1848_Aston_Lydia.html




        
                                  Louise Aston
                                     Lydia
  So bitter ist ein ganzes Meer von Galle nicht
 als eines stolzen Weibes Träne
 der eignen Schmach geweint
 
                                 Erstes Kapitel
»Das nenn ich in der Tat ein eigentümliches Spiel des Zufalls Kornelia dass
ich Sie hier wiedertreffen muss«  rief ein junger Mann in elegantem Reisekostüm
auf der Promenade des deutschen Bades Prt einer nicht minder elegant aber
weniger geschmackvoll gekleideten Dame zu deren ganze Erscheinung den Eindruck
machte als wollte sie den natürlichen Reiz der Jugend welcher den Zügen ihres
Gesichts bereits entflohen war durch künstliche Mittel mit Gewalt an sich
fesseln
    »Des Zufalls lieber Baron des Glücks wollen Sie sagen  Wahrhaftig des
Glücks für mich wenigstens«  setzte sie mit halb aufrichtiger halb ironischer
Stimme hinzu während ein eigentümliches Lächeln um ihren farblosen dünnen
Mund spielte
    Bekanntlich hat der Mensch vor den Tieren  den Affen etwa ausgenommen 
unter vielen anderen Vorzügen hauptsächlich zwei die ihn ganz besonders
charakterisiren das Lachen und das Weinen Von diesen ist aber wiederum das
Lachen eine Fähigkeit die die meisten und mannichfaltigsten Modificationen
besitzt vom Grinsen des Kretins und des Affen bis zum feinen viel deutigen und
nichts sagenden Lächeln des Diplomaten vom einfältig ehrlichen Ausbruch der
derben Fröhlichkeit des Bauernsohns bis zum huldreichen Beifallslächeln eines
erhabenen Mäcen In allen diesen verschiedenen Arten und den unzähligen
dazwischen liegenden helleren oder dunkleren zarteren oder gröberen
Schattirungen zeigt sich mehr als in irgend einer andern geistigen Funktion und
Seelenäusserung des Menschen das treueste und markirteste Abbild seines
individuellen Gepräges nicht bloß in intellektueller als auch in sittlicher
Beziehung
    Korneliens Lachen hatte besonders das Eigentümliche dass die übrigen Züge
außer dem Munde meistens ganz unberührt davon blieben So zeigte sich auch jetzt
auf ihrem Gesichte nicht die geringste Veränderung weder in Ausdruck noch in der
Farbe
    Der Baron von Landsfeld  so hieß der junge Mann  bot ihr lachend den Arm
»Seid wie lange sind Sie aus Venedig zurück Kornelia Ich erinnere mich dass
Sie bei unserem letzten Zusammentreffen dort die Absicht aussprachen nach
Palermo zu gehen« Er warf einen schnellen aber stechenden Blick auf sie
Wirklich schien es als ob durch die unangenehme Empfindung welche in Kornelien
durch die Worte ihres Begleiters erregt wurde die harten steinernen Züge ihres
Gesichts einen noch schärferen Ausdruck annahmen Sie mochte dies fühlen denn
sie bemühte sich augenscheinlich den starren Ernst ihrer Mienen unter dem sie
die Bewegung ihres Innern zu verstecken pflegte in ihr gewöhnliches Lächeln
umzuschmelzen welches aber diesmal sich zu einer unheimlichen Grimasse
verzerrte
    »Lassen wir das Baron«  sagte sie freundlich »Überhaupt möchte ich Ihnen
einen Kontrakt vorschlagen für die Dauer unseres hiesigen Beisammenseins im
Falle Sie nämlich gesonnen sind längere Zeit hier zu verweilen Ich gebe Ihnen
in voraus die Versicherung dass für das kleine Opfer welches Sie mir bringen
müssen Ihnen reichliche Entschädigung werden soll Es gibt hier unglaublich
viel Namen resp Menschen mit Eitelkeit und Pedanterie im Kopfe oder Wärme im
Herzen an denen Sie Ihr Mütchen kühlen können Doch davon später Was mich
betrifft so gestehe ich Ihnen offen dass mir an Ihrer Gesellschaft viel sehr
viel gelegen ist dass ich trotzdem aber entschlossen bin sie zu entbehren wenn
Sie mir nicht das Versprechen geben  mich zu schonen« 
    Die letzten Worte sprach Kornelia mit einem gewissen Zögern indem sie
zugleich die Stimme etwas sinken ließ
    Der Baron ließ ihren Arm los und sah ihr mit unverkennbarem Erstaunen aber
auch mit unverhehlter Freude ins Gesicht
    »Ists möglich Kornelia Sie fangen an Empfindung zu bekommen Sie
gestehen ein dass auch Sie der Schonung bedürftig sind dass Sie folglich
verletzt werden können? Nun wahrhaftig wenn das kein wunderbares Naturspiel
ist dann weiß ich nicht ob es noch etwas Anderes sein kann als ein eben so
wunderbares Meisterstück  der Kunst«
    »Sie irren sich in Beidem Ich bin weder aufgelegt sentimental zu werden
noch die Sentimentale zu spielen Die einfache Tatsache ist die dass ich einmal
Vergnügen daran finde aufrichtig zu sein  natürlich nur gegen Sie«
    »Sehr verbunden« sagte der Baron indem er ihren Arm wieder in den seinigen
legte »Und womit habe ich diese unschätzbare Gunst verdient wenn die Frage
gestattet ist« »Es ist weder eine Gunst lieber Baron noch wüsste ich womit
Sie sie verdient hätten wäre es eine Nein nein Sie sind in dieser Rücksicht
glaub ich nicht eitel genug als dass ich Sie mit Erfolg täuschen könnte
vorausgesetzt dass ich Zwecke durch Sie zu erreichen wünschte deren Wichtigkeit
mich für die Mühe eines solchen Täuschungsversuches entschädigte Alles dies
findet nicht statt Sie haben also die Gewähr für meine Aufrichtigkeit Sind Sie
mit dieser Erklärung zufrieden«
    »Allerdings in so fern ich wohl mit Recht vermuten darf dass Sie mich in
die weiteren und positiven Zwecke Ihrer Aufrichtigkeit zu mir nicht einweihen
werden«
    »Ich bewundere eben so wohl Ihren Scharfsinn Baron als Ihr Zartgefühl und
danke Ihnen dass Sie mir eine abschlägige Antwort erspart haben«
    »Gut«  erwiderte Landsfeld nach einer kurzen Pause in der er über Etwas
nachzusinnen schien  »ich nehme die Bedingung an schon deshalb weil auch ich
Ihren nähern Umgang schmerzlich vermissen würde Aber die Entschädigung 
sprachen Sie nicht davon«
    Kornelia lachte
    »Wie plump gebehrdet Ihr Männer Euch doch so bald Ihr zu heucheln versucht
So haben Sie an meinem Umgange also doch nicht genug Sie sind so wenig galant
dafür noch eine besondere Belohnung zu verlangen dass ich Ihnen Gelegenheit
gebe Ihre malitieuse Natur etwas zu humanisiren indem ich Sie zu einem
rücksichtsvollen Benehmen gegen mich zwinge  Sie zucken die Achseln Gut denn
aber ich wasche meine Hände in Unschuld  Hm was würden Sie zum Beispiel zu
der Nachricht sagen « fuhr Kornelia den Zeigefinger auf die Kinnspitze legend
und mit lauerndem Blicke von unten herauf den Baron fixirend eine Mischung von
feierlicher Langsamkeit und banaler Gleichgültigkeit im Ton fort  »was würden
Sie dazu sagen dass Alice von Rosen hier ist«
    Kornelia fühlte es an dem leisen Zittern seines Arms dass der abgeschossene
Pfeil sein Ziel nicht verfehlte In der Tat wäre selbst dem unbefangenen
Zuschauer seine Bewegung nicht entgangen Sein Gesicht überflog eine schnelle
fieberhafte Röte Doch im nächsten Augenblicke antwortete er mit großer Ruhe
    »Ich würde sagen dass es eine abscheuliche Lüge ist«
    »Auch wenn ich Sie versichere «
    »Eben deshalb«  erwiderte er mit einer Lebhaftigkeit die ihm von neuem
das Blut ins Gesicht trieb
    »Fangen auch Sie an Empfindung zu bekommen Sie armer Freund«  sprach
Kornelia in mitleidig ironischem Ton während ihre Züge teils den Ausdruck
tiefen Hasses teils dämonischer Schadenfreude annahmen
    »Ich habe meine Empfindung«  entgegnete der Baron in immer größerer
Aufregung obwohl er äußerlich gefasst in die blaue Luft hineinstarrte  »noch
nie hinter einer erbärmlichen Maske von Trockenheit und Kälte zu verstecken
nötig erachtet gnädiges Fräulein auch nicht nötig gehabt da sie nicht so
rein aristokratisch ist wie die Ihrige  Doch wozu ärgern wir einander
Kornelia Haben Sie den Kontrakt nur vorgeschlagen um das wohlfeile Vergnügen
zu haben ihn zuerst brechen zu können Sagten Sie nicht ich sollte Sie
schonen Ha ha Tor der ich war in diese Falle zu gehen« Er fing wieder an
zu lachen
    
    »Wir sind nun quitt Baron und bedürfen meines Erachtens jetzt keines
Kontrakts mehr Indes täuschen Sie sich diesmal über meine Absicht wie Sie sich
nachher überzeugen werden Jetzt aber will ich Ihnen erzählen warum ich nicht
nach Palermo gegangen vielleicht wird das Ihr Blut so weit abkühlen dass Sie im
Stande sind anderweitige und für Sie interessantere Mitteilungen anzuhören
ohne mir den Dank in Sottisen abzutragen Seien Sie ruhig ich schweige schon« 
fügte sie beschwichtigend hinzu als sie seine Stirn sich in drohende Falten
legen sah  »und nun hören Sie
    Sie wissen dass ich kein Hehl aus dem eigentlichen Zweck meiner
italienischen Reise machte Zwei Jahre hatte ich bereits in Berlin geweilt wo
Schattenfrei bei der französischen Gesandtschaft angestellt war und noch immer
war es mir nicht gelungen mit ihm zusammen zu kommen geschweige ihn an mich
von Neuem zu fesseln Seine Frau die übrigens wie man so sagt ein
liebenswürdiges gutmütiges und harmloses Ding sein soll war mir sehr im Wege
Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf über die Auffindung eines geeigneten
Mittels das ihn veranlassen könnte mich zu besuchen «
    »Man will wissen dass Sie sich einmal doch im Theater trafen ich glaube der
Liebestrank wurde gegeben«   sagte der Baron mit hervorgehobenem Accent
    Kornelia warf einen stechenden Blick auf ihren Begleiter »Schweigen Sie bis
ich zu Ende bin «
    Der Baron lachte »Das sind die Folgen davon wenn man einen Kontrakt
vorschlägt und ihn zuerst bricht Jetzt fahren Sie fort ich werde Sie nicht
mehr unterbrechen«
    Kornelia unterdrückte eine Antwort die ihr auf der Zunge lag und erzählte
weiter
    »Nach vielen vergeblichen Versuchen hatte ich mein Vorhaben fast aufgegeben
als ich zufällig in einer Gesellschaft davon reden hörte Schattenfrei werde zur
Wiederherstellung seiner Gesundheit eine Reise nach Palermo machen Ich forschte
genauer nach Richtig in vierzehn Tagen wollte er abreisen und zwar allein
ohne seine Frau Mein Plan war kurz gefasst Ich wollte ihm zuvorkommen ihn in
Venedig das er doch ohne Zweifel passieren würde erwarten und empfangen In
vier Tagen war ich reisefertig  in einer Woche war ich in Venedig Das
Abenteuer das ich mit dem jungen schwärmerischen Menschen dort hatte kennen
Sie es half mir wenigstens die Zeit verkürzen
    Endlich war meiner Berechnung nach der Zeitpunkt gekommen an dem
Schattenfrei eintreffen musste Alle Vorbereitungen waren getroffen So bald er
das Tor passieren würde sollte ich davon benachrichtigt werden Aber vergeblich
harrte ich auf die frohe Botschaft Zwei Tage waren schon über den Termin hinaus
vergangen da kamen Sie mit Frau von Rosen nach Venedig Auch Sie wussten mir
Nichts über den Erwarteten mitzuteilen Meine Unruhe nahm von Stunde zu Stunde
zu Sie hielten mich und Alice damals für die innigsten Freundinnen« 
    »Und Sie waren es nicht«  fragte der Baron erstaunt
    »Im gewissen Sinne allerdings in so fern wir uns redlich in Rücksicht auf
unsere besonderen Pläne in die Hände arbeiteten Außerdem aber hassten wir uns
eben so redlich verleumdeten uns nach Frauenweise und heuchelten einander die
innigste Seelengemeinschaft vor« 
    »Und warum das«
    »Teils aus rein künstlerischem Vergnügen teils auch um uns in Übung zu
erhalten damit wir uns vor Andern besonders vor Ihnen nicht durch ein
unvorsichtiges Wort oder eine impertinente Miene kompromittirten«
    »Vor mir«
    »Freilich Hören Sie nur weiter Alicen lag viel daran Sie auf eine kürzere
oder längere Zeit aus Venedig zu entfernen«
    »Wahrhaftig«  fragte der Baron ironisch  »und wozu wenn ich bitten
darf«
    »Einen Augenblick Geduld Wie war das zu machen ohne Ihren Verdacht zu
erregen und ohne an Ihrer Weigerung zu scheitern Alice zeigte sich also sehr
bekümmert über meine Unruhe die auf den höchsten Grad gestiegen war als ich
die Nachricht erhielt Schattenfrei habe die Tour über Genua eingeschlagen um
von dort zur See nach Palermo zu gehen Zugleich aber war die Nachricht zu wenig
verbürgt als dass ich aufs Geratewohl Venedig verlassen konnte In dieser Not
wandte sich die über meine verzweifelte Lage sehr betrübte Alice an Sie mit der
Bitte auf etwa acht Tage nach Genua zu gehen und mich im Fall Schattenfrei
dort eintreffen sollte sogleich davon zu benachrichtigen Durch welche Gründe
Alice Sie von der Notwendigkeit ihres Zurückbleibens in Venedig überzeugte
weiß ich nicht«
    »Sie fühlte die sittliche Verpflichtung in diesem Falle die Liebe auf kurze
Zeit der Freundschaft zu opfern  und wollte Sie in dieser angstvollen Stimmung
nicht allein lassen«
    Kornelia lachte höhnisch  »Wie waren Sie damals blind armer Baron Im
Grunde ihrer Seele war Alice über Nichts erfreuter als über meine Angst und
sie hätte nicht einen Finger gerührt mich davon zu befreien hätte es nicht in
ihrem Plan gelegen  Sie reisten ab und kurz nach Ihnen machte Alice mit dem
Herrn Berger der ihr unbemerkt von Ihnen aber nicht von ihr bis nach Venedig
gefolgt war einen Ausflug ins Tyroler Gebirge Beim Abschiede bat sie mich
alle Briefe an Sie von Venedig aus zu befördern So war jeder möglichen
Entdeckung ihrer Entfernung vorgebeugt Es vergingen abermals acht Tage
Schattenfrei kam immer noch nicht Ihnen wurde in Genua die Zeit lang Alicen
wurde sie in Tyrol kurz der Augenblick nahte den wir zur Wiedervereinigung
bestimmt hatten Aber ich wartete vergeblich Weder Sie noch Alice kehrten
zurück Überdies erhielt ich einen Brief aus Deutschland worin mir mitgeteilt
wurde dass Alice Schattenfrei mit meiner Absicht ihn in Venedig zu erwarten
bekannt gemacht und ihm den Rat gegeben weder über Venedig noch über Genua
nach SüdItalien zu gehen wenn er überhaupt es nicht vorzöge anders wohin
seine Schritte zu lenken im Fall er ein Zusammentreffen mit mir vermeiden
wolle So war ich nun völlig im Unklaren War er doch nach Palermo gegangen oder
nicht Sollte ich auf die Ungewissheit hin die weite und gefahrvolle Reise
unternehmen abgesehen davon dass meine Kasse nicht zum Besten bestellt war Ich
fasste einen schnellen Entschluss und ging nach Deutschland zurück mit der
Absicht ihm bei seiner Zurückkunft in den Weg zu treten Daraus dass Alice mir
diesen hinterlistigen Streich aus Italien oder wo es sonst sein mag gespielt
hatte ersah ich jedoch mit einer Art von Genugtuung dass Sie mein
Leidensgefährte sein mussten weil sie sonst in Betreff meiner mit mehr Vorsicht
gehandelt hätte«  Bei diesen Worten warf Kornelia einen forschenden Blick auf
den Baron und fuhr dann fort  »Es konnte ihr also nichts mehr daran gelegen
sein ob ich Ihnen die wahre Sachlage mitteilte folglich musste sie den
Gedanken an eine Wiedervereinigung mit Ihnen schon aufgegeben haben als sie an
Schattenfrei schrieb  Ich begab mich bald darauf nach Genua auf den Weg um
Sie aufzusuchen fand Sie aber nicht mehr anwesend da Sie zwei Tage vorher nach
Venedig abgereiset waren Wahrscheinlich hatten wir uns begegnet und ohne es zu
wissen verfehlt« Die Ironie mit der die letzten Worte gesprochen wurden
ließ zweifeln was der eigentliche Sinn derselben sein sollte
    Mit dem Baron war während dieser Erzählung eine große Veränderung
vorgegangen Zwar schien in diesem Augenblicke keine bestimmte Leidenschaft
seine Seele erfüllt zu haben weder Hass noch Liebe weder Verachtung noch Hohn
zeigte sich in seinen Mienen aber eine Todtenblässe hatte seinem Gesicht einen
Ausdruck gegeben der auf ein tiefes inneres Leiden schließen ließ Eine Art
geistiger Lähmung schien sich seiner bemächtigt zu haben als er mit tonloser
Stimme sprach
    »Ich kam nach Venedig an demselben Tage wie Schattenfrei Ich suchte ihn
auf um ihn sogleich zu Ihnen zu führen aber vergebens forschte ich nach Ihrer
neuen Wohnung denn ich konnte nicht auf den Gedanken geraten dass Sie Venedig
verlassen hätten
    Schattenfrei war erfreut Sie in Venedig zu wissen und bedauerte es
ernstlich dass er Sie nicht finden konnte«
    »Wie Schade«  unterbrach ihn Kornelia in der früheren ironischen Weise
    »Übrigens beruhigen Sie sich wegen des hinterlistigen Streiches Seitens
Alicens Die Sache verhält sich anders Sie hat mir selber geschrieben dass sie
einen Ihrer beiderseitigen Bekannten in Berlin zu dieser unschuldigen
Mystifikation bereden wolle um Ihnen dann durch das wirkliche Erscheinen
Schattenfreis eine desto größere Überraschung zu bereiten«
    »Und Sie haben es natürlich für Wahrheit gehalten«
    »Warum nicht  Sie sollten glauben gemacht werden Alice hätte jenen Brief
geschrieben was aber nicht der Fall war«
    »Wäre es gewesen wie Sie sagen so können Sie sich darauf verlassen dass es
aus der Absicht geschehen ist entweder mich in April zu schicken  oder aber zu
einer Rückkehr nach Deutschland zu veranlassen die ich nachher zu bereuen
hätte wenn ich die Wahrheit hörte«
    »Sie scheinen in der Tat den Charakter Alicens gut zu kennen« sagte der
Baron mit einer tiefen Bitterkeit  »und weiter haben Sie Nichts von ihr und 
ihm gehört«
    »Ich habe Ihnen schon einmal erklärt dass sie hier ist«
    »Es ist wahr«  rief er mit zitternder Stimme indem seine Lippen bebten
    »Wahr«
    »Und er«
    »Auch«
    Mit leuchtenden Blicken sah er umher als suche er den Gegenstand seiner
Rache Kornelia fasste ihn beim Arm
    »Kommen Sie«  sagte sie leise und bedeutungsvoll
    Sie führte ihn bei diesen Worten in einen schmalen Seitenweg ein der tiefer
in die Mitte des Parks hineinführte Schweigend und schnellen Schrittes gingen
sie neben einander daher ohne auf die sie umgebenden reizenden Anlagen auch nur
einen flüchtigen Blick zu werfen
    Ein klarer Bach dessen Quelle nur einige Stunden weiter im Gebirge hinauf
lag durchströmte in mannichfachen Windungen den Park auf beiden Ufern mit den
herrlichsten Erlen und TrauerweidenGruppen eingefasst Zuweilen schimmerten
auch anmutig geschwungene Brückenbogen mit durchbrochenem weißen Geländer durch
das grüne Laubwerk oder es klang das eintönige Rauschen einer kleinen bald
natürlichen bald künstlichen Kascade in das Ohr des einsamen Spaziergängers
Der größte Reiz aber bestand in der völligen Zwanglosigkeit und scheinbaren
Unabsichtlichkeit welche durch sämtliche Anlagen herrschte Unbefangenen
Gemütern  das heißt solchen die von der metodischen Entseelung der wir
durch die Zivilisation unterworfen werden mehr oder minder unberührt geblieben
sind und die daher das Goldkorn ihrer innersten Menschenwürde noch nicht aus dem
Schacht ihres Herzens heraufgeholt und nach Außen getrieben haben damit es sich
als wertloser Goldschaum um ihre Oberfläche legt um von denen da draußen
bewundert betastet und  abgegriffen zu werden  allen solchen unbefangenen
Gemütern muss der Anblick von Kunstanlagen bei denen die Kunst gewöhnlich eben
solchen entseelenden Einfluss ausübt wie die Zivilisation auf die Menschen
notwendig ein peinliches drückendes Gefühl erregen Die abgezirkelten mit
gelbem Kies bestreuten Wege die beschnittenen Hecken die gespreizten Spaliere
Alles benimmt der freien Brust den Atem denn der Geist fühlt sich gerade in
der Freiheit in der Unendlichkeit und Mannichfaltigkeit verwandt mit der Natur.
Jede Beschränkung jedes kleinliche nach der engherzigen Anschauungsweise
Zugeschnittene in ihr bedrückt auch den Menschengeist und macht den Schmerz der
Natur zu seinem eigenen
    Ganz anderer Art mochten die Gedanken der beiden schweigenden Wanderer sein
deren Blicke auf einen Punkt starrten der stets zwei Schritte von den Spitzen
ihrer Füße entfernt auf dem festgetretenen Boden ihnen voraus zu eilen schien
    Der Baron von Landsfeld konnte im Sinne gewisser Frauen für einen schönen
Mann gelten Hoch und schlank gewachsen prägte sich in seine ganze Gestalt das
Bewusstsein von Mannhaftigkeit aus Sein schöner Kopf obwohl in diesem
Augenblicke etwas gesenkt als wenn die Gedanken drinnen durch ihre Last ihn
gebeugt hätten zeigte selbst in dieser Biegung des Nackens die Gewohnheit ihn
stolz und aufrecht zu tragen Wenn sein Haar nicht mehr die Elasticität und
Fülle der ersten Jugend besaß so war es doch glänzend und von schöner
dunkelbrauner Farbe Dasselbe Gepräge von Energie lag auch auf der breiten
hochgewölbten Stirn und auf der edel fast zu scharf hervorspringenden Nase Der
zartgeformte und kleine Mund wurde fast ganz bedeckt von dem kräftigen und
sorgfältig gepflegten Barte unter dessen dunklen Wellen das Kinn völlig
verschwand Sein Auge war von eigentümlichem Glanze und tiefer durchdringender
Schärfe Die Farbe war schwer zu bestimmen, da sie mit der größeren oder
geringeren Stärke der augenblicklichen Empfindung zu wechseln schien Im ruhigen
Gespräch hätte man es für ein mattes aber glänzendes Grau gehalten In solchen
Augenblicken zeigte sein Gesicht einen fast gewöhnlichen Ausdruck  Wenn
dagegen in seiner Seele irgend eine Leidenschaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte
 und das war meistens der Fall  so erhielten seine Züge eine so
charakteristische Umgestaltung dass man in Zweifel über die Identität der Person
geraten konnte Die kurz aber fest zusammengezogenen Augenbrauen drückten dann
eine strenge Bestimmtheit aus und der halbgeöffnete Mund mit der aufgeworfenen
Oberlippe die scheinbar noch schärfer hervorspringenden Linien der Nase und vor
Allem die unter den tiefer herabgezogenen Brauen groß und dunkel
hervorstrahlenden Augen gaben dem bleichen Gesichte einen Ausdruck von
leidenschaftlicher Kälte und energischer Entschlossenheit deren bloßer Anblick
einem Geiste von geringerer Intensität Furcht einflößen musste
    Der Baron trug gegenwärtig einen enganschliessenden Reitüberrock von
dunkelgrünem Tuch der die muskulösen aber biegsamen Formen seines graziös
gebaueten Körpers vorteilhaft hervortreten ließ Seine weißen weiten
Beinkleider fielen in natürlichen Falten bis auf den eleganten Stiefel herab
der eben so wie die eben bezeichneten Kleidungsstücke eine Abneigung gegen die
Herrschaft der Mode bekundete ohne indes den Geschmack des Trägers irgend wie
zu kompromittiren Im Gegenteil zeigte sich auch bis in diese scheinbar
unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begründete tiefe
Opposition gegen jedwede Autorität die in so fern aber ihre eigene
Rechtfertigung in sich trug als sie den Kampf gegen die Autorität nur auf
Kosten des einfachen künstlerischen Geschmacks zu führen schien Dieser Zug
seines Charakters gegen die Willkür der Menschensatzung wie immer sie sich
zeigte zu opponiren und das Schöne und Natürliche dagegen geltend zu machen
stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Enthusiasmus für die Idee
überhaupt und für deren Rechte als aus der selbstgefälligen Freude dass seine
eigene Erkenntnis und Anschauungsweise über die Begriffe der gewöhnlichen
verkünstelten und kleinigkeitskrämerischen Welt dadurch erhaben sei dass sie
jedes Vorurteil abgestreift Aus dieser selbstsüchtigen Richtung seiner idealen
Erkenntnis  weil es ihm weniger um die Schönheit und Wahrheit dessen was sie
in sich schloss als um den eigenen Besitz desselben zu tun war erklärte sich
einerseits die ironische Verachtung welche er gegen die Menschen im Allgemeinen
hegte anderseits der Skepticismus mit dem er jede in der Welt ideale
Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete Vielleicht
könnte hieraus geschlossen werden dass er den Respekt welchen er allen Übrigen
versagte auf sich selbst beschränkte weil er allein seiner Überzeugung nach
die richtige Erkenntnis von der Unwirklichkeit der Idealität besaß Allein in
der Tat schöpfte er aus der Verachtung der Übrigen noch keinen Grund zur
Achtung seiner selbst. Er fühlte wohl dass nur in dem Streben die Idealität in
sich selbst zu verwirklichen etwas Achtungswertes liegen könnte Um dies aber
zu versuchen fehlte ihm die sittliche Kraft und daher der Glaube an die
Möglichkeit dieser Verwirklichung Er war also nur in dem egoistischen Irrtum
befangen dass er von der Überzeugung ausging diese Verwirklichung sei nicht
ihm allein sondern überhaupt unmöglich
    So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt überhaupt
gegenüber stand so gab es doch einen Menschen der mit ihm in diesem sittlichen
Skepticismus sympatisirte und gerade gegen diesen fühlte er sonderbarer Weise
noch größere noch tiefere Verachtung als gegen die gewöhnlichen Menschen Aber
diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin dass er das was er an sich
selbst für unwürdig hielt an Andern noch abscheulicher fand  sondern weil
jener Andere ein Weib war denn beim Weibe schließt die Verachtung der Idealität
noch größere Würdelosigkeit in sich als beim Mann Außerdem fehlte ihr jede
Spur von Enthusiasmus der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus
gewesen war Bei ihr war es reine Freude am Bösen  hämische Zerstörungssucht
die ihm verächtlicher noch war als Gemeinheit Trivialität und Selbsttäuschung
Dieses Weib war Kornelia
    Kornelia von Hohenhausen hatte eine kleine zartgebaute Gestalt Ihre
Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme ihres Nackens und Halses doch
weder eckig steif noch kokett und manirirt sondern so durchaus gefällig und
graziös dass man darüber bei längerm Umgange die natürlichen Unvollkommenheiten
leicht vergessen konnte Der Ausdruck in ihren Zügen war für gewöhnlich nicht
besonders auffallend und charakteristisch Es gibt jedoch eine Art von
Gesichtern deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzügen als in
scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen die weil sie weniger in die Augen
fallen sich auch unbewachter und gleichsam unabhängiger vom Bewusstsein des
Menschen selbst entwickeln und gestalten Hauptsächlich ist dies bei geistig
begabten aber unedlen Naturen der Fall denn edle Naturen sind zu stolz für eine
solche Überwachung der Mienen Seitens des Bewusstseins, und einfältige Menschen
haben nicht die geistige Kraft und Stärke der Reflexion dazu So sprach sich
auch die dämonische Natur Korneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des
Gesichts und in den einzelnen Hauptzügen aus die vielmehr einen Charakter von
Bonhommie und gutmütiger Freundlichkeit an sich trugen sondern in den fein
zusammengekniffenen Augenwinkeln in dem unsicheren mattglänzenden grauen Auge
und in einer schmalen langen Furche die sich von beiden Seiten der Nase mit
einer unanmutigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang aber nur sichtbar
wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh wenn
sich der untere Teil des Gesichts zu einem Lächeln verzog Ihr Mund war eher
klein als groß zu nennen aber sehr dünn farblos und ohne schönen Schnitt
während die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte Der unangenehme
Eindruck den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts Halses und
Nackens in Jedem hervorbrachte der an schönere Formen gewöhnt war wurde noch
durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhöht welche vielleicht mit der
Farbe des Pergaments hätte verglichen werden können, wenn das Gelb des letzteren
mehr Grau und weniger Glanz entielte Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu
der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode
absichtlich zu vermeiden ohne indes sowohl in Rücksicht auf die Wahl der
Stoffe als auf deren Zusammenstellung den reinen Geschmack und den feinen Sinn
für elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden worin jener eine
eben so große Zartheit als Sicherheit besaß
    Kornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrüner Seide dessen
weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit ließ nach den Reminiscenzen
früherer Fülle und Schönheit des Halses zu suchen Ein italienischer Strohhut
mit einer Straussfeder geschmückt  Kornelia trug nur diesen Putz  ein
chinesischer Sonnenschirm und eine weiße AtlasMantille bildeten das übrige
Kostüm
    »Treten Sie leiser auf«  sagte Kornelia zum Baron als sie eben in eine
Kreisallee eintraten die wie man schon aus den hier und dort zwischen den
Gipfeln der Bäume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schließen konnte einen
freien Platz umgab Nur auf einem schmalen Steige der die eine Seite der
dichten aus jungen Buchen bestehenden Allee durchbrach gelangte man in das
Rondel selbst und überzeugte sich dann dass das was man für einen freien Platz
gehalten hatte ein kleiner Teich war der von einem in seiner Mitte sich
erhebenden Springbrunnen gespeisst wurde Rings um das Bassin dessen Ufer nur
mit einer niedrigen Rosenhecke eingefasst war lief ein schmaler Fußweg An der
äußeren Wand der Buchenhecke standen quarreeartig geordnet vier gusseiserne grün
angestrichene Ruhebänke von denen die einander gegenübergelegenen von dem
breiten pyramidalartig gebaueten Springbrunnen maskirt wurden so dass die auf
der einen Bank sitzenden Personen von denen auf dem jenseitigen Ufer
befindlichen nicht gesehen werden konnten Kornelia bog vorsichtig ein paar
Zweige auseinander und warf einen forschenden Blick in das Rondel Sie schien
mit dem Resultate ihrer Beobachtungen unzufrieden denn sie wandte sich an den
Baron mit den Worten
    »Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen und geben Sie mir das Versprechen
kein Lebenszeichen von sich zu geben was Sie auch sehen mögen«
    Der Baron nickte mit dem Kopfe Er hatte jetzt wo der entscheidende Moment
gekommen war seine ganze Besonnenheit wieder erlangt Mit übereinander
geschlagenen Armen stand er an einen Baum gelehnt und wartete bis Kornelia die
sich auf die andere Seite begeben hatte zurück kehrte
    Mit triumphirender Miene winkte sie ihm
    »Allzugrosse Vorsicht ist nicht nötig«  sagte sie »Das Geplätscher des
Springbrunnens dämpft jedes Geräusch bis zur Unhörbarkeit Doch vorher eine
Frage Was gedenken Sie zu tun«
    »Sie werden es sehen wenn ich gesehen habe Haben Sie indes keine Furcht« 
setzte der Baron mit leiser Stimme hinzu  »Sie werden doch nicht glauben dass
mein Ehrgeiz dahin geht vor Ihnen ein romantisches Spektakelstück aufzuführen
Verlieren wir keine Zeit mit unnützen Redensarten«  Sie waren unterdes ein
Paar Schritte fortgegangen »Hier«  sagte Kornelia indem sie auf eine kleine
Öffnung zwischen den Blättern wies Der Baron beugte sich vor
    Auf der schräg gegenüber liegenden Bank saß halb noch vom Wasserstaub des
Springbrunnens verdeckt ein junger Mann von sehr einnehmendem blühenden
Äußern das echte Bild der jugendlichen Frische und Anmut Er starrte jetzt
vor sich auf den Boden nieder in dem sein Spazierstock allerlei Arabesken und
Namenszüge eingrub Neben ihm saß eine sehr bleiche nicht mehr ganz jugendliche
Dame deren schöngeformter Kopf von einer Menge kurzer anmutig geordneter
Locken umgeben war welche die einzelnen Züge um so weniger klar erkennen
ließ als sie sich auf ein Buch niederbeugte aus dem sie dem jungen Manne
etwas vorzulesen schien Obgleich ihr Oberkörper in halb sitzender halb
liegender Stellung bis an die Rücklehne der Bank zurückgebeugt war konnte man
doch die graziösen Formen ihrer Gestalt bemerken
    Sie ließ jetzt das Buch sinken und sah den jungen Mann der diese Bewegung
nicht zu bemerken schien eine Weile schweigend an
    »Was phantasiren Sie da Arthur«  sagte sie mit sehr sanftem und
wohllautenden Accent indem sie auf seine Zeichnungen wies
    Erschreckt wie aus einem Traume fuhr er empor dann strich er sich über die
Augen
    »Ach Alice«  entgegnete er mit einer Art von Wehmut im Ton »ich dachte
eben darüber nach wie so klein ich Dir erscheinen muss wie es möglich sei dass
ich Dir dem hochherzigen die ganze Menschenwelt mit Liebe umfassenden Weibe
mit meiner engherzigen Empfindung genügen kann Ich fühle wohl dass gerade in
meiner Verehrung für Dich in dem Kultus meines Herzens für Deine Größe mein
größter Stolz und in dem Bewusstsein in Deinem schönen Körper Deine ganze
schöne Seele zu umfassen mein höchstes Glück liegen muss  und doch liegt
zugleich mein größter Schmerz darin«
    »Schmerz« fragte Alice mit demselben sanften halb melancholischen Ton der
ihr eigen zu sein schien
    »Ja Schmerz rasender Schmerz«  rief der junge Mann aufspringend
»Begreifst Du nicht den Schmerz welcher in dem Gedanken ganz Liebe und
Hingebung zu sein in dem Gedanken dass Du mein Gott meine Welt mein All bist
und Du «
    »Nun und ich«  sagte Alice ebenfalls sich erhebend
    »Du bist wie ein Fürst in seinem Park wo nur das Ganze die Harmonie aller
Einzelnen sein Wohlgefallen erregt während er eine einzelne Blume ohne Kummer
zertreten mag Ich bin wie der Arme der nur diese Blume hat und sein Liebstes
verliert wenn sie ihm verloren geht Glaube mir Alice dieser Gedanke verlässt
mich nicht mehr Wie eine Ahnung Deines Verlustes schwebt es gleich dem kleinen
Sturmwölkchen am fernen Horizont meines Liebehimmels und selbst wenn Du mich so
innig an Dein liebeglühendes Herz drücktest blieb jener Gedanke als bittere
Hefe am Rande hängen und verbitterte mir so das schönste Glück das Glück Dich
ganz zu besitzen«
    Sie waren indes Beide an das Bassin getreten Arturs Gesicht glühte
während er sprach und Alice fütterte die Goldfische welche schaarenweise auf
die hingeworfenen Brocken zuschwammen
    »Du bist ungenügsam Freund«  sagte sie sanft  »und wenn ich so sagen
dürfte undankbar Soll ich um Dich von der Wahrheit meiner Liebe zu
überzeugen Dich an die Opfer erinnern die ich Dir gebracht an  « »Verzeih
mir Verzeihung Alice«  rief Arthur mit Tränen in den Augen indem er Alicens
Hand heftig an die Lippen presste und dann an die Brust drückte »Du hast Recht
Ich bin nicht wert von Dir geliebt zu werden Aber nimm hier mein Versprechen
Was Du mir gibst will ich dankbar hinnehmen als spendete es mir eine
seegenbringende Göttin Ich will nicht klagen selbst dann nicht wenn Du mich 
nicht mehr liebst«  setzte er mit bewegter Stimme hinzu
    »O mein Geliebter«  rief plötzlich Alice indem sie beide Arme um seinen
Hals schlang und seinen Kopf an ihren Busen presste »Ruhig mein Arthur ruhig«
setzte sie nach einer Pause hinzu indem sie den Glühenden sanft von sich
abwehrte  »wir könnten belauscht werden  gib mir den Arm Wir wollen in den
Kursaal gehen« Indem sie ihren Arm in den seinigen legte traten sie in die
Allee ein
    »Geben Sie mir den Arm Kornelia« sagte der Baron ruhig Sie schlugen die
entgegengesetzte Richtung ein so dass sie notwendig auf der andern Seite der
Kreisallee an dem Punkte wo der schmale Ausgang war zusammentreffen mussten
    »Was Teufel Alice Du hier und so gut versehen  Ich wünsche guten
Appetit mein Herr«
    Nach diesen mit launigem Ton und unbefangenem Lachen begleiteten Worten
welche der Baron dem andern Paare schon auf sechs Schritt zurief zog er mit
ironischer Kourtoisie den Hut und ging mit Kornelia gemächlich und ohne weitere
Notiz von jenen zu nehmen voraus
    »Sie sind ein grausamer und was mehr ist ein gefährlicher Mensch Baron
die arme Alice Wie blass wurde sie bei Ihrem Anblick Und der junge Seladon mit
seinem Liebesschmerz   haben Sie sein Gesicht gesehen  hatte es nicht die
frappanteste Ähnlichkeit mit einem Schulknaben der bei ungerechter Strafe
zwischen seinem Ehrgefühl und der angeborenen Pietät schwankt   Ich bin
neugierig ob er die Sache so ruhig nehmen wird    Was gedenken Sie zu tun
Baron  Aber mein Gott so sprechen Sie doch Warum antworten Sie denn nicht
Sind Sie etwa gerührt Fühlen Sie Gewissensbisse ob Ihrer Barbarei« 
    »Schweigen Sie Kornelia ich bitte Sie dringend Was sollen jetzt diese
Kindereien Denken Sie daran dass wir gehört und gesehen werden können, und dass
wir schon in der nächsten Minute einer höflichen Anrede von Herrn Arthur
entgegen sehen dürfen«
    »Sie haben Recht Lassen Sie uns von gleichgültigen Dingen sprechen Blicken
Sie einmal nach dieser Richtung hin Sehen Sie dort in der Seitenallee die junge
Dame die eine ältere am Arme führt«
    »Nun«
    »Das ist die Braut Arturs der beiläufig gesagt ein sehr beliebter
LiederKomponist Namens Berger ist Merken Sie sich das verehrtester Freund
für vorkommende Fälle und nun sehen Sie einmal dies junge Mädchen genauer an
Nicht war eine leibhaftige Hebe«
    Der Baron konnte als Kenner in dieser Beziehung gelten und doch musste er es
sich selbst gestehen eine so durchaus anmutige Erscheinung war ihm noch
niemals zu Gesicht gekommen Die zarteste Weiblichkeit und gefühlstiefste und
dennoch völlig ahnungslose Unschuld lag über den lieblichen Zügen dieses
reizenden halb kindlichen halb jungfräulichen Gesichts ausgebreitet Sie
blickte als der Baron mit Kornelia nahe gekommen war unbefangen auf schlug
aber wie innerlich zusammenschaudernd vor dem bleichen leidenschaftlichen
Ausdruck des Ersteren schnell die Augen zu Boden während eine tiefe Röte ihr
halbabgewandtes Gesicht und ihren Hals bedeckte
    »Sie liebt ihn glauben Sie« fragte der Baron
    »Wie es allgemein heißt und scheint ja«  erwiderte Kornelia
    »Desto besser  Wie heißt sie  Ich will nur den Vornamen wissen«
    »Lydia  Warum wollen Sie nicht ihre Familie kennen lernen«
    »Weil es überflüssig ist«
    »Überflüssig Ich sollte meinen dass sie eine so anziehende Persönlichkeit
hat die schon der Annäherung wert ist«
    »Eben darum«
    »Ich verstehe Sie nicht«
    »Ich brauche ihren Familiennamen nicht zu wissen weil sie ihn nach einem
Vierteljahre doch verlieren wird«
    »Sie sprechen in Rätseln«
    »Nun zum Teufel Sie wird dann meine Frau sein Ich werde sie heiraten
rede ich jetzt deutlich genug«
    Kornelia sperrte diesmal vor wirklichem Erstaunen die Augen weiter auf als
gewöhnlich Indessen blieb ihr keine Zeit ihrem Herzen Luft zu machen da in
demselben Augenblicke die Stimme des jungen Mannes dessen Gespräch mit Alicen
sie belauscht hatte neben ihr sich vernehmen ließ
    »Mein Herr ich wünschte zu wissen ob Sie die Absicht gehabt haben die
Dame welche in meiner Begleitung war oder mich selbst persönlich zu
beleidigen«
    »Haben Sie darin eine Beleidigung gefunden so kann ich das weder Ihnen
noch jener Dame wehren Übrigens pflege ich meine Absichten für mich zu
behalten«
    »Sehr wohl mein Herr«  »Auf Wiedersehen mein Herr« sagte der Baron
sich artig verbeugend und verließ mit Kornelia den Park
 
                                Zweites Kapitel
Das Bad Pr    t welches eine weniger zahlreiche aber mehr ausgewählte
Gesellschaft als die meisten deutschen Bäder in seinem lieblichen Tale zu
vereinigen pflegte hatte eine überaus reizende Lage am oberen Abhange des
Gebirges an dessen Fuß es sich gleich einer Perlenschnur hinschlang Dieser
Vergleich war um so passender als die meisten der kleinen durch Gärten
getrennten Häuser weiß angestrichen waren was dem aus der Ferne kommenden
Reisenden einen gar erquicklich heitern Anblick gewährte Es besaß nur eine
Straße die der Böschung des Gebirges folgend in mancherlei Windungen zwischen
Gärten und Häusern hinlief und etwas aufsteigend zu dem höher gelegenen
eigentlichen Bade hinführte welches aus zwei Brunnenhäusern und den dazu
gehörenden Nebengebäuden bestand und durch den großen Park welchen wir schon im
vorigen Kapitel kennen gelernt von dem noch höher hinauf bis zum Kamm des
Gebirges sich erstreckenden Gebirgswalde getrennt wurde Landsfeld hatte sich
bald nach der oben erzählten Szene von Kornelien getrennt Er ließ sie im
Kursaal und begab sich in den Park zurück um einen Ausgang nach der Seite der
Gebirges zu suchen Denn er liebte es auf den unwegsamsten höchsten Abhängen
der Berge umherzuklettern nur von sich und seiner Gefahr begleitet in dem
Bewusstsein ein Paar hundert oder tausend Fuß erhaben zu sein über dem
Menschentross da unten Fand er aber gar durch Zufall eine Stelle von der er auf
das Ameisentreiben der Ebene etwa einen hervorspringenden Felsblock von dessen
Spitze er ins Tal schauen konnte oder eine tiefe Schlucht die seinem Blick
einen schmalen Durchgang gewährte so konnte er Stunden lang dort sitzen und
beobachten und sich freuen wie sie doch wirklich so klein seien diese
Menschen und nicht verdienten dass man sich mit dem Einzelnen anders
beschäftigte als um ihn zu einem Mittel zu verwenden oder ein Experiment mit
ihm anzustellen Er vergaß dabei freilich dasswenn diese kleinen Menschen die
er mit einiger poetischer Steigerung mit Ameisen  zuweilen auch wohl wenn er
gerade übler Laune war mit Mistkäfern verglich ihn dort oben zufällig
erblickten er ohne Zweifel von ihnen für eine Krähe oder sonst ein kleines
Getier gehalten werden würde worin sie sich immer noch gerechter und
toleranter bewiesen als er
    Langsam und gemächlich schlendernd nach Art anderer Spaziergänger  denn er
wusste wohl dass er in einem Bade durch Nichts so sehr die Aufmerksamkeit erregt
hätte als durch einen hastigen Gang  schlug Landsfeld die Richtung nach dem
Rondel ein was er durch seinen vorzüglichen Ortssinn unterstützt bald
erreichte Er schritt durch den kleinen Durchgang und blieb an der Bank stehen
auf dem das von ihm belauschte Paar gesessen hatte Darauf setzte er sich selbst
und versank in ein tiefes Nachsinnen Der Kopf sank ihm auf die Brust über der
er die Arme verschlungen hielt sein Blick ruhte starr und teilnahmlos auf dem
Bassin aus dessen stets bewegter Oberfläche dann und wann ein Goldfisch seinen
kleinen roten Kopf neugierig oder um Luft zu schöpfen herausstreckte Außer dem
einförmigen Plätschern des Springbrunnens dessen herabfallender Wasserstrahl
durch eine schön gearbeitete marmorne Muschel aufgefangen wurde von der das
Wasser in eine zweite größere einfloss um endlich von dem Bassin aufgenommen zu
werden hörte man keinen Laut Die Sonne durchglänzte nur noch die höchsten
Gipfel der Bäume denn obwohl es noch nicht spät war nahte der Abend diesem
Tale doch früher als selbst den tiefer gelegenen Gegenden weil das in Westen
sich hineinziehende Gebirge die Strahlen der neigenden Sonne abschnitt
    Eine Viertelstunde schon mochte Landsfeld in der bezeichneten Stellung
gesessen haben ohne dass irgend eine Bewegung verriet dass Leben in ihm sei
hätte nicht ein fast unmerkliches krampfhaftes Zucken der rechten Hand die der
linke Arm umfasste einen Beweis vom Gegenteil gegeben
    »Auch dies Weib«  murmelte er zwischen den Zähnen indem er aufsprang Er
warf einen forschenden Blick umher als fürchtete er beobachtet zu werden Sein
Gesicht war noch bleicher als sonst aber in seinen Augen brannte eine dunkle
verzehrende Glut Wie um die ihn störenden Gedanken zu verscheuchen strich er
sich das über die Stirn herabgefallene Haar aus dem Gesicht und richtete sich
frei und hoch auf
    Als er sich noch einmal nach dem eben verlassenen Sitz umwandte als wollte
er noch einen letzten Abschiedsblick auf ihn werfen fiel ihm ein weißes Blatt
in die Augen welches wahrscheinlich zwischen den Fugen der Bank durchgefallen
und beim Fortgehen von einer der hier früher anwesenden Personen vergessen
worden war Rasch nahm er es auf Es war ein Billet wie es schien von einer
Damenhand geschrieben Die Adresse fehlte Landsfeld sah nach der Unterschrift
    »Lydia«  sagte der Baron »Das ist ein Wink des Schicksals Nun bei Gott
der soll mir nicht umsonst gegeben sein« Er schickte sich zu lesen an als er
plötzlich inne hielt und das Billet zu sich steckend an einer Stelle die dem
kleinen Durchgange gegenüber lag zwischen den Bäumen durchbrechend verschwand
    Einen Augenblick später erschien an dem Durchgange der junge Mann welchen
wir unter dem Namen Arthur Berger kennen gelernt haben Er schien etwas zu
suchen denn er bückte sich unter die Bank die so eben der Baron verlassen
hatte ging dann noch mit zur Erde gerichteten Blicken um den Teich herum und
verließ endlich auf demselben Wege das Rondel Landsfeld trat aus seinem
Versteck hervor Ein triumphirendes Lächeln lag auf seinen Zügen
    »Ich werde Dich lehren Freund in meinem Gehege zu jagen« sagte er ihm
nachsehend »Unbegreiflich bleibt es mir doch dass Alice mich um diesen blonden
Schäfer aufgeben konnte Aber sie sollen es Beide büßen«  setzte er mit einem
Ausdruck innerlicher Wut hinzu der seinen Zügen einen wahrhaft unschönen
Charakter verlieh
    Mit schnellen Schritten verließ er jetzt den Platz und schlug durch den
immer dichter werdenden Park ohne die gebahnten Fusswege die in großen
Krümmungen einander durchkreuzten zu berücksichtigen die Richtung nach dem
Gebirge ein Bald hatte er die Grenze des Parks die durch eine dichte Hecke und
einen hinter demselben strömenden Arm des Bergstroms gebildet wurde erreicht
Mit kräftiger Hand bog er die Dornsträucher auseinander um sich einen Durchgang
zu verschaffen und stand am Ufer des Flüsschens das hier ziemlich reißend und
durch mehrtägigen Regen höher als gewöhnlich angeschwollen war Er war deshalb
gezwungen einige hundert Schritte stromaufwärts zu gehen wo ein mächtiger
Baumstamm der teils vom Alter teils vom Sturm gefällt zu sein schein sich
wie eine natürliche Brücke über das unter ihm dahin rauschende Wasser gelegt
hatte Indes war der Übergang nicht leicht Denn durch die Feuchtigkeit von der
Borke entblößt bot die nach Oben gekehrte Seite des Stammes nur eine halbrunde
schlüpfrig glatte Fläche dar welche zu betreten mit nicht geringer Gefahr
verbunden war da bei dem geringsten Fehltritt ein Sturz in das wenn auch nicht
tiefe doch mit einer Menge scharfer Felstrümmer besäete Flussbett unvermeidlich
war Landsfeld wurde jedoch von keinem Gefühl weniger beherrscht als von der
Furcht Im Gegenteil suchte er gerade solche Schwierigkeiten mit einer Art von
Liebhaberei auf teils weil er in ihrer Überwindung die Aufregung fand die er
zum Gefühl seiner Lebenskraft brauchte teils auch darum weil sein
Selbstgefühl durch den Gedanken erhoben wurde dass tausend Andere an seiner
Stelle davor zurück schrecken würden Denn das Gefühl der Superiorität war
dasjenige welches bei ihm der größten und kräftigsten Nahrung bedurfte Hätte
er bei solchen Gelegenheiten Zuschauer gehabt so würde er ohne Zweifel von dem
Versuch abgestanden sein denn Nichts erschien ihm erbärmlicher als ein
leichtsinniges Renommiren Auch achtete er die Menschen die mit ihm nicht
wetteifern konnten viel zu wenig um ihren Beifall nicht widerwärtig ja selbst
demütigend zu finden Anders wäre es vielleicht gewesen hätte er sich von
Jemandem belauscht und bewundert gewusst der im Glauben stand von ihm nicht
bemerkt zu werden In solchem Falle nahm er den Triumph wohl mit da keine
Demütigung damit verbunden war Auch hätte er dann nach der Tat nie
zugestanden von dem Lauscher gewusst zu haben vielmehr versichert dass er sie
gewiss unterlassen hätte wenn er sich nicht allein geglaubt
    Mit sicherem Fuß und festen Blick betrat er den schlüpfrigen Pfad und ging
ruhig ohne Zögern und ohne Schrecken hinüber Ohne einen Blick zurück zu
werfen stieg er nun bergan Nach halbstündigem Steigen gelangte er auf einen
schmalen wohl nur von Hirten betretenen Fußsteig der ihn in kurzer Zeit auf
des Berges höchsten Punkt führte
    Eine herrliche Aussicht bot sich hier seinen Blicken dar Vor ihm lag in
goldig blauen Duft gehüllt der Kamm des Gebirges der von Norden nach Süden sich
hinziehend in den Strahlen der eben von den höchsten Gipfeln verschwindenden
Abendsonne erglühte Mit gekreuzten Armen betrachtete Landsfeld das feierliche
schöne Schauspiel des sinkenden Gestirns das noch einen letzten Abschiedsblick
und Kuss auf die allmählich zur Ruhe versinkende Erde zu werfen schien Die Tage
seiner Jugend dämmerten in seiner Erinnerung auf mit allen ihren reinen Freuden
mit allen schuldlosen Genüssen und harmlosen Spielen Damals auch war er auf dem
Gebirge seines Vaterlandes umhergeklettert damals auch fühlte er dies
innerliche Sehnen auf den höchsten Spizzen zu stehen und herabzublicken auf die
Täler wenn sich die Schatten auf sie lagerten während die Gipfel und er
selbst auf ihnen noch von der dunkelsten Glut der Sonne erleuchtet wurde Damals
auch kannte er keinen größeren Schmerz als den dass er die höchsten
schneebedeckten Gipfel nicht erreichen konnte die weit weit hinter ihm noch
lagen und ihm in ihren weißen Häuptern bald zu winken bald zu höhnen schienen
Damals und heut 
    Welche Bilder hatten sich seitdem durch seine Seele gedrängt welche Reihe
von Gedanken seinen Geist bestürmt  Jene Bilder waren verblichen und
verstümmelt jene Gedanken hatten sich selbst verzehrt oder waren von andern
verzehrt worden von scharfen bitteren schmerzlichen Gedanken die seine Brust
ausgehöhlt und sein Herz verdorrt hatten
    Aber die Erinnerung weckte die Leichen in seiner Brust und in seinem Herzen
Wie Schatten zogen sie vor seinem innern Gesicht her die heitern Bilder die
ihn traurig und die düstern die ihn bitter stimmten Ein unendliches Gefühl des
Alleinseins ergriff ihn eine Seele wollte er haben in die er sich ergießen
aus der er Hoffnung und Trost schöpfen könnte
    Hoffnung worauf Trost wofür
    Noch war in Landsfeld die Sehnsucht nach dem lebendigen Ideal nicht
untergegangen Ja in dieser Erinnerung an seine Jugend selbst konnte er die
Gewähr dafür schöpfen Aber er sagte zu sich »Wohl ist die Erinnerung das ewig
mit sich selbst ringende ewig an sich selbst zweifelnde Bewusstsein des Ideals
aber gepaart mit der Überzeugung dass seine Erreichung unmöglich sei Denn
warum wäre sie sonst schmerzlich auch bei sogenannten guten Menschen Sie ist
nicht die Vorstellung eines wirklich gehabten Genusses sondern das zwecklose
Idealisiren desselben das unwahre selbsttrügerische Reinigen desselben von
allem Materiellen Unbequemen Hinderlichen Unangenehmen  kurz
Schlackenartigen von dem jeder Genuss seinen Teil und jeder Schmerz den
seinigen hat denn kein Genuss ist ohne Sinnlichkeit und kein Schmerz ohne
Egoismus Darum stimmt uns eine Erinnerung nicht traurig weil wir fühlen dass
es nichts Wirkliches ist was wir verloren auch nicht froh weil wir fühlen
dass die Vergangenheit eine ewige istsondern wehmütig  Und was liegt mehr
darin als eine jämmerliche Inkonsequenz die ohnedies sich durch ihre
Sentimentalität lächerlich macht  Mit der Hoffnung bin ich fertig«  fuhr er
nach einer Pause in der er unverwandt nach dem immer tiefer sich färbenden
Gebirgskamm gesehen als erwartete er noch ein Zeichen von dorther das seine
Hoffnung noch einmal belebte fort  »und der Trost der mir werden soll« Er
lächelte bitter  »den werde ich mir selber erringen In der Trostlosigkeit der
Andern werde ich meine Ruhe finden  O Alice du hast mich fürchterlich
bestohlen«
    Er wandte sich um Eine Träne vielleicht von dem Strahl der jetzt völlig
verschwundenen Abendsonne in sein Auge gelockt zitterte in seiner Wimper Mit
Unmut wischte er sie ab und sah hinab in das Tal Das Bad lag vor ihm Er
schritt weiter auf dem Rücken des Berges zur Rechten den Gebirgskamm der nur
noch wie eine graue Nebelmasse am Horizonte lag zur Linken unter sich den Park
und dahinter die weiße Häuserreihe des Bades die sich bis zu dem Punkte hinzog
wo der Berg sich ins Tal hinabsenkte Er stieg herab Am letzten Hause dessen
Dach sich fast unter den hohen mächtigen Kastanienbäumen die es umgaben
versteckte blieb er einen Augenblick stehen
    »Wir wollen sehen Lydia ob Du mir den Glauben an Weiblichkeit wirst
wiedergeben können Du wirst eine harte Probe zu bestehen haben armes Kind
Aber ich kann sie Dir nicht ersparen Möge Dein guter Engel geben dass Du fest
bleibst so will ich Dich verehren und zu Dir beten« Er zog ein Blatt Papier
aus der Tasche und nahte sich dem hellerleuchteten Fenster das von außen mit
einem Blumenbrett versehen war worauf verschiedene Gewächse in zierlich weißen
und roten Töpfen standen
    An dem hellen Scheine des Lichts schrieb er mit Bleifeder ein paar Worte auf
das weiße Blatt wickelte darin das Billet welches er heute im Rondel gefunden
hatte hinein und schob Beides zwischen zwei Blumentöpfe überzeugt dass die
liebliche Bewohnerin des Hauses wenn sie am andern Morgen ihre Lieblinge
versorgen würde es finden müsste
    Noch einen Blick warf er in das Fenster und entfernte sich dann schnell um
sich nach seiner Wohnung zu begeben die einige hundert Schritt tiefer ins Dorf
hineinlag
    »Es hat Jemand nach Ihnen gefragt Herr Baron«  sagte sein Bedienter indem
er seinem Herrn den rotsammetnen Schlafrock reichte
    »Ein Herr oder eine Dame«
    »Ein Herr Er würde wieder kommen meinte er Hier ist die Karte«
    »Arthur Berger« sagte der Baron für sich »Gut Das Spiel hat begonnen
Jetzt heißt es geschickt die Karten mischen«
    Von dem weiten Spaziergange ermüdet und den mancherlei Aufregungen ermattet
warf Landsfeld sich in die Ecke des Sophas um durch einige Augenblicke der Ruhe
die Klarheit und Ruhe des Geistes wieder zu erlangen welche er zum Empfange des
erwarteten Besuchs nötig zu haben glaubte
    »Karl«  sagte er zu seinem Bedienten der eben beschäftigt war einen
brennenden Fidibus an die Zigarre zu halten deren aromatischen Duft sein Herr
mit sybaritischem Behagen einzog indem er die Füße auf dem untergeschobenen
Tabouret ausstreckte
    »Was befehlen der Herr Baron«
    »Du hast heute Abend und morgen früh Deine fünf Sinne zusammen zu nehmen«
    »Sehr wohl Herr Baron«
    »Weder auf ein gutes Trinkgeld noch auf eine hübsche schnippische
Kammerzofe Jagd zu machen«
    »O Herr Baron« 
    »A propos Karl Ich glaube bemerkt zu haben dass Du Dir schon ein Liebchen
angeschafft hast Wie stehts damit«
    »Seit gestern schon Der Herr Baron scherzen«
    Landsfeld fixierte ihn
    »Also nicht hm das tut mir leid«  sagte er vor sich hinmurmelnd
    »Das heißt gnädiger Herr  ich könnte wohl sagen  ich wünschte vielleicht
 hm hm« 
    »Hast Du den Schnupfen«
    »Nein Ich wollte nur sagen dass ich hier in der Nähe da am Ende des Dorfes
unten ein allerliebstes Kind «
    »Allerliebstes Kind«  fragte Landsfeld sich halb aufrichtend  »Bist Du
des Teufels Karl Du unterstehst Dich «
    »Der Herr Baron befahlen doch«  erwiderte kleinlaut der erschreckte
Diener einen Schritt zurücktretend
    »Du hast Recht« sagte Landsfeld sich besinnend und in seine frühere bequeme
Stellung zurücksinkend »Fahr nur fort  fahr fort ins Teufels Namen« befahl
er als Jener zögerte »Du brauchst keine Furcht zu haben Also das allerliebste
Kind «
    »Ja sehen Sie  gnädiger Herr als ich da so herunterschlenderte um  um
«
    »Um die Gegend etwas anzusehen« half gutmütig der Baron nach
    »Richtig um mir die Gegend etwas anzusehen da war ich schon bis ans Ende
des Dorfs gekommen  und wollte eben wieder umkehren «
    Der Baron lachte »Denn außer dem Dorfe gab es natürlich für Dich keine
Gegend mehr nicht«
    »Nun gut Also da kam aus dem letzten Häuschen wissen Sie links wo die
großen Kastanienbäume vor der Türe stehen «
    »Schon gut«
    »kam eine junge Dame heraus mit einer Giesskanne in der Hand Aber sie musste
wohl kein Wasser drin haben denn sie drehte sich wieder um und rief ins Haus
hinein Linchen Linchen  Schön dachte ich bei mir jetzt wirst du was zu
sehen kriegen Und richtig Ein allerliebstes Kind«
    »Wie sah denn die Dame aus«
    »Ja danach habe ich nicht gesehen Aber Linchen «
    »War noch eine andere Dame dabei«
    »Ja eine alte wahrscheinlich die Mutter der jungen«
    »Wahrscheinlich woraus schließt Du das«
    »Nun sie nannte sie liebes Kind und Lydia Es mag wohl ihr Vorname gewesen
sein  ein kurioser Vorname  aber das «
    »Ich glaube es hat geschellt sieh einmal nach Karl  Ist es der Herr
von vorhin so wird er mir angenehm sein  Noch Eins Besorge zwei Flaschen
Rotwein und drei Gläser«
    »Sie wollen sagen zwei Gläser«
    »Tue was ich Dir befohlen und schnell«
    Ein Paar Sekunden später trat Berger ein Landsfeld sprang vom Sopha auf und
ging ihm einige Schritte entgegen
    »Ich habe bedauert« sagte er mit freundlicher Urbanität im Ton und Wesen
»dass Sie mich schon einmal vergeblich aufgesucht Darf ich fragen was mir die
Ehre Ihres Besuchs verschafft«
    Hätte die geringste Andeutung von Spott oder Ironie im Tone des Barons
gelegen so würde dies absichtliche Ignoriren des heutigen Vorfalls ein Grund
mehr für Berger gewesen sein auf den frühern Geliebten Alicens erbittert zu
sein Als er diesen daher mit ruhiger unbefangener Höflichkeit sich entgegen
treten sah wusste er Anfangs nicht sogleich die rechten Worte zu finden und
geriet fast in Verlegenheit  Der Baron konnte sich eines Lächelns nicht
erwehren welches durch die Leichtigkeit dieses neuen Triumphs seiner
Geistessuperiorität unwillkürlich hervorgelockt wurde Berger bemerkte es und
erlangte dadurch seine verlorene Fassung wieder Mit ernstem Ton wandte er sich
an den Baron
    »Mein Herr Sie haben heute Morgen mich und noch mehr die Dame deren
Begleiter zu sein ich die Ehre hatte beleidigt «
    Landsfeld verbeugte sich schweigend
    »Ich habe kein Recht nach dem Grunde dieses Betragens zu fragen obwohl ich
gestehen muss dass es mir um so auffallender war als ich mich nicht erinnere
jemals das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gehabt zu haben«
    »Da bin ich glücklicher gewesen Denn ich bin der festen Überzeugung dass
ich obwohl unbewusst schon lange der Ehre teilhaftig war von Ihnen gekannt zu
sein«
    Berger errötete
    »Ich irre wohl nicht wenn ich bei Ihnen die Absicht zu beleidigen
voraussetze«
    Landsfeld verbeugte sich abermals als ob ihm eben die größte Schmeichelei
gesagt worden
    »Sie sind bereit mir Genugtuung zu geben«
    Abermalige Verbeugung
    »Bestimmen Sie gefälligst die Waffen«
    »Erlauben Sie mir eine scheinbar indiskrete aber wie ich Sie auf mein
Ehrenwort versichere in der wohlmeinendsten Absicht gestellte Frage  Sind Sie
auf Säbel eingeschlagen«
    »Nein  weshalb«
    »So wollen wir Pistolen wählen«
    »Herr Baron ich hoffe dass Sie mit neuen Beleidigungen bis nach Tilgung der
ersten warten werden Was soll diese Schonung und Großmut bedeuten«
    »Mein lieber Herr«  sprach der Baron mit herzlichem Ton  »Sie irren sich
in mir Ich will Ihnen die Gründe sagen weshalb ich Pistolen vorziehe Der
Säbel ist meine Lieblingswaffe Wählte ich ihn so würden Sie den Mangel an
Kunst in der Führung durch die Methode zu ersetzen suchen die man Naturalisiren
zu nennen pflegt Sie würden blind darauf los schlagen Unter solchen Umständen
ist Hundert gegen Eins zu wetten dass Einer von uns lebensgefährlich verwundet
wird«
    »Glauben Sie denn dass wir ein Possenspiel aufführen wollen«
    »Das nicht Aber ich bekenne Ihnen aufrichtig dass ich weder Lust habe
einen Stich in den Leib zu bekommen noch Ihnen einen ähnlichen Liebesdienst zu
erweisen«
    Das Gespräch wurde durch das Eintreten des Dieners unterbrochen der seinem
Herrn einige Worte leise ins Ohr flüsterte
    »Gut«  sagte der Baron  »Ich lasse bitten im Vorzimmer einige
Augenblicke zu verziehen  Sieh zu Karl« fügte er leiser hinzu  »dass dieser
Herr nichts bemerkt Wenn er fort ist werde ich rufen«
    »Ich muss gestehen«  sagte Berger zum Baron  »dass Sie eine eigentümliche
Anschauung dieser Angelegenheit haben Weshalb schlagen wir uns denn«
    »Das frage ich Sie Ich sehe keinen Grund dazu Aber da Sie behaupten von
mir beleidigt zu sein so bin ich bereit Ihnen das Vergnügen zu machen
vorausgesetzt dass wir es Beide nicht mit zu großen Opfern bezahlen«
    »Sie sind ein merkwürdiger Mensch«  bemerkte Berger der nicht wusste was
er dazu sagen sollte da er sich vergeblich Mühe gegeben hatte der Sache ein
feierliches Ansehen zu geben und sein ganzes Vorhaben jetzt fast lächerlich
fand Am liebsten wäre er ganz davon abgestanden wenn er die Sache nicht noch
zu verschlimmern gefürchtet hätte Außerdem gab es noch einen Gedanken in seiner
Seele der ihn davon zurückhielt Alice Nicht als wenn er durch dieses Duell
selbst wenn es glücklich für ihn enden sollte einem Wunsche von ihr zu genügen
geglaubt hätte Im Gegenteil hatte Alice alle Mittel ihrer Überredungskunst
aufgeboten um ihn davon abzubringen und hatte zuletzt nur geschwiegen als er
sie fragte ob sie den Gedanken ertragen könnte ihren Geliebten öffentlich und
vor ihren Augen entehrt und beschimpft zu sehen Hauptsächlich und der
vielleicht ihm selbst nicht ganz klar im Hintergrunde seines Bewusstseins
schlummernde Grund aber war der Ehrgeiz vor den Augen seiner Geliebten auch mit
andern Waffen als denen der Liebe seine Mannhaftigkeit zu beweisen  Einen
Augenblick schwebte ihm zwar das Bild der harmlosen Lydia vor aber so fest und
tief war er bereits in den Liebesbanden Alicens verstrickt dass die Erinnerung
an die Wonne welche er in ihren Armen gefunden jenes vorwurfsvolle Bild
schnell in ihm verwischte
    »Gut«  sagte er nach einer Pause während deren er von Landsfeld der dem
Gange seiner Gedanken gleichsam mit den Augen zu folgen schien scharf
beobachtet wurde  »ich nehme Ihren Vorschlag an Auch steht mir ja ohnehin
keine Wahl zuBestimmen Sie das Weitere«
    »Dreißig Schritt Distance und zehn Schritt Barrière wenns Ihnen so recht
ist Wir wechseln Jeder zwei Schüsse ob zugleich ob nach einander will ich
Ihnen überlassen Im letzteren Falle bleibt derjenige welcher den Schuss getan
stehen während der Gegner das Recht hat bis an die Barrière vorzuschreiten«
    »Und die Sekundanten«
    »Ich glaubte da Sie Ihren eigenen Kartelträger abgaben würden Sie auch in
Verlegenheit um einen Sekundanten sein«
    »In der Tat ich wüsste nicht «
    »Nun wohl Was bedürfen wir der Zuschauer Auch ich habe keinen Bekannten
hier der mir diesen Dienst leisten könnte Aber was meinen Sie dazu dass wir
unsere beiden Damen die ohnehin schon Zuschauer der Szene gewesen sind welche
unseren Kampf hervorgerufen hat bäten diese Funktion zu übernehmen Dass sie
sich darauf verstehen und ihre Sache gut machen werden dafür bürge ich Ihnen«

    Der letzte Zusatz berührte Berger unangenehm da er eine Anspielung auf die
frühere genaue Bekanntschaft des Barons mit Alicen enthielt Indes gab er
freudig seine Zustimmung weil er dann unter den Augen Alicens kämpfen würde
    »Nun bleibt noch die Zeit und der Ort zu bestimmen übrig«
    »Morgen in der Frühe um 6 Uhr wenns Ihnen gelegen ist Wozu langer
Aufschub«
    Berger eilte seiner Wohnung zu um noch einen Brief an Lydia zu schreiben 
und dann in die Arme Alicens
    Einen Augenblick blieb Landsfeld nachdem ihn Berger verlassen regungslos
auf derselben Stelle sitzen Dann stürzte er schnell ein Glas Wein hinunter und
sprang auf Nach einigen raschen Gängen durch das Zimmer trat er vor den Spiegel
und studierte einige Sekunden die Züge seines Gesichts Das Resultat seiner
Forschungen schien nicht allzugünstig zu sein
    »Verdammte Bewegung«  murmelte er vor sich hin »die ich noch immer nicht
bemeistern kann Was ist doch die menschliche Willenskraft für ein erbärmliches
Ding wenn sie trotz aller Übung nicht einmal diesen Linien und Falten gebieten
kann dass sie eine beliebige Form und Wendung nehmen gleichviel ob es im Innern
stürmt oder Windstille ist Und was bewegt mich so was weckt in meiner Brust
die schlummernde Windsbraut dass sie die Blutwogen durch die Adern peitscht als
sollte die rote Brandung alle Ufer durchbrechen  Ein Weib  nur ein Weib
Richard wie klein bist du Fühlst du es nicht dass es vom Erhabenen zum
Lächerlichen nur ein Schritt ist Hüte dich vor dem Koturn Alicen gegenüber
sonst bist du verloren  Und doch zwanzig Kugeln will ich lieber mit dem
blonden Schäfer über dem Schnupftuch wechseln als einen Kampf der Verstellung
mit Alicen wagen Genug der Reflexionen Es ist die höchste Zeit zum Handeln 
Karl«  rief er mit lauter und ruhiger Stimme 
    Die Türe öffnete sich Landsfeld war überrascht als er statt seiner
frühern Geliebten eine männliche Gestalt über die Schwelle schreiten sah Ein
zweiter schärferer Blick überzeugte ihn jedoch dass er sich in seiner Erwartung
nicht getäuscht habe Es war Alice Sie war in Männerkleidern über die sie
einen weiten faltigen Mantel geworfen Schweigend wies Landsfeld auf das Sopha
Sie ließ den Mantel fallen und stand vor ihm da in jener geschmackvoll
phantastischen Tracht die Landsfeld für sie in Venedig nach eigener Erfindung
hatte fertigen lassen und in der sie so oft mit ihm Ausflüge auf die Lagunen
gemacht
    Eine dunkelblaue kurze mit goldenen Schnüren besetzte Sammetkasawaika
die durch einen schmalen goldenen Gürtel gehalten den schlanken Leib umschloss
reichte bis zu dem vollen biegsamen Hals hinauf der von einem einfach aber
sehr fein gestickten Brüsseler Kragen umschlossen war und sich glatt aber
ungezwungen über das blaue Kleid legte Weite und faltenreiche weiße seidene
Beinkleider fielen bis auf den zartgebauten Fuß herab welcher in einem kleinen
schwarzen Sammetstiefel steckte
    Als sie die Wachsmaske abnahm die ihr Gesicht bedeckte wäre ein Maler
vielleicht überrascht worden durch die Bemerkung dass die Schönheit ihrer Züge
keinesweges der Anmut und antiken Grazie ihrer Formen entsprach denn sie
zeichneten sich weder durch Regelmäßigkeit noch durch eine besonders
auffallende geistige Harmonie aus Zwar war Alles in diesem Gesicht klein und
zart aber zugleich von so eigentümlichem Schnitt dass dadurch und durch die
Mischung von Sanfteit und Energie in ihren strahlenden Augen alle ihre Züge
einen etwas unbestimmten proteuischen Charakter annahmen Wenn auch die erste
jugendliche Frische dieses Gesicht bereits verlassen hatte so war es doch von
großer Weiße und Feinheit der Zeichnung und gewann durch die an beiden Seiten es
beschattenden kurzen braunen Locken einen höchst interessanten Ausdruck
    Sie legte die Maske auf den Tisch und folgte der Einladung des Barons
welcher ihr mit große Ruhe eine Zigarre bot und ein Glas Wein präsentirte
    »Du hast mich erwartet Richard«  fragte sie mit dem ihr eigentümlichen
mollartigen Tone indem sie die Zigarre in Brand setzte
    »Woraus schließt Du das«  sagte der Baron schnell weil sein
Selbstgefühl sich durch den scharfen Blick Alicens welche seine Ruhe richtig zu
beurteilen verstand verletzt sah
    Sie wies auf die drei Gläser Landsfeld biss sich auf die Lippen
    »Ich habe Kornelien erwartet«  sagte er
    »Ich wünsche guten Appetit mein Herr«  lachte Alice indem sie den Baron
mit seinen eigenen Worten persiflirte »Das war kein kluger Streich von Dir
Richard«  fuhr sie mit melancholischer Stimme fort  »den armen Berger so zu
kränken und inhuman ohnehin«
    Landsfeld zuckte die Achseln
    »Du kennst ja mein aufbrausendes Wesen Alice Du hättest mich nicht so früh
aus Deiner Schule entlassen sollen denn wo hätte ich die Humanität besser und
praktischer lernen können als bei Dir«
    »Du bist bitter Richard Hast Du so wenig Erhabenheit der Seele um dem
guten Arthur sein kurzes Liebesglück nicht zu gönnen und was mehr ist  so
wenig Stolz um in ihm einen wirklichen Nebenbuhler zu sehen Du bist
eifersüchtig mein Freund und das ist schmachvoll«
    »Du bist hinterlistig meine teure Freundin und das ist mehr als
schmachvoll es ist «
    »Sprich nicht aus Richard ich bitte Dich Ich weiß ohnehin Alles was Du
mir sagen kannst und erwiedere auf dies Alles nur Eins
    Entweder warst Du ein blinder Tor als Du mich liebtest denn ich habe Dir
meine Ansichten über die Autonomie der Liebe nie verhehlt ja ich bin überzeugt
dass Du mich dieser Freiheit wegen selbst geliebt hast  oder Du bist ein eitler
Egoist der nur dann für allgemeine Ideen sich entusiasmiren kann so lange er
sich als den Mittelpunkt dieses Universums weiß«
    »Vielleicht bin ich Beides Alice«  sagte der Baron mühsam lächelnd da er
sich getroffen fühlte
    »Was gedenkst Du zu tun Berger hat Dich gefordert« sagte Alice nach einer
Pause
    »Wir werden uns morgen in der Frühe schlagen Er wird Dich bitten ihm zu
sekundiren«
    »Das wird nicht gehen Denn ich habe Kornelien gefordert wir duelliren uns
um dieselbe Zeit«
    Landsfeld schlug ein schallendes Gelächter auf  »Das ist ja eine
wundervolle Idee Und Kornelia hat die Forderung angenommen natürlich«
    »Ich habe noch keine Antwort aber ich zweifle nicht daran«
    »O sie muss Ich will sogleich an sie schreiben«
    »Du kannst sie ja morgen abholen wenns Zeit ist«
    »Es ist wahr Womit schlagt ihr euch«
    »Auf Hieber Es war dies eben auch ein Grund weswegen ich so spät noch zu
Dir komme Kannst Du mir ein Paar besorgen«
    »Leider besitze ich solche nicht aber ein Paar kurze Stossrappiere stehen zu
Deiner Disposition«
    »Gut  doch  was gedenkst Du zu tun mit Berger«
    »Es tut mir leid Deine Unruhe nicht beschwichtigen zu können Du wirst es
morgen selbst sehen«
    »In der Tat bin ich in Unruhe um ihn Denn er ist ein Mensch von seltener
Reinheit und Tiefe des Gemüts Du solltest ihn näher kennen lernen Richard
Ich wette Du würdest ihn liebgewinnen«
    »Möglich«  sagte der Baron kalt
    »Kennst Du noch diesen Anzug«  fragte Alice indem ein plötzliches Feuer
in ihren Augen aufloderte
    »Wie oft hat Dich der blonde Schäfer darin bewundert« gegenfragte
Landsfeld indem er seine Lippen zu einem sybaritischen Lächeln zwang das
jedoch nicht völlig frei von Bitterkeit war
    »Nie«  erwiderte Alice melancholisch  »aber ich werde mich morgen darin
schlagen«
    Es lag eine solche Wahrheit in der tragischen Ruhe mit der Alice diese
Worte aussprach dass selbst Landsfeld einen kurzen Schauer fühlte  Alice legte
sich in die Ecke zurück und schloss die Augen
    Sie bot einen verführerischen Anblick dar
    Er warf einen langen glühenden Blick auf sie Sein Herz pochte Er hatte
dies Weib übermenschlich geliebt er war ein Gott in ihren Armen gewesen Jetzt
war nur noch die Wahl ob er den Göttersitz von dem sie ihn selbst um eines
Andern Willen verstoßen  ihn verstoßen wieder einnehmen oder ihn zertrümmern
müsse Es war ein Augenblick des gewaltigsten Kampfes indem alle Mächte seiner
Seele gleich Titanen gegen den Olymp seiner Energie anstürmten  Seine Lippe
zitterte sein Auge glühte und eine fahle Blässe bedeckte sein Gesicht Er stand
auf Alice öffnete die Augen halb träumerisch halb verlangend war ihr feuchter
Blick auf Landsfeld gerichtet  Aber der Kampf war in ihm bereits ausgekämpft
Seine Lippe zitterte nicht mehr und seine Züge hatten ihren gewöhnlichen
Ausdruck und ihre natürliche Farbe wieder erlangt Nur in seinen Augen loderte
noch die Glut des innern Ringens nach
    »Es ist spät Alice«  sagte er mit großer Besonnenheit »Ich habe noch zu
tun Und auch Du « Er vollendete nicht die Bitterkeit welche auf seinen
Lippen lag als er Alicen erblassen und in einen Strom von Tränen ausbrechen
sah
    »So ist es wirklich aus«  sagte sie nach einer Weile indem sie sich
erhob »O Richard Jetzt wo mein Stolz sich zwischen uns gelagert hat kann ich
Dir sagen dass es nur eines Wortes von Dir bedurft hätte um jedes andern
Glückes außer des von Dir mir gewährten zu entsagen  Vielleicht aber ists
besser so« 
    Sie warf den Mantel um und legte die Maske vor das Gesicht
    »Auf Wiedersehen morgen früh oder vielmehr heute früh denn Mitternacht ist
wohl längst vorüber Lebe wohl Richard« Sie reichte ihm die Hand »Lass uns
ohne Groll scheiden  Du hast mir sehr sehr wehe getan aber ich schwöre es
Dir bei Gott  nein das ist eine Redensart  bei der Seele meines Kindes  das
Du so oft auf Deinem Schoss gewiegt ich werde Dich nie nie hassen können
Denn Du bist der einzige Mann den ich als Mann kennen gelernt Lebe wohl«
    Ehe noch Landsfeld ihren Abschiedsgruss erwidern konnte hatte sie bereits
das Zimmer verlassen Er öffnete das Fenster Eben trat sie auf die Straße Ihr
faltenreicher schwarzer Mantel unter dem zuweilen die weißen Beinkleider
hervorblickten flatterte noch lange im Scheine des hellen Mondlichtes und
verschwand endlich den Blicken des Nachsehenden
    Landsfeld trat vom Fenster zurück Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn
als wolle er einen quälenden Gedanken davon verscheuchen Dann richtete er sich
hoch auf Ein Siegeslächeln schwebte auf seinen Lippen aber ein reineres als
jenes höhnische Lächeln triumphirender Schadenfreude das seinen Mund verzerrte
als er das Billet Lydias gefunden
    »Ich will eine Entscheidung«  sagte er im lauten Selbstgespräch  »der
letzte mögliche Beweis muss geprüft werden Soll ich mich ewig mit der quälenden
Ungewissheit foltern ob es sich lohnt an die Menschen zu glauben oder nicht
Soll ich immer wieder aus der Seelenruhe gleichgültiger Verachtung aufgestört
werden durch die heuchlerische Hoffnung es sei doch wohl ein Irrtum von mir
mit jeder Wahrheit in der Menschenbrust abschließen zu wollen  Ich will
Gewissheit haben ich will ganz versöhnt sein mit den Menschen  und ich bin es
sobald ich Einen finde von dessen Wahrheit ich so fest überzeugt bin dass auch
die Möglichkeit eines Zweifels undenkbar wird  oder ich will für immer das
Recht haben überall Schein zu sehen  Darum Alice mussten wir uns trennen Du
gibst mir nur halben Glauben bei Dir wird meine Sehnsucht nach der lautern und
ungeschminkten Reinheit des weiblichen Herzens nur brennender und qualvoller
Aber Du kannst diesen Durst nicht löschen und ich will nicht länger dürsten
wie der Wanderer in der Wüste suche ich nach der grünenden Oase  ich will nicht
länger suchen Noch einen Schritt will ich tun noch einer Spur will ich
folgen Führt auch diese mich nur in die Irre so will ich sagen
    Es gibt keine Quelle der Wahrheit in dem Weibesherzen«
    Er setzte sich um ein Billet an Kornelien zu schreiben worin er ihr sagte
dass sie sich um 5 Uhr früh bereit halten sollte Er siegelte es und rief seinen
Diener
    »Karl Du gehst sogleich nach dem Gasthof zum weißen Strauss weckst den
Portier wenn er schon schläft und gibst ihm dieses Billet mit der Weisung es
entweder gleich oder noch vor Sonnenaufgang an seine Adresse zu geben«
    Dann schrieb Landsfeld noch einen andern Brief an Lydia worin er sie bat
sich um das etwaige Ausbleiben ihres Verlobten nicht zu ängstigen Er gab als
Grund das Duell an da sie doch möglicher Weise durch einen Dritten davon hören
könne und dann ihre Unruhe noch größer sein würde versicherte ihr aber auch
zugleich auf sein Ehrenwort dass er fest entschlossen sei seinem Gegner kein
Haar zu krümmen Sie könne folglich ohne Sorge sein Der Ton des Briefes ging in
keiner Weise über die Forderungen conventioneller Höflichkeit hinaus Ohne eine
Andeutung über die Gründe des Duells zu geben stellte Landsfeld das Motiv
seiner Mitteilung auf kein persönliches Interesse für die Empfängerin sondern
stellte als solches einfach seine Pflicht als Mensch und Ehrenmann hin und
vermied es über seine Beteiligung und seine Gesinnung in Rücksicht auf diesen
vorliegenden Fall auch nur entfernt zu berühren
    Als er mit dem Schreiben und der Schliessung des Briefes fertig war hatte
sich auch bereits sein Diener des Auftrags an Kornelia entledigt
    Er hatte die Letztere noch sprechen können und das Billet selbst übergeben
    »Sie würde zu jeder Stunde bereit sein da sie sich gar nicht zur Ruhe
begeben würde«  war ihre Antwort
    »Jetzt kannst Du ein Paar Stunden schlafen Um vier Uhr musst Du bereit sein
mich auf einem Spaziergange zu begleiten Gute Nacht«
 
                                Drittes Kapitel
Schon lange bevor die Sonne am östlichen Horizont der die in weisslich grauen
Dunst eingehüllte Ebene begrenzte ihre ersten Blitzstrahlen gegen die dichte
Nebelmasse ausgesandt und ihr Nahen nur erst durch einen breiten langen aber
schwachen Purpurstreifen der zuweilen durch den wie zum Widerstande sich
scheinbar immer mehr verdichtenden Nebelflor verwischt wurde glänzten die im
Westen gelegenen Spitzen des Gebirges in dunkelroter Glut die sich immer
tiefer und tiefer senkte Endlich erschien auch auf der entgegengesetzten Seite
ein blutroter feuriger Streifen Immer höher und höher sich erhebend
gestaltete er sich zuletzt zum leuchtenden Feuerball welcher auf der scharf
hervortretenden Linie des Horizonts tanzend zu schweben schien Es war ein
wundervoller Anblick wie ihn nur der verstehen und nachempfinden kann der ihn
einmal in seiner ganzen Größe und Schönheit genossen hat Jede Beschreibung ist
matt und farblos gegen eine solche Wirklichkeit Die zuckenden sprühenden
Strahlen der Sonne welche wie feurige Pfeile des zürnenden Gottes durcheinander
schießen bis sie die kämpfenden Nebelmassen zerstreuen die sich nun fliehend
um die Gipfel der Bäume schaaren als wollten sie im Schatten der Wälder ein
schützendes Bollwerk gegen die Macht des Lichts suchen  die glühenden
Bergspitzen und vor Allem der frische balsamische Duft welcher wie ein
phantastischer Traum der halb noch träumenden Erde auf Berg und Tal auf Wald
und Flur schwebt  Wer vermag jemals alle die stillen Wonneschauer und die
schweigende Begeisterung zu vergessen die ihn bei der Feier dieses erhabenen
Naturkultus durchbebte
    Als die Strahlen des sich höher aufschwingenden Sonnenballs auf die Dächer
des noch größtenteils im tiefen Schlaf ruhenden Dorfes fielen und nur erst
einzelne Badegäste denen der Arzt einen frühen Spaziergang als Kur verschrieben
hatte gähnend und fröstelnd sich zu diesem unbequemen Geschäfte bereit machten
öffneten sich auch die grünen Läden des letzten weißen Häuschens über dessen
Dach die uns aus der Beschreibung Karls schon bekannten mächtigen
Kastanienbäume ihre schützenden Zweige ausstreckten
    Das Fenster war jedoch mit zwei übereinanderstehenden Reihen von
Blumentöpfen so bestellt dass man Anfangs nichts von dem menschlichen Wesen
bemerken konnte das so früh den schönen Morgen begrüßen zu wollen schien als
eine niedliche feine Hand und einen runden Arm von überraschender Zartheit und
Weiße Die Läden waren nun wohl geöffnet allein sie mussten noch von beiden
Seiten des Fensters befestigt werden Dies schien auch die Besitzerin der
kleinen Hand und des reizenden Arms für notwendig zu erachten denn sie öffnete
auch den andern Fensterflügel und nahm die oberste Reihe der Blumentöpfe
behutsam ab und schien einen nach dem andern auf einen neben dem Fenster
stehenden Tisch zu setzen Nach Beendigung dieses Geschäfts beugte sie etwas den
Kopf vor indem sie einen schnellen Blick über den Gartenzaun auf die nächste
Umgebung und seitwärts auf die Straße warf ob sie auch nicht von einem
unbefugten Zuschauer belauscht werde Durch die tiefe Stille ringsumher
beruhigt richtete sie nun ihre Blicke in die Ferne War es die Glut des
östlichen Himmels an dem eben die Sonne in ihrer vollsten Pracht sich erhoben
hatte welche auf ihrem lieblich schönen Gesicht wiederstrahlte oder war es die
stille Wonne ihres Innern die halb wehmütige Freude über die unfassbare und
doch die ganze Menschenbrust erweiternde Schönheit der Natur: ihre Wangen
röteten sich tiefer ihre Augen wurden glänzend und feucht und ihre Hände
legten sich unwillkürlich wie in lautloser heiliger Andacht über dem
schneller wogenden jungfräulichen Busen zusammen Eine tiefe ruhige Sehnsucht
lag auf ihren Zügen und in dem blauen Auge das wie in schmerzlich inniger
Empfindung nur halb aufgeschlagen in die Ferne blickte Es war ein überaus
lieblicher Anblick ein Anblick der dem zweifelsüchtigen Landsfeld gewiss den
vollen Glauben an reine Weiblichkeit wiedergegeben hätte
    Sie seufzte tief ohne wohl zu wissen warum Denn was konnte dieses
Kindesherz schon getroffen haben dass es von Schmerz erfüllt war Ein
unbestimmtes Sehnen nur war es was ihre Brust bewegte und zugleich erweiterte
Denn es war ihr als müsste sie alles das Schöne Herrliche und Große was sich
da draußen vor ihren Blicken entfaltete hineinziehen in die Brust oder als
müsste sie selbst sich hinausstürzen und sich auflösen in die allgemeine
Seligkeit der Natur. Ein innerlich tiefer aber lautloser Jubel durchzog
zugleich ihr ganzes Wesen  sie weinte ob vor Schmerz oder vor Wonne sie wusste
es selbst nicht Eine Träne fiel auf ihren vollen weißen Busen herab der in
ungestümen Wallungen sich unter dem lose befestigten Nachtkleide hervorgedrängt
hatte als wolle er sich in dem taufeuchten Balsam der kühlen Morgenluft baden
Unwillkührlich errötend obschon sie sich allein und unbelauscht wusste zog
sie zum schnellen Bewusstsein der Wirklichkeit erwachend das Kleid über der
Brust zusammen und bog sich nachdem sie noch eine Träne aus dem Auge
getrocknet über die Blumentöpfe hinaus um die Laden zu befestigen
    In diesem Augenblicke kam Landsfeld in Begleitung Korneliens und des
nachfolgenden Dieners der die Waffen unter dem Mantel trug um die Ecke Lydia
sprang schnell vom Fenster zurück doch hatte bereits der scharfe Blick des
Barons sie erreicht was er indes durch keine Bewegung verriet Vielmehr ging
er ruhig und wie in ein eifriges Gespräch mit seiner Begleiterin versenkt ohne
einen zweiten Blick nach dem Fenster zu werfen vor demselben vorüber
    Lydia holte tief Atem ihre Farbe die einen Augenblick das Gesicht völlig
verlassen hatte kehrte allmählig wieder zurück Über ihren eigenen Schreck
lächelnd trat sie wieder an das Fenster indem sie jedoch vorher noch einen
Blick in den Spiegel warf um sich von der Ordnung ihrer Toilette zu überzeugen
In der Tat hatte sie zu einer so ängstlichen Flucht keine Veranlassung denn
das sehr reizende Morgenhäubchen welche das kindlichreine Oval ihres Gesichts
umschloss war eben so untadelhaft wie das lange faltige blendend weiße
Morgenkleid das bis hoch über die Schulter hinaufreichte  Nachdem sie noch
die Vorsicht angewendet das letztere unter dem Halse mit Hilfe einer Nadel zu
einem festeren Anschluss zu zwingen wobei sie abermals errötend die Augen
niederschlagen musste weil ihr einfiel wie gering der Zeitraum war welcher
zwischen dem Erscheinen des vorhererwähnten Paares und dem Fall der Träne die
sie aus ihrer Träumerei erweckt hatte lag  trat sie abermals an das Fenster
um endlich einmal ihr Geschäft zu vollenden
    Diesmal wurde sie von Niemandem beunruhigt Nachdem die Laden befestigt
waren begann sie die in die Stube gestellten Töpfe wieder an ihren früheren
Platz zu stellen als sie zwischen den beiden mittelsten Töpfen der unteren
Reihe ein zusammengewickeltes Blatt Papier bemerkte Sie zog es neugierig
hervor und öffnete es Da erblickte sie auf der Einlage ihre eigene Schrift
Als sie das Blatt entfaltete erkannte sie ein Billet das sie vor einigen Tagen
an ihren Verlobten geschrieben
    Um so neugieriger ergriff sie nun das andere Blättchen in dem jenes
eingeschlagen war und las unter wachsendem Erstaunen folgende mit Bleifeder
geschriebenen Worte
    Unsere Freuden sind wie Stäubchen die von den Rädern des Lebenswagens
    fliegen um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln
Eine ihr selbst unerklärliche Angst ergriff Lydia bei diesen Worten es war ihr
als sei ein großes Unglück geschehen und doch hatte sie keine Vorstellung
davon was es eigentlich sei das sie so in Furcht setzte Es lag in den Worten
des Zettels  das fühlte sie wohl  etwas Düsteres Unheil Andeutendes das sie
zur Resignation und Fassung aufforderte Zuweilen schien ihr eine Art
melancholischen Trostes darin zu liegen für einen großen unbekannten Verlust
der ihr drohte oder der sie gar schon betroffen hatte  Eine unnennbare Unruhe
ergriff sie Sollte sie die mit Bleistift geschriebenen Worte mit dem Inhalt des
Billets in Verbindung setzen das sie an ihren Verlobten geschrieben Oder hatte
den Letzteren ein Unfall getroffen Der Gedanke trieb alles Blut nach ihrem
Herzen Wieder und wieder las sie die rätselhaften Worte ohne den tieferen
Sinn den sie darin vermutete zu begreifen Sie eilte in das Nebenzimmer um
zu sehen ob ihre Mutter zu der sie ein unbedingtes schrankenloses Vertrauen
hatte schon wach geworden Diese wollte sie um Rat fragen
    »Liebes Kind«  sagte die würdige und liebenswürdige Frau nachdem sie mit
Aufmerksamkeit beide Zettel durchlesen  »Du beunruhigst Dich wie es mir
scheint mit Unrecht Was sollte Berger widerfahren sein Vielleicht haben die
Worte die Dir solche Angst machen schon auf dem Zettel gestanden ehe ihn der
unbekannte Finder des Billets zum Umschlag für das Letztere gebraucht Auch muss
es wohl ein Bekannter sein denn wer anders als ein solcher kennt Deinen
Vornamen und Deine Wohnung  Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend
Jemand Alles dies scheint mir der Wahrheit näher zu liegen als Deine gänzlich
unbegründete Ahnung von irgend einem Unglück Beruhige Dich deshalb  Heute
Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen denn er versprach uns ja zu einem
Spaziergang abzuholen Teile ihm dann offen die Tatsache, aber auch nur diese
mit Er wird Dir gewiss genügende Erklärung darüber geben können«
    Die Ruhe mit der die Mutter sprach wirkte auf Lydia wohltätig ein Sie
wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht wie sie sich einer so
kindischen Furcht habe hingeben können Bald war von der ganzen Unruhe weiter
kein Gefühl in ihr zurückgeblieben als das der Erwartung und Neugierde wie
sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklären würde Sie eilte leichten
Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab um die Blumen zu tränken ehe
die Sonne zu hoch gestiegen Mit einem halb wehmütigen halb freudigen Blicke
sah ihre Mutter ihr nach Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt als sie es
Lydien gegenüber geschienen hatte Denn seit einigen Tagen war sie durch
verschiedene Äußerungen einiger Badegäste die das Verhältnis Lydiens zu Berger
nicht kannten oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben aufmerksam auf das
Betragen des Letzteren geworden Es hatte ihr geschienen als würde sein Name
nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame
genannt die durch ihre eigentümliche Stellung in der Welt da sie nur in
Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien so wie durch die Freiheit und
Selbstständigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte Sie hatte bisher
ihre Vermutungen und Befürchtungen vor Lydia verborgen weil sie zuvor klar
sehen wollte ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte Es war zwar möglich
dass Berger auf seiner Reise nach Italien die er seiner künstlerischen
Ausbildung wegen unternommen Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die
Bekanntschaft die vielleicht ganz oberflächlicher Natur war wieder aufgenommen
hatte Aber diese Vermutungen lösten die Bedenken welche der Mutter Lydiens
aufgestiegen waren nicht vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand
dass Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwähnt
hatte in ihr ein so großes Gewicht dass sie zuletzt sogar auf den Verdacht
fiel das Zusammentreffen Bergers mit Frau von Rosen im hiesigen Bade sei nicht
ganz einem glücklichen oder unglücklichen Zufalle zuzuschreiben Unter diesen
Umständen musste auch der Vorfall welcher ihrer Tochter einen so großen Schreck
verursacht hatte für sie eine ganz andere und wichtigere Bedeutung gewinnen
als sie Lydia gegenüber ihm beizulegen geschienen hatte Schon mehrmals hatte
sie den Vorsatz gefasst mit Berger offen über sein Betragen zu sprechen Doch da
sie bisher in dem Benehmen gegen Lydia im Grunde nichts auszusetzen gehabt
hatte vielmehr über seine achtungsvolle Zurückhaltung nur erfreut sein konnte
so war sie immer wieder von demselben zurückgekommen da sie wohl wusste wie
nachteilig ein solches Gespräch auf die Unbefangenheit und Klarheit des
Verhältnisses wirken musste im Fall ihre Verdachtsgründe sich als nichtig
ergeben sollten Dieser letzte Vorfall aber gab eine genügende und sich durch
sich selbst rechtfertigende Veranlassung um an Berger eine Frage zur Erklärung
desselben zu richten So fasste sie denn in demselben Augenblicke als sie nach
Lesung der mit Bleifeder geschriebenen Worte Lydia zu beruhigen versuchte den
Entschluss noch heute über alle ihre Bedenken und Zweifel ins Klare zu kommen
ein Entschluss der je länger sie darüber nachdachte um so größere Festigkeit
erlangte als sie in jenen rätselhaften Worten die an Lydia gerichtet zu sein
schienen nur eine Art Bestätigung ihrer Befürchtungen erblicken zu müssen
glaubte
    Indessen hatte Lydia ihre Beschäftigung im Garten beendet und war im
Begriff ihren Vogel dessen Bauer sie bereits zwischen den Blumentöpfen des
nach dem Garten hinaussehenden Fensters aufgestellt hatte mit Nahrung zu
versehen als ihre Mutter sie rief
    »Ich glaube es wird jetzt Zeit sein dass wir uns ankleiden liebes Kind
Die Stunde da ich zur Quelle muss naht heran und im Fall Du nicht vorziehest
zurückzubleiben «
    »Ach nein lass mich mit Dir gehen liebe Mutter Du wirst so leicht müde
wenn Du keinen Begleiter hast auf den Du Dich stützen kannst Ich mag auch
heute nicht allein zu Hause bleiben mir ist so bange ich weiß selber nicht
warum«
    »Furchtsames Kind Du«  lächelte die Mutter der im Grunde nicht minder
bange zu Mute war
    Nach einer halben Stunde war die Toilette der Damen beendet Arm in Arm
traten sie aus dem Hause und begaben sich langsam nach der ziemlich entfernten
Quelle Da diese an dem entgegengesetzten Ende des Dorfs höher hinauf am Abhange
des Berges gelegen war so hätten sie das Dorf seiner ganzen Länge nach
durchmessen müssen Indes führte hinter der rechts gelegenen Häuserreihe am
Ufer des Bachs der nach seinem Austritt aus dem Park an dem Dorfe sich
hinschlängelte ein schmaler nur höchstens für zwei Personen betretbarer
Fußsteig den die beiden Damen sonst wegen seiner Feuchtigkeit des Morgens zu
vermeiden pflegten Heute jedoch schien die Sonne so warm und erquicklich dass
sie unwillkürlich statt die Straße hinabzugehen um die Ecke des Hauses bogen
um den erwähnten Fußsteig zu gewinnen auf dem sie in weit kürzerer Zeit die
Quelle erreichen konnten
    Still wanderten sie neben einander her jede mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt Durch instinktartige Furcht davon abgehalten vermieden sie es
über das heutige Ereignis zu sprechen obwohl sie Beide ahnen mochten dass dies
gerade der gemeinschaftliche Gegenstand ihres Nachdenkens und die Ursache ihres
Schweigens war Als sie über die Hälfte des Wegs zurückgelegt hörten sie
plötzlich in weiter Ferne einen Schuss fallen der vom Gebirge herabzutönen
schien Ein schnelles aber rasch unterdrücktes Zittern des Arms ihrer Mutter
der sich auf den ihrigen stützte bewies Lydia dass ihre Mutter durch den Schuss
erschreckt worden war Sie erblasste
    »Mein Gott liebe Mutter «
    »Still mein Kind Es war eine bloße Schwäche«
    Ein zweiter Schuss fiel aus derselben Richtung herüberschallend Die innere
Aufregung Lydiens nahm zu Ihre Mutter hatte die Fassung völlig wieder erlangt
aber nicht ohne eine gewaltsame innere Anstrengung die dem milden Ernst
welcher gewöhnlich auf ihren regelmäßigen und feinen Zügen lag einen Charakter
von Erhabenheit und Seelengrösse verlieh
    Nach einer längeren Pause fiel ein dritter und unmittelbar darauf ein vierter
Schuss  Die Schritte der beiden Damen wurden schneller als wollten sie dem
unheimlichen Eindruck den das Schießen auf sie hervorbrachte entfliehen
Erhjetzt und fast atemlos ob mehr vor innerer Bewegung oder von der
körperlichen Aufregung war schwer zu entscheiden langten sie im Brunnenhäuschen
an um das sich bereits eine große Zahl von Trinkenden versammelt hatte Das
Geräusch und die gleichgültigen zuweilen vom munteren Gelächter unterbrochenen
Gespräche wirkten beruhigend auf ihre aufgeregten Gemüter Lydia wurde von
einigen jungen Mädchen die ihr in der Residenz wo sie mit ihrer Mutter die
letzten beiden Winter nach dem Tode ihres Vaters des Forstrats von Dorntal
zugebracht hatte bekannt waren umringt und vergaß bald unter Scherzen und
Lachen ihre eben gehabte Angst An die Forsträtin von Dorntal schloss sich
ebenfalls ein Bekannter an ein Freund ihres verstorbenen Mannes der Hofrat
Rupf dessen geschäftiges prunksilberartiges Wesen gepaart mit einer
grenzenlosen Bonhommie und unerschöpflichen Laune ihn zum allgemeinen Liebling
der Badegäste und besonders des weiblichen Teils derselben gemacht hatte weil
er sich nichts mehr angelegen sein ließ als für das allgemeine Vergnügen und
gemütliche Zusammenleben der Badegesellschaft zu sorgen Wenn man den langen
aber beweglichen Mann durch die bunten Reihen der jungen Mädchen hüpfen sah um
sich nach dem Befinden der Einen zu erkundigen oder den Rat der Andern in
Betreff der Arrangirung einer Partie einzuholen so musste die warme Sympatie
auffallen die ein so ernster und ruhiger Charakter wie ihn Frau von Dorntal
besaß gegen den maitre de plaisir an den Tag legte Auf der andern Seite war
aber auch das Benehmen Rupfs gegen die Mutter Lydiens ein ganz verschiedenes
von dem was er gegen jede Andere annahm So übertrieben höflich fast ans
Geckenhafte streifend seine Kourtoisie gegen die jungen Mädchen war die ihre
mutwilligsten Launen an ihm ausliessen so zurückhaltend innig und freundlich
warm zeigte er sich gegen die Forsträtin Diese wusste sein treues biederes
Herz seine rührende Anhänglichkeit an ihren verstorbenen Gemahl und
Aufopferung seiner Interessen für sie selbst und ihre Angelegenheiten wohl zu
schätzen Sie verehrte ihn als ihren besten wahrhaft ergebenen Freund und hatte
ein unbeschränktes Vertrauen zu ihm Mit Herzlichkeit erwiderte sie daher auch
jetzt den Händedruck des Hofrats der sich mit teilnehmender Besorgnis nach
ihrem Befinden erkundigte
    »Kommen Sie lieber Freund«  sagte sie ihren Arm in den seinigen legend
»Ich möchte Sie um Ihren Rat in einer Angelegenheit bitten die mir große Sorge
macht«
    »Sprechen Sie teuerste Rätin sprechen Sie  mein Rat meine Hilfe das
wissen Sie ja kann Ihnen niemals entgehen wenn ich sie zu geben im Stande
bin«
    Sie schlugen einen weniger betretenen Seitenweg ein
    Die Forsträtin teilte ihm unverholen ihre ganze Besorgnis in Betreff
Bergers mit indem sie ihn zugleich bat ihr Alles was er aus glaubwürdiger
Quelle oder aus eigener Wahrnehmung über die Bekanntschaft zwischen Lydiens
Verlobten mit Frau von Rosen wüsste mitzuteilen Eine halbe Stunde mochten sie
im eifrigsten Gespräch begriffen gewesen sein das nur durch einen öfter
wiederholten Gang zum Brunnen unterbrochen wurde als sie plötzlich durch ein
lautes Geschrei aufmerksam gemacht wurden das mitten aus dem Kreise der noch
kurz zuvor heiter lachenden Mädchen hervorzuschallen schien Voll trüber Ahnung
und schon durch das Gespräch aufgeregt eilte die Forsträtin nach der Stelle
des Tumults Die Mädchen waren um eine ihrer Gefährtinnen beschäftigt die eben
in Ohnmacht gefallen war Es war Lydia Ihr schöner Kopf ruhte bewegungslos in
dem Schoss einer ihrer Freundinnen die sich auf die Kniee niedergeworfen
hatte Ihr linker Arm war wie vor innerem Schmerz auf die Brust gepresst und in
der rechten Hand hielt sie krampfhaft ein zusammen geknittertes Stück Papier
Eine allgemeine Verwirrung herrschte in der Gesellschaft Die Mutter Lydiens
warf sich mit einem lauten Schrei auf ihre Tochter und wäre selbst bewusstlos
hingesunken wenn nicht die große Energie ihres Geistes sie aufrecht erhalten
hätte Der Hofrat eilte ohne sich lange nach der Ursache dieses unglücklichen
Zufalls zu erkundigen sogleich fort um einen Wagen zu holen in dem Lydia nach
Hause gebracht werden konnte
    In den ersten Minuten war die Forsträtin nicht im Stande weder eine Frage
zu tun noch ihrer Tochter eine wirksame Hilfe zu leisten Glücklicherweise war
der Badearzt in der Nähe Seinen Bemühungen gelang es bald Lydia zur Bewegung
und zum Leben zurückzurufen Aber sie verstand Nichts von dem was um sie her
vorging Ihr Bewusstsein war mit einem dichten Schleier verdeckt der wohl das
Licht durchdringen aber nicht die Form und das Wesen der Gegenstände erkennen
lässt Matt und willenlos ließ sie sich in den indes herbeigekommenen Wagen
heben in den außer ihrer Mutter auch der Hofrat mit einstieg Rasch fuhren sie
ins Dorf hinab nach dem Häuschen unter den Kastanienbäumen
    »Haben Sie Etwas über die Ursache von Lydiens Unwohlsein erfahren können« 
fragte der Hofrat der zu derartigen Erkundigungen keine Zeit gehabt
    »Es wurde nur von einem kleinen Knaben gesprochen der auf Lydia zugegangen
sei als kenne er sie schon lange und ihr einen Brief überreicht habe Sie habe
ihn sogleich mit sichtlicher Bewegung erbrochen und nachdem sie einen Blick
hineingeworfen sei sie sofort bewusstlos niedergesunken«
    »Vielleicht ist dies der unselige Brief«  äußerte der Hofrat auf das
zerknitterte Papier in der rechten Hand Lydiens deutend
    Rasch griff die Forsträtin danach nachdem der Hofrat mit Mühe die
zusammengepresste Hand geöffnet und den Zettel herausgenommen hatte
    »Gott sei Dank«  atmete die geängstigte Mutter tief auf
    Ein Tränenstrom der ihrer bisher zurückgehaltenen Angst Luft machte
stürzte aus ihren Augen »Lesen Sie«  setzte sie hinzu dem Hofrat das Papier
hinreichend indem sie sich ermattet in die Wagenecke zurücklehnte
 
                                Viertes Kapitel
Als Alice von Rosen nach dem früher geschilderten Gespräch mit dem Baron in
jener Nacht in ihre Wohnung zurückgekehrt war warf sie hastig die
Männerkleidung von sich und rief ihrem Mädchen
    »War Jemand hier Marie« 
    »Nein gnädige Frau«  antwortete das junge Mädchen indem sie ihrer Herrin
das Nachtkleid überwarf
    »Desto besser«  sagte Alice zu sich selbst  »Bringe mir ein Glas recht
kühles Wasser und eine Zigarre dann kannst Du zu Bett gehen«
    Als sie allein war ging sie mit schnellen aber ungleichen Schritten im
Zimmer auf und nieder Die düster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf
die Wand an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr
    »Sollte ich mich diesmal getäuscht haben«  sprach sie vor sich hin 
»Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen können Es darf nicht sein  O
verschmäht verschmäht von ihm Jetzt fühl ich was es heißt den Strom der
Sehnsucht zur Umkehr nach der Quelle zu zwingen 
    Er war kalt kalt wie Eis Er kann kein Herz haben dieser Mann  Herz« 
Sie lächelte bitter »Hab ich denn ein Herz  Aber Du täuschest Dich Richard
wenn Du meinst dass ich den Kampf schon aufgegeben«  Sie richtete sich stolz
auf bei diesen Worten Ihre Augen blitzten und eine flammende Röte bedeckte ihr
Gesicht  Nach einer Pause in der sie einigemal durch das Zimmer geschritten
war blieb sie plötzlich stehen als hätte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit
erregt »Es ist Berger«  sagte sie langsam indem eine Falte des Unmuts auf
ihre Stirn sich lagerte »Du wählst eine unpassende Zeit lieber Freund«
    Sie warf sich wie in dumpfer Resignation auf das Sopha und bedeckte die
Stirn mit der Hand
    Berger öffnete leise die Tür Er sah blass und niedergeschlagen aus
Erstaunt blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen als Alice ihm nicht
entgegen kam
    »Bist Du krank teure Alice«  fragte er besorgt indem er näher trat
»Dein Gesicht ist erhitzt Dein Puls fliegt Was fehlt Dir sprich O sprich
doch« bat er ängstlich indem er auf das zu ihren Füßen stehende Tabouret
niederkniete und ihre Hand von der heißen Stirn halb mit Gewalt niederzog und
sie mit Küssen bedeckte
    »Es ist nichts Arthur beruhige Dich Ein wenig Kopfschmerz  die Aufregung
vom Morgen« Sie machte eine Anstrengung um die verlorene Besonnenheit wieder
zu erlangen  »Weißt Du was ich in Deiner Abwesenheit getan« fragte sie
plötzlich mit heiterem Ton »Ich habe Kornelien gefordert« Sie fing an zu
lachen
    »Du hast sie wirklich gefordert Und darüber lachst Du«
    »Warum soll ich nicht darüber lachen Ich freue mich schon im Voraus auf
einen Gang mit ihr Übrigens führt sie eine gute Klinge und ist fürchterlich
erbittert auf mich Ach wenn wir nur erst auf der Mensur ständen«  fügte Alice
mit der gewöhnlichen melancholischen Weichheit im Ton hinzu den ihre Stimme
gerade dann am meisten annahm wenn der Inhalt ihrer Worte ganz
entgegengesetzter Natur war
    »Du bist ein Heldenweib Alice«  sagte Berger mit einer Art von
schwärmerischer Andacht zu ihr aufblickend »So groß so herrlich wie nie ein
Weib auf Erden war Wie bin ich stolz auf Deine Liebe Nicht wahr Du liebst
mich Alice O sage es mir dass Du mich liebst denn ohne Deine Liebe bin ich
nichts mehr An sie glaube ich denn sie ist meine Seligkeit meine Ewigkeit
meine Religion  Alice ich liebe Dich unaussprechlich«
    Er verbarg seinen Kopf in ihrem Schoss Alice sah mit einer Mischung von
Freude und Mitleid auf ihn herab wie man auf ein gutes Kind herabsieht
Unmerklich schweiften ihre Gedanken zu Landsfeld sie verglich seine Kälte und
Zurückhaltung mit der tiefen Wärme und Hingebung Bergers Wunderbar Ein Gefühl
von Hass und Verachtung durchzuckte ihre Seele aber dieser Hass traf nicht den
der sie gekränkt sondern den hingebenden in Liebe für sie aufgehenden
Schwärmer der zu ihren Füßen lag
    Als Berger wieder aufsah fuhr er erschreckt empor über den Ausdruck von
unheimlicher Kälte in ihren Zügen
    Er erblasste
    »Lass mich«  sagte sie halb abgewandt und sich aufrichtend »Ich bin
erschöpft  In einigen Stunden gehen wir auf die Berge Du wirst mich abholen
Arthur nicht wahr« Sie zwang ihre Stimme zu einem freundlichen Accente »Um
fünf Uhr werde ich bereit sein Und jetzt ist schon die zweite Stunde nach
Mitternacht vorüber Lass uns scheiden Arthur wir bedürfen Beide noch der
Ruhe«
    »Wir bedürfen Beide noch der Ruhe«  wiederholte er mit tonloser Stimme »Du
hast Recht Alice Ruhe O wer zur Ruhe käme  Wohl«  sagte er dann mit
stiller Resignation »In drei Stunden werde ich bei Dir sein Lebe wohl«
    Er sprang auf und wollte forteilen
    »Arthur«  rief Alice die über seinen tiefen Schmerz bekümmert war Sie
breitete die Arme nach ihm aus Weinend stürzte er hinein Sie drückte einen
heißen Kuss auf seinen Mund
    Da brach seine ganze bisher verhaltene Ruhe in lichte Flammen aus Mit
starkem Arm umfasste er sie Sein Atem glühte sein Blut stürmte durch die
Adern Immer fester umschlangen sie seine Arme immer glühender brannten seine
Küsse auf ihren Wangen auf ihrem Halse auf ihrem Busen
    »Arthur«  zürnte sie heftig gegen seine Leidenschaftlichkeit ankämpfend
»Bist Du so wenig Mann so wenig Herr Deiner Gefühle dass Du Dich nicht
beherrschen kannst wenn ich Dich um Schonung bitte  Arthur ich bitte Dich
lass ab  lass ab  zwinge mich nicht Dich zu verachten« Sie sprang auf und
winkte ihm wie zum Abschiede  Er stürzte hinaus
 
                                Fünftes Kapitel
Als der Baron nebst seiner Begleiterin die Spitze des Berges erreicht hatte
trafen sie das andere Paar das um nicht Lydiens Wohnung passieren zu müssen
von der entgegengesetzten Seite heraufgestiegen war schon wartend
    »Entschuldigen Sie unser längeres Verweilen«  sagte Landsfeld nachdem er
mit seinem Gegner eine stumme Begrüßung gewechselt »Wir vermuteten nicht dass
Sie uns zuvorkommen würden  Darf ich Sie bitten mir zu folgen«  fuhr er
fort  »Wir müssen noch einige hundert Schritte weiter in den Wald hinein wenn
wir ungestört sein wollen«
    Schweigend folgten ihm die Andern Der Tau lag voll und glänzend auf dem
buschigen Haidekraut das sie durchwaten mussten und drang durch die Schuhe und
Strümpfe der beiden Damen Landsfeld schien es nicht zu bemerken Mit langen
Schritten vorausgehend drang er immer tiefer in den Wald ein bis sie endlich
einen hellen länglichschmalen Platz erreicht hatten der den allgemeinen
Beifall der Teilnehmer an diesem sonderbaren Spaziergange zu haben schien da
er völlig trocken und eben war
    »Wir sind zur Stelle«  sagte Landsfeld Er nahm dem nachfolgenden Diener
die Waffen ab und legte sie vorsichtig auf einen umgestürzten Baumstamm der den
Platz der Länge nach durchschneidend ihn in zwei fast gleich große Hälften
teilte »Du kannst jetzt gehen Karl«  wandte er sich an diesen indem er mit
ihm einige Schritte bei Seite trat »Hier ist ein Brief den Du sogleich an
seine Adresse abzugeben hast aber mit Vorsicht dass es nicht zu sehr auffällt«
    »Und soll ich nicht wieder herkommen Herr Baron«  fragte der treue
Mensch seinen Herrn mit ängstlichen Blicken ansehend
    »Wenn ich in einer halben Stunde nicht zu Hause bin dann bittest Du den
Brunnenarzt sich hierher zu bemühen und bestellst zugleich einen Wagen Adieu
Karl und dass Du nichts auf Deinen Kopf hin tust«
    »Da ein doppelter Kampf stattfinden wird«  wandte sich Landsfeld an die
Andern »so bleibt uns noch zu bestimmen übrig welche Partei den Anfang machen
soll die männliche oder die weibliche« 
    »Wir wollen loosen«  bemerkte Kornelia Diesem Vorschlag wurde allgemein
beigestimmt Landsfeld nahm zwei Grashalme von verschiedener Länge als Symbol
der verschiedenen Waffenart und bat Alice zu ziehen Sie tat es mit fester
Hand Sie hatte den längeren Halm gezogen Der Baron nahm die Rappiere trocknete
sie ab und überreichte sie den modernen Amazonen Sie warfen ihre Mäntel ab
Kornelia erschien in der feinsten Toilette Alice wie sie vorausgesagt in der
phantastischen Männerkleidung in der sie die vergangne Nacht den Baron besucht
hatte Sie stellten sich einander gegenüber Berger der bisher stumm und
scheinbar teilnahmlos dagestanden trat seiner Geliebten zur Seite
    »Ich werde das Zeichen geben«  sagte der Baron »Wenn ich das Tuch
schwinge macht Fräulein von Hohenhausen den ersten Ausfall 
    Auf die Mensur meine Damen«  rief er kommandirend Die beiden Gegnerinnen
kreuzten die Rappiere
    »Los«  rief der Baron das Schnupftuch schwingend In demselben Augenblicke
flog die Spitze von Alicens Rappier in die Höhe
    Die Klinge ihrer Gegnerin streifte die linke Seite ihres goldenen Gürtels
    »Deine Absicht war solid und gut teure Freundin«  rief Alice die
blitzschnell ihre Waffe wieder gesenkt hatte Die Lust des Kampfes brannte jetzt
in ihren Augen auf ihren Wangen Korneliens Gesicht zeigte seine gewöhnliche
Kälte Nur in den halbgeschlossenen Augen aus denen zuweilen eine unheimliche
Glut hervorbljetzte und in dem fest zugekniffenen Munde lag eine starre
Entschlossenheit Mit großer Geschicklichkeit schlug sie einen auf ihre Brust
gerichteten Stoß Alicens ab wobei die Spitze ihres Rappiers sich in den Falten
des Aermels ihrer Gegnerin verwickelte Ehe sie das unvorhergesehene Hindernis
überwinden konnte sah sie Alicens Rappier abermals nach ihrer Brust gerichtet
Da riss sie ihre ganze Kraft anwendend ihre Waffe an sich mit einer Wendung
wodurch die verhängnisvolle Spitze von ihrer Brust abgeschlagen werden sollte
Wie durch einen Zauberschlag fuhren die beiden Gegnerinnen jetzt auseinander In
der Tat musste der jetzt sich darbietende Anblick von der eigentümlichsten Art
sein da er auf die beiden Zuschauer in doppelter Rücksicht ganz
entgegengesetzte Wirkungen hervorbrachte Der besonnene und seiner selbst so
mächtige Landsfeld erbleichte sichtlich während Berger in ein Gelächter
ausbrach das in diesem Augenblick ganz ungerechtfertigt schien
    Durch die gewaltsame Art mit der Kornelia ihr Rappier aus dem Ärmel ihrer
Gegnerin herausgerissen hatte sie denselben von der Schulter an bis zum Knöchel
aufgeschljetzt zugleich aber bemerkte Landsfeld dass der weiße Arm welcher
jetzt völlig entblößt war einen langen blutigen Streifen zeigte
    Berger der auf der andern Seite stehend die Verwundung Alicens nicht
bemerken konnte hatte sein Auge auf Kornelien geheftet In dem Augenblicke als
es ihr gelungen war die Spitze ihres Rappiers frei zu machen war die Waffe
ihrer Gegnerin bereits einige Zoll tief in ihre rechte Brust gedrungen Als sie
daher durch die erwähnte Wendung die Klinge Alicens fortschlug trennte ein
langer Schnitt der sich von rechts nach links über die ganze Brust der
Unglücklichen erstreckte ihr Kleid auf aus dem nun zwar kein Strom warmen
Blutes   aber eine Menge Watte hervorquoll Ein Schrei als hätte sie Alicens
Klinge im Herzen gefühlt entfuhr ihrem Munde indem sie zwei Schritte
zurücksprang Mit erneuter Wut wollte sie jetzt von Neuem auf ihre Gegnerin
sich werfen als Landsfeld mit eigener Lebensgefahr zwischen die Kämpferinnen
sprang
    »Genug«  rief er mit gebieterischer Stimme »Jetzt kommt die Reihe an uns
Sie haben beiderseits Wunden empfangen und gegeben Sie können befriedigt sein«
Halb mit Gewalt nahm er Kornelien das Rappier aus der Hand »Fassen Sie sich
Kornelia und verderben Sie mir solcher Lappalien wegen das Spiel nicht Wer
weiß was noch in der Zukunft Schoss schlummert« flüsterte Landsfeld seiner
wütenden Freundin zu indem er einen besonderen Nachdruck auf die letzten Worte
legte Er warf ihr den abgeworfenen Mantel um und bat sie sich ruhig auf den
Baumstamm zu setzen
    Berger hatte indes so gut es gehen wollte die Wunde Alicens welche
durchaus unbedeutend war da eigentlich nur die Haut geritzt war mit einem
leinenen Taschentuche verbunden
    »Sehen Sie meine Herrn«  sagte sie als auch der Baron zu ihr trat um
sich nach ihrem Befinden zu erkundigen  »sehen Sie dort die trauernde Maria auf
den Trümmern Kartagos Ist es nicht ein tragisches Schauspiel« Sie zeigte auf
Kornelien
    »Spotte nicht Alice«  sagte Berger während Landsfeld die Pistolen aus dem
Kästchen nahm Er untersuchte die beiden Doppelläufe jedes Gewehrs noch einmal
sorgfältig und setzte auf den Piston jedes derselben ein Kupferhütchen Darauf
maß er in der Mitte des Platzes eine Strecke von dreißig Schritten ab deren
äußerste Enden er durch einen langen Querstrich bezeichnete Sodann teilte er
diesen Zwischenraum in drei gleiche Teile welche er auf dieselbe Weise
bezeichnete Nachdem er dies Geschäft beendet kehrte er zu dem eben verlassenen
Paare zurück
    »Wählen Sie« sagte er zu Berger indem er ihm die Waffen verkehrt entgegen
hielt Statt einer Antwort begab sich Berger auf das eine Ende Alice näherte
sich dem Baron Sie hielt den Arm in einer improvisirten Binde und sah sehr
bleich und angegriffen aus
    »Was gedenkst Du zu tun«  fragte sie leise den Baron
    »Ich habe Dir schon erklärt dass Du es sehen wirst Doch da Dir die
Aufregung schaden könnte so richte Deinen Blick auf jenen Knorren« Er zeigte
auf einen Baum im Rücken Bergers »Das ist mein Ziel« Berger sah anscheinend
teilnahmlos auf die Beiden herüber Aber in seinem Innern erwachte jetzt
plötzlich wieder ein Verdacht der ihn schon heute Nacht als er Alicen verließ
durch die Seele gezogen war ohne jedoch länger als einen Augenblick darin
gehaftet zu haben Dies gab ihm mit einem Male die Sicherheit und Bestimmtheit
zurück welche ihn seit dem Gespräch mit dem Baron fast ganz verlassen hatte
    »Ists gefällig Herr Baron«  sagte er mit einer ruhigen Kälte die
Landsfeld auffiel
    »Ich bin bereit mein Herr«  antwortete dieser auf seinen Platz eilend Er
stellte sich ihm so gegenüber dass er den Knorren auf welchen er Alicen
aufmerksam gemacht hatte über der linken Schulter Bergers etwa fünf Zoll von
seinem Ohr erblicken konnte
    Langsam aber mit festen Schritten näherte sich Berger dem zweiten Strich
während Landsfeld nur einen Schritt ihm entgegen trat Fast in demselben
Augenblicke richteten Beide ihre Waffen auf einander Berger feuerte zuerst Er
war noch achtzehn Schritte von seinem Gegner entfernt Der Baron stand
unverrückt Jetzt ging dieser bis zur äußersten Grenze vor Nur zehn Schritte
lagen zwischen ihnen Berger kreuzte die Arme
    Landsfeld drückte los Alice blickte nach dem Knorren Er war verschwunden
Nur einige Holzsplitter zeigten die Stelle an der die Kugel in den Baum
gedrungen war Die beiden Kämpfer begaben sich auf ihre Plätze zurück Abermals
schritten sie langsam auf einander zu Berger schien warten zu wollen bis der
Baron gefeuert hätte Dieser aber wünschte gleichfalls den letzten Schuss zu
haben So hatten sich Beide der Grenze genähert Endlich entschloss sich Berger
zum Feuern Landsfeld wankte einen Augenblick fasste sich aber sogleich wieder
Sein rechter Arm hing schlaff herab das Pistol war auf den Boden gefallen Er
ergriff es mit der linken Hand Da er aber mit dieser jenes Kunststück nicht zu
wiederholen wagte aus Furcht seinen Gegner zu treffen was gänzlich außer
seinem Plane lag so schoss er es in die Luft ab und warf es dann von sich
Berger der sich diese Schonung nicht erklären konnte blieb erstaunt und
verwirrt auf seinem Platze stehen Alice eilte auf den erbleichenden Landsfeld
zu und führte ihn zu dem umgestürzten Stamm Er ließ sich darauf nieder
    »Es ist nichts Bedeutendes«  sagte er  »wenns nur nicht der rechte Arm
wäre Verdammter Zufall« Er riss die Weste und das mit Blut befleckte Hemd
auseinander Die Kugel hatte die innere Seite des Arms gestreift und wie es
schien eine Sehne zerschnitten Die Wunde blutete stark Alice die ihrer
eigenen Verwundung wegen ihm wenig Dienste leisten konnte rief Berger Aber
jener schien obwohl unverwundet gänzlich unfähig irgend wie hülfreiche Hand
anzulegen Wie im Traum trat er näher und blickte teilnahmlos auf den
Sitzenden Landsfeld stopfte sich sein Taschentuch unter den Arm und drückte es
fest an um eine Verblutung zu verhindern
    »Wenn nur der Arzt bald käme«  sagte er
    Kornelia hatte die ganze Zeit über in ihren Mantel eingehüllt lautlos
dagesessen Jetzt sprang sie plötzlich auf »Ich werde ihn zur Eile antreiben«
 rief sie dem Baron zu indem sie forteilte
    »Ich begleite Sie Fräulein«  rief Berger ihr nach
    »So kommen Sie schnell« antwortete sie ohne ihre Schritte zu hemmen Sie
verließen den Platz und eilten so schnell sie konnten den Berg herab
    »Können Sie mir darüber Aufklärung geben Fräulein von Hohenhausen«  sagte
Berger  »aus welchen Motiven der Baron mich beim zweiten Schusse hat schonen
wollen« 
    »Beim zweiten  bei beiden Verehrtester Haben Sie nicht bemerkt dass er
nicht nach Ihnen sondern nach dem hinter Ihnen stehenden Baume zielte«
    »Und Alice wusste es wahrscheinlich  Daraus kann ich mir auch ihre Ruhe
erklären  Ich habe ihr also doch Unrecht getan als ich es für
Teilnahmlosigkeit hielt«
    »Er mags ihr wohl heute Nacht gesagt haben«  bemerkte Kornelia indem sie
mit Freude die Wirkung dieser Worte beobachtete
    »Heute Nacht«  Der junge Mann erbleichte  »Das ist nicht wahr«  sagte
er drohenden Tones
    »Sie müssten das besser wissen meinen Sie«  fuhr Kornelia mit einer
Mischung von verhaltener Wut und cynischer Ironie im Ton fort »Den
Gegenbeweis mein Herr wenn ich bitten darf«
    Berger zögerte einen Augenblick Darauf sagte er ruhig »Ich selbst bin bei
ihr gewesen«
    »Ich weiß es mein Herr um 2 Uhr Doch müssen Sie am besten wissen ob Sie
Grund haben damit zu renommiren Das Rendezvous war kurz so viel ich weiß«
    »Martern Sie mich nicht«  bat Berger  »Sagen Sie es heraus hat der
Baron Alicen heute Nacht besucht«
    »Nein« 
    »Nun also« Der junge Mann atmete tief auf
    »Aber sie ist bei ihm gewesen«  schloss Kornelia 
    Das war ein fürchterlicher Schlag Berger schwankte Jetzt konnte er sich
den Widerstand Alicens erklären Von innerem Schmerz fast vernichtet stieg
jetzt nicht mehr der leiseste Zweifel an der Wahrheit des eben Gehörten in ihm
auf
    »Kommen Sie wir dürfen uns nicht aufhalten«  Halb mit Gewalt zog sie
seine Hände nieder mit denen er die Augen bedeckt hatte »Mein Gott so
ermannen Sie sich doch Wollen Sie ein Zaubermittel das Ihren Schmerz lindern
und Ihnen die Kraft zurückgeben wird«
    »O für mich gibt es kein Heilmittel mehr« stöhnte Berger
    »Doch doch«  versicherte sie »Ein Wort wird Sie kuriren Dies Wort heißt«
 sie näherte ihren Mund seinem Ohre indem sie leise aber mit energischem
Accent sagte »Rache«
    Berger fuhr empor Seine Augen rollten Krampfhaft ergriff er den Arm
Korneliens so dass diese fast aufgeschrieen hätte vor Schmerz »Sie haben Recht
 Rache Rache« 
    Er sprach dies Wort langsam und mit Nachdruck als wolle er den Wohllaut
jedes einzelnen Buchstaben genießen 
    Mit beschleunigten Schritten eilten sie jetzt den Berg hinab Da erblickten
sie den Wagen welcher eben gemächlich den Berg hinanfuhr
    »Der Baron ist verwundet«  rief Kornelia dem Diener Landsfelds zu als sie
den Wagen erreicht hatten in dem sich der Arzt befand der nun dem Kutscher
befahl die Pferde zu größerer Eile anzutreiben Bald war der Wagen ihren
Blicken entschwunden Als sie ins Bad kamen trennten sie sich »Auf
Wiedersehen«  sagte Kornelia beziehungsvoll beim Abschiede indem sie ihrem
neuen Gefährten die Hand gab »Vor allen Dingen lassen Sie sich zu keiner
unüberlegten Handlung verleiten« Berger eilte nach Hause um sich zum
Spaziergange mit Lydien umzukleiden Jetzt wo er sich von Alicen hintergangen
glaubte und so seine Leidenschaft zu ihr gleichsam in sich selbst
zurückgeworfen wurde fiel ihm mit einem Male das ganze Gewicht seines Unrechts
gegen das liebe harmlose Kind auf die Seele und drückte sie so noch mehr
darnieder Vielleicht war es dieses Übermaß von innerer Qual das ihm jede
Energie seinem Schmerz in gewaltsamen Ausbrüchen Luft zu machen nahm Eine
trübe Ruhe lag auf seinen Zügen als er in sein Zimmer trat Die beiden Briefe
welche er an seine Mutter und an Lydia geschrieben lagen vor ihm auf dem
Tische Er erbrach sie und las sie noch einmal durch als kenne er ihren Inhalt
noch gar nicht Darauf warf er sich in dumpfer Verzweiflung auf einen Stuhl und
starrte gedankenlos vor sich hin Eine grauenvolle Stille herrschte in ihm und
um ihn so dass einen Augenblick die fixe Idee sich seiner bemächtigte er sei
gestorben und liege im Grabe Eine Stunde mochte er so gesessen haben als durch
eine rein mechanische Verbindung seiner Ideen ihm der Gedanke an den Spaziergang
mit Lydia wieder einfiel Er stand auf und begann seine Toilette Als er vor den
Spiegel trat wurde plötzlich durch den Anblick seiner mehr erschlafften als
entstellten Züge sein Bewusstsein wieder erweckt und die Erinnerung an die
letzten Szenen trat mit voller Gewalt und so furchtbarer Lebendigkeit vor seine
Seele dass seine Kniee fast unter ihm zusammenbrachen und seine Hand nach der
Stuhllehne griff um sich daran zu halten
    »O ich bin unsagbar unglücklich«  jammerte er sein Gesicht mit den Händen
bedeckend während er in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach  »Warum hast Du
mir das getan Alice Hast Du mich nur so hoch erhoben um mir den Sturz in die
Tiefe desto fühlbarer zu machen« 
    Wenn ein geistiger Schmerz sich in Tränen auflöset so wird die Seele milde
gestimmt Auch Berger fühlte bald den wohltätigen Einfluss solcher Tränen auf
seine Stimmung Er wurde still und resignirt Rasch beendete er jetzt seinen
Anzug und schritt langsam dem Hause unter den Kastanienbäumen zu
    Auch hier war unterdessen der Schmerz eingekehrt aber ihm fehlte das
bitterste das qualvollste Element das Bewusstsein der eigenen Schuld Lydia lag
auf dem Sopha ausgestreckt Ihre Züge waren durch den plötzlichen Schreck blass
und angegriffen aber ruhig
    Als sie jenen Brief der ihr auf der Promenade zugestellt wurde erhielt
war sie zuerst durch die Gleichheit der Schriftzüge mit denen des Zettels den
sie heute Morgen zwischen den Blumen gefunden hatte überrascht worden Schnell
hatte sie die Adresse abgerissen und von böser Ahnung getrieben einen durch
die Angst unsicher gemachten Blick hineingeworfen Sie sah nur dass von ihrem
Verlobten und einem Duell die Rede sei Da fielen ihr die Schüsse ein welche
sie mit ihrer Mutter gehört hatte Krampfhaft als wollte sie ihren Raub
bewahren ballte sie den Zettel zusammen denn sie fühlte plötzlich einen
brennenden Stich im Herzen der ihr das Bewusstsein raubte In diesem Zustande
hatte sie die Mutter getroffen Als sie zu Hause angelangt das Bewusstsein
völlig wieder erhalten hatte hatte die Forsträtin nichts Eiligeres zu tun
als sie über ihren Irrtum aufzuklären was sie durch die Vorlesung von
Landsfelds Brief bewirkte Doch hatten alle diese verschiedenen Eindrücke ihre
Seele so erschüttert und ihre Körperkraft so erschöpft dass sie zur gänzlichen
Sammlung ihres Geistes notwendig einige Stunden ungestörter Ruhe bedurfte
Indes warteten ihre Mutter und der Hofrat vergeblich auf den Besuch des
Badearztes welcher ihnen als sie nach Hause fuhren versprochen hatte in
einer kleinen halben Stunde ihnen zu folgen um sich nach dem Befinden des armen
Kindes zu erkundigen und vielleicht ein beruhigendes Mittel für sie zu
verschreiben Endlich kam er
    Es war ein kleiner runder Mann dessen breites gutmütiges Gesicht dem
ein Paar kluge graue Augen und ein lebendiges Mienenspiel keinen uninteressanten
Ausdruck verliehen in diesem Augenblicke dunkelrot glühte Mit kurzen hastigen
Schritten trat er in das Zimmer und ging ohne sich durch Grüße aufhalten zu
lassen sogleich auf das Sopha zu ergriff Lydiens Hand um ihren Puls zu
fühlen und sagte nach einer halben Minute zu ihrer Mutter gewandt
    »Vortrefflich Hier ist Alles auf gutem Wege  Indes kanns immerhin nicht
schaden wenn wir dem Kinde ein kühlendes Tränkchen verordnen Haben Sie Papier
und Tinte gnädige Frau«  Er sah mit bezeichnendem Blicke auf die Tür des
Nebenzimmers Die Forsträtin verstand ihn
    »Wollen Sie sich hier herein bemühen«  sagte sie die Türe öffnend
    Der Hofrat stellte sich ans Fenster und trommelte mit dem Finger auf die
Scheiben
    »Sie werden mich entschuldigen gnädige Frau«  sagte der Arzt  »dass ich
nicht früher gekommen  Ich bin dort oben gewesen« Er wies mit dem Finger auf
die Berge welche sich auf dem blauen Hintergrunde des Himmels scharf
abzeichneten
    »Ich dachte es mir«  erwiderte die Forsträtin  »Sprechen Sie erzählen
Sie Wenn ich mir auch alle Einzelheiten nicht erklären kann so bin ich doch
über den Zusammenhang im Allgemeinen nicht mehr zweifelhaft«
    
    »Sie wissen also mit wem sich Berger geschlagen hat  Mit dem Baron von
Landsfeld«  fuhr er fort als Jene mit dem Kopfe schüttelte
    »Und der Grund«  fragte die Forsträtin zögernd
    »Wegen einer Frau von Rosen die der Baron früher glaub ich gekannt und
in Bergers Gegenwart gestern auf der Promenade beleidigt hatte Die nähern
Umstände sind mir unbekannt«
    »Also doch«  sagte Frau von Dorntal vor sich hin »Fahren Sie fort«
    »Das Wichtigste ist dass Berger völlig unverwundet geblieben Ja aus einer
Andeutung von Frau von Rosen «
    »Sie war auch dort«
    »Ein merkwürdiges Frauenzimmer«  brummte der Arzt den Kopf hin und her
wiegend »Sie hat sich auch geschlagen und zwar auf Stichwaffen«
    »Sie scherzen«  bemerkte die Forsträtin mit halb erstaunter halb
ungläubiger Miene
    »Nichts weniger als das«  erwiderte er seufzend »Sie hat eine lange
Schramme über den Arm bekommen Ein merkwürdiges Frauenzimmer hm Ein sehr
merkwürdiges Frauenzimmer« 
    »Aber mit wem hat sie sich duellirt Mit dem Baron natürlich«
    »Nein mit einer anderen emancipirten Dame  einem Fräulein von
Hohenhausen Aber was ich sagen wollte  ja aus einer Andeutung von Frau von
Rosen schloss ich sogar dass der Baron mit Willen fehlgeschossen«
    »Das war mir nicht unbekannt«  erwiderte sie zum großen Erstaunen des
Doctors »Lesen Sie hier«  fuhr sie fort ihm den Brief Landsfelds reichend
    »Hm hm«  sagte er seinen Kopf wiegend  »ein merkwürdiger Mensch Es wäre
Schade um ihn gewesen«
    »Wie«  rief Frau von Dorntal erbleichend indem sie ängstlich die Hand
des Arztes fasste  »Er ist verwundet«
    Der Doctor wollte eben antworten als der Hofrat an die Türe klopfte
    »Berger kommt eben die Straße herab« sagte er als er auf das »Herein« der
Forsträtin eingetreten war
    »Mein Gott«  rief diese  »was ist da zu machen Raten Sie helfen Sie
mir Lydia darf er nicht sehen«
    »Ruhig ruhig gnädige Frau Übereilen Sie nichts Wir kennen die tieferen
Motive bei diesem ganzen Vorfall nicht hinlänglich um von einer eigentlichen
Schuld des jungen Mannes sprechen zu können Überlassen Sie es mir darüber
ins Klare zu kommen Ist es eine bloße jugendliche Verirrung die ihn zu diesem
extremen Schritte verleitet so dürfen Sie nicht zu strenge gegen ihn sein
vorausgesetzt dass Lydia an seinem Gefühle nicht irre und in dem ihrigen nicht
schwankend geworden Wenn sie stark genug ist um ihn jetzt sehen zu können so
möchte ich Sie bitten einer solchen Zusammenkunft nichts in den Weg zu legen
dabei wird die Wahrheit am ersten ans Licht kommen« Nach diesen Worten begab
sich der Doctor ohne eine Antwort abzuwarten zu Lydia Die Andern folgten In
demselben Augenblicke klopfte es an die Türe Der Hofrat warf einen fragenden
Blick auf den Doctor der sich neben Lydia gesetzt hatte welche sich indes
aufgerichtet
    »Das ist Arthur« sagte sie indem eine flüchtige Röte über ihre Wangen
flog »Es ist gut dass er kommt Ich habe Manches mit ihm zu reden«
    Ein bittender Blick auf die Mutter sagte dieser dass sie allein mit ihm zu
sein wünschte Auch der Doctor hatte den Blick verstanden Er bot der
Forsträtin welche einen Augenblick zögerte den Arm und führte sie in das
andere Zimmer Der Hofrat folgte
    Der junge Mann öffnete die Türe und blieb von innerer Bewegung
überwältigt einen Augenblick auf der Schwelle stehen Lydia hatte sich erhoben
Im entscheidenden Augenblicke war ihre volle Besonnenheit zurückgekehrt
    »Du hast Dich geschlagen Arthur«  sagte sie einen Sessel neben das Sopha
stellend indem sie ihn einlud sich zu setzen Jetzt erst sah sie die
Verstörteit in seinen Zügen Wieder durchflog eine Ahnung von einem großen
Unglücke wovon sie sich keine Rechenschaft geben konnte ihre Seele
    »Sag mir Arthur« bat sie mit sanftem Ton indem sie seine Hand ergriff
die eiskalt war »warum«
    »Du weißt also Alles«  fragte er mit zu Boden geschlagenen Augen
    »Nichts weiß ich Arthur und würde auch nichts haben wissen wollen als was
Du mir sagen konntest Nicht wahr Du wirst mir Alles erzählen Alles aufklären
Ein Paar Worte werden genügen um mich zu beruhigen«
    »Lydia ich bin dieses Vertrauens nicht wert  Verzeihung« stammelte er
indem er vor ihr auf die Kniee sank und die Hände Lydiens mit Tränen und Küssen
bedeckte
    »Was soll ich Dir verzeihen«  sagte sie bebend indem sie unmutig ihre
Hand zurück zog Diese Sprache erschien in ihren Augen wenn nicht als Zeichen
eines Schuldbewusstseins so doch der Unmännlichkeit
    Er sprang auf »Nein Du kannst mir nicht verzeihen Ich fühle es  Lebe
wohl Lydia« 
    »Bleib Arthur«  rief das arme Mädchen deren Angst zunahm »Beruhige Dich
doch Was ist denn Grausiges geschehen dass Du es mir nicht sagen kannst  Hast
Du ihn getötet«  fragte sie mit bebender Stimme
    »O hätte ich « Er sprach nicht aus Aber der Ausdruck von Unmut welcher
plötzlich über sein Gesicht flog ergänzte das Übrige  Lydia schauderte denn
sie dachte an den Edelmut seines Gegners
    Eine ungewohnte Kälte zog durch ihre Brust Sie die so warm und innig mit
jedem Menschen empfand fühlte mit einem Male die Möglichkeit dass sie hassen
könnte Stolz und fremd war ihr Ton als sie mit entschiedener Ruhe sagte
    »Noch einmal Arthur frage ich Dich ob Du mir den Grund sagen willst«
    »Ich habe Dich hintergangen«  erwiderte er wie von unsichtbaren Gewalten
gezwungen mit tonloser Stimme »Ich habe Deine Liebe zu mir enteiligt«
    Lydia fuhr mit der Hand nach dem Herzen Einen Augenblick schwankte sie
    »Unsere Freuden sind wie die Stäubchen die von den Rädern des Lebenswagens
fliegen um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln«  sprach sie leise
vor sich hin indem eine Träne in ihrem Auge glänzte
    »Verzeihung Lydia Verzeihung«  rief Berger mit flehender gebrochener
Stimme indem er abermals zu ihren Füßen sank und ihre Kniee umklammerte
    Dies gab dem jungen Mädchen ihre ganze Kraft zurück Sich losreissend und vom
Sopha aufspringend trat sie einen Schritt zurück Eine dunkle Röte bedeckte
Stirn und Wangen als sie sich hoch aufrichtend mit fester Stimme zu dem
Unglücklichen sprach »Mein Herr wir haben hinfort Nichts mehr mit einander zu
tun«
    Berger wurde durch die Kälte in dem Ton Lydiens noch mehr als durch die
Worte vernichtet Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht Vergeblich rang er
nach Worten Seine Lippen bewegten sich aber kein Laut wurde hörbar Als könne
er den Anblick Lydiens nicht mehr ertragen stürzte er aus dem Zimmer
    Die Forsträtin trat besorgt über die plötzliche Stille hinein Der
Hofrat und der Doctor folgten Lydia war noch in derselben stolzen Stellung
den großen kalten Blick auf die Türe gerichtet Als sie aber den ersten Laut
ihrer geliebten Mutter hörte knickte sie zusammen Ein Tränenstrom entstürzte
ihren Augen Stumm sank sie an die mütterliche Brust
    »Veruhige Dich mein teures mein geliebtes Kind«  sagte diese das junge
Mädchen nach dem Sopha geleitend Dem Jünger Aeskulaps welcher das ganze
Gespräch mit angehört standen die Tränen in den Augen »Ein merkwürdiges
Mädchen«  bemerkte er den Kopf schüttelnd indem er näher trat »Lassen Sie
sie nur weinen«  fuhr er laut zur Forsträtin gewendet fort »Das erleichtert
ihre Brust  Kommen Sie Verehrtester begleiten Sie mich zu meinem neuen
Patienten Ein merkwürdiger Mensch  der  ein höchst merkwürdiger Mensch« Er
nahm den Hofrat ohne Weiteres beim Arm und wollte ihn mit sich fortführen
    Lydia machte eine Bewegung als wollte sie sprechen Der Arzt wandte sich
wieder zurück
    »Ist er verwundet«  fragte sie leise Der Doctor verstand sie wohl
    »Allerdings Ich werde meine Not mit ihm haben  Das heißt«  verbesserte
er sich da er Lydiens Bewegung wahrnahm  »die Wunde ist nicht gefährlich kaum
eine Wunde zu nennen Eine Schramme weiter nichts aber am rechten Arm das ist
freilich fatal Aber wenn er sich hübsch ruhig hält ein Paar Tage nicht
länger  Nun kommen Sie Freund ich versichere Sie ein höchst merkwürdiger
Mensch Es tut mir wahrhaftig leid dass die Kur so kurz sein wird Ah bah
wenn er aufhört mein Patient zu sein ist er unterdes mein Freund geworden Da
wette ich Zehn gegen Eins«
    Auf diese Weise schwatzte der Mann fort bis Beide ins Zimmer des Barons
traten Sie fanden ihn auf dem Sopha sitzen den verwundeten Arm in der Binde
    »Nun«  fragte Langhals dies war wie durch einen ironischen Zufall der
Name des kugelrunden Doctors  »wie stehts Sind wir hübsch munter 
Merkwürdiges Mädchen  Was sagen Sie dazu Hofrat«
    »Wer ist ein merkwürdiges Mädchen«  fragte Landsfeld
    »Wer wirds sein als die kleine Lydia«  fuhr der redselige Doctor fort
der erfreut über die Frage des Barons war weil sie ihm Gelegenheit zum
Antworten gab »Eine Freude wars wie sie den winselnden Jungen zu ihren Füßen
 hm ja so Sie haben Recht Hofrat das gehört nicht hieher«
    Die plötzliche Unterbrechung hatte ihren Grund darin dass der Hofrat aus
Furcht vor der Indiscretion des Doctors ihn leise am Rockschoss gezupft hatte
um ihn zum Schweigen zu bewegen Indes konnte er ihn doch nicht davon abhalten
das Resultat der Reflexionen und Bemerkungen die er in Begriff gewesen war von
sich zu geben mitzuteilen was er mit den Worten tat »Na der wagt auch
nicht mehr den Fuß auf ihre Schwelle zu setzen«
    Ein Lächeln der Siegerfreude flog über das Gesicht des Barons
    »Ich bitte Sie meine Herren der Frau von Dorntal nebst ihrer Fräulein
Tochter meinen innigsten Kummer darüber mitzuteilen ihnen so viel Sorge und
Unruhe verursacht zu haben Sobald ich es im Stande bin werde ich mir die
Freiheit nehmen sie persönlich deshalb um Verzeihung zu bitten«
    »Gut«  sagte Langhals »Sie werden wissen was Sie zu tun haben Aber der
Berger macht mir Sorgen«  wandte er sich zum Hofrat »Ich dächte wir suchten
ihn auf Er wird am Ende sonst des Teufels ganz und gar  Nachmittag bin ich
wieder hier lieber Baron Leben Sie wohl«
    Arm in Arm schritten die beiden Freunde zur Türe hinaus
    Die kurze runde Figur des Doctors nahm sich neben dem langen hageren
Hofrat so eigentümlich aus dass Landsfeld sich eines Lachens nicht erwehren
konnte
 
                                Sechstes Kapitel
Mehrere Tage waren seitdem verflossen als eines Morgens der Doctor Langhals mit
triumphirender Miene zum Baron kam »Endlich habe ich sie so weit gebracht« 
rief er sich die Hände reibend und im Zimmer auf und ab trippelnd  »aber es
hat Mühe gekostet  Doch ein prächtiges Mädchen die Kleine Was sagen Sie
dazu Baron«
    »Wozu«  fragte dieser zerstreut Er hatte die Worte des Doctors an dessen
Art er sich schon gewöhnt hatte ganz überhört
    »Kleiden Sie sich an das heißt lassen Sie sich ankleiden denn aus der
Binde darf der Arm noch nicht heraus Wir machen heute unsern ersten
Spaziergang denn wir sind genesen vollkommen genesen Nun was denken Sie
dazu Verehrtester« 
    »Ich denke dass Sie heute etwas stark gefrühstückt haben«
    »Fehlgeschossen teuerster Freund gänzlich fehlgeschossen Im Gegenteil
ich bin so nüchtern wie ein Küchlein das eben das Ei verlässt« Bei diesen
Worten schenkte er sich ein Glas Wein ein das der Baron der seine Schwachheit
kannte stets für ihn bereit hielt »Aber eilen Sie eilen Sie sonst kommen wir
zu spät Die Damen waren schon im Begriff nach Hause zurückzukehren«
    »Die Damen«  fragte Landsfeld mit schlecht verhehltem Interesse indem er
seinem Diener klingelte
    »Nun freilich die Forsträtin mit ihrer Tochter Die verdammte Geschichte
mit dem Berger muss dem armen Kinde doch sehr zu Herzen gegangen sein Kein
Wunder freilich Sind mit einander aufgewachsen Sie wissen wohl dass die Eltern
der beiden Leutchen in demselben Orte wohnten Bergers Vater war Prediger Als
der starb ging seine Mutter mit ihm nach Wien um ihm Gelegenheit zu geben
sein wirklich bedeutendes musikalisches Talent auszubilden Unterdes war auch
Lydiens Vater gestorben und die Forsträtin mit ihrer Tochter nach Berlin
gezogen wohin sich denn auch zuweilen der junge Berger begab Dort hat er sich
mit ihr vor einem Jahre verlobt Bald nach der Verlobung begab er sich auf eine
Reise nach Italien wo er über ein halbes Jahr blieb dann noch seiner Mutter
einen Besuch abstattete und endlich hier wieder mit Dorntals zusammentraf Wann
und wo er zuerst Frau von Rosen kennen gelernt habe ich nicht erfahren können
Wahrscheinlich in Italien«
    »Nein Schon in Berlin vor seiner Verlobung«  berichtigte Landsfeld der
mit großem Interesse die Erzählung des Doctors anzuhören schien »Und Sie
glauben dass Lydia noch immer «
    »O«  unterbrach ihn Langhals  »im Gegenteil Als ich ihr heute erzählte
dass ich einen Brief von Berger aus Wien erhalten «
    »Was natürlich ein Scherz war«  bemerkte der Baron
    »Herr was denken Sie Ich scherzen und auf so profane Weise mit diesem
herrlichen Mädchen«
    »Nun nun«  beschwichtigte Landsfeld den Aufgeregten der wirklich diesmal
böse war »Es war nur ein Scherz von mir«
    »Schöner Scherz« brummte der Medikus grollend »Nun gut  Als ich ihr also
das mitteile  was glauben Sie dass sie sagte«
    »Nun«  fragte Landsfeld dem es von Wichtigkeit war die Gesinnungsweise
und Denkart Lydiens kennen zu lernen
    Da sagte sie tief Atem schöpfend »Gott sei Dank« und setzte alsbald kalt
hinzu »Ich konnte es mir wohl denken Er hatte nicht einmal dazu Kraft genug«
 Verstehen Sie etwas davon Ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen was
sie eigentlich damit gemeint haben mag Doch ich sehe eben dass Sie fertig sind
Nun lassen Sie uns denn gehen  Geben Sie mir den linken Arm«
    Als sie auf der Promenade anlangten richteten sich Aller Blicke neugierig
auf den bleichen jungen Mann dessen Duellgeschichte bereits allgemein bekannt
war Als sie in eine Seitenallee einbogen standen sie plötzlich vor Lydia
ihrer Mutter und deren unzertrennlichem Begleiter dem Hofrat Vielleicht
mochte es gerade in dem scheinbar Unvorbereiteten und Unerwarteten liegen dass
dies erste Zusammentreffen Lydiens mit dem Baron weniger peinlich war als es
Beide gefürchtet hatten Zwar färbten sich ihre bleichen Wangen plötzlich mit
einem zarten Rot das auch nicht wieder verschwand Aber ohne dies Zeichen
einer innern Bewegung hätte man nicht vermutet dass durch das Erscheinen
Landsfelds irgend eine Veränderung in ihr vorgegangen Mit unbefangner Anmut
erwiderte sie die stumme ernste Verbeugung des Barons der sich sogleich
nachdem die Zeremonie der gegenseitigen Vorstellung durch den kleinen Doctor mit
allem ihm möglichen Patos beendet war an die Forsträtin wandte
    »Wir schulden Ihnen vielen Dank«  sagte diese nachdem sie einige mehr
gleichgültige obwohl hier nicht bloß conventionelle Fragen nach ihrem
gegenseitigen Befinden gewechselt  »dass Sie auf Gefahr ihres eigenen Lebens den
jungen Mann verschonten«
    »Schlagen Sie mein Verdienst dabei nicht zu hoch an«  erwiderte er
bescheiden »Berger war von Leidenschaft verblendet  ich konnte vermuten dass
er keine sichere Hand haben und wahrscheinlich fehlschiessen würde Die Kräfte
waren also ungleich verteilt Außerdem wollte ich mein Bewusstsein nicht mit
einer Tat beschweren deren Erinnerung nur qualvoll sein kann Ich hasste den
jungen Mann nicht obwohl mir als ich unmittelbar nach dem Wortwechsel der die
Ursache des Duells war Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter begegnete seine
Verirrung unbegreiflich erschien Denn ich kannte die Dame welche ihn so
bezaubert hatte«
    »Sie kannten sie«  fragte Frau von Dorntal in einem Ton der wie eine
Aufforderung zur weiteren Erklärung klang Landsfeld warf einen forschenden
Blick auf die ernsten Züge der Forsträtin Dann verzog sich die eine Seite
seines Mundes zu einem fast unmerklichen Lächeln Denn er dachte an den Grund
den möglicherweise die Mutter Lydiens zu solcher Aufforderung haben konnte
vielleicht unbewusst hatte
    »Schon seit mehreren Jahren«  erwiderte er mit ruhiger Unbefangenheit
»Zuerst lernte ich sie in Berlin kennen Die Richtung welche damals meine
innere Entwicklung genommen begünstigte den mächtigen Eindruck den sie auf
mich machte Ich glaubte gefunden zu haben wonach ich mich schon so lange
gesehnt hatte einen weiblichen Charakter in dem sich die innerliche Freiheit
des Menschengeistes mit der zarten Selbstbeschränkung edler Weiblichkeit zur
lebendigsten Harmonie zusammenschlösse und der Widerspruch zwischen der
Überwindung aller Schranken des Vorurteils und des Aberglaubens mit der
energischen Aufrechtaltung sittlicher Würde gelöst hätte«  Landsfeld schwieg
    »Und Sie wurden in Ihrer Erwartung getäuscht«  fragte mit sichtbar
wachsendem Interesse die Forsträtin die selber einen für die Idealität
menschlicher Größe und Würde schwärmenden Sinn besaß
    »Mein Bedürfnis sie verwirklicht zu sehen war zu groß als dass ich nicht
jeden sich allmählig geltend machenden Zweifel geflissentlich unterdrückt hätte
Ich bin beschämt es Ihnen gestehen zu müssen gnädige Frau dass ich mich länger
als ein Jahr in meiner Selbsttäuschung so unendlich glücklich fühlen konnte« 
    Landsfeld gehörte zu jenen eigentümlichen Charakteren die sich in eine
willkührlich erzeugte Vorstellung so hinein zu leben im Stande sind dass sie den
Mitteln welche sie zur Aufrechterhaltung des Scheins in Anwendung bringen
gegen sich selbst eine Macht einräumen deren Kraft und Wirkung der der Wahrheit
völlig gleich ist Als er jene Worte sagte schlug er unwillkürlich die Augen
zu Boden und eine flüchtige Röte bedeckte seine Stirn Es lag eine solche
Wahrheit in dieser scheinbaren Bewegung dass die Forsträtin seine Hand ergriff
und mit Herzlichkeit drückte Sie glaubte jetzt alles Übrige zu verstehen bis
auf die Beleidigung der Dame welche sie sich bisher nur aus einem unedlen
Charakterzuge des Barons hatte erklären können Sie begriff die Bitterkeit
welche nach einer solchen Enttäuschung die Brust eines Mannes wie Landsfeld ihr
erschien erfüllen musste wenn sie auch einen derartigen Ausbruch derselben
nicht billigen konnte Sie wandelten eine Zeit lang schweigend neben einander
her
    Landsfeld schien in tiefe Gedanken verloren
    Als wolle er sich mit Gewalt daraus emporraffen sagte er plötzlich
    »Ich habe mich noch wegen der unüberlegten Art und Weise zu rechtfertigen
gnädige Frau mit der ich Ihre Fräulein Tochter auf die Ihnen Beiden
bevorstehende Gemütsbewegung vorbereiten wollte Dass ich nur die Absicht hatte
Ihre Besorgnis wo möglich zu heben werden Sie wohl aus der Ungeschicklichkeit
womit ich die Sache anfing selbst erkannt haben
    Jenes Billet das ich den Abend vorher zwischen die Blumentöpfe steckte
hatte ich unter der Bank gefunden auf welcher der junge Berger mit Frau von
Rosen kurz vor meinem Zusammentreffen mit ihnen gesessen hatte Ich weiß nicht
welches Gefühl mich damals zwang jene Worte auf den Zettel zu schreiben in den
ich das Billet einwickelte Es geschah nachdem ich mich lange Zeit auf den
Bergen umhergetrieben in dem Augenblicke als ich an Ihrem Hause vorbei kam
Erst als ich in meiner Wohnung angelangt war fiel mir das Unpassende meiner
Handlungsweise ein und ich war eben im Begriff wieder umzukehren und den
Zettel zu zerreißen als Berger zu mir kam um mir in eigener Person seine
Forderung zu überbringen Da erschienen mir jene durch den Augenblick
hervorgerufenen Worte wie von einer höheren Ahnung eingegeben und ich beschloss
an dem was ich getan Nichts zu ändern Mit dem Briefe den ich am folgenden
Morgen an Fräulein Lydia abschickte hatte es freilich eine andere Bewandtnis
Sie werden mir aus seinem Inhalt wohl keinen Vorwurf machen hoffe ich aber
ohne Zweifel und mit Recht daraus dass ich mich nicht an Sie wandte«
    »In der Tat«  sagte die Forsträtin zögernd der es peinlich war diesen
Punkt berührt zu sehen welcher ihr damals einen noch größeren Beweis für die
Taktlosigkeit des Barons abgegeben hatte als seine Beleidigung gegen Frau von
Rosen
    »Lassen Sie mich mit einem Worte diese Sache aufklären Ich wusste Ihren
Namen noch nicht gnädige Frau da ich erst denselben Morgen angekommen Berger
ging erst gegen elf Uhr Abends von mir Erkundigungen konnte ich also nicht
mehr erst einziehen Am andern Morgen um fünf Uhr war das Zusammentreffen auf
den Bergen angesetzt Gesprächsweise erfuhr ich von Berger den ich unmöglich
direkt danach fragen konnte den Vornamen Ihrer Fräulein Tochter Sobald er mich
verlassen schrieb ich jenen Brief an Fräulein Lydia und gab ihn am andern
Morgen meinem Diener mit dem Befehl ihn auf der Promenade abzugeben«
    »Lassen wir diese peinlichen Erörterungen Herr Baron«  sagte die
Forsträtin welche durch die gegebene Erklärung befriedigt war »für die ich
Ihnen jedoch von Herzen dankbar bin Ohnehin möchte ich eine Bitte an Sie
richten die Sie mir wohl nicht abschlagen auch nicht ich hoffe es unrichtig
verstehen werden die nämlich so wenig wie möglich diese überwundene
Vergangenheit zu berühren besonders«  setzte sie leiser hinzu  »im Gespräch
mit meiner Tochter Nicht wahr Sie werden mir diesen Gefallen tun« 
    »Gnädige Frau«  erwiderte Landsfeld mit ernster Miene  »es würde mich
tief betrüben sollten Sie das Gefühl welches mich zu den obigen Aufklärungen
gedrängt hat mit einem Mangel an Diskretion und Zartgefühl verwechseln Auch
ohne Ihren ausdrücklichen Wunsch wäre diese erste Erörterung auch die letzte
gewesen da sie nur den Zweck hatte mein Benehmen in Ihren Augen zu
rechtfertigen«
    »Es war nicht meine Absicht Sie kränken zu wollen«  sagte die Forsträtin
mit halb bittendem Tone »Nicht ein Misstrauen gegen Ihr Zartgefühl Herr Baron
nur die Sorge gegen meine schon von so vielen Aufregungen angegriffene Tochter
trieb mich zu jener Bitte die ich indes sicherlich unterdrückt haben würde
hätte ich vermuten können dass Sie darin etwas Kränkendes finden können«
    Der Baron verbeugte sich zum Zeichen dass er hierdurch völlig zufrieden
gestellt sei Und in der Tat konnte er es auch in anderem Sinne sein Denn
dadurch dass er die Mutter Lydiens zu einer Art von Entschuldigung gegen ihn
gebracht hatte war seine Stellung ihr gegenüber eine in jeder Beziehung
selbstständige und freie geworden Dass er diese ausgezeichnete Frau richtig
beurteilt hatte bewies ihm die ganze Art und Weise mit der sie ihn
behandelte jene von einem Dritten gar nicht wahrnehmbare Innigkeit im Tone wie
sie nur zwischen Charakteren möglich ist deren gegenseitige Achtung aus einem
innern auf ideeller Sympatie gegründeten Verständnis stammt Und doch ist
gerade hier die Täuschung am leichtesten Denn Derjenige dessen Herz von
idealer Schwärmerei erfüllt ist und folglich an sich selbst und an die Wahrheit
seiner Empfindung glaubt ist gegen Trivialität und Schlauheit eben so sicher
gewappnet als gegen die ideellen Phantasiemenschen schutzlos denn da er nicht
den Unterschied zwischen der ideellen Wahrheit des Herzens und dem ideellen
Schein der Phantasie verstehen kann so begreift er auch nicht die Möglichkeit
einer Täuschung durch den letzteren Landsfeld hatte die Hoheit und Reinheit der
Seele von Lydiens Mutter in ihrem ersten forschend auf ihn gerichteten Blick
gelesen und daraus sofort die Rolle erkannt welche er ihr gegenüber zu spielen
hatte Die Täuschung war ihm über Erwarten gelungen was auch grossenteils
daraus zu erklären war dass allerdings ein Teil des Charakters den er hier
darstellte in seinem eigenen Wesen begründet war nur mit dem Unterschiede dass
er ihn zu einem bestimmten Zweck und durch willkührliche Mittel nach Außen
kehrte Lydia war unterdes von ihren beiden Begleitern nach Möglichkeit
unterhalten worden Besonders bot der kugelrunde Doctor seine ganze
Beredtsamkeit auf um die trüben Gedanken welche noch immer in ihren
niedergeschlagenen Augen zu lesen waren zu zerstreuen Sie hatte hiervon den
großen Vorteil ihren Träumereien ungestört nachzuhängen ohne durch offene
Unaufmerksamkeit ihren redseligen Begleiter zu kränken Denn wenn der Doctor
über jede an ihn gerichtete Frage die größte Freude empfand so war er doch
selbstsüchtig genug diese Freude selbst keinem Andern zu bereiten was ihm
jedoch merkwürdiger Weise als eine Liebenswürdigkeit ausgelegt wurde Außerdem
pflegte er jeden Witz der seiner beweglichen Zunge entströmte nicht bloß
nachher wenn er schon heraus war durch ein Lachen zu belohnen sondern auf
dieselbe Weise schon vorher anzukündigen wodurch seine Zuhörer immer in den
Stand gesetzt wurden zu beurteilen was der Doctor für einen Witz halte und
folglich belacht haben wolle Lydia lächelte auch manchmal aber weniger über
die Scherze des unterhaltsamen Jüngers Aeskulaps als über die komische
Ankündigung derselben teils auch aus Gutmütigkeit und angeborener
Liebenswürdigkeit Zuweilen erhob sie ihren Blick so weit dass er den einige
Schritte von ihr neben ihrer Mutter hinwandelnden Baron erreichte Wenn sie auch
nicht den Inhalt des Gesprächs verstehen konnte so entnahm sie doch aus dem
ernsten und eindringlichen Tone mit dem dasselbe geführt wurde dass die
Unterhaltung keine bloß conventionelle Bedeutung hatte und keinen gleichgültigen
Gegenstand betraf War es die Nichtbefriedigung des Interesses das sie selber
an dem Gespräch nahm oder das peinliche Gefühl selber Gegenstand einer von
Anderen geführten Unterhaltung zu sein oder war es vielleicht auch eine Art von
Verletzteit über die scheinbare Nichtachtung des Barons der sie gar nicht zu
bemerken schien oder endlich war es Alles dieses zusammen  was wohl das
Wahrscheinlichste sein mochte  genug als der Baron stehen blieb um sich von
ihrer Mutter und den nachfolgenden Dreien zu verabschieden konnte sie seine
fast herzlichen obwohl höflichen Abschiedsworte nur mit einer kurzen kalten
Verbeugung erwidern Landsfeld war ein zu feiner Menschenkenner und verstand
sich besonders auf das weibliche Herz zu gut war vielleicht auch ein zu großer
Egoist als dass er diese Kälte nicht richtig zu seinen Gunsten gedeutet hätte
Wieder schwebte jenes leise Lächeln des Triumphs auf seinen Lippen als er sich
in Begleitung des Doctors mit raschen Schritten entfernte
    »Ein merkwürdiger Mann«  sagte die Forsträtin wie in Gedanken vor sich
hinsprechend als sie am Arm ihrer Tochter den Rückweg nach Hause antrat »Warum
lachst Du«  fuhr sie zu Lydia gewandt fort
    »Ich dachte daran dass der Doctor schon öfter denselben Ausspruch getan« 
erwiderte diese fast bitter »Dasselbe sagte er aber auch über Andere« 
    Diese Anspielung auf Frau von Rosen hatte besonders durch den Ton mit dem
sie gemacht wurde etwas Verletzendes in sich welches der Forsträtin wehe
tat Sie schwieg jedoch weil sie fürchtete dass eine Verteidigung des Barons
das Vorurteil welches Lydia gegen ihn zu haben schien nur verstärken möchte
    Am folgenden Tage als sie Beide die Seitenallee langsam auf und ab
wandelten sagte nach längerem Schweigen die Forsträtin »Es ist nun Zeit
liebes Kind dass wir uns bald zur Abreise fertig machen Meine Kur geht mit
dieser Woche zu Ende Mich wundert dass sich der Hofrat gar nicht sehen lässt
ich möchte gern mit ihm darüber sprechen Vielleicht begleitet er uns«
    Lydia erschrak über den Entschluss ihrer Mutter doch als wenn sie sich
selber für diese Bewegung die sie sich nicht erklären konnte strafen wollte
sagte sie schnell »Du hast Recht liebe Mutter es ist hohe Zeit dass wir nach
Hause kommen Es verlangt mich sehr danach Prt hat für mich auch keinen Reiz
mehr seit «
    In diesem Augenblicke kam hastigen Schrittes der Doctor auf sie zu »Wissen
Sie schon Verehrteste  ein merkwürdiger Mensch  der  hm Fataler Zufall« 
    Lydia erschrak abermals aber sie schwieg
    »Was ists Wovon sprechen Sie«  fragte die Forsträtin Der Doctor
lächelte über das ganze breite Gesicht denn er hatte eine Frage zu beantworten
und begann mit patetischem Tone und in seiner gewöhnlichen abgebrochenen Weise
zu erzählen wie der Baron gestern Nachmittag trotz seines ausdrücklichen
Verbots auf die Berge gestiegen und bis tief in die Nacht in den Wäldern
umhergeirrt Dadurch sei die nur leicht verharrschte Wunde so entzündet worden
dass die ganze Mühe die er sich mit ihm gegeben umsonst sei Nun müsse er
wieder die Stube hüten was ihn in die unangenehmste Laune von der Welt gesetzt
habe »Fataler Zufall«  schloss er seine Erzählung
    »Das tut mir leid«  bemerkte die Forsträtin  »um so mehr als wir nun
wohl das Vergnügen entbehren werden ihn noch einmal zu sehen« 
    Lydia befand sich seit mehreren Tagen schon in einer Stimmung die ihr
selbst unheimlich und drückend war da sie mit ihrer klaren und tiefen Natur in
vollem Widerspruch stand Sie war sich selbst ein Rätsel Dies machte sie
unruhig und was ihrem sonstigen Wesen ganz fremd war launisch Sie fühlte
über Bergers Handlungsweise jetzt keinen Schmerz mehr nur wenn sie in einsamen
Stunden der vergangenen Zeit dachte an ihre Heimat an die süße Gewohnheit
eines vertraulichen unbefangenen Umgangs mit dem jungen Mann als sie mit ihrer
Mutter nach Berlin übersiedelt war an seine Lieder die er für sie componirt 
dann überfiel sie wohl ein Gefühl der Wehmut und ihre Tränen strömten die
innere Trauer ihrer Seele aus Doch bald überkam sie in solchen Augenblicken
eine andere bittere Empfindung wie ein frostiger Hauch durchschauerte ihr Herz
der Gedanke an die Zerrissenheit und Unwürdigkeit des früher Geliebten und eine
trostlose Kälte eine Leere an Empfindung verdrängte die Wehmut aus ihrer
Brust Dass sie ihn nicht mehr liebte ja dass sie ihn vielleicht nie geliebt
hatte wurde ihr immer klarer aber sie hatte noch nicht das Bewusstsein, das nur
die Erfahrung gibt was der Grund dieser Gereiztheit sei nämlich dass sie im
Begriff sei einer andern Liebe Raum in ihrem Busen zu geben Vielleicht ahnte
sie diese Veränderung in sich wenigstens wehrte sie sich instinktmässig dagegen
aber wenn ihr Jemand den Namen Landsfeld genannt hätte so würde sie
wahrscheinlich mit Entrüstung eine solche Vermutung von sich abgewiesen haben
 Was war nun aber die Quelle dieser erwachenden Leidenschaft Der Baron hatte
eigentlich noch kein Wort mit ihr gesprochen sie kaum beachtet gewiss aber in
keiner Weise sich ihr genähert Welcher geheimnisvolle Einfluss konnte also
seinerseits von ihm ausgeübt sein War es die männliche energische Kraft seines
Geistes die sich in seiner Handlungsweise gegen Berger ausgesprochen hatte
Dies hatte ihm wohl Lydiens Achtung erworben aber wie wäre ihre Leidenschaft
dadurch rege geworden Oder war es die ritterliche Schönheit seiner Gestalt die
einen Eindruck auf ihre Sinne gemacht hätte Dazu war Lydia noch zu unbefangen
und harmlos Ihre Sinnlichkeit war eine völlig geschlossene Knospe der sich
noch kein belebender Sonnenstrahl genaht Was also war dieser rätselhafte
Grund Ein einziger Blick war es der sie in ihrem mädchenhaften Far niente
gestört jener Blick den Landsfeld auf sie geworfen als er an dem ersten Tage
nach der Szene in dem Rondel ihr begegnet hatte und den sie nie wieder
vergessen Eine dämonische Gewalt musste in diesem Blick gelegen haben denn sie
fühlte wie er alles Blut ihr nach dem Herzen jagte und es im nächsten
Augenblicke mit reissender Schnelligkeit durch alle Adern trieb Dieser eine
Blick ruhte seitdem ohne dass sie es ahnte im tiefsten Winkel ihres Herzens
und tauchte nur dann auf wenn irgend ein großes Ereignis ihre Kraft in Anspruch
nahm Er hatte ihr den Mut zu jenem Gespräch mit Berger gegeben er hatte sie
in dem Kampfe der Trennung aufrecht erhalten aus ihm schöpfte sie jetzt ihr
ganzes inneres Leben dessen Veränderung sie wohl fühlte ohne über ihre
geheimnisvolle Quelle im Klaren zu sein  Jetzt wo die durch die Stürme der
vorigen Woche in Bewegung gesetzten Wellen sich allmählich geebnet hatten
fühlte sie eine unendliche Leere in ihrer innern Welt Kalt und teilnahmlos
aber von steter Unruhe deren Ursache sie vergeblich nachsann hin und her
getrieben suchte sie sich durch mancherlei Beschäftigungen zu zerstreuen Aber
weder ihr Vogel noch ihre Blumen über die sie sich früher wie ein Kind hatte
freuen können waren im Stande ihr ein Lächeln abzugewinnen Mit Besorgnis
blickte zuweilen die Mutter der diese gänzliche Veränderung in ihrem Wesen
nicht entging auf ihre bleichen Wangen und getrübten Augen Da sie dieselbe
jedoch auf den Eindruck schob den die peinliche und verletzende Art in der sie
sich von ihrem Jugendfreunde und Verlobten getrennt hatte auf sie
hervorgebracht so vermied sie es darüber zu sprechen in der Hoffnung dass die
Zeit wie überall auch hier als der beste Arzt sich geltend machen würde
    Eines Tages es war der zweite vor ihrer Abreise als sie eben von ihrer
Morgenpromenade zurückgekehrt waren klopfte es an der Türe und Landsfeld trat
herein Sein Arm ruhte noch immer in der Binde und sein Gesicht war noch
bleicher als gewöhnlich Auch Lydia erbleichte und hatte kaum die Kraft sich
vom Stuhle zu erheben Die Forsträtin lud ihn mit großer Herzlichkeit zum
Sitzen ein
    »So sind Sie also noch nicht fort«  sagte er hastig indem er tief Atem
schöpfte »Der Doctor Langhals sagte mir Sie reisten heute ab  Sie
entschuldigen meinen Besuch«  setzte er alsbald mit einer so natürlichen
Verwirrung über seine Hast hinzu dass die Forsträtin unwillkürlich über den
unbefangenen Ausdruck seiner Teilnahme die sie darin zu erkennen glaubte
lächeln musste
    »Wir hatten allerdings die Absicht«  sagte sie  »aber teils Furcht für
die noch immer angegriffene Gesundheit meiner Tochter «
    »Sie sind unwohl Fräulein«  unterbrach sie Landsfeld indem er sich mit
einer Mischung von herzlicher Teilnahme und ernster Zurückhaltung an Lydia
wandte Es waren die ersten Worte welche er an sie richtete So allgemein ihr
Inhalt war so vielbedeutend klangen sie ihr durch den Ton mit dem sie
gesprochen wurden
    Sie errötete sanft indem sie erwiderte dass sie sich bereits kräftig
genug fühle um ohne Gefahr in zwei Tagen die Reise antreten zu können
»Überdies«  setzte sie mit etwas mehr Lebhaftigkeit hinzu  »glaube ich dass
die schädliche Nachwirkung von Gemütsleiden durch den Wechsel des Orts an
Stärke verliere Man sagt ja immer dass das Reisen zerstreue und verordnet es
sogar als Heilmittel bei Gemütsleiden« Das Letztere sprach sie mit einem
Anflug von Bitterkeit im Tone die jetzt fast immer die wenigen Gedanken
begleitete welche sie äußerte Landsfeld war überrascht von dem hellen Glanz
welcher in diesem Augenblick aus ihrem tiefblauen Auge strahlte und ihrem
reizenden Gesicht einen eigentümlich fesselnden Ausdruck von geistiger Tiefe
verlieh Er dachte sich dieses liebliche Wesen als seine Gattin  und fragte
sich ob er im Stande sein würde fest zu bleiben in dem Entschlusse dem
Scheine der Wahrheit zu trotzen und zu zweifeln  bis zur letzten
unbezweifelbaren Überzeugung Er fühlte die ganze Gefahr des Kampfes den er
mit sich selbst kämpfen werde Einen Moment schwankte er Die Süßigkeit
gläubiger vertrauender Hingebung zog mit allen Wonneschauern durch seine Brust
Aber er dachte an Alice   Er wollte ja Wahrheit nichts als Wahrheit  Mit
fester Hand riss er die jungen Wurzeln des Vertrauens das sich in seinem Herzen
zu regen begann heraus und wiederholte seinen Schwur der Entsagung  Es war
wie gesagt nur ein Augenblick wo er von diesen hin und her wogenden
Empfindungen durchströmt wurde aber ein entscheidender Sein großer feuriger
Blick bohrte sich tief in den Lydiens ein als wollte er ihre tiefsten Tiefen
ausmessen Es war derselbe Blick dessen Gewalt sie bei seinem ersten Begegnen
gefühlt hatte Ihr Busen hob sich über den ungestümen Schlägen ihres Herzens und
eine tiefe Angst durchzitterte ihre Seele Dieser Mann erschien ihr wie ein
Dämon welcher mit eherner Faust ihren Geist umklammern wollte und sie fühlte
klar dass sie ihn entweder lieben oder hassen müsste vielleicht Beides
    Landsfeld bemerkte die Wirkung, welche er diesmal wider seinen Willen
hervorgebracht Er wandte seinen Blick von Lydia ab und bemerkte sich mehr zur
Forsträtin wendend in ruhigerem Ton »Ich habe mich oft über die Ansicht
gewundert dass man reisen müsse um sich von seinem Schmerze zu zerstreuen Aber
ist der nicht glücklicher welcher bleibt wenn der Geliebte scheidet gewiss
denn er hat zu Gefährten die mitfühlenden Plätze die Denkmäler seiner Liebe
Unglücklicher der welcher scheidet um an fremdem Orte zu erwachen Er hat nur
sich und seinen Schmerz in dem er sich ewig spiegelt in den er wenn fremde
Misstöne sein Herz zerreißen zurückflieht um ihn ewig wieder aufs Neue zu
fühlen«
    »Sie haben Recht«  erwiderte Frau von Dorntal  »wenn Sie von einer
Trennung sprechen die durch äußere Umstände oder durch die Gewalt eines Dritten
herbeigeführt worden ohne dass einer der Getrennten selbst daran Schuld ist«
    Der Baron hatte geflissentlich jede Anspielung auf Berger vermieden und
Lydia wusste ihm Dank dafür »Ich glaube«  fuhr er daher fort  »dass die Ursache
des Schmerzes für die Wirkung mehr oder weniger gleichgültig ist Denn die
Erinnerung bleibt doch eine reine oder ist sie nicht rein so reinigt sie sich
von selbst im reinen Herzen Denn ein reines Herz ist ein Läuterungsfeuer in
dem sowohl der Schmerz wie die Freude von allen Schlacken gereinigt werden«
    »Jeder geistige Schmerz«  fragte Lydia  »wäre also nach Ihrer Ansicht
etwas Edles«
    »Gewiss«  erwiderte Landsfeld »Wenigstens wird er es mit der Zeit Er
trägt sogar immer einen größeren Adel in sich als die Freude möge diese noch
so schuldlos und rein sein Wohl Jeder macht wenigstens einmal in seinem Leben
die Erfahrung an sich dass das schmerzliche Gefühl ein wahres Element unserer
geistigen Existenz ist und mit dem Edelsten in unserer Natur harmonirt Es liegt
ein Genuss darin sich in den Schmerz zu versenken davon die tiefste Tiefe zu
erschöpfen und die bitteren Tropfen mit wehmütiger Wollust zu schlürfen Der
Schmerz ist das eigentlich geistige Element der Hoffnung oder Erinnerung Und
jeder ideelle inmaterielle Genuss ist entweder Hoffnung oder Erinnerung Der
Schmerz ist das Flügelschlagen unserer Seele an die Stäbe des Kerkers die Klage
des gefesselten Prometeus an dessen Leber der Adler frisst die Rache des
unendlichen Ideals an dem beschränkten Menschengeist«
    Landsfeld hatte sich in einen Enthusiasmus hineingesprochen der mehr eine
Rückwirkung des überaus seelenvollen Ausdrucks in den Zügen der jüngeren seiner
Zuhörerinnen war als aus seiner momentanen Stimmung hervorging Mit ruhigerem
Ton fuhr er fort
    »Daher kommt es dass wir weit mehr von den wehmütigen Zügen eines schönen
Gesichts von der Rührung der Freude der die Tränen an den Wimpern hangen
angezogen werden als von dem fröhlichen Anblick eines heiter lachenden Profils
Deshalb dringt das melancholische Moll tief in unsere Empfindung und setzt die
innersten geheimsten Saiten unseres Gefühls in nachhallende Schwingungen
während das hüpfende heiter versöhnende Dur nur die Oberfläche unserer Seele
durchdringt und mehr unsern Geschmack als unser Herz befriedigt Ja in ganzen
Völkern zeigt sich dieser Drang nach dem Schmerzlichen vorzüglich in der Musik
zB bei den Polen Ungarn wogegen den Franzosen und Engländern dieser
Nationalzug ganz fremd ist
    Woher nun dieser Drang nach dem Wehmütigen woher die Furcht vor der
Versöhnung Woher dieses Gefühl des Erhabenen Edlen Idealen im Schmerze und in
der Wehmut welche Nicht ist als der Genuss des Schmerzes Nur der Mensch ist
der Wehmut fähig Das Tier fühlt nur Freude oder Schmerz im materiellen
Sinne Woher diese Lust an der geistigen Qual
    Weil der Mensch nur diese ewig mit sich selbst ringende Natur hat Habe ich
also nicht Recht wenn ich behaupte dass der Schmerz ein wesentliches Element
des wahrhaften Menschenseins ist
    Darum ist er es weil er etwas Göttliches ist oder doch aus ihm stammt
nämlich aus dem unendlichen nie ganz gestillten Drange nach der Freiheit des
Geistes. Nie gestillt  darin liegt seine Quelle Denn die Freiheit ist ein
unerreichbares Ideal
    Der Schmerz ist deshalb etwas Göttliches weil er die Empfindung ist dass
wir nicht Götter sein können und doch Götter sein wollen  Er ist das Mich
dürstet des Gottes den wir in uns haben und den wir in uns selbst kreuzigen
weil wir ihn nicht verstehen«
    Landsfeld sagte diese Worte mit dem Ausdruck einer tiefen Trauer auf seinem
Gesicht als fühle er den Schmerz der ganzen Menschheit selber in seinem Innern
wühlen Lydia war in eigentümlicher Bewegung Als wäre plötzlich ihre bisherige
Welt aus ihren Angeln gehoben und eine andere unendlichere an ihre Stelle
gesetzt so überwältigend drangen seine Worte in ihre Seele so tief
erschütterten sie sie bis in ihre letzten Wurzeln Eine flammende Röte zog
während Landsfeld sprach wie der Morgenschein eines neuen Tages auf ihre Wangen
herauf als sie mit zitternden Lippen und feuchtem Auge an seinen
schwärmerischen Blicken hing und als er nun schwieg und sein Auge das bisher
halb niedergeschlagen war sich langsam nach dem Auge Lydiens erhob da schlug
sie die ihrigen zu Boden aber ihr Erröten wurde noch tiefer und flammender
als sie ihre Bewegung bekämpfend sagte
    »Ihre Anschauungsweise Herr Baron ist mir zwar neu doch glaube ich Sie
vollkommen verstanden zu haben Ich gebe Ihnen zu dass der geistige Schmerz die
Seele adelt weil er selbst etwas Edles ist Auch das glaube ich nicht falsch
aufzufassen was Sie unter der Idealität des Genusses begreifen Wie Sie aber
diese Idealität nur in der Erinnerung und in der Hoffnung also immer doch in
der Entbehrung im Mangel finden das verstehe ich nicht Haben Sie nie
Augenblicke gehabt wo sie von einer durchaus reinen edlen Empfindung oder
einem schönen und großen Gedanken durchdrungen sich gestehen mussten dass die
Gegenwart und ihr Bewusstsein auch ideelle Genüsse gewähren könne  Ist dies
aber so so kann man dem Schmerz wohl nicht allein das Vorrecht zuerkennen
edler als Empfindungen anderer Art zu sein Ich meine dass es auch geistige
Freuden gibt die eben so reinen Ursprungs und eben so idealer Natur sind als
geistige Schmerzen«
    Eben wollte Landsfeld antworten als der Hofrat Rupf eintrat »Es ist mir
lieb dass Sie kommen« sagte die Forsträtin zu diesem  »ich möchte mit Ihnen
über unsere Reise sprechen« Sie führte ihn ins Nebenzimmer indem sie den
Baron wegen dieser Unterbrechung um Entschuldigung bat
    »Ich vermute«  sagte dieser lächelnd zu Lydia indem er das frühere
Gespräch wieder aufnahm  »dass Sie in der Verteidigung der Freude an den
idealen Eindruck denken den eine großartige oder schöne Naturerscheinung auf
uns hervorbringt Aber denken Sie zurück an die Art dieser Eindrücke Ist es
wirklich Freude gewesen nur Freude was Sie in solchen Augenblicken erfüllte
Hat kein Gefühl der eigenen Beschränktheit keine Sehnsucht nach der unendlichen
Freiheit diese Freude getrübt Ich bezweifle es Je tiefer sich der Blick in die
Ferne verliert je höher er in den ewigen Himmel aufsteigt desto beklemmter
wird die Brust desto unendlicher die Sehnsucht die Schranken der Gegenwart zu
durchbrechen und sich in die absolute Tiefe zu versenken«
    Lydia dachte an jenen Morgen an dem sie mit so wehmütigen Empfindungen den
Sonnenaufgang betrachtet und eine Träne trat in ihr Auge »Sie haben doch wohl
Recht«  sagte sie fast traurig  »Aber ist es nicht ein entmutigender
Gedanke dass der Mensch nur durch das Opfer seiner Unbefangenheit und seines
Frohsinns sich dem Ideale nähern kann dass er also nur entweder in der
Erinnerung oder in der Hoffnung leben darf wenn er sich seines geistigen Wesens
bewusst werden will«
    »Ich denke nicht dass diese Entbehrung so groß ist Denn was liegt zwischen
Erinnerung und Hoffnung Dasselbe was zwischen Vergangenheit und Zukunft die
Wirklichkeit, die Gegenwart So sagt man ohne zu bedenken dasswenn man anders
unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewusstsein davon versteht die Wirklichkeit
nicht gegenwärtig und die Gegenwart nicht wirklich ist Wie die Gegenwart der
Punkt ist in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen und der ewig
fließt so ist die Wirklichkeit der Punkt in dem sich Erinnerung und Hoffnung
berühren Dieser Punkt ist aber in der Tat gleich Null Alle Gefühle die
unsere Seele rührten alle Empfindungen die unsern Geist erhoben beziehen sich
entweder auf etwas hinter ihnen oder vor ihnen Liegendes Und wollte er auch das
Gegenwärtige sich zum Bewusstsein bringen so wäre es doch schon etwas
Vergangenes ehe es ins Bewusstsein käme So reproducirt jeder hüpfende
Pulsschlag ein neues Gefühl und jeder belebende Atemzug ist die Quelle einer
frischen Empfindung Aber jedes dieser zitternden rosigen Kinder des Herzens
begeht in seiner Geburt einen Muttermord um von seinem eigenen Kinde in der
nächsten Sekunde erstickt zu werden« 
    Es lag eine solche Trostlosigkeit in dem leisen und wehmütigen Tone mit
dem Landsfeld diese Worte sprach dass Lydia ihre Tränen nicht zurückhalten
konnte Wie erstaunt und erfreut war sie daher als plötzlich Landsfelds Blicke
zu leuchten begannen und eine edle Begeisterung auf seinem Gesichte glänzte
als er folgendermaßen schloss
    »Aber Eines gibt es was nicht dem Wechsel erliegt was weder mit der
bloßen Wirklichkeit noch mit der Unwirklichkeit im Widerspruche steht was man
weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu suchen braucht es ist das
Bewusstsein dessen was man will das Gefühl dessen was man glaubt und das
Vertrauen zu dem was man liebt  und die Quelle von diesen dreien Die
Überzeugung von der Wahrheit des Guten und Schönen in sich selbst und in denen
die man liebt«
    Er stand bei diesen Worten auf fasste Lydiens Hand und drückte einen warmen
innigen Kuss darauf Zitternd vor innerer Bewegung hatte sie nicht die Kraft ihm
ihre Hand zu entziehen
    Er entfernte sich schnell als fürchte er bei längerem Bleiben nicht Herr
seiner Empfindung zu bleiben
    Als Frau von Dorntal wieder eintrat fiel ihr Lydia weinend um den Hals
    »Was ists Was fehlt Dir Lydia«  fragte sie erschreckt
    »O Nichts Nichts teure Mutter Aber lass uns bald abreisen«
    »Beruhige Dich nur Morgen gehen wir ganz bestimmt  Der Baron ist schon
fort«
    »Er wollte Dich wohl nicht stören«  Lydia errötete über diese erste
Unwahrheit gegen ihre Mutter Denn sie glaubte recht wohl den eigentlichen Grund
seines hastigen Abschiedes zu kennen
 
                               Siebentes Kapitel
Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Blätter von den Platanen und
Linden welche in zwei DoppelReihen jene berühmte Straße Berlins die vom
Opernplatz bis zum Brandenburger Tor sich erstreckt in eine dreifache Allee
verwandeln Nur wenige Fußgänger ließ sich in der großen Mittelallee
erblicken welche auch sonst meist nur von Spaziergängern und Obstverkäuferinnen
betreten zu werden pflegt Dagegen drängt es sich auf den an beiden Seiten der
Häuser hinziehenden Trottoirs von geschäftig Eilenden aller Art und die Wagen
rasselten daneben
    Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstläden unter
den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger
versammelt die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder
bekrittelten Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem eingefallenem
Gesicht welches von einem niedrigen breitkrämpigen Hute fast ganz beschattet
wurde Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehüllt und starrte mit
ausdruckslosem kaltem Blick auf eine kleine Landschaft die ziemlich
unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien
    »Das muss sie gemalt haben«  murmelte er vor sich hin  »Ich kenne ihre
Manier Es ist das Haus unter den Kastanienbäumen mit der Aussicht auf die
Berge Kein Zweifel dass sie es gemalt hat So ist sie also wirklich wieder in
Berlin Ich muss suchen ihre Wohnung zu erfahren« Er sprach die letzten Worte
ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen
    »Wenn Sie Fräulein von Dorntal meinen so kann ich Ihnen vielleicht dazu
behilflich sein«  redete ihn plötzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit
höchst geistvollen und charakteristischen Zügen an 
    Jener fuhr zurück als hätte er auf eine Schlange getreten Seine Hand griff
krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser
Wut malte sich in seinem Gesicht  Ein Paar Sekunden starrte er so in die
lächelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern der mit gekreuzten Armen vor
ihm stand um seine Antwort zu erwarten Eben öffnete er die zitternden Lippen
aber als besänne er sich eines Bessern hüllte er sich rasch noch tiefer in
seinen Mantel und stürzte fort
    »Armseliger Tor«  sagte Landsfeld dem Forteilenden nachblickend vor sich
hin »Wage es den Löwen in seinem Lager aufzusuchen«  Festen Schrittes ging
er nach der entgegengesetzten Seite der Straße hinab Als er das Opernhaus
erreicht hatte blieb er vor dem unter dem Portal ausgehängten Teaterzettel
stehen um zu sehen was gegeben wurde »Otello der Mohr von Venedig«
    Indem er diese Worte in halb fragendem halb sinnendem Tone langsam vor sich
hin sprach klopfte ihn Jemand auf die Schulter
    »Guten Abend lieber Baron« Es war ein hübscher mit kleinen schwarzen
Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann von ungefähr 40 Jahren »Sie
überlegen wie ich sehe ob Sie ins Theater gehen sollen Nun der Mühe lohnte
sichs schon besonders heute wo die Rolle der Desdemona und des Mohren  da
fällt mir ein dass heute Salon bei Kornelien ist Sie wissen dass ich sonst nie
hingehe Aber wenn Sie von der Partie sind möchte ich wohl einmal in den saueren
Apfel beißen«
    »Halten Sie einen solchen Charakter für möglich«  fragte Landsfeld der
die Worte des Andern überhörend an Desdemona und Lydia dachte
    »Freilich es gehört einige Menschenkenntnis dazu um diese seltsame Person
ganz zu ergründen Ich habe einen gewaltigen Respekt vor ihr obwohl oder
vielmehr weil sie mir leider vorzugsweise gewogen ist«
    »Von wem sprechen Sie denn eigentlich Schattenfrei Ich verstehe kein Wort
davon«
    »Nun von wem anders als von Kornelien zum Henker«  setzte er hinzu als
Jener ihn noch immer verwundert anschaute »Werden Sie nicht auch heute Abend
ihren Salon verherrlichen helfen«  Landsfeld machte eine abwehrende Bewegung
»Schämen Sie sich Sie fangen wohl auch an den Sentimentalen zu spielen«
    »Wer wird denn dort sein« fragte Landsfeld um doch Etwas zu sagen Seine
Gedanken waren noch bei Desdemona und Lydia
    Schattenfrei nahm seinen Arm »Ich werde Ihnen das unterwegs erzählen
Kommen Sie nur Zuerst«  fuhr er fort nachdem es ihm gelungen war Landsfeld
in Bewegung zu setzen  »Frau von Rosen  fällt Ihnen das auf Sie ist ja die
vertrauteste Freundin von Kornelien
    Sodann Salomo nebst seinem Waffenträger die Sängerin Gz mit ihrem
Geliebten dem Assessor Tieftrunk der junge Berger ferner «
    »Berger«  fragte Landsfeld durch diesen Namen aus seiner Träumerei
emporfahrend »Wissen Sie das gewiss«
    »Nun ich denke das versteht sich von selbst wenn Alice von Rosen da ist«

    »Weiter haben Sie zu Ihrer Vermutung keinen Grund«
    »Auch sagte er es mir selbst vor ungefähr einer halben Stunde als ich ihm
im Tiergarten begegnete« 
    »Wahrhaftig«  lachte Landsfeld höhnisch »Nun vielleicht hat er seine
Meinung bis dahin geändert«  Er sah nach der Uhr »Leben Sie wohl«  fuhr er
fort sich halb mit Gewalt losreissend  »Ich habe noch vorher einen
notwendigen Gang zu tun«
    »So werde ich Sie doch aber sicher dort treffen«
    »Ja Aber ich bitte Sie Nichts davon zu erwähnen Vielleicht komme ich erst
etwas spät«
    »Der ist in kurioser Laune«  sagte Schattenfrei dem Forteilenden
nachblickend »Er hat alle Anlage dazu den Salon heut zu einem der
interessantesten Zirkel zu machen« Sich die Hände vor Vergnügen reibend stieg
er in eine Droschke »Lindenstrasse Nr 45«  sagte er zum Kutscher indem er
gemächlich die Marke in die Westentasche steckte Landsfeld verfolgte indes
seinen Weg zu Fuß So sehr er es in jeder andern Beziehung vermied den
Sonderling zu spielen so konnte er sich doch nur schwer dazu entschließen in
einen Wagen zu steigen wenn er eilig war Denn ihm war nichts unerträglicher
als körperliche Untätigkeit wenn sein Geist von dem Verlangen irgend ein Ziel
schnell zu erreichen bewegt war Kam es ihm dagegen weniger auf Schnelligkeit
an dann benutzte er schon ein Fuhrwerk Am liebsten jedoch ritt er schon
deshalb weil das Reiten die beiden Vorteile des Gehens und Fahrens nämlich
eigene Tätigkeit und Schnelligkeit vereinigt Nach einer starken
Viertelstunde während der er mit gleicher Eile durch mehrere Straßen und über
verschiedene Plätze geschritten war hatte er den Platz vor dem Potsdamer Tor
erreicht der in fünf verschiedene Straßen einen halben Stern bildend
auseinander geht Landsfeld schlug die mittelste ein in der er nach wenigen
Minuten vor einem kleinen Sommerhause stehen blieb das sich durch einen
eleganten leichten Balkon so wie durch einen geschmackvoll angelegten kleinen
Garten auszeichnete Er öffnete die Gartentür durch einen Schlüssel den er bei
sich trug und begab sich auf einem Seitenwege nach der Hinterfront wo er an
eins der niedrigen Parterrefenster anklopfte Als es sich öffnete erschien das
gutmütige Gesicht Karls seines Bedienten »Du musst mir sogleich den Fuchs
satteln Karl ich muss noch hinaus Von neun Uhr an hältst Du Dich ebenfalls
bereit Du sollst mich dann noch in die Stadt begleiten« Bei diesen Worten
sprang der Baron aufs Pferd Karl öffnete das Tor Landsfeld schlug den Weg
nach Schönberg ein Obgleich er in scharfem Trabe ritt so dunkelte es doch
schon ein wenig als er sein Ziel erreichte Auf der Spitze des Hügels von dem
sich die lange Straße dieses reizenden Sommeraufentalts herabzieht stieg er
vom Pferde und band es an den Gartenzaun des Hauses dessen Perron er alsbald
mit schnellen Schritten hinaufeilte Eben wollte er die Klingel ziehen welche
sich neben der Glastüre des Balkons befand als sein Blick in das Innere des
Zimmers fiel und er die schon ausgestreckte Hand zurückziehend einige
Augenblicke wie in tiefe Betrachtung versunken stehen blieb
    An einem mit verschiedenen Zeichnenmaterialen bedeckten Tischchen das ganz
in der Nähe der Balkentüre stand saß dem Baron halb den Rücken zugekehrt ein
junges Mädchen das wie es schien eifrig mit Zeichnen beschäftigt gewesen war
denn eben legte sie den Zeichnenstift nieder lehnte sich zurück an den Sessel
und ließ den Kopf ein wenig auf die Brust sinken Doch konnte er nicht erkennen
ob sie die Zeichnung auf diese Weise besser betrachten oder ob sie sich ihren
Gedanken überlassen wollte
    »Könnte ich doch in ihr Herz sehen«  dachte Landsfeld »Was gäb ich darum
kennte ich den Gegenstand ihres Nachsinnens« Er sah jetzt dass die Balkontüre
nur angelehnt war Er öffnete sie leise und trat hinein Das junge Mädchen
schien ihn nicht zu bemerken
    »Du wirst Dir die Augen verderben Lydia«  sagte er mit sanfter Stimme
    Wie von freudigem Schreck erbebend war sie beim Ton seiner Stimme
aufgefahren Abwechselnd erblassend und errötend vermochte sie noch nicht zu
antworten Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf
    »Du bists mein Richard«  Sie flog an seinen Hals und presste einen
glühenden Kuss auf seinen Mund Aber als schäme sie sich selbst wegen ihrer
Leidenschaftlichkeit fuhr sie einen Schritt zurücktretend mit vor Bewegung
zitternder Stimme fort »Wie kannst Du mich so erschrecken Richard Du weist
ja wie mich das angreift«
    »Sei nicht böse mein liebes Kind«  erwiderte er liebevoll indem er sie
an seine Brust zog und die Locken welche über ihr Gesicht gefallen waren von
der Stirn streichend einen langen Kuss darauf drückte Wie vor innerer Wonne
schauernd ließ sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen
    »Aber ich bitte Dich Lydia«  fuhr er fort  »nicht mehr so spät zu
zeichnen Du musst Deine Augen mehr schonen  für mich«  setzte er leise hinzu
»Versprich es mir«
    »Ich verspreche es Dir Richard  Ich war so sehr einsam und wusste nicht
was ich anfangen sollte Denn wenn ich spiele werde ich immer traurig und
möchte weinen«
    Landsfeld zuckte mit der Hand Er dachte an Berger mit dem Lydia oft
zusammen gespielt und gesungen Er war zu stolz zur Eifersucht  wenigstens
glaubte er es zu sein  Aber in solchen Augenblicken tauchten alle Zweifel
wieder in seiner Seele auf und machten ihn hart und ungerecht gegen die
Geliebte Ja er freute sich selbst über diese Härte denn sie war ihm Bürge
dafür dass er seine Selbstständigkeit noch nicht eingebüßt Seine Stimme hatte
ihre Sanfteit ganz verloren als er Lydia zum Sopha führend sagte »Traurig
Warum bist Du traurig Du hast Anlage zur Sentimentalität glaube ich«
    Nichts schärft den Instinkt der Beobachtung mehr als wahrhafte tiefe
leidenschaftliche Liebe Lydia erschrak über die Veränderung im Wesen
Landsfelds aber sie zwang sich zu lächeln
    »Du magst Recht haben Richard ich bin ein törichtes Mädchen Aber wenn
ich erst immer mit Dir lebe dann werden diese albernen Launen die Dich ärgern
ganz verschwinden«
    Landsfeld verstand entweder den Zwang den Lydia sich antat um heiter zu
scheinen und den er wohl herausfühlte wirklich anders oder er wollte ihn gegen
seine bessere Überzeugung anders verstehen weil sie doch möglicherweise einen
andern Grund dazu haben konnte Dem äußern Anschein nach um dem Gespräch eine
andere Richtung zu geben in der Tat aber um jenem Grunde nachzuspüren sagte
er in gewöhnlichem Konversationstone »Rate einmal wem ich heute begegnet bin
Ein alter Bekannter von uns besonders von Dir« 
    Sie sann vergebens nach
    »Der junge Berger«  fuhr er in demselben Tone fort indem er Lydien
forschend ansah
    »Berger«  stammelte sie erschreckt indem sie das Gesicht mit den Händen
bedeckte
    »Warum erschrickst Du darüber so« 
    Lydia antwortete nicht aber ein krampfhaftes Schluchzen das sie vergebens
zu unterdrücken sich bemühte wühlte in ihrer Brust
    »Antworte mir Lydia«  bat er mit seinem frühern sanften Ton indem er sie
näher zu sich zog »Was fürchtest Du von ihm«
    »Ach Richard«  sagte sie weinend  »Wenn ich nur wüsste woher dieser
fürchterliche Widerspruch in Dir Du ahnst nicht die Qualen welche mich
verzehren wenn Du so anders bist als sonst so fremd Deinem eigenen Wesen Mir
ist zuweilen als zweifeltest Du an meiner Liebe Mein Gott Richard Du weißt
ja dass ich nur Dir gehöre Dein Geschöpf bin denn Du hast mein ganzes Inneres
wie durch ein Zauberwort umgeschaffen« Wie selbst erschreckend vor dem was sie
jetzt sagen wollte fuhr sie leise fort »Manchmal glaube ich sogar dass Du mich
nicht liebst Denn wie könntest Du sonst zweifeln an meiner Liebe
    Richard wäre das nicht schrecklich  Aber nein nein verzeih mir
Geliebter Ich glaube an Deine Liebe Denn glaubte ich nicht mehr daran«   Sie
riss sich aus seinen Armen los und sprang auf
    »Nun«  fragte er über ihre fast drohende Stellung erstaunt
    »Dann würde ich an Nichts mehr glauben denn ich müsste Dich verachten Und
dann Richard könnte ich nicht länger leben«
    Sie sprach diese Worte mit vollkommener Ruhe
    Landsfeld war von der tiefen Wahrheit welche in dieser Ruhe lag tief
erschüttert Mit schwer verhaltener Leidenschaft ergriff er ihre Hand und
bedeckte sie mit Küssen  Mit einem seelenvollen Lächeln blickte sie auf ihn
herab Die Gewissheit seiner Liebe kehrte wie ein neuer Frühling in ihre Brust
ein
    »Du bist ein böser Mann Richard« sagte sie sich wieder an seine Seite
niederlassend »Warum quälst Du mich so grausam« 
    Er antwortete nicht Mit einer Heftigkeit die sie an ihm noch nicht
gekannt zog er sie an sich Sie war zu glücklich als dass sie seinen Küssen
deren Glut sie auf ihrem Nacken und auf ihrem Gesichte fühlte zu wehren
versucht hätte aber sie zitterte in seinen Armen »Richard«  stammelte sie
endlich mit leisem Vorwurf »Dein Atem fiebert«  Als er seine Gefühle
niederkämpfend wieder ruhiger geworden war fuhr sie fort
    »Ist es wirklich wahr dass Du Berger begegnet bist Richard«
    »Ja es ist wahr Ich traf ihn vor Deinem Bilde das er aufmerksam zu
studieren schien«
    Er erzählte ihr sein Zusammentreffen mit ihm und fuhr dann fort »Aengstige
Dich nicht teures Kind Er ist viel zu feig um wirklich Etwas zu wagen«
    Lydia schien worüber nachzusinnen Endlich sagte sie »Erkläre mir Richard
woher es kommt dass der Gedanke an ihn mich immer wieder mit einer mir sonst
ganz fremden Bitterkeit erfüllt obwohl es mir doch schon damals als ich Dich
im Park erblickte klar war dass ich ihn nicht liebte weil ich erst in jenem
Augenblicke überhaupt zu ahnen begann was Liebe sei Also woher noch immer
jenes Gefühl der Bitterkeit wenn ich seinen Namen höre« Sie sah bei diesen
Worten offen und mit kindlichem Vertrauen zu ihm empor
    »Vielleicht daher dass er Dir durch seine Verirrung den Glauben an die
idealen Träume der Jugendzeit geraubt«
    »Ich weiß nicht ob das der Grund ist Vielleicht kommt es auch daher weil
mir sein ganzes Wesen zu wenig männlich und energisch erschien Denn glaube mir
Richard« fuhr sie mit wichtiger Miene fort »ein liebendes Weib lässt sich von
einem selbstständigen Mann lieber quälen als von einem unselbstständigen
liebkosen«
    »Du bist eine kleine liebenswürdige Philosophin Lydia«  lächelte Landsfeld
gutmütig indem er einen sanften Kuss auf ihren Mund drückte »aber ich glaube
es wird Zeit sein dass Du Licht anzündest Es ist dunkel«
    »Mein Gott wie konnt ich das vergessen«  rief sie erschreckt indem sie
schnell aufspringend der Aufforderung Genüge leistete »Du weißt noch nicht
Richard« fuhr sie darauf von ihrer Mutter sprechend fort »dass der Arzt die
beste Hoffnung gibt Sie ist heute wieder aufgestanden und ein wenig im Garten
spazieren gegangen so lange die Sonne schien Jetzt ruht sie in ihrem Zimmer
Ich will gleich einmal nachsehen« Sie hatte indes die Lampe angezündet und
schlich leise die Tür zum Nebenzimmer öffnend und die Hand vor das Licht
haltend damit der Schein nicht so blendend sei auf den Zehen hinein  Bald
kam sie zurück
    »Sie schläft noch«  sagte sie flüsternd indem sie die Lampe auf den Tisch
vor dem Sopha stellte »Ich will Dir nun auch zeigen wie fleißig ich gewesen
bin« Mit diesen Worten trug sie aus ihrem Pult ein Paar Mappen herbei und
öffnete sie
    »Jetzt muss ich aufbrechen«  sagte Landsfeld nachdem er eine geraume Zeit
ihre Zeichnungen besehen gelobt und getadelt hatte
    »Schon«  fragte Lydia kleinlaut »Es ist noch nicht spät denke ich«
    »Es ist halb zehn Uhr  Lydia Hast Du«  fuhr er nach einer Pause fort
»mit Deiner Mutter gesprochen«
    
    Sie errötete leicht »Sie will durchaus dass es in nächster Woche sein
soll ihr Unwohlsein sei zu gering um ein Hindernis abzugeben meint sie und
der Gedanke dass sie dadurch unser Glück verzögere mache sie nur noch kränker«
    »Du hast eine vortreffliche Mutter Lydia«  sagte Landsfeld
    »Ach ich weiß es Richard Sie ist unendlich gut ich verdanke ihr und Dir
Alles was ich bin« Als wolle sie ihre Rührung verbergen fuhr sie durch die
Tränen lächelnd fort »Ich überlasse es Dir Richard den Tag zu bestimmen.
Ich bin Du weißt es ja bereit zu Allem« Sie umschlang seinen Hals
    »So werde ich Dich Morgen abholen mein Herz um Dir unsere neue Wohnung zu
zeigen«
    »Ach wie freue ich mich auf unsere Wohnung Richard«  sagte sie das Wort
mit einem gewissen Patos wiederholend  »Leb wohl mein Richard Leb wohl«
Sie begleitete ihn noch bis zum Pferde das ungeduldig den Boden mit den Hufen
aufscharrte Er schwang sich auf und sprengte im Galopp davon
    Als er an seiner Wohnung anlangte schloss sich ihm Karl an der schon seit
einer Stunde gewartet hatte In schnellem Trabe ritten sie durch das Tor in die
Stadt ein und hielten nach einer Viertelstunde vor einem großen Hause in der
Lindenstrasse still
    »Führe die Pferde zum Hôtel dAngleterre und bestelle das Zimmer Nr 19
oder wenn das besetzt sein sollte Nr 20 für mich«  befahl er »Wenn es
geschehen so benachrichtige mich davon« Nach diesen Worten sprang er schnell
die Treppe hinauf
    Fräulein Kornelia von Hohenhausen empfing ihn im höchsten Staate und mit
aufrichtiger Freude da sie in einen Gedanken alle die Verwicklungen und
Verwirrungen zusammenfasste welche das Erscheinen des Barons hervorbringen
konnten
    »Ich habe eben eine heftige Philippika gegen Sie gehalten mein
Verehrtester Sie werden sich über die verlegenen und erstaunten Visagen
wundern die Ihnen sogleich entgegen treten werden«
    Sie wandte sich an die Gesellschaft »Erlauben Sie dass ich Ihnen einen
meiner ältesten und vertrautesten Freunde vorstelle Es ist der Baron von
Landsfeld«
    In der Tat malte sich ein allgemeines Erstaunen in den Gesichtern »Wie
falsch«  »Diese Heuchelei übersteigt allen Glauben« So flüsterte man einander
zu denn bei einem Gespräch dessen Gegenstand Landsfeld gewesen war hatte
Niemand mehr Böses von ihm zu sagen gewusst als gerade Kornelia
    Der sogenannte Salon in den Landsfeld hiermit wieder eingeführt war
bestand aus zwei aneinanderstossenden elegant möblirten Zimmern von denen das
erstere größere durch ein Paar schöne Astrallampen sehr hell erleuchtet war
während das zweite vermittelst einer roten Ampel in ein magisches Halbdunkel
versetzt wurde In Beiden hatten lebhafte Konversationen stattgefunden die
durch das Erscheinen des Barons ein paar Minuten unterbrochen aber nicht
gestört wurden
    Landsfeld warf einen raschen Blick über die Gesellschaft und wandte sich
dann an eine Gruppe aus jüngeren und älteren Männern bestehend die sich um den
Ofen postirt hatten
    »Und worin finden Sie die Unsittlichkeit ich bitte Sie Etwa darin dass sie
die Ehe nur als etwas Aeusserliches betrachtet da sie einmal officiell dazu
gezwungen ist«  sagte ein Mann von etwa 35 Jahren mit interessanten aber
verlebten Zügen
    »Gewiss«  antwortete sein Gegner in dem Landsfeld seinen Freund
Schattenfrei erkannte »Ist nicht ein solches Verhältnis bei dem der Mann nur
eine Nebenrolle spielen darf ein durchaus widerwärtiges und unästetisches
Eben weil es unästetisch ist finde ich es unsittlich Denn die Sittlichkeit
des Weibes liegt mit in seiner Grazie Verletzt es diese so hilft ihm alle
Keuschheit Nichts bewahrt es sie so kann es sich gar Manches erlauben was man
ihm fast missdeuten würde«
    »Unter der Bedingung dass sie nach ihrem Instinkt handelt und in ihrer
Empfindung Wahrheit ist«  fügte Landsfeld hinzu
    »So wäre Ihr Ideal etwa eine Isabella oder Lola«  fragte Jener
    »Ob das mein Ideal wäre ist gleichgültig«  sagte Landsfeld kalt »Aber für
sittlicher als manche andere über sie die Nase rümpfende halte ich die Beiden
allerdings Ich möchte noch mehr behaupten«  fuhr er seine Stimme erhebend
fort  Denn er hatte in einer Fensternische des halb dunklen Nebenzimmers zwei
Gestalten bemerkt deren eine er als Kornelia erkannte während die andere große
Ähnlichkeit mit Berger zu haben schien »Alle Gegensätze sind reiner und
tadelloser als die sogenannten Mittelstrassen mit denen sich nur die Dummen
oder die Heuchler begnügen können So ists beim Mann so beim Weibe Sich von
solcher Halbheit zu emanzipiren gleichviel in welches Extrem man dabei geht
darin besteht die wahre Emanzipation Vergleichen wir zum Beispiel einen
durchaus ehrenfesten Mann der in seiner Ehrenhaftigkeit ehrlich und vor allen
Dingen konsequent ist mit seinem Gegensatz einem Menschen der die Ehre für
ein bloßes Vorurteil hält und nun aus Prinzip in seiner Unehrenhaftigkeit eben
so ehrlich und konsequent ist wie Jener in seiner Ehrenhaftigkeit so sagt mir
das Letztere doch nimmer noch mehr zu als ein Mensch der zur konsequenten
Ehrlichkeit sowohl so wie zur konsequenten Unehrlichkeit zu feig ist Nichts
ist erbärmlicher als ein Mann der von Gewissensbissen geplagt wird Was sagen
Sie dazu Kornelia«  Die Letztere war eben durch den lauten Ton Landsfelds
aufmerksam gemacht aus der Fensternische in der sie mit Berger gestanden
hervorgetreten
    »Sie wissen teurer Freund dass wir in allen Dingen sympatisieren«  Sie
lachte Landsfeld ebenfalls und fuhr fort
    »In der weiblichen Natur findet dasselbe Verhältnis statt«
    »Wollen Sie dies Verhältnis nicht durchführen«  bemerkte die Sängerin
Gz eine feine Kokette welche sehr glänzendes schwarzes Haar sehr
glänzende Augen sehr schwellende Lippen und einen sehr schönen Wuchs hatte
    »Von Herzen gern Nur müssen Sie mir eine böse Angewohnheit zu gute halten
die nämlich dass ich zuweilen stark individualisire«
    »So wird Ihre Vergleichung desto pikanter werden«  erwiderte sie mutig
    Landsfeld lächelte »Es gibt manche Frauen bei deren erstem Anblick man
bewundernd ausruft Es gibt nichts Schöneres nichts Verführerisches Aber eine
Schönheit die verführt ist keine reine ist eine Unnatur Es liegt allerdings
etwas Dämonisches darum Unwiderstehliches in diesem prunklosen Glanz in dieser
flammenden eleganten Einfachheit in dieser frivolen Bescheidenheit und
raffinirten Unschuld Eine simple jugendliche Landdirne deren Herz jungfräulich
ist und deren Gedanken keusch sind  und eine Priesterin der modernen Mylitta
mit unverhülltem Busen und kurzem Rock  Das sind Extreme es ist wahr aber
jede zeigt wenigstens was sie ist sie verheimlichen nichts die Eine weil sie
nichts zu verheimlichen hat die Andere weil sie nichts verheimlichen will
Denn auch das Verbrechen hat seinen Stolz Es ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit
in Beiden Engel und Teufel Gut aber wenn der Teufel  um christlich zu reden
 seinen Huf und Schweif nicht in moderne Pantalons und Fracks verbirgt sondern
offen zur Schau trägt so ist er ohne Gefahr sollte man meinen  Wenn nun aber
das Äußere nicht der Spiegel des Innern ist wenn sich unter dem harmlosen
lieblichen Bilde einer züchtigen Jungfräulichkeit die Verderbnis des Innern
versteckt wenn fromme TaubenAugen Mühe haben die unreine Begierde nicht in
einem unvorsichtigen Strahl zu verraten«  die Sängerin schlug vor dem Blicke
Landsfelds die ihrigen zu Boden  »wo zarten frischen Lilienwangen die
Vorstellung einer unkeuschen Umarmung zu einer reizenden Schamröte verhelfen
muss«  die Sängerin errötete  »und auf dem rosigen Munde nur der Gedanke eines
buhlerischen Kusses ein bezauberndes Lächeln hervorruft  das Herz aber kalt ist
und besudelt   ein Engel von Außen ein Teufel von Innen und zwar ein Teufel
unter der Hülle eines sanften fühlenden Kindes     entschuldigen Sie ich
bin aus der Konstruktion gefallen und schließe daher mit folgender Definition«
 fügte er seinen patetischen Ton plötzlich in den gewöhnlichsten
Konversationston umwandelnd hinzu  »Ein kokettes Weib das seine Kunst
versteht ist weich anzufühlen wie eine Katze die die Klauen einzieht wenn man
sie streichelt aber nach Blut lechzt wenn sie kosend zu schnurren scheint«
    Landsfeld hatte durch diese Standrede sich vielleicht ein Paar Feinde mehr
in der Welt erworben aber er machte sich nichts daraus Indessen war eine
dampfende Bowle aufgetragen worden Man sammelte sich um den ovalen
Mahagonytisch der vor dem mit dunkelgrünem Samt überzogenen geschmackvollen
Rockokosopha stand In diesem Augenblicke wurde Landsfeld abgerufen Es war
Karl der ihn von der Ausrichtung seines Auftrags unterrichten wollte Als Karl
ihm referirte dass Nr 19 schon bestellt gewesen sei sagte Landsfeld zu sich
»Ich dachte es mir wohl  aber Nr 20« 
    »Ist für Sie reservirt« 
    Als der Baron wieder eintrat war bereits die ganze Gesellschaft um den
Tisch versammelt Auch Berger hatte seine Fensternische verlassen und neben
Alicen Platz genommen Der junge Musiker sah geisterhaft bleich aus Seine
frühere Frische der Farbe und jugendliche Fülle war fast ganz verschwunden
Landsfeld machte ihnen als er bei ihren Plätzen vorbeikam eine höfliche
Verbeugung die von Seiten Alicens durch ein unbefangen freundliches Nicken von
Seiten Bergers durch eine halb verlegene halb zornige Wendung des Kopfes
erwidert wurde Er rückte sich einen Stuhl neben das Sopha dessen Ecke die
Sängerin eingenommen hatte weil es ihm stets großes Vergnügen machte grade
Diejenigenwelche er kurz zuvor absichtlich aufs tiefste gekränkt und
gedemütigt mit der zuvorkommendsten Artigkeit zu behandeln um sich an ihrer
Verlegenheit zu weiden Zugleich bot ihm dieser Platz den Vorteil dar dass er
das Gespräch zwischen Berger und Alicen von denen er absichtlich halb
abgewendet saß hören konnte
    »Herr Assessor Tieftrunk ist wie ich mit Bedauern bemerkt habe heute nicht
hier«  sagte er mit einschmeichelndem Tone »Oder kommt er vielleicht noch
später«
    »Das kann ich Ihnen nicht sagen«  erwiderte sie kalt aber freundlich 
»Ich glaube jedoch nicht«
    »Darf ich in diesem Falle um die Erlaubnis bitten Sie nach Hause zu
geleiten« fragte er mit Herzlichkeit
    Sie errötete »Sie sind zu gütig Herr Baron Ich habe mich bereits
versagt« Fast hätte sie hinzugesetzt »leider« aber ein halber Blick auf Berger
setzte ohnehin den Baron sogleich von der Lage der Sache in Kenntnis Er
beschloss einen neuen Sieg über seinen ehemaligen Gegner zu feiern Doch gab es
noch einen andern tiefer liegenden Grund welcher ihn dazu bestimmte Es hätte
ihm in jedem andern Falle völlig gleichgültig sein können ob Berger der
Günstling dieser ihm gänzlich indifferenten Dame sei oder nicht Aber dass Jener
sie gerade heute nach Hause begleiten wollte kam ihm deshalb höchst ungelegen
weil er darauf gerechnet hatte heute Nacht den Plan welchen Berger wie er
überzeugt war mit Alicen gegen ihn oder Lydia angesponnen zu ergründen Aus
früherer Zeit wusste er nämlich dass Alice nach dem Schluss des Salons selten noch
nach ihrer weitgelegenen Wohnung sich begab sondern es vorzog die Nacht in
einem Zimmer des nächsten Gastofs zuzubringen Sie hatte zu diesem Zweck die
Einrichtung getroffen dass ihr an den Salontagen stets ein bestimmtes Zimmer 
es war Nr 19  reservirt wurde Landsfeld war diese Einrichtung sehr wohl
bekannt aber er war ungewiss ob es jetzt noch dasselbe Zimmer sei Deshalb gab
er seinem Bedienten den Auftrag gerade dies Zimmer für ihn zu bestellen und im
Falle es besetzt sei das Nebenzimmer aus dem da es nur durch eine dünne
Bretterwand von jenem geschieden war man sehr deutlich verstehen konnte was im
ersteren vorging und gesprochen wurde Wenn nun aber Berger nicht Alicen
begleitete sondern die Sängerin so war sein Plan vereitelt Er musste also vor
allen Dingen dahin zu wirken suchen dass die Sängerin Bergers Begleitung
ausschlug
    »Sie werden mich für verwegen halten«  fuhr er mit leiser Stimme aber mit
einer Intensität im Tone die ihre Wirkung auf das erregbare Temperament der
schönen Sängerin nicht verfehlte fort indem er seine Hand an der ein feuriger
Rubin strahlte auf die Sophalehne legte  »wenn ich dennoch die Überzeugung
ausspreche dass Sie mich zu Ihrem Begleiter erwählen werden«
    Es lag eine solche Sicherheit in dem was er sagte und zugleich eine solche
Zartheit in dem wie er es sagte dass sie einen Augenblick in Verlegenheit
geriet Vielleicht trug selbst der Umstand dass er ihr zu trotzen gewagt dazu
bei ihm seinen Sieg zu erleichtern Eben öffnete sie die Lippen um ihm zu
antworten als Alice ihr bis zum Rande gefülltes Glas erhebend die
Gesellschaft folgendermaßen anredete
    »Meine Herren und Damen Es ist so vielfältig und auch heute in unserm
Kreise schon öfters von dem wahren Wesen der FrauenEmanzipation gesprochen
worden ohne dass man wie es mir schien eigentlich darüber klar gewesen weder
wozu die Emanzipation diene noch wozu man darüber spricht Erlauben Sie mir
hierbei die Bemerkung dass gerade der männliche Teil der Gesellschaft sich
diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint das heißt am meisten
darüber spricht vielleicht weil er am wenigsten davon begreift Mich will es
bedünken als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden dass
man sich vom Hin und Herreden darüber emanzipirt Zwar hat auch die
Emanzipation des Worts ihr Recht und man muss dafür kämpfen ich gebe es zu aber
die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der Tat  Meine Herren und Damen
Wir wollen keine Wortelden werden hoffe ich geistreich zu sprechen und frei
zu denken ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Tun Gibt
es nicht Manche auch unter uns die hinter dem freien Wort die praktische
Impotenz verstecken Man schlage an seine Brust und frage sich ob zB die
Furcht vor der Polizei für uns Alle schon eine überwundene Kategorie ist Man
schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich Ich aber erhebe mein Glas
und rufe mit gutem Gewissen Die Emanzipation der Tat soll leben« 
    Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem
melancholischen Patos der Alice eigen war vorgetragenen Worten Nachdem der
Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war fuhr sie in
demselben Tone fort
    »Ich hoffe dass Sie mir nicht den Vorwurf machen werden als sündige ich
gegen mein eigenes Prinzip indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche Es
wäre eine Beleidigung die ich nicht verdiene denn ich habe wie gesagt ein
gutes Gewissen Meine Herren und Damen ich glaube mir praktisch das Recht
erworben zu haben über Emanzipation zu sprechen Oder sollte Jemand einen
Zweifel dagegen erheben«  Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher Eine
feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreise »Gut«  fuhr sie fort 
»ich sehe dass Sie mich kennen Lassen Sie sich denn sagen was ich über
Emanzipation des Weibes denke Meine Rede wird kurz aber inhaltsreich sein
Des Weibes Glück ist die Liebe
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit
Das ist mein Wahlspruch meine ganze Philosophie Es würde mir ein Vergnügen
machen diesen Satz zu verteidigen wenn sich ein Angreifer fände« Sie setzte
sich Nach einigen Sekunden während welcher die bisher beobachtete Stille nicht
unterbrochen wurde erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen in dessen
Gespräch mit Schattenfrei sich Landsfeld gemischt hatte
    Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes
deutlicher beobachten Es war in Gesicht von dem man sagen konnte dass jeder
Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor
gestorbener Hoffnungen war
    »Wenn ich Sie recht verstehe so wollen Sie sagen dass das Weib nur wahrhaft
lieben kann wenn und in so fern es frei ist und nur dann wahrhaft frei ist
wenn es liebt«
    »Ja  doch unter der Bedingung dass Sie unter der Freiheit nicht bloß
Freiheit das heißt Unbeschränkteit in der Empfindung sondern Freiheit
überhaupt sociale Freiheit begreifen«
    »Was nennen Sie sociale Freiheit«
    Alice dachte einen Augenblick nach »Freiheit der Individualität«  sagte
sie endlich »Vergessen Sie nicht dass wir von der Emanzipation der Frauen
sprechen Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen lässt sich diese Erklärung
rechtfertigen  Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphiren Dass es nicht
so ist liegt in der Verkehrtheit unserer socialen Verhältnisse«
    »Vielleicht lässt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf
FrauenEmanzipation anwenden weil sie zu allgemein ist Denn mir scheint in der
Forderung die weibliche Individualität zu emanzipiren ein Widerspruch zu
liegen«
    »So meinen Sie also dass das Weib dazu verdammt ist ewig in den Fesseln zu
schmachten die ihnen Willkür und Herrschsucht der Männer angelegt«
    »Nicht Herrschsucht der Männer sondern die Natur«  erwiderte er ruhig
    »Das sagen Sie aber ich fordere einen Beweis Ist das Weib etwa weniger
Mensch als der Mann bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe
Freilich die Männer möchten es gern so darstellen«
    »Der Mann hat seine Schranke das Weib die seinige und in beiden Fällen
führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe«
    »Oh ich ahne was Sie sagen wollen Aber ich finde darin keinen Beweis
Denn dass diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug«
    »Alle Schranken können wenn auch nicht überwunden so doch durchbrochen
werden auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister
des Kunstwerks wenn er es zerschlägt«
    »So beantworten Sie mir die Frage woher es kommt dass gerade die edelsten
gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten
vernachlässigen Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen wenn
es die Pflichten der Gattin und Mutter nur recht treu erfüllte und den
Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände das höchste Ideal eines
Weibes Ich wünsche aufrichtig dass dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht
werde«
    Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem
welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte
    Denn Frauen können im Streite mit Männern nur dann siegen wenn sie entweder
auf ihr »Gefühl« sich berufen oder aber wenn sie hierzu zu stolz sind ihren
Gegner lächerlich machen Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste weil diese
Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner
allerdings zum Schweigen gebracht aber ein kaltes bitteres Lächeln woraus
neben dem Bewusstsein seiner Überlegenheit noch die Ironie über die Art seiner
Niederlage hervorleuchtete schwebte auf seinen Lippen als er sich tief
verbeugend sprach »Ich erkenne mich für überwunden«
    »So werde ich Ihren Kampf fortsetzen«  sagte plötzlich Landsfeld der
bisher mit der schönen Sängerin beschäftigt der Unterhaltung gar keine
Aufmerksamkeit gewidmet zu haben schien
    »Und ich den Ihrigen«  nahm Berger zu Alicen gewendet das Wort
    »Dann muss ich meinen Vorsatz aufgeben denn mit ungleichen Waffen schlage
ich mich nicht mehr«  erwiderte Landsfeld kalt
    Berger erblasste »Wie verstehen Sie das Herr Baron« fragte er in
leidenschaftlicher Aufregung
    »Ich fürchte einen Kampf mit Ihnen«  Er lächelte zweideutig »Sie müssen
das aus Erfahrung wissen Ich bitte Sie mich zu schonen schon aus
Gegengefälligkeit«
    Berger schwieg aber die ohnmächtige Wut welche im Gegensatz zu
Landsfelds kalter Ruhe aus seinem krampfhaft verzogenen Gesicht sprach hatte
die ganze Gesellschaft hinlänglich über die tiefe Feindschaft welche zwischen
diesen beiden Männern herrschte aufgeklärt und eine allgemeine Verstimmung
hervorgebracht Man teilte sich wieder in Gruppen
    »Sie sind ein fürchterlicher Mensch«  sagte die Sängerin welche mit
Erstaunen diesem kurzen Wortwechsel zugehört »Was hat Ihnen der arme Mensch
getan dass Sie ihn so demütigen«
    »Er hat es gewagt« erwiderte Landsfeld ausweichend mit verführerischem
Lächeln ihre Hand küssend  »seine Blicke auf Sie zu werfen Das verdient noch
weit härtere Züchtigung«
    »Sie sind ein Heuchler«  sagte sie halb zornig halb geschmeichelt
    Berger war wieder zu Kornelien getreten »Still«  sagte diese  »wir
sprechen darüber weiter Wollen Sie sie wirklich noch nach Hause begleiten«
    »Ich weiß es nicht Es ist ein göttliches Weib  Aber dieser Mensch ist er
nicht mein böser Genius Tritt er mir nicht überall in den Weg wo ich im
Begriff bin mein Ziel zu erreichen Auch Alice« 
    »Lassen wir das ruhen Sie wissen dass ich ihn Ihretwegen hasse mehr als
je  Wann werden Sie zurück sein«
    »Kann man das Glück nach Minuten berechnen Ich weiß es nicht«
    »Wenn Laura nun aber ihre Meinung geändert hätte Wenn Landsfeld « fragte
sie leise
    »So ermorde ich ihn in ihren Armen« sagte er flüsternd aber vor Wut
zitternd
    »Das werden Sie nicht tun Auch hilfe es uns nichts Kennen Sie keine
süssere Rache denken Sie an Lydia« 
    »Sie haben Recht Ich werde mich bezwingen  Betrachten Sie diese
Koketterie diese lüsternen Blicke«  fuhr er fort mit dem Blicke auf Landsfeld
deutend der zwei Schritte weit von ihnen sich auf die Lehne des Sessels
stützte worauf Laura in verführerischer Stellung saß
    »Jetzt ist der Augenblick gekommen«  flüsterte Landsfeld indem er von
ihrem Stuhle zurücktrat und sich zu einer andern Gruppe gesellte die das
Gespräch über Emanzipation fortsetzte teils die Ansicht Alicens teils die
ihres Gegners verteidigte
    Die Sängerin wandte ihren schönen Kopf nach Berger um und winkte ihn zu
sich Er setzte sich neben sie »Sie werden böse sein Arthur«  sagte sie leise
 »aber ich fordere vor Allem Vertrauen von Ihnen«  Er schwieg »Sie können
mich heute nicht begleiten«  fuhr sie durch sein Schweigen in Verlegenheit
und durch diese Verlegenheit in Zorn gesetzt fort Er wollte aufstehen
»Bleiben Sie Sein Sie kein Tor Berger Ich habe wirklich einen triftigen
Grund den ich Ihnen morgen mitteilen werde«
    »Ich zweifle nicht an der Triftigkeit Ihrer Gründe«  sagte er bitter
»Laura«  fuhr er nach einer Pause seinen Ton verändernd fort  »seien Sie
barmherzig haben Sie Mitleid mit mir Sie werden mich zur Raserei bringen«
    Sie zog den Shawl der ihr von den Schultern gefallen war fest zusammen
    »Es hilft Ihnen nichts«  flüsterte Berger der diese unwillkührliche
Bewegung verstand  »Ein Blick aus Ihrem Auge ist hinreichend um mich in eine
Hölle von Sehnsucht und Verlangen zu stürzen« Er ergriff ihre Hand »Laura
wollen Sie mich in dieser Hölle lassen Sprechen Sie«  Seine Stimme zitterte
 Sie schwankte einen Augenblick aber ein ironisches Lächeln das sie auf den
Lippen Landsfelds welcher von Berger ungesehen keinen Blick von ihr
verwandte sich zusammenziehen sah machte ihrem Schwanken schnell ein Ende Sie
errötete über ihre Schwäche
    »Es kann nicht sein Arthur wirklich nicht  Glaubst Du denn dass es mich
keine Überwindung kostet zu entsagen«
    Berger ließ in tiefer Mutlosigkeit den Kopf sinken »Wohl«  sagte er wie
zu sich selbst sprechend  »es wäre auch zu viel Seligkeit gewesen Ein
Wahnsinniger nur konnte das für möglich halten«
    Sie hatte wirkliches Mitleid mit ihm aber die Wurzeln welche das Mitleid
in ihr trieb verdrängten die welche die Leidenschaft für den jungen Mann darin
geschlagen hatten Jetzt hatte sie nur noch ein Gefühl von peinlicher
Befangenheit und den Wunsch dieser unangenehmen Szene bald ein Ende zu machen
    Landsfeld ahnte ihre Stimmung Mit großer Leichtigkeit und liebenswürdiger
Kourtoisie trat er heran und bot ihr seinen Arm »Wenns Ihnen jetzt gefällig
ist mein Fräulein so gehen wir«  sagte er ohne Berger eines Blickes zu
würdigen
    »Gern lieber Baron Ich werde mich sogleich fertig machen« Sie stand auf
und begab sich in das Nebenzimmer
    Kornelia nahm ihre Stelle ein
    »Nun habe ich Recht gehabt« fragte sie leise
    Berger saß noch immer in der zusammengeknickten Stellung als hätte er die
Entfernung Lauras gar nicht bemerkt Durch den Ton Korneliens aufgeschreckt
blickte er sie plötzlich wild an und flüsterte ihr ins Ohr »Und ich darf ihn
wirklich nicht ermorden«
    »Und Lydia«  fragte sie in derselben Weise
    »Sie haben Recht« er stand auf und wollte forteilen als Alice auf ihn
zutrat mit der Frage ob er sie begleiten wolle
    »Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzuteilen«  sagte sie Er zeigte sich
bereit »So komm«
    In wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft den Salon verlassen um sich
nach Hause zu begeben
 
                                 Achtes Kapitel
In einem kleinen aber mit orientalischer Pracht ausgestatteten Zimmer finden
wir nach einer Stunde Landsfeld wieder Er saß auf einem niedrigen Divan an der
Seite Lauras die in reizendem aber ziemlich ungeordneten Negligée darauf
ausgestreckt lag und spielte mit ihren seidenen Locken Ihr voller und blendend
weißer Arm ruhte unter ihrem Haupte das in träumerischem Ermatten
zurückgesunken war
    »Sie sind schläfrig Laura«  sagte Landsfeld  »Es wird Zeit sein dass ich
Sie verlasse«
    Sie öffnete die halbgeschlossenen Augen und lächelte »Noch einen Kuss mein
Geliebter«  sagte sie leise ihren linken Arm um seinen Hals legend Er bog
sich zu ihr nieder und küsste sie »Dein Atem ist glühend wie das Wehen des
Sirokko Geliebter« sagte sie indem ein neuer Wonneschauer durch ihren Körper
bebte Er sprang empor und warf den Mantel um sich Sie richtete sich ebenfalls
auf
    »Sagen Sie mir nur noch Eins Baron  Aber die Wahrheit Trieb Sie nur die
Lust dazu über Berger einen Sieg davon zu tragen dass Sie mir Ihre Begleitung
anboten«  Sie sah mit ihrem großen Auge tief in das seinige
    Nach einer Pause erwiderte er »Ich will aufrichtig sein Laura Anfangs
allerdings Aber es war nicht der einzige Grund Ich hatte Sie gekränkt
absichtlich gekränkt und dazu hatte ich kein Recht Deshalb näherte ich mich
Ihnen Später aber war es weder das Erste noch das Zweite sondern Etwas was
ich seit langer Zeit nicht mehr gekannt Wärme der Empfindung Ich bin Ihnen
dankbar dafür Laura dass Sie mich wieder mit der Liebe versöhnt haben«
    Sie lächelte »Es ist gut dass Sie aufrichtig waren Mehr hiefür als für
die Wärme als deren Urheberin Sie mich darstellen wollen will auch ich mich
dankbar erweisen«  Mit geheimnisvoller Stimme fuhr sie fort »Nehmen Sie Lydia
in Acht«
    Er erschrak Wie kam dieser Name in dieses Zimmer
    »Es ist etwas im Werke gegen sie« 
    »Wer«  Seine Stimme bebte als er dies Wort sprach
    »Berger und noch Jemand den ich nicht kenne«
    Landsfeld sann einen Augenblick nach Dann küsste er herzlich ihre Hand und
sagte mit einer Innigkeit zu der ihn die schöne Sängerin durch ihre süßesten
Liebkosungen nicht hatte bringen können »Das vergesse ich Ihnen nie Laura 
Leben Sie wohl«
    Sinnend ruhte ihr Blick noch einige Minuten auf der Stelle wo er gestanden
»Ich möchte das Mädchen kennen lernen das einen solchen Mann so erfüllen kann«
 sagte sie halblaut indem sie aufstand um sich zur Ruhe zu begeben
    Landsfeld eilte nach dem Gasthofe »Wenn es nur nicht zu spät sein wird« 
dachte er »Sollte Alice wirklich so niedrige Gesinnung haben Ich kann es nicht
glauben So wenig Herz sie hat so viel Edelmut und hohen Sinn traue ich ihr
zu  Aber wer sollte es sonst sein  Berger fürchte ich nicht Doch diese
Frauen führen selbst den Teufel an wenn sie es darauf anlegen«
    Während dieses Selbstgesprächs hatte er den Gasthof erreicht Schnell ließ
er sich den Schlüssel zu seinem Zimmer geben Jede Begleitung zurückweisend
nahm er dem Kellner das Licht aus der Hand und ging allein die Treppe hinan Er
öffnete vorsichtig die Türe von Nr 20 und verriegelte sie eben so vorsichtig
nachdem er eingetreten war Als er sich in großer Stille entkleidet setzte er
sich auf ein Sopha das neben der Zwischentüre stand
    »Sollten sie ein anderes Zimmer gewählt haben« fragte er sich weil sich
nicht das geringste Geräusch hören ließ »Oder sollten sie mein Kommen gehört
haben«
    Nach einiger Zeit schien es als ob in dem Nebenzimmer eine weibliche Stimme
flüsterte Landsfeld behielt ruhig seinen Platz
    »Ich begreife Deine Verzweiflung vollkommen«  sagte die Stimme »und finde
sein Betragen grausam und unedel obendrein Aber gibt Dir das ein Recht auch
grausam und unedel zu sein Und gegen wen Gegen ein Wesen das an der ganzen
Sache völlig schuldlos ist Nein Arthur das ist Deiner unwürdig«
    »Nenne mir ein anderes Mittel«  erwiderte eine dumpfklingende männliche
Stimme  »so will ich es mit Freuden ergreifen Wo ist dieser Mensch zu
verwunden Ich kenne keine Stelle als diese Und dann ist sie gegen mich nicht
auch grausam gewesen Hat sie mich nicht von sich gestoßen als ich verzweifelnd
zu ihren Füßen lag«
    »Warum wirfst Du nicht alle Schuld auf mich«  fragte sie traurig »O es
ist mein Schicksal überall den Saamen des Unheils und des Verderbens
auszustreuen wo ich beglücken wollte Alle denen ich bisher meine Liebe
geschenkt sind dadurch elend geworden Auch an Deinem Unglück bin ich schuld«
    Eine lange Pause trat ein Dann sagte die männliche Stimme »So willst Du
also nicht die Hand dazu bieten«
    »Nein« 
    »So leb wohl  Doch noch Eins Du wirst uns nicht verraten«
    »Uns« 
    »Mich  wollt ich sagen«
    »Das hängt von den Umständen ab Aber ich werde Euren oder Deinen Plan
vereiteln« 
    Er schlug ein lautes Gelächter auf »Gib Dir keine Mühe Es wird Dir zu
Nichts helfen  Leb wohl« 
    Landsfeld hörte eine Türe öffnen schließen und von Innen verriegeln
Männliche Schritte erschallten auf dem Korridor  die Treppe hinab  die
Haustüre öffnete sich  dieselben Tritte tönten von der Straße herauf  dann
wards still 
    Landsfeld erhob sich und öffnete einen Kleiderschrank der an derselben Wand
stand Er war leer Seinen Mantel fest um sich schlagend so dass er nur die
rechte Hand frei behielt stieg er ganz in den Schrank hinein und tastete wie
suchend an der Hinterwand desselben umher Endlich schien er gefunden zu haben
was er suchte Denn wie durch ein Zauberwort öffnete sich plötzlich die Wand
welche eine verborgene Tapetentüre war und ließ Landsfeld einen Blick in das
andere Zimmer tun Es rührte sich nichts darin Er öffnete sie so weit dass
sein Körper gerade hindurch konnte und schloss sie dann mit derselben
Behutsamkeit von der andern Seite Dieses ganze Experiment war so geräuschlos
vollbracht worden dass die Inhaberin des Zimmers in welchem Landsfeld jetzt
war noch nichts davon merkte als er schon vor ihr stand Sie lag auf dem
Sopha den Kopf nach der anderen Seite gewandt und schien zu schlafen
    »Alice«  sagte er sanft
    Erschreckt hob sie den Kopf und sprang als sie die verhüllte männliche
Gestalt erblickte mit einem Satz empor indem sie einen raschen Griff in ihren
Busen tat
    »Lass ihn stecken Alice«  er meinte den Dolch den Alice stets bei sich zu
tragen pflegte  »hast Du den Ton meiner Stimme schon vergessen« 
    »Du bists Richard Wie bist Du hereingekommen«
    »Das will ich Dir ein anderesmal erzählen Jetzt hab ich etwas Wichtigeres
Berger war bei Dir Was beabsichtigt er«
    »Wenn Du weißt dass er bei mir war so wirst Du auch wissen was er mir
davon gesagt hat« 
    »Nein ich bin erst vor wenigen Minuten zurückgekommen und habe nur das Ende
Eures Gesprächs gehört  Was beabsichtigt er  Warum antwortest Du nicht« 
    »Weil ich nicht will Du täuschest Dich in mir Richard wenn Du glaubst
ich sei ein Weib wie andere Weiber und zu lenken wie sie Habe ich
Verpflichtungen gegen Dich Hast Du noch Ansprüche auf meine Erkenntlichkeit 
Ich sage Nichts« 
    Darauf hatte Landsfeld nicht gerechnet und doch war es ihm klar dass er um
jeden Preis das Geheimnis erfahren musste aber durch welche Mittel Durch Furcht
war Alice eben so wenig als durch Versprechungen zu gewinnen und an seine Liebe
würde sie nicht glauben
    »Warum willst Du es mir nicht sagen Alice« fragte er endlich
    »Ich habe keinen Grund für das Gegenteil lieber Richard  Es tut mir
leid dass ich weder einfältig noch gutmütig genug dazu bin mich als Mittel
brauchen zu lassen und etwas Anderes würde ich Dir nie sein können Du achtest
mich  ob mit Recht oder Unrecht mag dahin gestellt sein  zu wenig um mich
Deines Vertrauens würdig zu halten Dagegen habe ich nichts einzuwenden obschon
es mir wehe tut weil ich fühle dass ich besser bin als Du glaubst Mich aber
zu den vielen Nullen zählen zu lassen zu denen Du die Eins bildest dazu
Richard bin ich zu stolz  Unterbrich mich nicht Ich freue mich dass einmal
der Augenblick gekommen wo ich mich offen hierüber gegen Dich aussprechen kann
Richard ich halte Dich nicht bloß für einen unglücklichen sondern auch für
einen törichten Menschen weil Du nach Liebe umherspähest ohne zu bedenken
dass man selber der Liebe fähig sein muss wenn man sich in der Liebe Anderer
befriedigt fühlen will Nur so viel Gefühl man selbst in ein Verhältnis
hineinträgt so viel Glück und Freude trägt es ein Wärst Du nur Egoist
Richard so wäre nichts dagegen zu sagen Jeder schafft sich seine eigene Welt
Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben so würde auch dies noch
passabel vernünftig sein Aber Du willst nicht bloß Egoist sein und geliebt
werden sondern auch wahrhaft glücklich sein durch diese Liebe das Richard
nimm es mir nicht übel ist einfältig  denn es ist eine Unmöglichkeit«
    Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken aber er antwortete Nichts Alice
fuhr fort
    »Sieh Richard das ist der Grund weshalb Du auch mich nicht verstanden
hast Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt Du begriffst
nicht dass mir die Persönlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Träger
meines Liebeideals sein konnte So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein
als ich fand dass Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest also
die unbedingte ausschliessliche Liebe welche Du fordertest nicht verdientest
Berger wie er damals war sein reines kindliches Gemüt zog mich gerade durch
den Gegensatz zu Dir an Und dennoch hätte ich an Dir festgehalten wärst Du
nicht kleinlich genug gewesen auf ihn eifersüchtig zu sein Schon deshalb war
es ein Akt der Humanität ihn glücklich zu machen  Dass ich es ohne Dein Wissen
und Willen tat daran warst Du selbst schuld Du zwangst mich dazu durch Deine
despotische Eifersucht denn 
   unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einräumen 
    Doch ich will darüber schweigen denn die Zeiten sind vorbei Jetzt lieb
ich weder Dich noch Berger mehr Aber eben darum wirst Du begreifen warum ich
Keinen dem Andern aufopfern kann  Ich bitte Dich aufrichtig keine Bitte an
mich zu verschwenden Die Versagung würde Dich nur gegen mich erbittern und das
würde mir leid tun Denn ich halte Dich noch immer hoch und wert«
    Diese mit völlig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit
gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes
Gemüt Er fühlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenüber
der an Selbstständigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt ihm ein
unwillkührliches Gefühl der Achtung abzwang Er glaubte merkwürdiger Weise
diesmal an die Wahrheit dessen was er so eben gehört und grade diesmal wurde
er wenn auch nicht ganz so doch teilweise getäuscht Alice liebte ihn
wirklich noch und vielleicht glühender als je aber mit jenem Scharfblick der
nur Frauen eigentümlich ist hatte sie den einzigen möglichen Weg auf dem sie
sein Vertrauen und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte
richtig erkannt und mit großer Selbstverläugnung eingeschlagen Nur dadurch dass
sie eine völlig unbefangene selbstständige Stellung ihm gegenüber einnahm war
es möglich  das fühlte sie  ihn zur Verlassung der seinigen und zur
Annäherung an sie zu bewegen Sie wurde allerdings hierin durch ihren
natürlichen Edelmut von dem er sich selbst durch Anhörung jenes Gesprächs
überzeugt hatte so wie durch den Zufall der sie in den Besitz eines ihm
wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte von dem sie übrigens weniger wusste als er
glaubte bedeutend unterstützt aber alle diese Vorteile hätten ihr nichts
genützt wäre sie schwach genug gewesen ihm ihre vom Erlöschen noch sehr ferne
Liebe zu ihm ahnen zu lassen
    »Ich kann Dich nicht zwingen Alice«  sagte er mit einer Art von
Resignation die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmut verlieh
welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlägen trieb »Doch noch habe ich
selbst Kraft genug um mein Heiligtum vor Entweihung zu schützen Wehe dem der
es wagt Lydia mit einem Worte zu verletzen Wehe auch denen die schwiegen als
sie reden konnten«
    »Reden werd ich nicht Richard Aber dass ich nicht handeln wollte wenns
Zeit dazu ist habe ich Keinem versprochen  Jetzt lasse mich allein der
Morgen dämmert schon« Sie reichte ihm die Hand er drückte sie herzlich
    Landsfeld eilte in den Hof hinab bestieg sein Pferd und trabte gefolgt
von seinem Bedienten durch den grauen Herbstnebel welcher sich dicht auf die
noch menschenleeren Straßen gelagert hatte
 
                                Neuntes Kapitel
Etwa acht Tage nach den oben erzählten Szenen standen zwei tiefverhüllte
Gestalten an der langen Mauer welche die eine Seite der AnhaltStraße bildet
und blickten aufmerksam nach der BelEtage eines der reizenden Häuser dieser
schönen Straße hinüber Ein dichter feiner Regen verdüsterte die Luft und schien
selbst den hellerleuchteten Gaslaternen ihren flammenden Atem zu benehmen Eben
schlug es elf Uhr ein langanhaltendes immer stärker werdendes Pfeifen
durchschnitt die Luft Es war das AnkunftsSignal des letzten Zuges der
Anhaltischen Eisenbahn Mit unverwandten Blicken schaueten die Beiden hinüber
nach den Fenstern Endlich sagte die kleinere dem Anschein nach weibliche
Gestalt
    »Was nützt es dass wir hier im Regen stehen und uns ennuyiren Lassen Sie
uns nach Hause gehen Ich leide ohnehin an Rheumatismus«
    Ein tiefer krampfhafter Seufzer war die Antwort  Nach einer Pause
erwiderte eine männliche Stimme
    »Gehen Sie immer hin Sie Glückliche die Sie noch nicht verlernt haben sich
zu langweilen«
    Das tragische Patos mit dem diese Worte gesprochen wurden musste etwas
Komisches enthalten denn Jene lachte als sie mit demselben patetischen Accent
erwiderte
    »Sie Glücklicher der Sie verlernt haben sich zu langweilen«  und fuhr
dann mit verändertem Tone fort »Aber ernstaft gesprochen Sie sind ein Narr
dass Sie sich so selber quälen nehmen Sie mir den Ausdruck nicht übel 
Apropos Wie weit sind Sie mit Laura gekommen«  Es lag ein solcher Ausdruck
von boshafter Schadenfreude in der Art wie diese Frage getan wurde dass der
Andere zornig aber mit leiser Stimme erwiderte
    »Sie sind ein wahrer weiblicher Mephisto Kornelia Sie verstehen sich
vortrefflich darauf den moralischen Henkersknecht zu spielen« 
    »Mässigen Sie sich teurer Freund den ich gern meinen Faust nennen würde
wäre er nicht ungeschickt genug gewesen sich sein Gretchen fortschnappen zu
lassen«  Sie lachte über ihren vortrefflichen Witz und wollte fortfahren als
er ihr ins Wort fiel
    »Schweigen Sie und reizen Sie mich nicht zum Äußersten Ich bin gerade in
der Stimmung um Sie dahin zu schicken wohin Sie eigentlich gehören in die
Hölle«
    »Das werden Sie bleiben lassen Berger« erwiderte sie ruhig »Wer würde
dann den gutmütigen Narren spielen der seine Pfote hergibt Ihnen die
Kartoffeln aus dem Feuer zu holen«
    »Es ist wahr«  erwiderte er ohne daran zu denken welche arge
Beleidigung er damit sagte
    Als Erwiderung für seine Aufrichtigkeit setzte sie höhnisch hinzu  »Aber
nicht eher mein Freund nicht eher stecke ich die Pfote ins Feuer als bis die
Kartoffeln tüchtig gebraten und gar sind Ha ha«
    »Weib«  rief er zähneknirschend indem er sie wütend an der Schulter
packte  »Bringe mich nicht zum Rasen sag ich Ich möchte bei Gott vergessen
dass  « die Wut erstickte seine Stimme
    »Dass ich Dich noch gebrauchen kann«  ergänzte sie ruhig »Meinten Sie nicht
das  Nun gut ich will schweigen unter der Bedingung dass Sie diesen verdammt
langweiligen Ort verlassen«
    »Einen Augenblick noch«  bat er indem er seine Aufregung bekämpfte »Sehen
Sie«  setzte er zitternd hinzu »Die Lichter werden schon ausgelöscht« 
    In der Tat nahm die Helligkeit drüben sichtbar ab Endlich schien nur noch
ein Licht in dem Zimmer zurückgelassen zu sein Da trat ein Mann ans Fenster
und blickte hinaus
    »Er ist es«  flüsterte Berger den Atem anhaltend
    Jetzt wandte sich der Mann oben um als spräche Jemand zu ihm Gleich darauf
wurde eine weibliche Gestalt sichtbar Sie lehnte sich an ihn an er drückte
einen langen Kuss auf ihre Stirn
    »Hölle und Teufel«  knirschte Berger halblaut
    Der Mann am Fenster schien etwas gehört zu haben Denn noch einmal lehnte er
sich aus dem Fenster und blickte forschend auf die Straße Aber der Nebel war zu
dick auch hatte sich Berger mit Kornelien hinter die Gaslaterne postirt deren
Schein ihn blenden mochte Er zog den Kopf zurück und schloss das Fenster Jetzt
schien er zu der jungen Dame gewendet etwas zu sprechen Denn plötzlich fiel
sie ihm um den Hals und verbarg ihren Kopf an seiner Brust  Gleich darauf
verschwanden sie von dem Fenster und das Licht verlosch
    Berger starrte noch immer zu dem Fenster empor als sei er überzeugt dass es
sich noch einmal erhellen müsse Aber er wartete vergeblich  Wie aus einem
schweren Traum erwachend fuhr er sich über die Stirn und sagte mit gebrochener
Stimme
    »Sie hatten doch Unrecht Kornelia als Sie mich davon abhielten ihn zu
ermorden« 
    »Morgen werden Sie das Vernünftige meines Rats selbst einsehen«
    Sie ergriff ihn beim Arm und führte ihn fast willenlos fort
             
    Es war der Hochzeitstag Landsfelds und Lydias Sie hatten ihn ganz in der
Stille gefeiert weil Lydiens Mutter noch zu schwach war um das Geräusch und
die Aufregung welche eine große Gesellschaft stets mit sich bringt ertragen zu
können Nur der Hofrat und eine Jugendfreundin der Forsträtin welche zugleich
als Zeugen der Trauungsceremonie beigewohnt hatten waren bei diesem Feste
zugegen gewesen hatten sich jedoch bald nach zehn Uhr von der Forsträtin und
dem jungen Paare verabschiedet
    »Ich bin ermüdet lieben Kinder«  sagte Frau von Dorntal welche in einem
bequemen Lehnsessel mehr lag als saß  »und werde mich zur Ruhe begeben«
    Landsfeld welcher fühlte dass er in diesem Augenblick die beiden Frauen
einander überlassen müsse stand auf und ging in das Nebenzimmer in welchem er
die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis aufs letzte auslöschte
und dann ans Fenster tretend auf die Straße hinabsah Lydia folgte ihm nach
einigen Minuten
    »Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen«  sagte sie sich an ihn
schmiegend  »Sie grüßt Dich herzlich«
    »So lass uns auf die unseren gehen«  erwiderte er sie umfassend  »Komm
Geliebte komm jetzt gehören wir ganz einander an Verstehst Du Lydia was das
heißt« 
    Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn
an seine Brust
    Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam und leise den Kopf
schüttelnd dann führte er sie mit sich fort indem er das letzte Licht auf dem
Tische mit sich nahm
    Das Schlafzimmer der Neuvermählten lag nach dem Garten heraus Es war
einfach aber höchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet Durch ein schmales
Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf und Arbeitszimmer Landsfelds nach
der andern von dem Speisesaal getrennt aus dem eine Tür nach dem ebenfalls mit
seinem Arbeitszimmer zusammenhängenden Wohnzimmer Lydiens die andere nach den
auf der anderen Seite liegenden Gemächern der Forsträtin
    Um die Mutter nicht zu stören gingen sie statt direkt durch den
Speisesaal durch das Arbeitszimmer Landsfelds
    »Geh Geliebte«  sagte Landsfeld sie mit Innigkeit umschlingend nachdem
sie das letztgenannte Zimmer betreten  »Geh lass Dich von Gertrud
entkleiden« 
    Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirtschafterin in den neuen
Hausstand mit eingetreten 
    »Bist Du nicht allzu müd mein Herz so komme ich noch auf ein paar Minuten
mit Dir zu plaudern«
    Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten
sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin Vielleicht hoffte
er dass sie ihm antworten werde aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter
schamhaftem Erröten und eilte schnell zur Türe hinaus
    Er blickte ihr lange sinnend nach als suche er den Grund von Etwas das er
sich nicht erklären könne
    »Wer mir doch Gewissheit geben könnte«  sagte er vor sich hin »Zwar
erstaunte sie nicht über das was ich ihr sagte sie schien es ganz natürlich zu
finden  aber warum errötete sie denn  Und endlich frage ich Kann eine
solche Unschuld wie sie sie zu haben scheint  vielleicht nur scheint  möglich
sein bei einem Mädchen von 19 Jahren Ist es denkbar dass der Zufall sie vor
jedem zweideutigen Worte vor jeder verschleierten Anspielung vor jedem «
Bilde wollte er sagen aber er sprach das Wort nicht aus sondern schloss mit
einem bitteren Lachen da ihm einfiel dass man sich durch dergleichen Fragen in
der keuschen Residenz dem züchtigen Berlin  nur lächerlich machen könnte Und
dennoch tat er ihr durch diese Zweifel unrecht
    Lydiens Phantasie war in der Tat völlig rein und fleckenlos Noch hatte sie
keine Ahnung  oder doch gewiss keine Vorstellung von einer andern als wie
geistigen und gemütlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten Vielleicht war
es nicht klug gehandelt von der Forsträtin dass sie ihre erwachsene Tochter
über die Ehe nie aufgeklärt hatte Aber sie konnte es nicht übers Herz bringen
den Kindeshimmel dieses reinen Gemüts zu zerstören Dass Lydia durch andere
zufällige Anlässe zu einer Kenntnis in dieser Beziehung kommen könnte ohne dass
es von dem mütterlichen Auge wahrgenommen würde hielt sie für unmöglich Denn
sie wusste dasswenn ein jungfräuliches Herz seine Reinheit so lange ungefährdet
erhalten hat es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede
Verunreinigung besitzt und dass übrigens sollte doch ein unvorhergesehener
Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern
seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und groß sein würde als dass es ihn
vor dem Scharfblick mütterlicher Liebe verbergen könnte Die Bedenken welche
Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege
erhielten und welche nur bewiesen dass er von der wahren Reinheit des
weiblichen Gemüts keinen Begriff hatte ließ sich sämtlich durch die
einfache Tatsache widerlegen dass Lydiens Ohren und Augen über solche
Anspielungen und Anschauungen entweder teilnahmlos fortglitten weil sie sie
nicht verstand oder aber  waren sie zu deutlich und folglich zu krass  sie von
ihnen ohne sich eigentlich des Grundes bewusst zu werden nur einen
unangenehmen wiederwärtigen Eindruck erhielt den sie so schnell wie möglich
wieder los zu werden suchte Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im
Geringsten dadurch höchstens wurde ihr Geschmack beleidigt Aber jetzt war sie
in einer ihr selbst unerklärlichen tiefen Bewegung Der Gedanke jener von den
Mädchen eben so ersehnte als gefürchtete Augenblick welcher die Grenze zwischen
dem Jungfrauen und Frauenleben bildet sei jetzt gekommen setzte sie
vielleicht in desto größere Spannung und ließ ihren Busen vielleicht um so
ängstlicher auf und abwogen je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner
wahren Bedeutung hatte
    »Ach Gertrud«  sagte sie zu ihrer Amme »sag mir nur warum mir so angst
ist  Fühl einmal wie mir das Herz schlägt« Bei diesen Worten nahm sie die
trockene harte Hand Gertruds welche sie bereits entkleidet hatte und eben im
Begriff war ihr das Nachtkleid überzuwerfen und legte sie unter ihre linke
jugendliche Brust
    »Lass nur gut sein Lydchen«  erwiderte Gertrud lächelnd welche das Recht
hatte ihre junge Herrin noch als ihr Pflegekind zu behandeln  »Lass nur gut
sein Ich kenne das bin auch mal jung gewesen und habe gezittert und gebebt
als sie mir in der Kammer den Brautkranz aus dem Haare nahmen Aber s gibt
sich halt mit der Zeit«  Sie seufzte »Aber sag mir Kindchen warum willst
Du denn noch aufbleiben warum legst Dich nicht ins Bettchen« 
    »Richard kommt ja noch zu mir Gertrud« 
    »Kommt er noch«  erwiderte Gertrud wie verwundert über diesen Grund mit
fast ironischem Tone
    »Freilich Gertrud Er hat es mir ja versprochen«  sagte Lydia treuherzig
    »Hat er wirklich«  fragte Gertrud wie vorhin indem sie den Kopf
schüttelte
    »Nun ja Was fällt Dir dabei auf Gertrud  ist er nicht mein Mann«  Sie
errötete als sie mit schamhaftem Lächeln von ihrem »Manne« sprach Die Alte
schüttelte noch immer fort
    »Du bist ja heut ganz wunderlich Gertrud  Geh nur  Richard wird gleich
kommen«
    Gertrud drückte sie mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Feierlichkeit an
das Herz  zündete dann die in einer Glocke von rosafarbenem Glase hängende
Nachtlampe an und entfernte sich langsam und leise auftretend durch den Korridor
nach ihrem Schlafzimmer neben dem Zimmer der Forsträtin
    Lydia hatte sich in die Ecke des kleinen mit weissseidenem Zeuge überzogenen
Sophas geworfen und saß den schönen Kopf in die Hand gestützt in Gedanken
versunken da als ein leises Pochen an der Türe sie emporschreckte
    »Er ists«  sagte sie fast atemlos zu sich indem sie beide Hände über den
ungestüm wallenden Busen legte als fürchte sie die Bewegung möchte ihre Brust
zersprengen Sie hatte weder die Kraft zu rufen noch einen Schritt zu tun
Ein zweites stärkeres Klopfen gab ihr endlich ihre Kraft zurück
    »Richard«  rief sie mit bebender Stimme
    Landsfeld trat herein Er war mit einem einfarbigen grünen sammetnen
Morgenrock bekleidet welcher durch eine dicke Seidenschnur von gleicher Farbe
um den Leib gehalten bis auf die feinen Morgenstiefel herabfiel Sein Hals war
frei und nur mit einem weißen Hemdkragen umgeben der sich leicht und glatt über
den Shawlkragen des Morgenrocks legte
    »Du schliefst schon Geliebte«  sagte er lächelnd auf sie zu tretend
indem er einen langen aber sanften Kuss auf ihre Stirn drückte
    »Ach nein Richard ich schlief nicht Dein Klopfen  ich weiß nicht warum 
nahm mir die Kraft  die Stimme versagte mir«  Er sah ihr tief tief in das
glänzende Auge welches sie mit offener Liebe zu ihm aufgeschlagen hatte
    »Komm setze Dich zu mir«  sagte er dann hastig indem er sie zum Sopha
führte
    Er umschlang sie mit der einen Hand und zupfte mit der andern an den Bändern
des zierlich gestickten Nachtäubchens welches Lydiens Haar gefangen hielt
»Ich liebe das nicht«  flüsterte er kosend  »ist nicht die Natur überall
schöner als die Kunst besonders wenn diese dazu dienen soll die erstere zu
verhüllen« Ohne ein Wort zu erwidern löste Lydia die Bänder und warf das
Häubchen von sich Voll und glänzend fielen wie ein dunkelgoldiger Strom die
entfesselten Locken über ihre Schultern und ihren Nacken
    »Wie weich und elastisch ist Dein Haar Lydia«  Er ließ es spielend durch
die Finger gleiten Weißt Du wie schön Du bist Sag mir das Lydia«
    »Welche Frage Richard Wie schön man ist das kann man wohl nicht wissen
sollte ich denken Dass ich manchmal wenn ich vor dem Spiegel gestanden mich
darauf angesehen ob ich hübsch bin will ich nicht leugnen  aber« 
    »Nun« 
    »Aber ich tat es doch immer im Gedanken an Dich Ich dachte dann kann er
Dich wohl hübsch finden Und dann freute ich mich denn Richard ich will es Dir
nur gestehen ich antwortete dann gewöhnlich ganz leise Ja  Meinst Du nun
dass ich eitel bin Richard«
    Es lag eine solche Kindlichkeit und Harmlosigkeit in dem was Lydia sagte
dass ein Mann von so eisernem Willen und so titanischer Selbstüberwindung wie
Landsfeld dazu gehörte um dem einmal gefassten Entschluss das höchste Glück
sich zu versagen so lange treu zu bleiben bis durch längere Beobachtung seine
Überzeugung von der Wahrheit dieses weiblichen Herzens eine unerschütterliche
Festigkeit erreicht hatte Je mehr er gerade jetzt geneigt war zu glauben
desto mehr fühlte er gegen sich die Verpflichtung sich nicht eher diesem
Glauben hinzugeben als bis jede Möglichkeit von Zweifel verschwunden war 
Aber diese Entsagung wurde ihm schwerer als er es geahnt hatte Wäre Lydia ein
Weib wie Laura gewesen so würde er eine Art egoistischen Triumphs darin
gefeiert haben ihre Sehnsucht ungestillt zu lassen Denn die Macht sinnlicher
Reize obwohl er selbst feurigen und leidenschaftlichen Temperaments war konnte
doch die Energie seines Geistes seinen Stolz nicht erschüttern Aber sie war
keine solche Macht die ihn nur zum Widerstande hätte reizen können Ein seiner
Reize selbst unbewusstes sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es
was nicht des eigenen Genusses wegen sondern aus Liebe zu ihm sich ihm
überließ auf seinen leisesten Wunsch lauschte um ihn kaum ausgesprochen
erfüllen zu können  Darauf war er nicht gefasst  Seine Stimme zitterte fast
als er auf ihre Frage erwiderte »Ich glaube dass Du ein gutes Kind bist
Lydia«
    »So hältst Du mich also nicht für eitel«  sagte sie heiter lächelnd ohne
Ahnung von dem Sturme der in diesem Augenblick seine Brust durchwühlte »Das
freut mich Richard Denn ich glaube dass Du das besser wissen musst als ich
selbst« Nachdenklich fuhr sie fort »Man weiß wohl eigentlich selten wie es im
Grunde hier aussieht meinst Du nicht auch Richard«  Sie legte den
Zeigefinger auf dieselbe Stelle auf der vorhin Gertruds Hand gelegen So
stürmisch es damals dort pochte so ruhig war es jetzt
    Landsfeld wusste nur noch zwei Mittel um den künstlichen Damm welchen er um
seine Empfindung gezogen hatte vor dem Durchbruch zu bewahren Das eine war
schleunige Flucht Aber er schämte sich vor sich selber als er daran dachte
»Ich wills wagen«  sagte er zu sich das andere Mittel erwägend
    »Das ist der ewige Widerspruch im Menschen«  sagte er ernst »Die Gegenwart
ist gerade das wovon man am wenigsten weiß Daher fürchtet man sich vor der
Gefahr und selbst nachdem sie schon verschwunden ist in der Erinnerung weit
mehr als in dem Moment wo man mitten darin ist Wie mit der Furcht so ists
auch mit der Hoffnung mit der Erwartung überhaupt seis des Glücks und der
Seligkeit seis des Schmerzes und der Trauer Wie war Dir Lydia vor jenem
Augenblicke wo ich an Deine Türe klopfte Jetzt bist Du ruhig warst Du es
damals auch  Bist Du es jetzt da Du daran denkst«
    »Es ist wahr Richard«  sagte sie erglühend »Welches Gefühl es war
welches es auch jetzt ist ich weiß es nicht ich kann es nicht beschreiben 
unnennbar  überwältigend  tief beseligend  angsterfüllend     Richard«
 Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden zugleich hingebenden
Tone
    Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen Mit der Linken zog
er die Busennadel welche ihr Nachtkleid über der Brust zusammenhielt heraus 
»Bist Du nicht mein Weib«  flüsterte er sich fester an sie schmiegend mit
jenem Vibriren der Stimme das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen
im Stande ist »Fühlst Du nicht selber Sehnsucht mein zu sein Lydia  ganz
mein zu sein« 
    Mit ängstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge beobachtete er jede
Muskel ihres Gesichts während in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der
eigenen Leidenschaft fortwühlte
    Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken aber es war nicht jenes
verschwimmende in eigener Glut erstickende Feuer des Verlangens nein es war
eine reine Träne die das ungewisse Bangen der Jungfräulichkeit die Angst der
mädchenhaften Schüchternheit ihr entpresste
    »Bin ich nicht ganz Dein«  sagte sie bebend  »Dein Weib Kann ich es mehr
sein als ich es bin Gehöre ich nicht ganz Dir bist Du mir nicht Alles mein
Himmel meine Seligkeit« Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und presste sein
Haupt an ihren Busen Landsfeld fühlte sein Wogen er hörte die verdoppelten
Schläge ihres Herzens und er konnte zu sich sagen
    »Ist das nur Liebe Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestümen
Pochen sprechen«  Der Gedanke machte ihn kalt
    Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben  Sanft löste er ihre Arme
und schaute sie lange lange an
    »Nicht wahr Lydia«  sagte er  »Du gewährst mir Alles warum ich Dich
bitte  und gern«
    »Alles mein Geliebter Du weißt es ja Was hätte ich Dir zu versagen« 
    »Und gern«  fragte er dringend
    Eine flüchtige Ahnung durchflog ihre Seele dass sie noch mehr gewähren
könnte als was sie schon gewährt hatte Unter tiefem Erröten senkten sich ihre
Blicke 
    »Und gern«  fragte er noch dringender 
    »Und gern«  antwortete sie kaum hörbar ohne recht zu wissen was sie damit
sagte 
    Er erblasste ein Zweifel stieg wieder in ihm auf Aber er wollte
Überzeugung Seine Hand zitterte als er leise die ihrige fasste womit sie die
keusche Brust bedeckte deren stürmische Wellen das entfesselte Nachtkleid
fortgeschoben Sie zögerte Aber ein Blick aus seinem Auge worin eine tiefe
innige Bitte glänzte zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben Sie nahm die
Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge Er beugte sich nieder und
drückte einen langen glühenden Kuss auf ihren Busen Eine nie geahnte Seligkeit
durchzuckte ihn Er hätte weinen mögen vor unnennbarer Lust Und was er nie sich
geträumt vielweniger erlebt es mischte sich in dieses Gefühl das ihn bis in
seine innersten Tiefen erschütterte keine unreine Empfindung kein sinnliches
Verlangen Wie geläutert durch diesen Kuss aber vor unsagbarer Wonne erbebend
blickte er empor Eine edle Freude lag in seinen Zügen denn ihm war als sei er
selbst wieder zum reinen Jünglinge geworden
    Und Lydia 
    Als sie seinen heißen Atem auf ihrem Busen fühlte durchrieselte ein
Fieberfrost ihren ganzen Körper Sie war sich keines bestimmten Gefühls bewusst
sie fühlte auch seinen Kuss nicht mehr  nur eine Empfindung hatte sie die eines
anhaltenden ihr ganzes Wesen erschütternden Schauers Als er aufblickte lag
noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften
einige brennende Tränen Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte
herabzog erschrak er über ihre Blässe Mit einem halblauten Schrei sank sie an
seine Brust
    »Was ist Dir Lydia«  fragte er weich 
    »Jetzt bin ich Dein«  antwortete sie endlich unter Tränen zu ihm
aufblickend »Keine Macht der Erde keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir
reißen Richard  O Richard sag mir welche geheime Macht in Dir ist die
mich so Dir zu eigen machen kann Geliebter weißt Du welchen Wunsch ich in
diesem Augenblick habe«
    »Nun«  fragte er ihre Locken aus dem Gesicht streichend erwartungsvoll
Wieder tat der Zweifel einen Griff nach seiner Brust
    »Mit Dir an Deiner Brust zu sterben«  sagte sie leise indem sie
schwärmerisch lächelnd zu ihm aufblickte
    »Und weißt Du«  sagte er atemschöpfend  »welchen Wunsch ich habe«
    »Vielleicht denselben« 
    »Im Gegenteil Mit Dir an Deiner Brust zu leben«  erwiderte er sie
küssend  »Jetzt aber«  setzte er schnell hinzu als sie lächelnd die Augen
niederschlug als fürchte er in dem Kampfe in dem er diesmal glücklich Sieger
geblieben war zu erliegen »Jetzt wollen wir uns trennen Vorher aber muss ich
doch die Ordnung die ich selber gestört wieder herstellen« Er versuchte das
Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken
    »O  Du stichst mich ja Unartiger«  rief sie ihm auf den Finger klopfend
»Siehst Du wie es blutet«
    Sie öffnete jetzt selber mit rührender Unbefangenheit das Kleid In der Tat
quoll an der Stelle worauf sein Mund so lange geruht ein Purpurtropfen
    »Lass ihn mich aufküssen«  bat er Sie erlaubte es lächelnd indem sie sein
Haupt umschlang und einen Kuss darauf drückte
    »Gute Nacht Geliebter«  sagte sie endlich ihn fortdrängend
    Noch einen Blick warf er auf sie Dann entfernte er sich schnell und eilte
nach seinem Zimmer
 
                                Zehntes Kapitel
Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird desto energischer ist
natürlich auch der Enthusiasmus desto lebendiger das Interesse für dieselbe
aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urteil über dieselbe
Denn Unparteilichkeit im Urteil ist selten ein Beweis von Energie und
Interesse wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen
kraftvollen Charakters ist und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen
solchen vor dem Extrem darin bewahren Kälte und Klarheit des Urteils stehen
sehr häufig in Wechselbeziehung daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus
dazu alle Gegenstände selbst diejenigenwelche uns selbst alteriren könnten
in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten damit sie nicht
verhältnismäßig zu große Dimensionen annehmen
    Landsfeld war Egoist aber sein Egoismus war von der Art dass er den
Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte sondern dass er mit ihm
völlig zusammenfloss Alle Siegeszeichen die er in dem Kampfe für die Idee
erworben hing er in dem Tempel auf in welchem sein eigenes Ich als Gott
tronte Seine Schwärmerei für Lydia  denn es war noch bloße Schwärmerei was
ihn zu ihr hinzog noch keine Liebe  hatte indessen seit jener ersten Nacht
nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen dass er selbst fühlte
wie das Verhältnis in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt
hatte auf dem Punkte stand sich umzukehren so dass nämlich in Kurzem er nicht
mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl sondern vielmehr dieses der Idee
zum Opfer darbringen werde kurz er war auf dem besten Wege dem Glauben dem
Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen Von Tage zu Tage wurde sein
Benehmen gegen Lydia aufrichtiger herzlicher und wärmer obschon er es vermied
Szenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen Ja
er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs wenn er seinem
Plane gemäß zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ
um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen Lydia hing mit
einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl
    Die völlig inmaterielle Liebe welche das Wesen dieses unnatürlichen
Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte übte indes einen Einfluss auf
ihr Gemüt aus der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt
war Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus welche eine
natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war zur Ruhe zur Einheit mit
sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde versetzte der
feine Äther jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel
nervöser Anund Abspannung der zuletzt nachteilig auf ihre Gesundheit wirkte
Ihre Gesichtsfarbe wurde allmählich bleicher der frische Glanz ihres schönen
Auges schwächer ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres
eigenen Ursprungs unbewussten Schwermut die sich in unbewachten Augenblicken
zuweilen sogar in Tränen Luft machte
    Frau von Dorntal beunruhigte sich nicht allzusehr über diese Veränderung in
Lydiens Wesen da sie sie aus ganz natürlichen Gründen sich erklärte und Lydia
überdies wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde ob sie sich glücklich fühle
stets von Verehrung und Liebe für Landsfeld überströmte Landsfeld hätte wohl am
ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden können, in so fern er darin
einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld hätte finden
können Allein er fühlte selber zu fein um sich nicht sagen zu müssen dass,
wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten dürfte Lydiens Wesen
ein ganz anderes hätte sein müssen Denn es lag weder unwilliges Erstaunen
darin noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken wodurch er zu der
Vermutung hätte veranlasst werden können, sie habe ein klares Bewusstsein ja nur
eine unbestimmte Ahnung über die Art seiner Vernachlässigung Vielmehr blieb
ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und rührende zutrauensvolle Hingebung zu ihm
nicht bloß gleich sondern nahm täglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu
Und fragte er sie zuweilen ob sie sich unwohl fühle dass sie so bleich und
niedergeschlagen aussähe so pflegte sie nur lächelnd und seufzend zu erwidern
    »Es muss wohl sein weil ich Dich zu sehr liebe Richard Es ist mir
manchmal als ob diese Liebe von meinem Herzblut sich nähre«  »Sollte man an
Liebe sterben können Richard«  fragte sie einmal statt auf seine Frage zu
antworten »So ist mir zuweilen«
    Landsfeld machte ihr den Vorschlag häufiger in Gesellschaften zu gehen
    »Vielleicht wird Dich das etwas zerstreuen« meinte er
    Da sie in Alles willigte was er über sie bestimmte so hatte sie auch
hiergegen Nichts einzuwenden Aber das Übel nahm dadurch nur eher zu als ab
Selbst ihre Freundinnen aus der Pension von denen einige ebenfalls
verheiratet und ein »Haus« machten konnten in ihr die frühere Sympatie nicht
wieder erwecken Häufig ereignete es sich auch dass sie Abends wenn sie mit
Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war noch in sich gekehrter
erschien als gewöhnlich Wenn er sie dann fragte was der Grund ihrer
nachdenklichen Stimmung sei so antwortete sie entweder ausweichend oder sie
bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen
    »Was ist Dir begegnet Lydia«  sagte er in ihr Schlafzimmer tretend als
sie einmal von der glänzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen
zurückgekehrt waren »Du bist heute wieder so einsylbig und niedergeschlagen«
    »Ich weiß es nicht  und suchte eben selbst darüber klar zu werden  Hilf
mir Richard Ich verstehe mich selbst nicht mehr und die Andern noch weniger«
    »Die Andern« 
    »Ja ich komme mir zuweilen recht albern vor Ist denn die Welt eine andere
geworden oder habe ich mich nur so verändert« 
    »Erkläre Dich deutlicher Lydia  Ich verstehe Dich nicht« 
    »Das ists ja eben was mich drückt Aber Du Richard solltest mich doch
eigentlich verstehen« 
    Sie blickte ihm fast bittend ins Auge Er verstand sie recht gut aber sie
über sich selbst aufzuklären wagte er kaum noch Mit einer wahren Angst hatte
er schon oft daran gedacht wie er in der Schranke die er willkührlich zwischen
sich und Lydia gesetzt sich eine Macht geschaffen deren Besiegung ihn
vielleicht noch größeren inneren Kampf bereiten würde als ihm ihre Aufstellung
gekostet hatte War er vor drei Monaten   so lange waren sie jetzt
verheiratet  in Verlegenheit um die Mittel gewesen seiner eigenen
Leidenschaftlichkeit zu widerstehen so war er es jetzt vielleicht noch mehr um
die Mittel diesen Widerstand der für ihn fast zu einem moralischen Zwange
geworden war auf geeignete Weise aufzuheben Und gerade diese ganze Umkehrung
der Verhältnisse hatte seiner allmählig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine
Intensität gegeben die ihm jene Schranke zu einer drückenden Fessel umschuf
Landsfeld war in der Tat unglücklicher noch als Lydia
    »Sprich mein teures Kind«  sagte er sich wie an jenem ersten Abende an
sie schmiegend  »sprich ist Dir irgend etwas aufgefallen heute Abend hast Du
irgend etwas gesehen oder gehört was Dir ein peinliches Gefühl erregt hätte
oder was Dir auch nur unklar geblieben wäre«
    »Das ists Richard  ja unklar geblieben ist mir Manches schon früher
aber ich habe es immer meiner eigenen Unwissenheit zugeschrieben und da es
meistens Dinge betraf die ich nicht gut  die ich möglicherweise ganz falsch
verstanden  um die ich Dich nicht fragen wollte aus «
    »Nun aus  «
    »Aus Furcht etwas Unpassendes zu sagen Richard«
    »Daran hast Du unrecht gehandelt Lydia  Wie kannst Du so etwas fürchten
bei mir Ich weiß ja dass Du Vertrauen zu mir hast nicht wahr« 
    »Unbegrenztes mein Richard«
    »Nun also «
    »Heute zum Beispiel  ich sprach mit Teresen über unsere häusliche
Einrichtung  Du erinnerst Dich wohl dass sie ungefähr eben so lange
verheiratet ist als ich etwas länger noch  da sie jetzt in Potsdam mit ihrem
Manne wohnt so hatte ich sie seitdem nicht gesehen  heute also fragte sie
mich ob  ob  « sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust
    Landsfeld erschrak »Es ist die höchste Zeit«  dachte er  »Wenn eine
indiskrete Freundin den Schleier lüftet den ich selbst noch nicht gehoben dann
ist mein ganzes Werk vernichtet« 
    »Warum solltest Du mir nicht sagen können was eine Freundin zu Dir zu sagen
wagte«  fragte er laut
    »Missverstehe mich nicht Richard Terese meinte es gewiss nicht böse  Sie
fragte ob  wir ein und dasselbe Zimmer bewohnten«  Eine flammende Röte
überdeckte ihr Gesicht als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese
Worte herausgebracht hatte
    Landsfeld atmete etwas freier
    »Und was weiter«  fragte er mit einem Lächeln das ihr neuen Mut gab
    »Als ich ihr mein Missfallen über das Unzarte ihres Benehmens zu erkennen
gab erwiderte sie das wäre bloße Ziererei und ich täte gerade so als ob ich
noch ein Mädchen wäre Das kränkte mich Richard da ich nicht begreifen kann
warum eine Frau weniger Zartsinn haben sollte als ein Mädchen ich stand auf
und verließ Teresen um mich zu ihrer älteren Schwester zu setzen  Aber diese
war mir gefolgt und trug nun wie zu ihrer eigenen Rechtfertigung unser ganzes
Gespräch mit einer mir rätselhaften Unbefangenheit ihrer Schwester vor
Letztere hörte aufmerksam zu und meinte dann als ich die Wahrheit der Erzählung
bestätigt hatte entweder sei ich selbst ein kleiner Schelm oder mein Herr
Gemahl  wie sie sich ausdrückte  ein großer  Was sagst Du dazu Richard« 
    »Sie mag wohl nicht ganz unrecht gehabt haben  doch lasse sie reden und
kümmere Dich nicht darum«  setzte er schnell hinzu  »Sie haben sich wohl nur
einen Scherz machen wollen«
    »Das dachte ich auch anfangs aber  « Lydiens Stimme drückte von Neuem
eine so mädchenhafte Zaghaftigkeit aus dass Landsfelds Besorgnis wieder rege
wurde
    »Noch mehr« fragte er aufmerksam
    Lydia wollte eben antworten als sie plötzlich nach dem Fenster zeigend
ausrief
    »Mein Gott was ist das Sollte die Mutter kränker geworden sein Was
bedeutet das Licht auf dem Korridor«
    »Bleibe hier liebe Lydia«  sagte Landsfeld sie sanft zurückdrängend da
sie das Zimmer verlassen wollte »Du bist so leicht bekleidet Ich werde selbst
nachsehen«
    Bei diesen Worten verließ er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab
Am Ende desselben traf er Gertrud welche eben im Begriff war das Zimmer der
Forsträtin zu öffnen
    »Was gibts Gertrud« fragte er
    »Ach gnädiger Herr  s steht gar nicht gut mit der Frau Mutter glaub
ich« 
    »Still Gertrud«  wir wollen dem Himmel nicht vorgreifen Und vor allen
Dingen lassen Sie meiner Frau nichts von Ihren Befürchtungen merken« 
    »Behüte der Himmel gnädiger Herr«
    Landsfeld kehrte zu Lydia zurück die in ängstlicher Spannung am Fenster
seiner harrte Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte drang er von
Neuem in sie ihre Mitteilungen fortzusetzen
    Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer früheren Stimmung
gebracht als dass sie seiner Bitte mit der nötigen Unbefangenheit hätte genügen
können
    »Morgen«  sagte sie bittend
    »Wie Du willst liebes Kind Morgen Abend dann ich reite schon früh fort
und werde nicht zu Tische kommen Du weißt dass ich morgen zur Jagd geladen
bin«  Er drückte einen warmen Kuss auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer
    Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gemäß gegen fünf Uhr an die Türe
seines Herrn klopfte fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem
Siegeln eines Briefes beschäftigt
    »Dies Billet«  sagte er  »gibst Du an Gertrud um es meiner Frau zu
überreichen sobald sie aufgestanden«
    »Sehr wohl Herr Baron«
    »Jetzt hole mir das Frühstück und dann mach Dich selbst und die Pferde
fertig«
    Als der Diener das Zimmer verlassen nahm Landsfeld das Licht vom Tische und
begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens Behutsam öffnete
er die Türe und schloss sie eben so Es rührte sich nichts Dann stellte er das
Licht auf die Konsole und verdeckte es durch einen Lichtschirm um seinen
hellen Schein etwas zu dämpfen
    Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin und versank in eine lange und
stumme Betrachtung
    Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein Ihr linker Arm hing
unbedeckt über die Bettlehne heraus während der andere eine Hand breit
unterhalb ihres Busens ruhte Der kleine weiße Fuß von vollendeter Schönheit
hatte die rotseidene Bettdecke von sich gestoßen  
    Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmut auf diesen Reizen ohne dass
sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte Fast schmerzlich war der
Ausdruck seines Gesichts als er in tiefes Sinnen verloren vor dem Lager
stand Plötzlich wurde er aufmerksam Lydia bewegte die Lippen Er bog sich
sanft über sie
    »Richard«  sagte sie leise  »Geliebter warum fliehst Du mich« 
    Vielleicht war es nur im Traume ohne Bezug und deutungslos Und dennoch
veränderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht ein freudiges Lächeln
erheiterte seine düsteren Züge
    »Diese Qual soll enden«  sagte er halblaut teils zu sich teils zu Lydia
 »Ja Lydia ich werde Dich nicht mehr fliehen Denn ich glaube an Dich mit
voller Brust in tiefster Seele  Nein unter diesem schönen Busen kann kein
unreiner kein falscher Gedanke geboren werden«
    Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz
gelegt Sie zuckte einen Augenblick zusammen Dann zog ein lächelndes Erröten
über ihre Wangen und Lippen
    »Ich wusste es ja«  sprach sie im Schlafe fort  »Du konntest mich nicht
verlassen«
    Landsfeld war niedergekniet und drückte einen Kuss auf ihr Herz Dann stand
er leise auf hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht
über den schönen Körper der holden Schläferin Auch den herabgesunkenen Arm
legte er vorsichtig auf die Decke und verließ dann nachdem er noch einen Kuss
auf ihre Stirn gedrückt hatte eben so behutsam als er gekommen war das
Zimmer  Rasch verzehrte er sein Frühstück und eilte als ihn Karl
benachrichtigte dass Alles bereit sei hinunter Es war ein kalter aber heller
Dezembermorgen obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten
Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee welcher sich über
Nacht mit einer leichten frischen Flockenschicht bedeckt hatte Er schwang sich
aufs Pferd und ritt gefolgt von seinem Diener dem Anhaltischen Tore zu
    »Hier ist ein Brief vom gnädigen Herrn Lydchen«  sagte die alte Gertrud
als sie einige Stunden später in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat
die eben die Augen aufgeschlagen
    »Gib schnell«  sagte diese mit der Hand sich über das vom Schlaf
gerötete Gesicht fahrend  »was mag er mir schreiben Er ist wohl schon lange
fort Gertrud«  fragte sie mit dem Eröffnen des Briefes beschäftigt
    »Was schreibt er Dir denn Lydchen« fragte die neugierige Alte
    »Dass er erst spät wiederkommen werde wahrscheinlich erst morgen Ich möchte
mich deshalb nicht ängstigen und die Zeit benutzen einige Besuche zu machen
die ich mir schon lange vorgenommen Sonst nichts von Bedeutung Was macht die
Mutter Gertrud hat sie gut geschlafen  Ich will gleich hinüber zu ihr Wir
wollen zusammen frühstücken«
    Gegen Mittag als Lydia mit ihrer Mutter plauderte trat Gertrud wiederum
mit einem Briefe in der Hand der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet
war herein
    »Er ist von Teresen«  sagte die letztere zu ihrer Mutter gewendet Sie
durchflog das wie es schien eilig geschriebene Blatt und sagte dann »Sie
bittet mich heute nach Potsdam zu kommen Sie sei unwohl und sehne sich sehr
nach mir  Was soll ich tun liebe Mutter Das geht doch unmöglich auch habe
ich seit gestern alle Lust verloren unser früheres Freundschaftsbündniss zu
erneuern«
    Auf die Frage der Forsträtin was der Grund dieser plötzlichen Kälte sei
erwiderte Lydia ausweichend und im Allgemeinen sie habe ihr gar nicht mehr
gefallen denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklärlichen Scheu nicht
überwinden ihrer Mutter das Gespräch mitzuteilen dessen Anfang sie sogar
ihrem Gatten nur mit großer Selbstüberwindung erzählt hatte
    »Glaubst Du denn dass es Landsfeld nicht angenehm sein würde wenn Du allein
hinführest« fragte die Forsträtin »Du kannst ja Gertrud mitnehmen«
    »O ich fürchte mich nicht liebe Mutter Und Richard hat mich ja selbst zu
Besuchen aufgefordert Auch schreibt mir Terese dass am Bahnhofe ihr Wagen mich
erwarten werde und dass sie darauf rechne dass ich die Nacht bei ihr bleiben
werde Aber gerade das möchte ich nicht gern«
    »Ich sehe wirklich keinen Grund warum Du diese freundliche Bitte ablehnen
willst liebes Kind Ich bin ganz wohl wie Du siehst Landsfeld kommt auch
erst morgen« 
    »Wahrscheinlich«  verbesserte Lydia
    »Nun das heißt wohl diesmal so viel als bestimmt Es ist auch nicht gut
möglich dass er nach einer ermüdenden Jagd noch den weiten Ritt nach Hause
macht und nicht lieber auf dem Gute seines Freundes bleibt der ihn
eingeladen«
    Lydia gab zuletzt der Überredungskunst der Mutter nach und fuhr in
Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe ohne eine tief
verschleierte und in einen Pelz gehüllte Dame zu bemerken die ihr mit
ängstlicher Sorgfalt auf dem Fuße folgte und nachdem der Zug in Potsdam
angelangt war schnell ausstieg und ohne erst zu suchen auf eine der eleganten
Equipagen zuging welche auf dem Bahnhofe hielten Sie pochte darauf dreimal an
das herabgelassene Seitenfenster des Wagens worauf es von Innen herabgelassen
wurde
    »Ist sie da«  fragte eine männliche Stimme
    »Ja  aber nicht allein« war die Antwort »Steigen Sie schnell aus«
    »Nicht allein doch er nicht«
    »Nein ein altes Weib  Ich sehe sie eben auf den Perron treten Beeilen
Sie sich«
    Der Mann war indes ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron
vorzufahren während er selbst sich tief in den Mantel hüllend zu Fuß nach der
Stadt eilte
    »Habe ich die Ehre zu Frau Baronin von Landsfeld zu reden«  sagte die
Verschleierte welche selbst den Wagen bestiegen zu Lydia die sich nach allen
Seiten umsah um die versprochene Equipage ihrer Freundin zu suchen
    »Allerdings«  erwiderte Lydia  »Ist dies etwa der für mich bestimmte
Wagen von Frau von Rebenstock«
    »Ja wohl«  erwiderte die Erstere »Frau von Rebenstock lässt sich
entschuldigen dass sie nicht selbst «
    »Ich weiß sie ist unwohl«
    Arglos stieg sie mit Gertrud in den Wagen dessen Seitenfenster indes wieder
aufgezogen waren Die Wagentüre wurde zugeworfen und Lydia rollte an der Seite
der Verschleierten auf dem unebenen Pflaster Potsdams rasch dahin Anfangs wars
ihr als hätte sie die allerdings durch den Schleier unkenntlich gemachten Züge
der ihr unbekannten Gesellschafterin Theresens  dafür glaubte sie sie halten zu
müssen  schon einmal irgendwo gesehen Da ihre Stimme ihr aber völlig fremd
erschien so glaubte sie es sei eine Täuschung deren sie sich durch eine
indiskrete Frage nicht versichern wollte
    »Frau von Rebenstock bewohnt also auch im Winter ihr Sommerhaus« fragte
sie als der Wagen vor einem einzeln stehenden ziemlich eleganten Hause
außerhalb des Tores hielt
    »Sie liebt die Einsamkeit gnädige Frau«  erwiderte die Gesellschafterin
indem sie Lydia beim Aussteigen behilflich war ironisch was Jener nicht
entging »Erlauben Sie dass ich vorangehe«  fuhr sie fort indem sie die Treppe
hinauf eilte »Wollen Sie die Güte haben sich einen Augenblick in diesem Zimmer
zu verweilen bis ich Frau von Rebenstock Ihre Ankunft mitgeteilt«
    Sie hatten indes ein behaglich erwärmtes und sehr geschmackvoll möblirtes
Zimmer betreten dessen Fenster auf den Garten hinauslagen welcher jetzt in
seinem winterlichen Schmuck einen melancholischen Anblick gewährte Lydia legte
die warmen Oberkleider ab und fragte nach Gertrud
    »Befehlen Sie dass sie heraufkommen soll«  fragte die zuvorkommende
Gesellschafterin und entfernte sich nach empfangener bejahender Antwort Bald
darauf ließ sich ein leises Klopfen an der Tür vernehmen Auf Lydiens »Herein«
öffnete sich die Türe aber statt der erwarteten Pflegemutter erschien zu ihrem
größten sprachlosen Erstaunen   Berger
 
                                Elftes Kapitel
»Ich habe der Gesellschaft eine kostbare Überraschung bereitet«  sagte der
Major von Maienberg in dessen Wäldern die Jagd stattfinden sollte zu dem eben
angekommenen Landsfeld »Ich verlasse mich auf Deine Diskretion wenn ich Dir
das Geheimnis mitteile  Frau von Rosen« setzte er leise hinzu  »wird an
unserer Jagd Teil nehmen  Sie hat zugesagt und mich wundert nur dass sie noch
nicht hier ist«
    Landsfeld war es nicht unlieb Alicen die er lange nicht gesehen  einmal
wieder zu sprechen und seine Freude die er über dies »Geheimnis« zu erkennen
gab war diesmal aufrichtig
    »Eure Liaison ist wohl ganz aufgehoben«  fuhr Jener fort »Du warst einmal
verteufelt vernarrt in sie«
    Landsfeld lachte »Wir denken Beide an diese Kinderei nicht mehr«
    »Nun desto unbefangener wird Euer heutiges Zusammentreffen sein«
    Indessen hatten sich die übrigen Teilnehmer an der Jagd nach und nach
eingefunden Nur Alice fehlte noch Nachdem Herr von Maienberg zwei volle
Stunden auf sie gewartet hatte gab er an ihrem Kommen überhaupt zweifelnd das
Zeichen zum Aufbruch Als die Sonne ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte
sammelten sich die Jäger zu einer kurzen Rast auf einem zuvor dazu bestimmten
Platze und nahmen ein für die Umstände ziemlich glänzendes Frühstück ein Nach
einigen Minuten hörte man ein deutliches Pferdegetrappel das sich dem
Sammelplatz zu nähern schien
    »Sie ists«  flüsterte der Major Landsfeld ins Ohr
    Er hatte sich nicht geirrt Im schwarzen Amazonenkleide den Hut keck in die
Locken gedrückt sprengte Alice von einem Reitknecht gefolgt auf die
Gesellschaft zu Ihr Gesicht glühte und alle ihre Bewegungen verrieten eine ihr
sonst ungewöhnliche fieberhafte Hast
    »Ist der Baron von Landsfeld hier« war ihre erste Frage an Herrn von
Maienberg nachdem sie die erste Begrüßung seitens der Gesellschaft leicht und
mit Grazie erwidert hatte
    »Sehen Sie dort an jenem Baume Verehrteste Er ist eben im Begriff
aufzusteigen«
    Alice trat rasch auf Landsfeld zu
    »Ich habe Dir einst gesagt dass ich handeln würde wenns Zeit ist Richard
Die Zeit ist da«
    »Was ist geschehen sprich«  fragte er sich zur Ruhe zwingend
    »Lydia wird oder ist vielleicht schon entführt«
    »Entführt«  fragte er in einem Tone als verstünde er die Bedeutung des
Worts gar nicht
    »Ja sie ist durch einen untergeschobenen Brief der sie zu einer Freundin
nach Potsdam einlud fortgelockt worden«
    Landsfeld schwieg aber die fahle Blässe welche sein Gesicht bedeckte und
das Zittern welches durch seinen ganzen Körper bebte kündeten hinlänglich
seine innere Bewegung an
    »Höre mich ruhig an Richard«  fuhr Alice fort »denn nur durch Ruhe ist
hier Abhülfe möglich zu machen Du warst gestern mit Deiner Frau auf der
Hochzeit bei Krengs Dort waren außer Rebenstocks und andern Bekannten Deiner
Frau auch einige Freundinnen Korneliens wovon die eine zuvor instruirt das
Geschäft übernahm jedes Gespräch Lydiens zu belauschen So erfuhr Kornelie dass
Du heute auf der Jagd seist Schnell wurde in Theresens Namen ein Brief
geschrieben der Lydia nach Potsdam einlud Sobald sie sich auf die Eisenbahn
setzt folgt ihr Kornelia am Bahnhofe steht ein Wagen den sie in der
Eigenschaft einer Gesellschafterin der Frau von Rebenstock als die für sie
bestimmte Equipage ausgeben wird und der sie in eine Wohnung führen wird wo
Berger sie erwartet«
    Landsfeld stieß einen dumpfen Seufzer aus
    »Noch ist nichts verloren Richard Jetzt ist es Mittag Um zwei Uhr kannst
Du zu Hause sein Dann kommst Du noch zur rechten Zeit Sollte sie jedoch schon
fort sein so komme gleich zurück dann reiten wir zusammen nach Potsdam ich
habe eine Vermutung wo sie dort sein könnte aber es ist zu weitläufig jetzt
alles Einzelne auseinanderzusetzen Bist Du in vier Stunden nicht wieder hier
so nehme ich an dass Du Deine Frau noch getroffen hast Eile eile so schnell Du
kannst«
    Aber Landsfeld gehorchte nicht Stumm und mit gebeugtem Haupte stand er
neben Alicen Seine Kraft schien völlig gebrochen
    »Richard«  rief Alice ängstlich  »hörst Du nicht Deine Frau Lydia wird
entführt wenn Du zögerst« Sie rüttelte ihn am Arme »Berger«  rief sie ihm
ins Ohr
    Als hätte ein Blitz vor ihm in den Boden geschlagen so fuhr Landsfeld bei
diesem Namen in die Höhe Mit einem Ruck riss er sein erschrecktes Pferd herum
drückte tief die Sporen in seine Weiche dass es sich zuerst hoch bäumte und
sprengte dann in rasender Karriere durch den Wald
    Lange sah ihm Alice nach ein tiefer Seufzer drängte sich aus ihrer Brust
empor Dann wandte sie ihr Pferd nach der entgegengesetzten Seite und ritt
langsam auf der Spur welche die Jagdgesellschaft auf dem Schnee zurückgelassen
hatte weiter
    Nach drei Stunden schon war Landsfeld zurück Dieser Zwischenfall wäre von
der übrigen Gesellschaft gar nicht bemerkt worden wenn nicht die furchtbare
Veränderung in Landsfelds Zügen und sein schweisstriefendes Pferd Zeugnis
abgelegt dass ihm irgend etwas Bedeutendes zugestoßen sein musste
    »Was Teufel ist Dir begegnet«  fragte der Major von Maienberg
    »Nichts«  erwiderte er mit harter heiserer Stimme Ein ander Mal werde ich
Dir ausführlich Rede stehen Jetzt gib mir ein frisches Pferd Das meinige hält
sich kaum noch auf den Füßen
    Nachdem Landsfeld die Pferde gewechselt suchte er Alice auf
    »Ich bin zu spät gekommen Sie war bereits auf den Bahnhof gefahren wo ich
gerade zur rechten Zeit anlangte um den Zug abfahren zu sehen  Jetzt löse
Dein Versprechen Alice«
    »Ich bin bereit«  erwiderte sie ihre Reitgerte brauchend und ihr Pferd
umwendend
    In der ersten halben Stunde wechselten sie kein Wort Nur das Schnauben der
galloppirenden Rosse so wie der regelmäßige Aufschlag ihrer Hufe auf den
harten nur mit einer dünnen Schneekruste bedeckten Boden unterbrachen die sonst
lautlose Stille
    »Wie erfuhrst Du es« unterbrach endlich Landsfeld das Schweigen
    »Berger war gestern Abend bei mir nebst einigen andern jungen Männern die
ich zum Tee eingeladen als gegen Mitternacht Kornelie ins Zimmer trat und
Berger einen so siegestrunkenen Blick zuwarf dass ich Verdacht schöpfte der
späterhin noch dadurch verstärkt wurde dass Beide in eine Fensternische traten
und ein eifriges aber leises Gespräch mit einander führten Wie ich seinen
Inhalt erfahren Richard darüber lasse mich schweigen nur das Eine will ich
Dir agen dass ich mich diesmal in mehr als einer Rücksicht gedemütigt vor
Kornelien vor Berger am meisten  vor mir selbst« Alice zitterte als sie
diese Worte sprach und warf einen trüben Blick zu Landsfeld hinüber 
    »Nur das Eine wusste Berger nicht wohin Lydia durch Kornelie gebracht werden
sollte Indessen habe ich wie schon gesagt eine Vermutung die mich diesmal
wahrscheinlich nicht täuschen wird Kornelie hat nämlich eine Kousine in
Potsdam die dort ein einsames Landhaus besitzt welches ohne Zweifel jetzt leer
steht Dorthin wird sie gebracht sein Ist dies aber der Fall dann müssen wir
die größte Vorsicht anwenden«
    »Rede nicht von Vorsicht und Klugheit Alice Jetzt habe ich nur noch Einen
Gedanken die Nichtswürdigen in meine Gewalt zu bekommen«
    »Wenns an der Zeit ist magst Du handeln Willst Du aber Alarm schlagen und
Deine Frau zum Stadtgespräch machen«
    »Wahr wahr«  erwiderte Landsfeld
    »Du musst mich allein gehen lassen Mich werden sie nicht zurückweisen
teils weil ich einmal um das Geheimnis weiß teils weil sie mich fürchten«
    Landsfeld reichte Alicen die Hand »Du bist anders als ich gedacht habe«
sagte er mit herzlicher aber gebrochener Stimme
    »Verzeihe mir« Eine Träne glänzte in seinem Auge
    Alicens Hand bebte in der seinigen »Mich frierts«  sagte sie sie
zurückziehend  »lass uns eilen die Sterne stehen schon am Himmel«
    »O Gott« rief Landsfeld »wenns nur nicht zu spät ist  das arme arme
Mädchen«
    »Mädchen«  fragte Alice erstaunt »Von wem sprichst Du«
    »Von meiner Frau«  gab er rasch zur Antwort »Es ist die gerechte Strafe
für meinen Unglauben  Und doch  es wäre fürchterlich«
    »Besinne Dich Richard Du sprichst im Fieber«
    Er schüttelte den Kopf »Sie ist rein und unentweiht wie ein ahnungsloses
Kind«
    Der Ausdruck der Wahrheit welcher in diesen Worten lag erschütterte Alicen
aufs tiefste
    »Und der Grund«  fragte sie
    Er lachte bitter  »O der triftigste  ich wollte den Grad ihrer
Weiblichkeit kennen lernen«
    Jetzt verstand ihn Alice vollkommen
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit kaltem ruhigem Ton »Du bist ein
Narr Richard ich habe es Dir schon einmal gesagt«
    »Ich weiß es«  erwiderte er in derselben Weise und schweigend ritten sie
weiter
 
                                Zwölftes Kapitel
Als Berger so unvermutet in das Zimmer getreten war blieb Lydia anfangs von
Schreck gelähmt ruhig auf dem Sopha sitzen Sie glaubte in einer heillosen
Täuschung befangen zu sein und fuhr unwillkürlich mit der Hand über die Augen
um das vermeintliche Schattenbild ihrer Phantasie zu verscheuchen Aber
vergeblich Als sie die Hand von den Augen nahm fiel wiederum ihr Blick auf die
unheimliche Gestalt ihres ehemaligen Verlobten
    »Ich bins wirklich Lydia«  sagte Berger langsam indem er einen Schritt
auf sie zutrat Lydia stieß beim ersten Laute seiner Stimme einen leisen Schrei
aus dann sagte sie mit fremdem und kaltem Tone
    »Sie haben sich wohl in der Türe vielleicht gar im Hause geirrt mein
Herr«
    »Nichts weniger  Wie sollte ich auch irren können ich habe Sie ja
erwartet«
    Lydia erbleichte aber noch immer war sie über die eigentliche Lage in der
sie sich befand vollkommen unbewusst
    »Ich wüsste nicht wie Sie mich hier sollten erwartet haben  Ich muss Sie
bitten sich zu entfernen da ich jeden Augenblick zu meiner Freundin gerufen zu
werden hoffe«
    Berger lachte
    »Mein Herr was soll das Alles bedeuten«  sagte jetzt Lydia mit wirklicher
Angst »Wo ist Frau von Rebenstock Ich will zu ihr«
    »Bemühen Sie sich nicht«  Er hielt eine Weile während welcher er sich
zugleich an ihrer Angst und ihrer Schönheit zu weiden schien inne Dann trat er
noch einen Schritt vor und sagte mit hochmütigem Tone
    »Hier werden Sie keine Freundin sondern nur einen Freund sehen der Freund
bin ich«
    Lydia schloss die Augen denn die ganze Umgebung schien sich plötzlich mit
ihr im Kreise zu drehen Als sie sie wieder öffnete war Berger verschwunden
»War es doch nur ein Traum«  fragte sie sich Ihre Gedanken verwirrten sich
immer mehr Ihr war als sei sie plötzlich in ein Labyrinth geraten in dem sie
weder Aus noch Eingang wüsste So saß sie eine lange Zeit den Kopf auf die Hand
gestützt am Fenster und starrte bewegungslos auf den Fleck wo vorhin Berger
gestanden Dann sprang sie auf und eilte nach der Türe Aber wie erstarrt blieb
ihre Hand auf der Klinke liegen als sie die Türe von der andern Seite
verriegelt fand Da tauchte zum erstenmale der furchtbare Gedanke an die
Wahrheit in ihr auf  Sie war hintergangen  durch Betrug hierher gelockt 
verraten verlassen von Allen  schutz und machtlos Ein kurzer aber
durchdringender Schrei entfuhr ihrer beklemmten Brust dann sank sie leblos vor
der Türe zu Boden
    Einige Minuten darauf trat Kornelia ein
    »Bleiben Sie zurück Berger«  sagte sie rückwärts sprechend als sie Lydia
erblickte indem sie den linken Arm wie abwehrend nach hinten streckte
    »Was ist mit ihr geschehen«  fragte dieser  »ist sie entflohen«
    »Nein wenigstens ihr Körper nicht«  Ein cynisches Lächeln begleitete
diese Worte
    »Lassen Sie mich hinein«  rief Berger sie auf die Seite schiebend
»Himmel sie ist tot«  setzte er erbleichend hinzu als auch er Lydiens
ausgestreckten Körper vor sich sah
    Kornelie kniete nieder und legte ihr Ohr an die linke Seite Lydiens Berger
harrte in tiefem angstvollem Schweigen auf ihre Antwort
    Endlich erhob Kornelia ihren Kopf und sagte »Diesmal kommen Sie mit dem
bloßen Schrecken davon Sie ist nur in Ohnmacht gefallen doch helfen Sie mir
es ist keine Zeit zu verlieren«
    Berger richtete Lydia empor und umfasste sie mit seinen Armen Er zitterte
heftig als er durch die von Kornelien geöffnete Türe schreitend sie eine
Treppe höher in ein anderes Zimmer trug wo er sie auf ein Sopha niederlegte
    »Jetzt entfernen Sie sich Berger«
    Er warf noch einen Blick auf die bleichen Züge seiner ehemaligen Braut und
entfernte sich schweigend Kornelie schloss die Türe hinter ihm ab und löste
Lydiens Kleider Die ideale Form dieses schönen Leibes die seelenvolle Harmonie
des Ganzen welche ihr daraus wie lebendige Poesie entgegen leuchtete übte
einen wunderbaren Eindruck auf das verhärtete Gemüt Korneliens Sie konnte ihr
Auge von diesem Anblick nicht losreißen Da störte ein leises Klopfen sie aus
ihrem tiefen Sinnen auf
    »Berger«  rief sie wie erwachend aus indem sie unwillkürlich eine
Bewegung machte als wollte sie schützend zwischen ihn und sein Opfer treten
Aber schnell besann sie sich
    »Was will ich denn Freilich freilich Dieser Jammermensch verdient es
nicht  Aber ist meine Rache nicht desto größer Jetzt sollen Sie erfahren
Herr Baron was es heißt um das Ziel seiner Hoffnungen betrogen werden«
    Schnell warf sie einen Mantel über Lydia und öffnete die Türe Wie
erstaunte sie als anstatt Bergers ihr Alicens hohe Gestalt entgegen trat Ohne
einen Blick auf die erbleichende Kornelia zu werfen trat Alice zu dem Lager
Lydiens welche eben die Augen aufschlug Sie sah die beiden Frauen verwundert
an Beide Gesichter waren ihr nicht unbekannt aber sie konnte sich nicht
entsinnen wo sie sie schon gesehen
    »Wo bin ich« fragte sie mit schwacher Stimme »Was ist mit mir geschehen«
    »Beruhigen Sie sich«  nahm Alice das Wort »Sie sind bei Freunden«
    Das Wort »Freund« rief Lydia plötzlich die kurze Szene mit Berger zurück
Sie fuhr empor und sagte leise mit scheuem Blick umhersehend
    »Ist er fort«  Als sie Niemand außer den beiden Damen erblickte fiel sie
wieder ermattet zurück und sagte fast lächelnd und die Augen vor Ermattung
schließend »Also war es doch nur ein Traum«
    Berger der das Gespräch gehört hatte klopfte abermals Alicens Herz schlug
hörbar während Kornelia nach der Türe ging Berger trat stürmisch herein
    »Jetzt oder nie gilt es zu handeln«  sagte Alice zu sich indem sie rasch
ihren Dolch zog und den Schlüssel der Türe durch die Berger eingetreten war
umdrehte und abzog Ehe es die andern Beiden verhindern konnten hatte sie eben
so schnell ein Fenster geöffnet und ein paar Worte hinausgerufen Da begriff
Berger warum es sich handelte Wie ein Tiger sprang er auf sie zu aber ruhig
hielt sie ihren Dolch ihm entgegen Als die beiden Schuldigen die Schritte eines
Mannes auf dem Korridor hörten da überzog eine Leichenblässe ihre Gesichter
»Fort«  rief Alice mit gebietender Stimme als Kornelia instinktartig auf die
Türe zueilte während Berger zitternd vor Wut und Angst mitten im Zimmer wie
angebannt stehen blieb Ruhig ging Alice auf die Türe zu öffnete und verschloss
sie hinter sich als sie das Zimmer verlassen
    »Komm Richard«  rief sie seine Hand im Dunkeln ergreifend »Doch halt 
schwöre mir ihn nicht zu töten«
    »Ich werde den Schwur nicht halten können«  erwiderte er dumpf
    »Du wirst es wenn Du willst Schwöre«
    »Ich schwöre es Dir«
    »Gut«
    Es war in der Tat die höchste Zeit Gegen Alicens Erwartung wollte Berger
die wenigen Augenblicke aus einer Art von Verzweiflung und im Bewusstsein dass
die nächsten Minuten ihm den Tod bringen konnten nützen  Er trat vor Lydia
und sah diese mit verwilderten Blicken an
    »Was wollen Sie von mir«  fragte sie erbebend
    »Dich selbst  Weißt Du nicht mehr wie Du mich von Dir gestoßen als ich
zu Deinen Füßen um Verzeihung flehte in einen Abgrund Du hast mein Leben
vergiftet  So will ich das Deinige vergiften«
    »Willst Du mich morden«  Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen
    »Morden«  sagte Berger lachend »Nein Ich will Dich nicht morden Mein
sollst Du sein ganz mein«
    »Mein sein ganz mein«  wiederholte sie mechanisch sie dachte an ihre
Brautnacht und an die Worte welche damals Richard zu ihr gesprochen
    Wie damals die rosenfarbene Ampel so warf jetzt der Mond ein magisches
Licht durch das Zimmer Ihre Sinne verwirrten sich Konvulsivisch hob sich ihr
Busen fieberhaft glänzte ihr Gesicht Sie war dem Wahnsinn nahe
    Als Berger sich über sie beugte  fühlte er eine starke Hand auf seine
Schulter welche ihn rücklings in eine Ecke schleuderte
    »Verruchter«  schrie Landsfeld  »Du hast es gewagt «
    Er konnte nicht mehr sprechen Seine keuchende Brust rang vergeblich nach
einem Laute Endlich rief er mit donnernder Stimme »Hinaus wenn ich Dich nicht
ermorden soll«
    Berger gehorchte Die Frauen folgten ihm
    »Ich habe noch eine Schuld an Dich abzutragen Arthur« sagte Alice »deshalb
magst Du gehen obgleich ich das Versprechen gegeben Dich nicht fortzulassen
Jetzt sind wir quitt Lebe wohl« Sie schloss ihm die Türe zum Korridor auf Er
stürzte hinaus
    Landsfeld war nachdem Berger das Zimmer verlassen schweigend und todesmüde
vor dem Lager Lydiens niedergesunken die beim ersten Laute seiner Stimme aus
ihrer unnatürlichen Scheinohnmacht in wirkliche Bewusstlosigkeit zurückgefallen
war Nach einer langen Pause hob er den Kopf empor ein unaussprechlicher
Schmerz lag in seinen Zügen Mit Mühe erhob er sich und setzte sich neben sie
    »Lydia«  sagte er mit sanfter Stimme »Geliebte erwache«
    Wie durch ein Zauberwort öffnete sie ihr Auge Mit einem lauten Schrei
sprang sie auf an seine Brust und umschlang ihn krampfhaft
    »Ich wusste ja Du konntest mich nicht verlassen Richard«  sagte sie
endlich mit einem wunderbaren Lächeln auf den bleichen Lippen
    Ein langer tiefer Seufzer hob Landsfelds Brust »So kam ich noch zur rechten
Zeit«  sagte er zu sich selbst indem er aufstand und die Türe öffnete
»Alice  Alice  ich danke Dir« Ein Tränenstrom entstürzte seinen Augen
    Alice zitterte »Lass es gut sein Richard   Führe mich jetzt zu ihr« 
Lydia reichte ihr weinend die Hand
    »Wo ist Kornelia«  fragte er
    »Auf ihrem Zimmer es ist das letzte am Korridor«
    Als er die Türe öffnete und ins Zimmer trat wurde er durch den Anblick
der sich ihm darbot in Verwunderung gesetzt
    Kornelia saß auf dem Sopha ein aufgeschlagenes Buch vor sich in dem sie
aufmerksam zu lesen schien
    »Ihr Plan ist diesmal gescheitert verehrte Freundin«  sagte er mit der
kalten Ironie welche ihm gegen Kornelia geläufig war
    »Diesmal«  erwiderte sie lakonisch
    »Hätten Sie Lust einige Jahre die innere Einrichtung eines jener
wohltätigen Staatsinstitute kennen zu lernen die man im gewöhnlichen Leben
Zucht respektive Spinnhäuser nennt«
    »Für den Fall dass Sie verehrtester Freund Sehnsucht danach haben Ihre
Frau Gemahlin an den Pranger der öffentlichen Meinung zu stellen mit
Vergnügen«
    Landsfeld biss sich auf die Lippen
    »Was hat Sie zu dieser Tat veranlasst«  fragte er ernst
    »Zuerst die reine Idee selbst Sie müssen gestehen dass sie zu pikant ist
um nicht zur Ausführung zu reizen Dann  doch wozu soll ich Sie mit meinen
Gründen unterhalten«
    »Es wäre mir doch interessant«
    »Wenn ich Ihnen wirklich damit ein Vergnügen mache von Herzen gern Also
wenn Sie es denn wissen wollen«  sie stand auf und sagte ihm starr ins
Gesicht blickend mit jenem Ausdruck der Wut den sie schon bei ihrem ersten
Zusammentreffen mit Landsfeld im Bade gezeigt hatte leise »Rache«
    »Gegen wen wenn ich fragen darf«  sagte er kalt
    »Gegen Sie oder halten Sie mich etwa für so bornirt um jene Fabel zu
glauben die Sie mir in Pr t erzählten so albern um nicht zu wissen dass
Sie Sie allein Schattenfrei von meinem Wege in Italien entfernten«
    »Sie irren sich verehrte Freundin«  erwiderte er mit derselben kalten
Ruhe »Ich war es nicht Hab ich nicht mit Schattenfrei Sie selbst in Venedig
aufgesucht«
    »Ja als Sie wussten dass ich es bereits verlassen«
    »Sie sind in einem beklagenswerten Irrtum Kornelia«
    »Beklagenswert für Sie das geb ich zu und es freut mich dass Sie das
erkennen aber für mich dass ich nicht wüsste«
    Er war im Begriff noch etwas zu sagen indes besann er sich und wandte sich
nach der Türe
    »Sie können das Haus verlassen Kornelia«
    »Ich weiß es aber ich fühle keine Lust dazu Dagegen aber muss ich Sie
ersuchen es so bald als möglich zu verlassen Denn ich habe hier über meine
Gesellschaft zu entscheiden«
    »Das Weib besitzt eine göttliche Unverschämtheit«  sagte er halblaut und
ging hinaus
    Als er zu Lydia kam fand er sie bereits völlig angekleidet neben Alicen auf
dem Sopha sitzen »Bist Du stark genug mein teures Kind um die Fahrt nach
Hause zu ertragen«
    »Zu Allem bin ich stark genug nur nicht um länger hier zu bleiben«
    »So will ich Alles in Bereitschaft setzen Wo ist Gertrud«
    »Ich weiß es nicht«
    Alice ging hinaus und kam bald mit ihr zurück Sei hatte ruhig wartend in
einem der unteren Zimmer gesessen verwundert dass sich Niemand um sie
bekümmerte Sie wurde sogleich nach einem Wagen geschickt In einer Stunde waren
alle Vier in Berlin Hier trennte sich Alice von ihnen weil sie wie sie sagte
zu angegriffen sei um nicht der Ruhe zu bedürfen Landsfeld führte Lydia
sogleich in ihr Schlafzimmer indem er Gertrud beauftragte sie bei der
Forsträtin zu entschuldigen
    »Wie ist Dir meine Lydia«  fragte er liebevoll indem er sich neben sie
auf das Sopha setzte
    »Richard es war ein Augenblick wo ich fühlte dass ich dem Wahnsinn nahe
sei  Jetzt ist mir besser Ich bin ruhig sogar denn ich habe Dich wieder Das
Erlebte ist nur noch wie ein Traum oder wie eine lange Vergangenheit in meinem
Gedächtnis Ich bin nur verwirrt und abgespannt aber nicht unwohl  Morgen
wirst Du mir Manches erklären müssen Richard aber heute nicht  heute nicht
mehr«
    Landsfeld beobachtete sie mit ängstlichem Schweigen Als Gertrud kam stand
er auf »Gute Nacht teure Lydia«  Sie reichte ihm ihren Mund auf den er
einen herzlichen Kuss drückte
    »Was soll ich ihr zur Erklärung sagen«  fragte er sich als er allein auf
seinem Zimmer war in dem er mit langen Schritten auf und abging »Sie wird
mich nicht verstehen  Sie muss Zeit haben sich zu erholen«
    Ein Klopfen störte ihn in seinen Reflexionen Es war Gertrud »Was gibts«
 fragte er erschreckend über den Ausdruck von Angst in ihren Zügen »Ist meine
Frau unwohler geworden«
    »O nein gnädiger Herr  Aber die gnädige Frau Mutter «
    »Meine Schwiegermutter  Was ist mit ihr«
    »Sie wird vielleicht kaum den morgenden Tag erleben«
    »Das wolle der Himmel nicht«  sagte Landsfeld ernst »Ihre Angst wird wohl
die Gefahr etwas übertreiben Gertrud«
    »Ach nein gnädiger Herr«  erwiderte die Alte sich die Tränen mit der
Schürze trocknend »Der Herr Doktor haben es auch gesagt Er ist noch bei ihr
Sprechen Sie selbst mit ihm«
    »Das würde das Maß von Lydiens Leiden voll machen«  sagte Landsfeld laut
zu sich selbst sprechend
    »Bitten Sie den Herrn Doktor auf einige Augenblicke zu mir zu kommen« 
sagte er zu ihr
    »Ist wirklich Gefahr lieber Freund«  sagte er zu diesem  »sprechen Sie
ohne Hehl«
    »Ja es ist Gefahr und sehr große Sie müssen sich auf Alles gefasst machen
Eine Krisis die ich schon lange befürchtet ist eingetreten Es kann sehr
schnell zu Ende sein«
    »Ich danke Ihnen Gehen Sie ich bitte dringend zur Kranken zurück Bieten
Sie Alles auf was in Ihren Kräften steht Das Leben meiner Frau steht mit auf
dem Spiele Denken Sie daran Ich werde Ihnen morgen erklären was ich damit
sagen will«
    Es gehörte eine körperlich wie geistig so riesenkräftige Natur dazu wie sie
Landsfeld besaß um den ungeheuren Anstrengungen der letzten 24 Stunden nicht
schon erlegen zu sein Aber jetzt war auch seine Kraft erschöpft Bis zum Tode
ermattet war er nicht mehr im Stande selbst die eigene kritische Lage den
ganzen Umfang der Gefahren die sein ganzes Lebensglück in diesem Augenblick
bedrohten zu ermessen Er sank unausgekleidet auf das Sopha und verfiel in
einen tiefen todtähnlichen Schlaf aus dem ihn erst gegen 6 Uhr ein lautes
Pochen an seiner Türe erweckte
    
    Karl trat ein  »Gnädiger Herr  erschrecken Sie nicht  es ist ein Unglück
« Landsfeld bedeckte sich das Gesicht mit den Händen »Die gnädige Frau Mutter
«
    »Ist tot«
    Karl antwortete nicht aber er trat zu seinem Herrn und küsste seine Hand
»Sie müssen nicht den Mut verlieren gnädiger Herr wenn Sie ihn verlieren wer
sollte ihn dann noch behalten«
    Diese einfachen Worte enthielten eine Wahrheit die ihren Eindruck auf
Landsfeld nicht verfehlte Er drückte seinem treuen Diener die Hand und sprang
auf 
    Als er in Lydiens Schlafgemach und an ihr Lager trat sah sie ihn mit großen
Augen an ohne etwas auf seinen Morgengruß zu erwidern Auf ihrem Gesicht
flammte eine brennende Röte
    »Was ist Dir Lydia«  fragte er von neuen Ahnungen erschreckt
    »Nicht wahr«  erwiderte diese  »Terese wird sich freuen wenn ich sie
besuche Warum soll ich auch nicht Richard hat mich selbst dazu aufgefordert«
    Sprachlos starrte Landsfeld auf die Phantasirende Dann verließ er das
Zimmer um den Arzt aufzusuchen als dieser ihm auf dem Korridor begegnete
    »Sie wissen es schon Herr Baron«  fragte er
    »Ich weiß es«  sagte Landsfeld tonlos »Aber kommen Sie Ich glaube meine
Frau bedarf jetzt mehr als irgend ein Anderer Ihrer Hilfe«
    Sie traten zusammen an Lydiens Bett Schweigend legte der Arzt den Finger
auf ihren Puls
    »Es ist ein nervöses Fieber«  sagte er endlich »Vorläufig noch keine
Gefahr wenn nicht besondere Umstände hinzutreten«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Wieder waren mehrere Monate vergangen Lydia hatte indes die langwierige
Krankheit überstanden welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter der
ihr nicht verheimlicht werden konnte eine gefährliche Höhe erreicht hatte Der
Winter hatte bereits den milden Lüften des erwachenden Frühlings weichen müssen
Draußen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft
während auf den Straßen Berlins die weiße reinliche Schneedecke mit ihrem
Schlittengeläute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammüberzug in dem
sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten ersetzt
worden war
    Als Lydia sich stark genug fühlte bezog Landsfeld auf Anraten des Arztes
mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schönberg das sie am Ende
des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte Die frische Luft so wie der
wohltätige Einfluss den die Natur besonders im beginnenden Frühlinge auf jedes
kranke Gemüt und jeden leidenden Körper ausübt stärkten auch Lydia sichtlich
von Tage zu Tage Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf wenn sie das
früher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat aber ihre Tränen flossen
sanfter und ihr Schmerz verlor allmählig an Herbe und Schärfe Landsfeld widmete
sich ihr ganz Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemüts ganz kennen gelernt
weihte er ihr seine volle Liebe Über jene Szene in Potsdam hatte er noch nicht
mit ihr gesprochen teils weil er glaubte dass die Aufregung in die sie
dadurch notwendigerweise gesetzt würde bei ihrem noch nicht ganz befestigten
Gesundheitszustande gefährlich sein könnte teils weil er voraussah dass die
Erklärung jener Auftritte andere Erklärungen aus seinem eigenen Leben und über
seine eigene Stellung zu ihr herbeiführen müssten an die er jetzt nur mit einem
innern Zagen dachte Denn er fühlte wohl dass dieser Punkt ein Wendepunkt in
seinem Verhältnis zu Lydia und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben
werden musste
    Vielleicht hätte er noch länger geschwiegen obwohl er fühlte dass jede
Verzögerung hierin die Schwierigkeit diesen von ihn selbst geschürzten Knoten
zu lösen nur vergrößerte ja am Ende eine friedliche Lösung desselben gar
unmöglich machte wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre der ihn halb wider
Willen dazu zwang den Versuch der Lösung zu wagen wenn er der Gefahr eines
gewaltsamen Zerreissens vorbeugen wollte
    Gegen Ende des Maimonats war ihre Freundin Terese in Begleitung ihres
Gemahls von Potsdam zum Besuche herübergekommen um sich nach langer Trennung
persönlich von dem Befinden ihrer Jugendfreundin zu überzeugen Es war
natürlich dass Lydia jener unglücklichen Fahrt nach Potsdam gegen Niemand am
wenigsten aber gegen die schuldlose Teilnehmerin an jenem Komplott die
leiseste Erwähnung getan hatte und auch fest entschlossen war darüber zu
schweigen Indessen konnte sie die tiefe Aufregung in die sie durch den Anblick
Theresens gesetzt wurde weil ihr plötzlich jene Szene lebendiger in die
Erinnerung zurückkehrte vor den Blicken der Freundin schwer verbergen Terese
deutete aber den halb traurigen halb forschenden Blick den Lydia auf sie warf
ganz anders Sie erwartete in zwei Monaten ihre Niederkunft und glaubte daher
den schmerzlichen Ausdruck im Auge Lydiens aus dem Umstande erklären zu müssen
dass sie selbst sich dieser Hoffnung noch nicht hingeben köne Mit jener offenen
fast rücksichtslosen Herzlichkeit die bei gutmütigen Naturen nicht selten mit
einem Mangel an Zartgefühl verbunden ist suchte sie daher sobald die beiden
Frauen allein waren das Gespräch auf diesen Gegenstand hinzulenken um einen in
ihrem Sinne wohlgemeinten Trost zu spenden Da Lydia nicht bloß von ganz anderen
Gedanken erfüllt war sondern auch jene Veränderung an ihrer Freundin wie diese
mit Bestimmtheit voraussetzte gar nicht bemerkt hatte so konnte sie anfangs
ihre Andeutungen gar nicht verstehen trotzdem dass sie ziemlich unverholen und
ungeschminkt waren Lydiens Erstaunen rief Seitens Theresens eine nicht minder
große Veränderung hervor bis die Letztere endlich nachdem alle ihre Mühe sich
deutlich zu machen an der vollkommenen Unwissenheit Lydiens gescheitert war
begriff dass das was sie ehemals für bloße »Prüderie«  gehalten hatte
wirkliche baare Wahrheit war Ihr Schreck ja ihr Zorn gegen Landsfeld
erreichte als ihr über das eigentliche Verhältnis zwischen den Gatten kein
Zweifel mehr übrig blieb einen so hohen Grad dass sie jede Rücksicht
vergessend nicht nur in laute Vorwürfe gegen ihn ausbrach die Lydia zuerst mit
Befremdung anhörte dann aber mit Entrüstung zurückwies weil sie sich selbst in
der Seele ihres Gemahls beleidigt und gekränkt fühlte sondern auch um ihre
Heftigkeit selbst zu rechtfertigen es unternahm in kurzen aber nicht
misszuverstehenden Worten den Schleier herabzureissen der bisher Lydiens
kindlichen Sinn bedeckt hatte
    Aber Lydia war weit entfernt davon Alles was sie eben gehört für Wahrheit
zu halten teils weil die Weise in der es ihr vorgestellt wurde ihr reines
Gefühl zu sehr beleidigte teils weil wäre es ihr auch in anderer zarterer
Weise dargelegt worden sie nie hätte glauben können dass Richard ihr Richard
dem sie sich mit so grenzenlosem Vertrauen hingegeben wirklich so hätte handeln
können wie es ihre indiskrete Freundin sie glauben machen wollte
    Mit vor edlem Zorn hochrot gefärbten Wangen sprang sie von der Bank auf
auf der sie neben Teresen auf dem Balkon gesessen hatte
    »Schweige ich bitte Dich ernstlich und zum letzten Male«  rief sie
»Willst Du dass unsere Freundschaft bestehen soll so darf ich nie wieder ein
derartiges Wort von Dir hören Terese«
    »Armes verblendetes Kind«  entgegnete diese sie mitleidsvoll betrachtend
 »Doch ich will schweigen wenn Du es verlangst Denn Du hast vielleicht jetzt
mehr als je meine Freundschaft nötig Aber « In diesem Augenblicke kehrten die
Männer aus dem Garten zurück Als Landsfeld näher getreten war bemerkte er die
tiefe Verwirrung in Lydiens Zügen Wie von einer Ahnung der Wahrheit durchbebt
erbleichte er Ein zweiter Blick auf Terese sagte ihm deutlich dass er sich
nicht geirrt Seine eigene Unvorsichtigkeit die beiden Frauen allein zu lassen
und die indiskrete Schwatzhaftigkeit Theresens verwünschend ging er auf Lydia
zu die ihn mit starren fast zweifelnden Blicken ansah »Was fehlt Dir Lydia«
 fragte er seine Angst niederkämpfend indem er ihre Hand ergriff die eiskalt
war
    »Lass uns hineingehen Richard«  sagte sie zitternd »Es wird schon kühl
draußen«
    Es konnte hierin eine indirekte Mahnung an ihre Gäste liegen dass es Zeit
sei sich zu entfernen Wenigstens wurden die Worte Lydiens so verstanden Denn
Terese brach augenblicklich auf um nach Hause zurückzukehren
    Als die beiden Gatten allein waren herrschte eine lange Pause Lydia rang
vergeblich nach Worten in denen sie ihr Gefühl hätte ausdrücken können und
Landsfeld wagte es nicht diesem Gefühle dessen Grund und Wesen er wohl kannte
Worte zu geben aus Furcht dass dadurch Lydiens Schmerz nur vergrößert werden
würde wenn sie sähe wie gut sie verstanden werde Denn wurde sie verstanden
so hatte auch ihre Freundin Recht und dann  sie schwindelte vor dem Abgrunde
zurück der bei dem Gedanken Landsfeld könnte sich nicht aus Liebe mit ihr
verbunden haben vor ihren Füßen aufgähnte Um das peinliche Schweigen zu
durchbrechen was wie ein Alp auf ihm lastete sagte endlich Landsfeld
    »Meine teure Lydia ich glaube es wird gut sein wenn Du Dich bald zur
Ruhe legst Du scheinst sehr angegriffen Ob es der ungewöhnlich lange Besuch
war der Dich so aufgeregt oder ob Dich etwas Anderes beunruhigt hat darüber
wollen wir morgen sprechen« Landsfeld stand bei diesen Worten auf und rief
Gertrud der Lydia auch sogleich fast willenlos in ihr Schlafgemach folgte
Landsfeld ging mit gesenktem Haupte auf und nieder Bald wollte er Teresen
nacheilen um Sie zu fragen was sie mit Lydia gesprochen bald legte er die
Hand auf den Griff der Türe die zu Lydiens Zimmer führte um sie aus dieser
tiefen Niedergeschlagenheit durch die Versicherung seiner unwandelbaren Liebe
herauszureissen und in einer vollständigen innigen Versöhnung jeden Nebel der
sich am Horizonte ihrer gegenseitigen Liebe zu lagern drohte zu verscheuchen
und die Morgenröte der vollen ganzen Einheit wahrhafter Gattenliebe
heraufzuführen  Aber dann dachte er sich wieder wie Lydiens zarte
Organisation von langer Krankheit und vielfacher Gemütsbewegung ohnehin in
ihren Grundfesten erschüttert den plötzlichen Ausbruch voller
Leidenschaftlichkeit nicht würde ertragen können und er trat von der Türe
zurück und schritt von Neuem sinnend über das Benehmen das er nunmehr zu
beobachten habe auf und nieder Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu
haben Er konnte das Bewusstsein, kein beruhigendes Wort gesprochen zu haben
nicht aushalten Ein solches wollte er wie der Augenblick es ihm eingeben
würde noch sagen und das Übrige auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben
Als er in Lydiens Zimmer trat fand er sie den Kopf in die Hand gestützt
nachdenklich auf dem Sopha sitzen Schweigend setzte er sich neben sie und
ergriff ihre Hand
    »Nicht wahr«  sagte er  »Du hast Vertrauen zu mir Du glaubst an meine
Liebe«
    »Gewiss gewiss  Richard«  rief sie ihn umschlingend »Den Glauben kann mir
Niemand rauben als Du selbst«
    Beruhigter fuhr er fort »Und hat ihn Dir Jemand zu rauben versucht Lydia«
    »Sage mir nur Eins mein Richard  ich frage nur um mit dem einen Worte
das Du mir sagen wirst alle die Angst die mich durchzittert entschwinden zu
machen Richard bin ich Deine Gattin Dein Weib im vollsten Sinne des Worts«
    »Wie kommst Du auf diese Frage«  fragte er ausweichend
    Sie schüttelte den Kopf und verbarg das Gesicht in die Hände
    Landsfeld wünschte der Wiederholung jener Frage zuvor zu kommen da er
begreiflicherweise sie weder bejahen noch verneinen konnte weil er in dem
einen Falle die Schranke zu einer ewigen gemacht im andern ihr mit einem Worte
den Glauben an ihn zerstört hätte Er umfasste sie mit tiefer Innigkeit und
presste einen heißen Kuss auf ihre Lippen »Lydia konntest Du je an meiner Liebe
zweifeln«
    »Verzeih verzeih Richard«
    »Als ich Dich kennen lernte Lydia«  fuhr er fort da er jetzt die
Unmöglichkeit einsah die Erklärung welche er ihr notwendigerweise einmal
geben musste aufzuschieben um jenen Zweifel ganz zu ersticken  »Als ich Dich
kennen lernte hatte ich den Glauben an weibliche Reinheit und Liebe verloren
Ich war in meinen liebsten Hoffnungen getäuscht in meinen teuersten Wünschen
betrogen und alle meine Ideale hatten sich als leere Schattenbilder erwiesen Da
sah ich Dich  und  verzeih mir denn jene Zeit des Zweifels liegt jetzt
hinter mir  wollte mich überreden dass auch Du vielleicht nur ein Scheinideal
seist das mich in neue Träume von Glück einzuwiegen mir erschienen war Da
schwur ich Lydia nicht eher an Dich zu glauben nicht eher meiner bereits
erwachten Neigung zu Dir mich ganz zu überlassen als bis ich eine feste
unumstössliche Überzeugung von der Wirklichkeit von der Wahrheit Deiner idealen
Erscheinung gewonnen hätte«
    Er schwieg
    Lydia hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu denn Landsfeld hatte
sich über sein Inneres über die Kämpfe die früher darin getobt hatten nie
gegen sie so aufrichtig und klar geäußert
    »Du warst wohl recht unglücklich damals Richard«  sagte sie liebevoll
    »Sehr unglücklich ja das war ich  ja ich bin es teilweise noch Denn 
missdeute mich nicht  ich habe ein Unrecht gegen Dich oder vielmehr gegen mich
zu büßen dies Unrecht war dass ich mich gegen jene Überzeugung zu lange
gesträubt habe dass ich fast aus Furcht mein Ideal wieder zu verlieren dagegen
angekämpft habe dies Unrecht lastet auf meiner Seele und lässt mich noch heute
mein Glück nicht vollständig genießen«
    Das schwere Wort war gesprochen Ob es verstanden war das war eine andere
Frage Seine angstvollen Blicke ruhten auf dem Gesicht Lydiens die über den
Sinn seiner Rede nachzudenken schien
    »Aber als Du nun jene Überzeugung erlangt hattest Richard da sträubtest
Du Dich doch nicht mehr gegen sie Wie hättest Du sonst Dich entschließen
können Dich mit mir zu verbinden wenn nicht jene Überzeugung in Dir schon
feste Wurzel geschlagen«
    Diese den eigentlichen Kern der Immoralität ihrer bisherigen Ehe berührende
Reflexion welche unmittelbar aus Lydiens reinem natürlichen Gefühl stammte
machte Landsfeld zittern Gerade diesen Punkt war er zu verdecken bemüht
gewesen und nun wurde er mit Gewalt zur Entscheidung getrieben Jetzt blieb ihr
nur noch ein Ausweg um zum Ziele zu kommen und das war gerade jener den er am
meisten gescheut hatte der Weg der Leidenschaft
    »Lydia«  rief er aus tiefster Brust aufatmend indem er ihren Kopf
zwischen seine Hände nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute
Seine Stimme versagte ihm fast als er halb vor Verzweiflung halb aus
wirklicher tiefer überströmender Liebe endlich in die Worte ausbrach »Du
weißt nicht wie unendlich wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist«
    Der zitternde Ton mit dem diese Worte gesprochen wurden setzte ihre Seele
in eine Schwingung der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war sie stieß
einen leisen aber tiefen Seufzer aus in dem sich ihre ganze noch nicht
überwundene Beklemmung verhauchte Ihr schöner Kopf sank auf die Sophalehne
herab und ein überaus seelenvolles Lächeln umspielte ihren reizenden Mund
Landsfeld beugte sich über sie und küsste ihre Augen die sie geschlossen als
wolle sie einen entzückenden Traum in den sie durch Landsfelds Wort und Blick
versenkt war festhalten Ihre Wangen noch kurz zuvor so bleich färbten sich
unter seinen Küssen tiefer und tiefer die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in
ihrer Brust entzündeten Landsfeld selbst war von seiner Empfindung übermannt
er fühlte es dass der Augenblick kommen werde in dem seine Willenskraft vor der
Gewalt der Leidenschaft werde ohnmächtig zusammensinken Zagend davor und sich
doch danach sehnend schwankte er einige Minuten zwischen glühendem Verlangen
und zitterndem Bangen hin und her indem er bald kühner werdend Lydiens sich
an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte bald wie vor seiner
eigenen Kühnheit erbebend die sie umschlingenden Arme sinken ließ Als er aber
sah dass in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut die wie ein Lavastrom
durch seine Adern rollte gefallen war der weiter und weiter glimmend bald in
leuchtende Flammen ausbrechen musste so setzte er jede Bangigkeit und
Unentschiedenheit vergessend dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen
Damm mehr entgegen                  
    In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure ihr ganzes
Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschütternde Umwandlung vor
indem plötzlich die Erinnerung an jene furchtbare Szene mit Berger in ihr
auftauchte Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrösteln ihre Glieder als der
Gedanke in ihr lebendig wurde dass  Terese Recht gehabt habe Ihr Herz
durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit die
sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte »Er hat Dich nicht
geliebt«  so tönte es wieder und immer wieder in ihrer Seele »Du bist Ihm
nichts gewesen als eine Puppe mit der er gespielt als ein Instrument mit dem
er kalte und berechnende Versuche angestellt« Sie fühlte sich erniedrigt
gedemütigt bis im innersten Lebenskeime verwundet und das unnennbare Weh
betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust Hätte sie die
physische Kraft gehabt so würde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft
Fortgerissenen von sich gestoßen haben Aber sie vermochte es nicht Ihr
weiblicher Zartsinn war empört über seine Angriffe ihr edler Stolz krümmte sich
wie ein ohnmächtiger Wurm unter der grausamen Hand die den Schleier von dem
Allerheiligsten ihrer Jungfräulichkeit zerriss aber sie vermochte es nicht ihm
den geringsten Widerstand zu leisten Wie der Ertrinkende im Todeskampfe
vergeblich die Hände emporstreckt so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat
aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemächtigt wenn
die Gewissheit keinen Boden mehr unter seinen Füßen und keinen Strohhalm zum
Anklammern zu haben seinen Geist überwältigt und vernichtet so kämpfte sich
auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen
Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das
blinde Verlangen ungezähmter Leidenschaft in ihr durch  bis zum Wahnsinn
    Hätte sie widerstehen können wäre ihr Stolz hinlänglich durch ihre
physische Kraft unterstützt worden um seine Empörung wenn auch nur durch den
Versuch eines Widerstandes betätigen zu können dann würde ihre verratene
Liebe sie vielleicht einem frühen Tode zugeführt haben Aber da Landsfeld
teils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war teils
weil Lydia seinem Ungestüm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte
besonders aber durch ihre anfängliche Hingebung getäuscht jene entsetzliche
Umwälzung in ihr gar nicht bemerkte vielmehr in ihrer jetzigen an Apathie
grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzückens zu sehen glaubte
Jetzt musste ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen Es war ein
furchtbarer Augenblick  Ein vierfacher Mord  an ihrer Unschuld  ihrer Liebe
 ihrem Stolze  ihrer Vernunft Die vier Elemente ihrer innern Welt sie
zerfielen mit einem Schlage in Trümmer und der Genius ihrer reinen Seele löschte
klagend die Fackel in seinen Tränen
    Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend den Kopf erhob und sein
liebender Blick den ihrigen suchte war er durch die fahle Blässe und
ausdruckslose Schlaffheit ihrer Züge überrascht Ihr Auge war weit geöffnet
aber ohne lebendigen Glanz ohne jene Bestimmtheit der Richtung und Sehweite
welche man Blick nennt starrte es empfindungs und gedankenlos in ein leeres
Nichts  »Lydia«  sagte er sanft und innig Sie hörte nicht  »Lydia«
wiederholte er ängstlich flehend  Vergebens Dieser Ton der sie einst aus der
tiefen Bewusstlosigkeit geweckt in welche sie Angst und Abscheu in den Armen
Bergers versenkt hatte er hatte seine Zauberkraft auf immer für sie verloren
Landsfeld sprang auf  sie rührte sich nicht Da zuckte plötzlich der Gedanke
ihres Todes durch seine Seele »Ruhig«  sagte er leise zu sich selbst  »sie
wird erwachen sie muss erwachen  solch überteuflischer Gedanke kann in keiner
Hölle erfunden werden« Er stand vor ihr den kalten sinnenden Blick auf sie
gerichtet Es war einer jener Augenblicke in denen der Gedanke an die
Möglichkeit einer ungeheuren Tat jede Empfindung jede Bewegung des Innern in
der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslöscht Er durfte nur die Hand
auf das Herz legen um sich davon zu überzeugen ob sie lebe Aber er tat es
nicht Er klammerte sich an die in jeder Möglichkeit liegende Hoffnung vom
Gegenteil an denn er fühlte dass er jetzt nicht die Kraft habe diese Hoffnung
vor seinen Augen in Nebel zerfließen zu sehen
    »Schrecklich wärs«  fügte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach
einer Pause hinzu »in dem Moment wo das Glück beginnen soll den Tod im Arm zu
halten Ich will Wahrheit«  schrie er den Arm ausstreckend  sein Finger
zuckte  mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens   
    Da erhob sich Lydia Als hätte er einen Geist erblickt so trat Landsfeld
einen Schritt zurück denn Lydia war aufgestanden und schritt ohne Landsfeld
anzublicken auf die Türe zu 
    »Lydia«  rief er Sie zuckte einen Augenblick zusammen aber sie ging
weiter Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen Ein
herzzerreissender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und lösthe sich endlich
als Landsfeld sie noch heftiger umfasste in lautes Schluchzen auf »Mutter
Mutter«  rief sie mit einer Stimme die die höchste Angst ausdrückte  »Hilfe«

    Gertrud die den ängstlichen Hülferuf gehört hatte eilte vor Schrecken
bleich herzu Mit übermenschlicher Kraft riss sich Lydia aus der Umschlingung
Landsfelds und stürzte in die Arme ihrer alten Amme »Mutter«  rief sie
weinend indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte  »rette rette mich
vor ihm«
    Jetzt fasste Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager
zurück Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt um den Arzt
herauszuholen
    Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder
Bewegung jedem Atemzuge der Unglücklichen gelauscht Was in dieser Stunde in
seiner Seele vorging welche Angst welche Ahnungen in ihm stürmten kann man
nicht in Worten ausdrücken Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer
Ohnmacht erwacht Mit aufmerksamen aber wirren Blicken betrachtete sie den noch
immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden dann stieß sie abermals jenen
dumpfen erschütternden Schrei aus Sie wollte aufspringen und verlangte als
sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Kräfte daran verhindert wurde 
immer wieder nach ihrer Mutter
    Während eines solchen Kampfes war es als der Arzt eintrat Sobald sie ihn
erblickt hatte stürzte sie auf ihn zu und rief ihm flüsternd und geheimnisvoll
ins Ohr »Er hat mich nie geliebt  Ich bin entehrt«
    Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hände und sank
verzweiflungsvoll auf einen Stuhl
    Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betäubung »Sie
armer Mann«  sagte der Arzt »Ihre Frau ist wahnsinnig« 
    Lautlos stürzte Landsfeld zu Boden
 
                              Vierzehntes Kapitel
Auf dem Balkon eines der geschmackvollen und eleganten Villen welche das sanft
aufsteigende mit Reben bedeckte rechte Ufer der Elbe unterhalb Dresden
schmücken saß an einem milden Juniabend eine Dame von etwa acht und zwanzig
Jahren den gedankenvollen Blick auf die Zeilen eines Briefes gerichtet den sie
mit der rechten sehr zarten und weißen Hand hielt während die Linke nachlässig
über die Balkonlehne hinabhing Als sie das Ende des Briefes erreicht hatte
ließ sie die Hand auf den Schoss sinken
    »Es konnte nicht anders kommen«  sagte sie halblaut  »Und doch  wer
kanns wissen ob schon alle Hoffnung verloren Sie oder Ich  vielleicht
Beide«
    Sie seufzte und rief darauf den Brief zusammenfaltend in die offene
Salontüre hinein »Marie«
    »Mein Gott gnädige Frau wie bleich sehen Sie aus Was ist geschehen«
    »Wann ist der Brief abgegeben«  fragte die Dame ohne auf die Äußerungen
des jungen Mädchens Rücksicht zu nehmen
    »Schon heute Vormittag als Sie eben fortgeritten waren«
    »So kann ich ihn jeden Augenblick erwarten«  sagte Jene vor sich hin indem
eine flüchtige Röte ihre Wangen färbte
    Einige Minuten später öffnete ein Mann die Türe des Gartens auf den der
Balkon hinausging und näherte sich mit langsamen Schritten dem Hause Die Dame
war aufgestanden um den Nahenden zu bewillkommnen
    Ihr Herz schlug fast hörbar und eine tiefe Beklommenheit schien sich in den
ängstlichen Blicken und dem schnellen Auf und Abwogen ihres Busens kund zu
geben
    Endlich standen Beide einander gegenüber und betrachteten sich einige
Sekunden mit großer Aufmerksamkeit
    »Du hast Dich sehr verändert Richard«  sagte die Dame sanft
    Ein bitteres Lächeln flog über die abgezehrten und bis zur Unkenntlichkeit
gealterten Züge Landsfelds
    »Findest Du das  Um so mehr freue ich mich darüber wie gut Du Dich
konservirt hast Alice«
    Nun lud sie ihn zum Sitzen ein Nach einer langen Pause während welcher
Beide sich ihren Betrachtungen überlassen zu haben schienen sagte endlich
Landsfeld mit bebender Stimme
    »Ich komme vom Sonnenstein «
    »Wie befindet sie sich?  ist keine Änderung in ihrem Zustande sichtbar«
    »Keine  seit zwei Jahren das heißt seit zwei masslosen Ewigkeiten  keine«
    »Hat sie Dich gesehen«
    Er schüttelte den Kopf »Ich hätte den Abscheu der sie bei meinem Anblick
zu ergreifen pflegt nicht mehr ertragen  Aber  lassen wir ruhen was
begraben ist Ich habe unsagbar gebüßt und muss Ruhe haben  Ruhe  Im Sturm
des Oceans wenn die Windsbraut die Elemente in einander jagte und ihr Geheul
anstimmte zu der Vermählung des Himmels mit dem Meere da war mir auf
Augenblicke wohl  aber nur auf Augenblicke Ich habe dem Tode ins Angesicht
gesehen aber die Erlösung fand ich nicht«
    Er schwieg dann als besänne er sich plötzlich weshalb er gekommen sei
fragte er »Und Du sagst mir nichts von meinem von  ihrem Kinde«
    Stumm stand Alice auf und führte ihn seine hand ergreifend in das Haus
hinein Nachdem sie durch mehrere Zimmer geschritten öffnete sie endlich durch
den Druck einer verborgenen Feder eine Tapetentür und sagte ins Innere
hineinweisend »dort«
    Es war ein kleines überaus lieblich geschmücktes Gemach welches durch die
buntgemalten Fenster mit einem sanften warmen Schein erfüllt wurde Gerade der
Türe gegenüber stand eine kostbar gearbeitete Wiege und darin lag von einer
weissseidenen Decke bis zur Brust verhüllt ein junges sehr zartes Kind die
kleinen Händchen über der Brust gefaltet  Landsfeld trat näher Eine Träne 
seit zwei langen Jahren die erste  trat in sein Auge als er sich über die
Wiege beugte um einen Kuss auf die weiße Stirn des schlafenden Engels zu
drücken Aber als hätte er eine Natter berührt so fuhr er zurück Sein Haar
sträubte sich seine Augen rollten fürchterlich als wollten sie ihre Höhlen
verlassen seine Lippen stammelten unartikulirte Laute
    »Richard«  sagte Alice ihn mit Gewalt aus dem Zimmer ziehend  »es ist
Alles was Du jetzt von Deinem Glücke hast Sei ein Mann und fasse Dich  Wohl
ihm dass es gestorben ist Was wäre sein Leben gewesen als eine Qual«
    Sie hatte ihn bei diesen Worten in ein anderes Zimmer geführt
    Mit fahlen Zügen und zitternden Lippen den irren Blick auf einen Punkt
gerichtet hörte er die Worte Alicens aber keine Veränderung in seinen Mienen
bewies dass er sie verstanden Endlich sagte er mit leiser und gebrochener
Stimme indem er die Hände verzweiflungsvoll vor das Gesicht schlug »Tot 
tot  Alles gemordet  Alles«
    Alice sah mit kummervollen Blicken auf den Verzweifelnden Sie fühlte dass
er nie mehr glücklich werden könne dass sein Leben ihm nur eine ewige Last sein
werde
    »Lasse es mich noch einmal sehen Alice«  sagte er endlich  »nur einmal
noch ehe ich scheide«
    Sie zauderte einen Augenblick  dann drückte sie aufs Neue an der Feder und
die Türe öffnete sich wie das erstemal
    Landsfeld kniete an der Wiege nieder und blickte lange auf das tote Kind
Endlich stand er auf Seine Züge waren ruhig fast heiter als er zu Alicen
sprach
    »Was würdest Du an meiner Stelle tun Alice«
    »Sterben«  sagte diese ruhig
    »Das dachte ich auch  aber darf ich hier sterben«  Er wies auf die Wiege
    »Ja«
    Alice wandte sich zum Gehen
    »Alice«  rief er noch einmal Er hatte ihr beide Hände entgegengestreckt
Da vermochte sie sich nicht länger zu halten Weinend stürzte sie in seine Arme
und drückte einen langen  langen Scheidekuss auf seine kalten Lippen
    Er wandte sich sanft aus ihren Armen und blickte sie flehentlich an
    Sie stürzte hinaus und schloss die Türe neben der sie sich auf den Boden
niederkauerte
    Nach einigen Minuten erfolgte eine Explosion Sie sprang empor und trat ein
    Landsfeld lag über der Wiege ausgestreckt Die Kugel war ihm mitten durch
das Herz gegangen Alice stürzte sich über ihn
    »O Richard«  stöhnte sie schluchzend  »Ich ich habe Dich allein und
wahrhaft geliebt« 
    Eine tiefe Ohnmacht lagerte sich wie ein Schleier über ihre Sinne
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                           
Eine halbe Stunde lang herrschte in dem kleinen Zimmer eine Todtenstille
                           
    Abermals war eine halbe Stunde verflossen Alice saß noch halb betäubt in
ihrem Wagen Die Fahrt ging zum Sonnenstein Sie verlangte den Arzt der
Irrenanstalt zu sprechen welcher Lydia in der Kur hatte Nach einem langen
Gespräch während dessen der Irrenarzt ein noch junger sehr bleicher Mann mit
raschen Schritten das Zimmer auf und abgeschritten war trat eine Minutenlange
Pause ein
    »Sie können vielleicht Recht haben«  sagte endlich der Arzt auf dessen
Gesicht sich ein tiefer innerer Kampf abzuspiegeln schien zu Alicen
    »Vielleicht  Aber wer gibt uns die Gewissheit«
    Jetzt erhob sich auch Alice Außer der Marmorweisse auf ihrer Stirn und Wange
deutete keine Spur auf die vergangene furchtbare Szene die sie kurz zuvor
erlebt Ihr Auge glänzte mit demselben Feuer wie vorher und ihre Stimme hatte
ihren gewöhnlichen melodischen sonoren Klang
    »Und glauben Sie denn«  wandte sie sich zu dem Unentschlossenen  »dass dies
Wagestück wie Sie es nennen wirklich so bedenkliche Folgen haben kann Ich
glaube es nicht Gewiss wird der Anblick auf sie gar keinen oder einen
wohltätigen Eindruck hervorbringen«
    »Wohltätig  Was kann wohltätiger für die Arme sein als der Mangel des
Bewusstseins, und vollends jetzt Indes ist es möglich dass da sie den Lebenden
nicht kannte der Tote sie noch weniger erschüttern wird Verweilen Sie hier
einen Augenblick ich werde sogleich zum Direktor der Anstalt gehen um
persönlich die Erlaubnis auszuwirken«
    Als Alice allein war ließ sie sich wieder auf den Sessel nieder und stützte
das Haupt leidenschwer auf die Hand Gedanken der widersprechendsten und
vielfältigsten Art mussten sie durchkreuzen denn bald rollte eine einzelne
Träne von den gesenkten Wimpern herab bald strahlte ihr schönes Auge von
tieferem fast unheimlichem Feuer Jetzt fuhr sie mit der Hand zum Herzen als
fühlte sie den großen Schmerz von Neuem jetzt hob sich ihre Brust wie von
kühnen Plänen geschwellt um dann wieder von Verzweiflung niedergedrückt zu
werden Sobald sie jedoch die Schritte des Arztes vernahm glätteten sich ihre
Züge und die frühere Ruhe breitete sich wieder auf ihnen aus
    Der Direktor hatte die Bitte gewährt
    Rasch eilten sie Beide dem Flügel zu in welchem Lydiens Gemach lag wie
alle Behausungen dieser Art halb Kerker halb Krankenstube Bei ihrem Eintreten
fanden sie die Unglückliche auf dem Boden sitzend den Schoss mit einer Menge
von Blumen angefüllt aus denen sie Kränze zu flechten versuchte
    Eine beklemmende Empfindung bemeisterte sich Alicens als sie auf Lydia
zutrat und einen forschenden Blick auf ihre Züge warf Es war keine sehr
bemerkbare Veränderung darauf zu sehen Nur als ihr glanzloser und scheuer Blick
dem Auge Alicens begegnete las diese darin die Vernichtung dessen was den
Menschen über das Tier erhebt  des Bewusstseins.
    Ein irres halb verwundertes Lächeln glitt über ihre bleichen Lippen als
sie das fremde Gesicht erblickte aber sie sagte Nichts Fast wie ein Schwindel
ergriff es Alicen als sie dies Lächeln sah unwillkürlich streckte sie die
Hand nach dem Arzte aus der sie sanft nach der Türe führte indem er ihr leise
zuflüsterte »Erwarten Sie mich unten Ihre Bewegung könnte uns stören«
    Nachdem Alice einige Minuten im Wagen zugebracht erschien Lydia am Arme
ihres Arztes in der Ferne von einem Wärter gefolgt Sie stiegen ein und
rollten nachdem der Wagen fest verschlossen war auf der Straße nach Dresden
hin Während der ganzen Fahrt sprach Niemand von den Dreien ein Wort aber als
sie vor der Gitterpforte des Gartens hielten ergriff Alice des Arztes Hand und
sagte mit bebender Stimme
    »Mut Mut«
    Langsam gingen sie den Fusssteg hinauf den noch wenige Stunden zuvor
Landsfeld betreten hatte und standen zitternd nach wenigen Schritten vor der
Türe die die Lösung dieses furchtbaren Rätsels verschloss
    Jetzt war durch eine merkwürdige Verwandlung die plötzlich in Alicens Seele
vorgegangen war ihre ganze geistige Kraft zurückgekehrt Mit sicherer Hand
drückte sie die Feder während sie mit der andern Lydiens Arm ergriff um sie
halb mit Gewalt ins Zimmer zu drängen Eine geraume Zeit herrschte eine
lautlose Stille Alice und der Arzt standen bewegungslos auf der Schwelle Lydia
mitten im Zimmer dicht vor der Leiche Landsfelds dessen Fuß fast den ihrigen
berührte
    Sein bleiches Gesicht aus dem der Tod jede Falte des Grams verwischt hatte
war ihrem Blicke offen zugekehrt
    In sprachloser Angst starrten die Beiden auf jede ihrer Bewegungen und es
schien Anfangs nicht als ob die Befürchtungen des Arztes und die Hoffnungen
Alicens sich verwirklichen wollten In einem gegenüberhängenden Spiegel konnten
sie genau den irren Blicken der Wahnsinnigen folgen die zuerst wild im Zimmer
umherschweiften und sich endlich auf den Toten senkten
    Da fuhr es wie ein eisiger Schauer durch ihren Körper aber kein Schrei
kein Laut drang aus ihrem Munde und wie gefesselt wurzelten ihre Füße auf dem
Boden doch in demselben Augenblicke erhielten auch ihre Blicke ihre bestimmte
Richtung wieder während sie immer fest und starr auf die Züge des Toten
geheftet blieben
    »Sehen Sie diesen Blick«  sagte der Arzt zu Alicen »Noch zwei Minuten und
sie ist entweder tot oder bei Bewusstsein«
    In der Tat konnte man fast von Sekunde zu Sekunde wahrnehmen wie das
erwachende Bewusstsein in das immer größer und klarer werdende Auge zurückkehrte
Ihr Mund öffnete sich allmählig Ihr Kopf beugte sich immer weiter und weiter
vor als wollte sie die geschlossenen Augenlider mit dem Strahl ihres Blicks
durchdringen   dann plötzlich wurde ihr ganzer Körper wie durch eine
unsichtbare Macht in die Höhe geschnellt  sie fuhr sich wie aus einem
grausigen Traume erwachend über Stirn und Augen und stürzte mit einem
furchtbaren herzzerreissenden Schrei »Richard« auf ihren Gatten nieder     
    Einen Monat später fuhr ein schwer bepackter Reisewagen durch das Kärntner
Tor in Wien ein
    Zwei Frauen in tiefe Trauer gekleidet sahen teilnahmlos aus demselben auf
das fröhliche Treiben der Kaiserstadt  Es waren Alice und Lydia auf dem Wege
nach Italien