick schoss
sie an ihm vorüber nach der Kinderstube
    Der Bediente sah ihr kopfschüttelnd nach und reckte sich dann in der
Livree die nicht ganz zu seinem breiten Rücken passte Eine Naht riss »Ich
glaube in dem Hause passt mirs so wenig als in dem Rocke Solche Bälger zu
bedienen und eine solche Frau Ich weiß zwar nicht eigentlich was Nerven sind
aber ich glaube meine Nerven vertragen es auch nicht«
    Als nach einer Viertelstunde die Geheimrätin zurückkehrte lagerten
seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte Der Anblick der Kinder war gewiss ein
widerwärtiger gewesen der Schauder sprach sich deutlich aus aber darüber war
ein Ausdruck wie ein Mondenstrahl der durch zerrissen Gewölk über eine offene
Gruft streift Es fröstelte sie sie machte eine Anstrengung als wollte sie auf
die Kniee fallen aber  vielleicht versagten ihr die Kniee den Dienst sie hob
die Arme und rieb die Hände als wollte sie sie zum Gebet falten Auch das
musste sich an etwas stoßen Sie ließ die Arme sinken und fiel selbst aufs
Sopha Hier den Kopf im Arm flüsterte sie »Es sind abscheuliche Kinder aber
ich will mich zwingen sie zu lieben  ich will sie pflegen wie  wie  ich
wills an ihnen gut machen«
 
                              Vierzigstes Kapitel
                                   Bei Josty
Beim Schweizer Kuchenbäcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere
in GalaUniform ein Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbänder und
Schärpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern Zum Teil schien diese selbe
Empfindung auch auf denen der Gäste aus dem Civil zu strahlen Es war ein großer
Fest und Feiertag in Berlin Die Gruppen von Neugierigen wollten den
Schlossplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen obgleich in diesem
Augenblick nichts mehr zu sehen war als die Truppen welche in ununterbrochenen
Zügen in der Königsstrasse und über die lange Brücke in die Friedrichsstadt
zurückmarschirten Aus den geöffneten Fenstern schallte ihnen noch manches
Hallo und Vivat und Hurrah und manche geschmückte Dame wehte mit dem
Taschentuch Auch trugen der große Kurfürst und seine Sklaven Guirlanden und
Kränze von den Blumen die der späte Herbst in den Gärten darbot
    Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschirenden
Truppen Diese waren nicht mit Staub bedeckt an ihren Gamaschen klebte nicht
der Kot der Landstraße sie funkelten im glänzendsten Paradeanzug und nur der
Puder ihrer wohlfrisirten Haarlocken stäubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen
sie rückten auch nicht ins Feld sondern kehrten von einer Paradeaufstellung
zurück Es waren die auserlesenen Regimenter Möllendorf Knebel Rheinbaben die
Grenadiere Prinz August von Preußen und die Gensdarmen und Garde du Korps die
vom Schloss bis ans Tor eine große Chaine gebildet um den einziehenden Kaiser
Alexander zu empfangen
    Wie viele Jahre waren es her dass ein Selbsterrscher aller Reussen in die
Tore Berlins eingezogen Wer ihn gesehen den jugendlich strahlenden humansten
Fürsten dessen Blick Güte und Wohlwollen lächelte der die Majestät vergessen
ließ in der Liebenswürdigkeit glaubte etwas gesehen zu haben was er sein Leben
durch nicht vergessen dürfe Wie mehr als gnädig hatte er gegrüßt mit welcher
Huld die Anreden empfangen Wie viele Frauen schworen wenigstens bei sich dass
das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet
    Aber er war nicht zu Tanz und süßem Liebesspiel gekommen Der Ernst der
Gegenwart dämpfte wieder die aufsteigende Lust in die Jubelstimmen hatten sich
andre Laute gemischt kühne Rufe die der unbewachten Brust entschlüpften auch
Tränen die funkelnden Degenspitzen schienen Vielen schon angerötet So ernst
wehmütig war der Empfang gewesen im großen Portal des Schlosses Hier hatten
König und Königin von ihrem Palais herübergekommen den Gast bewillkommnet Es
war eine feierliche Szene als die beiden jungen Monarchen sich umarmten als
der Czaar die Hand der huldvollsten Königin an die Lippen drückte ein Moment
von dem Europas Schicksal abhing Und in wie lautloser Teilnahme hatte die
Menge dem Familienstück zugesehen das zum großen Trauerspiel für hundert
Tausende für Millionen werden durfte mit welcher bangen Spannung gewartet was
drinnen vorgehe als die höchsten Herrschaften in die Apartements getreten
waren Und doch wusste man dass es hier nicht geschehe Sie nahmen nur
Erfrischungen ein Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal in denen die
Wirte den hohen Gast nach Potsdam entführen wollten Dort  wo Friedrich
schläft  sollte gewürfelt werden über das Loos der Zukunft
    Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststrasse hin die
für eines der wunderbaren Prachtwerke der Königsstadt galt als die Offiziere in
den Konditorladen traten So prächtig ihre GalaUniform so bescheiden sah
damals der Laden aus Nichts von Gold und Mahagoni nichts von Säulen und
funkelndem Krystall Auch glänzte das wenige Tageslicht das durch die
Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel nicht wider von zahllosen Riesenbogen
ausgespannter Zeitungen Zeitungen waren freilich auch hier schon zwei oder
drei vielleicht bescheidene Blättchen auf grauem Löschpapier die wöchentlich
zwei oder drei Mal alle Neuigkeiten der Welt wieder erzählten was in der Türkei
geschah und am Rheine und von Berlin brachten sie voran lange Listen aller
angekommenen Fremden mit ihren Titeln und den Wirtshäusern darin sie wohnten
Dann alle Ernennungen zu Hof und Staatsdiensten zuweilen auch eine
Mitteilung dass ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden
Und hinterher Teaterrecensionen Charaden Fabeln Anzeigen von Auktionen
Verkäufen Büchern Wohnungen und sehr vielerlei
    Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch voran ein Gedicht gereimt oder
ungereimt immer jedoch zum Lobe der höchsten Herrschaften Denn jene Zeiten
waren vorbei wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spaß erlaubte wie
der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805
verstorbene noch wunderlichere Burrmann welcher die Leser mit Reimereien so
seltsam wie er selbst beschenkte So hatte er einst am 21 Dezember die
Vossische Zeitung mit dem Vers angefangen
Gottlob und Dank
Die Tage werden wieder lang
Nein seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer französischer Geschmack in
die Zeitungen gefahren wie er ja auch in der Gesellschaft war Der tölpelhafte
deutsche Hanswurst war längst fortgeschickt und man sprach nur das aus was
gegen nichts und Niemand verstiess auch auf die Gefahr hin in dem Gesagten
nichts zu sagen Darum doch aus andern Gründen las man nie in den Berliner
Zeitungen von dem was in Berlin geschah es sei denn dass eine hohe Obrigkeit
es der Druckerei zugesandt und auch über das Draußen enthielt man sich jeder
eignen Meinung und druckte nur ab was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten
Heute aber war ein außerordentliches Ereignis auch in der genannten Vossischen
Zeitung Voran stand ein langes Gedicht dessen Anfang und Ende so lauteten
Jemand las es in der Konditorei laut vor als die Offiziere eintraten und Alle
die es hörten sahen sich verwundert an
Nicht Salomon und Titus  wozu Namen
Der Vorzeit Sind wir Neueren so arm 
Nein Alexander Friedrich Arm in Arm
Stehn da ein Brüderpaar Zu Preußens Adler kamen
Die Adler Russlands Jubelnd sieht Berlin
Sie über sich vereinten Fluges ziehen
Sie stehen vor dir Arm im Arm
O glückliches Berlin Sprich aus die schönen Namen
Wer sind die Menschenfreunde Sprich
Wer  Alexander Friederich
    Dass das Gedicht ausgezeichnet schön sei darüber war nur eine Stimme aber
einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht wie solch ein Blitzkerl von
Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe dass er auf
der Stelle im Stande sei sie drucken zu lassen und gar in Versen »Und« sagte
ein anderer »dass mans drei Mal in der Woche erfährt was vorher passiert ist
Erst muss es doch geschrieben werden was schon eine verfluchte Arbeit ist und
dann gedruckt und verkauft«  »s ist auch ne schwarze Kunst« lachte ein
Anderer Herr Josty mit der Flasche Euraçao in der Hand flüsterte den Herren
zu »Und was werden Sie erst sagen wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen was
uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertirt Sehen Sie mal gefälligst in der
Ecke hinterm Ofen den Herrn im grünen Rock und Nankinghosen Das ist Herr
Professor Lange Der gibt ein solches Blatt heraus es soll Telegraph heißen
Morgen schon kommt die erste Nummer Die Leute werden sich den Kopf
überschlagen«  Die Offiziere vigilirten den »verfluchten Kerl« der mit dem
Bleistift Notizen machte und stritten ob seine Ohren oder Nase spitzer wären
    Auch der Herr Kriegsrat Alltag hatte diesen Tag nicht alltäglich begangen
Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Chocolade genippt
was zu jener Zeit als wir ihn kennen lernten ein außerordentliches Evenement
gewesen wäre Aber schien er doch selbst ein Anderer geworden Der gestickte
blaue Rock war zwar schon etwas über die Mode hinaus jedoch vom feinsten Tuch
das sauberste weiße Halstuch war über das Jabot geknüpft und feine Brüsseler
Manchetten spielten um die knappen Ärmel Frisch gepudert war das Haar und der
Zopf mit neuem glänzenden Seidenband umwickelt Die goldene Uhrkette hing um
einen Finger breit länger auf die schwarz taffetnen Beinkleider und die
gestreiften Seidenstrümpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten
unverkennbar auf ein nicht alltägliches Evenement Und das war es wo der Herr
Minister ihn gewürdigt ihn aufzufordern sich im Schloss zu gestellen er wolle
schon für einen Platz sorgen dass er die Majestäten recht von nahe sähe Hatte
er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt wo die hohen Herrschaften
vorbei mussten Wenn er sich nicht ans Geländer zurückgedrückt so weit als
möglich hätte ihn da nicht das seidene Kleid Ihr Majestät der Königin fast
berührt Durch eine glückliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch
vor dieser Berührung bewahrt Der Kriegsrat war errötet vor Schreck  Welcher
neue Schreck aber  Kaiser Alexander der die Königin am Arm führte war auf
dem Podest einige Stufen über ihm stehen geblieben damit die hohe Frau Atem
schöpfe Seine Majestät der hinter ihnen ging war natürlich auch stehen
geblieben und auf derselben Stufe auf der die Füße des Kriegsrats standen
Zwar war die Stufe breit aber es war dasselbe Brett und der Kriegsrat fühlte
unter seinen Füßen die Bewegung, welche der Fuß Seiner Majestät verursachte 
Und es war noch nicht Alles  Excellenz der Minister sein Gönner flüsterte
dem Könige einige Worte zu und  er traute seinen Ohren nicht aber es war so 
er hörte seinen Namen Der König hatte sich darauf umgesehen hatte ihn
angesehen und die Worte gesprochen »Treuer Diener seines Herrn Freue mich« 
Er hatte es gesprochen wirklich und wahrhaftig und es war noch nicht Alles 
Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten war
der König bei ihnen und sagte der Königin etwas ins Ohr und die Königin wandte
auch ihr Gesicht zum Kriegsrat nieder und er hörte die Worte »Ah cest lui«
 War das neue Täuschung oder war es auch Wahrheit sie hatte ihm von oben
freundlich zugenickt
    Wie der Kriegsrat nachher von der Treppe herunter gekommen wie auf den
freien Platz das wusste er selbst nicht Er las nie ein Märchen weil er
überhaupt nicht las aber aus seiner Jugend aus der Ammenstube wusste er doch
was ein Feenmärchen ist  Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefächelt wie
einen der nach langer dunkler Haft ans Sonnenlicht gerissen wird oder wie den
Trinker der aus dem Keller ins Freie tritt Unten hat er es noch nicht
gefühlt jetzt aber dreht sich die Welt um ihn und der Boden wankt unter seinen
Füßen Der Rippenstoss eines Korporals dessen Rotte er in seinem Schwanken
vermutlich zu nahe gekommen war hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht Es
war kein Traum gewesen auch keine Erscheinung aus einem arabischen Märchen
vielmehr nichts als die Besiegelung dessen was er längst ahnte vielleicht
wusste und in der Stadt munkelte es schon Er sollte nicht mehr lange
Kriegsrat bleiben er war zu Höherem bestimmt Diese Bestimmung drückte sich
auch in seiner Haltung aus wie er am Tische in der Ecke neben einem andern
Manne gesessen und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gespräch
gepflogen hatte
    Der andre Mann ungefähr im Alter des Kriegsrates oder etwas älter war in
seiner Erscheinung just das Gegenteil Sein fein geschnittenes intelligentes
Gesicht war durch ein Paar kleine graue ins Blaue spielende Augen wenn sie
mit Eifer auf einen Gegenstand fielen lebendig Sonst hatte es mehr einen
kalkulatorischen Ausdruck jene verschrumpften doch nicht unedlen Züge welche
ein beständiges Nachdenken über plus und minus ausdrücken jene Absorbirung von
allem was Impuls oder Phantasie heißt Wenn aber die Augen aufbljetzten oder auf
einen Gegenstand zuckten bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug
Sein Haar weissblond von Natur oder weiß vom Alter schien schon lange den Puder
als etwas Überflüssiges abgestreift zu haben Es fiel schlicht eben nicht
sorgsam gekämmt auf den Hinterkopf und um die Schläfe herab Dass er eben so
wenig Umstände mit der Toilette wie mit der Frisur machte verriet der
Überrock von grobem Tuch und einem dick übergelegten Kragen Seine Hände die
auf dem Tische lagen waren weiß und fein seine Füße dagegen die er weit
vorgestreckt hatte schienen grob wie die blauen Strümpfe und die dick
versohlten Schuhe
    »Also keine Mariage nicht« hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt
und zwei Gläser mit Granatwein gefüllt worauf der Kriegsrat das eine nach
einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestossen hatte
    »Überdem ist sie auch noch zu jung« setzte er hinzu und das halb
ausgetrunkene Glas auf den Tisch
    Der Andere sagte »Alter schützt vor Torheit nicht und zu jung ist keine
nicht um sich nicht zu verplempern«
    Der Kriegsrat spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose
einem Präsent seines Ministers »Nun was das Verplempern anlangt mein Herr van
Asten so dünkt mich «
    »Mein Sohn hätte sich verplempert  meinen Sie vielleicht« fiel der
Kaufmann ihm ins Wort »Wenn auf meinem Kornboden zwei Säcke geplatzt sind und
der Roggen und Waizen liegen untereinander da kümmerts mich wenig welcher
Sack zuerst platzte sondern wie ich die Körner auseinander bringe oder
mitsammen verwerte Unsere Säcke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt da
halte ich nun fürs Beste dass Jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den
andern kümmert Sehen Sie aufrichtige Leute kommen bald zu Rande und das was
sonst ist soll uns nicht kümmern und wir bleiben gute Freunde Darum erlaube
ich mir noch ein Mal an Ihr Glas anzustossen«
    Der Kriegsrat seufzte der Andere hätte es recht gern zur Gesellschaft
getan nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen der alte van Asten konnte
aber nicht seufzen
    »Mein hochverehrtester Herr Kriegsrat mit Ihrem Permiss ich lese Ihre
Gedanken Dass die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen das gefällt
Ihnen nicht Sie seufzen ehedem wars anders Habe ich gar nichts dagegen
Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf jetzt kostets ein paar Groschen
Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel Wenn mir jetzt Einer damit käme
würfe ich ihn die Treppe runter Ist so mit Allem mit der kindlichen Liebe mit
der Freiheit der Erziehung der Marktpreis ist ihr Wert Steht darum
geschrieben dass wir den Marktpreis nicht machen können Man muss nur geschickt
operiren Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehen Ihre Mamsell Tochter auch I
nu so lassen wir sie bis sie müde werden Dass sies aber werden dazu kann man
schon was tun Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm ehedem
kriegte er Schläge nach Noten wenn er naschte Es hat wohl nicht immer
geholfen Jetzt lässt sein Prinzipal ihn so viel Syrup nippen und Rosinen und
Mandeln naschen als er Lust hat Ein zwei Mal den Magen verdorben und er ist
curirt auf sein Leben Und so ists mit dem eignen Willen auch und mit der
Freiheit und mit was sonst ist Sie kommen retour sage ich Ihnen wenn mans
nur recht anfängt Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn
verliebt sein ganz geruhig bis sie sich übergeliebt haben Glauben Sie mir
das kommt über kurz oder lang denn satt macht die Liebe nicht und zanken
werden sie sich auch und verknurren wenn man sie nur lässt und dann kommt die
lange Weile die roten Augen machen auch nicht schöner Aus Wochen werden
Monate und aus Monaten Jahre Sieht ein hübsches Mädchen erst eine Falte im
Gesicht die nicht fort will  ich will gar nicht sagen Runzel  da guckt wohl
ein kleiner Gedanke raus ja wenn ich den nicht zurückgewiesen hätte Oder den
Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehen wenn er zur
Tür rein kommt und auf einer seiner Runzeln steht ich habe noch immer nichts
Sieht er nu in ihrem Gesichte was sie in seinem sieht na  und so weiter und
am Ende  sie weinen sie fühlen sie haben sich getäuscht es wird geklatscht
dazwischen dafür braucht man gar nicht zu sorgen und am letzten Ende nimmt die
gehorsame Tochter den ersten besten den der Papa ihr zuführt Und überlässt
mans dann den Muhmen und Gevattern die Sache zu arrangieren so kommts am
letzten Ende raus sie hat ihn von Kindheit an geliebt«
    Dies war ungefähr das Gespräch welches die beiden ältlichen Herren vor dem
Eintritt der Offiziere geführt und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes
unterbrochen war Der Kriegsrat schüttelte den Kopf als er seinen Hut nahm
    »Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus« fragte der
Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt
    »Sie sind sehr schön« entgegnete der Kriegsrat »nur begreife ich nicht
wie man so etwas zu drucken erlaubt Dadurch wird ja der Bonaparte avertirt was
hier passiert ist«
    »Sehr richtig bemerkt« sagte van Asten und sein schlaues Gesicht wollte
gewiss noch etwas sagen aber der Kriegsrat gab als der vornehmere Mann das
Zeichen dass er genug gehört indem er sich mit einer leichten Verbeugung
empfahl Der Vornehmere muss das letzte Wort behalten Aber als er durch die
Offiziere den Weg nach der Tür suchte waren offenbar diese die Vornehmeren
Sonst liebte er doch nicht die Offiziere aber mit verbindlichen Verbeugungen
schlängelte er sich durch ihre Füße welche die Herren sich nicht besondere Mühe
gaben aus dem Wege zu ziehen »Das war der Vater von dem schönen Mädchen« sagte
ein Garde du Korps zu dem Rittmeister der seine glänzenden Reiterstiefeln auch
nicht um einen Finger breit zurückgezogen hatte Der Kornet lachte »Was
sprechen Sie zu Dohleneck von schönen Mädchen Für meinen Onkel ist nur Eine
schön und wenn die Eine nicht so mag die Anderen der Teufel holen und die
Papas dazu«
    Der Rittmeister der am Fenster saß trommelte an die Scheiben »Krieg
Krieg das ist das Beste«
    »Zum Avancement« lachte der Chor Die Unterhaltung ging auf dies wichtige
Thema über wichtiger als Alexanders Ankunft als der Streit ob die Königin dem
Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen wichtiger als
der Krieg selbst Man stritt über die Ernennung eines Kapitäns zum Major Einige
wollten sie gelesen haben Andere leugneten es »Es steht heute drin«  »Es
steht nicht drin«  »Her den Wisch« Mit einem Satz war der Kornet nach dem
Tisch gesprungen an dem van Asten saß und hatte ihm die Zeitung aus der Hand
genommen »Wir wollen etwas nachsehen«
    Es musste noch etwas Anderes vorgefallen sein »Wollen Sie etwas« fragte
der Kornet und ließ seine Pallaschscheide auf die Diele klirren indem er sich
zum Kaufmann umkehrte als dieser sich mit einigem Geräusch erhoben hatte
    »Mich nur gehorsamst entschuldigen« sagte van Asten und zeigte auf sein
vorgestrecktes Bein »dass Herr Kornet von Wolfskehl auf meinen Fuß treten
mussten Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden getan«
    »Ich glaubte es wäre ein Holzklotz Excüs« sagte der Kornet und hoffte auf
einen beistimmenden LachChor Aber die Einen griffen nach dem Zeitungsblatt
die Andern machten eine ernste Miene »Kornet keinen Spaß mit dem Mann Der
reiche van Asten aus der Spandauerstrasse der mit dem Minister  unter einer
Decke steckt«
    Die Ernennung stand nicht im Blatt dafür ein paar Dutzend andere wie jede
Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte Auch fingen unter den Annoncen schon
die Abschiedsworte an welche Offiziere Wundärzte und Beamte an ihre Freunde
und Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten auch Nachrufe und
Danksagungen ganzer Städte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere
»Wenn das kein Beweis ist dass wir wirklich in den Krieg ziehen«  »Ehe nicht
die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen glaub ich nicht daran«  »Ich glaubs
auch dann noch nicht« ein Dritter als ein Vierter durch die Glastür die er
klirrend aufgerissen eintrat »Nu glaub ichs Kameraden Aufs Pferd aufs
Pferd«  »Du sprangst eben runter«
    »Direkt von Steglitz in Karriere Habt Ihr nichts gehört  Vierundzwanzig
Kanonen donnerten aus dem hohen Busch als die Equipagen durchs Dorf
schwenkten Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel Die Königin
sah erschrocken zum Kutschenschlag raus«
    »Possen«
    »Nein Ernst s war aber nicht Bonaparte nur check Wenn check Kanonen
auffährt check schießen lässt da müsst Ihr zugeben es wird ernst es geht
los«
    »Victoria« schrien zehn Stimmen
    »Wenn er nur nicht blind geladen hätte« rief der Rittmeister und riss die
Tür auf »Man braucht frische Luft Krieg Krieg«
    Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach Er schien die Häupter seiner
Lieben zu zählen aber nicht mit der Zufriedenheit die auf den Gesichtern der
Offiziere strahlte Was half ihm der Krieg Er war gewiss ein guter Patriot aber
wie viele können ihm noch immer entrissen werde an die teure Bande ihn schon
lange knüpften Er schlug ein kleines Büchlein im Winkel auf und schrieb kleine
Zahlen zu den Namen Aber viele kleine Zahlen machen eine große Herr Josty
schüttelte den Kopf und wollte seufzen Indessen  er besann sich »Indessen«
sagte er »es gleicht sich in der Welt Alles aus« Und auf seinem Gesicht
glichen sich auch die Falten aus
    Die Offiziere hatten sich links nach der Schlossfreiheit zerstreut Nur einer
von ihnen er schien abhanden gekommen suchte die Freiheit rechts unter den
Kolonnaden der Stechbahn Die Augen auf den Boden ging er grad aus bis die
Mauer ihn erinnerte dass an der Ecke die Freiheit zu Ende war Er wollte zur
Kolonnade hinaus treten als aus der Brüderstrasse eine elegante Equipage rasch
vorüber fuhr Die Dame darin in Pelz Hut und Schleier verhüllt sah ihn nicht
aber der Mops auf dem Rücksitz bellte heftig den Offizier an Ob die Dame
aufmerksam ward wissen wir nicht wenn sie sich aber vorbeugte um nach dem
Gegenstand auszuschauen der den Eifer ihres Hundes verursachte konnte sie ihn
nicht mehr sehen denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt
    Er schien mit geschlossenen Augen auf das Rollen der Räder zu hören bis
es unter dem Klappern der Werderschen Mühlen verrollte Dann riss er sich auf
machte sich durch einen schweren Atemzug Luft und  wollte auch ins Freie in
den Tiergarten Es mussten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck
vorgegangen sein Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen einsamen
Alleen des Tiergartens Er hatte seinen Plan gemacht links durch die
Buschpartien an den Zelten vorbei nach dem Poetensteig Da traf er gewiss
Niemand
    Aber  wenn nur die Aber nicht wären als er an der Konditorei vorüberging
öffnete Herr Josty freundlich die Tür Er glaubte der Gast wolle zurückkehren
Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht täuschen Einen Schritt war er schon
vorbei es kostete also nur einen zurück und er stand wieder in dem traulichen
gemütlichen Lokal Es war ja auch da einsam geworden Als Herr Josty die Tür
verbindlich schloss hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern
 
                           Einundvierzigstes Kapitel
                            Von Möpsen und Wechseln
Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein Im Vorzimmer saß noch der alte van
Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin
wohlbekannten Person dem Herrn AuktionsKommissarius Manteufel der sich über
den Tisch zu ihm lehnte um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben Dem
Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider was mehr Rechenmenschen
aus deren Gesichtern Zahlen springen Zahlen erinnern an Schulden Hrrr
Manteuffel der ihn eintreten gesehen obgleich er der Tür den Rücken zuwandte
blinzte den alten Asten an Der aber machte eine Bewegung mit der Hand die
unter Geschäftsleuten ausdrücken kann den hab ich sicher oder um die
Bagatelle kümmere ich mich nicht
    Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstübchen Vertrautere
Freunde fanden hier einen Platz um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren
den der Konditor seinen anderen Gästen nicht vorsetze er war kein Weinschenk
Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel wie in einer Tonne recht zur
Selbstbeschauung geschaffen denn durch die vergitterten Fensterspalten drang
nur bei Mittag ein Dämmerschein der sich von den hohen Hintergebäuden in den
feuchten Winkel der Hof hieß hinabliess Das eigentliche Licht kam von einer
dünnen Sparlampe in einer Mauerblende um den Tisch die Bank die Wandspinden
spärlich anzuleuchten Ein Ort geschaffen um das innere Licht leuchten zu
lassen
    »Einen Rotspohn Herr Josty« rief der Rittmeister als er sich zwischen
Bank und Tisch geklemmt
    »Pontac oder Medoc«
    Auch darüber noch nachdenken Was hatte nicht der Rittmeister zu denken »I
nu Medoc« sagte er nach einer Weile den Kopf in der Hand und den Ellenbogen
auf dem Tische
    »Ist auch gesunder fürs Blut klärt mehr die Gedanken auf Die Engländer
nennen ihn darum Klaret« sagte Herr Josty als er den langen Pfropfen aus der
Flasche gezogen
    Als der Wirt die kleine Tür leise hinter sich zugedrückt störte nichts
die drei  nenn ich sie Geschöpfe Wesen Mächte  die hier zurückgeblieben zu
stillem Verkehr den Rittmeister die Lampe und den Medoc Es war mehr als
still ich würde sagen bewegungslos wenn nicht der Schatten an der Wand
jedesmal unruhig geworden sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche
wieder vollschenkte Ob er Gedanken schöpfte ob er sie verschluckte Der Medoc
musste das Blut nicht gereinigt haben denn er ward nicht froh Der Schatten an
der Wand spiegelte drei Positionen in denen er Minuten lang verharrte den Kopf
in der Hand das Kinn in beiden Händen und dann den Leib ganz zurückgelehnt
mit gesunkenen Armen oder wenn ein Entschluss zu kommen schien sie plötzlich
auf der Brust verschränkend Aber die Flasche war schon zu drei Vierteln
ausgeleert und der Entschluss noch nicht gekommen
    Ein Entschluss kostet Jedem etwas wer aber weiß wie der beste gefasste zum
übelen ausschlagen kann und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewusst der
würde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben Hatte er sich nicht
zu einem kühnen Schritt entschlossen um endlich aus Liebeszweifel und Überdruss
frei zu werden Es war kein geringes für Jemand der von zwei unsichtbaren
Schutzengeln hin und her gezogen wird und in sich keinen Oberen findet Wenn
diese ihm zuraunten sie hat dich eigentlich nie geliebt sie hat nur gespielt
mit dir nun auch dieses Spielens überdrüssig lässt sie es nur zu ihrem
Amüsement dich zu foppen vor Andern durch ihr Kammermädchen fortsetzen so
sprach eine innere Stimme das erste hast du ja selbst immer geglaubt Aber
dann wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit
hingewiesen Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen trug
sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe die sie angelegt als sie sein
Lob vernommen Möglich war es ja dass sie anfänglich nur ihn necken ihre
Empfindlichkeit für das an ihm kühlen wollen was er sich selbst jetzt vorwarf
möglich dass auch Andere da mitgearbeitet hatten Aber  das konnte sich
geändert sie so gut gesehen haben als er es sah dass er sich auch geändert
dies konnte ganz andere Empfindungen in ihr geweckt haben Er hatte ja auch
Augen und was er gesehen ließ er sich nicht abstreiten Diese Verwandlung
ihres Sinnes konnte nun Denen nicht mehr zu Sinn sein die anfänglich
mitgespielt Sie waren es die jetzt die Kontreminen legten die ihn wieder ihr
entfremdeten ihn von ihr trennen wollten Daher diese Briefe in ganz
verändertem Tone diese Mahnungen Drohungen sogar abzulassen von Verfolgungen
die eine edle Frau tief kränken müssten
    Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen um den Knoten
zu durchhauen er wollte Licht haben  Wahrheit Er wollte am hellen Tage in
ihre Wohnung treten sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine
Unterredung unter vier Augen bitten Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte
wusste dass das ein ungeheurer Entschluss war Und ein ganz freier und ein
geheimer  er teilte ihn Niemand mit An dem Tage als die ersten Regimenter
von der Weichsel durchmarschirten hatte er ihn gefasst Es war der Augenblick
als sein Pferd oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und Kehrt
gemacht hatten Er war sehr unzufrieden mit sich zurückgekehrt er hatte sich
gesagt ein Soldat dürfe nie Kehrt machen vor einer Gefahr ob wirklich ob
scheinbar Gerade hier ist es seine Pflicht zu recognosciren und nicht zu
weichen bis er  rapportiren kann
    Es war vorgestern gewesen dass er seine beste Interimsuniform angezogen und
sich auf den Weg gemacht Ein saurer Weg Die Pflastersteine schienen Klebriges
zu schwitzen sie hielten seine Sohlen fest Er aber sprach sich Mut ein »Nun
und wenn es nichts ist dann ist es nichts und Alles bleibt beim Alten« Sein
Herz wurde ordentlich leicht aber nur auf einen Augenblick je weiter er die
Straße hinunterging je näher er dem Hause kam so schwerer ward es wieder
    Er hätte auch sein Wort gehalten was er sich selbst gegeben nicht wie
wohl Andere in gleicher Herzensangst tun ein paar Mal vor dem Hause
vorüberzugehen bis der Mut ihnen kommt Nein er wäre gleich das erste Mal
eingetreten wäre nicht der Mops gewesen Was es nun war ob er in etwas
getreten was Joly verdross ob eine angeborene Idiosynkrasie in dem Tiere gegen
den Menschen lebte genug ein kleiner hässlicher fetter Mops klaffte ihn an
Als er sich des Störenfrieds entledigen wollte machte er das Übel nur ärger
der Tritt fiel wider Willen so unglücklich aus dass das Tier von der
Stiefelspitze gehoben winselnd auf das Pflaster fiel Ein Dienstmädchen oder
ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette Natürlich über
die Barbarei ein armes Tier so grausam zu malträtiren Nun war einmal etwas
versehen und Fehler hecken mehr als gute Taten Als er die Straße wieder
heraufkam waren zwar Mops und Mädchen verschwunden aber die Equipage der
Fürstin Gargazin stand vor der Tür Er war mutig eingetreten Von der Treppe
kam ihm die Fürstin entgegen Sie fuhr verwundert zurück »Wirklich Sie Nun in
der Tat das nenne ich Mut« Er hatte sich verbeugt er war mutig geblieben
Sie war verschwunden Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrat Als
Wandel ihn erblickt blieb er stehen lüftete etwas den Hut und öffnete den
Mund um  doch zu schweigen Aber als Dohleneck auf der nächsten Stufe war
hörte er seinen Namen »Was solls« »Mein Herr Rittmeister« sagte Wandel »ich
hege nicht die Anmassung zu glauben dass Sie in mir einige Teilnahme für Sie
vermuten indes erlauben Sie die Frage Wollen Sie zur Frau Baronin« »Wenn es
Sie nicht inkommodirt« hatte Dohleneck erwidert »So vergönnen Sie mir
wenigstens die Bitte zu bedenken welchem Empfang Sie sich aussetzen Ihr
Erlaucht die Fürstin muss Ihnen ja begegnet sein sollte sie nichts gesagt
haben Sie sind der Herr Ihrer Handlungen« verbeugte sich der Legationsrat
»Aber«  setzte er mit unterdrückter Stimme hinzu  »ich glaube eben so wenig
dass Herr von Dohleneck das arme Tier auf der Straße mit Absicht misshandeln
konnte als ich glauben mag dass ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer
Ritterlichkeit ein Vergnügen daran finden kann eine unglückliche Frau die in
Tränen sitzt noch unglücklicher zu machen« Und noch blieb der Rittmeister
mutig Die Klingel hielt er in der Hand als ein Hundegeklaff vor die Tür
stürzt Das war der Hund des Aubry die Kraniche des Ibycus »New mein Joly
der hässliche Mensch der soll dir nicht wieder was tun« hörte er die Stimme
des Kammermädchens  Er hatte nicht geklingelt er war wieder auf der Straße
Joly knurrte hinter ihm am Fenster
    Und seitdem hörte der Rittmeister wo er die Augen schloss den Mops knurren
und die Baronin weinen »Alles um Dich«  Er hatte wohl daran gedacht sich in
eine andre Garnison versetzen zu lassen aber seine Schulden und seine Ehre Nun
kam ein tröstender Engel Der Krieg befreit einen Militär von den Verfolgungen
seiner Gläubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie Zu dieser
trostreichen Überzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem
Augenblick gelangt er wollte auf diesen Tröster in der Not ein Glas leeren
als zu seiner Verwunderung aus der leeren Flasche nichts mehr fließen wollte
Er schlug damit gegen das Glas ein Zeichen welches Herr Josty sehr wohl
verstand als die Tür aufging aber statt des Konditors der Kaufmann Herr van
Asten eintrat
    Sie mussten sich Beide schon kennen aber die Freude des Wiedersehens schien
auf Seiten des Rittmeisters nicht groß noch weniger als nach der ersten
Begrüßung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm dass er dem
Offizier die Tür und den Ausgang dahin versperrte Und als van Asten die
abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog zog sich auch das Gesicht des
Rittmeisters sichtlich in die Länge
    »Sie werden sich hier die Augen verderben«
    »Bin Ihnen für Ihre Teilnahme sehr obligirt aber was hier drin liegt
kenne ich Alles auswendig«
    Diese Versicherung tröstete den Offizier noch weniger besonders als er
trotz der Dunkelheit mit seinem scharfen Auge einen länglichen schmalen
Papierstreifen den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte sehr gut
zu erkennen glaubte Warum den Gruß der Batterie abwarten lieber grad los
darauf
    »Herr van Asten« sagte er »inkommodiren Sie sich nicht Ich kenne den
Wisch Sind noch vierzehn Tage hin Wenn ich am Verfalltage noch lebe na da
sprechen wir weiter davon Bin ich aber tot machen Sie und ich unsre Rechnung
mit dem Himmel «
    »Teuerster Herr von Dohleneck« rief der Kauf mann den Wechsel wieder in
die Tasche schiebend »was so viel Gerede um eine Bagatell Zweihundert Taler
Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Königs molestiren Bin ich
ein Wucherer Weiß ich nicht dass ein Soldat vor dem Feinde Kourage braucht
Kourage und Kredit sind Verwandte und was kostet nicht die Feldequipage Wie
kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken Mancher hat auch sonst Liebes
hinter sich Möchte ihnen doch gern ein Angebinde zurücklassen«
    Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas groß aber nicht sehr klar an
Der Eingang war zwar angenehm aber wer bürgte ihm dass es der Ausgang auch sein
werde
    »Alle sind nicht wie Sie Solidität wird eine immere rarere Eigenschaft und
der Krieg ist ein grausam Vergnügen Wer weiß wer zurückkommt und wer da
bleibt Wenn nun Alle blieben wer soll da bezahlen Wie viele Kaufleute sind
mit ruinirt«
    Der Rittmeister sah mit Verwunderung wie der Kaufmann eine ganze Partie
ähnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte Es überkam ihn ein Schauer in der
Seele Derer die sich mit ihrem Namen darunter geschrieben seine Stirn aber
runzelte sich bei der Vorstellung, dass der alte Geldmann ihn etwa ausersehen um
über die Verhältnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben Ein schlauer
Seitenblick des Andern las was in seiner Seele vorging »Wie werde ich denn
einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden Das weiß ich jeder
Offizier muss für den Andern gut sagen «
    »Na hören Sie was das anbetrifft«
    »Wir verstehen uns ja Kavalierparole ist sehr was schönes Gibt gar nichts
schöneres in der Welt Aber bei Wechseln da halten wir Kaufleute s ist so ne
alte Usance uns an andre Dinge Wer ins Feld marschirt zB kann nicht Alles
mitnehmen man erleichterts den Herren nimmt ihnen was zu schwer ist ab Hatte
da eben eine kleine Konferenz mit unserm Manteuffel Das ist ein praktischer
Mann«
    »Hol ihn der Teufel« sagte der Rittmeister
    »Weiß wohl dass ihm die Herren Offiziere nicht sehr grün sind Ja lieber
Himmel wenn mal ne Sache unterm Hammer steht gibt er sie weg um jeden Preis
Das ist wahr Ist nu mal nicht anders Die Moral ist man muss es nicht dahin
kommen lassen Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft so
machte mir Herr Manteuffel die Proposition «
    »Seelenmann Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen«
    »Verstehen Sie mich er wollte Sie einem Andern abgeben«
    »Das ist ja Seelenverkäuferei«
    »Sagte ich auch Und ich wusste ja nicht ob Sie gern mit dem Herrn in
Konnexionen kämen Nun wir kennen uns Aber der Herr ist ein Fremder und voll
hätte er auch nicht gezahlt und wie gesagt wer weiß ob Ihnen das recht ist
an den Legationsrat von Wandel abgegeben zu werden«
    »Der« Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch
    »Sehen Sie das hab ich Manteuffeln auch gesagt Er ist ja ein Ausländer
Sollen wir preussisches Blut einen Soldaten unsres Königs an einen Fremden
verraten Wissen Sie denn in wessen Diensten der Herr ist Kann er nicht ein
Agent des Bonaparte sein kann der nicht den Auftrag haben alle Wechsel
aufzukaufen die preußische Offiziere ausgestellt haben Und wenn der Krieg
losgeht die Herren marschiren sollen ja da hat der König keine Offiziere Alle
eingesteckt in Wechselarrest Kann nun ein König Krieg führen ohne Offiziere
Der Bonaparte drüben freilich woraus macht der sich nicht welcheDie sind denn
auch danach Aber wir müssen sie doch aus den Kadettenhäusern haben aus guten
Familien Der Napoleon ist es im Stande sagte ich zu Manteuffeln denn dem ist
Alles möglich Manteuffel wischte sich die Brille ab und meinte ich dächte
wohl an England das Napoleon zu ruiniren denkt Aber was für England passt
passe nicht für uns wir hätten keine Bank zu sprengen Ja antwortete ich wäre
ihm doch beinahe gelungen Und s kann auch hier Manches springen Aber s soll
ihm nicht gelingen Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen
kriegen ehe wir nicht wissen wer er ist Nun freut mich zu hören dass der Herr
Rittmeister ihn kennen denn Sie fürchten sich in seine Hände zu kommen«
    Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an »Mich will
bedünken dass mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich sonst «
    »Der klügste Mann weiß nicht Alles und der beste Kaufmann lässt sich auch
betrügen«
    Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters den der Rotwein noch nicht
umdüstert hatte aufzublitzen »Halt da entsinne ich mich «
    Van Asten blätterte und glättete über zwei Papierstreifen »Ein gelehrter
Mann ein feiner Mann ein Mann von vielen Kenntnissen hübscher Konduite O ist
gar nichts gegen ihn zu sagen ein charmanter Mann «
    »Hol ihn der Teufel«
    »Das ist schon manchem charmanten Mann passiert Täte auch gar nichts Ein
guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hölle man muss nur den Aussteller
kennen Es freut mich Herr Rittmeister dass Sie auch davon wissen O wir haben
manche Geschäfte mit einander gemacht der Herr Legationsrat und ich Prompt
auf die Minute und hat eine glückliche Hand Wünsche sie Ihnen Herr
Rittmeister Wirklich und wahrhaftig Ihnen gönne ich alles Gute das große
Loos ne tote Tante mit hundert Tausend und noch lieber ne reiche Frau mit
ner halben Million Sie sind ein so gemütlicher Mann Hätte ich ne Tochter
na wer weiß Ich sage  gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen Sie sind
nur etwas sehr lang Und wem ich sie abgeben will der sagt was ich mir auch
sagen könnte Man ist manchmal auf den Kopf gefallen Herr Rittmeister Fallen
tut nichts man steht wieder auf Aber auf den Kopf muss man nicht fallen Herr
Rittmeister Also sagt mancher Mann es kann ja inzwischen was passieren er kann
ja auch in den Krieg wollen es kann ihn eine Kugel treffen Einen toten
Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen Und wenn er auch nicht in den
Krieg zieht die Herren Kavaliere haben oft Händel Sehen Sie mal er kann ja in
ein Duell geraten Paff Wird mich der Todtschiesser honoriren Ja wenn so ein
Gesetz existirte  Fällt mir bei der Herr von Wandel hatte ja neulich eine
solche Affäre Richtig Mit dem Sohn vom Geheimrat Bovillard  Und Sie  ja
Herr Rittmeister waren ja dabei«
    »Wissen Sie das auch«
    »Der Herr Legationsrat waren wohl erstaunlich mutig Wollten immer drauf
los« Jetzt fixierte der Rittmeister den Anderen »Hol mich Der und Jener  Ich
glaube Sie wollen mich aushorchen was ich von ihm denke«
    Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein er lächelte nur »Weiß
schon vielerlei aber  wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat kanns
einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen Ist ein Politikus
Einem Politikus gegenüber muss man wieder einer sein Ob er ein Spion des
GroßMogul ist oder ein Geisterseher oder ein Magnetiseur oder ein Lovelace
oder  oder  was kümmerts mich aber  verstehen Sie mich das Eine möchte ich
wissen ists da mit rechten Dingen zugegangen oder «
    Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur »Blitz ich glaube nein
Und wollen Sies recht wissen drei Mal drei Mal nein Und  unter uns Es
stinkt Er hats Gott weis durch wen der Polizei gesteckt«
    »Also nicht der junge Bovillard«
    »Ein grundehrlich Blut réparation dhonneur Wie ein Kavalier sich
benommen«
    »Aber der Legationsrat hat ihn wieder aus dem Gefängnis losgebeten«
    »Um ihn als Kourier fortzuschicken Die Memme«
    Der alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schüttelte den Kopf »Da
hätten wir also das Tippelchen auf dem i  Na Herr Rittmeister welchen Wein
lieben Sie am meisten Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid tun auf
ein Gläschen«
    Ein Tokaierfläschchen stand auf dem Tisch und färbte schon mit dunklem Gold
zwei Gläser als Dohleneck noch immer nicht wusste wie er dazu kam »Nu stoßen
Sie an« sagte der Kaufmann »Worauf« »Auf einen alten Esel  Ja sehen Sie
mich nur recht an und dann dreist los« Die Gläser klangen der Rittmeister
zauderte aber doch fast erschrocken ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte
    »Aber Herr van Asten wie komme ich dazu«
    »Warum ich ein alter Esel bin das wünschen Sie zu wissen Sie sollens
Ists mir doch so als müsste ich Einem mein Herz ausschütten Drei dumme
Streiche Wenn Sie die gemacht na was wär es Ein KavallerieOffizier braucht
nicht zu denken aber ein alter Kaufmann Pfui  Pro prima das ist wacklicht
pro secundo das ist faul und pro tertio das ist dumm Pro primo das sage ich
Ihnen nicht ist ein Kompagniegeschäft mit einem vornehmen Herrn Das wackelt
noch aber kommt Krieg  fliegts in die Luft der große Herr wird sich
salviren der kleine bleibt hängen Die Moral ist s ist nicht gut mit großen
Herren Kirschen essen Pro secundo habe ich vom Legationsrat drei kurze Wechsel
auf drei lange prolongirt Denken Sie neun Monat Darüber muss ein Kind zur Welt
kommen wenn nun ein Krieg kommt wenn er eclipsirte Die Moral ist wenn man
einen Aal am Kopfe hält muss man nicht loslassen sonst sitzt man bald am
Schwanzende Und drittens denken Sie sich da habe ich eben eine ganze Schrift
die der Nachbar Herr Mittler gedruckt hat für mein baares schweres Geld
aufkaufen lassen verstehen Sie alle fünfhundert Exemplare«
    »Was Wollen Sie auch Buchhändler werden«
    »Gott bewahre mich Kontobücher die andern taugen nichts«
    »Was steht denn drin was Sie so sehr interessiert«
    »Lauter dummes Zeug«
    »Was wollen Sie damit«
    »Verbrennen Sind schon Asche«
    »Pestilenz« rief der Rittmeister »Sie sind mir ein kurioser Mann«
    »Möglich Sehen Sie das dumme Zeug rührte von mir her nämlich Blut von
meinem Blut von meinem Sohn Konnte ichs nun übers Herz bringen das dumme
Zeug unter die Leute laufen zu lassen Also fix in die Tasche gegriffen und
Manteuffeln es machen lassen«
    »Nu das ist pfiffig gehandelt«
    »Recht dumm Herr von Dohleneck Manteuffel glaubt zwar er hat sie Alle
gekriegt aber Eins oder das Andere ist doch unter den Tisch gefallen und wer
das weg hat gibts nicht raus Wirds nun erst bekannt man kriegt keine mehr
dann fallen sie drüber her wie die Fliegen übers Aas Jeder wills lesen Ist
das nun nicht eine pure Dummheit hundert Taler wegzuschmeissen damit ich was
Dummes erst recht in die Welt schicke«
    Das lag außer dem Departement des Rittmeisters Er stellte ein leeres Glas
auf den Tisch »Herr wissen Sie was  Aber verraten müssen Sie mich nicht
Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen repariren Dem Legationsrat passen
wir Alle auf die Finger und wenn er sich mal attrapiren lässt dann soll er
Ihnen kein Kopfweh mehr machen« Der Kaufmann war aufgesprungen und fasste den
Rittmeister mit beiden Händen ich glaube es war nur an den Kragen ursprünglich
war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht Der Respekt ließ die Hände
tiefer sinken »Herr sind Sie des Teufels Keine Hand angerührt an meinen
teuren Legationsrat Wollen Sie mir fünftau  wissen Sie wie hoch die Wechsel
sind  Herr Goldmann dass Dich Nicht rühren an den Mann bis  Wollen mich
doch nicht ruiniren  Und Alles bleibt geheim nicht wahr«
    »Die Wände werden nicht plaudern« sagte der Rittmeister Ein deutscher
Handschlag und der Rest der Flasche floss in das Glas des Offiziers »Also«
sagte der Kaufmann »indem er den bewussten Wechsel zum nicht geringen Befremden
des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog« »also auf wie lange wollen Sie
ihn prolongirt  Denke auf neun Monat Lieber Gott in neun Monat was ist da
nicht geboren« Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt
    »Sie haben mir nen recht großen Gefallen getan« schloss van Asten »Könnte
man alle Geschäfte so schnell abwickeln Passirt aber auch nur unter Freunden
die sich ganz verstehen Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedürfen
einhundert oder zweihundert Tälerchen klingeln Sie nur Spandauerstrasse
gleich um die Ecke das dritte Haus und dann links auf dem Hofe ist der
Eingang«
 
                          Zweiundvierzigstes Kapitel
                                Fensterskizzen
Es war ein grauer Herbsttag an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf
die Dächer von Potsdam warf Der Wind wehte die gelben Blätter durch die
Straßen öde sonst heute belebt von Köpfen Uniformen Livreen aller Farben und
Muster von Physiognomien die den verschiedensten Nationen ja Weltteilen
anzugehören schienen Die Equipagen von Ministern Generalen von Gesandten und
fremden Prinzen rollten unaufhörlich zwischen den Palästen und Wirtshäusern
und zu diesen Gästen von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt
zahlreiche Postchaisen Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen ihrer Zeit
wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen deren magere und keuchende Pferde
zwölf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf ein Mal in der zweiten
Residenzstadt absetzten
    Es musste ein großes Ereignis oder eine große Erwartung sein welche so
viele Berliner und an einem Tage den beschwerlichen Weg unternehmen ließ Ja
Potsdam das lange verödete schien wieder der Mittelpunkt eines europäischen
Lebens geworden Man sah es an den Blicken man hörte es am Geflüster der
Gruppen aber nicht an den laut gewordenen Reden Denn wenn Zwei sich
begegneten fragten sie nur »Haben Sie ihn schon gesehen«  Wenn ihn nicht
den ritterlichen Gast hatte man doch einen seiner silberumgürteten Kosacken
gesehen die Straße auf die Straße ab sprengten angestaunt und bewundert von
Allen Und es war doch auch sonst so viel auf den Straßen zu sehen was da
selten sich zeigt die ersten Männer des Staates Militär und Civil im Freien
promenirend in den Haustüren an den Ecken stehend Es schien ein öffentliches
Leben in der Stadt Potsdam und  es war keine Parade So vornehm die Männer und
Gäste waren doch nicht alle geladen ja die wenigsten hatten in den
Appartements des Schlosses Zutritt welche heute mehr dem häuslichen und
Familienbeisammensein geöffnet sein sollten Aber gleiche Erwartung Spannung
ob und was sich entwickeln werde hatte die Ersten und Höchsten hergetrieben
Feldherren Minister und Kabinetsräte und nicht mit dem geheimnisvollen
Nimbus der Autorität und des Allesbesserwissens um die Stirn suchten wie die
Opferpriester im Pflug der Vögel in den Mienen der Anderen, ob sie eingeweiht
waren Es mussten Wenige eingeweiht sein Die eben vom Schloss zurückkamen
antworteten wenn Gruppen sich um sie bildeten nur mit Achselzucken
    Auch vornehme Damen standen an den geöffneten Fenstern Neugierig schweiften
die Blicke der Fürstin Gargazin über den Platz und sie hörte nur halb was der
Kammerherr von St Real erzählte Er war im Schloss gewesen und hatte aus dem
Vorzimmer einen flüchtigen Blick auf das häusliche Glück im Schoss des
Heiligtums geworfen
    »Was helfen uns Familienscenen Kammerherr«
    »Seine Majestät der Kaiser ließ zwei der königlichen Kinder auf Ihren
Knieen reiten Ihre Majestät die Königin blickte mit verklärter Mutterfreude auf
das Bild«
    »Das glaube ich aber der König«
    »Stand die Hände auf dem Rücken daneben«
    »Ernst wie immer«
    »Nein Seine Majestät lächelten Alle meinten das werde ein Unité die nie
zerreißen kann«
    »Aber Andern die Geduld« warf die Fürstin ein »Die Einigkeit da gefällt
mir besser Sehen Sie Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm«
    »Sie scheinen in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt« bemerkte ein
Dritter am Fenster
    »Und Blücher schlägt hinter ihnen mit den Füßen den Takt Er kann kaum seine
Freude verbergen«
    »Er sollte nur den Säbel nicht so klirren lassen Lombard flankirt umher
Ihm ists nicht recht Er möchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben«
    »Sehen Sie die Position die er einnimmt Sie sehen Lombard noch nicht so
sind sie vertieft Jetzt müssen sie auf ihn stoßen und geben Sie Acht wie er
sich wie ein Aal in ihr Gespräch schlängeln wird«
    »Magnifique« rief die Fürstin und klatschte ihre feinen Hände unwillkürlich
zusammen Ein rieselndes Gelächter der Umstehenden akkompagnirte ihre
Empfindungen Der Erzherzog musste Lombard gesehen haben und mit einer
geschickten und raschen Wendung bog er kurz vor seinem Zusammentreffen dem
Hindernis aus »Parbleu Erlaucht steht er nicht da wie eine Salzsäule«
    »Lombard verblüfft ô cest pour rire«
    »Er recolligirt sich schon«
    »Der rechte Mann um bonne mine au mauvais jeu zu machen Aber sehen Sie
Rücheln dort an der Ecke Wie ein steinerner Roland und ein Gesicht als hätte
er in eine bittere Citrone gebissen«
    »Das ist schlimm wenn Rüchel nicht zufrieden ist«
    »Wie sollte er es sein gnädigste Frau wenn Blücher vor ihm triumphirt«
    »Ah Monsieur de Bovillard« rief die Fürstin mit holdseliger Stimme über
die Fensterbrüstung gebeugt »Den« Die Kavaliere sahen sich verwundert an »Er
kommt wahrhaftig herauf«
    »Meine Herren von meinen Freunden erfahre ich nur was ich weiß an unsere
Feinde müssen wir uns wenden wenn wir lernen wollen« entgegnete die Fürstin
rasch umgewandt während der Mann welchem die Bemerkung galt schon die Treppe
herauf stieg »Tout à vos ordre ma princesse« keuchte der Atemlose sich tief
verneigend
    »Wer ist beim König«
    »Haugwitz wie Sie sehen promenirt mit dem Erzherzog Voss geht in der
Antichambre verdrießlich umher und sagt zu den Einen Ja zu den Andern Nein
Hoym hat nur Augen für die Königin er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre
Winke Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten über die
Viehzucht in der Krim Köckeritz sagt zu Jedem es werde Alles gut werden wenn
man nur ruhig bleibt Wittgenstein hat ein Paar vornehme Russen am Arm und
zischelte ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu Zur Radziwill war
Alexander sehr zuvorkommend Sie ist ihm aber zu entusiasmirt hat mir im
Vertrauen Fürst Woronzof gesagt Er liebt die plastische Ruhe Die Prinzess
Marianne bewundert er um ihre Schönheit sie ist ihm aber wieder zu plastisch
und klassisch Komtess Laura «
    »Um Himmels Willen das Kataster unserer Schönheiten ein andermal«
unterbrach ihn die Fürstin
    »Aber die Königin bleibt die Centifolie unter den Blumen die Sonne unter
den Sternen Und welcher getreue Untertan wagte dem zu widersprechen«
    »Beim Gespräch vor der Kinderscene ich meine im Kabinet war kein Minister
zugegen Wo war check Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt«
    »Erlaucht ich bin ja so unschuldig wie ein neugeboren Kind und hol mich
der Geier  pardon  sie sinds alle im Schloss Es druckst etwas und will
nicht herausplatzen «
    »Und der Allianztraktat « platzte es bei der Fürstin heraus
    »Steht noch nicht auf dem Papier«
    Die Fürstin war nicht mehr Diplomatin sie ging mit Heftigkeit auf und ab
»Und von der Stunde hängt es ab  Ist denn solcher  möglich Jung und «
    »Die Bedächtigkeit ist doch eine schöne Sache« fiel Bovillard ein
    »Ihr intriguirt doch hinter unserm Rücken« fuhr die Fürstin auf »trotz
checks Versprechen das er der Radziwill geben musste trotz des Gesprächs was
Lombard neulich mit der Prinzessin Marianne hatte Ihr lasst Haugwitz mit dem
Erzherzog Anton verhandeln damit er von der wichtigern Unterhaltung mit
Alexander abgezogen wird Hardenberg lasst Ihr einer reisenden Schauspielerin
mit Extrapost nachfliegen dass er noch nicht nach Potsdam zurück ist Prinz
Louis zu einer opportunen Zeit dem König in den Weg treten dass er aufgebracht
werden musste Stein Gott weiß wo Ihr den in den Winkel gestellt habt Kurz
ich durchschaue alle Eure Ränke und im wichtigsten Moment seines Lebens wo er
Rat haben muss ist es Euch gelungen ihn mit Nullen und Pagoden zu umstellen«
    Wie Bovillard jetzt aufrecht stehend sie groß ansah die Hand an der
Brust hätte der gewiegteste Psycholog geschworen er meine es aufrichtig
»Erlauchte Prinzessin die Flüsse spielen um den Berg aber wenn der Berg den
Einfall bekommt einzustürzen ist ihr Spiel aus Einem Selbsterrscher aller
Reussen gegenüber der den Einfall bekommt uns mit seinem höchst eigenen Besuch
zu überraschen hört unser Spiel auf Der Gewalt weicht die Kunst Jetzt spielen
höhere Mächte und wir fügen uns als Stoiker in das Unabänderliche«
    Es entstand eine Pause Die Fürstin hatte ihre Promenade noch nicht beendet
»Einer muss doch den Anfang machen« rief sie halb für sich aus dem Chaos ihrer
Gedanken
    »Aber wenn der Eine es nicht geschickt anfängt schickt er ihn fort« sagte
Bovillard »So ging es Stein Der Freiherr polterte mit einer Proklamation los
die er in der Tasche trug am Schweif eine Kriegserklärung Majestät zogen die
Stirn und zuckten mit dem Arm Stein sagte was man wolle müsse man zeigen und
was man zeige müsse man wollen Majestät sagten sie hätten auch noch andre
Räte auch kluge Leute auch treue Diener ihres Herrn die er schon länger
kenne als den Herrn von Stein und die nicht gleich mit dem Kopf durch die Mauer
wollten Zum Glück aplanirte der Kaiser mit einer liebenswürdigen Wendung den
Riss«
    »Und Stein«
    »Studirt im Lustgarten den Kunststil der Dryaden und Najaden«
    »Hardenberg wäre besser zum ersten Angriff gewesen Wer denn nun Johannes
Müller ist doch citirt« sagte die Fürstin
    »Steht auch da Erlaucht mit der Feder in der Tasche Tinte hat er auch
aber das Papier will man ihm noch nicht geben Lombard ist ja auch berufen hat
auch die Feder gespitzt je nach dem französisch oder deutsch hart oder
weich«
    »Aber nachdem Stein abgebljetzt mussten doch Majestät Ihre Meinung äußern«
    »Sie haben sie auch geäußert Das Wort Kriegserklärung so hart noch
herausgestossen ohne Überzuckerung hatten Majestät dermaßen irritirt dass Ihr
Majestät die Königin dem Kaiser einen Wink gab Alexander verstand sie auch mit
einer admirablen Grazie Nun ward der Krieg emballirt in eine traurige
Eventualität übersetzt und unter dieser Umhüllung passirte er wieder in der
Konversation Wenn man nur den rechten Ernst zeige und nur zur rechten Zeit
dann könne man sich der sichern Hoffnung hingeben «
    »Dass Bonaparte zu Kreuz kriecht  O charmant« rief die Fürstin und dunkle
Lichter blitzten auf ihrem Gesicht die wenig zu der zurechtgelegten Sanftmut
passten »Darum von Petersburg nach Moskau geflogen darum eine halbe Welt in
Aufruhr darum diese kostbare Stunden in Potsdam Um eine Ambassade um eine
neue Konferenz um Protokolle «
    »Ohne Ambassade Erlaucht geht es nicht ab mein kleiner Finger sagt es
mir«
    »Die dem Korsen vorstellen soll wie unbillig er gehandelt ihm Moral
predigen und Unterricht im Völkerrecht geben Damit er sie uns alle nicht
allein verachtet besiegt mit Füßen tritt nein dass er sie auch verlacht Und
er hat recht«
    Der Major von Eisenhauch war schon während ihres Gesprächs eingetreten Er
schien über die Gesellschaft die er hier fand verwundert »Nun und Sie
Major« Er zuckte die Achseln »Bis zum außerordentlichen Gesandten ist man
gekommen Er soll morgen abreisen«
    »Mit welchen Bedingungen«
    »Man spricht davon der Luneviller Friede soll zum Grunde gelegt werden«
    »Die kann Bonaparte nicht annehmen« sagte die Fürstin rasch »Das wäre also
so gut wie Krieg Aber wer wird zu ihm gesandt«
    »Haugwitz«
    In den Gesichtszügen der Anwesenden war Überraschung vielleicht etwas
mehr Entrüstung Schreck zu lesen Eine sprachlose Pause »Ist das auch das
Spiel der höheren Mächte« fragte die Gargazin mit einem bitteren Blick auf
Bovillard der verstummte Der Major antwortete statt seiner »Seiner Majestät
eigener Wille Niemand hatte natürlich an Haugwitz gedacht Sie mögen denken
wie es auf Alle gewirkt Aber des Königs Gerechtigkeitsgefühl spielte mit«
    »Sagen Sie  ach mir fehlen auch die Worte dafür Er schickt den der unter
jeder Bedingung nach dem Frieden greift«
    »Warum nicht den« bemerkte Bovillard bescheiden »der Napoleon persönlich
angenehm ist Zum Vermitteln schickt man doch nicht widerwärtige Geschöpfe«
    »Um Vergebung« nahm der Major das Wort »ich glaube vielmehr dass das des
Monarchen eigentümlicher Sinn war Er wollte dem welchen er durch einen
gefassten Beschluss gekränkt durch sein Vertrauen es vergütigen Übrigens ich
glaube jetzt auch an Haugwitz Er geht nicht gern aber er geht Der Erzherzog
der Kaiser von allen Seiten überschüttet man ihn mit schmeichelhafter
Aufmerksamkeit Auch contrecoeur ist er verstrickt«
    »Meine Herren« erhob sich die Fürstin »die Personen sind am Ende
gleichgültig Aber wo ist der Wille Was ist beschlossen Wann reist Haugwitz
Mit Kourierpferden Wohin Welchen Termin soll er dem Usurpator setzen Wenn er
nein sagt wann stoßen unsere Heere zusammen Wo Wo ist der Plan Wo der
Traktat Fehlt es in Potsdam an Papier Eine Feder kritzelt zu langsam Mit
Blitzen müsste man schreiben Denn der Attila reitet auf Blitzen« Sie sah sich
vergebens nach einem Aufblitzen in den Mienen um Die Herren zuckten die
Achseln Man blickte ziemlich ratlos zum Fenster hinaus Auch dort waren nur
fragende Gesichter
    »Köckeritz kommt aus dem Schloss«
    »Rüchel packt ihn Wie hastig sie sprechen«
    »Rüchel ist außer sich Er kneift den armen Köckeritz ordentlich in den
Arm«
    »O weh seine Nachrichten müssen schlimm lauten«
    Aber man sprach sich Trost zu Es sei gut dass man die Hitzigen aus der
nächsten Umgebung zu entfernen gewusst Die Radziwill und ihr Bruder hätten
durch ein Wort alles verderben können Die Königin operirte verständig und im
Einverständnis mit dem Kaiser Sie leiteten klugerweise das Gespräch auf
gleichgiltige aber dem König angenehme Dinge um in der Gunst der Stunde auf
die Sache einzulenken Dann lasse sich oft das Schwierigste in einem Augenblick
abtun
    »Und wer kann sich rühmen dass er der Liebenswürdigkeit eines Alexander auf
die Länge widerstanden hat« bemerkte ein Begleiter der Fürstin mit einem feinen
Seitenblick der trotz der Aufregung verstanden ward
    Es hatte sich noch Jemand in der Gesellschaft eingefunden entweder jetzt
erst oder er befand sich schon eine Weile unbemerkt im Zimmer das einer
gemeinschaftlichen Schauloge ähnlich schien Vom letzten Fenster wandte sich der
Legationsrat von Wandel zu dem Sprechenden um »Wir dürften uns die klugen
Leiter dieses Tages zum Beispiel nehmen und wie sie die Ungeduldigen unsere
eigene Ungeduld zurechtweisen Wenn man auch schon einig wäre würde man einen
geheimen Traktat vor aller Augen abschließen Halb Berlin ist hier versammelt
die Ohren und Augen dringen bis durch die Mauern des Schlosses Außerdem kennen
wir alle die Scheu Seiner Majestät vor der Publicität Man hat gewiss diesen Tag
in Potsdam nicht ohne Absicht gewählt aber nicht auf diesen Strom von
Zuschauern gerechnet Mich dünkt es ist sehr klug dass man nun den Tag
verstreichen lässt um den Abend abzuwarten«
    »Wissen Sie etwas« Die Fürstin trat mit ihm bei Seite
    »Eigentlich nichts Man unterminirt und weicht aus Alexander sucht ihm die
Eventualität als gar nicht so gefährlich zu schildern Es werde mit einer
Entscheidungsschlacht abgetan sein Wenn die drei vereinigten Heere zusammen
agirten müsse man den schon Geschwächten zerdrücken wie er den Mack bei Ulm«
    »Und er rechnet aus die Leichen und das Blut«
    »Dann meint Alexander es werde vielleicht in dem Falle gar nicht zum
Blutvergießen kommen umzingelt ohne Rettung ohne Aussicht werde er sich auf
Gnade ergeben«
    »Charmant Majestät unser gnädigster Kaiser malen ihm auch vielleicht die
Seligkeit der Großmut Wie sie den Besiegten aufheben ihn an ihre Brust
drücken wollen wie Karl den Wittekind ihn ihrer Liebe versichern und ihm ein
bescheidenes Kaisertum zuweisen Nicht wahr Majestät Napoleon werde gerührt
von so viel Großmut in Tränen ausbrechen dass er sich in seinen wahren
Freunden getäuscht mit ihnen in einem heiligen Bunde geloben fortan nur für
das Wohl der Menschheit zu wirken Und so weiter«
    »Vergessen Erlaucht nicht der König ist ein gerechter Mann und ein Mann von
Takt Durch Illusionen lässt er sich nicht bestechen«
    »Bestechlich ist Jeder Man muss nur viel und das Rechte bieten«
    »Ihr Kaiser schien vergessen zu haben dass der König vor Napoleon Respekt
hat Friedrich Wilhelm erinnerte ihn dass er ein großer Feldherr sei dem Gott
Siege verliehen und nur Siege auch jetzt ein gekrönter Fürst den er
anerkannt dass er Verträge mit ihm geschlossen die ihm immer und auch dann noch
heilig seien wenn der Andere sie verletzt «
    »Wirklich Und «
    »Da schien die Königin der Bock einen Wink gegeben zu haben Sie trat mit
einem der jüngsten Kinder herein«
    »Et cetera« rief die Fürstin ungeduldig »Und nach dieser Kinderscene was
kam da für eine neue«
    »Nachdem man wieder weich geworden stellten Ihr Majestät ihrem Gemahl vor
ob nur Bonaparte vor Gott mit Siegen gekrönt ob nur er Kronen trage ob man um
seiner Feinde willen seine Freunde vergessen dürfe Ob er einen besseren Freund
habe als Alexander Ob irgend ein anderer Freund so gütig seine herben Launen
würde hingenommen haben Was er sagen würde wenn der Kaiser aufgebracht das
Zimmer verlassen sich in den Wagen geworfen und aufgebrochen wäre Und was die
Welt dazu sagen würde wenn Alexander  nach solchem Embarras scheide breche
Ob das nicht ein Bruch mit Russland mit den Alliirten wäre Ob Napoleon
wenigstens das nicht so ansehen müsse Ob er mit Gewalt in dessen Arme wolle
gestoßen sein«
    Der Legationsrat neigte sich zum Ohr der Fürstin »Ein moralischer Koup
Irgend eine Attrape  um Mitternacht meint man Worin sie bestehen wird ist
noch Geheimnis«
    »Doch keine Geisterscheinung« Die Fürstin sah ihn misstrauisch an »Die
kämen im Jahre 1805 um zehn zu spät Und woher wissen Sie es«
    Der Legationsrat beugte sich wieder aus Ohr der Fürstin als die Tür
aufgerissen ward und der Jäger herein rief »Excellenz Minister Laforest«
    »Laforest« hallte es leise wider von den Lippen die Gesichter schienen zu
erblassen wie vor einer Geistererscheinung Aber Laforests Eintritt
verscheuchte den Eindruck Ihm voraus sprang ein großes schönes Windspiel er
selbst im eleganten hellen NegligéÜberrock glich mehr einem Engländer als
einem Franzosen nonchalant und heiter warf er leicht grüßend seine Blicke im
Kreise umher nachdem er vor der Fürstin sich verbindlich geneigt
    »Herr von Laforest in Potsdam  das ist ja eine unerwartete Überraschung«
sagte diese
    »Sie meinen weil Duroc abgereist ist müsste ich auch Pässe erhalten
Durocs Mission war Krieg meine Frieden Der Krieg geht ab der Friede bleibt
Gnädigste Frau das ist der Vorzug eines ordentlichen Gesandten der sich um
außerordentliche Dinge nicht zu kümmern hat«
    »Excellenz haben vermutlich doch die Dinge sehr nahe betrachtet«
    »Ich kam auf dem Umweg über Sanssouei Das herbstliche Laub gibt eine
wunderliche Schattirung Sie sollten dahin einen Ausflug machen Herr von Stein
ging an mir vorüber ohne mich zu sehen Ich mache nun wirklich nicht Ansprüche
ein Menschenkenner zu sein aber ein ABCSchüler konnte auf seinem Gesicht
lesen dass seine Kriegspläne nicht durchgegangen sind Ein Biedermann ein
scharfer Verstand mit einem Wort ein Kraftgenie dieser Herr von Stein
Wirklich schade dass er ein Ideologe ist«
    »Haben Sie gute Nachricht von Ihrem Kaiser Seine Majestät befinden sich
doch in erwünschtem Wohlsein«
    »Er erwartet mit Sehnsucht den Ambassadeur aus Berlin Sie müssen wissen
Kaiserin Josephine bewundert Kaiser Alexander in der Stille um seine Humanität
seine Ritterlichkeit Sie möchte ihn gern von Angesicht sehen «
    »Mein Kaiser Alexander ist zu galant als dass er dem Wunsch einer reizenden
Dame nicht gern entgegen käme«
    »Auf das Entgegenkommen kommt es ja nur an in allen Dingen«
    »Das fehlte noch dass uns Napoleon hier überraschte« rief unwillkürlich
Major Eisenhauch
    Der Gesandte schien es gehört zu haben »Aber nichts von Überraschung in so
ernsten Dingen Ein neutraler Ort in der Mitte der findet sich ja leicht zum
Fürstenkongress Drei vier edle Monarchen und noch edlere Menschen begleitet
von schönen Fürstinnen holden Frauen in deren Augen der Tau des Mitgefühls
für Menschenleiden perlt und in ihren Händen ruhend das Schicksal des
Kontinents Was gibt es Schöneres Einen Dichter könnte es begeistern zu einer
Ode Leider sind Diplomaten keine Dichter Tiras Attention«
    »Wohin« Laforest war aufgestanden der Hund sprang an ihn herauf
»Wittgenstein ließ mich dringend auf einen Augenblick bitten Was wird es sein
Eine neue chronique scandaleuse  Berlin ist von Ihrem Kaiser enchantirt Weiß
man noch gar nichts wo sein Auge hasten blieb«
    »Wohin sehen Excellenz«
    »Prächtig  Das sind die Söhne der Natur, Prinzessin Besonders der ältere
mit dem rötlichen Bart«
    »Ach die beiden Donischen Kosacken seine Begleiter«
    »Solche Ursprünglichkeit Das erquickt das Auge Wie zusammengewachsen mit
ihren Pferden Kein Blick der Neugier auf die Tausende welche sie angaffen
Herr von Eisenhauch seufzt  gewiss über unsere Entartung Ja von den Söhnen der
Steppe könnte wieder frisches Blut in unser Geschlecht kommen«
    »Der Kaiser reitet jetzt wahrscheinlich aus« sagte der Kammerherr
    »Wenn Kaiser Napoleon uns mit seinem Besuch erfreuen sollte sprach der
Major wird er uns doch auch mit seinem treuen Rustan überraschen«
    »Hier braucht er keine Mamelucken« fiel Laforest rasch ein
    »Im Vaterlande der Humanität schützt ihn Ruhe und Ordnung Er hat es oft
gesagt in Berlin würde er allein ohne Waffen ohne Begleitung in der Dämmerung
durch die Winkelgassen reiten«
    »Ein ehrenvolles Attest für uns« bemerkte St Real »Gewiss« stimmten Alle
ein
    »Wenn es seine irdische Krone verlöre hätte Preußen auf die himmlische
Anspruch die den Friedfertigen verheißen ist«
    »Wir sind Feinde Herr von Eisenhauch« wandte sich Laforest zum Sprecher
während die Fürstin zum Fenster hinaussah »Feinde aber in Einem kommen Sie
doch mit mir überein«
    »Ich gebe nichts auf«
    »Auch nicht die Hoffnung dass man hier noch Politik machen kann«
    Der Jubel draußen galt dem Erscheinen des ritterlichen Kaisers Zwei Schritt
begleitete die Fürstin den Gesandten seine Miene schien ihr noch etwas
mitteilen zu wollen »Was solls noch Excellenz Die Orlogfahne flattert«
    »Sie kann wieder abgenommen werden«
    »Jetzt nicht mehr«
    »Aber später«
    »Die Kluft ist zu groß«
    »Über die tiefste weiß die Diplomatie Brücken zu schlagen wenn das
Interesse es fordert Wir sind Feinde in Einem kommen Sie aber doch mit mir
überein«
    »Keine Allianz« rief sie mit nervöser Heftigkeit
    »Mit den Ideologen oder Germanomanen Ich bin kein Dichter aber vielleicht
ein Prophet Ich sehe die Brücke gespannt die Russland und Frankreich einst
verbindet«
    »Was wollte Laforest eigentlich« fragte ein Russe nachdem der Kaiser
vorüber geritten und die Gesellschaft sich wieder schweigend zusammen fand
    »Auf die Frechheit den Hohn setzen« rief Eisenhauch
    »Belauscht hat er wenigstens nichts was er nicht schon weiß« versicherte
Bovillard
    Der Legationsrat erwiderte »Vielleicht nur uns beschäftigt um unsere
Aufmerksamkeit von dem abzuziehen was wir nicht wissen sollen Die erlauchte
Frau steht in Gedanken versunken«
    »Über dem aufgewühlten Chaos hinzutänzeln wie auf Blumenwiesen ist die
Kunst dieses Lebens« sagte die Fürstin Gargazin »Wer immer die Risse sähe und
die züngelnden Flammen  Ich liebe die Diplomaten welche in jeder Situation
die Dehors beobachten«
    »Frau Baronin Eitelbach« meldete der Jäger
    »Unausstehlich« schien auf den schwellenden Lippen der sanften Frau
geschrieben aber über die Lippen kamen nur die halb verhallenden Worte »Auch
die jetzt Und wir stehen auf Kohlen« wobei ein strafender Blick auf den
Legationsrat fiel der aber blieb bis auf ein leises Achselzucken unbeweglich
Es war die Protestation der Unschuld »Sehr willkommen« sagte die Fürstin laut
und als die Gemeldete eintrat war der Schauer des Unmuts von Lippen und Stirn
verschwunden oder versteckt in dem herzlichen Embrassement
    »Auch meine liebe Baronin Ich weiß nicht ob die Überraschung größer ist
oder die Freude«
 
                          Dreiundvierzigstes Kapitel
                          Das Gespenst von Sanssonci
Teilten nur die mit Sternen und Bändern die fieberhafte Stimmung Auch unter
dem schlichten Bürgerrock schlugen warme Herzen bang sehnsuchtsvoll der
Entscheidung entgegen Nicht Alle vielleicht nicht Viele unter Vielen aber
Alle fühlten was es galt Wenn nicht das Vaterland selbst doch seine
gefährdete Ehre Und es war eine mächtige Blutströmung damals weil der Glaube
sie trug dass sie unerschütterlich stehe am Firmament angefestet mit dem
Gestirn das Friedrichs Ehre heißt
    Unter Denen die in dem langen Korbwagen aus Berlin gekommen wusste man
gewiss so wenig von dem was im Schloss vorging als die in glänzenden Equipagen
und mit blasenden Postzügen herübergerollt es wussten Und doch obgleich ihre
Ohren nicht so fein gespitzt ihre Augen nicht so geschärft waren um aus dem
Schütteln einer Handkrause Schlüsse zu ziehen was den Mann in dem Augenblick
bewegte der das Hemde trug obgleich alle die feinern Vermittelungen Organe
und Bezüge ihnen abgingen welche die Erwählten mit dem in Verbindung setzen
was ihnen als Herz gilt doch wussten diese Massen weit mehr als Jene Ein
Tropfen Blut färbt ein Glas mit Wasser ein Wort eine hingestreute Nachricht
durchfliegt bewegt entzündet die Massen Jene üben die Kritik der Phantasie
um ihre Denkkraft zu zersplittern bis zur Nichtigkeit Diese lassen sich
berauschen von einem Wink Blick Schall ohne ihn zu prüfen Jene legen die
Empfängnis auf einen Destillirkolben der auch den Diamant in Rauch zersetzt
bei Diesen fällt sie in den Zauberkessel des Glaubens und steigt und schwillt
zu einem riesigen Dunstphantom in die Lüfte
    Warum konnte denn Kaiser Alexander nach Berlin gekommen sein warum hatte
man ihn nach Potsdam feierlich abgeholt Warum hatten sich die hohen
Herrschaften als Familie abgeschlossen Warum war der Erzherzog Anton da und
die hohe Generalität in Gala Es muss eine systematische Depravation vorgegangen
sein wenn das Volk bei außerordentlichen Akten an eine Komödie denken soll Es
war Vieles in Preußen vorangegangen was das Volk geschmerzt gekränkt es hatte
viele Männer hassen gelernt und hielt andere für fähig es täuschen und
verraten zu wollen aber das die höchsten Behörden Minister und Generale die
Regierung in ihrer Gesammteit dass der Hof der König und der Kaiser ein großes
Schauspiel vor ihm aufführe hinter dem eine andre Wahrheit lauert als die
sichtbare das hielt damals das Preussische Volk für unmöglich Es glaubte an die
Wahrheit wie an die Ehre seines Staates
    Weil es glaubte war es froh In der Freude das Maß der Schönheit
beobachten ist nicht allen Völkern gegeben Die Lustigkeit brach roh heraus
Wenn der Kosack die Peitsche wirbelte jubelten sie ihn an sein Hurrah
erwidernd »Los auf die Franzosen« Man reichte den Söhnen des Don die
Schnapsflaschen Die Flaschen gingen auch im Volk von Mund zu Munde Des alten
Fritz Name der Name Rossbach schallten unter einem Gelächter dass Manchem die
schönen Namen in der Gesellschaft leid tun konnten
    Das musste auch Einem so gehen der sich unter die dichtesten Haufen
gemischt er wollte die Volksstimme hören Aber Walter van Asten fand nirgend
die Volkstimme die er suchte Ihm schien die Freude empörend mit der man dem
Kosacken die Hände schüttelte seine Stiefel Sporen betastete den Schweif
seines Rosses streichelte Einer im Haufen machte den Spassvogel Mit wankenden
Füßen und rotaufgedunsenem Gesicht malte er den Zuschauern wie Napoleon bei
Nossbach laufen würde wofür schallendes Gelächter und Jubel ihn belohnte
    Wo waren denn die Patrioten die Walter suchte Er musste in einer bösen
Stimmung sein wo er ging wohin sein Auge fiel sah er nicht was er erwartet
Im Volke Rohheit blödsinnige Hoffnungen in den Andern verbissene Wut
militärischen Übermut oder Kammerherrngesichter
    Er hatte auf ein Schauspiel gehofft auf eines das aufgehn werde wie die
Sonne am Frühlingsmorgen auf einen Auferstehungstag des Preussischen Volkes
Wenn die Trommel wirbelte eine Reiterschaar durch die Straßen sprengte Aller
Augen nach dem Schloss sich wandten wenn dann  die Fenster aufgerissen der
König an die Brüstung träte an der Hand die schöne Königin zur Seite der
ritterliche Freund Wenn er an die Brust fasste die Hand zum Schwur gen Himmel
hob »Gott sei mein Zeuge ich kann nicht anders Was ich getan er weiß es um
die blutige Entscheidung zu sparen Er wollte sie mir nicht sparen Mein Volk
es ist kein Krieg um eitlen Vorteil es gilt die Erhaltung deiner selbst
unsrer teuer errungenen Selbstständigkeit es gilt Preußens mit Füßen getretene
Ehe es gilt den Augenblick den nichts zurückkauft Mein Volk es gilt unser
Dasein Dies Wort ist Krieg und mein Volk wird zu mir stehen«  Und das Volk
wäre mit einer Stimme mit einem Laut in des Königs Worte eingefallen Dann
hätten Tränen perlen mögen im festesten Auge dann Jeder an die Brust des
Andern fallen dann die Arme sich zum Schwur erheben ein Laut in die Wolken
nicht Jubel Freude Musik ein Laut der Einigkeit zwischen Fürst und Volk
    Die Trommel wirbelte oft es blieben Präludien Kavallerieschaaren preschten
flimmernd und klirrend durch die Straßen es war der Wind der im Aehrenfelde
rauscht Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren das
Glockenspiel auf dem Turme
Üb immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein stilles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab
    Er folgte den welken Blättern die der Wind vor seinen Füßen trieb ihm
gleich wohin Er folgte ihnen aus der Stadt hinaus aufs Feld auf die Höhen
Ehe er es selbst wusste stand er auf dem Ruinenberge der das unter ihm
liegende Sanssouei und die noch tiefere Stadt beherrscht Die Laune des großen
Königs baute Trümmerwände eines römischen Cirkus hierher die Arena sollte das
Wasserreservoir werden aus dem die Fontainen in Sanssouei und der Stadt
gespeist würden Das Werk misslang und der König gab es auf Er war müde
geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur. Die künstliche Ruine von
Unkraut überwuchert von aufschiessenden Kiefernbäumen umstanden war selbst
wieder zur natürlichen geworden Die eisernen Röhren zerschlagen waren als
Prellpfeiler an den Straßen benutzt
    Walter lehnte sich an eine Arcade Grau lag Gegend und Stadt vor seinen
Füßen von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer über die Dächer vom
Geräusch kein Ton herauf Er war einsam nur die Krähen schwirrten um die
Kiefern Kalt die Luft grau der Himmel grau war es in ihm
    Es war grau nicht seit heute erst Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein
Schauspiel die Träume seiner Jugend gingen an ihm vorüber Der Ehrgeiz der
schon in des Knaben Brust gespielt wie oft hatte er sie geschwellt wonach
hatte er nicht die Hand gestreckt Was war jetzt sein Wie vieles davon hatte
er mit männlichem Entschluss es nie wieder anzusehen selbst in die
Rumpelkammer verschlossen Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lüfte
steigen hatte er nicht geträumt von Lorbeerkränzen und seinen Namen an die
Säulen geschrieben gesehen wo die glänzendsten stehen Eine Schamröte flog
über seine Wangen Dann  und dann es waren Schaumwellen und er lächelte Aber
er lächelte nicht mehr bei einem andern Gedanken seine Hand presste sich
krampfhaft an die Brust Und auch das könnte ein Traum gewesen sein  Liebt sie
dich denn  Er wollte die Frage die wie Hammerschläge auf sein Herz pochte
fortdrängen was gehörte sie hierher Er glaubte sie heut wenigstens überwältigt
zu haben andere Gedanken hatten ihn hergetrieben Aber wie neckisches Echo rief
sie wieder aus jedem Winkel
    Endlich schwieg das Echo aber er sann einer anderen Frage nach und seine
Brust hob sich wieder War das sträflicher Ehrgeiz Jugenddünkel Ist es mir den
Adlern erlaubt aus der Wolkenhöhe auf die Erde zu schauen Dringt des Menschen
Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge fliegt er nicht höher als der
Vogel Was tiefer höher War das Ehrgeiz dass er ein tiefes Übel des
Gemeinwesens erkannt dass der Drang ihn übermannt es vor der Welt hinzustellen
und zu rufen Helft und so könnt ihr helfen Wie ernst geprüft studiert hatte
er dann nach vollster Überzeugung seine Gedanken ausgesprochen so klar
deutlich es musste ja Jedem der die Augen nicht verschließen will
einleuchten Und wo er anklopfte verschlossene Türen wo er sprach lächelte
man Hatte ihn Jemand widerlegt Man hatte von schönen Gedanken gesprochen aber
wie die Welt sei blieben es ja doch nur Chimären »Sie hätten die ganze Welt
für eine Chimäre erklärt wenn der Schöpfer ehe er das Werde sprach die klugen
Leute befragt hätte«
    Und seine Schrift War ihm nicht das seltsame begegnet dass der Verleger
Herr Mittler auf der Stechbahn schon nach einigen Tagen als er sich einige
Exemplare zurückholen wollte ihm lächelnd erklärt dass sie sämtlich vergriffen
wären  Verkauft Alle bis auf das letzte und  Niemand in der ganzen Stadt
sprach davon Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab erregten sonst
auch die unbedeutenderen Aufsehen und von seiner wusste Niemand Niemand fragte
ihn danach keine Zeitung hatte sie erwähnt 
    Sein Auge streifte nach den Krähen hinaus Dachte er an die Märchen von
Raben welche gestohlene Pretiosen in ihre Nester tragen Da blinkte es
allerdings golden in dem Krähenneste zu seinen Häupten aber es war ein
Nachmittagstrahl der das raue Geflecht anrötete Die Wolken waren gebrochen
und die Sonne goss mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Teil der
Gegend Sanssouei mit seinen Metallkuppeln fing den vollsten Strahl auf Die
Schnörkelspitzen der Dächer glühten es musste warm werden auf der Terrasse
warm wie ein später Herbsttag es zulässt und Waltern fröstelte auf der windigen
Höhe
    Die Tore waren geöffnet und unbewacht Die Wege waren mit welkem Laub
überstreut Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei wen
seine Beine trugen war nach der Stadt gewandert Ja es war laue Luft auf der
Terrasse und Walter müde Er setzte sich auf einen der Steine unter denen
Friedrichs Hunde ruhen Es stand ein verwitterter Name darauf Ob unter Allen
die jetzt lebten einer das Tier gekannt das ihn trug Und doch hat sein Name
Antwartschaft auf Unsterblichkeit
    Die Orangerie war längst in die Glashäuser geschafft es sah leer wüst und
zerstört aus Nur einige von den Riesenkürbis die man nicht der Mühe wert
hielt fortzutragen faulten am Boden Die hohen bis zur Erde reichenden
Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglüht Der Reflex des
Lichtes blendete ihn und doch sah er immer wieder hin »als wären es seine
großen Augen«
    Wenn diese Augen herab sähen wenn sein Geist jetzt in den öden Sälen
wandelte Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Grössten seines
Jahrhunderts diktirt wäre zurückzukehren als Schemen und zu sehen hören
einzuschlürfen den Schmerz wie Staub und Wetter Moos und Rost seine Schöpfung
umzogen Noch nicht zwanzig Jahre vergangen und wo war seine Herrlichkeit
    Klopfte es nicht an die Fenster war es nicht sein Finger der voll Unmut
dagegen hämmerte  Auch die körperlosen Wesen haben nicht die Macht sie sind
nur der Schwamm der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt die Aeolsharfe die vom
Wind bewegt wird die Seele die den Weltschmerz empfangen muss aber keine
Träne kein Wehruf nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergönnt
ihren eigenen Schmerz den Lebendigen kund zu geben
    Walter war ein Romantiker gewesen an Geister glauben war damals sein
errungenes Recht Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht Das
Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes ein künstliches selbst
verfertigtes von einem nüchternen Geschlechte blasse Strahlen werfend wie Mond
und Nordlicht keine Wärme verbreitend So hatten sie gelehrt so hatte er
geglaubt An einem andern Lichte müsse der Geist entzündet werden an einem
andern Feuer das Blut erwarmen Nicht durch die Vernunft, numine afflatur der
Geist. So steigt er in die Höhen der Seligkeit wo das Auge trinkt aus einem
Silbermeer der Wahrheit und Gnade bis es trunken wird von Klarheit und Wonne
So hatten sie gelehrt und er hatte geglaubt Dazwischen lagen freilich Jahre
und andere Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele
gezuckt Was er noch lehrte glaubte er nicht mehr und was er glaubte lehrte er
nicht mehr  Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell der Funke den der
Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen und keine Fluten die
der Himmel herabgiesst löschen es mehr Dort mattes frostiges Licht es wärmt
nicht hier züngelnder Flammenschein er sengt verwirrt dich sein Feuerhauch
verzehrt dich vielleicht Was ist besser Seitdem war er aus der Schule ins
Leben übergegangen Er hatte aus der Pflanze aus dem Stein ihr Licht gezogen
er suchte wieder nach einem aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in
allen Zeiten
    Aber das Licht das aus Friedrich leuchtete war ihm ein kalter Schein
geblieben Man sagt wer ein Romantiker gewesen wer einmal aus dem Zauberquell
getrunken und aus der Erde die geheimnisvolle Wurzel riss der höre immer summen
und klingen die Zauberweisen die ewigen Klagen und das ewige Hohngelächter der
Natur, die nach Erlösung ächzt es sei der Venusberg der sich immer wieder
auftut Dem der aus ihm entronnen sagen die Verständigen Aber ich liebe die
Schatten der Wälder wenn mir zu heiß ward zwischen den Glutöfen und ihren
dampfenden Schornsteinen unter dem Strahl der Saatenreifenden Mittagssonne
Dann strecke ich mich auf das schwellende Grün unter ihren Riesenästen und
lausche dem Vogelgesang dem Rieseln der Quelle die an ihren Wurzeln spielt
Die Vögel und die Quellen singen Und wurden diese Bäume denn geboren als es
Nacht war weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Schoss der
Erde strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem
Sonnenreich Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte wenn es auch gar
nichts mehr hört von dem Rauschen der Zauberwälder
    So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten Und
Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines übelwollenden Gnomen in eine Welt
gesetzt zu der er nicht passte Da saß er auf der Brunnenröhre  das Bild kam
ihm wohl von dem bekannten der König nach dem Tage von Kollin  den Dreimaster
verschoben auf den schlecht gepuderten Locken und zeichnete mit dem Stock
Figuren Der Tabak lag dick auf seiner Schossweste die Augen wühlten glanzlos im
Sande er hatte keine für die liebende Teilnahme seiner Genossen die
ängstlichen Blickes um ihn standen Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich
trug so war es vielleicht eine aus einem anderen Jahrhundert aus anderen Zonen
über dem Ozean Er war verfrüht und isolirt auf dieser Scholle Die Freunde der
Jugend wenn er deren gehabt hatten die Wellen der Jahre fortgespült er saß
ein eigensinniger Greis der nur auf sich hörte misstrauisch gegen Alle ein
Einsiedler in der neuen Welt die nicht mehr seine war Seine großen Augen sahen
nicht den Wechsel der Geschlechter nicht neue Jugend um sich und andere Ideen
die mächtig sich empor rangen aus dem Deutschen Volke
    »Was sähe denn jetzt dies große Auge« rief er unwillkürlich laut Aber als
er seines aufschlug sah er eine Erscheinung Unfern von ihm auf einem anderen
Steine saß Friedrich Übergebückt die Locken überschattet von der schiefen
Spitze des alten Hutes zeichnete er mit dem Stock im Sande  Die Erscheinung
verschwand nicht als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb es
waren aber nicht Friedrichs Augen als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn
fragend ansah
    »Des großen Königs Auge meinen Sie« sagte der alte Mann und ein Seufzer
machte sich Luft Er war ein Militär aus Friedrichs Zeit und Walter wegen
seiner Täuschung zu entschuldigen wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und
die Träumereien es übernommen Der Typus eines bedeutenden Mannes drückt sich
unwillkürlich seinen Dienern und Bewunderern auf
    Es gibt Momente wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen ehe sie ein
Wort gewechselt Der Blick und die Physiognomie allein tun es nicht es ist der
Ort die Stunde das Licht die Luftschwere oder deren Leichtigkeit Sie können
Jahre lang sich begegnen Worte tauschen und bleiben sich doch fremd es ist
der Zauber des Augenblicks welcher die Seelen aufschliesst
    Der Weg zum Gespräch war kurz wo Beide sich entgegen kamen
    »Was war denn ein Vaterland« rief der Major mit dem Stock in die Erde
bohrend »als er die Franzosen lieben lernte was sie ihm jetzt zum Verbrechen
machen Ich alter Mann lese nicht viel neue Bücher doch aber einige und ich
lese es mit Schmerz wie die Jugend den Einzigen richten will Wie war es denn
damals Sehen Sie um sich so weit das Deutsche Reich ging  wie musste er sie
zu sich heran schleppen Sie liefen ihm dann nach nur weil ers kommandirte
Nun wars da zu verwundern dass er keinen Respekt bekam vor den Leuten die auf
Kommando ins Licht blickten dass er auf die nicht hörte die ihn nicht
verstanden und wie er alt und grämlich ward auf Niemand mehr«
    Walter wies auf die Glastür in der Mitte »Dort saß der König dieses Landes
mit dem hergelaufenen Witz aus allen Ländern und beim schäumenden Glase sprühte
von ihren Lippen der Spott über die welche im Könige ihren natürlichen Anwalt
haben sollten«
    »Haben Sie mein junger Herr den König da im Saale sitzen gesehen«
    »Nein« entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter »Ich war zu jung und
als ich ihn einmal sah «
    »Ich habe ihn gesehen« fiel der alte Offizier ein und schwieg einen
Augenblick dann fixierte er den Andern »Sie sind kein Junker wahrscheinlich
ein Gelehrter«
    »Wenn die Menschen durchaus in Stände geteilt werden müssen würde man mich
dazu rechnen«
    »Verlangen Sie dass ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus Denen
holen sollte die zum Wollmarkt kommen Lieber Gott mich dünkt er hatte genug
getan wenn er ihnen alle Stellen ließ in der Armee und im Civil ja auch Nun
an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen Engländer und Italiener
Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runter gespült
bei der Tasse schwarzen Kaffee«
    »Aber nachdem er den Kaffee getrunken Er hatte ja sein Volk gebildet Sie
sagten eben er hatte sie heran geschleppt Seine Junker lasen ja schon die
Pucelle ihm zum Vergnügen und wussten kaum dass eine Jeanne dArc gelebt
Homer und Leibnitz waren ihnen unbekannte Größen aber sie lachten aus
Herzenslust über den Kandide«
    »Nachgetan hat es ihm Mancher Aber wie Dass Gott erbarm Sollte er Die als
seinesgleichen in die Arme schließen Als er aus dem Nichts heraus arbeitete
bei seinem Schöpfungswerke wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern
geholfen«
    »Und was davon ist denn noch« sagte Walter und senkte den Kopf
    »Es muss doch schon noch etwas sein« entgegnete mit sarkastischem Tone der
alte Militär »Denn um der Hunde willen die unter uns liegen sind Sie doch
nicht hier Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder die des Jahres
die Terrasse besehen wollen Drinnen da hinter den Glasfenstern ists leer
der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern Warum
lässt man sie darin Warum ist denn noch Niemand in dies Haus gezogen nachdem
er es verlassen s ist ja so luftig und hübsch So meinen Sie doch wohl dass
drinnen noch etwas ist davor sie Respekt haben und gehen ihm fein aus dem
Wege«
    »Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krückenstock« warf Walter
hin
    »Kann wohl sein« nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter »Warum
kämen sie sonst aus Petersburg und Paris her und legten ihr Ohr an die Türen
Selbst der mächtige Kaiser Warum ständen die gesattelten Kourierpferde in den
Ställen um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen Um uns doch nicht
Sein Geist ists allein mein junger Herr Gelehrter der noch da sitzt auf den
horchen sie vor dem schüttelt es sie die Großen und Mächtigen dass er
plötzlich aufstehen könnte und sich schütteln im Zorn Herr was wir sind und
haben ist sein Werk unser Name unsere Straßen unsere Häfen unsere Ordnung
unser Respekt Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrückten Sein Wort das
er donnerte als der Müller Arnold klagte dröhnte durch Europa und es wird
durch die Welt hallen so lange sie steht Sein Wort dass Jeder in seinem Staate
selig werden solle wie er will Gott Vater im Himmel kann denn das je
vergessen werden Walte der« setzte er nach einer Weile hinzu indem er den Hut
von der Stirn nahm es war wohl um zu verbergen dass er die Hände im Schoss
faltete »Walte der da oben dass jetzt sein Geist da unten mitspricht«
    »Amen« rief bewegt der jüngere Mann
    Der Offizier bemerkte es wie er heftig dabei die Arme verschränkte und
finster in sich schaute Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu
    »Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen denn sein Volk lebt
noch«
    »Und er zögerte nicht Ja zu sagen« fiel Walter ein »wenn eine halbe Welt
ihn zu beschwören kommt«
    »Nein« sagte der Alte jetzt aufstehend »aber der große König hätte sich
nicht beschwören lassen er wäre der halben Welt zuvorgekommen und hätte den
Degen gezogen und sie beschworen dass sie ihm folgen musste Das ists da
liegt der Unterschied. Wo wir drauf losgingen siegten wir wo wirs an uns
kommen ließ zogen wir den Kürzern«
    Sie wurden hier unterbrochen Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war
schon eine Weile sichtbar oder hörbar nur sahen und hörten die Beiden im Eifer
ihres Gesprächs sie nicht und der ältliche sehr wohlbeleibte Mann der ihnen
mit einem weißen Tuche ängstlich winkte vermochte wegen seiner Körperschwere
nicht so schnell heranzukommen Jetzt aber war er da und wer er war und was er
wollte erlitt keinen Zweifel
 
                          Vierundvierzigstes Kapitel
       Zwei subalterne Personen drohen den Gang der Geschichte zu ändern
»Kurz es ist nicht erlaubt hier auf den Steinen zu sitzen«
    So schloss der wohlbeleibte Mann mit wichtiger Miene eine Strafrede die
seinen Atem erschöpft und sein Gesicht gefärbt hatte Trotzdem schien sie auf
die Beiden keinen Eindruck gemacht zu haben denn sie sahen sich lächelnd an
als der Beamte mit dem weißen feinen Taschentuch den Staub oder ihre Berührung
von den Steinen klopfte
    Ein Beamter war er dafür sprach jeder Zoll an dem Mann nur welche Charge
er bekleidete ist uns nicht aufbewahrt Ein Beamter nicht in Uniform aber in
Galastaat einem feinen Rock der gewiss einst geschmackvoll um den Leib schloss
nur hatte der Körper dem Fortschritt gehuldigt während das Tuch konservativ
geblieben war Weiß waren die seidenen Strümpfe weiß die Weste und das Jabot
stritt mit dem Zopf und der Frisur um die Wette was glänzender sei farbig war
nur der Rock rot nur das Gesicht Sein Blick als er sich umwandte schien zu
sprechen »Und Sie sind doch noch hier«
    Walter stand im Schatten auf das Gesicht des alten Majors glühte der rote
Abendstrahl Es lag wieder Friede darüber ausgebreitet als er lächelnd sprach
    »Vor zwanzig Jahren als ich auf die Terrasse kam führte mich der
Wachtabende selbst zum großen König Ich sah ihn sterben Nun weist man einen
alten Soldaten fort weil er kam nur um seinen Geist zu sehen  Freilich es
kann gefährlich werden Friedrichs Geist zu sehen«
    Leicht den Hut gegen den jungen Mann lüftend hatte sich der Invalide
umgewandt und war die Treppe hinabgestiegen
    »Aber was fällt Ihnen denn ein Herr Pate Nähtebusch« sagte Walter
plötzlich »Einem alten Soldaten seinen Ruheplatz nicht zu gönnen«
    Als der Beamte die Hand vorm Gesicht um die Sonnenstrahlen abzuhalten den
jungen Mann erkannt hatte machte er eine lebhafte Bewegung »Aber war ich denn
blind« Fast schien es als wollte er ihn umarmen »Herr Jemine und das war Ihr
Bekannter« rief der OberKastellan um ihm doch einen Titel zu geben
    Herr Nähtebusch winkte und rief umsonst der Major hörte nicht oder wollte
nicht mehr hören und es wäre zuviel vom OberKastellan verlangt gewesen ihm
nachzulaufen Er hatte eine Konstitution die das nicht ertrug und er kam aus
der Stadt Was das sagen wollte werden wir hören Nicht der Ärger hatte sein
Gesicht gerötet es war die Freude vielleicht auch der Wein Herr Nähtebusch
hielt auf Konnexionen Sollte die Fama die ihm nachsagte dass er ihnen seinen
Posten verdankte jetzt von ihm sagen dass er einen Bekannten vom Sohne des
reichen van Asten fortgewiesen wie einen Vagabunden Einigermassen beruhigte es
ihn als er erfuhr dass Walter den alten Offizier hier zum ersten Mal gesehen
es beruhigte ihn aber wieder nicht dass Walter ihn nicht kannte nicht einmal
seinen Namen wusste dass er aber vermutete er sei ein ausgezeichneter Offizier
gewesen Aber wieder beruhigte es ihn dass er pensionirt sei Ein Pensionirter
hat selten noch viel Konnexionen
    Herr Nähtebusch trocknete jetzt den Schweiß von seiner Stirn und atmete
auf »Lieber Herr Pate lassen Sie sich das eine Warnung sein Man muss sich mit
Niemandem in ein Gespräch einlassen den man nicht kennt Man weiß nicht in
welche Verlegenheiten es uns nachher bringt und junge Leute erlauben Sie mirs
zu sagen schließen gar zu gern ihr Herz auf«
    Man sahs dem Herrn OberKastellan an dass er das Bedürfnis fühlte auch
seines aufzuschließen ja er war in der Stadt gewesen im Schloss man hatte
ihn an die Tür gelassen als die hohen Herrschaften speisten »Nicht Jeder
hatte das Glück gehabt« sagte er mit einer stillzufriedenen Miene Er hatte sie
essen gesehen Nach Tische als der König mit dem Kaiser Arm in Arm umherging
und dieser vor Huld und Güte gegen Jeden strahlte hatte der König ihn den
Glücklichen dem Erhabenen vorgestellt Denn war es das nicht als er sagte
»Und das ist der Mann der in Sanssouei zur Ordnung sieht« Alexander hatte
darauf etwas französisch erwidert was hatte Herr Nähtebusch nicht verstanden
aber es war gewiss etwas sehr Gnädiges die Melodie der Worte summte ihm noch in
den Ohren
    Aufmerksamer hatte Walter dem Schluss der Mitteilungen zugehört Herr
Nähtebusch sprach viel Wem verdanken Gesandte oft ihre wichtigsten Nachrichten
Nicht Räten und Ministern dem feinen Ohr der Kammerdiener
    »Sie glauben also es ist Alles regulirt und abgeschlossen«
    »Alles« entgegnete Herr Nähtebusch und um sich vollständig zu erholen
nahm er eine lange Prise »Bis aufs Kleinste Morgen in der Vormittagsstunde
fahren die hohen Herrschaften nach Berlin zurück in einem Ensemble Im
Rittersaal ist große Tafel Wissen Sie wohl es wird vom goldenen Service
gespeist Das kommt aber erst nachher in die Zeitungen Abends besuchen
Höchstdieselben im Nationalteater die Vorstellung der Oper Armida Bei ihrem
Eintritt in die Mittelloge werden Höchstsie durch einen Tusch von Trompeten und
Pauken aus den Balkonlogen begrüßt und das ganze Publikum erhebt sich mit einem
Vivat das nicht enden will Dasselbe wiederholt sich beim Schluss der Oper
Folgenden Tages ist große Wachtparade auf dem Lustgarten Alsdann besehen
Majestäten in zwei achtspännigen Equipagen die Stadt Mittags ist Diner beim
Prinzen Ferdinand in Bellevue Eine Denkmünze auf die glorwürdige Zusammenkunft
ist bereits unter dem Prägestock Der Medailleur Herr Loos ist der
Verfertiger und wenn ich übermorgen in die Stadt komme hat er versprochen sie
mir zu zeigen Aber das lieber Pate bleibt unter uns« Sie waren dabei auf
der Terrasse auf und ab gegangen »Und nach dem Diner bei Prinz Ferdinand«
    »Reisen Seine Majestät Kaiser Alexander ab Die Pferde sind schon bestellt«
    »Und weiter nichts« Mit einem ungemein schlauen Lächeln klopfte Herr
Nähtebusch auf seine Dose »Man spricht auch noch von einer kleinen Attrape«
    »Einer kleinen «
    »Wie mans nehmen will Wenn Majestät der Kaiser auf nächster Station man
sagt in Vogelsdorf eine Erfrischung fordern wirds im Kruge heißen die Leute
sind alle auf dem Felde und im Stalle Der Kaiser wird sich dann in den Kuhstall
zu begeben geruhen um einen Trunk frisch gemolkener Milch anzunehmen Und die
Bäuerin die eben melkt wird sehr überrascht sein von den vornehmen Gästen
aber Seine Majestät der Kaiser werden noch weit mehr erstaunt sein wenn sie der
Bäuerin ins Gesicht sehen die ihm die Schale reicht Na was sagen Sie dazu
mein lieber Herr Pate  Ich habe aber nichts gesagt es sind ja nur
Konjekturen« sagte Herr Nähtebusch und rieb sich die Hände
    Sie standen am anderen Ende der Terrasse »Also auf eine TrianonSzene läuft
es aus das ist ja alles recht schön und gut« sagte Walter Herr Nähtebusch sah
den jungen Mann mit einem eindringlichen Blick an Fast wars ein
durchdringender indem er seine Hand fasste und wir hatten uns in ihm geirrt
Die Purpurröte des Echauffements verbarg nur den Psychologen »Mein lieber Herr
van Asten als Ihr Herr Vater mir die Ehre erzeigte mich bei Ihnen zum Paten
einzuladen sagte ichs voraus das ist ein Junge der wirds zu was bringen
Ich hatte vorgestern wieder das Vergnügen mit Ihrem Herrn Vater zu sprechen Da
müssten Ihnen die Ohren geklungen haben«
    »Mein Vater wissen Sie «
    »S ist ein kluger Mann Die Jugend muss ihre tollen Hörner ablaufen hat er
gesagt Ich Dummkopf glaubte dass man seinen Sohn zum Studiren auf die
Universität schickt hielt meinen deshalb kurz Und der Junge war nur zu
gehorsam er büffelte gab zu wenig aus und nahm zu viel ein nämlich fixe
Ideen sagte der Herr Vater Nun haben wir die Bescherung Das tolle Feuer was
raus schwären sollte steckt noch drin und s bricht an der unrechten Stelle
los Dem Jungen mache ich keine Vorwürfe mir mache ich sie«
    »Und der Herr Pate legten gewiss ein freundlich Wort ein Will man mich
vielleicht noch ein Mal auf die Universität schicken um das Versäumte
nachzuholen«
    »Erlauben Sie mir ich sagte ihm das Leben ist ja auch eine Universität Er
kann ja auch hier seine Hörner abstossen je toller er drauf los geht um so eher
wird er stumpf Wie ist er da beim Minister angelaufen Wird auch noch öfters
anlaufen Sind nicht alle Minister so human dass sie die Rappelköpfe nach
Karlsbad schicken s ist Mancher eingesperrt worden der sich die Zunge
verbrannt hat Schadet auch nichts Der Sohn vom Geheimrat Bovillard wie oft
hat er gesessen Man kanns gar nicht zählen Der Vater war so klug hat sich
nicht um ihn gekümmert nun ist er von selbst zu Kreuz gekrochen Ist kirr
geworden um den Finger zu wickeln lässt sich vom Vater parforce schicken
wohin es ist und wenn er sich müde geritten hat dann gibt ihm der Vater ne
kleine Stelle sucht ihm ne Frau aus die ein bisschen Geld hat Zuerst in ner
kleinen Stadt wo er über den Akten schwitzen muss ist froh wenn er nach Hause
kommt ne Pfeife raucht bei nem Glase Bier ein Partiechen Kinder kommen dann
auch die schreien ein Vater hat doch auch ein Herz Ach Gott darüber vergisst
er alle krause Ideen ist froh wenns nur bei ihm zu Hause gut geht und denkt
nicht mehr daran den Staat besser machen zu wollen Und geben wir Acht mit dem
Walter wirds auch so kommen«
    »Verdanke ich das alles Ihnen Herr Pate« rief Walter mit wachsendem
Erstaunen
    »Wir saßen so traulich bei Herrn Kämper zusammen wir sechs oder sieben
alles respektable Bürger«
    »Was ein Kollegium um über meine Besserung zu beraten«
    »Wo hat nicht Jeder nen faulen Fleck im eignen Hause Wenn man so beim Bier
sitzt ein Pfeifchen im Munde spricht man sich gegenseitig Trost zu Der hat
nen Sohn der spielt Das ist beinahe am allerschlimmsten Da waren wir Alle
einig Das tut mein Pate nicht alles was Recht ist Er trinkt auch nicht er
läuft auch nicht den Mädchen nach Na Jugend hat keine Tugend darüber sind wir
weggegangen Aber das Theater was hat das ehrbaren Familien Kummer und Not
gebracht Erst alle Abend der Herr Sohn ins Parterre Das kostet Geld die
jungen Leute machen Schulden Ist aber viel schlimmer wenns kein Geld mehr
kostet wenn sies umsonst haben dann haben sie Konnexionen hinter den
Kulissen das sind die schlimmsten und teuersten Konnexionen Und die Truppe
ist einmal abgereist und der Herr Sohn ist verschwunden Ja ja das ist
manchen Eltern so gegangen Den Kummer haben Sie Ihrem Herrn Vater nicht
gemacht Wissen Sie aber Einige meinten das wäre immer noch nicht so schlimm
als wenn ein Bürgersohn sich mit der Politik abgibt Da kann man noch mal
Direktor werden wie der Herr Iffland der war auch anständiger Leute Kind Auf
dem großen Weltteater aber «
    »Ist für uns nichts zu holen« fiel Walter ein »Ihre ehrbaren Bürger haben
Recht Erfuhren Herr Pate sonst noch etwas« sprach er zum Abschied die Hand
reichend
    »Mancherlei Man wird Heiratsannoncen lesen über die man sich wundern
soll Mancher Herr Offizier lässt sich in aller Schnelligkeit kopuliren Lieber
Gott wenns ins Feld geht will man den Kindern doch einen Vaternamen
hinterlassen das Gewissen schlägt auch unterm blauen Rock Seine Majestät sind
sehr damit zufrieden  Ach und wissen Sie schon vom Kriegsrat Alltag«
    »Was«
    »Wird Geheimer Tresorier des Königs Titel Geheimrat Da ist auch nur eine
Stimme Der hats verdient Mit seiner Demoiselle Tochter wird er nun auch höher
hinaus wollen Wer verdenkt es ihm«
    »Adieu Herr Pate« Der Pate hielt seine Hand fest Sein schlaues Lächeln
schien noch ein Geheimnis zu verstecken »Heraus damit«
    »Ich sehe einen verlorenen Sohn «
    »Wo«
    »Im Komptoir seines Vaters«
    »Und was brachte ihn dahin« Der Kastellan hielt beide Hände wie ein
Sprachrohr an seines Paten Ohr dass es die Bäume nicht hören sollten und
schrie hinein »Minchen Schlarbaum Sechzigtausend Taler«
    Ein Mann in mittleren Jahren war während dieses Gesprächs in der Seitenhalle
auf und ab gegangen Walter hatte ihn bemerkt ohne auf ihn zu achten Der
Fremde sichtlich von einem Gedanken bewegt hatte die Beiden kaum gesehen Als
der Pate nach jener wie er meinte sehr feinen Insinuation rasch fortgeeilt
war hatte sich Walter in die Allee gewandt Der Sonnenball versank gerade
hinter den Brauhausbergen Walter fasste an seine Brust und aus der wunden
Tiefe machte sich das Wort Luft »Er war müde über Sklaven zu herrschen«
    Der Fremde war hinter einem Baum hervorgetreten In seinem festen aber
zuweilen stürmischen Schritt hielt er wie frappirt inne Auf Walters Gesicht
schien der letzte volle Sonnenschein der Fremde stand beschattet ein
feingeschnittenes charakteristisches Gesicht war noch zu erkennen
    »Ein Hiesiger« fragte der Andere rasch Die Frage war seltsam es mochte
auch ein Beamter sein der den späten Besucher auf einem nicht erlaubten Wege
ertappt zu haben glaubte Walter antwortete eben so kurz »Aus der Hauptstadt«
»Ein Angestellter« warf der Andere in derselben Art hin »Ein freier Mann«
sprach Walter jetzt mit fester Stimme
    Der Andere sah ihn groß an Walter glaubte die Worte murmeln zu hören »Das
ist ja wunderbar« Mehr hörte er nicht denn Beide gingen an einander vorüber
Sie trafen sich zufällig noch einmal Der Fremde hatte den Weg verfehlt indem
er einen Ausgang suchte wo er nicht war Walter wies ihn zurecht es war auch
sein Weg Der Fremde schien durch eine leichte Bewegung zu danken ohne es für
nötig zu halten ein Wort zu verlieren So machte es wieder der Zufall dass sie
neben einander gingen Der Fremde war wirklich ein Fremder in der Mark wie sein
Accent dem kundigen Ohr verriet aber seine Kleidung obgleich nur ein
einfacher blauer Rock die Sicherheit seiner Bewegungen das aristokratische
Gesicht verrieten den vornehmen Mann Er blieb stehen und betrachtete einen
Gegenstandder auch Walters Auge fesselte  die Mühle auf dem Berge Ihr Dach
war vom letzten Abendscheine schwach angerötet ein träger Wind trieb die
Flügel Der Begleiter verstand die stumme Frage die der Andere über die
Schulter blickend an ihn richtete »Ja sie ist es« Damit schien eine
Verständigung eingetreten
    »Also Einer doch« sagte der Herr im Weitergehen
    »Wenn man sie kennte würde man mehrere wissen die auch Mut gehabt« warf
Walter hin
    »Da man sie aber nicht kennt so existieren sie nicht für die Geschichte«
entgegnete Jener
    »Es existiert manches nicht in der Geschichte was aber doch lebte«
    »Was sich nicht geltend gemacht hat lebt nicht« entgegnete der Fremde
scharf »Es hat einmal vegetirt um zu faulen und Dung zu werden für Andere«
    Walter entgegnete »Der Müller von Sanssouei vor seinem König wird aber
leben bleiben uns lebt er als Symbol dass ein Rechtsbewusstsein auch damals im
Volk war« Er hatte das uns scharf betont
    »Wir aber« entgegnete der Andere »sehen in dem Aufheben das man von der
einen Geschichte machte nur das Bekenntnis dass der eine Mann nur eine Ausnahme
von der Regel war«
    »Und wo ist die Regel« fragte Walter »nämlich im Deutschen Volke Ich
setze voraus dass wir Landsleute sind«
    Der Fremde fixierte zum ersten Mal unsern Bekannten es war ein scharfer
prüfender Blick aber ohne Härte Die Antwort schien ihm nicht zu missbehagen
»Das macht die Sache nicht besser hier« sagte er »Die Müller von Sanssouei
haben in Preußen keinen Fortgang gehabt«
    »Die Größe des Einen hat sie niedergedrückt Das vergisst man so leicht im
Auslande«
    »Man wundert sich nur warum sie nicht wieder aufgetaucht sind nachdem sie
von der Größe nicht mehr zu leiden hatten Sie wiederholten vorhin die Worte des
großen Königs als Sie sich allein glaubten warum machen Sie ein point
dhonneur draus was Sie sich selbst bekennen vor Andern zu verbergen Wo Sie
Ihrer Schwäche sich bewusst sind warum es nicht auch vor Andern gestehen Das
würde Vertrauen wecken Wenn Sie sich den andern Deutschen gegenüber immer in
Parade aufs hohe Pferd setzen so verlangen Sie nicht die brüderlichen
Neigungen um die es doch Einigen den Bessern unter Ihnen wenigstens zu tun
ist Wir sind Alle schwach aber wenn wir es uns gegenseitig eingeständen
würden wir auch die Mittel finden um wieder stark zu werden Das ists was Sie
vom übrigen Deutschland trennt meine Herren Preußen Übrigens bin ich jetzt
selbst Einer«
    »Jetzt wird sichs zeigen« rief Walter animirt
    »Was«
    »Dass wir eine Schwäche zu bekennen den Mut haben eine Schuld gegen unsere
deutschen Brüder durch die Tat auszulöschen Preußen radirt den Baseler Frieden
mit seinem Blute aus den Tafeln der Geschichte«
    Die raue heftige fast dominirende Art mit der der Fremde seine
Aussprüche tat erweckten in Walter die Lust es in selber Art ihm wieder zu
geben »Ich hoffe dass die kurze Zeit seit Sie ein Preuße wurden dem Ausländer
nicht so viel Einblicke in unsre Angelegenheiten gegönnt hat dass ich Ihren
Ausspruch als ein Verdikt nehmen müsste«
    Der Andre war vielleicht betroffen aber nicht erzürnt vielmehr verzogen
sich seine Lippen zu einem Lächeln »Haben Sie Einblicke«
    »Keine als die Jedem frei stehen der ein Herz und Augen hat für die Ehre
seines Vaterlandes Sie ist so auffällig verletzt dass sie eben so auffällig
Genugtuung heischt der Hohn den man uns zugefügt hat den Napoleons Generale
noch täglich in Anspach und Baireut Preußen zufügen könnte einen Stein ins
Leben rufen Das und noch vieles Andre was hier nicht hergehört ist mir
Bürgschaft dass endlich der stahlgeborne Entschluss ins Leben springt«
    Der Andere ging eine Weile schweigend dann sagte er ruhig »Einen Gesandten
wird man an Napoleon schicken ihm Friedensbedingungen stellen und unterhandeln
Wenn Sie wissen was Unterhandlungen sind wo preußische Diplomaten mitsprechen
so stellen Sie danach Ihre Hoffnungen«
    »Diesmal nur diesmal nicht«  rief Walter in Eifer gebracht  »es geht
nicht es lässt sich nicht mehr zurückdrängen Das Volk leidet es nicht«
    »Das Volk mein Herr Das weiß ich nicht ich kenne es wenigstens noch nicht
genug und was ich von ihm kenne doch  das gehört nicht hierher«
    Sie standen an einem Scheidewege Der Fremde wenigstens nahm an dass sie
hier scheiden müssten oder er wollte hier scheiden Es waren seine
Abschiedsworte
    »Dies Volk mein Herr mag gut sein tapfer treu aber es ist noch zu klein
für seine Traditionen Es hat sich übernommen und es ist nie gut wenn man sich
den Magen auch mit dem Besten füllt wenn der Magen nicht Kraft hat es zu
verdauen Dies Volk ist zu Vielem gut es hat auch gesunde Glieder wenn nur der
Kopf da ist der sie regiert Das aber bilden Sie sich nicht ein dass diese
Glieder schon reif sind für sich selbst zu stehen Dafür vergaß der große Mann
zu sorgen Er führte sein Volk in die Weltgeschichte ein und übersah ihm die
Erziehung zu geben dass es mit Ehren darin bestände Mit der militärischen
Tournure ists nicht getan der Knebelbart imponirt nur auf den ersten Anblick
und selbst ist allein der Mann Er war müde über ein Volk von Sklaven zu
herrschen ja aber sie sind es geblieben weil er ein Lehrmeister war wie der
Gelehrte in einer Bauernschule Glänzende Schulaktus hat er mit ihnen
aufgeführt und sie deklamiren lassen was sie nicht verstanden Friede seiner
Asche und Fluch dem wer einen Stein auf sein Grab wirft denn Deutschland hat
keinen Grössern geboren aber sein Reich mein Herr ist die Schöpfung eines
Zauberers Wunderbar groß zweckmäßige in einander greifend erscheint Alles so
lange sein Geist darüber waltet Aber wenn der schlafen geht vertrocknen die
Palmen und Lilien zu Haidekraut und der Palast versinkt in ein Unkenmoor Da
sehen Sie diese Reihe von Statuen Kunstwerke so lange er unter ihnen wandelte
jetzt verwitterte moosbedeckte Fratzen Was ist aus seiner Gliederung geworden
in Civil und Militär was aus dem angestaunten Mechanismus seiner
Staatsorganisation Ein schönes Lied auf einen Leierkasten gesetzt aber die
Melodie bleibt dieselbe in Leid und Freud weil die Hand vermodert ist die den
Mechanismus der Drehorgel umsetzt So leiert es hier fort ins andere
Jahrhundert die Melodie des vorigen bis alle Räder und Gänge verrostet und voll
Staub sind Dieser Staat Preußen mein Herr ist zum Popanz geworden nicht weil
sein Volk Sklaven sind sondern weil der Zauberer fehlt der das Uhrwerk wieder
aufzieht Dieser Staat Preußen ist ein Konglomerat von Kraft und gutem Willen
wie man sie selten in der Geschichte sah aber eine Gliederpuppe wenn kein
neuer Geist hineinfährt«
    Der Mann wandte sich mit einem Kopfnicken rasch um Zwei Schritt weiter
blieb er noch ein Mal stehen »Wie heißen Sie Ich möchte Ihre Adresse wissen 
wenn ich wieder ein Mal einen so gefälligen Führer in Potsdam brauche« setzte
er halb lächelnd hinzu um das Scharfe auszugleichen
    Walter hatte keinen Grund seinen Namen zu verschweigen Er kannte aber genug
von der Luft in den hohen Lebensregionen um zu wissen dass dieser Name so laut
er ihn aussprach und so deutlich der Andere ihn sich wiederholte schon am Ende
der Straße verhallt war Jener hatte vielleicht erwartet dass Walter auch ihn
bitten werde den seinen zu nennen Walter wollte aber nicht bitten
 
                          Fünfundvierzigstes Kapitel
                              Der dritte November
Es war Nacht geworden die große Mehrzahl der Gäste war längst nach Berlin
zurückgekehrt In den öden toten Straßen bewegten sich nur einzelne Gestalten
das Üb immer Treu und Redlichkeit hallte von der Turmuhr nach wie vor
    »Warum stürmt nicht lieber die Brandglocke« sprach die Dame welche tief
in eine Pelzenveloppe verhüllt am Arm ihres Begleiters an den Häuserreihen
ging Sie gingen nicht in der Abendkühle spazieren es war raue Witterung sie
hielten eine bestimmte Richtung aber den zarten Füßen merkte man an dass sie
nicht gewohnt waren auf rauhem Pflaster sich zu bewegen Ein dichter Schleier
bedeckte das Gesicht der Fürstin
    »Weil es noch nicht brennt« sagte ihr Begleiter
    »Ewiger Zweifler«
    Sie traten in einen Torweg oder eine Kolonnade zurück um einer einfachen
Hofequipage auszuweichen die jetzt vorüberrollte Der Wagen hielt vor der
Kirche wo Seine Gebeine ruhen Drei dunkle Gestalten konnte man aussteigen
sehen Sie traten in die Kirche aus welcher ein gedämpftes Fackellicht bei
Öffnung der Türe vorstrahlte
    Die Fürstin drückte krampfhaft den Arm ihres Begleiters Er glaubte sie
wolle ihn tiefer in den Schatten zurückziehen um nicht gesehen zu werden »Man
sieht uns wirklich nicht und wenn es wäre würden wir nicht die einzigen
Zuschauer sein Ich sah Schatten in der Kirche sich bewegen«
    »Ich auch« rief sie »Es war mir als sähe ich Seinen«
    Der Legationsrat ging nicht auf die Stimmung ein »Diese Leute hier ruhten
unter ihm wie in Abrahams Schoss Ich finde es eigentlich undankbar und
grausam dass man ihn citirt um sich aus einer gewöhnlichen Verlegenheit zu
helfen«
    »Ich würde Ihnen verzeihen wenn Sie sagten selbstmörderisch«
    »Nur christliche Demut Fürstin sie sehen ihren eigenen Unwert ein«
    »Was ist das grausam den zu beschwören der in dem Jenseits keine
Ruhestätte gefunden hat  Hören Sie den dumpfen Ton Jetzt öffnet man«
    »Und sein Geist steigt ihnen aus der Versenkung entgegen«
    »Sprechen Sie nicht so«
    »Ich möchte wohl wissen wie der Geist eines Ateisten aussieht«
    »Sahen Sie nie Geister «
    »Man sieht sie nur wenn man sie citirt und was unnötig ist muss ein
Vernünftiger nie tun«
    »Geister erscheinen auch ungerufen«
    »Dann wirft man sie zur Tür hinaus«
    »Die Todtenhand die auf eine lebendige Brust hämmert sollte doch überall
Einlass finden«
    »Je nachdem die Brust beschaffen ist«
    »Wandel ich möchte Sie einem Geist gegenüber sehen«
    »Sie würden keine Veränderung an mir bemerken«
    »Sie sahen schon Geister«  rief die Fürstin auf und ihr Auge glänzte ihn
an »Ja Sie Unbeweglicher es zuckte etwas um Ihr Auge was ich noch nicht
kenne Sie haben Geister der Toten gesehen und vor ihnen gezittert Sie
zittern jetzt «
    »Vor dem Zugwind« sprach er sich in den Mantel hüllend  »Nun und wenn
ich sie sah meine Gnädigste so lernte ich ihnen ins Gesicht sehen wie ein
Mann den erschaffenen Dingen muss und sie hielten meinen Blick nicht aus so
wenig als der festeste Stoff meine Säuren und den Äther in dem ich ihn
verbrenne Wenn sie weinten lachte ich sie an wenn sie klagten drohte ich 
sie hieltens nicht aus ich blieb Sieger und sie sind verschwunden Meine
Gnädige vor dem Willen verflüchtigt sich der Diamant wenn die Dinge die wir
Wesen nennen uns nicht widerstehen warum die wesenlosen«
    »Kommen Sie« sagte die Fürstin »Der Küster gab uns das Zeichen«
    Vielleicht sah sie den Küster nicht aber sie sah Geister Der Mond warf
zwischen den Wolken vortretend ein Streiflicht auf die Stirn ihres Begleiters
sie konnte den Anblick heut nicht ertragen Was musste er sie noch bitten sich
nicht zu beeilen der Mann der ihnen für ein ansehnliches Geschenk einen Platz
unter dem Siegel der Verschwiegenheit versprochen werde noch vielen Andern
dasselbe Siegel aufgedrückt haben »Und mancher wird die Komödie für acht
Groschen sehen«
    Sie waren an die kleine Tür gelangt welche eine unsichtbare Hand
vorsichtig öffnete um sie einzulassen »Sie nicht« rief sie als er sie hinein
führen wollte »Sie gehören nicht hier hinein«
    »Es ist ja nur eine protestantische Kirche« flüsterte er ihr ins Ohr Sie
streckte die Hand abwehrend gegen ihn »Doch  Sie stören mich  Folgen Sie mir
nicht ich verbiete es Ihnen Herr von Wandel Wer nur eine Komödie sehen will
gehört hier nicht hinein«
    »So werde ich Erlaucht wieder an der Tür erwarten«
    »Reisen Sie nach Berlin«
    »Sie können doch nicht allein zurück Wer weiß ob die Szene Sie nicht
afficirt Soll ich Ihren Jäger mit der Kammerfrau herbestellen«
    Sie schüttelte den Kopf »Es gibt Momente wo man das Bedürfnis fühlt
allein zu sein«
    Der Legationsrat schien die Frage auch an sich zu stellen als er draußen
mit gekreuzten Armen eine Weile stehen blieb die Augen in das zerrissene Gewölk
gerichtet Er hatte sich oft Mühe gegeben unverwandten Blickes in die Sonne zu
sehen jetzt verdross es ihn dass er nicht mal ohne Augenblinken den Mondenstrahl
ertragen konnte so oft er plötzlich aus den Wolken trat die an ihm vorüber
rollten »Seltsam es liegt nur in den Augennerven in der schwachen
Wurzelkonstruktion der Wimpern Wenn man sie von Draht machen könnte müsste man
auch dem glühenden Feuerball ins Gesicht sehen Und diese Frau«  ein heiseres
Gelächter machte sich Luft  »sie spielt mit ihren Illusionen wie der
Taschenspieler mit seinen Karten und doch  in der unbewachten Stunde zittert
sie als Sklavin vor dem selbst beschworenen Gespenst Vielleicht des Weibes
Natur sie kann nicht immer wachen Aber der Mann « Die Turmuhr präludirte
und die Glocken huben ihr Üb immer Treu und Redlichkeit an »O süßer
Leierkasten der durch die Welt geht und das Spiel mit den Narren und
Phantasten um so vieles erleichtert« sprach er sich langsam fortbewegend Er
lächelte als aus der Kirche die Orgel mit leisen Schlägen einen alten Choral
anhub
    Der Orgelspieler war nicht sichtbar auch die Fackeln von denen vorhin
Erwähnung geschah brannten nicht offiziell man suchte sie hinter den Pfeilern
zu verbergen gleich wie die Zuschauer in Mänteln und unscheinbaren Pelzen
verhüllt ein doppeltes Inkognito zu bewahren suchten Unter den Mänteln war
mancher Stern verborgen manches Herz pochte hörbar und das Auge auf dem Du
sonst nur Flattersinn und eitle Lust spielen sahst durchzuckte hier ein banger
Ernst Die Orgeltöne schienen in der dunkeln Kirche mehr die Stille symbolisch
anzudeuten als dass sie dieselbe unterbrachen Es war lautlos ein verhaltener
Atem
    So war es möglich dass man jetzt ein Geräusch zu hören glaubte das man
sonst nicht gehört hätte Es war nicht sein Geist der durch die Räume schritt
in denen er nie geweilt sonst würden sie nicht die Köpfe vorgestreckt nicht
sich gebückt und die Hände ans Ohr gelegt haben um besser zu horchen »Sie
weint« flüstert eine Stimme dem Nachbarn zu »Sie umarmen sich« eine Andere
Bald ward die feierliche Stille durch das Knarren der Tür unterbrochen die
Gestalten der Neugierigen drückten sich tiefer in den Schatten der
Mauervorsprünge Der Fackelschein ward jetzt offiziell
    Die Königin und der Kaiser wurden zuerst sichtbar der König folgte Louise
schien erschöpft sie drückte jetzt das Taschentuch ans Gesicht Aber nur einen
Moment dann warf sie einen forschenden Blick auf den ernsten Gatten Es musste
ein Ernst sein der ihre Hoffnung stählte Sie lehnte sich an seine Brust um
sich doch ebenso schnell wieder aufzuraffen Alexander und der König reichten
sich die Hand Es war ein wichtiger bedeutungsvoller Handschlag Aus der
dunklen Stille kam ein Laut wie der Hauch unsichtbarer Geister ein Hauch der
Verwunderung Freude Beistimmung wofür jede Sprache zu rau ist ihm Ausdruck
zu geben Mit königlicher Würde schaute Louise umher nicht forschend nicht
missbilligend Ihr Blick galt den Geistern welche die Sprache dieses Auges das
selige Lächeln verstanden Dann reichte sie Alexander wieder rasch den Arm und
die Drei verließen die Kirche
    Als die Wagentür zuschlug die Räder auf dem Pflaster rollten schienen die
gebannten kleineren Geister aus ihrer Erstarrung aufzuleben Sporen klirrten
scharfe Tritte dröhnten auf den Fliesen Töne wie wenn das Eis bricht das Blei
auf der Brust war ja gebrochen Kein Ceremoniell mehr man schloss sich in die
Arme auch Solche die nicht als Fremde bekannt waren »Der Bund ist besiegelt«
Viel mehr Worte hörte man nicht Es war ein Augenblick nicht zum Sprechen nur
zum Fühlen
    An der Tür wurden zwei Mititärs zusammengedrängt die sich im Leben nicht
gern wie man sagte begegneten Sie sahen sich an und unter ihren ergrauenden
Haaren funkelten die Augen sich entgegen sie drückten sich die Hand Worte
wechselten auch sie nicht Der Eine aus dessen Mantel eine Husarenuniform zum
Vorschein kam hielt aber beim Hinausgehen unsern Bekannten den Major
Eisenhauch am Kragen zurück
    »Na un was sagen Sie Major«
    »Blücher und Rüchel Hand in Hand ein gutes Prognostikon So das gesammte
Vaterland und wir sind am Ziel«
    »Larifari« sagte der General »Vorwärts eh er sich anders besinnt das
allein tuts Nur keine stättigen Pferde hinter uns«
    »Im Volk «
    »Sind viele Esel«
    »Aber das Ross wenn die Trompete schmettert «
    »Pfeffer mank die Kerben« sagte der General ihm ins Ohr »Dass es sich
bäumt dafür sorgt Ihr fürs Reiten dafür sorgen wir haben Sie mich
verstande«
    Die Kirche war ziemlich geräumt Nur hinter dem Eingang stand noch eine
Gruppe Zwei in Überröcke verhüllt und am äußersten andern Ende kniete eine
weibliche Gestalt Die Beiden durch hohe Halsbinden gegen die Kühlung bis zur
Unkenntlichkeit maskirt schienen die Hinausgehenden die Revue passieren zu
lassen
    »Ist das nicht Komtess Laura Vicomte« sagte der größere und ältere auf
französisch zum jüngeren nach der knieenden Dame lorgnirend die von ihrer
Enveloppe und dem Schleier unförmlich umwallt war Der Vicomte hatte sich schon
auf den Zehen gehoben »Pardon Monsieur Komtess Laura hat noch zu viele
Stationen bis zur Betschwester«
    Die verhüllte Gestalt aus ihrer Andacht vielleicht durch die Stille
aufgeschreckt erhob sich und rauschte an ihnen mit elastischen Schritten
vorüber Sie hatte die Beiden nicht gesehen diese aber sie trotz der Schleier
»Madame la Princesse« rief der Attaché verwundert »Ihre Sünden müssen sie sehr
drücken« sprach der Gesandte »dass sie es nicht verschmäht hat in einer
lutherischen Kirche zu beten« »Und ganz allein« replicirte der Vicomte »Sie
nimmt gern einen Andern mit ins Gebet« »Disparaissez« rief Laforest und winkte
ihm indem er der Dame nacheilte Der Vicomte ging lächelnd seiner Wege »Er
will sie nicht allein gehen lassen Monsieur Laforest man muss es ihm gestehen
übt die Humanität bis zur Outrage Die Petarde die ihn in die Luft sprengen
soll in der Tasche schützt er die Lunte die sie entzündet dass der Wind sie
nicht ausbläst«
    Wirklich sehen wir auf der Straße den offiziellen Minister des Kaisers der
Franzosen der nicht offiziellen Agentin des Kaisers aller Reussen den Arm bieten
um sie in ihr Hotel zu geleiten und sie reicht ihn ihm nach einem momentanen
Zaudern rasch hin »Stumm wie die Nacht und bewegt wie die schöne Seele einer
Deutschen« sagte der Franzose zu seiner schweigenden Begleiterin
    »Sagen Sie lieber Hass und Grimm im Herzen und am Arm des verhassten Feindes
durchs Leben gehen zu müssen«
    »O wäre ich so glücklich eine solche Feindin durchs Leben führen zu
können«
    »Wer denkt an uns«
    »Ich sehr stark an mich«
    »Das lügen Sie vor sich selbst Unsere Aufgabe ists uns immer selbst
belügen täuschen unsere glühendsten Gefühle mit einer Eiskruste umgeben und
wenn wir vor Frost zittern wie der Frühling lächeln in Flitterstaat glänzen
und vom Gefühle unserer Sünde zerknirscht in Selbstzufriedenheit strahlen Alles
für Andere uns selbst unser Glück unsere Busse und Hoffnung hinopfern für ein
anderes Wesen einen Begriffvon dem man eigentlich nicht weiß was er ist Ins
Reich der Seligen kommt der Staat doch nicht«
    »Ich glaube kaum dass ein Platz für ihn da ist weder unter den
Gerechtfertigten noch unter den Sündern«
    »Und doch Diplomat«
    »Weil er sich selbst ganz verleugnen muss sollte ja das die himmlischen
Tore ihm vor Allen öffnen«
    »Vielleicht wenn  Excellenz hat Sie nie das Gefühl durchzuckt die
Sehnsucht durchschauert vernichtet zu sein aufzugehen in ein anderes Wesen
zerstampft in Atome die das andere Wesen vergrößern und verherrlichen«
    »O sehr oft Madame in den Armen einer liebenswürdigen Frau«
    »Haben Sie nie die Seligkeit der Begeisterung empfunden«
    »Wofür«
    »Wofür Und Sie kommen aus einer Revolution Die glutspritzende Lava treibt
doch ungeheure Bilder in unsere Lebensnacht«
    »Prinzessin die Lava ist schon kalt geworden«
    »Sie waren einmal Republikaner«
    »Was waren wir nicht alles Und eben weil wir so viel gewesen sind für so
vieles geschwärmt gerast haben ist wirklich in uns kein Platz mehr für die
Begeisterung«
    »Auch nicht für Ihren Kaiser« Laforest ließ eine Pause vergehen bis er
antwortete »Auch für den nicht Die Jugend die Kriegslustigen wer avanciren
will die meinethalben Wir Andern  pausiren wir wissen ja nicht ob es das
Letzte ist Der einzige Erfahrungssatz den wir nach Hause trugen aus allen
Revolutionen ist der dass die Dinge ihren Kreislauf machen und die höchste
Weisheit für die Individuen wäre die auszurechnen welches Stadium eintreten
wird wenn es mit uns zu Ende geht Wer sich darauf präparirte stürbe
glücklich«
    »Um fortgespült zu werden ins Meer der Ewigkeit als letzte Schaumflocke die
die Flut der Zeit auf ihren Wellen trug«
    »Wer wird mit mehr Konsistenz hineingespült«
    »Sie belügen sich wieder selbst Warum hätten Sie sich in die Kirche gewagt
ausgesetzt der Entdeckung Wenn einer dieser Franzosenfresser Sie erkannte«
    »Habe ich etwa spionirt«
    »Nein Sie wussten es ohnedem Aber aus reiner Dienstpflicht hätten Sie das
nicht unternommen Es war die Abenteuerlust der ein Motiv zu Grunde liegt das
Sie sich selbst zu verbergen suchen Ein Wagestück für Ihren Kaiser«
    »Sahen Sie nie am Roulettetisch Männer die selbst nichts mehr zu setzen
haben mit gespannter Aufmerksamkeit das Spiel verfolgen das sie nichts angeht
Sie pointiren im Geist eifrig zufrieden und entsetzt wie die Andern Das Spiel
ist ihnen zur Natur geworden«
    »Was sahen Sie in der Gruft«
    »Was ich erwartete ein romantisches Schauspiel«
    »Das zu einem Schluss führt der Ihnen nicht gefallen darf«
    »Welchen Schluss meinen Sie Prinzessin Ich sah nur einen frappanten
Aktschluss Die Zuschauer taten mir leid dass sie nicht klatschen durften«
    »Der Schluss des nächsten Aktes wird blutig werden«
    »Vielleicht vielleicht auch noch nicht Man muss den nächsten Aktaufzug
abwarten«
    »Ich glaube Sie werden ihn hier nicht abwarten«
    »Das täte mir um der Gesellschaft willen leid die ich sehr ungern
verlasse«
    »Und was ist der letzte Akt«
    »Der letzte Prinzessin wer sieht so weit«
    »Aber Sie sehen etwas vor sich Sie täuschen mich nicht«
    »Ich sehe allerdings einen folgenden  einen der nicht ausbleiben wird wenn
dieser Ernst wird«
    »Aber er spielt nicht in der Potsdamer Kirche«
    »Doch  es wird auch Nacht sein  bei Fackelschein seh ich meinen Kaiser
in die geöffnete Gruft steigen hinter ihm seine Generalität Man wird
Friedrichs Sarg öffnen und Napoleon die Hand des Gerippes ergreifen«
    »Abscheuliche Phantasie«
    »Natürlich nichts als Phantasie Und er wird sprechen Großer Geist vor mir
sollst Du Ruhe haben in Deiner Gruft«
    »Napoleon ist kein Freund von Nachtstücken«
    »Je nachdem es ihm konvenirt Glauben Sie nicht dass der Akt die Bewunderung
der Deutschen für ihn erhöhen muss«
    Sie waren an die Tür des Hotels gekommen wo die Fürstin abgestiegen »Ich
danke Ihnen für die Begleitung« sagte sie »Wir werden uns nicht wiedersehen 
wenigstens bis zu einem nächsten Aktschluss«
    »Warum« Er hatte sie die Stufen hinauf geführt und drückte die nicht
verschlossene Tür auf »Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu
berichten Leben Sie wohl« Er drückte ihre Hand an die Lippen sie zitterte
»Ich möchte Sie noch um einige Details bitten die mir entgangen sind Aber Sie
stehen in der Zugluft« Er zog sie in den Flur und drückte die Tür zu
 
                          Sechsundvierzigstes Kapitel
                          Bekenntnisse schöner Seelen
Als die Fürstin in ihren dichten Zobelpelz gegen die kalte Morgenluft verhüllt
in den Wagen stieg um in seinen weichen Polstern einer Reihe seltsamer Gedanken
Audienz zu geben war sie nicht wenig betroffen noch Jemand darin zu finden Es
war zu spät zum Schreien die Tür war zugeschlagen die Jäger hatten sich
aufgeschwungen und der Wagen rasselte schon über das unebene Pflaster nach dem
Berliner Tor zu Es war übrigens wohl Grund zum betroffen sein aber nicht zum
Schreck als die weichen Hände der Baronin Eitelbach die der Fürstin erfassten
Sie bat sie mit einer mit Tränen kämpfenden Stimme um Verzeihung wegen der
Attrape aber sie habe sie sprechen müssen koste es was es wolle Deshalb nach
Potsdam gekommen habe sie von Stunde zu Stunde vergebens auf den Augenblick
gewartet mit ihr allein zu sein und endlich diese kleine List sich erlaubt um
der einzigen Frau die Teilnahme für sie empfinde die sie und ihre Leiden
verstehe ihr Herz auszuschütten Die Fürstin wollte sich mit sich selbst
beschäftigen und die Leiden der Baronin waren ihr unter allen Dingen mit denen
sie sich beschäftigt in dem Augenblick die allergleichgültigsten Das schien
wenigstens der Seufzer anzudeuten der aus ihrer Brust sich Luft machte aber
sie drückte die Freundin mit sanfter Innigkeit an diese selbe Brust »Ach
glauben Sie mir Leiden schickt der Himmel Denen die er liebt«
    »Aber nicht solche« rief die Schluchzende »wie mir Ach mein Gott ich
weiß jetzt nun Alles s ist mir Alles so klar wie was«
    »Was ist Ihnen klar Liebe«
    »Nichts sage ich Ihnen wie ich Ihnen immer gesagt als ein Missverständnis
Mein Mops ist mir jetzt ordentlich zuwider ich könnte ihn vergiften Aber wer
trennt sich gleich von solchem Tier Er hat nun mal seinen Platz s ist die
Gewohnheit« sagt mein Mann »Fanchon hat wohl recht wenn sie singt «
    »Ich verstehe Sie nicht« Die Fürstin verstand sie wirklich nicht
    »Ich weiß es ich rede konfus ich verstehe mich ja selbst zuweilen nicht
Aber das mit dem Mops war so gewiss ein Irrtum er konnte nicht davor er wusste
nicht dass es meiner war Es sind boshafte Menschen dazwischen die haben ihm
das arme Tier vor den Fuß geschoben o ich weiß nicht ich habe eine Ahnung «
    »Was hat Wandel mit Ihrem Mops zu tun«
    »Glauben Sie dass er sein Freund ist«
    »Des Mopses«
    »Nein Seiner Mögen Sie über mich lachen ich fürchte der Rittmeister ist
nicht frei«
    »So viel ich mich entsinne sagt man er sei von seinen Gläubigern etwas
genirt«
    »Ach Sie wollen mich nicht verstehen Er ist zu arglos gutmütig er hat
das beste Herz von der Welt ein Gefühl rein wie ein Kind mein Gott Fehler hat
jeder Mensch er hat mir nicht weh tun wollen aber boshafte Menschen sind
dazwischen gekommen Sie können sich nicht vorstellen wie ich mich gequält
habe was ich ihm denn getan haben könnte Tag und Nacht ließ mirs keine
Ruhe«
    »Und Sie haben sich ganz ernst gefragt«
    »Teuerste Fürstin da blieb kein Fältchen in meiner Seele Nein wahr und
wahrhaftig ich tat ihm nichts ich bin unschuldig es ist was andres
dazwischen gekommen«
    Die Fürstin war in ein Sinnen verfallen das nicht zu der Art Teilnahme
stimmte welche sie der schönen Frau bisher angedeihen ließ Sie hatte sich
wieder mit sich selbst beschäftigt So passte auch ihre Entgegnung nicht ganz zu
dem eben Gesagten »Das ist der Kobold meine Freundin der uns alle neckt es
kommt uns allen bei unsern besten Entschlüssen unsern edelsten Bestrebungen
etwas dazwischen worauf wir nicht gerechnet Da glaubten wir mit jahrelangen
Mühen mit gesparter Kraft die Hindernisse beseitigt wir eilten schon mit
offenen Armen dem Ziele entgegen und plötzlich straucheln wir  Gott weiß
woran wir wissen es selbst nicht an einem Ball den eine Kinderhand uns
zwischen die Füße warf am Reflex einer Scheibe und wir glauben eine Mauer
einen Abgrund vor uns zu sehen Wir müssen über uns lachen wir ärgern wir
schämen uns dass es so sein konnte aber es ist so und wir sind vom Ziele ab
wir müssen von neuem anfangen Die Menschen nennen es Zufall Nein meine
Freundin es ist der ewige Dämon der uns von der Wiege an belauscht bis ans
Grab um wenn wir schwach werden uns zu fassen Dagegen können wir auch
nichts gar nichts Es ist vielleicht vermessen ihm absolut widerstehen zu
wollen denn mit unsrer Kraft ists nicht getan Besser geschehen lassen was
wir nicht ändern und dann desto herzlicher bitten dass der rechte Helfer bald
erscheint der uns wieder aufhebt«
    Die Baronin hatte in ihrer Gemütsbewegung nur etwas von dem Monologe
aufgefasst und es war das was zu dieser passte »Lachen Sie mich aus aber ich
kann nicht dafür Ich habe auch zum lieben Gott gebetet dass er mir einen Freund
schicken möchte der mir hilft«
    »Sie haben doch so viele meine Beste«
    »Nein keinen wo ich Rat holen wollte Da «
    »Erschien er plötzlich wo Sie ihn nicht vermutet«
    
    »Wenn ich die Augen schließe und lange da sitze sehe ich ihn deutlich vor
mir als wenn er leibte und lebte nein noch deutlicher Ich zähle die Knöpfe an
seiner Uniform Ich sehe ihn wenn er den Fidibus anzündet wenn er sich aufs
Sopha wirft das Bein auf den Stuhl legt wenn er gähnt und seufzt und mit der
Hand übers Gesicht fährt«
    »Das sind ja interessante Visionen Aber erlauben Sie mir es zu sagen diese
Wahrnehmungen können doch zuweilen sehr unangenehm werden wenn eine zarte Frau
in die Garçonwohnung einer Kaserne blickt und alles das sieht Es soll da nicht
sehr sauber hergehen«
    »Sein Herz ist rein seine Seele ein Spiegel Ich kann ohne Erröten hinein
blicken Was kümmern mich die Äußerlichkeiten Er hat in seiner Kaserne keine
weibliche Pflege Da hängt manches am unrechten Ort und geschieht nicht wie es
sollte Er fühlt es wohl kann sich aber nicht klar darüber machen Er fühlt er
muss sich herausreissen weil er sonst unterginge«
    »Das wissen Sie alles« rief die Fürstin über die neue Klairvoyance
verwundert Es ging ihr wie der Lupinus die Eigenschaft die sie für sich
liebte ward ihr bei Andern unbequem
    »Ich weiß noch mehr Ja er ist  er hat Vertrauen zu mir  er hat wie ich
das Bedürfnis gefühlt das unselige Missverständnis aufzuklären er hatte einen
männlichen Entschluss gefasst mit einem Wort teuerste Freundin er wollte an
jenem Nachmittage zu mir weil er es nicht länger in der Ungewissheit aushalten
konnte und da «
    »Kam etwas dazwischen jetzt verstehe ich Sie Aber dann lässt sich ja der
Schade leicht wieder gut machen«
    »Sieht er mir denn ins Herz« rief die Baronin
    »Man kann ihn langsam sondiren «
    »Langsam Und es geht los Er muss mit« Sie sah die Fürstin mit stieren
Augen an und jetzt brach das lang Verhaltene unwiderstehlich heraus »Langsam
und Sie waren zugegen wo sie den Krieg beschlossen Weiß ich ob er noch in
Berlin ist wenn wir ankommen Es sind Kouriere mit neuen Marschordres schon
diese Nacht abgegangen Und er geht ohne zu wissen was mich quält Nein er
geht mit dem Gedanken dass ich ihn verspottet Die erste Kugel kann ihn treffen
und und  in das Jenseits ist er und weiß nicht «
    »Dass Sie ihn lieben  Meine teuerste Baronin wenn wir das nur geahnt
hätten Man hielt es für eine flüchtige Passion Wie hier die Welt ist«
    Die Fürstin wusste in dem Augenblick nichts Passenderes zu tun als dass sie
die Baronin an die Brust schloss Die Baronin interessierte sie sehr wenig ihr
Liebesschmerz noch weniger am wenigsten aber der Rittmeister Durch das
improvisirte Embrassement verbarg sie außerdem die Träne des Mitgefühls die in
ihrem Auge nicht da war und ersparte sich eine Antwort die ihr in dem
Augenblick nicht konvenirte Sie saßen eine Weile in schweigender Rührung Bei
der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger und ihre Bekenntnisse
lange noch nicht erschöpft brachen von neuem heraus Dies besorgte die Fürstin
sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gesprächs nachzusinnen welche
diesen Ausbruch verhinderte weil sie aber nur zu gut wusste wie Gefühle der
Art einem Raume mit brennbarem Äther gleichen wo man kein Licht einbringen
darf damit nicht alles in Flammen stehe so schwieg sie lieber ganz Sie fühlte
sich indes auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain denn sie war
überrascht nicht sowohl über die Macht der Leidenschaft welche die für kalt
gehaltene Frau aufregte als über das Bewusstsein und die Seele mit welcher sie
das Gefühlte aussprach Wo Diplomaten Bewusstsein und Seele merken werden sie
unsicher und tappen umher bis sie mit ihren Fühlfäden die Schwäche entdeckt
haben mittelst deren sie den Gegenstandder sich ihnen entziehen will wieder
in ihr Netz ziehen
    Die Fürstin hatte wenigstens eine unverfängliche Wendung gefunden als sie
wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzte den Blick gen Himmel rief »Und der Krieg
ist es der meine Freundin so erschreckt Was ist der Krieg anders als ein
Gewitter das die schwüle Luft reinigt«
    »Mit Menschenblut Und darunter die Besten Die Kugel wählt nicht die
Schlechten«
    »Wenn nun in der Natur ein solches verborgenes furchtbares Gesetz bestünde
das Menschenblut fordert« fuhr die Fürstin fort die sichtlich in ein neues
Gedankengewebe sich hinein spann oder zu einem Phantasieflug erhob der über die
Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinaus ging Sie wollte obgleich die
Wahrnehmung sie interessierte dass die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit über
sich erhoben hatte sich selbst in eine Sphäre erheben wo Jene ihr nicht folgen
konnte
    »Ja es existiert dieses Gesetz Und der Soldatenstand ist der geehrteste
weil er auf diesem großen Gesetz der geistigen Welt beruht Warum heißt Gott in
der Bibel der Herr der Heerscharen Es ist das nicht ohne tiefen Grund Wie
herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine wir können sagen
gesetzliche Wut aller Wesen gegen einander Es gibt keinen Moment in der Zeit
meine Freundin wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird Der
Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Würgetieren die
allerfurchtbarste Er tötet um zu essen nm sich zu kleiden sich zu schmücken
ja aus Vergnügen er tötet um zu töten Der Mensch dieser entsetzliche
Herrscher der Natur, will alles an sich reißen vom Lamme seine Eingeweide um
die Harfe widertönen zu lassen vom Wallfisch seine Barten um das Mieder des
jungen Mädchens zu halten seine Tafeln sind bedeckt mit Kadavern Ja dem
Menschen ist in dem unerforschlichen Ratschluss des Ewigen das Amt gegeben den
Menschen zu erwürgen und der Krieg ists der den Spruch erfüllt Die Erde
selbst schreit nach Blut In Erfüllung des großen Gesetzes das gewaltsame
Zerstörung unter den lebenden Wesen fordert ist die ganze Erde fortwährend von
Blut getränkt nur ein ungeheurer Altar auf dem Alles geopfert werden muss ohne
Ende Ja meine Teure zweifeln Sie daran wenn Sie die Weltgeschichte
durchblättern wenn Sie die roten Schlachtfelder überblicken mit denen der
gekrönte Korse die Länder füllt dass der Würgeengel sie umkreist wie die Sonne
und eine Nation nur aufkommen lässt um andere zu schlagen Wenn die Verbrechen
sich gehäuft über das Maß dann verfolgt mit Hast der Engel ohne Maß zu kennen
seinen unermüdlichen Flug Die sicht und greifbaren Anlässe erklären den Krieg
nicht Jeder kennt ja das Übel wenn sie wollten könnten sie ihm ja leicht
vorbeugen Aber es ist der Durst dieser großen Sünder nach der Strafe von der
sie fühlen dass sie sie verdient sie stürzen danach wie die Hirsche zum
Quell um dadurch gesühnt zu werden Sehen Sie Teuerste wenn wir ihn so
betrachten müssen auch die Schrecken des Krieges geringer werden ja wenn wir
uns versenken in den berauschenden Gedanken dass Er es ist der von dem sündigen
Menschengeschlecht im Augenblick seiner höchsten Not gerufen in seiner
Donnerwolke eintritt um die Ungerechtigkeit welche die Kinder dieser Welt
gegen ihn begingen zu strafen und vernichten dann wird der Krieg selbst in
unsern Augen zu etwas Göttlichem und seine Schrecken schwinden vor dem
geängsteten Gemüte«
    Wir wissen dass dies nicht die eigenen Ansichten der Fürstin Gargazin waren
sondern dass sie dieseben in Petersburg aus dem Munde eines französischen
Fanatikers vernommen hatte der damals noch wenig beachtet später aber von so
unheilvollem Einfluss ward noch heute dauernd aber noch heute zweifelhaft ob
von schlimmerem auf die Völker oder die Fürsten indem er ihr Thema die
Erblichkeit der Rechte auf keinen festern Grund zu bauen wusste als auf die
Erbsünde der Menschen
    Die Fürstin hatte erreicht was sie vorhin wollte sie hatte die Baronin zum
Schweigen gebracht aber die stumme Sprache der Seufzer ward ihr noch peinlicher
als die vehementen Liebesklagen von denen sie sich debarrassirt Sie drückte
sanft die Hand ihrer Begleiterin sie bedauerte wenn ihre Phantasien einen zu
tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht auch sei der Krieg ja noch nicht
bestimmt erklärt und wenn er ausbreche wache ein Auge dort oben über Alle und
wisse die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden »Nur die Schuldigen
trifft sein Zorn Er richtet nicht wie ein menschlicher Richter der nur auf die
offenkundigen Taten sieht er prüft die Nieren und sieht das Herz Mancher der
uns als großer Sünder erscheint geht vor ihm frei aus weil sein Herz rein
geblieben nur die Gewalt der Umstände ihn zur Tat trieb Dagegen wie Mancher
der nichts getan was die Sinne fassen ist schon verdammt weil er in der
Stille seinen sündhaften Regungen nachging weil er in Gedanken gegen Gottes
Gesetze sündigte Wie leicht lullen wir uns in süße Verstellung ein es sei
nicht schlimm was wir denken wir lügen uns edle Absichten vor oder glauben es
sind ja nur Phantasien und wenn es zur Ausführung kommt so würden wir stark
sein und ihnen widerstehen Ach meine Liebe wir sind nicht stark und
Gedankensünden sind oft die schwersten die wir begehen können«
    Die Fürstin musste heute selbst so von ihren eigenen Gedanken bedrängt und
verwirrt sein dass ihre diplomatische Kunst sie in dem was sie laut sprach zu
verlassen schien Sie hatte nichts von dem neuen peinlichen Eindruck gemerkt
den diese Tröstung auf die Baronin hervorgebracht die plötzlich sich auf den
Boden des Wagens niedersenkte und die Knie der Fürstin umfasste »Ach ich
verstehe Sie« schluchzte die schöne Frau »aber  ich konnte nicht anders«
    »Meine Liebe Gute beruhigen Sie sich« sprach die Fürstin die eine neue
Spezialbeichte fürchtete und nichts weniger als Lust hatte den Beichtvater
abzugeben »In solchen großen Weltkatastrophen hat das Ange droben weniger Acht
 ich wollte sagen es sieht milde und gnädig auf die kleinen Vergehungen
herab«
    »Ja ich liebe ihn« rief die Baronin »und ich bin ja eine verheiratete
Frau« Also das war es Mild lächelnd blickte die Fürstin auf die Sünderin
herab und fuhr mit den weichen Fingern über ihre Stirn »Erinnern Sie sich wie
der verlorene Sohn aufgenommen ward«
    »Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen  wenn ich jetzt zurückkehre raube
ich ihm seinen Glauben «
    »An Ihre Liebe Das ist sehr wahr Der verlorene Sohn kehrt auch nicht auf
den ersten Anfall von Reue zurück Würde er so im Hause des Vaters empfangen
sein Er musste eine furchtbare Schule der Sünde durchmachen um der Gnade wert
zu sein Wäre er in sich gegangen nach einer leichten Verirrung und hätte er
sich etwa nach einem Trinkgelag einem Verlust im Spiel einer wüsten Nacht
reuig dem Vater zu Füßen geworfen es wäre gewiss sehr hübsch und moralisch aber
der Vater wenn er ein vernünftiger Mann war hätte ihn aufgehoben und auf die
Schulter geklopft und gesprochen Nun das freut mich dass Du es selbst
einsiehst künftig wirst Du Dich davor hüten aber nun mache kein Aufheben
davon dass Du nicht ins Gerede kommst sei ganz wie vorher ich werde gegen Dich
auch wie immer sein O meine Freundin wo blieb da die Seligkeit die den Sohn
den Vater das ganze Haus die Nachbarschaft erfüllte jene Seligkeit um die es
sich lohnt gelebt so viel Qualen ausgestanden zu haben Wie er dalag auf der
Schwelle zerknirscht gebrochen an Leib und Seele und nun zuckte das
Gnadenwort des Vaters wie ein Sonnenstrahl nach langen grauen Tagen der Himmel
tat sich auf in seiner Herrlichkeit als die Arme des Vaters sich öffneten ihn
zu umschließen Er ward ein neuer Mensch er gesundete an Leib und Seele alle
Welt wusste es alle Welt freute sich mit ihm und das große Geheimnis der Liebe
ward Himmel und Erde offenkundig«
    Es klang wunderschön die Baronin wusste aber doch nicht was sie damit
machen sollte »Wenn ich nur wüsste «
    »Weiß Ihr lieber Mann darum« fiel die Fürstin ein
    »Ach der  Er würde sich halb tot lachen wenn er alles wüsste Es hat ihm
schon Spaß gemacht dass er mich necken konnte«
    »Wenn aber aus dem Spaß doch Ernst würde Wenn er in eifersüchtiger Laune 
es könnte eine unangenehme Szene  eine Scheidungsklage «
    »Ach da hat er schon eine Andere«
    »Die spanische Tänzerin soll ihm viel Geld kosten«
    »Das meinen Sie Nein ich meine die Braunbiegler«
    »Die reiche korpulente Wittwe mit den Edelsteinen und Ketten um den Hals
Die muss ja eine Fünfzigerin sein«
    »Sie ist ja die Wittwe seines Kompagnons  hunderttausend Taler baar außer
dem halben Geschäft Wäre Herr Braunbiegler vor acht Jahren gestorben hätte er
mich gar nicht geheiratet das sagt er mir und Jedem tausend Mal Er hätte das
Geschäft in einer Hand und die Tuchlieferungen fürs Militär allein«
    Ein Lächeln schwebte über das Gesicht der Fürstin »So denken denken die
Männer und von uns fordern sie Hingebung und Treue  Was ich sagen wollte es
kommt Ihnen also jetzt alles darauf an den guten Rittmeister von seinem Irrtum
zu kuriren Wie wäre es denn  es ist nur ein Einfall  Sie glauben nicht dass
er sich noch einmal auf den Weg macht«
    »Mein Gott er muss ja ausmarschiren Das ists ja«
    »Richtig Wie wäre es denn wenn Sie sich auf den Weg machten Ich meine
wenn Sie ihm entgegen kämen natürlich in allen Ehren Sie könnten ihn zu sich
rufen lassen das möchte aber falsch ausgelegt werden und vielleicht käme er
auch nicht Sie müssten etwas recht Eklatantes tun das eblouirt die Männer
Ich hoffe Sie verstehen mich nicht falsch Wenn Sie ihn in der Kaserne
aufsuchten ich meine nicht heimlich sondern in Ihrer Equipage den Bedienten
hinter sich die Welt würde das freilich nicht gut heißen «
    »Sie meinten also «
    »Ich meine gar nichts aber wenn Sie einen solchen Schritt sich durchaus
nicht ausreden ließ wenn Sie sich kühn über das Urteil der Menge wegsetzten
welche die Impulse edler Seelen nie begreift  ich stelle mir nur eben den
magischen Eindruck vor den dieser heroische Entschluss auf unsern Freund
hervorbringen müsste Bei dem allgemeinen patriotischen Aufschwung der gerade
von den Frauen getragen wird sinken die gewöhnlichen Schranken Die Schwester
eilt zum Bruder die Braut zum Bräutigam man möchte den teuren Scheidenden die
letzten Stunden durch verdoppelte Aufmerksamkeit versüßen man windet ihnen
Kränze zum Abschied und in den Epheu und das Immergrün möchte man schon
Lorbeern flechten Finden Sie das unnatürlich«
    Wenn die Fürstin sich hätte Rechenschaft geben sollen welches Motiv sie
antrieb würde sie gestockt haben Herrschsüchtige strengen oft die halbe Kraft
an den Schein hervorzubringen dass sie nicht beherrschen wollen Geistvolle
wenn sie von Andern in ihren Gedankenkombinationen gestört werden wehren sich
die Störung durch lebhaftes Reden ab Die äußerste Anstrengung sich nicht zu
verraten verrät freilich den Schuldigen nur zu oft es bedarf dazu aber
anderer Richter als Zuhörer die von ihren eigenen Gedanken absorbirt sind Die
Fürstin wollte von der Baronin loskommen aber in jeder Wendung welche sie dem
Gespräch gab verstrickte sie sich aufs Neue Die Intrigue zu der sie sich aus
Gefälligkeit herbeigelassen war ihr gleichgültig selbst das Vergnügen
Eroberungen zu machen erkaltet je unbedeutender die Personen die wir zu
erobern ausgingen im Verlauf der Arbeit uns erscheinen und wenn sie aus Not
wieder ins Rad dieser Intrigue griff geschah es nur aus Rücksicht für Freunde
die ein Diplomat abschütteln darf sobald das Interesse es fordert niemals aber
aus Laune Sie wollte wenigstens das Spiel derselben nicht verderben darum ein
Ratschlag bei dem ihre Freunde Zeit gewannen nach ihrem Gutdünken zu handeln
    Aber die Fürstin hatte heut Unglück Der Funke den sie geschlagen hatte in
der Baronin gezündet Sie strich über die Stirn und machte Miene aufzustehen
»Ja Sie haben wieder recht So muss es sein ich bins ihm schuldig Wenn nur
nicht wieder etwas dazwischen kommt«
    Ach wenn doch etwas dazwischen käme dachte die Fürstin und der Himmel
erbarmte sich ihrer Ein heftiger Krach ein prasselndes Knallen und der Wagen
senkte sich Im nächsten Augenblick waren die Damen unsanft auf die Seite
geschleudert und lagen in der umgestürzten Kutsche deren Fenster klirrend in
Stücke sprangen Der Kutscher hatte nicht schnell genug einem hinter ihm in
Sturmeseile heranpreschenden Sechsspänner ausweichen können Das Hinterrad des
Wagens war vom Vorderrade des nach ihm kommenden erfasst worden das Terrain war
abschüssig und der Wagen der Fürstin weiter in die Richtung rollend gestürzt
Wenigstens ein Rad gebrochen
    Aus der Kutsche des Sechsspänners ertönte ein donnerndes Halt Ein Kavalier
sprang noch im Fahren heraus und ehe die Lakaien sich von ihren Sitzen
gearbeitet »Es ist Frauengeschrei« sagte ein heransprengender Reiter der zum
Wagen gehörte »Um so unverzeihlicher« rief der Kavalier und schien zu
fordern dass auch der Begleiter vom Pferde springe während er selbst der
erste sich an der umgestürzten Kutsche beschäftigte den oberen Schlag zu öffnen
    »Sie sind doch nicht verwundet« rief die Eitelbach zur Fürstin die unter
ihr lag »Ich glaube nicht Man öffnet Machen Sie Luft«
    Die Eitelbach war rasch zur Hand Sie erfasste eine andere Hand welche sich
ihr aus dem geöffneten Schlage entgegenstreckte Als sie sich aufgeschwungen
umfasste sie der kräftige Arm des Kavaliers und hob und senkte sie mit einem
glücklichen Schwunge auf die Erde Im nächsten Moment übte der Begleiter der
rasch aus dem Sattel geglitten denselben Ritterdienst an der Fürstin Der
Zobelpelz den sie der empfindlichen Morgenkühle willen nicht zurücklassen
wollte machte einige Schwierigkeit Der Retter und die Gerettete mussten sich
übrigens kennen Als sie aber den andern Kavalier sah ließ sie den Pelz
plötzlich zu Boden sinken und blieb in respektvoller Entfernung mit auf der
Brust gekreuzten Armen am Wagen stehen
    Der Kavalier sprach zur Baronin die ihren Schreck abschüttelte »Ich hoffe
doch dass die schöne Frau sich keinen Schaden getan«
    »Danke für gütige Nachfrage Ihr kaiserliche Majestät ich denke es ist
Alles noch gut abgelaufen« erwiderte sie mit einem Knix der die Fürstin
erröten machte Sie sah aber nicht dass die Baronin dabei auch auf ihre
Falbalas sah die beim Herausheben zerrissen waren
    Der Kavalier ließ den wohlgefälligen Blick mit dem er die Gestalt der
schönen Frau maß jetzt auf ihre Begleiterin gleiten »Ei sieh da Prinzessin
das Morgenlicht täuscht Hoffentlich auch mit dem Schreck davon gekommen liebe
Gargazin« Er reichte ihr die Hand die sie ehrerbietig an die Lippen brachte
»Sire ein kleiner Unfall verschafft uns oft ein großes Glück«
    »Aber die Damen können doch unmöglich in der Kälte hier stehen« rief der
Kavalier sich umsehend »Wäre in meinem Wagen  aber es muss sogleich Rat
geschafft werden«
    »Eure Majestät« sagte die Fürstin »der Unfall wird leicht zu redressiren
sein Hier ist Hilfe zur Hand«
    »Wir sind bei Stimmingens« rief die Baronin auf das Gehöft zeigend das in
der Morgendämmerung gegen den dampfenden weiten Seespiegel auftauchte »Da sind
wir gut aufgehoben Wer bis Stimmingen kam ist zufrieden«
    Der Kavalier lächelte Wenn ein großer Mann Zufriedenheit um sich erblickt
ist er selbst zufrieden Aus der Wirtschaft waren in der Tat schon rüstige Arme
herbeigeeilt um die gestürzte Kutsche beschäftigt Ein ältlicher Begleiter in
einen dicken Pelz verhüllt der sich aus dem Wagen gearbeitet machte mit einer
Bewegung der Hand gegen die Uhrtasche eine bedeutungsvolle Verbeugung
    »Meine Damen« sprach der Kaiser »ich bedaure dass die Stunde die zur
traurigen Staatspflicht ruft mich zwingt die angenehmere in Ihrer Gesellschaft
abzukürzen Ich hoffe dass Ihr Wagen bald wieder hergestellt ist um das
Vergnügen zu haben Sie in Berlin wieder zu sehen« Die huldreichste Verneigung
schloss mit einem Kopfnicken gegen die Fürstin »Adieu Gargazin erkälten Sie
sich nicht« Noch einmal sah der Erlauchte vor dem Einsteigen sich um und sein
Blick galt der Baronin
    »Glückselige Frau« sagte die Fürstin zur Eitelbach während sie Beide am
hohen Rand des Sees auf und ab gingen die Fürstin wieder in ihrem Zobel den
der Adjutant ihr aufgehoben Sie zogen den Aufenthalt im Freien der überheizten
Wirtsstube und der Gesellschaft darin vor Beide vielleicht von einem inneren
Feuer erwärmt während der Novemberwind empfindlich kalt von Spandau her über
die weite Fläche des Sees blies
    »Warum glückselig jetzt«
    »In Russland würde diese Frage eine Blasphemie sein Die Schönheit auf der
das Auge der Majestät mit Wohlgefallen ruhte wird glückselig gepriesen  Aber
wie kannten Sie ihn und auch mein hoher Herr «
    »I wissen Sie denn nicht Wie sichs in der Königsstrasse stopfte und sie
halten mussten gerade vor unserem Hause Und die ganze Zeit sah er nach meinem
Fenster  fünf Minuten oder drei wenigstens kein Auge fort Es hat uns Allen
rechten Spaß gemacht«
    »Spaß« Die Fürstin erschrak es kam aber noch ein anderes Gefühl hinzu wie
konnte ihr das verborgen geblieben sein Niemand hatte es ihr hinterbracht War
sie so schlecht bedient Die Eitelbach konnte sich täuschen aber hatte sie
nicht selbst Alexanders Blicke beobachtet Sie kannte diesen Blick
    »Ich begreife Sie nicht so ruhig sprechen Sie das aus In Russland nein in
ganz Europa bliebe keine Frau gleichgültig die der ritterlichste und
liebenswürdigste Monarch so ausgezeichnet hat«
    »Ach Sie meinen mich Nein ich wars ja nicht«
    »Wer denn«
    »Die Mamsell Alltag die stand im Fenster neben mir«
    »Adelheid Alltag« rief die Fürstin und blieb sinnend stehen so im Sinnen
dass sie den herangaloppirenden Reiter nicht bemerkte der sich zum zweiten Mal
vom Pferde warf und an die Damen trat Es war der Adjutant des Kaisers
    »Seine Majestät haben mich zurückgeschickt meine Damen mit strengsten
Befehl Ihnen meine Gegenwart aufzudringen und nicht eher zu weichen als bis
ich ihm rapportiren kann dass der Wagen und Alles was Sie wünschen zur
Zufriedenheit der erlauchten Frauen hergestellt ist«
    Die Fürstin musste nach dem eigentümlichen und forschenden Blick den sie
ihm zuwarf zu schließen in alter und sehr genauer Bekanntschaft mit dem
Adjutanten stehen
    »Berichten Sie Prinz Seiner Kaiserlichen Majestät wie Sie uns sprachlos
vor Rührung über diese außerordentliche Gnade gefunden haben Um uns aber in
unsern stummen Dankgefühlen nicht zu stören bitten wir Sie uns auf der Stelle
auch noch zu vertrauen warum Sie außerdem hergeschickt sind«
    Der Adjutant wie im Einverständnis mit der Art der Frage verneigte sich
vor der Baronin »Außerdem wünschten Seine Majestät zu erfahren wer das junge
Mädchen war die am Einzugstage neben der schönen Frau am Fenster stand«
    »Wirklich« rief die Fürstin man glaubte unter dem Zobelpelz ihr Herz gegen
die Brust schlagen zu hören die matt gewordenen Züge ihres feinen Gesichts
belebten sich und ihr schwarzes Auge strahlte von einem Glanz der das graue
Morgenlicht beschämte »Berichten Sie Seiner Majestät dass was wir wünschen
wenigstens was ich wünsche zu meiner Zufriedenheit hergestellt sein wird
Vielleicht sage ich Ihnen dann unterwegs  Sie chaperonniren doch unsern Wagen
wer das junge Mädchen ist vielleicht auch nicht Je nachdem Sie sich
aufführen«
 
                         Siebenundvierzigstes Kapitel
                Von Magistratspersonen und ungeratenen Kindern
Die Geheimrätin Lupinus war am Rathaus vorgefahren und hatte in die Hände des
Magistrats eine Gabe von dreihundert Talern als milden Beitrag zu den
Kriegskosten des Staates niedergelegt Der Magistrat hatte es für nötig
erachtet durch eine confidentielle Deputation der Geheimrätin für diesen
Beweis einer außerordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besonderen Dank
abzustatten Sie hatte die Herren Büsching Köls und Gerresheim mit Beschämung
wie sie sagte empfangen und ihre Verwunderung nicht zurückhalten können über
einen so Aufsehen erregenden Schritt und um eine Handlung welche nach ihrer
Meinung die Pflicht von Jedem fordere
    »Aber Sie waren die Erste in Berlin die das Beispiel gab« hatte Büsching
erwidert »und vor diesem Beispiel verneigen wir uns«
    »So wünsche ich meine hochgeehrten Herren dass das Beispiel von den
Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit die ich
mitbrachte bald vergessen werde über die großen Opfer die andere Reichere auf
dem Altar des Vaterlandes niederlegen«
    »Eigentlich hat sie Recht« sagte Gerresheim als die Herren wieder in den
Wagen stiegen »Das schickt sich nicht für eine Korporation wie der Magistrat
von Berlin«
    »Was schickt sich denn und was schickt sich nicht« sagte Köls »wenn das
Vaterland in Gefahr ist Wir mussten aus den Provinzen täglich in den Zeitungen
lesen dass der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet und wertvolle
Lieferungen verspricht während in der Hauptstadt nicht das Geringste geschehen
ist Da war es Pflicht den ersten Besten der mit einer ansehnlichen Offerte
hervortrat zur Stimulation für die Andern zu honoriren«
    »Das ist auch meine Ansicht« schloss Büsching »Es ist mit unserm
Gemeindewesen überhaupt nicht wie es sein sollte Da muss man Manches dem
Einzelnen überlassen was eigentlich nicht an ihm wäre«
    »Unser Räderwerk ist etwas verrostet das ist richtig« stimmte Gerresheim
bei
    Jener fuhr fort »Können wir als Korporation etwas tun um auf das
Staatswohl einzuwirken Weder nach Oben noch nach Unten haben wir Einfluss«
    »Ist auch nicht unseres Amtes Herr Kollege« sagte Köls »Und ich sollte
meinen es macht uns schon genug zu schaffen«
    »Papierstösse in Aktenberge zu verarbeiten Meines Erachtens wäre in einem
wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine
andere als im Schlendrian zu vegitiren«
    »Liebster bester Kollege keine Neuerungen Haben wirs nicht gesehen
wohin sie führen Wenn erst distinguirte Männer im Amt einen Penchant dazu
bekommen «
    »Neuerungen« fuhr Büsching dazwischen »was so uralt ist als es Städte in
Deutschland gab Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine
Bürgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden bei uns aber ist doch
wenigstens noch die Fiktion dass wir aus der Bürgerschaft hervorgegangen dass
wir ihre Interessen vertreten oder wie man jetzt sagt sie repräsentiren
Traurig genug dass es nur noch Fiktion ist Meine Herren Kollegen fühlen Sie
denn nicht dass es einer innigern festern Gliederung zwischen oben und unten
zwischen allen Teilen Gliedern und Ständen bedarf um uns fest in uns selbst
zu machen Wenn ein Feind in England einfiele und London nähme wäre England
nicht verloren weil in jeder Grafschaft ein Teil des Ganzen lebt der selbst
Lebenskraft hat weil die Gemeindevorstände aus der Gemeinde hervorgingen mit
ihr zusammenhängen mit ihr auf sie gestützt handeln können Da rettet sich
ein Teil des Staates der Nation in die Städte Grafschaften von dort aus
erhebt sich England wieder Was aber wäre Preußen wenn Berlin genommen ist und
der Sitz der Regierung ehe man die Staatsmaschine retten konnte mit Allem
darum und daran dem Feinde in die Hände fiel Wo sollte sich ein Widerstand
organisiren wo eine legale Autorität auftreten wenn ein Schlag den Knoten
zerhieb in dem alle Fäden zusammen liefen und sie hängen nun lose da Die
Einzelnen möchten zwar gern und sie sind bieder gut entschlossen aber wo ist
ein Mann ein Name eine Institution welche eine Kraft einen Anspruch hat die
Einzelnen um sich zu sammeln Wir haben keine Aristokratie keine Magistrate
wie sie sein sollten gar keine Korporationen mit Einfluss hinter sich mit
Untergebenen die ihren Führern wenn nicht aus Liebe folgen doch aus Interesse
sich zu ihnen schaaren Wenn der Schlag fiele sind wir zersplittert eine
zerstreute Heerde von der jeder Nachbar jeder Räuber was ihm bequem liegt an
sich risse«
    »Wir haben unsere Armee« sagte Köls
    »Und die Armee hat Disziplin« setzte Gerresheim hinzu »Mit Disziplin lässt
sich Alles durchsetzen«
    »Auch der Opfermut der festhält an einer verlorenen Sache  Lassen Sie uns
abbrechen meine Kollegen unsere Ansichten finden keine Vereinigung Wir haben
keine Korporationen Stände keine Gliederung im Staate aber wir haben
Menschen gute tüchtige Menschen vielleicht Charaktere die nur jetzt
verborgen sind und die Not weckt noch mehr zur rechten Stunde Das hoffen wir
doch Alle und lassen Sie uns an diesem Glauben festhalten Darum «
    »Wollen wir auch das Scherflein der Wittwe nicht verschmähen die
dreihundert Taler der Lupinus sind uns aber lieber« fiel Köls ein »Sie ist
ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus« sagte Büsching »Und « setzte
Gerresheim hinzu und schwieg plötzlich bis er die Bemerkung hinwarf »Die Frau
Geheimrätin admirirte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation da
ist das Changement doch auffällig« Die drei Herren sahen sich an und mussten
sich verstehen
    »Es ist doch etwas eigenes mit der Weibernatur« sagte Köls nachdenklich
»Wie weit sind sie uns oft vorauf ich möchte sagen wie der Blitz der durch
die Nacht leuchtet und wir sehen den Weg vor uns Aber dann wenn wir den Weg
einschlagen wollen haben sie sich plötzlich verloren und wir haben Mühe sie
mitzuziehen« »Sie tuts auch jetzt nur um von sich reden zu machen« sprach
Büsching »Darüber hab ich mich keinen Augenblick getäuscht Aber das dürfen
wir um Gottes Willen nicht sagen Hingenommen das Gold und einen Heiligenschein
daraus geschlagen Zum Zweck ists dasselbe« »Es wird mit dem Schein manches
Heiligen nicht besser sein« assentirte Köls »Was meinen Sie Gerresheim«
    »Weiß der Geier in der Frau ist etwas was mich anzieht und abstösst Als
ob ihr Auge mich aushöhlen wollte und ich fühle mich gedrungen dann immer
tiefer hineinzusehen um sie wieder auszuholen« »Ei ei Gerresheim doch nicht
wieder verliebt« »Das wäre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten den
er zum Geständnis bringen will Ich kann die Vorstellung nicht los werden dass
ich die Frau einmal vor mir sitzen hätte am grünen Tisch in einem Glorienschein
von erhabener Tugend und philosophischer Resignation Da steht mir der kalte
Schweiß auf der Stirn wie sie auf meine Fragen antwortet Sie redet sich aus
und in mich drein dass ich an mir irre werde Glauben Sie mir das könnte die
Frau in solcher Lage mit ihrem züngelnden Blicke voll Sanftmut und doch in
die Seele bohrend mit ihrem feinen Lächeln mit der unendlichen Milde die um
ihre blassen Todtenlippen schwebt Sie bedauert mich sich die ganze Welt und
Gott weiß was hinter dem Bedauern lauert Hohn und Hass Gift und Tod«
»Gerresheim ich bitte Sie ein Mann wie Sie ein Richter Kriminalist und
solche Phantasien« »Ich weiß es es ist unrecht aber wer kann dafür Sie ist
die reputabelste Frau in Berlin und doch « »Was steckt dahinter« »Nichts
weiter Büsching als die Warnung dass man die Leute nicht zu klug werden lassen
darf Stellen Sie sich das Elend vor wenn jeder Dieb so fein gewitzigt
gelehrt und gebildet wäre wie die Geheimrätin Lupinus Da möchte der Teufel
Richter bleiben«
    Während dieses Gesprächs stand Diejenige von welcher die Rede war am
Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen Das Fenster war
geschlossen und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes Sie konnte
nichts mehr sehen und nach den Gesetzen der Natur, die wir kennen nichts
hören als das Fortrollen der Räder Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet
hätte glauben mögen dass sie das Gespräch im Wagen angehört In ihren Augen
stand geschrieben ich weiß was Ihr über mich denkt Ich kanns nicht ändern
aber Ihr könnt und sollt mich nicht anders machen als ich bin Dann flog ein
eigentümliches Lächeln über die Lippen welche die Magistratsperson so treffend
gemalt hatte
    »Der Herr Legationsrat von Wandel lassen ihren Respekt vermelden« sprach
der eintretende Diener nachdem ein Zug an der Türglocke sie aus ihren Gedanken
aufgeschreckt
    »Ich lasse dem Herrn Legationsrat für seine unerwartete Attention danken«
    Der Bediente ging aber noch nicht obgleich die Dienerschaft gewöhnt worden
zu schweigen wenn die Geheimrätin mit einer ihrer scharfen Bemerkung eine Rede
abschnitt Es hatte sich manches in dem Hause verändert die Geheimrätin
schnitt viel öfter rascher die Reden ab sie sprach am liebsten mit sich und
man sah ihr an dass sie in der Unterhaltung den mit ihr Redenden nur äußerlich
Aufmerksamkeit schenkte während ihre Gedanken andere Wege gingen
    »Ists noch etwas Heinrich« fragte sie als der Bediente nicht ging Er
hieß eigentlich Johann hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen
ablegen müssen
    »Herr Legationsrat « sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der
Geheimrätin
    »Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten vermelden lassen«
wiederholte sie rasch »Weiter hat Er mir doch nichts zu sagen«
    »Sie lassen der Frau Geheimrätin sagen Frau Geheimrätin möchten doch
heute Abend ja nicht versäumen in die Komödie zu kommen Es wäre nämlich was
los Es wäre nicht um der Komödianten willen sagte der Mensch sondern weil die
Herren Garde du Korps und von den Gensdarmen die Logen gemietet und man
wüsste nicht was draus werden könnte Frau Geheimrätin möchten aber ja nichts
zu Andern von sagen denn es sollte es nicht Jeder wissen«
    »Das sagte Ihm alles der Mensch Vermutlich schrie er es Ihm von der Treppe
zu«
    »Nein Frau Geheimrätin der Mensch des Herrn Legationsrats waren nur sehr
eilig weil ers noch vielen ansagen sollte Sie standen Alle auf einer Liste
Darum «
    Die Geheimrätin schnitt diesmal das Gespräch nicht durch ein Wort sondern
durch einen Blick ab Aber der Blick war schärfer als das Wort
    Sie hatte sich auf das Kanapé gelehnt aber sie saß nicht allein Einst
hatte sie aufgeschrieen als sie kleine Schlangen sah die über das Sopha ihres
Arztes züngelten und um seinen Arm sich ringelnd ihm an den Hals glitten
    »Fürchten Sie sich nicht Frau Geheimrätin« hatte Heim gerufen ohne
Anstalt zu machen der fast Ohnmächtigen beizuspringen »Die Schlangen tun
Niemand was Es hat aber andre die zischen und sind giftig und Niemand sieht
sie«
    Diese Schlangen schienen jetzt neben ihr auf den Kissen zu spielen um ihren
Hals sich zu schlingen und durch ihre immer engere Umklammerung die scheu
schielenden Blicke ihrer Augen zu erpressen Fuhren sie auch zuweilen mit einem
nagenden Stich in ihr Herz so kann man wohl daher das plötzliche Aufzucken das
krampfhafte Atmen das sie sich selbst zu verbergen suchte indem sie ihre Hand
unwillkürlich an ihre Brust führte
    »Er hat Recht« sagte sie mit Anstrengung sich wieder vom Sopha erhebend
während sie sich doch noch an die Lehne hielt Aber dann zwang sie sich mit
aller Muskelkraft die dem starken Willen zu Gebote steht aufrecht zu stehen
»Er hat Recht« wiederholte sie »Das Leben ist und bleibt ein Krieg Aller gegen
Alle und nur Der steht fest der sich zuletzt auf Niemand verlässt als auf
sich Niemand«  setzte sie mit Nachdruck hinzu »Denn der beste Bundesgenosse
wird der gefährlichste Feind wenn die Bande zerrissen sind die ihn an uns
fesselten Und was sind denn diese Bande wenn wir sie näher betrachten Der
Leim der die spröden Fäden schmeidigt und bindet ist das Interesse weiter
nichts Die süßeste Liebe der eifrigste Wissensdrang wenn wir sie zersetzen
es bleibt nur das Gelüste das allerfeinste nach Genuss und Vorteil Die
Vaterlandsliebe was ist sie auf ihre Grundstoffe zerlegt Ein grober Egoismus
Und dieser Patriotismus den wir uns vorlügen Jeder sich selbst in noch
stärkerer Dosis dem Andern und der gibt ihn uns wieder zurück aufgeschwollen
bis das grauenhafte Phantom fertig ist das Wolkenbild das unsre Sinne
verwirrt unsre Vernunft uns raubt Und was bleibt dann «
    In der Kinderstube war es laut geworden keine ungewöhnliche Erscheinung
Die Kinder verübten wenn sie kaum sich etwas erholt allerhand Schabernack Sie
neckten zankten schlugen sich und es war mehr als einmal passiert dass sie in
unbewachten Augenblicken wieder einen frischen Trunk aus dem Quell des Übels
getan von dem sie geheilt werden sollten Charlotte kam aus der Stube die
Enveloppe umgetan zum Fortgehen Sie weinte
    »Haben die Kinder Sie wieder nicht in Ruhe gelassen«
    »Ach Frau Geheimrätin wenn da der liebe Gott nicht hilft dann weiß ich
nicht wer helfen soll«
    »Warum hilft Sie sich nicht selbst«
    »Ich knuffe sie auch Frau Geheimrätin aber Wechselbälger sind gar nicht
so schlimm Nein seit sie doch in dem Hause sind Ein vernünftiger Mensch soll
doch auch nicht in Rage kommen denn wer in Rage ist hat keine Vernunft ja
sonst  ich frage mich immer womit hats die liebe gute Frau Geheimrätin
verdient nämlich die selige die hatte ja ein Herz wie Zucker das konnte keine
Fliege leiden sehen und der Fritz wenn er den Maikäfern die Flügel ausreisst
das ist sein größtes Plaisir Malwinchen ist stiller aber die hats dick hinter
den Ohren Glauben Sie mirs Frau Geheimrätin die wars die hat die
Medizinpulle in die Mehlspeise gegossen O Gott ich kenne sie ja der Fritz ja
mit reingepolkt hat er in die Speise aber Fritz ist viel zu wild der hätte
nicht nachher die Pelle mit Respekt zu sagen so wieder rüber gepellt dass
mans nicht merken tat Und dass so was in einem so reputirlichen Hause
vorkommen musste Mein Kousine die Frau Hoflackir als sies hörte schlug die
Hände über den Kopf zusammen und sagte Charlotte Du mein Jemine die Leute
hätten ja denken können sie wären vergiftet und vergeben worden«
    »Das ist ein albernes Gerede«
    »Das sagte ich ja auch Erstens das waren vornehme Gäste und die nennt man
nicht Leute Kousine Nun Sie müssen wissen meine Kousine ist jetzt eine sehr
respektable Frau aber sie hat nicht die Bildung gehabt Da muss man ihr schon
etwas zu Gute halten Aber dann sagte ich ihr Aber Kousine wie kannst Du so
was nur denken Gemeine Leute sind rachsüchtig und da hat schon Mancher seiner
Frau auf den Kopf geschlagen und in den Büchern stehts von mancher Frau die
ihren Mann vergeben hat in der Suppe dass sie ihn unter die Erde kriegte und
hinter der Tür stand schon ein anderer Aber unter honetten Leuten kommt so was
nicht vor die wissen sich anders zu helfen Und wenns einmal so macht man
auch nicht so viel Geschrei davon denn da wärs ja getan um allen Respekt und
die Moralität Nein alles was Recht ist und mein guter Herr der Geheimrat
in der Seele hat er mir weh getan dass er dabei sein musste«
    »Wie war nur das Kind in die Küche gekommen«
    »Du lieber Gutt sie hat einen guten Geruch Da ging sie denn der Mamsell
Adelheidchen so lange um den Bart  das heißt sie streichelte mit ihren
Händchen die blonden Locken o Malwinchen ist ein Filou und da müsste Mamsell
Adelheid früher aufstehen wenn sies merken wollte«
    »Adelheid hat nichts davon gesagt«
    »Ach Frau Geheimrätin wie wird man Ihnen denn alles sagen was in Ihrem
Hause passiert Sie haben auch gesagt der Herr Geheimrat soll Kaffee haben vom
zweiten Aufguss weils ihn echauffirt Mamsell Adelheidchen aber lässt ihm vom
ersten geben weil sie gemerkt hat dass es ihm besser schmeckt Und der Herr
Geheimerat der nichts merkt merkts recht gut und ist still zu Warum sollte
ers auch laut machen er denkt dann kanns anders werden Es geht in jedem
Hauswesen so zu und wer der Klügste ist soll sich nicht einbilden dass nicht
Einer ist der ihm auf die Sprünge kommt Jedes Schloss hat ein Loch und jede
Mauer eine Ritze man sieht sie nur nicht und wer noch so verdämelt aussieht
zuweilen schießts in ihn Das sage ich meinem Geheimrat auch Will sich
manchmal um Alles kümmern meine Marktrechnungen nachrechen Lieber Herr
Geheimrat sage ich ihm wenn ich Sie übers Ohr hauen wollte dann wären Sie
der letzte ders merkt Er hat auch gemerkt dass es Malwinchen gewesen war
aber er tat nur so sonst hätte er ja losfahren müssen  und vorm Braten schon
und am Ende hätten Sie ihn die Kinder gleich einpacken lassen Na das käme ihm
jetzt bequem Es ist ja auch nicht das erste Mal bei uns haben sies schon mal
so gemacht Die Himbeersauce rein ausgeleckt derweil wir asserviren Was tun
sie damit wirs nicht merken sollen Sie gießen das große Tintenfass aus der
Registratur rein Ich sahs nicht mal denn wir hatten Eine zur Aushülfe so
ein Schlesisches Puddel die schrie Herr Je  die Tunke ist ja schwarz Na die
schwarze Brühe merkten wir denn bald  Und nus einmal raus soll auch alles
raus Das Achtgroschenstück warum der Hausknecht seinen Jungen so
gottesjämmerlich prügelte der Gottlieb hatte es nicht in die Gosse fallen
lassen  das sagte der Junge nur aus Pfiffigkeit dass er mit den Patschen drin
wühlen konnte und wer half ihm nicht und derweil er heulte und wühlte dachte
er kommt ne mildtätige Seele und schenkt ihm was Sie haben ihm auch was
geschenkt aber die Prügel waren das Meiste Nein aus der Tasche hat er sichs
stehlen lassen Und wer hats ihm stibjetzt  Ich weiß es«
    Ihre Hände mussten ihre Tränen nicht fassen können die aus Charlottens
Augen stürzten auch das blaue Tuch was sie davor hielt ward in allen
Wendungen nass und ihr Schluchzen schallte von den Wänden zurück »Wäre es
möglich Charlotte«
    »s ist gewiss Frau Geheimrätin Es schoss mir gleich was durch den Sinn
Und nachher wie ich im Stroh suchte unter seinem Bett da fand ichs  das
Achtgroschenstück«
    »Sie hat es dem Hausknecht wieder gegeben«
    »Ich wollte es auch aber da kriegt mich der Fritz zu packen Sage ich
Ihnen wie ein Kobold er kniff mir in die Waden und biss mir in die Finger und
schrie und weinte  nu man hat doch auch ein Herz im Leibe  wer will denn
seiner Herrschaft Kinder an den Galgen liefern  Dem Gottlieb tut mans wieder
gut Die Prügel hat er doch mal weg schaden ihm auch nichts Aber von dem
Achtgroschenstück davon ists ja eben Zum Kuchenbäcker um die Ecke Sein ganz
Schnupftuch voll brachte er mit husch unters Bett und nun stopften sie Daran
liegen sie ja jetzt wieder Nein sage ich doch das steckt im Blute«
    »Meint Sie«
    »O Du himmlischer Vater wenn da nicht Einer hilft der wird mal ne
Räuberbande wies zu lesen steht in den Büchern bei Herrn Vieweg  blutig
duster im Walde und am Ende schleppen sie ihn in Ketten Na wenn das mein Herr
erlebte«
    »Im Blute sagt Sie steckt es«
    »Wers zu verantworten hat weiß ich auch Frau Geheimrätin Nein da sind
Sie nicht dran schuld Im Blute sagt der Herr Prediger steckt die Sünde der
Frühprediger meine ich wo die russische Fürstin allemal hinkutschirt Ach Frau
Geheimrätin haben Sie den mal gehört Das ist gar kein Prediger wie die
andern der donnert von der Kanzel dass es Einem brühsiedend heiß wird und s
ist Einem als ob das liebe Fleisch von den Knochen abginge Der sagts uns
raus dass die ganze Menschheit in Grund und Boden nichts taugt und keinen Schuss
Pulver nicht wert ist Und das kommt aber nicht von uns sondern weil wir uns
von der Erbsünde losgesagt haben darum alles das und noch viel mehr Herr
Jesus Frau Geheimrätin wie malt der Mann das alles man siehts ordentlich
Man möchte von Keinem mehr ein Stück Brot nehmen so sind sie versunken und
verpestet in Eitelkeit und Habsucht und Wollust und Hoffart Und das wird auch
nicht besser werden denn die Kinder werden noch immer schlechter als die
Eltern von wegen dass sies von ihnen lernen bis der Herr in seinem Zorne
wieder eine Sündflut schickt oder ein großes Feuer oder wie er sagt eine
Bluttaufe denn vernichtet müsste das ganze gottlose Geschlecht werden sagt er
das abgefallen ist vom rechten Glauben an die Erbsünde und darum wären wir
schwächlich und diebisch und neidisch und verredeten und vergeben einen den
andern und wollten besser scheinen als wie wir sind Und dann streckt er die
Arme aus und ruft zum Herrn der himmlischen Heerschaaren dass er die Kindlein
fortnehmen möge in seinem Erbarmen und er möchte Tränen weinen dass sie ein
Meer würden sagt der Herr Prediger und die unschuldigen Kleinen alle darin
versöffen damit sie nicht lernten die Sünden der Eltern sondern rein kämen in
den Himmel wie neugefallener Schnee Das war nur ein Schluchzen in der ganzen
Kirche und ich dachte o Gott wenn doch der Himmel so unser Malwinchen und
Fritzchen zu sich nehmen wollte  Und dass nun einmal alles rein aufgewaschen
wird Ihre chinesische Porzellanvase hat Fritzchen auch zerschlagen Mamsell
Adelheidchen hat sie nur so oben mit der schönen Seite auf den Rand gesetzt dass
Sies nicht merken sollen und dann will sies abpassen wenn Frau Geheimrätin
mal bei guter Laune sind Ja wenn die englische Mamsell nicht wäre dann wäre
schon längst ein Malheur passiert«
 
                          Achtundvierzigstes Kapitel
                               Präparirtes Gift
Charlotte war fort Ihr Geheimrat hatte sie zur Mittagsstunde erwartet und
»wir haben heut sein Lieblingsgericht« hatte Charlotte sich entschuldigt Die
Geheimrätin stand im Krankenzimmer Es war ein eigenes Lächeln mit welchem sie
die schlafenden Kinder betrachtete Nicht das des Wohlgefallens es war nichts
Wohlgefälliges in dem Anblick Es war eine Wissbegier die je länger sie über
das Mädchen sich beugte zu einer wollüstigen Empfindung ward Der Knabe hatte
sie weniger interessiert Auf seinem Gesichte las sie nur rohen Trotz und
sinnliche Tücke In Malwinens Lineamenten schien sie zu studieren »Sonderbar«
lispelten ihre Lippen »welche schalkhafte Ruhe über dem Kindesgesichte und
doch aus allen Grübchen der Schelm vorschiessend der Zerstörungstrieb  in
Kindern So schickt vielleicht die Natur Jeden fertig auf die Welt es ist alles
Prädestination und wir verfehlen nur unsere Bestimmung wenn «
    Sie tippte mit dem Finger über Malwinens Stirn wie um durch das Gefühl sich
zu vergewissern ob das Auge nicht getäuscht Die Probe musste mit der Rechnung
stimmen ihr Lächeln ward intensiver als plötzlich doch ein Schatten über ihre
Stirn flog Der Schlaf ist ja ein Verräter Lag nicht der ganze dunkle Trieb
für das Auge des Kundigen auf dem Kindesgesicht ausgedrückt Wenn das mit den
Erwachsenen derselbe Fall wäre Wenn Jeder sich einschliessen müsste vor nichts
mehr besorgt als dass ein Fremder ihm ins Gesicht sehe  Erschreckt vor dem
Gedanken blickte sie um sich und  die stille Krankenstube barg den Verräter
Hinter der Fenstergardine saß Adelheid und stickte an der Fahne mit welcher die
Geheimrätin sie wusste noch nicht wie das Gouvernement überraschen wollte
»Spielen wir hier die Lauscherin«
    »Was sollte ich belauschen Ich arbeite an Ihrem Auftrage«
    »Mit verweintem Gesicht Ich meinte eine Patriotin wie Du sollte nicht
Tränen in die Fahne ihres Königs sticken«
    »Die armen Kinder litten aber wieder so sehr«
    »Und da ist es ein süßes Gefühl als Schutzengel über die Unschuld zu
wachen Man mag sich für gewisse Leute interessant machen wenn man immer die
Leidende spielt es gibt Andere die durch die Maske sehen« Adelheid ward rot
und senkte ihr Auge nieder das entrüstet aufgeblickt Von der Rede kamen nur
die Worte heraus »Meine Mutter «
    »Das Wort wird Dir wohl täglich schwerer Aber so lange Du Dich bewogen
findest in diesem Verhältnis zu bleiben ist es doch gut dass Du Dich vor den
Andern bezwingst Liebe gegen mich zu zeigen«
    »Meine Mutter Sie martern mich«
    »Das ist unser Aller Loos Wir Alle werden gemartert von den Verhältnissen
vom Urteil der Menschen bis wir gleichgültig werden sagen die Leute Das ist
nicht wahr man wird nicht gleichgültig wenn man sich nicht schon aufgegeben
hat Nur wer so weit ist dass er alle Hoffnung fahren ließ nimmt die Tritte und
spitzen Stiche ruhig hin Wer sich noch fühlt ruht nicht bis er Andere wieder
martern kann Sieh mich immerhin verwundert an es ist so es ist das Gesetz der
Welt«
    »Das Gesetz der Rache«
    »Nenne es wie Du willst Es gibt nur zwei Gattungen Wesen Unterdrücker
und Unterdrückte Wo Du hinsiehst so ist es Das ist eine Phantasie aus der
Vorzeit dass es freie Menschen gäbe sie sind von unserer Kultur so ausgerottet
wie die wilden Tiergeschlechter Denn die noch da sind sind doch schon
unterworfene Geschöpfe Der Mensch hegt und erhält sie um sie zu fangen
schießen je wie es ihm beliebt Der Hirsch der Hase ist so sein Eigentum dass
er schon unverbrüchliche Gesetze für ihn gegeben hat wie lange man ihn schonen
wann der Vertilgungskrieg losgehen soll Nach eben solchen Gesetzen schont ein
kluger Herr die von ihm abhängig nicht aus Liebe nur um seines Vorteils
willen Er spart ihre Kräfte auf um sie am besten zu nutzen Der Wurm und der
Hirsch lehnen sich vergeblich gegen ihre Überwinder auf unter den Menschen
glückt es zuweilen dem Einen und dem Andern durch List Ausdauer frei und Herr
zu werden über seine Unterdrücker und dieser Prozess ist unsere Geschichte Aber
wenn sie es sind dann machen die Sieger es nicht besser und anders sie
unterdrücken quälen und martern wieder wie sie gemartert wurden Das ist auch
Geschichte mein Kind Findest Du es so unnatürlich dass man lieber sticht als
gestochen wird«
    »Ich freue mich dass ein harmloses Mädchen nicht in Verlegenheit kommt
wählen zu müssen«
    Die Lupinus lächelte »Warum unser Verhältnis durch Unwahrheit erschweren
mein Kind Zwischen uns muss Wahrheit sein Ich ertrage sie Du kannst es auch
Du wirst noch mehr ertragen müssen«
    »Mein Gott was ist denn zwischen uns Wahrheit« rief Adelheid und erschrak
als es über ihre Lippen war
    »Du sprichst es eben aus Wir sind zusammengewürfelt und passen nicht zu
einander Wir gefallen uns nicht und müssen doch vor den Menschen die Miene
annehmen als wenn wir uns liebten Auf Deinen Lippen zittert die trotzige
Bemerkung ich könnte Dich ja verstoßen Dir die Tür weisen Nein Adelheid
das kann ich nicht das darf ich nicht Die Welt die mich gestern noch
liebkoste hat sich über Nacht von mir gewandt Dass ich Dich damals gerettet ist
längst vergessen so wie Du es vergessen hast Still still ich zürne Dir darum
nicht ich finde es ganz natürlich Sie sinnen mir an dass ich Dich nur
aufgenommen um mit dem schönen Mädchen Staat zu machen Du solltest der
Lockvogel sein für eine Gesellschaft die sonst nicht über die Schwelle der
Lupinus gekommen wäre Nun sei es anders Man hat sich satt gesehen man gafft
andere Sterne an Man vernachlässigt mich spottet meiner hinter meinem Rücken
Wer so einsam dasteht wie ich von dem wenden sich auch die treuesten Freunde
Merke Dir das es gibt keine Treue als wer sich selbst treu ist und das ist
schwer Die Schule ist lang und hart ich habe sie durchgemacht Ich kenne die
Welt einer nach dem andern ihrer bunten flimmernden Lappenvorhänge fiel
nieder auch einer der fest schien wie das diamantene Firmament  aber das
Firmament ist ja auch eine Illusion Wenn ich Dir jetzt den Stuhl vor die Türe
setzte hieße es das sei aus Verdruss weil Du meine Erwartungen nicht erfüllt
ich wäre Deiner satt Dass man mich dann tadelte hasste ertrüge ich  ich hasse
sie ja auch aber man würde mich auslachen und  ausgelacht mag ich nicht
sein«
    Die Tränen die aus der wunden Brust ein heißer Strom vorbrechen wollten
gerannen durch die Eiskälte der Rede zu Eis »Sie haben mir erklärt warum die
Bande welche Sie an mich fesseln von Ihnen nicht gelöst werden können, Frau
Geheimrätin aber warum ich sie nicht lösen darf wenn ich weiß dass meine
Gegenwart für Sie eine störende ist «
    »Das habe ich Dir allerdings nicht gesagt« fiel die Lupinus ein »weil ich
es nicht für nötig hielt Die Sache ist so einfach Kann man Liebe erzwingen
Du liebst mich nicht und hast mich nie geliebt Das glänzende Leben in meinem
Hause ist Dir nicht mehr neu oder nicht mehr glänzend es zieht Dich nicht mehr
an Die Huldigungen die Du empfängst würden Dir auch sonst wo nicht entgehen
Hättest Du Dich klug von Anfang an benommen so wäre Deine Stellung jetzt
gesichert vielleicht eine so glänzende dass Du auf Die mit stillem Mitleid
herabsehen könntest die Du noch jetzt so gütig bist Deine Wohltäterin zu
nennen Dein übler Stern hat es anders gewollt Du folgtest einer sentimentalen
Regung und aus einem Gefühl das Du Dankbarkeit nennst gabst Du Dich dem Manne
zu eigen an den Dich eine doppelte Täuschung knüpft Du glaubst ihm Deine
geistige Ausbildung zu verdanken und Du glaubst ihn zu lieben Mein Kind wer
der Dankbarkeit huldigt ist schon verloren die Undankbaren sind die
Glücklichsten weil sie die Freiesten sind Gutes tun ist nichts als eine
Berechnung die Einen tun es um einst im Himmel belohnt zu werden die
Anderen um hier einen Vorteil zu haben mit einem kleinen Einsatz spekuliren
sie auf einen großen Treffer Auch sie sind Toren Sie täuschen sich immer in
dieser Berechnung wenn die Undankbarkeit des Geschöpfes sie längst belehrt
haben sollte hegen sie dafür noch immer ein Interesse und meinen in einer Art
stillen Wahnsinns ihr Geschöpf werde doch noch einmal in sich gehen und es
ihnen lohnen was sie dafür getan«
    Die Geheimrätin hielt einen Augenblick inne es schien als wolle sie sich
an der Wirkung ihrer Rede erfreuen aber Adelheid stand wie ein Steinbild vor
ihr Darauf hatte sie nichts zu sagen Dann fuhr sie fort »Über diese Illusion
mein Kind bin ich wenigstens hinaus Auch Du stehst auf einem Wendepunkt Du
bist selbst so klug dass Du fühlst wie Dein Herr van Asten eben nur tat was
ein geschickter Lehrer soll den man dafür bezahlt Er erkannte Dein Talent und
führte Dich auf den rechten Weg Du hättest ihn auch ohne Walter vielleicht
später vielleicht besser gefunden Deine Bildung ist nicht sein Werk und noch
weniger bist Du sein Geschöpf Das siehst Du jetzt mit jedem Tage mehr ein und
um deswillen fängst Du Dich an zu schämen über das Übermaß von Dankbarkeit mit
dem Du Dich ihm in die Arme warfst Du liebst ihn auch nicht Das aber gestehest
Du Dir noch nicht ein und lullst Dich vielmehr immer tiefer in die
Selbsttäuschung dass Du ihn lieben müsstest Etwas Berechnung ist indes auch
dabei Du möchtest gern von mir loskommen aber zu Deinen Eltern willst Du auch
nicht zurück In der vornehmeren Stellung in welche sie gerückt sind und
welche Dir allenfalls den äußern Glanz bietet an dem Du Dich nun gewöhnt hast
würdest Du Dich noch weniger behagen ihre neuen Kräfte sprechen Dein
ästetisches Gefühl nicht an Du bemerkst vielleicht schon manches Lächerliche
in den Prätensionen die sie machen Als gutes Kind gibst Du Dir Mühe diese
Regung zu unterdrücken aber Du würdest sehr unglücklich sein sowohl in den
alten beschränkten Verhältnissen als in den ausstaffirten neuen Um aus diesem
Dilemma zu kommen von mir los und nicht zu Deinen Eltern zurück drängt es
Dich und Du drängst vielleicht auch ihn dass Walter eine Stellung bekomme wo
er Dich heiraten kann Mit einer fieberhaften Angst hast Du Dich auf dies Thema
geworfen und machst ihm immer neue Vorschläge wie er es anfangen soll Du
quälst Dich ihn Deine Eltern seinen Vater uns Alle Das weißt Du auch recht
gut denn Du weißt dass Walter an ganz Anderes denkt als an Dich und sich aber
Du tust es doch weil Du in einer Art Fieber bist Du betrachtest es als eine
Destination Dich als ein Opferlamm und mit allerhand hochherzigen
Vorspiegelungen schilderst Du dann als ein erhabenes Ziel der Selbstverleugnung
was doch nichts ist als der Nothafen wohin der Schiffer in seiner letzten
Verzweiflung steuert Und wenn Du ihn nun geheiratet hast «
    »So traue ich mir zu ihm eine gute treue Frau zu sein«
    »Daran zweifle ich nicht Aber Du wirft es ihn doch fühlen lassen welche
Opfer Du ihm gebracht Du wirft ihm nicht täglich sagen das und das hätte ich
sein können wenn ich Dich nicht geheiratet Ihr werdet Euch nicht immer
zanken noch wird er Dich Abends und Morgens mit verweinten Augen sehen aber Du
kannst Dich nicht enthalten es ihn empfinden zu lassen was Du empfindest
Augenblicke werden kommen wo Du Reue fühlst Je länger Du Dich anstrengst es zu
verbergen je stärker bricht es einmal unwillkürlich heraus Er ist ein guter
Mensch aber wenn er empfindlich wird was ich ihm nicht verdenke bricht es
wohl los nicht ästetisch sondern recht irdisch materiell Hast Du dann
Tränen so ist das noch das beste Hast Du keine so schraubst Du Dich zurück
in Deine Resignation Du verschliessest Dich in die Burg Deines Selbstgefühls
Bist Du erst da isolirt mein Kind so begnügst Du Dich bald nicht mehr mit der
Verteidigung sondern Du machst Ausfälle Keine Festung hält sich auf die
Dauer wenn der Kommandant nicht die Gelegenheit benutzt die sich ihm zur
Offensive bietet und dann  dann ist der Kriegszustand gegen Alle erklärt  Du
stehst wie ich Täusche Dich doch nicht als ob Du jetzt nicht schon darin
lebtest Auf Walter bist Du ungehalten dass er nicht ernstere Anstalten trifft
da fliegt manches spitze Wort das durch den süßen Händedruck nicht verwischt
wird Ich hörte schon geschraubte Redensarten zwischen der Mutter und Dir ihr
vergöttert Kind will nicht mehr das flügge Vöglein im Neste sein sie begreift
Dich nicht aber Du begreifst sie nur zu sehr Und führst Du nicht etwa gegen
mich einen täglichen Krieg Irgendwie musst Du es mir doch vergelten dass Dir
mein Anblick zuwider ist Da begnügst Du Dich ein harmloses Mädchen meine
häuslichen Anordnungen zu contrekariren Du soulagirst meinen Gatten in seinen
Wünschen die ich für seinen Gesundheitszustand nicht angemessen finde Du
vertuschest die Unarten der Kinder hier und bist ihnen wohl selbst behilflich
bei Näschereien wenn sie auch den Kindern schädlich sind Wenn ich mit dem
Gesinde zanke wirkst Du begütigend hinter meinem Rücken und umgehst auf
unmerkliche Weise was ich bestimmte O es ist ein angenehmes Gefühl von
Kindern und Dienstboten als ihr Schutzengel betrachtet zu werden und während
man ihre Liebe einkassirt ihren Hass gegen Andere zu lenken die nicht so gütig
sind und es nicht sein dürfen weil sie ihre Pflicht dadurch verletzen Und wie
klug es von Dir ist es so heimlich zu tun dass ich keinen Verdruss davon habe
Die chinesische Vase dort ist mir ein teures Andenken aus meinem elterlichen
Hause Wie geschickt hast Du sie auf die Kante des Schrankes gestellt damit ich
nicht täglich den Verdruss habe zu sehen wie die unartigen Kinder sie zerbrochen
haben«
    »Geheimrätin« rief Adelheid erblassend »das ist zu viel«
    »Ich mache Dir keinen Vorwurf im Gegenteil ich lobe Dich dass Du zur
Besinnung kommst Kann ich fordern dass mich Jemand lieben soll und gar um der
Kleinigkeit willen wo auch ich mir gestehe dass ich es nicht aus Liebe zu Dir
getan sondern wirklich weil es mich amüsirte mein Hans durch so ein schönes
Mädchen lebendig zu machen Vieles was ich aus Liebe getan ward mir
schlechter vergolten Unsere Naturen haben nun einmal keine Sympatie Du bist
mir gleichgültig ich bin Dir vielleicht widerwärtig Kannst Du oder ich dafür
Wie ich die angeheuchelten Gefühle der Dankbarkeit betrachte hast Du eben
gehört Du hast nun schon gelernt Dich geistig von mir frei zu machen Das ist
ein Fortschritt Du moquirst Dich über mich komplottirst im Kleinen gegen mich
So wird Dir mein Haus eine gute Schule werden fürs Leben Fahre fort so nur
lernst Du wie man mit den Menschen umgehen muss um  was die Andern nennen
frei zu werden Ich bin die ältere und sah es zu spät ein Übe Dich an mir Du
hast ein langes Leben vor Dir«
    Adelheid stand sprachlos da als die Geheimrätin langsam nach der Tür sich
entfernte Sie wandte sich noch einmal um »Noch eins was ich von Dir fordern
kann Wir sind nun einmal an einander gekettet Wir müssen es tragen bis der
Zufall die Kette zerreißt Hüte Dich vor jedem Impuls Wenn Du etwa auf die
Straße stürztest  echauffirt halbnackt wie damals  Du verstehst mich  würde
es an mitleidigen Seelen nicht fehlen die Dich wieder aufnähmen Auch in Samt
und Seide würden sie Dich kleiden aber nicht aus Liebe zu Dir nur aus
Feindschaft gegen mich mir einen Possen zu spielen Nimm Deine ganze Vernunft
zusammen Adelheid Mir spielten sie den Possen aber Du müsstest zuletzt doch
bezahlen Wer so oft eine Rolle spielt und mit sich spielen lässt hat den
Kredit verloren«
    Die Tür klinkte hinter ihr zu Adelheid stand eine Weile regungslos »Das
Weib das Weib« rief sie »Das Weib vergiftet mich« und warf sich schluchzend
auf das Bett
 
                          Neunundvierzigstes Kapitel
                              Auch Vater und Sohn
Wenige Minuten nach dieser Szene erhielt Walter van Asten ein Billet von seiner
Braut so geeignet ihn aus seiner Ruhe aufzureissen als es von Adelheids
äußerster Unruhe Zeugnis ablegte Er erkannte in den wild hingesprühten Worten
seine besonnene klare Freundin nicht wieder Er verstand das ganze Bittet
nicht denn zu Anfang sprach es von einem Abgrunde an dem sie schaudernd
stünde sie strecke vergebens die Arme nach Hilfe aus dann entzifferte er in
den von Tränen ausgelöschten Worten dass er sie retten könne aber die
Schlussworte widerriefen das Vorangehende Sie sei in einem Fieberzustand er
möge nicht auf sie hören sie lassen wo sie sei sich selbst ihrem Schicksal
überlassen Wenn sie unterginge sei es vielleicht das Beste für ihn und sie
Gewiss gewiss sie werde sich auch dann erholen die Geheimrätin habe sie nur
prüfen wollen hinter dieser Medusenmaske schlüge vielleicht ein gefühlvolles
Herz Sie drang in ihn endlich nicht zu kommen sich durch nichts stören zu
lassen was er höre 
    Wenn sie das gewollt warum nur die Nachschrift Warum hatte sie den Brief
nicht zerrissen einen neuen geschrieben oder die Absendung ganz unterlassen
Sie befand sich also in einer Aufregung welche ihr die Besinnung geraubt und
in diesem Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt An ihn hatte sie zuerst
gedacht als sie nach Rettung aufschrie Die Resignation war erst nachher
gekommen Er war aufgesprungen sein Entschluss gefasst nur ihrem ersten Willen
zu gehorchen und eben hatte er den Überrock vom Nagel gerissen als ein
zweites Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward Der Bote war
verschwunden das Wirtsmädchen hatte nicht nach dem Absender gefragt und der
unterzeichnete Name als er es aufgerissen war ihm fremd Jemand der sich
einen Sekretär des neuen Ministers nannte forderte ihn auf sich morgen in
einer Frühstunde bei demselben melden zu lassen indem Se Excellenz ihn kennen
zu lernen wünsche Auch hier ein Postscript des Inhalts dass der Minister bereit
sei ihn schon heute Nachmittag zu empfangen Die Stunde war benannt und Walter
hätte eben nur Zeit gehabt seine Toilette danach einzurichten wenn er der
letztern Weisung die fast wie ein Befehl klang Folge leisten wollen
    Was wollte der Minister von ihm  Natürlich er hatte seine Schrift
gelesen seine Ansichten hatten ihn angesprochen er wollte mit dem Verfasser 
»Endlich« brach es von seinen Lippen und seine Stirn klärte sich auf aber der
Glanz verschwand schnell wieder Nach so vielen Enttäuschungen vielleicht eine
neue Hatte ihm nicht ein ängstlicher Freund aus der Schulzeit zugeflüstert dass
er aus höheren Kreisen gehört wie man seine Vorschläge für naseweis halte dass
seine Anmassung eigentlich eine Rüge verdiene Und bedurfte es für ihn solcher
Zuflüsterung nach der eigenen Erfahrung die er bei einem befreundeten Minister
gemacht Zwar nach seinem Ruf im Publikum war er den neuen Ideen zugänglich
er hege selbst großartige Pläne aber er sei eigensinnig hieß es dringe damit
nicht durch darum verdrießlich und jetzt so gut wie ohne Einfluss Auch er
mochte ihn nur warnen wollen Aus dem Zweifel ob er den Überrock oder den
Frack anziehen solle riss ihn ein neues Klopfen eine neue Überraschung Sein
Vater trat in die Stube Er war noch nie hier gewesen aber auf seinem Gesicht
ersah man nichts von der Verwunderung welche sich auf dem des Sohnes
ausdrückte weder eine freudige noch eine betrübte Er reichte dem jungen Manne
die Hand »Ich muss doch auch mal sehen wies Dir geht« und setzte sich »wie
ermüdet vom Wege auf einen Sessel«
    »Ein unerwarteter Besuch mein Vater«
    »Da Du nicht zu mir kommst um zu sehen wies bei mir aussieht muss ich zu
Dir kommen um zu sehen wies bei Dir aussieht Wir kommen ja sonst ganz
auseinander«
    »Das habe ich nie gefürchtet und Ihr Besuch bestätigt meinen Glauben«
sagte Walter während der Vater seinen Blick flüchtig umher schweifen ließ
    »Nu das ist ja alles recht hübsch ordentlich Deine Lektionen müssen Dir
auch schon was Erkleckliches eintragen freilich und die Schriftstellerei auch
Um wen man sich so reißt dass man gar kein Exemplar mehr kriegt und wenn mans
mit Gold aufwiegt Schreibst Du wieder was Neues«
    »Mein Vater ich kenne Sie und ich glaube Sie kennen mich Sie haben den
sauren Weg der mich erfreut und beschämt nicht ohne Absicht angetreten«
    »Wer fällt denn gleich mit der Tür ins Haus Ich wollte mit Dir vorher ein
bisschen über Krieg und Frieden diskouriren europäische Weltverhältnisse Du
bist ja jetzt ein Politiker und ich hoffe doch noch immer mein Sohn der mir
mit Rat und Tat zur Hand sein wird wenn es seines Vaters Wohl gilt«
    »Zum Spotten ist die Zeit zu ernst«
    »Was spotte ich Geht einen Kaufmann Krieg und Frieden nichts an« Der Alte
stampfte mit seinem Rohr auf den Boden »s ist Ernst Herr Sohn Wenn ein
Kaufmann Schiffe auf der See hat so geht ihn der Sturm sehr viel an und wenn
die Portepeefähndriche bis zu den Generalen hinauf in seinen Büchern stehen so
ist ihm ihr Leben noch viel teurer als dem Vaterlande«
    »Als ein umsichtiger Kaufmann wie ich Sie kenne werden Sie Ihre
Unternehmungen nach den letzten kritischen Zeitumständen eingerichtet haben«
    »So hoffst Du das«
    »Sie mussten den Krieg als wahrscheinlich im Auge haben und Ihre
Spekulationen wenn nicht darauf einrichten doch danach abmessen«
    »Wenn ich nun auf den Frieden spekulirt hätte«
    Indem Walter seinen Vater aufmerksam betrachtete suchte er ob hinter der
barocken Wolke mit welcher van Asten seinen wahren Gesichtsausdruck zu
verbergen wusste nicht eine andere Stimmung lauere Doch keiner der schlauen
Blicke züngelte zu ihm auf er saß die Hände auf den Stock gestützt seine
Augen auf den Boden gerichtet
    »So bin ich wenigstens davon überzeugt dass Sie Ihr Geschäft übersehen
haben Wenn eine Unternehmung Ihnen fehl schlüge werden Sie nicht selbst
geschlagen sein Das Renommee des alten Hauses van Asten und Kompagnie «
    »Die ältesten Häuser stürzen beim Erdbeben Krieg ist ein Erdbeben Lerne
was von mir was Dir gefallen wird ein Kaufmann der immer nur auf Nummer
Sicher setzt hat bald ausgewirtschaftet«
    »Mein Vater wenn Sie auf den Frieden Ihr Alles setzten « sagte Walter
nachdenklich
    »So ist wieder Unfriede zwischen uns« fiel der Alte ein »denn Du hast Dein
Alles auf den Krieg gesetzt Ich weiß es«
    »Was ist mein Alles Vater«
    Der Kaufmann winkte ihm mit der Hand zu schweigen »Ich weiß es ja darum
kam ich nicht her Ich will nicht richten mit Deinen heroisch patriotischen
Stimmungen ein guter Geschäftsmann kann auch damit etwas anfangen wenn die
Leute danach sind Da aber die Leute nicht danach sind so  habe ich meine
Rechnung auf den Friedensfuss gesetzt«
    »Und die Armee «
    »Ist auf den Kriegsfuss gesetzt das heißt der Lieutenant kriegt so und so
viel und der Obrist so viel Zulage Die bezahlt der Schatz und wenn keiner da
ist der Bürger und Bauer Nun sehe ich aber nicht ab was der Fuß in Stiefel
und Sporen mich bange machen soll wenn der ganze Leib noch im Schlafrock
steckt«
    »Der Schlafrock wird ihnen abgerissen«
    »Bist Du auch dabei« Jetzt erst warf der Alte einen seiner schlauen Blicke
zu ihm hinauf »Man will heut in der Komödie ein paar Raketen in die Luft
schicken Das Sprühen und Prasseln soll gewissen Leuten die Augen und Ohren
öffnen Wenn sie nun aber absolut nicht sehen und hören wollen Kinder sollten
nicht mit Feuerzeug spielen«
    »Sie wissen das wir wirklich das verlassene Hannover besetzt haben«
    »Und wir verproviantiren die Franzosen in Hameln«
    »Aus dieser Zweideutigkeit Preußen herauszureissen ist jetzt die Aufgabe
aller Besseren«
    »Und Du siehst der König zaudert wie er vorhin gezaudert Kaiser Alexander
selbst musste kommen um ihn zu elektrisiren Nun der Exekutor fort ist fallen
wir in unsere Natur zurück Wie sagt doch da der Lateiner von der furca
expellas«
    »Wenn der Degen zu drei Viertel aus der Scheide gerissen ist«
    »So steckt immer noch ein Viertel drin und das kann man so langsam
herausziehen bis es zu spät und der Krieg an der Donau vorüber ist Bonaparte
hat Wien genommen weißt Du das schon Die beiden russischen Heere unter
Kutusow und Buxhövden werden Mühe haben sich um Olmütz zu vereinigen Die
Nachricht kam eben auf der Börse an«
    »Wien genommen« rief Walter »Und Haugwitz«
    »Hat sich von Bonaparte hinschicken lassen weil in Wien ein Gesandter am
besten aufgehoben ist Der Kaiser hat sehr viel Rücksichten mit ihm gehabt fand
es unschicklich dass ein preußischer Minister und Diplomat sich im Heerestross
mitschleppen lasse«
    »Und Haugwitz ließ sich fortschicken«
    »Was wird er nicht Er liebt die Kommodität Sehr langsam reist er schon
damit ihm kein Unglück widerfahre Und hat gewiss recht gehabt ein Unglück was
unserm Premierminister zustiesse wäre ja eines für den ganzen Staat«
    »Und er traf ihn «
    »In Brünn gerade bei den Vorbereitungen zu einer neuen Schlacht Da hatte
Napoleon natürlich keine Zeit sich mit ihm zu unterhalten und sagte zu ihm
Lieber jetzt habe ich keine Zeit gehen Sie nach Wien und warten bis ich Zeit
habe dann wollen wir sprechen«
    »Und Haugwitz schüttelte nicht die Toga Er ließ nicht die zwei Mal hundert
tausend Bajonette zwischen seinen Drohworten klirren«
    »Drohworte Er ist ja ein feiner gebildeter Mann«
    »Aber sein Auftrag «
    »Kennst Du den Ich kenne ihn nicht Es werden hier nicht Zehn nicht Drei
sein die ihn kennen So viel man uns schreibt sprach er als ein tief
gekränkter Freund dass Napoleon die guten wohlmeinenden Ratschläge die ihm
Preußen gegeben so außer Acht gelassen O ich zweifle gar nicht er wird sehr
sanft und elegant gesprochen haben  schade sehr schade dass Napoleon nicht
gerade den Ossian las sondern sich die Reiterstiefel anzog« Walter war auf
einen Stuhl gesunken und barg sein Gesicht im Arme Als der Vater den Seufzer
hörte den er unterdrücken wollte stand er leise auf und berührte sanft die
Schulter des Sohnes »Mein lieber Walter Dein Vater hat doch wohl recht gehabt
Wenn wir uns sonst nicht vertrugen weil Deine Gedanken wo anders hingen als
meine so mag ich unrecht gehabt haben Gedanken sind zollfrei und ich dachte
als Kaufmann nur an die Ware So lange man im Schmetterlingskleide über die
bunten Wiesen flattert da lasse man doch die Kinder spielen Ich bitte Dich um
Verzeihung dass ich damals meinte ich könnte Dich mit einem Bindfaden leiten
den ich an Deine Flügel band Aber wenn der Schmetterling sich verpuppt hat und
aus den Gedanken Pläne werden wenn sie Ideen marktgerecht zurichten und an den
Markt bringen wollen ists was anderes Nun sehe Jeder wie ers treibe Du
bist jetzt ein Mann ein Kaufmann für Dich wenn Du spekulirst musst Du so gut
wie Dem Vater auf ein Fallissement gefasst sein Dein Vater würde sich zu
schicken wissen in das was nicht zu ändern ist und Du auch Du bist mein Sohn
 Aber wenn man für den Staat spekuliren will ist das erste dass man sich die
Menschen ansieht die für die man spekulirt  die Leute ob sie danach sind
Die Gedanken o die sind wunderschön Aber was sind Ideen ohne Menschen die
sie tragen Das große Vaterland o das ist das Erhabenste was es gibt wer
wollte nicht dafür Gut und Blut opfern Wenn nun aber das Vaterland bloß Erde
und Stein wäre und die Menschen ausgestorben Würdest Du auch Dein Blut dran
setzen Oder die Menschen drin wären alle blind oder taub oder Cretins Ja
ich weiß doch nicht ob es recht wäre sich selbst darum hinzugeben für eine
große Blindenanstalt für ein Taubstummeninstitut oder gar für ein Haus voll
lauter Blödsinnigen Mein lieber Walter Dein Vater hat sich nun durch ein
Menschenalter die Menschen angesehen wie sie sind und darum hat er jetzt auf
den Frieden spekulirt und ich glaube er hat recht spekulirt«
    »Diese« rief Walter aufstehend »Ja die Sie meinen aber es gibt andere«
    »Wer zweifelt daran Es gibt überall gute rechtschaffene kluge sogar
ausgezeichnete Menschen es kommt nur eben darauf an ob die Klugen die Dummen
und die Guten die Schlechten üherwiegen oder umgekehrt Mein Sohn ich will Dir
zugeben dass Euer recht Viele sind die fühlen und sagen so geht es nicht mehr
Das aber noch immer so geht so müssen diese Vielen doch immer noch die
Schwächeren sein sie dringen nicht durch die Andern bleiben am Ruder und wer
am Runder sitzt steuert wohin er will meinethalben ins Verderben auf den
blicken Alle der entscheidet auf den kommt es an in welchen Hafen das Schiff
treibt Ist Haugwitz abgesetzt check fortgejagt Lombard eingesperrt Deine
Besseren und Edleren schreien freilich es müsse so kommen Noch aber ist es
nicht gekommen Umgekehrt Die Prinzen die Königin so viele berühmte Generale
der halbe Hof die Prinzessinnen an ihrer Spitze kabaliren und verschwören sich
beinahe an den Strassenecken gegen sie und Lombard trinkt seine Chocolade und
sein Weissbier so vergnügt wie vorher check macht Alles und was er redet ist
des Königs Rede und Haugwitz ist zu Napoleon geschickt um  die Rechnung zu
arrangieren«
    »Sie gehen vor keinem Bilde Friedrichs vorüber ohne den Hut abzunehmen und
Vater so gering schätzt ein Verehrer des großen Königs dessen Volk«
    »Weißt Du noch unsere Tapeten aus Arras Vor denen habe ich auch großen
Respekt Die da in unserem Esszimmer stellen den trojanischen Krieg vor Was hat
der Aeneas für schöne karmoisinrote Kniehosen an Das Prachtstück ist auch
viele Generationen in unserer Familie König Franz I hat es einmal in einem
seiner Schlösser an der Wand gehabt Darum kriegtet Ihr Kinder auch immer Klapse
auf die Finger wenn Ihr dran polktet Sind mir auch jetzt nicht feil Nimm sie
aber mal ab und halt sie gegen die Sonne Wie ein Sieb von Motten Und bringe
sie auf die Messe Wenns kein Raritätensammler ist so frage was sie Dir
bieten Abgestandene Ware findet auf dem Markt keine Käufer«
    Walter schwieg einige Augenblicke dann rief er »Und scheine es heut nur
Rost für Raritätensammler ein Geist wie Friedrichs kann nicht wie ein Meteor
durch die Weltgeschichte geleuchtet haben er kann nicht versunken sein ins Meer
der Ewigkeit ohne dass seine Strahlen gezündet und gezeugt haben Andere
Geschlechter müssen kommen welche wenn Rost und Schlacke abgeworfen seinen
Geist in seinem Volke widerspiegeln«
    »Das verstehe ich nun nicht« sagte van Asten der wieder Platz genommen
hatte »Mit der Ewigkeit hat ein Kaufmann nichts zu schaffen Was er heut
einkauft will er morgen absetzen Walter ich Dich da recht vor dass Du nicht
zu kurz kommst Das wie gesagt ist nun Deine Sache aber warum kam ich doch
gleich Ja so  wirft Du heut Abend in die Komödie gehen«
    Walter suchte umsonst in dem wieder schlauen Blick des Vaters nach dem Sinn
der Frage »Ich verstehe Sie nicht«
    »Nun ich meine ob Du auch einen Schwärmer abbrennen wirst Man spricht von
einem wunderschönen Kriegsliede das sie singen wollen«
    »Ich billige diese Teaterscenen nicht wo es eine große ernste und heilige
Sache gilt«
    »So Na das ist mir auch recht lieb dass Du Dich nicht unter die Offiziere
mengst Die haben es bestellt Ich glaubte nur von wegen des Liedes weil Du
auch Verse machst Ins Theater wirft Du aber doch gehen ich meine ganz simpel«
    »Ich war noch nicht entschlossen«
    »Dann ihn mirs zu Gefallen Aber nicht ins Parterre Da wird man zu sehr
gedrängt Ich habe Dir schon im zweiten Range Logenbillets genommen«
    »Mir«
    »Dir und der Kousine Schlarbaum Die muss doch den Spektakel mit ansehen und
hat Keinen der sie führt Ich weißt Du geh nie ins Theater da habe ich Dich
ihr vorgeschlagen«
    »Also darum « eine flüchtige Röte belebte Walters Gesicht und ein
schmerzlicher Zug ging um seinen Mund »In dieser Angelegenheit dachte ich
wären wir im Reinen«
    »Du meinst doch nicht dass ich meine Puppe einem Taugenichts aufdringen
will der sie nicht mag Dazu ist mir das Mädchen viel zu lieb und ihr ganzes
Vermögen steckt in meiner Handlung Wenn sie nun rabbiat würde wie gewisse
Leute die man gegen ihren Willen verheiraten wollte Ich kenne Einen der lief
drum aus dem Hause Wenn sie nun auch aus dem Hause liefe nämlich mit ihrem
Kapital verstehst Du mich sie kündigte es mir weil sie sich nicht verkuppeln
lassen will«
    Walter lächelte »Meine Kousine Minchen ist ein viel zu sanftes Mädchen und
liebt ihren Oheim zu innig um ihr Vermögen ihm zu kündigen«
    »Alle Sanftmut hat ihre Grenzen wenns aus Mein und Dein geht Und  wenn
das Vormundschaftsgericht  Du fürchtest Dich doch nicht dass Mamsell Alltag
eifersüchtig wird weil Du Deine Kousine führst Au contraire Du schlägst da
zwei Fliegen mit einer Klappe Hat sie Dir schon erlaubt sie ins Theater auf
die Promenade zu führen Sieht sie dass Du ihr zum Trotz ein anderes hübsches
Mädchen führst so wird sie vielleicht zuerst maulen aber dann sich besinnen
und nicht mehr was man so nennt ête sein  Na wohin denn mit einem Male«
    »Verzeihen Sie mir mein Vater dahin wo meine Pflicht mich ruft«
    »Desto besser Ich begleite Dich Gehts zur Mamsell Alltag so bleib ich
vor der Tür und warte auf Dich Was gilt die Wette ich sehe es Dir gleich an
den Augen ab wenn Du runter kommst obs oben gut stand oder schlimm«
    Walter verbiss eine Bemerkung er fasste des Vaters Hand »Die Zeit ist nicht
zum Scherz angetan Nicht hier nicht dort Wenn das aber was Sie von der
Kousine sagten Ernst war so Vater schnell und deutlich was hinter diesem
Ernste liegt«
    »Der Ernst Herr Sohn dass sie ins Theater will und Du sollst sie
begleiten« dabei stampfte Herr van Asten wieder den Stock auf die Diele ein
Zeichen dass es ernster Ernst war »Und warum  Bilde Dir nichts ein Sie macht
sich nichts aus Dir Du sollst sie begleiten um sie zu beschützen aus
Verwandtschaft und aus sonst was Sind junge Mädchen nicht neugierig Werden
hübsche Mädchen nicht angegafft Sind unsere Offiziere nicht nach den Mädchen
aus Sind sie nicht unverschämt im Attacquiren Und willst Du noch mehr wissen
Ein Kornet oder ist er jetzt Lieutenant bei den Gensdarmen ein Herr von
Kiekindiewelt oder wie er heißt schleicht ihr auf Tritt und Schritt seit
letzter Redoute nach Ein Libertin ein Taugenichts ein Verschwender Minchen
ist schüchtern und hat das Pulver nicht erfunden das weißt Du auch Er zieht
sie auf sie weiß nicht zu antworten Du sollst für sie antworten Verstehst Du
mich Weißt ja Rat für alles und wo der Unrat steckt Nun zeigs mal nicht
mit der Feder mit dem Maule Wenn Du spitzig wirft ists gut wenn Du grob
wirft noch besser s ist so Einer von denen die die Beine über die Stuhllehne
hängen unds nicht so genau nehmen wenn sie einem Bürger auf die Hühneraugen
treten Darum ist es auch für den Bürger gut wenn er dicke Schuhe trägt
Außerdem hat er sehr viel Geld also ist er sehr ungeschliffen Junge ich bin
Dein Vater und verbiete Dir Dich in Händel einzulassen Aber wenn Ihr so von
ungefähr an einander gerietet will ich nichts davon wissen Du hast in Halle
eine Klinge geschlagen in Deinem Stammbuch steht auf jeder Seite ein Kreuz von
Hiebern Außerdem hatte der Herr Schwertfegermeister die Gefälligkeit seine
Rechnung mir nach Berlin zu schicken Ich erinnere Dich nun nicht daran dass
Dus mir wieder bezahlen sollst was ich für Dich gezahlt sondern «
    Walter lächelte »Sie besorgen dass ich in Berlin unter meinen Büchern die
Kunst vergaß die ich in Halle betrieb die Kunst zu handeln Ich werde Ihrem
Befehl gehorchen und Minchen ins Tbeater begleiten«
    »Nu begleite ich Dich wohin Du willst« sagte vergnügt der Vater An der
Tür hielt er den Sohn beim Rockzipfel »Walter s ist ne schlimme Zeit
geworden und sie muss besser werden oder sie wird noch schlimmer Sind Die im
blauen Rock ne andere Rasse Menschen Stammen nur die Junker von Adam und wir
Andern fielen nebenher von der Bank Jeden Tag wird ihr Übermut größer Darum
ein Mal darauf los Trumpf auf Trumpf Nicht mit Federkielen die Feder wird
stumpf je spitzer Ihr schreibt Sie lesens nicht oder sie lachen darüber
Aber «
    Es blieb ein Gedankenstrich An der Haustür setzte er noch etwas hinzu
»Und darum ists auch gut dass Friede bleibt Wenn sie die Franzosen schlagen
dann wär gar nicht mehr mit ihnen auszukommen Jetzt sprudeln sie vor Übermut
aber dass man sie nicht brauchen will und ohne sie fortzukommen meint ist ein
guter Dämpfer«
    Der Alte war fort Als Walter in die Jägerstrasse einbog rollte der
Lupinussche Wagen heran An der Seite der Geheimrätin saß Adelheid geputzt
wie ihre Pflegemutter aber ihre Wangen schienen vor Freude zu glühen wie er
sie nie gesehen Als die Damen ihn erblickten lächelte die Geheimrätin ihn
schelmisch an und wandte sich mit einer liebkosenden Bewegung zu ihrer
Pflegetochter Es kam ihm sogar vor als küssten sie sich gewiss hörte er als
der Wagen vorüberrollte ein lautes Gelächter
    »Was war das« rief er »Ein Herz und eine Seele nach diesem Brief Und sie
ruft mich nicht heran wo sie sehen muss dass ich zu ihr will« Er starrte dem
Wagen nach wie in Erwartung dass er halten Adelheid sich herausbiegen und ihn
rufen werde Er wartete umsonst Der Wagen war verschwunden
    Walter hatte recht gesehen und gehört Aber man kann als Augenzeuge ein
Faktum beschwören und hat doch ein falsches Zeugnis abgelegt Walter hatte
nicht das kurze Zwiegespräch belauscht was die Geheimrätin mit Adelheid vorher
gepflogen nicht die Komödie die sie ihr zur Pflicht machte Die Wangen des
jungen Mädchens glühten allerdings aber sie waren vorhin todtenblass und die
Röte war die Schminke welche die Geheimrätin selbst ihr aufgelegt »Die Welt
braucht nicht zu wissen was wir wissen« hatte sie gesagt
 
                              Fünfzigstes Kapitel
                                 Ein Präludium
Das Nationalteater bot heut einen feierlichen Anblick So gefüllt hatte man es
seit lange nicht gesehen Es war nicht Ifflands Kunst noch Flecks Genie auch
nicht die Anmut der Unzelmann der späteren Betmann oder die bezaubernde
Stimme der Schick was dieses Publikum angelockt Es war kein glänzendes im
gewöhnlichen Sinne obwohl Gold und Silber von den Uniformen flimmerte und aus
den Gesichtern der Zuschauer ein eigentümlicher Glanz strahlte der der
gespannten Erwartung aber auch ein etwas was die Mehrzahl voraus wusste Daher
die schlauen lauschenden Blicke ein vergnügtes Zublinzeln ein
Zuverstehengeben dass man unterrichtet sei
    Kein glänzendes Publikum was man in Berlin so nannte sagen wir denn weder
der Hof war zugegen noch ein hoher Gast dessen Anwesenheit immer die Neugier
anzieht Im Gegenteil fehlten gerade die ausgezeichnetsten Männer die man
sonst im Theater zu sehen pflegte und die welche zu dem regierenden Kreise in
näherer Beziehung standen Man vermisste aber auch mehrere eminente
Persönlichkeiten welche zu diesen Kreisen nicht gehörten sondern sich ihnen
feindlich gegenüber stellten Wenn sie es waren die das Schauspiel angeordnet
hielten sie es für schicklich wenigstens den Schein zu vermeiden und verbargen
sich in der Tiefe der damals sehr dunkeln Logen
    Nicht der Schauspieler und der Darstellung wegen schien dieses große
lebhafte Publikum versammelt sondern seiner selbst willen Es wollte sich eine
Darstellung geben Auf dem Zettel stand angekündigt Babos »Puls« Um dieses
feinen psychologischen Schauspiels willen hatte nicht das Offizierkorps für die
Wacht und Quartiermeister der Regimenter Gensdarmen verschiedene Logen im
ersten und zweiten Range gemietet noch sah man deshalb im Parterre und auf dem
Amphiteater Gruppen von Infanteristen und Husaren jede von 10 bis 12 Mann um
ihren Unteroffizier versammelt Auch saßen untersprengt in den anderen Logen
zwischen geputzten Damen und aristokratischen Herren gemeine Soldaten in ihrer
Kommisuniform ein damals weit grellerer Kontrast und unerhörter Anblick Die
»honetten« Leute erschraken sonst vor der Berührung mit der blauen Montur Und
so geschickt aber doch nicht glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit
dem Militär im ganzen Hause vermischt denn wer Augen hatte sah die Absicht
Man wollte sie aber auch nicht verbergen nur einen luftigen Schleier darüber
werfen Volksschauspiele zu arrangieren war die Zeit in Preußen noch nicht
gekommen
    Auf dem Komödienzettel stand aber hinter dem Baboschen Puls »Auf vieles
Begehren Wallensteins Lager von Friedrich Schiller«
    »Hatte man denn kein patriotisches Stück« schien der Sinn der Frage die
Jemand im Parterre seinem Nachbar zuflüsterte der zu den Eingeweihten in
Beziehung stehen musste »Es ist weder preussisch noch deutschpatriotisch« 
»Aber militärisch« antwortete ein Dritter  »Es wäre doch schlimm« meinte
Jener »wenn wir den Franzosen nichts entgegen zu setzen hätten«  »Als
soldatesken Stolz« ergänzte der Dritte  »Ein Schelm gibt mehr als er hat«
    Babos »Puls« ward mit mehr Aufmerksamkeit gegeben als gehört Die
Pulsschläge im Parterre waren zu heftig um den sanften auf den Brettern folgen
zu können Es blieb still trotz des Meisterspiels der Darstellenden Aber doch
schlugen nicht alle Pulse auf ein Ziel Es war so viel zu sehen Viele sahen
sich die sich niemals hier getroffen Woran sollten die Soldaten denken die in
diesen Räumen zum ersten Mal standen kerzengrad auf Kommando und des neuen
Kommando gewärtig Das Spiel da oben war für sie ein Schattenspiel an der Wand
in unverständlichen gleichgültigen Hieroglyphen die auf ihren glotzenden
Gesichtern nicht den geringsten Eindruck machten
    Auch vor der Schlacht schlagen nicht alle Pulse nur der Entscheidung
entgegen Die Karte der Würfel und ein schönes Auge machen das Blut so lebhaft
pulsiren als der erste Trommelwirbel das erste Pfeifen der Kugeln Es waren
viele schöne Augen in den Logen und viele junge Offiziere observirten
    »Sie schminkt sich aber nie« sagte ein Kürassier »Sie ist geschminkt«
rief der Kornet »Sie ist echauffirt Sieh doch wie ihre Arme zittern Ihre
Finger hämmern ja wie im Krampf auf die Brüstung« »Ihre gelben Locken fangen
schon an wie Bindfaden runter zu hängen Ist das etwa auch ein Beweis dass sie
nicht geschminkt ist« Der Andre observirte schärfer mit dem Ausruf
»Donnerwetter sollte ich mich irren Sie changirt nicht Farbe und doch zuckte
sie zusammen als die Lupinus ihr etwas ins Ohr sagte« »Was gilt die Wette«
wiederholte der Kornet »Besser wer entscheidet sie« fiel der Andre ein »wer
schafft den Beweis« »Schicken wir eine UntersuchungsDeputation an sie« sprach
ein Dritter »Wolfskehl wäre dabei in den Schminkangelegenheiten hat er
gründliche Studien bei Komtess Laura gemacht« »Stellt Einen Posto« rief der
Kornet »drüben hin der sie nicht aus dem Auge lässt und einen Andern hinter
ihr Wenn die Rührung losgeht dann Attention Der drüben obs unter dem Auge
weiß der hier ob das Tuch rot wird« »Ein trefflicher Operationsplan
Wolfskehls militärisches Genie entwickelt sich immer mehr« »Am Ende fangen die
Weiber gar noch an zu weinen«
    »Und wozu das Alles« sagte der Kürassier »Da müsst Ihr Euch doch den Mund
wischen Die Person hat nun mal was dass man nicht weiß was es ist zudem
Beschützer an allen Ecken Man weiß nicht wo man anstösst wenn man zugreift«
»Grad das könnte mich tentiren« rief der Kornet »s ist nur sie ist nicht
nach meinem Gout« »Wolfskehl liebt nur das Bornirte Da oben sitzt die Neuste
die er auf den Zug hat«
    Man schaute nach der Loge im zweiten Range nicht aber mit Diskretion wo
Walter van Asten hinter seiner Kousine stand
    »Wer ist denn ihr Beschützer« »Sieht mir grad aus wie Einer der Lust hat
sich einen sanften Rippenstoss appliciren zu lassen wenn ich Lust bekäme dem
Mädel den Arm zu bieten Wollt Ihr pariren er dankt mir nachher an der Treppe
« »Wofür« »Die Ehre dass ich seinen Schatz geführt Hol mich der Geier er
solls«
    Der zornfuukelnde Blick eines älteren Offiziers in militärischem
Reitüberrock der mit verschränkten Armen an einem Pfeiler stand begleitete das
»Pst« welches er den Schwätzern zurief ohne seine Stellung zu verlassen Sie
schwiegen unwillkürlich Nur der Kornet ließ seinen Säbel klirren »Wer ist denn
der Bramarbas« Beide Begleiter zischten ihm ein bedeutungsvolles »Pst« in die
Ohren »Mit dem ist nicht gut Kirschen essen« »Aus der Provinz Einer So ein
Kommandant aus Krähwinkel vielleicht Soll der sich unterstehen einem Offizier
von der Garde Raison zu lehren« »Der unterstände sich noch mehr« flüsterte der
Kürassier »Um Gottes Willen sei still Fritz s ist der Oberst York aus
Mittenwalde Der hat selbst mit dem alten Fritz angebunden«
    Nicht alle Pulse schlugen gleich
    »So in sich versunken Herr Geheimrat« fragte Herr von Wandel der in eine
nebenstehende Loge trat den Geheimrat Bovillard welcher sein Opernglas erhob
um es wieder abzusetzen und mit dem Taschentuch zu wischen
    »Ich bin nicht disponirt«
    »Das werden Sie doch nicht zeigen wollen«
    »Ich zeige mich Was kann man in meiner Lage Besseres tun«
    »Sie hatten in letzter Zeit vielen Verdruss Herr von Fuchsius hat Sie
verlassen sich angeschlängelt an die neu aufgehende Sonne «
    »Wohl bekomm es ihm Wenn die Sonne ein Stein ist hört sie auf zu
glänzen«
    »Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Sohn«
    »Haugwitz hat ihn aus Wien mit einer Depesche um Verhaltungsbefehle hierher
geschickt das wissen wir aus anderer Quelle Er scheint unterwegs aufgehalten
oder aufgefangen zu sein«
    »Was den Vater allerdings nicht gut disponirt indes wird der Sohn des
Geheimrat Bovillard vor Napoleons Auge immer Gnade finden«
    »Auch wenn er von dieser Komödie hört« sagte Bovillard noch leiser  »In
welchem Winkel mag sich Laforest versteckt haben«
    »Sie wollen doch nicht das Theater verlassen  Ich bitte Sie Geheimrat
Was ists Ein bisschen Trommeln Singen und Geschrei werden Sie ertragen können
«
    »Wenn nur nicht da drüben die Lupinus säße Ich kann das Gesicht nun einmal
nicht ausstehen Ist denn das ne Larve oder ein Gesicht Diese kleinen feinen
stechenden Korallenaugen Wandel ich versichere Sie wenn ich ihrem Blick
begegne ist mirs als wenn ein gläsern Dolch mir ins Herz bohrt«
    »Leiden Sie oft an solchen Visionen«
    »Begreif es Einer warum ich an einen Kirchhof denken musste Und sie wie
das weiße Bild des Todes Wen sie ansieht und küsst der müsste sterben«
    »Ihre Lektüre echauffirt Sie teuerster Freund Dieses junge Genie der
Chateaubriand reizt die Phantasie auf Unwillkürlich beschwört er Geister die
für unsere Atmosphäre nicht passen Ich möchte Ihnen dagegen als kalmirende
Lektüre ein treffliches Buch empfehlen welches eben erschienen ist  Wagners
Gespenster Lesen Sie darin vorm Einschlafen einige Geschichten Sie werden
davon eine vortreffliche Wirkung empfinden Es konnte kein besseres Gegengift
gegen die romantischen Schwärmereien gerade jetzt auftreten wo selbst bei den
Franzosen «
    Er konnte nicht ausreden Der Geheimrat war über die hinteren Stühle
geklettert und zur Loge hinaus Wandel der rasch gefolgt ließ ihm in der
Konditorei ein Glas Zuckerwasser bereiten in das er Hoffmannstropfen goss
    »Nichts als ein Schwindel teuerster Geheimrat begreiflich wenn Sie an
die Eventualitäten des Krieges dachten Da sieht man wohl Leichen und Kirchhöfe
Wie Mancher dieser exaltirten Militärs wird kalt und stumm auf dem Schlachtfelde
liegen wenn ihre Wünsche in Erfüllung gehen Auch vielleicht um Ihren Sohn
waren Sie besorgt Das kombinirt sich Alles so natürlich bei einer nervösen
Komplexion Wenn Sie sich erholt lassen Sie uns zurückkehren«
    »Das Mädchen ist hübsch aber die Augen wie gläsern Wenn das Wachsbild nun
unter ihren Augen schmilzt«
    »Des wäre unnütz«
    »Was reden Sie«
    »Ich weiß es selbst nicht wahrhaftig Bovillard Ihr Unfall hat mich
konsternirt Es ist nicht Besorgnis um Sie  aber Sie sollten Hufeland befragen
wenn diese Anfälle sich wiederholen Indes  erlauben Sie mir Ihren Puls  Da
intonirt das Orchester schon das Reiterlied Ja ja Sie leiden an den Nerven
Sie glauben nicht was die Beschäftigung des Geistes da hilft Man muss sich
zuweilen peinigen und sich in Zerstreuungen stürzen Sie arbeiten zu viel Sie
lebten auch vielleicht in letzter Zeit zu solide Überwinden Sie sich und
kehren zurück Täuschte ich mich im Mantel dort das war Laforest Er ist es«
    »Ein interessantes Stück der Puls« sagte der Gesandte im Vorübergehen
»Nicht wahr meine Herren  Wenn doch die Staatskunst auch solche Ärzte zur
Hand hätte die am Pulsschlag ihrer Kranken die geheimen Intentionen der Völker
erkennten«
    »Welchen Auslegungen Sie sich aussetzen wenn Sie fortgehen wo ein Laforest
zu bleiben wagt« sprach Wandel dringend zu Bovillard »Bedenken Sie die
Stimmung im Publikum teuerster Freund Lombard selbst hat einen Beitrag für
die Militärmusik geschickt«
    Der Geheimrat Bovillard wollte bleiben dies deutete wenigstens der stumme
Händedruck an als er aufstand »Wenn nur das Weib fortginge«
    Aber als er die Tür des Konditorsaales öffnet kam ihm gerade dieses Weib
welches er vermeiden wollte entgegen Die Lupinus führte ihre Pflegetochter am
Arm Ein scharfer Kennerblick musste unter der Röte von Adelheids Wangen die
tiefe Blässe entdecken Sie wankte am Arm ihrer Führerin deren Anstrengungen
es zu verbergen vergebens waren
    Als Bovillard zurückprallte kaum von den Eintretenden gesehen eilte eine
neue Zeugin herbei »Mein Gott was ist ihr« rief die Fürstin Gargazin
    »Nichts als übergrosse Hitze« »Ein Glas Limonade Herr Reibedanz Das wird
dem Übel abhelfen«
    »Sie ist krank das sind konvulsivische Bewegungen« rief die Fürstin
    »Adelheid wird Ihnen das Gegenteil beteuern wenn sie sich erfrischt hat«
sagte die Geheimrätin indem sie mit einiger Heftigkeit das Glas dem jungen
Mädchen an die Lippen hielt
    Adelheid nippte aber das Glas fiel auf die Erde sie selbst knickte
zusammen und wäre selbst gefallen wenn die Fürstin sie nicht aufgefangen und
mit dem hinzuspringenden Bovillard auf ein Kanapée gebracht hätte Die Lupinus
hatte sich diesen Augenblick entgehen lassen in dem sie mit dem Legationsrat
ein rasches Gespräch in stummen Blicken gewechselt Wandels ernster Blick schien
tief eindringend die Geheimrätin hielt ihn nicht aus und als sie ihn gesenkt
hörte sie die Worte ins Ohr geflüstert »Was soll diese Komödie Ich hoffe hier
ist nichts vorgefallen was Sie bereuen müssten« Sie wollte die Lippen öffnen
als Adelheids unterdrückter unartikulirter Schrei die Aufmerksamkeit der
Hülfeleistenden auf den Gegenstand der Teilnahme wieder zog
    »Es muss doch etwas mehr als die Hitze im Hause sein« bemerkte die Fürstin
mit einem eigenen Ton
    Bovillard fragte »War sie vielleicht zum ersten Mal im Theater« Er setzte
hinzu die Blicke der jungen Offiziere die eben nicht mit Schonung sie
fixirten möchten sie afficirt haben
    »Ein Flacon« nief die Geheimrätin
    Die Fürstin neben Adelheid knieend hielt es ihr bereits an das Gesicht
    Die Lupinus wandte sich zum Legationsrat »Mein Gott was zaudern Sie
Eines Ihrer Hausmittel die Sie stets bei sich führen«
    »Meine einfachen Mittel wende ich nur an wo mir der eigentliche Grund der
Krankheit nicht unbekannt blieb«
    Die Geheimrätin hatte sich wieder gefunden »Der eigentliche Grund der
Krankheit kann Denen nicht unbekannt sein die von dem überschwänglichen Gemüt
des jungen Mädchens unterrichtet sind Patriotin bis in die äußersten Fibern
ihrer Seele hat sie seit vierzehn Tagen an einer Fahne für unsere Garnison
gestickt und mich und sich um ihre Nächte betrogen Erst heute Morgen entdeckte
ich es und es hatte leider eine lebhafte Szene zur Folge die ich jetzt bereue
und zu der mich doch die Pflicht für die Gesundheit des Mädchens trieb  Man
hat etwas mehr zu sorgen für fremde als für eigne Kinder« setzte sie mit einem
feierlichen Tone der Resignation oder des gekränkten Bewusstseins hinzu
    »Um dem Gerede der Leute zu entgehen« sagte die Fürstin
    »Aber auf Dank rechne Niemand der Pflichten übernimmt die über seine
Pflicht gehen« bemerkte der Legationsrat
    »Aber wir Alle sind Ihnen dankbar« fiel die Fürstin besänftigend ein »für
die geschickte Weise wie Sie das Kind und noch zu rechter Zeit aus der Loge
führten Ich bewunderte Madame Lupinus wirklich und Gott sei gelobt es hat
gar kein Aufsehen erregt  Sie atmet«
    »Aber noch geschlossene Augen«
    »Mein Hotel ist so nahe liebe Geheimrätin ich würde mir ein Vergnügen
machen selbst sie dahin zu schaffen Eine Portchaise steht im Flur Mein
Kammerdiener fliegt dahin  wenn «
    »Wenn Madame Lupinus« fiel der Legationsrat rasch ein »nicht die Hoffnung
hegte dass die junge Dame sich noch erholte um an ihrer Seite zur Vorstellung
zurückkehren zu können Und die Hoffnung scheint mir begründet«
    Der Legationsrat hatte rasch aus seinem Etui ein Fläschchen geholt welches
er der Fürstin überreichte »Drei Tropfen in den Händen gerieben und damit in
Intervallen über die Schläfe gefahren Nur der Luftdruck nicht Berührung«
    Er war ehrerbietig zurückgetreten ohne auf die Frage »Warum nicht Sie
selbst« zu antworten Die Ouverture begann schon
    »Ich begreife Sie nicht« sagte leise die Lupinus an deren Seite er sich
gestellt während der Geheimrat Bovillard der Fürstin beistand
    »Noch weniger ich den Zusammenhang hier« entgegnete er im selben Tone »Was
ging hier vor«
    »Sie sah eben ihren Liebhaber Sie hatte ihn vor dem Theater erwartet so
glaube ich wenigstens aus ihren Reden in der Extase schließen zu dürfen Sie
hatte ihm geschrieben ihn zu sich geladen Und statt zu kommen «
    »Sah sie ihn an der Seite eines hübschen Mädchens dem er viel
Aufmerksamkeit erwies«
    »Ist das nicht Grund genug Herr Legationsrat«
    Wandel zuckte die Achseln »Unter andern Verhältnissen Erlauben Sie mir
indes zu glauben dass es hier kein Grund ist Doch bin ich beruhigt und
verzeihen Sie wenn ich es vorhin nicht schien Das erste Gesetz der Wissenden
meine Freundin ist sich zu hüten vor dem Unnötigen wo das Notwendige schon
unsere ganze Geisteskraft beansprucht Wir dürfen nicht spielen mit den Dämonen
wie diese hier tun sie vertragen es nicht Sie gehorchen uns nur wenn wir das
eiserne Auge nie von ihnen lassen und mit einem Stahlarm sie pressen  auf das
Notwendige hin Von Phantasten und Jongleurs reißen sie sich los und schlagen
sie mit den zerrissenen Fesseln nieder«
    Im Theater wurde es laut Ein Teil des Publikums schien durch Summen und
Singen die kriegerischen Töne der Ouverture zu accompagniren »Mein Gott  wenn
sie doch jetzt  wir versäumen etwas« rief die Lupinus es war aber nicht das
Verlangen nach dem Theater zurückzukehren »Wie sanft sie atmet« sagte die
Fürstin »Debarrassiren Sie sich von ihr Es ist am Ende doch das
Gescheidteste« flüsterte Wandel der Geheimrätin zu Sie blickte ihn fragend
an
    »Sie bezweifeln dass ich als Ihr Freund spreche Mein Rat sollte Ihnen
beweisen dass ich es bin Ich sage nicht dass Sie eine Natter sich am Busen
erzogen haben aber in dem Mädchen ist etwas Dämonisches Bildete sie sich nach
Ihnen Schlug nur einer Ihrer Ratschläge an Sie müssen sich gestehen dass das
Mädchen unberührt blieb gleichviel ob im Guten oder Bösen Aber Sie sind nicht
mehr Herrin Ihrer selbst seit dieses Gewicht an Ihnen hängt Ihr kluges Auge
Ihr scharfes Ohr Ihre Schritte und Tritte ich möchte sagen Ihre Gedanken
belauscht Fast erkenne ich meine stolze sichere Freundin nicht wieder wenn
ich die Rücksichten sehe die sie auf ein in jeder Beziehung untergeordnetes
Wesen nimmt Aber sie ist nicht sie kann nicht untergeordnet sein ihrer Natur
nach das ist eben das Dämonische was ein frei denkendes Wesen nicht neben sich
dulden dürfte Bringe sie nicht Unglück in jedes Haus in das sie tritt Dort 
hier Überrechnen Sie die Verlegenheiten in die Ihre Güte gegen Adelheid Sie
gestürzt und ziehen Sie den Schluss welches von beiden Übeln größer ist dass
die Welt wieder einmal acht Tage über Sie lästert oder  dass Sie frei Sie
selbst wieder sind Wählen Sie das Kleinere und ergreifen die erste
Gelegenheit«
    Die Ouverture schloss mit Anklängen aus dem DessauerMarsch
    »Sie richtet sich auf« sagte Bovillard »O eine wahre Patriotin«
    Herr Reibedanz rief zur Tür herein »Machen Sie schnell meine
Herrschaften der Vorhang geht auf«
    »Sie muss mit« sprach die Geheimrätin »Sie hat die Kraft sich selbst zu
genügen«
    »Ich glaube es auch« sagte die Fürstin »Herr von Bovillard unterstützen
Sie ihren Arm sie will aufstehen«
    »Bovillard« wiederholte Adelheid mit der süßen Stimme einer Träumenden die
aus einem lieblichen Traum erwacht und erhob sich »Geliebtes Kind« sprach die
Geheimrätin ihr entgegen tretend Aber derselbe Traum musste auch bittere
Erscheinungen ihr vorgegaukelt haben denn als ihr Auge auf die Pflegemutter
fiel welche die Arme gegen sie ausbreitete stieß sie dieselben mit einer
krampfhaften Bewegung zurück Das träumerische Auge veränderte seinen Ausdruck
ein Entsetzen wie mit Zorn gemischt schien aus der tiefsten Seele aufzusteigen
und lieh dem Augapfel einen Glanz vor dem man erschrak Wie kam dieser Blick in
das Auge einer Jungfrau Die Fürstin hatte eben so rasch es bemerkt als sie mit
der huldvollsten Freundlichkeit Adelheid unterfasste »Bovillard geben Sie ihr
den Arm wir führen unsere Patientin«
    »Sie träumte noch den Dessauer Marsch und sah die Franzosen vor sich« sagte
der Geheimrat
    »So ist sie Voller Laune und Phantasie« bemerkte die Lupinus an Wandels
Arm
    »Wie unsere Zeit und diese Menschen« entgegnete er »Nichts wohin wir
sehen als Phantasie und kein Entschluss«
 
                           Einundfünfzigstes Kapitel
                              Wallensteins Lager
Kaum ließ sich während der Darstellung das Mitspielen des Publikums
zurückhalten Die Iffland Unzelmann Mattausch Herdt Bessel Gern Labes
Kaselitz erschienen in ihren Waffenröcken und Wehrgehenken nicht wie
Schauspieler welche das Bild einer zweihundertjährigen Vorzeit den Zuschauern
hinzaubern wollten sondern wie Repräsentanten dieser Zuschauer selbst die
jedem Kunstausdruck jedem Verse der auf das Ergreifen der Waffen deutete
zujubelnd ihre eigene kriegerische Stimmung aushauchten Das war ein
Bravorufen Klatschen so kräftig sonor wie man es in diesen der ernsten
Kunst geweihten und damals heilig gehaltenen Räumen selten gehört Der
Kunstentusiasmus erlaubte sich in Berlin wohl Tränen und Entzückungen auch
Verzückungen aber noch nicht mit dem Feuer zu spielen das er später
verschwenderisch über seine Lieblinge ausschüttete einen flammenden
Glorienschein der oft zur verzehrenden Flamme werden sollte für den Ruf des
Gefeierten
    Das Reiterlied war gesungen tiefe Spannung auf allen Gesichtern ein banges
Schweigen in dem gedrängt vollen Hause Da trat Kaselitz als Dragoner von
Piccolomini vor und verteilte ein gedrucktes Lied zum Lobe des Krieges unter
seine Kameraden Die Pappenheimer die Panduren Isolanis Kroaten alle
verstanden Deutsch zu lesen das Orchester hub an und nach der Schulzeschen
Melodie »Am Rhein am Rhein« ward ein Lied gesungen von dem überlebende
Zeitgenossen uns versichern dass es gewirkt wie ein Tyrtäischer Kriegsgesang
Das Publikum erhob sich Man streckte die Arme nach der Bühne um den Text zum
Mitsingen zu erhalten die Schranken des Orchesters fielen Da aber regnete es
schon von gedruckten Blättern aus dem Amphiteater Das Parterre stimmte ein
Jubel oder Rührung es war zweifelhaft was größer war Die Damen in den Logen
wehten mit den Tüchern ernsten Männern bei deren gefurchtem Gesicht man einen
Eid hätte ablegen mögen dass sie nie geweint standen Tränen im Auge
    Die letzte Strophe musste wiederholt werden »Das ist ein Lied«  »Das ein
Gesang«  »Ein Dichter«  Von Mund zu Mund ging sein Name geflüstert hin »Es
sind der Herr Major von Knesebeck« Dort schrie Einer dem Andern zu »Donner und
Wetter der Knesebeck ein Dichter Man wollte man musste sich näher kommen Die
in jener Zeit nicht so strenge Billetordnung ward gebrochen man besuchte sich
in den Logen schüttelte sich die Hände aus den Logen ging man ins Parterre
und unversehens hatten einige Allzeitfertige aus Brettern und Stühlen eine Art
Treppe nach der Bühne gebaut Das Stück war ja zu Ende nur den Vorhang hatte
man herunterzulassen vergessen  oder auch nicht vergessen Während junge
Entusiasten hinaufsprangen den Schauspielern die Hände schüttelten winkten
Andere den Darstellern herabzukommen Bald sah man Iffland in seiner stattlichen
Armatur als Wachtmeister im Kreise der Offiziere seiner Freunde Er spielte
nicht den Wachtmeister er war es Er war ein Patriot von Herzen und von Herzen
redete er feierliche Worte von Aufopferung und Treue Seine jungen Verehrer
drängten sich ihm in die Hand zu schlagen als Gelöbnis dass sie leben oder
sterben wollten für König und Vaterland«
    In der Erhebung des Augenblicks fand Niemand darin Seltsames dass der
Schauspieler den Ernst des Lebens repräsentirte aber auch heitere Szenen
mischten sich in diesen heroisch theatralischen Ernst Es hat sich von je an
gefügt seit es Offiziere gab und Juden dass Beide in gewissen Verhältnissen zu
einander stehen Verhältnisse die in der Jugend sehr intim sich oft erst im
Alter lösten zuweilen auch gar nicht Da sah man einen bekannten jüdischen
Handelsmann welcher später vielleicht auch damals schon den Namen Gans führte
und für einen witzigen Mann galt an den Armen zweier Lieutenants
umherstolziren oder besser er umschlang sie mit seinen Armen und den
Begegnenden versicherte er in diesen beiden Freunden opferte er seine
teuersten Erinnerungen dem Vaterlande Unzelmann als Trompeter streifte am
Arm eines hübschen KavallerieOffiziers durch das Parterre Wer dafür noch Sinn
hatte blickte neugierig verwundert nach Der junge blonde Offizier nahm das
spöttische Lächeln seelensvergnügt hin Unzelmanns komische Miene deutete aber
an dass ihn der Sinn nicht verletze »Unzelmann und Quast Arm in Arm« 
»Unzelmann spielt heute seine Frau« Er rief den Spöttern nach »Beschämte
Eifersucht wird nicht mehr gespielt meine Herren«  »denn Eifersucht ist das
größte Ungeheuer« replicirte ein junger Schöngeist der die alten Spanier
studierte
    »Und gegen das größte Ungeheuer« fiel der Schauspieler eben so schnell ein
»ziehen unsere braven Truppen« Auch »Menschenhass und Reue« meine Herren wird
nicht mehr gegeben »denn wir brauchen allen Menschenhass gegen die Franzosen« 
»Und« setzte ein dritter Witzbold hinzu »ein Lump wer nicht sein Bestes und
sein Schlechtestes mit seinem Alliirten teilt«  Anspielungen die damals
Jeder verstand auch viele Jahrzehnte nachher hat sich die Erinnerung erhalten
nicht wert um ihrer selbst willen aber von Wert zur Charakteristik einer
Zeit die längst von den Springfluten der Geschichte fortgespült und von ihrem
mächtigen Strom auf immer verschüttet scheint Nicht die Frivolität ist
begraben aber in dem luftigen Kleide von damals darf sie sich der Gesellschaft
in keinem ihrer Kreise nicht mehr zeigen
    Enthusiasmus wohin man sah aber es fehlte noch etwas ein Schluss der dem
Anfang entsprach ein Siegel auf die fertige Urkunde gedrückt Wozu die ganze
Aufregung ohne ein Ziel Aus dem Theater sind später Revolutionen
hervorgegangen aus der »Stummen von Portici« stürzten die berauschten
Zuschauer um die Funken des Bühnenfeuers als Brand auf den Markt zu tragen
Dazu war hier nicht der Ort nicht die Zeit nicht die Menschen In den
geschlossenen Teaterräumen hallte der Ruf »Krieg Krieg Zu den Waffen«
trefflich aber wären sie hinaus gestürzt was dann Wie klein wäre die Zahl
gewesen wie bald zerstreut auf den breiten Straßen Hätte Jeder sich gern in
der Gesellschaft der Andern erblickt Derer die vielleicht ihnen da zuströmten
Und was sollten sie tun Vor das Palais des Königs rücken dort Fackeln
schwingen wild schreien Krieg Krieg Was würde dieser König der dem
Ungewöhnlichen Exaltirten abhold seine Person scheu von aller Repräsentation
zurückzog zu einem brüllenden Haufen sagen der ihn zu einer Handlung zwingen
wollte die er vielleicht schon beschlossen hatte Würde es nicht gerade das
Mittel gewesen sein das Wort das sich von den Lippen lösen wollte in die
tiefste Brust zurück zu schrecken Er musste zürnen und erzürnen wollte Niemand
den geliebten Monarchen
    Aber etwas musste geschehen das fühlte Jeder so konnte man nicht
auseinander gehen Die Logenschliesser hatten unter den Enveloppen der Damen
Blumenkränze gesehen oder waren es schon Lorbeerkränze Auf irgend ein Haupt
sie zu drücken dazu waren sie doch mitgenommen Aber wo war das Haupt wo der
Eine der eine solche Masse wecken begeistern führen konnte  Wohl gab es
Einen einen noch jugendlichen genialen Prinzen vom kühnsten Geist und
bewährten Mute Sein Schwert hatte Franzosenblut getrunken ritterlich hatte er
sich mehr als einmal in die Schaaren der Feinde geworfen und  dem
unüberwundenen Helden hätte man alle seine Schwächen vergeben er wäre der Mann
des Volkes gewesen und wäre er vorgesprungen da auf eine Erhöhung und hätte
den Degen blitzen lassen im Scheine der Teaterflammen nur wenige kräftige
Worte  möglich war es dass es ein Ernst ward dessen Folgen Niemand berechnet
Aber diesen Einen fesselten Rücksichten er knirschte im verhaltenen Grimme in
seinen vier Wänden er zückte den Pallasch um ihn wieder in die Scheide zu
stoßen er sah nach den Wolken und lauschte auf den Galopp eines Pferdes ob es
die Ordonnanz war die das heissersehnte Wort brachte Er hatte sein Wort geben
müssen heute nicht im Theater zu erscheinen »Scharf geschliffen und von vorn
herein die Spitze abgebrochen damit der Stahl nicht verwundet«  Andere gab es
wohl die von demselben Feuer glühten Namen von ehernem Klang und altem Ruhm
sollte man aber die Kränze auf eisgraues Haar drücken Warum nicht lieber auf
Friedrichs Büste
    Aber etwas musste geschehen die Gährung war zu groß um sich zu verlaufen
»Es lebe der König« rief eine Stimme Tausend riefen es nach Das Orchester
intonirte den neuen Volksgesang der so rasch Allgemeingut geworden und das
feierliche »Heil Dir im Siegerkranz Retter des Vaterlands« hallte wie
besänftigend durch den hohen Raum des Schauspielhauses
    Eine der kleineren Logentüren klappte zu und ein Mann vor dem sich der
Schliesser respektvoll neigte eilte im Surtout die Treppe hinunter »Das alte
Lied« sagte sein jüngerer Begleiter es war Herr von Fuchsius »es klang hier
mir wie eine Ironie« »Alles Theater alles gemacht alles nichts und daraus
wird im Leben nichts« erwiderte der Andere »Seine Excellenz der Herr Minister
von Stein« flüsterten sich die Logenschliesser zu
    Aber als das Lied durch neue Hochs dem Könige gebracht unterbrochen wurde
klappte wieder eine Logentür eine Stimme teilte den Vornesitzenden etwas mit
diese sprachen nach links und rechts und bald lief es wie ein Lauffeuer durch
die Logen »Die Garnison marschirt  Die Berliner Garnison rückt aus«
    Soll das den letzten Druck geben schien des Ministers Blick zu seinem
Begleiter zu sagen während der Lärm drinnen sich wieder steigerte Ein
Vorübergehender las den Sinn der ungesprochenen Worte und erwiderte dem Manne
den er nicht kannte »Sie können es gewiss glauben mein Herr diesmal ist es
Ernst Die Kriegskasse ist schon fertig und das Feldlazaret wird gepackt Ich
habe einen Vetter der dabei ist«
    »Und ich habe es selbst angeordet« lächelte der Minister seinem Begleiter
zu »Soll man sie um ihren Glauben beneiden oder bedauern«
 
                          Zweiundfünfzigstes Kapitel
                           Am Altar des Vaterlandes
Was bis hier geschehen davon finden wir die Hauptzüge wenigstens in den
öffentlich gewordenen Berichten Die Zeitungen gedenken des denkwürdigen Abends
aus ihnen sind jene Züge schon in die Geschichtsbücher übergegangen Es fiel
aber an dem Abende noch Manches vor wovon sie schweigen Ein großer Teil des
Publikums hatte sich bereits entfernt Die Begeistertsten empfanden noch das
Bedürfnis sich Mut und Hoffnung zuzureden Hier schüttelte man sich die Hände
hier schloss man sich in die Arme hier unterhielt man sich von Vorteilen
welche die Oesterreicher errungen haben sollten von dem und jenem französischen
General der verwundet sei dort von einem Volksaufstande der sich irgendwo
vorbereite von dem ungeheuren russischen Heere was aus dem Innern Asiens
heranwälze In bewegten bangen Zeiten knüpft die Hoffnung aus den
Sonnenstäubchen aus den Spinnfäden in der Herbstluft Taue für ihre Anker
    Da lief schon längst ein Gerücht durch die entfernten Gruppen dass ein
Kourier mit wichtigen Nachrichten angekommen aber er und sein Pferd gleich
erschöpft seien auf dem Markt gestürzt Der Kommandant welcher des Weges
gekommen habe ihn auf der Straße vernommen und sei mit den Depeschen sogleich
ins Palais geeilt Ein kleiner Mann mit sehr wichtiger Miene den man früher
schon bei allen Gruppirungen bemerken konnte schwang sich jetzt auf eine
Logenbrüstung und schrie »Es ist richtig meine Herren der Kourier ist da Er
hat sich beim Fall den Fuß verstaucht  er kommt direkt vom Schlachtfelde  ich
sah ihn selbst  sie führen ihn jetzt am Schauspielhaus vorbei«
    Sogleich war an der Tür ein Gedrang man wollte hinaus um sich von der
Wahrheit zu überzeugen Die Entfernteren riefen »Holt ihn herein«  Was er auf
der Straße aussagen dürfe könne er doch auch dem Publikum erzählen
    »Wenn uns Merkel nicht wieder eine Finte aufbindet« sagte ein Mann in
mittleren Jahren mit lebhaften dunkeln Augen der seiner Kleidung nach dem
geistlichen Stande anzugehören schien das Bleistift und Pergament in seiner
Hand deutete aber auf einen Berichterstatter für eine Zeitung was er auch
wirklich war der französische Prediger und Professor Katel damals und noch
lange nachher Redakteur der Vossischen Zeitung »Diesmal hat Merkel die
Wahrheit gesagt liebster Katel« bemerkte sein Nachbar »Der Kourier ist da
auch ich sah ihn und was ich durch das Gedränge gehört sind so wunderbare
Dinge dass Sie Ihre Zeitung übermorgen damit füllen können«  »Sie verlangen
doch nicht von mir dass ich Mirakel schreiben soll« entgegnete Katel »Das ist
weder meines Metiers noch meiner Zeitung Rebus in arduis aequam servare
mentem«
    »Ist zwar ein schöner Wahlspruch« entgegnete der Andere »aber es gibt
doch Ausnahmen«
    »Die sich doch wieder auf eine Regel zurückführen lassen Alle Bewegung
sinkt auf ihr Niveau oder Maß zurück und die Gesetze dieses Masses sind die
Kunst Und das sahen wir an diesem Abend Iffland hat sich wieder selbst
übertroffen Sehen Sie   sehen Sie ihn da Feuer und Flamme für den Krieg er
ist der Soldat den er vorhin gespielt ich glaube wenn ihn Seine Majestät der
König in die Linie beriefe so würde er auch da vor den Rotten wie ein Meister
der Kriegskunst dastehen Und nun betrachten Sie mit welcher klassischen Ruhe
er auch dieses Feuer menagirt Und vorhin im Puls das war kein Spiel das war
wieder ein Ernst eine Wahrheit eine Kunst die uns an der menschlichen Natur
irre machen könnte Ohne Zweifel war er von den Auftritten die nun folgen
sollten nicht allein unterrichtet sondern er hat sie mit arrangirt er lebte
in dem Gedanken und wo merkte man es ihm an Ich habe ihn genau beobachtet Da
war jedes Fältchen der Weste jeder Knopf wie sonst Wie er mit der Rechten den
Puls des Patienten fühlte zählte er mit den Fingern der Linken auf dem Rücken
die Schläge Das werden Wenige bemerkt haben Er tat es auch nicht fürs
Publikum für sich um sich selbst zu genügen Diese Ruhe diese Herrschaft über
Leidenschaft und Welt ist es was den Künstler macht Ich hätte nur einen Wunsch
jetzt «
    »Doch nicht dass Iffland selbst ins Feld ziehen soll«
    »Nein ich möchte ihn Talma gegenüber sehen Jeder bin ich überzeugt würde
den Andern bewundern Jeder vom Andern lernen wollen«
    »Französisches Feuer und ein Klassiker im Blute« bemerkte ein Dritter »Von
der Kolonie« sagte der Andere »Die besten Preußen und gute Deutsche und doch
alle ein tendre für Bonaparte«
    Ein Jubel und Hallo kündigte hier an dass der Kourier ins Theater gezogen
war Noch sahen ihn die Wenigsten aber Stimmen schrien schon »Viktoria Ein
Sieg ein ungeheurer Sieg Hoch lebe der König hoch Preußen«
    Umsonst sträubte sich der junge staubbedeckte Mann dem man die äußerste
Erschöpfung von einem angestrengten Ritt ansah Sein Gesicht war blass nur
zuweilen von einer flammenden Röte überflogen Er sprach lebhaft aber mit
Anstrengung zu den um ihn Stehenden »Meine Herren es ist ein Irrtum ich bin
nicht selbst der Träger der erwünschten Nachrichten Ich habe vergebens draußen
schon gegen die Auszeichnung protestirt aber man hört mich ja nicht Meine
Depeschen vom Minister Haugwitz enthalten nichts noch können sie etwas von der
Nachricht enthalten die Sie die wir Alle wünschen dass sie auf Wahrheit
beruhe Meine Depeschen wie meine eigne Kenntnis der Dinge sind von Wien von
weit älterem Datum Ich wusste mich um nicht aufgefangen zu werden auf
Nebenwegen durchschlagen Ich musste weite Umwege machen und ich wiederhole
Ihnen dass es nur ein Gerücht ist was ich an der sächsischen Grenze zuerst
hörte Was verlangen Sie von mir dass ich es hier öffentlich mache Ich kann
nichts sagen als dass ich von Andern gehört was diese wieder gehört«
    Die in den Logen und dem hinteren Parterre hatten natürlich nichts von
dieser Protestation gehört Unisono schrie tobte forderte man dass der Kourier
laut spreche was hier gut sei müsse es für Alle sein »Hier sind keine
Verräter Keine Spione«  »Auf das Proscenium«  »Sie müssen jetzt
Bovillard« rief Jemand der ihn kannte »oder man lässt es uns entgelten«
    »Der Erschöpfte ward von zwei Männern unter den Arm gefasst und fast auf die
Bretter hinaufgerissen« Übrigens herrschte kaum ein Unterschied mehr zwischen
der Bühne und dem Zuschauerraum Selbst von den angesehensten Damen standen
schon mehrere auf der ersteren Schauspieler hatten einen Altar herangetragen
der vielleicht aus der vorigen Opernvorstellung noch hinter den Kulissen stand
Er diente dem Erschöpften der sich von seinen Begleitern losgemacht zur
Stütze Sein Auge rollte als suche er in der Luft nach Worten während es den
Umstehenden nicht entging dass seine Glieder fieberhaft zitterten Jetzt fuhr er
mit der Hand über die Stirn um die Erinnerung zu sammeln glaubten Einige
Andere versicherten nachher er sei gestanden als habe er ein Gespenst gesehen
Da rief er plötzlich aus voller Brust »Sieg Sieg verlangen Sie aus meinem
Munde  Wenn wir an uns selbst glauben deutsche Männer müssen wir ja siegen
Warum nicht dort«  Ein Händeklatschen ein brüllender Applaus »Sieg Ein
Sieg  Weiter  Wo«  »In Mähren hinter Brünn  eine Schlacht sagen sie
ist geliefert blutig wie keine seit Menschengedenken  drei Tage hätte sie
gewütet  drei Kaiser standen sich gegenüber  dreimal ging die Sonne blutrot
auf  am dritten « Alles hörte bang mit angehaltenem Atem während der
Sprecher nach Luft zu schnappen schien  »Am dritten hat man ihn gesehen 
Bonaparte  in der Mitte von nur drei Reiterregimentern die ihn mit ihren
Leibern schützten  sich durchschlagend nach Bayern  sein Heer sein großes
Heer «
    »Was ist ihm« riefen die Nächststehenden Bovillard beugte und stützte
sich wie um sich zu halten oder etwas zurückzudrängen auf den Altar Durch
die weiten Räume aber brauste es »Hurrah  Viktoria«  »Kränzt den
Siegesboten« rief die Fürstin die Treppe herauf steigend  »Kränzt ihn«
wiederholten weibliche Stimmen
    Die Kränze waren da aber das Publikum wollte vorher den ganzen
Freudenbecher ausgeschüttet wissen »Sein Heer  wo ist sein Heer«
    »Fragt die Erynnien  Eine Blutlache «
    Diese Worte konnte man auf dem entferntesten Amphiteater verstehen so
scharf schnitten sie durch die Luft doch ohne den sonoren Metallklang von
vorhin Dann hörte man einen Fall einen Schrei der Umstehenden Töne des
Jammers Einige wollten ein Auflachen gehört haben Sehen was vorgefallen
konnten natürlich nur die Nächststehenden indem man, um zu sehen herandrängte
verbarg man die betreffenden Personen Von Mund zu Munde ging es der Bote der
Siegeskunde war am Altar des Vaterlandes niedergesunken aber mit voller Ehre
Ein junges Mädchen schön wie keine in Fieberglut hatte sich mit dem Kranz
über ihn erhoben aber als sie ihm denselben auf die Stirn drückte als er ihre
Hand ergriff stürzte es ihm aus dem Munde ein roter Blutquell und er war
hingesunken ohne die Hand loszulassen
 
                          Dreiundfünfzigstes Kapitel
                                Eine Entführung
So viel wusste man bis in die entferntesten Winkel aber in der Masse verschwand
das Persönliche vor dem sturmbewegten Gefühl Man begnügte sich nicht mehr mit
einem Händedruck auch Leute die sich nicht leiden mochten stürzten sich in
die Arme »Das Vaterland ist gerettet«  »Zugeschlagen Nun ihm das Garaus
gemacht«  »Drauf los  Tod allen Franzosen«
    »Davon werden sie auch nicht sterben« brummte der Offizier welcher vorhin
York genannt wurde der sich jetzt Luft nach dem Ausgange machte während die
Tücher der Damen ihm fast um die Ohren schlugen »Wenn überhaupt die Geschichte
wahr ist«
    Walter van Asten führte seine Kousine durch das Gedränge Einer der jüngeren
Offiziere deren Geschwätz der Oberst vorhin durch seinen zornfunkelnden Blick
zum Schweigen gebracht benutzte den Augenblick wo Walter sich bückte um den
Pompadour aufzuheben der dem jungen Mädchen aus der Hand gefallen war Er
drängte sich zwischen Beide und wusste den Arm der Dame in seinen zu schieben
»Mein schönstes Fräulein Sie hatten einen Führer der den Weg nicht kennt
Erlauben Sie mir dass ich Ihnen den nächsten zeige«
    Minchen Schlarbaums Arm hing wirklich am Arm des Offiziers als ob es so
sein müsse aber ihr Mund öffnete sich so weit als ihr Auge groß ward »Mein
Gott verzeihen Sie das ist ja mein «
    »Ihr Pompadour« fiel der Kornet ein »Da  nehmen Sie ihn rasch Ich hoffe
dass der  Herr da ihn für Sie aufgelangt hat«
    »Und ich Herr Kornet von Wolfskehl hoffe« sagte Walter »dass Sie nur in
der Trunkenheit der Freude meine Kousine mit  Jemand Ihrer Bekanntschaft
verwechselt haben Für eine andere Trunkenheit würde ich Rechenschaft fordern«
    »Was  Spricht da Einer von Rechenschaft  ich habe mich wohl verhört«
näselte der Kornet zu den Kameraden die still lächelnd in der Nähe standen als
er schon Walters Hand an seinem Arm fühlte Es war noch eine sanfte Berührung
    »Ich Kornet Wolfskehl« sagte Walter in einem Tone der noch dem Druck
seiner Hand entsprach »Auf der Stelle ersuche ich Sie so höflichst als
dringend Ihrer Wege zu gehen da ich meinen vollkommen kenne den ich gehen muss
und werde wenn Sie den Platz nicht augenblicklich verlassen«
    »Herr«  fuhr der Kornet auf  »wer sind Sie in drei « und hatte doch den
Arm der Dame fahren lassen Walters Blick hatte etwas herrisch durchdringendes
Auch auf den übermütigen Jüngling hatte er unwillkürlich einen Eindruck
gemacht
    »Jemand dem es leid täte sich an dem Rock des Königs vergreifen zu
müssen der aber keinen Augenblick zaudern würde wenn  Jemand der nicht der
Ehre wert ist ihn zu tragen darunter steckte«
    »Was  Unterfängt sich die Ka «
    »Halt« donnerte die Stimme des älteren Offiziers dazwischen »Meine Herren
Offiziere wenn der Civilist da zu dem Frauenzimmer gehört ist er im Rechte«
    »Dulden wir das« schien der zu den Kameraden gewandte Blick des Kornets zu
sprechen »Herr Oberst er hat unsere Uniform berührt« »So wird er Ihnen Rede
zu stehen haben warum« entgegnete der Oberst
    »Herr Jesus um Gottes Willen keinen Skandal« schrie Minchen Schlarbaum
»Da ist ja Herr Professor Katel der kennt meinen Cousin«
    In dem Augenblick ward aber die Aufmerksamkeit wieder auf den allgemeinen
Gegenstand der Teilnahme gelenkt Wie wenn ein Vorhang zu beiden Seiten
aufrollte hatten sich die Personen welche um den Kourier gestanden nach
beiden Seiten verteilt um der stürmischen Forderung des Publikums zu genügen
Bovillard lag auf dem Boden das umkränzte Haupt vom Teaterarzt gestützt
während seine ausgestreckte Rechte die Hand des jungen Mädchens noch immer
gefasst hielt welche den Kranz ihm aufgedrückt Diese kniete entweder durch
ihre Lage dazu genötigt oder aus eigener Bewegung daneben Von der Fieberröte
flutete nichts mehr auf ihrem Gesicht es war todtenblass nur die schönen
großen Augen starrten auf den Jüngling zu ihren Füßen Sie selbst schien der
Hilfe zu bedürfen denn die Fürstin hielt sie umfasst Die Wallensteinschen
Krieger auf ihre langen Degen gestützt standen im Halbkreis wie eine Wache Es
war nicht Arrangement es hatte sich von selbst so gemacht Wer den Rest
Spiritus auf dem Altar entzündet dessen blaue Flammen spärlich durch das
Halbdunkel der verlöschenden Oellampen in die Höhe leckten ist nie ermittelt
    Der Anblick war überraschend das erste Schweigen des Publikums verriet
dass es den Sinn und Zusammenhang nicht begriff Es wusste nicht ob es noch
jubeln dürfe oder trauern solle Eigentlich wusste es Niemand was seit letzt
geschehen ging über alles Arrangement hinaus bis die Gefühle der Einzelnen
wie kleine Blutadern in einem großen erstarrten Körper pulsirten Die Teilnahme
war verschieden Eine Stimme rief aus der Mitte heraus »Ah cest pittoresque
Cest vraiment antique et classique« »Aber er stirbt ja wirklich« schrien
Andere
    Der Klassicismus musste in dieser Versammlung noch eingewurzelt sein denn
es fand sich Jemand der seine Zuhörer an das erhabene Beispiel aus dem
Altertum erinnerte wo der Bote einer Siegesnachricht im Augenblick wo er sie
überbrachte aus Erschöpfung zu den Füßen seiner Mutter tot niederstürzte und
die Mutter ward um deshalb als die glücklichste Frau im ganzen Hellas gepriesen
    Herr Herklotz der Teaterdichter man vermutet dass er es gewesen hatte
mit Iffland einige Worte geflüstert und dieser heute in andauernder Aufregung
hatte schon den breitkrämpigen Hut gezogen und war an die Lampen getreten zu
einer neuen patriotischen Ansprache mutmasslich aus jener Vergleichung
geschöpft als Major Eisenhauch ihn sanft am Arme fasste »Um Gottes Willen
Herr Direktor bedenken Sie da ist der Vater des Sterbenden«
    Der Geheimrat Bovillard in einem Gespräch mit St Real begriffen hatte
erst spät seinen Sohn erkannt »Mais enfin grand Dieu cest donc mon fils«
rief er händeringend zu Denen die ihn abhalten wollten sich auf die Bühne zu
stürzen und arbeitete sich durch das Gedränge
    »Mais mon cher conseiller« rief der Geheimrat Lupinus der seinen Arm
unterfassend ihm nacheilte »il ne mourra pas Nous admirons ce ravissement
damour paternel suprême Oh cest touchant Mais considérez mon ami votre
état est surtout votre caractère Vous êtes philosophe  Et il ne mourra pas
assurément ce nest quun échauffement passager Ce jeune homme un épanchement
patriotique lamour paternel le guérira«
    Es arbeitete sich noch Jemand während dessen durch das Gedränge doch mit
einem andern Ungestüm Auch nach ihm streckten sich unwillkürlich Arme aus als
wollten sie ihn zurückhalten Weshalb Walter van Asten plötzlich dem Offizier
dem er noch eben die Zähne zu weisen so große Lust gezeigt den Rücken gekehrt
weshalb er seine Kousine zu deren Schutz er aus sich selbst herausgeschritten
schien stehen ließ weshalb er unbekümmert um Beide ins dichteste Gewühl sich
gestürzt dass er im nächsten Augenblick ihnen allen entschwunden war das
wussten Die freilich am wenigsten welche sich am lautesten darüber
verwunderten Ein Hohngelächter der Offiziere brach plötzlich aus Der Oberst
drückte verächtlich den Hut auf die Locken »Ists ein solcher so lassen Sie
den Patron nur laufen«
    »Er hat vielleicht Jemand gesehen der seiner Hilfe noch mehr bedarf«
antwortete Professor Katel auf Minchen Schlarbaums erstaunten Blick und bot ihr
rasch seinen Arm während die Offiziere zu einer Art Kriegsrat zusammengetreten
waren »Redestehen«  »Nimmermehr«  »Die Peitsche dem Poltron«
    Der Geheimrat Bovillard hatte sich über seinen kranken Sohn werfen wollen
aber vernünftige Freunde ihn zurückgehalten weil es sich mit seiner Würde nicht
vertrage weil das vor dem TheaterPublikum eine Szene aufführen hieße weil
sein Sohn in keiner Lebensgefahr sei weil jeder Affekt die Lage desselben
verschlimmern könne Der Geheimrat Bovillard war den vernünftigen Vorstellungen
zugänglich und für den öffentlichen Anstand hatte er immer das feinste Gefühl
    Um so besser als man seinen Sohn bereits auf demselben Ruhebett auf
welchem bei der Darstellung des »Puls« der kranke junge Graf lag fortgetragen
hatte dabei musste sich noch einiges ereignet haben was die Umstehenden
beschäftigte Man hatte seine Hand aus der des jungen Mädchens losreißen müssen
so fest hielt er sie gefasst Sie war darauf  von der Anstrengung und dem
physischen Schmerz sagten die Verständigen zu Boden gesunken Ob in einer
Ohnmacht oder einem Starrkrampf darüber stritt man die zum letzteren
hinneigten behaupteten sie sei schon vorhin als sie noch aufrecht saß in
einem Starrkrampf gewesen Andere vermuteten noch Anderes und Iffland
flüsterte zu Betmann »Ich besorge dass man uns auf unserem Grund und Boden
eine Komödie aufgeführt hat während wir hier dem Publikum einen Ernst
vorspielen wollten«
    »Sie lebt« sagte der Arzt welcher für Adelheid herbeigerufen war und noch
immer ihren Puls hielt »Ihr Leiden scheint mir nur psychisch eine Folge von zu
lange verhaltenen Gemütserschütterungen Nach dem Zwange rächt sich die Natur
Die äußerste Ruhe tut ihr zunächst not Auf die Bretter aber dünkt mich
gehört die Kranke nicht«
    Damit war vor Allen Herr Iffland einverstanden Er hatte bereits eine
Portechaise kommen lassen Zwei Soldaten noch in Wallensteinschen Waffenröcken
versprachen rüstige Träger zu sein
    »Aber wohin« fragte der Direktor nachdem Adelheid unter Beihilfe des
Arztes und der Fürstin in die Portechaise gehoben war
    »Gleichviel In das erste befreundete Haus« sagte der Arzt
    »Das ist mein Hotel« Die Fürstin gab nachdem sie einen schnellen Blick
nach der Geheimrätin geworfen die nötigen Anweisungen »Leise aufgetreten
keine Erschütterung Für einen guten Lohn verpflichte ich meinen Kammerdiener«
    Die Lupinus sah weder den Blick noch die Abführung der Portechaise Eine
Reihe riesiger Pappenheimer hatte eine Wand dazwischen gebildet Aber auch ohne
diese Kürassiere würde sie in dem eifrigen Gespräche mit dem Legationsrat
schwerlich gesehen haben Er hatte sie schon vorhin fast mit unziemlicher
Heftigkeit bei der Hand ergriffen und in die Kulissen gezogen
    »Ich verstehe Sie nicht Sie selbst drangen daranf dass ich kündigen
sollte«
    »Und heut bietet Moldenhauer fünf Procent wenn Sie die Kündigung
zurücknehmen Schlagen Sie ein wiederhole ich Jede Hypothek 20000 Taler
Bedenken Sie Einen so unerwarteten Gewinn Sie wären rasend ihn von der Hand
zu weisen«
    »Aber wenn die Kapitale selbst darüber verloren gehen Noch gestern
schrieben Sie mir Kündigen Sie«
    »Noch vor einer Stunde hätte ichs getan«
    »Und jetzt  wo Preußen losschlagen muss «
    »Es schlägt nicht los«
    »Napoleon vernichtet ist «
    »Er ist nicht vernichtet«
    »Trägt ein Ariel Ihnen Botschaften durch die Luft«
    »Ja in Gestalt einer Taube der zu Herrn von Marvilliers auf Laforests
Hinterdach niederflog«
    »Die Schlacht «
    »Ist geliefert« flüsterte er näher an sie tretend ihr ins Ohr »Das Blut
floss in Strömen Die Russen total geschlagen Oestreich verloren dem Sieger auf
Gnade und Ungnade überliefert «
    »Entsetzlich Wo  Wie«
    »Wenn man den Namen in dem rasch gekritzelten Zettel richtig liest heißt es
Austerlitz wo Europas Schicksal entschieden ward Die Schlussfolge überlass ich
Ihnen«
    »Und diese Menschen in ihrem Siegesrausch«
    »Was gehen diese Menschen Sie an Denken Sie an sich und ergreifen was der
Moment bietet Es wäre möglich dass Moldenhauer schon morgen Mittag den wahren
Verlauf erfährt Deshalb beschied ich ihn auf morgen früh zu Ihnen Ein Notar
ist avertirt dass wir ihn auf der Stelle rufen Moldenhauer wird Sie als Engel
segnen denn er hält sich als Kaufmann ruinirt wenn Sie auf die Kündigung
bestehen Sie zaudern natürlich etwas bis «
    »Und wenn wir uns doch verrechneten«
    »Das Einmaleins ist nicht unerschütterlicher als der moralische Egoismus der
Staatskunst Stürzt sich das Lamm in den Rachen des Löwen der vom Blute der
Hunde träuft «
    »Aber «
    »Wird kann darf Preußen jetzt losgehen Das frage ich Sie und es bedarf
nicht Ihres Scharfblicks um ein entschiedenes Nein zu antworten Selbst wenn
diese Mannequins nicht am Ruder säßen ein entschlossener zornsprühender König
auf dem Throne  jetzt wäre es Torheit  Torheit ist Alles  aber es wäre mehr
als das  Verbrechen Wahnsinn  es ist eine Unmöglichkeit«
    »Es wird dunkel« rief die Geheimrätin man fing an die Lampen
auszulöschen  »Mein Gott wo ist Adelheid«
    Der Wachtmeister aus »Wallensteins Lager« war ihr entgegen getreten
    »Beruhigen Sie sich Madame Die Demoiselle ist in sicherer Obhut
fortgebracht die Frau Fürstin Gargazin «
    »Hat sie Ihnen am Ende entführt« lachte Wandel
    Ein Kammerdiener der Fürstin stand in der Koulisse um der Geheimrätin die
Tatsache, nur mit andern schöneren Worten zu melden und wenn sie es für
nötig fände die Kranke zu besuchen das ganze Hotel zu ihrer Disposition zu
stellen Ein Zusatz lautete indes dass die Ärzte jeden Besuch für
lebensgefährlich beim Zustande der Kranken erklärt
    Als die letzte Spiritusflamme auf dem Altar aufzuckte ging die Geheimrätin
am Arm Wandels rasch fort Sie standen am Ausgang Links führte der Weg zur
Fürstin rechts nach der Jägerstrasse
    »Sie ist Ihnen entführt Wollen Sie ihr nachlaufen Mich dünkt es ist heute
genug Komödie gespielt Überlassen Sie das Solchen die zu nichts Besserem
taugen Wozu einen Schmerz heucheln den Sie nicht empfinden Mich dünkt Sie
könnten dem Himmel danken wenn Sie das Mädchen auf diese Weise wirklich los
werden«
    »Aber was wird die Welt sagen«
    »Die hat fürs erste anderes Spielzeug Nachher findet sich leicht eine
plausible Fabel«
    Die Geheimrätin ging nicht in das Hotel der Fürstin
 
                          Vierundfünfzigstes Kapitel
                          Die Patrioten trennen sich
»Was tun Sie Herr von Eisenhauch«
    »Was mir die Ehre gebietet«
    »Keine Übereilung die Sie bereuen könnten«
    »Ich bereue nur dass ich zu lange vertraut«
    »Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurücktreten «
    »Wer sagt dass ich zurücktrete Herr von Fuchsius« Der Major hielt in der
Arbeit inne die ihn ganz zu beschäftigen schien Er packte hastig an einem
Felleisen während ein anderes schon vom Diener zur Tür hinausgetragen ward
Waffenstücke Hut und Mäntel hingen umher und zwei Pferde stampften am Hause vor
einer leichten Reisekalesche Es schien nichts Heimliches was hier verhandelt
ward denn der Major mäßigte nicht seine Stimme wenn die Diener eintraten noch
sprach er leiser wenn sie die Tür beim Fortgehen offen ließ »Wer sagt dass
ich zurücktrete Ich verzweifle nicht an unsrer Sache mein Herr auch noch
nicht an unserm Vaterlande und ich verzweifle auch nicht an diesen hier denn
man kann nur verzweifeln wo man noch hoffte«
    »Major «
    »Nicht mehr in preussischem Dienst Meinen Abschied der jetzt ausgefertigt
wird haben Sie die Gefälligkeit und schicken ihn mir nach oder verbrennen ihn
S ist gleichgültig«
    »Wohin«
    »Nach Oestreich so lange noch da ein Funken glimmt Nach Russland England
Spanien wohin es sei wo Herzen schlagen Männer atmen welche noch ein Gefühl
für Schande haben«
    Fuchsius hatte die Tür zugedrückt Es war ein Absteigequartier und ihm
schien die Unterhaltung nicht geeignet um von anderen Hausbewohnern belauscht
zu werden Aber Eisenhauch rief in der Arbeit »Wenn es Sie nicht genirt was
mich betrifft mögen Napoleons Spione alles hören«
    »Nur ein Wort Grossfürst Konstantin und Fürst Dolgorucki sind hier Noch ist
nichts verloren sie belagern den König sie dringen in ihn dass Preußen ein
entscheidendes Wort spreche« Eisenhauch lachte auf »Lachen Sie nicht Keine
Sprache ist hier so wirksam als die russische«
    »Sagen Sie als die der Furcht Als ich bei Ihrem Minister den Abschied
forderte drückte er mir die Hand aus Herz wenigstens an den Platz wo eins
schlagen sollte«
    »Und «
    »Sie kommen meinem Wunsche zuvor versicherten mich Seine Excellenz denn
Ihres Bleibens wäre hier doch nicht länger Napoleon würde Ihre Auslieferung
fordern und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschluss die
Unannehmlichkeit Sie ausweisen zu müssen  Von einer Übereilung Herr von
Fuchsius ist daher, wie Sie sehen nicht die Rede Ich fliehe damit man mich
nicht einsperrt ich mache mich bei Zeiten aus dem Staube damit man mich nicht
verfolgt«
    Fuchsius hatte sich das Gesicht bedeckend auf das Kanapé geworfen »Und
doch wage ich zu behaupten« sagte er während der Major im Packen fortfuhr
»Sie übereilen sich Vergönnen Sie mir mich mit der Ruhe gegen Sie
auszusprechen die ich mir erst sammeln muss vielleicht als ein Produkt Ihrer
Unruhe Wo schöpft nicht der Trostlose Trost  Haugwitzs Aufträge als er nach
Brünn abreiste waren auf keine Niederlage berechnet Die Klugheit gebot ihm
wie die Dinge standen zu verschweigen was er unter anderen Umständen sprechen
sollte«
    »Und ließ sich ehe die Dinge standen wie sie stehen mit einem gnädigen
Zornblick nach Wien komplimentiren Ließ sich mit einem Schnalzen wie ein Hund
bei Seite schieben damit Napoleon bei Austerlitz ungestört schlagen konnte Sah
vom Stephansturm mit einem Fernrohr nach Mähren um seine Worte abzuwiegen je
nachdem ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte Höll und Teufel
 verzeihen Sie mein alter Freund  ich weiß auch was Diplomatie ist aber
Macchiavell ist ein Stümper vor solcher Politik Die Reise nach Mähren wird ein
Brandfleck bleiben in der Preussischen Geschichte ich fürchte er zerlöchert das
ganze Buch Der boshafte Feind hätte nichts Schlimmeres ersinnen können
Doppelzüngigkeit ist ein mildes Wort Doppelsinnigkeit eine doppelte
Sinnlosigkeit denn man weiß heute nicht ob uns Oestreich oder Russland mehr
hassen oder Napoleon mehr verachten muss  Wissen Sies zu verteidigen«
    Der Regierungsrat sagte nach kurzem Schweigen »Nein«  »Ich überlasse
Ihnen das volle Verdammungsrecht über das was geschehen ist Aber es ist noch
nicht Alles geschehen«
    »Der zweite Baseler Frieden ward in Schönbrunn geschlossen zehntausend Mal
schmählicher als der erste Wollen Sie ihn noch durch einen dritten überbieten
lassen«
    »Dee Vertrag von Schönbrunn ist noch nicht ratificirt Herr von Eisenhauch
Bis er es ist lassen Sie uns lassen Sie mich wenigstens hoffen Wir sollen
Anspach an Bayern abtreten Kleve Wesel Neuchatel an Frankreich und erhalten
dafür das DanaerGeschenk die Erlaubnis Napoleons uns an Hannover schadlos zu
halten Mein Herr lassen Sie uns hoffen dass wir diesen Brocken an dem der
Adler ersticken soll nicht annehmen Unser Militär knirscht vor Wut und
Erbitterung es ist ein schlagfertiges Heer zum Kriege ausgerückt soll es ohne
Krieg zurück Hören Sie wie man laut ruft von den Prinzen und Generalen bis zu
den Unteroffizieren und Gemeinen des Staates Ehre ist verpfändet die Minister
haben sie verkauft an uns ist es sie wieder einzulösen Russland operirt offen
geheim Hat Oestreich keine Stimme an unserm Hofe Es ist still erbittert wie
nie zuvor Horchen Sie durch die Straßen in den Wirtshäusern es ist nur eine
Stimme noch ist der Augenblick zu handeln Hören Sie in jeder Gesellschaft wo
zwei drei zusammenstehen die Wut gegen Haugwitz Es ist kein Tadel mehr es
ist ein allmächtiges Gefühl das kaum mehr Worte findet Männer mit weißem Haar
spucken beim Namen des Mannes Er hat Preußens Ehre verkauft Ein Glück für ihn
dass er nicht hier ist Die Männer der Klique getrauen sich nicht bei hellem
Licht über die Straße man würde «
    »Vielleicht einen Stein aufheben« rief Eisenhauch den Koffer zuwerfend
»aber ehe man ihn wirft würde man sich besinnen es sei doch vernünftiger ihn
nicht zu werfen Der Stein könnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf
doch nicht öffnen Was man würde könnte möchte dürfte das ist alles
vortrefflich was man weiß ist die Weisheit selbst aber der Haken ist dass man
nicht tut was man könnte möchte dürfte und dass was man weiß die
Erkenntnis zu Schanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschluss«
    »Ich gebe Ihnen ja alles zu aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom
der seine Eisdecke bricht Die Wut kennt keine Zügel mehr nach dieser
Enttäuschung Alle Wut ist blind wollen Sie mir einwerfen aber diese ist
intensiv und kritisch zugleich Das ist ein neues Symptom Man fragt Warum
musste Haugwitz so lange zaudern Warum reiste er so langsam Warum ließ er sich
wie ein Junge in Brünn behandeln Warum wie eine petiet femme die man in der
Schlacht nicht braucht nach Wien schicken Was würde Friedrich zu solcher
Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben Seinen Kopf hätte es einem solchen
Abgesandten gekostet Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten und man fragt
schon jetzt warum Man wird es immer dringender fragen Wie lautete sein
Auftrag der ihm so zu handeln erlaubte Warum reist er so langsam zurück als
er langsam hingereist ist Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die
auswärtigen Blätter senden die uns in den Wahn einlullen sollen seine Mission
sei geglückt er habe nur ausgerichtet was sein König ihn aufgetragen Wer ist
hier der Betrogene wer der Verräter Klimpert französisches Geld in seiner
Tasche oder ist er der stumme Dulder der eines Anderen Schuld heroisch auf
seine Schultern nimmt Das Major fragt man man fragt es laut und Männer
fragen es vor denen unsere Höchsten Respekt haben«
    »Aber was hilft die schärfste Frage auf die ich keine Antwort bekomme«
    »Preußen sucht zu vermitteln  Lachen Sie nicht Zu anderer Zeit würde ich
mit Ihnen lachen jetzt ist es das einzige Mittel um Zeit zu gewinnen Der
König ist ratloser denn je in diesem Gedränge der Parteien und Leidenschaften
Man hat mit Lord Harrowby negociirt dass die englische Legion die bei Stade
gelandet einstweilen in Hannover nicht vorrücken soll Obrist Pfuel ist an
Haugwitz gesandt er soll den Abschluss hinhalten er soll Seine Majestät den
König als Vermittler der ganzen europäischen Wirren in Vorschlag bringen Er
soll den Gedanken an einen großen allgemeinen Fürstenkongress anregen auf dem
alle streitigen Fragen entschieden würden und in diesem Augenblicke ist auf dem
Palais eine Sitzung der Minister die schon mehr als einmal stürmisch wurde «
    »Und in süßem Frieden endete« unterbrach Eisenhauch
    »Sie wissen davon Ich flog nur als ich von Ihrem Entschluss erfuhr Sie
aufzusuchen«
    »Pfuel ist zurück Er traf unterwegs den zurückkehrenden Haugwitz und
hielt nach den Mitteilungen desselben seine Mission nicht mehr für nötig
Wird man nun Pfuel den Kopf zu Füßen legen  Ei bewahre Er handelte nach
Rücksichten und Intentionen die unser beschränkter Verstand nicht begreift
Heute in der Ministersitzung nachdem die Köpfe warm geworden ist man zum
Beschluss gekommen Kein Krieg Denn Krieg ist ein großes Übel dessen Folgen
Niemand absieht«
    »Widersprach denn Niemand«
    »Sie weinten sogar Das treue Anspach fahren zu lassen  Nun Bayern wird
ihm auch ein gütiger Herr sein  Aber Hannover den Engländern nehmen unseren
besten Verbündeten Man tröstete sich mit dem schönen Gedanken es kann ja nicht
immer so bleiben darum muss es einmal besser werden Einstweilen soll aber alles
so bleiben bis  hören Sie  bis zum allgemeinen Frieden Dann werden alle
Völker Fürsten sogar die Staatsmänner vernünftig werden Die Engländer auch
sie werden um des allgemeinen Besten willen Hannover freiwillig abtreten«
    Der Regierungsrat sprang auf »Beim Himmel es ist nicht Zeit zu
Epigrammen«
    »Bittere Wahrheit liebster Fuchsius Der Sturm im Ministerrat ging in ein
sanftes Adagio aus Man schwärmte da man nicht Mut hatte für sich selbst zu
handeln wie es notwendig für das Wohl der allgemeinen Menschheit«
    »Und Stein  auch Hardenberg«
    »Überstimmt Und weil sie überstimmt fügten sie sich Man darf doch nicht
gegen den Strom schwimmen Es gab sanfte Händedrücke beinahe kams zu
Umarmungen«
    »Finis Germaniae« seufzte der Rat
    »Gott bewahre jetzt wird sich erst der eigentümliche Glanz der Staatskunst
entfalten Nichts tun und wenn man in der Klemme steckt sich justificiren und
glorificiren dah man die Hände in den Schoss gelegt« Warten Sie nur auf die
herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel Das wird salbungsvoll riechen
Mit Humanität und Philosophie und Christentum wird man dem Volke beweisen dass
die Weisheit selbst nicht weiser hätte handeln können Die guten Bürger werden
sich die Augen wischen vor Rührung und das »Heil Dir im Siegerkranz« wird noch
einmal so schön klingen als wenn der König gesiegt hätte Man wird auf uns
hetzen die wir gehetzt haben bis das Volk es glaubt dass wir nur ehrgeizige
unruhige Köpfe waren Sie glauben nicht was das Volk glaubt wenn man ihm sagt
dass wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten Man wird anrüchig werden
wenn es heißt dass man zur Kriegspartei gehört hat Salviren Sie sich bei
Zeiten »Spitzen Sie Ihre Feder auch Sie werden Artikel für den Frieden
schreiben müssen«
    »Nimmermehr  Ich nehme meinen Abschied«
    »Das hat Mancher gesagt und bleibt doch  aus höherer Staatsraison
Weshalb auch um solche Bagatell als eine Meinung ist seine Existenz aufs Spiel
setzen«
    »Herr von Eisenhauch«
    »Nichts Persönliches Gott bewahre Die Personen verschwimmen wie die
Charaktere in diesem Mengelmuss Da tut der Beste am Besten wenn er still
mitschwimmt Wo steht denn geschrieben dass wir nicht niederträchtig denken
nicht feig handeln sollen Nur einen Brei sollen wir darum kneten einen Firnis
des Anstandes  Und dann ja man muss sich für eine bessere Zukunft
konserviren«
    Der Regierungsrat blickte ihn ernst wehmütig an »Wir gingen so lange mit
einander! Sollen wir so scheiden«
    »Ein zerronnener Traum Preußen hatte die Aufgabe Deutschland zu retten es
hat sich nicht selbst zu retten gewusst Den letzten Rest seiner öffentlichen
Ehre hat es geopfert selbst den Rest der Ehrlichkeit auf die es sich brüstete
warf es in den Tiegel«
    Der Rat ging im Zimmer auf und ab er sah nicht was auch dem Militär
entging dass ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt der an der
Schwelle der geöffneten Tür stehen geblieben »Unterscheiden Sie wenigstens die
Nation von  Denen die Sie brandmarken«
    »Wer ist die Nation Wo sitzt sie Wo schlägt ihr Herz wo drücke ich ihre
Hand Das ist die ungeheure Täuschung dass wir dieses Konglomerat von Gliedern
für einen organischen Körper ansahen Hier wo alle Adern zusammenfliessen
sollen glaubte ich das Herz gefunden zu haben Was fand ich Zwei Rassen man
sollte meinen von verschiedener Abstammung Sprache Hautfarbe wie Niebuhr die
Römer seciren will Zwei Rassen die sich ausweichen verachten hassen Militär
und Civil genannt Dies Militär knirscht freilich aber was hilft uns das
Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern Dieser Koloss ohne Elasticität kann
noch zermalmen nicht mehr retten befreien weil ihm der Odem fehlt Der
Mensch der Mann der Bürger ja der Ritter selbst ging unter in der
vielgelobten Disziplin Da sollen wir Kämpfer Paladine suchen für die ewigen
Güter der Nation wo Gefühl dafür Bewusstsein der feurige Willen zum
Verbrechen ward Ein paar elende Kreaturen gehasst verachtet von Allen selbst
von Denen nicht geliebt in deren Stimmungen sie sich einhüllen um sie im
Schlaf zu beherrschen die sind wichtiger als dieses mächtige Heer Was ist nun
dieser gewaltige separirte Teil der Nation den man als ihr anderes Selbst im
Auslande betrachtet wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese
Lumpenmänner fortbläst«
    »Die Nation besteht nicht allein aus dem Militär«
    Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten aber wenn eine Schleuse
geöffnet hältst du das Wasser nicht zurück Die Feuersäule die ein Haus
ergreift sprüht mit dem trocknen Gemüll auch Gebälk und Steine in die Luft
    »Ich kenne nun auch die Andern Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre
Wahrheit Viel buntes Glas einige böhmische Steine und wenige Diamanten durch
die gut geschliffenen Gläser glänzt es von fern wie ein Eldorado Große
Versicherungen und kleine Taten ein beständiges Streben nach dem Höchsten
aber der Weg führt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen Auf
Stelzen vor Freund und Feind und wenn sie die Tür zuschlossen spotten und
lachen sie über sich selbst Gedanken große und schöne aber wie Irrlichter
sie erblassen schon auf der Lippe Vom Boden habt Ihr Euch gelöst der dürftigen
Natur die Euch der Himmel anwies Ihr konntet wie Sturmvögel Euch andere
Regionen suchen aber nun flattert Ihr von Euren ermatteten Adlern verlassen
zwischen Himmel und Erde und wisst nicht wohin Überall vor Rücksichten
scheuend zittert Ihr vor Eurer eignen Kraft Ums Euch nicht zu gestehen woran
Ihr krankt am Glauben an Euch selbst hüllt Ihr Euch in Wolkenpaläste und
klammert Euch an Systeme die beim nächsten Sturmwind zerrissen sind Dies
Scheinleben ist das Zehrfieber das Euren Staat vom Winkel bis zur Zeh entnervt
Eine angezündete Fackel wollten sie neulich schleudern ein Weltbrand sollte es
werden aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen Da in den
Flammenzuckungen dieses verunglückten Teaterabends konnte man die ganze Misere
erkennen  Auf dem Theater sollte die Welt zurecht gelegt werden und mit
Recht denn diese Welt ist nur eine Teatervorstellung Man spielt sich selbst
und ist zufrieden wenn man gut gespielt hat«
    Fuchsius halte mit verschränkten Armen und verbissenem Munde schweigend
zugehört Jetzt öffnete er ihn aber was er sagen wollte schien er rasch zu
verschlucken Tonlos sprach er »Sie aber sind noch nicht zu Ende Major Ich
erwartete dass Ihre Philippica auch die Schlittenpartie der Gensdarmen der
Nation auf ihr Schuldconto schreiben würde«
    »Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede Ist Mark und Niere
durchschüttert von der Satyre des Weltgeschickes dass man auf den Brettern den
Krieg spielte derweil er draußen im Blute von Austerlitz schon ersäuft war dass
man über einen Sieg jubeln konnte tagelang noch die Blätter Lorbeern den Russen
zuschmeissen derweil in den unterrichteten Kreisen Jeder vom Gegenteil wusste
Nichts von Erschütterung Man hatte von Wichtigerem zu plaudern ob der
Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefährlicher oder nur ein bisschen
Blutusten war Ob seine ganze Lügenpost nur eine Intrigue um seiner Geliebten
in einer interessanten Situation näher zu kommen Ob die Madame Lupinus im Recht
ist oder die Gargazin O wer da den Einblick gewönne in dies höchst intrikate
wichtige Ränkespiel der beiden Frauen Ob die Lupinus wie ihre Freunde sagen
wirklich die Tugendwächterin war für die hübsche Mamsell Alltag Ob sie das
junge Mädchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft für den jungen
Wüstling und ob sie nur in edler Entrüstung zurückwich als die Sache zu einem
öffentlichen Skandal umschlug Hannibal vor den Toren und sie streiten ob die
Gans in Moll oder Dur gegackert hat als Brennus stürmte«
    »Und das Resultat, Herr Freiherr von Eisenhauch«
    »Dass Deutschland auf den Neumond hoffen mag auf einen Kometen auf die
Sturmbraut meinethalben auf Napoleons Großmut auf Alles nur nicht auf
Preußen«
    Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen »Wenn eine Epidemie herrscht lohnt es
dünkt mich nicht der Mühe zu untersuchen wer der Kränkste ist Leben Sie
wohl Wir sind alle krank Major sehr krank Preußens Genius verzeihe Ihnen
was Sie sprachen wenn Sie einen gesunderen finden«
    Er hörte nicht mehr die Worte die mit sonorer Stimme durch die offene Tür
in das Zimmer schallten »Herr Major eine Beleidigung dem Staate zugefügt
trifft auch jeden Bürger«
    Den Hut auf dem Kopfe den Stock in der Hand der krampfhaft auf dem Boden
hämmerte stand der Major Rittgarten auf der Schwelle Unter seinen grauen
Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch Beide mochten
sich als Hausgenossen kennen ohne in nähere Berührung getreten zu sein
    »Was ich gesprochen war nicht an den Major Rittgarten gerichtet«
    »Noch hoffe ich dass Sie den Einwand machen dass er bei offener Tür Sie
belauschte«
    »Was ist Ihr Wunsch«
    »Der Staat den Sie geschmäht kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern
Ich fordere Sie ein alter Militär der unter Friedrich focht und bald dahin
geht wo sein großer König sie von ihm fordern wird«
    Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jüngere Militär den älteren an »Ich
ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Mut beide aber nicht als Legitimation den
Handschuh für ein Etwas mir zuzuwerfen was Sie nicht persönlich betrifft«
    »Sie haben das preußische Militär beleidigt die Ehrenkränkungen meiner
Brüder nehme ich auf mich Sie haben das Preussische Volk geschmäht dies treue
gute rechtliche Volk Sein Blut rinnt wenn auch langsam doch zu heiß noch in
meinen Adern um mit diesem ungerächten Fleck vor meinen König zu treten Ihre
Antwort«
    »Nur eine Frage war was ich sagte unwahr«
    »Zu der Frage haben Sie kein Recht Sie sind nicht Richter Nicht unter
diesem Dache nicht auf diesem Boden der Sie gastlich aufnahm dürfen Sie das
Volk schmähen und den Fürsten dem das Volk vertraut Und wenn ich Ihnen
antwortete verstehen Sie meine Sprache nicht«
    »Eh der Verklagte antwortet muss er die Klage kennen Treten Sie für jene
Offiziere ein die ich meinte Vertreten Sie jene Eitlen Schwachen Nichtigen
«
    »Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung«
    »Aber unter Ehrenmännern ehe man zum äußersten Ernst schreitet sucht man
Verständigung über das worüber der Streit ist  Sie haben mich vorhin
angehört ich sprach im Zorn Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhören ich will
auch Ihren Zorn ruhig hören«
    »Kennen Sie unser Volk Wenn Sie an enem Kranken seine Geschwüre zählen
kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren  Wer justificirt und glorificirt
sich denn in seiner Schande Das Preussische Volk etwa  Wer schreibt die
salbungsvoll duftenden Staatsschriften  Söldlinge oft Fremdlinge die das
Volk aus Grund der Seele verachtet Wen treffen Ihre Epigramme Spielen die
braven Herzen die in Pommern und Ostpreussen in Schlesien und Westphalen für
des Vaterlandes Ehre schlagen in Berlin Theater Sie zucken die Achseln Wo
haben Sie es gefunden dass das Volk niederträchtig denkt und feig handelt Sie
haben nicht herausgehört das stumme Zähneknirschen die blutenden Herzschläge
als sie den letzten Rest wie Sie meinen seiner Ehre und Ehrlichkeit in den
Tiegel warfen Die warfen hinein als schlechte Verwalter was sie aufgegriffen
Aber nicht die Herzen des Volkes Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben
die hat es aufgehoben für eine bessere Zeit Es ist kein Rest da sage ich
Ihnen der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust Wer
ist die Nation wo sitzt sie fragen Sie Wer hat sie denn schon aufgesucht in
ihrem Heiligtum Wer hat denn schon dies Volk gefragt wer hat es denn gerufen
Der große Kurfürst einmal und da kam es Friedrich rief es sieben Mal und
sieben Mal stand es da mit Gut und Blut Diese  haben es nicht gerufen weil
sie es nicht wagen sie zittern vor dem Geist den sie aufrufen könnten vor dem
ihre Erbärmlichkeit in Staub und Spreu versänke Aber rufen sie es einmal bei
dem rechten Namen auf den es hört mit dem rechten vollen Ton der in Mark und
Nieren schmettert und es kommt Dann mein Herr gebe ich Ihnen mein Wort wird
es nicht vor Denen scheuen die seine Fleischtöpfe verrücken wollen es wird
glauben ja nicht an die schönen duftenden Reden der Herren am Ruder an seine
Bestimmung wird es glauben an die Stimme der großen Fürsten aus der Gruft und
selbst wird es seine Fleischtöpfe ausschütten für Alle die für das Vaterland
streiten wollen«
    Eisenhauch machte eine Bewegung als wolle er die Hand des Veteranen
ergreifen Aber dieser blieb in seiner festen Stellung die Hand umklammerte den
Stock
    »Wir sind ein ander Geschlecht« fuhr er ruhiger fort »als Sie draußen ja
es ist so das Warum kümmert Sie und mich heut nicht Wenn wir krank wurden
können wir uns nur selbst heilen Ihre Ärzte tun es nicht sie verstehen unsre
Natur nicht Aber etwas mein Herr sollten Sie kennen Die Blätter der
Geschichte lehren es Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen die Welt uns
verloren gab dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Größe«
    »Wem gab die Natur ewige Jugend«
    »Sie sagen wir haben uns vom Boden gelöst auf dem wir wuchsen und
flattern haltlos zwischen Himmel und Erde weil wir nicht Mut haben vorwärts
ins Blaue uns zu stürzen Ich gebs Ihnen zu Aber wir haben Vertrauen noch
haben wirs Herr Major Der Fürst vertraute dem Volke das Volk dem Fürsten So
lange das Band hält ist Preußen nicht verloren Wie oft traten Retter auf als
die Not am größten die Klügsten keine Aussicht sahen die Mutigsten
verzweifelten Man sagt dass der große König Gift in seinem Ringe trug
Gebraucht hat er es nicht Nicht bei Kollin nicht in der Nacht von Hochkirch
nicht als er mit seinem Häuflein wie der Mannsfelder durch seine Staaten
irrte In sich selbst und aus der Verwüstung heraus fand er sich wieder Und in
welcher anderen Wüste rettete schuf der große Kurfürst seinen Staat Wo
überall wie von Gott geschickt unerwartet der David auftrat der den Goliat
niederwarf wo diese Rettungen aus Zerwürfnis und Elend recht eigentlich die
Quintessenz unserer Geschichte sind warum da glauben dass sie jetzt zu Ende
sind Warum nicht festhalten an dem dass zur rechten Zeit der rechte Mann sich
wieder einfindet Wir sind jetzt erniedrigt ja dupirt vor aller Welt vor uns
selbst am meisten ein Sumpf von Fäulnis überdeckt mit einem Flimmer von
Eitelkeit und Hochmut  aber es gab noch verwüstetere Geschlechter vor uns und
Gott gebe dass nicht noch verwüstetere nach uns kommen«
    Eisenhauch sah einen Schritt zurücktretend dem alten Mann feierlich ins
Gesicht »Sie fordern von mir Genugtuung«
    »Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm Wenn er den Degen nicht
mehr führen kann ist er doch stark genug um die Pistole zu heben und stark
genug ist der Greis mein Herr der Mündung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen«
    Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand aber er warf sie in den
Kasten »Ich nehme Ihre Forderung an aber  für später Jetzt haben andre
Missionen das Vorrecht Mein Herr ein großes Schlachtfeld breitet sich vor uns
aus Ob morgen ob nach Monaten ob nach Jahren die Hunderttausende zum Morden
bereit sich gegenüber stehen darauf kommt es nicht an Aber es muss kommen
Geblutet muss werden gebrannt vertilgt und der Sturm muss fegen durch die
verpesteten Winkel Fragen Sie sich die Hand auf der Brust obs die Winkel
allein sind ob das Miasma nicht auf den Heerstrassen weht in den Schlössern und
Städten obs nicht in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem
Redlichen zusammenschnürt Draußen im Reiche ist es zusammengebrochen Was da
liegt faul und morsch jedem Kinde ists klar Hier ist noch ein gleissender
Firnis darum Aber reißt die Schale ab Herr Sie zittern selbst Sie ahnen oder
Sie wissen was darunter ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln Ich
aber sehe vor mir wenn auch dieses letzte stolze turmreiche Schloss
zusammenstürzt nur Verwesung eine unermessliche Leichenwüste  Herr Major
ein letztes Wort wenn der Tod seine Fackel über uns Alle schwingt wenn
Deutschlands Preußens Oestreichs Name ausgelöscht ist dann ist auch unser
Streit begraben  ein Höherer mag richten wer mehr gefehlt Wenn aber Gott
entschieden hat dass es in Deutschland noch ein Volk gibt nicht reif zum
Helotenstamm und Preußen ist dies einzige Volk  dann mein Herr stehe ich
Ihrer Kugel«
 
                          Fünfundfünfzigstes Kapitel
                   Innerlich Lachen an einer Berliner Börse
An der Berliner Börse war ein Plakat angeschlagen Der Freiherr von Hardenberg
hatte der Kaufmannschaft eröffnet dass Preußens Lage von der Art sei dass nun
alle Besorgnisse für Handel und Verkehr gehoben wären indem es Seiner Majestät
dem Könige gelungen »den Frieden auf genügende Art zu behaupten« Jeder möge
daher im vollen Vertrauen auf die Fürsicht einer Regierung die kein ander Ziel
habe als das Wohl ihrer Untertanen seinen Geschäften und Unternehmungen
nachgehen Außer dieser amtlichen Bekanntmachung mehrere Avertissements von
Seiten des Börsenvorstandes Der Graf von Haugwitz sei als außerordentlicher
Preussischer Gesandter in Paris mit vieler Freundlichkeit empfangen worden
Ferner Der König berufe den größten Teil seiner Truppen in ihre Kantonnirungen
zurück und danke ihnen für ihre bewiesene Treue
    Man sah vergnügte Gesichter Sie sprachen sich ins Ohr Vielleicht hatten
sie Rücksichten dass sie nicht laut sprachen Einige riefen auch Bekannte aus
dem Publikum die über den Lustgarten gingen heran und mit ihnen ward noch
stiller vertraulicher konversirt Von diesen ging dann auch Mancher nach einem
herzlichen Händeschütteln mit erheitertem Gesicht von dannen Andere aber
gingen die Hände auf dem Rücken den Kopf gesenkt schweigend fort Der und
Jener schüttelte wohl den Kopf und wandte dem Andern hastig den Rücken um sich
aus dem Getümmel zu verlieren Wie Viele froh waren und wie Viele betrübt ist
nie gezählt worden
    Einer saß auf einem der Steinpfeiler nach dem Lustgarten hinaus Es war ein
sonniger Tag und in seinem Kalmuckrock mochte er wohl den Winter vergessen
Sein Gesicht sah aber nicht aus als ob ein lauer Maienwind darüber streife es
glich den blätterlosen Zweigen der Platane die weiß angelaufen vom Morgenreif
sich über ihm leise wiegten
    »Na Sie hören Sie mal Sie können doch nur lachen« sagte ein
Herantretender »Warum denn wie ein Eisbär Herr van Asten«
    »Ich lache auch Herr Baron Sie sehens nur nicht ich lache innerlich«
    Des Barons beide Hände klimperten in den Seitentaschen mit Geld »Ich
glaube Sie wären kaput gewesen mit allen Ihren Forderungen aus Militär«
    »Kaput werden heißt ja wohl den Kopf verlieren«
    »Halten Sie Ihren fest«
    »Mancher hälts für ein groß Unglück Herr Baron«
    »Das will ich meinen«
    »Mancher aber meint man könnte auch ohne Kopf leben«
    »Sie Bonmotiseur Sie Warum lachen Sie denn aber nur innerlich Meine Frau
sagt man kann äußerlich lachen und weint innerlich Das begreife ich Ein
ästetisches Gemüt ist immer sentimental Das bin ich nicht Sie sinds auch
nicht van Asten  Aber wissen Sie was mir entgangen ist«
    »Ihre Operntänzerin Davongelaufen«
    »Nein keine Plaisanterie Haben Sie nichts davon gehört Sie habens im
Kriegsministerium ausspintisirt dass der Infanterist im Winter auch friert
Mäntel sollten sie kriegen  wenns zum Krieg gekommen wäre nämlich  Na nu
was sagen Sie Ich hatte schon ein Dutzend neue Stühle eingerichtet Soll ich
nun für die Kalmucken weben lassen«
    »Für die Franzosen Herr Baron die nehmen das Tuch auch ungeschoren«
    »Ohne Spaß Herr van Asten ich hätte nen guten Schnitt bei gemacht«
    »Liebster Baron Sie sind ein excellenter Fabrikant und guter Kaufmann aber
erlauben Sie mir Sie huldigen zu sehr den Phantasien Ich meine Sie sind zu
leicht exaltirt von Ideen Mäntel für die Infanterie Ich bitte Sie hatten
Friedrichs Musketiere Mäntel Man hat Ihnen was aufgebunden Erfindungen eines
neuerungssüchtigen Kopfes Hohle Theorien Und unsere Regierung Liebster
Baron«
    »Die Franzosen haben ja schon Mäntel«
    »Desto schlimmer Wer wird denn denen was nachmachen wollen«
    »Pfiffikus Sie« sagte der Baron und spielte mit seinen großen Berloquen
Die Sonne schien eben so wohlgefällig mit seinen Brillantringen zu spielen »Na
nu sagen Sie aber mal warum lachen Sie denn innerlich«
    »Dass wir so nen schönen Frieden haben und sogar auf genügende Art«
    »Wer Sie nicht verstände Was gehts uns an sage ich«
    »Das sage ich auch Herr Baron«
    »Ihre Forderungen in Hannover kann Ihnen nun SchulenburgKehnert eintreiben
Mit dreiundzwanzig Bataillonen und fünfundzwanzig Schwadronen rückt er ein
Wollen Sie noch mehr Exekutoren«
    Ein Dritter der hinzutrat sagte »Wir haben doch nun eine zusammenhängende
Grenze gewonnen Anspach konnten wir nicht schützen um Hannover brauchen wir
nur den Arm auszuspannen«
    »Nicht zu weit« fiel van Asten ein »Das Tuch des Herrn Baron reißt sonst
an der Achsel«
    »Das Gespräch war allgemein geworden« Ein Vierter sagte »Was hilft alles
Umarmen wenn kein Herz uns entgegen schlägt Der Hannoveraner liebt uns nicht
und die Anspacher ringen die Arme dass wir sie aufgeben Sie haben ein Schreiben
geschickt dass man sie die treusten Söhne des Vaterlandes nicht vom Vaterherz
reißen solle«
    »Sehr schön gesagt« sagte Baron Eitelbach im Abgehen zu einem Begleiter
»Sehr rührend würde meine Frau sagen  Was gehen mich die Anspacher an  Der
alte van Asten könnte mich dauern wenn er nicht solchen heillosen Schnitt
gemacht Hat auf den Frieden spekulirt Glauben Sie mir Dreissigtausend gebe ich
für seinen Abschluss Pfiffig ist er aber warum hat er seinen Sohn so erzogen 
Ein Civilist muss das Militär gehen lassen Wofür ist des Königs Rock Ist nun in
der Bredouille Kann sehen wie er ihn rauszieht Tut mir wahrhaftig leid der
Mann Ja warum hat er ihn nicht besser erzogen Das kommt davon«
    »Was ist Ihre Meinung Herr Mendelssohn« fragte ein jüngerer einen älteren
Kaufmann von sehr klugem Gesicht
    »Wir sind weder dreist genug das trügerische Geschenk zu behalten noch
stark genug es von uns zu weisen darum ergreifen wir den beliebten Mittelweg
wir suchen den Schein zu retten und den Gewinn auch«
    »Aber wir haben den Schönbrunner Vertrag ratifizirt«
    »Wir ratifiziren nichts wir statuiren nur Provisorien um uns eine
Hintertür zu lassen Und indem wir den Vertrag modifiziren heben wir ihn
eigentlich auf Bis zum allgemeinen Frieden soll alles zwischen Preußen und
Frankreich bleiben wir sollen keins der versprochenen Länder räumen Hannover
nur besetzen und hoffen dass die Engländer bis dahin ein Einsehen bekommen und
uns um Gottes Willen bitten doch Hannover zu nehmen«
    »Was die Nachwelt dazu sagen wird Die treuen fränkischen Lande
fortzuschleudern ohne Besinnen und Reukauf und die Gegengabe dafür nur mit
Vorbehalt anzunehmen«
    »Die Nachwelt hat kein Konto in unserm Buche«
    »Aber was schreiben wir auf unseres«
    »Das angenehme Gefühl dass wir edel gehandelt haben«
    »Und was Napoleon dazu sagen wird«
    »Sie hörens ja Er hat Haugwitz mit einer Freundlichkeit empfangen die
eine günstige Deutung erlaubt«
    »Ob sie nicht erröten indem sie es bekannt machen«
    »Schamröte ist eine Illusion der Vergangenheit«
    »Aber Napoleon«
    »Er lacht auch innerlich wie unser Herr van Asten Aber was ist mit ihm
da«
    »Ein Kavallerieoffizier auf der Börse Geht die Welt unter«
    Der Offizier war der Rittmeister Stier von Dohleneck Es war eine kleine
Aufregung Der Rittmeister schüttelte in einer Art Extase dem Kaufmann die Hand
fast schien es er fühle sich in Versuchung ihm um den Hals zu fallen aber das
schickte sich nicht Der Kaufmann war aufgestanden er hatte die Hand des
Offiziers noch ein Mal ergriffen sie gedrückt dann fahren lassen und war auf
den Stein zurückgesunken Der Rittmeister war wieder fortgeeilt
    »Ein braver Mann der Herr von Dohleneck«
    Es waren frohe Gesichter Wie sollte es auch nicht seine Botschaft war eine
frohe und van Asten ein geachteter Mann auf der Börse Bald wussten Juden und
Christen den Inhalt das Ehrengericht der Offiziere hatte sich endlich dahin
geeinigt dass der junge Walter van Asten an jenem Abende nur in einer
entschuldbaren Affektion mit dem Kornet in Konflikt geraten ohne seinen Stand
kränkende Intention dass er seinen Arm nur berühren wollen um ihn auf etwas
aufmerksam zu machen und allein durch den Stoß eines Nachbars habe er sich an
dem Arm festgehalten und damit durchaus nicht den Rock des Königs attentiren
wollen Die Sache wäre also eine reine Privatsache zwischen dem Kornet und dem
Kaufmannssohn letzterer aber angesehen dass in niederländischen Familien
unter dem vorgesetzten van nicht selten alte adlige Abkunft sich cachire auch
der junge Walter nicht erweislich hinter einem Ladentisch stehend gesehen
worden eine Person von der ein Kavalier in Anbetracht der Umstände und der
Meriten seines Vaters ohne sich etwas zu vergeben Satisfaktion fordern möge
Das Zeugnis des Kornets selbst hatte diesen Spruch an den Niemand vorhin
geglaubt veranlasst Wer anders als sein Oheim der Rittmeister war das
bewegende Motiv gewesen
    »So belohnt sich eine gute Tat« raunte ein Freund dem Vater zu
    »Ein braver Mann der Rittmeister« wiederholte der Chor
    »Na nu können Sie auch äußerlich lachen Herr van Asten« sagte der wieder
hinzugetretene Baron  »der Friede der Schnitt und der Sohn ohne Kriminal und
Prison davon gekommen Was wollen Sie mehr«
    »Lache ich denn nicht« rief der Alte und lachte so laut dass die
Davongehenden noch auf dem Lustgarten sich verwundert umblickten »Es ist des
Glücks nur zu viel Das Zahlbrett voll zum Einstreichen ein Friede der uns
genügt und so viel Patriotismus an der Börse und alles in Ruhe und lauter
Ordnung im Lande und mein Sohn  mein Sohn kriegt die Erlaubnis von den Herren
Offizieren sich ne Kugel durch den Kopf jagen zu lassen  Verzeihen Sie meine
Herren wenn ich genug gelacht habe dass ich auch ein bisschen weine denn das
große unverdiente Glück habe ich alter Esel mir selbst angerichtet«
 
                          Sechsundfünfzigstes Kapitel
                       Ein Mann von zu vielem Sentiment
»Was gibt es Neues« rief der Geheimrat Bovillard dem Legationsrat entgegen
und lud ohne sich im Frühstück stören zu lassen durch eine Bewegung den
Eingetretenen zum Platznehmen ein Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien
ihm einige Anstrengung zu verursachen Übrigens sah Herr von Bovillard
gemütlicher aus als in letzter Zeit die Runzeln waren gewichen das Gesicht
glänzte besonders die unteren Teile das Kinn hatte etwas Charakteristisches
was sich in den Augen widerspiegelte obgleich die Lippen erst der eigentliche
Ausdruck waren Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel für Andere sonst
würde er die Ärmel des Rockes nicht aufgekrämpelt getragen nicht den Zipfel
der Serviette im Halstuch befestigt haben Er war für sich der Schmecker mit
Bewusstsein aber der Zutritt eines Freundes wie Herr von Wandel störte ihn
nicht Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser
    »Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren«
    »Da« sagte Bovillard und goss in ein vasenartiges Krystallglas aus der
Weinflasche »Prüfen Sie wie schmeckt es Ihnen« »Es schmeckt wie der beste
Champagner schäumt aber nicht« »Non mousseux neueste Erfindung Eben aus
Epernay mir zugeschickt Es hat es noch Niemand hier Darum Diskretion Was
sagen Sie dazu« »Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne unter der der
Champagner die Welt erobert hat Man soll nie ohne Not seine Fahne aufgeben«
»Ihre Säuren Wandel Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben Ihre Zunge
fühlt das Richtige heraus aber über die Kritik ist Ihnen die petillirende Lust
daran vergangen  Sehen Sie mich an ich kann mich über die Entdeckung wie ein
Kind freuen Woran auch sich halten wenn man nicht bisweilen wieder zum Kinde
würde«
    »Die Nachrichten lauten übel Geheimrat Napoleon ist ein Anderer geworden
seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt Was er fordert ist
nicht mehr der Schönbrunner Vertrag heißt es Ja man spricht dass Haugwitz
wirklich am 15 Februar diesen neuen noch demütigerenden Vertrag abschloss Er
liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor«
    »Liebster bester Freund warum hören Sie darauf Sie brauchen es doch
wahrhaftig nicht Ja es steht schlimm sehr schlimm wir werden noch mehr
nachgeben müssen aber wer ändert es Sie nicht ich nicht Niemand Man muss
laviren und abwarten bis ein glückliches Changement kommt Wir sind in einen
Sumpf geraten je mehr wir strampeln um so tiefer versinken wir Nur nicht die
gute Laune verloren Hören Sie draußen den Leiermann
Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond
Da trinken Sie oder wollen Sie schäumenden Ich klingle«
    »Der Wein ist gut aber er steigt zu Kopf«
    »Nun denken Sie an den armen Haugwitz wie es in seinem aussehen muss Kann
er dafür Verdenken Sies ihm dass er sich auch nicht beeilt aus Paris
zurückzukehren  Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln die Rüchel
Blücher die Prinzen Und das Geschwätz Gesinge Gebrüll hinter ihnen«
    »Die Gnade Seiner Majestät wird als schirmender Fittich ihn vor Outrage
bewahren«
    Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune »Gewiss
Der König lässt ihn nicht los Wissen Sie eigentlich  eigentlich kann er ihn
auch nicht leiden wie uns Alle nicht aber  das ist es eben  Trinken Sie
doch Wandel man kann jetzt nichts Besseres tun Cest le mystère de notre
temps dass wir unentbehrlich sind Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner
Majestät  sie können uns Alle nicht leiden möchten uns köpfen erwürgen
vergiften   von unsern Posten jagen « »Wo findet Seine Majestät Staatsmänner
« Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigentümlichen Handbewegung fiel
der Geheimrat ein »Er findet sie schon er braucht nur auf die Straße raus zu
greifen «
    »Die Lust haben Minister zu sein ja aber Männer Ihres Scharfblicks«
    »Wissen Sie was Oxenstjerna an seinen Sohn schrieb Mein Sohn Du glaubst
nicht etcaetera Liebster Wandel warum denn nicht Wahrheit zwischen uns Wenn
wir uns in dem Spiegel sehen  und doch  in keinem Stande Freunde und doch 
wir bleiben wir werden bleiben und Sie und ich wir wissen warum wir bleiben
 Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs  Das begreifen Seine
reichsfreiherrliche Gnaden der Herr von Stein nicht Voilà le miracle Wie
lange ists nun schon her dass er uns Alle aus dem Sattel werfen wollte Wenn wir
doch Karikaturmaler hätten Herr von Stein als Mauerbrecher Herr von Stein legt
den Widder an erster Moment Herr von Stein fährt fort am Bock zu drehen
zweiter Moment Dritter vierter fünfter etcaetera Herr von Stein steht noch
immer am Bock Finale Herr von Stein schlägt hinten über er hat einen Bock
geschossen  Aber Sie trinken ja nicht Vive la bagatelle  Schnell was Neues
aus der Stadt«
    »Das Duell hat endlich stattgefunden«  »Beide maustodt«  »Blut ist
geflossen«  »Hätte nichts geschadet Warum zanken sie sich Diese Militär
und Civilraufereien sind mir in der Seele zuwider«
    »Der junge van Asten hat sich eine Renommée gemacht Die Officiere glaubten
nicht dass er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde Der Kornet ist ein
Schläger à merveille Der Gelehrte ging aber drauf los und die Herren von den
GardeduKorps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen denn er trieb seinen
Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche«
    »Und das Ende vom Liebe«  »Er war an der Schulter verwundet cachirte es
aber und als die Sekundanten es merkten hatte er den Kornet schon in eine
verzweifelte Position gebracht Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu
Boden«  »Und der Kornet mit«  »Nur ein Fetzen von seinem Ärmel und etwas
Fleisch und Blut Gerade genug um ihn kampfunfähig zu machen wenn er nicht
schon desarmirt gewesen wäre«
    »Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoss«
    »Bewahre Er senkte die Waffe trat zurück und fragte bescheiden die
Sekundanten ob nun der Ehre genug geschehen sei Man hätte es für ritterlich
gehalten wenn «
    »Ein Roturier ein Kavalier sein könnte« unterbrach ihn Bovillard »
Quimporte Er hat gehandelt wie man uns vorwirft dass wir handeln wir nutzen
den Vorteil nicht der uns in die Hände gespielt ward  Wandel Sie haben
vielleicht Recht Vive la générosité«
    »Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Beratung die Sache für
ausgeglichen Der Fleck am Ärmel den die Hand gemacht sei durch den Säbel
reparirt«
    »Der ihn loshieb« fiel Bovillard ein und gähnte »Legationsrat was wären
wir ohne den Witz in Ehren und Staatssachen Die Welt wäre längst bankerott
ohne die Kunst der Auslegung Der Starke wirft sein Wort wie Brennus Schwert
auf die Goldwage aber der Schwache muss das Körnchen Mutterwitz wie der
Goldschläger breit schlagen um die Risse in der Logik und die falschen
Raisonnements zu überkleben«
    »Und das Volk gafft doch das Goldblech an als wärs massiv«
    »Wozu wärs das Volk und wir die Gescheiten  Um eine Liebschaft war ja
wohl die Affäre Das Mädchen kann gute Geschäfte machen es kommt en vogue«
    »Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf der wie man sagt aus
Galanterie oder wie einige behaupten aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter
an einer Dame ward die er nicht liebt« »Cest touchant« sagte Herr von
Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin
    »Man fängt überhaupt an von ihm zu sprechen es wäre ein Charakter Man
spricht aber auch  von Ihrem Herrn Sohn« Der Geheimrat der wirklich müde
schien ward aufmerksamer Er reckte sich in seinem Stuhl und goss ein frisches
Glas Champagner ein dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser
paralysirte
    »Wie befindet sich der Patient«
    »Mon pauvre fils  Mein lieber Freund wer macht die Erziehung Ich habe
oft darüber nachgedacht An guten Beispielen  das wars eigentlich nicht was
ich sagen wollte aber  das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben«
    »Ein merkwürdiges Unglück was diesen Mann trifft Doch meinen auch Viele
es wäre ein Glück für die Kinder nämlich Bei der verkehrten Erziehung wäre nie
aus ihnen etwas Gescheites geworden«
    »Der Mann Er Kinder erziehen Wenn sie nach ihm geschlagen hätten  Mein
Louis was ich sagen wollte Heim meinte es sei keine Gefahr wenn er sich nur
vor Exaltationen hütet«  »Das wird schwer sein«  »Das befürchte ich auch
Das Blut seiner Mutter Was die für Nerven hatte Ich bin ja bereit Alles zu
tun er hat excellente Gedanken aber ich muss Ihnen sagen ich habe keine
Autorité Im Disput geraten wir immer an einander«
    »Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt« Wandel
sprach es mit kalter Stimme
    »Meinen Sie  die alte Geschichte« Der Geheimrat warf dabei einen
forschenden Blick auf ihn »Mein Gott ich glaubte die Kinderei längst
beigelegt«
    »Nur reponirt meine ich bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird einen neuen
Termin anzusetzen«
    »Mann von Ihrer Klugheit und Philosoph Ich bitte Sie « Bovillard war jetzt
aufgesprungen und ergriff die Hand die Wandel halb zurückzog
    »Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie«
 »Er wird zur Einsicht kommen und Sie sind mein Freund«  »Und gewiss der
Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit nur nicht meinen unbefleckten
Namen«  »Wer redet davon Überlassen wir den KavallerieOffizieren den
krummen Säbel wozu sind wir Philosophen Die diplomatische Kunst wird mildere
Lösungsmittel finden als ein Stück vom Ärmel und vom Fleisch dazu Liebster
Legationsrat das findet sich ja«  »Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuss
hätte versteht es sich dass wo der Sohn meines Freundes vor mir steht ich in
die Luft feuere Ihrem Herrn Sohn bleibt dann überlassen zu zielen wohin er
will«
    Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt »Wir verstehen uns ja
Excentrisch ist er aber Louis ist kein schlechter Mensch«
    »Wenn ich die Freude erlebte dass mein Freund Bovillard in seinem Sohne
einen nützlichen Staatsbürger gewönne«  »Er schwärmte auch einmal für die
gloire Napoleons Wer weiß ob diese Phantasien nicht rediviv werden«  »Er
soll jetzt für einen anderen Gegenstand schwärmen Die Fürstin Gargazin
behauptete neulich confidentiell die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell
Alltag sei nichts anderes als cachirte Liebe Die Geheimrätin Lupinus ist in
ihren Mitteilungen sehr diskret Wenn ich indes aus einigen hingefallenen
Äußerungen schließen darf « »Sind Sie neidisch dass mein Junge Glück hat bei
den Frauen«  »Nur ein väterliches Erbteil Wie ich höre frequentirt er auch
die Zirkel der russischen Fürstin Er ist gern aufgenommen Sollte dies mit den
Wünschen und Absichten seines Vaters konveniren« »Was geht es mich an  Aber
was geht es Sie denn an « »Nicht das Geringste wenn Ihr Sohn nicht den Namen
seines Vaters trüge Die Fürstin ist eine liebenswürdige feine geistreiche
Dame aber sie gilt mit Recht oder Unrecht als die geheime Agentin Russlands
man behauptet dass sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden Ich
gebe nichts auf diese Insinuationen aber wer ihren Umgang sucht wer viel in
ihrem Hause erscheint entgeht dem Verdacht nicht Das kann in diesem Augenblick
bedenklich werden da Napoleon  Genug ich weiß die Besucher des Hotels
werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphirt«
    Bovillard lachte auf indem er jetzt erst die Serviette fortwarf »Wissen
Sie wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird  Laforest Konspirirt er
vielleicht gegen Napoleon Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell
Alltag willen oder um Komtesse Laura Die ist jetzt auch ein Schoosskind der
Fürstin Duroc war auch bei ihr Wissen Sie was ich rausgebracht habe Sie will
die Alltag zu etwas machen entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen
Sie erwartet nur Ordre deshalb aus Petersburg Werter Freund unter Freunden
reinen Wein was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin«  »Nicht der Sohn nur
die Auslegung welche man seinen Schritten geben könnte«  »Sind Sie so sehr um
die Auslegung besorgt welche die Leute den Schritten distinguirter Personen
geben« sprach Bovillard ihn scharf fixirend »Wissen Sie wie man Ihre
Schritte hier auslegt«  »Ein unbedeutender Privatmann der neben seinen
wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt
entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums«  »Haugwitz schreibt mir
konfidentiell aus Paris Für schweres Geld hat er eine Kopie der
Personalbemerkungen über Berlin erwischt Hören Sie da sind doch Dinge drunter
 Haugwitz wird sich hüten und es drucken lassen Laforest selbst weiß das nicht
alles es stecken Andere dahinter Liaisons decouvrirt die wir nicht ahnen
konnten Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung«  »Es bedurfte
keines Seherblicks um die feuerfangende Nähe zu erkennen«  »Man weiß in
Paris was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach seine Lektüre vorm
Zubettgehen seine Briefe die er schrieb und wieder zerriss Ein wahres Glück
dass wir ihn los sind aber  wissen Sie was von Ihnen da steht« fragte
Bovillard mit einem schlauen scharfen Blick
    Wandels blassgelbes Gesicht verfärbte sich nicht nur ein flüchtiger Glanz
belebte das dunkle kleine Auge um sofort in ein moquantes Lächeln überzugehen
»Vielleicht ist es entdeckt dass auch ich die Zirkel der Gargazin besuche« 
»Pah Drei Reihen Chiffren die Haugwitzs Sekretär nicht dechiffriren konnte
und dann mit anderer Hand imperatorisch flüchtig daneben geschrieben Wie viel
würde er kosten«  »Sie wollen mich doch nicht stolz machen Bovillard Um die
nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt«  »So lange sie
nackt aussieht Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette
Trift entdeckt legte Mancher wieder bei«  »Es ist für mich eine durchaus
sterile Insel«  »Wohin denn Das ist die Frage«  »Ich verstehe die
Legitimation derselben nicht«  »Ich frage als Freund Wo hinaus Man muss doch
endlich mit Ihnen ins Reine kommen  Ich wiederhole Ihnen mich täuschen Sie
nicht Sie sind kein Saint Germain etcaetera Sie sind von unserm Fleisch und
Blut Halb nur wie ein Lebemann halb wie ein Kartäuser in einem Schneckenhaus
Das Leben in Berlin ist teuer auf Gold sitzen Sie nicht und Gold machen Sie
nicht Sie mögen ein vortrefflicher Oekonom sein aber Ihre Türingischen Güter
verbessern Sie nicht in der Apotheke des Herrn Flittner Die Delicen der
Wissenschaft gönne ich Ihnen wer aber den Champagner wie Sie über die Zunge
schlürft will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst er will etwas daraus
für sich präpariren Sie greifen nicht nach dem Monde aber Sie erscheinen wie
er aus der Wolke um wieder dahinter zu verschwinden Das ist hübsch um Kinder
zu erschrecken und zu amüsiren ein Mann will etwas anderesals
LaternaMagicaBilder auf die Wand werfen«  »Meine Vermögensumstände die
Niemand kennt erlauben mir « »Sie schweifen ab Auch ein Krösus will noch
mehr Was wollen Sie  Dass man das nicht weiß wirft ienen Schatten auf Sie
Wie lange sind Sie schon in Berlin Ihr parait et disparait verstärkt den
Verdacht glauben Sie mir alle Ihre Gefälligkeiten werden um deshalb falsch
ausgelegt und das ist es was Haugwitz ich will nicht sagen zu Ihrem Feinde
macht aber er hat eine Scheu vor Ihnen er fürchtet Sie Mein Gott wir sind ja
unter uns Wollen Sie sich Napoleon verkaufen haben Sie sich schon verkauft
Tant mieux er bezahlt gut Auf meine Diskretion können Sie hoffen Es sind
viele erkauft und doch gute Patrioten Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu
brechen und  wie gesagt mich gehts nichts an Lamitié surpasse la trahison
Enfin wir sind ja auch Napoleons Freunde«
    Der Legationsrat hatte die Stirn in Runzeln gelegt Er stand wie in sich
versunken mit verschränkten Armen den Blick der in weite Fernen zu streifen
schien von dem Manne abgewandt welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen
Es schien ein Selbstgespräch »Wer dieses Meteor ergründete Ob er wirklich der
Wandelstern der im Kreislauf der Aeonen wiederkehrt wenn seine Zeit kam die
unsere Schwäche nur nicht ermisst oder  nur die blitzende Nachterscheinung
der Komet der seinen Schweif betäubend über unsere Häupter rasselt Wir stehen
gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und « Er hielt inne und atmete
tief »Und wer sich selbst getreu blieb wird auch hier sich nicht betäuben
lassen  Nein  nein  auch diese Sonne von Austerlitz hat trübe Flecke Groß
und strahlend aber je mehr sie der Mittagshöhe sich nähert um so mehr sehe ich
sie schwanken zittern vor sich selbst Auch er wird untergehen indem er sich
selbst überhebt Nur wer fest und bewusst  Ach mein Gott« fuhr er fort wie
aus seiner Träumerei erwachend »Ich vergaß mich da in Gedanken die nicht
hierher gehören Groß ist er aber  sicherer Der der sich an keine Größe
lehnt nur auf sich selbst«
    Der Legationsrat hatte sich verrechnet wenn er gemeint auf den Geheimrat
damit einen Eindruck zu machen Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas
eingeschenkt und mit derselben Behaglichkeit ließ er es über die Zunge gleiten
die er vorhin an Wandel gerügt oder gerühmt
    »Sie wollen also mit Napoleon nichts zu tun haben Votre plaisir Aber
merken Sie sich Haugwitz ist ängstlich inquietirt Er gibt Winke wie man Sie
beobachten soll Wenn Sie also keinen Passe partout von Napoleon in der Tasche
haben « »Die Aufmerksamkeit welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden
Persönlichkeit schenkt möchte mir schmeicheln wenn « »Sie keine andere
Absichten hätten Gehen Sie mit sich zu Rate entscheiden Sie sich aber bald
Wir sind nun ganz wieder in unserer Aisance wenn er zurück ist  Haugwitz
bleibt  Der König ist seelenfroh wenn er nichts zu ändern braucht Es
stiefelt sich fort sagen die witzigen Berliner und eines Morgens könnte
Haugwitz etwas einfallen  das passiert auch manchmal an einem Feiertage  der
Polizeikommissarius klopft an Ihre Tür mit der Bitte sich schnell anzuziehen
und Sie werden eingepackt  Da haben Sie die Bescherung Man titulirts höhere
Staatsrücksichten im Grunde genommen ists nur eine Indigestionslaune Sie sind
ein Mann von großer Klugheit « »Der indes bei Verbindlichkeiten die er
eingeht den Charakter und sein Gewissen immer berücksichtigt « »Etcaetera
bravo« sagte der Geheimrat und klopfte ihm auf seine Schultern »Wozu noch
Flausen Das Übrige wird sich finden Es müsste doch mit dem Teufel zugehen 
Excüs  wenn er uns nicht hilfe die Antipathie zu beschwören Haben Sie nicht
sympatetische Tropfen A propos da fällt mir unser Mirakel ein unser
Liebespaar Haben wirs da nicht durchgesetzt Das verloren wir ganz aus den
Augen Wie steht es  Das ist der Fluch eines Staatsmannes sein Liebstes muss
er opfern dem Dinge was das dumme Volk  wie stehts Legationsrat«
    »Der Dépit amoureux ist eine passagere Erscheinung Die Gargazin die uns
aus Gefälligkeit beistand ist der Sache überdrüssig«  »Die gute Fürstin
möchte alle Welt glücklich sehen Aber Haugwitz  das ists was ich sagen
wollte Der arme Haugwitz muss jetzt eine Recreation haben nach so viel Verdruss
Ein zwei Fliegen stören uns nicht aber das Fliegengebrumm wenn wir schlafen
wollen ist fatal Recht was Exquisites Strengen Sie Ihren Scharfsinn an etwas
zum Todtlachen bedenken Sie es gilt fürs Vaterland Also teuerster Mann
Ihren ganzen Scharfsinn darauf fädeln Sie was Neues ein Man sagt sie hätte
Scheidungsgedanken«  »Pfui das ist unmoralisch Ich meine man könnte ihr das
Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen«  »Wenn nur ein Duell
zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermöglichen wäre«
    Der Legationsrat schüttelte den Kopf »Wer dem Baron eine Kugel vor den
Kopf schösse was ich natürlich nur im Scherz sage täte übrigens dem Staate
einen rechten Dienst«  »Im Ernst«  »Sein Tuch sist ein Skandal Wenn man
solche Montur gegen die Sonne ausbreitet können die Wespen durchfliegen Ich
sagte es ihm neulich Was antwortete er Er hättes so eingerichtet dass die
Kugeln der Staatskasse keinen Schaden täten Ich liebe nicht solchen frivolen
Witz in ernsten Dingen  Sie sind nachdenklich Wandel Sie sehen nach der Uhr«
 »Einige nennen ihn einen schlechten Menschen«  »Pah Seine Maitressen
bezahlt er gut unser Tuch macht er schlecht Aber im Grunde genommen was
gehts uns an wir haben Friede Noch keinen Einfall«  »Doch  vielleicht Bei
ihm ist Hopfen und Malz verloren Wie aber wenn man sie eifersüchtig machte« 
»Auf ihres Mannes kleine Liaisons Was hilfe uns das«  »Nein auf den
Rittmeister Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig
an Wenn es gelänge sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln Wenn sie außer sich
geriete sich fortreißen ließe« »Nun was besinnen Sie sich«  »Es ist nur
ein flüchtiger Einfall  schwierig aber möglich ist Alles  wenn sie in ihrer
Verzweiflung ihren Mann zu Hilfe zöge«  »Ça serait le comble du ridicule« 
»Aber nichts Neues Wie gesagt Alles noch embryonisch dunkel aber sie muss
jetzt mit dem Rittmeister aneinander Das ist mir klar es gibt kein ander
Mittel«  »Wenn es nur zum Rechten führt«  »Dafür lassen Sie mich sorgen« 
»Wohin so eilig«  »Zur armen Geheimrätin Ach eine Unglückliche Die bedarf
des Trostes«
    »Bleiben Sie mir mit der vom Leibe Ich kriege Bauchgrimmen wenn sie mich
lange ansieht«  »Das ist eine unglückliche Frau Nun auch das zweite Kind« 
»Es waren doch rebutante Geschöpfe Sie kann es unmöglich lieb gehabt haben« 
»Der Idealismus weiß von einer Liebe die gerade das ihm Unangenehme mit
zärtlichen Armen umfasst einer Liebe die ihre ganze Innigkeit und Wärme
ausströmt auf die Subjekte welche es am wenigsten empfinden und statt es zu
erwidern mit Undank belohnen eine Liebe die sich gefällt immer zu geben und
zu opfern ohne wieder zu nehmen ja die ihre höchste Befriedigung in der
Empfindung sucht von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein«
    »Das ist nicht unsere Sorte von Liebe nicht wahr Wandel«
    »Die Welt ist mannigfalt Bewundern darf man doch die Märtyrer auch wenn
man sich nicht berufen fühlt ihnen nachzufolgen«  »Par distance  Warum nahm
sie aber die Kinder zu sich«
    »Warum  Warum nahm sie ihren Mann Sie hat den Geheimrat nie geliebt Um
ihn zu pflegen Warum nahm sie die Alltag zu sich Aus Liebe doch nicht zu dem
eigensinnigen Geschöpfe Mein Herr Geheimrat Männer wie wir sind über die
Ungerechtigkeit der Welt hinaus wir warten nicht auf Dank aber erlauben Sie
mir wenn ich die Frau unglücklich nenne die für die Anstrengungen ihres warmen
Herzens Andere glücklich zu machen nichts erntete als Verkennung«
    »Liebster Legationsrat« entgegnete Bovillard »erlauben Sie mir nichts
drauf zu sagen als les goûts sont différents«  »Ich wünschte Sie hätten sie
am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen Weil sie nicht weinen konnte
das hat man auch getadelt«  »Die Kinder sollten ihre Erben sein wer kriegts
denn nun In ihrer Familie ist Alles ausgestorben Mit der einen Seitenbranche
ist sie spinnefeind«  »Unnatürliche Feindschaft in Familien Vielleicht kann
man da freundlich zu einer Verständigung einwirken«  »Lieber vermacht sies
den Kapuzinern Und fünfundneunzigtausend Taler unter Brüdern«  »Ich glaubte
nur achtzigtausend«  »Vor dem letzten Heimfall Aber  fünfzehntausend in
Obligationen  Sie können sich drauf verlassen  fielen auf ihr Teil aus der
Konkursmasse ihres Onkels Und man muss doch auch rechnen was vom Geheimrat
dazu kommt wenn er früher stirbt «
    »Wenn er früher stirbt« Wandel hatte es so gedankenlos oder in Gedanken
versunken gesagt als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt Er
reichte zum Abschied dem Geheimrat die Hand »Wenn nicht mehr  ich wollte
sagen wenn Sie der verlassenen Isolirten nur ein stilles Plätzchen der
Teilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten«
    »Bleibt ein ehrenwerter Mann« sprach Bovillard als er fort war »nur zu
viel Sentiment«
 
                         Siebenundfünfzigstes Kapitel
                Wandel muss Politik treiben und sentimental sein
Das Haus der Fürstin schien ein offenes Man kam und ging zu jeder Tageszeit
man war willkommen und empfangen ohne angemeldet zu sein und konnte
verschwinden ohne dass es bemerkt ward Englischer Komfort schien mit
französischer Anmut und Leichtigkeit gepaart Ähnliches hatte man in Berlin
noch nicht gesehen man beredete es aber gefiel sich darin Keine Tür war
verschlossen die Wände schienen von Krystall es ist aber damit nicht gesagt
dass nicht doch manche Tür unter der Tapete versteckt und der Krystallspiegel
eine Wand verdeckte hinter die zu blicken nicht erlaubt war Die Fürstin hatte
sich neuerdings zu einem längeren Aufenthalt eingerichtet Alle Weltteile
hatten ihre Produkte Kunstfertigkeit und Erinnerungen beigesteuert um die
Zimmer auszuschmücken Das Hetrurische und Pompejanische vor Kurzem die
Modepuppe ward hier paralysirt durch das Chinesische und Hindostanische
Porzellanfigürchen Pagoden und Pfauenwedel dazwischen die rein geschnittenen
Schönheitslinien eines griechischen Basreliefs römische Kaiser und Mohrenköpfe
auf echten Konsolen neben Federkronen von den Sandwichsinseln und urweltlichen
Gerippen Schamanenmäntel und Bogen und Köcher der naturwüchsigen Völkerschaften
Sibiriens
    Die Ostentation alles dieses Apparates war wenigstens nicht auffällig ein
gewisser Geschmack hatte in der Verteilung obgewaltet Licht und Schatten waren
gehörig verteilt oder vielmehr der Schatten waltete ob indem das Fensterlicht
in den meisten Zimmern durch schwere Vorhänge und Vorsatzstücke gedämpft war In
schwarzen Rahmen hingen zwischen den andern Raritäten Landschaften in
Wasserfarben römische Ruinen zerstörte Kirchhöfe Hünengräber bemooste
Krucifixe darstellend über dem Meer hing der Mond in Nebelwolken oder die
Sonne ging auf und beleuchtete trauernde Gestalten oder Knieende um ein
bekreuztes Grab Auch sah man näher den Türen bereits einige der schmal
geschnittenen Holzbilder auf deren Goldgrund jene hageren kindlichen Figuren
mit den Unschuldsköpfen sich präsentirten die erst später in Berlin zur
ästhetischen Anbetung kommen sollten Die modernen Besucher gingen noch ziemlich
teilnahmlos an diesen florentinischen Stücken vorüber während die
Mondscheinskreuze die verdorrten Kränze an den eingefallenen Gräbern manchen
Seufzer oder aus schönen Augen eine Träne lockten »Der Stufen zur Erkenntnis
sind viele« pflegte die Fürstin zu sagen »und deren nur wenige die vom
Strahl erleuchtet sogleich die höchste besteigen«
    In den tieferen Kabinetten verbargen sich oder lockten größere
Heiligenbilder betende oder angebetete Madonnen Märtyrer in ihren
Verzückungen lächelnd der Heiland am Kreuz Da in der verschwiegenen Nische auf
einem schwarz mit Silber überhangenen Altar ein Krucifix von Ebenholz der
Heiland daran feinste lucchesiner Elfenbeinarbeit Als Piedestal zum Krucifix
diente ein künstlicher dürrer Fels aus Achat zu Füßen desselben eine kleine
Öffnung aus der gespeist von einem verborgenen Wasserreservoir eine Quelle
sprudelte Das Wasser floss in einen antiken Sarkophag Antik wenigstens die
Vorderseite deren heidnische Basreliefs freilich wenig mit dem Quell und seiner
Bedeutung korrespondirten aber es war eine Antike ausgegraben auf einem der
Güter der Fürstin in der Krim und das Heidnische an den Bacchantinnen sollte
vielleicht durch den frisch hinein gemeisselten russischen Doppeladler purificirt
werden Neben der sinnigen Deutung hatte der sprudelnde Quell auch eine ganz
praktische Bedeutung das kühle mit Epheu umrankte Kabinet ward durch das
springende Wasser zur angenehmen Retirade in heißen Sommertagen
    In einem der helleren Zimmer mit Magdalenenbildern an der Wand der Boden
ausgelegt mit reichen orientalischen Teppichen und schwellende Divans an den
Wänden saß die Fürstin mit der Baronin Eitelbach Die Märtyrer und andere
Heiligenbilder in den dunklern Gemächern mochten schlechtere Kopien oder
Trödelwaare sein die Magdalenen waren vortreffliche Kopien nach Korreggio
Battoni Murillo und Anderen in der Größe der Originale und in dem blendenden
Farbenglanz der keine Nachdunkelung sehen ließ Kostbare Goldrahmen umschlossen
diese Stücke und ihre Gruppirung war so geschickt dass überall das richtige
Licht darauf fiel Es war das sorgfältigst und elegantest ausgeschmückte Zimmer
der fürstlichen Wohnung
    »Das Fräulein wollten eben ausfahren um wie sie sagten Luft zu schöpfen«
berichtete der Diener »Wenn aber Durchlauch befehlen wird sie sich sogleich
zurecht machen und hier erscheinen«
    »Was das Fräulein will muss geschehen« erwiderte die Fürstin rasch »Man
sollte doch jetzt meinen Willen kennen dass sie nur ihren Wunsch zu äußern
braucht und meine Domestiken haben zu gehorchen Ist schon angespannt«  »Zu
Befehl Erlaucht«  »Da muss ich einen Augenblick zu dem lieben Kinde
Verzeihung teuerste Baronin sie erholt sich so schwer Ich bin sogleich 
meine Gedanken bleiben bei Ihnen«
    Im andern Zimmer begegnete ihr der Legationsrat »Schnell einen
Liebesdienst Die Eitelbach drinnen quält mich mit ihrem Liebesleid Das ist
Ihre Sache Machen Sie ihr bald ein Ende sonst  ich weiß nicht was ich täte
wenn Sie nicht im Spiele wären«  »Empfinden Erlaucht denn gar keinen Beruf
sich der gequälten Schönen anzunehmen«  »An langweiligen Menschen hatte ich
heute schon genug Vater und Mutter waren hier denken Sie eine Stunde lang
Diese Dankadressen im Kanzleistil diese bürgerlichen Rührungsgefühle in der
Sonntagshaube der ganze Iffland Kotzebue und Krähwinkel in meinem Hause Ich
möchte doch um solcher Leute willen keine Migräne bekommen aber jetzt erbarmen
sie sich meiner«  »Tu las voulu George Dandin sagt Molière« sprach der
Legationsrat sich verneigend  »Et je le veux Monsieur le conseiller« 
»Was denkt Prinz Louis Erlaucht«  »Ob der Champagner oder der Rheinstrom eher
in die Lete fließt«  »Leider flüstern seine Freunde dass er schon den
nächsten Weg auf dem Jamaikanischen Feuerstrom Rum dahin sucht«  »Der
Unglückliche«
    Sie schien die eben gegebene Anweisung an den Legationsrat auf die
Eitelbach eben so vergessen zu haben als sie an der Ecke eines Divans Platz
nahm Ein ernster Zug flog über die Seidenwimpern die sich geschlossen hatten
wie erschreckt vor einem Bilde  »Vielleicht der letzte Held unter Diesen 
Warum fand er nicht den rechten Weg  Das ist es nicht Aber Wandel erklären
Sie mirs es ist etwas Niederdrückendes Entmutigendes dass gerade dieser
Einzige in der großen Misere diese Feuerseele unter den Nachtvögeln wie ein
losgerissener Stern aus dem Firmament in einen Sumpf stürzen muss«  »Sie
sprachen es aus Gnädigste weil Alles versumpft ist«  »Und Sie sprachen etwas
aus was Sie nicht verstehen nicht verstehen wollten  Ich fühlte mich so
andächtig gestimmt Der arme Prinz Seit die Abberufung des englischen Gesandten
bekannt ist soll er sich in einen erschütternden Zustand befinden«  »Es
befinden sich auch andere die nicht Prinzen sind in unangenehmer Lage Mehr
als hundert preußische Schiffe sind bereits von den Engländern gekapert Dem
Handel wird dieser teure Frieden teuer zu stehen kommen«  »Diese
Krämerseelen verdienen es« rief die Fürstin »Es war ja ihr stiller Wunsch
Wenn Krämer Kinder und Narren über ein Land regieren wehe ihm«
    Es war ein neues Changement in der Fürstin eingetreten sie fühlte sich zum
politischen Disput gestimmt Wandel kannte die Lineamente in ihrem Gesicht
welche den Wechsel und welche Stimmung sie ausdrückten Er lehnte sich über
einen Stuhl um ihr zu korrespondiren Vielleicht fand er auch mehr Neigung zu
einer politischen Disputation als zu einer sentimentalen mit der Baronin
vielleicht wollte er sich auf diese präpariren
    »Es gibt auch großartige Krämer Die Engländer werden bei diesem Weltdisput
nicht zu kurz kommen«  »Ich begreife nicht wie diese hier ohne Schamröte
lesen können was sie über ihre Politik urteilen« rief die Fürstin in
wirklichen Affekt geratend »Diese Noten die Herr von Reden für Hannover in
Regensburg Ompteda eben in Berlin übergab Herr Fox hat im Parlamente
gedonnert Ich habe eine solche Sprache nie gehört«  »Noten sind Worte auf
Papier geschrieben Erlaucht Sie lesen sie antworten und das Resultat ist
Papier auf Papier Gekaperte Schiffe das ist etwas Anderes«
    Die Fürstin hatte vom Tische eine englische Zeitung genommen »Durchfliegen
Sie diesen Artikel Mich dünkt die Worte schneiden schärfer wie Taten Der
Prinz soll grade darüber außer sich geraten sein Die Lippen schäumend drückte
er die Stirn an die Scheibe dass sie zerbrach«  »Er wird auch wieder ruhig
werden« sagte Wandel und las »Nie hat eine Macht heuchlerischer gehandelt und
die Gesetze der Treue und des guten Glaubens frevelnder gebrochen als Preußen
Von ihm kann man lernen wie man mit Worten schmeichelt und durch Taten
verwundet«  »Ists nicht so«
    Der Legationsrat zuckte die Achseln »Was aus Unentschlossenheit gefehlt
und in Torheit gesündigt ward heißt nun sträfliche Hinterlist  Warum war man
unentschlossen und warum handelte man töricht«  »Lesen Sie weiter«  »Der
aufgegebene Krieg gegen Frankreich war ein unwürdiges Geständnis von Schwäche
die sogenannte Verwaltung Hannovers bis zum Abschluss des allgemeinen Friedens
überdachter Verrat Errötet Preußen nicht vor der Entschuldigung dass die Wahl
der Mittel zur Sicherung seiner Ruhe nach der Schlacht von Austerlitz nicht mehr
von ihm abhängig gewesen sei Ziemt eine solche Sprache einem schlagfertigen
Staate wenn es Ruhm und Vaterland gilt Ziemt sie vor Allem dem Preussischen
der Friedrichs Siege hinter sich hat Friedrichs Heer vor sich und zur Seite
Russlands Beistand Preußen prahlt mit gebrachten Aufopferungen Ja es hat
geopfert seine Unabhängigkeit seine alten Besitzungen seine treuesten
Untertanen und seine zuverlässigsten Bundesgenossen Preußen hat durch den
Schönbrunner Vertrag aufgehört als selbstständige Macht es kann nur noch
existieren unter den Flügelschlägen des französischen oder russischen Adlers«
    »Was sagen Sie dazu«  »Warum fordert man von den Epigonen den Mut der
Titanen«  »Der kleine König von Schweden sperrt ihnen auch die Ostseehäfen er
kapert auch wie die Engländer ihre Schiffe Man hätte doch nun erwartet sie
würden SchwedischPommern nehmen«  »Man ist befangen im Bewusstsein seines
Unrechts und statt es gut zu machen indem man es vollendet verdoppelt man den
Fehltritt indem man es halb tut«  »Das ist Ihre Moral Wandel Ich im
Gegenteil bewundere den Mut dieser Staatsmänner Mit welchem Gesichte kann der
Mann von Schönbrunn vor die Prinzen vor die Bilder seiner alten Könige treten
vor das Land vor das Preussische Heer vor Friedrichs Armee Erklären Sie mir
den Mut Wandel wie er vor diesem stolzen hochmütigen Offizierskorps es
aussprechen darf Preußen fühlt sich zu schwach mit dem stärksten
Bundesgenossen an der Seite einen gerechten Krieg zu führen Können Sies«
    »Gnädigste Frau vor wem erröten wem Rechenschaft geben  Wer fordert sie
von dem Manne«  »Und sei es nur vor seinem eigenen Spiegel«
    »Der Spiegel Gnädigste ist unser Machwerk man schleift färbt ihn wie
man will man stellt sich vor ihn wie man Lust hat Die Hand in der Brust das
Kinn aufrecht die Blicke funkelnd Oder die Arme gekreuzt auf der Brust die
Augen niedergeschlagen der Spiegel ist gehorsam er gibt Alles wieder Denken
Sie ihn sich so mit verkniffenen Lippen davor und er lispelt er war stark und
wir schwach er entschlossen und wir wissen nie heut was wir morgen tun
sollen er hat ein kriegsgewöhntes siegreiches Heer und wir eins was den Krieg
verlernt hat Ein Krieg kostet Blut viele Menschen er ruinirt noch mehr
Bürger seine Nachwehen sind furchtbarer als seine Verwüstungen Alles das sind
Realitäten die Ehre aber ist ein Wahn Mein König hat einen Abscheu vor
Blutvergießen und ich liebe es nicht Alle guten Menschen lieben es nicht Gott
auch nicht er hat den Frieden geboten und Napoleon bietet ihn auch Sind das
nicht eben so viele Winke des Himmels Wofür sollen wir uns schlagen Für uns
doch nicht Er will uns ja mehr geben als wir hatten Für Österreich etwa das
verloren hat Wir sind doch nicht Don Quixoten um für einen Rivalen uns zu
opfern Oder für das törige Gebrause was man jetzt öffentliche Meinung nennt
Wiegt meines Königs unausgesprochener Wunsch nicht schwerer Die öffentliche
Meinung macht mich nicht zum Minister sie möchte mich stürzen Aber sie kanns
nicht Mein König kann mich halten und er wird es«
    »Von Advokaten des Teufels hab ich wohl gehört« sagte die Fürstin ihn
fixirend »nur weiß ich nicht wer sie bezahlt«
    »Ich halte Excellenz für einen sehr honetten und zuweilen sehr heiligen
Mann der wenn er den Feind citirt es gewiss nur tut um ihn zu beschwören
Vielleicht  ich sage es ist möglich dass er jetzt in der Stille die Hände vor
seinem Bilde nämlich im Spiegel faltet auch vielleicht ein Kreuz schlägt und
aus tiefer Brust seufzt Ich bin ja nur sein unwürdiges Werkzeug Gegen
letzteres wird denn wohl Niemand etwas einzuwenden haben«
    »Incorrigibler« sagte die Fürstin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem
ausgezogenen Handschuh um doch sinnend wieder vor sich niederzublicken »Und
doch wäre es ein Wesen von Fleisch und Blut dieses Preußen ich könnte es
beneiden um die Empfindung So zerknirscht in Demut niederzufallen in den
Staub an die Brust zu schlagen und zum Herrn zu rufen Strafe mich um meinen
Dünkel und meine Überhebung Das sind die Früchte meiner Saaten dass ich mich
auflehnte gegen Deine Satzung  Ach nein sie kennen nicht die Wollust der
Demut und Zerknirschung sie sind alle noch aus Friedrichs Schule schlechte
Schulknaben sie beten nicht den Herrn nur ihren Witz an und sein Gespenst seh
ich umherschleichen  das muss eine furchtbare  die fürchterlichste Strafe des
Himmels sein so sein Werk zertrümmert seine Schöpfung verhöhnt sein Geist zum
Pasquill  und Keiner den Mut in ihrer Erniedrigung die Arme zu erheben Herr
erbarme Dich unser«
    Herr von Wandel kannte die Fürstin  auch ihre temporellen Visionen Sie
genirten ihn nicht Die liebenswürdige Frau liebte nicht die Gêne Er wartete in
Geduld bis der Paroxysmus vorüber war er brauchte nicht lange zu warten
    »Nun an Ihr Geschäft« sprach sie »Wie lange lassen Sie die arme Eitelbach
warten«  »O dies hat Zeit«  »Sie würden einen guten Marterknecht abgeben«
 »Ich weiß in der Tat noch nicht was ich mit ihr reden soll«  »Wenn Sie nur
Die persifliren können die Sie vorgeben zu lieben so versuchen Sie es einmal
sich in die Baronin zu verlieben Ich erlaube es Ihnen«  »Der Rat ist nicht
so übel« sagte der Legationsrat und verneigte sich tief »Mit meiner gnädigen
Freundin Erlaubnis will ich wenigstens den Versuch machen«
    Die Fürstin hörte es nicht mehr sie warf am Fenster der abfahrenden
Adelheid Abschiedsgrüsse zu
    »Unter Heiligenbildern eine Heilige« rief der Legationsrat der Baronin
entgegen
    »Wissen Sie was mein Mann von Ihnen sagt« replicirte die Baronin »Wie
heilig Sie auch aussähen Sie wären ein Pfiffikus und er möchte mit Ihnen keine
Geschäfte machen«  »Warum sollte er teilen Er macht für sich allein die
besten«  »Ihnen traute er nicht über den Weg meinte er neulich«
    Der Legationsrat zuckte lächelnd die Achseln »Was konnte ich dafür dass
aus der Mäntelgeschichte nichts ward Meine Absichten waren die besten meine
Demarchen gut es stieß sich an andern Dingen  Ja teuerste Freundin wie
viel ist damit ausgesprochen Unser Wille mag noch so rein sein wir tun alles
was wir können der Himmel selbst scheint uns zu winken und es wird doch nichts
draus Das ist der unerforschliche Organismus jener höheren Sphärenkreise in
die unser Auge vergebens zu dringen sucht Darin finde ich aber eben den
merkwürdigen Unterschied zwischen Ihrem und unserm Geschlecht ich meine
zwischen den Erwählten Während wir noch immer titanisch nach dem Unmöglichen
ringen findet das edle Weib schon in der Entsagung den höheren Trost Da erst
verklärt sich ihre Liebe zu derjenigen welche nicht besitzen nur beglücken
will selbst beglückt wenn sie den geliebten Gegenstand glücklich sieht in der
Liebe zu einer Andern«
    Der Legationsrat schien unwillkürlich mit dem Taschentuch über seine Augen
zu fahren Die Baronin sah ihn aber sehr scharf an »Was meinen Sie denn damit
Denn das habe ich Ihnen auch abgemerkt Sie sagen nichts ohne Absicht«  »Meine
Freundin wird aber darin mit mir einig sein dass es unter zartfühlenden Seelen
besser ist über gewisse Interessen nur andeutend wegzugehen als sie
auszusprechen Wer heilende Wunden mutwillig aufreisst wird zum Selbstmörder«
    Die Baronin sah ihn so klar an dass Wandel seine Augen einen Moment
niederschlug »Manche Wunde tut auch wohl wenn man weiß dass der sie schlug
es in guter Absicht tat Sie sind nicht Dohlenecks Freund leugnen Sies nur
nicht ich weiß es « »Mir ist er eigentlich ganz indifferent meine Freundin
Wenn er feindliche Gefühle gegen mich hegt so sind sie ihm wahrscheinlich vom
jungen Bovillard beigebracht«  »Sie meinen auch wie die Andern dass es nur
Missverständnisse sind«  »Von dem was die Leute sprechen lass ich mich nie
bestimmen«  »Ja es ist ein Missverständnis« sprach sie mit gen Himmel
erhobenen Blicken »Es war kein Zufall ich weiß dass alle die Kränkungen von
ihm absichtlich ausgingen « »Ist es möglich«  »Ja mein Herr Legationsrat
so gewiss als Sie hier vor mir sitzen«  »So abscheulich hatte ich ihn mir doch
nicht gedacht Und sieht aus als könnte er keinem Kinde das Wasser trüben«
    »Und seine Seele ist so rein wie der Spiegel eines Sees«  »Sie sprechen
in Rätseln  Ich oder vielmehr ein Freund glaubten letzthin in Ihren Blicken
ein stummes Spiel gegenseitiger Verständigung zu entdecken So kann man sich
täuschen«  »Sie haben sich nicht getäuscht«  »Das Rätsel wird immer
dunkler«  »Und immer heller in meiner Seele Ja weil der edle Mann sah wie
mein Gefühl für ihn heftiger ward wie ich mich von ihm hinreißen ließ und weil
er mich wahrhaft liebt darum mit eigener Selbstüberwindung jene Kränkungen und
Aergernisse die mich tief betrübten um dann mich wieder desto höher zu
erheben Er beleidigte mich um mich wieder zu mir selbst zu bringen um mich
von meiner Leidenschaft zu heilen So lebten wir eine lange schmerzliche Weile
uns zur gegenseitigen Qual bis  wir uns verstanden haben Nun aber haben wir
es und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab wie ich ihm Unrecht getan
Ich glaubte zu leiden und wie musste er erst leiden indem er mir und sich
zugleich so unaussprechlich wehe tat«
    Wandel der etwas unaufmerksam gesessen warf hier einen forschenden Blick
auf die Rednerin Er hatte manches aber dies gerade nicht erwartet Die
Geschichte interessierte auch ihn nicht mehr besonders oder er war im
Nachsinnen wie er ihr eine andere Wendung beibringe um ihr wieder ein
Interesse abzugewinnen Es war die Neugier wie man in einem empfindsamen Roman
plötzlich die Seiten umschlägt um die Motive eines den Leser überraschenden
Sinnesumschlag zu erfahren mit der er sie rasch fragte »Und das hat er Ihnen
Alles gesagt«  »Kein Wort«  »Ah also die Sympatie der Seelen«  »Warum
senken Sie die Augen«
    Er musste sich gestehen dass diese Wendung dem was die Freunde wollten am
wenigsten entspreche »Oh das ist ein Thema« rief er »bodenlos
unergründlich«  »Sie erschrecken ja beinah«  »Ich  Erschrak ich  Ich
stellte mir nur vielleicht die Frage ob es ein Glück ist in der Seele des
Andern lesen zu können Oder nicht vielmehr ein Unglück Fragen Sie sich einmal
ganz aufrichtig die Hand aufs Herz Würden Sie wünschen dass ein Andrer Ihre
Gedanken läse wie ein offenes Blatt«
    Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz Sie ließ es
geschehen und sah ihm klar in die Augen Ohne alle Bewegung sprach sie mit
heller Stimme »Ja es könnte Jeder lesen«  »Auch der Baron Ihr Gemahl« 
»Jetzt erst recht  Im Anfang schoss es mir da über den Kopf Nachher ward ich
zuweilen stutzig ich schämte mich wenn Der und Jener mir jetzt ins Herz sähe
und ich gab mir Mühe dass ichs mir anders zurecht legte und rechtfertigte aber
nun habe ichs nicht nötig Da fiel mir wieder ein was mal der Prediger sagte
Jedes guten Menschen Herz muss so zugerichtet sein wie ein Glasschrank Darin
verbirgt man nichts und wer in die Stube tritt sieht es«  »Der gute Prediger
unterließ nur hinzuzusetzen meine Freundin dass wir nicht Jeden in unsre Stube
lassen Die Stube verschließen wir und der Glasschrank steht nur offen für
unsere Freunde für die welche wir geprüft die täglich Zutritt haben Ja die
mögen hineinschauen und sich der Dinge freuen die uns erfreuen«  »Ach ich
weiß Jemand der würde sich zuknöpfen wenn man ihm ins Herz sehen wollte« 
»Wer ist das« Wandel schien über diese Wendung des Gesprächs noch weniger
erfreut  »Sie sind ein guter Mensch Herr von Wandel aber voller Finten
Reden Sie sich ja nicht aus ich weiß es«
    Er hatte ihre schöne Hand die über der Divanlehne lag erfasst und drückte
sie sanft an die Lippen »Könnten Sie in dies Herz schauen« sprach er seufzend
»Finten nennt es meine Freundin Immerhin Finten sind Spitzen aber es sind
blutende Spitzen Dolchstiche Dornen die Andere hinein gedrückt Da ist der
einzige aber ein süßer Trost dass um diese Dornen Rosen blühten«
    Sie hatte die Hand ruhig seinen Küssen überlassen und schien verwundert
als er plötzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte
    »Wohin wollen Sie denn«  »Nach dem Lande wo keine Rosen blühen«  »Jetzt
doch nicht gleich«  »Ich bin keine Stunde sicher dass nicht die Pässe und
Anweisungen aus Petersburg eintreffen und darf meines Verweilens nicht mehr
lange sein Die Akademie in Petersburg hat zu meiner Beschämung eine so
dringende Vorstellung an Seine Majestät den Kaiser gerichtet die Untersuchung
der Bergwerke für so wichtig erklärt und meine geringen Kenntnisse so hoch
angeschlagen dass ich undankbar wäre wenn ich dem ehrenvollen Rufe zu folgen
nur einen Augenblick zauderte«  »Ihre Verdienste in Ehren aber  die Gargazin
wird sie wohl recht ausgeschrieen haben«  »Erlaucht hat allerdings auch Güter
in Asien und einige Bergstriche versprechen wenn mein Auge aus der Ferne sich
nicht täuscht unter geschickter Hand eine ungewöhnliche Ausbeute«  »Nach
Asien wollen Sie Herr Gott das ist weit«  »Bis an die chinesische Grenze
Sie mögen denken wie schwere  sehr schwere Opfer es mich kostet« »Wie so
denn«  »Muss ich nicht meine eigenen Güter in Thüringen verlassen«  »Wissen
Sie was mein Mann sagt  Die möchte er nicht geschenkt haben wenn Sie nicht
die Feldsteine zu Klössen kochen lernten müsste ne Kirchenmaus drauf
verhungern«  »Ei Ihr Herr Gemahl auch Oekonom Ich hielt ihn nur für einen
Spekulanten Für den glücklichsten weil  er das große Loos gezogen hat«
    Die Baronin lachte ihn recht herzlich an »Damit meinen Sie mich mir
verbergen Sie nichts Wenn Sie aber meinen Mann fragen so sagt er Ihnen es
wäre seine schlechteste Spekulation«  »Ich halte viel auf Ihren Herrn Gemahl
Über dem tiefen Schacht von Wissen und Erfahrung spielen wie Schmetterlinge
Humor und Witz Ich weiß seinen kaustischen Witz zu schätzen weil ich ihn
verstehe verwundet er mich nicht wie Andere und es tut mir aufrichtig leid
dass unsere verschiedenen Berufsgeschäfte uns so selten zusammenführten 
Glauben Sie mir auch von ihm wird mir die Trennung schwer«  »Von wem denn
sonst noch Von der Geheimrätin oder der Fürstin oder  oder  oder« 
»Verdiene ich diese Bitterkeit Die Baronin Eitelbach sieht mich gern scheiden«
 »Nein weiß Gott nein ich plaudere gern mit Ihnen Ich glaube Ihnen nicht
alles was Sie sagen aber es hört sich so hübsch an Es klingt als ob man mit
Ihnen in die Wolken fliegen müsste«  »Seele mit dem Taubenauge und dem Blick
des Adlers erlauben Sie mir den Bruderkuss auf die Stirn der Schwester zu
drücken«
    Sie wehrte ihn als er im Begriff war es zu tun sehr entschieden zurück
»Sie sind es noch nicht Wenns so weit ist wollen wir uns besinnen«  »Einen
Wunsch erlauben Sie mir wenigstens mit den Lippen auf Ihre schöne Hand zu
hauchen«  »Hauchen Sie aber nicht zu lange«  »Wie Sie in meine Seele
blicken möchten Sie eben so klar in die des Rittmeisters blicken Jetzt noch
nicht aber später wenn ich fort bin«  »Warum denn jetzt nicht«  »Jetzt hat
er genug Beschäftigung mit der kleinen Choristin«  »Welche Choristin«  »Die
in der Geisterinsel die Herzen entzückt Sie wissen ja«  »Sie sind ein
abscheulicher Mensch«  »Vielleicht irre ich mich auch Sein Neffe der Kornet
bezahlt sie und die böse Welt sagt für seinen Onkel Doch wie gesagt das mag
nur Gerede sein Und wäre es ists ein Versuch seinen Schmerz zu betäuben Das
will ich ihm verzeihen Aber  ich glaube es ist vielleicht besser ich
schweige«
    »Nein jetzt ists besser Sie reden Das ist eben so abscheulich von Ihnen
dass Sie einen Stachel Einem ins Herz senken und dann laufen Sie fort Man quält
sich was es ist und dann ists am Ende nichts«
    »Auch ich hoffe dass es nichts ist Das ist das Opfer welches ich Russland
und der Wissenschaft bringe jetzt von so vielen Freunden mich loszureißen die
vielleicht meiner Hilfe bald bedürfen Einer Eigenschaft rühme ich mich  ich
ward frei von Affekten ich blicke in die Zukunft in die Seelen der Menschen
die Fältchen und die Schleier derselben täuschen mich nicht Der Rittmeister
ist ja ich gebe es zu was man nennt ein guter Mensch aber verschuldet bis
über die Ohren verschuldet Der Krieg konnte ihn retten Nun bleibt Friede Er
muss alle Anstrengungen machen sich über dem Wasser zu halten Damals als es
losgehn sollte überkam ihn ein nobler Impuls das ist nun vorüber er ist
Mensch ein armer Edelmann ein Offizier auf seine Gage angewiesen von
Gläubigern gedrängt gewissermaßen von den Umständen zum Aventurier gestempelt
gezwungen sein Alles auf eine Karte zu setzen Lieber Gott er ist darum kein
Bösewicht dass er alle Rollen spielt den brüsken den sentimentalen sogar den
idealen Liebhaber um eine reiche Frau zu kapern«
    »Sind Sie bei Trost Ich bin ja verheiratel«  »Daran denkt ein solcher
Aventurier nicht Er hält Alles für erlaubt und in der Not kein Band zu fest
Ich kenne solche Menschen«  »Jetzt schweigen Sie Sie mögen viele Menschen
kennen aber den Rittmeister Stier von Dohleneck kennen Sie nicht Ich könnte
Ihnen sehr böse werden spinnefeind wenn Sie nicht ein so guter Mensch wären
Darum bitte ich Sie tun Sie mir den Gefallen und  sein Sie still Kein Wort
mehr davon«
    Er verneigte sich respektvoll »Ich gehorche dem Befehl wo ein leiser
Wunsch genügt hätte aber eine Bitte spreche ich im Scheiden aus Wenn das
Traumbild Ihres Glaubens zusammensinkt wenn Sie sich schwach fühlen wenn mit
Ihrem Vertrauen das Glück des Lebens vor Ihnen zusammenbricht dann denken Sie
dann rufen Sie mich Ich werde Ihre Stimme hören auch wenn hunderttausend
Meilen uns trennen kein Brief mich trifft keine Taube durch die eisigen Lüfte
dringt Wenn Auguste von Eitelbach gepressten Herzens in ihrem Kummer meinen
Namen nennt wenn sie schluchzend in die Nacht ruft Ach wäre er hier er
könnte mir helfen dann werde ich Ihren Ruf hören ob ich im tiefsten Schacht
der Bergwerke von Irkutzk dem Licht der Gnomen folge um die Adern edler Erze zu
schlürfen oder einsam schweife auf einem Renntierschlitten um die kalten Seen
Sibiriens  und ich bin bei Ihnen«
    Ohne einen Händedruck war er nach der Tür geeilt Sie rief ihm nach »Nach
Sibirien gehen Sie«  »Warum schaudern Sie gnädige Frau Es ist warm auch am
Eispol wenn das Blut im Herzen pulst«  »Ich dachte nur  ich war in Glogau
als der Erxner der Raubmörder nach Sibirien transportirt ward Was man doch
manchmal Närrisches denkt  wenn Sie auch so in Ketten hingeschleppt würden 
So fuhr er auch zusammen wie Sie jetzt «
    Er verneigte sich noch einmal und war verschwunden Sie sah ihm aus dem
Fenster nach So in sich versunken hatte sie ihn noch nicht gesehen Er
erwiderte den Gruß zweier Bekannten nicht »Er hat nur einen Fehler« sprach sie
bei sich »er kann den Rittmeister nicht leiden Aber  aber er wird noch nicht
 mit Sibirien hats gewiss noch gute Weile«
 
                          Achtundfünfzigstes Kapitel
                »Obs edler im Gemüt die Pfeil und Schleudern
                    Des wütenden Geschicks erdulden oder «
»Torheit zu glauben dass ein Mensch seiner Zeit voraufgeht Von der Strömung
in der Luft werden wir gezogen wie die Atome dem Atem zufliegen Es ist das
unergründete Gesetz in der moralischen Welt was den Riesen wie den Zwerg
regiert und die tollste Ironie ist es der wahnsinnigste Traum unserer
trunkenen Phantasie zu wähnen dass wir aus eigenem freien Impuls die Welt nur um
eine Spanne weiter rücken«
    Zwei Genesene saßen auf einer abgelegenen Bank im Tiergarten die laue
Sommerluft einschlürfend Der Eine den Arm in einer schwarzen Binde  schien
seine Krankheit bereits abgeschüttelt zu haben und das blasse Gesicht rötete
sich während die Glieder oft elastisch zuckten Es war Walter Der Andre trug
keine sichtliche Verwundung aber sein kräftiger Geist schien mit einer
physischen Mattigkeit im fortdauernden Kampf und sein auch bleiches Gesicht
blitzte von einer verräterischen Röte während das dunkle tiefe Auge
gespensterhafte Glanzblitze warf Es war Louis Bovillard er halte die obigen
Worte gesprochen
    
    Walter hatte längere Zeit vor sich hingeblickt die Lucubrationen des
Freundes hatten ihn nicht gestört »Wo ist das Allgemeinwohl das ist die Frage
Sitzts in den Gipfeln in den Wurzeln Wo ist das Mark Wir fühlen es wie das
Wasser den festen Boden unterspült die Wurzeln vom Erdreich löst wir fühlen
das Annahen des Sturmes Und noch wäre Rettung möglich aber die phlegmatische
Masse schließt noch die Augen trunken schreien Einige in die Lüfte aber sie
helfen nicht nur dem Feinde geben sie ein Zeichen wie es steht Die zu Wächtern
bestellt sind zu Baumeistern und Steuerleuten singen uns Schlaflieder zu Sie
zittern nicht vor der Gefahr draußen nur vor der Aufregung welche die Furcht
davor im eignen Lager verursacht Wo nun Einer mit dem besten Willen kommt wo
soll er anklopfen wo wenn er sein Gut und Blut hineinwerfen möchte ist die
Büchse um es aufzunehmen Das ist die Frage«
    »Was hilfts Dir wenn Du die rechte Eingangstür in ein verrottetes Haus
findest wo drinnen nichts mehr zu retten ist«
    »Es ist« fuhr Walter auf »Wie hätte dieser Staat so lange bestehen können
und leuchten in der Geschichte Es ist etwas nie Dagewesenes wie dies
Regentengeschlecht persönlich auf das Volk eingewirkt hat Das leugnest Du Dir
nicht fort vom Anbeginn bis heute Es hat alles was sein eigen war Gedanken
Geist Intelligenz Tatkraft Mut Entschlossenheit Ausdauer ausgesprützt in
die Adern der rohen verwilderten Stämme die es vorfand die es später mit
seinen starken Armen umklammerte bis sie unter dem warmen schirmenden Druck zu
einem Leibe verwuchsen Wir sollten freudig staunen über das Wunder einer
Gärtnerkunst denn das war es wo die Fürsten von anderm Stamme Blut aus einem
fernen fremden Lande so sich mit dem Boden den Boden mit sich amalgamirten
wenn nicht eben die Impfe so wunderbar nachhaltig gewirkt hätte dass alles was
auf dem Throne zur Geltung kam im Volke sich widerspiegelt und reproducirt wie
die Stärke vorhin nun die Schwächen wie das Licht jetzt die Schatten Es kam
einmal die Sitte von oben herab die nüchterne strenge hausbackene
Bürgertugend von jenem Soldatenkönig dann vom selben Throne mit den laxen
Sitten und der Frivolität jene eben so nüchterne Aufklärung Jetzt wo
Frömmigkeit und Gerechtigkeit in mildem Scheine von oben ausstrahlt wo wir aus
einem guten Sinne auf Tüchtiges gehofft ists die Unentschlossenheit die sich
auf das Volk ergießt und es zersetzt Wie wo soll da geholfen werden Nein wer
soll helfen wer die adstringirende Säure gießen in die in Auflösung befindliche
Masse«
    »Frage lieber wer ist der neue Prometeus Denn die Nachkommen des alten
verfolgten Revolutionärs sind im Laufe der Zeit legitime Philister geworden
gute Bürger die des Nachtwächters Ruf gehorchen Bewahrt das Feuer und das
Licht Schaff Dir neue Menschen Mit den alten ist nichts anzufangen«
    Bovillard war aufgestanden und blickte in die Ferne wo die Sonne zwischen
dem Walde versank
    »Torheit« wiederholte er »zu rühmen dass wir die Zeit verrücken die
unser spottend über uns hinrollt Der Kriegswagen des Donnergottes von
Sturmrossen gezogen Festungen zermalmt er und Heere die für unüberwindlich
galten wie Kartenhäuser und bleierne Soldaten und es ist nichts so fest auf
Erden was nicht schon knickt wo sein schnaubendes Gespann heranbraust«  Er
legte seinen Arm auf Walters Schultern  »Ich war da Lieber ich sah es ja in
der Nähe Unsern Staatsmann sah ich heiliger Gott Friedrich und sein großer
Ahn der Kurfürst müssten im Sarge rot werden wenn sie das gesehen Ein
Verräter  nein Man kann nur verraten was man weiß Wenn er sich in den
Wagen setzte zur Konferenz zu fahren wusste er noch nicht was er raten
fordern sprechen sollte Napoleon fuhr ihn an Er schwieg Napoleon kajolirte
ihm ging ihm um den Bart Er schwieg auch Dies Schweigen soll wirklich den
großen Mann anfänglich verwirrt haben bis er merkte dass man auch schweigen
kann nicht um zu verschweigen sondern weil man nicht weiß was man wollen
soll Solche Ratlosigkeit solche Fassungskraft solcher Mangel an Gedanken und
Mut Der Vertreter des Militärstaates wusste von den militärischen Operationen
nicht was ein Quartaner in Preußen wissen muss ließ sich einschüchtern Gott
weiß womit und was Napoleon in seiner Laune einfiel er ließ sein Heer über
Gebirge und Flüsse springen Schlesien nehmen Polen revoltiren dass die
Adjutanten hinter der Tür kaum das helle Auflachen zurückhielten Das Heer
geschwächt blutend hätte damals nicht vier Meilen mehr gemacht Dann zum
Trost überschüttete er ihn mit Lobsprüchen für seinen guten Willen seine
Einsicht und unser Mann ward rot vor Freude  Und in solche Hände legen
unsere Fürsten unser Schicksal und solchem Feinde gegenüber«
    »Und das deutsche Volk«
    »Soll es für die goldene Bulle schwärmen für Regensburg oder Wetzlar
Schwärmer gibt es wofür wären wir Deutsche«
    »Auch die Kreuzfahrer waren Schwärmer und doch eroberten sie Jerusalem«
    »Warte nur Lieber wenn die gutgesinnten Bürger die Strassenjungen gegen sie
animiren Kot auf sie Mit Recht sie stören ja die Ruhe Alle die
Volkserhebungen die man versucht hat da und dort um den Erzherzog zu
soulagiren kläglich fielen sie aus und wenn man Frieden schloss wie ließ man
sie im Stich die armen Schelme Was heute Tugend heißt und Patriotismus die
Diplomatie stempelts morgen zum Verbrechen und Hochverrat wenns ihr so
bequemer ist Was willst Du da vom armen Volk erwarten Sie äffen den Fürsten
nach und sie tun Recht Wer etwas für sich schaffen kann zugegriffen so
lange es Zeit ist Die alten Bande sind gelöst Es gibt kein Recht kein
Gesetz kein Vaterland mehr Hasche den Sonnenblick genieße den Augenblick Du
weißt nicht was morgen kommt Schöne Mädchen und Cyperwein Walter so lange es
schmeckt Preußen hat Recht wir waren im Unrecht es hat den größten Bissen
erschnappt Presse Hannover aus Du weißt nicht ob es Dir nicht schon morgen
wieder entrissen ist Schöne Mädchen und Cyperwein nur nichts von Vaterland
Menschenglück Phantasmagorien nichts als Mondscheinillusionen Im Ernst
Walter Sieh mich nicht so an Die alte Zeit ist abgelaufen aller Widerstand
ist Torheit  der neue Titane zerschlägt dem alten Sonnengott den Karren die
Splitter und Funken fliegen durchs Weltall Ducke Dich in eine Höhle wenn Du
eine findest und wenn Du lebendig bleibst gaffe ihm nach wohin er seinen
Feuerball peitscht Ich weiß es nicht«
    »Und doch« sprach Walter ihm nachblickend als er ohne Abschiedsgruss nach
der Stadt gegangen »doch würdest Du der Erste sein wenn « Er folgte ihm
    Seltsam als Walter in das Haus des Geheimrats Lupinus trat sollte er eine
Unterhaltung überstehen die denselben Gegenstand hatte Er fand den gealterten
Mann kränkelnd Er hustete viel Walter meinte das Zimmer sei wohl lange nicht
gelüftet der Bücherstaub habe etwas Drückendes
    Der Geheimrat hörte ihn mit Freundlichkeit an
    »Gewöhnen wir uns doch daran das Leben als eine Gewohnheit zu betrachten
dann fällt so vieles fort was uns sonst quält und ängstet Ist nicht Der am
glücklichsten der nichts in seiner Lebensweise ändert Wer immer ändert stellt
damit nur ein Testimonium aus dass er nie zufrieden war Ich weiß es ich werde
sterben vielleicht bald aber Sie werden noch lange leben Nun lassen Sie uns
von Ihnen reden Da ist Herr Niebuhr nun angekommen Er wird bestimmt
angestellt und wahrscheinlich in einigen Wochen schon ist er Bankdirektor mit
dem Titel Geheimer Seehandlungsrat Er hat Ihre Abhandlung über Alba Longa mit
Vergnügen gelesen Er wird ein Mann von Einfluss werden Jetzt kann ich Sie noch
empfehlen vielleicht bald nicht mehr Sagen Sie mir Ihre Wünsche lieber
Walter«
    Auf Walters Gesicht stand die Antwort Es war ein Thema was sie oft
besprochen Mit einem vielsagenden Blick fasste der Kranke die Hand des
Gesunden »Unser Staat ist kränker als ich bin Die Republik liegt in den
letzten Zügen die Scipionen schlummern in ihrer Gruft die Virtus neben ihnen
unser Aktium und Philippi steht vor den Toren die Katonen mögen den Giftbecher
leeren es bricht zusammen Herr van Asten ich weiß es auch und der Cäsar
scheint auch schon da der uns nur nicht behagt Was bleibt da dem Freien  Das
Exempel das ihm ein alter Freigelassener ließ«
    Der Geheimrat hatte sich mit Mühe vom Stuhl erhoben und war auf einen
Stock gestützt an seine heiligste Bücherwand geschlichen Einen Walter
wohlbekannten dünnen Band unscheinbar in altem Leder nahm er heraus Es war
eine Ausgabe des Horaz an die er keine fremde Hand ließ er zeigte das Buch nur
seinen Freunden
    »Wenns Ihnen schlimm ums Herz wird hier ist der Trost Zweifeln Sie dass
Horaz ein guter Patriot gewesen Ging ihm das Schicksal des Römischen Staates
nicht aus Herz Ich sage Ihnen es schnitt ihm hinein tiefer als die Herren
Ausleger denken der Schnitt steht nur zwischen den Versen und da verstehen sie
nicht zu lesen Was hätte es nun geholfen wenn er sich ins Schwert gestüzt Was
hatte Rom davon dass Brutus es tat Horaz warf seinen Schild fort machte sich
auf die Behendigkeit seiner Hacken und als er still stand und sich den Staub
abklopfte sah er dass der Himmel noch immer blau war und die Sonne so lau und
golden auf das schöne Italien schien als vorhin Hätte er nun krächzen sollen
wie die Eule Tacitus von ihrem alten Turm Zeter und Wehe über die Verderbnis
der Zeit Hat Tacitus die Zeit besser gemacht oder die römischen Sitten hat er
Rom nur einen bessern Kaiser verschafft Kontrair sie wurden immer schlimmer
Die Bussprediger tuns nicht und in das Rad der Weltgeschicke greift Keiner
ein das geht über die Köpfe der Völker und Königreiche Ein Narr wer da
glaubt dass er in die Speiche fasst ohne zermalmt zu werden und ausgelacht
obenein Horaz schloss Frieden Hat er darum sein Vaterland verraten Sein
Vaterland war größer Ubi bene ibi patria Er sang Beatus ille qui procul
negotiis  und freute sich von Rosen und Epheu umkränzt am funkelnden
Falerner  Nicht wahr das ist recht frivol und schlecht von ihm gehandelt Und
so was der Jugend zu predigen Aber aber  zweitausend Jahre beinah vergangen
und Horaz lebt Die Brutus spuken freilich in allen Revolutionen gar
tugendhafte Männer aber was hinterlassen sie Verfolgungen Kriminalprocesse
Steckbriefe Ausweisungen Schaffotte Bankerotte ruinirte Familien Elend 
aber wen auch das Rad nach oben trägt dem Horaz hört er immer gern zu er hat
in aller Welt das Bürgerrecht der süße Prediger einer Lebensweisheit die
dauern wird so lange die Welt steht«
    Walter schwieg Sie hatten auch darüber sich schon oft verständigt dass sie
sich nicht verständigen könnten Der alte Gelehrte klopfte ihm auf die Schulter
»Will ich Sie denn zwingen junger Eigensinn Erinnern Sie sich wie Morus seine
herrliche Biographie des Philologen Reiske anfängt Omnis vitae Reiskianae ratio
fuit non cedere malis sed audentiorem contra ire Ist auch ein schöner Spruch
und ein klassisches Latein Meinetalben immer drauf los wie der große Reiske
Erinnern Sie sich aber gelegentlich dass Horaz auch gesagt hat Est modus in
rebus sunt certi denique fines Er hat keine Maxime aufgestellt wie Cicero dass
der Mensch wedeln soll vor der Macht weil sie Macht ist Und dann dachte auch
wohl der heidnische Philosoph nicht an den Wurm s ist an einem anderen der
das Maß finden die Grenze stecken soll Und Integer vitae scelerisque purus
 das hatte dieser selbe Horaz auch gesagt In meinem Testament hatte ich es
Ihnen vermacht  diese  ja diese Leidener Silberschrift mit verschlungenen
Händen Warum so lange warten Rasch in die Brusttasche zur Erinnerung an einen
alten Mann der Ihnen wohl wollte«
    Das war etwas Ungeheures Walter erschrack »Dies Exemplar Herr
Geheimrat«
    Der Gelehrte drückte es ihm in die Hand »Dieses ich weiß keinen Bessern
der es nach mir aufhebt  Es ist freilich nur vom zweiten Abdruck Ja wenn es
mir gelungen wäre eines mit dem Totenkopf zu erhalten Was habe ich nicht
korrespondirt nach England Schweden was habe ich geboten Der Herr
Legationsrat von Wandel was hat der sich nicht für Mühe gegeben  er hofft
noch immer aber  es war vielleicht ein zu großer Wunsch und kein Mensch
scheidet von dieser Welt der sagen kann dass Alles in Erfüllung ging was er
wünschte« Den Geheimrat befiel hier ein heftiges Hüsteln Die Sprache versagte
ihm und der kalte Schweiß stand auf seinem blassen Gesicht Als Walter ihn nach
seinem Stuhl führen wollte stand die Geheimrätin plötzlich da  man konnte
glauben dass sie hinter einer Bücherwand Zeuge des Gesprächs gewesen »Verzeihen
Sie Herr van Asten man muss einen so langen Umgang mit einem teuren Kranken
gehabt haben um seine Wünsche zu verstehen«
    Ihr Blick hatte ihn fortgewiesen und er gehorchte Fast machte er sich
einen Vorwurf Hatte ihm der Geheimrat nicht noch etwas sagen wollen
Vielleicht war es das letzte Mal dass er ihn sah Aber er hatte schon die
Weisung der Geheimrätin überschritten die aus Vorsorge für den Kranken den
Befehl gegeben Niemand ohne ihr Vorwissen in das Zimmer zu lassen Er zauderte
im Vorzimmer Der Kranke musste sich wieder erholt haben er hörte ihn die
vorhin angefangene Ode Integer vitae scelerisque purus recitiren
    War es sein Sterbesang Die Geheimrätin schien betroffen als sie
zurückkehrend Walter noch fand Der Blick den sie ihm zuwarf hatte etwas
Befremdendes es war ihm auffällig dass sie ein Tuch vor dem Munde hielt
welches sie im Augenblick wo sie ihn sah fallen ließ Er glaubte sich zu
entsinnen dass sie schon im Krankenzimmer es an die Lippen gehalten Doch es war
nur ein Moment gegenseitiger Befangenheit Sie setzte sich auf ein Sopha oder
ließ sich fallen und drückte das Tuch an das Gesicht Ein Schluchzen hörte er
nicht Er sprach einige Worte der Teilnahme dass die Gefahr wohl nicht so groß
sein werde als man annehme dass die Natur des Geheimrats auch schwerere
Krankheiten zu überwinden im Stande sei dass er unter einer solchen Pflege
genesen müsse
    Den starren höhnischen Blick als sie das Tuch wieder sinken ließ konnte
er nie vergessen »Meinen Sie Herr Doktor  Er wird sterben  Wenn auch nur
darum damit die Leute sagen können ich hätte ihn schlecht gepflegt«
    »Gnädige Frau es ist nur eine Stimme mit welcher Aufopferung Sie für das
Schicksal Ihrer Angehörigen sorgen«
    »Sind Sie wirklich noch so jung und harmlos Herr van Asten  Sie haben
doch auch schon Erfahrungen hinter sich« setzte sie hinzu »und sollten wissen
was auf diese Stimme zu bauen ist Oder hörten Sie immer nur den lächelnden
Anfang und und schlossen vergnügt Ihr Ohr wenn die herzlich Teilnehmenden von
ihrem Lobe sich erholten zuerst in kühler Betrachtung die sie unparteiische
Wirkung nennen dann in leisen Bemerkungen dass bei dem vielen Guten doch auch
Schattenseiten sind endlich wenn die liebreichen Seelen erkannt dass sie unter
sich sind öffnen sich die Schleussen und die ätzende Bitterkeit schießt heraus
bis von dem Lobe nichts bleibt als einen tödtende Wunde«  »Das Tier im
Menschen zu bekämpfen sind wir auf dieser Erde«  »Meinen Sie Herr Doktor
Ich meinte nur die Klauen und die Stachel unter einer glatten Haut zu verbergen
 Wer leben will atmen genießen« rief sie mit einer heiseren Stimme die nur
aus einer zerrissenen Brust kommt »dem rate ich nicht die Waffen
fortzuwerfen die ihm die Natur gab«  »Sie gab uns auch andere  einen Schild
durch welchen die Stacheln nicht dringen«  »Der Schild den Sie meinen heißt
Resignation Sind Sie in der Tat noch so unschuldig Herr van Asten oder ich
glaube doch nicht dass Sie zu den koncilianten Gemütern sich geschlagen haben
die jeden Riss mit einer weißen Salbe heilen möchten Nein ich weiß es auch Sie
stemmen den Kopf gegen eine Mauer  Machen Sie sich doch nicht kleiner als Sie
sein wollen vor  Denen welche Sie von einer besseren Seite kennen gelernt«
sprach sie plötzlich aufstehend Sie war in einer Aufregung die Walter an ihr
neu war Sie wollte das Zimmer verlassen aber es war ein Dämon in ihr der sie
sprechen ließ was sie nicht sprechen wollte
    »Das Leben ist ein fortdauernder Krieg Aller gegen Alle Einfaltspinsel oder
Betrüger die von der Humanität faseln Die stillen friedlichen Pflanzen haben
kein ander Naturgesetz als eine die andere niederzudrücken Nur die entfernt
stehen auf zwei Gipfeln die den Saft der Erde Tau und Licht des Himmels nicht
zu teilen haben mögen mit Liebe koquettiren Das kann der Mensch nicht Zwei
die auf zwei Gipfelhöhen stehen beneiden sich auch in der Entfernung so fein
hat die Natur es gefügt  Unterbrechen Sie mich nicht mein Herr ich statuire
gar keine Ausnahmen Mann und Frau sind doch wenigstens eins wollten Sie
einwenden Ja bei den Ehen die im Himmel geschlossen werden Nur schade dass
bei denen die wir kennen der Notar und der Geistliche das Werkzeug waren Wir
leben auf dieser Erde mein Herr Ihre dämonischen Säfte ihr Atem zuckt in
unserm Blut und ihr Prinzip ist töten indem wir nach Luft und Leben ringen
Ihre Rechtsgelehrten sprechen ja wohl von dem Recht der Not wonach von zwei
Schiffbrüchigen auf einem Brett der schlauere und stärkere den anderen
hinabstossen darf Die Toren nennen es einen Ausnahmefall Es ist die Regel das
Naturgesetz danach leben Könige und Völker es gilt allüberall wo die heiße
Sonne auf das blasse Elend scheint und der blasse Mond spöttisch über die
Seufzer lächelt die aus der heißen Brust zu ihm aufsteigen Oder gehören Sie zu
Denen die das Brett loslassen und sich von der Welle fortspülen lassen damit
die Kreatur am andern Ende der edle Nebenmensch gerettet wird«  »Ich ward
noch nicht in die Versuchung geführt«  »Wenigstens ehrlich« lachte die
Geheimrätin »Nein nur halb ehrlich Die kleinen Versuchungen wo Sie
unterlagen haben Sie aus Schonung gegen sich selbst vergessen Sie zittern nur
vor den großen die noch kommen«  »Ich will sie abwarten«  »Mit der Miene
eines Stoikers Aber ich sehe wie der unterdrückte Ehrgeiz das getäuschte
Vertrauen unter den Fältchen Ihrer Stirn kocht Sie tun recht daran Herr van
Asten die Haut recht glatt zu spannen Aber mich täuschen Sie nicht so wenig
als ich Sie täuschen will Ja ich bin im Kriege mit dieser Welt um mich her
Wenn ich nicht schon ganz gemieden ausgestoßen bin o glauben Sie nicht dass es
aus Menschenliebe aus einem Rest von Achtung vor meinen Eigenschaften ist Die
gesellschaftlichen Rücksichten drücken ihren Stachel auf Den zurück der sie
zuerst bricht Das ist es allein Darum kommt man noch in mein Haus darum
öffnen sich die Flügeltüren wo ich erscheine Darum noch Händedrücke
plötzlich süße Mienen wie ihnen auch wird ein Embrassement Ich gebe ja noch
zu essen ich habe einen Namen mein Mann hat einen meine Vätter hatten einen
Andere führen eine glänzendere Tafel haben höhere Titel versammeln anmutigere
Gesellschaft um sich aber die Türen könnten sich doch einmal schließen man
könnte hinausgestossen werden und dann bin ich gut genug als pisaller O die
Menschen sind vorsichtige Rechenmeister Auch sind einige so gütig zu meinen
dass ich Verstand hätte sogar einen scharfen Ich sehe ihre Schwächen Das ist
Vielen sehr unangenehm Meine Zunge verwundet auch wohl es ist meine Natur Das
ist vielen dieser zartgeschaffenen Seelen noch unangenehmer Da sie mich nicht
von der Welt schaffen können was ihnen das Liebste wäre versuchen sie mit mir
zu liebäugeln Und das ist das Gescheiteste Wen man fürchtet und nicht
vernichten kann muss man streicheln bis die Gelegenheit kommt eine Fallgrube
in die man ihn hinterrücks stößt Das ist die Politik der Natur; Könige und
Kammerdiener Kluge und Dumme üben sie und es gibt die meinen dass die Welt
nur durch sie besteht«
    Wer hatte diese unglückliche Frau bis zu diesem Äußersten gereizt So hatte
sie sich nie ihm gezeigt Sie schien seine Gedanken zu lesen »Hat meine
Aufwallung Sie erschreckt Beruhigen Sie sich mein Herr ich werde auch wieder
ruhig werden Es ist zuweilen Bedürfnis sich gegen Menschen auszusprechen von
denen wir glauben dass sie uns verstehen«
    Sie war ans Fenster getreten aber mit einem Umweg und Seitenblick auf den
Spiegel wie Walter jetzt aufmerksamer bemerkte Sie hatte das Fenster
geöffnet um Luft zu schöpfen aber sie hatte mit dem Tuche rasch die Toilette
ihrer Physiognomie gebessert Als sie sich zu unserem Bekannten umwandte war
das Gesicht ein anderes die fieberhafte Aufregung war verschwunden die Augen
stachen noch aber glühten nicht mehr es war der lauernde ernste Ausdruck der
in ihren Zügen fesselte und abstiess
    »Ich gab mich Ihnen eben ganz wie ich bin Sie konnten das geheimste
Fältchen in meiner Seele lesen Ich überlasse Ihnen davon Gebrauch zu machen
wie Sie wollen denn ich bin nicht so albern zu glauben dass ein Rest von
Dankbarkeit und Pietät Sie bestimmen sollte mich zu schonen Nein beurteilen
Sie mich klagen Sie mich an vor der Welt wie Sie mich kennen gelernt Mein
unglücklicher Mann wird sterben  den täuschenden Trost der Ärzte weiß ich zu
würdigen  er wird sterben und mich wird man anklagen Man wird sagen ja als
es zum Aergsten kam da schlug ihr das Gewissen da pflegte sie ihn da verließ
sie ihn nicht bei Tag und bei Nacht da härmte sie sich ab Warum nicht früher
Und die klugen Leute haben Recht denn der Schein ist wider mich Wer sieht denn
hinein in das geheime zwanzigjährige Wehe eines zerrissenen Herzens Ich
verbarg es der Welt es hat Niemand ein Recht meine zerrissenen Schuldbücher
nachzuschlagen Das Glück meines Lebens kostete mich der Schein die Rolle einer
Befriedigten zu spielen Wenn ich nun aufschrie er war nie mein Gatte Nein
mein Herr ich ward ruhig ich ward sehr ruhig Sie mögen mich eine Frau
schelten die um ihren Mann sich erst kümmerte als der Anstand forderte auf
seinem Todtenbett das Haar vor Schmerz zu raufen Ich will ihnen auch den
Gefallen nicht tun ich will ihnen auch den Schein lassen mich kalt gefühl
und herzlos zu schelten Meine Trauer will ich in mich verschließen und eine
stumme Bildsäule an seinem Sarge stehen damit sie ein Rätsel mehr zu lösen
finden Jeder mag es nach seiner Art Sie Herr van Asten kennen mich nun in
einer unbewachten Stunde schloss ich mein ganzes zerrüttetes Sein vor Ihnen auf
 Nun suchen Sie sich Kompagnie die Ihnen gefällt unter Hohen und Niederen
über mich herzufallen mich zu zergliedern zu verurteilen Ich bin auf Alles
gefasst«
    »Ich aber nicht darauf dass Frau Geheimrätin Lupinus mich dazu fähig hält«
    »Fähig das weiß ich nicht ich kenne Sie nicht genug Aber aus Klugheit
dürfen Sie vielleicht nicht Kompagnieschaft halten Die gemeinen Seelen müssen
es ist ihre Natur Krieg führen gegen alles was sich über ihr Niveau erhebt
Und Sie sind in diesem Kriege Bleiben Sie in der Defensive so sind Sie
verloren  Ich weiß es nicht« setzte sie nach einer Weile hinzu »ich kümmere
mich nicht darum ob Sie den Mut haben Ihren Feinden ins Lager zu dringen«
    Unwillkürlich war Walters Blick auf seinen Arm in der Binde gefallen
    »Sie haben den Chevaleresken gespielt Ihren Gegner am Leben gelassen
Verspielt Herr van Asten Wer seinen Gegner nicht vernichtet hat ihn gestärkt
Hätten Sie Rache genommen wie die Beleidigung es heischte ja dann  aber
glauben Sie nicht dass man Sie darum für einen Kavalier hält weil Sie nach der
Mondschrift in dem schwarzen Buch der Kavalierehre gehandelt Obsolete Dinge
Man zuckt die Achseln ein Gelächter rieselt wenn die Junkeroffiziere von der
Affäre erzählen Der Andere wird jetzt beklagt Sie  Sie Walter werden nicht
gefürchtet Und Sie könnten gefürchtet werden es war in Ihre Hand gegeben Es
war die einzige Waffe für den Bürgerlichen glauben Sie mir ich kenne sie ja
sich Respekt zu verschaffen Die warfen Sie aus der Hand Was wollen Sie nun
tun Alles was Ihre feine scharfe Feder schreibt kitzelt da Keinem die Haut
Sie antichambriren umsonst Ihre Ideen bleiben Mondscheinsgedanken denn die
Welt bleibt dieselbe Herr van Asten Nach jedem Erdbeben wo etwa die Lohe des
Geistes, aus der verschlossenen Tiefe berstend über die Täler und Berge
wirbelte und die Wolken erleuchtete wo die Geknebelten Freiheit schrien und
Recht nach jedem solchen Rausch kommen sie wieder zur Besinnung es zieht sich
wieder die Rhinoceroshaut der Gewohnheit um das Pseudotitanengeschlecht das den
Himmel stürmen wollte und die Menschheitsbeglücker hat man noch immer nachher
gekreuzigt und verbrannt wenn man es nicht für bequemer hielt sie nur
einzusperren und auf dem Stroh verfaulen zu lassen Die Welt wird nicht anders«
    »Noch würde ich sie geändert haben wenn ich den Kornet in die jenseitige
geschickt Die Rache baut nicht Häuser sie zerstört nur Wehe wo es gilt
unser zerrüttetes Gemeinwesen wieder heben wenn die bisher Gedrückten nur daran
denken sich an ihren Unterdrückern zu rächen wenn nicht alles Persönliche als
wesenlos bei Seite bleibt wenn die Retter nicht mit ernstem heiligem Willen an
die Tat gehen«
    Man hätte ein chamäleonisches Mienenspiel auf dem Gesicht der Geheimrätin
bemerken können das sich endlich in ein feines ironisches Lächeln um ihre
Lippen auflöste »Sie haben die Prüfung gut bestanden Herr van Asten ganz wie
ich sie erwartete Hoffen wir Alle auf dem Wege der Geduld und Entsagung zu
unserm Recht zu kommen Ich habe Geduld Nicht wahr Und ich habe entsagt 
sogar dem Glück verstanden zu werdenKann man mehr Leben Sie wohl «
    Sie war gegangen um an der Tür wieder stehen zu bleiben »Sahen Sie
Adelheid seit Ihrem Ehrenhandel«  »Sie hatte einen Rückfall als ich nach
meiner Genesung ansprach«  »Sie werden auch in dieser Entsagung sich einen
Lorbeer erringen können«  »Wenn ich um den Sinn der Worte bitten darf«  »Dass
Adelheids Sinn seit sie bei der Fürstin ist sich geändert hat brauche ich
Ihnen doch nicht erst zu sagen«  »Die Fürstin hat so wenig Macht als irgend
eine Frau auf Erden Adelheids Sinn zu beugen«  »Freilich da ein Anderer ihn
schon gebeugt hatte«  »Ich werde mich selbst zu beugen wissen vor dem
Unabänderlichen wenn es entschieden ist«  »Eine seltsame Bezeichnung für den
jungen Bovillard«  »Bovillard«  »Liebt das heißt er rast für sie Nun das
weiß jedes Kind  Sie gewiss auch«  »Bovillard«  »Er ist ja auch wohl Ihr
Freund Was tut das Dass die Fürstin Adelheid deshalb zu sich genommen dass es
eine große Komödie in der Komödie war ist Stadtgespräch Dass Adelheid seine
Neigung erwidert und nur krank ist weil sie es zu gestehen sich scheut sind
öffentliche Geheimnisse«
    Walter hatte an seinen wunden Arm gefasst nur um mit der Hand irgend etwas
zu fassen Der furchtbare Schmerz erpresste ihm einen unterdrückten Schrei er
lehnte sich erblassend an ein Möbel
    »Nun Sie werden heroisch sein Wer wird Rache nehmen wenn er beleidigt
ist Und an einem Freunde Übrigens glaube ich wirklich nicht dass die Fürstin
Gargazin an Herrn von Bovillard ernstlich denkt Sie hat wohl andere Pläne 
Haben Sie nicht gehört wann Kaiser Alexander Berlin wieder besucht«
    Walter hatte nur die Hälfte gehört Er hatte respektvoll vor ihr sich
neigend für die gütigen Mitteilungen gedankt der Kaiser wie er gehört werde
ein Bad in Asien besuchen Es sei bei der geschwächten Gesundheit des erhabenen
Monarchen wohl recht zu wünschen Unten an der Treppe fasste er wieder seinen
Arm »Dies Weib Dies Weib Giesst sie Gift oder Feuer in meine Adern«
    Die Lupinus lachte als sie allein war hässlich auf »Der Wurm sticht doch
wenn er getreten wird und der verwundete Elephant und Löwe erhebt ein Gebrüll
wovon der Wald erzittert nur der Mensch prätendirt edel zu sein wenn er mit
einem stummen Seufzer sich zertreten lässt«
 
                          Neunundfünfzigstes Kapitel
                              Nur keine Lüge mehr
Es war ein glänzender Gesellschaftsabend im Palais der Fürstin Aber der
Abendstern der heute glänzen sollte erschien wie erlöschendes Licht wie eine
schöne Statue in Mondscheinbeleuchtung Es war etwas vorangegangen »Ein zu
heißer Tag« sagten die Herren Die Fürstin lächelte sanft Man wusste in den
flüsternden Gruppen weshalb die Fürstin die schöne Adelheid in ihrem Hause
aufgenommen Sie sollte es dekoriren wie die schönen Bilder Statuen und
Raritäten an den Wänden es dekorirten Gerade wie die Lupinus vorhin ein solches
Möbel für ihr Haus gebraucht Dies hatten die scharfen Zungen schon längst
ausgesprochen Auch mag ein Möbel eine Ornamentur die in einem Hause längst
ein abgenutzter alltäglicher Gegenstand geworden in einem andern durch
geschickte Verwendung wieder zu einem der Bewunderung werden
    Aber die Fürstin arrangirte nichts sie ließ Alles gehen wie es wollte Das
junge Mädchen war nicht wie eine Untergebene nicht wie eine Tochter man möchte
sagen auch nicht wie eine Freundin sondern wie eine Herrin aufgenommen der ein
Recht auf dies Haus und Alles darin zustand Sie hatte ihre besonderen Zimmer
Diener sie konnte Besuche empfangen ausfahren wie sie Lust hatte Sie
erschien oder blieb aus wenn Gesellschaft sich versammelte die Fürstin
betrachtete es als eine Freundlichkeit wenn sie Teil nahm und dankte ihr
jedoch mit der Bitte es nie als ein Opfer zu betrachten vielmehr ganz ihrem
Penchant zu leben
    Die Königin Louise hatte wieder gelegentlich den Wunsch geäußert die schöne
Adelheid zu sehen Der Wunsch einer Königin ist sonst Befehl Aber als Adelheid
die Augen niedergeschlagen und geantwortet hatte »Was soll ich vor der hohen
Frau« war die Fürstin ihr mit der liebenswürdigsten Art um den Hals gefallen
»Sie haben Recht was sollen Sie da Warum sich einen Zwang antuen Solche hohe
Personen werfen in der einen Stunde einen Wunsch hin um ihn in der nächsten zu
vergessen«
    Es war etwas vorangegangen vor dem Abend von dem wir sprechen wollten Die
Fürstin war von ihrem Prinzip gewichen sie hatte Adelheid genötigt mit der
Baronin Eitelbach eine Spazierfahrt zu machen Sie wollte die schöne Seele los
sein Adelheid hatte sie als Blitzableiter gebraucht ohne zu bedenken ob die
elektrischen Zuckungen des Entsagungsfiebers nicht in den Blitzableiter selbst
übergehen und ihn verderben könnten Die Welt wäre vollkommen wenn es keinen
Egoismus gäbe sagen weise Leute Andere meinen es wäre darin nicht
auszuhalten wenn nicht bisweilen die Selbstsucht zerstörend durch die Linien
und Netze führe mit denen uns die berechnende Weisheit zu Zahlen in einem
großen Exempel machen will
    Es war ein schwüler Sommertag aber es ruhte sich so weich in den Polstern
des offenen von englischen Federn geschaukelten Wagens und der russische
Kutscher lenkte seine Pferde pfeilschnell durch die schattenreichsten Gänge des
Tiergartens Eine Fahrt recht geeignet um seinen Träumen nachzuhängen die
Gedanken konnten spielen wie die Schatten der Blätter auf den hellen Kleidern
der schönen Damen die sie wussten selbst nicht recht warum hier kopulirt
waren
    Die Baronin war eine herzensgute Seele dessen war sie sich jetzt selbst
bewusst seit die Liebe ihr ein Bewusstsein gegeben Sie hatte nie hinter dem
Berge gehalten als sie noch nichts mitzuteilen hatte nämlich aus ihrem innern
Leben seit hier ein Gedanke wogte und andere erzeugte die sie für ihr
unbestreitbares Eigentum hielt erschien es ihr sogar als Pflicht von diesen
Gefühlen und Gedanken auszuschütten Je schwerer uns eine Errungenschaft ward
um so mehr halten wir uns berechtigt dass Andere Belehrung von uns empfangen
müssen Es ist nun einmal so aller Autodidakten Art
    Adelheid war eine Kranke Das war eine angenommene Sache nur war man
darüber uneinig ob ihre Krankheit eine physische oder psychische sei Die
Roheren oder die Gleichgültigen sagten sie sei so schlecht von der Geheimrätin
behandelt worden oder sie habe sich doch so wenig mit ihr vertragen können dass
sie fortlaufen musste und man habe es dann nachher so abgekartet als hätte die
Fürstin sie nur wegen des Nervenanfalls ins Haus genommen Von dieser
erschrecklichen Behandlung oder dem inneren Zwiespalt sei das arme Mädchen
krank und schweige nur darüber aus Großmut und Schonung gegen ihre frühere
Wohltäterin Vermittelnde meinten dass die Geheimrätin ihr Verhältnis zu
Walter van Asten begünstigt dass sie ungehalten geworden weil Adelheid kalt
gegen ihn geworden das habe Beide auseinander gerissen Aber krank konnte sie
doch darum nicht sein nicht aus Verdruss dass sie die Liebe einer Frau
eingebüßt welche sie nie geliebt noch Wohltaten welche ihr stets drückend
gewesen Genoss sie doch jetzt die volle Liebe und Wohltaten der liebenswürdigen
Fürstin in ganz anderm Masse
    Also musste eine andere Liebe ihrem kranken unbeschreiblichen Wesen zu
Grunde liegen Und hier war das Feld der Vermutungen für die Feineren Sie
hätte Dem ihre Neigung zugewandt der sie als Lehrer rasch und glücklich in ein
höheres geistiges Leben geführt Es war eine reine uneingeschränkte Neigung
geblieben welche sie, von Bewunderung und Dankbarkeit erwärmt oder getäuscht
für Liebe gehalten bis  ein Anderer erschien für den ihr Herz anders schlug
Sie war krank geworden wirklich körperlich leidend unter Gefühlen die sie
vergebens zu unterdrücken versucht Da war  es musste eine Krisis eingetreten
sein die mit einer äußeren Begebenheit in Verbindung stand Sie war in Folge
derselben in ein anderes gastliches Haus übergesiedelt So weit war den
Eingeweihten alles klar Sie kannten auch den Namen des Zauberers ihn selbst
Hier aber schoss ein neues Rätsel auf eine neue Sphinx lagerte sich vor dem
Portikus der in die Salons der Fürstin führte
    Louis Bovillard hatte Zutritt Die Fürstin die um Alles wissen musste nahm
ihn wenn nicht mit Auszeichnung doch mit zuvorkommender Teilnahme und Güte
auf Er bis da ein wüstes Genie das man verloren gab vermieden wenn nicht
gar ausgestoßen aus der Gesellschaft ward von ihr nicht nur zu den kleinen
Cirkeln und Partien gezogen sie schien die Fahne über ihn schwenken zu wollen
wenn sie die höchsten und ehrenwertesten Personen in ihr Haus geladen hatte
Und er ging aufrecht und stolz umher unbekümmert um Die welche ihn scheuten
und hassten Denen mit ironischem Mitleid sich nähernd welche vor seiner
Berührung erschraken Bis auf eine feinere Toilette eine gentilere Haltung
schien er hier derselbe Louis Bovillard auf den man einst auf der Straße mit
Fingern zeigte dieselche Nonchalance derselbe kaustische Witz mit bitteren
Sottisen mit einem beissenden und vernichtenden Urteil derselbe Übermut und
dieselbe Rücksichtslosigkeit gegen Die um welche die Gesellschaft sich
ehrerbietig gruppirte
    Nur wenn Eine erschien war er ein Anderer Sein Übermut war gebrochen
sein Witz stockte seine glühenden Augen hafteten auf ihr Er konnte dem
flüchtigen Beobachter wenn er sie dann wieder zu Boden sinken ließ wie ein
verlegener junger Mensch bedünken der zum ersten Mal in eine Gesellschaft
tritt Und doch war Louis Bovillard kein Rätsel
    Aber sie die Eine welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wüstling
geübt Liebte sie ihn sie die so ruhig und kalt ihm entgegentrat wie jedem
andern gleichgültigen Gast seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd um
nach einigen gewechselten Worten über Wärme und Kälte Wetter und Wind Anderen
entgegen zu eilen Wie war sie da erfreut schüttelte die Hände embrassirte die
unbedeutendsten und unangenehmen Damen wie nur teure Jugendfreundinnen Nur dass
sie plötzlich in Gedanken versunken auf ihre Ansprache zerstreut antwortete
Sie musste nicht recht zugehört haben sie verwechselte die Personen »Eine
verzogene kleine Glücksprinzessin« hatte da wohl eine vornehme Dame geäußert
die auf specielle Aufmerksamkeit Anspruch machte  »Sie ist wohl destinirt
immer die Interessante zu spielen« entgegnete eine Andere  »Sie ist krank
und kränker als wir denken« sagte ein Arzt der berühmte Doktor Marcus Herz
welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien Auf die Frage
was ihr fehle entgegnete er »Was unserm Staate fehlt eine heftige Krisis
damit die Krankheit herauskommt«  »Welche Krankheit«  »Die schwerste die
welche man vor sich selbst verbirgt«
    Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke Adelheid
litt an der Krankheit in deren Überwindungsstadium sie sich selbst befand
    »Liebe Seele« hatte sie gesagt »ich kenne ja das Sie sind verliebt und
wollen sichs nicht eingestehen«
    Adelheid war aufgefahren Sei es denn Zeit um zu lieben wo man nur hassen
müsse Sie hatte von der Ehre und Not des Vaterlandes gesprochen warm wie es
aus dem Herzen kam in solchen Augenblicken dürfe der Mensch nicht an sich
denken Aber sie erschrak über ihre eigenen Worte Es war eine Rede geborgt aus
einer anderen Stimmung denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland sie hatte
nur an sich gedacht wie sie dort im kurzen Röckchen unter den Platanen
gespielt unter den Brombeersträuchern Hütten gebaut der kleine grüne Fleck
hinter den verkümmerten Tannen war eine Wüste gewesen die für sie kein Ende
hatte Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut aber sie hatte die
Ahnung und den Begriff. Und dann  durch dieselbe Allee war sie später gefahren
und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte die sie jetzt
erst verstand schoss das Blut ihr zu Kopf Aber auch die Obristin Malchen und
ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den
Gesträuchen in denen die Sonne ihr funkelndes Gold aussprenkelte Wie oft war
sie an der Seite der Geheimrätin hier vorübergerollt Warum war diese
Erinnerung ihr jetzt weit schreckhafter Warum rückte sie in die Ecke des
Wagens als scheue sie vor der Berührung eines Gespenstes Verdankte sie ihr
nicht viel sehr viel ihr ganzes geistiges Dasein dem Umgang der klugen Frau
ihren Belehrungen Ja vielleicht war es das was wie ein Frostfieber ihre Adern
durchrieselte Sie war die chemische Säure gewesen die aus der jungen Brust die
Begeisterung aus dem Blut die Elasticität gesogen den Glauben die Hoffnung
und die Liebe Sie wäre untergegangen das fühlte sie in dieser kalten
zersetzenden Nähe und etwas davon war in ihr geblieben es beschwerte ihr Blut
es trübte ihren Blick der Egoismus des Verstandes!
    Und als diese wechselnden Schicksale wie die Stäubchen im Sonnenstrahl vor
ihrem inneren Auge wirbelten hatte sie sich gefragt warum das Schicksal so
wunderbar mit ihr gespielt sie schleudere aus einem Arm in den andern Menschen
und Gewohnheiten tauschend wie die Bilder aus einer Laterna Magica Ob sie eine
besondere Bestimmung habe indem sie die Menschen in ihrer Schlechtigkeit kennen
lernen sollte Eine entsetzliche Frage hatte in dem jungen Herzen angepocht hat
die Natur den Menschen auf die Welt gesetzt zur Lüge oder um nach der Wahrheit
zu ringen Die der Lüge lebten einen andern Schein um ihr Sein woben  hatte
sie nicht beobachtet dass gerade diese vom Glück angestrahlt waren gesucht
geschätzt anerkannt selbst von Denen welche sie durch und durch erkannten
Die dagegen kein Aushängeschild über ihr Wesen trugen ihre Gedanken rein
aussprachen gerade auf ihr Ziel losgingen wo hatten sie es erreicht wie
wurden doch ihre Gedanken missverstanden anders ausgelegt höchstens belohnt
durch eine laue Anerkennung ihres redlichen Strebens Aber hinzugesetzt ward
schade damit wird er nie durchdringen Es hilft der Welt nichts was er tut 
Was hatte Walter errungen  Der arme Walter Und sie  Sie hatte ihn
getäuscht sie täuschte ihn noch immer fort sie täuschte sich  sie war in ein
Labyrinth der Lüge geraten Und wo der Ausweg
    Als wolle sie ihn suchen hatte sie in die Wipfel geblickt deren Blätter im
Abendwinde durcheinander wogten ohne dass sie nur eins mit den Augen verfolgen
können Da hatte die Baronin jene Worte an sie gerichtet Und wieder betraf sie
sich auf einer Lüge Sie musste das Auge vor dem Blick der Eitelbach
niederschlagen So hell und klar sah diese sie aus ihren großen blauen Augen an
Das ausdruckslose Gesicht gewann durch das Gepräge der Wahrheit einen Ausdruck
der für sie in dem Moment überwältigend war
    »Liebe Alltag warum zieren Sie sich denn vor mir« sprach die Eitelbach mit
dem gutmütigsten Tone von der Welt »Der Bonaparte mag ein noch so böser und
unser König ein noch so guter Mensch sein jeder Mensch denkt doch an sich
zuerst«
    »Jeder« sagte Adelheid um nur durch ein Wort ihrer gepressten Brust Luft
zu machen
    »So ist es schon Ich lass mich auch gar nicht mehr irre machen Krieg mag
schon nötig sein auf der Welt meinethalben ich kenne sie aber die Herren
Offiziere alle und da ist keiner der nicht an sein Avancement denkt wenn er
sich in den Kragen wirft und grunzt dass man glaubt die Seele sollte ihm
ausgehen von des Königs Rock und Friedrichs Ehre und wenn er dann auf den
Hacken Kehrt macht und eine Miene sich geben will  Na habe Dich nur nicht
denke ich  Gerade wie mein Mann Wenn der spuckt und über den Frieden
lamentirt und sagt Daran gehen wir zu Grunde dann weiß ich auch was die
Glocke geschlagen hat Wenn er die Mantellieferung gekriegt dann wären wir
nicht zu Grunde gegangen und es könnte Friede werden in alle Ewigkeit So sind
die Männer Sie denken nur an sich«
    »Nicht alle«
    »Nein Einer nicht Aber sonst Ja wenn das Andre draußen mit ihren
Wünschen zusammenpasst dann sind sie lichterloh Das weiß dann zu parliren und
encouragirt sich bis sies am Ende selbst glauben dass es darum ist Es amüsirt
mich wenn ich sie so höre sich warm reden aber mich täuschen sie nicht mehr
auch die Klügsten nicht Ich denke sprecht Ihr nur ich weiß doch was dahinter
steckt«
    »Täuschen die Männer nur Belügen wir uns niemals«
    Die Baronin schien nachzusinnen »Nein liebe Seele Engel sind wir auch
nicht immer Wenn mein Mann Feuer schlägt mancher Schwamm will gar nicht
zünden aber der andre fängt im Augenblick der ist weicher sagt er So sind
wir Frauen habe ich da gedacht Wenn ein Funken vom Himmel fiele bei den
Männern hat es gute Weile aber wir «
    »Lodern rascher auf Ist das aber gut«
    »Was vom Himmel kommt ist doch gut Die Leute sagen nun Sie könnten den
Louis Bovillard nicht ausstehen weil er den Napoleon einen großen Mann nennt
und Gott weiß was Die Leute sind nicht gescheit Er tut es nur um sie zu
necken und Sie auch Und wissen Sie warum Sie ihm immer den Rücken kehren
Damit er sich nicht einbilden soll dass Sie ihm gut wären Und warum Sie immer
so in Extase sprechen wie Sie die Franzosen hassen Nur damit die Andern nichts
merken sollen wie Sie verliebt sind«
    »Frau Baronin«
    »Mir machen Sie nichts weiß Sie sinds bis über die Ohren und wenn er
selbst ein leibhaftiger Franzose wäre schadet nichts Und wenn er dem Bonaparte
sein General oder gar sein Spion wäre da würde Ihr Franzosenhass so klein ach
mit dem Teelöffel könnten Sie ihn runter schlucken«
    Adelheids erstaunter Blick sagte »Wie kamst Du dazu«
    Auch diese stumme Sprache verstand die Erleuchtete »Und ich weiß auch wohl
nicht was Sie jetzt denken Dass die blinde Henne auch mal ein Korn gefunden
hat  Denken Sies immer zu ich nehms Ihnen gar nicht übel Als ob ich nicht
wüsste dass die Andern auch so denken Das genirt mich aber gar nicht Haben Sie
doch gedacht Sie könnten mir Männchen vormachen und mit mir Blindekuh spielen
in Ewigkeit Eine Weile gehts aber dann fällt die Binde doch runter Jetzt
sollen Sies aber nicht mehr da gebe ich Ihnen mein Wort Allzuscharf macht
schartig und hinterm Berge wohnen auch Leute sagte meine Mutter Aber warum
wickeln Sie sich so in Ihren Shawl Zu schämen brauchen Sie sich doch nicht und
vor mir am wenigsten denn ich sage es Jedem grad heraus Ich liebe und bin
glücklich«
    »Und Sie haben doch entsagt« Das Verhältnis der Baronin war zum
öffentlichen Geheimnis geworden
    »Und nun bin ich gerade erst glücklich Ich weiß er liebt mich und er
weiß ich liebe ihn und es geht nun einmal nicht«
    »Ist das ein Glück«
    »Muss man denn sich immer ins Auge sehen die Lippen öffnen und die Hand
drücken um sich zu sagen dass man sich liebt Wenn wir noch so weit getrennt
sind sehen wir nicht Beide da den Abendstern aufgehen Brauchen wir uns Briefe
zu schreiben um uns zu sagen dass wir uns nie vergessen werden Ja ehedem
dachte ich wohl ohne Rosabillets auf duftendem Papiere und schöne Präsente
ginge es nicht Ach wie ist das Alles ganz anders Diese Blicke aus seinen
treuen guten schönen Augen werden immer vor mir stehen wie die Sterne am
Himmelsbogen Und ist das kein Glück dass ich überzeugt bin auch er sieht mich
wie ich ihn sehe Auch er wird von falschen Zungen umschwirrt die mich wie ihn
verreden Aber auch er weist sie zurück Nein je weiter Zeit und Ort uns
entfernen um so inniger wird unser Bund denn er ist unauflöslich  Und
Adelheidchen so könnten Sie auch fortlieben und glücklich sein «
    »Und lügen  lügen in Ewigkeit« brach es aus der gepressten Brust Es war
unwillkürlich die Eitelbach wollte sie nicht zur Vertrauten ihrer Gefühle
machen
    »Entsagen Liebe ist das lügen Der Besitz tötet die Freude des
Verlangens hat mir Jemand ins Stammbuch geschrieben Würde ich ihn lieben wie
jetzt wenn er vor acht Jahren  nun ja wäre er mein Mann dann würden wir uns
vielleicht recht gut sein aber hätten sich unsre Seelen kennen gelernt Die
gemeinschaftliche Menage sagt der Legationsrat das tägliche Beieinander
stumpft die feineren sinnigen Gefühlsfäden ab nur Verlangen und Entbehrung
weckt die edleren Seelenkräfte Er wills mir auch ins Buch schreiben Er
braucht es nicht ich fühle es ich weiß es Ich ward eine Andere mein Mann
sagt er kennt mich nicht wieder Nun bin ich erst froh ich weiß warum ich
lebe Wir nicken uns durch die Lüfte einen guten Morgen zu Wenn ich ausfahre
freue ich mich der frischen Luft auch ihn kühlt sie ja wenn er über die Heide
sprengt Abends schüttelt er treuherzig den Kopf und ruft mir Gute Nacht zu«
    Adelheid fasste krampfhaft den Arm ihrer Begleiterin »Soll das Ihr Leben
dauern«
    »Herr Gott wie Sie zittern  Warum denn nicht«
    »Weil  allmächtiger Gott ich glaube der Versucher rauscht in den alten
Eichen Nennen Sie das entsagen«
    »Wie denn sonst Der Versucher das weiß ich wohl mit dem hat die Fürstin
es zu tun er vergiftet das Blut sagt sie und der sündhafte Gedanke zehrt an
der Seele ein kleiner Fehltritt sei nichts gegen eine große Gedankensünde Ach
die gute Gargazin ist eine Russin sie kennt die Liebe nicht die sich Alles
versagt und nur für den Geliebten sorgt So liebe Seele würden Sie lieben
Wenn Sie den Herrn van Asten heiraten müssen weil er Ihr Wort hat tun Sies
und er wird gewiss ein guter Ehemann werden besser als meiner Aber dann wenn
Sie Ihre Pflicht getan wer darf Sie von Ihrem Bovillard trennen o dann
werden Sie selig unaussprechlich selig werden«
    Adelheid fühlte einen Schwindel es schwankte und drehte sich und ihr war
als müsse sie aus dem Wagen springen Es war aber mehr als eine Empfindung der
aufgeregten Stimmung Der Kutscher wie sich nachher ergab betrunken hatte den
Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt ohne den Charlottenburger
Milchkarren der leer aber langsam ihm entgegenfuhr zu bemerken Die Fuhrwerke
waren aneinander gestoßen freilich zum größeren Schaden des Karrens der
zerbrochen am Boden lag die Blechgefässe polterten auf die Straße aber auch die
Equipage hatte sich übergelehnt und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen wozu
vorhin innere Angst sie drängte
    Als die Baronin noch um Hilfe schrie hatte sie rasch entschlossen sich
schon danach umgesehen und sie war zur Hand Zwei einsame Spaziergänger waren
von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lärm herangeeilt Adelheid
riss ihren Shawl von den Schultern und warf ihn dem ihr Nächststehenden zu Als
er aber die Arme ausbreitete um ihr herabzuhelfen fuhr auch ihr ein Schrei
über die Lippen kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen aber laut
genug dass er Zweien durchs Herz fuhr der welche ihn ausgestoßen und dem
welcher ihr die Arme entgegenstreckte Walter van Asten sah wie Adelheid sich
von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck
aus ihrer gefährlichen Lage gehoben ward Er hatte genug gesehen Auch die
Baronin durchzuckte ein Ton der nur halb über ihre Lippen kam Sie nahm die
Hilfe des jungen Mannes dankbar an »Ich danke Ihnen« sagte sie ihr Haar in
Ordnung bringend »dass gerade Sie es sind«
    Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht
länger verweilen was geht uns der Lärm das wüste Gezänk an zwischen Kutscher
Milchmann den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern Ein Rad war gebrochen
in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren Ihre Retter
führten die Erschreckten langsam bis eine leere Kutsche ihnen begegnete
    Adelheid wusste nachher nicht was der Rittmeister mit ihr gesprochen sie
wusste selbst nicht ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen an dessen
Arm sie ging Sie wusste nichts von sich auf dem viertelstündigen Wege Erst als
man sie in den andern Wagen hob fühlte sie einen Händedruck Walters Stimme
flüsterte fest aber nicht rau und kalt »Zum Abschied Adelheid Nun bist Du
frei«
    Die Damen hielten ein gegenseitiges Schweigen für die beste Unterhaltung auf
dem Rückwege Adelheid hatte sich fest in ihren Shawl geschlungen obgleich es
eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf um sich nicht
zu echauffiren Das junge Mädchen musste frieren ihre Zähne klapperten und es
waren wohl Phantasien wenn die Baronin oft die Worte hörte »Nur keine Lüge
mehr«
 
                             Sechszigstes Kapitel
                           Die Wollust der Märtyrer
Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen
    Es war noch etwas Anderes vorangegangen  im Souterrain des Hauses Wer die
liebenswürdige Wirtin sah wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen
entgegeneilte und über das unerwartete Erscheinen von Dem und Jenem fast
kindlich erfreut schien konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen
zweifeln »Wenn sie es auch nicht so meint ist es doch angenehm dass sie es so
zeigt« Aber er konnte nicht ahnen wie diese Augen aus denen Wohlwollen und
Güte blitzten vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel ich sage nicht
lächelnd geblickt aber teilnahmslos stier Auch das passte nicht vielleicht
mit der Wollust eines gesättigten Raubtiers das seines Opfers Blut fließen
sieht
    Der Kutscher hatte es allerdings verdient Mit einer milderen Züchtigung
wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen rief sein
Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor
welche der Haushofmeister ihm diktirt Auf Ordnung muss ein Herr und eine Herrin
im Hause halten Es war die Ordnung dass der dienstvergessene Leibeigene von
zweien andern eine Lektion empfing deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft
unserer Nerven übersteigt Auch dass die Herrin zugegen war um nach Handhabung
der Ordnung zu sehen verstiess nicht absolut gegen die Sitte Nur dass sie mit
verschränkten Armen an der Kellertür stehend so lange zusehen konnte ohne mit
den Augenwimpern zu zucken ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu
rufen dass um ihre Lippen ein eigentümliches Lächeln schweben konnte während
ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich
rötete das musste einen besonderen Grund haben
    Es hatte auch einen In Gedanken versunken in Phantasien die sie
interessieren mussten schien sie eigentlich was geschah vergessen zu haben
Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen der
einen Augenblick inne hielt in der Meinung es sei genug Ein Sklave darf keine
Meinung haben als sie nicht gewinkt fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit
fort Die Herrin hatte es zu verantworten er und der Kalmück waren nur die
Werkzeuge vielleicht die willigen Der Zoll von Herrendienst den sie dem
Kutscher abentrichteten war gewiss nur eine Vergeltung für viele ähnliche die
Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet Es hätte schlimmer werden können,
wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert »Madame la
princesse je crains que les cris de la bête ne pénètrent pas les oreilles de
Mademoiselle Alltag Elle fait sa toilette tout près de lescalier« Da war die
Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden Etwas unangenehm schien es Die
Alltag durfte nichts hören Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt inne zu
halten sie wollte ungehalten sein dass man sie nicht früher aufmerksam gemacht
aber sie sagte der Anblick sei rebutant Sie hatte etwas von pauvre homme
hingeworfen und Anweisung gegeben ihn gut zu pflegen damit er bald wieder
seinen Dienst verrichten könne
    Und sie hatte noch eine unangenehme Überraschung gehabt Der Kammerdiener
hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrat zugeflüstert was sie damals
überhört Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanapé
    »Possen oder was ist das« fragte sie verwundert als er sich durch die
Tropfen erholt die sie aus ihrem Flacon gesprengt und er selbst ein Fläschchen
entkorkte um durch das Einatmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu
kommen  »Ich kann kein Blut sehen« sagte er »Sie wissen es«  »Starker
Mann«  »Stärkere leiden an Idiosynkrasieen«  »Wer seinen Freund zum
Rendezvous auf zwei Kugelmündungen ladet« Es blieb zweifelhaft ob die
Bemerkung ironisch gemeint war ihr Blick verriet es nicht Ihre Gedanken waren
noch anderswo
    »Die Kugel bringt den Tod dem Andern oder mir Ich fürchte weder diese
Frage zwischen Sein und Nichtsein noch das Eingehen in das Nichtsein Aber das
Blut ist eine unvertilgbare Essenz« sprach er schaudernd und sprang auf »Ich
kann nicht dafür dass meine Natur so ist noch begreife ichs warum die ewig
gebärende Mutter diese Anomalie in ihrem großen Schöpfungswerk zuließ Ich
wische alle Tinten Farben spurlos aus aber warum widersteht dieser hässliche
rote Saft warum wird er so oft zum Verräter « »Weil der Himmel das warme
Blut in unsere Adern goss« rief die Gargazin »als den köstlichen Saft in dem
wir uns berauschend einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mögen Das
begreifen Sie freilich nicht Mann von Marmor«  »Den Rausch begreif ich
Erlauchte Frau auch den Rausch in Blut Aber nicht verzeihen Sie wenn es
durch Geisselhiebe aus dem  Rücken einer elenden Kreatur gepeitscht wird Alles
was man ohne Zweck tut ist meiner Natur entgegen«  »Der Zweck Kurios
Fragen Sie meinen Haushofmeister Der Mensch hat es verdient«  »Dass Sie sich
selbst strafen und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen damit er sechs
Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann wenn je wieder«  »Ich war in einer
animosen Laune Wer widersteht einem Impuls«  »Darum war ich um meine
Erlauchte Freundin besorgt denn der Exzess in der Bestrafung könnte in diesem
Staate unangenehme Folgen haben« »Die sich redressiren lassen«  »Gewiss es
bleibt indes immer sehr unangenehm wenn man seine Kräfte zum Redressiren von
Vergangenem verwenden muss Die Meinung das Publikum übt eine Macht die wir
durch den Widerstand nur intensiv stärker machen Wenn es hieße die Fürstin
Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prügeln lassen so würde man die
Gerüchte wohl zum Schweigen bringen weil Sie die Fürstin Gargazin sind auch
für die Oeffentlichkeit würde die Wissenschaft Atteste bereit haben dass der
Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist aber das Todesröcheln des
Zerfleischten möchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen
den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert«
    Sie schwieg aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem süßen
Lächeln Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Teil gehört Mit wieder
auf der Brust verschlungenen Armen wie vorhin sprach sie »Sie sahen den Tod
und ich das Leben Sie das Entsetzen und ich  ich was kann ich dafür dass ich
anderer Natur bin Herr von Wandel Pawlowitsch wird nicht sterben diese
Geschöpfe haben eine andere Natur Sie kennen das nicht Er ist mein treuester
Diener Meinen Sie dass er mich weniger lieben wird weil ich ihn züchtigen
ließ Wenn er genesen ist versichere ich Sie wird er mit verdoppelter Devotion
sich auf die Erde werfen meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für
mich beten Und ich ich teile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das
Geschöpf Ich empfand die Geisselschläge mit  Lachen Sie nur Das verstehen Sie
eben nicht Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen oder
wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken Mich ergreift immer eine
unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen mein Blut wallt mein Körper empfindet
sie mit dieses spritzende Blut ich sehe es schon in Rosen und Lilien
verwandelt diese Röte des äußersten Schmerzes auf den Wangen der
Todesschweiss die verzückten Augen die krampfhaften Verrenkungen mir werden es
lauter Schönheitslinien und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen
durchschauert mich schon Harmonie und Vollendung«
    »Das heißt ein Läuterungsprozess in procura geführt« sagte der
Legationsrat oder er dachte es vielleicht nur denn die Fürstin in sich
versunken schien auf seine Erwiderung kaum zu achten »Wenn man nur dem
Geschöpf diese Überzeugung auch einimpfen könnte so würden seine Schauer die
wie ich glaube gemeinerer Art sind sich gewiss auch in eine wollüstige
Empfindung auflösen«
    »Sie würden es« rief die Fürstin »Wer sagt Ihnen dass sie es nicht schon
sind Er leidet für seine Herrin die er anbetet er leidet durch ihren Willen
und er kennt kein höher Gesetz Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir mein
Herr Legationsrat von Wandel Wie das Animal die Pflanze stehen sie dem
Ursprünglichen näher Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem
Paradieseszustande zurück in dem sie existieren Wie die Lilie auf dem Felde
wie der Vogel im Busch freuen sie sich der Sonne die sie bescheint sie legen
ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter freiem Himmel oder auf die Bank
die man ihnen am Ofen gebaut Sie denken nicht sie sorgen nicht auf den andern
Tag Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe Sie kennen unsere Pein
und unsere Qualen nicht unsere Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern.
Sie würden sie so wenig begreifen als der Herr von Wandel warum der Erlöser
für uns gelitten hat warum in Natur und Welt es so gefügt ist dass immer ein
Anderer für den Schuldigen leidet dass es Sündenböcke gab im alten Testament
Märtyrer und Heilige die den Überschuss ihrer guten Werke uns als Erbe ließ
Diese Sklaven singen und lachen während wir die Erwählten die tausend Nadel
und Dolchstiche empfinden die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz
drücken und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen auch wenn wir in
krampfhafter Pein vergehen möchten Was ist das Bischen Not dagegen das unsere
Laune ihnen bereitet die schöpferische Laune die heute quält und morgen dafür
entzückt«
    »Warum stehen Sie in Gedanken verloren« hub sie nach einer Pause wieder an
ihre Verzückung wie es schien hatte sich gelöst Sie ließ die Arme sinken und
sah ihn fast mitleidig an »Sie armer Mann was ich Sie bedaure in dem
hochmütigen Mitleid was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden
mögen«  »Ich bedauerte nur« erwiderte er »dass die Gottheit die wir uns als
männliches Wesen denken kein Weib ist Wie viel schöner würde ihre Welt sein«
 »Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen Sie tun mir so unendlich weh
weil jede Entzückung Ihnen versagt ist Aber ich appellire an Ihren Verstand
Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten Diese Masse diesen Pöbel das Chaos
von kriechendem Gewürm das fliegen möchte und nicht aufrecht gehen kann Wer
soll sie bändigen fesseln wenn keine eherne Faust umspielt von süßen
Himmelslichtern da ist keine beseligende Illusion diese gemeinen rohen
selbstischen Kreaturen die aus Habsucht Einer auf den Andern stürzen sich
zerreißen verzehren möchten Sie kratzen sich die Augen aus damit der Bruder
nicht schärfer sieht sie verschlingen die Vorratskammern die ihren eigenen
Winter sichern sollten damit die Mitmenschen nicht im Vollen leben Täuscht sie
der Popanz Humanität den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzhimmel malen
und Jeder stellt dem Andern ein Bein und Gift auf der Zunge Erbschleicherei
Betrug Raub Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter«
    »Der Popanz täuscht mich nicht Prinzessin« sagte Wandel »Mich täuscht
überhaupt nichts Ja könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene
einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten  Schade nur dass es auch
nur eine Illusion ist und wenn  die Priester würden sich untereinander auch
auffressen«
    »Hoffen Sie noch auf die Vernunft.« fuhr die Fürstin fort die ihn wieder
nur halb gehört »Die Göttin die sie in Frankreich auf die Altäre hoben hat
doch zu aller Welt geschrien seht wie albern und ohnmächtig ich bin Oder
hoffen Sies mit dem Geist der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm
wetterleuchtet Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland in Philosophen und
Gesetzgeber in verstockte Mönche Stubengelehrte und Fürsten auf dem Thron Was
hat er gezündet gewärmt und gefruchtet Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit
hat er in Brand gesteckt aber die Unglücklichen daraus Vertriebenen wo fanden
sie anderes helleres wärmeres Obdach Feuersbrünste hat er angefacht Wälder
und Haiden verzehrt aber wo nur eine Fackel angezündet die in der Nacht
leuchtet welche immer darauf wieder eintrat Da lobpsalmen die alten
Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn dass er die Greuel des
Aberglaubens und der Finsternis verscheucht hat aber wo blieb ihr Licht das
ihnen leuchtete durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte
wo ihr Haus das die Müden und Beladenen aufnahm wo das Geläut der
Himmelsglocken die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten wo der
Schlafpelz die weiche Bärenhaut in die sie sich hüllten und alle Sorgen waren
vergessen Wo in aller Welt können diese Verirrten Heimatlosen anklopfen in
ihren Aengsten ihrer Zerrissenheit um den Trost zu finden den nur die
Gewissheit gibt Was hilfts ihnen wenn sie sich von des Teufels Krallen
gepackt fühlen und der gelehrte Herr mit den Päffchen setzt die Pfeife fort um
vornehm herablassend der armen Kreatur mit rationalistischer Salbaderei zu
demonstriren dass der Teufel wahrscheinlich nicht existiert Um etwas Gewisses
Festes Sicheres schreien sie und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier
vor aus denen statt eines tausend Zweifel schlüpfen«
    Diesmal war es der Legationsrat welcher nicht Acht gegeben Er hatte mit
seinen Augen einen Punkt fixirt und packte plötzlich den Arm der Fürstin am
Handgelenk »Ein Blutfleck«
    Der Ärmel ihres Mousselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf
gesprjetzten Tropfens  »Ich habe es wirklich nicht gesehen«  »Aber Andere
werden es sehen Um des Himmels willen wechseln Sie das Kleid ehe es Jemand
bemerkt Adelheid « »Interessiren Sie sich so für das Mädchen« sprach die
Fürstin der die Unterbrechung nicht unerwünscht zu kommen schien indem sie den
befleckten Ärmel mit den Fingern prüfte Es war ein eigener Ton in dem sie
fragte der bare Gegensatz zu dem Affekte in welchem das Vorige gesprochen war
    »Nicht im geringsten Ich interessire mich für den Gegenstandder Ihr
Interesse erregt hat Da ich Ihre Absichten ahne muss ich wünschen dass jeder
Nebelfleck der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trüben dürfte entfernt
würde«
    Sie sah ihn scharf an »Sie sind die Uninteressirteit selbst Und doch 
zuweilen fällt vor meinem Auge Ihre schöne Hülle ab wie Staub und Moder und das
nackte Gerippe starrt mir entgegen das Herz von chemischen Agenzien zernagt
Aber glauben Sie nicht dass ich erschrecke Ich betrachte gern die Natur in
ihrem geheimsten Schöpfungsprozess wie sie ihr Schönstes und Bestes mutwillig
selbst vernichtet O immer zu die Natur ist eine elende Kammerzofe des
Mysteriums aus dem die Gnade leuchtet Immer zu mein Freund sich selbst
verzehrt bis der Durst brennend unerträglich wird Dann verlangen auch Sie
nach dem Quell O welche Kämpfe wird es Ihnen kosten wie wird diese Stirn
rollen vor stolzem Zorn wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein
wie werden Sie wütend mit der Faust dagegen schlagen ringend einen
Gigantenkampf mit dem Selbstbekenntniss bis  bis der Riese krachend zu Boden
stürzt und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt Wie werden Sie schlürfen
unersättlich an dem Born der Gnade«
    »Mais en attendant« sagte der Legationsrat  »Rührt Sie denn nicht
Adelheids Schönheit«  »Dass ich nicht wüsste«  »Mir unerklärlich mein Herr
großer Sünder Anfänglich hielt ich es für Verstellung Sie wollten mich
täuschen Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben sondern auch
das Rätsel zurückgelassen dass das Mädchen Sie kalt lässt Ist sie Ihnen eine
zu vollkommene Schönheit«  »Kunstkenner gehen auch an vollendeten
Meisterwerken vorüber«  »Weil nur die sie interessieren« fiel sie ein »die
Mängel haben Ists der Egoismus des kritischen Sinnes der immer korrigirend
schaffen möchte«  »Vielleicht vielleicht auch nicht Sagen Sie eine
Antipathie gegen was man reine Unschuldsseelen nennt Es überkommt mich ein
Frösteln in Gegenwart solcher jungen Mädchen«  »Ich begreife es weil ich es
mitfühle Aber « »Sie selbst kajoliren die Nymphe«  »Sie wissen warum« 
»Und eben deshalb wundre ich mich dass Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in
Ihr Haus erleichtern«
    Die Gargazin sah ihn schadenfroh an »Für die Naivheit möchte ich Sie
küssen«  »Sie protegiren ihn nicht«  »Wenn man Erz schmelzen will braucht
man Feuer«  »Wenn man aber das Feuer über den Kessel schlagen lässt kann es
leicht kommen dass das Erz überläuft und verdorben wird«  »Quimporte« sagte
die Fürstin und stäubte an dem Fleck am Ärmel »Was nennen Sie verdorben
werden«  »Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel aber ich frage mich
vorher ob der Vorteil das Risiko lohnt«  »Was geht Sie meine Rechnung an
Einen Stein kann man nicht schmelzen man sprengt ihn oder wartet bis der Blitz
ihn spaltet das Erz kann man aber so lange glühen und wieder zerglühen lassen
bis man es zu der Form geschmeidig findet die man ihm geben will Wollen Sie
sich in Adelheid verlieben Ihre Künste an ihr versuchen ich habe nichts
dagegen ich will nicht eifersüchtig sein Sie liebt ihn ich meine Bovillard
das ist ihre Krankheit die verborgene die an ihr zehrt Sie muss heraus die
Krisis ist notwendig darum wird sie kommen ohne dass wir etwas dazu tun
Verstehen Sie mich wir lassen die Natur walten«  »Und dann«  »Wenn Sie die
Bibel läsen würden Sie wissen man soll nicht für den andern Morgen sorgen
Sein Sie heut Abend liebenswürdig Herr Legationsrat«  »Ich bin nicht ganz
disponirt«  »Sie sollen es sein Sie können es sein Herr von Bovillard hat
nur zwei Augen und die gehören jetzt nicht ihm«
    Die Wagen fingen an vorzurollen die Fürstin verschwand mit dem wiederholten
Befehl »Sein Sie liebenswürdig«  Sie hatte kaum Zeit ihre Toilette zu
ändern aber Niemand hat den Blutfleck an ihrem Ärmel gesehen
 
                          Einundsechszigstes Kapitel
                         Was sagen Sie zu meiner Frau
Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen
    Der Abendstern der heute glänzen sollte sagten wir schon erschien aber
wie ein erlöschendes Licht Die Töne welche im Souterrain das Ohr zerrissen
waren nicht zu Adelheid gedrungen und wenn einer so ahnte sie nicht den Grund
es war für sie nur in der Luft das dumpfe Accompagnement ihrer eigenen
zerrissenen Gedanken Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden Sie
dachte so müsse einem Verurteilten zu Mute sein wenn er sich zum letzten
Gange ankleidet
    Zum Glück war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid
koncentrirt sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung von der man
sagen dürfte dass sie in voller Blütenpracht war
    Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Türecke wie ein liebliches
junges Mädchen aus dem die Scham die Wangen rötet die Augen schlägt sie
nieder in holder Befangenheit So schüchtern stand die Gazellengestalt halb
bedeckt von dem Oleanderbosket das aus irdenen Töpfen in malerischer Unordnung
um den mit Epheu umhangenen Türpfosten duftete Die schöne Blüte zitterte vor
jeder Berührung wenn wir die Begegnung die Ansprache der älteren Damen welche
die Tür passirten so nennen sollen Das Wechselgespräch war immer sehr kurz
man konnte glauben zur Zufriedenheit des jungen Mädchens das vielleicht erst
seit Kurzem in die Gesellschaft eingeführt war und der Boden unter ihr brannte
vor Angst dass sie einen Verstoss begehe Wenn man einen Schritt näher trat
verwandelte sich die Achtzehnjährige allerdings in eine vollblühende
Zwanzigerin die Moosrose ward zur vollen Centifolie Aber schön blieb sie man
konnte unwillkürlich rufen wunderschön Wem das dunkle schwimmende Auge
zwischen den schwarzen Brauen und den roten anmutig schwellenden
Pfirsichwangen einen Blick zuwarf musste von Stein sein wenn er nicht gerührt
ward Und war sie nicht eine Zauberin eine Armida Zwischen den Oleandertöpfen
schossen eine weiße und eine Feuerlilie in die Höhe und bunte Glaslampen
damals etwas in Berlin Unbekanntes warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und
das schöne Mädchen das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania Grazie
jede Bewegung Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte die sie vielleicht
in Gedanken von einem Strauch gepflückt das war kein gewöhnliches Fächerspiel
das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen Es war die
Sicherheit einer Königin die den Herzen zu gebieten weiß unbesorgt um ihre
Herrschaft Wenn sie die sanft geworfenen Lippen öffnete und die schönen Zähne
im Gespräch zeigte konnte man schwören wenn man auch kein Wort verstand dass
sie eine witzige Replik eine glückliche Bemerkung hinwarf Sie konnte auch
abfertigen und man mochte ebenso schwören dass die Vielen die mit ihr eine
Unterhaltung anknüpften aus Lust oder aus Gelegenheit ihr nicht genügten
    Wenn man indes noch einige Schritte näher trat  doch wir können unsre
eignen Beobachtungen sparen wo eine Gruppe Herren an der Tür gegenüber sich
die ihrigen schon mitteilten
    »Was hat sie denn heut für ein Rot auf« sagte ein GardeOffizier  »Wer«
 »Komtess Laura Das blinkert ja wie eine Karmoisinmuschel«  »Neueste
Josephinenschminke liebster Graf« drängte sich der Baron Eitelbach an sein
Ohr »Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris Die von der Oper sind
außer sichist ihnen zu teuer Was kann der Schönheit zu teuer sein sage
ich«  »Und greifen in die Tasche«
    Der Baron hielt allerdings beide Hände in den Seitentaschen und es
klimperte etwas von Geld aber er zuckte die Schultern »Fürs ganze Korps de
Ballet Na hören Sie das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf Alles was
recht ist«  »Sie sparens für Ihre Frau Gemahlin«  »Ein sublimer Einfall von
Ihnen Graf wahrhaftig ein sehr sublimer Wie sie blass aussieht gegen die
Laura Aber sie will sich nicht schminken Partout nicht mehr«  »Hats auch
nicht nötig« sagte ein dritter Intimus
    »Meinen Sie  Ich sage Ihnen die Schminke bringt ne Revolution hervor
Das ist ein Geschicke zu Arnous aber  die alte Voss und  na warten Sie nur
ich kann sie Ihnen alle nennen die schon von haben Sind ihrer nicht viel aber
passen Sie acht eh vierzehn Tage um sind « »Wenn die Männer die Tränen auf
den Wangen sehen« sagte der dritte Intimus »greifen sie doch in die Tasche
und wenn das Rot pures Gold wäre«  »Gold ein charmanter Einfall« rief der
Baron »Wenns Mode würde echtes Gold auf die Backen Bei Gott ich gäbe was
drum wie die Weihnachtsäpfel An den Backen sähe mans den Frauen an was ihre
Männer sind«  »Eine Taille auf Ehre doch wie ne Wespe« sagte der
GardeOffizier »Ich sollte meinen wer sich so schnürt braucht sich gar nicht
zu schminken«  »Und Füßchen ne Pariserin könnte sie beneiden« meinte der
Dritte  »Das tänzelt nur so auf dem Boden«  »Was für welche hat meine Frau
dagegen Sehen Sie mal« rief der Baron und nahm eine Prise  »Eine Heroine muss
nicht auf Tänzerfüssen stehen«  »Heroine charmanter Einfall Meine Auguste eine
Heroine Wie sie mit einander parliren Ich versichere Sie auf Ehre meine Frau
spricht jetzt wie ein Buch Immer Schiller im Munde
Und die Tugend sie ist kein leerer Schall
Erzeugt in dem Hirne des Toren
Damit weckt sie mich alle Morgen Bei Gott s ist wahr Macht Alles die
unglückliche Liebe«  »Schade Baron dass Sie sich nicht auch unglücklich
verlieben können«  »Warum kann ichs nicht«  »Weil Sie zu reich sind Wer
Geld klimpern lässt ist immer glücklich in der Liebe«  »Sie sind ein
charmanter Mensch aber was soll mir die unglückliche Liebe«  »Sie könnten
dann auch einmal mit der Tugend in Berührung kommen«  »Was hab ich von der
Berührung«  »Tugend vermehrt den Kredit«
    Der ganze Körper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden
Bewegung eines Gesättigten welcher gleichgültig eine Schüssel vorüber gehen
lässt an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben Er bedurfte
nicht mehr Kredit als er besaß Aber auch der Satte lächelt wenn seine Gäste
die Speisen loben die er ihnen vorgesetzt Der Baron von Eitelbach lächelte
wohlgefällig über die Bewunderung welche man der Schönheit seiner Gemahlin
zollte während man ihre Reize mit der Komtess verglich Zum Vorteil der
ersteren es waren Kenner die hier urteilten Auf den Hacken sich wiegend die
Hände noch immer in den Taschen die breite Unterlippe aufgeworfen hatte er
gleichgültig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert während sein Ohr doch
bei der Unterhaltung blieb als er es für schicklich hielt eine Diversion zu
machen »Sehen Sie mal wie die Alltag eingepackt hat Gar nicht wieder zu
erkennen«
    Das Kennerauge des dritten Intimus ließ sich nicht täuschen »Vorübergehende
Indisposition Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht« Über
die Indisposition lächelten die Kenner der Baron fühlte sich geistreich
gestimmt er nannte die unglückliche Liebe eine Klippe für die Schönheit Lob
erntete er dafür nicht denn die Aufmerksamkeit der Andern war wieder auf die
schöne Komtess gerichtet
    »Auf wen mag sie nur vigiliren«  »Sie ist unruhig«  »Warum steht sie
aber wie eine Schildwacht an der Tür«  »Muss wohl seinen Grund haben  Halt
sehen Sie schon wieder « Die drei Kenner rückten die Köpfe noch näher zusammen
Komtess hatte während des Gesprächs nochmals durch die Türritze geblickt »Das
muss man doch rauskriegen Welcher Magnet steckt in der andern Stube«
    Wie der Zunächststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob
konnte er doch nur einen Teil des Zimmers übersehen Da kam plötzlich ein
anderer Gegenstand aus demselben und mit vielen Verbeugungen durch die beiden
Damen schlüpfend erreichte er die beobachtende Gruppe
    Der Geheimrat Lupinus von der Vogtei war gewiss nicht gefährlich für das
Auge keiner galanten Dame die noch auf Jugend Anspruch macht aber je schärfer
das Auge der Liebe ist um so blinder wird es für die Gefahr die von
Beobachtern droht Das schlaue Gesicht des Geheimrats verriet dass er
Neuigkeiten geangelt nnd seine freudige Miene dass er den Markt erreicht wo er
sie absetzen konnte
    »Raten Sie« sprach er sich die Hände reibend  »Das lohnte noch der
Mühe«  »Ein neuer Gegenstand«  »Funkelnagelneu«  »Raus mit der Sprache
was wissen Sie«  »Sehr viel Die letzte Aventure wird nur vertuscht aber
parole dhonneur Sie können sich drauf verlassen sie ist so « »Sie meinen die
mit der Schildwacht  der Kerl kann doch nicht hier sein«  »Ist eingestiegen
Herr Baron so gewiss ich vor Ihnen stehe Herr Graf verziehen die Miene in der
Garde hat man sich das Wort gegeben nicht davon zu sprechen Nun ich schweige
in Devotion wenns verboten ist«  »Was gehts mich an« sagte der Offizier
mit einem nicht zu unterdrückenden Schmunzeln »und wenn der Grenadier dafür
Spiessruten laufen müssen so wüsst er doch wofür«  »Dazu ists aber nicht
gekommen Die Disziplin hat aus Galanterie ein Auge zugedrückt«  »Sie hat ihn
wirklich ins Fenster gewinkt« fragte der dritte Intimus  »In den Kommuns Sie
wissen doch in Potsdam die kleinen holländischen Häuschen neben dem
Marmorpalais« Der Geheimrat sprach es mit vorgehaltener Hand dem Fragenden
fast ins Ohr Er musste es aber mit solcher Kunst accentuiren dass es auch den
beiden Andern nicht entging »Ja warum hat man für Kavaliere und Hofdamen so
niedrige Fenster gebaut ça ne coûte quun pas Warum dufteten die Linden so süß
in der lauen Nacht Warum schlugen die Nachtigallen so verführerisch Warum
stellt man einen jungen Grenadier sechs Fuß hoch wie ein Apollo vor das
Kammerfenster einer schönen Hofdame Warum schien der Mond so sehnsüchtig und
beleuchtete den jungen Mars Da ist gar nichts bei zu verwundern und eigentlich
trägt Niemand die Schuld denn Gott bewahre dass er ins Fenster geklettert wäre
so ein sechsfüssiger Kerl braucht nur den Fuß hochzuheben so ist er drin« 
»Und«
    »Das einzige Unglück war dass die Uhren in Potsdam nicht stimmten denn als
die Ablösung kam hatte es drinnen noch nicht voll geschlagen«  »Dem
Glücklichen schlägt keine Stunde«  »Superbe Bemerkung des Herrn Domherrn Die
Esel  verzeihen Herr Graf es war wohl nur der betrunkene Unteroffizier
machten Lärm und  wie gesagt wenn nicht glücklicherweise der junge Prinz
Hohenlohe bei der Patrouille gewesen wäre  Man deckte den Mantel der Liebe über
die Affäre schmiss den Unteroffizier weil er in der Betrunkenheit einen
falschen Rapport gemacht auf achtundvierzig Stunden ins Kachot seine Kerls
waren Stockpolen die nicht deutsch hören und sehen können man zeigte ihnen den
Bambus wenn sie sich einfallen ließ etwas auszuschwatzen was sie nicht
verstehen übrigens ein Paar Louisdor Schmerzensgeld Ah Prinz Hohenlohe hat
wie ein Kavalier gehandelt«  »Und doch wusste mans ehe der Morgen graute in
Potsdam schon in allen Wachtstuben«
    »Meine Herren« sagte der GardeOffizier in vertraulich offiziösem Ton
»Diskretion Man wusste es auch schon am andern Morgen in Berlin aber auf der
Wachtparade gab man sich das Wort  Ich rate auch Ihnen «
    »Diskretion pour jamais« rief der Geheimrat den Finger an den Lippen
»Ihr Majestät die Königin darf nichts davon erfahren« wandte er sich zu den
Andern »Die liebe Komtess es ist doch ein gar zu charmantes Kind und bei Licht
besehen was ist es denn Eine Vision die Phantasie einer lauen Juninacht « «
»Aber nicht die erste« schmunzelte der Baron »in der Dragonerkaserne wissen
sie auch davon zu erzählen«
    »Mon cher baron lamour règne partout aber
Was bei Mondenlicht gesponnen
Verrinnt beim Licht der Sonnen«
    »Der Kerl aber der Grenadier ist nach Warschau in ein Regiment gesteckt«
sagte der Offizier »Und er war nicht von Mondschein gewebt das versichere ich
Sie«
    »Monsieur le comte die Erscheinung im Zimmer ist auch schwarz von Kopf bis
Fuß ordentlich spectreartig« nahm der Geheimrat wieder das Wort »Das blasse
Gesicht in der weißen Hand ruht er auf dem Sopha den Klacque auf dem Schoss
die Beine unnachahmlich hingestreckt die andere Hand im Knopfloch am Herzen
als wenn er eine tiefe Wunde verstecken will Soll ich Ihnen noch das schwarze
Haar beschreiben in dem zuweilen diese selbe Hand wühlt  Nein die Augen sind
noch dunkler Schade nur dass sie nicht ein einziges Mal nach der Türritze
gerichtet sind um die andern schwarzen Augen zu sehen die sehnsüchtig
durchblicken Je vous assure wenn die sich begegneten die einmal Funken
zusammen schlügen Stahl und Feuerstein «
    »Hol Sie der Kukuk Geheimrat wer ists«  »Impertinent« sagte eine
herzutretende Dame »Cest affreux« die andere  »Il joue lAnglais«
erwiderte Jene Beide kamen durch die bewusste Tür die Baronin aber am Arm
die schöne Laura führend mit ihnen zugleich
    »Warum ereifern Sie sich meine Damen Mir und Komtess Laura ists vorhin
auch so passiert Er merkte uns erst als wir uns neben ihm aufs Sopha setzten
und dann redete er uns für Andere an Nicht wahr Komtess«  »Er ist zerstreut«
sagte die Komtess und war es selbst
    »Haben wirs ihm übel genommen  I Gott bewahre Wenn mich Einer nicht
sehen will lass ich ihn stehen«
    »Aber gnädige Frau wer ist er denn dass er sich so etwas herausnehmen
darf«  »Ach Gott vom jungen Bovillard ist man weit mehr gewohnt Erinnern Sie
sich noch « »Doch werden Sie mir zugeben dass Damen in einer Gesellschaft wie
diese mehr Konduite von Herren voraussetzen dürfen wenn sie dahin gehören«
    Der letzte Satz ward von den seinen Lippen sehr scharf betont
    »Wen die Fürstin eingeladen hat der gehört doch her«
    »Mein Mann meinte« erwiderte die Andere die noch nicht Lust hatte von
ihrem hohen Pferde zu steigen »es gehöre doch ein eigener Tic dazu einen
Menschen von der Renommée ihrer Société aufdringen zu wollen Mein Mann ist
sonst gar nicht skrupulös und gegen unsre erlauchte Wirtin fällt es mir auch
nicht im entferntesten ein damit etwas gesagt zu haben Sie wird wohl ihre
Gründe haben warum sie Leute zusammen bittet die nicht zusammen gehören«
    »Beste Frau Staatsrätin« erwiderte die Eitelbach »wozu wären denn die
Gesellschaften als dass sich Die zusammenfinden die noch nicht zu einander
gehören Wenn man immer nur alte Bekannte sähe das wäre ja langweilig«
    »Philosophie wie sie auch ist im Munde einer schönen Frau« erwiderte die
Staatsrätin mit süßem Lächeln »ist immer liebenswürdig Nur begreife ich
nicht wenn der junge Herr von Bovillard so viel zu denken hat warum er seinen
Pensées gerade in einer Gesellschaft nachgeht«
    »Wissen Sie wie mir eine Gesellschaft vorkommt« entgegnete die Eitelbach
»Als wie eine Komödie wo Jeder anders aussieht und anders spricht als ihm zu
Mut ist Uns werfen sie vor dass wir uns putzen und schnüren und auflegen und
ausstopfen  Ihr Herren mögt immer laut lachen ich sehs doch wie Ihrs
innerlich tut Das genirt mich gar nicht denn die Männer spielen mehr Komödie
als wir Ach Gott wenn sie sich präpariren liebenswürdig zu scheinen um Einer
die Kour zu machen wo sies gar nicht so meinen Und wenn Einer vornehm tut
als hätte er eine Elle verschluckt oder gelehrt redet als wärs ein Buch da
möchte ich ihn immer fragen warum quälst Du Dich denn Wenn Du raus bist
stöhnst Du doch auf und schlenkerst mit den Armen als wenn Du den engen Rock
aufreißen wolltest und denkst Gott sei Dank dass es aus ist Warum hast Du denn
angefangen warum bist Du nicht gekommen wie Du bist und hast gesprochen wie
Dir der Schnabel gewachsen ist«
    Der Baron Eitelbach rieb sich vergnügt die Hände »Was sagen Sie zu meiner
Frau Frau Staatsrätin«
    »Sie wird doch Ausnahmen machen Sie ist nicht so grausam uns Alle zu
verdammen«
    »Da ist Einer wie der Andere Jetzt merk ichs erst aber ich habe es längst
gewusst«
    »Ihren Herrn Gemahl werden Sie wenigstens ausnehmen«
    Die Baronin schien sich zu besinnen indem sie ihn anblickte Ihre Antwort
begann mit einem lang gezogenen »Na  Das ist wahr ein PetitMaitre will er
nicht sein und die Kour macht er auch nicht nämlich in Gesellschaften und
spricht auch nicht als ob er die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte denn er
macht sich nichts aus den Gelehrten aber «
    Das »Aber« der schönen Frau als sie inne hielt schien lautlos von allen
Lippen wiederholt nur ihr Gemahl rief es laut lachend »Aber Auguste nur raus
damit«
    »Ah« rief sie rasch »mein Mann tut jetzt als wenn er wünschte dass ich
Alles ausplaudern sollte weil er so tut als ob er sich nichts draus machte
Nachher zu Hause und im Wagen schon würde er mir das Kapitel lesen Aber
Auguste wie konntest Du wieder Sehen Sie wie er das Kinn im Halstuch
versteckt Er möchte Sie glauben machen dass er sich vor Lachen ausschüttet
aber  aber ich will keine Komödie vor Ihnen aufführen«
    Das Urteil über die Baronin lautete heute sehr verschieden »Wer hätte es
von ihr gedacht« sagte die Dame welche wir als Staatsrätin angeredet hörten
»Früher nicht den Mund geöffnet ohne eine Betise zu sagen und wirft jetzt mit
Sottisen um sich«
    »Ich weiß aber nicht« entgegnete die Andere »ob mir das rohe Tuch nicht
lieber war als die neue Appretur im Lagerhause«
    »Die sie indes gewiss nicht dem Bügeleisen ihres Mannes verdankt« fiel die
Erste ein »So lange sie neu ist wird ihre Neuheit frappiren ich fürchte aber
dass es mit dem Glanze gehen wird wie mit dem Tuche ihres Gemahls nach den
ersten Regengüssen wird es fadenscheinig«
    Die Urteile der Männer lauteten günstiger Einige gingen so weit zu
behaupten sie hätte ihren Verstand nur cachirt oder ihr Mann ihn nicht
aufkommen lassen wogegen Andere wollten er sei vielleicht gerade durch die
Reibung mit ihm ins Leben gerufen Die Feineren lächelten es war ja die Wirkung
der Liebe Die Flammen hatten eine Eiskruste oder Bleirinde gesprengt
 
                          Zweiundsechszigstes Kapitel
                                 Nationalität
In einem anderen Zimmer sah man Staatsmänner Gelehrte und Künstler sich um die
Wirtin bewegen Die Zeitverhältnisse die Politik waren in das Gespräch
gezogen aber mit jenem Takt der alles Bestimmte und Persönliche ausschloss
    Eine jener Stimmen war hier erklungen die damals nur wie vereinzelte
Akkorde Trompetenstösse aus einem mytischen Lande in das Gewirr des Tages
schmetterten um später zu einem rauschenden Orgelton zu werden Nicht dass nicht
schon im Volke unter einzelnen Gelehrten in den Universitäten und Schulen der
Ruf der Nationalität vibrirte den später die Arndt und Andere zu einem
mächtigen Schlachtruf für die deutsche Nation erhoben aber in den höheren
Kreisen der Gesellschaft verstummten diese Töne erstickten diese Luftzuckungen
noch immer an einer ganz  andern Luftatmosphäre Man hörte sie an nicht
ungefällig aber vornehm Beifall lächelnd wie man eine neue überraschende
Erfindung betrachtet deren glänzende Erscheinung man zwar bewundert aber die
Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit bezweifelt
    Man hatte nachdenklich einem Redner zugehört welcher gesprochen von der
Heiligkeit einem Volke anzugehören von dem Recht auf Sprache Sitte eigenes
Wesen ja von der Pflicht desselben für dieses höchste Gut sein Alles
einzusetzen Eine Nation die gegen diese Pflicht gleichgültig werde habe schon
das Anrecht auf ihre Existenz eingebüßt So weit ward der Sprecher verstanden
die Damen hatten Verse aus der Jungfrau von Orleans und Tell citirt Aber als er
weiter ging und nicht sowohl den Hass gegen alles Französische nicht allein
gegen Bonaparte und seine Soldaten gegen die Revolution und die Jakobiner
empfahl worin man ihm beigestimmt haben würde als er es als noch heiligere
Pflicht forderte dass der Einzelne wie das Ganze sich versenke in das was
deutsche Art und Wesen sei dass nur dann wenn wir dieses wieder rein
hergestellt in der Sprache unsern Gewohnheiten unserer Denkweise wenn wir
ganz wieder zurückgekehrt zur eigentümlichen Anschauungsart unserer Väter das
Fremdartige was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen abstreifend
und ausmerzend dass nur dann Rettung sei für unsere Nation von der
Fremdherrschaft da hörte man wohl belobende Phrasen die Meisten aber
verstanden es nicht Andere schwiegen noch Andere schüttelten den Kopf
    Der Redner hatte eine noch kühnere Hypothese aufgestellt nur in der
Nationalität sei die Wurzel der Kraft um der Tyrannei zu widerstehen Der
corsische Riese der mit den Flügeln des Vogels Rock die Welt umspanne wisse
was er tue indem er das Ureigene der Nationen erdrücke um sie in eine
Allgemeinheit von gleicher Farbe gleicher Prägung zu stampfen Das ermatte den
Lebensnerv woran solle die Begeisterung der Patriotismus sich klammern wenn
ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen der Töne und Bilder
zerbreche an denen wir uns als Kinder gehalten Das unscheinend Unbedeutendste
sei da von Wichtigkeit ein altes Lied es dünkt uns ohne Sinn ein Sprüchwort
eine Ruine ein dunkler Winkel den ein Geist eine Sage umschwebt eine
Gewöhnung die uns albern erscheint Alles sei doppelt bedeutend was als
Heftnadel gelten könne um ein Volk zusammenzuhalten in einem Augenblick wo
Alles hinarbeitet es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in
allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glückseligkeit aufzulösen
    Er ging noch weiter nur den Nationen welche diese ihre Nationalität
festgehalten winke die Palme des Sieges Nicht seine Insellage schütze Albion
sondern das ehrenwerte Festalten an den alten Sitten und Gesetzen So sah er
in Spanien eine Mauer an welcher des Eroberers Ehrsucht scheitern müsse er
erwartete von den Basken in den Pyrenäen dass sie die Standarte der heilig
gehaltenen Volksrechte erheben würden er blickte nach Russlands Steppen wo
eine Völkerwiege das Ureigene braue aber seine Stimme wurde bewegt als er von
dem teuren deutschen Vaterlande sprach einem Volk das sich selbst zerrissen
und sich nicht wiederfinden könne das wie Kinder die Muscheln am Meere
sammeln alles Neue Fremde Glänzende aufgreife das wie ein Schwamm die
Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schönsten Eigenschaften zu
selbstmörderischer Tätigkeit auspräge Mit seltener Empfängnisskraft begabt
drängt seine Natur es dazu alles Große zu bewundern aber sein böser Geist
wolle dass es nur das Fremde bewundert wo die eigne Größe Anerkennung fordert
erschrecke es scheu kalt ängstlich und im Misstrauen an sich selbst zergehe
die schönste Kraft
    Der Redner ein junger Mann von hoher Abkunft hatte einen doppelten Fehler
begangen Er hatte begeistert gesprochen die Begeisterung gehört in keinen
Salon Er war selbst gerührt worden das war ein Fehler unter allen Umständen
Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet und das war unverzeihlich
Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt in einem Kreise von Würdenträgern und
ausgezeichneten Männern die sich für Träger der Monarchie des großen Königs
hielten diese selbst aber für so fest gesichert und in gutem Stande dass es
nur einiger Ausbesserungen bedürfe aber keines Fundamentalbaues War nicht
seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schöpfung des Einzigen Wo war
denn die Nationalität hier die er als einzigen Anker der Zukunft und
Vergangenheit zusammenhalte anpries Wo das ureigne deutsche Element
Friedrich der mit dem Degengriff und der Feder zerstörend in das Zerfallende
hineingegriffen hatte eine Schöpfung hingestellt die der Gegenwart angehörte
Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen
noch begriffen es Alle aber man fühlte es
    Ein peinliches Schweigen war eingetreten Einige Damen lobten hinter dem
Rücken das sonore Organ des Redners leise aber laut genug dass er es hören
konnte Man begegnete ihm mit großem Respekt aber  es galt seinem Stande Der
junge Mann fühlte sich unbehaglich er verschwand bald er war noch zu Hofe
geladen
    Dennoch hatte sein Rede einen Eindruck hinterlassen
    Ob die Fürstin das Lob der Nationalität die Hoffnung auf Russland für ein
Kompliment genommen
    »Was sagen Sie dazu« sprach sie aus ihrem Nachsinnen erwachend als ihr
Blick auf einen Mann fiel dessen Stirn Auge Haltung den Künstler nicht
verkennen ließ der sich mit dem Stolz des Bewusstseins in dem Kreise bewegte
welcher an Stand und Geburt weit über ihm stand Aber sein Blick seine Sprache
die Nonchalance seines Wesens bekundete dass er sich wenn nicht ihnen gleich
doch frei und unberührt von der Präponderanz dieser Geburts und Standesvorzüge
fühlte ohne doch in das umgekehrte Extrem einer brusken Nichtachtung zu
verfallen Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehört anfangs
aufmerksam dann hatte er mit dem Kammerherrn von St Real eine Marmorgruppe
betrachtet und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu
machen
    »Ich habe die Eloquenz admirirt« entgegnete der Künstler »Überhaupt wenn
in den Schulen etwas dafür getan würde möchte die art rhétorique auch in
Deutschland Progressen machen«  »Ich meine was Sie zur Sache sagen Was
halten Sie von der Nationalität Schadow Ein Künstler muss darüber ein Urteil
haben«  »Meine gnädige Fürstin« entgegnete der Bildhauer »wenn man die
Menschen nackend auszieht so sieht Einer aus wie der Andere und wir Skulpteurs
habens eigentlich nur mit nackten Menschen zu tun«  »Aber die Rassen sind
anders gebildet Wo wären die Götterbilder der Griechen wenn ihre Phidias und
Praxiteles nur nackte Hottentotten gesehen hätten«  »Ich parire darauf wenn
Phidias sich nur eine hübsche Hottentottin ausgesucht er würde auch eine Venus
zu Stande gekriegt haben die unsere Amateurs admiriren müssten Und was die
Rassen betrifft so ist unsere deutsche auch eben keine Schönheit gewesen Nach
den Deskriptions der Historiker und den Skulpturen an den Säulenbildern waren
unsere barbarischen Vorfahren auch barbarisch hässlich«  »Die Kultur also hat
die Rassen veredelt Das ist Ihre Meinung«  »Sie könnte noch immer etwas mehr
tun als sie getan hat indessen wir Künstler dürfen es nicht zu genau nehmen
Wo wir nichts finden borgen wir hier einen Arm da ein Bein eine Hüfte eine
Schulter « »Und das Beste tun Sie selbst hinzu die Harmonie Die Kunst ist
Stückwerk wie Alles unter dem Monde der Geist muss in die Formen fahren um
ihnen eine Seele zu geben Aber Sie wollen mich nicht verstehen und verstehen
mich doch Die Griechen waren eine Nation die Römer « »Die Juden sind auch
eine« fiel Schadow ein »und doch rümpft man in der Société die Rase«
    »Ich will Ihre Meinung wissen Schadow« sagte die Fürstin mit entschiedenem
Ton »Ihre Moquerien ein ander Mal«
    »Wenn man meine Skulpturen so gütig ist zu rühmen« sagte der Künstler
»ists jetzt so Mode ein Schwanzende dran zu setzen dass wir uns von der
französischen Imitation losreißen müssten Ich habe auch nichts dagegen wer
frei stehen kann mag sich losreißen aber ein Kind gebiert sich nicht selbst
Es ist dazu eine Mutter und ein Vater nötig und die mussten wieder Väter und
Mütter haben Meine ersten Väter waren die französischen Maitres die der grand
Frédéric herbeirief Was fängt die junge Welt jetzt an gegen sie zu schwätzen
Auch meine Jungens der Rudolf und Wilhelm tuns seit sie den Mund auftun
können als müsste es so sein Habe auch nichts dagegen denn Schwatzen gehört
zum Leben aber ich lache so im Stillen was wäre ich denn und was wäret Ihr
und wir Alle ohne die Franzosen Und die Franzosen ohne die Italiener und die
ohne die Griechen und Römer Und die Griechen vielleicht ohne die Aegypter und
so weiter«  »Sie mögen Recht haben«
    »Da wollen sie jetzt auf Goldgrund malen lange Engelsgesichter mit
Wickelkinderleibern und mit Schleppkleidern und das nennen sie deutsch weil
sie vor vierhundert Jahren als das Gold noch wohlfeiler war die Leinwand so
angestrichen haben Als ob der Fiesole und die Florentiner so gemalt hätten
wenn sie damals schon Besseres gesehen«  »Sie springen ab Ist die
Nationalität Ihnen gar nichts«
    »Das Kleid was der Mensch sich anlegt weil wir nun einmal nicht nackt
gehen sollen Sie sagen es schickt sich nicht ich aber meine weil wir zu
eitel sind Weiter nichts um unsere Gebrechen und Unschönheiten zu bemänteln
legen wir Kotillons Surtouts und Redingoten an Und gar nicht nach unserer
Wahl wie wirs von unser Voreltern überkommen haben Wir ändern nur den
Schnitt Und von wem kommt der So weit Sie zurückgehen aus Paris Nehmen Sie
mir Stück für Stück vom Leibe was vom Auslande stammt und ich würde wirklich
mich nicht unterstehen in dem Kostüm was die Natur mir lässt vor Euer
Erlaucht stehen zu bleiben Was ists nun mit der Nationalität anders gnädigste
Frau verschieden geschnittene und gefärbte Röcke um dieselben Menschen
Freilich pressen enge Schuhe den Fuß der Chinesinnen klein und der des Türken
wächst plump in seinen weiten Pantoffeln aber der Fuß bleibt Fuß und mit der
Sohle treten sie in Grönland auf und in Konstantinopel Ist der Franzose ein
Anderer weil er mehr auf den Zehen geht und wir mehr auf den Hacken Wo wir
nun Alle bettelarm wären und zottig umherlaufen müssten in unserer Blöße lohnt
sichs da um den Schnitt und das Kostüm uns zu hassen Denn weiter ist die
Nationalität nichts«
    »Einem Bildhauer vergebe ich diese Naturauffassung Aber Sonne Klima Luft
wirken verschieden auf die Kreatur Die Nationen sind verschieden in Gemütsart
Intentionen das können Sie nicht abstreiten«
    »Ja in jedem Lehrbuch stehts dass der Franzose leichtes Blut hat der
Spanier schwarzes der Italiener heißes der Deutsche warmes Der Franzose ist
leichtfüssig und eitel der Italiener zänkisch und rachsüchtig und der Deutsche
keusch und treu Eigentlich brauchte man nur an den Puls zu fassen und gleich
hätte man weg von welcher Nation Jemand ist Schade nur Prinzessin dass ich in
Italien die liebsten Menschen fand von warmem Blut und dem besten Herzen
fleißig emsig rechtschaffene Familienväter und treue Freunde Sollte ich sie
darum hassen oder die Franzosen weil Montesquieu und Rousseau weil Buffon und
Laplace Franzosen waren oder alle Deutsche darum lieben weil sie alle grad
ehrlich Männer von Wort Biedermänner und keusch wie Joseph sind«
    Herr Schadow hatte dabei wie zufällig den Blick auf dem Kammerherrn von St
Real ruhen lassen welcher etwas unruhig ward Es gibt Tiere und Menschen
welche das Fixirtwerden nicht vertragen Die Fürstin sichtlich bewegt nahm
wieder das Wort »Sie haben Recht die Nationalität ist auch nur ein Götze
geknetet und angestrichen aus Leim und Kot aus Träumen und Blut Aber Herr
Schadow ein schön geformtes Götterbild bleibts schöner als Ihr Apollo und
Jupiter«
    Der Meister hatte eine Prise genommen »Ja die Kostüms sind recht hübsch
ich zweifle gar nicht dass der Patriotismus einst eine Rolle spielen wird«
    »Wie wir Alle« sagte die Fürstin indem ihr Blick die Gesellschaft
überflog Die Gitelbach und Laura gingen vorüber sie nickte ihnen zu aber ihre
Gedanken waren mit Anderem beschäftigt und die Worte kaum an den Bildhauer und
den Kammerherrn gerichtet so wenig als an den Rittmeister Dohleneck der eben
aus dem andern Zimmer auf sie zuschritt Sie sprach mit sich selbst »Wir Alle
spielen eine Rolle vor Andern oder vor uns selbst Wenn wir uns doch darüber
nicht täuschen wollten Schadow hat Recht was ist denn unser eigenstes Eigenes
Die Szene wo wir auftreten das Licht das uns anleuchtet das Kleid das sich
an unsere Glieder schmiegt es übt Einfluss es macht uns erst zu dem was wir
scheinen das Lächeln der Lippen es ist angeblasen vom Augenblick der
Stimmung Alles was wir zu besitzen glauben ist Geborgtes und wir nur
Molusken die Farbe und Gestalt annehmen von der Flüssigkeit die sie einsaugen
Schmetterlinge denen der Blütenstaub den Duft leiht und der Finger des Knaben
entfärbt sie wieder Irrlichter sind wir schaukelnd in der Vibration der Luft
und unsere törichtste Rolle es ist die unverschämte Lüge wenn wir wahr zu
sein glauben«
    »Dazu meinen Einige wären wir auf der Welt« entgegnete der Meister 
»Schadow haben Sie nie die ungeheure Leere empfunden dies gähnende graue
Missbehagen der Kreatur«  »Niemals meine Gnädigste«  »Ich kann den Trinker
begreifen der ausstürzt Becher über Becher immer feurigern Wein es ist die
Molluskensehnsucht nach einer Existenz nach einer Verkörperung des Geistes.« 
»Wenn ich den brennenden Durst empfinde den Erlaucht meinen« sagte Schadow
»dann knete ich ihn in Ton und meissle ihn in Stein«  »Und das tote Werk vor
sich sind Sie befriedigt«  »Da ists heraus fix und fertig was mich plagte
nach allen Regeln stehts vor mir und ich bin frei«  »Glücklicher 
Unglückseliger Bis Sie wieder von Neuem geplagt werden«  »Dann schaff ichs
von Neuem aus mir raus«  »Und käme eine andere Zeit die alle diese Regeln
zusammenwürfe«  »Dann habe ich für meine geschaffen und genug getan«
    War das Zustimmung war es Schadenfreude oder wo kam der Funke her der
plötzlich über ihr Gesicht zuckte »Und Sie haben Recht Wir wir leben ja Alle
nur für unsere Zeit Nur unsere Rolle gut durchgespielt das ist die Aufgabe
Harmonie hineinbringen müssen wir nicht aus den Sphären die bringt schrillende
Disharmonieen Die Harmonie des Scheins Sie schaffen was heute gilt der
Komponist was heute die Ohren kitzelt der Philosoph der Politiker  ach
mein Gott wohin verirrten wir uns lieber Schadow schwärmen und Philosophiren
heißt das nicht aus der Harmonie unserer Rolle fallen und unsere lieben Gäste
blicken verwundert nach uns«
 
                          Dreiundsechszigstes Kapitel
                                  Sie hassen
Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Fürstin in Beschlag genommen »Ein Wort
nur gnädigste Frau eine Bitte«  »So dringend«  »Ja  Sie sind ihr
Schutzengel«  »Ich ein Engel Wen beschütze ich«  »Auguste  die Baronin
Eitelbach« korrigirte er sich  »Ach so Eine schöne Frau hat überall
Schutzengel Jeder Kavalier ist es«  »Die Komtess Laura hat sie an ihrem Arm
gepackt und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich Sie ist zu arglos zu gut sie
begreift nicht dass diese Kompagnieschaft ihrem Ruf schadet Es verdriesst mich
schon den ganzen Abend aber « »Da ist ja ihr Gemahl der Baron«  »Der «
»Er ist freilich ein seltsamer Freigeist«  »Was schiert er sich um seine Frau
und ihren Ruf Er freut sich dass sie mit einer vornehmen bei Hofe gern
gesehenen Dame intim scheint«  »Dann sprechen Sie doch selbst mit ihr Sie
wissen ja wie gut sie von Ihnen denkt«  »Erlauchte Frau Sie wissen wie wir
 « »Das hätte ich beinahe vergessen Kinder was trübt Ihr Euch das kurze
Schmetterlingsleben durch Skrupel Was hilft Euch die Pein Wenn Ihr Euch noch
so ehrbar grüßt so kalt an einander vorübergeht dem bösen Leumund entgeht Ihr
doch nicht Am wenigsten Sie Dohleneck wenn Sie sich der lieben Frau zum
Ritter aufdringen wie Sie jetzt tun«
    Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurückgetreten wäre es keine
Dame und nicht die Fürstin gewesen hätte er die Hand vielleicht an den Degen
gelegt Er erkannte schnell seine Position »Gnädigste Fürstin ich wollte
keinem Kavalier Anspielungen geraten haben die der Ehre meiner tugendhaften
Freundin zu nahe träten Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine
freundliche Warnung«
    Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an »Die arme
Laura Da scheut Ihr Herren der Schöpfung Euch nicht um einer Frauen Ehre zu
erhöhen die von andern zu vergiften Ist das ritterlich Herr von Dohleneck
Was sie von meiner Laura schwätzen und plaudern was geht es mich an«
    »Sollten Sie nichts gehört haben«
    »Ich kam als Fremde her ich bin es noch ich nehme die Personen wie ich
sie finde was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht kümmert mich nicht
Sollte ich bei allen Gästen die mich mit ihrem Besuch beehren danach mich
erkundigen so weiß ich wirklich nicht ob mein Salon nicht leer bliebe
Überdem sagten Sie selbst dass der Hof sie protegirt Ich sollte meinen das
sei genug um dem Vorwurf zu begegnen der in Ihrer Bitte für mich liegt«
    Aber der Rittmeister hatte Succurs bekommen Herr von Fuchsius und eine
Hofdame waren hinzugetreten Auch der Legationsrat schloss sich der Gruppe an
Die Hofdame hatte Zweifel ob der Hof die Komtess noch länger halten werde seit
der letzte Skandal laut geworden Herr von Fuchsius wusste dass der König sehr
aufgebracht sei und der Legationsrat dass die alte Voss das Ohr der Königin
belagere welche noch die meiste Prädilektion und Entschuldigungen für die
schöne Komtess hätte
    »Auch die alte Voss« wiederholte mit einem eignen Lächeln die Wirtin »Da
ist ja eine völlige Verschwörung gegen ein armes Mädchen das sich nicht
verteidigen kann Ich verstosse wohl schon wenn ich es versuche«
    »Ihre Erlaucht wollen gütigst vermerken« sagte die Hofdame »es ist noch
nichts darüber ausgesprochen Bis jetzt ist sie recipirt und Fürstin Gargazin
können sie ohne Gefahr bei sich sehen«  »Sie würden mir einen großen Gefallen
erweisen liebe Almedingen wenn Sie mich davon avertirten sobald ich es nicht
mehr darf«  »Sobald man ihr die Türe weist Erlaucht können sich darauf
verlassen dass ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege« Die Fürstin
drückte ihr verbindlich die Hand »Von Ihrem Eifer bin ich überzeugt Als dahin
hat es aber wohl noch einige Zeit«  »Es sind vielleicht doch nur
Missverständnisse« warf der Legationsrat ein »Oder sie bessert sich auch Man
muss ihr nur Zeit lassen« meinte Herr von Fuchsius »Ein zehn  fünfzehn Jahr«
murmelte der Legationsrat »dann macht sich das von selbst«  »Macht mir das
junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu« sagte die Fürstin »Wenn Ihr ihr
beständig von der Arglist und Tücke der Menschen vorerzählt glaubt Ihr dass Ihr
sie dadurch schützt In ihrer Angst und Verwirrung läuft sie von selbst ins
Netz«
    Das junge Reh stand plötzlich unter ihnen Laura hatte wohl nur durch das
Zimmer gewollt denn der Glanz ihres Auges verriet nicht dass sie gelauscht
noch von dem was hier über sie gesprochen worden eine Ahnung hatte Auch
verriet die Miene der Fürstin nichts von Betroffenheit als sie die Flüchtige
erhascht und den Arm um ihre Schulter wie eine Mutter um ihr Lieblingskind
schlang »Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen Wenn Sie wüssten was wir
gesprochen würde Laura bis über die Ohren rot werden« Die Komtess meinte es
wäre sehr heiß »Nun möchte der Wildfang gleich aus Fenster stürzen um sich zu
erkälten Nein Komtess hier ist ein Familienrat ich stelle die Mutter vor
und alle diese Freunde werden mir beistehen Sie zu hüten«  »Ich bin Ihnen
sehr obligirt « »Aber das Kind weiß selbst was ihm am besten ist Nicht wahr
So lese ich Ihre Gedanken die geheimsten auch aber  ich verrate nichts Ist
sie nicht ein Feenkind« wandte die Fürstin sich zu den Andern »da ist doch
kein verborgenes Fältchen nichts Angelerntes nichts von Verstellung  Sehen
Sie in dies Gazellenauge nur etwas zu munter noch leichtsinnig flatterhaft
ein Schmetterling der lauter Honig naschen möchte aber mit der Zeit pflückt
man Rosen mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden Ach das macht
sich Alles von selbst  Sehen Sie Jetzt sollte ein Maler diesen
Augenniederschlag diese Grübchen am Kinn malen HerzensEngelskind «
    Die Fürstin wollte sie embrassiren aber statt des Feenkindes mit den
Pfirsichwangen stand ein blasses scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr statt des
blühenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine eng anschliessende Haube
mit Spitzen und statt der Gazellenaugen die gutmütig und gedankenlos
umherschweiften fuhr ihr ein stechendes kleines Augenpaar entgegen Die
Geheimrätin Lupinus war unangemeldet eingetreten
    »Mein Gott welche Überraschung«
    Die Gargazin spielte hier keine Rolle als sie mit den geöffneten Armen
zurück fuhr Es war eine vollkommene natürliche Überraschung denn sie war jedes
andern Besuchs gewärtig als der Lupinus die zwar zu ihren Soireen ein für alle
Mal formell eingeladen aber noch nie gekommen auch nie erwartet war Ob sie
aus Nachlässigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen ob
die Fürstin im Eifer des Gespräches die Meldung nicht gehört lassen wir
unentschieden aber Tatsache war dass sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und
der Wirtin in dem Augenblick sich näherte als die Komtess durch eine
Seitenbewegung sich den Armen der zu gütigen Fürstin entwunden hatte
    Alle waren überrascht nur die Überraschende schien sich in der Wirkung, die
ihre Erscheinung hervorrief zu gefallen Sie hatte etwas gestört vielleicht
zerstört eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit Die Lust welche das Zerstören
veranlasst wird von Vielen als eine Wollust geschildert
    Die Lupinus war eine Andere geworden als wir sie kennen gelernt Die bunten
Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden aus ihren Zügen der Liebreiz der
noch fesseln konnte während die Schärfe derselben zurückschreckte Ihre Augen
konnte man nie eigentlich schön nennen aber es lag zuweilen etwas
Schmachtendes Sehnsüchtiges darin was mit dem lauernden Aufblitzen versöhnen
mochte Man bedauerte sie man las die Unbefriedigung welche als Unruhe in ihr
aufzuckte Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen Schien sagen wir
so lange sie Herrin über sich blieb aber in Momenten zuckte das Feuer der
Unruhe wieder heraus ihr Auge schoss Blitze die wehe tun konnten vor denen
ein sanftes Auge sich verschloss wie ein keusches Gemüt vor einem Anblick den
es nie gesehen und doch hat es die Empfindung dass es so etwas nicht sehen
darf Und doch wie schnell war die Ruhe wieder über das Gesicht ausgegossen und
ein Lächeln schwebte um die Lippen das ein Maler vielleicht mit dem einer
Heiligen verglichen die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht Es
schmerzt nicht
    Die Fürstin und die Geheimrätin hatten einen Versuch gemacht sich zu
embrassiren ein Versuch der an irgend etwas gescheitert in einem
wiederholten Händeschütteln sich aufgelöst
    »Ich werde Ihnen das nie vergessen da ich weiß was Sie mir bringen« waren
die nächsten Worte der Gargazin und die Freude schien auf ihr Gesicht
zurückgekehrt als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanapé gezogen Ihr Auge
streifte über die Andern hin es lag darin ein gütiger Befehl an die
Freundesgruppe sich aufzulösen Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrat
schon fortgeschlichen Der Komtess nickte sie zu »Geben Sie Ihren Arm getrost
dem guten Rittmeister Ich versichere Sie Komtess Laura hat keinen bessern
Freund als Herr von Dohleneck«
    »Ich weiß was ich Ihnen bringe« hatte die Geheimrätin erwidert »In das
Haus der Freude eine Trauergestalt aber die Pflicht der Dankbarkeit geht über
diese Rücksicht«
    »Dankbarkeit« rief die Fürstin mit einem erstaunten Blick indem sie die
Hand der Geheimrätin an sich zog »Sie stehen noch immer Herr von Wandel
wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen meine Freude teilen  Madame Lupinus
spricht von Dankbarkeit«  »Nur von einer Pflicht gnädigste Fürstin die ich
so lange aufgeschoben Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter
angenommen«  »Ach das  Ich bitte Sie kein Wort davon«  »Gönnen Sie mir
das Wort Ja ich bekenne es ich bringe ein Opfer um endlich auszusprechen
was ich über Ihre Handlungsweise denke«  »Egoismus nichts als Selbstsucht
Weil Adelheid mir gefällt weil ich mein Haus meine Gesellschaften durch ihre
Schönheit schmücken will«
    Die Fürstin fühlte ihre Hand sanft gedrückt »Warum das wiederholen was der
Pöbel über uns urteilt Adelheids blühende Jugend gehört nicht in mein
Krankenhaus Sie erkannten es  und  ich gestehe es Ihnen im ersten Augenblick
schmerzte mich die Art wie das teure Kind mir entführt ward jetzt preise ich
den Himmel dass er es so gefügt hat und  dass er Ihnen den raschen Entschluss
eingab« Die schönen Seelen verstanden sich das vorhin versuchte Embrassement
erfolgte wie von selbst »Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin
erkennen« sagte die Fürstin »Ich kann noch immer nicht umhin mir einen Raub
vorzuwerfen«  »Lassen wir den Streit darüber gnädigste Frau Adelheid gehört
in Ihr Haus es ist meine aufrichtige Meinung Der Legationsrat kann bezeugen
wie oft ich es aussprach Bei mir wäre sie verkommen«  »Sie spricht nur mit
der größten Liebe von dem Guten was sie durch meine Freundin erfahren«  »Es
täte mir leid um das Kind wenn sie unwahr würde«  »Warum so
selbstquälerisch Sie wissen selbst bis zu welcher Verirrung das
Dankbarkeitsgefühl sie trieb«  »Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal
besucht«
    Das hatte die Geheimrätin nicht sagen wollen es war heraus ehe sie es
verschlucken konnte und was schlimmer die Fürstin hatte es aufgefangen 
»Sie sind leidend« sprach sie mit bewegter Stimme »Und Sie überwanden sich
verließen Ihr stilles Asyl und  Ich weiß ja wie ich dieses Opfer zu schätzen
habe«
    Die Geheimrätin war wieder ganz Herrin über sich geworden »Doch ist es
nicht ganz so Warum zwischen uns eine Verheimlichung Überwindung kostet es
mich ja sehr große diese Festkleider wieder anzulegen Ich erwarte auch nicht
Erheiterung noch suche ich Zerstreuung denn ich betrachte es als eine Pflicht
gegen mich selbst Sie sehen also mein Opfer ist reiner Egoismus«  »Wie Sie
da wieder täuschen wollen Sie tun es um der Gesellschaft selbst willen Sie
erkennen die Pflicht dass wir nicht uns dass wir für Alle leben sollen«  »Oder
sie für uns« rief eine Stimme in der Geheimrätin die aber diesmal auf den
Lippen erstarb Die Gargazin musste den Sinn verstanden haben so deutete ein
Blick ihr an es war ein merkwürdiges Verständnis zwischen beiden Frauen Sie
liebten sich gewiss nicht aber zum Hass war für die Fürstin kein Grund Sie sah
sich um ob Niemand lauschte Der Legationsrat war unschädlich er bildete eine
Schutzmacht gegen die Andern
    »Wir verstehen uns glaube ich besser als wir einen Ausdruck dafür
finden« hub die Fürstin an der Lupinus näher rückend »Was ist uns die
Gesellschaft  Ich setze voraus dass wir Beide jetzt über die kleine Rivalität
recht herzlich im Innern lachen ich meine die welche die Leute uns anlügen
Ich gebe auch zu dass in der Lüge etwas Wahres war Wir spielten Schach
miteinander weil sie uns dazu nötigten zwangen Genug wir haben gespielt
Weiter war es nichts«  »Und Euer Erlaucht gewannen«  »Die Erlaucht hatte
nichts damit zu schaffen Wir gingen unserm Penchant nach und in einem Punkte
stießen wir aneinander«  »Ich gebe keine Gesellschaften mehr Mein Haus ist
ein Haus der Trauer geworden mein guter Mann « »Wird gewiss unter solcher
Pflege genesen Wer redet davon Wir wollen ja nur unsere Gedanken über das
Wesen der Geselligkeit einklingen lassen Lieben wir sie etwa um ihrer selbst
willen Um daraus Belehrung Trost Hilfe zu schöpfen Sind wir lüstern wie die
unsterblichen Götter im Olymp die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen
einschlürfen sollen Oder ist es bei uns die Neigung das Verlangen mit unsers
Gleichen zusammen zu sein Sehen Sie wie unser Freund lächelt Nicht wahr das
brauchen wir Beide nicht wir haben Ressourcen in uns um uns vor der Einsamkeit
nicht zu fürchten«
    »Ich lächle nur« sagte Wandel »weil Sie von Ihres Gleichen sprechen«
    »Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es Wir zaubern das um uns was uns doch
nicht entgeht Weil wir unter Toren leben müssen verschaffen wir uns einen
kleinen Hof von allen Torheiten um uns her Wer dreist einer Gefahr entgegen
geht hat sie halb überwunden Eine Welt en miniature sollen unsre Salons
bilden Was im großen wirklichen Leben uns anwidert das erscheint uns auf
dieser Bühne gefälliger weil wir damit spielen es regieren zu können meinen
Am Ende bilden wir uns ein dieser Mikrokosmus ist unser Werk und wir hätten
alle diese Puppen uns zum Vergnügen ausgestopft und in Szene gesetzt«
    »Man muss nur nicht die Drahtfäden merken lassen« sagte der Legationsrat
    »Zum Vergnügen« fiel die Geheimrätin ein die aufmerksam gefolgt »Wo wir
wissen wie Einer den Andern verredet hier mit Lob ihn überschüttet um wenn
er ihm den Rücken gedreht ihn zu verspotten wissen wie die mit Honiglippen
uns Kusshände zuwerfen gegen uns kabaliren Hier drückt ein Beamter dem andern
die Hand und empfiehlt sich seiner Gewogenheit während die Entlassung oder
Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist und er hat sie betrieben um in
seinen Posten zu rücken Wo sie uns schön und geistreich finden um sich nachher
vor Lachen auszuschütten dass wir es geglaubt Die Tugend in Aller Munde und
die Kuppleraugen schleichen um ihre Opfer sich auszusuchen Nur die absolute
Mittelmässigkeit ist sicher denn was hervorragt worin es sei ist den Pfeilen
ausgesetzt Sie zumeist die wähnen sie zu regieren Man preist ihr Zauberfest
man erhebt es beim Abschied in den Himmel aber ehe sie nur in den Wagen
springen klagen sie über Langeweile Zurücksetzung gemischte Gesellschaft dass
die Wirtin es nicht verstanden die Gäste zu placiren sie klagen vielleicht
über Hochmut Anmassung über das Essen und Trinken auch Gott weiß worüber
nicht Ich begreife wie man mit diesen Puppen spielen aber wie es ein
Vergnügen sein kann das bleibt mir ein Rätsel«
    »Ihre Kritik geht über die Gesellschaft hinaus« sagte der Legationsrat
»Das Rätsel ist die Welt «
    »Und wehe wer nicht mit ihm spielen kann« rief die Fürstin aufstehend
denn neue Gäste waren im Vorzimmer eingetreten »Wer auf diesem bunten
beweglichen Teppich nicht mit den Füßen einer Tänzerin wandelt hier über
Gegenstände springt dort sie fortstösst wie Glaskugeln der ist verstrickt der
ist verloren«  »Es gibt noch einen andern Weg  wo man fest stehen kann «
entgegnete die Geheimrätin indem sie auch aufstand Es war ein Metallklang in
der Stimme wie ein Grabgeläut
    »Den Weg« unterbrach die Fürstin »den Weg haben Sie doch nicht gefunden«
Sie blickte ihr forschend ins Auge als die Lupinus antworten wollte rief die
Gargazin wie von etwas überwallt »Sie hassen  O unglückliche Frau der Hass
ist ein zu fürchterliches Spiel für uns der Hass hat einen unergründlichen
Fonds Sie wissen nicht was da herauskommt aus der gähnenden Kluft  selbst der
Schmetterling flattert nicht lange darüber «
    Sie ward unterbrochen Ein freudiges »Ach« musste sich aus ihrer Brust
ringen um eine andere Erscheinung zu begrüßen wir wissen nicht wen Es ist
uns auch gleichgültig der unerwarteten Erscheinungen die alle aus dem Fonds
ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen Überraschung bewillkommt
wurden waren viele Die Lupinus aber hätte noch nicht in die Gesellschaft
eingeführt allein gestanden wäre nicht der Legationsrat gewesen Im
Nebenzimmer arrangirte man Spieltische es wurden schon Karten umgereicht
    »Werden Sie spielen« fragte Wandel  »Werden Sie reisen« entgegnete die
Geheimrätin  »Ich riete Ihnen eine Karte zu ergreifen«  »Und ich Ihnen zu
reisen«  »Warum«  »Aus demselben Grunde weshalb Sie mir zur Karte raten
Man ist der Mühe überhoben zu antworten wenn man fürchtet gefragt zu werden« 
»Gilt der Hass dem Sie die Gesellschaft geweiht auch mir«  »Ich bin es müde
Rätsel zu lösen«  »Im Augenblick wo Sie den Schlüssel fanden«  »Um auf
einen neuen Verschluss zu stoßen Viel Glück Herr Legationsrat in Russland« 
»Will ich gehe ich denn dahin«  »So wollen Sie Jemand damit täuschen« 
»Meine Feinde  Kennen Sie meine Feinde«  »Nicht alle  Einige«  »Verlangen
Sie dass ich die Sorgen unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe
noch durch Mitteilung von Verhältnissen erhöhe die nur mich allein betreffen
Nicht mich allein  nein gewiss nicht ich bin der letzte  aber Niemand der
mir persönlich teuer ist«  »Ihre Sachen sind gepackt Extrapostpferde stehen
für Sie täglich im Hofe des französischen Attaché bereit«  »Das ward Ihnen
bekannt«   »Durch Zufall« 
    Er sah sich um »Wenn Sie eines Morgens hörten dass ich über Nacht
aufgegriffen über die Gränze geschleppt ward und wenn am andern Abend die
Nachricht käme dass er mich füsiliren ließ so würden Sie den Grund der Vorsicht
wissen«  »Wer«  »Napoleon«  »Da würden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte
Marvilliers stehen«  »Der Löwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Höhle« 
»Aber der junge Attaché«  »Wenn ich Ihnen sagte dass er darum weiß wäre ich
ein Verräter Ich will kein Verräter werden lieber  scheiden« 
    Er hatte sich halb umgewandt um rasch die Hand der Geheimrätin zu
ergreifen »Leben Sie wohl« lispelte er
    »Nur Eines  ist Ihr Leben in Gefahr«
    »Noch nicht aber  gütiger Gott Die peinliche Erwartung einer Entscheidung
in der ich täglich schwebe verschließt mir die Lippen wenn ich sie öffnen
müsste um Vertrauen zu gewinnen Ich klage Niemand Sie am wenigsten an Im
Gegenteil Sie haben Recht dass Sie mir dies Vertrauen nicht schenken ganz
Recht verdammen Sie mich als Lügner der die Pflicht hatte zu sprechen und
wenn er den Mund öffnen sollte ihn verschließt als kalterzigen Intriguanten
der mit den Gefühlen spielt der edle Herzen zerreißt verdammen Sie mich Sie
haben Recht aber  wenn es vorbei ist widmen Sie mir eine Träne der
Teilnahme wenn Sie erkannt dass ich nicht anders handeln durfte«
    »Wandel« sie hielt inne  »Wann  wann kommt die Entscheidung«  »In einer
Woche vierzehn Tage  höchstens einen Monat wenn aus Warschau « »Aus
Warschau«  »Ich beteuere Ihnen es ist nur eine Vorsichtsmassregel vielleicht
zerläuft Alles wieder wie so oft in Luft und Wind«  »Wer ist in Warschau«
150 »Entfiel mir das Wort  Ich bin verwirrt « »Das muss Entsetzliches sein
was Sie außer sich bringt«  »Was ist entsetzlich Freundin in diesen
Weltkrisen« Seine Hand zitterte in der ihren »Ihr Scharfblick erriet es Nun
bin ich in Ihre Hand gegeben Mein Leben hängt von Ihnen ab Gehen sie zu
Laforest und « »Sie phantasiren Als ob er nicht wüsste dass Sie mit der
Russischen Diplomatie verhandeln«
    »Auch dass man mich verstrickt nennen Sie es Zufall in ein Netz gezogen
dessen Zipfelende die Bourbonen halten dass Ludwig XVIII wieder in Polen ist
dass Dinge in Frankreich vorbereitet werden dass in Napoleons nächster Umgebung
Personen gewonnen sind dass ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel die er mit
sich führt nichts helfen dass die Suppe die er kostet das Geflügel das er in
den Mund führt «
    »Schweigen Sie um Gottes Willen schweigen Sie «
    »O ich möchte Alles was man mir eingefüllt ausgiessen es zersprengt meine
Brust denn bei Gott nur mein böses Glück nicht mein Wille hat mich hier
verstrickt  Ich fühle mich schon erleichtert dass ich eine Miwisserin habe
bei der mein Geheimnis wie im Sarge ruht « »Man wird auf uns aufmerksam werden
dass wir uns so lange absondern«  »Sie haben Recht und ich die Beruhigung
dasswenn ich plötzlich verschwinden sollte  Ihr Verdacht mir nicht wie ein
ängstlicher Schatten auf der Heerstraße nachschleppt « »Um Gottes Willen
meinen Sie dass Sie diese Nacht schon verschwinden müssen«  »Ich meine nichts
ich weiß nichts ich sollte meine Lippen verfluchen dass sie zum Verräter
wurden aber mir ist wohl zu Mute wohl wie einem Kinde das seinen ersten
Fehltritt beichtete Nein nein es war wohl nur die Angst erpresst durch Ihre
Drohung«  »Warum stürzen Sie sich in diese Lage«  »Warum bin ich ein
Mensch«  »Reissen Sie sich los  wenn es sein muss reisen Sie auf der Stelle
fort«  »Ich lebte nur für Andere  Nein nein ich weiß es ich bin nötiger
hier Ich will für Andere leben  sein Sie unbesorgt  Nur um etwas Geduld flehe
ich noch  o könnten Sie in mein Inneres blicken  Pflichten hier Pflichten
dort Verlockungen  aber  sein Sie überzeugt als Mann als Sieger werde ich
daraus hervorgehe«  »Man kommt«  »Ein Freundesrat « »Ich werde Sie nicht
bemerken wenn Sie verschwinden«  »Heiter meine Freundin Es war sehr gut
dass Sie herkamen aber Sie kamen als Trauergestalt Sie freuten sich des
Eindrucks Um des Himmels Willen mit Geistererscheinungen darf man nicht
spielen Fort die Trauer einige bunte Bänder stimmen Sie ein in den frivol
geistreichen Ton Man muss mit ihnen tänzeln die Gargazin hat Recht Sie hat
erkannt dass Sie hassen Das kann schlimm werden Werfen Sie die Maske ab nicht
hastig  lassen Sie sich allmälig erheitern durch die liebenswürdige
Gesellschaft Da bringt man Ihnen eine Karte nehmen Sie spielen Sie mit wem
Sie wollen es sind Alles Puppen aber nicht zerstreut«
    Die Eitelbach präsentirte jetzt der Geheimrätin eine Karte »Wollen Sie« 
»Mit dem größten Vergnügen«  »Ihnen präsentire ich keine Karte denn Sie
mogeln sagt mein Mann«
    Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrat vorüber der scherzhaft
die Finger nach einer Karte gespitzt hatte  »Sie wird immer schöner« sagte
eine Stimme hinter dem Legationsrat
    »Kann man schöner werden wenn man eine vollkommene Schönheit ist«
entgegnete Herr von Schadow
 
                          Vierundsechszigstes Kapitel
                 Der verlorene Sohn und die heilige Magdalene
Das Spiel war zu Ende Die Geheimrätin hatte allein gewonnen und bedeutend
Sie war gesprächig sehr liebenswürdig gewesen Jetzt sah sie neben sich nur
verdrießliche Gesichter Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb legte man es
ihr als Freude über den Gewinnst aus den die andern Mitspieler berechneten Sie
war rasch aufgestanden um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen
    Es war hoch gespielt worden Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren Er
zankte sich mit seinem visàvis um einige Points Die Wechselreden wurden jetzt
so anzüglich dass die Baronin Eitelbach die Herren bitten musste sich zu
menagiren Der Kammerherr warf dem Andern einen maliciösen Blick zu den Jener
den Stuhl heftig fortrückend durch ein Murmeln erwiderte wer krumm ginge
könne auch nur krumm handeln Der Kammerherr gehörte zu Denen welche das Glück
haben zuweilen taub zu sein
    Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet »Mehr habe ich nicht mein Mann
muss zahlen«  »Das geht immer so wer Glück in der Liebe hat« sagte der Baron
verdrießlich die lange Börse ziehend »Ich verbitte mir alle Gemeinplätze«
hatte sie erwidert Er wollte nicht glauben dass sie so viel verloren haben
könnte als sie angab sie warf ihm den Bêtezettel hin er rechnete wollte
zanken es war aber Niemand mehr da mit dem er zanken konnte Indem er die
Geldstücke hinwarf zischelte er der Baronin etwas ins Ohr Sein Auge begleitete
dabei den Rittmeister Sie ward hochrot stand rasch auf und warf ihm mit einer
Replik einen verächtlichen Blick zu um ihm darauf den Rücken zu kehren
    Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung Überhaupt
schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie welche vorhin geherrscht
etwas zerrissen Ein erwarteter Gast war noch nicht da Der Duft der Speisen
drang schon verlockend aus den Souterrains aber es  sollte noch gewartet
werden der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen
Einigen Herren schien dies sehr unangenehm Man fragte ob er denn überhaupt
kommen werde Jemand meinte die Anwesenheit des Geheimrats Lupinus dürfe Seine
Hoheit schwerlich locken
    Ein besternter Herr entgegnete lächelnd »Das würde wohl nicht der einzige
Gegenstand sein der einem Königlichen Prinzen hier nicht verlockend vorkäme
Man muss gestehen wenn man die Société überfliegt dass unsere gute Prinzessin
mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat«
    »Sie liebt die Quodlibets aber das Kostüm ist gewählt« sagte die
Almedingen Herr von Fuchsins spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit
dem zweiten Lupinus an Die Hofdame hatte davon reden gehört sie wusste auch
dass man bei Hofe choquirt gewesen sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren
können und war so begierig wie der Besternte es zu erfahren Man zog sich in
eine Fensternische zurück
    »Eine der Plaisanterien Lombards die gar nichts auf sich gehabt hätte wenn
nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf die unter einem entsetzlichen
Eklat platzte Ihnen ist bekannt dass Seine Königliche Hoheit Lust bekamen sich
in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen«
    »Was er nur in all den Gesellschaften sucht« sagte die Almedingen
    »Man sagt den Geist den er  an einem andern Ort nicht finden kann Ob es
ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt lass ich auf sich beruhen Die
Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt in dem noch Niemand
durchfiel Nur eine schwarze Kugel war in der Urne die sich seltsamerweise bei
jeder Aufnahme findet Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber
und äußerte er möchte wohl Den kennen der ihn aus der geehrten Gesellschaft
hinaus ballotiren wolle Lombard der bei sehr guter Laune war ärgerte sich
gerade über den Geheimrat der zu eifrig eine farcirte Fasanenbrust tranchirte
auf die er vielleicht selbst reflektirt hatte Er flüsterte mit ernsthafter
Miene die Augen auf Lupinus gerichtet dem Prinzen etwas ins Ohr und die
Achseln zuckend schloss er halb laut er ist sonst ein braver Mann man begreift
nicht wie er dazu gekommen ist Der Prinz starrte lachend den Regenten der
Vogtei an und wenn er es nicht selbst bemerkte so flüsterten seine Nachbarn es
ihm ins Ohr Nun hätten sie den unglücklichen Geheimrat sehen sollen Ein
Schauspiel für Götter wie er auffuhr Messer und Gabel fallen ließ kreideweiss
der Stuhl hinter ihm fiel nieder Man kann buchstäblich sagen die Augen gingen
ihm über und die Stimme versagte ihm Er wehte sich mit den Händen Luft zu
Endlich brach es los Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen sah er
alle Augen auf sich gerichtet und der Prinz hatte die Grausamkeit mit dem
Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren Nun meine
Damen und Herren die Beredtsamkeit des Geheimrat Lupinus mögen Sie sich
denken Nachdem er die Wolken der unerhörten fürchterlichen Verleumdung zu
zerstreuen gesucht kam er auf sein teures Ich zu sprechen natürlich
französisch welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das Königliche
Haus sich gesäugt Nach vielen Endlich  Aber  Rückfällen  Wiederholungen 
geriet er in eine Art dityrambisschen Schwunges und aus der Kehle oder der
Brust kam ein Lobgesang auf das Königliche Blut das so rein und heilig wie es
im Herzen pulst durch alle Glieder stiesse dass jeder Tropfen davon reiner sei
wie der Purpur des Morgenrotes  Alle sahen auf den Prinzen der bis da mit
unveränderter Miene den Mann angeschaut  er mochte eine Viertelstunde
gesalbadert haben  als er rasch aufstand das gefüllte Glas in die Hand nahm
und die Lippen öffnete Ringsum gespannte bange Erwartung Mais  riefen Seine
Königliche Hoheit  eine kleine Pause cest assez  Kein Wort weiter Sie
stürzten das Glas runter stampften es auf den Tisch und konversirten mit ihrem
Nachbar weiter über die Trüffelpastete«
    Der Besternte einem fremden Hofe angehörig schwellte sichtlich von einem
innern Behagen das er zu verbergen sich Mühe gab während die Hofdame erblasst
war »Entsetzlich Und «
    »In der Gesellschaft war eine Todtenstille Jeder sah auf seinen Teller« 
»Und der unglückselige Prinz«  »Ass mit großem Appetit Vielleicht dachte er
nach ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls wert war Lupinus saß was
man in Berlin sagt wie übergossen Er ließ alle Schüsseln vorübergehen« 
»Unglaublich« riefen beide Zuhörer jeder dachte etwas andres »Dass solch ein
Mensch sich nicht vernichtet fühlt« sagte die Almedingen »Weshalb meine
Gnädigste«  »Weil er die Ursach war dass ein Prinz von Geblüt sich selbst
vergaß Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte ich wüsste doch nichts
anderesals dass ich mir das Leben nehmen müsste«  »Die Gewissen sind
verschieden« entgegnete Fuchsius »Das ist eine wunderbare Gabe Gottes Herr
Lupinus gehört zu der großen Klasse Menschen die man wie die Frösche mit Keulen
in den Sumpf stampfen mag sie stecken die Köpfe doch wieder raus«
    Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger dem Gespräche
zuzuhören Als sie gegangen sagte der Besternte »Mich dünkt zu dieser Klasse
gehört die Majorität der Menschen« Der Regierungsrat erwiderte »Wenigstens
wenn die Keulenschläge die sie täglich empfangen sie zur Besinnung ihres
Unwerts brächten wäre die Welt eine andere als sie ist«
    Die Nachricht lief um der Prinz werde gar nicht kommen Es seien Depeschen
vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen darauf er zu Hofe berufen
»Und sie lässt noch nicht serviren« seufzte ein Präsident die Uhrkette
ziehend
    Die noch nicht serviren ließ hatte während dessen die Goldstücke vom
Spieltisch eingesammelt und nachdem sie dieselben in Papier gewickelt in den
Pompadour der Geheimrätin gleiten lassen
    »Wollen Sie mich bestechen«  »Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen dass
Sie meinen Abend durch ihre Heiterkeit geschmückt«  »Ich bin schon belohnt
durch den Genuss den mir Ihre Pikturen gewähren Von wem ist dieser verlorene
Sohn«  »Von einem Spanier Ein Ribera sagt man Einige wollen gar von
Murillo Betrachten Sie diese Schwielenhaut diese Kruste von Schmutz man sieht
ordentlich die verschiedenen Lager auf denen er sich gewälzt«  »Ich bewundere
nur das Gesicht Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung aber wie glüht das
Auge«  »Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand«  »Wie blass
bemerken Sie Erlaucht bei dieser Beleuchtung Ich möchte eher an den jungen
Bovillard erinnert werden«  »In der Tat Die schwarzen Brauen auch im Kinn
 Warum ist diese herrliche Parabel nicht weiter geführt Wir sehen nur die
Vaterfreude Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlorenen
entgegen breitete wie viel rührender wäre die Geschichte«  »Sie könnte auch
aus Verzweiflung verloren vielleicht die Magdalene selbst geworden sein«  »Da
hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen Wenn man die zwei
Rahmstücke ausschnitte wäre es ein Bild Dieselbe Größe dieselbe Färbung« 
»Überraschend Worauf Sie mich aufmerksam machen«  »Erlaucht haben viele
Magdalenbilder Wohin ich sehe « »Hier Battoni da Korreggio da ist auch ein
Murillo  den liebe ich weniger  dort ein Karlo Dolce ein Vau der Werff Guido
Reni Von geschickten Malern kopirt ich gab ihnen meist selbst Anleitung«
    »Seltsam« sagte die Geheimrätin »ich erinnere mich keiner Magdalene von
Raphael«
    »Der divino maëstro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben Für
mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes Leben wir nicht Alle der
Erde näher keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit atmet die
Nelke nicht ihre Würze fühlt unsere Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt
vom Duft der Nachtschatten Die Marien bewundern die Magdalenen begreifen wir
Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt müsste es dünkt mich die
Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein wenn die heilige Magdalene ihn
sanft um uns schlingt o wie anders wie gern würden wir uns von ihr heben
lassen schweben durch die Wolken die sich öffnen denn sie flüstert uns
Balsamworte zu auch ich kannte Deine Schmerzen und Deine Wonnen Für mich ist
die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe« 
»Hat sie denn wirklich geliebt« sagte die Geheimrätin »Mich dünkt ihre Art
von Liebe konnte nicht zum Glauben führen«  »Weil sie changirte«  »Ja wäre
sie eine Sultanin gewesen die ihre Lieblinge sich wählte und entließ um
endlich ihr Ideal zu finden Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen
Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht um alle die fortzulieben die mit
Seufzern und Schwüren kamen mit Beteuerungen und Glut die Lieder und Geld zu
ihren Füßen streuten und gähnend fortgingen um nicht wieder zu kommen
Vielleicht ward sie auch gemisshandelt und von denen die sie wirklich zu lieben
geglaubt ihre edelsten Empfindungen wenn sie sich zu äußern wagten wurden
verspottet Und das durch Monden Jahre wiederholt Solchen Fonds von
Erfahrungen hinter sich Täuschungen darf man es nicht mehr nennen erwarten wir
von ihr etwas anderes als Verachtung Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht Ich
könnte sie mir denken als eine Intriguantin welche ihre Lust darin findet die
Männer gegen einander zu hetzen als ein Brandstifterin eine Semiramis eine
Amazonenkönigin die die Brandfackel in Lander und Städte wirft «
    »Vielleicht auch als Brinvilliers  das ist das richtige Argument des
Verstandes, meine teure Frau Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüt  Was
ist Ihnen«
    »Nichts  ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen«
    »Die Liebe sucht nichts die Liebe findet Alles« fuhr die Fürstin mit süßer
Stimme fort »Wer nur ein Ohr dafür hat nicht mutwillig es schließt wo der
Spring unter der grünen Tiefe rauscht aus Furcht dass er zu furchtbar
vorbricht O die Törichten Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach Wo
Alles sich findet was sich nur suchen will gehen sie wie Wachspuppen einander
vorüber«
    »Mich dünkt Adelheid und der junge Bovillard tun das auch«  »Kinder die
Versteck spielen«  »Ich glaubte sie in Feuer und Flammen zu finden«  »Im
hellen Zimmer jagen im dunkeln fangen sie sich«  »Mamsell Alltag ist blass« 
»Unter den vielen Geschminkten«  »Der Marmorausdruck ihres Gesichts «
    »Geliehen teuerste Frau Was das arme Kind sich Mühe gibt ihr Gefühl uns
zu verbergen die tausend Nadelstiche die das kleine Herz durchbohren Solche
widernatürlichen Affekte rächen sich«  »Aber eine mütterliche Freundin wie
Erlaucht wird der Leidenden zu Hilfe kommen«  »Da darf kein Fremder helfen
wollen Wahr und wahrhaftig nicht Die Natur findet ihren Weg und die Knospe
bricht auf wenn die Blume reif ist«
    »Schade nur wenn das arme Mädchen sich wieder täuschte« sagte die Lupinus
nach einer Pause  »Wie meinen Sie das«  »Der junge Herr von Bovillard ist
zwar was man nennt in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht aber  ein Sort
kann er ihr doch nicht machen Ich glaube schwerlich dass man ihm eine
Anstellung gäbe wie jetzt die Dinge stehen Sein Vater hat auch nicht mehr den
früheren Einfluss Der alte Alltag würde mit der Mariage ebensowenig zufrieden
sein«
    Ein vornehmes Lächeln schwebte um die Mundwinkel der Fürstin »Daran habe
ich wirklich nicht gedacht«  »Hat Ihre Majestät noch das Verlangen Adelheid
zu sehen«  »Die Königin hat wirklich an Anderes zu denken Da fällt mir ein
in der Magdalena die hier die Arme nach Ihrer glücklichen Entdeckung dem
verlorenen Sohn entgegen hält findet Schadow Ähnlichkeit mit unserer Adelheid«
    Die Geheimrätin lorgnettirte »Der Schnitt des Gesichtes aber  ich mochte
eher eine Verwandtschaft mit der Komtess Laura entdecken«  »Wie sein wieder Ihr
Blick Sie sind eine geborene Kunstkennerin Merkwürdig Laura ist fast ganz so
kostümirt Wir wollen die schönen Mädchen uns herrufen um zu entscheiden wer
ein näheres Anrecht darauf hat eine Heilige zu werden«
    Die schönen Mädchen waren nicht im MagdalenenZimmer In dem Kabinet hinter
den Feuerlilien stand Adelheid an derselben Türpfoste wo die Komtess
gestanden fast in derselben Stellung auch sie blickte durch die Türritze
teilnahmlos zerstreut wenn Vorübergehende sie anredeten Die Gargazin und die
Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an Es war nicht Zeit mehr zu seinen
Beobachtungen Das war kein eitles Spiel einer Koketten die auf neue
Eroberungen sinnt die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmückt und in der
Phantasie ihr eigen Bild malend sich fragt »wirst du ihm so gefallen« Sie
atmete nicht sie zitterte nicht aber der Rand des Blumentisches den sie
krampfhaft fasste hätte wenn er Empfindung gehabt einen eiskalten Druck
empfunden Sie wusste nicht dass ihr Lockenbund sich gelöst und eine Flechte
sie entstellend auf die Seite fiel sie fühlte den Boden unter sich brennen
und ihr war eiskalt zu Mute nur schoss es zuweilen glühend heiß durch die
Adern und gegen die Augen drängte es wie ein Strom der einen Ausweg sucht
aber die Wächter haben die Schleusen zugezogen Die Gargazin drückte die Hand
ihrer Begleiterin und flüsterte ihr ins Ohr »Die Knospe bricht heute
entscheidet es sich«
    Zu mehr war nicht Zeit Gruppen drängten sich um einige spät Angekommene
Prinz Louis kommt nicht lautete die eine Botschaft Ein Zweiter wusste von der
eingelaufenen Nachricht der französische Kaiser habe Distrikte und Orte am
Rhein besetzt die unzweifelhaft zu Preußen gehörten und mit dem Übermut der
ReunionsKammern sie für französisches Staatsgut erklärt Der Ministerrat war
nach dem Palais berufen Man hatte auch Generale in äußerster Erhitzung dahin
stürzen sehen Einige wollten wissen man werde über Nacht dem französischen
Gesandten die Pässe zustellen Die Fürstin rief nach dem Geheimrat Johannes von
Müller Er war nicht mehr in der Gesellschaft schon vor einer halben Stunde war
er abberufen Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimrätin der Herr
Geheimrat befinde sich in heftigem Fieber und phantasire indem er wunderbare
Namen anrufe »Will denn Alles heut den schönen Abend uns stören«
    Die Geheimrätin war nicht der erste Gast welcher Abschied nahm Die
Geheimrätin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt Ihr sei
versicherte sie als wenn ein furchtbares Gewitter ein Erdbeben im Anzuge sei
»Um so größer war Ihre Gefälligkeit den ganzen Abend die Heitere gespielt zu
haben « Dafür hatte die Fürstin sie weiter begleitet als die Etiquette
forderte vielleicht billigte »Ich möchte von Ihnen den Mut lernen wie man
bei einem Erdbeben lächelt«
    Die Fürstin lächelte aber nicht als sie zurückkehrte man konnte vielmehr
ein leichtes Schaudern bemerken »Ich hoffe es war das erste und letzte Mal«
Ein Vertrauter wie Wände und Möbel es sind vor denen man nichts verbirgt aber
sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen ein russischer Kavalier hatte
den Herzenserguss gehört und wagte darauf zu antworten »Warum behandelten
Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit«  »Weil ich sie fürchte« hatte die
Fürstin dem Möbel erwidert »weil  ich muss Wandel fragen«
    »La table est servie« meldete der erste Kammerdiener
    Auch Wandel war verschwunden Der erste Gast war jetzt der Präsident die
vornehmeren waren fort »Es wird doch auch diesmal nur blinder Lärm gewesen
sein« sagte die Fürstin  »Gewiss« entgegnete der Präsident indem er ihr
respektvoll den Arn reichte »Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden
und wir können « »Ruhig essen Herr Präsident Meine Herren führen Sie die
Damen unsere Ordnung ist zerrissen  wie es sich findet«
    Die Ordnung war zerrissen die Tischgänger wurden gepaart wie Niemand es
erwartet hatte
    Wir haben Louis Bovillard in dieser Soirée nur einmal ins Auge gefasst und
auch da nur durch die Vermittlung anderer Augen Vielleicht verloren wir
nichts Den vernichtenden Titanenhumor der ihn für Viele interessant machte
ließ er nur noch selten spielen Was gehörte er in die Gesellschaft War er doch
auch vielleicht entwichen in einem langen Siechtum Was der Strömung der Zeit
angehört wird heut von ihr auf der Woge hoch getragen dass es die Wolken
ansprützt um morgen im Abgrund zu versinken Der Koturn den wir heut
bewundern morgen belächeln wir ihn So liefert die Tragödie von gestern immer
Stoff zur Komödie von heute
    Louis Bovillard sahen wir durch die Türritze als Träumer Im Kostüm des
englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt Die jungen mochte er
nicht verletzen wollen denn er war plötzlich ein anderer geworden Er war in
ihrem Kreise voll Laune Witz liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh aufmerksam
auf jede Neckerei die er in dem Tone wiedergab von dem sie ausgingWas hatte
ihn so verwandelt Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen
Gesichtszüge die Adelheid ihm zeigte Man kann ja nicht immer in einer
Gesellschaft den Träumer spielen sonst wird man langweilig und Adelheid mochte
das auch denken denn nichts verriet dass sie sich über diese Veränderung
wunderte Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des
Klaviers Aber Louis musste längst vergessen haben um was er am Instrumente
saß Er träumte wieder denn er hatte sich in Akkorde vertieft die wohl zu
einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck passten aber nicht zu der
harmlosen Situation aus der jüngsten Reichardschen Oper noch zu den Scherzen
des Suchens nach der Musik Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt denn sie
war allmälig verschwunden vor den dumpfen langaushallenden Tönen die er den
Tasten entlockte Nur Eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben und als er
die Phantasie mit einem Tonschlage schloss der wie ein tief aufseufzender
Meeresstoss gegen das Eis brach respondirte ein Ton der Bewunderung aus ihrer
Brust
    »Das war zu göttlich Eigentlich verdiente es einen Kranz« Komtess Laura war
aufgesprungen und ehe der Fortepianospieler es sich versah fuhr ihr weicher
Arm um seine Schulter und steckte das Bouquet feuriger Nelken das sie in der
Schürze getragen rasch ihm an die Brust Als er den Arm fassen wollte um den
Dank auf die Hand zu hauchen war die Nymphe entschlüpft Das Unglück aber
wollte das die Zipfel ihres garnirten Tuches an seinen Rockknopf sich
genestelt Das Tuch war lang und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne
dass sie an ihn gefesselt war »Sie zerreißen mein Tuch« Er zog sie langsam an
sich »Was wollen Sie«  »Sie strafen dass Sie entfliehen wollten« Sie musste
ihr Tuch mehr lieben als die Strafe fürchten sonst hätte sie doch das Tuch
losgelassen und wäre entflohen
    Als er ihr jetzt entgegensprang um sie zu strafen erschreckte ihn nicht
ihr leichter Schrei mit dem sie dem strafenden Arm sich zu entwinden suchte
sondern  eine Erscheinung Adelheid stand zwischen der Tür und ihm die Hand
ans Herz gepresst als fühle sie einen Schmerz blass mit Geisteraugen wie eine
Bildsäule
    »Meine Herren schnell den Arm der Damen« riefen mehrere Stimmen als durch
die offene Tür der Zug zum Speisesaal vorüberging »Sans gêne Jeder wer ihm
zunächst steht«
    Ob er ob die Komtess das Tuch vom Knopfe losgenestelt wissen wir nicht
aber es musste losgemacht sein denn Bovillard fand kein Hindernis mehr als er
der ihm Nächststehenden den Arm öffnete Es machte sich von selbst es ging
nicht anders ohne einen Verstoss Es war Adelheid die der Strom auf ihn
zudrängte während er die Komtess fortschob Auch sie musste sie stand ihm zu
rechts Aber sie weinte Eigentlich bebte nur ihre Brust »Ihre Schlussakkorde 
es war mir als ob  als ob etwas sprang «
    »Darf ich« rief die näselnde Stimme des Baron Eitelbach zur Komtess ohne
sich tief zu neigen Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an und
steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem »quimporte« Es machte sich auch
von selbst Es waren die letzten Gepaarten
    Drei Paare folgten einander zu Tisch von denen Keiner am Abend erwartet
dass der Zufall ihn zu dem Andern führen würde Die zwei sahen wir eben ihnen
voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach
Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter
 
                          Fünfundsechszigstes Kapitel
                          Ein belauschtes Intermezzo
Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten Es war Vieles
vorgefallen was diese Audienz um die er nicht nachgesucht immer wieder
aufgeschoben hatte Der Minister war einmal zum Könige berufen gewesen eine
dringende Konferenz hatte sich ein ander Mal in die Länge gezogen Man hatte ihm
hinaus sagen lassen es tue dem Minister sehr leid aber um ihm seine Zeit
nicht zu rauben werde Excellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen
    Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen Nicht weil
ein entfernter Bekannter der sich plötzlich seinen Freund nannte heut Morgen
zu ihm gestürzt war mit der frohen Kunde die er vom Schwager des Bruders eines
Kanzleibeamten gehört dass derselbe seine Brochüre auf dem Arbeitstisch des
Ministers liegen gesehen Seine Schrift hatte Walter fast vergessen Was war es
jetzt Zeit zu Organisationen Es war kein anderer Impuls in ihm als die Lust
des Atoms sich aufzulösen in das Allgemeine. Nur rasch wünschte er die
Operation Es ist ja Alles vergänglich auch der tiefste Seelenschmerz von dem
wir nie zu genesen glauben ist nur ein bitterer Rausch der sich verflüchtigt
Wie furchtbar er auch die Brust des Ruhigen Verschlossenen durchwühlt so in
stillen Augenblicken dass er die Sonne untergesunken sieht um nirgend wieder
aufzugehen auch der Schmerz arbeitet doch nur wie Alles was Odem hat bis sein
Atem ausging Dann  ja dann was uns ins Auge fällt der Abendstern oder ein
Abenteuer ein Problem oder ein Bild aus dem Alltagsleben Hitze oder Kälte
Hunger oder Durst die Neugier oder die Müdigkeit sie erregen neue Wünsche
neue Anstrengung neue Arbeit neues Leben Was wäre auch das menschliche wenn
es an einem Schmerz schon verblutete und Jedem sind der Schmerzen so viele
zugemessen Die Sonne der Liebe die so wunderbar bei ihrem Aufgang in sein
graues Leben gestrahlt war versunken  freilich er hatte ihr Licht schon
lange immer matter immer kälter werden sehen aber so plötzlich untergesunken
so dunkel unheimlich war auf einmal die Nacht dass mit ihr Alles versunken
schien was er gebaut geträumt Für sich was sollte er da noch bauen
schaffen wollen Wozu Was er für sich erstrebt es hatte ja keinen Zweck mehr
Ehre Wo war denn Ehre überhaupt zu gewinnen Eine Existenz Brauchte er um die
zu ringen Ein dampfender Schlund schien sich vor ihm zu öffnen in den er ein
anderer Curtius unverzagt gestürzt wäre Er hatte den Kanonendonner bei den
Revuen gehört das Geprassel des Pelotonfeuers Wenn das Ernst wäre die breite
Brust den dampfenden Batterien entgegen zu halten müsste es nicht eine Lust
sein
    Der Minister ließ ihn lange warten Seine Ercelleuz waren in eifrigem
Gespräch mit einem vornehmen Besuch Wenn sie sich der Tür näherten schallten
Worte und ganze Sätze zu ihm dann die Klinke an der Hand machten sie wieder
Kehrt es schien neues Öl in die Flamme gegossen und indem sie sich tiefer ins
Zimmer entfernten gingen die Worte in unartikulirte Töne über Er glaubte den
Titel seiner Schrift zu hören Er konnte sich aber auch getäuscht haben Er
näherte sich unwillkürlich dem Tische worauf die letzte Lektüre des Ministers
lag Obenauf seine Schrift Sie war an vielen Stellen eingeknifft Er sah dicke
rote Striche Frage und Ausrufungszeichen  Also doch darum Sie hatte die
volle Aufmerksamkeit des ausgezeichneten Mannes erregt Musste er sich nicht
vorbereiten Er trat zaudernd noch näher Da stand ein Bravo dick neben einer
Stelle Sein Herz klopfte
    Schon griff seine Hand nach dem Buche als die Tür aufsprang und der
Minister seinen Besuch hinaus begleitete Sie bemerkten ihn im Eifer der
Unterhaltung nicht der Fremde mochte zur englischen Gesandtschaft gehören sie
sprachen englisch
    »Mylord Preußen ist durch den neuen Vertrag ohne Schwertstreich aus der
Reihe der europäischen Mächte gestrichen Sie könnens in hundert Schriften
lesen« sprach der Minister »Was verlangen Sie noch von uns«  »Und doch hat
Seine Majestät Ihr König Laforests Antrag nicht gewillfahrt« sagte der
Engländer  »Weil der unverschämte Mensch forderte er solle Lombard für etwas
belohnen wofür « »Sie und ich ihm einen andern Lohn gönnen« fiel der Gesandte
ein »Indessen hatte Lombard nichts getan als was Seine Majestät billigen
mussten er hatte Hangwitz während dessen Abwesenheit verteidigt das heißt
den Vertrag den der König selbst ratificirt hat«  »Die Patrioten hätten
Lombard in Stücke zerrissen wenn man ihn noch dekorirte und beschenkte« 
»Seine Majestät hörten auf die Stimme des Volkes aber auch auf die Ausfälle des
Moniteur Um Napoleon zu genügen hat man den Baron Hardenberg entlassen« 
»Kämmerchen vermieten« warf der Minister hin  »Excellenz nichts desto
weniger muss ich Ihnen bekennen dass mein Kabinet gerade dies am wenigsten
versteht Und wenn mein Kabinet das englische Volk begreift es nicht«  »Gibt
die Diplomatie niemals mit der einen Hand um mit der andern zu nehmen« 
»Nicht in Krisen wo man nicht weiß ob man noch Zeit hat den ausgestreckten
Arm zurückzuziehen«
    Der Minister der eine Weile vor sich hingeblickt zuckte mit den Achseln
»Und doch irren Sie Mylord Die Uhren auf dem Kontinent gehen langsam Die
Stunde ist noch nicht so weit vorgerückt«  »Seiner Majestät Uhr ging rascher
als Sie uns Hannover nahmen Ihre Häfen uns verschlossen«  »Weil Napoleon
schneidend auf die Ausführung des Vertrages drang Er stand mit dem Hammer des
Auktionators da«  »Und jetzt mit dem Liktorenbeile Excellenz Er legt den
Vertrag aus wie es ihm gefällt Er hat vor der Zeit Ihre Besatzung aus Wesel
verdrängt Der Kommandirende derselben hat beinahe ausgehungert in seiner
abgeschnittenen Lage um die zurückgelassenen Vorräte bitten müssen Murat der
neu creirte Grossherzog von Berg hat auch nach dem schmählichen Vertrage
unbestreitbar preußische Bezirke Alten Essen Werden besetzt Er zieht die
Kassen ein requirirt für die Magazine setzt Beamte ein und ab Der Kaiser
bleibt aller Remonstrationen ungeachtet herrisch dabei Ihr Staat ist so
absolut isolirt dass er von Frankreich abhängig sein muss und doch genügt das
Napoleon nicht In seinem Übermute spielt er mit Preußen wie der Tiger mit
seinem Opfer ehe er es zerreißt Wozu Schonung er spricht es deutlich aus
gegen Jeden der es hören will nicht vor seinen Ministern vor seinen
Stallknechten ruft er was Rücksichten gegen einen Staat der so tief in der
öffentlichen Meinung sank dass er nirgends Freunde hat dass die es waren am
lautesten vor Schadenfreude lachen werden wenn er zusammenstürzt Napoleon
sucht Krieg er will Krieg er provocirt ihn « »Und findet lämmermütige
Geduld« fiel der Minister unerwartet ein Mit ironischem Lächeln fügte er
hinzu »Sollte Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen da nicht am Ende selbst
die Geduld ausgehen«
    Der Brite fixierte ihn »Eine Maske Excellenz tut zuweilen ihre Dienste
wenn man sich noch verstellen kann wenn man aber sich so deployirt hat dass der
Feind alle Schwächen und Hilfsmittel kennt ist es zu spät Und wenn Sie es noch
länger hinhalten Ihr Volk hält es nicht länger aus«  »Kennt man das auch in
Paris« sagte der Minister mit einem eigentümlichen Ton zwischen tiefem Ernst
und leichtem Spott  »Ihre Staatsmänner zählen noch nach Jahren« hub der Brite
wieder dringender an »Ich nach Monden Wochen vielleicht nach Tagen Wissen
Sie hier nichts von den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten im Westen und
Süden Um das Reich Karls des Großen zu stiften müssen die Wittekinde vorher im
Staube liegen Er darf auch den Schein eines Sachsenreiches nicht dulden
Wüssten wirklich Ihre Staatsmänner nichts davon verschlössen sie in
unglaublicher Verblendung ihr Ohr oder glauben Sie noch ihr Veto einzulegen
wenn Alles abgemacht ist«
    Der Minister war bewegt nicht durch die letzte Mitteilung des Engländers
Er hatte nur bis jetzt seine Stimmung durch Einwendungen in ironischem Tone zu
verdecken gewusst Wie tief er in eignen Gedanken versenkt war beweist der
Umstand dass er das Vorzimmer vergaß und Walter nicht bemerkte obschon dieser
keinen Versuch gemacht sich zu verbergen Der Engländer mochte ihn gesehen
aber für einen Vertrauten zum Hause gehörig angesehen haben auch setzte er
vielleicht nicht voraus dass ein Sekretär die englische Sprache verstand Der
Minister ging unruhig einige Schritte auf und ab Walter hielt es sogar für
seine Pflicht durch ein Geräusch seine Anwesenheit zu verraten aber ohne
seinen Zweck zu erreichen
    »Wir wissen noch mehr Mylord« sprach der Minister vor dem Briten stehen
bleibend »Eine Revolution ist im Ausbruch eine Revolution welche allen die
gewesen sind die Krone aufsetzt Sie spielt in der Hofburg zu Wien Der
Steuermann springt in den Rettungskahn Fahrzeug und Volk sich selbst den
Wellen überlassend Franz II legt die römische Kaiserwürde nieder er will
seine deutschen Provinzen los und ledig erklären von allen Pflichten gegen das
Reich Das Reich mag an der nächsten Klippe zerschellen damit Oestreich
gerettet wird«
    »Mich dünkt einen preußischen Staatsmann sollte diese Nachricht nicht
erschrecken« sagte ruhig der britische Diplomat
    »Wenn er aus Herzbergs Schule ist Wir fragen hat er ein Recht dazu darf
er preisgeben ein ihm anvertrautes heiliges das höchste Amt der Nation der
Christenheit ohne Die zu befragen die durch freie Wahl es ihm auftrugen Das
deutsche Volk behält das unveräusserliche Recht auf sein Dasein«
    Der Brite fixierte ihn »Sprechen Eure Reichsfreiherrliche Gnaden da als
preußischer Minister«
    Im Staatsmann arbeitete ein Feuer fort er hörte nicht den Einwand »Das ist
der Fluch jener französischen Revolution die aus dem nackten Begriff schöpfte
und in den Hexenkessel roher Begriffe Alles einwarf Todtes Lebendiges
Ungebornes und Verwestes aber auch das Heiligste und Gerechteste Was blieb
denn noch übrig woran wir uns halten wo der Vielfrass Zeit Alles aufzehrte als
das Vaterland Zersetzen wir auch das auf seine Knochen und Fasern dann Valet
die letzte Sprungkraft die uns aus dem Schlamm aufreisst Ohne dass wir an
Deutschland festhalten ist kein Hessen und kein Sachsen ja kein Preußen und
kein Österreich Sie Mylord wenn ich nicht irre rühmen sich Walliser Abkunft
was hält denn Ihr grossbritannisches Reich zusammen als dass es Eins ward Briten
und Sachsen Sachsen und Normannen Engländer und Schotten selbst das
widersträubende Irland hat der Nationalsinn mit eisernem Arm an die gemeinsame
Brust geklammert Wäre es Bonaparte damals gelungen hätte er Ihre Schiffe
gesprengt Ihre Strandbatterieen durchbrochen Ihre Armee geschlagen London
genommen hätte er die Myte ins Leben und die Kronen von Frankreich und England
auf eines sein Haupt gesetzt hätten Sie sich genügen lassen mit einem kleinen
Walliser Reich oder Piktenreich Zerfallen und zerfahren war Ihr schöner
germanischer Staat wenn der Nationalsinn kein Herz mehr hatte von dem alle
Adern ihr Blut empfingen Uns hat man die Adern unterbunden seit Jahrhunderten
das Blut abgezapft und es in andere Kanäle zu leiten gesucht und doch wallt und
strömt es immer wieder nach dem Herzen hin Es sucht es und kanns nicht finden
das ist seine Qual aber es muss es wird es wieder finden  oder der deutsche
Name ist ausgestrichen aus der Geschichte«
    »Und in England wollten Sie sagen« fuhr der Brite ohne aus seiner
Gelassenheit zu kommen fort als der Minister plötzlich inne hielt »dass die
getrennten Stämme dies Herz erst gefunden haben Richtig es war ein
glücklicher aber ein künstlicher ProzessDie Fusion des Blutes ist hergestellt
aber der Stempel darauf ist das Interesse Das sollten Sie doch nicht vergessen
Sie lesen es ja auch in allen Journalen und Schriften Ja Excellenz wir dürfen
uns darüber nicht täuschen es ist das Interesse was uns zusammenfügte und
hält ein Band das Napoleon durch seine Kontinentalpolitik täglich fester
macht Aber wenn wir sehen dass die Kontinentalmächte in deren Interesse es
lag mit unserm zu gehen ihr eigenes vergessen wenn wir sie schwanken sehen
von einem Tage zum andern ihre Entschlüsse ändern dann  mein Herr wir sind
Kaufleute Phantasien und Fanatismus zu manchen Geschäften gut um den Impuls
zu geben tragen wir in unserm Kontobuch nur unter dem Riskontro ein Napoleon
ist ein großer Spekulant er setzte bisher Alles auf eine Karte so lange
trauten wir ihm nicht Seit er aber im fortdauernden Gewinnen und sich immer
konsequent ist dürfte England dahin kommen ihn als einen solidern Kaufmann zu
betrachten mit dem es sich wohl einmal auf ein Geschäft einlassen könnte«
    »Pitts Nachfolger werden und können sich auf eine Associéschaft mit
Bonaparte niemals einlassen«  »Alle Vorstellungen täuschen sobald die
Rechnung eines andern Facit gibt«  Der deutsche Staatsmann sah ihn scharf an
»Mylord ich habe mir die Achtung vor dem Charakter bewahrt auch in der Politik
 und ich glaube nie falsch gerechnet zu haben Ein wirklicher Charakter stimmt
mit den Gesetzen der Mathematik. Die Maske ist zu durchsichtig Wo könnte
England gewinnen«
    »Wenn es die schwankende haltungslose Politik Derer die seine Freunde sein
müssten und es nicht sind sich selbst überlässt und mit dem starken Feinde ein
einfaches Geschäft macht Zug um Zug« Der Brite sah sich vorsichtig um Indem
sein Blick auf Walter fiel dämpfte er die Stimme Es war ein stilles
Zwiegespräch von einigen Sekunden Der Minister horchte den Kopf etwas
vorgebeugt zu bis er ihn wieder in die Höhe warf Er war ein ganz Anderer
geworden Alle Unruhe und Agitation war fort Sein Auge lachte sogar etwas
höhnisch als er mit lauter Stimme sprach »Dass er die Proposition machen ließ
bezweifle ich gar nicht wenn er aber England Hannover zurück anbot so kenne
ich die klugen Kaufleute in der Downingstreet zu gut Fehlgeschossen Ihr greift
nicht nach dem Danaergeschenk Wie Eine Heerde Euch schenken lassen und wenn
sie Euch gehörte seit Abrahams Zeit aber um Heide und Stall haben sich Wölfe
gelagert Wollt Ihr sie annehmen unter der Kondition dass Ihr die Wölfe nicht
bekriegen dürft dass Ihr Eure Lämmer unter der Aufsicht der Raubtiere scheert
und die Wolle holt Glaubt Ihr zu besitzen was nur auf einem Vertrage beruht
und wenn der Wolf hungrig ist wollt Ihr ihm das Papier entgegen halten
Nimmermehr Mylord lehren Sie mich von Ihren Staatsmännern nicht kleiner
denken nicht an sie den Maßstab von diesen hier anlegen Ja sei es das
Interesse allein trennt und verbindet und darum bleibt England uns verbündet
wie gut oder wie schlecht wirs ihm gelohnt Und doch rechne ich nicht darauf 
ich habe gelernt auf nichts mehr zu rechnen ich rechne allein  doch das
gehört nicht hierher Im Übrigen Mylord jetzt ist es Sommer aber Bonaparte
fängt erst im Herbst Krieg an«
 
                         Sechsundsechszigstes Kapitel
                         Ein Plagiarius wird entdeckt
Walter hatte auf den ersten Blick in dem Minister den Mann erkannt mit dem er
zufällig in Sanssouci zusammengetroffen war  nicht zu seiner Überraschung eine
leise Ahnung war schon früher in ihm aufgestiegen Dennoch fühlte er sich
angenehm berührt Er war bei dem ausgezeichneten Manne eingeführt er kannte den
Minister der Minister ihn er durfte hoffen von einer vorteilhaften Seite so
waren die ersten lästigen Formalien beseitigt Nachdem der Engländer gegangen
durchschritt der Minister noch einmal das Vorzimmer Die Mitteilungen des
Briten beschäftigten ihn die Lippen bewegten sich die Hände spielten ein
Pantomimenspiel als er sich jetzt rasch nach dem Tische umkehrte Wer sind Sie
»Was wollen Sie hier« fuhr es heraus als er Walter erblickte und um die
Augenbrauen wölbten sich gefährliche Runzeln  »Euer Excellenz haben mich
beschieden«  »Wer  Sie sind doch nicht«  »Mein Name ist Walter van Asten
Wenn keine Verwechselung unterlief ward ich von Excellenz erwartet«
    Der Minister sah ihn von oben bis unten an In den Runzeln der Augenbrauen
sammelte sich ein Gewitter des Zornes aber während um die Lippen ein
spöttischer Zug bemerkbar ward glänzte in den Augen die ihn scharf
durchbohrten etwas von Mitleid mit Verachtung gemischt  »Sie  Sie haben das
da«  er griff nach Walters Brochüre und indem er sie mit zwei Fingern
verächtlich aufhob hielt er sie ihm plötzlich mit beiden Händen vors Gesicht
um sie eben so rasch wieder an den Tisch zu werfen  »Das haben Sie
geschrieben  ich meine Sie haben es drucken lassen«  »Ich habe keinen Grund
es zu leugnen«  »Und mir unterstehen Sie sich diese Schrift zu unterbreiten«
 »Ich erfuhr erst heute dass Euer Excellenz von meiner Schrift Notiz genommen«
 »Der Rittmeister Dohleneck ist Ihr Freund«  »So viel ich weiß steht er zu
meinem Vater in Verhältnissen«  »Doch noch etwas Bescheidenheit durch den
Papa und die Freundschaft mir in die Hände zu spielen wozu Ihnen selbst die
Unverschämtheit abging Gut gespielt mein Herr Sie können sich rühmen dass ich
Sie einen Augenblick für ehrlich hielt«  »Wenn meine Ansichten oder meine
Darstellung Euer Excellenz Missfallen erregten so glaube ich wenigstens diese
Behandlung nicht verdient zu haben da ich mich Ihnen damit nicht aufgedrängt
habe  Wenn Euer Excellenz mich nur deshalb rufen ließ so glaube ich jetzt
entlassen zu sein«  »Unversch  Ihre Ansichten Herr in drei  hat ein
Plagiarius Ansichten Kann ein Dieb sagen der einen Kasten aus dem offenen
Fenster stahl dass ihm die Sachen darin gehören wenn er sie in seiner Spelunke
in Schränke und Fächer gestellt hat«
    Walters Blut stürzte gegen seine Brust er presste die Lippen seine Stirn
glühte und wie ein eiskalter Strahl zuckte es ihm zugleich vom Wirbel bis zur
Zeh »Was haben Euer Excellenz mir zu befehlen« Er sprach es mit fester Stimme
aber es war der letzte Moment der Fassung »Scheeren Sie sich zum  wo Sie
hergekommen und unterstehen sich nicht mir wieder unter die Augen zu treten«
Der Minister hatte mit einer halben Wendung ihm den Rücken gekehrt
    »Ich werde nicht gehen« hörte er hinter sich eine klar tönende Stimme
»Denn darum haben darum können Excellenz mich nicht herberufen haben Ich gehe
nicht weil ich es mir schuldig bin und ich gehe nicht weil ich es Euer
Excellenz schuldig bin Ich habe ein Recht vor Ihnen gerechtfertigt zu werden
wie der Minister ein Recht hat vor mir gerechtfertigt zu stehen und wäre ich
die unterste menschliche Kreatur in diesem Staate« Der Freiherr sah ihn über
die Schulter an »Im Mundwerk ein Virtuos wie im Styl aber ich liebe nicht
Virtuosen ich will Charaktere Was haben Sie vorzubringen Kurz«  »Dass hier
ein Missverständnis sein muss«  »Es ist Alles klar Mit abgeschriebenen Gedanken
wollen Sie sich brüsten Gehen Sie zu andern Staatsmännern Ich will Ihnen den
Gefallen tun und Sie vergessen Verstanden Ganz vergessen Machen Sie da Ihre
Fortune Aber junger Mann wenn es ernst ist um das Vaterland und wo es sich
handelt um seine heiligsten Interessen da dulde ich keine Escroquerie«
    Es war nicht mehr die Glut der Entrüstung und des Zornes es war eine
lösende Wärme welche unsern Bekannten aus seiner Erstarrung ins Leben rief
Hier war ein Missverständnis Er fühlte sich so mutig wie je Der Minister der
ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen gegangen war und schon die Tür in der
Hand hielt hörte den entschiedenen Tritt des Andern hinter sich er hörte ein
Halt ihm zurufen Vielleicht wäre der Dreiste ihm ins andere Zimmer gefolgt
wenn er nicht an der Schwelle Kehrt gemacht Vorhin hatte Walters Stimme ihn
sanfter gestimmt der klare ruhige Blick die gesetzte Haltung mit der er ihn
jetzt ansah hemmte noch einmal das Gewitter das im Losbruch entweder gegen
einen unerhört Unverschämten oder gegen einen Unschuldigen Das klare blaue Auge
sprach für die Unschuld
    »Excellenz ich weiß was ich begehe und weiß dass ein Klingelzug ein
Rufen aus Ihrem Munde über mein Loos entscheidet Lassen Sie mich durch Ihre
Diener hinauswerfen ins Gefängnis schleppen mir den Prozess machen wegen
Attentats gegen einen höheren Staatsbeamten im Dienst Ich will nichts ableugnen
und weiß dass es mehrere Jahre Festung meine Karriere kosten kann Dennoch 
So heilig Ihnen Ihr unbescholtener Ruf ist so heilig mir meine Ehre Der
Staatsmann den ich nicht mit den übrigen verwechsele der die Dinge nach ihrem
Werte prüft und die Menschen nicht nach ihrem Kleid und Namen er hat mich
den er freundlich in sein Haus lud hier in seinem Hause einen Plagiarius
gescholten er hat mich des Diebstahls der Escroquerie bezüchtigt Ich habe ein
heiliges Menschenrecht dafür Rechenschaft zu fordern Von Andern würde ich sie
nicht fordern die in brutalem Dünkel den Untergebenen nicht fähig halten zu
denken was sie nicht selbst gedacht von Euer Excellenz fordere ich sie und
Sie werden sie mir gewähren Wessen Gedanken habe ich entwendet wessen Schrift
nachgedruckt Wen habe ich um seinen Vorteil betrogen Diese Schrift die
Ansichten darin falsch oder richtig sind meine Ich bin auf Tadel gefasst ich
werde auch Verspottung zu ertragen wissen aber ich will mein Recht als
Eigentümer«
    Er hatte das Heft vom Tisch ergriffen Der Minister sah ihn mit einem
durchdringenden Blicke eine Weile an aber während der Zorn noch auf den Lippen
schwebte und den unteren Teil des Gesichts durchzuckte glätteten sich schon
die Falten der Stirn und unter den Brauen wurden die Augen klar ja ein
spöttisches Lächeln fing an sich über die Mundwinkel zu legen »Die Gedanken
mein Herr sind meine«
    Walter hielt zum ersten Mal den Blick nicht aus er senkte seine Augen der
Blick wurde ganz sarkastisch »Meine eigenen« wiederholte der Minister in einem
Tone der dem Blicke entsprach »Ihre Artigkeit wird doch nicht Beweise
fordern«  »Und wäre das mein Gott«  »So wäre das noch keine große Sünde
Gedanken fliegen durch die Luft Der Eine arglos im Eifer des Gesprächs lässt
sie über die Lippen und sie vibriren von Ohr zu Ohr bis der letzte Horcher sie
in Worte fasst und sie für die seinen hält weil er sie zu Papier bringt Diesen
Diebstahl will ich Ihnen verzeihen aber «
    Darauf war Walter allerdings nicht vorbereitet gewesen aber ein Blick auf
das Exemplar der Druckschrift in seiner Hand gab ihn den Mut zurück Er hielt
das dicke Bravo mit Rotstift dem Minister entgegen »Hier fanden Excellenz «
»Einen meiner Gedanken ausgeführt wie es mir gefiel Nein ich bekenne mehr
Was ich erst flüchtig hingeworfen auf eine andere Zeit die Ausführung
versparend fand ich so entwickelt es bekam Hand und Fuß es ward durch die
Wendung ein neuer Gedanke Es überraschle mich und ich war froh dass Jemand
mich verstanden hat in meinem Sinn gedacht weiter gedacht als ich « »Gott sei
Dank« brach es von Walters Lippen Er vergaß in dem Augenblick seine Stellung
selbst die peinliche Lage in der er sich noch befand Er zuckte mit der Hand
als wolle er nach der des Ministers greifen »Gott sei Dank ich bin
gerechtfertigt Diese Wendung werden Sie mir doch als Eigentum lassen«
    Indem der Staatsmann ihn unverwandt anblickte schien die Wolke von vorhin
sich wieder auf seinem Gesicht zu sammeln aber es war eine Magie um nicht zu
sagen Sympatie in Beider Augen welche den Ausbruch des Gewitters noch nicht
zuließ »Auch die darauf folgenden Seiten Sehen Sie nach« Walter blätterte
Sie waren mit Rotstift an der Seite von oben bis unten angestrichen »Es ist
nur die Entwicklung jener Wendung des Gedankens Ich glaube sie ist
folgerichtig und nicht Unglücklich«  »Ich glaube es auch« sagte der Minister
Es wetterleuchtete wieder Er sprach rasch in abgestossenen Sätzen »Also Ihre
Entwickelung Mit Ihren Fingern geschrieben Zweifle ich nicht  Und der
Rittmeister Ihres Vaters Freund hat nicht mit Ihrem Wissen gehandelt Ich will
es glauben Kennen Sie den Regierungsrat Fuchsius Still Es kommt nichts
darauf an Die Verlegenheit will ich Ihnen sparen Gedanken fliegen nicht allein
durch die Lüfte auch durch die Finger von Abschreibern Sind Sie ein
Klairvoyant Ja ich hörte aus der romantischen Schule Sahen Sie die
Ausführung Seite für Seite Satz für Satz Wort für Wort durch die Mauer
schimmern Sie schrieben vermutlich um Mitternacht beim Vollmond Sagen Sie
ja Auf eine Illusion mehr kommt es einen Romantiker nicht an und wir scheiden
in Freundschaft Ich kann Sie noch als einen ehrlichen Menschen aus dem Sinn
schlagen wenn Sie mir ehrlich versprechen wollen künftig zu wachen wenn Sie
über Dinge schreiben wollen die Sie zu verstehen glauben«
    »Ich bin kein Ödipus Excellenz und stehe sprachlos vor dieser Sphinx« Der
Minister nahm ihm die Brochüre aus der Hand aber indem er demonstriren wollte
zerdrückte er sie in der Heftigkeit seiner Gestikulation »Als ich sie
vorgestern in die Hand bekam war ich entzückt Der Anfang superbe Das Vorwort
ist von Ihnen das kann ein Geschäftsmann nicht So wollte ich die Verordnung
vors Publikum gebracht so eingeleitet Selbst die Perrücken durch die ich mich
schlagen muss würden einigen Respekt vor dieser Überzeugungskraft vor dieser
Gesinnung in blühender Sprache die zum Herzen dringt gewinnen Das kommt von
Ihnen Nicht« »Wenn nicht ein unsichtbarer Geist es mir eingab der sein
Eigentum reklamirt«  »Machen Sie Ihre Sache nicht schlechter als sie ist
junger Mann Gestehen sie offen Ihren Fehltritt ein Von da ab hat der Teufel
der Eitelkeit Sie geplagt  Wort für Wort abgeschrieben«  »Von wem«  »Ich
wills noch glauben dass Sie das Original selbst nicht kannten« Der Minister
war mit einem stummen Wink dass der Andere ihm folge in sein Arbeitszimmer
getreten Vom Schreibtisch nahm er ein sauber mundirtes Promemoria und reichte
es Walter »Lesen Sie die Ausarbeitung des Herrn von Fuchsius welche dieser
geschickte Arbeiter auf die von mir ihm angegebenen Ideen entwarf ganz zu
meiner Zufriedenheit ganz in meine Ideen eingehend« Walter las blätterte
überflog mit steigender Verwunderung Das Thema dasselbe die Einleitung die
formelle eines Geschäftsmannes die Einteilungen fast die nämlichen mit seiner
Schrift dann eine Ausführung  es war fast Wort für Wort die seine  nur der
rhetorische Schluss ein anderer im Aktenstyl
    Er ließ das Papier sinken Ein Lichtstrahl zuckte durch das Zimmer und auch
in seine Seele »So ist der Streit nur um die Priorität«  »Der Streit ist
entschieden« fiel der Minister scharf ein »Meine Gedanken über die
Regeneration des Bauernstandes sind älter als  was geht das Sie an Fuchsius
teilte ich sie Ende des vorigen Jahres mit wir hatten darüber Gespräche seit
sechs Monaten ist er mit der Ausarbeitung des Promemoria beschäftigt stückweise
kannte ich die Arbeit schon früher in ihrer vollendeten Gestalt legte er sie
mir vor drei Monaten vor Ihre Brochüre trägt die Jahreszahl 1806 an der Stirn
Die Sache ist damit zu Ende«
    Walter verbeugte sich und ging Der Minister schien es nicht erwartet zu
haben »Sie haben mir nichts mehr zu sagen« wandte er sich noch einmal um
    »Seit Sie mir zu sprechen verboten haben Ich würde sonst was Excellenz
vielleicht entgangen bemerklich gemacht haben dass es Buchhändlerart ist auf
Druckschriften die am Ende eines Jahres erscheinen die Jahreszahl des
folgenden zu setzen dass ferner unter meinem Vorwort das Datum steht an dem ich
die Schrift vollendet und das war schon in der Mitte vorigen Jahres also ehe
Euer Excellenz Herrn von Fuchsius die Aufgabe stellten ferner wenn es in einer
so unwichtigen Angelegenheit darauf ankäme könnte ich durch den Buchdrucker
mein Manuskript durch das Zeugnis von Freunden darlegen wie ich die
betreffenden Stellen bereits Anfang vorigen Jahres niedergeschrieben hatte Ich
könnte auch bemerken dass aus einer gedruckten Schrift welche beinahe ein Jahr
cirkulirt sich leichter Auszüge machen lassen als aus einer schriftlichen die
im Bureau eines Ministers unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit bewahrt
ist«
    »Halt Die sämtlichen Exemplare Ihrer Schrift sind aufgekauft und makulirt
worden ehe sie ins Publikum kamen«  »Wer tat das« rief der Erstaunte  
»Ihr eigener Vater Weil er es bereute ließ er mir das letzte Exemplar durch
Herrn von Dohleneck zustellen«  »So könnte ich schließlich darauf aufmerksam
machen« sagte Walter »dass ich mit dem Herrn Regierungsrat in durchaus keinen
Relationen stehe«  »Kennen Sie Herrn von Fuchsius« unterbrach ihn der
Minister der schon in der Mitte de Rede mit eigenen Gedanken beschäftigt
schien  »Man rühmt ihn als einen unserer befähigtesten jüngeren Beamten dem
eine glänzende Karriere bevorsteht«  »Ich frage ob Sie ihn kennen
Persönlich Schickten Sie ihm wirklich kein Exemplar Wissen Sie dass er keines
besessen«  Als Walter den Mund öffnete schoss wieder ein Lichtstrahl durch das
Zimmer Er erinnerte sich als er bei jenem anderen Minister eine Audienz
erhalten dass Herr von Fuchsius damals aus dem Zimmer gegangen dass dem Minister
kurz zuvor ein Vortrag über die Schrift gehalten sein musste In dem ersten
Moment fuhr ein Lächeln über sein Gesicht Er erinnerte sich dass Fuchsius als
er durch das Vorzimmer an ihm vorüber ging eine Druckschrift aus der Tasche
sah
    »Herr Regierungsrat von Fuchsius« meldete in dem Augenblick der Amtsbote
 »Soll warten« sagte der Minister »Im Bureau« rief er dem Voten nach Er
schien mit Gedanken beschäftigt als er die Hände auf dem Rücken aus dem
Fenster sah War Walter vergessen Hatte der Staatsmann angenommen dass er gehen
müsse Sollte er jetzt gehen Sich räuspern Plötzlich wandte er sich um Er
hatte ihn nicht vergessen aus dem Pult riss er ein Konzept und warf es hin
»Versuchen Sie sich daran Hier auf der Stelle Da ist Papier und Feder  Eine
Ausarbeitung  ganz nach Ihrem Sinne  an die Lineamente brauchen Sie sich nicht
zu halten da ist viel dummes Zeug darin  Eine Stunde haben Sie Zeit Ich habe
Geschäfte die mich wohl noch länger abhalten«
 
                         Siebenundsechzigstes Kapitel
               Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben
Die Tür schlug hinter ihm zu  War das eine Rechtfertigung dass der Minister
dem jungen ihm fremden Mann das Heiligtum seines Arbeitszimmers mit den offen
stehenden Schränken überließ Walter konnte wieder lächeln als aus einem
halbgeöffneten Schubfach ein Körbchen mit Goldstücken ihm entgegenbljetzte Da
lag auch ein versiegeltes Packet mit der Aufschrift »Nach meinem Tode zu
verbrennen« Vornehme Leute haben oft eigene Vorstellungen wie sie die von
ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen Jedenfalls war es nur eine
halbe Rechtfertigung der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prüfen ob
er im Stande sei selbstständig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten Das
Konzept das ihm übergeben war enthielt flüchtige von des Ministers Hand
hingeworfene Sätze etwa folgender Art Was allgemeine Stimmung wenn kein
gesetzliches Organ dafür existiert  Jeder Minister ausschließlich in seinem
Geschäftskreise  ein König oder Gliederpuppe Fehlt jedes Element den König
aufzuklären über den wahren Status  Geheime Kabinetsräte  Dahinter war ein
dicker Dintenklecks Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht
Absolut nicht mehr möglich Aut  aut  Fein anzufangen  Dummes Zeug So
Hardenberg nach heutiger Konferenz Blücher würds besser verstehen  Dahinter
einige Striche Federproben Eselsohren
    Daraus ein Promemoria entwerfen Allerdings das Zeichen eines großen
Vertrauens War Excellenz Denkweise so bekannt dass er aus Chiffren und
Hieroglyphen ein System konstruiren konnte Oder hatte er ihn absichtlich in ein
Labyrinth gesetzt um ihn auf bequeme Weise los zu werden wenn er den Ausgang
nicht fand Feder und Papier waren zurecht gelegt aber Gedanken sollen dem
Schreiben vorausgehen Sie im Promeniren zu sammeln war die Stube zu klein Und
es war drückend heiß Er lehnte sich aus dem Fenster um Luft zu schöpfen Die
Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straßen
Berlins Die geputzten Spaziergänger die nach dem Tiergarten eilten suchten
die schmale Schattenseite Er hörte ihre Gespräche Nicht Einer der nicht dem
Andern zurief »Das ist mal heiß« Jener machte die Bemerkung Anno 99 wäre es
doch noch heißer gewesen  »Ja ja so gehts« schlössen zwei Bekannte mit
einem vielsagenden Händedruck ein Gespräch in welchem sie sich eben nichts zu
sagen gewusst »Schlechte Zeiten«  »Wenn nur Friede bleibt«  »Meinen Sie 
Ja  ja  wer weiß«  »Hab ichs Ihnen nicht immer gesagt es geht oder es
geht nicht«  »Ja wenn nicht der Bonaparte wäre«  »Ne sappermente
Wirtschaft«  »Na man wird ja sehen«  »Und das Bier auch immer schlechter«
 »Saure Gurkenzeit Herr Gevatter«  »Die armen Komödianten« rief eine
geputzte Dame »Nein an solchem Tage spielen zu müssen«  »Und Belmonte und
Konstance«  »Und in Pelzen hu Einem schaudert«  »Und wie leer wird es
sein«  Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opfertier nicht eins das
erst gebraten werden sollte sondern das gebraten war vom Sonnenbrand ein
junger Bursch im Sonntagsrock Der Mund offen die blassblauen Augen unter den
glatt herabhangenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele Plötzlich
aber belebten sie sich von Pfiffigkeit halb pustete halb pfiff er und war
seitwärts gesprungen nach dem Strassenbrunnen Rasch klirrte die Pumpe und seine
Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl Warum
musste er es so laut machen dass die Schwestern sich umsahn »Aber Karl Potz
Wetter wie unanständig«  »Nein Mutter sieh der Karl der Junge hält doch
nie auf Reputation Als ob er von ner Schusterfamilie wäre Wie ein lebendiger
Strassenjunge«  »Warte nur wenn der Vater«  »Du kriegst ja draußen Weissbier
Karl« rief die Mutter »Wenn nur die wirklichen lebendigen Strassenjungen es
nicht gehört hätten« Es schnalzte und grinste »Strassenjungen Wer sind denn
Eure Strassenjungen«  »Und wer sind sie denn Aus der Fischerstrasse«  »Wenn
man sie nicht kennte Die näht Pantoffeln Selbst Schuster«  »Und die Andre 
Schneidermamsell bei den Komödianten«  »Dicke tun hilft nichts«  Hätten die
geputzten Damen nur geschwiegen Aber sie schwiegen nicht Sie mussten ihre Ehre
verteidigen Die Strassenjungen ließ sich in Berlin nicht überschreien Die
korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter sich mit dem »Kropzeug« nicht
abzugeben »Selbst Kropzeug« war das Echo Das war natürlich nicht zu ertragen
Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne ob er das dulden wolle seine
Frau Kropzeug genannt Der Mann schien schon vorausgeschickt das jüngste Kind
auf dem Arm damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittirt werde
Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen in den der Kopf beinahe
versank die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen hervorblickende
Pfeifenrohr passten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Teils der
Familie und man durfte annehmen dass er sich bei Hofjägers an einen aparten
Tisch setzen müsse Aber in der Not hört solche Distinktion auf Während der
Mann zurückkeuchte so hastig dass der Pfeife die Spitze abbrach und er jetzt
vollkommen Grund hatte zum Zorn hatte der Auftritt schon eine andere
Physiognomie angenommen Fritz war von den Schwestern animirt worden Dass einer
der Strassenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge »geblökt« durfte er
doch nicht dulden Der Täter lag auf dem Boden und Fritz auf ihm es war indes
zweifelhaft ob er nicht bald unter ihm liegen würde Da war es eben so
natürlich dass der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr darunter sprang Es
war auch nicht mehr Geschrei kaum mehr das was man in Berlin ein Aufgebot
nannte es war das nächste daran Vorübergehende standen schon wie es sich
schickt entweder still oder nahmen Teil als ein Einspänner um die Ecke bog
und den Knäuel in etwas trennte
    Es waren anständige Leute auf dem Wagen der Herr Hoflackirer und seine Frau
mit ihrer Kousine Charlotte deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimnis
blieb Anständige Leute stoßen Achtung ein besonders wenn sie Wagen und Pferde
haben Anständig will Jeder sein Der Herr Hoflackirer hatte aber seinen Rock
geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann auch kutschirte er selbst
und das Gestränge glänzte wenn auch nicht von Silber doch von etwas was wie
Silber aussah Hätte er nun die Peitsche knallen lassen und ein donnerndes Wort
gesprochen von Auseinander und Ruhe und Ordnung und hätte den Wagen
durchrollen lassen dann wäre Alles gut gewesen aber er fragte »Was ist denn
hier los« Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger Bei dem Durcheinander
von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen Wenn man nicht
darüber ins Reine kam wer ausgeschlagen habe was weniger darüber wer
ausgeschimpft hatte Die Frau Hoflackir schien für die geputzten Damen mehr
Sympatie zu empfinden während ihre Kousine die armen Jungen in so fern in
Schutz nahm als man nicht gleich losschlagen müsse wenn Einer mit der Zunge
blökt Wenn die Damen im Wagen schon verrieten dass sie im Inquiriren nicht
geschickt waren so viel weniger der Hoflackir der sich einige Blössen gab
welche auch von diesem Auditorium gefühlt wurden Schwierig war allerdings seine
Stellung wenn er außer den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen
seinen Beisitzerinnen schlichten sollte man soll sich aber nicht zum Richter
bestellen wenn man nicht das Zeug dazu hat sagte nachher ein ehrbarer Mann
    Die Frau Hoflackir musste durch eine sehr unanständige Geste eines
Strassenjungen in ihrem Zartgefühl verletzt sein denn sie schrie auf wie ihr
Mann auch dazu komme unter dem Pöbel sie zur Schau zu halten Hatte sie dabei
unglücklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet denn
diese  der Zorn macht blind  nahmen den Affront auf sich »Pöbel Wer ist denn
hier Ihr Pöbel« griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf Jetzt
war es an Charlotten auch die ihre zu erheben »Und wer sind Sie denn meine
Damen wenn ich fragen darf Das ist meine Kousine die Frau Hoflackir und der
Herr Hoflackir mein Cousin hat immer nur mit anständigen Leuten zu tun« 
»Sie meinen wohl wir wären nicht anständig« schrie die eine Geputzte die den
im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glühende Gesicht gesetzt hatte
nur nicht ganz in der vorigen Façon  »Da müsste doch die Polizei mitsprechen«
rief die Zweite  »Die Polizei« rief Charlotte »die kennt ihre Leute und
weiß wer sich Abends wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht von
Referendarien in Konditorläden führen lässt«  »In Konditorläden Das ist eine
ausverschämte Lüge Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen meine Dame
Der Herr Referendar invitirten mich aber ich sagte das würde sich wohl nicht
schicken Herr Referendar Und wir sind da nicht hineingegangen«  »Es kommt
mir auch gar nicht darauf an wo Sie die Rosinen gegessen haben« replicirte
Charlotte mit einem sehr feinen Blick  Die zweite Schwester hielt die
Höflichkeit nicht mehr für angebracht »Und woher Sie die Rosinen in Ihrem
großen Munde haben weiß man auch«  »Ja manche Leute« fiel Charlotte ein
»manche Leute haben einen sehr großen Mund und sehen Wunder wie aus Sonntags
vorm Brandenburger Tor wo sie Keiner kennt aber vorm Hamburger Tor kennt man
sie auch«  »Vorm Hamburger Tor« schrie die Eine »Vorm Hamburger Tor«
wiederholte die Andere »Da hätte man sie ja raus geschmissen Knall und Fall
wenns nicht der Herr Wachtmeister gewesen wäre«  »Mit Schmiedegesellen geben
wir uns allerdings nicht ab« trumpfte Charlotte drein »die sind uns zu
russig«  »Sie ist ja eine Köchin« fuhr die Jüngste auf »Eine
Geheimratsköchin Und eine für Alles Die ursprünglichen Parteien waren
aufgelöst vermischt es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen
Sitzenden Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat ist verloren Wie schwer
der Herr Hoflackir auch zur Empfindung zu bringen war denn die Frau Hoflackir
musste ihm mit der Faust in den Rücken pauken damit er nur merkte dass sie
ohnmächtig ward jetzt glaubte er fluchen zu müssen Es geschah zwar mit einer
gewaltigen Bierstimme aber weder mit den rechten Ausdrücken noch mit der
rechten Folge Zuerst Flüche aus dem Stall dann Gründe Ein Donnern das mit
dem Säuseln des Windes endet verfehlt seine Wirkung Im Hohngelächter der Buben
blieb ihm nur das letzte Mittel nach der Polizei zu rufen und er schwor so
wahr er Seiner Majestät Hoflackirer wäre wolle er sie alle durch die Bank in
die Stadtvogtei schmeissen lassen Ehe sich einer dessen gewärtigte war
Charlotte plötzlich vom Sitz aufgesprungen hatte sich übergelehnt dem Schwager
Zügel und Peitsche entrissen und ließ mit einem Platz die Peitsche knallen
Das mutige Pferd des langen Geredes überdrüssig bäumte sich mit einem Satz
der dem Wagen zwar einen Stoß versetzte dass die Frau Hoflackir ihre Ohnmacht
vergessen musste aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten
zerhauen den zu lösen dem Herrn Hoflackir am schwersten geworden wäre Der
Haufe der auf die Rodomontade schon zu Tätlichkeiten Miene machte flog
auseinander und Kies und Funken stoben«
    »Kikelkakel Polizei« rief Charlotte als sie Zügel und Peitsche dem
verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf »Darum lohnt sichs auch«
Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflachir stöhnte das komme davon wenn
man sich mit gemeinen Leuten einlasse  »Gemeine Leute das geht schon«
entgegnete Charlotte deren Herz jetzt warm wurde und ihre Zunge löste sich
»Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet tun Kousine das ist um die Crepance
zu kriegen Die Schmiedetöchter da an der Panke Hufschmied war er für die
Fuhrleute und Bauern Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen da
sollte es oben raus Ne Mamsell lässt sich auch gleich machen habe ich oft zu
meinem Geheimrat gesagt Das kostet Geld und Bildung mit ´nem langen
Plunderkleid ists nicht getan Da mussten sie in die Komödie vom Tanzboden
ins Korps de Ballet Gings nicht so dachten sie gehts so Das kennt man ja
Und Airs geben sie sich wenn ein Offizier mal auf der Redoute Meine Damen
gesagt hat Als ob man nicht wüsste wie sie mal barfuß laufen mussten und
Reisig auf der Hucke tragen das ist noch keine Sünde nicht aber pfui wer sich
schämt was er gewesen ist Und gegen den Vater wäre auch gar nichts zu sagen
wenn er nicht so schreckliche Manieren hätte Man merkt doch gleich den
Grobschmied raus Und wo er zuschlägt wächst kein Gras Aber er ist doch mal
ihr Vater und gestohlen hat er doch auch nicht Aber die Mutter na lieber
Gott wenn man von der erzählen wollte Unter der Haube ist sie nun mal aber
von vorher weiß man Geschichten Gott bewahre mich dass ich was sagte Wer Allen
die Haube vom Kopfe reißen wollte die jetzt hochmütig tun und auf Andere
schief runter sehen da hätte man viel zu tun Einer den Andern verreden da
ist die Schlechtigkeit der Menschheit und bis das nicht abgeschafft ist
Cousin da können Sie mir glauben ists nichts in der Welt«
    Einmal auf dem Einspänner mussten wir ihn doch bis ans Tor begleiten Wir
zweifeln nicht dass Charlottens Lunge die das auf dem damaligen Berlier
Strahenpflaster vermocht auch draußen auf dem welchen Erdreich des Tiergartens
noch lange fortgefahren ist Sie verschafte dem Hoflackirschen Ehepaare
jedenfalls den Vorteil nichts von den Spitzreden zu hören die unter lautem
Hohngelächter ihnen nachschallten
    Hier war nur eine Partei zurückgeblieben man möchte sagen eine
Herzensseligkeit und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Strassenjungen
um die Wette ins Wort um den Fortgerollte etwas Kränkendes nachzuschicken Der
Zorn wenn er auch nicht mehr trifft muss sich selbst genügen  Nein wenn
solche Leute sich herausnehmen wollen die nichts sind  Wer unter der
Gassenjugend kannte nicht die Geheimrats Charlotte Wenn die anfängt müssen
die Fischweiber unterducken  Ja mit den Fischweibern mag sie Trödel anfangen
da ist sie unter ihres Gleichen aber sich unterstehen anständige Personen auf
der Straße zu attaquiren  Eine Köchin so aufgedonnert ein Skandal was die
Polizei verbieten müsste  Die Polizei fragt freilich nicht wo eine Köchin ihr
Umschlagetuch her hat  Vom Wachtmeister hat sie es gewiss nicht erhalten 
Wenn Charlotte sich einbildete dass der Geheimrat sie heiraten würde hier auf
der Straße war es eine ausgemachte Sache dass sie die Rechnung ohne den Wirt
gemacht  Und ihre Kousine mit der sie so groß tat  Ja wenn man nicht
Alles wüsste wenn man sie nicht gekannt hätte  Ja der Herr Hoflackir war ein
honetter proprer Herr der auf sich was hielt Immer adrett Er zahlte baar
Der arme Hoflackir dass er sich von der Person hat herumkriegen lassen Aber es
war ihm schon recht warum war er ein solcher Schafskopf  Die Wage des armen
Hoflackirs ward immer leichter Arbeiten verstünde er das müsste man ihm
lassen aber sonst  ein Einfaltspinsel  Und ohne die Weiber was wäre er 
Barfuss die Stiefel auf dem Rücken war er durchs Hallesche Tor einwandert Aus
dem Voigtlande Ja wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen Und
wie hatte er es ihr vergolten  Alls dem Voigtlande musste er herkommen um
Andern das Verdienst wegzuschnappen und dann will er er noch Polizei spielen
über Berliner Stadtkinder Himmelschreiende Anmassung
    Der honette propre adrette immer baar zahlende Herr Hoflackirer wäre
gewiss noch schlimmer mitgenommen worden hätte nicht die Polizei jetzt wirklich
mit vielem Geräusch versucht die Gruppirung auseinander zu treiben Sie jagte
sich mit den Gassenjungen Die anständigen Leute ersuchte sie auseinander zu
gehen denn je weniger jetzt zu sehen war um so mehr drängten sich um noch zu
sehen was Andere vor ihnen gesehen hatten Die ursprünglichen Tumultuanten
waren langst entwischt und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied jetzigen
Knopfhändlers schon auf dem Wege nach dem Hofjäger wo sie nach einigen
Nachrichten die wir aber nicht verbürgen wollen sich mit der des Hoflackirers
verständigte indem sie herausfanden dass es nichts als ein Missverständnis
gewesen was sie an einander gebracht
    Unter den ehrbaren Bürgern war sehr ernsthafter Disput über den Vorfall Um
so besseres Streiten als kaum Einer von denen die stritten noch mit Augen
gesehen um was es sich stritt In einem Punkt nur waren Alle einig Warum war
die Polizei nicht früher gekommen »War denn die Polizei überhaupt nötig«
sagte der Begleiter einer ältlichen Dame der etwas Fremdartiges an sich hatte
Er war aus Amerika nach einem langen Aufenthalt daselbst in seine Vaterstadt
zurückgekehrt Man sah ihn verwundert an »Haben Sie denn da keine Polizei« 
»Wo man sie braucht Was sich von selbst schlichtet dazu ruft man sie nicht« 
Die ehrbaren Männer schüttelten den Kopf Es war ja ein Skandal  »Doch nur für
die welche sich um solche Bagatellenstritten« Aber es ward ein Auflauf es
hätte noch schlimmer werden können. Einer musste doch beispringen »Hätten die
Nachbarn und ehrbare Bürger sich nicht selbst helfen können wenn es ihnen zu
arg ward« Man verstand ihn nicht Das wäre noch hübscher ehrbare Bürger um so
was zu inkommodiren Die meisten Nachbarn meinten es liege an der
Unvollkommenheit der Gesetze man solle andere machen nur waren sie
verschiedener Ansicht über das wie Den Strassenjungen sollte verboten werden
auf der Straße zu schreien verlangte der Herr Tabakskrämer drüben Der
Schullehrer meinte den Frauenzimmern müsse untersagt sein in einem Putz auf
der Straße zu erscheinen der über ihren Stand ginge denn daher komme doch die
ganze Geschichte Ein Dritter man solle nicht Jedem erlauben auf der Straße zu
plumpen denn das sei der eigentliche Quell Man kam zu keiner Einigung
    Als die Leute erfahren der Mann sei ein Amerikaner erregte er den Respekt
welchen in Berlin Alles beansprucht was weiter ist Mehrere der ehrbaren
Leute die zugleich auch wissbegierig waren umringten ihn mit bescheidenen
Fragen über amerikanische Einrichtungen Einer der ihm aufmerksam und
beistimmend zugehört sagte »In alledem mein geehrter Herr mögen Sie Recht
haben aber ich frage Sie wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in
Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten wer reißt denn den
Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund«  »Niemand«  »Ja mein Gott wie
kann denn aber da Ordnung in Amerika sein«
    Die guten Bürger schüttelten den Kopf Die ältliche Dame welche sich von
dem Amerikaner führen ließ und zu ihm in dem Verhältnis einer Verwandten oder
Bekannten stehen mochte die einst seine mütterliche Lehrerin die langen Jahre
vergisst welche den Knaben zum Mann erhoben sagte mit der Feierlichkeit
überlegenen Wissens und doch mit dem gutmütigen Lächeln einer mütterlichen
Freundin die Verirrungen sanft aufnimmt weil wir Alle irren »Du wirst überall
Ungläubige treffen mein lieber Friedrich wenn Du von den Vorzügen Deiner neuen
Welt da drüben sprichst Und Dir selbst wird wenn Du Dich nur wieder zurecht
findest auch das Auge aufgehen dass in keinem Staate so väterlich für das Wohl
der Bürger gesorgt ist als in dem unseren Nur in dem Einen hast Du Recht da
ist es besser bei Euch dass sie die Kirchen heizen  Ja ich habe es immer
gesagt wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte was hätten die Leute dann noch
zu klagen  Nun wer weiß wenn ich die Augen schließe kommt man wohl auch
noch dahin Die großen Herren hier haben immer an Anderes zu denken was ihnen
wichtiger scheint darüber vergessen sie das Nächste « »An diesem heißen
Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste liebe Tante« entgegnete der
Amerikaner  »Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen dann ist es
im Winter zu spät Im Winter aber denken sie nun es ist ja noch Zeit es kommt
ja der Sommer So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts«
    Es war eine alte bekannte Dame der Residenz gleich geschätzt wegen ihrer
Wohltätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes Nur war sie eben
so bekannt wegen dieses Steckenpferdes das ihr zur fixen Idee geworden Sie
meinte die Armut fühle sich erst recht wenn sie in ihren Lumpen in den kalten
Gotteshäusern stehe wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz
anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen
zurückkehren würden gleich wie ein Satter gegen die Verdrießlichkeiten des
Lebens geharnischt sei wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt So
wusste sie zu beweisen dass aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich
frommer Sinn allgemeine Menschenliebe sondern auch Zufriedenheit
Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit kurz ein glückliches
vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse
    Die Straße war wieder still geworden und Walter saß am Schreibtisch Er
schlug die Augen nieder Es war eine ermattende Luft Er schüttelte die Träume
aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück Eine Seite stand fertig
geschrieben als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte »Lohnt es
sich denn um dieses Volk Will es anders sein als es ist Weiß es was es wollen
muss um aus der Dumpfheit der Eristenz «
    Er trat noch einmal ans Fenster
 
                          Achtundsechszigstes Kapitel
              Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben
Es war nicht gerade kühler geworden aber die Sonne prallte nicht mehr vom
Pflaster und den hellen Häusermauern zurück Sie war hinter das Dach eines hohen
Hauses gesunken Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Tore hinaus
Da ging sein Vater im Arm den Rittmeister von Dohleneck Seltsame Freundschaft
vom neuesten Datum Er lächelte über das Gerücht das der Witz der Berliner
Börse erfunden sein Vater wolle ihn enterben weil er keine Schulden gemacht
um den Rittmeister zu adoptiren der viel Schulden hatte denn die Firma Walter
van Asten verdanke ihren Kredit Denen die keinen hätten Ihre Schuldigkeit sei
es daher das Schuldenmachen zu begünstigen Er wusste nun was seinen Vater und
den Offizier aufs Neue verband Es war kein angenehmer Gedanke Er wollte nicht
durch einen Vater noch weniger durch einen GensdarmeRittmeister es war sein
Stolz gewesen nur durch sich empfohlen zu sein »War das nicht auch vielleicht
Phantasie« fuhr er aus seinen Träumen auf »eine fixe Idee wie die der guten
alten Oberkirchenrätin Bewegen wir uns nicht Alle in einem großen Gespinnst
über das wir nie hinausfliegen wie wir uns auch anstrengen Wir sehen nur nicht
das Gängelband an dem man uns führt Ja Alle sind wir eingeführt in die
Kreise wo wir wirken sollen der durch seinen Namen Herkunft der durch die
glatten Wangen das Geld des Vaters es war ihm mitgegeben als er geboren ward
Der ruft den Schneider den Koiffeur den Tanzmeister zu Hilfe Sie lesen
bilden sich um zu wirken Was wäre unser ernstestes Studium wenn uns nicht
doch als endliches Ziel ein Wirkungskreis vor Augen stände der uns gefällig
machen soll uns unter den Menschen erhebt einen Einfluss verschafft Warum nun
wo wir immerfort Hilfe suchen müssen um die Lücken unseres dürftigen Ichs
auszufüllen die von uns stoßen die man uns darreicht die von selbst da ist
Das Netz das uns umschlingt heißt Konnexionswesen Ists nicht in unsere Natur
eingeimpft bedingt durch unsere Gesellschaft unser Gemeinwesen lag es nicht
ausgeprägt in unserm zünftigen deutschen Sippschaftswesen Der Sohn schlüpfte
in die Kundschaft Rüstung die Lehen seines Vaters die Gesetze drückten ein
Auge zu die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem
Recht So überall Wir sehen freilich Lumpe auf diesem Wege steigen wo das
Verdienst zur Tür hinausgewiesen wird Warum lässt es sich ausweisen Warum
greift es nicht zu den Mitteln welche die Vorsehung ihm bot Ist das nicht viel
mehr Hochmut vielleicht der impertinenteste Dünkel sich nur selbst genügen zu
wollen Sollen wir nicht klug sein wie die Schlangen Und was Klugheit
Grassirt nicht unter diesen Menschen die Manie zu protegiren Sie locken uns
wir brauchen nur zuzugreifen Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit
Derer die aus sich nichts machen können Andere zu erheben die sich ihnen
fügen ihren Launen schmeicheln in ihre Gedanken hineinlügen So entstanden
Schulen künstlerische philosophische religiöse so erwuchs das Königtum zu
der mytischen Größe Man erhob sich weil man Kleinere unter sich groß werden
ließ Man unterließ den Pyramidenbau weil man inne ward dass man doch nicht
über die Wolken dringe aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füßen
betrachtete um so erhabener dünkte man sich selbst Es ist ihr Spielzeug warum
erfassen wir es nicht und lassen sie spielen zu unserm Zwecke«
    Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe schräg dem Hotel gegenüber Ein Teil
dieser Fenster war mit grünen Jalousieen verschlossen sie schienen nicht erst
heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen der dicke Staub darauf sprach von
einem langen Verschluss Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines worin
Krankenluft wehte Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren Er
hielt seitwärts Man streute das Stroh langsam auf das Pflaster vor dem Hause
Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf eine
weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus Die Geheimrätin Lupinus gab den
Leuten Anweisungen die er nicht hörte Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde
und wehte sich frische Luft zu  Man nannte die Lupinus eine unglückliche
schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe
mit welcher sie die harten Unfälle die Schlag auf Schlag sie trafen ertrug
Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten und musste von
ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden zuweilen auch an sich selbst zu
denken Die Zufälle des Geheimrats sollten besonderer Art sein und er seine
Pflegerin durch wunderbare Phantasien plagen Von alledem merkte man nichts
wenn sie in der Gesellschaft erschien Sie sprach von dem was ihr bevorstehe
mit Ruhe und Fassung Sie mache sich keine Illusionen wenn auch die Ärzte ihr
Trost zusprächen mit einem Seufzer fügte sie hinzu sie habe in ihrem Leben die
Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennen gelernt Sie citirte gern
Stellen aus Mendelssohns Plato Was sei denn das Leben anders als ein Gefängnis
oder ein Wachtposten aus dem die Seele sich hinaussehnt nach Befreiung oder
Ablösung Sie blickte auch wohl nach den Sternen und schien über sich selbst zu
lächeln wenn sie in zwei kleinen die sie bezeichnete die lieblichen Kinder zu
sehen glaubte die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben
müssen »Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin« setzte sie
mit einem sanften Händedruck hinzu »dazu bin ich verdorben Meine Freunde sagen
zu oft dass ich es am Ende glauben muss ich sei eine Philosophin Die
Leidenschaften die uns verwirren und aufregen wer kann von sich rühmen dass er
sie ganz bewältigt um zu der Ruhe der Seele zu gelangen welche uns zu wahrhaft
Freien macht Bin ich nicht eine schlechte Philosophin wenn ich nicht einmal so
weit Herr über mich ward wie mein guter Mann Er sieht seiner Auflösung mit der
Ruhe des Gerechten entgegen froh wie ein Kind jeden Augenblick geniessend der
ihm noch geschenkt ist der Sonnenstrahl der in sein Zimmer fällt presst ihm
ein Lächeln aus er weht mit der Hand durch die Sonnenstäubchen er streichelt
den Kater über den Rücken was wird aus Dir nach meinem Tode werden Er kann
noch scherzen ob man nicht Versorgungsanstalten für treue Haustiere einrichten
solle Mein Herz blutet bei diesen Scherzen und das sollte eine Philosophin
nicht Sie sollte auch nicht mehr hoffen wo der Verstand ihr sagt dass hinter
der Hoffnung ein Strich gemacht werden muss Ich kann es noch nicht« sprach sie
sich plötzlich abwendend das Tuch am Gesicht »da sehen Sie was ich für eine
Philosophin bin«
    Die Geheimrätin Lupinus ward allgemein bewundert aber man fröstelte bei
dieser Bewunderung und man vermied sie Walter hatte scharfe Augen Das Gesicht
kam ihm heute besonders spitz vor Sie schielte ja Fiel nicht ihr Blick
seitwärts über die ganze Straße Wie kam ihm die Vorstellung von einem
Brennglas das in der Ferne zünden soll Er hatte niemals Zuneigung für sie
empfunden Wie oft hatte er im Gespräch über ernste wissenschaftliche
Gegenstände die Schärfe ihres Verstandes ihre Phantasie im Kombiniren
bewundert aber es war als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die
Anschauung überzog eine ätzende Substanz welche die eben noch blühenden Farben
verzehrte aus dem Gemälde ward ein blauer Kupferstich Er war nie erhoben durch
ihr Gespräch er ging nie froh von ihr Was wollte diese Frau Jetzt eine
Philosophin die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen jetzt schien
ihre Brust sich zu heben von Hochgefühlen für Vaterland Freiheit für die
Heroen der Menschheit Fand sie eine Schranke eine eiserne Wand vor der sie
zurücksank nach verzehrendem Kampf  Nein ihre Flügel schienen schon erlahmt
wenn die Zuschauer fortsahn Und dann wie das Vogelgeschlecht das auch Flügel
hat aber nie in die Wolken sich erhebt flatterte sie im Frivolen Eitlen
gehoben von keinem andern Drang als dem der Gefallsucht Tausende die nach dem
Interessantsein haschen zufrieden wenn irgend etwas als vorzüglich anerkannt
wird sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier ein kleiner Fuß ihr feines
Whistspiel Wo blieb sie denn stehen woran hielt sie sich fragte er sich Wäre
sie sich selbst genug Auch die Vorstellungvon Allen verkannt zu sein es ist
eine bittere Wollust aber sie mag zur Säule werden auf die zuletzt allenfalls
eine Säulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewühl
herabsieht
    Aber  nein dazu pulste ihr Blut zu ruhig Der holde Wahnsinn spielte nicht
um ihre Schläfe sie jeden Augenblick die sich bewusste Beherrscherin ihrer
Worte ihrer Mienen Wusste sie ja sogar dass sie den Männern nicht gefiel dass
Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken Gefühlvolle erkältete ihr Gespräch
Geistvolle fühlten sich gelähmt nur Solche gerieten in Entzückungen über ihren
Geist die von ihr sich heben und tragen lassen wollten und auch diese nur so
lange bis sie ihrer nicht mehr bedurften Und auch das wusste die
Unglückselige Wohin er blickte was sie gelten wollte sie erreichte es nicht
Schwärmte sie für Napoleon studierte sie Plato begeisterte sie Fichte erglühte
sie für die Schönheitsformen des Altertums war sie plötzlich von patriotischen
Gefühlen für die Ehre des Vaterlandes erweckt war sie die liebevolle Pflegerin
des kränkelnden Gatten Nichts von alledem Walter hatte matematische Beweise
dafür
    Sie schloss jetzt wieder die Jalousieen Die spitzen Finger der mageren Hand
waren noch sichtbar wie sie sich mühten eine Schlinge an einen Wandnagel zu
befestigen Es gelang nicht so schnell Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas
Unheimliches für Walter Was wird sie nun drinnen in der dunklen Stube anfangen
Handarbeiten Sie nahm sie nur vor wenn Fremde da waren gewisse angefangene
Stücke die er gut kannte Stickereien Nähtereien die aber nie fertig wurden
Würde sie sich ans Bett des Kranken setzen den Schweiß von seiner Stirn
wischen seine magere Hand liebevoll streicheln Er glaubte durch die Mauer zu
sehen dass sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte Vielleicht ergriff sie
eine Lektüre  Was sollte sie lesen Und am Krankenbett Da lagen gewisse
Bücher Mendelssohns Plato Tiedges Urania Fichte Schleiermacher
aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische Je nach dem Besuch
der sich meldete ward eins auf den Tisch gelegt Die Geheimrätin galt für eine
sehr belesene Frau sie sprach mit Geist über die Novitäten die  sie nicht
gelesen hatte Walter hatte sie für sie lesen ihr den Inhalt vortragen müssen
O er wusste Bescheid im Hause und wie viel hatte ihm Adelheid mitgeteilt 
Ein Schmerz ein Gedanke ein Blitz zuckte durch seine Brust Was hatte sie mit
Adelheid gewollt  Nicht drei Tage waren vergangen und sie hatte sie gequält
alle ätzende Schärfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen Was war
denn ihre Absicht Sein Herz pochte immer heftiger Ein Möbel ein Schmuck des
Hauses den man ankauft um Gäste anzulocken verdirbt man nicht man bemüht
sich nicht ihm die natürliche Farbe seinen Glanz zu rauben Aber hatte nicht
diese Frau  Adelheid hatte es nie ausgesprochen in ihrem stocken ihrem
Zittern hatte er es gelesen Mein Gott was sie gewollt  Dunkle Bilder wogten
vor seiner Stirn  der Legationsrat sein rätselhaftes Verhältnis zur Lupinus
Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen  Nein vergiften  sie vergiften
Aber warum womit Weil Unglückliche den Anblick von Glücklichen nicht ertragen
können Weil der Adel einer rein gottgeschaffenen Seele zum beständigen Vorwurf
für Die wird welche diesen Adel eingebüßt Es war plötzlich eine Überzeugung
die ihn durchdrang Aber war es nur Instinkt gewesen oder hatte sie
systematisch gearbeitet Mein Gott ist es denn möglich dass eine Frau
systematisch an ein solches Geschäft geht Es war wohl nur ein Gebilde des
Argwohns und doch  alle ihre Handlungen  und boten Erfahrung und Geschichte
ihm nicht hundert Beispiele einer solchen Verführungslust bloß aus dem Gelüst
zu verführen Wie man dem Tobsüchtigen Wasserstürze gibt hatte sie auf alle
ihre warmen Gefühle einen Eisguss geschüttet Das junge warme Herz ja es sollte
systematisch erkalten vor der Zeit absterben  nicht an eigenen bitteren
Erfahrungen an denen einer egoistischen Seele die nicht mehr Liebe Glaube
Hoffnung kannte Ein blühendes Geschöpf von der Natur mit allen
Frühlingsregungen begabt wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen War sie
das selbst?  Nein etwas lebte doch in der Frau ein geheimes Feuer  Hass
Neid eine stille Wollust des Egoismus Eine kalterzige Egoistin ist zu Allem
fähig  So wollte sie Adelheid präpariren zu einer Mitsünderin einer
Verlorenen Trostlosen
    Und er selbst  Stand er ohne Schuld da Hatte ihn nicht längst eine Ahnung
überschlichen dass die Lupinus dies beabsichtigte Und hatte er die Ahnung nicht
aus dem Sinn geschlagen und aus Eigennutz War es nicht sein Wunsch gewesen
dass seine Braut dort aushalte weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte
weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimrätin seinen Wünschen entgegen zu
kommen schien weil er unter andern Verhältnissen in einem andern Hause für
seine Hoffnungen fürchten musste Darum hatte er zwar nicht gegen seine Pflicht
gehandelt aber doch  die Gedankensünde begangen Selbst ein Egoist wagte er
Andere anzuklagen
    Da rollte die Equipage der Fürstin vorüber im Fond diese mit Adelheid auf
dem Rücksitz saß Louis Bovillard Die Fürstin schien zu schlummern Adelheid und
Louis sahen nichts sie sahen nur sich Der Wagen war verschwunden eine
Erscheinung
    Ein »Gott sei Dank« löste sich aus Walters Brust vielleicht von seinen
Lippen Er fühlte eine wohltätige Transpiration Das Schicksal hat es so es
hat es vielleicht zum Besten gefügt Ja im Kontobuch stand noch seine Schuld
auf der Seite »Soll«aber sie war ausgeglichen auf der Seite »Hat« Er hatte
nichts mehr Seine Geliebte war die Geliebte eines Anderen Sie war gerettet
und er  verloren Nein er war nur frei geworden um sein ganzes Ich ohne
Egoismus hinzugeben einer andern Geliebten liebten dem Vaterlande der Idee
als deren letztes Ziel in der Ferne  Deutschlands Errettung vom Fremdjoch
schwebte
    Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch und seine Arbeit förderte sich
Er war fertig als der Minister eintrat
 
                          Neunundsechszigstes Kapitel
                            Alles für einen Andern
Die verfinsterte Stirn des Ministers mit welcher er eingetreten erheiterte
sich nicht als er das Papier durchlas Er flog es nur noch über als er es auf
den Tisch fallen ließ
    »Das ist nichts  gar nichts«  »Euer Excellenz Ideen « »Die Ausführung
taugt nichts Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den Freimütigen Oder an
die Zeitung da in Leipzig Wir arbeiten hier nicht für die elegante Welt«
Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verengte sich den Entlassungswink
anticipirend
    »Empfindlich Das taugt nicht für die Staatskarriere«  »Da meine Schrift
nichts taugt kommt wohl darauf nichts mehr an«  »Man darf nicht der
Empfindlichkeit nachhängen wenn man sich berufen fühlt für das Gemeinwesen
tätig zu sein«  »Mir wird eben der Beruf abgesprochen«
    Der Minister hatte ohne ihm zu antworten das Papier wieder in die Hand
genommen und klopfte indem er sprach mit der umgekehrten Hand darauf 
»Dürfte«  »sollte«  »wagte« »Wie soll das wirken Das gleitet an den
blasirten Ohren vorüber wie eine obligate Flöte die den Waldsturm
akkompagniren will Das Gleichniss vorn machen Sie ein Gedicht daraus Diesen
hier muss man derb Schlag auf Schlag die Notwendigkeit vors Auge führen Da
ist ein guter Passus aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt Und wie
sollten sie die Anspielung verstehen Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen es
ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen«
    Walter äußerte etwas davon dass die Stellung eines Anfängers der kaum in
das Geschäftsleben geblickt ihm nicht erlaube sich so fort in die Stellung des
Ministers gegen seine Kollegen oder gegen die Majestät des Königs zu finden
»Das glaube ich gern« sagte der Minister der sichtlich erschöpft und mit
andern Gedanken beschäftigt sich auf das Ruhebett geworfen »Man muss Vieles
erst lernen«
    Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung Der Minister
blätterte in einem Notizbuch Hatte er ihn vergessen Plötzlich sprach er
»Setzen Sie sich und schreiben« Walter folgte mechanisch »Nein hier neben
mir ich will Ihnen ins Gesicht sehen« Der Minister sah ihm kaum zwei Schritte
entfernt ins Gesicht War das wieder eine seiner eigentümlichen réparations
dhonneur oder sollte es eine Prüfung sein Der Minister dachte an beides nicht
Er übersann ein Thema mit dem er nicht fertig werden mochte er steckte das
Gedenkbuch wieder in die Tasche »Es ist gut ein ander Mal«
    Was sollte das heißen  Er bestimmte ihm einen anderen Tag Nein morgen
überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde Weshalb Wozu
    »Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden Die Branche für die Sie
sich eignen muss sich erst ermitteln«
    Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an »Eben war ich auf das
Schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt « »Das ist ausgeglichen« fiel der
Andere ein »Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben sich dem Staatsdienst widmen
Ich nehme Ihr Anerbieten an Wie gesagt bis sich etwas Bestimmteres findet
betrachte ich Sie als meinen PrivatSekretär Ich kann in vielen Dingen Ihre
Feder gebrauchen«  »Ich bin noch nicht gereinigt Nach einer so schweren
Anklage muss der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen«  »Sind
Sie so punktiliös Ich sprach mit Fuchsius Die Sache klärt sich einfach auf
Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war kam ihm Ihre Schrift zu
Händen«  »Er räumte ein « »Dass er sie benutzt hat«  »Wer gab ihm ein Recht
dazu«  »Er hielt die Schrift für eine preisgegebene verschollene  machen Sie
das mit ihm aus«  »So entblödete er sich nicht eine fremde Arbeit für die
seine auszugeben«  »Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe die
Ausführung « »Dreiviertel seiner Schrift « »Unter anderen Verhältnissen auch
würde ich es nicht gut heißen Hier galt es eine schwierige Arbeit bald und zum
Zwecke tauglich herzustellen Die suprema lex das salus reipublicae Warum
doppelt schreiben was einmal zum Zweck genug ist«
    Der Minister wollte den Regierungsrat gerechtfertigt sehen es wäre von
Walter töricht gewesen jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung bestehen
Er gab sie nicht auf aber er schwieg weil er auf des Staatsmannes Stirn andere
Gedanken gelagert sah »Ich brauche Jemand auf den ich mich verlassen kann
der offenen Kopfes fähig ist im Umgang in der Gesellschaft sich geltend zu
machen Verstehen Sie Jemanden der nicht mit de Tür ins Haus fällt was man
mir wohl zum Vorwurf macht der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form
zu schmelze weiß Nicht ein Haarbreit darf er abgeben aber den Widerstössen soll
er eine gewisse Elasticität entgegensetzen Ich muss ihn brauchen können nicht
zu förmlichen Missionen für die Form ist Vorrat die Fülle aber zu
gelegentlichen Keinen Spion aber er soll die Sinne wach haben Keinen « der
Minister hielt inne und als er Walters sich rötende Stirn bemerkte kam er
schnell dem Missverständnis entgegen »Er muss von Geburt sein einen Namen haben
der ihm überall Eingang verschafft auch am Hofe Das ist das Traurige dass die
Minister nie mit voller Kraft nach außen und nach innen wirken können dass sie
der Vermittler Unterhändler bedürfen nennen Sies immerhin Kundschafter die
sie mit dem Hofe den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich
Kabinetsräten aufpassen Jammervoll unnatürlich ist es ein Kraftzersplittern
was die besten Intentionen erlahmt aber es ist nun mal so und gegen ein Gift
braucht man ein Gegengift«
    »Unter den Männern von Geburt werden Excellenz eine reiche Auswahl haben«
Der Staatsmann verstand den kleinen Parirhieb aber mit einem vornehm leichten
Aufzucken ging er über etwas hinweg was zu beachten er nicht für wert hielt
    »Die besten sind geschulte Puppen wenn redlich steif wie ein Wegweiser
Sie machen Front dahin wo sie vor zwanzig dreißig Jahren den Feind sahen dass
die Dinge sich verändert dass er jetzt von den Flanken vom Rücken droht ist
ihnen nicht begreiflich zu machen Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt
Über das Militär rede ich nicht nur vom Civil Da stehen die Posten wo man sie
hingestellt sich brüstend dass sie die Stelle nie um einen halben Fuß breit
verlassen aber unaufmerksam wenn die Kontrebande drei Schritte von ihnen bei
hellem Tage über die Grenze dringt Was geht es sie an sie tun ihre Pflicht
Wenn die dumpfe Tugendtreue eigentlich nur Bequemlichkeit sie auszuhalten
drängt so wäre ihre höhere Tugend und Treue ihre Befehlshaber aufmerksam zu
machen dass man ihre Kräfte besser verwende Vor dieser Anmassung Überschreitung
ihres Dienstes erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den
heiligen Geist Mag das Vaterland untergehen wenn sie nur an ihrem Schilderhaus
präsentiren So nicht Einer nein Alle keine Freiheit des Urteils keine
selbsteigene Bewegungskraft Je besser die Normalpreussen geschniegelt gebürstet
und geschnürt sind so kleiner der Kern des Menschen darin Ja in Manchem wenn
man ihn aushülst ists hohl das Mark in die Rinde geschossen«
    »Die Klage der Patrioten ist doch dass von dieser Schule sich nur zu Viele
frei gemacht« entgegnete Walter 
    »Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist was wundern wir uns über
die Überläufer zum andern Extrem Diese Ungebundenheit Frechheit Lascivität in
der Meinung und den Sitten preise man sie immerhin als Geistesfreiheit
Aufklärung und Liberalität es sind nur die Symptome einer Auflösung « »Vor der
Gott uns bewahre« fiel Walter ein  »Und nicht bewahren wird wenn wir nicht
selbst etwas dazutun wenn wir nicht « Der Minister war aufgesprungen er
unterbrach sich selbst gewaltsam Dass er so weit in der ersten Stunde des
Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen schien diesem ein besseres
Zeichen der Ehrenrettung  »Kennen Sie den Legationsrat Wandel« fragte der
Minister plötzlich  »Er ist ein Ausländer«  »Ausländer«  Mit einem Lächeln
fuhr der Minister fort »Scheint doch dieser Staat destinirt von Ausländern
seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen Schwerin war ein
SchwedischPommer Keit ein Brite Derfflinger ein Österreicher auch ist der
wackere Blücher ein Mecklenburger Hardenberg ein Hannoveraner Moses
Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken und die Väter eines guten Teils
unserer Diplomatie unserer Staatsmänner und Offiziere wussten vor den
Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes
das Brandenburg heißt Vergessen Sie auch nicht junger Mann dass die
Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind Eingewanderte wenn Sie
wollen ich hielt sie für mehr für Eroberer  wie der Nilstrom Ägypten erobert
hat«  »Man sagt Herr von Wandel sei im Türingischen angesessen Noch Andere
geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande« 
»Meinetalben Island oder Teneriffa wenn  man muss sich gewöhnen Preußen
anders zu betrachten als nach dem Naturprozess Nation und Staat waren hier
nicht eins sie wurden es Es kostet auch mich zuweilen Mühe von den
mitgebrachten Vorstellungen zu lassen Aber es geht nur so nicht Anders oder
Alles zerfällt Es war allein der Geist dieser großen Fürstin der das
Verschiedene Fremdartige aneinander kittete einen Hauch hineingoss Diesen
Geist muss man lebendig erhalten immer wieder wärmen die junge Tradition damit
sie nicht alt wird Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht und
Wärmestoff so greifet nach draußen Was anderwärts Verbrechen hier ist es
erlaubt Gebot der Notwendigkeit der Selbsterhaltung«
    »Ich habe nicht die Ehre Herrn von Wandel näher zu kennen«
    »Das Mysteriöse womit er sich umgibt schreckt die Menschen zurück Ich
mag Die nicht tadeln welche sich hier vor den Blasirtenen verschließen Eine
eiserne Maske vors Gesicht um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu
verraten«  »Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu als abzustossen« 
»Charaktere und ernste Sitte bedarf die Nation der Staat darf es nicht so genau
nehmen Eine Libertinage die nicht die publiken Sitten verletzt darf ich
übersehen Er weiß das Siegel des Anstandes darauf zu drücken Er beobachtet
scharf hat merveillöse Kenntnisse Takt mit seiner Suada entlockt er
Geständnisse ohne selbst etwas zu verraten er ist bei den Frauen beliebt
eine fast unerlässliche Eigenschaft eines Diplomaten den man brauchen will«
setzte der Minister lächelnd hinzu  »Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin
sind Stadtgespräch«  »Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich Und
zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden er fürchtet ihn Das spricht zu seinen
Gunsten«  »So haben Excellenz bereits entschieden « »Wenn er Feuer in der
Brust sich bewahrt hat Er muss noch glauben können wenn er nicht mehr lieben
kann hassen doch aus Herzensgrunde das Schlechte Erbärmliche die
Verräterei das Schöntun mit den Fremden er muss noch hassen können denn wer
nur im Sumpfe fortschwimmt mit der Resignation endlich doch zu ertrinken
passt nicht für mich«  »Er gilt als in intimem Konner mit den Männern der
Lombardischen Klique«  »Wissen Sie ob er diese Kreaturen nicht nur
belauschen durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur wenn sie eine haben ihre
geheimsten Gedanken herauslocken will Wissen Sie ob hinter dieser Indifferenz
diesem blasirten Weltbürgertum nicht ein Hass glimmt wie ich ihn wünsche Ja
dahin sind wir gekommen bis er seine philantropischen Schwärmereien jenen
Allerweltsgerechtigkeitssinn ohne sich selbst je gerecht zu werden nicht durch
Kasteiungen und Blut sühnt bis er nicht wieder zum Egoisten wird ist
Deutschland verloren«
    »Ich glaube Excellenz in diesen Studien befindet sich auch unser Volk« 
»Studien« Da liegt das Elend Studien vor einer Krisis »Der Hass der seine
Verwünschungen ins Firmament speit tut es nicht der Weltsturm treibt die
Dünste fort ehe es zum Gewitter kommt Handeln und bis dahin ließ wirs
kommen dass wir nicht mehr offen handeln dürfen die Tugend die Tatkraft muss
sich verbergen hinter einer Larve agiren Schlimm dass es ist aber es ist Wir
brauchen die Tugenden der Brutus behüte uns Gott vor ihren Dolchen aber jener
zähen Festigkeit die ihre Gefühle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern lässt
sondern sie verschließt im Stillen nährt bis der Augenblick der Tat kam
Weshalb preisen wir jenen Mann mit dem unsere Geschichte anfing Spielte der
römische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten radotirte Arminius in den
Kaffeehäusern über Deutschlands Unglück sang er Lieder zur Guitarre zum Ruhm
seines unvergänglichen Vaterlandes damit die Römerinnen dem blondhaarigen
Schwärmer Bravo klatschten Er schwieg und hatte die Augen auf er schwieg und
diente um zu lernen er schwieg und sammelte Hass und Hass bis es ein Stock
ward den Feind zu zermalmen  Wir sind herabgedrückt entwürdigt bis zu
dieser Lage« fuhr der Minister nach einer Pause fort »aber noch schlimmer als
die wirkliche Tatsache wenn wir sie uns zu verbergen suchen Offen es uns
selbst eingestanden dass ist der erste unerlässliche Schritt zur Rettung Mir
graut vor diesem Bramarbasiren vor diesem Kornetsdünkel Ich liebe die stillen
Menschen die sich des Urteils enthalten weil ich denke sie könnten doch
Vernünftiges denken wo die lauten Denker nur Unsinn zu Tage bringen« Der
Minister hatte ausgesprochen Er ging noch in Aufregung umher aber sein Blick
forderte unsern Freund auf seine Meinung auszusprechen
    »Einige dünkt mich sind still aus Überzeugung weil ihre Ansicht nicht
verstanden würde Andere aus Furcht die Mehrzahl aber meine ich aus
Spekulation um sich nicht zu kompromittiren wenn die Dinge anders ausschlagen
als sie berechnet hatten«
    »So kennen Sie Wandel« fragte der Minister scharf vor ihm stehen bleibend
 »Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht«  »Das stimmt mit Fuchsius
Weiter«  »Ich kenne  ihn wirklich nicht Excellenz«  »Weiter« sprach der
Minister  »Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgend
ein Mal abspiegelt so erschrecke ich dass ich nie einen Zug auf seinem sah der
den Menschen verriet Die Diplomatie mag andere Gesetze haben ich aber könnte
Dem nie vertrauen der stets Herr ist über sich Wer alle Gefühle und
Leidenschaften kostete wie Mitridates die Gifte um sich ihrer zu erwehren
hat den göttlichen Menschen in sich ertödtet Wer den Ausdruck für Liebe Hass
Furcht Ehrgeiz Lüsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel
überwunden hat scheidet für mich aus der Reihe der sinnlichen Geschöpfe Ohne
Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken und keinen Charakter
der nicht die Sitte zum Fundament hat«
    Der Minister sah ihn eine Weile an Die Schärfe seines Blickes ging in
Wohlgefallen über Er klopfte ihm auf die Schulter »Wir werden uns näher kennen
lernen  Aber  ich will ihn doch noch nicht aufgeben Ich glaubte indes das
in ihm zu entdecken was ich hier nirgend finde Dies unausstehliche Sich
spreizen und Knistern um vornehmer scheinen zu wollen als man ist macht für
mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter als sie sind Wir wollen ihn auf
die Probe stellen Sie sollen behüflich sein«  »Als Kundschafter«  »Ihr
Vater steht mit ihm in Relation wie Fuchsius mir mitteilte Ein guter Kaufmann
gibt nur Kredit Dem der Kredit hat«  »Auch ein Kaufmann ist Illusionen
unterworfen«  »Das sollen Sie ermitteln mit Fuchsius sollen Sie sich darüber
verständigen Fuchsius hat Antipatieen gegen Wandel Das muss ein Staatsbeamter
sein lassen ich meine persönliche Antipatieen Aber er will Renseignements
haben erinnere ich mich recht aus den Niederlanden dass hässliche Schatten ihm
folgen  Irgendwo hat ein Glücksritter  es ist ein Entführungsroman mit Tod
Erbschleichers und so weiter gekuppelt   für Romane habe ich keinen Sinn
Fuchsius wird Ihnen das Nähere mitteilen Aber auch er mag in seinem Argwohn zu
weit gehen  Haben Sie Bedenken«  »Ich kenne bis jetzt weder den Roman noch
die Wahrheit«  »Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt Ein seiner Beobachter
oder ein blitzendes Talent Auch Sarkastik oder Humor wären treffliche
Eigenschaften Feuer wenn auch mit etwas Qualm dass die Salonmenschen hinreisst
Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sei wenn er nur kein verlorener Sohn vom
Vaterland ist Es gibt viele verlorene Söhne die nur eines Impulses bedürfen
damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere Englands erste
Staatsmänner gingen diesen Weg aus einem Rouné ward ein Charles For  Sie
denken an Jemand Sinnen Sie nach Er darf nicht scheuen die Stellung
anzunehmen Es ist ein Sort Den Ratcharakter mit einem ansehnlichen Gehalt
habe ich um der Form zu genügen für ihn bereit die eigentlichen Dienste
ergeben sich mit der Zeit Morgen sehen wir uns wieder  Jetzt gehen Sie ins
Bureau und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius«
    Walter trat einen Schritt zurück »Excellenz eine erste Bitte und wenn sie
mir abgeschlagen würde meine letzte erlassen Sie mir diese Konferenz Ich kann
nicht mit Herrn von Fuchsius  dienen«  Die Brauen des Freiherrn zogen sich
zusammen die Augen wurden kleiner ohne die Schärfe ihres Blickes zu verlieren
Er warf einen Gegenstand den er in der Hand hielt auf den Tisch »Soll ich
etwa ihn um Sie aufgeben  Herr ihn kenne ich Sie noch nicht« Er wandte sich
wieder um nach einigen Schritten zurückzukehren Das Ungewitter war verzogen
und die Stirne war heiterer als er zum zweiten Mal die Hand auf Walters
Schulter legte »Junger Mann Sie müssen noch viel lernen Glücklicherweise nur
was jeder Fant der ein Jahr in der Routine ist an den Fingern weg hat Ist ein
Staatsmann ein Gott ein Deukalion dass er seine Menschen sich machen kann wenn
ihm die nicht gefallen die ihm das Schicksal zuweist Er hat genug getan wenn
er Jeden an den Platz stellt den er füllt Findet er nur das heraus ist er
schon weise Den er zum Steineklopfen braucht von dem darf er nicht fordern
dass er Nähnadeln spitzt Und wen er zum Schatzmeister gemacht und seine Läden
bleiben verwahlt soll er ihn fortjagen weil er sich einmal einfallen ließ in
seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolziren Hab ich etwa hier
Vorrat dass ich nur zu wählen brauche Wollte ich Alle um solches Vergehen
fortjagen so könnte ich vom Türsteher bis zum ersten Geheimrat die Geschäfte
allein übernehmen Herr von Fuchsius ist ja jung und sieht in die Zukunft er
denkt ans Vaterland und denkt richtig soll ich ihn zum Teufel schicken weil er
nebenher auch an sich denkt Fordere vollkommene Menschen und Du wirst als
Eremit zu Grabe gehen Kein Wort mehr davon Die Ehre meiner Beamten die ich
mir bildete ist meine Ehre Es kann Ihnen auch einmal zu Gute kommen«
    Jetzt war Walter entlassen An der Tür blieb er stehen »Ich wüsste«  Er
stockte es schickte sich nicht mehr  »Presst es die Brust heraus damit« 
»Einen Mann«  »Der geeignet Nennen Sie ihn Ich sann eben auch nach«  »Er
ist mein Freund«  Walter stockte  »Desto besser«  »Ja ich kann aus vollem
Herzen sagen er ist der Mann wie Excellenz ihn suchen«  »Sein Name«  »Wird
ihn hier nicht empfehlen«  »Wenn es ein guter ist«  »Der Sohn des Geheimrat
von Bovillard«  »Der Tolle«  »Louis von Bovillard Für sein Herz das fürs
Vaterland schlägt sag ich gut Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer
Flamme aufglühen wenn er an edle Schmiede kommt«
    Walter blickte zweifelnd auf den Minister der nachdenkend stand »Senden
Sie ihn zu mir ich glaube Sie haben gut getroffen Er hat seine Wiener Mission
mit mehr Eifer ausgeführt als Haugwitz wünschte Aber«  »Euer Excellenz
Bedenken soll mir Befehl sein«  »Nein  der alte Bovillard hat ja seinen
provencalischen Adel renoviren lassen Es sind die Bovillard Maitres de Cerise
Ich danke Ihnen Herr van Asten dass Sie mich an ihn erinnert haben Über wen
diese Menschen hier entrüstet sind muss kein gewöhnlicher Mensch sein  Bringen
Sie ihn mir  Ist er noch mit seinem Vater überworfen Gleichviel Die
Bovillard de Cerisé waren schon in den Kreuzzügen genannt und was mehr ist
wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft Fast unbegreiflich wie ein
solches Mondkalb von Vater da hinein kam Schicken bringen Sie ihn bald  Da
erinnere ich mich dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen
kommen«  »Um die Aussöhnung mit dem Vater zu erleichtern«  »Nein die
Gargazin sagte mir neulich er ist so gut wie verlobt mit einem schönen jungen
Mädchen einer Beauté der Stadt es wäre aber viel Jammer von beiden Seiten
weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden Wie gesagt
führen sie ihn zu mir und freuen sich dass Sie Ihres Freundes Glück machen«
    »Ich freue mich« entgegnete Walter mit voller Stimme aber sie klang wie
ein Grabesgeläut und entfernte sich
 
                             Siebenzigstes Kapitel
                        Theorie und Praxis des Egoismus
Als Walter aus dem Hause trat war es nicht mehr so heiß dass er darum die Weste
sich aufreißen musste Er wollte auch nicht Kühlung der schwere Atemzug
bedeutete etwas anderes
    Er eilte nach Louis Bovillards Wohnung Noch eine schwere Last von der Brust
und dann war er frei Die Vorübergehenden dünkte der junge Mann mit der
geröteten Stirn dem stieren Blick der nicht um sich sah nicht auswich ein
Trunkener sie wichen ihm aus Er hörte nicht das Rollen der heimkehrenden
Wagen nicht den Tambour der den Zapfenstreich schlug er hörte überall nur ein
dumpfes Grabgeläut
    Auch den Wagen der Fürstin sah er nicht die doch dicht an ihm vorüber fuhr
Er hörte nicht Adelheids Stimme mit einem so schelmischen Silberklang wie auch
wir seit den Tagen ihrer kindischen Lust sie nicht gehört Es waren
Nachtigallentöne mit Lerchengewirbel in denen sie der Wonne die die Brust
sprengte Luft machte nur Accorde aber wer der ihr ins Auge sah verstand sie
nicht So sahen wir es niemals glänzen lachen sie neckte den ernsten
Geliebten sie war Mutwillen und Ausgelassenheit Louis Auge glänzte auch
dunkel schön nur auf sie den Blick gerichtet aber den Zug des Mutwillens des
Übermuts der seinen Ironie die sonst um seine Lippen spielten in seinen
Augen blitzten suchte man umsonst Die Fürstin in ihre Wagenecke gedrückt sah
mit stillem Lächeln zu Walter sah und hörte nichts Auch Die im Wagen bemerkten
ihn nicht Es war für Beide gut
    Je näher er dem Hause kam so langsamer ging er Nicht dass er unschlüssig
geworden er sann nur über die Weise wie er dem Freunde sein Glück mitteilen
wolle ohne seinen Stolz zu verletzen ohne ihn auf immer zum Sklaven der
Dankbarkeit gegen sich zu machen Wusste ahnte Bovillard dass er der Räuber
grade an seinem Glück war Er hatte Grund zu glauben dass es Bovillard bis jetzt
verborgen geblieben und er scheute eine Szene die das Verhältnis enthüllt Er
war in einer heroischen Stimmung und wünschte sie durch einen Auftritt nicht
gedämpft der ohne sentimentale Regung nicht abgehen konnte
    Oben auf der Treppe hörte er eine zänkische Frauenstimme er glaubte sie zu
kennen eine andere schüchterne die er nicht kannte Eine Mädchengestalt kam
ihm die Treppe herab entgegen ihre bestaubte Kleidung ihr schwankender Tritt
schien von Ermüdung vielleicht nach einer weiten Fusswanderung zu sprechen Ihr
Gesicht sah er nur halb sie hielt das Taschentuch vor Als sie ihm rasch
vorüber war brach das unterdrückte Weinen rasch heraus Unten noch eine Weile
zaudernd stürzte sie nach einem noch heftigeren Aufschluchzen zur Haustür
hinaus
    Die Wirtin kannte Waltern Der Herr von Bovillard war nicht zu Hause aber
er könne wohl jeden Augenblick kommen Als Walter seinen Wunsch ausgesprochen
ihn zu erwarten hatte sie kein Bedenken ihm die Wohnung aufzuschließen und
Licht anzuzünden »Denn« setzte sie schmunzelnd hinzu »ich weiß wohl wen ich
einlassen darf und wer mir nicht über die Schwelle darf Nein machte mir die
Person nicht ein Lamento Der Herr van Asten müssens ja noch gehört haben
Aber wenn sie noch mal kommt lass ich die Polizei rufen«  »Wer ist sie« 
Die Wirtin verzog noch spitziger den Mund »Ja wer wird sie sein  Sie wird
keine andere geworden sein als sie damals war wir aber sind andere geworden
und das müsste solche Person doch bedenken Und diese vor Allem So nobel und
honorig haben Herr von Bovillard sich gegen sie benommen dass es ihre verfluchte
Schuldigkeit wäre nun uns nicht mehr zu belästigen Aber nein«  Walter wollte
nichts davon hören aber die Frau wollte noch reden Sie achtete sein
abwehrendes Zeichen nicht »Nein Herr van Asten von dieser grade ists
ausverschämt Sie hat dazumal hinten im Stübchen auf dem Hofe gewohnt das ihr
der gnädige Herr chambregarnirt hatte Gott weiß was er für einen Narren an ihr
gefressen Sie ließ zwar mal fallen das Mädchen hätte Ihnen das Leben
gerettet Na was das sein wird kennt man schon Ein paar Ritze hat sie
allerdings an der Schulter I Gott solche Mädchen lassen sich auch nicht gleich
für Einen todtstechen Ich kenne sie ja Ists nicht Der so ists ein Anderer«
    Waltern durchzuckte eine Erinnerung Erst später hatte er den Zusammenhang
der Geschichte gehört Da war es woLouis Adelheid zuerst gesehen Mit einem
Seufzer den die Frau nicht hören sollte warf er sich auf das Kanapé Die gute
Frau hatte ihn aber doch gehört »Sie haben schon recht über solche
Undankbarkeit muss man seufzen Er hatte sie von Kopf bis zu Fuß gekleidet Sie
hatte ja keinen ganzen Strumpf auf dem Leibe als sie aus dem Prison kam Und
dann wies nun genug war hat er ihr Geld auf den Weg mitgegeben ich will gar
nicht sagen wie viel denn ich weiß es nicht aber wenig wars nicht denn das
Halsband von der seligen Frau Mutter und die emaillirte Uhr gingen drum zum
Pfandjuden dem alten Joel Er hats mir selbst gezeigt nämlich der alte Joel
er war kein übler Mann und schund die jungen Leute nicht so wie jetzt sein
Sohn Aber geben mussten wirs da hätte auch gar keine Raison geholfen denn er
hat ein gar zu gutes Herz Diese Ohrringe habe ich auch von ihm aber Alles in
Ehren Als Sie von Ihrer großen Reise retournirten und krank wurden ich habe
ihn gepflegt rechtschaffen das kann ich wohl sagen und der alte Geheimrat
habens auch gesagt wenn sein Sohn immer mit so rechtschaffenen Weibspersonen
zu tun gehabt hätte Jetzt sind wir nun Gott sei Dank besser situirt und
wenn uns mal was fehlt brauchen wir nicht zu dem Judenschinder«
    »Das ist schon lange her dass er das Mädchen fortschickte« unterbrach
Walter eigentlich nur um den Redefluss zu unterbrechen
    »I freilich das war ja  warten Sie mal  nun das tut nichts zur Sache 
richtig wie sie ihn todtschiessen wollten er ward aber nur eingesperrt Das
Mädchen machte da noch Spektakel nämlich das muss ich sagten ganz in der
Stille Sie weinte auf ihrer Kammer dass es zum Herzbrechen war Manchmal
glaubte ich doch sie würde  wenn ich sie aufrichtete sank sie zusammen Mein
Kind das hilft doch nun mal nichts sagte ich raus musst Du fort musst Du 
Und da packte sie ihre Sächelchen ins Bündelchen Na wenn ich denke wie sie
die Treppe runter ging und unten blieb sie noch stehen und japzte nur so«
    »Und seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen«
    »Gott bewahre was denken Sie  Heute morgen zuerst da war ich nicht zu
Hause er auch nicht Und kommt wieder Ich war wie aus den Wolken gefallen Na
ich habe ihr denn aber auch das Kapitel gelesen Jetzt wo der Herr Vater sich
wieder nobilitiren lassen  wir haben noch nicht das neue Schild an der
Klingel aber ich habs bestellt  Jetzt untersteht sich das ausverschämte
Mädchen meinen Herrn in Disreputation zu bringen Jetzt mein Kind wenn er so
was will wird er sich anderwärts suchen sagte ich«  »Und sie«  »Na Sie
können wohl denken Tränen haben die immer parat«  »Nicht Alle Was wollte
sie«  »Was wird sie wollen  Lieber Gott man hat doch auch ein Herz wenns
auch solche Menschen nicht verdienen und da ließ ich sie denn hier am Tische
kritzeln Da liegt ja das Schnitzel Aber ich ließ sie nicht aus den Augen
Stibjetzt hat sie nichts obgleich ich ihr nachsagen muss reine Finger hatte sie
immer«
    »Sie sah wie eine Unglückliche aus«
    »Das mag schon sein mein Herr van Asten muss man aber Andere darum
unglücklich machen wollen wenn mans selbst ist! Jetzt kann man wohl davon
sprechen unser junger Herr ist ein Bräutigam wenns auch noch nicht deklarirt
ist das weiß jedes Kind Freilich der alte Geheimrat wollen nicht recht dran
denn die Mamsell hat Nichts das ist wahr und sie sagen auch er könnte sie
nicht gut ansehen weil sie bei der Lupinus Kind im Hause gewesen und da
überrieselts ihn immer weiter die nicht ausstehen kann«
    »Die Per  meine das unglückliche Mädchen macht doch nicht etwa selbst
Ansprüche«  Ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf dem Gesichte der
Frau Wirtin Worte fand sie nicht sogleich bis die ganze Wucht ihrer Gedanken
in der Silbe Die sich konzentrirte Walter war beruhigt wenn er überhaupt der
Beruhigung bedurfte aber er wollte Ruhe haben nämlich von der Gegenwart des
geschwätzigen Weibes befreit sein Sie ging in einen weinerlichen Ton über
indem sie ihren Drahtleuchter ergriff
    »Viele haben schlecht von ihm gedacht das weiß ich denn die Welt ist auch
schlecht und Iugend muss austoben und wer weiß wer besser ist ob der alte
Herr oder mein junger Und wies bei den vornehmsten Geheimräten aussieht
Herr Jesus lieber Herr van Asten bei diesen vornehmen Herrschaften da ist ja
eine Zucht dass mal der Gottseibei uns drein schlagen möchte Er tuts auch
noch glauben Sies mir und die Julchen die wir auf der Straße nicht ansehen
mögen ist nicht schlechter als viele von den vornehmen Damen in Brüsseler
Spitzen Wenn die sich schämen wollten man siehts nur nicht weil sie so dick
geschminkt sind Jugend muss austoben sonst kommts nachher aber dann einen
Strich gemacht So hab ichs auch meinem Seligen gesagt nu sei zufrieden was
Du hast und um was rückwärts ist da hast Du Dich nicht zu kümmern Mein guter
Herr nun ja tolle Streiche genug Nüchtern ist er nicht immer nach Haus
gekommen und ist allerdings auch sonst nicht immer nach Haus gekommen und den
Regenschirm hat er im Theater aufgespannt dafür ward er arretirt und er ist oft
arretirt worden aber wenn sie Alle ins Prison bringen wollten dies verdient
haben da ist der König nicht reich genug um Gefängnisse zu bauen Und wenn ein
Armer kam da blieb kein Groschen in der Tasche  Und nun hat er sich
gebessert und ich wollte ja Jeden die Treppe runter schmeissen der sich mausig
machte und ihm vorhielte was sonst geschehen ist Das ist jetzt vorbei mein
Herr würde ich sagen Und alle seine Freunde müssten das sagen denn ich bin
nur eine arme Frau und verstehe mich viel darauf wie sie da parliren und mit
den Augen zwinkern Aber Freundschaft ist Freundschaft Und wer ein rechter
Freund ist der muss seinem Freunde Alles hingeben auch sein Liebstes Das ist
Freundschaft und wenn Alle so täten dann wäre die Welt gut«
    Ob sie dann wirklich gut wäre dachte Walter als er allein war Wenn wir
den Egoismus ausgerottet wie die Raubtiere wie ein schädlich Unkraut ob sie
die vollkommene würde von der wir träumen  Sprang der erste Schiffer in den
schaukelnden Kahn um den Vater zu retten wie die Idylle erzählt oder wars
ein Kaufmann ein Verfolgter ein Räuber der sein Leben retten der Früchte
Gold Mädchen Sklaven von den reichen im goldnen Meere dämmernden Inseln holen
wollte Und fing das Menschengeschlecht wirklich an mit einer Idylle so war es
eine kurze ein sanfter Hauch der Engel der am rauen Hauch der Elementgeister
erstarrte Die kurze Idylle war aus und die lange Gechichte fing an  mit
Brudermord Wir Alle aber sind nicht die Kinder der Idylle sondern die
Erzeugten der Geschichte Der Egoismus führte uns über Meere gründete Staaten
erhob Könige auf den schwindelnden Thron schuf Republiken er trieb uns in die
Schachte der Erde in die Lüfte auch dass wir den Lauf der Gestirne berechneten
Alles Alles wir wollten Gold machen und fanden nicht Regenwürmer die Künste
die uns zu Gebietern der Natur erhoben  Und dieses mächtige Movens unseres
Daseins sollten wir ausrotten ausbrennen wie den Nerv in unsern Zähnen damit
wir nicht mehr Zahnschmerzen haben Torheit die materia peccans bleibt und
wirst sich nur auf andre Teile edlere vielleicht Emancipiren sollten wir uns
wollen von unsrer Bildung aus der Geschichte die uns machte heraus und
zwängen in ein wesenloses Dasein in das Traumleben einer schönen Phantasie das
nie existiert hat nie existieren wird Und doch fordern es Religion und
Philosophie beide schroff und mild je nachdem aus dem Gewissen weil es
verderbt ist sollen wir uns ins Vage setzen den Reiz ertödten der uns über
das Tier erhob zu den wunderbaren Erfindungen trieb das Menschengeschlecht zu
seinen großen Taten inspirirt hat Und grade die sich am höchsten dünken über
das Tier die fühlen wieder den Drang den Feueratem in der Brust mit Flügeln
wollen sie in Äther schweben göttergleich sein sich vergessend nur für das
All und  sind aus Kot
    Er ging mit sich unzufrieden auf und ab er griff nach dem Zettel auf dem
Tisch und warf ihn wieder hin »Was wird sie ihm schreiben  Er soll sie wieder
lieb haben ihr Geld geben« Warum warf er das Papier so verächtlich fort War
das ein spezieller Egoismus den er nach der Verteidigungsrede für den
generellen verwerfen musste
    Er hatte sich mit untergeschlagenen Armen an die Fensterbrüstung gestellt
Er bereute nicht dass er der Geliebten entsagt nicht dass er sie dem Freunde
überließ ohne Klage nicht dass er ihn noch außerdem in den Stand setzen
wollte sein Glück zu genießen das lag hinter ihm als abgetane Notwendigkeit
Er war ein deutscher Denker klar wollte er sich machen warum er gegen ein
Prinzip gehandelt das er sich eben künstlich entwickelt Weil sie ihn nicht
mehr liebte weil sie ihn vielleicht nie geliebt Diesen einfachen natürlichen
Grund schien er bei Seite zu schieben und fand den wahren nur in dem Drange
sich dem Vaterlande ganz hinzugeben Was ist die Wahrheit einer Überzeugung
Der höchste Verstandesrausch über den wir nicht hinaus können Wo wir dies
endliche Ziel im Irdischen fanden sollen wir stehen bleiben darauf alle unsere
Gedanken Kräfte werfen Und es gibt keinen höheren Begriff als das Vaterland
Wir haben humanistisch philantropisch auch dies zu ersetzen versucht und
wohin hat es uns geführt In ein Meer von schwimmenden Inseln und Fata Morganen
Wenn wir unser Schiff herantrieben landen wollten verschwanden die Türme und
die Berge in die Wolken die Gärten der Armida wurden schillernde Sumpfpflanzen
die der Sturm auseinander wehte Keine dieser Ideen wie auch vom Morgenrot
gefärbt gewann einen Leib den wir umarmen keine ward eine Säule ein Fels an
den wir uns im Sturme klammern konnten Nur das Vaterland ist die Eiche an die
wir uns klammern können nur sie hat das Recht Opfer von uns zu fordern das
höchste letzte auch uns selbst Die tausend Götzen sonst haben keines Ihnen
gegenüber tritt das volle heilige Recht des Ichs ein
    Louis kam noch nicht zurück Das Talglicht auf dem Tische brannte immer
düsterer Sein halb verkohlter Docht beugte sich in einer Wölbung immer höher
über die Flamme Walter hatte aufmerksam dem Verbrennungsprozess zugesehen ohne
sich gemutet zu fühlen nach der Putzscheere zu greifen Er brauchte kein
Licht Das ewige Gleichniss der Kerze und des Lebens gaukelte vor ihm in den
matten Schwingungen der Flamme Da fiel das dicke schwarze Kopfende von der
eigenen Schwere herab auf den Zettel der noch glimmende Schweif fing an in das
mürbe Papier ein Loch zu sengen Walter löschte ehe es ein Brand ward dabei
musste er den Zettel wieder aufnehmen Die Schriftzüge verrieten keine ganz
ungebildete Hand sie flogen über das Papier Er fing an zu lesen und hörte
erst auf als es zu Ende war
    Du mein Alles Ja die böse Frau hat Recht Du darfst mich nicht
wiedersehen Die Frau ist nicht böse Wer Dich lieb hat ist gut Wer Dir
Schmerzen sparen will ist ein Engel Nein Du sollst mich nie mehr sehen 
Vergieb mir Du mein einzig Geliebter dass ich darum kam Nur darum  mein Kopf
brennt mir ich weiß nicht was ich schreibe Ich sah Dich nur unglücklich nun
wollte ich Dich glücklich sehen Ist das auch eine Sünde  Es sollte meine
einzige letzte Freude sein Mit einer einzigen Freude aus der Welt gehen ist das
zu viel gefordert  Sie sagte  ach Gott ich klage sie nicht an Wahr und
wahrhaftig Louis bei Allem was Dir teuer ist glaube mir ich kam nicht um
von Dir zu pressen nicht um Dein Glück zu stören  ich Dich stören  Und Du
sollst mich auch nicht für eine ausverschämte Person halten die Dich aussog und
es lüderlich verbracht hat und wenn das Geld fortgerollt kommt sie wieder
Glaube ihr nicht Louis und darum schon muss ich Dir schreiben Ich vergebe ihr
auch das denn sie hats nicht gesehen wie ich damals aus dem Tore wankte Ich
glaubte die Luft würde es gut tun aber die Luft tats nicht gut Irgendwo
ich habe den hässlichen Ort vergessen blieb ich liegen  nein ich wollte da
nicht  draußen auf der Landstraße aber fiel ich um da hoben sie mich auf einen
Leiterwagen und fuhren mich rein in ein großes Haus Ach die hässlichen
Gesichter wie sie sich stritten Der Bürgermeister war sehr zornig er wollte
mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus Gott weiß wohin Sie fluchten
Ich habe Dich fluchen gehört aber so nicht Einer schrie das gäbe eine
Untersuchung und mache noch mehr Kosten Aber wie kommen wir zu der Last
schrien sechs Andere Sie müssens uns ja vergüten auf Heller und Pfennig 
Eigentlich müsste der Abdecker auch solche kriegen lachte Einer  Louis
Louis ich lag da sinnlos starr wie ein gefallen Tier um das die Raubvögel
sich streiten Wer das erlebt  der hat kein Recht mehr auf dieser Welt Und ich
sollte noch Dein Glück stören wollen Endlich hieß es man muss doch was finden
wo sie hingehört und dann hätten sie mich wieder auf den Karren geladen und
das hätte ich nicht ausgehalten es wäre wohl so am besten gewesen Aber als sie
darauf suchten fanden sie Dein Geld Hätte ich schreien können es gehört ja
Dir hätte ich es ihnen fortreißen können Aber ich konnte keinen Finger rühren
keinen Laut rausbringen Da ward es stille sie schmunzelten und führten wieder
hässliche lustige Reden Der Inspektor sagte die wolle er schon gut und lange
pflegen Da ward mir das Haar geschoren da stürzten sie kaltes Wasser über den
Kopf mir o es war doch immer so heiß Da sah ich immer Dich wenn mir wohler
ward Du zucktest die Achseln und sagtest Sie ist doch auch eine Kreatur
Gottes Ach Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge Wärst Du in Person
dagewesen Du hättest ihnen wohl gesagt dass sies sanfter machten die rohen
Männer die mich bei den Armen und Beinen in den Badekübel warfen Es tat weh
aber ich fühlte es ja nur halb
    »Ich ward gesund Gott weiß wozu Sie gaben mir ein langes Papier das war
meine Rechnung und den Geldbeutel der war ganz klein geworden Louis ich
hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben Ich wanderte nun nach meiner
Vaterstadt Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht nur an meinen alten Vater
und was ich ihm sagen wollte wenn ich vor ihm auf die Knie stürzte Ich wusste
es Alles auswendig Ich Habs ihm aber nicht gesagt  Als ich durchs alte Tor
kam trugen sie ihn heraus Ich stieß einen Schrei aus sie stießen mich fort
Ich lief ihnen nach Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten drängte
ich mich durch da warf ich mich auf die Knie wollte es dem Toten sagen was
ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte Da haben sie mich erkannt Da wiesen
sie mit den Fingern auf mich und zischelten Dann murrten sie laut Endlich sah
ich Gesichter o Herr Gott dem Bürgermeister und dem Inspektor seine die waren
freundlicher hätten sie doch nur laut geflucht Aber der Herr Prediger tat es
Als mich der Büttel am Armgelenk gefasst und aufgerissen  an der eingefallenen
Kirchhofsmauer ließ er mich wenigstens da durfte ich knieen  da hörte ich des
Herrn Predigers Rede Mich ließ sie keine Erde ihm in die Gruft nachwerfen
aber auf mich warf der Herr Prediger  das kann ich nicht wieder schreiben Und
es war nicht wahr  ich habe meinen Vater nicht umgebracht  Und die Blicke
nachher wie sie an mir vorübergingen Gott sei Dank dann ward es frei der
stille Abend da lag ich über seinem Grabe und der Lindenbaum fluchte nicht in
seinen Blättern säuselte es wie süße Lieder und ich schlief ein bis das
Morgenrot mich aus dem Frieden weckte Um die Mauer schlich ich von hinten nach
dem Hause wo er starb wo ich geboren bin War denn das ein Verbrechen dass ich
es zum letzten Mal sehen wollte Bürgerfrauen hatten mich bemerkt Der
Ratsdiener mit dem Schild auf der Brust kam und sagte  ach was er mir
sagte ich weiß es nicht von lüderlichem Gesindel und auf die Finger sehen und
hinausbringen und ich hätte kein Heimatsrecht mehr«
    »Nein Louis ich habe keine Heimat wie ich da am rauschenden Wasser stand
da sahen keine roten Gesichter heraus vom Bürgermeister und nicht die
hässlichen spitzen der Bürgerfrauen  und da  da hörte ich dass Du glücklich
wärst  ich wusste es schon unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich
gesehen und die Herrschaften die im Wagen vor der Schenke schwätzten derweil
ihre Pferde Mut tranken und ich trank auch Mut sie sagten mir nichts Neues 
und da stach es mich und trieb mich Dich wollte ich noch einmal glücklich
sehen  Und das hab ich nun auch aufgegeben da ich weiß   «
    Hier waren einige Zeilen von Tränen verwischt
    »Das Geld brauchst Du nicht  das kümmert mich auch nicht mehr  und mich
wirst Du vergessen  aber wenn ich nur etwas wüsste was Dir recht lieb wäre
ich wollte Alles tun mir einen Finger abschneiden mich wieder verkaufen wenn
ich nur wüsste  Und nicht wahr das war nicht unrecht von mir Manche hat sich
betrunken ehe sie ins Wasser sprang Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen
Dich sehen wenn Dein schön Auge so recht aus voller Seele lacht  Nein ich
werde es nicht mehr sehen  Lebe wohl Du mein Alles «
    Die Unterschrift war wieder von den Tränen ausgelöscht Aber dahinter noch
einige kaum lesbare Zeilen »Aber ich muss Dich sehen  hilf mir Gott wenn ich
mein Wort breche Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr Ganz von ferne  sieh
Dich nicht um Du wirst mich nicht entdecken Trinken muss ich den Strahl aus
Deinem Auge und dann «
    Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel über Walter war von
der Lektüre aufgeregt aber sein Entschluss schnell gefasst »Es gibt doch etwas
auch neben dem Vaterlande um was der Mensch sein Höchstes einsetzt sich
selbst Und wo ist der Sittenrichter der es kalt verdammt« Er nahm das Papier
salzte es und tat es in seine Brieftasche »Ich will ihr Testamentsvollstrecker
sein Wenn sie nur etwas wüsste was ihm recht lieb wäre was sie zu seinem
Heile tun könnte Ich übernehme es für sie Sein Liebesglück darf durch diese
Erinnerung nicht vergiftet werden Was könnte er ihr helfen ohne ihre Liebe zu
erwidern Sie bleibe vor ihm verschwunden spurlos Die Wirtin werde ich
instruiren Was er  ohne Liebe aus Erbarmen für sie tun könnte kann ich
ebenso gut«
    Seinen Vorsatz auf Louis Rückkehr zu warten um mündlich der Überbringer
der frohen Botschaft zu sein gab er jetzt auf Der Freund weilte zu lange bei
seinem Glück Er nahm Papier und Feder und teilte ihm kurz und klar was seiner
warte was von ihm gefordert werde mit Er stellte sich in den Hintergrund und
ließ den neuen Minister selbst den sein der zuerst sein Auge auf Louis
Bovillard geworfen für sich die bescheidene Rolle eines um Rat Befragten
vindicirend welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften bestätigen können
welche der Minister bereits in ihm entdeckt
 
                          Einundsiebenzigstes Kapitel
                             Ein volles Bekenntnis
Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend Vieles ereignet
von dem wir nicht Zeuge waren es drückte sich auf den Physiognomien ab
Adelheid war heut beim Teetisch eine Hebe sie ging nicht sie schwebte Sie
schien fortwährend zu singen Man hörte es nicht aber man fühlte es Ihr
Gesicht hatte einen andern Ausdruck Der Legationsrat bemerkte es gegen die
Fürstin
    »Ei« sagte die Gargazin mit einem besonderen Blick »Ich glaubte dafür
hätten Sie keine Augen«  »Für die Schönheit«  »Nur für die welche Sie
zergliedern können Adelheid gibt das den Reiz was Sie nicht lieben die
Harmonie der Seligkeit«  »Ein Nebelbild« 
    Wandel blickte dabei scharf aber ruhig auf Louis Bovillard der in sich
versunken im Fauteuil saß und die Teetasse mit einem verstohlenen Kuss auf die
Hand hinnahm welche sie ihm reichte Die Beiden hätten das Gespräch kaum
gehört auch wenn es laut geführt worden Wer sich aber wundert den
Legationsrat auch in dem kleinen Kreise zu erblicken in dem Louis Bovillard
ihm gegenübersjetzt dem sagen wir dass in der Stadt ein Gerücht umlief dass zwei
Kavaliere neulich in der Jungfernhaide ihre Pistolen versucht es sei kein Blut
geflossen aber einige dürre Zweige wären abgefallen Was ging Louis der
Legationsrat noch an auch der Legationsrat hatte an anderes zu denken Er war
heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen nachdem die Familie
aus dem Tiergarten zurückgekehrt
    »Was geht Sie das an« replicirte die Fürstin ihre Stickerei wieder
vornehmend  »Alles Leben ist ein Traum« rief der Legationsrat nach einer
Pause
    Die Fürstin hielt die Nadel an »Fallen Sie nicht aus der Rolle Herr von
Wandel«  »Welcher«  »Die Sie die Güte haben vor sich selbst aufzuführen A
propos ich bemerke Sie fangen an wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen
Das ist für Berlin zu spät man kennt Sie einmal als Gutschmecker Sparen Sie
sich die Rolle des St Germain für Sibirien Sie können sich dort mit einem
Schamanenzauberer associiren Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen
Incarnation nach Europa zurück«
    Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei Sie
stieß halb mutwillig seine Hand fort  »Mir ist immer bange wenn Sie etwas
anfassen dass die Farbe ausgeht Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur
an der Hand kleben«  »Erlaucht vergessen dass die Chemie die schönsten
Farbestoffe präparirt«  »Bis sie nicht die Schminke erfindet die einen Toten
lebendig macht geb ich nichts auf Ihre Wissenschaft«  »Sie fordern zu viel
Den Schein des Lebens herzustellen gilt doch für das höchste « »Was sie
geleistet hat« fiel die Fürstin ein »und eben darum hasse ich sie Eine
scheinbare Tugend ein scheinbarer Reichtum ein anscheinend blühender Staat
und Alles übertünchte Gräber  durch Ihre Chemie  Was fixiren Sie Adelheids
Freund«
    Wandel senkte die Augen »Hippokratische Züge«  »Quimporte Schmeckt der
Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süß weil sie nur ein
Schmetterlingsleben führen«  »Der Schmetterling weiß freilich nicht wie lang
sein Lebensfaden ihm zugemessen ist aber « der Legationsrat beugte sich näher
zur Fürstin  »aber ich kann Ihnen nicht verhehlen man begreift meine
erlauchte Freundin nicht Sie begünstigten das Verhältnis und tun nichts ihm
eine Zukunft zu sichern«  »Was heißt Zukunft«  »Der alte Bovillard stellt
sich auf die Hinterfüsse Seit er die Flasche alten Weines die seinen
provencalischen Adel enthält entkorkt ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen
Er will nichts für seinen Sohn tun Mamsell Alltags Vater ist eben so närrisch
von seiner neuen Würde benommen Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den
jungen Wüstling Wenn Niemand etwas für sie tut Verschaffen Erlaucht ihm bei
Ihrer Legation eine Stellung und er ist vernünftig genug geworden um zu
wissen was der Begriff Vaterland wert ist«  »Haben Sie für nichts Anderes zu
sorgen« sagte die Füistin wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt
    Der Legationsrat griff gedankenlos nach dem Hut Es kam zwischen Seufzen
und Gähnen heraus »Wenn man nur nicht so viel Gefälligkeiten übernommen hätte«
 »Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte«
fiel die Gargazin ein  »Spotten Sie nur Mir wird der Kopf zuweilen wüst« 
»Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand«  »Die larmoyante Liebelei des
Rittmeisters und der Baronin ennuyirt die Freunde«  »Les Georges Dandins lont
voulu«  »Nun soll ich die Platoniker wieder auseinander bringen oder vielmehr
aneinander Man wünscht ein Gezänk wobei sie sich in die Haare gerieten einen
Eclat einen coup de main eine Pulverexplosion«  »Ich auch« sagte die
Fürstin »Die Luft wird unerträglich schwül«  »Der Mann der Baron ist zu gar
nichts zu gebrauchen Das ist das Schlimme«  »Die Baronin scheinen Sie seit
einiger Zeit wirklich in Affection genommen zu haben«  »Ich«  Pardon Ich
vergaß dass Sie keine Affrktionen haben »Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus«
 »Die unglückliche Frau bedarf des Trostes«   »Der Mann wohl nicht«  »Er
ist in Momenten so glücklich Er kann sich über das Geringste was seinen
Phantasien schmeichelt wie ein Kind freuen Ein alter Einband eine neue
Lesart die er entdeckt zu haben glaubt Auch meine erlauchte Freundin würde
ihre Lust daran haben denn man kann sagen es schwebt gewissermaßen schon die
Glorie der Erlösung um seine Stirn Lange wird er es nicht machen Da ist es
denn Pflicht seiner Freunde was sie vermögen die letzten Augenblicke ihm zu
versüßen«  »Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein Nehmen Sie sich in
Acht«  »Die Geheimrätin ist zu eifrig in ihrer Pflege zu excentrisch um
immer die gehörige Vorsicht zu beobachten Sie erinnern sich bei dem Jean
Paulfeste wie Adelheid beinahe verbrannt wäre«
    Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin »Es ist etwas eigenes
das Kapitel von Sympatieen und Antipatieen«  »Von den Sympatieen haben wir
das corpus delicti vor uns« lächelte Wandel auf das Liebespaar blickend 
»Aber die Antipatieen haben etwas Monströses« sagte die Gargazin »weil wir
sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen Gibt es einen Gegensatz
zum Magnet einen Stein der abstösst«  »Feuer und Wasser mischen sich nicht«
 »Das ist es nicht was ich meine Das eine löscht doch das andere durchglüht
das andere Aber wer erklärt diese innere Seelen und Körperangst die ein
vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet den
angeborenen Widerwillen den geheimen Schauder wo gar kein vernünftiger Grund da
ist«  »Doch vielleicht der Kitzel zu Paradorieen Das hässlich zu finden was
Andere entzückt fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf der gerade
begabten Naturen eigen ist«  »Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen«
    Wandel schien etwas betroffen Er wollte von dem Unglück sprechen von
geheimen Feinden verredet zu werden wo ein Ehrenmann sich nicht veiteidigen
kann weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb Das war es nicht was die
Fürstin meinte
    »Warum hat Louis Vater einen angeborenen Widerwillen gegen die Lupinus Ich
weiß er hat diese Antipathie Er kann sie weder sich noch Andern erklären
Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben unzertrennbar von unsrer
Persönlichkeit wie wir von unserm Schatten Was ist das nun Ich von meinem
Standpunkte könnte es mir deuten aber ich wünschte Ihre Ansicht zu zu kennen
Sie Rationalist Ihre Wissenschaft muss wenigstens vor sich selbst Alles zurecht
legen können was in der Natur erscheint«
    Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstossenden Kräften von
den Stoffen die als Wärmeableiter dienen er ging zur Electricität über und
stand beim Blitzableiter ohne dass wir wissen wie weit er sich in die Wolken
und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte als ihn die
Fürstin abermals unterbrach Möglich dass er nicht ohne Absicht in die Doctrin
sich verlor weil er wusste dass die Fürstin nie aufgelegt war Vorlesungen
anzuhören und er in dem Augenblicke noch weniger sie zu halten
    »Warum ist sie auch mir zuwider«  »Zwei Sonnen vertragen sich nicht am
Himmel pflegt man zu sagen Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein
wo die eine unterging«  »Wenn ich Ihnen auch zugestände dass ein solches
Gefühl einmal da war das ist es nicht Es ist etwas Anderes Ich kann mit ihr
Komödie spielen aber nachher überfröstelt es mich wie Jemand zu Mute sein
muss der erfährt dass er mit einem von der Pest Inficirten Hände geschüttelt
Nach jenem letzten Abende erschien sie mir im Traum Ihre kostbaren Kleider
fielen in Lumpen eines nach dem andern ihr vom Leibe Ich schrie aus ich floh
vor dem scheußlichen Gerippe Ich war plötzlich aus dem Bette und es stand noch
immer vor mir ja es dauerte eine Weile als ich schon die Augen mit Gewalt
aufgerissen hatte bis es in den Boden versank Was ist das Erklären Sies
mir«  »Vielleicht die polarische Attractionskraft der Gegensätze Wir träumen
das Gegenteil von dem was wir fühlten dachten erlebten liebten Das ist der
Inhalt der Traumbücher Die Geheimrätin ist immer sehr gewählt gekleidet sie
spricht und denkt ebenso alles Rohe und Nackte überkleidet«  »Darum erschien
sie mir roh nackt scheusslich  Wandel ich möchte Sie einmal im Traum sehen«
    Der Haushofmeister war schon ein Weile näher getreten als er sich jetzt
über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte Die
Fürstin ließ die Arbeit sinken sie stützte den Kopf im Arm Die verbissenen
Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht Der Haushofmeister flüsterte
sie auch dem Legationsrat zu »Er ist eben verschieden«  »Le pauvre diable«
 sprach Wandel die Achsel zuckend »Hat er noch viel gelitten Ich meine hat
er noch wie neulich phantasirt«  »Er warf sich noch einige Male unruhig
kreuzte sich wiederholte den Namen der Fürstin japste ein paar Mal auf als
wollte er etwas sagen Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder« hatte der
Haushofmeister erwidert
    »Warum musste auch jetzt gerade diese Störung kommen« sagte der
Legationsrat und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin »Wissen Sie
teuerste Freundin mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft« Sie
blickte verwundert zu ihm auf
    »Ihre beredte Verteidigung hat mich allerdings von der Naturnotwendigkeit
des Institutes überzeugt Ich erkenne welche unaussprechliche Wohltat sie für
diese Geschöpfe Familien ja diese ganzen Völkerschaften ist die sich über
ihre Naturdumpfheiten nicht erheben mögen Ja es ist ein berauschendes Gefühl
für die von Gott dazu Erwählten für diese Armen Verlassenen Urteilsunfähigen
ihr Alles zu sein Vater Mutter und Vormund für sie zu fühlen und zu denken
die Sorge für unser eigen Wohl hintenanzusetzen um für Hunderte und Tausende
von Seelen zu sorgen welche die Vorsehung in unsre Hand legte Von dieser Seite
erscheint auch mir die Institution eine wunderbare heilsame aber der Exzess der
Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches« Sie verstand ihn
nicht
    »Was hat diesem Menschen den Tod gebracht nachdem er in der Genesung so
vorgeschritten der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen
als die Angst Gewissensbisse kann man sagen dass er so lange nutzlos liegen
musste ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können Wie
durchzuckte es ihn als er hörte dass Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher
interimistisch angenommen Er biss sich in die Lippen und ballte die Hand dah
ein Anderer ein Fremder seine geliebte Herrin fahren sollte Wir verbargen es
Ihnen er sprang nachher heimlich auf kleidete sich an und war schon auf dem
Wege nach dem Stall Wir kamen noch zur rechten Zeit Als man ihn wieder ins
Bett brachte überfiel ihn der Parorysmus er phantasirte nur von Peitsche und
Pferden er umklammerte sein Kopfkissen wie man Einen erwürgt und nannte es
Christian Nenne man es Eifersucht Brodneid es war etwas Edleres meine ich
aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf Es tut mir leid von einem
Toten es zu sagen aber der Mensch hat sich selbst umgebracht Ein Selbstmord
aus Pflichtgefühl Diese Excesse des Gefühls Sie mögen mich darum tadeln aber
ich kann sie nicht gut heißen Etwas Egoismus ist jeder Kreatur notwendig oder
sie hört auf zu existieren Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige
Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst
schuldig«
    Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu Es gibt Momente wo ein
Kluger von einer groben handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist als von
einer feinen die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu
schmeicheln sucht Ihr zweiter Blick war auf die Andern gerichtet aber sie
waren schon verschwunden Es war ihr lieb »Adelheid darf nichts davon
erfahren« sprach sie zum Haushofmeister sich umwendend
    »Sie sind nun ganz daccord wie Sie es wünschen« warf der Legationsrat
hin  »Heut im Tiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen« 
»Welche«  »Die Affektion für ihren Lehrer Sie haben Recht Wandel es gibt
auch Excesse einer geistigen Leibeigenschaft«  »Ich hielt diese fürüberwunden
seit jenem Abend«  »Das Bekenntnis der Liebe stöhnte noch immer unter den
Fussklammern des Gewissens Was der Mensch sich selbst quälen kann Sie hat ihm
bekannt wen sie um seinetwillen geopfert das hat einige Tränen Schluchzen
platonische Herzschläge verursacht denn die Rivalen waren Freunde aber sie
sind auf gutem Wege«
    Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage welche die Fürstin verstand
»Wollen Sie mit mir  den guten Paulowitsch sehen« fragte die Fürstin den
Legationsrat Wandel schien ungewiss welche Antwort sie erwartete »Man hat es
der Geheimrätin Lupinus verdacht dass sie die Leiche ihres Dieners wie die
eines Familiengliedes pflegte und schmückte Es ist hierorts nicht Sitte« 
»Man muss sich in die des Ortes fügen« sagte befriedigt und laut die Fürstin
und richtete den Blick nach oben »Ich werde den treuen Paulowitsch noch oft
sehen Den irdischen Qualen enthoben schwebt sein verklärter Geist in die Räume
des Lichtes Ob es da Hohe und Niedere ob Herren und Leibeigene gibt ob wir
Alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen die nichts Gesondertes duldet
alle Accorde in dem großen Hallelujah Glockentöne in der ewigen Harmonie«
    Sie sprach es sich selbst anregend mit silberreiner Stimme Aus dem andern
Zimmer respondirte das Klavier in Phantasien die der Stimmung entsprachen ein
ernster Grundton wie das Wogen des Meeres aber wie Schaumwellen sprühte die
Freude dann und wann auf Es war Adelheid
    Wandel hatte um der Stimmung auch zu entsprechen die Hände vor sich
gefaltet Als die Fürstin es bemerkte trat sie an ihn und riss seinen Arm
zurück »Das sollen Sie nicht Sie können gehen« Er schien einen andern Befehl
erwartet zu haben aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie »Gute Nacht
Herr von Wandel ich will im Thomas a Kempis lesen Die Lektüre interessiert Sie
nicht«
    Als der Legationsrat langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging
sah er auf dem Balkon der nach dem Garten führte Louis Bovillard auf einer
Bank ruhend Unter Myrten und Orangestöcken schien er den Kopf im Arme auf
die Töne im Zimmer zu lauschen Oder auch nicht Als der helle Mondenstrahl
hinter einer Wolke vorkommend auf sein Gesicht fiel wäre der Beobachter vor
dem finsteren Ausdruck erschrocken wenn es in Wandels Art gelegen hätte zu
erschrecken In den einsamen Gängen des Tiergartens erst hatte Louis erfahren
wem er sein Schönstes geraubt Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte
aber der dunkle Schatten der auf seine Stirn fiel zeigte die Gegend ringsum
nur um so lachender Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten Darum ihre
Kälte Scheu und nun hatte ein Wort sie frei gegeben Alles gelöst sie wollte
ihm Alles geben was sie so lange ihm vorenthalten Und was hatte er denn dem
Freunde geraubt Sein Schönstes ja aber nicht sein Alles Hatte nicht Adelheid
gestern einen Brief empfangen von Walter einen freundlich heitern eine Urkunde
war es worin er das ihm anvertraute köstliche Gut wie er es nannte der
Eigentümerin zur freien Disposition zurückstellte Mit welchem Scharfsinn hatte
er auseinandergesetzt dass er nie ein Recht darauf gehabt dass es höchste
Undankbarkeit sei was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks
auf den Altar legt als verfallen anzunehmen als unwiderrufliches Eigentum
Hatte er nicht klar auseinandergesetzt dass er nicht die Eigenschaften besitze
um Adelheid so glücklich zu machen wie sie verdiene dahin in die glänzenden
Höhen sie zu führen wozu ihre Schönheit Natur die sichtliche Fügung des
Himmels sie bestimmt Er sei ein stiller sinnender Mann sie berufen zu
glänzen Sein Verdienst wäre vielleicht dass dieser Glanz ein echter werden
müsse dass er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer dass er die Hochgefühle
einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt darauf sei er stolz aber hatte er sich
nicht zugleich angeklagt dass er diese Überzeugung gewaltsam unterdrückt dass
er so lange sich getäuscht dass er schon mit dem Bewusstsein wie ihre Liebe
nur Achtung sei ein Pflichtopfer sich fort und fort getäuscht es könnten doch
andere Gefühle für ihn zum Durchbruch kommen und dass nicht ein freies Opfer von
seiner Seite sondern erst ein Zufall ein Impuls des Momentes die lange Kette
des Truges gesprengt habe Und hatte er nicht endlich versichert auch er fühle
sich jetzt frei glücklich sie dürfe um ihn nicht sorgen denn er sei nun
zurückgegeben der heiligen ernsten höchsten Pflicht des Mannes ganz seinem
Vaterland zu leben
    Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen dort auf der unter
Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank während der Wagen der Fürstin
auf der Chaussee langsam auf und ab rollte »Nun bist Du doch zufrieden« hatte
sie gesprochen und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglättet Er hatte
geschwiegen und seine Zufriedenheit in einem Kuss auf ihren Arm gehaucht 
Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand über seine Stirn »Kalt und feucht Die
Abendlust könnte Dir schaden«
    Die Nachtvögel zeigten ihnen den Weg Sie flatterten an die hellen Scheiben
der Glastür die Köpfe stossend Trüb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer
Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen Es war still im Hause nur
aus dem Souterrain tönte dumpfes Geflüster der Leute die Fürstin saß in ihrem
Armstuhl und hörte über den Thomas a Kempis nicht wie Adelheid durch die Tür
blickte Aber als sie zurückkehrte hörte auch Louis nicht ihr Kommen In sich
zusammengesunken saß er auf dem kleinen Kanapé Es war nicht die Erwartung von
der der Dichter gesungen
    Erst ihr Arm der sich sanft um seinen Nacken schlang erweckte ihn »Noch
immer  Walter Ist das recht« sprach sie »Der ist glücklich« seufzte Louis
»Glücklich« Sie blickte ihn vorwurfsvoll an  »Ists die Lerche nicht die in
den Morgennebeln nach der Sonne steigt Ists der Träumer nicht der die ganze
Menschheit an die Brust schließen möchte Ich möchte sie lieber erwürgen« 
»Sprich nicht so Das ist der Nest Deiner Krankheit«
    »Vielleicht ein anderer Nest«  Er blickte starr vor sich nieder »Bin ich
nicht ein Feuerbrand bestimmt was er anrührt zu zerstören Sie hattens mir
verhehlt aber ich erfuhr es als ich geboren ward hab ich meine Mutter
umgebracht Der Zerstörungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege und hat sie
nicht in meinem Leben lustig gewuchert Meinen Vater  doch davon still Ich
ward ein wüster Mensch auf der Universität nicht so ganz schlecht als Andere
aber indem ich gegen die Schlechten losging ward ich ein Störenfried unter den
Guten Die Guten sagen um das Leben gut zu machen muss man sich vertragen
lernen auch mit den Schlechten Ich habe es nie gelernt  Ich habe ins Leben
gerast Ich wollte Niemand vernichten und wie Viele habe ich zertreten Kennst
Du denn mein Leben Adelheid Soll ich das Alles herausziehen aus dem Sumpfe
denn zwischen uns muss Wahrheit sein Wie sie mich aus den Häusern gestoßen auf
der Straße mir auswichen mit den Fingern auf mich gezeigt bis «
    »Bis Du Dich selbst aufrafftest«
    »Nein bis ich auch Dich ins Verderben riss  damals  bis ich auch den
einzigen den treuesten wahrsten Freund nun um sein Heiligtum betrügen muss
Was ich berühre opfere ich Soll ich es hinnehmen wie die Götter der Alten an
dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten Was ists
denn in mir frage ich dies düster glühende Auge das Zucken meiner Lippen der
nie gestillte Durst meiner Seele dass mir das Beste Köstlichste aufbewahrt ist
 Nun ich siech bin trostlos hinter mir trostlos vor mir willst Du blühendes
junges reines Leben Dich an den morschen Stamm ranken ich soll muss Dich
zerstören weil Du mein bist  Ja Walter hat Recht nicht für ihn aber Du
bist auch nicht für mich«
    »Für wen denn« sprach sie und der Ernst der aus Louis Worten hauchte
schien plötzlich auf sie übergegangen Aber Louis Ernst war ein düsterer ihre
Worte waren ein sonorer Metallklang Er hatte es nicht gesehen wie sie in
krampfhafter Erschütterung den Arm von seiner Schulter zurückgezogen hatte und
das Gesicht mit beiden Händen bedeckte So setzte sie sich in die andere Ecke
des Sophas und eine Pause trat ein
    »Weinst Du Habe ich Dich gekränkt Adelheid«
    »Ich weine nicht« sagte sie im selben Tone »und Du kannst mich nicht
beleidigen Ich dachte nur über mein Schicksal nach und  bei Deinen Worten
brach es heraus ach von so lange her Louis das Schicksal schleudert mich ja
in Deine Arme Was würde ich denn was bin ich O mein Gott es ist
schrecklich wenn die Binde so mit einem Mal von den Augen fällt«  »Du bist
die gefeierte « »Puppe von  ich weiß nicht wie Vielen War ich denn nicht
herausgerissen auch dem Schoss meiner Familie dem Glück der Bildung für die
ich geboren war haben sie nicht Alle an mir gearbeitet mich zu erziehen der
Eine so der Andere so um aus mir zu machen was ich nicht war um mich
zuzustutzen zu etwas sie wussten selbst nicht was aber ihr Ziel haben sie
Alle erreicht die vielen Künstler ich bin wie der Vogel den man aus dem Neste
nahm und buntes Gefieder ihm anklebte Die denen das Gefieder gehört erkennen
ihn doch nicht an sie spotten still über den Eindringling aber zu den Seinen
darf er auch nicht zurück Er gehört da nicht mehr hin«
    »Welche Phantasien meine Adelheid«
    »Ich sehe nur zu klar und nur zu lange ließ ich mich von der süßen eitlen
Gewohnheit einschläfern dass ich die Augen nicht aufschlug dass ich die Stimme
nicht hörte die im Innern immer deutlicher rief Jenes abscheuliche Weib  o
sie war noch die Beste sie wollte mich nur einfach verderben da war ich
unschuldig wie der Vogel der aus dem Neste flattert fiel ich in das Netz das
sie ausgespannt Aber die Andere o mein Geliebter ich fühle das Gift das sie
in meine Adern spritzte es schleicht noch jetzt es zehrt noch«  »Die
Geheimrätin wollte Dir wohl«  »Sie will sie kann Niemand wohl wollen glaube
es mir Louis Sie hat kein Herz darum wird ihr unwohl wo ein Herz warm
schlägt Ich las von einem Gespenstertier das Nachts sich auf die Schlafenden
legt und das Blut ihnen aussaugt Sie saugt auch das Blut aus mit ihren spitzen
Reden ihren spitzen Blicken Ich wäre schlecht geworden Louis das fühle ich
ich ward schon eine Andere wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sies um die
Brust wenn edlere Empfindungen aufzuckten«
    »Was wollte sie mit Dir«  »Martern will sie sie muss martern was
glücklicher ist Sie konnte den Kanarienvogel quälen wenn er zu lustig
schmetterte sie beneidete das arme Tier im Käfig sie marterte ihre
Domestiken ihren Mann sich selbst auch wenn sie sich ertappte dass sie
lebhafter gewesen als sie scheinen wollte O Liebster es ist entsetzlich
wenn ich daran denke ein Traum und mich schaudert er ist vielleicht noch
grässlicher als ich zu träumen wagte«  »Und alle Welt bewundert sie«  »Die
Welt hat Recht Diese Frau und dieser Mann dazu « »Welcher«  »Der
Legationsrat  Sie sind Beide  hohl verrate mich nicht Louis ausgehöhlte
Gespenster Sie habe« alles menschliche Gefühl aus sich gesogen gepresst 
»Man muss die Empfindungen und Regungen die uns stören aus sich heraus
destilliren hörte ich ihn einmal sagen und das haben sie sie haben daraus
präparirt die schöne Glätte den glänzenden Firnis den die Welt bewundert« 
»Mein Gott woher kam Dir die Erkenntnis«  »Weiß ichs Sie hielten mich für
das Schoosskind das man ausputzt in den Armen schaukelt mit Glanz und
Süßigkeiten nährt von dem man alles Unangenehme fern hält auch die Gedanken 
und die Gedanken kamen doch von selbst  ich war unaussprechich unglücklich« 
»Dich misshandelt«
    Sie nickte »Es waren unsichtbare feine Geisselschläge die Luft fühlte sie
kaum Wie ein feiner ätzender Staub auf die Lunge geworfen«  »Und Du musstest
es dulden«  »Wie schließt man das Auge vor dem Zucken des Blitzes das blaue
Licht schießt durch die geschlossenen Lider  Ich musste es dulden ohne ihr
entfliehen zu können und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen Und ich
musste immer lügen  lügen von unermesslicher Dankbarkeil wenn ich es nicht
ausgehalten wäre ja das Urteil der Welt über mich zusammengebrochen « Er
warf die Hände faltend sein Gesicht in ihren Schoss »Und daran war ich
schuld«  »Nein klage Dich nicht an Es war eine Kette von Bestimmungen Aber
untergegangen wäre ich in der Lüge das fühle ich Je größer sie ward so kälter
schlugs mir ans Herz«  »Gott sei Dank eine Frau die warm fühlt nahm Dich
zu sich«
    Adelheid war aufgestanden Sie schüttelte den Kopf Eine hohe Röte überzog
ihr Gesicht als sie sich zu ihm umwandte die Hände sanft auf seine Schultern
legte und seine Augen küsste »Lass uns davon nicht sprechen Liebster«  »Du
zweifelst an der Güte der Fürstin«  »Meine Augen wurden geöffnet wunderbar
klar liegt es vor mir Blicke um die mich Niemand beneiden darf Das ist die
entsetzliche Schule der Lupinus Nein mein Geliebter lass uns davon schweigen«
 »Auch hier nicht glücklich«  »Ich werde glücklich denn ich werde wieder ich
selbst« Er blickte sie fragend an
    »Bin ich denn mehr als ich dort war Da wollte man den seltenen Vogel in
ein Bauer sperren dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette hier lässt
man mich frei fliegen weil man weiß ich kann nicht entfliehen Ich habe ja
kein Haus wohin« Eine Leibeigene bin ich nicht anders als die da unten auf
den Bänken schlafen müssen Jeden braucht man wozu er gut ist und so lange er
dazu gut ist Mich staffirt man aus mit allem Glanze so lange es sich lohnt
Wenn ich nicht mehr hübsch bin nicht singen Musik machen nicht mehr tanzen
kann nicht mehr muntere Antworten gebe nicht mehr die Herzen entzücke dann
wirst man mich fort wie jedes andere unnütze Werkzeug Sie hat so wenig ein
Herz für mich als die Lupinus Und die Andern Sehe ich denn nicht wie man
mich abschätzt Gehöre ich zu diesen Erwählten Fühle ich nicht unter ihren
Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus was ich ihnen bin was ich ihnen
wäre ohne den geliehenen Lustre Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase
wenn ihre Töchter mich einladen mich mit ihren Freundschaftsversicherungen
überschütten Zittern die Mütter nicht wenn die Söhne mir zu viel
Aufmerksamkeit erwiesen Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen
Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen Herr von Fuchsius ist ehrlich genug
er trat bald zurück weil ich kein Vermögen besitze Die Andern sagten es nicht
aber ich lese ihre Gedanken Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit der Pracht
und rauschenden Lust bin ich eine Fremde mitten in den Schaaren die mich
umdrängen eine Gemiedene »Wer wird sie denn nehmen« hörte ich eine vornehme
Dame zu einer andern flüstern nachdem sie nachher nicht Worte genug gefunden
mir Schönes zu sagen »Sie ist doch nur eine Gesellschafterin« erwiderte die
Andre »ein vornehmer Lockvogel«  »Dann kommt zuletzt doch noch Einer der
erste Beste« setzte die Andere tröstend hinzu »Und unter der Haube ist unter
der Haube«
    »Warum hört Adelheid auf das Geschnatter«
    »Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde Ja ich bin eine
Gebrandmarkte  erschrick nicht Louis vor dem Wort es ist nicht so übel es
sind viel bessere als ich ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein So
stolz dass ich auch meines Gleichen suche Brauchst Du noch Beruhigung um Deinen
Freund so wisse ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht Er war
mein Mentor mein Schutzengel er hob mich ihm danke ich dass ich nicht
unterging in dem Sumpfe aber nun steht er mir auch so hoch da dass ich den
stillen reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben nicht
stören darf und will  Du bist mein Retter Wir haben uns nichts vorzuwerfen
wir sind beide Fremde Missverstandene Gemiedene Ausgestossene und unsere
Herzen schlagen zu einander Das hinter uns lassen wir ruhen und blicken  wir
flüchten Beide  in eine bessere Zukunft«
    »Wie Du selbstquälerisch Dich erniedrigst« sprach er ihre Hand an sein
Herz drückend »Wenn der gerechte Richter die Wage hält ist die Schwere Deiner
Schuld wie die Flaumfeder die in der Luft sich wiegt«
    »Die Welt ist kein gerechter Richter sie wägt auch nicht die Schuld sie
wägt nur die Verhältnisse ab Auch der gerechte Richter fragt was ich bin
nicht was ich hätte sein können Was bin ich denn Nicht hier nicht dort eine
Wahrheit Ein halbes Kind herausgerissen aus dem elterlichen Hause lernte ich
tänzeln ehe ich gehen konnte Komödie musste ich spielen ehe ich von dem etwas
wusste was ich spielen sollte Ehe ich eigen gedacht empfunden gelebt lernte
ich reflektiren Die schlichte Bürgerstochter plötzlich gestoßen in Kreise der
ersten Geister und der vornehmen blasirten Menschen musste ich Angelerntes
hersagen Louis erschrickst Du nicht wie ich rede Ist das die natürliche
Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens Soll darf sie reflektiren wie ein
Mann der die Lebensschule durchgemacht hat Ich erschrecke oft vor mir selbst
ich schaudere wenn ich in den Spiegel sehe So haben sie mich herausgeschraubt
zu einem unnatürlichen Dasein Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung
kann mich wer so lieben wer sich mir so vertrauensvoll hingeben Statt eines
kindlichen Mädchens eine die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde
kennen gelernt «
    »Aber unberührt von ihr blieb Deine schöne Natur hat gesiegt«
    Sie strich ihm die Locken aus der Stirn »Sei ehrlich Wäre es Dir nicht
lieber wenn ich ein Kind wäre das arglos neckisch vertrauensvoll sich in
Deine Arme würfe So zerdrücke ich oft eine stille Träne wenn ich im Hause
bin wo ich nicht mehr zu Hause bin wenn die jüngeren Schwestern mich mit
neugierigen Fragen bestürmen über die ich lächeln muss Wäre ich wieder so ruft
es aber ich möchte doch wieder nicht so sein ich könnte nicht wieder so sein
 es ist eine Kluft gerissen und ich gehöre hierhin nicht dorthin Das ist der
Fluch «
    »Nicht Deiner Schuld«
    Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf »Wenn mein
Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske log ich nicht
indem ich nicht aus der Rolle fiel Mischte sich nicht da etwas Falschheit
unwillkürlich in mein Denken und Tun Ich log mir Entschuldigungsgründe vor
Die Phantasie ist unerschöpflich Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner
zweiten Mutter der Gesellschaft der Welt bis es nicht mehr ging bis das
Bewusstsein herausplatzte Schon da an dem schrecklichen Orte Dein Blick hatte
mich verwundet aber die Wunde tat nicht weh Hatte sich Dein Gesicht mir nicht
eingeprägt Es durchschauerte mich mit Angst als Du mich verfolgtest aber es
war eine bange süße Angst bis an jenem Abend wo Du «
    »Da schon Entzückendes Bekenntnis«
    Sie nickte die Hände vorm Gesicht »Ja da schon wie ich Dich mit kaltem
Mitleid von mir stieß Dir verzieh unter der Bedingung dass Du mich nicht wieder
sähest als ich Dir sagte ich könne Dich nie lieben es war schon eine Lüge
Ich presste das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurück Ich log mir vor dass
es nur Mitleid dass ich Dich verabscheue und ich log weiter Es war die Angst
vor Dir vor mir selbst ich wollte mich retten aus dem Strudel aus dem Haus
Selbstsucht wars als ich an Walters Brust bekannte ja es war Liebe aber
nicht ihr Sonnenschein ein süßes Mondenlicht die Liebe der Achtung der
Dankbarkeit der Bewunderung Jahre sind über diese Lüge hingegangen sie machte
mich bitter unzufrieden ich musste mich selbst verachten und  ist das keine
entsetzliche Schuld dass ich zwei Jahr das Lebensglück des edelsten Mannes
erschüttern musste  Schuld gegen Schuld Geliebter wir haben Beide zu büßen
und gut zu machen Einer muss sich am Andern stützen aufrichten  Einer dem
Andern Mut zusprechen Das Leben hinter uns begraben und wir fangen Beide ein
neues an«
    Von der düster brennenden Kerze war ein verglimmendes Dochtstück nach dem
andern gefallen hier ohne Schaden auf die Marmorplatte des Tisches Auch war es
nicht dunkel im Zimmer der Mond und das dämmernde Morgenlicht erhellten es
»Das Licht ist mein Vaterland« murmelte Louis in das Licht starrend
    Adelheid fühlte wunderbare Kraft er schien zerknickt Mit wie leuchtenden
Blicken er auch ihren Reden zugehört das Leuchten verschwand allmälig das Auge
ward matt ein wehmütiges Lächeln spielte um seinen Mund und die Augenwimpern
senkten sich wie die eines Einschlummernden
    Und sie hatte doch eine begeisterte Prophetin gesprochen Den Weg zum
neuen Leben hatte sie ihm gezeigt  es gab nur einen  das Vaterland Und das
eine Vaterland war ein größeres geworden Es war nicht heut erst der Gegenstand
ihres Gesprächs Warum hatte Louis immer durch ein stilles Nicken was eben so
gut dem schönen Munde und den schönen Worten galt geantwortet Er seufzte tief
auf »Wo ist denn Deutschland«
    »Ich spreche nicht von dem Traum hinter uns Lieber« sagte sie lächelnd
»nicht vom Kyffhäuser und der Kaiserherrlichkeit Du moquirst Dich darüber Das
deutsche Vaterland liegt vor uns « »Das Walter Dir malte« unterbrach er 
»Walter und Hunderte und Tausende unserer Edelsten«  »Was in der eigenen Brust
des Schwärmers lebt überträgt er auf die Millionen Kreaturen in denen nichts
lebt als der Gedanke wie sie morgen satt werden«  »Als wüsste ich nicht wie
Du voriges Jahr in edler Begeisterung selbst Deinen Vater aufwecktest« 
»Damals Seitdem  Gib die Hoffnung auf  Dies Volk erwacht nicht wieder es
ist kein Volk  Deutschland ist ein Traum der Dichter«  »Und eben floss Palms
Blut dafür Es raucht zum Himmel«  »Und ist übermorgen vergessen«  »Überall
knirscht die verhaltene Entrüstung Greise Knaben schwache Frauen kannst Du
ihre Stimmen verleugnen die Tränen der Wut die am stillen Herde geweint
werden«
    »Es lebt nur Einer« rief er aufstehend  »er der Gigant vor dem diese
Misere daliegt wie das Blachfeld vom höchsten Turm gesehen Er wird ihr
Wohltäter werden nicht wie unsere Philantropen faseln nicht weil er sie
erheben verständiger besser glücklich machen weil er die Qual ihres Daseins
enden wird Wer die nicht glauben können schnell sterben lässt ist ihr
Wohltäter Sein Siegeswagen mit schnaubenden Rossen wird über die Staaten und
Throne rasseln und die zerbrochenen Szepter liegen wie Spreu an den
Landstraßen Was bauten sie die Throne nicht fester warum stahlen sie der Sonne
den Schein um ihre Kronen zu vergolden Beim feuchten Herbstwinde kommt das
schlechte Metall zum Vorschein Warum brauchten sie die Stäbe nicht als weise
Richter warum als Korporalstöcke Warum ward die Weisheit schimmlig die Kraft
stockig Ihnen geschieht Recht und den Völkern Zum Kehraus wird geblasen mit
Posaunen Pauken und Kanonen Er ist der Mann dazu seine Seele Stahl Die
Weichherzigen die Gemütlichen haben ausgespielt die Menschheitstränen sind
in den Sumpf gefallen aus dem kein reiner Bach mehr entspringt es muss wettern
blitzen donnern dass das Unterste sich zu oberst kehrt Meine Seele jauchzt
ein Weltgericht ist im Anzug und das neue Evangelium in Blut und Brand getauft«
    Adelheid erschrak nicht es zückte ein Freudenstrahl in ihrem Auge Das war
ja das Schütteln eines Fiebers Louis zitterte indem er den Rock vor der
Morgenluft sich zuknöpfte aber ein hitziges Fieber bringt eine Krisis hervor
das schleichende nur ist ohne Hoffnung Stahl war noch in dieser Seele
    »Du bist für ihn begeistert« sprach sie rasch
    »Du bist ein freier Mann« fuhr sie fort als er schwieg »Senke nicht den
Blick ich erschrecke nicht darüber ich freue mich dass Du begeistert bist
Louis Bovillard ist das französische Blut in Dir erwacht Du begehst dann kein
Verbrechen wenn Du das erworbene Land Deiner Väter abstreifst wo Dich nichts
mehr fesselt Du kehrst zurück in das Land Deiner Vorfahren Siehst Du da nur
Leben Rettung für einen großen Gedanken für Dich o so zaudere nicht aber
offen ehrlich kehre dahin zurück zu ihm den Du für einen Heros und Heiland
hältst schlürfe den Feueratem ein aus seiner mächtigen Brust diene ihm wie
Du willst Du wirst in jeder Gestalt willkommen sein und lebe auf als Mann« 
Er schwieg noch immer  »Dein Vater hat es Dir ja leicht gemacht Er hat seine
französischen Erinnerungen wieder ans Licht gezogen so etwas gefällt jetzt an
Napoleons Hof« Er schwieg noch immer dann brach es heraus »Ich kann ihn aber
nicht lieben«
    »Aber Louis Du bist ein Mann Ein Mann muss lieben oder hassen in
wetterschweren Zeiten darf er nicht die Hände in den Schoss legen abwarten was
kommt Mein innig Geliebter Du darfst nicht unter die Alltagsmenschen
versinken Dein edles Selbst darf nicht untergehen in dem Schwarm den Du
verachtest nein aufrichten sollst Du Dich stärken am Anblick der
Jämmerlichen deren Unentschiedenheit das Elend über uns gebracht Du musst Dich
entscheiden hast Du gewählt o dann wird der Funke wieder sprühen er wird
Dich drängen zum Handeln Wo Du wählst ich folge Dir«
    Er hielt seine Hand auf ihre Stirn »Wäre ich Sachse gewesen und hätte den
großen Karl bewundert ich glaube doch nicht dass ich gegen mein Volk streiten
könnte« Ihr Auge blickte ihn freudig an »In dieser Luft bin ich sind meine
Väter geboren in diesen Sitten Gewohnheiten sogen sie das Leben ein zeugten
ihre Kinder Wir erwarben ein Vaterland und es hat uns erworben Ich hätte in
den Reihen der Sachsen gestritten Adelheid auch wenn ich gewusst dass Karl sie
zertreten musste«
    Sie hatte gesiegt er war wieder gewonnen doppelt gewonnen Es waren
Momente der Seligkeit die Feder und Farbe umsonst zu malen versuchen Die
Morgenluft wehte schon frisch ins Zimmer als sie die Balkontür öffneten die
ersten Vögel erhoben ihre zwitschernden Stimmen in den dunkeln Gebüschen und ein
rötlicher Streifen färbte den östlichen Horizont Im Himmel und in den Büschen
war noch Poesie
    Adelheid führte ihren Freund auf dem Wege den vorhin Wandel genommen durch
das Souterrain nach der Hofpforte Als sie die steinerne Wendeltreppe hinab
waren kam ihnen Lichtschein entgegen In der Mitte des Flurs lag eine Leiche
die Diener hatten Kerzen darum angezündet Sie starrten zurück »Eine Leiche«
Adelheid unterdrückte einen Schrei
    In dem Augenblick ward ihr Name oben von der Fürstin gerufen »Wir müssen
scheiden«  »Bei einer Leiche Das ist ein böses Omen Adelheid«  »Ein
gutes« rief sie an seinem Halse »Auch der Tod soll uns nicht erschrecken auch
der Tod nicht trennen«
    Die Fürstin war sehr blass Mit gläsernen durchwachten Augen starrte sie das
junge Mädchen an aber nicht verwundert sie noch wach zu finden Sie fragte
auch nicht woher sie komme Es war eine innere Bewegung als sie Adelheid an
sich drückte und sie bat bei ihr zu wachen oder auf dem Sopha zu schlafen Sie
hatte gelesen das Buch war ihr entfallen und sie hatte böse Träume gehabt
oder Visionen wie sie sagte Man sah sie fürchtete sich in der unheimlichen
Einsamkeit des grauenden Morgens Adelheid wollte die Kammerfrau wecken Die
Fürstin schüttelte den Kopf »Tun Sie es diesmal selbst mir zu Liebe« Sie
zitterte heftig als Adelheid sie entkleidete sie hatte nie die Fürstin zittern
gesehen Auch war sie seit lange nicht so zärtlich gewesen Als sie ihr zum
Schlafengehen die Hand drückte sprach sie »A propos ich vergaß Ihnen zu
sagen die Königin hat sich wieder durch die Voss nach Ihnen erkundigen lassen
Bereiten Sie sich vor bei nächster passender Gelegenheit werde ich Sie der
Majestät vorstellen Sie werden ihr sehr gefallen«
    Die aufsteigende Sonne konnte nicht durch die schweren Jalousieläden in das
dunkle Zimmer dringen sonst hätte sie auf dem Sopha ein sehr frohes Gesicht
gesehen Das Lächeln blieb als Adelheid einschlief Sie hatte sich bis heut vor
der angekündigten und immer wieder aufgeschobenen Vorstellung vor der Königin
gescheut Heut träumte sie dass Engel sie zu ihr führten
    Als Louis Bovillard in sein Zimmer trat goss die Tageskönigin ihr erstes
Rot durch das Fenster Alle Gegenstände waren purpurn am leuchtendsten aber
sein Gesicht als er in dem Goldschein Walters Brief las und überlas Er mochte
zuerst glauben es sei ein Traum  Er zerdrückte eine Träne die sich über die
Wimpern schleichen wollte riss das Fenster auf schlürfte die wonnige Morgenluft
ein und warf sich dann lächelnd aufs Sopha Es war am späten Vormittag als er
erwachte aber sein Gesicht lächelte noch immer
 
                         Zweiundsiebenzigstes Kapitel
                              Verfallene Wechsel
Wer nicht beobachtet sein will verhängt seine Fenster Wer Geheimes schafft
verstopft auch die Schlüssellöcher Das weiß ein Dummkopf aber den Klügsten
welche den Luftzug berechneten der durch ein Mauseloch dringen mag passiert
wohl dass sie vergaßen den Schlüssel in der Tür umzudrehen  Weise sagen
wenn den Klugen das nicht zuweilen passirte wärs in der Welt nicht
auszuhalten die Affekte die sie unbesonnen handeln lassen seien das Salz
welches das Leben vor der Fäulnis schützt Behaupten doch noch Weisere wenn
alle Menschen verständig wären und Charakter hätten müsse die Welt vor lauter
Reibung in Flammen aufgehen Der Legationsrat von Wandel wollte heute gewiss
nicht beobachtet sein Er war in seinem Laboratorium eine kleine alte Küche
nach dem Hofe hinaus die unbenutzt zum gewöhnlichen Gebrauch an seine Zimmer
stieß Es war kaum nötig gewesen die Fenster mit Matten zu behängen durch
ihre alle Farben schillernden mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben
wäre kein Blick gedrungen Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen keine
Aufwärterin den Staub wegkehren Es ward Niemand eingelassen außer bei
besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apotheker Flittner der Geheimrat
Hermbstädt und andere bekannte Chemiker Aber dann hatte die Küche ein etwas
verändertes Ansehen Um irgend ein glänzendes Experiment zu zeigen waren Töpfe
Tiegel fortgestellt es war der übrige Apparat mehr teatralisch geordnet Auch
wurden ein Gerippe und zwei Frauenbilder die an der Wand hingen beseitigt
Wahrscheinlich saß auch der Legationsrat nicht ganz in dem Kostüm wie heute vor
der Retorte  in Hemdsärmeln weiten Unterbeinkleidern um den Kopf einen
turbanartigen Bund gewickelt auf der Nase eine große Brille mit Ohrenklappen
und mit einem seidenen Halstuch das über die Lippen und halb über die Ohren
ging
    In dem einen Tiegel kochte ein Stoff Er schob das Tuch höher und drückte
den Turban tiefer in die Stirn wenn er mit einem Spahn darin rührte und neue
Ingredienzien hinzutat Alsdann schien er dem Kräuseln des Rauches der sich in
den Schlot verlor mit Aufmerksamkeit zu folgen Das erste Experiment musste
geglückt sein das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte getan und der
Legationsrat sah dem Entwicklungsprozess des Gases mit einem stillen Vergnügen
zu Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des
halb schielenden Auges während er auf dem Schemel zurückgelehnt saß ein Bein
über dem andern wiegend
    Sein Blick siel aber auch auf die beiden Frauenbilder Wie er mit den Augen
zwinkerte schien er mit ihnen ein eigentümliches Gespräch zu führen Seine
Lippen bewegten sich er gestikulirte mit den Händen Ein Diagnostiker hätte
vielleicht bemerkt dass ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete Wenn er
noch schärfer sah würde er aber auch bemerkt haben dass es Wandels Absicht war
sich zu etwas zu zwingen was ihm Pein verursachte Es gibt eine Wollust die
auch den Schmerz aufsucht Die beiden Bilder waren in Wasserfarben beide schöne
Frauengesichter Die Aeltere blass und kränklich hatte einen schmachtenden
Blick die jüngere Nussbraune schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die
Welt hinein Wandel schien sich lieber mit der Aelteren zu unterhalten als
einer genaueren Vertrauten Wohl nickte er der Jüngeren und warf ihr eine
Kusshand zu aber es war als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug
Er schlug zuweilen seine Augen nieder Beide waren unzweifelhaft Schwestern dem
wohlhabenden Stande angehörig wie ihre reichen Kleider nach der Mode der
vergangenen Jahrzehnte andeuteten Seine Lippen flüsterten Laute freilich nur
für die Geister welche im Sonnenstrahl als Ständchen sich schaukelten aber
auch der Dichter darf sie hören
    »Schöne Molly warum ließest Du nicht den Vorwitz Deine Kohlenaugen
funkelten vielleicht noch munterer als auf dem Bilde und Dein Leib wäre so
wonnig und voll denn Du hattest Anlage zum Embonpoint als Deine arme Schwester
da täglich magerer und dürrer wird Wenn ich nicht mit Draht hilfe fiele sie
auseinander  Arme Angelika Dir konnte ich nicht anders helfen Hadre mit der
Natur, dass sie Dir keinen besseren Brustkasten schuf Du dankst mir auch dass
ich Deine Schmerzen schneller endete Ja ich weiß es Angelika wir sind
Freunde geblieben  wenn die Wolke durch den Mond streift und Du mir im
Nebelgeriesel einen feuchten Kuss auf die Wange hauchst es ist ein Kuss des
Dankes und der Liebe Ich versichere Dich auch ich habe Dich geliebt Du warst
sanftmütig voller Ergebung eine Schwärmerin freilich aber klug genug von
einem Manne nicht mehr zu fordern als er geben kann Ein Mann hat viele
Ausgaben das sahst Du ein Und darum Dein schönes Testament das wahrhafte
Zeichen einer schönen Seele obgleich ich gestehen muss dass ich es eigentlich
diktirt Um dieses Testamentes willen wirst Du mir ewig unvergesslich bleiben
Nein ohne Spaß das Andre seitdem ist alles Spaß Du gabst Alles für mich auf
in Brüssel Deinen Mann in Paris Dich selbst Mit solcher Aufopferung
Entsagung solchem Fanatismus hat mich Keine geliebt Um deswillen versprach ich
Dir was Du in der Fieberhitze des Todtenbettes fordertest  das letzte heilige
Gelöbnis Dich auch im Tode nicht von mir zu lassen Vernünftige Menschen würden
es eine unsinnige Plackerei nennen Ich habe Dich verstanden  nicht Dein Geist
das ist eben Alfanzerei aber Deine Materie was sich von Dir erhalten ließ
soll mich umschweben Ein bescheidener Platz am Nagel Nein mehr So hast Du
meinen Mut geliebt der sich nicht scheute Dich schneller ausleben zu lassen
Du wolltest dass ich an diesem Anblick die Nerven immer stähle wenn sie schwach
würden immer mehr Herr über jene Empfindungen würde die der Mensch sein
Erbteil nennt Wenn Du Deine Augen aufschlagen könntest Wie hat das Recipe
gewirkt Ich schüttle Deine Hand klapperndes Gebein Ich fürchte mich nicht vor
Dir vor nichts«
    Und doch schienen seine Knie beim Niedersetzen nicht ganz so fest als das
Todtengerippe an der Wand noch hin und her rasselte bis es die vorige Ruhe
gewonnen Er biss sich in die Lippen Dann schlug er das Auge zum andern Bilde
auf
    »Die Schelmin  Noch sehe ich Dich Du allerliebstes Geschöpf wie ich Dich
am Schlüsselloch ertappte War es denn Lüge als ich Dir die Kehle zuhielt und
den Mund mit Küssen erstickte Ich liebte Dich ja das war Wahrheit Nur Dir zu
Liebe hätte ichs Was gings Dich an ob das auch Wahrheit war  Du wardst
glücklich selig in meinen Armen Die tote Schwester hinderte es so wenig als
die kranke es gehindert hatte Sie wusste es sie hat sehr viel gewusst ehe sie
starb und mich darum nicht minder geliebt Eine Närrin Molly eine abscheuliche
Törin warst Du Du hättest noch lange glücklich sein können wer weiß wie
lange Denn Du hattest die Kunst Dich zu konserviren Du wärst witzig geblieben
und hättest meinen Geist aufgefrischt  ich hätte es Dir wirklich nachgesehen
Aber Du bekamst Gewissensbisse  Torheit es war zu spät meine liebe Molly es
war auch nur die Angst dass es Dir wie Angelika erginge Das wollte ich Dir
verzeihen liebes Mädchen aber so dumm zu sein dass Du es nicht bei Dir
behieltest dass Du es mir in einer schwachen Stunde vertrautest Das war die
größte Sünde die der Mensch begeht die Sünde gegen sich selbst und Du musst
gestehen das verdiente schon die Strafe Nachher ward der kleine Schelm
pfiffig Allen meinen Küssen Seufzern widerstandest Du Du wolltest kein
Testament machen Ich verdenke es Dir nicht Es verlängerte Dein Leben und mich
zwang es zur Verschwendung Musste ich nicht meine ganze Liebenswürdigkeit auf
Dich ausschütten musste ich nicht allen zarten Saiten meines Daseins süße Töne
entlocken um Dich nur zum Schweigen zu bewegen Mein Kind das hat mich viel
Anstrengung gekostet denn Du warst mir sehr gleichgültig geworden und mir
entging darum eine schöne Irländerin auf die ich mein Aug geworfen Nachher
schwiegst Du nicht  Du schriebst einen Brief  Du schriebst Dir selbst Dein
Urteil  darüber kannst Du nicht klagen Aber ich «
    Er verzog das Gesicht und ballte die Faust gegen das Bild »Der Brief  den
ich fand ist zu Aschenstäubchen aufgelodert aber es stand darin von einem
andern Briefe der meiner Wachsamkeit entschlüpft war  Molly Molly « Sein
Gesicht bekam einen furchtbar hässlichen Ausdruck die Zähne fletschten zwischen
den zurückgekniffenen Lippen wie die Hauer eines Ebers die Augen sprühten das
grünliche Feuer einer wilden Katze Aber der Parorysmus der Wut und Angst war
schnell vorüber die aschgraue Urnenruhe lagerte sich wieder auf dem gelben
Gesichte die Finger entklammerten sich  »Possen In einem Dutzend Jahren und
nicht zum Vorschein gekommen Feuer  Regengüsse  Feuchtigkeit  Staub und
dünnes Briefpapier  Lacht Ihr dass ich mich zuweilen ängstigen kann  Mes
dames was wollen Sie Ich beweise Ihnen ja das vollste Vertrauen  Ja Sie
sehen Alles Sie brauchen jetzt durch kein Schlüsselloch zu observiren ich
verhänge nicht einmal Ihr Gesicht Was verlangen Sie mehr Einige Galanterie 
Mes dames de Bruckerode je vous assure que tout ce que vous voyez nest que
moutarde après dîner rien quun dessert maigre après un repas délicieux 
Wirklich Angelika  das waren andere Zeiten andere Genüsse voller Empfindung
Sympatieen Leidenschaften Was ist es jetzt Asche Damals glühende Kohlen
Kalculatorische Geschäfte Wo sind Deine süß schmollenden Lippen meine Molly
So etwas gibt es nicht mehr Deine ängstlichen Blicke als Du die Chocolade
trankst ich musste vorher nippen und dann o das war Wonne O Du meine
Angelika Du hattest nicht genippt Fest mich anblickend ohne Angst Vorwurf
nur das tiefe Seelenverständniss im Auge leertest Du die Schaale und drücktest
mit der feuchten kalten Hand meine Du hattest mich verstanden ich Dich Ils
sont passés ces jours de fête«
    »Schönen guten Morgen mein lieber Herr Geheimer Legationsrat« unterbrach
eine heisere Bassstimme diese Schwärmereien des Einsamen und vor ihm stand der
Kaufmann van Asten Es war so  keine Erscheinung der Traumwelt Der alte van
Asten war der letzte Mann der in ein Traumgewebe gepasst hätte Trotz seiner
schweren rindsledernen Schnallenschuhe war er unbemerkt durch die beiden Zimmer
gekommen und drückte jetzt die Tür hinter sich zu während dem Legationsrat
die Binde vom Kinn rutschte und er aufspringend an der Lehne des Stuhles sich
hielt »Na wie gehts Ihnen denn mein lieber Herr von Wandel Haben sich ja so
lange nicht sehen lassen Ist das Freundschaft«
    Der Turban und die Brille waren vom Kopf des Legationsrates verschwunden
eine Operation die ihm Zeit ließ seine Fassung wieder zu gewinnen So war es
man merkte nichts von Bestürzung kein Zittern mehr es war das feste eiskalte
Gesicht mit den durchforschenden Augen als der Legationsrat den Kaufmann
anredete »Wie kommen Sie hierher«
    »Durch die Türe Herr Legationsrat hatte vergessen den Schlüssel
umzudrehen Sehen Sie mal liebster Herr von Wandel in unsern unsicheren Zeiten
Wie viel Gesindel schleicht um Hätten ja Ihren Sopha forttragen können Sie
hättens in Ihren Meditationen nicht gemerkt Aber ich habe hinter mir
zugeschlossen wir können jetzt ganz sicher sein«
    »Tausendmal Vergebung mein teuerster Freund dass Sie mich in diesem Kostüm
und hier  Kommen Sie in meine Wohnstube Diese unerwartete Freude « Er wollte
ihn unter den Arm fassen eben so schnell aber hatte der Kaufmann einen Schemel
vor die Tür gestellt und darauf Platz genommen Wo van Asten einmal Platz
genommen hätte es anderer Kräfte bedurft ihn wieder fortzubringen Breitbeinig
saß er die Füße fest auf den Boden die Arme auf den Stock gestützt Der Stock
schon hatte etwas Respekt gebietendes er schien mit Blei ausgegossen als er
auf die gebrannten Fliesen sank »Werde mich ja nicht unterstehen Sie zu
derangiren Wo ich Sie finde sind mir Herr Legationsrat lieb«
    »Wie Sie wollen« sagte Wandel und nahm auf dem Stuhle Platz so nachlässig
wie seine innere Aufregung erlaubte den Rücken dem Herde zugekehrt ein Bein
über das andere streckend Wie der Kaufmann in seiner Positur dem Rat den Weg
durch die Tür versperrte schien dieser den zum Herde zu verbarrikadiren Der
Kaufmann ließ seine Augen im Laboratorium wandern »Was sind denn das für
Frauenbilder«  »Wären Ihnen die Züge vielleicht bekannt« fragte Wandel ihn
scharf fixirend  »Kam nie aus Berlin heraus Aber das sind keine deutschen
Frauenzimmer«  »Welcher Kennerblick Die Aeltere eine Schwedin die Jüngere
eine Italienerin«  »So so Ich hätte sie für Schwestern gehalten und sie
kommen mir so niederländisch vor Sie müssen nämlich wissen ich bin auch aus
flämischem Blute«
    Der Legationsrat verzog faunisch das Gesicht »Ich strenge mich vergebens
an eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und den Damen zu entdecken«  »So wenig
als zwischen mir und dem Skelett da  War auch wohl eine Dame«  »Ich führe es
mit mir zu anatomischen Studien Schon seit länger Ich kaufte es einmal von
einem Totengräber ich erinnere mich wirklich nicht wo«  »Gleichviel Der
Tod ist jetzt umsonst und Leichen wohlfeil Aber die italienische und die
schwedische Schwester das müssen ein paar hübsche Mädchen gewesen sein Gönne
es Ihnen Recreations der Jugend geht mich nichts an«
    Die umschweifenden Blicke schienen je mehr und mehr den Legationsrat in
eine unbehagliche Spannung zu versetzen Er kämpfte sichtbar mit einem
Entschluss der ihm ebenfalls schwer ward aber es brach heraus »Was verschafft
mir die Ehre Ihres Besuchs«  »Eine kleine Geschäftssache«  »Welche
teuerster Freund Doch nicht « »Ein kleiner Wechsel « »Richtig« Der
Legationsrat schlug sich an die Stirn »Der ist aber erst in acht Tagen
fällig« »Freut mich dass Sie sich so genau erinnern Ich habe immer gesagt Sie
sind ein prompter Mann Ja in acht Tagen fünftausend Taler«  »Die Sache ist
mir sehr erinnerlich  zu Ende der Hundstage aber ich glaubte Sie hätten die
Bagatelle längst abgegeben«  »Auch geschehen mir aber wieder zurückcedirt
Hat viele Herren gehabt das macht sich wohl so im Geschäft«
    Als der Kaufmann sein Taschenbuch aus der Brust zog wobei er aber etwas
sorgsamer zu Werke ging als an jenem Abend wo er die Wechsel vor dem
Rittmeister auf den Tisch ausstreute fiel Wandel ihm ins Wort »Aber lassen wir
das bis nachher Die Sache ist ja kaum der Rede wert Wie geht es jedoch Ihnen
Sie sehen nicht ganz wohl aus Dass die Partie Ihres Herrn Sohnes rückgängig
ward konnte Sie doch nicht touchiren Er ist im Gegenteil in sich gegangen und
hat beim neuen Minister eine kleine Stellung angenommen Ich parire er wird ein
vernünftiger Mensch werden«
    »Kann sein Söhne kosten immer Geld so oder so ob sie vernünftig sind oder
toll«  »In jenem Zustande wird er auch die vernünftige Partie welche ein
geliebter Vater für ihn ausgesucht nicht länger von der Hand weisen«  »Kann
sein kann auch nicht sein So oder so Hilft auch nichts wenn Krieg wird Es
weiß Niemand wo den Andern der Schuh drückt mein Herr Geheimer Legationsrat«
 »Ich bin simpel Legationsrat« lächelte Wandel  »Sie sind ein geborner
Geheimer Ja wenn Sie das wüssten Sie müssten aber noch mehr wissen«
    Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studirende Gesicht des Kaufmanns
beobachtet und glaubte darauf gelesen zu haben was ihm Ruhe gab Der Mann war
innerlich bewegt Plötzlich griff er nach seiner Hand oder vielmehr nach dem
unteren Arm es ist aber möglich dass der treuherzige Freundesdruck auch der
Wucht des Stockes galt den er mit dem Arme schüttelte und sehr schwer fand Mit
einer Stimme dem Widerhall eines vollen Herzens sprach er »Herr van Asten
Sie drückt etwas Ich bedaure dass es mir nicht gelungen Ihr volles Vertrauen
zu erwerben Könnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschütten
schon das würde Sie erleichtern Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer
und Auswege und Mittel die dem selbst Bedrängten entgehen Mein Gott sollte
der drohende Krieg  aber ich schweige «
    Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann »Geheimes will ich Ihnen gar nichts
sagen aber was die ganze Börse erfahren hat das können Sie auch wissen Wir
hatten für 10000 Taler Weine aus Bordeaux bestellt « »Wir  Ah das ist das
kleine Kompagnongeschäft mit Seiner Excellenz Sie exportirten dafür Holz und
Bretter von Seiner Excellenz Gütern«  »Wissen Sie das auch  Schadet nichts«
 »Das Schiff muss jetzt in Stettin angekommen sein«  »Ist  Mit Weinen
delikaten Weinen  volle Ladung zum Wert von 100000 Talern unter Brüdern« 
»Hundertausend Eine volle Null zu viel«  »Da liegt es das Geheime mein Herr
Legationsrat Nur eine einzige Null zu viel bei der Bestellung Der Kasus ist
klar  ein Schreibfehler Wer ihn beging ist gleichgültig Der Zufall kann einen
Artillerielteutenant auf den Kaisertron bringen und der Zufall ein großes
Reich stürzen warum nicht auch ein großes Handlungshaus«  »Es beweist nur
welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben muss«  »Es beweist dass Einem auch
der Kredit den Hals zuschnüren kann«  »Ich begreife Ihre Lage die Ware ist
für den Augenblick nicht abzusetzen sie übersteigt weit den momentanen Bedarf
Alles schränkt sich ein Indes wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen Ihre Freunde
werden sich zeigen«  »Haben sich schon gezeigt«  »Sie werden Ihnen
beispringen«  »Sind schon gesprungen Kommen lauter kleine Wechselchen zurück
Werden noch mehr kommen«  »Excellenz der Minister « »Pst Excellenz sind ja
kein Kaufmann lassen mich nicht vor Verdenks ihnen auch nicht sind ja nicht
in die Gilde eingeschrieben Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance
mitmachen Alles kordial mündlich Setzten ein großes Vertrauen in mich was
ich sehr ästimire Wenn wir den Profit gemacht wars ja beim alten van Asten
ob er die Hälfte auszahlen wollte Verklagt hätte er mich nimmer«  »Aber er
setzte den Wert seiner Hölzer aufs Spiel«  »Wird kein Narr gewesen sein Auf
Höhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauerstrasse
intabuliren lassen Jedes Kind sieht nun ein dass ich mit Excellenz nicht die
Schuld eines Schreibfehlers halbiren kann und Excellenz haben zwar einen
vortrefflichen Magen aber die Hälfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus«
    Eine Pause trat ein Der Legationsrat blickte mit verschränkten Armen vor
sich nieder »Ihre Lage ist traurig aber nur wer sich selbst aufgibt ist
verloren Die Weine unter dem Steuerverschluss gleichviel ob hier oder in
Stettin sind ein todtes Kapital welches das größte Haus ruiniren könnte Wäre
Ihr Medoc nicht ein Kapital das zwei dreihundert Prozent eintrüge wenn Sie
es an einer Nordküste lagern hätten wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft
hat Wird die Schifffahrt geschlossen sind Sie wieder ein Krösus«
    »Alle Zeichen deuten dass wir Krieg anfangen«
    »Alle Zeichen sind trügerisch wo kein Wille ist Noch schwankt die Wage
Die Kabinetsräte sehen es ein der König möchte den Frieden erhalten und wenn
sie doch das Wort Krieg aussprechen ists weil sie gezwungen werden weil sie
keine Unterstützung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden Mein Herr
van Asten warum treten denn nicht die Patrioten zusammen ich meine die welche
Mittel haben warum unterstützen sie nicht des Kabinet Das ist noch möglich
Fragen Sie sich doch was es gilt Bleibt Friede bleibt er nur durch eine
Allianz mit Napoleon es gibt nichts Drittes Krieg mit ihm oder Anschluss Im
letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem die Häfen sind gesperrt und
Ihr Bordeauxwein ohne Konkurrenz ist wenigstens dreihunderttausend Taler
wert Nun rechnen Sie wenn Krieg wird wenn es nur bleibt wie es ist Ihr
Wein ein todtes Kapital Ihre Gläubiger lebendige Quälgeister Ihr Haus
erschüttert vielleicht  Man schätzt Sie auf über zweihunderttausend wenn
indes Ihre Aktiva nichts werden Ihre Passiva  ich schweige davon Aber in
solchem äußersten Fall muss der Mann das Äußerste wagen Und sind Sie allein in
dem Falle Verabreden Sie sich schießen Sie zusammen Lucchesini Haugwitz
Lombard sie Alle sind ja zugänglich die freundlichsten Männer Sie erwarten ja
nur dass man sie unterstützt gewichtige Stimmen aus dem Publikum Schaffen Sie
womit man Ihnen hilft um den Schreiern den Mund zu stopfen  Mit
hunderttausend Talern übernehme ichs«
    Der Kaufmann verstand jetzt aber er war sichtlich von einer Vorstellung
betroffen die ihn schwindlig machte Das Argument des Legationsrats hatte
etwas Verführerisches die Verhältnisse waren wie er sie schilderte aber er
erschrak zuerst vor dem Gedanken dass ein einfacher Bürger sich unterfangen
dürfe in das Schicksal eines Staates einzugreifen dann dass er dies sein
könne zuletzt wenn er die angenehme Maske von der Sache fortzog erschrak er
denn was war die patriotische Operation  Van Asten war ein rechtlicher Mann
    »Mein teuerster Herr« sprach der Legationsrat wieder mit der gewohnten
Überlegenheit des vornehmen Mannes und auch sein Kostüm hinderte ihn nicht
die Situation die er liebte einzunehmen ein Bein über das andere den
Hinterkopf mit der Lehne die Finger der rechten Hand mit sich selbst spielend
»Mein teurer Herr wenn wir uns doch gewöhnten die Verhältnisse zu betrachten
wie sie sind Was sind die Menschen in ihrer Massenhaftigkeit anders als
Heerden zweibeiniger Geschöpfe bestimmt von Anderen, die klüger sind geleitet
zu werden Fragen wir uns Wer denn überhaupt die Welt beherrscht Einige wenige
Könige die Genies waren oder Feldherrn aus Passion das waren seltene
Ausnahmen In der Regel waren es kluge Minister schlaue Favoriten noch
schlauere Maitressen Sie herrschten um so sicherer je feiner sie es zu
verstecken wussten Oder wollen Sie nach Klassen gehen Die Hohenpriester fingen
an dann kamen die Könige dann militärischer Adel dann Priester Könige und
Feudalritter im bunten Gemisch bis die Könige wieder glaubten das Oberwasser
zu haben da nahmen es ihnen die Philosophen Das Schibolet früher Glauben
geheißen hieß nun Aufklärung Bei allem diesem Wechsel mein teuerster Freund
ist nur das beständig dass die Pfiffigsten das Heft in der Hand behalten Nun
sehe ich aber nicht ab warum die reichen Leute nicht einmal den Priestern
Rittern und Philosophen das Geschäft abnehmen warum sie nicht auch einmal
pfiffig sein und regieren wollen Sie ahnen nicht mein werter Herr welche
Macht in Ihren Komptoirstuben Ihren Wechseln in Ihren Federstrichen ruht
durch welche Sie Weltteile verbinden Im vollen Ernst Ihnen den großen
Kaufleuten Fabrikanten blüht die künftige Welterrschaft entgegen Wenn Sie
nur sich etwas verständigen wollten etwas mit den Ackerbau treibenden
Herrschaften etwas mit den Herren von der Feder es braucht da nur kleine
Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten ein klein wenig auch mit den Ideen welche
was man nennt beim Volke im Schwunge sind so prophezeie ich Ihnen Sie die
Herren von der Industrie werden bald die wahre reelle effektive
Universalmonarchie in Händen haben wie die großen Handelsherren in dem kleinen
Venedig ehedem wie im großen England und im noch größeren Amerika jetzt schon
und in Zukunft noch mehr Sie Sie Teuerster fingen ja schon an Bravo Ihre
Associèschast en commandite mit der Excellenz war eine großartige Idee nur muss
man sich von den vornehmen Herren nicht übers Ohr hauen lassen Wenn Sie
geschickt agiren haben Sie den Herrn ja noch jetzt in Händen er muss jeden
Eklat vermeiden während Sie visàvis de rien Alles einsetzen müssen Also
Kourage für Frieden und Ruhe Alles dran gesetzt Frieden und Ruhe welche die
Nation und Ihr König wünschen Also warum nicht frisch und kühn ein Auge
zugedrückt und in die Tasche gegriffen«
    Herr van Asten griff auch in die Tasche aber nur um seine Brieftasche
vorzuholen Er war während der langen Rede wieder seiner Herr geworden »Weil
mir ein Sperling auf der Hand lieber ist als eine Taube auf dem Dache Weil mein
Fuß zu dick ist um ihn in Diplomaten schuhe zu stecken Weil ich auf glattem
Boden nicht gehen kann und weil ich in der Schule gelernt habe dass wer
besticht eben so ein Schurke ist als wer Bestechung nimmt  Hier ist Ihr
erster Wechsel« Das Bleistift welches die Brieftasche verschlossen zwischen
den Zähnen haltend zog der Kaufmann den Papierstreifen heraus
    »In acht Tagen stehe ich zu Dienst« entgegnete Wandel mit einem Versuch zu
lächeln »Pressirt es so Herr van Asten«  »Mich nicht Glaubte vielleicht
dass es Sie pressiren würde den Wechsel einzulösen«  »Zeigen Sie Sollt ich
mich im Datum geirrt haben«
    Der Kaufmann hielt den Wechsel seitwärts in die Höhe Sein Bein und Stock
blieben die Barriere »Sie haben ja wohl gute Augen  Sehen Sie  Sie sehen
vielleicht nicht Alles Ich auch nicht  Die Schrift ist blass Herr
Legationsrat seit acht Tagen wird sie jeden Tag blässer und in acht Tagen
hätte ich einen weißen Papierstreifen in der Tasche Ist das nicht kurios«
    Wandel hielt die Hand vors Gesicht um besser zu sehen Plötzlich drehte er
sich auf dem Hacken um und sank auf den Stuhl zurück mit einem lauten
Auflachen Van Asten verlor keine seiner Bewegungen aus dem Auge  »Das ist
kurios«  »Nur kurios Herr Legationsrat«  »Waren Sie besorgt dass ich den
Wechsel um deswillen nicht honoriren würde«  »Besorgt eigentlich nicht Herr
Legationsrat ich ließ nur als ichs merkte vom Notar eine vidimirte
Abschrift nehmen und den kuriosen Fall ad protocollum vermerken«  »Die
Geschichte wird immer hübscher Ich hatte damals eine sympatetische Tinte
präparirt und tauchte wahrscheinlich aus Versehen die Feder beim Ausfüllen des
Wechsels hinein Wollen Sie gefälligst hergeben der Schade ist im Moment
reparirt« Er stellte eines der Kohlenbecken vom Herde auf den Fenstersims »Wie
Sie wollen« lächelte der vornehme Mann als van Asten das Papier hinter seinen
Rücken hielt »Probiren Sie selbst eine Sekunde leise über den Kohlendampf und
die natürliche Schwärze ist wieder hergestellt« Der Kaufmann besann sich einen
Moment Er schien seine Position nicht verändern zu wollen bei der Operation am
Fenster hätte er dem Rat den Rücken wenden müssen Er überreichte ihm den
Wechsel von dem er ja eine vidimirte Kopie besaß strengte aber jetzt seine
Augen noch mehr an jede Bewegung des Andern zu verfolgen Wandel fuhr nur
leicht ein paar Mal über das Kohlenbecken und reichte den Wechsel ohne ihn
selbst anzusehen zurück »Prüfen Sie jetzt selbst«
    Die Schrift stand wieder schwarz da aber das Papier schien sehr mürbe
geworden »Soll ich Ihnen vielleicht einen neuen Wechsel schreiben  Sie
scheinen etwas ängstlich  Ich vergebe Ihnen ein Kaufmann soll vorsichtig
sein Mit dem größten Vergnügen« Er schob aus dem Winkel einen kleinen Tisch
mit Schreibzeug hervor bestimmt um seine Notate bei den chemischen
Experimenten zu machen und  schrieb
    Van Asten hatte zu dem Anerbieten weder ja gesagt noch nein Er benutzte
den freien Moment sich umzuschauen Es war ein stiller Sonntag Nachmittag das
ganze Haus schien ins Freie ausgeflogen er war auf der Treppe Niemand begegnet
Im Hofe knarrte nicht der Brunnen keine Stimme man hörte nur das Zwitschern
der Sperlinge in der Küche das Picken des Holzwurms in dem alten Gebälk Van
Asten war auch ein mutiger Mann aber ihm war eigen zu Mute wenn sein Blick
auf das Gerippe fiel auf die eisernen Gerätschaften die eben so viel Waffen
werden konnten Waren nicht auch vielleicht auf dem Herde in den Tiegeln und
Destillirkolben geheime Waffen Wenn der Koch mit dem Löffel daraus auf ihn
spritzte mochte nicht eine Essenz darin enthalten sein die ihn betäubte ihn
selbst im Augenblick blass machte wie die Schrift auf dem Wechsel
    Waren nicht die Blicke die der Schreibende seitwärts dann und wann auf ihn
gleiten ließ auch Waffen Der Kaufmann stand hinter seinem Schemel den darauf
gestemmten Stock noch fester in die Hände pressend
    An einer schwarzen Tafel standen mit Kreide aritmetische Figuren darunter
Berechnungen die des Kaufmanns Aufmerksamkeit anzogen große Zahlen addirt An
der einen Ecke
        80000  15000  40 Jahr pp    zu viel
        Summa 95000  40 Jahr pp    zu viel
an der andern
            90000  28 Jahr  Verstand
        pp 90000
            180000  28 Jahr  Verstand
    Der Legationsrat war fertig und hielt ihm die Schrift hin »Wollen Sie
probiren  englische ImmortellTinte neueste Erfindung von Parry  es ließe
sich darin ein Geschäft machen Um alle Simulation zu vermeiden habe ich unter
heutigem Datum acceptirt«  »Wollen Herr Legationsrat noch gefälligst darunter
notiren Duplikat des an dem und dem acceptirten Solawechsels«  »Wozu
teuerster Mann wir tauschen die Papiere aus und damit ist die Sache
abgemacht«  »Möchte gern den ersten Wechsel auch behalten nur aus Kuriosität
von wegen der sympatetischen Tinte Geschieht Ihnen ja kein Schade dadurch
lieber Herr Legationsrat Können noch der Sicherheit wegen hinzubemerken
Duplikat usw wodurch der Primawechsel außer Kraft gesetzt ist Weiter nichts
Bin ein Raritätensammler und trenne mich nicht gern von Seltenheiten«
    Wandel war in die Höhe gesprungen wie der Tiger beim Geräusch des
herangeschlichenen Jägers So funkelte auch sein Auge als er krampfhaft die
Stuhllehne presste Der Stuhl in seiner Hand hätte zur Waffe werden können, aber
nicht gegen Den der ihm gegenüber stand Die markigen Hände des Kaufmanns
umklammerten den Stock sein Kinn lehnte sich darauf und seine hellblauen Augen
fielen ohne Blinkern auf die gelbglühenden des Andern »Was wollen Sie noch«
fragte Wandel  »Sie haben noch einen Wechsel von mir acceptirt auf Höhe von
zehn Tausend Talern«  »Der am vierzehnten Oktober fällig ist mein Herr« 
»Weiß es wir könnten aber doch vielleicht noch ein Geschäftchen machen
Schreiben Sie mir noch ein solches Duplikat  der Wechsel wird auch blass« 
Wandel verkniff die Lippen Nach einer Pause sagte er »Wie Sie wünschen« 
»Ist mir lieb dass Sie so gefällig sind den Verfalltag wünsch ich nur etwas
anders Schreiben Sie gütigst acceptirt zum ersten September«  »Herr Das
sind nicht vierzehn Tage«  »Weiß es«  »Das könnte mich derangiren«  »Würde
mir sehr leid tun«  »Das ist unverschämt«  »Kann sein Ein Kaufmann muss die
Konjunkturen benutzen Ist sich Jeder selbst der Nächste darin werden Sie mir
Recht geben«  »Ihre Gründe Herr von Asten Durch das Duplikat verschwindet
jede Besorgnis wegen der Tinte«  »Gründe wollen Sie So viel Sie wollen bis
zum vierzehnten Oktober kann Krieg ausgebrochen Sie können tot bankerott Sie
können nach Asien und Sibirien gereist sein Ich könnte Ihnen noch viel mehr
Gründe sagen der Hauptgrund aber ist ich will mein Geld haben«  »Das ist ein
sehr verständlicher mein Herr van Asten Wenn ich mich recht besinne könnte
ich mich dazu bestimmen lassen Ich erwarte Rimessen aus Thüringen die jeden
Augenblick eintreffen müssen Indessen Kaufmann gegen Kaufmann  dies
unbeschadet unserer Freundschaft  was geben Sie für die Gefälligkeit«  »Die
Wechsel fürs Geld«  »Und die Prima für die Anticipation«
    Beide sahen sich durchdringend an Beide waren Kaufleute durch und durch in
dem Augenblick die durchbohrenden Blicke wurden milder die Drohung schmolz in
ein Lächeln Wandel schrieb auch den zweiten Wechsel um und nachdem van Asten
ihn sorgsam geprüft tauschte er beide neue Wechsel gegen die Primawechsel aus
Von dem geschraubten Ton vorhin merkte man nichts mehr Die Unterhaltung floss
noch einige Augenblicke über gleichgültige Dinge wie zwischen Geschäftsmännern
die eine unangenehme Disharmonie durch freundliches Entgegenkommen verlöschen
wollen Van Asten versicherte dass er die Differenz schon so gut wie vergessen
habe Wandel lobte es wer erfolgreich leben wolle müsse an die Zukunft und so
wenig als möglich an die Vergangenheit denken Auch vor Raritäten müsse man sich
hüten sie würden am Ende todtes Kapital in welchem unser Lebensstock immer
sparsamer dünner wird »Da « er riss aus einer Lade unter der schwarzen Tafel
eine Partie Papiere hervor  »was habe ich davon dass ich diese Assignate zwölf
Jahre aufhob eine halbe Million und darüber«
    »Freilich jetzt nur Raritäten« sagte nachdenklich der Kaufmann »Kein
Gläubiger ist mehr so dumm sie für Activa anzusehen Vor fünf bis sechs Jahren
konnte man wohl noch etwas darauf erschwindeln«  »Fidibus Teuerster Zum
Feueranmachen brauche ich sie«  »Über eine halbe Million Na  sie werden
Ihnen auch nicht so viel gekostet haben«  »Es kommt darauf an« entgegnete der
Legationsrat mit einem eigenen Zucken um die Lippen »Was haben Herr
Legationsrat denn da an der Tafel ausgerechnet Taler und Verstand ist ein
kurioses Additionsexempel«  »Phantasiebelustigungen Vielleicht Geschäfte die
ich vor habe«  »Das sind hohe Summen«  »Ich habe größere Geschäfte gemacht«
 »Das Facit des einen ist fünf und neunzig Tausend das des andern hundert und
achtzig Tausend ohne den Krimskrams dran von unbekannten und irrationalen
Größen«  »Sie sind ein unbefangener Mann aber von glücklichem Takt Beide
Geschäfte kann ich nicht zusammen machen Es gilt die Wahl Zu welchem raten
Sie«  »Wenn ich hundert und achtzig Tausend machen kann ziehe ich sie fünf
und neunzig Tausend vor«  »Ich auch« lachte der Legationsrat »Nur habe ich
die achtzig Tausend so gut wie in der Hand beim andern Geschäft aber sind
Schwierigkeiten zu überwinden es ist würde der Engländer sagen ein steeple
chase mit Hindernissen«  »Sie winden sich durch Herr Legationsrat«  »Ich
nehme es als ein gutes Omen an« lächelte Wandel »Wir scheiden doch als
Freunde«  »Wie vorher«
    Der Legationsrat hatte den Kaufmann bis zur Tür begleitet
    »Nun sehen Sie da wir als Freunde scheiden und Sie sich so honett gezeigt
ist ein Dienst des andern wert Sie haben mich gerettet ich gestehs Ihnen
für den Moment Und aus purer Gefälligkeit Der alte Asten ist aber kein
Bettler Er nimmt nichts umsonst Also erstens dafür tiefste Verschwiegenheit
von mir hört Keiner eine Sylbe Zweitens eine Maxime ein Kaufmann darf nicht zu
viel Speculationen vor sich haben Wenn er zu lange wählt entschließt er sich
zu spät Sieht er zu eifrig nach der Taube auf dem Dache so fliegt ihm auch der
Sperling aus der Hand Merken Sie sich das rasch zugegriffen Und drittens ist
mir lange schon für sie was eingefallen Machen Sie sich doch an Madame
Braunbiegler Das wäre eine Partie für Sie so reich wie dick Hundertzwanzig
Tausend unter Brüdern Der alte Braunbiegler verstands Lauter solide
Hypotheken und Pfandbriefe Und die halbe Fabrik Unter uns hundertfunfzig
Tausend wenigstens Und Sie mit Ihrer Chemie können das Tuch noch dünner
strecken Zugegriffen ein Bischen Schwierigkeiten aber Sie kriegen sie«
    Die Treppen dröhnten unter den schweren Tritten des Kaufmanns er sah nicht
mehr die Blässe auf dem Gesicht des Legationsrats nicht wie er in die Küche
zurück wankte nicht wie er an der Türpfoste stehen bleibend das kalte
Gesicht mit beiden Händen bedeckte Da verließ ihn seine Kraft Ihn schwindelte
es drehte sich um ihn wie im Kreise die Bilder das Gerippe die Retorten Er
fletschte die Zähne die Augen traten aus den Höhlen er ballte die Faust gegen
die Bilder »Lachen Sie nur Mes dames de Bruckerode Dann wankten die Knie Der
starke Mann sank auf den Schemel es war auch ihm zu viel gewesen Die Retorte
fiel von der Erschütterung vom Gestell und verschüttete ihren Inhalt in die
Kohlen der Staub wühlte auf die Bilder bewegten sich das Gerippe rasselte an
der Wand«
 
                         Dreiundsiebenzigstes Kapitel
                      Eine Spinne in ihrem Netz gefangen
»Sie kommen so vergnügt von ihm« empfing die Geheimrätin den eintretenden
Legationsrat Er sah allerdings anders aus als wir ihn neulich verließen In
sorgfältiger Toilette und Koiffüre ein Ordensband im Knopfloch ein anderes
das sich unter dem Halstuch versteckte schien er mehr zum Besuch bei Hofe als
im Krankenzimmer ajustirt Es ist indes zu bemerken dass er seit Kurzem seiner
Kleidung eine Sorgfalt widmete welche seine Freunde in der letzten Zeit
vermisst hatten Der Kleidung entsprach der heitere Gesichtsausdruck »Wie haben
Sie ihn gefunden« setzte die Lupinus hinzu
    »Wie meine Freundin mich findet  vergnügt« Sie blickte ihn verwundert an
»Sie wissen dass er in seiner Kollektion eine seltene Ausgabe des Horaz nicht
besitzt die mit verschlungenen Händen und einem Totenkopf unter dem Druckort«
 »Leiden Anfang des siebzehnten Jahrhunderts Initialen von der und der Form
unterbrach ihn die Lupinus »ich habe es oft genug hören müssen Er hatte alle
Kommissionäre in Requisition gesetzt und große Summen geboten immer umsonst« 
»Und jetzt hat er sie«  »Wie ist das möglich Sie selbst sagten die Ausgabe
wäre nicht mehr aufzutreiben«  »Um einem Sterbenden einen letzten heitern
Augenblick zu machen dünkt mich ist Alles möglich und  erlaubt«  »Erlaubt«
wiederholte die Lupinus betonend und blickte ihn fragend an
    »Es tut mir leid dass Sie nicht zugegen waren Wie seine Augen aufbljetzten
er traute ihnen kaum und hatte auch gewissermaßen Recht Bekanntlich ward diese
Ausgabe in Leiden während der schweren Belagerung der Stadt gedruckt Die Setzer
waren einer nach dem andern auf den Mauern gefallen Die Typen wurden zu Kugeln
umgeschmolzen Aber der Faktor der Letzte in der Druckerei hatte selbst sein
Letztes daran gesetzt diesen Horaz die Ehre der Offizin zu vollenden Mochte
dann die Freiheit der Protestantismus Holland die Stadt Leiden untergehen
wenn nur die Leidener Horazausgabe für die Nachwelt lebte Von allen seinen
Typen die schon als Kugeln um die Schanzen pfiffen hatte er nur so viel sich
losgebettelt um den Titel noch zu drucken er selbst Setzer Drucker Da im
Vorgefühl seines Schicksals setzte er unter die Jahreszahl und das Wort Leiden
einen kleinen Totenkopf Nur eine geringe Zahl Exemplare hatte er abgezogen da
verließen ihn die Kräfte Er sank um mehr vom Hunger als von der Arbeit
erschöpft Die Soldaten drangen ein auch die letzten Buchstaben fortzunehmen
als die Glocken der Stadt ertönten Der Entsatz war gekommen Leiden war frei
der Faktor starb zwar am selben Tage auch der größte Teil der Bürgerwehr war
von Hunger Seuchen Kugeln fortgerafft aber er starb mit frohem Gesicht 
seine Horazausgabe Leidens Ehre war gerettet  Ist es nicht ein rührendes
Kapitel aus der Geschichte der Menschheit Erhebt es nicht das Gefühl dass ein
armer Setzer für eine Idee sein Leben daran setzte und glücklich starb«
    »Allerdings aber «
    »Wer glücklich starb hat glücklich gelebt Es waren nur fünf und neunzig
Exemplare des Titels mit dem Totenkopf gedruckt Sie sollten das Ehrendenkmal
für den Patrioten bleiben Der Magistrat ließ die übrigen Titel mit einer
Änderung abziehen Auch sie sind von hohem Werh dia aber mit dem Totenkopf
und dem Todtenschweiss des Armen unschätzbar Sie wurden an hohe Potentaten
verschenkt sie finden sich jetzt nur in den Königlichen Bibliotheken von
Schweden  Gustav Adolf führte sein Exemplar im Felde immer mit sich  England
Dänemark Durch die Einnahme von Breda kamen mehrere nach Spanien Man hielt es
in Holland für eine große Kalamität Bei den endlichen Friedensverhandlungen gab
dies manchen Anstoß Die Generalstaaten gaben sich umsonst alle Mühe die
Exemplare zurück zu erhalten Später sind durch die Verführung des Geldes und
die Macht des Handels auch Exemplare nach Amerika gegangen«
    »Von daher haben Sie keins bezogen«  »Gewiss nicht sie sind auch gar nicht
mehr im Handel«  »Sie haben ihm ein nachgemachtes Exemplar gebracht«
    Mit einem weichen Lächeln drückte er ihr die Hand »Finden Sie das unrecht
Freundin wenn ich seit Wochen ein solches Titelblatt nachbilden ließ Es
kostete einige Mühe Druckerschwärze und Papier dem Braun des Altertums ähnlich
zu vergelben allein die geschickte Ungersche Offizin überwand alle
Schwierigkeiten  Er ist so glücklich wie jener Setzer in Leiden ein letzter
Sonnenstrahl fiel in den Dämmerschein seines Lebens Schadet es ihm dass es nur
eine Illusion ist Was ist denn unser Aller Glück anderes Sind nicht alle
unsere frohen Stimmungen auch nur das Produkt von Illusionen Die frohen meine
Gönnerin wie die bösen Die Wahrheit finden wir nur in uns selbst wenn wir
alle Täuschung abgestreift«
    »Ihre Leidner Geschichte so rührend sie ist erinnert mich nur zu sehr an
die Kindheit des Menschengeschlechts Über diese naiven Zustände von Ehre
sollten wir doch hinaus sein« Sie saßen auf dem Kanapé der halb dunklen Stube
»Sollten« rief er sich in die Ecke zurücklehnend »und wir sind immer nur
Kinder wie am ersten Tag Nur das Spielzeug wechseln wir oft auch nur wie es in
Familien mit beschränkten Mitteln geschieht Die Mütter nehmen ihren Kleinen die
Puppen und Soldaten allmälig fort an denen sie sich das Jahr durch satt
gespielt um sie ihnen frisch lackirt und neu angezogen zu Weihnachten wieder zu
schenken Die klügsten Kinder merken es nicht So das ganze Menschengeschlecht
Nur die Erwählten kommen mit sich ins Klare  Ja wenn sie so weit sind wenn
alle Nebel Dämmerscheine chromatische Täuschungen Vorurteile gesunken wenn
sie wissen ihre Kreise und sich selbst zu beherrschen wenn sie sich das
Zeugnis ablegen können dass sie durch nichts sich beirren lassen keine
Missgriffe tun rein und grad auf ihren Zweck hinsteuern  dann  das muss ein
Göttergefühl eigener Art sein« Die Geheimrätin senkte in ihrer Sophaecke den
Kopf »Wer kann das von sich sagen«  »Ich kenne eine Frau die das kann« Er
sah vor sich auf die Diele Es war etwas Eigenes heut im Benehmen des
Legationsrates So weich sein Ton so sanft vorhin sein Händedruck so
geschmeidig fast herzlich sein ganzes Benehmen aber er sah sie nicht an er
streckte nicht die Hand aus um sie auf ihren Arm zu legen er saß isolirt wie
ein Träumer und nur durch das Medium der Töne waren sie in Berührung  »Die
Klügste kann sich darin täuschen«
    Er schien es nicht gehört zu haben Er legte den Arm auf die Lehne und seine
Finger hämmerten gedankenlos auf das polirte Ebenholz während seine Augen jetzt
an der Decke hafteten
    »Mögen Sie sich immerhin momentan isolirt fühlen was ist das gegen das
beruhigende Gefühl wie ein Gott in Ihren Kreisen gewaltet zu haben Sind nicht
seit Sie mit sich klar wurden Ihre Wünsche in Erfüllung gegangen ich meine
ist nicht Alles geschehen was Sie für gut für notwendig erachteten Jenes
undankbare Mädchen das wirklich Ihr Lebensglück störte musste sie verlassen
ohne dass Sie der geringste Vorwurf trifft Man entführte sie Ihnen die Menschen
bedauern sie sogar wegen der hinterlistigen Art wie es geschah ohne zu ahnen
welche Wohltat Ihnen damit widerfuhr Damit wurden Sie zugleich die lästigen
Gesellschaften los die sie hinderten ganz sich selbst zu leben Wie oft fand
ich meine Freundin in Sorgen um das Schicksal des kränklichen Bedienten Was
stand dem armen Geschöpf bevor sobald Sie sich seiner nicht mehr annehmen
kannten Bettelstab Hospital Da hat Gott seiner sich erbarmt ihn zu sich
genommen Gott nimmt sich aber nur da der Menschen an wo er ihren ernsten
Willen ihre angestrengte Tätigkeit sieht sich selbst zu helfen  Wie
belohnten jene unartigen Kinder Ihre mehr als mütterliche Aufmerksamkeit Ich
darf Ihnen wohl sagen man verdachte es Ihnen dass Sie sich selbst diesen
verwahrlosten Geschöpfen opferten Man hielt es für eine Art Ostentation man
meinte Sie wären auf die Sprünge der Fürstin Gargazin gekommen Das sind die
Urteile der Menschen Kann ein Vernünftiger noch davor Respekt haben Sie
lernten nur zu bald dass für diese Unglückseligen nichts Besseres sei als 
wenn auch ihrer eine unsichtbare Hand sich erbarme Diese so früh verdorbenen
Kinder wären ja unter der Aufsicht des nichtigen läppischen Vaters unter der
Erziehung dieser Köchin in Grund und Boden verworfene Geschöpfe geworden Und am
Ende hätte Sie noch ein Vorwurf getroffen Aber das Unkraut konnten Sie nicht
mehr ausziehen Sie nicht mehr Weizen säen Verzeihung dass ich so offen es
ausspreche auf die Gefahr hin Sie zu beleidigen die Kinder mussten sterben«
    »Mussten « wiederholte mehr fragend als trumpfend die Geheimrätin »Ja
teuerste Frau« sagte er mit Nachdruck »Ich habe es mir oft überlegt Hätten
Sie einen Vorteil davon gehabt dass sie starben wäre eine Erbschaft im Spiel
gewesen dann war es anders Was jetzt die Leute sagen darauf kommt es nicht
an«
    Sie schielte innerlich bebend zu ihm hinüber wagte aber die Frage »was
sagen denn die Leute« nicht über die Lippe zu bringen »Die Geschichte der
Medea halte ich für eine unglücklich erfundene Fabel« fuhr er in derselben Ruhe
fort »Eine Mutter ihre Kinder schlachten um ihren Geliebten zu retten Das
wäre eine Verirrung der Natur.  Ja wer über diese Empfindungen hinaus ist ich
könnte mir eine Medea denken ohne die brennende Glut des Südens eine deren
Blut eiskalt geworden eine Seherin des Nordens die abgerissen abgeschüttelt
hat alle die Fibern und Blutadern die sie mit den Lebendigen zusammenhalten
eine Norne welche im ehernen Becher die Loose der Menschen schüttelt wer
fallen muss der fällt sie kann nicht weinen sie kann nicht lächeln es muss 
Sind wir nicht Alle auf diesen Prozess angewiesen ist es nicht der natürliche
des Daseins Das Blut wird mit den Jahren kälter was uns in der Jugend
entzückte gleichgültig Unsere Träume Phantasien Projekte belächeln wir
Werden die Menschen mit Runzeln liebenswürdiger Wir erkennen ihre Schwächen
die Ideale sind längst gesunken ihre Eigenheiten treten heraus sie werden uns
widerwärtig Nein nicht widerwärtig Freundin nur gleichgültig Wir hören eine
Todespost verwundert an Hat Der noch gelebt wir dachten er sei längst tot
Wir sterben mit wo Alles um uns stirbt und lassen darum sterben was nicht
leben kann Einer weniger der Anderen in die Quere kam Einer weniger der mit
verbrannten Flügeln nach der Sonne flattern wollte Wem sind sie denn nicht
verbrannt Wir sind allezeit bereite Totengräber  aus Mitleid Adepten der
Notwendigkeit  Das ist weit natürlicher als die andere Erklärung dass wirs
aus Neid wären aus Hass Hass gegen die ganze Menschheit Ist denn die Menschheit
wert dass wir sie hassen So wenig als unserer Liebe Allerdings lehrt uns der
Instinkt zu stechen wo wir gestochen werden Sticht uns ein Grösserer stechen
wir den Kleineren Dagegen ist nicht anzukämpfen es ist das Naturgesetz der
Kreatur Wo wirs überwinden ist Unnatur die Verweichlichung der Moral die
wir umsonst Religion taufen es bleibt Verkehrtheit die sich rächt Aber nur
nicht aus Hass Erbitterung wir spielen mit Tod und Leben wie man mit uns
spielt die Folterschrauben die man uns ansetzt probiren wir an Andern um zu
erfahren wie viel ein Mensch aushalten kann Das führt zu einem Ziele der Hass
ist immer eine irrationale Potenz die ins wüste Blaue treibt wo Niemand das
Ende absieht Pfui Blutrache pfui das alte mosaische Zahn um Zahn Wem hat
es genutzt und alles Unnütze ist Verbrechen Dagegen begreife ich wohl was der
Alltagsmensch Rache nennt und was doch weiter nichts ist als der Schuss nach
einem Ziele Napoleon hat Palm erschießen lassen Er hat Recht getan man soll
ihn fürchten Die Schriftsteller sollen sich nicht unterstehen ihn unangenehm
zu kitzeln Das Recht hat Jeder  sich furchtbar sich gefürchtet zu machen
Aber mit Klugheit mit Vorsicht es benutzt Nicht Jeder ist Napoleon aber Jeder
kann wie die kleine Spinne aus seinen eigenen Säften ein Netz sich weben um Die
zu fangen und zu verderben die sich in seine Region drängen Haben Sie einmal
die Spinne beobachtet Es ist für mich ein furchtbares Tier Da liegt sie
still zusammen gekauert ich möchte sagen fromm im Zentrum ihres Kreises sie
scheint zu schlafen aber sie ist nur pensiv sie brütet über ihr ungerechtes
Loos Warum gab die Natur den Fliegen Bremsen Mücken Wespen Flügel Sie
flattern spielen in den Lüften ein gedankenloses Spiel sie naschen an den
Blumen sie schlürfen den Mondenschein Die Spinne ist stiefmütterlich
behandelt sie die arbeitsame denkende Schöpferin muss an Mauern kriechen in
Winkeln ihr Gehänge spinnen aus ihrer besten Kraft nur um sich zu halten zu
existieren Sie ist gescheut verachtet Soll sie nicht dem Schicksal dem
ungerechten zürnen nicht Grimm im Herzen tragen Beim Allmächtigen meine
Freundin welcher Gerechte fordert das von ihr Sie fügt sich in das
Unabänderliche sie wartet und lauert einmal kommt doch der Augenblick um das
Gefühl der Rache zu kühlen Dann  auch dann stürzt sie noch nicht wie eine
Harpye auf ihr Opfer los Sie scheint fortzuschlafen bis der unbesonnene
Wildfang sich in das Netz verwickelt hat strampelt Dann  Was ich plaudere 
Da halte ich Sie ab von der Pflege des armen Kranken  Es wird ja ohnedem nicht
mehr lange dauern  Sollte der Krieg losbrechen ach Gott eine wahre Wohltat
wenn der liebe Gott den Dulder früher zu sich nimmt Denken Sie den armen
Gelehrten wenn der Feind einrückte Oder Berlin wird gestürmt welches Loos
wenn er mit seinem noli turbare circulos meos dem französischen Chasseur
entgegenträte Im besten Fall es ist Napoleons Art alle Einwohner einer
eroberten Stadt müssen zum innern Schutz in die Nationalgarde treten Stellen
Sie sich den Geheimrat vor mit dem Gewehr auf dem Rücken einen Säbel an der
Seite  Nein aus Liebe für ihn muss man ihm bald den ewigen Frieden wünschen 
A propos ich vergaß womit haben Sie denn vorhin geräuchert«
    Die Geheimrätin hatte vielleicht mit ganz andern Empfindungen auf dem Sopha
Platz genommen Sie ahnte nicht dass eine Schreckensstunde ihres Lebens nahte
In ein laues Bad umduftet mit Wonnegerüchen glauben wir geführt zu werden und
sie haben uns in ein kaltes Sturzbad gelockt O das ist nichts wo es mit einem
Male herabrauscht aber wenn man uns festgebunden und tropfenweis stärker und
stärker fällt es auf unsern Schädel endlich öffnet sich das ganze Reservoir 
    Sie versuchte zu ihm aufzusehen aber sie ertrug nicht den eiskalten
durchbohrenden Blick »Wie meinen Sie das« »Ich meine welche Ingredienzen
schütteten Sie in die Kohlenpfanne Denn dass Sie räuchern dagegen ist nichts zu
sagen es ist vielmehr notwendig Der Staub die Ausdünstungen der
Katergeruch es hat Alles zusammen genommen etwas Eblouirendes Es muss dagegen
gewirkt werden Aber Vorsicht meine Freundin man muss sich gegen den Verdacht
im Voraus schützen«
    Sie wollte aufstehen sie sank aufs Kanapé zurück »Mit nichts als was ich
von Ihnen habe« sprang es aus der gepressten Brust »Sie meinen die kleine
Apotheke meine Gönnerin die ich Ihnen aus Herrn Flittners Apotheke zum
Hausbedarf zusammenstellen ließ Die wird vor jedem Medicinalkollegium die
Prüfung bestehen Es sind die unschuldigsten Mittel wenn man sie unschuldig
gebraucht Freilich wenn man sich vergreift dann stehe ich für nichts Wasser
das beste Heilmittel man kann auch mit Wasser ermorden«
    Ein zweiter Versuch aufzuspringen scheiterte an der Schwäche ihrer Knie
aber sie lehnte sich zurück und die Kraft hatte sie gewonnen ihm starr ins
Gesicht zu sehen  O dies unveränderliche Gesicht War es nur auch eine
Muskelbewegung die eine Aufregung Furcht Schadenfreude Mitgefühl verriet
So hätte er eine Liebeserklärung machen so ein Todesurteil aussprechen können
Er erfasste die Spitze ihrer Hand »Verständigen wir uns doch Das Notwendige
erkenne ich an Wo der Bruch da ist der zur Auflösung führt soll der
Wahrhaftige nicht Salbe darüber streichen Er muss sich in das finden was nun
einmal nicht zu ändern ging ich kann es auch nicht tadeln wenn er der
Notwendigkeit einen Schritt entgegen tat Aber «
    »Bei allen Mächten warum foltern Sie mich «
    »Opiate narkotische Mittel alle Säfte aus Vegetabilien dunsten und
verdunsten wie Veilchen und Rose duften und verduften Sie lassen Materielles
nicht zurück wogegen alles Mineralische ein Residuum einen Satz einen
Ausschlag zurücklässt In wie veränderter Form es auch sei die Wissenschaft
findet ihn Wenn wir doch diese wohltätige Weisung der Natur nie aus dem Auge
ließ Das Lebendige im Pflanzen und animalischen Leben ist bestimmt zu
blühen reifen um sich dann zu verflüchtigen damit es im Äther scheinbar
verschwimmend irgend wo wieder ansetzt zu neuem Leben Diese Aussicht kann uns
angenehm berühren zu welchen Träumen gibt sie nicht Stoff Aber erschrecken
kann es uns nicht Dagegen repräsentirt der Stein das Metall die irdische
niederdrückende Schwere Wir mögen den Stein noch so hoch in die Luft
schleudern er kehrt wieder zurück Er kann uns auf die Brust fallen unser Fuß
stolpert daran und wenn wir ihn zerreiben zu Pulver Staub er fällt wieder auf
die Lunge und bei der Sektion findet ihn der Arzt«
    Die Geheimrätin hatte sich jetzt aufgerafft mit beiden Händen an die
Sophalehne sich haltend sah sie über die Schultern auf den Sprecher zurück
»Welche Verständigung  was wollen Sie«
    »Ich für mein Teil meine Gönnerin was kann ich wollen Was könnte ich
bezeugen Gar nichts  Dass ich bei Herrn Flittner auf Ihren Wunsch eine
Hausapoteke entnahm Das ist Alles dort in die Bücher eingetragen Eine exakte
Apotheke  Und wer sagt denn dass das Physikat zu einer Obduktion zu schreiten
sich veranlasst finden wird Reine Vermutungen von mir Nur in Ihrem Interesse
ein Freund stellt sich oft das Schlimmste vor Denn wer in aller Welt draußen
wird auf die Vermutung kommen weil in diesem Hause so kurz hinter einander
bedenkliche Todesfälle eingetreten sind dass hier eine ungesunde Luft ist aus
irgend einer nicht ergründeten Ursache Die Polizei hat jetzt an Anderes zu
denken«
    »Aber wenn  wenn sie daran dächte«  »Da sind tausend Möglichkeiten wie
man ihr ein X für ein U macht«  »Aber wenn man Sie « »Sie meinen wenn man
mich als Zeugen aufriefe Frau Geheimrätin das ist eigentlich eine
Beleidigung Zweifeln Sie dass ich gegen mein Herz reden und nicht meine
höchste Achtung vor Ihrem Charakter aussprechen würde«  »Nach meinem Charakter
würde man nicht fragen«
    »Man wird Tatsachen fordern Was kann ich denn über Tatsachen aussagen
Dass die Kinder näschig waren dass sie zugriffen wo sie nicht sollten dass sie
in ihrer Naschgier eine schädliche Speise vom höchsten Küchenbrett holten Oder
wird man mich inquiriren ob ich den Geruch in der Krankenstube abscheulich
fand Da würden die Experten sich nicht mit Meinungen befassen  Doch was ich
Ihnen zu sagen vergaß es war sehr klug dass Sie dem toten Johann den
Blumenkranz so tief in die Stirn drückten Da kam ein hässlicher blauer Fleck
über der Schläfe zum Vorschein « Es war der entsetzlichste Blick den wir von
ihr sahen  nein den sahen wir hier noch nicht  Es war einer der einen
Abschnitt im Leben bedeutet Mit solchem warf der Wüterich den Schlüssel zum
Hungerturm worin er seinen Freund gesperrt in den Fluss mit solchem scheidet
man von der Hoffnung man stößt den Kahn zurück ins Meer der uns an die Wüste
trug um darin zu verschmachten Aber ein Blick wars wie ein Eisendruck der
die erschlafften Nerven plötzlich stählt
    »Herr Legationsrat was fordern Sie von mir«  »Fordern  ich«  »Ihre
Prinzipien verbieten Ihnen etwas Unnützes zu tun  Kurz schnell damit wir
ins Reine kommen«  »Ich wollte Sie weder ängstigen noch derangiren  nur eine
kleine Bitte Eine Zahlung von fünftausend Talern übermorgen genirt mich weil
mir eine Deckung aus Hamburg ausblieb Sie haben wohl die Güte mir mit den
fünftausend welche Sie asserviren augenblicklich beizuspringen bis meine
Rimessen aus Thüringen ankommen«  »Ich  ich werde sie Ihnen schicken« 
»Wozu Dritte impliciren  es gibt so leicht Nachfragen Nur eine Feder meine
Gönnerin um die Schuldschrift aufzusetzen«
    Sie wankte an den Sekretair die Goldrollen aus dem verborgenen Fach lagen
auf der Platte Sie wies stumm darauf hin Er machte das Zeichen des Schreibens
»Wozu das«  »Es ist doch der Ordnung wegen«  Um ihm zum Schreiben Platz zu
machen trug sie die Rollen auf einen andern Tisch Die Rollen waren schwer
ihre Glieder waren wie gebrochen Eine entglitt ihr einige Goldstücke rollten
umher die sie aufzuheben sich bückte »O mein Gott Sie geben sich meinetwegen
so viel Mühe« rief er auf dem Stuhl sich umwendend schrieb aber weiter Er
wandte sich wieder um »Wie wollen Sie es mit den Zinsen gehalten haben« Sie
antwortete nicht
    »Es ist doch wegen des Lebens und Sterbens verehrte Freundin Ich würde
sechs Prozent schreiben aber Sie könnten da Sie nicht kaufmännische Rechte
haben dadurch in Verlegenheiten kommen Sehr möglich auch dass der Zinsfuss in
dieser Krisis noch steigt Ich setze daher lieber je nach dem höchsten
Börsensatz«
    Sie winkte ihm Schweigen mit einem krächzenden Hohngelächter Er schrieb
weiter Was schrieb er noch Er war aufgestanden und hatte ihr mit einer
verbindlichen Verbeugung den Schuldschein überreicht Sie warf ihn auf den
Tisch ohne ihn anzusehen Jetzt war nichts mehr von Angst Scheu Bangigkeit in
diesem Gesichte es wogte ein wildes Feuer in der Brust ihre Augen vermieden
ihn nicht sie sah mit einer Art böser Freude auf ihn »Was ist Ihnen noch sonst
gefällig  Da ist der Schrank mit meinem Silberzeug  dort meine Geschmeide
Ketten Ohrringe  meine Juwelen Da im Korb die Schlüssel zum ganzen Hause
Erbrechen Sie nehmen Sie fort was Sie Lust haben«
    »Ich erkenne Ihre Güte unter welcher Form sie sich auch ausspricht In
Bezug darauf habe ich mir noch eine zweite Bitte erlaubt Zum ersten September
läuft ein Wechsel auf mich von zehntausend Talern ab Nur für den unerwarteten
Fall dass meine Rimessen auch bis dahin nicht einträfen wünschte ich mich hier
sicher zu stellen Für Frau Geheimrätin Lupinus liegen fünfzehntausend Taler
auf der Seehandlung disponibel Ich habe mir erlaubt ein Cessionsinstrument auf
Höhe von zehntausend dort aufzusetzen Zugleich ein eventuelles Recipisse Wenn
Sie die Cession gefälligst unterzeichnen befreien Sie mich ich gestehe es von
einer momentanen Verlegenheit Momentan sage ich denn « er lächelte  »meine
Aussichten sind gut Es kostete nur den Entschluss zu einem sehr glücklichen
Geschäft dessen Chancen so gut wie in meiner Hand liegen Glauben Sie mir ich
bin sicher auf höher als diese Bagatelle«
    »Wie hoch schätzen Sie sich mein Herr« Der Hohn in der Frage berührte ihn
nicht »Auf über zweihunderttausend Taler meine Gnädige« antwortete er
freundlich und überreichte ihr die eingetauchte Feder Sie warf sich auf den
Stuhl sie überlas ohne zu lesen sie schrieb ihren Namen darunter zu seiner
Befriedigung indem er über die Achsel sah deutlich genug Sie stand auf sie
sah sie hörte nichts mehr quer durch das Zimmer wankend stürzte sie aufs
Sopha Tränen um zu weinen fand sie nicht die Augen brannten unter den
vorgehaltenen Händen Endlich ward es ein krampfhaftes Schlucken Schluchzen
ihre Füße klappten auf dem Boden ihre Brust hob und senkte sich sie holte
Luft
    Wandel falzte das Papier und steckte es in die Brieftasche die Goldrollen
hatten in den Taschen nicht rechten Platz Er schlang um einen Teil sein
seidenes Tuch legte das Pack in den Hut und wollte leise zur Tür hinaus als 
ihm ein anderer Gedanke kam Er saß neben der Lupinus als sie die Augen
aufschlug »Noch martern« rief sie zusammenzuckend »Nein« war die Antwort mit
fester Stimme »nur zu stählen wünschte ich meine Freundin«  »Das Wort nicht
mehr aus Ihrem Munde Kennen Sie was Erbarmen heißt bäte ich Sie mir aus den
Augen aus meiner Nähe Ein Todtengerippe könnte mit seinen hohlen Augen mich
nicht so entsetzlich anstarren«
    »Denken Sie ich wäre eines« lächelte er »Ich habe ein solches stets neben
mir  eine einst heissgeliebte Freundin Wenn ich verzweifeln wollte das Blut
gegen die Stirn presste wenn ich einen dummen Streich zu begehen im Begriff war
 dumm sind alle Handlungen deren Impuls im Blute liegt  dann drück ich ihr
die Knochenhand ich presse mich an ihre Brust sie muss neben mir ruhen und ich
werde gesund Sie war ein liebliches Wesen das nur den Impulsen des Herzens
folgte sie kannte keinen andern Regulator ihrer Handlungen und  was ist sie
nun  Ein Traum ihr Leben nur ihre Treue Hingebung war mehr  sie im Tode
gibt mir Kraft im Leben sie gießt Eisen in mein Blut Stahl in meine Nerven
O erheben Sie sich  so dürfen wir nicht scheiden«  »Die Kette ist gesprengt
 auf ewig«  »Wenn uns die Verhältnisse auseinanderreissen warum denn in
Feindschaft  War denn unsre Freundschaft auf Affekte begründet  Ruhe ist die
erste Pflicht um in einem Schiffbruch nach dem Kahn auszublicken der uns
retten kann Ich bewunderte Ihre klare Ruhe und Klugheit die Ihnen die
Entschlossenheit gab  wie lange handelten Sie in dieser Konsequenz und nun
soll die Aufwallung eines Augenblicks « »Wo die Hölle sich vor mir auftut «
»Gut nennen Sie es Hölle mich einen Dämon Teufel weil ich nach derselben
Konsequenz handle wie meine Freundin gehandelt hat Aber wer in die Hölle
steigt um in dem Bilde was Sie beliebten zu bleiben würde dort sehr einsam
leben wenn er nur mit Heiligen umgehen wollte Wir selbst sollen uns das Ziel
sein aber die Association ist das Mittel  Ist das undenkbar dass wir uns
gegenseitig noch Hilfe leisten könnten Weil Sie mir jetzt helfen  meinethalben
helfen mussten  können Sie nie in die Lage kommen wo Sie von mir Hilfe
erwarteten  O still meine Freundin ich weiß was dieses Aufatmen sagen
soll Sie stürzten lieber in den Abgrund als sie von mir annehmen Ich lasse
diesem natürlichen Gefühl sein Recht wie die Alten schreien mussten um ihren
Schmerz loszuwerden Schreien Sie meine Freundin innerlich weinen Sie wenn
Sie wieder Tränen finden verfluchen mich Nichts von Resignation Vergebung
edler Seelen ein Palliativ was die Natur abschwächt Nein ergehen Sie sich in
Ihrem ganzen Hass aber dann  dann bedenken Sie dass wir Beide uns kennen dass
der Zufall in der Welt eine bedeutende Rolle spielt dass wo kein Thron mehr
sicher steht die sicherste Stellung es im Leben nicht mehr ist dass Fälle
denkbar sind «
    Sie sah ihn scheu an »Sie meinen « »Ich gebe nichts auf Ahnungen aber 
einen Wunsch eine Weisung lass ich Ihnen zurück als letztes Angebinde Sie
haben sich stark gezeigt bleiben Sie es wenn das Unglück da ist Welches Recht
haben diese Menschen die wir kennen über uns Etwa uns ins Herz zu schauen
Der Pöbel Wer in aller Welt gibt ihnen das unsre innersten Gedanken
auszufragen Ins Gefängnis mögen sie den Freien schleppen auf den Rabenstein
uns schleifen nicht uns zwingen dass wir uns selbst verraten und verdammen
Das Recht hat keiner Mutter Sohn er stehe so hoch er will Der Pöbel kann uns
nicht wir können ihn wenn wir fest bleiben überwinden Die Märtyrer wurden
mit Recht Heilige nur dass sie töricht waren sich für Andere martern zu
lassen Wir würden es für uns Sie versprechen es mir Schwester im Bunde ewig
zu schweigen ich schweige auch Darauf ein Bruderkuss«
    Er war fort seine letzten Tritte verhallten auf der Treppe Sie hörte die
Haustür öffnen zuschlagen Aber er war noch bei ihr Sein Bruderkuss brannte
wie Feuer jetzt wie Eis Sie war gebrandmarkt der Druck des Stempels drang von
der Stirn bis ins Herz sie fühlte ihn von den Fingerspitzen bis zur Zeh
    Warum bin ich ein Weib lachte es in ihr Vergeltung   Ohnmacht  So viel
kleine Opfer und der Dämon selbst sein Hohngelächter zitterte in der Luft er
umschwirrte sie unerreichbar Und hätte er zu ihren Füßen gelegen ohnmächtig
gebunden woher denn Marterwerkzeuge nehmen die ihren Rachedurst gestillt
Welche Schmerzen konnten das Maß ihrer Schmerzen ausgleichen Und durfte sies
Ein Laut ein Schrei ein Wort des Gemarterten und die Klingeln und Glocken
hätten in den Lüften geklungen bis ans Ende der Welt wo Gerechtigkeit ist Wo
ist denn Gerechtigkeit
    Nein sie war noch an ihn gekettet an einer feinen unsichtbaren Stahlkette
 jede Rachezuckung und sie vibrirte wieder elektrisch in ihm er hob die
Faust  nein er lachte sie nur an mit seinen Haifischzähnen Wenn mich
vernichtest Du Dich  Zu entsetzlich er war er blieb ihr unsichtbarer
Bundesgenosse  Wer in diese Strudel trieb muss eine Säule finden woran er
sich aufrecht hält  Ein Todtengerippe Was ist ein fühlloses Todtengerippe
Schreckliches mit einem verglichen was die Augen noch rollen kann in den
Höhlungen Ja sie bedurfte solches Stahlgusses solcher Stärkung des glühenden
Eisens das zur Wollust werden kann, wenn es den Nerv in dem nagenden Zahne
ausbrennt Sie stürzte in das Krankenzimmer
    Ja das war noch schrecklicher als ein Gerippe an der Wand Er stand
aufrecht Wie die letzte Flamme in einem verglimmenden Feuer auflodert spielte
der letzte Atem in dem lebendigen Knochenmann Er musste furchtbar gespielt
haben Da lagen zerschlagene Gläser Geschirre die kostbaren Horazbände auf die
Erde geworfen ein dicker Staub wirbelte durch das Sonnenlicht das ohnedem nur
dunstig durch die trüben Scheiben drang wie eine dumpfe abendliche
Kirchenbeleuchtung durch gelbe Scheiben Auch die Decke vom Schreibtisch
herabgerissen und der Kater oben mit gekrümmtem Rücken und orangeglühenden
Augen spinnend Was hatte das ruhige alte Tier in diese Unruhe versetzt
    Hatte er vom Schmerz ergriffen diese Verwüstung angerichtet Körperliche
Schmerzen waren es nicht Diese schienen überwunden Das Gespenst den
Schlafrock weit auf ein Gerippe darunter so wankte er auf die Frau zu Die
Brust schlug noch  heftig in den Skeletänden hielt er ihr ein Buch entgegen
Das Buch zitterte durch die Luft Das war ein wüster Blick in dem Auge sein
letzter das war ein Schrei aus tiefer Brust auch sein letzter »Weib es ist
falsch  Alles falsch«
    »Alles ist falsch« antwortete sie tonlos
    Er hatte nicht mehr die Antwort gehört Er lag auf der Diele er hatte
ausgelitten Der Kater war vom Tisch gesprungen und bäumte sich über den
Leichnam Die Geheimrätin irrte in der Stube umher und konnte den Spiegel nicht
finden Als sie ihn gefunden konnte sie nichts drin sehen Sie rieb und rieb
aber der Spiegel blieb blind »Mein Gott ich muss doch die Wahrheit sehen« rief
sie und suchte nach einem Tuche Jetzt meinte sie der letzte Hauch sei
abgerieben Sie sah sich und sie sah sich nicht »Allmächtiger « schrie sie
auf und presste die Hände über ihren Scheitel Diese Bewegung sah sie aber
sonst nur Umrisse Umsonst quollen die Augäpfel aus den Höhlungen hervor Mit
einem neuen entsetzlichen Schrei fuhr sie zurück Die Gestalt im Spiegel fuhr
auch zurück »Ich bin ja hohl« Es war ein heulender Ton
    Ihr Diener fand sie nachher halb auf der Erde liegend den Kopf aufs Sopha
gefallen Sie sträubte sich verzweifelt als man sie ins Bett bringen wollte und
rief einmal über das andere man werde gewiss nichts finden
 
                         Vierundsiebenzigstes Kapitel
                        Ein treuer Freund seines Herrn
Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft aber er war so
durchlöchert dass wer nur das Auge aufriß durchsah In Paris war der Rheinbund
gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen ja es hatte noch nichts davon
erfahren Die Fürsten welche an der Leimrute saßen auffliegen konnten sie
nicht mehr aber frei mit ihren Flügeln flattern und der Grossmütige hatte sie
dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze mit den freien Städten
den Gütern der Stifter Klöster der Reichsritterschaft mit der Souveränität im
eigenen Lande Frei von Niemand behindert durften sie mit den Flügeln Die
schlagen die darunter ein Recht hatten auf Schutz Ihre Rechte die besiegelt
standen in allen Verträgen waren durch einen Federstrich ausgelöscht Und die
duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte »Des Kaisers Absichten hätten sich
hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt«
 Und wohin sollten sie schreien wohin Hilfe flehend die Arme strecken Der
Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt »da er außer Stande sei
seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen« Wo war das Reich wo
das deutsche Volk Osterreich des langen ehrenwerten Kampfes müde hatte sich
in sein Schneckenhaus gezogen das halbe Reich hing im Netz des Eroberers und
nur Preußen stand allein im Winkel ohne den Mut ohne den Beruf ohne die
Mittel
    Das fühlte Jeder in Preußen Wenn eine Überzeugung auf dem trocknen Boden
aufschiesst von dem wir reden so haben Spötter behauptet dass sie wie ein
Unkraut das die Wolken säen plötzlich die Felder überwuchert oder wie ein
Haidebrand über Berge und Täler sich ergießt Dann ist kein Widerstand mehr
Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise nur die an der
Straße Wohnenden die auf den Höhen Sichtbaren Die in den tiefen Niederungen
nur sich selbst leben unbekümmert um was nicht ihre nächste Sorge angeht
berührt er nur selten Aber der Fall war hier Des Herzogs von Enghien Aufhebung
und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen was
gehen den guten Bürger Staatsakte an Darum haben sich Die zu kümmern die dazu
geboren sind oder dafür bezahlt werden Aber dass er den Buchhändler Palm in
Braunau erschießen lassen berührte das Gefühl des Menschen sogar den Gedanken
des Bürgers War Palm nicht ein Bürger eingeschrieben in die Bürgerrolle der
ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte Was
ging ihn die Schrift an die er verlegt und noch dazu starb er den Heldentod
weil er Den nicht nennen wollte dem er sein Wort gegeben zu schweigen Das
konnte Jedem »passieren« Ist ein guter Bürger da um den Heldentod zu sterben
Es war ein Brand der durch alle Glieder ging vom Wirbel bis zur Zeh Die
Entrüstung fand keine Worte dafür und je gebundener die Meinung in dem andern
gefesselten Deutschland war so lauter sprach sie sich in Preußen aus Man
fühlte was Freiheit war und fing an zu begreifen dass sie ein Gut ein
heiliges Menschenrecht ist Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes
wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet und die Regierung
schritt nicht ein weder aus Furcht vor dem Kaiser noch wegen unbefugten
Kollektirens
    So sah es in den Bürgerhäusern aus Wie es in den Palästen der Großen in
den Hotels der Minister aussah
    In dem des neuen Ministers saß in dem Zimmer das wir schon kennen Walter
van Asten am Schreibtisch Aber die Flügeltüren waren zu dem neben anstoßenden
Audienzsaal geöffnet wo der Regierungsrat von Fuchsius auf und ab ging
Zuweilen blätterte er in Schriften zuweilen trat er zu dem neuen Sekretair um
Bemerkungen mit ihm zu wechseln Er wartete auf eine Audienz und hatte schon
lange gewartet der Minister war in den oberen Zimmern mit dem jungen Bovillard
Walter war bei einer Arbeit aber er ließ oft selbst die Feder ruhen und das
gelegentliche Gespräch mit dem Rate schien ihm keine unangenehme Unterbrechung
    »Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt« sagte der Rat »
Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld und Herrn von Bovillard
schließt er in seinen Intimis das Herz auf«
    »Das war die ihm zugedachte Stellung« entgegnete Walter die Feder
weglegend und stand auf »Wir sind Jugendfreunde die Verhältnisse haben darin
nichts geändert und wenn sie es hätten was kommt es jetzt darauf an wo der
Beste ist  der handeln kann«
    »Wer handeln kann« rief Fuchsius mit einem wehmütigen Lächeln »Welche
bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor«
    »Denen Herren von Fuchsius enthoben ist weil er freiwillig seine Stellung
aufgab«
    »Das soll eine Spitze sein lieber Asten aber sie verwundet mich nicht 
Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere
zurückgekehrt trotz alledem was Sie das Gegenteil zu glauben berechtigt«
    »Ich setze voraus« sagte Walter und reichte ihm die Hand »dass Sie nach
dem was zwischen uns darüber verhandelt ist in mir keine persönliche Rancune
mehr vermuten Sie wäre jetzt ein Verbrechen«
    Der Rat drückte die gebotene Hand »Ich bin keinen Augenblick in Zweifel
über Ihre Intentionen und eben darum tun Sie mir leid Sie werden das Meer der
Täuschungen von vorn an ausschlürfen  Zugeben will ich Ihnen übrigens dass
jener Umstand vielleicht der äußere Anlass war aber der Entschluss datirt von
länger Der Gedanke dass Seine Excellenz von jetzt ab meine Arbeiten mit einer
Reserve von Misstrauen kontrolliren dürfte änderte meine bisherige Stellung zu
ihm indessen wertester Freund was sind Stellungen wo Alles Schattenbilder
sind in einer Laterna magica wir Alle Tropfen in einem Meer  Sie einer
Bovillard der Freiherr selbst Alle Alle die das Bessere wollen«
    »Wer sich verloren gibt ist verloren« entgegnete Walter »Wir sind
künstlich isolirt ja umgürtet von Gräben Wasser Sandwällen und unser Feuer
droht in sich selbst sich zu verzehren Das ist Ihre das ist Vieler Ansicht
Aber wer berechnet die Macht des Feuers wo ringsum trockene Stoffe lagern Mag
einmal entzündet es nicht zu einer Lohe aufschlagen die über Deutschland sich
ergießt Mag sie nicht Europa in Flammen setzen«
    »Und was dann  Ich redete nicht davon  Der Krieg liegt ein so wüstes
trostloses verworrenes Bild vor mir wie der Friede  Ihr wollt das Volk
wecken einen Nationalkrieg entzünden  die Idee liegt doch dunkel im
Hintergrunde«
    »Und Sie teilten sie nicht«
    »Ich habe sie geteilt  aber das ist vorüber Einen Sturm wollen Sie los
lassen und was wirbelt er auf  Staub«
    »Und wofür leben Sie jetzt«
    »Für die Verbrecherwelt Die Wahrheit die ich in der Psychologie des
Staates nicht fand suche ich in der der Gefängnisse Es ist eigentlich derselbe
Stempel nur ursprünglicher frischer Das Schillersche Weltgericht finde ich
hier viel conciser konkreter Die Kreise eines Verbrechers klein fangen sie
an um rasch größer zu werden bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht
dann verengen sie sich wieder immer rascher bis sie zur Schlinge werden Dort
sehen wir nur Stückwerk hier Totalitäten«
    »Aber nichts was das Gefühl erhebt«
    »Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt
wie die erste Unterlassungssünde die Scham darüber das Streben es zu
verbergen ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt gäbe
das keine Anschauungen Belehrung ja Erhebung Da in der großen Geschichte
vertuscht man es wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt hier ist kein
Grund dazu die Diplomaten und Historiker fehlen die das Schlechte schön malen
dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen Die Natur gibt sich wie sie ist
und versuchts ein Verbrecher durch Lügen sich einen besseren Schein zu geben
so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen er verstrickt sich mit jedem Worte
tiefer unlösbarer und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume Und
wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug wie ein Licht
aus bessern Welten vorschiesst da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge
treten und er kann den Verbrecher lieben den er verdammen muss Ja Teuerster
der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung
geworden aus einer Welt der Verwesung über der der gleissende Schein immer mehr
reißt in eine Naturwelt wo es noch chaotisch daliegt unschön meinethalben
ekelhaft aber es ist die grelle Naturwahrheit die der Mensch bessern veredeln
sollte gewiss es war seine Aufgabe aber er hat sie verpfuscht Jetzt begreife
ich die Völkerwanderung Die Barbaren welche die römische Kulturwelt mit ihren
Keulen niederschlugen waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese auch unter
ihnen grassirten Laster Blutsünde und Gräuel aller Art aber sie waren der
frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts«
    »Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien Ich
konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbniss betrachten«
    »Nun so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst«
    »Aber wo unter hundert Fällen neun und neunzig nur die Verwechselung des
Mein und Dein zum Gegenstand haben«
    Fuchsius sah ihn lächelnd an »Ist das nicht die große Frage die Alles
regiert Nur dass die Groben für Andere die Feinen für sich einen Mantel darüber
hängen Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen es ist
daher viel leichter die Bemäntelung abzureissen und der Sache auf den Grund zu
kommen Übrigens versichere ich Sie dass ich die interessantesten Studien
vorhabe Wir stimmen darin wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern
Abklatsch der höheren Stände erblicken So zergliedere arrangire ich sie mir
ich finde die Erklärung für Vieles was oben im Licht geschieht in meinem
Schattenreich Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien auch
in recht angesehene und finde immer den Abdruck desselben Stempels Die
Zerlassenheit das laxe Wesen die Maximen Prinzipien dringen von oben nach
unten durch wie eine ätzende Säure Hier verschenkt man freilich nicht
Staatsgüter die Hunderttausende wert sind zur Erinnerung für gute
Kompagnieschaft bei einer Orgie noch schwarze Adlerorden an Roués für eine
Galanterie man gibt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuss seiner
Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen
damit wenn er die Augen geschlossen man sie auf die Wache schickt Noch trifft
man auf vornehme Damen die wenn die Sünde sie verlässt doch von der Sünde
nicht lassen können und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre
Zauberkreise verlocken nicht aus Eigennutz rein aus Vergnügen und noch
weniger verstehen meine Schelme Betrüger Galgenvögel darüber den Schleier von
Philosophie und Humanität zu breiten aber  Sie werden vielleicht nächstens
Dinge sehen die Sie nicht erwarten und die Gesellschaft wird die Augen
aufreißen Leben Sie wohl  Excellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von
Bovillard«
    »Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur« Fuchsius nickte »Dann
müssten Sie eilen Mich dünkt das große Ungeheuer Krieg verschlingt die
kleinen«
    »Falsch geschlossen Herr van Asten Die Kriminalistik hat die Beständigkeit
vor der Politik voraus Wer auch siegt das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf
die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet Spitzbuben Räuber und Giftmischer
liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Kourtoisie aus und der Strick
ist der sicherste Orden für den der eine Expectanz darauf erwarb« Der Rat
schien doch noch etwas sagen zu wollen als er den Türgriff langsam aufdrückte
Walter kam ihm zu Hilfe Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mitteilen
könne möge er kommandiren er glaube nicht zu versichern nötig zu haben dass
er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne
    »Fand in letzter Zeit eine Kommunication zwischen dem Minister und dem
Legationsrat Wandel statt«  »Ich glaube es positiv verneinen zu können« Der
Rat schien zufrieden »Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung«  »In
keine andere als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der
Geheimrätin Lupinus mit sich brachten«  »Mit der schien er in Relation zu
stehen « »Welche das Geklätsch zu andern machte als sie vielleicht waren
Sprach man doch auch dass die Geheimrätin sich scheiden lassen und ihn
heiraten wolle Da so viel mir bekannt ihre Verbindung seit dem Tode des
Geheimrats sich gelöst hat so war auch das gewiss ein falsches Gerücht«  »Um
so mehr als jetzt verlautet dass Herr von Wandel auf Freiersfüssen bei der
reichen Braunbiegler aus und ein geht«  »In der Tat«
    Der Rat fasste freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er
»Herr van Asten verzeihen Sie die Indiskretion an der Börse meint man dass
Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen Er hat sich in einer
Spekulation verrechnet «
    »Und wird hoffentlich wenn sie fehl schlägt der Mann sein der seinen
ehrlichen Namen mit dem Letzten was er besitzt löst«
    »Daran zweifle ich nicht und wünsche ihm dass er ohne dieses Opfer sich aus
der Klemme zieht Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel er hat Wechsel
von ihm er hat Mittel gefunden während man glaubte dass Wandel auf
Prolongation dringen werde ihn zu bestimmen, dass er diese Wechsel in andere auf
kürzere Sicht umschrieb Schon das ist merkwürdig Noch auffälliger dass
während man Ursache hatte an des Legationsrats Verlegenheit zu glauben dieser
aus Mitteln die man nicht kennt Ihren Vater prompt befriedigt hat«
    »Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen was in der Stadt ein lautes
Geheimnis ist dass Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten
Relationen steht«
    »Pah« sagte der Rat »Spione hier werden nicht mehr teuer bezahlt seit
man die Geheimnisse wohlfeiler hat So viel haben wir heraus was seine
politischen Mysterien anlangt ist er ein Windbeutel nur mit der Russin steht
er noch in einer Verbindung Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit
der Münze die er bringt Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von
zehn und zwanzigtausend Talern Ich will mein teuerster Herr nicht hoffen
dass Ihr Vater sich näher mit ihm einließ«  »Sie erschrecken mich « »Wenn Sie
für Ihren Vater einstehen gewiss ohne Grund Aber warnen Sie ihn soweit ein
Sohn es darf der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die
Gerechtigkeit« Er zog Walter an sich und die Hand am Munde sprach er ihm ins
Ohr »Ich habe den dringendsten Verdacht dass dieser Herr von Wandel «
    In dem Augenblick hörte man starke Fußtritte auf der Treppe »Der Minister«
 »Und sehr ungnädig« sagte Fuchsius die Tür öffnend »Die Audienz ist
ungünstig ausgefallen  Schade dass Bovillard nicht Ihr Rival ist er wird
unfreundlich entlassen und ich habe nicht Lust den Zornerguss Seiner Excellenz
auf mich zu laden  Von dem Bewussten ein ander Mal Bis dahin
Verschwiegenheit«
    Der Rat war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangstür geeilt
ehe der Minister in jenes eingetreten war  Der Minister war aufgeregt Aufund
abgehend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im Unklaren Ihm war
es darum zu tun dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben die
ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe Bis gestern hatte man ihm Hoffnung
gemacht heut war Bovillard durch Vertraute insinnirt worden dass er um der
Person des Ministers einen abschlägigen Bescheid zu ersparen lieber freiwillig
zurückstehen möchte
    »Excellenz Feinde also auch da geschäftig«  »Diesmal sind sie
unschuldig«  »Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit « Ein »Freilich
wer denn sonst« sprudelte von den Lippen und verbot dem Sekretär fortzufahren
    »Warum hat er nicht wie ein Kartäuser gelebt warum hat er tolle Streiche
gemacht warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt als die Tränen
um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen« Also der Zorn war Ironie
Walter ließ eine Bemerkung fallen dass für Jugendsünden die Zeit das beste
Heilmittel sei Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune »Jede
Sünde rächt sich« rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln aber die
Gedanken waren weit darüber fortgeflogen
    »Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die Andern Warum sich nicht mit
Tugend und Anstand geschminkt War das so schwer Brauchte nur seinen
trefflichen Vater zu imitiren«
    »Geheimrat Bovillard ist mir in der Tat unbegreiflich Wiegt ihm die
Gunst die Euer Excellenz seinem Sohne schenken das Glück desselben auf Ihm
wäre es doch ein Leichtes Haugwitz und die Andern umzustimmen«
    »Was kümmern mich Die Die Königin will ihn nicht«
    »Die Königin  Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang«
    »Wenn sies wäre  Freilich sie müsste drei Viertel des Hofes fortjagen 
Nun hat sie sich auf Diesen gesetzt Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher
Sittenlosigkeit geschildert Sie betrachtet es als einen Hohn einen Kavalier
von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen Sie hasst auch wohl im Sohn den
Vater Kurzum Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen«
    Ein Ausruf des Sekretärs protestirte dagegen
    »Frauen mein Lieber wollen besonders behandelt sein auch die
ausgezeichnetsten In ihren Vorurteilen gegen Personen gehorchen sie dem
Impulse Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem was sich
schickt Da fragt nur bei edlen Frauen nach Und sie hätte Recht Schöne Seelen
werden nicht durch Gründe nur durch eine schöne Regung überwunden Wenn er
nicht darauf eingehen will was ich ihm sagte so ist es nichts«
    »Es stände in Bovillards Willen«
    »Seine Braut ist die schöne Person die neulich die Geschichte mit Ihrer
Majestät hatte Ich weiß es bestimmt die Königin ist wie hohe Personen sind
für das Mädchen entusiasmirt wenn er den Vorteil benutzte « «
    Der Minister hielt inne nicht weil er die Röte auf Walters Gesicht
bemerkte sondern weil er selbst etwas von Erröten fühlte Ein ernster
Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen weil leider keine Staatskunst
ohne sie bestanden hat aber schon der Schein ist gefährlich dass er im Ernst
sich in ihr Spiel verliert Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch
und schien von der Lektüre absorbirt während Walter mit einem wehmütigen
Lächeln einer Erinnerung nachhing
                                       
    Der Vorfall auf den der Freiherr angespielt war eine bekannte
Stadtgeschichte die vor einigen Tagen sich ereignet Wir müssen mit unsern
Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen
Ball tun den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte Die
Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt und ein Diensttuender mochte aus
Unkenntnis eine missverstandene Vorstellung gemacht haben als sie im
Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet »Was sind Sie für eine Geborne«
Die Baronin Eitelbach welche neben Adelheid gestanden wollte erschrocken dem
jungen Mädchen zu Hilfe kommen und hatte die historisch gewordene Antwort
gegeben »Ach Ihre Majestät verzeihen sie ist gar keine Geborne«  Nur die
Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten was wie ein
Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte Ihre ganze Huld und
Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen um jene strafenden Worte zu
sprechen die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind und nach
verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten »Ei Frau Baronin
Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiss das junge Mädchen nicht kränken Von
Geburt sind wenigstens alle Menschen ohne Ausnahme gleich Ist es auch
ermunternd und erhebend von Eltern und Vorfahren abzustammen die sich durch
Verdienst und Tugenden auszeichneten und wer wollte den Wert nicht anerkennen
und sich nicht selbst geehrt fühlen durch de Ehre aus einer guten Familie zu
sein Aber Gott Lob das gilt für alle Stände gleich und aus den untersten sind
die größten Wohltäter des Menschengeschlechts hervorgegangen Stand und Würde
kann man erben aber innere persönliche Würdigkeit worauf am Ende doch Alles
ankommt muss Jeder sich selbst erwerben Der Weg dahin ist die
Selbstbeherrschung und ich bin überzeugt wenn ich in den Zügen des jungen
Mädchens lese dass ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat  Ihnen liebe
Baronin danke ich dass Sie mir Gelegenheit gaben den Anwesenden meine Meinung
darüber zu sagen Es ist die Meinung welche auch im Herzen meines Gatten des
Königs lebt« Der strafende Blick der Königin der leichthin über die Reihen
flog hatte sich in den huldvollsten verwandelt als er Adelheid wieder traf
Sie wechselte einige Worte mit ihr die nur die Wenigsten hörten aber Beider
Augen verrieten den Sinn Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorüber geschwebt
    Die Szene hatte sich im Augenblick verwandelt Die moquanten Mienen von
vorhin waren zu langen Gesichtern geworden Das junge Mädchen war noch eben als
ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden fast isolirt
hatte sie neben der Eitelbach gesessen kein Tänzer sich ihr genaht Welche
Urteile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden Ach selbst ihre
Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen  Ist das die hatten zwei Hofdamen
sich erschreckt angeblickt mit dem Versuch über die Erinnerung zu erröten
der indes unter dem dicken Karmin erstickt war
    Und nun wie Nebel bei einem Sonnenblick war Alles anders geworden
Woltmann berichtet von der Königin Luise dasswenn sie mit Hässlichen
gesprochen auch diese allmälig den Umstehenden schön gedünkt solchen Zauber
strahlte die Fülle ihrer Anmut aus Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt
 Nein wie schön sie ist hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern
Welcher Anstand  Es ist etwas Geborenes darin  Die Eitelbach war ohne Neid
mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet Sie
lächelte die Dame an die sich an ihren Arm hing »Nein liebste Baronin was
müssen Sie für eine Freude haben einen solchen Engel zu bemuttern Aber sie ist
auch der besten Obhut anvertraut«  Damen und Herren ließ sich Adelheid
vorstellen Ihre Antworten entzückten  Da um das Glück vollständig zu machen
hatte sich auch der König ihr genähert Auch er sprach gnädig freundlich sah er
zum schönen Mädchen nieder man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte viel
von gehört haben  sehr freuen  einen braven Vater haben  Auch die jüngeren
Prinzen waren herangetreten der König scherzte mit ihnen Ein Scherz von den
gewichtigsten Folgen Bald durchflog die Säle die Neuigkeit die Prinzen tanzen
mit der Alltag
    Sie war der Stern des Abends Sie blieb der Gegenstand des Gespräches in den
Equipagen die nach Hause rollten Über ihre Schönheit war nur eine Stimme Nur
etwas zu ernst Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon
angehaucht Welche naive frappante Antworten sie gegeben Wie hatte sie den
jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen Aber wie hatte
der ältere Bruder Prinz Louis sich benommen  Eine solche spirituelle
Schönheit musste doch auf den galantesten Ritter wirken  Er war an ihr
vorübergegangen  Unmöglich hieß es aber Viele versicherten es Der
unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster Die Aussicht auf den Krieg
schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber  Aber nein er war zurückgekehrt er
hatte mit ihr Worte gewechselt Es klang unglaublich was der Lauscher gehört
Er hatte sie wehmütig angeblickt wie Hamlet Ophelien »Was wollen Sie in
dieser Atmosphäre Die ist nur für kranke Seelen«  Und sie was hatte sie
geantwortet »Gnädigster Herr ich meinte wer gesund ist bringe Lebensluft in
jede Atmosphäre mit«  Unbegreiflich fanden es Viele  ein simples
Bürgermädchen die Tochter von dem alten Geheimrat Alltag Er wird wohl nun
geadelt werden meinten Einige Andere schüttelten schlau den Kopf Wer weiß
denn ob er ihr Vater ist Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge die an den
vorigen König erinnerten
    Drei Tage lang sprach man am Hofe sieben in der Stadt nur von der schönen
Adelheid Dann waren andere Gegenstände gekommen Die Königin hatte sie nicht
rufen lassen die Königin hatte an Anderes zu denken Die Fürstin mochte auch an
Anderes denken sie sagte nichts aber wenn sie Adelheid sah schien ihr
lächelnder Blick zu sprechen wenn eine Königin vergaß uns rufen zu lassen so
wäre es an uns sie anzurufen damit sie sich unserer wieder erinnere Zur
Diplomatin ist sie nicht geboren
    Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben
indem er mit der Schrift sich auf das Kanapé geworfen und mit dem Daumennagel
Zeichen am Rande machte als er auch das Papier sinken ließ
    »Lesen Sie« sprach er
    Walter nahm das Papier welches Jener auf das Kanapé fallen lassen Der
Minister schüttelte mit dem Kopf
    »Zuvor die Hauptpassus die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben Man
muss sich diese erst vergegenwärtigen Es wird nicht mehr Alles für heute
passen«
    Walter griff nach einem andern Heft und las Bedrohte Selbstständigkeit 
Unwille der Nation über den Verlust ihres alten wohlerworbenen Ruhmes Der
Minister schüttelte den Kopf »Dies bleibt nun weg Wüster Lärm genug« Walter
las weiter Affiliirung der Kabinetsregierung mit Haugwitz An den Ministern
haftet die Verantwortlichkeit für das was sie nicht beschlossen vor dem
Publikum »Oeffentliche Meinung« korrigirte der Minister »Weiter« Man schämt
sich einer Stelle deren Schatten man nur besitzt »Habe ich das im April
geschrieben« seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln 
»Illusionen Wenn sich Einige geschämt haben jetzt haben sie sich anders
besonnen Das bleibt weg« Walter fuhr fort Das Ehrgefühl der Beamten wird
unter einer solchen Regierung unterdrückt ihr Pflichtgefühl abgestumpft 
Subalterne gehorchen nur noch halb sie suchen ihr Heil bei den Götzen des
Tages »Das bleibt Das hat gewirkt es kann noch wirken Für die Reputation
ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre Weiter« Der Monarch lebt in
völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern Von Allem was geschieht erhält
er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinetsräte »Sie halten
inne Haben Sie da Bedenken«  »Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus
der Sache lassen«
    »Wir leben nicht in England  Wir leben in Preußen wo der Monarch mit dem
Volke identisch ist Es scheint eine Anomalie aber es ist eine Wahrheit Wehe
ihm und dem Volke wenn es nur ein Schein werden könnte Wo ein Fürst diese
abnorme Stellung hat wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper muss er auch
das vertragen können was die anderen Glieder Preußens König ist so wenig ein
Kaiser Karl und König Artus die als Pagoden dasitzen drei Köpfe höher als ihre
Tafelrunde als er ein Fürst ist dem die Konstitution ein glänzendes Altenteil
angewiesen hat Er ist nur der er istindem er eine Partikel seines Volkes ist
Exceptionell ja ja durchaus exceptionell aber so ists Wir dürfens nie aus
dem Auge lassen Er muss empfinden wie wir  das Streicheln und die Schläge Man
muss ihn anfassen können schütteln ein wenig ein derbes Wort sagen Verträgt er
es nicht  doch weiter weiter«  »Nun folgen die subjektiven Gründe Wer hat
dies unbedingte königliche Vertrauen check und Lombard von ihnen ganz abhängig
Haugwitz Jener  guter Jurist ward übermütig absprechend korrumpirt 
Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit  gemeine Aufgeblasenheit
seiner «
    Der Minister wehte mit der Hand »Die Frauen mögen jetzt fortbleiben«
    »Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik Physisch und moralisch
gleich gelähmt und abgestumpft Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei
Ernstafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt
frühzeitige Teilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches
Gefühl erstickt Soll das auch bleiben«  »Weiter«  In den unreinen und
schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft eines
Roués der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen mit Spiel und
Polissonnerien vergeudet ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse und
in einer Periode die in der neueren Staatengeschichte nicht ihres Gleichen
findet »Auch das«  »Ists nicht wahr«  »Aber wozu der Vorwurf niederer
Herkunft«  »Das verstehen Sie nicht« Der Minister war aufgesprungen »Brüstet
er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit dass er der Sohn eines
Perrückenmachers ist Ein Skandal eine Verworfenheit ohne Gleichen  Ja wenn
sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depravirt hätten es stände anders 
Ihnen geschieht recht  Lass sie an der Frucht ihrer Schuld nagen«
    »Das folgende persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft
gesagt « »Kann aber nicht oft genug wiederholt werden« Walter las mit Zaudern
Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschrobenheiten oder Äußerungen von
Verderbteiten Sein Urteil seicht und unkräftig sein Betragen süsslich und
geschmeidig  Als Gelehrter Phantast  dann Mystiker aus Liederlichkeit 
Geisterseher aus Mode  Herrenhuter aus Bequemlichkeit  verschwendet die dem
Staate gehörige Zeit am Lhombretisch Abgestumpfter Wollüstling gebrandmarkt im
Publikum mit dem Namen eines listigen Verräters seiner täglichen Gesellschafter
und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit
    Walter hielt inne und blickte auf den Minister
    »Wars eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder«  »Ich frage mich nur ob
dieser persönliche Angriff notwendig ist«  »Man muss Personen ändern wenn man
Maßregeln will habe ich Ihnen diktirt Man muss die Personen niederschlagen dass
sie das Aufstehen vergessen wenn sie zur Vordertreppe hinabgeworfen auf der
Hintertreppe immer wiederkommen Man muss sie zertreten töten vernichten wenn
mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind Schonung aus Mitleid wird Verbrechen«
    »Wenn wir auf den Erfolg rechnen können Seine Majestät erwiderten auf das
erste Memorial worin Excellenz auf Änderung des Kabinets drangen Sie
wünschten nur dass man Ihnen Beweise der Verräterei dieser Leute gäbe so
würden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen Die Beweise  sagt wenigstens
das Publikum  liegen seitdem zu Tage  und «
    »Es bleibt Alles wie es gewesen  Und das Herr soll uns bestimmen nicht
unsere Pflicht zu tun Nicht zu rütteln an den faulen Ästen so lange wir Mark
in den Gliedern haben nicht zu schreien rufen warnen so lange wir Atem
haben und man uns nicht den Mund verbindet Wie«
    »Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrüstung« 
»Nein Sie sollen sprechen Ihre Meinung sagen dazu sind Sie hier darum ließ
ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein  Sie meinen auch diese Denkschrift
wird ohne Wirkung bleiben«  »Man weiß dass auch der alte General Blücher
deshalb vergebens an den König geschrieben hat«
    »Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm Heinrich Louis
Ferdinand Rüchel und ich unterzeichnen Damit keiner meiner Freunde mir
vorwirft dass sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist wird Johannes
Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten Wenn solche Namen zusammenklingen
solche Männer die Arme verschlingen solche Gründe ihm ins Ohr donnern über
welche Zaubermacht müssten diese Wichte gebieten wenn er widerstehen kann 
Hier ist Müllers Konzept Er schließt Dieses Kabinet welches nach und nach
zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat dass Jedermann
weiß was bei uns geschieht geschehe nur und allein durch die drei oder vier
Männer hat besonders in Staatssachen alles und jedes Vertrauen längst
eingebüßt Ja Majestät die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und
bestimmt von Bestechung«
    »So wird er Ihnen entgegnen Beweist es Excellenz dies eine Wort kann
Alles verderben Können wir kann irgend Einer den Beweis führen Ja die Hand
aufs Herz kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die
Beteuerung aussprechen ich bin fest überzeugt dass französisches Geld in ihren
Taschen klimpert Haben wir nicht vielmehr die moralische Überzeugung dass sie
mehr aus Indolenz Eitelkeit Dünkel aus eigener Überhebung aus Schlaffheit
und Faulheit im Denken sich gegen das Vaterland versündigen als dass sie
wirklich Verbrecher sind«
    Der Minister machte die Hände auf dem Rücken die Augen niederschlagend
wieder seine Zimmerpromenade »Sie mögen Recht haben Gott hat sie nicht in
seinem Zorn erschaffen nur in seinem Missmut dass zu unserer Beschämung auch
solches Gewürm herum kriechen muss«  »Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch
aufrecht gehen und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen sie müssen
sehen was vor ihnen ist In Augenblicken wo sie aus ihrem wüsten Taumel
erwachen müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken«  »Was
kümmert dies Gesindel die Nachwelt Den Bauch vollgeschlagen die Taschen
gefüllt so weit es die Honettität erlaubt das heißt die Rücksicht vor den
Leuten mit denen sie mal Lhombre spielen können und nach ihnen die Sündflut«
 »Das Gefühl für Schimpf und Schande « »Prallt von den bunten Blechschilden
ab vorausgesetzt dass sie mit Gehalt Pensionen Güterschenkungen gefüttert
sind«  »Excellenz Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg Lucchesini
erklärt laut und offen es ginge nicht anders Haugwitz lässt den Kopf hängen «
»Weil sie sich vorm Pöbel fürchten«  »Kann der Strahl nicht auch in Ihnen
gezündet haben«
    »Noch ein Optimist Da walte Gott Pack sie am Kragen und schmeiss sie zur
Tür hinaus so kommen sie zur Hintertür wieder hereingetänzelt und fragen mit
einem süßen Händedruck es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen Wirf ihnen
einen Schurken ins Gesicht so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz Was
ist ein Fußtritt in einen Plunderhaufen Sie wollen Minister bleiben
Geheimräte weiter nichts und sie haben Recht Was wären sie wenn sie es
nicht sind«
    »Und wenn denn doch eine innere Röte der Scham «
    »Wenn die einmal herauskommt treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit
sich wie der Pharisäer Werfen sich in die Brust denn was sie vor sich sehen
ist ja ein treuer Diener ihres Königs Das ist der rechte bequeme Bettelmantel
für diese Menschen Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht was sie vor
Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können haben sie es nur
als treue Diener ihres Herrn getan Alles für ihren König Mag Land und Volk
darüber untergehen wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft
salvirt sind Scham in diesen Lakaienseelen Die sich nicht schämen ihre
eigenen Fehler und Sünden Dem aufzupacken als dessen Götzendiener sie sich
anstellen Der den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen
als Kratzbürste zu brauchen an der ihr Schmutz kleben bleibt  O dies Gezücht
schämt sich auch nicht wenn es umschlägt die Achseln zu zucken und mit den
Augen zu zwinkern Er wollte ja nicht anders wir konnten nichts tun Wer seine
eigene Menschenwürde opfert dem ist nichts heilig er opfert Alles zuletzt den
Götzen selbst wenn ein mächtigerer da ist«
    Walter sagte nach einer Pause »Sind Eure Excellenz überzeugt dass Haugwitz
auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat« Der Minister fasste leicht
seinen Rockzipfel »Ein König mein Lieber ist ein Mensch und ein Mensch noch
nicht ein Chamäleon wenn die Meinungen in ihm schwanken Die Friedrich und
Joseph die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen Die Mehrzahl der
Fürsten sind Menschen wie wir Das Gute und das Böse das Richtige und das
Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glücksrad Da ist es Pflicht der
gewissenhaften Räte den Augenblick ergreifen wo das Gute und Richtige oben
liegt Da müssen sie das Rad stille halten sie müssen es sage ich auf die
Gefahr hin dass es sie ergreift und zerdrückt Trauen sie sich das nicht zu
sollen sie in der Schreibstube bleiben oder ihrem Ehrgeiz mit
Kammerherrnschlüsseln genügen lassen  Wer so dreist ist da oben stehen zu
wollen hat vor Gott vor dem Volke vor seinem Könige selber die Pflicht ihm
dreist ins Gesicht zu sehen Nicht seine gute Launen soll er belauschen um
Gefälliges sich und Anderen zu wirken seine ernsten Augenblicke soll er ihm
abstehlen und wollen sie entfliehen soll er sie festhalten mit eisernem
Händedruck er darf die Runzeln des Unmuts nicht sehen er soll den sprudelnden
Zorn nicht achten Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm über Beiden steht ein
anderer König vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind  Und
dringt er absolut nicht durch soll er vor seinem Könige sich neigen und
sprechen nimm das Amt zurück das noch rein ist in meinen Händen Wehe dem der
ein leichter Gewissen hat es zu beflecken Das ist ein wahrhaft treuer Diener
Die armen Könige die keine Männer finden nur treue Diener wie diese hier«
setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat die Arme
unterschlagend ans Fenster  »Die armen Könige« wiederholte er »ich könnte
sie bedauern Solche treue Diener waren es die die Throne unterhöhlt Dynastien
gestürzt Ein arglistiger böser Staatsmann hinterlässt Flecke die kann man
auswaschen ausbeizen Ein Chamäleon das von jedem Regenbogenstrahl der
königlichen Laune durchschauert ist und ihn in Reskripten und Gesetzen
austräufen lässt in alle Adern des Landes und Volks dem Flüchtigen den Stempel
der Autorität aufdrückend der verdirbt die Völker und die Monarchien Ich sage
Ihnen «
    Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn zugleich brachte der Diener Licht
Es war Abend geworden
 
                         Fünfundsiebenzigstes Kapitel
                                Gewetzte Degen
Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer unterbrochen von schallendem Gelächter Ein
schärfer Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört aber die Fenster die
ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden ließ es nicht zu Auch der
Minister öffnete einen Flügel »Wahrscheinlich wieder ein Teaterfurore«  »Die
Schick spielt heut die Elisabet und die Unzelmann die Maria Stuart« bemerkte
Walter »Man sprach davon dass es unter ihren Anhängern einen Skandal geben
könne«  Der Minister blickte hinaus »Ich sehe Uniformen wenn ich nicht irre
Gensdarmen  Der Lärm kommt näher« Das Gelächter war jetzt mit lebhaften
Hussas Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt »Etwa noch eine
Schlittenfahrt Dass Gott erbarm diese Menschen lernen nichts« Eine
Menschenmasse wälzte sich auf die Straße zu und die klappenden Hacken auf dem
Pflaster deuteten auf ein Laufen Eine Art Verfolgung musste sein aber die
Verfolgten wie immer Strassenjungen voran jauchzten zugleich wie in einem
Triumphgesang »Die Sache wird ernsthafter Sie möchten sich umsehn Asten was
es gibt«
    Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam
eben mit einem Rapport herauf der von den Ausrufungen die man jetzt deutlich
von der Straße hörte unterstützt ward
    Es war allerdings ein Strassenskandal doch ernsterer Art Viel junge
Gensdarmen und Garde du Korps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg
spät zurückgekehrt Der Wein sollte in Strömen geflossen sein Gläser klangen
zerbrachen einige waren sogar durch die Fenster geflogen Es galt aber weder
der Schick noch der Unzelmann sondern den Franzosen und Napoleon Man hatte
sich in einen Harnisch getrunken gesungen und votirt Beim weiten Wege durch
den nächtlichen Tiergarten war der Rausch nicht verraucht vielleicht hatte der
Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Tore ihn noch erhöht Die Kühnsten
vorauf waren als Sieger durchgesprengt Wo es beschlossen worden ob hier erst
oder schon in Charlottenburg weiß man nicht Plötzlich war man abgesessen und
nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen Der eigentliche Hergang ward
verschieden erzählt man hatte Ursache die Sache zu vertuschen Ob man
Spottweisen angestimmt was man schrie welche Reden man sich gegen den
Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt blieb unausgemacht aber
junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen und auf den Treppenstufen zum Hotel
gewetzt Es konnte im Dunkeln geschehen Weder die Sterne am Himmel noch die
spärliche Strassenbeleuchtung machten die Übermütigen kenntlich Aber
plötzlich wie durch einen Zauberschlag wurde es im Hotel hell Die Fenster
von denen man die Läden fortriss glänzten von so schnell angezündeten Kerzen
dass die Vermutung wenigstens da war der Ambassadeur habe wie von Allem auch
von diesem Impromptu Witterung gehabt Symbol für Symbol Wir kündigen den
Frieden rief der Klang ich nehme die Kündigung an antwortete der
Lichterschein Übrigens blieb es todtenstill im Haus kein Kopf zeigte sich an
den Fenstern
    Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen
Manifestation zurückgesprungen und hüllten sich in ihre Mäntel Nur einige
jüngere in denen der Wein glühte waren durch den Lichtschein auch wohl durch
die Akklamationen des Strassenpublikums das sich in immer dichteren Schaaren
sammelte noch mehr entzündet Aber während ihre geschwungenen Pallasche
funkelten vernahmen Andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide
klirrende Säbel War auch hier ein Verrat eine Denunziation eine geheime
Sympatie im Spiele Die Tatsache war im Gouvernementsgebäude musste der
Feldmarschall Möllendorf oder wer ihn vertrat wach gewesen sein denn Husaren
und Polizeidiener sprengten heran um dem Unfug zu steuern die Täter zu
ergreifen
    Der Lärm wuchs Die sympatisirenden Zuschauer bildeten noch einen Wall
gegen die andringende Polizeimacht Unter den besonnenen Teilnehmern an dem
Abenteuer war die Gewissensfrage ob sie für ihre Personen sich ins Dunkel
salviren und die jüngeren Unbesonnenen die nichts von der Gefahr ahnten ihrem
Schicksal überlassen sollten oder ob ihre Pflicht erheische sie mit ihnen zu
teilen Bei einem Rittmeister den mittleren Jahren näher als denen der Jugend
war der Entschluss schnell zum Durchbruch gekommen denn aus dem Dunkel der
Bäume wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft sprang er plötzlich zurück
umfasste einen jüngeren Offizier der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im
Fenster des Erdgeschosses berührte  in welcher Absicht wusste der junge Mensch
nachher selbst nicht  und mit den Worten »Fritz bist Du toll« schleuderte
oder riss der starke Mann ihn zurück Fritz schrie Worte die vor jedem Gericht
als Landesverrat gelten mussten der Rittmeister küsste sie ihm von den Lippen
»Ja Fritz wenns losgeht schlagen wir ihn mit einander tot Du nicht allein
Fritz Respekt ich bin Dein Onkel Dein Chef ich schlage mit Aber jetzt
Ordre parirt  Mäuschenstill« Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen
und um die Schultern des Neffen geknüpft Der Neffe parirte auch er schulterte
ein Gliedermann aber in der Hand den blanken Degen  »Platz Platz« riefen
die Polizeimänner  »Retten Sie sich« riefen viele Stimmen aus den Gruppen
die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern deren Übermut
so oft doch ihre lauten Äußerungen des Unwillens hervorgerufen hatte Der
Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen und
ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefasst und ins
Gedränge geführt Er war gerettet aber sein Retter  in der leuchtenden
Uniform den blanken Degen in der Hand »Da steht er« rief der Kommandirende
der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen den die Reiter schon von fern
gesehen mit der Degenspitze an den Fenstern klirren »Platz Platz« Der Platz
aber war gerade das was fehlte und wo er noch war trat die hülfreiche
Strassenjugend ein ihn zu versperren Es war von je in ihrer Art die Polizei zu
necken und wir verschwören nicht dass sie der Patrouille falsche Weisung gab
um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken
    Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Mann unter den Arm
gefasst und fortgerissen »Eilen Sie schnell dort um die Ecke« rief eine ihm
nicht unbekannte Stimme Als sie um die Ecke waren und der Offizier einen
Augenblick Atem schöpfte erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn
seines Freundes van Asten der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst
vergolten hatte es überkamen ihn aber andre Empfindungen als die des
Dankgefühls indem er den Schweiß von der Stirn wischte »Ein Offizier darf doch
nicht Reissaus nehmen«
    »Nicht vor dem Feinde« entgegnete Walter »aber vor einem Skandal Schnell
fort bester Herr von Dohleneck«
    Der Herr von Dohleneck der wenn auch nicht so viel als sein Neffe doch
auch viel des süßen Weines getrunken hatte erhob den blanken Degen in die Luft
»Stehen oder fallen«
    »Gegen die Franzosen Rittmeister nicht gegen die Polizei«
    Er zog ihn weiter Aber der Rittmeister blieb wieder stehen Er lehnte sich
an einen Brunnen »Das ist ja eine verfluchte Geschichte « »Die noch übler
werden kann. Eine Verhöhnung des Gesandten eine Verletzung des Völkerrechtes
Um Gotteswillen kommen Sie schnell  weiter  Werfen Sie den Degen fort« 
»Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen  Wer sagt das«  »Es ist ja
nicht Ihr Degen Ein fremder Pallasch den Sie einem Ruhestörer aus der Hand
rissen Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide  Ich wills bezeugen wenns zum
Schlimmsten kommt Sie wollten nur Ordnung herstellen Sie haben Ihren Degen
nicht gewetzt  Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen Es könnte sehr schlimm
werden außerordentlich schlimm Herr von Dohleneck«
    »Hol mich der und jener das ist grade eine Geschichte wie damals bei der
Schlittenfahrt « »Schlimmer« drängte Walter »damals profanirten Sie Luther
der es Ihnen gewiss vergeben hat heut Bonaparte der es nie vergibt nicht
Ihnen nicht uns nicht dem Könige«  »Der König auch nicht« rief der
Rittmeister »Ach Gott ich bin ja Katarina von Bora«  »Besinnen Sie sich« 
»Nein  richtig  ich war nur ihr Kammermädchen Das ist alles eins Wenn ers
erfährt bin ich kassirt«  »Teuerster Herr von Dohleneck ich wünschte die
Weihe der Kraft überkäme Sie und Sie beschleunigten Ihre Schritte«
    dabei blickte sich Walter um ob nicht irgendwo eine Haustür sich öffne in
die er seinen Begleiter schieben könnte Aber es war einige ruhige Straße man
hatte mit der Bürgerglocke geschlossen Nur an den erhellten oberen Fenstern
blickten Neugierige heraus Es war nicht der aufsteigende Weingeist der
schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte Jene berüchtigte Schlittenfahrt der
GensdarmenOffiziere in der sie Luther Katarina von Bora und deren
Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt ein
Ereignis das ganz Berlin in Aufruhr gebracht hatte den langmütigsten König
aufs Empfindlichste gereizt sein eigener Wille war diesmal durchgedrungen und
wenn die Täter auch nicht so gestraft wurden wie er für angemessen hielt
wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft seit langer Zeit ein Ereignis was
noch mehr überraschte noch mehr von sich sprechen machte als der tolle Streich
selbst Er brauchte nicht der Erklärung die man versucht hatte dass dieser oder
jener Minister oder ihre Frauen eine Pique gegen einen oder den andern der
Offiziere gehabt es war der religiöse Sinn des Monarchen der die Profanationen
rächte Man wusste auch schon dass er derartige Kränkungen nicht vergaß und
Die welche damals der Strafe entgangen waren blieben doch in seinem
vortrefflichen Gedächtnis notirt
    Da rollte eine Equipage vorüber von links und rechts von beiden Seiten der
Straße zeigten sich berittene Piquets Das Halt welches Walter dem Kutscher
zurief hatte eine glückliche Wirkung Das war ein Moment Im zweiten hatte er
den Kutschenschlag aufgerissen Es saß nur eine Dame darin Walter rief hinein
»Wer Sie auch sind es gilt einen Verfolgten retten Kein Widerspruch kein
Laut«
    Man wird sich nicht wundern wenn die Dame trotz des kategorischen Befehls
ihm nicht ganz nachkam denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin
Eitelbach erschräke nicht wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem
Degen ohne ein Wort ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt Sie schrie
auf »Herr Jesus was ist das«  Das folgende »Er bringt mich um« erstickte
aber schon auf ihren Lippen als von denen des Offiziers unter einem schweren
Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach dann die Worte »Ich kann nicht dafür«
Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann der auf den Rücksitz 
halb sank er hin halb warf er sich Der Degen rollte aus seiner Hand Die
Baronin fing ihn auf er war scharf  natürlich er war gewetzt und an den
Sandsteinstufen des französischen Gesandten  und sie verwundete ihre Finger 
Nach Hause  das schicken wir hier vorauf  kam sie die Hand umwunden mit
ihrem Battisttuch Ob sie sich selbst verbunden ob der Rittmeister den
Chirurgen gespielt darüber schweigen unsre beglaubigten Nachrichten Das war
der zweite Moment gewesen Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen
und dem Kutscher zugerufen »Nun zugefahren was das Zeug hält« Der Kutscher
gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl und der Wagen
kam unangefochten durch das Polizeipiquet
    Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon Das Husarenpiquet
welches eben um die Ecke schwenkte als der Wagen abfuhr schien Miene zu
machen ihm nachzusetzen Der Kommandirende welcher unsern Freund zu kennen
schien salutirte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel um die Frage
einzuleiten ob nicht ein Militär in die Kutsche gesprungen sei
    »Der Schlag ward geöffnet« entgegnete Walter »und die darin sitzende Dame
nahm wenn ich nicht irre einen Bekannten auf«
    »Ein Offizier mit blankem Degen«  »Der Degen wenn ich recht verstand war
mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen«  »Kornet
Wolfskehl« rief der eine Husarenoffizier »Sagt ichs nicht«  »Ich lasse mich
nicht täuschen« erwiderte der Kommandirende »das war Dohlenecks Statur Sie
müssen ihn ja kennen Herr van Asten«  »Sollte der Rittmeister so jugendlicher
Tollheit zugänglich sein Es war zu dunkel Aber meine Herren da entsinne ich
mich ja der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine
Lhombrepartie eingeladen Exzellenz Blüchers wegen War Lombard oder Herr
Crelinger der Vierte darüber bin ich nicht recht gewiss aber  warten Sie  es
wird mir gleich einfallen « Der Kommandirende lächelte »Wir danken für den
Avis«  »Kornet Wolfskehl wird wohl zu fangen sein« meinte der Zweite
    Die Husaren sprengten ihrer vorausgeeilten Patrouille nach Wir verschwören
nicht dass in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär nicht die
wohlmeinende Absicht mitgespielt hat dem Verfolgten Zeit zu lassen
    Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glücklich der Polizei und den
Husaren und als er vor dem Hause der Madame Braunbiegler hielt war nichts
Gefährliches passiert als dass eine Scheibe im Kutschenschlage  wahrscheinlich
durch einen zufälligen Ellenbogenstoss  entzwei gegangen war Auch hatte sich
seltsamer Weise ein Fußgänger nach einer Verständigung mit dem Kutscher zu ihm
auf den Bock gesetzt Dieser war schneller als der Kutscher herab gesprungen
und bereits verschwunden als letzterer sich langsam herunter machte um in
Ermangelung eines Bedienten den Wagen zu öffnen Ehe das geschah hatte sich
aber die Wagentür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war
nach einem langen zärtlichen Kuss auf die Hand der Baronin entschlüpft
    Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft
hinaufgestiegen Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu
tun Ein Glück dass die große Gesellschaft welche sich noch spät bei der
Braunbiegler versammelt mit andern Dingen beschäftigt war um auf ihre
Verlegenheit Acht geben zu können Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch
um ein Bedeutendes steigern müssen als die Wirtin ihr mit dem Bedauern
entgegen kam dass sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe sie hoffe
es werde doch nicht üble Folgen haben Die Wirtin hatte nicht Zeit ihr
Erröten zu bemerken sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen
einzelnen Gast Auch Andere die an ihr vorüber streiften beklagten die schöne
Hand »Es wird aber gewiss nichts auf sich haben« Wusste denn Jeder nicht nur
die Tatsache, sondern schon das Märchen was sie sich künstlich zurecht gelegt
um die Wahrheit verbergen zu dürfen  Von wem hatten sies erfahren  Gott sei
Dank dass sie wenigstens das nicht gehört von dem nichts wussten was  es war
das erste Geheimnis was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg Die Brust
blutete vielleicht heftiger als die Hand
    In solchen Stimmungen kann eine große Gesellschaft wo Keiner Zeit und Raum
hat auf den Andern Acht zu geben zur Wohltat für ein geängstetes Gemüt
werden Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt sie bestand mehr aus den
Optimaten des Reichtums als der Geburt Der Reichtum hing von den Decken als
Kronenleuchter Armleuchter Festons Seiden und Damastgardinen er lastete in
den Aufsätzen der Nischen und Ecktische in den Teppichen auf dem Boden vor
allem auf und an der Wirtin Zum Schildern ist nicht mehr Zeit Die Juwelen
Ketten Ringe Aufsätze die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel von
den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug waren in Berlin sprichwörtlich
Reichtum überall wohin man sah nicht ausgebreitet sondern aufgeschichtet
lastend prahlerisch ohne Geschmack In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung
der Lebendigen der Hauch der über eine Gesellschaft hinfliegen soll den
Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen
    Der Patriotismus hier war anderer Schattirung als der welcher den Scheiben
des französischen Gesandten gedroht Das große Ereignis welches die Straßen
die höheren Kreise heut Abend in Bewegung versetzt die diplomatischen in
Entsetzen hatte weniger Wirkung hervorgebracht Man betrachtete den Krieg als
etwas Ausgemachtes Notwendiges die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden
weniger Nur die jüngeren Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die
sechs neuen eben erschienenen Kriegslieder komponirt von Helwig zu singen
Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler
komponirt von Mappes »Endlich tönt der Ruf der Lust«
    Aber es war ein anderer näher liegender Gegenstandder die praktischen
Leute beschäftigte Gestern war eine Frage entschieden die schon Wochen lang
die Gemüter beschäftigt hatte ob die Infanteristen Mäntel haben müssten Es
war eine Frage gewesen so wichtig so ernst behandelt und so lebhaft als irgend
eine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin
von den Spitzen der Türme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden
und dort ihre Streiter gefunden hat Fragen wie die ob das neue Jahrhundert um
Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse ob Fleck oder Iffland
ein größerer Schauspieler Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr
gewesen
    Es war eine ungeheure Neuerung das gestand sich Jeder Vielen schien sie
gefährlich weil den Franzosen nachgebildet Ja ein Husar ohne Mantel gedacht
war kein Husar mehr aber was blieb er noch wenn auch Musketiere Füsiliere
Grenadiere Mäntel erhielten Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie
schien über den Haufen geworfen ein so unübersehbarer Eingriff in die
bestehende Ordnung als heute Vielen eine Gemeindeordnung bedünkt die den
Unterschied von Stadt und Land aufhebt Friedrich hatte mit einer Infanterie
ohne Mäntel gesiegt er musste doch wissen warum es so besser war Ein guter
Soldat muss nicht frieren wenn sein König befiehlt dass er warm ist Aber die
Neuerer hatten eingewandt dass auch der Infanterist ein Mensch ist und dass
jeder Mensch friert wenn es kalt ist dass der Regen den einen durchnässt wie
den andern dass der Krieg seit Friedrich eine andere Façon angenommen dass
Napoleon die Winterkantonirungen nicht mehr respektire dass er seine Feinde zu
Winterfeldzügen nötigte
    Die Mäntelpartei hatte gesiegt Gestern hatte ein Erlass der Geheimen
OberFinanz Kriegs und DomainenDirektion das Publikum davon avertirt wie
Seine Majestät der König schon längst darauf Bedacht genommen dass der Soldat
im Kriege nicht frieren dürfe und wie es Seiner Majestät Wunsch sei dass alle
seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten namentlich die
Infanterie Mäntel mit Aermeln die Kavallerie wollene Unterhosen Da aber
selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf
mannigfache Schwierigkeiten stoße so werde die Bereitwilligkeit der Nation
angerufen das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu unterstützen und ihren
warmen Patriotismus durch die Tat zu bewähren
    Mäntel war das Loosungswort durch die Stadt im Civil während das Militär
nur Krieg wollte mit oder ohne Mäntel Zum ersten Mal war das Publikum
aufgerufen ein großes Werk des Allgemeinwohls zu unterstützen ja die
Initiative war ihm in die Hand gegeben Wen darf es wundern wenn es umher
brauste und schwirrte eine Tätigkeit sich entwickelte die sich selbst hemmte
und verwirrte Der Staat hatte bisher für Alles gesorgt nun sollte der Bürger
nicht allein für sich auch für den Staat sorgen Kommissionen und Ausschüsse zu
bilden wo sollte man gelernt haben was sich jetzt von selbst macht Der
Magistrat der es in die Hand genommen fand dafür kein ander Mittel als eine
Subskription die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden
sollte Das war ein langer Weg Aber nun fühlte sich Jeder berufen auf seine
Hand es in die Hand zu nehmen die Nähterinnen und die Geheimrätinnen auf den
Kanzeln und in den Werkstuben im Theater und in den Weinhäusern auch in andern
Häusern es war überall nur ein Wort überall wollte man helfen noch lieber
Ratschläge geben wie man helfen könne
    In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite
Auf dem Konto Debet stand Patriotismus und Tuch Was Madame Braunbiegler
gezeichnet konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen Die
Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab auch sie las auf jedem
Gesichte wie viel ist der Mann wert Wie viel hätte er zeichnen müssen Wie
viel hat er zu wenig gezeichnet Wie viel zu viel um sich höher zu stellen
Endlich  wie tief stehen sie alle unter dir
    Ihr zunächst musste der Baron Eitelbach stehen War er doch ihr Kompagnon 
Aber er stand nicht er ging er flankirte mit seinem strahlenden Gesicht durch
die Gruppen
    »A propos ma belle« rief der witzige Baron als er seine Gattin zu Gesicht
bekam »was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestosse Denkst Du Glas
kostet kein Geld Werde die Türen mit Brettern vernageln lassen profit tout
clair Dann sieht auch Keiner mit wem Du drin sitzest«  »Du weißt « Ihre
weißen Perlenzähne starrten ihn an »Ziert sich weil er ihr den schönen Arm
küssen will und stößt dabei die Scheibe ein« Ihre Perlenzähne verschlossen
sich aber ihre schönen Augen wurden größer »Mir schenkt man reinen Wein« 
Jetzt erst platzte das »Um Gotteswillen wer« heraus »Wer anders als der
Legationsrat Was wars denn nun dass er zu Dir in die Kutsche sprang Muss man
sich darum so haben«  »Der Legationsrat«  »Ist ein gescheidter Mann und
wird nicht plaudern«  »Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn«  »Man kann
Viele nicht ausstehn ma chère und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft«
    In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an »Ma chère verstehe mich
Die Sache ist ganz simpel Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der
Braunbiegler  Wenns zum Klappen kommt wird sie  den Teufel  so dumm sein
und einschlagen Aber s ist doch die Möglichkeit wer kennt die Weiberherzen 
Und ein solcher Kompagnon ins Geschäft na da gratulire ich Also « »Was
denn«  »Ums kurz und klein zu machen lass ich Dir von ihm die Kour machen so
viel er Lust hat und wenn er zu Dir in den Wagen springt schrei nicht auf« 
»Der Legationsrat« Weiter wusste die schöne Frau nichts zu sagen denn der
Legationsrat stand vor ihnen Es ging zur Tafel Der Baron legte den Arm seiner
Frau in den des Rates »Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung Sein Sie
liebenswürdig so viel Sie können es wird Niemand eifersüchtig « In sich
lachend setzte er hinzu  »außer wer es soll«
    Das Opfer ging neben Dem dem sie geopfert schien So roh widerwärtig war
ihr Gatte ihr nie vorgekommen Wandel ging im würdigsten Ernst Er sprach
Gleichgültiges unbefangen So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar
aber sein Gespräch seine Erzählungen waren für Alle sie mussten Jeden
interessieren Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht die Braunbiegler
ward nicht eifersüchtig die Baronin aber saß auf Kohlen
    Nachher kam ein Moment um mit Wandel in eine Fensternische von den
Aufbrechenden zurückgedrängt unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen »Um
Gotteswillen was ist das« Wandel antwortete mit der Quaste der Gardine
spielend als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgend eine Trivialität
»Seien Sie unbesorgt  Ich bin ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre  der
Kutscher ist von mir gewonnen es wird noch Alles gut werden wenn Sie sich
nicht selbst verraten«  »Mein Gott Herr von Wandel wie komme ich dazu« 
»Still Ich beschwöre Sie nur keine Emotion Sie haben sich beherrscht ich
habe Sie bewundert Fahren Sie so fort In meiner Brust ruht Ihr Geheimnis wie
im Schoss der Erde  vertrauen Sie mir « »Aber lieber Gott wenn ichs recht
bedenke was ist es denn eigentlich « »Denken Sie nicht um Gotteswillen
denken Sie jetzt nicht Dem Reinen ist Alles rein aber wer ist vor Diesen rein
Ein Rendezvous in der Kutsche  bei Nachtzeit  Ihre verwundete Hand die
zerschlagene Scheibe  die Lüge O verzeihen Sie ich rede nur was Diese reden
würden Grässlich wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs  Nein
nimmermehr Denken Sie nicht Sie sind in Agitation  lassen Sie jetzt Andre für
sich denken die ruhiger sind die wenigstens ruhiger scheinen« setzte er
seufzend hinzu Sie reichte ihm bewegt die Hand »Sie meinen es gut«  »Gnädige
Frau« sagte er respektvoll zurücktretend »Mancher ist doch besser als man
glaubt«
    »Charmant« sagte der hinzutretende Baron um seine Frau fortzuführen
»Kontinuiren Sie Herr Legationsrat noch bin ich nicht eifersüchtig Aber was
nicht ist kann noch werden«
 
                         Sechsundsiebenzigstes Kapitel
                             Nur eine Kleinigkeit
Es war schon Nacht als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des
Ministers zurückkehrte Depeschen wichtigen Inhalts waren diesem kommunicirt
worden Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinet die Stiftung des
Rheinbundes notifizirt mit einer formellen Aufforderung dieser Konförderation
zum Wohl des gesammten Deutschlands beizutreten Ein bittrerer diplomatischer
Hohn ließ sich kaum denken Eben als Laforest von seiner Meldung zurückgekehrt
hatte er die Serenade der Gensdarmen empfangen
    Walter meinte dass Laforest zu verständig sei eine Insulte trunkener
Jünglinge anders zu betrachten als sie war
    »Gewiss« hatte der Freiherr erwidert »Napoleon wird um dieser Albernheit
willen keine Stunde früher losschlagen als seine Absicht ist Aber eben weil
wir und er noch nicht gerüstet sind weil wir beide die Maske der Freundlichkeit
noch nicht abwerfen dürfen zu welchen Lügen zwingt uns abermals die
Unbesonnenheit Man muss die jungen Leute härter strafen als nötig Hardenberg
muss wieder mit süssschwellenden Lippen Beteuerungen unserer freundschaftlichen
Gesinnung machen Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit« setzte er hinzu
»des Allesgehenlassens dass sich Zustände Stimmungen entwickeln die naturgemäß
heraus müssen wir ließ sie zu wir nährten sie sogar und wenn es zur
Explosion kommt erschrecken wir stehen ratlos und möchten mit Keulen das
Kind zurückschlagen das aus der Mutter Leibe will«
    Der Minister stand wieder am offenen Fenster Atmete er die frische
Herbstluft ein oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament Zuweilen
schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen deren Töne der Luftzug aus
entfernten Tabagieen und Gärten herantrug Es war immer der Dessauer Marsch
    »Der alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise  Es
ist Alles hier eine Weise Das ists was den Mut dämpft« Walter meinte in
Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden »Nein die Uniform ist ins Blut
gedrungen Das ists das ist das Übel Ein König war einmal ein Wüterich der
Sitte da wurde das Volk puritanisch ein anderer ein Freidenker da wurden sie
Freigeister Dann Libertins zur Abwechselung Träumer magnetisch verzückt
Geisterseher Aus Überdruss auch wieder tugendhaft häuslich Sie wären
Encyklopädisten Freimaurer bureaukratisch fischblütige Jacobiner geworden
wenn Menken länger gelebt und check nicht in die Stricke der Andern gefallen
wäre  Und was das Übelste vom Übel sie halten diese Virtuosität des
Nachspringens noch für Bravour und Tugend«  »Und hat nicht diese Virtuosität
oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht was er ist«  »Respekt vor dem
Geschlecht junger Freund Die großen Männer waren es die Riesengeister von
jenen Bergen stammend auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah«
    Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken Der
Minister musste den lächelnden Zug um seine Augen verstanden haben es lag
wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton »Sie können nicht dafür dass Sie
es nicht begreifen Ihre ganze Erziehung die Bildung hier ist daran schuld 
Es war ein Experiment wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal
vorgekommen Dass eine Dynastie ein Fürstengeschlecht ein Volk machte
Zusammengeleimt widerstrebende Teile mit seinem Blute Ich sage Ihnen ich habe
den höchsten Respekt vor diesem Blute Welche Eisenteile welche
Attraktionskraft Klarheit muss die Schöpferin Natur da einmal in ihrer
übermütigen Laune hineingegossen haben Aber wenn ein Volk wenn Stämme wenn
die Natur selbst darüber untergingen dann erlaube ich mir wenigstens eine
Träne an ihrem Grabe« 
    Nach einer Pause hub er wieder an »Ich sage Ihnen ohne Aristokratieen ist
kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit Die Weltgeschichte
wäre ein mongolischchinesischer Brei ohne Halt Erhebung tragische Größe
Wenn man die Kirchtürme abbricht und die Schornsteine höher mauert die Berge
planirt und mit Schubkarren Hügel aufführt ist das Ersatz Was wäre der Erdball
ohne sein Granitgerippe das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluten Wälle
gegen Sonnenbrand und Steppensand Wo entspringen die Flüsse In dem ewigen
Schnee der auf ihren Firnen lagert Die Menschennatur ist nicht anders Hab
ich eine Stimme wie die Katalani Sind Sie schön wie Adonis Können wirs uns
geben Sie würden mich ich Sie einen Tor nennen wenn wir danach trachteten
Wohin hat die Gleichmacherei der Jacobiner geführt Frankreich seufzt unter
einem neuen Marschallsadel so dünn plattirtes Gold es sei das Volk muss es von
seinem Schweiße hergeben wie es die Säckel der Direktoren füllen die
Guillotinen mit seinem Gelde bauen musste Ist der alte Adel darum tot Er
lauert nur und lässt seine Nägel wachsen ums wieder an sich zu scharren wenn
die Gelegenheit kommt Das die Wirkung der Impetuosen«
    »Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts und darüber Wir
sehen nicht mehr die Arbeit nur das fertige Werk«  »Ist es fertig«  Er
schüttelte den Kopf  »Was wäre der schönste Gliederbau wert dem der Kopf
fehlte  Man fängt an auf Friedrich zu schmälen Man hat Unrecht auch der
wackere Arndt irrt Was er als Sünde des Individuums züchtigt war nur der
Instinkt des Blutes es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie die Naturen und
ihre Summitäten zu ertödten um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen
Wärs ihnen gelungen gelingt es ihnen dann sind sie im Recht es war eine
Mission eine Aufgabe von Gott aber «
    Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet
welche den Willen ein Gespräch abzubrechen andeuten Er wollte Widerspruch
Walter aber lenkte es von einer Seite ab von der er wusste dass sie für den
Freiherrn immer empfindlich war Er lenkte es auf die Fragen hin ob denn die
großen Reorganisationspläne des Staatsmannes grade in dem kritischen Augenblicke
an der Zeit seien
    »Jetzt oder nie« fiel der Freiherr ein »Preußens Geschichte lass ich als
eine seltene Rarität unberührt Wir empfingen das Werk mit dem Stempel den
seine Schöpfer darauf gedrückt Diese Schöpfer sind tot Und wenn sie als
Geister aus ihren Grüften um uns schwebten sie könnten uns doch nicht
zuflüstern was wir tun müssen denn ihre Kenntnis ist aus ihrer Zeit Wir
müssen aus der schöpfen die ist Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im
stürmischen Meere Seine Kapitäne und Steuerleute sind gestorben ihre Papiere
verloren selbst die Traditionen wohin es steuern müsse sind es Was soll man
tun Die Hände in den Schoss legen es den Winden überlassen wohin sie
treiben  Ja dann verdienten sie Mann und Maus elendiglich auf dem Wrack
umzukommen  Nein das Volk wird zusammentreten beraten die Tüchtigsten aus
sich die Erfahrensten die Kühnsten auswählen sie in die Masten schicken
ihnen das Steuer in die Hand geben und mit Gott sie werden tun was an ihnen
ist sich und das Fahrzeug zu retten  Ein solches Schiff ist Preußen ein
solcher Augenblick ist dieser  Jetzt gilt es das Volk aufrufen jetzt oder
nie Erwacht erwägt was es Euch istdies Vaterland ob es wert dass Ihr
Alles dran setzt Alles nicht nur Gut und Blut auch die Gewöhnung das
eingeschrumpfte Dasein den Stolz Sie müssen neu geboren sie müssen wieder
Kinder werden um der Gnade empfänglich«  »Und wenn das Volk den Ruf nicht
hörte«  »So haben wir gerufen und der Schall vibrirt fort durch die Luft  er
weckt nach uns Andre werden uns hören wenn wir längst untergegangen«
    Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab Er blickte noch
einmal zum Fenster hinaus und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und
Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben als er
zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte »Wir dürfen uns
nicht in Empfindungen verlieren es drängt Nehmen Sie wieder die Feder «
Walter schrieb  hingeworfene Sätze die von den Lippen des Ministers wie ein
immer lebendigerer Quell sprudelten »Gedenken Excellenz auch dieses Memorial
durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu befördern«  »Ja die
Königin  wenn sie « Die Gedanken flogen sie drängten und überstürzten sich
konvulsivisch wie die Bewegungen der Lippen »Und warum es uns verhehlen was
eine nur zu sichere Ahnung uns sagt Auch dieser Versuch wird scheitern Zu
einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren Die Zeit forderte einen Sulla
Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten wo das Rechte
aufhört Dass es da ein Höheres gibt was der geweihte Priester aus den Wolken
greifen muss wer darf ihn tadeln dass ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht
Er hat eine Scheu vor außerordentlichen Schritten  es wird ad acta gelegt
werden wie das andere Sollen wir darum nicht unsere Pflicht tun  Wir werden
Napoleon unterliegen«  »Seiner Übermacht«  »Nein unserer Unmacht Unserm
Dünkel der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht 
Schreiben Sie weiter « »Und mit dieser Vorahnung « »Vorbewusstsein«
korrigirte der Minister »will ich ihnen einen Spiegel hinhalten Desto besser
wenn sie ihn im Zorn zerschlagen weil sie so hässlich darin aussehen Wenn die
Zuchtrute des Herrn über sie kommt lernen die Völker beten Mit Gebet allein
aber mit dem Insichgehn ists nicht getan sie sollen aus sich herausgehn An
Verstand hats nicht gefehlt aber an Mut ihn auszuprägen Wir werden nicht
ernten aber säen wollen wir Der Krieg wird die Saat zerstampfen aber ein
Körnlein geht doch auf«
    Es war lange nach Mitternacht als Walter die Feder niederlegte Es war
nicht ungewöhnlich dass der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftigkeit
selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte Zur Ruhe zurückgekehrt hörte
er sie auch ruhig an Walter glaubte dass er in mehreren Punkten die
Wirklichkeit schwärzer gemalt als sie sei
    »Das ist nur der Fluch der Parteistellung Im Eifer fliegen wir über das Maß
hinaus in der Anschuldigung wie in der Verteidigung Es lässt sich nicht
anders tun der redlichste Wille wird untertan dem Zwecke Götter sind wir
nicht und der Allmächtige wird wissen warum er uns nicht Engelsseelen gab 
Übrigens solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel Heim braucht
jetzt Arsenik wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will«
    Walter legte aufstehend die Papiere zusammen Die Sitzung war geschlossen
    Draußen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster junge Offiziere von einem
verspäteten Zechgelage heimkehrend gingen lachend und singend vorüber
    »Es sind Teilnehmer an der Bravade von heut darunter« sagte Walter der
sich dem Fenster genähert hatte »Sie sind des Erfolges sicher«
    Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulte »Und welchen andern mein
Freund hätte diese Bravade gehabt wenn ein Jahr früher Damals hätte es zünden
müssen Damals als das Pulver gestreut lag Laforest hätte seine Pässe fordern
müssen es ging nicht anders Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt
 der Sturm war los die Schleusen gebrochen und die Sonne von Austerlitz wäre
anders untergegangen Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern
 Warum da nicht Warum zu spät Das sind die Fragen die unsere Philosophie aus
ihren Angeln heben«
    Der Ministerialsekretär war schon aus der Tür als er ihn wieder
zurückrief »Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten klein für Sie
groß für mich Es liegt mir viel sehr viel daran dass Bovillard Zutritt bei
Hofe erhält Grade jetzt wenn das Memorial eingeht  Er wird eigensinnig
bleiben  Tun Sie mir da den Gefallen und gehen zu dem schönen Mädchen ich
meine seine Braut Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor dass ihr eigen Glück
davon abhäugt seine definitive Placirung Wenn sie um Audienz bei der Königin
bittet wenn sie das Sentiment ihre eigne Herzenslage schildert wird es ihr
nicht schwer werden auch Luisens Herz zu rühren Die Lafontaineschen Romane
spuken da noch immer Ein Familienjammer ist außerordentlich wirksam Sie kann
ja auch einfliessen lassen dass nur auf diese Weise die Abneigung des alten
Bovillard zu bewältigen ist«
    Walter schwieg »Liegt denn Euer Excellenz so  überaus viel an « »An
Kleinigkeiten« fiel ihm der Freiherr ins Wort »Die Kieselsteine die in ein
Räderwerk der Staub der in eine Taschenuhr fällt soll der Müller und der
Uhrmacher sie liegen lassen weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen
vertraut Ja Lieber der Staatsmann der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten
brauchte wäre größer als je Einer in der Welt es war Sie sind da um unsern
Scharfsinn wach zu halten und der sie nicht ergreift wo sie ihm günstig sind
versündigt sich vor dem der sie ihm in die Hände spielte Also morgen schon wo
möglich«  »Excellenz wie komme ich dazu«  »Sie waren ja ihr Lehrer Einige
Schmeichelworte einige Autorität Einem so beredten Lehrer schlägt eine
Schülerin nichts ab«  »Excellenz diese Aufgabe « »Kostet Sie Überwindung
Desto ehrenwerter Haben Sie vielleicht selbst einmal  zu tief in die schönen
Augen geblickt  Um so schöner noch Ihre Aufgabe Wir sind Alle zur Entsagung
geboren«
 
                         Siebenundsiebzigstes Kapitel
                                  Zur Königin
Es war ein seltsames Zusammentreffen Die Fürstin Gargazin war heute mit einem
Gedanken aufgestanden der sie beim Frühstück beschäftigte Sie wollte bei der
Königin eine Audienz erbitten um Adelheid zu präsentiren Vielleicht die Frucht
eines Traumes auch unsere Träume sind nur die Früchte einer Saat die wir
selbst gesäet Adelheid fing an sie zu geniren Weshalb  Das Gesetz ihres
Zusammenlebens war ja dass Keine die Andere geniren durfte Und doch  zuweilen
wenn ihre Blicke sich begegneten schlug die Fürstin die Augen nieder Die Augen
des Mädchens leuchteten so hell und klug Sie erinnerte sich unwillkürlich an
das was Wandel über sie gesagt Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit Warum
empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart  Wandel war ein blasirter Mensch
aber  ein Menschenkenner es war etwas worin Beide in ihren Gefühlen stimmten
 Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause  Kaiser Alexander war fern
er hatte andere Gedanken wenn er kam kam er im Kriegerrock und dann  dann
Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl  Und wenn Krieg ward was
sollte Adelheid in ihrer Begleitung  Aber was sollte sie bei der Königin 
Das würde Gott am besten fügen Die Fürstin war heute von einem Gottvertrauen
das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte Denn während sie noch am
Frühstückstisch saß war die Hofdame der Königin Fräulein von Viereck
vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin
gesprochen dass Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht
vorgestellt Die andern Dinge waren bald bei Seite geschoben die Viereck war
nur darum gekommen Die Königin durfte es nicht offiziell wünschen auch war die
Façon schwer zu finden wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentiren
solle Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangirt werden Die
Kammerfrau der Königin Mamsell Schadow war eine Bekannte der Alltagschen
Familie Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen und so wenig dabei etwas
Auffälliges war konnte es sein wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das
junge Mädchen traf
    Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut als sie nicht nötig
hatte Mutterrolle zu spielen Sie fürchtete nur Widerstand von dem kapriziösen
Kopfe ihres Schützlings eine Befürchtung die um so größer ward als sie hörte
dass Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen dass er
angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei Was wollte der abgesetzte
Liebhaber bei ihr Er konnte doch nicht beabsichtigen seinen Nebenbuhler und
Freund wieder aus dem Sattel zu heben Das Kammermädchen hatte zwar an der Tür
gehorcht aber nichts von Tränen und Beteuerungen Die Sprache hatte so ernst
geklungen feierlich und  doch auch zärtlich meinte das Kammermädchen Sie
musste die Sprache welche drinnen gesprochen ward nicht verstehen
    Jetzt ging er Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe Die Fürstin
sah durch die Glastür wenigstens den Abschied Der junge Mann schien verändert
aber zu seinem Vorteil seine Haltung war fester entschlossener vornehmer Er
ergriff Adelheids Hand er schien sie an die Lippen bringen zu wollen aber
besann sich Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine
Hand darauf Er sah sie dabei nicht zärtlich aber innig an Sie musste ihn
wieder so ansehen Sie sprachen noch einige Worte welche die Gargazin nicht
hörte Dann war es Adelheid welche ihm kräftig die Hand schüttelte und etwas
ihm nachrief Als er verschwunden kehrte sie um und trat durch die Glastür
    Sie war nicht betroffen als sie der Fürstin hier begegnete Das
Betroffensein war an der Gargazin als Adelheid ohne Umschweife bescheiden
aber kurz und entschlossen mit der Bitte vorrückte die Fürstin möge ihr
vergönnen die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen 
    Mamsell Schadow empfing das schöne Mädchen mit Herzlichkeit obwohl sie
wusste dass der Besuch nicht ihr gelte und führte sie sogleich in den Garten
und in den Gang wo die Königin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte
    »Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab und wenn sie kommt
tun wir als sähen wir sie nicht Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen
will was man gleich merkt treten wir ins Gebüsch zurück Will sie uns aber
sehen dann tun wir sehr überrascht und etwas erschrocken Das lieben die hohen
Herrschaften und dann encouragiren sie uns«
    Eine Mitteilung der Schadow war aber nicht geeignet Adelheid zu
encouragiren Ihr Vater der Geheimrat hatte vor einigen Tagen eine kurze
Unterhaltung mit der Königin gehabt Adelheids Name war dabei genannt worden
»Das ist schade das darf nicht sein« hatte die Königin geäußert Nachher hatte
die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört »Ich muss das junge Mädchen
einmal sprechen« Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit
Louis Bovillard Die Mutter betrachtete sie als ein Glück Sie wusste von
häuslichem Verdruss deshalb Über diesen Kampf war Adelheid hinaus Beim
kindlichsten Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden Sie hatte es
keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andere
Welt wo andere Gesetze gelten Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen musste
die sie fordern so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen So war ungefähr
der Sinn eines Gespräches in dem der Vater unterlegen war Es war ja nicht
eigentlich sein Departement er fühlte dass der Geist seiner Tochter auf
Fittigen flog die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen Nun wenn er in
seinem Missmut Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben so
fühlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich  Sie fühlte sich nicht
decouragirt
    Die Königin kam aber nicht allein Ein Kavalier ging an ihrer Seite mit
dem sie in lebhaftem Gespräche schien Es war ein stattlicher schöner Mann von
einem gewinnenden Ansehen jede Bewegung weltmännische Grazie obwohl sein
rechter Arm früh vom Schlage getroffen gelähmt an der Seite hing »Graf Hoym«
flüsterte die Schadow »der Vicekönig von Schlesien Wir müssen zurücktreten«
Beide gingen vorüber und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich
nicht
    »Palm Palm lieber Hoym das bleibt doch das Abscheulichste  So
unschuldig in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern  um  o mein Gott
ich glaube oft seinen Schatten zu sehen wenn ich unter diesen Bäumen gehe« 
»Die Hunderttausende gnädige Frau die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel
traf « »Nein Hoym das ist nicht das Er schreitet über Leichen das ist der
Weg des Grässlichen Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater « Das
Säuseln der Bäume und die größere Entfernung nahmen die andern Worte fort
    »Wie fühlen Sie sich meine Liebe« fragte die Schadow um ihr Mut zu
machen »Nur Geduld es wird Alles ganz gut gehen«  »Mich dünkt die arme
Königin ist in großer Aufregung Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter« 
»Die arme Königin Sie haben Recht sie so zu nennen Ach unter uns sie hat
Niemand dem sie ihr Herz ausschütten könnte« »Ihr Herz« Das war ein kluger
Blick welcher der Kammerfrau Mut machte mehr zu sagen als Kammerfrauen
eigentlich dürfen
    »Ja wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte Dafür hat sie ihre Kinder
ihren Gemahl sich selbst aber die großen Staatsangelegenhriten müssen
fürchterlich stehen Das ich möchte sagen zersprengt ihr oft das Herz Liebe
Demoiselle Alltag ich möchte Manchen der die Könige beneidet einen Blick da
hinein tun lassen und sie würden Gott danken dass sie so glücklich in ihrem
Hause sind«
    Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber Die
Königin schien noch immer in derselben Stimmung »Er sieht die ganze Gefahr
klar und deutlich Er könnte retten und diesen einzigen Mann der retten
könnte ihn lässt man brach liegen« Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte
hören »Aber der Freiherr von Stein «
    Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebüsch gezogen
    »Das ist ihr Hauptkummer jetzt Unsereins darf freilich nichts davon wissen
und noch weniger sich darum kümmern aber man müsste ja nicht Ohren und Augen
haben Je mehr es eine hohe Person schmerzt um so heftiger bricht es
unwillkürlich heraus und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschöpfe
die es angeht und die es verstehen«  »Ihre Majestät wünscht den Freiherrn von
Stein zum Ratgeber des Königs« Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an »Das
wissen Sie auch  Man mag im Publikum freilich Manches wissen von dem die
hohen Herrschaften glauben dass sie es allein besitzen Es ist so Der Herr hat
sich bei Hofe nicht beliebt gemacht er hat viel Feinde Das geht bis zu den
Lakaien hinunter Sie wissen nicht wie das bei uns ist Wen sie oben von
Einfluss sehen dessen Worte sprechen sie nach«
    »Aber wenn die Königin «
    »Es ist das Schlimme liebe Demoiselle dass der König selbst den Herrn nicht
liebt  er ist ihm unbequem Ganz unter uns er fühlt oft dass es besser wäre
wenn die Andern gegen die jetzt das Geschrei ist fort wären er möchte sie
auch zuweilen los sein denn er ist der edelste beste Herr von der Welt aber
sie sind ihm bequem er hat sich an sie gewöhnt Er entlässt ja keinen seiner
alten Diener«
    Die Spaziergänger waren abermals zurückgekehrt
    »In den Provinzen teilt man Ihr Majestät Entrüstung« sagte Hoym »Allen
ist es ein Rätsel Friedrichs Staat in den eines französischen Roturiers« Die
Königin blieb stehen »Sagen Sie lieber eines charakterlosen Libertins der mit
den höchsten Gütern den Tugenden der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig
spielt wie mit den Geldrollen die er alle Abend am Pharotisch verliert« 
»Jammerschade dass unser Haugwitz sich von ihm leiten lässt Sonst ein so
liebenswürdiger heller Geist«  »Mich dünkt es ist der höchste Grad des
Unverstandes das Werkzeug der Verworfenheit And rer zu werden«
    Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muss der Untertan in
Ehrfurcht schweigen Hoym schwieg auch die Königin schwieg einen Augenblick
wie im Gefühl mehr gesagt zu haben als die Etikette einer Königin zu sagen
erlaubt Die leichte Röte war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht
verschwunden als sie fortfuhr »Ihm ihm allein verdanken wir es dass das
Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt Er verachtet unsre Machtaber
weil wir solchen an ihn bevollmächtigten Ich sage nichts davon wie er in Brünn
sich fortschicken in Wien behandeln in Schönbrunn dupiren ließ ich zerdrücke
meinen Schmerz dass er es war der Hannover uns schenken ließ der Brocken an
dem unser Adler ersticken sollte Dass er aber nach dieser Erfahrung belastet
von den Verwünschungen einer ganzen edlen Nation jetzt in Paris wieder dieselbe
Rolle der Insouciance spielen konnte«  »Er war vielleicht wie Lombard in
Brüssel von der Grandeur der neuen Majestät eblouirt Il est un peu phantaste
Mystiker er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen«  »Nein Hoym Er glaubt
nur an sich Er schrieb damals her Sobald ich ihn gesehen ist Alles abgemacht
ich weiß ja was er in Wien zu mir gesagt hat« Solcher naive Glaube wäre
rührend wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre wenn nicht Seine
Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte Da
in der schrecklichen Audienz die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und
Dringen erhielt musste er sich von Bonaparte die Schmeichelei ins Gesicht
sagen lassen »Sie sind ehrlich ich weiß es aber Sie haben keinen Kredit mehr
in Berlin Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren wühlen das Volk auf
und beherrschen Ihren König« Das musste er hören der Abgesandte Preußens aus
dem Munde des Korsen und  schwieg  musste schweigen  und  und 
    Als sie wieder vorüber waren meinte Adelheid die Königin sei jetzt wohl
schwerlich gestimmt ein unbedeutendes Mädchen zu empfangen ob es nicht
schicklicher wäre wenn sie sich zurückzöge Die Schadow verneinte es »Das geht
bald vorüber Sie kann nicht lange zürnen das ist ihr himmlisches Gemüt Es
ist wie wenn ein Gewittersturm vorüberzog und dann die Abendsonne scheint Dann
atmet sie auf sie kann sich an einer Feldblume freuen und gerade dann wird
sie erst recht gütig wenn sie aufgebracht war und möchte es an Allen denen
sie begegnet wieder gut machen«
    Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber Es war nur auf dem Rückzuge
Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um Diesmal schien Hoym der Ankläger
gewesen zu sein Die Fürstin schüttelte den Kopf »Ich hielt ihn für ehrlich Er
hat ein so angenehmes Wesen«  »Leider ist es in Paris so bekannt wie hier dass
Lucchesini nach Berlin nur das berichtet was uns schmeichelt Die Hauptsachen
hat er verschwiegen«  »Er ist ein Italiener Ich will zugeben dass seine Lust
das Intriguiren ist aber Graf er sieht sehr scharf die Dinge wie sie sind«
 »Das streitet ihm Niemand ab Ihre Majestät aber sein Gesandtenposten in der
französischen Hauptstadt gefiel ihm so außerordentlich dass er das geschickt
cachirt hat was unser Kabinet genötigt hätte ihn auf der Stelle
zurückzurufen Noch weniger als er hatte seine Frau Lust Paris zu verlassen« 
»Muss auch das in unser Unglück hineinspielen«  »Madame la Marquise hasst ihre
Schwester die Bischofswerder auf Tod und Blut Sie hat ihrem Gemahl erkärt
dass sie an Krämpfen verginge wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt
leben müsste Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann Ich kann ihn nicht
entschuldigen in milderem Lichte aber darf ich Haugwitzs Versehen betrachten
Ward er nicht immerfort durch falsche Berichte getäuscht«  »Ich möchte so
ungern auch diesen Mann aufgeben Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch
Verstellung«  »Nein nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon der ihn nie
leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschafte«  »O lieber Hoym « fuhr
die Fürstin mit der Hand an die Stirn »Menschen wie sie sein sollten  Sind
denn die Könige verdammt dass ihr Glanz nur die an sich zieht die nicht sind
wie sie sein sollen«
    »Jetzt entlässt sie ihn bald« flüsterte die Schadow »Geben Sie Acht sie
wenden noch kürzer« Adelheids Herz schlug lebhafter Eine angenehme Wärme
durchdrang sie sie fühlte eine Lust dieser Königin Angesicht gegen Angesicht
zu stehen Es waren wirklich die Abschiedsworte als sie zum letzten Mal vorüber
gingen
    » Und diese Mäntelgeschichte welche das Land in Aufruhr bringt wird man
es künftig glauben dass man erst jetzt im letzten Augenblick daran denkt Eine
Sottise bedürfte es noch der Epigramme es gibt kein schlagenderes auf die
Unfähigkeit unserer Verwalter Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn
die Schuld auf sich zu nehmen lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen
Lauten zum Publikum sprechen sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund über
die ich mich in der Seele schäme Sie haben nicht daran gedacht und ihre
Pflicht war es Ist das Loyalität  Auch im Kriegswesen sagte mir Rüchel
Unbegreifliches Für das Nötigste nicht gesorgt Unsre Festungen zu armiren
dazu schickt man sich jetzt erst an Es ist unerhört man wird es künftig nicht
glauben Wozu bezogen sie die großen Besoldungen wozu wurden ihnen Güter über
Güter geschenkt  Nein lieber Graf das Kabinet was diesen grässlichen Zustand
möglich machte  es kann darf nicht bleiben  oder «
    Die Worte verhallten Am Ende der Allee war der Vicekönig von Schlesien
entlassen Louise stand eine Weile sinnend Ihre schöne anmutige Gestalt im
weißen einfachen Morgenkleide ward noch vorteilhafter gehoben durch den grünen
Rasenfleck gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt Ein Sonnenstrahl der
durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel setzte ihr eine goldene Krone auf
aber er goss zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Gesicht Es war keine
Bildsäule die Königin schwebte die Allee wieder herab Auf ihrem Gesicht schien
jede Spur der Agitation verschwunden als sie näher kam Sie ging auf Beide zu
    »Ihre Majestät entschuldigen« wollte die Schadow anfangen »es ist zufällig
eine liebe gute Freundin «
    »Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch« unterbrach die Fürstin
»Wir sind ja hier unter uns wozu die Komödie  Es freut mich Sie wieder zu
sehen liebes Kind so wie Sie sind Ich meine« setzte sie lächelnd hinzn »wie
Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen Das Lampenlicht täuscht immer und
es ist mir lieb dass ich mich nicht getäuscht habe«
    Eine gebietende aber graziöse Bewegung forderte Adelheid auf an ihrer
Seite weiter zu gehen Der Schadow schien es zweifelhaft ob sie nach diesem
Empfange respektvoll unter dem Baume stehen bleiben oder in ebenso
respektvoller Entfernung folgen solle Da wandte sich die Fürstin freundlich um
»Ach liebe Schadow da fällt mir ein ich vergaß als Hoym sich vorhin melden
ließ dass meine Lieblingsbücher auf dem Nähtisch liegen geblieben sind Sehen
Sie doch nach damit die Kinder nicht darüber kommen«
    Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst sie verneigte sich und die
Königin und Adelheid waren allein Es war ein wunderschöner Herbstmorgen kein
Wölkchen am sonnendurchglühten Himmel die laue Luft spielte durch die
angegelbten Baumwipfel Sperlinge zwitscherten in den Büschen weiße Herbstfäden
flogen umher Es war kein gezwungener Anfang des Gespräches wie von selbst
kamen die Worte von den Lippen der Königin »Sind Sie auch eine Freundin der
Natur
    »Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden und wessen Herz vor Freude
jauchzt wo findet er Laute dafür als in ihrer stummen Sprache«
    Das war zu starke Farbe für die Stimmung sagen wir für die Poesie der
Königin aufgetragen Sie blieb einen Augenblick stumm Dann sprach sie Worte
die auch Andere behorcht haben müssen denn wir finden sie schon verzeichnet
    »Ich muss den Saiten meines Gemütes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen
und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen damit sie den rechten Ton und
Anklang behalten Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit aber nicht im
Zimmer ich muss hinaus in die freie Luft in die stillen Schatten der Bäume
Unterlasse ich es dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein und je
geräuschvoller es um mich wird um so ärger wird sie Ach es liegt ein
ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst«
    Das war viel von einer Fürstin gegen ein junges Mädchen welches keine
Ansprüche an ihre Vertraulichkeit hatte welches sie zum zweiten Mal sah
Adelheid fühlte das Viele es drückte sie indes weder nieder noch erhob es sie
Jene hatte wohl Recht die auf den isolirten Höhen tronen fühlen auch das
Bedürfnis ihre Gefühle mitzuteilen Wenn sie keine Herzen Seelen Geister
finden die sie verstehen klagen sies der sternbesäeten Nacht Sie schütten in
der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden lieber als vor
marmorkalten und glatten Menschengesichtern Adelheid gestand sich sie war in
diesem Augenblick nur eine Wand ein Baum an den die Fürstin ihr Herz
ausschüttete In der Art lag aber zugleich eine Korrektion Die Königin hatte
die Saiten auf den Ton gestimmt der im Gespräche durchklingen sollte es war
ein elegischsentimentaler Er passte nicht zu der Stimmung welche Adelheid
mitgebracht und die in dem belauschten Gespräche neue Nahrung erhalten hatte
Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen schwieg sie in Erwartung dass
der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde
    »Sie sind eines von den glücklichen Wesen« hub die Königin an »an deren
Wiege wie die Dichter sagen gütige Feen standen« Adelheid öffnete die Lippen
aber verschluckte das Wort Die Fürstin hatte den fragenden Blick aufgefangen
und verstanden »Wäre ich nicht die  stände ich Ihnen nicht so fern und fremd
so würden Sie mich gefragt haben Was ist denn Glück«  »An Ihre Maiestät
erlaube ich mir nicht die Frage aber an mich selbst Was macht das Glück dieses
Lebens aus«  »Mich dünkt der Stempel den der Schöpfer seinen Geschöpfen
aufgedrückt hat ist die beste Antwort Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu
sehen Sehen Sie nur die Miene der Leute denen Sie begegnen Die schöne
Adelheid Alltag ist überall willkommen«  »Und doch verdankte ich neulich nur
der Huld einer höheren Zauberin dass ich dem Spotte und der Kränkung entging« 
»O das waren Unarten Neidische und böse Menschen können den Frieden der
Glücklichen nicht verkümmern Dieser Friede ist ein Gut was tiefer liegt Ihre
hässlichen Hände reichen da nicht hin«  »Gnädigste Königin ich preise
allerdings mein Glück weil ich früh einen Lehrer fand der mich auf das Wahre
hinwies«  »Ich kenne Ihren Vater er ist ein trefflicher Mann und treuer
Staatsdiener der nichts Höheres kennt als die Erfüllung seiner Pflichten« 
»Mein Lehrer lehrte mich« fuhr Adelheid rasch fort »dass Leiden unsere besten
Erzieher sind Aus der Schule großen Unglücks entwickelt sich die Seele zur
Freiheit und Selbstständigkeit«  »Haben Sie auch diese Schule durchgemacht 
Doch das ist ja nun vorüber«  »Wer kann sagen dass er aus der Schule entlassen
ist so lange er lebt Und wer sieht unter dem fröhlichen Gesicht die Schmerzen
in der Brust« Das war ein Ton welcher anschlug er vibrirte durch die Seele
der Königin »Und wer sieht heute was morgen kommt«
    Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft Da flog von einem leisen
Luftzug getragen einer jener weißen flockigen Herbstfäden wo die Allee sich
bog von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust indem er von
ihrer Bewegung festgehalten sie umschlang Beide waren durch ein Spiel der
Natur an einander gefesselt Adelheid hob den Arm um den Faden vom Hals der
Fürstin los zu machen aber  es war die Wirkung und die Tat des Momentes jene
Einwirkung unsichtbarer Geister die wir umsonst erklären und wenn erklärt so
wäre es nichts  die Tränen stürzten aus den Augen der Königin und sie drückte
Adelheid an ihre Brust Niemand sah es es war weite sonntägliche Einsamkeit im
Park Die Sonne obgleich sie Alles sieht ist eine schweigende Zeugin die
Käfer schwirrten die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen
vom Kirchturm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbnis einer alten Frau
Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen »Ach liebes Mädchen wer
weiß was morgen kommt« Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen
vorgegangen als Worte aussprechen Die Königin sprach »Sie schickte mir der
allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde wo ich Trost bedurfte Was man so
gefunden lässt man so leicht nicht wieder von sich«
    Die Emotionen haben ihr ewiges unverjährbares Recht unter den goldenen
Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten aber hier dürfen
sie austoben bis zur Erschöpfung dort ist ihnen ein Maß gesteckt Luise war
wieder die Königin geworden als sie weiter gingen aber von einer Huld welche
die Majestät überstrahlte Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach
auf einer kleinen Höhe vor ihnen »Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen«
Ihr Gespräch bis sie den Punkt erreicht war lebhaft aber es floss ruhig hin
Adelheids Äußerungen mussten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben
Sie hatte sie oft forschend angeblickt Als sie auf der ländlichen von
Blütenästen geflochtenen Bank Platz genommen sagte Luise »Sie sind noch so
jung und schon solche Erfahrungen«
    Adelheid errötete
    »Sie kamen wie Sie mir sagten nie aus der Residenz Sie lebten nur in
guten Häusern unter respektabeln Familien und zuweilen blitzt es aus Ihren
Reden als wüssten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen
Ich glaubte das wäre uns nur aufgespart die wir von oben so Vieles sehen was
Ihnen unten verborgen bleibt Wie die Motten nach dem Licht so flattern uns Die
zu welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden Wir müssen
sie dulden weil  ach aus vielen Gründen während die stillen sittlichen
bürgerlichen Kreise ihnen die Tür verschließen dürfen Man tut daher sehr
Unrecht uns zu beneiden liebe Mamsell Wir die wir andern Pflichten zu
gehorchen haben könnten die Niederen beneiden welche diese Rücksichten nicht
kennen Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den
Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen«  »Ihre Majestät ich
meine es gibt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise«  »Ganz gewiss
aber es ist leichter in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch
keine Pflicht zu vergessen als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand«
    Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone der keinen
Widerspruch zulässt Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne Wo ihre
Gedanken waren ließ sie die Zuhörerin nicht lange erraten »Auch ich habe
einen Blick in dieses Glück getan Es waren die schönsten glänzendsten Stunden
meines Lebens Damals liebes Kind hielt ich es auch für das höchste Glück was
das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne Königin
zu sein über ein glückliches Volk«
    Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise welche sie
nach der Tronbesteigung Friedrich Wilhelms III mit ihrem Gemahl gemacht Luise
letzte sich an der Erinnerung Sie malte einzelne jener schönen Züge von denen
uns die Zeitgenossen berichten Die Erscheinung des Königs und der Königin
einer jungen von Liebreiz und Güte umflossenen in Provinzen wo auch die
ältesten Greise sich nicht erinnern können je eine Königin gesehen zu haben
glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes von erhabenen Genien
der Gerechtigkeit und Milde die überall wo sie sich zeigen unüberwindliche
Eroberer jedes Herz gewinnen Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe
nein eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten Da brannte die Sonne herab
dass man die Augen nicht auftun konnte und doch wich Keiner vom Platze bis er
seine Königin mit Augen gesehen Da waren neunzehn weissgekleidete Mädchen an
ihren Wagen gesprungen Eines hatte der Königin zugeflüstert Wir sind
eigentlich zwanzig aber die Eine ist nach Haus geschickt Warum denn liebes
Kind  Weil sie so hässlich ausgesehen Da hatte Luise nach der armen
Hässlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr  Und
jener alte Bauer der sie so gern sehen wollen und immer wieder von den Andern
und den Gensdarmen zurückgedrängt war die Königin hatte ihn wohl gesehen und
heranrufen lassen und noch sah sie ihn wie der Greis sein Haupt entblößte und
stumm aber unverwandten Blickes die Landesmutter anschaute In dessen Herzen
wusste sie lebte ihr Bild ewig fort Und wie in einem andern Dorfe in Pommern
die Bauernschaft den Wagen umringt hatte und die Bauern in ihrem Plattdeutsch
durchaus darauf bestanden dass sie aussteigen müsse und sich »traktiren« lasse
damit die Städter nicht dächten sie hätten das Vorrecht allein Und die Königin
war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten und hatte von dem
großen ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen und versichert dass er
sehr schmackhaft sei Und wie der König im Zelt an der Weichsel wo er als Gast
der Elbinger tafelte zu dem Landmann der mit einer Bittschrift sich auf die
Knie geworfen in edlem Unwillen gerufen »Nur vor Gott knien Ein Mensch muss
nicht vor einem andern Menschen knien«
    »Da habe ich Blicke getan auf den Herd meines Volkes« schloss die Königin
»und weiß wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt  Sie frösteln liebes
Kind Sie schaudern sogar « »Ach Ihre Majestät es waren Gedanken « Die
Fürstin hatte sie gelesen »Freilich weiß ich nicht überall stehen Hütten von
Philemon und Baucis aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz wo
bewährte Tugenden Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen Wenn
wir wieder Ruhe und Frieden nach Außen haben dann hoffe ich soll es in den
höheren  Gott gebe auch in den höchsten Kreisen besser werden Aber Sie liebes
Mädchen können doch nicht klagen Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle
Menschen «
    »Erlauchte Frau ich meine die Menschen sind in allen Kreisen Menschen und
verzeihe mir der Allgütige wenn es Sünde ist sie kommen mir oft wie ein Knäuel
von Schlangen vor Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt denke ich an den
Tiger der den Kopf auf die Krallen drückt zum Satz auf sein Opfer«  »Was
sind das für Phantasien«  »Ich weiß es nicht Aber ich sehe überall Larven
und dahinter Verbrecher«  »Kalmiren Sie sich«  »Es ist nun einmal mein
Schicksal ich ward von ihm herumgeschleudert ich bin keine ich will keine
Klairvoyante sein aber wie Vieles musste ich wider Willen belauschen und da
ist mir wenn ich einen stillen Teich sehe den kein Lüftchen kräuselt als
werde er plötzlich gähren sich heben toben und Ungeheures zu Tage kommen Wo
wirs am wenigsten erwartet in den friedlichen Kreisen die wir die glücklichen
nennen als braue unter der Ruhe Entsetzliches Die Luft drückt mich und
zuweilen wünsche ich dass der Sturm komme die Elemente toben ein Krieg
erscheint mir nicht mehr so schreckenvoll wenn diese brütende Stille nur
aufhört«
    »Das sind Imaginationen vielleicht aus den neuen Büchern Diese Schlegel
Tieck Novalis sind aber eine excentrische Lektüre welche das Blut erhitzt
keine für ein junges Mädchen das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen
Menschen ausbilden will«  »Mich dünkt Ihre Majestät die Zeit ist auch zu
ernst und fordert von uns andere Pflichten als in der Märchenwelt zu
lustwandeln«  »Das ist verständig von Ihnen Man eifert auch gegen das Lesen
von Romanen und Schauspielen aber man tut Unrecht Unser Iffland führt uns
doch immer rührende Beispiele vor wie wir uns glücklich finden können in
beschränkten Verhältnissen Sie wollen es tadeln dass er die bösen Menschen
immer aus der vornehmen Welt nimmt Aber hat Iffland Unrecht Ich wenigstens und
der König sehen uns immer mit Befriedigung an Sie sollen sich nur ein Exempel
dran nehmen die es trifft sagte neulich mein Gemahl  Den Lafontaine möchten
sie uns auch verleiden aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir
ihm wie vielen Trost wenn wir Abends nach einem verdrießlichen Tage uns mit
ihm auf dem Sopha vom Gewühl zurückzogen O es gibt solche Tage wo Fürsten
nichts hören als Klagen Gegenanschuldigungen wo uns die Welt wie ganz verderbt
erscheint ein Knäuel von Schlangen sagten Sie wir wollen es nur ein
Durcheinander von bösen Menschen nennen Da wenn wir uns fürchten mussten vor
Allem was uns nahe kam da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt
seiner Person wir sahen uns an und wenn wir uns nicht aussprachen dachten wir
es es gibt doch noch gute Menschen Warum sind die es nicht welche die
Vorsehung uns in den Weg führt Zuweilen erhört dann der Himmel unsern Wunsch
und wenn wir es am wenigsten erwarten« Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid
»Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine« fragte die Fürstin um
sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern Die Gütige sah wohl die
Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack
finden können sie hatte die wenigsten durchgelesen Sollte sie lügen vor einer
Monarchin die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt und nur in ihrem
edelsten Selbst sich gab Adelheid hätte in diesem Augenblick aufstehen und ihr
zu Füßen stürzen können um die Wahrheit in ihr zu verehren die nicht in
schönerer Gestalt sich verkörpern konnte aber die Unwahrheit sprechen konnte
sie nicht
    Es floss von ihrem Munde was sie dachte mit einer kleinen Einfassung von
Schmeichelei die darum nicht Unwahrheit war »Mich dünkt des Dichters Aufgabe
ist die Menschen zu schildern wie sie sind Weil er Dichter ist darf er das
Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrößern und
verschönern und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein das Hässliche und
Schlechte noch etwas hässlicher zu machen Doch das verstehe ich nicht und
bescheide mich deshalb Das Große und Schöne soll er indes nicht hässlich und
niedrig malen sonst widersteht er unserm Gefühl denn von der Dichtung
verlangen wir Frauen wenigstens dass sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige
Schönheit ahnen lassen soll Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Hässliche
ausschmückt und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmutes umhängt
damit uns das gefalle was wir meiden und verabscheuen sollen dann kommt es mir
vor als versündigte er sich an seinem hohen Beruf Wenn ich durch die Wimpern
einer edlen Fürstin eine Träne sich drängen sehe weil sie bang einer schweren
Zukunft entgegen sieht für ihre Familie ihr Volk ihr Land oder ists eine
der Freude dass ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurückkehrt ihre Kinder ihr
Freude bereiten ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet der an den
Edelmut und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert  das dünkt mich ist eine
Träne die der Dichter auffassen muss wie ein Juwel im Sonnenschein Aber
entweiht er die schöne Träne nicht wenn er auch alle seine unbedeutenden
Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen lässt um Kleines und
Geringfügiges und wenn er dann die Träne so schön ausmalt dass die armen Leser
mitweinen müssen Sie wissen am Ende nicht recht warum aber er erhält die
weinerliche Stimmung weil er darauf rechnet dass wir Alle schwach sind und es
uns am Ende an ihn fesselt So kommt mir Lafontaine vor erlauchte Frau er
weiß wo wir Alle schwach sind und da versucht er uns zu streicheln er drückt
wehmütig die Hand schlägt verführerische Akkorde an bis wir fortgerissen
sind und wenn wir wieder zu uns kommen schämen wir uns darüber denn er hat
uns weich gemacht wo wir stark sein sollten und wo haben wir dann noch Gefühl
Stimmung die unentweihte Träne für das große Schicksal wirklicher großer
Menschen«
    Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört Von Spöttern waren ihr
ähnliche Urteile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen Dieser
Ton war anders Sie stimmte nicht bei sie widersprach nicht sie schien die
Sache zur weitern Überlegung zurückzulegen als sie sich seitwärts wandte
    »Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter Dieser Liebling der Museu erhebt uns
in die Höhen wo unsre Adelheid sich wohl befindet Ich liebe ihn auch aber mir
schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen mitten in meiner Begeisterung und
Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen Dass ich es gerade heraussage die
Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein meine Neigungen sind doch noch zu
irdisch ich fühle dass ich unter diesen Nathalien und Lianen eine schlechte Rolle
spielen würde Es ist vielleicht die Eitelkeit«  setzte sie lächelnd hinzu 
»die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen
Gesellschaft des edlen Dichters«
    »Ihre Majestät verzeihen wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz
auch empfindet Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und
Sonnenstrahlen gewebt Wenn man sich an sie hielte zerflössen sie «
    »Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen sonst verketzern sie uns«
fiel die Fürstin noch im selben Ton ein  »Nein alle Admiration dem herrlichen
Manne aber Sie haben wohl Recht unsere Zeit fordert Männer auch Frauen
welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen und vor
einer rauen Berührung nicht zurückschrecken Sie fordert dass wir unsere
Empfindungen beherrschen Es ist schwer mein liebes Kind schwer für einen
Jeden die schlechten Menschen nicht merken zu lassen dass man sie hasst
verachtet was mehr für uns Fürsten Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit
wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde denen die Hand
drücken von denen wir wissen dass sie in der Tasche den Dolch gegen uns
versteckt halten Das kostet etwas  eine Resignation die oft unsere schwache
Kraft übersteigt  Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern Das ist
schön aber wir dürfen nicht mehr träumen wir Alle nicht Jede muss ihre ganze
Kraft anrufen um gerüstet dem gegenüber zu stehen was Gott zu unserer Prüfung
schickt Wir müssen uns bezwingen entsagen zu können auch dem was uns das
Teuerste Liebste ist«
    Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt Es
war auch um sie her anders geworden die Sonne war hinter heraufziehende Wolken
getreten die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über
die Füße der beiden Frauen getrieben jetzt fing er an in den Büschen das
Gezweig zu rütteln in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln
das Laub Die laue Luft hatte wie auf einen Zauberhauch einer empfindlichen
scharfen Kälte Platz gemacht dass die Damen die Tücher enger um den Hals zogen
    »Sie müssen Alle entsagen« sprach die Königin feierlich »auch Sie
Adelheid werden die Kraft haben Ich habe das schöne Vertrauen nachdem ich Ihre
schöne Seele kennen gelernt«
    Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen ein Vorhang gewebt aus
Sonnenstäubchen die in anmutigem Spiel hin und her geschaukelt und die
bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen das warum die Fürstin Adelheid zu sich
beschieden auch das blickte schon verräterisch hervor warum Adelheid gekommen
war
    Es gibt im Seelenleben Augenblicke wo der Klügste sich keine Rechenschaft
zu geben weiß woher ein Gedanke aufquillt dem er plötzlich zu folgen sich
gedrungen fühlt auch wenn er entgegen der Strömung ist der all sein Fühlen und
Denken sich hinneigt Bei großen Mänern ist es ein Kitzel mitten in Plänen
welche die Welt verrücken sollen sich starr auf einen einzelnen Punkt zu
setzen der damit nichts zu tun hat sorglos ob die Emsigkeit welche sie der
Bagatelle widmen sie an ihrem größeren Schaffen hindert Cäsar mit dem Plan die
Welt zu erobern im Kopfe beschrieb wie ein Liebender die Augen der Geliebten
die Konstruktion der hölzernen Rheinbrücke die er erfunden Es ist die ewige
Mahnung an die großen Geister dass all unser ernstes Tun vor einem höheren Auge
Spielwerk ist An Frauen es zu rügen ist keinem Billigen eingekommen Wenn sie
gar nicht mehr spielen sollten was wären sie sich  uns Auf Königin Luisens
Seele lastete Ungeheures Seit der vorjährigen Gruftscene in Potsdam schien sie
Vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht Sie las nicht mehr Lafontaines Romane
dass sie heute sie gerühmt war nur pietätvolle Erinnerung gewesen sie lebte der
ernsten Sorge vor der Gefahr die über dem Hause ihres Gatten dem Lande ihrer
Liebe und Wahl schwebte Keine Frau vielleicht wenig Männer fühlten so schwer
innig zuweilen klar die Bedeutung der Zeit und doch hatte sie ein Etwas was
ganz außer diesem Kreise lag mit Eifer aufgefasst Sie hatte sich für das
schöne Mädchen interessiert von dem der Ruf so viel sprach die erste Begegnung
hatte dies Interesse erhöht Sie wollte Adelheid nach dem gelegentlichen
Gespräch mit ihrem Vater vor einer Verbindung bewahren welche dieser beklagt
welche ihr als Unglück erschien Wie ihre Phantasie plötzlich sich dieses
Gegenstandes so bemächtigen können bleibt uns ungesagt aber es war so es war
nicht unnatürlich und die Königin sprach wie eine lebende zärtlich besorgte
Mutter zu ihrem Kinde
    Luisens Beredtsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als so bezaubernd gerühmt
Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens ein Klang der Seele
gewesen da wo eben das Wort nur die wahrhafte Äußerung des wahrhaft im Innern
Lebenden war Der Zauber dieser Beredtsamkeit sei gewesen dass sie nicht eine
Kunst war sondern eine Tugend Wie ihre Briefe ein voller unverkümmerter
Herzenserguss waren so folgten in ihrer Rede wenn das Herz sie diktirt die
Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken
    So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen »Sein Sie zeigen Sie sich
jetzt stark Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz  ich weiß dass es
blutet ich kenne auch diesen Schmerz  aber man kann ihn überwinden Reichen
Sie mir die andere dann sehen Sie mich mit Ihren klaren Augen die nicht lügen
können an und sprechen Ja ich will entsagen« So schloss die Königin und hatte
vielleicht erwartet dass Adelheid auf die Kniee sinken ihre Hand an die Lippen
pressen das Gesicht in ihrem Schoss verbergen würde Gerührt von so vieler Güte
und Teilnahme musste sie das Gelöbnis stammeln und Luise hätte sie dann in
ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen »Nun sind Sie mir doppelt
gewonnen«
    Aber Adelheid sank nicht auf die Kniee sie presste nicht die königliche
Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht Sie blickte so klar und
ohne Trug wie die Fürstin es verlangt diese an und sprach
    »Gegen wen erlauchte Frau wäre es Pflicht dem schönsten Traume meines
Lebens zu entsagen«  »Gegen sich selbst Können Sie keinen noch schöneren sich
denken das Bewusstsein, Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten
gerettet zu haben«  »Ich fühle in mir nicht den Beruf eine Heilige zu werden«
erwiderte Adelheid »Ich bin was ich bin und will nicht mehr sein ein Mädchen
wie andere von nicht zu heißem und nicht zu kaltem Blute Ich glaube mich
überwinden zu können wenn ich muss wo ich aber die Notwendigkeit nicht absehe
glaube ich ein Recht zu haben wie jedes lebende Wesen wo Gottes Sonne auf mich
scheint mich zu freuen in ihrem Strahl«
    »O mein armes Kind« fiel die Fürstin ein »ich sehe die Glut Ihrer
Leidenschaft aber täuschen Sie sich nicht Ich sehe mehr Ihre tugendhafte
Seele empfindet mit dem Verlorenen Mitleid Sie wollen sich ihm opfern um ihn
glücklich zu machen Sie fühlen den Drang schöner Seelen eine Märtyrerin zu
werden Kennen Sie ihn ganz Fragen Sie sich ob er es wert ist der Mann der
 wie viele so unschuldig als Sie mag er auf seinem Gewissen haben Danach
fragt die Welt freilich nicht und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich
daraus kein Gewissen Aber Sie beobachten doch wenigstens den äußeren Anstand
Was man vom jungen Bovillard erzählt o mich schaudert ihn an Ihrer Seite zu
sehen«  »Ist er darum schlechter weil er keinen Schleier um seine wüste
Jugend gebreitet Mich schaudert vor Denen die die Welt lobt weil die Welt nur
das feine Kleid und die feine Miene sieht hinter denen ihr verwüsteter Geist
sich verbirgt«   »Man spricht ihm kein langes Leben zu die Frucht seiner
Ausgelassenheit«  »Rechnet die Liebe nach Jahren«  »Doch soll die Ehe ein
Bund der Seelen eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein«  »Ist sies denn
immer«  »Aber der Mann muss wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen
wissen wenn er auch dem kühnern Schwunge ihres Geistes nicht folgt«
    Adelheid lächelte »Sein Geist gnädige Frau  O könnte ich Ihnen diesen
edlen Geist malen der rein blieb wie der Äther über dem aufgewühlten Schlamm
könnte ich Ihnen sein Herz öffnen wie es mächtig pulst für die Leiden die
Ehre des Vaterlandes wie nur die Schmach die er ansehen musste Gift in die
Adern spritzte « »Lassen wir die Poesie liebes Mädchen es handelt sich von
ernsten Dingen Ich will Ihnen glauben dass ein besserer Keim in ihm ist dass
große Talente in ihm schlummerten dass Charakterstärke ihm von Gott gegeben war
ich will zu Ihrem Besten Alles zu seinen Gunsten glauben aber warum gab er sich
keiner geordneten Tätigkeit hin warum zersplitterte er und vergeudete er diese
Gaben Bei seiner Geburt dem Einfluss seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis
leicht geworden«
    Adelheid sah die Königin mit einem eigentümlichen Blicke an es lag Frage
Bitte ein Forschen darin »Darf ich« Sie hielt die Hände auf der Brust Der
Augenschlag der Königin winkte Gewährung »Ich kenne Jemand den die Geburt hoch
gestellt höher steht nur Einer Sein Herz schlägt für das Vaterland sein Blut
glüht für seine Ehre Mit dem ritterlichen Feuermut der alten Zeit schlägt
doch dies Herz weich für das Edle Schöne Große das alle Zeiten schmückte Er
möchte er könnte ein Volk erheben es glücklich machen denn seine Gaben
befähigten ihn zu dem Höchsten Und klar liegt vor seinem Gesichte die
Vergangenheit sein Auge blickt in die Zukunft Warum ist dies Auge trüb  Weil
der Horizont trüb ist Warum sank dieser Feuergeist dessen Flügel der Sturm
durchschnitt der der Sonne entgegenblickte ohne zu zucken in den Schlamm
zurück Weil die Atmosphäre zu schwer ist sein Feueratmen sie nicht
durchdringt seine beredte Lippe umsonst redet seine kühnen Vorstellungen an
der Macht der Menschen an der Zähheit der Gewöhnung an der Macht der grauen
Alltäglichkeit abglitten Da ward er mutlos er verzweifelte Erhabene Königin
wie sollte ich es wissen Ich spreche nur was die Stimmen der Tausende die
Lüfte mir zutragen aber sie flüstern und rufen es laut Das ist unser Loos
Dies Firmament erdrückt Die die zum Besseren aufwallen Es ist einmal so in
diesem Reiche Wer daran Schuld sagten sie nicht aber sie zählen viele viele
edle Geister die im fruchtlosen Kampf verkamen untergingen Wenn der edelste
Prinz der tapferste Held dessen Lob auf allen Zungen den die Armee
vergöttert diesem Loose nicht entging dürfen wir Die verdammen die dasselbe
gewollt und auch ihre Flügel verbrannten sie sanken tief tief  Dürfen wir
sie versinken lassen«
    Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen
    »Meine Königin ist nicht die grausame Richterin welche die Edlen büßen
lässt was Elende verbrachen Man sagt « fuhr Adelheid mit gedämpftem Tone fort
 »der Prinz wäre zu retten gewesen wenn er ein edles Weib gefunden das seine
Gedanken und seine Sorgen geteilt wenn eine seiner würdige Gattin seinem
Geiste nahe seiner Liebe wert ihn aufgerichtet Er suchte und  fand sie
nicht Man sagt man flüstert es wenigstens dass er Eine gesehen und er wäre
gerettet er wäre geworden sie sagen ein Gott Aber er verschloss entsagend
die brennenden Wünsche in der Brust denn  die Eine gehörte schon einem Andern«
    Adelheid fühlte was sie gewagt aber es war eine Macht über sie gekommen
der sie nicht widerstand Auf Eine Karte war Alles gesetzt  Tod und Leben hieß
die Krisis es gab kein Mittel Fieberhitze durchglühte sie und sie schüttelte
vor Frost als sie aufgestanden Auch die Königin stand auf Noch wandte sie ihr
Gesicht ab Es war etwas  wars ein Kampf  was sie vor sich selbst verbarg
Wenn sie sich jetzt umwandte ein zürnender Blick eine Handbewegung Adelheid
zurückwies wenn sie ohne eine Silbe den Hügel hinabschritt Adelheid jetzt
allein ließ verstoßen verloren  Nein sie wandte sich um und im nächsten
Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust Worte sprach sie
nicht nur eine Träne fühlte Adelheid über ihre Wangen rinnen Als sie
schweigend die Allee zurückgingen hatte das Sterbegeläute vom Kirchturm
aufgehört dafür schmetterten Trompeten und ein kriegerischer Marsch der
Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel »Gott sei Dank« sprach die
Königin »Das erleichtert das Herz« Am Schloss beim Scheiden reichte sie
Adelheid die Hand zum Kusse dabei flüsterte sie ihr zu »Wir sehen uns bald
wieder«
    In ihren Appartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn zum Minister
Stein zu fahren Sie wünsche ihn zu sprechen
    Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck Die Hofdame
erklärte nachher den Hofleuten dass Ihre Majestät endlich so huldreich gewesen
in den Wunsch einzugehen den sie schon längst gehegt nämlich bei ihrem
geschwächten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen welche in
ihren Appartements wohnen dürfe Sie denke die Tochter des Geheimrats Alltag
die sich dazu anstellig zeige zu acquiriren
 
                          Achtundsiebzigstes Kapitel
                         Eine Maus und eine Mausefalle
Bei Madame Braunbiegler sollte Whist gespielt werden Die Gesellschaft war nur
klein kam aber nicht zur Ruhe Wenn man kaum die Karten gezogen störte eine
Nachricht eine Person die unerwartet hereinstürzte Es war nun einmal Unruhe
in der Stadt die mit dem besten Willen sich nicht bewältigen ließ Man wusste
schon dass das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuss gesetzt werden solle Wenn
man nur abgewartet hätte bis die Mäntelgelder beisammen waren hatte Madame
Braunbiegler gemeint aber es waren noch nicht siebzigtausend Taler gesammelt
 Und was hilft das Geld wenn die Schneider fehlen hatte der Legationsrat
gesagt Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht welche alle bisherigen in
den Hintergrund drängte Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den
jungen Bovillard aufgegeben er war ihr vorgestellt worden sie hatte ihn gnädig
aufgenommen sich günstig über ihn geäußert zu Andern aber spitz gesagt er
müsse wohl viele Feinde haben da er ihr ganz anders geschildert worden Er war
Tages darauf zum Legationssekretär Andere meinten sogar zum Legationsrat
ernannt worden beauftragt zu gewissen Vorträgen im Kabinet und in der
persönlichen Nähe der höchsten Herrschaften Man war geteilter Meinung ob
dahinter eine Intrigue des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard
Fuchsius lächelte als eine Dame mit einem andern Wissen Sie schon
hereinplatzte Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt Sie
zieht ins Palais  Ins Palais  Was das zu bedeuten hatte darüber war Niemand
im Zweifel als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr welche die Königin dem
schönen Mädchen gewährt  »Nun wirds ja Alles klipp und klar Ja wer nur ne
hübsche Larve hat und Kounexionen dem fehlts nicht«
    So hatte Madame Braunbiegler gesagt Madame Braunbiegler war ihrer Zeit eine
berühmte Persönlichkeit in Berlin was man heut nennen würde ein öffentlicher
Charakter von der sehr viele Dicta noch umgehen Wenn der Raum unserer
Erzählung die zu Ende geht es erlaubte hätte sie das Recht und die
Antwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin als wir ihr angewiesen aber
der Rahmen schließt sich und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die
Grammatik die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet verbietet uns
ein Bild in den Vordergrund zu stellen welches für viele Leser unverständlich
bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den MarkBrandenburgischen
Unterschied zwischen Mir und Mich So genüge denn für dieses Mal  denn es ist
wohl möglich dass wir ihr künftig wieder begegnen  ein Dictum welches mit
stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist Ex ungue
leonem Madame Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand
mit den Worten geschlossen »Denn heiratet er ihr och noch Da gratulir ich
Er hat nischt und sie hat nischt Des wird ne magere Kalbfleischsuppe Ne sage
ich doch wenn pover Volk noch dicke tun will und vornehm sind die können mich
gestohlen werden«
    Madame Braunbiegler musste sich dabei echauffirt haben es kostete ihr immer
eine Gemütsbewegung wenn sie von ordinären Leuten sprach die es den Reichen
gleich tun wollten Sie war den liberalen Ideenabgeneigt und hielt auf
Standesunterschied Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden
Schultern gerutscht Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wiederum »Sie könnten
sich erkälten gnädige Frau« flüsterte er mit der sanftesten Stimme
    Der Ritter begehrten nicht den Dank der Dame Wie zufällig hatte er sich
auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen wo Frau Geheimrätin Lupinus schon
mit der Karte in der Hand saß »Was sagt meine Freundin dazu«
    »Was ich dazu sage Das kommt doch nicht in Betracht Was aber wird die
Gargazin dazu sagen«
    »Sie ist vielleicht auch froh dass sie das Wundertier los ist« sagte
Wandel leiser »Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen Mit
dem Knüpfen werden die Meisten bald fertig aber am Lösen weil sie nicht voraus
daran gedacht scheitert ein Bischen Verstand und an den ungelösten Knoten des
Daseins ging so Mancher unter Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten
diese Kunst sich anzueignen bei Allem was sie schaffen und wirken schon an
die Auflösung zu denken O wer es dahin gebracht « »Wenn Alles aufgelöst ist
was ist denn dann« unterbrach ihn die Wittwe »Freiheit Chaos wie Sie es
nennen wollen allgemeine Glückseligkeit denn ist es nicht ein Glück wenn wir
nicht mehr zu sorgen und zu denken brauchen um Bagatellen  Ist das Leben mehr
meine Freundin  Pardon ich halte Ihr Vergnügen auf Madame wartet «
    Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht die sich mit ihrer Karte dem Tisch
näherte Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach
getreten die am Fenster stand Er klopfte auf ihre schöne Hand er brachte die
Fingerspitzen an den Mund »Immer pensiv«  »Sagen Sie mal Legationsrat was
sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus Er ist doch nicht in sie verliebt«
    »Ei meine Freundin eine so scharfe Beobachterin man muss sich vor Ihnen in
Acht nehmen«  »Nein er observirt er lässt sie nicht aus den Augen Ich sehe
das schon eine halbe Stunde an«  »Nun wenn es ein süßes Spiel der Liebe wäre
was kümmert es uns Beide«  »Ich bitte Sie  Die Lupinus« »Lassen Sie doch
die arme Wittwe in Ruh Haben Sie nicht an Anderes zu denken«  »Sie sind ein
guter Mann ich kenne Ihr Herz und Sie meinen es von Herzen« sagte die Baronin
»aber warum müssen Sie mich immer bei Seit ziehen«  »Um alle Gedanken
abzulenken Denn mich« sagte Wandel mit einem Seufzer »wird man doch nicht für
den Glücklichen halten können Im Übrigen bis jetzt geht Alles gut Wenn wir
nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten Offiziere plaudern gar zu gern 
in der Wachtstube bei einer Flasche Wein «
    Er ward unterbrochen durch den Eintritt einer neuen Person Eben hatte sich
Madame Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen mit einem »Na kommt man
denn endlich zur Ruhe Das war doch heut eine Störung«  als eine neue schon
wieder da war Der Geheimrat Lupinus nicht der selige sondern von der Vogtei
war eingetreten und sofort schien man zu wissen weshalb Die Wirtin gab dem
allgemeinen Gefühl den Ausdruck »Ach Gott die Flanellleibbinden fehlten noch«
    Die neueste Tätigkeit des VogteiLupinus musste also eine bekannte Sache
sein was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache Wer etwas gelten
wollte musste sammeln natürlich für die armen Krieger wer sich hervortun
wollte für einen neuen Zweck Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und
auf den Straßen Der Geheimrat sammelte für wollene Leibbinden Die Mäntel
waren für die Infanterie die wollenen Leibbinden für die Kavallerie Weshalb
grade der VogteiLupinus diese Sache mit Eifer ergriffen dafür wusste der böse
Leumund auch einen Grund Nachdem der Geheimrat seine Papiere und Listen aus
der Mappe genommen welche ein Beamter ihm nachtrug hub er an von dem Nutzen
der Leibbinden im Allgemeinen er citirte Hufeland und Heim über die
Wichtigkeit dass der Magen eines Menschen warm gehalten werde wenn die
Funktionen desselben in Ordnung sei der ganze Mensch in Ordnung Das gelte aber
ganz insbesondere von Soldaten Er ging dann auf die Kavallerie über und
beschrieb wie Luft und Wind ausgesetzt ein Kavallerist leichter am Magen sich
erkälte als ein Infanterist der durch die Bewegung des Marschirens schon den
Magen sich warm mache Wenn nun der Letztere jedoch überdies noch Mäntel
erhalte so erfordere die Humanität und Billigkeit dass man für den Soldaten zu
Pferde auch etwas Übriges tue Er ging dann auf die drohende Herbst und
Winterkampagne über und schilderte wie ein Kavallerist friere wenn er auf der
Erde schlafen muss denn die Zelte schützen nicht vor der Kälte die aus dem
Boden dringt und zuerst in den Magen geht zumal wenn er leer ist Nun aber
sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes und komme es
auf diese Weise oft dass er für seinen eigenen nicht gesorgt hat Mit einer
glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurückgekehrt zeigte er wie sie
am besten zugeschnitten und gebunden würden gab zu dass die von Wolle
gestrickten allerdings zweckmässiger aber nicht so schnell zu beschaffen seien
daher die von Flanell dem Bedürfnis und Zeitgeist entsprächen und schloss mit
einer rührenden Deklamation an die Anwesenden dass sie für König und Vaterland
und die leiden de Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe
öffnen möchten Auch die geringste sei ihm willkommen lieber jedoch die
größeren
    An der Aufnahme sah man dass auch hier schon fertige Parteien waren
Infanteristen und Kavalleristen Mäntel und Leibbinden Tuch und Flanell
Indessen siegte der Flanell Wer widersteht wenn Andre ihm vorangehen und der
Kontrolleur dabei steht Nur Madame Braunbiegler fand es impertinent grade ihr
damit ins Haus zu rücken Sie gehörte natürlich zur Tuch und Mäntelpartei und
erklärte sie würde nicht einen Pfennig rausrücken »Eine Kleinigkeit doch«
flüsterte ihr der Legationsrat zu Das brachte sie nur noch mehr auf Wenn sie
gäbe lasse sie sich nicht lumpen und wenns honorig sei greife sie in die
Tasche dass es sich sehen lassen könne aber Bettelei könne sie nun ein für alle
Mal nicht ausstehen »Und wie kommt er denn dazu« Wandel zog seine »edle
Freundin« bei Seite Er teilte ganz ihre Ansichten ob sie es ihm aber
verzeihen werde wenn er eine Kleinigkeit nach Kräften beisteure »Meine
Stellung zum Hofe bringt es mit sich und der Geheimrat ist wohl nicht ohne
Auftrag hier« Dies wirkte Es konnte bei Hofe vermerkt werden dass Madame
Braunbiegler nichts für die Kavallerie getan  »Schreiben Sie mir auf mit
zwanzig Taler Geheimrat« rief die Wirtin und die Blicke der stattlichen
Frau überflogen die Gesellschaft um für die Taler das Erstaunen zu ernten
»Eine Prise Baron« Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und
schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen während sie nicht mit
gleicher Worte ihres Kompagnons vernahm »Lupinus Sie hören Sie  notiren Sie
mich auch mit zwanzig«  »Na na Baron nur keine Extravaganzen nicht Seit
wann haben Sies denn so dicke sitzen«  Allerdings hatte der Baron es nicht so
dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon aber er schlug mit der
Hand an die Brust »Wenns Vaterland ruft« Lupinus hatte die Hand welche eben
in der Dose gewühlt mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt »Ah
Madame Braunbiegler est un ange Votre exemple glorieux rendra notre chose
victorieuse«
    »Umgeguckt Geheimrat Ihre Schwägerin winkt will Ihnen auch vielleicht
nen Fuchs geben Stecken Sie ein was Sie kriegen« Der Geheimrat Lupinus
prallte buchstäblich zurück als er sein Ohr an den Mund der Geheimrätin
gelegt und diese einige Worte ihm zugeflüstert hatte »Hun  hundert«  »Ich
bitte Schwager sein Sie kein Narr« sagte sie mit leisem strafendem Ton und
bittendem Blick »Hundert Friedrichsdor«  »Aber ich habe Sie doch sehr
gebeten das war ja unter uns  Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch« 
»Hundert Friedrichsdor« lief es durch die Versammlung  Hundert
Friedrichsdor für Flanell Starre Blicke geöffnete Münder Am weitesten hatte
die Wirtin ihn auf es kam aber kein anderer Laut heraus als ein »Na nu «
    Die Geheimrätin Wittwe empfand das Unangenehme der Situation Sie erhob
sich etwas vom Stuhl »Warum musste mein guter Schwager über Etwas an die große
Glocke schlagen was ganz unter uns abgetan werden sollte Da es aber einmal
ist so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig
Ich bin nicht so reich um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke
beizusteuern Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen
Gemahls So wenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten
kümmerte sah er doch mit bangem Blick schwarze Gewitterwolken nahen und es
waren seine letzten Unterhaltungen mit mir dass für diesen Fall ein guter
Patriot was er könne zum Wohl des Ganzen beisteuern müsse Namentlich ging ihm
die Lage unserer armen Soldaten zu Herzen er den jedes kalte Lüftchen wie ein
Eishauch berührte erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge die er für eine
Barbarei der neueren Kriegskunst erklärte Er malte sich in seinen letzten
Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Bivouaks und rief mehr als
einmal aus Und sie haben nicht mal warme Kleider Wenn ein unerforschlicher
Ratschluss ihn nicht plötzlich abgerufen würde er in seinem Testament gewiss
Legate dafür ausgesetzt haben Wollen Sie es mir daher nicht verargen wenn ich
dies Testament für geschrieben halte und in seinem Sinne zu handeln denke
indem ich tue wie ich getan Nicht ich tue es mir darf Niemand danken mir
Niemand Verschwendung vorwerfen es ist sein Geist der mich in diesem
Augenblick umschwebt«
    Während die Geheimrätin es sprach waren Aller Blicke auf sie gerichtet Es
war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen ein sonorer Ton in der Sprache der
selbst der Braunbiegler imponirte Mit ganz besonderen Blicken beobachteten sie
aber zwei der Anwesenden Wandel und Herr von Fuchsius jenes Gesicht erheiterte
sich dieser behielt denselben Ausdruck »Nun aber lieber Schwager« ging die
Lupinus plötzlich in einen andern Ton über »tun Sie uns den Gefallen und gehen
zu Andern denn Ihre Flanellbinden dürfen unsere Heiterkeit nicht stören Was
Sie mir getan ist vergeben und vergessen Sie sehen wir haben die Karten in
der Hand und brennen zu spielen« Die Liebenswürdigkeit selbst  Nein eine
Vornehmheit doch und diese Sanftmut dazu  Wenn es nicht gesagt wurde es
gedacht Wie herzlich zutrauend um es wieder gut zu machen hatte sie dem
Schwager der so tief unter ihr stand die Hand gereicht zum Abschied Lupinus
hatte die Hand an die Lippen gedrückt  etwas schauspielerhaft sagten Einige
Wie ein Polisson  Andere  »Er ist doch immer der Bruder meines seligen
Mannes der einzig Hinterbliebene der Familie« hatte sie geseufzt »Und was man
auch immer gegen ihn sagen mag von Herzen ist er gut«
    Man erwähnte dass die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimrats in
dieser Angelegenheit geäußert Es sei schön wenn ein alter Sünder durch gute
Taten seine schlimmen wieder gut zu machen suche
    »Wenns nur von ihm käme« sprach die Braunbiegler »Da habe ich auch nichts
gegen Er ist ja ein Mann in Amt und Brod und der König wird wissen warum er
sich solche Geheimräte gemacht hat Aber alle Welt weiß auch er ist nichts im
Hause Da steckt die Charlotte hinter seine Köchin Ich weiß nur gar nicht wie
die Familie den Skandal zulassen kann Wenn das in meiner wäre ich würde mich
ja schämen «
    »Madame Braunbiegler haben anzusagen« sprach mit großer Milde die Lupinus
 »Mein Seliger« setzte sie hinzu »musste doch wissen warum er mit seiner
unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah Ich bin nur seine
Erbin Sein Wille ist meiner«
    Das Spiel ging gut Die Braunbiegler gewann Das kühlt den Unmut Aber
hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut Verschiedene Personen saßen
an dem großen Trumeau der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing
    »Sie sind ja so munter liebe Eitelbach« fragte die Lupinus hinüber  »Der
Regierungsrat erzählt uns allerliebste Kriminalgeschichten« Fuchsius hatte
einen dankbaren Hörerkreis »Das ist noch gar nichts« sagte er »Dann wird Sie
eine andere Geschichte die ich in einer englischen Zeitung las noch mehr
interessieren Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit
seiner Frau wahre Muster in Sittlichkeit und Wohltun Man stellte die beiden
Leute wirklich als Exempel auf Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne
Kinder und da ihnen Alles glücklich ging bedauerte man sie nur wenn ein Gatte
dem andern in jene Welt vorausgehen sollte Der Mann starb zuerst Es hieß er
hätte sich zu wenig Bewegung gemacht der viele Staub seiner Bibliothek den er
eingeschluckt hätte sich auf seine Lunge geworfen«
    »Die arme hinterbliebene Frau« sagte die Eitelbach
    »Frau Geheimrätin haben vergeben« rief ein Spieler am Tisch »Excus es
flimmerte mir etwas vor den Augen«
    »Sie ward auch allgemein bedauert« fuhr Fuchsius fort »ertrug aber ihr
Schicksal mit wunderbarer Fassung Sie lebte nur dem Gedächtnis ihres Mannes und
führte mit großen Opfern Alles aus was er angeordnet Man betrachtete sie als
eine Art Heilige Da fügte es der Zufall dass durch einen Gewitterregen der an
einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt
des Wassers mehrere Särge den Abhang hinuntergestürzt wurden Darunter war auch
der worin der selige Friedensrichter lag Er zerbrach und mit Erstaunen sah
man die wohl konservirte Leiche als wenn er noch lebte Von einer besonderen
Luft konnte es nicht herrühren denn die andern Leichen waren zerstört Man fand
aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung Werden Sie es
glauben wenn ich Ihnen sage dass es sich ermittelt hat die eigene Frau hat ihn
umgebracht« Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille »Aber wie ist
denn das gekommen Warum denn Sie hat ihn ja so geliebt« rief die Baronin
Fuchsius der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle saß wie wohl Erzähler
tun die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus
sich herausspinnen und dabei nicht rechts und links blicken Fuchsius sah dabei
unverwandt vor sich auf den Spiegel »Gott sei Dank das ist nicht möglich«
rief die Eitelbach »Aber ungleich interessanter« fuhr der Rat fort »und
vollständig ermittelt ist wie sie ihren Mann umgebracht hat Können Sie sich
das denken, sie puderte ihn in dem Puderstaub aber war Arsenik«
    Am Spieltisch war eine Störung Der Geheimrätin waren die Karten aus der
Hand gefallen sie sah blass aus ihr Kopf senkte sich Das hatten aber die
Wenigsten gesehen Im selben Moment schon war der Legationsrat aufgesprungen
»Eine Maus« Er zog das Taschentuch damit fuhr er und schlug er an der Wand
entlang nach dem Boden »Eine Maus eine Maus«  Vergebens schrie Madame
Braunbiegler auf »Wir haben keine Mäuse« Es hatten noch Andre die Maus
gesehen denn worauf hätte sonst der Legationsrat sich so lebhaft geworfen Wie
auch die Wirtin dagegen protestirte in ihrem Hause seien nie welche gewesen
noch sollten sie sich je zeigen sie kam in dem allgemeinen Allarm nicht auf
besonders als auch der Regierungsrat an ihr vorüberstreifend ihr zuflüsterte
»Sie müssen sich schon zufrieden geben es war eine Maus Madame Braunbiegler«
An der Tür sagte er halb für sich »Eine Falle wird ja auch im Hause sein« Die
Baronin meinte er gehe eine zu holen als er sich unbemerkt im allgemeinen
Aufstand entfernte
    Es war ein verdrießlicher Aufstand am verdriesslichsten für die Geheimrätin
Lupinus welche die Ursache gewesen denn sie konnte nun einmal keine Mäuse
sehen ohne einer Ohnmacht nahe zu kommen Aber wie schnell hatte sie auch jetzt
sich erholt sie war die erste welche ihre Karten wieder in der Hand hielt
»Warum mussten Sie mich verraten« schmollte sie mit einem eignen Blick zum
Legationsrat »Das Tier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand
hervor Was tat das Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben«
    Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette aber die Maus noch nicht
fort Man erzählte von andern bekannten Personen die auch eine Idiosynkrasie
vor Mäusen hätten Auch Herr von St Real ward erwähnt Er spränge trotz seines
Krückenstockes wenn er eine wittere auf Stuhl und Tisch »Sprang« rief eine
Stimme vom Spieltisch »Ach wissen Sie noch nicht er ist tot plötzlich am
Schlagfluß gestorben«  Ein allgemeines Bedauern das sich in ein allgemeines
wohlgefälliges Lächeln auflöste Nicht der Kammerherr sondern sein Onkel der
reiche Johannitercomtur Graf St Real war gestorben und sein Neffe Erbe seines
Vermögens und seiner Titel geworden Der Tribut allgemeiner Teilnahme ward dem
unsichtbaren Erben gezollt
    »Ach ein so liebenswürdiger Herr dem gönne ichs« sagte die Wirtin
»Charmanter Kavalier« schmunzelte ihr Kompagnon der Baron »Gefällig gegen
Jedermann hat noch die feinen alten Hofsitten Wenn solchem Mann ein Glück
zufällt da kann man doch noch sagen es ist Gerechtigkeit drin Die Glückspilze
sind mir zuwider« Die Braunbiegler meinte er wäre tot und nun könnte man ihn
in Ruhe lassen »Wenn mir nu noch Ener kommt« trumpfte sie auf den Tisch »ob
er todtig ist oder lebendig des weiß ich denn schmeiss ich die Karten fort Zu
ville ist zu ville  Aber Frau Geheimrätin müssen Sie denn allemal
vergeben«
    Der Bediente war eingetreten offenbar mit einer Meldung aber er schien zu
zaudern als er die Lupinus im Begriff sah die wieder aufgenommenen Karten zu
mischen »Es ist draußen  es steht draußen  es will Jemand Frau Geheimrätin
Lupinus sprechen«  »Wir haben hier auch zu sprechen«  »Der sagt aber er muss
absolut«  »Na wer ist es denn Jean«  »Ich kenne ihn nicht Madame
Braunbiegler  aber  aber er ist sehr dringend er hat ein Schild auf der
Brust und sagt er muss partout«
    Wandel hatte die Geheimrätin fixirt Ein »à merveille« entstieg unhörbar
seinen Lippen als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand Sie verzog
keine Miene »Ich kann mir denken was es ist wahrscheinlich wegen eines
Dokumentes aus meines Mannes Nachlass auf das eine auswärtige Behörde aus
archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht Es tut mir unendlich leid
dass ich abermals die Gesellschaft stören muss hoffentlich nur auf einige
Augenblicke« Sie rückte den Stuhl zurück Wandel reichte ihr den Arm und führte
sie bis an die Tür Ob und was er mit ihr gesprochen weiß man nicht Sie haben
sich nicht wieder gesehen heißt es
    An der Tür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter und die ihren
Blick damals sahen wollten ihn nie wieder vergessen haben Mit einem Lächeln
rief sie »Ich bin am Geben meine Damen vergessen Sie es nicht und ich werde
nicht wieder vergeben«
    Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten Im Augenblick wo man
einen Wagen abfahren hörte trat das Stubenmädchen ein blass wie verstört »Ach
Gott wissen Sie schon « Die Sprache versagte ihr »Was«  »Sie wird abgeführt
 sie ist kriminalisch « die Tränen stürzten dem Mädchen aus den Augen »Ach
Gott ach Gott dass solchen Leuten auch so was passieren muss Die gute Frau
Geheimrätin«  »Unmöglich  Ein Missverständnis« Die Karten fielen die
Stühle und die Tische rückten Überall blasse Gesichter Mehrere Herren waren
hinausgeeilt Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt Es ist eine
fatale Wahrnehmung für unser Humanitätsgefühl aber es steht unstreitbar fest
mitten aus diesem Humanitätsgefühl schießt oft eine kannibalische Lust wenn wir
ungewöhnliches Unglück von äusserem Schrecken begleitet hören In das Bedauern
für die Leidenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel Es ist nicht immer
Schadenfreude oft nur die Freude aus dem Alltäglichen heraus in die Regionen
des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen Hören wir dass es nur blinder Lärm
war kein Feuer eine Mystifikation so werden wir still Wir äußern vielleicht
ein Gott sei Dank Aber ganz recht ist es uns nicht dass die wunderbare
Aufregung ohne Resultat geblieben
    »S ist richtig Wissen Sies« schrie der Baron »Um des Himmels Willen
was«  »Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben  Die Leiche ist heimlich
ausgegraben  secirt O wir werden noch mehr hören«
    Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben unternehmen wir nicht die
aufgerissenen Augen die bleichen Gesichter die Taschentücher die Eau de
Kologneflaschen Die »Unmöglichkeit Es ist Verleumdung« welche zuerst von den
Lippen brachen verstummten allmälig Es kamen immer Mehr zurück die es
bestätigten neue Details angaben Die hatten die Gerichtsdiener Andere
Fuchsius einen Kriminalrat einen Gerichtsarzt gesprochen Die Gesellschaft
war aufgelöst die Nachrichten wuchsen mit den Vermutungen Sie hatte nicht nur
ihren Mann vergiftet auch die Kinder ihre Dienerschaft Sie war eine
Giftmischerin aus Profession eine Brinvilliers Sie hatte aus einer Apotheke
alles Rattengift aufgekauft »Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen«
    Eine Dame entsann sich dass sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und
traktirt und die Kinder waren nachher krank geworden Sie hatte die ganze
Schule vergiften wollen das war keine Frage Wir wissen nicht ob in derselben
Gesellschaft aber am selben Abend schon erzählten Einige dass die Lupinus die
Intention gehabt ihre Nachbarschaft ja die ganze Jägerstrasse aufzuräumen »Und
in unserer Stadt  In dem aufgeklärten Berlin  Man wird es auswärts nicht
glauben  Aber wir werden noch mehr hören«
    Nachdem Madame Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt war sie die
aufgeregteste wenigstens die lauteste Wenn man sie nur gefragt sie hätte es
längst gewusst  nein das freilich nicht aber vorgeschwant hätte es ihr dass
es so oder so etwa kommen werde Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke
getraut so etwas Maliciöses im Gange und den Fingerspitzen in den Locken und
Lippen und die cachirte Vornehmheit An ihrem Gesichte konnte man ihr die
Giftmischerin ansehen Und wenn sie nur Den wüsste der sie ihr zuerst ins Haus
gebracht
    War dies vielleicht die arme Baronin Sie saß über ihren Stuhl gelehnt wie
ein Bild des Entsetzens blass mit weit aufstarrenden Augen sprachlos Es war
ihr Vieles im Leben begegnet sie hatte einmal geglaubt noch vor Kurzem was
sie dulden müsse das dulde Keiner außer ihr aber das was sie jetzt erlebt
war mehr es war zu viel Sie hatte dafür keine Sprache vielleicht auch keine
Gedanken Die Lupinus galt ihr und war ihr immer vorgestellt worden als ein
Muster von feiner edler Bildung von Herzensgüte und Verstand das sie zwar
nicht erreichen aber auf das sie zur Nacheiferung blicken woran sie sich
halten könne Und glaubte die Eitelbach nicht dass sie schon eine Andere
Bessere geworden Hatte sie nicht erkannt woran es ihr fehle hatte sie es in
einem gerührten Augenblicke nicht geradezu ausgesprochen und die Lupinus hatte
ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt die einfältigen
Herzens sind denen ist das Himmelreich offen  Und ja sie war es wirklich
welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht
hatte Da brach es heraus Schmerz Ärger Wut »Herr Gott wenn die ne
Giftmischerin ist was sind wir dann Alle«
    Der Legationsrat Wandel schien in dieser fürchterlichen Szene nicht die
Fassung behalten zu haben welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag
gelegt Das Unglück einer teuren langjährigen Freundin musste auch ihn
momentan erschüttert haben Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht
ganz Herr seiner selbst. Er saß auf einem Stuhle den Rücken der Gesellschaft
zugewandt Sein Kopf sank über Plötzlich aber stand er auf und trat in die
Mitte des Zimmers Sein Auge leuchtete indem er die Anwesenden überschaute ein
hochmütiger fast verächtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme »Und wer sagt 
ich frage wer wagt die Frau welche man aus unserm Kreise geführt eines
Verbrechens anzuklagen Hat Jemand von Ihnen Beweise Liest man in ihrem Herzen
Wer ich frage traut sich zu auf bloßes Geschwätz Vermutungen hin ein
Urteil über eine Dame zu fällen die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis
da in unserer Mitte stand Wer wiederhole ich fühlt sich so reinen Herzens um
den Stein auf sie zu werfen  Warum senken Sie die Köpfe  Wie Weil die
Dienstleute ein Gerücht hereintrugen ungebildete Gerichtsdiener übereifrige
Beamte sie verhaftet vielleicht auf ein bloßes Missverständnis eine
Verwechslung  Kommt das nicht vor Gibt es nicht Justizmorde  Wie darum
verdammen wir Die die Sie Alle durch lange Jahre mit Bewunderung Respekt
betrachtet die uns galt für ein Wesen höherer Art Diese Bewunderung für ihre
guten Eigenschaftender Eindruck den sie unwillkürlich auf uns Alle geübt
wäre erloschen fortgewischt durch ein einziges Wort O mein Gott lassen Sie
mich nicht so schlecht von uns Allen denken dass ein unbesonnenes überhastetes
Wort die Taten eines ganzen Lebens verlöschen könnte «
    »Aber « fiel ihm Jemand ins Wort Wandel ließ ihn nicht zu Worte kommen
    »Sie haben Recht der Schein ist gegen sie Ich vermesse mich auch in keiner
Art hier Richter zu sein noch ableugnen zu wollen was etwa von emsigen
Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist Nein von solcher Anmassung bin ich weit
entfernt Aber meine verehrten Freunde hüten wir uns Schlüsse zu ziehen aus dem
was scheint was wir vermuten Wollte ich meinen Vermutungen nachträumen dem
Scheine trauen der eben wie ein Blitz vor mir aufzückt ich müsste zum Ankläger
werden gegen die edelsten Männer die lautersten Charaktere Berlins Sie traute
keinem Arzte mehr sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben sie nannte
sie insgesamt Charlatane das wussten Heim Selle Mucius hat es auch gewusst
Sie präparirte sich selbst ihre Hausmittel sie hatte sich eine kleine Apotheke
von Herrn Flittner verschafft wie ich ihr auch abriet und vorstellte dass es
zu Missdeutungen eben von Seiten der Ärzte führen könne Es hat dazu meine
Herren geführt man hat Urteile über sie ausgesprochen die ich nicht
wiederholen will Wie nun wenn ich diesem Schein nachginge argumentirte sie
war eine sehr kluge Frau die tiefer sah als Andere darum waren Die denen sie
ins Handwerk schaute ihre geborenen Widersacher die ihr auf den Dienst
lauerten jede ihrer Handlungen missdeuteten diese Ärzte sind es die weil sie
dieselben vom Todtenbette ihres Gatten fern gehalten weil sie dieselben
beleidigt verhöhnt an Ruf und Praxis geschädigt sie sind es welche den
Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut bis andere daraus eine Denunciation
gebildet O nein meine Freunde ich unterdrücke diese Vermutung und noch
andere ich versichere Sie Vermutungen die einem Andern als mir zu Schlüssen
würden Nein sie steht mir zu hoch als dass ich ihr helfen sollte durch das
Verderben Anderer  Sie wundern sich über meinen persönlichen Eifer Nun wohl
denn wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht das man einer
edlen Frau antut nicht Grund genug ist so habe ich keinen unter so nahen
Freunden zu verschweigen dass meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus
mich nach dem Tode ihres Gatten trieb um ihre Hand zu werben Ich sprach es
noch nicht aus um ihre Gefühle zu schonen aber schon bei einer bloßen
Annäherung kam sie schonend doch mit einer Würde mir entgegen die alle meine
Hoffnungen zurückwies Sie gehöre dem Toten wie einem Lebenden an und nichts
dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen Brauche ich Ihnen
zu sagen wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte da Jeder von
Ihnen weiß dass ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat Und diese Frau wagt man
zu beschuldigen dass sie Hand gelegt an das teure Haupt ihres Verewigten Diese
Mitteilungen bin ich dem Kriminalgericht schuldig Ich werde sie machen und zum
Richter sprechen Untersuchen Sie streng das ist Ihre Pflicht aber erlauben
Sie mir auch eine moralische Überzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen
Möglich ist Alles aber nur Die welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium im
Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glücklichen genaht ist werden die
Beschuldigung aussprechen sie werden ein Behagen daran finden sie zu glauben
eine edle reine Seele wird die Worte ausrufen welche mir vorhin ins Ohr
klangen Wenn sie eine Giftmischerin ist gütiger Gott was sind wir dann Alle«
    Der Eindruck der Rede war groß Er hatte seinen Hut ergriffen sich gegen
die Gesellschaft verneigt am tiefsten gegen Madame Braunbiegler Die
Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers trotz der
Unruhe des Aufsbruchs denn die Meisten nahmen Abschied bewunderte man den
ritterlichen Mann welcher so der Ehre einer Frau sich annahm die ihm den Korb
gegeben Und seine hohe Gestalt sein tiefglühendes Auge unter einer Stirn die
sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien So hatte man ihn nur gesehen
als er im Hause der Obristin als Retter auftrat
    Niemand schien vergnügter als Baron Eitelbach er hätte als Beide im
Vorzimmer sich begegneten dem Legationsrat um den Hals fallen können Seine
Frau übernahm es statt seiner Eine Träne glänzte in ihrem schönen Auge als
sie vom Arm ihres Mannes sich losmachend ihre Hände auf seine Schultern legen
und auf den Zehen sich erhebend einen Kuss auf seine Stirn hauchte »Eine
schöne Tat verdient eine Belohnung Eigentlich dass Sies wissen habe ich Sie
nicht leiden können  Sie sind ein guter Mensch das wusste ich aber es war mir
doch immer daneben als wenn sie ein schlechter Mensch wären  heute aber nein
Sie sind gar kein Mensch nicht heute waren Sie wie ein Gott«
    Schade dass die schöne Szene durch ein kreischendes Gelächter unterbrochen
ward Nicht das des Barons der nur etwas »grinste« und sich vor Schadenfreude
die Hände rieb sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf und der
Rittmeister schrie schon von draußen sein » Tralirum la Krieg Krieg
Ausmarschordre  Laforest kriegt seine Pässe«
    Es war ein Intermezzo das überhaupt zu dem was hier geschehen nicht
stimmte Trompetengeschmetter das einen Choralgesang die Trauermusik eines
Grabeszuges unterbricht Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom
Wein Gleichviel es glühte und er war trunken Er fiel um den Hals wer ihm in
Weg trat »Krieg es geht los« begleitete den Kuss Er hatte den Baron Eitelbach
so umarmt er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die
Wangen Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsrats wich er zurück um den
GeneralStabsChirurg Görecke ans Herz zu schließen
    Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu
sehen Er flüsterte ihr ins Ohr »Nicht verzweifelt meine Freundin Man muss in
solchen Momenten der Aufregung auch einer Rohheit nachsehen die unter anderen
Umständen unverzeihlich wäre  Er kann sich bessern obgleich  doch es kommt
eben darauf an ob er ein Diamant ist oder nur ein Kieselstein«
 
                         Neunundsiebenzigstes Kapitel
                       Wir werden Alle Blut sehen müssen
Die blaugraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der
innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin als diese im
Negligé aus ihrem Kabinet trat Wandel der hinter ihr die Tür schloss war
schon fertig angezogen Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein
wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals ehe er sich anschickte den
Mantel umzuwerfen Die Fürstin wies auf die Tür zur Hintertreppe »Sie können
durch den Gartensalon Adelheid schläft schon seit gestern nicht mehr hier« 
»Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend« Die Gargazin
sagte nach einigem Besinnen »Ja  ich habe geweint« Was sie noch sagen wollte
verschluckte sie
    »Tant mieux Madame sie kann uns nun protegiren Le temps se change mais
pas les hommes«  »Ich wünschte Sie changirten« sagte die Fürstin ernst »Hat
Sie der Anblick des jungen Mädchens nie gerührt Zuweilen  wenn ich sah wie
alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten  ja zuweilen überkam
es mich ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe«  »Die Hand des
Schutzengels den der Himmel ihr gesandt drück ich jetzt an meine Lippen Au
revoir Übrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agirt« Die Gargazin riss
die Hand zurück und ihr strafender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern
sollen aber er schwieg nicht »So war uns die Rolle des Verführers zugewiesen
Jede Rolle ist gut wenn man sie nur gut spielt  Sie schaudern es ist ein
frostiger Oktobermorgen Sie werden sich erkälten Sie sollten sich wieder zur
Ruhe legen«  »Ich schaudre doch ich friere nicht« Er sah verwundert als sie
nach der Klingelschnur griff »Ich will nach der Hedwigskirche  Wenn Sie
gesündigt fühlen Sie dann nie das Bedürfnis Ihr Herz auszuschütten Haben Sie
gar keine Empfindung keine Ahnung davon welche Erleichterung Wohltat es ist
so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen und im Bekenntnis in der
Beichte zu den Füßen eines plénipotentiaire der Allmacht alles das
niederzulegen und jeden Winkel in uns auszukehren«
    »Ich begreife es  ich begreife es vollkommen«  »Und Sie verschmähen die
Wohltat«  »Was dem Armen ein Schatz ist wirft der Reiche oft aus dem
Fenster«  »O Sie reicher Mann« Es war ein böser aber scheuer Blick »Weil
sie so gewaltig stark sind Weil Sie die Schwäche nicht kennen  Ich hätte Sie
von Anfang an hassen müssen « »Aber Sie wollten mich bekehren darum erbarmten
Sie sich meiner und liebten mich«  »Nein  Eigentlich bewundere ich in Ihnen
die Allmacht der Natur. Wie es möglich war ein Geschöpf in Menschengestalt ohne
Blut und Herz zu bilden Sie waren mir neu interessant ich wollte Sie
studieren Ich klopfte an ob nicht irgendwo eine schwache Seite herausklinge 
aber kalter Marmor von außen und noch kälter von innen Ich fragte mich was
bewegt denn diesen Block den irgend ein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb
und gemeisselt ins Leben setzte mit täuschender Menschenähnlichkeit aber er
ward kein Mensch«  »Einige wollten behaupten der Egoismus sei es allein der
diesen  Marmorblock in Tätigkeit bringt«  »Aber die Lichter des Himmels
blitzen Sie doch an die Töne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall Es
rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus dass Sie blenden berauschen
verführen Sagen Sie ist das Alles nur der Reflex eines Spiegels den selbst
nichts rührt Haben Sie keine Seele oder ist sie wie das Meer am Eispol
eingefroren seit ihrer Schöpfung«
    »Viel näher teuerste Freundin läge doch der Vergleich mit dem Dämon den
der große Dichter ins Leben rief Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des
Möglichen und Unmöglichen statt Goethes Mephistopheles zu citiren Die Ehre
erzeigten mir Andere sie nannten mich den Geist der immer verneint Höflichere
hatten sogar die Freundlichkeit den Schalk in mir zu wittern von dem es dort
heißt dass unter allen Geistern die verneinen er dem Herrn der Schöpfung am
wenigsten verhasst sei Doch das lass ich auf sich beruhen es ist
Geschmackssache wie Alles in der Welt Antipatieen und Sympatieen Was sich
anzieht was sich abstösst es ist Alles ein Spiel der Laune die wir nicht
ergründen der Kern des Kernes die Ursach der Ursach nach der die schöne
Königin Charlotte selbst einen Leibnitz umsonst fragte und quälte Nein danach
müssen wir nicht grübeln um Gottes willen wir Alle sind ja nach Ihrem Glauben
 Erwählte oder Verstossene denen die Gnade leuchtet oder es blieb in ihnen
finster Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen er kann ja
nicht für seine Maulwurfsaugen noch dass sein Blut so kalt blieb als das
arktische Meer Wenn Sie da weiter fragen wollten hohe Frau auf welche Fragen
stießen Sie Rätsel die selbst Ihr Glaube der Berge versetzt nicht löst Zum
Exempel warum gab der Panurg sich die Mühe Meer da oben am Nordpol zu
schaffen wenn es sofort zu Eis erstarrte Wir Skeptiker würden fragen warum
schuf er nicht sogleich Eis es wäre doch einfacher bequemer consequenter
gewesen Was hat dies arme Salzwasser verschuldet dass es die schmerzliche
Metamorphose erduldete Muss es wie ein neugeboren Kind die Sünden seiner
Erzeuger büßen und warum büßen in alle Ewigkeit denn bis nicht ein Komet an
diese alte Erde stößt der Weltenbrand alles verzehrt wird dies unglückliche
verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst«
    »Der Weltenbrand« rief plötzlich die Fürstin auf und ihr Gesicht glühte
Nicht die Wärme von innen es war eine Purpurglut die von Außen daran schlug
Die Sonne war aufgegangen die Wolken zerrissen eine unförmlich große
Feuerkugel tanzte im Dunstlicht Aber bald sah man sie nicht mehr vor der
Färbung die sie dem ganzen Dunstmeer mitteilte Das Firmament schien Feuer
Das Zimmer eben noch im unheimlichen Grau war von rotem Gefunkel
übersprenkelt Rasch hatte die Wirtin das Fenster aufgerissen und die Dächer
der Häuser die weite Stadt so weit man sie übersah schwammen in einem
Blutrot Wenn sie überrascht war schien es nicht die Überraschung des
Schrecks sondern einer dämonischen Freude Sie streckte ihren entblößten Arm
hinaus in die kalte Luft während diese Kälte sie doch nötigte die Enveloppe
mit der andern Hand fester um Brust und Hals zu drücken »Sehen Sie«  »Die
Nebel zerteilen sich Es wird ein schöner Herbsttag werden«  »Der Tag der
Vergeltung Er bricht an Feuer und Blut gemischt O ich könnte mich freuen ein
entzückendes Schauspiel wenn die wogenden Flammen über die Dächer sausten das
Lied der Vergeltung heulend Des neuen Attila Mission ist groß und ich sehe
sie ist noch nicht zu Ende Die Leichen sollen sich noch zu Bergen türmen und
das Blut in Strömen fließen wo wir noch kein Bett dafür sehen  Ei Sie
schaudern das freut mich So blutig rot wie dieser Morgen «
    Wandel schauerte wirklich er zog den Mantel um die Brust »Sie wissen ich
kann kein Blut sehen Alles  Andre  nur kein Blut « Die Gargazin schien sich
an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden »Steigt Ihnen es auch zu
Wangen  Wir werden Alle Blut sehen müssen mein Herr von Wandel Ohne das
keine Erlösung aus diesem Dasein Entweder stockt es und wir gehen in
Konvulsionen unter oder es strömt in hellen Purpurquellen aus und das ist die
leichtere  Hören Sie die Trommeln wirbeln Wie mutig und froh gehen die
Tausende dahin wo die eisernen Würfel fallen  Ja das Spiel ist aus der
Ernst beginnt mein Herr Verspüren Sie keine Lust Hörten Sies nicht singen
Im Felde da ist der Mann noch was wert Regte es sich da nicht in Ihnen Hier
ist er gar nichts mehr wert«
    Welcher Dämon war in die Frau gefahren dachte der Legationsrat »Um ins
Feld zu ziehen muss man « »Mut haben« unterbrach sie ihn »Bewahre Ihr Genius
oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor eine Amazone zu
werden« Sie schien ihn nicht zu hören »So rottenweis sie fallen Reihe um
Reihe unter dem Kartätschenhagel stürzen das Feld sich lichten zu sehen für
einen Feldherrn soll es ein Götterschauspiel bieten Da wenn er auf der Höhe
hält den Tubus in der Hand sein Schlachtross unbeweglich unter seinen Lenden
da soll Napoleon ein Gott sein Ein Bewegen mit dem kleinen Finger ein
Seitenblick ein Zucken mit der Lippe die Adjutanten verstehen es neue
Bataillone wälzen heran sie füllen die Lücken um wieder  Lücken zu werden 
Ich kann die Frau da begreifen wenn es wahr ist was sie von ihr erzählen Mit
Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen warum soll es nicht zum Kitzel
werden dem man nicht widersteht«
    »Die Unglückliche Sie wollte gewiss keine Verbrecherin werden«  »Wer will
das Sie wollte nur Glück um sich verbreiten aber weil die Menschen eigensinnig
sich ihres auf eigne Weise suchen ward sie erbittert bis  bis  Ja  weil sie
nicht Mut hatte zu sündigen darum ward sie Verbrecherin Eine Philosophin 
sie hat ihre Götter sich selbst geknetet  weiß ich aus welchem Kot  Wer
den Gott des Lebens nicht kennt seine Beseligung dürstet doch nach einer
anderen Der Gott des Todes gewährt sie auch und wem die großen Würgeengel
nicht zu Kommando stehen wie Bonaparte lässt sich mit den kleinen genügen Die
Gemeinheit sagt sie hätte es aus Rache getan Nein ich verteidige die Frau
Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand«  »Sie würde mit ihrer erlauchten
Verteidigerin schwerlich zufrieden sein«  »Herr von Wandel wird sie
allerdings besser verteidigen weil er sie besser kennt« War das ein
Basiliskenblick  Er wollte sprechen  aber er stotterte nur von Gott und
reinem Bewusstsein Wenn sie unschuldig werde jener sie schützen dieses sie
trösten
    »Reden Sie doch nur in Sprachen die Sie verstehen« herrschte die Fürstin
ihn an »Wenn Gott seine Zuchtrute am Himmel aushängt für die Völker straft er
auch die Einzelnen Merken Sie sich das Herr von Wandel Wenn Pestilenz Krieg
Verderben in einem Lande ausbricht kommt es nicht angeweht vom Winde es bricht
von Innen heraus wie ein Geschwür von den faulen Säften Merken Sie das 
Werden Sie noch hier bleiben Mich dünkt hier ist nicht Ihres Weilens Mich
dünkt Ihnen könnte Gefahr drohen  Mich dünkt man glaubt Sie zu kennen «
»Wer«  »Ich nicht« rief mit Nachdruck die Gargazin »Ich will nicht mir
graut Sie kennen zu lernen Die Akademie will Sie nicht aber für Gelegenheit
nach Russland lassen Sie mich sorgen  ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan
verschaffen«
    Der Legationsrat verneigte sich zum Abschied »Die Luft dort ist mir zu
streng«  »Was fesselt Sie hier«  »Erlaucht wissen « »Unmöglich  nein 
abscheulich  das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu«  »Eine mariage de
raison weiter nichts Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande
sind behält die Vernunft das letzte Recht«  »Mir aus den Augen«  »Was tat
Madame Braunbiegler Euer Erlaucht Zorn zu erregen«  »O mehr als abscheulich 
widerwärtig  eine Versündigung gegen Geschmack Gefühl Aestetik An einen
trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen da war im Epheu holder Wahnsinn 
aber das Tier das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt das wagten die
Griechen selbst nicht  Und mit Bewusstsein klar sehend  Mir aus den Augen 
da ist die Treppe  wenden Sie sich nicht um  Ich will Ihnen nicht wieder ins
Gesicht sehen  nie nimmermehr«
    Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und  er stand schon auf der Treppe
Da aber wandte er sich doch um Es musste ein eigener Blick sein Sie ward rot
und blass »Erinnern Sie sich« rief sie ihm nach »dass Sie keine Zeile
Schriftliches von mir in Händen haben  Ich kenne Sie nicht  Fort  hinunter
 Scheusal  schneller«
    Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen Er machte sich keine
Illusionen darüber Aber warum  Weil er das ästhetische Gefühl der Fürstin
verletzt Weil grade diese Rivalität ihren Schönheitssinn empörte  Ein
höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen Er litt zum ersten Male
ungerecht Er hatte nie im Ernst an die Heirat gedacht War es nur eine
Weiberlaune welche plötzlich in ihr aufgestiegen und hatte die Aufwallung
einer Phantasie so lange künstliche wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt
Oder lag etwas Bestimmtes zu Grunde
    Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht Eine
fürchterliche Überzeugung aus Kettengliedern zu einer Kette geworden Er war
nicht mehr oder vielmehr er galt nicht mehr was er gegolten Wer gibt einem
fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder Sein Kopf senkte sich seine Füße
wurden schwerer Der frühe Morgen war ein Glück für ihn er begegnete keinen
Bekannten Der große Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen
können Dort stand er an der Ecke zaudernd drei Wege vor ihm der eine führte
zur Post Seine rechte Hand griff unter den Rock an die Stelle wo das Herz
sitzt Ob er dessen Pochen hörte es unterdrücken wollte Über dem Herzen war
aber auch die Brusttasche des Rockes in dieser sein Taschenbuch und in
demselben steckte ein von allen Gesandschaften visirter Pass ins Ausland Es
waren auch vielleicht mehrere Pässe auf mehrere Namen  Sein Sinnen in dem
Augenblicke war ob er nach der Post eilen Extrapost nehmen und die Stadt und
das Land auf immer verlassen solle Vielleicht ließ er damit mehr hier zurück
als den Staub seiner Füße  seinen Namen An einem andern Orte tauchte er unter
einem andern neugeboren auf die Welt ist groß
    Aber vor seinen Augen musste sie nicht so groß erscheinen als er mit den
Zähnen die Unterlippe kneifend vor sich hinstarrte Auf der Landkarte die sein
Auge in der Luft vor sich zeichnete sah er vielleicht Städte und Länder die
ihm schon verschlossen waren Indem schallte Reitermusik die Straße herauf
Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte
Frisch auf Kameraden aufs Pferd aufs Pferd
Ins Feld in die Freiheit gezogen
Sie schaukelten sich dabei noch ungeschult in toller Lustigkeit in den
Sätteln »Was ist diesen Bauernlümmeln Freiheit  was Vaterland« rief es in
ihm »Der Stock ihr Meister und doch gehen sie mutig dem entgegen dem sie
nicht ausweichen können sie müssten denn desertiren Und das Desertiren hat in
diesem Lande mehr Gefahr als  dem Feinde stehen Ich will auch nicht
desertiren«
    Er ging weiter nicht nach der Post aber doch schien er noch unschlüssig
wohin War es Zufall dass seine Schritte sich nach dem Hotel des französischen
Gesandten lenkten Alles war hier in Tätigkeit Packwagen standen unter dem
offenen Torweg aber auch eine Kutsche angespannt auf der Straße Laforest
wollte Abschiedsbesuche machen Wenn Wandel hier angeklopft würde er
bereitwillig aufgenommen sein er ging unschlüssig bis an die Stufen aber  er
musste Gründe haben weshalb er nicht anklopfte Er ging rasch vorüber und
atmete auf »Er ist doch nur ein Meteor« sprach er für sich »Wenn er
untersinkt wo bleibt Napoleons Schweif« Wir glauben dass Wandel sich hierin
selbst belog Er hatte andere Gründe weshalb er Frankreich nicht mehr betrat
    Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken Zwei Morgenspaziergänger
die einen Brunnen tranken setzten sich ebenfalls Nachdem sie über die
Wirkungen des Wassers sich des Längeren unterhalten sprachen sie auch von der
Lupinus und ihrer Verhaftung Die Geschichte erhielt neue Wendungen Sie war
nach des Einen Konjektur eine geborene Giftmischerin aus Instinkt Er wollte
gehört haben sie hätte schon in der Schule angegiftet dann als
fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplet
vergiftet Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen und sie
tue es ohne allen Zweck und Vorteil nur weil es in ihrem Blut liege Sie
könne es nicht lassen Der Andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben sie
sei eine wohlerzogene und treffliche Frau gewesen aber die Neigung zu einem
fremden Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht Sie hätte sich zuerst selbst
vergiften wollen weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert ihre Blicke nicht
verstanden Dann aber hätten sie sich verständigt und der fremde Herr merken
lassen dasswenn sie frei wäre und nicht Manches sonst im Wege stände er sie
gern heiraten würde Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres
Schwagers vergeben Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden
und man hätte sie aus dem Hause geschafft die Kinder wären daraufgegangen Der
fremde Herr hätte darauf gesagt so sei es gar nicht gemeint gewesen und er
habe auf immer von ihr Abschied genommen Da aber hätte sie grade schon auch
ihren Mann vergeben gehabt und wäre von der Alteration außer sich geraten
Alles wäre ja umsonst getan »Ich weiß nicht Herr Geheimsekretär« sagte der
andere Geheimsekretär »ich weiß nicht ob ich nicht den andern vornehmen Herrn
auch bei den Ohren fasste«  »Wird auch geschehen« rief der Angeredete dem
klugen Manne ins Ohr »Gestern im Kasino hörte ich so etwas unter uns gesagt
dass der Herr Regierungsrat von Fuchsius auf ihn vigilire Es ist da was  man
weiß nur nicht was  indes man wird ja davon hören« 
    Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rat Fuchsius auch noch
in früher Morgenstunde denn der Rat saß im Schlafrock und Pantoffeln beim
Kaffee und Pfeife Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit
ihn zu sprechen und ehe noch der Bescheid hinausging war der Legationsrat
eingetreten
    Zwei fein gebildete Männer sind um den Anfang eines Gesprächs nicht
verlegen ohne das Wetter zu Hilfe zu rufen Aber Wandel unterbrach den
schönsten Fluss der Introduktion bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt was
ihm die Ehre des Besuches verschafft indem er den Hut auf die Erde fallen ließ
und mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend die Hände gegen die
Stirn drückte »Mein Gott wozu das Alles  Sie wissen warum ich hier bin 
Die Arme Unglückselige  Sie sehen mich in unaussprechlicher Angst und
Verwirrung  ich kann kaum meine Worte fassen  Verzeihen Sie wenn ich
Ungehöriges rede  Sie wissen aus eigener Anschauung in wie naher Verbindung ich
mit ihr stand « »Um so schmerzlicher kann ich mir denken« entgegnete
Fuchsius »muss die Beschuldigung welche die Dame trifft einen edelgesinnten
Freund berühren«  »Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache Eine Bitte
voraus  wenn sie schuldig ist ich meine nach Ihrer Ansicht gleichviel ob es
nur Ihre moralische Überzeugung ist oder eine die sich auf Beweise gründet
erlauben Sie mir wenigstens ihrem ältesten Freunde sie in unserm Gespräch als
eine arme unglückselige Dulderin zu bezeichnen«
    »Da der Jurist die Regel gelten lässt Quilibet bonus praesumitur donec
contrarium probetur versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von
selbst«
    »Und nun« sagte Wandel mit fester Stimme  »ohne Umschweife wie es sich
unter Männern ziemt was haben Sie über mich disponirt«  »Sie vergessen dass
ich mit der Diplomatie nichts mehr zu tun habe«  »Mein Gott wozu die
Komödie bin ich ein fugae suspectus Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause Mit
einem Worte werden Sie mich verhaften lassen«  »Ich  Sie  Das ist eine
sonderbare Frage Sind Sie denn angeklagt«  »Qui saccuse wollen Sie damit
sagen Wohlan ich betrachte mich als ein Angeklagter und frage Sie offen
heraus habe ich mich als ein Surveillirter zu betrachten oder habe ich die
Kaptur zu gewärtigen Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen liegt mir
viel daran es zu wissen und ich würde Ihnen sehr dankbar sein wenn Sie mir
gradeaus Ihre Absicht mitteilten«
    »Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe
zur Kaptur«
    »Nun sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe dass eines intimen
Umganges mit der Geheimrätin das Gerücht mich bezüchtigt und ich räume ein es
war mehr als Gerücht Ich war fast täglich in ihrem Hause ich führte ihre
Geldgeschäfte ich wusste um Dinge die Niemand sonst weiß Sie war eine
nervöshysterische Kranke eines jener zartgestimmten Instrumente die eine ganz
besondere Behandlung erfordern um nicht immer Disharmonien zu hören und von
sich zu geben Sie hatte einen Widerwillen gegen die Ärzte welche sie nicht so
zu behandeln verstanden oder es nicht wollten Ich musste ihr kleine
sympatetische Mittel verschreiben es war oft Betrug dabei das gestehe ich
ganz offen denn solche Kranke die sich stets selbst täuschen verlangen auch
von ihren Aerzten getäuscht zu werden Im Verlauf der Zeit war sie auch damit
nicht zufrieden sie wollte selbst operiren Wie ich auch dagegen mich sträubte
sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapoteke und ich musste
den Vermittler spielen Herr Regierungsrat alles das sind schon
Verdachtsgründe auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen
würde Aber  ich empfand eine Achtung für die seltene Frau die mit jedem Tage
wuchs die weil ich sie erwidert glaubte zu einer Seelenharmonie ward Ich
hatte daran gedacht wenn sie frei ward um ihre Hand zu bitten mein Interesse
war daher des Geheimrats früher Tod er ist früher gestorben als man erwartet
es heißt nicht auf natürlichem Wege ich war bis dahin wenn nicht täglich
doch sehr oft in ihrem Hause im nächsten Verkehr mit der welche man der
Giftmischerei bezüchtigt sie empfing Spezereien wobei mein Name genannt ward 
ich will mich auch gar nicht darauf berufen dass ich grad in letzter Zeit
seltener ansprach  ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an wollte also
meinen Vorteil geltend machen Nun mein Herr entscheiden Sie ob das in Ihrem
Lande dringende Verdachtsgründe sind«
    Fuchsius hatte ihn fest angesehen »Ich kehre die Frage um was würden Sie
in meiner Lage tun Sie haben die Rechte studiert«  »In Amerika ließe ich den
Mann auf der Stelle verhaften Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles wo ich
als Friedensrichter so handelte Es ergab sich nachher er war unschuldig Aber
Sie müssen den amerikanischen Charakter die besonderen Verhältnisse beachten
Standesrücksichten gibt es nicht die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören
dort nicht vor Gericht nichts als die matter of fact Ich weiß ich stoße so
oft an indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder
zurechtfinde«  »Ich höre zum ersten Mal dass Sie in Amerika waren Herr
Legationsrat«  »Eine Vorahnung was die Revolution uns bringen würde trieb
mich schon bei ihrem Ausbruch dahin« sagte Wandel mit einem Seufzer »Wäre ich
doch nie zurückgekehrt Man muss gestehen die Revolution hat mehr und Tieferes
zerstört als Königreiche und Fürstentümer«   »Vielleicht auch dem nur den
letzten Stoß gegeben was längst in sich zerstört war« sagte der Rat  »Sehr
wahr Eine tiefe Wahrheit Herr Regierungsrat Wenn ich der schlichten Sitten
der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe nicht bei den Landbewohnern allein
auch in unserer Familie wie sie traulich Abends unter den Lindenbäumen vor der
Tür des reinlichen holländischen Hauses saßen und ihren Tee tranken bei der
weißen Tonpfeife Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte
Herrengeschlecht der Vansitter Und als ich zurückkehrte « »Vansitter«
wiederholte Fuchsius und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung Den
an von dessen Lippen dieses Wort geflossen war Wandel der sich nicht aus
seiner Ruhe bringen ließ lächelte fein »Ja wie Ihnen wohl auch schwerlich
geheim blieb gehöre ich zu dieser leider nur zu ausgebreiteten Familie« 
»Sie stammen aus Geldern«  »Wo die Familie herstammt darüber befragen Sie die
Heraldiker Ja ein großer Teil von Geldern Yssel glaube ich doch sogar
mehrere der größeren friesischen Inseln gehörten zu den Besjetztümern dieser
alten sassischen Dynastien Soll ich etwa stolz darauf sein Von der
Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Vansitter in Kopenhagen und
dies reiche Handlungshaus welches vermutlich Ihre Notiznahme veranlasst ist
schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen Sic transit
gloria mundi mein Herr Regierungsrat Die echten Abkömmlinge der Vansitter
sind über die Erde zerstreut wie Ihre Becker und Schulzen Der Zweig dem ich
angehörte war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark
übergesiedelt aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der großen Firma bin ich
nicht im Stande Ihnen anzugeben denn schon mein GroßOheim der Gouverneur von
Surinam äußerte lachend wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe würde
Gott im Himmel selbst seine Mühe haben sie wieder zu rangiren und Jeden an
seinen Platz zu stellen Ehe ich nach Amerika ging hatte allerdings mein Vater
mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern
Wandel von entfernten Vettern wieder erstanden Aber lassen Sie mich davon
schweigen wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand Nach der Schlacht von
Gemappes wars geplündert ecrasirt die Särge meiner Vorfahren  doch genug
davon Dennoch fand ich mich bewogen wieder den Namen Wandel anzunehmen mit
welchem Recht das interessiert Sie nicht  aber beruhigen Sie sich ich hätte
nötigenfalls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen 
aber das Motiv können Sie sich leicht denken Nicht wegen des Vansitter der von
den holländischen Patrioten gehängt war angeblich als preußischer Spion  der
politischen Sphäre war ich längst fremd  aber ein anderer Vansitter hatte ja 
wars in Brüssel oder Brügge die famose Entführungsgeschichte in der Familie
Bruckerode  selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die
Zeitungen mit diesen sauberen Familienerinnerungen A propos weiß man gar nicht
was aus diesem meinem unglücklichen Vetter geworden ist«
    »Wer weiß von allen Opfern die im Strudel der Revolution untergingen« 
»Desto besser für ihn Ich hörte einmal dunkel er sei mit Napoleon nach Egypten
gegangen und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt
geschieden Wie dem sei er hat seine Torheiten oder seine Vergehungen gebüßt
und so wenig ich auf meine altaristokratische Abkunft stolz bin fühle ich mich
verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien Wir Alle mein
teuerster Regierungsrat leben noch für die Gegenwart Ihr und uns gehören wir
an ein Tor wer weiter hinaus will und nun Excus für die Abschweifung zu
unserer unglücklichen Geheimrätin zurück  Hat sie wirklich noch nichts
eingestanden«  »So nehmen Sie an dass sie etwas einzugestehen hat«
    Wandel war aufgestanden Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu
pressen »Ja wie die Dinge stehen kann ich einer Vermutung mich nicht
erwehren Und  offenherzig  kann man ein notorisches Faktum bestreiten Sie
hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen sie hat
sie dort bewirtet mit Kaffee und Kuchen sie selbst bereitete den Kaffee sie
hatte den Zucker mitgebracht den Kuchen zu Haus gebacken Die Lehrer und
Hunderte von Zeugen standen umher und sahen « »Dass drei oder vier Kinder unwohl
wurden und nach Hause gefahren werden mussten weil sie sich den Magen überladen
hatten Alle sind wieder hergestellt Das ist ein leeres Stadtgeschwätz« 
»Gott sei Dank Aber unter uns wir Beide waren im vorigen Jahre selbst Zeugen
von der plötzlichen unerwarteten gefährlichen Erkrankung der Kinder ihres
Schwagers « »Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte« 
»Das konnte sein Herr Regierungsrat Aber in Verbindung mit jenem
nachfolgenden Faktum gewann die Sache für mich  ja vor dem Richter ist es
Pflicht die innerste Überzeugung auszusprechen  sie gewann dadurch ein mehr
als bedenkliches Ansehen« Fuchsius blickte ihn verwundert an
    »Mein Herr Regierungsrat Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat
eine Bedeutung die wir mit unserer Philosophie nicht lösen Erklären Sie mir
den Instinkt der Kinder der vielen jungen Mädchen die ohne allen Grund ohne
ein denkbares Interesse nur einem dunklen Triebe folgend Feuer anlegen Wie
viele ähnliche grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller
Völker von sonderbaren Gelüsten die zum Verbrechen zur entsetzlichsten
Atrocität sonst gut geartete Seelen antreiben  Die Lupinus hat keine Kinder
ich weiß wie der Mangel die Sehnsucht danach auf Seiten ihres Gemüts hämmert
Sie springt Nachts aus dem Bette wandelt umher die Leuchter in der Hand  so
sagten mir wenigstens ihre Kammermädchen  sie sucht an den Wänden und ruft wo
sind meine Kinder Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der
Gegensätze War der Prozess so undenkbar dass sie plötzlich das tötlich hasste
was sie liebte und entbehrte dass sie die glücklichern Eltern die sie
beneidete verfolgte Es ist ein schauerliches Geheimnis der Natur, eine
Exception von der Regel aber diese ganze Frau ist eine Anomalie Angenommen
dies konnte ich sie nicht verteidigen vielleicht nicht mal entschuldigen
aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre Tat glauben und sie doch
nicht verdammen«
    »Ich kann Ihnen die Beruhigung geben« sagte Fuchsius »dass so wenig als die
Schulkinder in den Zelten durch Kaffee die der Lupinus durch die Chokolade
vergiftet sind«
    Wandel richtete sich auf ein tiefer Atemzug schien ihn zu erleichtern und
sein Gesicht klärte sich auf Ehe Fuchsius sich dessen versah fühlte er sich
embrassirt »Mein teuerster  Sie edler Mann Ihr Wort ist Leben Es hat eine
Last eine Angst eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewälzt Sie war
rein ich bin der Sünder der das für möglich hielt der mit seinem heillosen
Argwohn  o Gott ich weiß nicht was ich rede  Dank tausend Mal Dank sie ist
gerettet « »Gemach mein Herr«  »Sie ist für mich gerettet Um das Übrige
kümmere ich mich nicht«  »Es bleibt dünkt mich noch viel übrig«  »Das
Andre ich bitte Sie  nicht wahr sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet
haben und ihren Mann mit Bücherstaub und ein Attentat mit Trüffelwürsten die
sie ihrem Schwager Lupinus schickte Erlauben Sie mir dass ich darüber lache
Nach einer so ernstaften Stunde fühlt man zuweilen das Bedürfnis Nun
inquiriren Sie Liebster so viel Sie wollen wenn Sie mir nur sagen sie hat
keine Kinder vergiftet « »Das sagte ich nicht unbedingt«  »Bedingt oder
unbedingt mir gleich viel«  »Man hat eine Substanz gefunden « »Die wie
Arsenik aussieht Liebster Fuchsius ich will Ihnen etwas zugeben ich will sehr
viel zugeben es ist Arsenik O es ist zum Todtlachen In den Bücherstaub soll
sie ihn gemischt haben Nicht wahr Da muss sie ihn vorher im Mörser stampfen
reiben ausschütten in ein Behältnis eine Schachtel füllen damit gar nichts
vorbeifällt dann muss sie es in eine Streusandbüchse tun und nun in die Stube
schütten schwenken sprengen Erlauben Sie mir wenn das die Frau vermochte
ohne sich selbst zu vergiften verdiente sie ein Prämium der Akademieen«
    »Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist untersucht und Hermbstädt hat
Arsenik darin gefunden«
    »Der gute Hermbstädt Verstehen Sie mich recht ich zweifle gar nicht daran
ich wundre mich nur dass Hermbstädt ihn gefunden hat Ich will ihn finden wo
Sie wollen da hier im alten Lederrücken des Stuhls in Ihren Pantoffeln
Arsenik ist überall selbst in Ihrem Blute Es kommt nur darauf an ihn zu
sekretiren Da rufen Sie mich Teuerster wenn Sie die Untersuchung nicht
aufgeben und Sie sollen das Wunder sehen aus seinen schweinsledernen Folianten
will ich vor Ihren Augen so viel Arsenikstaub entwickeln um das ganze
Kammergericht vom Präsidenten bis zum letzten Nuntius damit zu vergeben Da
würden manche Leute triumphiren die immer gesagt dass in den Büchern Gift
steckt  Au revoir«
    »Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz Wie
erklären Sie das«
    Wandel verbeugte sich »Gar nicht wo das Märchen anfängt kriecht die
Vernunft in ihr Schneckenhaus Wenn der Märchendichter ein Motiv erfindet warum
die Lupinus ihren Hausknecht vergiften musste um ihn los zu werden wo es ganz
einfach bei ihr stand ihn fortzujagen wenn er ihr nicht mehr gefiel wird er
auch ein Motiv dafür finden warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner
Trüffelwürste servirte Mein Verstand steht still ich weiß aus dem Märchen
keine andere Moral zu ziehen als dass ein Hausknecht von einer Geheimrätin sich
nicht mit Trüffelwürsten muss traktiren lassen«
    Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drückte jetzt dem Rat die
Hand
    »Wohin so eilig«  »Zu meinem alten Geschäftsfreunde dem unglücklichen van
Asten«  »Es kam ja noch nicht zum Äußersten Der Wein lagert in Stettin Bis
der Konkurs regulirt ist finden sich doch vielleicht Abnehmer«
    »Wer redet davon  Sein Sohn sein einziger Sohn könnte ihn retten wenn er
das Mündel des Alten heiratet Sechszigtausend  nein mit den Zinsen müssen es
jetzt achtzigtausend Taler sein und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches
sittsames Mädchen er hat nichts gegen sie einzuwenden er bekäme eine
vortreffliche Hausfrau aber  der junge Mann denkt höher hinaus sie ist ihm
nicht ästetisch genug er hat dem Vater erklärt betteln wolle er für ihn nur
könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht töten das wäre Selbstmord an
seiner Bestimmung er gehöre nicht sich allein an es gebe höhere Pflichten und
was der sentimentalen Redensarten mehr sind Ich sah eine Träne im Auge des
Alten als er es erzählte Und um dieser Tiraden und Sentiments willen lässt der
junge Herr der als ein Muster von Tugend verschrieen ist den würdigen alten
Mann seinen Vater  ruiniren Und das loben noch Einige er hat doch seinen
Gefühlen gehorcht  O Menschen«
    Als der Legationsrat hinaus war sprach Herr von Fuchsius »Sollte ich mich
doch getäuscht haben« Aber der Legationsrat trat wieder ein ohne anzuklopfen
ja in seiner Aufregung vergaß er den Hut abzuziehen »Sie fanden ein Residuum
von Arsenik im Magen des Menschen des Bedienten oder Hausknechts« 
»Unzweifelhaftes Arsenikpräparat«
    Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn der Hut flog ab er selbst sank
auf einen Stuhl einige Minuten sprachlos »Dann bin ich sein Mörder  ich
verschulde indirekt seinen Tod  ich gab den Ratschlag«  »Erklären Sie sich
deutlicher wenn ich bitten darf Es ist vermutlich nur eine Phantasie« 
»Nein Wahrheit Der Mensch litt an einem perennirenden kalten Fieber  Die
Ärzte hatten es nicht erkannt getäuscht durch zufällige Symptome Heim macht
jetzt Versuche das Wechselfieber mit Arsenik zu kuriren Er wendet es bei
Unbemittelten an seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so
enorm aufschlug Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen
Kur  Jetzt entsinne ich mich die Lupinus hörte mit besonderer Aufmerksamkeit
zu  dieser Blick den ich damals nicht verstand  Ihre Wissbegierde ihre
unselige Lust alles Gewagte zu versuchen  o arme Freundin jetzt wird mir
Alles klar und ich  Dein Mörder Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen Sie
haben ja ein vollständiges Bekenntnis« sprach der Legationsrat aufstehend
    Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen aber als er jetzt hinaus war um
nicht wiederzukehren sagte der Regierungsrat »So kann man sich in einem
Menschen täuschen Das ist der Fluch der vorgefassten Meinungen«
 
                              Achtzigstes Kapitel
                              Verschlungene Hände
Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet wissen wir nicht
aber einige Stunden nachdem wir sie verlassen finden wir sie schon in
vollständiger Morgentoilette wie sie mit einiger Verwunderung die Meldung eines
Besuches anhört Der Besuch ward angenommen und der Gesandte Herr von Laforest
erschien im Zimmer um bald darauf im Fauteuil ihr gegenüber zu sitzen Die
Fürstin hatte diese  Aufmerksamkeit wie sie sagte nicht erwartet »Die
Scheidestunde ist so ernst dass man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln
wegsieht« setzte sie hinzu »Warum ernster Fürstin als jede andere Trennung«
 »Weil es eine auf immer ist«  »Das Wort immer und ewig ist dünkt mich aus
dem Lexikon der Diplomatie gestrichen Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten
In der Ausgabe die ins Publikum kommt ist es freilich dick unterstrichen wir
schließen immer ewige Verträge Die Formeln aber dürfen wir nicht aus dem Auge
lassen sie sind die ewigen Fäden an denen ein zerrissenes Gewebe wieder
zusammengeknüpft wird Man muss auch mit dem Teufel höflich sein weil man nie
weiß ob man nicht seine Allianz einmal braucht«  »Sie können unmöglich
glauben dass man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet«  »Mit Diesen hier
Nein Gott sei Dank die Saat ist reif zur Ernte und die Sicheln geschliffen
für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben Preußen hat uns
viel sehr viel Geld gekostet Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen
müssen auch wenn es darüber drauf geht«  »Ihre Assurance lass ich auf sich
beruhen aber wir sind Preußens Alliirte«
    Laforest fixierte sie lächelnd »Ist der starke Mann der einen Knaben hinter
sich aufs Pferd nimmt weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet der
Alliirte desselben Eigentlich ists ein Zwerg der sich an die Croupe des
Riesen klammert«  »Durch zehn Jahre hat das große Frankreich unter allen
seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt«  »Um so
verdrießlicher sind wir gestimmt und um so schärfer wird die Züchtigung
ausfallen«  »Wenn der Riese es zugibt«  »Das ist der Punkt Prinzessin Wir
müssen uns darüber klar werden Der Zwerg hinten auf der Croupe wird auf die
Länge dem Reiter eine lästige Zugabe er hindert ihn in seiner freien Bewegung
und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken Wenn man ihn vor aller
Welt aufhob und von seiner Großmut ein Fait machte kann man ihn nicht immer
ohne Weiteres wieder in den Staub setzen«  »Lassen wir die Gleichnisse Sie
sind merveillös in Ihrer Zuversicht auf Sieg«  »Mein Kaiser schlägt nur los
wenn er ihn schon in Händen hat«  »Das kontrastirt furchtbar gegen den Glauben
hier«  »Desto besser Seit Friedrichs Auge erlosch sieht man hier durch eine
Brille die ihnen immer das Gegenteil von dem zeigt wie die Dinge sind Eine
wahre Wohltat der Vorsehung Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehen
Den Lauf der Gestirne berechnen Andere«  »Sie gefallen sich heute in
Paradoxieen«
    »Ohne alle Gleichnisse Prinzessin und aufrichtig Gedanke gegen Gedanke
Wenn große Mächte über große Fragen miteinander in Streit liegen so ist die
Einmischung der kleinen immer verdrießlich Was haben sie in die Wagschale zu
legen wo Kraft Wille Genie auf beiden Seiten stehen«  »Wo das Zünglein der
Wage hin und her schwankt dünkt mich gibt grade ein kleines Gewicht den
Ausschlag«  »Das bestreite ich In der Theorie mag es richtig sein in der
Praxis grundfalsch Bundesgenossen bringen Prätensionen mit und beschweren und
hemmen die Macht die zu entscheiden hat Wodurch siegte Friedrich Weil er
keine Bagage von Alliirten hatte weil er immer frei handeln konnte Wodurch ist
dies deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation das ehedem die
Welterrschaft prätendirte untergegangen Weil seine Kaiser nie frei handeln
konnten an den Rücksichten die sie allen möglichen Berechtigungen in dem
bunten Reiche gewähren mussten Österreich verblutet England lassen wir auf
seinem Brett im Meer Rule Britannia singen die Frage steht nur noch zwischen
Frankreich und Russland Ich bin wenigstens des Glaubens dass Russlands große
Staatsmänner die Sache so ins Auge fassen Es ist der Kampf um die Herrschaft
auf dem Kontinent zwischen dem Occident und dem Orient Was soll was hat da
mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen die Bagatelle Preußens«
    »Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede Sie ruft unsern Beistand an
wir gewähren ihn ihr Alexander lässt marschiren Herr von Laforest Möge Ihr
Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoß bereit sein als  Sie denken«  »Wir
sind bereit und  freuen uns darauf denn endlich muss es doch entschieden
werden wem zwischen zwei gleich großen Spielern das Schachbrett gehört Aber
das ist ein Kampf der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird Jetzt räumen
wir nur das Feld von kleinen Mitspielern unnützen Ratgebern es könnte
eigentlich beiden Grossmächten gleichgültig sein welche es über sich nimmt
diese Parteigänger fortzukehren denn Beide haben den Vorteil wenn das Feld
frei wird Ihre Armeen können sich entwickeln Und«  setzte er aufstehend hinzu
 »sie können ihre ganze Stärke zeigen sie kämpfen nicht für einen Vorwand sie
kämpfen für sich  wer weiß ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt ob
beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden über die Teilung der Erde zu
verständigen wissen«
    »Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume Herr von Laforest« sprach die
Fürstin »Mit dem Ossian konnten Sie diese hier nicht beschwatzen uns in
Russland « »Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen Die
Welt bedarf der Autorität Ein Stempel der Kraft muss den Völkern wieder
aufgedrückt werden damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand
durcheinander treiben In Frankreich hat sein Fuß die Jakobiner zertreten er
hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt er ist des
Willens sie auch den Völkern wieder aufzudrücken wenn  wenn nicht die seine
Bundesgenossen darin sein sollten mit dem gemeinschaftlichen Feind
gemeinschaftliche Sache machen«
    Die Fürstin blickte ihn scharf an Sie war verwundert sie wollte mehr
hören Der Mund schien halb geöffnet als ein Zeichen der Aufmerksamkeit aber
er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung während
Laforest fortfuhr »Ist dies Preußen nicht das wahrhafte Wespennest der
Sektirer Illuminaten wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden Laiche
und Brut zu neuen Revolutionen Und das Schlimmste sie wurden von oben
unterstützt oder gingen von oben aus die Philosophen lässt man Systeme bauen
man schmeichelt ihnen ruft sie in den Staatsdienst und was man niedertreten
und ausrotten sollte begiesst man noch Können wir nach solchen Erfahrungen
uns noch täuschen wie weit diese Systeme tragen wie sie das Blut vergiften
den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben wo jeder dürftige
Verstand sich anmasst selbst Alles von vorn an zu prüfen bis in den Grund der
Dinge hinein Täuschen wir uns auch darüber nicht dass die Könige von Preußen
noch die Macht hätten wenn sie wollten das Unkraut auszujäten Wir sahen ja
wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen misslang Es hat sich so eingefressen
in den fruchtbaren Boden dass es den Weizen nicht mehr aufkommen lässt ja man
wird noch oft Versuche machen aber ich besorge immer vergebens Was hat selbst
in Österreich das kurze Beispiel Josephs geschadet nun bedenken Sie was und
wie tief eine sechsundvierzigjährige Regierung und eines Friedrich das Blut
des Volkes vergiften musste Voran dem Reigen ging um das Maß voll zu machen
sogar eine philosophische Königin Es ist in der Nation zur Tradition geworden
dass die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht und sie hat
meines Dafürhaltens darin nicht so ganz Unrecht Darum Prinzessin darf dieser
Staat keine Macht bleiben oder wird der Funke zu einem Brande für alle Staaten
Und welche Verpflichtungen haben denn die alten Mächtigen in ihrer Mitte einen
Emporkömmling zu dulden der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet und sich
zuweilen die Miene gibt sie zu verachten stand er nicht jetzt eben noch es
war unerhört wie der Minos da und masste sich an zwischen den Kombattanten
über Europas Schicksal zu richten«
    Die Gargazin war ihm mit gespannter dann wie es schien gesättigter
Aufmerksamkeit gefolgt »Herr von Laforest überraschen mich Wer hätte das
vermutet Auch Ihr Kaiser will als ein neuer Sankt Georg den Drachen des
Unglaubens zertreten Seit wann ging diese remarquable Veränderung in Sr
Majestät vor«
    »Können Sie mit Spott das Einmaleins umändern oder einen mathematischen
Lehrsatz umstossen Der Satz heißt in diesem Falle er folgt den Maximen die er
zu seiner Selbsterhaltung für notwendig hält Seine Pläne gehen tiefer als Sie
glauben Von wo entspringt alles das Unheil an dem die Völker leiden Aus den
Beispielen die wir unvorsichtig aus dem Altertum holten aus der
unverständigen Anwendung der Begriffe, die damals galten auf die Verhältnisse
von heut Schon lange geht er mit dem Projekt um das Studium der Klassiker von
den Schulen zu verbannen Das was uns nützlich ist soll daraus übersetzt
werden eine Übersetzung unter dem Stempel der Autorität mit dem anderen
klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift Stimmte dies nicht mit den
Ansichten meiner erlauchten Frau Ihre Kirche gibt aus der Bibel dem Volke nur
was sie für gut hält Napoleon will dasselbe das Heidentum will er verbannen
Mich dünkt da gehen wir noch Hand in Hand Er hat die Pariser Universität zum
Instrumente seiner Macht umgeschaffen Sind wir da nicht auch einig Er will
nicht dass wie in Deutschland so viel Lehrstühle sind so viel Irrlehren der
Jugend gepredigt werden Der Staat soll eine Lehre prüfen als gut und richtig
approbiren und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden Stimmen wir
darin nicht Er hasst die Ideologie weil sie den Menschen vom Praktischen und
Notwendigen entfernt weil sie ewig an der Autorität rüttelt Stolz
Überhebung Schwärmer hervorruft Will Ihre Kirche die darf der Staat des
großen Czaren sie dulden Deutschland ging daran unter Preußen schmeichelt
ihnen weil die ganze Nation aus Ideologen besteht Darum nennt mein Kaiser sie
die Jakobiner des Nordens Mich dünkt eins der treffendsten Worte die aus
seinem Kopf entsprangen«
    »Und was ist der langen Rede kurzer Sinn«  »Das nur andeuten wollen wäre
Vermessenheit wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und 
Fürstin Gargazin das was einschlägt ihm anraten wird«  »Was aber würden Sie
an meiner Statt meinem Kaiser raten Versetzen Sie sich einmal in meine
Stelle«  »Fürs Erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen wie sies
verdienen Wer den heißen Brei angerichtet kann ihn aufessen Ihnen ihren
Willen gelassen  Sie lächeln das wäre gut französisch geraten und so
arglistig dumm dass es eigentlich eine Beleidigung sei einer Fürstin Gargazin
es ins Gesicht zu sagen  Erlauben Sie mir die Bemerkung es ist nicht so ganz
dumm Buxhövden hat in Riga den Befehl zu rüsten Vergönnen Sie mir auch zu
bemerken der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen viel zu spät Ich tadle
darum Ihre Staatsmänner nicht denn konnten sie wissen dass es hier endlich
Ernst dass man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde Eine
Mobilmachung kostet viel Geld man tut es doch nicht immer bloß zum Vergnügen
besonders dann nicht wenn eine ernsthafte große Rüstung uns bevorsteht Für
die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte Nun rüstet Buxhövden Es ist
jetzt Anfang Oktober Bis spätestens Ende Oktober stoßen die preußischen und
französischen Heere auf einander irgendwo im Herzen von Deutschland geht es
nach den Feuerköpfen hier so weit wie möglich nach dem Rheine zu Nun bitte ich
Sie wie viel Truppen kann der wackere Buxhövden bis dahin disponibel machen
bis dahin durch Kurland Litauen Preußen Pommern Brandenburg durch
unwegsame Sandsteppen aufgewühlte Wege dem Gros der Preußen nachschicken Ich
will das Höchste annehmen dass dreissigtausend Mann in forcirten Märschen bis zum
Entscheidungstage die Preußen erreichen dass sie dieselben noch nicht geschlagen
finden würden diese dreissigtausend abgematteten Krieger aus Komplaisance auf
die Schlachtbank geführt das Schicksal ändern Sie würden mit den Preußen
aufgerollt vernichtet Und gesetzt die Preußen siegten wie viel Brosamen Ehre
würden die Bramarbasse dem russischen Succurs zukommen lassen  Russland wäre
noch einmal moralisch geschlagen ohne geschlagen zu haben  Nein erlauchte
Frau ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmänner und spreche
zugleich im Stolz eines Franzosen wenn ich sie sagen lasse Russland ist es sich
selbst schuldig nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten
zu kämpfen es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für Andere es
ist Pflicht seiner Ehre Gehorsam gegen seine Machtstellung seine ganze Macht
zusammenzuhalten um sie für sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwälzen wenn
 die Zeit kam«
    »Nachdem die preußische Armee vernichtet ist«  »Die wird es ohnedies In
ihrem Dünkel wollen es die Herren die den König zum Kriege zwingen auf einen
Schlag ankommen lassen Durch einen Effektstreich soll wieder gut gemacht
werden was so lange Jahre durch versäumt ist Sind sie besiegt so ist Preußen
zertrümmert das Land liegt vor uns eine offene Beute« 
    »Und Russland das zusieht«  »Behält die Kraft auf einen Feind sich zu
stürzen der zwar Sieger ist aber blutet Denn auf einen verzweifelten
Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preußen sind wir gefasst Was dann
weiter steht im Rat der Götter aber ich meine dass Kaiser Alexander an der
Spitze seines Reiches soutenirt von seiner Grenze ein Wort darin mitsprechen
wird das nicht verhallen kann Wo zwei Gleiche sich gegenüberstehen ist aber
Zeit zum Verhandeln«
    »Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen dass Preußen keine Staatsmänner hat
wie Herrn von Laforest«
    »Und ich Russland Glück wünschen dass sein Tsar eine Freundin hat deren
hellerem Blick er traut Unter uns Napoleon hat keine solche Freundin er
glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen Er traut
nur auf sich Das ist  ein Unglück denn über aller menschlichen Weisheit
schwebt doch ein Etwas  was wir mit dem Verstande nicht ergründen  Gleichviel
nun ob Sie Buxhövden die Regimenter die er zusammentreibt marschiren lassen
oder ihn freundlich warnen dass er die Dinge sich vorher ansieht dass er mehr an
Russlands Ansehen denke als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders
für Friedrich Wilhelm  das teuerste Frau sind Bagatellen  so oder so ein
höherer Wille lenkt dennoch Alles und  ich denke unser Abschied ist nicht auf
lange wir sehen uns bald unter andern Verhältnissen wieder« 
    An der Tür war der Gesandte noch einmal umgekehrt und zog ein gedrucktes
Blatt aus der Brusttasche »A propos Prinzessin Sie kennen vermutlich das
noch nicht Ein Korrekturabzug durch Zufall mir in die Hände geraten ein
Avantcoureur des kommenden Manifestes in die Erfurter Zeitung gestreut
Bemerken Sie den Passus«
    Die Fürstin überflog das Blatt »Nicht bloß Preußen die deutsche Nation
sollte ihrer Selbstständigkeit beraubt aus der Reihe unabhängiger Völker
gestoßen einer fremden Souverainetät untergeordnet werden Diesem Schlage dem
schrecklichsten der Deutschland noch treffen könnte zu begegnen ehe es zu
spät ist dieses ist nach glaubwürdigen Nachrichten der einzige Zweck von
Preußens gegenwärtiger Rüstung«
    »Quen ditesvous Madame Preußen rüstet nicht für sich sondern für die
deutsche Nation Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre könnten Andere als wir
vor den Konsequenzen erschrecken Aber ich hoffe man wird weder in der Hofburg
zu Wien blass werden noch in Sanct Petersburg rot noch wird mein Kaiser
fragen wer in aller Welt gab denn Preußen die Vollmacht für die deutsche
Nation Denn in Wien Petersburg und Paris weiß man dass Phrasen tönender Wind
sind Nicht wahr Aber ein wenig Achtung gibt man doch wenn die Kinder in
Phrasen zu sprechen anfangen die sie freilich gelernt haben aber man fragt
doch von wem«
    Der französische Gesandte Herr von Laforest war längst in seinem Wagen
fortgerollt »Und doch betrügt er mich nur« war das Ende eines langen
Selbstgespräches aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien
»Aber man lässt sich zuweilen gern betrügen« Sie setzte sich an ihren Sekretär
und schrieb hastig Das Billet auf Rosenpapier mit der Aufschrift »An den
Legationsrat Herrn von Wandel« ward einem Diener übergeben mit dem Befehl
auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen Die Antwort ließ doch
eine Stunde auf sich warten welche für die Prinzessin in sichtlicher Spannung
verging Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt aber Alles
was sie angefangen gefiel ihr nicht sie zerriss es wieder »Es geht nicht
schriftlich« sprach sie »Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden
gebracht werden« Endlich kam Wandels Antwort Sie lautete
    »Die ehrenvolle Mission welche Fürstin Gargazin mir zugedacht wie sie auch
laute ist mir der sicherste Beweis für das was mein Herz mir sagt dass es eine
Selbsttäuschung war als ich einen Moment glaubte dass sie im Zorn von mir
scheiden wollte Eine Heilige kann nicht zürnen
    Um so schmerzlicher trifft es mein Herz dass ich dem Rufe nicht folgen kann
Meine Verhältnisse meine Ehre gebieten mir hier zu bleiben Die Dame um deren
Hand ich mich bewerbe wird eine Aufwallung zu der ich mich hinreißen ließ
vergessen und die Gerüchte die man über eine Entzweiung aussprengt selbst
widerlegen Wenn die geringen Gaben welche die Natur mir schenkte die
Kenntnisse welche ich mir erwarb in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere
Sphäre anweisen so fühle ich doch nur zu sehr dass der Mensch der immer in
weiteren Peripherieen sein Glück sucht so oft das übersieht was ihm zunächst
liegt und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstiess Meine physikalischen
und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben dass ich in der
Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde welche dem Lande dem ich fortan
gehören will von wenn auch nur geringem doch von Nutzen sein werden Lächelt
Fürstin Gargazin darüber so denkt sie doch vielleicht milder wenn sie den
Spruch sich zuruft von dem der sich selbst erniedrigt
    Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen wenn nicht die heiligste Pflicht mich
fesselte Jene Aussichten bei Seite gesetzt in diesem Augenblick kenne ich nur
eine Pflicht eine unschuldig verfolgte Frau die mir einst teuer war gegen
die Barbarei der Gesetze zu schützen Ja ihr gehört mein Leben
    Urteilen Sie über mich verdammen Sie mich ich werde nie vergessen was
seiner Wohltäterin der edelsten Frau des Jahrhunderts der Fürstin Gargazin
verdankt
                                                          Ihr untertänigster «
    Die Fürstin zerriss mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine
Stücke »Nun muss ich selbst « In ihrem Hause war helle Unruhe Um Mittag fuhr
ihr Reisewagen mit vier Kourierpferden vorgespannt aus dem Tore von Berlin
Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus Von der Höhe draußen wandte sie
sich noch einmal um »Lebe wohl Babel du und dein Reich sollen vergehen«
 
                           Einundachtzigstes Kapitel
                       Sie sind die Puten von Excellenz
In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen
Oktobernachmittage eine ungewöhnlich große Zahl von Gästen versammelt Jene
Zeit wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüber standen
als es später der Fall war hatte doch den Vorzug oder wenn man es nicht so
nennen will sie bot für das gesellige Leben den Vorteil dass die öffentlichen
Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren dass die
Anwesenheit von im Leben niedriger Gestellten die höher Gestellten abhielt auch
ihr Vergnügen zu suchen Wo der Handwerksbursch Kegel schob konnte auch der
höhere Bürgerstand mit Ehren Weissbier trinken Beider Gegenwart schreckte sogar
den Königlichen Staatsbeamten und  was mehr sagen will  den Offizier nicht ab
seine Pfeife zu rauchen Wenn auch der Respekt die Stände nicht an denselben
Tischen vereinigte wie es im glücklicheren Süden der Fall ist, so war doch
Gottes freier Himmel die bretternen Lauben und der schmucklose Saal wenn es
regnete für Alle ein gleiches Asyl wenn sie aus dem Staub und Geräusch der
Stadt sich retten wollten
    Zwar dem Staub und dem Geräusch waren Diese hier nicht entflohen denn der
Garten lag an der Landstraße und auf derselben wälzten sich vom frühen Morgen an
die Züge der ausmarschirenden Truppen Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken
bis mitten in die große Stadt und die dicke Lyciumhecke welche den erhöhten
Garten wie eine Mauer von der Straße trennte lag in einem braungrauen
Puderkleide welches nichts mehr von dem ursprünglichen Grün zum Vorschein
kommen ließ Auch gaben sich die Mägde und die Gäste gar nicht mehr Mühe den
dicken Staub von den Tischen abzuwischen und empfahlen nur die Porzellandeckel
sorgsam wieder auf die Weissbiergläser zu stülpen Gegen Staub meinten die
Herren sei der Tabaksdampf die beste Waffe Man war ja zu Staub und Geräusch
gekommen und von den offenen Balkonen oder Estraden an der Hecke konnte man den
braven Kriegern die zum Tod für König und Vaterland auszogen ein Lebewohl
rufen man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen
frischen Trunk auf den Weg  den schon von der Sonne Gebräunten denn wie weit
her waren die Meisten marschirt und wie lange hatten sie auf den Sammelplätzen
stehen müssen ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte Wie die Lyciumhecke Alle
vom Staub gepudert vom Blau ihres Rockes vom schönen weißen Mehl ihrer Locken
war nichts mehr zu sehen Aber die Spontons und Bajonette funkelten in der
Sonne die Federbüsche schüttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und
 Alle sangen Ohne Gesang kein deutscher Soldat Die Disziplin kann Alles das
Singen wagt sie nicht zu verbieten Lieder waren es die kein Dichter für sie
gedichtet am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tytäus von
den Zeiten des dreissigjährigen Krieges der Landsknechte ja noch weiter hinauf
sie machten sich ihre Lieder selbstoder die Luft hauchte sie ihnen zu Einige
aus alter Zeit vom Scheiden und Meiden von frühem Tod und Morgenrot von
grüner Erde und Lindenbäumen klangen wohl noch wie das Wehen eines
Frühlingshauches durch Blütenwipfel aber sie klangen selten Der Soldat auf
dem Marsche sehnt sich nach »cannibalischem Wohlsein« Wenn Einer die
Tabaksfreude anstimmt den Krambambuli das von den Müllersäcken und
Müllermädeln da stimmte der ganze Chorus ein Lieder sind es welche der
Schrift nicht angehören aber sie leben schon viele Jahrhunderte und wollen
auch wohl noch Jahrhunderte leben
    Daher mochte der Leiermann im Garten so er wollte seine Ballade anheben
die ein patriotischer Poet um der Begeisterung aufzuhelfen gedichtet und die
etwa anfing
Grad fünfzig Jahre sind es her
Da zog der große König aus
Und hinter ihm sein mutig Heer
Den Feinden all zu Schreck und Graus
Die Militärs hörten gar nicht die Bürger nur halb zu trotz dem dass jeder Vers
eine Schlacht des alten Fritz illustrirte von Mollwitz bis Torgau Wenn aber
die Füsiliere »Ein Schifflein seh ich fahren« anstimmten war Alles Aug und
Ohr und die Zuschauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit gekreischten
Verse mitzusingen
Wie kommen die Soldaten in den Himmel
Kapitän und Lieutenant auf einem weißen Schimmel
Da reiten die Soldaten in den Himmel
Kapitän und Lieutenant Fähndrich Sergeant
Nimm das Mädel nimm das Mädel bei der Hand
Soldaten Kameraden Soldaten Kameraden
Wie kommen die Offiziere in die Höllen
Kapitän und Lieutenant auf einem schwarzen Fohlen
Da wird sie der Teufel schon alle holen
Kapitän Lieutenant Fähnderich Sergeant
Nimm das Mädel usw
    Es saßen viele Offiziere darunter sehr vornehme auf den Estraden den
Scheidegruss ihren Kameraden zu geben den sie morgen von den nach ihnen
Scheidenden empfangen wollten Aber die ernste Wehmut welche ernste
Scheidestunden hervorrufen hättest du auf wenigen Gesichtern gefunden
Plötzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt und eine grelle Beckenmusik
schallte übertäubend aus dem Garten herauf  wie zur Freude Aller Der General
den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennen gelernt und der jetzt auf
einen der größeren Balkone trat hatte es im Vorübergehen so angeordnet
    »Das war ja nicht mehr zum Aushalten« sprach er zu den Offizieren die sich
respektvoll erhoben »Was soll das Krächzen Wenn der Soldat ins Feld zieht muss
er fidel gestimmt sein« 
    Der General hielt auf seine Autorität und duldete keinen Widerspruch von
unten nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch weil er auch dahin auf seine
Autorität hielt Er galt für streng tyrannisch in seinen Launen ja Einige
nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten und von
brutalem Stolz gegen das Civil Heut erschien er milder War es der Anblick der
wohlgeordneten Kriegerscharen war es die Assurance mit diesem Heer zu siegen
oder der Ernst welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer
Schlacht bemeistert »Weiß vielleicht Einer von den Herren« unterbrach er das
Schweigen »was aus dem Obristwachtmeister von Eisenhauch geworden Nach
Österreich kam er voriges Jahr zu spät die Kampagne war vorüber Demnächst
schrieb man dass er aus Alteration gefährlich erkrankt sei Es sollte mich doch
wundern ob er sich nicht wieder bei uns einfindet wenn es Ernst wird«
    Auf die Frage wusste Niemand Bescheid sie wussten eben so wenig ob der
General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Offiziers hören wollte Sie
schwiegen
    »Meine Herren er ist ein Genieoffizier von admirablen Kenntnissen hat auch
manche vortreffliche Konceptionen Ich gestehe Ihnen einige waren wirklich
acceptabel und es tat mir leid als er den Abschied nahm Verdachte es ihm
freilich nicht Wollte nicht bloß Rat geben drauf los ins Feuer
chevaleresque und von exemplarischer Konduite Aber offenherzig es ist mir
heute doch lieb dass er nicht bei uns blieb Wir wären auf manche Vorschläge
eingegangen wir hätten Vieles geändert Vielleicht zum Guten  wer weiß es wer
hat die Probe gemacht Heute gereicht es mir nun zur Genugtuung dass auch
nichts in unserm Armeewesen geändert ist Wenn der große König aus den Wolken
blickte sähe er seine Armee wie er sie verließ kein Knopf an den Kamaschen
mehr oder weniger Und so soll und wird sie Bonaparte sehen Meine Herren
Attention Das ist etwas was wir nicht zu gering anschlagen dürfen Er muss bei
dem Anblick gleichsam fühlen dass er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts
sich schlagen soll Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist muss
dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen In seinem Moniteur lässt er uns
Don Ouixoten nennen Nun wir wollen doch abwarten wer Mühlenflügel und wer
Geister gesehen hat«
    Man konnte aber jetzt kaum noch etwas sehen und noch weniger hören Der
Staub war unerträglich geworden zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockner
Regen nieder Dazu war ein Toben Peitschengeknall ein Gewieher der Pferde und
ein Gekreisch der Trossknechte dass die Kommandoworte nicht mehr durch das Gewirr
drangen Was halfen die Flüche und Klingen der Offiziere die auf den Rücken der
Säumigen fuchtelten wo Alles stockte Drei Batterien hatten nachdem die
Dragonerregimenter das Ihre getan die Straße in Grund und Boden aufgewühlt
und jetzt so weit das Auge vor und zurück sehen konnte war sie mit
Bagagewagen Fourgons mit Kaleschen und Küchenwagen bedeckt So breit der Weg
hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren und grad am Garten war eine totale
Stockung eingetreten Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung aber in jeder
Ordnung gibt es Ausnahmen und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte
Aristokraten die auf Rang und Stand im Vorfahren unerbittlich halten Wessen
Generals Obristen oder Kapitäns eigne Wagen vorfahren wollen und dadurch die
Verwirrung verursacht war nicht mehr zu ermitteln kurz Räder Deichseln die
Pferde und ihre Geschirre waren in ein wüstes Knäul gedrängt dass die
Kampagnepferde der Offiziere dazwischen in Gefahr gerieten und nicht Reiter
noch Fußgänger mehr hindurch konnten um zu sehen wo die Stockung anfing und
Abhülfe nötig war Die kommandirten Aufseher und Offiziere mussten über die
Wagen wegklettern und springen und wo sich auch das nicht tun ließ schwangen
sich Einzelne über die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel
    Die Lyciumhecke war kein schirmender Wall mehr Tische Bänke und Estraden
wurden weil Alles überstieg und durchbrach verlassen um doch gleich wieder
von Neugierigen besetzt zu werden Eine Gefahr erschreckt nur im ersten
Augenblick im nächsten erregt sie schon den Kitzel es mit ihr zu versuchen
Die rohe Wut die Leidenschaften waren entfesselt Manches Gesicht glühte auch
vom Branntewein es konnte aus der Zänkerei ein Kampf werden Die verschiedenen
Truppenteile haben immer gegen einander Eifersucht Da warfen sich die
Feldkutscher vor wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen dort hechelten
sie sich über den Inhalt und die Größe der Bagagewagen und aus ihren
versteckten Winken  wo man diese Rücksicht noch beobachtete  erfuhr das
Publikum dass mancher Offizier Dinge oder Gegenstände mitnahm die eigentlich
nicht ins Feld gehören Wer daran zweifelte sah wohl vorn aus dem Rüstwagen ein
halbverhülltes Frauengesicht scheu vorblicken das nicht füglich zu den
Marketenderinnen zählen konnte Doch waren das nur Ausnahmen Aber zwischen dem
Schreien Fluchen und Wiehern tönten noch andere Stimmen die weder Pferden noch
Menschen angehörten sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schließen
ließ
    Die Menagerie war indes gar kein Geheimnis und wenn die großen Hühnerkörbe
hinten oder vorn auf den Generalswagen bis da mit Decken verhängt gewesen so
waren diese beim Zusammenstoß dem Klettern und den Manipulationen der
Helfenwollenden von den Meisten abgefallen Das geängstete Federvieh flatterte
und gackerte und schien selbst wieder einen Bürgerkrieg in den Gitterkörben zu
führen als durch das Zurückstossen eines Wagens mit Zeltstangen diese an den
Fourgon eines Generals stießen Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite über
ohne doch ganz fallen zu können der Hühnerkorb aber brach stürzte und die
gefiederten Innewohner so weit sie nicht von den Zeltstangen getötet waren
krochen flatterten und flogen heraus Da der Korb nach der Seite der Hecke
übergestürzt war entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten Die
Hühner in glücklichem RettungsInstinkt drängten sich nicht wie die Schafe in
einen Keil sondern über Köpfe und Tische flatternd krochen sie hier unter die
Hecke dort zwischen die Beine der Gäste oder suchten in sympatischem Zuge den
Hühnerstall des Kafetiers Der Aufruhr war damit in den Garten getragen
    Wo war die Disziplin wenn rohe Trainknechte über die Hecke auf den Tisch
springen konnten wenn die Gläser von Stabsoffizieren unterm wuchtigen Tritt
ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten wenn sie ohne Rücksicht auf Orden und
Epauletten nicht einmal die Honneurs machend auf die Erde platzten wenn
entlaufenes Federvieh für diese Menschen alle Rücksichten die der Autorität
gebühren aufwog Wo wenn selbst ordnungsliebende Bürger nicht davor
schauderten sondern es in der Ordnung fanden denn durch den Garten verbreitete
sich ein geflügeltes Gerücht »Es sind ja Obrist Köckeritzens Trutähne« 
»Nein riefen andere Stimmen es sind Excellenz Feldmarschall Möllendorfs
Putühner«
    Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene Solche Gärten hatten auch
stille Plätzchen wohin gefühlvolle Gemüter sich aus dem Geräusch des
Kegelschiebens und dem Klirren der Gläser zurückzogen Auf einer Bank unter dem
Lycium das seine ausgewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art
wilden Laube über ihre Köpfe rankte saßen Charlotte und ihr Wachtmeister Es
war die bittere Scheidestunde Auch wir nähern uns der von unsern Lesern und
scheuen uns deshalb ihnen eine neue Figur vorzuführen die  sie vielleicht
nicht wiedersehen Übrigens sah ein Wachtmeister wie der andere aus Charlotte
musste das auch denken Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen
Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint aber sein Gesicht war rot als
er die rechte Locke unter dem Hute ajustirte »Es geht nun mal nicht anders in
der Welt aber mit Kourage geht Alles«  »Halten Sie sich nur recht warm«
schluchzte sie »dass Sie sich nicht verkälten«  »Halten Sie nur Ihren
Geheimrat warm« sagte er »Darauf kommt Alles an Denn die Civilversorgungen
das ist die Schwerenot die sind verflucht mager«  »Und trinken Sie nicht so
viel Schnaps  und wenn eine Kugel kommt«  »Dann schreib ichs Ihnen«  »Und
wenn Sie mir nicht schreiben«
    Da hub das Schluchzen von Neuem an aber es war nur Charlotte Der
Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen den Pallasch in die rechte Lage
gebracht und sich grad aufgerichtet »Demoiselle Charlotte wozu hilft das
Greinen Sie müssen bedenken der Soldat ist Soldat Ists nicht so so ists
so Sterben müssen wir Alle und wenns uns noch so gefällt in einem Quartier
einmal ziehen wir raus Drum sagt unser Obristwachtmeister Kerle Ihr müsst
denken dass Andere nach Euch kommen die wollen auch was finden Und warum
nicht Sie sind ja auch Menschen Und so ist das ganze Leben sagt er wir
ziehen aus einem Quartier ins andere Und wems sein letztes war das weiß
Keiner nicht denn s kommt auf einmal auf den Plutz Da steht der Tod vor ihm
rot und blass auf der Mauer und kräht ihn an und eh es ausgekräht« 
    Charlotte schrie auf Es krähte ihn ja an Auf der Hecke stand ein
Kalekuter seine roten Lappen von der Sonne beschienen seine Augen funkelnd
vor Angst oder Zorn Und eine Pute flog auch über die Hecke und ihr gar in die
Arme Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf schreiend fluchend
die bösen Trainknechte mit so zornfunkelnden Augen als der Hahn Charlotte
hatte sich wirklich die Pute nicht aneignen wollen die sie unwillkürlich an ihr
liebebedürftiges Herz gedrückt Charlotte war selten um eine Antwort verlegen
aber kaum dass sie über die Lippen war musste sie es mit eignen Ohren hören
dass der Knecht sie anschrie »Selbst Pute sie« und mit eignen Augen musste sie
es sehen dass der Wachtmeister statt ihr beizuspringen mit nach dem Kalekuter
haschte »Es sind ja Excellenz Möllendorfs eigene Trutühner« rief ein Anderer
um sie zu Respekt und Raison zu bringen
    Der Puter und die Pute waren längst fort denn als Charlotte die Arme
öffnete hatte die letztere es vorgezogen einen Satz in die Luft zu machen als
in die Arme des Knechts zu fliegen »Bestien ihr wartet« war das letzte Wort
das sie hörte und leider war ihr die Stimme sehr bekannt Das wilde Heer war
verschwunden und das war der letzte Abschied von ihrem Wachtmeister Die Frau
Hoflackir die herbeikam fand Charlotten in Tränen Der Herr Hoflackir der
seiner Gemahlin die beiden jüngsten Kinder auf den Armen nachtrug derweil das
Aelteste an seinem Rockschooss ging fragte warum die Kousine weine  »Das
frägt er noch« sagte die Frau Hoflackir  »Es frägt sich vieles« sprach
Charlotte mit einem Blick gen Himmel »Ach lieber Cousin die Militärs in
Ehren aber ihnen geht doch das ab was ein empfindungsvolles Gemüt bedarf
wenn es sich über das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll Die Montur und
die Uniform sind etwas sehr Schönes für König und Vaterland aber mehr Gefühle
für Frauenwürde findet man doch beim Civil  selbst bei meinem lieben
Geheimrat«
    Und dass Puter und Pute dieselben noch ein zärtliches Paar aufschrecken
noch einen Abschied stören mussten Den Obristwachtmeister Stier von Dohleneck
und die Baronin Eitelbach die in der einfachen Allee am Rande des Gartens
promenirten Es war die süße Verständigung nach so langen langen Zweifeln »Und
nun grade uns trennen müssen« Seltsam war es doch hier das Widerspiel der
anderen Abschiedsscene Er schien der Geknickte und strich über die
Augenwimpern Tränen waren es nicht aber ein Jucken und Drängen an den Augen
als fürchte er sich vor ihnen
    »Wissen Sie mir ists manchmal als wären wir Alle nur da um uns zu
trennen« sprach die Baronin und sah in den blauen Himmel »Und wir lebten nur
damit wir uns darauf vorbereiteten« Er blickte sie verwundert an »Die zu
einander gehörten müssten sich ihr Leben lang suchen und wenn sie sich
gefunden haben wäre es nur um von einander Abschied zu nehmen Da geht Mamsell
Alltag mit ihrem Vater in den Salon Das ist doch ein kreuzbraves schönes und
gescheites Mädchen Was hat die ausstehen und sich versuchen müssen darüber ist
doch nun alle Welt im Klaren und nuns ihr endlich gut geht und die schlechten
Zungen schweigen müssen und die Königin sich ihrer angenommen hat und sie Den
nun endlich heiraten soll den sie von ganzem Herzen lieb hat da  da muss er
den Tag vor der Hochzeit spornstreichs auf und davon«  »Nur auf einer
dringenden Mission vom Könige Er wird wiederkommen«  »Wenn sie ihn nun als
Spion hängen«
    Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an Welche Lichter zückten
plötzlich durch diese Seele »Alles kommt anders als wirs uns gedacht« fuhr
die Baronin fort »und es ist überall so Die arme unglückliche schreckliche
Geheimrätin Ich mags noch immer nicht glauben dass sie so schlimm ist aber
wenn sie ihn liebte und heiraten wollte und es darum getan hat nun ist sie
auch auf immer von ihm getrennt«  »Von wem«  »Vom Legationsrat A propos
der ist Ihr aufrichtiger Freund Dohleneck Sie mögen es nun glauben oder nicht
Ein Freund in der Not ist er das kann ich Ihnen sagen Sie packen ihm Alles
auf wer was zu tragen hat und wen was ängstet und dafür verreden sie ihn noch
Aber er trägt es und lächelt Er weiß auch Dohleneck dass er Ihnen
unausstehlich ist und doch sorgt er um Sie wie ein Vater nein wie ein Freund
der Alles tun möchte um mir meinen liebsten Freund zu erhalten Was gibt er
mir nicht für Ratschläge dass Sie in der Kampagne zu Ihrer Gesundheit tun und
mitnehmen sollen und bittet mich dass ich Sie beschwören soll Sie möchten sich
nicht zu sehr exponiren«  »Wenn er mir den Rat ins Gesicht gäbe würde ich
wissen wie ich ihm ins Gesicht antworte ein Soldat tut nur seine
Schuldigkeit«
    Sie lächelte ihn ruhig an »Ich weiß es schon Grade so würden und müssten
Sie sprechen hat er zu mir gesagt Darum hat er mir auch verboten Ihnen von
den Salben und Pulvern zu geben Sie würden lachen und den Plunder in den Graben
werfen Der Beste und der Klügste änderts nicht was kommen soll und das ist
das Wunderbare in unsrer Bestimmung sagt er dass man das weiß und sich doch
immer wieder gedrungen fühlt den Rat zu geben der nicht befolgt wird So hat
ers auch mit der Lupinus gemacht Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben dass
es nur Achtung und Verehrung von ihm sei sie hats für Liebe gehalten Und wie
er jetzt auch sich Mühe gibt dass ihre Unschuld an den Tag kommen soll er weiß
doch sie werden nicht auf ihn hören denn die Menschen rennen alle in ihr
Verhängnis und er preist die am glücklichsten die nicht klug sind und nicht
Alles sehen wollen denn ihnen werden viele Qualen gespart Darum sagt er hat
er uns so lieb ob er schon weiß dass ich ihm nicht gut bin und Sie ihn gar
nicht mögen Da ist auch alle Mühe umsonst setzte er hinzu alle Beweise helfen
nichts und der Misstrauische weiß sogar in der guten Tat die man ihm erzeigt
eine heimliche böse Absicht herauszulesen«
    Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf »Wenn man sich doch
getäuscht hätte«
    »Das sagt er ja auch Wenn in der letzten Stunde nur die Enttäuschung käme
Wenn er da liegt auf dem Felde der Ehre und die Lüfte trügen mir wenigstens mit
Aeolsharfenklang sein Geständnis zu Ich habe mich in Dir geirrt Das wäre
wenigstens ein Trost«  »Donner und  Himmeldonner Er macht mich doch nicht
bei lebendigem Leibe tot«
    Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Veränderung
gesehen die auf dem Gesicht der Baronin vorgegangen Die Tränen stürzten aus
ihren großen schönen Augen sie zitterte »Ja mein inniger einziger Freund
er hat eine Ahnung  er wollte schweigen  ich erpresste ihm das Geständnis 
Ihr zügelloser Mut  er sah Ihr Blut fließen  Wir änderns nicht  ja es ist
nur zu wahr es findet sich Alles nur um sich zu trennen die Herzen um von
einander gerissen zu werden die Seelen und Geister um sich schätzen zu lernen
wenn sie sich verloren haben und das Glück ist nur da auf der Welt dass es
zerbricht  Es ging ja auch nicht anders« sagte sie sich zurückbeugend und
blickte ihn mit freudiger Wehmut an »Wir konnten uns ja nur finden um uns
wieder zu trennen  Freiwillig nicht wahr hatten wir es getan Und nun
trennt uns eine höhere Hand«  »Aber warum denn auf immer« sagte der Offizier
ihre Hand an die Brust drückend »Ohne Hoffnung « »Darf der Mensch nicht leben
und nicht sterben« fiel sie ein »Das hat er auch gesagt Und sah dabei in den
Himmel und das war ein Blick  Nein nicht auf immer sagte er wer
unvergänglich liebte der liebt auch in die Ewigkeit Ist denn das Blut ein
Strom der uns vom Jenseits trennt Da liegt er auf der Heide purpurn strömt es
aus Brust des Redlichen Sein letzter Hauch ist seine Freundin sein letzter
Blick für Sie Wenn er Sie im Tode sah warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode
sehen Sie werden sich wiedersehen«  »Nun um Gottes Barmherzigkeit willen
ja wir werden uns auch wiedersehen« rief Dohleneck in ungewöhnlicher
Aufregung »Kein Krieg ohne Blut aber warum gleich maustodt Wozu gibts denn
Charpie und Pflasterkasten Das Blut mag zwischen uns fließen ja ein tiefer
Fluss aber warum soll ich denn nicht rüberspringen und« 
    »Wir werden uns wiedersehen« und die Baronin öffnete die Arme und der
Obristwachtmeister auch  Da musste es um sie sausen krächzen und die wilde
Jagd kam hinterher »Fangt sie  Da sind sie  Die Brut«
    Als die Unholde heranstürmten war die Baronin schon durch die Öffnung der
Hecke geschlüpft Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die
Störenfriede ja seine Linke ruhte auf dem Degengriff Ob Herr von Dohleneck
ihn gezogen hätte wir wissen es nicht aber es war ja sein Wachtmeister der
in Respekt erstarrend vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten
Kopfes die Worte flüsterte »Halten zu Gnaden Herr Obristwachtmeister sie sind
die Puten von Excellenz Feldmarschall Möllendorf«
 
                          Zweiundachtzigstes Kapitel
                           Die Scheidestunde schlug
Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft  sie hoffte unbemerkt von den
Verfolgern  befand sie sich in einem schmalen Gange der eigentlich nicht zum
Spazierengehen sondern zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten
Plankenzaune mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gartens bestimmt
war Ihre Absicht war auch wohl gewesen wenn das wilde Heer vorüber in die
Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch
einen andern Mann den sie nicht als ihren Freund betrachtete abgehalten Nein
sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard und glaubte dazu
hinlänglichen Grund zu haben denn hatte nicht der Legationsrat in einer
vertrauten Stunde ihr  wir sagen nicht Alles aber doch Vieles vertraut was
sie nie erfahren durfte wenn man nicht ohnedem wüsste dass das Amtssiegel der
Verschwiegenheit über die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des
Geheimrats Bovillard nur zu oft erbrochen war Und diesen selben Bovillard der
mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt dem sie in in ihrer
Entrüstung geschworen nie mehr ins Gesicht zu sehen traf sie an dem einsamen
Orte er kam grad auf sie zu und hob grade den Kopf den er gesenkt trug ehe
sie ausweichen konnte Zu anderer Zeit kochte es in ihr ihm Sottisen oder die
Wahrheit zu sagen was sollte sie ihm jetzt sagen wenn er mit seinem medisanten
Witze sie raillirte Ach aber der Geheimrat war ein Anderer in kurzer Zeit
schien er um Jahre älter geworden Wohin war der elastische Schritt die
Jugendlichkeit die er im Umgange affectirte Er ging bedächtig und gesenkten
Hauptes Er litt an fixen Ideen sagte man War es sein Stammbaum dessen
Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen was seinen Blick auf der Erde
wurzeln ließ Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten
Lebemannes er benutzte sie um seinem Depit gegen die Verbindung seines Sohnes
mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen Er litt wer
sollte es glauben an einer andern Idee die er zwar nicht deutlich aussprach
aber aus seinen hervorgestossenen Reden erschien es dass er an gewissen Tagen
sich für vergiftet hielt von wem anders als der Lupinus Auf vernünftige
Vorstellungen gab der vernünftige Mann zu dass dies unmöglich sei da er jede
gesellige Berührung mit ihr vermieden hatte aber er nahm doch in jenen Tagen
viele und starke Laxanzen Er der erklärte Gegner der Romantik und alles
Mysticismus las in Büchern die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen und
an Ärzte die sich jener Richtung näherten stellte er die verblümte Frage was
sie von dem bösen Blick hielten an den die südlichen Nationen glauben und ob
nicht eine physische Möglichkeit sei dass er der Gesundheit Anderer schaden
könne Der Geheimrat Bovillard war bereits als malade imaginaire
sprüchwörtlich Sein Gönner der Minister mit der aufrechten Haltung hatte ihm
seine Universalkur Karlsbad wiederholentlich empfohlen der Geheimrat den
Rat aber von der Hand gewiesen  für jetzt Er fürchte es werde ihm als Furcht
ausgelegt wenn er sich aus Preußen entferne er sei ein Patriot darum müsse er
es zeigen Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten wenn auch nicht grade an
dem wo die Baronin ihm begegnete
    »Ach meine gnädige Frau« sagte er nachdem von seiner Seite weder eine
freudige noch eine andere Überraschung stattgefunden er brachte vielmehr die
Worte mit einer Art innerem Gähnen heraus indem er neben ihr herging »Ach
meine gnädige Frau die Moralisten sagen Alles in der Welt ist eitel aber es
ist nur die Wirkung aus der Ferne Ich sehe in der Welt nicht ab warum das
eitel sein soll was ich genieße und es schmeckt mir Eitel das heißt es
verdirbt und vergeht wird es nur durch die Einflüsse von außerhalb Könnte
Jeder seinem Penchant nachgehen dann gäbe es keine Eitelkeit und keine Sünde
nur vergnügte Menschen Sie lieben im Frühling die Veilchen ich die Maibutter
wie schön duften sie am Morgen wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum
Frühstück Da muss ein Weltkörper viele Millionen Meilen von uns entfernt so
einwirken das das Veilchen am Abende welk ist auch die Philosophie hilft
dagegen nicht Der böse Magnet Dämon was es sei in der Ferne unsere Pfeile
erreichen ihn nicht und was noch schlimmer wir wissen gar nicht wo unser
Feind sitzt So ist der Klügste nicht sicher wohers ihn einmal überkommt ob
er auf dem Eis einbrechen oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll Was ist der
Krieg Die Soldaten bilden sich ein sie trügen ihn und sie bluteten für uns
Aber contrair sie haben das Vergnügen und der Civilist hat die Leiden er muss
zahlen und zahlen Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott Übermut
und Einquartierung ertragen bis wir aus der Haut fahren Ich will mich nicht um
die Weltändel kümmern sagt der gute Bürger Und hat er dazu nicht ein Recht
was er nicht eingerührt hat braucht er nicht aufzuessen Hat der Weizenbauer in
Pyritz die französische Revolution gemacht hat er consentirt zur Pillnitzer
Alliance oder hat er Napoleon zum Kai er ausgerufen Gott bewahre er weiß von
alledem nichts hat nie was von dem wissen wollen aber büßen muss er jetzt
seine Pferde werden ihm ausgespannt Fourage muss er liefern seine Söhne muss er
hergeben zum Todtschiessen und wenn die Franzosen gewinnen frisst und prügelt
ihn die Einquartierung sie schmeisst ihn am Ende aus Haus und Bett wenn er eine
Frau hat alles das die Wirkung aus der Ferne und Niemand weiß meine teuerste
Baronin wo das Übel ihm sitzt und von wo es kommt«
    Die Baronin schenkte ihm einen Blick der zu verraten schien dass sie
wenigstens die Ferne kenne aus welcher sie die Wirkung empfunden Der
Geheimrat hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl
    »Meine Beste« sagte er das Gesicht in eigentümlicher Weise verkneifend
und beide Hände gegen die Seiten stemmend »denken wir nicht an vergangene
Torheiten Sie sollten nach Karlsbad Hier Gott weiß was hier kommt die
schwere Luft und Niemand weiß was er in den Sonnenstäubchen runterschluckt die
er einatmet wenn er den Mund auftut  Da  da können Sie ungenirt und frei
leben Ich ginge ja auch herzensgern aber  ein Staatsmann und die Rücksichten
 Excuse«
    Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück aus dem er die Baronin
unter so liebenswürdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte Da
trafen sich im Gewühl viele Bekannte die wieder auf die Estraden stiegen Die
Stopfung auf der Straße war gelöst Der Abendwind trieb den Staub nach einer
jenseitigen Richtung Herr von Fuchsius der die vereinsamte Frau zuerst
gewahrte hatte ihr seinen Arm angeboten Sie hätte wohl einen bessern Führer
gewünscht sagte er lächelnd aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem
ersten Besten anvertrauen »Wer in der Gefahr vereinsamt steht ist verloren«
Überall Abschiedsscenen Tränen Tücher »Sie waren eben Zeugin einer der
tragischesten Abschiedsscenen« Die Baronin sah ihn verwundert an »Herr von
Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben Es ist
der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute Er ist auf dem
Wege ein vollständiger Hypochonder zu werden  Aber beachten Sie den Abschied
dort er ist weit trauriger zwischen Vater und Sohn«
    »Zieht der junge van Asten auch ins Feld« fragte die Baronin denn dieser
war es dem sein Vater nach einem langen wie es schien eindringlichen Gespräch
plötzlich den Rücken wandte »Nur in die Freiheit  und der Alte vielleicht in
das Schuldgefängniss« Das Verhältnis war stadtkundig »Mein Gott wer hat denn
da nun Recht Der junge Walter ist auch ein so braver Mann« Der Rat zuckte die
Achseln »Baroness das sind Fragen auf die nur der liebe Gott Antwort weiß«
    Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Begleiters und der
Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen dass der liebe Gott wohl Antwort
gegeben habe Der alte van Asten der noch eben den Stock mit beiden Armen
unmutig auf die Erde gestampft und den Hut in die Stirn gedrückt hatte um den
Garten zu verlassen war plötzlich stillgestanden Eben so rasch wandte er sich
um und fiel dem Sohn der ihm wehmütig nachgesehen um den Hals Ob sie etwas
gesprochen und was wer konnte das hören besonders jetzt wo wieder ein
feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung
schmetterte Die Baronin riss ihren Führer auf die Estrade War erst jetzt die
Ordre gekommen Die Gensdarmen zogen aus der Stadt um in einem benachbarten
Dorfe Nachtquartier zu halten Noch war es hell genug um sich zu erkennen und
ein letzter roter Schimmer färbte die Federbüsche und Gesichter der Reiter Die
Baronin ließ ihr Tuch wehen er sah es und salutirte mit dem Degen Sie sprach
kein Wort aber unverwandten Blickes starrte sie hin bis die Gestalt sich in
der Menge verlor dann lehnte sie sich wie erschöpft auf die Schulter des
Rates »Wir werden uns wiedersehen« kam es wie aus tiefster Brust  Unfern
von ihr schrie eine andere weibliche Stimme »Ich werde ihn nie wiedersehen
Was soll aus mir werden« Charlotte war auf eine Bank gesunken Zum Glück stand
jetzt neben ihr ein ältlicher Herr  denn unter den übrigen Zuschauern schien
keiner sich um den andern zu kümmern ihre Blicke und ihre Gedanken gehörten den
schönen jungen ausmarschirenden Reitern allein an Der ältliche Herr klopfte
ihr auf die Schultern »Charlotte weine Sie nur nicht gebe Sie sich zur Ruhe
es wird sich schon Alles finden und ich verlasse Sie nicht«
    Es war eine besondere Stimmung unter Allen sehr verschieden von der lauten
beim Vorüberziehen der frühern Regimenter Hatte der Abend sie gemacht Waren
die Gensdarmen grade die Lieblinge der Zuschauer Man hörte keine lauten
Hurrahs keinen jubelnden Zuruf nur unterdrücktes Schluchzen Vielleicht tats
die Regimentsmusik sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von
Morgenrot und frühem Tod Nachher flüsterte man sich zu Prinz Louis sei in
seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschirt In
den Sälen die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen
Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen hatten einzelne Familien und
Gesellschaften zum Abendbrot sich vereinigt Die Lichter wurden schon
angezündet es sah aber wenig festlich aus trotz der Astern und anderer
Herbstblumen die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt
Luft und Boden die Dielen auf dem Erdreich liegend waren kalt und feucht die
Frauen hatten ihre Enveloppen die Männer ihre Überröcke umgetan Es war auch
sonst ein Etwas was die helle Freude nicht aufkommen ließ
    In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrat Alltag seine Familie
und einige Bekannte vereinigt Als Fuchsius die Baronin vorüberführte um sie
nach ihrer Equipage zu geleiten rief sie durch die hellen Fenster blickend
»Herr Je  da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten«  »Er war ihr
hochverehrter Lehrer« sagte der Rat »und der alte Alltag hat zum Abschied
alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten«  »Geht er auch mit in den Krieg« 
»Er nicht aber seine Tochter Die Königin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier
und Mamsell Alltag ist als Gesellschafterin der Viereck bestimmt Ihre
Majestät zu begleiten«  »Das ist eigen« sagte die Baronin »das schöne junge
Mädchen in den Krieg Was man nicht erlebt Wissen Sie wohl was ich glaube« 
»Gewiss etwas Richtiges«  »Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft Jetzt
glaube ich gäbe er etwas drum wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben
wäre Er ist ein solider Mensch und die Leute meinen er wird eine gute
Karriere machen Hübsch ist er nicht aber es ist so etwas in ihm  man traut
ihm aufs Wort«
    Möglich dass die Baronin das Richtige getroffen hatte Der alte Alltag der
schweigsam in der Gesellschaft umherging drückte bei einer Gelegenheit ganz
besonders die Hand des jungen Asten dankte ihm mit gerührter Stimme dass er
seine Tochter zu dem gemacht was sie sei Rührung war weder sonst noch jetzt
das Departement des Geheimen Kriegsrates Die Geheimrätin brachte selten das
Tuch von den Augen Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten er musste ihr
vom Krieg erzählen wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr ob die
Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen Nie war sonst ihren Gedanken etwas
entfernter gewesen »Sie ist noch gar nicht gereist das Kind einmal nur bis
Potsdam und nun muss ihre erste Reise gleich in den Krieg sein  Wer hätte das
nur als möglich gedacht es wird doch Alles anders als es sonst war«  »Alles
 Alles« sagte der alte Major den Kopf schüttelnd die Pfeife musste ihm heut
nicht schmecken »S ist Fügung des Himmels das muss uns wohl trösten« sagte
die Geheime Kriegsrätin »aber  aber « »Der Himmel fügt es dass Alles aus dem
Gefüge geht und es wird noch mehr losgehen Er weiß warum Es muss wohl nicht
recht zusammengefügt gewesen sein«
    Eine Konversation kam nicht auf Wer zu sprechen anfing brach plötzlich ab
im Gefühl dass es Wichtigeres zu sprechen gab und die Zeit war kostbar Und
dann hatte Jeder mit dem Andern etwas Besonderes zu sprechen Wenn er
fortgegangen fiel ihm ein dass er das vergessen was ihm besonders auf dem
Herzen lag Welch ein Strom mütterlicher Ermahnungen war von den Lippen der
Mutter geflossen und immer besann sie sich dass sie doch noch etwas Anderes
etwas Neues zu sagen hatte
    Jetzt nahte die Scheidestunde Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben
der Wagen der Hofdame der sie nach dem Palais bringen sollte war angemeldet
Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen Jetzt legte er seine
Arme auf ihre Schultern »Du mein geliebtes Kind mein Bijou Nun ich Dich
verlieren soll begreife ich erst was ich in Dir gehabt habe Und was ich hätte
in Dir haben können dann wäre ich Dir mehr gewesen und Du mehr mir Ich hätte
Dich besser verstanden und Manches wäre besser  vielleicht Aber es hat nicht
sein sollen Andere sagen der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner
Familie und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat Ich verstand es anders
Gott wird wissen wer Recht hat Wenn Alles in der Welt wechselt so wechseln
wohl auch die Ansichten über die Pflichten Aber ich glaube doch wer das tut
was er gelernt hat dass es recht sei der tut Recht und der himmlische Vater
wird ihm vergeben wenn er dabei auch mal Unrecht tut «
    Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen dass ihr Vater gegen sie
Unrecht getan sie habe sich anzuklagen dass sie nicht alle Pflichten eines
Kindes gegen ihn erfüllt
    Er schüttelte den Kopf »Du warst ein ausgezeichnetes Kind und für die hat
die Vorsehung wohl besondere Gesetze Sie führt sie Wege die uns nicht gut
dünken aber sie leiten zum Ziel das wir nur nicht sehen So ists mit Dir
gekommen und so wird es noch weiter kommen Es wird Vieles besser werden als
wir denken  und  wir werden uns wiedersehen und froher als heut «
    Endlich musste doch die Glastür geschlossen werden von der Zugluft
schmolzen schon die Talglichter Die Geschwister wollten mit anfänglich die
Mutter auch sie fühlte sich zu schwach Die Kinder aber konnten sich im Gedräng
und der Finsternis verlieren So machte es sich denn wie von selbst dass van
Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete
    Die Sterne funkelten hell am klaren Herbstorizont als sie aus dem Baumgang
traten An der Hinterpforte stand der Wagen Sie reichte ihm die Hand Mit ihrer
Silberstimme sprach sie »Walter hinter uns ist es klar ich hoffe es wird auch
vor uns immer klar bleiben« Er schlug ein »Es werden noch viele Nebel
aufsteigen bewahre Deinen hellen Blick und dann bleibt es zwischen uns klar« 
»In keinem Fältchen Deines Herzens ist ein Groll« sprach sie »nicht wahr  Das
gibt mir Mut Aber « Sie zauderte »Sprich es aus« sagte er »Es soll gar
kein Fältchen zwischen uns bleiben«  »Ich möchte Dich auch ganz zufrieden
ganz klar mit Dir selbst verlassen Bin ichs noch Walter die wie eine
Nachtwolke zwischen Dir und Deinem Vater schwebt den Wünschen des Mannes
dessen Glück und Frieden Dir das Teuerste sein müsste«
    »Und wenn Du es wärest was kannst Du dafür Kann der Nordpol dafür dass der
Magnet nach ihm zeigt Es wäre die Arbeit eines Narren den Magnet zwingen zu
wollen dass er nach einer andern Himmelsgegend weist Das sind ewige
Notwendigkeiten vor denen sie sich beugen sollen und müssen die nicht Mut
haben sie freiwillig anzuerkennen Dieser überreichen Welt an Allem fehlt nur
etwas  Charaktere Ich bilde mir nicht ein sie bessern zu wollen dazu fühle
ich mich zu schwach aber ich bin stark genug mich nicht von ihr bilden
fortreißen zu lassen«
    »Lebe wohl Walter« sprach sie mit erstickter Stimme »Ich habe den
Glauben es ist kein Lebewohl für immer Wir sehen uns wieder« Sie drückte
sich auf den Zehen hebend einen Kuss auf seine Stirn dann schwebte sie in den
Wagen er rollte fort
 
                          Dreiundachtzigstes Kapitel
                         Der Schüler des Schauspielers
Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13 zum 14 Oktober Die Sterne warfen
kein Licht auf das tiefe Saaletal und die Tausende von Lichtern die auf
Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten verbreiteten nur einen
ungewissen Schimmer der die Dunkelheit noch dunkler zeigte Durch die
Krümmungen der Schlucht so weit das Auge getragen hätte das Ohr reichte wogte
und wallte es es war kein Strom der durch die Rippen der Erde bricht keine
Windsbraut die die Wolken peitscht keine Feuersbrunst die über Dächerreihen
prasselt es war ein heimliches dumpfes Wirken und Schaffen wie eine Sprache
die keine artikulirten Töne findet Wie die Riesenschlange die Erde umfasst in
lautloser Wut und Kraft drückt sie ihre Weichen und da steigen gepresste
Schmerzenstöne in die Luft so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei dort
ein Hallo ein Zusammenstoß der Geschütze und Rüstwagen ein Peitschenknallen
ein grässlicher Fluch Dann aber tiefe Stille man hörte nur den dumpfen
dröhnenden ehernen Tritt der Tausende die Erde stampfend das Wiehern der
Rosse das wuchtige Rasseln der Kanonen
    Die Heeressäulen der Franzosen wälzten sich durch das tiefe Saaletal wie
die fabelhafte Heerschlange die im Thüringer Walde sich zeigt eine Kette Mann
und Ross von den Höhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen über Jena da wo
die Unstrut in die Saale fällt Die Thüringer die das Weh aller großen Kriege
welche Deutschland zerfleichten in ihren schönen Tälern an ihren Berggeländen
recht aufgesogen und eingesammelt hatten solche Massen Krieger nie gesehen
Eine Völkerwanderung schien es
    Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte blitzte es auf von den
Bajonetten und Flintenläufen den funkelnden Säbeln von umbauschten Helmen Da
auf dem Markte preschten die Chasseure Raum machend für den Gewaltigen und die
Glieder standen und präsentirten Es war eine kurze aber ernste Heeresschau
Tausende und Tausende wälzten sich durch die Tore weiter aber Tausende und
Tausende verschwanden aus der lichtellen Stadt man wusste nicht wohin Keiner
legte sich zur Ruhe der Kaiser wachte Für nicht wie viel Tausende sollte es
die letzte Nacht sein eine schlaflose Todesnacht
    Steile Felsberge gipfeln sich über der Stadt die Knaben üben sich im Spiel
zu klettern der Jenaer Bursch wagt in kecker Laune den gefährlichen graden
Aufweg wie wollen Mann und Ross und Kanonen zu uns herauf scheinen die kahlen
Berge höhnisch zu fragen Aber ein siegreiches Kriegsheer hat für jede Mauer
eine Leiter Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben Fackeln brennende
Kienscheite erhellten die Berge die Axtschläge krachten durch das Tal Es
gibt keine noch so nackte und steile Höhe die nicht durch Schlingungen und
Wendungen zu gewinnen ist Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon
gebildet der Berg am Mühltal heißt die Schnecke andere kann ein geübter Blick
suchen und wo die Natur vorgearbeitet hilft die Kunst nach Napoleon hatte in
jener Nacht auch die Hilfe der deutschen Wissenschaft Ein gelehrter Militär in
seiner Suite welcher einst in Jena studiert wies den Ingenieuren die Stege die
er im tollen Übermut der Jugend erklettert Was man in einer Wette tut um
Kannen Bier soll mans nicht wo der Einsatz die Welterrschaft ist Schaufeln
und Aexte halfen nach Gerüll in die Tiefen geschleudert Baumstämme wurden zu
Brücken und das Saalufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon Wo die
Pferde nicht konnten zogen Menschenarme das Geschütz Napoleon schmähte in
dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten
    Lange ehe der erste Hahn krähte war es vollbracht Die Massen der
kaiserlichen Garden und Linientruppen standen ein dicht gedrängt Quarré auf
dem Bergufer und auf dem Landgrafenberg dem höchsten Punkte von dem das Auge
eine weite Aussicht hat auf die Hochebene die sich nach Weimar erstreckt
erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen Fackeln beleuchteten den
Mantelrock das schöne prüfende Auge des Siegers während er längs der Reihen
ritt und den Jubel der ihn begrüßte und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in
die Luft schallte mit dem Lüften seines Hutes erwiderte Seine Lippen blieben
verschlossen die Augen sprachen um so beredter es ist morgen ein größerer Tag
denn je
    Der Jubel verhallte er war in das Gebüsch geritten um  zu ruhen bis der
Tag der Entscheidung anbrach Auch seinen Kriegern war es jetzt vergönnt Sie
sanken hin wo sie in Reih und Glied gestanden die neben dem Pferde die unter
der Kanone die kalte Nacht ihr Mantel Hier brannten wenige Feuer auch diese
halb versteckt hinter Gebüsch und Erderhöhungen Die Augen schlossen sich ein
allgemeines Schnarchen ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemälde
des Todes und welchem
    Nicht Alle schliefen Die dunklen Gestalten dort vorn in ihre grauen
Kapotmäntel gehüllt das Gewehr in den Arm gedrückt gegen einen Baum gelehnt
an einen Steinhaufen gekauert hatten scharf das Aug geöffnet Es verfolgte
jeden Rauchwirbel der über den Wachtfeuern des Feindes sich kräuselte jeden
Windzug der in der Zeltleinwand spielte Seit die Rotten und Glieder sich auf
die Erde gestreckt konnte man das Schauspiel frei übersehen So weit das Auge in
die Nacht reichte Wachtfeuer und Zeltreihen Durch sechs Stunden dehnte sich
das Schlachtfeld der Preußen aus hell licht Alles in bequemer hergebrachter
Ordnung Und hier auf engem Raum um einen bewaldeten Berg zusammengedrängt im
Dunkel seiner Schatten und Nacht und am Rande eines Abgrunds hinter ihm der
Feind Die Wachtposten standen kaum auf Schussweite von einander entfernt aber
es fiel kein Schuss kein Allarmzeichen kein versprengtes Pferd störte die Ruhe
Schien es doch ein stillschweigend Abkommen sie bedurften Beide der Ruhe um
morgen sich zu morden
    Nicht Alle schliefen auch von Denen nicht welchen es vergönnt war Unter
einer Eiche lag ein zum Tode Verurteilter Der Offizier der ihm zur Bewachung
zubeordert hatte ihm doch höflich das Bund Heu das für sein Pferd bestimmt
zum Kopfkissen gegeben dass er so bequem es ging eines letzten Schlafes vor
seinem letzten Tage sich erfreue Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen
oder er hatte schon genug geschlafen er richtete sich auf und stützte den Kopf
auf seinen gesunden rechten Arm Der linke war verwundet ein Verband war darum
geschlungen Vorgestern war er als er aus dem Saaletal aufgescheucht über
die Schwarzach setzen wollte von französischen Jägern angerufen worden Als er
die Antwort schuldig blieb hatten sie gefeuert Am Arm verwundet war er vom
Pferde abgeschleudert und gefangen worden Man hatte ihn nach Kahla gebracht und
vor ein Kriegsgericht gestellt Da er nichts sagen konnte oder wollte als dass
er in Aufträgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen und beim
Rückwege unter die Schaaren der Franzosen geraten den Versuch gemacht durch
den Thüringer Wald sich nach dem Hauptquartier seines Königs durchzuschlagen
hatte das Gericht ihn für einen Spion erklärt und zum Strang verurteilt Irgend
ein Zufall der schnelle Abmarsch hatte die Exekution verhindert man hatte ihn
mitgeschleppt bis Jena Auch hier war dazu keine Zeit man hatte ihn auch auf
den Berg mitgeschleppt  Betrachtete er jetzt über sich den dürren Ast der
Eiche von dem er morgen herab schweben sollte eine kalte Leiche Oder suchte
sein Auge durch den nebelgrau belegten Himmel nach einem Stern an den er seine
Hoffnung knüpfen wollte Es war keine Hoffnung die noch mit diesem Leben
liebäugelt das sprach sein umflorter Blick Man hatte ihn immer menschlich
zuletzt mit chevaleresker Höflichkeit behandelt Sein Wächter hatte ihm vorhin
eine Zigarre angeboten mit dem seltsamen Trost wie in Spanien woher er sie
gebracht die Sitte fordere dass der Henker mit seinem Opfer eine Art
Friedenspfeife raucht »Der Tod ist ja der Frieden« hatte der Gefangene
erwidert
    
    Eine Schaar Krähen von der momentanen Stille getäuscht hatte sich auf den
Ästen des Baumes niedergelassen auch sie schienen wie der kluge Feldherr das
große Feld zu überschauen wo morgen Abend eine Tafel und eine wie große für
sie gedeckt sein sollte Der Offizier der mit verschränkten Armen auf einem
Sattel sitzend die Augen auf einen Moment geschlossen schien durch das
Gekreisch der Tiere erweckt und sah mit Verwunderung die Stellung seines
Gefangenen Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen
»Schreckten böse Träume Sie auf oder die geflügelten Bestien da«  »Ich bin
auf mein Schicksal gefasst«  Der Gefangene schwieg der Andere sagte nach
einer Pause »Kamerad aus Vorsicht möchte ich Ihnen anraten präpariren Sie
sich noch für einige Momente auf das Leben Sahen Sie nicht dass der Kaiser
einen eigentümlichen Blick auf Sie warf Er wandte noch einmal sein Pferd um
Sie wieder anzusehen«  »Wie der Tiger sein Opfer ehe er es zerreißt Das war
sein Blick auf Leichenhaufen«  »Die sieht er vor jeder Schlacht Ob eine mehr
oder weniger darauf kommt es « »Dem Grosshändler über Menschenleben freilich
nicht an«  »Sie haben den unnatürlichen Hass Ihrer Nation gegen ihn
eingeimpft«  »Nein« antwortete Bovillard nach einigem Besinnen »Dann würden
Sie sich selbst sagen wenn ein Fürst einen zum Tode Verurteilten vor sein Auge
ließ bedeutete es sonst Gnade«  »Sonst«  »Sie prätendiren doch nicht dass
Napoleon einen persönlichen Hass gegen Sie hat dass er an Ihrer Angst sich weiden
wollte«  »So wenig als ich glaube dass er den Herzog von Enghien persönlich
hasste auch nicht den Buchhändler Palm«  »Sie nähren selbst einen bitteren Hass
gegen den großen Mann Das tut mir von Ihnen leid«  »Gegen den großen Mann
Nein Es gab Stunden wo ich ihn bewunderte Ja in dieser meiner letzten darf
ich es aussprechen Momente wo ich in ihm den neuen Heiland der modernen
Weltordnung erblickte Seitdem  genug Der edle Prinz den ich bei Saalfeld
stürzen sah war ein Bewunderer Ihres Kaisers Einst rief er aus Ich erlaube
ihm ja uns zu vernichten aber moralisch zu meuchelmorden das empört«
    »Eine seltsame Konversation Kamerad Der zum Tode Verurteilte richtet
seinen Richter Ich hätte gewünscht dass Sie heute wenigstens noch sein
Bewunderer wären dass man ihn darauf aufmerksam machen könnte « »Und dass er vor
der Schlacht einen Komödienakt spielen großmütig mit einer Tirade aus Racine
oder Korneille mich begnadigen könnte«  »Was kümmerte Sie die Posse wenn sie
den ernsten Schluss hätte dass Sie mit dem Leben davon kämen vielleicht gar mit
der Freiheit Nachher könnten Sie darüber lachen so viel Sie wollten  Nun im
Ernst gesprochen  man weiß in seiner Suite wer Sie sind « »Da weiß man sehr
viel«  »Der Sohn eines Mannes von Einfluss der lange die französische Partei
an Ihrem Hofe gehalten vielleicht noch jetzt Das hat die Gemüter sanft
gestimmt Gott weiß welche Konjekturen die Herren daran knüpfen genug  ich
glaube es käme nur auf Sie an « »Ich sterbe in der größten Tragödie in der
mein Vaterland untergeht«
    Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer
im Tale deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten Der Offizier sah ihn
verwundert an »Wir werden siegen denn ich glaube fest an Napoleons Stern Aber
Sie ein Preuße Der kleine Sieg bei Saalfeld «
    »Ward zum entscheidenden da Ihre Feldherren ihn benutzten die Saale in
reissender Schnelligkeit zu okkupiren Sie haben das preußische Herr umflügelt
von den Marken und Sachsen woher es seine Lebenssäfte erhält abgeschnitten
Sie haben die Höhen des Flusses die Übergangspunkte besetzt Sie greifen es im
Rücken an und drängen es mit Ihrer Übermacht in die Positionen wo Sie Herren
sind Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht das Lager von Hochkirchen
wieder sogar der verhängnisvolle Jahrestag ists der Schlacht Dort die weit
zerstreuten Feuer der sorglos Gelagerten ohne Schanzen Verhau natürliche
Grenzen hier zusammengekeilt auf der Höhe welche das Plateau beherrscht eine
stärkere Kriegsmacht die beweglich und elastisch wie ein Bergstrom
hinabrauschend die zerstreuten Feinde durchbrechen trennen aufrollen
vernichten muss Und der größte Feldherr des Jahrhunderts gebietet über ein Heer
das eine Einheit ist Ja mein Herr Diese verdienen vernichtet zu werden die
Sie auf die steilen Wände klimmen ließ ohne den Versuch nur Sie daran zu
hindern Die mit Mann und Ross und vollem Geschütz müßig zaudernd unschlüssig
zusehen konnten wie Napoleon sich auf diesen Höhen formirte die keinen Angriff
wagten und Ihre Kolonnen nicht in den Abgrund stürzten  die sind schon
geschlagen vernichtet« Der Sprecher sank zurück und drückte sein Gesicht in
das Heu Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Kapitän ihm zugehört Mit
Voranschickung eines französischen Fluches schloss er »In Ihnen ist ein Soldat
verloren«  »Verloren  verloren« murmelte Bovillard dumpf in sich »Warum
Kamerad Der Mann ists nie wenn er sich nicht selbst verloren gibt«  »Oder
eine höhere Hand ihn schlug  Da wieder«
    Er atmete krampfhaft auf Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel
Die Hand machte eine konvulsivische Bewegung er war im Fieber  »Morgen
morgen hinab  mit meinem Vaterland«  »Sehen Sie Geister«
    Der Kapitän fuhr mit Franzbranntwein über die eiskalte Stirn des
Verwundeten Er erholte sich er hatte sich wieder aufgerichtet Die Krähen
flatterten durch etwas erschreckt schreiend in die Höhe die Morgenluft strich
durch die Wipfel des Holzes Es war ein Bedürfnis sich selbst Luft zu machen
als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach »In Rudolstadt am Tage vor
seinem Tode hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist Die Familie nahm
ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer er winkte mir im Abgehen dass ich
auf ihn warte Dort warf er sich ans Klavier und überließ sich seinen
Phantasien Er hat nie so schön gespielt Ich stand allein in dem Saal ein
altertümlich Zimmer es dunkelte Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah
den Wolken zu die über den Horizont strichen Ich schloss wohl die Augen Das
waren Töne die nicht die Finger den Tasten entlockten die Seele wogte in
düstern und schmerzlich weichen Melodien er schüttete sein Innerstes aus Die
Prinzessinnen weinten Wolken nichts als Wolkengetreibe mit blutroten
Streifen Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn die Hand des Todes und vom
Druck öffneten sich meine Augen Es gleitete an der Wand hin ein Schein ein
Licht wie ich es nie gesehen  ein Ross in den Wolken Pulverdampf Staub Es
bäumte sich mit seinem Reiter  ein Blitzschlag oder ein Strahl aus den Wolken
niederzückend  der Schädel spaltete  die Brust klaffte  der Reiter sank vom
Pferde  und es ward wieder Nacht  Im selben Augenblicke schloss das Spiel am
Klavier mit einer grellen Dissonanz als sprängen die Saiten  Der Prinz
blasser als je trat heraus und winkte mir ihm zu folgen Er blieb einsilbig
Als er mich entließ sprach er dumpf Ich habe meinen Tod gesehen  Er hatte
gesehen was ich sah«  »Und«  »Er fiel am nächsten Tage«  »Und Sie« 
»Ich bin kein Fortepianospieler der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal
beschwört Und doch vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn
die Wolken teilten sich und ich sah  ich sah nicht mehr als ich schon längst
gesehen und ich sehe es wieder « Er richtete sich plötzlich auf er stand
aufrecht »Lachen Sie doch  Wenn Sie ein Schüler von Voltaire und Diderot so
müssen Sie mich auslachen  ich sah mich selbst«
    Der Kapitän lachte nicht ihn fröstelte Er sah eine Patrouille mit einem
Ordonnanzoffizier heraneilen Er reichte dem Gefangenen die Hand »So wünsche
ich Ihnen wenigstens Eines  vor Ihrer letzten Stunde einen letzten
Sonnenblick« Bovillard schüttelte die dargereichte »Das ist ein guter Wunsch
Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer ists doch nur ein Rest
den ein Verschwender ließ  aber scheiden mit einer hellen Aussicht von
Harmonien umrauscht  und es ist mir gewährt ich sah ein Bild « Der
Ordonnanzoffizier war herangetreten »Der Gefangene soll schleunigst vor Seine
Majestät den Kaiser gebracht werden«  »Glück auf« flüsterte der Kapitän ihm
zu »Das ist Ihr schönes Bild«
    In der kleinen Hütte eines Haidewärters stand der große Mann des
Jahrhunderts Sie war so klein dass der Adjutant der die Feder führte sich in
den Winkel drücken musste um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen Den
Hut auf dem Kopfe den Kapotrock über der Uniform schritt er auf und ab den
Tubus in der behandschuhten Hand Er diktirte er sprach zu den Generalen die
im Halbkreis draußen standen durch die offene Tür Durch diesen vornehmen
Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden Der Kaiser
hatte ihn offiziell nicht bemerkt er diktirte weiter er observirte mit dem
Tubus durch das Fenster »Wenn die Sonne aufgeht okkupiren am linken Flügel die
Tirailleure das Kiefergebüsch« kommandirte er zur Tür hinaus Ein Adjutant
flog fort Jetzt als er sich umwandte bemerkte er den Eingebrachten offiziell
»Ein Spion«  »Ein Gefangener Sire«
    Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie er zitterte
nicht er ertrug den kaiserlichen Blick fest ruhig Vier Augen die sich
begegneten ohne zu zucken »Ihre Generale lassen die Spione hängen ich lasse
sie laufen« Der Gefangene stürzte dem Grossmütigen nicht zu Füßen er küsste
nicht seine Füße Der Angriff war fehlgeschlagen Sonderbar und doch stimmten
Beide in ihren Empfindungen Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans
Fenster trat glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu
sehen Auch über Bovillards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung die man so
hätte deuten können
    Wieder stand im Vorübergehn wie zufällig der Imperator vor dem Gefangenen
still »Ihr König hat Krieg gegen mich angefangen ich weiß nicht warum«  »Ich
gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät meines gnädigsten Königs auch
nicht zu seinen Räten« entgegnete Bovillard »Meine Räte haben mir ein
gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt Da steht lauter Unsinn drin Ich kann
nicht glauben dass der König von Preußen drum weiß« Der Gefangene schwieg Der
Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle Es lichtete sich
vor der Hütte »Ihr König ist ein guter Mann« fuhr der Cäsar fort »aber er hat
böse Räte Sie sind von England bestochen Er hört nicht die Wahrheit Ich habe
einen Brief von ihm erhalten er schreibt er will nicht Krieg Ich will ihn
auch nicht Aber die Konspirationen meiner Feinde zwingen mich sie sind auch
seine Feinde aller Welt Feinde Sie leben von Intriguen sie möchten in ihrem
Ehrgeiz ihrer Rachsucht die ganze Welt gegen mich aufwiegeln« Der Gefangene
schwieg
    »Der Brief kam zu spät Sagen Sie das Ihrem Könige Das Blut was vergossen
wird komme über ihre Häupter Ich kenne sie  Alle  Alle« Der Cäsar musste
noch Zeit haben zum Zorn aber die Gelegenheit war ungünstig Wenn ein Gegner
der uns in Zorn bringen soll schweigt müssen wir uns selbst in Harnisch
setzen »Sie waren bei dem Prinzen Louis« fuhr er dazwischen  »ich meine in
Saalfeld  Sie waren sein Freund«  »Ich sah ihn fallen den ritterlichen
Fürsten das edelste Blut was für eine heilige Sache geflossen ist«  »Er war
betrunken als er ausritt«  »Er war der größte Bewunderer des größten
militärischen Genius dieser Zeit und sprach von Eurer Majestät mit der hohen
Achtung welche jeder große Mann einer andern Größe schuldig ist«
    Die Antwort kam dem Cäsar ungelegen Indem er sein Auge nach einem Punkte
draußen richtete rief sein Blick einen Obristen heran Er mochte etwas sehen
was dem Feldherrn nicht gefiel Nachdem er dem Unwillen gegen den Offizier Luft
gemacht hatte er den Ton gefunden in dem er gegen den Gefangenen einfiel
»Diese Hitzköpfe sind es diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten
diese Ideologen und Studenten Der Prinz hat seinen Lohn weg Viel zu gut Wie
ist es erhört hier schreibt mir der König von Preußen er wünscht Frieden er
wünscht eine Zusammenkunft eine Vermittlung Die hätte sich so leicht gemacht
Und während sein König das mir schreibt verlässt der Tollkopf seinen Posten
greift im rasenden Ehrgeiz meine Truppen an Gleichviel ihm wie viel Tausende
darum ihr Leben ließ Wollte durch die Attaque zur Schlacht zwingen Und das
nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen Unerhört«
    Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovillards Leben Dem größten Genius
des Jahrhunderts stand er der Unbedeutende gegenüber gewürdigt einer
Unterhaltung um die ihn Millionen beneidet hätten und in der brennenden Krisis
welchen Momentes Und wie kam es dass nicht Schauer vor der Größe nicht Hass und
Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze in ihm wechselten Nein er entsann sich
des spöttischen Artikels einer englischen Zeitung worin der angebliche
Unterricht geschildert ward den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer
Affekte gebe Er sah nicht den Gewaltigen vor sich sondern den Schüler des
Schauspielers »Sire« entgegnete er »es ist die Taktik der Preußen einen
gewissen Angriff nicht abzuwarten sondern ihm zuvor zu kommen«
    Seine Majestät der Kaiser musste aus irgend einem Grunde auch diese Antwort
nicht gehört haben Er fuhr im vorigen Tone als wäre gar nicht dazwischen
geredet fort »Füsiliren ließe ich ihn wäre ich Ihr König wenn er noch lebte
Weiß Ihr König nicht wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preußischen
Jakobiner gerichtet waren Wer stand ihm dafür dass sein Ehrgeiz nicht weiter
ging Von politischer Freiheit sprach er er klagte dass ich die liberalen Ideen
ersticke  ich kann Briefe des Toten vorlegen  eine Krone wäre ihm nicht zu
hoch gewesen wenn seine Freunde sie ihm boten Kennt Ihr König diese Freunde
Hab ich umsonst die Jakobiner in Frankreich zertreten damit sie in Preußen ihr
Haupt erheben Ihr König dauert mich Er ist von Schwärmern und Jakobinern
umgeben Man will nicht sein Wohl man will liberale Ideen Ja die will man« 
»Lasst die Toten ruhen« sprach Bovillard »Und die Weiber auch  Mit toll
gewordenen Frauen kämpfen müssen Und man soll nicht in Harnisch geraten  Ich
weiß Alles  Warum ist die Königin bei der Armee  Was tut eine Frau wo die
Waffen entscheiden Ihre alten Generale sind außer sich Weiber im Train Weiber
im Hauptquartier und eine Armee ist verloren Ich sollte mich freuen Nein ich
weiß was sie soll  Den König warm halten Sie ist im Dienste Englands von
Alexander beschwatzt sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwärmer für
Deutschland Sie hat ihn angetrieben sie das Feuer geschürt sie ist die «
»Sire« fuhr Bovillard auf »muss ein Gefangener auf Alles schweigen«
    Napoleons Schlachtross war vorgeführt »Gebt ihm die Briefe« rief ihm der
Kaiser »und das schnellste Pferd aus meinem Stall« Das Ross stampfte Der
Kaiser war so dicht an Bovillard getreten dass die Gesichter sich fast
berührten »Junger Mann die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen und
wehe wenn in das Rad der Weltgeschicke eine Frauenhand greift  Ich biete dem
Könige von Preußen noch einmal meine Hand Fliegen Sie mit dem Schreiben in sein
Hauptquartier Keinen Moment Rast das Leben von Hunderttausend hängt an einem
Haar Dringen Sie zu ihm durch selbst übergeben Sie ihm die Briefe denn er ist
von Verrätern umringt Ich will den Angriff von Saalfeld ich will Alles
vergessen aber keine Weiber zwischen uns Die Königin muss fort Sie bringen
ihm Ihrem Vaterlande Frieden junger Mann Rasch ohne sich umzusehen ohne zu
atmen wie der Blitz«
    Das Schlachtross bäumte sich unter dem Imperator Der erste Kanonenschuss
tönte dumpf aus der Tiefe und in dem Augenblick ging die Sonne auf eine
unförmliche blutrot dunstende Kugel den Herbstnebel färbend der nicht
weichen wollte Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr
angeglüht der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft In Louis Bovillard
rief eine Stimme »Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil er bringt ihr
den Sieg der Lüge«
    Kaum dass der Kaiser fortgesprengt stand der schönste andalusische Renner
vor der Tür man hob ihn hinauf vornehme Offiziere waren dabei geschäftig man
empfahl ihm dringend Eile die Richtung die er zu halten habe rechts am linken
Saaleufer fort damit er aus dem Bereich der scharmutzirenden Parteigänger
komme dann müsse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstädt
sich halten rasch direkt nach des Königs Hauptquartier Der Kapitän geleitete
ihn wieder bis zu den äußersten Vorposten Las er die Fragen und Zweifel auf der
Stirn des Entlassenen Er flüsterte ihm zu »Ein Emissär Napoleons ein Herr von
Montesquieu ist wie ich eben hörte von preußischen Parteigängern gefangen Ihm
könnte das Schicksal drohen dem Sie entgingen Die Großmut ist vielleicht das
Facit einer Rechnung Gedenken Sie daran« Das konnte es nicht sein Auf einer
Höhe hielt er einen Moment um Atem zu schöpfen Der mit Millionen
Menschenleben spielte konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich
nicht gedrängt fühlen  um einen seiner Offiziere Da hörten die einzelnen
Signalschüsse auf das Knattern der Tirailleure verstummte vor dem Krachen der
Geschützsalven es donnerte an den Bergen und die Erde unter ihm zitterte Jetzt
trieb ein frischer Morgenwind die Nebel aus einander In dem Rahmen breitete
sich zu seinen Füßen ein sonnenerhelltes Bild  die Schlacht von Jena
    Und in ihm riss auch ein Vorhang es ward heller und heller dort will er den
Fürsten von Hohenlohe schlagen und er wird vernichtet wenn das Haupteer ihm
nicht zeitig zu Hilfe eilt Den König soll der Brief zweifelhaft machen er
soll der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend den Moment versäumen er
soll zaudern um selbst vernichtet zu sein Louis Bovillard fühlte an sein Herz
Es schlug nicht wie es sollte er fühlte seinen Puls er konnte die Schläge
nicht zählen er drückte die Hand an seine kalte Stirn Ein tiefbanger Seufzer
stieg aus seiner Brust »O Du Lenker des Weltalls!  nur bis dahin  warum so
groß die Mission wenn der Atem so kurz ist Kraft nur  dann  dann « Der
Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust »Dank
für das Geschenk« rief Louis »Trage mich mein Segler durch die Lüfte Du und
ich wir mögen in Staub sinken wenn der Atem nur ausreicht zu einem Wort  ein
letztes Wort«
 
                          Vierundachtzigstes Kapitel
                               In der Dorfkirche
Im letzten Dorfe welches die Königin passirte hatten die Relaispferde gefehlt
Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt aber sie waren auch müde
eben von einer Vorspannfahrt zurückgekehrt Die Königin glaubte dem alten Manne
die Sorge um seine Tiere anzusehen sie hatte sich anfänglich geweigert sie
anzunehmen Der Prediger hatte erwidert wer weiß was heute sein ist ob es
morgen sein bleibt Wer es hingibt zu einem guten Werke hat das Bewusstsein
hinter sich
    Es war noch keine Flucht die Monarchin hatte endlich von den tausend
Stimmen die laut und lauter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich aussprachen
gedrängt das Hauptquartier verlassen sie wollte über Naumburg nach ihrem
geliebten Magdeburg zurück Es war ein herzzerreissender Abschied gewesen von dem
Gemahl  der Schatten einer Leiche schwebte schon über der Umarmung Ihr
schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand
    Tausend wüste Nachrichten schwirrten durch Weimar als sie es verließ Alles
hatte sich verändert der Feind kam nicht von daher wo man ihn erwartete
sondern griff vom Rücken an So viel wusste man schon nicht wie weit er
vorgedrungen Die festen Positionen an der Saale mussten ihn doch aufhalten
Aber Wirrwarr überall auf der Straße verfahrenes Fuhrwerk Marodeure Kranke
umgestürzte geplünderte Bagagewagen versprengte Flüchtlinge die jenseits der
Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen jetzt ihre Korps
aufsuchten Viele suchten sie auch nicht Bei Lobeda war die sächsische Bagage
ehe die Franzosen erschienen von den eignen Trainknechten aufgegeben
überfallen und geplündert worden Wer mochte unter den Hunderten die davon auf
der Straße erzählten die Vorfallenheiten vergrösserten ausschmückten die
Beraubten immer von den Räubern unterscheiden Wohin war schon jetzt der Zauber
der Autorität wenn man Mühe hatte für den königlichen Wagen Platz zu machen
    In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monarchin eine Katastrophe abgewendet
haben Verwilderte Schaaren Zersprengter die sich eingelagert machten Miene
das Mein und Dein zu vergessen S ist Krieg da hört Alles auf hörte die
Königin mit eignen Ohren Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener
Soldaten die an der Hecke nicht schulterten und sie trugen den preußischen
Rock sie wussten dass es ihre Königin war Es sind ausgehobene Polen Sollte
die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen Unter dem blauen Rock sei Herz
und Verlass hatte man sie gelehrt Wenn nun Tausende von Herzen darunter
schlugen auf die kein Verlass war und Friedrichs Disziplin fehlte Dass diese
nicht mehr sei hatte sie in Weimar Naumburg selbst in Berlin von so vielen
klagenden Stimmen gehört Auf dem Kirchhof sangen Marodeure die ihre Beute von
Lobeda teilten unter wildem Gekreisch das Räuberlied Ein freies Leben führen
wir ein Leben voller Wonne  Die Königin während der Umspannung einen
Augenblick abgestiegen hatte in die offene Kirche treten wollen der Geistliche
aber bat sie umzukehren es seien da Verwundete Sterbende untergebracht Es
mochte noch mancher andere Anblick sein nicht geeignet für die Augen einer
zarten Frau Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes Weib bemerkt die Züge des
Todes auf ihrem blassen schönen Gesicht Der Prediger wollte den Anblick mit
seinem Rücken decken aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen
Umgebung interessirten unwillkürlich die Königin Wie kommt die Unglückliche
hierher Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt »Eins von den Geschöpfen
welche die Soldaten mitschleppen oder sie laufen ihnen von selbst nach So was
gehört freilich nicht in ein Gotteshaus aber wer kanns hindern Sie haben sie
auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen Sie
blutete« Die Königin fühlte das Bedürfnis der Armen etwas Wohltätiges zu
erweisen Ach sie hatte nichts nicht einmal das was jeder ihrer Diener bei
sich führte eine Börse Sie wollte einen heranwinken aber der Stallmeister
stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag Aller Mienen sagten
hier ist nicht länger zu verweilen
    Es war stiller geworden auf der Straße Der Wagen mit den müden Pferden fuhr
aber nur langsam in den aufgewühlten Wegen Zuweilen ließ der Wind den
Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen Es schien eine stillschweigende
Übereinkunft nicht darauf zu achten Die Hofdamen von Überanstrengung
erschöpft nickten Auch die Königin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt zu
schlafen geschienen Jetzt richtete sie sich auf warf den Schleier zurück und
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen Nach einem kräftigen Atemholen löste
sich ihr Schmerz in Tränen sie glaubte ohne Zeugen aber ihr gegenüber in der
Wagenecke wachten zwei Augen Adelheid Alltag die hier in bescheidener
Zurückgezogenheit gesessen wagte die Hand der Fürstin zu ergreifen und halb
auf das Knie sinkend sie an die Lippen zu drücken
    »Es ist ja noch nichts verloren«
    »Nichts« sagte die Königin und schüttelte wehmütig den Kopf  »Aber Ihr
Anblick liebes Kind sollte mir eigentlich Stärke geben Würden Sie denn den
Mut gehabt haben Alles zu ertragen wenn Sie voraus gewusst was Ihnen
bevorstand Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier So hat der
Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt Hätte ich das was ich jetzt
erlebe noch vor zwei Jahren ahnen können und wer sagt was mir noch
bevorsteht Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall
Sonnenschein und Wiesengrün um uns während die Herbststürme schon heranziehen
Aber es ist in seinem unerforschlichen Ratschluss dass wir nichts davon ahnen
um gesund zu sein und stark wenn sie hereinbrechen«
    Adelheid versuchte von einer besseren nächsten Zukunft zu sprechen Der Ton
ihrer Stimme verriet dass sie nicht daran glaubte
    »Nein liebes Kind ich täusche mich nicht mehr es ist vieles in diesen
Tagen vor meinen Augen gerissen Es ist nicht mehr wie es war Wohin ist unser
Ansehen wohin die Kriegszucht wenn so kleine Derangements schon solche
Unordnung bringen Die Offiziere mussten ein Auge zudrücken Wenn das die
preußische Armee betrifft Wie hat man uns belogen Ich hörte Stimmen aus dem
Volke «
    »Wir sind hier nicht in Preußen«
    »Auch in unserem Heere selbst Ich hatte nicht geglaubt dass unsere
Offiziere so gehasst sind Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft Und sah
ichs nicht mit eignen Augen Die Brutalität gegen die armen Menschen und diese
alten Generale denen drei Mann helfen mussten um aufs Pferd zu steigen Die in
Weimar lachten unsere Soldaten verzogen auch den Mund Der wackere Rüchel
suchte es mir zu verbergen Ach er ist auch gefürchtet und gehasst « »Desto
allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König«  »Gott sei Dank
Aber auch ich bin verredet gehasst verleumdet«  »Um Gotteswillen Ihr
Majestät es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung «
    Durch einen Lärm draußen wurden sie unterbrochen Eine durchdringende Stimme
hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurück gerufen Die Pferde entweder
scheu geworden oder angehalten hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht
auch der Wagen war davon zurückgestoßen als man das Fenster von innen
niederließ Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen
entgegen Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln die um ihnen
aufflogen nicht gesehen Jetzt hielt er am Kutschenschlag  Da kam ein Schrei
aus dem Wagen Der Anblick konnte wohl ein zartes Frauenherz außer sich bringen
Er hing mehr als er saß auf dem Pferde ein leichenblasses Todtengesicht mit
gläsernen Augen und stierem Blick Der Hut war ihm vom Kopf geflogen die Haare
hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel Wie gänzlich vom Ritt erschöpft
hielt er sich mit den Händen am Sattelknopf während die Lippen konvulsivisch
bebten im Versuch Worte hervorzubringen Jetzt gelang es ihm er riss zugleich
Briefe aus der Brust die Worte kamen abgebrochen vor »Zurück  die Königin muss
zurück  die Feinde in Naumburg  die Brücken genommen Franzosen auf den Höhen
von Kösen  ein Angriff von dort«  »Die Franzosen« schrien zehn Stimmen »Wir
sind verloren« die Hofdamen »Kehrt Kehrt Auf der Stelle Kehrt gemacht«
kommandirten die Stallmeister »Ist schon Gefahr« rief die Königin zum Fenster
hinaus Ihr Blick schien dem Erschöpften auf einen Augenblick Besinnung und
Kraft wiederzugeben »Noch nicht  noch um Stunden sind sie zurück  mein guter
Renner  aber Majestät muss nach Weimar zurück über den Harz ist noch ein
sicherer Rückweg  Diese Schreiben an den König  Schreiben der Arglist 
traue Niemand«
    Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen als
dieser Kehrt machte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht verloren Es
war gut dass die Hofdamen Riechfläschchen bei sich führten ein Händedruck der
Königin wirkte indes vielleicht doch belebender Luise hielt mit der Linken
Adelheids Hand während sie aus dem Fenster mit den Stallmeistern und den
begleitenden Offizieren sprach »Die Gefahr ist vorüber« sagte sie den Kopf
zurückziehend »Er stirbt« rief Adelheid mit einer ohnmächtigen Bewegung sich
aufzurichten Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin Wer Zeit und
Sinn dafür gehabt sie zu beobachten würde jetzt ein Lächeln auf ihrem Gesicht
erblickt haben Wer hatte Sinn dafür wer Zeit Der Wagen schien sich nicht
fortzubewegen alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den müden Tieren
Endlich stürzten sie es war aber am Eingang ins Dorf Gefahr war nicht mehr
denn von der preußischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt Rüchel hatte
einen Adjutanten der Königin nachgesandt dessen Meldung mit der des Reiters
übereinstimmte sie müsse in Eil nach Weimar zurück von dort seien Relais und
Escorte nach Sondershausen und dem Harze für sie bereit Aber noch fehlten die
Pferde auch am Wagen war etwas zu bessern
    Die Königin ging ins Dorf zurück Sie sprach lebhaft mit den Offizieren Sie
schien in raschen scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Gesicht
entdecken zu wollen Adelheid wankte allein Er kam noch nicht Sie wagte nicht
zu fragen sie stand ohne zu wissen wie und warum auf dem Kirchhof Ein
angelehntes Hinterpförtchen führte in die Kirche eine einfache gotische
Landkirche von Steinquadern mit einer Balkendecke Und doch hatten Reste von
bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten spinneumwebt
verdunkelt von Staub und Wetter und doch genug Farbe entaltend um dem
Sonnenschein der eindrang eine dumpfe gelb brennende Färbung zu geben Sie
passte zu ihrer Stimmung Ob der Schein sie lockte ob eine Ahnung
    Sie war eingetreten Sie sah nichts von den Schrecken Vielleicht waren sie
schon entfernt Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote welcher der Königin
die Rettungspost gebracht Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern
die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zügel führen sollten Der Mann selbst
war ja nicht mehr im Stande es zu lenken Im Dorfe war das Tier gestürzt mit
seinem Herrn  ein heftiger tödtlicher Blutsturz Louis Bovillard hatte sich
nicht mehr aufrichten können der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen
    Der Sonnenschein fiel durch die gelben Scheiben grade auf sein Gesicht als
Adelheid eintrat Sie schrie nicht auf sie rang nicht die Hände ihre Knie
zitterten nicht Schien es doch als sei es nur die Erfüllung von etwas was sie
längst gewusst Die Hände faltend blieb sie noch in der Entfernung stehen und
blickte auf ihn wie man zum ersten Mal den Grabstein eines teuren Verblichenen
erblickt Nicht einmal eine Träne stürzte aus ihrem Auge Aber etwas hätte sie
befremden mögen  auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes
sie hatte ihr Tuch über seine Füße gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schoss
gedrückt Ein Bildhauer hätte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt Ihr
aufgelöstes Haar wallte um ihren Nacken
    Auch die Anwesenheit dieser Trauernden störte sie nicht Sie war jetzt neben
ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfasst die sie an die Lippen
drückte Sie schien zu beten als es hinter ihr rauschte die Königin legte die
Hände sanft auf ihren Scheitel »Mein Kind es trifft Jeden sein Teil und Du
warst darauf vorbereitet«  »Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlüge«
atmete sie leise  »Um meinen Dank in den Himmel mitzunehmen denn er hat
seine Königin gerettet Ich kann ihm nicht mehr danken«  »Doch Königin«
sprach Adelheid sich umwendend »Gönnen Sie mir die Freiheit lassen Sie mich
hier zurück Ich war seine Braut vor Gott und vor Ihnen er darf nicht verlassen
sterben Die Pflege ist spät aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen
Lassen Sie mich ihm die Augen zudrücken« Da richtete sich das verwilderte
Mädchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an Der Traum der Wahrheit
schien durch ihre brechenden Augen zu dämmern
    Die Gräfin Voss war an die Königin die zweifelnd dastand getreten und
flüsterte ihr zu »Wenn Ihr Majestät das zugeben ist es absolut unmöglich dass
die Demoiselle ferner in welcher Stellung es sei in Dero Nähe verweilt Ja
wenn sie nur getraut wären « In dem nächsten Augenblick geschah vieles Der
alte Geistliche hatte sich über den Sterbenden gebeugt »Er atmet noch«  Das
Mädchen zu seinen Füßen rief wie in wahnsinniger Freude »Louis schlägt die
Augen auf« Der Sonnenschein hatte eine rote Scheibe getroffen und ein rosiger
Schein breitete sich über die eng zusammengedrängte Gruppe aus Der Tote lebte
noch er schien zu lächeln er erkannte die Gegenstände Die Königin aber hatte
im nächsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich gesprochen »Ich übernehme
alle Verantwortung«
    Der Geistliche erwiderte »Auf die wage ich es selbst vor dem höchsten
Richter wo ich bald mit ihm erscheine Aber hat er die Besinnung  und die
junge Dame«  »Sie wird ihr Ja deutlich sprechen« hatte die Königin
geantwortet und flüsterte Adelheid etwas ins Ohr »Bleib knieen mein Kind«
    Da wollte es der Zufall während der Pfarrer in Kürze die liturgischen
Formeln der Trauung sprach dass ein Knabe des Küsters auf der Orgel intonirte
Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten das gelang ihm nicht aber von seinen
Lippen kam es »Da rufen sie uns« Der Prediger sah froh der Königin ins
Gesicht welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte Das
fremde Mädchen aber hielt den Kopf des Sterbenden während der Prediger die
Ringe wechselte Als er die entscheidende Frage tat antwortete ein Ja so
wunderbar laut dass es die Orgel übertönte Es war sein letztes Wort Kaum dass
der Segen gesprochen sank er röchelnd nieder Der Brautkuss war der Sterbekuss
Das fremde Mädchen weinte und lachte »Ich habe doch seinen letzten Händedruck«
 Die Königin sagte »Ich konnte ihm doch danken«
    Der Wagen stand fertig vor der Kirchentür »Frau von Bovillard sprach
feierlich die alte Voss Ihr Majestät sind bereit« Die Fürstin sah fragend auf
die Trauernde Ihr Blick schien zu sprechen »Willst Du mich jetzt verlassen«
Der Geistliche sagte »Für die Toten sorgt Gott und die Kirche Wer noch
Pflichten im Leben hat fliehe von hier Den Toten ist wohler in der Erde als
den Lebendigen wo die Verwüstung ihr Reich aufschlägt«
    Das fremde Mädchen schrie wie im Irrsinn auf »Er wird nicht allein begraben
werden«
 
                          Fünfundachtzigstes Kapitel
                           Ein Frühstück bei Dallach
Es ist in der Luft eine Magie die unsere Wissenschaft noch nicht erklärt hat
eine Kommunikation durch unfassbare Organe welche die Begebenheiten verbinden
Unergründlich nannten unsere Väter eine Tiefe die sie noch nicht ergründet
unfassbar hätten sie das Lichtbild genannt wir lernten es fassen und festigen
auf der Platte und an Drahtseilen fliegt der Gedanke hunderte von Meilen in
Sekundenschnelle und drückt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben für jedes
Auge lesbar Dieses Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer
Väter der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle nur fassten sie ihn
nicht weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt waren weil sie die Platten
und die Drahtseile nicht sahen tauften sie es Wunder Alte Leute entsinnen
sich dass man in der Stille der Nacht nach dem 14 Oktober vor Berlin auf der
Erde die Schläge des Kanonendonners von Auerstädt hatte hören können Von Andern
sagt man dass sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht gewusst
Aufgeklärte meinten das sei nur die Nachdröhnung gewesen von dem unglücklichen
Gefecht von Saalfeld die als Vorahnung gespukt
    Nicht Alle waren es es waren nur Wenige darunter zwei die wir kennen Der
Rat Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen seine Beängstigung ward gegen
Morgen immer größer Er horte die Kanonenschläge sein Bett schien unter ihm zu
zittern wie fest er auch die Augen zudrückte er sah immer wieder den hellen
Schein wie ein Nordlicht das am äußersten Horizont aus der Erde quillt Er
zündete das Licht an und ergriff eine Lekture es war ein Band des Shakespeare
Die Stelle aus Macbet die er aufschlug war nicht geeignet seine Träume zu
beschwichtigen
Die Nacht war stürmisch wo wir schliefen heul es
Den Schlott herab und wie man sagt erscholl
Ein Wimmern in der Luft ein Todesstöhnen
Ein Prophezein in fürchterlichem Laut
Von wildem Brand und gräflichen Geschichten
Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens
Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch
Man sagt die Erde bebte fieberkrank
    Er sah die Schlacht die meilenweit sich dehnende mit ihren wankenden und
wogenden Linien den dampfenden Batterien den Kavallerieattaquen und so gewiss
er das Herz unter der Brust pochen hörte so centnerschwer drückte ihn eine
Gewissheit  dass er nichts Frohes sah
    Um den fürchterlichen Alp los zu werden zündete er noch ein Licht an und
begrub sich unter seinen Akten Auch aus diesen Bergen stiegen Dünste tiefe
Schachte öffneten sich deren Ende er nicht sah und Sphinxe lagerten sich vor
dem Eingang
    »Ein Weib das selbst eine Sphinx ist« rief er sich im Armsessel
zurücklehnend »und der Oedipus will nicht erscheinen Die Tatsache liegt nackt
da und alle Bezüge Fäden die zu einem Motiv führen plötzlich abgeschnitten«
    Er blätterte weiter in einem Konvolut Es waren Privatkorrespondenzen der
gefangenen Geheimrätin »Welcher Verstand welche klare Erwägung der
Verhältnisse welche ruhige treffende Beobachtung im Urteil über Personen Und
nirgends nur ein Wink von auswärts her Alle ihre Verbindungen bestehen die
Probe Und vor allem dieser« Er überlas noch einmal die Billette welche Wandel
an die Lupinus gerichtet und die mit ihrer ganzen Korrespondenz zu den Akten
genommen waren
    Er fuhr wie ein Unzufriedener mit sich selbst mit beiden Händen über das
Gesicht »Wie ein Kriminalrichter sich in Acht nehmen muss auch auf den
dringendsten Verdacht hin eine bestimmte Meinung zu fassen Wie leicht verführt
er sich und wie schwer wird es ihm dann wieder auf den richtigen Weg
einzulenken  War ich nicht schon innerlich überzeugt von der Identität jenes
von der französischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel 
Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher
Fingerzeig  Selbst die kecke Weise wie er sich mir damals aufdrängte konnte
mich noch nicht ganz überzeugen Man hat Beispiele  und er ist klug sehr klug
 Aber diese Briefe an die Lupinus  Der klarste Spiegel einer unbefangenen
Seele besser als er sich selbst darstellt Er mag anderweitig  aber in dieser
Sache ist er nicht implicirt Nichts von Ostentation Raffinement Er schreibt
wie ein welterfahrener Mann Seine Ratschläge wie vernünftig Er warnt sie vor
der Exaltation ihr aufrichtiger Freund anfänglich zwar scheint ein anderes
Gefühl im Spiele die Neigung steigert sich aber dann dies allmälige
Zurückfallen in den Ton der Achtung und des Respektes  Schade dass ihre Briefe
fehlen ja eine Ahnung von dem was in ihr vorging mag er gehabt haben darum
zog er sich zurück Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen dass er sich
jetzt Mühe gibt eine von ihm hochverehrte Frau zu verteidigen  Als
Kriminalist sollte ich es vielleicht als Mensch kann ich es nicht«
    Fuchsius war an ein anderes Konvolut das auf einem Nebentisch lag
getreten Es waren französische Akten er nahm eine Silhouette heraus und hielt
sie ans Licht »Und was bedeutete die Ähnlichkeit eines Schattenbildes mit
einem lebendigen Menschen wenn sie zu entdecken wäre  Und dann wie vieler
Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt  Übrigens « sagte er mit
wehmütigem Lächeln  »muss man die Gefälligkeit der französischen Behörden
bewundern Dass wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind in einem Kriege der
sie verpflichtet Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen hindert sie
nicht uns in unserm köstlichen Rechte beizustehen damit wir ja nicht fehl
gehen ein uns verfallenes Justizopfer und wäre es auch aus ihren Reihen zum
Tode zu fangen Welche Zuvorkommenheit Es war Laforests letzter Akt hier
unserm Kanzler die Akten aus Paris zu kommuniciren Eine schöne Sache um das
Band der Zivilisation Die Revolutionen die große Verbrecher krönen retten die
kleinen nicht vorm Galgen Die ganze Welt wird für ihn zum Netz und ein
Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl«
    Er war ans Fenster getreten Als er nach den Sternen ausschaute sah er
einen fernen Lichtschein Es kam aus einem Hoffenster in einer jenseits
gelegenen Straße Er kannte die Straße das Haus das Fenster Hier wohnte der
Legationsrat Das Fenster gehörte zu seiner Küche die Küche diente ihm zum
Laboratorium Was konnte Wandel so früh hier zu schaffen haben Er war ein
Nachtschwärmer er experimentirte nie anders als bei Tageslicht hatte er selbst
zu Fuchsius gesagt Was präparirte er jetzt Es war zwischen drei und vier Und
das Licht verschwand nicht Gedanken durchzuckten ihn in rascher Folge Was kann
er in dieser Nachtstunde experimentiren Warum die Heimlichkeit Warum hat er
bei aller Offenherzigkeit in andern Dingen Niemand klaren Wein über seine
Vermögensverhältnisse eingeschenkt Warum schweigt über ihn der alte van Asten
der einmal merken ließ dass er etwas wisse und jetzt behauptet dass er nichts
weiß Er hatte Wechsel von ihm in der Hand  Wechsel Fuchsius sah Wandel
schreiben Er rieb sich wieder die Stirn Plötzlich saß er am Tisch und wühlte
in den französischen Akten In einem kleinen vergilbten Handbillet verfolgte er
mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben Ebenso rasch riss er das vorige
Aktenstück herbei und verglich Wort um Wort es schien Buchstabe um Buchstabe
Es war ein französisch geschriebenes Billet Wandels an die Lupinus »Welche
täuschende Waffe die Ähnlichkeit der Schriftzüge Wie man auch da sich in Acht
nehmen muss« Aber plötzlich vergrösserten sich seine Augen sein Mund öffnete
sich  ein zwei  drei Worte  nicht nur die Schriftzüge der Buchstaben die
Schleifzüge die Abbreviaturen waren dieselben auch die ungewöhnliche
Ortographie
    »Florestan Vansitter« rief er aufstehend und es schien als fröstele ihn
Er warf einen Blick in den Spiegel sein Auge glänzte ihm entgegen ein Glanz
den man der Freude beimisst »Pfui« entfuhr es seinen Lippen »Ist das nicht
die kannibalische Lust des Menschenfressers wenn er sein Opfer auf Schussweite
erblickt O du Mantel der Humanität der uns so schön sitzt aus welchen
Mondscheinspinnefäden bist du gewebt«
    Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben
blickte stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rate
»Nichts von Wichtigkeit« antwortete der Eingetretene auf eine Frage des Rates
»Ihr Benehmen im Gefängnis bleibt dasselbe Sie ließ den Hofrat Heim der ihr
die Wahrheit sagte anlaufen und verbat sich seine fernere Teilnahme«  »Sie
kennen wir«  entgegnete Fuchsius »aber mein Auftrag war dass Sie auf alle
Ereignisse und Bewegungen in dem Kreise Acht hätten dem sie bis jetzt angehört
Was haben sie da beobachtet Eckard«  »Nicht das Geringste was zur Sache
gehört« erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit »Ob es dazu gehört
werde ich beurteilen Was macht ihr Schwager«  »Er wird sich doch nicht
freuen dass er pensionirt ist Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Voigtei
liegt ihm noch in den Gliedern Er spuckt Neulich in der Weinstube bei Sala
Tarone ließ er einen Witz los Sie haben darüber gelacht Das passiert ihm jetzt
selten«   »Welchen«  »Damals als er wirklich eine Bêtise begangen sagte
er nämlich mit den Gefangenen sei er mit blauem Aug davongekommen und jetzt
müsse er büßen wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind Er hätte doch
seinem Bruder nie was zu trinken gegeben Nun müsse er aus Haus und Brod bloß
weil es sich nicht schicke dass er der Kerkermeister seiner Schwägerin würde« 
»Die Justiz ist blind trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck Noch
etwas von ihm«  »Er heiratet sie Das ist abgemacht Im Dom ist schon die
Trauung bestellt«  »Aus Depit dass er die Voigtei verlor«  »Nun ja Er sagt
aber weil er das Heulen der Charlotte nicht länger aushalten können Das ist
wahr ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niedergehauen als er den Prinzen
raushauen wollte«  »Was ist denn nicht wahr«  »Dass der Major Stier von
Dohleneck auch da geblieben wäre Der ist nur blessirt vom Pferde gefallen Sie
haben ihn splitternackt ausgezogen dann gefangen genommen dann hat er ihnen
sein Ehrenwort geben müssen und so kommt er retour nach Berlin Die Baroness
Eitelbach weiß es nur noch nicht sie geht schwarz«
    Der Vigilant musste sehr genau auch mit den inneren Familienverhältnissen
vertraut sein Ein flüchtiges Lächeln ging über die Lippen des Rates »Was
macht Geheimrat Bovillard«  »Sieht schon wie eine Leiche aus Larirt einen
Tag um den andern zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements Der
Legationsrat Wandel sagt wenn er so fortführe würde es ihm ans Leben gehen
Es sei kein Spaß damit Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um und die
Werderschen bringen unreifes Obst Man wisse aber garnicht was noch daraus
werden könne denn die Ruhr könne noch was ganz Anderes sein woran jetzt kein
Mensch denkt« Fuchsius hatte nur auf den einen Namen Acht gegeben »Lässt der
Legationsrat sich viel beim Kranken sehen«  »Nicht eben Er steckt ja fast
immer bei der Braunbiegler Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu
schaffen Der mag ihn nicht aber er lässt ihn nicht los Besonders wenn er in
der Fabrik ist da spricht er in allen Dingen mit« Der Baron sagte »wenn er
mal in den Farbekessel fiele dann wäre auch nichts verdorben als die Farbe« 
»Eckard« Der Rat zog ihn in den Winkel als könnte die Luft hören was er ihm
zu sagen hatte Er schloss »Von jetzt ab vigiliren Sie auf ihn Schritt und
Tritt Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge wo er hingeht an wen er
Briefe abschickt von wo er Briefe empfängt und wo möglich sehen Sie durch
seine Wände«
    Auch der Legationsrat konnte in der Nacht nicht schlafen auch er hörte den
Kanonendonner auch unter ihm zitterte das Bett der Himmel leuchtete er sah
die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen um Herr zu
werden seiner Sinne
    Er zündete eine chemisch präparirte Kerze an welche einen besonders hellen
Schein warf und trat was er wirklich selten bei Nacht tat in sein
Laboratorium Alles wie er es am Abend verlassen dort hingen die Bilder da
das Gerippe die Retorten Kolben Tiegel auf dem Heerde einige kleine
Fläschchen auf die sein Auge zuerst fiel standen wie zur Abkühlung am Fenster
Er hielt den Atem an wie um zu horchen Es bewegte sich außer ihm etwas Er
biss sich in die Lippen Torheit es ist die aufgeregte Phantasie
    Da bewegte sich das Gerippe sichtlich ein schrillender Ton kam aus der
Mundhöhlung es rauschte etwas heraus es wehte durch die Luft und das Licht
erlosch Wandel sank nicht zu Boden aber er presste den Leuchter so fest dass
das Metall eingebogen war der Todtenschweiss der von seiner Stirn tropfte
hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt
    »Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen der in seiner Angst durch den
Schornstein eindrang« rief er nachdem er mittelst eines chemischen Feuerzeuges
das Licht wieder angezündet »Flattre nur Unhold Du bist kein Leben und lügst
keines mehr der schönen Hülle an Es gibt keine Geister nur Spuk den den die
Schwäche unserer Nerven gebiert Aber ein Spuk und eine Verhöhnung unserer
Kraft dass wir uns zumeist von Denen in Angst setzen lassen die selbst vor
Angst aus sich herausgehen« Aber weshalb war er hier Um mit den Gespenstern
an die er nicht glaubte eine Lanze zu brechen  Warum hatte ihn die Dröhnung
des Kannonendonners warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt Berührte
ihn der Ausgang welcher es sei  »Doch« rief er plötzlich »Das ist der
Vorteil jener chaotischen Katastrophen welche die kleine Menschenwelt und ihre
Ameisenhaufen Staat und Gesellschaft genannt durcheinander werfen dass wir uns
da frei fühlen Wo das Haus über ihren Köpfen zusammenbricht merken sie nicht
das Insekt das sie sticht  Die Kerker öffnen sich  vielleicht Es wird
vergessen Alles  nein doch Vieles  auch das  Vielleicht« Er nahm die
Fläschchen hielt sie gegen das Licht und tat sie dann in ein Etui »So viele
Arbeit um  eine Bagatell Ich ging doch an schwerere mit leichterm Mut fast
im elastischen Tänzerschritt Aber der alte Asten hatte Recht Die
Polypragmosyne hat mir Schaden getan Das erste Gesetz lautet nicht zu Vieles
im Aug Dies Abwägen verwirrt und schwächt unsere Sehkraft Rasch drauf los Die
Weisheit unserer Väter Frisch gewagt halb gewonnen Es ist eine ewige alte
Fabel vom Hunde und dem Fleisch und doch wer wehrt sich vor dem Blendwerk dass
ihn das große Bild im Wasser verlockt Und das Morgen morgen nur nicht heute
 wie viel kühnen Entschlüssen brach es den Hals« Und doch schien er selbst
durch hervorgezogene Sprüchwörterphilosophie entweder sich Mut einzusprechen
oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten Er packte die Fläschchen aus um
zu sehen ob sie auch eingewickelt waren Er befühlte auch Gegenstände die er
nicht mitnehmen wollte Es war so heiß in der Küche ob von der eingeschlossenen
Luft oder von seiner inneren Hitze Schon hatte er die Tür in der Hand als er
zurückkehrte Ihm fiel ein dass er auch auf die schlimmste Eventualität sich
waffnen müsse »Sie dürfen auch nicht das finden was sie bei der Lupinus
gefunden« Er musste schon vorgearbeitet haben Nur aus einem Tiegel schabte er
vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Abzugsgraben Dann streute er
verschiedenen Farbenpuder verschwenderisch umher Die Küche bekam dadurch einen
Wohlgeruch »In meinen Schminkpräparaten mögen sie meine Arkane entdecken«
    Dann näherte er sich dem Gerippe »Wieder eifersüchtig Gib mir die Hand
Angelika« Sie gab sie ihm aber schüttelte er so heftig oder war der Wandnagel
lose Das Knochenweib stürzte herab Wir wissen nicht ob er geschaudert doch
schnell hatte er sich und das Gerippe gefasst »Das hätte ein böser Fall werden
können, wie damals als Du vom Pferde sprangst und ich Dich auffing Du nanntest
mich Deinen Lebensretter Ja ein teurer ward ich Dir Zwei Mal für das eine
Bischen Rettung nahm ich Dein Leben Ihr armen jungen Weiber Mit Eurem warmen
Blut und leichten Sinn seid Ihr nun einmal vom Fatum destinirt in unsere Netze
zu flattern Hier lernte ich Klügere Kältere kennen die auch denken sogar
berechnen konnten Das war Euch unmöglich Und doch weiß ich nicht ob Ihr nicht
die Glücklicheren seid Ihr nipptet und dann schlürftet Ihr die Wonne des Lebens
in vollen Zügen Dann  mit einem Mal  war es aus Aber jetzt  jetzt  mach
mir das Leben nicht schwer Du könntest hier an der Wand in einem unbedachten
Augenblick plaudern Dort im Kasten bist Du nicht gefährlich Du bist ein
Präparat eine anatomische Studie Ruhe da sanft und was würdest Du sagen
Liebchen wenn ich Dir über Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte Schön
und groß wie Du aber etwas dumm Was tut das Sie wird Dich nicht langweilen
Sie ist stumm wie Du Und wenn Ihr Beide dann friedlich neben einander ruht
sieh den Trost gebe ich Dir bei Dir wird mein Sinnen bleiben wir werden nach
wie vor kosen bei Dir werde ich mir Rates erholen Du wirst mich verstehen
Die Andere ist eine Gliederpuppe jetzt gelenkig dann wie Du aber Deine Folie
Adieu mein Herz«
    Und wer behauptet dass seines nicht doch schlug dass der kalte grässliche
Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war der die Natterstiche das
konvulsivische Aechzen die Qualen die keinen Namen haben bedecken sollte
Nicht täglich wie er der Lupinus log drückte er das Gerippe an seine Brust Es
waren nur die fürchterlichsten Momente wo er Kraft bedurfte und er konnte sie
in sich nicht finden Wer sah den Angstschweiß auf seiner Stirn wer wie die
Kniee wankten wie er sich an das Treppengeländer hielt als er herunter stieg
Es war ein saurer Gang Warum das wusste er sich nicht zu sagen Er hatte schon
viele Gänge der Art gemacht
    Aber draußen sah man ihm nichts davon an Wie der Hahn um die Witterung
anzukrähen schlürfte er sie ein Die Luft war grau regenhaltig eine bange
Stimmung wie sie einem großen Unglück vorangeht Der Tausendkünstler hatte
schnell die Physiognomie sich angeeignet Wo fand er nicht auf der Straße
Bekannte Wo sah man sich nicht ängstlich an hatte sich trübe Nachrichten
bange Ahnungen mitzuteilen Schon wandelten Frauengestalten in Trauer die
frühe Nachwirkung des Gefechtes von Saalfeld
    Der Baron Eitelbach ging zur Börse Er ward unterwegs von Mehreren
angesprochen Man kondolirte ihm »Wie nahm sies auf«  »Ich kann wohl sagen
sie deployirt eine große Seelenstärke«  »Ists denn auch ganz gewiss«  »Na
warum denn nicht Sein Neveu der Wolfskehl hat ihn selbst vom Pferde hauen
sehen er hats hergeschrieben«
    Der Legationsrat trat in dem Augenblick an die Gruppe und es war der
vollste Ausdruck inniger Teilnahme mit der er dem Baron die Hand drückte »Sie
sind ein Mann« Er zog ihn etwas bei Seite »Und sie ist eine Frau die durch
Leiden geadelt wird Ich bin überzeugt dass dies Unglück den wahren Bund Ihrer
Seelen nur fester schlingen wird Es ist schön es ist edel  ich sage nicht
groß von Ihnen dass Sie ihre Empfindungen durch solche Teilnahme ehren« 
    Als noch Jemand an die Gruppe getreten war der Legationsrat plötzlich
fortgesprungen Fuchsius sah ihm verwundert nach aber noch verwundeter sah er
dem zu was Wandel begann Er unterhandelte mit einer Obstökerin Er zog die
Börse und schien eine ahnsehnliche Summe ihr in die Hand zu drücken Dann nahm
er plötzlich die Körbe mit Birnen und Pflaumen den ganzen Vorrat der
Händlerin und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine die den ganzen
schwimmenden Vorrat alsbald in ein Abzugsloch trieben Die Strassenjugend
jubelte Andere jubelten nicht sie schimpften auf den vornehmen Herren der so
mit Gottes Gabe umgehe statt armen Leuten sie zu schenken verderbe er sie Es
gab einen kleinen Auflauf aus welchem Wandel sich nur mit einiger Mühe
losmachte Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen doch
ahnten sie die Aufklärung Wahrscheinlich war das Obst unreif oder der
Legationsrat hielt es dafür Er hatte schon an mehreren Orten von der
unverzeihlichen Nachlässigkeit der Polizei gesprochen dass sie solchen Verkauf
zulasse wo die Ruhr in der Stadt grassire man wisse ja nicht was noch daraus
entstehe »Ihre Intention in Ehren« sagte Jemand zu dem Zurückkehrenden »in
dieser allgemeinen Kalamität ist es aber nicht recht Anlass zum Skandal zu
geben Das Volk ist ohnedem aufsässig«  »Und was helfen zwei Körbe weniger« 
»Sie haben vollkommen Recht meine Herren« sagte Wandel »doch wer ist Herr
über seine Impulse Zudem sehe ich ein Gespenst welches mir fürchterlicher
dünkt als alle Kriegskalamitäten die uns noch drohen mögen Noch ist es nicht
hier aber es wogt aus dem fernen Asien herüber eine Pest gegen die der
schwarze Tod das gelbe Fieber und was sonst den Namen führte unbedeutend
erscheinen werden Eine Krankheit die ganze Ortschaften Landstriche hinrafft
entwickelt sich in dem britischen Indien Die englischen Ärzte geben
entsetzliche Schilderungen und behaupten dass sie ihren Siegerzug durch die
ganze Welt halten werde Sie nennen sie Cholera morbus und was das
Schrecklichste es ist kein ärztliches Mittel dagegen zu entdecken Sie fängt
mit Vomiren an heftiger Dyssenterie dies steigert sich in wenigen Stunden bis
zum Tode Der geringste Diätfehler namentlich der Genuss von unreifem ja
selbst von reifem Obst ruft sie hervor Ich kann Ihnen meine Besorgnis nicht
verhehlen ich hörte durch Selle vorhin von Fällen, die mich fürchten machen
dass sie schon in den Ringmauern von Berlin ist  Ich bitte lassen Sie sich
nicht ängstlich machen meine Herren aber hüten Sie sich ja vor jeder
Erkältung vor Obstgenuss Ja ja meine Herren wir wissen alle nicht was uns
bevorsteht und welche neue Wendung das Schicksal nimmt Wo diese Krankheit
grassirt hört der Krieg von selbst auf  Sie fühlen sich doch nicht unwohl
liebster Baron Sie fassen sich an den Magen«
    Der Baron hatte Melonen gegessen Die Gesichter einiger Andern verrieten
die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung Da erst erblickte Wandel den
Rat Fuchsius Er ergriff seine Hand »Ach mein wertester Freund Vorsicht
Vorsicht meine Herren weiter nichts A propos was macht denn unser Freund
Bovillard Ich sah ihn seit vorgestern nicht«
    Der Rat zuckte die Achseln »Durch seine Selbstkur «
    »Tut er Busse« fiel der Baron ein für die Gänseleberpasteten und
Trüffelwürste um die er seine Nebenmenschen übervorteilt hat »Es hat Einer
ausgerechnet was er in seinem Leben verschlungen hat  die Summe ist gar nicht
auszusprechen«
    »Ich bin sehr um ihn besorgt« sagte Wandel den Kopf schüttelnd »Die fixe
Idee kehrt immer wieder Und sonst die Raison selbst Bestätigt sich noch das
grässliche Gerücht dass sein Sohn gefangen und als Spion  das Leben verloren
hat  so gebe ich auch den edlen Mann verloren Heim will es nicht Wort haben
aber  glauben Sie mir « sprach er Fuchsius bei Seite ziehend »das sind schon
die veritablen Symptome der Cholera Ach mein Gott« sprach er seine Hand
drückend »teuerster Freund was macht denn unsere Freundin«
    »Sie wird mit der Rücksicht behandelt die ihre Bildung beansprucht« 
»Davon bin ich bei solchem Inquisitor überzeugt Aber noch kein Geständnis
keine Regung des Gewissens«  »Stolz fest starr wie immer«  »Dann bin ich
von ihrer Unschuld überzeugt Jedes Weib verrät sich wenn der rechte Inquirent
zu ihrem Gefühle spricht«  »Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberkenners
sollte auch mir Beruhigung geben«  »Nein nein inquiriren Sie scharf und
schärfer nehmen Sie sie ins Gebet wie ich jetzt meinen Baron Er will noch
nichts davon wissen er ist ein starrer Anhänger des Alten der gute Eitelbach
aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm einleuchtend zu machen denn
er ist doch ein guter Patriot « »Was«  »Dass wir unpatriotisch
unverantwortlich handeln wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo färben
Wozu den Engländern den Gewinnst gönnen wenn wir das Blau im Lande haben« 
»Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen«  »Kein Scherz Die Mark
producirt seit alter Zeit einen Färbestoff in ihrer Waidpflanze welcher bis zur
Entdeckung der Schifffahrt nach Ostindien nicht nur für das Bedürfnis
ausreichte sondern für Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward Da
verließ man die Produktion natürlich weil der Indigo wohlfeiler besser
präparirt war Jetzt durch die Kriegsverhältnisse ist er nicht mehr wohlfeil
durch Sperrung der Schifffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden es
ist also Aufgabe der Industrie ein Surrogat zu finden welches in diesem Falle
schon vor uns liegt Ich wage zu behaupten der Indigo ist jetzt nichts gegen
den Waid Im Ernst die Sache verdient Aufmerksamkeit Uns in jeder Beziehung
unabhängig vom Auslande zu machen ist dünkt mich die erste Aufgabe jedes
Patrioten Bester Rat beehren Sie uns mit ihrer Gegenwart bei Dallach und
helfen Sie nur unsern Baron von seinem eigenen Vorteil überzeugen«
    Fuchsius war vermutlich der Ansicht dass es für einen Patrioten in dem
Augenblick näher liegende Aufgaben gebe als die Blaufärberei er lehnte die
Einladung ab Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsrates
fortgerissen zu werden »Assen Sie viel Melone« hörte man im Abgehen Wandel zum
Baron sagen »So springen wir vorher bei Selle an er verschreibt Ihnen eine
kleine Magenstärkung« Die Zurückbleibenden hörten nicht die Antwort sie haben
den Baron nicht wieder gesehen
    Die Indigo und WaidAngelegenheit schien diesen um so weniger zu
interessieren je mehr der Legationsrat in ein wahres Feuer der Begeisterung
geriet Auf dem Frühstücktisch in einem separaten Zimmer der Restauration
gedeckt nahmen die Proben Tuch mit Indigo und Waid gefärbt und die Fläschchen
mit Färbesaft fast mehr Platz ein als die Teller und Flaschen aus Herrn
Dallachs Keller
    »Alles ganz schön« sagte der Baron »wenn nur « »In Gedanken Was ists«
 »Wenn wir überhaupt noch blaues Tuch brauchen«  »Was Sie Patriot und
verzweifeln Was wollen Sie da am Fenster«  »Ich dachte wenn es ein Kourier
wäre« »Wir sind unter uns Patrioten Beide Hören Sie liebster Baron und
wenns denn wäre Tuch brauchen sie so lange die Welt steht Ists nicht
blaues dann grünes « »Und wenn wir französisch würden«  »Changiren wir nur
etwas das Blau  Quimporte Der Weltbürger ist auch ein Patriot Aber Sie
trinken nicht Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht«  »Das könnte ich Ihnen
wiedergeben«  »Ich bin etwas trunken nicht vom Wein aber ich möchte heut
aller Welt um den Hals fallen Mir ist als stände mir etwas Erfreuliches
bevor«
    Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich seinen Stammgästen eine
Prise zu offeriren »Herr Baron sehen etwas angegriffen aus Ihnen ist doch
wohl«  »Es wird vorübergehen« sagte Eitelbach »Er ist ein Anglomane will an
seinem Indigo festhalten da sehen Sie Dallach das ist mit Waid gefärbt wie
ich Ihnen sagte  halten Sies gegens Licht  Der Baron krümmt es sich
einzugestehen das passiert so obstinaten Leuten Aber was Teufel Eitelbach
hätte er sich beinah vergriffen und aus der Färbeflasche eingeschenkt«
    »In der Stadt ist man sehr unruhig« sagte Dallach »Niemand weiß recht was
aber es sollen beunruhigende Nachrichten eingelaufen sein«  »Pah nichts von
Politik  Herzensmann Sie essen zu viel Kompott Nach der Melone Vorsicht
Vorsicht Das merken Sie sich auch Herr Dallach nicht zu viel Obst Ihren
Gästen Sie haben es zu verantworten Schicken Sie uns Portwein der wird dem
Magen des Barons guttun«
    Ein Zeichen für Herren Dallach sich zu entfernen Auch der Baron war einen
Augenblick aufgestanden und wiedergekommen Der Portwein schien ihm wohlzutun
Und doch saß er wieder in sich versunken Es war nicht seine Art »Eine
niederträchtige Geschichte Denken Sie sich der Schmeckedanz der Kerl auf dem
Mühlendamm  ein verfluchter Jude « »Hat doch nicht Wechsel auf Baron
Eitelbach«  »Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft Gott weiß wie  Und nun der
tot ist « »Bravo kann er sich Fidibus davon machen«  »Nein er schickt sie
meiner Frau« »O das ist zum Todtlachen«  »Nein zum Einlösen«  »Ist der
Kerl verrückt«  »Wenn nur nicht ein Brief dabei wäre « »Von wem«  »Vom
toten Rittmeister ich meine vom Major Dohleneck«  »Schreiben die Toten
wieder Briefe«  »Nein eh er ausmarschirte Solch ein Galimatias Wenn er
fiele sollt er sich nur an meine Frau wenden die sei so sterblich in ihn
verliebt dass sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzen ließe Bei
Lebzeiten hätte er sie können um den Finger wickeln und sie hätte gehörig
blechen müssen Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte so «
»Schnell noch ein Glas Port Ich kann mir denken wie die Niederträchtigkeit Sie
afficirt«
    Der Baron saß zurückgelehnt auf dem Stuhl leichenblass »Die Erzählung hat
Sie angegriffen Hoffentlich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt Ihrer
Frau Gemahlin den Brief zu schicken«  »Hats Das ist es eben«  »O pfui
Sind Sie auch sicher dass der Brief wirklich von Dohleneck ist Ich hielt ihn
für sehr beschränkt aber ehrlich«  »Das ists eben  darüber heult sie mehr
als dass er tot ist«  »Gemeine Seelen  Nun hat sie ihn kennen gelernt  Sie
hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch«  »Nein 
sie will sie auslösen  sie ist obstinat Ich solls aus ihrem « »O das müssen
wir hindern  auf der Stelle  wir wollen zu ihr  Was ist Ihnen« 
    Der Baron stürzte hinaus Er kam nach einer Weile von einem Kellner
geführt wieder herein Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht
zu bemerken in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab »Ich kanns mir
denken  ihren Seelenzustand Sie verachtet ihn Und doch sie will sich dadurch
an ihm rächen dass sie seine Manen beschämt Das soll das letzte Opfer sein was
sie aus ewig von ihm scheidet O dort in jener Ewigkeit  mit welchem stolzen
vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten «
    Der Baron hörte nichts davon er konnte nichts davon hören Der
Legationsrat tat einen Schrei  er riss die Türen auf Herr Dallach und die
Kellner die hereintraten sahen die liebende Teilnahme mit welcher Wandel dem
Erkrankten den Kopf hielt »Ein Arzt«  »Ein Wagen«  »Die verdammte Melone
Habe ich ihn nicht gewarnt«
    Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein Er wehrte es mit
der Hand ab Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser ein Er atmete wieder auf
»Ach das Wasser« sagte Wandel »wenn die Ärzte erst seine wunderbare
Heilkraft ganz kennten  Jetzt nur frische Luft«
    Es kam kein Arzt kein Wagen »Die Stadt ist in Verwirrung« »Würden Sie
sich stark finden teuerster Baron zu Fuß nach Ihrer Wohnung  ich führe Sie«
Der Baron war aufgestanden »Es wird gehen es wird schon besser werden Ich
erhole mich«  »Die verfluchte Melone« knirschte Wandel und stampfte er
stülpte den Hut auf Er zog den Wirt noch ein Mal bei Seile »Herr Dallach
habe ichs nicht gesagt O es wird noch ärger kommen Wir können uns
gratuliren«  »Was ist denn Herr Legationsrat«  »Die Cholera« schrie er
ihm ins Ohr »Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus Und der Leichtsinn
Aber still liebster Dallach erschrecken Sie nicht Ihre Gäste wir werden bald
mehr hören«
 
                          Sechsundachtzigstes Kapitel
                             Das große Trauerhaus
Wo der Trauerhimmel über eine ganze Stadt ausgespannt ist wer achtet da sehr
auf ein einzelnes Trauerhaus Die Ärzte nach denen Wandel geschickt waren
nicht zu Hause gewesen Sei doch der Krankheitsanfall einer Art dass ein
gesunder Körper sich selbst heile hatte er geäußert oder wenn  dann war er
plötzlich aufgesprungen und ließ doch noch einen Arzt rufen Er hatte ihm im
Vorzimmer die Symptome beschrieben sie hatten gelacht und als der Doktor ins
Zimmer trat hatte er lächelnd den Puls des Kranken befühlt und auch lächelnd
zum Baron gesagt »Etwas Kamillentee und Einreibungen  das wird den Patienten
bald auf die Beine bringen aber wenn er auf den Beinen ist gnädige Frau dann
tun Sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich
erkälten« Liebevoller aufmerksamer aufopfernder hätte ein Bruder den Baron
nicht pflegen können Tag und Nacht saß er abwechselnd mit der Baronin an seinem
Bette Er trocknete er rieb den Leib er schenkte ihm den Tee den er selbst
vorher kostete 
    Wandel stand am Fenster Lärm Unruhe Hin und Hergelaufe kernige
Fluchworte dazwischen ein Geschrei das hier in Heulen überging Ein Reiter
sprengte auf der Straße vorüber »Das ist der Rittmeister Dorville Ich fürchte
er bringt Übles vom Schlachtfelde« Eine Stimme rief zum Fenster hinauf
»Verloren Es ist Alles verloren« Was eine Stimme was Stimmen Es war Alles in
der Stadt nur eine und das war ein entsetzlicher Wehruf Wohl Denen die ihn
laut machen konnten der stumme Schmerz ist der tiefere Er sprengt nicht immer
die Brust aber er stopft die Adern er wirkt einen Niederschlag der alle
Funktionen der Glieder lähmt Das Herz das so mutig noch eben schlug scheint
still zu stehen die Gedanken die gradaus schossen zittern und verirren Es
war kein lauter Aufschrei in der Stadt kein Todeshieb der eine Wunde öffnete
aus der das Herzblut mit einem Mal ausströmt es war eine Quetschung ein
Niederschlag Ein Uhrwerk wars dessen Räder noch gingen aber keines griff ins
andere
    Ein Knäuel von Hiobsposten wälzte flog durch die Straßen Die Franzosen
hatten gesiegt die Armee war in die Flucht geschlagen die Besonnenen hatten
wohl Recht wenn sie schrien man solle zukochen heizen für Stroh Decken
Quartiere und Lazarete der Flüchtlinge sorgen Andere schrien nach Waffen und
Widerstand Da schreckte Beide die Nachricht zu blassem Verstummen Nichts von
Flucht und Widerstand Unsere Armee ist aufgerieben vernichtet alle Generale
der König der Prinz gefallen Das ward zwar von Unterrichteten dahin korrigirt
die preußische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden Napoleon habe
sich zuerst bei Jena auf das Korps Hohenlohe geworfen und es vernichtet darauf
oder zugleich sei die Hauptarmee wo der König und die Prinzen bei Auerstädt
total geschlagen der Herzog von Braunschweig der Oberfeldherr im Getümmel
erschossen und beide geworfenen Korps auf einander gedrängt würden von den
Franzosen nach dem Rheine zu verfolgt aber für die Begriffe der Masse war das
zu schwer zu entwirren Wenn auch einige Kluge kalkulirten dann entferne sich
ja die Gefahr wenn noch Klügere meinten es sei nur eine Kriegslist um den
Krieg nach Frankreich zu wälzen so hörten Andere dafür schon wenn ein Piket
Husaren durch eine entfernte Straße preschte die Vorposten der Franzosen in die
Stadt einreiten Andere aber hatten besser gesehen oder gehört es waren Russen
oder Engländer die gelandet oder geflogen waren um Berlin beizustehen
    Man sah Einige durch die Massen sich drängen Aber wo Rates sich erholen
Die Lenker des Kabinettes sollten im Hauptquartier sein Hier klopften sie
umsonst an die Tür eines Großen Er lag in einer heftigen Kolik und hatte
befohlen Niemand vorzulassen Ein Anderer war bei einem Andern der Andere war
aber wieder anderswohin geeilt Im Gedränge trafen sich Zwei die sich einst
gesehen und seitdem nicht wieder Walter und der alte Rittgarten »Zum
Gouverneur« rief der Invalide »Er muss die Trommel rühren lassen«  »Trommeln
Das fehlte noch« rief ein gutgesinnter Bürger »um den Wirrwarr voll zu
machen«  »Es gibt nur Einen und wenn Er nicht Hilfe weiß «
    Walter ward durch einen lauten Aufschrei unterbrochen der durch die Stimmen
von Tausenden immer neu anwuchs Das waren Laute des Schmerzes aber auch der
Freude  »Die Königin die Königin« In der Entfernung bog ein Reisewagen um
die Straßenecke Tränen Schluchzen Jubelrufe Es war in dem Gewirr nichts zu
verstehen Ein Tuch ein Arm wehte heraus Die Beiden die sich eben gefunden
wurden wieder getrennt Jeder hatte ein anderes Ziel Aber die Stimmung schien
sich geändert zu haben Der Anblick der Königin hatte gewirkt Der alte
Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter Kernworte Flüche Da schüttelte
Einer seinen markigen Arm Rittgarten ergriff ihn Er sprach Worte die zum
Herzen drangen Als sie das Hotel des Ministers erreicht hatte sich die Zahl
bedeutend verstärkt es waren kräftige Männer alte Soldaten darunter Wut und
Freude strahlte auf den Gesichtern
    Wo war die alte Ordnung die heilige Ruhe wenn man berusste Arme
Schurzfelle auf den Treppen sah Einige sogar bis in das innere Heiligtum
gedrungen Es musste hier schon viel vorgegangen sein wenn wir den Minister
denselben welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte zwischen
diesen selbst für die Antichambre ungeeigneten Gestalten umhergehen sehen ohne
dass sein Auge Blicke der Entrüstung warf Nein er trug weder Uniform noch
Hofkleid auch keinen Stern an der Brust er ging nicht aufrecht und die Stirn
leuchtete nicht vom Widerschein seiner unantastbaren Würde »Meine lieben
Freunde« sprach er zwischen den Eingedrungenen sich bewegend Seine feinen
aristokratischen Hände stets in einer Position erhalten die sie vor jeder
Berührung schützen sollte berührten doch freiwillig die Arme der Bürger er
drückte dem Nagelschmied die Hand er legte sie dem patriotischen
Stadtwachtmeister auf die Schulter »Mein liebster guter Freund nur keine
Übereilung«
    »Aber Excellenz sie stürmen Ihnen das Haus« riefen drei vier Stimmen
Der Hausflur war voll die halbe Treppe sie drängten von außen Andere standen
im Hofe und gafften mit hässlichen Blicken die Reisewagen an die in Hast
bepackt wurden Die Excellenz beugte sich übers Geländer sie rang die Hände es
war der mildeste freundlichste Ton »Um Gottes Willen meine Freunde keine
Übereilung Was wollen Sie« Da brach es los wie ich weiß es nicht es war
aber das Unglück dass Keiner wusste was er wissen sollte Es war die Wut die
in hundert Lauten sich Luft machte »Wir sind verraten«  »Der König und die
Königin sind verraten«  »Das Vaterland ist in Gefahr«  »Die Franzosen sind
vor der Tür«
    »Ja ja meine lieben Freunde um Gottes Willen ja es ist wahr wir sind
Alle in Gefahr  aber was wollt Ihr was sollen wir tun« Die im Hofe zeigten
auf die bepackten Reisewagen »Er kratzt aus uns lässt er im Stich« Ein
höhnisches Gelächter verschlimmerte die Lage der Autorität die es nicht mehr
war Da ward der Ruf laut »Widerstand Waffen Ein Schuft wer seinen König
verlässt«
    »Um Gottes Willen verehrte Mitbürger Ich beschwöre Sie bedenken Sie Ihre
Familien Ihre lieben Kinder Ihre Lage diese Stadt Es ist ein Unglück ja ein
großes ein unermessliches Unglück unsre Armee ist geschlagen total
geschlagen wir wissen nicht wo sie ist Wo eine so tapfere Armee erliegen
musste ist es Torheit ich beschwöre Sie es ist Raserei an den geringsten
Widerstand noch zu denken«  »Wars Torheit« rief eine Stimme es war der
alte Rittgarten »als Haddick in unsre Straßen sprengte dass die Berliner nicht
zu Kreuz krochen Raserei dass sie Schanzen aufwarfen dass wer eine Muskete
tragen konnte der Trommel folgte als die Russen ihre Kugeln in die
Friedrichsstadt warfen Des Königs Hauptstadt ward gerettet«  »Meine lieben
teuren Mitbürger bedenken Sie doch die veränderten Verhältnisse Wer war
Haddick wer die Russen Der Kaiser Napoleon ist unüberwindlich Sie waren
selbst Militär O erklären Sie Ihren Mitbürgern dass aller Patriotismus und alle
Bravour gegen ein disziplinirtes Heer nichts ausrichten O mein Gott stehen Sie
mir doch bei diese braven rechtlichen unsere Mitbürger vor einer
entsetzlichen Verirrung zu bewahren«
    »Excellenz« erwiderte Rittgarten »eine Schlacht können wir den Franzosen
nicht liefern noch besteht Bürger und Bauer vor Denen die den Krieg erlernt
Das weiß ein Kind Aber hier gilts was Keiner erlernt was geboren ist das
Herz zeigen am rechten Fleck Ist der König geschlagen so gilts ihm
aufbewahren als treue Untertanen unsern Mut unsre Treue uns selbst Er wird
wissen ob er Berlin halten soll oder aufgeben und an uns ists ihm die
Entscheidung offen erhalten Das ist unsre Schuldigkeit Es gilt der Obrigkeit
die er zurückließ gehorchen und wenn sie stumm bleibt sie fragen was müssen
wir tun dass dem Könige seine Hauptstadt gerettet wird Sind Soldaten da so
sammelt sie sinds Invaliden ruft sie auf sie werden dastehen Sollen die
Bürger ihnen zutragen schanzen Wache stehen Sollen Wagen und Proviant hinaus
die Flüchtlinge einzuholen Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden Soll junge
Mannschaft geworben werden Sollen wir Pulver holen Kugeln gießen abkochen für
die Ankömmlinge Alles das weiß der Bürger nicht Excellenz aber er hat ein
Recht von Denen es zu erfahren die der König zurückließ an seiner Statt Die
müssen es wissen Die uns vorangehen Und Die und wir Alle haben die
Verpflichtung uns so zu zeigen dass der Feind erfährt er hat eine Stadt von
Männern vor sich nicht von Memmen«
    Gewirkt hätte die Rede wenn nicht zwei Umstände die Wirkung paralysirten
Von draußen schrie es »die Königin die Königin flieht aus Berlin«  »Die
Königin redet zu den Bürgern« Darauf eilten die Entschlossensten nach dem
Palais Vielleicht war dort Rat und Hilfe Im hinteren Hofe aber hatten Andere
einen Reisewagen umgestürzt Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein
wenn der Patriotismus aufbraust »Sie plündern Herr Major hindern Sies Man
weiß nicht was draus wird  Es sind Soldaten dabei« Es bedurfte für den
Offizier kaum der Aufforderung
    Die Excellenz ließ ihren Wagen im Stich sie hatte eine höhere Aufgabe das
Terrain war günstiger die Haufen gelichtet er glaubte geneigtere Gesichter zu
sehen Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten »Mitbürger
Teuerste Freunde Der Augenblick ist entsetzlich aber lassen Sie sich von
unruhigen Köpfen nichts aufreden Hier ist nicht zu helfen Der Himmel hat es so
gefügt wir müssen uns drein finden Der mindeste Widerstand irgend ein
unruhiges Benehmen von Ihrer Seite könnte die schrecklichsten Folgen haben
Denken Sie an Ihre Frauen Ihre Kinder denken Sie an Wien Wie ungnädig hat
Seine Majestät der Kaiser Napoleon das trotzige Benehmen der Bürger aufgenommen
Er ist nun einmal der Sieger Er wird ein großmütiger Sieger sein wenn Sie der
Vernunft Gehör schenken Seien Sie freundlich seien Sie sehr freundlich gegen
ihn Überwinden Sie sich wenn er einzieht rufen Sie Vive lEmpereur Ich
weiß es wird Ihnen schwer werden aber der Mensch kann sich überwinden meine
Herren der Mensch kann viel wenn die Not ihn zwingt Recht friedlich recht
besonnen Illuminiren Sie Das wird ihn überraschen sein Herz wird sich
aufschließen Liebe Mitbürger hören Sie auf den Rat eines Mannes ders mit
Ihnen wohl meint es ist nicht für mich Bedenken erwägen Sie ich wiederhole
es nochmals wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel Sie sind keine Wiener Sie
sind Berliner und das Beispiel wird Sie lehren dass eine männliche ruhige
Hingebung im Unglück es allein ist die den Patrioten ehrt«
    In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben
finden Aber man findet mehr  ein gedrucktes Aktenstück An allen Strassenecken
stand  an einem späteren Tage  folgendes Proklama und in den Berliner Zeitungen
las man es am 21 Oktober 1806
    In dem Proklama hieß es
    » Nur festes Anschliessen an Diejenigenwelche das mühselige Geschäft
übernehmen die von einer solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mindern
so wie die mehr als jemals nötig gewordene Ordnung zu handhaben kann die
schrecklichsten Folgen abwenden welche der mindeste Widerstand oder irgend ein
unruhiges Benehmen der Einwohner über die Hauptstadt verbreiten würde und das
noch neuerliche Andenken des Betragens welches die Einwohner Wiens in einer
ähnlichen traurigen Lage beobachtet haben muss die Einwohner Berlins belehren
dass der Überwinder nur ruhige männliche Hingebung im Unglücke ehrt    Ich
ermahne Jeden denn  hoffentlich werde ich es nicht nötig haben zu befehlen 
 ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben und alle Sorgen Denjenigen zu überlassen
welche sich rastlos mit seinem Wohl beschäftigen werden Ich verbiete durchaus
alles Zusammenlaufen alles Schreien auf den Straßen alles öffentliche
Teilnehmen an denen so verschiedentlich einlaufenden KriegesGerüchten denn
ruhige Fassung ist dermalen unser Loos unsere Aussichten müssen sich nicht über
dasjenige entfernen was in unsern Mauern vorgeht dieses ist nur unser einziges
höheres Interesse mit welchem wir uns allein beschäftigen müssen   
    Berlin den 19 Oktober 1806
                                                            Fürst von Hatzfeld«
    Es mussten schon Flüchtlinge in der Stadt sein vielleicht verbargen sie
sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Teilen Aber
das Volk suchte nach ihnen Da hielt es eine staubbedeckte Reisekalesche an und
zwang einen Offizier herauszusteigen Vergebens protestirte er dass er die
Schlacht nicht mitgemacht nicht vom Schlachtfeld komme vielmehr über Schlesien
aus Österreich der Wagen kam vom schlesischen Tor Zum Gouverneur wollte er
sich führen lassen obgleich die Eskorte ihm unangenehm war als Herr von
Fuchsius ihm begegnete und von der verdächtigen Begleitung befreite
    »Zu spät«  »Wieder zu spät« erwiderte Eisenhauch und drückte die ihm
entgegen gehaltene Hand »Das ist mehr als Austerlitz«  »Zum Gouverneur
Kommen Sie mit  So lange die Möglichkeit da ist « »Die Gewissheit« unterbrach
der Rat »Auch Sie ohne Trost und Hoffnung«  »Die Gesetze der Natur sind
ewig Die Kugel rollt nur bis sie den Abgrund erreicht und der Verbrecher
bleibt nur ungestraft bis sein Maß voll ist« Welche fast lüsterne Freude
glänzte auf Fuchsius Gesicht als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch
zum Abschied gedrückt »Wohin Wohin«  »Das im Kleinen tun was Gott im
Großen vollenden wird wenn  auch da das Maß voll ist Jetzt entlarven  ein
Scheusal«
    Eisenhauch begriff ihn nicht Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehen
Das Reich der Pygmäen war ja aus Er bedachte nicht dass um desswillen noch nicht
das von Titanen beginnt Er traf den Minister auf dem Flur  er kannte ihn er
wusste was er unter andern Umständen von ihm erwarten durfte aber jetzt  Der
Minister war zugleich preußischer Krieger ein hoher General er hatte einst ein
Armeecorps kommandiert Jetzt musste er den Zopf fortgeworfen haben jetzt in
Stahl und Eisen aufspringen und wirklich der Minister schien erfreut wie man
erfreut ist nach einer guten Tat Er erkannte sogleich den Freiherrn »Gott sei
Dank mir gelang eben etwas was von dieser Stadt eine große Gefahr abwendet«
    Da rückte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Anträgen vor er bot
seine Dienste an er stellte sich zur Disposition wohin man ihn brauchen könne
er wollte noch mehr einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten
wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militärischen Kräfte und
Benutzung der Lokalitäten Positionen einnehmen könne nicht stark genug um
einem ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehen doch ausreichend
um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schützen die zersprengten und
flüchtigen Truppen aufzunehmen in Kadres zu sammeln  als der Minister mit
Entsetzen ihn unterbrach »Sind Sie rasend In ein brennend Haus sich stürzen
Wir  wir werben nicht  was neue Soldaten  sollen wir noch den Kaiser reizen
Wir können Gott danken « »Wenn wir unser elendes Leben salviren« rief eine
stimme von der Hoftür her
    »Machen Sie sich aus dem Staube liebster Freiherr Eisenhauch verschwinden
Sie schnell schnell ehe ein Spion Sie erblickt Gott sei Dank mir gelang
wenigstens eins das Pulver ist aus Berlin ehe er eintrifft Er wittert überall
Verschwörungen Empörungen Herr Gott er hätte in Zorn geraten können «
    »Über die Kreatur die er zum Mann schuf und sie ward ein Wurm« rief eine
Stimme und der alte Rittgarten hob seinen Stock Es war ein erschreckender
Anblick der Greis der sichtlich auf den Füßen schwankte seine Brust bebend
sein Gesicht vom Blutandrang gerötet aber weiße verräterische Streifen zogen
sich von der Nasenwurzel bis an die Mundwinkel Seine Stimme polterte aber die
Laute waren nicht mehr artikulirt Man konnte auf einen Schlaganfall aus
Gemütserschütterung schließen Und den Stock in der Luft schwingend drohte er
das Gleichgewicht zu verlieren Eisenhauch hatte ihn rasch unterfasst Mit
äußerster Anstrengung stieß der alte Krieger Worte vor »Fluch  über die
Verräter  Diese Sykophanten an Friedrichs Thron die sein Volk für nichts
achteten  sie werden die ersten sein  die ihm die Füße lecken dem neuen Herrn
 Stempelt diesen zeichnet ihn dass man ihn wieder erkennt  er wird die
fremde Livrée tragen  O fort  hinaus die Luft hier erstickt«
    Rittgartens Stock hatte den Minister nicht getroffen aber sein Blick und
Wort Er war verschwunden in der nächsten Stunde auch aus Berlin Die
Prophezeiung des Sterbenden ging in Erfüllung Der Minister  aber er nicht
allein  ließ wenig Monate darauf sich ein neues bordirtes Galakleid anmessen
er antichambrirte im Ministerrock des Königs von Westphalen so stolz und
aufrecht die Brust so reich geschmückt und er sah so gnädig und herablassend
auf Niedere als damals wo er nichts war und sein wollte als ein treuer Diener
seines Herrn des Königs von Preußen Kleider machen Leute sagt das Sprüchwort
aber nicht auf Alle passt es denn in der Politik gibt es Männer für die alle
Kleider passen
    Ein Sterbender war der Major Rittgarten Er atmete draußen noch einmal die
freie Luft er schien Eisenhauch zu erkennen er erschrak nicht Der führte ihn
den er einst auf Tod und Leben gefordert Ein Anderer hatte die Loose geworfen
eine andere Hand die Kugel abgedrückt Aber da lief ein Mann mit Pinsel und
Zettel heran und klatschte ein Plakat an die Tür Als er das gelesen zitierte
er zusammen Eisenhauch fühlte eine Erschütterung in den Gliedern des Greises
Auf dem Plakate standen die Worte
    »Der König hat eine Bataille verloren Seine Majestät und dessen Brüder
    Königliche Hoheit sind am Leben und nicht verwundet Ruhe ist die erste
    Bürgerpflicht Ich bitte darum
                                                                   Schulenburg«
    »Es wird besser« antwortete Rittgarten auf des Majors Frage der
Hülfeleistende heranwinkte »Ja es wird besser es muss besser werden« rief
Eisenhauch »O mein Gott mein Vaterland«  »Er kann nicht mehr allein stehen«
sagte Jemand »Preußen« atmete der Sterbende an des Freiherrn Brust sinkend 
es war sein letztes Wort »Kann nicht mehr allein stehen« wiederholte
Eisenhauch dumpf »Es hätte nicht allein stehen dürfen ohne Deutschland« Der
Schlag hatte den Invaliden getroffen
                                       
    Im Trauerhause dem Hotel des Minister gegenüber hatte auch ein Schlag
getroffen Die Baronin lag auf ihren Knieen am Bette ihr Gesicht verbergend
Gott verzeih ihrer Seele wenn sie nicht für die des Mannes betete der eben
nach furchtbaren Konvulsionen sanft entschlummert war Warum wars eine Sünde
wenn ein edles Weib in ihrem Gebet an eine andere Seele dachte wenn sie für
diese um Vergebung flehte Der Tote vor ihr hatte nie Jemand getäuscht was er
war hatte immer zu Tage gelegen der Richter überem Sternenzelt kannte ihn und
würde nach seinem Wert oder Unwert das Urteil fällen Aber die Seele des
Einen war mit einem Fleck dahin gegangen Ein einziger Fleck hatte die reinste
Seele getrübt und ehe er sich verantworten können hatte das blitzende Schwert
den Helden niedergeschmettert Wusste sie in welchen Aengsten dass er Keinen
hatte dem er beichten gegen den er sich von dem einzigen Fehler der ihn
drückte entlasten konnte Und war es denn eine Sünde hatte er nicht wissen
können dass sie gern Alles für ihn hingab dass sie mit Freuden seine Schulden
bezahlt hätte wenn er sich nur an sie gewandt War das nicht edel dass er es
nicht getan Nur in einem schwachen Augenblick hatte er sich verführen lassen
auch nur vielleicht in Betreff des Wucherers der ihn aus der Not ziehen
sollte Und darum auf ewig verdammt Nein wenn Einer er bedurfte des Mitleids
Und sie hatte zum Vater von dem alle gute Gaben kommen gebetet dass er
Dohleneck vergebe Da war sie fast erheitert aufgestanden sie hatte des
Toten Hand gedrückt auch er würde im Leben nichts dagegen einzuwenden gehabt
haben und in stiller Fassung saß sie im Lehnstuhl die Augen schließend als
ein heftiger Schrei sie aufschreckte Der Legationsrat der um Nachricht ob
Gefahr sei einzuziehen sie verlassen war zurückgekehrt er hatte sich über
das Bett geworfen der stöhnende konvulsivische Schrei kam von ihm
    »Da ist ein edler Freund mir hingegangen Er da oben nur weiß was er mir
war« rief er sich erhebend die Hände übers Gesicht deckend  Nur auf kurze
Sekunden Den nächsten Augenblick beugte er sich über die Wittwe sie fühlte
einen langen Kuss auf ihre Stirn gedrückt »Das ist der Bruderkuss der Schwester
gegeben Die Sterne wollen es so Edler Todter Deine Seele blickt auf uns aber
ich sehe Dich ruhig lächeln denn Du weißt dass ich Deine heiligen Pflichten
gegen Dein Weib erfüllen werde Durch diesen Kuss besiegle ich mein Gelöbnis«
    Sie war vorhin überrascht worden jetzt als seine Lippen sich ihr näherten
stieß sie ihn zurück Sie wollte sich auf die Leiche werfen aber mit eben
solcher Entschlossenheit riss er sie am Arme zurück »Unglückselige Wissen Sie
was Sie tun Er ist an der Cholera gestorben Sein Hauch ist Pest Er muss noch
heut unter die Erde« Er stand gebieterisch zwischen ihr und der Leiche Ehe sie
Zeit zu antworten hatte führte er sie schon halb zwang er sie an den
Schreibsekretär »Schnell keine Minute verloren Ihre wichtigsten Papiere
Kleinodien was Sie an Geldeswert fassen können  in einen Kasten was es ist
Ich besorge mit Ihrem Kammermädchen die nötigsten Kleider Der Wagen rollt vor
« »Was ists mein Herr«  »Sie wissen nicht In einer Viertelstunde
spätestens müssen wir fort Auf der Schöneberger Höhe sieht man schon die
Avantgarde Alles flieht wer nur Pferde auftreibt Die Königin beinahe in
Lebensgefahr Sie wird jetzt schon aus dem Tore sein Gestreckter Galopp Die
Franzosen werden plündern vielleicht die Stadt in Brand stecken Napoleons Wut
ist unaussprechlich Nur keine Frauen zurückgelassen ruft es durch alle
Straßen Sie misshandeln  Ihre Brutalität ist ohne Grenzen Unglücklich Weib
Keinen Augenblick verloren«
    Er hatte den Sekretär aufgerissen Mechanisch folgte sie seinem Befehl sie
hatte keine Luft keinen Atem zum Denken zum Erwägen Das Rädergerassel
draußen das Stimmengewirr unterstützten was Wandel sagte Eine Chatoulle war
in lautloser Angst gepackt »Nur nichts Unnützes« rief er als sie ein Pack
eröffneter Briefe hineinwerfen wollte »Wozu sich mit Erinnerungen beschweren
Nur nichts hinter uns« Die Briefe fielen zerstreut auf die Tischplatte Sie
ließ Alles geschehen in sprachloser Erstarrung Da nahm er einen »Ah
Dohlenecks Hand Selig sind die Toten aber sie haben nichts zu schwatzen« Ehe
sie es hindern konnte hatte er den Brief in kleine Stücke zerrissen Aber sie
hatte den Blick gesehen der auf das Papier schoss die Freude die aus seinen
Augen blitzte  es war eine ganz eigentümliche Freude  das Weiße des Auges
verzog sich er kniff die Unterlippe mit den Zähnen ein Da blitzte etwas in
ihr es war als ob ein Vorhang riss Einige Schritte zurückfahrend maß sie ihn
von Kopf bis zu Fuß Es war ein fürchterliches Licht das in ihr aufschoss Ihr
Gesicht rötete sich ein Strahl von einer Freude schoss darüber während sie
unwillkürlich die weißen Zähne zeigte und die Finger der schönen Hände sich
krümmten »Warum vernichten Sie gerade den Brief«
    »Weil  weil ich im Interesse dieses heiligen Toten seiner Wittwe
Erinnerungen sparen will die den Seelenfrieden einer treuen Gattin trüben
könnten«
    Der imponirende Ton verfehlte seine Wirkung Ein krampfhaftes Lachen
erheiterte ihre Brust »Falsch es ist Alles falsch an Ihnen  jetzt  ich 
ahne  Sie sind ein Mensch dem Niemand trauen durfte  o mein Gott  und da
der tote Mann  Wer schützt mich«
    Wir zweifeln nicht dass der Legationsrat auch jetzt noch Mittel gefunden 
wenigstens würde er danach gesucht haben das Misstrauen der Wittwe zu
beschwichtigen wenn sein Blick nicht plötzlich durch einen Gegenstand an der
Türe absorbirt worden wäre Es lag in der Natur der Dinge, dass nachdem durch
die Diener die Nachricht von dem Tode des Barons bekannt geworden eine Anzahl
Freunde Angehöriger und Teilnehmender sich in das Haus drängte Eben so
natürlich war es wenn bei der obwaltenden Krisis Einige unangemeldet in das
Zimmer drangen zur Förmlichkeit eines Trauerbesuches war nicht mehr Zeit
Wandel glaubte als die Tür aufgerissen ward den roten Kragen eines oberen
Polizeibeamten entdeckt zu haben Der war zwar noch nicht eingetreten aber wie
aus einer geöffneten Schleuse ergossen sich Nachrichten die ihm nicht alle
angenehm waren Dem »Wissen Sie schon« der und jener Freundin folgte eine Reihe
von Unglücksfällen und eine Todtenliste Der ist erschossen der gefangen der
niedergehauen Rittmeister Dorville schien die Pandorabüchse welche alle diese
Hiobsposten ausgeschüttet hatte »Sah er auch den Major Dohleneck fallen«
fragte sie sich selbst überwindend die Baronin schüchtern »Den hat Dorville
selbst gesprochen«
    »Gesprochen eh er fiel«  »Nur verwundet aber nicht schwer Er ist
ranzionirt oder losgegeben er kommt direkt nach Berlin nur darf er nicht mehr
dienen in dem Kriege« Wandel hatte nicht mehr Zeit den Blick zu sehen den ihm
Auguste Eitelbach zuwarf ein triumphirender durchbohrender Blick Er sah auch
nicht wie ihre Brust sich hob wie tief sie Atem schöpfte um dann aus dem
Stuhl zusammenzusinken ihre Hände zu falten und ihr Gesicht zu verbergen Der
junge Mensch den wir am Morgen bei Fuchsius sahen und den er Eckard nannte
hatte sich hinter ihn geschlichen und ihm zugeflüstert »Es will Sie draußen
Jemand sprechen« Wandel fixierte den Menschen ob er ihn einer Antwort zu
würdigen habe als sein Auge auf Fuchsius fiel der unbeweglich an der Tür
stand »Ah ein alter Freund« sagte er »Das glaube ich nicht« entgegnete der
junge Mensch
    In dem Augenblick öffnete sich die Tür und ein PolizeiInspektor schritt
zum Befremden der Anwesenden auf Wandel zu und sprach mit tönender Stimme »Auf
Requisition des Tribunals der Seine zu Paris und auf ausdrückliches Ansuchen
des Kaisers der Franzosen durch seine vormalige Gesandtschaft hier verhafte ich
Sie«
    Todtenstille Wandel erblasste doch nur auf einen Augenblick »Das ist ein
Missverständnis« er knöpfte sich zu verbeugte sich leicht gegen die Anwesenden
und folgte rasch dem Inspektor Hinter ihm schnitt ein greller Pfiff durch die
Luft Der junge Vigilant hatte sich einen Spaß gemacht Er schien ihn
fortzusetzen indem er beim Hinausgehen zu einem Angehörigen des Hauses sagte
»Sehen Sie nur im Sekretär nach ob da nichts fehlt«
    Der Inspektor brachte den Gefangenen in ein abgesondertes Zimmer zu flacher
Erde bis der bestellte Wagen ankam Fuchsius Gesicht war undurchdringlich
geblieben als Wandel an ihm vorüberging Das des Polizeimanns versprach ihm
vielleicht mehr als er mit verschlungenen Armen ihn beweglich anblickte »So
will man mich wirklich ausliefern  auf Requisition des Napoleonischen
Gerichts«  »Sie hörten es«  »Wissen Sie was mit mir geschieht In vier und
zwanzig Stunden bin ich erschossen Ich wusste um eine Verschwörung gegen
Bonapartes Leben ich war vielleicht selbst dabei implicirt Der Kaiser weiß
es mein Loos ist entschieden Ist Ihre Regierung so verzagt mich ihrem Feinde
auszuliefern weil er droht so sind vielleicht doch noch Patrioten im Volke
die den Vorteil ihres Vaterlandes und ihren eigenen bedenken« Der fatale Pfiff
des Vigilanten antwortete von draußen Der Inspektor erwiderte ruhig »Sie sind
wegen Giftmordes verhaftet«  »Das ist eine andere Sache« hatte Wandel auch
ruhig erwidert und sich nach dem Fenster gewandt
    Nach einer kleinen Weile trat Herr von Fuchsius ein Wandel begrüßte ihn
höhnisch »Ich gratulire Ihr Staat macht noch in seinem Untergang Progressen
zur Gesetzlichkeit Als wäre ich in dem glücklichen England hat man mir so eben
das Verbrechen benannt um was man Lust hatte an mir einen Justizmord zu
begehen Ich danke Ihnen aufrichtig Herr Regierungsrat für die
Berücksichtigung da ich weiß dass ich nach der alten Observanz sehr wohl ein
halbes auch Jahre in Ihrem freien Quartiere schmachten können ohne mit einer
Sterbenssilbe zu erfahren was mir die Ehre verschaffe«
    »Guido Florestan Baron Vansitter genannt von Wandel« redete Fuchsius ihn
an Er irrte wenn er auf eine Bestürzung des Gefangenen gerechnet hatte Nur
ein moquanter Zug schwebte um die Lippen desselben als er erwiderte »Ich
bedaure die Mühe die es Ihnen machen wird meine Identität mit der meines
genannten Vetters herzustellen Die meisten Zeugen sind gestorben bis Sie die
überlebenden auftreiben und nach Berlin schaffen darüber können Jahre vergehen
Der Untersuchungsrichter hat ein saures Geschäft mein Herr von Fuchsius wenn
er Inquisiten vor sich hat welche die Gesetze, die Menschen und ihre
Inquirenten kennen Aus persönlicher Freundschaft und Respekt vor Ihrem
Charakter würde ich Ihnen raten die Untersuchung abzugeben Sie erscheint
Ihrem Ehrgeiz lockend ich versichere Sie aber ich ärgere Sie zu Tode«
    »Aus Respekt vor Ihrer Bildung und nur darum habe ich zwei Worte mit Ihnen
allein zu reden«  »Allen Respekt vor Ihrer Versicherung aber ich glaube Ihnen
nicht weil die Pflicht der Selbsterhaltung mir gebietet Ihnen zu misstrauen
Allein Ihnen was Sie wünschen aber vorher die Gewissheit dass hinter der Tapete
kein Protokollführer lauert«  Wandel schien sich diese Gewissheit verschafft zu
haben »Was steht zu Ihren Diensten«  »Führen Sie Gift bei sich Ich meine
Mittel die es Ihnen ermöglichen sich der Schande und der weltlichen Strafe
Ihres Richters zu enziehen Es ist meine Pflicht mich davon zu vergewissern«
    »Soll ich Ihnen mit Macbet antworten
Weshalb sollt ich den römschen Narren spielen
Sterbend durchs eigne Schwert So lange Leben
Noch vor mir sind stehn denen Wunden besser
So lange ich atme will ich von dieser süßen Gewohnheit des Daseins nicht
lassen Besser Kerkerluft und schimmliche Brodrinde als schwimmen ein Atom im
grauen Nebel der wesenlosen Leere Nein da beruhigen Sie sich Sie sollen mich
als Epikuräer kennen lernen Ich wollte Viel ich lasse mich aber auch genügen
am Wenigen Die Welt ist ein Kerker warum sollte nicht der Kerker zur Welt
werden für Den der noch Lust am Leben hat Ich gebe Ihnen mein Wort ich werde
mich verteidigen  besser als Ihr Staat gegen seinen Überwinder Gewissermassen
soll jetzt mein Leben erst anfangen Sie kennen mich doch einigermaßen und
wissen wie ich in die Schranken trat Man meinte ich war ein glücklicher
Advokat ich setzte manches durch noch mehr wandte ich ab Alles für Andre
Nun mein Herr jetzt gilt es für mich selbst Werde ich mich schlagen wie Ihre
Soldaten für Kommisbrod aus Furcht vor dem Korporalstock Nein wie der Pirat
den die Fregatten eingeholt In dem Todeskampfe siegt er wohl zuweilen gegen die
Übermacht es kommt öfter vor dass er die Verfolger mit sich in die Luft
sprengt O es soll ein Kampf werden auf den ich mich freue eine Beschäftigung
für den Geist wie ich sie wünsche Sperren Sie mich in den engsten Kerker je
kleiner der Kessel um so größer die Expansionskraft des Gases Mein Kompliment
Ihnen ich weiß wen ich vor mir habe keine plumpe Kriminalspinne die außer
ihrer Aktenhöhle blödsichtig nicht um sich weiß nein einen feinen Welt und
Lebemann der mit seinen Kenntnissen und psychologischen Erfahrungen mich
umgarnen und harmlos saugen möchte Grad auf solchen Gegner freue ich mich Ich
schätze Sie Wir wollen uns in Minen und Kontreminen begegnen Das wird meinen
Geist frisch erhalten das erfrischt auch das Blut weit mehr als die
körperliche Bewegung Ich werde ein gesunder Gefangener bleiben Auch Sie sollen
Ihre Freude an mir haben Ein Inquisitor verliebt sich am Ende in seinen
Inquisiten  er sehnt sich in der Nacht auf den nächsten Morgen wo er ihn
wieder erblickt «
    »Bis er ihn an einem Morgen dem Richter abliefert der ihn nicht
zurückliefert«
    »Das bilden Sie sich ja nicht ein Sie meinen das Schaffot Was wollen wir
wetten Aufs Schaffot bringen Sie mich nicht Ich kenne Ihre Gesetze die
Ansichten Ihrer Richter Höchstens wenn Alles gut geht nämlich für Sie eine
außerordentliche Strafe Zehn fünfzehn vielleicht zwanzig Jahr Gefängnis Die
ganze Welt ist ein Gefängnis wie angestrichen schwarzweiß blau grün
schwarzgelb das ist am Ende gleichgültig Ja wenn Sie mich nach Frankreich
auslieferten das wäre eine andere Frage vor den Geschwornen da hört unsre
Logik auf Aber Sie sind ein zu guter Patriot und die Sache ist doch auch für
Sie zu interessant um sie aus der Hand zu geben«
    »Der Baron Eitelbach ist nicht an der Cholera gestorben« sprach Fuchsius
ihn fixirend »Dann wäre es mir doch sehr interessant zu erfahren was man bei
ihm finden wird  Nichts Mineralisches darauf können Sie sich verlassen« 
sprach Wandel mit höhnisch freundlicher Stimme indem er die Frechheit hatte
dem Rat dabei sanft auf die Schulter zu klopfen »Scheusal« rief dieser
zurückweichend
    Der Wagen der Wandel nach dem Gefängnis schaffen sollte war vorgerollt An
der Tür wandte Fuchsius sich noch einmal um
    »Herr von Wandel es ist möglich dass Sie Recht behalten dass die Gerichte
mit ihren groben Werkzeugen nicht in alle verborgenen Winkel Ihrer Verbrechen
dringen ich aber habe die volle moralische Überzeugung Um deshalb werde ich
die Untersuchung vielleicht einem unbefangenern Richter abgeben Hier aber vor
Gott vor der Ewigkeit oder wenn Sie wollen vor der wesenlosen Leere deren
Annahen Sie grauen machte möchte ich in Ihre Seele schauen und eine Frage tun
«
    »Deren Inhalt ich mir denken kann Geben Sie sich nicht die fruchtlose Mühe
Nur ein Wort Nicht wahr vor dieser Ihrer moralischen Überzeugung bin ich ein
grässlicher Verbrecher weil  weil ich mit Menschenleben gespielt habe das
nehmen Sie an zu meinem Vorteil der Wissbegier des Vergnügens wegen was es
sei Nun blicken Sie um sich links und rechts in West und Ost in Nord und
Süd auf die großen Spieler Die haben gespielt und spielen fort mit tausenden
mit hunderttausenden von Menschenleben und ich kleiner bescheidener Bankhalter
 Ja die haben Motive antworten Sie Menschenliebe Allgemeinwohl Religion
Freiheit und Gleichheit Thron und Altar Sitte und Nationalität  Herr wer
sagt Ihnen dass ich nicht auch Motive habe Ideen vor denen alle Rücksichten
schwinden müssen Kann ich sie nicht auch überkleistern mit Goldschaum und
Tugendfloskeln Das wahre Motiv Herr das ist überall dasselbe der Grössere
frisst den Kleinern wenn er Appetit hat und sein Magen es verträgt und der
Unterschied ist nur der die großen Verbrecher kommen in die Geschichtsbücher
und wir kleinen irgendwo in ein Kriminalregister Wenn der Wurm auf uns Mahlzeit
hält ists uns Beiden gleichgültig ein Stein ist mir vom Herzen gewälzt ein
Quell sprudelte in der Wüste  ich habe nichts mit der verfluchten Politik zu
tun Dieser Verstellung dieser Heuchelei für Andre denken fühlen zu sollen
bin ich quitt Mögen sie sich todtschlagen betrügen verreden glorificiren
wie sie Lust haben mich kümmerts nicht mehr Von nun an bin ich wahr ja mein
Herr ich fühle ganz die Seligkeit der Wahrheit ich atme kämpfe lebe nur für
mich«
    Die Gerichtsdiener waren eingetreten »Haben Sie mir nichts mehr zu sagen
Wir sehen uns wahrscheinlich zum letzten Mal«
    »Das würde ich aufrichtig bedauern«  »Nicht die Baronin Eitelbach deren
« »Deren Glück ich gemacht wollen Sie andeuten« lachte Wandel auf »Wider
Willen allerdings wenn es wäre Wenn ihre Wunden und seine Wunden geheilt die
Trauermonate mit honetten Tränen anständig verweint sind wird sie ihn
heiraten und wenn ich an das Glück dieser geistreichen Ehe denke  wahrhaftig
dann wird mein Gefängnis mir noch einmal so interessant erscheinen«  »Und
keinen Wunsch mehr«  »Nur eine Bitte Haben Sie die Güte und empfehlen mich
der Frau Geheimrätin Lupinus Ich traue ihr zwar zu dass wenn sie von dem
Evenement hört eine kleine Schadenfreude in ihr aufbljetzt Warum nicht sie
bleibt doch eine charmante Frau Wir verstanden uns es war eine wirkliche
Sympatie Durch Mauern und Räume getrennt werden wir noch mit einander leben
eine platonische Ehe um so sicherer denn unter einem Dach hätte sie mir doch
vielleicht aus Rache oder Liebe einen ihrer Tränke gereicht die für meinen
Geschmack zu stark sind Es hat sich so besser gefügt«
                                       
    Die Kutsche mit dem Gefangenen musste oft anhalten Wagen schwer rasselnd
unter starker Militärescorte versperrten die Straße Es waren die Kassen
welche der neue Minister fortschaffen ließ »So wird doch etwas gerettet«
murmelte der Transportirte »Und wenn Preußen sagen kann Tout est perdu sauf
largent ists am Ende ein Anfang zu einer neuen Existenz« Walter van Asten
gab aus dem Fenster des Ministers den Kommandirenden beim Transport Anweisungen
Auch der Geheimrat Alltag schien unter Denen welche auf ihn hörten Wandel
der den Zusammenhang gefasst lächelte »Die Welt dreht sich um das kann was
werden Wer Geld bringt kann eine Karriere machen Die beste freilich wäre es
wenn der junge Mensch damit nach Amerika liefe«
    Walter der sich dem Auftrage des neuen Ministers mit Eifer unterzogen war
gekommen um seinen letzten Bericht abzustatten Er hoffe das Geld mit sichern
Renten an den Ort seiner Bestimmung abzuliefern aber  sein Bericht über die
Volksstimmung war traurig er hegte keine Hoffnungen nach dem was er gesehen
gehört »Wie Jeder beobachtet« sagte der Bankodirektor Niebuhr der ebenfalls
vom Minister Abschied nahm »Niemand kann an allen Orten zugleich sein« »Diese
jubelnden Tramknechte diese gepressten Bauernbengel die froh sind dem Stock
und der Fuchtelklinge einmal entlaufen zu sein sind freilich so wenig das Volk
als da die zitternden Käsekrämer und Schnittwaarenhändler« hatte der Minister
nachdenkend erwidert
    »Und doch Excellenz« fiel Niebuhr ein »auch unter ihnen regt sich schon
eine andere Stimmung Ich lernte wie Sie dies Volk erst kennen Aber wenn Sie
es jetzt kennten wie ich Sie würden es Ihrer Liebe wert finden Ich habe in
diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft Ernst Treue und Gutmütigkeit zu
finden erwartet Von einem großen Sinne geleitet wäre dieses Volk immer der
ganzen Welt unbezwingbar geblieben und wie sturmschnell auch die Flut unser
Land überschwemmt noch jetzt drängte ein solcher Geist sie wieder zurück Aber
wo ist er der große Geist der es vermöchte«1
    »Er wird erscheinen« rief der Minister und seine Stirn leuchtete indem er
Niebuhrs Hand drückte die andere reichte er Walter »Warum sollen nur die
Völker des Altertums ihren Phönix haben Ist das Christentum nicht basirt auf
dem Mysterium der Wiedergeburt Sollten nur die germanischen Völker bestimmt
sein auszugehen und überzugehen in andre Ich glaube an den Phönix aber der
Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug Es muss noch vieles Morsche Faule
Wurmstichige darin verbrennen viel mehr als wir wähnten vieles was wir
gestern noch für gesund hielten vielleicht was uns das Liebste und Teuerste
war Leben Sie wohl meine Freunde wir sehen uns wieder wenn noch nicht in
besserer Zeit doch in einer wo wir wieder hoffen dürfen«
    In den Geschichtsbüchern steht und es ist daraus nicht wegzulöschen dass
viele der gutgesinnten Bürger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten Sie
schickten sich in die Zeit denn es war böse Zeit Sie schwenkten die Hüte vor
dem einziehenden Napoleon und riefen Vive lEmpereur und illuminirten ihre
Häuser dass der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung und der Schmach
ausbrach die wir nicht wiederholen wollen Aber es gab Männer und Frauen auch
welche das Übel beim rechten Namen nannten und nicht erschraken wenn es ihnen
ein böses Gesicht machte Diese Einigen waren die Kieselsteine an denen der
Stahl Funken schlagen sollte aus denen der stille Brand ward welcher später
zum allmächtigen Feuer aufloderte Gut Ding will Weile im deutschen Lande Viele
hat die Geschichte genannt oder fängt jetzt an ihre Namen zu nennen aber wie
viele sind schlummern gegangen auf ihren Grabsteinen wächst Moos und die
Geschichte kratzt es nicht mehr ab um von ihrem stillen Wirken Zeugnis zu
geben Da darf die Dichtung die so viel Trauriges und Schlimmes nicht
verschweigen durfte auch an den einzelnen Mutigen erinnern und wo wir solche
Bilder mutloser Zerschlagenheit aus der preußischen Hauptstadt hinstellen
mussten um wahr zu sein wird es zur Pflicht auch einiger Züge zu gedenken die
schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen
    Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen und er erwartete stammelnde
Unterwürfigkeit Bewunderung und demütiges Flehen Er konnte es erwarten nach
dem was vorging Aber Einer im Priesterkleide trat vor und sprach »Sire ich
wäre nicht wert des Kleides das ich trage des Königs dem ich diene des
Wortes, das ich verkündige wollte ich nicht bekennen ich sehe  Eure Majestät
nicht gern in Berlin«  Was Napoleon erwidert haben die Kinder der
Zeitgenossen vergessen aber im Verlauf des lebhaften Gesprächs worin der kühne
Mann den Sieger fragte ob er denn in der Geschichte lieber als ein Räuber
dastehen wolle denn als ein christlicher Herrscher trat der alte Erman
plötzlich herzhaft auf den Kaiser zu fasste seinen Arm schüttelte ihn und
sagte »Ce bras victorieux sera bienfaisant« Es wird erzählt Napoleon sei
erschrocken zurückgetreten Das hätte er aus Berlin nicht erwartet Später habe
er zu seinen Adjutanten geäußert »quel géant que ce vieux druide Jamais prêtre
ne ma dit cela«
    Erman so weiß man aber nicht aus dem Munde des bescheidenen Mannes der
selten davon sprach wusste das Gespräch als Napoleon eine gnädige Miene annahm
auf die Königin Louise zu lenken Als warmer Lobredner der erhabenen Tugenden
seiner Monarchin habe er versucht die böse Meinung oder den bösen Willen des
Kaisers zu beschämen  Darüber ruht ein Schleier den Niemand lüften wird Nach
der Rückkehr des Königspaares nach Berlin überreichte die Königin selbst Erman
die Dekoration welche der König ihm verliehen mit der Anrede Mon chevalier
    Der vor Kurzem verstorbene Sohn jenes alten Erman der auch wieder der alte
Erman genannt ward der berühmte Professor und Chemiker schrieb in einem Briefe
an eine Verwandte zur Zeit der Mobilmachung im Herbste 1850 »Ich denke jetzt
oft an die Worte die Napoleon an meinen Vater richtete Votre reine ma fait
une guerre de petit fille et de petit garçon Schon sieben Jahre später waren
die Kinder der Knaben zu den Männern der Katzbach und von Leipzig erwachsen
    Eine andere Deputation berief später der zürnende Kaiser nach Paris Es
waren Männer des Gerichts eines hohen Tribunals das gewagt ein Urteil zu
fällen welches dem Gewaltigen nicht gefiel Sie hatten Einen der von Paris aus
verfolgt ward freigesprochen und Napoleon wollte ihn verurteilt wissen
Napoleon donnerte sie an und schloss mit der Drohung wenn der Fall wieder
vorkäme Je vous fusillerai« Der Präsident des Tribunals erwiderte dem
Imperator »Sire vous fusillerez la loi« Napoleon leitete gegen ihn ein
Disziplinarverfahren ein Der Mann Rechtes der die männliche Antwort gab hieß
Sete
    Ob der Fall in unsere Geschichte gehört  Er geht über sie hinaus Wandel
ward von Paris aus verfolgt das preußische Gericht fand aber die Beweise nicht
zur Überzeugung geführt Auch in Bezug auf seine Verbrechen in Berlin hatte
Wandel gegen Fuchsius richtig vorausgesagt Trotz der moralischen Überzeugung
welche das Gericht gewann genügten die Beweise nicht um gegen ihn die letzte
Strafe zu diktiren Er büsste wie die Lupinus für seine schweren Verbrechen nur
durch eine lange Freiheitsstrafe Beide überlebten sogar ihre Strafzeit
    Viele von den Personen die wir hier vorgeführt haben auch den Tag
überlebt mit dem wir unsere Geschichte beschließen es wäre sogar möglich dass
sie noch heute leben Wenn sie die Teilnahme unserer Leser sich erwarben wäre
es möglich dass wir auch von ihren ferneren Schicksalen Kunde gäben denn es ist
viel vorgegangen seit fünfzig Jahren und heut
                                       
    Das war der traurigste Auszug den je Berlin gesehen Selbst der Jubel des
Volks als die Wagen der Königin vorm Schloss hielten um Wäsche und das
Nötigste zu einer Reise ohne Ziel einzunehmen war herzzerreissend für die hohe
Frau Sie hatte nicht Worte nur Tränen Dann die Straßen die Tausende die
dem Wagen folgten die zum letzten Mal die geliebte schöne milde
bürgerfreundliche Königin sehen wollten Auch da schrien Viele sie wollten ihr
Gut und Blut lassen man solle sie nur rufen Was sollte Louise antworten  Auf
Wiedersehen auf Wiedersehen schluchzte es aus den Fenstern Was konnte sie
darauf antworten Die Fenster alle aufgerissen überall Kopf an Kopf Tücher
wehten und Tücher trockneten die Augen Sie konnte nicht mehr hinauswehen sie
lehnte sich erschöpft zurück Und doch fielen ihr zwei stattliche Häuser auf da
war es still die Fenster auch hie und da die Laden waren geschlossen Die
Blicke ihrer Begleiter sahen missvergnügt dahin Die milde Fürstin sagte »Gewiss
sehr Kranke«  »Da wohnt der Geheimrat Bovillard« sagte die Hofdame verlegen
»er soll in der Tat krank sein« Die Königin schütterte zusammen und fragte
nicht mehr auch nicht wer in dem andern Hause wohne Der Adjutant zu Seiten
des Wagen flüsterte der Voss zu »S ist doch unglaublich vom Grafen St Real Er
hat Angst dass Napoleon es ihm übel vermerken könnte«  »Aber ein nobler
Kavalier sonst« bemerkte die alte Gräfin »Auch ein Kranker« sagte sie zur
Königin
    Da war die Straße gesperrt in der Nähe des Doms Ein Hochzeitszug kam aus
der Kirche Die Leute lachten die Strassenjugend war sogar sehr laut sie
machten ihre Glossen zum Brautpaar Auch die Kassenwagen hatten hier Halt machen
müssen und Walter war mit dem Geheimrat Alltag aus dem Wagen gesprungen nicht
aus Teilnahme für die Hochzeitleute sondern weil Jeder den Augenblick nutzen
wollte um Abschied von einem Angehörigen zu nehmen Walter presste seinen Vater
an die Brust »Ich suchte Sie vergebens in  Ihrem Hause Aber was bedeutet
das die Siegel waren abgenommen«  »Freude mein Sohn es können ja nicht Alle
trauern Die Welt ist ein großes Kaufmannsspiel wenn Viele verlieren müssen
doch Einige gewinnen wo bliebe es sonst Der Rotwein steigt die Häfen werden
gesperrt Er ist schon gestiegen Gestern bot man mir zehn Prozent über den
Einkauf heute zwanzig wenn die Franzosen da sind bieten sie funfzig Soll ich
mich freuen dass die Franzosen da sind oder soll ich weinen dass unsre
Junkeroffiziere Schläge bekommen haben Dein Vater ist ein reicher Mann er hat
Kredit Freunde überall die ihm längst hätten helfen wollen wenn sie nur
gewusst dass er in Not war Nicht wahr die Menschen sind doch besser als wir
denken wir merkens nur nicht Lebewohl mein Junge behalt im Gedächtnis dass
der beste Rechner oft die größten Fehler macht Wer weiß wenn der Bonaparte mal
ne Null zu viel schreibt Drum rechne nicht zu viel schone Dein Leben denn Du
musst rechnen dass Du wieder eines reichen Mannes Sohn bist und sein Erbe und
Minchen Schlarbaum vor der brauchst Du Dich nicht zu fürchten wenn Du
wiederkommst sie wird wohl den Herrn Fuchsius heiraten Drum bleibe
meinethalben romantisch hast Recht ich muss ja jetzt auch romantisch sein auf
jeden Fall aber bleibe  ein Patriot«
    »Platz« rief es der Hochzeitszug bewegte sich fort Aber als der
Geheimrat Lupinus mit der ihm eben angetrauten Geheimrätin nach dem Lustgarten
schritt rief es wieder »Platz Ihre Majestät die Königin« Der Zug stiebte
auseinander als der Wagen sich langsam Platz machte Charlotte hatte in der
Kirche viel geweint vor Gemütsbewegung und sie hatte Gründe
    der Tod ihres Wachtmeisters die unverhoffte Ehre zu der er ihr endlich
verhalf und der Verdruss dass sie keine Kutschen und Pferde erhalten können Die
waren alle requirirt zum Transport und für die Fliehenden Ein Brautzug zu Fuß
hatte ihr eine Entwürdigung der Ehe gedünkt Was aber war das gegen ihr Gefühl
ihre Bestürzung nein es war ein Donnerschlag als man ihr auf die Schulter
stieß »Zurück die Königin« Die Königin hatte halten und warten müssen um
Charlotten  Sie sah das holdselige Gesicht der Königin das verwundert über
das Unerwartete zum Kutschenschlage herausblickte Da wars um sie geschehen es
war zu viel In ihrem Brautanzuge der sehr kostbar war aber doch vielleicht
aus der Garderobe der seligen Frau Geheimrätin war sie auf die Knie gestürzt
das schwere bauschigte Damastkleid im Gemüll der Straße »Gnade
allerdurchlauchtigste Königin aber ich kann nicht dafür Er hat mich
geheiratet« Als die Königin die vielleicht ein Bittgesuch vermutete den
Kopf weiter vorbeugte setzte der Geheimrat mit tiefer Verbeugung hinzu
»Majestät nur wegen der allgemeinen Kalamität«
    Ob die Königin in ihren Schmerzen gelächelt ob sie wirklich eine Bewegung
mit der Hand gemacht die für eine Segnung gelten konnte Sie hatte sich schnell
wieder in die Kutsche zurückgelehnt Alles war das Werk des Augenblicks Walter
zuckte plötzlich auf Der Brautzug trennte ihn noch von jener Wagenreihe aber
er sah eine weibliche Gestalt in Trauer sich aus der dritten Kutsche
hinauslehnen und dem alten Alltag einen Scheidekuss geben Es war Adelheid Ihre
Augen trafen sich »Eine junge Wittwe die Frau von Bovillard« sagte Jemand
neben ihm Der Wagen rollte den andern nach Adelheid sah noch einmal hinaus und
winkte mit dem Tuche er wusste nicht ob ihm ob ihrem Vater Durch die Pappeln
schwirrte ein Luftzug ihm war es als säusele er Auf Wiedersehen
    »Rebutant« sagte die Gräfin Voss als die königlichen Wagen außer dem Tore
waren »Dass Ihr Majestät zuletzt ein solcher ridiculer Auftritt in Dero
Residenz begegnen musste Man sieht es ist mit aller Ordnung und Dehors dort
aus«
    Man musste Zeit gehabt haben vielleicht um sie zu zerstreuen die Fürstin
von den Verhältnissen zu unterrichten Auch hatte man sie aufmerksam gemacht
dass der alte wohlbekannte Kaufmann van Asten lächelnd an der Straße gestanden
»Er hätte doch wenigstens in solchem Augenblick seine Freude verbergen müssen«
    Die Königin hatte schweigend dagesessen Jetzt öffnete sie die Lippen
»Weshalb meine Freunde weil wir traurig sind und Millionen mit uns sollen
Alle trauern Hat die Vorsehung es nicht so gefügt dass während es hier Nacht
ist jenseits der Erde die Sonne scheint und wir wissen dasswenn es dort
dunkelt hier der Tag anbricht Wenn wir Alle in Finsternis und Trauer
vergingen wie sollte der Hoffnungsstrahl uns erleuchten Freuen wir uns doch
dass nicht alle Herzen brechen dass sie sogar noch lachen können während wir
blutige Tränen weinen Die heute ausruhen sind morgen wach  Ich will es als
eine gute Vorbedeutung nehmen dass wir eine Hochzeit Lachende und Frohe sahen
beim Abschied aus Berlin«
    Als sie um von der Höhe einen letzten Scheideblick auf die Königsstadt zu
werfen den Kopf aus dem Fenster steckte teilte sich der Herbstnebel am
Horizont und die Sonne strahlte aus dem blauen Firmament Sie horchte auf die
Lerchen in der Luft Ob sie das Lied verstand Es war kein letzter Seufzer des
Mohrenkönigs als er sein »Wehe mir Alhama« auf dem Berge sang von dem er zum
letzten Mal sein geliebtes Granada sah
                                     Ende
 
                                    Fußnoten
1 Historische Worte Niebuhrs aus jener Zeit