Ida Gräfin HahnHahn
Sibylle
Eine Selbstbiographie
Erster Band
An Fürst Fritz Schwarzenberg
Ihnen mein lieber Fritz dies traurige Buch Ja grade Ihnen Sie können es
aushalten Sie trift es nicht Sie haben ein Herz Hat man das so gibt es
freilich nichts desto weniger Zeiten in denen man dunkle zweifelnde
verachtende Blicke in das Gewirr des Menschenlebens und auf das lähmende
Schauspiel eigener und fremder Schwäche wirft aber mit der dem Herzen eigenen
Schwungkraft schnellt man den wüsten Ballast von Staub Moder und
Verwelklichkeit fort gedenkt ihrer als melancholischer Warnung und fühlt
deshalb den goldenen heiligen Faden nicht abgerissen der unser kleines Wesen an
das große lichte liebende ewige Wesen des Alls knüpft Das Herz ist an sich
selbst eine Sonne die Licht und Wärme die Leben gibt Fehlt sie so herrschen
Chaos und Tod und der Mensch der dieser Finsternis anheimfällt ist unselig
und ich glaube es gibt manche solcher Unseligen in unsrer Welt die so klug und
so kalt ist Darum lieber Fritz wende ich mich recht zu meiner Erquickung in
Gedanken an Ihr gutes rasches warmes Herz und ohne zu erwarten dass Sie als
echter und rechter Lanzknecht die Lanze für meine Überzeugungen und Meinungen
welche nicht immer die Ihren sein mögen einlegen müssten weiß ich doch dass Sie
mir herzlich die Hand schütteln und sagen werden In der Hauptsache denken wir
überein
Dresden den 26 April 1846
Ida HahnHahn
Wir Alle haben sie gekannt Sie wohnte zwischen uns sie lebte mit uns Bemerkt
mögen nur Wenige sie haben doch jetzt da sie tot ist werden Manche sich ihrer
erinnern Die Welt ist wie ein Meer Jeder hat so viel damit zu tun das Schiff
seines Lebens durch Klippen und Stürme zu bringen dass er weder Zeit noch Ruhe
noch Teilnahme genug übrig hat um sie den fremden Lebensschiffen zuzuwenden
höchstens aus Neugier sieht er einmal flüchtig hin Kommen aber Trümmer daher
geschwommen starrt aber von einer Sandbank ein gestrandetes Wrack schwarz und
formlos empor tauchen aber aus den Wellen Gegenstände auf die ein
untergegangenes Dasein verraten dann fährt man auf das Interesse erwacht man
möchte wissen welch Schiff hier von den Wogen verschlungen ward ob es dieses
war ob es jenes war man sieht beklommen den Trümmern nach man denkt so wird
auch unser Ende sein Dann wirbeln die Wellen sie fort und die Gedanken
wenden sich wieder den eignen Wegen zu Es kann den Menschen trösten oder ihn
trostlos machen dass er lebend oder tot keine bleibende Furche durch das Meer
des Lebens zieht
Diese Blätter sind Überbleibsel eines Daseins welches vor der Zeit
Schiffbruch litt vor der Zeit was die Jahre betrifft die uns ja bis »siebzig
oder achtzig« zugemessen für die also Zustände denkbar sind welche ihnen
Genüsse und Befriedigung verschaffen Allein viel zu spät für die schauerliche
Erschöpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte Nichts auf der Welt machte
ihr Freude nichts entlockte ihr ein Lächeln oder eine Träne nichts erwärmte
ihr Herz oder beflügelte ihren Geist nichts ruhte sie aus nichts regte sie an
Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgeödeten Leben wie der Genius des
Todes jetzt neben ihrem Grabe stehen mag unüberwindlich gleichgültig
Gleichgültig das war sie aber nicht bloß für Andere sondern mehr noch für
sich selbst Es ist ja Alles gleich vorüber sprach sie mit ihrer tonlosen
Stimme und ihrem Marmorantlitz und Körperleiden die Andere wahnwitzig machen
würden erpressten ihr keine Klage Als sie im Sarge lag fiel mir dieser
gleichgültige Ausdruck ganz unsäglich schmerzlich auf Die Züge der Toten
pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam überstralt zu werden so dass
unschöne schön entstellte und zerwühlte versöhnt erscheinen Ein gewisser
majestätischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich
rührend und glorreich Sie hatte ihn nicht denn sie hatte keine Leiden besiegt
die Leiden hatten sich nur von ihr zurückgezogen und wo kein Sieg ist keine
Verklärung
Als ich die Blätter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche
ich auf ihren Wunsch nach ihrem Tode empfing war es mir als sähe ich einen
einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen der eine
melancholische monotone Weise singt die er der Brandung rings umher abgelauscht
und der Unermesslichkeit die ihn umgibt angepasst hat Die Eindrücke ihrer ersten
Jugend die träumerischen sehnsuchtsvollen unbestimmten großartigen Bilder
welche am Meeresufer in Buchen und Eichenwäldern in Herbstnebeln an ihr
vorüber gezogen sind haben ihrer Seele die entsprechende Färbung aufgedrückt
und ihre Phantasie über alles Maß hinaus entwickelt Sie hatte sich so gewöhnt
in ihren Träumen zu leben dass die Wirklichkeit ihr überall nüchtern und blass
erschien und weil die Phantasie ihr den Genuss des Unerreichbaren bot so ließ
sie das Erreichbare matt und traurig fallen hielt es nur für Täuschung des
Herzens oder Irrtum des Verstandes, und suchte und suchte erst mit Sehnsucht
dann mit Verzweiflung dann mit Entmutigung das unbekannte Gut das sie
überall wahrzunehmen wähnte und nirgends fand
Nun liegt sie still und kühl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hügel dessen
runde Kuppe einen Busch von Eichen trägt Unausgesetzt tönt das Brausen der See
herüber eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grüne Landschaft rings
umher monoton in ihrer Ruhe sich ausbreitet Inmitten der Eichengruppe deckt ein
Würfel von Granit ihr Grab und auf demselben stehen die drei Worte
»Sibylla wach auf«
Langsam und mit großen Qualen zieht sich das Leben von mir zurück und ich weiß
es Wäre irgend eine Spur von Trauer Schmerz oder Bedauern in mir so wäre das
keine günstige Stimmung um mein Leben wahr zu beschreiben Der Abschiedsschmerz
könnte auf mich wirken wie die Glut der untergehenden Sonne auf das Auge möge
die Erde noch so fahl und grau sein das Abendrot verklärt sie und so könnte
auch mir Manches sich schöner darstellen als es war Oder wären jubelnde
Hoffnungen in mir sänge meine Seele im Glauben Psalmen in der Liebe Hymnen so
würde ich den Tod mit feuriger Sehnsucht begrüßen und auch dann die Erde und
meine Vergangenheit wie einen Tummelplatz kindlicher Spiele betrachten wohin
sich der Blick mit Wehmut wendet Aber so ist es nicht mit mir ich lebe ohne
Interesse für mich daher habe ich auch keine Teilnahme für meinen Tod Alles
hört auf Alles Kein Gedanke ist wechsellos keine Empfindung dauernd kein
Wille anhaltend kein Gefühl unvergänglich der Wunsch stirbt in der Erfüllung
das Verlangen im Genuss der Schmerz an der Erschöpfung die Freude am Überdruss
das Glück an der Langeweile kurz Alles an unsrer Unvollkommenheit Die Summe
unsrer Gedanken und Gefühle und der aus ihnen sich entwickelnden Bestrebungen
und Handlungen bildet unser Leben da dessen sämtliche Bestandteile
vergänglich sind wohin denn sollen wir das Unvergängliche verlegen in welchen
verborgenen Winkel unsers Seins könnte es sich eingenistet haben und der Tod
der jene Bestandteile und ihre Wechselwirkung auflöst sollte im Zersetzen das
Unvergängliche gestalten oder herausbilden Man hoft es Ich habe mir die
Hoffnung abgewöhnt Welche Enttäuschungen und Täuschungen mich dahin geführt
haben will ich aufzeichnen und da ich gleichgültig gegen mich selbst bin so
kann ich höchst gelassen meine Irrtümer Fehler und Verrechnungen betrachten
Ob sie für Andere eine warnende Lehre sein können weiß ich nicht aber
erschrecken kann wohl mein Bekenntnis ich hatte Alles was man Glück im edelsten
Sinn nennt und war dennoch nicht einen einzigen Tag meines Lebens ganz
glücklich weil ich ein absolutes Glück nämlich das Bewusstsein von dessen
Unwandelbarkeit und Unsterblichkeit begehrte das relative genügte mir nicht
Daher war ich außer dem Gleichgewicht mit den Gesetzen welche das menschliche
Leben bedingen und beherrschen Ich grämte mich keine Göttin zu sein die
Vergangenheit Gegenwart und Zukunft als Ewigkeit in ihrem Busen trägt und
darüber versäumte ich tüchtig als Mensch zu werden In unsrer Zeit liegt etwas
Betörendes wie in aller Schrankenlosigkeit An den Grundgesetzen rütteln heißt
nicht sie überflügelt haben nach den Grundursachen forschen heißt nicht sie
ergründet haben dennoch traut Derjenige sich Beides zu der es versucht hat und
reichen die Flügel alsdann doch nicht zum Schwung aus und ist der Grund
alsdann doch weiter nichts als Triebsand hier und ein finstrer Schacht dort so
unterwirft er sich nicht demütig der Erkenntnis, sondern er trotzt oder
verzagt Mir ist eins und das andere widerfahren Zuweilen sag ich mir ich sei
dazu prädestinirt gewesen Organisation Erziehung Schicksale wirkten auf einen
Punkt zusammen und das war nicht der aus welchem sich ein segenvolles
friedliches Dasein entwickelt
Im grünen Holstein am Strande der Ostsee bin ich geboren Eine reiche
Erbtochter war meine Mutter mein Vater ein armer fränkischer Edelmann der ihr
zu Liebe die heitern rebenumlaubten Hügel am Main mit dem Sitz auf ihrem
nordischen Stammschloss vertauschte Das Rauschen des Sturmes in den knorrigen
Ästen der alten Eichen das Krächzen der Raben die auf ihnen Schutz suchten
das Brausen der Brandung die bis in den Garten schlug waren meine
Wiegenlieder Am Tage Aller Seelen bin ich geboren Ich war ein Spätling in der
Familie eine Schwester war zehn ein Bruder sieben Jahr älter als ich und ich
schloss die Reihe der Kinder Ich entsinne mich keines Eindrucks noch Ereignisses
aus meinen ersten Lebensjahren Später wo mir die Erinnerung auftaucht beginnt
sie mit unbestimmten Leiden Ich war von krankhafter Reizbarkeit ein Wort ein
Blick ein Lächeln genügte um mir trostlose Tränen zu entlocken Bei einem
drei oder vierjährigen Kinde darf unmöglich von dem Herzen die Rede sein so
waren denn also die Nerven von so bebender Erregbarkeit dass sie durch Nüancen
des Tons und Ausdrucks erschüttert wurden welche ich jetzt nicht mehr zu
bezeichnen vermag Um diese Reizbarkeit zu schonen ging man nachsichtsvoller mit
mir um als ich es verdienen mochte Ich hatte meine Eltern lieb meine Schwester
war mir ziemlich gleichgültig an meinem Bruder hing ich mit grenzenloser
Zärtlichkeit das erste Gefühl dessen ich mir bewusst geworden bin gehörte ihm
Wir waren unzertrennlich so weit seine Lectionen und der Unterschied des Alters
und Geschlechts es gestatteten In einem leichten Wägelchen mit zwei kleinen
Pferden von der Insel Oeland fuhr er mich spazieren auf einem dieser Pferde
lehrte er mich reiten indem er nebenher ging und als ich etwas sicherer und
ungefähr acht Jahr alt war durfte ich auf meinem kleinen Oeländer mit ihm
wirklich spazieren reiten Zuweilen begleitete uns der Vater aber das war uns
nicht sehr angenehm denn in seiner Gegenwart extemporirten wir nicht so
unverlegen als unter vier Augen die Komödien welche wir beständig mit einander
spielten Der Unterricht den mein Bruder genoss bot uns Stoff dazu Bald war er
Hector und ich Andromache bald war er ein Ritter der im Turnier von einer
Königin oder ein Troubadour der von seiner Dame den Preis erhält und hatte
ich eben das holde Fräulein dargestellt so verwandelte ich mich schleunigst in
die Aehrenleserin Ruth welche durch die Hand des Boas beglückt wird oder in
Arria die sich mit einem majestätischen »Non dolet« den Dolch ins Herz stößt
Tancred und Klorinde war unser Lieblingsspiel zu Pferde der Moment meines Todes
rührte mich bis in die innerste Seele aber nichts nichts übertraf unser beider
Entzücken wenn mein Bruder den geblendeten Belisar und ich den Knaben seinen
Führer darstellte dann irrten wir Hand in Hand durch die verwachsenen waldigen
Partien des Parks oder auf den schmalen Fusssteigen zwischen den Feldern oder
im hohen Wiesengras umher langten auf irgend einem jener baumbewachsenen Hügel
an die man dort zu Lande Hünengräber nennt setzten uns nieder und nun musste
ich dem blinden Belisar die Landschaft beschreiben welche sich vor uns
ausbreitete aber nicht die holsteinische Landschaft die ich wirklich sah
sondern Byzanz mit seiner Propontis oder Rom mit seiner Kampagna oder Neapel
mit seinem Golf wozu mein Bruder mir durch Bilder und Erzählungen zuvor das
Material geliefert hatte Bisweilen war ich zerstreut und unaufmerksam dann
fiel mein Belisar aus der Rolle und half mir zurecht um nicht Kapri und Ischia
mit den Prinzeninseln zu verwechseln hatte ich ihn aber durch eine treue
Schilderung seiner innern Bilder ergötzt so versetzten wir uns aus dem
Traumleben der Gegenwart in das der Zukunft und mein Bruder schilderte mir
wiederum die Reisen die er zu machen beabsichtige wenn er seine Studien
vollendet habe
»Aber Du musst mich mitnehmen Heinrich« rief ich wehmütig wenn er so recht
im Zuge war mir Gott weiß welche Herrlichkeiten auszumalen
»Das versteht sich Sibylle entgegnete er zuversichtlich wenn Du fünfzehn
Jahr alt bist ziehen wir in die weite Welt«
Und in meinem Sinn schnürte ich schon mein Bündelchen und sah mich um nach
einem Wanderstab
Der Winter war unsre seligste Freudenzeit dann froren die Kanäle zu welche
in allen Richtungen den weitläuftigen Park durchschnitten und wir liefen darauf
Schlittschuh eine Übung die mein Bruder mir gleichfalls beigebracht hatte
Abends wenn die weiße Erde der blaue Himmel die bereiften Bäume und das
spiegelblanke Eis vom Mond und vom Frost wie versilbert flimmerten dann
hinaus Heinrich rechts ich links auf den Kanälen ein Punkt bestimmt wo wir
zusammentreffen wollten und dann fort wie der Vogel wie der Wind Ach das war
ein Jubel Oder wir verfolgten jagten und haschten uns und fuhren dann Hand in
Hand weiter oder Arabesken und unsre Namenszüge in das Eis hinein Oder wir
führten dann Elfentänze aus wie wir unsere Evolutionen nannten denn ohne
phantastische Spiele in unsren Vergnügungen hätten uns diese nur die halbe
Freude gewährt
Die Eltern ein alter Hofmeister ein junger Musiklehrer eine Engländerin
halb Gouvernante halb Gesellschafterin und wir drei Kinder endlich eine Menge
von Dienstboten wie man sie auf dem Lande in reichen Häusern oft recht
überflüssig zu halten pflegt das war unsre Hausgenossenschaft Besuch kam
selten und noch seltener wurde eine Gesellschaft zum Mittagsessen gebeten
Beides war ein Ereignis in unserm stillen Leben aber für mich ein höchst
widerwärtiges Bei den Diners wurde ich von der Tafel ausgeschlossen und einsam
in die Kinderstube verbannt und den fremden Besuchen gegenüber verging ich fast
vor Angst und Schüchternheit Hätte ein Tancred oder ein Hector eine Fee oder
eine Prinzessin mich angeredet so würde ich schon geantwortet haben allein mit
diesen Menschen die mir Alle so bekannt aussahen und so fremd waren fühlte ich
mich grenzenlos verlegen Zeit und Verhältnisse waren auch nicht von der Art um
eine fröhliche Geselligkeit zu begünstigen die Franzosenherrschaft lastete auf
Deutschland wie die Schwüle eines Gewitters Jeder fühlte so könne und dürfe es
nicht bleiben während er sich doch bang nach der Explosion umschaute welche
einem besseren Zustand vorhergehen musste Ich war zu jung um die traurigen und
finsteren Gespräche der Erwachsenen über diesen Punkt zu verstehen aber meine
Schwester mag wohl eine sehr trübe und freudlose Jugend gehabt haben
Plötzlich wurde aber Alles anders es hieß nun gebe es Krieg gegen die
Franzosen Ein Neffe meiner Mutter ein Hannoveraner der grade bei uns zum
Besuch war verlobte sich im Gefühl künftiger Siege mit meiner Schwester und
eilte die Rosen der Liebe mit dem Lorbeer des Helden zu durchflechten Alles war
in Begeisterung Alles jauchzte der Befreiung entgegen Alles war bereit Blut
und Leben dran zu setzen Wir feierten die gewonnenen Schlachten bewunderten
die verbündeten Monarchen priesen Landwehr freiwillige Jäger hanseatische
Legion Kosaken vergingen in Angst und Mitleid bei der Belagerung Hamburgs und
jauchzten bei dem Einzug in Paris Es war solcher Schwung und solche Bewegung in
das wirkliche Leben gekommen dass mein Bruder und ich unser Phantasieleben
darüber vergaßen und unsre Helden des Altertums und der Romantik in den
Schatten stellten neben all den glorreichen Namen von lebenden Fürsten und
Feldherren
Paul der Verlobte meiner Schwester schrieb aus Paris wie aus einem
Wunderlande einer Feenwelt Im Lauf des Sommers kam er zurück und brachte mir
Bonbons mit von so unbegreiflicher Schönheit dass ich sie wie Kunstwerke
anstaunte ohne den Mut zu haben auch nur einen einzigen zu verzehren Ebenso
reizend waren die Geschenke welche er meiner Schwester machte und seine
Erzählungen übertrafen nun gar Alles was ich je von Herrlichkeiten geträumt
hatte Nur das Wort zu hören »Palais royal« machte mir einen ganz zauberischen
Eindruck Die Verlobten sprachen von einer Hochzeitreise nach Paris zum ersten
Mal in meinem Leben beneidete ich meine Schwester An ihren Bräutigam schloss
ich mich mit einer Art von Leidenschaft weil er durch seine Erzählungen meiner
Phantasie Nahrung bot Ich hielt mich zu ihm so viel ich konnte und er war
immer sehr freundlich gegen mich was der armen Amalie nicht sehr zu gefallen
schien denn sie schickte mich zuweilen missmutig fort Auch Heinrich war nicht
so gut gelaunt wie sonst Der Knabe wuchs in den Jüngling hinein alle
Übergangsepochen müssen sich durch Stürme ringen Aber das wusste ich damals
nicht Ich konnte nicht begreifen weshalb Heinrich gar nicht so lustig und
fröhlich wie sonst und nicht so bereit mit mir zu spielen war Als ich ihn
einmal mit Bitten plagte rief er verdrießlich »Ach Sibylle Du bist mir ganz
unangenehm geworden ich kanns nicht leiden dass sich die Mädchen immer
verlieben und heiraten wollen Amalie nun ja die ist schon neunzehn Jahr
alt da lässt mans hingehen aber Du solch ein winziges Ding und schon verliebt
und noch dazu in den Bräutigam Deiner Schwester O schäme Dich das hätte
ich nie von Dir gedacht«
Ich brach in ein Jammergeschrei aus Ich sei nicht verliebt ich würde mich
nie verlieben und nie heiraten Mein Bruder beschwichtigte mich aber zum
ersten Mal hatte er mich tief verletzt
Der Wiener Kongress und die Vorbereitungen zu Amaliens Hochzeit wurden auf
gleiche Weise unterbrochen nämlich durch Napoleons Rückkehr nach Frankreich
Wieder brach der Krieg aus wieder trat der Verlobte in die Reihen und diesmal
erklärte Heinrich er wolle und müsse auch gegen die Franzosen kämpfen er sei im
siebzehnten Jahr groß und stark Jüngere als er hätten den vorjährigen Feldzug
mitgemacht Es sei eine Schmach in solchem Augenblick bequem und sicher im
Vaterhaus zu sitzen Verweigere man ihm die Erlaubnis so würde er heimlich
fortgehen Man musste sie ihm gewähren und er ging mit Amaliens Bräutigam fort
Das waren entsetzliche Tage meine Mutter und Schwester in Verzweiflung Klagen
und Tränen mein Vater in banger stummer Sorge alle Hausgenossen beängstigt
und gedrückt aber ich in einem Zustand von Bewilderung der mich fast aufrieb
Ich konnte nicht essen nicht lernen nicht spielen nicht schlafen Ich sah
mich wachend und träumend umringt von Schlachtgetümmel und vor mir Heinrich
verwundet blutig sterbend Meine Nerven gerieten in solchen Aufruhr dass ich
laut schrie wenn eine Tür schnell geöfnet wurde oder wenn ein Diener plötzlich
eintrat Doch beachtete man nicht sehr meinen krankhaften Zustand der auch
nicht lange währte indem die Schlacht von Waterloo den Krieg beendete und
baldige Rückkehr der jungen Krieger verhieß
Gott welche Sehnsuchtsqual erduldete ich bis sie nun endlich da waren und
als sie kamen verfiel ich in einen solchen Taumel von Jubel und Entzücken dass
ich wie besinnungslos in Heinrichs Armen hing Er war noch größer geworden aber
so dünn und schmal aufgeschossen so ganz ohne Haltung und Kraft dass seine
Gestalt einen beklemmenden Eindruck machte Indessen er war da gesund
freudig unverwundet man wähnte alle Gefahren überstanden zu haben und
abermals wurde Amaliens Hochzeitsfest bestimmt
Da klagte Heinrich eines Morgens über Kopfschmerzen über Schwere und
Schwäche in allen Gliedern er bekam das Nervenfieber und am
einundzwanzigsten Tage war er tot Mein Vater und Amalie erkrankten Beide an
seinem Sterbetag und die grässliche Krankheit riss sie binnen wenig Wochen ins
Grab Am Tag Aller Seelen wurden sie bestattet und ich wurde zehn Jahr alt
Meine arme Mutter im seelischen und physischen Lebensorganismus an der Wurzel
erschüttert verfiel in den allerkläglichsten Zustand Die Nachtwachen die
Todesangst um das Geliebteste während sieben langer Wochen die herzzernagende
Sorge der herzzerspaltende Schmerz am Sarge des Gatten in voller Kraft und
der Kinder in voller Blüte des Lebens die Verzweiflung des Verlobten und meine
wilde unsinnige Traurigkeit das Alles überwältigte sie Eine gänzliche Lähmung
der Nerven die zu Zeiten mit den heftigsten Nervenkrämpfen abwechselte machte
ihre fernere Existenz zu einer langen trostlosen Qual Sie lag auf dem Sopha
oder im Bett musste gehoben getragen angekleidet und gespeist werden war
hilflos wie ein kleines Kind behielt zwar immer ihre geistigen Fähigkeiten
konnte sich aber in keiner Weise beschäftigen und manchmal aus Schwäche nicht
drei Worte im Tage sprechen So vegetirte sie in gänzlicher Unfähigkeit sich mit
mir zu beschäftigen aber ich begann sie leidenschaftlich zu lieben Mein
Vormund schlug vor mich in eine berühmte Pension nach Altona zu bringen
Amaliens Verlobter mich im Hause seines Vaters in Hannover erziehen zu lassen
der ein Stiefbruder meiner armen Mutter war aber ich bat auf meinen Knien und
mit solchen fanatischen Ausbrüchen von Schmerz mich nicht von ihr zu trennen
dass Niemand den Mut hatte darauf zu bestehen Ich blieb bei ihr dh ich blieb
ungefähr allein auf der Welt Heinrichs Hofmeister und die gute Miss Johnson
besorgten meine Erziehung Der Musiklehrer Herr Sedlaczech pflegte mein
geringes musikalisches Talent Mit diesen drei guten Menschen lebte ich
Bei zehn Jahren war ich also was den Schmerz betrifft fast durch alle
Stadien des Gefühls gegangen der Vater und die Geschwister tot die Mutter
abgestorben und ehe ich den Bruder und in ihm den Gegenstand einer tiefen
innigen und ausschliesslichen Liebe verlor hatte ich die fürchterliche Trennung
aushalten müssen die mir um so grauenhafter erschien als ich sie für die
Grundursach seines Todes hielt Die Vergänglichkeit des Lebens und des Glücks
war mir in der grellsten Gestalt entgegen getreten aber die Unvergänglichkeit
der Gefühle schien mir ein Naturgesetz So drücke ich mich jetzt aus um meine
damalige Empfindung wiederzugeben über welche ich wie sich von selbst
versteht gar nicht reflectirte die sich aber in dem Lebensplan offenbarte den
ich mir für meine Zukunft machte ich wusste dass ich die alleinige Erbin eines
großen Vermögens und Herrin der schönen Besitzung war auf der ich lebte Ich
wollte nie unser Schloss Engelau verlassen mich nie von meiner kranken Mutter
und von den Gräbern meiner Dahingeschiedenen trennen ihr Andenken wollte ich
durch ein frommes woltätiges Leben ehren gleichsam in ihrem Namen Gutes tun
mich nicht verheiraten und jung sterben nachdem ich meiner Mutter die Augen
zugedrückt Ich nahm entschlossen den Schmerz zu meinem unwandelbaren Gefährten
an Das Alles ist entsetzlich unreif und dümmlich ich weiß es wohl aber es
ist doch seltsam dass das unreife Kind durch den Instinkt die Unwandelbarkeit der
Gefühle als die Würde des Daseins begreift und dass die eine wie die andre dem
reifen Menschen verloren geht Erfahrungen o Erfahrungen sie sind die
Entzauberer und wenn man mir spricht von der Weisheit die sie geben so
schüttele ich trübe den Kopf und entgegne Ja aber um den Preis der Seligkeit
denn Seligkeit ist Ruhe in einer ewigen Gewissheit gleichviel in welcher aber
in einer heiße sie Liebe heiße sie Andacht heiße sie Unsterblichkeit heiße
sie Fortschritt knüpfe sie sich an die Erde oder den Himmel an Gott oder die
Menschen an heilige Offenbarung oder ingeborne Überzeugung gebe sie uns
Kraft oder Geduld Energie oder Resignation Mut oder Frieden o gleichviel
gleichviel nur ruhen in einer ewigen Gewissheit nur glauben denn allein
der Glaube gibt Ruhe und diese Ruhe ist Seligkeit
Also bei zehn Jahren glaubte ich an mich und richtete danach mein Leben ein
Engelau umfing und beschloss für mich die Welt ich wollte Alles lernen und
wissen was sich auf Gegenstände und Menschen bezog die mich umgaben Ich war
von einer fürchterlichen Wissbegier um auf den Grund der Dinge zu kommen Durch
praktische Anschauung und wo möglich durch hülfreiche Tätigkeit machte ich mich
mit allen Vorkommenheiten des Landlebens vertraut Ich verfolgte das Weizenkorn
von dem Punkt wo es in die Furche gestreut bis zu dem wo es zu einem Backwerk
verbraucht wird Auf dem Felde und der Küche wusste ich gleich gut Bescheid Mit
dem Gärtner trieb ich eifrigst die Bestellung des Gartens Blumen
GemüseObstzucht neue Anlagen Baumpflanzungen Ich kannte die Angelegenheiten
des Hühnerhofes und der Milchwirtschaft aber nicht aus oberflächlicher
kindischer Neugier sondern wirklich mit dem Trieb ihr kleines Räderwerk das
mir damals unsäglich wichtig schien gründlich zu verstehen Schreiben und
rechnen zu lernen war mir ein Greuel und nichts bewog mich dazu als die
Aussicht dereinst selbst die Gutsrechnung zu führen Der Hofmeister ließ mich
gewähren und plagte mich nicht sehr mit Schulstunden
»Sie haben Champagner im Kopf kleine Sibylle sagte er mir einmal Sie
müssen nur Schwarzbrot dazu essen damit Sie im Gleichgewicht und bei Gesundheit
bleiben«
Und dann ging er mit mir durch die Felder und in den Wald und ans Meer und
erzählte mir die Naturgeschichte nicht aus toten Büchern sondern aus frischer
freier Anschauung so dass sich jede Erklärung mit einem Bilde verbunden in mein
Gedächtnis prägte Das nannte er »Schwarzbrot« der liebe freundliche Mann weil
ich es ohne dürre Zeremonien von Schulzwang genoss Ach für mich wäre Umgang mit
Kindern mit Altersgenossen und Spielgefährten das wahre gesunde »Schwarzbrot«
gewesen Die gewöhnlichen Kinderspiele kannte ich nicht mit Puppen langweilte
ich mich Ich selbst war eigentlich Heinrichs Puppe gewesen und hatte mit ihm
die Spiele getrieben die ihm zusagten und die weit über mein Alter hinaus
gingen So konnte ich mich auch unmöglich mit einer Puppenküche befassen
nachdem ich in unserer Küche schon ganz ernstaft Hand angelegt und manchen
Pfannkuchen verbrannt hatte Mein Onkel schickte mir eine solche zum
Weihnachtsgeschenk Alles Geschirr darin war von Meissner Porzellan und auf
Spiritus konnte darin gekocht werden Ich betrachtete sie mit Interesse
ungefähr so wie ich später einmal das Koliseum in Kork gearbeitet betrachtete
und stellte sie als eine recht merkwürdige Nachahmung der Wirklichkeit in meinem
Zimmer auf Ach das Kind muss zwischen Seinesgleichen in der Kinderstube
aufwachsen da ist der Erdboden und der Horizont wie sie für die schwache
Pflanze taugen Meine Kinderstube aber war Engelau und zwischen alternden
Menschen wuchs ich einsam auf Von der Wiege an bin ich über ein Paar Stufen der
Lebensentwickelung hinweggerissen und so kommt es dass ich zwar ein Kindesalter
doch keine eigentliche Kindheit gehabt habe Bei zehn Jahren war mir zu Mut als
müsse ich das Leben meiner Dahingeschiedenen fortsetzen und das meiner Mutter
ergänzen Es vergingen Tage in denen ich sie nur flüchtig sah nur ihre Hand
küsste kein Wort von ihren Lippen vernahm Sie wechselten mit besseren ab wo
ich neben ihrem Lager sitzen und ihr von meinem Tun und Treiben ein halbes
Stündchen lang erzählen durfte und als Zeichen ihrer Zufriedenheit ein Lob
einen Kuss eine Ermunterung von ihr empfing Das machte mich sehr glücklich
allein es genügte mir nicht ich ersehnte einen innigeren Verkehr mit geliebten
Wesen mein Bruder war mir von allen der liebste gewesen mit seinem Geist oder
seinem Schatten trat ich in eine Art von Gemeinschaft sprach mit ihm fragte
ihn gab mir selbst in seinem Namen Antwort und fühlte mich glücklich in diesem
Gemisch von Spiel der Imagination und Bedürfnis des Herzens Im Winter wenn ich
in Mondscheinabenden auf dem Eise Schlittschuh lief im Frühling wenn ich bei
Sonnenuntergang tief hinten im Park auf einem Hünengrabe im Grase lag oder im
Herbst wenn die Nebel aus der See herauf kamen und so geheimnisvoll auf den
Wiesen sich lagerten und die Bäume und Gesträuche umspannen und verschleierten
immer glaubte ich Heinrichs Schatten an mir vorübergleiten zu fühlen Ob die
Menschen die mich umgaben das Verständnis meiner kleinen Seele hatten ich
glaube kaum Sie liebten mich sehr sie beschäftigten sich viel und gern mit
mir aber sie wussten nicht in meine eigentliche Innerlichkeit zu dringen nicht
mir das Vertrauen zu entlocken das ich für den toten Bruder hegte Das hatte
für mich den Nachteil dass ich obgleich umringt von Freunden und von Liebe
mit Schattengebilden einen innigeren Umgang pflog als mit Menschen und mich
gewöhnte meine glücklichsten Stunden in einsamen Träumereien zu suchen und zu
finden Die Menschen liebte ich eigentlich nur insofern als ich ihnen wohl tun
konnte die Armen liebte ich die Kranken denen ich eine kleine Unterstützung
oder Labung und Arzenei bringen durfte Mit unserm Hausarzt der zweimal
wöchentlich meine Mutter besuchte ging ich zu allen Kranken und sorgte nach
seiner Vorschrift für sie Die armen Kinder liebte ich denen ich die
Weihnachtsbescheerung unten im Billardsaal um drei große funkelnde Tannenbäume
aufschmückte Das war Alles nicht übel aber so einseitig ich gab immer und
empfing immer Dank das reinste was der Mensch empfangen kann Allein ich
selbst kannte nicht die Dankbarkeit dies weiche Gefühl welches das Kind in so
rührender Abhängigkeit von seinen Eltern zeigt Wie ein gereiftes ichloses
Wesen stand die arme Kleine zwischen ihren Umgebungen Daher war ich zwar recht
glücklich nur heiter und fröhlich war ich nicht Der Respekt vor Eltern und
Vorgesetzten der sich zuweilen bei Kindern bis zur Furcht und Angst steigert
zuweilen eine Qual aber stets eine Woltat für sie ist weil sie dadurch im
Zügel der Ehrfurcht und des Gehorsams gehalten werden fehlte mir Ich
beherrschte das Haus und gehorchen hatte ich nicht gelernt Miss Johnson liebte
mich abgöttisch mit blinder Zärtlichkeit hingen meine beiden Lehrer an mir für
die Untergebenen war ich die künftige Gebieterin für meinen Vormund ein
ungeheuer kluges wunderhübsches Kind wer hätte mir imponiren sollen
Dergleichen Lücken welche die Verhältnisse und Missgriffe welche die
Erziehungen mit sich bringen rächen sich später immer Das soll nicht heißen
als wolle ich den Gang meiner Entwickelung ihnen zuschreiben und mich dadurch
entschuldigen O nein ein andrer Charakter als der meine hätte sich in dieser
Freiheit zu einer woltätigen Selbständigkeit entwickeln können noch ein
andrer wäre in Trotz Eigensinn und Härte verfallen Das Licht lockt die Farbe
hervor die in der Blume aus ihren eigentümlichen Bestandteilen quillt
dieselbe Sonne färbt die Rose rot und das Veilchen blau so wirkt auch die
Erziehung sie lockt hervor Ist sie einseitig so wirkt sie aber nicht
vollständig genug auf den vielseitigen Menschen dessen Wesen nicht in Rosenrot
und Veilchenblau sondern in alle Farben des Prismas getaucht ist
Alljährlich besuchte uns mein Onkel und blieb sechs bis acht Wochen in
Engelau Er plauderte und scherzte mit mir neckte mich nach der Gewohnheit
alter Herren kleinen Mädchen gegenüber lobte mich über alle Gebühr um meiner
armen Mutter und der guten Miss Johnson Freude zu machen und war mir ziemlich
gleichgültig Er wäre es wohl ganz gewesen aber er war Pauls Vater und
interessierte mich als solcher Denn Paul gehörte im Grunde mit zu der
Gemeinschaft meiner Abgeschiedenen Er war noch drei Monat nach Amaliens Tod bei
uns geblieben hatte meine Mutter im Beginn ihrer traurigen Krankheit mit wahrer
Sohnesliebe gepflegt hatte mit mir tausend Tränen an unsern teuren Gräbern
geweint und war endlich auf den Wunsch seines Vaters in die diplomatische
Laufbahn getreten und nach England geschickt worden Kam der Onkel so war immer
meine erste Frage nach Paul und mein letztes Wort ein Gruß an ihn
Nach drittehalb Jahren kam er zum ersten Mal nach Deutschland und besuchte
uns mit seinem Vater in Engelau Ich wusste nichts von seiner Ankunft Ich stand
in der Haustür um den Onkel zu empfangen als ich das Postorn hörte das
alljährlich einmal und nur für ihn im Schlosshof von Engelau ertönte Ich hatte
mich nach besten Kräften geschmückt hatte mir einen prächtigen Rosenkranz
gewunden und einen rosenfarbenen Gürtel über mein weißes Kleidchen gebunden
Mein kleiner zahmer Kanarienvogel saß mir auf der Schulter halb versteckt von
meinen dicken Locken an denen er zuweilen ungeduldig pickte Als ich in der
ofnen Kalesche Paul neben seinem Vater erkannte stieß ich ein helles
Freudejauchzen aus und ich erinnere mich dass ich heimlich dachte Wenn der
Postillon doch so vorführe dass Paul zuerst ausstiege Richtig so fuhr der
Postillon vor und in Tränen gebadet warf ich mich in seine Arme und konnte
mich nicht fassen vor Wehmut und Freude Der Onkel hatte mich nie so gesehen
er wollte mich beruhigen beschwichtigen aber ich rief heftig »Lass mich doch
weinen guter Onkel siehst Du denn nicht dass dies der glücklichste Tag meines
Lebens ist«
»Sehr schmeichelhaft für Dich Paul« sagte der Onkel neckend und
streichelte mir die Wangen indem er hinzufügte »Wenn man von den glücklichsten
Tagen seines Lebens spricht Schätzchen so muss man hübsch in die Höhe wachsen
damit man die Kinderschuhe ausziehen kann denn das passt nicht zusammen«
Er hatte wohl Recht aber ich fand es höchst grausam keine glückselige Tage
haben zu sollen weil ich klein sei Ich sah Paul mit tränenschweren Blicken
an und seine herzliche Freundlichkeit tröstete mich Er ging mit mir um wie mit
einem Kinde rücksichtslos vertraulich aber dass er mich auf der einen Seite wie
Seinesgleichen behandelte mit mir ausritt spazieren ging plauderte erzählte
und auf der andern mir die kleinen Schmeichelworte und Liebkosungen sagte mit
denen man gegen Kinder so unbedachtsam freigebig ist und die man gegen ein
junges Mädchen nicht mehr zu äußern wagt dies warf den zündenden Funken in
meine bis dahin schlummernde Eitelkeit Ich war im dreizehnten Jahr und er
achtundzwanzig das war ein großer Unterschied dennoch stand er meinem Alter
näher als irgend Jemand meiner Umgebung oder Bekanntschaft Sedlaczech
ausgenommen der mir aber als Lehrer imponirte ich fühlte mich zugleich geehrt
und geschmeichelt und tat was in meinen kleinen Kräften stand um ihm zu
gefallen Er war grenzenlos eingenommen von England englische Meubles
englische Parks englische Küche englische Dichter englische Lebensweise
Alles war eben englisch das hieß unvergleichlich und ich sann heimlich darauf
Engelau in eins jener bezaubernden » park« oder » lodge« zu verwandeln
die er so lieblich beschrieb Er hatte den eben erschienenen »Waverlei«
mitgebracht er las uns Szenen daraus vor Miss Johnson war entzückt mir ging
eine neue Welt auf die der Bücher Bis dahin hatte ich einen Abscheu vor
Büchern gehabt welk und tot waren sie mir vorgekommen nur Erzählungen nur
das lebendige Wort machten Eindruck auf mich prägten sich in mein Gedächtnis
lebten in mir fort so einst Heinrichs Erzählungen so später der Unterricht
meines Lehrers Jetzt ergriff mich ein Buch war es eben der Zauber des
Waverlei war es dass Paul ihn vorlas Gott weiß es aber ich war hingerissen
verzaubert Wo ich ging und stand wachend und träumend schwebten mir Flora und
Fergus MacIvor vor Ich bat Paul mir dies Buch zu schenken Miss Johnson hatte
nichts gegen diese Lektüre einzuwenden ich erhielt es Ich bat um noch einige
dieser wundervollen englischen Bücher Paul den meine Begeisterung sehr
ergötzte hatte die größte Lust mir »Childe Harold« zu geben das er gleichfalls
mitgebracht allein Miss Johnson schrie Zeter über den Gedanken ein unerfahrnes
Kind gleichsam auf dies Weltmeer der Leidenschaft hinaus zu schleudern und
Byron blieb verpönt Auch andre Vorschläge Pauls nahm sie nicht an bis sich
endlich Beide im Ossian vereinigten Ossians melancholische Nebelwelt ganz voll
der »joys of the grief« wurde einem Kinde aufgetan dessen Phantasie ohnehin
allen anderen Fähigkeiten mit Riesenschritten voraus geeilt war Im Besitz
Waverleis und Ossians verschmerzte ich leichter Pauls Abreise als es sonst
würde der Fall gewesen sein immer stumpften mich Träume und Beschäftigungen der
Imagination gegen die Wirklichkeit mit ihrem Leid und ihrer Lust ab und ich
selbst bemerkte mit Befremden und mit Gewissensunruh dass mich Fergus MacIvor
und Ossians Helden sehr vom Andenken Heinrichs entfernten Paul hatte ihm
ohnehin schon einigen Abbruch getan Paul antwortete mir ebenso traulich aber
ernster und verständiger als ich mir selbst im Geist Heinrichs antworten konnte
jetzt verschmolz er mir dermaßen mit meinen geliebten Büchern dass ich ihn in
ihren Helden zu finden glaubte und mein inneres Leben ihm gleichsam widmete
wie ich es sonst dem Bruder gewidmet hatte Ich kämpfte gegen diese seelische
Untreue doch umsonst das Zwiegespräch meiner Gedanken und wenn ich es auch
regelmäßig mit Heinrich anfing endete ebenso regelmäßig mit Paul Das machte
mich unglücklich und ich kam so weit in meiner Selbstanklage dass ich nie an
Heinrich dachte ohne verstohlen die Augen zum Himmel aufzuschlagen gleichsam als
müsse ich ihn um Verzeihung bitten Aber es geschah selten und immer seltener
und somit war mir die erste Blüte vom Lebenskranz der mir um die Stirn
geschlungen war entfärbt vor die Füße gefallen denn ich vergaß Heinrich nicht
gedankenlos wie es in Kinderseelen auf und ab zu wirbeln pflegt sondern ernst
und sinnend wie ich war sagte ich mir selbst Also man kann die Toten
vergessen Und mit bitterem Schmerz warf ich mich nieder auf den Kieselwällen
welche die Brandung wie eine natürliche Mauer zwischen dem Park und dem Meer
angespült hatte Da lag ich stundenlang und weinte weil die Rosen verblühen
weil die Bäume kahl werden weil es nicht ewig Frühling bleibt weil der Mensch
sterben muss und vergessen wird Die ersten gelben Blätter erfüllten mich mit
Entsetzen ich riss sie ab so weit ich reichen so lange ich es möglich machen
konnte und nahmen sie überhand so grollte ich mit den Gesetzen der Natur. Fiel
der erste Schnee so war es noch übler ich sehnte mich zu sterben um nur nicht
die allgemeine Erstarrung zu überleben Anfangs hatte ich Gott bitter verklagt
über diese Mangelhaftigkeit seiner Schöpfung war aber von Miss Johnson sowohl als
von unserm Prediger der mir Religionsunterricht erteilte streng
zurechtgewiesen worden die Schöpfung seiner Allmacht und Weisheit wolle
angebetet aber nicht bekrittelt und gerechtfertigt sein Das erschien mir
ungerecht wir lebten in dieser Schöpfung und sollten nicht ihre Geheimnisse
kennen Ich fragte nie wieder den Prediger oder Miss Johnson denn ich hatte in
diesem Punkt kein Vertrauen zu ihnen Mit meinem Hofmeister harmonirte ich
ebensowenig Die Naturwissenschaften waren sein Steckenpferd er erklärte mir
das Leben der Pflanzen der Tiere der Erde aus den organischen Gesetzen
welchen jedes Ding unterworfen ist weil sie sich aus ihm selbst und seiner
Eigentümlichkeit entwickeln Das verstand ich nun zwar sehr gut allein es
tröstete mich nicht Höchst niedergeschlagen kehrte ich mich von dieser
unvollkommenen Welt ab in welcher Winter auf Sommer Schnee auf Wiesengrün
folgt und warf mich in die der Poesie Da war Alles schön rein und edel da
liebte man nur Helden und herrliche Jungfrauen da wohnte die ewige Treue da
gab es nur erhabene Schicksale da war der Schmerz immer in Wonne getaucht das
Herz in Liebe der Tod in ich weiß nicht welche Glorie von süßer Auflösung
denn nur für den Geliebten oder auf ruhmvollen Schlachtfeldern oder am
gebrochenen Herzen starb man Das schien mir des Menschen würdig und ich sehnte
mich Menschen kennen zu lernen welche dies Poëm realisirten Dass ein Paar
Millionen von den Tausend Millionen auf unserm Erdball ihm entsprechen würden
bezweifelte ich natürlich gar nicht und so stieg eine flammende Sehnsucht in
mir auf Menschen kennen zu lernen dh ächte nämlich erhabene Menschen Alle
die mich umgaben ließ ich kaum dafür gelten meine Mutter ausgenommen denn sie
litt Das Leid poëtisirte in meinen Augen den Leidenden Auch andre Gegenden und
Stellen der Erde wünschte ich zu sehen namentlich Schottland das vor meinem
inneren Blicke lag und an Schottland grenzte England und in England lebte
Paul der mich in das Wunderreich der Poesie eingeführt hatte Eine
leidenschaftliche Liebe für Musik erwachte gleichzeitig in mir Da Ossian und
Flora MacIvor die Harfe spielten so wurde sie mein Lieblingsinstrument und so
gering bis dahin meine Fortschritte auf dem Piano gewesen sein mochten so
glänzend waren sie auf der Harfe und der gute Sedlaczech jubelte in seiner
blinden Liebe für mich er habe stets geahnt dass ein großes musikalisches Genie
in mir stecke Ich aber setzte mich an Sommerabenden mit der geliebten Harfe auf
einen Hügel am Meer und improvisirte trotz der durch die feuchte Luft
verstimmten Saiten Gesänge à la Ossian so dass Sedlaczech bald zu der
Überzeugung kam dass auch der Dichtergenius sich in mir rege In welcher jungen
glühenden Seele regt er sich nicht Bei mir aber bewährte er sich nur darin dass
ich auf meine eigene Hand die Kinderspiele fortsetzte welche ich einst mit
Heinrich getrieben nur meinem vorgerückteren Alter gemäß gingen sie jetzt
mehr in mir vor waren schweigend still und innerlich und gewährten mir einen
so intensiven Genuss dass ich stundenlang unbeweglich auf einem Fleck gleichviel
wo sitzen und die Zeit und ihre Anfoderungen gänzlich vergessen konnte Kam ich
durch irgend eine äußere Berührung wieder zu mir selbst so war mir als stiege
ich von der Himmelsleiter auf die Erde herab und ich eilte meine kleinen
Obliegenheiten mit Liebe und Pünktlichkeit zu erfüllen um mich dann wieder mit
ruhigem Gewissen in meine heissgeliebten Träume versenken zu können Ich war sehr
aufmerksam in den Lehrstunden sehr sanft und freundlich für meine Umgebungen
beinah zärtlich und sehr fleißig für die Hülfsbedürftigen denn während ich für
die Wöchnerinnen Weißzeug und für kleine Mädchen Röcke und Schürzen nähte ließ
sich gar herrlich phantasiren und dann tat es meinem Herzchen wohl auf irgend
welche sichtbare Gegenstände ein kleines Bächlein vom Strom der Empfindungen
abzulenken welcher ohne Ufer Ziel und Regel mein ganzes Wesen durchflutete
Ach ich hätte so glücklich in der Wirklichkeit sein können allein ich
versäumte es aus schmachtender Sehnsucht nach einem unbekannten Glück
Es war Ende März ein bitterkalter aber windstiller Abend wie wir ihn
selten in unserm Norden und noch seltener in jener Jahreszeit haben In
kupferfarbenen fast versteinerten Wolken so hart sahen sie aus war die
Sonne untergegangen Die Krähen flogen mit schwerem Flügelschlag rau krächzend
über die weißen Schneefelder und sammelten sich zur Nacht auf den kahlen Eichen
die sich wie Riesen im schwarzen Harnisch gegen den glühenden Himmel
abzeichneten Hie und da zwitscherte eine arme kleine Goldammer gleichsam ein
Stossgebet nach dem zögernden Frühling Auf den Meierhöfen bellten die
Kettenhunde Das schallte Alles so weit durch die klare Luft und über das stille
Land Ich lief Schlittschuh auf dem festgefrorenen Kanal Ich dachte ob in
andern Welten vielleicht die Seelen ohne Leiber so äterisch dahin gleiten
könnten ob der »Geist von Loda« so auf den Wolken gefahren wäre Ich dachte an
Heinrich mit dem ich in dieser Dämmerstunde immer Schlittschuh gelaufen war und
ach mit welchem Jubel Ich dachte dass er wenn er lebte jetzt ein schöner
Jüngling sein würde so schön und vollkommen wie er zu werden versprach dass
ich alsdann nicht einsam zu sein und mit mir selbst zu reden brauchte dass wir
mit einander durch die Welt ziehen und Alles suchen und sehen würden was es
Schönes unter der Sonne gibt und mit plötzlicher Rückkehr in meine Gegenwart
rief ich traurig und halblaut Ach wenn ich doch nicht so sehr und so ganz
allein wäre
Da hörte ich das Rollen eines Wagens im Schlosshof und bald darauf erscholl
der Ruf Hahoh dreimal das war ein Signal welches mich zur Heimkehr auffoderte
und welches ich in den entferntesten Teilen des Parks bei abendlicher Stille
hören konnte Es war Montag einer der Tage an denen der Arzt kam Ich wunderte
mich dass er mir so dringend etwas zu sagen habe überflog im Geist die Reihe
unsrer Kranken schnallte geschwind die Schlittschuh ab und lief wie ein Pfeil
dem Schloss zu
»Was gibts Herr Sedlaczech was soll ich« rief ich atemlos als ich ihn
dessen kräftige Stimme den Wächterruf auszustossen pflegte vor der Tür zu
erkennen glaubte Statt mir zu antworten kam er mir zu meinem höchsten Erstaunen
schnell entgegen und als eine andere liebere Stimme rief »Guten Abend
Sibylle« da erkannte ich meinen Irrtum denn es war Paul Mir stockte der
Atem vor Freude Überraschung und vom schnellen Lauf Sprachlos umarmte ich
ihn aber ganz flüchtig denn ich zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und wollte
es mir nicht merken lassen Als meine Lippen scheinbar gleichgültig seine Wange
streiften und ich mit keiner Sylbe ihn begrüßte fragte er verwundert
»Meine kleine Sibylle freust Du Dich denn zum ersten Mal in Deinem Leben
nicht wenn der Paul kommt«
»O ja ja« stammelte ich
»Nun so gib mir doch einen Kuss wie sonst« sagte er herzlich
»Ja ja wiederholte ich komm nur herein es ist so dunkel dass ich Dich
nicht erkennen kann«
War es ein Instinkt von Koketterie der mich wünschen ließ Paul möge sehen
wer ihm einen Kuss gab und dass es nicht mehr die »kleine« Sibylle sei ich weiß
es nicht ich zog ihn geschwind herein ins hellerleuchtete Teezimmer Aber als
wir eingetreten waren schwieg er vor Überraschung und ich vor Verlegenheit
über sein Verstummen und es trat ein peinlicher Moment ein bis Paul meine Hand
nahm und leise sagte
»Ich sehe schon Du bist ein großes wunderschönes Mädchen geworden Du
machst Dir nichts mehr aus mir und wirst mir auch wohl keinen Kuss geben wollen«
Ich sah ihn an Gott weiß wie und ich entsinne mich auch nicht mehr wie es
hernach Alles kam und wie ich mich in seinen Armen fand Nur dass er ganz anders
wie sonst vor mir stand dass sein Blick seine Stimme sein Ausdruck sein Kuss
nicht mehr die früheren waren dass er gleichsam in ein verklärendes Licht hinein
gehoben war und dass ich diese Erscheinung in ihm bewirkte dessen entsinne ich
mich weil kein Weib dergleichen vergisst sobald dies den Mann betrifft den man
zuerst geliebt oder zu lieben gewähnt hat Also liebte ich Paul Ja was ist
die Liebe man kann von ihr alles Gute und alles Böse sagen und es wird ganz
wahr und ganz passend sein und sich nicht bloß nach einander oder in
verschiedenen Individuen sondern zu gleicher Zeit und in demselben Menschen
nachweisen lassen Sie ist zugleich der bewusstlose Trieb der das Individuum zur
Vervollständigung seiner animalischen Bestimmung drängt und der erhabene
Schwung welcher den Märtyrerschritt und den Todesgang zwischen allen
Verlockungen Reizen und Bedrohungen der Sünde gibt Sie ist die schwüle
brodelnde Glut welche das Mark aus den Knochen die Gedanken aus dem Hirn den
Atem von den Lippen das Herz aus dem Busen aufsaugt und die leichte
zauberische Flamme welche die Gestalt in Schönheit das Gehirn in Schöpferkraft
das Herz in eine Glorie das ganze Wesen in ein erneutes geistiges Dasein
taucht Sie ist die Wiedergeburt und die Vernichtung des Menschen Sie ist eine
Bachantin die ihn in mysteriöse Extasen der Wollust schleudert und ein
tiefsinniger Genius der ihn auf schneeweißen Flügeln in Regionen erhebt zu denen
sich die Sinnenwelt verhält wie das Sandkorn zu den Gestirnen Sie führt ihn zu
Taten des Fluchs und zu Taten des Segens Sie drückt ihm den Stempel der
Tierähnlichkeit und das Gepräge des göttlichen Ebenbildes auf die Stirn Sie
schlägt ans Kreuz und reißt empor zur Himmelfahrt Sie befleckt im Lasterpfuhl
und reinigt in einem Element gegen welches die klarsten Gebirgswasser und die
frischesten Frühlingslüfte unklar und dumpf sind Sie macht elender als alles
andre Leid und seliger als alles andre Glück Sie macht stupid und gibt
Intuition Sie ist so reich dass sie die Welt verschmäht und so bettelarm dass ein
Blick ein Kuss sie wie mit Perlen und Demanten überrieselt Sie ist allgenügsam
und unbefriedigbar seelisch und sinnlich frohlockend und klagend und das
Alles in einem und demselben Herzen am Morgen so und am Abend anders Sie
bildet eine festverschlungene Kette von Gegensätzen die augenblicklich
untereinander zu Widersprüchen werden sobald nicht ein unerhört tapferes und
starkes Herz jedes einzelne Glied löst indem es dasselbe mit Geduld und Ausdauer
trägt Nur eines übersprungen oder zerrissen und die ganze Kette verwirrt sich
Wo aber wäre ein Herz stark genug um sich stets im Gleichgewicht zwischen diesen
Stürmen und Schwankungen zu erhalten von all dem Herumzerren und
Hinundherwerfen wird es müde matt schlaff marklos mit einem Wort schwach
und dies Wort bricht den Stab über ihm Schwäche macht elend Der Starke ist
gut und glücklich aber nur in einzelnen gnadenvollen Momenten ist der Mensch
stark wenn das »Kind Gottes« in ihm die Oberhand gewinnt und der »vom Weibe
Geborene« in ihm zurücktritt So hat die ewige Allmacht es gewollt So hat sie
die Essenz seines Wesens gemischt Ja bei der Liebe fing ich an
und bei der Schwäche hör ich auf das ist ganz richtig
Als Miss Johnson nach einer Viertelstunde eintrat und Paul zu meiner Mutter
beschied waren wir schon ganz einig gingen Hand in Hand zu ihr und baten um
ihren Segen Sie sprach sehr bewegt
»Ists möglich Paul dies Kind willst Du heiraten«
»Dies Kind ist ein holdes Mädchen liebe Tante« entgegnete Paul
schmeichelnd
»Aber sieh sie genau an Paul sieht denn so ein junges Mädchen aus«
Ich trug allerdings einen etwas befremdlichen Anzug der mir aber zu meiner
Schlittschuhläuferei und überhaupt zu winterlichen Spaziergängen bequem und
notwendig war Ich trug lange Pantalons und ein kurzes Kleid von weißem Merino
darüber einen Spenzer von dunkelblauem Samt mit langen Schössen und mit Zobel
besetzt und auf dem Kopf ein kleines Sammetbaret ebenfalls mit einem Pelzstreif
umgeben Letzteres hatte ich nun zwar abgenommen aber ich trug mein Haar noch
immer nach Kinderart in dicken natürlichen Locken und sie mochten mir wohl
ziemlich wild um Stirn und Nacken hängen Die kindische Tracht abgerechnet hatte
ich gewiss das Ansehen eines jungen Mädchens denn meine Gestalt war ganz
ausgebildet und war größer als manche Erwachsene Das fand auch Paul und meine
Mutter willigte gern in unsre Verlobung Er wünschte mich auf der Stelle zu
heiraten doch das gab sie durchaus nicht zu ich sollte erst confirmirt und
fünfzehn Jahr alt werden woran mir noch sieben Monat fehlten Paul war auf drei
Tage nach Engelau gekommen Seinen Urlaub auf sieben Monat zu verlängern war
unmöglich Sein Vater wirkte ihm noch drei Wochen aus dann sollte er fort und
im Spätherbst wiederkommen
So war ich denn fast noch Kind kaum Jungfrau und schon Braut Das Leben
stürzte sich mir mit drängender stürmischer Hast entgegen als habe es Eil mir
seine berauschenden Tränke darzubringen damit sie nicht unterwegs verschäumten
Natürlich fand mich Paul geistig ganz unreif aber die Gefühlswelt war im
Treibhaus der Phantasie gezeitigt und die Lebendigkeit und Bereitwilligkeit
meiner Auffassung verhieß große Bildungsfähigkeit Überdas kam mir mein heißer
Drang zu wissen zu verstehen zu erkennen zu Hilfe Ich war unermüdlich Fragen
über Welt Menschen Bücher Gesellschaft über all diese Dinge welche ich nur
dem Namen nach kannte an ihn zu richten und unersättlich seine Antworten
seine Beschreibungen und Erzählungen zu hören »Erzähle mir vom Palaisroyal«
hatte ich vor Jahren gebeten als Paul noch der Verlobte meiner Schwester war
auch jetzt war kein Ende mit ähnlichen Bitten und immer fanden sie Gehör Paul
liebte mich mit einem Gemisch von leidenschaftlicher Zärtlichkeit und von
beschützender Überlegenheit das ihm sehr gut stand Bald machte ihn der
Liebesrausch zum Kinde das auf mein Wesen und mein Treiben einging bald war
er ein ernster und belehrender Freund der mich im ruhigen Gespräch zu sich
heraufzog bald ging die Ruhe sowohl als die Kinderei in dem Liebenden unter
der ein junges reizendes Geschöpf als das Eigentum und die Freude seines
Herzens und seiner Sinne betrachtete Ich hing an ihm mit einer quälenden
Anhänglichkeit Ganz einsam war ich ohne Gefährten und Altersgenossen ganz
abgeschieden vom Umgang mit jungen Männern und Mädchen sogar ohne eine
Freundin welche für ein fünfzehnjähriges Herzchen gleichsam der Blitzableiter
dunkler Liebesgefühle ist Auf einmal stand mir ein Mann liebend und
liebeverlangend gegenüber bereit mich in seinen Armen durch das Leben zu
tragen mich glücklich zu machen sein Glück von mir zu fodern und in mir zu
finden Leben und Glück war für mich gleichbedeutend glücklichwerden und lieben
ebenfalls so sank ich an sein Herz weil ich eben ein Herz zu lieben begehrte
wie die Knospe aufblüht wenn Frühlingssonne und Frühlingsregen über ihren noch
verschlossenen Kelch geheimnisvoll lockend stralen und rieseln Aber ich glaube
dass ich mit derselben Wonne eine Freundin oder jeden andern liebenswürdigen Mann
geliebt haben würde Ich möchte sagen es sei der allgemeine aber nicht mein
individueller Gefühlsdrang gewesen der mich zu Paul und ausschließlich zu ihm
geführt Ich war zu sehr Kind zu ungeübt zu unerfahren um eine Wahl treffen zu
können zu jung um das Süße Ahnungsvolle einer stillkeimenden verschwiegenen
wachsenden jungfräulichen Neigung empfunden zu haben Es waren keine Übergänge
in mir kein Erwachen zum Bewusstsein keine Schwankungen Die leisen
schüchternen Nüancen durch die man zur Vertraulichkeit mit einem Verlobten
übergeht der noch vor Kurzem als Fremder uns fern stand konnten bei mir nicht
statt finden indem Paul mein Vetter war indem ich ihn seit der Wiege kannte
indem ich mich von je her an ihn geschlossen hatte Aus der Dämmerung der
Existenz ohne Aurora ohne Sonnenaufgang ohne Morgensonne trat ich plötzlich
unter die Mittagsglut und die Leidenschaftlichkeit erwachte bevor die
Liebeskraft gereift war so wie es Pflanzen gibt die Blüten tragen bevor sie
Blätter haben Aber in der vegetabilischen Natur compensiren bestimmte Zwecke
und Eigentümlichkeiten derartige Anomalien während der Mensch eine so
wunderzarte reizbare Pflanze ist dass eine überreizte Entwickelung in späteren
Momenten keine Kompensation sondern eine rächende Vergeltung findet
Wie gesagt ich hing mit quälender Anhänglichkeit an Paul Ich ging wohin er
ging ich stand wo er stand ich blickte wohin er blickte Wäre er nicht so
grenzenlos in mich verliebt gewesen so hätte er mich unerträglich finden
müssen denn ich beging eine Indiscretion über die andre blätterte in seinen
Papieren besah seine Bücher durchwühlte seine Portefeuilles nicht aus
kindischer Neugier allein obwohl Alles was er hatte und was ihn umgab mir ganz
neu war sondern um mich aus allen Kräften mit ihm zu identifiziren um seinen
Geschmack zu kennen seine Wünsche zu erraten seine Neigungen mir einzuimpfen
Miss Johnson verwies mir einmal ich weiß nicht mehr welche Frage oder Bitte die
ich an Paul richtete Er rief lebhaft
»O stören Sie sie nicht mit solchen unschuldigen Augen ist man nie
indiscret«
Und er fuhr fort mir Alles mitzuteilen was mein flammendes Interesse für
ihn begehrte
Dennoch war ich nicht glücklich denn mich quälte ein Gedanke nämlich der
dass er Amalie vergessen hatte Darüber nachsinnend blickte ich ihn eines Tages
so lange an bis mir die Tränen in die Augen traten Er las die Zeitung Als er
meine Tränen bemerkte warf er das Blatt fort nahm mich in seine Arme und
fragte zärtlich was mir geschehen sei Ich sagte ihm den Grund meiner Betrübnis
und dass ich mir einen ebenso lebhaften Vorwurf über mein Vergessen Heinrichs
mache
»Wir haben Amalie und Heinrich nicht vergessen entgegnete er sanft Wir
gedenken ihrer mit wehmütiger Liebe Aber Empfindungen an die keine Pflichten
sich knüpfen genügen unsrer Tatkraft und unserm Liebesbedürfniss nicht
Erinnerungen nehmen einen Platz in unserm Leben ein ohne es ganz auszufüllen
und in edler Weise es auszufüllen suchen ist keine Untreue meine Sibylle
sondern eine ernste und würdige Aufgabe«
Diese ruhigen klaren Worte beschwichtigten mich und berührten mich zugleich
wie mit kältendem Hauch Mein Unverstand sträubte sich gegen jene Anschauung
welche das Leben zu einer ernsten Aufgabe macht Ich wollte einen
ununterbrochenen Seligkeitsrausch daraus machen
Der meine ging zu Ende als Paul uns nach drei Wochen verlassen und zurück
nach England musste So weit fort und übers Meer und bis Ende Oktobers ich
meinte es nicht überleben zu können und ich empfand eine Art von Verachtung
gegen mich selbst dass ich es dennoch überlebte Er versprach mir fleißig zu
schreiben und er hielt Wort damals aber flogen noch keine Dampfschiffe
zwischen England und dem Kontinent hin und her das machte den Briefwechsel
unsicher und unberechenbar und diese Unsicherheit versetzte mich in ein Fieber
von Angst Wenn ich meine oder Pauls Briefe auf der See wusste lief ich wohl
zehnmal täglich an den Strand um den Wind zu beobachten gänzlich vergessend dass
er anders an der Küste anders auf hohem Meere wehe dass ein Unterschied
zwischen der Nord und der Ostsee statt finden könne und dann verloren sich
die Gedanken in die Unermesslichkeit des Meeres hinein das mir wie ein Bild
meiner Zukunft erschien und meinen Wünschen meinem Streben meinen Ahnungen ein
Symbol grenzenloser Verheißung darbot
War es die Gemütsbewegung welche meine Mutter in dieser Zeit gehabt oder
überhaupt eine Krisis in ihrem Leidenszustand genug es regte sich wieder
einige Lebenstätigkeit in ihrem Nervensystem und unser Hausarzt erklärte dass
eine Reise nach Gastein notwendig zu unternehmen sei Der Bruder meines Vaters
der Bischof von Würzburg war hatte schon längst in seinen Briefen meiner Mutter
diese Heilquelle empfohlen und sie eingeladen sich auf der Hin und Rückreise
bei ihm in Würzburg auszuruhen Bis dahin hatte ihr Zustand es unmöglich
gemacht jetzt erklärte sie selbst es für möglich eine so weite Reise zu
unternehmen Die Hoffnung auf ihre Genesung beseligte mich und die
Reiseanstalten die ich eifrig betrieb warfen ein glückliches Gegengewicht in die
Schaale meiner Sehnsucht nach Paul Aber ich machte mir aus diesem geteilten
Interesse einen Vorwurf und fragte mich selbst mit trübem Erstaunen ob ich denn
eines exclusiven Gefühls gänzlich unfähig sei Dass der Mensch in zahllos
verschiedenartigen Verhältnissen zu leben hat dass die heterogensten Beziehungen
Ansprüche an ihn machen zu deren Berücksichtigung er gestählt und bereit sein
muss dass das Menschenherz rundum tausend Berührungspunkte hat durch die es
zugänglich und bewegbar wird oder eigentlich dass mein Herz soll ich sagen zu
meinem Heil oder zu meinem Unheil keines Gefühls fähig war wodurch es absolut
ausgefüllt wurde dies Alles hatte ich damals noch nicht erkannt
Zu Ende des Frühlings fand meine Konfirmation statt Meine glühende Seele
erfüllt von Liebe zu Paul von Hoffnung für meine Mutter von Erinnerung an meine
Toten von Ahnung eines liebedurchglühten Daseins so unschuldig dass Liebe und
Veredlung Glück und Tugend ihr synonym klangen und ihr als das hohe Ziel
erschienen zu dem jeder Mensch unablässig mit festem Gang und klarem Willen
vorschreite meine Seele bedurfte nicht der kirchlichen Belehrungen welche der
Prediger ihr ziemlich trocken zukommen ließ um sich freudig zu Gott
aufzuschwingen und ihre Geschicke aus seiner segnenden Hand zu empfangen Ich
genoss das Abendmal als das Symbol des heiligen Bundes welcher von Christus
gestiftet sei um die ganze Menschheit zu Kindern Gottes auszubilden
Einige Tage später reisten wir ab in zwei große Wagen verteilt meine
Mutter Miss Johnson Sedlaczech ich zwei Kammerjungfern und zwei Diener Die
Kranke machte diesen Schwarm der Bedienung notwendig und er veranlasste
wiederum Sedlaczechs Begleitung welcher als Reisemarschall fungiren sollte Für
mich die ich nie größere Städte als Eutin und Kiel nie eine andere Landschaft
als die holsteinische gesehen war diese Reise eine Wonne nämlich die
Vorstellung: jetzt wirst du die weite Welt Ströme Gebirge Städte und Länder
schauen wirst erfahren was es Alles unter der Sonne gibt Anfangs entsprach
das aber gar nicht meinen Erwartungen in Hamburg in Braunschweig gab es kein
Palais royal der Türingerwald schrumpfte neben dem gigantischen Maßstab meiner
Phantasie zu einem Maulwurfshügel ein die Ufer des Mains waren niedrig der
Fluss selbst schmal und gelb die Rebgelände monoton heiß und schattenlos Ich
vermisste die frischen Wiesen die klaren Landseen die Buchen und Eichen meiner
Heimat und allüberall fand ich meinen Horizont beschränkt weil ich das Meer
nicht hatte welches mehr noch für den Gedanken als für den Blick unermesslich
ist aber nicht ermüdend wie die Ebene von welcher die Vorstellung von Staub
Mühsal Schmutz Qualen Erdigkeit untrennbar ist, sondern ausruhend weil es ein
Spiegelbild des Himmels zu sein scheint
Aber Würzburg gefiel mir ungemein die alte Stadt die zahlreichen Kirchen
der bischöfliche Hof mein Onkel der Bischof der uns mit großer Herzlichkeit
und süddeutscher Ungezwungenheit wie liebe Familienglieder und alte Bekannte
empfing obgleich er uns nie gesehen Alles machte mir einen poetischen warmen
Eindruck
»Das rührt vom katholischen und vom süddeutschen Wesen her« sagte
Sedlaczech dem ich diesen Eindruck mitteilte und dem ich mich auf der Reise
sehr angeschlossen hatte
Am Tage nach unsrer Ankunft fand ein großes Kirchenfest Mariä Heimsuchung
statt und mein Onkel celebrirte das Hochamt im Dom Ich wünschte demselben
beiwohnen zu dürfen Miss Johnson erklärte es mit puritanischer Trockenheit für
Götzendienst und war dagegen meine Mutter die keine andre Religion als die
Liebe kannte und deren angebeteter Gemal Katholik gewesen war gönnte jeder
Kirche ihren Cultus und gewährte meine Bitte Ich ging mit Sedlaczech in den
Dom Er war Katholik Er erklärte mir das Symbol der Messe und gab mir sein
Gebetbuch damit ich ihrem Gange folgen könne Sie machte einen überwältigenden
Eindruck auf mich Zum ersten Mal begriff ich mit zerknirschter Seele das Opfer
Christi Musik Weihrauch Blumen Prachtgewänder Bilderschmuck Goldglanz
Kerzenlicht flammende Altäre der majestätische Dom welch ein grossartiges
Bild der Welterrlichkeit der irdischen Größe die Christus verschmähte und
gelassen in den Tod der Verbrecher ging um für seine Lehre der Barmherzigkeit
dass die opferwillige Liebe von Sünde und Furcht erlöse zu sterben Wie
angedonnert stürzte ich auf meine Knie und fragte mich heimlich mit blassen
bebenden Lippen ob ich wohl eines solchen Opfers fähig sei und gestand mir
Nein o nein und betete der Kelch möge vorüber gehen
In dem Tagebuch welches ich damals für Paul schrieb und welches jetzt vor mir
aufgeschlagen liegt lese ich an jenem 2 Julius
»Paul Paul zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einer Kirche
gebetet aber so als ob Engel meinem Herzen Flügel gegeben hätten und als ob es
aus der engen Brust herauswolle Und zum ersten Mal hab ich einen Mann beten
sehen Sedlaczech kniete neben mir und betete still andächtig gesammelt ohne
Gesangbuch und ohne Predigt was er eben in seiner Seele fand Ach Paul wie das
schön ist wenn ein Mann so betet und sich nicht schämt vor Gott auf den Knien zu
liegen und auf den kahlen Quadersteinen knieten wir und alles Volk um uns
herum ohne Absperrung und Gitterstühle und es fiel Keinem auf Ach das ist
auch schön denn es ist so demütig Können wir nicht den Gottesdienst in
Engelau so einrichten Ich sag Dir Paul wie Sedlaczech betete kann ich gar
nicht vergessen«
Das Hochamt im Würzburger Dom war der Glanzpunkt meiner Reise Zwar besuchte
ich noch häufig die Messe mit Sedlaczech aber immer aufpassend ob er wieder so
andächtig beten würde zerstreuten mich diese Gedanken Ich kam nicht recht zu
innerer Sammlung und die seine schien mir auch nicht mehr so extatisch wie das
erste Mal eben weil ich ihn mit gespannter Erwartung beobachtete Es kamen auch
neue Eindrücke die Welt des Hochgebirges tat sich mir auf mit ihren
Wasserfällen ihrem ewigen Schnee ihren starren Felswänden an die sich grüne
Matten schmiegten Diese unerhörte Majestät zerschmetterte mein kleines Herz Es
war nichts in mir das mit diesem erhabenen Ernst sympatisirte Er machte mich
melancholisch Ich schrieb an Paul
»Was wollen die Leute mit ihrer Bewunderung des Hochgebirges ich versteh
es nicht mich machen diese starren gigantischen Massen frieren denn sie leben
ja nicht Das Meer lob ich mir nicht wahr Paul was da für Leben drin ist
das atmet wie ein Mensch das lächelt trauert klagt wütet grollt scherzt
wie ein Mensch Ich meine immer dem Meer möchte ich mich ans Herz werfen da
würde mir wohl sein Aber den Felsen gegenüber fällt mir das nicht ein sie
locken mich nicht sie wälzen sich mir drückend entgegen ich möchte mich gegen
sie verteidigen und fühle da so recht meine Unmacht schwaches
Erdenwürmchen das ich bin Neben Dir Paul würde ich auch den Felsen gegenüber
ein Gefühl von Sicherheit haben das mir jetzt fehlt und das mich zittern macht«
Meiner armen Mutter tat der Gebrauch von Gastein nicht gut Nach
sechswöchentlichem Aufenthalt daselbst traten wir unsre Rückreise an und
langten Mitte Oktobers mühselig und niedergeschlagen in Engelau an wo ich mein
Reisetagebuch für Paul mit den Worten schloss
»Bis jetzt habe ich die Welt und die Genüsse einer Reise ganz unter meiner
Erwartung gefunden Überrascht hat mich nichts als das Hochamt in Würzburg und
dass Sedlaczech betete alles Andre hatte ich mir schöner vorgestellt«
Bald darauf kam Paul mit seinem Vater und der Allerseelentag beschloss mein
fünfzehntes Jahr und mein allzukurzes Mädchenleben es war ebenso unvollkommen
und überreizt wie meine Kindheit gewesen
Nun war ich Frau Warme schlichte Pflege des Gefühls und ein bestimmter
Wirkungskreis in häuslichen Pflichten und in einer geregelten Tätigkeit ist
die naturgemässe folglich die gesundeste Atmosphäre für die Entwickelung des
Weibes Statt mich in sein Haus zu führen setzte Paul mich in seinen
Reisewagen Er war vier und ein halbes Jahr mit geringen Unterbrechungen in
London gewesen und so ermüdet und abgespannt durch die kolossalen Proportionen
und die Riesenbewegungen im englischen Leben denen das deutsche Spiessbürgertum
nun einmal nicht gewachsen ist dass er sich nach der Zwanglosigkeit des
Reiselebens sehnte und sich überdas ein Fest daraus machte mich in alle
Herrlichkeiten Freuden und Schönheiten der Welt einzuweihen Er verzog mich wie
nur je ein verliebter Ehemann seine Frau verzogen und sie zu seiner Puppe und zu
seinem Kleinod gemacht hat Paul war ein ganz liebenswürdiger Mensch von edler
Gesinnung von gebildetem Verstande von tadellosen Sitten höchst angenehm in
der äußern Erscheinung er hatte nur einen Fehler und dieser Fehler wäre
vielleicht neben einer andern Frau gar nicht zum Vorschein gekommen es war
seine grenzenlose Schwäche für mich Er liebte in mir Alles was das Menschenherz
rührt Erinnerungen an seine frühere Jugend an seine erste Liebe an seine
ersten Schmerzen ein Kind das sich ihm angeschmiegt hatte ein Mädchen das für
ihn aus der Kindheit erwachte und endlich ein reizend schönes Weib Ich war
unwiderstehlich für ihn Ach wie viel tausendmal missbrauchte ich diese
Allgewalt nicht grade zum Bösen denn ich war nicht verderbt aber aus
Laune aus kindischem Übermut zuweilen sogar um zu versuchen wie weit meine
Macht reiche Ich erbat und erschmeichelte erweinte und erscherzte Alles was
mir durch den Sinn flog Das soll nicht heißen als hätte ich Verkehrtes oder
Unsinniges begehrt sondern eben nur dass mein unbedingter Wille die Axe unsrer
Existenz wurde Als ich es dahin gebracht hatte absichtslos immer
ungenügsamer werdend Schritt vor Schritt bis zur äußersten Grenze vordringend
da empfand ich Mitleid mit Paul und dies Mitleid wuchs bis zur Missachtung um
nicht Verachtung zu sagen Ein Mann und unfähig ein Nein gegen mich zu
behaupten wenngleich Vernunft und Recht bei dem Nein waren ich fand das
unmännlich folglich weibisch folglich erbärmlich folglich konnte ich Paul
nicht wie ein höheres Wesen verehren so lautete meine unerbittliche Logik Da
ich nicht im Gefühl sondern nur in Ideen und Phantasien lebte welche stets
einen übertriebenen Maßstab an Menschen und Dinge legen während nur das Gefühl
ihn rectificirt so war ich ohne Schonung und ohne Zartheit und suchte nicht
den Punkt zu vermeiden oder zu umgehen der mir Pauls Schwäche im grellsten
Licht zeigte Es ist unmöglich die intimen Verhältnisse der Ehe in ihrem
ununterbrochenen Zusammenhang und Kontact in Worte zu bringen die nicht plump
und nicht übertrieben klingen Es finden Nüancen statt für die man Wahrnehmungen
doch keine Beschreibungen hat und Erkenntnisse die mit äußerlich unfassbaren
Übergängen in die Seele schlüpfen und dann wieder Anomalien die jeder
Erklärung widerstehen und den Charakter als ein planlos zusammengewürfeltes
Modell von einem Menschen erscheinen lassen Ich kann nur im Allgemeinen sagen
dass ich mich benahm als habe ich es darauf abgesehen mein Leben mutwillig zu
verderben Ich trieb Alles bis auf die äußerste Spitze und da Nichts sich dort
halten kann so erlebte ich eine Enttäuschung einen Sturz von der Höhe nach dem
andern und fand mich zwischen Ruinen sobald ich zur Besinnung kam
Wie einst Don Quixote auf Abenteuer aus der Epoche der Paladine so zog ich
in die Welt um großen Menschen zu begegnen und um im Leben der Völker in den
Leistungen der Individuen in den Bildern der Natur die absolute Vollkommenheit
und Schönheit zu finden deren Ideal ich in meinem Kopf herumtrug Ich suchte
Charactere Zustände Kunstschöpfungen Seelen die zugleich vollkommen
abgerundet wie Perlen und brillant facettirt wie Diamanten wären Ich suchte
Stoff zu ununterbrochener Bewunderung und fand ihn nur ausnahmsweise Genüsse
die permanente Befriedigung bieten mögten und fand sie nur in einzelnen
Momenten Pausen der Leerheit der Dürre der Kälte traten bei mir ein und zwar
schon in den Flitterwochen und während unsers Aufenthaltes in Paris von denen
ich früher keine Vorstellung gehabt hatte Ganz natürlich ich lebte jetzt in
einer solchen Aufregung dass sie mit Abspannung abwechseln musste während in
meinem friedlichen Engelau kein Rausch und folglich keine Ernüchterung eintreten
konnte Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages verbrachte ich zwanzig in
fieberhaftem Wachen und vier in fieberhaftem Schlaf Alle Sehenswürdigkeiten von
Paris alle Schätze seiner überreichen und verschiedenartigen Museen wollte ich
gründlich kennen beurteilen verstehen lernen Sachverständige mussten mich
begleiten mir historische oder technische Erklärungen geben mein ungeübtes
Auge auf Fehler oder Schönheiten aufmerksam machen Mit derselben Gründlichkeit
wurden die Magazine der Modistinnen der Juweliere der Schneiderinnen der
Schuh und Handschuhmacher heimgesucht Ich trieb einen unsinnigen Luxus denn
ich hielt mich für unermesslich reich ohne zu bedenken dass dasselbe Einkommen in
Engelau für kolossal in Paris für mittelmäßig gilt Täglich eine neue und ganz
exquisite Toilette um nach den Anstrengungen meines Morgens zum Diner in das
Theater und in Soireen zu gehen schien mir ganz in der Ordnung Nur
ausnahmsweise begnügte ich mich mit dem Besuch eines Theaters Spielte Talma
oder die Mars oder tanzte die Montessu so musste ich sie wenigstens in einer
Szene oder einem pas bewundern wenngleich ich bereits in einem andern Theater
war Häufig folgten noch Bälle den Soireen so dass ich Nachts um vier Uhr in
Pauls Arme sank um Morgens um acht wieder aufzustehen und dem Maler der mein
Portrait machte eine Stunde später Sitzung zu geben Ich ließ mich für meine
Mutter malen und heimlich für Paul in meinem SchlittschuhlauferAnzug für den
er eine große Vorliebe hatte Aber dies rastlose Treiben ermüdete mich gar nicht
körperlich Ich blühte erst recht auf in diesem glühenden drängenden
genusssprudelnden Leben und der Gegensatz schlug mich häufig nieder dass meine
physische Organisation wie von Eisen und Stahl gebildet keine Ermattung kannte
während ich geistig ach wie oft unüberwindliche Schlaffheit in mir empfand
Unsern Aufenthalt in Paris endete nach sechs Wochen die längst befürchtete
Nachricht vom Tode meiner Mutter Berauscht aber nicht befriedigt zog ich mich
aus dem Tumult zurück dem die Trauer ein Ende machte und wir reisten nach
Florenz und Rom Aus dem Gesellschaftsrausch warf ich mich in den Kunstrausch
aus der Verschwendung für Schmuck Shawls und Kleider in die für Gemälde
Statuen Kameen etrurische Vasen und Altertümer Wo ein Atelier war ich
musste in ihm nach dem himmlischen Funken der Begeisterung spüren und fand statt
dessen in zehn Fällen neun Mal Eitelkeit handwerksmässige Berufsausübung
Hunger als Anschürer des himmlischen Funkens Ich fand das entwürdigend für den
Künstler nachteilig für die Kunst Ich unterstützte die miserabelsten Talente
nicht nach Massgabe ihrer Fähigkeiten die waren gering sondern nach denen
ihres Elends und das war denn freilich oft groß Ich machte ihnen große
Aufträge die entweder gar nicht oder so kümmerlich vollzogen wurden dass ich an
der Genialität meiner Schützlinge verzweifelte und den »himmlischen Funken« eine
äußerst seltene Sache fand die eben so selten im Künstler wohne als Geist in
der Gesellschaft Aber auch manches treffliche Kunstwerk kaufte ich das keinen
andern Fehler hatte als den meine Mittel zu übersteigen Durch den Tod meiner
Mutter war ich in den Besitz ihres ganzen Vermögens gekommen welches mir damals
eine Rente von zwanzigtausend Talern brachte und sich erst später um die
Hälfte vermehrte als die Nachwehen des Krieges gänzlich gehoben waren und als
eine tüchtige Verwaltung an die Stelle der lässigen Vormundschaft trat welche
nach dem Tode meines Vaters und während der Krankheit meiner armen Mutter die
ökonomischen und finanziellen Geschäfte versehen hatte Zwanzigtausend Taler
waren für meinen Train meine Liebhabereien und meine Mäcenatsallüren sehr
wenig Paul hatte als einziger Sohn ein großes Vermögen von seinem Vater zu
erwarten allein vor der Hand bekam er von diesem nicht mehr als was er als
Junggesell bekommen ein Tropfen im Meer für unsre Bedürfnisse Sämmtliche
Diener meiner Mutter pensionirte ich reichlich Miss Johnson glänzend damit sie
in ihrem geliebten Vaterlande bequem leben könne ebenso meinen lieben alten
Hofmeister damit er sich recht schöne naturhistorische Werke mit kostbaren
Kupfern anschaffen dürfe endlich Sedlaczech der sich in der Musik durch Reisen
nach Wien Paris und Italien ausbilden sollte Abgesehen von diesen stehenden
Ausgaben unsers Budgets hatten wir in dem ersten Halbjahr unsrer Ehe und Reise
fünfundzwanzigtausend Taler verbraucht
Paul hatte wohl zuweilen kleine Einwendungen versucht doch immer umsonst
Jetzt legte er mir schweigend die unwiderleglichen Berechnungen vor Natürlich
war ich außer mir vor Überraschung und Bestürzung Ich warf mich in seine Arme
und bat beängstigt um Rat
»Lass uns auf der Stelle zurückreisen und die andern sechs Monat meines
Urlaubs in Engelau zubringen damit ich an Ort und Stelle eine Übersicht Deiner
Güter und Einkünfte gewinnen kann und ich stehe dafür dass Alles wieder ins
rechte Gleis kommt« erwiderte er
»Zurück ohne Neapel Sorrent und Sizilien gesehen zu haben unmöglich
Paul«
»Sehr möglich liebe Sibylle für ein Paar vernünftige Menschen die
vermeiden wollen sich von Hause aus zu ruiniren«
»Guter Gott rief ich mit kindischen Tränen wie traurig ist es dass nichts
auf der Welt zu den Bedürfnissen des Menschen ausreicht nicht einmal das Geld«
»Verschwendung ist kein Bedürfnis Sibylle nur eine üble Gewohnheit die
wie fast alle Gewohnheiten für uns selbst und für Andere mit der Zeit höchst
lästig wird abgesehen davon dass es unsinnig ist mehr Geld auszugeben als man
einnimmt«
»Aber ich habe bisjezt noch gar nicht meine Vermögensumstände gekannt Paul
jetzt werde ich mich schon nach der Decke strecken Wir wollen die Pferde
abschaffen und ganz idyllisch in Sorrent leben nicht wahr«
Nach langer Beratung machten wir gegenseitig Koncessionen Paul bestand
nicht auf die Heimkehr ich gab die Reise durch Sizilien auf Wir verkauften die
sieben Pferde welche wir bei unsrer Ankunft in Florenz gekauft entliessen die
überflüssigen Dienstboten ich nahm Bestellungen von ich weiß nicht welchen
Kunstgegenständen zurück und in den ersten Tagen des Mais verließen wir Rom und
gingen Neapel nur flüchtig berührend nach Sorrent Übersättigt vom
Gesellschaftstaumel verließ ich Paris vom Kunsttaumel Rom In Sorrent warf ich
mich in den Liebesrausch Währte er nicht länger als die beiden anderen so war
er wenigstens süßer Wir mieteten für den ganzen Sommer ein kleines schlichtes
Haus das von einem Orangengarten umgeben und von der Stadt abgesondert war Die
Terrasse vor demselben breitete sich auf einem Felsen aus der unmittelbar und
schroff ins Meer hinabfiel Der zauberische Golf von Neapel die reizenden
Küsten des Landes die wilden Formen der Insel Kapri die phantastischen Felsen
Grotten und Hölen des Sorrentinischen Ufers waren die feenhaften Bilder
welche sich vor unserm Häuschen ausbreiteten Damals verband keine Chaussee
Sorrent mit Kastelamare nur zu Fuß und zu Maultier auf köstlich wilden
Felsenpfaden oder im Nachen konnte man es erreichen Die Reisenden versäumten
freilich nicht Sorrent und Tassos Haus zu besuchen nach Kapri zu schiffen und
über das Gebirg nach Amalfi zu ziehen allein es geschah ohne den brutalen und
alltäglichen Tumult einer staubigen Poststrasse ohne Wagengerassel und
Peitschenknall ohne die grässlichen Bequemlichkeitserfindungen der gegenwärtigen
Menschentransporte Es gab Momente Tage in denen man sich abgeschieden von der
Welt da draußen fühlen konnte verzaubert auf irgend ein seliges Atlantis und
kamen Reisende so liehen ihre Züge der Gegend ein gewisses malerisches
Interesse hier saßen elegante Frauen ganz befremdet auf Eseln dort trieben
kecke Reiter vergeblich bedächtige Maultiere zu schnellerem Schritt an dort
saß unter einem Oelbaum eine Gruppe von malenden und zeichnenden Dilettanten
hier wanderten rüstige Fußgänger mit dem Ränzelchen auf dem Rücken da
kletterte ein Botaniker oder ein Mineralog mit den Ziegen um die Wette über
Felsabhänge hier hatte ein studirender Landschaftsmaler unter einem riesigen
Sonnenschirm sein kleines ambulantes Atelier aufgeschlagen das Alles
betrachteten wir aus der Ferne als Staffage des wundervollen Gemäldes mit dem
ich was Reiz und Lieblichkeit betrifft kein anderes vergleichen kann
O ihr Tage von Sorrent ihr wart die süßesten meines Lebens Ja ja ihr müsst
es gewesen sein denn in der Erinnerung und mit der unerbittlichen Kritik der
Gleichgültigkeit vermag ich nichts aufzufinden was euch entzaubern könnte Als
ihr mich umfingt suchte ich nicht das unbekannte Gut das mich zu rastloser
wilder törichter Pilgerschaft zu irgend einem geträumten Heiligenbilde trieb
Bei euch hatte ich die Oasis gefunden in der sich die lechzende Seele auf
Blumen bettete Über euch wehten erquickende Lüfte euch umrieselten frische
Bäche um euch gingen lichtere Gestirne auf Ich vergaß zu fragen ob es
Schöneres und Höheres gebe ich genoss unbefangen das Dasein: darum war ich
glücklich Es war ein Sinnenglück ja eine Schwelgerei in den materiellen und
doch äterischen Essenzen welche die Seele umfliessen und tragen ja ein Genuss
der Schönheit die durch alle Poren wie ein magnetisches Fluidum drang und das
Wesen in tiefere mystische Verbindung mit dem Wesen der Natur brachte ja Ich
war ganz allein mit Paul wir sahen Niemand wollten Niemand kennen lernen Die
Natur mit ihren immer wechselnden Schauspielen ist keine Zerstreuung für zwei
einsame Menschen sondern bewirkt ihre innigere Vereinigung Im contemplativen
Genuss einer Mondnacht eines Meersturmes eines Sonnenuntergangs oder bei
Streifereien durch Schluchten und Täler über Felsen und Klippen bei
Wasserfahrten auf den phosphoreszirenden Wellen in heißer stiller Mitternacht
welche magische Berührungen gehen da von Seele zu Seele mit einem Augenblitz
einem tieferen Atemzug einem Wink des Fingers fliegen ganze Gedankenreihen
ganze Gefühlsketten mit elektrischer Spontaneität aus dieser Brust in jene mit
einem leise geflüsterten Wort tut sich eine Unendlichkeit für die Sehnsucht
ein Paradies für die Erinnerung auf mit einem Kuss senken sich Extasen aus
übersinnlichen Sphären in die Sinnenwelt hinein wie Mond und Sterne sich
zitternd ins Meer senken um verklärt daraus hervor zu stralen wie die Sonne
sich in lichte Wolken senkt um sie in Rosen und goldne Kugeln zu verwandeln
wie eine mystische Essenz in den Felsenspalt dringt um als Diamant daraus
aufzuleuchten O ihr Liebenden warum verlasst ihr die Einsamkeit nur einsam
könnt ihr das Leben der Liebe leben sobald ihr vom Leben der Welt gefangen
seid werdet ihr zu dessen Sklaven Ihr müsst aufstehen und schlafen gehen wie
die Andern essen und trinken euch kleiden und euch unterhalten loben und
tadeln denken und sprechen lieben und hassen wie die Andern ihr müsst Besuche
machen und empfangen spazieren fahren Billets schreiben Romane und Zeitungen
lesen Toilette machen Fadaisen hören Banalitäten sagen und das Alles
verabscheut die Liebe Bleibt doch einsam Und wenn wirs bleiben wird
sie uns nicht verlassen Versucht es Vielleicht ist euer Herz ein »Gefäß
der Ehrer« in welchem sich die himmlische Manna in primitiver Frische erhält
So lebten wir mit der sinkenden Sonne begann unser Tag Die Terrasse war
durch Segeltuch in ein geräumiges Zelt und dies Zelt durch bequeme Sessel und
Ottomanen durch große Tische mit Büchern und Portefeuilles durch eine Harfe
und viele Blumentöpfe in einen sehr bequemen Salon verwandelt Da frühstückten
wir um sechs Uhr Abends und machten einen Spaziergang nach irgend einem
Lieblingsplatz um den Sonnenuntergang zu sehen und die Abenddämmerung zu
genießen War es finster geworden so kehrten wir heim unser Zeltsalon war mit
Lampen erleuchtet ich spielte die Harfe Paul las wir trieben eifrig das
Studium der italienischen Sprache in ihren Dichtern wir übersetzten zuweilen
eine Stanze Ariostos oder Tassos ein Sonett Petrarcas wir sangen zusammen
deutsche Lieder und französische Romanzen Nachts um drei Uhr speisten wir zu
Mittag bestiegen dann einen leichten Kahn und erwarteten den Aufgang der Sonne
auf dem Meer Mit dem Tage kehrten wir zum Lande zurück und machten einen
größeren Spaziergang bisweilen einen Ritt auf Eseln in die Berge Die Hitze des
Tages führte uns ins Schlafgemach Es lag ein unsäglicher Zauber in dieser
Existenz die sich so ganz von der Alltäglichkeit losgerungen hatte und sich so
sehr in einer poetisch traumhaften Region bewegte dass alle Berührungen mit dem
gewöhnlichen Leben von selbst aufhörten
Dies dauerte so lange wir es ertragen konnten es ist aber sehr gewiss dass
man in dieser wechsellos glühenden Atmosphäre des feinsten Sinnengenusses die
Energie verliert welche des Genusses fähig macht Ich ertappte mich zuweilen
auf dem heimlichen Wunsch Könnte ich doch urplötzlich in Kamtschatka sein und
nichts um mich herum sehen als Schneefelder das würde mir Nerven und Augen
erfrischen Nerven und Augen schob ich vor im Stillen fühlte ich dass dies die
Äußerung eines noch größeren intellektuellen Bedürfnisses sei das nach irgend
einer Darlegung der Tatkräftigkeit lechzte Bemerkte ich in Paul eine ähnliche
Regung so kränkte sie mich Ohne ein volles Genügen zu finden begehrte ich doch
dass er es finden solle In andern Augenblicken hingegen bei Gesprächen über
Aussichten für seine Laufbahn oder über Zukunftspläne wenn er da nicht ganz
auf meine hochfliegenden Träumereien einging weil er die Verhältnisse richtiger
beurteilte als ich oder wenn er sagte
»Lass uns nicht die Paar süßen friedlichen Tage durch Unruh des Ehrgeizes
verkümmern« so schien mir wiederum seine geistige Spannkraft erschlafft und
ich fand darin einen bitteren Vorwurf der Unvollkommenheit unsrer Liebe Einmal
hub ich an
»Paul sage mir liebe ich Dich«
»Ich hoffe es« entgegnete er lächelnd
»Und liebst Du mich Paul«
»Gewiss Sibylle«
»Woran erkennst Du dass Du mich liebst«
»Daran dass Du mein dominirender Gedanke bist Sibylle dass mein inneres
Leben in Deinem Besitz zu einem Abschluss mit sich selbst gekommen ist und eine
Regel gefunden hat Dein Glück«
Ich schwieg und starrte vernichtet in die See hinaus denn ich vernahm eine
in mir flüsternde Stimme Aber du Paul bist nicht mein dominirender Gedanke
aber mein inneres Leben hat in deinem Besitz keinen Abschluss mit sich selbst
gefunden Wie ein entstellendes Echo hallten diese Worte in mir wieder Mir
war als sei ein Schleier von einem Abgrund in mir selbst weggezogen und betäubt
starrte ich in ihn hinein Ach es war ganz richtig Paul hing mit seinem Herzen
an mir darum beherrschte ich ihn und ich hing an der Idee der Liebe nicht
an Paul Ich wollte durch die Liebe die ganze sinnliche und übersinnliche Welt
ergründen erkennen und umfassen sie sollte mich wie Dante in mystisch erhabene
Geheimnisse weihen mich Ariosts zauberische Verführungen Tassos romantischen
Schwung Boccaccios lockende Üppigkeit lehren und sie genießen lassen sie
sollte mir Lorbeer und Stralenkrone unter welchen sich Dornen verbergen ums
Haupt flechten wie dem Petrarca Das erwartete ich von der Liebe sie war meine
dominirende Idee Wie soll das werden murmelte ich vor mich hin
»Hast Du Dich besonnen dass Du mich liebst mein Engel« fragte Paul nach
einer Weile
Ich konnte nicht antworten ich war gelähmt erstickt durch das plötzlich
erwachte Bewusstsein eines großen innern Elends Ich hatte meinen Kopf an die
Harfe gelehnt auf der ich gespielt und an die ich mich jetzt mit beiden Armen
klammerte weil mir war als tue sich der Felsen unter mir auf Paul sprang auf
lehnte die Harfe zurück richtete mich in seinen Armen empor und führte mich zur
Balustrade der Terrasse damit ich freiere Luft schöpfen möge
»Kind Kind sprach er zärtlich Du ängstigst mich es gehen Dir Stürme von
Leidenschaft durch die Seele die Dich zerbrechen müssen«
»Das ist wahr entgegnete ich beklommen aber lass sie nur austoben jeder
Mensch muss durch die Gewitterjahrszeit seines Lebens hindurch In mir ist
unmäßig viel Unklarheit das erzeugt eben die Gewitter Aber glaube nur Paul
dass Eines mir klar ist Dein Glück soll auch die Regel meines Lebens sein«
Und gleich jedem unsrer Gespräche ging auch dieses am Kuss unter Aber
mich überfiel seitdem in Pauls Armen zuweilen ein maß und namenloses Entsetzen
ein Grauen das mich bis in die Haarspitzen durchrieselte weil ein Gespenst in
mir auftauchte das lautlos doch vernehmlich sprach Du liebst ihn nicht Ich
verfiel darüber in unsinnige Traurigkeit ich erschöpfte mich in Beweisen der
Zärtlichkeit ich ersehnte schwierige trübe Zustände um sie in andrer Form ihm
zu betätigen Unsre holdselige Abgeschiedenheit wurde mir ganz lästig und als
wir Sorrent Anfang Oktobers verließen war ich übersättigt vom Liebesrausch
Wir kamen nach Engelau Ach wie war es dort so einsam und traurig Eltern
und Geschwister tot die Freunde und Pfleger meiner Jugend fort Miss Johnson in
England Sedlaczech auf Reisen wie viel Gräber unter und leere Plätze auf der
Erde Nur unser alter Hofmeister empfing uns aber sehr niedergeschlagen denn
er fühlte sich verwaist an dem Ort der ihm zwanzig Jahre lang lieb wie eine
Heimat gewesen war Der Tod meiner Mutter berührte mich hier viel tiefer als in
dem Augenblick wo ich die Nachricht empfing Damals machte er mir nur den
Eindruck eines schmerzlichen jedoch unvermeidlichen und längst vorhergesehenen
Ereignisses hier an diesem Ort wo sie stets gelebt und den sie so heiß geliebt
hatte der Alles umfing woran je ihr Herz gehangen hier war mir zu Sinne als
stände ich immerdar an ihrem Grabe als wäre ganz Engelau der große traurige
Sarg der ihren Staub umschloss und der selbst bald in Staub zerfallen müsse
Urplötzlich von Sorrents lachender Küste im Spätherbst an die stürmischen
Gestade der Ostsee versetzt grauete mir vor den Nebeln den kahlen Bäumen dem
Gekrächz der Krähen dem hohlen Sausen des Windes der grauen Färbung der
Landschaft Hier hatte ich leben lieben fröhlich sein können ich begriff
es nicht mehr mein verwöhntes Auge blickte befremdet umher und traf überall auf
Kälte und Leere Ich drängte Paul zur Abreise nach England ich stellte ihm vor
dass in dieser Jahreszeit mit jedem Tage die Unbehaglichkeit der Überfahrt
wachse dass sie gefährlich werden könne dass er Gefahr laufe ganz aus der
Karriere zu kommen wenn er sich so wenig pünktlich und eifrig im Dienst
erweise Paul wünschte um Nachurlaub zu bitten und den Winter mit mir in Engelau
zu verbringen teils um die Verhältnisse meines Vermögens und die Art kennen zu
lernen in welcher dasselbe verwaltet würde teils um in Folge unsrer
übermäßigen Reiseausgaben auf dem Lande eingeschränkt zu leben Aber unsre
sorrentinische Einsamkeit hatte mich auf lange Zeit mit der Einsamkeit überhaupt
abgefunden und überdas war in mir der tumultuarische Drang das Leben nach allen
Seiten hin kennen zu lernen welcher sich nun einmal nicht in Engelau
befriedigen ließ Paul gab nach wie immer mit einer Güte einer freundlichen
Nachsicht wie nur der Starke sie für den Schwachen haben kann Aber es rührte
mich nicht ich glaubte nur Recht zu haben Ich hatte eben kein Herz und lebte
nicht mit und von dem Herzen sondern für meine Träume
Wolbehalten langten wir in London an Ich hatte die besten Vorsätze gefasst
mich von jedem Luxus fern zu halten und mich in der Einrichtung meines Hauses
und meiner Toilette auf die schlichten Ansprüche des Anstandes zu beschränken
Den Luxus der Pracht glaubte ich vermeiden zu können und mied ihn auch aber
ach der Luxus des Komfort war viel verführerischer und auch viel
unwiderstehlicher weil er wie eine Notwendigkeit aussah Unser Haus war weder
groß noch prächtig allein ich möchte es in seiner koketten Elegance mit dem
Anzug einer schönen Frau vergleichen bei welchem von der Haarnadel an bis zum
Schuh herab die feinste und ausgesuchteste Wahl geherrscht hat Ebenso ging es
mit meiner Toilette Ich wollte durchaus nichts Prächtiges nur Stickereien
nur Spitzen nur jene allerliebste leichte Ware welche die französische
Sprache so außerordentlich bezeichnend »Chiffons« nennt Was die Kostbarkeit
dieser Sächelchen erhöhte war dass ich sie nun gar aus Paris kommen ließ weil
mir der englische Geschmack in dieser Richtung nicht zusagte
Ich war schön elegant fand mich mit großer Leichtigkeit in den englischen
Manieren zurecht sprach geläufig englisch meine große Jugend interessierte
einige ältere Frauen der ersten Gesellschaft für mich welche mich protegirten
und hoben bis ich auf eigenen Füßen stehen konnte was Dank jenen
Eigenschaften sehr bald geschah Als diese gleichsam materiellen
Erfodernisse nach allen Seiten hin überwunden waren sah ich mich um Was nun
Ich hatte gar keinen genügenden Wirkungskreis meine selbstgewählten
Beschäftigungen waren keinesweges aus innerer Notwendigkeit hervorgegangen
Lektüre und Harfenspiel füllen müßige Stunden aber kein leeres Leben Besuche
Spazierritte Soireen sind mehr Zeiteinteilungen als Ausfüllung der Zeit Ich
wünschte glühend für Paul etwas tun ihm nützlich sein zu können Ich war ihm
behilflich die Zeitungen zu lesen und aus diesen englischen französischen
deutschen Papiermassen die Notizen auszuziehen die irgend ein Interesse boten
Hätte mein Verstand eine positivere Richtung gehabt so würde er sich
unzweifelhaft bei meinem Heisshunger nach Beschäftigung auf die Politik geworfen
und in deren Kombinationen ein Feld für die geistige Regsamkeit gefunden haben
Aber für mich waren Whigs und Tories nichts Anderes als die weißen und die
schwarzen Figuren welche sich auf dem Schachbrett Treffen liefern die von List
Feinheit Intrigue Benutzung fremder Schwäche dirigirt werden Meinem armen
Kopf fehlte die Kapacität um Staatsfragen verfolgen zu können Doch habe ich
vielleicht veranlasst durch Pauls Vorliebe oder auch durch den ersten Eindruck
den in dieser Beziehung meine Unerfahrenheit hier empfing eine große Achtung
einen fast unwillkürlichen Respekt vor den englischen Staatsformen bekommen und
bewahrt Dadurch dass die englische AdelsAristokratie nie ihre Reihen schließt
und Männer von wahrem und ernsten Verdienst gleichviel von welcher Herkunft
bereitwillig zwischen sich aufnimmt ist sie eine durchaus organische
Institution die im Schoss des Volkes im Grund und Boden des Landes Wurzel
geschlagen und dessen edelste Kräfte in würdiger Weise sich einverleibt hat Sie
ist nicht zu einer Kaste mumificirt sondern frische Säfte und junges Blut
strömen unablässig ihr zu und weil sie so kräftig ist darum ist sie auch
populär denn sie flösst Vertrauen ein Rastloses Streben liegt in der Natur des
Menschen aufwärts streben veredelt sie diesen Spielraum nach oben hat die
englische Aristokratie den übrigen Klassen der Gesellschaft gelassen und daraus
entspringt für diese der Sporn des Ehrgeizes In Deutschland hat der Adel nicht
verstanden diese edle und weise Stellung einzunehmen und ist durch Käuflichkeit
der Adelsbriefe völlig erniedrigt Das macht ihn unpopulär dadurch versiegt ihm
der Zufluss der Lebenskräfte und indem er sich selbst gleichsam die Wurzeln in
mütterlicher Erde abgeschnitten hat er auf die übrigen Klassen fürchterlich
nachteilig gewirkt er hat ihnen Neid eingeflößt Können sie nicht aufwärts
wolan so zerren sie abwärts Diese Richtung entadelt beide Teile Weil Alles
allgemein sein soll drum wird es gemein das ist die Basis des
Nivellirungsystems in starrer Abgeschlossenheit scheelsüchtig und missgünstig
ohne Atem zum Wettlauf verharrt der Adel in einer Stellung die hunderttausend
Blössen bietet
Dieser schiefen Position wegen fühlte sich Paul höchst unbehaglich in
Deutschland Seine Gesinnung war viel zu hoch und viel zu klar um ihn zum
Überläufer zur Partei der Demagogen zu machen welche damals an der
Tagesordnung war Diese Projecte von Republiken von Bürgertum widerten ihn an
weil er in diesen Staatsformen nur den Übergang zu absoluten und despotischen
Monarchien sah gegen welche die Aristokratie eine heilsame und notwendige
Schranke zieht Darum hielt er immer das aristokratische Prinzip aufrecht
allein er verhehlte sich nicht dass man es in Deutschland nicht verstand oder
missverstand und dass in Hofjunkern und Landjunkern kein belebendes Element der
Aristokratie zu suchen sei Sein Lebensplan war der sich in England durch seine
diplomatische Stellung gleichsam einzubürgern und alle zwei oder drei Jahr nach
Deutschland zu gehen um seinen Vater zu besuchen und um die Güter in Holstein zu
inspiciren Die Vorstellung war ihm unerträglich die BeamtenKarriere machen
oder in den Hofdienst treten zu müssen oder in diplomatischer Stellung an einen
deutschen Hof zu kommen Das wusste ich denn es war der Gegenstand häufiger
Gespräche ich teilte Pauls Ansichten ich bestärkte ihn darin ich dachte es
mir grässlich auf Paris Rom und London einen Aufenthalt in kleinen Landstädtchen
wie Kassel etwa oder Karlsruh folgen zu lassen Dennoch richtete ich den
Zuschnitt unsers Hauses und unsers Lebens so kostspielig ein dass die
Unmöglichkeit ihn durchzuführen vorauszusehen war Was half es dass ich jeden
Morgen mit unserm Steward und jeden Abend mit meiner Kammerfrau Rechnung hielt
und abschloss Was half es dass ich jede Ausgabe höchst pünktlich in mein
Rechnungsbuch eintrug Nicht das genaue Verzeichnis der Ausgaben sondern die
Beschränkung der unnützen macht die gute Hausfrau aus Paul war zu nachsichtig
gegen mich jeden Einfall ließ er hingehen immer gab er seine Ansicht seine
Wünsche gegen die meinen auf
Nachdem im ersten Jahr unsers Londoner Aufenthaltes das Parlament
geschlossen und die Season vorüber war schlug er mir vor auf drei Monate nach
Engelau zu gehen aber ich bat um eine Reise durch Schottland und wir machten
sie Im zweiten Jahr wünschte er dringend die Reise nach Holstein aber ich noch
viel dringender den Besitz einer kleinen PrivatYacht Sie wurde gekauft
bemannt eingerichtet und wir machten mit ihr eine Reise längs der
französischen Küste von Boulogne bis Brest und die Fahrt rund um Irland herum
In den Hafenstädten verließen wir die Yacht und machten Streifzüge ins Land
hinein Im dritten Jahr bereisten wir auf gleiche Weise die Küsten der
pyrenäischen Halbinsel Als wir im Spaterbst nach London zurückkamen empfingen
uns die übelsten Nachrichten aus Holstein Es war ein schlechtes Jahr gewesen
die Schulden hatten sich gehäuft ein Paar Gläubiger waren misstrauisch geworden
und verlangten Auszahlung ihrer Kapitalien zwei Pächter hatten den Jahreszins
nicht gezahlt der Verwalter des Hauptgutes Engelau hatte sich dem Trunk ergeben
während seine Frau ihr Schäfchen ins Trockne gebracht und sich in Meklenburg ein
schönes Landgut gekauft hatte kurz die volle Verwirrung der Zustände war
eingetreten die mit Verschwendung und Verwahrlosung von Seiten des Herrn
überall Hand in Hand geht Mein Geschäftsführer schrieb mir warnende Briefe
mein Schwiegervater schrieb fulminirende an Paul der Sinn von dem Allen war
dass uns ein Koncurs bedrohe
In vier Jahren hatte ich es dahin gebracht bei neunzehn Jahren hatte ich es
möglich gemacht mein Vermögen das Vermögen einer alten wolbegüterten Familie zu
compromittiren und vielleicht Pauls Zukunft zu zerstören
Paul machte mir keine Vorwürfe und berührte mit keinem Wort weder diese
Möglichkeit noch die Vergangenheit Ich umschlang ihn ganz bewildert und rief
»Aber Paul was können wir denn tun«
»Wir müssen nach Deutschland und in Engelau leben sagte er sanft und
fügte beruhigend hinzu als mir die Tränen aus den Augen stürzten Nur vor der
Hand wie ich glaube meine Sibylle«
»O Paul rief ich warum hast Du Deine bessere Einsicht nie mir gegenüber
geltend gemacht«
Er sah mich traurig an und erwiderte
»Weil ich schwach gegen Dich bin«
»Leider« flüsterte ich vor mich hin
»Du machst mir diesen Vorwurf« rief er schwankend zwischen Zorn und
Schmerz
»Ja Paul sagte ich und küsste seine Hand das ist immer so wer Unrecht hat
möchte die Schuld von sich ab und auf einen Andern wälzen«
»Wer könnte Dir zürnen Engel entgegnete Paul Wenn es ein Fehler ist zu
liebenswürdig zu sein so hast Du ihn Du siehst auch ich will meine Schuld von
mir ab und auf Dich wälzen«
Paul nahm Urlaub auf ein Jahr Wir gaben unser Haus auf verkauften unsre
ganze Einrichtung die wir vor drei Jahren mit solcher Sorgfalt gemacht hatten
entliessen unsre englischen Dienstboten und schifften uns Ende Novembers nach
Hamburg ein
Diese drei Jahr in London waren mir schwer gewesen Wie einst in Sorrent
dass ich Paul nicht liebe so hatte ich jetzt erkannt dass ich ihn dominire ohne
ihn doch eigentlich zu beglücken Ich hatte ihn mit ich weiß nicht welchem
Zauber umsponnen der ihm zugleich süß und doch schwer war der ihn eigentlich
mehr magnetisirte als befriedigte Ich hatte seinen Lebensplan durchkreuzt ich
veranlasste ihn in großer Einschränkung und mit widerwärtigen Geschäften
wenigstens ein ganzes Jahr und vielleicht noch länger auf dem Lande zu leben
ich erfüllte nicht seinen heißesten Wunsch denn ich war nicht Mutter und
dennoch liebte er mich Es gibt fatalistische Leidenschaften sie bemächtigen
sich eines Menschen und Alles was sie sonst tötet dient nur dazu sie in ihm
zu entzünden Paul hofte Kinder zu haben hofte die Vermögensverwickelungen zu
entwirren hofte seine Laufbahn seinen Wünschen gemäß fortzusetzen und wenn ich
ihn fragte
»Wie kannst Du immer so mutig sein« so erwiderte er
»Weil ich Dich liebe«
Gott wie mich das rührte Unser Herzensverhältniss war dadurch ganz
eigentümlicher Art denn ich liebte ihn nicht er imponirte mir nicht es gab
Momente wo ich mich ihm überlegen fühlte weil ich das Bewusstsein hatte ihn
lenken zu können und dennoch hing ich mit Zärtlichkeit ich möchte sagen mit
Wehmut an ihm Er war mir nicht geworden was ich von einem Gatten einem
Geliebten geträumt hatte da er aber so gut und edel war betrübte seine
Unvollkommenheit mich nur und nie fühlte ich mich versucht bei einem anderen
Mann eine höhere Vollkommenheit zu suchen Es wurden mir viel und flammende
Huldigungen dargebracht sie rührten mich nicht Ich blieb kalt wie Eis nicht
aus Tugend nicht vorsätzlich sondern nur weil ich nichts Verlockendes in ihnen
fand Ich hatte meine Erwartungen von den Männern in früher Jugend so hoch
gespannt dass sie denselben nicht entsprechen konnten und ich selbst war jung
genug um noch nicht meine eigenen Erwartungen vergessen zu haben Überdas
graute mir vor der Untreue der Lüge der Intrigue der Angst und Verzweiflung
welche im Gefolge jeder pflichtwidrigen Neigung sich einfinden Ich konnte mir
nicht vorstellen dass wahre Liebe sich unter diesen entwürdigenden Umständen
Platz machen und entwickeln könne Überdas hatte meine Phantasie eine ganz
andre Richtung genommen ich dachte an nichts als an Mutterglück und Alles
was ich tat und trieb und unternahm geschah um mich gegen diese heiße
ungestillte Sehnsucht zu betäuben So schien es mir damals Vielleicht war das
aber auch nur ein unbewusster Vorwand um meine Unstetigkeit zu beschönigen
Genug ich vertiefte mich jetzt in ebenso regellose Phantasien der
Mutterseligkeit wie ehedem in die Seligkeit Helden und Halbgötter auf jedem
Schritt und Tritt zu finden Das gab mir etwas Träumerisches Schwermütiges
und dieser geistige Trauerflor bildete mit meiner Jugend einen auffallenden
Kontrast
Wer sich mir mit unverholener Huldigung genähert hatte war Graf Otbert von
Astrau Diesen Namen nennen heißt einen berühmten Mann bezeichnen dem die
Mitwelt und vielleicht die Nachwelt einen ehrenvollen Platz aufbewahrt Ein
Dichter betrachtet das Leben mit anderem Auge als wir übrigen Menschenkinder
Jetzt habe ich das erkannt Darum kann ich auch unparteiisch von Otbert sprechen
Er kam nach London Seine Ankunft war uns lange vorher verkündet seine Gedichte
waren auch in England bekannt und geliebt Man war gespannt auf seine
Erscheinung ich die Deutsche natürlich noch mehr als die Übrigen denn seine
Gedichte hatten mich bezaubert Otbert kam mitten in der Season und brachte an
Paul ein halbes Dutzend der dringendsten Empfehlungsschreiben Dadurch wurde er
ein täglicher Gast in unserm Hause Sein Ruhm sein Name seine Persönlichkeit
bahnten ihm einen Siegerpfad in der Gesellschaft Er war höchstens
siebenundzwanzig Jahr alt und so recht in der Sonnennähe seiner
poetischlyrischen Entfaltung außerdem schön geistreich liebenswürdig
brillant geschaffen um alle Frauenköpfe zu verdrehen Das tat er denn auch
nach besten Kräften nur der meine saß fest
Ich stand in stummer Bewunderung ganz fern und demütig und staunte das
Meteor an das über meinen Lebenshimmel dahinzog Natürlich hatte ich mir unter
einem Dichter ein begeistertes prophetisches Wesen mit Sehergaben mit der
Intuition der Seelen und der Zukunft vorgestellt Meine Bewunderung ging in
Verwunderung über als ich einen brillanten eitelen und koketten Mann fand der
im Salon glänzen und die Frauen erobern wollte Beides gelang ihm und die
Siegesgewohnheit machte ihn zum Fat Seine Schaustellung erkünstelter Gefühle
das halbe Dutzend von Passionen welche er im Lauf einer Season erregte bald
teilte bald nicht teilen konnte machte mir einen widerwärtigen Eindruck
und oft sagte ich zu Paul
»Wie schade dass ich Astraus persönliche Bekanntschaft gemacht habe mir ist
der glühende Frühling seiner Poesie wie in Schneeflocken untergegangen«
»Was ist Dir nicht schon untergegangen arme kleine Sibylle« entgegnete
Paul einmal mit gutmütigem Spott
Ihm gefiel Astrau außerordentlich Dieser hatte Männern gegenüber nicht die
geringste Eitelkeit weder Ansprüche noch Launen er sparte sich das Alles für
den Verkehr mit Frauen auf Er ritt er schoss er jagte er schwamm er spielte
er plauderte er erzählte genau wie alle Übrigen nur mit einem so
unmerklichen Anflug von Superiorität dass Keiner sich verletzt dadurch fühlen
konnte und dass Jeder seine Freude an dem geschickten Gegner oder Gefährten haben
und doch dabei denken durfte er werde dennoch einmal zu übertreffen sein
Ich war so still und schweigsam im Umgang mit Astrau Anfangs aus Andacht
später aus Gleichgültigkeit dass ich ihm ziemlich unbedeutend erscheinen mochte
er beschäftigte sich gar nicht mit mir Wir verließen London früher als er um
unsre erste Reise in meiner geliebten Yacht zu machen und als wir wiederkehrten
war er fort und wie das im Leben der großen Welt nicht anders ist halb
vergessen
Aber eine Frau hatte ihn nicht vergessen und das war meine Freundin
Arabella gh Ich nenne sie Freundin weil es die Frau ist die mich am Meisten
angezogen hat von allen Frauen die ich je gekannt nicht durch Sympatie
sondern durch den schneidenden Gegensatz unsrer Charactere Der Grund der Dinge
und das Wesen der Erscheinung war ihr gleichgültig nur die Oberfläche lockte
und reizte sie und mit besinnungsloser Genusssucht die sich zu schwärmerischer
Leidenschaftlichkeit steigern konnte gab sie sich derselben hin Sie hatte
weder Tiefe noch Ernst noch Treue folglich keine Würde im Charakter aber die
unglaubliche Wärme mit der sie sich den Eindrücken hingab und sie aufnahm lieh
ihr eine bezaubernde Innigkeit Sie hatte die Flatterhaftigkeit und die Anmut
eines Schmetterlings Man konnte ihr nicht zürnen und am wenigsten wenn sie es
am meisten verdiente nämlich wenn sie sich selbst anklagte Die Selbstanklage
sobald sie sich einem Andern gegenüber wiederholt und häuft verhält sich zur
wirklichen Reue wie sich ein aus Schwäche tränendes Auge zur wirklichen Träne
verhält Aber Arabella war nun einmal unwiderstehlich in ihrer Schwäche sie ist
die einzige Frau die mich je interessiert hat vielleicht weil sie sich mit
rührender Demut an mich schmiegte vielleicht weil ich wähnte sie ruhiger und
pflichtgetreuer zu stimmen vielleicht weil alle andern Frauen mich stets
gelangweilt haben
Astrau war der erste Mann der ihr nicht Zeit gelassen hatte ihn zu
verlassen er war ihr zuvorgekommen Diese Überraschung berührte sie in so
neuer Weise dass sie ihr Herz tötlich verwundet glaubte Ich fand sie tief
niedergeschlagen blass abgehärmt sie sprach davon die nächste Season auf dem
Lande zuzubringen London und die Welt zu fliehen Otbert und immer Otbert war
ihr drittes Wort sie nahm keine Huldigung an sie zeichnete keinen Mann aus
Ich wünschte ihr Glück dass ihr inneres Leben eine ernstere Richtung genommen
Indessen kam die Season heran und siehe da ein Brief Astraus an Paul verkündete
seine nahe Ankunft Ich teilte Arabellen ganz besorgt diese Nachricht mit und
riet ihr jetzt aufs Land zu gehen um jede Begegnung zu vermeiden
»Was fällt Dir ein rief sie lebhaft Ich sollte gehen wenn er kommt sollte
die Gelegenheit meiden ihn zu sehen O nein jetzt bleibe ich gewiss«
»Daraus werden für Dich qualvolle und für Astrau peinliche Augenblicke
entspringen meine arme Arabella Lass doch geschieden sein was einmal
gebrochen ist«
»Ach Du hast nicht geliebt nicht ihn geliebt Sibylle sonst würdest
Du begreifen dass ich gern bereit bin mit unsäglichen Qualen das Glück ihn zu
sehen zu erkaufen« rief Arabella und Flammen und Tränen funkelten zugleich in
ihrem großen sammetschwarzen Auge und die schwarzen Locken rieselten so weich
auf die zarten Schultern herab dass ich hingerissen von ihrer Schönheit und
Grazie unwillkürlich ausrief
»Warum hat Dich Astrau aber verlassen«
»In der Liebe gibt es keine Antwort auf ein solches Warum« sprach sie
resignirt
Astrau kam und war unverändert der Alte Bei seiner ersten Begegnung mit
Arabellen welche sie bei mir zu veranstalten gewusst benahm er sich vortrefflich
ich musste es gestehen ruhig ernst ohne erzwungene Freundlichkeit ohne
übertriebene Kälte während sie eine stumme Szene machte weinte in mein
Kabinet ging wiederkam was mich in Verlegenheit gebracht haben würde da ich
mit ihnen Beiden allein war wenn Astraus Haltung nicht unbewegt geblieben wäre
Endlich verließ uns Arabella Ich begleitete sie bis ins Vorzimmer und sagte
ernst
»Welch ein unpassendes Benehmen«
»Schweig rief sie heftig was weißt Du von Liebe liebe ihn und dann
urteile über mich«
»Gott behüte mich« rief ich und kehrte in den Salon zurück ganz erleichtert
durch Arabellas Entfernung Mein Gesicht musste diese Empfindung verraten denn
Astrau sah mich an und sagte
»Ists nicht Jammerschade dass eine so liebliche Frau wie Lady Arabella es
dahin bringt«
»Wohin ich habe nichts gesagt« stammelte ich verwirrt
»Ich habe mir nur erlaubt Ihrem Ausdruck Worte zu leihen«
»Auf eine Konversation durch Mienen und Blicke kann ich mich nicht
einlassen Graf Astrau«
»Fürchten Sie die Wahrheit so sehr fragte er mit einem unglaublich feinen
Ausdruck Wesen wie Sie sollten sie nicht fürchten«
Mir missfiel dies Kompliment und ich sprach kühl
»Ich fürchte weder die Wahrheit noch sonst irgend etwas auf der Welt«
»Ah bah das ist eine kleine Prahlerei Sie werden doch das Gewitter
fürchten oder den Tod oder die Leidenschaft oder doch eine
unschuldige Maus oder Spinne«
»Nichts von dem Allen Graf aber doch etwas Andres die Langeweile
die hatte ich vergessen«
»Bis ich Sie daran erinnerte rief Astrau Aber glauben Sie denn dass ich
mich nicht vor der Wahrheit fürchte«
»Ah bah das ist eine kleine Prahlerei parodirte ich ihn Wahrheit ist
Sonnenlicht und das bedarf der Dichter in seiner Seele und zu einer
Glorie nicht wahr«
»Schwärmerin sprach er sanft Wie denken Sie sich denn eigentlich den
Dichter«
»Genau so wie Sie nicht sind« erwiderte ich schnell
»Wollen Sie mir absichtlich weh tun gnädigste Frau« fragte er mit Kälte
»Wie käme ich dazu sprach ich noch kälter Äusserlich warm schlicht und
wahr innerlich durchflutet vom Strom großer Gedanken und vom Sturm hoher
Leidenschaften daher unfähig kleinlicher Gedanken und dürftiger Gefühle so
denke ich mir den Dichter und so sind Sie nicht«
»Sagen Sie lieber so ist er nicht«
»Weil Sie nicht so sind fragte ich spottend Das hieße doch dem Dichter
Unrecht tun«
Astrau sah mich starr an »Und dies Alles weil ich Lady Arabella nicht
liebe«
»O Gott rief ich lachend wir verstehen uns ja gar nicht guter Graf ich
spreche von meinem Dichterideal und Sie halten mich für einen Advokaten«
»Lassen Sie mir die Hoffnung dass wir uns verständigen werden« sprach Astrau
und Besuche störten dies Gespräch das erste welches mir eine Erinnerung
zurückließ Seitdem unterhielten wir uns viel Ich kann nicht sagen dass Astrau
sich ausschließlich mit mir beschäftigt hätte allein er war für keine andre
Frau aufmerksamer In dieser Season spielten die Passionen der Damen für ihn
keine so große Rolle als in der vorigen das stand ihm besser Übertriebene
Huldigungen geben dem Gegenstand derselben immer etwas Lächerliches denn wahre
Liebe wahre Bewunderung wahre Ehrfurcht werden nie in kindisch albernen
Fetischdienst ausarten Ihrer Natur nach sind sie wie alle Innerlichkeit
schweigsam ernst und gehalten und nur in gewichtigen Momenten geben sie ihre
Macht und Tiefe kund Es ist ein großes Unglück wenn talent und genievolle
Menschen wie Astrau durch die Gesellschaft zum »lion of the day« gemacht werden
und sich dazu hergeben Statt ihr Leben zu leben spielen sie nur ihre Rolle
Weshalb Graf Astrau anfing sich mit mir zu beschäftigen weiß ich nicht
glaube aber deshalb weil ich so ungewöhnlich gleichgültig für ihn und überhaupt
für Alles war Das Leben trug nicht die Glorie von Glanz Glut Majestät und
Wonne nicht den Purpurmantel nicht die Rosenkrone nicht den Sternenschleier
womit ich dessen heilige Gestalt in meinen Kinderträumen auf den grünen Hügeln
von Engelau ausgeschmückt hatte Es kam mir Alles so mittelmäßig vor ich kannte
manche gute Menschen doch sie hatten große Fehler manche kluge doch sie
hatten große Schwächen Ich sah wohl dass recht viel und mitunter auch recht
Tüchtiges getan wurde aber es wurde nichts Großes geleistet wie ich mir das
Große dachte im gottbegnadeten Individuum als eine neue Sonne aufgehend zu der
die Menschheit betet Ich sah mir die Liebe an zwischen den Menschen hatte sie
Schwung so brauchte sie ihre Flügel um bald zu entfliehen hatte sie keinen
so blieb sie wie sie war matt und lahm für junge Herzen war sie ein Rausch
für alte ein Irrtum eine Krankheit ein Traum zuweilen aber ganz
ausnahmsweise ein tiefer Ernst der mit fürchterlichen Schmerzen mit
trostlosen Erfahrungen mit Märtyrerleiden erkauft werden musste Ich sah mir den
Genius an zwischen den Menschen auch an seinen vollkommensten Schöpfungen
haftete Staub und Neid Verleumdung blinder Hass Fetischdienst umschwirrten
und verdunkelten ihn während nun gar der Träger des himmlischen Funkens ein
schwacher Sterblicher gleich uns Anderen war
Da weder die Tat noch die Liebe noch das Genie sich zu jener äterreinen
Höhe aufschwang die so hoch ist dass es unter ihr weder Aufgang noch Niedergang
gibt weil sie Ruhe in der Einheit des ganzen Wesens gewährt so musste ich
darauf gefasst sein in den untergeordneten Richtungen und Sphären des Seins noch
größeres Stückwerk noch mehr Zersplitterung und Mangel an Zusammenhang zu
finden und ich fand sie Es befremdete mich nicht Wer Paläste
zusammenstürzen sieht erstaunt nicht wenn Hütten einfallen
Die Aufgabe meines Lebens wäre also gewesen mich in der Mittelmässigkeit
zurecht zu finden und sie in mir und in meinem Kreise bis zu dem ihr gegönnten
Grad von Vervollkommnung auszubilden Dies ist überhaupt die ganz allgemeine
Aufgabe jedes Menschen und wer schlecht und recht warm und wahr mit klarem
Kopf und redlichem Willen an ihr arbeitet löst sie teilweise gewiss wenn auch
mit blutender Hand und mit blutendem Herzen Aber ich hatte mich viel zu tief in
ein phantastisches Traumdasein eingesponnen um jenes zu versuchen Hätte Paul
mich aufgerüttelt und aufgeweckt hätte er irgend etwas Bestimmtes Schweres von
mir verlangt so möchte ich zur Besinnung gekommen sein und mich ermannt haben
Jetzt fühlte ich mich beständig wie in einer grauen Dämmerung die man
verschlafen und verträumen müsse Die Spiegelbilder meiner Träume waren dann
einzelne Handlungen die ich unsinnig nennen muss weil sie das Gleichgewicht
meiner Verhältnisse störten wie meine kolossale Woltätigkeit und meine
Liebhaberei für Wasserfahrten im großen Styl das ganz natürlich mit sich
brachten Für die Welt mit ihren Freuden und Genüssen war ich gleichgültig Die
fürchterliche Oberflächlichkeit ihres Lobes ihres Tadels ihres Beifalls ihres
Urteils überhaupt widerte mich an
»Armer Graf sagte ich einmal zu Otbert der mit trivialen Lobeserhebungen
überschüttet worden war wie bewundere ich Sie dass Sie nicht gähnen«
»Gähnen wenn man mir angenehme Sachen mit freundlichem Lächeln und holdem
Blick sagt wie unnatürlich wäre das Kann ich denn etwas Anderes wünschen als
die Seelen zu erfreuen und wenn die Lippen stumm für mich bleiben wie soll ich
erfahren ob es mir gelungen ist«
»Das muss Ihr Genius Ihnen sagen«
»Gnädigste Frau mein Genius tut genug für mich indem er mir meine Poesien
zuflüstert Sie hinterdrein auch noch zu loben ist nicht mehr sein Fach das
überlässt er Anderen und ich habe dies Lob von Anderen nötig nicht um zu
dichten aber um mich dieser Gabe mit Freude hinzugeben Empfindungen zu wecken
Gedanken anzuregen ist mein Streben Lob und Dank sind mir Bürgschaft des
Gelingens«
»Ja wenn ein würdiger Areopag sie Ihnen darbrächte aber diese Leute was
wissen die von Poesie«
»Und was wissen Sie mehr von ihr« fragte Astrau höchst ungeduldig
»Ich weiß dass Poesie ein Dreiklang ist dessen Töne Liebe Sehnsucht und
Gebet heißen«
»Sie wissen himmlische Geheimnisse nahm Astrau nach einer langen Pause das
Wort aber von Liebe wissen Sie nichts«
»Das ist eine Phrase welche die Frau oft hört«
»Nicht oft denn die eigentliche Wissenschaft der Frau ist die Liebe«
»Und dennoch oft und zwar immer wenn ein Mann ihr seine Liebe
eingestehen oder die ihre begehren möchte«
»Das glauben Sie von mir« rief Otbert starr vor Erstaunen sich in dieser
keimenden Richtung schon erraten zu sehen
Aber ich hatte nur instinctmässig gesprochen Ich entgegnete
»Von Ihnen glaube ich nichts denn ich glaube überhaupt nicht an Sie Was
ich sagte war nur eine allgemeine Bemerkung die sich auf Erfahrung stützt«
»Sehen Sie mich einmal an« rief Astrau setzte sich plötzlich zu mir auf
die Kauseuse nahm meine Hand und fixierte mich scharf Ich ertrug das höchst
gelassen und nach einer Weile sprach er »Wie kann man so unglaublich schön und
zugleich so unglaublich nichtssagend aussehen«
»Wenn ich nichts zu sagen habe muss ich wohl nichtssagend aussehen«
»Aber was sind Sie denn für ein merkwürdiges seltsames Geschöpf dass man Sie
gar nicht necken verwirren und ärgern kann Sie sehen aus wie ein engelhaftes
Kind und sprechen wie eine fünfzigjährige Frau Sie kennen nichts und wissen
Alles Sie lassen Ihre Gestalt zwischen uns auf der Erde umherwandeln und Ihre
Seele macht während der Zeit Peregrinationen durch andre Welten Sie müssen sich
sammeln denn dies ist ein ganz unnatürlicher Zustand Sie müssen sich auf einen
Punkt zu concentriren suchen«
»Richtig unterbrach ich ihn dieser eine Punkt ist ja eben das unbekannte
Gut«
»Suchten Sie es schon und wo suchten Sie es«
»In einer Höhe und in einer Tiefe die mir Beide unzugänglich zu sein
scheinen«
»Suchen Sie es doch vor sich«
Ich blickte starr gradeaus und sagte »Da ist es nicht da gewahre ich immer
das Ende entweder im Leben oder im Tode«
Astrau schüttelte ein wenig meinen Arm
»Sibylle wach auf sprach er so werde ich ein Gedicht für Sie machen«
»Das tun Sie lieber Graf«
»O Sie sind ein verschrobenes Geschöpf das mir fast Grauen einflößt sagte
er unmutig Sein Sie doch jung fröhlich genussbegierig glücksdurstig Sie
verlieren ja Ihr Leben und das ist Schade für Sie und für Andere Nach dreißig
Jahren dürfen Sie denken und träumen bis dahin müssen Sie leben«
»Leben das heißt das unbekannte Gut finden den Punkt in welchem sich das
Wesen für die Ewigkeit sammelt und ruht denn Leben heißt doch ein ewiges Sein
nicht wahr«
»Wir wollen uns mit dem Leben beschäftigen welches der Endlichkeit angehört
sagte Otbert und als Paul eintrat rief er ihm zu indem er auf mich deutete
»Diese Richtung ist doch allzu transcendental«
Paul und ich wir lächelten Beide aber von dem Augenblick an beschloss Otbert
mich zu gewinnen Nicht dass ihm eine gemeine Verführung in den Sinn gekommen
wäre solch leichtes Glück lockte ihn nicht aber ich sollte ihn lieben Die
Liebe zu ihm sollte die Morgensonne sein die mich aus dem Schlaf meines Herzens
weckte aus ihrer unentwickelten Existenz wollte er meine Seele erlösen und
die grüne Knospe an das Licht bringen damit sie sich in holden Farben entfalte
Wie jene durch Liebe beseelte Statue an ihrem Bildner hing so sollte ich an ihm
hängen und durch diese Liebe mich selbst und das Leben und das Glück verstehen
lernen Er dichtete sich ein Poëm zurecht und beschloss dasselbe zuerst zu leben
und später etwa als Stoff oder Sporn zu Gedichten zu benutzen Er wurde immer
allmälig wärmer wenn er sich auf den Wellen der Poesie schaukelte und so wurde
er denn auch nach und nach so warm in dieser poetischen Phase dass er sich bis
zur Glut steigerte gänzlich vergaß dass er sich in dieselbe hineingearbeitet
hatte und von der Aufrichtigkeit seiner Liebe überzeugt war Er glich jenen
wunderbaren Schauspielern welche auf der Bühne dasjenige wirklich empfinden was
sie darstellen sollen so dass ihre Tränen ihre Leidenschaft ihr Schmerz
keinesweges erkünstelt oder gar erheuchelt zu nennen und daher von wundersam
hinreissender Wirkung sind Man konnte Otbert nicht Lügner Heuchler oder
Betrüger nennen wenn er nach erreichtem Zweck plötzlich gleichgültig ward oder
sich und sein Streben ironisirte oder erschöpft sich selbst wie ein Maskenkleid
fallen ließ Es war in ihm eine unbewusste Verachtung der Wahrhaftigkeit die ihn
antrieb sein Wesen in immer neue Gestaltungen umzuformen Statt in den
Schöpfungen seines Geistes zu leben wollte er stets von Neuem sich selbst
gleichsam erschaffen fühlen Fest glaubte er an die Metempsychose und
schmachtete danach sie schon bei lebendigem Leibe an sich zu erfahren Daher
sein wahnsinniger Durst nach An und Aufregung »Dann kommt ein neuer Geist über
mich« pflegte er zu sagen Hätte sein Charakter seinem Talent das Gleichgewicht
gehalten so wäre er ein großer Dichter geworden bei seinem Mangel an
Wahrheitsdurst an Ernst Tiefe und Würde fehlte ihm natürlich der Glaube an
sich selbst Man muss sich berufen fühlen um berufen zu werden Wen dies Gefühl
nicht umpanzert der hält die Hammerschläge nicht aus welche das Schicksal auf
das Genie führt um das Götterbild aus dem Marmorblock zu schälen Otbert konnte
sich jenen Glauben vorspiegeln allein er vermochte nicht ihn festzuhalten
deshalb war er eitel nach Beifall lechzend und mit einer Offenheit die etwas
Kindliches und Rührendes haben konnte gestand er selbst diese Schwäche ein
Schmeichelei tat ihm wohl Kleine Seelen schmeicheln gern sie meinen von dem
Nimbus welchen sie um eine ausgezeichnete Persönlichkeit verbreiten helfen
falle doch wohl ein Stral auf die ihre herab so litt Otbert nicht Mangel an
Schmeichelei doch sie befriedigte ihn nicht Daher waren ihm Emotionen ein
Bedürfnis denn sie betäubten ihn wie Opiumrausch gegen eine unabweisliche
innere Leere die er sich bei all seinem Talent und Verstand nicht ableugnen
konnte
Dieser Punkt war derjenige auf welchem wir uns begegneten nur mit dem
Unterschied dass er diese Leere um jeden Preis auszufüllen und auszuschmücken
versuchte und dass es mir graute und ekelte die Lücke in mir mit Phantomen zu
schließen die Urbilder hielten mir ja nicht Farbe
In Tränen aufgelöst kam eines Tages Arabella zu mir überhäufte mich mit
Vorwürfen und nannte mich eine falsche Freundin die ihr Otberts Herz entwende
»Erstens ists fraglich ob Astrau ein Herz hat entgegnete ich gleichmütig
doch habe er es und es sei Dir gegönnt Du weißt Arabella ich liebe nicht
die Sorte von Liebe die in der Gesellschaft Mode ist«
»Aber er liebt Dich kannst Dus leugnen«
»Nennst Du Liebe dass er fünf Mal in der Woche bei mir speist«
»Er kommt am Morgen er kommt am Abend Ihr seid den halben Tag beisammen
und häufig allein und Du solltest ihm gleichgültig sein«
»Gleichgültig bin ich ihm nicht ich bin für ihn ein Buch mit sieben Siegeln
das er enträtseln möchte«
»Um diese Mystik schwebt immer Liebe entweder Liebesahnung oder
Liebesbedürfniss und das ist sehr lockend Du bist gefährlich Sibylle und
es ist glücklich für Dich und Andere dass Du Deine Waffen nicht zu brauchen
verstehst Du könntest Otbert in ewige Fesseln schlagen«
»In ewige« fragte ich zweifelnd
»Ja ja in ewige wiederholte sie eifrig Grade dadurch dass Du so
verhängniss und verheissungsvoll aussiehst und Dich nicht zur Gewährung
herablassen kannst«
Sie sprach noch lange ich hörte nichts mehr Das Wort »ewige Fesseln«
hatte Wurzel in mir gefasst Es warf einen Zauber über die Zukunft Wie ein
Glanzmeer breitete sie sich vor mir aus und ich starrte geblendet in sie hinein
Als ich Otbert wiedersah kam er mir verändert vor Nicht er war es sondern ich
Mein Auge war bestochen durch die Vorstellung dieser rastlosen umherschweifenden
Seele ewige Fesseln anlegen zu können Er bemerkte natürlich meine Veränderung
auf der Stelle Es war auf einem großen Rout Die Menschenmasse stand wie eine
Mauer Ich lehnte am Kamin um wenigstens den Rücken frei zu haben Paul sprach
angelegentlich mit der östreichischen Botschafterin die ihn sehr auszeichnete
Otbert fand Mittel vom andern Ende des Saales zu mir zu dringen
»Mirakel« sagte ich als er neben mir stand
»Kein Mirakel schwarze Kunst hat mir geholfen« sagte er mit leichter
Handbewegung gegen mich
Ich trug ein Kleid von schwarzen Spitzen über rosenfarbenem Tafft und einen
Kranz von schwarzen Sammetrosen mit Laubwerk von rosenfarbenem Atlas um die
Stirn geschlungen Das Haar fiel in schweren Locken zu beiden Seiten lang herab
Lawrence malte mich in diesem etwas phantastischen Anzug der ebensoviel Furore
machte als das Gemälde selbst
»Die Wunder des lieben Gottes heißen Mirakel und die der Menschen schwarze
Kunst Ihn betet man dafür an und unsereins wagt den Scheiterhaufen Ist das
gerecht«
»Indessen ist doch zu bemerken erwiderte Astrau trocken dass diese
Scheiterhaufen nicht für den errichtet werden der schwarze Kunst treibt sondern
von ihm«
»Nun dann geraten Beide in die Flammen und haben ihren Lohn dahin der
Schwarzkünstler für seine Vermessenheit und der Wundersüchtige für seine
Neugier« antwortete ich munter und in heiterem Ton scherzten wir fort Da
streifte Arabella an uns vorüber Ihr vorwurfsvoller Blick machte mich traurig
und ich wurde einsylbig
»Wie Sie ungleicher Laune sind rief Otbert unmutig ein Nichts stimmt Sie
um mitten im Scherz verfallen Sie in Grübeleien und plötzlich fahren Sie aus
denselben mit einem Scherz empor Es ist gar nicht mit Ihnen zu leben und doch
hat man unwiderstehliche Lust dazu Ihr Gemal muss übermenschliche Geduld
besitzen«
»Das ist wahr« bekräftigte ich aus voller Seele
»Ich habe gar keine mit Weiberlaunen«
»Ihre dereinstige Frau wird sie Ihnen schon beibringen« sagte ich
zuversichtlich
»Ihre Naivetät versöhnt mich immer wieder mit Ihnen erwiderte Otbert
lachend Halten Sie es denn für möglich dass der Dichter auch Gatte und
Familienvater sein könne«
»Aufrichtig gestanden nein Aber Sie sind kein Dichter Sie dichten
nur«
»Ich bin nun einmal an die bittersten Wahrheiten aus Ihrem holden Munde
gewöhnt sprach Otbert gutmütig aber sagen Sie mir doch weshalb behandeln Sie
mich härter als alle unsre deutschen Recensenten tun«
»Kar tel est notre plaisir lieber Graf« entgegnete ich und besah meinen
Fächer
»Sie sind eine ErzKokette«
»Beruhigt Sie dieser Glaube«
»Ich bedarf keiner Beruhigung denn Ihre im steten Halbschlaf gesprochenen
Worte können mich nicht erzürnen«
Er war aber doch erzürnt denn er fand mich nicht so einfältig wie er
vorgab und es reizte ihn heftig dass ich ihm weder Bewunderung noch Teilnahme
aussprechen wollte
»Und weshalb fuhr er fast heftig fort haben Sie mich vorhin ganz
freundlich angesehen wenn Sie doch nur in Ihrer kleinen falschen Seele darauf
sinnen mich zu kränken«
Ich brach in helles Gelächter aus
»Nun muss ich mir auch noch gefallen lassen von einem Kinde ausgelacht zu
werden« sagte Otbert selbst lachend und mit einer Harmlosigkeit die ihm sehr
gut stand
Es war etwas das uns zu einanderzog und sich in Scherz und Neckerei als in
das unverfänglichste Gewand kleidete Gegen das Ende der Season fragte er mich
»Würden Sie es ungern sehen wenn ich Ihr Reisegefährte bis Barcelona würde
Ihr Gemal und ich haben heute beim Spazierritt diesen Plan ausgesponnen Sie
haben eine unbenutzte Kabine in Ihrer Yacht was meinen Sie dazu«
»Dass es ein hübscher Plan ist nun werden wir uns genau kennen lernen«
»Immer wissen immer auf den Grund gehen wie unnütz das ist ich freue
mich auf die schöne Meerfahrt und die angenehme Gesellschaft Sie hoffen durch
irgend ein Guckfensterchen irgend einen Abgrund in meiner Seele zu erspähen
Kann Ihnen das wirklich Freude machen«
»Die allergrösste rief ich Wissen wie es in den Menschenseelen besonders
in den reichbegabten hergeht welche Keime Blüten treiben welche Gebilde Form
finden wie die Intelligenz arbeitet wie Leidenschaft und Wille ihre Kämpfe
haben wie heimliche Vulkane und Erdbeben sich austoben was sie zerstören
befruchten erzeugen o Gott ja das in Bildern vorüberziehen zu sehen ist mir
eine Wonne«
»Gnädige Frau diese zersetzende Beobachtung macht nicht glücklich Lassen
Sie doch Ihrer Jugend das Vorrecht derselben heitern Genuss der Erscheinung wie
sie sich darbietet ohne Kritik«
»Ich habe nun einmal nicht die Gabe der Besinnungslosigkeit« unterbrach ich
ihn
»Leider fuhr er fort contemplativ und reflectirend wie Sie durch Natur
Erziehung und Gewohnheit geworden sind gönnen Sie dem Zweifel zu viel
Spielraum und der macht so müde«
»Mit allen meinen Gefühlen habe ich Schiffbruch gelitten rief ich bitter
wie sollte ich nicht an Ihnen zweifeln«
»Die Macht des Gefühls haben Sie bis jetzt noch nicht gekannt gnädige Frau
vielleicht nur dessen Überfülle wilde Ranken doppelte Blüten das Alles muss
geknickt werden damit jene Platz finde«
Diese Worte ermutigten mich unsäglich Ich wurde heiterer als ich je
gewesen Paul fragte mich seinerseits ob Otberts Begleitung mir nicht lästig
sein würde Ich versicherte das Gegenteil und fügte hinzu
»Es ist mir sehr lieb dass ich auf unsrer Yacht gastfreundliche Rücksichten
zu nehmen habe denn wenn wir Beide allein sind Paul so sind doch alle
Rücksichten für mich«
»Nun Astrau wird sie nicht missbrauchen entgegnete Paul es ist so leicht
und bequem mit ihm zu leben wie mit wenigen Männern und es freut mich recht dass
Du Dein Vorurteil gegen ihn hast fahren lassen«
»Ich habe nie ein Vorurteil gegen ihn gehabt versicherte ich sein
Benehmen im Salon zwischen den Frauen gefiel mir nicht und gefällt mir noch jetzt
nicht In der Intimität ist er jedoch weit angenehmer das finde ich seitdem
ich ihn von dieser Seite kennen gelernt allein Du wirst doch auch eingestehen
müssen dass der Zauber des Genius ihn nicht umgibt«
»Ich glaube überhaupt nicht liebe Sibylle dass der Zauber des Genius sich
auf die persönliche Erscheinung eines Künstlers und Dichters erstreckt aus
seinen Schöpfungen spricht er uns an Große Künstler sind oft einsylbige
unbeholfene in sich versunkene schweigsame langweilige Leute was geht uns
das an wir haben nur mit ihren Kunstschöpfungen zu tun Ich finde es eine
übertriebene Anfoderung dass sie noch ganz besonders liebenswürdig sich geberden
sollen Die Liebenswürdigkeit erheischt wiederum ihr eigenes und ganz specielles
Genie Indessen mag es Ausnahmen geben«
»Aber weshalb stellt man den Menschen in die Glorie welche dem Künstler
gebührt«
»Weil man unersättlich ist und dadurch das klare Urteil verliert Einer
meiner Freunde verlor augenblicklich seine Passion für eine wunderschöne
Figurantin der großen Oper als er das arme Ding einmal mit schwarzwollnen
Strümpfen und derben Lederschuhen durch den Strassenschmutz gehen sah Sein
ästetisches Gefühl empörte sich diese Nymphe Elfe und Najade in so gemeinem
Aufzug erscheinen zu sehen Und so geht es uns Allen häufig Die prosaische
Wirklichkeit wirft einen Schatten auf die poetische Gestalt wir können ihn
nicht leugnen und mögen ihn nicht dulden das macht uns ärgerlich und
ungerecht und Dir ist es mit Astrau nicht anders ergangen«
Ich musste das eingestehen Wir traten sehr munter unsre Reise an Jeder
von uns hatte seine kleine Kabine die ihm zum Schlaf und Toilettenzimmer
diente Im Esszimmer waren Waffen an den Wänden aufgehängt im Salon befand sich
eine kleine Bibliothek und ein Pianino Keiner von uns litt durch die
Seekrankheit Keiner fürchtete sich vor Stürmen Keiner langweilte sich Wir
machten Musik sangen lasen Otbert schrieb viel zuweilen musste der
Schiffskapitän sich zu den beiden Herren gesellen um eine Whistpartie zu machen
Ich lag meistens bei gutem Wetter in meiner Hängematte auf dem Verdeck In
träumerischer Seligkeit lag ich da und phantasirte wenn das schlanke Schiff
mit ausgespannten Segeln pfeilgeschwind über die blauen Wellen flog An die
geflügelten Chimären die ich auf pompejanischen Wandgemälden gesehen dachte
ich sie tragen ein Weib auf ihrem Rücken wohin Ich schloss die Augen
Unbestimmter bläulicher Glanz flimmerte vor meinen Wimpern war es der Äther
waren es die Wellen ging es in die Höhe oder in die Tiefe in den Himmel oder
in den Abgrund und war es mir nicht ganz ganz gleichgültig wenn mich nur
meine Chimäre trug Und an die abendlichen Schlittschuhfahrten meiner
Kindheit dachte ich wie so anders die waren harter Himmel starres Eis
schneidende Luft lauter Gegensätze zur süßen südlichen Lauheit und
Beweglichkeit und doch so viel Ähnlichkeit dies Fessellose Fliegende
Fortreissende auch damals war ich ja nicht auf der Erde und versetzte mich in
Regionen welche der menschliche Fuß nicht betreten kann Ich rauchte in
meiner Hängematte spanische Cigaritos oder summte spanische Melodien die ich
mit dem Gerassel der Kastagnetten und mit dem eintönigen fronfron der Guitarre
wie die Spanier sie spielen begleitete Bei dem Allen aber schlief das Herz und
nur die Phantasie wachte
Otbert betrachtete mich kopfschüttelnd Das Gegenteil hatte er gehoft
gewünscht und geglaubt Er behauptete ich besitze die Gaben welche zur höchsten
Vervollkommnung befähigten allein sie wären so wunderlich gemischt dass immer
die eine der andern im Wege wäre weshalb ich denn auch eines der
unvollkommensten Geschöpfe auf der Welt sei
»Sie werden erst dann zur Besinnung und durch sie zur Energie kommen sagte
er einst wenn Ihnen das Herz brechen wird«
»So möge es geschehen« entgegnete ich
»Frevle nicht Sibylle rief Paul und sprach zu Astrau Missgönne ihr doch
nicht ihre zarte Unerfahrenheit es ist so selten und so schön wenn das Weib sie
hat«
»Ja wohl dann müssen aber auch die Gedanken unerfahren sein und hier haben
sie schon Kämpfe Zweifel und Enttäuschungen durchgemacht«
Dies war so richtig dass mir Tränen aus den Augen stürzten Paul beachtete
es nicht
»Wer im Strudel der Welt den Kopf oben behalten will muss manche Illusionen
aufgeben entgegnete er und man wird sich deshalb nicht tiefunglücklich fühlen
Aber die herzbrechenden Geschicke sollte man nicht herausfodern und nicht
wünschen bilden sie den Menschen so zerstören sie ihn auch eben so oft und
eben so leicht«
Ich umarmte Paul und sagte »Ich danke Dir für Deine grenzenlose Nachsicht«
Astrau sagte »Und ich tadle Dich deshalb Ja ja holdeste Sibylle ich
tadle Ihren Gemal Wozu denn die ewigen Schlummerlieder ein Wächterruf von der
Zinne wäre Ihnen heilsamer«
Mir schien als habe Astrau Recht Mir war zu Sinn als müsse ich mich in
seine Arme werfen und ihn fragen »Kannst Du mich wecken«
Unsre Reise ging glücklich von Statten In den Hafenstädten machten wir nach
Gutdünken längeren Aufenthalt und zuweilen Excursionen tiefer ins Land hinein
Bordeaux war unsre erste Station dann Lissabon Andalusien fesselte uns mehr
als alles Übrige Land Volk Leben Kunst trugen damals noch ein Gepräge von
Originalität welches bereits im übrigen Europa verwischt war und es
gegenwärtig auch dort sein mag Astrau war ganz hingerissen
»Andalusien ist ein Land für den Dichter rief er oftmals da ist
Leidenschaft folglich Wahrheit und Natur und das sind die Urelemente der
Schöpfung denen er sich nähern soll«
Er und Paul lernten in der größten Geschwindigkeit genug spanisch um den
Frauen sagen zu können was sie gern hören und zum ersten Mal in meinem Leben
fand ich mich vernachlässigt so weit es mit allem Anstand und aller Rücksicht
möglich war vernachlässigt Das kränkte mich über alle Massen ich kann nicht
entscheiden ob mehr von Paul oder mehr von Astrau Letzteren sah ich in Kadiz
fast gar nicht Wir wohnten und schliefen an Bord und fuhren Morgens zur Stadt
und Abends zur Yacht zurück Astrau aber nahm eine Wohnung in der Stadt Paul
war fast immer bei und mit ihm Da es in Kadiz nicht viel Sehenswürdigkeiten
gibt mochte ich nach einigen Tagen nicht mehr hereinfahren und da wir vierzehn
Tage dort blieben war ich fast beständig allein
Mich ergriff zuweilen eine ganz kindische Ungeduld Unbeschäftigt wie ich
war arbeitete ich mich innerlich desto mehr ab ich wollte durchaus etwas
ersinnen um mein Leben voll glänzend und reich zu machen aber das hat noch
Niemand ersonnen denn nur Genie und Schicksal geben Fülle und Glanz Ich blieb
in meiner Öde und darüber ergriff mich zuweilen ungeduldiger Schmerz
So lag ich eines Abends in meiner Hängematte auf dem Verdeck Es war kaum
neun Uhr daher sah ich mit Erstaunen dass ein Boot die Richtung vom Lande nach
der Yacht nahm denn Paul kam nie vor Mitternacht Das Meer phosphorescirte
prächtig bei jedem Ruderschlag flogen Myriaden von leuchtenden Funken um das
Boot Es gibt nichts Schöneres als diesen mystischen Glanz über der schwarzen
Tiefe Astrau sprang aus dem Boot und an Bord
»Ich habe Sie in drei Tagen nicht gesehen sagte er Paul versichert Sie
wären lieber an Bord als in der Stadt aber ich glaube das nicht er versteht
nur nicht Sie aus Ihrer Hängematte herauszulocken Stehen Sie auf kommen Sie
es ist wunderschön auf dem Platz S Antonio Es taugt nichts dass Sie sich gar
keine Bewegung machen«
»Sie sind recht gut aber ich mag nicht«
»Sie müssen ja umkommen vor Langeweile«
»Ich bin kein Mann also muss ich schon auf eine gute Dosis Langeweile
gefasst sein«
»Törichtes Kind rief er und hob mich mit einer raschen Bewegung aus der
Hängematte Und nun kommen Sie mit mir«
Aber ich machte mich los setzte mich auf den breiten Divan der auf dem
Verdeck stand und wollte nicht fort
»So bleibe auch ich« rief Astrau und setzte sich zu mir
»O das ist mir sehr lieb« sagte ich froh
»Großer Gott Sibylle wenn Sie mich freundlich und freudig ansehen so
überrieselt mich ein Freudenschauer Es ist lieblich überraschend als ob Sterne
vom Himmel fielen«
»Ah bah erzählen Sie mir etwas Andres was haben Sie den ganzen Tag
gemacht«
»Wir haben einen wunderschönen Fächer für Sie gekauft«
»Und um den auszuwählen haben Sie den ganzen Tag gebraucht«
»Ich nicht aber Paul ein Fächer war immer schöner als der andere und
am allerschönsten war die Verkäuferin«
»Sehen Sie wohl sagte ich gelassen so unterhält man sich vortrefflich«
»Ungeheuer herz und seelenloses Ungeheuer brach Otbert aus Ich weiß
nichts von Fächern und von Paul aber ich weiß dass Sie nicht einmal der
Eifersucht fähig sind«
»Und welchen Schluss ziehen Sie daraus«
»Dass Sie keiner Liebe fähig folglich gar kein Weib sondern die Incarnation
irgend eines Elementargeistes einer Nixe oder einer Elfe sind Können Sie
denn wirklich nicht lieben ist in der kindischen Unwissenheit mit der Sie
Ihrem Gemal die Hand reichten wirklich die Liebeskraft erstorben welche so
himmlische Blüten treibt hat die fremde Hand vor der Zeit die arme grüne
Knospe geknickt dass sie nun auf ewig welk dahin siecht sind beim ersten
Flugversuch die jungen Schwingen gebrochen und nun auf ewig gelähmt O armes
beklagenswertes Kind«
Er sprach so weich und seine großen dunkeln Augen glänzten so ungewöhnlich
sanft und seine Worte klangen wie ein Bannspruch der das Leid verscheucht Mir
war als löse sich eine Eisrinde von meinem Busen Ich weiß nicht was für ein
frisches Leben sich plötzlich wie Springfluten in mir regte Ich hätte jauchzen
können über das entschwindende Weh und die geahnte Lust Otbert umschlang mich
leise Ich saß regungslos da umsponnen vom Zaubernetz das sich fest und fester
um mich webte Otberts heiße Lippen berührten meine fiebernd heiße Wange wie ein
sengender Funke der aber keine Flammen sondern Licht entzündete Pauls Gestalt
und Arabellas Wort von der ewigen Fessel blitzten mir durch die Seele Ich
sprang auf streifte Otberts Arm herab und floh scheu und hastig wie eine
Schwalbe über das Verdeck die Treppe hinab in den Salon und um mir jede
Möglichkeit der Rückkehr abzuschneiden rief ich meine Kammerfrau klagte über
plötzliches krampfhaftes Übelbefinden ging in meine Kabine und ließ mich
entkleiden Im Bette liegend hörte ich über eine Stunde Otbert auf dem Verdeck
hin und her gehen Endlich bestieg er wieder das Boot das ihn zur Stadt
zurückbrachte Da sprang ich auf nahm einen Mantel um schlüpfte leise herauf
kauerte mich auf dem Divan zusammen und blickte mit einem unentwirrbaren Gemisch
von Sehnsucht und Befriedigung ihm nach Aber die Sehnsucht oder vielmehr der
Reiz des Verbotenen behielt die Oberhand und mit glühenden Tränen fragte ich
halblaut Wohin geht er jetzt Wo wird er jetzt sein Und Er war nicht Paul
sondern Otbert
Endlich schlief ich erschöpft auf dem Divan ein und so schwer dass ich erst
erwachte als Paul heimkehrend vor mir stand Es war tiefe Nacht Bewildert und
schauernd fuhr ich zusammen als er meine eiskalte Hand nahm
»Schlafe nicht im Freien es ist schädlich sagte er Dein Haar Dein Pelz
sind ganz feucht«
»Es war so beklommen in meiner Kabine stammelte ich und setzte hinzu um
jeder Erörterung vorzubeugen Und ich wartete«
Das war meine erste Lüge
Am andern Morgen gab mir Paul wirklich einen ganz wunderschönen Fächer Also
doch dachte ich Ich fuhr mit Paul zur Stadt Wir sahen Astrau nicht und es
war mir ganz lieb Aber drei Tage vergingen und ich begegnete ihm nicht in der
Stadt und er kam nicht an Bord das versetzte mich in fieberhafte Spannung
Endlich kam er mit Paul die Abreise nach Sevilla war beschlossen und auf den
andern Tag festgesetzt Ich jubelte und ließ meine geliebten Kastagnetten
freudig rasseln Die Freude galt Otbert aber ich ließ sie auf Sevilla deuten
Kein Wort keine Andeutung streifte an unsre Abendscene Ich war selig dass
Otbert überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis gekommen war
Wir machten die Reise zu Pferde und sehr angenehm Auch unser Aufenthalt in
Sevilla und später in Granada war es bis zur Bezauberung Paul hatte ein wenig
den Kopf und die Haltung verloren Die frische Grazie die aufrichtige
Koketterie die feurige Schönheit der spanischen Weiber war ihm so neu fremd
und überwältigend dass ihm der Strudel über das Herz fortging Er überließ mich
mir selbst und Otbert Dieser nahm sich wohl in Acht mich wieder in meine
angstvolle Scheu zurückzujagen Mit tiefem Vertrauen sollte ich mich an seine
Seele schmiegen und ein Herz zu ihm fassen Er sprach das unbefangen aus
»Es gibt Frauen die den Mann hassen welcher sie betört hat und es ihm
nie vergeben weil sie es sich selbst nie vergeben für ihn schwach gewesen zu
sein Das ist für beide Teile Schmach und Elend und das fliehe ich Liebe muss
glücklich machen zuversichtlich und stolz«
»Ach entgegnete ich den Stolz begreife ich nicht in der Liebe Doch
Zuversicht und Glück gehen für mich stets Hand in Hand ich ahne ihre
Möglichkeit aber nicht für mich«
»Wer sie ahnt ahnt sie auch für sich denn Ahnungen beziehen sich auf
geheimnisvolle Möglichkeiten im innersten Wesen welche eine second sight
nebelhaft andeutet Aber Sie wollen immer eine gleichsam verbriefte Gewissheit
Nicht im Sturm sondern langsam nur sind Sie zu gewinnen Sibylle Aber ich
werde Sie gewinnen Ihr tiefstes heiligstes Vertrauen rechtfertigen und wenn
Sie glücklich sind werde ich selig sein«
Er beherrschte sich in der Tat auf eine so außerordentliche Weise dass ich
begann von einer platonischen Liebe zu träumen und mit sehr ruhigem Gewissen
tausend Untreuen des Herzens und der Gedanken beging Ich ließ Paul seine
Freiheit ungestört genießen er benutzte sie auf seine Weise weshalb sollte ich
es nicht in der meinen tun Es war plötzlich ein Reiz eine Lockung in mein
Leben getreten Ich behandelte sie mit geheimnisvoller Scheu das war mir ganz
fremd denn es berührte Regionen des innern Wesens die ich bis dahin noch nicht
gekannt Das Erlaubte das Gestattete hatte mich beschäftigt und ich erschöpfte
und verschwendete dabei mich in den Gegenstand bis ich bemerkte dass ich ihm
müde und mit leerer Hand gegenüber stand Den sinnlichen und geistigen Freuden
des Lebens hatte ich mich zu rücksichtslos entgegen gedrängt um sie nicht
schleierlos und folglich dürftig zu finden Sie lagen wie zerpflückte Blumen
wie geknickte Schmetterlinge zu meinen Füßen ich sah sie mit einem Gemisch von
Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit an und sprach zu mir selbst Es muss
doch noch ganz andere Schönheiten und Seligkeiten unter der Sonne geben Ich
erwartete innerlich unendlich viel ich war so recht darauf vorbereitet mich dem
Unbestimmten hinzugeben und in seiner schwülen Atmosphäre die Leidenschaft groß
zu ziehen Dies Unbestimmte nahm die Gestalt der Neigung für Otbert an Ich
vermied es mir Rechenschaft zu geben wohin sie mich führen könne Höchst
sophistisch gab ich mir selbst folgenden Vorwand Die Ergründung hat bisher
immer Nüchternheit in mir zur Folge gehabt und sie macht mutlos weil sie das
Leben entzaubert aber ohne frischen Mut ohne animo führt man eine unnütze
Existenz ich will suchen mir fortan jene zu bewahren
Ich gab mich der Gegenwart hin und die war so poetisch feenhaft
anmutigschwelgerisch und seelenberauschend dass ich nicht hätte das
feinorganisirte reichbegabte Geschöpf sein müssen das ich war um unter ihrem
Einfluss kalt zu bleiben Ich hatte damals in Sorrent mit Paul ebenso
phantastische Tage verbracht aber das flammende sprudelnde Sinnenleben der eben
entfalteten Jugend hatte den ersten Platz in ihnen behauptet und ihnen trotz
aller Phantasterei einen Stempel von Wahrheit aufgedrückt Jetzt trat es
zurück oder es trat wenigstens nicht ehrlich hervor Es war nicht die schlichte
heiße Sonnenglut die dem Sommer angehört sondern ein fremdartiges Feuer halb
äterisch halb vulkanisch das unwiderstehlich schlummernde Kräfte weckte und
trieb
Otbert war unaussprechlich liebenswürdig Die seltsame Mischung seines
Characters welche vielleicht zu seiner Dichterorganisation notwendig war
verschmolz in ihm eiskalte und haarscharfe Beobachtung mit flammender Feinheit
und fliegender Glut der Empfindung zugleich Zersetzung und Wahrnehmung des
Gefühls Daher erschien er stets bewegt vom Bannspruch den ich ihm zuwarf und
stets beherrscht von seiner Willenskraft und ich musste ihn zugleich lieben und
verehren Schöne Lieder dichtete er die nie gedruckt worden sind.
»Es sind die St Elmsfeuer sagte er welche beim Gewitter auf den Spitzen
der Mastbäume schweben Nach dem Sturm tritt das gemeine Tageslicht wieder an
die Stelle dieser elektrischen Flammen Ich weihe sie der Macht die sie
hervorgerufen hat«
Dann setzte er sich zu meinen Füßen nieder und las sie mir vor oder sprach
sie mit Begleitung der Guitarre was ihre leidenschaftliche Wirkung ungemein
erhöhte
»Werde ich aber nie den Sängerdank bekommen rief er einmal und warf
unmutig die Guitarre fort Die alten Troubadours Sibylle lebten und starben
für einen Kuss den die Geliebte ihnen freiwillig gab«
»Da hatten die Troubadours sehr Unrecht erwiderte ich scherzend denn so
einen freiwilligen Kuss gibt nur der Dank nicht die Liebe«
»Und was gibt die Liebe«
»Das Herz«
»Falsch Sie gibt immer das was grade ersehnt wird Sie verstehen
nichts von der Liebe Sibylle«
Er sprang auf und verließ mich dann immer plötzlich so dass ich meinem
träumerischen Nachsinnen überlassen zurückblieb Das war in Granada Ich hatte
durchaus in der Alhambra wohnen wollen Es wurde bewerkstelligt aber nur für
mich meine Kammerfrau und einen Diener In der Wohnung des Pförtners wurden
einige unbenutzte Zimmer für mich notdürftig eingerichtet Die Fenster gingen
in den Patio de los arraynes und ich genoss die Wonne zu jeder Stunde des Tages
und der Nacht in den Sälen Hallen und Gärten der maurischen Könige ungestörten
Zutritt zu haben Mein Diener besorgte meine höchst einfache Küche ich aß Reis
und trank Chocolade Paul und Otbert wohnten unten in der Stadt Ich lebte wie
es mir eben einfiel ich ließ mir Tänzerinnen kommen und lernte geschickt ihre
üppigen graziösen Tänze Ich ließ Zigeuner holen die mir wahrsagen und wilde
Lieder singen mussten Einmal gab ich für Paul und Otbert ein Fest in der Sala de
los Embajadores ganz voll Tänze Gesänge bunter Lampen und Blumen Sie mussten
Beide in der MajoTracht kommen Otbert trug sie charmant Man muss ein bisschen
Schauspieler und ein bisschen Fanfaron sein um ihre Vorteile gehörig geltend zu
machen Er verstand das aber mit so ernster Grazie dass er wieder einmal alle
Frauen bezauberte Ich sagte ihm
»Wäre ich eine Königin so dürfte kein Mann anders als in MajoTracht an
meinem Hof erscheinen«
»Da Ihr Hof unfehlbar nur ein Sänger und Liebeshof sein würde so wäre die
neue Hoftracht an ihrem Platz Aber stellen Sie sich einmal unsre Minister
Generäle Diplomaten und Kammerherrn als Majos vor das wäre ja ein ewiges
Pasquil auf alle Grazie«
In Sevilla hatte sich mein kleines Talent für AquarelZeichnungen sehr
angeregt gefühlt und ich hatte Skizzen der Gebäude und der Gemälde von Murillo
gemacht die jetzt vor mir liegen und die mir trotz ihrer Unvollkommenheit
verraten dass ich mit Fleiß Ausdauer und Stetigkeit einen gewissen Grad der
Vollkommenheit hätte erringen können die Ausführung ist überall höchst
mangelhaft aber in Auffassung und Wurf des Gegenstandes ist etwas Geniales In
Granada arbeitete ich mit Eifer Zigeuner und Tänzerinnen mussten mir sitzen
Paul in seiner MajoTracht gelang mir außerordentlich Ich hob sein naturtreues
Bild in den Geist hinein wie die Kunst das immer soll und machte ein höchst
characteristisches Porträt von ihm Astrau hingegen gelang mir gar nicht Stand
er vor mir und fixierte ich ihn so flimmerte stets etwas wie ein rosenfarbener
Schleier zwischen uns Wollte ich ihn aus dem Gedächtnis zeichnen so
verschwebte er mir ganz und gar in Duft und Glanz Ich konnte ihn nicht treffen
»Was ist denn das rief er unmutig ein halbes Dutzend der gleichgültigsten
Leute malen Sie sprechend ähnlich und nicht mich weshalb nicht mich ich
bitte«
»Ich kann Sie nicht erfassen entgegnete ich traurig kann Ihr Bild nicht
genug in meinem Innern concentriren um es aus mir selbst wieder heraus zu
erschaffen«
»Das ist ja eben kränkend für mich«
»Nein nein Astrau kränkend nicht denn so ist es treten Andre vor
den Spiegel meines Auges und meiner Seele so fängt er gelassen ihr Bild auf und
gelassen zeichnet die Hand es ab Doch Sie Astrau Sie werfen mir einen
Regenbogen einen Sonnenhimmel ein tausendfarbiges Prisma über den Spiegel
ich bin geblendet Kann ich dafür«
»Ihr Auge spinnt eine Welt aus Ihrem eigenen innerlichsten Selbst heraus
und in dieser Welt wohne ich nicht Sibylle so wird es sein« sprach er
schwermütig
»Wenn nicht Sie wer denn Otbert«
»O rief er heftig Du liebst mich nicht aber wirst Du mich denn
niemals lieben Gib mir Hoffnung Sibylle sprich Ja«
Er umschlang mich stürmisch mit dem rechten Arm hob mit der linken Hand
mein Gesicht zu sich empor und sah mich so dringend forschend glühend an dass
ich mich magnetisirt fühlte und ganz träumerisch sagte
»Ja Otbert das weiß ich nicht«
Ein Blitz des Zornes glitt über seine Züge er schleuderte mich aus seinem
Arm und eilte fort Dies geschah in dem sogenannten Gärtchen der Lindaraja Ich
war entsetzt Herz und Nerven taten mir weh Immer wenn ich traurig war zog es
mich zur Erde herab wenn froh in die Lüfte empor Ich setzte mich auf die
Erde und weinte bitterlich Otbert hatte ein Paar Gänge durch den Löwenhof
gemacht und kam beruhigt wieder Er hob mich liebreich auf und sagte in dem
scherzhaft hofmeisternden Ton den er oft gebrauchte um mir Wahrheiten zu sagen
»Excentrisches Kind das Sie sind Sie müssen mich nicht so fürchterlich
quälen wenn Sie mich nicht lieben Es ist freilich Frauenart mit dem Blick zu
verheißen mit dem Wort zu verneinen allein man entdeckt doch bald welches von
beiden die eigentliche Meinung ist Bei Ihnen ist das unmöglich Sie sind nicht
falsch aber Sie sind auch nicht aufrichtig Sie nähren absichtlich Widersprüche
in sich und verstehen keinen derselben durch einen Entschluss zu brechen Es
wühlt ein Kampf in Ihnen und Sie bringen es zu keinem Siege denn Sie lieben
nicht Sibylle wach auf«
Mit diesen Worten führte er mich nach meiner Wohnung zurück und ich war
unfähig ihm etwas zu erwidern dermaßen hatte er durch seine richtige
Erkenntnis meines Innern Alles in mir aufgewühlt Arabellas »ewige Fessel« war
für mich das betörende Wort gewesen unter dessen Einfluss ich mich bewegte
Als wir bald darauf nach Malaga zurück gingen wo unsre Yacht im Hafen lag
fand Astrau Briefe vor die ihn in möglichster Eil zu seiner Mutter beschieden
Er hatte mit ihr in Nizza zusammentreffen und den Winter verleben wollen nun
aber hielt ihre schlechte Gesundheit sie in Genf fest Sie hatte den Mut
verloren über die Alpen zu gehen während die Ärzte nur in dieser Reise ihre
Rettung sahen Otbert sollte diesen Zwiespalt vermitteln Ohne Zaudern entschloss
er sich zur plötzlichen Abreise da ein Schiff segelfertig für Marseille im
Hafen lag Ich war ganz betäubt Um fünf Uhr Abends waren wir in Malaga
angelangt um fünf Uhr Morgens sollte er fort Die Ausfertigung seiner Pässe
die Umschiffung seiner Sachen beschäftigten ihn ausschließlich Paul war ihm
dabei behilflich und ich allein Meinetwegen sprach ich mit stumpfer
Gleichgültigkeit und ging zu Bett
»Sibylle wachst Du Astrau will Dir Lebewol sagen darf er« fragte
Paul gegen Morgen und öffnete die Tür meiner Kabine nachdem er mich durch leises
Anklopfen geweckt hatte
Otbert trat hastig ein nahm meine Hände presste sie an seinen Mund legte
die Rechte auf meine Stirn und sprach bewegt
»Leben Sie recht wohl und auf Wiedersehen denn wir sehen uns wieder
Vergebung dass ich Sie im Schlaf gestört schlafen Sie fort und träumen Sie
süß«
Fort war er Eine stille Betäubung legte sich über meine Seele und
verließ mich auf der ganzen Reise nicht mehr Mir war als sei ein Vorhang
zwischen mir und der Außenwelt herabgelassen Mechanisch sah ich Valencia und
Barcelona mechanisch zeichnete ich hier einen Baum da ein Gebäude dort einen
Menschen mechanisch blieb der Körper bei seinen Verrichtungen und Gewohnheiten
Ich kann nicht sagen ob unsre Heimreise nach England traurig oder langweilig
war Meine Gedanken hatten ihre unablässige Beschäftigung sie waren bei Otbert
Paul benahm sich sehr gut sanft ernst und ruhig Er mochte sich wohl einen leisen
Vorwurf über die Unbesonnenheit machen Astraus Reisegesellschaft angenommen zu
haben
Die Holsteinschen Angelegenheiten wirkten bei unsrer Heimkehr wie ein
Sturzbad auf mich ich kam zur Besinnung und Paul trat wieder in den Vorgrund
meines Lebens ohne dass ich jedoch in mir Otbert überwunden hätte Ich
verschleierte ihn gleichsam nur Paul zeigte sich bei diesem Ereignis welches
zerstörend in seinen ganzen Lebensplan eingriff so nachsichtig und großmütig
er wusste mir das drückende Bewusstsein dass mein Leichtsinn es herbeigeführt so zu
erleichtern er fand sich so mutig und gefasst in Engelau und in den gebotenen
Verhältnissen zurecht er ordnete die Verwirrungen so umsichtig in allen
Richtungen dass ich begann eine wahre Achtung vor ihm zu haben Die leichte
Kälte welche sich in der letzten Zeit zwischen uns gelegt schmolz wie ein
Nachtreif vor der natürlichen Innigkeit die aus einem abgeschlossenen Leben mit
gemeinschaftlichen Interessen erfüllt in gutgearteten Menschen von selbst
entspringt Ordnete Paul die Geschäfte im Großen so wollte ich es im Kleinen
tun Ich beaufsichtigte das Hauswesen schaffte kleine Missbräuche ab sorgte
für hinreichende Beschäftigung der Dienstboten nahm mich der Kranken und Armen
auf meinen Besitzungen mit Rat und Tat an kurz ich entwickelte einige
Anlagen eine vernünftige Person werden und zu innerer Ruhe und Befriedigung
gelangen zu können Ununterbrochene Gewohnheit sanfter Pflichterfüllung durch
Teilnahme belebt durch Wolwollen verschönt das ist die lautre Quelle des
wahren dh des dauernden Glückes Die leidenschaftlichen Seelen die Kinder
des Sturmes nennen es Apathie und fliehen es so lange bis sie sterbensmüde am
vorzeitigen Ende ihrer Laufbahn zusammenfallen auf dieselbe zurückschauen und
auf dem einen Punkt wie gebannt den Blick ruhen lassen Und warum auf dem einen
Weil er in dem langen Wirrsal voll kurzer Entzückungen voll langer Schmerzen
voll ewiger Unruh voll dauernder Reue in diesem nachtschwarzen Gewebe
welches einzelne Faden von Gold und Purpur regellos durchschiessen weil jener
Punkt unwandelbar licht ist Nicht flammend nicht glühend nicht stralend
nicht rosig nicht prismatisch nur hell hell wie der Tag hell wie ein liebes
Lächeln hell wie ein guter Gedanke wie ein unschuldvolles Auge wie eine
wolwollende Tat hell wie das ächte Glück Dann seufzen sie Ja da war
es aber dann ists zu spät die verwegene hastige Hand hat voreilig den Baum
des Lebens entlaubt das Paradies ist verloren
Eine lange Hoffnung sollte uns endlich erfüllt und ich Mutter werden Bei
dieser Aussicht regte sich in mir ein wunderliches Gemisch von jauchzender
Seligkeit und von Gewissensbeängstigung Ich warf mir die Schatten der Gedanken
vor die zwischen mir und Paul gewesen waren und ich verhehlte mir nicht dass
diese Hoffnung mir vor einem Jahr wenn keine größere doch eine frischere Freude
gemacht haben würde Es rächt sich jede Unlauterkeit die man an seiner Seele
begeht Rohe Naturen bemerken das nur wenn sie eine äußere Wirkung zur Folge
hat feine nehmen es an der leichtesten Nüance von Frische und Zartheit wahr um
welche ihr Empfindungsvermögen ärmer geworden ist
Paul war rührend in seiner Freude Jedes persönliche Interesse trat für ihn
in den Hintergrund Er gab seine Laufbahn und das Leben in England ohne Bedenken
auf obwohl er seit zehn Jahren sich gewöhnt hatte es als das einzig ihm
zusagende zu betrachten Er entschloss sich das einsame und ein bisschen
langweilige norddeutsche Landleben zu führen
»Denn sagte er lächelnd hier fehlen uns die Verlockungen zur
Verschwendung denen wir nun einmal in London nicht widerstehen können und die
nicht unser Vermögen sondern das unsers Kindes zerrütten würden«
Es war sehr großmütig dass er »wir« sagte Sein Vater sah ihn ungern
seine Karriere verlassen und meinte da ich unverständig genug sei um mich nicht
mit meinem so reichlichen Einkommen in London einrichten zu können so müsse
Paul etwa sechs Monate des Jahres als Junggesell allein dort leben und ich mit
dem Kinde in Engelau die andern sechs Monate dürfe er dann bei mir zubringen
Er unterstützte diesen Vorschlag mit verschiedenen teils scherzhaften teils
cynischen Gründen welche beweisen sollten dass eine solche Trennung für das gute
Vernehmen in der Ehe höchst vorteilhaft und für die Vergrößerung der Familie
äußerst zweckmäßige sei so dass zu gleicher Zeit die Ansprüche der Liebe und die
Interessen der Karriere bei dieser Einrichtung berücksichtigt würden Aber Paul
ging nicht darauf ein »Können Mann und Frau sechs Monate ganz heiter und
wolgemut von einander getrennt leben so können sie es auch sechs Jahr und
sechszig Jahr Man muss sich den Glauben zu bewahren suchen dass man zu einem
frohen und zufriedenen Leben einander notwendig in der Häuslichkeit sei«
»Ich glaube Du bist noch verliebt entgegnete mein Schwiegervater etwas
geringschätzig das finde ich stark Paul und ich kann es nur mit Deiner ersten
Vaterfreude entschuldigen«
Paul nahm scherzend den Vorwurf hin ohne sich in seinem Entschluss irre
machen zu lassen Er richtete seine ganze Zukunft für Engelau ein Ich sah
freudezitternd der nächsten entgegen
Und wieder am Tage Aller Seelen gab es ein Geburtsfest Ohne vorhergehende
Furcht ohne lange Qual gebar ich eine Tochter Wir hatten aber Beide und ich
besonders auf einen Sohn gerechnet Hundertmal hatte ich gesagt zu Pauls
höchstem Ergötzen
»Nur kein Mädchen kein Mädchen zwölf Knaben sind nicht so schwer durch die
Welt zu bringen als ein einziges Mädchen«
Der Name die kleinen Anzüge die Paten Alles war auf einen Knaben
berechnet Benvenuto sollte er heißen und nun war es keiner Ich empfand im
ersten Augenblick einen dummen unsinnigen Schmerz darüber der erst dann wich
als Paul das Kind auf den Armen hielt und es freudig »Benvenuta« nannte Ich
nährte es selbst Es war eben so frisch und gesund als ich Ich befand mich
leiblich und geistig in einem Normalzustand ohne Excentricität oder
Phantasterei irgend einer Art Das Kind beschäftigte mich zu sehr zu praktisch
um nicht meine Grübeleien zu ersticken Ich musste sorgen pflegen nachdenken
überlegen Das Alles hätte ich auch einigermaßen als Hausfrau und Gattin tun
können aber Paul hatte mich nicht sowohl als Frau sondern mehr als Kind und
Schmuck des Hauses behandelt und keine Sorge von mir begehrt Das kleine
hülflose Geschöpf war aber auf mich allein angewiesen und meine Aufmerksamkeit
musste ersetzen was mir an Erfahrung und Ratgebern fehlte Dadurch war ich auf
dem Wege mich an eine gewisse innere und äußere Disziplin und mein Gefühl an
gesunde Nahrung zu gewöhnen Jene hätte meinem Leben Haltung dieses ihm
Tüchtigkeit gegeben Beides meine Kraft geweckt meine Schwäche überwinden
helfen Da trat die fürchterlichste Katastrophe ein Um Weihnachtseinkäufe
zu machen fuhr Paul nach Kiel erkältete sich bei der Heimkehr und starb binnen
drei Tagen an einer Gehirnentzündung die ihm Gottlob von Anbeginn seine
Besinnung raubte So war ihm wenigstens der Schmerz des Abschieds erspart Er
ging heim mit heitern Phantasien von Weihnachtsbäumen und Engelsgesichten
wahrscheinlich schwebte Benvenuta an dem verschleierten Spiegel seiner Seele
vorüber Er ging heim ein Mann wie ich nie einen ehrenwerteren gekannt habe
so gut wie es der allgemeinmenschlichen Schwäche verstattet ist zu sein bei
fünfunddreissig Jahren und ich war Wittwe in einem Alter wo die meisten Frauen
erst ihr Leben zu beginnen pflegen und ein Kind von wenigen Wochen war meiner
Unerfahrenheit einzig und allein anvertraut Die arme Kleine musste sogleich den
übelsten Einfluss empfinden Ich bekam heftige Nervenzufälle konnte sie nicht
mehr nähren sie hingegen sich nicht an ihre Amme gewöhnen so dass sie während
zwei Jahre einem welken Pflänzchen glich das in der Erde nicht Wurzel schlagen
kann Mit ihr und meinen Dienern und Untergebenen blieb ich allein in Engelau
ohne Familie Verwandte Freunde einzig auf mich beschränkt denn auch
Heinrichs alter Hofmeister starb in dieser Zeit friedlich wie er gelebt hatte
am Nervenschlag zwischen getrockneten Blumen gespiessten Käfern und gemalten
Schmetterlingen Er war das letzte äußere Kettenglied zwischen mir und der
Vergangenheit Er hatte meine Kindertage gekannt und meine Toten Diese
wehmütigen und melancholischen Kapitel im Buch des Lebens konnte ich mit ihm
allein durchblättern nun fehlte mir auch dieser Trost ich war auf mich
selbst angewiesen
Ich lebte mit einem tiefen eisernen Ernst Alle Geschäfte die Paul geführt
übernahm ich was er begonnen hatte wollte ich zu Ende bringen die Ordnung
meines Vermögens herstellen um es meiner Tochter zu überliefern wie ich es von
meiner Mutter empfangen Ich lebte mit der äußersten Einschränkung versagte mir
sogar Bücher und manche Gegenstände des Komforts brauchte nur meine schlichten
Trauergewänder Paul hatte den größten Teil unsrer Einkünfte dazu bestimmt
unsre Schulden abzutragen mit dem vierten Teil hatte er leben wollen Ich
setzte es durch mit dem achten zu leben um desto früher dieser Last entledigt zu
sein Ich verkaufte äußerst vorteilhaft ein kleines Gut das ein Hamburger
Banquier zu besitzen wünschte weil es gar freundlich am PlönerSee lag Das
half mir sehr ein Paar gute Jahre was der Landmann gut nennt dh
einträgliche kamen dazu die Pachtungen wurden gesteigert und zwei Jahr nach
Pauls Tode waren meine Verhältnisse vollkommen geordnet die Schulden bezahlt
sichere Pächter eingesetzt Ein umsichtiger und zuverlässiger Verwalter stand an
der Spitze der Geschäfte Brauchbare und tüchtige Leute hatte ich mit Glück
Geschicklichkeit und gutem Gehalt als Schullehrer Förster Gärtner gewonnen
Engelau war in vollem Flor eine der cultivirtesten und gepflegtesten
Besitzungen Holsteins Der Pfarrhof die Pächterwohnungen die Bauernhäuser die
Hütten der Tagelöhner die Schulhäuser alle waren tüchtig warm und ihrer
Bestimmung entsprechend gebaut immer reinlich zuweilen freundlich umgeben Der
rote Backstein als Baumaterial nimmt sich gut und sicher unter den Strohdächern
aus welche allgemein die Ziegeldächer überwiegen weil sie leichter und wärmer
sind und diese in die grüne Landschaft zerstreuten roten Punkte erheitern
deren Monotonie und machen sie lustig wie Blumen eine Wiese Täglich das hatte
ich mir zum Gesetz gemacht auch im tiefen Winter bei Sturm Regen und Schnee
ging ritt oder fuhr ich aus heute zu einem Holzwärter tief im Walde morgen zu
einem Armenvorsteher übermorgen zu einem reichen Bauern oder zu einer
Schulstunde So hatte Paul es gemacht er hatte gesagt Die Leute müssen sich
daran gewöhnen dass der Herr sie beobachtet und zugleich Teilnahme für sie hegt
sonst kommt man nicht zu einem guten Vernehmen und hat kein Vertrauen zu
einander Das hatte er während des Jahres seiner Anwesenheit treu befolgt und
da ich Ähnliches nur nicht so systematisch schon als Kind getan so wurde es
mir nicht schwer Da lernte ich die wirklichen Zustände des Landvolks kennen
welche zwar beim Tagelöhner bis zur Armseligkeit herabsteigen aber in Elend nur
in Krankheitsfällen ausarten können Greift in solchen Momenten der Herr mit
wirksamer Hilfe so zweckmäßige ein dass der kleine Haushalt fortgehen kann als
ob des Mannes oder Weibes Krankheit keinen Ausfall im Verdienst zur Folge hätte
so tritt keine Zerrüttung in den kleinen Verhältnissen ein Vernachlässigt der
Herr diesen Moment so ist der Ruin der Familie fast unvermeidlich Durch diesen
steten Hinblick auf das Geringe mit welchem der Mensch friedlich leben und zu
der Brauchbarkeit tüchtig sein könne welche sein Platz in der Welt von ihm
begehrt entwöhnte ich mich von all den entnervenden Bedürftigkeiten welche
nichts sind als niedliche Missgeburten von dem Unverstand mit der Langeweile
erzeugt Die kriechende heuchlerische Gesinnung unsrer Tage möchte es verbergen
dass sie sich vor dem Golde im Staube wälzt sie nennt das Raffinement eines
hirnlosen Luxus Verfeinerung des Geschmacks Veredlung des Lebens sie setzt der
Erfahrung dass dieses marklos jener blasirt und Beide durch überreizende
Genüsse verzerrt werden die Behauptung entgegen die Zivilisation werde ganz
neue und reichhaltige Elemente entwickeln um dem Dasein frische Nahrung
zuzuführen Aber bis diese Quellen aufgegangen sind geraten die Menschen in
die Sklaverei ihrer Bedürfnisse und das ist die zersetzendste aller
Demoralisationen Wie der schärfste Frost sogar Steine sprengt so weicht der
materiellen überhandnehmenden Richtung jedes Bedenken und jede Scheu Genuss
wird das Losungswort der Gesellschaft und damit ist der in ihr gefesselte Tiger
losgelassen
Mir tat mein strenges Leben wohl Ich hatte ein Ziel dem jeder Gedanke und
jede Handlung sich unterordnete und das ich durchaus erreichen wollte vollenden
was Paul begonnen Ich erreichte es wirklich Aber was nun weiter In meiner
ganz praktischen Richtung immer beschäftigt umsichtig sorgsam geregelt
tätig hatte der Gram nicht in mir aufkommen können Auf den ersten wilden
Schmerz folgte gelassene Trauer Die Vergangenheit lag hinter mir wie ein Garten
durch den ich nur selten Musse hatte zu wandeln In der Gegenwart stand ich wie
auf einem Felde das ich zu bebauen hatte Aber recht wie der Landmann der mit
seiner Arbeit immer an die Zukunft und die Hoffnung gewiesen ist so knüpfte sich
auch Alles was ich wollte tat und trieb an die Zukunft Anfangs hatte ich nur
die meiner Tochter im Auge allmälig mischte sich die meinige hinein Jetzt weiß
ich dass ich sehr gut meinen Geschäften vorstehen und mein Haus führen kann
sprach ich zu mir selbst und mit dieser Erkenntnis wich jeder Reiz aus meinem
Leben Ich war zu ehrlich gegen mich selbst um eine Rückkehr zur Trauer um Paul
zu erzwingen Ach in meiner ersten Jugend hatte ich das ja umsonst bei der
Erinnerung an Heinrich versucht Ist ein Gefühl wie ein Ast abgestorben so
grünt es nie wieder anders wenns abgehauen ward Ich fiel wieder meiner
alten Unruh anheim Statt mein Leben nach seinem eingeführten Zuschnitt
fortzusetzen gab ich es auf Das Uhrwerk in Gang zu bringen hatte ich als eine
heilige Aufgabe betrachtet Zusehen wie es sich regelmäßig abrollt schien mir zu
geringfügig Ob ich nicht auch in der Fremde verständig und ohne jugendliche
Verschwendung werde leben können fragte ich mich Es lockte mich
unwiderstehlich hinaus sobald ich mir gestattet hatte über meine enge Begrenzung
in die Weite und Ferne zu schauen Wieder saß ich stundenlang auf dem Hünengrabe
oder auf den Kieselwällen des Strandes und dachte mir wie das schön und
glücklich sein müsste alle Küsten des vor mir ausgebreiteten Meeres zu kennen
und ob man auf diesen Wanderungen nicht die Inseln der Glückseligkeit entdecken
müsste Und bei Ausmalung dieser Glückseligkeit verfiel ich in Träumereien und
vergeudete meine Seele und ihre Kräfte statt sie mit Gefühlen und Handlungen zu
nähren Das Herz dörrte ich mir förmlich dabei aus so dass ich mich erschöpft
und trostlos fühlte wie Ixion der die Wolke statt der geliebten Göttin in seine
Arme schloss
Ich komme um rief ich ganz laut eines Abends als das Gefühl unbestimmter
erwartungsvoller Sehnsucht übermächtig in mir rege geworden war Ich traf meine
Anstalten ich wollte reisen wollte mich zerstreuen von dem einsamen Einerlei
wollte verhüten dass Benvenutas erwachendes Seelchen die Färbung annähme welche
die meine hier empfangen hatte Heitre bunte Bilder sollten sie umgeben ein
milderes Klima ihr Gedeihen fördern Über Würzburg wollte ich nach der
Lombardei die ich bei meiner ersten italienischen Reise nur im Durchflug
gesehen hatte
Acht Tage später reiste ich ab Ich besuchte meinen Schwiegervater der mich
ziemlich trocken empfing und meine Reise noch trockener missbilligte Ich könne
ja im Sommer in ein Bad gehen den Winter in Hannover Frühling und Herbst in
Engelau zubringen das sei eine vernünftige und passende Lebensweise wie sie
sich für eine Frau in meinen Verhältnissen schicke Er mochte nicht Unrecht
haben aber ich sträubte mich heftigst gegen diese Tretmühle des Hergebrachten
und erklärte in einer so kleinen Stadt wie Hannover nicht leben zu können Das
nahm er grenzenlos übel nannte mich »mauvaise tête« und mit großer Kälte
trennten wir uns Um desto wärmer und freundlicher empfing mich der Bischof von
Würzburg Sobald diese geistlichen Herrn das Bewusstsein ihres Berufs und ihrer
Stellung haben schöpfen sie aus demselben so viel Würde und die Umgebung erhöht
diese so sehr dass ihrer Erscheinung eine gewisse Weihe eigentümlich werden
kann, die ganz unabhängig von großen oder überwiegenden Gaben ist So war mein
Onkel Er war kein philosophischer Kopf kein brillanter Geist kein
majestätischer Charakter Er war ganz Milde und Güte nicht Güte der Schwäche
sondern des Wolwollens Dieselbe Milde lag im Blick seines guten Auges in jedem
Wort seines Mundes in jeder Handlung seines Lebens Seinen Wahlspruch hatte er
von St Augustin gelernt »In omnibus caritas« Er tat mir wohl bis ins Herz
hinein Mein Schwiegervater auch ein Greis auch mit ehrwürdigem weißen Haar
war so recht ein alter gescheuter Mann den die Welt charmant und respectabel
findet Freilich war er Beides aber mir kam er vor wie jene Leiche des Klosters
auf dem St Bernhard ganz menschlich wolerhalten in der eisigen Luft während
mein Onkel mir den ächten Eindruck des »guten Hirten« machte Als ich ihm
Benvenuta brachte segnete er sie und mir war zu Sinn als sei das Kind nun erst
recht der Obhut Gottes anvertraut Allabendlich wenn sie ihm zur GuteNacht die
Hand küsste berührten seine Finger segnend ihre Stirn und ich konnte nicht
anders als mir etwas Gutes und Frommes dabei vorstellen
»Gedenken Sie Benvenutas in Ihrem Gebet« bat ich ihn mit Rührung Meinen
Schwiegervater würde ich nur gebeten haben ihres Vermögens zu gedenken
Übrigens wäre mein Onkel ein ebenso treuer Haushalter desselben gewesen aber
eben nur als ein Haushalter nicht als Eigentümer betrachtete er jeden
irdischen Besitz und darum hätte er ihn so verwaltet dass er mit seiner
Rechnung vor dem Herrn dem barmherzigen Gott bestanden wäre indessen jener
den möglichsten Vorteil soweit Pflicht und Ehre es gestatteten beabsichtigt
hätte Nicht die leiseste Anwandlung von kindlichem Vertrauen fühlte ich bei
meinem Schwiegervater den ich doch seit meiner Wiege kannte und ein
unsägliches überflutete mein Herz meinem Onkel gegenüber den ich in meinem
Leben etwa vierzehn Tage gesehen hatte
Ich fühlte zuweilen ein Verlangen in Würzburg bei meinem Onkel zu bleiben
zu seiner Kirche überzutreten Benvenuta in derselben zu erziehen und wenn sie
erzogen und verheiratet sei in einem ernsten edlen Kloster den Schleier zu
nehmen Ich sprach sogar mit meinem Onkel über diese Möglichkeit Er entgegnete
sanft
»Liebe Tochter Deine unruhige Seele wirft sich an Alles was sie noch nicht
kennt und wendet sich von Allem ab was sie kennt Unsre Kirche ist Dir
gleichsam eine neue Bekanntschaft welche Dich durch innere Gediegenheit und
äußere Schönheit anzieht Aber für jetzt bist Du nicht ruhig genug um den Kelch
des Labsals welchen sie den wahrhaft Durstenden bietet mit fester Hand
ergreifen zu können Ein solcher Schritt will mit tiefer Besonnenheit getan
sein wo nicht so ist er kindisch oder sündhaft zu nennen Unsre Kirche gibt
Frieden Denen die ihn aufrichtig suchen aber Du mein Kind Du suchst ihn
nicht«
»Teurer Onkel rief ich heftig bewegt das erste und das letzte Schmachten
jeder Seele so groß oder klein so weise oder töricht sie sei strebt nach
Frieden und ich allein sollte dies Bestreben nicht haben«
»Du strebst nicht nach Frieden erwiderte er mit unerschütterlicher
Sanftmut sondern nach Befriedigung«
So wars Er las in meinem Herzen Er fuhr fort
»Wer den Frieden sucht weiß was er sucht nämlich das Eine sich hingeben
der Hand Gottes und ihrer Führung ohne Angst ohne Hast mit unerschütterlich
demütiger Seele Wer Befriedigung sucht sucht etwas Unbestimmtes Namenloses
etwas das hier sein könnte oder auch dort etwas das in himmlischen Dingen zu
finden sein dürfte oder auch in irdischen etwas das dem Ewigen angehören möchte
und zugleich dem Vergänglichen Wer Frieden begehrt will zu Gott kommen wer
Befriedigung zu sich selbst«
Mir war als würde mein Herz aus der Brust geschält und durchsichtig vor
meine Augen gehalten Ich sagte
»Ganz Recht aber nur der welcher bei sich selbst und in sich zu Hause ist
vermag sein Ziel und den Weg zu demselben ins Auge zu fassen weil er einen
festen Standpunkt hat Befriedigung muss der Erdboden sein auf dem die Palme des
Friedens gedeiht Befriedigung sammelt uns in uns selbst und schmilzt unsre sich
verflüchtigenden Kräfte zum Goldkorn der Einheit zusammen Glauben Sie nicht dass
eine höhere Hand das Gepräge göttlichen Friedens auf ein solches Goldkörnchen
drücken könne«
»Liebes Kind entgegnete liebreich mein Onkel das heißt fragen ob ich an
die Barmherzigkeit Gottes glaube Ich sagte Dir nur und Deine Worte
bestätigen es dass Du nicht genug innere Sammlung besitzest um vor der Hand
den Übertritt zu unsrer Kirche machen zu können Dergleichen darf nicht im
Sturm geschehen Habe Geduld auch mit Dir selbst«
Er drückte mir väterlich die Hand und ich küsste die seine mit zärtlicher
Ehrfurcht Dies war nicht das einzige Mal dass wir über diesen Gegenstand
sprachen aber stets äußerte sich mein Onkel in gleicher Weise und ich kam
endlich nicht mehr darauf zurück Allein es war mir dabei zu Sinn als sehe ich
einen Nachen sich entfernen den ich herbei gewinkt um mich vom sandigen öden
Strande an ein jenseitiges blumen und schattenreiches Gestade zu tragen
Bald wurden meine Gedanken auf einem andern Gebiet beschäftigt Ich empfing
folgenden Brief
»Sibylle ich habe Ihren Willen geehrt dann Ihr Glück dann Ihre Trauer
vergessen habe ich Sie nie nie Ihr verheissungsvolles verschleiertes ich
weiß nicht ob über menschliches doch gewiss nicht menschliches Auge in dem sich
Ihre ganze Seele spiegelt Ist diese Seele zum Bewusstsein gekommen durch Zeit
Leid und Erfahrungen welche alle Menschen reifen und entwickeln Darf ich Sie
demnach um Antwort auf eine einzige Frage bitten Glauben Sie mich lieben zu
können Diese Frage würde vermessen sein wenn Sie nicht die heimliche
Überzeugung meiner Liebe für Sie hätten und würde matt sein wenn ich den
Talisman besäße der mich befähigte wozu noch kein Mensch befähigt worden ist:
in Ihrer Wolkenseele zu lesen Antworten Sie mir die volle Wahrheit ohne
Rückhalt bestimmt und klar Oder müsste ich noch immer sagen wie damals
Sibylle wach auf Otbert Astrau«
Ja außerordentlich beschäftigten mich diese wenigen Zeilen In Jahren hatte
Astrau mich nicht gesehen und nichts von mir gehört als was zwei gedruckte
Schreiben ihm sagten und dennoch dachte er an mich wusste er von meinem
Aufenthalt hatte er sein Gefühl für mich bewahrt hofte er auf Erwiderung Das
ergriff mich mächtig Aber konnte man das Liebe nennen Ich besann mich acht
volle Tage endlich schrieb ich
»Sie sagten mir einst ich wisse nichts von der Liebe Da ich in dieser
Beziehung keine Erfahrungen gemacht habe und noch auf demselben Punkt stehe wie
damals so muss ich Ihnen mit voller Wahrheit auf Ihre Frage antworten Wie soll
ich wissen ob ich Sie werde lieben können Sie haben einst meine Phantasie
beschäftigt und meine Gedanken angeregt vielleicht meiner Eitelkeit wolgetan
Sie sehen ich bin wahr ich habe auch nie vergessen dass Sie mir jenen
Eindruck machten aber das Alles scheint mir ist sehr fern von Liebe Liebe
muss das Herz diesen Mittelpunkt unsers Seins in Flammen setzen und das ganze
Wesen dermaßen durchglühen dass, wenn auch die Flamme erlischt doch ihr Reflex
als ein unirdisches und daher unvergängliches Licht in uns zurückbleibt So
denke ich mir die Liebe Empfunden habe ich etwas Derartiges nie Meine Gefühle
waren auflodernd und verschwindend wie Blitze dauernd wie Naphtaflammen die
unter der Erde fortbrennen wie die Gestirne die über der Erde fortleuchten
waren sie nicht Ihr Zuruf kann mich nicht wecken denn ich wache fast
mögt ich hinzusetzen leider Wer schläft träumt und zuweilen süß O nein
ich wache Leben Sie wohl Sibylle«
Ich war obgleich ich es mir nicht eingestehen wollte doch heimlich
gespannt auf den Erfolg dieses Briefes Ich verschob meine Abreise von Würzburg
von einem Tage zum andern obzwar ich mir selbst sagte dass Astrau mich
ebensogut in Italien als in Deutschland auffinden könne wenn ihm etwas daran
gelegen sei Ich dachte sogar es würde nicht viel mehr als Höflichkeit sein
wenn er von München wohin er mir seine Adresse geschrieben hatte nach
Würzburg käme um mich zu besuchen Ein fürchterlicher Schreck mit einem leichten
Freudenschauer gemischt durchbebte mich als sich eines Morgens früh um neun Uhr
ein fremder Herr bei mir melden ließ Das wird er sein mein Gott gibts denn
wirklich eine ewige Fessel dachte ich tiefinnerlichst erschüttert Aber Astrau
war es nicht und meine gemischte Freude ging augenblicklich in eine ganz reine
über als Sedlaczech in mein Zimmer trat
»Meister Fidelis« rief ich jauchzend und flog ihm entgegen
»Grüß Gott grüß Gott Sibylle« sagte er fasste meine beiden Hände und sah
mir mit rührender Innigkeit in die Augen während sich ein feuchter Glanz über
die seinen legte Sie wurden mir zum Spiegel meiner Vergangenheit meine ganze
untergegangene Jugend mit dem Kreise ihrer Freunde und Freuden tauchte daraus
empor Ich hatte ihn nicht gesehen seit jenem Augenblick wo ich mit Paul vom
Traualtar zum Reisewagen ging Erschüttert durch diese Erinnerungen stürzten mir
heiße Tränen aus den Augen und ich rief
»O Meister welch ein Leben dessen Epochen durch nichts zu bezeichnen sind
als durch Leichensteine«
Er schüttelte sanft den Kopf und wies auf Benvenuta die sorglos mit ihren
Puppen spielte
»Sie ist eine Blume zwischen den Gräbern« erwiderte ich auf diese
Pantomime
»Es gibt auch Gräber ohne Blumen« sprach er fuhr mit seiner langen
feinen mageren Hand über die Stirn und warf den Kopf zurück als wolle er ihn
von etwas Drückendem befreien
Ich folgte seinen Bewegungen mit jener Aufmerksamkeit die wir so gern
lieben Erinnerungen zuwenden und rief nur
»O Gott grade so pflegten Sie die Ungeduld abzuschütteln welche Sie
bisweilen während des Unterrichts zu übermannen drohte wenn ich allzu
unaufmerksam war«
»Und das wissen Sie noch Alles fragte er innig Sogar meinen Namen wissen
Sie noch«
»Franziscus Fidelis Sedlaczech rief ich während der Lection Herr
Sedlaczech weil das der Schülerin imposanter vorkommen musste außer derselben
Meister Fidelis wie Paul zuerst Sie nannte als er Sie einmal die Orgel
spielen hörte in Engelau Psalme des Marcellus sie klingen noch in mir«
»Meister bin ich freilich noch immer nicht entgegnete er gerührt aber
Fidelis bin ich wohl«
Obzwar ich ihn in all seinen Zügen und Bewegungen in Haltung und Sprache
in allem was den Menschen charakterisirt wieder erkannte so kam er mir dennoch
gänzlichst verändert vor Teils hatte er sich entwickelt und sich dadurch
individueller gebildet hauptsächlich aber betrachtete ich ihn nicht mehr mit
dem befangenen Auge einer Schülerin Während er sich zu mir setzte von seinen
Reisen und Studien mir erzählte von seinem Vorsatz nach Italien zu gehen und
sich dort niederzulassen betrachtete ich ihn mit dem gespanntesten Interesse
Er kam mir vor wie ein sehr merkwürdiger sehr begabter und sehr interessanter
Mensch Seine von Natur feinen Züge waren bis zur Schärfe ausgearbeitet sei es
von innern oder äußerlichen Anstrengungen und mit so wenig Fleisch und Farbe
bekleidet dass man sein Gesicht ein Marmorantlitz hätte nennen dürfen wäre mit
dieser Bezeichnung nicht leicht die Vorstellung von stolzer Regelmäßigkeit oder
von einer an Härte streifenden Entschiedenheit verknüpft während die tiefen
Augenhölen die ausgearbeitete Stirn und ein unsäglich zarter fast schüchterner
Zug um den Mund keine Spur von stolzer Kraft zeigten Blut war nicht in dem
Gesicht denn es wurde durch das Herz und das Gehirn verarbeitet In der Tiefe
nach Außen abgeschlossen ging das eigentliche Leben dieses Menschen vor das
ahnte man wenn man die mächtige Stirn mit dem wehmütigen Munde verglich sie
verkündeten zwei Gewalten die sich vielleicht feindlich gegenüber gestanden
hatten und die noch immer nach Versöhnung rangen Genie und Gemüt Als
Vermittler lagen zwischen ihnen seine genialischen Augen »couleur deau chaude«
was wir farblos nennen würden still gleichsam horchend unter breiten
schweren Augenlidern welche bis fast zur Mitte des Sterns herabgedrückt waren
und eine Art von Vorhang über dem Blick bildeten damit derselbe sich nicht zu
sehr an die Außenwelt verlieren möge Er war klein und nervig aber so mager dass
er unansehnlich und dass besonders sein Kopf zu groß für seine Gestalt erschien
Oberflächlichen Leuten konnte er unbedeutend vorkommen aber wer auch nur eine
Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Wesen und Erscheinung hatte musste durch
ihn frappirt werden Ich ward es im allerhöchsten Grade Sein Blick fascinirte
mich obgleich er mich gar nicht ansah ich strengte mich an um die Gegenstände
zu gewahren die er zu schauen schien Vor lauter Betrachtung kam ich gar nicht
recht zur Aufmerksamkeit auf seine Worte
»Also eine feste Anstellung haben Sie nicht gefunden« fragte ich ganz
zerstreut in einer Pause
»Eine solche wie ich sie wünsche und wie ich glaube sie ausfüllen zu können
findet sich nicht leicht weil sie immer von Tüchtigen gesucht und vermutlich
durch den Tüchtigsten besetzt wird Meister bei einer Kirchenkapelle wie Mozart
bei St Stephan zu Wien das mögt ich werden allein ich bin noch Schüler und
kein Meister und muss noch arbeiten und studieren um so weit zu kommen Andre
Anstellungen als Kammermusikus etwa reizen mich nicht Man liebt heutzutag so
wenig die Kammermusik und so sehr die Oper mit ihrer stupiden Augenlust dass ich
gewärtig sein müsste mein Leben in Rossinis und Aubers Opern zu verklimpern Da
bleibe ich lieber unabhängig verdiene mein Brod durch Unterricht geben und
widme mich der Komposition«
»Durch Unterricht geben« fragte ich höchst erstaunt weil ich glaubte ihn
durch sein Jahrgeld von dieser Pein befreit zu haben
»Ihre Güte kommt mir dennoch zu gut« antwortete er mehr auf meine Gedanken
als auf meine Worte
»Und gewiss auf eine weit edlere Weise rief ich O das bezweifle ich nicht
Da ich jedoch aus früherer Zeit weiß welche eine Marter Ihnen die Lectionen
waren«
»Nein nein unterbrach er mich das schien Ihnen nur so weil sie Ihnen ein
Greuel waren Ich lebe wie ich nun einmal lebe aus freier Wahl und aus Liebe
denn ich erwerbe mir selbständig mein Brot und gönne meinem Herzen die süßeste
Befriedigung die es genießen kann«
»Sind Sie verheiratet« fragte ich hastig Mir schien dass man nur einem
Weibe einem Kinde solche Opfer bringen könne
»Nicht doch entgegnete er gelassen ich habe ewige Messen gestiftet für
eine geliebte Seele«
Das war mir unverständlich und da man leicht geneigt ist zu seiner eigenen
Beruhigung das Unverständliche kurzweg unverständig zu nennen so verfehlte auch
ich nicht dies Verfahren höchst unsinnig zu finden
»Welch eine seltsame Art von Befriedigung rief ich geringschätzig Und wie
ist denn der Genuss den Ihr Herz dabei empfindet«
Er besann sich eine Weile und sagte dann unbefangen
»Ich denke es ist der jener Magdalene welche die Füße des geliebten
Heilandes mit köstlichen Narden salbte«
»Und Judas bedauerte dass das Geld für die Narden verschwendet und nicht
lieber den Armen gegeben würde« sagte ich mit einem bitteren Rückblick auf mich
selbst denn neben dieser Gesinnung kam mir die meine roh und niedrig vor
»Ich verstehe Sie nicht« sprach er aufrichtig
»Desto besser rief ich doch nun sagen Sie mir wohin Sie Ihren Wanderstab
setzen wollen«
»Nach Italien Ich kam von Wien hieher nur um den ehrwürdigen Bischof einmal
wieder zu sehen und diese Pietät ist mir gelohnt da ich Sie gefunden habe
Heut Abend geht die Post nach München da will ich fort«
»O ich bitte Sie nicht so sehr flüchtig bleiben Sie ein Paar Tage hier
wir haben so viel zu plaudern von Engelau von der Vergangenheit
und ich will auch nach Italien da reisen Sie mit mir«
»Ja das tue ich gern rief er lebhaft mir ist wohl bei Ihnen zu Ihren
eleganten Gesellschaften und zu Ihren Kunstgenüssen werden Sie mich wohl aus
Barmherzigkeit nicht verdammen und sonst werden wir uns recht gut mit einander
vertragen«
»Zuweilen werden Sie mich aus Barmherzigkeit gute Musik hören lassen«
fragt ich lächelnd
»Was nennen Sie gute Musik«
»Nun solche welche mich von dem Kampfe innerhalb meines engen Selbst
befreit und mich in eine Welt führt wo Geisterschlachten geliefert werden an
denen meine Seele Teil nimmt
»Sind Sie so ernst« sagte er zweifelnd
»Ich bin eine Tochter des Nordens und Sie fragen ob ich ernst sei mein
Gott das ist ja die Mitgift welche uns in die Wiege gelegt wurde Ich gehe nach
Süden um etwas heiterer zu werden und um das Kind in eine fröhlichere Atmosphäre
zu bringen«
»Ist die Seele ernst so wird sie durch die fröhliche Umgebung nicht
fröhlich Höchstens zerstreut sie sich und das tut ihr nicht immer wohl Der
ernste Mensch sollte darauf bedacht sein sich zu sammeln um sich dann resigniren
zu können«
»Resigniren aber wozu«
»O zu Allem zu seinem Glück wie zu seinem Leid«
»Sie lieben Paradoxen«
»Ich möchte wohl wissen ob Sie sich zu einem Glück resigniren könnten sprach
er gedankenvoll und fixierte mich mit seinen seltsamen Augen Denn das Glück
sehen Sie ist immer irgend eine Gestalt die am Saume unsers Horizontes schwebt
und eine aurorenhafte Glorie trägt welche halb der irdischen und halb einer
idealischen Welt angehört Tritt nun jene Gestalt die wir Ruhm Ehre Liebe
Genuss oder sonst wie nennen an uns heran liegt sie zu unsern Füßen
schmiegt sie sich in unsre Arme nun ja dann halten wir sie am Herzen dann
schauen wir ihr Aug in Aug aber aber die Glorie schwebt noch immer fern am
Horizont am Saum zweier Welten das Glück das in die Erdenwelt hineintritt
tritt aus der Glorie heraus und da muss man sich wohl vorbereitet haben zur
Resignation um nicht zu verzweifeln um nicht die Rose fallen zu lassen weil sie
Dornen hat und den Freudenbecher weil er einen schaalen Bodensatz bietet«
»Und was tun Sie Fidelis«
»O ich ich suche weder die Rose noch den Freudenbecher«
»Stoiker« rief ich schwankend zwischen Unglauben und Vorwurf
Er lächelte und fragte dann »Und Sie«
»Nun wenn ich sie nicht suche so rührte das wohl nur daher dass ich
sie erwarte und immer und ewig erwarte und gar nicht begreife wie das
Leben vergehen könnte ohne sie Aber wie sind Sie zu Ihrer melancholischen
Ansicht über das Glück gekommen« setzte ich nachdenklich hinzu weil sie
ungefähr mit meinen Erfahrungen übereinzustimmen schien
»Wie alle Menschen durch Erfahrung jedoch nicht wie alle durch eigene
sondern durch fremde Erfahrung«
»Eine solche pflegt sehr unvollkommen zu sein
»Meistenteils ja« sprach er abbrechend und fragte ob ich schon etwas über
meine Abreise festgesetzt hätte Unwillkürlich errötete ich weil mich in der
Tat nichts daran gehindert hatte als meine kindische Erwartung eines Briefes
von Astrau
»Ich dachte übermorgen« sagte ich plötzlich entschlossen und dabei blieb
es
Mit Rührung und Liebe verließ ich meinen guten Onkel und bat ihn um
Erlaubnis ihn einmal wieder besuchen zu dürfen
»Du wirst mir immer willkommen sein entgegnete er mit seinem sanften
Lächeln da Du aber nur dann eine Zuflucht bei mir suchen wirst wenn Dein Herz
schwer ist und wenn es Dir übel in der Welt gehen wird so kann ich nicht sagen
dass ich wünsche Dich bald wieder zu sehen Mein Segen begleitet Dich wohin es
sei«
In München blieb ich nur einen Tag ich hatte nicht Lust Astrau dort zu
begegnen und dennoch sollte das sein Ich fuhr am Nachmittag mit Benvenuta im
englischen Garten spazieren Eine Gesellschaft von Reitern und Reiterinnen
begegnete mir und ich erkannte Otbert zwischen ihnen Sie ritten rasch und ich
fuhr rasch so hatten wir nicht Zeit uns zu grüßen und es war mir auch
zweifelhaft ob er mich erkannt ja ob er mich habe erkennen wollen Dass er es
nicht tat machte mir einen flüchtig schmerzlichen Eindruck jedoch bald gefasst
sprach ich zu mir selbst So ist es natürlich drum ist es besser so Acht
Tage später war ich in Venedig
Ich hatte diese Wunderstadt auf meiner italienischen Reise mit Paul nicht
kennen gelernt Sie überraschte mich mehr als irgend etwas das ich vorher oder
nachher gesehen hätte Einzelne Vorzüge einzelne Schönheiten mag es in höherem
Grade auf anderen Stätten geben aber eine solche Harmonie eine solche in sich
abgeschlossene Einheit und Vollendung fand ich nie und nirgend sonst
»Hier muss man sich ewig wohl fühlen sagte ich zu Sedlaczech als wir an
einem herrlichen Maiabend gegen Sonnenuntergang in die vom Abendrot verklärte
Marmorstadt hinein schwammen Für diesen Göttersitz haben wir kein Ideal in uns
Der gewohnte Maßstab entfällt unserer Hand die gewohnten Ansprüche verstummen
das wäre der Ort und der Moment um ein neues Leben zu beginnen«
»Aber weshalb denn ein neues fragte er sehr erstaunt Es ist ja bisher ein
sehr gutes gewesen leben Sie das doch fort«
Es klang mir hart was er sagte Sehr gut war ich denn je vierundzwanzig
Stunden ungestört zufrieden mit mir selbst und mit meinem Leben gewesen Gewiss
nicht und er nannte es »sehr gut« Diese Missempfindung fiel störend wie ein
falscher Ton in den Freudenchor hinein welcher durch meine Seele brauste Das
wird Tausenden tausend Mal geschehen doch nur Einer von ihnen Allen wird die
unselige Fähigkeit haben die momentane Verstimmung in der Erinnerung
aufzuspeichern während sie bei den Meisten den gut und glücklich Organisirten
aus dem Gedächtnis schwindet und ihnen die Erinnerung ungetrübt und glanzvoll
lässt
Venedig gefiel mir unsäglich sprach mich in der Tiefe meines träumerischen
Imaginationslebens an Ich beschloss mich recht einzuspinnen in diese Wunderwelt
ruhig den großartigen Eindruck auf mich wirken zu lassen fleißig die Geschichte
zu studieren und überhaupt nach innerer Sammlung zu streben Sei die nur erst
erlangt so würde ich schon auffinden können was ich eigentlich wolle und was
ich vermöge
Ich mietete auf ein Jahr einen verödeten Palast Gradenigo am Kanal grande
eines dieser unvergleichlich zierlichen und edlen Gebäude die außerhalb
Venedigs ihres Gleichen nicht haben und die nicht sowohl durch Größe und
Ausdehnung wie etwa die römischen sondern durch einen eigentümlichen Adel
ihrer Proportionen den Namen Paläste verdienen Ein Gebäude ihrer Größe in
Norddeutschland aus Backstein mit spitzem Ziegeldach von hundert schmalen
Fenstern durchbrochen im Innern mit hölzernen Treppen versehen wäre ein
gewöhnliches Haus aber Marmormauern Marmorwände Marmortreppen
Marmorfussboden Marmorarbeit wie Schnitzwerk an Balcons Fensterbogen und
Fensterrosacen Incrustationen von Verde und Rosso antico von Außen Gemälde
von Titian und Tintoretto im Innern eine majestätische Festalle von kleinen
behaglichen Gemächern umgeben eine Grotte zur Station für die Gondel das ist
ein venetianischer Palast
Ich mietete den meinen für geringes Geld Es war damals noch nicht so viel
wie jetzt für den Flor Venedigs geschehen Es war noch kein Freihafen der Handel
stockte der Verkehr lag danieder die Paläste standen leer wenn die alten
Familien ausgewandert verfielen wenn sie verarmt waren man konnte dort
vergleichsweise mit einem kleinen Vermögen glänzend leben Ich richtete mich
recht bequem aber ganz einfach ein und das war sehr gut denn als ich mit
meiner Einrichtung fertig war bemerkte ich dass ich zwar sehr gut für mich
aber sehr schlecht für Benvenuta gesorgt hatte Sollte das arme Kind in diesem
Marmorhause gefangen sitzen was hatte sie von Gondelfahrten von Spaziergängen
auf dem Markusplatz Schnell entschlossen fuhr ich nach der kleinen grünen
ländlichen Insel Torcello hinüber und mietete bei stillen Gärtnerleuten ein
kleines Zimmer für Benvenuta Dort sollte sie mit ihrer Wärterin einen Teil des
Tages zubringen und im Garten umherlaufen dürfen Ich schenkte den guten Leuten
ein Paar Ziegen Hühner Tauben an denen die Kleine ihr Ergötzen hatte Es
machte sich Alles leicht und gut Ich kaufte zwei Gondeln ich nahm drei
Gondoliere in meinen Dienst und ließ sie in meine Farben kleiden Ich war sehr
beschäftigt mit diesen verschiedenen Einrichtungen außerdem unglaublich
gefesselt durch Venedigs Scenerie und Kunst und ich begann zu hoffen eine
Stätte gefunden zu haben wo ich mich auf die Dauer in meiner Bestimmung
zurechtfinden könne
Mit Sedlaczech lebte ich gut und angenehm aber nicht eigentlich intim Er
war mir zu sehr überlegen als dass ich das unwillkürliche innerste Zutrauen ich
möchte sagen diese Seelenströmung zwischen Gleich und Gleich für ihn empfunden
hätte Nicht als ob mich meine Inferiorität gedrückt nicht als ob ich nicht
gewusst hätte dass es größeren Genuss gewährt sich zu Menschen hinaufals
herabzustimmen Nur fühlte ich instinctmässig dass wir nicht auf einer Stufe der
Entwickelung standen und dass die seine weit höher als die meine sei Wird eine
solche Kluft nicht durch die Liebe ausgefüllt die Höhen und Tale gleich macht
so kann man wohl zu einem gemeinschaftlichen Leben doch nicht zu einer
befriedigenden inneren Gemeinschaft des Lebens gelangen Übrigens war es
keinesweges sein Talent das mir imponirte so groß es war so hoch ichs
schätzte nein es war seiné Seele eine Seele von deren Taten und deren
Wegen ich nichts wusste denn er sprach nie über seine Schicksale Als er vor
Jahren von dem Banquier meines Vaters in Lübeck als Musiklehrer empfohlen nach
Engelau kam sagte er er sei ein Böhme Waisenkind Katholik und zwischen
achtzehn und zwanzig Jahr alt Das war Alles und auch jetzt blieb es Alles Er
studierte fleißig in seiner Kunst mehr auf Komposition als auf Ausübung und nie
beschäftigten ihn andre als erhabene und große Gedanken Ein Oratorium mit einem
dem Hohen Lied entnommenen Text war die Idee zu welcher sich seine Kräfte zu
concentriren schienen Er bewohnte ein Zimmer über dem meinen Wenn ich in
tiefer Nacht auf dem Balkon saß und mich verlor in Träume ohne Ziel in
Sehnsucht ohne Maß in Wünsche ohne Gegenstand wenn ich inmitten der
Unermesslichkeit dieser Gefühle und inmitten einer Umgebung die an Schönheit und
Grossartigkeit ohne Rival ist dennoch mein Leben nicht anders empfand als der
Gefangene den Kerker der ihn elend macht o wie oft haben mich dann seine
Phantasien seine Accorde getröstet kann ich nicht sagen aber beschwichtigt
Von oben herab klangen sie feierlich fromm tiefsinnig klagend unendlich
melancholisch aber in glühende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen
Ja sprach ich dann zu mir selbst das Leben ist ein Kerker aber der Schlüssel
des Kerkers ist die Liebe der sprengt die Pforte zur Freiheit und das dürftige
abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein In dieser
himmlischen Freiheit lebt mein Onkel er liebt Gott lebt Fidelis er liebt
die Kunst Ich aber verstehe nicht zu lieben drum bin ich für alle Ewigkeit in
den Kerker gebannt
Den größten Teil der Nächte verbrachte ich in meiner Gondel Bald fuhr ich
nur in den Kanälen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im
Mondlicht dessen mysteriöser Glanz die passendste Beleuchtung dieser
mysteriösen Existenz ist Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus nach
verschiedenen Inseln die ich besonders gern hatte vorzugsweise nach Torcello
und zum Lido Torcello war der Anfangspunkt der großen Stadt des großen Staats
Venedig Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und
Einheit gab die Religion in einem Monument in einer Kirche ausgeprägt fehlt
der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht Der alte kleine
tausendjährige Dom hat Venedigs Höhe und Fall überdauert In dörflicher
Verwahrlosung steht er auf einem grünen Wiesenplatz und vielleicht zwei Dutzend
Häuschen von Gärtner und Fischerleuten liegen ebenfalls dörflich zerstreut
zwischen Hecken Gemüsegärten Gebüschen und Rasenflecken Diese Vegetation so
wenig gepflegt sie sein mochte gedieh dennoch vortrefflich auf dem üppigen
Schlammboden und erquickte mich durch Farben Frische und Duft Der Garten der
am Morgen Benvenutas Tummelplatz war ruhte mich in der Nacht aus Es war so
etwas Friedliches Idyllisches auf dieser kleinen Insel das den einfachen
Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprach Dies schlichte Element tat mir
wohl ich dachte dass Gott in seiner Schöpfung nicht Einmal sondern immer neu das
Paradies geschaffen hat erstens in der Natur, zweitens im Kinde und dass mir
ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegönnt sei Zu Zeiten konnte
mich das ganz heiter stimmen aber es dauerte nicht lange wie denn nichts bei
mir dauerte reizbar um einen Eindruck zu empfangen kraftlos um ihn
festzuhalten so war ich und daher war in meiner Seele nichts dauernd als
drängende Unruh dies ächte und rechte Prinzip aller Taten des Fluchs der
Torheit des Unheils Wenn diese Unruh recht in mir stürmte fuhr ich zum
Lido der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft Über
den trostlosen steinernen Gottesacker der Juden hinweg ging ich zum
entgegengesetzten Strande den das Meer bespült Ein Gondolier trug mir ein Paar
Polster nach und blieb in meiner Nähe während der Andre die Gondel bewachte Da
lag ich manche Nacht überwachte den Auf und Untergang aller Gestirne welche
auch die meiner Heimat waren lauschte auf das Brausen der Wellen welche mit
demselben harmonischen Takt und mit demselben weißen Schaum an die Küste meiner
Heimat schlugen und fragte mich mit unsäglicher Trostlosigkeit ob ich denn
wirklich töricht genug gewesen sei um zu glauben dass es für mich am
adriatischen Meer anders und besser sein könne als am baltischen O rief ich
die Elemente des Glücks müssen in der Schöpfung sein sonst wäre die
Organisation des Menschen mit seinem unlöschbaren Durst nach Glück ein
Widersinn aber weshalb versteht er nicht sie zu finden zu sammeln
festzuhalten weshalb ist er so unvollkommen beschaffen dass er meistens nur
Eins oder das Andre kann ja weshalb ist er zuweilen so blind dass er nicht
einmal deutlich sein Glück zu erkennen vermag denn mir fehlen nicht die
Elemente dazu sondern der Brennpunkt in dem sie sich vereinen müssten
Kehrt ich dann heim seelenmüde und seelenwund sah ich den ruhigen
Lampenschein in Sedlaczechs Zimmer hört ich ihn mit gleichmässigem Schritt in
der lautlosen nächtlichen Stille über mir auf und nieder gehen klangen gar
seine musikalischen Phantasien oder Eingebungen zu mir herab so staunte ich
fast stupid diese feste klare Seele an Gewiss gewiss sprach ich dann in
Betrachtung über ihn versunken sein Genius gibt ihm eine andre Stärke als die
welche uns gewöhnlichen Menschen zu Teil ward wir verwachen in Lieb oder Leid
diese versengenden Nächte oder wir verschlafen sie aber er ist frei genug um
sich ungestört in geistiges Schaffen zu versenken
Eines Tags kam mein Kapo de gondolieri wie er sich nannte als er in
meinen Dienst trat um meine Gondeln und die beiden andern Gondoliere zu
beaufsichtigen und trug mir die Bitte vor einen vierten Mann anzunehmen Ich
fahre die Kleine fahre Sedlaczech fahre Tag und Nacht sei irgend ein
Mitglied meines hohen Hauses auf der Lagune zu finden das sei freilich eine
große Ehre für die arme schlechte Lagune aber nichts desto weniger ein
schwerer Dienst besonders in dieser höllenheissen Sommerzeit In diesem halb
pomphaften halb spöttischen Styl mit einem Lächeln das auf der Grenze zwischen
Harmlosigkeit und Unverschämtheit schwebte mit unverwüstlicher guter Laune
diesem Erbteil des venetianischen Volkes im kleinen blitzenden Auge ließ
sich Gino äußerst wortreich über die Notwendigkeit eines vierten Mannes aus
Ich sah das ein nur drang ich auf einen erprobt geschickten und treuen
Menschen sowohl Benvenutas als meiner eigenen nächtlich einsamen Fahrten wegen
»O rief Gino der ist treu treu wie die Madonna mir ist Er zog bei
diesen Worten ein zinnernes Medaillon der Madonna das er um den Hals trug
hervor und küsste es mit Andacht Lustrissima können fahren wohin Sie wollen
tun und sagen was Sie wollen der schwazt nicht«
»Ich hoffe auch Du nicht Gino«
»Kein Fisch in der Lagune ist stummer als ich was meine Herrschaft
betrifft Lustrissima entgegnete er mit tiefer Verbeugung Schweigen ist die
Pflicht des Gondoliers folglich schweige ich und wenns mir noch so schwer
wird aus Tugend Nino schweigt aus Notwendigkeit und die Notwendigkeit
ist denn doch ein noch festeres Ding als die Tugend wenn Lustrissima
gestatten meine Ansicht von der Sache auszusprechen Genug Nino ist stumm«
Ich fühlte mich durch sein Unglück für ihn gewonnen und fragte nur noch ob
Gino ihn gut kenne
»Wie sollt ich nicht Lustrissima er ist ja mein Sohn nämlich der
Sohn meiner Frau die schon lange tot ist dolce anima requiescat in pace
sie hieß Ninetta drum heißt er Nino«
Nino trat in meinen Dienst und wurde mir vorgestellt Er machte mir einen
unangenehmen Eindruck Hartes rotes Haar hing ihm dick und verwirrt bis auf die
Augenbrauen herab und schloss sich an einen buschigen Backenbart Er hatte nicht
den lebhaften Blick das heftige Mienenspiel und die raschén Gebärden der
Taubstummen er schien mehr das Stumpfsinnige Plumpe Schwerfällige des Idioten
zu haben Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor mir während ich mit Gino
über ihn sprach und verriet auf keine Weise eine Teilnahme die doch sehr
natürlich gewesen wäre Sein Anblick war nicht vertrauenerweckend drum gab ich
an Gino den strengen Befehl dass die beiden andern Gondoliere immer und ohne
Ausnahme Benvenutas Gondel er und Nino die meine fahren sollten Und so
geschah es
Abends nach Sonnenuntergang pflegte ich täglich mit Sedlaczech eine Fahrt zu
machen und dann in einem der Kafés auf dem Markusplatz Gefrornes zu nehmen Von
dort ging er gewöhnlich gegen Mitternacht zu Hause während ich meine
nächtlichen Excursionen begann Gegen Morgen bald früher bald später kehrt
ich heim und ging zuweilen erst schlafen wenn die Sonne aufging Es war
ungefähr die Sorrentinische Lebensweise die ich einst mit Paul geführt hatte
nur fehlte in dieser das sinnlich üppige berauschende Element welches damals
dessen eigentlichste Essenz gewesen war Dennoch und trotz all der
Lebenskraft und Glut und Lust die mich durchströmten wünschte ich nicht jene
Zeit zurück noch ihre Wiederbelebung an Pauls Seite Es war mir zu klar
erinnerlich dass sie damals in eine Art von SeelenMarasmus übergegangen war
Daher sprach ich oft zu mir selbst: Ist in dieser sinnlichen Lebensrichtung für
mich nichts Anderes zu erwarten als eine lange Atonie für eine kurze
Befriedigung so ist das ungestillte Verlangen vorzuziehen denn in ihm weht
doch der Atem der Sehnsucht wenn auch nur einer irdischen Das war verkehrt
ich weiß es wohl ich hätte ja nur das Maß zu halten brauchen um nicht in Atonie
zu verfallen dass ich diese Weisheit und diese Kraft nicht besaß dass meine zu
den Extremen geneigte Natur immer über das rechte Maß hinweg bis zu den
äußersten Grenzen sich drängte und dort statt der geahnten Seligkeit Leere
fand das eben machte mich unselig
Als ich eines Morgens dh um ein Uhr Mittags aus meinem Schlafzimmer in
mein Kabinet trat fand ich dasselbe in eine blumige Laube verwandelt
Granatbüsche mit ihren feurigen Blüten übersäet Oleander mit den großen
rosenfarbenen Sternen Jasmin und Mirten bildeten einen kleinen duftigen Hain
um mein Sopha Benvenuta hatte sich auf dessen dunkelrote Polster gesetzt und
sah aus wie ein Wachspüppchen inmitten einer Christbescheerung Da ich Abends
zuvor an Fidelis gesagt hatte ich könne gar nicht recht meine Blumenliebhaberei
hier befriedigen so zweifelte ich keinen Augenblick dass er mir diese
Überraschung bereitet habe Ich schickte Benvenuta zu ihm hinauf sie sollte
ihm vorläufig meinen Dank sagen Er kam mit ihr zurück um sich eine Erklärung
der ihm unverständlichen Botschaft auszubitten Genug die Blumen waren nicht
von ihm Die Dienstboten wurden befragt und es ergab sich dass zwei
Gärtnerburschen sie in einer Gondel hergebracht und sie meinem Kammerdiener
überliefert hatten mit der Bemerkung ich wisse schon wer sie sende Die Sache
kam mir wie ein Missverständnis über Namen des Palastes oder der Bewohner vor
und ich erwartete jeden Augenblick dass die Gärtner wieder erscheinen und sich
ihre Blumen ausbitten würden Allein sie blieben ohne fernere Nachfrage bei mir
Ich scherzte mit Fidelis über diese kleine Begebenheit und malte ihm aus
dass möglicher Weise die Erkaltung zweier Liebenden aus dieser Blumensendung
entspringen könne Der Cicisbeo finde sie nicht im Zimmer seiner Dame oder die
Dame erwarte sie vergebens an ihrem Namenstage etc Schließlich sagte ich
»Die eigentliche Blume von Venedig ist aber doch die mystische auf dem
Wasser schwimmende Lotosblume dies Symbol der Vereinigung der Tiefe und des
Lichts zur Liebe dh zum Leben«
Am andern Morgen stand auf der Brüstung meines Balkons eine ganze Reihe der
schönsten aller Wasserblumen der Kalla aetiopica Die großen weißen
mandelduftenden Kelche neigten sich alle wie zum Gruß von dem schlanken Stengel
in die geöfnete Tür meines Kabinets hinein Diesmal wird Fidelis doch nicht
seine Hand verleugnen können rief ich entzückt Aber er leugnete ganz bestimmt
»Es käme mir auch gar nicht zu Ihnen Blumen zu schenken sagte er endlich
Ein unbekannter Verehrer wird diese Boten gewählt haben um Ihnen seine stumme
verschwiegene Huldigung darzubringen«
Ich fand diese Aufmerksamkeit befremdlich da ich an kein zweites
Missverständnis glauben konnte und noch befremdlicher die Wahl der Blumen
welche in der Tat auf den Lotus Bezug zu haben schien Gino hatte sie diesmal
wiederum von zwei Gärtnerburschen in einer Barke in Empfang genommen Ich fragte
ihn etwas misstrauisch ob er deutsch verstehe
»Bestia ch io sono no Lustrissima« rief er sich scherzhaft
verwünschend nicht meine Sprache zu verstehen
Ich befahl ihm und den übrigen Dienstboten eine abermalige Blumensendung
sofort abzuweisen und war grenzenlos erstaunt als dennoch am andern Morgen drei
riesenhafte Sträusse von purpurfarbenen Nelken auf meinem Schreibtisch lagen Ich
ließ meine Leute zusammen rufen und erklärte ihnen ich würde sie alle
entlassen so wie Einer von ihnen ich frage nicht welcher gegen meinen
ausdrücklichen Befehl handle Mein Kammerdiener und meine Kammerfrau waren
Deutsche Benvenutas Wärterin war eine Engländerin alle drei lange und treu
befunden in meinem Dienst Aber ich hatte außer Gino und den drei Gondolieren
noch einen französischen Koch bei meiner Einrichtung in Venedig genommen und
einen jungen Menschen der dem Kammerdiener bei seinen Geschäften zur Hand ging
und Sedlaczech insoweit bediente als dessen einfache Gewohnheiten es nötig
machten Ich wollte schon irgend einen Verdacht von Bestechung oder sonstigen
Umtrieben auf ihn werfen als Gino kam und mich tausendmal um Verzeihung bat für
den »fanciull« wie er den großen starken Nino zu nennen pflegte Der poveretto
habe natürlich keine Ahnung von meinem gestrigen Befehl gehabt und daher heute
früh ganz unschuldig die Nelken in Empfang genommen und obenein die
Verwegenheit gehabt eine derselben zurück zu behalten und übers Ohr zu stecken
Künftig sei nichts mehr von seiner Unwissenheit zu befürchten er habe ihm
meinen Befehl deutlich gemacht
Es schien als habe auch der Unbekannte ihn verstanden denn die
Blumensendungen unterblieben bis nach acht Tagen Gino mir erzählte es habe
sich abermals die Gärtnerbarke mit einer Blumenfracht gemeldet sei jedoch von
ihm zu allen tausend Teufeln geschickt worden Seitdem kam das nicht mehr vor
Mich frappirte weit mehr eine gewisse Gondel die seit einiger Zeit
allnächtlich wenn ich von meinen Wasserwanderungen heimkehrte an der Einfahrt
meines Hauses lag Hier war kein Traghetto1 Man fuhr durch eine gewölbte
Grotte aus der eine Treppe in den kleinen innern sogenannten Hof führte in
mein Haus hinein Für Fremde war da weder Landungsnoch Hafenplatz Der Gondolier
jener festverschlossenen Barke saß vermummt in seinem braunen Kapot auf deren
Boden und schien zu schlafen
»Was machst Du hier Weg da fuhr Gino ihn das erste Mal an Hier ist kein
Traghetto Pack Dich fort zu Deiner Madonna«
Statt in dem nämlichen rauen und zänkischen Ton zu antworten wie das die
Weise der Gondoliere ist die sich in fünf Sekunden zum wütendsten Wortstreit
der aber nie in Tätlichkeiten ausartet steigert entgegnete der fremde
Gondolier gelassen
»Ich bin hier schon im Schutz meiner Madonna«
»Das mag eine rare Hündin sein Deine Madonna« kreischte Gino der in
Schimpfreden dieser Art all seine Genossen übertraf
Eine solche Herausfoderung zu Zank und Schmähung wird immer angenommen und
mit dem sanften lispelnden Dialect Venedigs der so klingt als sei er von
Kinderlippen erfunden schreien sich dann beide Helden die grausigsten
Verwünschungen und Verspottungen zu Als Jener nichts auf Ginos Apostrophe
erwiderte sondern sich stumm noch tiefer in seinen Kapot wickelte fuhr mir der
Gedanke durch den Sinn dies sei kein Gondolier sondern ein Verbannter ein
Flüchtling ein verarmter Sohn des stolzen Hauses Gradenigo der vielleicht sein
Leben wage um eine Nacht unter dem Dach seiner Väter zuzubringen und hastig
rief ich
»Schweig Gino hier hat Niemand zu befehlen als ich Hält jene Barke sich
ruhig so darf sie bleiben«
»Sia benedetta Madonna« rief der fremde Gondolier mit Ton und Gebärden
die es ungewiss ließ ob mir oder der heiligen Jungfrau der Segenswunsch gelte
Aber nicht Einmal sondern hinfort allnächtlich bei meiner Heimkehr lag
dieselbe verschlossene Gondel mit demselben vermummten Gondolier auf demselben
Platz Und sobald ich die Treppe erstiegen hatte die aus der Einfahrt ins
Innere des Hauses führte hörte ich den leisen Ruderschlag womit sie sich
fortbewegte Trat ich in meinem Kabinet auf den Balkon um ihr nachzusehen so
bemerkte ich nur dass sie nach der Kirche Maria Salute ihre Richtung nahm Einmal
fragte ich Gino ob er nicht wisse was es mit ihr für eine Bewandtnis habe
»Da Lustrissima ihr die Station vor Ihrem Palast verstattet haben so
werden Sie das wohl besser wissen als ich« entgegnete Gino mit so tiefer Demut
in Ton und Haltung dass es unmöglich war ihm die Impertinenz der Worte
vorzuwerfen
»Nein Gino ich weiß es nicht entgegnete ich und ich würde mich auch
nicht weiter darum bekümmern wär mir nicht eingefallen dass der vermummte
braune Mann ein Spitzbube sein könnte«
Gino brach sehr unehrfurchtsvoll in ein schallendes Gelächter aus
»Sangue di Cristo rief er ein Barcarole soll ein Spitzbube sein Man sieht
wohl dass Lustrissima keine Tochter Venedigs ist sonst würde sie wissen dass der
Barcarole neben tausend unleugbaren Fehlern auch eine eben so unleugbare Tugend
hat die Ehrlichkeit Nein was den Punkt betrifft dafür steh ich ein«
»Und nur der ist wichtig Gino übrigens geht mich jene Barke nichts an«
»Ganz wie Lustrissima befehlen« sagte er wieder mit der tiefsten
Unterwürfigkeit
Venedig war von jeher die Stadt der Geheimnisse sprach ich zu mir selbst
das liegt in ihrer Atmosphäre Aber unwillkürlich beschäftigte sich meine
Phantasie mit jenem geheimnisvollen Unbekannten den ich bald zu einem
verbannten Anhänger der giovine Italia bald und noch lieber zum dürftigen
Nachkommen eines glänzenden Geschlechts machte Dass Einer oder der Andre sich
trotz seiner tragischen Geschicke dennoch in mich verliebt haben könne erschien
mir nicht unnatürlich erstens weil dergleichen einer Frau niemals unnatürlich
sondern ziemlich in der Ordnung erscheint zweitens weil ich wohl wusste wie
schön ich war Die Blumensendungen brachte ich auch mit jenem Unbekannten in
Verbindung doch blieb mir das Alles bis jetzt nur eine Spielerei für meine
unbeschäftigte ewig rege Phantasie und wochenlang ging das so fort
Einst kam ich zu Hause gegen drei Uhr Morgens wo Todtenstille und
Einsamkeit auf den Kanälen herrscht Es war eine tief dunkle Nacht so dunkel
dass ich kaum die mysteriöse Barke hatte gewahr werden können. So wie ich mein
Kabinet betrat stieg dem Balkon grade gegenüber aus der Mitte des Kanal grande
eine Rakete wie ein Signal empor und ungefähr zwei Minuten später flammte im
herrlichsten Brillantfeuer mein Name Sibylla Regina an jener Stelle auf Nachdem
er eine Weile gebrannt hatte verwandelte er sich in tausend buntfarbige
Leuchtkugeln und flog wie Myriaden von Schmetterlingen in den dunkeln Himmel
hinein Dann blieb Alles stumm und finster und ich vernahm nur den taktmässigen
Schlag einiger Ruder welche eine große Barke wahrscheinlich die des
Feuerwerkers fortbewegten Ich hatte Lust an Zauberei zu glauben denn ich
hatte Tags zuvor mit Fidelis über die Schönheit eines Feuerwerks auf dem Kanal
grande gesprochen und hinzugefügt Wäre ich noch in der verschwenderischen Laune
meiner früheren Jahre so würde ich mir dies Vergnügen verschaffen Jetzt
verschafte es mir ein Anderer mir das war kein Zweifel mein Name sagte es
mir Und wer um Gottes Willen wer konnte wissen dass ich Regina hieß kaum
Sedlaczech
»Nun was sagen Sie zu der Überraschung der letzten Nacht« fragte ich ihn
am nächsten Morgen
»Ich sage sprach er lächelnd dass Jemand in Venedig lebt welcher Sibylla
zur Königin seines Herzens erkoren wie uns die Flammenschrift gesagt hat«
»Nicht doch Regina ist ja mein zweiter Name«
»Das ist seltsam rief er überrascht Das deutet auf einen alten genauen
Bekannten«
»Ich habe hier keinen andern als Sie«
»Nun Sie trauen mir doch wohl nicht solchen allerliebsten Unsinn zu fragte
er gutmütig Erstens hab ich kein Geld zweitens aber und hätte ich
Goldminen würde ich einen geliebten und verehrten Namen still in mein Herz
schließen statt ihn als Leuchtkugeln verflattern zu lassen«
Ich hatte es im Grunde auch nicht geglaubt Nach einigen Nächten die ich
absichtlich bis zur Morgendämmerung auf Torcello zugebracht kehrte ich eines
drohenden Gewitters wegen früher zurück und siehe die Rakete gab das Signal
und das frühere Schauspiel wiederholte sich Ich bin von einem Dämon umgeben
sprach ich zu mir selbst der meine Worte hört und meine Schritte sieht Halb
war dieser Gedanke mir unheimlich halb lieblich So gab es doch Jemand der sich
für mich interessierte wenngleich in etwas befremdlicher Weise Ich überlegte
ob ich meine Leute fortschicken und Andre nehmen sollte Wer bürgte mir jedoch
dafür dass die neuen einer möglichen Bestechung weniger zugänglich sein würden
als die alten und waren diese es überhaupt Lieber keine Nachforschungen
anstellen als sie anstellen und zu keinem Resultat kommen Ich verhielt mich
passiv und sprach nur mit Sedlaczech über diesen mysteriösen Dämon der
seinerseits höchst activ war Einmal wurde Beetovens C mollSymphonie unter
meinem Balkon von der vortrefflichen östreichischen Regimentsmusik ausgeführt
Ein andres Mal folgte eine Barke mit Sängern der meinen und liebliche
Barcarolen und andre Volkslieder begleiteten meine Spazierfahrt Zufall konnte
das Alles nicht sein weil es immer Bezug auf Äußerungen hatte die ich gemacht
und deren ich mich sehr wohl erinnerte
»Aber was soll eigentlich dies Alles vorstellen fragte ich einmal ganz
ungeduldig Sedlaczech Dieser liebenswürdige unsichtbare Sylf beginnt mich zu
langweilen«
»Soll das heißen dass er sichtbar werden möge entgegnete Sedlaczech Nehmen
Sie sich in Acht er erfüllt pünktlich Ihre Wünsche und wer weiß in welcher
abschreckenden menschlichen Gestalt er sich Ihnen nächstens präsentiren wird«
»Das wäre unangenehm« rief ich unbefangen
»Also interessieren Sie sich genug für ihn um ihn in Ihrer Vorstellung
liebenswürdig zu finden«
»Aufrichtig gesagt ja Es ist unmöglich der Gegenstand einer so
aufmerksamen und ausdauernden Huldigung zu sein ohne sich mit Demjenigen zu
beschäftigen der sie uns darbringt und da ist es doch ebenso unmöglich ihn in
der Phantasie zu einem Monstrum zu machen«
»Wär er es nicht so würde er vielleicht längst zu Ihren Füßen liegen«
»Wie sollt er das anfangen ich kenne ihn ja nicht«
»Sie kennen ihn nicht dh er ist Ihnen nicht in aller Form mit Namen Rang
und Würden feierlich vorgestellt worden! Ist denn diese ceremoniöse
Etikette sogar Ihnen gegenüber wenn eine Seele in Flammen lodert notwendig
sagen denn auch Sie Ich bitte um Namen Stand und Herkunft mein Herr bevor
ich mich entschliesse ob ich mich soll von Ihnen lieben lassen oder nicht«
»So ist die Welt entgegnete ich halb lachend und halb missachtend und ich
gehöre ihr an«
»O Sibylle rief er das sollten Sie nicht so kalt eingestehen Wer der Welt
Aug in Auge gesehen und sich als ihr Kind erkannt hat dem müsste es gehen wie
dem Basilisken ihm graut vor seinem eigenen Bilde er stirbt an seinem eigenen
Blick O Sibylle diese hohlen Existenzen die nach Regeln der Konvenienz leben
statt nach Idealen schmähen die ewige Wahrheit und die heilige Natur Nicht
dass sie alle und immer selbstbewusst der Lüge und Falschheit anheimfielen aber
Unnatur ist die Sünde wider den heiligen Geist die ihren Fluch in sich selber
trägt denn sie entwurzelt so zu sagen den Menschen und macht aus ihm diesem
erhabenorganischen Gebilde eine Maschine die ohne Zusammenhang mit der
Natur, und abgelöst von der Gottesidee ist Das rächt sich durch die sittliche
Verkümmerung des Geschlechts Das macht ehrlos dh bewusstlos über die wahre
Ehre O Sibylle stellen Sie sich nicht mit so kalter Entschlossenheit in die
Reihen der Welt«
Mit grenzenlosem Staunen hörte ich ihm zu wenn unsre Gespräche eine solche
Wendung nahmen Ich konnte seine Ansicht nicht in Einklang bringen mit seinem
Leben konnte nicht begreifen wie er zu derselben gekommen sein mochte Er lebte
fleißig und zurückgezogen wie ein Künstler der alten Tage mäßig wie ein
Brahman keusch wie ein Anachoret er hatte seinen eigenen Äußerungen zufolge
nie anders gelebt woher denn dieser feindliche Kontrast mit der Welt
»Sie tragen die Farben Ihres Gemäldes zu grell und hart auf entgegnete ich
und das rührt daher weil Sie der Welt wirklich nicht Aug in Auge sondern sie
durch irgend einen entstellenden Zerrspiegel gesehen haben Es sind auch gute
Elemente in ihr und edle Geister wandeln auf ihr Ein Mensch wie Sie Fidelis
müsste vor allen Andern an das Gute und Wahre im Menschen glauben«
»O ich glaube daran rief er lebhaft Liebe und Wahrheit sind die Gottesidee
in uns und diese bildet den Keim und Kern des Ideals zu dem wir streben dem
wir nachleben wozu wir uns möglichst entwickeln sollen Daran zweifle ich
nicht dass dies Aeterflämmchen die irdische Form beseelt nur daran dass es in
der Welt zu einem reinen Feuer aufflamme Es wird erstickt im Wust und im Staube
des fremden Unwerts und der eigenen Schwäche die auch unwert macht und
unwert ist«
»Die auch unwert ist« wiederholte ich wie ein bewusstloses Echo dermaßen
trafen mich solche Worte im Mittelpunkt meines Wesens Ich war mir so recht
dieser Schwäche bewusst die nicht im Stande ist das heilige Feuer zu pflegen
weil es dabei Vigilien und lange kalte Nächte gibt
Sedlaczech machte mich durch dergleichen Gespräche ohne es zu beabsichtigen
namenlos traurig indem er mich zugleich exaltirte Ich wünschte mich zu opfern
mich beherrschen zu lassen gar Ketten zu tragen nur um aus dem Bewusstsein der
inneren Unsicherheit gerettet zu werden Ich betete um irgend eine entscheidende
Wendung meines Lebens die mich auf einen bestimmten Pfad und zu einem
bestimmten Ziel führen müsse Bei diesem Gebet vergaß ich nur dass äußere
Umstände von geringer Wirkung sind sobald die innere Entschiedenheit der Seele
fehlt
Der Winter war gekommen und hatte kältere Nächte und zuweilen Stürme
gebracht Ich wagte mich nicht mehr so viel in die Lagune hinein dadurch fiel
ein großer Teil meiner Unterhaltung fort ich sah der langen Weile entgegen und
um einen Versuch zu machen ihr zu entgehen beschloss ich etwas in die
Gesellschaft einzutreten und den Brief abzugeben den mir mein Onkel an den
Gouverneur von Venedig seinen langjährigen Freund fast aufgezwungen hatte
weil ich damals durchaus nichts von Bekanntschaften wissen wollte Jetzt schienen
sie mir doch notwendig zu sein und heimlich hofte ich dem Sylfen zu begegnen
und ihn zu erkennen
Also ich machte und empfing Besuche ich hatte Soireen ich nahm eine Loge
in der Fenice ich ließ mich bei Hof vorstellen als der Erzherzog Vicekönig auf
einige Zeit nach Venedig kam und langweilte mich grässlich weil ich mit
Ansprüchen von Belebung in die Gesellschaft trat welche nie in diesem großen
Getümmel gefunden werden kann. Ich kleidete mich ich sprach ich tanzte ich
tat wie die Übrigen aber mit maschinenmässiger Gleichgültigkeit Heimlich
hatte ich wohl die Hoffnung gehegt irgendwo dem Unbekannten zu begegnen oder
irgend etwas über ihn zu erfahren Das schien vergeblich nichts ereignete sich
was mich an ihn hätte erinnern können gar nichts als der eine kleine Umstand
dass die Loge neben der meinen im Theater Fenice stets geschlossene Vorhänge
hatte obgleich sie allabendlich oder wenigstens immer wenn ich in der Oper
war besucht war Während längerer Zeit bemerkte ich es gar nicht man sieht
häufig geschlossene Vorhänge entweder sind die Eigentümer nicht in der Loge
oder sie wollen nicht gesehen sein Endlich einmal im Augenblick wo das ganze
Publikum lauschend in den Gesang der Prima Donna vertieft war rauschte
vernehmlich wiewol leise der Vorhang Ich sah mich neugierig um weil ich die
Erscheinung einer schönen Frau erwartete und bemerkte mit Erstaunen dass der
Vorhang nicht in der Mitte von einandergezogen sondern nur nach meiner Loge
seitwärts ein wenig aufgehoben worden war Er fiel hastig herab als ich die
wahrscheinlich unerwartete Bewegung machte und ich sprach unwillkürlich zu mir
selbst Das ist er Mir klopfte doch ein wenig das Herz bei dieser Vorstellung
Weshalb vermied dies mysteriöse Wesen so scheu meinen Blick da es sich doch so
sehr mit mir beschäftigte und den Wunsch an den Tag zu legen schien dass ich
mich mit ihm beschäftigen möge welche Furcht entfernte welcher Umstand
trennte es von mir Mit leisem Herzpochen betrat ich nun allabendlich meine
Loge Immer lag seitdem auf ihrer Brüstung ein köstlicher Blumenstrauß immer
verkündete mir eine leise Bewegung der festgeschlossenen Vorhänge der seinen
dass mein geheimnisvoller Nachbar gegenwärtig sei Diese stete Aufmerksamkeit war
mir weder lästig noch peinlich und streifte doch an Beides Wer ein so
unausgesetztes Interesse mir bewies musste nach meiner Meinung nicht in diesem
seltsamen Schleier bleiben Im Unmut hierüber verließ ich einen Abend im ersten
Zwischenact die Oper und warf im Hinausgehen den Blumenstrauß vor die Logentür
des Unsichtbaren
Am andern Morgen fand ich auf meinem Frühstückstisch ein Billet das ich in
der Erwartung irgend einer Einladung erbrach Statt dessen las ich folgende
Zeilen in italienischer Sprache
»Sie zürnen mir denn ich erscheine Ihnen trotz aller Zurückhaltung dennoch
zudringlich Darum wird ferner kein Zeichen meiner Huldigung Sie belästigen
Aber gönnen Sie mir ich sage nicht einen Blick sondern nur Ihren Anblick
allabendlich in der Oper und verkürzen Sie nicht grausam die wenigen Stunden in
denen ich selig weil in Ihrer Nähe bin«
Eine anonyme Liebeserklärung oder eine Mystification und Eines ist so
unbehaglich als das Andre sprach ich halblaut zu mir selbst das muss ein Ende
nehmen Und ich ging in drei Tagen nicht in die Oper Am Morgen des vierten
ein abermaliges Billet
»Ich habe Sie verstanden Sie wollen mir mein demütiges Glück nicht gönnen
Gut ich störe Sie ferner nicht Gehen Sie in die Oper ich werde nicht mehr
dort sein mein Wort darauf Ich beschwöre Sie fürchten Sie keine
Zudringlichkeit aber sehen muss ich Sie und werd ich Sie«
Er wird mich sehen aber ich werde denn ich ihn nie sehen sprach ich
gedankenvoll und beklommen zu mir selbst und die unbestimmte traumhafte
Sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand Schon diese
Bestimmtheit tat mir wohl Mir war wie Einem der nach langer Seereise endlich
einmal wieder festen Boden unter den Füßen fühlt ich empfand nicht mehr das
ermüdende Schaukeln der Wogen ich hatte Land gewonnen Ich begann etwas
Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wünschen ich war fast glücklich
Ich ging Abends in die Fenice Die Nachbarloge war leer weitgeöfnet der
Vorhang Wo konnte er nun sein mein Blick schweifte gedankenlos über die Menge
dahin was war sie mir was war ich ihr ein buntgefärbtes Nebelbild ohne Wesen
ohne Wahrheit eine vergängliche Erscheinung die heute gefällt und morgen
vergessen ist Dein Leben oder Tod Dein Glück oder Leid wiegt keines
Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge sprach ich zu mir Ist denn
solche schauerliche Vereinzelung Leben zu nennen Leben ist Reflex des eignen
Seins im andern Gegenseitigkeit Wechselwirkung Entwickelung Wo das fehlt
existiert man in einer Schattenwelt und ihr ist der Tod vorzuziehen der
wenigstens ungestörte Ruhe bringt Aber mein Wesen im fremden Herzen gefasst und
getragen das lebt und lebt ewig denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit
groß
Am nächsten Tage ging ich in die Marcuskirche nicht zur Messe nur zum
Gebet Bisweilen wurde mir unaussprechlich wohl in diesen ernsten heiligen
Räumen die sich seit langen Jahrhunderten feierlich über die geheimsten und
tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewölbt
hatten Wie beseelt von Allem was sie gehört und gesehen kamen mir die
majestätischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor Es tat mir wohl mit so
viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schoss mich zu
betten und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen welches
selten selten ein Mensch vor dem Andern enthüllt Denn vor unsers Gleichen
schämen wir uns unsrer Sünden unsrer Torheit unsers Elends mehr als vor
höheren Naturen Unsers Gleichen kennen wir als schwach und ach die Schwäche
im Bewusstsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Härte gegen Andre Die
höhere starke Natur welche die Schwäche nur kennt aber nicht teilt ist
barmherzig Hierin liegt die tröstende Macht der katholischen Beichte auf das
Gemüt Aber gibt es denn Menschen die so stark und so gut sind dass wir uns
mit unserem Elend nie vor ihnen gedemütigt fühlen
Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestört der
ganz in meiner Nähe sein Gebet verrichtete Endlich erhob er sich trat zu mir
heran und bat um Almosen für die Armen seines Klosters Ungeschickter Weise trug
ich nie Geld bei mir und Gino der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister
war lag mit der Gondel an der Piazzetta Ich zog eine goldne Nadel mit einem
Knopf von Perlen und Türkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte
»Verkaufen Sie dies mein Vater geben Sie den Ertrag den Armen und
beten Sie für mich«
Er stand gebückt vor mir beugte sich noch tiefer und fragte
»Sie sind jung gesund und reich Signora um was soll ich beten«
»Um Ruhe mein Vater und um Kraft«
»Dies ist das AllerweltsLeid Signora«
»Ja mein Vater aber es drückt den Einzelnen darum nicht minder schwer Es
ist vielgestaltig und nimmt jede Form an daher sieht es für Jeden anders
aus so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht«
»So jung und schon so nachdenkend« sagte er
Es machte mich lächeln dass ihn eine ganz oberflächliche Bemerkung frappirt
habe und ich fragte
»Glauben Sie denn dass man nur im Kloster und bei fünfzig Jahren die Kunst
des Nachdenkens üben könne«
»Ich glaubte nur dass man in der Welt andre Dinge zu tun habe Signora als
sich mit den Händen im Schoss hinzusetzen und den Gedanken im Kopf
nachzuhängen«
»Für die Männer ist das richtig mein Vater die verbrauchen ihr Leben wir
müssen es verträumen oder vertändeln und da ich für das Letztere nicht
die Gaben habe so begnüge ich mich mit dem Ersteren«
»Aber unwillig«
»Nicht unwillig mein Vater nur traurig sehr traurig wie Derjenige es sein
mag der sich verschmachten fühlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als
Orangen während er sich nach einem derben Stück Brot sehnt Er ist nun aber
einmal auf Orangen angewiesen und muss mit ihnen leben und sterben und noch gar
hören dass Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost«
»O Signora das ist ein eingebildetes Leid Derjenige den das Schicksal in
einen Orangengarten gestellt hat kann auch über einen Bäckerladen befehlen
Umgekehrt ist es nicht so leicht«
»Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichtum Jugend und
Unabhängigkeit über Alles geht weil er sie nicht besitzt« rief ich mit
einiger Bitterkeit
»Ich weiß zu schätzen was ich besitze und was ich nicht besitze Signora
entgegnete er sehr gelassen Unabhängigkeit Jugend und Reichtum besitze ich
nicht allein ich betrachte sie als vortreffliche Mittel zu schönen Zielen wenn
sie mit Einsicht und Vernunft gepaart sind welche letztere Ihnen zu fehlen
scheinen denn sonst würden Sie wohl auch das besitzen um was ich in Ihrem
Namen beten soll Kraft Sie ist nichts als Ausübung unsrer Selbsterkenntnis«
Er verbeugte sich und entfernte sich rasch durch das Mittelschiff während
ich ihm bestürzt nachblickte und plötzlich ganz laut rief Ah das war er
denn sein Gang und die Haltung seiner Arme verrieten deutlich dass er kein
Klosterbruder sei Ich ärgerte mich dass ich mich in solchem unvorteilhaften
Licht ihm gezeigt und freute mich doch vollkommen unbefangen und aufrichtig
gewesen zu sein Hatte ihm das missfallen so würde er sich mir nicht wieder
nähern Oder sollte es ein Maskenscherz irgend eines meiner Bekannten
gewesen sein das war nicht unmöglich wir waren im Fasching und ich hatte
ihm unbesonnen die Nadel geschenkt
In großer Unruh verbrachte ich die nächsten vier und zwanzig Stunden dann
ging ich wieder in die Marcuskirche Ich bildete mir ein wenn er der Kapuziner
sei würde ich ihn dort finden Und siehe er war da Er grüßte mich demütig
Die Kapuze war tief über sein Obergesicht herabgezogen und das Untergesicht in
einem grauen langen Bart begraben dazu die tiefe Dämmerung die stets in dieser
Kirche herrscht es war unmöglich auch nur einen Zug seines Antlitzes zu
erkennen Ich grüßte ihn wieder und sagte
»Ich muss Sie um Verzeihung bitten dass ich einen Maskenscherz für Ernst
genommen habe In meinem Lande kennt man das nicht und diese Unkenntnis mag
mich entschuldigen Ich erlaube mir nur eine Frage mein Herr haben Sie die
Nadel zum Besten der Armen verkauft«
Ich sprach ernst und ruhig und in demselben Ton antwortete jetzt der
Kapuziner
»Nein Signora ich habe das Doppelte ihres Wertes den Armen gegeben und
die Nadel behalten«
»Sie legen dadurch ein seltsames Interesse für mich an den Tag mein Herr
welches nicht von der Art ist um das meine zu wecken«
»Das habe ich auch nie gehoft Signora«
»Durch diese Äußerung sprechen Sie wenigstens aus dass Sie es wenn nicht
gehoft doch versucht haben«
»Und wenn ich das eingestanden«
»So würde ich fragen weshalb diese Blumen diese Musik diese
Unsichtbarkeit in der Loge diese Billets diese gegenwärtige Verkleidung da
es doch unendlich viel einfacher gewesen wäre und unsre Bekanntschaft mehr
gefördert hätte wenn Sie den Zutritt in meinem Hause gesucht hätten den ich
keinem wolerzogenen Mann verweigere«
»Einfacher dh hergebrachter wär es gewesen Signora doch ich zweifle
dass es unsre Bekanntschaft gefördert hätte Denn das ist nicht Jemand kennen
seinen Namen wissen und von tausend Gleichgültigkeiten mit ihm sprechen sondern
das ist es den Grundzug seines Herzens kennen und Sie kennen den meinigen«
»Nun gut mein Herr ich kenne ihn also was weiter« fragte ich kalt
»Sie interessieren sich für mich«
»Ja mein Herr das Menschenherz ist so wunderlich beschaffen dass es sich
vom Geheimnis gelockt fühlt«
»Also Sie denken an mich Signora Sie beschäftigen sich mit mir Sie
interessieren sich für mich folglich nehme ich einen Platz in Ihrem Leben ein
Ich sagte Ihnen vorhin dass ich soviel nie gehoft hätte«
»Mein Herr nahm ich entschlossen das Wort dies Alles hat seine amüsante
seine rührende seine ridiküle und seine unschickliche Seite Ich wünsche
dringend dass diese mysteriöse Huldigung aufhören möge und ich wünsche
Denjenigen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen der sie mir seit
dreiviertel Jahren mit so seltsamer Ausdauer darbringt Nennen Sie das Interesse
oder gewöhnliche Weiberneugier ich muss es mir gefallen lassen aber ich sage
Ihnen die Wahrheit Haben Sie einen Grund meine Bekanntschaft zu meiden so
kommen Sie nicht allein hören Sie auf mir Ihre Teilnahme so seltsam und
unbegreiflich wie bisher an den Tag zu legen«
»Kann ich die Ehre haben Sie morgen früh um zwölf Uhr allein zu finden
Signora und wird Ihre Nadel die ich dem Portier vorzeige genügen um mich zu
Ihnen zu führen«
»Ja mein Herr« sagte ich grüßte ihn und verließ die Kirche in der größten
Spannung
So sollte ich ihn denn sehen den Sylf den Verbannten den Unsichtbaren
den Flüchtling der meine Phantasie so lebhaft beschäftigt und mir mehr
Teilnahme für ihn den ich nicht sah als für Alles was ich sah eingeflößt
hatte Ich schlief in der nächsten Nacht nicht fünf Minuten ich stand drei
Stunden früher als gewöhnlich auf ich befahl Denjenigen der eine goldne Nadel
mit blauen Steinen vorzeigen würde ohne Umstände zu mir zu führen und
verbrachte darauf in zitternder Erwartung die Stunden
Mit dem Glockenschlag zwölf gingen rasche Schritte durch den Saal die Tür
meines Kabinets flog auf und Astrau trat ein
»Ah Otbert wie kommen denn Sie hieher« rief ich ganz freudig und
ahnungslos
»Kraft dieses Talismans« entgegnete er und zeigte mir die Nadel die er wie
eine Blume zwischen den Fingern hielt
»Sie Otbert Sie« stammelte ich in der höchsten Überraschung und
lehnte mich zitternd an einen Stuhl
»Ja nur Otbert sonst Niemand« sagte er
Spannung Erwartung Träume Phantasien Überraschung Gewissheit Freude
alle diese chaotischen Empfindungen die mir Herz und Nerven vibriren machten
brachen sich urplötzlich in einen Strom von Tränen
»So betrübt sind Sie dass nur ich es bin Sibylle« fragte Astrau sanft und
traurig
»Nein nein rief ich hastig Sie wissen ja dass ich viel träume Vielleicht
bin ich jetzt erwacht und danke Ihnen mit meinen Tränen«
»Dürfte ich das hoffen Sibylle«
»Warum denn nicht ich hoffe es ja«
»Gewiss fragte Astrau mit stralenden Augen O Sibylle dann wird auch
der Glaube nicht fern und die Liebe nah sein dann werden Sie mir verzeihen
dass ich trotz Ihres kühlen abwehrenden Briefes aus Würzburg nicht zurücktrat
sondern Ihnen hieher folgte«
»Aber warum beachteten Sie mich nicht in München«
»Um nicht zudringlich zu erscheinen nur mit meinen Gedanken nicht mit
meiner Person wollte ich einen Platz erringen in Ihrem Leben Sie sollten gewahr
werden dass unablässig die Richtung meiner Seele zu Ihnen gehe und dass die
Attraction welche Sie auf mich geübt haben nicht jene gewöhnliche sei die eine
schöne Erscheinung mit sich führt und die aufhört wenn sie verschwindet«
»Könnte ich das Alles glauben Otbert sagte ich zaghaft ach ich möchte es
so gern glauben Aber sehen Sie ich kann und kann mir nicht vorstellen dass die
Seele unveränderlich von einem Gedanken bestimmt von einem Bilde beherrscht
werde Sie folgt den äußern Eindrücken und Bedürfnissen den innern Neigungen
je nachdem Umstände und Verhältnisse Eines oder das Andre begünstigen oder
nicht Sie fühlt dumpf dass es ihre Seligkeit sein würde in einen Hafen des
LebensOceans einlaufen und dort den Anker der Zuversicht hier ist dein Platz
fallen lassen zu dürfen aber sie bleibt schwankend auf hohem Meer denn kein
Sturm treibt sie gebieterisch in irgend einen Hafen und sie selbst fühlt sich
zu keiner Wahl veranlasst Jede wird ihr Gutes und ihr Schlechtes haben jede
wird von Hause aus den Stempel auf der Stirn tragen den Alles trägt was dem
Menschen zu seinem Genuss seiner Entwickelung seiner Freude seinem Streben und
Gelingen und Erreichen gegeben ist das eine fürchterliche Wort
Unvollkommenheit Diese schließt sowohl die Dauer als die Unwandelbarkeit aus
denn nur die Vollkommenheit besitzt Einheit und widersteht demnach jeder
Wandlung und Auflösung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen muss
weil sie Stückwerk ist«
Astrau sah mich traurig an während ich sprach und traurig antwortete er
»Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist mag bitter
sein doch tausendmal bitterer ist es mit diesem eiskalten nüchternen Blick
Bestimmung und Schicksal zu betrachten und das Glück fallen zu lassen wie eine
Südfrucht die verschmäht wird weil sie unter unserm gemässigten nicht unter
ihrem eigenen tropischen Himmel reifte Diese Nichtachtung der irdischen
Zustände Sibylle mag die Wonne der Heiligen sein aber sie ist die Qual des
Menschen und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind so sein Sie es wenigstens
mit ganzem Herzen so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll
Meditation Andacht und Barmherzigkeit so widmen Sie sich ganz der Betrachtung
und Übung göttlicher Dinge da Ihnen menschliche zu gering sind so wenden Sie
sich überhaupt ganz und aufrichtig dem Schöpfer zu und lassen Sie das Geschöpf
nicht in dem Wahn als wären Sie zugänglich seiner Empfindungsweise und seiner
Sehnsucht so trennen Sie sich von uns ab Sibylle und sagen Sie uns redlich
»Ich habe mit euch Allen nichts zu tun und nichts zu teilen« Denn wer Sie
zwischen uns sieht beobachtet wer Ihr phantastisches Dasein und die
Melancholie und Gleichgültigkeit Ihres Wesens bei einer solchen Schönheitsfülle
verfolgt wer unter diesem schillernden Schleier Ihre hohe reine Natur erkannt
hat dem erscheinen Sie wie von einem bösen Zauber befangen und er möchte Ihnen
ein Wort zurufen das denselben sprengte Also sein Sie ganz ehrlich Sibylle
und sagen Sie uns Ich liebe euch nicht und nie ich liebe Gott«
»Aber Astrau wer sagt Ihnen dass ich Gott liebe entgegnete ich mit
traurigem Erstaunen Ich sage Ihnen ich liebe ihn nicht Wer nicht der Liebe
für das Geschöpf fähig ist das Meinesgleichen in Gefühl Gedanke und Richtung
ist das mich anspricht mit meinen Worten und Blicken mit meinem Verlangen und
meiner Bedürftigkeit das wechselsweise Mitglied Teilnahme Wolwollen
Anregung in mir weckt und dennoch trotz all dieser Anklänge und Harmonien
nicht den Ton trift auf den meine Seele gestimmt ist und der Einmal berührt
nicht wieder verhallt sondern innerlich fortvibrirt wenn er auch nach Außen
nicht immer laut klingt wer nicht Schwung genug im Herzen hat um ein Wesen
seines Geschlechts zu umfassen woher soll dem Glut und Macht kommen um sich an
ein höheres anzuranken und anzusaugen Nein Otbert durch die Liebe zur Kreatur
übt sich der Mensch in der Liebe zum Schöpfer denn in ihren Wonnen und
Schmerzen in ihrer Begeisterung in ihrer Läuterung in ihren Wundern der
Kraft der Ausdauer und Geduld erkennt er die Herrlichkeit des Geschöpfs und
nur durch sie ahnt er die Herrlichkeit des Schöpfers Immer durch seine Boten
seine Gesandten immer durch einen menschlichen Vermittler hat Gott seine
Offenbarungen auf die Erde geschickt und was Allen geschehen ist das wiederholt
sich auch im Einzelnen und Kleinen die göttliche Liebe muss Mensch geworden sein
damit mein Herz sie fasse und das ist mir nicht geschehen«
»Vielleicht lieben Sie Ihr Kind mehr als alles Andre« fragte Astrau mit
tiefster Teilnahme in Blick und Ton
»Ich liebe das Kind mit meinem Tun entgegnete ich nach kurzem Nachdenken
Hiesse es stirb für das Kind oder geh betteln für das Kind so tät ichs ohne
Besinnen aber ich möchte sagen aus Instinkt meines Herzbluts nicht aus
Liebe Denn Liebe wie ich sie verstehe füllt die Seele und das Kind füllt die
meine nicht«
»Aber Sibylle rief Otbert beinah fassungslos vor innerer Bewegung was um
Gotteswillen was regt sich denn eigentlich in Ihrer Seele«
»Die intensivste Sehnsucht nach einem unbekannten Glück Otbert die so
drängend so heiß so wild so unbezähmbar ist dass ich Meere durchschiffen und
Weltteile durchpilgern möchte um es zu suchen«
»O suchen Sie es nicht geben Sie es und es ist da« rief Otbert sank
zu meinen Füßen nieder und ergriff meine beiden Hände wie um mich fest zu
halten
»Warum zittere ich bei dem Gedanken Otbert jetzt mit Entschiedenheit zu
sagen ich suche nicht mehr denn ich habe gefunden«
»Weil Sie ihr Wesen mit unfruchtbaren Grübeleien dermaßen unterminiren
Sibylle dass Sie in krankhafte Unentschiedenheit und Verzagteit verfallen sind
welche sich als geistiges Siechtum immer mehr in Sie einnisten und gleichsam
Ihre Seele nervenschwach machen werden«
Mit dröhnender Wahrheit schlugen seine Worte an mein Ohr Ich riss meine
Hände aus den seinen faltete sie angstvoll und rief in Tränen
»Ja so ist es Otbert ach retten Sie mich«
»Ich kann nur den retten der mir vertraut« sprach er ernst
Überwältigt erschöpft hofnungsdurstig sehnend zagend reichte ich
ihm die Hand und ließ es geschehen dass er mich jubelvoll selig in seine Arme
schloss Doch in seinen Freudenrausch vermochte ich nicht einzugehen und beklommen
bat ich ihn mir zu erzählen wie er diese Jahre verlebt habe Er tat es
»Damals in Malaga verließ ich Sie sehr mutlos sagte er denn es gab
Momente in denen Sie mir falsch kokett und heuchlerisch andre in denen Sie
mir tief unglücklich erschienen Drum freute ich mich fast Ihrer Nähe entrückt
zu werden die für mich so viel hatte was ich bald Betörung bald Beseligung
nennen musste Solche gemischte Freude tut immer mehr weh als wohl Indessen
ich musste zu meiner kranken Mutter nach Genf ich begleitete sie nach Nizza ich
ließ mich dort auf zwei Jahr mit ihr nieder und machte während sie sich
häuslich einwohnte und leiblich genas Excursionen nach Korsica und Sardinien
in die Pyrenäen und wohin Lust und Drang mich führten In diese Zeit fiel die
Nachricht von der Geburt Ihrer Tochter Paul machte mir diese Mitteilung durch
einen gedruckten Brief der mich vielleicht noch mehr verstimmte als das
Ereignis selbst Ja es verstimmte mich sehr Sibylle Jetzt wird sie vollends
keinen Gedanken mehr für mich haben sprach ich zu mir selbst ihr Leben wird
voller und befriedigter denn je und daher ferner denn je von der Erinnerung an
mich sein ich will doch auch sehen ob die Vorstellung eines häuslichen und
Familienlebens keinen Reiz für mich gewinnt Meine Mutter hat immer glühend
gewünscht mich zu verheiraten Jetzt fand sich eine wundervolle Heirat für
mich sehr schön sehr reich sehr liebenswürdig war ein junges Frauenzimmer
das eine lebhafte Neigung für mich empfand Bei dem Besinnen wie ich sie
aufnehmen solle traf mich Ihre Anzeige von Pauls unerwartetem frühzeitigen Tod
Meine erste Empfindung war Postpferde zu bestellen und in einem Zug von Nizza
nach Engelau zu fahren Aber mir fehlte der Mut Sie hatten mich nie zu solchem
Vertrauen berechtigt Ich verfiel der Überlegung dann der Schwankung dann der
Furcht Sie kalt und mich selbst zudringlich nennen zu müssen und ich beschloss
Ihr Trauerjahr vorüber gehen zu lassen ohne mich Ihnen zu nähern Aber es war
mir unmöglich jetzt an eine andre Verbindung zu denken ich brach sie ab unter
allerlei Schmerzlichkeiten für beide Teile denn meine Mutter zürnte mir Ich
ging nach Deutschland zurück arbeitete fleißig schrieb viel dachte an Sie und
harrte mit brennender Ungeduld auf das Ende Ihrer Trauerzeit Nun war es da
und ich zagte nach wie vor Sie liebten mich nicht hatten mich nie geliebt
hatten in dieser einsamen Zeit wo ein Freund Ihnen doch vielleicht ein
Herzensbedürfniss hätte sein können nie an mich gedacht keinen Gruß keinen
Zuruf mir gesendet ja ja Sibylle lächeln Sie nur verwundern Sie sich nur
dass ich so zaghaft war es war nun einmal so Sie behaupteten sonst immer ich
sei eitel glauben Sie nicht dass ein eitler Mensch mehr Selbstvertrauen gehabt
hätte Mir war die Vorstellung dass Sie mich kühl empfangen kühl ansehen kühl
behandeln könnten vernichtend Ich ging nicht schrieb nicht fragte nicht
ich wollte mich nicht dieser Vernichtung entgegen drängen Aber Ihrem Arzt
schrieb ich er solle mir sagen wie Sie lebten und gegen Sie über diese Frage
schweigen Er beschrieb mir Ihr ernstes tätiges praktisches Leben in Engelau
Da verlor ich abermals alle Hoffnung und jene Heiratsepisode von meiner Mutter
nie ganz aufgegeben wurde wieder ohne Zutun von meiner Seite angeknüpft Ich
wollte mich von Ihnen losreißen ich fand es unbeschreiblich albern meine Seele
an die Ihre zu hängen die nichts von mir wissen wollte ich war empfindlich
gereizt traurig so ganz von Ihnen vergessen zu sein ich nannte Sie kalt
herzlos ich zürnte Ihnen und mir aber es war mir unmöglich den
entscheidenden Schritt zu tun der mich auf ewig von Ihnen getrennt hätte
Wieder schrieb ich Ihrem Arzt und erhielt mit namenloser Freude zur Antwort Sie
wären in Würzburg und auf dem Weg nach Italien O wie rauschten die Flügel der
Hoffnung in mir auf ich jauchzte laut Also will sie doch noch etwas Andres im
Leben als ihre Tochter erziehen und ihre Geschäfte führen Ich schrieb Ihnen
und Ihre Antwort entmutigte mich nicht Ich beschloss mit dem finsteren Geist zu
ringen dem Sie verfallen schienen ich folgte Ihnen hieher ich war als Nino in
Ihrer Nähe«
»Unmöglich« unterbrach ich ihn
»Fragen Sie Gino entgegnete er Und weshalb denn unmöglich ich wollte in
Ihrer Nähe sein mich in die wundersame Atmosphäre Ihres Wesens tauchen die
mich mit fabelhaftem Glück berauscht Und ich hab es im vollsten und reinsten
Maß genossen Da saßen Sie in der Gondel neben Sedlaczech mit ihm redend ihn
anschauend auf ihn hörend mir wendeten Sie den Rücken zu denn ich hatte mit
Gino ausgemacht dass ich immer den Platz im Hinterteil der Gondel einnehmen
könne Oder Sie fuhren allein und saßen stumm und unbeweglich da In beiden
Fällen dachte Ihre Seele nie an mich hatte nicht die leiseste Ahnung dass ein
magnetischer Zug von ihr ausgehend den Faden meiner Existenz in die Ihre
hinüberspann Nun sehen Sie dennoch war ich selig denn mich beschäftigte
unablässig die Vorstellung wie süß dereinst Ihr Übergang aus dem traumumfangnen
Zustand zu dem Bewusstsein so geliebt zu werden sein müsse Zitternd dass durch
die Erfüllung Ihrer kleinen Wünsche und Einfälle irgend ein Verdacht auf mich
selbst oder auf Gino fallen könne suchte ich Ihre Gedanken auf einen Fremden zu
lenken und ersann daher die geheimnisvolle Gondel Als im Winter Ihre langen
Gondelfahrten und mit denselben Ninos Dienst aufhörte wurde ich Ihr
LogenNachbar Doch allmälig ward mir schwer ja unerträglich was mir Anfangs
süß gewesen schweigen zu müssen in Ihrer geliebten Nähe Allmälig ersehnte ich
den Moment der mich zu Ihren Füßen niederziehen und mir ein Geständnis
gestatten würde und ich hab es getan Sie sind die Herrin meiner Seele
die Königin meines Lebens und das sag ich Ihnen nicht bloß mit Worten die
lügen könnten sondern mit einer consequenten Reihe von Tatsächlichkeiten die
sich bis zum Anbeginn unserer Bekanntschaft erstrecken und die unmöglich lügen
können«
Ich fühlte mich in seltsamer Weise ergriffen mehr überwunden als überzeugt
mehr gefangen als gerührt Und doch war ich auch gerührt aber mehr auf der
Oberfläche als in der Tiefe meines Wesens Ich möchte sagen dass der Kopf mehr als
das Herz gefesselt war Das Alles hatte Otbert für mich getan so lange ohne
Hoffnung an mir gehalten o dann muss er mich lieben so räsonnirte ich
allein ich fühlte es nicht ohne diese Beweise Er drang nicht in mich mit
Liebeswünschen und Liebesfoderungen er schien nichts zu begehren als seine
Empfindung an den Tag zu legen Diese Zuversicht war vielleicht das was ihn für
mich unwiderstehlich machte Ich willigte in unsre Verbindung
Denk ich jetzt an ihn zurück so muss ich sagen er war ein merkwürdiger
Mensch Er hatte in seiner Empfindungsweise die feine Glut die bewegliche
Reizbarkeit und den gewissen Eigensinn was Alles man sonst den Weibern
beizumessen pflegt was aber vielleicht ebenso sehr mit einer nervenfeinen und
sinnlich flammenden Organisation zusammenhängt aus welcher wiederum die
Dichternatur sich entwickelt Diese feine lodernde anregende Liebe für alles
Schöne für jeden Genuss ist für eine solche Dichternatur das was die
feuchtwarme treibende Frühlingserde für den Pflanzenkeim ist sie drängt ihn
mächtig aus ihrem Schoss empor und hält ihn stets im innigen Zusammenhang mit
sich selbst und ihren ahnungsreichen Geheimnissen und Symbolen Aber sie bleibt
nur die Basis seiner ferneren Entwickelung Lüfte Gestirne Ungewitter alle
Elemente alle Naturwesen gießen ihren Segen und Unsegen über den zur Blume
sich entfaltenden Keim aus und wird sie zu jener Wunderblume die wir Genie
nennen dann stralen wiederum von ihr magische Einflüsse aus Farbenspiele
Düfte Stralen welche Andere ihrer Art nicht üben und nicht haben und welche
die Essenz einer höheren Ordnung der Wesen verraten Allein es gibt manche
Dichternatur und wenig sehr wenig Genies Otbert hatte schöne und reiche Gaben
frage ich mich was ihm fehlte so muss ich sagen eine gewisse Schwere die ihn
nach Innen gezogen und gesammelt hätte die Schwere welche dem Diamant der
Perle dem Golde eigen ist und sie so köstlich macht Weil sie ihm fehlte drum
verflüchtigte er sich
In jener Zeit benahm er sich gegen mich in der anmutig koketten Weise
welche man ebenfalls als Erbteil der Frauen betrachtet Wie er ging wie er
stand wie er sprach wie er sich kleidete wie er sich bewegte Alles war ich
will nicht sagen berechnet jedoch bewusst Es stand ihm so gut und er vergaß
nie was ihm gut stand Zuweilen warf ich ihm seine spielerische Eitelkeit vor
»Gefalle ich Ihnen oder nicht« fragte er
Dann musste ich freilich eingestehen dass er mir ganz außerordentlich und
mehr als je irgend ein Mann gefalle
»Nun dann lassen Sie mich doch gewähren entgegnete er Ich gehöre nun
einmal nicht zu jenen täppischen Gesellen welche sich die Liebe der schönsten
Frau der Welt plump gefallen lassen und durch ihre Derbheit eine hässliche Folie
zu der Anmut des Weibes bilden Ich kann mir den Adonis nicht als einen schönen
aber brutalen Jäger nicht den Endymion als einen schwerfälligen Schäfer
vorstellen nachdem sich die Göttinnen zu ihnen geneigt hatten Vorher ja
nachher nein Zu mir hat sich die Göttin geneigt Sibylle und mich in die
duftige Atmosphäre ihrer süßen Schönheit gehüllt wie wollen Sie mir
verbieten dass ich mir nun selbst geweiht und verschönt erscheine Komme ich
Ihnen weibisch und verweichlicht vor Bedenken Sie doch dass Nino in der
gemeinen Tracht des Gondoliers Ihre Barke stundenlang gerudert und stundenlang
auf den Quadern des Quais auf dem Strande von Torcello und Lido gelegen hat«
Das war ebenso unbegreiflich als wahr; und die Summe von dem Allen war
endlich dass ich mich heftig in Otbert verliebte Er beschäftigte so sehr meine
Phantasie er schmolz in ihre Silberwogen die Bilder seines Wesens so anmutig
ein er funkelte und gaukelte in so poetischem Licht um Sinne und Seele dass
ich langsam und leise von unbestimmten Mächten fortgezogen wie in ein Glutmeer
von aufgelöstem Purpur Gold und Rosen hinein schwamm Ich vergaß meine
gewohnten Zweifel Fragen und Grübeleien Sie sanken gleichsam in ein
verborgenes Fach in einen tiefen Abgrund meiner Seele hinein während ich
wähnte dass sie sich in Nichts aufgelöst hätten Ich vergaß den dunkeln Strom
der sein Bett an das Ufer meiner Existenz drängte und es zu untergraben suchte
ich saß an dessen Abhang unter Blumen Lauben und Kränzen und träumte von einem
unvergänglichen Frühling
Dieser Mann so flatterhaft wankelmütig und unstät in seinen Neigungen
hatte sich seit Jahren mit dem Herzen an mich gefesselt gefühlt und keine
Trennung keine Hoffnungslosigkeit keine Entmutigung keine Lockung zu andrem
Glück hatte ihn von mir abgelöst das war Treue und aus dieser Treue hatte
er zugleich süße Befriedigung und heimlich erkräftigende Zuversicht geschöpft
das war Liebe Wie Jemand der sich körperlich überarbeitet hat und dem ein
Woltäter die Werkzeuge aus der müden Hand nimmt oder wie Jemand der sich bei
der Lösung eines Problems bis zum Schwindel angestrengt hat und endlich durch
Intuition das Wort findet so war mir zu Mut so ruhte ich in süßer
auflösender Befriedigung die als Reaction der unfruchtbaren und heftigen
Anspannung über mich kam Nie hat mir ein Mensch besser gefallen als Otbert
ging er durchs Zimmer so sah es gut aus sagte er Ja oder Nein so klang es
gut Mit seiner Meinung oder seiner Richtung war ich keinesweges immer
einverstanden aber ich betrachtete es als einen Beweis dass zwei Menschen in
einer höheren Sphäre als in der des Verstandes sich harmonisch zusammenfinden
konnten Er war ein fascinirender Mensch wenn er es sein wollte man hatte jeden
Augenblick Lust ihn zu tadeln oder Veranlassung zu Missbilligung allein man
brachte es nie dahin Eine oberflächliche Ansicht welche meint der Mensch sei
derselbe heute wie vor zehn und wie nach zehn Jahren dürfte in Erstaunen
geraten dass ich nicht früher Otberts Zauber verfallen sei Ich kann darauf nur
entgegnen früher war der Augenblick nicht für mich gekommen Das unbegreifliche
und meistens unselige Wechselspiel unsers innerlichsten Lebens hängt wie der
Klang der Aeolsharfe von unberechenbaren und unbekannten Gewalten ab Dieser
Luftzug sie tönt jener sie schweigt und noch einer sie braust Durch
welche innere Umbildungen und Umwandlungen ein Mensch geht den man doch vor
fünf oder zehn oder zwanzig Jahren in derselben Lage und Hauptrichtung gekannt
hat das freilich weiß nur er und Gott allein Wären sie nicht wie käme es
denn dass die Menschen mit Freudenflaggen ins Lebensmeer hinaus segelnd nach
kurzer Frist unter Trauerflagge heimkehrten Und der Eine hält doch das ersehnte
und errungene Weib in den Armen aber an einem erkalteten Herzen Und der Andre
trägt noch seine stolze Krone aber über einer geknickten Seele Und der Dritte
hat noch all sein Gold und all seine Schätze aber sie sind ihm ohne Wert Und
der Vierte lächelt noch immer aber aus Hohn Und der Fünfte hält noch immer so
hoch und herrscherisch sein Haupt aber heimlich verachtet er sich selbst
Du der mich liesest sprich ist es nicht so
Einst kam etwas zur Sprache was ich nie geahnt
»Ich bin nicht reich Sibylle« sagte Otbert bei ich weiß nicht welcher
Veranlassung
»Nicht reich« wiederholte ich sehr erstaunt
»Warum erschreckt Sie das«
»Es erschreckt mich gar nicht es überrascht mich nur denn wenn Sie es
nicht sind wie kommen Sie alsdann zu Ihren NabobsAllüren«
»Teils durch Gewohnheit keinen Wert auf Reichtum zu legen was zur Folge
hat dass die Leute mich für einen Millionär halten und mir Geld geben so viel ich
verlange teils spiele ich zuweilen sehr glücklich«
»Ich habe oft gehört dass das Spiel die Menschen arm nie dass es sie reich
gemacht habe außer Spieler von Profession«
»Ich verachte ein wenig jede Sorte von Profession weil sie den Menschen
kriechend vor seinen Kunden macht Aber zuweilen Sibylle bin ich in high
spirit glückerwartend glücksgewiss dann wag ich enorm auf einen Satz und der
gelingt mir alsdann immer Ich hab auch mitunter Anwandlungen von Aberglauben
von Zeichendeuterei Ich sage mir Gelingt dir dieser Wurf so ist das Glück dir
hold und dir werden noch ganz andre Dinge gelingen In solchen Stimmungen spiel
ich auch immer glücklich«
»Und wenn Sie in low spirit sind wie dann«
»Dann suche ich überhaupt gar nicht zu spielen wie ich im Allgemeinen zu
nichts Gutem fähig bin wenn ich mich matt und grundlos herabgestimmt fühle«
»Stellen Sie Glück haben und zum Guten aufgelegt sein in eine Linie« fragte
ich lächelnd
»Zuweilen warum nicht Jedem Augenblick gewachsen und für ihn tüchtig
sein ist gut sein Spiele ich so will ich Glück haben setze ich meinen
Willen durch so bin ich tüchtig«
»Ja sobald Ihre eigne Kraft Geschicklichkeit und Ausdauer Ihren Willen
unterstützt und geregelt haben« unterbrach ich ihn
»O rief er Sie können gar nicht wissen ob nicht der bloße Wille des
Menschen ohne alle jene Stützen und Regeln von einem weit beherrschenderen
Einfluss auf unsre Geschicke ist«
»Das meinte ich nicht Otbert Ich meinte nur dass wollen und das Gute wollen
zweierlei sei«
»Leider ist es im Allgemeinen so denn der Mensch ist zugleich roh und
beschränkt Wenn er seinen Willen von seiner individuellen Bedürftigkeit
abklärte und ihn über den Horizont seiner Persönlichkeit hinaus erweiterte
wenn er sich zugleich feiner und freier aus der Brutalität und aus der Sklaverei
seines Ichs heraus schälte so würde wollen und das Gute wollen immer
zusammenfallen«
Das Gespräch spann sich leicht und angenehm mit Otbert fort und ich vergaß
gänzlich dass er mir zwei Dinge gesagt die mich im Grunde höchst unangenehm
berührt hatten dass er enorm spiele und keine Vermögen habe Ich meiner Natur
nach legte kein Gewicht auf Reichtum weil ich aus Erfahrung wusste wie leicht
ich ihn entbehren könne denn ich hatte über zwei Jahr mit der größten
Einschränkung in Engelau gelebt und mich nicht unglücklicher gefühlt als in Rom
Paris und London wo ich mit der unsinnigsten Verschwendung lebte Allein grade
jene zwei Jahr in Engelau hatten die Ansicht in mir gereift dass ich das
Vermögen meiner Vorfahren auch auf meine Nachkommen übertragen dass es durch
meine Hand gehen jedoch nicht in derselben aufgehen müsse Astraus Verfahren
welches ich sehr richtig mit NabobsAllüren bezeichnet hatte beklemmte mich wie
eine unheimliche Ahnung und umsomehr als mir meine Besorgnis um Geld und Gut
wie ein Zeichen gemeiner Gesinnung vorkam
Unbehaglicher noch als diese Entdeckung war mir die Eifersucht die Astrau
gegen Sedlaczech an den Tag legte weil es mir unmöglich schien dass er sie
wirklich empfinden könne Er hatte mich ja monatelang als Nino in der größten
Zwanglosigkeit meines Lebens beobachtet hatte wahrnehmen müssen dass eine
ernste fast mögt ich sagen schüchterne Freundschaft zwischen mir und
Sedlaczech walte dass ich ihn nicht einmal in der vertraulichen Weise eines
langjährigen Lehrers und Hausfreundes behandle dass mehr Zurückhaltung als
Hingebung mehr Schweigen als Reden zwischen uns herrsche woher denn der
lächerliche Verdacht Das sagte ich ihm einmal zwanzig Mal Umsonst Er blieb
bei seiner Behauptung Sedlaczech sei ein höchst gefährlicher Mensch der mich
liebe und der eher sterben als mir seine Liebe gestehen werde und ob ich
glaube dass es ihm gleichgültig sein könne mich neben einem solchen
unterirdischen Vulkan zu wissen
»Warum nicht sobald Sie die Überzeugung haben dass nie ein Ausbruch kommen
wird« fragte ich sorglos
»Sehen Sie wie sich Ihre geheime Überzeugung in dieser Äußerung verrät«
brach er aus
Ich besaß die Eigenschaft aller stolzen Seelen dem Vorwurf und besonders
dem ungerechten Vorwurf gegenüber schwieg ich kalt Meine Gedanken dabei waren
Hab ich den Vorwurf verdient so darf ich nichts sagen hab ich ihn nicht
verdient so weiß ich nichts zu sagen Und hier allerdings wusste ich gar nichts
Beruhigendes anzuführen als mein Leben und das sollte nicht gelten
Auf seinen Knien bat Otbert mich endlich Sedlaczech zur Abreise zu
veranlassen
»Wie eine finstre Wolke steht er in unserm Frühlingshimmel rief er lassen
Sie ihn doch gehen Ich fühle mich so bedrückt durch ihn wie ehedem Venedig
durch die Staatsinquisition Er ist mir nun einmal antipatisch und macht mein
ganzes Nervensystem auf die peinlichste Weise vibriren Verstehen Sie das nicht
gibt es nicht auch für Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wohl oder
weh wird ohne dass Sie sich über das Warum Rechenschaft ablegen könnten Nun
sehen Sie er tut mir weh durch Nichts wenn Sie wollen dh durch
Alles«
»Ein edler Sinn ein hohes Herz ein reicher Geist müsste sich durch das
Gleichartige nicht abgestoßen sondern angezogen fühlen Otbert und sich hüten
flüchtige Launen als unüberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus
wurzelnde Antipathie zu betrachten«
»Sibylle glauben Sie nicht dass um jedes Geschaffne heiße es Gestirn oder
Grashalm Mücke oder Mensch eine ihm und nur ihm angehörende Atmosphäre
schwebt welche sich aus seiner GesamtEigentümlichkeit entwickelt Bei jeder
Pflanze jedem Baum ist sie wahrzunehmen die Einen üben gedeihlichen Einfluss
auf einander die Andern schädlichen gar vernichtenden Die feine und reiche
Organisation des Menschen ist dieser Eigentümlichkeit aller Naturwesen nicht
enthoben Im Gegenteil die Uressenz seiner Individualität macht sich um so
stärker geltend je mehr diese ausgeprägt je origineller sie geblieben ist und
der Duft der Äther das Unfassbare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen
leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt übt auf andre Organismen
eine ebenso entschiedene Anziehungs und Abstossungskraft wie der Magnet nur das
Eisen wie die Erde nur den Mond an sich zieht wie das Glas springt wenn der
Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert Warum zieht der
Magnet nicht das Gold an warum rollt nicht der Sirius um die Erde warum
springt von funfzig Gläsern nur dies eine weil da der Zusammenhang in der
Uressenz fehlt«
»Das sind Phänomene über welche die Natur einen Zauberschleier wirft den
die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann unterbrach ich ihn allein der
Mensch kann mit dem Licht des Bewusstseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand
leisten«
»Er kann es wenigstens versuchen und er soll es entgegnete Astrau Aber
bei diesen Versuchen ereignen sich Phänomene andrer Art Hier sehen Sie ein Paar
Eheleute dort Mutter und Tochter da zwei Brüder sich abarbeiten in dem
Bestreben zu einem zufriedenstellenden erträglichen Verhältnis zu gelangen Wäre
ein Teil lasterhaft und der andre tugendhaft der eine ein Spitzbube der
Andere ein Ehrenmann so erklärte sich die Unvereinbarkeit der Naturen Aber
nein es sind Beides brave Menschen Beide geben sich redlich Mühe doch
umsonst sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen fühlen sich
gedrückt gehemmt elend oft ohne die Ursach zu wissen oder sich selbst
eingestehen zu wollen Es kommt eine unwillkürliche Erstarrung über sie eine
Lähmung ihrer edelsten und feinsten Fähigkeiten und das schwindet und
zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einfluss enthoben und unter einen
woltätigen gebracht sind Dann kommen sie zu Atem und zu Besinnung und müssen
dennoch zugeben dass die Menschen bei denen sie sich wohl fühlen nicht besser
nicht klüger nicht tüchtiger als Jene sind allein sie haben einen gemeinsamen
und homogenen Lebensäter Sedlaczech und ich wir haben einen heterogenen«
»Otbert Otbert es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und
Jeder von uns hat gewiss dergleichen Erfahrungen gemacht Aber man muss behutsam
zu Werk gehen wenn man diese Richtschnur brauchen will man muss sich möglichst
partei und leidenschaftlos möglichst menschenfreundlich und unselbstsüchtig
erhalten man muss eine Seele von der sensitivsten Zartheit haben sonst wird
man in die schneidendsten Ungerechtigkeiten und in die wunderlichsten und
traurigsten Irrtümer verfallen Der Mensch durch Kultur der Sphäre seiner
primitiven Begabung entrückt durch Zivilisation zu einer künstlichen
ausgearbeitet durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder
zugestutzt durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung
des Menschen durch persönliche Erfahrungen bald misstrauisch bald
blindvertrauend gemacht der Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt ihren
Einflüssen Regeln und Gesetzen untertan durch sie gesäugt von ihnen gewiegt
sollte eine solche clairvoyance der Erkenntnis haben dass dieselbe mit seinem
dunkeln Instinkt zusammenfiele und ihn sicherer führte als Beobachtung und
Prüfung«
»Meine arme Sibylle entgegnete Otbert mitleidig Beobachtung und Prüfung
führen uns meistenteils so verkehrt und in die Irre dass der Instinkt wenig zu
tun braucht um es besser zu machen Ich für meine Person halte es wenn es
auf ein Urteil ankommt in den meisten Fällen mit dem Ergebniss der
unwillkürlichen unräsonirten Regung denn unser mehr oder weniger sophistisches
Räsonnement durch das zweifelnde Dämmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet
als erleuchtet ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu
machen«
»Das ist richtig entgegnete ich traurig Ach wie er es auch beginne dem
Menschen vom Mittelschlag ist Irrtum und Täuschung gewiss Unsre unvollkommnen
Fähigkeiten werfen ihren tiefen Schatten über die flüchtige Erkenntnis die
zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der
Alltäglichkeit zu verschwinden«
»O mein Engel nichts von diesem Rückfall ins Schattenreich rief Otbert
kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick
seiner glänzenden schwarzen länglichgeschnittenen Augen Sieh ich bin wie
Orpheus ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht gefunden
befreit ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht zum süßen
Liebesleben empor ich bin freudezitternd über meinen Sieg und meine Seligkeit
o jetzt keinen Rückblick mehr keine Gemeinschaft mit den Schatten der
Vergangenheit Sieh Sedlaczech gehört ihr an er ruft jene empor
unabsichtlich nur durch sein Dasein Lass ihn gehen Sibylle o ich möchte Dich
von der ganzen Welt isoliren alle früheren Eindrücke aus Dir verwischen damit
Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest«
Mit welchen Gründen sollte ich diese Bitten und Wünsche abweisen Ich hatte
keine Wir waren im Mai im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und
uns dort verheiraten Wollte Otbert in seiner jungen Häuslichkeit keinen
Dritten haben ich begriff das allein jetzt einen Mann zu entfernen meinen
Lehrer Freund und Gast den ich eingeladen hatte das schien mir tyrannisch
gegen mich und roh gegen Sedlaczech Und dennoch erfüllte ich Astraus Wunsch
So wie ich den Entschluss gefasst ihn zu heiraten hatte ich denselben gegen
Sedlaczech ausgesprochen Er antwortete mir nichts als
»Gott segne Sie in all Ihrem Tun«
Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch
schweigsamer und zurückhaltender in meiner Gesellschaft Zuweilen in Otberts
Gegenwart angeregt durch dessen Gespräche wurde er lebhaft und mitteilend
und dann gab es keinen größeren Kontrast als diese beiden Männer sowohl in der
äußeren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung Astrau ein
Sohn der Sonne glänzend prächtig herrschend siegesgewohnt und bewusst ein
heitres süßes Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend die
Schatten fliehend also auch Wehmut Kampf und Schmerz fast ängstlich
vermeidend ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen dem Alles
geglückt war was er sich je in den Kopf gesetzt und daher von einem
Selbstvertrauen ohne Gleichen das ihn zu seinem eignen Gott erhob Sedlaczech
eine Mondscheingestalt die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen
dahin glitt ein Verstossener aus den Reihen der sogenannt Glücklichen der Welt
von der größten Schüchternheit wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe
Erfahrungen das mit sich brachten von der nachhaltigsten Ausdauer die aus dem
unabweislichen Instinkt seines Genies hervorging voll tiefem Glauben an
göttliche Führung daher voll tiefer Überzeugungen und gewappnet zu jedem
Kampf stolz genug um stets das Bewusstsein festzuhalten dass er seinen Weg
erkannt habe und verfolgen müsse und wenn auch nicht Einer dies anerkenne aber
nicht eitel genug um im Selbstvertrauen eine Bürgschaft zu finden dass seine
Kräfte ausreichen würden für die Mühsale des Weges Astrau dem Beifall der Welt
entrückt würde vielleicht ohne poetische Inspiration geblieben sein und gewiss
nicht das Bedürfnis gehabt haben sich ihr hinzugeben Er behauptete zum
Improvisator oder zum Schauspieler geboren zu sein da nichts ihn so anfeure und
belebe als die elektrische Spontaneität der geistigen Berührung zwischen einem
solchen Künstler und der bewundernden hingerissenen atemlosen Menge
Sedlaczech würde in der tiefsten Einsamkeit die mächtigsten Inspirationen gehabt
und sich durch sie beseligt gefühlt haben wenn auch deren Blüten seine
Schöpfungen nie für ein menschliches Ohr erklungen wären Jener lechzte nach
Lob und Schmeichelwort dieser wehrte kühl auch den geringsten Ausdruck des
Beifalls ab Astrau wollte die volle Huldigung der Zeitgenossen Sedlaczech
schmachtete nach dem Ruhm der Nachwelt Jener sagte
»Wer die Gegenwart beherrscht indem er ihrer Gesinnung den entsprechenden
Ausdruck leiht und die in ihr gährenden Elemente in eine klare feste Form
gießt welche sich jedem Auge als das tausendmal geträumte Bild befreundet
entgegenstellt der ist der König seiner Zeit und es ist gleichviel ob eine
spätere ihn dafür anerkennt da ohnehin die frühere es nicht kann Für eine
Epoche ist der Mensch geboren drum soll er sie füllen wenn er es vermag Das
ist sein echter lebendiger Ruhm Der tote Nachruhm ferner Jahrhunderte beweist
sehr häufig dass der Berühmte seine Zeit und seine Mission nicht verstanden hat«
Sedlaczech sagte gelassen als ob es sich um die einfachste Sache der Welt
handle »Ich bin nur durstig nach Unsterblichkeit und nach dem Bewusstsein dass
ich gestrebt habe als ob ich sie verdiente«
»O rief ich dazwischen wie seid Ihr glücklich Ihr Beide dass Ihr eine
Idee habt welche Euch in jedem Moment beseelt welche Ihr mit jedem Atemzug
verfolgt woran Ihr Eure Seele unabtrennbar vor Anker gelegt habt so dass Ihr
nie in der Irre auf diesem ungeheuren Ozean umhertaumelt den man Leben nennt
Ihr wisst was Gott mit Euch will Ihr lebt seine Idee in Euch aus sei das
nun groß oder klein viel oder wenig hoch oder niedrig in den Resultaten
einerlei Ihr verfolgt Euer Ziel Astrau will den Genuss Sedlaczech will das
Streben o Ihr Beneidenswerten Was will denn ich Was will denn Gott mit
mir Nichts nichts und abermals nichts Und so verfalle ich denn auch dem
Nichts«
»Und Sie wähnen zu lieben Sibylle rief Otbert heftig bewegt Ein Weib das
liebt hat nie gefragt was Gott sonst noch mit ihm wolle«
»Auch ich werd es lernen ohne zu fragen Otbert sagte ich herzlich und gab
ihm die Hand Es ist nur so schwer sich von alten Gewohnheiten loszumachen«
Als Otbert mir aber in Folge dieses Gesprächs vorwarf ich hätte mehr
Teilnahme für Sedlaczechs Lebensanschauung als für die seine an den Tag gelegt
so beschloss ich diesen Quälereien ein Ende zu machen und Letzterem offenherzig
zu sagen um was es sich handle Ich tat es
»Lieber Meister sagte ich ich weiß nicht ob Sie wissen dass die Männer
wunderliche Grillen haben und dass vor allen Anderen die Liebenden sich darin
hervortun«
»Inwiefern könnten Graf Astraus Grillen mich betreffen« fragte Sedlaczech
trocken
»Grade Sie entgegnete ich tötlich verlegen und daher mit erzwungener
Munterkeit Er findet Sie zu liebenswürdig um neben Ihnen seiner eignen
Liebenswürdigkeit gewiss zu sein und das beklemmt ihn«
Sedlaczech legte seine seltsamen Augen mit einem langen Blick auf mich
sagte dann ruhig
»So leben Sie denn recht recht wohl und in eine glückliche Zukunft hinein«
schüttelte mir die Hand und wollte gehen
»Aber wohin werden Sie denn gehen rief ich beängstigt Und soll ich nichts
von Ihnen hören und Sie nicht wiedersehen Ach Gott Sie sind mir wie ein
Vermächtnis meiner lieben Toten ich hätte so gern mit Ihnen fortgelebt wie
bisher«
»Ich auch sagte er traurig setzte dann aber gleich freundlich hinzu Einem
großen Glück müssen kleine Opfer gebracht werden teure Sibylle halten Sie das
recht fest jetzt da Sie in neue Verhältnisse treten und lassen Sie getrost
alles Unwesentliche wodurch es gestört werden könnte fallen«
»Also glauben Sie doch wirklich an ein großes Glück für mich rief ich
hofnungsfreudig Ich gestehe Ihnen mir schien zuweilen als ob Sie daran
zweifelten«
»Kein Mensch begreift ein fremdes Glück das Paradies des Einen würde des
Andern Hölle sein Dass ich Ihr Glück inbrünstiger wünsche als irgend Jemand
das weiß ich sonst nichts Ich denke nach Rom zu gehen setzte er
abbrechend hinzu um die neue römische Kirchenmusik kennen zu lernen da man die
alte vielleicht nirgends seltener hört als dort in der Charwoche ausgenommen
Ich habe viel zu arbeiten zu studieren zu vollenden und ich denke es wird mir
wohl gehen in der Heimat Palestrinas«
»Aber wie womit werden Sie leben« fragte ich schüchtern
»Wie sonst ich habe ja meine alten Hilfsmittel und überdas wenig
Bedürfnisse Ich habe mein Leben nicht darauf eingerichtet stets in einem Palast
Gradenigo zu wohnen fügte er lächelnd hinzu und in einer einsamen Hütte
braucht man nicht viel«
Ich weiß nicht warum allein mir wurden die Augen feucht
»Grämt Sie das Sie Verwöhnte dass der Mensch wenig bedarf« fragte er
liebreich
»Dass Sie gehen grämt mich rief ich mit heißen Tränen und dass Sie in die
einsame Ferne wo Niemand Ihrer harrt ziehen grämt mich noch mehr Wüsst ich
Sie glücklich seis in Rom seis am Nordoder Südpol ich würde nichts sagen
aber jetzt muss ich weinen«
»Leben Sie wohl Sibylle« sagte er mit bebender Stimme mit schimmerndem
Blick und reichte mir abermals die Hand
Ich umklammerte diese Hand mit der Linken ich legte die Rechte auf seine
Schulter und sagte
»Vor Jahren ich selbst weiß nicht mehr vor wie langen Jahren hab ich
Sie einmal beten sehen das was ich beten nenne nicht bitten um irdische Güter
oder himmlische Gaben sondern die Seele aufschwingen zur Ruhe in Gott Seitdem
Fidelis hab ich viel gesehen und viel vergessen aber wie Sie beteten
hab ich nie und nimmer vergessen Nun sagen Sie mir können Sie noch jetzt so
beten«
»Jetzt erst recht« sprach er fest
Ich trat zurück faltete meine Hände vor der Brust und rief »Nun so gehen
Sie denn Sie gesegneter und verehrter Mensch und wenn ich dessen würdig bin
so gedenken Sie meiner Seele in Ihrem Gebet damit sie im Schutz der Ihren zu
Gott komme«
Eine Welt von extatischen Empfindungen trat während ich sprach in
Sedlaczechs Antlitz Als ich schwieg legte er wie aus einem Traum erwachend die
Hand über die Augen neigte sich stumm und tief vor mir und verließ langsam mein
Kabinet
Otbert schloss mich freudig in seine Arme als ich ihm Sedlaczechs
bevorstehende Abreise mitteilte und sagte
»Sie sind so bewegt durch den Abschied Sibylle dass ich mich derselben
doppelt freuen muss«
»Durch den Abschied bin ich es allerdings entgegnete ich denn die
Entfernung einer treuen Seele tut immer weh durch unser Zusammensein bin ich
es jedoch nie gewesen«
Otbert war unendlich dankbar höchst liebenswürdig und angeregt und oft
gedachte ich Arabellas und begriff dass sie grade sie seinem Zauber nicht habe
widerstehen können Obgleich mein Bewusstsein mir sagte dass ich auf keine Weise
störend zwischen sie und Otbert getreten sei so war mir doch immer zu Sinn als
müsse ich sie heimlich meines Glückes wegen um Verzeihung bitten Einmal geriet
ich auf den Einfall ihr zu schreiben dass ich auf dem Punkt sei Otbert zu
heiraten da aber unsre freundschaftliche Verbindung seit meiner Abreise von
England abgebrochen und durch keinen brieflichen Verkehr wieder angeknüpft war
so schien es mir nach reiflicher Überlegung taktlos und grausam sie bei dieser
Veranlassung wieder anspinnen zu wollen Überdas geriet ich durch das Glück in
jene Verweichlichung welche uns ängstlich jede bittere oder peinliche Empfindung
fliehen lässt Ich wollte glücklich sein und Otberts Liebe machte mich
glücklich Seine Treue und Ausdauer hatte er mir bewiesen jetzt legte er mir
sein Bestreben an den Tag auch in seiner geistigen Richtung in seinen Studien
und Beschäftigungen meinen Beifall zu gewinnen Er arbeitete damals an seiner
reizenden »Sirene« Der Gegenstand foderte Bekanntschaft mit der venetianischen
Geschichte Wir lasen sie zusammen Wir durchfuhren und betrachteten zusammen
bis in die geringsten Einzelheiten ganz Venedig um das Characteristische und
Eigentümliche bis in dem entferntesten Winkel der abgelegensten Sandbank
aufzusuchen Wir ruhten zusammen von diesen Excursionen bei Venedigs
unvergleichlichen Kunstschätzen aus und gaben uns bei abendlichen Gondelfahrten
dem vollen Zauber dieser Feenstadt hin Zuweilen recitirte Otbert während dieser
Fahrten einzelne Strophen aus der »Sirene« welche auf die Scenerie oder auf
unsre eigene Stimmung passten oder er besprach mit mir irgend ein Bild oder eine
Idee die er dem Gedicht einverleiben wollte Zuweilen ordnete er Musik zu
unsrer Begleitung an und dann war schweigen noch süßer als reden So kam der
Julius heran den ich zu meiner Abreise nach der Schweiz festgesetzt hatte Es
war ein fürchterlich heißer Sommer die Sonnenhitze verwandelte Luft und Wasser
in geschmolzenes Blei und brütete ich möchte sagen mit dumpfer Wut über der
Lagune Ich fürchtete für Benvenutas Gesundheit ich hatte freilich wieder die
kleine Wohnung auf Torcello für sie genommen aber sie kam ihr wenig zu gut
denn die Hitze begann mit Sonnenaufgang und dauerte bis gegen Mitternacht so
dass eigentlich nur die Paar Stunden der Nacht gegen den Morgen zu Kühlung
gewährten Ich sehnte mich nach der frischen Bergluft der Schweiz Um so
überraschender war es mir als Otbert mich eines Tages bat diese Reise
aufzugeben aber sein Glück nicht länger zu verzögern Die Arbeit unter den
gegenwärtigen Verhältnissen mache ihn so glücklich die Umgebung wirke so
harmonisch mit der innern Stimmung zusammen die poetische Erregung sei so
mächtig und übersprudelnd in ihm dass ihm zu Mut sei als begehe er einen Frevel
an seiner Muse wenn er von dieser geweihten Stätte weiche Überdas sei ihm
Venedig so lieb durch die Seltsamkeit und Seligkeit des Geschicks welche er
hier gekostet habe dass er an keinem andern Ort der Welt den Moment der
Erfüllung seines höchsten Glücks erleben möge Er trug mir das Alles in seiner
Weise vor die ich unwiderstehlich fand und die Folge davon war dass Alles
genau so gemacht und eingerichtet wurde wie er es wünschte Wir wurden in aller
Stille vermält Otbert verließ das Hotel Danieli am Quai der Slavonier wo er bis
dahin gewohnt hatte und bezog meinen Palast Gradenigo Eine kleine Wohnung auf
Torcello aber eine andere als Benvenutas erwählte er sich für Stunden und
Launen in denen ihm völlige Einsamkeit notwendig sei und das fiel mir weiter
nicht auf da ich selbst mehr als jeder Andre die aller unabhängigsten ja
vielleicht grillenhafte Lebensgewohnheiten hatte
So war ich denn Otberts Frau bis dahin hatte mich eine unüberwindliche
Schüchternheit zurückgehalten mit ihm über seine pecuniären Verhältnisse
gründlich zu sprechen Jetzt tat ich es denn aus den Zeiten meiner Ehe mit Paul
wusste ich in welch ein Labyrinth von Sorgen man sich durch nachlässige
Verschwendung und gedankenlose Unordnung verwickelt
»Geliebter Engel entgegnete Otbert sehr gelassen ich habe unzählige
Schulden«
»Ich wünschte doch sehr dass Du sie zählen mögtest weiter nichts
Otbert«
»Ja sieh das werden die Leute welche mir geborgt haben wohl genauer können
als ich Mit dem unseligen Gelde war ich immer übel dran Wir haben uns nie mit
einander vertragen können drum nahm es immer mit der größten Eile bei mir
Reissaus«
»Erlaubst Du mir künftig Dein Schatzmeister zu sein«
»O rief Otbert entzückt dann wird mir das Leben noch einmal so freudig
vergehen als sonst Die Qual nie Geld zu haben und immer Geld zu brauchen ist
mit keiner andern zu vergleichen Zuweilen fühlte ich mich durch sie gelähmt an
allen Sinnen und Kräften wahrhaft elend Ich verstehe diese Geschäfte
nicht habe sie nie gelernt erwuchs als der Sohn eines reichen Mannes der aber
noch zwei Söhne außer mir hatte Nach seinem Tode wurde das Vermögen zwischen
uns und der Mutter verteilt Meine Brüder haben es verstanden reiche Männer zu
werden ich habe mich nie um mein Vermögen gekümmert meine gute Mutter hat es
nach besten Kräften verwaltet jetzt wird ihr glaub ich diese Verwaltung
nicht mehr viel Mühe machen Indessen wenn wir einmal nach Deutschland
heimkehren wollen wir doch die Sache genau untersuchen um zu erfahren was ich
eigentlich habe oder nicht habe wenns Dich interessiert mein Engel«
Nie hab ich einen Menschen gesehen der das Geld weniger beachtet und mehr
verbraucht hätte er war nichts weniger als habsüchtig er verschenkte und
verschwendete eigenes wie fremdes Gut mit derselben Fahrlässigkeit er war im
höchsten Grade freigebig und großmütig das gefiel mir sehr allein ebensosehr
missfiel mir diese bodenlose Unordnung Es kam ihm nicht in den Sinn irgend
Jemand übervorteilen zu wollen So wie seine Gelder einliefen berief er seine
Gläubiger und zahlte ihre Foderungen blieben jene aber aus oder reichten sie
für seinen Verbrauch nicht hin so beunruhigte ihn das nicht im Mindesten er
borgte aufs Neue und verzehrte in dieser Weise seine Habe Als mein Haus das
seine ward und er mir die unbeschränkte Leitung desselben übertrug ordnete ich
seine ganzen pecuniären Verhältnisse insoweit sie sich an Venedig knüpften aufs
Pünktlichste Er dankte mir herzlich aber nur für meine Mühe die Sache selbst
war ihm gleichgültig Ich fühlte mich einmal verpflichtet ihn über deren
Wichtigkeit aufzuklären Er hörte mir verwundert zu und erwiderte dann
»Lieber Engel ganz unabhängig ist auf unsrer Sclavenwelt Niemand Lebt man
wie ich so ist man wie Du ganz richtig bemerkst etwas abhängig von Juden
Wucherern und dergleichen Gesindel lebt man wie Du so ist man abhängig von
seinem Budget Der Eine fühlt sich frei durch die Ordnung in seinen
Rechnungsbüchern den Andern bedrückt der Gedanke sie in Ordnung halten zu
sollen Wenn ich gestern zehntausend Taler ausgegeben habe so weiß ich heute
kaum und morgen gewiss nicht mehr die Zahl Wozu auch Den Genuss den sie mir
verschafft hat habe ich erstrebt und erlangt und das ist der Zweck des Geldes«
Ich sah ein dass es ganz umsonst sein würde über diesen Punkt mit ihm zu
streiten Aus Neigung und Bequemlichkeit hatte er sich ein System über diesen
Zweck des Geldes gemacht wohinter er sich mit der höchsten Gelassenheit
verschanzte Ganz wahr ging er nicht dabei zu Werk wie das mit der sogenannten
consequenten Durchführung jedes Systems verbunden ist aber um so fester hing
er an demselben Kurz nach unsrer Verheiratung schickte ihm seine Mutter eine
Anweisung auf 2000 Taler wenn ich nicht irre mit der Bemerkung dies wären
seine einzigen Einkünfte für das laufende Jahr Was tat er Mir war ein
wunderschöner türkischer Shawl für einen enormen Preis angeboten ich hatte ihn
nicht genommen Otbert kaufte ihn kaufte dazu einen Kasten von Cedernholz
der im orientalischen Geschmack mit Arabesken von kleinen vergoldeten Nägeln
beschlagen war und legte mir dies Prachtgeschenk zu Füßen Ich freute mich
eigentlich nur an seiner Freude über dasselbe Er hing mir den Shawl um erst so
dann so er ließ meine übrigen Shawls bringen legte sie alle selbst in den
herrlichen Kasten und freute sich an ihrer Zartheit und ihren Zeichnungen
»Eine Schönheit wie Du muss nichts als die köstlichsten Stoffe tragen sagte
er und von den köstlichsten Stoffen umgeben sein Deine kleinen weißen
Linonkleider sind mir ganz unangenehm Warum kleidest Du Dich nicht in
ostindischen Musselin«
Ich sagte ihm ostindischer Musselin sei eine Tradition aus der Jugendzeit
unsrer Mütter und heutzutag aus der Mode Er versicherte er würde mir ein
solches Kleid verschaffen Am andern Tage erschien er triumphierend
»Siehst Du ich hab ihn gefunden den zarten wasserdünnen Stoff ich
foderte das leichteste und kostbarste der Art da bekam ich ihn gleich«
Ich öffnete das Päckchen welches er mir gab es war wunderschöner Batist die
Elle zu drei Dukaten Er war so froh über seinen vermeintlichen Fund dass ich ihn
nicht enttäuschen mochte Ich versprach mir daraus ein Kleid machen zu lassen
»ganz überrieselt von Brüsseler Kanten« Das Kleid wurde gemacht aber von dem
feinsten weichsten Musselin den ich finden konnte und als ich darin vor ihm
erschien schmückte er mich mit meinen Perlen hing mir einen Spitzenschleier
über das Haar und den neuen blassgrünen Shawl um die Schultern
»Nun siehst Du aus wie Adriatica des Dogen Braut rief er entzückt Komm
lass uns fahren«
Bei der Gondel neue Überraschung Am Tage fuhr ich immer in einer
bedeckten Abends ließ ich den Kasten abnehmen Jetzt schwebte ein Baldachin von
weißem Tafft mit Silberfranzen an allen vier Ecken mit großen Blumensträussen
geschmückt über ihr Die Polster waren ebenfalls von weißem Seidenstoff und
purpurfarbener Sammt diente als Fussteppich Sie war von elfenhafter Zierlichkeit
und gefiel mir sehr Otbert sagte
»Jetzt ist sie Deiner würdig«
Gino meinte ihm sei zu Mut als fahre er die Göttin Venus selbst und so
ging es den Kanal grande hinauf und herab von einer Barke mit Musik begleitet
Dann zur Piazzetta Ich hatte nicht große Lust in meinem etwas fabelhaften Anzug
die Gondel zu verlassen und auf den Markusplatz zu gehen doch Otbert sagte
»In Paris oder London vollends in unsern deutschen Krähwinkeln würde es
unpassend sein weil Du auffallen würdest hier ist man vernünftig und ungenirt
hier bemerkt man eine Frau um ihrer Schönheit nicht um ihres Anzugs willen
Komm nur getrost«
Die Wahrheit ist dass er Recht hatte Es war Musik und großes Gedränge auf
dem Markusplatz allein ich wurde dennoch bemerkt
»Oh che maraviglia« riefen Einige
Das machte Otbert mehr Vergnügen als mir er sah ganz freudig dazu aus und
ich ganz ernst so ernst dass eine Frau rief
»Sie ist wohl schön aber sie hat ein böses Auge«
»Nicht böse nur traurig« entgegnete ein Mann
»Wie kann man traurig sein wenn man einen so schönen und zärtlichen Gemal
hat« sprach Jene
Es gibt nichts Treffenderes und Unbefangeneres als die Auffassungs und
Ausdrucksweise des Venetianers Ein Menschenknäuel folgte uns später zu unsrer
Gondel und unsre Musiker empfingen uns weiß der Himmel warum mit einem God
save the king Die feierliche Musik ergriff die beweglichen Gemüter man rief
Evvivas und Segensworte uns zu Otbert warf eine Hand voll Geld worunter sich
einige Goldstücke befanden unter die Menge wodurch sich das Entzücken noch
steigerte Ich war froh als unsre Gondel von der Piazzetta abstiess Aber solch
ein Abend war ganz nach Otberts phantastischem Geschmack In dem Punkt
harmonirten wir mit einander nur mit dem Unterschied dass ich immer von
innerlichen er von äußerlichen Entzückungen träumte dass meine Phantasie mir
unerhörtes unsägliches aber ganz stummes Glück die seine ihm Jubelruf
Freudejauchzen und selige Huldigung einer Welt vormalte dass ich gleichsam in
einen Feenpalast unter die Meereswellen zu versinken er auf einen weithin
leuchtenden Königstron erhoben zu werden wünschte Ein andrer Zug den wir mit
einander gemein hatten war der dass wir uns den Berauschungen durch unsre
phantastischen Grillen zu sehr hingaben um je durch das was die Wirklichkeit
uns bot befriedigt zu werden
War ich nun glücklich als Otberts Frau ich wollte es sein ich nannte mich
so ich prägte mir ein dass es jetzt keine andre Möglichkeit von Glück für mich
gäbe und dass ich mein Herz diesem Bewusstsein weit weit auftun müsse Ich
bemühte mich immer tiefer in Otberts Wesenheit einzudringen sie mit der meinen
zu verschmelzen Ich studierte förmlich seine Meinungen und Ansichten um auf
dieselben einzugehen seine Wünsche um sie zu erfüllen Ich ließ keine meiner
alten Grübeleien in mir aufsteigen ob dies Gefühl nun das ächte das wahre das
unvergängliche sei ich nahm es dafür an Das machte mich sehr ruhig so ruhig
dass ich in der Erinnerung darüber staune denn es vergingen nicht sechs Wochen
unsrer jungen Ehe und Otbert bekümmerte sich gar nicht mehr um mich Ich hatte
aber ein solches Zutrauen zu ihm dass ich mit wunderbarer Gelassenheit zu mir
selbst sagte Dies ist der Moment der Reaction welche auf jede übermäßige
Anspannung des Gefühls folgt um dasselbe nach einiger Zeit ins Gleichgewicht
zurückzustellen Er hat ein Jahr in so übertriebener grenzenloser Erregteit
zugebracht wie sie auf die Dauer unmöglich zu ertragen ist Er muss sich jetzt von
dem Schwung ausruhen aus der Sphäre der Imagination in die des Herzens
zurückkehren und seine Liebe in dem schlichten gesunden Erdboden des Gefühls
statt in dem Treibhauskasten der Phantasie wurzeln lassen Die Verpflanzung
einer so zarten Blüte lässt sich nicht ohne einen gewissen leichten Choc
bewerkstelligen aber nach demselben kommt sie erst recht zu ihrer
eigentümlichen Kraft und Entfaltung
Meine Betrachtung war ganz richtig und fast auf jedes Verhältnis das neu
gegründet wird anwendbar möge es Liebe Freundschaft Ehe sogar untergeordnete
Zustände betreffen Im Allgemeinen ist der Moment einer Verbindung welcher Art
sie sei zufriedenstellend in der Folge entwickeln sich deren Schattenseiten
das pflegt man Enttäuschung zu nennen es ist aber nur die sehr natürliche
Reaction die auf alle Übertreibungen in der Empfindungs oder Handlungsweise
folgt Haben sich die gährenden Elemente abgeklärt und gesetzt so tritt bei
gut und glücklichgearteten Menschen die dritte Epoche dauerhafter Befriedigung
ein oder entschiedene Trennung wenn nicht des Lebens doch der Gemüter
falls ein Irrtum sie zusammengeführt hat Ich traute mir Kraft zu um zu dieser
dritten Epoche durchzudringen und in Otbert setzte ich sie voraus weil seine
standhafte Ausdauer mich dazu veranlasste Nur vergaß ich seinen Charakter dabei
in Anschlag zu bringen Er begehrte immerwährend in Atem gehalten in Feuer
gesetzt in Emotionen geschleudert zu werden um Flammen zu werfen und sich an
denselben zu wärmen und zu ergötzen während sie Andre blendeten und zur
Bewunderung hinrissen Hätte ich ihn zehn Jahre lang die Komödie seiner Liebe
spielen lassen und derselben mit Interesse zugesehen so würde ihn das
unbeschreiblich an mich gefesselt haben Er empfand dabei den feinen und
lebhaften Genuss den ein guter Schauspieler haben mag wenn er sich ganz in seine
Rolle versetzt und als Hamlet oder Wallenstein glänzenden Beifall einerndtet
unwillkürlich traut er sich die Ader des Philosophen oder des Feldherrn zu So
glaubte Otbert in der Tat etwas an seine Liebe für mich Wie der Schauspieler
wenn er die Bühne verlassen hat und neue Rollen zu studieren findet allmälig
seine WallensteinsLaunen vergisst um etwa ein Marquis Posa zu werden so ging es
auch Otbert nur mit dem Unterschied dass bei ihm die Natur bewirkte was beim
Schauspieler die Kunst Ich habe es schon einmal gesagt und ich muss es jetzt
wiederholen um sein Bild zusammen zu fassen er war nicht gradezu falsch
lügenhaft heuchlerisch er hatte es nur durch unbewusste Missachtung der
Wahrhaftigkeit zu einer solchen Schauspielerschaft gebracht dass sie ihm zur
zweiten Natur ward und in jene Missachtung war er allmälig durch seine
grenzenlose Eitelkeit verfallen er wollte das Idol der Welt sein Dies war das
Haar an welchem der Satan ihn hielt Sprach der zu Otbert Bete mich an und du
sollst König sein König der Liebe des Ruhmes der Ehren der Herrlichkeit
so betete Otbert ihn unbedingt an
Es war übel für mich dass ich nicht im Stande war Otberts Talent so über
Alles zu bewundern wie sein Beifallsdurst es erheischte Er warf mir häufig vor
dass alle Welt ihm höhere Anerkennung schenke als ich Ich entgegnete einmal
»Ich liebe Dich selbst so sehr dass ich Dein Talent mit in den Kauf nehme
ohne es besonders in Anschlag zu bringen«
»Kühl wie Kordelia« rief er spöttisch
»Und wahr wie sie« entgegnete ich sanft
Ich fand seine Gedichte lieblich harmonisch und doch auch tief und kräftig
aber Otbert erschien mir nicht als der erste Dichter der Welt nicht als ein
gewaltiges Genie nicht als ein deutscher Byron Letzteres besonders war seine
heimliche Sehnsucht Es war sehr natürlich dass in Venedig wo Byron so viel so
gern und vor wenigen Jahren gelebt hatte unsre Gespräche sich häufig um ihn
bewegten und da hatte ich ebenso häufig Gelegenheit jene Schwäche Otberts zu
bemerken Da ich wirklich fürchtete dass sie ihn in eine falsche Richtung werfen
könne so warnte ich ihn einmal sich durch seine Bewunderung für Byron nicht
beherrschen und zur Nachahmung hinreißen zu lassen
»Du musst auf andern Wegen gehen als er setzte ich hinzu Du hast nicht
seine wilde schroffe melancholische Seele wie könntest Du seinen Genius
haben«
»Also Du meinst ich hätte eine zahme schlaffe lustige Seele entgegnete
Otbert tiefgekränkt Mit einer solchen kann man freilich nur ein jämmerlicher
Dichter sein«
Meine aufrichtigen Versicherungen dass es mir nicht eingefallen sei ihn zu
Gunsten Byrons herabsetzen zu wollen versöhnten ihn ganz und gar nicht
»Du deprimirst mich wenn Du mich so sehr gering achtest entgegnete er Das
ist für mich wie Regen auf den Flügeln des Vogels er kann nicht fliegen Wenn
nicht einmal die Nächsten die Liebsten mich ermuntern woher soll mir dann die
Zuversicht kommen Und sage mir nicht dass ich auf Dein Urteil nicht zu hören
brauche Sibylle Du hast ein feines und richtiges Urteil überdies höre ich
auf ein jedes um wie viel mehr auf das einer geliebten Frau«
»Wenn ich nicht fürchtete aufs Neue etwas Ungeschicktes zu sagen entgegnete
ich verschüchtert so würde ich meinen dass Du nicht auf jedes Urteil als auf
einen massgebenden Richterspruch hören solltest Du magst sie anhören als ebenso
viel Beweise verschiedenartiger Ansichten allein Dich danach richten
niemals«
»Du hast eine schroffe wilde Seele Dir würde in der Vereinzelung nicht weh
sein Aber ich kann ohne Teilnahme und Wolwollen nicht leben nicht atmen
nicht denken nicht dichten nichts ich werde dann eine tote Sache und höre
auf Mensch geschweige Dichter zu sein«
»Der innigste Zusammenhang mit dem All das Verständnis der Menschenseele in
ihren verschleierten Tiefen auf ihren äterischen Höhen die Ahnung ihrer
Qualen und Wonnen die Erkenntnis der Natur, nicht nach den Regeln der
Wissenschaft, sondern nach geheimnisvollen Anschauungen und mehr als das
Alles ein starkes Herz vom Strom der Empfindung umbraust und nie
untergewirbelt das Otbert sind nach meiner Meinung die Nervenfaden durch
welche der Dichter feiner und fester als jeder Andre mit der Menschheit
zusammenhängt Allein banales Wolwollen Aller für ihn folgt daraus nicht im
Gegenteil so ein Dante so ein Byron konnten nicht ein gelassenes Wolwollen
einflößen Sie sind unendlich geliebt und unendlich gehasst Denke doch nur welch
einen Eindruck das machen muss wenn die Welt der Liliputaner so einen Titanen
über sich dahin schreiten sieht und von ihm nur als Gattung nicht als so und so
viel wichtige Individuen betrachtet wird und an die Schläfrigen die Trägen
die Engherzigen denke welche sein dröhnender Schritt aus ihrem bequemen
Halbschlummer weckt und aus den Träumen welche auf schmackhafte Kost und leckere
Genüsse folgen wie die ihm zürnen werden und an die Zaghaften die
Schüchternen denke welche sich in ihrem Kämmerlein in ihrem Hüttchen
verschanzt haben gegen Eindringlinge und denen plötzlich etwas wie Fanfaren zu
Kämpfen Schlachten und Triumphen ins Ohr klingt wie die erschrecken müssen
als ob ein Feind nahe und an die Wolgesinnten denke denen es so herrlich auf
der Welt geht dass sie meinen diese wundervolle Welt müsse in Ewigkeit in ihrer
gegenwärtigen Gestaltung fortbestehen wie die ihn verachten werden den rohen
uncivilisirten Titanen der gelassen sagt sie tauge so gar viel nicht Das
bedenke und dann sage mir glaubst Du dass aus diesen Jammerseelen die
Opferflamme und der Weihrauchduft der Begeisterung und Liebe aufschlagen könne
Nimmermehr mein armer Otbert nimmermehr was die bewundern was die mit ihrem
Wolwollen beehren das muss ihres Gleichen sein und mit ihnen Schritt halten
das muss ihren Schwächen schmeicheln und ihre Niedrigkeit Hoheit nennen Ich
zweifle nicht dass in diesem Sinn sehr viele Verse gemacht sein mögen ich sage
nur dass kein Dichter sie je gemacht hat«
Wenn ich in dieser lebhaften Weise sprach gefiel ich ihm außerordentlich
»Meine Muse rief er Königin meiner Seele führe mich zu irgend einem Stern
empor wo ich an Deiner Seite das Reich des Genius gründen könnte Die Aera
Deiner Ideen ist nicht unser Jahrhundert Was Du begehrst vom Menschen vom
Dichter hat Keiner geleistet und wird kein Sohn des Staubes je leisten Er ist
nicht so unantastbar und unwandelbar wie Du ihn träumst denn ewig wandelt er
unter nicht über dem Geschick Haben ihm die Götter einen Silberpanzer an den
Sonnenstralen geschmiedet der ihn schützt gegen Pfeile von Menschenhand so
glaube Du jetzt mir unter dem Panzer im eignen Busen hegt er den Geier der ihm
das Herz abfrisst und ihn in namenloser unruhvoller Qual umhertreibt grade wie
Dante grade wie Byron O Sibylle zu jenem alten gemarterten Titanen
Prometeus der ein Dichter der Menschheit im größten Styl war kamen die
Oceaniden um mit ihm zu klagen denn menschliche Klage reichte für dieses Leid
nicht aus O wünsche mir nicht die einsame Felsenklippe auf dem Kaucasus gönne
mir das schöne reiche bunte Leben zwischen unsers Gleichen«
»Ich stelle mir zuweilen vor entgegnete ich das Wesen sehr begabter
Individualitäten sei irgend einer elementarischen Essenz irgend einem
Naturwesen entlehnt und mit menschlichem Geist und Körper verwebt Deren
Sympatien und Neigungen verrieten alsdann stets die ursprüngliche
Verwandtschaft In Dich ist gewiss ein Sonnenstral hineingesponnen Otbert so
glänzend funkelnd helle und licht bist Du«
»Das klingt lieblich Schmeichlerin aber nun in Byron«
»Ein trauriger Stern«
»Und in Göte«
»Ein Regenbogen«
»Und in Beethoven«
»Ah in den die ganze Welt«
»Und in Dich selbst«
»Nichts oder Staub was dasselbe ist.«
»Das ist falsch Meereswellen sind in Dir und weißt Du wohl dass sich aus
Deinem Einfall ein wunderniedliches Gedicht machen ließe und schenkst Du mir
wohl Deinen Einfall«
»Gewiss lieber Otbert bei mir liegt er roh und grau wie ein Kiesel da Du
schleifst ihn ab und erst dann wird etwas draus Aber warum arbeitest Du nicht
an der Sirene«
»Sie schläft Sibylle und ich möchte sie mit meinen Liedern wecken«
Allein er verfiel auf tausend andre Dinge die ihn von der Arbeit abhielten
auf das Studium von ich weiß nicht welcher orientalischen Sprache im armenischen
Kloster von San Lazaro auf eine Regatta die er für die Gondoliere
veranstalten und an der er Teil nehmen wollte Er übte sich stundenlang in der
Lagune zu rudern und vor der Hand mit Gino Wettkämpfe anzustellen bei denen er
immer sagte
»Gino wenn Du siegst geb ich Dir drei Dukaten wenn ich siege
Stockprügel«
Dadurch war er sicher dass Gino aus Gier nach dem Gelde die Höflichkeit des
Dieners gegen den Herrn aus den Augen setzen werde Später nachdem er sich
genug geübt hatte fand die Regatta wirklich statt und Otbert empfand bei ihrer
Veranstaltung das größte Vergnügen Er hatte sich eine leichte zierliche Barke
und einen Gondolieranzug von Tafft machen lassen der ihm ungemein gut stand er
hatte ferner drei Preise für die Sieger und für jeden Teilnehmer ein kleines
Geldgeschenk bestimmt Trotz des Wetteifers den er zwischen ihnen entzündete und
wodurch er sie zur Entfaltung ihrer Kraft und Geschicklichkeit anfeuerte ward
ihm dennoch die Freude zu Teil der Dritte am Ziel zu sein und sich dadurch und
durch seine Freigebigkeit die Liebe und Verehrung der Gondoliere in einem
solchen Grad zu erwerben dass sie ihn fortan ihren König nannten
Dies beschäftigte ihn in unglaublicher Weise und als ich ihm einmal meine
Verwunderung über das lebhafte Interesse aussprach das er im Stande sei an
solchen Beschäftigungen zu nehmen entgegnete er noch verwunderter
»Begreifst Du nicht welch ein unaussprechlicher Genuss darin liegt in jeder
erreichbaren Region der Erste zu sein arme Sibylle Das gewährt stets eine süße
Berauschung und in derselben atme ich mehr poetische Inspiration ein als mit
der Feder in der Hand am Schreibtisch Alles was das Herz klopfen macht ist des
Dichters Element wenn nicht der Dichter ein engbrüstiger Duckmäuser ist der
sich vor dem starken Herzschlag fürchtet als ob es krankhaftes Herzklopfen sei
Ich bekenne Dir dass mir die Bewunderung meines geschickten und starken
Ruderschlages meiner Leutseligkeit und Großmut von Seiten der Gondoliere zu
Zeiten viel angenehmer viel erfrischender ist als das fade Lob irgend eines
kritischen Journals oder eines eleganten Salons«
Das begriff ich außerordentlich gut was ich nicht begriff und was ich
unmöglich an Otbert sagen konnte war die Frage warum er mich wohl eigentlich
geheiratet haben könne Es gab eine Antwort auf dieselbe allein mir grauete
sie mir zu geben sie hieß Um eine reiche Frau zu haben Denn von einem
intimen traulichen Leben schwand jede Spur immer mehr und mehr Er musste sich
beständig neue Interessen schaffen und um so heftiger sein Wunsch und sein
Bestreben mich zu gewinnen gewesen war um so größer war die Lücke welche auf
deren Befriedigung folgte um so eifriger suchte er sie auszufüllen Den Winter
verlebten wir in dem lebhaftesten gesellschaftlichen Verkehr Es waren viele
Fremde in Venedig Der Karneval war außerordentlich munter und besonders darum
so lustig weil das Volk mehr als an jedem andern Ort Rom nicht ausgenommen
Teil daran nimmt Weil man nur zu Fuß oder in der kleinen unscheinbaren Gondel
seinem Vergnügen nachgeht so tritt eine äußere Gleichheit der Zustände ein
welche da nicht statt findet wo die eine Hälfte der Teilnehmer den Wagen und
Pferden der andern Hälfte beständig ausweichen muss Dies ist zu jeder Zeit ein
auffallender und ganz characteristischer Zug von Venedig gewesen welchem auch
das von je her zwischen Volk und Vornehmen herrschende gute Einverständnis
entspricht da war weder Neid noch Missgunst auf der einen weder Hochmut noch
Unterdrückung auf der andern Seite sie waren Alle Kinder der Lagune und Alle
von der Regierung auf gleiche Weise überwacht Damals war das alte Regiment der
Republik erst vor einem Menschenalter zu Grunde gegangen folglich hatte dessen
alter tausendjähriger Einfluss noch nicht verwischt werden können. Er lebte fort
in Gewohnheit Sitten und Gebräuchen und was von denselben in fröhlicher
Ungezwungenheit zum Vorschein kam sprach mich ungemein an durch ein
eigentümliches Gemisch von Harmlosigkeit Mutterwitz und Schlauheit
Dennoch nahm ich im Grunde nur Teil an diesen Vergnügungen um mich nicht
meinen Gedanken hinzugeben Ich floh sie instinctmässig mir war als müssten sie
mich in ihrem Strudel verschlingen Ich wollte mich betäuben gegen meine eigene
heimlich anpochende Angst mich klammern an mein Glück und meine Liebe nicht
weichen von dem Boden des Bewusstseins einen Platz gefunden zu haben auf dem ich
eine ernste dauernde Befriedigung gewähren und empfangen könne Ich lebte auch
sehr gut mit Otbert freundlich teilnehmend allein lauter und immer lauter
wollte in mir eine Stimme sprechen »Aber dies Alles soll doch wohl nicht Glück
und nicht Liebe sein es wird nur so genannt und wie heißt es denn in Wahrheit?
sollte es wohl Komödie heißen welche die Menschen mit einander spielen um
die Hohlheit des Lebens mit einigen bunten Fetzen aufzuputzen« Es war eine
fürchterliche Zeit ich ging wie ein Seiltänzer der Turmspitze zu die ich mein
Ziel mein Glück nannte und fühlte dabei wie der Schwindel in mir aufstieg
mich umspann mich umschwebte dass es mir schwarz vor den Augen ward und wie
ich ihn überwinden müsse um nicht einen grässlichen einen zerschmetternden Sturz
zu tun und wie dabei das Herz immer schwerer der Fuß immer lahmer der Blick
immer umflorter werde So durchlebte ich den Winter so den Frühling ich war
nun zwei Jahr in Venedig Ich schlug Otbert einen Sommeraufentalt in Engelau
vor
»Im nächsten Sommer lieber Engel« sagte er abwehrend
Nicht um ihm zu widersprechen sondern wirklich weil ich es für zweckmäßige
hielt bat ich ihn mir Urlaub zu geben ich müsse einen Blick auf die Geschäfte
und in die Zustände meiner Heimat werfen Er entgegnete freundlich
»Drei Monat gebe ich Dir Das ist grade genug um halb erstarrt aus
Norddeutschland hieher zurückzukehren und um noch wieder auftauen zu können«
Die unbefangene Freundlichkeit mit welcher Astrau in unsre ziemlich lange
Trennung willigte sprach deutlich seine sanftgleichgültige Gesinnung aus Mir
schien als ob ich fortan gar nicht mehr in seinem Leben zählen würde und
dennoch tröstete mich zuweilen die Hoffnung dass in der Trennung seine Liebe
wieder erwachen könne
Als es in meinem Hause bekannt ward dass ich meine Abreise vorbereite bat
Gino mich dringend in Venedig zu bleiben Ich entgegnete da ich im Herbst
wiederzukommen hofte so würde ich ihn in meinem Dienst behalten und überdas
bleibe ja auch der Graf hier Er spreche nicht seinet sondern meinetwegen
jenen Wunsch aus meinte Gino
»Mir kann weder auf der Reise noch in meiner Heimat etwas Übles geschehen
Gino« erwiderte ich gerührt durch seine Teilnahme
»Weder auf der Reise noch in der Heimat das weiß ich« entgegnete er mit
einem seltsamen bedeutungsvollen Ton der mir unwillkürlich den fast angstvollen
Ausruf entlockte
»Aber hier«
Obwol ich allein mit ihm in der Gondel war machte er eine
schweigengebietende Pantomime und nickte dann bejahend aber fast unmerklich nur
mit den Augenwimpern
»Was kann mir hier widerfahren sprich Gino sagte ich ernst halbe
Warnung ist Verrat nach zwei Seiten hin Ich habe Dir verziehen dass Du Dich vom
Grafen zu der NinoMaskerade erkaufen ließest weil es eben der Graf war
aber ich habe Dir seitdem nicht mehr getraut Also sei ehrlich was führst Du im
Sinn wer hat Dich erkauft sprich«
»Ich kann sagen und schwören Lustrissima so wahr ich der Fürbitte meines
Schutzpatrons zur Erlösung aus dem Purgatorium vertraue so wahr bin ich von
Niemand erkauft allein sprechen Lustrissima sprechen kann ich nicht«
»Kannst Du denn schreiben Gino« fragte ich wieder ganz unwillkürlich denn
mir war als legte er mir durch seine sonderbare Betonung gewisse Worte auf die
Lippen
»Die gelehrte Wissenschaft hab ich nie gelernt«
»Was kannst Du denn Gino« fragte ich seltsam gespannt
Er schwieg sah mich an wie um meine Aufmerksamkeit zu fesseln und tat
dann einige Ruderschläge mit der theatralischen Bewegung eines Menschen der
sich sehen lassen möchte mit seiner Geschicklichkeit
»Du kannst rudern Gino« fragte ich immer gespannter
Er nickte mit freudiger Hast
»Nun ja das weiß ich längst rief ich erwartungsvoll Aber was weiter«
Er zuckte stumm die Achseln
Auch ich schwieg und verfiel in Nachdenken Verstand ich ihn richtig so
konnte er mir seine Ergebenheit nur dadurch beweisen dass er mich nach einem Ort
hinbrachte wo ich die Erklärung seiner Warnung finden würde Ich verfiel den
Wellen des Zweifels aber wie ich denn bin hat er mich einmal gepackt so
fürchte ich nicht bis zu dessen allerletzten Konsequenzen zu gehen um zu
entdecken welche Art von Gewissheit hinter ihm liegt Ich hatte jetzt einige
Besuche zu machen Auf der Heimfahrt sagt ich
»Gino da Du so gut rudern kannst so wär es mir lieb wenn Du mir noch
heute Deine Geschicklichkeit zeigtest«
»Lustrissima befehlen um zwei Uhr Nachts und mit mir allein«
»Um zwei Uhr Nachts und mit Dir allein«
Den späten Abend verbrachten wir wie gewöhnlich mit einigen Bekannten In
der Regel versammelten sie sich bei mir wir musicirten wir plauderten
zuweilen gingen wir auf den Markusplatz oder machten eine Gondelfahrt oder
betrachteten im Mondschein irgend eines der herrlichen Gebäude von Venedig Am
heutigen Abend verscheuchte uns ein heftiges Gewitter gegen Mitternacht vom
Markusplatz und Jeder kehrte nach seiner Wohnung zurück Ich war gespannt ob
meine nächtliche Fahrt stattfinden würde Das Gewitter löste sich in einen
sanften Frühlingsregen auf und bis ein Uhr saß Otbert mit mir auf dem Balkon um
die frische Luft zu genießen dann ging er in sein Zimmer welches über dem
meinen lag und wo es bald ganz stille wurde Mit Herzklopfen wartete ich auf
Gino Zuweilen wünschte ich er möge lieber nicht kommen Aber er kam um zwei Uhr
und fragte ob es mir gefällig sei und ich folgte ihm entschlossen
Irgend eine vorherrschende Ahnung hatte ich gar nicht Zuweilen dachte ich
an Sedlaczech im Elend krank sterbend zuweilen an Astrau am Spieltisch bei
einem verliebten Abenteuer bei irgend einer peinlichen Begegnung allein das
rollte Alles wirr wie im Kaleidoscop durch einander
Wir fuhren nach Torcello aus langer Gewohnheit erkannte ich die Richtung
trotz der Dunkelheit Nun wirbelte sich auch noch Benvenutas Bild in meine
Phantasmagorien hinein Wir stiegen nicht beim gewöhnlichen Landungsplatz aus
sondern an einer Stelle welche gar nicht dazu bestimmt war denn Gino trug mich
aus der Gondel ungefähr zwanzig Schritt durch Morast bis er auf trocknen Boden
und wie es schien in einen kleinen Gemüsegarten kam Da setzte er mich nieder
flüsterte »Lustrissima jenes erleuchtete Fenster dort ich harre bei
der Gondel« und schlich leise zurück Ich leise vorwärts bis ich vor jenem
Fenster stand und mit einem Blick das liebliche Bild übersah welches sich mir
darbot Dies Fenster war das letzte in einem unscheinbaren Häuschen und das
einzige des Zimmers das vor mir lag Gitterstäbe sicherten es nach außen und
eine Fülle von lila und rosenfarbenem Konvolvulus umrankte dieselben Die
Fensterflügel waren geöfnet und die Vorhänge weit zurückgeschoben um die Luft
einströmen zu lassen Das Zimmer war weder groß noch hoch wie sich das in einem
solchen Hause nicht anders erwarten ließ aber wie geschmückt Rosenfarbener
Seidenstoff mit weißem Musselin überzogen bekleidete die Wände und Decke umgab
als Vorhang das Bett den Toilettentisch das Fenster und die Tür welche zu
meiner Rechten in ein Nebenzimmer führte Ein andrer Seidenstoff weiß mit
Rosengewinden bedeckte Sopha und Stühle Der Fussteppich war ebenfalls weiß und
mit Rosen bestreut Zu beiden Seiten des Fensters auf MarmorKonsolen brannten
Lampen und an der Hinterwand des Zimmers dem Fenster grade gegenüber stand das
Bett In dem Bett lag eine Frau in sitzender Stellung durch Kissen unterstützt
Sie hatte eine Wange in die aufgestemmte Hand gelegt Eine Fülle von schwarzen
Locken umrieselte sie hob den wundervollen Farbenschmelz ihres Kolorits hervor
und umgab ihr Antlitz und ihre Büste wie mit einem Rahmen von Ebenholz Ich habe
nie eine liebreizendere Schönheit gesehen das sage ich heute wie ich es
damals wie ich es immer fand und der Gondolier der am Fussende ihres Bettes
saß und sie mit liebetrunkenem Auge ansah war der schönste Mann den ich je
gesehen denn es waren Arabella und Otbert
Wie in einen Zauberspiegel starrte ich in dies Fenster hinein Ich war
nichts als Auge Mein Herz fasste mein Verstand begriff dies nicht sie waren
wie tot in mir nur mein Auge lebte wachte sah und sah ein reizendes
Bild würdig durch Titians und Giorgiones Pinsel unsterblich gemacht zu werden
die Transfiguration der Üppigkeit
Sie sprachen ganz laut und unbefangen wie man eben spricht wenn man sich in
seinen vier Wänden sicher weiß Einmal lachte Arabella Das Alles rauschte wie
ein Waldbach an meinem Ohr vorüber Plötzlich hörte ich denn Arabella fragte
»Wann reist Sibylle ab«
»In acht Tagen« entgegnete Otbert
»Und reist sie gern«
»Das ist schwer zu sagen Du kennst ja ihren Mangel an Animo Ihre Gedanken
nehmen sie zu sehr in Anspruch um ihre Gefühle aufkommen zu lassen«
»Indessen hast Du denn doch ihre Gefühle geweckt«
»Sage lieber dass ich ihrer Phantasie einen bestimmten Gegenstand dargeboten
habe Arabella auf dem sie sich niederließ wie ein umhergescheuchter Vogel auf
einem grünen Zweig Die Wahl ihres Herzens wäre nie auf mich gefallen Ich
glaubte es einst und gab mir darum unsägliche Mühe Allein ich glaub es
nicht mehr Sie ist partiel ein sehr vollkommnes Geschöpf aber sie verbraucht
sich selbst in unfruchtbarer Weise durch Phantasie und Reflexion von denen jene
ihr heute eine Seligkeit vormalt welche morgen von dieser vernichtet wird Im
Ganzen ist sie merkwürdig unvollkommen denn ihr fehlt dasjenige was den
Menschen zu Schwung erst und dann zur Ausdauer befähigt die treibende Kraft der
Leidenschaft jenes innere Naphtafeuer welches die Elemente des ganzen Wesens
zu jenem Punkt zusammenschmilzt den man beim schmelzenden Metall Silberblick
nennt und der durch ein liebliches Farbenspiel den Moment bezeichnet wo es
flüssig genug geworden ist um in eine Form gegossen zu werden Für den Menschen
heißt diese Form Tat und je nachdem sein Charakter edler sein Wille reiner
seine Selbstbeherrschung gewaltiger seine Erkenntnis tiefer ist wird der Tat
ein schönerer und grossartigerer Stempel aufgedrückt Ist der Charakter gemein
oder lasterhaft oder roh so wird der Abdruck desselben seine Tat es auch
sein denn adeln kann ihn die Kraft der Leidenschaft nicht immer Ich sage nur
dass dieselbe den innern Adel wenn er vorhanden ist in seiner Glorie zum
Vorschein bringt und dass er ohne sie nur stückweise und ohne göttliche Fülle
sich zeigt Und diesen Mangel beklage ich an Sibyllen für sie selbst und für
Andere Sie ist aller Achtung wert und alles Bedauerns denn sie wird nie weder
glücklich sein noch machen«
»Beklag ihn nicht rief Arabella Hätte sie jene erwärmende Seelenglut so
würdest Du bei ihr und nicht bei mir Dein Glück gefunden haben und ich Otbert
bin nun einmal so beschaffen dass ich will Du sollst das Glück bei mir finden
bei keiner Andern Ich liebe Dich zu sehr Otbert um großmütig sprechen
zu können Sei glücklich aber nicht durch mich Das könnte Sibylle«
»Ja das könnte Sibylle aus Überlegung ist sie zu jedem Opfer fähig
nicht aus Liebesdrang wie Du Spräche ich zu ihr stirb für mich so würde sie
der Nichtigkeit des menschlichen Daseins gedenken und gelassen sterben Spräche
ich so zu Dir so würdest Du Dich freudejauchzend in den Tod stürzen und wenn
Dir das Leben auch noch so lieb wäre ohne Reflexion aus Liebe für mich«
»Das ist gewiss« entgegnete Arabella Sie sprach ganz wie sonst mit ihrer
tiefen gedämpften Stimme die etwas Rührendes hatte und die mir immer so sehr
gefiel Ihre wunderschönen schwarzen Augen ruhten mit solcher Macht und
Innigkeit auf Otbert dass mir war als müsse ihr Blick ihn wie laue Luftwellen
umfliessen und von der Erde heben Schöner verführerischer feenhafter als ich
sie je gesehen ganz wie eine Houri des muhamedanischen Paradieses erschien sie
mir Otbert mochte dasselbe finden Er stand rasch auf
»Du musst schlafen Arabella und Dich ausruhen sagte er Auf morgen Süße«
Aber er ging nicht er kniete vor dem Bett nieder sie umschlang seinen
Nacken sie sprachen ganz leise mit einander, und tausend Liebkosungen
durchschwebten das Gespräch Endlich sagte Otbert laut
»Nun zum letzten Mal gute Nacht Arabella und gib mir einen Kuss für
Astralis mit«
»Astralis schläft Otbert wecke sie nicht und behalte meinen Kuss« sagte
Arabella mit holdseligem Liebreiz einen Kuss auf seine Lippen drückend
Dann sprang Otbert auf und verschwand hinter dem Türvorhang zu meiner
Rechten Ich hörte unverständliche Stimmen im Nebenzimmer dann öffnete sich die
Haustür und durch die lautlose Nacht hörte ich Otberts Schritt der dem
Landungsplatz zuging Arabella aber hatte inzwischen schon geschellt ihre mir
wolbekannte irische Kammerfrau war eingetreten und beide sprachen irisch
zusammen was ich nicht verstand Aber das Folgende verstand ich nur zu gut Die
Kammerfrau ging ins Nebenzimmer und kam nach einigen Augenblicken mit einer
Wärterin zurück die ein ganz kleines Kind trug und es in Arabellas Arme legte
Sie empfing es zärtlich küsste seine Händchen sah es an und wieder an
plauderte abwechselnd mit ihm und den beiden Frauenzimmern italienisch und
irisch und gab es erst zurück als es anfing zu weinen Da trug die Wärterin es
fort und Arabella bereitete sich zur Ruhe Die Kammerfrau schloss Fenster und
Vorhang löschte die Lampen verschwunden war das Bild im Zauberspiegel und
ich stand da in der feuchten grauen Dämmerung
Dass es Tag wurde brachte mich zu mir selbst Ich fühlte nichts als dass eine
Art von Erstarrung sich meiner bemächtigt hatte welche mir die Empfindung gab
als ob statt des Herzens mir ein Marmorblock im Busen liege eiskalt und schwer
Ich riss eine KonvolvelRanke vom Fenster ab um ein sichtbares Zeichen zu haben
dass meine Vision kein Traum gewesen sei und kehrte zur Gondel zurück in die
mich Gino hineintrug Zu meiner eigenen Überraschung sagte ich sehr gelassen
und mit fester Stimme
»Gino wie hast Du dies Geheimnis erfahren«
Er wollte Ausflüchte machen aber ich sagte
»Bevor ich es wusste musstest Du schweigen das versteht sich Gino allein
jetzt weiß ich es bereits also rede und die Wahrheit«
Da erzählte er mir er habe längst bemerkt dass Astrau zu seinen nächtlichen
Fahrten nicht unsre eigenen Gondoliere gebraucht habe sondern zu einem
traghetto gegangen sei und dieser Mangel an Vertrauen habe ihn tief gekränkt
da er sich doch als ein Muster von Verschwiegenheit und Treue bewährt Seine
Ergebenheit für mich die gute Herrin sei dazu gekommen um ihn zu einer
tadelnswerten Handlung zu verleiten vor acht bis zehn Tagen sei er heimlich
der Barke Astraus nachgefahren und auf Torcello vorsichtig ihm nachgeschlichen
In dem Häuschen sei es in jener Nacht sehr unruhig gewesen viel Hin und
HerGehens klagende Stimmen ihm habe gegraut und er habe nicht auf Astraus
Rückfahrt gewartet sondern vor ihm Torcello verlassen was auch sehr gut
gewesen indem dieselbe erst am andern Morgen um zehn Uhr erfolgt sei Am
nächsten Tage sei er wieder hinüber gefahren habe sich beim Hauswirt von
Benvenutas Wohnung erkundigt wer in jenem Häuschen wohne und erfahren es sei
eine fremde vornehme Frau die es schon im vorigen Sommer bezogen habe in
tiefer Einsamkeit lebe und in letzter Nacht ein Kind geboren habe wie es durch
die Wehmutter verlaute die ganz erstarrt sei über die Herrlichkeit welche die
Dame umgebe und über deren Schönheit Gino suchte in den folgenden Tagen
unbemerkt dem Hause sich zu nähern fand es nur möglich in der Weise wie er es
auch heute bewerkstelligt hatte entdeckte bei der Gelegenheit das erleuchtete
Fenster mit Allem was hinter demselben vorging und wollte mich nun von seiner
Entdeckung unterrichten damit ich meinen Mann in diesem wichtigen Augenblick
nicht verliesse
Ich bewunderte im Stillen Ginos Takt der ihn die hohe Wichtigkeit des
Moments erraten ließ denn allerdings jetzt konnte bei Astrau eine gewisse
Gleichgültigkeit gegen oder eine verstärkte Hinneigung zu Arabella eintreten
aber was ging das mich an ich hatte nur mit dem einen dem niederschmetternden
Gedanken zu tun Nichts dauert die Gefühle des Menschen sind Seifenblasen
bunt leer nichtig abhängig von den Wellen des Blutes und den Nervenfasern
welche heute angeregt und morgen abgespannt sind und ihn in diese oder jene
Emotion versetzen Ich saß nicht mehr auf der grünen blumigen Wiese auf der
es mir vor einem Jahr so wohl gefallen hatte dass ich meinte ich wolle nie meinen
Platz verlassen Ich war aufgestanden war wieder an den Rand des Abgrunds
getreten sah tief unten den schwarzen Strom fließen der Endlichkeit heißt
und der stückweise und gliederweise alle Bestandteile des menschlichen Daseins
verschlingt und fortwirbelt und sah starren Blicks ein Stück meines eigenen
Lebens darin untergehen Ich war nicht entsetzt nicht verzweiflungsvoll nur
unerhört traurig Ich hatte keine bittere zürnende Empfindung gegen Andre keine
mitleidige oder resignirte mit und in mir selbst nur den Wunsch O könntest
du versteinern Sibylle um wenigstens auf Einmal und nicht so grässlich
stückweise den Sturz in den unvermeidlichen Abgrund zu tun und mir war als
ob die Kälte des Steines langsam und schwer durch meine Adern zum Herzen hinauf
kröche und mich ersterben mache
Als ich zu Hause angelangt mich zu Bett legte meinte ich unter einem Felsen
begraben zu werden Aber ich schlief als sei mir nichts geschehen einen traum
und leidlosen von den Qualen der Seele unbelästigten Schlaf Wird dereinst der
Tod also sein Ich schlief als ginge mich Glück und Unglück Freude und Schmerz
nichts an und ebenso erwachte ich Eine Stunde darauf trat Otbert
ausnahmsweise zum Frühstück bei mir ein
»Du kehrtest recht spät oder eigentlich recht früh von einer einsamen
Spazierfahrt heim« sagte er
»Ungefähr eine halbe Stunde nach Dir entgegnete ich ruhig denn nachdem
Du Arabella verlassen hattest sah ich noch Astralis die zu ihrer Mutter
gebracht wurde Ich war auf Torcello vor dem Häuschen um dessen Fenster diese
Konvolveln sich schlingen« setzte ich hinzu auf die Ranke deutend die eine
Wasserschaale umgab
Astrau starrte mich an als ob ein Medusenhaupt zu ihm spräche
»Du hast Dich einst mit dem Orpheus verglichen fuhr ich fort der Vergleich
wird immer treffender Eurydice hat sich umgeschaut nach der Schattenwelt der
sie nun einmal schon verfallen war jetzt ist sie es mehr denn je und
unwiederbringlich gehört sie dem Orkus an«
Bleich und stumm war Astrau vor mir auf die Knie gesunken Er sagte leise
»Hasse mich nicht Sibylle«
»Wie käme ich zum Hass Otbert Wer nicht liebt kann auch nicht hassen Liebe
und Hass entspringen aus einer Wurzel Kraft des Gefühls Der Liebende braucht
nicht zu hassen allein die Fähigkeit es zu können wird in ihm sein In mir ist
sie nicht nicht einmal Zorn fühle ich gegen Dich und Arabella nicht
Eifersucht nicht Empörung gar nichts Übelwollendes Aber nicht aus
Großmut Otbert sondern weil sich eine gewisse Missachtung des Menschen in mir
regt der so viel von seiner Göttlichkeit träumt und fabelt und so sehr
ungöttlich ist willenlos und wankelmütig wie die Wolken am Himmel wie die
Nebel auf dem Meer«
»Siehst Du Sibylle rief Astrau und sprang lebhaft auf mir grauet vor Dir
wenn Du Dich so in Deiner eigentümlichen Wesenheit aussprichst Das zog mich
an das lockte mich ein Senkblei in diese stille See hinab zu lassen um auf
festen Grund zu stoßen Es schien mir so schön so beseligend Dir den Kern
Deiner Nebelwelt zu enthüllen Dir den sichern und frohen Genuss des Lebens zu
erringen und mit Dir zu teilen dass ich Du weißt wie ich möchte sagen jeden
Deiner Atemzüge belauscht habe um Dich zu begreifen und zwar jahrelang
Aber die innere Verklärung die ich zu Deiner Beseligung und zu meinem Entzücken
für Dich ersehnte trat nicht ein Du liebtest mich nicht Deine Imagination war
nur durch mich gefesselt Ich beglückte Dich nicht Du wolltest nur glücklich
sein Es legte sich immer Deine Hand ganz kühl auf mein heißes Herz Das soll
nicht heißen Sibylle als sei Deine Hand nicht goldrein und tausendmal reiner
als mein Herz aber«
»Sprich nur Otbert sprich es wird mir wohl tun Alles zu wissen«
»Aber mir fröstelte bei Dir Immer ging ein Suchen durch Deine Seele und
durch Dein Auge immer schweiften Deine Wünsche in einem Raum ohne Horizont
umher immer stand ich neben Dir etwa wie die Grenzsäule Deines
Lebensbezirks »es ist ziemlich erträglich diesseits derselben und jenseits
gehört mir nicht allein es mag doch noch schöner sein jenseits« solche
Gedanken verrietest Du natürlich ohne sie zu sagen«
Ich musste traurig lächeln denn dies war nicht unrichtig Ich fragte
»Aber warum heiratetest Du mich Otbert«
»Ich will Dir beweisen welch unerhörtes Vertrauen ich zu Dir habe und Dir
die ganze Wahrheit sagen Sibylle sprach Otbert entschlossen Ich dachte
wohl daran Dich zu bitten mir mein Wort zurück zu geben und mir meine Freiheit zu
lassen Zwei Beweggründe hielten mich ab Erstens nach Allem was ich getan
hatte um Dich zu gewinnen musste ich Dir wie ein Narr erscheinen wenn ich in der
vorletzten Szene des Dramas sagte Verzeihung ich habe mich getäuscht«
»Also Eitelkeit Otbert«
»Nenne es wie Du willst solche Gründe sind mannigfach gemischt Zweitens
war es meine Mutter seit Jahren sann sie auf eine möglichst glänzende Heirat
für mich Ich war mehr dagegen als dafür In Nizza lockte mich einen Augenblick
die Aussicht auf ein großes Vermögen welches sie mit Recht als eine
unerlässliche Bedingung für mich betrachtete Ich konnte doch nicht zu dem
Entschluss kommen meine Freiheit für Gold zu verkaufen Dich liebte ich wirklich
wie ich Dich noch jetzt liebe mit Verehrung und Bewunderung mit Teilnahme und
Freundschaft nur nicht mit Liebe Bei Dir fühlte ich mich nicht an den
Mammon verkauft Als ich dennoch gegen meine Mutter mein Bedenken in unsrer sehr
intimen Korrespondenz aussprach drang sie mit so trostloser Verzweiflung auf
mich ein doch endlich einmal das Glück festzuhalten welches mir aus der
Verbindung mit einer so ausgezeichneten Frau erblühen müsse dass ich mir selbst
wirklich wie ein Narr mit meinen Scrupeln vorkam«
»Welche freiwillige Selbstverblendung Otbert Doch erzähle weiter
erzähle Dein Zusammentreffen mit Arabella«
»Was soll ich Dir darüber sagen Ich begegnete ihr eines Tages in der
großen Halle im Hotel Danieli sie war eben angelangt Du kennst sie Du kennst
mich lass mich schweigen Ihre wilde primitive besinnungslose Natur tat mir
wohl der Kern ihres Wesens gab deren Pulsschlag an Mogte es kein gediegener
kein reiner kein hoher Kern sein so war er dafür wenigstens ganz und voll
Spontaneität Darin liegt ein unaussprechlicher Reiz Deiner Eigentümlichkeit
gegenüber bildete Arabellas einen so vollkommenen Gegensatz dass ich eine
Beruhigung wenngleich etwas sophistischer Art in dem Gedanken fand ich wende
ihr diejenige Richtung meiner Wesenheit zu welche bei Dir nie Anklang finden
würde So kam es dass ich Dich bat die beabsichtigte Schweizerreise aufzugeben
Arabella verzichtete auf die Welt auf die Gesellschaft auf Alles wenn sie
mich nur täglich eine halbe Stunde sehen dürfe Vom tiefsten Geheimnis
umschleiert das ich ihr zur ersten Pflicht machte und das sie als solche
begriff ließ sie sich auf Torcello nieder Ich kann Dir nichts weiter sagen«
»Also liebst Du sie wirklich über alle Massen und hast sie doch früher
verlassen können«
»Sibylle es gibt interessante Frauen und verführerische Frauen und Du und
sie Ihr seid der Typus derselben Weil dieser bis zum äußersten Grade
gesteigert ist nimmt jeder Etwas von der Färbung seines Gegensatzes an das
Interessante wird verführerisch und so umgekehrt Als ich Arabella vor einigen
Jahren verließ wie Du es nennst war es die unerhörte Überraschung
Deiner Erscheinung die ich mit nichts zu vergleichen wüsste was ich vorher oder
nachher gesehen und ich folgte der anziehenden Macht«
»Bis Du gewahr wurdest dass sie nur einseitig auf Dich wirkt und dass von
der andern Seite eine nicht minder gewaltige Macht Dich in Anspruch nehmen muss
wenn Du dich glücklich fühlen sollst nicht wahr Otbert so ist es Aber dies
zersplitterte geteilte zwiespältige Dasein trägt in sich selbst den Keim des
Zerfallens was dann«
»Die Blume blüht auch nicht ewig aber sie hat doch geblüht und aus ihren
zerstäubenden Atomen entwickeln oder ernähren sich andre Organisationen
Ausbildung Umbildung ist Leben Eine absolute Dauer haben dessen Formen nicht
Über ihnen nicht in ihnen webt und wohnt das Göttliche«
»Ein trauriger Glaube Otbert mit Tand und Spielwerk gleichsam abgefertigt
zu werden und wie aus Neckerei nur das Rauschen der Flügel eines uns
umschwebenden gewaltigen Geistes zu hören ohne jemals seiner Offenbarung
gewürdigt zu werden So erscheint er wenigstens mir da ich ihn nicht teile
Ich möchte die Form ehren als eine Schaale deren Inhalt etwas Göttliches ist
kann ich das nicht so werde ich sie bald bei Seite schieben oder fallen lassen
wie Du es machst Es liegt eine gewisse materialistische Weisheit in Deiner
Auffassung die nicht für Jedermann ist«
Astrau starrte mich sprachlos an vor Verwunderung über die Gleichgültigkeit
und Ruhe mit der ich redete Ich war nicht einen Augenblick aus der Fassung Mir
war als befände ich mich wieder in meinem recht eigentlichen Element in der
Erkenntnis der Nichtigkeit von Allem was Menschen Glück nennen und als hätte
ich schon lange heimlich diesen Augenblick vorhergeahnt
»Ich habe weder Vorwürfe noch Klagen fuhr ich fort mehr noch ich will
annehmen dass Du auf Deinem Standpunkt nicht Unrecht habest Dir ist das Leben
nun einmal ein Spaziergang zwischen Wolkenbildern welche eine verhüllte Sonne
so und so färbt und welche Dir gefallen je nachdem die Netzhaut Deines Auges
woltätig von ihnen berührt wird Durch das Auge streifen sie denn auch zuweilen
bald an Dein Herz bald an Deinen Verstand und was sie am Meisten in Bewegung
setzen ist Deine Imagination Vielleicht geht es mir eben so wir sind nie
so klar über uns selbst als über Andere Der Unterschied zwischen uns wird nur
der sein dass Du zerstreuende Tröstungen für Deine Täuschungen suchst und
findest und dass mich die Zerstreuungen doppelt traurig und die Tröstungen
vollkommen elend machen Lebe Du in deiner Weise fort wie ich in der meinen wir
können nichts Wesentliches mehr für einander tun und nichts sein als eine
Last das muss man meiden Es bleibt bei meiner Abreise nach Engelau aber
ich komme nicht wieder Otbert«
Überwältigt von Traurigkeit ließ ich den Kopf in die Hand sinken und
verhüllte meine Augen Otbert kniete abermals vor mir nieder
»Sibylle sprach er sanft Du bist so bewegt und erschüttert als ob Du mich
liebtest«
»Nein unterbrach ich ihn wir wollen uns nicht geflissentlich täuschen Ich
habe meine Sehnsucht nach Liebe für Liebe gehalten und Du hast Dein
psychologisches Interesse für mich so genannt von dem pecuniären will ich
schweigen weil ich die Überzeugung habe den ersten Platz nimmt es nicht bei
Dir ein Aber so steht es mit uns und weshalb es leugnen die Wahrheit ist
besser als alles Andre Ich gräme mich nur weil die Wahrheit eine so
fürchterlich traurige Sache ist«
»Ich wollte dass Du mir Vorwürfe machtest Sibylle«
»Worüber denn Otbert ich habe mehr Schuld als Du Ich verschmähte es
meinem Instinkt zu folgen der mich so lange ich unbefangen war fern von Dir
hielt Das weißt Du Du wirst auch noch wissen dass ich dessen Stimme nicht
wollte gelten lassen als Du dich auf ihn wegen Deiner Abneigung gegen
Sedlaczech beriefst Der Instinkt ist die Stimme der Natur, ist unser guter
Genius in dieser confusen Welt und ihn verleugnen ist wenn nicht die größte
Schuld so doch gewiss die an welcher wir am schwersten tragen Mich drückt die
meine dermaßen dass in ihrem Weh Vorwurf gegen Dich oder Arabella oder Klage
über Euch nicht auftauchen kann«
Er wollte reden aber ich bat ihn mich zu verlassen
»Wenn das entscheidende Wort gesagt ist so ist jedes andre unnütz Otbert«
Er ging endlich Ich wollte überlegen aber was gab es denn zu überlegen ich
war elend ist man dahin gekommen so braucht man keine Überlegung mehr Sie
taugt nur um uns dagegen zu schützen Nein ich musste andre dinge vornehmen als
stumpfsinnig über Trümmern brüten
Ich griff nach den Papieren welche auf meinem Schreibtisch lagen Es waren
Rechnungen die ich wegen meiner bevorstehenden Abreise hatte einfodern lassen
Ich sah sie mechanisch durch ohne ihren Inhalt genau zu beachten Doch frappirte
mich die ungeheure Summe der einen so dass ich zum Bewusstsein kam Statt jeder
Specificirung enthielt sie nur die Worte Einrichtung eines Hauses auf Torcello
und darunter Alphonse Alphonse war Otberts Kammerdiener Er selbst in
seiner verschwenderischen Fahrlässigkeit kümmerte sich nicht um die Art und
Weise in der seine Aufträge vollzogen wurden Alphonse musste Alles besorgen und
auf sich nehmen Das wusste ich freilich längst Aber die Naivetät mit der mir
diese Rechnung vorgelegt wurde streifte an Gemeinheit und Frechheit und empörte
mich Ich hatte Lust sie nicht zu bezahlen Aber wenn ich es nicht tat was
sollte denn daraus werden Es bestand doch eine Art von Solidarität zwischen
uns ich musste es tun Ich tat es aber mit widerwilliger Empfindung Ich
sträubte mich dagegen Astrau gemein zu finden und meiner Denkungsart zufolge
war er es sobald mein Vermögen die hauptsächlichste Triebfeder in seiner
Handlungsweise gewesen war Auch seine eifersüchtige Grille hinsichtlich
Sedlaczechs kam mir nicht mehr wie Eifersucht vor sondern wie eine Berechnung
um den treuen Freund von mir zu entfernen der vielleicht ein störender
Beobachter hätte werden können. Mich ergriff eine tiefe Sehnsucht an Sedlaczech
zu schreiben Aber meine verschlossne Seele brachte es nicht dahin Von Kindheit
auf hatte ich mich gewöhnt meine geheimste Innerlichkeit vor keinem Menschen zu
erschließen Diese keusche stolze Scheu ist sehr gut insofern wir durch sie
veranlasst werden in uns selbst einzukehren und von uns selbst Hilfe und Klarheit
zu fodern Allein es ist ein unseliges Geschöpf dasjenige welches nie in seiner
geheimsten Innerlichkeit dermaßen vom Licht der Liebe durchleuchtet worden ist,
dass es sich vor einem geliebten Herzen gleichsam transparent gefühlt und in
diesem Gefühl unbewusst Qualen ausgestammelt Freuden ausgejauchzt hat für
welche es sonst niemals Worte gefunden Und ich war so ein unseliges Geschöpf
Ich schrieb und schrieb für mich allein Folianten von Tagebüchern Diese
Gewohnheit mag gut sein als Anhaltspunkt für die Erinnerung als Meilenstein auf
dem Lebenswege aber ich meiner grübelnden Richtung folgend wühlte mich
förmlich wie in einen unterirdischen Bau dessen Gänge kein Sonnenlicht und kein
Menschenauge erspäht in diese Gewohnheit hinein Da speicherte ich all mein
Empfinden Denken und Sinnen auf Wie woltätig hätte mir die geistige
Mitteilung nicht sein können sie ist unendlich wichtig für die innere
Ausbildung sie bringt eine Menge Material in Fluss die immer gestockt hätte
sie beleuchtet von einer andern Seite die Gegenstände welche wir auf unserm
Standpunkt nur von der einen erkennen durch die Verschiedenheit der Meinung
bekommen wir denjenigen Respekt vor der fremden den wir für die eigene
begehren durch den Vergleich mit einer andern Auffassung machen wir in uns
selbst überraschende Entdeckungen Wenig von dem Allen bietet ein Tagebuch wo
auf der ersten Seite Ich steht und auf der letzten Ich und wo wir auf den
unbelebenden Vergleich mit uns selbst zwischen dem was wir waren und dem was
wir sind uns beschränken Allein dies war nun einmal mein höchster Genuss Meine
kindischen Selbstgespräche mit Phantasiegebilden oder mit abgeschiedenen
geliebten Geistern waren voll so stiller süßer Lust dass ich sie in das
schweigsame Tagebuch verwandelte
Astrau überraschte mich sehr als er mich in Arabellas Namen dringend bat
sie vor meiner Abreise zu sehen Ich hatte gar keine Lust und sagte es
unverholen aber er ließ nicht nach er solle mich durchaus dazu bewegen sie
wünsche es glühend Ich begriff das nicht vielleicht gab ich deshalb nach
Ich fuhr eines Morgens nach Torcello und ward in ihr Kabinet geführt das
eben so anmutig als ihr Schlafzimmer eingerichtet war Der Vergleich mit meinem
ernsten stolzen Palast Gradenigo lag nahe und berührte mich schmerzlich er kam
mir kalt und leer wie meine Seele vor und ihr Häuschen war lieblich und warm
wie ihr Herz Ich fühlte mich zu ihren Gunsten nicht zu den meinen gerührt und
konnte nicht meine Tränen zurückhalten Da trat sie ein Sie war eben in Hast
aufgestanden das warme Rot des Schlafes lag noch auf ihrem lieblichen Antlitz
Sie flog mir entgegen umschlang mich inbrünstig und rief
»Sibylle sage mir dass Du mir mein Unrecht gegen Dich verzeihst«
»Wer geliebt wird hat immer Recht und nur der Ungeliebte hat Unrecht Ich
hab es gewiss wenn auch nicht gegen Dich meine arme Arabella so doch gegen
mich selbst Du sagtest mir einst ich könne Otbert in ewige Fesseln schlagen
Dies Wort hat mich tiefer ergriffen als ein Wort von fremden Lippen uns
ergreifen soll und hat mich folglich irre geführt Wir tun zu unsern
Irrtümern stets Dasjenige hinzu was unsrer Neigung Ansicht Leidenschaft
schmeichelt und Niemand hintergeht uns so sehr als wir es selbst tun denn
sobald uns nichts daran liegt hintergangen zu werden sobald wir nicht die Augen
darüber schließen und die Hand dazu bieten so hintergeht uns Niemand Das sehe
ich jetzt sehr deutlich und ich wünschte nur dass ich ebenso klar über die
Zukunft wäre besonders hinsichtlich Deiner als ich es über Gegenwart und
Vergangenheit bin Denn was soll aus Dir werden«
»Aus mir werden« fragte sie verwundert
Ich wusste nicht ob ich diese Zuversicht unter diesen Umständen und zu diesem
Mann stupid oder sublim finden sollte Sie mit einer sündhaften Liebe im
Herzen die Pflichten gegen sich selbst und Andre verletzend herausgetreten aus
den Schranken der Sitte Mutter eines Kindes ohne Namen sie war sicher wie für
die Ewigkeit und mein Leben ohne Schuld ohne Vorwurf ohne Tadel war von
einem immerwährenden Erdbeben dermaßen durchzittert dass ich zu Nichts und zu
Niemand Zuversicht hatte Das ist die Macht der Liebe Sei die Liebe
verirrt im Gang und Gegenstand begehe sie Missgriffe Torheiten und Fehltritte
werde sie verhöhnt oder verdammt schleppe ihr ein Bussgewand oder ein
Trauermantel nach dennoch dennoch und dennoch ist sie ein Segen für
Denjenigen der sie empfindet
»Ach Sibylle aus mir wird nichts Anderes als was ich nun einmal bin fuhr
sie nach einer Pause fort Mir scheint als sei mein Leben bevor ich Otbert
kannte ein langes angstvolles törichtes Suchen nach ihm gewesen und seitdem
ich ihn kenne ein Aufgehen in ihm folglich kann ich nicht anders werden
Früher galt ich für leichtsinnig und gefallsüchtig für eitel und weltlich Du
erinnerst Dich gewiss dass das aufhörte als ich ihn fand und das ist so geblieben
obgleich er sich von mir losriss All diese Jahre hab ich in Irland gelebt von
Lord gh getrennt wie in den ersten Monaten unsrer Ehe aber ohne Zerstreuung
ohne Gesellschaft allein mit meinen traurigen Gedanken die immer nur Otbert
und Otbert suchten und zuletzt so traurig wurden und das Herz so zernagten dass
der Körper erkrankte Da schickten sie mich in ein besseres Klima und da
ging mir meine Sonne auf in deren Stral ich mich neubelebt fühle O Sibylle
hättest Du wie ich auf der einen Seite Tod und Vernichtung gefunden auf der
andern Liebe und Seligkeit o Du würdest auch nicht wählen nicht wählen
können sondern zu der Liebe als zu Deinem Recht ohne Dich zu besinnen
übertreten Aber mein Recht tut Dir Unrecht beeinträchtigt das Deine ich
weiß es ich fühle es Sibylle Du wirst es nicht glauben aber es ist doch
so trotz des Bewusstseins meiner Schuld gegen Dich habe ich Dich dennoch lieb
und das will viel sagen gewöhnlich kann man die Menschen nicht leiden denen
man weh getan hat denn man fühlt sich im Unrecht und dadurch gedemütigt Aber
Du bist so gut dass man sich nicht gedemütigt fühlt Du bist gut wie Gott Du
wirst mich nicht verdammen Du nicht obgleich grade Du es eher als jeder Andre
könntest Du bist nachsichtig und barmherzig denn Du bist stark und wo die
Macht ist auch die Gnade nur die Schwäche ist erbarmungslos sie hat keine
Verwandtschaft mit Gott«
Arabella war vor mir niedergesunken aber nicht wie eine reuige Sünderin
sondern wie ein Kind das sich voll Vertrauen und der Verzeihung gewiss an das
Herz der Mutter schmiegt Sie stüzte ihre Elbogen auf meine Knie und ihr Kinn
auf ihre gefalteten Hände so blickte sie zu mir empor mit ihren großen
nachtschwarzen Augen deren Blick lind und liebkosend wie Samt mich berührte
Hatte sie mir weh getan so vergaß ich es bei ihrem Anblick gänzlich jetzt tat
sie mir nur wohl Ich umarmte sie zärtlich und rief
»O Arabella warum hat Otbert nicht Dich geheiratet ich wäre dann Eure
Freundin und uns Allen wäre manche Qual erspart Jetzt Arabella zittere ich
doch vor Deiner Zukunft bei Otberts Wankelmut und Flattersinn«
»Und wäre das in unsrer Ehe anders gewesen fragte sie Mir liegt nichts
daran Sibylle seine Frau zu sein und durch sein Versprechen ihn zu fesseln
Von ihm geliebt zu sein daran liegt mir und sieh ich müsste mir zuvor das
Herz aus dem Busen reißen ehe ich an das Aufhören seiner Liebe glauben könnte«
»Du vergisst die Vergangenheit« rief ich schmerzlich
»Nicht doch entgegnete sie gelassen damals war Alles anders denn Otbert
kannte mich nicht so wie jetzt«
Es schwebte mir die Bemerkung auf den Lippen
»Er kannte Dich nicht aber er war immer derselbe« Allein ich unterdrückte
sie weil sie unnütz war und sagte lieber nach einer Pause
»Versprich mir Arabella Dein Vertrauen auch gegen mich zu bewahren und an
mich zu denken als an eine Freundin auf welche Du rechnen darfst wenn Dich
einmal was Gott verhüte traurige Schicksale heimsuchen sollten«
Ein Träne trat wie ein silberner Stern in Arabellas Augen und machte sie
doppelt schön
»Das kannst Du Dir doch wohl vorstellen« rief sie
»Und nun sprach ich aufstehend zeige mir Deine Tochter«
»Nein« sagte sie lebhaft
Fragend und befremdet sah ich sie an
»Nein wiederholte sie mit Bestimmtheit das kann ich nicht das würde Dir
allzu weh tun denn das ist unnatürlich«
»Ja meine arme Arabella ich bin doch so weit in der Unnatur gekommen dass
ich nicht genau weiß was mir wohl und was mir weh tut Also erfülle meinen
Wunsch ich bitte Dich«
Sie sah mich beängstigt an ergriff dann stumm meinen Arm und führte mich in
das Zimmer der Kleinen die friedlich schlummerte
»Ein träumendes Wesen mehr auf dieser Welt« sprach ich in ihren Anblick
versenkt nahm einen raschen warmen Abschied von Arabella und verließ Torcello
»Du bist großmütig Sibylle« sagte Otbert der mich bei meiner Heimkehr
empfing
»Ich bin nur kalt« entgegnete ich und das war ganz richtig Mein Benehmen
mochte einen Anstrich von Großmut haben wie das oft geschieht für
oberflächliche Beobachter aber sie war nicht im Herzen ich tat was ich tat
aus Gleichgültigkeit nicht aus Liebe drum wurde mir nicht warm und nicht wohl
trotz der Versöhnlichkeit und Milde meiner Handlungsweise Wer nicht aus voller
Seele handelt wird sich selbst in seinen besten Taten elend fühlen Sie glänzen
und stehen ihm gut ja sehr gut wie funkelnde Diamanten die ihn prächtig
schmücken aber ihn nicht froh und nicht schön machen Doch ein Lächeln ein
Blick in dem die volle Seele sich ausstralt die stehen ihm ganz anders gut und
machen ihn schön und froh Ich schleppte meine Diamanten
Bevor ich abreiste musste ich noch einmal mit Otbert über unser künftiges
Verhältnis sprechen
»Es ist an Dir es zu bestimmen« sagte er
»Dann bleiben wir getrennt Otbert«
»Aber Freunde Sibylle«
»Freunde insofern unsre heterogene Natur das gestattet Wir sind es
aber eigentlich nie gewesen bedenke das Die Freundschaft will auch eine Basis
haben auf der sie sich feststellen könne und ich habe weder Vertrauen zu Dir
noch Verehrung für Dich woher soll da Freundschaft kommen«
»Du bist streng geworden Sibylle«
»In meiner unbefangenen Zeit Du wirst es wissen war ich immer so gegen
Dich gesinnt Die der Selbsttäuschung ist dahin und ich nehme wieder meinen
früheren Standpunkt ein Wenn ich Dich jedoch nicht überschätze so glaube mir
dass ich mich noch tausendmal geringer anschlage man muss sehr erbärmlich sein um
eine Komödie für Wahrheit halten zu wollen Sie mit möglichster Wahrheit
darzustellen sich mit äußerster Geschicklichkeit in die Rolle hinein zu
arbeiten das ist reizend und dazu gehören manche Gaben ich begreife das
und Dich Deine Betörung die doch wenigstens activer Art war kann ich
entschuldigen Meine passive unmöglich«
Während ich sprach war Astrau im Zimmer auf und nieder gegangen Nun blieb
er vor mir stehen schlug die Hände zusammen und rief in einem Ausbruch der
qualvollsten Ungeduld
»Sibylle Deine Räsonnements sind fürchterlich sind gradezu tödtend
Sie sind nicht falsch nicht ungerecht aber dass Du sie machen kannst in einem
Augenblick wo Dir das Herz zittern und Deine Seele wund und Dein Geist gedrückt
sein müsste dass Du mit Analyse zu Werke gehst statt mit Empfindung und
gelassene Betrachtungen anstellst statt eine heimliche Träne zu trocknen
sieh das ist mir fürchterlich Ich erstarre neben Dir Sibylle und glaube mir
kein Mensch kann neben Dir glücklich sein Paul der Dich so liebte war
nicht glücklich Ich der ein unbeschreibliches Interesse für Dich hegte bin
nicht glücklich Es ist nichts Erquickendes in Deinem Wesen Sibylle nicht die
Wärme die Frische die Innigkeit die uns so wohl tut dass wir ihretwegen
tausend Fehler und zehntausend Mängel übersehen Es geht keine Belebung von Dir
aus und Du bist doch reich und schön begabt bist umflossen vom Glanz der
Verheißung wie ich ihn nennen möchte der aber nie zur Erfüllung wird«
»Und welche Verheißung wird denn überhaupt je zur Erfüllung unterbrach ich
ihn trübe Keine Otbert keine Meine Erscheinung ist der Ausdruck des
Zwiespalts der ewig zwischen sehnen und erreichen obwaltet und der meine Seele
in unfruchtbaren Exaltationen und ebenso unfruchtbaren Desolationen aufzehrt
Ich kann mich nicht umbilden allein ich kann mich fern von den Menschen
halten denen ich allerdings mehr weh als wohl tun mag Ich habe nicht die
liebliche Gabe der demütigen Seelen mich an dem Kleinen zu freuen das aus dem
Untergang des Großen übrig bleibt Und ich habe auch nicht jenen mächtigen
Schwung der starken Seelen durch den sie zu einem Höhepunkt getragen und auf
ihm gehalten werden wo sie den Ariadnesfaden der durch das Leben läuft stets
übersehen indem sie von oben herab in das Labyrinth alles Daseins schauen Ich
bin drin in diesem Labyrinth Ich ergreife jauchzend den rettenden Faden
siehe da zerreißt er in meiner Hand Ich finde ihn wieder aber stückweise
immer reißt er ab immer hat er ein Ende immer gerate ich auf Fragmente ohne
Zusammenhang und daher ohne Sinn So verbleibe ich im Chaos Otbert Gott hat
noch nicht das Schöpfungswort es werde Licht über mir gesprochen«
»Und denken zu müssen dass ich Dein Retter hätte sein können« rief Astrau
heftig bewegt
»Dazu hättest Du eben eine andre Seele haben müssen Otbert eine Seele wie
ich sie träume voll ganz göttlicher Unwandelbarkeit Und hättest selbst Du sie
so ist es immer noch die Frage ob ich sie würde ertragen haben Beklage das
nicht und lass uns scheiden«
»Aber nicht auf immer Sibylle«
»Und Arabella« fragte ich streng
»O rief Astrau ich bin unselig«
»Ja das bist Du entgegnete ich aber nicht durch mich nicht durch
Arabella durch Niemand als durch Dich denn die Poesie welche Du im Leben
finden mögtest ist nicht der besinnungslose egoistische Rausch in den Du Dich
aus Eitelkeit oder Genusssucht verlierst um nach einiger Zeit zu erwachen«
»Mein Gott mein Gott rief Astrau in gewaltiger Aufregung was für ein
Leben führen wir denn eigentlich Alle In Träumereien höherer oder niederer
Art wird es verschwendet feineren oder gröberen Genuss begehrt man bis zum
Wahnsinn die Folgen erduldet man bei alten Klagen oder neuen Wünschen lernt
man vergessen und getan und gehandelt wird nicht O Sibylle gib mir etwas
zu tun lass mich Dich nach Engelau begleiten lass mich dort Dein Verwalter
Dein Geschäftsführer sein lass uns als Freunde leben«
»Unsinn das Alles unterbrach ich ihn Du bist dem Eindruck des Augenblicks
unterworfen wie ein schwaches Weib Drei Wochen in Engelau und Du
entfliehst Übrigens wiederhole ich Dir denke an Arabella«
»Aber Du begehrst doch wohl nicht dass ich meine Existenz für Arabella opfern
soll« rief Astrau sehr ungeduldig
»Und warum nicht da sie Dir die ihre opfert«
»Ah bah Das wird Arabella nie verlangen«
Ich sah ihn an mit tiefer Empörung und sagte
»O könnte ich sie mit mir nehmen die Arme Bei Dir stehen ihr
fürchterliche Schicksale bevor«
»Und dennoch bleibt sie bei mir« rief er trotzig denn es war ihm
unangenehm dass ich mich mehr für Arabella als für ihn interessierte
»Genug sagte ich abbrechend Die Ehe ist eine heilige Sache Otbert wer
nicht sein Glück in ihr findet dem ist durch sie sein Elend gewiss Ich bleibe
dem Namen nach Deine Frau Solltest Du aber je Deine Freiheit wünschen so
bin ich auch dazu bereit«
Ich gab ihm meine Hand er küsste sie kalt und ersuchte mich alle Dienstboten
zu verabschieden und den Palast Gradenigo aufzugeben Das geschah Heulend
stürzte Gino zu mir Ob dies der Lohn für seine Treue sei dem Grafen habe er
einen so großen hochwichtigen Dienst geleistet mir desgleichen und nun
würde er von uns Beiden fortgeschickt
»Niemand kann zweien Herren dienen Gino« entgegnete ich und beschwichtigte
seinen Jammer durch ein Geldgeschenk
Nach einem ernsten kurzen Abschied von Otbert reiste ich grade am zweiten
Jahrestag meiner Ankunft in Venedig wieder ab Es war ein wunderschöner Abend
als ich über die stille Lagune zum festen Lande fuhr Myriaden Sterne breiteten
ihren Glanz über den dunkeln Himmel Myriaden leuchtender Gebilde versilberten
die dunkle Tiefe dort oben wie hier unten schwebte der Silberschleier über
einem schwarzen Grund Weshalb an diesen schauerlichen endlosen Grund denken
wenn es sich doch so lieblich zwischen seinen stralenden und schimmernden
Aussenseiten dahin gleiten lässt fragte ich mich selbst Weshalb unnütze
Frage die Antwort würde auf meine Organisation deuten welche wiederum
gleichsam die sinnliche Form ist, welche den Grundgedanken das Prinzip meiner
Individualität zusammenhält und ausspricht Der Eine bewegt sich auf der
Oberfläche der Andere sinkt in die Tiefe nicht aus Wahl sondern weil er dem
Prinzip seines Wesens auf die Dauer nicht widerstehen kann Der Eine ist darum
nicht besser nicht glücklicher nicht bevorzugter als der Andre Jeder muss nur
seinen Platz und seine Bestimmung erkennen und dann ruhig sein
Zweiter Band
Aber ich war nicht ruhig nur stumpf Ich mied Würzburg und eilte nach Engelau
ohne irgendwo auf der ganzen Reise zu verweilen Ich wollte es nie wieder
verlassen und ward durch den herzlichen Empfang meiner Untergebenen in diesem
Vorhaben bestärkt Was hatte ich in diesen zwei Jahren der Abwesenheit gewonnen
Schmerz und bittere Erfahrung weiter nichts Nur Benvenutas Gesundheit hatte
sich sehr gebessert sie war blühend und kräftig und gewährte mir die
Beruhigung dass die Reise für sie nicht umsonst gewesen sei Tödtliche Pein mit
einiger Verlegenheit gemischt verursachte es mir dass ich als Gräfin Astrau aber
ohne Gemal heimkehrte Meinem Arzt meinem ehemaligen Vormund und allen
Personen welche direkt oder indirect nach ihm fragten sagte ich er könne
unser Klima nicht gut ertragen und sei außerdem mit Arbeiten beschäftigt welche
ihn an Italien fesselten Man begriff das einigermaßen man beklagte es für mich
und bald war nicht mehr davon die Rede Was mich am meisten an ihn
erinnerte war ein Schmerz am Herzen der mich in jener Nacht vor Arabellas
Fenster ergriffen hatte und der seitdem nie ganz mehr wich Er war aber
durchaus körperlich seelisch war ich mehr erstarrt und durchkältet als
durchschmerzt Ein Stückchen vom Faden der Ariadne war mir in die Hand gefallen
und fiel ebenso hinweg das war Alles Sollte ich mich grämen Warum
Ich wusste ja dass der Gram etwas ebenso Vergängliches sei
Wie nun das Leben hinbringen Der Sommer verging ganz gut Der ländliche
Aufenthalt war mir neu Die grünen Wiesen die schönen Bäume die üppigen
Kornfelder die Viehheerden die demütige und doch nicht armselige dörfliche
Umgebung contrastirte so auffallend mit Venedigs Wasser und Marmorwelt mit
seiner zerfallenden Herrlichkeit und seiner grandiosen Armut dass der Genuss des
Kontrastes mir interessant war Überdas gab es eine Menge Geschäfte die ich
einmal wieder in der Nähe übersehen oder von deren gutem Fortgang ich mich
überzeugen musste Es gab zu loben und zu tadeln zu berichtigen und anzufeuern
zu helfen und zu raten Es war eine Wiederholung der Heimkehr aus England nur
unter günstigen Umständen und daher ohne jenen Sporn den ein bestimmtes Ziel
der Tätigkeit gewährt Schwierige Verhältnisse keiner Art lagen mir zu
überwinden oder zu entwirren vor Die Geschäfte gingen ihren höchst geregelten
Gang Meine Schulen gediehen meine Baumpflanzungen wuchsen Zuweilen stiegen
Gedanken in mir auf als müsse ich den gemeinen Mann auf meinen Gütern unerhört
beglücken Fragte ich mich jedoch ernstaft welche Sorte von Beglückung ihm denn
beizubringen sei so beschränkte sie sich auf Arbeit und auf einen Sparpfennig
für die Not Dafür sorgte ich mit wahrer ausdauernder Teilnahme und zu jeder
Zeit und nie haben mich meine Verstimmungen dagegen gleichgültig gemacht
Als der Herbst mit seinen Tagen voll Regen und Sturm und mit seinen langen
Abenden kam sah ich indessen ein dass ich notwendig andere Beschäftigungen
brauche und um meine Gedanken an eine bestimmte Disziplin zu gewöhnen beschloss
ich förmlich ernstaften Unterricht zu nehmen Ein Cursus etwa der Chemie
Physik oder Astronomie schien mir aber gar nicht ernstaft genug sondern wie
die Männer gebildet werden, mit alten Sprachen und mit Mathematik so wollte
auch ich es anfangen Ohnehin hatte ich in meiner ersten Jugend kläglich wenig
gelernt Späterhin war mir auf meinen Reisen allerlei angeflogen was ich mit
Geschicklichkeit mir aneignete wie Sprachen der fremden Länder Kenntnis ihrer
Geschichte ihres Bodens ihrer Literatur Allein jede Beschäftigung in dieser
Richtung oder mit meinem ganz hübschen Talent zur Malerei schien mir kein
genügendes Joch um den Sturm meiner Gedanken und Träumereien zu bändigen Ich
hatte so oft sagen hören welch eine Grundlage aller tiefen Bildung die alten
Sprachen wären hatte in England gesehen wie sie auf integrirende Weise zu der
so ganz praktischen Erziehung gehören dass ich mir Wunder was für Vorteile
davon träumte Ich vergaß nur den ungeheueren Unterschied zwischen einer
unentfalteten Jünglingsseele die bereitwillig den Keim aufnimmt welcher in
ihrem frischen Erdreich aufgehen soll und kann und zwischen mir Ich war uralt
an Lebenserfahrung und Kenntnis Leid und Lust Schmerz und Glück Verlust und
Gewinn welche sich für Andere über fünfzig und sechszig Jahre ausbreiten
hatten sich für mich mit so beklemmender Schnelligkeit gedrängt dass ich mir bei
fünfundzwanzig Jahren sagen musste Glückoder leidbringende äußere Ereignisse
hätten sich für mich erschöpft Obwol ich eine namenlose und bodenlose Leere in
mir fühlte obwohl ich mir vorkam wie die Wüste über welche wenigstens das
Weltmeer fluten muss um sie zu beleben obwohl mir manchmal zu Sinn war als hätte
ich noch gar nicht gelebt und nichts gehabt so hielt mir meine Vernunft doch
immer eine und dieselbe ermüdend langweilige Predigt Dir sind die guten und
bösen Schicksale bereits zu Teil geworden welche dem Menschenleben zugemessen
sind drum halte Dich ruhig räume die Trümmer aus dem Innern fort vergiss Dich
selbst sei Andern nützlich und lerne dass es eine Menge Dinge zu tun gibt die
weit erspriesslicher sind als mit Gebilden der Phantasie zu schwelgen
Also die Trümmer meines Innern wollte ich aufräumen mit Mathematik und
alten Sprachen Zu meinem Geburtstag machte ich mir selbst das Festgeschenk
zweier Lehrer welche sich entschlossen sich auf drei Jahr in Engelau zu
vergraben Herr Becker hatte so eben seine philologischen Studien vollendet und
da sich ihm nicht gleich die gewünschte Stelle an der Universität zu Kiel
darbot so nahm er die in meinem Hause an die ihm wenigstens Musse zu eigenen
Studien ließ Er war sehr jung sehr lebhaft ein glühender Bewunderer des
Altertums das er in Leben und Kunst Institutionen und Religion als das Ideal
vergötterte zu dem die Menschheit hinstreben müsse ein einseitiger Verächter
alles Neuen nämlich der letzten zweitausend Jahre kurz ein Mensch der nichts
kannte als seine Wissenschaft und die Überzeugung hegte durch ihre Verbreitung
müsse die Welt zu ihrer wahren Gesittung erhoben werden Dies hatte den großen
Vorteil für mich dass er gern zu mir kam weil er seinen Aufenthalt bei mir als
die erste Stufe zur Gräcisirung der nordischen Barbaren betrachtete und dass er
mir mit dem zwiefachen Feuer der Jugend und der Begeisterung Unterricht gab
Herr Müller der Matematiker war ein ältlicher Mann welcher
fünfunddreissig Jahr sich abgequält hatte der Schuljugend eines Gymnasiums seine
Wissenschaft insoweit beizubringen als dieselbe ein Ingrediens der notwendigen
Examina ausmachte welche man zu bestehen hatte Die unendliche Gleichgültigkeit
mit der Herr Müller seinen Unterricht an unendlich gleichgültige Schüler
erteilte hatte ihn nach und nach dermaßen zerstreut gemacht dass er sich nicht
mehr bei ihnen in den notwendigen Respekt zu setzen vermochte Mit einem
winzigen Jahrgeld wurde er entlassen und da ich ihm die Zusage machte es nach
drei Jahren zu verdoppeln so sah er sich veranlasst meinen Vorschlag auf
Zureden seiner Freunde anzunehmen Sie waren bemüht ihm eine sorgenfreie
Existenz zu sichern Er für seine Person fühlte sich sorgenfrei sobald er von
dem Verkehr mit den bösen Buben wie er die Gymnasiasten nannte befreit war
Die Leibesnahrung und Unterkunft machte ihm keine Sorgen er lebte von Kaffee
und Brot und war Dank dieser strengen Diät und seinem sterilen Studium zu einer
so mumienhaften Ausdörrung gediehen dass er die Bedürftigkeit des lebendigen
Lebens nicht mehr empfand Er war so genügsam und so wolwollend dass ihm Welt
und Menschen vortrefflich und nur im Betreff der Gymnasialjugend etwas mangelhaft
erschienen Ein Fortschritt Einer war freilich für die Welt zu machen und
stand ihr bevor sobald die allgemeine Formel für die Primzahlen gefunden
sei Was ihr aber dann noch zu ihrer Vollkommenheit und Glückseligkeit mangeln
könne das gestand er unbefangen sehe er nicht ein Seine Seele war auf
der Jagd nach dieser Formel In seinem beschränkten Berufsleben war es ihm nie
vorgekommen dass Jemand zum Vergnügen Mathematik studiert habe Er betrachtete
mich wegen dieser Neigung als ein von Gott begnadigtes Geschöpf Meine
Aufmerksamkeit und Ausdauer freuten ihn so sehr dass er mich nach seiner Weise
herzlich lieb gewann und Selbstliebe und Eifersucht lagen ihm so fern, dass er
mir zuweilen den Wunsch aussprach zum Lohn meiner Achtung für die erhabenste
Wissenschaft der ich hoffentlich mein ganzes Leben widmen würde verdiene ich
die Ehre die allgemeine Formel für die Primzahlen zu finden und mein
unsterblicher Ruhm werde ihn mehr beglücken als sein eigener
Ich hatte also zwei Lehrer wie man sie sich nicht besser wünschen kann und
überdas den festen Willen möglichst viel von ihnen zu lernen Im schneidendsten
Kontrast zu meinem vagabondirenden Leben in Venedig wurde das gegenwärtige mit
einer zuchtausmässigen Pünktlichkeit Stunde für Stunde eingeteilt und von
sieben Uhr früh wo ich aufstand bis zwölf Uhr Abends wo ich schlafen ging
gab es keine Minute welcher nicht ein Geschäft zugeteilt gewesen wäre denn
auch die Erholungen bekamen ihrer Regelmäßigkeit wegen einen Geschäftsanstrich
Mein Haus kam mir wirklich vor wie eine Strafanstalt während es für Herr Becker
und Herr Müller und für eine junge musikalische Gesellschafterin ein ganz
angenehmer Aufenthalt war dermaßen kommt Alles auf die Deutung an welche wir
den Zuständen geben und auf die Gesinnung mit der wir in sie hineintreten Aber
ich wollte es nun einmal so ich wollte meine Tätigkeit nicht vergeuden noch
versplittern sondern sie auf einem Punkt sammeln um sie gleichsam zu einem
Pfeil zu machen der von der gespannten Bogensehne des Gedankens geschnellt das
Ziel in der Mitte treffen musste das Ziel nach dem ich nun schon so lange rang
das mir stets in andrer Form erschien und das ferner denn je von mir zurückwich
sobald ich der Form scharf ins Auge sah das Ziel jedes Menschen sein
glühendstes Bedürfnis nach welchem er heimlich seufzt oder laut schreit und um
welches er herum irrt wie um ein unentdecktes Land das der Schiffer mit Magnet
und Kompass nicht aufzufinden weiß das Glück
Ich studierte mit großem Eifer aber ohne eigentliche Vocation Ich lag
heimlich bei mir selbst auf der Lauer ob nun nicht bald ein genussvoller Zustand
eintreten werde Dadurch wurde natürlich die unbefangene Hingebung getrübt und
die übertriebene Erwartung die ich mein Lebenlang von jedem Ereignis gehabt
hatte verließ mich auch hier nicht Immer war mir zu Mut als stände ich an
jenem Brunnen in welchem nach einer Fabel die Wahrheit sitzen soll und als
schöpfte ich mit der größten Anstrengung nichts als Wasser heraus Auch jetzt
war ich wieder auf Verfolgung der Göttin begriffen
Während dieses unfruchtbaren Bemühens dachte ich doch zuweilen an Otbert und
Arabella mit Neid Mogten sie in einem Wahn befangen sein so war derjenige
der Liebe doch der süßeste von allen Bald nach dem Ausbruch der Julirevolution
war Otbert nach Paris gegangen Die fiebernde Aufregung der Gemüter und die
tobende Gährung aller Zustände waren ihm eine zauberische Lockung Wie ein
geübter Schwimmer der seiner Kräfte sicher ist ließ er sich bald von dieser
bald von jener Welle heben schaukeln fortziehen und fand ein eigentümliches
Behagen an ihrem Gebraus und Gewirbel Die religiösen und socialen Fragen mit
deren Lösung diejenigen sich beschäftigten welche auf dieser Basis eine neue
Ordnung der Gesellschaft aufführen wollten interessirten ihn aufs Höchste Mit
einer Wärme gab er sich dem St Simonismus hin als sei er bereit ein Apostel
ein Märtyrer der neuen Lehre zu werden und mit einer Leichtigkeit wandte er
sich ab sobald der Reiz des Neuen erschöpft war als habe es sich nicht um
Überzeugung sondern um Persiflage der Sache gehandelt Er selbst hätte nicht
genau bestimmen können ob er wirklich ergriffen war oder nur das Ergriffensein
spielte um es als Mittel zu irgend einem Zweck zu gebrauchen denn bald wollte
er als ein Propagandist neuer Ideen populär werden bald suchte seine Eitelkeit
ihren Genuss in dem Nimbus des Aussergewöhnlichen bald begehrte er nichts weiter
als in Feuer gesetzt zu werden gleichviel wodurch gleichviel für wen um nur
nicht der grauen Monotonie zu verfallen Sehr flüchtige Briefe die er mir nur
schrieb um mich von seinen pecuniären Verhältnissen zu benachrichtigen deuteten
mir das an Ich hatte ihm bei unsrer Trennung die Hälfte meines Einkommens
bestimmt Es schickte sich nicht anders so schien es mir da ich seine Frau
war und mit ihm zusammenlebend das Ganze mit ihm wenn auch ungeteilt genossen
haben würde Aber mein Schicklichkeitsgefühl ward in diesem Punkt durch seinen
gänzlichen Mangel daran verletzt War es die gemeine Gesinnung oder die
kindische Nachlässigkeit die sich darin aussprach genug es peinigte mich in
seiner Seele dass er von seiner Frau gar nichts begehrte als Geld und immer
wieder Geld Der St Simonismus kostete ihn unglaubliche Summen Später waren es
die ausgewanderten Polen Dann unterstützte er legitimistische Bestrebungen
Noch später warf er sich zu einem Träger des Socialismus auf Immer hatte er das
Bestreben in der jedesmal herrschenden Richtung bemerkt zu werden und da jede
derselben ihre sehr materielle Seite hatte für welche nur wenig Adepten bereit
waren Opfer zu bringen so zeichnete er sich zwischen denselben um so mehr aus
In seinen Briefen berührte freilich nur ein Postscript von zwei Zeilen den
fraglichen Punkt allein es war sehr klar dass die Briefe überhaupt nur des
Postscripts wegen geschrieben waren Daher beantwortete ich sie mit der
trockensten Kürze und fühlte mich nie veranlasst eine Frage nach Arabella an ihn
zu tun
Kaum zwei Jahr nach unsrer Trennung erhielt ich aber von Arabella selbst
einen Brief und zwar aus Hamburg Sie bat mich in wenig Worten jedoch
dringend zu ihr zu kommen sie sei auf dem Weg nach der Heimat Dieser Weg
schien mir ein seltsamer Umweg Ich riss mich von meinen Studien los und fuhr
nach Hamburg Gott wie fand ich sie Zwischen Melancholie und Schwindsucht
schwankte ihr armes Leben an einem seidenen Faden hin und her Ich war
fassungslos bei ihrem Jammeranblick Sie sagte
»Du findest mich auf dem Heimweg zum Grabe Sibylle In meiner Familie
sterben wir Alle vor dem dreissigsten Jahr Ich habe das oft an Otbert gesagt
ich dachte er würde mir vergönnen die wenigen Jahre bei ihm dh glücklich zu
verleben Aber nein Du hast mein Glück mit Dir aus Venedig entführt O Sibylle
warum bliebst Du nicht in Venedig So wie Du fort warst hörte Otberts Liebe zu
mir auf Er brachte mich bald darauf nach Paris aber er dachte nicht mehr
an mich An Dich dachte er oder an die großen Welterschütterungen oder
an sonst etwas wer kann sagen woran Otbert denkt nicht an mich das wurde mir
allmälig klar doch unter welchen Qualen magst Du daraus schließen dass
ich endlich ihn verließ und hieher kam um Dir Astralis zu bringen Nun bin ich
fertig und nun lebe wohl«
»Ich nehme Astralis aber ich nehme auch Dich mit mir Arabella rief ich
mit einem namenlosen Wehgefühl Glaubst Du denn dass ich Dich Deinem einsamen
Leid überlassen könnte«
»Ich glaube es nicht ich will es sprach sie bestimmt und kalt Glaubst
denn Du dass Deine Nähe mir lieb ist Ich sage Dir mir ist nichts lieb als der
Tod und Du bist es weniger noch als tausend Andre denn mit Dir zog mein
Glück aus Venedig fort«
Das war ihre fixe Idee und daher war sie bitter und feindlich gegen mich
gestimmt Ehedem in London hatte sie mir schon den Vorwurf des Verrats an der
Freundschaft gemacht er war ungerecht doch dieser war gradezu unsinnig Trübe
übersann ich unser seltsames Schicksal das sich zweimal feindlich durchkreuzte
während wir im Herzen Freundinnen waren denn Arabella hatte immer Vertrauen
zu mir und ich hatte sie immer lieb Sie lehnte sich an mich und ich freute
mich ihrer Trotz unsrer Verschiedenheit passten wir zusammen aber Otbert
schleuderte uns wie ein unheilvoller Komet so weit auseinander dass jede fernere
Berührung eine Anstrengung und daher schmerzlich sein musste Ich drang deshalb
nicht heftig in Arabella mich nach Engelau zu begleiten obwohl ihr Vorsatz mir
trostlos vorkam in Hamburg zu bleiben und dort ihr Ende zu erwarten Ein Arzt in
Paris hatte ihr gesagt sie würde den Herbst im Norden nicht überleben
»Und der ist nah ich fühl es sagte sie Drum wollte ich zuvor Astralis in
Sicherheit bringen«
»Willst Du Dich aber wirklich schon jetzt von dem Kinde trennen« fragte ich
»Ja denn wenn ich es vor Augen habe so wird mir das Leben nicht leichter
und nur der Tod schwerer Überdas fürchte ich die Ansteckung meiner Krankheit
für Astralis Sie wird also in jeder Beziehung besser bei Dir als bei mir
aufgehoben sein«
Ich war Arabellen behilflich in einer Vorstadt Hamburgs eine kleine
Gartenwohnung zu finden die sie mit ihren treuen irischen Dienstboten bezog
Ich begleitete sie dahin Als sie in ihr Zimmer trat das zu ebner Erde lag und
die Aussicht auf ein schlichtes Gärtchen bot ergriff sie eine nagende
Erinnerung
»Auf Torcello war es anders rief sie O Sibylle hättest Du denn nicht in
Venedig bleiben können«
So unbeschreiblich war ihr Einfluss auf mich dass ich mir selbst egoistisch
und grausam erschien und er rührte nur daher weil sie ganz und rücksichtslos
in einem einzigen Gefühl lebte Mogte sie Anderen tadelnswert erscheinen
mochten Moral und Sitte ihr Benehmen verwerfen mochte ich selbst sie in dieser
Beziehung nicht rechtfertigen mir kam diese Einheit des Wesens, welche von
einer und derselben Idee lebt und stirbt doch so majestätisch und wunderbar
vor dass ich mehr Achtung vor ihr als vor mir empfand Denn sie hatte eine Kraft
die mir gänzlich fehlte sie hielt fest was sie einmal hielt
Ich brachte einen geschickten Arzt zu ihr und beschwor sie sich seiner
Behandlung zu unterwerfen und sie versprach es bereitwillig Er sagte mir aber
Tags darauf dass ein fast ununterbrochenes Fieber ihre Kräfte aufzehre und dass
sie es wisse
Selten habe ich eine so melancholische Szene erlebt als die unsers
Abschieds Arabella hatte meine Heimreise auf den vierten Tag festgesetzt und
mich gebeten Astralis bei ihr abzuholen damit die Kleine durch die Fahrt von
dem dumpfen Gefühl der Trennung zerstreut würde So geschah es Als ich bei
Arabella eintrat führte sie mir Astralis reizend geschmückt entgegen und sagte
gelassen
»Dieser Engel soll bei Gott und bei Dir für mich um Verzeihung beten«
»Sprich nicht so aus Barmherzigkeit« rief ich gequält mit erstickter
Stimme
»Gut gut sagte sie immer ganz gefasst Ich schenke Dir Astralis Sie hat
nichts als die Existenz, keine Eltern kein Vermögen ich kann ihr nichts
hinterlassen als ein Paar Diamanten denn nach meinem Tode fällt meine Rente an
Lord gh zurück Verlasse sie also nicht und sorge dafür dass sie in meiner
Religion erzogen werde Versprich mir das Sibylle und dann lass uns
scheiden«
Ich gab ihr mein Versprechen nahm Astralis auf den Arm und stand
unschlüssig ob ich gehen ob ich bleiben solle mitten im Zimmer Da fiel sie mir
feurig um den Hals umarmte und küsste mich
»O Du bist gut rief sie aber geh geh ich kann Deinen Anblick doch
schwer ertragen«
Ich wandte mich rasch der Tür zu Da rief sie oder nein ein
herzzerreissender Schrei rang sich aus ihrer Brust
»Astralis«
Ich flog zu ihr »O komm mit mir Arabella«
»Nein nein geh unterbrach sie mich wieder gefasst Mir war nur eben als
berühre mich der Tod eiskalt Geht geht«
Sie küsste noch einmal mich und das Kind sank dann matt auf einen Stuhl sah
durch das Fenster zum Himmel auf und sang den Anfang eines Liedes das sie sehr
liebte »T is the last rose of the summer« O wohl war es die letzte Rose ihres
Lebens die ich jetzt mit mir forttrug
Am Abend desselben Tages war ich wieder in Engelau Während der Fahrt hatte
ich nur einen Gedanken Zwei Menschen kannte ich unter so vielen nur zwei
welche seitdem sie über sich selbst zum Bewusstsein gekommen nie um eines
Strohhalms Breite von dem Gegenstand abgewichen waren der ihre Seelen in der
Grundtiefe ergriffen hatte eine Sünderin war die eine zu nennen und der andre
ein Narr Arabella war es und mein alter Matematiker Wenn dies das Resultat
der Torheit ist so behüte mich Gott vor dem der Weisheit denn diese zwei
Menschen sie missachtet er verhöhnt kamen mir ehrwürdiger vor als alle die
welche aus ihrer kläglichen Eigenschaft vergessen und sich zersplittern zu
können eine Tugend zu machen wussten Namenloses Grauen vor dem Zwiespalt in
welchem der Mensch durch das Leben geschleudert wird zerarbeitete mir die
Seele Wer da festhält kommt aus dem Gleichgewicht nach Außen so dass die Leute
hohnlächelnd mit dem Finger auf ihn weisen wer nicht festhält kommt aus dem
innern Gleichgewicht indem er in Konflict mit seiner jammervollen Bedürftigkeit
und seiner unabweislichen Überzeugung gerät Wie ein zerschellter Nachen von
den Wellen an die Küste geschleudert und von der Brandung wieder zurückgetrieben
wird so flogen meine Gedanken auf und ab hin und her und fanden nirgends
nirgends Ruhe
Ein Brief von Astrau erwartete mich in Engelau ein ganz widerwärtiger
Brief in welchem er Arabellas plötzliche Abreise von Paris eine ihrer
»weltbekannten Excentricitäten« nannte und sich mit weitläuftiger Erbitterung
über die unsinnigen Ansprüche der Frauen ausliess welche von einem Mann immer
und ewig nichts weiter begehrten als dass er ihr Liebhaber sei etwa ein
romantischer idyllischer oder heroischer Liebhaber aber vor Allem der Dadurch
würden die Frauen zu einer so marternden Last dass der Mann aus Verzweiflung in
scheinbare Härte verfallen müsse um seine Freiheit und Tätigkeit dem Weltleben
und dessen grandiosen Interessen gebührend zuwenden zu können So häuften sich
am Ende die Missverständnisse zu einer unübersteiglichen chinesischen Mauer
und das sei lediglich die Schuld der egoistischen Beschränktheit des Weibes
Dieser Brief kam mir vor als werfe Astrau sich in die Maske des Zorns um sich
gegen eigene und fremde Vorwürfe zu panzern Aber es war mir entsetzlich dass er
gegen Arabella Vorwürfe aussprach während sie sich keinen einzigen ja keine
einzige Klage über ihn erlaubt hatte Als Antwort meldete ich ihm die Lage der
Dinge und fügte schließlich hinzu
»Ich bin so ganz der Ansicht dass einem Mann Größeres zu erfüllen obliegt
als zu den Füßen des Weibes die Rolle eines romantischen Liebhabers zu spielen
dass ich auf dem Punkt sein würde einen solchen Mann zu verachten wenn nicht
zum Unglück Du selbst Dich mir gegenüber in eine solche Rolle geworfen hättest
folglich stehe ich Dir zu nah um Dich beurteilen zu können Unser Urteil über
einen Menschen begehrt ebensowol wie das über ein Kunstwerk die gebührende
Perspective Ich bin also gar nicht mit jenen Frauen über welche du klagst
einverstanden und bin gern bereit sie mit Dir egoistisch beschränkt zu nennen
Nur sind die Männer dieser Frauen gewöhnlich in ihrer Art ebenso egoistisch
beschränkt denn nachdem sie deren Wahn geflissentlich hervorgelockt und genährt
haben nachdem sie sich in Schaustellung aller Rasereien der unsinnigsten
Leidenschaft gefallen haben sind sie plötzlich der Sache überdrüssig die
ihnen nicht Ernst war und begehren vom Weibe es solle nun auch der Komödie satt
sein Aber das hat die Sache für wahr gehalten und findet sich nicht so leicht
in den Irrtum Daher die Missverständnisse O wollte Gott dass Ihr verständet
ein Weib zu lieben ohne Euch zu deren Liebhaber zu machen dann würden Treue und
Friede Achtung und Zutrauen zwischen uns walten Aber zu jenem gehört Wahrheit
und Wärme des Gefühls und zu diesem Du wirst besser als ich wissen was dazu
gehört«
Umgehend antwortete mir Astrau
»Die Welt kehrt sich um Emancipationsideen dringen sogar bis zu Deiner
ultima Tule und Du bist ganz dazu geschaffen deren Priesterin in Beziehung auf
das Weib zu sein Welch einen Fluch hat denn aber Gott auf uns gelegt dass das
Geschlecht welches die Freude und Wonne des unsern sein sollte sich allmälig zu
einer Karicatur zu verbilden droht von der wir uns mit Schreck und Widerwillen
abwenden müssen Wir müssen auswandern und Euch die Herrschaft Europas
überlassen dann wird beiden Teilen geholfen sein Auf der einen Seite
überfällt uns eine Arabella und will im Liebesrausch uns ersticken von der
andern tritt eine Sibylle uns entgegen und teorisirt philosophirt dogmatisirt
und systematisirt dass uns der kalte Schweiß auf der Stirn perlt über diese
Szene aus der »verkehrten Welt« Vertiefe Dich nicht in diese Farce die Du für
ein Drama hältst meine arme Sibylle Du hast große Neigung und Talent dazu une
froide raisonneuse zu sein Auf deutsch lässt sich das gar nicht ausdrücken uns
fehlte bisher die Sache also auch die Bezeichnung aber Du wirst gewiss ein Wort
dafür finden Bis dahin muss ich Dich so nennen Wäre Dein Kopf ebenso kalt wie
Dein Herz es ist so würdest Du einsehen dass Eure Räsonnements nicht die
Grundordnung der Natur hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mann und Weib
aufheben können Wir spielen nicht Komödie mit Euch wie Du behauptest weil
wir in einer Epoche unsers Lebens voll leidenschaftlicher Glut zu Euren Füßen
liegen sondern es macht sich in uns die Sphäre des Gefühls geltend aus der wir
uns allmälig in die der Intelligenz hinein arbeiten für die wir hauptsächlich
bestimmt sind Ihr aber bleibt in der inferiören des Gemüts und verfolgt
innerhalb derselben den Kreislauf Eurer Entwickelung der Euch bestimmt den Reiz
Eures Daseins als Liebende und Geliebte die Würde desselben als schöne und
heitere Mütter zu finden Jede andre Entwickelung streitet mit dem Gesetz das
Gott in Eure Natur gelegt hat und dieser Widerspruch rächt sich an Euch selbst
durch Missmut und Unzufriedenheit welche Ihr umsonst hinter hochtrabenden
Redensarten und Bestrebungen zu verbergen sucht Ja diese letzteren machen Euch
immer elender denn sie bringen Euch um Euer Glück und um Eure Glorie Ihr
werdet nicht geliebt Ich gestehe Dir aufrichtig die Vorstellung peinigt mich
dass Astralis bei und von Dir erzogen werden soll Ich möchte das Kind für mich in
Anspruch nehmen sobald der traurige Fall eintreten sollte dass es seine arme
Mutter durch den Tod verliert Freilich würde das eine Umgestaltung meiner Lage
mit sich bringen auf die ich vor der Hand nicht eingerichtet bin« Es
folgten Auseinandersetzungen derselben die mir deutlich zeigten dass sie
verwickelter denn je sei
Ich war fest entschlossen ihm unter keiner Bedingung Astralis anzuvertrauen
und hatte außerdem die Überzeugung dass er sie nie ernstaft begehren würde
Daher schickte ich ihm eine ziemlich bedeutende Summe und schrieb ihm dazu er
möge sie zu der Einrichtung verwenden die er zu machen habe wenn Astralis zu
ihm käme Ich wusste sehr gut dass er sie für ganz andre Zwecke verwenden würde
aber ich suchte fast vor mir selbst Vorwände um sein Verfahren zu bemänteln
Indessen brauchte ich doch die Vorsicht Arabella zu bestimmen, dass sie mir in
einem rechtsgültigen Testament die Erziehung Bildung und Versorgung ihrer
Tochter anvertraute Auf den ersten Teil von Astraus Brief antwortete ich mit
ungeheuchelter großer Ruhe
»Du nennst mich froide raisonneuse Dieser Vorwurf hat mich getroffen Ich
glaube selbst dass keine Harmonie zwischen meinem Kopf und meinem Herzen ist Ich
habe mich von der Wiege an mit Träumereien und Phantastereien abgemattet gegen
welche jede Wirklichkeit armselig war und dann habe ich diese Wirklichkeit mit
dem Verstande durchforscht und das Sinnenleben wie das Gefühlsleben unvollkommen
und daher unbefriedigend gefunden Dies gebe ich zu Aber was beweist es
weiter nichts als dass ich unvollkommen bin Die arme Arabella blindlings
versunken in das Gefühls und Sinnenleben ist in andrer Art ebenfalls
unvollkommen und Du fühlst Dich so verletzt und beklemmt durch die weibliche
Unvollkommenheit deren törichte und übertriebene Richtungen wir versinnlichen
dass Du vor derselben in eine neue Welt entfliehen mögtest Ich habe hierauf nur
mit einer einzigen Frage zu antworten bist Du vollkommen Genug der
dürftigen Persönlichkeiten ich rede jetzt nicht von Dir und mir sondern von
Mann und Weib Du hältst dieses für ein inferiöres jenen für ein superiöres
Wesen Warum Weil hier mehr dunkles Gefühl dort mehr klarer Verstand
herrscht Wer hat festgesetzt dass der Verstand etwas Göttlicheres sei als das
Gefühl der Mann Warum hat das Weib diesen lächerlichen Ausspruch angenommen
weil in der Welt materielle Stärke dermaßen auf der materiellen Schwäche
lastet dass im zwölften Jahrhundert des Christentums christliche Theologen noch
darüber disputiren konnten ob das Weib eine Seele habe Zwölf Jahrhunderte der
humanisirendsten aller Religionen und noch eine solche Frage Die Seele
insofern man darunter den unsterblichen Teil des Menschen begreift ist im Lauf
von sechs andern Jahrhunderten dem Weibe ich möchte fast sagen octroyirt
worden Versteht man aber den erkennenden bildenden selbsttätigen Geist die
Intelligenz darunter ja dann stehen wir auf dem Punkt der alten Scholastiker
Das Weib als eine Unmündige behandelt kann sich nicht als eine Mündige
benehmen Es unterwirft sich und vegetirt so hin in dumpfen Gefühlen welche
häufig zu unbändigen Leidenschaften aufflammen und welche durch eine
verschrobene hohle prunkende Erziehung wohl geschwächt jedoch nicht gelichtet
werden können. Ach ja das Weib unsrer Tage ist eine kläglich unvollkommne
Erscheinung aber durch den Mann unsrer Tage wird es warlich nicht in Schatten
gestellt nur durch die einseitige Richtung in welche es gezwängt wird Und
ebenso geht es dem Mann in der handwerkernden Beamten in der pedantischen
Gelehrtenwelt mögen wohl Studien genug zu Hause sein aber was hat mit denen die
Intelligenz zu tun Oder wohnt sie etwa in den Köpfen der Soldaten die in
Parade aufmarschiren der Virtuosen die von den vierundzwanzig Stunden des
Tages zwanzig ihren Fingerübungen widmen der Journalisten die ihre
Zeitungsartikel aus Klatschereien Lügen und Träumen zusammenschmieden der
Philosophen und Menschenbeglücker von denen die Welt strotzt während dieselbe
Welt nie ärmer an Weisheit und Glück war als eben jetzt der Künstler die zu
Tausenden in den Akademien und Ateliers herum vagabondiren Du wirst nicht
behaupten dass in diesen verkümmerten leeren dürren Geschöpfen der Geist zur
Entfaltung gekommen sei Sie sehen auf das Gefühl herab während sich die Weiber
vor dem Verstande scheu zurückziehen So bleibt jeder Teil in seiner
Einseitigkeit und ohne Verschmelzung beider Elemente ist für keinen Teil an
Vollkommenheit zu denken und ebenso wenig an die wahre heilige Gemeinschaft
die der Schöpfer zwischen den beiden Geschlechtern gewollt hat indem er die
eine Hälfte zum Vertreter der Intelligenz die andere zum Vertreter des Herzens
bestimmt hat Das sind zwei Stralen die von demselben Licht ausgehen und dies
Licht heißt göttliche Liebe Schmelzen sie zur Einheit zusammen so stellen sie
das Abbild jenes Urbildes dar Ihr verhöhnt Gott und lästert die Natur wenn Ihr
sprecht das Weib sei ein inferiöres Geschöpf Lass Dir Eine nennen in der vollen
Glorie wie Gott und die Natur sie gewollt haben und dann sprich ist der Mann
superiör nicht bloß der welcher neben ihr steht nein der allergrösste den
die Welt aufzuweisen hat Gewiss nicht Heloise darf neben einem jeden stehen
Diese Schönheit diese Liebe dieser Geist diese Entsagung diese Treue diese
Weisheit dies Martertum diese lichtvolle Klarheit diese flammende Glut
diese standhafte Ausdauer über allen Schmerz alles Elend alle Zeit hinweg
dieser Stralen und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer den Abälards finstre
Liebe auf ihre Stirn drückt bildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben
von solcher Entwickelung und solcher Intensität dass einem das Herz der
Mutterschooss dieses Lebens als ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint
Nein Otbert ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und
Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns aber wir sind es weil wir auf
einer embryonischen Stufe unsrer Entwickelung stehen nicht weil uns die
Fähigkeiten zu einer höheren mangeln Deine Bemerkung dass ein Geist der
Unzufriedenheit und des Missbehagens sich in uns rege ist vollkommen richtig
die Chrysalide erwacht fühlt sich in Haft und Dunkel und strebt nach Befreiung
und Licht Aber Deine Behauptung dass dies Bestreben uns um das Glück bringe
geliebt zu werden hat mich herzlich lachen gemacht weil sie so sehr nach
deutschem Spiessbürgertum schmeckt Es muss wirklich namenlos schwer für einen
Deutschen sein den Philister auszuziehen da es sogar Dir einem Dichter einem
Kosmopoliten nicht gelingt Um bei Heloisen stehen zu bleiben so vernichtet
sie Deine Behauptung und ich frage Dich würde es Dir nicht eine größere
Genugtuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben obwohl sie lateinisch und
griechisch verstand als ein Dämchen unsrer Tage welches statt dessen die
hergebrachten TeetischPhrasen versteht Bist Du denn auch mein armer Otbert
mit des Philisters fixer Idee von der versalzenen Suppe behaftet Ach gib sie
auf schon deshalb weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet
elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschäftigen Glaube mir
wenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hängt Heloise würde sie
Euch eher kochen als PhilistersFrau denn eine Königin fühlt sich durch
Mägdedienst nicht erniedrigt weil sie ihres Königtums gewiss ist aber die Magd
sträubt sich weil sie für etwas Besseres gelten möchte als was sie ist«
Diesen Brief beantwortete Astrau nicht Bis er bei ihm anlangte mochte er
Arabella welche die eigentliche Veranlassung unsrer Korrespondenz gewesen war
bereits ganz vergessen haben Sie starb im Spätherbst desselben Jahres Das
Leben hatte ihre Kräfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren als sie
keinen Gegenstand fanden an dem sie sich üben konnten Sie starb an Erschöpfung
in ihrem achtundzwanzigsten Jahr Zu der Zeit wusste Astralis schon nicht mehr
dass sie eine andre Mutter gehabt als mich Sie wuchs zwischen uns auf als mein
italienisches Pflegekind wie meine Hausgenossen sie nannten
Ereignisse gab es in jener Zeit gar nicht also keine äußere Veranlassung zu
Glück oder Unglück Mein Schwiegervater brachte alljährlich im hohen Sommer vier
Wochen bei mir zu Dann gab ich zu seinem Empfang und zu seinem Abschied zwei
große steife langweilige Diners zu denen sich meine wenigen Nachbarn zwei bis
drei Meilen weit herbemühten Ab und an musste ich auch ihre Einladungen
annehmen was denn freilich eine große Plage war denn zwei Stunden brauchte ich
zur Hinfahrt zwei Stunden saß man an der Tafel eine Stunde trank man Kaffee
und ging man im Garten spazieren und zwei Stunden währte die Heimkehr Das
gesellschaftliche Landleben in Norddeutschland ist auf einen ceremoniösen
steifen Fuß gesetzt der Alles erdrückt was man Vergnügen nennen könnte Da man
sich nie anders als in Galla und bei Tafel sieht so tritt man nie aus einer
förm und feierlichen Stimmung zu einander heraus Möge man zehn Jahr im
sogenannten nachbarlichen Verkehr gelebt haben dennoch kommt man immer wie
Fremde zusammen Das Familienleben wird dadurch gehegt spricht man und das ist
gewiss ein großer Vorzug Ich leugne es nicht ich sage nur dass jene Geselligkeit
mir schwerfällig erschienen ist und höchst reizlos
Mein Verkehr war lebhafter mit den Personen zu denen ich als Herrin von
Engelau in Beziehung stand Wie das zur Zeit meines Vaters gewesen war so
richtete ich es wieder ein an jedem Sonntag speisten meine beiden Pfarrer mein
Arzt mein Gerichtshalter und etwa ein oder zwei Pächter mit ihren Frauen und
Töchtern bei mir Das war kein eleganter und kein geistreicher Zirkel aber er
war hausbacken praktisch Ich lernte durch ihn Verhältnisse Zustände Ansichten
und Bedürfnisse kennen die mir sonst fremd geblieben wären was immer ein
Mangel ist und hauptsächlich lernte ich Teilnahme gewinnen für das Leben im
kleinen Zuschnitt an welchem man wenn man es größer und weiter gekannt hat so
leicht wie an etwas Geringem und Kleinlichen vorübergeht und das ist ein
großer Gewinn Man kommt durch ihn zur Erkenntnis der einzigen Gleichheit
welche zwischen den Menschen etwas Andres als ein Phantom ist zu derjenigen
dass welchen Platz der Mensch auf der socialen Leiter einnehmen möge Licht und
Schatten wird ihn immer umgeben und immer werden sich Licht und Schatten
ungefähr die Waage halten Das soll nicht heißen man dürfe nun gleichgültigen
Auges auf Leid und Elend und Armseligkeit blicken Nein im Gegenteil es ist
eine dringende Auffoderung so viel an uns ist den Mangel an gleicher
Verteilung von Licht und Schatten zurecht zu rücken damit dieser nicht jenes
überwuchere denn der Schatten wird ohnehin nimmer fehlen
Was ging mir ab um mich in diesen friedlichen Verhältnissen glücklich zu
fühlen freiwillige Beschränkung denn ich war nicht vernünftig Resignation
denn ich war nicht fromm Ich sprach zu mir selbst Du erfüllst Deine Pflicht
Du tust das Gute Du suchst es in Andern zu wecken und zu fördern warum gibt
Dir das denn nicht Befriedigung Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach
ist sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelöscht werden können? O
mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung tat ich mir nicht tausendmal
diese und ähnliche Fragen Ich vergaß nur dass ich meine Befriedigung nicht da
suchte wo ich sie hätte finden können weil ich fortwährend von einem idealen
Glück träumte und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte der
freilich aus meinem Bach nicht zu schöpfen war
Inzwischen lernte ich fleißig und gern wenigstens in den beiden ersten
Jahren Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des
Unbekannten zu locken Geheimnisvolles Licht spielte über der untergegangenen
schönen Altertumswelt wie über vergrabenen Schätzen blaue Flämmchen tanzen
Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums überwand desto mehr schwand
auch jener Reiz Ja ich las mit großem Vergnügen Homer und Sophokles ja ich
folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung allein mit dieser
nämlichen gleichsam unpersönlichen Freude hatte ich auch Shakspeare auch
Dante gelesen Der Horizont welcher sich um die Geschichte der Menschheit wölbte
wurde weiter aber mein blödes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurück
den es trotz dessen Enge nicht überblicken lernte Und dann erschrack ich
auch vor dem ungeheueren titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen in
allen Religionen unter allen Formen welches was Glück spenden und Glück
genießen betrifft so geringe Resultate gehabt hat Jeder Mensch muss sein
eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben Einer wie der Andre muss
die Befangenheit der Kindheit den Rausch der Jugend die Erkenntnis reiferer
Jahre die Hinfälligkeit des Alters willenlos erleiden und die Freuden
Leidenschaften Erfahrungen und Schwächen welche mit diesen vier großen Epochen
verbunden sind, willenlos annehmen Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen
darin besteht sein freier Wille aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis
der Natur. Wenn er Alles liest was über das Glück geschrieben ist Alles tut
was Andre getan haben um glücklich zu sein Alles studiert und bewundert
wodurch Andre das Glück erstrebt oder erlangt haben so hilft das gar nichts
sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf gibt und daran setzt
Es ist mit dem Glück wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht »Siehe
es ist inwendig in Euch« Und eben darum verhilft uns die ganze majestätische
Erscheinung einer vieltausendjährigen Weltgeschichte nicht dazu
Bei der Mathematik war mir nun vollends zu Mut wie dem Fisch auf dem
Trocknen Ich die immer auf den Grund der Dinge losging die sich nicht
abfertigen ließ mit der äußern Erscheinung sondern den Lebenspunkt in ihr suchte
ich hatte mir von der Mathematik ich weiß nicht welche Grunderkenntniss alles
Daseins versprochen ich weiß nicht welche Wissenschaft die mir das Rätsel
der Natur, den Zusammenhang zwischen dem Endlichen und Unendlichen offenbaren
würde und statt dessen fand ich eine Methode welche die Auffindung der
quantitativen Verhältnisse der Dinge erleichtert Indessen ich hatte mir
vorgenommen drei Jahr lang Mathematik zu treiben und ich tat es aber immer
matter und matter Hätte mein guter alter Müller nicht seine Bewunderung und
Freude der ersten Zeit allmälig in Wolwollen für mich verwandelt so vermute
ich dass er sich mit gänzlicher Nichtachtung von seiner ignoranten und
oberflächlichen Schülerin abgewendet haben würde
Die Tage vergingen mit ihnen die Zeit sehr schnell zu schnell Ich habe
nie begreifen können warum die Menschen so oft freudig sagen Schon wieder sechs
Monat vorüber man merkt gar nicht wo die Zeit bleibt Ist denn das ein
Vorzug dass sechs Monat wie sechs Stunden vergangen sind Im Gegenteil ein
Mangel ists eine Leere Nichts hat Epoche gemacht nichts ist geleistet
nichts erstrebt worden keine ernste Mühe kein hoher Genuss bezeichnet die Tage
Ein Winter ist durchgemacht etwa wie die Pflanzen im Gewächshause in
gemütlicher Ungestörteit Ist es das was den Menschen erfreuen soll Wol
gibt es Perioden die einen merkwürdigen Anstrich von Monotonie haben aber
unter ihrer stillen Hülle ist die Menschenseele in großer rastloser Tätigkeit
und hören sie auf so zeugen die Resultate von derselben wie die
wegschmelzende Schneedecke das grüne Saatfeld zum Vorschein bringt das während
der kalten starren Winterruhe sich festgewurzelt hat Eine Zeit die uns nichts
bringt nichts gewährt oder die wir so wenig zu nützen und auszufüllen
verstehen dass weder ihre Gegenwart noch ihre Erinnerung anders in unsrer Seele
zählt als eine Aneinanderreihung von Tagen ist mir immer als eine verlorne
erschienen Und so kamen mir jene Jahre vor Das wollte ich zuweilen nicht in
mir aufkommen lassen Ich rechnete mir vor was ich gelernt was ich getan
dann zog ich die Summe und die war Nun ja aber was geht das mich meine
innerlichste Bedürftigkeit an Ich trieb Spiegelfechterei mit der
Annehmlichkeit so Manches zu wissen was Anderen viel Kopfbrechens koste und
was ich Alles so hübsch zu lesen zu begreifen zu erklären verstände und wenn
ich mir Mühe gab so recht damit einher zu stolziren verfiel ich in ein bittres
trauriges Lachen das mich fragte Also ist es mit Dir schon zu dem letzten
Stadium bettelhaften Dünkels gekommen dass Du zu Papierfetzen greifst um Dir
daraus einen Staatsrock zu schneidern Oder ich überdachte das sogenannt Gute
was ich geleistet woran die Menschen so viel Vergnügen zu finden pflegen Nun
ja ich hatte mich der Glücklichen und Unglücklichen der Verabsäumten und
Verwahrlosten angenommen ich hatte in meinem Kreise Keinem das Leben schwer
Manchem es leichter gemacht ich hatte vielleicht einige Veranlassung mit mir
zufrieden zu sein o mein Gott das machte mich erst recht traurig denn wo lag
die Befriedigung wenn nicht in jenem Bewusstsein Ich verfiel in einen
fürchterlichen Zwiespalt weil sich mir die Frage aufdrängte Ob nicht das Böse
und das Unrecht einen größeren Reiz gewähren indem sie in eine Spannung
versetzen welche man bei Verfolgung des Guten nicht findet und ob die Stürme
welche Kampf und Widerstand mit sich führen nicht einen größeren Aufschwung des
inneren Lebens erzeugen als so ein negativer Friede denn Schwung der war es
doch hauptsächlich der Trank der Begeisterung nach dem ich lechzte und war
der zu teuer erkauft durch die Region der Gewitter in welche sein Rausch uns zu
schleudern pflegt
Und während dies Alles in mir tobte wühlte grollte arbeitete nahm ich
Lectionen der Mathematik und andrer vortrefflicher Dinge die mir ein Greuel
waren und gab meiner armen Benvenuta Lectionen der englischen Sprache die ihr
wiederum ein Greuel waren Die Schulmeisterei riss dermaßen in meinem Hause ein
durch mein Beispiel angespornt war Jeder so eifrig zu lehren und zu lernen dass
mir Astralis als die Einzige von uns welche noch nicht den Wissenschaften oblag
beneidenswert erschien und dass ich dem Himmel dankte mich nur auf drei Jahr
und nicht auf drei Jahr und drei Tage den Studien angelobt zu haben Denn in
diesen drei Tagen hätte ich ohne Zweifel närrisch werden müssen und meine
Umgebung mit mir meinte ich
Letzteres war aber mit nichten der Fall Herr Becker und meine
Gesellschafterin Fräulein Matilde hatten sich durch Philologie und Musik die
Seele nicht absorbiren lassen sondern sich mit einander verlobt was mir
obgleich Beide blutarm waren unendlich vernünftig und erfreulich vorkam Ich
fragte ihn lächelnd ob er nicht fürchte dass sein Apostelamt der Gräcisirung in
den Schatten treten würde neben den Pflichten des Hausvaters Er entgegnete
ebenfalls lächelnd ihn wolle jetzt bedünken als sei die Familie eine eben so
trefliche Schranke gegen Barbarei als das Griechentum und er wolle es lieber
auf beide Weisen versuchen worin ich ihn mit Aufrichtigkeit und Teilnahme
bestärkte
Sogar Herr Müller hatte bei mir einen Fortschritt wenn nicht in der
Wissenschaft doch so zu sagen im Menschentum gemacht indem er sich ganz
unsäglich für die polnische Revolution ihre Anhänger ihre Auswanderer
interessierte Der Grund war nämlich Kopernicus Er fand es nicht zu viel wenn
ganz Europa diesen Mann in seinem Volk geehrt hätte und aufgestanden wäre zu
dessen Wiederherstellung Mit dem unsterblichen und unvergleichlichen Verdienst
dieses Mannes könne Keiner in die Schranken treten denn er habe durch sein
System worin die Erde sich um die Sonne drehe doch zuerst Ordnung in die Welt
gebracht und diese gleichsam erst auf die Füße gestellt Er seines Teils könne
nicht begreifen dass die Menschen bei einem so grundfalschen Prinzip wie die
Bewegung der Sonne um die Erde nicht ihrerseits in die größten Verkehrteiten
verfallen und etwa auf allen Vieren umhergewandelt oder auf den Köpfen
umhergehüpft seien Freilich wisse man auch nicht was in den germanischen
hercynischen und sonstigen Wäldern passiert sei und daher sei es ein Greuel des
Undanks nicht vor einem Volk auf den Knien zu liegen das einen Kopernicus
geboren Das System ging dem alten wunderlichen Mann über Alles und von allen
menschlichen Empfindungen war es nur die Dankbarkeit welche seine mumificirte
Seele vor gänzlicher Abtödtung rettete Mit einiger Freude nahm ich wahr dass
dies Gefühl bei mir in ihm wach geworden sei Sah ich mich überhaupt in meinem
Kreise um so konnte ich mir nicht verhehlen dass mehr oder weniger alle
Menschen die ihn bildeten sich in ihrer Weise entwickelt hatten und nur ich
selbst machte eine Ausnahme Bei den günstigsten äußern Bedingungen fehlten mir
nach wie vor Glück Ruhe Sammlung Alles was notwendig ist um jene schätzen
und genießen zu können
Der Gedanke dass meine drei Studienjahre zu Ende gingen mit dem nächsten
November bereitete mir einerseits ein unsägliches Wolbehagen wie erlöst kam
ich mir vor Jedoch auf der andern überschlich mich ebenso namenlose Angst womit
dann ich sagte nicht die Zeit denn die blieb leer aber die Stunden aber die
Tage auszufüllen sein mögten Nur nicht mehr lernen und lesen war ein
Hauptwunsch nur nicht mich langweilen war ein zweiter Wol fielen mir Reisen
ein doch wohin mit unbesieglicher Bestimmtheit lockte mich kein Ort und keine
Stätte in der weiten Welt Sollte ich mich selbst und Benvenuta und Astralis
mit mir ins Blaue herum schleppen Darin lag für mich keine Erquickung und
vielleicht ein Nachteil für die Kinder also war ich entschlossen in Engelau zu
bleiben nur hätte ich gern Menschen um mich gehabt verschieden geartete
verschieden gebildete Menschen die das Leben verstanden nicht ihr Fach ihre
Wissenschaft ihre Kunst u dgl mehr Ich setzte mich eines Tages plötzlich
hin und schrieb
»Meister Fidelis wo sind Sie in der Welt Wie oft seit Jahren tue ich
Ihnen in Gedanken diese Frage und wie traurig war mirs oft dass Sie mir nie
darauf geantwortet haben Vielleicht haben Sies getan in derselben Weise wie
ich Sie fragte aber die Geister durch die Körper von einander abgesperrt
können sich nicht verständlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht
Jeder dahin und wähnt sich vergessen Sie haben es schlecht auf dieser Welt die
Geister wie Sennen auf Bergeshöhen kommen sie mir vor durch Klüfte und
Abgründe sind sie unüberwindlich von einander getrennt und von ihrem Dasein
zeugt nichts als der schallende Laut den sie zuweilen ausstoßen wenn ihnen die
Seele übervoll ist Ob übervoll von Lust oder Leid von Angst oder Jubel von
Jammer oder Seligkeit das hört man nicht heraus O Fidelis was ist das aber
für eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort und der Grundton
ohne Terz bleibt Statt in majestätischen Harmonien zu erklingen verursacht sie
uns eine Art von gellendem Ohrensausen aus welchem Dissonanzen häufiger
aufkreischen als Melodien emporschweben Da bin ich ja bei der Musik angekommen
von der ich mit Ihnen zu reden habe Ich bitte schaffen Sie mir einen tüchtigen
Musiklehrer für meine Tochter der außer den erfoderlichen Kenntnissen und
Fertigkeiten eine musikalische Seele habe Das ist selten ich geb es zu Zum
Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch
sonstige Seele nur gleisnerische Geschicklichkeit Aber ich weiß nicht es
ist etwas so Ausdörrendes Saftloses in diesen Geschicklichkeiten dass ich mich
fürchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen Die mit ihnen behafteten
Menschen kommen mir vor wie die Chinesen petrificirt in ihrer wundersamen
Geschicklichkeit daher unerquicklich wie alle Curiositäten welche stets einen
linden Beischmack von Monstrosität haben Also schaffen Sie mir einen Lehrer
nach meinen Andeutungen lieber Meister und schreiben Sie mir einmal
Vielleicht ermuntert mich das Meine vereinsamte Seele verfällt immer tiefer und
tiefer in einen murmeltierartigen Winterschlaf aus dem es nur für das Tier
nicht für den Menschen ein Erwachen gibt Wird der Mensch kalt und müde bei
seiner Winterwanderung und lässt er sich gehen an die Erschöpfung so schläft er
ein und stirbt Ich suche mich zu verteidigen gegen diesen Tod allein es
wird mir schwer Helfen Sie mir und leben Sie wohl«
Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich
Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig beständig zahlen ließ
Ich wartete lange auf die Antwort Endlich kam sie und zwar aus Hamburg Er
selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an ob er ihn nach Engelau
begleiten dürfe Meine Erinnerungen waren so stumpf und grau dass ich mich kaum
mehr seiner Verbannung durch Otbert entsann Ich lud ihn ein so schnell wie
möglich zu kommen und er kam an dem für mich so ereignissreichen Tage Aller
Seelen Er wurde sehr gefeiert er war so wichtig für Engelau denn er war mein
und meiner Tochter Geburtstag Sie wurde acht Jahr alt ein schönes Kind mit den
guten Augen und dem lieben Herzen ihres Vaters aber still und verschlossen wie
ich selbst es gewesen war Am Morgen gab es Gesänge und Blumenkränze am Abend
Musik und Tanz Ich hatte mich ein wenig ermüdet gegen zehn Uhr in mein Kabinet
zurückgezogen als plötzlich die Tür geöfnet ward und Sedlaczech eintrat
»Da sind Sie sprach ich bewegt O Fidelis Gott segne Ihren Eintritt in
dies Haus das Haus meiner Väter und meiner Kindheit«
»Er segne diesen Tag« entgegnete er und drückte meine Hand innig zwischen
den seinen
Ich kehrte in den Salon zurück um den Italiener Herrn Mezzoni zu begrüßen
Philologie und Mathematik sollten morgen auswandern und statt ihrer zog die
himmlische Kunst unter mein Dach das stimmte mich sehr heiter ja sogar
fröhlich Doch diese seltene Stimmung entschwand als Sedlaczech fragte
»Graf Astrau ist doch nicht krank«
»Er ist wohl so viel ich weiß entgegnete ich und weshalb sollte er
denn krank sein«
»Weil er am heutigen Tage unsichtbar ist«
»Er lebt schon seit Jahren in Paris« erwiderte ich ruhig aber ich fühlte
dass ich erbleichte
Verlegen darüber etwas Unpassendes gesagt zu haben fiel der arme Sedlaczech
um dies Gespräch abzubrechen auf etwas ebenso Unpassendes
»Heute vor dreizehn Jahren war Ihr Vermälungstag« brachte er fast
stotternd hervor
Wol hatte ich daran gedacht und meine ganze Kindheit und Jugend und mein
ganzes Schicksal voll seltsamer Einsamkeit waren auf diesem Gedanken an mir
vorüber gerauscht und hatten mich während des Tages trübe gestimmt Jetzt vergaß
ich es einen Augenblick in der Freude Sedlaczech wiederzusehen und er er selbst
musste mich daran erinnern
»Schon dreizehn Jahr den bewussten Traum des Lebens zu träumen ist fast
zu viel erwiderte ich kalt Überdies ist dreizehn eine schlimme Zahl Mir
graut vor diesem Jahr«
Man beruhigte mich damit dass das vierzehnte beginne und die böse Dreizehn
überwunden sei und bald darauf trennten wir uns Du bist ein Novemberkind
vergiss das nicht sprach ich zu mir selbst als ich mein Kabinet wieder
betrat das ich vor einer Stunde so fröhlich verlassen hatte Der Monat ist ein
Symbol Deines Lebens die Sonne sendet wohl zuweilen einen Stral herab allein er
geht unter in Wolken und Nebeln und sie selbst steigt nicht hoch genug um das
wüste Grau zu überwinden Abwärts abwärts sinkt sie in den ersterbenden
Dezember hinein da erlischt sie im Eise
Am andern Morgen reiste Herr Becker ab nach Paris Ich fühlte mich
verpflichtet ihm nach der tötlichen Langeweile der drei Engelauer Jahre die
Erholung dieser Reise zu verschaffen Er wollte freilich von der Langeweile
nichts wissen und es ist auch ganz richtig wenn man sich verliebt langweilt
man sich nicht Um desto größer war aber seine Freude und sie contrastirte
lebhaft mit den Tränen welche Fräulein Matilde wegen der Trennung vergoss
Indessen auch diese versiegten Sie war ein gutes Geschöpf doch glaube ich dass
sie binnen Jahresfrist im Stande gewesen wäre Mezzoni ebenso gern zu heiraten
als Becker Aber Mezzoni verabscheute sie eben um diese ihre negative Natur
die ihn auch über ihr Klavierspiel zu der Bemerkung veranlasste Ihm sei dabei zu
Mut wie zwischen den Perlfabriken seiner Heimat er war ein Venetianer so
glatt kalt und sauber gehe da Alles von statten Zwei Jahr später
bewerkstelligte sich endlich Mathildens Verheiratung und Beckers Anstellung
und ich denke sie leben in friedlicher Ehe Der alte Müller ließ sich in Eutin
nieder und widmete sich mit erneutem und gänzlich ungestörten Eifer der
Forschung nach jener bewussten Formel Ich trug sorgsam all meine mathematischen
Bücher in die Bibliothek und begrub sie dort zwischen ihres Gleichen Die Stöße
Papiere aber die mich mit meinen Arbeiten angähnten begrub ich noch viel
sorgsamer in den Flammen meines Kamins Wie sie dort als ein Häufchen
zerstiebender Asche lagen sagt ich ganz laut zu mir selbst Da sind drei Jahre
meines Lebens in Rauch aufgegangen und um zu diesem Resultat zu kommen hab
ich die Existenz eines Gymnasiasten jugendlichen Übermut abgerechnet
durchgemacht Welch ein Unsinn
Als ich mit Sedlaczech allein war erzählte ich ihm ausführlich und
aufrichtig wie ich mit Otbert gelebt und warum wir uns getrennt Er kam mir
noch immer und in Engelau mehr denn je als eine Autorität vor und es
gewährte mir Erquickung mich an eine solche zu wenden da grade sie mir seit
meinem zehnten Jahr gefehlt hatte Die kränkliche Mutter der zärtliche Paul
der gleichgültige Otbert ließ mich gewähren aus sehr verschiedenen Gründen
welche aber für mich die nämliche Wirkung hatten Mein Schwiegervater würde
vielleicht versucht haben mich zu dominiren wenn wir mehr zusammen gelebt
hätten allein grade ihm würde es schwerlich gelungen sein weil ich nur kühle
Achtung keine warme Verehrung für ihn empfand Und mein Onkel der Bischof für
den ich letztere im hohen Grade hegte mied mit zarter Vorsicht jede persönliche
Autorität um nicht unwillkürlich die geistliche hinein zu mischen So hatte ich
Niemand als mich selbst und meine eigene Zustimmung und Abmahnung woraus ich
mir das Tribunal meiner Handlungen zusammensetzen konnte und wie bestechlich
im besten Fall wie einseitig ist ein solches
»Wie glauben Sie denn dass Ihre Zukunft sich gestalten werde« fragte
Sedlaczech
»Da gibt es zwei Wege entgegnete ich Entweder ich verfalle in die schaale
Routine des Lebens welche die Eigenschaft besitzt die Leute wie man es nennt
zu conserviren nämlich so wie Leichen sich in manchen Gewölben mit dem Anschein
von Leben erhalten und dann kann ich es zu grauen Jahren bringen vor denen
der Himmel Alle behüten möge die er liebt Oder solche Existenz ohne Reiz ohne
Nerv ohne erhebende Gedanken ohne beseelende Idee ohne Leidenschaft führt
eine Atonie sämtlicher Kräfte herbei welche bald gänzliche Auflösung zur
Folge hat Acht bis zehn Jahre geb ich mir noch Dann ist meine Tochter
erzogen dann bin ich fertig dann werd ich vielleicht erfahren zu welchem
Zweck ich gelebt habe denn bis jetzt das gesteh ich Ihnen begreif ich es
nicht Das Leben aus Instinkt fortzupflanzen welches mir meine Eltern aus
Instinkt gegeben haben scheint mir keine erschöpfende Bestimmung zu sein und
alles Übrige diese Gesetze nach denen diese Pflichten für welche diese
Genüsse um welche man lebt entsprechen so wenig unsrer Natur sind so sehr das
Product eines künstlich zusammengesetzten Zustandes dass man sich selbst
verkünsteln muss bevor man sich an sie gewöhnt«
»Wer kann sagen ich begreife das Leben erwiderte Sedlaczech Niemand Das
ist eben die Sache Gottes Wir aber die wir es nicht können sollten die Hände
davor falten weil es eine Hieroglyphe ist die ein göttliches Geheimnis
verbirgt«
»Immer die Fabel von der verschleierten Isis«
»Ja aber auch immer im Fabelkleide die urewige Wahrheit«
»O Meister rief ich wie sind Sie nur zu Ihren unumstösslichen
Überzeugungen gelangt«
»Als ich in meine Seele hinein blickte fand ich sie dort vor denn sie sind
uns eingeboren«
»Nimmermehr« rief ich
»Doch unterbrach er mich sanft Als die Engel in Menschengestalt zu jenen
Zeiten von denen nur Legenden uns erzählen auf der Erde umher wandelten hatten
sie ein geheimnisvolles Wort kraft dessen sie augenblicklich zu ihren Gestirnen
und ihren Himmeln emporsteigen konnten Die Menschenseele weiß auch von einer
solchen Bannformel mit der sie sich über den Staub hinaufschwingen kann und die
ist ihr eben eingeboren ohne Unterschied der intellectuellen Gaben Allen sie
heißt Glaube und Liebe der Glaube einer ewigen Einheit anzugehören die
ihrer Essenz nach nichts Andres als eine Vollkommenheit sein kann das ist der
Schöpfer die Liebe welche uns die Vielheit das Geschöpf als unsers
Gleichen als Gefäß seines unerforschten Willens als Symbol seiner Idee zeigt«
»Das ist genug für erhabene Menschen entgegnete ich traurig nicht für
mich Diese gleichsam unpersönliche Gemeinschaft möchte ich die der Heiligen
nennen und die Heiligen Fidelis über welche Dornen und Kohlen sind sie
gewandelt ehe sie dahin gelangten Lesen Sie doch die Bekenntnisse des heiligen
Augustin der heiligen Teresia ist nicht jede Zeile jedes Wort in ihre
Tränen getaucht von ihrem Herzblut überrieselt wie sich eine wunde Brust aus
unsrer harten nordischen Luft in eine südlichere flüchtet so haben sie ihre
Herzen einer Region zugewendet deren Äther feiner als unser derber irdischer
ist den die kaum vernarbten Wunden nicht ertragen würden Sie tragen eine
Glorie ja aber deren Stralen sind verwandelte Dornen«
»War Christus nicht von seinem Herzblut überrieselt auf dem Weg zu Golgata
Sie fürchten das Leid zu sehr Sibylle«
»Ich fürchte es nicht ich weiß nur aus unseliger Erfahrung dass es uns
nicht fördert und nicht hilft und darum meid ich es«
»Das heißt Sie lassen es fallen anstatt es reifen zu lassen«
»Das Leid pflegen ist Missverstand«
»Es reifen lassen grenzt an Weisheit sprach er lächelnd Es lebt sich
dann durch alle Phasen durch und aus es gestaltet sich zuweilen zu einer
köstlichen Essenz wie starker Wein das Leben kräftigend wie Rosenöl es mit
Balsamduft durchhauchend Zuweilen wird es freilich auch zu einer sehr sehr
bitteren Frucht durch die man nichts gewinnt als eine schmerzliche Warnung
oder Erfahrung Doch gleichviel bei dieser inneren Arbeit ist der Boden so
zergraben und gelockert dass er fähig ist ein neues Samenkorn zu empfangen Wird
aber die Frucht hastig und unreif abgerissen wie Sie es tun so ist die
ganze Entwickelung gewaltsam unterbrochen und ringende Kräfte reagiren
schädlich ja feindlich weil sie nicht ihren natürlichen Gang gehen
durften Sie stocken und es wird daraus das Allertraurigste was den Menschen
befallen kann und was ich versetztes Leid nenne Bitterkeit Hüten Sie sich
davor teure Sibylle«
»O Meister rief ich bewegt und mit feuchten Augen wie tun Sie mir wohl
bleiben Sie nur immer bei mir bei Ihnen fühl ich mich zu Hause und bei meines
Gleichen denn Sie denken empfinden und sprechen wie ein Mensch während ich
so lange so lange nur sprechen höre vom Standpunkt aus den Beruf oder
Gelehrsamkeit oder Verhältnisse zur Pflicht und zur Gewohnheit machen Das ist
natürlich ach es mag sogar respectabel sein aber ich kanns nicht
aushalten ich kann es nicht All dies kluge Wissen all dies brave Tun kommt
mir vor wie der Teich Betesda dessen Gewässer stagniren und ohne Leben und
Wirksamkeit sind bis ein Engel über sie dahin rauscht und sie segensvoll macht
Nach diesem lebendig machenden Geist schmachte ich und von Ihnen weht er mich
an Bleiben Sie hier«
»Und wenn Graf Astrau kommt«
»Er wird nicht kommen Käme er aber so würde er ein Gast unter meinem Dach
sein gleich Ihnen und das Gastrecht meines Hauses genießen wie ein Fremder
und nicht wie Sie mein Freund«
»Ich werde bleiben so lange ich kann entgegnete Sedlaczech nach einigem
Schweigen und mit gepresster Stimme Kann ich nicht mehr so«
»So sind Sie frei das versteht sich unterbrach ich ihn Aber jetzt
bleiben Sie bei mir Und glauben Sie mir es ist Ihre Pflicht wo der Mensch die
heilsamste Wirsamkeit übt ist sein Platz Es ist nicht Jedem gegeben
woltätige Lebensluft um sich zu verbreiten Trockne dürre harte Seelen
hauchen Stickstoff aus worin das Leben erlischt das in ihre Atmosphäre gerät
Aber Sie entzünden das bereits halb erstorbene«
»Wozu dies Alles unterbrach er mich unruhig Ich kenne ja Ihre Art heute
fanatisiren Sie sich für einen Menschen der Ihnen ein Prophet zu sein scheint
und binnen drei Wochen sind Sie seines falschen Prophetentums überdrüssig
klagen ihn der Täuschung sich selbst des Irrtums an und geben sich einer
ebenso übertriebenen Schwermut hin als Ihre Freude übertrieben war«
»Mit Otbert war es allerdings so« antwortete ich beschämt
»Und nicht mit ihm allein sondern mit Allen und Allem was Sie je ergriffen
haben«
»Wolan es ist so rief ich entschlossen denn meine Seele will Ruhe finden
in dem was sie liebt und findet statt dessen Unruh Angst Verzweiflung weil
die Gegenstände ihrer Liebe wesenlos an ihr vorüber und in das Nichts hinein
schweben dem sie angehören Ich kann das nicht ändern weder meine Sehnsucht
noch meinen Schmerz kämpfen Beide sind gleich groß gleich gewaltig Wie jene
HalbVerdammten des Dante befinde ich mich in einem beständigen Wirbelwind Das
Unbekannte lockt mich mit den süßesten Verheißungen die in dem Bekannten ebenso
sicher untergehen wie eine gewisse flammende Morgenröte einen Tag voll Regen
bringt Zwischen jenen Chimären und dieser Nichtigkeit stehe ich auf einem so
ungewissen Punkt wie der Krater eines Vulkanes ist ich habe ihn nicht gewählt
nicht gesucht ich bin durch meine angeborene Richtung zu ihm hingeführt worden
und Sie machen mir Vorwürfe ist das gerecht«
»Ja ich mache Ihnen Vorwürfe Sibylle Wer klar genug über sich selbst ist
um die Richtung zu erkennen in welche seine Natur ihn drängt wer dieselbe
unablässig verfolgt dem ziemt keine Klage wenn deren letzte Konsequenzen ihm
begegnen denn er sollte auch über sie allmälig klar werden und sie als
Bedingungen der Existenz annehmen Ein Ringen aus der Unvollkommenheit zur
Vollkommenheit das ist das Leben das ist das Ziel des Menschen dahin muss er
streben durch Licht und Schatten in Sieg und Niederlage durch handeln und
denken mit Kreuz und Schwert darin muss er seine Seligkeit suchen denn seine
Bestimmung ist Seligkeit Nur muss zuvor mancher herbe Kelch geleert werden der
auf ewig geheiligt ist weil ihn der Allerheiligste nicht verschmäht hat Aber
Sie lassen ihn fallen Aber Sie mögten in der Vollkommenheit geboren
sein und bequem die Seligkeit als Hausmannskost genießen in Ihrer olympischen
Trägheit«
»Ja denn ich bin mir bewusst sie nimmermehr verdienen zu können«
»Verdienen Wer spricht von verdienen ich gewiss nicht Sibylle die
Seligkeit kann nicht verdient sie muss errungen werden Sie verdienen wollen
wäre Knechtes und Mietlingswerk von denen geschrieben steht »sie haben ihren
Lohn dahin« Der Freie ringt Das braucht kein sichtbarer Kampf zu sein voll
Getümmel und Geschrei er kann ebensowol in tiefer Stille entschieden werden
und der erbleichenden Lippe nicht eine Klage entlocken Der Eine ringt und
die Erde bebt die Völker zittern die Welt droht aus ihren Angeln zu gehen
der Andre ringt und die Träne eines Dankbaren fällt auf seine Pfade und
der Segen eines Geretteten folgt ihm nach Dieser ringt um sich zu verstehen
Jener um sich zu beherrschen Der um sich zu entwickeln und Der nach
Weisheit und Der nach Brot und Der nach Ruhm Alle auf ihre Weise nach
ihren Einsichten mit ihren Kräften welche so verschieden sind wie die
Individuen selbst Aber sie ringen das heißt sie sammeln ihr ganzes Wesen auf
einen Punkt von wo sie den Zug ins gelobte Land beginnen vielleicht wie
Moses es nie erreichend Und auch Sie müssen ringen Sibylle sonst werden
Sie untergehen«
»Und wohin wohin soll ich ringen« rief ich
»Zu Gott« sagte er sanft
Himmlisch mild wie der Schlussaccord einer Hymne fiel dies Wort und diese
Stimme in mein Ohr »Zu Gott« wiederholte ich leise und mein Gesicht sank in
meine Hände und mit tausend Tränen brach ich in mir selbst zusammen und ihre
heiße Flut hob den starren Frost unter dem mein Herz seit Jahren eingeschrumpft
war Als ich aus diesem Paroxismus wieder zu mir selbst kam und mich ganz
bewildert umsah war Sedlaczech fort
Hatte ich eine Vision gehabt hatte unter Orgelton und Glockenklang eine
Stimme zu mir geredet Ich war doch jeden Sonntag in der Kirche gewesen und
hatte ein Paar hundert Predigten gehört und hatte außerdem manches ernste gute
Wort über religiöse Dinge mit meinen Pfarrern und nicht bloß mit ihnen
geredet und nie war mir so zu Mut gewesen Nie bebte meine Seele vor ihrem
Wort und dennoch ihrem Wort entgegen Nie stand ihnen der Mosisstab zu Gebot
der aus dem Felsen Wasser schlug Und jetzt kommt ein Mensch sagt das
Allereinfachste das Allernatürlichste was ich was Jeder ebensogut oder besser
hätte sagen können schöpft es aus dem warmen tiefen Quell seines Herzens und
bewegt mich so aber so dass ich zu mir selbst sprach
Vielleicht ist der Engel über den Teich Betesda dahin gerauscht und die
Blinden und Lahmen welche jetzt in ihm baden werden genesen Vielleicht ist
Ostertag gekommen der Morgen der Auferstehung O welche Gotteskraft ist
im Menschen wenn er ein göttlicher Mensch ist
Das Leben bekam jetzt eine andre Färbung als ob ein wärmerer
farbenreicherer Himmel einen kühlen und eintönigen verdrängt habe Freilich war
nicht mehr jeder Stunde ihre unveränderliche Bestimmung wie von einem Fatum
zugewiesen Freilich waren meine Beschäftigungen willkürlicher und
unregelmässiger Ich trieb nicht mehr die Einteilung der Zeit bis zu
pedantischer Genauigkeit Eben daher ward mein Leben mannigfaltiger weil
Stimmung und Neigung des Augenblicks befragt wurden weil der Tag nicht wie die
Musik einer Spieluhr mechanisch abgearbeitet wurde Was war das nur für ein
unsinniger Einfall sich dermaßen in ein Extrem zu sperren fragte ich mich
selbst ganz verwundert und bedachte nicht dass ich mir diese Frage wohl schon
zwanzig Mal vorgelegt hatte und immer aus einem Extrem in das andre geschwankt
sei Jetzt wollte ich auf der schönen klaren Mitte bleiben Ein stiller Geist kam
über mich Mir ward woler denn je Ich weiß nicht was für friedliche Anklänge
voll süßer Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit aus der Erinnerung an
meine Toten mich anwehten Sedlaczech war der Repräsentant jener
Vergangenheit unwillkürlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister
umringt unwillkürlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an Ich
hegte ihn mit zärtlicher und ehrfurchtsvoller Pietät in meinem Hause wie den
Barden aus den Tagen der Väter in den Ossianischen Gesängen Ich sagte ihm das
»Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwürdig« fragte er lächelnd
Ich musste ihn auf diese Frage einmal gründlich betrachten Nach einer Pause
sagte ich
»Das Genie hat kein Alter und Sie haben ein merkwürdiges Antlitz Meister
Fidelis als hätte die Natur bei dessen Bildung mächtig tiefsinnige Gedanken
gehabt und als hätten Sie diese Gedanken alle erraten alle ausgeführt«
Dies war ganz richtig die Züge waren fest geschnitten und fester noch
ausgebildet Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben
Elfenfinger deren strenge Furchen geglättet und den Abglanz ihres eigenen
Schimmers über sie gebreitet zu haben Die graden starken Augenbrauen der
festgeschlossene Mund zeugten von unüberwindlicher Entschiedenheit aber wenn
diese Lippen sich im Lächeln oder im bewegten Sprechen lösten so legte sich ein
schmerz und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd über sie Das Auge
ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Höle wie ein farbenspielender Diamant der
sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Außen blitzen
lässt
»Sind Sie eine Jüngerin Lavaters fragte er scherzend und glauben Sie an
dessen Physiognomik«
»Ich glaube an die Urmacht der Natur. Ist der Mensch nicht der Aus und
Abdruck der in ihm wohnenden ihm uranfänglich eingehauchten Idee so ist er ein
Larvenbild und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden Ich
glaube dass Genius und Größe nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden und
glaube dass im Zieraffen ebensowenig Größe und Genius stecken Ich glaube dass ein
Engel nicht aussieht wie ein Teufel dass ein Teufel die Maske eines Engels
vornehmen und Diejenigen täuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich
täuschen lassen wollen und dass der unbefangen beobachtende Blick sie
unterscheidet Und ich glaube endlich dass unser in dieser Beziehung ursprünglich
scharfer Blick stumpf wird weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen
nach dem Rock zu beurteilen Und Rock nenne ich nicht bloß seine Kleider
sondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt und die von den
gekräuselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist«
»Wäre es nicht ein unerhörtes Unternehmen entgegnete Sedlaczech aus einem
modernen Schuh auf das schöne Gebilde eines menschlichen Fußes mit seiner feinen
und festen elastischen Gliederung schließen zu wollen Und wie der Schuster mit
unserm Fuß so verfährt der Mensch mit dem Menschenantlitz«
»Aber dem unbezwinglichen Herzens Geistes und Leidenschaftsleben bleiben
dennoch immer Kanäle geöfnet in denen es sich ausströmt und ausstralt Und ich
meine auch nur dass der Grundzug einer Natur die Hauptrichtung eines Characters
erkennbar sind etwa so wie Beetovens Antlitz die sturmbewegten und
durchfurchten Züge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kann
und Rafael nicht die liebende Anmut seiner Seele«
»Ich bin ganz Ihrer Meinung sagte Sedlaczech und da ich finde dass die
Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist, welche bei seiner Beurteilung von
Wichtigkeit ist so freut mich stets die Wahrnehmung, dass sie sich zwischen den
kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zufälligkeiten Platz macht«
»Wenn Sie mich nicht kennten Fidelis sprach ich gedankenvoll was würden
Sie über meine äußere Erscheinung sagen«
»Das ist schwer fast unmöglich Vielleicht würde ich sagen eine
schöne schicksalträumende Walkyre Vielleicht eine Somnambule so
ahnungsvoll aber befangen und gebunden eine immense Seele aber leer«
Fräulein Matilde hatte dem Gespräch zugehört in ihrer Weise dh jedes
meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd Als ich jetzt ernst und sinnend
schwieg nahm sie gekränkt das Wort und rief lebhaft
»Herr Sedlaczech besinnen Sie sich wie können Sie die Gräfin eine leere
Seele nennen sie ist ja so voll Güte und Wolwollen Ich hätte gemeint dass Sie
auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntnis erworben haben müssten«
»So wird man verkannt und gar von seinen Freunden« rief ich scherzhaft
und abbrechend Aber zu Sedlaczech sagte ich später
»Sie hatten ganz Recht Fidelis statt zu leben träume ich mir Schicksale
und ich suche die Seele durch Handlungen der Güte und des Wolwollens zu füllen
denn sie ist leer«
Er schwieg Überhaupt schwieg er viel und ich hätte doch gewünscht er möge
viel sprechen Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei er habe
doch Gedanken vollauf
»Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken antwortete er
Ich bin so daran gewöhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen dass
ich wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fühle mit der wir uns in
einer fremden Sprache ausdrücken Überdas habe ich nicht jene Gabe der
Unterhaltung die man nur im Verkehr mit der großen Welt entwickeln kann«
»Ganz Recht Fidelis mit der großen Welt in der alle Menschenbildungen
ihren Platz einnehmen sich durch einander drängen und bewegen und jede auf
ihre Art die Sprache verstehen und handhaben Da muss der Gedanke schnell und
beweglich der Ausdruck fein schmiegsam und doch präcis sein und immer
wechseln je nach dem Verständnis Desjenigen mit dem man eben redet Dazu gehört
ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen Die große
Welt bietet zu diesen Übungen einen vortrefflichen Tummelplatz Aber ihre
Fractionen diese Masse von kleinen Welten welche sich sämtlich nur darum groß
finden und nennen weil sie für die wirklich große weder Maßstab noch Ahnung
noch Verlangen haben die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um
die edle Gabe der Sprache zu bringen In der eleganten Welt welch ein frivoles
Gezwitscher in der gelehrten Welt welch ein pedantisches Dociren in der
literarischen welch ein babylonisch verwirrter Wortschwall Wer sich nur in
einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkürlich auch ihre
Gedankenrichtung annimmt wird in den andern so unverstehend und unverständlich
sein wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden Und es kann
unsereinem wohl begegnen in eine derselben hinein zu geraten aber Ihnen
Meister Ihnen steht die ganze große Welt geöfnet«
»Was hilft das einem schüchternen Menschen ich bin schüchtern meine Seele
ists Das mag mit meinem Schicksal mit meinen Fähigkeiten zusammenhängen
Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschränkt alltäglich und
armselig vor wie Nachtviolen die unschönen grauen Blumen die nur dann zu
duften wagen wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht dann
verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen Meine Nacht ist die
Musik Sie breitet ihren Sternenmantel über mich und in ihrem Schutz öfnet sich
unbefangen meine Seele«
»Ihr inneres Leben mögt ich kennen Meister sagte ich gedankenvoll Es muss
gleich dem Karfunkel sein mystisch und licht«
»Ist nicht jedes innere Leben so«
»O nein so ist es statt der Mystik Verwirrung und statt des Lichtes
farblose Wässrigkeit« rief ich
»Sie sind sehr hart Gräfin Sibylle« sprach er
»Nur gegen mich Fidelis meine Bemerkung galt hauptsächlich mir aber
freilich nebenbei manchen Anderen Denken Sie doch nur der bewusste Geist der
die Persönlichkeit genau bestimmt und ausprägt der macht licht Und die
Inspiration die Begeisterung die Gefühlsströmungen von Andacht und Liebe
welche jene Persönlichkeit durch und umfliessen und sie im unbewussten
Zusammenhang mit dem Ganzen mit dem All zeigen die sind mystisch Glauben Sie
wirklich dass dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltägliche
Erscheinung in unsern verschrumpften verfinsterten engen matten Seelen sei«
»Ich glaub es nicht erwiderte er sanft und daher glaub ich auch nicht
dass sie in mir zu finden sind Aber ich denke so Einer wie Sie ihn meinen muss
Beethoven gewesen sein frei im Geist wie ein ächtes Kind Gottes und im
Einklang mit den Gestirnen den Elementen seinen Geschwistern In der Symphonie
seines Daseins welche unter der Hand Gottes dahin gerauscht ist bildet sein
Geist die ewig lichte sonnenschöne Melodie die auf dem Zusammenbrausen
unirdischer Ströme auf dem Zusammenklingen unirdischer Glocken auf einer
Unendlichkeit von Harmonien ruht die alle in der Urtiefe seines Wesens
wiederhallen und neugestaltet aus ihr empor quellen«
Wenn Sedlaczech durch den Gegenstand hingerissen sprach wenn er gleichsam
das Wehr öffnete und die Flut der Empfindung nicht länger hemmte wie veränderte
sich dann sein Gesicht sein Ausdruck seine Stimme Die Stirn wurde so
transparent dass man meinte hinter ihr die Gedanken weben und walten zu sehen
das hagre bleiche Antlitz war erfüllt und erwärmt von der Überfülle der Seele
die kalte monotone Stimme klang und vibrirte wie ein tonreiches Instrument das
erst jetzt seinen Meister gefunden Ebenso war es auch wenn er spielte Ich würde
geglaubt haben dass jene Veränderung nur für mein Auge mit ihm vorgehe wenn
nicht Fräulein Matilde mich überrascht und neugierig gefragt hätte ob ich
dieselbe bei vielen Menschen außer bei Sedlaczech wahrgenommen habe was ich
verneinte
»Welch ein herrlicher Schauspieler hätte er werden müssen setzte sie hinzu
da er im Stande ist seine Mienen und Bewegungen so in Übereinstimmung mit
seinen Worten zu bringen«
Sie war mir immer ziemlich einfältig vorgekommen die gute Matilde jetzt
fand ich sie gradezu dumm sie konnte wähnen dass er absichtlich diesen und jenen
studirten Ausdruck annahm Und wenn ich es recht bedachte machte sie keine
Ausnahme von der Regel denn in der Regel betrachtet die Gewöhnlichkeit die
Zeichen und Gepräge des Aussergewöhnlichen wie Jonglerie Kömödie und
Maskenspiel welche aufgeführt werden um Staunen und Aufmerksamkeit zu fesseln
Das kann sie nun einmal durchaus nicht begreifen abgesehen von allem Übrigen
was sie ebenfalls nicht begreift dass der Aussergewöhnliche sich gehen lässt in
der Sorglosigkeit seiner Natur statt zu schwimmen in ihren bodenlosen
Ansprüchen von Bemerkt und Begafftwerden
Zwischen Sedlaczech und Mezzoni entwickelte sich Mathildens bis dahin etwas
seelenloses Talent Letzterer spielte wunderschön das Violoncello Ersterer die
Geige Matilde den Flügel damit wurden herrliche Sachen von Haydn Mozart und
Beethoven ausgeführt Oder Mezzoni und Sedlaczech spielten auf zwei Flügeln
oder endlich dieser allein Ich liebe nicht das Piano Holz bleibt Holz hat das
Holz eine Seele so ist sie darin eingesargt während sie um die Saiten vom
Bogen berührt mit Schmetterlingsflügeln schwirrt und wirbelt Aber wenn er
spielte so war es kein Holz überhaupt kein Piano mehr sondern ein niegehörtes
Instrument das er nach eigener Erfindung behandelte Ich Ungeschickte musste
immer zuhören ich hatte es auf dem Piano nie bis zur Mittelmässigkeit und auf
der Harfe nur so weit gebracht um meinen Gesang zu begleiten Jetzt wurde ich
zuweilen meiner passiven Teilnahme überdrüssig und begann meine Stimme wieder
zu üben woran ich stets Vergnügen gefunden hatte Dadurch kamen wir auf die
Vocalmusik und nun in Sedlaczechs geliebtes Fach den Kirchengesang Er
verstand es seine Liebe seine Bewunderung seine Andacht uns Andern
einzuflößen und ohne dass Einer von uns eine wahrhaft schöne oder glänzend
ausgebildete Stimme gehabt hätte wurde es uns doch möglich durch Fleiß
Ausdauer und Ernst von den altitalienischen Kirchenmusiken Manches vierstimmig
auszuführen Mit ihren Worten voll übermenschlicher Klage und Sehnsucht voll
göttlicher Verheißung und Barmherzigkeit den Psalmen und Propheten entnommen
von Palestrinas Leos und Durantes glaubensstarken Seelen in die mächtige
Sprache ihres Genius übertragen der sich von allen Qualen Sünden und
Leidenschaften der Welt in dem geweihten Born eines unantastbaren Glaubens
frischbadete machte diese Musik mir einen ganz unerhörten Eindruck Ich kam mir
wie geadelt vor indem sie über meine Lippen ging Die dumpfen Aengste meiner
Seele lösten sich auf in dieser Ruhe welche das Leben und den Tod überwunden hat
und von den Wonnen des Paradieses nichts erwartet als dessen unzerstörbaren
Frieden Immer war mir dabei zu Mut wie einem sterbensmüden Pilger der
erschöpft im Schlaf gefallen ist und der in seines Traumes seligen Visionen
nicht merkt dass sein Leib auf steinigem Boden liegt und seine Füße von Dornen
bluten Ich begann nie anders als mit Andacht ich schloss nie anders als in
Extase Dieses Ringen zwischen Körper und Seele diese Übermacht der letzteren
mit der sie sich schauernd bebend die flammendste Kraft zusammenfassend
allendlich in den Äther einer Region schwingt die ihr im gewöhnlichen Zustand
versagt bleibt diese Extase welche uns in einzelnen in den höchsten Momenten
von Glück von Liebe von Opfer über uns selbst emporrafft nie empfand ich sie
reiner und stärker weder vorher noch nachher als eben bei jener Musik Daher
lebte und webte ich in ihr Nach meiner excentrischen Art ging Alles neben ihr
unter Der Tag hatte nur Wert für mich weil er den Abend und mit ihm meinen
Hochgenuss brachte der bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt wurde Mezzoni
und Sedlaczech dachten ebenso wenig als ich an das Aufhören Fräulein Matilde
dachte wohl zuweilen im Stillen daran betrachtete aber die Sache zu sehr als
eine trefliche musikalische Übung die ihr in Zukunft als Lehrerin vielleicht
zu gut kommen könne um sie nicht mit Eifer obgleich ohne Andacht zu treiben
Unser Auditorium störte oder befeuerte uns nicht denn wir hatten keines Ich
hatte ein Musikzimmer neben dem Salon eingerichtet in welchem wir uns Abends
Alle versammelten auch die beiden Kinder und Benvenutas Gouvernante und
Hofmeister Aber die ersteren gingen früh schlafen und die letzteren zwei
leidenschaftliche Schachspieler blieben immer im Salon vor ihrem Schachbrett
und kümmerten sich so wenig um Palestrina als wir uns um Philidor Ich hatte
freilich versucht meine Sonntagsgesellschaft durch unsre Musik zu entzücken
aber das gelang nicht Der geistliche Teil hörte nicht ohne Erbauung wenn auch
ohne Vergnügen zu der weltliche kämpfte mühsam mit Schläfrigkeit er war nicht
daran gewöhnt zu diesem ernsten Gedankenkreis sich zu erheben Fräulein Matilde
musste spielen und singen oder Mezzoni eine Szene aus einer Opera buffa oder die
Barcarolen seiner Heimat vortragen was er mit unbeschreiblich guter Laune und
Gewandtheit tat das war ihnen angenehmer erheiternder gleichsam mehr ein
Sonntagsvergnügen voll Kontrast mit ihrem Alltagsleben
Wieder vergingen die Tage ungezählt und unbemerkt Winter und Sommer und
wieder ein Winter und noch ein Sommer Ich war wohl nicht glücklich aber ich
vergaß dass ich es nicht war und damit war viel gewonnen nämlich etwas
Beruhigung denn das suchen sehnen und jagen nach Glück ließ nach und daher
war mir das Leben nicht länger ein heißer Kampf oder eine lähmende Last Ich
forschte nicht ich fragte nicht Ich glaube zum ersten Mal seit ich geboren
gewährte mir die Gegenwart wie sie eben war stillen Genuss Ich hätte vielleicht
Zuwachs Vermehrung und Erhöhung desselben gewünscht doch gewiss nicht um den
Preis irgend einer Veränderung Die alten Astrologen sagten diejenigen sind
unfehlbar unglückliche Menschen deren Stern bei ihrer Geburt unter dem Horizont
gestanden hat das Glück wird auch stets unter demselben bleiben So ging es
mir mein Glücksstern warf nur höchstens eine zarte Dämmerung in meinen Horizont
herein er selbst schwang sich nicht so hoch empor Mehr noch wenn diese
Mondaurora wie ich sie nennen möchte sich zeigte so war fast mit Gewissheit
darauf zu rechnen dass sie Vorbote eines Ungewitters sein würde
Ich hatte der Kirche von Engelau eine neue Orgel geschenkt so groß und
schön wie die Räumlichkeit es nur immer gestattete Der Organist verstand
durchaus nicht sie geltend zu machen Sedlaczech erbot sich sie einmal zu
spielen damit ich ihre eigentliche Kraft und Fülle hören könne Wir gingen eines
Nachmittags sämtlich in die Kirche Es war ein warmer milder Septembertag ein
letzter Gruß des scheidenden Sommers Die uralten Ulmen welche mit einem tiefen
Schattenkreis den Gottesacker die Heimat der Schatten umgaben zeigten schon
manch welkes Blatt zwischen ihrem fahlen Grün Die Drosseln zirpten ihr
Wanderlied und sammelten sich zur gemeinsamen Rückkehr in die Winterquartiere
Die Felder waren Stoppeln die Wiesen noch grün aber moos und nicht mehr
smaragdgrün Das Laub der Hecken und Bäume war überall schon gelichtet Nur die
Eichen standen noch in voller Kraft und Frische wie behelmte geharnischte
Helden bereit mit dem Feinde Herbst einen Kampf zu bestehen während alle
andern Bäume die Waffen streckten Sie rührten mich die alten Helden sie sahen
so kräftig und schön aus im Goldglanz der tiefstehenden Sonne welcher sich mit
zitterndem Geflimmer um die gewaltigen Äste wob Es hilft euch nichts sagte
ich und sah sie wehmütig an ihr müsst auch in den Staub etwas früher etwas
später aber er bleibt nicht aus der Tod Da fiel mir ein dass eben heute
Heinrichs Todestag sei und plötzlich zog an meiner Seele ein langer
Trauerreigen vorüber gestorbene Menschen und gestorbene Freuden und Hoffnungen
gestorbene Leben der verschiedensten Art und über ihnen Allen von Heinrich bis
auf Arabella ein Tropfen meines Herzbluts ausgegossen und mit ihnen
verwest verweht
Hundertmal schon glaubte ich bemerkt zu haben dass Sedlaczech die geheimsten
Regungen meiner Seele ahnte und mir dies Verständnis in einer Weise kund gab
die wiederum nur mir verständlich war Jetzt begann er Mozarts Requiem Die
Trauerflöre verdichteten sich um meine Seele »Dies irae« donnerte mich an
mich nicht meine Toten Aus dem Zornbrand der Welten waren sie bereits hinüber
gerettet in die ewigen Hütten Aber ich aber ich »Quid sum miser tunc
dicturus« diese Figur wechselte unter Sedlaczechs Hand immer ab mit dem »Nil
inultum remanebit« und erfüllte mich mit unsäglichem Verzagen Ströme von
Traurigkeit ergossen sich um mich schwarze Schaalen voll Schwermut leerten
sich über meinem Haupt Für die Sünde für die Tugend hatte die göttliche
Gerechtigkeit Strafe und Lohn allein was konnte sie mit einem Wesen machen das
ihre höchste Gabe das Leben nicht gebraucht und eigentlich nicht gelebt
hatte Es vergessen weiter nichts »Quid sum miser tunc dicturus« klagte die
Orgel Ja ich war die Elende die nichts zu sagen wusste als das eine Wort
welches schon jetzt der Fluch und das Schreckbild meines Daseins war Nichts und
abermals Nichts Schwer mochte es sein mit Sünden und Verbrechen belastet zu
erscheinen jedoch aus dem Munde dieser Beladenen wie inbrünstig ertönte es
»Recordare Jesu pie« Fleisch und Blut und ihre Sünden konnten nicht strenger
gerächt werden als ein Schattenleben das in Nichts Verlockung und Genuss
gefunden in Nichts seine Rechtfertigung zu suchen hatte Wer wird mich
erlösen ächzte ich in der schauerlichen Finsternis welche sich in der Kirche
verbreitet hatte
»Salva me fons pietatis« klang es von der Orgel herab und darin ließ
Sedlaczech wie in ewiger Wonne die Töne verhallen Wir verließen Alle tief
ergriffen die Kirche Keiner sprach ein Wort Der Mond ging langsam auf Ich
nahm Sedlaczechs Arm und schlug mit ihm den längeren Rückweg durch den Garten
ein die Übrigen gingen gradesweges nach Hause Ich teilte ihm den gewaltigen
Eindruck des Requiems auf mich mit
»Wie ein Donnerruf des Gewissens klang es«
»Ich denke nicht dass das Ihre mit so fürchterlicher Stimme zu Ihnen
spricht« sagte er mit seinem gewissen kalten Ton der mir häufig das Wort auf
den Lippen tödtete weil er mehr zum Schweigen als zum Reden auffoderte
Allein es war Sturm in mir gewesen da gingen die Wellen noch hoch ich
fragte kurz
»Wie kommt es Meister dass Sie ein so innerlicher Mensch so wenig lieben
von innern Zuständen zu sprechen«
»Das dächte ich nicht ich spreche darüber wenn ich grade in der Stimmung
bin aber ich habe sie freilich nicht immer und ich setze sie noch seltener bei
Andern voraus Was in uns vorgeht hat doch eigentlich nur für uns selbst
Wichtigkeit sobald es sich nicht durch das Organ der Kunst oder der
menschenfreundlichen und gemeinnützigen Tat an den Tag legen lässt Ich meide
gern das Unnütze am Meisten das unnütze Wort«
»Wer sagt Ihnen dass jedes gesprochene Wort ein unnützes sei es kann nicht
Jeder große Taten tun nicht Jeder Kunstwerke schaffen der doch ein hohes
Streben und einen Schatz von Poesie in seiner Seele trägt mir ist es ebenso
wichtig wenn das im Wort zum Vorschein kommt als durch Handlungen«
»Sie setzen innere Herrlichkeiten voraus Perlen und Korallen unter den
Wellen des Busens ich leugne sie nicht nur sind sie umschlungen von wüsten
wirren Tier und Pflanzengebilden und abschreckende Ungeheuer verdecken sie
oft gänzlich Wenn der Mensch genau wüsste wie es in der Seele seines
Geliebtesten aussieht so würde er sich von unüberwindlichem Schauer ergriffen
fühlen Nicht von Abscheu Entsetzen oder Verachtung obgleich auch das
vorkommen könnte Nein nur von Schauer über die masslosen Zerrüttungen und
Verwilderungen über die stillen Unsinnigkeiten einer sogenannt schönen edlen
reinen Seele Es ist sehr gut dass die Brust mit ihrem gleichmäßigen stummen
Wellenschlage die schauerlichen Geheimnisse der Tiefe zudeckt und sehr verwegen
sie durch irgend eine magische Beschwörung hervorlocken zu wollen«
»Und doch glauben wir dass Gott die dunkeln Abgründe unsers Wesens kenne ohne
sich von uns abzuwenden«
»Gott ist barmherzig und gnädig das ist die Essenz seiner Liebe Bei dem
Menschen aber geht in Gnade und Barmherzigkeit häufig die Liebe unter die
Liebe welche ihn beseligt hat«
»Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde Ich habe diesen Ausdruck der
bilderreichen Sprache des Orients nie anders verstehen können als dass ein Hauch
seines Wesens auch uns beseele auch uns befähigen solle den Reflex der
göttlichen Liebe warm und licht in uns zu bewahren folglich kann unsre Liebe in
der Barmherzigkeit nicht untergehen Meister Fidelis«
»Gott ist barmherzig der Mensch nur mitleidig teure Sibylle nämlich der
gewöhnliche Mensch von dem wir sprechen der seine Selbstsucht mit sich
herumschleppt welche das Bild nach welchem er geschaffen ist in ihm verdunkelt
Der Heilige der unselbstische Mensch kann allerdings auch barmherzig sein
weil in ihm jene Flut göttlicher Liebe wogt die ohne Anfang ohne Steigerung
ohne Ende ist«
»Ohne Ende ja Fidelis das ist das Wort des Geheimnisses unsrer Qual«
»Es könnte auch das Wort ohne Anfang sein«
Ich sah ihn befremdet an Er hatte mit einem seltsamen Ausdruck gesprochen
wie bebend von zurückgehaltenem Schmerz
»Ohne Anfang wie das Keimen und Aufblühen unsrer Gedanken wie die
Manifestation unsers Willens wie die Entwickelung unsrer Neigungen was Alles
schon im Wiegenkinde zum Vorschein kommt fuhr er fort Und so finden wir auch
in uns Richtungen Bestimmungen Schicksale die fertig und mächtig in uns
aufstehen und die wenn wir zitternd fragen Woher kommst du gelassen
entgegnen wir waren immer bei dir
»Glückseliger rief ich o dreimal Glückseliger der ewig im Tempelhain
seiner Gotteiten geblieben ist Die Unseligen sind nur die Fidelis welche
einem ewigen Abfall unterliegen und den Rubin welcher nach jener Sage
purpurflammend vom Himmel in die Kaaba fiel vor ihren Augen in kohlenschwarz
verwandeln sehen Die sind unselig denn sie können nicht lieben nicht hoffen
nicht einmal leiden sie wissen dass der Karfunkel der Liebe der Hoffnung der
heiligen Schmerzen in eine tote Kohle sich verwandelt weil etwas so
Entzauberndes an ihrer Hand ist dass dieselbe wohin sie streift Farben
erbleichen Blüten fallen Licht erlöschen macht Sie wissen dass das Ende kommt
die Harpye in deren Erwartung die Gegenwart zunicht wird so dass ein Chaos daraus
entsteht worin nichts hausen mag und kann als Chimären O Sie sind glücklich
was Sie auch bedrücken möge weil es ohne Anfang ist es ist nicht so schwer als
die Last der Erkenntnis dass Alles ein Ende hat«
Ich ließ seinen Arm los umschlang mit beiden Armen einen Baum und rief
»Sehen Sie der Baum erquickt mich er hat keine Seele drum weicht und
wankt er nicht Was Seele hat wankt Irrtum Täuschung Wankelmut
Verlust Tod umspinnt uns von Außen und Innen die ganze Masse dieses Gewebes
heißt Leben und mit demselben sollen wir uns befreunden indem wir Vernunft
Entschlossenheit Resignation und Frömmigkeit zu unserm Trost herbeirufen Aber
es ist ja ein Elend sich zu trösten Fidelis es ist ja ein Elend abzufallen von
unsrer Liebe unsrer Zuversicht unsrer Erinnerung und dann mit gelassener
Nüchternheit zu sprechen Nun ja ich hab mich geirrt und irren ist
menschlich Oder Gott hat mir gnädig einen Ersatz meines Verlustes geschenkt
Und so sprechen doch die Vernunft und die Frömmigkeit und das wird von Andern
sehr verehrt während es mir jämmerlich vorkommt Ich hab es ebenso gemacht
mich auch beruhigt mich auch getröstet aber ich gehe an diesem Ersatz und
diesem Trost zu Grunde denn jeder Wechsel ist ein Abfall und weiter
nichts«
Ich presste meine Stirn an die Rinde des Baumes als wolle ich mich durch
äußern Schmerz gegen die Gedanken betäuben Sedlaczech sprach langsamer
»Eine immense Seele aber leer«
»Das haben Sie schon einmal von mir gesagt rief ich Ich bins ja nicht
allein die so beschaffen ist wie ich es beklage alle Anderen sind ja ebenso
nur dass sie sich die Schmach zur Ehre rechnen und die traurige
Naturnotwendigkeit Product ihrer Vernunft Philosophie oder Religiosität nennen
zur Jämmerlichkeit die Lüge gesellend Alle Anderen halten mir ja ebensowenig
Farbe und Stich als ich mir selbst Fände ich nur einen Menschen einen
Einzigen der keinen Abfall begangen hätte so würde mir der zum Eckstein werden
an den ich meine Hütte lehnen könnte Aber ich finde keinen in der ganzen
Weltgeschichte von Adam an denn Christus ist unsers Gleichen nicht vor Dem
liegen wir auf den Knien unsre eitle Armseligkeit ist denn doch nicht eitel
genug um sich neben Den zu stellen Also ich finde keinen Einzigen Fidelis wie
Einer ist sind Alle Ich las heute früh einen Ausspruch Luthers jeder Christ
sei zum Priester berufen So hieß der Kommentar den ich dazu machte Und diese
Priester haben auch ihren gemeinsamen character indelebilis den Abfall Welch
ein Priestertum welch eine Menschheit Es kommen nicht Alle zum Bewusstsein
darüber ich will es glauben ich sehe es sogar doch ich kann nicht mein Auge
willkürlich dagegen schließen Ich bin nun einmal in die Sphäre geraten die
von Licht doch gewiss nicht vom himmlischen beleuchtet ist Ich stehe in deren
Zentrum und die Welt die wie immer nichts weiß und noch weniger ahnt nennt
mich einen Engel Ja ich bins immer fragend und die Frage verneinend immer
gestaltend und die Gestaltung wieder zerstörend immer isolirt weil ich ich
weiß nicht durch welche Mächte aus dem Zusammenhang geschleudert bin und in dem
gesammelten Stückwerk keine Einheit finde bin ich so recht das Bild eines
abgefallnen Engels ich stelle mich Gott gegenüber und frage ihn und meistre
ihn Warum hast du mich so geschaffen Sollte ich Tochter des Staubes sein
wozu denn dieser Durst nach Ewigkeit Ist aber Etwas in mir für die Ewigkeit
bestimmt wozu diese Wirbel und Wolken von Staub die mich so betäuben und
verwirren mich in solchen Strudel reißen dass mich vor Zeit und Ewigkeit ein
Ekel anwandelt«
»Sibylle« rief Sedlaczech wie um mich zur Besinnung zu bringen
»Sibylle«
»O ich bin sehr besonnen unterbrach ich ihn aber ich will reden ich
will einmal sagen wie mir zu Sinn ist und diese Last meiner Gedanken in eine
fremde Brust wälzen Wir haben ja keine Priester zu denen wir beichten können
Unsre Geistlichen sprechen das sei sündiger Missbrauch Ich weiß es nicht aber
das weiß ich ich bin in Euren Kirchen in solchen Stimmungen gewesen dass wenn
ich einen Priester im Beichtstuhl sah ich mich hätte vor ihm niederstürzen und
schreien können »Rette mich denn ich verderbe« Möglich dass er mich nicht
gerettet nicht beschwichtigt hätte aber schon diesen Schrei auszustossen an
geweihter Stätte im Schutz und Schirm des Altars wäre eine halbe Seligkeit
gewesen Es kann eine unerhörte Erlösung und Befreiung eine wahre
Seligsprechung in einem solchen Wort liegen und jeder Mensch bedarf derselben
wenigstens Einmal in seinem Leben denn Einmal wenigstens türmen sich um
Jeden die Schrecknisse dermaßen auf dass er schreien muss rette mich denn ich
verderbe Wir haben keine Priester wir müssen diesen Jammerzustand allein
abmachen in uns selbst mit uns selbst eine geschlagene gequälte
verzweifelnde Seele und ganz allein wer im Stande wäre dies Alleinsein im
vollen Umfang zu ermessen müsste wahnsinnig werden aber wir sind nun einmal
von vollkommener Unvollkommenheit und können ihn daher nicht ermessen Und dann
hängt die Seele auch an einem Faden nur von Seide und über einem Abgrund und
das ist ihr Instinkt von Gott das ist grade genug um sie in ihrem Leid zu
erhalten ganz allein Freunde sollen wir um Rat ansprechen das soll uns
stärken anfeuern erfrischen so sagt man Hat die verzweifelnde Seele
Freunde gewiss nicht es wäre dann nie so weit mit ihr gekommen Sie ist und
bleibt allein Wendet sie sich einmal in ihrer tiefsten Not an Einen dem
Friede Kraft und Klarheit die Weihe des Priesters gegeben haben so wendet der
sich entsetzt und schaudernd von ihr ab wie Sie es tun Fidelis so
möchte er ihre Klagen ersticken weil er nicht helfen kann und nicht mit ihr
leiden mag wie Sie Fidelis«
Ich hatte mit fieberhafter Glut und Hast geredet Meine verschlossene Natur
durch die erschütternde Musik aufgewühlt zugleich für und wider die Gewohnheit
des Schweigens ringend hatte diesen Ausbruch nicht unterdrücken können Es mag
ergreifend sein Zeuge einer solchen Haltungslosigkeit zu werden wo man sonst
immer gefasste Sammlung gesehen Sedlaczech wenigstens stand mit einem ganz
unbeschreiblichen Ausdruck von Desolation vor mir und als ich sein früheres
Wort nachsprach
»Dies sind die stillen Unsinnigkeiten einer edelen Seele vor denen Sie so
große Furcht haben«
Da sank er wie zerbrochen auf seine Knie und flüsterte leise
»Aber sehen Sie denn nicht dass Sie mich vernichten«
Als ich ihn so erblickte im stillen kühlen Mondlicht auf den Knien und
doch nicht vor mir kniend nahmen meine Gedanken eine andere Wendung und ich
fragte
»Können Sie noch beten Fidelis so wie damals Sie wissen was ich meine«
»Noch kann ich es« sprach er ganz ganz leise und erhob sich langsam
Ich nahm wieder seinen Arm und wir gingen schweigend dem Hause zu Als wir
uns näherten ging auf der Terrasse eine Männergestalt auf und nieder die mich
frappirte weil das vor den Fenstern meiner Zimmer nie zu geschehen pflegte und
als wir ganz nah waren ging sie in den erleuchteten Salon wie um uns dort zu
empfangen Ich ging hastig die Stufen zur Terrasse hinauf trat ein und stand
vor Otbert Diese unangenehmste aller Überraschungen so plötzlich folgend auf
die heftigsten Emotionen traf mich wie ein eiskalter Luftzug an einem glühend
heißen Sommertage Jener Schlag auf das Herz den ich vor Arabellas Fenster
empfunden berührte mich abermals aufs Heftigste und ich sank leblos in
Sedlaczechs Arme Alles geriet in Aufruhr aber es währte nicht fünf Minuten
so hatte ich meine Besinnung und folglich auch meine Kräfte wieder und ich
grüßte Otbert höflich und befremdet Er beobachtete mich mit scharfen fast
lauernden Blicken suchte aber sehr ungenirt vertraulich ganz wie zu Hause zu
sein und sagte mir die größten Schmeicheleien über mein gutes Aussehen Es muss
für meine Hausgesellschaft ein merkwürdiges Schauspiel gewesen sein dies
Wiedersehen von zwei Eheleuten die nach mehr denn fünfjähriger Trennung in den
ersten Stunden von nichts sprachen als von Fieschis Attentat gegen König Louis
Philipp das im Lauf des Sommers statt gefunden hatte Die gewohnte Abendstunde
hatte sie Alle versammelt und ich merkte ihnen Sedlaczech ausgenommen ihr
Unbehagen an Astralis war nicht wohl und kam daher nicht zum Vorschein
Benvenuta hatte Otbert gänzlich vergessen und hielt sich in scheuer Ferne von
ihm
Gleich nach dem Tee verschwand Einer nach dem Andern Da wandte ich mich
freundlich aber eisig an Otbert und fragte ihn welcher Umstand ihn nach Engelau
führe Er sprang auf ergriff meine Hand und rief lebhaft
»Die Sehnsucht Dich zu sehen Sibylle«
Ich ließ ihm meine Hand mit tödtender Gleichgültigkeit und erwiderte
»Lieber Otbert Eines merke Dir Komödie wird nicht mehr gespielt und jetzt
wollen wir schlicht und verständig über den Zweck Deines Kommens reden denn
Du hast einen Zweck«
»Traust Du Dir wirklich so wenig Attractionskraft zu Sibylle«
»Du selbst hast mich gelehrt wie wenig Veranlassung ich habe mir die
geringste zuzutrauen«
»Erinnere mich nicht an meine Torheiten teure Sibylle ein Weib mit allen
Tugenden und Grazien so reich geschmückt wie Du bleibt auf die Dauer der
einzige Magnet für einen Mann Nimm mich auf rief er mit einem Gemisch von
Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit nimm mich wenn auch nicht gleich zu Gnaden
auf lass mich ein Noviziat bestehen aber hier bei Dir«
Ich betrachtete ihn mit seltsamen Empfindungen Er war immer derselbe schöne
eitle Otbert er wollte immer gefallen und merkwürdiger Weise er gefiel mir
auch noch immer jedoch so wie etwa ein Kunstwerk zweiter Ordnung das in unsrer
Seele Raum lässt für die Kritik uns gefallen mag Von warmen vibrirenden
Lebensfibern so wie einst regte sich nicht eine einzige für ihn
»Otbert sagte ich sehr gelassen ich nehm es Dir nicht übel dass Du in
Deine Schauspielerkünste verfällst sie sind Dir genugsam zur zweiten Natur
geworden um Dich glauben zu machen ich sei noch zu täuschen ich die einen
tiefen Blick in Deine Koulissenwelt getan Ich habe nicht das geringste Talent
und folglich auch nicht die geringste Lust zur Schauspielerei Du bist zu klug
um das nicht längst erkannt zu haben was ist also Deine eigentliche Absicht
Nimm Dich zusammen und sprich die Wahrheit«
»Ich habe sie Dir gesagt ich will Dich sehen und bei Dir leben«
»Bei mir und nicht mit mir ist peinlich«
»Es lebt ja Deine ganze Hausgesellschaft nichts weniger als peinlich
sondern sehr ungenirt bei Dir mit Dir ich weiß nicht was Du da für
spitzfindige Unterschiede machst«
»Ich kann sie Dir erklären meine Hausgenossen leben unbefangen und
zufrieden bei und mit mir innerhalb der Verhältnisse in denen wir zu einander
stehen sollen Du und ich hingegen wir leben innerhalb eines schiefen
zerrissenen Verhältnisses In der Ehe bedeutet mit einander die Intimität der
Liebe also Glück bei einander Schein Lüge Rücksichten Zwecke was
weiß ich also ein äusserliches unbefriedigendes und deshalb auf die Dauer
peinliches Tun und Treiben Spare es Dir und mir«
»Das heißt mit andern Worten geh« rief Otbert mit aufwallender
Empfindlichkeit
»Wenn Du das fühlst weshalb bist Du gekommen«
Fast mit Hass im Blick entgegnete er ruhig
»Um meine Tochter zu holen«
»Deine Tochter und bei mir« fragte ich gedehnt
»Nun ja Astralis wen sonst«
»Astralis ist Arabellas Tochter und ich habe der heimgegangenen Mutter den
Eid abgelegt Mutterstelle bei ihr zu vertreten bei dem verwaisten Kinde
welches sie mir in ihrem Testament zu Erziehung und Versorgung anvertraut hat«
»Das Alles ist ganz gut allein der Vater hat nähere Rechte und ich
nehme sie in Anspruch«
»Astralis Flowrence lautet der Taufschein meiner Pflegetochter Arabella hat
sie mir als ihr verwaistes Kind übergeben Ob Du der Vater bist ob ein Andrer
es ist kümmert mich nicht«
»Ah jetzt spielst Du Komödie rief Otbert Du weißt sehr gut dass ich und kein
Andrer Astralis Vater bin«
»Ich habe gesagt es kümmert mich nicht und das ist mein voller Ernst«
»Wie die Gattin hab ich in Dir verloren und mein Kind soll ich durch Dich
verlieren das ist ja aber himmelschreiend«
»Ja es ist entsetzlich welch Unrecht Du zu erleiden hast« sagte ich mit
kaltem Spott stand auf schellte und zu dem eintretenden Kammerdiener
»Der Herr Graf befiehlt sein Zimmer das grüne«
Astrau verbeugte sich kalt und förmlich und folgte dem Diener ich ging
todtmüde in mein Kabinet Am andern Morgen ließ er mich um ein Gespräch bitten
Heute hatte er die Taktik verändert Nicht schauspielerisch sondern cynisch
griff er mich an
»Ich habe Dir einen Vorschlag zu machen begann er Überlass mir meine
Tochter und ich lasse Dir den Herrn Sedlaczech«
Ich hatte mir vorgenommen von eiserner und eisiger Unbeweglichkeit zu sein
und es wurde mir auch gar nicht schwer es durchzuführen Ich erwiderte
»Glaubst Du Rechte an Astralis beweisen zu können so wende Dich an die
Gerichte welche ich alsdann zur Anerkennung der meinen auffodern werde Was
Herrn Sedlaczech betrifft so bedienst Du Dich eines unstattaften Ausdrucks Er
ist hier nach seinem Belieben«
»Das bezweifle ich nicht auch nicht dass sein Belieben das Deine ist Nur
ich bin in diesem Bunde nicht der Dritte«
»Ich darf sagen dass dies auch keinesweges mein Wunsch ist«
»Du trotzest mir«
»Wer in seinem Recht zu sein glaubt spricht sich dem gemäß aus ohne dem
andern Teil trotzen oder ihn beleidigen zu wollen Beides sind Waffen des
uneingestandenen Unrechts«
»Wir kommen von unserm Thema ab Du benimmst Dich hier wie eine Königin
Deiner Scholle was beiläufig gesagt einen Anstrich von landjunkerlicher
Krähwinkelei hat die mich sehr belustigt Du hast Dir einen vollständigen
Hofstaat organisirt ich lasse das gelten nur nicht den böhmischen Trabanten«
»Werde ich allendlich den Zweck Deines Kommens erfahren« fragte ich unmäßig
gelangweilt
»Eine wunderliche Frage in dem Munde einer Gattin freundlich und liebevoll
mit den teilnehmendsten Gesinnungen komme ich und werde wie ein Fremder
aufgenommen Man empfängt mich nicht man spaziert zwei Stunden im Mondschein
mit dem Günstling man lässt mich bei dem Hofstaat und der Langeweile man kehrt
endlich heim und begrüßt mich mit Verstörung und Ohnmacht und sucht zuletzt
hinter hochmütigem Fremdetun innere Unruh zu verbergen Ist das die Art einen
Gemal zu empfangen«
»Ich konnte Dich nicht empfangen weil ich Deine Ankunft nicht wusste und ich
ging mit Sedlaczech was sehr oft geschieht weil ich mich ungestört mit ihm
unterhalten wollte«
»Und worüber ich bitte«
»Über Dinge welche ich mit Dir nicht besprechen kann«
Astrau wurde leichenblass ich weiß nicht ob er in diesem Augenblick Zorn und
Eifersucht nur heuchelte oder wirklich empfand Wahrscheinlich wusste er selbst
es nicht aber ich glaube dass er aus beleidigter Eitelkeit in der Tat gereizt
wurde Ingrimmig stieß er die Worte aus
»Das ist allzu frech«
»Wer mich geflissentlich beleidigt hört auf mein Gast zu sein« sagte ich
aufstehend
»O ich begehre auch nicht Dein Gast zu sein ich bin Dein Gemal«
»Du bist mein Gemal allerdings was weiter«
»Was weiter ich will wachen dass meine Rechte nicht gekränkt werden«
»Die Rechte auf meine Person hast Du durch Deine Schuld verloren Die Rechte
an meinem Vermögen habe ich nie geschmälert sondern dessen Einkünfte mit Dir
geteilt Also was weiter«
»Dermassen versteinert bist Du also in der Sünde dass nichts Deine eiserne
Stirn erröten macht Oder begreifst Du wirklich nicht meinen Verdacht
Schon vor Jahren habe ich Dir gesagt dass dieser verhasste Sedlaczech Dich liebe
und ich habe auf seine Entfernung gedrungen Ich komme wieder und finde ihn
tiefer in Deiner Gunst als je Und das soll ich ruhig ertragen«
»Du wirst es müssen«
»Er soll fort auf der Stelle« rief Otbert wild
»Er bleibt oder ich gehe und mein ganzes Haus geht mit mir«
»Ihm nach und in die weite Welt zum allgemeinen Scandal nicht wahr«
»Du lässt mich nicht ausreden oder ich gehe mit meinem ganzen Hause wozu
auch Sedlaczech gehört zu meinem Schwiegervater nach Hannover unter dessen
Aegide ich den äußern Schirm gegen Deine Brutalität finden werde vor welcher
die innere Schutzwehr meines Selbstgefühls mich nicht behütet«
Dieser Entschluss kam ihm unerwartet Er wusste wohl dass mein Schwiegervater
ihn nicht leiden konnte mir dringend die Heirat mit dem »hirnlosen und
leichtsinnigen Verschwender« wie er ihn nannte abgeraten hatte und mir auch
jetzt Ratschläge nicht zu seinen Gunsten geben würde Daher suchte er mich von
einer andern Seite anzugreifen
»Also die Emancipirte ist inconsequent genug hinter einem siebzigjährigen
Greise sich verschanzen zu wollen« sagte er höhnisch um mich in ein neues
Gebiet zu locken
»Bleiben wir bei der Sache entgegnete ich streng Du hast die Wahl
entweder Du bleibst hier unter den Bedingungen die man an einen Gast machen kann
oder übermorgen um diese Zeit steht dies Haus leer und ich bin auf dem Wege
nach Hannover Du weißt Otbert ich tue was ich sage«
»Ah Du bist ein königliches Weib rief Astrau abermals eine andre Maske
ergreifend Du bist zum herrschen geboren Befiehl befiehl auch mir Sibylle
was willst Du«
»Bleiben« sprach ich kurz
»So bleib auch ich im grünen Zimmer« sagte er mit einem kleinen
Seufzer den ich nicht Lust hatte zu beachten »Darf ich die Kinder sehen«
setzte er hinzu
Ich ließ sie rufen Er überschüttete sie mit Liebkosungen namentlich
Benvenuta Das missfiel mir Sollte diese Verleugnung seines väterlichen Gefühls
eine Schmeichelei für mich sein so war sie schlecht gewählt denn das göttlich
schöne Kind Astralis lag mir ebenso am Herzen wie Benvenuta Genau so wie in der
ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fand ich jetzt Otbert verschroben von
Eitelkeit Und dieser Mann hat dich fangen können indem er deiner eigenen
Eitelkeit schmeichelte sprach ich zu mir selbst welch eine unerhörte
erbärmliche Schwäche
Otbert blieb allein er trug nichts zur Annehmlichkeit unsers Lebens bei Er
war einen andern Schauplatz und andere Anregungen gewohnt als er in Engelau
finden konnte er verlangte sie von uns wir konnten sie ihm nicht geben das
versetzte uns sämtlich in Unbehagen Jeder von uns empfand einen Mangel Unsre
Lectüren gerieten in Stocken denn er wollte vorlesen und fand keine Bücher
nach seinem Geschmack Unsre Musik verstummte denn er erklärte er sei zu sehr
Laie um an diesem überernsten Styl Vergnügen zu finden Mezzonis Barcarolen ließ
er gelten aber nicht lange denn er ertrug es auf die Dauer nicht Zuschauer
und Bewunderer zu sein Zuweilen las er einige seiner Gedichte vor das war am
angenehmsten sein schmiegsames Organ sein Feuer im Vortrag hoben die
Schönheit der Verse noch mehr hervor Nahm er Bewunderung und Interesse bei uns
wahr so versetzte ihn das in die liebenswürdigste Laune er begann zu erzählen
wo und wie er das Gedicht gemacht er kam auf tausend Dinge die freilich nicht
zur Sache gehörten aber sehr unterhaltend waren Er kannte Paris wie ich
Engelau Mit allen Sommitäten der Politik der Gesellschaft der Literatur des
Theaters der Fremden mit Allem und Jedem was in irgend einer Beziehung Ruf
und Namen hatte verstand er sich in Berührung zu bringen ob in die intime
funkensprühende mit der er ein wenig prunkte sei dahin gestellt Aber er konnte
einen Tag mit den religiösen Zeremonien der Jünger des Père Enfantin beginnen
ihn durch die Ateliers der Künstler die Kammern und ein diplomatisches Diner
führen und ihn in den rococo Sälen des Faubourg St Germain oder in dem
Dachstübchen eines socialistischen Weltverbesserers beschließen Das unterhielt
uns natürlich sehr und auch ihn so lange er davon erzählte und mit seiner
Person und durch seinen Vortrag dabei glänzte Aber ein Magazin von Wissen
Studium und Erkenntnis das ihn in der Stille genährt oder einen Heerd an dem
er in der Stille sich gewärmt hatte er sich nicht daraus gebildet Von
Schätzen umgeben lechzte er wie ich nach einem unbekannten noch höheren noch
erschöpfenderen Gut und das war eben der Punkt in welchem ich mich noch jetzt
ihm verwandt fühlte ganz wie sonst Jedoch nur in dem Punkt selbst sein
verlangen und streben sein ringen und tun waren schnurstracks den meinen
entgegen Ich achtete seinen Charakter nicht aber seine Seele flößte mir
Teilnahme ein und diese war mit im Spiel gewesen nicht bloß die Eitelkeit
als ich mich von ihm fesseln ließ Diese Entdeckung gewährte mir einen großen
Trost Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst
bessere Motive seiner Handlungen zu finden Er ist niemals so versöhnlich als
wenn es gilt mit sich selbst sich zu versöhnen
Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune das
DamenAuditorium war ihm nicht glänzend genug Der armen Matilde gab er
zuweilen beissende Antworten
»Welch ein Vorrat von Erinnerungen fürs Leben« rief sie bei einer seiner
Erzählungen
»Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie täglich gehen und
sich regelmäßig ein Stück Brot ein Stück Fleisch und ein Stück Kuchen holen
würden und an Sonn und Festtagen gäb es ein Glas Wein dazu nicht wahr
Fräulein Matilde« fragte Astrau spöttisch
Sie errötete und wurde verlegen vergaß es aber bald wieder in ihrer
Harmlosigkeit Benvenutas Gouvernante ging es übler sie war eine vortreffliche
Person jedoch sehr hässlich und sehr vielwissend Beides ein Greuel für
Astrau umsomehr da sie von ihrer Hässlichkeit keine Ahnung hatte und auf das
Wissen einen großen Wert legte wie alle Menschen bei denen es größer ist als
der Verstand. Bei Otbert war es grade umgekehrt und daher der Disputationen
kein Ende zwischen ihnen obgleich sie ihm gegenüber beständig im Nachteil und
er schonungslos war Mit wahrer Todesverachtung kämpfte sie für Geist und Gaben
Herrlichkeit und Würde Befähigung und Berechtigung ihres Geschlechts welches
Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche
zu versetzen hofte Gott weiß wie er erfahren hatte dass Madame Schütz so hieß
sie und sie war Wittwe Gedichte mache und zwar recht hübsche Er bat ihm
einige mitzuteilen und obzwar ich ihr dringend davon abriet widerstand sie
nicht der Lockung Eines Abends gab er ihr das Heft höchst verbindlich zurück
und sagte mit der größten Freundlichkeit er habe nur zwei kleine Fehler an
diesen sämtlichen Gedichten entdeckt der erste dass sie überhaupt gemacht der
zweite dass sie Gedichte genannt worden wären Die arme Schütz war aus der
Fassung Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind
und auch höchst freundlich
»Und Deine Kritik lieber Otbert hat gar nur einen einzigen kleinen Fehler
nämlich den dass ein Dichter sie macht«
»Dieser Rivalität glaube ich ohne Unbescheidenheit überlegen zu sein« rief
er spöttisch
»Die wahre Überlegenheit ist nachsichtig lieber Otbert und reicht die
Hand um weiter zu helfen Die unächte sucht in den Staub zu drücken«
»Das ist excellent sagte er lachend Glaubst Du wirklich dass diese Gedichte
den meinen gefährlich werden könnten«
»Ich sprach nicht von Deinen Gedichten nur von Deiner Gesinnung«
»Vermutlich trittst Du nächstens mit einem Bändchen Gedichte vors Publikum
und brandmarkst im Voraus jeden der sie nicht bewundert mit neidischer
Gesinnung«
»Darauf entgegne ich wie jener Gelehrte den Johannes Falk fragte ob er
dichte Nein so gemein hab ich mich Gottlob nie gemacht«
»Vor Dir muss man die Waffen strecken sagte Otbert verbindlich Du bist wie
gepanzert«
»Man muss es sein wenn man mit Euch in die Schranken tritt«
»Dann muss man aber auch noch mit Göttern und Dämonen in Verbindung sein die
einen solchen Panzer schmieden«
»Ganz und gar nicht man braucht nur seine Eitelkeit abzulegen Da uns das
eher möglich ist als Euch so sind wir dann im Vorteil«
»Mit Dir ist auf keine Weise zu streiten die Verblendung für Dein eigenes
Geschlecht hinter der sich natürlich die über Dich selbst verbirgt ist allzu
kolossal der Mann soll eitler sein als das Weib unerhörte Behauptung da
Ihr nur lebt webt atmet und denkt in Bezug auf Eure Eitelkeit oder in deren
Genuss da Ihr von der Schleife an die Ihr an Euren Busen steckt bis in Eure
Leidenschaften ja Tugenden hinein unter deren Szepter steht«
»Ganz richtig dies behaupten mein lieber Otbert heißt aber nicht das
Gegenteil für den Mann beweisen Nachdem ich also den Vorwurf dieser großen
Sünde für mein Geschlecht angenommen nehme ich auch eine Tugend für dasselbe in
Anspruch die es sich an lange Unterwerfung ja Unterdrückung gewöhnt
angeeignet hat Selbstverleugnung die Fähigkeit hinter das Geliebte
zurückzutreten Dies Geliebte Otbert braucht nicht immer ein Mann nicht immer
ein Kind zu sein Es kann auch eine Überzeugung ein Glaube eine Liebe eine
Idee sein Wo die herrscht ist die Eitelkeit tot«
»Ob sie nicht Ideen hatten und für diese sterben wollten spricht Platens
Mopsus neben seinen zwölf toten Kindern Du willst dass das Weib für Ideen lebe
Er vervollkommnet Deine Weltanschauung teure Sibylle«
»Er persiflirt sie und das unterhält mich sehr Es wäre gar langweilig
wenn man ernste Dinge immer mit feierlichem Ernst und nicht zuweilen mit jenem
Humor betrachten wollte den ihre Übertreibung oder ihre Kehrseite in jedem
aufrichtigen Gemüt hervorlockt«
»Du nimmst also auch den Humor für Dein Geschlecht in Anspruch ein
humoristischer Mann gilt bisjezt für einen halben Phönix Indessen die
elektrische Schnellkraft die aus dem Gebiet der Empfindung in das der
Überlegung hinüberspringt die sich mit überraschendem Schwung aus den
Rosenwolken der Gefühle auf die Gletscherspitze der Ironie oder in den klaren
Äther der Betrachtung erhebt deren bedürft Ihr dazu nicht Ihr macht Verse
plaudert von Emancipation raucht Zigarren und findet das ungemein humoristisch
während man es in der Tat burlesk nennen müsste Diese Verschrobenheit ist
eben eine Folge des Emancipationsprincips das jetzt in der Welt grassirt«
»Otbert eine Welt die Ihr Ihr Männer durch Eure Zivilisation so
verschroben so materialistisch gemacht habt dass Weiber wähnen können durch
dichten und durch rauchen einige Stufen ihrer Entwickelung zu erklimmen kommt
mir lächerlich vor und so öde so hohl dass sie nicht dauern kann Und wenn die
Weiber Rauchclubs stifteten es würde ihnen zu ihrer Emancipation ebensowenig
als Euch Eure JagdSpiel Jockei Rauch Schach und sonstige Klubs zum
Fortschritt helfen Lange Meditationen tiefe innere Sammlung ruhige fragende
vergleichende Einkehr in sich selbst müssen jeder höheren Entwickelung
vorhergehen Davon ist jetzt bei Männern und Weibern keine Spur sie sind
zerfahrner haltungsloser äusserlicher denn je Vielleicht werden die Weiber
zuerst darüber zum Bewusstsein und somit zur Besinnung kommen dass ihre
Emancipation nicht mit Zigarren und dergleichen Unsinn sondern mit der
gleichmäßigen Ausbildung ihrer Innerlichkeit mit der Pflege ihrer Pflichten und
ihrer Rechte beginnen müsse Warum sie zuerst weil in ihnen große Kräfte sich
dunkel regen Wenn die licht werden«
»So tritt eine Regeneration ein nach der auch alle socialen und religiösen
Emancipationen streben und drängen Nun sprichst Du echt sibyllinisch teure
Sibylle dh Du sprichst aus was Jeder ohnehin sagt ohne es zu verstehen Bei
der Möglichkeit der Weltumgestaltung muss auch der ewiglebendige Weltgeist der
alle Regenerationen hervorruft die Vernunft, in Anschlag gebracht werden«
»Hat Christus mit der Vernunft die alte Welt aus ihren Angeln gehoben«
sagte zu meinem Erstaunen Sedlaczech der sich fast immer fern von unserm Kreise
und Gespräch Abends im Musikzimmer aufhielt »Die großen Regenerationen die über
das Menschengeschlecht vom Anbeginn gekommen sind durch zwei Mächte
bewerkstelligt welche mit der Vernunft so wenig zu tun haben als die Sonne mit
einem chinesischen Feuerwerk durch Glaube und Liebe Wo der Glaube und die
Liebe sein werden da wird die segnende Kraft sein welche rettet was die
Schwäche verwahrlost die Schwäche dies Symptom des Verfalls einer Epoche
welche heutzutage durch den ganzen Aufwand von speculativer Vernunft nur
bemäntelt werden soll«
»Jetzt werde ich versuchen meine Niederlage zu bemänteln indem ich mich von
dem Felde der Discussion in die Freistatt der Kunst flüchte und Herrn Mezzoni
bitte um seine liebliche Komposition von Ah senza amare« sagte Astrau
Er wollte immer nur necken und ärgern Wir waren keine Gegner bei denen er
es der Mühe wert hielt sich in voller Überlegenheit zu zeigen diesen Eindruck
beabsichtigte er zu machen
Aber das war Alles nichts weniger als angenehm und die Aussicht er könne
den Winter in Engelau zubringen im höchsten Grade störend Ich ließ eines
Morgens seinen Kammerdiener seinen Geschäftsführer und Vertrauten zu mir
bescheiden und da erfuhr ich denn nach unendlichen Umschweifen und verwickelten
Redensarten dass der Herr Graf in Folge seiner Großmut und Munificenz die von
Anderen zur Ungebühr gebraucht und missbraucht worden sei die nächste Aussicht
auf St Pelagie gehabt habe Also eine vollkommene Zerrüttung seiner Finanzen
Auf diese Bemerkung antwortete Monsieur Alphonse durch ein trostloses
Achselzucken Mit Mühe presste ich ihm die Summe der Schulden ab sie war enorm
Dennoch musste ich sie bezahlen das sah ich ein um Otberts unheimlichen
Aufenthalt in Engelau zu beenden und andrerseits war es mir ebenso klar dass
sich dies Ereignis noch zehn Mal wiederholen und ich durch diese unsinnige Ehe
das Vermögen meiner Tochter ruiniren könne Ich begriff jetzt dass er sich zu
einer Art von Execution bei mir mache wie sie sonst säumigen Schuldnern von
Gerichtswegen ins Haus gelegt wird Nur sein erstes drohendes Auftreten hab ich
nie begreifen und nur vermuten können dass er irgend eine Schuldhaftigkeit bei
mir voraussetzte bei der er mich würde fassen und durch sie genug einschüchtern
können um mir gleichsam meinen Ablass von ihm zu erkaufen Da er seinen Verdacht
nicht bestätigt und mich in Betreff seiner Tochter entschlossen fand ihm nicht
nachzugeben so stand er von seinem anfänglichen Verfahren ab und ließ uns
dafür sämtlich seine üble Laune empfinden O wie oft dachte ich an Scheidung
Aber ich wusste vorher dass er mir eine Komödie voll Verehrung usw vorspielen
würde hinter welcher sich sein Entschluss verbarg sich von einer reichen Frau
nicht zu scheiden Um meines Vermögens willen hatte er mich ja doch nur
geheiratet diese Überzeugung stand fest in mir und machte mich so kalt dass
ich beschloss unser Verhältnis als ein kahles Geschäft zu behandeln
Als ich ihn eines Tages in dieser Absicht zu mir bitten ließ bekam ich eine
Staffette aus Hannover die mich an das Sterbebett meines Schwiegervaters rief
Auf der Stelle war ich entschlossen dem Ruf zu folgen und befahl den Dienern die
notwendigen Vorkehrungen zu treffen Zu Astrau sagte ich ich setzte voraus dass
er mich nach Hannover begleiten würde Er willigte sehr verbindlich ein
Alphonse hatte ihm bereits unser Gespräch mitgeteilt In dem Augenblick wo mir
eine große Erbschaft bevorstand hätte ich ihn mit mir nach Sibirien nehmen
dürfen dermaßen abhängig war er vom Gelde er dem die geringste sittliche
Fessel unerträglich war Binnen zwei Stunden waren die Anordnungen gemacht und
ich nahm von den Kindern und Hausgenossen Abschied Sedlaczech kam mir
fürchterlich verändert vor fast entstellt Ich hatte es schon bemerkt in diesen
letzten Wochen aber nie so wie heut
»Erkranken Sie nur nicht in meiner Abwesenheit Meister« sprach ich
beklommen
»Wann kehren Sie zurück« fragte er hastig
»Das kann ich nicht bestimmen«
»Können Sie bestimmen dass Sie überhaupt zurückkehren werden«
»Ja wenn ich nicht sterbe«
»Halten Sie es nicht für besser sich mit Graf Astrau zu versöhnen« sagte er
noch hastiger noch murmelnder wie Jemand der sich mit Überwindung eines
Auftrags entledigt
»Hat Graf Astrau Sie um seine Fürsprache ersucht« fragte ich und ein
unbeschreibliches Gemisch von Zorn und Trauer quoll in meiner Brust auf
»Nein« sagte er verlegen
»Nun lieber Meister dann haben Sie eine Gehirnentzündung lassen Sie mich
bei meiner Heimkehr Sie genesen finden« sprach ich und gab ihm meine Hand die
er nach seiner Weise drückte und gefasst sagte
»Jetzt hoff ich es«
Ich stieg in den Wagen und Astrau setzte sich zu mir Sein erstes Wort war
»Leugnest Du noch immer dass Herr Sedlaczech Dich anbetet«
»Ich habe das nie geleugnet« sagte ich gefasst denn als ich diese Frage
stellen hörte war es mir unmöglich eine andre Antwort zu geben
»Und das rührt Dich nicht« fragte er immer in einem halbspöttelnden Ton
der mich verletzte
»Lassen wir die Geheimnisse meines Herzens so unberührt als die des Deinen
entgegnete ich eiskalt umsomehr da sie für Dich nur Nebensache sein können die
Hauptsache ist für Dich mein Vermögen«
»Ich finde Dich sehr undankbar dass Du meine Entsagung nicht anerkennst«
Es wurde mir schwer nicht zu lächeln als ich sprach
»Ich will glauben dass Du großmütig sein kannst Übrigens bin ich nur
gerecht gegen Dich und mich wenn ich behaupte dass Du es in diesem Fall nicht
bist Ich bin Dir gänzlich gleichgültig um mich zu gewinnen hattest Du Dich in
eine künstliche Wärme hinein gearbeitet die genau in dem Augenblick verdampft
war als Du Dein Ziel erreichtest Meine Eitelkeit könnte sich dadurch verletzt
fühlen allein ich habe ja eine ähnliche Schuld gegen Dich begangen so sind
wir quitt Es würde Dir ebenso unmöglich sein Liebe für mich zu erzwingen als
mir sie zu erwidern Es gibt Frauen deren Widerstand lockend ist weil
Trotz Scheu Eigensinn kurz etwas Positives ihn begründet Aber meine
unendliche Gleichgültigkeit ist ganz negativ und wirkt demnach nur lähmend auf
Dich Und jetzt lass uns von Deinen Geschäften reden«
»Meerweib Amphibie froide raisonneuse rief Otbert mit künstlichem Zorn
Du machst einem Mann das Blut in den Adern gefrieren mir graut vor Dir«
»Da Du mir das Alles schon Einmal oder ein Paarmal gesagt hast so begreif
ich nicht warum Du nach Engelau gekommen bist«
»Weil ich hofte Dich verändert zu finden«
In diesem Kreislauf bewegte er sich Die Reise ging rasch durch Tag und
Nacht vorwärts Ich fand meinen Schwiegervater noch am Leben ein Fieber zehrte
ihn auf aber er war bei voller Besinnung und sagte mir den Inhalt seines
Testamentes das ganz zu Benvenutas Gunsten war und ihr für dies enorme Vermögen
Vormünder bestimmte
»Ich kenne Dich und wusste dass ich Dir durch diese Bestimmung nur eine Last
abnahm« sprach er freundlich
Astrau zu sehen was dieser sehr wünschte Gott weiß warum kostete ihn
Überwindung
»Ein schlechter Nachfolger unsers guten Paul sagte er später Lass Dich
scheiden arme Sibylle«
Dieser Rat war fast sein letztes Wort Er entschlief vor Erschöpfung
Astrau war ebenso unzufrieden mit dem Testament als ich zufrieden Bei den
Geschäftserörterungen die jetzt mehrfach zur Sprache kamen drang ich denn auch
auf die seinigen und fand die Angaben des Kammerdieners bestätigt Ich erklärte
ihm ich sei bereit diesmal seine Schulden zu bezahlen aber auch entschlossen
mich für die Zukunft gegen eine ähnliche Zumutung zu verwahren Was kümmerte
ihn die Zukunft war er doch für die Gegenwart wieder frei Natürlich nahm er
die Sache auf als geschähe mir der größte Gefallen durch seine Abreise nach
Paris die er ersehnte und als lasse er mir Astralis aus besonderen Rücksichten
für Arabella die mich zu ewiger Dankbarkeit im Namen meiner Freundin
verpflichteten Mit der größten Kälte trennten wir uns Ich fühlte mich
grenzenlos gedemütigt an einen Mann geschmiedet zu sein dem ich ein
äusserliches Interesse widmen musste ohne ihn zu achten oder zu lieben Ach »die
ewige Fessel« dies Wort der Betörung welches Arabella einst mir zuwarf wie
seltsam hatte es sich bewährt nicht um Otbert nein um mich selbst hatte
ich sie geschlungen Und was war das für ein unbegreiflicher Einfall von
Sedlaczech ich solle sie noch fester ziehen von ihm der mich anbetete
Nun ja ich wusste es Otbert hatte es ausgesprochen und seitdem sprach auch
ich es aus aber ich hatte es schon länger gewusst ohne bestimmen zu können
wann wie wodurch Meine Mathematik ließ mich hier im Stich und ohne ihre
Hilfe wusste ich dass Sedlaczech mich anbete lange o schon sehr lange
vielleicht immer Welch eine Labung lag in dem Gedanken immer gleich war es
mir als baue sich am heißen leeren bestaubten Lebenswege ein Kapellchen auf
und ein mächtiger Baum breite seine grünen kühlen Äste schattig darüber aus
Auf diesem Plätzchen voll himmlischer Andacht und voll irdischem Wolbehagen war
es zugleich selig und süß zu ruhen und wie das LorettoHäuschen von Engeln
getragen schwebte es mir vor und winkte mir als holdselige Freistatt in die ich
von der öden langweiligen Landstraße fliehen durfte Solch ein reizendes Bild
zauberte mir das arme kleine Wort immer herauf Wol sträubten sich meine
Erfahrungen und Zweifel dagegen was half es wie heilig lag die Kapelle
da wie frühlingslieblich wehten die grünen Zweige in denen die Vögel sangen und
die Morgenlüfte rauschten und die Goldfunken der Abendsonne blitzten
In dieser Stimmung kehrte ich nach Engelau zurück Freudig wäre ich wohl
stets empfangen worden jetzt wurd ich es doppelt da ich allein kam Obzwar
Keiner mir diesen Grund sagen konnte fühlte ich ihn dennoch bei Allen im
Hinterhalt Sedlaczech sah verklärt aus vor innerem Jubel
»Ich habe nicht geahnt dass Sie sich so freuen könnten lieber Meister«
sagte ich
»Ach ich bitte um Verzeihung« entgegnete er und in seinem Blick seiner
Stimme seiner Bewegung erlosch urplötzlich das Freudenlicht Er war wieder der
stille verschlossene kühle Mensch als den er sich gewöhnlich zeigte
Das Leben ging alsbald wieder fort im gewohnten Gleis der kleinen Pflichten
und der friedlichen Beschäftigungen Der Todesfall meines Schwiegervaters und
Astraus Erscheinung hatten keinen umgestaltenden Nachhall Die Musik trat wieder
in ihre früheren Rechte Ich erklärte nachdem wir uns bis dahin dem
Kirchengesang der Alten gewidmet hätten würde ich in diesem Winter nichts
singen als Kompositionen von Sedlaczech und er musste seine Psalme und seine
Pastoralmesse vierstimmig für uns setzen Seine Musik war gleich seiner Seele
ernst und geheimnisvoll wie ein Dom der die Klagen Kämpfe Schmerzen und
Aengste des gesamten Menschengeschlechts wiederhallt Nur die Feier der Heiligen
Nacht machte eine Ausnahme wie eine himmlische Vision von Fra Angelico kam sie
mir vor Der ganze Himmel mit seinen Engeln Glorien und Paradiesen öffnete sich
über der Erdennacht der Welt und der Seele die mit mystisch seligem Schauer die
Offenbarung der Liebe empfing Das Halleluja das am Schluss die Hirten die
Magier und die Könige sangen die Armut die Weisheit und die Macht und in
das die Engel wie aus seliger ferner Höhe herab einstimmten war ein Meisterwerk
der Idee wie der Ausführung nach Sedlaczech componirte den Text immer selbst
immer lateinisch und möglichst bibeltreu und die feierliche majestätische
Sprache die man nie in einer Opernarie nie in einer Chansonette Romanze oder
Bolero gehört verstärkte den religiösen Eindruck außerordentlich indem sie die
Ausdrucksweise beseitigte welche profane Gedanken mit sich bringen Diese
Vigilie der Heiligen Nacht wurde unser Aller Lieblingsmusik
»Wo ist Ihnen diese Vision aufgegangen Fidelis« fragte ich ihn eines
Morgens als wir allein im Musikzimmer waren
»In Venedig« sagte er
»In Venedig als wir zusammen dort waren«
»Ja aber erst in Rom wurde sie mir klar genug um sich in Tönen fassen zu
lassen Bis dahin umrauschte mich ein melodischer Strom dem keine
Einzelheiten abzugewinnen waren«
»Es müsste von hohem Interesse sein zu erfahren wo und wie die Ideenkeime
großer Kunstwerke oder großer Taten sich einer Seele bemeistert haben Es müsste
uns wichtige psychologische Aufschlüsse geben«
»Und würde uns zu tausend Trugschlüssen veranlassen rief er lebhaft Der
Geist Gottes der alles gute edle und schöne Tun hervorruft weht wo er will
und meistens ohne irdische Spuren Wir können ihn nicht locken nicht bannen
nur ihm folgen aber am wenigsten ihn zersetzen«
»O Fidelis rief ich mit einem jener Ausbrüche von Schmerz die mich zuweilen
überwältigten wenn ich Sie sehe und höre fest klar eins mit sich selbst
nicht forschend grübelnd deutelnd Ihre Kräfte verschwendend sondern sie
sammelnd zum bewussten Ziel sehen Sie Fidelis so komme ich mir vor wie jene
unseligen Adepten der vergangenen Jahrhunderte welche grade wie ich das
unbekannte Gut suchten und darüber das bekannte verloren Schätze von Gold und
Diamanten warfen sie besinnungslos in den verlockenden Schmelztiegel Freuden
Pflichten Gesundheit ja sogar Vernunft und Leben opferten sie dem Wahn ihrer
Goldmacherei In Rauch lösten sich die Herrlichkeiten auf oder schrumpften über
dem schmelzenden Feuer und durch die zersetzenden chemischen Versuche zu
Materien ein welche ihren Erwartungen durchaus nicht entsprachen Aber das
Alles störte nicht den Reiz der Alchymie nicht die rastlosen verzehrenden
Anstrengungen um den Stein der Weisen zu entdecken der die Schätze der Erde und
das Geheimnis des Lebens verlieh Ich bin ein solcher Adept nur nicht für
irdische Dinge die himmlischen Güter möchte ich unermesslich und unendlich
besitzen«
»So wenden Sie sich mit Hingebung aber nicht mit Fragen denselben zu«
»Der Rat ist gut nur kann ich ihn nicht befolgen meine Seele ist auf die
Frage gestellt«
»So entschließen Sie sich zu leiden«
»Geh unter weil du nicht schwimmen kannst o wie oft hab ich so zu mir
gesprochen« sagte ich und bittere Tränen traten mir in die Augen
»Ich sage nicht Geh unter ich sage Kämpfe«
»Aber wofür denn aber weshalb denn rief ich in Verzweiflung O Fidelis
Sie haben so recht die starre Kälte der Glücklichen ein frommer Mensch sind Sie
und ein großer Künstler doch kein Freund denn Sie geben mich gleichgültig
auf«
Ich verstummte weil er plötzlich vom Flügel aufsprang und in heftigster
Bewegung etwas entgegnen wollte Aber mit ungeheurer Selbstüberwindung fasste er
sich schwieg setzte sich wieder und spielte den Trauermarsch aus Händels
»Samson« der für den toten Helden erklingt Als er ihn durchgespielt sagte er
»Sie wissen wohl dass ich Ihr Freund bin«
Ich kanns nicht beschreiben nicht einmal andeuten welch einen
erschütternden Eindruck er auf mich machte Er fürchtet in mir eine Dalila
dieser Gedanke erfüllte plötzlich meine ganze Seele und er will sich gegen
sie waffnen und wird gewaffnet bleiben Ich hätte diesen Willen ehren sollen
Ich weiß auch dass alle Frauen Zeter über mich schreien werden weil ich es
nicht tat dass sie sagen werden Also doch Koketterie trotz all der Kälte
Aber ich weiß ebenfalls dass sie Alle es ebenso gemacht haben würden wie ich nur
vielleicht aus andern Motiven Ich dachte mein Gott wenn der Mann dich liebte
so lange so immer das wäre doch eine Versöhnung mit dem Unbestand des
Lebens eine Errettung aus dieser Leichengruft des ewigen Zweifels Und dachte
ich ferner Wenn er dich liebt was wirst du tun so war nie die Antwort
Ihn wieder lieben sondern immer Ihm danken o Gott danken wie man für das
Leben wie das Geschöpf dem Schöpfer dankt Ach als ob die Liebe sich
mit einem auch noch so glühenden Dank begnügen könnte als ob sie nicht
verkümmern oder verzweifeln muss wenn sie nicht volle Erwiderung findet
Seiner einfachen ernsten Antwort entgegnete ich an jenem Morgen nichts aber
er kam mir vor stärker als Simson den er wie seinen Schutzpatron anrief und es
regte sich in mir etwas von jener diabolischen Neugier der Eva welche um jeden
Preis Dasjenige wissen will was eine höhere Macht vor ihr verbirgt Indessen
imponirte er mir viel zu sehr und es widerstrebte auch meiner Natur zu sehr in
Koketterie ihm gegenüber zu verfallen Ich zeigte ihm eben nur wie sehr ich an
ihm hing ihm vertraute auf ihn rechnete mein Leben mit ihm eingerichtet
hatte und er nahm das hin mit dem größten Dank mit dem tiefsten Ernst wie
Jemand der sich mit seinem Loos zu bescheiden sucht nicht mehr verlangt noch
erwartet aber in seinem verschwiegenen Busen und hinter seinen stummen Lippen
eine ganz andre Sehnsucht trägt Wendete sie sich zu mir Ich wusste es nicht
Oft flüsterte mir mein guter Genius zu Lass ruhen was ruht wecke nicht das
Schlummernde Du hast es jetzt besser denn je halte dich still Aber nein
dagegen stand ein andrer Geist auf und sprach Im Traum verrinnt dein Dasein und
mit ihm das Glück das du immer verlangt und nie gefunden nie genossen hast aus
der elektrischen Berührung einer starken flammensprühenden und zugleich
tiefgesammelten Seele kann dir eine Metamorphose erblühen versäume das nicht
Über diesen Zwiespalt fiel ich in Unruh und Beklommenheit und die wirkte
dermaßen auf Sedlaczech dass er in eine weit heftigere geriet Etwas fieberhaft
Gespanntes und Aufgeregtes überfiel ihn endlich hieß es er sei krank und könne
nicht sein Zimmer verlassen Mezzoni sprach von Heimweh von Abzehrung von
nordischem Winter mich überfiel Todesangst bei dem Gedanken er könne abreisen
wollen Ich schickte ihm den Arzt der empfahl ihm Ruhe calmirende Mittel
Bewegung Zerstreuung im Grunde nichts denn es sei keine Gefahr
vorhanden nicht einmal Krankheit Mezzoni sprach aber immer vom nordischen
Winter der einen schwächlichen Menschen töten könne Ich versicherte ihn
Sedlaczech sei durchaus nicht schwächlich Er meinte man könne es werden Das
war richtig Ich verbrachte einen qualvollen Tag
Am nächsten Morgen ließ ich Sedlaczech zu mir bitten wenns ihm möglich
sei Er kam aber er sah geisterhaft aus Entschlossen fragte ich sogleich das
was ich ahnte
»Ists wahr dass Sie nach Italien wollen«
»Ich denke das wird am Besten für mich sein« entgegnete er nach einer
Pause in der er sich zu dieser Antwort Kraft gesammelt hatte
»Warten Sie bis zum Frühling Fidelis dann wollen wir Alle fort nach der
Schweiz nach Italien wohin Sie wünschen bat ich mit Tränen
»Mein Wunsch kann keine Richtschnur für Sie abgeben teure Gräfin« sprach
er sanft
»O doch doch lassen Sie mir die seltene Freude dass ich Ihren Wunsch
erfüllen darf ich habe wenig Menschen Fidelis ach ich möchte sagen keine
wenigstens keine Freunde deren Wünsche mein Leben bestimmten Gönnen Sie mir
doch dies Glück«
»Mein Wunsch ist jetzt und allein zu gehen« entgegnete er noch sanfter
»Und fühlen Sie nicht dass ich fürchterlich allein sein werde wenn Sie
gehen«
»Nicht so wie ich«
»Dass mir ein belebendes und beseelendes Prinzip fehlen wird welches die
Nähe eines treuen und verständnissvollen Freundes der Ihr Herz und Ihren
Charakter hat in mein hinfälliges Wesen bringt«
»Nicht so wie mir«
Mir war als bräche er mit entschlossner Hand mein Herz entzwei Ich wurde
kalt und starr mein Blut wie Eis und so sagte ich
»Wolan Meister gehen Sie und beten Sie«
»Wenn ich kann« sprach er tonlos
»O Sie können beten können Sie aber nicht lieben Fidelis«
Er wich einige Schritte zurück sah mich fest an und fragte mit einem
furchtbaren Ernst
»Sie wissen also wirklich nicht dass ich Sie liebe«
»Wer beten und glauben kann der kann auch lieben ich wusste es
Fidelis« rief ich und sank auf die Knie überwältigt von ich weiß nicht welcher
Macht welcher Freude welcher Angst welchem innerlichen Jauchzen und Weinen
das mich mit heißem Dank in den Staub warf
»Heiliger Gott was nun« sagte er und presste die gerungenen Hände gegen
seine Stirn
»Nun bleiben Sie hier Fidelis nun bleiben Sie bei mir immer o immer
immer« sagte ich stand auf und ergriff sanft seine Hände die ich auseinander
löste indem ich hinzu setzte »Nicht mehr in Qual dürfen sie gerungen sein nur
gefaltet in liebender Andacht wie sich das für Sie geziemt«
»Und Sie verzeihen mir fragte er ganz ganz leise Sie kennen meine Gefühle
und nennen sie nicht Torheit nicht Vermessenheit nicht Wahnsinn
wie ich selbst so viel tausendmal sie genannt Sie verbannen mich nicht von
Ihrem Angesicht darf ich es glauben«
»Warum wollten Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben zweifeln« sagte ich
»Weil dies eine Gewissheit sein würde welche mich weit weit über alle
Grenzen und Schranken des Daseins hinweg in die Seligkeit heben würde Weil
es eine Himmelfahrt bei lebendigem Leibe wäre O Sie sehen wohl Sibylle
dass man daran zweifeln muss so lange man nicht rasend ist«
»Bleiben Sie immer bei mir Fidelis entgegnete ich mit unbeschreiblicher
Rührung Ich kanns Ihnen nicht sagen wie glücklich Sie mich machen«
Er sank vor mir nieder mit der nämlichen extatischen Gebärde mit der ich
einst im Dom zu Würzburg ihn auf den Knien gesehen und dieselbe Überfülle der
Empfindung stralte von seinem Antlitz aus Und wie damals meine kindische Seele
so ward jetzt die bewusste Seele gleichsam angedonnert von der Überlegenheit
welche die seine über sie hatte bloß darum weil er liebte Klein und
unwürdig erschien ich mir selbst und mit unsäglicher Trauer sprach ich
»Fidelis ich bin Ihrer nicht wert«
Er hörte nicht auf mich er blieb in seiner Stellung nahm meine Hände und
sagte
»Ja ich liebe Sie mit einer Liebe von der ich nicht weiß ob sie mir den
Himmel ob die Hölle bringt aber ich liebe Sie nicht jetzt nicht früher
nicht seit dieser oder jener Zeit nein immer eingeschreint in meiner
Seele wortlos maßlos grenzenlos wie Sie es nie verstehen noch begreifen
können weil Sie nur den Maßstab der andern Männer haben welche Sie zur
Abwechselung liebten ich ohne Wechsel nur Sie nur Sie«
Er sprach beinah flüsternd wie man eben ein Geständnis macht und doch mit
einem solchen vibrirenden Nachdruck dass mein Herz erbebte und von diesem Beben
aus ein leises Zittern durch meinen ganzen Körper rieselte Wenn Geister
unsichtbar an uns vorüberschweben mag ein solcher Schauer die Folge ihrer
unirdischen Nähe sein Ich sagte
»Stehen Sie auf Fidelis Sie sind außer sich und sprechen Sie nicht so
heftig ich bin nicht daran gewöhnt«
Er stand auf sank in einen Lehnstuhl und entgegnete fast mitleidig
»Das glaube ich gern Arme Sibylle so wenig sind Sie an die Sprache tiefer
das Leben durchglühender Empfindung gewöhnt dass Sie vor deren Ausdruck
erschrecken während mir kein andrer zu Gebot steht Und so werden wir
ewig wie auf zwei Planeten fern von einander bleiben weil uns die unausfüllbare
Kluft trennt welche lieben von nicht lieben scheidet Ich liebe Sie ohne jene
Zwischenspiele der Sinne, der Gedanken der Phantasie welche alle Menschen mehr
oder weniger mit gutem Gewissen sich erlauben daher ist meine Liebe von andrer
Kraft von andrer Sehnsucht von andrem Schwung und von einer Intensität
welche Vernichtung Wiedergeburt und ewiges Leben in sich schließt«
Er hielt immer meine Hand ich kann nicht sagen dass er sie drückte nein er
hatte sie nur in der seinen begraben Seine mächtige ausgearbeitete
wunderschöne Hand die ganz Nerv war hielt mich wie an einem ehernen Anker Er
kam mir als der Herr meiner Seele vor Wie der Magnet beim Nordlicht zittern
soll so zitterte ich denn zum ersten Mal in meinem Leben stand ich einer
Leidenschaft gegenüber der Leidenschaft eines Mannes welcher unangetastet
durch die Welt die Jugend und den Frühling seines Lebens gewandelt war und
jetzt in dessen Sommer mit all ihren Gewittern und Gluten mit ihren langen
Sonnentagen und ihren tropischen Sternennächten mit ihrer unendlichen Fülle und
unermesslichen Sehnsucht mir entgegen trat Gott weiß welche Himmel sich mir
öfneten Gott weiß welch ein Paradies sich vor mir erschloss Ich werde ihn
lieben blitzte es wie mit Stralen und Flammen auf mich herab
»Ich liebe Sie« stammelten die Lippen fast tonlos fast gedankenlos als
Echo eines innern Traumes hervor
Mit einer elektrischen Vehemenz umschlang mich Fidelis aber im nämlichen
Augenblick ließ er den Arm wie gelähmt sinken und sagte mir tief ins Auge
sehend
»Das ist nicht wahr Sibylle Eine immense Seele aber leer«
»Sie wollen mich lieben rief ich und zweifeln dass jener Strom der
Empfindung der Sie so reich macht in meine Brust hinüber wallen könne dass
jene Gluten die in Ihnen flammen in mir ein homogenes Element finden können
Aber Fidelis wogt die Liebe denn so ins Blaue ohne Ziel hinein erfasst und
umschlingt sie nicht ihren Gegenstand mit dem tiefen unabweislichen Bewusstsein
ihres Rechts und ihrer Macht welches in jedem unräsonnirten primitiven Gefühl
liegt Ist meine Seele leer so lieben Sie mich nicht sonst müssten Sie
darin den Reflex einer Sonne finden«
Er sank zu meinen Füßen hin und fand keine Worte mehr Er blieb Das
Leben bekam eine wunderbare Färbung Ich stelle mir vor dass es den Opiumessern
so erscheinen mag wie durch einen rosenfarbenen wehenden Schleier Fidelis
hatte ganz Recht mir fehlte der Maßstab für seine Empfindungsweise Mir war
dergleichen nie vorgekommen nie in mir nie außer mir Diese Intensität der
Leidenschaft die ein ganzes Menschenleben absorbirte ließ andre Kräfte andre
Gaben andre Fähigkeiten eine andre Organisation voraussetzen
»Wie sind Sie so ganz anders als die Übrigen« sagte ich zuweilen mit
ungeheucheltem Erstaunen
»Ja ich bins sagte er einmal denn es leben sich Alle in Bruchstücken
ihres Daseins zu Tode von frühster Jugend an Das tat ich nicht Von diesen
Tropfen am Nectarbecher des Lebens fühlte ich mich nie angelockt«
»Erzählen Sie mir den Gang Ihrer innern Entwickelung Fidelis ich kenne Sie
so lange aber immer verschlossen schweigend«
»Schweigend hab ich nicht mein Herz in Ihre Hände gelegt spricht meine
Seele nicht zu Ihnen in Rhapsodien der Liebeslust und Klage gießt sie nicht
ihre tiefsten traurigsten süßesten Mysterien in Gedanken und Tönen in Wort
und Musik wenn auch nur dityrambisch vor Ihnen aus Was soll ich in der
Vergangenheit wühlen und doch ist sie mir lieb und heilig denn Sie waren da
ewig da als Kind lieblicher denn alle Kinder und dann urplötzlich dies Kind
verwandelt in ein Weib und mir entrückt in jene Ferne und jene Heiligkeit die
es mit der Himmelskönigin teilt den Regenbogen zu ihren Füßen den
Morgenstern zu ihren Häupten meinen Sinnen und Gedanken wie meinen Augen
entrückt und dennoch mit mir in heiliger Gemeinschaft denn das reinste Band
welches unsre Sinnenwelt mit einer übersinnlichen verknüpft denn die reinsten
Schwingen welche Gott uns gab um zuweilen aus der Region des Staubes in die des
Aeters aufzufliegen wurden mein Teil die Kunst nahm mich unter ihren
Sternenmantel und ihre heiligen Gestirne verdeckten mir die Dunkelheit meiner
Wege und ihre Sphärenmusik verbarg mir die unendliche Öde meiner Tage bis
allendlich mit einem Accord die Sonne mir aufging und mein Schöpfungstag
anbrach«
»Und keine Erinnerung aus der Kindheit senkte ihren balsamischen Tau in
dieses flammende dürstende Herz mein armer Fidelis«
»O rief er mit wildem Schmerz wozu dies Zerwühlen der Vergangenheit
Sibylle«
»Ich bin eifersüchtig Fidelis«
»So wahr Gott über uns ist in meiner Vergangenheit war nur das Weib das
auch in meiner Gegenwart ist und kein andres Sibylle«
»Kein andres Weib und keine andre Liebe«
Das Feuer in seinen Augen die Farbe auf seinen Wangen die Bewegung in
seinen Zügen verschwand Er legte die Arme auf die Lehne des Sophas und den Kopf
auf die Arme indem er langsam die Worte der Apokalypse sprach
»Ich habe wider dich dass du verlässest deine erste Liebe«
Bei dieser Bewegung schob sein Ärmel sich zurück und ich sah dass er einen
Goldreif über dem linken Handgelenk trug
»Was für ein Amulet tragen Sie da« fragte ich und berührte mit dem Finger
den Reif
Statt zu antworten reichte er mir die linke Hand ich betrachtete den Reif
Zwei Steine bildeten sein Schloss ein Rubin warm und glühend wie ein Tropfen
Bluts und ein wunderschöner Saphir der wie ein Stern oder wie ein Auge
beruhigend daneben lag Ich weiß nicht was für eine melancholische Symbolik aus
diesen schönen Steinen mich ansprach ich fragte traurig
»Also doch ein Abfall Fidelis«
Immer noch schweigend richtete er sich auf zog aus dem Busen an einem
schwarzen Bande ein goldnes Medaillon auf dem jene apokalyptischen Worte
eingegraben waren und drückte es auf nachdem ich sie gelesen hatte Ein
liebliches Miniaturbildchen kam zum Vorschein ein süßes Köpfchen überflutet von
blonden Locken und einem schwarzen Schleier unter welchem zwei göttlich schöne
dunkelblaue Augen tief und stralend wie Saphire mit einem Ausdruck
hervorblickten der zittern machte solch eine Glut und solche Schwärmerei
schmolzen in ihrem Feuer zusammen Ich fand eine unbestimmte Ähnlichkeit mit
Fidelis ungefähr wie eine Tochter ihrem Vater ähnlich sieht
»Ah Fidelis es ist also doch ein Weib in Ihrer Vergangenheit« rief ich mit
Schmerz
»Eine Mutter ist kein Weib« entgegnete er und legte die Hand beruhigend auf
mein Haupt
Ich drückte sie dafür an meine Lippen und sagte
»Ich weiß es ja längst dass Du anders bist als wir übrigen Menschen und
dennoch erfüllt es mich immer wieder mit Andacht und Rührung Aber erzähle mir
von Deiner Mutter«
Fidelis verwahrte wieder das Bild im Busen knöpfte sorgsam den Hemdärmel
über dem Goldreif zu damit kein profanes Auge seine Reliquien entweihe und
sagte
»Von meiner Mutter Ich kannte sie nicht ich wusste nichts von ihr ich
wuchs auf in dem kleinen Städtchen Aussig in Böhmen bei meinem Pflegevater der
für meinen Oheim galt und der Organist an der dortigen Kirche und ein tüchtiger
Musiker war Ich hatte eine wilde selige Kindheit Ich verbrachte sie mit Musik
und mit Wanderungen durch die romantischliebliche Gegend Die Kunst und die
Natur und deren gemeinsame Mutter die Schönheit teilten seit meinen frühsten
Jahren den Cultus meiner Seele Es war etwas in mir das Tränen in mein Auge
trieb und mich auf die Knie warf wenn ich ergreifende Musik hörte einem
Sonnenuntergang oder einem Gewitter zusah oder einen Frühlingsmorgen auf den
grünen nussbaumbeschatteten Abhängen der Ruine Schreckenstein verlebte Denn
immer trug die Schönheit welcher Art sie sei für mein Auge eine Glorie sie
war mir heilig Nie vergesse ich den Moment als ich zum ersten Mal das Kleinod
und den Stolz von Aussig das Altargemälde von Karlin Dolce sah Ein kleiner
Madonnenkopf ists im dunkelblauen Schleier Eine Tür schließt sich sorgsam über
dem Gemälde das in einem Schrein von weißem Alabaster wie in einem
Wandschränkchen über dem Altar verborgen ist und nur bei großen Festen oder wenn
Reisende und Fremde es begehren zum Vorschein kommt Eine fremde Gesellschaft
ließ sich das Bild zeigen ich war aus Neugier ihr gefolgt Als sich die Tür
auftat sank ich auf die Knie und murmelte andächtig mein Ave Maria Als ich
fertig war bemerkte ich zu meinem Erstaunen dass ich allein kniete und dass eine
lange dürre blonde Dame aus der Gesellschaft mich streng und missbilligend ansah
Ich stand auf und schlich errötend bei Seite hörte aber wie die Dame mit
scharfer Stimme sagte
»Bemerktet Ihr den fanatischen Ausdruck des Knaben ist es nicht unerhört
dass solcher heidnische Götzendienst in unsrer aufgeklärten Zeit und in unsrer
Nähe noch existiert«
»Es ist sündhaft Kinder für die Heiligenverehrung dermaßen zu fanatisiren«
bemerkte ein fetter Herr mit großer Salbung
Obwol ich nur die Worte nicht den Sinn verstand machten sie mir einen
starken Eindruck Später sind sie mir oft eingefallen Götzendienst ist wenn
die Form statt der Idee angebetet wird wenn die Formel mehr gilt als der
Inhalt wenn die verknöcherte Gestalt ohne Geist jene Huldigungen empfängt
welche ihm gebühren Demnach trieb ich damals keinen Götzendienst
Meine Pflegemutter eine sanfte zärtliche Seele und mein Pflegevater ein
rechtschaffner warmherziger Mann waren beide wahrhaft fromm und erzogen mich in
wahrer inniger Andacht und Liebe zu unsrer heiligen Kirche Was in ihnen milde
erquickende Frömmigkeit war wurde in mir zufolge meiner wilden schwärmerischen
Natur flammender Glaube inbrünstige Andacht Dies religiöse Element entsprach
vollkommen der Richtung und dem Bedürfnis meiner Seele und die Pflegeeltern
nährten es sorgsam in mir Sie hatten keine Kinder und liebten mich zärtlich
verwöhnten mich weit über meinen Stand hatten unbegreifliche Nachsicht mit mir
Ich sollte in die Schule gehen ich tat es nicht es langweilte mich so sehr
der pedantische Lehrer die gedankenlose Bubenschaar die kahlen Wände der
Schulstube diese grässlichen braunen Bänke und Tische Menschen und Dinge
kamen mir so unerhört hässlich vor und draußen die Sonne die Berge der Fluss
die Vögel die Schmetterlinge ach Alles so schön so wunderschön Lesen
hatte ich früh bei der Pflegemutter gelernt der Legenden wegen die ich zu lesen
wünschte weil sie nicht immer Zeit hatte sie mir zu erzählen Auch rechnen
lernte ich bei ihr um ihr behilflich zu sein bei den Wirtschaftsrechnungen die
der Vater nicht immer correct finden wollte Bis zum schreiben bracht ich es
endlich auch noch hauptsächlich durch den Gedanken angefeuert Noten copiren
und den Text darunter setzen zu können Weiter nichts freilich auch Klavier
Orgel und Geigenspiel und den Generalbass aber in der Schule galt das nichts
sondern ich für einen dummen und trägen Buben Es liefen Klagen über mich ein
doch die Eltern meinten das müsse Schuld der Lehrer sein denn Alles was sie
mich lehrten lerne ich mit Fleiß Ausdauer und Geschick Es machte sich endlich
so dass ich im Winter mit Leidenschaft die Musik trieb so dass ich ganz mager
und abgezehrt wurde und im Sommer mich davon erholte meine Kräfte übte und
meine Nerven stählte indem ich wiederum mit Leidenschaft in Berg und Tal
stromauf stromab umherschweifte Tagelang blieb ich fort nach Tetschen
pilgerte ich und nach Teplitz Einmal durchwanderte ich die sächsische Schweiz
auf PrebischTor hatte ich ein furchtbares Gewitter in Schandau gesellte ich
mich zu böhmischen Musikanten und setzte die ganze Bande durch mein Geigenspiel
in Erstaunen Liebe Erinnerungen das Geld hatte ich nicht viel auf meinen
Wanderungen Der Vater schenkte mir nie Geld ich musste es mir mit
Notenschreiben verdienen aber die Mutter gab mir zuweilen ein blankes
Fünfkreuzerstück Damit zog ich ins Weite Sie sorgten auch nie um mich sie
hatten Vertrauen zu mir und ich rechtfertigte es Ich kehrte heim an dem Tage
zu der Stunde die ich ihnen vorher bestimmt hatte Aber ich selbst ließ mir
nichts vorschreiben es musste Alles nach meinem Willen gehen jedoch blieb ich
meinem einmal gegebenen Wort mit einer unerschütterlichen Festigkeit treu Die
Freunde und Nachbarn sprachen zuweilen ihr Erstaunen gegen meine Pflegeltern
über meine seltsame Art aus und fragten was aus mir werden solle Dann sagte
die Mutter immer mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit »Was Gott will« und der
Vater meinte »Ein tüchtiger Musiker«
Zu Letzterem war ich fest entschlossen Musik Musik ich begriff nichts
Anderes und begriff auch sie wiederum in meiner Weise Die Seele welche ich der
Natur und dem Weltall lieh sprach zu mir in Musik Ich hörte Musik auf den
Wellen der Elbe im Rauschen der Bäume im Summen der Insecten Musik am hohen
heißen Sommermittag wenn tiefe Stille und Schwüle über der Natur brütete Musik
an Winterabenden wenn der Sturm pfeifend und sausend wie ein ungestümer Eroberer
daher tobte Musik in lauen Frühlingsnächten wenn ein süßer wilder Schauer wie
ein träumerisches Erwachen der Leidenschaft wie ein äterischer entzündender
Kuss die Natur durchrieselte Die Berge hatten eine Stimme für mich sie hieß
Musik Ja die Sterne wandelten für mich am Firmament im harmonischen Reigen
einher und ich hörte Musik wenn ich zu ihnen emporsah Aber gleichsam nach
Innen musste ich lauschen um all jene Musik zu verstehen Meine Seele musste jene
ungeheueren Harmonien in sich aufnehmen und verarbeiten und sie mir dann in ihre
Sprache übersetzt mitteilen Mein Pflegevater riet mir meine musikalischen
Gedanken aufzuschreiben ich tat es auch nach den Regeln der Komposition die
ich fleißig bei ihm studierte Doch das waren schwache matte Exercitien und
fand sich einmal eine musikalische Idee dazwischen so war sie nichts als eine
Reminiscenz Die kleine kindische Seele hörte nur die gewaltigen Schwingen des
Genius der Musik um sich rauschen und klingen sie zeigte nur Verständnis nur
Befähigung Die Schöpferkraft liegt nicht in der Sphäre der Kindheit Unsinn ist
es sie von ihr zu erwarten Missetat sie erzwingen zu wollen Wer nicht mit
sich selbst gerungen hat kann auch nicht mit dem Genius ringen ihn bannen ihn
zu Red und Antwort zwingen ihm das Zauberwort ablocken wodurch er seinen
Gebilden die Weihe erteilt und welches er nicht auf die erste Bitte und an den
Ersten Besten verschwendet Wer bestimmt ist die Weihe zu empfangen muss andre
Wege gehen als die Talentvollen die Begabten welche bei ihrem ersten
Erscheinen ein Paar Rosen um sich her streuen und dann mit leeren Händen weiter
ziehen Ihn muss eine Göttin die einzige die ewige Göttin alles Lebens und
alles Seins die Liebe in ihre Arme nehmen und an ihrem Busen muss sie ihn groß
ziehen und nähren mit zwei Quellen die ewig strömen mit Schmerzen und mit
Meditationen Ich lebte bis zu meinem fünfzehnten Jahr unbändig seelig und
phantastisch dahin
Da trat eine vollständige Revolution ein Mein Pflegevater und mein
Beichtvater Pater Melchior verkündeten mir ich sei für den geistlichen Stand
bestimmt dabei kam es für mich zum ersten Mal klar und deutlich zur Sprache
dass meine geliebten und geehrten Pflegeltern eigentlich gar nicht mit mir
verwandt waren Ich weiß nicht welche von diesen beiden Nachrichten mich tiefer
erschütterte Nur das weiß ich dass ich auf der Stelle in mir selbst sprach
Beides gilt mir nichts ich werde nicht Geistlicher und ich bleibe ihr Kind
Mit herzzerreissendem Schmerz stürzte ich zu meiner Pflegemutter Ich schrie ich
weinte ich schluchzte ich sei ihr Sohn ich wolle es bleiben sie solle nicht
leiden dass man mich ihr raube und Geistlicher wolle ich nicht werden sondern
Musiker Sie suchte mich zu beschwichtigen indem sie mit mir weinte und mit
Liebkosungen mich tröstete ich sei ihr Fidelis wenn nicht ihr Sohn doch
immer und ewig ihr herzeigener Fidelis sie habe mich groß gezogen an ihrer
Brust Gott habe ihren Sohn zu sich genommen und dafür mich in ihre Arme gelegt
und so viel Tränen habe sie geweint um seinen Tod und um mein Leben dass etwas
ebenso Heiliges als die Mutterliebe für mich daraus zusammengeschmolzen sei
»Nun so rette mich Mutter rette mich von dem geistlichen Stande« flehte
ich
»Deine Mutter hat es so bestimmt Fidelis« entgegnete sie sanft und
traurig
Ich war wie wahnsinnig »Was ist das für eine Mutter die mich erst ins Leben
gestoßen hat und mich nun in den Tod in mehr als den Tod stoßen will Ich
weiß von keiner Mutter« schrie ich
Mein Pflegevater sprach mir mit Ernst zu Pater Melchior mit linder Güte
Ich ließ mir auch all ihre Ermahnungen und Tröstungen gefallen gingen sie aber
auf den fraglichen Gegenstand über so geberdete ich mich wie ein junges Pferd
auf den Steppen der Ukraine das eingefangen werden soll Ich lernen ich
studieren ich ein heiliges Amt regelmäßig verwalten und es nie verlassen ich
im geistlichen Gehorsam meinen Obern mich unterwerfen tun treiben denken
lehren wie sie gebieten Nimmermehr Ich wollte in die Welt
»Ich will ja nichts Böses und nichts Verbotenes in der Welt tun aber ich
will und muss in die Welt sagte ich so recht in kindischer Weise und wenn mir
das nicht erlaubt wird so laufe ich heimlich fort«
Mein Entschluss schien so fest dass man mir Ruhe gönnte Allein nach kurzer
Zeit kündigte Pater Melchior mir an ich solle ihn nach Prag begleiten wo man
mich zu sehen und zu sprechen wünsche Abermaliger heftiger Widerstand der
doch zuletzt überwunden ward während dieses Kampfes bildete sich mein Entschluss
fest aus die Flucht zu ergreifen wenn mir keine andre Rettung übrig bliebe Das
machte mich ruhig und ich fuhr mit Pater Melchior nach Prag erwartungsvoll
aber gewappnet
Dort geleitete er mich in ein ernstes stilles altertümliches Gebäude
dessen Pforte sich uns geheimnisvoll öffnete dann über einen einsamen Hof durch
lange hallende öde Gänge in ein düstres unschönes Gemach ich stand im
Sprachzimmer eines Klosters Ich fühlte mich einer Ohnmacht nah die Luft war so
beklommen die Wände so dunkel und das Gitter das fürchterliche Gitter
und der braune Vorhang hinter demselben erfüllten mich mit Vorstellungen von
Kerker und Grab
»Wenn ich hier eingesperrt werden soll so renne ich mit dem Kopf gegen die
Mauer« sagte ich fassungslos zum frommen Pater Melchior der sanft entgegnete
»Was fällt Dir ein Fidelis Hier lebt Deine Mutter und sie wünscht Dich zu
sehen«
Indem rauschten schleppende Gewänder jenseits des Gitters der Vorhang wurde
zurückgezogen und eine Klosterfrau in der Ordenstracht der Karmeliterinnen
stand mir gegenüber
»Hier ist Fidelis« sagte der Pater
Sie neigte ihr Haupt zum Gruß zum Dank und er verließ das Sprachzimmer So
wie ich diese Frau sah flog meine Seele ihr entgegen und ich liebte sie Ich
stürzte wie zerschmettert am Sprachgitter nieder ich rang die Hände ich
breitete meine Arme gegen die starren Eisenstäbe aus und stammelte schluchzend
atemlos
»O meine Mutter Du meine wahre meine wirkliche Mutter wie lieb ich
Dich«
Welch ein Antlitz schaute auf mich herab Sibylle dies holde kleine Gemälde
entzückt Sie und spricht Sie an wie ein verkörperter Sonnenstral Nun stellen
Sie sich vor dass dies himmlische Wesen durch ein Läuterungsfeuer nach dem andern
hindurch gewandelt nicht verzehrt sondern verklärt davon geworden ist und
endlich wie von einem andern Gestirn und aus einem andern Licht auf uns
herabschaut so war sie
»Fidelis« sagte sie und immer wieder und wieder »Fidelis« und mit ihrem
zarten Finger durch das Gitter schlüpfend berührte sie segnend meine Stirn und
zärtlich meine Wange mein Haar und dann faltete sie ihre Hände die aus den
dunkelbraunen weiten Aermeln ihres Ordenskleides weiß heilig und rein wie
Taubenflügel hervor leuchteten und sagte »In Deine Hände o Herr befehl ich
ihn«
O Sibylle ganz unirdisch sah sie dazu aus solche Augen hat man nicht in
der Welt solche Augen sind der Spiegel einer höheren und höhere Gestalten
wandeln stralend an ihnen vorüber und ihr Wiederschein wirft noch eine
Verklärung auf uns herab Und diese Stirn sie musste Kronen getragen haben um
durch die Wolken von Schmerz und den Schleier der Entsagung hindurch noch in
solcher Majestät zu stralen Ganz bewildert von extatischer Liebe rief ich
»O Mutter wer bist Du wo kommst Du her bist Du eine Heilige oder eine
Königin«
»Ich bin eine große Sünderin sagte sie mit gelassener heiliger Demut
allein ich vertraue Dem der in die Welt gekommen ist um die Sünder zu erretten
und nicht die Gerechten zu Dem ich flehe Tag und Nacht in heißen Gebeten dass
er eine Leuchte sei auf Deinem Pfade Dich zu sich ziehe in Israels ewige
Hütten und die Versuchung und den Fall von Dir abwende in die ich gestürzt
bin Ich lebe für dies Gebet und für dessen Erfüllung«
Ich verstand sie nicht recht allein ich hörte nichts als Musik und mein
Herz pochte vor Freuden dass sie für mich bete
»O meine Mutter sagte ich Dein Gebet ist wie der Schild des Erzengels über
mir er beschirmt mich in allen Gefahren der Welt«
»Törichtes Kind erwiderte sie Du weißt nicht was Du sprichst Du hast
noch keine Vorstellung von den Gefahren welche Dir drohen grade Dir mit
Deiner ach mit meiner Seele und vor denen es keine Rettung gibt als
Flucht Flucht zu den Altären des Heils Wende Dich zu ihnen Fidelis und ab
von der Welt tritt in den Dienst der heiligen Kirche weihe Dich den göttlichen
Dingen und bringe Deine Seele dar im ununterbrochenen Opfer«
»Ich will auch meine Seele im Opfer darbringen rief ich sie soll nicht
verloren gehen glaube mir meine Mutter aber ich muss frei bleiben ich kann
nicht studieren kann nicht lernen und nicht lehren ich möchte lieber sterben
als Priester werden«
»Törichtes Kind« wiederholte sie kopfschüttelnd
»Ja rief ich in einem Paroxismus von Todesangst ich werde sterben wenn man
mich gegen meinen Willen zum Priesterstande zwingt Ich will in die Welt in
die schöne freie weite herrliche Gotteswelt ich will mir mein Brot verdienen
ich will so brav so rechtschaffen so fromm werden dass Dein Herz meine
Mutter keine Sorge um mich haben soll aber Priester kann ich nicht werden
ich kann nicht ich kann nicht«
»Niemand zwingt Dich zu Deinem Heil Fidelis entgegnete sie resignirt und
melancholisch Du bist noch nicht reif zur Erkenntnis dessen was dem Menschen
Not tut da wünschte ich dass Gott durch meine schwache Stimme Dich derselben
entgegen führte Aber Du willst sie nicht hören vielleicht kannst Du sie
nicht hören Du bist noch so sehr jung Wir wollen warten Fidelis die
Gnade kommt zuweilen in einer Nacht und ich bete dass Du derselben mögest würdig
befunden werden Der Herr sei mit Dir« fügte sie mit unaussprechlicher
Zärtlichkeit in Blick und Ton hinzu berührte wieder meine Stirn und verschwand
hinter dem zusammenrauschenden Vorhang
Ich blieb noch eine Zeitlang allein in einem Mittelzustand von Betäubung und
Berauschung dann erschien Pater Melchior dem ich den Schluss meines Gesprächs
mitteilte welchen er seinerseits bestätigte und noch am Abend desselben
Tages saßen wir wieder auf dem Postwagen von Aussig Ich selig denn ich hatte
meine Mutter gefunden und meine Unabhängigkeit gerettet Schöner denn je kam mir
die Erde vor namenlos herrlich Prag das mir aus lauter Kirchen und Palästen zu
bestehen schien und das ich zu meinem Leid so schnell verlassen musste Und dies
war doch nur Prag wie musste erst Wien sein unsre Kaiserstadt wo Beethoven
lebte oder gar London wo Händel gelebt hatte und wo er sein Grabmal in der
WestminsterKirche zwischen Englands grössesten und höchsten Männern hatte er
ein deutscher Musiker Tausend phantastische Bilder liefen mir durch den Kopf
und nur ein Gedanke stand unwandelbar fest in ihm ich wollte tüchtig und groß
werden meine Mutter sollte nicht umsonst für mich beten
Mit rührender Liebe empfingen mich meine Pflegeltern hörten meine Erzählung
und den Ausspruch Pater Melchiors
»Wir warten auf die Vocation«
»Da wird gewartet bis in die Ewigkeit« flüsterte ich ins Ohr der
Pflegemutter und zog sie hinaus um sie mit Fragen über meine Mutter zu bestürmen
zwischen denen mir denn auch einfiel dass ich gleichfalls einen Vater haben
müsse und wer und was und wo der sei Auf die ersten Fragen entgegnete meine
Pflegemutter nur Liebes Gutes Schönes aber stets ganz unbestimmt auf die
letzten sehr bestimmt fast hart wie ich sie nie gehört
»Von dem weiß ich nichts und Niemand weiß von ihm Armes Kind Du lebst
durch seine Sünde«
Einen furchtbaren Eindruck machten mir diese Worte und dieser Ton auf den
Lippen meiner guten zärtlichen Pflegemutter
»O rief ich was hab ich für ein verfluchtes Dasein! der Vater sündhaft
und unbekannt die Mutter im Kloster büssend könnt ich doch lieber sterben als
solchen Gram und solche Schmach mit mir herumtragen«
»Sprich nicht so Fidelis unterbrach sie mich liebevoll Wie Du geboren
bist dafür hast Du nicht Rechenschaft abzulegen Wie Du lebst dafür mein
Kind Sind Andre schwach gewesen so nimm es Dir zur Warnung und sei um desto
stärker sind sie gefallen so hüte Dich zu straucheln haben sie gesündigt so
bleibe Du gottgefällig und gottgetreu«
Wie Morgentau nach einer versengenden schwülen Sommernacht fielen diese
guten klaren Worte in mein Herz und beschwichtigten die Extasen welche dasselbe
neben meiner Mutter und bei dem Gedanken an sie durchzitterten Ich legte meine
beiden Hände auf ihre Schultern sah dankbar in ihre unaussprechlich guten Augen
und sagte
»Mutter Du bist meine Mutter Du verstehst Du tröstest Du belehrst mich
Du weißt wie mir zu Mut ist sie weiß es gar nicht die betende büssende Heilige
hinter ihrem Kerkergitter aber ich liebe sie doch«
»Liebe sie Fidelis ich gönne es ihr und Dir« sagte meine Pflegemutter
Mit grenzenlosem Eifer gab ich mich fortan dem Studium und der praktischen
Übung der Musik hin Sie war meine Vocation und in jeder Weise wollt ich mich
für sie ausbilden Da ich mir durch sie nicht bloß den zukünftigen Ruhm
sondern für näherliegende Zeiten auch Unterhalt und Fortkommen verschaffen
musste so versuchte ich Unterricht zu geben und auch das gelang Mein
Pflegevater war karg mit Lob aber er musste mich loben Mein Talent begann sich
zu emancipiren selbständig zu werden So jung ich war hatte ich doch schon
einen unwandelbaren Entschluss gefasst und eine bestimmte Richtung ergriffen das
ist die Basis aller Selbständigkeit Mein rastloser Fleiß und meine geliebten
Arbeiten brachten mich über die unruhvolle Epoche des Eintritts in die
Jünglingsjahre hinweg All die drängenden gährenden Kräfte brauchte ich als
Sporn für meinen Eifer als Stärkung für meinen Willen Wie im Sturm ward ich
vorwärts getrieben
Mit Pater Melchior hatte ich häufige lange Gespräche an denen ich
aufrichtige Freude hatte sobald sie sich nicht meinem in Frage stehenden
geistlichen Beruf zuwendeten was immer seltener geschah Ich war nicht bloß
religiös sondern durch und durch gläubig Mit inbrünstiger Andacht hing ich an
den Lehren der Kirche und sie selbst diese heilige Kirche war für mich den
Einsamen den Ausgestossenen so recht die heimatliche Freistätte auf Erden in
deren Schoss ich die Gemeinschaft mit allem Geliebten fand Mein Herz fasste all
ihre süßen und tiefsinnigen Mysterien ihre Wunder ihre Opfer ihre
Gnadenmittel mit Liebe auf und weil ich mich in Liebe ihnen hingab so
erquickten sie mich unsäglich und bildeten mir eine Himmelsleiter auf der ich
schüchtern und selig heilige Boten wandeln sah die mein armes dürftiges
strebendes Wesen mit dem Allerreinsten und Allerhöchsten in eine ebenso
geheimnisvolle als gewisse Verbindung brachten
Aber Priester wollte ich nicht werden Ich fühlte mich dazu nicht stark
nicht selbstlos genug Er unter dessen Gebeten das Sakrament des Altars sich
vollzieht er in dessen Ohr Tausende von Sündebeladenen von Gramgebeugten das
Elend und die Aengste ihrer Seelen durch die Beichte ausschütten er der über
alle Trauer und Freudenfeste unsers Lebens Worte des Heils und des Segens ruft
und selbst ein Fremdling bleibt in den Wonnen und Schmerzen zu denen er weiht
er muss sich durch Gott selbst zu seinem erhabenen Amt berufen fühlen und
dieser Ruf war nicht an mich ergangen
Das Alles erklärte ich dem Pater Melchior öfters mit dem Ton warmer
Überzeugung und Wahrhaftigkeit und ich durchdrang ihn dermaßen mit meiner
Unerschütterlichkeit dass er mir unaufgefodert die Zusage gab er selbst wolle
meine Mutter zu bewegen suchen ihren frommen Wünschen für mich eine andre
Richtung zu geben
So wurde ich siebzehn Jahr alt als ich wieder mit Pater Melchior nach Prag
berufen wurde Mit gefasster ernster Sammlung ging ich diesem Wiedersehen
entgegen Zu jedem Opfer der Liebe war ich entschlossen nur nicht zu dem
Einen So stand ich vor ihr Wieder erfüllte mich ihre Erscheinung mit
wunderbarem Entzücken Ich meinte sie schwebe auf Wolken ich meinte in einer
Glorie von Engeln ruhe ihr Haupt so äterisch sah sie aus Es zog mich zu
ihren Füßen nieder Sie blickte mich lange an traurig zärtlich stumm
»Das waren zwei schwere Jahre sprach sie endlich mit bebender Stimme
Fidelis hast Du denn nie mein Angstgebet gehört«
»Ja meine Mutter und es hat mich stark gemacht Du willst mein Heil
lass es mich finden auf meinem Wege«
In diesem Sinn hatten wir ein langes Gespräch das uns Beide heftig
erschütterte ohne den einen Teil zur Überzeugung des Andern hinüber zu ziehen
Ihre schwärmerische Seele war eine Opferflamme und um so heißer wallte sie
empor als sie Busse dafür tat dass der Altar ihres Herzens nicht immer dem
Höchsten geweiht gewesen war Die klösterliche Abgeschiedenheit ihre Einsamkeit
mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid das ewig wache Liebesbedürfniss
einer zärtlichen Seele das heiße Verlangen zur innersten Versöhnung mit Gott
und ihrem Gewissen zu gelangen das eben so heiße ihr Kind gerettet zu sehen vor
den wie es ihr schien unwiderstehlichen Verlockungen dies Alles ungestört
durch lange Jahre mit Tränen Gebeten Buss und Andachtsübungen genährt hatte
meine Mutter in jene tiefe religiöse Schwärmerei versetzt in welcher Wesen wie
sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden können weil sie zu
schwach für den Kampf mit der Versuchung und zu rein sind um ihr ohne
Verzweiflung zu unterliegen Für solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntnis des
Menschenherzens die Freistatt des Klosters geöfnet und diese Kenntnis ist es
eben welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz göttlichen Liebe aufprägt
denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Sünden seiner
Fehler seiner Schwächen nicht liebt Ihre Kirche Sibylle belehrt den
Menschen die unsre liebt ihn Ihre Kirche stellt ihn auf seine Füße gibt ihm
die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen und
spricht nun mache deinen Weg Die unsre behält ihn an der Hand sorgsam warnend
und beschirmend tröstend und erquickend durch das Bewusstsein der Gemeinschaft
ihn rettend von dem trostlosen Verzagen das für Manchen aus dem Gefühl seiner
Vereinzelung und Nichtigkeit quillt Aber eben weil jenes Bewusstsein damals
so lebendig in mir war konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter
stellen Mir war die Welt ein Tempel und rein aber frei und ohne Priesteramt
wollte ich in ihm dienen
»Fidelis sagte meine Mutter unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte
Liebe ist auch Gott allein die Liebe für die Götzen liegt zwischen
beiden Ich hatte mich früh dem Herrn gewidmet war im Kloster erzogen und
wollte den Schleier nehmen Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner
Eltern Den Vater ängstigte mein früher Entschluss ob er wolüberlegt sei sollte
sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten die zur Vermälung meiner
beiden Brüder statt fanden Dieser Glanz dieser Jubel dieser Reichtum diese
Schönheit diese Welterrlichkeit betäubten mich Ihre trügerischen Wellen von
Goldschaum und Blumenstaub schlugen über mein betörtes Herz und mein
besinnungsloses Haupt zusammen Es gibt immer Menschen welche unsre Schwäche zu
benutzen wissen Der Versucher fehlte auch mir nicht und meine Schwäche
nicht ihm Er war gefesselt durch unzerreissbare Bande und meine Seele
von der Liebe zu Gott zur Anbetung des Götzen hingerissen ward vergiftet
Sieh Fidelis so bist Du geboren und dass ich es Dir sage und vor Deinem
unschuldigen Auge mich mit unabwaschbarer Schmach bedecke geschieht um Dir ein
Beispiel zu geben welche unwiderstehliche Betörung in dem Anhauch des üppigen
Weltlebens liegt weil es zu keiner höheren Richtung Deines Wesens als zu Deinen
Sinnen und Deiner Eitelkeit spricht Die priesterlichen Gelübde sind Helm
Panzer und Schild gegen sie der Gehorsam gibt dem übermütigen Sinn die
heilsame Demut die Armut erhält den Leib in Nüchternheit und Abhärtung die
Keuschheit gibt ihm eine heilige Kraft denn wer sich selbst bei dem Reiz der
Sinne überwinden kann der kann die ganze Welt überwinden und die Engel dienen
ihm mein Sohn«
Langsam glitt sie hinter dem Gitter auf ihre Knie und hob die Hände gefaltet
zu mir empor
»Meine Mutter entgegnete ich feierlich steh auf Ich will Dir die Gelübde
tun in denen Du eine Rüstung meiner Seele zu ihrem ewigen Heil erblickst Ich
gelobe Gehorsam gegen göttliche Gebote Armut und wenn ich von den
Schätzen der Könige umgeben wäre und Keuschheit Ich gelobe es Dir feierlich
vor dem Angesicht Gottes aber Priester werd ich nicht ich muss frei sein
Mit einem Lächeln voll seliger Beruhigung entgegnete sie »Wen der Herr so
weit geführt hat den führt er auch noch einen Schritt weiter in das Tabernakel
hinein Sei gesegnet Fidelis und nimm und trage dies zum Gedächtnis dieser
Stunde«
Den Goldreif hieß sie mich an und nie ablegen
»Der Karfunkel ist Dein Herz und der Saphir ist mein Auge es wacht darüber
sprach sie Und dies Bildchen zeigt mich Dir wie ich war vor achtzehn Jahren
ehe ich verlassen hatte meine erste Liebe O Fidelis verlasse Du die Deine
nicht«
Und abermals rauschte der Vorhang zusammen und abermals kehrt ich
aufgewühlt in den Grundtiefen meiner Seele zu meinen Pflegeltern zurück Aber
nun war es aus und vorbei Nun hatte ich Alles getan was ich für die Wünsche
meiner Mutter tun konnte ferneren Bitten und Eindringen deren Andeutung in
manchem ihrer Worte lag fühlte ich mich nicht gewachsen Ich wollte fort und
ich ging fort ich floh heimlich ohne Abschied ich konnte nicht diese
Herzzerreissungen des Abschieds ertragen Ich fühlte unbestimmt das Bedürfnis
mich zu sammeln und nicht zu zerfließen Dass ich mir würde mein Brot verdienen
können davon war ich so fest überzeugt wie von meinem Leben Nach England
wollte ich über Hamburg Dies Alles schrieb ich in einem zärtlichen dankbaren
Brief an die Pflegeltern versprach ihnen Nachricht und Wiedersehen steckte
meine 27 ersparten Gulden zu mir packte mein Ränzelchen und ging in einer
stillen Juliusnacht über die Berge meiner Heimat nach Sachsen hinaus
Da gab es Krieg und Krieg Beängstigungen und Hoffnungen Ich nahm Teil
daran aber nur oberflächlich Andre Gedanken bewegten sich zu mächtig in mir
Man widerriet mir nach Hamburg zu gehen da wären die Franzosen aber keine
Schiffe für England Ich ging nach Lübeck in der Hoffnung eine Überfahrt nach
Kopenhagen zu finden und mir dort weiter zu helfen In Lübeck las ich am Tage
meiner Ankunft in den Zeitungsanzeigen in Holstein auf dem Lande werde ein
Musiklehrer gesucht wer dazu Neigung habe solle sich melden bei dem Kantor der
Marienkirche Das kam mir vor wie eine Weisung ruhigere Zeiten abzuwarten Ich
meldete mich und so kam ich hieher«
Mit fieberhafter Bewegung bald abgebrochen bald bei einzelnen Momenten
verweilend hatte Fidelis gesprochen Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn
und seine Lippen zitterten der Doppelausdruck seines Gesichts die geistige
Kraft und die Macht der Leidenschaft war noch nie so lebendig mir entgegen
getreten Hinter seiner äußern Ruhe und schüchternen Zurückgezogenheit mochte es
wie hinter dem Nonnenschleier seiner schönen zärtlichschwärmerischen Mutter
nicht so gelassen zugegangen sein als man es nach der ewigen Selbstbeherrschung
glauben durfte mit der er sich selbst im Zügel zu halten gewohnt war Wol hatte
ich ihn in der letzten Zeit von jenen Orkanen des Gefühls durchstürmt gesehen
unter denen das Herz wie der Frühling nach Wiedergeburt ringt Doch so wie heute
sah ich ihn nie Er lag am Boden der Titane war gefesselt überwunden und
zerbrochen Meine elende Seele erschrack vor ihm und vor seiner fürchterlichen
Liebe die gleichsam mit Gott um seine Seele rang Also auch er dieser Mensch
von Stahl und Gold war nicht unerschütterlich harrte nicht aus bei dem Einen
kämpfte nur so lange es eben ging und ergab sich dann Und wem Mir
Einem Weibe das die Verwirklichung einer Chimäre suchte und gänzlich unfähig
war seine Liebe in gleichem Maß zu erwidern
Er schwieg und ich schwieg auch Ich dachte an meine Verblendung neben ihm
in Venedig ein Bild meiner Phantasie einen Otbert zu lieben ich dachte daran
wie mein Herz seitdem so morsch so hohl in diesen Enttäuschungen geworden sei
dass es wohl noch sich nach Liebe sehnen aber nicht mehr sie empfinden ja nicht
einmal die seine begreifen könne Ich hielt in diesen wenigen Sekunden Gericht
über mich aber in dem Augenblick wo ich den Stab hätte brechen sollen warf ich
mich in Todesangst in die aufschwellende Flut des Gefühls und dachte Vielleicht
trägt sie mich dennoch an ein lieblicheres Gestade leiden ist nichts lieben
ist Alles
»Nun weiter Fidelis« sprach ich sanft und nahm seine Hand
»Es gibt nichts weiter entgegnete er Jetzt wäre nur noch von den
Resultaten meiner jugendlichen Entschlüsse und Bestrebungen zu reden und die
sind dürftig genug Ich bin allerdings ein ziemlich tüchtiger Musiker aber sehr
fern von der früher geträumten Größe Und was die Freiheit betrifft von der ich
mein höchstes Heil erwartete so habe ich erkannt dass ich derselben nicht fähig
war Eine Liebe die unsinnigste und zugleich die göttlichste hat mich unfrei
gemacht Sie war verboten aber zugleich durch eine solche Kluft von
Unmöglichkeiten von mir getrennt dass diese mich sicher machten Wie auf den
schwindelnden Brückenstegen des Hochgebirges fühlte ich mich Hält dich der
wankende Steg über dem Abgrund wolan so zeugt das von Mut Macht und Glück
trägt er dich nicht so geht deine Schuld vielleicht in dem Sturz unter Aber
weil ich mich von dieser Liebe umstrickt fühlte so hatte ich keine feste
Zuversicht zu mir selbst Ich misstraute mir und meinen Leistungen Ich glaubte
in ihnen allen die Fessel wahrzunehmen die mich zu Zeiten dermaßen band dass
Kunst und Genie mir Puppenspiel und Fratze schienen und ein Wort ein Blick der
Liebe Wahrheit und Heil Ich glaubte sie trügen den eisernen Reif der sich zu
Zeiten um meine Stirn und Brust schmiedete und sie unzugänglich für den labenden
Anhauch aus einer höheren Welt unempfindlich für die frischen Lüfte aus
geistigen Regionen machte Die stolze Jugendfreude an mir selbst an der Welt
und dem Leben ging mir unter und ohne diese Freudigkeit welche den tiefen
Melancholien jeder schöpferischen Richtung die Waage halten muss ist es schwer
wohl gar unmöglich Ausgezeichnetes zu leisten Meine Liebe machte mich
schüchtern und der Genius will auf einem sichern Boden die Grundlage seines
Tempels gründen In ein Meer von Verworrenheit und Wirrsal von Anziehungs und
Abstossungskraft von Selbstbeherrschung und Erschlaffung von Feigheit und
Tollkühnheit bin ich durch sie geraten und tausendmal hab ich gedacht Wer
doch den Rat seiner Mutter befolgt und sich aus diesem Wellenstrudel zu dem
Kruzifix auf der Felsenklippe gerettet hätte Aber nichts da Unüberwindlich
lockte mich die Lorelei nur sie Dieselbe Allmacht welche bewirkte dass sie
mich unangetastet in ihrer Zauberwelt hielt machte auch dass ich mich von ihr
nicht losreißen konnte Durch lange Jahre der Trennung herrschte sie in den
bittersten Erkenntnissschmerzen meiner Torheit und Nichtigkeit herrschte sie
über meinem künstlerischen Tun und Treiben herrschte sie über meine
Entschlüsse meine Richtung meine Gedanken meine Seele herrscht sie dermaßen
dass keine Vernunft noch Kraft noch Übung stark genug waren um ihr in meinem
Herzen stumm zu huldigen und sie stumm darin zu begraben Dies ist das »Weiter«
wonach Sie fragen«
Immer wenn Fidelis schwieg erschrack ich Jetzt wird er hoffen dass ich ihm
etwas Ähnliches sage dachte ich mit Herzpochen ach Du Unselige weshalb
hast du ihm ein Geständnis abgelockt Veranlasst eine Frau einen Mann zu solchem
Vertrauen so ist es ein Beweis dass sie bereits durch ihn gerührt ist
Erheuchelt sie die Rührung so ist sie eine erbärmliche Kokette Aber ich hatte
sie nicht erheuchelt nur ersehnt Was ich eigentlich wünschte war unter dem
Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren Seine Wärme tat mir
wohl sein Schwung hob mich seine Kraft labte mich das Alles brauchte ich
fand ich bei ihm und wie auf mein Eigentum legte ich meine harte kalte
Hand darauf Ich schauderte vor mir selbst Um nur Etwas zu sagen sagte ich
ganz stupid
»Sie verleumden sich indem Sie sich schwach nennen Fidelis Ihr ganzes
Leben ist ja eine Kette aus Ringen von Erz«
»Ein Gelübde kann man immer erfüllen Gott allein weiß wie Aber die
Kette selbst doch zuweilen als eine Kette zu fühlen das eben beweist dass man
schwach ist Schwäche ist Knechtschaft und ich ich der nicht äußerlich
gebunden sein wollte bin innerlich Knecht ich der äußere Sklaverei mehr als
den Tod fürchtete bin nicht im Stande zu sagen ich bin frei Obgleich mir die
weite Welt offen steht obgleich ich vor Niemand außer vor meinem Gewissen
Rechenschaft meines Tuns abzulegen brauche obgleich meine Bedürfnisse noch
geringer sind als meine Gewohnheiten und Entbehrung mich nicht drückt trotz
all dieser Bedingungen der Freiheit bin ich nicht frei Sclav des Goldes, der
Eitelkeit der Sinnlichkeit, des Ehrgeizes zu sein hab ich gemieden denn das
Alles lockte mich nicht war unschön kleinlich oder roh Sclav der Liebe musste
ich werden der Idee der Liebe denn ich liebe kein Weib sondern eine von den
Schicksalsgestalten welche hie und da ins Leben hinein gestellt werden damit
sich an und in ihnen und für und um sie seltene Geschicke ausleben Anderen zur
Warnung oder zum Beispiel«
»O Fidelis wenn Sie mich so erkennen wie können Sie mich denn lieben«
fragt ich schmerzlich
»Ich weiß es nicht sagte er niedergeschlagen Es ist etwas Gewaltiges in
Ihnen Dies rastlose Suchen das durch kein Glück und keinen Genuss der Welt
befriedigt durch keine Polster des Glanzes des Reichtums und des Behagens
ausgeruht durch kein Lernen Wissen und Tun beschwichtigt durch kein
Schellengeklingel der Eitelkeit und Torheit betäubt wird das gehört keiner
gemeinen Natur an Sie haben eine ganz abgründliche Seele so abgründlich dass
Niemand deren Tiefe ermessen hat denn kein Senkblei reicht so weit hinab Was
ist denn da unten Sibylle soll es ein ewiges Geheimnis bleiben lagert sich
diese Wolkenschicht über einem Sonnenhimmel oder über der Leere Sie sind klug
gut tugendhaft großmütig menschenfreundlich aber ohne Freude darüber ohne
Genuss daran Sie sind ohne Schwäche und ohne Leidenschaft Sie hassen nicht Sie
können verzeihen«
»Ja ja ja rief ich in einem Paroxysmus von Schmerz so bin ich das kann
ich Aber ich kann Eines nicht ich kann nicht lieben ich handle nie aus
vollem Drang und Trieb des innersten Lebens Meine Phantasie malt mir das Gute
und Schöne mit den bezauberndsten Farben vor dann betrachte ich diese Gebilde
mit der Reflexion die Farben schwinden aber die Überlegung sagt mir auch die
Pflanze ohne Blüte verdiene Pflege Dem gemäß handle ich klug gut wenn Sie
wollen aber ich behandle das wie ein Rechenexempel welches ein richtiges
Facit ergeben muss Schwung der Seele macht allein glücklich Er führt jene
Stürme herbei welche diese verhüllenden Wolkenschichten wie Sie sie nennen
zerstreuen Mögen dabei Fehltritte und Schwachheiten vorkommen sie werden
schon ihren Rächer finden es kommen auch wunderschöne schmetterlingsartige
Entwickelungen zum Vorschein und hauptsächlich man fühlt sich unter Einfluss und
Lenkung einer höheren Gewalt als unsre Klügelei ist Es ist vernichtend für
einen ganzen Lebensweg auf die Klügelei angewiesen zu sein Die Menschen nennen
es Klugheit Tugend Vernunft ich Fidelis nenne es von Gott vergessen
sein«
»Wer geliebt wird ist nie ganz von Gott vergessen« sagte er und kniete vor
mir nieder
»Das mag sein aber ich verstehe Ihre Liebe nicht« entgegnete ich wieder
aus diesem fragenden Forschungstrieb der mich wünschen ließ ein Herz wie ein
anatomisches Präparat vor mir zu haben
»Ich glaub es« entgegnete er entmutigt
So war denn nun ein fürchterlich qualvolles Verhältnis zwischen ihm und mir
Seine Erzählung hatte es in uns Beiden so recht zum Bewusstsein gebracht dass ich
ihn nicht liebe Hätte ich sonst nicht überwunden von dieser unbegreiflichen
Liebe in seine Arme oder zu seinen Füßen hinsinken müssen hätte ich nicht den
Lohn für die Treue und die anbetende Huldigung eines halben Lebens in die Extase
einer Minute zusammendrängen können hätte ich nicht diesem Herzen das ich mit
meiner ewigen Wissensqual durchgraben und aufgewühlt hatte ein beseligendes
Ausruhen an dem meinen gönnen sollen Aber nichts von dem Allen Ich wusste
nun dass und wie er mich liebe und ich gestand mir ein dass ich so lange ich
dies nur geahnt mir eine größere Wirkung davon versprochen hatte Beseligung
Verklärung Offenbarungen die ich nicht empfand
Fidelis verfiel in eine unsägliche Schwermut Tagelang kam er gar nicht zum
Vorschein oder wenn so doch nur in den Stunden wo die ganze Hausgesellschaft
um mich versammelt war In der ersten Zeit nachdem ich ihm sein Geständnis
entlockt und ihm dadurch Hoffnung gegeben hatte war es ihm Bedürfnis und Labsal
gewesen den Goldstrom der Empfindung schrankenlos an mir vorüberfluten zu
lassen nun wurde er wieder sorgsam eingedämmt Allein das kostet eine ganz
andre Mühe als wenn der Damm nie weggerissen worden ist. Ich zitterte vor ihm
ich war unsinnig genug zu fürchten er könne mir in einem Ausbruch von
Verzweiflung Vorwürfe machen dass ich ihn nicht damals abreisen ließ Ich hätte
mein Leben drum gegeben wenn ich das Verhältnis wieder auf den Standpunkt hätte
führen können wo es bei meiner Rückkehr von Hannover war als ich mich
unbestimmt hofnungsfreudig neben ihm fühlte Ich fragte ihn einmal ob er jetzt
viel arbeite
»Sehr viel« entgegnete er Doch ich hörte an seinem Ausdruck dass er nicht
musikalische Arbeit im Sinn habe
Indessen nach und nach schien er doch wieder zu einiger Sammlung zu kommen
und der geliebten Musik mit Andacht sich zu widmen Sie war ja seine erste
Liebe Es währte nicht lange so brachte er uns einige Gesänge aus dem
Salomonischen Hohen Liede Als ich sie hörte rief ich
»Fidelis ich sehe den Karfunkel und den Saphir auf Ihrem Goldreif«
»Nicht wahr« fragte er und sah mich an
»Aber sie sind auch noch mit Perlen überrieselt« setzte ich hinzu
»O sagte er mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck Sie sind klug
Sibylle so klug dass Sie das Gefühl nachfühlen ohne es wirklich zu fühlen Das
klingt etwas mystisch nicht wahr Ich bitte halten Sie es der Nachwirkung des
mystischen Salomonischen Liedes zu gut«
Er selbst hatte wie immer den biblischen Text zusammen gestellt aber nicht
lateinisch sondern zum ersten Mal deutsch Mir traten die Tränen in die Augen
über diese deutschen Worte Sein Herz spricht darin sagte ich zu mir selbst
zum ersten Mal hat es der Liebe Worte gegeben und das konnte nur in der
Muttersprache sein
O ich begriff das Alles ich verfolgte all diese Schattirungen mit Rührung
mit Freude aber bei dem himmlischen Schluss des Gesanges der so ganz auf
Fidelis passte
»Ich schlafe aber mein Herz wacht« sagte ich »Bei mir ists grade
umgekehrt ich wache und mein Herz schläft«
Der Frühling war gekommen in seiner ewigjungen Lieblichkeit mit seiner
ewigneuen Erlösungskraft Die winterliche Befangenheit schien sich zu lösen und
vor den weichen Lüften zu schmelzen Fidelis sah aus als habe er eine
Auferstehung gehalten ich fasste wieder etwas Mut zum Leben da kam er eines
Morgens zu mir mit der Erklärung er müsse nun fort
»Fort jetzt fort aber weshalb denn jetzt« stammelte ich starr vor
Erstaunen
»Gerade jetzt entgegnete er mit einer himmlischen Liebe im Blick Jetzt ist
es wieder uns Beiden möglich ohne Verzweiflung an einander zu denken folglich
ist die Trennung auszuhalten meinerseits sag ich nicht zu ertragen«
»Meinerseits nicht auszuhalten rief ich bewildert Fidelis ich komme
um wenn Sie mich verlassen«
»Nicht doch nicht doch Sie ertragen Schmerz Verlust Täuschungen
Erfahrungen mit seltener Kraft Sie haben früh gelernt sich zu fassen und zu
überwinden und das Schicksal hat Sie eine tüchtige Schule in dieser Richtung
durchmachen lassen ich sage mit Überzeugung Sie werden es ertragen meine
geliebte Gräfin«
»Ja Fidelis ja ich werd es ertragen rief ich außer mir aber wie Niobe
indem ich versteinere O bleiben Sie bei mir es ist in Ihnen ein Gemisch von
Wärme und Kraft von Energie und von Innigkeit von Schwung und von Klarheit
welches um Sie eine eigentümliche Atmosphäre voll Glanz und Frische verbreitet
in der mir wohl ist Im tiefeinsamen Wald im Hochgebirg auf dem Ozean da weht
auch so ein wunderbar erfrischender Lebenshauch so ein Äther der in unsrer
engen schwülen kleinlichen Alltagswelt nicht wehen kann und der sich daher in
die Seelen der Auserwählten flüchtete welche die großartigen Anlagen der Natur
wie durch Mirakel auch großartig entwickelt und deren Tiefe Höhe und Weite mit
einer göttlichen Essenz von Liebe gefüllt und durchdrungen haben Alle Menschen
kommen mir vor wie Schatten aber Sie haben ein Sein Sie können was Sie
wollen nicht heut und nicht morgen sondern immer Sie halten fest Sie
vergessen nicht Sie trösten sich nicht mit dem Endlichen darüber dass die
Unendlichkeit nicht mit Händen zu greifen ist Sie sind unüberwindlich wie die
gefeiten Helden der Romantik O lassen Sie mich leben von Ihrem Leben und
bleiben Sie bei mir Fidelis«
»Aber siehst Du denn nicht Du unseliges Weib dass Du zehren willst vom Mark
meines Lebens« fragte er mit einem Ton der mich durchschauerte
»Ja ich seh es« sagte ich vernichtet
»Nun dann werden Sie auch sehen dass ich nicht bleiben kann nahm er nach
einer Pause das Wort Ich liebe Sie ich möchte aus Liebe den Atem meiner Seele
und das Blut meines Herzens Ihnen geben und Sie Sie mögten wie ein
himmlischer Vampyr dies Herzblut saugen diesen Seelenhauch trinken um ja
warum um zu erproben ob ich Stich halte Ihren abstracten Vorstellungen von
Unwandelbarkeit Das ist Unsinn Sibylle Unsinn es zu begehren Unsinn darauf
einzugehen Ich würde ewig in die Versuchung geführt werden den Blick Ihres
schönen Auges das Lächeln Ihres holden Mundes jeden Händedruck jedes Wort
jede Frage jedes Zeichen von Teilnahme mit und nach mienem Herzen zu deuten
und da ich Sie liebe so wäre das ganz aber ganz unaushaltbar«
»O bleib aus Erbarmen« rief ich und fiel halb besinnungslos auf meine
Knie und hob flehend die Arme zu ihm empor
»Welch eine Folter sagte er dumpf Sibylle wenn ich bleibe so bleib ich
aus unheilvoller Schwäche der Liebe nicht aus Erbarmen«
»Er bleibt o Gott er bleibt« rief ich jubelvoll
Er riss mich auf vom Boden und in seine Arme
»Willst Du denn durchaus dass ich zu Deinen Füßen sterben soll« fragte er
mit erstickter Stimme
»Nein nein o nein« jauchzte ich bog seinen Kopf zu mir herab und küsste
seine Stirn
O ich unseliges Weib armer Fidelis
»Lebewol« sagte ich mit vernichtender Kälte
»Sibylle« schrie er mit einem Ton als würde ihm ein Dolch in die Brust
gestoßen Er lag zu meinen Füßen er wollte meine Hand nehmen ich zog sie
zurück Die Vergötterung die Andacht waren dahin geliebt hatte ich ihn nicht
er war mir nichts mehr als ein ganz gewöhnlicher Mann Auch an ihn glaubte ich
nicht mehr »Erbarmen nur jetzt kein Lebewol nur nicht in diesem Augenblick«
flehte er
»Lebwol Fidelis sagte ich mit unbeweglicher schauerlicher Kälte die mein
ganzes Wesen paralysirte lebwol und kannst Du auch noch beten Fidelis«
Er stand langsam auf Er trat von mir zurück mit einem unbeschreiblichen
Ausdruck in welchem Zorn und Schmerz Entsetzen und Liebe kämpften und über
welchen eine namenlose Wehmut wie ein schwerer Trauerflor gebreitet war So
sagte er
»Ob ich beten kann fragst Du ich weiß es nicht Sibylle aber das weiß
ich Du wirst es nie und nimmer können Lebwol«
Langsam ging er der Tür zu Auch ich war aufgestanden hatte meine Arme um
eine Säule geschlungen die einen Kandelaber trug und lehnte meine Stirn an den
Marmor Ich sah nicht mich um nicht ihn an ich sah nichts als jenen
schwarzen Abgrund vor mir in mir in welchem Alles Alles untergewirbelt wird
Aber er blieb stehen Er konnte nicht in Groll und Zorn von mir scheiden Er
wollte nicht dass ich den Dolch in seiner Brust sehen sollte Er kehrte zurück
legte die Hand auf mein Haupt und sagte mit seiner tiefen von Empfindung
vibrirenden Stimme
»Sibylle nicht für mich aber für Dich Du ewiggeliebtes Geschöpf werd
ich dennoch beten können Lebwol«
Er drückte meine Hand an seine Stirn und Lippen und ich fühlte an dem
eisernen und doch bebenden Griff der seinen in welcher Bewegung er war Aber
kein Wort kein Blick keine Regung verriet ihm Teilnahme oder Trost Da sagte
er abermals mit jenem unsäglich schmerzhaften Ausdruck
»Oh Sibylle« und verließ mein Zimmer Er ging Durch mein Kabinet durch
das Musikzimmer durch den Salon hört ich seinen raschen Schritt hallen und
verhallen Dann hört ich nichts mehr Ich horchte horchte umsonst
nichts mehr Da machte es sich um mich herum wie eine ungeheure Leere
zurecht Ich glitt an der Säule nieder und ächzte
Er kann beten denn Er liebt aber ich nicht Und der wilde Schmerz am
Herzen der mich bei großen Emotionen mit der Gewalt eines Starrkrampfs packte
bemeisterte sich auch jetzt meiner
Ich habe Fidelis nicht wieder gesehen
Jetzt folgen zwei Jahr von denen ich eigentlich gar keine andre Erinnerung
habe als dass ich körperlich litt Bei der geringsten Anstrengung einen ganz
lähmenden Schmerz Ich lag auf dem Ruhebett und litt Die Kinder die
Geschäfte Alles ging wie es ging ich konnte mich um nichts kümmern denn mir
fehlte die Kraft meine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten
Missachtet hatte ich immer das Tun und Treiben der Menschen das war übel
jetzt verachtete ich mich das ist am schlimmsten Vielleicht war das die
Eisscholle die mir auf dem Herzen drückte und in dessen Wunden immer scharf und
frisch hineinschnitt Ich kann nicht sagen dass ich Fidelis verachtet hätte
aber ich bemitleidete ihn Ich hatte den Sohn der Sterne zum Sohn des Staubes
gemacht ich konnt es ihm nicht vergeben dass er nicht stärker gewesen dass er
für und durch mich aus seiner Glorie herausgetreten war zu der ich aufgeschaut
hatte mein Lebenlang mit der einzigen wahren Andacht meiner Seele Und
andrerseits konnt ich ihm nicht vergeben dass ich ihn verloren hatte dass sein
belebender geist und seelenvoller Umgang dass die Nähe eines zuverlässigen
rücksichtslos ergebenen Freundes mir fehlte dass ich ihn in meinem an
Entbehrungen über reichen Leben auch noch entbehren musste Ich hatte nun gar
nichts mehr denn ich besaß nicht einmal das was alle Menschen in ihr späteres
Leben mitnehmen Erinnerungen Sie waren tot oder welk und mir fehlte die Gabe
sie lebendig zu machen und meine arme Gegenwart mit ihnen zu schmücken
War es eine Wiederkehr physischer oder ein Zusammenraffen geistiger Kraft
genug plötzlich überfiel mich die Angst ich könne in den nervosen Marasmus
meiner armen Mutter versinken und mein Kind derselben innern Entwickelung oder
Verwahrlosung wie soll ich sie nennen Preis geben die ich bei mir selbst
für so schädlich erkannt hatte Die Ärzte rieten mir überdas Veränderung der
Luft und Umgebung und ich fühlte mich durch diese acht Jahr eines
ununterbrochenen Aufenthaltes in Engelau so ausgesogen so zusammengeschrumpft
dass mir wie einem Kranken im abgesperrten Zimmer die Lebensluft ausging
Gespenster Gespenster wohin ich blickte Gespenster meiner Menschen meiner
Hoffnungen meiner Taten meiner Gefühle Gespenster von Epochen Tagen
Stunden an diese Räume an diese Localitäten gebannt äußerlich mich
umzingelnd die innere Öde nicht füllend Ich wollte fort um etwas Andres zu
sehen als diese Gespenster und um den Kindern etwas Andres zu zeigen als die
melancholische kränkliche Mutter Ich wollte fort um meine Geschäfte welche sich
in diesen zwei Jahren durch Otberts wahnsinnige Verschwendung und meine
Untüchtigkeit bedenklich verschlechtert hatten zu ordnen Ich selbst konnte es
nicht Ich übertrug also die Verwaltung meines Vermögens einer Vormundschaft von
redlichen und verständigen Männern welche das Recht meiner Tochter
hauptsächlich gegen Otberts Foderungen verteidigen sollten Übrigens teilte
ich mein Einkommen nach wie vor mit ihm und so trat ich meine Reise zu meinem
Onkel dem Bischof an Sie tat mir wohl die Bewegung, der Wechsel die
freudige Neugier der Kinder zerstreuten mich der herzliche Empfang des
geliebten und verehrten Greises erquickte mich So gab es doch wirklich noch
einen Menschen auf der Welt der an mir Teil nahm der sich für mein Wolergehen
interessierte Aber er war bereits fünfundsiebzig Jahr alt und körperlich sehr
schwach Er konnte gar nicht sein Zimmer kaum seinen Lehnstuhl verlassen die
Füße trugen ihn nicht mehr Und doch keine Spur von Abgestorbenheit sein Herz
war frisch Er hatte es immer für Andre nie für sich in Atem gehalten daher
fehlte ihm auch jetzt die Tätigkeit und Regsamkeit nicht welche bei Denjenigen
im Alter so leicht versiegt welche ihr Herz mit selbstischen Bestrebungen
überfüllt haben Es wird ertränkt im Durst der Ichsucht Den kannte er nicht Er
schien Alles zu besitzen für Andere Was Jeder begehrte fand er bei ihm Rat
oder Tat Gold oder Liebe
Mir war in Würzburg als wehe ein linder Tauwind über die Eisgefilde meiner
Seele Zum ersten Mal seit meiner Trennung von Fidelis trat mir sein Bild ohne
herbe Bitterkeit nur mit unsäglicher Wehmut entgegen Ich ging in den Dom zu
jenem Platz am Pfeiler wo ich einst ihn beten sah Ich fand ihn gleich Er kam
mir geweiht geschmückt erleuchtet vor als sei ein Engel über ihn
fortgeschritten Ich bins nicht wert ihn zu betreten sprach ich zu mir
selbst Aber daneben sank ich zu Boden Ich kann nicht sagen dass ich kniete
dass ich betete nein ich lag nur da und ächzte stummen Jammer aus Hier ahnte
ihn zum ersten Mal das kindische Mädchenherz aber unbewusst ging es an ihm
vorüber und zu einem andern Mann Hier fand das Weib ihn nach Jahren wieder
befähigt ihn zu erkennen und zu würdigen aber es war verblendet erkannte und
würdigte ihn nicht und ging abermals an ihm vorüber und zu einem andern Mann
Jetzt war ich zum dritten Mal auf dieser Stätte doch ohne ihn Auch er sogar
er war dem Fluch des Daseins erlegen der Schwäche Dennoch blieb er das
Altarbild in meinem Leben aber es war verschleiert
An die Kirche zu der er gehörte welche die Ihren liebt und nicht belehrt
wie Fidelis sagte dachte ich viel Eine geistige Gemeinschaft mit ihm
vermittelt durch Gebet geheiligt durch Andacht wäre mir süß gewesen Ohnehin
hatte ich Veranlassung mich mit ihr zu beschäftigen denn ich vergaß nicht
Arabellas letzten Wunsch Astralis in der Katolischen Religion zu erziehen ich
wollte sie in eine gute Erziehungsanstalt geben Die der Damen vom Sacré Koeur
zu Freiburg in der Schweiz wurde mir sehr gerühmt das passte zu meinem Vorhaben
mich auf einige Jahre in der Schweiz niederzulassen und Benvenuta in Genf oder
Lausanne zu erziehen Einstweilen aber bekamen Beide in Würzburg passenden
Unterricht denn ich konnte mich nicht entschließen meinen guten Onkel jetzt zu
verlassen da die Ärzte mir sagten das friedliche Erlöschen seiner Lebenskraft
stehe täglich in Aussicht
Nicht nur Sommer und Herbst auch den ganzen Winter blieb ich bei ihm und
nicht bloß aus Anhänglichkeit sondern auch aus Interesse andrer Art ich dachte
an meinen Übertritt zur Katolischen Kirche oder vielmehr ich nahm diesen
Gedanken wieder auf Ich hatte lange Gespräche mit meinem Onkel über religiöse
Fragen und Lehren ich las mit Aufmerksamkeit Alles was diesen Punkt betraf
Kontroversen für und gegen die alten Kirchenväter und die neuen Rationalisten
der protestantischen Theologie Lamennais und Schleiermacher Fénélon und
Strauss Ebenso unsinnig wie ich im Studium der alten Sprachen und der Mathematik
Weisheit zu finden gewähnt hatte wähnte ich jetzt in der Theologie Religion
zu finden Ich folgte ziemlich geschickt den Subtilitäten der Dialektik welche
wie auf dem gespannten Seil der Tänzer seine Schritte vorsichtig und pünktlich
ihre Beweise setzt Kam nun aber der Augenblick wo der letzte Beweis dem
fraglichen Punkt die Krone aufsetzen oder ihn zu Boden schmettern sollte so
fasste ich ihn gelassen ins Auge und sprach zu mir selbst Also die sogenannte
Wahrheit dieses Lehrsatzes ist bewiesen nun gut was man mir bewiesen hat
glaub ich aber nicht und mir tut Glaube not Das war höchst richtig nur
bedachte ich nicht dass man aus Büchern freilich Überzeugungen aber nimmermehr
Glauben schöpfen kann Glaube ist das Element in welchem eine liebende
schwungvolle kräftige Seele zugleich ihre Wiege ihre Ruhe und ihre Nahrung
findet Da unsre Zeit einen unermesslichen Mangel an Liebe Schwung und Kraft
hat und da ich eine ächte und rechte Tochter unsrer Zeit bin so war meiner
Seele nichts so fern als grade der Glaube Ich las und las unermüdlich weiter
Gott wie disputirte ich zuweilen mit meinem guten Onkel über die Mysterien
und Wunder der Kirche O wie oft sagte er gelassen
»Kind Du weißt nicht woher der Wind weht nicht wie die Sterne der
Milchstrasse gehen nicht woher der dürre Zweig die Rose treibt nicht was das
Leben ist nicht wohin der Tod Dich bringt Wenn Du das Alles wirst ergründet
haben dann sage es gibt keine Mysterien dann will auch ich zweifeln bis
dahin glaub ich an sie Was bedeutet denn das Mysterien und Wunder verneinen
sehr wenig mein liebes Kind nur etwa dies den Sternenhimmel leugnen weil man
die Nächte hindurch schläft oder die Sonne leugnen weil man in einer
Nebelatmosphäre lebt Die Verneinung Kind hat es immer nur mit Schatten nicht
mit den Wesen zu tun In der Bejahung liegt ein Sein eine Essenz ein Leben
sie verfährt schöpferisch wie die Wahrheit wie die Allmacht wie die Liebe
Die Negation ist impotent und ich meine dass nur dürftige Naturen nur
unvollkommne Charactere bei denen die kritisch forschende Richtung das Herzblut
in Gehirn verwandelt hat sich ihr hingeben können Hast Du diese Richtung so
wende Dich der Wissenschaft zu da kannst Du ergründen und erkennen und das
kann Dir vielleicht eine gesunde heilsame Nahrung sein Die Religion bietet
freilich ein ganz andres höheres Labsal allein nur glauben und lieben gilt in
ihr und dies beruht auf Intuition nicht auf Forschung
»Welch eine Ungerechtigkeit des gerechten Gottes rief ich heftig mit
dieser Intuition nur einige Auserwählte begnadet zu haben«
»Meinst Du sagte er mild Nun lass Dir doch einmal von dem geschwätzigen
Alten eine Parabel erzählen Ein Gärtner sprach zu seinem ältesten Sohn In
diesen Blumentopf habe ich den Kern einer köstlichen Frucht niedergelegt Lass
ihn keimen treiben wachsen im Stillen und in der dunkeln Erde gib ihm
Wasser gib ihm auch Sonne und Schatten je nachdem er es bedarf lass Dir Zeit
und es wird daraus der schönste Baum der Welt werden Der Sohn tat nach des
Vaters Gebot ließ sich keine Mühe keine Zeit keine Geduld verdrießen und
siehe allendlich kam der Keim glänzend grün über der schwarzen Erde zum
Vorschein wuchs trieb Blätter ward ein Stämmchen ein Stamm ein Baum immer
ganz langsam und allmälig und zuletzt der schönste Baum der Welt der
Orangenbaum Wie freute sich der Sohn über diese Herrlichkeit Laub Blüten
Früchte Alles war unvergleichlich Schatten Duft und Erquickung strömten in
Fülle auf ihn nieder und alle Tage seines Lebens dankte er dem Vater für dies
segensreiche Geschenk und bat ihn es vererben zu dürfen auf Kind und Kindeskind
und der gute Vater Gärtner entgegnete freundlich Dazu habe ich Dir eben den
Baum geschenkt Für seinen jüngeren Sohn hatte er desgleichen einen Kern in die
Erde gesteckt er gab ihm dieselben Lehren und Ratschläge und dieselben
Verheißungen aber dieser Sohn befolgte sie nicht Wie sprach er zu sich
selbst der ganze herrliche Baum soll in dem Kern stecken wie ist das möglich
wie kann das zugehen ich muss sehen wie das zugeht Um das Werden zu
belauschen kratzte er sorgsam die Erde ab und beobachtete den Kern Natürlich
sah er nichts Das langweilte den Knaben Man muss ihm helfen sprach er begoss
ihn übermäßig stellte den Blumentopf in die Sonne dann auf den Heerd grub
auch die Erde um kurz er tat alles Mögliche unnütze und nur nicht das Eine
er gönnte dem Kern nicht in der Stille und Dunkelheit zu keimen und Wurzeln zu
schlagen Was ist denn das sprach unwillig der Knabe so viel Mühe habe ich mir
gegeben und es kommt und kommt nichts zum Vorschein das muss kein echter Kern
sein Er kratzte ihn heraus betrachtete ihn rundum stach mit einem spitzen
Messerchen hinein schälte die Oberhaut ab und steckte ihn zuletzt unwillig
wieder in die Erde Aber all diese Experimente hatten den Kern getötet Er war
saftlos und kraftlos zusammengeschrumpft Der Knabe aber stand neben dem
Blumentopf in dessen fetter guter Erde die Regenwürmer treflich gediehen und
klagte und zürnte dass sein Vater der gute Gärtner ihm einen tauben Kern
gegeben habe was doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sei«
»Ah schrie ich mein Vater das ist allzu grässlich denn es ist ganz wahr
in der guten Erde meiner Natur gedeihen Würmer der Kern aus dem der schönste
Baum der Welt hervorgehen sollte ist verschrumpft Kann er nie mehr grünen«
Ich warf mich vor ihm nieder und legte den Kopf auf seine Knie während er
sanft meine Stirn berührte und eben so sanft sagte
»Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden Bete meine Tochter Es ist viel
Gutes in Dir ein großer Durst nach Wahrheit und ein mächtiges Ringen nur ist
es zu himmelstürmerisch zu sehr äußere Mittel verwendend Denk an den Kern des
Orangenbaums gönne ihm Stille Schatten und Sammlung Durch sie musst Du den
Mangel einer innerlich religiösen Erziehung zu ersetzen suchen sie hat Deiner
Kindheit und Jugend gefehlt Die Lücke die dadurch in der Seele entsteht kann
in späteren Jahren nur durch gewaltige und meistens zerreissende Umwälzungen
gefüllt werden«
Ich sah das ein aber auch dass diese Einsicht mich um nichts förderte Ich
sollte beten ich sollte in frommer Stille harren ja hätte ich das
gekonnt so wäre mir freilich geholfen gewesen Ich sagte meinem Onkel was ich
früher zu Fidelis gesagt hatte
»Meine Seele ist auf die Frage gestellt Der fragende Ton ist der unsrer
Zeit Es wird Alles zur Frage gemacht Gott in seinem Himmel die Macht auf
ihren Tronen die menschlichen Zustände in ihren Höhen und Tiefen Glaube
Geschichte und Tradition Aber so verwegen man fragen so geschickt und
spitzfindig man antworten möge welche subtile Erklärung oder stupide Negirung
von Kanzel und Katheder erschallen mögen wie man sich aufblase in dem
Bewusstsein durch den Geist al pari mit Gott zu stehen und durch die Vernunft das
Schöpfungswort der Welt die Grundursach der Dinge erfasst zu haben dennoch
mein Vater dennoch geht eine Geisterstimme über den majestätischen Wust unsrer
Weltweisheit dahin und fragt ebenso heimlich als vernehmlich Warum Weshalb
Wohin Aber die Zwillingsstimme welche ihr sonst antwortete Glaube hoffe
liebe ist übertäubt und verstummt durch die Lehren der Weltweisheit welche
doch für jene Fragen keine genügende Antwort haben Und so hallt wie ein
Klageruf voll unendlichem Weh jene Geisterstimme fort und fort und unsre Hymnen
an das Licht und an die Freiheit gellen unter ihr dahin O mein Vater die Erde
war immer dunkel aber da wo an unserm Gesichtskreis der Himmel sie zu
berühren scheint schwebte sonst ein Genius im silbernen Gewande mit goldnen
Flügeln mit einer Sonnenglorie ums Haupt und bei seinen leisen Schwingungen
quoll solch ein Strom von Glanz herab dass die Erde davon verklärt wurde Der
Glaube wars Nun heißts ein Popanz sei es gewesen und Eure Priester hätten ihn
aufgestellt Das ist nicht wahr was sie Popanz nennen ist nur ein Spiegelbild
der höchsten und allmächtigsten Sehnsucht in jeder Menschenbrust und haben Eure
Priester verstanden diesen Wiederschein in eine himmlische Form zu gestalten so
waren sie es wert Führer und Lehrer langer Generationen zu sein«
»Wenn Du jetzt dies Vertrauen zu unsrer heiligen Kirche hast warum trittst
Du nicht in ihre Gemeinschaft Welche Befriedigung kannst Du in der Deinen
finden«
»O nicht die geringste mein Vater der Protestantismus ist in meinen Augen
keine Kirche sondern das reflectirende opponirende kritisirende Element
welches scharfe Wache neben der Katolischen Kirche hält Deren immanente
religiöse Lebenskraft fehlt ihm gänzlich Er lebt von der ewig regen und
tätigen Verstandesrichtung im Menschen und wird in dieser immer fortbestehen
Eine Kirche auf ein unantastbares durch fast zwei Jahrtausende unbewegtes Dogma
gegründet bildet er nicht höchstens Kapellen stiften seine zahllosen Secten
die Einheit fehlt ihm dies Symbol der Göttlichkeit das Gehirn des Menschen ist
seine Basis die der Katolischen Kirche ist das Herz Aber ich mein Vater im
Protestantismus geboren in einer protestirenden Zeit zum Bewusstsein gekommen
ich habe eben nur die Fähigkeiten zu denen er den Impuls gibt ich begreife
Eure Kirche ich knie vor ihr allein ich glaube nicht an sie«
Damit war Alles gesagt und mein Übertritt unmöglich Das sah mein Onkel
auch klar ein Er beklagte mich aufrichtig doch ohne die geringste Beimischung
von Verachtung oder Selbstüberhebung Er hielt sich mir gegenüber als Katholik
keinesweges für besser nur für glücklicher Und so betrachtete ich ihn auch
aber so veredelt durch inneres Glück als ich verfinstert war durch innere
Desolationen und Zwiespältigkeiten Meine theologischen Studien setzte ich fort
so lange ich in Würzburg war Es fehlte nicht viel so hätte ich mich auf die
orientalischen Sprachen geworfen auf hebräisch namentlich um das Alte Testament
in seiner wahren Sprache zu lesen denn ich kannte genug fremde Sprachen und
ihre Übersetzungen um zu wissen dass diese sich zu jener verhalten wie eine
Litographie zu einem Oelgemälde
Aber der Tod meines teuren Onkels gab meinem äußern Leben eine andre
Richtung In den ersten schönen Frühlingstagen entschlummerte er am geöfneten
Fenster sitzend durch welches Maiengrün Blütenduft Vogelsang und der Gold
und Rosenglanz des Abendhimmels ihn überströmten Die Kinder wollten sich eben
zurückziehen und küssten ihm die Hand zur Guten Nacht Wie immer segnete er sie
zärtlich lehnte sich zurück schloss lächelnd die Augen und war nicht mehr
Sein Antlitz schwamm in der Verklärung zu der seine Seele aufstieg Ich erkannte
sogleich dass er tot war So himmlisch sieht das Leben nicht aus
»Er ist bei Gott Auf Eure Knie Kinder« sagte ich kniete mit ihnen
nieder und ein Strom von schwarzer Traurigkeit nicht um den Tod sondern um
das Leben wälzte sich schwer durch meine Seele
Am Vorabend meiner Abreise nach der Schweiz ging ich in den Dom zu der
bewussten Stelle und auf ihr vergaß ich für ein Paar Augenblicke die
schauerliche Vereinsamung meines Daseins Mich überfiel eine Sehnsucht ohne
Gleichen nach Fidelis nicht ihn zu sehen ach nur von ihm zu wissen In
solchen Momenten war mir zu Sinn als entdecke ich in mir ein ungeahntes Gestirn
in welchem ich die Bedeutung fand Du hast Fidelis nicht geliebt aber Du
hättest ihn lieben können unter einem schöneren Schicksalshimmel Und die
bloße Ahnung von lieben können war mir schon eine halbe Beseligung
Bei meiner Heimkehr lag ein Brief von seiner wolbekannten Hand auf meinem
Tisch der nach Engelau adressirt und von dort hieher geschickt war Nach drei
vollen Jahren das erste Lebenszeichen von ihm also lebte er doch wenigstens
noch Die erste Empfindung war freudig die nächste namenlose Angst Was
konnte was würde er mir sagen Es zog sich eine furchtbare Schwüle um mich
zusammen ich ahnte einen niederschmetternden Wetterstral Wars Furcht wars
Demut genug mein Instinkt warf mich zu Boden und auf meinen Knien erbrach ich
den verhängnisvollen Brief
»Sibylle Alles leiden aber frei sein war der Traum und der Wunsch meiner
Jugend Ich litt und war nicht frei Die eine die fürchterliche die
verzehrende Leidenschaft meines Lebens machte all meine Freiheit zunicht und
hat weder meinem Genius noch meinem Herzen noch meinem Charakter ihre volle
Entwickelung gegönnt wenn sie ihnen auch zuweilen Flügel gegeben hat Es ist
umsonst die Vergangenheit zu durchwühlen und zu sagen Dies hättest du als
Jüngling jenes als Mann tun oder nicht tun sollen Es ist getan Erkenntnis
reift durch die Tat als bittere Frucht heran Ich kann innerlich nicht frei
sein so mag ich es auch äußerlich nicht sein denn ein Magnet der stärker ist
als Vernunft und Wille zieht mich in der Freiheit allewig an und zu Ihnen
Ich widerstehe ein Jahr ein Paar Jahr länger nicht Wozu das aber Sie
lieben mich nicht Sie werden höchstens einmal wünschen mich wiederzusehen um
mir ein Wort des Trostes zu sagen oder der Vergebung oder des Mitleids
lauter Dinge vor denen ich zurückschaudere weil sie mich so fürchterlich an
meine Schwäche mahnen Mich in der Welt herum zu schleppen mit diesem Dorn in
der Seele wie bisher vermag ich länger nicht Das Gebet meiner armen Mutter
wird im vollsten Umfang Erhörung finden ich bin auf dem Punkt das Ordenskleid
der Benedictiner zu Kloster Lilienfeld zu nehmen Meine Mutter lebt noch immer
nur um zu beten Mein Entschluss hat sie beseligt und ich denke sie wird nun bald
ihre irdische Laufbahn vollendet haben Leben Sie wohl Sibylle sollten Sie
meiner gedenken so sei es in Milde Hätte ich mich meinen Jugendträumen
zufolge die in tiefer Übereinstimmung mit meinen natürlichen Gaben waren
einzig der Kunst gewidmet so möchte Großes aus mir geworden sein statt des
jetzigen Stückwerks Der Mensch entwickelt sich durch und um die Idee, die
seiner Individualität zum Grunde liegt bleibt er derselben treu so hat er
Freiheit Macht Mut Energie Alles was dazu dienen kann sie hervorzutreiben
und auszubilden Sie begehrt braucht und verzehrt das Alles und entfaltet sich
dann zur höchsten Kraft und Schönheit in ihm weil sie sich von den reinsten und
besten Elementen seines Wesens nährt Wird er aber seiner Idee untreu so wird
er schwach abhängig von Zufälligkeiten zwiespältig mit sich selbst und das
ist mir geschehen Aus Bruchstücken kann nichts Ganzes mehr werden sie müssen
bei Seite gebracht werden und das tue ich mit mir selbst Verzeihen Sie mir
diese lange Auseinandersetzung ich hielt sie für nötig damit Ihre rastlosen
Gedanken über mich zur Ruhe kommen könnten Sibylle Gott segne Sie«
Ich stand auf nachdem ich diesen Brief gelesen und sagte gelassen und ganz
laut Ja ja der Mensch wird fertig mit seinen Qualen und seinen Wonnen und was
nach dem Zersetzungsprocess seines Wesens durch die Leidenschaft noch übrig
bleibt das wird in Sicherheit gebracht bald bei der Gottseligkeit bald bei
der praktischen Tätigkeit im Kloster oder in der Welt Es findet immer sein
Plätzchen und nur ich nur ich finde keines
Es schien mir eine Art von Unrecht gegen mich dass Fidelis kampfesmüde gegen
die Sehnsuchtsqual sich hinter jene Mauern zurückzog die ihn in stillem Bann
hielten Mit ächtprotestantischem Hochmut sah ich eine Feigheit darin sich zu
einer äußerlichen Scheidewand zu flüchten Konnt er sich nicht verlassen auf
Gott und auf die eigne Kraft Haha auf die eigene Kraft rief ich mit bitterem
Lachen nach einer Pause Armer Fidelis vielleicht hat er sich aus Demut und
Weisheit in sein Ordenskleid gehüllt
Unter den zahlreichen schlaflosen Nächten meines Lebens war dies eine der
finstersten Am andern Morgen fuhr ich mit den Kindern den Main entlang nach
Frankfurt und dann weiter über Basel und Bern nach Freiburg wohin ich für die
Superiorin der Damen vom Sacré Koeur Empfehlungsbriefe hatte Astralis war jetzt
grade neun Jahr alt Es wurde mir sehr schwer mich von dem lieblichen Kinde zu
trennen aber Arabellas Wunsch bestimmte mich sie sollte in ihrer Kirche
erzogen werden dh sie sollte sich nicht dermaleinst in der Welt zur
Katolischen Kirche halten und bekennen sondern vielmehr schon jetzt in der
Kindheit jene religiöse Erziehung empfangen welche den Menschen befähigt eine
organische Pflanze auf dem Erdboden seiner Kirche zu werden Nachdem ich
Astralis jener Erziehungsanstalt übergeben und um ihre neuen Verhältnisse
kennen zu lernen einige Wochen in Freiburg zugebracht hatte ging ich mit
Benvenuta an den Leman um mir dort irgendwo ein Plätzchen zu suchen wo ich
Hütten bauen könnte
Das war aber unsäglich schwer wegen der verschiedenen Rücksichten welche zu
beobachten waren Pestalozzis großer Name hat der Schweiz eine pädagogische
Berühmteit verliehen und bedeutende Institute zu Genf Lausanne und Yverdun
rechtfertigen sie Ich wünschte mich in einer kleinen Villa bei Genf oder
Lausanne niederzulassen und rechnete darauf alle Lehrer zu finden welche
Benvenuta nötig hatte Ich hatte mich in Bern im Oberland und in den
UrKantons sechs Wochen dann wieder in Freiburg aufgehalten so kamen wir
Anfang August aus der schönen frischen Berg und Wiesenluft in die erstickende
Hitze von Genf Kein Landhaus nicht einmal das einfachste Gartenhaus war für
uns zu finden Alles von Einheimischen und Fremden überfüllt Wir wohnten im
Hôtel des Bergues das eine wunderschöne Aussicht auf den See hat aber
Benvenuta ungewohnt des städtischen Treibens des Gastofs der beschränkten
Räumlichkeit vielleicht hauptsächlich ihrer eigenen Einsamkeit in der Fremde
bat mich schüchtern aber mit heißen Tränen die Stadt zu verlassen und am
nördlichen Ufer des Sees nach einem Landhause zu suchen Dort fand ich nun wohl
einige die mir sehr zugesagt hätten aber zu fern von Lausanne und Genf um mir
Lehrer verschaffen zu können Am nördlichen Ufer war es übrigens noch heißer
von dem Rebgelände des Jorat prallten die Sonnenstralen auf das Ufer herab und
reverberirten mit scharfer Blendung aus dem See Der Aufenthalt in den kleinen
Städten so lieblich ihre Lage und in deren Gastöfen so groß ihre
Bequemlichkeit war wurde mir und meiner Tochter ganz unerträglich Mein
Herzkrampf regte sich wieder und halbtodt vor Ermattung und Anstrengung fiel
ich förmlich in der kleinen kühlen Villa paisible eine Stunde von Vevay nieder
welche durch ein glückliches Ungefähr zu mieten war Vor der Hand musste ich
durchaus Ruhe und Erfrischung haben Ich richtete mich ein und fühlte mich
während der ersten drei Tage ganz behaglich aber da erkannte ich dass diese
einsame Existenz wohl für mich doch nicht für meine Tochter zu ertragen sei Zum
ersten Mal war sie ganz allein mit mir Mezzoni war von Würzburg nach Italien
die Schütz nach Holstein zurückgegangen Astralis in Freiburg geblieben mit
tiefer Anhänglichkeit umfasste Benvenuta Lehrer und Gespielin und urplötzlich
fand sie sich von ihnen Allen getrennt und einsam bei ihrer melancholischen
Mutter Sie gab sich unendlich viel Mühe ihre Traurigkeit zu bemeistern und
ich gab mir noch größere Mühe sie zu zerstreuen ich übte sie nach der Natur zu
zeichnen übertrug ihr kleine häusliche Geschäfte und die Aufsicht über den
Garten überwand mich sogar genug um Musik mit ihr zu treiben Musik die ich
gänzlich verlassen hatte seitdem Fidelis abgereist war allein ich konnte
weder ihren Tag noch ihr Herz genügend füllen Sie war in dem Alter wo das
Gefühl leicht eine krankhafte Färbung annimmt weil die Nerven in gereizter
Spannung sind sie wurde im November vierzehn Jahr Sie durchweinte halbe
Nächte und härmte sich dermaßen ab dass ich sie oftmals mit Tränen bat mir zu
sagen was ihr fehle und was sie wünsche es solle Alles geschehen Da wünschte
sie denn bald nach Engelau heimzukehren bald ein Paar Lachtauben bald einen
Besuch von Astralis bald eine Fahrt nach Chamouny häufig auch gar nichts
Armes Kind sie wusste eben nicht was sie wünschen sollte Ich hatte sie von je
her mit Sorglichkeit und Liebkosungen überstürzt Ich wollte durchaus sie sollte
glücklich sein und nicht meine freudenlose ernsthafte Kindheit haben Allein ich
verweichlichte sie anstatt sie glücklich zu machen Dazu kam noch ein großer
Übelstand ich hatte eine namenlose Scheu sie in meine Seele blicken zu lassen
die von so manchem Erdbeben verwüstet war Kinder jedoch sehen klar und scharf
und so strengte ich mich übermäßig an im Gespräch mit ihr stets auf meiner Hut
zu sein um keine Bemerkung zu machen die ihre junge reizbare Seele in Unruh
hätte versetzen können Das veranlasste mich häufig meine Überzeugung nicht
unumwunden auszusprechen und dadurch verfiel ich oft in Widersprüche Denn da
ich meine wahre Meinung nicht gesagt hatte so konnt ich mich nicht immer
besinnen ob ich sie halb oder dreiviertel mit himmelblauer oder rosenfarbener
Färbung ausgesprochen Das befremdete und verstimmte das Kind und mit Recht
aber ich konnt es nicht ändern weil ich mich selbst nicht ändern konnte
Hätte Benvenuta die geringste Vorliebe für die katholische Kirche an den Tag
gelegt so würde ich sie mit Astralis zusammen dem Institut zum Sacré Koeur
anvertraut haben Ich fragte sie darüber und mit kindlicher Pietät entgegnete
sie sie wünsche bei der Kirche ihrer Eltern und ihrer Heimat zu bleiben Was
diesen Punkt betraf durfte ich meiner Überzeugung zufolge mir keine
Einmischung erlauben Bei Fidelis hatte ich so recht gesehen wie ein heftiges
Eingreifen der Eltern sogar in der allerbesten Absicht die Kinder in
beängstigende Unruh und oft für ihr ganzes Leben in eine unheilvolle Richtung
schleudert Aber ich erkannte dass Benvenuta an meiner Seite unter diesen
Umständen Eindrücke empfangen müsse die ihr ebensowenig segensvoll sein
könnten als für mich die lange Krankheit meiner Mutter gewesen war und ich
entschloss mich sie in eine Erziehungsanstalt in Ouchy bei Lausanne zu geben
Diese war nicht groß nahm nie mehr als zwölf junge Mädchen auf war auf einen
höchst einfachen häuslichen Fuß eingerichtet lag inmitten eines herrlichen
Gartens am See und erfüllte durch sorgsame Aufsicht und vortreffliche Lehrer
meine Ansprüche Benvenuta fand dort fröhliche Gefährtinnen nicht nur
Beschäftigung sondern durch Wetteifer belebt auch Interesse für dieselbe und
endlich in der Einfachheit des Zuschnitts des Lebens eine höchst notwendige
Schranke gegen übermäßige Verwöhnung in die sie als einziges Kind und als
Erbtochter eines reichen Hauses verfallen war
Es kostete mich einen harten Kampf diesen Entschluss festzuhalten Mir graute
vor der grenzenlosen Einsamkeit die mich nach Benvenutas Abreise umgeben würde
Ich sagte mir ich könne ja in der Villa paisible so gut wie in Engelau
Gouvernante Hofmeister Lehrer für sie halten diese Lieferanten des
Bildungsproviants Aber die Gespielen die jugendlichen Gefährten bei Unterricht
und Erholung konnte ich ihr nicht schaffen und das bestimmte mich vorzugsweise
Zum neuen Jahr brachte ich sie nach Ouchy und hatte die Freude dass sie sich
leicht in ihren fremden Umgebungen zurechtfand Die Villa paisible war für das
junge Wesen zu abgeschieden gewesen Ich aber kehrte beruhigt dahin zurück und
sah mich mit einem halb beklemmenden und halb woltuenden Gefühl in gänzlicher
Einsamkeit
Ich hatte wieder einen Gegenstand gefunden von dem ich Beschäftigung und
Nahrung für meinen ewigarbeitenden Geist hofte Im Kanton Waadt herrscht die
Kalvinische Kirche die sich an manchen Orten zu äußerst streng religiösen
Secten deren Anhänger dort Metodisten und Momiers genannt werden, zugespitzt
hat Sie ziehen sich ganz von der Welt zurück verschmähen nicht nur die
geselligen Zerstreuungen dermaßen dass Bälle und Schauspiele ihnen sündhaft
erscheinen sondern meiden auch geistige Unterhaltung Musik Lektüre sobald
sie nicht religiösen Inhalts sind und sich um Christus um Gnade
Rechtfertigung Erlösung und Genugtuung bewegen Sie lesen nur derartige
Andachtsbücher und hauptsächlich die Bibel kommen nur mit Gleichgesinnten
zusammen und unterhalten sich in ihren Vereinigungen nur durch geistliche
Gespräche Bibelerklärung Lesen von frommen und ascetischen Schriften
zuweilen mit einem geistlichen Gesang Übrigens sind es stille Leute nicht
besser und nicht schlechter als Andre und etwas langweiliger und dafür weniger
frivol Am ganzen Leman in Genf Lausanne Vevay Montreux sind sie sehr
zahlreich in allen Ständen und Klassen und ich war in der höchsten Spannung
Menschen kennen zu lernen die ihr Leben um einen einzigen Gedanken das Sterben
Christi aufgebaut hatten Es wurde mir auch möglich durch einen Arzt aus
Montreux den ich durch eine Krankheit meines Kammerdieners kennen lernte mit
ihnen bekannt zu werden denn dieser Mann und seine ganze Familie war ganz
metodistisch Ich fand bei ihnen die Lehrsätze mit einer Schärfe und Strenge
ausgeprägt und festgehalten wie nur immer in der Katolischen Kirche aber nach
meiner Ansicht ohne die Konsequenz der letzteren.
»Was hält denn Eure Dogmen aufrecht was gibt ihnen Basis und Krone da
Euch die Autorität der Kirche und die Gemeinschaft des Glaubens fehlt« fragte
ich zuweilen und erhielt immer die Antwort
»Das Wort Gottes die heilige Schrift ist unsre Autorität Was sie sagt und
gebietet nehmen wir an was sie nicht sagt verwerfen wir«
»Aber kein Mensch wird geboren mit der Kenntnis der heiligen Schrift sie
muss ihm gedeutet und erklärt werden. Wer erklärt sie Euch«
»Die lautre Milch des Wortes gewährt auch dem unmündigsten Geist eine leicht
verdauliche Nahrung Wir haben die Verheißung des Herrn »Wo zwei oder drei
versammelt sind in meinem Namen da bin ich mitten unter Euch« Wir getrösten
uns derselben und wissen dass beschirmt vom heiligen Geist die Wahrheit wächst
und gedeiht«
»Eure eigene Autorität ist also Eure letzte Instanz«
»Unsre Lehre ist es in Übereinstimmung mit der heiligen Schrift wie sie
uns von unsern Lehrern und Geistlichen überliefert wird«
»Also haben Eure Lehrer doch für Euch die Autorität der Unfehlbarkeit aber
letztere ist gegen das Prinzip der Reformation welche die Unfehlbarkeit
antastete und verwarf«
»Und eben deshalb besitzt ein Jeglicher in der heiligen Schrift die Leuchte
welche seinen Fuß auf den Weg des Friedens führt«
»Also dennoch wie ich sagte in letzter Instanz Eure eigene Autorität wie
sie sich aus den Bedürfnissen und der Auffassung des Individuums herausbildet
rief ich Mein Gott ist die ein Anker für die unruhige schwankende
Menschenseele«
»Wir sind fest im Glauben und ruhen in Gott«
»Wol Euch sagte ich es ist eine glückliche Gabe sich über alle
Widersprüche hinweg in den Schoss des Glaubens flüchten zu dürfen«
»Sie wird auf dem Weg des Kreuzes gefunden in der Schule des Leidens
nennt es die Welt Drum segnen wir die Trübsale und damit sie jeden Stachel für
uns verlieren gedenken wir des herben Leidens und Sterbens des Heilands
unaufhörlich Durch den Gedanken dass er sie mit uns geteilt hat wandelt sie
sich in Wonne Halleluja meine Seele lobe den Herrn«
Die Person mit der ich dies Gespräch und zahllose ähnliche hatte war die
Schwester des Arztes eine Frau in meinem Alter Wittwe und Mutter von sieben
Kindern Ihr Mann ein wolhabender Kaufmann in Genf hatte sich ums Leben
gebracht in einem jener spleenitischen Anfälle welche nicht selten durch
religiöse Schwärmerei veranlasst werden Die Gegner der Metodisten behaupteten
er ein Mensch voll Lebenslust und Kraft geistvoll mitteilend regsam habe
nicht gewusst wohin mit all den Gaben die nicht zum Vorschein kommen und nicht
in ihrer homogenen Richtung verbraucht werden durften Er verkümmerte bei den
Predigten und Bibelerklärungen seiner Frau Die graue Atmosphäre frömmelnder
Andacht beklemmte zuerst und lähmte zuletzt seine Fähigkeiten und als sein
Geist ganz paralysirt war gab er sich den Tod Anders sprach seine Wittwe und
deren Familie
»Ihn drückten die Sünden und Übertretungen seiner Jugend denn ihm fehlte
der Glaube an die Versöhnung und Genugtuung durch das teure Blut des Heilands
Wer schwach im Glauben ist welkt dahin wie eine Blume des Feldes«
Diese gelassene Ergebung bei einem solchen Donnerschlag des Schicksals der
zugleich den äußern Wolstand zertrümmerte imponirte meiner Vernunft ohne mein
Herz zu erquicken Ich sah keine Träne hörte keine Klage fühlte keinen
Pulsschlag halb erstarrt halb gleichgültig ward ich neben diesen vom
Stoicismus ihres Glaubens umpanzerten Seelen Weicher lieblicher tröstender
schien mir der Quietismus der Katolischen Kirche es wehte in ihm ein wärmerer
Hauch die Liebe zum Heiland Thomas a Kempis die Guyon Fénélon haben
zuweilen Worte wie Balsam so lind und labend Worte in denen sie gleichsam durch
Tränen lächeln und der Melancholie einen Anflug von rührender Grazie geben Das
Wort Fénélons auf die Frage »Was würdest du tun wenn du nichts von Gott
wüsstest« Jaimerais ist die bezeichnende Quintessenz dieser Richtung Der
protestantische Pietismus mit seinen Bibelstudien TraktatenLektüre und
reflectirenden Betrachtungen über Tod und Genugtuung des Heilands hatte für
mich einen dürren und herben Beischmack als hätten sich seine Anhänger zur
Frömmigkeit resignirt anstatt dass dieselbe aus ihren Seelen quellen müsste Es
war keine Frische kein Duft keine Anmut um sie zuweilen etwas Respectables
in einzelnen Fällen etwas Imponirendes häufig eine abstossende Trockenheit und
Kälte welche mit ihren salbungsvollen Worten verglichen letzteren den Anstrich
von Heuchelei gaben
Wie oft wenn ich meinem verstorbenen Onkel zuhörte hatte ich mit heißer
Sehnsucht gesagt O welche Erquickung mit diesem liebenden Schwung glauben zu
können Aber den zuversichtlichen Glauben meiner neuen Freunde zu teilen
hatte ich nie nie gewünscht Ich fühlte mein Herz würde durch ihn noch mehr
brach gelegt werden als es in meinem gegenwärtigen Zustand der Fall war Unsre
Freundschaft war auch nicht von Dauer sie warfen mir philosophische und
freigeisterische Ansichten vor wogegen ich mich nicht verteidigen konnte
und ich ihnen Intoleranz und Inconsequenz bei denen sie im Recht zu sein
behaupteten Ich sagte ihnen
»Im Katholizismus setzt die Kirche die gemeinsame Einheit im Glauben
eine unantastbare Schranke vor welcher der Menschengeist sich beugen oder sich
daran brechen oder sie überfliegen und dann von der Gemeinschaft abfallen muss
Im Protestantismus haben Individuen Schranken gesetzt nachdem sie selbst deren
niedergerissen hatten Ich sage nicht dass der geistige Horizont nicht
beträchtlich dadurch erweitert sei ich sage nur dass die Protestanten sich nicht
wundern dürfen wenn im Namen dieser Geisteserweiterung und Geistesbefreiung
Schranken weggerissen werden welche sie um ihren Glauben aufgebaut haben Der
Schatz der christlichen Lehren ist ein lauterer Quell Die Katolische Kirche
hat ihn mit einem feierlichen grandiosen Tempel überwölbt und ihre Priester zu
dessen Hütern bestellt Die schöpfen das Wasser spenden und verteilen es nach
gewissem Maß und Gesetz an die Dürstenden und wachen über dessen Gebrauch.
Der Protestantismus fand den lautern Quell in der Bibel enthalten er verwarf
die Tradition und gab den Zutritt zu demselben Jedermann frei Der Priesterstand
ward fortan unnütz denn Jeder durfte schöpfen und Jeder nach seinem eignen
Bedarf viel der Eine der Andre wenig Dieser mit einem schönen
Krystallbecher Der mit einem unsaubern Eimer Jener mit einer reinen und noch
Einer mit einer schmutzigen Hand Wer von ihnen darf jetzt behaupten er schöpfe
das richtige Maß und mit dem richtigen Gefäß Keiner oder Jeder Die Katolische
Kirche ist consequent ein Priesterstand Autorität und Glaubenseinheit Den
Protestantismus vermag ich nicht Kirche zu nennen denn er ist ohne
Priesterstand ohne Autorität ohne Glaubenseinheit Dennoch gilt er für eine
Kirche und herrscht als solche, aber nur durch Widersprüche und Inconsequenzen
Um sie zu verteidigen wirft er sich auf Gelehrsamkeit um sie zu betäuben auf
Fanatismus um sie aufzuheben auf Rationalismus und fällt dadurch immer mehr
auseinander wie seine zahllosen Secten das beweisen die sich in Ermangelung
einer Kirche jede ihr eigenes Betstübchen zurecht machen«
»Wol uns wenn unsre Seelen in ihren demütigen schlichten Betstübchen die
Ruhe und Zuversicht im Herrn finden welche Denen stets fehlen werden die in
prachtvollen Domen papistischen Greuel treiben und Jenen die in der Welt dem
rationalistischen Baal huldigen«
»Ja wohl Euch wenn Ihr neben der Ruhe im Herrn auch Demut für Eure Seelen
fändet aber Ihr seid von geistlicher Hoffahrt besessen die bei dem
separatistischen Wesen fast unvermeidlich ist denn die Abtrennung von der
Gemeinsamkeit ruft stets ein Sichbesserdünken hervor Ihr nennt das begnadigt
sein auserwählt sein aber das ist doch weiter nichts als eine Art von
SelbstHeiligsprechung«
Man wollte mir das Gegenteil beweisen vielleicht bewies man es mir auch
ich hab es vergessen Dies Alles war nicht das was ich brauchte Das unbekannte
Gut welches ich in jeder dem Menschen gegönnten Richtung gesucht hatte in der
Welt in den Gefühlen in der praktischen Tätigkeit in der geistigen
Ausbildung und immer umsonst ich suchte es jetzt im religiösen Glauben und
ebenso vergeblich und es war doch das einzige was ich brauchen konnte
»Ihnen ist bei uns nicht zu helfen sprach meine Freundin Ihre Phantasie
wird durch den Katolischen Pomp gefangen und Ihr Verstand huldigt dem
Rationalismus Diese zwei Elemente ersticken den wahren Glauben«
Es halfen keine Discussionen mehr ich konnte ihr nicht anschaulich machen
dass nicht der Katolische Pomp sondern die Katolische Einheit mich anzog
nicht dass ich den Rationalismus als ein Attribut steriler dürftiger Naturen
betrachtete welche sich im Übersinnlichen dermaßen unheimisch fühlen dass sie
es sinnlich sich erklären müssen und endlich nicht dass es mir unmöglich sei
mich einer religiösen Gemeinschaft hinzugeben so lange ich entweder äußerlich
mit ihrer Form oder innerlich mit ihrem Prinzip und mit meiner
Anschauungsweise in Konflict geraten könne
So war mir der einsame Winter in der Villa paisible vergangen fast täglich
ging ich nach Montreux und jeden Sonntag fuhr ich zu Benvenuta nach Ouchy
Lektüre und Spaziergänge füllten meine übrigen Stunden Im Junius musste ich sie
aber den Besitzern räumen Ich besuchte Astralis in Freiburg und hatte die
herzliche Freude sie ebenso zufrieden und geistig und körperlich in gesunden
Elementen gedeihend zu finden als Benvenuta Beide waren kräftiger munterer
frischer als bei mir Otberts Behauptung fiel mir ein jeder Mensch habe einen
eigenen Lebensäter um seine Persönlichkeit und dieser wirke entweder belebend
oder vernichtend auf andre Persönlichkeiten Der meine schien in der Tat
verzehrender oder austrocknender Art zu sein Es konnte Niemand so recht
behaglich neben mir bestehen noch gedeihen
Ich ging nach dem Berner Oberland um mir dort ein stilles Plätzchen zu
suchen Das ist schwer genug Allüberall wimmelt es von Reisenden Grindelwald
schien mir am meisten von dieser Stille zu bieten Der weite Kessel am Fuß des
Wetterhorns von dem die Lavinen donnernd herabstürzen die grünen Matten der
Abhänge auf denen zahlreiche Heerden weiden der nackte Fels der höheren
Bergwände und der ewige Schnee ihrer Häupter unten die blumigen duftenden
Wiesen mit einzelnen Bauerhäusern Sennhütten und Gehöften mit Gärten und
Obstbäumen übersäet machen das Tal von Grindelwald vielleicht nicht so
malerisch und reich als das von Interlachen Lauterbrunn und Meiringen aber sie
geben ihm den Charakter eines einfachen Hirtenlandes der mich woltuend
ansprach An Reisenden fehlt es freilich auch dort nicht die beiden Gletscher
welche ihre Eisblöcke von den Bergen herab und auf den lachenden Teppich der
Wiesen schieben sind Merkwürdigkeiten welche die Touristen locken ohne sie
jedoch zu längerem Aufenthalt zu veranlassen
Am unteren Gletscher der über dem Quell der Lütschine einen saphirfarbenen
Bettimmel von Eis wölbt lag ein Bauerhaus zwischen einem Nussbaum und einer
Linde Wer kennt sie nicht diese malerischen Hütten des Berner Oberlandes ganz
von Holz mit flachem breitem weitschirmendem Dach mit zierlich geschnitztem
Altan rund ums obere Geschoss laufend mit frommen Sprüchen am Gesims des
unteren ein Brunnen daneben und zwei Schuppen der größere für die Kuh und die
Ziegen für die Bienen der kleinere Aus schönen Bildern oder aus der schöneren
Wirklichkeit kennt Jeder sie und jenes Haus glich ihnen vollkommen Nur war es
ganz frisch und neu und nie bewohnt gewesen denn eine Engländerin hatte es
bauen und einrichten lassen zu ihrer Villeggiatura aber sie war im Frühling
gestorben ohne es je gesehen zu haben und ihre Erben wünschten dringend es zu
verkaufen Ich widerstand dieser Lockung nicht für einen mäßigen Preis brachte
ich das trauliche Hüttchen an mich und mit unbeschreiblichem Wolbehagen nahm
ich auf der Stelle davon Besitz Es war so recht in meinem Sinn und nach meinem
Geschmack in Harmonie mit Umgebung und Bestimmung eingerichtet das untere
Stockwerk für Dienstboten und wirtschaftliche Räume das obere für einen
einsamen Menschen vielleicht für zwei wenn sie genügsam waren und sich
liebten und Alles mit der größten Einfachheit und Sauberkeit die Wände nach
Schweizersitte getäfelt mit braunem polirten Nussbaumholz von demselben Holz
Tische und Schränke Vorhänge und Meublebezüge von hellem buntgeblümten Zitz
ein wahres Ideal von Einfach heit Schlaf Wohn und Esszimmer nahm ich sogleich
für mich in Besitz Das vierte Zimmer bestimmte ich für Benvenuta wenn sie in
den Schulferien mich besuchen würde
Wie immer ging es mir Anfangs wohl denn ich genoss mit vollen Zügen den
Zauber der Hochgebirgsnatur aber nicht wie auf der Reise sondern in einer
selbstgewählten Heimat Das war mir neu eine Eigentumsstätte hatte ich in
fremden Landen nie gehabt Es würde mir vorgekommen sein als nähme ich Besitz
von einer neuen Welt im Kleinen wenn ich die Frage hätte beschwichtigen können
welche sich vorwitzig aus meiner Selbstkenntniss mir entgegendrängte Wie lange
wird der Reiz währen wann wird er abgestumpft sein Das störte meinen Genuss
Übrigens gab ich mich lediglich meinen Gedanken und den Einflüssen und
Eindrücken der Natur hin Ich hatte so viel gelesen und so wenig Befriedigung
davon gehabt dass Bücher mich angähnten ich verdankte das meiner eingewurzelten
Torheit statt in ihnen die relative Wahrheit zu suchen und mir aus derselben
einen Nahrungsschatz für eigene Meditationen zu sammeln hatte ich nach der
absoluten in ihnen geforscht und sie mutlos fallen lassen als ich dieselbe
nicht fand nicht finden konnte Immer wusste ich hinterher sehr genau was ich
hätte tun was meiden sollen und meine ganze Erkenntnis bestand darin dass ich
mit immer klarerem Blick die Summe meiner Irrtümer überschaute ohne ein
einziges versöhnendes Resultat erspähen zu können Durstend wie Keiner hatte ich
mich in das Leben geworfen um mich an dessen Bächen und Quellen Meeren und
Strömen satt zu trinken Durstend wie Keiner sah ich es um mich herum rinnen und
verrinnen wie Wasser das man mit der hohlen Hand schöpft und das zwischen
den Fingern hindurchfliesst bevor es die lechzenden Lippen erfrischt hat Aber
wo gab es denn noch zu schöpfen zu welchem Brunnen konnte ich noch pilgern
Die Einsamkeit die Natur die Dürftigkeit der Verhältnisse die mich umgaben und
mich zu wolwollender Teilnahme auffoderten sollten sie meiner Seele ihr
Genügen bereiten Die Einsamkeit ist gut und notwendig für mächtige
Naturen die zum Bewusstsein über sich selbst über ihr Ziel und ihre Mittel
kommen wollen und einer erhabenen Bestimmung entgegen gehen Sie ist der
Koncentrirung aller Gedanken auf einen Gegenstand günstig und ist dieser ein
großer ein würdiger so kann sie die ganze Seele unauslöschlich für ihn in
Flammen setzen die dann ausbrechen wenn sie genug Nahrung gesammelt haben und
der staunenden Welt ein neues Licht zum Himmel hinauf oder über die Erde hinweg
anzünden Aber für uns dürftige Menschen die wir unser Ich zum Hauptgegenstand
unsrer Betrachtung machen taugt die Einsamkeit nicht eben weil sie die
Gedanken so concentrirt sie macht uns sehr leicht egoistisch einseitig und
fanatisch Größe und Genie sind Könige in der Einsamkeit denn sie ist ihr ihnen
angebornes Reich sie sind immer einsam Aber die Masse der Menschen zählt nur
als Gattung etwas weil ihre Individuen der intensiven Kraft entbehren welche
ein eigentümliches Leben erzeugt Sie müssen in Schaaren leben für sie ist die
Einsamkeit ein Kerker oder ein Grab
Ich fiel sehr bald in derselben der schwärzesten Melancholie anheim Dies
ungestörte Leben in der Natur, ohne ein beseelendes Gefühl ohne eine
beherrschende Idee ohne jene glückliche physische Organisation die von ihren
Elementen mit Wonne zehrt überwältigte mich mit namenloser Traurigkeit denn
ich fühlte mich außer Zusammenhang mit ihr sie brauchte mich nicht wie konnte
ich mich an sie schmiegen Kein einziges der Bande womit sie den Menschen
umschlingt und ihn heimisch und nützlich macht auf der Erde und ihm in diesem
Bewusstsein süßen Genuss gewährt kein einziges hielt mir Farbe Nicht von den
Toten zu reden deren Erinnerung mir längst wie Schatten in der grauen
Dämmerung entschwebt war nur von den Lebenden von dem Gatten von der
Tochter von dem Freund was war ich ihnen und was waren sie mir Mit keinem
Einzigen von ihnen hatte ich verstanden mich in das rechte Gleichgewicht zu
setzen Dem Einen war ich nur gleichgültig dem Andern nur schmerzlich und
meinem Kinde entbehrlich Sie hatten Alle sich von mir trennen können und wir
Alle lebten fort in Freuden die Einen in Qualen die Andern aber wir lebten
Auch wir Gequälten lebten äußerlich ruhig genug Wir standen alle Morgen auf
versäumten am Tage nie für unseren Lebensunterhalt zu sorgen und gingen jeden
Abend schlafen Mit der Pünktlichkeit einer Uhr rollte sich die animalische
Existenz mit ihren Functionen ab sie allein hatte Bestand Aber die Liebe die
Kraft die Andacht die Treue der Glaube diese Genien welche dem Menschen die
Lehmhütte seines materiellen Daseins zu einem Tempel ausschmücken und lichten
in welchem er sich selbst geadelt und einer höheren Bestimmung würdig erscheint
sie hatten sich in mein Leben nicht wie ewige Gestirne sondern wie zerplatzende
Seifenblasen herabgelassen und ich fühlte mich in das Nichts zerfließen weil
sie ins Nichts zerflattert waren Ich verging an der allgemeinen
Vergänglichkeit
Und das Ende von dem Allen war der Tod und er konnte kommen heut morgen
und ich musste fort und hatte nicht gelebt fort mit meiner weiten leeren
Seele die sich in dieser Welt des Unbestandes von nichts hatte fesseln lassen
und die nun vielleicht durch Aeonen ihren unerquicklichen Lauf fortsetzen musste
um das zu finden was sie ersehnte Aber ist denn überhaupt für eine leere Seele
ohne Glaube und ohne Liebe die Unsterblichkeit bestimmt hat sie sich durch
ihre Leere nicht als unwürdig derselben erwiesen
O wie beneidete ich Diejenigen, welche den Tod lieben als ihren Erlöser und
Befreier von dem Folterbette des Daseins und wie viel mehr jene Anderen
jene Begnadeten welche das Leben lieben weil sie sich ihm trotz verzehrender
Wonnen und Schmerzen gewachsen fühlen Ich konnte keins von Beiden
Gott welche Nächte durchwachte ich in dem Tal von Grindelwald Das waren
nicht die üppigen von Sorrent nicht die phantastischen von Venedig die meiner
Jugend angehörten und durch deren Hoffnungen Träume und Erwartungen gelichtet
waren O nein ich war nicht mehr jung ich hatte zu früh zu viel zu
verzehrend zu gewaltsam gelebt um nicht vor der Zeit alt zu sein Jetzt war
eine Nacht wirklich für mich Nacht dunkel kalt und kerkerhaft Nicht ihre
süßen Geheimnisse erzählten mir die Sterne sondern meine eigenen traurigen
Gedanken Fragen und Geschichten knüpften sich an sie Nicht in großen Harmonien
umrauschten mich die Naturstimmen die Nachts so vernehmlich vom Gebirg
herabkommen auf den Wipfeln der Bäume und auf den Wellen des Flusses säuseln
und in die Ferne hinein hallen denn sie klangen mir wie eine lange unendlich
lange ewig wiederholte Frage ohne Antwort und das macht müde Aber
dennoch war mir die Nacht lieber als der Tag mit seinem angstvollen
Menschengewimmel das nach nichts Anderem als nach Zerstreuung und Vergessenheit
ringt der Arme nach der Leibesnotdurft eines Bissen Brotes der Reiche nach
Befriedigung imaginärer Bedürftigkeit Darum verschlief ich die Tage und die
Nächte verträumt ich
Im Herbst besuchte mich Benvenuta und vierzehn Tage lang unterhielt sie
sich vortrefflich bei mir Sie hatte mir so viel zu erzählen dass sie
meistenteils die Kosten der Unterhaltung trug Überdas gefiel ihr das ganz
ländliche Leben das sie an ihr geliebtes Engelau erinnerte Ich machte große
Spaziergänge mit ihr besuchte mit ihr die Hütten der Landleute meiner
Nachbarn mit denen ich auf einem viel freundlicheren Fuß lebte als mit den
Nachbarn von Engelau nicht nur weil ich im Stande war ihnen zuweilen Hilfe und
Beistand zu leisten sondern hauptsächlich weil ich sie besuchen durfte ohne
weiße Handschuh anzuziehen Indessen nach vierzehn Tagen waren wir wiederum
Beide von der Anstrengung erschöpft uns gegenseitig dieselbe zu verhehlen und
ich brachte sie nach Ouchy zurück Besorgt fragte sie mich ob ich wirklich dem
Winter in meiner einsamen Kottage zwischen Schnee und Gletschern trotzen wolle
Ich war dazu entschlossen meine Gesundheit hatte sich in der frischen Bergluft
bei der höchst einfachen Kost und Lebensart sehr gebessert dazu waren mir meine
vier Wände behaglich die ganze häusliche Einrichtung bequem weshalb sollte ich
diese Vorteile aufgeben für die ich in Lausanne oder Genf kein Aequivalent
fand da Geselligkeit und Umgang mich langweilten und abstiessen
»Und wirst Du Dich nicht zu sehr langweilen so ganz ganz allein meine
arme liebe Mama« fragte Benvenuta mich zärtlich umschlingend und mit den guten
Augen ihres Vaters mich ansehend
»Nein geliebtes Kind entgegnete ich wehmütig und durch die Wehmut die
Vorsicht vergessend wenn ich ganz allein bin langweile ich mich noch am
wenigsten«
»Ach da bin ich Dir wohl auch langweilig« rief sie betroffen
»Du bist mein Kind das zählt nicht als Gesellschaft« erwiderte ich
lachend
Aber solche kleine bedenkliche Äußerungen fielen auf beiden Seiten doch
bisweilen und darum war es gut wenn wir nicht lange beisammen blieben
Im Oktober fiel schon Schnee und ich machte mich zu meinem Winterschlaf
zurecht Die große Schaar der Reisenden hatte sich längst im Oberland
verlaufen nur einige Nachzügler kamen noch zuweilen nach Grindelwald wenn ein
schöner Tag und ein tiefblauer Himmel das Gebirg und die Gletscher in ihrer
Pracht zeigten
Es war um die Mitte eines solchen Tages Ich war lange umhergestreift und
hatte hier und da nach meiner Gewohnheit in einigen Hütten eingesprochen um zu
sehen ob und wie sich das arme Volk zum Winter einrichten könne wo so mancher
Verdienst und Vorteil wegfällt den der Sommer mit sich bringt Ich kehrte
heim In einiger Entfernung hinter mir gingen zwei Männer ein Reisender und
sein Führer Durch die klare stille Luft drangen ihre Worte zu mir als der erste
fragte
»Wer ist die Dame die vor uns geht«
»s ischt die guti Fru vom Grindelwald« entgegnete der Führer dessen
Stimme ich kannte denn ich hatte mich seiner Schwestern angenommen die hier
lebten zwei brave blutarme Weiber
Da ich nicht zweifelte dass nun der gute Aloys eine lange mich betreffende
lobende Geschichte erzählen würde und da ich es nie habe ertragen können mein
Lob zu hören so blieb ich am Wege stehen und sagte
»Grüß Gott Aloys Ihr habt einen stärkeren Schritt als ich da geht nur erst
vorüber ehe Ihr weiter von mir sprecht«
Aloys zog seine Kappe und entgegnete unverzagt
»Nichts für ungut Fru der Herrgott tuts auch hören wenn man ihn
lobpreist«
»Wohin gehts Aloys« fragte ich abbrechend
»Ins Gasthaus zuerst denn wir kommen von Meiringen und dann zu den
Gletschern morgen früh nach Lautérbrunn über die Wengernalp und Abends nach
Interlachen von da gen Bern«
»Glückliche Reise« sprach ich und winkte dem Reisenden an mir vorüber und
weiter zu gehen was er mit einem etwas verwunderten Gruß auch tat Aloys
folgte ihm
Einige Stunden später machte sich ein großer Auflauf beim unteren Gletscher
und es verbreitete sich die Nachricht ein Paar Engländer wären in einen Spalt
hinabgestürzt Allmälig berichtigte sie sich dahin dass ein Fremder einen höchst
gefährlichen Sturz getan und schwer verwundet aber noch am Leben sei Nach
einiger Zeit brachte man den Reisenden von heute früh besinnungslos getragen
und Aloys stürzte voran und zu mir mit der Bitte ihn bei mir aufzunehmen Ich
hätte es ohnehin getan Mein Gastzimmer war schon bei der ersten Kunde in
Bereitschaft gesetzt Als die Leute ihn bei mir untergebracht sahen entfernten
sie sich mit der tiefen Zuversicht nun würde er schon wieder gesund werden und
es könne ihm keine Pflege fehlen Mich rührte dies Vertrauen weil es mir ihre
wolwollende Gesinnung bewies aber zerbrochene Glieder und ein zerschmetterter
Kopf begehrten ärztliche Behandlung Ich schickte reitende Boten nach Unterseen
nach Tun und Bern Bis aus Bern ein berühmter Wundarzt kam vergingen über
vierundzwanzig Stunden Die beiden Andern waren früher da und es erwies sich zu
meinem nicht geringen Entsetzen dass das rechte Bein und der rechte Arm an der
Schulter gebrochen sei Die Verwundung am Kopf war ebenfalls höchst gefährlich
Es war ein junger schöner gesunder Mensch der vielleicht sterben vielleicht
Zeitlebens ein Krüppel bleiben konnte Mich erbarmten die Seinen seine
Mutter die ihn in frischer Jugendblüte entlassen hatte und Gott weiß wie und
wann wiederfinden mochte Ich gab mir das Wort ihn wie einen Sohn zu pflegen
Wie er hieß wer und woher er war davon hatte Niemand die leiseste Ahnung
Von Luzern war er mit Aloys über den Brünig ins Berner Oberland gekommen und
seinen Koffer hatte er von dort nach Genf geschickt In seinem kleinen
Mantelsack befanden sich so wenig Sachen und Geld als man zu einer Fussreise
braucht übrigens weder Briefe noch Pass noch legitimirende Papiere Aloys
meinte er habe ein kleines Portefeuille in der Brusttasche seiner Blouse
getragen und dasselbe vermutlich bei seinem Sturz verloren Mich beunruhigte
dies nur in dem traurigen Fall seines Todes Blieb er am Leben so würde er sich
mit der Zeit schon legitimiren
Er blieb am Leben aber es war qualvoll der Leib gemartert der Kopf fast
immer besinnungslos und traten lichte Augenblicke ein so waren sie von so
unerhörter Schwäche begleitet dass Gedanken und Gedächtnis sich nicht sammeln
konnten Außer meiner Mutter hatte ich nie einen Menschen so heftig so lange
so in jedem Nerv vom Scheitel bis zur Sohle leiden sehen Aber er hielt es aus
der Körper ist eine wunderbar kräftige Pflanze so lange sie in der Jugend
wurzelt Wir hatten Alle schwere Zeiten er durch Leiden wir durch leiden
sehen und nicht helfen können Unter wir verstehe ich Aloys den ich zu seinem
speciellen Dienst bei mir behielt mich und meine Dienstboten Ich befand mich
vielleicht von ihnen Allen am wolsten ich vergaß mich selbst und meine Tage
waren mit etwas Andrem gefüllt als mit meinem erbärmlichen Ich Ich konnte noch
nützlich sein noch einem Menschen zu demjenigen helfen was eine so köstliche
Gabe sein kann wenn man sie zu benutzen versteht zum Leben konnte für Eltern
ein Kind retten vielleicht ein Einziges vielleicht den letzten Trost einer
elenden Mutter
So vergingen Wochen und Monate Um Weihnachten trat endlich wahrhafte
Besserung ein die Letargie wich die Besinnung kehrte zurück Fieber und
Phantasien hörten auf In den qualvollen Schienen eingezwängt konnte er nur
seinen linken Arm brauchen und bedurfte daher einer Menge kleiner
Dienstleistungen Sein erstes Wort an mich das er mit Bewusstsein und mit dem Ton
innigster Dankbarkeit aussprach war
»O die gute Frau vom Grindelwald«
Der fieberhafte Schleier war also endlich von seinen Blicken genommen Jenes
Wort des Aloys war nicht das letzte welches er gehört aber das letzte welches
Eindruck auf ihn gemacht hatte seine Erinnerung war bei demselben stehen
geblieben und kam mit ihm zur Besinnung
»Gott sei Dank Sie erkennen mich« sagte ich froh Mit erleichtertem
Herzen konnte ich nun daran denken zum Neujahrsfest das in der Schweiz den
Platz unsers Weihnachtsfestes einnimmt die Kinder zu besuchen Am Tage vor
meiner Abreise kündigte ich dieselbe meinem Kranken an und fragte ihn ob in
Genf oder Bern keine Briefe ihn erwarteten die ich ihm mitbringen oder zusenden
könne Auf dem Postamt in Genf müssten deren wohl einige sein meinte er
»Dann muss ich um Ihren Namen bitten sagte ich lächelnd damit ich die
richtigen fodern kann«
»Nicht einmal meinen Namen wissen Sie und wo ist denn mein Pass
geblieben«
»Da ich kein Torwächter bin der nach Pass und Namen zu fragen hat so habe
ich mich bisher um Beides nicht gekümmert Was ersteren betrifft so glaubt der
Aloys Ihr kleines Portefeuille sei bei Ihrem Sturz verloren gegangen«
»Darin war mein Pass und ein Creditbrief an einen Banquier in Genf« sagte er
besorgt
»Trösten Sie sich entgegnete ich lächelnd Ein Pass ist Ihnen vor der Hand
ganz überflüssig da Sie Grindelwald nicht verlassen können und ich gebe Ihnen
mehr Kredit als Ihr Banquier in Genf Aber den Namen muss ich wegen der Briefe
wissen«
»Ich heiße Graf Wilderich Wildeshausen sagte er und auf einem Schloss
dieses Namens in Ostfriesland lebt meine Mutter der ich gern Nachricht von
meinem Unfall zukommen ließe«
»Ich will ihr schreiben und ihr die Wahrheit nicht verhehlen aber auch die
Gewissheit Ihrer Genesung ihr geben« unterbrach ich ihn lebhaft
Er nahm meine Hand küsste sie und fragte
»Sie verlassen mich nicht Sie kommen wieder«
»Gewiss in vierzehn Tagen komme ich wieder und Sie werden während meiner
Abwesenheit keine Pflege entbehren«
»Aber Ihre Gegenwart«
»Allerdings denn eine Doppelgängerin bin ich nicht«
Er lächelte Es war mir eine stille Freude ein Lächeln auf diesem Antlitz zu
sehen das so lange von Schmerz und Krankheit zerstört war mit dem Lächeln ging
das Menschliche wie eine Sonne über ihm auf Leidensausdruck hat auch das
Tiergesicht
Tags darauf reiste ich ab über Bern und Freiburg nach Ouchy Ich hatte
schon viel von meinem unbekannten Kranken an Benvenuta geschrieben die sich wie
alle junge Mädchen außerordentlich für das Geheimnisvolle interessierte Jetzt
musste ich ihr noch viel mehr von ihm erzählen aber als sie erfuhr dass er ein
ganz gewöhnliches Menschenkind kein enttronter Fürst kein Flüchtling kein
Verbannter kein großer Künstler Maler oder Dichter sei nahm diese Teilnahme
wenigstens um die Hälfte ab denn es blieb nur noch die für sein Unglück und
die für seine Persönlichkeit fiel weg
Ich schickte meinen Diener nach Genf der sich Wilderichs Briefe und
Effecten einhändigen ließ und ich selbst schrieb an die Gräfin von
Wildeshausen Ich bekam jeden dritten Tag ein Bülletin seines Befindens von
meiner Kammerfrau die seit zwanzig Jahren in meinem Dienst und eine so
zuverlässige Person war wie man es unter diesen Umständen nur wünschen konnte
deshalb hatte ich sie zurückgelassen Die Nachrichten lauteten befriedigend und
als ich wieder nach Grindelwald kam fand ich Wilderich merklich besser und sehr
erfreut über meine Heimkehr Die Briefe die ich ihm mitbrachte erhöhten seine
Freude obgleich die letzten große Besorgnis ausdrückten veranlasst durch sein
langes Schweigen
Ein Schreiben seiner Mutter an mich das bald darauf anlangte sprach mir
den Dank eines sorgengedrückten tiefbekümmerten Herzens aus Wie sie wünsche
anstatt dieses Briefes selbst zu kommen wie ihre zahlreiche Familie und ihre
Verhältnisse es unmöglich machten Ich gab den Brief an Wilderich er las ihn
mit Tränen
»Immer muss ich ihr Sorgen machen« sprach er bewegt
»Das ist das allgemeine Schicksal der Eltern ihren Kindern gegenüber
entgegnete ich tröstend Aber wie man um einen Sohn Sorgen haben könne die
abgerechnet dass er sich Arme und Beine bricht begreif ich nicht Unsre Welt
ist für die Männer eingerichtet nämlich so dass man durch ringen stoßen
drängen ja einiges boxen vorwärts kommt und das verstehen die Männer das
können sie aushalten das bekommt ihnen sehr gut Eine Frau kann daran zu Grunde
gehen und wird immer fürchterlich leiden Darauf muss eine Mutter für ihre
Tochter vorbereitet sein die Chancen des Glücks sind unendlich viel seltener für
sie«
»Sie haben kein Herz für die Söhne weil Sie nur eine Tochter haben gnädige
Gräfin sagte Wilderich Ich denke mir dass das Kind der Mutter Sorge macht und
ein Sohn ist auch ein Kind«
»So wirds wohl am richtigsten sein mein armer Wilderich und eben deshalb
sagte ich Sie sollten sich nicht zu sehr um die Sorgen Ihrer Mutter quälen
denn die sind nun einmal dem mütterlichen Herzen eingeboren«
»Mein Vater ist seit zehn Jahren tot ich bin der Aelteste von acht
Kindern und meine Mutter muss uns mit einem sehr geringen Vermögen erziehen das
ist eine unsäglich sorgenschwere Aufgabe«
»Ach rief ich ohne die Verwöhnungen des Reichtums erzogen zu sein ist ein
außerordentlicher Vorteil darin liegt der Sporn zur Entwickelung des
Mittelstandes Wenn unsre Zeit höhere Interessen als die des Materialismus des
Genusses in höchster Potenz hätte so könnte dieser Sporn der Unverwöhnteit zu
etwas Tüchtigem und Großen treiben Aber die Idee, welche der Mittelstand von
den Bedürfnissen des Jahrhunderts der Zeit und der Völker hat ist folgende
Jetzt sollen mir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen welche bisjezt dem
einen bevorzugten Stande zugeflogen sind An diese fixe Idee von den gebratnen
Tauben und wie ihnen beizukommen sei vergeudet er seine Kräfte denn all seine
liberalen Machinationen und seine schwindelnden Speculationen sind ja weiter
nichts als Bestrebungen um den Traum von den gebratnen Tauben zu realisiren
Lassen Sie ihn fahren Wilderich er macht den Menschen nicht gut und nicht
glücklich sondern das was er am meisten fürchten und fliehen sollte gemein«
»Sie sprechen wie eine reiche Frau die Sie auch sind gnädige Gräfin«
»Lebe ich wie eine reiche Frau unterbrach ich ihn Wo sind Pferde und
Wagen Livreebediente Sofas von Sammt Vorhänge von Seide goldene Spiegel
was Alles die erste beste Doctorsfrau in unsrer Heimat hat«
»Sie leben dennoch wie eine reiche Frau nämlich unabhängig und das ist
der größte Vorzug des Reichtums«
»Lieber Wilderich der Reichtum knechtet die Seele und macht sie in
zehntausend Fällen höchstens Einmal unabhängig«
»Ach gnädige Gräfin Sie würden anders sprechen wenn Sie nicht reich und
hingegen Mutter einer zahlreichen Familie wären Ich habe vier Brüder die
beiden jüngsten sind schöne prächtig aufgeweckte Kinder die sich schon ihr
Fortkommen in der Welt erringen werden Aber die beiden andern sind arme
unfähige Knaben Was soll aus ihnen werden In welcher Weise sollen sie es
möglich machen ihren Stand ihren Namen zu vertreten da ihnen jedes Mittel dazu
versagt blieb Wären sie die Söhne einer unbemittelten bürgerlichen Familie so
wäre ihre Unfähigkeit ein stilles Unglück das eben nicht über die vier Wände
ihres Hauses hinaus reichte sie könnten ein leichtes Handwerk lernen sich ihr
Brot erwerben und Keinem zur Last fallen Bei uns ist das anders uns wird
solche ein Unglück zur Schmach und zum Vorwurf gemacht Da heißt es hier
»nichts als Dummköpfe sind diese Hochgebornen« da heißt es dort »Wie diese
sogenannt Vornehmen degeneriren und nichts als Blöd und Schwachsinnige
erzeugen welche dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar über uns
erheben wollen« Dieser Hohn ist schwer zu ertragen gnädige Gräfin Der
Reichtum ist ein Bollwerk gegen ihn Sie werden das nicht glauben weil Sie
nicht solche gemeine Brut gekannt haben aber ich weiß es sie hat Respekt vor
Demjenigen den sie beneidet«
Wilderich schwieg ganz erschöpft und ich ganz erstaunt Dies war unser
erstes längeres Gespräch und ohne meine Absicht hatte es eine Wendung genommen
die ihn so schmerzlich ergriff Dies war eine neue Phase des Leides welches
durch unsre Welt geht Nach einer Pause rief Wilderich
»O wie tausendmal hab ich gewünscht lieber ein Taglöhner zu Wildeshausen zu
sein der unter körperlichen Anstrengungen sein Schwarzbrot gewinnt als der
Graf von Wildeshausen dem es obliegt als Herr als Haupt einer Familie für
seine Untergebenen und seine Verwandten zu sorgen und dem dazu die Mittel
fehlen«
»Mein armer Wilderich was sind das für unzeitgemässe Gedanken für etwas
Anderes sorgen zu wollen als für sich selbst« entgegnete ich die traurige
Wahrheit hinter einem scherzhaften Ton verbergend um ihn von seiner Verstimmung
abzulenken Aber heftig und traurig fuhr er fort
»Die Isolirung durch den Egoismus diese antiaristokratische Richtung
unsrer Zeit welche das Individuum ohne positive Religion ohne Liebe zur
Heimat ohne Anhänglichkeit an die Familie ohne Respekt vor Tradition ohne
Gefühl für die Untergebenen in den grauen Wust einer communistischen
Menschenverbrüderung hinausstösst durch philosophische Spekulation dermaßen die
Tatkräftigkeit abschwächt dass wir der Praxis einer schlichten Lebensweisheit
ich weiß nicht was für eine fade spitzfindige Theorie von Fortschritt von
Freiheit vorziehen welche uns aber nicht fördert nicht befreit diese
fürchterliche Vereinsamung des Menschen ohne Gott ohne Herz ohne Kraft ohne
Basis ohne Ziel ohne irgend einen der großen Gedanken für welche es der Mühe
lohnt zu leben oder zu sterben o die eben ist es welche mir an der Seele nagt
und nicht für mich sondern für uns Alle mich martert«
»Die Krankheit hat Sie ermattet sagte ich In Ihrem Alter muss man
Zuversicht haben Wilderich denn ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit liegt
vor Ihnen und wie wollen Sie derselben gewachsen sein wenn Sie nicht daran
gehen mit Zuversicht auf regenerirende Elemente Die rückkehrende Gesundheit
wird Ihnen das schöne Vorrecht der Jugend die ewige Hoffnung wiederbringen
Ich begehre nicht dass Sie eine herrschende Mode mitmachen und unsre
Weltzustände rosenrot gefärbt betrachten sollen aber Sie sollen nur nicht
schwarz sehen wo höchstens ein sanftes Grau ist Grau lieber Wilderich ist
immer das Chaos und über dem Chaos schwebt immer der Geist Gottes«
»Glauben Sie das wirklich«
»Die Geschichte lehrt es«
»Eine Lehre welche unser Herz oder unsre Erfahrung nicht bestätigen ist
für uns tot Deshalb frage ich ob Sie aus Ihrer Seele oder nur nach Büchern
sprechen«
»Und wenn ich sagte nicht aus meiner Seele«
»So würden Ihre Worte eben nur tote Worte sein wie fast alle sind die
heutzutag gelehrt werden«
»Da mögen Sie Recht haben sagte ich immer mehr und mehr erstaunt Aber was
sind Sie für ein trauriger ernsthafter Mensch«
»Ich bins denn in mir ist ein Chaos und ich weiß nicht ob der Geist Gottes
darüber schwebt«
»Kind Kind rief ich Sie tun mir weh«
»Sie sehen wohl gnädige Gräfin dass man auch um einen Sohn Sorgen haben
könne« sagte er
Auf dies erste Gespräch folgten viele derselben Art. Er hatte eine von
inneren Kämpfen ganz zerarbeitete Seele Ich kam zu der Überzeugung dass seine
Krankheit eine große Woltat für ihn gewesen sei indem sie den Geist in Schlaf
gelullt Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen zwischen Altem und Neuem
zwischen Vergangenheit und Zukunft welcher in unsrer Gegenwart keine
befriedigende Lösung gefunden hatte sich auch in ihm noch nicht zur Versöhnung
durchgebildet Er war ja noch nichts als ein deutscher Student Er kannte noch
nichts als seine Familie und die Schule und was jene gepflanzt hatte diese
entweder zerstört oder in Frage gestellt Jeder hohe Grad von Zivilisation
bringt eine solche Komplication der Verhältnisse mit sich dass die Einheit des
Characters die Übereinstimmung zwischen Gesinnung Wort und Tat fast eine
Anomalie genannt werden dürfte Nun gibt es aber Menschen welche das Bedürfnis
empfinden zur Aufrichtigkeit und Einheit sich zu entfalten Menschen welche in
der Lüge eine unwürdige Feigheit in der Zersplitterung eine Schwäche sehen
Menschen welche nicht handeln nicht sprechen und nichts tun können sobald
ihre Überzeugung sie nicht dazu auffodert und welche sich nun darauf
angewiesen finden die Widersprüche zu lösen oder zu leiden welche bei ihrem
Eintritt ins Leben aus jedem Verhältnis ihnen entgegen springen Im Staat in
der Kirche in der Wissenschaft, in der Gesellschaft all überall Parteien
welche ihre Rechte ihre Wahrheiten ihre Ansichten und ihren Standpunkt in ein
System gebracht haben das seiner Natur nach immer einseitig ist folglich mit
Konsequenz durchgeführt eine gewisse starre Abgeschlossenheit erheischt welche
Demjenigen schwer fällt der Recht und Wahrheit überhaupt und nicht vom
Standpunkt einer Partei sucht Ein solcher Mensch war Wilderich stolz grade
aufrichtig vom allerempfindlichsten Ehrgefühl unfähig in diesem Punkt
Koncessionen zu machen und daher jeden Augenblick in seinem vielleicht
übertriebenen Begriff von Ehre tötlich verletzt
Er bekam einmal die Verlobungsanzeige seines Vetters mit einer
Banquierstochter und geriet darüber in solche Trostlosigkeit namentlich über
ihren großen Reichtum dass ich ganz ernstaft ihn fragte ob er den Verstand
verloren habe um über ein so alltägliches Ereignis zu jammern
»Wenn sie arm wäre könnt ichs verzeihen entgegnete er aber reich sehen
Sie das finde ich nichtswürdig«
»Sie sind unsinnig Wilderich Ähnliches geschieht täglich in England denn
da ist die Aristokratie nicht bloß stolz und würdig sondern auch klug und
praktisch und versteht es frisches Blut und frisches Geld sich zu assimiliren
Dadurch ist sie ein immergrüner Baum Der deutsche Adel aber von einer
Aristokratie dürfen wir Norddeutschen schon gar nicht sprechen hat es nicht
verstanden den Zufluss jener Lebenselemente sich offen zu erhalten drum stirbt
er ab«
»Da sei Gott vor rief Wilderich Dann ginge ja die Ehre verloren Was
fragt der Büreaukrat der Industrielle der Speculant der Gelehrte nach der
Ehre Nach ihrer persönlichen Ehre oder dass ihnen die gebührenden Ehren
widerfahren o ja danach fragen sie sehr Aber die Ehre des Standes der
Genossenschaft kümmert sie nicht denn sie haben keine Genossen sie sind nicht
von einer gemeinsamen Idee beseelt von der Idee die Besten sein zu müssen weil
sie die Ersten sind Sie sind nur durch ihr Interesse zusammengehalten sei es
für ihre Karriere oder ihren Geldbeutel und ein solches Interesse ist nur
äusserlicher Art Jeder vertritt seine Person seine Meinung seine Stellung und
was ihn zuweilen zur Gemeinsamkeit schaart ist Opposition gegen uns das ist
jedoch kein Lebensprincip Wir aber vertreten die Idee der Ehre und Individuen
gehen unter allein Principe leben ewig drum kann der Adel nicht absterben
denn die alte Tradition kann nicht untergehen«
»Er hat aber keine Basis mehr in den Zuständen versicherte ich unermüdlich
Ihm fehlen seine eigentümlichen und wesentlichen Bevorzugungen und
Verpflichtungen seitdem er seinen lebenskräftigen Charakter als Grundherrschaft
verloren hat und als solche um die alten Rechte gekommen ist die ehedem
zwischen dem Herrn und den Untertanen bestanden haben Ihr seid Alle die ersten
Bauern auf Euren Besitzungen und weiter nichts Herren seid Ihr gar nicht mehr
die Regierung das ist der Herr die schreibt Euch aufs Genaueste Euer
Verhalten vor Darüber müssen Sie sich keine Illusion machen adlige Bauern das
seid Ihr«
»Warum bemühen Sie sich so sehr mich herab zu stimmen fragte Wilderich
Gönnen Sie mir doch wenigstens meine Idee und die Begeisterung für dieselbe in
der Wirklichkeit ist wenig genug wofür ich mich entusiasmiren könnte«
»Ich möchte nicht dass Sie Ihre Begeisterung so zu sagen schlecht
unterbrächten Ihre Gesinnung »weil wir die Ersten sind müssen wir die
Tüchtigsten sein« ist durchaus aristokratisch ist das Band zu der edelsten
Gemeinschaft die nur zwischen den Menschen statt finden kann aber verabsäumt
nicht die Mittel die im Stande sind Eure Gesinnung durch äußere Macht zu
unterstützen Sie betrachten den Reichtum als ein Mittel zur Unabhängigkeit
Ihn zu erwerben ohne kaufmännische und industrielle Speculationen ist heut zu
Tage unmöglich Sie fühlen keine Neigung für dieselben oder Ihre Stellung Ihre
Laufbahn gestatten sie Ihnen nicht Sie finden ein schönes angenehmes Mädchen
deren Erscheinung Ihnen gefällt deren Charakter und Bildung Ihnen zusagt und
Sie wollen sie nicht heiraten weil sie eine reiche Banquierstochter ist lieber
Wilderich in dieser Ansicht finde ich mehr Subtilität als Zartgefühl«
»Reiche Frauen sind mir überhaupt unerträglich sagte er Ich meines Teils
werde nie ein andres Mädchen heiraten als aus einem guten alten Hause und ohne
Vermögen«
»Wie das gewöhnlich bei uns Hand in Hand geht« setzte ich lachend hinzu
Was ich ihm dringend riet waren Reisen in fremden Ländern zu fremden
Völkern um das deutsche Spiessbürgertum abzuschleifen dieses kleben und
klauben an Formen deren Inhalt ausgestorben ist diese Devotion vor dem
Fremdländischen diese Überschätzung der Magistergelahrteit diesen matten
Dünkel auf Geist und Bildung
»Das muss man gestehen Sie sind nicht blind eingenommen für Deutschland
rief Wilderich Haben Sie denn je in der Fremde eine stolze Wallung bei dem
Gedanken gehabt eine Deutsche zu sein«
»Ja eine sehr stolze«
»Nun bei welcher Veranlassung«
»Wenn ich eine Symphonie von Beethoven aufführen hörte dann war ich
stolz denn so aufgefasst und so ausgedrückt ist nie der Geist des deutschen
Volks als von ihm Er hat ihn wiedergegeben den Tiefsinn in der Verklärung
Sonst aber erinnere ich mich keiner Veranlassung«
»Und das sagen Sie so gelassen ich würde darüber verzweifeln«
»O all diese schlaffen Verzweiflungen muss man sich abgewöhnen Man muss die
Welt nehmen wie sie ist und warum soll man nicht eben so stolz sein auf einen
Genius der Symphonien componirt als der über Staatsökonomie schreibt«
»Wenn man sich in der Welt wie sie ist zurechtfinden muss warum denn
gnädige Gräfin sind Sie in diese Einsamkeit geflüchtet wo Sie durch nichts an
dieselbe erinnert werden«
»Weil ich mein Leben bereits verbraucht habe und zu nichts Tüchtigem mehr
brauchbar bin als höchstens um die gute Frau von Grindelwald zu sein«
»Kann man mehr sein als gut«
»O ja man kanns auf dem rechten Fleck zu rechter Zeit und Stunde am
rechten Ort sein Die gute Herrin von Engelau die gute Gattin die gute Mutter
zu sein das wär ein Lob Jenes ist keins Ich bin gut was man hier gut
nennt nämlich woltätig weil ich es angenehmer für mich als das Gegenteil
finde«
»Ich verstehe Sie zuweilen gar nicht entgegnete Wilderich In Ihren
Handlungen sind Sie ein hohes und edles Herz in Ihren Worten welche man
schwer von Ihrer Gesinnung trennen kann da Sie nicht lügen haben Sie gar kein
Herz«
»Daraus sehen Sie dass ich die Kraft zum tun nicht die zum sein habe
Ich habe vielleicht weniger Unrecht getan als Tausende meines Gleichen und
dennoch weniger Befriedigung als eben sie«
»Das ist unnatürlich« rief er
»Davon bin ich vollkommen überzeugt entgegnete ich gelassen Mein Dasein
ist wie eine Tropfsteinhöhle darin stehen allerlei schöne Sachen Altäre
Kapellen Heiligenbilder aber versteinert und in Finsternis und das sollte
nicht sein«
»Und warum ist es so«
»Weil der Geist der Liebe fehlt«
»Das ist ja aber eine fürchterliche Gleichgültigkeit« sagte er fast mit
Entsetzen Und wie kann man sie mit Ihrer Barmherzigkeit mit Ihrem Mitleid in
Einklang bringen«
»Barmherzigkeit auf und über der Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit gehend
ist das Eine woran ich glaube«
»Weil Sie sie üben«
»Nein weil ich ihrer bedarf«
Ich sprach zwar immer wenn unsre Unterhaltung eine Wendung auf mich nahm in
einem möglichst kalten Ton von mir selbst aber er machte dennoch auf Wilderich
Eindruck
»Gibt es viel Frauen wie Sie« fragte er einst
»Ganz wie ich vielleicht Keine mir ähnlich Unzählige Natürlich
werden sie das aber nicht eingestehen Verstand und Phantasie werden übermäßig
entwickelt und das Herz vertrocknet Solch Missverhältnis macht elend Da soll
nun die Öde durch Emotionen ausgefüllt werden die Einen werfen sich in die
Andacht die Andern in die Studien und schönen Künste noch Andre ins Weltleben
mit seinen blasirenden Genüssen Es muss immer etwas getan werden Natürlich
läuft zwischen all dem unsinnigen und abgeschmackten Tun zuweilen auch etwas
Gutes mit unter grade wie bei mir aber es rjetzt Alles nur die Haut
höchstens die Nerven nicht das Herz«
»Gott rief Wilderich und an dies Geschlecht sind wir mit unsrer Liebe
gewiesen«
»Nun entgegnete ich lachend Eure Liebe wird es wohl noch erwidern können
Und dann gibt es ja immer Ausnahmen und die Geliebte mein Wilderich ist ein
für alle Mal eine Ausnahme«
Tat ich ihm wohl oder weh ich vermute das Letztere Nichts und auch ich
nicht war so wie er es geträumt wie es seinen Idealen entsprach
»Was soll ich glauben lieben hoffen wollen da neben dem Allen der
Zweifel steht rief er einmal in schmerzlicher Aufregung War die Welt gut wie
sie bisher gegangen ist warum legt sie sich denn auf die andre Seite War sie
schlecht wie hat sie so lange bestehen können O wie beneide ich die welche
an einen unbedingten Fortschritt glauben und daher im Stande sind aufrichtig mit
der Vergangenheit zu brechen Ich kann es nicht ich finde nicht mehr
Lebensweisheit mehr Tugend mehr Glück mehr Freude in den Lehren welche unsre
Tage beherrschen und unsrer Zeit als Richtschnur dienen und als Ziel vorleuchten
als in früheren Epochen Ich finde nicht dass die Menschheit hochherziger und
kernhafter wird nicht dass die Aufklärung sie klar macht über das was ihr Not
tut über Bestimmung und Pflicht Klüger wird sie insofern als sie mehr lernt
und zwar bis zum letzten Mann des Volks herab und als mancher Aberund
Wahnglaube zB an Gespenster Hexen und Zauberei schwindet Dafür glaubt sie
jedoch an politische sociale wissenschaftliche Charlatans was doch ein sehr
verdumpfender Glaube ist und ob sie an Gott glaubt das ist wohl nicht
unbedingt zu bejahen Die Weltweisen sprechen zwar von einem Gott in der
Geschichte von einem Gott im eigenen Bewusstsein das ist ein Gott ungefähr so
wie ein Kartenkönig einen König von altem Schrot und Korn vertritt Ich meine
Gott den Lenker des Weltalls, den Vergelter des Guten und Bösen den Vater der
Barmherzigkeit ohne dessen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann! Gott
wie der Mensch ihn braucht zu welchem ich schreien kann in meinen Schmerzen
jauchzen in meinen Freuden und zu dem ich den Glauben habe dass er mich hört
und erhört zu seiner Zeit Gott zu dem das Herz und der Blick emporfliegt bei
großen Geschicken weil es einen Dank und eine Klage gibt die man nur vor ihm
aussprechen kann und weil diese Geschicke so reich oder so schwer sie sein
mögen immer eine Stelle unbesetzt lassen in unsrer Seele welche nur durch ihn
auszufüllen ist Glaubt die Christenwelt in dieser Weise ihrer Väter noch an
Gott«
»O Kind rief ich gerührt was kümmern Sie sich um den Unglauben der Welt
wenn in Ihrer Seele die ewige Ampel des Glaubens brennt Was wollen Sie mehr«
»Ich will die Gewissheit nicht in Traum oder Irrtum dahin zu taumeln Und
der Zweifel der mich umringt macht mich irre an mir selbst«
»Der Zweifel ist so alt als der Glaube Petrus glaubte und Thomas zweifelte
und dennoch hat neben diesem Zweifler der Glaube des Petrus eine Kirche
gestiftet von der geschrieben steht »dass die Pforten der Hölle sie nicht
überwinden werden««
»Nur ein Zweifler zwischen zwölf Aposteln In unsrer Zeit ists anders da
wohnen Schwankung Unsicherheit und Zweifel wenigstens in elf Köpfen unter
zwölf«
»Das beweist weiter nichts als dass jene Eilf eben nicht zu Aposteln bestimmt
sind obzwar sie sich wohl dazu berufen finden mögen und sich ja auch Apostel der
Wahrheit der Freiheit des Fortschritts und des Lichts nennen wie sich das
für die Aufgeblasenheit geziemt Glaubt doch unser Nachbar im Waadtland der
Schneider Weitling eine sociale Weltreform predigen und einleiten zu müssen
warum sollen sich da nicht Andere an die religiöse machen«
»Was haben Sie gegen den Schneider da Hans Sachs und Jacob Böhme Schuster
waren«
»O gar nichts ich meine nur da alle hundert Jahr einmal das Mirakel eines
Lichtes aus der Werkstatt hervorgegangen ist so könnte ja auch wohl einmal ein
Irrlicht draus hervor gehen Übrigens hab ich nichts weder gegen Reformen noch
gegen Schneider Im Gegenteil da Staat Kirche und Gesellschaft mir wenigstens
in Deutschland vorkommen wie Adam nach dem Sündenfall der seine Blöße kennt
sich schämt oder fürchtet und nach einem Feigenblatt greift so wäre wohl sehr
ein Mann zu ersehnen der ein grossartiges Gewand einen neuen Purpur und
Königsmantel ihnen umhinge«
»Das ist es ja ebenfalls was mich so sehr irre macht ich habe Augenblicke
in denen ich mir selbst mit Aufrichtigkeit gestehen muss dass viel abgenutzter
und verbrauchter Plunder sich bei uns in allen Ecken angesammelt hat und uns
sehr zur Last fällt Allein das Aufräumen ist eine schwierige Sache das alte
Gerümpel stürzt über den Haufen und reißt vielleicht noch Brauchbares mit um«
Er konnte sich stundenlang in diese Gespräche vertiefen bei denen es jedoch
unmöglich war zu einem Abschluss zu kommen Die Jugend braucht ihn nicht im
Gegenteil würde er ihr schädlich sein weil sie Gefahr liefe pedantisch und
systematisch zu werden Sie lebt sich zum Abschluss heran Ob je ein Mensch die
ganz klare und richtige Summe seines Strebens in sein Rechnungsbuch und nicht
zuweilen halb unbewusst ein X für ein U schreibt ist die Frage Indem wir
leben wachsen wir in unser neues Wollen und Denken dermaßen hinein dass wir uns
nicht mehr genau besinnen wie es ehedem damit beschaffen gewesen ist Zwanzig
Mal denken wir jetzt sind wir zum Abschluss gekommen jetzt wissen wir was wir zu
erwarten zu geben zu tun zu meinen haben und übers Jahr oder über drei
Jahr oder doch ganz gewiss über zehn Jahr ist Alles anders Und dann spricht man
von Treue als von einer Tugend Treue ist Gewohnheit mit Notwendigkeit und
Bequemlichkeit vielleicht sogar mit ein klein wenig Heuchelei vermischt
»Sie sind eine fürchterliche Frau« rief Wilderich als ich einmal diese
Äußerung machte
»Für Sie und Ihresgleichen mag es anders sein Ihr Herz mag einen so starken
und gleichmäßigen Schlag haben dass seine Ermattungen und seine Fieber nur die
Oberfläche bewegen ohne es im tiefsten Grunde zu erschüttern Oder auch liegt es
an einer großen Idee deren Realisirung das Leben füllt vor Anker und ist mit
ihr still fest und treu Aber Treue gegen den Menschen dazu gehört eben außer
Ihnen noch ein Gegenstand und wer bürgt Ihnen für den«
»Mein Vertrauen«
»Und wenn das nicht auf den Rechten gesetzt ward«
»O rief Wilderich haben Sie denn nie einen Menschen geliebt«
»In dieser Frage hat Ihr Instinkt Ihnen die richtige Antwort eingegeben«
»Und warum mein Gott warum denn nicht«
Ich zuckte die Achseln »Auf manches Warum gibt es gar keine oder die
trostlose Antwort Weil man es nicht verstanden oder nicht verdient hat«
Wilderich nahm meine Hand drückte sie lebhaft an seine Lippen und rief
»O Sie Himmlische was kann bei Ihnen von verdienen die Rede sein Auf Sie
müssen alle guten Gaben wie Morgentau und Sonnenlicht herab sinken«
»Auf die fürchterliche Frau wie Sie eben mich nannten Sie verfallen
in Widerspruch« sagte ich spöttisch und zog meine Hand kühl zurück
Er errötete flüchtig und sah traurig zu Boden So verging die Zeit
Wilderich hatte allmälig wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangt aber sein
Gang sowohl als seine Armbewegungen waren steif und schwer Der Arzt riet ihm
nach Baden zu gehen Er hatte gar keine Lust dazu Er behauptete die Bergluft
des Oberlandes sei viel heilsamer viel gesünder und die Bemerkung dass sie
steife Glieder nicht geschmeidig mache ließ er fallen Er wollte eben nicht
fort Das fing an mich zu beängstigen Wilderich war ein Mensch der sich aus
Dankbarkeit für eine Frau fanatisiren konnte
Benvenuta sollte mich in den Frühlingsferien besuchen Ich benutzte das um
ihm eines Tages zu sagen
»Es ist zwar sehr unfreundlich einem Gast und einem Kranken die Tür zu
weisen aber es hilft nichts lieber Wilderich Sie müssen meiner Tochter das
Feld räumen Ich habe in diesem engen Häuschen nur ein Gastzimmer«
»Sie haben mich so lange geduldet aus übergrosser Güte nichts als
Beschwerden und Last habe ich Ihnen gemacht und doch missbrauche ich Ihre Güte
genug um nicht von selbst Ihr Haus zu verlassen das wäre eine grenzenlose
Unbescheidenheit wenn«
»Es ist keine unterbrach ich ihn schnell Sie fühlen sich noch nicht
vollkommen hergestellt und fühlen ebenfalls was Sie auch von Beschwerden
usw sagen dass Sie mir nicht lästig sind drum wollten Sie die trüben
WinterErinnerungen und den Rest von Schwäche an demselben Orte in der schönen
Frühlingsluft abbaden das ist ganz natürlich«
»Ich werde mich also im Gasthaus niederlassen denn Ihre Tochter gnädige
Gräfin muss ich durchaus kennen lernen sie ist wohl so ziemlich das einzige
Geschöpf auf der weiten Welt für das Sie sich interessieren«
»Von Ihnen Wilderich hab ich diesen Vorwurf doch kaum verdient«
»Es ist kein Vorwurf wenigstens keiner für Sie sondern für Andere
Aber Ihre Tochter muss ich kennen lernen«
»Ich habe gar nichts dagegen« sagte ich ein wenig befremdet da ich nicht
begriff welch Interesse er plötzlich an der unbekannten Benvenuta nahm deren
Porträt ihm nicht einmal sehr gefiel
Er blieb also in Grindelwald nahm ein Zimmer im Gasthof und verbrachte
übrigens seine Tage bei und mit mir
Bald darauf kam Benvenuta Sie war jetzt in ihrem sechszehnten Jahr und
lieblich ach lieblich wie man eben nur in dem Alter ist frisch blühend
rosig und doch so zart wie eine Purpurwolke am Morgenhimmel Ihre frühere
Kränklichkeit hatte sie wie es schien gänzlich überwunden Ein lebhafter Wechsel
der Farbe bei jeder Gemütsbewegung in welcher sie überdas immer schwieg
deutete auf eine feine reizbare Organisation und auf ein stilles tiefes Gefühl
Von der fliegenden Heftigkeit meiner jugendlichen Empfindungsweise war Gottlob
keine Spur in ihr Ich glaube nicht ein holdseligeres Mädchen je gesehen zu
haben Sie war so recht ein junges Mädchen unbefangen und doch schüchtern
schelmisch und doch blöde Was weiter in ihr war wer konnte es wissen
Wilderich empfing Benvenuta mit stralender Freude Ich verstand das gar
nicht War es Dankbarkeit gegen mich hatte sich seine Phantasie zuvor von ihr
fesseln lassen war es eine urplötzlich entzündete Liebe Zuweilen glaubte ich
eines dieser Motive in seinem Benehmen zu finden zuweilen keines Was er nur
erfinden konnte um Benvenuta zu unterhalten wendete er an Zuerst ließ sie sich
das nur gefallen allmälig war es ihr angenehm der Gegenstand einer so
unausgesetzten Huldigung zu sein Ich erinnerte ihn täglich an seine Reise nach
Baden er behauptete sie täglich mehr entbehren zu können
»In dem Fall würde Ihre Mutter doch sehr froh sein Sie nach all diesen
überwundenen Gefahren wiederzusehen« sagte ich
»Allerdings und ich auch die gute Mutter entgegnete Wilderich Allein
ich bin überzeugt sie gönnt mir von Herzen dass ich jetzt ein wenig die Schweiz
genieße und umsomehr da ich meine Zeit nicht verliere sondern bei Ihnen
perfect englisch gelernt habe denn Zeitverlust ist nun einmal den Müttern ein
Greuel«
»Sie genießen aber gar nicht die Schweiz lieber Wilderich wenn Sie immer
hier bleiben«
»Kann man sie schöner genießen als hier liegt mir nicht grade hier ihr
characteristischer Zauber vor Augen feierliche Majestät und idyllische Anmut
Dies Tal ist eine Wiege in der wie Zwillinge Gletscher und Wiese friedlich bei
einander ruhen Um unsre kleinen niedrigen Hütten halten die Titanen der Natur,
die hohen Berge Wache recht wie es sich ziemt für die Großen dass sie die
Kleinen beschützen Da oben donnern die Lavinen hier unten summen die Bienen
Und waren wir nicht gestern in Interlachen und vor drei Tagen in Lauterbrunn
Wollen wir nicht morgen zum RosenlauiGletscher und ein andres Mal zur Handeck
und auf das Faulhorn und immer wieder hieher zurück unter dies gesegnete Dach
Nein gnädige Gräfin weder in der Schweiz noch in der Welt kann ich etwas
Schöneres sehen«
»Ich kann mir nicht helfen Wilderich ich bin eine ächte Mama mir tut
Ihre Zeitverschwendung leid«
»Ach die sogenannt verschwendete Zeit ist fast immer eine glückliche von
der uns später für Nachwirkung und Erinnerung kein schöner Augenblick kein
seliger Atemzug verloren geht von der ein erquickender Duft und ein
melodischer Nachhall in der Seele bleibt«
»Kind was wissen Sie mit Ihren zweiundzwanzig Jahren von Erinnerungen«
»Wenn ich auch nichts weiß so ahne ich doch ihren Zauber und ihre Macht«
»Wie das jugendlich gesprochen ist Von den Erinnerungen erwartet die Jugend
allgewaltige Magie aber auch von der Zukunft und auch von der Gegenwart
nicht wahr Ihre ungeübte und ungeprüfte Kraft erscheint ihr so maßlos und
unerschöpflich dass sie von keiner andern Empfindung als von unendlichen sogar
in der Erinnerung noch unsterblich wissen will Aber aber die Kraft ist
nicht übermäßig mein armer Wilderich sie hält nicht so fest wie der Magnet das
Eisen sie umschließt nicht so fest wie die Muschel ihre Perle Meistens ist
sie ein Sieb zuweilen eine Schaale von Porcellan oder Krystall der nichts
fehlt als dass sie einen kleinen feinen Riss hat durch den ganz langsam ganz
unmerklich der Inhalt entströmt oder verfliegt Nein nein rechnen Sie nicht auf
die Wonne der Erinnerung«
»Und was hätte ich denn am Schluss meines Lebens um mein müdes Haupt darauf
zu betten wenn nicht den Blumenpfühl der Erinnerung«
»Und wer sagt Ihnen denn dass Sie am Schluss Ihres Lebens Ihr müdes Haupt auf
einem Blumenpfühl betten müssen Es kann ja auch sein auf den Dornen des
Schmerzes oder in der Asche der Trostlosigkeit«
Benvenuta nahm meine Hand legte sie auf ihre Augen und sagte bittend
»Mama ich kanns nicht aushalten vor Traurigkeit wenn Du so sprichst«
Zu gleicher Zeit sagte Wilderich mit Zuversicht
»Nein so elend ist und macht das Leben nicht Sei es drum dass die Blumen
fehlen dass die Dornen ihren Platz einnehmen aber Asche nein so lange
mein Herz schlägt und es kann ja nur mit meinem letzten Atemzug still stehen
lebt ein Funke in ihm der es vor dem Zusammensinken in Asche bewahrt sei es
ein Glaube eine Hoffnung eine Liebe sei es noch Anderes was ich nicht kenne
oder nicht zu nennen weiß Der Mensch soll Leid und Schmerz haben damit er sich
bei ihrer Bekämpfung stähle aber umkommen so in der Asche von ich weiß
nicht was für namenlosen Dingen das soll er nicht das ist nicht seine
Bestimmung und geschieht es dennoch so geschiehts durch seine eigene Schuld«
Benvenuta hatte ihren Kopf von meiner Hand allmälig gehoben und sah mit
einem Ausdruck von rührender klarer Zuversicht auf Wilderich Ihre Gesinnung
entsprach der seinen Ein Blick auf dies liebe unschuldige Gesicht machte mich
schweigen sonst schwebte schon die Frage an Wilderich auf meinen Lippen wie er
die Schuld vom Leben trennen und wie er die Verschiedenheit der
Individualitäten aufheben wolle welche bewirke dass der Eine leicht der Andre
schwer der Dritte gar nicht das Schuldbewusstsein von sich werfe Statt dessen
sagt ich
»Um wieder auf unser eigentliches Gespräch zurück zu kommen Wilderich wann
gehen Sie nach Baden«
»Wenn Fräulein Benvenuta abgereist sein wird« entgegnete er nicht eben in
froher Laune
Benvenuta rief aber ganz vergnügt und freudig errötend »Mit der
Einrichtung bin ich sehr zufrieden«
Am andern Tage ritten wir zum RosenlauiGletscher den Benvenuta noch nicht
kannte und der unstreitig zu den allerschönsten Punkten gehört welche die
Schweiz aufweisen kann denn er ist phantastisch und das ist ihre Natur nur
ausnahmsweise Diese saphirfarbenen Eisblöcke Eisgrotten Eispfeiler liegen da
wie Trümmer einer wundersamen fremden Welt an deren Erstarrung man nicht glauben
kann weil sie so schön ist Man meint sie müsse sich wieder zu Tempeln und
Hallen auf den Wink eines geheimnisvollen Baumeisters zusammenfügen um dann der
Tummelplatz von einem Elfengeschlecht oder von Elementargeistern zu werden Es
ist die schönste Ruine eines UndinenPalastes von blauem Krystall welche die
Phantasie eines Märchendichters erfinden könnte Von einer ungeheueren Gewalt ist
sie in diese Scenerie hineingeschoben die mit ihren scharfen Gebirgesspitzen
ihrem zerklüfteten Boden ihren rauschenden schwarzen Tannen und brausenden
milchweissen Bächen ein ächtes Bild der wilden Bergnatur darstellt
Benvenuta war ganz bezaubert und ich ganz erstaunt dass sie es war Ich hatte
sonst nie bemerkt dass dergleichen Bilder einen solchen Eindruck auf sie machten
Und doch konnte es nicht anders sein in dem Kinde schläft die Seele gibt sich
nur in einzelnen aufblitzenden Regungen kund die aber noch weiter nichts als
Träume sind Beobachtung und Wissbegier sind vorherrschend im Kinde es will die
Welt der großen Leute verstehen Ist es später in die Jugend hinein getreten
aus der Vorhalle des Lebens auf dessen Tempelschwelle dann wird es gedrängt
das Rätselwort seiner eigenen innerlichen Welt zu suchen dann braucht es seine
Seele dann schüttelt diese ihren Schlummer ab erwacht und mit diesem
Erwachen geht das Gefühl in ihr auf diese Sonne um welche sich tausend Planeten
der Gedanken drehen Benvenuta war still nach ihrer Weise aber ihre Augen
stralten und als ich sie auffoderte eine schöne Baumgruppe neben dem Gletscher
zu zeichnen sagte sie bittend
»Ich muss heut einen Feiertag haben liebe Mama es ist hier so sehr
feierlich«
»Wir setzten uns Beide auf das frische Moos und lehnten uns an den rauen
Stamm einer ungeheueren Tanne deren mächtige Zweige ganz still über uns hingen
wie zerrissene Trauerflöre durch welche der tiefblaue Himmel und der goldne
Sonnenstral freudeverheissend schimmerten Vor uns lag die Wunderpracht des
Gletschers Ringsum war Alles still nur die Bäche brausten Die ganze Natur
hielt Mittagsruhe Seitwärts von uns saß Wilderich mehr zu uns als zu dem
Gletscher gewendet Sein tiefes ernstes Auge schlug zuweilen glanzvolle Blicke
zum Himmel auf und sank dann wieder nach Innen blickend unter die Wimpern
zurück Einmal sagte er
»Als ich ein kleiner Knabe war erzählte mir meine Mutter allüberall sei der
unsichtbare große gute Gott Wenn ich nun in der tiefen Stille der Mittags oder
Abendstunden wo kein Lüftchen sich zu regen scheint doch die allerhöchsten und
feinsten Wipfel der Bäume ohne bemerkbare Ursach sich sanft umbiegen sah so
glaubte ich in meinem kindischen Sinn sie beugten sich unter den Schritten
Gottes der unsichtbar über ihnen dahin wandele um zu sehen ob auf Erden Alles
gehe wie es gehen solle und hauptsächlich ob ein gewisser Knabe Wilderich auch
seine Schuldigkeit tue Das erfüllte mich mit so namenloser andächtiger
Ehrfurcht dass mir zuweilen helle Tränen langsam aus den Augen liefen und ich
mir vornahm immer ein ungeheuer guter Knabe zu sein und Mann zu werden Jetzt
streifen meine Blicke freilich mehr über die Erde und die Menschen hinweg
senken sich auf Bücher und Papier und allerlei nichtswürdiges Treiben wo
freilich die Schritte Gottes nicht wohl zu erkennen sind Kommt es aber einmal so
wie heut dass ich in feierlicher Stille zu den sanftbewegten Baumwipfeln
aufschaue so wollen ihre leisen Beugungen mich noch immer fragen ob ein
gewisser Wilderich auch seine Schuldigkeit tue und das stimmt mich ernst
ganz wie damals«
»Und tut er sie« fragte ich
»Darauf ist schwer zu antworten«
»Doch nur in dem Fall dass er sie nicht tut«
»Wie unerbittlich hart sind Sie« rief Wilderich
»Und ungerecht Mama rief Benvenuta lebhaft Soll er sich denn selbst
loben das würde Dir auch nicht gefallen«
»Er soll eine aufrichtige Antwort geben sagte ich Ob das nun ein Selbstlob
sein würde bleibe dahingestellt«
»Sie haben eine bessere Meinung von mir als Ihre Frau Mutter sagte
Wilderich freundlich zu Benvenuta Dafür muss ich Ihnen recht dankbar sein«
»Mama scherzt nur entgegnete sie errötend Wenn sie keine gute Meinung von
Ihnen hätte würde ich ja auch keine haben«
Sie sprang auf und pflückte schöne Genzianen die wie dunkelblaue Sterne den
Boden an manchen Stellen bedeckten Wilderich half ihr dann kam sie zurück und
wand einen Kranz immer fröhlich mit ihm plaudernd Ich saß unbeweglich auf
meinem alten Platz Es kam eine große Stille über meine Seele Das Rauschen des
Baches der Duft des Tannenharzes der Kräuter und des Mooses der Sonnenstral
der mich in sein Licht und seine Wärme hüllte webten einen Schleier um mich
hinter welchem ich wie aus weiter Ferne Benvenutas und Wilderichs junge frische
Stimmen zu mir klingen hörte aber aus der Ferne der Zeit nicht des Raums
Ich dachte sie könnten dereinst Beide glücklich mit einander werden glücklicher
als ich es je gewesen und wie ich es doch stets ersehnt Und bei dem Gedanken an
mich wollte diese uralte ewige Sehnsucht wieder ihre Geierkralle in meinen Busen
schlagen Aber wie man zuweilen im Halbschlaf sich beschwichtigt über einen
bösen Traum so sprach ich jetzt heimlich zu mir Lass das denke nicht an dich
selbst das macht dir Schmerz Die intenseste Sehnsucht und das intenseste
Bewusstsein von ihrer Unerfüllbarkeit das allein ist Schmerz die ächte
Perle des Schmerzes wogegen alle andern nur Glasperlen sind Die Offenbarung
der Liebe so stralend und stark dass sie momentan den Schmerz überflutet das
ist Extase Freude Wonne Entzücken Seligkeit sind keine Extase sie müssen
mit dem Schmerz versetzt sein Er allein ist dein Erbteil Dir ward die dunkle
Folie ohne den funkelnden Diamant aber die Kinder werden es vielleicht
besser haben denk an sie
Ich schlug langsam meine Augen auf und begegnete Wilderichs die mit
melancholischer Glut auf mich gerichtet waren während er mit Benvenuta plauderte
und ihr die Genzianen zum Kranz reichte Sie hatte ihren Hut abgenommen
»Setze Deinen Hut wieder auf rief ich hastig Die Sonne brennt Benvenuta
das schadet Deiner Haut und Deinen Augen«
»Du bist eitel für mich Mama und nicht für Dich entgegnete sie lächelnd
und gehorchend Du sitzest hier seit zwei Stunden ohne Hut Jetzt da ich meinen
Kranz vollendet habe kann ich ihn nicht tragen Da muss ich ihn verschenken«
Und mit rascher graziöser Bewegung setzte sie den Kranz auf Wilderichs
glänzend braune Locken Aber er nahm ihn ab und sagte
»Verzeihung wir Männer sehen mit Kränzen eigentümlich ungeschickt aus so
etwas wie Ungeheuer Finden Sie nicht Fräulein Benvenuta Was Ihre schönen
Hände geflochten haben muss zu Ehren kommen«
Mit diesen Worten erhob er sich und setzte mir den Kranz auf
»Da Ihr Beide ihn verschmäht so muss ich ihn freilich behalten und
überdas erfrischt er mir angenehm die Stirn« sagte ich
»Mama rief Benvenuta lebhaft erlaubst Du mir den Versuch Dich so zu
zeichnen Du glaubst nicht wie Du schön aussiehst mit diesem dunkelblauen Kranz
ganz wie ein Bild der Melancholie das ich einmal in einem englischen Album
gesehen habe Die herrliche Tanne Deine halb liegende Stellung Alles ist so
schön«
»Gut ich gebe Dir eine Viertelstunde Erlaubnis«
Benvenuta schrie das sei unmöglich Wilderich sagte
»Fangen Sie nur geschwind an ich werde nach meiner Uhr sehen und Ihnen
sagen wenn die Frist abgelaufen ist Jetzt ist es halb drei«
Benvenuta machte sich emsig an ihre Arbeit Mehrmals sah sie fragend zu
Wilderich hinüber der die Uhr in der Hand hielt und immer den Kopf verneinend
schüttelte Ich ließ ihr den Spaß ich weiß nicht wie lange Endlich sprang ich
auf und sagte
»Die Viertelstunden scheinen unter diesem Baum verzaubert zu sein
»Ja sagte Benvenuta lieblich das hat ein guter Geist mir zu Gefallen
getan denn die Zeichnung ist weit genug vorgeschritten um sie zu Hause
vollenden zu können«
»Warlich ein guter Geist rief Wilderich Meine Uhr steht noch immer auf
halb drei ist also vermutlich abgelaufen«
»Die meine ist vier sagte ich Jetzt zu Pferde«
Während des ganzen Heimrittes bat Wilderich Benvenuta um dies Bild Sie
wollte es nicht geben
»Bedenken Sie doch welch eine dreifach liebe Erinnerung sich für mich daran
knüpft bat er an Ihre Mutter an diesen Tag und an Sie«
»Genau so geht es mir auch« entgegnete sie
»Aber Sie haben dabei eine Erinnerung weniger«
»Nicht doch Sie waren der gute Geist der die Zeit still stehen hieß damit
ich überhaupt das Bild vollenden könnte«
Endlich vereinigten sich Beide darüber dass Benvenuta das Original behalten
und für Wilderich eine Kopie machen solle Zufriedengestellt langten wir in
Grindelwald an Da erwartete mich ein Brief aus Ouchy mit der Nachricht dass die
Vorsteherin des Instituts plötzlich an einer Brustentzündung gestorben sei Ihre
Tochter schrieb tief traurig an Benvenuta welche mich sogleich mit heißen
Tränen bat zu ihrer betrübten Freundin zurückkehren zu dürfen Ich sagte ihr
ich würde am nächsten Tage mit ihr abreisen und Wilderich welcher Zeuge dieser
Szene gewesen war erklärte dann würde er nach Baden gehen Sein Entschluss war
mir sehr lieb hatten er und Benvenuta Neigung zu einander so musste sich diese
in der Ferne entwickeln und bestärken Geschah das nicht so war die Trennung
doppelt notwendig indem ein Zusammenleben aufhörte welches durch seine
Intimität unerfahrne Herzen in einen Traum von Liebe hätte verwickeln können
Wilderich fragte mich nach meinen Plänen Ich hatte keine vor der Hand Er
sah ganz verstört aus und bat mich um Erlaubnis mir aus Baden schreiben zu
dürfen was ich gern bewilligte Ich zählte fast mit Gewissheit auf seine Werbung
um Benvenuta Die große Jugend und Unerfahrenheit Beider abgerechnet war es mir
ein lieber Gedanke Ich hatte Wilderich sehr lieb Vielleicht sind uns immer die
Menschen lieb denen wir wolgetan so wie wir selten die leiden können gegen die
wir ein Unrecht begangen haben So paradox das klingen möge hängt es dennoch eng
mit unserm Bedürfnis zusammen uns selbst achten zu können
Wirklich fuhr ich am andern Morgen mit Benvenuta fort und Wilderich
begleitete uns bis Bern wo sich unsre Wege trennten Es war keine heitre Fahrt
Benvenuta schwamm in Tränen Wilderich im Wagen ihr gegenüber sitzend starrte
sie stumm und beinah finster an Ich nur dann gesprächig wenn ich eine innere
Auffoderung dazu empfand war von Natur durch Gewohnheit Richtung und
Schicksal schweigsam konnte tagelang schweigen und fühlte mich gar nicht
berufen jetzt gesprächig zu sein Dieser Tag war so recht ein schneidender
Kontrast zu dem vergangenen wir waren die nämlichen Menschen wir befanden uns
in einer der schönsten Gegenden der Welt wir fuhren leicht und bequem durch die
herrlichen Täler von Grindelwald und Interlachen am Ufer des Tuner Sees und
über die anmutige Ebene von Tun nach Bern aber Niemand beachtete es und
Jeder wickelte sich in seine traurigen Gedanken einsam ein während wir uns
gestern in glänzender Heiterkeit und inniger Teilnahme einander nah fühlten
Solch ein Wechsel ist leben sprach ich heimlich Aber es musste halblaut
gewesen sein wie mir das in tiefen Gedanken zuweilen begegnete denn Wilderich
sagte
»Jedoch ein trauriges Leben«
»Der Wechsel ruht aus und erfrischt heißt es«
»Auch Sie«
»Nein mich nicht im Gegenteil mich zehrt er auf mich verbraucht er
stückweise denn ich will immer etwas das ohne Ende sei es brauchte nicht
grade Glück es dürfte auch Schmerz sein und ohne Ende Dass Alles ein
Ende hat das frohe Gestern das trübe Heute so Alles Alles das konnte
ich eben nicht ertragen und deshalb habe ich wenig Ruhe genossen im Leben
Phantastische Sehnsucht schmachtete nach dem Unendlichen frühe Erfahrung ließ
mich überall das Ende sehen oder ahnen Eine Hand streckte ich nach geliebten
Chimären aus die andre streute erblasste Bilder gleichgültig in den Wind Und
dies Alles rührte daher weil ich nicht stark genug war das Leben wie es ist und
wie Gott es uns gegeben hat nicht bloß zu tragen sondern zu ehren«
»Das Leben ehren mit seinem schaalen Wechsel seiner dumpfen Verwirrung
seiner schreienden Ungerechtigkeit seiner gekrönten Erbärmlichkeit mit seinen
Qualen der Leidenschaft und des Zweifels der Sorge und der Schwäche ist das
möglich«
»Das Leben ehren Wilderich denn so lange Ihre Augen offen stehen Ihr Herz
klopft Ihre Hand sich regt können Sie das Gute tun und das Schöne lieben
und dies nenne ich das Leben ehren wie Gott es uns gegeben hat«
»Das Schöne lieben und das Gute tun« wiederholte Wilderich ernst und sank
in sein Schweigen zurück
In Bern ging Benvenuta sogleich schlafen und ich mit Wilderich auf die
wunderschöne Promenade vor der Kathedrale genannt die Plateforme wo man die
herrlichste Aussicht auf die Jungfrau und ihre majestätischen Genossen hat Es
war um Sonnenuntergang und im stralendsten Glanz lagen sie da wie goldene
Riesenpfeiler welche den Himmel tragen Wir setzten uns auf eine Bank unter den
Kastanienbäumen Mein Auge hing an dem Farbenspiel der Berge meine Seele flog
unbestimmten Höhen und Fernen zu Ich erschrack fast wie ein Nachtwandler den
man bei seinem Namen ruft als Wilderich mit bebender Stimme sagte
»Gnädige Gräfin morgen sehe ich Sie nicht mehr und meine Seele hat
sich an Sie gewöhnt«
Während er sprach sah er aber nicht mich sondern die Berge an Ich fühlte
nun wohl dass »sie« nicht die Berge waren aber voll meiner Voraussetzung dass
zwischen ihm und Benvenuta eine Liebe keime glaubte ich ihr gelte dies »sie«
Und als er nach einer Pause noch leiser und beklommner sagte
»Werde ich Sie nie wiedersehen dürfen« entgegnete ich liebevoll
»Warum denn nicht Wilderich Aber versuchen wir eine Trennung von einigen
Wochen sammeln und besinnen Sie sich überlegen Sie die Zukunft was Sie zu tun
und zu bieten haben und wenn Sie nach vollendeter Badecur mich in Grindelwald
oder wo es sei besuchen so wollen wir darüber sprechen Jetzt nicht Es scheint
mir noch zu früh zu unreif«
Ein ganz extatischer Freudenschimmer blitzte in seinem Auge auf und zu mir
herüber als er rief
»Also wiedersehen o gelobt sei Gott«
Damit war unser Gespräch zu Ende und Jeder von uns hing wieder seinen
Träumereien nach lange lange Ich hatte nun einmal die Gewohnheit mich nicht
um die Zeit zu kümmern Der starke Schlag der Uhr die an der Kathedrale zehn
schlug machte mich auffahren Es war ganz finster geworden
»Warum erinnern Sie mich nicht an die Heimkehr Wilderich« rief ich schnell
aufstehend und seinen Arm nehmend
»Ich fühlte mich daheim in meiner Seligkeit« sagte er
»Hoffen Sie nicht zu viel Wilderich ich weiß ja nicht einmal ob Sie
überhaupt hoffen dürfen«
»O still still Sie sagten selbst jetzt nicht Einige Wochen voll
himmlischer Hoffnung liegen vor mir und dann dann wird mir zu Sinn sein
als würde ich von Rosenwolken zum goldnen Gipfel der Jungfrau emporgetragen«
»Welche Schwärmerei« sagt ich lachend
»O lachen Sie nicht bat er sanft ich bin ja glücklich«
»Ist Ihre Liebe wirklich so tief« fragt ich gerührt
Er antwortete nicht aber er nahm meine Hand die auf seinem Arm lag und
drückte sie mit tiefer Bewegung an seine Lippen und an sein Herz
In unserm Gasthof angelangt setzte ich mich an den Teetisch Wilderich ging
auf und ab im Salon mit einer Hast die beunruhigend war Ich bat ihn sich zu mir
zu setzen er wollte nicht Ich fragte dies und das er antwortete zerstreut
Endlich sagt ich
»Sie sind ungeselliger Laune also gute Nacht mein Wilderich gehen Sie
schlafen«
»Und morgen früh um fünf Uhr muss ich mit dem Zürcher Eilwagen fort ohne
Ihnen zuvor Lebewol sagen zu können« rief er
»Desto besser Abschied nehmen ist so traurig«
Er kniete plötzlich vor mir nieder Ich sagte kurz
»Auf Wilderich diesen Ausdruck der Andacht nicht zum Spaß missbraucht«
»Zum Spaß missbraucht o meine Gräfin selten mag wohl ein Mensch mit
so tiefem heiligen Dankgefühl niedergekniet sein Dank für das Erbarmen der
Vergangenheit Dank für die Huld der glückseligsten Hoffnung Sie haben mir das
Leben gerettet in langen Nächten haben Sie mich bewacht in schweren Tagen mich
gepflegt immer ein Lächeln einen Trost eine unbesiegliche Geduld für mich
gehabt den Unbekannten den Fremdling dann haben Sie mich gelehrt welch eine
herrliche Gabe das Leben sei weil wir darin das Gute tun und das Schöne lieben
sollen und allendlich haben Sie mir ein überirdisches Glück zugesagt
Und dafür gäbe es einen übertriebenen Ausdruck von Dank und Andacht O sehen
Sie denn nicht dass ich nicht anders kann als vor Ihnen knien«
Dieser junge warme Ausbruch des Gefühls tat mir unsäglich wohl Ich sagte
»O Wilderich es ist doch wunderschön wenn das Herz den Regenbogen der
Empfindung und sei es nur auf Sekunden über unser graues Lebensgewölk
wirft«
Er hatte sein Gesicht in meine Hände und auf meine Knie gelegt Ich hob
seinen Kopf empor an seinen Wimpern hingen Tränen Sanft legte ich meine Hand
über seine Augen und sprach
»Ich bin wie die Männer ich kann in lieben Augen keine Tränen sehen«
Und ich bog mich herab um seine Stirn zu küssen Aber eine fürchterliche
Erinnerung schmetterte urplötzlich wie ein Wetterstral durch meine Seele Ich
lehnte mich zurück ließ die Hand sinken und sprach ruhig
»Und nun genug lieber Wilderich dieser Augenblick ist mir süß und freudig
gewesen wie eine Frühlingsblume die man im Spätherbst unter welken Blättern
findet Ich wünschte sie nie zu vergessen Leben Sie wohl bis zum frohen
Wiedersehen«
Ich gab ihm die Hand und verließ den Salon Wie oft habe ich es später
beklagt ihm jenen Kuss nicht gegeben zu haben er hätte vielleicht Wilderichs
Lippen gelöst und den wahren Zustand seiner Seele zur Sprache gebracht Er kann
Wunder tun ein Kuss kann die Herzen entsiegeln oder besiegeln die in
Beklommenheit und Schwankung zitterten Aber ich in der Verkehrtheit meines
Herzens verstand nie nie das Rechte zu treffen Am Abend des andern Tages war
ich mit Benvenuta in Ouchy Sie war unterwegs noch viel betrübter Sie sprach
gar nicht von Wilderich was mir unnatürlich vorkam da sie ihm nicht Lebewol
gesagt hatte aber ich ließ sie gewähren denn ich hatte Scheu etwas anzurühren
oder aufzustören was vielleicht der Stille bedurfte um klar zu werden Es ist
unsäglich schwer ein junges Wesen zu verstehen das sich selbst nicht versteht
Die Mütter behaupten freilich immer sie kennten ihre Töchter bis in die Seele
hinein ich möchte behaupten dass sie durch immer neue und die allergrössten
Überraschungen zu dieser Kenntnis gelangen
Die ganze Erziehungsanstalt war durch den Tod der Vorsteherin in Auflösung
Deren Tochter Gabriele ein durch Geist und Bildung ausgezeichnetes Mädchen war
bei einundzwanzig Jahren noch nicht erfahren genug um den Platz der Mutter
auszufüllen und die Oberlehrerin genoss nicht eines so unbedingten Vertrauens
Ich war schnell entschlossen und bot Gabrielen an als Benvenutas
Gesellschafterin zu mir zu kommen Das erfüllte beide Mädchen mit Freude und
Dank Binnen acht Tagen waren die alten Verbindungen gelöst die neuen geknüpft
und Benvenuta bat mit freudig überwallendem Herzen
»Nicht wahr Mama nun gehen wir geschwind nach Grindelwald zurück«
»Es wird sehr eng für uns drei in der Kottage sein« entgegnete ich um zu
erfahren welche Sehnsucht sie dahin treibe
»O Gabriele und ich wir werden uns schon zusammen in einem Zimmer
vertragen wir sind daran gewöhnt Ach Mama es ist so lieb so herzig in der
Kottage von Grindelwald wie nirgends sonst«
»Auch nicht in Deinem geliebten Engelau«
»Nein nirgends«
»Im vorigen Herbst gefiel sie Dir doch gar nicht besonders«
Benvenuta wurde purpurrot und erwiderte verlegen und schüchtern
»Jetzt aber sehr ich meine im Frühling sehr«
»Es wird aber jetzt nicht so munter dort sein weil Wilderich fehlt« sagte
ich unbefangen zum ersten Mal seit seiner Abreise seinen Namen aussprechend
Sie erbleichte und schloss momentan die Augen als habe sie eine heftige und
schmerzliche Erschütterung empfunden Ich sah dass sie unfähig war mir eine
Antwort zu geben die arme Kleine darum fuhr ich gelassen fort
»Indessen wird er ja auch bald wieder kommen«
»Ist es möglich« rief Benvenuta durch namenlose Freude über ihre
Schüchternheit emporgehoben
»Wenn Du es wünschest ist es gewiss Wilderich kommt wohin es sei sobald
ich ihm nicht ausdrücklich schreibe er solle nicht kommen und dies würde ich
nur in dem Fall tun dass er Dir gleichgültig wäre und dass Du mir den Auftrag
gäbest ihm das schonend beizubringen«
»Wenn er kommt Mama so ist es mir ganz einerlei ob wir hier bleiben oder
nach Grindelwald oder sonst irgend wohin gehen sagte Benvenuta wieder ganz
blöde und errötend Aber glaubst Du wirklich dass mein Wunsch ihn wiederzusehen
Einfluss auf sein Kommen oder Nichtkommen haben könnte«
»Ich glaube es nicht sondern ich weiß es am Abend in Bern hat er es mir
gesagt Er wünscht innig Dich wiederzusehen um Deine Neigung gewinnen und Dein
Herz fesseln zu können Und dazu hab ich ihm Hoffnung gemacht«
»O Mama wie himmlisch gut bist Du« rief Benvenuta und warf sich entzückt
in meine Arme
Gleich nach diesem Gespräch schrieb ich an Wilderich
»Es ist so eben bestimmt worden lieber Wilderich dass wir für den ganzen
Sommer nach Grindelwald gehen Sie wissen also wo Sie uns finden und dass Sie uns
willkommen sein werden in dem Fall dass Sie Ihren Entschluss nicht geändert
haben Zuvor müssen Sie aber fein ruhig Ihre vierwöchentliche Badecur abmachen
Den großen Festen des Lebens muss man gesund und kräftig entgegen gehen Adieu
Wilderich Eine Menge angenehmer Dinge die Sie vermutlich wissen mögten mag
ich nicht schreiben weil sie unendlich viel lieblicher zu hören und zu sagen
als zu lesen und zu schreiben sind Gott mit Ihnen«
In Grindelwald erhielt ich seine Antwort Sie war kurz wie mein Brief ein
unterdrücktes Freudejauchzen ein Herzpochen der Seligkeit Ich gab das Blatt an
Benvenuta Sie las es küsste es mit feierlicher Rührung faltete die Hände
darüber und sagte indem sie ihre schönen unschuldigen Augen tränenvoll zum
Himmel aufschlug
»Gott wie danke ich Dir dass es wirklich wahr ist«
Übrigens sprach sie nach ihrer Art fast gar nicht von Wilderich weder mit
mir noch mit Gabrielen allein ich sah an ihren Beschäftigungen dass er der
Mittelpunkt ihrer Gedanken war Mein Bild unter der Tanne am RosenlauiGletscher
machte sie im Original und in der Kopie fertig und alle Spaziergänge die
Wilderich mit uns gemacht suchte sie als die schönsten und liebsten auf Je
näher der Tag seiner Ankunft rückte um desto bewegter wurde sie
»Ich glaube ich freue mich zu sehr ihn wiederzusehen sagte sie am Morgen
des Tages dessen Abend ihn bringen sollte Wenn nur dem Dampfboot auf dem Tuner
See kein Unglück geschieht«
»Und wenn eins geschähe« fragte ich
»Dann wär es aus und vorbei« sagte sie so merkwürdig gefasst dass ich
staunend fragte
»Was wäre aus und vorbei seltsames Kind«
»O ich weiß nicht was ich denke nur Alles«
»Beruhige Dich Benvenuta das Dampfboot wird friedlich seinen Weg machen
und um acht Uhr Abends wie er es geschrieben hat wird Wilderich hier sein
sonst gewiss morgen früh«
Um acht Uhr Abends war Wilderich nicht da nicht um neun und auch nicht um
zehn Benvenuta war fast bewusstlos vor nervoser Unruh
»Er hat in Interlachen weder Wagen noch Pferde bekommen können wie das in
dieser Jahreszeit bei großem Fremdenzudrang ziemlich häufig geschieht morgen
zum Frühstück ist er hier« wiederholte ich wohl funfzig Mal aber ich selbst
geriet in fiebernde Aufregung und bat Gabriele Benvenuta zum Schlafengehen zu
bewegen Das geschah Ich aber warf mich halbtodt vor Erschöpfung auf die
Chaiselongue die auf dem Altan stand und lag dort gedankenlos von
unerklärlicher Angst befallen bis gegen Mitternacht
Rasche Schritte draußen auf dem festen Wege weckten mich aus meiner
Letargie Ich sprang auf bog mich über den Altan und fragte halblaut
»Sind Sie es Wilderich«
»Freilich bin ich es« rief er und sprang in großen Sätzen die Freitreppe
zum Altan hinauf
»Aber warum so entsetzlich spät« fragte ich ganz matt und gab ihm die Hand
»Der Maschine des Dampfboots geschah ich weiß nicht was für ein Unfall der
uns über zwei Stunden aufhielt Dann fand ich kein Pferd in Interlachen Um die
Nacht dort zu bleiben fehlte mir die Ruhe ich nahm einen Burschen der meinen
Mantelsack trug und wanderte zu Fuß von dannen Eine unbestimmte Hoffnung
flüsterte mir zu dass Ihre Gewohnheit tief in die Nacht hinein zu wachen Sie
gewiss auf dem Altan festhalten würde Da konnte ich Sie sehen oder Ihr Kleid
oder das Licht in Ihrem Zimmer oder doch wenigstens die liebe Kottage
und so bin ich hier selig wie nie ein Mensch gewesen ist«
Auf der Brustwehr des Altans stand eine Reihe von Nelkentöpfen Aber nicht
steif an Stäbe gebunden war die schöne Blume sondern lang und geschmeidig wie
es der Gebrauch in den SchweizerBauerhäusern ist fiel sie mit ihren feinen
Blättern graziös über die Brustwehr herab und bildete eine Art von Teppich oder
Behang über derselben Ich hatte mir einen Strauss gepflückt dessen gewürziger
Duft mich erquickte und während Wilderich hastig bis zur Atemlosigkeit sprach
drückte ich mein Gesicht ein Paarmal in die frischen kühlen Blumen denn es
lastete eine gewitterhafte Schwüle auf der ganzen Natur
Als Wilderich schwieg nahm er mir plötzlich den Nelkenstrauss aus der Hand
und bedeckte ihn mit Küssen Ein namenloses Entsetzen kroch bei dieser
leidenschaftlichen Bewegung wie eine Schlange an mich heran Wir saßen auf dem
Altan der durch die Lampe im Salon und durch den überwölkten Sternenhimmel nur
matt erleuchtet war so dass ich Wilderichs Gesicht nicht deutlich sehen konnte
allein es gibt Momente wo man den Ausdruck eines Gesichtes fühlt ohne ihn zu
sehen und dies Gefühl war nicht beruhigend Indessen gab ich seinem letzten
Ausruf mit Fassung zur Antwort
»Wir wollen über diese Seligkeit sprechen kommen Sie herein Wilderich«
Ich stand auf aber er blieb sitzen umschlang mich heftig und rief mit
gepresster Stimme halblaut
»Nein nein nein ich mag nicht sprechen«
Ich wich zurück ging in den Salon trat an ein Fenster und sagte
»Wenn Sie zu müde oder zu aufgeregt sind um noch heute ein ernstes Gespräch
führen zu können so wollen wir es auf morgen verschieben Gute Nacht lieber
Wilderich« Ich schloss das Fenster
Er kam schnell herein »Verzeihung meine Gräfin sagte er wieder mit seinem
alten lieben innigtreuen Ausdruck Draußen ist Gewitterluft in mir ist ein
wenig Fieber ich bin die vergangene Nacht und den heutigen Tag durchfahren
zuletzt tüchtig marschirt dann die Ungeduld endlich die Freude Hier
sind auch die Nelken welche Sie draußen vergessen haben«
Er gab mir den Strauss zurück schenkte aus einer Karaffe voll Limonade die
immer auf einer Konsole stand ein Glas ein leerte es und sagte indem er sich
zu mir setzte
»Worüber befehlen Sie mit mir zu sprechen«
»Nun über das was Sie am meisten interessiert über Ihr Glück«
»Darüber ist schwer zu sprechen meine Gräfin« entgegnete er sanft und
gedankenvoll und verschränkte die Arme über der Brust
»Vielleicht schwer mit mir mit Benvenuta wird es Ihnen leichter werden«
»Was könnte ich mit Ihrer Tochter über mein Glück zu sprechen haben Sie
wissen ja dass es einzig in Ihrer Hand liegt«
»Ja als Mutter« sagte ich bebend
»Wie das ich verstehe Sie nicht« erwiderte er unsicher und fuhr mit der
Hand über die Stirn
»Sie werden mich sogleich verstehen wenn ich Ihnen sage dass Benvenuta um
Ihre Liebe weiß und sie erwidert« entgegnete ich mit einer Entschlossenheit die
aus einer innern Folterung entsprang
Ein dumpfer Schrei rang sich aus Wilderichs Brust und bewusstlos sank er im
Lehnstuhl zurück Mir war zu Sinn als müsse der Himmel auf uns herabstürzen und
uns alle drei begraben Durch starke Essenzen weckte ich ihn aus seiner
Ohnmacht
»Ich will nicht leben wenn Sie mich nicht lieben« rief er mit einem
Ausdruck von unerhörter leidenschaftlicher Verzweiflung und begrub sein
eiskaltes Gesicht in meinen Händen
Ich war keines Gefühls keines Gedankens keines Wortes mächtig Krampfhaft
schlugen meine Zähne an einander mein Herz klopfte so unbändig dass ich mich dem
Ersticken nah fühlte Ein Bild aus der Hölle umschwirrte mein Gehirn der Mann
den mein Kind liebte liebte mich Aber die Todesangst um dies Kind lieh mir
Worte
»Wilderich rief ich dies Alles ist ein Traum ein Alp ein Unsinn nicht
wahr lieber Wilderich Sie lieben meine Tochter«
»Meine Gräfin sagte er traurig wie käme ich dazu Ihre Tochter das liebe
Kind aber doch ein Kind nur zu lieben Ich bin ihr gut wie einer kleinen
Schwester ich beschäftigte mich mit ihr und interessierte mich für sie auf das
Lebhafteste weil sie Ihre Tochter ist weil es Ihnen angenehm war uns in gutem
Vernehmen zu wissen weil es eine Verbindung zwischen Ihrem Herzen und mir war
weil ich ein Mittel darin sah Ihnen immer näher zu kommen o Sie sehen wohl
aus diesen tausend »weil« dass nicht ein Funke tieferer Empfindung sich in mir
fand Mein Herz ist kalt für Ihre Tochter meine Seele weiß nichts von ihr und
wie könnte das auch anders sein neben Ihnen Wer von uns bemerkt ein
niedliches Kind wenn eine Göttin tiefsinnig und geheimnisvoll durch unser Leben
geht«
»Aber dies Kind ist ein junges Mädchen unterbrach ich ihn das in der
zarten Einfalt seines Herzens Ihre Freundlichkeit anders und weit natürlicher
gedeutet und sich dieser Deutung mit tiefer warmer Innigkeit hingegeben hat«
»Davor hätten Sie Ihre Tochter warnen sollen gnädige Gräfin« sprach
Wilderich eiskalt
»Aber Unseliger rief ich händeringend ich deutete Ihr Wesen in dem Sinn
meiner Tochter Ich müsste rasend gewesen sein um Ihren Wunsch bei uns zu
bleiben mit uns zu leben uns wiederzusehen auf mich zu beziehen Die Jugend
passt zur Jugend Es ist unnatürlich in Ihrem Alter von einem sechszehnjährigen
blühenden Mädchen sich wegzuwenden und zu deren Mutter hin die zwanzig Jahr
älter ist«
»Ich habe nie nach Ihrem Taufschein gefragt gnädige Gräfin« sprach
Wilderich immer eiskalt
»Es ist unnatürlich fuhr ich fort gleich beim Eintritt ins Leben die Blüte
und Kraft der Empfindung in einer Richtung zu verschwenden die mit dessen
eigentlicher und ernster Bestimmung nichts gemein hat Die Liebe soll uns
tüchtig machen für die Mühsale die uns erwarten indem sie unser Glück an ein
bestimmtes Ziel knüpft an ein gemeinschaftliches Leben mit einem geliebten
Geschöpf das uns ergänzt und vervollständigt«
»Der Meinung bin ich auch gnädige Gräfin«
»Nun Wilderich wenn Sie dieser Meinung sind wie können Sie dann Ihre Liebe
an eine Frau verschwenden die durch Alter Erfahrung Verhältnisse und Richtung
gänzlich derjenigen Sphäre entrückt ist, welche Ihrer in der Gegenwart und für
die Zukunft harrt Ich bin ermattet vom Leben und Sie sind erwartungsvoll und
dürstend nach seinen Gaben Ich zweifle an dem menschlichen Glück und Sie
sehen es an diese Zweiflerin geknüpft Ich glaube nicht an die Dauer der Liebe
und Sie lieben als müsse sie in Ewigkeit fortbestehen Ich spreche nur von
inneren Verschiedenheiten Der äußeren mag ich nicht erwähnen Sie würden
erschrecken wenn ich sie Ihnen grell vor die Augen hielte«
Ich hätte lange fortreden können aber ich schwieg denn Wilderich starrte
mich wie geistesabwesend an Er hielt seinen Kopf in beiden Händen und zuweilen
überlief ein Zittern seinen ganzen Körper Als ich schreckenvoll verstummte
sprach er matt und tonlos
»Es ist aber doch grässlich so missverstanden zu werden nicht verstanden
ist schon traurig allein so missverstanden das ist noch nie geschehen Sie
Gräfin Sie mit Ihrem tiefen Blick und Ihrer ernsten Erkenntnis Sie konnten
nicht das schlichte Herz begreifen das sich Ihnen zu eigen gab O das ist
unnatürlich meine Liebe ist es nicht Das Schöne zu lieben sei die Glorie des
Lebens lehrten Sie mich Ich hab es getan weiter nichts«
»O Kind Kind rief ich mit herber Trostlosigkeit was hilft der Tiefblick
der Erfahrung und der Erkenntnis, wenn er unser Herz nicht zu Rat zieht das
eigene Herz lehrt uns das fremde verstehen und ich Sie wissen es ja lebe
in meinen Gedanken und Träumen jedoch nicht mit meinem Herzen Drum war ich
nicht glücklich an der Seite des besten und zärtlichsten Mannes drum täuschte
ich mich über Otbert in einem solchen Grade dass ich an seine Liebe für mich
glauben konnte drum erkannte ich nicht die mächtige flammende Liebe die
Fidelis für mich empfand drum wähnte ich dass Sie mit Dankbarkeit an mir und
mit einer erwachenden Neigung an meiner Tochter hingen O sehen Sie diese
schauderhafte grenzenlose Verwirrung meines Daseins Wilderich und vermehren
Sie sie nicht durch Hingebung an Ihre Schwäche«
»Ich hatte mir ein Leben geträumt sagte Wilderich mit heißer Wehmut edel
reich und gut wie Sie mir den Impuls dazu gegeben hatten Es ist etwas Großes
in Ihnen das meine Seele weit macht und da Sie dafür keinen festen
Anknüpfungspunkt gefunden so war ich stolz genug zu wähnen dass Sie ihn in mir
finden sollten und festhalten müssten Ich wollte meinen Weg gehen meine
Laufbahn machen meine Wirksamkeit auf mich nehmen mit jenem Bewusstsein der
inneren Berufung welche uns über all dessen Sorgen und Aengste erhebt Ich
wollte Sie stolz machen ja ja meine Gräfin stolz darauf dass Sie dies stille
Feuer einer unüberwindlichen Beharrlichkeit im Guten entzündet hätten Ich
wollte unausgesetzt mit Ihnen leben nicht bei Ihnen in der schönsten
Gemeinschaft die zwischen Menschen denkbar ist in einem Geist mit einer
Gesinnung zu einem Ziel stets eingedenk dass das Leben göttlich sein kann wenn
wir das Gute tun und das Schöne lieben«
»O rief ich tief bewegt das kann ja Alles so werden nur ein wenig
anders«
»Nicht so und nicht anders unterbrach er mich schwermütig Denn ein Wort
der Ermunterung wollt ich hören und das sollte heißen Ich liebe dich
Wilderich«
»O Wilderich rief ich ich will Sie lieben wie die zärtlichste Mutter den
edelsten Sohn liebt wenn Sie nur zur Besinnung über Ihre eigene Empfindung
kommen könnten«
»Ich bin über sie zur vollständigsten Besinnung gekommen und grade
jetzt meine Gräfin Da muss ich Ihnen denn der Wahrheit gemäß und auf meine
Ehre bekennen dass ich Sie nicht liebe wie ein Sohn seine Mutter«
»Übers Jahr wird es anders sein Wilderich oder doch in fünf oder zehn
Jahren«
»Ich weiß wohl dass dies Ihre Ansicht ist«
»Und Sie vertrauen ihr«
»Ich kann es nicht mehr da Sie mich so fürchterlich missverstanden haben
folglich muss Etwas in mir sein das Ihr Auge nicht ergründet und dies
Unergründliche ist vielleicht meine Liebe für Sie«
»Mein Gott ächzte ich welch ein Unstern waltet über meinem Leben dass
Alles mir zum Fluch wird was einem Andern Heil und Segen bringt Aber was
liegt an mir gar nichts desto mehr an Ihnen und an ihr mein Gott an
ihr«
»Ich fühle dass wir jetzt nicht mehr wie sonst zusammen leben können sagte
Wilderich Es soll auch sogleich anders werden«
Er stand auf und ging einmal durch den Salon als wolle er jeden Gegenstand
der ihn füllte in seine Seele prägen Das Bild vom Rosenlaui Original und
Kopie zierlich in purpurfarbenen Sammt eingerahmt stand auf der Staffelei Er
nahm eins derselben betrachtete es und sagte
»Es ist gut ich nehme es mit mir« kehrte dann zu mir zurück kniete
vor mir nieder und sprach in einem Ton der durch seine Ruhe mein Herz beben
machte
»So leben Sie denn wohl meine Gräfin ich bitte Sie nicht um Verzeihung für
meine Liebe das wäre eine Schmach für mein Herz aber dafür dass ich Ihren
Wunsch hinsichtlich Ihrer Tochter nicht erfüllen kann Zum Beweis Ihrer
Vergebung geben Sie mir einen Kuss und dann leben Sie wohl ich sehe Sie nie
wieder ich verdamme mich selbst zur ewigen Trennung«
»Sie dürfen nicht fort Wilderich sagte ich ganz außer mir und umklammerte
seine Hände Benvenuta liebt Sie Ich selbst habe die Hoffnung in ihr geweckt
die Gewissheit ihr gegeben dass Sie sie liebten Sie zagte sie zweifelte ich
zweifelte nicht Sein Sie barmherzig machen Sie mich nicht meiner Tochter
gegenüber zur Lügnerin ersparen Sie ihr und mir den grässlichen Schmerz woran
ich weiß nicht was für ein sündhafter verbrecherischer Anstrich klebt dass Sie
die Mutter lieben besinnen Sie sich ein Jahr zwei Jahr auf Ihren Irrtum auf
diese Täuschung Ihres schönen warmen dankbaren Herzens O Wilderich wenn Sie
mich je geliebt haben so erbarmen Sie sich meiner«
Er war aufgestanden und sagte nun langsam und beklommen
»Wie ist es denn aber möglich mich nicht zu verstehen wenn ich doch sage
und wieder sage ich liebe Sie«
»Ich verstehe nichts nichts gar nichts als dass ich meine Tochter
vielleicht fürs Leben elend gemacht habe wenn Sie nicht Erbarmen haben«
»Meine Gräfin wie kann ich das« fragte er sanft
In einem Paroxismus von Schmerz sank ich vor ihm nieder und flehte mit
gerungenen Händen
»Wilderich Sie müssen meine Tochter lieben«
Angstvoll hob er mich auf und rief
»Um Gotteswillen Sie sind außer sich fassen Sie sich dann werden Sie
einsehen dass Sie Unmögliches von mir verlangen Ich liebe nicht Ihre Tochter
kann und werde sie nie lieben denn bei dem bloßen Gedanken packt mich ein
namenloses Grauen Und gar sie zu heiraten das wäre sündhaft das wäre
verbrecherisch Und dann wissen Sie ja auch setzte er schwermütig lächelnd
hinzu dass ich kein reiches Mädchen heiraten mag«
»Sie scherzen und mir zerspringt der Kopf oder das Herz Wilderich was
soll ich denn morgen meiner Tochter sagen wie soll ich ihr gegenüber treten
wie ihre Fragen ihre Unruh vielleicht ihre Klagen oder Vorwürfe aushalten ich
muss umkommen in dieser Qual«
»Sagen Sie ihr meine Gräfin ich sei tot«
»Wieder eine Lüge und sie wird es nicht glauben«
»Oder sagen Sie ihr ich hätte mich als unwürdig erwiesen ich sei ihrer
nicht wert leichtsinnig Spieler unbeständig was Sie wollen«
»Ich soll Sie verleumden Wilderich«
»O rief er lebhaft es ist mir ganz gleichgültig was Benvenuta von mir
denkt ich sinne nur auf Erleichterung für Sie«
»Wollen wir einmal ruhig überlegen sagte ich da ich ihn so sehr gesammelt
sah Wilderich erfinden Sie einen Brief von Ihrer Mutter der Sie plötzlich
zurückgerufen hätte Eine Unzufriedenheit mit der Neigung welche Sie in so
früher Jugend fesselt ein Verlangen zuvor Rücksprache mit ihr zu nehmen würde
nicht ganz unwahrscheinlich sein Einige Zeit würde darüber hingehen und
Benvenuta vielleicht gleichgültiger werden oder Sie können sich ändern Wenn
Sie uns in zwei oder drei Jahren wiedersehen staunen Sie vielleicht über Ihre
jetzige Verblendung«
»Möglich meine Gräfin möglich« sagte er mit einer himmlischen Sanftmut
denn ich sah an seinen entstellten Zügen und seiner leichenhaften Blässe wie
sehr er litt und welche ungeheure Gewalt er sich antat um nicht in Ausbrüche
von Schmerz und Leidenschaft zu verfallen Aber ich hatte kein Mitleid mit ihm
ich dachte nur an Benvenuta nur an ein Mittel den Schlag zu lindern der ihr
bevorstand Ich bat ihn einen Brief zu schreiben des obigen Inhalts Er
entgegnete
»Mir ist als käm ich von der Folterbank der Kopf wüst und schwindelnd die
Hände lahm«
»Desto besser dh unruhiger und schmerzvoller also passender für unsern
Zweck wird er sein« erwiderte ich unbarmherzig drängte ihn zum Schreibtisch
und schob ihm Papier und Feder zu
»Also in dieser Weise soll ich die letzte Stunde unsers Zusammenseins
verbringen« rief er
Ich sah ihn nur bittend an Er setzte sich und schrieb was ich ihm
angedeutet hatte Während er schrieb ging ich auf und nieder und überdachte
Alles was ich an Benvenuta sagen wollte Im September sollte eine Reise nach
Italien und ein längerer Aufenthalt daselbst ihren Gedanken eine ganz andre
Richtung geben und wie eine noch spätere Zeit sich gestalten würde musste ich
äußern Fügungen und inneren Umgestaltungen überlassen Nachdem ich mich
einigermaßen über Benvenuta beruhigt hatte kehrte sich doch endlich meine
Teilnahme auf Wilderich Er hatte den Brief vollendet überschrieben und
gesiegelt und saß unbeweglich am Schreibtisch die Arme fest über der Brust
verschlungen Ich legte die Hand auf seine Schulter
»Dies ist Ihr erster Schritt ins wirkliche Leben Wilderich sagte ich das
erste Glied der langen Kette genannt Enttäuschung aus der wir uns heraus oder
hinein ich weiß nicht recht wickeln müssen Das darf Sie nicht zu Boden
werfen nicht einmal momentan Ich weiß auch dass Sie es überwinden werden aber
weil Sie doch einmal dahin kommen so sei es lieber gleich Werfen Sie mit einem
starken Entschluss die unnütze Last ab schütteln Sie den Druck von der Brust und
die Wolke von der Stirn und sein Sie tapfer«
»Wenn ich Ihrem Rat folgte entgegnete er mit großem Ernst so würde ich
mich nur als leichtsinnig nicht als tapfer zeigen meine Gräfin Vielleicht
gibt es Naturen von so merkwürdiger Spontaneität oder von so eiserner
Willenskraft dass sie auf der Stelle Herr ihrer selbst werden können. Ich kann es
nicht Ich brauche Zeit um mich zu sammeln zu fassen und zu trösten Die Gaben
sind verschieden Sie überwinden vielleicht in einer Minute wozu ich ein Jahr
brauche Und dann sind mir auch die Ereignisse meines Lebens wichtig mögen sie
Anderen noch so dürftig erscheinen Ich will sie nicht gleichgültig bei Seite
schieben oder fallen lassen und zu etwas Anderem übergehen sondern vielmehr bis
in den Kern hinein ihre Bitterkeit oder ihre Süße kosten und mein Wesen mit
ihnen nähren damit sie in dessen Nerv Blut und Kraft übergehen Gefühle
Begegnisse Empfindungen die so zu sagen aus meinem Herzblut geboren sind kann
ich nicht willkürlich von mir abschütteln wie eine Last die etwa meinen
Schultern aufgebürdet wird Sie müssen sich in mir austoben bis zu ihrem Ziel
und dieses ist nicht der Tod denn sie hatten ein organisches Leben sondern
eine Verklärung eine Auferstehung eine Befruchtung neuer Keime ein
Fortschritt in der Wahrheit oder Selbsterkenntnis ein frischer Aufschwung So
als eine organische Entwickelung verstehe ich überhaupt das Leben so finde ich
Zusammenhang und Einheit darin und wo diese sind kann jenes zu einer großen
herrlichen Harmonie ausgebildet werden Fliegt Alles nur wie Staub an mich heran
und wieder ab so gewinnen die Gedanken und Bilder des Staubes die Oberhand und
ich werde untergewirbelt in ihrer Nichtigkeit So bin ich beschaffen meine
Gräfin und demgemäss muss ich handeln«
Ich faltete meine Hände über seinem Haupt und sagte mit massloser
Traurigkeit »O des Jammers dass Sie nicht mein Sohn sein wollen O des Glückes
mein Kind an Ihr Herz zu legen«
Da sprang er hastig auf und sagte zum ersten Mal mit einer wilden
Heftigkeit »Dies will ich nicht hören es ist Lästerung meines Gefühls für Sie
In einer hohen Empfindung missverstanden zu werden vom Pöbel ist natürlich von
Gleichgültigen ist erklärlich aber von einem edlen und befreundeten Wesen
das ist ein scharfer Dorn welcher den Schmerz sehr wild macht Was soll mir
dies Kind und immer dies Kind es ist mir verhasst da ich die Mutter liebe«
Und sich mit aufflammender Leidenschaft vor mir niederwerfend rief er »Ja ich
hasse es denn es steht zwischen Ihnen und mir Sie würden mich lieben wenn es
nicht da stände Sie opfern mich und vielleicht sich selbst den exaltirten
Phantasien eines Kindes das sich einbildet beim ersten Schritt aus der
Kinderstube einen Geliebten finden zu müssen Wie kommt sie dazu grade auf mich
ihre Wahl zu werfen Vier Wochen voll brüderlicher Intimität berechtigen doch
warlich nicht dazu«
»Ich kann Ihnen mit denselben Fragen antworten unterbrach ich ihn kühl Wie
kommen Sie dazu bei Ihrem ersten Schritt aus der Schule sich für eine Frau zu
fanatisiren die Ihnen während vieler Monate keine andre Berechtigung gegeben
hat als die eine mütterliche oder schwesterliche Freundin in ihr zu sehen«
Ich hob ihn auf und fuhr sanft fort »Nein Wilderich Schuld ist nicht bei
Ihnen nicht bei meiner Tochter nur bei mir Weil ich ohne Herz bin drum
verstand ich Eure Herzen nicht und tappte so hin in der Dämmerung meiner uralten
Träume Vergeben Sie mir den Schmerz den ich Ihnen hätte ersparen können mein
lieber Wilderich ich will Ihre Vergebung als ein Wahrzeichen betrachten dass
keine Rachegeister aus diesem trüben Wirrsal sich gegen mich erheben
Wiedersehen können wir uns nur unter einer Bedingung die ich nicht aussprechen
darf«
»Weil ich sie nicht erfüllen kann warf er ein Auf diesen Brief meine
Gräfin werden Sie schon eine Fabel zu bauen wissen welche Ihre Tochter auf
dasjenige vorbereitet was unvermeidlich ist Unsre Trennung ist es auch drum
sei der Abschied kurz ich fühle dass ich matt werde«
Ein krampfhaftes Zittern flog um seine Lippen und seine Augenlider sanken
müde und krank über die trüben Augen herab Ich dachte mit Entsetzen an die
Möglichkeit dass er vor Erschöpfung vielleicht nicht mehr mein Zimmer verlassen
oder auf dem Wege zum Gasthof ohnmächtig werden könne
»Kommen Sie mein armes liebes krankes Kind sagte ich und nahm seinen Arm
ich bringe Sie zur Ruhe«
Mit unnachahmlicher Innigkeit des Ausdrucks und der Bewegung warf er einen
langen Blick durch das ganze Zimmer grüßte es mit der Hand und sagte
»Lebewol du liebes unvergessliches Haus«
Dann ergriff er das Bild und ließ sich von mir über den Altan die
Freitreppe hinab und auf den Weg zum Gasthof führen
»Schlafen Sie ein Paar Stunden bat ich ihn unterwegs Sie sind noch
angegriffen von Ihrer Badecur und die Nerven furchtbar erschüttert Nicht bloß
den Festen des Lebens wie ich Ihnen nach Baden schrieb auch dessen Kämpfen
und Schlachten muss man mit dem Panzer einer stählernen Gesundheit entgegen
gehen Wenn Sie mich wirklich lieben so machen Sie mir Ehre und sein Sie
stark«
»Ich werde es sein entgegnete er Ich werde schlafen und morgen über den
RosenlauiGletscher nach Meiringen gehen Das war der Weg der mich vor
dreiviertel Jahr in dies geliebte Tal zur »guten Frau von Grindelwald« brachte
und beim Rosenlaui hatte ich meinen letzten seligen Tag Mit diesen Bildern und
Erinnerungen kehr ich heim nach Wildeshausen Dann weiter ins Leben wie
Gott will«
Überwältigt von heimlich nagendem Gram sagte ich
»Es wird ein mühseliges Leben sein mein Wilderich Solche diamantene Herzen
wie das Ihre schafft Gott nicht umsonst Klar rein fest und schroff wie der
Diamant muss es in schwerer Arbeit sich selbst und Andere schleifen Verbrennen
kann der Diamant nicht schmelzen wie der Rubin der dann Glanz und Feuer
verliert und trübe wird Es gibt auch Rubinherzen Kind aber ein diamantenes
ist höher Denk daran«
Meine Seele zitterte in der Erinnerung an Fidelis
So kamen wir zur Tür des Gastofs Wilderich pochte und bis Jemand von
Innen öffnete sagt ich
»Lebwol lebwol« küsste flüchtig seine Lippen und lief rasch von dannen
Es dämmerte schon der Morgenwind löste die nächtlichen Gewitterwolken in
einen starken Regen auf der mich durchnässte und erquickte Ich trug ein weißes
Musselinkleid keinen Hut keinen Shawl mein Haar hing aufgelöst über meine
Schultern herab So kehrte ich heim stieg die Freitreppe hinan ging langsam
über den Altan in den Salon und sank unter einer plötzlichen Erstarrung meines
Herzens bewusstlos zu Boden als Benvenuta mir freudig mit der Frage entgegen
trat
»Nicht wahr er ist gekommen«
Mein altes Herzübel das sich in dem verhältnismäßig ruhigen Zustand des
letzten Jahres beschwichtigt hatte brach mit neuer Gewalt herein Und doch
musste ich kaum zu mir selbst gekommen meiner Tochter Red und Antwort stehen
Leugnen war vergeblich Sie hatte seine Stimme gehört und es fehlte ein Bild
vom Rosenlaui Der Brief auf dem Schreibtisch befremdete sie freilich war
Wilderich hier wozu der Brief Ich half mir mit einer Unwahrheit und sagte
»Sein Inhalt ist so wichtig dass er ihn selbst bringen und für ihn so
peinlich dass er denselben nicht mündlich mitteilen wollte Wider Erwarten traf
er mich und sagte mir Alles aber ich behielt dennoch den Brief
Deinetwegen«
»Meinetwegen« stammelte sie erblassend erbrach und las ihn aufmerksam
faltete ihn dann zusammen und sagte leise »Er liebt mich nicht«
Ich hatte nicht den Mut sie des Gegenteils zu versichern Ich schwieg und
zitterte wie eine Verbrecherin welche Entdeckung fürchtet Es war mir lieb dass
jede Gemütsbewegung mich paralysirte so litt ich weniger dh mehr physisch
Benvenuta schwieg auch Sie sprach nicht mehr von Wilderich sie fragte nie nach
ihm Es war als sei er gar niemals da gewesen Und nicht bloß gegen mich
beobachtete sie diese Zurückhaltung sondern auch gegen Gabriele welche ich
gebeten hatte mit möglichst linder Hand die Wunde ihres Herzens zu sondiren
Nach einiger Zeit sagte mir Gabriele ihre Bemühungen wären umsonst und fügte
hinzu
»Es kommt mir vor als fände ich in ihr nicht sowohl eine Wunde als ein
Grab«
»Und über dem Grabe wachsen Blumen« sagte ich mit Zuversicht zu meinen
Erfahrungen
Das war ein trauriger Sommer Ich fast immer leidend Gabriele in Trauer um
ihre Mutter Benvenuta still und ernst vor der Zeit eingeweiht in das große
Geheimnis des Schmerzes Nichts interessierte sie sie sprach keinen Wunsch und
keine Hoffnung aus Es war ihr gleichgültig ob wir zum Winter nach Italien oder
nach Engelau gingen oder in der Kottage blieben Sie las und zeichnete sie ging
und ritt spazieren sie besorgte kleine häusliche Verrichtungen mit großer
Pünktlichkeit und großer Sanftmut aber ohne Teilnahme und Freude Ihre
liebliche Heiterkeit war ganz von ihr gewichen und ihr liebes Gesicht auf dem
der wundervolle Schmelz der ersten Jugendblüte lag ward blass und welk
Unerhörte Angst um sie und ein unerhörter Gram über Wilderichs Verblendung der
sich zuweilen zu zürnendem Groll steigern konnte marterten mich in einer Weise
die mir bisjezt unbekannt geblieben war Es gab Momente wo ich sie Beide
hartnäckige eigensinnige Kinder nannte welche durch ihren Trotz Unheil auf
sich selbst und auf Andere herabziehen würden
Im September entschloss ich mich zur Reise nach Italien Beim Abschied von
Grindelwald schien Benvenutas Herz brechen zu wollen Dies waren nicht Tränen
wie die Jugend sie weint ein Frühregen auf welchen der schönste Tag folgt es
waren Blutstropfen aus einer tötlich verwundeten Seele In Genf erkrankte sie
bedenklich Der Arzt erklärte ihre Nerven müssten einen gewaltsamen Stoß erlitten
haben und müssten durch woltätige Einflüsse von Luft Klima Zerstreuung und
Freude gehoben und ermuntert werden Blieben sie in dem gegenwärtigen Zustand
so sei Melancholie oder Abzehrung zu fürchten Ich dachte an meine arme Mutter
bei der auch Seelenleiden die traurige Krankheit herbeigeführt hatten und
erbebte Nicht mehr über mir sondern über der reinen Stirn meines Kindes sah ich
den Unglücksstern schweben der mein Dasein beherrschte
Wir gingen nach Neapel Dort und in Sorrent verlebten wir ein Jahr o Gott
welch ein Jahr Eine Dolchspitze berührte meine Brust anfangs nur drohend aber
bald eindringend ganz allmälig Tag um Tag ohne Barmherzigkeit ohne Gnade
und als sie bis zum Heft mich durchbohrt hatte starb Benvenuta Sie starb am
Tage Allerseelen als sie siebzehn Jahr alt wurde Sie starb in Sorrent in
demselben Hause wo ich mit ihrem Vater meinen Liebesfrühling verlebt hatte Sie
starb an einer Nervenverzehrung wie die Ärzte es nannten Ihr Organismus sei
überangestrengt meinten die klugen Männer entweder durch zu anhaltende
geistige Arbeit oder durch zu rasches Wachsen des Körpers. Vielleicht haben sie
Recht vielleicht kam Eines zum Andern um sie aufzureiben Aber ich meine sie
starb an dem Gefühl für welches sie der Natur und ihrer Bestimmung zu Folge
hätte leben und glücklich leben sollen Durch mein unheilvolles Sein wurde es
unheilvoll für sie und ich die an keine Macht und Dauer der Gefühle glaubte
musste meine Tochter daran sterben sehen Sie verging sie schwand dahin
sie ward immer stiller und stummer Die Komödie einer allmäligen Entfremdung und
Ablösung Wilderichs die ich mir anfänglich ausgedacht hatte ich nie vor ihr
spielen können Ihre Augen sahen so seltsam wissend aus Überdas ließ sie jedes
Wort jede Andeutung die zu einem Gespräch über ihn hätte führen können
augenblicklich fallen Nur in ihren allerletzten Tagen sagte sie einmal zu mir
»Grüße Wilderich wenn Du ihn wiedersiehst«
»Ich werde ihn nicht wiedersehen« sagte ich um irgend etwas zu sagen
»O doch jetzt grade wirst Du es können« erwiderte sie mit Überzeugung
Ich schüttelte schweigend und verneinend den Kopf Später begann sie
»Ich hätte eine Bitte liebe Mama Versprich mir Wilderich wiederzusehen«
»Ich kann Dir das nicht versprechen Kind Es hängt nicht von mir allein ab
und Wilderich hat gar kein Interesse glaube mir mich wiederzusehen«
»In Allem was Du von Wilderich sagst verzeihe mir kann ich Dir nicht
glauben denn ich weiß es besser Er wird glücklich sein wenn er wieder nach der
lieben Kottage von Grindelwald kommen darf«
»Benvenuta Du weißt nicht wie weh Du mir tust«
»Ich weiß es wohl und darum hab ich nie mit Dir über Wilderich gesprochen
entgegnete sie und küsste meine Hand Nachdem ich in jener Nacht seinen Brief
gelesen und Dich so verstört gesehen hatte wusste ich dass er nicht mich sondern
Dich liebe«
Ich winkte ihr zu schweigen ich fühlte mich hinsterben wie unter dem
Richtbeil Sie wusste also dass ihre Mutter ihre Nebenbuhlerin war Mir
vergingen die Sinne, Gedanken Worte Was sollte ich ihr erklären wie mich
rechtfertigen ich kam mir schuldbeladen vor als habe ich eine Todsünde
begangen Als Rächer für die lange Verkehrtheit meines Lebens stand diese Minute
wider mich auf diese grässliche wo der Gipfel aller Verkehrtheit in dem Wort
erreicht ward welches die Tochter zur Mutter über den Geliebten sprach Er
liebt dich
Dies war Benvenutas letzte selbstbewusste Lebensäusserung In Phantasien mit
Letargie abwechselnd verbrachte sie noch dreimal vierundzwanzig Stunden und
träumte sich hinein in den Tod oder in das ewige Leben
Das ewige Leben Ja sie hat es denn es war ein Kern in ihr aus welchem
sich in einer neuen Phase des Daseins eine neue Blüte entwickeln kann
In die Heimat zu den Gräbern der Meinen wollte ich die geliebte Leiche
bringen Es ging nicht Ich kam nur bis Rom wo ich erkrankte An der Pyramide
des Cestius wurde sie bestattet
Als ich mich im Frühling ein wenig erholt hatte reiste ich nach Freiburg um
Astralis zu sehen Schön und lebenstralend fand ich sie aber ich fühlte mich
durchaus unfähig das vierzehnjährige Mädchen zu mir zu nehmen und die Vollendung
ihrer Erziehung und ihren Eintritt ins Leben zu überwachen Ich schrieb seit
Jahren einmal wieder an Otbert der immer in Paris im Strudel des großen und
ereignissvollen allgemeinen Lebens die Emotionen ersetzte welche seiner
Persönlichkeit nach und nach entschwanden Ich sagte ihm dass ich den größten
Teil meines disponiblen Vermögens das sich durch Benvenutas Tod mehr als
verdoppelt habe auf Astralis vererben wolle sobald ich mich überzeugt halten
dürfe dass er ihr wahrhaft ein Vater sein und nicht nach meinem Tode über ihr
Vermögen mit seinen verschwenderischen Händen herfallen wolle
Er antwortete mir tief erschüttert er werde jede Bestimmung heilig halten
die ich anzuordnen für gut fände Er bat auch mich besuchen zu dürfen aber
dankbar für seine Teilnahme und freundlich lehnte ich es ab nicht aus
Widerwillen sondern nur weil es so sehr überflüssig gewesen wäre
Die Kottage von Grindelwald sah ich auch nicht wieder Ich schenkte sie an
Gabriele die mir in meiner Jammerzeit eine treue Freundin und feste Stütze
gewesen war Sie blieb in ihrer Heimat und ich ging nach Engelau das ich schon
nicht mehr als mein Eigentum betrachtete denn nach meinem Tode fiel es meinem
Mann zu Ich ordnete aufs Pünktlichste meine Geschäfte machte für Astralis das
bewusste Vermächtnis und ein kleineres für jene beiden Brüder Wilderichs deren
Zukunft ihm Sorge machte Legate für alle meine Diener Damit waren die
irdischen Angelegenheiten abgetan und da der Aufenthalt in Engelau auf mir
lastete wie der Deckel eines Sarges so ging ich unter dem Vorwand berühmte
Ärzte zu consultiren nach einem mir gänzlich fremden Ort nach Dresden
Zwischen Dresden und Aussig hab ich mich fast zwei Jahr umher geschleppt
Auf den grünen nussbaumbeschatteten Abhängen um Schreckenstein war mir am wolsten
auf der Welt so als habe Fidelis mir diese Stätte bereitet Er hat Frieden
möge er leben möge er tot sein Er hat die Seele die ihn befähigt zum ewigen
Leben Mit diesem Bewusstsein kommt der Mensch früher oder später zum Frieden
Aber habe ich sie »Salva me fons pietatis« klingt es wie das Echo
einer höheren Welt durch meine Seele Von Rettung spricht man mir Mich dem Leben
der Menschen wiedergeben wäre das Rettung O nein Gott und ich wir wissen
es anders »Salva me fons pietatis«
Nicht gelebt hab ich durch mein Herz es rächt sich und ich sterbe am
Herzen
Fußnoten
1 Traghetti sind die Stationsplätze der öffentlichen Gondeln längs den Kanälen
und sind fast alle durch ein Madonnenbildchen beschirmt vor dem Nachts eine
Lampe brennt