Willibald Alexis
Die Hosen des Herrn von Bredow
Vaterländischer Roman
Erstes Kapitel
Die Herbstwäsche
Wenn du aus einem langen bangen Kiefernwalde kommst der von oben aussieht wie
ein schwarzer Fleck Nachtes welchen die Sonne auf der Erde zu beleuchten
vergessen und nun fangen sich die hohen Bäume zu lichten an die schlanken
braunen Stämme werden vom Abendrot angesprenkelt und die krausen Wipfel regen
sanft ihre Nadeln in den freier spielenden Lüften da wird dir wohl zu Mut ums
Herz Das Freie was du vor dir siehst sind nicht Rebengelände und plätschernde
Bäche aus fernen blauen Bergen über ein Steinbett schäumend s ist nur ein
Elsenbruch vielleicht nur ein braunes Haidefeld und darüber ziehen sich
Sandhügel hinauf in denen der Wind herrscht das magere Grün das von unten
schüchtern heraufschleicht anheulend wie ein neidischer Hund der über seinen
nackten Knochen noch murrend Wache hält Eine Birke klammert sich einsam an die
Sandabhänge ein Storch schreitet vorsichtig über das Moor und der Habicht
kreist über den Büschen Aber es ist hell da du atmest auf wenn der lange
gewundene Pfad durch die Kiefernacht hinter dir liegt wenn das feuchte Grün
dich anhaucht das Schilf am Fliesse rauscht die Käfer schwirren die
Bachstelzen hüpfen die Frösche ihren Chor anheben und dein Auge dem Luftzug
folgt der leis über die Haidekräuter streift
Es ist der stille Zauber der Natur, die auch die Einöden belebt und ihr
Auge ist auch hier denn dort hinter dem schwarzen starren Nadelwald liegt ein
weiter stiller klarer See Er hüllt sich ein wie ein verschämtes Weib in
seine dunkelgrünen Ufer und möchte sie noch fester um sich ziehen dass kein
unberufener Lauscherblick eindringt Er spiegelt sie wieder in seinem dunklen
Wasser mit ihrem Rauschen mit ihrem Flüstern Aber das dunkle Wasser wird
plötzlich klar wenn die Wolken vorüberziehen ein Silberblick leuchtet auf der
blaue Himmel schaut Dich an der Mond badet sich die Sterne funkeln Dort
ergießt der volle See sein Übermaß in ein Fliess das vom Waldrande fort in die
Ebene sich krümmt Hier bespült es Elsenbüsche die es überschatten und gierig
seine Wellen ausschlürfen möchten sickert über die nassen Wiesen und wühlt sich
dort im Sande ein festeres Kiesbett um Hügel sich windend an Steinblöcken
vorübersprudelnd und durstige Weiden tränkend Die vereinzelten Kiefern
Vorposten des Waldes wettergepeitscht trotzig in ihrer verkrüppelten markigen
Gestalt blicken umsonst verlangend nach den kühlen Wellen nur ihre
Riesenwurzeln wühlen sich unter dem Sande nach dem Ufer um verstohlen einen
Trunk zu schlürfen
Wer heut von den ferneren Hügeln auf dieses Waldeck gesehen hätte es nicht
still und einsam gefunden Zuerst hätte ein weißer wallender Glanz das Auge
getroffen dann ringelten Rauchwirbel empor und um die schwelenden Feuer
bewegten sich Gestalten Schnee war das Weiße nicht denn die Bäume röteten
sich zwar schon herbstlich aber sie schüttelten noch sparsam ihre welken
Blätter ab und die Wiesen prangten noch in kräftigem Grün Schnee war es nicht
denn es blieb nicht liegen es flatterte und rauschte auf hellen Lichtglanz
werfend und dann wieder verschwindend Schwäne waren es auch nicht die
aufflattern wollen und die Flügel wieder sinken lassen Das hätten Riesenvögel
sein müssen deren es im Havellande und der Zauche nie gegeben hat Auch Segel
nicht die der Wind aufbläht und wieder niederschlägt denn auf dem Fliesse
trieben nur kleine Nachen Auch Zelte nicht denn es bewegte sich hin und her
und wer näher kam sah deutlich zwischen den Feuern Hütten aufgerichtet
zierlich von Stroh und rohere von Kiefergebüsch
Eine Lagerung war es aber der einsame Reisende brauchte sich vor
Raubgesellen nicht zu fürchten die paar Spieße die in der NachmittagsSonne
glänzten standen friedlich an die Hüttenpfosten oder Bäume gelehnt Räuber
lachen und singen nicht so heitere Weisen und die Lüderitze lagerten wenn sie
ausritten auch nicht in entlegenen Winkeln zwischen Heide und Moor wo
Kaufleute nicht des Weges ziehen Ja wärs zur Nachtzeit gewesen der Ort war
verrufen auf unheimliche Weiber hättest du schließen können die ihre Tränke
brauen wo Keiner es sieht Aber es war noch ein heller Nachmittag und eben so
hell schallte bisweilen ein frohes Gelächter herüber untermischt mit anderm
seltsamen Geräusch wie Klatschen und Klopfen Kurz es war ein Lager allerdings
aber nicht von Kriegsknechten oder Wegelagerern nicht von Kaufleuten oder
Zigeunern welche die Einsamkeit suchen es war ein Feldlager wo mehr Weiber
als Männer waren und das Feldlager war eine große Wäsche
Von den Sandhöhen nach Mitternacht deren nackte Spitzen über das
Haidegestrüpp vorblickten konnte man es deutlich sehen In einem Sattel dieser
Sandhügel stand nämlich ein bepackter Karren Sein Eigentümer der Krämer hatte
ihn hier untergebracht außer dem Wege damit kein Späheraug Gäule noch Wagen
entdecke bevor er sich versichert was da unten vorging Selbst war er
geräuschlos vorsichtig auf eine Kiefer geklettert um auszuschauen und sein
ängstliches Gesicht heiterte sich auf Denn was er sah hatte nicht allein gar
keinen Anschein von Gefahr sondern sogar für ihn etwas Lockendes Der weiße
wallende Glanz kam von den an Seilen trocknenden Leinwandstücken her die der
Wind dann und wann hoch aufblähte Andere größere Stücke lagen zur Bleiche
weithin zerstreut am Fliess an den Hügelrändern bis in den Wald hinein Überall
war Ordnung und das waltende Auge der Hausfrau sichtbar Jeder Mägde Knechte
Töchter Verwandte und Freunde bis auf die Hunde hinab schien sein besonderes
Geschäft zu haben Die begossen mit Kannen die schöpften aus dem Fliess die
trugen das Wasser Jene nestelten an den Stricken welche zwischen den
Kieferstämmen angespannt waren sie prüften die Klammern sie sorgten dass die
nassen Stücke sich nicht überschlugen Dort hingen gewaltige Kessel über
ausgebrannte Feuerstellen und daneben standen Tonnen und Fässer Aber diese
Arbeit schien vorüber nur auf den einzelnen Waschbänken die in das schilfige
Ufer des Fliesses hineingebaut waren spülten noch die Mägde mit
hochaufgeschürzten Röcken und zurückgekrämpten Aermeln Es war die feinere
Arbeit die man bis auf die Letzt gelassen die Jede für sich mit besonderer
Emsigkeit betrieb Da gab es mancherlei Neckereien zwischen dem Schilf Wollte
aber ein Mann in die Nähe dringen ward er unbarmherzig bespritzt Ja einem
Herrn im geistlichen Habit der Miene machte sich durch das Schilf zu
schleichen ward von eine der losen Dirnen ein ganzer Eimer gegen den Kopf
gegossen Ein Glück dass er bei Zeiten ausbog und mit einem Paar Tropfen aufs
Gesicht kam er davon und die Dirne mit einem drohenden Finger Den andern legte
der geistliche Herr schnell auf den Mund mit einem bedeutungsvollen Blicke
denn er sah die gebietende Hausfrau herankommen
»Ach meine gnädige Frau von Bredow auf HohenZiatz« mit den Worten und
einem frohen Atemzuge ließ sich der Krämer schneller als er hinaufgeklettert
von seinem Baume herab Darauf ging er an sein Geschirr putzte die Pferde und
schirrte sie an zum Aufbruch Die hält ihre große Herbstwäsche ab hätte ich das
früher gewusst es hätte was zu verdienen gegeben »Abers ist ja noch nicht zu
Ende und fällt wohl noch zuletzt was ab« Er brachte die Hand an die Stirn und
ehe er in den Weg einlenkte lüftete er die Wagendecke schnürte und schnallte
und packte Unterschiedliches um Einiges versteckte er und andere Packete legte
er oben auf wie es ein guter Kaufmann tun muss der seine Kunden kennt und
weiß was ihnen ins Auge sticht und was ihnen missbehagt
Die große Herbstwäsche wars der Frau von Bredow auf HohenZiatz »Der
Winter ist ein weißer Mann« sagte sie »Wenn er ans Tor klopft muss das Haus
auch weiß und rein sein dass der Wirt den Gast mit Ehren empfangen mag«
Ihr Gast der Dechant hatte zwar gesagt »Der Winter ist ein ungebetener
Gast den stellt man hinter die Tür« aber die Edelfrau hatte erwidert »Das
mag vor Alters gepasst haben ehrwürdiger Herr als es noch keine geistliche
Herren gab Itzund wissen drei ungebetene Gäste in jedwed Haus zu dringen wie
mans auch zuschliesst sie finden immer eine Ritze der Winter die Wanzen und
die Pfaffen«
Der Dechant hatte dazu gelacht hatte doch die Edelfrau beim großen Kehraus
in der Burg auch sein Bündel mit auf die Wagen werfen lassen was ihn der Mühe
überhob dass ers nach Brandenburg mitnahm wenn er mit dem einen ungebetenen
Gaste dem Winter in seine warme Klause zurückkehrte
Eine Herbstwäsche war im Schloss HohenZiatz eine Verrichtung Eine große
Arbeit war es wo die Knochen sich rühren mussten aber ein Fest auch Die
Hausfrau meinte alle tüchtige Arbeit sei immer ein Fest und wir meinens auch
Wie hatte sie das alte Haus aus und umgekehrt auf Hühnerleitern war sie selbst
gestiegen denn darin traute sie keinem andern Aug in alle Kammern und Winkel
dass jedes Wollenund Linnenstück bis zum geringsten hinab ein Sonntagsgesicht
anlegen sollte Drei Austwagen waren gepackt worden und nachdem sie zugeschnürt
mit Stricken und saubere Bastmatten darüber gelegt hatte sich die Edelfrau
selbst auf den vordersten gesetzt Das war ein Auszug aus der Burg Die drei
Austwagen voran die Mägde und Töchter der gnädigen Frau auf den zwei andern
Der Junker Hans Jochem wollte eine Leiter ansetzen dass Evchen und Agnes
leichter hinaufkämen Frau Brigitte hatte es aber nicht gelitten wie ein Ritter
aufs Pferd müsse zur Not sonder Steigbügel und Prallstein so sei eine große
Wäsche der Dirnen ihr Ehren und Schlachttag müssten sich selbst zu helfen
wissen sonst wäre es nichts mit ihnen Und ehe Hans Jochem zuspringen konnte
waren Evchen und Agnes auf den großen Zeugwagen hinauf und lachten den Junker
von oben aus
Drei Austwagen vorauf der vorderste von zwei Knechten mit Pickelhauben und
Spiessen geführt dazu ein Hornbläser um den eine Koppel Hunde klaffte Dahinter
noch andere Wagen mit Bottichen Kesseln Stroh Bänken Decken Fässern Körben
und was zur Lebens Notdurft diente vollauf Die Frau sprach lächelnd zu denen
die sich drob wunderten Du sollst dem Ochsen der da drischt das Maul nicht
verbinden Und hintenan und zur Seiten Reiter und Fußgänger mit Jagdspiessen
Armbrüsten ja einer trug sogar einen schweren Muskedonner
So zogen sie über die krachende Zugbrücke unter Musik und Gelächter und der
Türmer blies ihnen noch eine Weise nach bis sie im Walde verschwunden waren
Dass sie Hunde und Spieße und gar ein Feuergewehr mitnahmen und bald ein Dutzend
rüstiger Männer bei einem Geschäfte waren das anderwärts nur die Frauen angeht
darüber wird Niemand sich wundern der weiß wie es zu Anfang des sechszehnten
Jahrhunderts in der Mark Brandenburg aussah Wer außer den Mauern einer Burg
oder Stadt war und er trug nicht den Bettlermantel um die nackten Schultern
tat recht wenn er den Leib umgürtete auch wenn der Stahl dann etwas zu lang
hinter dem Manne klirrte Denn zu jeder guten Verrichtung gehört dass der sie
verrichtet in Sicherheit schaffe Aber dass auch Dieser und Jener von der
Sippschaft dess Hände zu fein waren um die Seile zu spannen oder die Laken
aufzuhängen ja dass sogar ein geistlicher Herr mitzog könnte verwundern wenn
wir nicht eben wüssten was es mit einer großen Herbstwäsche dazumal im Edelhofe
von HohenZiatz für Bewandtnis hatte
Die Räume zwischen den Lehmwänden und Steinmauern waren viel zu eng für eine
solche Verrichtung Wo sollte das fliessende Wasser herkommen wo die freie Luft
zum Trocknen und wo der Rasen zum Bleichen Unsere Vorväter liebten die
festlichen Zusammenkünfte im Freien und wie es vor Alters gewesen musste es in
HohenZiatz noch heute sein Da zog denn mit wems in den Mauern zu beklommen
war wer Scherz liebte und Spiel und Jagd und Neckerei denn etwas davon fiel
immer ab Aber auch Gottesfurcht musste dabei sein meinte der Dechant und die
Edelfrau auch nur dass Jeder etwas Anderes dabei meinte
Außerdem war es der Hausfrau auch vielleicht nicht unangenehm einmal
unumschränkte Herrin zu sein denn war sie es zwar wie der böse Leumund sagte
auch im Schloss so war sie es doch nur durch Klugheit und Kunst hier nach
alten Rechten denn wer in aller Welt will einer Frau die unumschränkte
Herrschaft bei der Wäsche abstreiten wenn schon kein Gesetz sagt dass es so
sein soll Und welche Herrin sie war Sie trug keinen Federbusch und keine
Schürze aber jeder Fremde fand sie auf hundert Schritt heraus Das war ein
Blick ein Falke sieht nicht schärfer Wenn sie auf einer Anhöhe stand den
linken Arm nachlässig in die Seite gestemmt die Rechte die sonst mit dem
Schlüsselbund spielte ruhig niederhängend die Füße ein wenig auseinander und
die Schuhe darunter die den Boden um einen halben Zoll eindrückten und ihr
Hals lugte aus dem Mieder der wie ein Panzer saß da sah die Frau von Bredow
doch wie ein Feldherr aus der sein Heer musterte und die Mägde sprachen
»Unsere Gestrenge die verstehts«
Das sagten sie auch nur in einem andern Ton wenn sie faul oder nachlässig
gewesen oder etwas so getan wie die Frau von Bredow meinte dass es nicht
geschehen müsse Stand sie zwar wie wir sahen fest auf dem Boden wenn sie
sah dass Alles im Schick war so war sie doch wie das Wetter herunter wo etwas
außer Schick kam Lang reden und zurechtweisen liebte sie nicht und wo sie
meinte dass einer schwer hörte da hielt sie auch die paar Worte noch für zu
viel Noch wusste der verdrossene Knecht nicht eigentlich wie es gekommen aber
jetzt hörte er vortrefflich und verstand Alles und rieb nur ein klein wenig das
Ohr oder die Schulter Eine so rührige Frau war die Frau von Bredow Loben tat
sie nicht viel sie hielts vom Überfluss denn dass Jeder täte als er muss
tun hielt sie für Lohns genug aber wem sie mal auf die Schulter klopfte
wenn sie durch die Reihen ging dem war es wie ein Tropfen starken Weines der
nach langer Mattigkeit und Bangigkeit durch die Adern rinnt und die Glieder
wieder stärkt
So war es mit der Herbstwäsche am Lieper Fluss bestellt Eine gute Stunde
abwärts von der Burg war das Lager und ein dichter Wald und ein tiefer weiter
Morast lagen dazwischen also musste im Lager nicht allein gewaschen und
gebleicht auch gekocht und gebettet gesungen und gebetet und gewacht werden
alle Vorrichtungen wie es einer Stadt Art und Sitte ist Das Gebet verrichtete
am Morgen der Dechant für Alle wenn die Schelle über der Hütte der Edelfrau
läutete das Waschen und Kochen geschah einen Tag wie den andern das Singen
und Spielen machte sich von selbst und für das Wachen sorgte die Frau von
Bredow Kein Zigeunerbub hätte einen Strumpf von der Leine kein Fuchs aus dem
Korbe ein Huhn stehlen dürfen
Eine Woche weniger denn einen Tag dauerte schon die Wäsche Vor dem
Klopfen und Klatschen waren die Fische aus dem Fluss auf eine Meile entflohen
Von den hohen Kieferstämmen wo sie nisten hatten zu Anfang die Fischreiher mit
ihren langen gelben Schnäbeln neugierig herabgeschaut Da gab es Jagd und
Kurzweil für die jungen Burschen Vor den Bolzen und Pfeilen die durch ihre
luftigen Burgen sausten hielten die zähen Tiere aus selbst wenn der Pfeil
einem den Flügel durchbohrt wenn sein Herzblut hinabträufte er gab in banger
Todesangst nicht nach er krallte sich an dem Ast fest bis die Bolzen wie der
Hagel kamen und endlich Holz Leib und Gefieder mit einander hinabstäubten und
splitterten Aber des Lärmens war ihnen doch zu viel geworden Wie viele
hunderte auch am ersten Tage über den Wipfeln gekreist mit ängstlichem Geschrei
fortflatternd und wiederkommend ob der Wirrwarr unten kein Ende nähme das
Klopfen und Hämmern das Spritzen und Wringen das Klatschen und Schwenken das
Singen und Lachen hielten sie nicht aus und am dritten Tage hatten die Tiere
den Menschen Platz gemacht und die Luft war still Auch die Frösche auf der
Wiese schwiegen am Tage nur wenn Abends die Feuer ausgingen und der Gesang
verstummte wenn die hölzernen Klöpfel ruhten und das Wasser im Fliess still
fortrann sich erholend von der Arbeit des Tages dann mischte sich ihr dumpfes
Geächze mit dem Schnarchen der Mägde mit dem Geheul der Rüden die den
aufgehenden Mond anbellten und dem Winde der gegen die Wäsche an den Seilen
schlug und die Kieferstämme daran sie gebunden waren knarren machte
Nun am sechsten Tage es war der Samstag war die Arbeit zumeist getan und
ehe denn die Abendmette von den fernen KlosterTürmen von Lehnin über die
Wälder klänge sollte aufgepackt werden Die Morgensonne am Tag des Herrn sollte
keinen Strumpf mehr an den Leinen anröten und die erste Mondsichel schon einen
wüsten Lagerplatz bescheinen Wie eifrig waren die Mägde die Klammern
abzustecken die Körbe zu häufen und die Bleichstücke zu wenden was hasteten
sich die Knechte die Stricke von den Bäumen zu lösen und zusammenzurollen und
schon rüttelten sie an den Pfosten der Hütten um zu prüfen wie fest sie noch
säßen Auch das Zeichen zum Aufbruch erscheint als ein Fest dem der zu lange
beim Feste saß ist doch jede Veränderung dem Menschen willkommen wann er des
Genusses überdrüssig wird
Die Edelfrau sah zufrieden auf das Werk hin und wie zu ihren Füßen die
Haufen immer größer wurden reine saubere Tücher auf welche die
Nachmittagssonne mit milder Wärme schien
»Ich glaube in der ganzen Zauche gerät in keinem Edelhofe die Wäsche wie
bei meiner Frau von Bredow wie pur weiß das ist« sagte der Dechant der sich
vom Feldtisch erhob wo er mit einem Edelmann aus zinnernem Becher gewürfelt
hatte
»Die Hexen hier bleichens« sprach der Junker der sich auch erhob ein
Mann in mittleren Jahren der aber etwas älter aussah als er sein mochte Sein
blonder Bart spielte ins Rötliche seine krausen Haare ins Grau über sein
Gesicht war nicht grob aber auch nicht fein die Züge schlaff aber aus den
hellblauen matten Augen schielte zuweilen ein lauernder Blick »Die Hexen hier
bleichens« sagte er »der Ort ist verwünscht Das weiß jedes Kind Muss Einer
den Mut haben wie meine Base dass sies mit den Unholden aufnimmt«
»Hats Euch in den Nächten aufgelegen Vetter Peter Melchior«
»Ich trug mein Amulet Aber an solchem Platz waschen lassen Es habens
Leute gesehen wenn auch diesmal nicht doch vor Jahren nächtig wenn sie
aufwachten Zwei graue hagere Weiber mit langen Spinnebeinen schritten übers
Zeug mit Giesskannen und draus kamen pure Strahlen Mondenschein Davon kann das
Zeug wohl weiß werden aber «
»Aber Peter Melchior Ihr wisst ja dass der ehrwürdige Herr alle Morgen
seinen Segen darüber spricht«
»Wird die Wäsche etwa davon weiß Der Dechant spricht gewiss auch seinen
Segen über die Würfel wenn er doppelt und der heckt denn er trägt ihn
jedesmal blank in der Tasche fort aber die Würfel werden immer brauner«
»Der Segen des Herrn schafft das Beste in allen Dingen« fiel der Dechant
ein und wollte wie er zu tun pflegte die Hände vor dem wohlgerundeten Bauche
falten aber es traf ihn einer der feinen schlauen Blicke der Ehefrau welche
bisweilen auf die welche sie trafen eine ähnliche Wirkung übten als wenn ihre
nicht feinen Hände mit der Wange einer Magd in Berührung kamen Sie lächelte und
der Dechant lächelte auch worüber er die fromme Bemerkung verschlucken musste
zu der sich sein Mund schon gespitzt hatte
»Wer sähe meiner Frau von Bredow den Schelm an der unterweilen aus ihrem
Auge blitzt«
»Ich meine ein Schelm sieht den andern« entgegnete sie »und wenn man in
manchem Haus aufräumen täte fände man mancherlei darin was nicht darin
gehört z B in einem Priesterhaus die Weiberröcke«
Der Dechant welcher die Augen jetzt wirklich niederschlug wollte von dem
Gesetz anheben welches zwar besage aber die Edelfrau ließ ihn nicht zu Worte
kommen Wir wissen nicht was gerade jetzt ihr die Laune zur Strafpredigt für
den langjährigen Hausfreund eingab der doch ihrer Wäsche so treulich
beigestanden hatte
»Das Gesetz sagt« unterbrach sie ihn »tue recht und scheue Niemand und
wenn du schmutzig bist wasche dich Wasser fließt überall und Jeder hat Hände
zum Reiben aber er muss nicht reiben wie Pilatus tat Wer ein gut Gewissen
hat braucht nichts zu verstecken aber wem was im Schrank tut hängen da es
nicht sein soll der muss die Türe schnell zuschlagen wenn Einer nein sieht
Blank gescheuert hat Mancher ja von außen aber wie es drinnen aussieht das
kommt auch einmal an den Tag«
»Nur zu Muhme« rief lachend der Junker Peter Melchior »wasch ihn einmal
recht er schenkts uns auch nicht wenn er auf der Kanzel steht«
»Dem Tage welchen unsere verehrte Wirtin meint wird der Gerechte wenn
auch mit Bangen doch mit Vertrauen entgegenblicken«
»Na hochwürdiger Herr« hub Frau von Bredow an und sah ihn recht scharf aus
ihren großen Augen an »Wenn an jenem Tage alle die Unterröcke so in den
Priesterschränken in die Winkel sich verkriechen oben am Himmel hängen werden
bei der großen Wäsche in Gottes Sonnenlicht da möchte ich sehen wie die Herren
vom Klerus den Kopf aufrichten wollen Da könnt ihr schwenken lassen alle Eure
Weihrauchskessel dass den lieben Engelein die Augen tränen s ist zu viel Da
muss Petrus die Hände überm Kopf zusammenschlagen und rufen Herr Gott Vater
wenn wir das gewusst dass sie auch das Kinderzeug mitbringen ich hätte ihnen ja
das Himmelstor nicht aufgeschlossen«
»Und Sanct Petrus schloss es dennoch auf und das Unreine und Sündhafte fällt
ab wie der Tau von den Pflanzen wenn Gottes Sonne strahlt Das ist das
Mysterium die unerforschliche Weisheit und Gnade des Herrn dass er in seiner
großen Haushaltung der Welt wo Alles Ordnung ist auch seine Geweihten
bisweilen sündigen lässt aber nur zu seinen unerforschlichen Zwecken Ich mag
sagen es geschieht zuweilen ihnen unbewusst aber er weiß es und weiß warum
Und wenn dann ihr Herz bange schlägt vor der Sündenlast die sie darauf wähnen
da mit einem Zauberschlag macht er die Brust frei Das befleckte Kleid dessen
wir uns schämen fällt wie Plunder vor seinem Hauche und dieweil wir noch
zittern vor dem Glanz der uns umgibt reicht er uns die Hand und spricht
Tretet ein denn ihr seid rein«
»Ohne Wäsche Dechant«
»Wer wäscht die Nebel fort am Herbstmorgen wer das schmutzige Winterkleid
der Erde und der Frühling steht da vor dem Herrn in seinem reinen Blumenkleide
von würzigen Düften umsäuselt Des Menschen Hand hat nichts dazu getan«
»Dechant ich meine in jedem guten Haus ist Reinlichkeit die erste Tugend
und wer sich auf Erden nicht gewaschen hat der kommt auch nicht rein in den
Himmel Wies in einem geistlichen Haus steht das weiß ich nicht dafür lass ich
Andere sorgen Aber wenn ich zu sorgen hätte wisst Ihr was ich täte«
»Nur zu Base« rief der Junker die Hände reibend »steckt ihn in den
Waschkessel«
»Ach was ihn allein Da müsste ein Kessel sein wie der Müggelsee und die
ganze Klerisei hinein mit allen Euren Salben und Öl Aebte Bischöfe Klöster
Nonnen und Mönche Und Lauge dazu bitter salzige und umrühren wollte ich «
»Kochen Base Ein Feuer darunter dass der Gottseibeiuns heizen müsste sonst
werden sie nicht rein«
»Das Wasser würde schwarz werden schon von Euren kleinen VersteckSünden
von der Eitelkeit der Hoffart dem Frass der Gleisnerei und Spiel und Trunk
Aber Wasser ist genug in der Mark Abgeschäumt ich würfe Euch in einen neuen
See Da sötte ich aus Eure Fleischessünden doch das ist noch nicht das größte
Eure Habsucht und Herrschsucht und wie Ihr verredet und verlästert und nun
wieder umgerührt«
»Base das überlasst dem Teufel« fiel Peter Melchior ein »Ihr hieltet den
Geruch nicht aus Lasst dem Gottseibeiuns was ihm gehört ihm ists ein
Opferduft«
Der Dechant hatte mit freundlicher Ruhe der Edelfrau zugehört ohne auf die
roheren Ausfälle des Ritters zu achten »Auf diese Weise würden wir also rein
werden vor den Menschen Wenn wir aber so ausgebleicht vor dem Herrn erschienen
ob uns dann Petrus noch das Himmelstor öffnen würde Ob er nicht vielmehr
spräche Ihr seid zwar rein vor den Menschen aber die Gnade die ich Euch
mitgab ist auch ausgebleicht Ich erkenne Euch nicht mehr als die welche ich
aussandte Vor mir wart Ihr rein auch in Euren Flecken Weil Ihr Euch von den
Menschen nach deren Wohlgefallen waschen und putzen liesset so kehret zu ihnen
zurück Mir gehört Ihr nicht mehr an«
»Da wäre vielleicht etwas dran« entgegnete die Frau nach einigem Besinnen
»Aber Ihr wisst auch dem Petrus ein X für ein U zu machen denn das ist Eure
Hauptsünde das Wortverdrehen Aus Süss macht Ihr Sauer und aus Sauer Süss je
wies Euch frommt und was Euch frommt das macht Ihr zu Gottes Willen Und was
Ihr uns zeigt ist nicht was Ihr versteckt habt und wenn Ihr einen guten Zweck
habt nämlich was Ihr so nennt o da wisst Ihr zu schwänzeln und mit den Augen zu
zwinkern und mit der Zunge zu schlängeln bis Euch der Teufel auf den Buckel
nimmt und hinträgt Und das ist alles schön und gut um der guten Absicht
willen«
Der Dechant wurde der Mühe zu antworten durch einen kleinen Aufstand
überhoben welchen die Ankunft des Krämers mit seinem Wagen im Lager veranlasste
Ein Krämer der seine Waren auf dem Lande ausbietet war in jenen Tagen ein
willkommener Gast Wer nicht kaufen wollte oder konnte freute sich doch am
Anschauen der Herrlichkeiten die ausgekramt aufgestellt und angepriesen
wurden Der wandernde Krämer war zugleich der Neuigkeitsträger die Zeitung des
Landes Er wusste auch seine Erzählung zu Gelde zu machen Aber es bedurfte der
Erlaubnis der gnädigen Frau und sie erteilte sie nur nach einigem Zögern denn
sie meinte dass die Kaufleute wie die Pfaffen mit ihren Waren die Leute
anführten Indessen ist es auch für einen so unumschränkten Regenten als Frau
von Bredow in ihrem Lager war misslich gegen den allgemeinen Wunsch ihrer
Untergebenen anzustreben Evchen bat so dringend Hans Jochem brauchte einen
neuen Gurt zu seinem Degen und sie selbst blanke Knöpfe zu einem Etwas von dem
noch viel in unserer Geschichte die Rede sein wird
Zweites Kapitel
Die Beichte
»Das funkelt ja wie Silber« sprach der Dechant indem er einen der Knöpfe gegen
das Licht hielt »Wie wirds unsern Ritter freuen wenn sie ihm so an der Seite
blitzen«
»Das wäre gar Er darf nichts von wissen Der Knecht soll sie stumpf reiben
dass sie wie die alten Bleiknöpfe aussehen Die sind bei der Wäsche abgesprungen
Dann merkt ers nicht«
»Was merkt er nicht«
»Dass es in der Wäsche war«
»So weiß er davon nichts«
»Gott bewahre Als er ins Bett getragen ward und sich noch sträubte
streiften sie ihm die Büchsen ab Da kam ich gerade zur rechten Zeit und
schnappte sie weg Wenn er ein bisschen Besinnung noch gehabt hätte er sie in
die Kissen gelegt unterm Kopf wie er immer tut seit der fatalen Geschichte an
der Mühle Wie ein Ungewitter kam er mir doch da nachgeritten als obs ein
Unglück wäre wenn die Elennshaut einen Tropfen Wasser kostete«
»War es so nötig«
»Nötig Seit der Kurfürst Johannes Cicero zur Freite ritt da ließ meines
Götz Frau Mutter seelige sie zum letzten Mal waschen«
»Freilich wenn das Leder schmutzig war«
»Man konnte das Braun nicht vom Sattel unterscheiden«
»Nun der Junker ist ein gottesfürchtiger Ritter und wenn es einmal
geschehen ist und er sie wieder rein und wohl im Stande sieht wird er sich
auch recht freuen«
»Ehrwürdiger Herr da kennt Ihr meinen Götz nicht Manchmal ist er ein
Brummbär aber wenns ihm recht in die Quer kommt kann er auch wolfstoll
werden Wie damals an der Mühle Er hielt sie in der Hand gepresst wie nen
Plumpsack so ritt er zurück und schlug um sich Meine Eva kriegte doch ne
Weffe um den Nacken Acht Tage konnte mans sehen«
»Das liebe Kind Warum denn die Eva«
»Die hatte sie ihm ja weggestohlen als er anfing zu druseln Sie kitzelte
ihm hinterm Bart wie ers so gern hat derweil reichte mirs der Schelm zum
Fenster raus«
»Die kleine Eva« sagte der Dechant mit nachdenklichem Gesicht
»Nein ehrwürdiger Herr er darfs nimmermehr wissen sonst gäbs wieder
eine solche Geschichte Er schläft«
»Noch Seit sechs Tagen«
»Lieber Gott nach solchem Gelage So kam er auch noch von keinem Landtage
zurück Ich denke immer wozu sind denn die Landtage Und wer muss das Schmausen
und Saufen bezahlen Das Land doch am Ende«
»Aber vor drei Tagen hörte ich «
»Da hat er sich ein bisschen geregt Nach drei Tagen tut ers immer Dann
gibt ihm der Kasper ne Suppe und dann dreht er sich wieder um und schläft
noch ein paar Tage Morgen wird er wohl aufwachen S ist Alles in der Ordnung
Vetter Peter Melchior wie lange saßen sies letzte Mal in Berlin«
»Grad acht Tage Muhme«
»Nun ja dann ist schon Alles recht«
»Der Götz hat wie ein guter Edelmann Allen Bescheid getan bis auf Einem
Dem Marschall tats ordentlich leid dass er den Holzendorf nicht auch noch
austrank Es war so ein schöner Landtag gewesen«
»Man hört viel Rühmens davon« warf der Dechant hin »Einmal muss doch aber
der gute Herr von Bredow aufwachen«
»Dann liegen sie vor seinem Bett als wenn er sie ausgezogen hätte und er
soll nicht merken dass sie gewaschen sind Ich lasse sie leicht durch die Asche
ziehen und auf die Knie ein bisschen Feuerheerdsrot«
»Base was hilft dann die Wäsche wenn Ihr sie wieder schmutzig macht«
lachte der Junker auf und auch der Ernst in welchen der Geistliche sein
Gesicht gezwungen hatte löste sich etwas
Die Edelfrau schien zum ersten Male um eine Antwort verlegen »Ei was sie
sind aber doch gewaschen«
Es war ein eigenes Gesicht mit welchem der Geistliche und die Edelfrau am
Saume des Waldes auf und abgingen Wer sie jetzt beobachtete hätte eine
Veränderung in Beider Mienen bemerkt Der Dechant blickte ernst mit
geschlossenen Lippen vor sich nieder während die Edelfrau mit etwas verlegenen
Blicken ihn zuweilen ansah
»Und es trieb wirklich meine Frau von Bredow noch nicht zur Beichte« sagte
er den Kopf schüttelnd doch nicht in unfreundlichem Tone
»Hier im Walde«
»Auch der Wald ist Kirche wenn das Herz drängt eine Schuld zu bekennen«
»Hochwürdiger Herr aber sie mussten doch gewaschen werden Das Leder war
versessen und braun durch und durch dass es eine Schande war und nicht wie ein
christlicher Ritter gehen soll Im Kriege nun ja da tuts nichts Aber Ihr
wisst ja was er auf das alte Lederstück hält er lässts nicht los Er wäre damit
zu Hof geritten«
»Herr Gottfried reitet ja nicht mehr zu Hofe«
»Aber zu Kindelbier zu den Landtagen Ja zum hochwürdigsten Bischof ritt
er mir zur Schande Mariä Lichtmess auf den Dom nach Brandenburg in den Büchsen
und wie er beim Heimreiten dreimal vom Prallstein aufsteigen musste und dreimal
runter fiel «
»Ist dem von Kerkow auch begegnet Auch Wilkin Stechow Der Bischof hat
herrschaftlich auftischen lassen«
»Aber die Weiber haben nicht über sie gelacht sie trugen reines Zeug am
Leibe Dass mein Gottfried vom Prallstein fiel tut ihm auch keine Schande und
dem Bischof tuts Ehre aber die Weibsen die schnippischen von Brandenburg
haben sich zugezischelt obs denn in HohenZiatz kein Wasser gebe Das ging auf
mich das ist meine Schande Das konnt ich als ehrliche Frau nicht dulden Mit
Gutem gibt er sie ja nicht Ihr wisst warum Ist denn Waschen eine Sünde«
»An und für sich betrachtet ist Reinlichkeit sogar eine Tugend aber jede
Tugend kann durch Übermaß zur Sünde werden Zum Exempel wenn man am Sonntag
wäscht und die Messe darüber versäumt«
»Heut ists ja zu Ende«
»Oder die irdische Reinigung für wichtiger hält als die der unsterblichen
Seele Wie meine Frau von Bredow treffend bemerkte hat der Herr das Wasser
geschaffen zum Waschen und gleichwie der Mensch durchs Wasser muss d h durch
die Taufe zum ewigen Heil so mag aller Kreatur das Waschen zu ihrem zeitlichen
dienen Ja es ist nichts Schlimmes dabei so der Mensch die Geschöpfe die ihm
untergeben sind dazu zwingt Er mag die Pferde und Schafe durch die Schwemme
treiben denn von selbst gehen sie nicht auch seine Kinder bürsten und
begiessen auch wenn die Kleinen sich sträuben und schreien Auch ist nichts
natürlicher als dass eine gute Hausfrau das Kleidungsstück auf welches ihr
Eheherr so viel gibt einmal gereinigt wünscht selbst wenn er es nicht
wünscht Es ist sogar löblich ja zugeben möchte ich dass sie als Hausfrau ein
Recht hätte es in die Wäsche zu tun gegen den eigentlichen Willen des Mannes
ich meine wenn er das Verbot nicht bestimmt ausgesprochen hätte Aber in diesem
Falle hatte er es getan Nicht wahr er jagte es Euch damals an der Färbermühle
ab und war sehr zornig«
»Das wohl ehrwürdiger Herr aber «
»Ihr unternahmt es dennoch einmal gegen seinen Willen wohl wissend wie
sehr es ihn kränken musst welchen Wert er darauf legte dass Niemand ihm das
Kleid berühre Ihr nahmt es auch gegen seinen Willen mit einer Hinterlist die
sogar an einen Diebstahl erinnert während er schläft oder seiner Sinne nicht
mächtig ja mehr noch die eigene Tochter habt Ihr verleitet mitzuspielen sie
musste während sie dem Vater schmeichelte ihm hinterrücks das Kleidungsstück
entwenden Ei ei welche Saat in das unschuldige Herz eines Kindes gestreut
Das alles zusammen genommen erwäge meine Tochter und antworte sich dann selbst
ob das nicht gegen das Gesetz ist das den Mann über die Frau setzte nicht
gegen die christliche Moral die keine Arglist will Summa ob es nicht eine
Sünde ist«
Der Dechant war stehen geblieben Auch die Edelfrau war stehen geblieben
»Ja ehrwürdiger Herr sie mussten aber doch gewaschen werden«
»Warum«
»Warum Ja ich will nicht sagen darum weil sie schmutzig waren Denn
meinethalben hätten sies bleiben mögen bis an den jüngsten Tag wenn er ein so
eigensinniger Narr ist Aber konnt ichs mir denn selbst vergeben wenn er mir
länger zum Gespött so rum ging Seine Ehre ist ja auch meine seiner Kinder
Ehre Ein Hauswesen ohne Ordnung ist kein Hauswesen Ja nur der Kinder wegen
Es war meine Pflicht als Mutter Es ging nicht anders Herr Dechant Aus purer
guter Absicht hab ichs getan«
»Darum also«
Die Edelfrau wusste nicht wie sie den Blick verstehen sollte
»Die großen Herren in Friesack wenn sie einmal in die Zauche kommen oder
wir kommen mal alle Jubeljahr zu ihnen ach man muss sich ja in der Seele
schämen Wir sind doch ein Blut aber wie sehen sie uns über die Achseln an Nun
ja lieber Gott wir haben kein Schloss Friesack wo sie mit Hellebarden stehen
an der Treppe und das Herz Einem manchmal ordentlich puckert wenn man auf die
Teppiche tritt Schnäbelschuhe das schickt sich nicht für unsereins Der alte
Herr Bodo mit seinem weißen Haar der ist schon freundlich Aber die jungen
Herren wenn sie so dastehen die Hände zur Seite in den Pluder gesteckt und uns
ansehen es fehlte ihnen nur noch ein Rauchstück im Maule wie der
Menschenfresser aus der neuen Welt von dem sie erzählen tun Siebzig Ellen
Tuch hat der älteste darin stecken der zweite sechzig und so gehts runter
nicht aus Brandenburg feines holländisches geschljetzt ists und mit bunter
Seide gefüttert wenn sie galloppiren glitzerts in der Sonne wie Wolken von
Morgenrot und mein Götz dagegen in dem alten Leder«
»Wenn Ihr es ihm vernünftig vorhieltet was sagte er dazu«
»Er sagt um solche Hosen sollte man mal den Beinharnisch schnallen Aber
wie oft kommt es noch Fehden solls ja nicht mehr geben Wir verbauerten ganz
sagen die von Friesack Das soll man von leiblichen Vettern sich sagen lassen
und hat ein christlich Herz im Leibe Weil wir nicht reich sind«
»Es ist gewiss ein löblich Streben vor den Blutsfreunden in Ehren zu
bestehen«
»Ach Herr Dechant wer auf sich hält vom Adel der schafft sich Pluderhosen
an Und wenn wir nach Berlin reiten die Bürgersleute schon was prunkt das in
Tuch und Seide und wie sehen sie uns an Wir haben nicht viel aber ehrlich und
adelig sein das ist unsere Schuldigkeit Und verlange ich denn dass mein Herr
Pluderhosen anlegen soll Ich weiß ja was das kostet Unvernünftig bin ich
nicht Nur was zur Ordnung gehört Weiß ich nicht so gut wie Jeder was sie von
uns im Schloss zu Köln denken Mein Götz liegt nicht auf der Landstraße Seit wir
Mann und Weib sind ein einzig Mal hat er mit Adam Kracht Einen von Magdeburg
geworfen Seitdem nimmer mehr Ich halte nichts davon und wenns auch nicht so
streng verboten wäre Was kostet das Halten von Rüstzeug die Knechte und
Pferde und unsicher bleibts immer und wie oft lohnt es denn wenn sie
wochenlang in der Heide lungern und fangen solchen Schelm von Krämer Die andern
schlagen ihre Waren dafür auf man musss doppelt bezahlen wenn mans braucht
Ich kenne das wer nicht hören will mag fühlen Die Itzenplitz sind wieder wie
toll draußen und könnten so gut leben Seine kurfürstlichen Gnaden haben neulich
zu Spandow gesagt sie könntens jedem Edelmann anriechen wer im Graben liegt
Darum sehen sie Jeden misstrauisch an der in Leder geht und nun gar in solchem
Leder Da kommen wir in schlechten Leumund ohne Schuld und können nichts
dafür Bei den heiligen eilftausend Jungfrauen Herr Dechant man muss auf sich
halten und wenns der Mann nicht tut muss die Frau Es ging nicht anders«
Der Dechant schlug die Hände zusammen und in väterlichem Tone sprach er
»Meine liebe Frau von Bredow wer wollte denn daran zweifeln dass es nicht
anders ging Ihr tatet es für Eure Kinder Eure Sippschaft und Euren Gatten
Ihr wart es ihnen sogar schuldig Ein Edelmann muss vor den Menschen von denen
die Ehre ausgeht in Ehren bleiben Wohlverstanden vor den Menschen denn der
Herr im Himmel sieht durch jedes schmutzige Kleidungsstück auf den reinen Körper
und durch den Körper auf die Seele Aber die Menschen urteilen nach dem Schein
Wäret Ihr auf einer wüsten Insel und der Waschteufel hätte Euch geplagt die
Kleider Eures Mannes zu stehlen um sie zu reiben und zu spülen da wäret Ihr im
Unrecht Ihr hättet es getan nur um Eurem Waschkitzel zu fröhnen wie es Weiber
Art ist Hier aber ist es ganz etwas anderes Hier hattet Ihr Rücksicht zu
nehmen auf Nachbarn Blutsfreunde und das Ansehen der Familie ja mehr noch auf
den jungen Kurfürsten und seine Räte welche in dem vernachlässigten rohen
Anzuge ein Zeichen roher Gesinnung erblicken Ihr setzt den der Euer Herr sein
soll der Gefahr aus missliebig vom Hofe betrachtet zu werden ja dass er beim
nächsten Anlass gefahndet gerichtet vielleicht gar verurteilt werde Denn
Niemand weiß wozu in diesen schlimmen Zeiten kleine Dinge führen Sichtlich
wollte der Herr darf man sagen durch Eure schwache Hand das Haupt Eurer
Familie retten Schmach vielleicht Blutschuld von ihr abwenden Sichtbar wird
da eine Kette von Fügungen die wir recht betrachten müssen dass der
gottesfürchtige Herr Gottfried sich in einen Zustand versetzen musste wo er
nicht mehr Herr seines Willens war dass er hinauf getragen ward als meine Frau
von Bredow gegenwärtig war dass sie über den Gang kommen musste grad als sie
ihn entkleideten dass der Allmächtige gerade auf das bewusste Kleidungsstück ihr
Auge lenkte dergestalt dass sie es rasch aufgriff bevor der mit dem Willen
seines Herrn vertraute Diener es merkte und in Verwahr brachte Und die große
Herbstwäsche musste zur selbigen Zeit sein Das sind Alles Winke von oben wie
eine Kette in einander gefügt die uns irrenden Menschenkindern Zuversicht und
Trost in unseren Zweifeln gewähren müssen«
»Es war also keine Sünde«
»Sagte ich das meine Freundin Aber sintemal jedes Ding zwei Seiten hat
und alles Irdische dem Wechsel unterworfen ist, also sind es auch unsere
Handlungen und Pflichten und wir von der Vorsehung angewiesen auch die andere
Seite ins Auge zu fassen ehe wir urteilen«
»Sie trocknen aber schon Hans Jürgen steht bei der Leine Wacht« sagte die
Frau von Bredow die wirklich nicht wusste was sie sagen sollte »Was solls
nun aber Herr Dechant«
»Nur uns erinnern meine Freundin dass wenn wir Jemand etwas verstecken
sehen ehe wir ihn darum verdammen uns zu bedenken ob wir nicht selbst etwas
Anderes versteckt halten erinnern dass die Sünde uns Sterbliche von allen
Seiten anschleicht und dass was auf dieser Betrug scheint auf jener Fügung in
Gottes Willen ist dass diese Fügung uns aber als letztes Ziel vor Augen schweben
muss bei allen unsern Wegen und dass, wenn wir mit allen den Kräften so der Herr
uns gab in guter Absicht auf das Ziel losgehen eine christliche Frau noch
nicht zu denken braucht dass wir auf des Teufels Buckel dahin reiten«
Das war nun wohl der Frau von Bredow verständlich aber wo es hinaus sollte
doch noch nicht ganz Ihre Frage verriet es
»Wenns Sünde war ich meine das von der Seite soll ichs denn meinem Götz
sagen«
Der Dechant fasste vertraulich ihre Hand und klopfte mit seiner darauf »Ich
meine wir bleiben vorläufig auf der anderen Seite stehen«
»Aber mit Küchenrot soll ich sie nicht wieder bestreichen«
»Wenn das die Täusch ich wollte sagen den stillen Glauben unseres Herrn
Gottfried länger erhält warum nicht«
»Doch die Eva das Kind mein ich ob die den Vater «
»Sie wird doch nichts ausplaudern Wenn meine Freundin es ihrem kindlichen
Sinne nur recht vorstellt «
»Was«
»Ei nun« der Dechant hatte den Arm der Edelfrau in den seinigen gelegt
um sie nach dem Lager zurückzuführen wo es laut wurde »das wird meine Frau
von Bredow am besten wissen wie man den Sinn eines Kindes über kleine
Bedenklichkeiten hinüberführt zu seiner höheren Pflicht gegen die Eltern ich
meine zumal gegen die Mutter«
Drittes Kapitel
Die Waschbank
Auch die Sonne hat ihre Flecken auch die beste Haushaltung ihre Mängel und was
wir glauben dass es ganz in der Richte sei mag unmerklich wo einen kleinen Stoß
bekommen haben und der Bau wird schief
Frau Brigitte Bredow meinte es sei Alles in Ordnung weil sie Alles
geordnet und Jeden auf seinen Platz gestellt Aber sie hatte sich darin
verrechnet dass auch der wachsamste Wächter einmal einschlafen kann und dass der
beste Mensch ein Mensch bleibt Und wer gibt denn einem Gebietiger ob er über
ein Königreich das Regiment hat oder über eine große Herbstwäsche das Recht
dass er nur gute und tüchtige Leute unter sich habe Die Welt ist bunt wir
müssen sie nehmen wie sie ist Zwischen Riesen und Zwergen ist die Auswahl und
die Krummen und Lahmen die Tauben und Blinden gehören auch dazu Der Meister
über eine große Arbeit zeigt sich darin dass er Jeden hinstellt wo er hingehört
und Jeden zu nutzen weiß nach seiner Kraft und nach seiner Schwäche
Hans Jürgen ist zu nichts gut Darum hatte man ihn hingestellt auf die
äußersten Sandhügel am Fliess wo der Wind am schärfsten wehte Da sollte er Acht
haben Worauf Wie hatten alle den armen Hans Jürgen ausgelacht und ihm den
Rücken gedreht
Der arme Hans Jürgen Er hatte doch schon sechszehn Sommer hinter sich ach
nein er zählte nach Wintern und war eines Edelmannes Sohn eines Edelmannes so
gut als Einer in den Marken zwischen Elbe und Oder und doch sagten die Leute
auf HohenZiatz er sei zu nichts gut und hier musste er Wache stehen vor einem
Stück alten Leders das wie ein Galgenmann zwischen zwei Kiefern hing Fünf Fuß
war er hoch und noch einen Zoll darüber stark genug eine junge Buche mit den
Wurzeln auszureissen auf das Fohlen in der Koppel könnte er sich werfen und wenn
die Frau es gebot ritt er drei Meilen ohne Sattel um zur Sippschaft eine
Botschaft zu tragen Sein Auge war wie der Luchs sein Bolzen traf den Vogel im
Fliegen und über Hecken und Gräben setzte er ohne Anlauf und doch wollten sie
ihn nicht ritterlich aufziehen wie seines Standes war Der alte Herr Gottfried
sagte zwar wenn er brummig war mit den Rittern sei es aus wozu sich die Sporen
verdienen da es keine Sporen mehr gebe Aber warum ließ er Hans Jürgens Vetter
den Hans Jochem der war nicht schlechter und nicht besser von Geburt reiten
lehren und tanzen in Brandenburg und nahm ihn auch zum Ringelrennen mit wo es
eines gab ja zu einem Tournier nach Meissen hatte der alte Herr ihn ein Mal
geschickt mit seinem Verwandtten dem edlen Herrn von Lindenberg dass er sich
dort umschauen solle was gute Sitte sei
Hans Jürgen war eine Waise aber Hans Jochem war ja auch ohne Vater und
Mutter Herr Gottfried und sein Eheweib hatten beide Kinder ihre Vettern zu
sich genommen in ihr Haus und versprachen sie als ihre Söhne aufzuziehen War es
darum dass Hans Jochem von der Mutter noch eine fette Erbschaft liegen hatte
die ward verwaltet beim Dom zu Havelberg und Hans Jürgen war blutarm Die
Edelfrau hatte doch gesagt als sie die Waisen ins Schloss nahm sie sollten
sein da der Herrgott ihr und ihrem Gottfried keine Söhne geschenkt als ihre
eigenen Söhne und viel Liebes und Gutes hatte sie noch gesprochen über die
armen Kindlein denen der Herr erst die Mütter genommen und dann die Väter
Die Edelfrau war eine wackere Frau und was sie sprach das meinte sie aber
Worte sind Wind wenn die Taten nicht darauf folgen und der Sinn des Menschen
ist wandelbar Hans Jochem hatte ein glatt Gesicht und ein paar muntere Augen
er wusste es Allen recht zu machen und sie lachten und waren ihm gut aber Hans
Jürgen man weiß nicht wie man mit ihm dran ist sagten die nichts Schlimmes
sagen wollten Böses wusste man nicht von ihm aber warum tat er nichts Gutes
Andere hätten fragen mögen aber warum tat er nicht was gut war dass es die
Leute sahen Er ist tückisch sagten Einige denn er tut das Maul nicht auf
Aber wenn er es auftat ließ ihn die Anderen nicht zu Worte kommen Er kann
nichts Gescheidtes vorbringen Er hatte ja nicht Zeit dazu sein Mundwerk ging
langsam und wenn er anfangen wollte setzte ein Anderer fort was er sagen
wollte aber nicht wie er es wollte und wenn er ein ernstes Gesicht machte
lachten sie aus vollem Halse Ihm fehlen die Gedanken sagte der Dechant Sie
ließ ihn ja nichts denken dachte Hans Jürgen Glatt war sein Gesicht nicht
und munter seine Augen auch nicht es lag darin ein Ausdruck ich weiß nicht
wie aber die Leute sagten das ist ein verdrossener Bursch oder er ist
schläfrig
Wenn Hans Jürgen das Bild lange im Fliess sah wurde das Gesicht allmälig ein
anderes und es tropfte etwas ins Wasser Aber nur auf einen Augenblick denn
gleich darauf war es ganz rot und ärgerlich wischte er mit dem Ellenbogen über
die Augen »S ist gut dass das Keiner gesehen hat« murmelte er und warf sich
in die Brust Aufgerichtet ging er den Hals weit aus den Schultern am Fliesse
auf und ab und dachte wieder »wenn ich auf einem gerüsteten Pferde säße wir
wollten doch sehen ob ich nicht auch ein Ritter würde« Aber wenn das laute
Gelächter von drüben herschallte wars als fuhr er wieder zusammen Die andern
spielten Plumpsack mit den nassen Tüchern sie neckten haschten und warfen
sich wie lustige Kinder tun denen jede Arbeit zum Spiele wird Wer allein
ist hascht und neckt sich nur mit seinen Grillen und bösen Gedanken Nicht dass
er Stund aus Stund ein bei dem Leder Schildwacht hätte stehen müssen und keinen
Fuß breit fortgedurft aber er gehörte doch nicht zu den anderen Wäre er zu
ihnen getreten sie hätten ihn nicht fortgewiesen aber er wäre immer an der
Reihe gewesen beim Suchen und Haschen und wenn die Knechte die großen Decken
spannten und loosten wer in die Luft fliegen sollte so wusste er das Loos
hätte ihn getroffen Er wusste auch dass die Andern dachten er sei muckisch er
halte nicht zu ihnen weil er was für sich sein wollte
»Und das will ich auch« brach ein verstohlener Gedanke unwillkürlich aus
seiner Brust »lasst mich nur älter werden und größer« und dabei stieß er den
kurzen Jagdspiess so fest vor sich dass er mit dem stumpfen Ende in dem Boden
wurzelte Es war ganz still geworden die Abendluft wehte drüben durch die
Elsenbrüche ihm recht erquicklich auf das heiße Gesicht Von dem fernen Kloster
Lehnin klang die Abendmette Er schüttelte den Kopf »Nein ein Mönch will ich
nicht werden« »Auch so Einer nicht« setzte er nach einer Weile hinzu als er
den Krämerwagen in das Lager einbiegen sah Wie schon über den Gedanken
unwillig wandte er ihm rasch den Rücken Der Wind der zwischen den Hügeln sich
fing fuhr ihm entgegen und er empfand einen heftigen Schlag ins Gesicht Hans
Jürgen hob zornrot den Arm aber es war kein Lebendiger der es sich erfrecht
auf ihn zu schlagen kein Mensch kein Arm den er wieder schlagen konnte es
war das Stück Wäsche davor er Schildwacht stand Aufgeschwellt von der Luft
schwenkte es hin und her und die willenlosen nassen Beinriemen warens die ihm
um die Ohren peitschten Es zuckte ihm durch die Finger er war wieder hochrot
aber jetzt war es Scham wie Zorn und schon hob er die Hand auf nach dem
verdrießlichen widerwärtigen Leder »Mag der alte Herr Götze« dachte oder
kochte es in ihm »auf dem bloßen Sattel reiten ich will nicht länger
Fahnenwache stehen vor seinen Büchsen« Die schöne feingegerbte Elennshaut so
sauber gewaschen geklopft gerieben und gebürstet war in Gefahr in den Sand
geworfen zu werden wenn nicht ein Schrei ihm ins Ohr geklungen hätte
Ein durchdringender feiner Schrei kaum ausgestoßen und schon wieder
verhallt Hans Jürgen kannte die Stimme im nächsten Augenblick war er auf dem
Hügelrand der dort die Aussicht auf das obere Fliess scharf abschnitt Eine der
kleinen Waschbänke hatte sich losgerissen sie trieb in dem Wasser und es war
nicht ganz ohne Gefahr für das junge Mädchen das ängstlich darauf stand denn
die Strömung war hier stark und trieb auf das Eck drüben los wo sie leicht an
den großen Steinen umschlagen konnte Die Waschbank war selbst nur ein kleines
morsches Gefäß welches unter seiner Last hin und her schwankte Ohne den
Gedanken an eine Gefahr wäre es ein hübsch anzuschauendes Bild gewesen Das
liebliche Mädchen im roten Mieder mit den aufgekrämpten Hemdsärmeln und den
bloßen Füßen wie es ein Stück feiner Wäsche in der Hand mit Armen und Füßen
das Gleichgewicht zu halten unbewusst bemüht war Ihr ängstlicher Blick der sich
noch nicht von dem Boden auf dem sie stand forttraute ihre halbgeöffneten
Lippen die eine Reihe feiner Perlenzähne zeigten ihr erstes Erbleichen das
jetzt schon einer Röte Platz gemacht und dann wieder ein neuer Schreck als
sie auf den großen Granitblock schielte auf den die Waschbank lostrieb Sie war
sichtlich im Zweifel was zu tun Sie steckte die goldene Dukatenkette die
allzufrei um ihren Hals spielte und beim Anstreifen an Gebüsch und Schilf eine
gefährliche Schlinge werden konnte mit der einen Hand in das Mieder und schien
mit dem einen Arm im Voraus zu prüfen ob sie die Weide erreichen könne die
ihre Zweige von dem Steine über das Wasser streckte um vor dem gefährlichen
Anstoß sich zu schützen
Aber die Schifferin erreichte weder die hülfreiche Weide noch den
gefürchteten Granitblock Es rauschte im Wasser und bald hatte ein kräftiger Arm
die Waschbank gefasst »Du wirfst mich um« rief das Mädchen denn von der
plötzlichen Berührung aus seiner ebenmässigen Bewegung gekommen schwankte das
Gefäß
»Dafür lass mich sorgen« rief der Retter und hielt ihr den rechten Arm in
die Höh während er mit dem linken die Bank regierte »Nun fass mich an und dann
ists gar nichts«
Sie reichte ihm ihre zitternde Hand Er watete etwa bis an die Brust im
Wasser und der Grund schien fest
Aber die Bank mit ihrer schönen Last durch die Strömung nach dem andern Ufer
wieder zurückzuziehen schien eine schwierige Aufgabe Er strengte sich
sichtlich an er zitterte jetzt während sie immer ruhiger wurde
»Fürchte Dich nicht Eva« sprach er als er keuchend einen Augenblick
anhielt
»Was soll ich mich fürchten« erwiderte sie »Du siehst ja ich stehe fest
Ich brauche Deine Hand nicht mehr«
Er kämpfte und überwand Er stieß die Bank ans Land Das Schilf
niedertretend arbeitete er sich mit einem Fuß ans Ufer und wollte ihr den Arm
reichen aber mit einem leichten Satz war sie schon herüber gesprungen Die Bank
schnellte weit zurück
»Da wären wir ja« sprach er Aber der arme Hans Jürgen musste gar zu
possirliche Bewegungen machen als er das Wasser von sich schüttelte denn das
junge Mädchen schien die Angst und Fährlichkeit ihrer Lage ganz zu vergessen
und statt zu danken lachte sie aus vollem Halse
»Wie ein Pudel Hans Jürgen« rief sie
»Der Pudel springt auch ins Wasser« murmelte er und leiser setzte er
hinzu »Aber er holt nur was man ihm befiehlt«
»Nur nicht bös Hans« sprach das Mädchen »Dank Dir auch«
Hans Jürgen schüttelte sich und murmelte etwas was sie nicht verstand
»Trockne Dich Hans dass die Anderen es nicht merken Sonst lachen sie über
Dich und über mich auch«
»Über mich Eva Was tuts Sie lachen ohnedem Ich hab nen tüchtigen
Pelz«
Eva Bredow sah sich um »Ach die Bank die Bank Hans sie schwimmt fort
Dann merken sies Die Bank wieder Vetter Hans Die muss wieder an ihre Stelle«
Die Bank war schon um ein gutes Stück weiter getrieben und schwamm drüben am
Ufer hin aber Hans Jürgen machte keine Anstalt ihr nachzustürzen
»Um Dich Eva hab ichs getan und täts noch mal wenn Du mir auch
nicht so viel danken wolltest ja Du möchtest mich auch noch mal auslachen aber
um das alte Stück Holz spring ich nicht rein«
»Ein Brummbär bist Du aber kein gefälliger Vetter Hans«
»Hans Jürgen heiß ich« sprach der Bursch verdrießlich »Du hast ja andere
Vettern die heißen auch Hans Ruf den Hans Jochem Wenn du ihn bittest
schwimmt er wohl dem Brette nach«
Ein böser Zug streifte um die Lippen des hübschen Kindes ja es schien als
zerdrücke sie mit ihren Sammtwimpern ein Etwas das sie sich schämte sehen zu
lassen
»Ich konnts von Dir erwarten«
»Hans Jürgen taugt zu nichts hasts ja oft genug von Deiner Mutter gehört«
»Wenn Du nur anders wärst«
»Bin wie ich bin Mach Dich nur auf die Beine Eva dass Dich Keiner bei mir
sieht Um die Waschbank brauchst Du nicht angst zu sein Die Waschbank plaudert
nicht Da kann der Strick gerissen sein als Du ans Ufer sprangst und der Wind
trieb sie fort Keiner sahs da ist ja Alles gut«
»Alles ist nicht gut Du zitterst Hans Jürgen Du frierst«
»Ich zittere nicht ich friere auch nicht das bilde Dir nur ja nicht ein«
»Hans Jürgen« sprach das Mädchen mit sanftem Ton und streckte ihm ihre
kleine Hand entgegen »Du wirst zu Niemand was davon sagen das weiß ich «
»Da habe ich wohl mehr zu tun Und bis da hab ichs auch vergessen«
»Aber so gehe ich nicht von Dir Es ist nicht recht von Dir «
»Dass ich Dir die Meise haschte und lebendig brachte und den Käfig wollte
ich Dir von Rohr binden Du hättest den ganzen Winter durch Spaß gehabt und
vorher konntest Du nicht genug sagen wie Du solche Meise liebtest und als Du
sie hattest ließest Du sie fliegen rein mir zum Possen Und mit dem jungen
Fuchs wars auch so Alles was ich tun mag und aufstellen Du tust als wenns
gar nichts wäre und nur mir zum Schabernack Und als Du Dich verspätet hattest
drüben im Kloster ach was Furcht hattest Du vor dem Knecht Ruprecht der mit
langen Schritten hinter Dir kam und die Fichten auseinanderbog und aus jeder
Wurzel schoss die Frau Harke auf Und wenns in den Büschen lispelte da
drücktest Du Dich an mich und hasts so gern geduldet dass ich meinen Mantel um
Dich schlang und Du konntest die Augen zumachen Da war ich Dein lieber Hans
Jürgen und Du streicheltest mich mit den Fingern auf die Backe und was klopfte
Dein kleines Herz Aber als der Wald lichter ward da wards Dir zu warm an
meiner Seite und als die Hunde bellten da waren Dir die Hunde lieber als Hans
Jürgen Du hast sie geherzt als wär es Bruder und Schwester Über die Zugbrücke
sprangst Du mit ihnen um die Wette als wäre Feuer hinter Dir Die Knechte
hätten sie aufziehen mögen ob ich draußen blieb Dich kümmerte es nicht«
Man sah es war ein verhaltener Unmut der aus ihm sprach was in ihm lange
gekocht brach von einem Funken entzündet mit einem Male heraus Eva hätte
kein Weib sein müssen wenn nicht auch ihr Gefühl verletzt worden wäre und der
bittere Angriff eine eben so bittere Verteidigung vorgelockt hätte Die
hübschen Lippen kniffen sich zusammen aber man sah auch dass sie einen Kampf
mit sich kämpfte aus dem sie wenigstens zum Teil als Siegerin hervorging
»Hans Jürgen was hast Du denn getan das Dir ein Recht gibt so zu
sprechen« sagte sie nach einer Pause mit einer Stimme aus der die
Leidenschaftlichkeit aber auch die Wärme fort war
»Ich ich habe gar nichts getan Nichts tue ich ich kann ja nichts tun«
»Was Du tatest hätte jeder Andere auch getan Ich danke es Dir Aber der
Martin der Wenzel auch der verdrießliche Ruprecht die wären alle auch ins
Wasser gesprungen Was war denn für große Gefahr dabei das Fliess ist nicht
tief«
»Und darum solchen unnützen Mund Nicht wahr Hätte ich nur mehr Wasser
geschluckt dann müsste ich das Maul halten«
»Das ist böse Rede Vetter«
»Wär es Hans Jochem gewesen der wäre gleich fortgelaufen er hätte sich
nicht geschüttelt dass die Tropfen spritzten Aber Du hättest auch nicht lachen
können wie über einen Pudel Den Spaß habe ich Dir doch gemacht«
»Hans Jürgen nun höre auf Hans Jochem ist auch ein guter Junge aber er
hätte sich wohl erst bedacht ob er sein neu Wams nass machen dürfe«
»Meinst Du das Eva«
Sie hielt ihm wieder ihre Hand hin »Vetter lauf ans Feuer und trockne
Dich dann wirst Du nicht so wirsch sprechen Dass ich die Meise fliegen ließ
das war nicht recht von mir Es überkam mich gerade so Ich wollte es Dir auch
abbitten aber ich habs nicht getan Und damals wie ich von der Muhme kam da
schämte ich mich nur dass ich mich so gegrault hatte und da sprangen die Hunde
mich an Ich habs Dir aber wohl im Herzen behalten wie Du mich durch den Wald
führtest der gar zu grauslich war und so lieb zu mir sprachst dass ich mich
nicht fürchten sollte Bis ich einschlief hab ich zur Mutter Gottes gebetet
für Dich auch Hans Jürgen«
»Hast Du das « der Bursch sah finster vor sich hin »Das ist hübsch von
Dir Und weißt Du Eva ich habs mir auch gedacht dass Du so tätest Freilich
was die Mutter Gottes hört das hört kein anderer Mensch«
Eva Bredow senkte auch die Augen Sie verstanden sich Beide schwiegen Es
tut nicht gut Alles auszusprechen Hans Jürgen hub zuerst wieder an
»Nun geh nur schnell fort dass sie Dich nicht vermissen und nichts merken
Du kannst auch über mich lachen vor den Andern so viel Du willst ich will Dir
drum nicht bös sein und es nicht vergessen was Du mir hier gesagt hast Aber es
wird auch mal eine Zeit kommen wo sie mich nicht hänseln sollen wo sie mich
nicht in den April schicken sollen und nicht hinstellen vor den alten Büchsen
Wache stehen Und dann und dann «
»Hans wo willst du hin«
»Geh nur ich komme nach«
»Aber Du hast mir noch nicht die Hand geschüttelt dass Du mir wieder gut
bist«
»Ach was es könnt Einer sehen«
»Dass Du weinst Hans Jürgen das schickt sich nicht«
»Ich weine nicht« sagte er barsch und wollte fort
»Wohin«
»Die Bank holen Sie schwimmt zu weit Geh du nur zu Deinen Krausen und
Tüchlein Ich habe sie Dir wieder hingebracht ehs Einer merkt«
Aber sie rief ihn mit einem solchen Ton zurück dass er folgen musste
»Die Waschbank ist ein altes Brett die Fischer werden sie schon auffangen
dass sie nicht in die Havel läuft Auch ist die Wäsche nun vorüber und die Sonne
geht zur Rüste Hilf mir lieber meine Bleichstücke zählen und zur Mutter tragen
die anderen Mädchen sind zu wirrig und Jede denkt nur an ihren Part«
»Ich Eva«
»Böses ists doch nicht Hans Jürgen Da greift ja ein Jeder mit an«
»Ich will Dir die Stücke zählen und zusammenlegen und bis an den Busch
tragen dann will ich mich schon fortschleichen dass Keiner es sehen soll«
»Was denn Hans Jürgen«
»Nun ich meine nur dass Keiner Dich drum auslacht weil Dus mit mir
hältst«
»Komm« rief Eva und als er noch zauderte ergriff sie ihn bei der Hand
Sie rannten Hand in Hand den Hügel hinab und grad dahin wo ihre Schwestern
und die anderen Mädchen beschäftigt waren die Stücke von der Bleiche
aufzurollen und von den Seilen abzunehmen Lachend rief sie »Hier bring ich
Einen der uns helfen soll Der Faulpelz meinte er täte genug wenn er
Maulaffen feil hätte vor einer Eselshaut Aber ich habe ihm bedeutet dass es
damit nicht getan ist Hans Jürgen ist heut mein Knappe und ich lasse nichts
auf ihn kommen Ohne ihn wo wären meine Tüchlein und Krausen«
Sie erzählte mit Zungenfertigkeit eine glaubwürdige Geschichte wie die Bank
sich vom Ufer losgerissen Diesmal war aber nicht sie darauf ins Weite
geschwommen sondern nur alle ihre schöne feine Wäsche die in Schilf Moor und
Wasser vielleicht zerstreut vielleicht verloren wäre wenn Hans Jürgen nicht
zur Stelle und kein so guter Schwimmer gewesen wäre Dafür belud sie ihm auch
Schultern und Arme mit so viel er nur tragen konnte ja der vorige Übermut
schien wieder anzuklopfen als sie ihm sogar eine Flügelhaube für die sie
keinen andern Ort fand auf den Kopf setzte Als er ein ernsthaftes Gesicht dazu
machte sah sie ihren lieben Vetter so freundlich an dass ihm wohl ward Aber
kaum näherten sie sich dem Hauptlager als sie ihm unversehens die Haube wieder
abgerissen hatte und selbst das Pack das er auf den Schultern trug unter ihre
Arme nahm
Viertes Kapitel
Der Krämer und der Sturm
Hans Jürgen und Eva hätten nicht nötig gehabt sich zu fürchten weil sie der
Edelfrau begegneten Die Frau von Bredow sah nach andren Dingen Ein Wunder dass
sie nicht früher das Kichern Schreien und Händeklatschen gehört ein Lärm den
eine Hausfrau nimmer dulden durfte
Sie standen ihr den Rücken zugekehrt Die schlugen in die Hände die
sprangen vor Lust »Haidi mit ihm So ists ihm Recht« schrien sie und hörten
darüber nicht dass die Herrin zürnend fragte wer denn schon Feierabend geboten
Es war nicht der Feierabend es war ein Reiter der auf seinem atemlosen
Gaule einen sehr unfreiwilligen Ritt machte Mutwillige Buben hatten ihm das
Geleit gegeben mit Ruten und Stricken aber mehr als ihre Streiche scheuchte
das arme Tier der trockne Dornenbusch den sie ihm an den Schweif gebunden Der
alte schwerfällige Gaul schoss über Stock und Block unbekümmert ob der Mann
der auf seinem Rücken saß und sich mit vorgestrecktem Leibe in seinen Mähnen
festhielt einen Willen hatte oder keinen unbekümmert ob er noch hing oder
schon herabfiel
Der Mann der jetzt nur noch ein schwarzer Punkt war war vorhin hier der
Mittelpunkt Es war viel vorgegangen Als er noch auf seinem Karren stand wie
hatten die Mägde Maul und Nase aufgesperrt Litzen und Seidenbänder Gespänge
Ketten und Ohringe und die feuerroten und schreiend gelben Tüchlein wie
hatten sie in der Sonne geflimmert Solche Schätze die ein ganzes Leben
glücklich machen konnten besaß ein Mann Dann hatten sie mit ihrem Schatz
verhandelt und der Schatz zog endlich sein ledern Beutelein hervor und zählte
die Pfennige ob es reichen würde und dann war gehandelt und gefeilscht worden
und der Krämer hatte Stein und Bein geschworen dass das Bändchen und der Ring
ihm selber mehr koste als er fordere aber um die Hälfte hätte ers doch
gelassen nur der Kundschaft wegen
Hans Jochem der Junker der doch immer obenauf war wo es was Lustiges galt
und Schelmenstreiche was war er mit einem Male ernst geworden und schaute auf
ein Etwas das der große Handelsmann vor ihm hinhielt Zuerst sah es aus wie
eine große Wurst etwa zwei Schuh lang und gut einen dick dann als der Kaufmann
die Schnüre löste und es auseinanderlegte und immer weiter und weiter da hätte
Einer denken mögen es wäre ein Sack um einen Eber darin zu fangen Aber nun
steckte er beide Arme hinein und gar den Kopf auch und so weit er auch mit den
Armen fuhr er erreichte nicht das Ende denn ein Fältchen faltete sich nach dem
andern und es war pures schönes Tuch ausgeschljetzt und gesäumt und gefuttert
mit Seiden Dann gab ers dem Junker zu halten dass er es gegen die Sonne
hielte und als Hans Jochem es hielt zitterte fast der Junker vor Freude
»Ihre kurfürstlichen Gnaden haben selbst nicht bessere« sagte der Krämer
»Dann ists nichts für mich« sagte der Junker leise und wollte zögernd das
Prachtstück dem Kaufmann zurückreichen
»Was« rief der »nichts für meinen Junker von Retzow Für wen denn sonst
Braucht ein havelländischer Junker sich zu scheuen um den Leib zu gürten was
der Markgraf umtut Der Wichard von Rochow gnädiger Junker hatte schon bei
Lebzeiten Kurfürst Johann Ciceros ein Paar Hosen um wenn man sie auspuffte war
er in der Breite so lang als groß und er maß doch an sechs Fuß Das kümmerte
ihn gar nicht als der Kurfürst hochseliger ihn fragte ob die Ernte von Golzow
im einen und die von Rekahne im andern Beine Platz hätte Kurfürstliche Gnaden
erwiderte Herr Wichard auch die von Potsdam so mir das wiedergegeben würde
was meine Väter mit Recht besitzen taten Da wandte ihm der Kurfürst den Rücken
und sprach kein Wort aber die andern Edelleute lachten für sich und drückten
Eurem Vetter die Hand dass ers ihm so gut gegeben hatte«
»Kriegen Potsdam doch nicht wieder« sagte Junker Melchior
»Probirt sie nur an« fuhr der Handelsmann fort der sich um das Prachtstück
nicht viel mehr zu kümmern schien indem er schon in neuen Schubläden nach neuen
Schätzen suchte »Nehmt Ihr sie nicht nimmt sie ein Anderer So was verkauft
sich von selbst Bloß probiren Junker weiter nichts damit die Frölein sehen
wie es sitzt Ei der Tausend und wie angegossen wie zugeschnitten für Euch
Nun häckeln wirs nur ein bisschen fest und dann die Knieschnallen«
Junker Hans Jochem hatte probirt Über die knappen Drilchhosen waren die
weitgebauschten Tuchhosen mit Leichtigkeit gefahren und der Handelsmann hatte
sie mit fertigen Händen zugenestelt
»Nein so schön und fürnehm sahen wir unseren Junker doch noch niemals«
sagten die Mägde und Alles trat zurück ihm Platz zu machen und seine Wangen
glühten einen Augenblick im Abendrot wie der Saum der Purpurschlitzen die
sich öffneten und schlossen
Als er schüchtern gefragt was sie wohl gelten taten hatte der Krämer
Pah gerufen sie würden auch nicht das römische Reich kosten Unversehens
meinte Hans Jochem war er ans Fliess getreten und hatte sich unversehens im
Wasser beschaut So hatte ihm nie ein Kleid gestanden Und er dachte Ei und
wenns auch eine Mark ist »Frag ihn aber genau Hans Jochem der Hedderich ist
ein Schelm« hatte Mühmchen Agnes ihm besorglich zugeflüstert Und das Wort war
nun ausgesprochen das alle Freude vergällte und eiskalt und schwer bauschten
sie ihm um die Hüften und schienen den armen Tor auszulachen »Fünfzig Ellen
Zeug verschnitten« fuhr der Krämer fort »Und Flamländisches vom Feinsten wie
es nur ins Land gekommen und die Schlitzen von mailändischer Seide und die
Schnallen von Venedig Ein Paar Mark ist gar kein Geld dafür«
»Ach armer Hans Jochem« hatte Agnes leise geklagt
Der ist mir sicher hatte Klaus Hedderich gedacht »Wer wird von jungen
Leuten baar bezahlt nehmen Im Stock zu Havelberg da liegt mein Schilling gut
aufgehoben und nur ein Wort vom gnädigen Vormund so zahlt er auch drei Mark
fürs Warten«
Wie sollte Junker Gottfried zahlen wollen für ein Paar Pluderhosen er der
Welche niederschlagenden Wetterwolken zückten da um Alle Wärs doch für ganz
HohenZiatz eine Ehre so dachte der Meyer so dachte der Knecht Und der
unterste leibeigene wendische Mann der mit den Schweinen unter einem Dache
verkehrte der nie sich unterstehen dürfte mit seinen Bastschuhen über die
Schwelle zu treten wo die Herrschaft saß er dachte auch so Er hätte sich auch
freuen müssen und hätte sich gefreut wenn das hübsche Ziehkind von HohenZiatz
das Leibstück gewann Was hatte er vom Junker Der sah ihn nicht an wenn er
aufs Ross stieg Einmal als er nicht schnell genug bei Seite sprang hatte er
ihm mit der Gerte einen Riss gegeben der durch die Schwielenhaut drang und viel
fehlte nicht hätte er ihn übergeritten aber der Junker gehörte doch zum Haus
Des Hauses Ehre war auch des armen Leibeigenen Ehre Eigene hatte er nicht
Das dachten die Andern Hans Jochem aber nestelte an dem Bund und ihm zur
Qual hatte der Krämer den Riemen so fest verhakt dass ers gar nicht loskriegen
konnte
Bald darauf hatte es aber ganz anders ausgesehen Da stand der Krämer nicht
mehr auf seinem Wagen wie ein Herr der Herrlichkeit Sie hatten ihn
heruntergerissen und schrien ihn an und er hob umsonst die Hände und
beteuerte umsonst seine Unschuld Die Mägde hatten am Fliess an einem der bunten
Tücher die er als echt verkauft die Probe gemacht und »es ist falsch«
schrien die wütenden Dirnen und die Knechte wiederholten »er verkauft falsche
Ware« Das nasse Tuch schlug ihm ums Gesicht dass es gelb und rot wurde Vor
Schrecken war der Anne Susanne der Silberring den der Grossknecht Christoph für
sie gekauft aus der Hand gefallen und der ein Brautring werden sollte
zersprang am Stein auf den er fiel und das Silber war zusammengelötet Blei
Nun schien es um den Krämer Klaus Hedderich getan Vergebens lag er auf seinen
Knien und versprach Busse vergebens rief er er selbst sei von den Nürnberger
Herren betrogen worden vergebens versprach er schöne bessere Ware dafür ein
Goldringlein das des Kurfürsten Goldschmidt selbst prüfen solle für das
Wollentuch eins von echter Seide Vergebens rief er den Junker Melchior an
seiner sich anzunehmen vergebens den Burgfrieden von HohenZiatz und die
Gerechtigkeit der edlen Herren von Bredow vergebens den Junker Hans Jochem er
wolle ihm die Hosen lassen um den halben Preis Er war ein ganz verlorener Mann
Zum Galgen mit ihm schrie es Da waren die Pferde ausgespannt da war sein
Karren umgestürzt die Riemen gesprengt und die Päcke und Kasten und Kisten
rollten Sie zerrten und stießen ihn und die Peitschenschnüre der Knechte
konnten gar noch nicht an ihn kommen vor den ergrimmten Mädchen die mit ihren
Fäusten und Nägeln gegen den gottvergessenen Betrüger eiferten
Dass sie ihn gehängt hätten will ich nicht meinen aber schlimm wärs ihm
ergangen wenn nicht der Junker Peter Melchior sein Wort darein gesprochen Er
meinte was es ihnen hilfe so sie dem Mann die Haut gerbten oder ihn aufhingen
mit den Händen an die Kiefer oder in den Sumpf steckten bis ans Kinn dann
kämen doch Andere und zögen ihn raus und man wisse nicht was danach käme
wobei der Junker nach dem Waldweg zwinkerte den die Burgfrau gegangen Sie
sollten ihn laufen lassen oder zum Teufel jagen Ja je eher man solchen
falschen Kerl los würde desto besser dann könne man sich an seine Sachen
halten und zusehen ob in dem Plunder was sei um den Schaden gut zu machen
Ehe er sichs versah saß nun der arme Krämer auf dem Gaul ehe er noch ein
Valet sagen konnte seinem Kram sah er ihn nicht mehr
So war es geschehen und der Junker Hans Jochem sah auf seine schönen Hosen
nieder in deren Karmoisinpuffen die Abendsonne mit Wohlgefallen sich zu fangen
schien und er dachte die hat der Mann nun vergessen und zugleich dachte er
wie mag der Mann nun zu seinem Gelde kommen und dann kam noch ein Gedanke der
machte sein Gesicht so rot wie die Puffen Es klang ihm mit einem Male wie des
Dechanten Stimme aus dem Dornbusch »Da sieht man abermals Gottes Fingerzeig und
sichtliche Fügung er hat dich betrügen wollen und nun ist er betrogen Wollte
den doppelten Preis was sie kosten und nun hat er nichts« So lispelte es ihm
zu oder der Junker glaubte es aus dem Dornstrauch durch den ein gelbes Licht
von der untergehenden Sonne streifte und es ging ein seltsam Zittern und
Knistern darin um wie wohl zuweilen der Wind tut Aber derselbe Wind
schüttelte in den Wipfeln des Baumes daran Hans Jochems Spieß stand und der
Spieß der nicht fest stand rüttelte Da schien es ihm als ob der Spieß
flüstere »Schäme Dich Hans Jochem Du bist ein Edelmann und kein Dieb Ja
wenn Du ihn geworfen hättest den schlechten Kerl in den Graben mit ihm und
einen blutigen Kopf wenn er raisonnirte dann hättest dus ehrlich nehmen
mögen mit guter Sitte und kein guter Mann hätte zu dir sagen können du seist
ein Dieb Aber so du sie behältst und hast nichts für gegeben nicht Streiche
nicht Geld das kann das Bettelmensch auch und der Zigeunerbub die hängt man
und die Hand wird unehrlich die sie anrührt«
So sprachs im Busch und so im Baum zu Hans Jochem und er stand wie
eingewurzelt und hörte noch nichts von dem Donnerwetter Mit der einen Hand
nestelte er am Gurt und mit der andern streichelte er die schönen
Karmoisinpuffen Da flüsterte ihm wieder etwas ins Ohr »Tu sie los lieber
Hans Jochem tu sie los es tut nicht gut Ach heilige Agnes da ist sie
schon« seufzte die kleine blasse Agnes
Es frommt nicht zu viele Ungewitter zu malen nicht für den Maler nicht
für den Dichter Wer immer Sturm und Nacht vorbringt von dem meint man wohl
dass er das liebe Sonnenlicht nicht ertrage und vor der stillen Luft sich
fürchte
Und wir haben noch von so vielen Unwettern zu erzählen
Also es hatte gedonnert und gewettert und wer denkt sich nicht wie der
unsere Frau von Bredow kennt und wie ein Kornfeld mit geknickten Ähren standen
sie blass umher und ließ die Köpfe sinken Nun hatte sich Frau Brigitte
umgesehen wer dem Krämer nachreiten sollte und ihr Auge fiel auf Hans Jochem
Der ist nicht der Schlimmste dachte sie er ist von gutem Blute
Wie sollte Hans Jochem aufs Pferd Der konnte nicht reiten das sagte der
erste Blick aber rasch hatte die Edelfrau nach dem Nächsten sich umgeschaut
ders konnte »Hans Jürgen« Hans Jürgen ward auch blutrot und er hatte doch
keine Pluderhose an Eva sah erschreckt die Mutter an die auch rot war aber
vor Zorn »Aufs Pferd« Wo stand auch gleich ein gesatteltes Pferd bereit
Ein Kärnergaul trabt dem andern am besten nach Hans Jürgen musste auf das
Tier ohne Bügel und Sattel Alt war es hochbeinig und mehr Knochen als
Fleisch und ein Ritt war es der durch Mark und Nieren ging Zu anderer Zeit
hätten sie aus Herzenslust gelacht wer sich aber fragte ob er lieber Hans
Jochem war der zurück blieb oder Hans Jürgen der fort musste beneidete heut
den armen Hans Jürgen den der Gaul in die Lüfte warf
Eine dunkle Wetterwand war im Abend aufgezogen Sie stieg höher und höher
ein verräterischer Wind streifte über die Heide und regte die Wipfel der Bäume
Zu anderer Zeit hätte meine Frau von Bredow deren scharfem Auge nichts entging
das anziehende Unwetter längst gemerkt und sie würde wie der Schiffscapitain
rasch und kurz ihre Befehle ausgeschrieen haben die Segel einzuziehen die
Päcke und Ballen zu schnüren um das Schiff nach dem Hafen zu steuern Aber die
beste Frau bleibt eine Frau Die Beichte im Walde das Gericht im Lager sie die
Richterin und vor ihr der arme Sünder das war zuviel innerer Sturm um auf die
Zeichen des Sturmes draußen Acht zu haben
Es trifft sich wohl wo Viele sündigten dass Gericht und Strafe wie
Gewitterwolken über die Häupter der Schuldigsten fortrollen um einzuschlagen
auf einen armen Sünder der den geringsten Teil der Schuld trägt War Hans
Jochem so arg wie die Frau ihn schalt so war er darin wenigstens noch
unverdorben dass er sein Schuldbewusstsein nicht zu bemänteln wusste es stand auf
seiner Stirn geschrieben und sein kreideweiss Gesicht sagte zu Allem ja als die
Base ihm seine Eitelkeit und Hoffahrt in Worten zu kosten gab die wie Hagel auf
eine Fensterscheibe klirrten
Er wusste sich nicht zu verteidigen er verwirrte sich in seinen Worten wie
seine Hände in den Schlingen des Gurtes den er durchaus nicht los kriegte Er
hatte das Prachtstück gewollt und auch nicht gewollt aber Agnes Bredow trat
plötzlich als seine Advocatin auf Das stille Mädchen ward zur Rednerin Ihr
Vetter hatte es nicht gewollt versicherte sie aber der Krämer hatte es ihm
angetan trotz seines Sträubens hatte er sie anprobiren müssen und da saßen
sie ihm fest man wusste nicht wie Selbst hatte sies gesehen wie er die
Schnallen und Binden geschlossen der schlimme Mann und durchs Herz wars ihr
gefahren wie es da aus seinen Augen gebljetzt O es war ganz gewiss dass ihr
armer Vetter besprochen war und der Beweis dafür war zu deutlich dass er noch
jetzt den Bund nicht los kriegte
Eva sah verwundert ihre Schwester an wie ihre Augen glänzten »Und er ist
verzaubert Ich lass mirs nicht nehmen« schloss Agnes und sah sich nach Hilfe
um wobei ihr Blick fast bittend auf dem Dechanten haften blieb Der zuckte die
Achseln und meinte dass allerdings Einige in Berlin meinten wie es mit dieser
Mode die aus den Niederlanden herüber gekommen nicht seine Richtigkeit habe
und von Dämonen wissen wollten die in diesen zerhackten und geschlitzten
Ungetümen säßen um des Menschen Sinne zu betören wie er indes in solchen
weltlichen Dingen zu wenig Erfahrung habe um darüber zu entscheiden Peter
Melchior der sich sehr in den Hintergrund gedrückt hatte gab auch jetzt sein
Wort darein es sei ihm sehr wahrscheinlich er habe dem Hedderich nie getraut
Der Knecht Ruprecht nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe die Grossmagd Anne
Susanne schrie und weinte über den gottlosen Zauberer und der Dechant der sich
in die allgemeine Stimme fügte zuckte wieder die Achseln und erklärte sich wohl
bereit wenn der Bund nicht aufginge durch einen gehörigen Exorcismus die bösen
Mächte zum Weichen zu bringen aber Frau Brigitte meinte »den Exorcismus
überlasst mir«
Mit einem Ruck von ihren kräftigen Händen war es geschehen der Gurt
gerissen Da aber die Knieriemen noch fest verschnallt waren fiel die ganze
Wucht der fünfzig zerschljetzten Ellen wie ein Fass dessen Reifen gesprungen
sind nach allen Seiten und bedeckten in flammendem Karmoisin des Junkers Füße
Jetzt sah Hans Jochem allerdings wie verzaubert aus
»Verhext war er auch das hat seine Richtigkeit Herr Dechant« sagte die
Edelfrau ruhig »Wills Euch aber erklären wie es zuging Als er das bunte
Satanszeug um hatte wills gern glauben dass ers nicht genommen überkam ihn
die Lust dass ers nicht wieder abtäte Da wars ihm schon angetan das ist
der eine Teufel Und weiter wards ihm angetan als ihr den Schelmen einen
Schelm nanntet und jagtet ihn über alle Berge doch seine Sachen da hattet Ihr
kein Ärgernis dran dass er sie hier ließ Und Hans Jochem hatte auch kein
Ärgernis dass ihm der Plunder fest am Leibe saß mit der einen Hand hat er
genestelt dass er ihn los bekäme aber mit der andern sie wieder festgehalten
Da kam der zweite Teufel und hat ihm zugeflüstert Wenn der Hedderich sie nicht
kommt holen wer zwingt Dich dass Du sie ihm bringst Nun betete er zu wem das
will ich nicht sagen dass er sie nicht holen möchte und das war der dritte
Teufel Einer drei meinethalben sieben damit ein Junker ein Paar Hosen
umsonst kriegt aber ich will sie alle Sieben austreiben so wahr ich Brigitte
Bredow heiße und dazu brauch ich kein Weihwasser und keinen Priester«
»Man weiß nicht wie es Hans Jochem ergangen wäre und ob die Base zu ihm
gekommen wäre wenn er nicht zu ihr kam was aber gar nicht gehen wollte da ihm
die Knieschnallen noch fest saßen und als er sich bewegte der halbe Kramladen
Tuch an seinen Beinen schleppte und eine Wolke Staubes auffegte wenn nicht
jetzt sein Vetter Hans Jürgen ihm zu Hilfe gekommen wäre«
Ohne Sattel und Bügel zu Ross und doch lenkte er noch ein ander Ross mit
einem Manne drauf und zog es hinter sich an einem Seil wie der Knochenhauer
das Kalb das er zu Markt schleppt und jetzt riss er es vor ohne den Mann drauf
drum zu fragen dass es sich überstürzte und der Krämer Hedderich fast auf seinen
Kram gefallen wäre
»Mir gefällt etwas hier nicht« sprach der Junker Peter Melchior bei sich
Da doch Alle vom Herzensgrund lachten die Einen vor Schadenfreude über den
Krämer die Andern vor Freude über Hans Jürgen dass er es so gut gemacht Der
Dechant der neben ihm stand sagte es sei die Luft und schlug sein Gewand
fester um
»Was ist das« schrie Einer »Sieh da« und der Wind antwortete Es war
nicht mehr das Flüstern und das Lispeln in den Wipfeln es wehte wie warmer
Brodem aus dem Ofen und pfiff und schrillte dazwischen Das Wasser war unruhig
und die Krähen flogen krächzend um die Kiefernwipfel
Die Wetterbank im Abend war aufgestiegen unmerklich aber schwarz wie ein
Gebirg und unten riss es wieder und teilte sich ein großes Tor und ein
gelbes Licht strahlte draus hervor
»Jesus Maria sei mir gnädig das will was bedeuten« So rief Eine und die
Andere dachte es Die Edelfrau hatte die Hand vorm Auge ruhig hingeschaut
»Ein Sturm das wills bedeuten wie Gallus ihn nachschickt«
Es fuhr kaum dass sies gesprochen wie ein Schlag oder Schuss Die eine Wand
des letzten Zeltes war losgerissen es schlug über der Sturm fasste die
Leinwand und mit einem Krachen fuhr es über die Köpfe sausend hin Nicht das
Zelt allein Leinen Zeug wie ein Schneetreiben flog es Mützen Mäntel Hüte
hinterdrein wer sie nicht fest hielt Wo die Fichten sich beugten wie Rohr was
sollte man da nicht kreideweisse Gesichter sehen und von den blassen Lippen
Stossgebete murmeln und die Heiligen angerufen hören
»Es ist hier nicht richtig ich habs immer gesagt« wiederholte der Junker
Peter Melchior
»Da fliegt die Hexe leibhaftig« schrie es Nicht die Wolken die mit
gelbroten Streiflichtern vom Sturm getrieben über die Köpfe sausten und ihre
Bäuche an den Fichten schljetzten ein Klumpen ein Ungetüm von allerhand Farben
breitete in der Luft seine Polypenarme aus
»Ave Maria alle Heiligen« stöhnte der Dechant »Es sitzt auf ihm«
Er lag auf seinen Knieen es zog ihn nieder eine dunkle unwiderstehliche
Macht Er rang vergeblich wie der unglückliche Heerführer der Griechen als
sein treuloses Weib ihm das faltenreiche Gewand über den Leib geworfen Jeder
hatte mit sich und dem Seinen zu tun selbst die Edelfrau flog an ihm vorüber
unbekümmert um ihren Seelsorger Aber das tüchtige Weib packte den Hans Jochem
dems endlich gelungen war die Knieschnallen zu lösen und der mit
aufgerissenem Munde dem Pluder nachsah als ihn der Wind forttrug Nun drohte
sie ihm hier sei nicht Maulaffen feil zu halten Seinem Vetter Hans Jürgen
gings nicht besser Den riss sie von der Arbeit die sie ihm kaum aufgetragen
denn in der Not ist Jeder sich selbst der Nächste Der Krämer Hedderich war
auch wohl der Mann für sich allein zu sorgen wenn man ihn nur sorgen ließ Mit
einem Satz war er auf den Dechanten losgestürzt Der arme Dechant Auf schrie
er denn nun glaubte er der Gottseibeiuns selbst liege auf ihm und stöhnte
Gebete unter dem Alp Aber der Alp löste sich und unversehens hatte er ihm die
Wolke vom Gesicht gerissen Nur die Worte des Verderbens hörte noch der fromme
Mann »Dass Dich lüstets dem Pfaff auch nach Pluder das gibt L «
»Sanctissima« kreuzte sich der Dechant und floh in den dichtesten Wald den
Andern nach
Wer das vorhin gesehen und es nun sah hätte mit guten Ehren an einen
Hexensabbat denken mögen Noch eben so viel Wirtschaft und Wirrwarr und kaum
das Viertel einer Stunde so war es still und einsam am Lieper Eck Menschen
Tiere und Wagen waren in den Wald verschwunden Noch hörte man die Räder
knarren noch das Blasen des Hornes wenn der Sturm einen Augenblick schwieg
aber von Allen die hier eine Woche so lustig handtirt war nicht übrig
geblieben ein Tüchlein am Strauch nicht ein Strumpf in den Büschen Das Auge
der Edelfrau spähte wie der Uhu durch Sturm und Nacht das Verlorene wieder zu
holen
Wenn noch etwas Weisses durch die Föhren jagte war es der Schaum vom See
den der Sturm auftrieb Wenn es sich noch regte in der Dämmerung waren es die
Stämme die sich schüttelten Wenn noch Stimmen ertönten durch das Nachtgrauen
warens die Eulen und fernher schlich der Fuchs zu sehen ob auch für ihn
nichts im Lager zurückgeblieben
Doch war noch ein menschlich Wesen zurückgeblieben in der Nachteinsamkeit
Es stöhnte tief auf wie der Schmerz in einer Brust die lange lange ihn
verhalten und nun kann er sich Luft machen da seine Peiniger nicht da sind
Kreischend rau halb Verzweiflung halb teuflischer Grimm pressten sich die
Worte heraus als der Krämer Hedderich sich aufrichtete
»Schinder und nicht Menschen Raubmörderisch Gesindel und das heißt
Burgfrieden Was wärs denn schlimmer so ich den Köckeritz und Lüderitz in die
Hände fiel «
Wie er zähneknirschend beide Hände gen Himmel ballte da leuchtete der Mond
durch die zerrissenen Wolken auf ein hässlich Gesicht ein Gesicht über das der
böse Feind sich im Stillen freut Den braucht er nicht zu ködern nicht Reiche
zu verheißen selbst sucht er ihn auf am Kreuzweg
»O Ihr Edelleute Ihr Ritter Ihr Herren Ihr Gewaltigen einen Wurm
zertreten ihn kitzeln mit den Spiessen dass die Eingeweide ihm brennen ihn
rollen mit den Sporen im Sande schinden und anspeien Das ist Zeitvertreib
juchheissa Sanct Nikolas hilf mir ich wollt mir auch das Herz aus dem Leibe
lachen wie nen Maikäfer Euch zappeln lassen am Faden reißen und schmeissen
Sohlen hab ich wie Ihr langsam zertreten wie ein Regenwurm solltet Ihr Euch
krümmen Stück für Stück Stück für Stück habt Ihr mich auch zerschlickt meine
Seiden meine Tücher meine Wollen Allbarmherzige Mutter Gottes gnadenreiche
Pestilenz Höll und Teufel ein verlorener Mann bin ich wenn sie «
Er schien nicht zu wagen den Gedanken auszusprechen Er zitterte fuhr mit
der Hand durch die wilden Haare warf sich auf das Gepäck umklammerte es und
doch suchte er schon durch verstohlene Drücke den Inhalt der Ballen zu prüfen
während er die dürren Finger zum Gebete zusammenpresste
Stück um Stück umwerfend kam er an ein Pack Der Angstschweiß perlte auf
seiner Stirn Jetzt konnte er es mit dem Finger erreichen Er klopfte daran ein
feiner Silberklang antwortete Des Mannes Züge erheiterten sich oder vielmehr
ein grinsendes widerwärtiges Lächeln breitete sich um seinen Mund Die
tierische Lust flammte auf Höhnisch lachte er auf und die Hand eben noch zum
Gebet gefaltet schnellte die Finger höhnisch
»Habt Ihr das nicht gefunden Ihr Geier von Rabenstein Ihr Habichte vom
Garaus Ihr Falken vom Lug in die Not Blinde Köter bellen zu früh Aber wartet
nur die Wölfe haben zu lang die Hürde umschlichen Die Gerechtigkeit wird
losgebunden Euch wird Heulen und Zähnklappern kommen wenn sie Euch in die
Waden fahren Ich bin ein schlechter Mann aber Euch solls schlechter gehen als
meinem schlechtesten Hund Der Kurfürst sagt Ihr ist ein Knabe Aus Knaben
werden Männer was aber aus Euch werden wird fragt nach des Henkers
Freiknechten Mir im Burgfrieden die Rosse ausspannen mein Gefährte
umschmeissen wer zählt die Stücke Und die Rieme zerrissen Wer knüpft mir die
Riemen zusammen Der Deckel ist eingeschlagen Ich will klagen Schwören will
ich auf den Hals Euch schwören so wahr Niemand hier mich hört Gold und Perlen
waren drin drei Tausend Ave Maria was ist das«
Es rauschte und klatschte Der Sturm hatte doch ausgetobt nur ein leiser
Luftzug wehte noch
Es rauschte und klatschte ein Wesen erhob sich in den Lüften langsam zwei
Riesenarme unter den Kiefern
Klaus Hedderich war wie eine Katze vom Wagen geglitten Drunter lag er
platt auf der Erde zähneklappernd
»Sanct Nicolas Sancta Ursula gebenedeite allerheiligste Mutter Gottes
schütze mich Gott Vater Sohn und heiliger Geist ich habe immer ein Kreuz
geschlagen am Kreuzwege ich hab nie eine Messe versäumt wenn ich konnte ich
habe keine Todsünde begangen kein Blut vergossen ich beichte und bete wenn
die Straßen frei sind und der Markt aus der Ketzer Lehren sind mir ein Gräuel
und die Juden speie ich an Mariä Lichtmess hab ich geopfert eine geweihte Kerze
im Dom zu Havelberg und den Rabbiner Eliezar stieß ich mit dem Ellenbogen an der
Treppe Sancta Klara Sancta Marta Sancta Ursula Sancta Beata und das heilige
Blut in Wilsnack Gold und Perlen waren nicht drin die lieben Heiligen sollens
zählen zehn zum Aufgeld was michs kostet und Zehrgeld den Hafer nur einen
Groschen überm Marktpreis will ich schwören Alle gute Geister «
Die Hexe hatte ihn noch nicht am Schöpfe gegriffen er murmelte noch als er
den Kopf leise aufhob und unter den wirren Haaren vorschielte aber je schärfer
er blickte um so leiser wurden die Töne Es rauschte und klatschte noch immer
zwischen den Kiefern als er plötzlich sich aufrichtete und ärgerlich den Staub
abklopfend rief »Dummes Zeug das sind des alten Herrn Götz seine Sollen mir
wenigstens für die zerrissenen Riemen gut sein«
Fünftes Kapitel
Die Burg HohenZiatz
Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen
verrosteten Angeln ob doch der Sturm längst aufgehört hatte Der Mond sah durch
die zerrissenen Wolken auf die alte Burg HohenZiatz und wenn er ein Gefühl für
irdische Dinge hätte müsste der Mann im Monde sich gewundert haben
Ein altes verräuchertes Nest hätte es der Reisende bei Tage genannt Auf
einer Anhöhe die aus den Sumpfwiesen vorragte war es erbaut Ringsum wo die
Gräben und Teiche aufhörten zogen sich weite Föhrenwälder auf unebenem Boden
dessen Bestandteil der helle weiße Sand schon dicht neben dem schwarzen
Moorboden zu Tage lag Enge und krumme Wege schlängelten sich mühsam durch die
Waldung und die Roggen und Haferfelder die in der Lichtung der Forst lagen
schienen dem Auge im Verhältnis zu dem Walde so klein dass es zweifeln konnte
ob die in der Burg lebten wirklich davon leben konnten Und doch stieß auf der
einen Seite noch ein kleines Dorf daran dessen elende Lehmhütten sich aus der
Niederung in den Wald verloren
Aber ein sicheres Nest musste es in den alten Tagen gewesen sein ein rechter
Versteck für Verfolgte Der Hügel auf dem das Schloss gebaut war war nicht
Sand sondern festgestampfte Erde mit kurzem dichten Rasen bekleidet bei
genauerer Betrachtung sah mans ihm an dass er wenigstens in seinen oberen
Teilen nicht das Werk der Natur, sondern der Menschenhand war Ein Bollwerk
ein alter Burgwall der Wenden das Kastell des älteren Dorfes auf dem erst
später die deutsche Kultur mit Steinen gemauert hatte Aber ein Schloss wie sie
im Frankenlande in Schwaben auch drüben in Sachsen auf den Bergen und Hügeln
mit den roten Ziegeldächern in der Sonne flimmerten war es doch nicht
geworden Die dicken Mauern und Türme die über und hinter den Erdwällen sich
erhoben waren nicht in dem Verhältnis ausgebaut als sie angelegt schienen
Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein mit so schwerem
Gerät ein Haus aufzubauen Sie waren zu dem Stoff und zum Teil zur Sitte ihrer
Väter zurückgekehrt und wo der Stein aufhörte war mit Holz gezimmert und wo
die gebrannten Steine ausgingen selbst der Lehm nicht verschmäht um das
Fachwerk auszufüllen Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten
fertig geworden und wo sie Lücken bot waren diese durch eingerammte Stämme mit
Klammern Gegenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefüllt Das Tor war
noch ein großer steinerner Bogen freilich nicht größer als in manchem Bauerhofe
der sächsischen Lande aber der achteckige Turm drüben war schon aus Holz in
einander gefugt das mit rotem Ziegelstein ausgemauert war und wo der
Ziegelstein ausgefallen hatte man in späteren Zeiten sich mit Mörtel und Lehm
genügen lassen Bunt genug und nicht immer sehr rechtwinklig sah es von
draußen aus aber wenn Markgraf Friedrich der Erste seligen Andenkens vor
hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert wäre es
schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von HohenZiatz als mit denen von
Plauen Lentzen und den andern die sieben Ellen dick waren
Die Bredow von HohenZiatz hatten sich gefügt Was nicht zu ändern ist muss
man gehen lassen hatte der Vorfahr des Herrn Götz gedacht als der erste Spaß
vorüber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm Sie dankten Gott dass die
fränkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorübergingen und Keiner Lust zeigte den
geschlängelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten Hätte doch Herrn Gottfrieds
Großvater für den Fall sich sogar entschlossen die alte Fahne auszuliefern die
er damals dem Hohenloher im Getümmel abnahm Nun war sie in HohenZiatz
geblieben nicht im Saal unten bei dem andern Rüstzeug vielmehr hing sie oben
in der Giebelkammer über Götzens Bett wohin der Ritter sich zurückzog wenns
ihm zu kraus und wirr unten ward Der Stiel war schon von den Würmern
zerfressen die Seide auch von der Zeit und dem Staub ja ein Käuzchen hatte in
einem Sommer darin genistet und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt
als die Kleinen einmal in der Nacht zu pipen anfingen Zuerst hatte er etwas
anders gedacht was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag denn
vor bösen Geistern kann auch der Frömmste einmal erschrecken dann aber hatte er
gedacht I was tuts die Kleinen wollen auch leben und hatte sich umgedreht
und war eingeschlafen
Es war ein rechtes Nest für Eulen hätte Einer denken mögen wenn er Abends
einen Blick in den Hof warf
Aber wieder war Alles so klein dass man auch hätte fragen können wo denn
die Eulen und Nachtvögel Platz fänden neben den Menschen Doch in den Häusern
unserer Vorfahren war immer viel Raum für Andere weil sie für sich selbst wenig
brauchten Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darüber für
die Nacht Das Kind das zur Welt kommt muss die vier Wände anschreien so ists
alte Sitte das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen Aber wenn er
aufwächst und groß wird baut ihm der liebe Himmel sein großes Haus wo immer
Platz ist für Tausende und Hunderttausende mehr als leben und leben werden Die
Sonne war die Kerze und das Feuer und wenn es heiß war der Baum und Wald
unserer Väter Schatten und die Luft wehete ihnen bessere Kühlung zu als die
dicksten Mauern Nun und wenn keine Sonne schien und es regnete und stürmte
dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle ein Flur eine Diele wo die
Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gespräch die Ungunst des
Wetters vertreiben konnte Es tut nicht gut dass der Mensch allein sei mit
seinen Gedanken Und die Halle fehlte auch nicht in Burg HohenZiatz
Die Pferde hatten ihren Stall im Hof die Hunde ihre Hütten am Tor die
Schweine ihre Koben daneben auch Kühe und Stiere wurden unterweilen bei
schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben wie sie da mit den Rossen sich
vertrugen war ihre Sorge Der Storch nistete auf der Dachfirste vom Herrenhause
die Schwalben an den hölzernen Galerien die um den Hof liefen die Tauben beim
Türmer die Eulen in den alten Mauerblenden die Schwaben in den Ritzen der
Wurm im Holze die Mäuse im Keller und Flur und die Menschen jeder in seiner
Kammer und war dem Knecht keine zugewiesen da stand doch eine Bank in den
Gängen und lag schon ein anderer darauf so jagte er die Hunde fort die unterm
Vordach im Hofe schliefen Item es fand sich und ging wer schlafen wollte der
fand immer einen Platz wer fror ein Feuer sich daran zu wärmen wen hungerte
Brot und Brei die Speisekammer war nie leer dafür sorgte die gute Hausfrau
die nie den Schlüssel aus der Hand ließ und wer bangte fand auch ein
freundliches Gesicht und gute Zusprach Die Frau von Bredow duldete Alles in
ihrem Haus nur nicht Faullenzer und Duckmäuser
Der Mann im Monde hätte sich wundern müssen sagte ich wenn er auf die Burg
niedersah Es gab Vieles worüber er sich wundern konnte Ists doch allüberall
ein eigen Ding mit dem sich wundern Einige verwundern sich wenn es in der Welt
eine Weile still herging dass die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung und
Andere hinwiederum wenn ein Sturm kommt und Alles umwirft warum die alte
Ordnung nicht ewig dauerte Der Mann im Monde wenn er sprechen könnte würde es
uns am besten sagen worüber wir uns noch wundern dürfen Durch so viele tausend
Jahre schaut er auf die Erde und sieht Alles was uns bewegt und ihn kümmerts
nicht er lacht nicht und er weint nicht mit seinem kalten gleichgültigen
Gesichte ob er aber bei sich denkt was wir doch für Toren sind das weiß kein
Mensch
Über den Sturm konnte er sich wundern denn er war ein Orkan geworden wie
dessen die ältesten Leute sich nicht entsannen Wie er den Wald gepeitscht als
wären die Baumwipfel Meereswellen hatte er auch an der Burg gerüttelt dass die
Balken knackten Das Storchnest war von der Firste geworfen im Schieferdache
hatte er gewühlt und gewirtschaftet und der Giebel der schon überhing sich
noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen War das nicht zum Verwundern dass
der Giebel noch hielt so war es doch dass der Hausherr in der Erkerkammer auch
davon nicht aufgewacht war Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe
Winde im Spätherbst bringen Kälte und Frost oder Schlacken aber als wäre
nur das wilde Heer vorübergerast so war es still geworden darauf und die
Nachtluft schwül Und das war doch auch zum Verwundern dass man nirgend mehr
etwas sah von der großen Wäsche Sie war eingebracht und Alles an seinem Fleck
zwei Stunden schon nachdem der letzte Wagen über die Zugbrücke rollte und
nichts war verloren gegangen auf dem langen Wege »Das ist eine Frau die
nimmts auch mit Wetter und Wind auf« sprachen die Dienstleute
Nun dampften die Kessel über dem prasselnden Feuer und die Schinken
brodelten und schwitzten am Spieß Auch in den Keller war sie gestiegen und
hatte an den Fässern gezapft und die Knechte trugen schwere volle Kannen in
den Flur Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und auch etwas mehr dachte
die Hausfrau nur sich selbst gönnte sies nicht denn während die andern um den
großen Tisch saßen stieg sie noch treppauf treppab und ihr Schlüsselbund
klirrte durch den Becherklang
Hoch war die Halle gerade nicht und auch nicht gewölbt Die Balken angerusst
vom Rauch wenn er aus dem Kamin zurückschlug drückten wie braune Rippen über
den Köpfen und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen davon war nicht mehr
viel zu sehen und wo die Schnörkel und Spitzen noch hielten hatte man sie
benutzt wie man mit Wandnägeln tut Da hing ein Schild ein Harnisch ein
Helm auch wohl ein Kessel oder gar ein Schinken daran Der Boden war
festgestampfter Lehm und die Tische und Bänke von solchem Kerneichenholze dass
es dem Zimmermann Schade gedünkt viel mit Hobel und Meissel daran zu schnitzen
und zu glätten Eine Schwelle nur und eine Tür schied die Halle vom Hofe Wenn
die Tür aufging drang Regen und Wind ein darum tat man sie lieber nicht zu
wenn es nicht zu arg stürmte und stiebte Und das kam dem Feuer im Kamine zu
gut denn wenn der Rauch der seine Launen in alten Häusern hat nicht hinaus
wollte wo er hinaus soll und lieber im Saal bleiben mochte zwang ihn die
Zugluft dass er prasselnd durch den Schlott fuhr Und für den Schornstein war es
auch gut dass die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten denn er war
von Holz zwar warens junge Eichenstämme mit Weidenruten durchflochten und
mit Lehm gefüttert aber wenn das Feuer nicht durch wollte fingen die Wände
doch auch an zu sengen und wenn die Frau es merkte musste ein Knecht aufs Dach
und einen Eimer Wasser hinuntergiessen Schadete gar nichts der Rauchfang stand
schon über hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen wenn nur immer Einer da
war mit einem Eimer Wasser Zwar das Feuer ging dann aus aber Holz war immer
da
Holz und Luft war der Reichtum unserer Väter und an beiden war auch im
Saal der Bredows auf HohenZiatz ein Überfluss Die Luft kam wie gesagt durch
die Tür und durch den Schlott aber außerdem auch durch die Treppenmündung aus
dem oberen Geschoss Denn nicht weniger als zwei Treppen führten zu beiden Seiten
des Heerdes den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten hinauf schwer eckig
und fest und mit rotem Schnitzwerk verziert Und so wenig es an der Treppe war
das Holz an den Wänden gespart die mit glatten bunt gestrichenen Bohlen von
oben bis unten ausgelegt waren Wäre der Rauch und das Alter nicht gewesen
hätte man noch die sieben Todsünden daran erkennen und manchen frommen Spruch
lesen mögen Aber das Alter drückte überall auf das Haus und seine Balken und
was ehedem in der Richte war und sich schickte das war heute nicht mehr in der
Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr
Ehedem wenn hier der Herr saß und tafelte mit seiner Familie und seinen
Knechten die Herren und die Nächsten ihm oben am Feuer die Knechte unten an
der Tür ward wohl noch an dem Herde selbst gebraten und gekocht jetzt war
schon seit zwei Menschenaltern die Küche in ein Seitenhaus gebracht Nur ein
warmes Morgenbier oder eine Ingbersuppe kochte bisweilen die Burgfrau ihrem
Eheherrn hier wenn er über Land ritt und es zu garstig blies Getafelt ward
noch aber es waren nicht mehr die alten lustigen Zeiten Herr Gottfried war
grämlich und wenn er lustig ward dann schickte Frau Brigitte die Knechte
hinaus Die Knechte waren eigentlich froh wenn sie ihre Schüssel Brei im Stall
oder auf dem Hofe verzehren konnten und die Hausfrau war auch froh wenn sie
früher den Tisch aufbrechen konnte Sie meinte was das lange Plaudern täte
Gescheidtes käme nicht raus Herr Gottfried Bredow aber meinte sie hätte
Unrecht denn der Wein sei da dass er des Menschen Herz erfreue mit Andern
zusammen trinken sei eine gute Gewohnheit aus alter Zeit aber da die gute alte
vorüber sei müsse er sich in die Zeit schicken wie sie ist und allenfalls
auch allein trinken
Schien es doch als habe der Wein die Geister diesmal nicht aufgeregt sie
saßen alle da nicht schläfrig aber auch nicht lustig um den schon etwas
dunklen Tisch Denn das Feuer auf dem Herd verglimmte und die Kienfackeln an
den Pfeilern hingen mit langen Aschenzöpfen zur Erde gesenkt Der Zeiger der
Turmuhr hatte neun geschlagen
»Müsste man sich doch grauen zu Bett zu gehen« sprach Einer
Der Dechant der eine Weile vor sich sinnend gesessen räusperte sich »Mit
Nichten werte Herren Bei den furchtbaren Meteoren sah wohl Keiner recht
genau was ihm und Andern passirte In solchen Augenblicken des Schreckens und
der Verwirrung glaubt der schwache sündige Mensch allerlei außer ihm zu
erblicken was nur in ihm ist«
Ihr Gespräch hatte sich um die kurz erlebten Begebenheiten gedreht ob der
Junker Hans Jochem wirklich verhext gewesen ob man Hexen im Sturm daher fahren
gesehen und ob der Krämer wie einige behaupteten den bösen Blick habe Ein
halb dunkles Zimmer in einer einsamen Burg bei einbrechender Nacht ist nicht
geeignet die Gespensterfurcht zu vertreiben Und doch wollten die welche vorhin
sichtlich dieser Angst erlegen waren es jetzt am wenigsten haben Hans Jochem
war wieder oben auf und meinte die Finger wären ihm verklammt gewesen sonst
hätte er das Zeug gleich vom Leib gerissen Nur Peter Melchior schwor Stein und
Bein dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen wobei er doch auch der Lust
nicht widerstand den Dechanten zu hecheln Der gab es redlich wieder was Peter
Melchior ihm versetzte nur dass er nicht wie dieser die Gelegenheit vom Zaun
brach sondern sie im Augenblick fasste wo sie ihm handrecht entgegen kam
Das Schrauben ist eine uralte Lust bei den Menschen wenn Mehre bei einander
sind und Einer dünkt sich klüger als der Andere Nun kommts aber dass Einer in
dem einen Ding und der Andere im andern sich klüger dünkt und wenn sie dann
sich Einer den Andern schrauben gibt das viel Lustigkeit zuweilen aber auch
ein traurig End Die beiden jungen Vettern hörten vergnügt zu wie der
geistliche Herr und der Junker sich aufzogen und Hans Jochem gab auch wohl mit
sein Wort zu wo es sich schickte und wo sichs nicht schickte nur Hans Jürgen
hörte ohne ein Wort zu sagen im Winkel zu
Nun war es Allen bekannt dass der Junker Peter Melchior ein Verschwender
war der das Seine vertan hatte und auch wohl noch vertat wenn er wieder was
fand Und wenn er nichts hatte zechte er bei seinen Vettern und Freunden umher
So ward es dem geistlichen Herrn leicht ihm auf die Finger zu klopfen mit denen
er eben seinen Gegner gekitzelt hatte Und wie der Junker unverdrossen im
Angreifen war so war er dafür gar leicht verdrossen und geschlagen wenn Einer
ihn bei seiner Schwäche stachelte
Da stritten sie was der Teufel lieber fasse einen Pfaffen oder einen
Junker Peter Melchior versicherte Satan wäre nichts lieber als viel Pfaffen
unten in der Hölle Der Dechant sagte das glaube er wohl dann hätten die
Junker oben frei Spiel und kämen ihm von selber zugelaufen Peter Melchior
versicherte dem Gottseibeiuns mache nichts mehr Vergnügen als wenn er einen
dicken Chorherrn bei den Haaren durch die Luft schüttele »Was hätte er auch zu
schütteln bei manchem Junker« entgegnete der Dechant »wenn er sie kriegt ist
gemeinhin ihr Bestes schon fort«
Darauf stritten sie wer den Teufel am besten zu betrügen verstände und der
Dechant schien gar nicht abgeneigt dem Junker zuzugeben dass die geistlichen
Herren darin noch geschickter wären als die Weiber denn den Teufel betrügen sei
eigentlich keine Sünde Vielmehr sei es die Aufgabe eines guten Christen den
Teufel um seinen Anteil zu täuschen so gut er könne
Peter Melchior erzählte die Geschichte von dem Abt der mit dem Teufel um
seine Seele gewürfelt Der Teufel verlor »Als er nun abzog lachte er Und wisst
Ihr warum In der Tasche hatte er die Seele nicht aber er hatte sie doch
gewonnen Der Abt hatte mit falschen Würfeln gespielt Man soll auch nicht den
Teufel betrügen«
»Wie war doch die Geschichte mit dem Nippel Bredow« sagte der Dechant nach
einigem Schweigen als wisse er auf den Trumpf des Junkers einen Gegentrumpf
Hans Jochems muntere Augen glänzten schalkhaft er verstand den Blick den
der Dechant ihm zuwarf
»Die weiß ich haarklein und kann sie Euch erzählen Ihr meint doch den
Nippel der in Saus und Braus lebte und immer Alles ausgegeben hatte eh ers
eingenommen So was kann auch nur in der Heidenzeit geschehen sein was man
davon erzählt«
Aber Alles was der Schalk erzählte von den sechs Trompetern die zu Tische
blasen müssen wie er die Brosamen den Hunden vorwerfen ließ statt sie den
Armen zu geben wie er dann ein Gut ums andere versetzt bis er durch die
Hintertür auch aus dem letzten bei Nacht und Nebel ausgeritten war vielleicht
die Geschichte Nippel Bredows aber gewiss auch die Peter Melchiors nur etwas
ins Boshafte übersetzt weshalb man den Junker wohl spottweis den armen Nippel
nannte
Der Junker verstand es vollkommen weshalb er Hans Jochem einen bösen Blick
zuwarf Sie konnten sich beide nie gut leiden
»Und darauf verschrieb sich der arme Nippel dem Teufel« sagte der Dechant
»Das pflegt wohl so zu gehen in der Welt wenn man nicht mehr aus und ein weiß«
»Und Niemand mehr borgen will« sagte Hans Jochem »dann borgt der Teufel«
»Erzählt doch weiter lieber Herr von Bredow ich will Euch nachher auch
eine Geschichte erzählen« sagte Peter Melchior mit anscheinender Ruhe
»Da lebte denn der Nippel wieder groß wie vorher« fuhr Hans Jochem fort
»bis die Zeit heranrückte wo der Vertrag zu Ende ging Er hatte ihm nichts
verschrieben für alle die Herrlichkeiten als seine Seele weil Nippel gar
nichts weiter zu geben hatte Da wards ihm aber ganz kurios zu Mute und sein
großes Maul wurde mit einem mal klein Wenns Abend wurde graute ihn Es durfte
Niemand von Gespenstern reden und wenn der Wind Spreu und Lumpen trieb sah er
nichts als Hexen reiten Nun hatte er einen Schäfer der war klüger als sein
Herr Der merkte was ihm war und Nippel der keinem Priester beichten durfte
beichtete dem Schäfer Der Schäfer sann eine Weile nach und endlich knipste er
mit den Fingern und sagte ich hab es Muss Euch nicht gnädiger Herr der Teufel
bis auf die letzte Stunde tun was Ihr verlangt Freilich so ist der Pact
Nun dann ist Alles gut sagte der Schäfer Da gruben sie des Nachts der Schäfer
und sein Herr beim Dorfe Landin das Loch in den Berg das noch da ist und der
Berg heißt heut noch der Teufelsberg aber noch viel tiefer so tief dass gar
kein Ende da war Und darüber stellten sie einen Scheffel aber so dass wenn er
voll war schlug er über und Alles was drin war rollte ins Loch Nächste
Nacht nun rief Nippel den Teufel und sagte ihm Füll mir den Scheffel mit Gold
Der Teufel sah ihn verwundert an Denkst du Alles noch zu brauchen dachte der
Teufel O noch viel mehr dachte Nippel Und der Teufel ging an die Arbeit
Einen Sack um den andern schmiss er in den Scheffel um bald fertig zu werden
aber sobald er sich umdrehte kippte der Scheffel um und wenn er mit einem
neuen Sack wieder kam war der Scheffel leer und kaum ein paar Goldstücke lagen
am Boden Zuerst merkte ers nicht Nippel hatte ihn vielleicht aus dem Schlaf
geweckt oder der arme Teufel hatte auch einen Schluck über den Durst genommen
Als ers aber inne ward da ward er erst gar hitzig und heulte und warf und
schmiss denn er meinte jedes Loch müsse doch ein Ende haben Endlich rief er
zornig aus
Nippel Nappel Neepel
Wat hest vöörn grooten Scheepel
und er fragte den Herrn ob er denn wirklich schütten solle bis er voll sei
Eher darfst du nicht ausruhen antwortete Nippel Da der arme Teufel nun
voraussah dass er dann bis ans Ende der Welt tragen und schütten müsste und
schon ganz außer Atem war rief er ärgerlich Hol der Teufel nun solchen
Vertrag und raus zog er das Pergament aus der Brust zerriss es schmiss es
Nippeln vor die Füße und den Schweif zwischen den Beinen flog er wie eine
Fledermaus davon«
Der Dechant schielte auf den Junker »Dass nun dem armen Nippel all sein Witz
nichts geholfen hat Weil er mit falschem Spiel den Teufel betrog musste seine
Seele auch ohne Teufel zur Hölle fahren So meint Ihr ja wohl«
»Ich meine« sagte Peter Melchior »dass ich dem Junker da auch eine
Geschichte erzählen will Wisst Ihr woher die vielen Bredows ins Havelland
kommen Vor alten Zeiten mal stand es schlecht auf der Welt Zu unserem Herrgott
im Himmel kamen so viele Klagen über die Edelleute von damals sie scharrten
zusammen und gäben nichts wieder aus Wenn einer zu seinen Freunden käme dems
mal schlimm ginge da zuckten sie die Achseln klammten die Hände zusammen und
verredeten ihn gar noch Da sprach unser Herrgott ärgerlich zum Teufel Dazu
hab ich die Edelleute gemacht dass sie ausgeben sollen was sie einnehmen er
solle mal Musterung halten und wenns so wäre die Knauser und Filze gleich
mitnehmen Also mein Teufel nimmt einen großen Sack und fliegt durch die Länder
und mustert Da hatte er bald eine Ernte gemacht und der Sack war schon
übervoll als er zur Hölle fuhr Aber weil der Sack so schwer war musste er
niedrig auf der Erde fliegen und so gings über die Mark Brandenburg weg Aber
gerade über Stadt Friesack wird ihm der Arm so schwer dass er den Sack etwas
sinken lässt und da streift er mit dem unteren Ende an dem Kirchturm Der Teufel
war auch müde wie der den Euer Nippel halbirte denn er merkte es nicht dass
der Sack riss und wohl ein Viertel von seinen Edelleuten raus fiel Vielleicht
hat ers auch gemerkt aber er dachte was tuts die Hölle ist doch voll
genug Wie er mit dem Sack schlenkerte da fiel der erste in Friesack nieder
was davon seinen Namen hat dass hier der Sack frei wurde Das sind die Bredows
auf Friesack Der sagte nun zum zweiten der nach ihm fiel dass er weiter hin
gehen sollte er wolle Friesack für sich allein behalten Besser hin Bess hin
rief er ihm zu bis er weit genug war und sitzen blieb Davon heißen die Bredows
noch die auf Pessin Den Dritten der gern mochte bei ihnen sitzen bleiben am
großen Luch wiesen sie auch fort landeinwärts Land in riefen sie ihm zu
davon heißt sein Dorf Landin Der vierte ging denselben Weg lang und wo er sich
niederließ heißt noch Selvelang Der fünfte ging rechts zu rechts to und
jedes Kind weiß dass die Bredows in Retzow sitzen So sind also die Bredows des
Teufels Bescheerung im Havelland Der sechste als er aus dem Sack fiel stieß
mit der Stirn grad an ein Brett Da rief er O Davon heißt er Bredow Junker
Hans Jochem wenn ich recht gehört war das Euer Urgroßvater Nehmt Euch in
Acht dass ihr mit Eurem Witz nicht an ein Brett stosst denn das Brett stößt
wieder Dem Brett tuts nicht weh sondern Euch und wenn Ihr sie lachen hört
lachen sie nicht das Brett aus sondern Euch«
Peter Melchior war aufgestanden und den Hut aufgestülpt legte er die Hand
dem Junker auf die Schulter wie Einer der mit sich zufrieden ist »Für heute
gute Nacht« sprach er Aber als er hinaus wollte war Hans Jürgen von der Bank
aufgestanden und vertrat ihm den Weg
»Ich heiß auch Bredow Herr von Krauchwitz Hans Jürgen Bredow aus
Selbelang bin ich vom Havelland«
»Wahrhaftig Du bist Deines Vaters Sohn«
Hans Jürgen ward über und über rot »So Einer auf meine Sippschaft
losziehen tut und die Andern die reden sollten das Maul zutun «
»Sperrst Dus auf Nimm Dich in Acht es fliegen keine gebratene Tauben
nein«
Hans Jürgen ballte die Hand »Ich frag nicht viel wer vor mir steht«
»Du bist Hans Jürgen«
Damit ging er an ihm vorüber und seine Sporen klirrten als um Hansen zu
bedeuten dass er noch keine habe
Alle lachten auch Hans Jochem der noch eben verdrießlich schaute
»Hans Jürgen Du bist nicht zum Ritter gemacht« sprach die Edelfrau die
durchging nach der Tür draußen da es im Hofe laut ward und der Türmer blies
Die Andern folgten ihr
»Warum denn nicht« brummte Hans Jürgen »Er hat meinen Vater seliger
schlecht geredet«
Sechstes Kapitel
Der späte Gast
Die Hunde klafften und der Türmer stieß ins Horn Ein einzelner Reiter hielt
vor der Zugbrücke Kaum dass er den Namen genannt als man sich fast übereilte
das Gatter aufzuziehen und die Zugbrücke niederzulassen derweil Andere ins
Herrenhaus liefen den unerwarteten seltenen und wie es schien vornehmen Gast
anzumelden
Die brennenden Kienspähne beleuchteten eine nicht unedle hohe ritterliche
Gestalt Auf einem schönen Rappen ritt er jetzt etwas gebückt durchs Tor Dem
Reiter und seinem Tiere sah man es an dass Wald und Nacht für gewöhnlich nicht
ihr Nachtquartier waren dass der Reiter auch gewohnt sein mochte in stolzeren
Schlössern einzureiten und sein Ross in besseren Ställen zu nächtigen Sichtlich
hatten beide mit Wind und Wetter zu kämpfen gehabt und es brauchte kaum beim
Willkomm ausgesprochen zu werden dass er verirrt war und Sturm und Nacht ihn in
diese abgelegene Burg verschlagen hatten
Als ihn die Burgfrau sah kannte man kaum Brigitten von vorhin wieder So
verwundert war sie so tief neigte sie sich vor dem Herrn und in einem ganz
anderen Tone sprach sie
»Gottes Wunder Herr von Lindenberg wie kommen wir zu der Ehre«
»Alle Heiligen mit Euch liebe Base dass weiß ich selbst nicht«
»Und ganz allein«
»Mutterseelenallein Wenn der Teufel die Andern nicht holt so tuts der
Sturm und das Wetter«
»Und Seine « der Ritter erriet das Wort das auf den Lippen der Edelfrau
erstarb
»Der Himmel und der heilige Johannes wird Seine kurfürstlichen Gnaden hoffe
ich besser nach Berlin bringen als mein Gaul mich durch die Heiden und Sümpfe
der Zauche hierher jagte Ihr seht ich bin verwirrt Auf der Jagd war ich in
der Belziger Forst mit dem Kurfürsten Zur Jagd kann ich nicht zurück denn die
Jagd ist aus Zum Kurfürsten kann ich auch nicht denn da dies Haus wie ich mit
Vergnügen sehe HohenZiatz ist bin ich ganz aus der Richte gekommen und mein
Herr ist aller Vermutung nach schon über den Teltow nach Berlin geritten Ich
muss den nächsten Weg wählen über Potsdam Da aber weder ich dazu Lust noch mein
Pferd die Kräfte hat sogleich aufzubrechen auch meine liebe Base ein so
freundlich Gesicht macht muss ich es schon vorziehn ihre Gastfreundschaft auf
ein Paar Stunden anzusprechen«
»Konrad Ruprecht Ihr seid recht müde Ach und Euer Ross was ists im
Schweiß«
Konrad und Ruprecht griffen ihr zu ungeschickt zu Die Edelfrau stieß Hans
Jürgen heran dass er dem edlen Gast die Steigbügel halte was in der Tat nötig
schien denn als er vorhin den Versuch machte am Prallstein abzusteigen war das
Tier störrig oder dem Reiter versagten nach dem langen Ritte die Kräfte Auf
Hans Jürgens Schulter sich stützend schwang er sich aber jetzt mit ritterlichem
Anstand auf die Erde
Der Fackelschein fiel gerade auf Hans Jürgens gar nicht vergnügtes Gesicht
weil er zu einem Dienst gezwungen war der ihm für eines Ritters Sohn und noch
dazu gegen einen Hofmann nicht sehr ehrbar schien Der Ritter sah ihn flüchtig
aber scharf an
»Ei welchen vornehmen Dienstmann meine Base die Güte hat mir zu bestellen
Der Junker von Selbelang wenn ich recht sehe Wie geht es Herr von Bredow«
»S ist nur Hans Jürgen« flüsterten die Leute der vornehme Herr reichte
ihm aber doch verbindlich die Hand und neigte sich freundlich zu ihm ehe er die
der Base ergriff und schöne Worte ihr sagte von alter Freundschaft und den guten
Zeiten die gewesen und nicht wieder kämen Als sie ihn neckisch schalt dass er
so lange schon in HohenZiatz sich nicht blicken lassen antwortete er wenn
Einer dabei verloren sei er es »Ach diese guten alten Zeiten als ich noch
ein freier Mann war« Er seufzte und nun sah er den Junker Peter Melchior
»Welche Freude einen so alten Freund zu sehen« Er ließ es nicht bei einem
Händedruck genügen »Und welche Überraschung auch den würdigen Dechanten von
AltBrandenburg Ists doch fast als hätten die Hexen mich in ein Zauberschloss
geführt wo ich lauter alte liebe Bekannte finde«
»Sprecht nicht von Hexen Herr von Lindenberg« sagte Peter Melchior »Mit
denen ist nicht zu spassen«
»Ihr habt recht« lachte der Gast »Es wär übel wenn ich plötzlich
erwachte Alles wäre verschwunden und ich läge allein im Moor Aber wo ist
unser biederer Wirt Ei wo versteckt sich Herr Gottfried«
Die Edelfrau schlug die Augen nieder »Ach Herr von Lindenberg seit er aus
Berlin kam «
Er ließ sie nicht aussprechen »Richtig ich entsinne mich er kommt vom
Landtage«
»Und da ist er noch etwas angegriffen«
»Er tat dem Landmarschall Bescheid Base Bescheid wie ein Edelmann das
kann ich versichern Ein wackerer Ritter recht aus der alten Zeit Will keinen
über sich kommen lassen Man lobte ihn allgemein in Berlin als er in den Wagen
gehoben ward Der Kurfürst darf ich Euch vertrauen war sehr zufrieden wie er
sich beim Landtage benommen Das ist ein braver Mann sagten Seine Gnaden der
gehört nicht zu den Stänkerern die alles besser wissen wollen als ich«
Nach einem langen Ritt durch Nacht und Wald war auch ein Hofmann jener Tage
hungrig und durstig darum nahm er gern den Arm der Hausfrau als diese ihn
aufforderte unter ihrem schlechten Dach vorlieb zu nehmen mit was der Tisch
und Keller noch biete Aber an der Schwelle wandte er sich rasch um »Mein
Pferd«
»Für das ist gesorgt«
»Nicht wie es sollte«
Leicht gegen die Edelfrau sich verneigend sprang er rasch zurück auf den
Hof wo Hans Jürgen der nur einem Wink seiner Verwandtin diesmal minder
verdrossen gefolgt war eben im Begriff stand den Rappen des Herrn von
Lindinberg in den Stall zu führen
»Ihr irrt Junker Bredow es ist mein Pferd«
»Weiß wohl ich täts in den Stall führen«
»Das ist Knechtes Arbeit nicht eines Adligen Ein Edelmann darf nur für
sein eigen Ross sorgen«
Ehe ers ausgesprochen hatte er Hans Jürgen den Zügel entnommen ihn mit
einem Wurf und einem herrischen Blick dem nächststehenden Knecht über den Arm
geworfen dem Rappen einen liebkosenden Schlag auf den Hals gegeben und dann
wieder vertraulich die Hand auf Hans Jürgens Schulter gelegt
»Nun Junker von Selbelang wollen wir miteinander einen Humpen leeren aufs
Andenken Eures Vaters Das war ein lieber Mann mein Freund ein wahrer
Edelmann der wusste zu leben Schade um ihn dass er so früh das Zeitliche
gesegnen musste«
Die Halle war schnell erhellt von Fackeln und Lichtern Was hatte die
Hausfrau zu sorgen zu klingeln rufen schelten flüstern dass ihr Haus Ehre
habe vor dem späten Gast Fast war es zuviel Sorge und Arbeit noch in die Nacht
hinein nach einem Sturm und einer großen Wäsche
Doch der Gast verdiente es Er war ein Mann etwa in den Vierzigern hoch und
stattlich gewachsen im Gesicht den Hofmann und den Ritter nicht verleugnend
Sein Tritt seine Bewegungen waren sicher und fest aber dabei fein und
geschmeidig seine Tracht der Sitte der Zeit wenigstens in Brandenburg um
etwas vorangeeilt Das schon besprochene Kleidungsstück welches damals anfing
so viel Gerede zu machen würde auch seinem Körper wohl gestanden haben aber er
kam nicht vom Hofgelage sondern von der Jagd Über den hohen braunen Stiefeln
mit Silbersporen die bis über die Knie reichten schmiegten sich engere Hosen
an den markigen Wuchs die nur am Leibe nach der burgundischen Mode in leichte
Puffen ausgingen Nach derselben Mode war auch sein gesticktes Tuchwams welches
sich in einer Spitze tief zum Nabel senkte und von einem ausgelegten Gurt
festgehalten wurde Daran hing der kürzere Jagddegen auch ein feines Stück
Arbeit Um den Hals schmiegte sich eine Krause die den Hofmann der das Ausland
gesehen deutlicher noch verriet und selbst den Stürmen des nächtlichen Rittes
widerstanden hatte Seine Stirn war nicht zu hoch sein Bart nicht zu lang aber
sorgfältig gekräuselt und die ins Rötliche spielenden Hauptaare waren fast
glatt geschnitten Locken die in wildes Haar ausarteten und struppige Bärte
galten in jener Zeit noch als ein Zeichen männlicher Kraft und adligen Mutes in
diesem Lande
Wenn er sich durch diese Kennzeichen merklich von allen hier Anwesenden
unterschied so war ers noch weit mehr durch sein einnehmendes Wesen und die
feine Art wie er mit jedem sprach Wie verbindlich reichte er dem Hans Jochem
die Hand sich entschuldigend dass er ihn vorhin nicht gleich erkannt Zur
Wirtin redete er so traulich und scherzhaft wie Einer der eine Frau die ihm
nicht gleichgültig war nach langen Jahren wiedersieht und es tauchen allerhand
liebe Erinnerungen auf so süß und schön dass beide darüber die Jahre und
Runzeln vergessen Was sie erzählte und erwähnte wie bald entsann er sich der
geringfügigsten Kleinigkeit wie hörte er mit anscheinender Aufmerksamkeit zu
und wusste immer dem was trübe klang eine freundliche Wendung zu geben Wie
schlug er auf ihre Hand und tröstete wo es des Trostes bedurfte nicht wie ein
Liebhaber wie ein alter Freund der es bleiben wird trotz der Jahre und
Widerwärtigkeiten
Aber wieder ein anderer ward er als die Töchter eintraten und mit
verschämter Anmut den vornehmen Gast und Verwandten bewillkommten Eva Bredow
wurde fast rot dass sie ihm so bäuerisch grob die Hand geboten Er hatte nicht
eingeschlagen sondern die Finger zart fassend sie an seine Lippen gebracht und
auf ihr »Gott grüß Euch Vetter von Lindenberg« hatte er eine Weile wie
verwundert sie angeschaut
»Ei das schöne Fräulein soll meine Muhme sein«
»Gewiss Herr es ist die Eva« sprach die Mutter erfreut »so Ihr damals bei
der Huldigung auf den Knien schaukeltet Ihr sagtet noch sie würde der Mutter
gleichen«
Der Gast schien sich noch von seinem Staunen zu erholen »Wahrhaftig ich
glaube doch am Ende ich bin hier in einem verzauberten Schloss Fürchte wenn
ich ihre zarte Hand nicht festalte sie wird mir wie eine Nix verschwinden«
»Macht sie doch nicht verschämt Das dumme Ding ist schon puterrot und wagt
nicht die Augen aufzuschlagen«
Eva hatte wohl die Augen aufgeschlagen sie schämte sich ihrer Hände die
waren noch rot vom Waschen Und als er weiter sprach von einer Rose die er in
der Heide gefunden die aber eines Fürsten Garten zieren würde ward sie ganz
ängstlich und hätte fortlaufen mögen wäre die Mutter nicht gewesen die ihm
auch ihre zweite Tochter vorstellte
»Welch ein Reichtum von Blumen im Walde Rosen und Lilien wie kommen die
unter die Kiefern«
»Wir denken so die Agnes zu Unseren lieben Frauen nach Spandau zu bringen«
»Ein frommes Gemüt sehnt sich nach dem Himmel Doch nicht zu früh Frau
Muhme Mit der Frömmigkeit muss man nicht gar zu sehr eilen die Zeit ist lang«
»Wies der Herr schickt Sind schlimme Zeiten Herr von Lindenberg
Aussteuer können wir doch nur einer geben Und weil sie so still ist und so vor
sich hinschaft da meint mein Gottfried und der Herr Dechant hats auch
gemeint sie schickt sich nicht für die böse Welt und wie das wirsche Volk hier
ist Unser Herrgott nimmt die Stillen am liebsten Der sieht nicht darauf wie
das Mannsvolk ob die Backen rot oder blass sind«
»Aber« flüsterte schelmisch der Herr von Lindenberg »er sieht auf die
Grübchen neben den Lippen ob sich ein Schelm da versteckt hat Der Schelm ist
ein böser Schelm und neckt alle Evas Keine ist davor sicher und mögen sie so
still und sittsam aussehen als Eure Tochter«
»Ja die Evas lieber Herr von Lindenberg« lachte die Mutter »aber die
heißt Agnes Dummes Ding was erschrickst Du Dich«
»Sie wird nicht erschrecken liebe Base« lachte der Gast »wenn der
arglistige Schelm kommt dem kein Menschenkind widersteht«
Der Schelm kam nicht aber Knechte und Mägde um den Tisch noch einmal zu
füllen mit Allem was das Haus und der Keller auftreiben konnte Da sah man den
Herrn von Lindenberg abermals ein ganz anderer werden Hunger ist der beste
Koch heißt es aber Hunger und Durst sind auch Fechtmeister die den
gesattelsten Ritter und Hofmann aus dem Steigbügel werfen Der Herr von
Lindenberg aß dass es eine Freude für die Hausfrau war so oft sie einschenkte
schenkte der freundliche Gast ihr einen freundlichen Blick
»Dass solchem Herrn der an besseres gewohnt ist unser schlechter Wein
mundet«
»In solcher Gesellschaft« sagte der Gast und reichte auf der einen Seite
der Edelfrau auf der anderen dem Junker Peter Melchior die Hand dabei wiegte
er sich auf dem Schemel mit einem gar vergnügten Gesicht »Ihr glaubt
vielleicht dass ich scherze Denkt Euch Einen der die ganz Woche im Block lag
und am Sonntag wird er frei Das Hofleben ist «
Er hielt plötzlich inne »Wir vergaßen auf die Gesundheit unseres
durchlauchtigsten Kurfürsten und Herrn zu trinken wie es guten
brandenburgischen Edelleuten bei jeder Mahlzeit geziemt«
Die Pokale klangen und der Hofmann hielt es für angemessen viele Worte zum
Lobe seines jungen Fürsten zu sprechen Da war keine Tugend die er ihm nicht
beimass Er sprach so lange bis er den Pokal sich von Neuem füllen ließ Diesmal
galt sein Spruch dem Wohl der tugendsamen sittigen Hausfrau seiner lieben
guten Base und Wirtin dann den zarten Fräulein
»Und dass der Bärenhäuter der Gottfried mein alter Freund nicht zu uns
kommt Ich wollt ihm einen Trunk bringen dass er mir Bescheid tun müsste als
säße er noch an der Landtafel«
Des edlen Gastes Heiterkeit teilte sich den andern mit Man machte den
Vorschlag zum Langschläfer wenn er nicht herunterkomme hinaufzusteigen
»Wir wollen ihn wecken« jauchzte Peter Melchior der auch des süßen Weines
schon viel getrunken hatte
»Das überlassen wir seiner lieben Frau« entgegnete der Ritter welcher das
bedenkliche Gesicht der Edelfrau bemerkt »Frauen wissen immer am besten wann
es Zeit ist dass die Männer aufwachen sollen« Die Frau ging die Töchter nahmen
die Gelegenheit wahr mit ihr zu entschlüpfen
»Eingeschänkt« rief der Gast der selbst einen Becher nach dem andern
hinunterstürzte »Herr Gott im Himmel und Sanct Petrus am Höllentor wie ist
mir eigentlich wohl unter Euch«
Der Dechant hob lächelnd den Finger »Sanct Petrus Herr Ritter steht am
Himmelstor«
»Wer da Wache hält ist mir gleich Ich bin raus aus dem Himmelreich oder der
Hölle wie Ihrs nehmen wollt Sanct Christoffel der doch gewiss eine große Ehre
hatte als die ganze Welt ihm auf den Schultern saß war gewiss auch froh als
der Heiland absass So ist mir heut in den Gliedern«
»Wie Manche Herr Ritter möchten Eure Last mit Freuden auf ihre Schultern
laden«
»Freunde ich sage Euch s ist ein Doch davon nachher Mir träumte heute
eigentlich nicht dass mirs so wohl werden würde« Auf der Stirn des Gastes
lagerte sich ein Anflug von Ernst er strich mit der Hand darüber wie um die
Gedanken fortzustreichen sie schwebten aber schon als Worte auf seiner Zunge
Es gibt Gedanken die man aussprechen muss um sie los zu werden
»In Todesangst wachte ich heute Morgen auf Die ganze Nacht hatte es vor mir
getaumelt wie etwas am Strick Schwipp schwapp Ich stieß es fort und immer
kams wieder Als ich nun endlich aufwachte da die Hörner schon nach dem Gesinde
riefen packte ichs Es war die Schellenschnur über meinem Bett sie war vom
Draht losgegangen«
Die Zuhörer lachten
»Lacht nicht zu früh Die Hexerei kommt noch Joachim war noch nie so
gnädig als den Tag zu mir Ich spreche sonst gern und viel mit ihm Einen Hecht
an der Angel muss man nicht loslassen auch Fürsten so viel es geht nie selbst
denken lassen Wers los hat muss ihnen die Gedanken die sie denken sollen in
die Hand geben Ich kann mich rühmen dass ichs verstehe sie so handrecht ihm zu
drechseln dass er damit spielt als wären es seine eigenen lieben Einfälle Nur
heute gings nicht Er sprach gelehrt wie seine Lust ist Weiß der Geier was
meine Zunge lähmte ich hörte schon wieder auf wenn ich anfing Mein Auge war
wie mit einem Nebelflor umstrickt Bisweilen kam es mir vor als ritte neben mir
der Scharfrichter«
»Der Kurfürst«
»Er hat manches Mal ein so strenges Gesicht dass man daran gemahnt wird«
»So erklärt mein Herr von Lindenberg selbst was seine bösen Gesichter
bedeuten« sagte der Dechant »Es war ein neblichter Morgen und die Stimmungen
welche er von einer schlechten Nacht mit brachte wurden in seiner
Einbildungskraft zu Gespenstern«
»Es bedeutet nichts etwas es ist alles dummes Zeug« fiel der Gast rasch
ein »Wir werden gestört durch die Dünste aus unserem dicken Blut Aber als ich
von der Jagd abkam und in die Richte zu jagen glaubte stutzte am Waldeck mein
Tier und steifte die Ohren Mir surrte und schwirrte es auch ums Ohr wie in
der Nacht Ich hätte nicht vorwärts mögen aber Sporen klirrten wie mich an
meine Pflicht zu mahnen Mein Rappe bäumte sich unter dem Druck und als ich um
den Eck war stand ich auf einer wüsten verbrannten Heide in der Mitte ein
Galgen und dran hing Einer«
Er schwieg einen Augenblick
»Ihr werdet wieder sagen ich hätte Gespenster gesehen Ich glaubte es auch
da ich meinem Tier den Willen ließ und die Zügel schießen Und noch mehr das
Gespenst verfolgte mich Ich sah es vor mir mit geschlossenen und offenen Augen
ich war doch schon eine Viertel Meile fort und hinter jeder Kiefer baumelte es
Sporen an den Stiefeln einen Federhut auf dem Kopf ich sah jede Bewegung die
blassen gekniffenen Finger die blauen Lippen das rote aufgeschwollene
Gesicht«
Der Junker Peter Melchior kreuzte sich Alle waren still
»Ich hielt an ich schlug mich auf die Brust ich rieb mir die Stirn Nun
betete ich ein Ave Maria und den Rosenkranz ab Dann kehrte ich um und ich kann
Euch morgen den Weg wieder zeigen den ich zurücktat indem ich der Spur meines
Pferdes folgte Jede Fichte jede Birke selbst die Hollundersträucher merkte
ich mir Da kam das Waldeck da die verbrannte Heide der branstige Geruch
Raben und Krähen am Himmel der Galgen der Mann daran Sporen an den Stiefeln
eine Federkappe auf dem Kopf und ich war es mein Gesicht«
Lauter blasse Gesichter schauten sprachlos auf den Redner
»Da vergings mir« fuhr er nach einigem Schweigen fort »Es ward mir blau
und rot um die Augen alles drehte sich um und lenkte nicht mehr mein Pferd
Ich weiß nur dass es durch dick und dünn flog Die dürren Äste knackten es
rauschte in den Wolken Ketten klirrten Sporen klirrten die Eulen krächzten
Dazwischen Waldhörner Hussaruf ich weiß nicht was Ich weiß auch nicht ob ich
durch die Jägerhaufen flog ob ich noch einmal an dem Galgen vorüberkam mir
wars so Zur Besinnung kam ich erst als es schon dunkelte und mein Rappen
keuchend atemlos in einem blauen dunstigen Moor nach einer Wegspur suchte Wie
viele Stunden ich da noch in der Irre ritt weiß ich nicht Mir war kalt mir
war heiß zu Mut wenn ich an dass zurück dachte bis ich endlich Licht sah
Wärs ein Irrwisch gewesen eine Teufelsküche mich hätts nicht gewundert nun
wars meines Freundes Götze HohenZiatz Ich bin hier und was denkt Ihr davon«
»Ihr hattet vielleicht vergessen den Abendsegen zu beten« bemerkte der
Dechant
»Pah Da müsst ich oft Galgenmännlein sehen«
Peter Melchior hatte während der letzten Erzählung die Hände unterm Tisch
faltend eine ganze Reihe von Gebeten zwischen den Zähnen gemurmelt
»S ist was nicht richtig in der Luft« sagte er leise »ich habs von
Anfang an gesagt Die hageren Frauen an der Bleiche der Krämer und sein
verhextes Zeug der Sturm es geht was vor Niemand weiß wos hinausläuft
Zwischen Gallus und Allerheiligen tuts nimmer gut was vornehmen aber Frau
Brigitte hat keine Gottesfurcht keinen rechten Glauben Was musste sie jetzt
gerade die große Wäsche halten Die hats aufgerührt«
Der Ritter hatte wieder sein vornehm stolzes Gesicht Er saß im Stuhl
zurückgelehnt ein verächtliches Lächeln schwebte über seine Lippen
»Auf eine Wäsche läufts hinaus Es tut mir leid so ich Wäsche gestört
hätte«
Peter Melchior erzählte Der Ritter hörte bei einigen Punkten aufmerksam zu
bis der Junker plötzlich mit den Fingern schnellt »Nun hab ichs das
Galgenmännlein Klaus Hedderich erzählte ja davon Nicht der Ritter wars der
Schneider Wiedeband Richtig der hängt noch am Galgen bei Beelitz in der
Heide«
Der Herr von Lindenberg lehnte sich über den Tisch Es war als ob ihm mit
dem frohen Gesicht des Junkers ein bleierner Bann auf der Brust sprang Aber der
Zweifel meldete sich wieder
»Ein Schneider in Sporen«
»O das ist eine lustige Geschichte Hättet Ihr nichts davon gehört Die von
Beelitz zankten schon seit einem Jahre mit dem Schneider Er war ein
Gewandschneider ein kleiner Mann nur aber er hatte es dick sitzen im Kopf
Sagte es laut bei allen Zechen Kleider machen Leute also da der Schneider die
Kleider macht macht der Schneider auch die Stände Schneiderte sich selbst
Kappen und Mäntel und Hosen wie Ratleute und Junker so oft ihn auch der Rat
darum strafte er stolzirte darin um und sie brauchten ihn denn Keiner
verstand besser mit der Scheere umzugehen Sonst hätten sie ihn längst ins
Elend geschickt aber er sagte seine Amme hätts ihm an der Wiege prophezeit
dass er als Ritter sterben würde Nun hatte er den Ratsherrn ihre Mäntel
zugeschnitten aber ehe ein halb Jahr um war wurde das Tuch mürbe und riss Die
von Beelitz machten ein furchtbar Geschrei aber er schrie wieder Die sagten
er hätte das Zeug mit dem Bügel verbrannt er sagte sie hätten ihm verbranntes
Tuch geliefert Getagefahrtet ward von einem Schöppenstuhl zum andern bis die
Köpfe lichterloh brannten Die Zeugen schlugen sich schon die von
Treuenbrietzen von Jüterbock selbst die von Wittenberg mischten sich drein
Endlich waren sie einig die Justiz könne das nicht abtun und Wiedeband sagte
den Beelitzern ab Das kam vielen damals curios vor dass ein Schneiderlein einer
Stadt dürfte einen Fehdebrief schicken In Leipzig und Wittenberg haben sie
darüber vor der Facultät gestritten ob es ging Aber es ging Das Schneiderlein
hatte seinen Anhang und mit seinen Gesellen von der Scheere tat er ihnen
manchen Schnitt wo sie sichs gar nicht versahen In Jüterbock hatte er ein
festes Haus und saß wie ein Ritter und was wirklich eine Schande ist die
sächsischen Herren drüben weil sie den Beelitzschen übel wollten aus purer
Scheelsucht hielten ihn als wär er zu ihnen Er dürft in Sporen und Federhut
ausund einreiten auf ihren Schlössern und liehen ihm manches Stück Ross und
Zeug zu Schaden der von Beelitz Hätte er sich nur begnügt ihnen aufzulauern
und ihre Leute zu werfen so hätte ers manches Jahr treiben können aber der
Kamm schwoll ihm und eines Morgens rückte er mit einem hellen Haufen vor ihr
Tor Da rief er nein der Schneiderritter als sie ihm hätten gebrannt Tuch
geliefert und dadurch gebranntes Herzeleid gemacht so wollte er ihnen auch
nen Brand zu riechen geben daran Kind und Kindeskind denken sollten Und
gesagt getan vor ihren Augen steckt er ihnen ihre Heide an und ehe sie nur
aus dem Schlaf in Hemde und Haube kriechen konnten brannten zehn Morgen weg Es
wär noch mehr Unglück geschehen wäre kein Regen gekommen Nun aber wurden die
von Beelitz fuchswild und lauerten ihm auf wo sie konnten Sie bestachen eine
fahrende Frau zu der er hielt in Jüterbock in der Vorstadt die ließ Nachts
die Knechte der Beelitzer ins Haus und am Morgen als er aufsprang griffen
ihn die Knechte stellten ihn in ein Betttuch und warfen ihn auf nen Heuwagen
Ehe seine Freunde es merkten waren sie mit gestreckten Zügeln über die Grenze
und Ihr mögt Euch denken was das für Lust gab als sie ihn im Sack durchs Tor
fuhren Ein Loch hatten sie nein geschnitten da steckte er den Kopf raus und
hatte noch die Frechheit die Zunge rauszustrecken Solchen Spaß haben sie in
Beelitz ihr Lebelang nicht gehabt Sie wollten ihn schnell judiciren aber da
gab es neuen Spectakel Hatte die Frechheit er wollte sich nicht hängen lassen
als ein Dieb und Mordbrenner da er in offener Fehde mit ihnen gewesen und von
den Sächsischen Herren kamen ihm einige zu Hilfe Die zeigten eine Urkunde vor
dass sie ihm ein verfallen Burgrecht geschenkt oder verkauft also wäre er ein
freier Mann von drüben und hätte Recht gehabt ihnen Fehde zu machen Die
Beelitzer wie man sich denken kann bestrittens er sei ein Stadtkind gewesen
und geblieben also in ihrem Bann Das gab ein neues Geschrei und Geschreibe
Endlich kam man überein er sollte judicirt werden als ein Stadtkind aber
gehenkt als ein Ritter und da gab er sich drein So hat das Schneiderlein bis
auf die letzt seinen Willen gehabt und hats durchgesetzt der Kerl wer sollts
glauben dass sie ihn henken mussten mit Sporen und Federhut Ja wärs nach ihm
gegangen er hätte noch den Degen an der Seite behalten Das war denn doch zu
viel auch die Sächsischen Herren wolltens nicht Nun baumelt er so in der
Heide die er angesteckt Hats aber wohl nimmer gedacht dass ihm noch im Tode
die Ehre würde dass unser Herr von Lindenberg den Schneider Wiedeband für sich
ansähe«
Alle lachten von Herzen über die lustige Geschichte der edle Gast der sich
ihrer wohl entsann war sichtlich aufgeheitert
»Das ist nur dumm Zeug« sprach er indem er noch einen vollen Zug aus dem
Becher tat »was sie von dem Wafeln1 oder dem doppelten Gesicht reden Wer ins
volle Glas sieht sieht sich auch doppelt und er schlürft nicht den Tod daraus
sondern helle Lustigkeit Weils mir heute Abend so wohl gehen sollte darum
schauertes mich so grauslich am Morgen Das ist die Deutung Glück Glück Wie
wärs Ihr Herren die Becher klingen so hell wenn wir sie noch anders klingen
ließ Hätte Lust ein Stündlein zu doppeln«
Peter Melchior schielte den Dechanten an Der zuckte die Achseln und hob
drohend den kleinen Finger
»Ei mein Herr Ritter von Lindenberg Ihr so vom Glück ohnedies begünstigt
was wollt Ihrs noch suchen gehen«
»Immerzu«
»Die Kirche verbietet auf Spuk und Deutungen etwas zu geben So ich aber als
Laie dächte wäre es das mein Herr Ritter gut rechnete Auf böse Träume folgen
Hochzeiten und Kindtaufen Rabensteine und Leichen bedeuten Glück im Spiele
Wollt Ihr uns durchaus die Taschen leer machen«
Der Ritter von Lindenberg warf einen vollen Beutel auf den Tisch
»Bis der leer ist nicht von der Stelle«
Peter Melchior fasste leise an den vollen Beutel er gab einen Klang
Die Tische wurden abgetragen und drei Schemel herangerückt Der Dechant nahm
den Becher in die Hand und schüttelte ihn mit einem stillen Seufzer und
niedergeschlagenen Augen »Nun denn um kein Spielverderber zu sein«
»Nehmt Euch vor ihm in Acht« flüsterte der Junker Peter Melchior
Fußnoten
1 Wafeln heißt noch auf der Insel Rügen das Schottische zweite Gesicht welches
sich auch dort in Familien und Individuen zeigt
Siebentes Kapitel
Ein böser Rat
»Ein Stündlein noch Gestrenge dann wacht er auf« sprach der Knecht Kasper
der an seines Herrn Tür Wache hielt und wenig Umstände machte vor der Edelfrau
welche schien es ohne den Wächter wohl Lust gehabt hätte ein wenig
aufzuklinken und hineinzuschauen Er aber saß auf einer Bank die er vor die
Tür geschoben den Rücken gegen diese gelehnt eine Stellung in der er auch
dann und wann die Augen zugedrückt haben mochte Ein treuer Knecht dient seinem
Herrn auch wenn er für ihn schläft Jetzt aber schnitt er Scheiben umschichtig
von einer großen Rübe einem Käse und einem Haferbrod zum Abendimbiss
»Kasper ich höre ihn schnarchen«
»Tut nichts Vorhin grunzte er drei Mal stöhnte er und dann hat er
geflucht Das geht immer voraus«
»Aber er hat sich gewiss auf die andere Seite gelegt Dann schläft er nur
immer fester ein«
»Wenn er erst zum lauten Fluchen kam dann fluchts in ihm fort und dann
wacht er auf«
»Das ist ein Mal «
»Allemal Gestrenge wie die alte Wanduhr Erst knickt sie brummt
schnarrt dann nach einer Weile schlägt sie«
»Es ist ein vornehmer Herr Kasper«
»Weck meinen darum nicht auf«
»Des Markgrafen Freund«
»Und wenn alle Markgrafen in eigener Person kämen«
»Kasper Du bist ein guter und treuer Knecht aber Du weißt nicht was es
gilt Ich muss dabei sein wenn er aufwacht«
»Kann mir wohl denken warum Ich habe nichts mit der Wäsche zu tun«
»Kasper ich bin Deine Frau wollte sagen Deines Herrn Frau Du wirst doch
nicht «
»Plaudern werd ich nicht was mich nichts angeht und wenn ers merkt nun
da mag jeder sorgen dens trifft aber «
»Meinst Du ob er poltern wird oder «
»I nu Gestrenge das kommt darauf an Trank er zuletzt süßen dann gehts
aber Landwein dann ists schlimmer besonders von dem dicken aus Stettin Wenn
das Gewürz im Blut zurückschlägt Recken und strecken muss er sich allemal ein
Bischen und da muss ihm Keiner in den Wurf kommen der es nicht versteht Ich
fühls immer gleich am ersten Schlag ob er nur verdrießlich ist oder ein
Gewitter losgeht Das ist nun meine Sache allein gestrenge Frau und dabei tun
Weiber niemals gut«
Unten schien es zu gewittern ein Schlag oder Klang wars der die
Aufmerksamkeit der Hausfrau in Anspruch nahm Während Kasper wieder unbekümmert
an seinen Käse und Rettig ging hatte sie sich über das Treppengeländer gelehnt
Der Dechant kam herauf etwas gerötet im Gesichte schneller als seine Art
war Das Zusammentreffen mit der Edelfrau schien ihm nicht ganz angenehm die
eine Hand fuhr schnell unter sein Habit
»Ihr habt wieder gespielt«
Der Geistliche zuckte die Achseln
»Und gewonnen«
»Kann ich dafür«
»Die toben nun«
»Lasst die Heiden toben ich tats ja nur aus Gefälligkeit«
»Das ist ne Aufführung das ist ne Wirtschaft Und ein Geistlicher dazu
Was soll das Gesinde dazu sagen Im Freien nun ja zum Zeitvertreib im Lager
da hab ich ein Auge zugedrückt Aber Ihr wisst dass ich im Schloss ein für alle
Mal «
»In Ihrem Schloss sollen doch meiner gütigen Wirtin edle Gäste nicht über
Langeweile klagen Die Frau war fort der Herr kam nicht verwundert sich da
meine Frau von Bredow dass der Gast sich selbst nach einer Unterhaltung umsah
Billigen was er tat ei behüte dass mir das in den Sinn käme aber er ist den
Leidenschaften unterworfen gleich uns allen Ich für meine Person hätte auf
einen Dank gerechnet nicht auf einen zornigen Blick noch weniger «
»Ich darauf dass mein Beichtvater meine Gäste ausziehen sollte«
»Ausziehen Ei was ein harter Ausdruck aus so freundlichem Munde Ist der
ein Räuber der wider Willen annimmt was man ihm aufdringt Ich sehe auch darin
«
»Nur nicht wieder einen Fingerzeig Den lieben Gott lasst mir beim Spiele aus
dem Spiel Das sage ich Euch Gebt dem Teufel was des Teufels Ihr werdet Euch
schon mit ihm vertragen Aber macht nen Knoten in Eure glatte Zunge wenn Ihr
krumm gerade reden wollt Denen ists schon recht i ja auch dem Herrn von
Lindenberg Satan steckt auch in ihm wenn er sein glatt Kleid verrückt wärs
nur nicht bei uns geschehen Aber «
Dem Dechanten war es gelungen seine Hand frei zu machen vermutlich war der
Beutel der dem Herrn von Lindenberg vorhin gehört in seine Tasche sacht
geglitten Er hob seinen Arm
»Frau von Bredow spricht nur meine Gedanken aus Es nimmts ich sage nicht
der Herr aber das launische Glück denen oft was sie nicht zu nutzen verstehen
um es denen zu geben die einen besseren Gebrauch davon zu machen wissen Als
ich so wider meinen Willen an das böse Brett gerissen ward dacht ich im
Stillen wie das Altartuch in unserem Chor wohl eine neue Verbrämung verdient
Wenn nun von dem sündigen Golde durch den Zufall sei es mir erlaubt so zu
sprechen in dDeine Hände fiele ei Du könntest schöne Goldfranzen dafür in
Magdeburg einlösen das dachte ich Ich sage nicht dass das eine Eingebung war
behüte mich vor jeder Lästerung aber es ist doch sonderbar dass immer wenn ich
an die Franzen dachte der Wurf mir gelang«
»Glückliche Reise ehrwürdiger Herr Seht Euch nur in Magdeburg vor das die
Franzen echt sind Kaufleute und Goldsticker betrügen gern«
»Ich habe seitdem anders gedacht Das Jungfrauenkloster unserer lieben
Frauen bei Spandow ist schlecht ausgestattet Wenn wir unser liebes Fräulein
Agnes dahin brächten und zu Ehren der heiligen Agnes einen Altar stifteten
würde das ein gefälliger Dienst sein sowohl für die Heilige da wir eine
gnädige Fürsprecherin im Himmel gewönnen als auch für die Familie Die Arnims
die Bardeleben die Jagows auch die Kerkows haben da großen Einfluss die
Bredows zur Zeit nur geringen Und Eure Vettern in Friesack rühren sich für uns
wie Ihr am besten wisst nicht viel Ein kleiner mäßiger Altar nur ich habe es
so überschlagen Silberstickerei ein Kruzifix von Messing die heilige Agnes
kann ein Maler conterfein der bei uns im Schuldturm sitzt der arme Schlucker
ist mit wenigem zufrieden Es sind ja überall schlimme Zeiten Aber meine
gnädige Frau gibt mir zu wenn wir unsere Agnes mal als Äbtissin sehen wollen
müssen wir etwas tun«
Die Hausfrau hob die Hände und zeigte ihre zehn Fingern dem Dechanten
»Nun ists genug Ich soll teilen das sündige Spielgeld damit ich
schweige Mein Kind soll ich ausstatten damit Die heilige Agnes mag nehmen was
sie verantworten kann denn sie ist eine Heilige und weiß es besser als ich
aber meine Agnes soll Äbtissin werden durch Deinen Würfelraub Und wenn sie
dienende Magd ihr Lebtag bliebe sie soll lieber Pförtnerin Küchenschwester
Scheuermagd bleiben als durch das Teufelsgeld Äbtissin Herr Dechant wenn Ihr
nicht mein Beichtvater wäret und wir alte Freunde So spricht die Schlange Mir
das Seht Euch ja nicht um mäuschenstill er steht hinter Euch der Verführer
riesengross Der Menschenfeind spricht aus Euren Lippen und Ihr wisst es
vielleicht selber nicht S ist doch ein Jammer dass der Verderber selbst Macht
hat über die Geweihten des Herrn Wo soll denn ein sündiges Menschenkind sich
Trostes holen«
»Bleibt still stehen« rief sie ihm nach als er ihr folgen wollte »Für die
Nacht graut mich vor Euch Morgen früh nun morgen früh ist ein anderer Tag
wir habens vielleicht beide vergessen und haltens für einen Traum Das wäre
das Beste«
Zur ebenen Erde sah es derweil wüst aus Der Becher den der Gast dem
Dechanten nach dem letzten Wurfe an den Kopf geworfen rollte noch auf der
Diele Die Würfel lagen zerstreut und Keiner schien Lust zu haben sie
aufzulangen Der Herr von Lindenberg aber ging wie sehr erhitzt im Zimmer auf
und ab bis er sich auf den Lehnstuhl des alten Götze warf Den gespornten Fuß
legte er auf die Bank und stützte den Kopf auf den Ellenbogen Peter Melchior
saß am Tisch in ähnlicher Stellung die beiden Junker Hans Jürgen und Hans
Jochem standen an der Wand
»Ich habs gesagt hütet Euch vor dem Pfaffen« sprach Peter Melchior »Was
in des Pfaffen Sack kommt ist verloren Jeden anderen kann man kitzeln aber
die tote Hand gibt nichts wieder raus«
»Eine verfluchte Geschichte« brummte der Gast »Wieder haben muss ichs
Seine kurfürstlichen Gnaden gab mir auf der Jagd ihren Beutel um bei der
Rückkehr die Almosen auszuwerfen«
»Die Glatzen sind auch arme Leute« sagte höhnisch der Andere
»Dass der alte Götz grad heut schlafen muss«
Peter Melchior lachte »Sein Korn ist noch nicht verkauft«
»Meins schon auf dem Halm und das Geld zum Schornstein hinaus« fiel der
Gast ein »Ist hier Keiner in der Nähe Der Stechow hat nichts der Holzendorf
auch nicht der Arnim gibt nichts raus Ist kein Jude herum Nur bis Morgen
bis Übermorgen solls der Kurfürst ist darin ängstlich wie eine alte Jungfer
um ihren Ruf«
Es fand sich kein Jude kein reicher Mann
»Blitz« rief der Junker Peter Melchior »Der Krämer Hedderich Hätten wir
den nicht gehen lassen Der könnte die Ehre haben für einen Edelmann ein Paar
Tropfen zu lassen Und der Mann ists wert Als ich so ein bisschen in die
Kisten und Kasten hineinfühlte klimperte eine sehr verdächtig«
Der Herr von Lindenberg spitzte die Ohren und fragte weiter etwa wie ein
Mautbeamter welcher einem Schleichhändler auf der Spur ist der ihm zum
Schabernack die Grenze passiert hat Auch die beiden Junker wurden ins Gespräch
gezogen und wie Zeugen vernommen
»Hedderich« Der Gast strich sich über die Stirn »Den Henker auch wer kann
alle Namen behalten Wo zog er des Weges«
»Sprach dass er wollte nach Kölln an der Spree«
»Was wollte er in Kölln«
»Däucht mich« sagte Hans Jochem »wenn ich recht gehört eine Restzahlung
im Schloss eincassiren«
»Waren Grauschimmel vor seinem Karren«
Die andern bejahten es
»S ist richtig« sprach der Herr von Lindenberg sich auf die Lenden
schlagend »Dacht ich mirs doch gleich So pfiffig sind die Spitzbuben Wisst
der Kerl der zerloddert aussieht wie ein Lazarus aus dem Pracherland unter
seinen Lumpen und Bändern für Bauerndirnen und Stallmägde führt Wollenzeuge
wie man sie zu Land nicht sieht Aus Böhmen und Wien her kriegt er sie von den
Türken gewebte bunte Tücher aus Indien und Schmarkand Die führt er an den
Höfen umher Fürsten nur können so was kaufen In Saarmund am Zoll trafen wir
auf ihn Hatte da auspacken müssen Seine Gnaden sah es und kaufte ein gut
Stück von den Decken und Tüchern für seine Verlobung und wie er ist zahlt er
sogleich den halben Kaufschilling o es waren an die zwanzig Mark die der Kerl
einsteckte Den Rest sollte er sich im Schloss zu Kölln holen Ewald Köckeritz
und die drei Lüderitze fragten ihn wann er nach Berlin käme sich das Geld zu
holen Solches Volk riecht aber gleich Lunte und er band ihnen ein Mährlein
auf dass er über Ziesar nach Magdeburg wolle unterm Geleit des Erzbischofs Dann
glaube ich über Havelberg nach Stettin und auf dem Rückwege erst nach Kölln
Trau Du dem Pack Das ist uns nun verloren«
»Die Lüderitz und der Ewald treibens auch zu dreist« fiel Peter Melchior
ein »Ihr wisst ja wie die Krämer beten
Behüte uns lieber Herre Gott
Vor Köckeritze Lüderitze
Vor Krachte und vor Itzenblitze«
Der Gast warf ihm einen Blick zu »Zügle Deine Zunge auch die Wände haben
Ohren«
Aber Peter Melchior sah die Jungen an »Duldet Ihr das Ihr seid adlig
Blut«
»Wer zweifelt daran« sprach der Fremde und reichte Hans Jürgen die Hand
»aber man kann nicht vorsichtig genug sein«
»Er ist ja nicht sein Vater Hans Cicero der die Weisheit mit Löffeln frass
und uns den Schmachtriemen um den Bauch schnallte«
»Wisst Ihrs was er wird« sprach ernst der Gast und winkte ihnen sich ihm
näher zu setzen Das Gespräch ward leiser fortgeführt
»Ihr seid junge Leute« sprach er zu Hans Jürgen und Jochem »aber vor Euch
steht ein schlimmes trübes Leben wenn wenn es nicht besser wird«
»Ein klein Vergnügen fällt doch wohl ab dann und wann« lächelte Peter
Melchior
»Nicht wenn Ihrs so anfangt wie jetzt nicht wenn Ihr nicht klüger werdet
Ich sags Euch die Mark wird werden ein Hundestall nicht für den Adel die
Edelleute sind die Hunde drin Die Fürsten die Pfaffen die Gelehrten Himmel
und Hölle ich glaube gar das Bürgerpack wird das Regiment führen und die
Peitsche«
»S klingt sonderbar wenn der Herr von Lindenberg so spricht unseres
Kurfürsten Liebling und Rat«
»Ich bin ein Edelmann ein Ritter meine Freiheit ist mir lieber als Alles«
er schlug sich an die Brust »weiß Gott dafür wach ich denk ich träum
ich aber mit Holzblöcken verkehren müssen Diese Köckeritze Itzenblitze
Krachte statt zu helfen verderben sies So richtet mans nicht aus so
arbeitet man nicht für die Zukunft Es ist so viel verdorben seit der Segen aus
Nürnberg ins Land geschneit kam hundert Jahre haben sie an unseren Rechten
gefeilt und gebohrt unsere Vesten sind gefallen der Block und die Verliesse
haben unsere Wackersten hingerafft und nun meinen die Dummköpfe weil er ein
Knabe ist könnten sie ihm auf der Nase herumspielen Mit solchen einfältigen
Neckereien solchen Strauchdiebereien ists nicht getan Mit nem Laternenpfahl
gebt Ihr ihm einen Wink und glaubt mir nur er ist nicht auf den Kopf gefallen
er versteht ihn«
Aber der Junker Peter Melchior schien den Redner nicht zu verstehen »Sie
werden ihn schon allgemach lehren dass die Straßen von Alters unser sind«
»Auf die Art gewiss nicht Ihrer Zeit taten die Putlitz die Quitzow die
Bredow meinethalben Alle taten was sie konnten und es mag nicht ihre Schuld
sein dass wir keinen zweiten Kremmer Damm hatten Wir aber zerfielen in uns wir
hielten nicht zu einander Seht in Schwaben in Franken am Rhein dort waren
sie klüger sie taten sich zusammen in Bündnisse in Orden Es ist eine Masse
von Männern Rittern Burgen an denen die Fürsten ihre Zähne probiren können
und mancher brach schon dabei«
»Wir haben keine Berge und Felsen unsere Burgen stehen in Sand und Sumpf«
»Darum hätten wir Doch das Getane lässt sich nicht ändern Jener erste
stolze Friedrich jener andere mit den eisernen Zähnen auch Albrecht der nur
als Landvoigt zu uns kam uns seine Achillesfersen fühlen zu lassen haben es
nicht getan Die betrachteten uns noch als ein fremdes Land das sie zügelten
und pressten Wenn ihnen nicht mehr heimisch drin war zogen sie in ihre
fränkischen Berge dann atmeten unsere Väter wieder auf sie blieben frei Aber
der bleiche Johannes den die Gelehrten Cicero schalten hat uns die
Daumschrauben angelegt Er blieb kein Franke er ward ein Märker er lernte
unsere Schwächen kennen und das machte ihn fest«
»Die fünfzehn Schlösser die er schon als Kurprinz brach Es war eine
schlimme Zeit Herr von Lindenberg«
»Und sie wird noch schlimmer werden unter seinem Sohne Ihr denkt er ist
ein Knabe aber ich sage Euch in einem Jahre kann er ein Mann sein Ihr denkt
er spielt mit Büchern aber seine Gedanken fliegen weit bis ins Blaue Wenn wir
nicht zusammen stehen wenn wir nicht die Klugheit aus den Grüften beschwören
wenn wir nicht schlau sind wie die Schlangen so ists um uns geschehen Seine
Vorfahren ließ Ritter und Familien kommen aus Franken und dem Reiche Unsere
Väter zwickten sie wieder fort oder sie wurden durch Heiraten eines Blutes mit
uns Er aber citirt nicht Menschen von Fleisch und Blut er citirt Geister
Gespenster Wer jagt die aus dem Lande Einbürgern möchte er die ganze
lateinische Weisheit von tausend Jahren Gelehrte Pfaffen die Kirche eine
Universität gar Es ist gar nichts was gewesen ist und anderswo ist was er
nicht aufstellen möchte und probiren Gesetzbücher sollen gemacht werden
deutsch und lateinisch Kollegien eingerichtet zum Regieren zum Besteuern zur
Oberaufsicht unsere Sitten sollen verfeinert werden Ein Spinngewebe von feinen
Drahtfäden möchte er übers Land ziehen dass kein Huhn weiter aufflattern kann
als er will«
»Herr von Lindenberg« sagte Peter Melchior »ich glaube Ihr selbst seht
Gespenster Wie alt ist er denn«
»Ihr mögt recht haben Aber der Kopf wird mir bisweilen warm wenn ich ihn
so schwatzen höre und der Dunst aus dem Griechischen und Lateinischen mir wie
ein Alp auf die Brust fällt Da sehe ich denn nur trüb vor mir Denn dies
Nürnberger Burggrafenblut das alles besser wissen will alles besser
einrichten klüger sein frommer es sprudelt und spukt in einem wie in dem
andern«
»Auf den Landtagen muss ers doch manchmal hören«
»Hört er darauf Das ist eitel Geschwätz Wenn wir uns helfen wollen müssen
wirs anders anfangen«
»Dass das Land uns gehört beweis es ihm Einer«
»Wer zu viel auf ein Mal will erreicht nichts Ich tadle nicht die
Köckeritze die Lüderitze keinen von ihnen allen aber sie schlagen zu plump
und grob darauf Warum auf der Straße liegen und den ersten besten werfen Das
gibt immer Geschrei und böses Blut Presst doch ein wenig Euer Hirn schlagt
Eure alten Pergamente nach Verträge Urkunden Schenkungen Gewohnheiten
Darauf trotzt Mit Art und Manier zugegriffen dass sie Euch nicht Strauchdiebe
und Wegelagerer schelten dürfen Himmel und Hölle hast Du nicht ein Recht oder
wenn Du nicht hattens Deine Väter nicht haben sies nicht ein Mal geübt dass
der Krämer dort seine Waren auslud dass er in jenem Kruge trinken musste dass
der Schiffer dort anlegte dass die Wallfahrter da singen mussten Strengtet Ihr
Alle strengten wir Alle unseren Grips an da kämen Rechte zusammen wie Sand am
Meere und zweifelt Ihr dran dass sie übertreten werden Da zugeschlagen da
Euch in Besitz gesetzt und wenn die Kerle schreien wir wieder Wenn der ganze
Adel zugleich den Mund auftäte was müsste das für ein Geschrei geben Wenn Ihr
klug wärt nähmt Ihr Pfaffen Gelehrte dazu es gibt überall solche Gesellen
von der Feder die Euch für eine Bratwurst aus dem verräucherten Pergament
beweisen was Ihr bewiesen haben wollt Da denn gepocht ihm das Gewissen heiß
gemacht Solche verräucherte Scharteken mit alten Satzungen und Gerechtigkeiten
sind ihm ein Spielzeug er dünkt sich was darauf sie zu schützen und zu
bewahren Das Eisen geschmiedet so lange es warm ist Hier hilft uns seine
Jugend Er muss nicht zur Ruhe kommen vor lauter Klagen und Beschwerden Er muss
so eingeheizt werden dass er nicht aus und ein weis dass er links und rechts
ausschlägt In der Wut schlägt man falsch das gibt uns immer neue Waffen Am
Ende verwirrt gescholten missverstanden lässt er Alles gehen wie es ist und
mehr brauchen wir nicht Dann ist das Regiment wieder in unseren Händen wie es
sein müsste von Gott und Rechtswegen in der Mark Brandenburg«
Der Herr von Lindenberg war aufgestanden und tat einen vollen Zug aus der
Kanne Peter Melchior kraute sich im Kopf und schiene schlau nach dem Redner und
den beiden andern
»Donnerwetter« schmunzelte seine Zunge als schwelgte seine
Einbildungskraft in Zuständen die nur in der Märchenwelt Wahrheit sind
»Ach Ihr seid alle zu träg« fuhr der Redner fort »Ihr schickt Euch nicht
in die Zeit Ihr lernt nichts von der Zeit Wozu hat Euch Gott ein Maul gegeben
dass Ihr Andere klagen lasst Wo soll er Respekt bekommen vor dem Adel Ich allein
kanns nicht alles einfädeln die Zunge wird mir trocken der Rücken krumm und
steif zugleich Statt dass ich angreifen dürfte wenn im Euch hinter mir habe
muss ich in einem fort Euch entschuldigen Da geht dem besten Mann der Mut aus
und ein Höllendienst ists der Hofdienst bei solchem Wünschte ich wäre auch
wie der Wilkin Lüderitz verfehmt da könnte ich mich ein Mal erholen«
Es trat eine Pause ein
»Schade« sagte Peter Melchior
»Was«
»Ich meine den Hedderich Es muss eine Lust sein solch ein fettes Schwein in
den Graben zu werfen«
»Um diese Jungen tuts mir leid« fuhr der Gast auf und abgehend fort
»An uns Alten ist nichts mehr gelegen wir nehmen unsere Schande mit ins Grab
Aber der Aufwuchs was soll daraus werden Wo sollen sie ihre Sporen verdienen
Tourniere kommen ab Fehden gibts nicht mehr wenn man nicht für einen
Fürsten oder gegen die Türken seinen Leib zerhacken lässt Absagen soll Keiner
mehr dem Andern Die goldene Zeit bricht an für die Feigheit die Federfüchse
werden Helden werden Und das nennen sie Recht und Gerechtigkeit Wo sollen die
Jungen fühlen lernen dass sie frei sind dass adlig Blut in ihren Adern fließt
Nicht mal nen Zeitvertreib gönnt man ihnen Wo zog der Hedderich hin«
»Nach Brandenburg« sprach rasch Hans Jochem »Er hatte zween alte Gäule
die ziehen im Sande nicht schnell«
»Hört das junge Füllen Möchte durch den Stall brechen auf die Nachtweide«
lachte Peter Melchior
»Was seht Ihr mich an« fragte der Gast
»Ich meinte nur Herr von Lindenberg «
»Pst keinen Namen«
»Probiren wirs Nen Spaß Nur dass die Jungen nicht aus der Art schlagen«
Der Ritter blickte die Vettern an »Sind die schon mal ausgeritten«
Beide senkten die Köpfe
Der Gast war ans Fenster getreten und hatte hinausgeschaut »S ist wie
Maienluft«
Peter Melchior hauchte in die Hand »Gen Brandenburg Ich weiß den Weg«
Lindenberg hatte sich wieder in den Lehnsessel geworfen »S ist nicht meine
Art das hab ich schon gesagt aber weiß der Geier es prickelt mir in den
Fingern und saust in den Ohren«
»Man muss sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lassen und Ihr bedürft
einer Erholung Herr von Lindenberg« fiel der Andere ein »Ist ja der
Lumpenkerl noch nicht mal bestraft von wegen all dem Tand Ich erzählte Euch
doch Und Hans Jochem hat er um ein Paar Hosen geschnellt und wer weiß was noch
dabei war Unser Hans Jürgen eine Schande wars der musste ihm die Pferde
zäumen und die Ballen aufladen helfen Pfui eines Bredows Sohn Weiß auch gar
nicht was der Frau Brigitte einfiel«
Wilkin von Lindenberg war rasch aufgestanden und schüttelte sich wie einer
in seiner Stahlrüstung
»Na s ist ein Fastelabendspass«
»Ohne Lichter Der Mond geht nach Mitternacht unter Könnten ohne Kappen
reiten keine Katze erkennt uns in dem Duster Aber wenn man nen guten Einfall
beäugelt springt er fort wie der Floh den man zu lange zwischen den Fingern
hielt«
»Begleiten uns die jungen Herren« fragte der Ritter
»Das versteht sich Frau Brigitte würde sie schön ansehen so sie Anstand
nähmen Stehen ihre Rosse schon gesattelt dass sie Euch das Geleit geben
Weils im Wald duster ist
Der Herr von Lindenberg schien indes die Antwort des Junkers von Krauchwitz
nicht für voll zu rechnen noch ihn als Vormund für die jungen Leute gelten
lassen Er näherte sich ihnen mit halbhingehaltener Hand Mit einem Sprunge
schlug Hans Jochem ein Seine Augen funkelten Und Ihr«
Hans Jürgen hatte auch schon die Hand erhoben aber unwillkürlich blieb sie
zurück seine Augen schlugen nieder als sie den forschenden Blicken des
vornehmen Gastes begegneten und unwillkürlich entfuhr ihm der Name seiner Base
Brigitte Das laute Auflachen des Junker Peter Melchior hätte ihn weniger
erschreckt als der spöttische Zug um des Ritters Lippen
»Base Brigitte darfs freilich nicht wissen« lachte Peter Melchior fort
»Noch Jemand sonst weder jetzt noch künftig« sprach der Ritter mit
strengem Tone »Aber das sind fromme und gute Bedenken des jungen Mannes Unsere
Wirtin sieht den Spaß wohl anders an als wir Wer nicht Vater und Mutter hat
handelt klug und gut wenn er den Willen seiner Pflegeeltern bei allen Schritten
seines Lebens zu Rate zieht Das geht nun hier nicht an also mein Herr von
Bredow entbehren wir für diesmal das Vergnügen «
»Blitz und Hagel« fiel Peter Melchior ein »will er ein Duckmäuser bleiben
Solche Gelegenheit sich entwischen zu lassen«
»Meine Muhme bestimmte ihn vielleicht fürs Kloster oder zum
Schreiberdienst in den Kanzeleien Darum bitt ich mirs aus scheltet den jungen
Mann nicht Eines schickt sich nicht für Alle«
Wie sich da die beiden Vettern ansahen Hans Jochem prustete auf Hans
Jürgen traten die Tränen ins Aug und wie er sie fühlte ward er glührot Es
zitterte ihm in der Brust dass er zuerst kein Wort vorbringen konnte Dann
brachs heraus
»Ein Mönch werd ich nicht und ein Schreiber auch nicht Herr von
Lindenberg und wenns kosten soll ich weiß nicht was wenn Ihrs für recht
haltet und wenn Ihr mich wert haltet ich bin meines Vaters Sohn Nehmt mich
doch mit ich bitt Euch dass ichs zeigen kann«
»So hatt ichs erwartet« Der vornehme Ritter nahm den Arm des jungen
Menschen und klopfte ihm die Hand auf seiner Brust Er sprach etwas leiser mit
Peter Melchior der sich darauf mit Hans Jochem entfernte Beide waren nun
allein
»Lieber von Bredow es freut mich dass ich meines alten Freundes Sohn als
einen so wackeren jungen Mann wiederfinde Meint Ihr dass ich im Ernst glaubte
Ihr wolltet Mönch werden oder Schreiber Nehmt mirs nicht übel dass ich Euch
prüfte so wenig ich es Euch verarge dass Ihr vorerst Bedenken trugt Das zeigt
dass Ihr über eine Sache nachdenkt und das ist gut Ihr seid noch jung und in
diesem Sumpfnest konntet Ihr nicht lernen was in der Welt not tut Eure Base
Brigitte ist ein wacker Weib eine gute Hausfrau Gott erhalte sie so lange
meinem Vetter Götz aber junge Edelleute zu erziehen taugt sie nicht Lasst mich
dafür sorgen wenn ich Euer erstes gutes Stück gesehen«
Hans Jürgens Brust atmete auf
»Nachdenken eh mans unternimmt ist gut wie ich sagte Doch wenn Aeltere
für Euch denken mögt Ihr Euch die Mühe sparen Hans Jürgen hielt es vielleicht
vorhin für nicht ganz recht Mein lieber junger Freund wenn alles recht in der
Welt herginge dann sähe es anders aus Man hätte nicht gewagt Euch zu
befehlen mein Pferd in den Stall zu führen Ihr sässet zu Selbelang auf Eurem
eigenen So ists nun in der Welt es hat sich alles verrückt und der Einzelne
tut genug wenn er was an ihm ist die Sachen wieder in die Richte schiebt
Was sind jene Krämer die jetzt so viel Geschrei machen über Gewalttätigkeiten
und Unrecht Betrüger Auf unseren Straßen ziehen sie über unsere Brücken
fahren sie ihre Pferde grasen in unseren Wäldern und wir sollen sie nicht zur
Rede darüber stellen ihnen keinen Zoll kein Geleitsgeld abfordern was unsere
Väter taten Geben sie uns Geschenke dafür danken sie uns nur Nein sie
ziehen dem Bauern dem Edelmann das Fell vom Leibe und man muss sie mit
Sammetandschuhen anfassen sonst machen sie Lärm Das kann so nicht dauern
Alle Kreatur krümmt sich und wehret sich nur der Edelmann soll still schweigen
und alles dulden Der Bürger schließt sich in seine Mauern und lässt nur die
Marktleute ein die ihm gefallen und Abgaben zahlen Der Fürst lässt sich
steuern Zins und Schoss immer mehr immer mehr Der Pfaff nimmt den Decem
Opfer Beichtschilling und ists ihm genug Uns nur soll alles genügen Das
geht nicht an Im Übrigen das ist heute nur ein Spaß Wenn wir den Lumpenkerl
nicht ein bisschen schütteln tuts ein anderer und ärger Dem Galgen entgeht
er doch nicht er hat bei dem Schacher selbst Seine Kurfürstlichen Gnaden übers
Ohr gehauen und nach Berlin wagt er sich gar nicht mehr Das war eitel Gerede
von ihm wie mans auch deutlich sieht dass er sich von der großen Heerstraße
mit seinem Raube durch die Wälder schlängelt Wer ein gut Gewissen hat «
Draußen ward es lebendig Die Rosse wurden aus dem Stall gezogen
»Unterwegs plaudern wir weiter Herr von Bredow Seht da geht der Pfaff
über die Gallerie in seine Schlafkammer Der braucht heute nicht gewiegt zu
werden Lacht sich ins Fäustchen wie er uns balbirt hat Ihr denkt doch nicht
dass er sich daraus ein Gewissen macht Vor seinem Heiligen wenn er kniet hat er
hundert Gründe warum ers tat Mein Lieber so tuns die Menschen Alle Jeder
wird balbirt und balbirt die andern wieder Der nur ist ein Tor der nur hat
unrecht der es geschehen lässt und sich nicht hilft Übermorgen Lieber müsst
Ihr mir den Gefallen tun und mich in Berlin besuchen Mit Eurer Base lasst
michs abmachen Ich will Euch dem Kurfürsten vorstellen Er denkt eine
Ritteracademie zu gründen wo wackere junge Adlige in adliger Zucht und Sitte
erzogen werden sollen«
»Ich« rief Hans Jürgen
»Aber erst ein kleines Probestück« Der Ritter klopfte ihm auf die
Schultern
Achtes Kapitel
Eine schlimme Entdeckung
Es ist was los murmelte Einer dem Andern zu und machte dabei eine pfiffige
Miene Die stille Geschäftigkeit das Gewirr und Durcheinanderlaufen und
Flüstern sprach laut in die Stille hinaus es ist etwas los Treppauf treppab
ging es ohne Gepolter Rosse wurden gezäumt und gesattelt und die Knechte
fluchten nicht und rissen nicht Witze aus der Rüstkammer trugen mit verhaltenem
Atem die Junker Pickelhauben kurze Spieße Büffelwämser und was zu einem
Ausreiten gehört Der von Lindenberg warf sich das Panzerhemde des alten Bredow
um und Hans Jürgen gürtete ihn Hans Jochem reichte ihm die Stahlhandschuh die
dem edlen Herrn ein weniges zu groß waren aber er sagte »Es schadet nichts«
Den Helm mit dem Sturz wollte er nicht »Die Nacht ist das beste Visir« und er
stülpte eine Sturmhaube auf von Büffelleder mit breiten Klappen und
Blechbeschlägen
Langsam hörte man die Zugbrücke knarren und das Fallgitter aufziehen Die
Alle sagten »Es ist was los« aber Kasper sagte »Nun gehts los« als die
Fräulein an ihm vorüber huschten nicht wie ihre Art vorsichtig und dem
Graubart zuwinkend »Lauft nur« rief er nach »das Donnerwetter kommt Euch doch
nach wenn die Mutter es nicht bald findet Das kommt davon wenn die Leute
wollen klüger sein und alles besser machen Mein Herr Götz weiß auch wo Bartel
Most holt wenn er den Wein ausgeschlafen hat und wer dem Bären den Pelz
waschen will der seh sich vor dass er nicht selbst gewaschen wird«
Gegenüber der Erkerstube wo der Ritter lag war ein kleines Kämmerlein das
Schilfdach lief schräg darüber hin Der Sturm hatte vorhin darauf geschlagen
dass die Sparren knackten jetzt schlug es darinnen auch aber der Sturm war in
einer jungen Brust Hans Jürgens Herz pochte dass der alte Kasper draußen es
hätte hören können Wohl hätte er sich beschauen mögen als er nun fertig war
wie er aussah aber in der Kammer war kein Spiegel und kein Licht Nur die
Sterne aus dem schiefen Fenster blitzten auf den verrosteten Harnisch Er lehnte
den Kopf hinaus und schlürfte die laue Nachtluft ein Da kamen unversehens seine
Finger unterm Brett zusammen als wenn er sie falten wollte Er erschrak fast
»Nein Beten das schickt sich nicht jetzt nicht Nachher«
Da er sich umwandte stieß er mit dem Kopfe an das Schilfdach »Das soll
auch nicht mehr lange sein Nachher« Er schwieg und tappte durch die dunkle
Kammer nach der Tür Draußen war es licht an der Lampe die der alte Kasper
immer ansteckte wenn sein Herr erwachen sollte
Der schaute den Gerüsteten verwundert an und seine Mienen gingen in ein
Lächeln über Eine Sturmhaube trug Hans Jürgen auf dem Kopf mit einem breiten
Rand und die beiden Flügel eines Habichts waren in den Kamm gesteckt Der
Harnisch war über einen verblichenen Wappenrock von blauer Farbe geschnallt in
dessen gesteppten Faltenwurf die Motten lange genistet zu haben schienen und
dazu klirrte ein schwerer Degen an seiner Seite
»Na nu« rief er ihn an »Gegen wen ziehst Du aus«
Hans Jürgen machte ein wichtig Gesicht »Geb dem Gast das Geleit«
»Glaubte wenigstens Du zögest gegen den Grosstürken Nun will ich Dir was
sagen Hans Jürgen Wenn Du gegen den Türken ziehst dann magst Du den Degen
klappern lassen aber wenn Du des Nachts ausreitest trag ihn sein unterm Arm
Noch etwas« rief er ihm nach »wenns verkehrt geht wundre Dich nicht Du hast
die Sturmhaube verkehrt aufgesetzt Und wenn Dein Vater seeliger ausritt ich
meine wie Du jetzt dann zog er nicht seinen Wappenrock an wie Du jetzt
sondern hing den schlechtesten Kittel um Sieh Dich nur da im Schild an der
Wand«
Ein erster Blick den Hans Jürgen auf das Schild tat zeigte ihm dass der
alte Knappe recht hatte Er stülpte die Sturmhaube um und nahm den Degen unter
den Arm
Aber des Vaters Rock den konnte er doch nicht mehr ausziehen
»Ei die Nacht ist duster Hans Jürgen« lächelte der Alte »und die Farbe
ist ausgeblichen Auch ists lange her dass der Rock geleuchtet auf der Straße
da kennt ihn wohl keiner mehr Nun noch nen guten Rat auf den Weg Lass Dich
nicht bangen sie tun keinen hangen den sie nicht fangen Sprich nicht wo Du
schlagen kannst aber wo ein Anderer zuschlägt brauchst Du nicht
nachzuschlagen Trau mehr auf Dein Gesicht als wenn ein Anderer spricht Beim
Teilen da musst Du eilen In der Not ist ein gut Pferd besser als ein guter
Freund und gute Freunde in der Heide bringen draußen manchem viel Leide Viel
Hunde sind des Hasen Tod aber wenn Du des Nachts ausreitest hüte Dich vorm
Morgenrot«
Hans Jürgen war längst die Treppe hinunter als der Alte noch in seinem
guten Rate fortfuhr Aber er sah ihm freundlich nach »Wird schon was aus ihm
werden Ein gutes Pferd muss scharf zugeritten werden Aber ohne solchen kleinen
Spaß versauert er ja«
Es war etwas los das Alle wussten und keiner sprach es aus nur Eine wusste
es nicht Bisweilen geht es in den Häusern zu wie in den Schlössern der Könige
Was Alle wissen und sich zuflüstern und darüber lachen und sich freuen weiß der
Herr nicht den es doch zunächst angeht aber Niemand wagt es ihm zu sagen weil
sie ein böses Gesicht fürchten Die Burgfrau die sonst Alles sah und hörte ja
ihr entging nicht der stille Gedanke der sich im Gesicht verriet heute sah
sie nicht die emsige Geschäftigkeit sie hörte nicht das Geflüster und wenn sie
sah und hörte übersah sies und überhörte es denn ihre Gedanken waren
anderswo
Durch die Böden und Kammern war sie mit dem Schlüsselbund treppauf treppab
rechts und links und hatte das eine noch nicht gefunden was sie suchte Und
dreimal schon war sie wieder an dem Knecht Kaspar vorbeigestreift und dreimal
hatte er ihr zugerufen »Gestrenge Frau nun ists bald Zeit« Wars die schwüle
Luft hatten die Unholde es ihr angetan Sie fragte Niemanden sie hätte sich
ja selbst angeklagt dass sie etwas vergessen und gesehen hatte sies doch
Stück für Stück war es durch ihre Hände gegangen als sie abluden
Da schlug sie plötzlich die Hände zusammen Wie ein Blitz leuchtete es vor
ihren Augen Sie war auf der Gallerie nach dem Hofe Die Pferde standen
gesattelt der fremde Herr ließ sich noch einen letzten Trunk reichen Eine
Fackel warf ihr ungewisses Licht auf die Gruppe »Da steht er ja« Hans Jürgen
schlug seine Hand in die seiner Muhme die sie ihm hinhielt »Ich bringe Dir was
mit Evchen«
Eva lachte als ob sies bezweifelte »So war « sie hielt ihm schalkhaft
den Mund »Versprich nichts Hans Ehe Dus halten kannst Du bist ja noch nicht
fort« »Wer solls mir nur wehren« rief er und seine Augen funkelten »Der
Herr ist mir gut und wird was besseres aus mir machen dass keiner sich mein
mehr zu schämen braucht«
»Hans Jürgen« rief eine Stimme durchs Dunkel wie eine Trompete die zum
Gericht schmetterte Die welche die Stimme kannten fuhren zusammen es war der
Ton in dieser Stimme der ein aufziehendes Ungewitter ansagte Eva zog ihre Hand
zurück und senkte ihre Wimpern Der dessen Namen gerufen ward riss die Augen
auf aber er ließ sie im selben Augenblicke wieder sinken
Es war gewiss ein Spuck der Nacht oder eine arge Frau musste die Edelfrau mit
Blindheit geschlagen haben als die Stücke vom Wagen geladen wurden Der Sturm
der Wirrwarr allein konnte ihre scharfen Sinne nicht so geblendet haben dass sie
etwas sah was nicht da war Aber wie stand ihr jetzt alles klar vor Sinnen Da
hingen sie ja zwischen den Fichten vom Winde geschaukelt Hans Jürgen hatte die
Wacht Sie selbst war nicht mehr hingekommen sie hatte nicht befohlen sie
abzunehmen Wer sollte sichs unterstanden haben es eigenmächtig zu tun
»Hans Jürgen wo sind sie«
»Was liebe Base« sprach der Ritter Lindenberg und erschreckte doch fast
als er die Frau sah die ihn nicht sah So aufgebracht so keuchend und blass war
sie hinunter gestürzt und stand vor ihrem Kleinvetter wie der Richter vor einem
armen Sünder
»Wo sind sie blieben Hans Jürgen«
Es war als sollte Hans Jürgen der festgeschnallte Harnisch vom Leibe
fallen seine Arme hingen schlaff herunter die Pickelhaube sank nach vorn über
»O weh« seufzte Eva Bredow
»Meines Mannes Elennsbüchsen Hans Jürgen Bist Du taub«
»Unseres Herrn Elennsbüchsen« wiederholte es stammelnd aus dem Dunkel des
Hofes Wenn die gestrenge Frau so erschien fühlte Niemand sich gemüssigt
vorzutreten Der arme Hans Jürgen stand ganz allein und das Wort erstarb ihm auf
der Lippe Er stotterte etwas vom Krämer Hedderich vom Sturm vom Kurfürsten
Er hätte auch von den Sternen und seinem seeligen Vater reden können er wusste
nicht was er sprach
»Wie siehst Du aus Ist hier Mummenschanz« rief sie die Fackel ihm fast
ins Gesicht haltend »Zum Aufpassen stellt ich Dich hin nicht zur
Narreteiung«
Mit einem raschen Griff hatte sie die Habichtsflügel und die Stahlhaube ihm
vom Kopf gerissen sie flogen auf den Boden Mit einem zweiten löste sie unsanft
den Bauchgurt der den Degen hielt dass er klirrend zu Boden niederfiel und zum
dritten hatte sie ihn am Arme aus dem Kreis gerissen
»Den Harnisch soll da drinnen der Ruprecht lösen und den Rock ausziehen
Will ihn Dir verschließen Deines Vaters Erbstück ist zu gut zur
Fastnachtsjacke«
»Verzeiht nur gnädiger Herr« wandte sie sich zu dem Ritter »dass der
ungeschickte Bub Euch Ungelegenheiten macht Nichts als Mucken und Nucken im
Kopf wenn man ihm nicht allzeit auf die Finger sieht«
»Frau Base« sagte der Ritter »er sollte mir das Geleit geben wie Ihr es
bestimmt«
»Doch nicht als Mummelack Erst Birkenreiser und dann Ritterdegen Der Hahn
soll nicht über den Zaun fliegen Die Leute lachten ja meinem Vetter von
Lindenberg einem kurfürstlichen Rat nach wenn er mit ner Vogelscheuche
durch die Dörfer trottirte«
Der arme Hans Jürgen hörte er das stille Gelächter in das auch der hohe
Ritter sein Beschützer unwillkürlich einfiel Die Bitte und Verwendung
desselben half nichts vielleicht weil sie nicht zu ernstaft gemeint war
Dringen auf die Begleitung durfte er nicht Peter Melchior flüsterte ihm zu
»Nehmt Euch in Acht dass sie nicht den Spaß merket« Auch mochte er vielleicht
nicht dringen Die Gunst großer Herren ist ein Sonnenblick bei Aprilwetter Er
bedurfte zu nichts des Jungen
»Hans Jochem soll Euchs Geleit geben auch Peter Melchior so er Lust hat
«
»Nur bis zum Heidekrug« fiel dieser rasch ein »Muhme Bin müd und will
nächten bei meinem Gevatter in Golzow Wenn morgen einer nach mir fragt bin ich
bei dem zur Nacht gewesen«
»Und Hans Jürgen« fragte lächelnd der Ritter aber sein Lächeln galt dem
vorsichtigen Peter Melchior
»Der nächtigen« rief die Edelfrau »der soll gar nicht nächtigen und nicht
schlafen weil er schlief als er wachen sollte Denkt Euch hat meines Herrn
Leibkleid auf der Bleiche gelassen und ich habs ihm auf die Seele gebunden
Wozu ist er denn wenn er zu nichts taugt Zum Maulaffenfeil zum Brummen und
Grunzen wird er nicht gefüttert auch nicht zum Mummenschanz Hinaus soll er
auf der Stelle hinaus und nicht wiederkehren bis ers findet und bringt Ich
sollte strenger sein aber danks dem Herrn Ist das Zucht Hast Du die gelernt
in meinem Hause dass ich ein Aug zudrücke Ach Herr von Lindenberg man hat
mit dem Jungen seine Not Trotz und Übermut und mein Mann ist ein guter
Mann aber zur Erziehung taugt er nicht Ihr wisst doch wie er eigensinnig ist
auf das alte Erbstück ich habe meine Not damit und gerade die ließ der Junge
draußen im Stich und weiß wies mir an die Seele geht Aber Ihr habt Eile «
»Sagt ja« kreischte Peter Melchior dem Ritter ins Ohr »Sie sagt Euch
sonst die ganze Litanei von den Hosen «
Es polterte und rasselte über die Zugbrücke sie knarrte wieder und das
Fallgitter fiel in seine Fugen die Fackeln erloschen die Knechte und Mägde
schlichen zurück Warum mussten sie im Vorbeigehen alle auf ihn sehen warum
draußen durch das Fenster nach ihm schielen warum wiesen sie mit den Fingern
nach ihm er dachte es sich wenigstens Der Harnisch lag auf der Erde der
Wappenrock hing über der Schemellehne den Degen seines Vaters hatte die Muhme
vor seinen Augen in den großen Schrank verschlossen Da perlte ihm die erste
Träne aus dem Auge als sie vor Allen zu ihm gesprochen »Lerne was dann
kannst Du was aber was Hänschen nicht lernt wird Hans nimmer lernen und der
Du nicht gelernt vor einer Leine Wache stehen wie soll er vorm Feind seine
Schuldigkeit tun«
Sein Stolz war geknickt sein Mut gebrochen Wie höhnisch hatte ihm Hans
Jochem vom Rosse zugenickt Der war nun glücklich der durfte sein Probestück
ablegen der brachte seinen Muhmen Geschenke zurück Von ihm würden Alle
sprechen wie würde er stolz des Sonntags zur Messe schreiten wie sollten ihn
die Leute ansehen und ihn würde der vornehme Herr von Lindenberg mitnehmen nach
Berlin ihn ins Schloss nach Kölln bringen Da ward er dem Kurfürsten
vorgestellt kam in die Ritterschule erhielt besondere Aufträge und stieg in
Ehren und Ansehen Eine goldene Kette hing um seinen Hals die schönen Fräulein
sahen ihn mit Wohlgefallen an sie scherzten mit ihm und ließ sich gern von
ihm unterhalten und wenn er einmal zurückkam in das Schloss seines Verwandten
selbst nun ein hoher vornehmer Herr da würde man ihm entgegenstürzen wie heut
dem Herrn von Lindenberg vielleicht rief die Base wieder den Hans Jürgen dass
er dem Reiter den Steigbügel halte dass er sein Pferd in den Stall führe und er
Es war zu viel zu rasch zu bitter war die Täuschung gekommen die Tränen
stürzten ihm aus den Augen und das Gesicht in die Arme drückend lehnte er sich
unter heißen Tränen an den Ofen
Nun war es ganz still geworden Die Hunde im Hofe schwiegen das Stroh
raschelte noch auf dem die Knechte sich wälzten das Feuer im Heerd war
niedergebrannt einzelne Kienäpfel knisterten noch und sprangen Die
Geisterstunde wars und er allein Im Augenblick fürchtete er sich nicht Und
wären die Unholde alle aus dem Schlot niedergefahren was konnten sie ihm tun
er war ja schon vernichtet Wenn sie ihn umringelt umstrickt hätten wenn die
Erde sich gespalten und er niedergesunken wäre ins ewige Grab was war das
Schlimmes für ihn Dann brauchte er nicht mit verschämtem Antlitz das
Morgenlicht anzusehen nicht den Gesichtern zu begegnen die ihn alle fragten
bist Du noch hier Hans Jürgen
Solche Stimmungen dauern nur kurz Das war ein erlogener Mut Als die Eulen
draußen anfingen zu heulen als der Wind wieder in einzelnen Stößen durch die
Kiefern sauste als er an den langen schauerlichen Weg dachte den er allein bei
Nacht und Nebel durch die verrufene Gegend machen sollte fröstelte ihn Und es
war Zeit Er hörte es die Treppen herunter rascheln Die Burgfrau war es aber
wie ein Gespenst das Schlüsselbund klapperte an ihrer Hand aber das Eisen war
verrostet das gibt einen eigenen Klang Er wollte um Alles in der Welt nicht
noch einmal ihren zornigen verächtlichen vorwurfsvollen Blick aushalten Er
musste fort und die Sohlen waren ihm doch wie fest am Boden angewurzelt
Es säuselte und rauschte durch die Luft leise Tritte schwebten näher und
der kalte Angstschweiß stand ihm auf der Stirn als ein sanfter Druck seinen Arm
berührte und eine weiche Stimme seinen Namen sprach Es war kein Geist auch die
Edelfrau nicht und dennoch durchzuckte ihn ein tiefer Schmerz als Evas Augen
durch die Dämmerung ihn anblickten
»Kommst Du auch um mein zu spotten«
»Hans Jürgen ich komme nicht um Dein zu spotten Du musst fort Wir haben
die Mutter gebeten allein sie ist gar aufgebracht Du weißt wie Vater ist wenn
er aufwacht«
»Schimpf mich nur ich habs um Dich ich habs um Euch verdient Wenn er
tobt und flucht kriegt Ihr es auf den Hals Lass mich doch hier und stellt mich
hin Ich verdiene es Was lief ich fort nun ists an mir dass ich dafür büsse«
»Ach Hans Jürgen Du musst ja schon büßen«
»Weine nicht Eva Du bist ein gutes Mädchen«
»Ach wenn nicht die Waschbank gewesen und ich Dich nicht geneckt «
»Dann hätte ich Wache gestanden bis ich aschgrau wurde« fiel er ein »Ich
stände noch jetzt Nein Deine Mutter wars die rief mich ab dass ich dem
Schurken von Krämer nachsetzen musste und dann musste ich ihm seinen Packen
aufladen Darüber wards vergessen Du bist nicht schuld Eva Der Hedderich
ists Deine Mutter ists ach ich weiß nicht was ich rede aber s ist gut
wenn sie Einen haben dem sie Alles aufladen können dazu bin ich gut zum
Sündenbock Nun lass mich gehen Evchen nun ist Alles aus nun werde ich mein
Lebtag nichts Sie werden mit den Fingern nach mir weisen und pfeifen und sie
haben Recht Hans Jochem der wird lachen der wird wiederkehren Dem werden sie
um den Hals fallen Mutter und Vater und Du auch Eva «
»Ich nicht«
»O verred es nicht Wer nur Glück hat dem kommt Alles entgegen Aber wer
Unglück hat der kann anfangen was er will dem gelingt nichts So hats meine
Mutter seeliger gesagt und so probirt sichs an mir Hinaus soll ich und das
Zeug holen und nicht wiederkehren bis ichs fand Und wenn ichs nun nicht
finden tu dann geh ich suchen suchen bis bis Ihr mich vielleicht auch
suchen geht und nicht findet Die Welt ist weit und wenn mich kein Irrwisch
verlockt und ich nicht im Sumpf stecken bleibe oder über einen Strauch falle und
ein Bein breche und ein Rudel Wölfe erbarmt sich mein so ists am End zum
Besten ich mach mich gleich auf die Beine und kehr nimmer wieder Die Rosse
zeichnen und den Tauben pfeifen und Wacht halten bei der Wäsche o dazu werden
sie auch anderswo mich brauchen können Dazu ists nicht nötig ein
Anverwandter zu sein vom Hause Dann fragt wohl Einer aber wo ist denn Hans
Jürgen blieben Und wenn ich nimmer wieder kommen tue dann sagt Ihr wohl am
End s ist doch schad um ihn und dass er darum «
Sie hatte seine Hand gefasst und er fühlte dass sie etwas hinein drückte
»Du wirst heimkehren und glücklich Bewahre das und tus um den Hals«
»Was ists«
»Das Amulet was ich von der Großmutter seeliger habe Wer das auf dem
Herzem trägt dem können die bösen Mächte nichts anhaben wenn er auf guten
Wegen geht«
»Eva das ist Dein Nimmermehr das nehm ich Dir nicht Das musst Du
behalten«
»Ich geh ja nicht in der Nacht aus wo die Unholden Macht haben Zumal auf
den Kreuzwegen da drücke es recht fest ans Herz Und an der Schnur tust Dus
um den Hals«
»Eva Du «
»Gott bewahre hier in der Burg Da sind ja keine Unholden Vorhin als ich
lauschte dem Gespräch und der Ritter Euch zusprach da ward mir recht bang und
ich drückte das Herzlein an mein Herz Und da schon dachte ich ich wollte es
Dir geben wenn Du mit ihm ausrittest aber dann schämt ich mich wieder Hans
nimms stecks ein sags Keinem Brings mir wieder wanns Dir gut gegangen
Fort nur fort Rede nicht weiter lieber Hans Jürgen das tut nichts Die
lieben Englein sind bei Einem auch ohne Amulet sagt die Mutter und die kanns
eigentlich nicht leiden nur weils von der Großmutter seeliger kommt die hielt
soviel drauf Nun sei ein guter Junge und geh und behalt mich lieb und Keinem
sag davon was«
Er stöhnte tief auf »Ach Eva Gott lohns Dir und ich will ein schlechter
Kerl sein wenn ich Dir nicht Alles verzeihe was Du mir zum Possen getan hast
mit den Andern Weine nicht Evchen beim lieben Gott im Himmel und allen
Heiligen ich weiß nicht was ich spreche Es geht mir so im Kopf um Aber wenn
ich dachte nun das wird doch gelingen da wirst Du mal Lobs hören da sollen
sie mal sehen wie ich kein dummer Junge bin wie ich mich gut halte weißt Du
an wen ich dachte Nicht an mich nur an Dich Dir wollte ich das Beste bringen
was ich fände Dann würdest Du mich freundlich ansehen Nicht darum etwa Ach
Gott bewahre Denn ich wusste doch dass Du mir gut bist aber Du schämtest Dich
mein weil ich so gar nichts bin Und nun hättest Du Dich einmal freuen können
und nicht schämen brauchen Und nun ist mit einemmal Alles anders ich bin
schlechter als ich war und der Hans Jochem «
Er hielt inne denn er glaubte einen Seufzer zu hören aber Eva seufzte
nicht
»Nun ich wills ihm gönnen« fuhr er fort »denn ich habe Dein Amulet Ich
brings Dir wieder Eva ganz gewiss Und wenn er auch ein Herr wird und
zurückkommt mit Beute und Ehren und Alle ihn loben und ich komme verachtet
wieder und ausgelacht und meinethalben auch als ein Krüppel so weiß ich doch
«
Sie schlang ihre weichen Arme um seinen Nacken und drückte einen Kuss ihm auf
die Lippen »Bleib mir gut ich bleibe Dir auch gut«
Rasch zog sie ihn fort »Nun darfst Du nicht länger weilen«
An der Tür blieb er noch einmal stehen »Aber Dein Vater Eva «
»Sei ohne Sorgen Nun hat es noch Zeit Die Mutter hats mit dem Kaspar
abgemacht dass der ihm noch einen Morgentrunk reichte Er steht nun nicht auf
bis der Hahn kräht Ach wenn Du dann zurück wärest«
»Komm gesund zurück Hans Jürgen« rief eine andere weibliche Stimme und
eine weiße Hand streckte sich ihm entgegen Nun bemerkte er erst unter dem
Dunkel des Schwiebbogens dass Eva nicht allein war
»Weinst Du auch Agnes«
Eva flüsterte ihm zu »Still Es schnitt ihr was ins Herz als er ausritt«
»O wenn er wiederkommt«
Trauernde hören scharf
»Dann wird er mich auch nicht ansehen« schluchzte Agnes »Aber «
»Was denn Agnes«
»Ach ich möchte die Mutter hätte ihn ausgeschickt wie sie Dich
ausschickt«
Das verstand Hans Jürgen nicht
»Dann wär er nicht mit dem Ritter aus«
»Was weinst denn Agnes« fragte Hans Jürgen besorgt denn das Mädchen
wiegte sich in stillen Tränen
»Preise Du die Gebenedeite Hans Jürgen« sprach Agnes »dass Du aus den
Stricken der Versuchungen kommst Ein böser Tag wars aber die Nacht wird noch
schlimmer Geh mit Gott lieber Junge und wenn Du Hans Jochem siehst sag ihm
ach sag ihm nichts er lacht Dich und mich aus Wie Gott will Mir liegts auf
der Brust wie Blei«
So gut war es Hans Jürgen nie geworden und es dünkte ihm wohl ein
besonderer Tag dass die beiden lieben Muhmen ihm das Geleit gaben und um sein
Wohlergehen sich kümmerten als wäre er ihr lieber Bruder
Sie standen am Hinterpförtlein das nur für die Burgleute geöffnet wird und
wo sich Nachts ein Bote oder Kundschafter in schlimmen Zeiten hinaus schleicht
der nicht gesehen sein will Den Weg durch den Sumpf kennt nur ein vertrauter
Mann Der Torriegel rasselte zurück die Tür drehte sich in ihren Angeln
»Leb wohl Hans Jürgen« und Eva hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wangen
und ehe er sich des versah fiel ihm auch Agnes um den Hals »Denk nicht schlimm
von mir Hans Jürgen«
Da stand er draußen und wusste nicht wie ihm geschehen Es war ihm wie ein
Traum War ers den sie noch eben ausgestoßen und ausgeschickt wie einen Hund
dem man einen Fußtritt gibt und nun Es war ihm als ob die ganze
Nachtgegend hell würde als ob ein Rosenlicht über den Sumpfdünsten schwebte
und die feuchte Luft dünkte ihm wie ein süßer Atem der der Brust wohl tut
Nun graute ihn nicht mehr vor dem einsamen langen Wege
Die Eulen mochten schreien der Wind heulen die Kiefern knarren Er hatte
Mut Mut wie der Pilger der zu einem Heiligenbilde wallfahrtet denn der
Heilige ist ihm im Traum erschienen und hat ihm verheißen dass er das Ersehnte
durch Nacht Sturm und Ungetüme erreichen werde
Behende ließ er sich den steilen ErdAbhang hinunter wo ein Anderer auch
bei Tage vorsichtig die Füße setzt behende sprang er am Pfahlwerk über den
Graben ohne das aufgezogene Brett herabzulassen und suchte alsdann leichten
aber sichern Fußes den Weg durch die Sumpfwiese Ein Anderer und auch er zu
anderer Zeit hätte den kleinen Umweg über das Dorf nicht gescheut Doch wozu
sollte er die Hunde wecken sprach er bei sich aber er dachte anders Auf dem
kürzesten Weg kam er ja am schnellsten zum Ziel und am frühesten zurück Er
wusste jetzt nichts von Gefahr und in gerader Richtung kreuzte er den
verräterischen Boden Er dachte nicht an die Irrwische die vor dem Mutigen
sich nicht zu zeigen wagten die weißen Mummeln die durch die Nacht blitzten
lockten ihn nicht Eine falsche Richtung wenn er einmal falsch trat und er
versank bis an den Leib in den tückischen Moor er hätte sich die Lunge
ausschreien können um Hilfe bis Morgengrauen wer hätte ihn gehört Und wenn der
wendische Bauer im Dorfe es hörte wenn er die Frau ängstlich weckte die hätte
gewimmert so schreit der Kobold und Beide wären mit dem Kopfe unter die dicke
Bettdecke gerutscht bis auch er bis an den Hals versank und die Moordecke über
seinem Kopfe zusammenschlug
Noch war eine Strecke Weges vor ihm und die Feuchtigkeit netzte durch die
Sohlen seine Füße ohne dass der Boden fester wurde als es im Dorf Mitternacht
schlug Er glaubte ein Geräusch zu hören vielleicht ein Wasservogel Er sah
sich um Durch den grauen Moordunst schimmerte eine schwarze lange Gestalt Wer
konnte ihm folgen Doch hastete er seine Schritte Aber bei einer Wendung sah er
es abermals Mit langen Schritten bewegte sich die hagere Gestalt in derselben
Richtung Es mochte doch ein Augentrug gewesen sein Nur aus der Burg konnte
Jemand dieses Weges kommen und die Pforte schloss sich hinter ihm Aber die
Gestalt hastete wie er Hans Jürgens Herz schlug fühlbar Er murmelte ein Gebet
von den guten Geistern die ihren Herrn und Meister loben Da war sie
verschwunden
Nun hatte er den Elsenbruch erreicht und atmete leichter Er streifte die
verwachsenen Zweige aber hinter ihm rauschte es auch in den Zweigen Die Aves
und Paternoster die er zwischen den Zähnen murmelte blieben ohne Wirkung es
rauschte immer deutlicher und immer lauter schlug sein Herz Wenn schon auf dem
ersten Viertel Weges die Unholden ihn angingen wie sollten sie es auf dem
langen langen Wege treiben Die Elsen lagen hinter ihm die Palten im Moor
wurden fester in Sätzen sprang er auf dem letzten Moorwege den hohen Kiefern
und dem leuchtenden Sande zu auf dem sich ihre riesigen Leiber erhoben und mit
ihren Kronen nickten Es war ihm als müsse die Macht der Unheimlichen in einem
Walde geringer sein als in Bruch und Moor Ein Walde der seine Häupter gen
Himmel streckt sieht ja wie ein Tempel aus den die Natur Gott erbaute Schon
hat er trockenen Boden unter sich der Sand wich unter seinen Füßen ohne ihn
aufzuhalten schon hatte er die ersten Kieferstämme hinter sich als er Atem
schöpfend sich umblickte Da war auch die Erscheinung Der hagere schwarze
Schatten trat aus den Elsen und mit langen mächtigen Schritten näherte er sich
dem Sandhügel Hans Jürgen schlug ein Kreuz doch der Schatten ward länger und
plötzlich hörte er seinen Namen rufen
Neuntes Kapitel
Es ritten drei Reiter
Die drei Reiter hatten als es Mitternacht schlug längst die Sumpfwiesen
umritten und trabten inmitten des Waldes wo der Boden von tausend
Kieferwurzeln durchflochten so fest war dass der Hufschlag durch die Stille der
Nacht widertönte Als der Glockenschlag verhallte hielt der Herr von Lindenberg
plötzlich still und zog tief Atem Er schien als sie ihn fragten noch von
etwas Unerwartetem betroffen und strich mit der Hand über die Stirn
»Saht Ihr gar nichts« sprach er mit gedämpfter Stimme
Hans Jochem wollte nur einen Lichtstreifen gesehen haben der vielleicht von
einer Birke herrührte die ihre Äste geschüttelt
»Das war es nicht«
Peter Melchior aber sagte mit leiser Stimme »Es ist nicht gut dass wir
davon sprechen Nachher wenns tagt«
Der Ritter schüttelte den Kopf »So wär es also wieder nichts als
Augentäuschung Und doch so deutlich wie zuvor noch nicht Die Sporen schlugen
mir an die Stirn Saht Ihr nicht wie ich mich zurückbog«
Die Beiden sahen nur eine absterbende Buche deren trockener Ast auch vom
Winde geschüttelt das Haupt des Ritters schwerlich erreichen konnte Es war
eben in dem Augenblick ganz still in der Luft
»Anderswo reit ich« sprach der von Lindenberg »um Mitternacht wie um
Mittag durch Heide und Wald«
»Der Strich hier ist nicht geheuer das ist schon richtig« entgegnete Peter
Melchior »drum reite ich nimmer bei Nachtzeit als die Arme auf der Brust
gekreuzt Seht so Auch sind wir zu Dreien da scheut sich das Gesindel vor der
heiligen Zahl Es sind dass ichs sage die vermaledeiten Weiber das
Hexengezücht Die schießen wehen reiten purzeln in den Weg Da ist gar keine
Gestalt die sie nicht annehmen bald schießen sie als ein dürrer Baum bald als
Schlange Wurzel als Fledermaus Jetzt baumelt so eine am Ast wie ein
Galgenmann und wenn Ihr scharf drauf schaut ists ne Raupe an einem Faden Und
greift Ihr zu habt Ihr nen Dorn in der Hand und lasst Ihr ihn fallen
schlüpfts als Eidechs fort Ihr seid nirgend sicher an solchem Ort und zu
solcher Stunde dass es Euch nicht rechts und links einen Schlag versetzt«
Im nämlichen Augenblick klatschte es zur Rechten des Junkers auf die Weichen
seines Pferdes dass es sich bäumte und im gestreckten Galopp mit seinem Reiter
auf und davon flog Hätte auch Hans Jochem seine Lust gezügelt und nicht
aufgeprustet wie er tat würde es der Ritter doch gemerkt haben dass er es
war der dem Pferde mit der Gerte einen Schlag versetzt
»Ihr tatet Unrecht Junker« sprach er ernst doch nicht zornig »Man muss
des Teufels nie spotten«
»Ei gnädiger Herr ich spottete nur Peter Melchiors Er redet gar zu klug
wenn er auf die Hexen kommt Wenn man ihn nicht manches Mal kitzeln könnte
wärs wirklich nicht auszuhalten mit ihm«
»Habt Ihr selbst immer Furcht«
»Wofür«
»Der beherzteste Bursch hat auch seine schwache Stunde ich meine im Walde
wie wir hier«
»Ich weiß wo er zu End ist«
»Bei Nacht«
»Morgen scheint die Sonne«
»Wirklich Manchem herzhaften Manne ists doch bisweilen in der Nacht zu
Mute als zweifle er ob er den Morgen noch sehen werde«
Hans Jochem lachte »Wie sollte das zugehen«
Der Ritter schaute ihn noch ernsthafter an »Nun er macht oft nur Übel
ärger Bekenn es Euch offen mich drückt das Etwas das ich mir nicht erkläre
wie ein Alp«
Der Junge sah verwundert auf den Aelteren »Herr von Lindenberg vorhin «
»War ich weinmütig s war ein aufsteigender Kitzel Die feuchte Nachtluft
bringt andere Gedanken Wer es weit bringen will muss den Kitzel bekämpfen Das
lernt sich am Hofe«
»Wir sind ja nicht am Hofe«
»Aber Weisungen klug zu sein gibt uns die Natur wo wir hinschauen Der
Fuchs baut sein Schloss mit vielen Ausgängen das Ross wittert Blut und Mord der
Hund riecht den Wolf und schlägt an wo des Menschen Sinn noch nichts gemerkt
hat Dafür ist etwas in der Luft was dem Menschen die Dinge anzeigt die da
kommen mögen Habt Ihr nimmer Ahnungen gehabt«
»Die wollt ich nach Haus weisen« lachte Hans Jochem
»Aber der Teufel hat Mut auf Erden zumal wenn wir was sie sündige Wege
heißen gehen«
»Der Teufel ist ein dummer Teufel Herr von Lindenberg Nippel Bredow war
mein Urältervater Das Messer saß ihm schon an der Kehle Von seinem Blut ist
was in mir Drum scheer ich mich den Teufel um den Teufel Und wenn der
Gottseibeiuns mir ein Bein bricht reit ich mit dem andern auf Eure Fährte«
»Es wird vorübergehen« sprach der Ritter »wenn wir nur erst aus dem Wald
naus sind Dort kommt ja Peter Melchior«
»Wisst Ihr was gnädiger Herr« flüsterte Hans Jochem »wenns erlaubt ist zu
sagen Einer taugt nicht zum Spaß Wenns losgeht zehn gehen eins kriegt er
Bauchreissen und das Maul kann er auch nicht halten«
»Die Klette sitzt einmal am Mantel«
Ȇberlasst das mir wills versuchen sie loszuhaspeln Wenn wir zwei Beide
Herr allein ritten das gäbe mehr Mut Mit Gespenstern da mögen drei gut
sein aber wo zwei sind und Einer sich auf den Andern verlassen kann das ist
besser«
Peter Melchior kam zurückgeritten als der Waldweg sich schon lichtete Die
Nacht bedeckte mildtätig sein blasses Gesicht »Seid Ihrs« rief er noch
dreißig Schritt entfernt Lindenberg bemerkte die Lust seines mutwilligen
Gefährten den Junker wieder zu erschrecken Er bat ihn davon abzulassen der
Weg sei noch lang Peter Melchior ihnen vielleicht doch noch von Nutzen Aber
Hans Jochem konnte doch nicht ganz dem Triebe widerstehen
»Seid Ihrs Junker Peter Melchior von Krauchwitz« antwortete er in
ängstlichem Tone »Und allein«
»Wie sollt ich nicht allein sein Ihr liesst mich ja im Stich«
»Schüttelt Euch oder dreht Euch um ehe Ihr uns nahe kommt«
»Saht Ihrs Mich riss mein Pferd fort dass mir die Sinne vergingen Konnte
mich kaum auf dem Sattel halten«
»Nicht gesehen hätten wirs Herr von Lindenberg« rief wie erstaunt der
kecke Bursch »Es klammert sich ja um Euren Nacken wie der Luchs um das
Hirschkalb Ihre Kleider bauschten auf und dick ward sie von hinten wie ein
Mondkalb mit nem Jungen dass uns schon bang ward die Hex hätt Euch mit samt
Sporen Wams und Stiefeln verschluckt Denn von Euch sahen wir doch auch gar
nichts Wir haben sieben Paternoster für Eure Seele gebetet Wenn Ihrs nur
wirklich seid und kein Gesichte«
»Beruhigt Euch Herr von Krauchwitz« sprach der Ritter »Unser junger
Freund sieht zuweilen die Dinge mit eigenen Augen an«
»Wenn er einen Spaß treiben will dann ists nicht der rechte Ort« sagte
Melchior verdrießlich »Nicht Jeder sieht den Stein über den er fallen wird
Wir sind hier am Lieper Eck wo ich immer sagte dass es nicht geheuer ist Sie
Alle wolltens besser wissen Der Tag hats bewiesen und nun ists Nacht Dort
kommt die Brücke seht Euch vor wenn Ihr hinüber reitet«
Sie hatten sich dem freien Platze genähert der vor wenigen Stunden noch der
Tummelplatz so vieler Munterkeit gewesen Jetzt herrschte eine Todtenstille der
Wind hatte sich gelegt es rauschte nur noch in den Kiefernwipfeln und flüsterte
in den Büschen Nur vereinzelte Krähen aufgescheucht durch den Stahlklang der
Reiter flatterten von ihren Ästen und schauten neugierig herab wer sie in
ihrem Schlaf gestört Nur die Unken sangen unbekümmert und ununterbrochen ihr
melancholisches Lied
Der Anführer des kleinen Trupps schien seine vorigen Sorgen und
Bedenklichkeiten abgeschüttelt zu haben Er hielt vor der Brücke die aus rauen
Birkenstämmen grob gezimmert war still schaute sich mit der Besonnenheit eines
erfahrenen Mannes um der vor einer wichtigen Unternehmung Erde Luft und Wind
prüfen will
»Dies wäre also der Ort wo Ihr den Krämer zuletzt saht Nun gilts die
Fährte zu verfolgen Hier sind Kreuzwege Wenn er gesagt dass er nach
Brandenburg wollte brauchen wir es nicht blind hinzunehmen Auch möglich dass
er die Brücke verschmäht hat und durch eine Fuhrt übers Wasser ging Es ist also
nötgig den Boden zuvor zu prüfen Wer von uns steigt vom Pferde«
Es verstand sich dass der Ritter Lindenberg durch die Frage sich selbst
ausschloss Auch war Hans Jochem schnell vom Ross derweil der Junker auf dem
seinen in mässigem Trabe einen Kreislauf versuchte
»Was ist das« rief der Ritter als Peter Melchior grad auf etwas
zusprengte das jenem im ungewissen Sternenschimmer verdächtig vorgekommen war
ohne dass er erkennen mochte was es sei
»Ein Strick« rief Peter Melchior »Ein Strick zum Hängen und zum Knebeln
je nachdem«
»Ihr seid sehr aufgeräumt Herr von Krauchwitz«
»Nur der Strick Herr von Lindenberg tuts Auf solchem Ritt muss man Alles
mitnehmen Die Nacht schenkt uns was uns Not tut und wir doch vergaßen«
»So hinter Euch aufs Pferd damit und lacht nicht so abscheulich«
Die Fährte war gefunden sie ging über die Brücke verlor sich aber drüben
bald wieder im Haidekraut so dass die Reiter zunächst ihre ganze Aufmerksamkeit
der Spur widmen mussten Die Geisterstunde war darüber verstrichen Mit der
Erwartung schien auch die Lebenskraft der Genossen wieder erwacht Bei einem
Köhler hatten sie die letzte Nachricht eingezogen die es ihnen unzweifelhaft
machte in welcher Richtung der Krämer weiter gefahren Sie mussten ihn nach
Verlauf einer Stunde auf dem Wege treffen welcher sich längs einem der weit
einbuchtenden Havelseen nach der Fähre hinzog mittels der man auf der Straße
von Brandenburg nach Potsdam übersetzt
»Der Ort ist gut« sagte Lindenberg »Der Schwieloch hat steile Waldufer und
viele Krümmungen Was hilft dem Schurken seine Pfiffigkeit dass er den
einsamsten Bergweg suchte«
»Hinterm Berge wohnen auch Leute« fiel Peter Melchior ein
»Die da wohnen werden ihn nicht hören Lieber Der alte Ferge der
Baumgarten ist immer taub in der Nacht wenn man ihn ruft Doch denk ich wir
treffen ihn schon früher Der Sand steht Noch Bedenken«
»Die Stunde ist schon gut«
»Und was denn nicht«
»Der Ort auch ja und nein Die flache Heide aber wäre mir lieber In einem
schmalen Wege zwischen See und Berg kann er uns nicht entwischen «
»Und wir auch nicht« fiel lachend Hans Jochem ein »wenn Leute kämen Wohin
sollte Peter Melchior Reissaus nehmen Mit den Rossen kann man nicht die Berge
nauf Wir müssten grad in den See Schwimmt Euers Und der Kerl ist ein
Hexenmeister das ist auch gewiss«
Der Spott hat seine Wirkung verfehlt Peter Melchior schwenkte den Strick
»Wisst Ihr warum der leer ist Der Schuft hat Raffen gespielt Meines Herren
Götze Lederbüchsen mitgenommen Hans Jürgen ist in April geschickt Nun sag mir
noch Einer dass wir nicht mit Rechten ausgeritten Wär der Dechant hier säh er
doch gleich den Fingerzeig Gottes warum wir dem Kerl den Kopf waschen müssen
Blitz Mordio Sieben Tage weniger einen auf der Wäsche damit der Lump
gestohlene Hosen rein anzieht Ein Dieb hängt ihn«
»Zum Teufel Lasst den Strick« rief ärgerlich der Lindenberger »und erzählt
lieber wie es mit den Elennshosen ist von denen ich so viel gehört und doch
nicht weiß was es eigentlich soll«
»Das weiß eigentlich Keiner so recht« sagte Peter Melchior da sie wieder
still neben einander ritten »Als ich noch ein Bub war sah ich schon den
Großvater von Götzen der ritt darin zur Freite Nun sie haben wohl schon ehedem
was darauf gehalten Der Vater hat sie immer dem Sohn vermacht Kurzum die Hosen
wurden immer älter und da sie nicht rissen betrachtete sie Einer nach dem
Andern immer mehr als was Absonderliches Das nur ist gewiss der Lippold Bredow
der Landeshauptmann war unter den Luxemburgern ward drum von den Magdeburgern
gefangen«
»Der Erzbischof fing ihn wohl um andere Dinge und hielt ihn in gar nicht
ritterlicher Haft«
»So stehts in den Chroniken Lasst Euchs aber erzählen von Bredows die
wissens anders Der Lippold war ein Mann der sich nicht vor dem Teufel
fürchtete so wenig als sein Ahn der Nippel Als es nun zu der Fehde kam mit
dem Magdeburger dran Havelland und Zauche noch denken sagt ihm seine Frau
eine Bodenstein Lippold zieh die Lederhosen an Es kam noch kein Bredow zu
Schaden wenn er das Leder an hatte Lippold aber sagte Weib dass ich eine
Memme wär so ich mein Heil von so geringfügigem Ding erwartete Von unserer
guten Sache und meinem Mut erwarte ich Sieg und von meinem Harnisch den der
beste Meister in Strassburg gefertigt dass mein Leib heil bleibt so anders Gott
es will Das andere ist eitel Gerede Sein Weib hatte gut reden Lippold tus
doch wenns auch nicht hilft kanns doch nicht schaden Er war aber was sie
einen Freigeist nennen und sagte Man soll auch dem Teufel nicht Fussangeln
legen Mein Vetter Dietrich mags probiren so er Lust hat Anfangs dachte
Keiner daran weil sich die Fehde gut anliess Lippold aber ward im Moor gefangen
von wegen der schweren Rüstung wie alle Welt weiß der Dietrich aber kam davon
und hatte noch einen langen Erxleben gefangen der ihm ein schweres Lösegeld
zahlen musste Da raunte man sichs zu wie es zugegangen war Dietrich war auch
sonst glücklich im Leben er war unter den Vordersten am Kremmer Damm und
eroberte die Fahne des Hohenlohe nachher schloss er zu guter Zeit mit dem
Markgrafen Frieden Aber die Hosen behielt er weg Es war wohl die Rede als
Lippold aus seiner langen Haft endlich loskam dass Dietrich ihm das Leder
wiedergeben wollte weil ers nur leihweise besessen wie er sagte aber Lippold
wollte es nicht haben Da sei Gott vor dass ich mein Heil sollte abhängig machen
von einem Stück Tierhaut das der Gerber gegerbt und der Schneider geschneidert
hat Ich trau auf mich selbst und wies der Herr über mich fügt Ob die
wirklich wieder einmal nach Friesack kamen weiß ich nicht Nachmalen ward viel
darüber verhandelt unter den Vettern doch sie sprechen nicht gern davon Die
Frisacker tun als wärens gar nicht die echten was die Hohenziatzer haben
Der Sohn vom großen Lippold der hätte sie noch getragen in der Mecklenburger
Fehde und als er fiel sei er mit ihnen eingesargt In HohenZiatz wie Ihr
Euch denken mögt darf man davon nichts merken lassen Die sagen Lippolds Sohn
hätte sie wohl angehabt bei Gransee aber Walter der Hohenziatzer hätte sie
ihm nur geliehen und noch auf dem Schlachtfelde zog er sie wieder aus weil er
vermeint alles sei vorbei da gerade traf ihn der Pfeil aus dem Busch Walter
aber trug sie wieder beim Leichenschmaus Und warum trügen denn die Frisacker
jetzt die Tuchhosen als aus Ärger Das gibt wie gesagt vielerlei Gereibe
und Gestichle unter der Sippschaft sie lassens nur nicht gern merken vor
Dritten«
»Und man merkt auch wirklich nicht dass die von HohenZiatz bei dem Erbstück
sonderlich gedeihen« sagte der Ritter
»Hört nur den alten Götz darüber Wo einem ein Ritt gut gelang eine Fehde
gut ausschlug eine Heirat zu Stande kam eine Ernte gesegnet war immer staks
in den Hosen Nur die Frauen hättens ihnen angetan weil sie nicht den rechten
Glauben hätten nämlich mit der Wäsche Was ist Reinlichkeit sagt mein Vetter
Götz Das ist dass die Weiber was der Herr gemacht und werden ließ anders
machen wollen Das Alte beliebt Gott das Neue beliebt den Frauenzimmern«
»Ich glaube Götze Bredow hat nicht so ganz Unrecht« brummte der Ritter
Lindenberg »Es tut das viele Waschen nirgend Still Schlug da nicht ein
Hund an«
Die Reiter hielten Sie waren in einem Laubwald welcher seine letzten
gelben Blätter im Winde schüttelte der kalt und feucht über die Havelseen ihnen
entgegen blies Der Morgenfrost fing an ihre Glieder zu schütteln nachdem die
Wärme welche der Wein hervorgebracht durch den langen Nachtritt verraucht war
Dazu begann es zu dämmern oder vielleicht war es nur die mehre Helle welche
durch die Lichtung des Waldes aus den fernen Wasserspiegeln zurückstrahlte die
unheimliche Stunde wars wo der verspätete Reisende sich in den Mantel hüllt
und die Augen schließt wenn er in der unerquicklichen Dämmerung aufwacht
Auch die drei Reiter überlief es kalt aber solchen Empfindungen Raum zu
geben war nicht an ihnen Der Ritter von Lindenberg war ohne ein Wort zu
sprechen vom Sattel und lag platt auf der Erde das Ohr daran gedrückt Er
winkte Hans Jochem
»Reitet auf die Höh Hans rechts um den Tümpel Von dort habt Ihr freien
Blick auf See und Straße S ist jetzt still doch hörte ich vorhin deutlich
Räderknarren Möglich dass er anhält Auf demselben Wege dann zurück Hundert
Schritte macht nichts aus«
Hans Jochem war fort wie der Wind und der Ritter aufgesprungen Leis rief er
nach Peter Melchior der nicht antwortete sondern an einem Baume stehend nur
etwas lautere Töne zwischen den Zähnen vorliess um dem Ritter zu verstehen zu
geben dass er bete »Himmel tausend Sakerment« schrie Lindenberg ingrimmig
»Ist dazu Zeit«
»Bin gleich fertig ist nur ne alte Gewohnheit« murmelte Peter Melchior
»Wenn man sich auf ihn verlassen soll« knirschte der Ritter »Hans Jochem
hatte Recht Was taugt der zu uns«
Den Zügel seines Pferdes um einen Baumast werfend verfolgte er langsam den
Weg den Boden ab und zu mit der Hand prüfend Jetzt hatte er das Geleise der
beiden Karrenräder deutlich im Lehmboden gefunden »Er kann nicht eine
Viertelstunde von uns sein« Der Ritter kehrte um er schob sich das Panzerhemd
zurecht und drückte die Haube tiefer in die Stirn Bei sich dachte er »Im Grund
genommen wäre Einer am besten Wer die Arbeit teilt teilt nur den Lohn Die
Gefahr bleibt auf Jedem wie der Sack auf dem Esel«
Beim Anblick Peter Melchiors aber schlug er ein höhnisches Gelächter auf
Die zunehmende Helle erlaubte ihm zu sehen was dieser eben vornahm
»Pestilenz Muhme Krauchwitz was tust Du«
Der Junker brachte seine schwarzen Hände von seinem noch schwärzeren
Gesicht »Vorsicht ist immer gut«
»Hast Du die Kohle von Ziatz mitgebracht«
»Langte sie mir beim Köhler auf Gott lässt nichts umsonst wachsen«
»Und Du nichts umsonst am Wege liegen Zum Teufel mit der Kohle und dem
Rosenkranz Aufs Pferd ich höre ihn Und Herr von Krauchwitz das sage ich
Euch wenns losgeht und ich nur ein Paternoster hinter mir höre so soll das
Kreuz Donnerwetter drein schlagen drei tausend mal Wenn Edelleute am Wege
liegen das ist gleich schlecht so ihnen die Zähne klappern oder die Finger«
Hans Jochem hatte sich auf Umwegen bis auf die bezeichnete Höhe geschlichen
Sein Gesicht glänzte vor Freude bei dem Anblick Unten am rauchenden See hielt
ein vollbepackter Karren Die scharfen Linien schnitten gegen die Spiegelfläche
des Wassers ab Da er vom Pferd aus nichts sehen konnte weil der Karren
unterhalb des Berges von dessen ziemlich scharfer Kante verdeckt wurde glitt er
vom Sattel und aus dem Steigbügel er streichelte sein Ross das es stille stehe
dann auf den Bauch sich legend kroch er bis an den äußersten Rand Die Brust
über die Wurzeln eines vertrockneten Baumes schaute er hinab Im Bleigrau des
Morgens ohne Sonne und Morgenrot lagen der weite tiefe See die hohen Ufer
die Kiefernwälder die bewaldeten Tonberge drüben Noch regte sich nichts in
der Todtenstille des erquicklichen Herbstmorgens Nur ein einzelner Habicht der
auf dem Baum genistet erhob sich geweckt durch seine Ankunft und kreiste über
ihm Aber unter sich sah er den Karren den er so wohl kannte die Gäule und
den Krämer So weit sein Auge spähte so sehr sein Ohr sich anstrengte keine
Menschengestalt kein Fußtritt für das Opfer kein Beistand Nur der Hund auf
dem Wagen schüttelte sich als Hedderich abgesprungen war Den Krämer fror er
rieb die Hände und krümmte sich mit etwas beschäftigt was der Junker im
Dämmerlicht nicht deutlich sehen konnte
Hans Jochem pulste es auf der kalten Erde wie ein Feuerstrom durch die
Adern Er allein wenn er jetzt hinabkletterte sprang schoss er konnte den
Schuft ehe er sichs versah werfen binden er allein machte die Sache fertig
wozu Drei sich verschworen Mochten sie dann nachher kommen und brummen was
tat es Sie konnten ihren Anteil fordern den gönnte er ihnen Ihm blieb die
Ehre Es brannte und prickelte ihn »Meinetalben mögen sie selbst wählen« Er
lachte bei der Vorstellung, wie Peter Melchior den Kopf stecken werde in die
Packen und mit zitternden Fingern das Beste bei Seite werfen wie er mit
neidischen Blicken verfolgen werde was auf die Part der Anderen fiel wie dem
Ritter Lindenberg die Zornader auf der Stirn schwoll Ja mochten sie Alles
behalten Wie könnte er sie dann anschauen wie sich wieder aufs Pferd
schwingen wie nachlässig im Sattel sitzend zu ihnen sich umschauend und die
Hand vorm Mund sprechen »Seid ihr bald fertig ich bin müd« Oder »Teilt
nur wie es Euch gefällt ich will nach Haus«
Und zu Haus dann er wollte auch nichts für sich behalten alles verschenken
und das Beste seiner Muhme Eva Da würde sie doch mal ein freundliches Gesicht
machen und wie ihn ansehen Und wenn nicht Er strich über die Lippen wo
künftig der Bart wachsen sollte »Dann gibts auch noch schönere Mädchen als
Eva Bredow Der Waschteufel ist auch in ihr wie in ihrer Mutter« dachte er
»Pfui die roten Hände lieb ich nicht« Der Ritter wollte ihn nach Berlin
nehmen »Das sind ganz andere Fräulein da auf den Banketten weiß und die
gelben langen Locken die meisten tragen auch Handschuhe« Er erschrak fast
wenn er sich Eva dachte mit den roten Händen wie sie von der Wäsche kamen Und
die Schuhe trugen sie auch nicht mit so dicken Sohlen Wie flog die Berta Wedel
im Tanze und die Matilde Burgsdorf und wie gafften Alle die Adelheid Marwitz
an als der junge Kurfürst der so selten tanzte sie aufforderte Wenn er mit
Eva da wäre die würde der Kurfürst nicht aufgefordert haben Wenn er mit
seiner Braut da wäre das dachte Hans Jochem die müssten Alle ansehen und ihn
darum neiden Das ist ja der Spaß am Hofe Über den angenehmen Gedanken hätte
er im Augenblick fast alle anderen Gedanken vergessen
Aber der Ritter Lindenberg wie würde er es aufnehmen wenn er ihm den Spaß
verdürbe Der mächtige vornehme Herr würde es ihm nicht vergessen Ei was
schadete es Junker Hans Jochem wie schwoll dein Mut Den Ritter von
Lindenberg zum geheimen Feinde und mit ihm wolltest du es aufnehmen Er führt
dich nicht bei Hofe ein Dachtest du wie du dich selbst einführen wolltest
Der Hund unten witterte Menschennähe Er streckte den Hals er bellte
langsam spürend »Still Luder« rief der Krämer Der Hund gehorchte nur
ungern Sein verhaltenes Geheul dauerte fort und der Krämer hastete sich So
waren ja die Augenblicke kostbar der nächste schon konnte ihn verraten wenn
sein Pferd wieherte Es war ein Fingerzeig dass er handeln solle Und doch
warum zögerte er Schlug ihm das Gewissen Ein Verrat an der guten
Kameradschaft Aber wenn er es nicht tat wenn er zauderte war das ganze Spiel
vielleicht für ihn und die Andern verloren
Hans Jochem wollte aufspringen als er einen empfindlichen Schmerz fühlte
Er fuhr mit der Hand nach dem Fuß aber am Halse am Ohr stach es wieder Sein
ganzer Leib war zerstochen Er hatte sich in einen Ameisenhaufen gelegt und die
kleinen Tiere vergebens abschüttelnd machte er die Bemerkung dass Schmerzen
welche ein so verächtliches Gewürm hervorbringt groß genug sein können den
Entschluss eines Mannes wankend zu machen Die Ameisen die soviel er rieb
tödtete und schüttelte nicht weichen wollten retteten seinen Kameraden ihren
Anteil an der Ehre der Tat und ihn trieben sie auf sein Pferd
Er gab ihm die Sporen Da fühlte er einen Biss an der Pulsader der Zügel
entglitt ihm die Ameisen mochten vom Reiter auf das Pferd gekrochen sein Es
sauste mit vorgestrecktem Halse durch das Dickicht Vergebens suchte der Reiter
den Zügel wieder zu gewinnen es kostete alle Anstrengung sich nur auf dem
Sattel zu erhalten da das wild gewordene Tier eigensinnig an alle Bäume
streifte
So kam er herabgeflogen mehr durch Zufall als inFolge seiner eigenen
Lenkung nach dem Orte wo er die Kameraden verlassen Ein Reiter mit
geschwärztem Gesicht hob den Arm Beim Anblick desselben ward Hans Jochems Pferd
scheu Es bäumte sich noch hielt er sich an der Mähne aber das Ross war nicht
mehr in seiner Gewalt Der Ritter Lindenberg kam zu spät den Zügel zu fassen
Mann und Ross sausten vorüber in den tiefsten Wald Die Beiden sahen sich an
»Warten wir auf ihn« fragte Peter Melchior
»Wenn Ihr Lust habt Gute Reise« antwortete der Ritter und zog die
Stahlhandschuhe fester »Die Wipfel lichten sich die Hähne krähen in zwei
Stunden kommen die Marktleute vom Werder«
»Vetter Lindenberg wie Ihr auch seid Ich reite ja mit«
»Ich dachte Ihr wolltet dem Jungen nachreiten«
»Ich meinte nur wenn ihm nur kein Unglück geschieht«
»So holt einen Gelbschnabel der Teufel früher oder später« »Ist auch im
Grunde besser er ist noch zu jung Wer weiß ob er das Maul hält«
»Von Euch wird ers nicht lernen«
»Vetter Lindenberg wenn was passirte wenn was raus käme ich meine nur
reinen Mund Keiner weiß vom Andern«
Der Ritter drehte sich im Sattel um »Zum letzten Herr von Krauchwitz wenn
Ihr Fieberschütteln habt legt Euch ins Bett Ja oder nein«
»Ja o ja«
»Von der Spitze an mäuschenstill die Trense fest den Fuß im Steigbügel
wie angenagelt die Sporen weitab den Atem angehalten«
»Vetter« flüsterte er vor der verhängnisvollen Spitze »Möchte nur noch
einmal absteigen«
»Zur Hölle mit Euch wenn Ihr nicht sitzen könnt«
»Ich sitze ja schon Aber Vetter «
»Das Donnerwetter über Euer Gevetter«
»Ich meine nur zwei zugleich tut nicht gut Er könnte Lunte riechen und
schreien Wenn Einer zuerst ran ritte und ihm unter die Nase hielte was er
für ein Lump ist«
»Dann braucht es keines Zweiten« brummte der Ritter und hob sich im Sattel
»Was wollt Ihr von mir« fragte der Junker als der Ritter den Arm nach ihm
ausstreckte
»Von Euch nichts als Euren Strick«
Er warf ihn über den Sattel und ohne seinen Kameraden noch eines Blickes zu
würdigen gab er dem Pferde die Sporen und flog um die Ecke
Zehntes Kapitel
Knecht Ruprecht im Walde
Wir verließen Hans Jürgen wie er ein Kreuz schlug und der Schattengestalt die
ihm gefolgt war ein»Gelobt sei Jesus Christus« entgegen rief Aber der lange
hagere Spuk war davon nicht entwichen und nun sehen wir ihn sogar an der Seite
des jungen Menschen durch den dunklen Wald schreiten
»Wo kommst Du her Ruprecht« hatte Hans Jürgen gefragt als das Blut ihm
wieder durch die Adern schoss
»Ausm Schloss Junker« lautete die Antwort die Hans Jürgen sich freilich
selbst geben können
»Und wohin sollst Du«
»In den Wald«
Das konnte Hans Jürgen sich auch sagen aber er fragte nicht weiter denn
Ruprechts Anwesenheit war ihm nicht ganz unlieb wenn er es sich auch nicht
gestand Wahrscheinlich ging der Knecht nach dem Dohnenstrich und ihr Weg führte
sie da auf eine ziemliche Strecke zusammen Hans Jürgen sprach nicht und
Ruprecht auch nicht
Nun aber trennte sich der Weg Hans Jürgen musste links rechts zogen sich
die Dohnen hin Eine »Gute Nacht Ruprecht« rief er und bog links um »Ei sie
könnte schlimmer sein« antwortete der Knecht und folgte ihm
So konnte er nur nach den Holzschlägen gehen zum Mühlenbau Dann musste er
aber jetzt links durch die Brüche sich wendet Hans Jürgen winkte ihm einen
Guten Morgen zu und ging raschen Schritts gradaus »Ist weit vom Morgen«
murmelte der Knecht und als Hans Jürgen sich umwandte war er wieder hinter
ihm
Es war ihm lieb und es war ihm wieder nicht lieb Knecht Ruprecht galt für
einen finsteren mürrischen Kumpan der seine Schuldigkeit tat aber nicht
mehr Den Scherz liebte er nicht auch bei andern und manchem verdarb er ihn
Aber bös war er darum nicht wusste er doch die schönsten Märchen zu erzählen
Und wenn man ihn nur darauf brachte da ging es wie ein Uhrwerk los Abends in
der Volkstube wenn das Gesinde beim brennenden Kienspahn am Spinnrade saß Da
war kein grauer Stein kein alter Baum kein dunkler Winkel von dem er nicht
Geschichten wusste dass den Zuhörern das Blut kalt wurde Im Kreise von Vielen
beim warmen Feuer hört sich das hübsch an aber wer allein mit ihm über die
Heide ging bei grauen Wettern der war nicht sehr begierig dass Ruprecht den
Mund auftat
Aber der Wald war auch unheimlich und Ruprecht ein Mensch Doch was sucht
er hier Auch auf dem Fußpfad der nach Brandenburg führte ging er nicht ab
Kräuter suchen war nicht die Zeit War er etwa Hans Jürgens wegen hier Wollte
er ihm nachschleichen Doch in welcher Absicht konnte das sein Hans Jürgen
wandte sich seitwärts ins Dickicht rief dem Knecht ein Glück auf den Weg zu
und meinte als er auf einem Umweg wieder auf derselben Stelle heraus kam
Ruprecht werde weit vorauf sein Aber er stand noch da auf seinen Stab gelehnt
und gaffte ins Blaue oder in die Krähennester
»Warum stehst Du noch hier«
»Ich wusste doch Ihr würdet hier wieder rauskommen«
»Woher wusstest Dus«
»Weil Ihr da ins Moor gerietet«
»Und wohin gehst Du denn«
»Ich meine da wo Ihr«
»Hats die Frau Dir geheißen des Herrn Kleid suchen Bat Dich nicht drum
mir auf Schritt und Tritt zu folgen«
»Weiß es wohl«
»Wer hieß Dichs Ruprecht«
»Ach Ihr wollts wissen Junker«
»Wills«
Hans Jürgen meinte es sei vielleicht die Vorsorge seiner Muhmen gewesen Er
hoffte es sei so aber Ruprecht sagte trocken
»Die Frau«
»Die Frau hat Dir gesagt «
»Lauf ihm nach dass er sich nicht verirrt und wenn ihm was begegnet sieh
zum Rechten dass er nicht zu Schaden kommt er ist ungeschickt und weiß sich
nicht zurecht zu finden«
Nun kam er sich erst recht gedemütigt vor Man traute ihm nicht einmal in
den Wald zu gehen gab ihm einen Aufseher mit Er schluckte an seinem Schmerz
aber dann und wann brach es aus den Augen und er wischte mit der Hand das
Feuchte fort
»Ich brauche Dich nicht« sprach er plötzlich »Will allein meines Wegs
gehen«
Ruprecht blieb auch zurück aber nur scheinbar Hans Jürgen sah ihn immer
wieder hinter den Büschen folgen bis er selbst stehenblieb und ihn erwartete
»Bleib nur bei mir S ist mir am Ende lieber dass ich Dich sehe als Dich
heimlich um mich weiß«
Ruprecht nickte mit dem Kopf »Ihr habt auch Recht Junker Wer da noch so
heimlich geht es schleicht ihm Einer nach der alles aufmerkt Aufseher und
Aufpasser haben wir allzumal bei allem was uns in den Kopf steigt Die Priester
sagen das ist der liebe Gott und seine Engel Die Priester wissen mancherlei
was wir nicht wissen aber ich meine so der liebe Gott und seine Engel hätten
mehr zu tun und das Aufpassen überlassen sie anderen Und so Jedermann immer
an die dächte die heimlich um ihn sind und als wie Ihr mich ruft unds nicht
mögt dass ich Euch so heimlich nachschleiche wies eigentlich die Frau wollte
ich meine wenn er sie sich so dächte offenbar wie sie um ihn heimlich sind
dann mein ich wäre Manches besser als es ist«
»Wer sind die« fragte Hans Jürgen
Der Knecht warf ihm einen eigenen Blick zu »Meint Ihr Junker Ihr wärt
allein wenns um Euch schwebt und schwirrt Das trockene Blatt das Euch der
Wind nachfegt das Reisig das knistert wenn Ihrs zertretet der Leuchtwurm
der Käfer der im Holze bohrt die Luft die in den Büschen spielt bei stiller
Nacht Ach du mein Gott wo hätts Worte dass ich Euch all das nennte was um
Euch ist und Euch auf Schritt und Tritt begleitet«
Sie waren an die Stelle gekommen wo vorhin die große Wäsche war wo noch
eben die Reiter still gehalten und wo jetzt so wenig als damals die
Elennshaut hing Vergebens blickte Hans Jürgen in die Kieferbäume schüttelte an
den Stämmen und suchte auf dem Boden während Ruprecht ruhig dabei stand und
seine eigenen Betrachtungen anzustellen schien
»Gebt Euch nicht Mühe hier Junker Ich wußt es schon dort an der
Koppelwiese Wies da durch die Stämme huschte Ihr wart nur zu verloren in Eure
Gedanken und saht es nicht die alte Frau mit der weißen Hucke Wo die sich
zeigt ists richtig Da ist was gestohlen«
»Ich muss es finden Ruprecht und sollt ich «
Ruprecht war so schweigsam geworden Er sah die Arme auf seinem langen
Stock ruhig den hastenden Bewegungen zu die Hans Jürgen machte er lief fast
wie ein Hund im Kreis der nach einer Fährte schnuppert
»Nun ich denke mich braucht Ihr nicht Bis hier nur hieß mich die Frau
gehen«
»Sagt Allen Ade im Schloss wenn ich nicht wiederkehre«
»Da gehts nicht rüber« rief der Knecht als Hans Jürgen eine Stange
ergriff und einen Ansatz nehmen wollte um über das Fliess zu springen »Die Spur
führt falsch«
»Weißt du wo sie zurecht führt so sprich«
»Bin nicht der kluge Schäfer aus Spandow aber wer mit Siebenmeilenstiefeln
geht kommt nicht von Jeserich nach Brandenburg«
»Ach Ruprecht die Nacht ist so finster Wo soll ich suchen«
»Geht über die Brücke Gott befohlen Junker«
Über der Brücke lag Nacht und Wald Hans Jürgen blieb auf der Mitte stehen
und sah sich nach Ruprecht um der auch noch stand Es ward ihm schwer es kam
nur leise heraus die Bitte »Willst Du nicht ein Stück Weges noch mit mir
gehen«
»So macht es Euer Ahn der Wusso auch« hub nach einer Weile dass sie
schweigend neben einander gingen der Knecht Ruprecht an »der meinte auch er
brauche Niemand und könne es allein finden bis er den heiligen Johannes doch
anrief der hier zu Land der beste Führer ist«
»Sieh mal da Ruprecht zwischen der Lichtung da liegt was«
Ruprecht schüttelte den Kopf »Das wird Euch noch oft so sein Ihr glaubt
was zu sehen und wenn Ihr hingreift ists eitel Trug Das ist die Frau Harke
Wo die Frau Hucke vorauf ging und wittert wo was genommen wird da kommt die
Frau Harke nach das ist das tückischste Weib die streut hin dass die Leute
die nachsetzen geblendet und getäuscht werden Mancher sah schon den Beutel mit
Gold liegen den er verlor und wenn er zugriff wars Pferdekot Die sind noch
glücklich die ihr Zeug zu finden meinen und s sind Kiefernnadeln oder ein
Ameisenhaufen aber wie viele verlockt sie in Bruch und Sumpf und je weiter sie
gehen um so tiefer versinken sie Hier täte es Not dass man immer mit der
Lampe und denn Kruzifix die Höhen suchte weil allerwegs Sumpf ist und offenen
See Seht da blitzt schon der Gohlitz durch Trau Einer dem Wasser so
silberklar es aussieht Jedes Jahr muss er ein Opfer haben und ists lange her
dass Keiner ertrank so ruft und lockt ordentlich eine Stimme aus dem Wasser und
es währt nicht lange so geht doch Einer hin und sie sagen dann er hat sich
baden wollen aber er ist ertrunken Wen sie runter zogen der plaudert nicht
aus was er sah«
Hans Jürgen hörte in der Ferne Glocken Er glaubte sie wären von Kloster
Lehnin Der Knecht lächelte
»Habt Ihr sie auch gehört Ich hörte sie schon lange Die Glocken von Lehnin
dringen hier nicht herüber Das sind die Glocken aus dem Gohlitz doch das hat
nichts Böses zu bedeuten Die unten denken nur an ihre eigene Not«
Hans Jürgen hatte wohl von dem versunkenen Dorf im Gohlitzsee gehört
»Die mussten mal ihre Hoffahrt büßen« fuhr der Knecht fort »die stolzen
Bauern So viel Brod hatten sie und Waizenbrod dass sie die Schweine mit
fütterten und damit nicht genug nein sie haben den kleinen Kindern mit der
Krume den Schmutz abgerieben So gingen sie mit der lieben Gottes Gabe um Da
ist denn eines Tages der kleine Spring an der Höhe losgezogen mit Gepolter und
goss so viel Wasser in einer Stunde als in Jahren nicht dass der Boden weichte
Und das Volk sah noch nicht Gottes Finger es lachte und meinte es müsse
endlich aufhören und gingen nicht von ihren Häusern und Schätzen bis es zu
spät ward Da sank bei Sonnenuntergang das ganze Dorf ein mit Mann und Maus
mit Vieh und Gärten und kein Einziger ist entkommen Das soll ein Schreien und
Blöken gewesen sein und die Glocken klungen dazu dass man es bis über die Havel
gehört«
»Das waren doch alles Heidenmenschen«
»Seht Junker das ists was mir nicht recht ein will Den Pfarrer darf man
nicht fragen Wo kriegen denn die Heidenmenschen die Glocken her Denn das ist
das Christentum dass wir Glocken haben Wenn wir keine Glocken hätten dann
stünd es schlimm mit uns Die Glocken verscheuchen die bösen Geister Das fühlt
auch jedes Kind wenns durch den Wald geht das ist so was eigenes wenn die
Luft zittert Dann zittert die Seele mit und man weiß doch was man ist«
»Das sehnt sich nun alles nach der Erlösung« fuhr der Knecht Ruprecht nach
einer Weile fort »Daher läuten sie um Mittag und Mitternacht es hilft ihnen
aber nichts sie haben sich schon zu schwer versündigt Manchmal zogen auch die
Fischer die im Gohlitz fischen so schwer mit den Netzen dass es gar kein
Zweifel war sie hatten die Glocken darin die raus wollten doch sobald das
Erz ans Licht kam sank es unter Da ist schon mehr als ein Netz verloren
gegangen An einem heiligen Weihnachtsabend das ist aber schon sehr lange her
hat ein Fischer der sie im Netz hatte sie sprechen gehört Die eine sagte zur
andern
Anne Susanne
Willte mett to Lanne
als ob sie mit ihr zu Lande wollte aber die andere sagte
Anne Margrete
Wii willn to Grunne schete
und da schossen sie gleich wieder zu Grunde«
Sie stiegen jetzt aus einem tiefen und weiten Sandkessel in dessen Mitte
nur ein schwarzes Moor mit einigen dürftigen Lehmhütten lag wieder in den
höheren Kieferwald Im Sande hatte Ruprecht die Spuren gefunden denen er
folgte auf der Höhe verloren sie sich wieder in der Waldfinsterniss Er richtete
seine Blicke nur nach oben wo der schmale Luftstrich zwischen den Wipfeln den
einzigen Weg durch das Dickicht anzeigte
»Hier seht Euch vor« flüsterte der Knecht zum Junker »und betet drei
Paternoster das ist die schlimmste Stelle Da haben die Unholden recht ihr
Wesen und wer nicht muss geht nicht zu Nachtzeiten«
Und doch entsann sich Hans Jürgen dass es ja der Weg nach dem Kloster sei
»Ihr habt schon Recht Eine halbe Stunde nur ists bis hin und doch hört
Ihr nicht mal die Glocken In der Niederung verklingen sie dass die Töne nicht
bis her dringen Der Weg auf dem wir gehen ist nur ein schmaler Bergkamm und
bald werdet Ihrs zu beiden Seiten flimmern sehen So da blickt links schon der
Gohlitz vor aber rechts kommt gleich der Mittelsee und drüben liegt das Nest
Schwina Gott sei bei uns Wenn Ihr ein altes Weib seht mit ner weißen Hucke
auf dem Rücken drückt die Augen zu und antwortet ihr nicht Das ist die Frau
Hucke und ist der Korb braun dann ists die Frau Harke Die treiben hier ihren
Spuk aber wer tut als merkt er sie nicht dem tun sie nichts Das ist noch
kein Menschenalter her dass ein Britzke und ein Hagen hier geritten kamen Sie
hatten einen reichen Kaufmannssohn aus Magdeburg bis aufs Hemd ausgezogen beim
Würfelspiel dort im Kruge von Jeserich und hatten noch nachmals beim Abt in
Lehnin eingesprochen und stark getrunken Der Abt hatte ihnen gesagt sie
möchten bei ihm nächten weils im Wald duster ist und mit ihm dem Abt auch
eins würfeln wenn es Sünde wäre käme das auf eins raus und am Morgen könnten
sie zur Beichte gehen dann wärs rein gewaschen eins und das andere Sie aber
lachten sie wollten sichs im Wald überschlagen ob das bisschen Sünde den
Beichtschilling lohne Eigentlich fürchteten sie sich mehr vorm Abt als vorm
Walde denn es hieß er hätte ne glückliche Hand Kaum waren sie ein Paar
Hundert Schritt vom Kloster im Elsenbruch so wussten sie schon nicht mehr wo
sie waren Sie drehten sich links und rechts und dachten nun wollen wir doch
umkehren S ist besser Geld lassen und beichten beim Pfaffen als das Leben
lassen im Sumpf Da sahen sie ein Licht und meinten es wär aus dem Kloster aber
das Licht ging immer weiter und endlich sahen sie es war eine Laterne die ein
Weib vor sich trug und auf dem Rücken hatte sie eine Kiepe die war voll weiß
Zeug gepackt Sie gaben ihren Pferden die Sporen doch je schneller sie ritten
um desto schneller trippelte die Alte fort und sie hörten sie keuchen und
husten bis sie mal stille stand und rief Herr Jemine ich glaube da ist
Jemand hinter mir her
Freilich du Wetterhexe rief der Britzke wir haben den Weg verloren Wo
wollt ihr denn hin gnädige Herren rief sie wie ganz erschrocken Nach
Kloster Lehnin zum Abt Ach du meine Güte sprach das Weib da muss ich ja auch
hin da können wir eines Weges gehen So führe uns sagte der Hagen und Du
sollst den Lohn haben den Du verdienst Da trippelte sie vor ihnen her
bergauf bergab und um sie her ward alles dunkel dass sie nicht einen Schritt
sehen konnten nur allein das Licht von der Alten Nun riefen sie ihr zu sie
sollte doch nicht so schnell gehen denn sie fürchteten sie zu verlieren Da
lachte sie und schwor bei einem Heiligen den beide Herren nicht kannten das
sei doch kurios die Herren wären ja zu Ross und sie zu Fuß und sieben und
achtzig Jahr alt Der Britzke rief ihr zu sie möchte wenigstens nicht so
springen das Licht in der Laterne könnte ausgehen dann säßen sie ganz im
Dunkel Ach sagte sie dann leucht ich mit meinen Augen ich habe Katzenaugen
Den beiden Herren wars doch nun ein bisschen unwirsch zumal da sie immer
tiefer in die Elsen und in die Brüche mussten und gar kein Weg mehr unter ihren
Füßen war Wer bist Du denn wo kommst Du denn her rief endlich der Britzke da
die Alte sich auf eine der trockenen Palten im Moor niedergesetzt und schnaufte
wie nach Luft Kennt Ihr mich denn nicht rief das Weib Ich bin ja die alte
Pracherfrau die humpelt durchs Land und sammelt was die Leute zu viel haben
Wovon soll unsereins leben Gestern war ich in Kemnitz da hatte die gnädige
Frau Wäsche Da hat mir der liebe Gott manch Hemde und manchen Strumpf
bescheert Sie hatten ja viel zu viel Warst Du nicht in Hohenauen auch fuhr
der Hagen drein denn er war von Hohenauen wie der Britzke von Schloss Kemnitz
und dem Britzke war schon die Ader geschwollen bei der Frau ihren Worten denn
mit der Wäsche bei ihm zu Haus wars richtig seine Frau durfte sich aber nicht
unterstehen auch nur ein Tüchlein fortzuschenken Also hatte es die Alte
aufgerafft Freilich war ich auch in Hohenauen kicherte sie böslich Ach da
hab ich erst hübsche Sachen eingepackt Das war ein gesegneter Tag Nun musste
der Hagen den Britzke ordentlich festhalten dass er nicht lospolterte Warte nur
bis Lehnin lieber Bruder Hier hat sie uns das Diebsmensch da haben wir sie
Ich lasse sie peitschen Mit den Hunden hetzen kreischte der Britzke Das
steht dann bei uns meinte der Hagen Jetzt aber lass nichts merken bis wir raus
sind Aber die Alte hatte Alles gemerkt Wie sie nun wieder vor ihnen lief und
die andern dicht hinter ihr her warf sie ein Stück aus dem Korbe und dann noch
eins und so streute sie links und rechts in den Moor die feinsten Hemden
Tücher Strümpfe und Laken Dem Britzke kribbelte es in den Fingern dass ers
auflange Das schönste feinste Weißzeug ging so verloren Aber der Hagen kniff
ihn in den Arm Bei Leibe nicht das ist ja ihre Tücke Wenn wir uns dabei
aufhalten entwischt sie uns Nur darauf los Und so ritten sie darauf los bis
sie nicht weiter konnten bis der Moor um ihre Augen spritzte und das helle
Wasser den Tieren bis an die Halfter ging Ja ihr Schreien hörte Keiner als die
Hexe Die hielt ihre Laterne hoch Nur ein bisschen weiter noch Ihr lieben
Herren da findet Ihrs wieder fest unter Euch Der Britzke riss auch sein Pferd
noch einmal los bis Mann und Ross in ein tiefes Loch stürzten Hilf mir Bruder
Hagen schrie er bis am Hals im Wasser Hilf Dir selber rief es wieder aus
allen Waldecken und es lachte wie zehntausend Teufel Da seht Junker das ist
der Mittelsee Dahin hatte sie die beiden Herren verlockt und nun ging der Mond
auf und mitten auf dem See fuhr ein Kahn ohne Ruder und Segel ganz von selbst
und drinnen ein weißer Bock der meckerte Und den Kahn und den Bock drin sieht
man noch oft Mittags bei hellstem Sonnenschein über den See fahren kein Wind
bläst und kein Mensch rudert«
»Und die beiden Herren Ruprecht«
»Sind ertrunken und erstickt Keine Seele hat sie wiedergesehen und sie
liegen noch im Moor Da wagt sich auch kein Mähder hin auf die falsche grüne
Decke Der Storch selber wenn er sich niederlässt wippt er sich erst mit den
Flügeln traut dem Frieden nicht«
»Mann und Ross das ist schrecklich«
»Der Hagen hatte noch Zeit drei Vaterunser zu beten und rief zum heiligen
Rochus seinem Patron und davon mags gekommen sein dass sein Pferd sich
durcharbeitete nämlich in den See es schwamm rüber und dann fuhr es durch den
Wald wie der Satan und stand nicht eher still als vor der Klosterpforte Da
wieherte es und schlug mit den Hufen dran dass der Abt und die Mönche in
Todesangst waren Und davon erfuhren sies was vorgegangen war und der Abt
ließ Seelenmessen «
»Konnte denn das Pferd sprechen«
Der Knecht Ruprecht sah ihn groß an »Solch ein Pferd Junker ein Pferd
mein ich nun Junker das mein ich ist gottlos so zu fragen«
»Herr Gott was ist das« rief Hans Jürgen
Es schnaufte heran durch die Büsche knisterte es und ein wildes Pferd mit
schnaubenden Nüstern funkelnden Augen und zottigen Mähnen fuhr wie im Nu an
ihnen vorüber Laub und Erde stoben unter seinen Hufschlägen
Ruprecht stand die Arme auf der Brust gekreuzt die Augen niedergeschlagen
Jürgen aber so schnell es ihm auch aus den Augen war hatte sich doch nicht
enthalten können dem Ungetüm nachzublicken
»Ruprecht sahst Dus«
Ruprecht nickte mit dem Kopf
»Das war Hans Jochems Pferd Ritt er nicht auf dem Falben vom Hof Ja ja
und das war auch sein Sattel«
»Gelobt sei Jesus Christ in Ewigkeit« schloss der Knecht und schüttelte mit
zufriedenem Lächeln den Kopf »Das ist alles Satans Blendwerk um uns zu irren
Und hättet Ihr Eure Schecke gesehen sie wärs doch nicht Das soll uns nur
täuschen Ihr glaubt der Sattel war ledig Ich sah aber einen reiten quer saß
er drauf und schaukelte die Beinchen Einer von den kleinen Leuten wars Er
grinste und steckte die Zunge raus kreuzt Euch nur noch ein Mal Sind auf dem
rechten Wege und lassen uns nicht irren«
Das Pferd wollte Hans Jürgen nicht aus dem Sinn und er hörte nur halb auf
die andere Geschichte die Ruprecht erzählte von der Hebeamme aus Kloster
Lehnin die sich eines Abends bei der alten Ziegelei verirrt und ein kleines
Männlein war auf sie zugetreten und hatte sie gebeten ihm zu einer Wöchnerin zu
folgen und auf seinen Rutenschlag hatte sich das Wasser des Gohlitz wie eine
Falltür geöffnet und sie war mit ihm hinuntergestiegen in das Reich der
Kleinen wo sie eine Frau glücklich entbunden wofür der kleine Mann ihr
erlaubte vom Kehricht so viel zu nehmen als ihre Schürze fasste und als sie
nach Haus gekommen war das Müll eitel Gold geworden Und dass die Nachkommen der
Frau noch heute lebten und reiche Leute wären Auch vom Klostersee drüben und
dem grünen Hut der drauf schwimmt aber den Fischer der ihn greifen will
zieht er in den Abgrund Und von den Unterirdischen im Mittelsee was ein gar
wunderbar Geschlecht sei von schönen Seejungfern die in Krystallpalästen
wohnten und wo Not wäre den kreisenden Frauen zu Hilfe kämen
Hans Jürgen grauselte sein Zittern und die kurzen Schritte die er tat
verrieten dass er der Furcht war hinter jedem Baumstamm könne ein neues
Ungetüm vorschiessen Da wandte sich Ruprecht der jetzt ihm vorausging mit
langen Schritten zu ihm und er blieb bei ihm
»Junker Hans Jürgen« sprach er »nur noch eine kleine Weile das Herz
zusammengehalten Dort am Waldrand wenn wir in die Niederung kommen da hören
wir schon die Klosterglocken wieder da müssen die Spukbilder weichen Wer nicht
auf bösen Wegen geht hat sich nicht zu ängsten Glaubt Ihr denn der Britzke und
Hagen wären in den Sumpf gegangen wie die blinden Heiden wenn sie nicht schon
dem Teufel den Finger hingehalten hätten Der Spaß in Jeserich und der Soff im
Kloster und dass sie nicht zur Beichte gehen wollten da hatte der Böse schon
Quartier in ihrer Seele Ihr seid doch noch jung und ohne Sünde Dankt Gott dass
Ihr nicht reitet wo der Hans Jochem reitet«
»Ruprecht Du glaubst doch nicht «
»Bin nur ein schlechter Knecht und darf mich so was nicht unterstehen zu
denken Aber der Teufel versteht keinen Spaß der fragt auch nicht «
»Ruprecht der Herr von Lindenberg «
»Ist ein gar feiner und vornehmer Herr der weiß gewiss Alles besser als ich
und solchem schlechten Krämer auf den Kopf schlagen das geschieht ihm im Grunde
schon recht aber Junker ich weiß doch nicht mir ist lieber dass Ihr nicht
dabei seid und ich auch nicht dabei bin Passt mal acht wenn Ihr zurückkehrt
und die Herren auch Ihr habts gefunden was Ihr suchen gingt und s war Euch
aufgetragen und die haben gefunden was sie suchen gingen und kein Mensch
trugs ihnen auf passt mal acht wenn Ihr beide vor dem Muttergottesbilde am
Dorf vorbei kommt Ihr werdet dreist auf der Straße gehen Eure Mütze ziehen und
Eure Knie beugen Die Herren wett ich wenn sie das Bild sehen meinen der
Weg sei zu sandig und der eine schwenkt durch den Wald wo der Sand noch viel
tiefer ist und der andere quetscht sich hinter dem Bilde durch den Moor Sie
wagen nicht der Mutter Gottes in das Antlitz zu sehen Und nun denkt Euch wenn
Ihr zurückkehrt nach Ziatz«
Das Bild das der Knecht andeutete trat Hansen mit einem Male vor das
innere Auge so hell als der Wald dunkel war Da kam er stolz über den Damm
und stieß in seine schrillende Pfeife vor dem Burgtor im Morgenrot Die
Zugbrücke war gefallen die Edelfrau öffnete selbst das Tor und sah ihn fragend
an Ihr strenger Blick verzog sich in ein freundliches Lächeln Sie hielt die
Hand ihm entgegen »Das ist brav von Dir Hans Jürgen« und hinter ihren
Schultern blickte Evas noch freudeglänzender Gesicht Wäre er aber zu Ross mit
den Andern zurückgekommen wie langsam däuchte ihm hätte er den Damm entlang
reiten müssen den Schatten der hohen Ulmen hätte er gesucht sich und was er
trug unter dem Mantel verborgen Was hätte der Wetterhahn auf dem Turm
verzweifelt gekräht wie würde der Torflügel geknackt welche fragenden
scharfe durchbohrenden Blicke würde die Burgfrau ihm entgegen geworfen haben
Ihm war so leicht eine Centnerlast fiel ihm von der Brust er schritt mutig zu
und sah keine Gespenster mehr
Elftes Kapitel
Kloster Lehnin
»Hier gebt mir Eure Hand Junker oder fasst lieber meine Stange an ein Schritt
links oder rechts ab und Ihr seid verloren« sprach der Knecht Ruprecht
Sie waren aus dem Dickicht des Waldes in die sumpfige Niederung
hinabgestiegen welche sich noch heut in weitem Halbkreis um Ort und Kloster
fortzieht Hier war kein Steg kein Pfad zu sehen ob doch die Dämmerung schon
in den weiten Lug schien nur Elsenbüsche verräterisches Schilf und offene
Lachen An dieser Stelle ging der Führer selbst unschlüssig und prüfte vorher
das trügerische zitternde Erdreich hier wand er sich in weitem Umkreis um
mannshohe Rohrbüschel und gelangte nur durch einen Sprung mit der Stange
hinüber die er dann seinem Gefährten zu gleichem Dienste zurückreichte
Jetzt standen sie ungefähr in der Mitte des Moors Weitin zur linken
blickten ewige Lichter aus den Klostergebäuden während ringsum nur die dunklen
Föhrenwälder im Nachtkleide ihre ungastlichen Schatten warfen Ruprecht blieb
stehen und schaute nicht unruhig aber bedächtig nach Luft und Erde und den vier
Winden
»Wir hätten doch besser getan den großen Weg über den Damm und durch den
Ort einzuschlagen«
Ruprecht schüttelte den Kopf »Dass wir die Hunde geweckt und dem Dieb die
Spuren gezeigt«
»Ruprecht bleiben wir länger stehen Unter mir bricht es schon«
Der Knecht winkte ihm die Stellung zu wechseln wie er selbst tat »Hört
Ihr die Glocken«
Es läutete vom Kloster zur Frühmette Ruprecht faltete still die Hände Hans
Jürgen folgte unwillkürlich seinem Beispiel Nach einer Weile hörte man über das
Wasser den Chorgesang der Mönche Als sie ausgesungen wandte sich der Knecht
zum Junker
»Wills Euch nur gestehen wusste nen Augenblick auch nicht aus und ein So
nun sehe ich wieder klar ich finde schon Denke mir nun so wie muss denen
dazumal gewesen sein in der alten Zeit die hier verirrten und in der Wildnis
war kein Licht keine Glocken und kein Gesang«
»Sie sagen das sei das erste Kloster was sie in den Marken gebaut«
Ruprecht nickte »Muss doch grauslich gewesen sein in solchem Land wo der
Teufel sein Wesen trieb ungestört und überall umher nichts als Wald und Sumpf
von Bären und Heidenmenschen Wo kein Heiliger war und Keiner einen Schutzpatron
hatte wie man da nur durchkam durch die Finsternis und das Kobolds und
Nixenzeug das jetzt noch so fest sitzt und die Geistlichen könnens nicht
ausrotten«
Hans Jürgen hatte gehört das komme davon weil die Mönche jetzt nicht wären
wie sonst
»Sie sind Schlemmer und Tunichtsgute das ist schon recht aber die Glocken
haben sie noch Ohne die hätten die Geister schon längst wieder Oberwasser Das
war wohl ein gut Werk dass sie grad hier das Stift gründeten was es auch kosten
tat an saurer Arbeit und auch Menschenblut Da drüben bei Namitz erschlugen die
Wendischen den Abt Seebald Man sieht noch den Stock vom Baum wo sie ihn runter
schütteln wollten aber da er sich festhielt sägten sie den Baum ab und
schlugen ihn dann tot was auch die Mönche den Heiden Lösegeld boten Friede
seiner Seele Ob sie den Frieden hat das weiß ich nun nicht Denn die Leute
hier herum sprechen anders als in den Kirchenbüchern zu lesen steht Mehr als
Einer sah ihn im Dämmerlicht auf dem Stumpf sitzen und wenn man ihn anrief
huschte es in den Wald«
Hans Jürgen hatte immer nur gehört von dem frommen Abt Seebald der ein
Märtyrer geworden weil er zu den Bauern umherging in die schlechteste Hütte
um sie zu bekehren
Ruprecht machte ein eigen Gesicht »Davon sollte man eigentlich hier nicht
sprechen aber die Bauern meinten zum Bekehren ist er wohl ausgegangen aber
ihm wars mehr um die Frauen zu tun als die Männer Einst kam er in Namitz in
eines Fischers Haus und die junge Frau die grade buk kriegte einen Schreck
und wusste sich nicht anders zu verstecken als sie kroch unter den Backtrog Da
als der Abt sie nicht sah setzte er sich auf den Trog und wollte warten bis sie
käme Doch ihre kleine Tochter lief erschrocken aufs Feld und schrie Vater
Vater der Abbat sitzt auf der Mutter Da liefen sie alle vom Felde und schworen
ihm den Tod Als der Abt sie nun herankommen hörte mit Mistgabeln und Sensen
lief er was er laufen konnte aus dem Hof in den Wald Sie hinter ihm drein
und da er nicht weiter konnte denn er war dick kletterte er auf eine alte
Rüster und drauf kam denn die Geschichte Alle die Mönche waren erschrocken über
den wilden Grimm der Heiden dass sie das Kloster wieder verlassen wollten und
auswandern und es wäre geschehen wäre ihnen nicht da am Ausgang der heilige
Johannes erschienen grad wie er dem Wusso erschienen«
Derweil hatten sie das Ende der Niederung erreicht zwar oft bis unter die
Knöchel im Wasser schreitend doch ohne weitere Fährlichkeiten und die Hallen
des Lehniner Waldes schlanke himmelhohe Kiefern mit uralten Eichen
untersprenkelt nahmen die Wanderer unter ihrem Schattendach auf
Wohl hatte Hans Jürgen von seinem Ahnherrn Wusso gehört aber das war dunkles
Gerede gewesen auf das er wenig geachtet hier in den feierlichen Waldhallen
durchschauert vom Morgenhauch klang es anders
Wusso war ein wilder Heide gewesen der nur gedürstet nach dem Blut der
Fremden welche eine fremde Sitte und einen fremden Gott in das Land seiner
Väter einführen wollten Oft hatte er sich unterworfen der wilden Gewalt weil
er ihr nicht länger widerstehen konnte aber eben so oft wenn die Gelegenheit
sich bot hatte er in das Horn des Urs gestoßen die alten Freunde und Genossen
gerufen die Kruzifixe niedergerissen die Kapellen zerstört und verbrannt und
das Joch abgeworfen das ihm eine Schmach dünkte Und auch jetzt als die
Herrschaft der Sachsen in der Nordmark gefestet schien diente er nur mit
innerem Grollen den Söhnen des Bären Albrecht Da war er einst zur Jagd
ausgeritten mit dem Markgrafen Otto und sie waren in eine Wildnis gekommen die
der Markgraf noch nicht kannte Und darauf rechnete Wusso Der Böse gab es ihm
ein dass er den Markgraf verlocken sollte fernab von den Seinen und da ihn
töten wo Keiner es sah und Keiner die Spur finde Dann werde alles bleiben und
werden wie es gewesen denn was tue das Neue das die Christen gebracht dem
Lande und Volke gut als dass es die Leute unzufrieden mache mit dem was sie
hätten und ihre Väter Die an Eicheln und Buchnüssen sich genügen lassen
wollten nun Brod essen und die auf fauler Streu lagen wollten in Betten
schlafen und aus Höhlen und Hütten in Häuser und Türme überziehen So
überredete sich Wusso und machte seine schwarzen Gedanken weiß weil doch auch
diesem Heiden denn das war er trotz des Taufwassers das Gewissen anging dass
Markgraf Otto ihm so viel Liebes erzeigt und sein Vertrauen auf ihn gesetzt
Dazumal war die Gegend ganz anders als sie jetzt ist Wo jetzt die Fichten
lustig und schlank ins Blaue schießen war ein Dickicht von Eichen und Rüstern
und Buchen die ineinanderwuchsen und Krieg führten um das bisschen Boden und
Luft Da lagen umgeworfene Stämme faulend einer über dem andern und Gewürm
Kröten und Schlangen wimmelten am Boden auf den nie ein Lichtstrahl fiel Und
wo der Wald aufhörte war die Heide mit stachlichten Ginster und
Wacholdersträuchen besetzt und wo die Heide aufhörte war das Bruchland
verwachsene Elsen und wilde Schlingpflanzen dass kein Lüftchen durchdrang und
in dem warmen feuchten Dunst nisteten Schwärme giftiger Stechfliegen Wer sich
verirrte und nicht untersank blieb stecken in den Dornen und kam jämmerlich um
vor Hunger und Qual unter den Stichen des Geschmeisses Und auch das Wasser wo
es zu Tage lag spiegelte nicht die Sonne und die Sterne und den blauen Himmel
Da trieben umgefallene Bäume umher mit dickem Moos und Pflanzen überzogen
Inseln schwammen und ein buntes schillerndes Netz von faulenden Stoffen schien
darüber ausgebreitet Die wilden Katzen kletterten in den verwachsenen
Baumkronen Krieg führend mit den Habichten den Raben und Krähen Der Bär
schlich noch brummend in den Schatten um ein Schrecken der andern Tiere und
die Waldameise baute ihre hohen Kegelhäuser das einzige geordnete Gemeinwesen
Nur den Auerochsen hatte schon der Mensch vertrieben und auf die stolzen und
wilden Elenntiere richtete er eine verderbliche Jagd dass sie weiter gen Osten
flohen und die wenigen die noch waren scheu im tiefsten Dickicht sich
verbargen
»Wird Euch in der Wüstenei nicht bang Herr Markgraf« fragte Wusso da sie
nun auf der Spur eines großen Elennhirsches ganz ab waren von ihrem Gefolge und
die Töne ins Hüftorn riefen Keinen und die Luft war schwül und Gewitterwolken
zogen am Himmel auf Und Wusso war doch selbst bang geworden denn vorhin als
der Fürst über einen Baumstamm setzte und sein Tier zu kurz sprang dass er
herabglitt hatte der grimme Mann schon die Axt geschwungen die ihm am Sattel
hing um dem Herrn den Garaus zu machen Aber sein Arm blieb in der Luft hangen
ein ferner Donner rollte über die Wälder
»Was soll mir bange werden« antwortete Otto »Da Sanct Johannes bei mir ist
in den Wüsteneien der mein Schutzpatron ist und auch Deiner Wusso«
Nun dachte Wusso heimlich Ob Dir der Sanct Johannes jetzt den Weg zeigen
wird und blieb tückisch zurück da der Fürst den Speer über sich schwingend
der Fährte des Elenns folgte ohne viel vor sich auf den Boden zu sehen Ihre
Rosse die nicht weiter konnten durch den Moor hatten sie nämlich verlassen und
anbinden müssen und Otto ging mit kühnen Schritten den Tapfen des Hirsches
nach Nur Wusso kannte den einzigen schmalen Weg durch das Bruchland und bei
jedem Schritt meinte er der Fürst werde sinken Dann überhob ihn der Morast der
Mordarbeit und wie viele Deutsche waren in den Kriegen von den tückischen
Wenden in die Moräste gelockt da versunken
Aber der Fürst fand den Weg ohne dass er ihn kannte sein Fuß traf immer das
Feste und sank nie ein Da er fast drüben war rief er dem Wenden zu »Was
scheust Du Wusso Kommst Du mir nicht nach« Wusso machte sich nun auf den Weg
den er so oft zurückgelegt aber seine Augen waren wie geblendet oder war es
die Unruhe in ihm Er sank mit dem Fuß ein zwei mal und plötzlich als der
ganze Boden unter ihm zu zittern anfing ward er inne dass er falsch gegangen
und es war zu spät die Richtung zu ändern Da in seinen höchsten Nöten rief
er »Ach Sanct Johannes wie Du den da rüber gebracht hilf auch mir wenn Du
den Weg kennst« Und ihm wars als liege um ihn eine Wolke und ein Mann halb
nackend mit zottigem Haar und einem Fell um die Schulter aber einem lichten
Streifen um die Stirn reichte dem Versinkenden die Hand und hob ihn und führte
ihn sicher hinüber Da verschwand er und der Fürst lächelte »Ei Wusso kennst
Du so wenig Dein Land dass Du selbst eines Führers bedarfst«
Der Tag war heiß und die beiden wurden müde von der Jagd denn der Hirsch
wie oft sie ihn auch sahen immer verschwand er wieder Da rief Markgraf Otto
»Den Hirsch muss ich zum Stehen bringen ist mir doch als hinge mein Heil und
Leben von seinem Leben ab Ich habs gelobt dem heiligen Hubertus aber jetzt
kann ich nicht mehr« Und er sank um den Speer in der Hand todtmüde unter
einer alten Eiche
Aber Wusso hatte auch gelobt bei seinem Götzen das ist der Teufel sein Heil
und Leben solle davon abhängen dass er das Leben des Markgrafen nehme was es
ihn auch koste Schwer ward es ihm denn er war kein schlechter Mann und
glaubte es nur zu tun um seines Landes Wohl Und da es Nacht wurde von den
Wolken die aufzogen drückte er die Augen zu und fasste den Wurfspiess mit beiden
Fäusten und wild rannte er auf den schlafenden Fürsten zu Da fuhr ein Blitz aus
der Eiche nieder und ein Donner krachte als wäre der Baum von seinen Wurzeln
gebrochen Vor dem Mörder stand wieder derselbe Mann der ihn über den Bruch
geführt drohend den Arm aufhebend und Wussos Wurfspeer blieb wie angelötet in
der Hand »Ist das Dein Dank dass ich Dich hergeführt« sprach Sanct Johannes
Und in demselben Augenblick fuhr auch der schlafende Fürst in die Höh mit
einem Schrei der Wusso wie die Trompete des Gerichts durch die Seele ging »Ha
es ist überstanden« Und Wusso lag auf den Knieen und wollte Worte stammeln aber
seine Zunge klebte am Gaumen und in ihm brannte es wie ein stilles Feuer
Markgraf Otto rieb den Schlaf vom Auge »Wo ist nun das Ungetüm Er stürzte
mir ja zu Füßen«
»Hier Herr« sprach Wusso »zertritt es«
Der Fürst schüttelte das Haupt und stierte in die Wolken wie noch im Traum
»Den großen Hirsch meine ich mit seinem gezackten Geweih und sein Rachen
sprühte Flammen Heiss setzte er mir zu und ich hatte schweren Kampf Nun ist er
überwunden der mir will streitig machen das Reich so mein Kaiser mir zuwies
dass ich lichten soll in der Finsternis ausroden die alte schlimme Weise und
bauen und bahnen die Wege zur Erkenntnis des wahren Gottes Sein Licht war über
mir es schmetterte ihn nieder aber wo ist der Feind Eine Mark Goldes wer ihn
mir schafft«
Da waren die vom Gefolge des Fürsten herangekommen und als er ihnen
erzählte was er geträumt und er glaubte es sei Wahrheit erkannten alle
Gottes Finger Der grimmige Elennhirsch der ihn im Schlafe umbringen wollte
könne nur der Satan gewesen sein der Wut schnaube und zittere in seinem
Ingrimm weil der Markgraf in dem Lande schon so Großes vollbracht und noch mehr
vollbringen wolle dass seine die Herrschaft der Finsternis aufhöre Der
Markgraf erkannte dass sie Recht hätten und gelobte zur Stunde dass er zum
Gedächtnis des schrecklichen Traumes und auf derselben Stelle wo er gelegen
ein Kloster bauen wolle Von da solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte
und ehrbarer Fleiß ausgehen über das ganze Heidenland und er wolle es reich
begaben mit Gütern und es fest machen zum eigenen Schutz gegen jeden Angriff
und darin eine Gruft bauen in der man ihm wenn er zur Ruhe gegangen die
letzte irdische Stätte bereiten solle und nach ihm seinen Kindern und seinem
ganzen Geschlechte So stiftete der Markgraf Otto nachdem er die Wälder
gelichtet Sümpfe getrocknet Wege in das Holz gehauen die Abtei und das
Kloster Lehnin das erste in diesen Marken und ließ Cisterciensermönche dahin
kommen aus Seevenbeeke drüben im Mansfeldischen welche die hohe Kirche bauten
und Türme und die Klostergebäude und die Wälle und Mauern zum Schutz gegen die
heidnischen Wenden denen diese Stätte des Herrn noch lange ein Stein des
Anstoßes und des Aergernisses war Lehnin aber nannte er es weil auf Wendisch
der Elennhirsch den Namen führt und noch heut zu Tage ist am Chor in der Kirche
der Eichenstamm zu sehen unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und
den schweren Traum gehabt
So ungefähr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von
der Stiftung des Klosters Lehnin erzählt Aber was hatte der Ahnherr seiner
Familie damit zu tun War er vom Markgrafen bestraft worden
Er strafte sich selbst Er stürzte fort und lange Zeit wusste Niemand wo er
geblieben Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Heide und war er
hingestürzt wo müd und erschöpft so fuhr er wieder auf wenn er Hundeklaffen
und ein Jagdhorn hörte denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdüstert er
glaubte der Hirsch zu sein den der Markgraf niedergestossen und hinter ihm jage
die wilde Jagd geführt von Sanct Johannes dass sie den letzten Elennhirsch
fange auf den der Fürst den großen Preis gesetzt
Da nährte er sich von Wurzeln und Gras trank das Wasser aus dem Fliess und
scharrte sein Lager in den Gebüschen Im Traume zuckte er auf von den Speeren
und Pfeilen durchbohrt er stöhnte vor Schmerz und wünschte doch dass seine
Stunde komme
So hatte der Wahnbetörte sich hineingedacht in die Seele eines Tiers das
dem Untergang geweiht war als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und
dem Fell über dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte Nun hast Du gebüßt Deine
bösen Gedanken durch böse Gedanken aber das ist nicht genug Du wardst ein
Tier und folgtest Deinem Triebe Nun wache auf als Mensch und büsse durch freie
Tat Dein böses Tun Tödte und zerfleische Dich selbst Dann erst wirst Du rein
sein von der Schuld
Als Wusso aufsprang war der heilige Johannes verschwunden aber unfern von
einem Spring sah er den großen Elennhirsch seinen Morgentrunk schlürfen Da war
er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn Den Hirsch musste er
töten Das war seine Aufgabe sein Herr dem er das Leben verwirkt hatte es
geboten Der Hirsch floh Wer kannte wie Wusso die Schluchten des Waldes die
jähen Seeufer die Erdstürze die Fährten des Wildes durch das Dickicht Da
endlich hatte er es in die Enge getrieben wo es nicht mehr fliehen konnte Es
machte Kehrt und stand Aber nicht mit der Wut des gehetzten Wildes das sein
Leben im letzten Verzweiflungskampfe teuer erkaufen will Das kluge Tier
schien sein Loos zu kennen nicht wie ein grimmer Feind wie ein Opfer das den
Todesstreich erwartet stand es vor ihm
Den Jäger der den Elch endlich stehen sieht nach langer heißer Jagd
ergreift ein sonderbar Gefühl Der Elch mit dem langen weit ausgreifenden
Geweih wie ein König des Waldes mit den klugen schönen Augen wie ein Mensch
mit dem struppigen grauen Bart wie ein Geist aus einer andern Welt Dem
rauhesten Jäger schlägt das Herz der Finger zittert ihm am Rohr Er glaubt der
Elch spreche mit ihm und sein Auge strafe ihn Was musst du mich vernichten Bin
ich ja doch dem Untergang geweiht
So sprachen des Hirsches Augen zu Wusso Musst du mich töten so tödtest du
dich selbst Leben kann ich nicht mehr wo ich der einzige bin meiner Art der
nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhügeln derer die mit ihm lebendig
waren und ihnen gehörte der Wald die Wiese das blaue Wasser Nun gehören sie
Andern die uns nicht dulden wollen die den Wald die Wiese das Wasser anders
machen wollen als der Herr es machte der uns hineinsetzte Bist du nicht ich
Ist dirs heimisch noch im Land wo die Fremden deine Wälder roden in denen du
Schatten hattest und Lust deine Götterbilder verbrennen vor denen du betetest
und sie schützten dich die Grabhügel deiner Väter durchwühlen wo sie Türme
bauen in den Himmel der frei war wo sie Kruzifixe aufrichten dass du denken
sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus und unter deinen alten
Göttern ging der Pokal um in Freude und Lust Ists noch dein Land und dein
Geschlecht wo die fremde Zunge die Sprache verdrängt so deine Väter sprachen
und du lalltest sie schon als Kind magst du leben in Freudigkeit wo sie auf
dich und deine Brüder herabschauen als Wesen schlechterer Art nur aus Gnaden
aufgenommen und du warst frei wie der Vogel in der Luft wie der Fisch im
Wasser wie wir im Walde Ich bin der letzte meines Geschlechts willst dus
nicht sein willst du dich fügen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft so
hilf ihn ausrotten und roden hilf ihnen verläumden und schmähen die alten
Freien hilf ihnen den Boden der Väter umackern ihre Gräber zerstören ihre
Heiligtümer verbrennen und schleudre dein tötlich Geschoss mir in die Brust
aber lass mich noch einmal atmen die Luft die frei war noch einmal blicken in
den grünen Wald und den blauen Himmel dann dann tödte dich selbst
Wieder mit zugedrückten Augen warf Wusso seinen Speer Er hoffte dass wieder
der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde Aber die Luft
sauste es krachte und nieder stürzte der stolze Zehender Die Bäume rauschten
wie vor Schrecken Wusso mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs er
sah sich selbst in den sterbenden Zügen Zusammenstürzte auch er nicht in
seinem Blute im hitzigen Fieber Als er genas wollte er nicht mehr in den
Wald auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Fürsten Sein Sinn war
dieser Welt erstorben und er pries den Herrn dass es so war Ein hären Gewand
zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Cisterciensern
Da hörte man ihn oft seltsame Gebete murmeln dass es die andern Mönche graute
die dachten es sei etwas Heidnisches darin Zu keinem Heiligen waren sie
gerichtet auch nicht zu Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter er wagte zu beten
zu dem Gott Vater selbst der Himmel und Erde geschaffen er der noch vor
wenigen Jahren ein Götzendiener gewesen und es graute die frömmsten Mönche vor
der Vermessenheit Da rief er den Gott an der über Alle ist ob er recht getan
oder gesündigt dass er sein Volk und den alten Glauben verlassen um den neuen
Glauben den er nicht fasse und der doch so allmächtig sei wie der Sturm der
die Vögel und Wellen treibt und so mild und warm wie die Sonne die die Keime
lockt aus den Bäumen und die Saat aus der winterlichen Erde Er oben unter den
Unerschaffenen tronend werde wissen ob die Welt erschaffen sei dass die
Wälder bleiben oder die Städte werden Wenn sie das hörten erkannten die
Mönche dass er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn und scheuten vor
ihm Drauf starb er schon nach wenigen Jahren an den Stufen des Chors mit den
Armen den Stamm der Eiche umklammernd wo dazumal der Markgraf geschlafen
Das wars was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzählte und aus der
Legende war eine Sage geworden die in der Familie fortging von Mund zu Munde
Markgraf Otto schenkte den letzten Elennhirsch zum ewigen Andenken Wussos
Nachkommen Auf dem Tore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elenns mit
seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses Die Formschneider
und Maler aus Franken die es nicht verstanden weil sie nie ein Elenntier
gesehen machten daraus einen Widderkopf Mit dem Fell des Hirsches hat Mancher
sich des Nachts zugedeckt bis die weichlichere Sitte kam weiß der Himmel
woher dass sie den Gänsen die Federn ausrupften in einen Sack stopften und
damit ihren Leib zudeckten So ward das schöne Fell in die Rumpelkammer
geworfen und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt aus der
Zeit wo es noch Elennhirsche in der Mark gab Da einmal eine Kranke die man
darauf legte genesen war kam die Haut wieder in Ehren doch nicht so dass ein
Besitzer der etwas geizig war und was ihm im Hause unnütz schien zu Gelde
machte sie um ein Geringes einem Handelsmann verkaufen wollte Seine Ehefrau
berief sich auf jene Eigenschaft des Felles und endlich kam man überein dass
man es gerben und zu einem Kleidungsstück zuschneiden wolle Dann war es kein
unnütz Stück mehr und wenn eine Heilkraft darin stecke meinte der Mann es sei
ihr unbenommen dass sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen täte So ward das
Fell da es zu einem Koller sich nicht passte der Besitzer auch fast immer auf
dem Pferde lebte das was es ist und erbte vom Vater auf den Sohn
Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzählung gekommen welcher Hans
Jürgen so aufmerksam zugehört dass er gar nicht bemerkt wie der Dämmerschein
immer heller geworden als er plötzlich still hielt und dem Andern winkte Hans
Jürgen hörte ein leises Wimmern Er sah in die entlaubten Zweige durch welche
das graue Morgenlicht schien und sein Blick fragte den geisterkundigen
Gefährten ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht hätten aber
Ruprecht der ganz andern Spuren folgte schüttelte den Kopf und gab ihm nur ein
Zeichen stille zu sein Nachdem er auf eine Höhe geklettert winkte er ihm
wieder mit vergnügtem Gesicht und als er heruntersprang rief er laut »die
kluge Elster am Wege hat mich nicht getäuscht wenn der Krämer der Dieb ist
haben wir ihn und das Jucken im Daumen sagt mir dass wir bei ihm finden was
wir suchen«
Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden
aber die Kisten und Packen die zerbrochen auf der Straße lagen sprachen nur zu
deutlich dass schon Andere dagewesen die den Inhalt untersucht hatten Von
diesen war zwar keine Spur als die ihrer Rosse im Wege Aber auch der Fuhrmann
war verschwunden »Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt hätten« rief Hans
Jürgen Ruprecht schüttelte den Kopf und sah nach dem See »Junker lieber
Junker preist Euren Herrn dass Ihr nicht mitgeritten Wenn es ehrlich herging
hätten sie ihn an einen Baum gebunden Ich fürchte die Sonne die aufgeht
färbt sich in Blut«
Er schwieg und horchte wieder Es schien über den See her in der Luft ein
Wimmern zu kommen »Nein von da Ruprecht« Das Laub raschelte ein tiefes
gurgelndes Stöhnen kam von ziemlich nahe Mit einem Satz waren Beide durch die
niedrigsten Büsche und dem Seeufer hinab und zugleich entdeckten sie einen
Mann gebunden und geknebelt am schrägen Ufer liegen »Vorsichtig« rief
Ruprecht »sonst kugelt er hinunter Die haben ihn wie der Teufel gebettet wenn
er sich rührt plautzt er ins Wasser Beim Kopf Junker fest dann bind ich
ihm die Beine los«
Der unglückliche Krämer mochte zuerst glauben dass er aufs Neue in die
Hände der unersättlichen Ritter aus dem Stegreif geraten sei die
zurückgekehrt um noch etwas zu erpressen Denn kaum dass sein Knebel gelöst und
die Stricke zerschnitten waren und sie den Unmächtigen mit ihren kräftigen
Armen hinaufgerissen auf die Straße als er ihnen zu Füßen fiel und bei allen
Heiligen schwor er habe nichts versteckt und Alles offen und ehrlich angezeigt
was er mit sich geführt sie möchten seines Lebens schonen um seines Weibes und
seiner Kinder willen Hans Jürgens Gelächter brachte ihn zur Besinnung
wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter als er erwartet hatte Nun ergoss sich
aber seine Zunge in Verwünschungen gegen die schändlichen Räuber die ihn den
friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt hier überfallen durch
ihre Übermacht bewältigt dann grausam gemisshandelt beraubt und in den Zustand
zurückgelassen wie sie ihn fanden »Ich will verkrummen wie das Eisen in der
Schmiede wie die Buche wenn der Stellmacher sie biegt wenn sie mich nicht
niedergeschmissen aufs Gesicht dann knieten sie auf mir dass mir das Rückgrat
brach mit Stricken banden sie mit dem Helfter knebelten sie mich wie ein
Pferd Dann wusste ich nichts mehr von mir«
Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lächeln auf ein Etwas das Hans Jürgen
jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward
»Curiose Räuber« rief der Knecht »die Einen den sie ausziehen auch
anziehen Du hast Dich versehen Klaus das waren keine Räuber
Schneidergesellen warens die Dir ein Paar Hosen anmassen«
Der arme Mann fühlte jetzt was es galt Blass die Hände ringend stotterte
er Entschuldigungen über Entschuldigungen vor den neuen Peinigern die er nun
erkannte und die ihm mit wenigen raschen und unsanften Griffen die Lederhosen
abstreiften Er lag wieder auf den Knieen während Hans Jürgen die Elennshaut
wie eine Wurst zusammenstreifte
»Das war mein Unglück ja gestrenge Herren Mich fror in der Morgenluft da
zog ich sie mir über Da kamen sie auf mich los ehe ich wieder zurecht saß Wer
weiß ob sie mich gekriegt hätten«
»Aber wo kriegtest Du die Hosen her Dieb«
Wo er hinsah Verderben Vor ihm Hans Jürgen mit dem Plumpsack hinter ihm
der Knecht Was konnten sie ihm Schlimmeres tun da er auf seine Waren sah
Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf »Schlagt tötet hängt mich was
Ihr wollt reißt mir das Herz aus dem Leibe Ihr könnt nichts mehr ausreißen
Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder Wollt ich soll Euch was vorlügen
Ich will nicht lügen will verdammt sein wie sie Alle Ja ja ich riss es von
der Leine Berlin ist weit der Kurfürst ein Kind S wird noch mehr von den
Leinen gerissen werden Messgewänder und Fürstenmäntel Wems gehört kriegts
nicht wieder Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden Der Bauer ist
geschunden der gemeine Mann gegerbt Immerzu das Schinden und Gerben geht
Reih um«
Der Wutausbruch Eines der keine Hoffnung mehr hat hat für einen der auf
dieser Erde noch hofft etwas Überwältigendes Ruprecht zog sanft seinen
Pflegebefohlenen am Arm »Lasst den Junker Er hat seine Strafe Wer zu stark
schlägt schlägt seine eigene Hand«
Zwölftes Kapitel
Das Erwachen
Zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei hatte es vor HohenZiatz
gewiehert als verlange es Einlass und da der Turmwart hinauslugte sah er das
Todtenross das unschuldig im Sande scharrte Schnell hatte er die Lade
zugeworfen und nichts mehr gesehen aber das Wiehern hörte er noch lange fort
Auf der Sumpfwiese hatten Lichtflämmchen hin und hergehüpft und am Morgen als
die Sonne blutig rot durch das zerrissene Gewölke aufstieg und Windstösse durch
die Luft fuhren hatte man ganze Schaaren von Raben um die Burg kreisen gesehen
und sie ließ sich nicht scheuchen sondern setzten sich immer wieder auf die
Giebel und Dachfirsten
»Und dann hat auch ein wendisch Weib die Liese aus Gütergotz die von
Golzow kam auf dem ganzen Wege das Leichenhuhn gackern gehört als wollte es
ihr den Weg zeigen Vor der Burg zum letzten Mal Dann ists verschwunden
Darum« so schloss der Knecht Kasper seinen Vortrag von den Wundern der Nacht
»darum Gestrenge mein ich s ist nicht so übel dass die Hosen grade heute
nicht da sind«
»Und warum nicht«
»Und wie gesagt wenns nicht auf Einem sitzen bleibt so kommts auf Viele
Bin nicht wie der Ruprecht aber wo so viele Zeichen sind da hats was auf
sich und der wäre kein Christ nicht der nicht auf Warnungen hören tut«
Was Kasper sprach schien nur der Wiederhall der stillen Gedanken auf den
Gesichtern der andern Burgbewohner Als wäre ein wüstes Gelag vorhergegangen
machte doch auch die Frau von Bredow keine Ausnahme »Kasper Du meinst es gut
aber der Herr «
»Nun ja es wird ein Ungewitter setzen«
»Ich mags nicht vor den Mädels haben er ist doch ihr Vater« sagte sie
halb vertraulich zum alten Knappen und Waffenträger ihres Herrn Es war sehr
selten dass Frau von Bredow zu einem Dienstmann vertraulich sprach »Auch die
beiden Ziehkinder es ist nicht gut dass sie so etwas sehen«
»Sie sind ja noch nicht zurück«
»Ich selbst wollte schon mit ihm sprechen«
»Nein bei Leibe nicht Gestrenge Ihr könntet ja rüber fahren s ist
Sonntag zur Kirche nach Ferch dann wäre das Nest leer und ich wills schon
auf mich nehmen Er schlägt auch jetzt nicht mehr wie ehedem Mit den Jahren
ist er viel frommer geworden Fahrt zur Kirche gestrenge Frau mit den Frölens
ich halt es aus«
Aber die Frau wusste doch nicht was das eigentlich helfen sollte
»Unglück kommt nie allein das ist wahr« sagte Kasper »Aber wenn er erst
in den Kleidern sitzt muss er ausreiten und Gott weiß was ihm da zustösst Ich
sage man muss das Unglück nicht aufsuchen gehen es kommt von selber gelaufen
und wer ausweichen kann und s nicht tut der hat sichs zuzuschreiben«
»Ist der Ruprecht denn noch nicht zurück« Eva schüttelte den Kopf »Ich
sagt es ja Mutter sie haben sich vergangen«
»Dummes Mädchen fang mir auch an zu flennen Und wie siehst Du aus Fix
mach Dich fertig Ihr taugt hier nichts Euch will ich zur Kirche schicken Was
schluchzt denn da«
Agnes kam aus dem Tore einige Leute aus dem Dorfe folgten die ein in
Schweiß gebadetes von Staub und Schaum bedecktes Reitpferd führten dessen in
Unordnung geratenem Geschirr man ansah dass es schon lange ohne Herrn und
Pflege umhergelaufen sein musste Es war Hans Jochems Pferd
Das Mädchen setzte sich still weinend ihr blasses Gesicht mit den Händen
bedeckend auf den Stein an der Mauer »Ich wußt es«
Die Burgleute schlugen die Augen nieder Die Sache sprach von selbst von
einem abgeworfenen Reiter
»Das war kein Leichenpferd nicht das war sein Pferd gewesen« schluchzte
das Mädchen »Hätten sie nur gleich aufgetan und nachgeschickt dann hätten sie
ihn noch gerettet«
»Wo ist Hans Jochem Wo ist Peter Melchior«
Es erfolgte keine Antwort
»Was wirds weiter sein« fuhr die Frau beruhigter fort »Sie werden dem
Herrn bis zur Fähre das Geleit gegeben haben Da können sie noch nicht zurück
sein«
»Sie werden nie zurückkehren«
»Macht mir den Kopf nicht warm Mädchen Wenn ihm ein Unglück begegnet sind
ja die andern Herren dabei Werden ihn nicht dabei liegen lassen Mir ist um den
Hans Jürgen und Hans Jochem nicht bange Unkraut vergeht nicht«
Und doch hörte mans dem Ton ihrer Stimme an dass es nicht ihre gewöhnliche
Ruhe war Wer hält sich auf einem Schiffe fest wenn Alles um ihn schwankt
Da schlug ein Fenster auf im Giebel und eine Stimme die man bis ins Dorf
hörte schrie »Das Wetter noch mal Kasper Brigitte wo sind meine Hosen«
»Gleich gleich Götze« rief die Edelfrau und Edelfrau und Knecht stürzten
in den Flur die Treppen hinauf Dem Knecht warf sie einen freundlichen
bittenden Blick zu Der antwortete aber nur mit einem grämlichen Kopfnicken und
einer Bewegung mit der Hand auf den Rücken »Hab mir was untergestopft da kann
mans schon ne Weile aushalten« brummte er für sich ohne zu eilen wie die
Frau tat die ihm längst vorauf war Vielmehr gab er seinen Gedanken in rechter
Gemächlichkeit Gehör »Der Dechant freilich als ichs neulich im Beichtstuhl
ihm sagte meinte das wär auch Sünde ich glaube er sagte gegen den heiligen
Geist Jedermann sollte wahrhaftig sein auch wenns ihm an Haut und Haare
ginge dass er niemals in welcher Lage des Lebens es sei im Zustande der
Unwahrhaftigkeit sich sollte betreffen lassen Und das wär also
Unwahrhaftigkeit weil ich der Liese ihren Friesrock untergestopft hatte und
der Herr dachte es wäre meine Haut Und gelobt hab ichs das ist wahr dass
ichs nicht mehr täte Aber Leder ist Leder und Haut ist Haut Und nun sollts
mich doch wundern ob der Dechant das auch Sünde nennen wird dass ich die alte
Rehhaut unterm Koller trage Denke so überhaupt was das den heiligen Geist
angeht ob Einer Prügel kriegt oder nicht Der Herr oder der Vater gibt sie
und der Knecht oder der Sohn kriegt sie da hat doch kein Dritter was mit zu
schaffen Aber wenn ichs dem Dechanten sage dann ist das schon wieder Sünde
dass ichs gedacht habe Überhaupt wenn nur nicht die Pfaffen wären nämlich
dass man ihnen Alles beichten müsste Die Prügel nun die wären Prügel der Regen
macht nass und man trocknet wieder Keiner stirbt davon aber wenn man Prügel
kriegt dass man immer denken muss warum man sie kriegt und wie man sie kriegt
und wie mans im Beichtstuhl vortragen soll man weiß oft selbst nicht warum und
nun werden sie Einem vom Pfaffen erst recht eingeschmiert und eingebläut und
was vorher gar nichts war das ist nun was das eben ist die verfluchte
Geschichte«
Als die Frau von Bredow die Kammertür zu ihrem Ehegemahl ein klein wenig
auftat war der Anblick den sie durch die Spalte hatte eben nicht angenehm
Herr Gottfried war aufgesprungen wie er im Bette gelegen und reckte die Arme
so weit er konnte während seine Lippen auch so weit sie konnten aufstanden um
den Morgenschlaf hinaus zu lassen Vor ihm aber lag eine dicke Wolke nämlich
das Deckbett was vorher auf ihm gelegen und es schienen in den Sack von blauem
Zwilch die Federn von drei Heerden Gänse gestopft die von der Erschütterung des
Wurfs nicht wenig durch die Kammer stäubten Dieser Anblick war aber der Frau
nicht ganz unangenehm denn das Bette bildete eine natürliche Schanze zwischen
ihr und dem Ehemann falls es ihm eingefallen wäre ihren Morgengruß durch die
Tat zu erwidern denn dass eine so nahe erste Berührung nicht in ihrer Absicht
lag verriet ihre Stellung an der Tür Sie wollte nur sehen wie es stand auf
einen eiligen Rückzug wenn er Not tat vorbereitet
»Grüß Dich Gott Götz bist Du aufgewacht«
»Ja«
»Das ist schön Männchen Deine Morgensuppe brodelt auch schon auf dem
Heerd«
Aber der Ritter schloss nur den Mund um ihn wieder zu öffnen »Wo sind sie«
»Sind sie noch nicht hier Warte nur lieber Mann werden gleich kommen«
Seine Stirn runzelte sich und ein verdriessliches Rot lagerte über den
nüchternen Augen die ihre Strahlen erst zu einem stechenden Blick sammelten
»Brigitte wo sind sie wieder«
»Jemine weißt Du nicht wie Du sie auszogst hast Du sie auf den Schemel
gelegt da auf die Lehne Der Wind gestern hat das Fenster aufgemacht Als ichs
sah war ich recht erschreckt Du möchtest Dich verkühlen aber der Kasper
wollte mich nicht reinlassen Da ist die Katze gekommen und sprang übern
Schemel aufs Fenster und riss sie mit Ich sahs von unten da hingen sie am
Brett aber eh wirs uns versahen kam wieder ein Windstoß der warf sie aufs
Dach Da wollten wir sie eben holen als der Sturm eben losging Ach Götze Du
wirst Dich wundern was der Sturm alles angerichtet hat Die drei großen Kiefern
an der Lehmgrube an der Wurzel rein abgebrochen sind sie Das Dach vom
Hinterhaus wirst Du neu decken müssen eine Sparre ist eingeknickt Das
Storchnest ist auch runter wie mit nem Messer abgeschnitten«
»Ich friere ja Wo sind sie geblieben«
»Ach dass weißt Du auch nicht Die Kinder glaubten s wär ein Drache so
flogen sie übers Haus über die Mauer bis auf die Wiese In den Ententeich
sind sie gefallen Die Entengrütze Götzchen musste man doch ein bisschen
abspülen Sind gewiss schon trocken Hab den Hans Jürgen nachgeschickt Er kommt
Dir gleich Frieren sollst Du nicht mein Herz Hab dir Ingber und Pfeffer in
die Biersuppe getan und Honig Willst Du auch Eierschaum drauf schwimmen haben
Der Kasper macht auchs Wasser warm dass er Dir den Bart scheert Solltest Dich
wieder ein Bischen ins Bett legen ich brings Dir rauf Steige jetzt nur auf
den Turm und will nach dem Hans Jürgen rufen«
Der Ritter rief er wolle nicht mehr ins Bett aber die Burgfrau hörte
nicht mehr aus was er sprach sie hatte die Tür zugeschlagen und schon war
sie über das Brücklein oben das aus dem Erker nach dem Turme führte als sie
den Schemel krachen hörte den Herr Gottfried gegen den Boden schleuderte dass
drei Beine ausfielen und die Lehne knackte »das Weibervolk sag ichs doch
immer das ist Weibervolk«
Nur wenig Stufen warens bis zur Turmzinne aber Frau Brigitten lags in
den Knieen als wäre vor ihr die Treppe zum Münster in Strassburg Sie war doch
eine wahrhaftige Frau wie nur eine zehn Meilen in der Runde aber wars die
Lüge die wie Blei ihr in den Gliedern drückte Eine Notlüge und solche
kleine Notlüge Der Dechant sollte ihr die Frau zeigen die niemals ihren Mann
belogen und es war ja in so guter Absicht Mit der Lüge hätte sie sich auch
schon abgefunden aber mit dem Dechanten und der Beichte Die arme Frau von
Bredow Nein es war noch etwas anderes das ihr in den Gliedern lag Es war
heut ein Unglückstag Auf der Mitte der Treppe war in der Blende ein kleines
unscheinbares Marienbild Sie ließ sich auf die Knie und faltete die Hände Was
sie gebetet hatte wusste sie eigentlich nachher selbst nicht aber ihr wars
als hätte sie die Himmelskönigin gebeten sie möge ihre Not bedenken und
machen dass sie nicht gelogen hätte Hatte sie doch auch einst die Bitte der
frommen Landgräfin von Thüringen erhört und das Brod und Geld ward in Körben zu
Blumen
Nun war sie oben auf der Zinne Die freie Luft wehte sie an Wie der Wind
über Kieferwälder strich wie er in den Ulmen spielend einen goldenen
Blätterregen auf die Wiese streute wie die Krähen und Tauben in Schaaren sich
in der niederen Luft wiegten wie die Habichte unter den Wolken kreisten wie
der Rauch sich aufringelte aus den Mooshütten des Dorfes ein Anderer hätte es
vielleicht mit Lust gesehen ihr Auge war auf andere Dinge gerichtet ihr Ohr
lauschte auf andere Töne als das Summen der Käfer das Gekrächze der Raben das
Hämmern des Dorfschmieds das Knarren der Mistwagen welche von den Ochsen
mühsam durch den Sand gezogen wurden
»Der Kaspar ist ein guter Mensch« dachte sie »Ich hör ihn auch gar nicht
widerreden Er nimmts so ruhig hin Wenn doch alle Knechte so fromm wären
Ich will ihn auch nachher in den Keller lassen Es klatscht ja gar nicht
mehr Was ist das Ach heilige Elisabet er hat ihn gewiss an die Gurgel
gefasst Da butzt es auch schon gegen die Wand Götze Götze nur nicht zu
stark Wenn da nur kein Unglück kommt«
Sie hatte sich über die Zinne gelehnt den Kopf übergebeugt als wolle sie
keinen Ton sich entgehen lassen drückte sie die Augen zu
»Götze Götze lieber Mann Warte nur ein klein bisschen Nun kommts
schon Ich sehe den Hans Jürgen schon Er bringt sie Du sollst nicht mehr
frieren«
Unten schwieg es wirklich auch sie schwieg es war etwas Angstschweiß der
sie überlief Sie hatte ja wieder gelogen wie sollte sie ins Licht des Tages
sehen Aber sie sah doch hinein Ihre Knie hoben sich ihre Augen wurden größer
ein Zug von Friede und Freude breitete sich um ihren Mund Traute sie ihrem
scharfen Gesicht heute nicht dass sie die Hand noch einmal über das Auge legte
Nein es war keine Täuschung »Götze Götze Der Hans Jürgen ist da er hat
sie« Hans Jürgen musste die Edelfrau auf dem Turme erkennen Mitten auf dem
Damm schwenkte er es »Der liebe Jung er ist geschickter als ich dachte Aber
was ist ihm Er könnte hurtiger laufen« Ehe sie hinunter stieg schaute sie
noch einmal hinaus Aus dem Walde kamen noch Andere langsameren Schrittes »Ist
das der Ruprecht« Sie blieben stehen es schien ihr als trügen sie etwas Der
Schatten des Waldes erlaubte ihr es nicht zu erkennen Was ging es auch sie an
Da stand schon Hans Jürgen im Hofe als sie hinunter kam aber was sah der
Junge so blass und verblüfft aus Was war überhaupt vorgegangen Das Tor stand
sperrweit offen Der Dechant war auch herbeigekommen und wollte ihre Hand
fassen »Gnädige Frau Gottes Fügungen sind wunderbar In seinen
unerforschlichen Ratschlüssen zu lesen ist uns zwar nicht vergönnt indessen
«
»S ist heut ein Unglückstag« sagte der alte Meyer und betrachtete das
Blut in seiner Hand mit der er den Sattel und Kopf des Pferdes befühlt hatte
»Was ist los Kinder« Sie hielt doch schon das verlorene Kleidungsstück
das Hans Jürgen überbrachte in der Hand und aus ihrer Hand war es schnell in
den Erker hinaufgewandert
»Du bist nicht daran schuld« sagte Eva zu Hans Jürgen
»Ach wer das sah und wer das hörte Wenn er am Leben bleibt der Kopf und
der Arm sind hin«
Wäre nicht der Dechant gewesen es wäre Niemand gewesen der der Edelfrau
Rede stehen konnte so kraus und bunt gings durcheinander Die halbe
Einwohnerschaft war hinausgestürzt um zu helfen oder zu sehen
»Er ist vom Pferde gestürzt meine gnädige Frau Der Herr gibt und der Herr
nimmt«
»Hans Jochem« Die Blässe des Schrecks gewann endlich Platz auf der Burgfrau
Gesicht
»Er ist noch nicht ganz tot« sagte der Dechant »Es ist sogar noch
Hoffnung dass wir ihm die Sterbesacramente reichen können«
Frau von Bredow legte mit mütterlicher Teilnahme die Hände auf die Stirn
ihrer Tochter Sie blickte sie wehmütig an und küsste ihre Stirn »Der Mensch
denkt Gott lenkt«
Auf einer Bahre von Tannenreisern lag der Verwundete ein kläglicher Anblick
selbst für die welche ihn schon seit einer Stunde so gesehen Sein Gesicht war
mit Blut aufgelaufen und unkenntlich sein linkes Bein gebrochen sein ganzer
Körper schien zerschmettert Der Knecht Ruprecht winkte dem Bauer mit dessen
Hilfe er und Hans Jürgen den Verwundeten bisher getragen dass er nun gehen
könne Er wartete auf frische Hilfe aus der Burg »Meint Ihr dass er
davonkommt« fragte der Bauer »Wenn er leben bleibt bleibt doch nicht viel von
ihm leben« antwortete Ruprecht »In den Krieg kann er nicht mehr auf die Jagd
auch nicht« »Und was ist ein Junker der nicht aufs Pferd kann« sagte der
Bauer achselzuckend und ging
Was Hans Jürgen nicht erzählt erzählte der Bauer denen die ihm entgegen
kamen wie es gewimmert und gestöhnt als der Knecht und der Junker im Walde
zurückkehrten wie sie der Hufspur folgend den Verunglückten gefunden Das
scheue zügellose Pferd durch Dick und Dünn jagend war gegen einen Baum mit
seinem Reiter angerannt hatte ihn abgeworfen und gegen einen scharfkantigen
großen Stein geschleudert Sie fanden ihn schon sprachlos in Todesängsten Das
mochte man sich selbst so auslegen auch wenn er kein Wort gesprochen hätte
aber bei jedem Schritt wusste man mehr und die Mägde in der Küche die gar nicht
hinausgekommen waren wussten es ganz genau wie es hergegangen Da hatte Hans
Jochem sich verschworen gegen die Andern er allein wollte den Krämer werfen und
bis aufs Hemd ausziehen auch wenn der Kurfürst mit allen seinen Trabanten um
ihn stände Auch so der Teufel neben ihm ritt fragten die Andern Auch dem will
ich ein Schnippchen schlagen hatte Hans Jochem gesagt Da als er dem Pferd die
Sporen gab war ein schwarzer Reiter wie aus der Erd aufgeschossen und hatte
sich ihm in den Weg gestellt »Mach Platz« rief Hans Jochem »Wer bist Du«
Der Reiter schlug das Visir auf und die helle Lohe schlug ihm aus des Reiters
grünen Augen und Rachen entgegen Da ward sein Ross scheu kehrte und trug ihn
über Stock und Block Und hinter ihm rief ein altes Weib »Ach Junker nehmt mich
doch mit ich kann meine Kiepe nicht tragen« und vor ihm lief ein anderes Weib
die rief »Folgt mir nur ich zeig Euch den Weg« Und das Weib hinter ihm saß
bald auf dem Sattel in seinem Rücken und umklammerte ihn mit ihren Armen dass
ihm der Atem verging und das Weib vor ihm führte ihn durch Sumpf und Brüche
und er sah ihre Laterne und konnte sie doch nicht erreichen bis sie dort an den
Teufelssteinen stille stand und die Arme ausbreitete und rief »Springt nur
Junker ich helfe Euch runter« Und da er sich im Sattel schwang riss ihn die
Andere hinab und er fiel Die Frauen waren verschwunden er lag auf den scharfen
Steinen und während er vor Schmerz wimmerte lachte und kreischte und flatterte
es auf wie hundert wilde Gänse und die Eulen heulten im Walde So wussten es die
in der Küche ganz bestimmt und Keinem hätt ich raten mögen dass er daran
zweifelte
»Er hat geseufzt er lebt« stürzte Agnes in die Torstube wo der
Verwundete jetzt lag und ihr Auge strahlte vor Freude der Mutter entgegen
welche die Arme bepackt mit feinen weichen Linnen aus dem Wohnhaus kam Die
Leinen kamen zu spät die Stirn war schon verbunden kalte Wasserumschläge waren
gemacht der Schmied aus dem Dorfe war auch schon da aber er schüttelte den
Kopf was hier zu tun war ging über seine Kunst
»Ach lieber Himmel dass mir das nicht gleich einfiel« rief die Edelfrau
»Schnell zu Pferd Einer nach Altenbrandenburg er soll die Sporen nicht scheuen
zum Meister Hildebrand«
Sie sah sich um nach einem guten Reiter Auch das war schon besorgt Der
Bote ritt seit einer Viertelstunde
»Dechant das ist brav von Euch dass Ihr daran gedacht«
Der Dechant blickte abwehrend auf Agnes »Das liebe Kind denkt und waltet
als wäre sie schon eine barmherzige Schwester Da wird des Himmels Segen nicht
ausbleiben«
»Agnes Du Ach heilige Mutter mir fällt ein der Hildebrand wird nicht in
der Stadt sein Reit Einer nach er ist «
»Beim Vetter in Golzow« fiel Agnes ein »Er reitet auch über Golzow Erst
wenn er ihn Nicht findet soll er nach Brandenburg«
»Wen habt Ihr hingeschickt« fragte die Frau
»Hans Jürgen« sagte leis Eva zur Mutter
Die wiegte etwas den Kopf »Der Junge wird auch müde sein S schadet aber
nichts Ein Nussbaum der tragen soll muss früh geschlagen werden Die Vettern
waren sich nimmer sehr gut Schon als Kinder lagen sie sich in den Haaren Nun
wenn der Eine der bessere« entfuhr es ihr aber sie unterdrückte die Stimme
»wenn der dran glauben muss dann hat der Andre den Trost dass er ihm zuletzt
noch einen Liebesdienst getan Mehr kann am End Keiner sagen dass er für die
Anderen tat Wir sind alle Kinder des Staubes wir müssen Alle unter die Erde«
Sie wischte mit dem kleinen Finger eine Träne aus dem Auge Eva weinte
laut und Agnes weinte still Da war das Zeichen gegeben Wenn die Herrschaft
weinte durfte die Dienerschaft auch es war sogar ihre Schuldigkeit weinen
Sie weinten nicht still sie schluchzten laut sie drängten ihre Schürzen am
Aug nach der Torstube den lieben jungen Herrn zu sehen sie schrien auf
wenn sie ihn sahen und heulend stürzten sie fort bis es durch das ganze Haus
und die ganze Burg ein Geheul war um den Junker der ein so lieber schöner Herr
gewesen und nun war er ein Krüppel eine halbe Leiche schlimmer als eine
Leiche Und wie viel gute Eigenschaften und Vorzüge kamen bei dieser Gelegenheit
an dem grauen Tage von Einem zu Tage von dem sie bis da gar nicht gesprochen
und wenn es geschah schalten sie ihn einen eitlen Tunichtsgut
Herr Gottfried hatte derweil seine Biersuppe mit Ingber und Pfeffer und den
schwimmenden Eierschaum drauf getrunken Er strich sich als er allmälig warm
ward behaglich die Seiten und sah auch mit Befriedigung wie der Knecht Kasper
die große Schüssel mit Buchweizenbrei auftrug deren glatt gewordene Oberhaut
schön geädert war mit kleinen Seen und Flüssen und Kanälen von brauner Butter
und Zimmet dabei lächelte der Burgherr wohlgefällig denn die Zimmetbüchse
holte seine Ehefrau nur bei absonderlichen Festtagen aus dem Schranke »S ist
doch ein gut Weib« brummte er und sah auch mit Vergnügen auf die Schüsseln mit
Honig und Käse und den Ochsenschinken der jetzt hereingetragen ward Zu viel
für einen Mann hätte es einem andern gedünkt der auch hungrig war aber nur
seit gestern Herr Gottfried hatte seit einer Woche keinen Bissen über die
Lippen gebracht und dieser Gedanke schien jetzt zum vollen Bewusstsein des
Hungers zu werden Er maß die Schüsseln und auf seinem Gesicht strahlte immer
mehr Friede aber mit dem Frieden stimmten die Klagetöne draußen wenig
»Ist also gefallen« fragte Herr von Bredow
»Und gestürzt« sagte der Knecht
»Ja ja das kommt davon« sagte Herr von Bredow und schnitt tief in den
Schinken ein
»Und hat sich Schaden getan« sagte der Knecht
»Durch Schaden wird man klug Fiel auch mal vom Pferd Ists der Hans Jochem
oder der Hans Jürgen«
»S ist ein Unglückstag heut« sagte der Meyer
»Ein Unglückstag« wiederholte Herr von Bredow und schien drüber
nachzudenken indem er einen zweiten Teller mit Buchweizenbrei füllte und wie
verwundert zusah dass es noch immer dampfte »Was haben wir denn heut Kasper«
»Sonntag nach Gallus Gestrenger Die Gänse sind schon geschlachtet«
»Die Martinigänse Ists die Möglichkeit« rief Herr von Bredow und setzte
den Messergriff auf den Tisch »Der arme Hans Jochem Jemine schon die
Martinigänse Das geht jetzt alles Einer wills dem Andern zuvortun Da
kommts denn Ein Bein gebrochen hat er«
»Aber der Herr Dechant wird ihm die Sakramente reichen«
»Sakramente« Ein neuer Gedanke schien in der chaotischen Wüste seines
Kopfes sich durchzuarbeiten »Sakramente Dann gehts wohl auf die Letzt«
»S ist aber nach dem Wundarzt geschickt Der muss bald da sein Sonst kommt
er zu spät«
»Zu spät« Ein zweiter Gedanke brach durch Der Ritter legte Messer und
Löffel fort »Kasper meinst Du dass es gut ist dass ich zum Hans Jochem gehe Er
kann doch nicht zu mir kommen«
»Freilich das kann er nicht gestrenger Herr aber «
»S ist heut ein Unglückstag« wiederholte der Meyer »S täte wohl besser
gestrenger Herr« sagte der Knecht »wenn Ihr erst frühstücktet Das Unglück
kommt immer zu früh noch und Ihr könnt dem Junker nicht helfen Aber der Junker
kann Euch schaden Herzeleid auf leeren Magen tut nimmer gut Wer Morgens
ordentlich frühstückt der sammelt seine Gedanken und kann was vertragen
Manchermann der nüchtern ausritt und wollte alles tun tat nichts und fiel
gar in Unmacht«
Da nickte Herr von Bredow mit voller Beistimmung dem verständigen Knecht zu
und tat wie er ihm riet Und der Rat erwies sich als gut denn je mehr sich
der Magen füllte um so mehr schien in dem großen Körper die zerstörte Ordnung
sich wieder herzustellen und auch die Gedanken sammelten und lichteten sich im
Kopfe
Da wischte er mit dem Tuche den Mund richtete sich im Stuhl auf und
sprach »Der arme Hans Jochem dass es grade der Hans Jochem sein muss«
»Das hab ich auch gesagt gestrenger Herr Grade der Hans Jochem Und er war
so lustig allezeit«
»Wenns Hans Jürgen wäre «
»Dann wärs nicht Hans Jochem das hab ich auch gedacht gestrenger Herr«
»Aber das kommt davon«
»Ja gewiss Gestrenger«
»Wer nicht hören will muss fühlen Wollen Alles besser wissen die jungen
Leute Reiten das will gelernt sein Was ist das für ne neue Mode Die Diener
sollen jetzt hinter dem Herrn reiten Die jungen Fante in Brandenburg und
Berlin Wozu ist ein Diener als dass er seinen Herrn meldet Darum reitet er
vorauf Tut mir doch leid um den Hans Jochem Hatte den Jungen lieb«
Herr Gottfried drückte mit dem Finger ans Auge als fühlte er da etwas was
nicht dahin gehörte Frau Brigitte trat ein auch mit roten Augen sie setzte
eine Kanne auf den Tisch Selbst setzte sie sich neben ihren Herrn
»Da bring ich Dir Zerbster Gottfried Das letzte aus dem Fass Wer weiß
wenns auch mit uns auf die Letzt geht«
»Ja ja ja« sagte Herr von Bredow »s ist schlimme Zeit Sie zapfen wo
sie können«
»Trink Götze s ist von dem bitteren Zerbster das spült den Magen wieder
klar«
Er setzte an und trank und setzte die leere Kanne nieder Er nickte ihr
freundlich zu »Hast recht s ist von dem Bittern«
»S ist mancherlei bitter« seufzte sie
»Der arme Hans Jochem wer hätte das gedacht Gitte Na nu will ich auch zu
ihm«
»Bleib nur Götze sie tun ihn verbinden jetzt Er schreit jämmerlich Ans
Leben gehts ihm nicht« sagte der alte Hildebrand »Aber wies nachher mit ihm
gehen wird ich meine wenn er durchkommt Reiten kann er nicht mehr und tanzen
auch nicht Weißt Du noch wie er bei dem Banket in Plessow herumstrich er und
die Eva Sie waren noch Kinder aber die Leute sprachen gar Absonderliches Na
und dann Götze Unseres und Seines zusammengeschlagen da hätten die
Hohenziatzer auch können den Vettern in Friesack zeigen das ist nun nichts
Ein Ritter wird er nicht mehr sein Lebtag nicht und was ist er dann Und der
Hans Jochem ins Kloster Mann Mann das will mir gar nicht im Sinn An den
Hans Jürgen hatte ich immer gedacht der taugt doch zu nichts Aber «
»Ich wollts nicht« fiel Herr Gottfried ein »Sein Vater seliger konnte die
Pfaffen nicht leidenund ich kann sie auch nicht leiden Er hat grade Beine lass
ihn gehen wo er hinläuft«
»Und weißt Du was mir nicht gefällt Götz« Sie sah sich um der Meyer
und der Knecht Kasper hatten die Halle verlassen sie waren allein »S ist
was zwischen der Eva und dem Hans Jürgen Sie haben sich immer geneckt aber
seit ein paar Tagen da ist was los«
»Kinderpossen«
»Du hast schon Recht sie sind Kinder Aber die Agnes denk Dir das stille
Kind die ist wie außer sich um den Hans Jochem Hat gesorgt für ihn als wärs
ihr Bruder ist hinausgelaufen von Allen zuerst als wirs hörten und brachte
ihm Wasser zu trinken Eh Einer sich nur besinnen konnte hatte sie ihm nasse
Umschläge gelegt und dann ach Gott ich weiß nicht Alles Und daraus kann doch
nur Unglück kommen Und darum was meinst Du wir schicken sie nach Spandow je
eher so besser«
Das Zerbster Bitterbier musste wunderbar auf den Ritter gewirkt haben Er
seufzte so tief und schwer auf als schöpfte er plötzlich Erinnerungen aus dem
Ziehbrunnen seiner Seele Die breiten Hände auf seine Knie schlagend hub er an
»Ich sage Dir Brigitte es kommt nirgend was raus als Unglück Und das
kommt alles bloß daher weil die Menschen es immer besser machen wollen als es
ist Der liebe Gott muss doch gewusst haben warum ers so machte aber nein sie
müssen kehren und putzen und scheuern«
Frau Brigitte sah ihn bedenklich an ob ein Vogel von der Wäsche gesungen
Es war anderes was ihrem Eheherrn hinterm Ohr hüpfte
»In Berlin werden sie lateinisch sprechen die Jungen sollen durch die
Gucker in die Sterne sehen und die Weiber die Nativitäten stellen Aus dem Reich
ist ein lateinischer Gelehrter verschrieben der soll dem Hofe Unterricht geben
und Komödien wollen sie spielen von einem Heidenmenschen der vor zwei tausend
Jahren schon gestorben ist der heißt Terwenzel Mögen sie scharwenzeln mögen
sies aushalten wenn ich nicht zuhören muss Ich will auch gar nicht mehr auf
den Landtag reiten«
Den Entschluss billigte seine Frau »Was hast Du auch da zu tun Götz Hast
darüber die Reiherjagd versäumt und die Martinigänse«
»Was da gestänkert jetzt und geredet wird Brigitte Du glaubst es gar
nicht Nun frag ich eine Seele haben wir nicht genug Gerichte und
Gerechtigkeit im Land Sprachen sie jetzt davon es sollte ein großes oberstes
Gericht für die Marken errichtet werden in Berlin Ist denn das
Reichskammergericht nicht schon Plage genug für nen rechtschaffenen Edelmann
ders Unglück hat dass er da was suchen muss Nein wir sollen die Plage auch
apart haben Da sollen zwei Banken hingestellt werden auf einer sollen die
Edelleute sitzen auf der andern Gelehrte und da soll alles geschlichtet und
entschieden werden was sich in den Haaren liegt«
»Das wird nen Kohl geben« sagte Frau von Bredow
»Rechtes Futter für die Advokaten Processe die einen Edelmann von Haus und
Hof fressen Aber das ist den gelbschnäblichten Herren schon recht je mehr nur
geschrieben wird desto confuser und besser«
»Was Recht ist weiß doch jeder selbst zum besten nicht wahr Götze Gott
sei Dank wir haben nichts mit den Gerichten zu tun«
»Meinst Du Der Kunz Reder hat vor Jahren nen See abgelassen und ackert
darauf Nun sagen die Bauern vom alten Kietz sie hätten ein Recht auf die
Fische gehabt Auf dem Acker könnten sie keine angeln Und was kam beim Landtage
vor Der Redner sagte sie könnten ja Frösche angeln wollts ihnen nicht
wehren Aber glaubst Du Tile Holzendorf und noch ein Paar stunden auf die
Bauern wären im Recht Da schlag denn doch das Donnerwetter drein Wenn der Adel
nicht mal zusammenhält«
»Was ist auch das Angeln Götze Der Förster sagte gestern der Dachs hat
sich gestellt Mann wir brauchen Dachsfett in der Wirtschaft Reite raus nach
dem Bau und lass die bösen Gedanken Die frische Luft tut Dir gut Will die
Jäger rufen lassen und die Körbe und Flaschen füllen«
»Brigitte« sagte Herr Gottfried aufstehend und reckte sich »Ich wünschte
ich wäre selbst ein Dachs und könnte in mein Loch kriechen und schlafen den
ganzen Winter und sähe nichts und hörte nichts Denn Gescheites geschieht doch
nicht mehr auf der Welt«
Die Edelfrau horchte auf Etwas Der Türmer blies »Was ist das Nachher
Götze muss ich Dir noch was sagen Der Herr von Lindenberg war heute Nacht hier
Es scheint mir was nicht richtig aber da wirs nicht ändern können ists wohl
gescheidter wir tun als wüssten wir nichts«
Der Burgherr war damit vollkommen einverstanden um so mehr da er wirklich
nicht wusste was er nicht wissen sollte und was Einer nicht weiß ihn nicht
heiß macht und endlich weil er gar nicht neugierig und der Meinung war dass
viel Wissen für einen Mann vom Übel sei Aber eins hätte er doch wissen mögen
als Brigitte hinaus war nämlich warum sein Eisenhemde nicht am Platze hing
Auch die Büffelhaube fehlte und die Handschuhe Er war ein Mann der die Ordnung
liebte nämlich seine eigene und wie er auch danach suchte so fand er sie eben
so wenig als Gründe warum er sie nicht fand So etwas konnte ihn verdrießen
und wenn er verdrießlich war konnte er auch zornig werden Und er fing schon
an nur dass keiner da war an dem er seinen Zorn auslassen konnte was aber noch
mehr zornig machen kann
Der Türmer hatte wirklich geblasen nicht einmal wie wenn ein vereinzelter
Reiter gesehen wird sondern in langen wiederholten und anhaltenden Stößen die
einen ganzen Heereszug bedeuten Ein Trupp Reiter in Harnisch und Helm schwenkte
in den langen Baumgang der zum Schloss führte das Eisen klirrte und grad als
die Edelfrau auf dem Hof war forderte der Anführer im Namen seiner
kurfürstlichen Gnaden Öffnung und Einlass
Alle sahen sich verwundert an es war doch nicht Fehde Herr Gottfried nicht
in Acht noch im Prozess mit der Kammer des Kurfürsten dass er Einlagerung zu
fürchten hatte
»Oeffnet sonder Zaudern« rief der Anführer den Eisenklopfer dreimal fallen
lassend »Wir wissen dass der Burgherr drinnen ist«
»Das ist ja Herr Achim von Arnim der Voigt von Potsdam« rief die Frau
»Tut auf Leute das ist etwas oder s ist eine Irrung«
Die Reiter sprengten nur zum Teil in den Hof der größere Teil blieb
draußen Der Anführer grüßte mit adliger Sitte die Burgfrau doch nicht sehr
freundlich »Es tut mir leid gnädige Frau dass wir uns so wiedersehen müssen
Doch geht Pflicht vor Freundschaft Wo ist Herr Gottfried«
»Mein Mann Ach lieber Herr von Arnim der ist eben erst aus dem Bett
aufgestanden Er schlief noch vom Landtag her«
»Das tut mir leid« sprach der Voigt mit einem Lächeln um den Mund und
sprang aus dem Sattel
»So muss ich ihn schon mitnehmen wie er ist«
»Mitnehmen Heilige Mutter Gottes was ists«
»Ist mir doch lieb dass er schon im Wamms und Hosen steckt« sagte der
Ritter da Herr Gottfried jetzt aus der Halle zum Vorschein kam »Nen Pelz
könnt Ihr ihm noch umwerfen«
Als Herr Götz ihn grüßte neigte sich der Voigt auch nicht um ein weniges
sondern hielt den weißen Stab in die Höh »Herr Gottfried von Bredow im Namen
Seiner Kurfürstlichen Gnaden Ihr seid mein Gefangener Folgt mir in Güte«
»Gefangener« rief es Das war doch auch für Frau Brigitten des Schreckens
zu viel Hans Jürgen sah Eva fragend an Agnes stürzte auf Herrn Gottfried und
umfasste ihn »Sie sollen uns den Vater nicht nehmen«
»Das könnte nicht sein lieber Herr von Arnim Das ist ein falscher Befehl
Warum«
Der Anführer hob den Arm »Auf Seiner Durchlaucht eigenen Befehl den ich
aus seinem Mund vernahm bei Potsdam in der Forst Überdem wer wagt zu
zweifeln der ein guter Vasall ist zu Brandenburg«
Ein weniges ließ er das Pergament aufrollen das er aus der Brust zog Dann
als täte es nicht not schnellte er es wieder zusammen und schaute nur nach
seinen Reitern Was er vor sich sah tat nicht gut dass ein kurfürstlicher
Diener es zu genau sah
Kaspar riss den Mund auf und drückte die Faust an die Zähne Eva schrie und
flog zu Hans Jürgen Sie fiel ihm nicht um den Hals sie legte nur die Hände auf
seine Schulter »Dass Dich doch mal« hatte Herr Götz gerufen weiter nichts
dann waren die Arme ihm straff niedergesunken und er schaute blass mit seinen
großen Augen ins Leere aber Eva rief zu Hans Jürgen »Dulden wirs« »Wir
duldens nicht« hatte er geantwortet ich weiß nicht ob mit dem Mund oder den
Augen aber er sprang zur Treppe nach der Rüstkammer Da war es gut dass der
kluge Knecht Ruprecht ihn auffing Was er ihm zugeflüstert da er ihn
unterfasste ich kanns euch nicht wieder sagen
Die Harnische der Reiter klirrten da sie einen Halbkreis um die
Burginsassen schlossen der Wachtmeister strich den Knebelbart der Voigt von
Arnim sprach kein Wort aber auf seinen geschlossenen Lippen war geschrieben Es
ist Ernst gegen den nichts hilft
Der Leiterwagen mit den Strohbündeln stand schon geschirrt im Hofe Der
Wachtmeister und noch ein Reiter setzten sich nach vorn und hinten eine Kette
mit Handschellen verbargen sie noch unterm Strohsitz in der Mitte
»Vater Vater« »Götze mein Gottfried«
Und konnte der Dechant nichts mitgeben als seinen Segen Die Burgfrau stieß
ihn fort sie schlang ihren kräftigen Arm um den Hals ihres Herrn
»Warum musstest Du mir das tun Mann Nun weiß ichs Du hast zu frei
gesprochen auf dem Landtag«
Darum Das darum und warum verhallte unter dem Gerassel der Räder und Hufe
auf der Zugbrücke »Herr Dechant Herr Dechant« riefen Mutter und Töchter dem
geistlichen Herrn nach der auch hinausritt still gesenkten Hauptes aber er
ritt nicht mit dem Wagen er schwenkte draußen um nach links
Da saß die unglückliche Frau und Mutter mit ihren Töchtern auf dem Walle
»Er hätte ihn doch trösten können auf dem langen Weg bis Spandow« schluchzte
Frau Brigitte »Was braucht der Peter Melchior des Zuspruchs der ist nur ein
bisschen krank und mein Herr « Ein Aufschrei unterbrach sie Der Wagen mit den
Reisigen als sie in den Wald lenkten hielt und deutlich sah mans sie legten
dem Gefangenen Fesseln an »Dass Gott erbarm das ist zu arg« schrien die
Mägde die Töchter bargen weinend ihr Gesicht im Schoss der Mutter die ihres in
beide Hände stützte »Nun ists vorbei nun ists richtig wir sehen ihn nimmer
wieder« Sie sah ihn auch nicht wieder als sie plötzlich sich aufraffte und mit
dem Tuche nachwehte Ross und Reisige waren im Walde verschwunden im tiefen
Sande verhallte der Ton von Hufen und Rädern
Dreizehntes Kapitel
Der Fürst und der Geheimrat
Im kurfürstlichen Vorzimmer saß der Hauptmann der Leibwache Obgleich er den
Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerückt hatte er doch sein Stahlkleid
noch mit einem Wolfspelz umhüllt es war ein kalter stürmischer Spätabend der
Wind heulte in den Böden des Schlosses und fuhr durch die Schlotte herab Die
Spree dampfte der Wohlgeruch welcher von den Aepfelkähnen dann und wann herauf
und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang schien ihn nicht zu
erquicken Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche wenn er dann
und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und ans Fenster trat zählte er die
Lichter drüben in den kleinen Häusern der winklichten Stadt wie eines um das
andere verlosch Endlich waren alle verschwunden nur auf der langen Brücke
schweelte noch kümmerlich fort die kleine rötliche Oellampe unter dem
Muttergottesbilde
Durch die geöffnete Tür sah man auf dem langen Korridor zwei Hellebardiere
mit gemessenen Schritten auf und abgehen Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an
der Schwelle im kurfürstlichen Wappenrock mit dem roten Adler auf der Brust
und in hohen Reiterstiefeln als warte er auf etwas Wenn der Ritter ihn sah
winkte er ihm mit der Hand »Er schreibt noch«
Durch die Nachtluft dröhnte jetzt ein Glockenschlag dem drei andere
folgten Von Sanct Nicolas tönten darauf zehn volle Glockenschläge Als der
letzte verklungen fing die Marienkirche an vom Rathaus antwortete es und
plötzlich summte und schwirrte es ein lautes Glockenmeer in der Luft von den
Kirchen in Köln dem Dom Sanct Peter und den schwarzen Brüdern die sich nicht
Zeit zu lassen schienen eine die andere abzuwarten Die entfernteren und
kleineren Glocken von den grauen Brüdern dem Hospital von Sanct Georg hallten
auch nachklingend in der Ferne als die Nachtwächter diesseits und jenseits der
Spree schon ins Horn stießen und ihr
Hört Ihr Herren und lasst Euch sagen
Die Glock hat Zehn geschlagen
Bewahrt das Feuer und das Licht
Damit der Stadt kein Schaden geschieht
Lobet Gott den Herrn
die Stille der Nacht für eine Weile unterbrach
Auf dem Gange schallten Tritte Die Hellebardiere schulterten der
Hoffourier der sich wieder an der Schwelle gezeigt trat ehrerbietig zurück
und ein vornehmer Herr in carmoisinem mit Gold gesticktem Wams und feiner
Halskrause trat unangemeldet mit eiligem aber einem so sicheren Schritte ein
dass man sah er war dieses Bodens gewohnt
»Ha Du hast die Wache« rief er dem Offizier zu »Das ist gut«
»Endlich Wilkin« antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen
»Welcher Teufel hat Dich denn beim Kopf gehabt«
»Erwartet mich seine Gnaden«
»Fünf sechs Mal schickte er nach Dir Wies Kind nach der Muttermilch
schnappt er nach Deinem Anblick S ist grausam dass Du Dich ihm so lange
entzogst«
Der Angekommene befühlte seine Halskrause ob sie in Ordnung sei strich die
Federn auf seinem Hut und wollte mit einem stummen Gruß an dem wachtabenden
Offizier vorbei nach der Tür zu den inneren Gemächern aber der Hauptmann hielt
ihn zurück
»Halt Jetzt schreibt er Vorhin zu spät und jetzt zu früh«
Der Kavalier warf sich in den Lehnstuhl und schöpfte tief Atem Dann
wischte er den Schweiß von der Stirn »Es ist mir ganz recht Ich muss mich etwas
erholen ich lief zu sehr«
»Nun sprich wo stecktest Du Du warst ja wie weggeblasen mit Deinem
Rappen«
»Du weißt er hat zuweilen den Koller«
»Du aber einen vortrefflichen Riecher wo es eine Spur finden gilt Als das
Unwetter gestern losging und alle Hörner umsonst schmetterten und keine Antwort
kam war Jochem allen Ernstes besorgt ein Nix eine Elfe hätte Dich verlockt
und wir würden Dich wiederfinden als kalten Mann in nem Sumpf oder an einem
Seeufer«
»Seit wann schickten Seine Gnaden nach mir Ich meine wann ist er nach Köln
zurückgekehrt«
»Gestern kehrten wir gar nicht zurück Er suchte nach Dir wie nach seinem
Schosshund da mussten wir weil wir uns bei Belitz verspätet in Potsdam
übernachten Heut Morgen ward dort gejagt erst zu Mittag kehrten wir heim Du
kannst dem Hoffourier neue Sohlen schenken so oft hat er für Dich durch Kot
und Kehricht nach der Klosterstrasse gemusst Blitz was waren Deine Wege«
»Otterstädt« sagte der Andere nach einer Pause indem er den Kopf in dem
Arm stützte »Es schleicht mir was durch die Glieder seit einiger Zeit Ists
ein Fieber oder was ists Ich sehe die Dinge doppelt oder was Andere sehen
sehe ich nicht Schauderte mich doch eben als ich ins Schloss trat und die
Ampeln wehten in den dunkeln Gängen«
»Du sahst doch nicht die weiße Frau«
Der Andere schüttelte den Kopf
»Oder trat Dir die eiserne Jungfrau entgegen und breitete die Arme nach Dir
aus«
Der Kavalier machte eine abwehrende Bewegung »Schweig schweig Dummes
Zeug ein Schwindel mir wird schon besser«
»Glaube mir« lachte der Hauptmann »es ist das Katzenwedeln Unsere Natur
ist nicht für das Scharwenzeln Wo die Weisheit mit Löffeln gefressen wird
schrumpft der Magen ein Sauf Dich mit uns mal wieder voll dann vergehen die
Blähungen im Gesichte Aber Menschenkind bist uns noch Rechenschaft schuldig
Zauste Dich das Fieber auch als Du durch die Heide rittest«
»Ich sagt es Dir ja schon mein Pferd riss mich fort Weiß nicht was ihm zu
Gesicht kam Als ichs bewältigt hatt ich die Richtung verloren ich kam nach
Brandenburg Gott weiß wie und hielt es dann für das Geratenste durch den
Barnim zu reiten Da übernachtete ich drüben in Kerzin«
»Da kann man freilich spät nach Berlin kommen Ich will Dirs glauben wenn
Dus willst«
»Du tust sehr gescheit Otterstädt Worauf wartet der Fourier«
»Auf ein Schreiben Seiner Durchlaucht«
»An wen«
»Was weiß ichs an welchen Schwarzrock oder welche Glatze Wenn er
schreibt ists ja nur an Pfaffen und Gelehrte Nach Strassburg oder Basel
solls Richtig s ist der superkluge feine Abt mit nem Tritt fängts an und
mit Haus oder Heim läufts aus der schon mal hier war und Weisheit schüttelte
wenn er sich im Bart kraute«
»Der Abt Tritteim sein Lehrer«
»Gings nach mir Wilkin so stäch ichs dem Fuhrmann der ihn bringen soll
dass er ihn in ne Pfütze würfe Da möcht er sich mit seinen lateinischen
Phrasen rausziehen Ging das gelehrte Tier nicht hier wie ein Pfau mit
gläsernen Füßen dem seine feine weiße Hand zu gut dünkt dass er unsre groben
Stühle und Tische anrührte Und als tät er eine Gnade wenn er mit Unsereinem
ein deutsch Wort wechselt«
»Diese Leute sind nicht schädlich« sagte der Andere »Ein Spielzeug für
ihn Wenn er sich mit ihnen in gelehrte Gespräche über den Mond und den Papst
vertieft ists nur zu unserem Vorteil Aber was soll der Abt jetzt«
»Was Wozu anders als zu der Hauptgeschichte derohalben wir Kurfürst
wurden Soll dabei sein Pate stehen bei der neuen Universität wie sies
nennen Darüber wird ja jetzt geschmiert und correspondirt mit Papst mit
Fürsten und Herren draußen im Reich als könnte ein Markgraf von Brandenburg
wenn er neu gebacken ist nicht Eiligeres und Nötigeres tun als ne Schule zu
gründen wo die Buben das lateinische A B C lernen Lass die Pommern die Oder
aussaufen was gehts uns an wenn wir nur in Frankfurt eine Universität
kriegen damit man von uns draußen schwatzt was für fromme und gelehrte Leute
wir sind«
»Das Testament befiehlt es ihm«
»Er tut Alles was uns nicht Not tut und nichts um was es uns zu tun
ist Tut Euch in der Priegnitz eine Universität not Wir in der Uckermark
brauchen keine Hats Mangel an Schreibern Juristen Pfaffen in der Altmark in
der Neumark in der Kurmark Pfaffen dass man sich schütteln möchte wie der
Bettler im Pelz aber wenn er nur im Mond einen Platz fände stiftete er auch da
ein Bistum«
»Sonst nichts Neues Herr von Otterstädt«
»Will seinen kleinen Bruder Prinz Albrecht wenn Frankfurt geweiht wird
zum Kanonicus weihen lassen1 Dass dich werden Alle noch Pfaffen und
Schwarzröcke werden«
»Zu Haus ist doch Alles in Ordnung«
»Prost Mahlzeit Vom Götze Bredow erfuhrst Du doch unterwegs«
»Der von Ziatz Was ist mit ihm«
»Schöne Geschichte Ist nach Spandow gebracht in den Turm gesperrt Es
gibt ein Gericht«
»Der alte Bredow« Verwundert war der Hofmann aufgesprungen »Ich das muss
ein Missverständnis sein«
»Gebunden noch dazu Soll mich wundern was die Friesacker dazu sagen
werden Plagt der Teufel den alten Krippenreiter dass er einem Juden auflauert
der mit seinem Wagen nach Berlin fährt«
»Einem Juden«
»Oder so was Genug er hat ihn geworfen leichter gemacht geknebelt und in
den Graben geschmissen Soweit ging Alles gut Nun hat aber der dämlichte Kopf
der nie viel Grips hatte vergessen dass wenn man etwas wagt man Alles wagen
und einem Kerl der schreien kann die Kehle fester zuschnüren muss Item er hat
es verdorben Es kamen Leute zu die ihn losbanden Zugerichtet wie er war
konnte er doch noch ein Lamento erheben und seinen Räuber wie so ein Kerl das
versteht beschreiben«
»Wie beschrieb er ihn«
»Nun dass es kein Zweifel ist es war der HohenZiatzer Der Schafskopf in
seinem verrosteten Panzerhemd dran noch seine Farben und in der alten
Büffelhaube die kein Mensch in der Mark mehr trägt als er darin bei hellem
Licht und auf solcher Straße einen Krämer werfen So Einen muss man nun als
Seinesgleichen gelten lassen Er war noch pfiffig genug dass er nicht gleich
nach seinem Nest kehrt machte sondern tat als ritte er nach Potsdam da haben
ihn die Marktleute gesehen und erkannt Von da ist er vermutlich im Walde
eingeschwenkt und nach seinem Sumpfloch heimgeritten Nicht wahr s geht Euch
wie mir im Kopf rum«
»Aber der Kurfürst wie erfuhr er es«
»Ich sagte Euch ja schon wir blieben die Nacht in Potsdam und jagten heute
früh dort Da kam die Mähre denn brühsiedend warm zu uns Das quikte und schrie
wie wenn ich heiß Wasser auf eine Tonne von Mäusen giesse Gerechtigkeit
Gewalttat großer Kurfürst Mir gellen noch die Ohren«
»Sprach der Kurfürst den Krämer ich meine den Juden persönlich«
»Nein Von den Katzenköpfen und dem Schnüren hat er das Fieber gekriegt
Aber der Schreiber hatte seine Aussage zu Protocoll genommen dort in Baumgartens
Fährhaus Darauf ließ der Kurfürst den Vogt von Potsdam nach Ziatz reiten und
der Vogel war in seinem Nest gefunden«
»Wird der Krämer ich meine der Jude dran glauben müssen«
»Das glaube ich nicht Der Markgraf will ihn morgen selbst verhören Aber
der Ziatzer wird es Das ist ne verdrießliche Sache Wilkin Wird uns wieder
nen Brei einrühren Der Götz hat den Ruf eines Ehrenmannes Heißt es nun
selbst der hat dem Kitzel nicht widerstehen können welche Litanei geht da von
Neuem gegen den Adel los«
»Lass ihn doch klug sprechen Je mehr er in das Sprechen kommt um so mehr
gefällt er sich darin und um so weniger tut er Wenn ihr klug wäret locktet
Ihr ihn sogar zum Reden Ihr hörtet ihm mit Bewunderung zu und wenn Ihr noch
klüger wärt antwortet Ihr mit dem Widerhall dessen was Ihr gehört Ist das so
schwer Phrasen auswendig zu lernen die uns hundert Mal vorgesagt werden Das
ist das Kunststück der Weisheit die in der Welt gelten will«
»Aber es ist nicht klug von uns ihm auf so dumme Weise zum Reden Anlass zu
geben« sagte Otterstädt »Solch ein Pfuscher im Handwerk Wärs nicht sein
guter Name er verdiente den Henker Himmel und Hölle das ganze Havelland kocht
und brennt«
»Wäre das so schlimm« sagte der Andere als die Tür zum inneren Zimmer
sich öffnete und der Kämmerer hinaus rief
»Der Geheimrat von Lindenberg«
Der Kurfürst stand vor seinem Schreibtisch ein edler schöner junger Mann
auch ohne das fürstliche Gewand das an seine ritterliche Gestalt sich
schmiegsam fügte Er las an einem entfalteten Pergament dem man es ansah dass
er es nicht zum ersten Male geöffnet dass er nicht zum ersten Male darin las Er
küsste die Schrift »Ich will es seliger Geist meines Vaters Ich habs gelobt
und will es auch halten«
Er schritt einige Mal im Zimmer auf und ab indem er die Worte die er eben
gelesen mit lauter Stimme wiederholte
Deinen Fürstentron wirst Du nicht besser befestigen als wenn Du den
Unterdrückten hilfst wenn Du den Reichen nicht nachsiehst wo sie die Geringen
überwältigen und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden angedeihen lässest2
»Erhabene Worte eines erhabenen Fürsten« sprach der Geheimrat sein Baret
mit gekreuzten Armen auf die Brust drückend indem er sich tief neigte es
schien mehr vor dem Pergament das jetzt auf dem Tisch lag als vor seinem
Herrn der sich in den Armstuhl niedergelassen hatte
»Es sollen nicht Worte bleiben es sollen Taten werden Traust Du es mir
zu Lindenberg«
»Werden Gnädigster Herr ich meine Sie sind es schon«
»O es liegt vor mir wie eine Wüste nein wie ein Gebirge Wenn ich die
höchste Kuppe erklimme war es nur ein Hügel vor dem neue Ketten Felsen
Riesengebirge sich endlos weit ausdehnen Wer führt mich durch diese
Schlangenwindungen durch diese Lawinen den graden Weg«
»Ihr selbst Wie Eures Vaters Vater ein Achilles war an Kraft wie man Euren
Vater Johannes weil seine weise Rede wie Honig von den Lippen floss einen
Cicero nannte werdet Ihr an Klugheit und Erfahrung ein Nestor sein der nicht
geführt zu werden braucht der Andere führt«
»Ich bin noch jung aber ich wills Lindenberg ich wills Wie stärkt
mich des Vaters Testament allein jedesmal wenn ich es überlese wenn diese
Honigworte wie Balsam auf mein Herz träufeln steigen auch neue Zweifel auf wie
starre Klippen die dem Schiffer den Weg versperren O allmächtiger Gott es ist
so viel was ich tun muss und ich bin doch nur ein Mensch Lies lies es wieder
dies kostbare Document des weisesten des größten des edelsten Mannes seines
Jahrhunderts«
»Lesen gnädiger Herr Ich kann es auswendig Erlaubt mir vielmehr auf
dieses heilige Pergament meine Lippen zu drücken als ein Gelöbnis dass was in
meinen schwachen Kräften steht ich treu daran halten will«
»Küsse diese Stelle«
»Ist nicht eine so viel wert wie die andere«
Vergiss nicht mein Sohn den Adel im Zaum zu halten denn sein Übermut
verübt das meiste Böse Strafe sie wenn sie die Gesetze übertreten und lass
nicht zu dass sie irgend wer es sei wider Gebühr beschweren
»Großer seliger Johannes es ist ein schmerzliches Wort«
»Das Dich nicht drücken kann Du bist nicht wie die Andern Setze Dich zu
mir Wie hat mich nach Dir verlangt Lindenberg wieder einen Menschen zu sehen
unter diesen Halbmenschen mit ihm sprechen zu können wie mir ums Herz ist
und der meine Sprache versteht«
»Eure kurfürstlichen Gnaden sandten wie ich höre so eben nach dem Abt
Tritteim ich begreife «
»Davon nachher«
»Hätten wir doch diesen herrlichen Mann am Hofe festhalten können Ich
begreife dass es ihm hier nicht wohl zu Mute war aber er hätte seine Abneigung
überwinden sollen aus Ehrfurcht und Dankbarkeit für seinen fürstlichen
Wohltäter und Schüler«
»Was sollte er hier« rief der Fürst und ein innerlicher Schauer schien
seiner Herr zu werden Unwillkürlich hatte er wieder nach der Schrift seines
Vaters gegriffen und drückte die Finger auf die Stelle welche lautet Ich
hinterlasse Dir mein Sohn ein großes Land allein es ist kein Deutsches
Fürstentum in dem mehr Zank Mord und Grausamkeit im Schwange gehen als in
unserer Mark
»Aber ich will ihnen in die Ohren mit Posaunenton rufen dass ich wach bin
weil sie denken dass ich schlafe Mir ist nicht bange ich kenne sie alle und
ihre Tücken worauf sie bauen ich will sie auffinden in ihren Gelagen und
Schlupfwinkeln in ihren Nestern und Spelunken bei Tag und bei Nacht ich will
die Straßen fegen und die Burgen auskehren Die Grossmächtigen sollen vor mir
zittern und die Wölfe will ich aus dem Schafpelz jagen den sie übergehangen
Ich will ihnen Allen zeigen dass ich sie nicht fürchte noch ihr Geschrei denn
ich bin ihr Herr«
Er war aufgesprungen und maß wieder mit stolzen Schritten das Zimmer
sichtlich durch die Erinnerung an ein jüngstes Erlebnis aufgeregt
»Ist es erhört ist es denkbar nur« fuhr er fort »dieser Räuberanfall in
meiner nächsten Nähe gleichsam unter meinen Augen wo der Hauch meines Mundes
hinreicht wo die Hufe meines Rosses den Boden kaum betreten mir zum Hohn dem
Lande zur Schmach der Gerechtigkeit die ich pflege zum Ärgernis Ein
gemeiner elender blutiger Strassenraub Es ist mir als hätte der Raubmörder an
alle Bäume geschrieben unter denen ich fortritt Wehe dem Lande dessen König
ein Kind ist Aber sie irren sich«
»Mein Durchlauchtigster Herr meint den Anfall von vorgestern an dem Juden
von dem ich hörte«
»Heute Lindenberg es sind noch nicht vierundzwanzig Stunden um«
»Der Jude Euer Gnaden soll «
»Es ist kein Jude Du musst Dich ja des Krämers entsinnen der uns in
Saarmund am Zoll seine Waren ausbreitete Ich kaufte davon Es ist mein Geld
die Beutel noch von meinem Seckelmeister versiegelt riss die verfluchte Hand
des Diebes fort«
»Wenn ich es nicht aus so glaubwürdigem Munde hörte sollte ich es kaum
glauben Jetzt entsinne ich mich auch dieses Krämers Er war im grünen Wams
richtig Sein Gesicht ich bekenne flößte mir schon damals wenig Zutrauen ein
und ich sah ihm auf die Finger als ihm das Geld aufgezählt wurde Aber ich muss
mich doch getäuscht haben Also es war kein Jude«
»Ich hasse die Juden Lindenberg und denke auch diesen ungläubigen
Wucherern einen Daum aufs Auge zu setzen wenn ihre Zeit kommt denn sie sind
und bleiben Verräter an dem Blute unseres Herrn und Heilandes Aber und wäre
es Simon der Schächer oder Ischariot gewesen der die dreißig Silberlinge trug
es hätte Keiner ein Recht es hätte sich Keiner unterstehen sollen wo ich den
Blutbann habe seine Hand an ihn zu legen Oder zweifelst Du«
»Ich zweifeln wo mein Herr spricht«
»Und doch stehst Du sinnend da Bist Du anderen Sinnes Ich liebe freie
Meinungen auch wenn sie meiner entgegen sind«
»Ich bekenne dass allerdings ein Zweifel eben auftauchte und wünschte wohl
dass mein gnädigster Herr mir da zu Hilfe käme Gesetzt was Ihr da eben
anführtet Judas Ischariot wäre es der von Köpnick nach Berlin mit seinem
Sündengelde zieht und ich begegnete ihm im Walde beim heiligen Johannes ich
glaube nicht dass ich eine Sünde täte wenn ich ihm auf den Kopf schlüge Und
wär es hilf mir Gott ich glaube doch ich tät es Gnädigster Herr mir
scheint die Frage von Wichtigkeit Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist und
Gott was Gottes ist verzeiht mir ich spreche nur als Laie aber ließe sich
der Spruch hier nicht anwenden Nein Herr auf die Gefahr Eurer Ungnade die
Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen Ist Judas Ischariot nicht ärger als
der Teufel der doch vor unserm Heiland weichen musste und konnte ihn nicht in
Stricke und Versuchung bringen wogegen Judas unsern Herrn in die Stricke seiner
Feinde verraten hat Den Teufel tot zu schlagen das könnte doch kein Gericht
mir wehren so es in meiner Macht stände Die Frage scheint mir allen Ernstes
wichtig genug dass ein christlicher Fürst sie an die Universitäten schickte
damit man die Gutachten der theologischen Facultäten darüber erführen«
»Die Facultäten Lieber würden vielleicht antworten dass kein Mensch ein
Recht hat auch nur den Teufel tot zu schlagen sintemal Gott ihn bestehen
lässt dass er uns zu unserm Heil versucht Was nun Judas anlangt so hat Gott es
auch gefügt dass weder Ihr noch ich ihm in der Köpnicker Heide begegnen könnt
da er längst seinem Gerichte verfallen ist Auch ist nicht der geschlagen
sondern der Krämer Hedderich und der ihn schlug seid nicht Ihr sondern es ist
Gottfried Bredow Was sagt Ihr dazu Nicht wahr es stehen Euch die Haare zu
Berge«
»Die Sache fordert «
»Die strengste Untersuchung Die soll ihr werden«
»Gewiss die allerstrengste gnädiger Herr Und doch überschleicht mich ein
Bedenken ob es nicht geratener sei die ganze Sache auf sich beruhen zu
lassen Verzeiht mir es ist nur eine Ansicht Der Gerechtigkeit natürlich ihren
vollen Lauf aber das Wohl des ganzen Reiches vor allem Eurer Selbst Eurer
erlauchten Familie kommt doch auch in Betracht Die Macht die Verbreitung der
Bredows über das ganze Havelland die halbe Zauche wo sind nicht die Bredows
muss man nicht aus dem Auge lassen Ich weiß wohl es sind nicht mehr die Zeiten
der Gänse von Puttlitz und der Quitzows ich rede auch nicht von einem
Aufstande der zu fürchten wäre Euer starker Arm würde ihn niederschlagen
Rücksichten aber hat jeder Fürst insonderheit jeder christliche Fürst und noch
mehr Einer der nur für das Wohl seiner Untertanen lebt Also ganz abgesehen
von einer Furcht vor Etwas was mein hoher Herr nicht fürchten darf Ihr schlügt
einem Feinde in den Nacken der furchtbar werden kann. Ich meine die Meinung
welche die Familie für sich hat Sie haben in letzter Zeit sehr viel auf sich
gehalten man hörte seit dreißig Jahren nicht dass ein Bredow auf der Straße
lag Welches Aergernis gäbe ein Prozess und gerade gegen eines ihrer Mitglieder
das sich des besten Rufes erfreute Eine scharfe Gerechtigkeit gegen ihn geübt
würden selbst die Gerechten verdammen«
»Es ist geschehen«
»Es ist noch nicht verlautbart man kann es noch ungeschehen machen Dieser
lumpige Krämer lässt sich abfinden wenn nicht mit Wenigem kann man viel geben
Die Bredows in Friesack würden tief in ihre Läden greifen aber wenn mein Rat
durchginge ließ wir es nicht bis dahin kommen Befehle mein Kurfürst so
würde ich mit Vergnügen selbst das Mittleramt übernehmen«
»Ich habe dem Feinde in den Nacken geschlagen dem ich ins Auge sehen
will« rief der Kurfürst aus und seine Augen leuchteten vor edlem Zorn »Morgen
wird der Übertreter nach Berlin geführt ich werde ihn richten Auswendig
Lindenberg willst Du das Testament meines Vaters kennen und hast doch schon
seinen Inhalt vergessen Legst Du so die Worte aus Deinen Thron wirst Du nicht
besser befestigen als wenn Du den Reichen nicht nachsiehst wo sie die Geringen
überwältigen und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden widerfahren lässest Ich
will den Reichen nicht nachsehen ich will gleiches Recht einem Jeden schenken
Ist ers dann beim Wohl meines Landes bei meinem Schutzpatron bei den
Heiligen allen beim höchsten Gotte den Rücksichten einen Fußtritt die
zwischen mir und meiner Pflicht sich eindrängen wollen«
So hatte der Geheimrat seinen Herrn noch nicht gesehen Auch Johannes
Cicero als er die fünfzehn Schlösser der Raubritter niederreissen als er die
Schuldigen richten als er in Stendal das Henkersschwert walten ließ gegen die
Aufrührer so furchtbar hatte er ihm nicht gedünkt als jetzt der Sohn Der Sohn
in seinem Zorn der doch kaum aus dem Jünglingsalter zum Mann geworden Welche
Aussicht lag vor ihm
Der Kurfürst mochte den Eindruck bemerkt haben den seine Rede auf seinen
Liebling hervorgebracht Er setzte sich wieder und winkte ihm freundlich neben
ihm Platz zu nehmen
»Ich mag es begreifen wie es Dich schmerzt sie sind Deines Blutes und
Standes Soll es mich aber nicht mehr schmerzen der ich das Siegel und das
Haupt bin ihres Bundes Wie soll ich mit meiner Ritterschaft vor Kaiser und
Reich bestehen wo ich ihre Ehre verteidigen und vertreten soll und gleich
geachtet wissen mit denen in Franken und Sachsen in Schweden Westphalen und am
Rheine wenn sie hohnlachend auf sie weisen und sprechen sind das Deine
Ritter die Nachts in die Hürden brechen und Hammel und Ochsen stehlen und Gänse
forttreiben Damit ich da nicht erröten muss und weinen über Alle muss ich hier
ausreuten das Unkraut vom Weizen Mag dieser eine Mann nur dies eine Mal
verfallen sein den Stricken der Versuchung da tut es mir leid um ihn mehr
kann ich nicht als ihn beklagen Dann aber wird seine Bestrafung anders wirken
als Du fürchtest denn die Leute werden denken wenn selbst ein langer
untadelhafter Wandel vor dem Verbrechen und der Strafe nicht schützt wie muss da
täglich Jeder beten und stündlich auf sich Acht haben dass ihn der Böse nicht in
einer schwachen Stunde beschleiche wo die sündige Lust und der Kitzel dieser
Stunde die Gedanken und Werke von vielen Jahren vernichtet«
Der Herr von Lindenberg schien wieder seine vorige Ruhe gewonnen zu haben
»Euer Durchlaucht Gründe haben mich überzeugt Es kann nur der leibhaftige
Satan gewesen sein der diesen Mann verführt hat Satan dessen Macht Euer
Gnaden hochgelehrter Hofkaplan noch letzten Sonntag in der Predigt so dass uns
Allen die Haare zu Berge standen beschrieb Auf die Aussage des Krämers ist
nichts zu geben er war von Angst und Schreck geblendet Mir scheinen da
geheimnisvolle Dinge im Spiel Wie wenn man die Sache dem Freigericht
übertrüge Die heilige Vehme im Besitz uralter Überlieferungen ist in diesen
geheimen Dingen sicherer das Rechte zu treffen Auch üben ihre Aussprüche die
Vollstreckungen ihrer Urteile auf das Volk noch immer eine wunderbare Macht
Ist es geschehen forscht Niemand nach dem Warum Wenn eines Morgens Gottfrieds
Leiche auf der langen Brücke mit getrenntem Kopfe läge wenn es hieße dass er
verfehmt verdammt von dem Schreckbilde des Volkes der eisernen Jungfrau
umhalst seine Übertretung gebüßt alsdann wären alle schlimmen Folgen von der
Person meines Fürsten abgewälzt«
»Ein heimliches Gericht« rief Joachim »Da sei Gott für Was ich tue soll
das Licht der Sonne nicht scheuen ich wills vertreten vor männiglich«
»So erwartete ich es von meinem gnädigsten Herrn«
»Und du lächelst wo mich in der Seele schaudert«
»Freimütig will ich es gestehen mich befremdete der Gegenstand des
Gespräches Während ich glaubte dass mein Fürst mich zum Rat über Wichtigeres
berufen beschäftigt ihn ein elender Strassenraub Vertieft dachte ich ihn mir in
den großen Planen wie wir endlich den sehnlichen Wunsch die ernste Aufgabe
seines Vaters lösen Es ist eine Ehrenaufgabe Eures Hauses Der Kaiser fordert
es dass jeder Kurfürst in seinen Landen eine Hochschule gründe die Stände des
Reiches dringen darauf schon seit zwei Geschlechtern Euer Vater hinterließ die
Gelder «
»Kannst Du zweifeln dass ich sie richtig verwenden werde«
»Behüte mich der Himmel vor solchem Frevel Doch begreife ich nicht wie
meines Fürsten Geist ganz von diesem großen Geschäfte erfüllt noch mit Dingen
sich abgibt die er seinen Räten und Dienern überlassen kann«
»Da sieh hier« rief Joachim und riss aus den Fächern seines Schreibtisches
Papiere und Pergamente »Hier fließt die Oder hier ist Frankfurt das ist der
Riss zum Kollegienhaus im künftigen Jahre wird der Bau begonnen In dieser
Kapsel ist die Bulle des Papstes hier ist des Kaisers Freibrief den mein Vater
schon empfing Dies Pack die Briefe gewechselt mit den Gelehrten in Basel
Strassburg Leipzig Lächelst Du wieder darüber«
»Mein verdammter Mund der so wenig ausdrückt was die Seele denkt Ich bin
kein Gelehrter wie mein Fürst aber wär ichs ich könnte mich nicht mit andern
Dingen daneben beschäftigen Auf die Gefahr meinem Herrn zu missfallen spreche
ich es geradezu aus es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimrates wenn
die Seele von einem Gegenstande erfüllt ist sollte sie auch alle Kräfte ihm
widmen Wie lange hat sichs nun schon hingezogen dass die Mark einer
Universität entbehrt weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen
lästigen Sorgen gedrückt war Ob die Straßen fahrbar ob sicher sind ob die
Zölle gut verpachtet ob die Bierziese richtig eingeht dafür können andere
sorgen aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen zu diesem hochheiligen
Geschäfte weiß ich nur Einen der fähig ist und jeder Augenblick den er zu
anderen Beschäftigungen abstiehlt ist ein Raub«
»Ein Fürst soll seine Augen überall haben«
»Und doch ist er nur ein Mensch Indem er Alles selbst sehen nichts seinen
Getreuen überlassen will sieht er oft das Wichtigste nicht Da ist es denn
geschehen dass Kursachsen uns zuvorkam Wittenberg ist gegründet und wir wollen
noch Frankfurt bauen«
»Mein Frankfurt soll Wittenberg überflügeln«
»Aber schon entging uns der gelehrte Dr Simon Pistoris Er bleibt nun in
Leipzig weil sein Gegner der Dr Pollicius nach Wittenberg gegangen Diese
Säule von Gelehrsamkeit die allein eine Universität getragen dieser erste Arzt
Deutschlands ist uns verloren«
»Ich meine wir haben dafür einen andern bessern gewonnen« sprach der
Kurfürst mit freudestrahlenden Blicken indem er ein eben eröffnetes Schreiben
dem Ritter vorlegte
»Wimpina kommt«
Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Überraschung und Freude
auf »In der Tat das hatte ich nicht erwartet Das ist ein Gewinn«
»Ein ungeheurer sage ich Dir Lindenberg Eine Schule auf weltliche
Weisheit gegründet ist ein halbes Werk in Pistoris verloren wir einen großen
Arzt des Leibes in Dr Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes, eine Säule der
Kirche den ersten Theologen Germaniens Ich wünsche Du kenntest seine
gelehrten Streitschriften Noch kein Gelehrter hat mit solchen überzeugenden
Gründen mit solchem göttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert«
»KochWimpina« rief Lindenberg »Derselbe welcher in der Streitschrift
gegen den Toribäus die Zahl der Ehemänner der heiligen Anna Christi
Großmutter feststellte3 und mit welcher glänzenden Beredsamkeit Dr Musculus
las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor Eure Gnaden waren ja selbst
zugegen Ich darf gestehen ich ging nie so erschüttert und erbaut nach Hause«
»Derselbe Lindenberg Kommen wir noch zu spät« rief er triumphierend
Der Geheimrat verneigte sich tief
»Hast Du noch etwas zu sagen Hast Du noch zu tadeln Sprich es aus«
»Ich kann nur wiederholen was mein Herr schon gesprochen Eine hohe Schule
ist wichtiger als Alles Der Geist, der von da aus über die Mark sich
verbreitet wie aus einem reichen vollen Fluße Wassergräben und Rinnen wird
den trocknen dürren Boden durchsickern und die Früchte der Zucht Gesittung
der Ordnung und des Fleißes herstellen So bessern wir am besten so allein den
Zank Mord und Grausamkeit von denen der erlauchte Johannes spricht Aber nur
wenn der Fluss selbst klares Wasser ist Dass die Worte die mein Fürst sprach in
Granit über der Türe eingegraben würden eine Schule auf weltliche Weisheit
gegründet ist nur ein halbes Werk Herr mein Fürst lasst Euch nie verleiten
durch glänzenden Ruf der Gelehrteit beruft immer nur rechtgläubige Gelehrte
die Säulen werden der Kirche nicht der weltlichen Wissenschaft So nur wird
Frankfurt hier aufblühen wenn die Kirche hier ihre Säulen findet wenn die
Gelehrten festhalten an ihren Satzungen unerbittlich in dem was den weltlich
Gelehrten eine Torheit scheint Wo ist denn die Grenze zwischen dem was der
Verstand begreift und der Glaube fasst und der ketzerische Dünkel dass ich es
bekennen muss ist von Alters in der Mark zu Hause auch der Adel ist nicht davon
frei vielleicht daher die Verderbnis die wir beklagen«
Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen »Tue ich es denn nicht«
»Euer Wille ist gut Eure Weisheit über alle Frage aber dennoch weiß die
Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligtum zu dringen Wer hat die
Einsicht auf allen ihren Krümmungen ihr zu folgen Sagt man doch selbst von
diesem Abt Tritteim «
»Was«
»Er ist gewiss ein großer Gelehrter Sei es auch fern von mir zu zweifeln
dass er ein gläubiger Christ sei Aber man meint doch dass er für einen Christen
sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft Da spricht man von wunderbaren
Dingen «
»Ich weiß es Das dumme Volk hält jeden für einen Zauberer der in ihre
Geheimnisse zu dringen sucht«
»Auch in die verbotenen Herr«
»Die Naturwissenschaften sollen frei sein Das will ich Lindenberg Da sind
noch Dinge verborgen die wir aus tiefen Schachten fördern müssen wie das Gold
das erst in der Sonne glänzt Da muss man den Arbeitern freie Hand lassen zur
Ehre Gottes Und schützen muss man sie gegen das Volk Das ist Fürsten Pflicht
Ich will das Licht Was senkst Du die Augen«
»Ich will es glauben dass der Abt Tritteim kein Zauberer ist da mein Herr
es mich versichert «
»So wenig als ich es bin4«
»Aber ich will es nicht für gewiss behaupten doch hörte ich es von sicheren
Leuten er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne Das Scheinbild der
Sonne habe nur stillgestanden die Sonne aber sei weitergegangen«
»Tritteim Nein das darf er nicht An den Grundfesten der Religion darf
auch die Wissenschaft nicht rütteln Beruhige Dich Lindenberg ich werde mit
ihm darüber sprechen Er wird sich von seinem Irrtum überzeugen lassen«
»Er wird es davon bin ich überzeugt Mein gnädigster Herr vielleicht
beleidige ich Eure bessere Einsicht ich spreche ja nur als Laie aber verzeiht
mir oder verdammt mich ich konnte nicht anders«
Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Fürst ihm
zugehört Er fasste seinen Arm »Lindenberg das ist gesprochen wie «
Er unterbrach sich selbst wie von einem plötzlichen Entschluss durchzückt
und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nussbaumschrank dessen
schweres Schloss er aufdrehte Aber ebenso schnell ließ er es wieder ruhen
»Nein nicht hier morgen vor dem ganzen Hofe will ich Dir meinen werde
ich Dir antworten«
Mit einem gnädigen Kopfnicken entließ der Fürst den Geheimrat
Er ergriff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle
Straf die Schmeichler die Alles Dir zur Liebe und nichts zu des Landes
Wohlfahrt reden Wirst Du ihnen folgen so wirst Du Deine klugen Räte
verlieren Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte welches im süßen
Schlaf zu Herzen dringt und den Tod wirkt ehe man es gewahr wird
Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschloss sprach der Kurfürst
Joachim
»Gelobt sei der Herr ich habe einen Rat der kein Schmeichler ist«
Fußnoten
1 Albrecht der nachmalige Erzbischof von Magdeburg und Kurfürst von Mainz
Tebels und der Wissenschaft Beschützer
2 Diese und die folgenden gesperrt abgedruckten Sätze wörtlich aus Johannes
Ciceros Testament
3 Factum wie auch die übrigen Anführungen Koch Wimpina als Rector der
Universität Frankfurt nachmals der größte und wirksamste Gegner der Reformation
in der Mark
4 Weil Tritteim seine Zeitgenossen an Kenntnissen übertraf und auch in den
sogenannten geheimen Kenntnissen der Sternkunde in der Physik Chemie und
Arzneikunde bewandert war wurde sowohl er als sein Schüler der Kurfürst von
Vielen für einen Schwarzkünstler gehalten
Vierzehntes Kapitel
Die Macht der Überzeugung
Es war großer Markttag in Berlin Aber wo die Verkäufer und Käufer ihre Köpfe
zusammensteckten wars nun bei den Tuchen aus Brandenburg und Burg oder bei
den Stiefeln aus Kalau oder dem süßen Gebäck aus Spandow oder den Kochlöffeln
und Quirlen und den Honigwaben welche die Wenden aus Beeskow und Storkow
feilboten überall gab es nur eine Neuigkeit die besprochen ward Ein
Raubritter war gefangen worden und in Ketten eingebracht und sollte gerichtet
werden Ein Bredow war es und der Bredow von HohenZiatz das wussten Alle aber
was er getan wie er gefangen ob er allein für sich stand oder im Bunde mit
Vielen darüber liefen so verschiedene Erzählungen um als Berlin und Köln
zusammen Einwohner hat Eine war immer schreckhafter als die andere wie der
Kurfürst gewütet und sich die Haare gerauft und geschworen er wolle ihn an den
höchsten Galgen hängen lassen
Waren die Bürger und die von draußen uneins ob sie darüber sich freuen oder
klagen sollten denn Einige meinten es sei doch schade dass es gerade den
Götze Bredow getroffen so sah man dafür nur zornige Gesichter unter den
Herren die vom Lande gekommen Sie steckten die Köpfe zusammen in den Schänken
und Gaststuben die Augen rollten und die Fäuste schlugen auf den Tisch Was da
geflüstert ward die Flüche und Drohungen die von den Lippen quollen wie Jener
über die Tafel spie und mit dem Fuß auftrat dass die Tischbeine knackten es war
gut für die Herren und das Gemeinwohl auch dass es dazumal noch keine Horcher
gab und gab es deren dass die Angeber nicht bezahlt wurden die nichts
hinterbringen konnten als Worte Davon wären heutzutage Berge von Acten
geschrieben und Processe geworden die hätten lange Jahre gedauert ja es hätte
nicht Tinte genug gegeben noch Papier um Alles zu schreiben noch hätte die
Mark so viele Festungen gehabt um Alle die verurteilt wären einzusperren
Auch dazumal kamen die Worte bis zu den Geheimräten und Kanzlaren und den
Fürsten selbst die aber dachten Einer wie der Andere Worte sind Wind Der
kommt und geht und der ist ein Tor der den Wind fassen will Und darum ward
es nicht schlimmer Den Kurfürsten aber nannten seine Zeitgenossen und
Nachkommen Joachim Nestor oder Joachim den Weisen1
Durchs Spandauer Tor kamen an die Hundert geritten in Wehr und Waffen und
sahen gar nicht freundlich aus Es waren die Bredows von Friesack mit ihren
Lehnsvettern und Lehnsleuten Jeder wusste um was sie kamen und verargte ihnen
nicht ihre bösen Blicke aber es ward darum keine Trommel gerührt noch
schickten die kurfürstlichen Offiziere ins Schloss dass man sich vorsehe ja die
Wache am Tor trat nicht einmal ins Gewehr Die Bredows ritten nach ihrem Hause
am hohen Steinweg um da zu ratschlagen was zu tun sei und man fand das gut
und ließ sie ratschlagen so viel sie wollten erst wenn sie etwas getan das
nicht gut war dann war es Zeit dass man nach ihnen fahndete und richtete
An seinem Fenster aber sah sie der Herr von Lindenberg vorüberreiten und
sein blasses Gesicht ward darum nicht freudiger Man sah ihm an dass er die
Nacht wenig geschlafen sein Morgentrunk stand auf dem Tische fast unberührt
sein buntes glänzendes Hofkleid schien wie ein Spott zu seiner Miene An seiner
Tür klopfte es und herein trat der Dechant von AltenBrandenburg
In Beider Blicken sprach sich etwas aus was keiner Verständigung durch
Worte bedurfte Da bedarf ein Gespräch keiner langen Eingänge
»Wir haben wohl Beide Eil« sagte der Herr von Lindenberg
»Es freut mich dass mein gnädiger Herr von Lindenberg zu Hofe sein muss so
kostet das warum ich ihn bitte keinen besonderen Gang«
»Ihr kennt wie ich den unbiegsamen Charakter meines Herrn«
»Auch wenn der Herr von Lindenberg es auf sich nimmt diesen Sinn zu beugen
Wir haben alle Beweise gesammelt die Zeugen sind unterwegs dass Herr Gottfried
in jener Nacht geschlafen hat«
»Sagt lieber dass er zu Bett gegangen und spät am Morgen aufgestanden ist
Der Kanzler wird entgegnen dass damit nicht das Alibi erwiesen dass es eine oft
vorgekommene List derer ist die Nachts ausziehen sich Abends vor den Leuten zu
Bett zu legen und Morgens vor den Leuten aufzustehen derweil man in der Nacht
durch die Fenster schlüpft an einem Seil über die Mauer gleitet und auf der
Koppel ein gesattelt Pferd findet Da kann man denn auch schwören dass das Tor
verschlossen blieb Übrigens wisst Ihr was die Zeugnisse der Dienstleute und
Freunde in solchen Dingen vor Gericht gelten«
»Auch mein Zeugnis« sprach der Geistliche mit einem scharfen Blick auf den
Ritter »Ich komme eben von einem Krankenlager Es war ein jammervoller Anblick
den edlen Herrn von Krauchwitz zu sehen wie er vom Fieber und unaussprechlicher
Angst geschüttelt alle Heiligen anrief sich seiner zu erbarmen Etwas ruchlos
sonst in seinen Gesinnungen schien doch die Gnade plötzlich zum Durchbruch
gekommen Eine rechte Freude war es einen solchen Sünder in zerknirschter Busse
der Kirche wieder gewonnen zu sehen Auf seinen Knien die Hände krampfhaft
faltend «
»Herr Dechant« unterbrach ihn der Ritter aufspringend »Ihr seid ein Diener
der Kirche Ihr kennt Eure heiligen Pflichten Ein Priester der das Geheimnis
der Beichte bricht und gält es des Kurfürsten Leben Joachim vergibt es ihm
nimmer«
»Nicht in der Beichte als Freund vertraute mir der Junker was er wusste
Mich bindet nichts als meine Vernunft wenn ich alle Schritte tue die
Freundschaft und Religion mir gebieten die Ehre und das Leben eines
unschuldigen Freundes zu retten«
Sie standen sich gegenüber der Ritter mit gekreuzten Armen der Geistliche
die Hände in den Aermeln verschlungen und maßen sich mit ihren Blicken
»Sprecht« sagte der Geheimrat mit vollkommener Ruhe das Auge scharf auf
den Priester der seine Augen jetzt auf der Diele ruhen ließ
»Der Rechtsstreit unseres Domcapitels über die Kaveln und die Fischerei in
den Havelseen dauert schon Jahre und kann noch Jahre dauern und wiewohl ich
nicht zweifle dass das Recht welches auf Seiten des Stiftes ist zu Tage kommen
muss so sind die Grävenitze doch leider jetzt im Besitz und «
»Und Ihr möchtet gern die süßen Karpfen die Aale Karauschen und Zander
schon jetzt auf Eurer Tafel haben Herr Dechant Ich bin nur der Vormund der
Grävenitzschen Kinder«
»Als gerechter Vormund dürft Ihr aber doch kein Unrecht verteidigen Ihr
könntet Namens der unschuldigen Kleinen «
»Das ist viel gefordert Herr Dechant«
»Es steht bei Euch was Ihr opfert und was Ihr gewinnt abzuwägen Ich
spreche nicht für mich nur im Auftrag des Kapitels das mir schon seit länger
Vollmacht erteilte«
Der Geheimrat schwieg eine Weile »Der Kauf wäre für Euch zu vorteilhaft
und mein Gewinn mehr als zweifelhaft Mit den stummen Fischen stopfe ich nur den
Mund eines Zeugen Wo soll ich Fische hernehmen für die andern Mäuler So wie
Euer Verstand Euch sagen wird kann ich auf den Handel nicht eingehen Ihr müsst
zulegen viel das Beste«
Der Dechant schlug wieder die Augen auf »Sprecht«
»Götze war es dabei bleibt dabei muss es bleiben Glaubt Ihr nicht dass ich
auch Beweise sammeln kann Ich habe auch Zeugen vorzuführen Aber ich will einen
besseren haben Götze selbst soll es eingestehen«
Mit halb offenem Munde sah ihn der Geistliche an
»Wäre das so schwer ihn zu überreden dass er eine Tat einräumte die ihm
vor den Menschen keine Schande macht Was hat nicht der Krämer beim Handel
seine Leute übers Ohr gehauen mussten diese nicht selbst Justiz an ihm nehmen
Noch mehr wie ich erfuhr hat der Schelm von dem Trockenplatz des Herrn
Leibkleid bei nächtlicher Weile fortgestohlen Sollte Götz das ruhig hinnehmen
Wenn er gesteht will ich sein Advokat sein vor dem Kurfürsten Und kein
schlechter das glaubt mir Nur ein Exzess in eigenmächtiger Selbsthilfe war es
in die andere Wagschale tut man seinen guten Leumund die ganze Ritterschaft
tritt für ihn ein Eine ritterliche Haft von ein paar Monaten eine Geldbusse von
ein paar Mark die ich bezahlen will und der ganze Bettel ist ausgeglichen«
»Gnädigster Herr wer soll ihn dazu überreden«
»Wozu seid Ihr Pfaff wozu habt Ihr Logik studiert und die Beredsamkeit in
Ingolstadt«
»Wenn er bei gesunden Sinnen ist Herr von Lindenberg «
»Auf den Götz kommts nicht an es kommt auf Euch an ob Ihr bei gesunden
Sinnen seid«
»Er ist zu ehrlich und wahrhaftig«
»Will ich denn dass er lügen soll Wenn er nicht geschlafen wenn er
gewusst hätte dass der Krämer mit seinen Hosen durchging würde er nicht gewütet
und getobt würde ernicht auch ohne Hosen aufs Pferd sich gesetzt haben und
hätte er dann ihn sanfter gestreichelt«
»Ich glaube kaum«
»So verständigen wir uns Er schlief acht volle Tage so glaubt Ihr er ich
vielleicht auch aber tut der Mensch im Schlafe nichts Vegetirt träumt er
nicht fährt er nicht auf ja man weiß sogar dass er auf Dächern spazieren geht
Ists so schwer ihm einreden dass er das getan was er hätte tun müssen
was er bei freien Sinnen getan haben würde Ehrwürdiger Herr bedürfen denn
nicht Menschen wie er immer eines Vormundes wie denn eigentlich die Mehrzahl
der Menschen nur nachspricht was Andere ihnen vorsagen Worauf wäre das
Regiment der Kirche begründet als dass sie bei guter Zeit die Vormundschaft über
die Unmündigen übernahm Diese Zeit möchte ihrem Ende sich nähern da mancher
Laie mündig wird Es täte daher gut wenn die Kirche bei Zeiten vernünftig
teilte was sie nicht allein besitzen kann«
»Herr von Lindenberg wir verstehen uns aber die Aufgabe «
»Ist nicht so schwer als sie aussieht Kann Götz ein künstlich gewebtes
verschlungenes Redenetz rasch durchschauen Nein Kann er darin gefangen sich
loshaspeln Vielleicht wenn er wieder geschlafen hat und erwacht ist und noch
einmal geschlafen hat Das mag er wir haben was wir wollten Auf dem Landtage
hat er immer Nein gesagt aber der Landtagsmarschall wusste ihn so zu verstricken
in seinen Reden dass er immer glaubte Ja gesagt zu haben und als er aufwachte
stand es zu Papier und sein Name darunter Ich sage Euch da nur sehr was
Alltägliches was auf jedem Landtag vorkommt aber wollt Ihr minder klug sein
als unser Landtagsmarschall«
Der Ritter legte seine Hand auf des Dechanten Schulter und sah ihn mit
durchdringender Freundlichkeit an
»Es wäre aber sein Weib «
»Wir haben es nur mit ihm zu tun Sie ist in HohenZiatz Man hat
Einlagerung nachgeschickt damit nichts verschleppt wird«
»Versuchen will ich es« sprach der Dechant mit gedämpfter Stimme »in
Anbetracht dass das allgemeine Wohl «
»Um Gottes Willen lasst das aus Eurem Gebet Fliegt jetzt nach dem Mühlenhof
Der Vogt von Hoym wird Euch ohne Zaudern einlassen Geistliche finden bei uns
nirgend verschlossene Türen Der Hofprediger Musculus ist wie ich höre schon
bei ihm Sprecht wie Cicero wie Sanct Johannes singt wie Orpheus aber in
einer Stunde muss es geschehen sein«
Der Dechant ging An der Tür fasste der Ritter noch einmal seine Hand
»Der Bischof Scultetus wird alt Mir hat es nie gefallen dass ein
Bauernsohn eines schlesischen Schulzen Enkel den Bischofssitz von Brandenburg
einnehmen durfte Wenn ich dann noch in der Nähe des Kurfürsten bin so seid
dessen gewiss dass nur ein Kurmärkischer von Adel zu dieser erhabenen Würde
gewählt wird Herr von Krummensee rechnet dann auf mich« Er drückte ihm die
Hand
Es wäre ihm gut gewesen wenn der Dechant fliegen können denn das Gedränge
auf der Straße war groß es war aber doch vielleicht besser dass er nicht flog
sondern nur mit großer Anstrengung sich durch die Volkshaufen und Marktleute den
Weg bahnte Inzwischen hatte ihm ein Anderer auf unerwartete Weise bei dem
Gefangenen den Weg in ganz anderer Weise gebahnt
Der HofKaplan Andreas Musculus ein junger Priester war auf Anlass einer
alten Frau von Bredow die in Berlin lebte zu ihrem gefangenen Verwandten
gegangen um ihm Trost einzusprechen oder seine Beichte abzunehmen Sie hatten
Vieles und lange mit einander gesprochen und Musculus den gedrückten Mann noch
durch keine zornschnaubenden Verwünschungen und Blicke auf seine Sündhaftigkeit
niedergeschmettert wie wohl der Priester Art ist. Vielmehr hatte er so
aufmerksam ihm zugehört wie ein Arzt der einen Kranken dessen Zustand ihm
noch zweifelhaft erscheint ganz aushören will um alle Symptome zu erfahren
bis er sein Urteil spricht
»Es muss mit dem Satan zugehen« schloss der Gefangene »ich kann mirs gar
nicht anders denken Bin mir doch keines Fehls und keiner Sünde bewusst Die drei
Wochen dass wir Stände beim Landtage saßen lieber Gott da haben wir doch Alle
nichts getan das weiß jedes Kind Ihr nickt dazu Dann kam der Festschmauss da
tranken wir auf des Kurfürsten Wohl und des ganzen kurfürstlichen Hauses so
lange wir stehen konnten das ist doch keine Sünde Wies unterwegs war das
weiß ich nicht Dann kamen wir in HohenZiatz an das weiß ich noch Sie
brachten mich zu Bett das wird Sonntag vor acht Tagen gewesen sein Freilich
da konnte ich nicht zur Kirche Wäre das etwa Ihr schüttelt den Kopf Und von
da ab hab ich denn doch geschlafen eigentlich bis ich wieder nach Berlin
geholt wurde Da fällt mir etwas ein Meine Frau die Brigitte s ist ein gutes
Weib aber sie sagen dass sie ein bisschen freigeistisch wäre ich verstehe das
nicht Wärs das etwa«
Der Prediger schüttelte den Kopf »Danach verlangt itzo Satan nicht Strengt
Euer Gedächtnis lieber Ritter vielmehr anderswo an Habt Ihr immer geträumt«
»Das wohl ich weiß es nur nicht mehr recht Einmal das war kurios stand
ein langer Mann vor meinem Bette im roten Mantel mit einem großen blanken
Schwert unterm Arme der fragt mich Warum warst Du in Berlin Ich sagte Ich
war ja Landstand Was hast Du da getan fragte er Ich sagte Ich habe
gegessen getrunken geschlafen Ja gesagt und Vivat gerufen Er sagte Dazu
brauchst Du keinen Kopf Und Schwipp Schwapp schlug er ihn mir ab Er rollte
unters Deckbett dass ich Mühe hatte ihn wieder zu greifen War das etwa der
Gottseibeiuns«
Der Prediger besann sich aber schüttelte den Kopf »Nein lieber Mann in
der Gestalt zeigt itzo Satan sich nicht Ich sage nicht dass er sich nie so
gezeigt noch je so zeigen wird allein das ist es nicht«
»Ich hab mir sonst so mancherlei Bedenken darüber gemacht«
»Das ist aber Satans Werk lieber Herr von Bredow dass er die Gedanken der
Menschen ablenkt auf andere Dinge damit sie seinen Spuren nicht folgen sollen
und das ist mein ganzes Studium dass ich ihm auf der Fährte bleibe Er ist gar
nicht so stark als die Theologen meinen dass er überall Gott in seinen Werken
die Spitze bieten könnte Er neckt und hänselt die Erdenkinder nur durch seine
Geister dass sie ihm überall nachsetzen sollen und so ihre Kräfte zersplittern
derweil er mit seiner ganzen Kraft wie ein schlauer Feldherr sich auf eine
Festung auf einen Landstrich wirft um ihn unversehens zu überrumpeln Hat er
sich festgesetzt da erobert dann geht er weiter in Sprüngen und Sätzen wie
der Ryssel im Schachspiel und da ihm zu folgen das freilich kann nicht ein
Jeder er mag sonst sehr gelehrt sein«
Der Herr von Bredow faltete die Hände »dass Gott dem Erbfeinde solche Macht
gelassen hat«
»Nur damit wir uns anstrengen sollen nicht ihn zu überwinden das ist
leichter nein ihn nur in seinen vielen Wandlungen zu erkennen und zu fassen
Ist das geschehen so ist die Arbeit wahrhaftig nicht so groß Ich könnte Euch
bei mir zu Hause eine Karte zeigen oder einen Stammbaum wo ich durch die ganze
Historia mundi nachgewiesen habe wie er auf Erden gegangen Das sind Sprünge
das sind Winkelzüge wie er die Menschen ganze Geschlechter und Völker beim
Schopf gefasst hielt Er ist der beste Menschenkenner das muss man ihm lassen
Was ihren Sinnen ihrem Stolz ihrer Eitelkeit schmeichelt o da weiß er darein
zu fahren da sendet er seine besten Gesellen hin da versteht er weiß schwarz
und schwarz weiß zu malen dass die Gescheitesten gefangen werden Was die alten
Griechen Ideen nannten das war sein Steckenpferd Hatte sich ein solches
Gespenst der Menschheit bemächtigt da war sein Acker und Pflug da säete und
erntete er und unter seiner Sichel fielen Junge Alte Familien ganze
Generationen und Völker«
»Der Herrgott bewahre uns vor den Ideen« rief Herr von Bredow
»Ihr habt Recht diese Gefahr ist jedoch hier nicht nahe Er hat hier seinen
Anker anderwärts ausgeworfen auf einen andern Acker auf dem er die Menschheit
so betört dass gar nicht abzusehen ist was daraus werden soll wenn nicht den
Obrigkeiten endlich die Augen aufgeben Das ist eine fürchterliche Macht die
Leute lachen darüber wenn ich den Mund auftue Verbrenne ihn Dir nicht rufen
die Spötter mir zu Ihr mit Blindheit Geschlagenen die Ihr Euch Morgens
einhüllt in das Gewand der Sünde sonder Arg und es umstrickt Euch wie das
Kleid der Dejaneira Ihr raset und tobt und derweil Ihr noch wähnt frei und
Christen zu sein seid Ihr Sklaven des Beelzebub«
»Um der Gebenedeieten willen was ists«
»Mein lieber Herr von Bredow habet Ihr Euch jemals fangen lassen von der
Hoffahrt und Sünde dann solls mich nicht Wunder nehmen habt Ihr auch
Pluderhosen getragen«
»Ich« rief der Ritter »Dass mich Gott behüte nie tat ich meinen Leib in
solches Zeug Seht hier « und er klopfte auf sein Beinkleid aber der Prediger
ließ ihn nicht ausreden
»Lobet den Herrn Wahrlich ich sage Euch denen die Pluderhosen tragen hat
Gott es ins Kerbholz geschrieben zum jüngsten Tage Es wäre kein Wunder wenn
die Sonne plötzlich aufhörte zu scheinen wenn es Nacht würde um Mittag wenn
die Erde nicht mehr trüge wenn Gott mit dem jüngsten Tage drein schlüge wegen
dieser grauenhaft unmenschlichen Kleidung2 Dass ich es ausspreche der Teufel
der leibhaftige selbst steckt darin Aus der Hölle ist er gefahren ihm ist da
nicht so wohl und wonnig als in diesem Wust Gottes Abbild den schön geformten
Menschen hat er zu einer Vogelscheuche umgebildet das ist sein Gaudium O wär
es das allein dann scheute doch wenigstens die unvernünftige Kreatur davor
aber es ist wie eine Lockspeise für sie je weiter gepufft je greller gefärbt
der Popanz ist um so größer die Verführung Was sind alle Irrwische gegen diese
Lasterbeutel was war die Pfeife des Rattenfängers von Hameln gegen diese
umwandelnden pausbackigen Ungeheuer der Hoffahrt danach die Fante laufen um
hineinzustürzen voll Freude voll Wahnsinn voll Gierigkeit einer den andern
zu überbieten Nicht mit einem Paar zufrieden lässt er sich zwei machen Nur
hineingeworfen Geld Renten Grundstücke ein ganzes Vermögen was will der
zeitliche Ruin eines Menschen sagen gegen seinen ewigen Christi heiliger Rock
in Trier ist ungenäht ein Stück darum hat der Teufel dieses Stück aus hundert
Mal hundert Stücken Tuches gefertigt und tausend Mal tausend Nadelstiche
reichen nicht aus so viel Stiche als die Nattern im höllischen Feuer dem
unglückseligen Versessenen drunten versetzen werden«
Der Gefangene nahm den Augenblick wahr wo der Redner Atem schöpfte um
was er schon längst vergebens versucht ihm in die Rede zu fallen und sich auch
hören zu lassen Er hätte dieselbe Wahrnehmung wie der andere machen können
dass, wenn Jemand von einem Dinge erfüllt ist er im Eifer drüber nur sich sieht
und hört und was der andere vorbringt nur hinnimmt weil es nun einmal nicht
anders geht So viel der ehrenwerte Gottfried nun auch reden mochte von der
guten alten Sitte lederne Hosen zu tragen die sich an den Leib fügten wie
Gott ihn geschaffen die das Blut kühlten den Sonnenbrand abhielten als von
der Natur selbst dem Edelmann zugewiesen das nahm der Zuhörer hin wie das Kind
die bittere Arzenei um nachher das Stück Zucker zu schnappen Aber erst da als
Herr Gottfried gegen die Tuchkleider sich aussprach dass von Natur Haut auf Haut
und nicht Schafwolle auf Menschenhaut gehöre dass die Gewänder aus Tuchen eine
Erfindung wären von der Habsucht und Schlauheit der reichen Bürgerherren
gemacht um den Adel sich unterwürfig zu machen erst da erwachte des Doctors
Aufmerksamkeit und er schnappte auf den Augenblick dem Redner ins Wort zu
fallen
»Das Futter die Steppnähte das schlampichte weiche Zeug «
»Das ists das ist der Anfang« fiel Musculus ihm ins Wort und ließ es
sich nun nicht wieder nehmen Hatte er doch seine Geschichte von der Entstehung
der Pluderhosen diesmal noch nicht an den Mann gebracht »Der Vater war ein
wohlbeleibter Mann Ihm passten sie so grade Er stirbt sein Sohn ist dünn ihm
schlumpen sie um die Beine aber das Tuch ist schön und fein es dünkt ihm
schade er will nichts ausschneiden da lässt er mehr Falten einnähen Die Falten
warfen sich schlecht er lässt sie aufschlitzen mit buntem Tand füttern Nun
ists ein Prachtkleid Hans hat es Peter ist so reich als Hans soll ers nicht
auch haben Und Christian ist noch reicher der tut zehn Ellen hinzu Das sind
des Teufels Wege auf Erden Nun wills Jeder dem andern zuvortun Die Reichen
lasst sie verderben stehts doch geschrieben kein Reicher kommt ins
Himmelreich Aber auch die Armen wollen reich scheinen Da darben sie und
borgen Immerzu der Höllenrachen ist weit Die Vernünftigen möchten es nicht
aber wo die Torheit herrscht muss der Kluge den Toren spielen damit man ihn
nicht einen Narren schilt So mein teurer Ritter sind wir in das Irrsal
hinein in den bunten infernalischen Mummenschanz des Beelzebub da ist kein
Herauskommen mehr als wie in dem Venusberge wirbeln Grafen und Fürsten Könige
und Kaiser es fehlte nur noch dass auch der Kirche Diener in Pluderhosen an
seinen Altar träte Die Menschen wenn es so fortgeht werden gar nicht mehr
allein diese Hosen tragen und schleppen können wie Schleppen der Kaiser und
Kaiserinnen werden Pagen und Knechte hinter Jedem hergehen müssen dass er seine
Sünde und seinen Wust fortschleppe Aber ich habe einen Trost «
Er schöpfte Atem der Gefangene wollte ihn auch benutzen »Herr
Hofprediger Gerechtigkeit muss doch auf Gottes Erdboden sein Wenn der Kurfürst
«
»Ja wenn der Kurfürst auf mich hören wollte« fiel der Prediger ein der
indes den Atem geschöpft hatte »Aber er hört nicht er lächelt wenn ich im
heiligen Eifer spreche So mächtig ist Satans Reich selbst dieser fromme Fürst
von seinen Spiessgesellen umgarnt Dürft ich predigen dürft ich von der Kanzel
donnern Ich habe sie ihm vorgelesen er fand meine Predigt gut aber sie sei
nicht an der Zeit Was gut ist, ist immer an der Zeit Er will sie der
theologischen Facultät zur Begutachtung vorlegen lassen Da muss ich warten bis
die Universität an der Oder geweiht ist O der Teufel wird lachen über die
Frist die ihm geschenkt ist er wird sie nutzen Dann kommt es zu spät dann
kann Kaiser und Reich umsonst interdiciren der heilige Vater in Rom muss seine
Blitze schleudern wo vorhin die Zornworte die der Herr einem einfältigen
Priester lieh genügt hätten«
Was half das alles dem artigen Herrn Gottfried dass der gelehrte Hofprediger
ihm seine Aussichten über die Wege des Teufels auf Erden auseinandersetzte und
dass er jetzt im Stadium der Pluderhosen stecke
»Ist denn aber gar keine Aussicht da« fragte er und meinte für sich
denn die Welt würde sich schon selber helfen meinte Herr von Bredow Der
Hofprediger aber dachte nicht an den zu dessen Trost er geschickt war sondern
an die Welt
»Doch eine« antwortete er »ich meine damit habe sich der Hölle Macht
erschöpft Sie wütet zu toll das ist ein Anzeichen dass es auf die Letzt geht
So wollen wir denn zum allmächtigen Gott hoffen dass dieser Hosenteufel der
letzte sei der noch vor dem jüngsten Tage das Seinige tun und ausrichten
sollte3«
»Zum jüngsten Tage Soll ich denn bis dahin eingesperrt bleiben Herr
Doctor was habe ich denn mit dem Erbfeind zu schaffen gehabt Es durfte ja in
mein Haus keine Pluderhose«
»Und dann wundert Ihr Euch Lieber der Anfechtungen Weshalb ist Euch Satan
feind als eben darum Er will Euer Verderben wie er mein Verderben will denn
er ist klüger als die Schlange Wenn ich von der Kanzel herab sehe dass der
Kurfürst lächelt weiß ich nicht dass er es ist der ihn heimlich kitzelt wenn
er die Hand vor den Mund tut glaubt Ihr dass ich ihn gähnen mache Wenn ich
ihn bei Hofe antreten will und er weicht mir aus und ich hörte ihn einmal
sagen Ach Gott da ist schon wieder der Schwätzer Vermeint Ihr dass ich der
Schwätzer bin und Joachim ist es der mich dafür hält Würde der
gottesfürchtige hochgelehrte Kurfürst einen Schwätzer zum Hofprediger
bestellen Satan allein ists der sich jetzt in meine jetzt in des Kurfürsten
jetzt in Eure Gestalt hüllt der so seine Dinge wirkt und seine Dinge sind
Unfriede Gestank Aufruhr Finsternis Wirrwar und Missverständnis damit er im
Trüben fischen kann«
»Aber sagt doch wie komme ich denn dazu Wie komme ich los«
»Ihr Durch Ergebung und Geduld Wartet nur noch eine halbe Stunde lieber
Herr von Bredow Ich gehe meine Predigt zu holen Wir wollen sie lesen von
Anfang bis zu Ende Dann so gestärkt wird uns der Herr ja die Wege weisen um
aus dem Irrsal Euch herauszuführen«
Aber nach einer halben Stunde saß nicht der Hofcaplan sondern der Dechant
von Altbrandenburg neben dem Gefangenen und hatte eine Schrift gefertigt
welche vor ihm auf dem Tische lag
Herr Gottfried saß wie die Ergebung selbst auf dem Schemel
»S ist doch hart Und dass ich das selbst unterschreiben muss«
»Bedenkt mein würdiger Freund was die Märtyrer getan und gelitten Sie
selbst vergaßen es ich meine ihr irdisches Wohl um die Wege des Satans auf
Erden zu kreuzen und ihren christlichen Mitmenschen die zur Gottseligkeit zu
bahnen«
»Nu ja die Märtyrer wollten Heilige werden Die Zeiten sind vorbei«
»Hier ist die Feder«
»Hat sie wirklich sie gewaschen«
»Drei Tage sah ich sie auf dem Trockenplatz hängen mit meinen eigenen
Augen«
»Und der Kasper Warte Kann sich doch kein Mensch auf keine Seele nicht
verlassen«
»Am wenigsten auf sich selbst mein werter Freund Wie ging es mir dazumal
in NeuBrandenburg wenn Ihr Euch der ärgerlichen Geschichte entsinnt Leute
wollten doch einen Mann aus dem Fenster des Syndikus steigen gesehen haben der
die niedliche kleine Frau hatte Beschrieben sie den Mann nicht grad als wär ich
es Und dann waren sie ihm sacht gefolgt und er war vor meiner Tür stehen
geblieben nämlich in ihren Augen schien es so Er hatte einen Schlüssel
ausgezogen aufgeschlossen Die Treppen hatten sie ihn hinaufgehen hören und
dann Licht gesehen in meiner Stube die bis dahin finster war und «
»Entsinne mich wohl« sagte der Gefangene »es war eine recht kitzliche
Geschichte«
»Sie ward durch die Güte des damaligen Bischofs ausgeglichen der der
Meinung war dass in zweifelhaften Sachen man der milderen Ansicht den Vorzug
geben müsse Glaubt Ihr dass die Zeugen welche vor den Türen gelauscht falsch
geschworen haben«
»Es hieß so nachher Das geistliche Gericht hat doch «
»Ich glaube sie waren ganz im guten Glauben«
»Aber wer zum Teufel war denn eingestiegen«
»Vielleicht mein Schatten vielleicht ich selbst Wohl entsinne ich mich
dass ich in jener Nacht lebhaft an die arme Frau dachte Sie hatte mir in der
Beichte ihre unglückliche Lage vertraut Mir wars als hörte ich sie in der
Nacht weinen und klagen wer ihr Hilfe brächte gegen den rauen trunkenen Mann
Da wünschte ich recht lebhaft bei ihr zu sein sie zu trösten Versteht mich
alles nur im Traum Aber über unseren Träumen schwebt der Menschenfeind er
saugt den Atem ein unserer Wünsche unserer Gedanken Ehe wirs uns versehen
da wir im Schlaf der Freiheit des Willens entbehren sind wir ganz ihm
anheimgegeben«
»Kann er uns auch fortschleppen derweil wir noch in den Federn liegen
tun«
Der Dechant nickte bedeutungsvoll indem er mit den Augen zwinkerte »Gehen
nicht die Geister der Abgeschiedenen um derweil ihre Körper noch fast blutwarm
auf dem Todtenbette liegen«
Der Burgherr von Ziatz schauerte »Und das Unsereins nichts gegen tun
kann«
»Doch Ritter Wir könnten ja wir sollten uns auch im Schlaf bewachen Mögt
Ihr Euch denn Rechenschaft geben über Alles was Ihr geträumt habt«
»Die sieben Nächte durch«
»Unstreitig waren die Gedanken auch im Schlafe bei dem was Euch wert ist
Ich meine das was Ihr nie von Euch lasst Ihr seid nun von der ganzen Geschichte
unterrichtet wie es Euch heimlich entwandt wie es gewaschen wurde wie es
zwischen den Fichten hing vom Winde geschaukelt wie es in dem Aufruhr
vergessen ward wie der Schelm es stahl und sich mit seiner Beute auf und davon
machte O die Gefühlssinne sind im Schlaf außerordentlich fein Satan der Euch
keinen Augenblick verließ lauschte Euch den Moment ab wo Ihr im Traume
aufführt nach den Hosen grifft auf den Schelm fluchtet ihm nachsetztet ihn
bandet Ihr habts getan ob nun im Schlaf oder im Wachen und ich meine Ihr
habt an und für sich nichts Böses damit getan aber vertreten müsst Ihr es als
ein Ehrenmann«
»Wer schlief denn nun in meinem Bette«
»Weiß ich denn wer in meinem schnarchte Das sind so zarte Dinge über die
man nicht zu viel nachdenken muss Hier ist der Platz zur Unterschrift«
Der Gefangene schrieb Dass die Buchstaben ungleich und schief waren durfte
Niemand verwundern
»Dechant« rief er »Mir gehts im Kopfe rum ich weiß nicht wie mir ist
Aber wenn sie nur ihre Seife nicht daran gehabt hätte dann wäre auch die
ganze Geschichte nicht gekommen Ich weiß auch gar nicht was die Frauensleute
immer mit ihrem Waschen haben Ich glaube da steckt auch was vom Satan drin
wenn man immer Alles rein haben will Überhaupt wenn Alles immer beim Alten
bliebe dann wäre nicht so viele schwere Not in der Welt«
»Da sprecht Ihr eine tiefe Wahrheit« sagte der Dechant indem er rasch das
Papier gefalzt und in die Brust gesteckt hatte Er schloss den Freund in seine
Arme und die Tür schlug hinter ihm zu
»Warum gehts denn nicht« fragte Herr von Bredow in die Luft »Da steckt
auch gewiss der Gottseibeiuns hinter«
Herr Gottfried schien sich selbst zu wundern über das Selbstgespräch Es war
nicht seine Art So reißen feste Ereignisse auch große Charaktere mit sich wie
der Sturm die Eiche deren Wurzeln er unterspült hat Herr Gottfried dehnte
sich hielt die Hand an den Mund und warf sich auf das Gefangenlager wo der
lang entbehrte schlaf ihn bald tröstend für alle Störungen und Plackereien
umfing
Fußnoten
1 Friedrich der Große sagt Il reçut le surnom de Nestor comme Louis XIII celui
de Juste cestàdire sans que lon pénétre la raison
2 Fast wörtlich aus der berühmten Predigt Vom zuluderten Zucht ehrverwegenen
pludrichten Hosenteufel Vermahnung und Warnung 2 Aufl
3 Worte der Predigt
Fünfzehntes Kapitel
Kläger und Günstling
In dem Kabinet des Kurfürsten waren nur der Krämer Hedderich und der Fürst
Dieser stand mit untergeschlagenen Armen jener lag ausgestreckt auf dem Boden
vor ihm
»Schnell« sagte Joachim »Wenn Jemand einträte könnte er denken dass ich
einen Sultan spielen wolle«
»Durchlauchtigster Herr so lag ich«
»Das Übrige magst Du stehend beschreiben«
»So lag ich als er mir den Stoß gegeben von hinten und eh ich mich
umdrehen konnte war er vom Pferd und mir auf dem Rücken dass ich glaubte mir
soll der Rückgrat brechen von seinen Knieen Die Ringe von dem Eisenhemd sind
noch auf meiner Haut zu sehen«
»Das Eisenhemd ward eingebracht Was weiter«
»Die Hände hatte er mir auf dem Rücken gebunden als ich noch lag und nicht
wusste wie mir war mochte auch glauben da ich gar nichts vorher gesehen es
seien ihrer mehr Nun aber da er mich knebeln wollte und die Knie ein weniges
losliess kam ich freier zu liegen so wie jetzt und da ich sah dass er allein
war und mich ungebärdig hätte fluchte er denn wenn er die Riemen eintun
wollte schloss ich die Kiefern zu und wenn er die Hand fort hatte schrie ich
Also da ers mit den schweren Handschuhen nicht zwingen konnte warf er sie ab
und nun er mir nahe kam biss ich ihm in den Daumen bis aufs Blut Das kann noch
nicht vernarbt sein«
»Ein neues Indicium« sprach der Kurfürst etwas in seiner Schreibtafel
notirend
»Und da er mich nun geknebelt und hitzig war von wegen was es ihm gekostet
und von wegen dem Biss der ihm weh tat gab er mir Katzenköpfe mit dem
Eisenhandschuh dass mir das helle pure Blut floss und schüttelte mich an der
Gurgel und da sprang ihm das Kinnband und die Büffelhaube rutschte in den
Hinterkopf «
»Auch diese fand man im Schilf«
»Es war ja schon ziemlich hell und wir sahen uns Gesicht gegen Gesicht«
»Und Du getraust Dich ihn wieder zu erkennen«
»Und hätte ich ihn da zum ersten Mal gesehen Wer sich so sah vergisst sich
nicht Aber wie ich schon sagte allerdurchlauchtigster Herr und Kurfürst ich
habe ihn schon oft gesehen in Eurer Gnaden Gefolge«
Der junge Fürst sah mit verschränkten Armen vor sich nieder und schüttelte
unwillig den Kopf »Verflucht der Gedanke der edle Namen bestecken will
verflucht die Phantasie die nach Opfern sucht ohne andere Leitung als eine
krankhafte Lust vielleicht eine stille Abneigung die ein Fürst bekämpfen
sollte statt gierig nach Nahrung dafür zu suchen«
Indem er unruhig einige Schritte auf und abging fuhr er im Selbstgespräch
so laut fort dass der Krämer es hörte
»Und am Ende doch nur ein Stallmeister ein Büchsenspanner dessen
schillernder Rock diesem für Zeichen von Würde galt«
Hedderich schüttelte den Kopf »Wir Geringe durchlauchtigster Fürst haben
gelernt die geputzten Diener von den großen Herren zu unterscheiden«
»Und dessen bist Du gewiss dass der Dich warf nicht der Ritter Gottfried
Bredow war«
»So gewiss Herr die gebenedeite Jungfrau Maria in unbefleckter Empfängnis
unseren Herrn und Heiland geboren hat Das mögen seine Handschuh seine Haube
sein Kettenhemd gewesen sein er selbst wars nicht Ich kenn ihn gar gut da
ich alljährig wenigstens einmal nach HohenZiatz komme«
»Und doch lautet Deine Aussage anders im Protokoll des Schreibers vom
Werder«
»Gnädigster Herr Kurfürst was so ein Schreiber schreibt mag ganz gut sein
aber das ists nimmer was unsereins aussagt Sie schreiben was sie hören
wollen das weiß bei uns jedes Kind«
Es trat ein Kammerherr ein und überreichte dem Fürsten ein versiegeltes
Schreiben Joachim öffnete und las es Sein Gesicht drückte ein unverkennbares
Erstaunen aus Abwechselnd blickte er den Krämer und die Schrift an »Lügst Du
oder dies Geständnis Unmöglich Wer könnte etwas eingestehen was er nicht
beging Und alle Beweggründe mit logischer Ordnung aufgeführt Hörst Du
Gottfried Bredow bekennt dass er es war der Dir nachjagte Dich hinter Ferch
einholte und warf Er bittet um gnädige Strafe und will Dir Alles zurückgeben
Was sagst Du darauf«
»Herr mein Kurfürst« sprach der Krämer der sich aufgerichtet hatte und
gebeugten Leibes auf das Papier schielte wie auf eine Zauberrolle »Da steckt
der Teufel drin wenn das drin steht«
»Seine Namensunterschrift Vom Voigt vom Mühlenhof beglaubigt«
»Gnädigster Herr werft das Papier fort«
»Sein Wort gegen Deines Er ein Edelmann klagt sich selbst an Du willst
ihn freisprechen Die Präsumption ist dass Niemand gegen sich selbst zeugt«
Immer schärfer bohrten des jungen Kurfürsten Blicke auf den Mann »Seine
Aussage klagt auch Dich an Du hast also Grund die Sache zu verdrehen «
»Herr s ist wahr ich nahm die Hosen von der Leine aber nur weil sie
vergessen waren und weil ich fror knöpft ich mich drein Sie waren nicht wert
des Mitnehmens man hatte mir am Fliess zu arg mitgespielt Das war doch nichts«
»Genug Dich zu verdächtigen Wer bürgt mir dass Du nicht bestochen bist vom
Feinde eines meiner Hofleute auf ihn auszusagen Die Arglist unter den Menschen
ist groß Hier ein geständiger Verbrecher der meiner Gnade sich unterwirft und
auf der andern Seite «
Der Fürst ging in sich versunken auf und ab Das Geräusch der Kommenden in
dem Fürstensaale daneben begleitete seine ernsten Gedanken wie das Rauschen
eines Flusses Es war eine schwere Sorge gewesen Er glaubte sie Alle zu kennen
und traute Keinem Nun war es gelöst die Last zu strafen von seinen Schultern
genommen Was ging der Ritter von HohenZiatz ihn an Da war auch kein böser
Ausgang der ihn erschreckte und Alle zwischen denen sein Argwohn geschwankt
waren nun gerechtfertigt Waren sie es Er brauchte nur zu wollen Der Elende
vor ihm lauerte schlau auf seine Blicke seine Worte würden der Widerhall der
Wünsche seines Fürsten geworden sein Und warum konnte er sich noch nicht
entschließen zu wollen
»Der ist ein schlechter Gärtner der das Unkraut nur mit den Füßen
niedertritt weil es ihm unbequem ist sich zu bücken dass er es mit der Wurzel
ausreisse Ich bin jung und wenn die Nesseln auch brennen meine Gärten sollen
rein werden«
Er winkte dem Krämer vor dem Kruzifix auf dem Betpulte niederzuknien
»Es bleibt bei der Anweisung die ich Dir gab Du hältst Dich hinter dem
Teppich jene kleine Wandtür führt Dich dahin Fasse ihn wohl ins Auge aber
prüfe ihn und Dich bis zu dem Augenblick Wirst Du in der strengsten
Untersuchung die ich anordnen will als boshafter falscher Ankläger erfunden
wehe Dir Der Weg zum Galgen geht über Martern Doch auch den guten Menschen
können die eigenen Sinne täuschen und schon die Anklage eines Schuldigen ist
ein Makel die keine Busse wieder abwäscht Deshalb bete zu Deinem Schutzpatron
dass er Deine Augen hell sehen lasse und hier schwöre bei dem Bilde des
hochheiligsten Gottseibeiuns dass Deine Blicke und Deine Reden Wahrheit seien«
Der Krämer schwor Der Fürst winkte ihm zu gehen Die kleine Tür führte in
einem engen dunklen Gange durch die dicke Mauer bis in den Fürstensaal wo die
schweren Teppiche zu Seiten des Tronhimmels ausgespannt waren Schon nach
wenigen Augenblicken kam Hedderich mit offenem Munde mit glänzenden Augen
»Er ist da Herr ich sah ihn«
»Wen«
»Ich weiß seinen Namen nicht Aber ich könnte ihn malen Er steht im
violetten «
Ein Zornblick des Fürsten wies den Ungerufenen fort »Auf Deinen Platz Ich
will nicht Deine vertraulichen Hinterbringungen ich will Deine feierliche
Anklage die Du den Mut haben sollst vor meinem ganzen Hofe auszusprechen
Zwischen uns Beiden ist nichts mehr«
Im Fürstensaale war der Hof schon lange versammelt Räte Ritter
Geistliche auch die Bürgermeister von Berlin und Köln Vielen der Herren sah
man es an dass sie hier ungern waren Der Lederkoller der Pelz und der Harnisch
war ihnen lieber als der geschljetzte Wamms von Tuch Solche von Sonne und Trunk
gerötete Gesichter mit buschigtem Bart mit wild schielenden Blicken Einige
hatten sich schon gewöhnt sie standen manierlich da in schön gepufften Hosen
mit knapp anschliessendem Wamms mit Halskrausen und einem wohlgekämmten Bart
gewärtig das Baret das etwas schräg auf dem Lockenkopf schwebte beim Eintritt
des Kurfürsten mit leichtem Griff zu lüften Diese traten unwillkürlich mehr in
den Vordergrund während die Andern ganz zufrieden schienen hier in den
Hintergrund gedrängt zu sein wo für sie keine Ehre war Der Edelmann der noch
trotzig seine Knechte vorauf durch das Oderberger Tor gesprengt und dem
Wirt zur Herberg dessen Blicke ihn vielleicht gefragt »Ei in dem langen
Waffenrock zu Hof« geantwortet hatte »Hauskleid ist Ehrenkleid so trugens
meine Väter ehe die Hohenzollern wie Pilze im Sand wuchsen« Dieser Edelmann
war doch andern Sinnes als er die Treppen heraufkam und Alle um ihn hatten den
gesteppten Faltenrock zu Haus gelassen und das geschljetzte Wamms das nur bis
zur Hüfte reichte anzogen Er fluchte für sich über die Affen aber er ließ
sich gern hinter die Affen drängen dass sie vor ihm ein Schirm würden
Niemand sah aber stattlicher aus in dem feinen Hofkleide als der Ritter von
Lindenberg Niemand bewegte sich leichter darin Niemand schien wohlgemuter und
war die Freundlichkeit selbst gegen Jedermann der sich an ihn drängte und
deren waren Viele Doch hätte man bemerken können dass er alles dies erst im
Verlauf geworden denn als er unter den ersten die sich eingefunden allein
war war er einsilbig er schien von Unruhe geplagt und gab solche Antworten
dass die welche mit ihm sprachen zu bemerken glaubten als habe er was sie
fragten gar nicht gehört Erst seit der Dechant von AltBrandenburg sich unter
den geistlichen Herren eingefunden und ihm aus der Ferne zugenickt hatte war
sein Gesicht verändert Da wurde er Liebe und Sanftmut selbst und obwohl der
mit dem er gerade redete ihm bemerkt dass der geistliche Herr am andern Ende
ihn sichtlich zu sprechen wünsche hatte er gesagt das habe wohl keine Eil er
stehe mit den Pfaffen nicht in so guter Freundschaft um andere liebe Freunde
die ihm Teilnahme schenkten darum zu verlassen Auch redete er noch mit dem
und jenem auf dem Wege und wechselte dann mit dem Dechanten nur kurze Worte
doch von dem ab war der Herr von Lindenberg so freudig geworden wie wir sagten
und selten hatte man ihn so bei Hofe gesehen
Da trat er in den Kreis den viele Herren um den alten Geheimrat von
Schlieben bildeten welcher ein Minister des Kurfürsten war und für einen sehr
vorsichtigen Staatsmann galt welcher sein Gesicht und noch mehr seine Worte
bewachte Die Herren wünschten zu horchen wie denn wohl der Landtagsabschied
lauten würde und ob der Kurfürst wohl heut schon beim großen Hoftage etwas
davon werde verlauten lassen wenn er rede wie er pflegte Der von Schlieben
sagte mit einer sehr wichtigen Miene er wisse zwar nichts glaube indessen
doch dass getreue Stände sehr dankbar mit dem gnädigen Bescheide sein dürften
Kurt Schlabrendorf sah den Herrn von Lindenberg an »Ists so Das wärs
erste Mal«
»Es ist eine Freude den Abschied zu lesen mein teurer Herr von
Schlabrendorf Man kann sagen man konnte ihn ordentlich sich so denken«
»Die sieben Propositionen wegen der Bierziese« fragte Ewald Schenk
»Die sind abgelehnt«
»Das konnte man sich freilich denken Aber unsere Anträge« sagte Kurt von
Schlabrendorf »die der Marschall nach dem heftigen Tage verglich«
»Sind auch abgelehnt«
»Aber die Punkte wegen des Rezessgeldes unserer altmärkischen Städte« fragte
Wigand Alvensleden »und die Auseinandersetzung mit der Hanse«
»Abgelehnt«
»Na die werden spuken und fluchen in Stendal und Salzwedel«
»Ach aber in so väterlichem Tone«
»In Summa also Alles abgelehnt« rief der von Schlabrendorf »Wozu waren wir
denn beisammen«
»Na was denn noch« sprach ein Bardeleben als der von Lindenberg dazu
abwehrend ein erschrocken Gesicht gemacht
»Die Hundebrücke erklärt Kurfürstliche Gnaden sich bereit aus höchsteigener
Kasse neu aufzimmern zu lassen«
»Die Hundebrücke« wiederholten viele Stimmen auf einmal
»Über die der Prozess neun und dreißig Jahr schwebt zwischen Kämmereikasse
und Ritterschaft von Teltow Versteht wohl Ihr Herren diesmal ohne Präcedenz
für künftige Fälle will Kurfürstliche Gnaden die neue Bohlenlage und den
Strauchzaun auf eigene Kosten fertigen lassen aber aus freien Stücken nicht in
Erwägung Eurer Gründe Die Ritterschaft in Teltow kann dies als ein besonder
Zeichen fürstlicher Huld und Gnade betrachten«
»Auch gut« sprach Fritz Kröcher und strich sich den roten Bart »Werden
Kurfürstliche Hunde nicht mehr Gefahr laufen zu ersaufen«
Ein ehrwürdiger Greis der auf einen Stock sich stützte schien etwas von
dem Gespräch gehört zu haben und wandte unwillig den Kopf Mehrere jüngere
umstanden ihn in ehrfürchtiger Anhänglichkeit wie Stammgenossen ihr
Altershaupt Es war der Senior der Bredow Die Familie stand hier fast allein
Einige waren der Meinung die Bredow hätten sich gar nicht zeigen sollen Der
Herr von Lindenberg aber trat auf den alten Bodo zu und machte eine Bewegung
als wolle er die Hand zum Druck ergreifen doch als verstände er es nicht hielt
der Greis seine Hände fest auf den Stockknopf
»Die Sache wird sich ohne merklichen Schaden für uns alle ausgleichen«
sprach Lindenberg »Wie ich eben höre hat Euer guter Vetter von Ziatz schon
eingeräumt und was ist denn nun eigentlich so gefährliches in der Sache Er hat
sich sein Recht verschafft nur ein wenig zu rasch«
»Und ward in Ketten eingebracht« knirschte der Senior
»Seine Durchlaucht« sagte der Geheimrat leise »wird zuerst auffahren Da
können wir uns gefasst machen auf sehr schöne Reden Er wird uns den Justinian
auseinandersetzen die Gränzen der erlaubten und unerlaubten Selbsthilfe Er
wird die Sache drehen und wenden die Juristen des Altertums citiren uns
deutlich machen was davon auf ein christlich Reich passt und was nicht und wenn
er sich gesonnt hat in unserer Verwunderung über seine Gelehrsamkeit übergibt
er die Sache dem Geheimrate zur Begutachtung Dann wird unser Herr von
Schlieben das Ganze erwägen und überdenken und mit höherer Weisheit ins rechte
Schick bringen das heißt er wird mit andern und vielen Worten das für Recht
erklären was der Kurfürst will«
Der alte Bodo stieß mit seinem Stock auf die Diele »Dass Gott erbarm Herr
Ich wünschte der Kurfürst hätte nicht so kluge Räte« setzte er in den Bart
murmelnd hinzu
»Der Kurfürst« es rauschte durch die Versammlung die Federhüte und Barette
flogen von den Köpfen Joachim schritt durch die Reihen die sich teilten nach
dem Tronsessel Er musterte eine Weile die Anwesenden Sein Gesicht war blass
sein Auge so ernst und forschend als man es lange nicht gesehen Er sprach dann
in wohlgesetzter Rede über Vieles aber nicht mit dem jugendlichen Feuer das
man an ihm gewohnt war Er sprach wie von der schmerzlichen Überzeugung
durchdrungen dass was vor seiner Seele leuchtend stand den Andern fremde
ferne gleichgiltige Dunstbilder seien dass seine tönenden Worte nur dumpfe
Klänge für die Mehrzahl blieben er sprach für sich nicht für die Andern wie
vor einer unsichtbaren Macht welche von ihm Rechenschaft forderte
Er sprach von der Universität die er zu Frankfurt gründen wolle dass nun
endlich alle Hindernisse gehobelt seien die diesem hochwichtigen Werke im Wege
gestanden Sie solle das Siegel werden so hoffe er zu Gott gedrückt auf die
Mission seines Hauses die Mark Brandenburg dieses alte durch teures Blut dem
deutschen Gesammtvaterlande erworbene dieses ehemals blühende reiche
herrliche Land wieder zu erheben aus der Verwilderung und Zerrüttung zu einem
gesunden kräftigen Gliede des deutschen Reiches Nicht durch Fehde und Krieg
nicht durch wilden Trotz und gesetzlose Freiheit nicht durch Festalten an der
alten Unsitte werde der Märker aus der Barbarei sich erheben sondern durch
friedfertige Unterwerfung unter das Gesetz und durch liebevolle Aufnahme der
Männer welche er berufen durch Lehre und Wort durch Beispiel und edle Sitte
die alte Unwissenheit und böse Art zu bändigen und den Geist zu lösen dass er
auf edleren Bahnen vorschreite Er nannte die Männer die er gewonnen deren Ruf
durch ganz Germanien strahle Er hoffe dass ihr Licht von den Wellen der Oder
über Spree Havel und Elbe nur heller in das Reich zurückstrahlen werde Vor
allem sei er bedacht gewesen Männer zu finden in denen der Geist der heiligen
Kirche lebendig und die durch tiefe Gelehrteit das Licht des allein selig
machenden Glaubens nur heller leuchten machten in dieser Finsternis Denn dieses
Licht sei vor allem nötig und der Geist, der durch die umnachtete Wildnis
allein seinen Weg sich suche verirre und gerate auf gefährliche Abwege So
hätten es auch die Väter der Väter erkannt die alten Regenten unter denen
Milch und Honig in der Mark geflossen und die Rebe geblüht und Früchte getragen
Er wies hin auf die hohen Türme und ehrwürdigen Kirchenbogen die für die
Ewigkeit in den lockeren Fußboden gesetzt auf die stolzen Klöster von Chorin
und Lehnin auf die Münster und Dome von Brandenburg Angermünde in Prenzlow
Havelberg Tangermünde und die Andern Gedächtnisssäulen wären sie der
gottergebenen Kunst der frommen Wissenschaft die noch den späten Enkel in
Erstaunen setzen würden diese Kunst und Wissenschaft sei erloschen seit zwei
Jahrhunderten Nun sei es die Aufgabe derer die leben mit dem zurückgekehrten
Frieden seine Künste zu pflegen das Verfallene wieder aufzurichten und Neues zu
bauen damit auch sie der Nachwelt Zeugnisse und Documente ihres edlen und
gottgefälligen Daseins hinterliessen
»Denn eine Zeit die nichts an Werken hinterlässt zur Erbauung und Stärkung
und Nacheiferung denen die nach ihr leben ist wie ein todtes Glied an einem
gesunden Körper es wäre besser wenn es ausgeschnitten würde Wer nur Gott lebt
und seinem Erlöser in der Stille hin den darf ich nicht tadeln denn er lebt
für das Himmelreich aber wen Gott niedersetzte auf dieser Erde und gab ihm
Stärke und Ansehen und Mittel der soll es nicht verprassen und vergeuden
sondern schaffen für sein Reich auf dieser Erde und seine Stunden seine Worte
seine Gedanken und seine Handlungen sind gezählt wie die Haare auf seinem
Haupte«
Wie suchten da umher des Fürsten Blicke Einige schlugen die Augen nieder
Andere sahen ihn groß an sie verstanden nicht was er meinte
Er sprach weiter Loben konnte er seine getreuen Märker nicht aber schelten
mochte er sie auch nicht dass sie nicht eifriger ihn unterstützt Etwas Bitteres
kam über seine Lippen aber er verschluckte es wieder Denn wozu Bitterkeiten
sie sind Gift das nicht heilt das die Wunde nur schlimmer macht und ein eigenes
feines Gift das meist dem mehr schadet der es ausstreut als dem welchem es
zugedacht ist
Er sprach auch von dem neuen hohen Gericht das er mit des Kaisers Willen in
seinen Erblanden stiften werde allwo in der Kammer alle Streitigkeiten die
früher an Kaiser und Reich gingen sollten geschlichtet werden die Schöffen
die er setzen werde halb aus Gelehrten halb aus Edelleuten sollten dort Recht
sprechen sonder Ansehen von Stand und Person ja gegen ihn selber wenn sie ihn
im Unrecht befänden Und er gelobte für sich und hoffe es zu Gott für all seine
Nachkommen dass er keinen darum absetzen wolle noch entfernen weil er ein
Urteil gefunden das ihm dem Fürsten missbehage und weil er das für Recht
gehalten was er der Fürst für Unrecht halte »Denn wo der Richter dienstbar
würde eines Menschen Willen und sei es des Kaisers selbst das ist kein Recht
mehr das vor Christus bestehen kann noch ist es dann ein deutsches Recht
sondern ein türkisch Recht davor uns Brandenburger der liebe Gott bewahre Es
soll aber ein wahrer Richter fest stehen und unantastbar wie der Priester des
Herrn und wie der soll er vor keinem gewaltigen schrecken Aber« rief er mit
kräftiger Stimme und stand von seinem Sessel auf »ich will auch dass die
Richter gegen jedweden Übertretenden der Gesetze die da sind sprechen nach
ihrem vollen Klang Der Wahlspruch des gelehrten Henning Göde der in Wittenberg
das Recht lehrt ist auch meiner Gesetze auf welche nicht gehalten wird sind
Glocken ohne Klöppel1 Wie ich nicht dagegen fehlen darf soll es keiner meiner
Untertanen er stehe so hoch und fest er will und meinem Herzen so nahe als
mein liebster Blutsfreund«
Darauf war er von den Stufen des Trones herabgestiegen und winkte Einigen
näher zu treten darunter auch dem alten Bodo
»Was mir die Stirn in Falten legt was meinen Sinn vergiftet Ihr wisst es
Es ist was Arges geschehen Gott verzeihe mir wenn ich dem nimmer verzeihen
kann der es tat Wer es auch sei ausgestrichen sei er aus dem Buche der
Gnade Denn mit der Schande keinen Vertrag und gält es mein Leben Doch wen es
traf und er wird überwiesen den allein straf ich nicht sein Blut und seine
Sippschaft Darum braucht keiner die Augen niederzuschlagen der einen
Blutsfreund in der Schuld weiß wenn er ein guter Mann ist vor dem Recht ist
und bleibt er auch vor mir ein guter Mann«
Auf seinen Wink nahte sich ihm ein Edelknabe mit einem Kissen und ließ sich
vor dem Fürsten nieder auf die Knie
»Die Kettenträger unsrer lieben Frauen treten vor« sprach der Fürst
Nur drei oder vier alte Männer traten vor
»So wenige nur und es war ein so guter Orden Ist die Zucht so schlecht
worden dass meine Väter so Wenige wert hielten oder ist die Zeit eine andere
worden dass was gut war jetzt nicht mehr gut ist und es sind noch nicht
achtzig Jahre um dass mein erlauchter Grossohm Friedrich der Andere den
Schwanenorden gestiftet Wo sind die Burgsdorfe« rief er sich umschauend »die
Hoym die Arnim die Bartensleben und Bodenteich die Bredow die Jagow
Schlieben Kerkow die Alvensleben Krummensee die Schenk die Waldow die
Schulenberg und Schlabrendorf die so oft gewürdigt waren das Bild der
allerheiligsten Jungfrau mit den Sonnenstrahlen um ihr Haupt den Mond zu Füßen
auf ihrer Brust zu tragen Ist Keiner mehr der trachtet dass er sich ehrlich
und füglich für schämliche und schändliche Missetaten für Unfug und Unehre
treulich bewahre verschwiegen sei und der Mitgenossen Ehre auf alle Weise
rette Möchte Keiner mehr geloben dass er so oft die Sonne aufgeht und
untergeht zur Mutter Gottes bete trachtet Keiner mehr nach dem Bilde das ihn
erinnere dankbar zu sein zu jeder Stunde für die Gnade Gottes der ihn durch
seinem Sohn Jesum erlöset hat«
Es war still umher
»Da sei Gott für« hub er weiter an »dass die Zeit um sei und nicht
wiederkehrte dass meine Ritter nach christlicher Ehre trachten Ist die Stiftung
veraltet stifte ich sie neu« Und er winkte dem Kanzler Der alte Schlieben
entrollte ein Pergament und verlas die Urkunde
Joachim schaute sich wieder um und winkte den Bürgermeister von Berlin
zuerst heran
»Knie nieder« sprach er »Dein frommes Walten ist mir nicht entgangen Ein
Siechenhaus hast Du gestiftet und ewige Renten geschenkt den Spitälern zu St
Georg und an den drei Linden Da nun die Zacken die zusammengepressten Herzen in
dieser Kette die mancherlei Gebreste des menschlichen Lebens vorstellen so muss
der sie tragen der täglich den Gebrestigen den Arm reicht und den Hungrigen
Brod gibt Stehe auf Mathias als Ritter des Schwanenordens«
Ein Murmeln ging durch den Saal »Wo sind seine vier Ahnen« »Er ist kein
Edelmann«
»So sind meine Ritter« sprach Joachim »doch noch vertraut mit den
Satzungen des Ordens Aber Ihr vergesst dass ich die alte Stiftung neu gemacht
Meine im Übrigen dass der ein besserer Schwanenritter ist der die Geschlagenen
am Wege aufhebt als der sie schlug und liegen ließ«
Da ward es wieder still Mancher ließ den Kopf sinken Der Kurfürst winkte
den Altermann der Bredows
»Die Ernte war schlecht im Havelland«
Bodo sah ihn verwundert an die Andern auch
»Und Deine Aussaat gut« fuhr der Fürst fort »Du kannst nicht dafür dass
sie nicht aufging«
»Der Roggen trug gut aus gnädigster Herr und wenn Nässe und Stürme den
Hafer und die Gerste verdarben «
»Du sätest Besseres aus als Roggen und Hafer« fiel Joachim ein und legte
seine Hand auf des alten Bodo Schulter »Wenn Zucht und Sitte nicht aufgingen
ists nicht Deine Schuld Der beste Vater kann nicht dafür wenn nicht alle
seine Söhne geraten Und doch entging mirs nicht wie Du in Deinem Haus
gewaltet wie Du der rohen Lust der Deinen gewehrt hast Bodo Bredow knie
nieder« sprach der Fürst und nahm die zweite Kette vom Kissen
Wie da Aller Blicke auf dem alten Bodo und dem Fürsten hafteten das hatte
Keiner erwartet Der polnische Abgesandte hatte vorhin da er die vielen Bredows
im Saal gesehen verwundert gefragt ob man ihnen denn die Waffen nicht abnehme
wenn so etwas bei ihm zu Haus sich ereignet dass ein Glied eines großen Hauses
gekränkt worden wie hier würde man sich vorsehen die Sippschaft nur zu Hof zu
lassen Fritz Rohr der ihn herumführen musste hatte gelacht »So schlimm ists
bei uns nicht« jetzt aber flüsterte er dem polnischen Herrn ins Ohr »Passt
Acht er will ihn kirr kriegen Bin doch neugierig ob der Alte in die Falle
geht«
»Durchlauchtigster Herr Markgraf ich bin zu alt zum Knieen« sprach der
Senior
»So neige deinen Hals ich weiß keinen würdigern Kettenträger«
Der Alte blieb aufrecht stehen ein leises Zittern sah man doch an den
mageren Händen die den Stock hielten
»Hilf mir Gott mein Markgraf ich kann nicht Spare die Kette für die so
nach Ehre dürsten Liegt doch meine im Grabe Wie soll ich sie tragen sonder
Scham die mirs zur Pflicht macht der Mitgenossen Ehre auf alle Weise zu
retten derweil ich meinen nächsten Blutsfreund in Ketten und Schmach weiß und
darf ihn nicht retten«
Vorhin waren die von der Sippschaft gemieden worden wie man solche meidet
die mit Aussätzigen zusammenkommen Als der Fürst Bodo vorrief trat Mancher an
die Vettern und drückte ihnen verstohlen die Hand und sie nickten ihnen zu mit
freundlichen Blicken Jetzt fuhren sie zusammen und ängstlich schauten sie auf
den Fürsten und auf den alten Mann Die Reden hatten die Wenigsten gekümmert
sie nahmen sie hin wie etwas das sein muss weil es eine Mode ist auch dass er
den Mattias zum Ritter gemacht kümmert sie eigentlich wenig Er war ein Ritter
des Fürsten aber nicht ihrer Aber dass ein Vasall sich unterstand Ehren
auszuschlagen die ihm sein Fürst bot das meinten sie würde den Zorn des
Markgrafen wecken Aber Joachim sah den Alten nur ernstaft an dann winkte er
ihm fast freundlich
»Du tust Recht Der gute Mann muss froh sein mit den Seinen und wenn sie
traurig sind mit ihnen trauern«
Er legte die Kette wieder seitwärts auf das Kissen als wolle er sie für den
noch aufheben der sie von sich wies
»Wilkin Lindenberg« rief er das dritte Band aufnehmend Ein leises Atmen
ging durch die Versammlung als habe mans erwartet Schwer wärs zu sagen
gewesen ob auf den Gesichtern nur lauter Freude oder auch der Neid mitsprach
»Was lächelt Ihr« fragte leis sein Nachbar den Dechanten von
Altenbrandenburg der mit einer eigenen Bewegung die Hand über das Gesicht
brachte
»Ich lächeln« und die Hand fuhr schnell zur andern und beide hoben sich
gefaltet zur Brust »Das Glück lächelt so selten denen die es verdienen sagen
die Kinder der Welt wir Andern freuen uns daher wenn es einmal nach Gottes
unerforschlichem Ratschluss einen Würdigen trifft«
»Das ist der Lindenberger«
Ein stiller Händedruck bestätigte es »Wenn Ihr ihn erst kenntet wie ich
ihn kenne Still er redet«
»Lindenberg ich will Dich nicht erröten machen noch die Andern indem ich
Dich vor ihnen lobe Was Deine Stimme im Rate gilt was Du getan für Deinen
Fürsten das mögen sie sich sagen lassen von denen die in meinem Rate oft auf
Deine Worte lauschten Aber was Du mir gewesen bist die Säule an die ich in
den Stunden der Mutlosigkeit lehnte der frische Luftauch wenn des Tages Hitze
mich niederwarf der kalte Wind der mich aufrüttelte wenn ich ermattend in
Schlummer sank wo ich wachen sollte der einzige Geist« setzte er leiser
hinzu »unter so vielen Schemen der mich versteht das mögen sie Alle hören
mögen sie Dich darum neiden solcher Neid ist gut er weckt Nachahmung Du der
einzige den ich ganz wahr erfunden weil Du mir Wahrheit die volle Wahrheit
ins Gesicht sagtest Das ist Rittertugend die nicht der Ehrenketten bedarf sie
lohnt sich selbst Darum schlinge ich diese hier um Deinen Hals nicht als Lohn
sie soll die Kette sein die Dich und mich wills Gott auf ein langes Leben
zusammenfesselt Knie nieder Freier von Lindenberg«
Auf des Fürsten Lippen schwebten noch die Worte »So gedenke ich der Stunde
gestern« aber er sprach sie nicht aus denn Lindenberg kniete nicht vor ihm Er
war vorhin um einen Schritt näher getreten aber plötzlich war er stehen
geblieben und blass mit halb übergebeugtem Oberleibe stierte er nicht auf
Joachim sondern wie auf einen Geist der aus der Erde aufgeschossen ihm den
Weg verträte
Die Andern sahen einen kleinen nicht schönen Mann von gemeinem Wesen und
niederer Tracht der hinter dem Fürsten stand sein Gesicht wie der Hahn dem
der Kamm schwillt seine Augen funkelten und aus dem grinsendem Munde
leuchteten Zähne wie die eines Raubtiers das sich zum Sprunge anschickt So
stand er da halb gebückt und streckte die Fäuste aus
»Er ists«
»Was ist Dir Linderberg«
»Ein Schwindel Die zu große Gnade meines Herrn Es ist nichts«
»Du zitterst Meinen Leibarzt«
»Er ists« kreischte der Krämer »der mich fing warf band So wahr Gott
im Himmel lebt der ists Herr Kurfürst«
Joachim erblickte jetzt erst den Mann der wie ein Unhold aus der Erde
geschossen dessen Stimme wie Rabengeschrei in einer frohen Musika tönte
»Elender Du lügst « Aber plötzlich verstummte er als fehle ihm der Atem
Das dunkle Blut das ihm ins Gesicht gestiegen verschwand und das Antlitz ward
einen Augenblick weißer als seines Günstlings Er brachte die Linke an seine
Brust er atmete auf und seine Augen hafteten auf dem Ritter der seine
niederschlug
»Das ist zu arg« schrien viele Stimmen »Den Arzt Der Markgraf wird
unmächtig« »Bei den Haaren bei den Füßen ihn rausgeschleift« schrien
Andere
Der Mann erhob sich auf seinen Zehen er streckte die Arme in die Höh er
rieb die Hände er zitterte Aber da er den Kurfürsten ansah sank er auf die
Knie und faltete die Hände »Lasst mich zerreißen wenn ich nicht die Wahrheit
rede«
»Dem Kurfürsten vergeht die Sprache« »Er ist ein Hexenmeister« schrien
Andere »Den Büttel her«
Joachim winkte mit dem Arm Er hatte die Sprache wieder gewonnen »Gib
Antwort dem Manne«
»Gottes Donner und Blitze« schrie Otterstädt der das Schwert halb gezückt
hatte »Dem«
»Der Dich verklagt«
»Soll der Mond antworten wenn der Hund ihn anbellt« rief Otterstädt
»Ich entsinne mich nicht den Mann gesehen zu haben« stotterte Lindenberg
»Wilkin Lindenberg Drei Jahre meines Lebens drum wenn es so ist Sieh
ihn scharf an«
»Er hext die Natterbrut« schrie Otterstädt »Sieh ihn nicht an«
»Verschluck Deine Zunge Hund wo Dein Fürst spricht« schrie ein Anderer
den Krämer an der eben den Mund öffnete
»Du kennst ihn nicht Lindenberg«
»Nein« Es kam wie ein hohler Ton heraus der sich Luft macht nach langer
Anstrengung
»Die Hand darauf«
Da der Geheimrat nicht allzu rasch schien es Einigen den Arm erhob
wendete sich der Krämer mit einer sonderbaren Bewegung zum Fürsten Er sprach
kein Wort aber öffnete den Mund und steckte den rechten Daumen hinein
»Den Handschuh aus« gebot der Kurfürst »Deine Rechte wie Gott sie gemacht
leg in meine«
Der Ritter zog Schien es doch als schüttele ihn ein Krampf der Handschuh
flog ab und mit ihm ein blutiger Verband Auch der Daumen blutete auf Ein
stiller kichernder Schrei wie aus einer höllischen Pfeife wie aus einer
Brust krank von satanischer Lust gellte durch die Luft
»Die blutende Hand in Deines Fürsten«
Einen Augenblick schauten sich Beide an dann schreckte der Ritter zusammen
wie ein von Gottes Strahl Getroffener Er öffnete die Lippen aber er brachte
keinen Ton hervor
»In Ketten Zum Gericht« rief Joachim und ohne Jenen eines Blickes zu
würdigen schritt er aus dem Saal
Fußnoten
1 Das Bild dieses ausgezeichneten Rechtsgelehrten noch durch Meisterhand
erhalten fand ich in der Schlosskirche zu Wittenberg in der in Erz gegossenen
Votivtafel Die Krönung der Maria von Peter Vischer mE einem der schönsten
Werke des großen Künstlers Henning Göde als Votant kniet mit seiner Familie
zur Linken vor Gott Vater Sohn und Maria Gestalten in denen man
Raphaelischen Adel und Schönheit zu erblicken glaubt
Sechszehntes Kapitel
Der Befreite und der Gerichtete
Sechs kurfürstliche Trompeter in ihrer Sonntagslivree und mit silbernen
Mundstücken hielten vor dem Mühlenhofe und vom Mühlendamm von der Stralower
Gasse und den Quergässchen um Sanct Nicolas kamen sie in Schaaren um zu sehen
wie der Markgraf den edlen Ritter Götze Bredow mit Ehren aus dem Gefängnis
abholen ließ Auch die LehnsVettern kamen auf stattlich geschmückten Pferden
ganz anders trabend als vorhin da sie in die Stadt einritten Der Vogt von Hoym
hatte Mühe dass er die Leute nur abhielt vom Gittertor die alle den
trefflichen Mann mit Augen schauen wollten der ohne Schuld wie ein Räuber und
Mörder gefesselt worden und die Unbill über sich kommen ließ fromm wie ein
Lamm Kaum ließ sie sichs in ihrer Ungeduld bedeuten dass der Geistliche noch
bei ihm sei und er zum Unterschiede doch einen Imbiss und Trunk einnehmen müsse
Stadt und Gefängnis zu Ehren und da er noch nicht selbst erschien drängten
sie um sein Ross und streichelten es das mit Federn und bunten Decken
aufgeputzt von zwei Stallmeistern geführt ward Einige meinten das sei noch
nicht genug der Kurfürst hätte selbst kommen müssen ihn abzuholen und nicht
aus der Stadt hinaus müsste er solchen Mann mit Ehren geleiten lassen sondern zu
sich ins Schloss und dort eine Woche lang traktiren Das waren ehrenwerte
Bürger die es meinten und von den Ritterbürtigen nickte Mancher dazu Er hätte
auch mehr tun können
Von alledem sah hörte und dachte der nichts den es anging
»Den Seinen gibt ers im Schlafe« hatte der Dechant gesagt
Das erinnerte Herrn Gottfried daran dass er geschlafen hatte Man hätte eher
daran zweifeln können ob er wirklich schon erwacht sei
»Wie kams denn nun aber«
»Wer sich selbst erhebt der wird erniedrigt werden aber wer sich selbst
erniedrigt der wird erhöhet werden Grade dadurch mein werter Ritter dass Ihr
Euch hergabt seinem Willen wie ein Kind das den Vater walten lässt weil es
weiß dass der Vater Alles doch am besten macht Eures blinden Glaubens willen
hat Euch der Herr gerettet Ja wenn Ihr auf weltliche Klugheit gelauscht wenn
Ihr den Advokaten angenommen den Euch Euer Schwager schickte da hättet Ihr
geleugnet bestritten da wäret Ihr verhört worden wer steht dafür dass Ihr
nicht gar peinlich befragt wärt und Ihr läget vielleicht jetzt unten im Turm
auf faulem Stroh Gott weiß wo es noch ein Ende nähme Aber Ihr wähltet das
bessere Teil Ihr gabt Euch Gott an Heim in den bangen Zweifeln Eurer Seele
die Kirche riefet Ihr um Hilfe an und das Wunder war geschehen«
»Ein Wunder«
»Ihr könnt doch nicht daran zweifeln Bei solchen Beweisen bei Eurem eignen
Eingeständnis «
»Ich hätts eingestanden«
Der Dechant warf ihm einen Blick zu den Herr Götz nicht ertrug »Die Kirche
hat Mitleid mit den Schwachen Lese ich nicht was Satan Euch jetzt ins Ohr
flüstert ein Anderer hätte es Euch eingeredet so zu tun Das wolltet Ihr mir
eben antworten man hätte so lange zu Euch geredet bis Ihr nicht aus und ein
gewusst da hättet Ihr unterschrieben und wüsstet gar nicht wie Ihr dazu kamt
Nicht wahr so flüsterte er Euch ins Ohr und Eure Lippen öffneten sich schon
es nachzusprechen Forderte er Euch nicht auf mich anzuklagen Die Röte
Eures Gesichts sagt Ja Wacht auf endlich O lieber Herr weist den Verführer
fort der die Sündigen immer sprechen lässt Ich war unschuldig aber der hats
getan Aus diesen Ketten seid Ihr los fragt nicht warum wie so woher Das
sind die kleinen Krallen und Haken des Verderbers mit denen er die Geretteten
wieder langsam an sich zieht Aus diesen Banden seid Ihr los wisst Ihr in
welche neue er Euch reißt Nur der bleibt frei der sich ganz gefangen gibt dem
Willen des himmlischen Vaters wie ihn die Kirche erklärt Darum mein lieber
teurer Herr von Bredow lasst all das Andre hinter Euch denkt nur an das vor
Euch wie Ihr mit gerührtem Herzen dem Ewigen danken wollt für das wunderbare
Werk der Rettung wie ein Strahl der Gnade grade den Lindenberger «
»Sagt mal Dechant der Lindenberger I der Tausend wer hätts gedacht«
»Das ist gar nicht an Euch Grübelt nicht nach über eines Andern Schuld
Ach hat nicht mit seiner eigenen Rechtfertigung der wahre Gläubige so viel zu
tun dass er eigentlich nie damit fertig wird dass er noch Andere anrufen muss
ihm zu helfen Schütten wir nun zusammen unser gerührtes Herz aus in einem
brünstigen Gebet zu den heiligen Fürsprechern«
Dieses Gebet war vorüber und man muss sagen Herr Gottfried als er einmal
auf den Knien lag hatte recht inbrünstig gebetet
»Der beredete Quell der von Euren Lippen strömte sagte mir dass Satan sich
nun nicht wieder nähern darf Möchte ich doch auch fast die Gelöbnisse lesen
die aus Eurer befreiten Seele aufsteigen Ja teurer Herr von Bredow die
Zeiten sind vorüber wo es den frommen Ritter wenn er aus schwerer Drangsal
erlöst war nach Jerusalem zog Für das Kreuz stehen keine Kreuzfahrer mehr auf
In Euren Jahren bei der ansehnlichen Beleibteit mit der Gott Euch bedachte
möchte Euch auch das Pilgern nach dem heißen Lande beschwerlich fallen«
»Ich pilgern«
»Ich rate es Euch auch nicht Ihr müsst Euch den Eurigen erhalten Was würde
der lange Abschied die gute Frau Brigitte Tränen kosten Wäre es noch eine
kleinere Pilgerfahrt nach Wilsnack«
»Pilger sind Tagediebe«
»Gewissermassen Auch ist das heilige Blut in Wilsnack leider in Verruf seit
der Erzketzer Huss sein Buch dagegen schrieb Das ist das Betrübte dass eine jede
Ketzerei wie man auch meint sie ausgetilgt zu haben immer doch etwas Gift
zurücklässt Nun ist Huss zwar durch Gottes Gnade verbrannt aber haben nicht
die Zweifel die er hingestreut hat über das Wunder zu Wilsnack so gewuchert
dass man muss es mit Bedauern sagen selbst der heilige Vater sich veranlasst sah
die Andacht davor zu verbieten Das Städchen hatte so hübschen Verdienst und er
blieb im Lande«
»Ja dazumal schnappten Viele nach der Pfründe«
»Die Opferstöcke werden überall immer leerer die Gottlosigkeit nimmt zu
Ich wollte Euch auch nicht anraten lieber Ritter wie Mancher in Eurer Lage
täte einen Stellvertreter nach Jerusalem zu schicken Das ist nur halbes Werk
kostet sehr viel Geld und wer weiß ob der Mensch nicht schon unterwegs die
Zehrung verprasst und vertrinkt«
Darin war Herr Götz ganz einer Meinung mit dem Dechanten
»Was Ihr gebt müsst Ihr durch sichere Hände gehen lassen Es wird jetzt
durch alle christliche Länder zur Restitution des Tempels in Jerusalem
gesammelt der allerchristlichste König hat es beim Grosstürken durchgesetzt Ihr
braucht Eure Scherflein nur nach Brandenburg zu schicken wir sammeln auch am
Dome«
Herr Götz warf einen eignen fragenden Seitenblick auf den Sprecher »Nach
Jerusalem Das bleibt ja nicht im Lande«
»Freilich nicht indessen «
Es schien als habe Herr Götz mit einem Male den Schlaf abgeschüttelt Er
sah fast pfiffig den Geistlichen an »Es bleibt doch Manches im Kasten kleben in
Brandenburg nicht wahr Da ists besser ich schicks gar nicht erst nach
Jerusalem«
»Wenn ich Euch riete eine neue Lampe in unserm Dome zu stiften sähe es
wie Eigennutz von mir aus Aber wir finden schon etwas zur Beruhigung Eures
Gewissens Das fällt mir ein es tun sich in Rom fromme Leute zusammen die das
Kreuz den Heiden predigen wollen in der neu entdeckten Welt und in Asien Für
diese Bekehrer wird gesammelt Was müssen sie leiden diese heiligen Männer
unter den Teufelsdienern Qualen Martertode Hitze Kälte Hunger und Durst
Wenn wir nur an ihr Dürsten in der Wüste bei jedem Becher dächten ach mein Herr
von Bredow der Tropfen Wein würde uns auf den Lippen zum Gifte Wer spendet da
nicht aus vollem Herzen was er kann Was Ihr geben wollt «
»Wills mit meiner Frau überschlagen«
»Die gute Frau wenn sie nur die Not dort kennte wie sie barfuß durch den
glühenden Sand laufen müssen die armen Kindlein zu ihrem Heil sie zöge ihre
eignen Strümpfe aus«
»Barfuss«
»Alle barfuß die in Indien und bei den Tartaren und wollen Christen
werden Ist das nicht schrecklich«
»Laufen bei uns auch genug ohne Strümpfe rum«
»Die gute Frau von Bredow wird gewiss ein hübsches Päckchen schnüren aber es
braucht auch Geld und mein Freund Götz wird gewiss mit Freuden «
»Ne« sagte Herr von Bredow mit einem ganz besonderen Lächeln den Dechanten
anschielend »dazu geb ich nichts«
»Gar nichts ei mein teurer «
»Wollen erst warten bis die Jungen und Mädel bei uns im Dorfe Strümpfe
haben Aber wisst Ihr was Dechant Wollen Eins mit einander trinken auf das
Wohlsein der armen Leute die da dürften auch auf die die barfuß laufen«
Aber der Dechant trank diesmal nicht mit dem Ritter den der Voigt von Hoym
in die Halle geführt wo der Imbiss für ihn angerichtet stand Herr Götz aß und
trank allein was indes seinem Appetit gar keinen Abbruch zu tun schien Zwar
war Herr Götz der Meinung dass gute Gesellschaft zu einer guten Mahlzeit sich
schicke wenn aber eines von beiden fehlen sollte hielt er dafür dass man darum
die Mahlzeit nicht im Stich lassen muss weil die Gesellschaft uns im Stich
gelassen hat Er ließ es sich vielmehr wie ein rechtschaffener Mann schmecken
der nicht absieht warum Einer der schwer gekränkt ist drum noch hungern soll
Der Voigt von Hoym aber sah wie Einer aus dem ein Leidwesen widerfahren und
er kann sich noch nicht fassen
»Bitt Euch um aller Heiligen Willen und der Lindenberger«
Der Dechant zuckte die Achseln
»Solch ein Herr und hats eingestanden«
»Er dürft es doch nicht auf die Beweisprobe ankommen lassen Der Krämer
war schon bereit dazu mit seinen Zähnen«
»Mir gehts wie ein Mühlrad im Kopf rum Der Lindenberg war doch so
eigentlich Alles«
»Und ist nun weniger als nichts«
»Ich bitt Euch was soll draus werden Wen er befahl steckte ich ein wen
er loslassen wollte ich ließ ihn los Ich wusste ich tat immer recht Der
kurfürstliche Befehl kam hinterdrein Hatte mich so hineingefunden in seine Art
und Launen Und nun solls wieder anders werden Wer meint man denn dass dran
kommt«
»Man will behaupten der Kurfürst wolle allein regieren«
Mit einem verwunderten Blicke sah der Voigt ihn an »Ihr wollt es mir nicht
sagen Lieber Herr Dechant ich bin ein alter Mann möchte auch in Ruhe leben
bitt Euch gebt mir aus alter Freundschaft nen Wink wenn Ihrs erfahrt Einmal
gehts noch einmal find ich mich noch zurecht aber wenns wieder und wieder
wechseln sollte das wär zu viel Aber was Ihr sagt er wollte allein stehn
hochwürdiger Herr dazu bin ich zu alt ums zu glauben Einer muss doch sein
ders für den Fürsten tut und hinter ihm steht ob er nun Hinz heißt oder
Kunz ob ers grob oder fein heimlich tut oder vor aller Welt Einer tuts
Einer ists An Einen muss man sich halten können und wenn Jeder es weiß ists
besser als wenn Jeder es raten muss«
»Das ist ein braver Mann« »So müssten alle Ritter sein« riefen die Bürger
Herrn Gottfried noch lange nach wenn sie ihn mit lautem Zuruf und
Mützenschwenken begrüßt hatten Durch alle Hauptgassen beider Städte ging der
Zug und die sechs Trompeter schmetterten in die Luft dass es für alle Bredows
wie eine Hochzeit war Nur einmal hieß Herr Gottfried sie inne halten als ein
Wagen vorüber fuhr in dem ein Gefangener auf Stroh saß Der Herr Lindenberg
ward nach dem Schloss gebracht der Eine geschlossen und bewacht zu Verhör und
Gericht der Andere mit Freunden und Musikern zu Ehren und Freiheit So
begegnen sich Menschen wohl öfters im Leben der früher den Hut zog und tief
sich bückte geht aufrecht und nickte kaum und der sonst den Kopf im Nacken
trug schleicht das Kinn in der Brust froh wenn der Andere ihn nicht erkennt
Götze Bredow hatte den Lindenberg nie gemocht aber ihm schiens unrecht dass
Einer sich laut freue wenn ein Anderer tief trauert Darum hieß er die
Trompeter schweigen und hob sich im Sattel und hielt den Hut gelüftet bis der
Wagen vorüber war Der Lindenberger grüßte nicht wieder
Vor ihrem Haus am hohen Steinweg hielt die Sippschaft an Da ward Herrn
Gottfried ein Ehrentrunk aus goldenem Pokal gereicht und der alte Bodo
schüttelte ihm die Hand und sagte dass er sich herzlich freue Die jüngeren
Vettern und die Trompeter gaben ihm aber noch das Geleit zum Spandauer Tor
hinaus bis ans Weichbild der Stadt Er hatte gedacht noch heut Abend bis Ziatz
zu kommen aber jeder Vetter verlangte und er musste es versprechen dass er bei
ihm einspreche Da dachte er Frau Brigitte wird wohl warten müssen bis morgen
Wer bei allen Bredows im Havellande einsprechen will der kommt auch morgen und
übermorgen nicht nach Haus
Der alte Schlieben hatte es nicht gut geheißen dass der Kurfürst den Ritter
Lindenberg noch einmal sehe er wollte ihn denn nicht richten lassen Des
Fürsten Angesicht und Zuspruch sei für den Verbrecher Gnade Er hatte eifrig
widersprochen wie es eines guten Dieners Pflicht ist Joachim hatte ihn ruhig
angehört »Hast Du nun ausgesprochen« »Ich habs gnädiger Herr und da Ihr
ihn richten wollt könnt Ihr ihn nicht vor Euch lassen« »Er ist gerichtet«
antwortete Joachim und ein seltsames Lächeln lag auf seinen Lippen und sein
Blick war der den der alte Rat gar nicht mochte als er die Hand auf die Brust
schlug »Aber ich wills«
Der Lindenberger stand unfern der Tür wo er eingetreten der Kurfürst an
seinem Sessel die Arme verschränkt Als er zu ihm sprach waren seine Blicke
halb zum Fenster halb auf die Wand gerichtet
»Ich ließ Dich rufen damit Du mich nicht anklagst dass ich einen alten
Freund ungehört von mir stieß«
»Von meinem Herrn und Kurfürsten konnt ich mich dess versehn«
Joachim unterbrach ihn »Das Recht geht seinen Weg täusche Dich nicht Nur
dem Freunde von ehemals gestattet der Freund von ehemals ein letztes Wort«
»Dies Band musste gesprengt werden gnädigster Herr Meine Ahnung trog mich
nicht Es lastete etwas seit Wochen auf meiner Brust Doch nichts davon Mein
Glück war zu groß der Neid zu mächtig«
Joachim warf ihm einen ernsten Blick über die Schulter zu »Ich ließ Dich
rufen damit Du Dich verteidigen könntest Vor mir nicht vor dem Gesetz«
»Vor dem hab ich gefehlt Fern sei es wie ein gemeiner Sünder leugnen zu
wollen Das ist das Arge in dieser Welt das Einer vor sich im Rechte sein kann
und doch vor dem Gesetze sündigt«
»Bist Dus vor Dir sollst Dus vor mir sein«
»Um gerecht zu werden vor Joachim dem Gerechten müsste ich mit viel Besserem
als einem Fastnachtsschwank sein Ohr ermüden Mein gnädiger Herr kennt den
Bredow den Gottfried mein ich Dass ich ihm von der landkundigen Geschichte
erzählen muss von seinen Elennshosen Wäre mir scherzhaft zu Mute sagte ich
von ihm könne man nicht sagen sein Herz steckt in den Hosen weil der ganze
Mann drin streckt Ich will ihn gewiss nicht verreden er ist ein trefflicher
Mann aber wer schützt uns vor einer Grille einer Schrulle Und das
Verdriesslichste dass solche Grille anstecken anstecken kann Ihm sind sie ein
Talisman sein Amulet wie anderen Familien ein Waffenstück ein Ring ein
Becher eine alte Fahne Nein gnädigster Herr gewiss wenn ich ernstaft darüber
nachdenke weiß ich keinen Zusammenhang zu finden zwischen leblosen Gegenständen
und dem Schicksal das unser Herr Gott und die Heiligen über uns bestimmt«
»Um Kindermährchen stehst Du nicht hier«
»Ach gnädigster Herr sind wir nicht Alle zuweilen Kinder unser Sinn klebt
sich an ein Spielzeug Wir meinen zu vergehen wenn es uns fehlt Gottfried
Bredow könnte uns Allen eine Mahnung sein an die eigne Schwäche Was Andern eine
Puppe ein Spielzeug ist ein Wahn dem jagen wir nach Hättet Ihr nur den
Wirrwar gesehen die Bestürzung «
»Wo«
»Vergebt ich rede in Sprüngen Mein Blut ist noch erhitzt von dem Gedanken
in falschem Licht vor meinem Fürsten zu erscheinen In Ziatz wars Sie waren
ihm gestohlen auf der Wäsche glaub ich Er schlief Ihr hättet sie zittern
sehen sollen die wackere Frau die armen Töchter wenn er erwachte ehe sie
wieder da waren Ich gestehe es war dumm von mir Man hatte mir stark
zugetrunken der Wein die Erschöpfung die Nacht ehe ich es wusste saß ich auf
dem Sattel und dem Dieb nach Vernünftige Leute würden sagen ich handelte
unvernünftig das Alles hätte ich Andern überlassen können und dann wäre das
und auch das nicht nötig gewesen und das gar unrecht Diese vernünftigen Leute
sollen in ihrem Recht bleiben und ich im Unrecht Aber die Hitze hat mich
übermannt auch der Ärger ich leugne es nicht über diesen Lumpenkrämer der
in Saarmund mit meinem Herrn sich zu handeln unterstand Ja der Schurke zählt
noch das Geld nach er fühlte heimlich ob die Silberstücke gerändert waren
Himmel und Hölle es überlief mich da schon dass ich fast meines gnädigen
Fürsten Gegenwart vergessen und ihm ins Gesicht geschlagen hätte Ich weiß das
wär ein Frevel gegen die Majestät gewesen aber ich habe Tage wo es
überkocht«
»Ist das Deine Verteidigung«
»Ich könnte noch von einem Spuk erzählen es klänge aber zu albern«
»Was Dich verteidigen kann sprich«
»Seit ich mich bei Beelitz verirrte gaukelte um mich ein fataler Spuk An
jedem Ast wo ich hinsah hing Torheit aber Ihr befehlts zu sagen das
Kleid was dem guten Götz gestohlen ist Ich konnte mich täuschen aber auch
mein Pferd scheute Ich riss es um über die Heide da flatterte es drüben an
einer Kiefer Ich wollte lachen aber ich musste zittern Weiß Gott ich hatte
damals noch keine Ahnung von dem was in Ziatz sich ereignet Sollte es nur eine
Vision gewesen sein Ich habe nie viel an Zeichen geglaubt aber «
»Lindenberg ist das Deine ganze Verteidigung«
»Ich erwarte mein Gericht«
»Du hast Dich selbst gerichtet Die Hosen hast Du dem Schelm gelassen sein
Geld nahmst Du mit«
Der Kurfürst sah nicht die Blässe die Lindenbergs Gesicht überzog nicht
wie die erzwungene Fassung ihn verließ wie die Glieder zitterten Er hatte sich
in den Armstuhl geworfen und bedeckte mit den Händen sein Gesicht Der
Verurteilte versuchte noch Unzusammenhängendes zu stammeln Plötzlich
verstummte er und stürzte auf die Knie »Gnade«
Als er die Augen aufschlug stand Joachim drei Schritt vor ihm und der
kälteste Blick aus den blauen Augen sagte dasselbe was der Mund jetzt tonlos
sprach »Von Gnade ist nichts zwischen uns Du wirst büßen den Lohn den Du
verdient Stehe auf«
Lindenberg sprang auf »Ernst«
»Hab ich je mit Dir gespielt«
»Wozu riefst Du mich«
»Dass Du Dich dass Du mich vor Dir und mir verteidigtest«
»Himmels Donner und Blitze ich wills nicht glauben ich kann es nicht
glauben Um die Lumperei «
»Stirbst Du als Strassenräuber«
»Und Du «
»Drei Schritt zurück Herr von Lindenberg«
»Und aus dem tiefsten Keller Deines Turmes schrei ich Dirs zu es soll
durch dicke Mauern in Deine Ohren gellen Das wage nicht Du bist zu jung wir
sind zu alt Das hätte Dein Vater nicht gewagt und Johannes durfte viel wagen
Zog ich mein Schwert Pflanzt ich auf das Banner der Empörung Brach ich in eine
Stadt Züchtige die Banden strafe die gegen Dich rüsten und Pechkränze in die
Städte schleudern aber «
»Lass ungestraft die Wegelagerer wenn meine Geheimräte darunter sind Ich
bin nicht gesonnen darüber mit Dir zu streiten«
»Es werden Andere für mich streiten Das ist unerhört Um einen Schelm
einen Betrüger um das freche Gesindel diese Hausirer diese Bauernschinder
diese Plage des Landes um den Kitzel eines tollen Augenblicks «
»Um der Gerechtigkeit willen«
»Ein lebloses Wort das nicht Fleisch nicht Blut eine dürre Blase in die
man haucht was man Lust hat«
»Genug Herr von Lindenberg Deiner Todesangst sei die freche Drohung
verziehen«
»Gerechtigkeit Bei meinem Schutzpatron wer schreit nach Gerechtigkeit und
Ihr seid taub Wir Nun ists heraus Mann gegen Mann Mund gegen Mund Bilde
Dir nicht ein Joachim dass Du es so zwingst Um eines Krämers willen Edelmanns
Blut Wo ist die Gerechtigkeit Das schwarze Blut das allerwegs kocht hat sich
wieder gesammelt seit dem Cremmer Damm Es wartet nur auf einen Ausbruch Das
ist zuviel das ertragen sie nicht Beim allmächtigen Gott ich spreche jetzt
als Dein Freund Damals krachte die faule Grete Mauern auseinander wir
gewöhnten unser Ohr daran Treibst Dus auf die Spitze so kann Anderes krachen
Scheuche Spatze mit einem Pustrohr aber zittre wenn Männer aufstehen«
»Ich werde ihnen ins Gesicht sehen Hast Du nicht mehr zu sprechen«
»Was Deine Ohren kitzelt Nein Soll schön reden dass es eine tragische
Action gäbe dass es Deinem Ohr schmeichelte dass die Wimper nass würde und Du
mit dem Finger sie streichend Dir sagen könntest Du wärst gerührt worden Ich
will Dich nicht rühren ich will nicht die Maus sein mit der die Katze spielt
ehe sie sie erwürgt«
»Das wär ja nur Vergeltung Lindenberg für das lange Spiel das Du mit mir
gespielt«
»Verflucht der Augenblick wo ichs anfing«
»Mutter Gottes und Ihr Heiligen Alle so gestehst Dus Alle Deine schönen
tönenden Reden «
»Waren der Widerhall von Deinen«
»Beim Blut des Erlösers so schamlos verdammst Du Dich selbst«
»Ich war ein Mensch Du bist ein Fürst Prätendirst Du Anderes«
»Ich wollte Wahrheit hören«
»Das sagen Alle Die Wahrheit ist ein bitterer Trank schon für den
gewöhnlichen Menschen was mehr für Einen der mit Schmeichelliedern eingelullt
und mit Schmeichelliedern geweckt wird Einmal zweimal wagt mans Wird man
angefahren sieht man das saure Gesicht dann überzuckert man die bittere Pille
bis man den verwöhnten Kindern den Zucker allein gibt Wir atmen nur ein Mal
ein Tor wer sich die Spanne Zeit vergällen wollte wenn er mit der Lüge süßen
Sonnenschein erkauft«
Joachim war wieder auf den Stuhl gesunken und wieder verbarg er sein
Gesicht »Seine Puppe ein Spielball in der Hand eines herzlosen Betrügers«
»Verlange nicht Herzen wo Du Gehorsam willst für Grillen Schneide Dir
Günstlinge aus welchem Holz es ist knete sie Dir aus welchem Ton Dir behagt
Ein Günstling bleibt das Geschöpf des Meisters Er wird pfeifen blasen atmen
sprechen blicken wie es dem Herrn gefällt bis er selbst Herr wird Glaubte es
schon da zu sein bis ein unbewachter Augenblick mich um die Frucht der langen
Arbeit brachte « «
»Bis das zähnefletschende Tier zum Herrn ward über den gleissenden
Betrüger«
»Seis Meinst Du ich wollte um nichts bei Dir dienen Die lange Qual die
es mich kostete schön zu reden lieblich zu duften immer tugendhaft
geschniegelt zu denken die Glieder und Gedanken zu strecken auf ein Folterbett
das japste einmal nach Erholung Nun ists vorüber«
»Schäume aus die Rohheit Mir wird wohl dass ich endlich Wahrheit höre«
»Willst weiden Dich an Deiner eigenen Vollkommenheit während Du Einen
siehst den Träbern nachgehen weil seine Natur ihn trieb Aber vermeine nicht
wenn Du mich los bist wärst Du frei Nur vielleicht auf einen Klügern stößt
Du der zäher ist und länger in die Schule ging als ich dass er sich auch im
Schlaf bewacht Wahrheit willst Du Sprich es nur aus und er wird Dein Ohr mit
plumper nackter Wahrheit wie Du sie wünschest täglich bewerfen Frömmigkeit O
sie werden in die Messe stürzen vor Deinen Fenstern nämlich ihre Reden werden
duften von Gottseligkeit werden schaudern vor jedem gottlosen Wort nämlich
wenn Du es siehst Nichts leichter als einen Fürsten betrügen weil er immer
betrogen sein will Mein Gängelband riss ab weils an eine scharfe Ecke
streifte Ein Anderer wird es schlaffer halten und desto sicherer«
»Nein Lindenberg ich gehe fortan allein Lache nur in Dich Der Herr des
Weltalls, der die Würde auf meine Stirn drückte wird mir auch die Kraft
verleihen Keinem mehr will ich trauen ich werde mein eigener Rat sein«
»Da wirst Du erst recht betrogen werden Ja wärst Du Dein Vater Johannes
mit seinem Fischblut Der nahm auch die Miene an als achte er nicht auf unsere
Reden in der Stille horchte er und wusste Alles Er ging seinen graben Weg und
leckte nicht gegen den Stachel damit zwang er uns Du hast Blut und Passionen
Visionen und Missionen möchtest über unsere Köpfe spazieren gehn Dich zu
freuen an Deiner Höhe und unserer Niedrigkeit Was nicht Alles besseres möchtest
Du aus uns machen nur nicht was wir sind und bleiben wollen Märker Der Topf
ist ausgeschüttet nun kein Blatt mehr vor dem Mund Meinst Du dass Einer von
uns an Deinem Spielzeug Lust hat Wenn er die Zunge spitzt um entzückt zu
reden sag ihm dreist auf den Kopf Du lügst Ruf mich zum Zeugen Uns schiert
nicht Deine lateinische Gelehrsamkeit Deine Universitäten Deine Zollordnungen
Deine Kammergerichte Erbconstitution und was Alles in Deinem Kopfe rumgeht
das mag gut sein wo die Leute danach verlangen in unserm Stande wächst kein
Strohhalm mehr davon Wer die Märker rumkriegen will muss selbst ein Märker
sein ein Fleisch ein Blut er muss mit ihnen schlagen und schlafen auf ihren
Schildern kann er sich tragen lassen aber er muss auch mit ihnen zechen und
schwatzen mit ihnen lustig sein und traurig und sich nicht für zu hoch halten
dass er nicht auch mit ihnen irrt und sündigt«
»Wird Deine Schuld geringer wenn Du einen Andern anklagst«
»S ist Jeder untertan seiner Grille Wer sein Mütchen kühlt handelt
recht vor sich wers durchsetzen kann vor den Andern Du strebst nach hohen
Dingen ich nach geringen Du gehst dem Wahn nach Dein Volk zu corrigiren ich
dem Kitzel dass ich nach eines Bettlers Ranzen griff Ich seh nur einen
Unterschied zwischen Dir und mir Ich soll es büßen mit dem Hals für Dich büsst
Dein Volk«
Joachim stand auf Es war ohne Leidenschaft was er sprach kein Zorn lag in
seinem Blicke mit dem er aushaltend den Andern anschaute
»So willst Du vor mir scheinen jetzt wie Du damals auch nur vor mir
schienst Was bist Du Das lass mich wissen ehe wir scheiden Deine
Verteidigung ist schlechter als Deine Tat ich will ein besserer Defensor sein
daran magst Du die Liebe erkennen die Du missbrauchtest Auch die Lüge ist eine
Lehrmeisterin Wer so geschickt wie Du in ein besseres Selbst sich hineinlog
bekommt doch von dem Edleren einen Abgeschmack Er kehrt nicht wieder freiwillig
zur alten Rohheit zurück Unwillkürlich impft sich ein die feinere Sitte der
adlige Gedanke Ists nicht das Herz so arbeitet doch der Verstand, der Stolz
er dünkt sich besser als die Andern Lindenberg Du kannst es wieder gut machen
lass mir ein besseres Bild von Dir zurück Wenn abendlich Dein Schatten an der
grauen Mauer dort vorübergleitet wenn ich noch lausche auf die Tritte die
Wendeltreppe herauf lass mich dann zu mir sprechen dürfen Er hatte ein
besseres Loos verdient Lass nicht den giftigen Wurm zurück dass ich so
grauenhaft so entsetzlich mich täuschte«
Lindenberg schwieg
»Wir sind alle Kinder der Sünde ohne die Heiligung die nicht von uns kommt
Widerrufe es was Du sprachst Du warst besser Deinen Verstand ruf ich als
Richter an Wilkin es ist unmöglich wer wie Du in Sitte und Bildung über
ihnen allen stand Nur in einer unbewachten Stunde brach das Tier die Bestie
heraus Sage Ja«
»Soll das Bekenntnis die Brücke zur Gnade sein Wer fühlt nicht Lust zum
Leben «
»Mit dem schliess ab Das ist und bleibt verwirkt«
»Dann bekehre wer Lust hat sich bekehren zu lassen Meinen Henker mag ich
nicht zum Beichtvater Was ich tat ich wills nicht loben aber bereuen auch
nicht nicht vor Dir Du greifst in unsere Rechte ärger als Deine Väter Das
gehört nicht hierher aber kannst Du Dich wundern wenn wir ausschlagen Das
Gesindel willst Du begünstigen auf unsere Kosten auf wohlfeile Art zum Ruhme
des Gerechten kommen Da Du uns zu stark werfen wir uns auf Deine Schützlinge
Meinen Verstand rufst Du an der sagt mir dass Jeder recht tut der nicht
schlechter noch besser handelt als seine Genossen Möglich dass eine Zeit
kommt wo sie anders denken ich lebe in meiner ich tat was da unter den
Guten nicht für schlecht gilt Ein Tor wer besser sein will Die Zukunft
gehört andern Geschlechtern«
»Und Du sündigst in sie hinein Mein Herz schlug warm mein Arm war weich
Ich hoffte ich glaubte Du hast den Glauben mir ausgerissen Nach Dir nie kann
ich Jemand mein volles heiliges Vertrauen wieder schenken Wenn ich die Arme
verlangend ausstrecke nach Einem dessen Geist in seinen edlen Zügen zu
leuchten auf seinen beredten Lippen zu schweben scheint wird Dein Gespenst
drohend dazwischen aufschiessen Ich werde Euch bändigen Euer Trotz soll
ohnmächtig sich krümmen unter meinen Füßen denn mit mir ist Gott aber des
Sieges werde ich mich nicht freuen ich habe Keinen mit dem ich mich freue
Mein Argwohn wird die verwunden die es wirklich gut meinen Du trägst die
Schuld Eine Eiskruste wird sich mit den Jahren um meine Brust lagern die
warmen Gefühle wenn sie noch aufsprudeln werden nicht mehr durchdringen Ich
werde verdrießlich hart vielleicht ungerecht scheinen vielleicht es sein
Ich der sein ganzes Dasein aushauchen wollte für das Glück seines Volkes werde
nicht geliebt nur gefürchtet werden Von ihnen nicht verstanden vielleicht sie
nicht verstehend werde ich auffahrend jähzornig ich kann ein Tyrann werden
Es ist Dein Werk«
»Dank für den bitteren Trank den Du mir mitgiebst auf meinen letzten Gang
Der Lohn für all die süßen Stunden wo ich mein Hirn quälte die Sorgen von
Deiner Stirn zu schwatzen«
»Dafür den Lohn«
»Ich könnts Dir wieder eingeben einen so bitteren Trunk Dein Leben lang
sollte er jeden süßen Becher Wein vergällen Warum griffst Du mich heraus Bin
ich der Einzige der Nachts satteln lässt die Kappe übers Gesicht auf die
Straße reitet Leg Dein Ohr auf die Schwelle schleiche in den Gängen Deines
Schlosses um und horche an den Türen wo sie ihre Klingen wetzen horche auf
ihr Gespräch mit welchem Ehrennamen sie Dich nennen Nennen könnte ich ich
wills Dir zu raten geben Das mein Gegengift«
»Lindenberg« rief der Fürst ihn von der Tür zurück
»Ich habe nichts mehr zu sagen«
»Ich zu fragen Hast Du Mitschuldige«
Der Ritter schwieg einen Augenblick »Nein«
»Du hattest sie«
»Es lohnt nicht sie zu nennen Die blasse Furcht schlottert in ihren
Gliedern Von denen hast Du nichts zu fürchten Lass sie laufen Ich will reine
Luft auf dem sauren Weg«
»Gar nichts hättest Du mir zu sagen keinen Auftrag keinen Wunsch«
»Was solls Habe nicht Weib nicht Kind was geht mich das an was hinter
mir bleibt Und doch noch etwas Allein willst Du stehen auf Niemand hören
weil Einer Zwei Drei Dich täuschten Wer ist denn so überreich an
Gottesgnaden dass er den Hauch der Lüfte nicht braucht der ihm Atem zubläst
dass er die Farben der Blumen das Grün der Wiesen nicht ansieht nicht das Blau
des Firmamentes weil es Täuschung der Sinne ist Wo willst Du die Wahrheit
suchen die mein ich die Du unter Deinem Volke brauchst Einen verwirfst Du
nach dem Andern weil er nicht die Wahrheit spricht die Du willst Der redet
Dir zu frech der zu sclavisch der nur zu seinem Vorteil der versteht Deine
hohen Intentionen nicht der geht nicht oft genug in die Messe der ein Tor
der ein Schwärmer weiß ichs was Du an Jedem auszusetzen hast bis Du wie die
Schöne der kein Freier gefällt weil sie sich für zu schön hält zuletzt den
ersten besten auf der Straße aufgreifst Den Adel stößt Du vor den Kopf er ist
zu eigenwillig dem Bürger zeigst Du ein kraus Gesicht weil er anders möchte
als Du willst den Klerus möchtest Du bessern aber er will nicht gebessert
sein Was ist denn Dein Volk Was bleibt davon wenn Du Einem nach dem Andern
davon ausstreichst Werden Deine lateinischen Freunde aus der Fremde Dir helfen
wenn Du nicht aus und ein weißt Sie verstehen ja nicht unsre Sprache Wenn sie
zittern wie Espenlaub und keiner ihrer Zaubersprüche mehr hilft wen wirst Du
anrufen«
»Einen«
»Der gibt uns Augen zum Sehen und Ohren zum Hören Durch Wunder redet er
nicht mehr zu den Brandenburgern Du wolltest nicht hören nicht sehen wos an
der Zeit war nun wirst Du horchen und lauschen müssen auf den Schatten an der
Wand auf den Wind der um die Ecke kommt Die zu rechter Zeit den Mund
auftaten denen schlossest Du ihn dafür wird das Gesindel Dich umsurren Denn
irgendwoher muss doch auch den Fürsten Kunde zukommen Die Angeber die
Heimlichen denen ist ein Regent verfallen der sich so gut und klug dünkt dass
er nur auf sich hört Deren Beute wirst Du die wie der Mehltau auf ein
frisches Saatfeld fallen es ist zerfressen und wer fasst ihn wer bezahlt den
Schaden Dann Joachim wenn Alle schweigen die hätten reden sollen denke an
Einen den Du im Zorn von Dir stiessest er sprach was Dir nicht gefiel er
sprach nicht im Groll er sprach weil es wahr ist weil Du ihm weh tust«
»Lindenberg« rief der Kurfürst ihm nach »Wem der Herr das Köstlichste
nahm den will er prüfen ob er ihn zu seinen Erwählten reihe Du hast mir das
Köstlichste gestohlen was ein Fürst besitzen kann das Vertrauen aber ich
zürne Dir nicht Du warst sein Werkzeug Ja ich könnte den Geist Gottes auch in
Dir ehren der so spricht wär ich nicht Fürst und Richter Ich scheide nicht
im Groll Nimm diesen Wunsch als letzte Mitgift auf Deinen schweren Weg stirb
wie Du gelebt als Mann«
Der Kurfürst wandte ihm den Rücken er hat ihn nicht wiedergesehen
Siebenzehntes Kapitel
Hans Jochem
Ein grauer Himmel lag ausgespannt über dem Lande und das schien Vielen gut Es
war so Vieles das besser bedeckt blieb mit einem Schleier Die Trauerglocken
läuteten von Früh bis Abends auf den Schlössern derer die mit den Lindenbergern
verwandt waren und über dem Wedding kreisten Schwärme von Raben Wer da nichts
zu schaffen hatte blieb hinweg Beim Einbruch der Nacht sah man aber verhüllte
Reiter über die Heide sprengen dass die Raubvögel aufflatterten vom Hochgericht
Was ihre Lippen murmelten was ihre Zähne knirschten was ihre Arme zu den
Wolken gestreckt schworen die Wolken hörten es nicht noch der Schatten
zwischen den drei Pfeilern vom Winde geschaukelt und der Kurfürst in seinem
Schloss zu Kölln hörte es nicht und das war gut
In Berlin war es still und still in Kölln Wie tief in die Nacht brannte
das Licht an den Fenstern wo der Kurfürst wohnte »Er kann nicht schlafen«
flüsterten sie sich zu »Wo solls hinaus« sprach der Bürgermeister zum
Syndicus »Er ist Einer und sie sind Viele Er setzts nicht durch« »Und man
spricht von seltsamen Zeichen am Himmel die Schlimmes bedeuten« sagte der
Syndicus Im Rate zu Berlin war der Schluss nicht durchgegangen dass man eine
Sendung an den Markgrafen verordne ihm zu danken dass er Gerechtigkeit geübt
sonder Ansehen von Stand und Person »Das ist ein weit schlimmeres Zeichen als
die großen Vögel am Himmel« sagte der Bürgermeister »so die Bürger nicht den
Mut haben das auszusprechen was sie denken und es ist doch gut« Der
Ratsschreiber ein hitziger junger Mann zog Einige in den Winkel da setzte
er ihnen auseinander dass es nun an der Zeit sei wenn je ihre alten
Gerechtsame wieder zu fordern die verbrieften Privilegien und Freiheiten der
Städte Berlin und Kölln die Markgraf Friedrich der Zweite der mit eisernen
Zähnen zerrissen als er die Öffnung der Stadt erzwang »Nun ist er mit dem
Adel zerfallen nun braucht er Hilfe jetzt angeklopft erst leise dann lauter
und unsere Stunde schlägt« Da er ausgesprochen war Einer um den Andern
fortgeschlichen und sie schüttelten die Köpfe »Man weiß was man hat man weiß
nicht was man kriegt« »Ja Gevatter« sagte ein Anderer auf der Treppe »ein
Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache« »Wenn man in
dem alten Gleise bleibt fährt man nicht so bald irre« »Was Dich nicht
brennt sollst Du nicht löschen« »Wenn Du überherret bist ist Liegen keine
Schand« »Der oft allen Menschen raten kann weiß sich selbst nicht zu
raten noch zu helfen« »Wer die Wahrheit geiget dem schlägt man die Geige
an den Kopf« »Die viel erfahren reden wenig« »Und wer ist er denn Vögel
die früh anfangen zu singen haben bald ausgesungen« Es hat kein Volk so viel
Weisheit als das deutsche wo es gilt dass es beim Alten bleiben soll und käme
es auf die Sprichwörter an so säßen wir noch in den Wäldern und ässen Eicheln
Auch auf dem Lande war es still Die Bauern schüttelten auch den Kopf Es
hatte blutige Kreuze geregnet die waren auf Nacken und Arme gefallen und auf
den Wegen sah man sie noch liegen Aber eines Morgens stürzten die Weiber und
Kinder so Buchnisse und Eicheln im Forst gesammelt mit Geschrei und Weinen
ins Dorf zurück Sie hätten auf den Bäumen Tiere gesehen mit feurigen Augen
und großen krummen Schnäbeln wie sie zu Land Keiner kennt die hatten mit den
Flügeln geweht dass die Luft gezittert »Das sind die Sturmvögel von über der
See aus dem Lande Norwegen« sagten die alten Leute »die kommen nur wenn
Krieg wird« Hörte man heimlich doch hämmern und rüsten in den Edelhöfen und
Nachts kamen schwerbepackte Wagen die klirrten von Eisen Da sahen die Alten
sich noch bedenklicher an »Den Herren bringts Freud uns Leid Die
Schlossgesessenen ziehen ihre Zugbrücken auf und wenn der Sturm nicht zu arg
wird halten sies aus Wer schützt unsere Schilfdächer und Lehmhäuser Die
brennen und fallen wenn es nur losbläst« Da sah man sie um Mitternacht bei
verhangenen Fenstern in ihren Läden kramen und Schaumünzen und Ketten und Ringe
und Spangen wer es hatte in einen Topf tun Wenn dann die Wolken über den
Mond zogen und der Wind in den Bäumen pfiff gruben sie still ein Loch zwischen
den Wurzeln des alten Birnbaums im Garten stellten den Topf hinein sprachen
mit gefalteten Händen einen Spruch und schaufelten Erde drüber und deckten Laub
und Moos drauf Das war des Bauern Sicherheit im Mittelalter
In Burg HohenZiatz sah es auch traurig aus aber nicht mehr still Die gute
Frau von Bredow der ihr Herr fortgeführt ward hatte drei Stunden lang geweint
und ihre Töchter und Mägde und die Knechte auch was sie nur konnten dass die
Katzen auf den Dächern verwundert herabgeschaut und die Hunde heulten dazu
»Ach er kehrt niemals wieder« hatte sie gesagt zu denen die sie trösten
wollten und dann die Schüsseln mit dem was er über gelassen unterm Arm
genommen und in die Speisekammer getragen »Das war sein letztes Essen hier«
Aber kaum hatte sie die Kammer abgeschlossen da musste sie wieder aufschließen
denn die Einlagerung war gekommen die Landreiter aus Potsdam »Das fehlte auch
noch zu der Bescheerung« hatte sie gesagt und wieder decken und anrichten
lassen für die Gäste die in keinem Haus willkommen sind Die sangen und tranken
in der Halle spielten und fluchten und zerbrachen Gläser und Teller Die Mägde
wollten gar nicht mehr zu ihnen hinein wenn nicht die Hausfrau mitging
Und was war das für eine Nacht gewesen In den Wäldern hatte es gerauscht
und geschrien und unten in der Halle getobt und wenn es einmal stille ward
hatten die Schmerzenstöne aus der Torstube ihr ins Ohr geklungen Sie sagten
Wunderliches von Hans Jochem Es kenne ihn keiner wieder so sei es in ihm
gefahren ob der böse Geist oder der gute das wisse Keiner Und der Dechant
ders ihnen sagen konnte war nicht da »Wenn man sie braucht sind die Pfaffen
nimmer da« sagte Frau von Bredow Einige meinten es klinge ihnen so wenn er
an die Wände schreie als da der wandernde Dominicaner gepredigt in den Fasten
Das sei gewesen dass Einem das Herze brach und die Knie zusammensanken
Der kluge Knecht Ruprecht hatte die ganze Nacht auf der Mauer gelegen und
hinausgeschaut als wolle er das Gras wachsen sehen meinten die Leute Er hatte
den dummen Leuten nicht geantwortet die nicht verstanden dass er auf mehr sah
aber als die Burgfrau in der Frühe zu ihm trat schüttelte er den Kopf
»S ist was im Anzuge Gestrenge So was ist mein Leblang mir nicht
vorgekommen Als die Fehde in Stendal war rauschte es auch wohl über den
Kiefern aber das waren nur Einige Die Nacht wars doch als rauschte die ganze
Luft und die Wälder zitterten Und das schrie dass Einem die Ohren weh taten«
»Wer schrie denn Ruprecht«
»Die Seeraben aus dem Nordland die Kormorans groß wie ein Storch und
stärker als der Adler und wehren sich gegen den Förster noch wenn er sie
angeschossen hat Wo sie hausen gehen die Bäume aus von ihrem Unrat und sie
fischen die Seen aus Auch der Has ist vor ihnen nicht sicher noch das junge
Reh«
»Wer ist itzund sicher Sie meinen s gibts Krieg«
Der Knecht schüttelte wieder aber langsamer den Kopf »Da schlügen sie
anders mit dem Schweif was eigentlicher Krieg ist das gibts nicht Unruh und
Aufstand«
»Ach Gott Sie schleppen noch alle nach Berlin wie meinen Herrn«
»Werden sich auch schleppen lassen Dass ichs sage Gestrenge s ist
vielleicht schlimmer als Krieg Wie alte Leute sich entsinnen kamen die wilden
Raubvögel vor alten Zeiten auch einmal ich glaube s sind hundert Jahr als
der erste Nürnberger Markgraf ins Land zog und die Havelländischen aufstanden
Da war die Luft schwarz von ihren Flügeln Und ich sagt es gleich bei der
Wäsche als der Sturm kam Uns gemeine Leute gehts nicht an aber die
Schlossgesessenen die Ritter werden aufstehen«
»Aber Ruprecht wie kannst Du so abergläubisch sein Der liebe Gott hat doch
die Vögel nicht für die Edelleute allein gemacht«
»Warum hat er sie denn aber so unterschiedlich gemacht die Stösser die
Reiher die Adler die Finken die Tauben die Zeisige Die Raben da auf der
Kiefer die haben mehr Verstand als mancher Mensch Wie der vornehme Ritter
letzte Nacht ausritt und unser Junker mit da flog die Alte mit den beiden
Jungen ihnen nach und kreisten um ihre Köpfe Ich sah scharf zu Als sie schon
im Walde verschwunden waren die Raben waren immer oben in der Luft Na nu
haben wirs den Junker Peter Melchior schüttelt das Fieber unser Hans Jochem
brachs Bein der Herr von Lindenberg dass weiß ich nun nicht «
»Schäm Dich was Ruprecht Sag mal als mein Herr rausgeführt ward «
»Da saßen sie wieder auf ihrem Nest und guckten raus Hat sich auch keiner
gerührt«
»Gottes Güte ist doch groß« sagte Frau von Bredow Atem schöpfend und
fuhr mit dem Finger etwas übers Auge »Mein armer Götze wo mag der sein Der
ist verloren wenn nicht der Herr von Lindenberg sich seiner annimmt Gott
ach Gott wer gibt ihm da zu essen und wer wärmt ihn wenn er friert Du
sollst nach Berlin fahren Ruprecht Will zwei Kober mit Würsten packen auch
ne gesülzte Gans sollst Du mitnehmen Und dann fährst Du beim Herrn von
Lindenberg vor so schlecht wird er doch nicht sein Ich trau ihm eigentlich
nicht viel Aber das tut er schon Auch seine Friesjacke und die wollenen
Strümpfe und wenn Du ihn siehst dann sage ihm «
Ach es gab so viel zu sagen und zu sorgen für die arme Frau Der Meister
Hildebrand wollte auf seinen Klepper steigen und fortreiten »Sterben ja das
wird er schon« sagte der Meister »wir müssen Alle sterben je wies kommt
Einer früher der Andere später aber zum Trauertuch kaufen ist noch nicht Zeit
gnädige Frau Lieber graues auch weißes oder braunes je wies kommt Wird er
ein grauer Bruder graues wird er ein Cistercienser weißes Rekommandire
meinen Schwager in Brandenburg dem Roland gegenüber hat ausgesuchtes Zeug für
weltlich und geistlich je wies kommt«
»Meister der Hans Jochem geistlich Ach du meine Güte«
»Ist gut fürs Haus Gnädige wenn man sich Einen zuzieht aus eigener
Sippschaft Für allerhand Fälle zum Trauen zum Taufen zum Sterben auch je
wies kommt Auch zum Beichten Wer vertrauts denn jeder Kapuze gern ins Ohr
was man im Herzen hat«
»Der Hans Jochem im Beichtstuhl«
»Kann auch auf den Bischofsstuhl mal kommen wer weiß das Alles Hinken wird
er sein Lebtag s hat mancher Bischof gehinkt mancher Kurfürst und mancher
König je wies kommt Wir gehen Alle der Grube zu Wer läuft kommt schneller
wer hinkt kommt langsamer an«
Da war wiederum Lärm in der Halle als der Meister kaum aus dem Tore war
Hans Jürgen stürzte heraus blutig Er schrie nach Waffen und Rache Es wär zum
Schlimmen gekommen und der kluge Knecht Ruprecht ja selbst die Frau von Bredow
hätte den tollen Jungen nicht zur Ruhe gebracht und da fehlte nur ein Funke
dass es überall aufflackerte Hatte sich Einer unterstanden Eva Bredow »ein
schmuck Blitzmädel« zu nennen oder gar Aergeres ich weiß es nicht Hans Jürgen
musste es doch gehört haben konnte ers ertragen Und als er mit der Faust auf
den Tisch geschlagen flogs ihn an und ihm floss Blut
»Die Schandmäuler« riefen die Diener »Wärs noch Ensereins aber unser
Frölen« »Und unser Junker blutet« schrien Andere »Er ist verwundet«
»Selbst verwundet« beschwichtigte der kluge Knecht Ruprecht der Hans
Jürgen unterfassen wollte »schlug mit der Hand in die Scheiben«
»In ihre Hirnschädel will ich schlagen« und er hatte nach einer Stange
gegriffen
»Hans Jürgen Wetterjunge« rief die Burgfrau und fasste nach der Stange die
er wie eine Lanze in der Luft schwang »Das sind des Kurfürsten Leute«
»Schlimmers« flüsterte Kasper ihm ins Ohr »Sind unadlich und unehrlich
Büttelsknechte nicht viel besser«
Hans Jürgen gingen die Worte doch immer sehr verdrossen ab wie einem
Brunnen wo man lange pumpen muss dann erst kommt etwas Wasser Die Landreiter
mussten gut gepumpt haben denn als er die Stange über sich mit beiden Händen
wirbelte fuhr es wie ein Fluss aus den Bergen heraus »Kurfürst hin Kurfürst
her So soll doch das KreuzHimmelDonnerwetter drein schlagen« Aber da er der
Base den Rücken wandte schlug er nicht los weil Eva vor ihm stand die beiden
kleinen Arme in ihren Hüften »Hans Jürgen willst Du mich schlagen« schien ihr
schelmischer Blick zu sprechen und was sonst wohl ihre Augen sprachen Die
Stange blieb zuerst ein Weniges in der Luft schweben dann senkte sie sich
langsam bis Eva mit einem leichten Sprung die Spitze ergriff und mit einem
Male lag sie auf der Erde »Hans Jürgen sie spassten ja das Ding aber ist zu
schwer zum Spaß« Hans Jürgen stand wie Einer der mit Wasser begossen ist es
muss aber nicht sehr kalt gewesen sein Er fror nicht da ihn Eva bei beiden
Ohrläppchen fasste und etwas links und etwas rechts zauste Was sie dabei sprach
hörte Keiner muss aber auch nichts Böses gewesen sein denn sein Gesicht ward
immer freundlicher
Der Hausherr fortgeschleppt Gott weiß wohin Gott weiß wozu das Haus voll
Landreiter die das Unterst zu Oberst kehrten Streit Zank Blut sogar die
Seeraben der Meister Wundarzt ein Neffe und künftiger Schwiegersohn halb tot
oder geistlich ach und noch mancherlei Gedanken die auch die frommste Frau um
ihre Ruhe bringen Was konnte da noch Leides hinzukommen Und doch kam es Ein
Schrei aus der Torstube Hans Jochem war der Verband aufgegangen und das war
auch noch nicht das Schlimmste der Wachtmeister der so was zu flicken
verstand wie er sagte verband ihn wieder Aber Ihre Tochter Agnes die stand
da wie ein Bild aus Stein das sie an die Wand gelehnt Sie hatte es gesehen wie
das Blut spritzte und sah noch drauf wie mit gläsernen Augen und konnte nicht
den Arm rühren noch den Kopf bewegen »Das ist am End noch schlimmer« dachte
Frau von Bredow
Ein Starrkrampf geht schon vorüber aber das kleine Herz schlug so stark
nachher dafür dachte Frau von Bredow muss ein Mittel sein und schnell Sie
hatte sich den ganzen Abend mit der Tochter eingeschlossen und Agnes lag auf
ihren Knien wie ein Beichtkind vor der Mutter Schoss und nun ihre Hand küssend
sagte Agnes »Ja so wirds am besten sein Mutter« »Und morgen in der Frühe
dass Du ihn nicht wieder siehst« »Nein Mutter« sagte Agnes »ein Mal noch
ein mal noch das hab ich ihm versprochen das muss ich Wir sehen uns ja dann
nimmer wieder«
Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt aber doch nicht Nein gesagt Wie
hätte sies auch mögen Mit dem Knecht Ruprecht sprach sie am Abend noch
vielerlei
»S ist besser so Ruprecht Du bleibst hier Das versteht der Kasper
besser Erst bringt er verstehst Du mein Kind nach Spandow und dann die Würste
nach Berlin«
»Und der Junker«
»Reitet mit nach Spandow Dann sind wir den auch los hier finge der
Ungeschick doch wieder neue Stänkerei an« wobei Frau von Bredow tiefer als
sonst aufseufzte
Der kluge Knecht Ruprecht sagte im Hinausgehn »Wie Gott es fügt Der Mensch
will Manches zusammentun und dann gehts doch auseinander und was er
zerschneiden will das tut sich von selbst zusammen«
»Das wäre ja schreck« fing Frau von Bredow an aber sie verschluckte das
Wort wieder und faltete ihre Hände zu einem stillen Gebet
Auch Agnes schien ein langes Gebet geendet zu haben und fühlte dann mit der
einen kleinen Hand auf die Stirn des Kranken der jetzt wieder sein Auge
aufschlug Er hatte zu viel vorhin gesprochen dass er wieder unmächtig aufs
Kissen zurückgesunken war
Der Morgen graute unheimlich durch das verhangene Fenster in das
Krankenstüblein ein Hahn fing schon an zu krähen und die Rosse stampften vor
dem Wagen den der Knecht Kasper anschirrte Agnes saß im grauen Reisehabit den
Schleier um die Kappe sah sie doch schon fast aus wie eine fromme Schwester
die der Welt ihr Valet gesagt und das blasse Gesicht war doch nur das eines
freundlichen Kindes
Nun sahen sie sich an wie zwei liebe gute Freunde die sich trennen müssen
er reichte ihr die Hand
»Das ist lieb von Dir dass Du noch da bist«
»Du wolltest mir ja noch sagen wie Alles so gekommen ist«
»Ach Agnes noch flimmert mirs vor den Augen wie Einem denk ich mir sein
muss der lange lange blind war und plötzlich gehen ihm die Augen auf und grade
geht auch die Sonne auf das sticht glänzt tanzt um ihn Es ist Einem so wohl
und auch so weh«
»Dass die Wölfe nur nicht ran kamen wie Du da lagst das freut mich«
Er atmete tief auf dann hub er an »Der Schmerz war wohl schrecklich aber
es ward gleich Nacht um mich Das Blut das aus der Wunde floss kam mir wie ein
Balsam vor der sanft um die Glieder leckte Da hörte ich auch nicht mehr die
Wölfe heulen auch die Raubvögel in den Ästen die ihre Flügel schlugen und mit
den feurigen Augen und den grimmigen Schnäbeln gierig auf mich schauten ließ
die Flügel sinken und zogen die Köpfe ins Gefieder und nickten auf den Zweigen
bis Alles nickte alles zu schlafen schien die Blätter die Sträucher Die
Würmer nagten nicht im Holz die Frösche schrien nicht mehr O da wärs mir
auch lieb gewesen so einzuschlafen und da kam es «
»Du wachtest auf«
»So denk ich muss Einem sein der vom Blitz getroffen ward Ich wachte
nicht ich schlief nicht ich konnte mich nicht regen ich war aber auch nicht
gebunden Als wie ein Quell der durchbricht war es so sickerte pulste und
strömte es durch die Adern mir o nun fühlte ich nun sah ich was ich nicht
aussprechen kann«
Agnes senkte errötend die Augen
»Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband das um die Brust mir gelegen wie
auf einen hohen Turm war ich gehoben und sah weit umher die Wege Felder
Städte die Pfade wo ich gegangen die Mauern fielen die Berge sanken vor
meinem Blicke« Da war mir unaussprechlich wohl und weh Es war eine andere
Luft ein anderes Wehen so rein durchströmte es mich Wie gern hätte ich mich
da oben gehalten in der Herrlichkeit selbst die Torheit die ich hinter mir
sah war nur wie ein leiser Schattenstreif der in Nichts verschwindet wenn die
Sonne zur Mittagshöhe steigt Ich hätte fliegen mögen aber dann war ich
plötzlich von der schönen luftigen Höhe versunken tief tief unten Lag wieder
angeschmiedet angelötet an den Felsblock wie schwer waren die Glieder
ringsum Nacht Wüste Grauen Die Raubvögel reckten wieder ihre Hälse Was
jagte was tobte was tanzte um mich Ein Zug der kein Ende nehmen wollte Alle
meine Torheiten aller Schabernack den ich im Mutwillen verübt ach den ich
längst vergessen hatte jeder eitle Wunsch jeder dumme Spaß schoss vor mir auf
ein seelenloser Kobold der seine Künste zeigen wollte Da gingen ein Paar
Stelzen mit weißen Betttüchern und verfolgten ein armes Weib das vor ihnen
floh Sie stürzte auf mich zu sie rief um Hilfe Ach ich war es ja selbst der
sie jagte Da summte eine Bremse um mich immer weiter und immer größer jetzt
wards ein Kalb das ich geneckt und gequält jetzt ein Pferd das atemlos um
mich galoppirte Das arme Tier es keuchte gern hätte ichs gehalten aber ein
Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen Es waren meine Sporen ich
hatte es zu Tode geritten aus Übermut Da flogen bunte Mützen durch die Luft
Faugebälle der Kobolde ich konnte sie nicht bunt genug haben nicht oft genug
wechseln Hupp hupp da tanzten ein Paar Locken Der Adelheid Marwitz ihre die
konnt ich nun gar erst nicht aus den Augen kriegen Und dann Wirbel und Wirbel
Ach die Weisen an denen ich mich sonst nicht satt hören konnte summten und
summten ohne Aufhören dass ich wünschte die Wölfe möchten nur wieder heulen
damit das wüste dumpfe Einerlei fort wäre Da galoppirte ich hinter dem Ritter
Lindenberg und der helle Angstschweiß stand mir auf der Stirn nun sah nun
wusste ich ja wie schlecht das war und doch musste ich ihnen nach und immer
nach und sie lachten mich aus und nun konnte ich mich wieder nicht rühren und
oben glänzte die Morgensonne auf die lichte Turmhöhe wo ich gewesen und ich
reckte meine Arme verlangend hin aber eine Stimme rief »Was willst Du hier
Dein höchster Wunsch ist da« Und vor mir faltete sichs aus was erst aussah
wie eine Binsenmatte dann ward es bunt weit Bänder und Puffen die
Pluderhosen des Krämers Als führe ein Wind hinein blähten sie sich sie wurden
wie ein Baum wie ein Turm bis zu den Wolken ein scheussliches Gespenst und
heraus rutschte es eins zwei drei wieder andre Hosen kleine große o
zehn hundert tausend und sie fassten sich an und tanzten um mich im Reigen
Immer enger immer enger Ich meinte vorm Staube zu ersticken bis ich aus der
gepressten Kehle um Hilfe schrie Da rief die Stimme »Was willst Du Hilfe vor
dem was Deine Wonne ist Ging doch Dein Sinnen und Trachten nur nach dem
Eitlen Wer schaalem Witz und hohlem Spaß sein Lebelang nachläuft der kann in
unsrer Luft nicht atmen Der Staub den die Sohlen der Tänzer aufwirbeln ist
Dein Äther Zum Ländler wurde ja Deinem Ohre der Chorgesang der Engel«
Der Kranke atmete schwer auf und die Lippen bewegten sich ohne Töne
vorzubringen Agnes faltete die Hände über ihm zu einem stummen Gebet Als
lauschte er mit Wohlgefallen den Tönen die noch über ihre Lippen kamen winkte
er ihr zu Er hatte die Sprache wieder gewonnen
»So sah ich Dich da in Deinem Kämmerlein so hast Du für mich gebetet Du
warst aus Deinem Bett gehuscht über der Schwester Bett beugtest Du Dich ob sie
schliefe dann warfst Du Dich vor das Betpult durch die zerbrochene
Fensterscheibe wehte der Wind und lüftete das Tüchlein an Deiner Schulter «
Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten »Heilige Mutter Gottes «
»Die sah es auch und lächelte Sie war es die Dich geweckt Ich allein
Agnes o wer hätte mein Gebet gehört Die heiligen Schutzpatrone die den andern
sündigen Menschen helfen wandten mir den Rücken Da hätte ich gelegen bis mein
Blut erstarrt war bis die Wölfe ich wäre ja ohne Heiligung ohne Erkenntnis
aus der Nacht hinübergegangen in die Ewigkeit Die Liebe nur tat es die nicht
gerechnet und nicht gefragt Du schwebtest ein Engel mit dem Palmenzweig durch
den Spuk Du winktest da betete ich zuerst da wichen die hässlichen Bilder Du
reichtest mir die Hand da löste es sich atmete ich wieder da hob ich mich
auf da «
Er hörte wieder nicht was sie in ihrer Herzensangst sprach dass er nicht
lästern solle dass die Heiligen allein den Hans Jürgen und den Ruprecht durch
die Wildnis zu ihm geleitet dass er gesund werden würde wenn Seine Pulse
schlugen so laut seine Stirn brannte
»Der Wagen steht angespannt Ich hör die Rosse stampfen« flüsterte sie
»Hans Jürgen wartet auch«
»Worauf« fuhr der Fieberkranke auf »Dass der Blitz Niederschlag in die
trockene Wüste O Agnes ich allein kanns nicht Du musst mir helfen«
»Ich nicht lieber Hans Jochem bete zur Jungfrau Maria Die wird Dir
helfen«
»Mir Mir ist geholfen Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade Aber die
Andern die noch dürsten für die lass uns beten für die Armen im Sande und
sie wissen nicht was ihnen fehlt denke doch sie Alle denken nichts Hans
Jürgen nicht der Vater nicht die Mutter nicht In das Leben hinein wie der
Maulwurf Und sie fühlen nicht den Durst das ist das Entsetzlichste«
»Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben«
»Wo ist der der an den Fels schlägt Ich stand auf dem Felsen Agnes«
sprach er leise sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend »Du musst mich nicht
verraten Ich sah hinter mich in die Wüstenei Ach das sah grässlich aus Die
schaukelten sich wie die Halme im Winde die krochen hin und her wie die
Ameisen die wirbelten und tanzten wie die Wassermücken im Sonnenstrahl Alle
wie die Tiere die nach der Atzung wittern den Kopf zur Erde und Keiner
Keiner die Augen nach der Sonne«
Das arme Mädchen und der Fieberkranke allein Sie drückte ihm sanft seinen
aufgerichteten Leib an die Kissen Seine Hände glühten nicht so als sein Auge
»Wir wollen für sie beten Hans Jochem gleich zum lieben Gott Die Heiligen
werden es uns wohl verzeihen «
»Wir sind die Erwählten Wenn wir mit einander beten öffnet sich das
Himmelstor«
»Mutter Gottes verzeih ihm die Sünde«
»Die lächelt herab auf uns dass wir « Die Ruhe schien einen Augenblick auf
sein Gesicht zurückzukehren »Du und ich wir gehören zu einander und haben
uns nicht gefunden Das geht wohl so in der Wüste Der Staub verwirrt auch die
Erwählten Nun erst da wir hinaus sind da ists zu spät meinst Du Nein
Agnes Wenn Du im Chor zu Spandow auf den Knieen liegst lieg ich auch auf den
Knieen wo wo doch O Du wirst von mir hören Was von mir hören Du wirst
deutlich hören mich beten siehst mich knieen die Mauern zwischen uns sinken
Wir sehen uns Beide an wie die seligen Märtyrer auf den Bildern mit süßen
Liebesblicken «
»Ach HimmelsKönigin Hans Jochem das ist arge Sünde «
»Sünde« rief er mit dem zufriedenen Lächeln eines Irren »Uns kann sie
nicht mehr berühren Wir sind Erwählte berufen die Andern zu retten Sie
schwimmen im Meer das ist das Leere sieh sieh die wenigen Wasserbläschen
die sich herausringen o Gott das sind die Gedanken fischen wir Netze hinein
eine Angel mit süßem Köder Agnes sieh wie schwer ich ziehe hilf mir
nun nun «
Was ihr nicht gelungen wirkte die Erschöpfung Er sank ohnmächtig zurück
»Agnes« rief der Mutter Stimme »Agnes« wiederholte Hans Jürgen
Sie riss sich los aber wandte sich wieder um und zitternd hauchte sie einen
Kuss auf die Stirn des Ohnmächtigen »Mutter Gottes sieh es nicht Mutter
Gottes verzeihe ihm und mir die Sünde«
Achtzehntes Kapitel
Unterricht im Denken
Wenn die großen Wagenräder sich durch den tiefen Sand mühsam Bahn brachen und
Kaspar abgesprungen und bald den Falben bald den Schecken klopfte und
Scherznamen ihnen ins Ohr rief ritt Hans Jürgen neben dem Wagen und neigte
seinen Kopf zur Muhme
Schiens ihm doch bisweilen wenn sie sprach Agnes wäre um zehn Jahre
gewachsen und war doch kaum fünfzehn Jahre alt Sie hatte anfangs viel geweint
und das war Hans Jürgen ganz recht denn ihm war gar nicht zu Mut dass er mit
einem hätte freundlich sprechen sollen Nachdem sie aber die Tränen getrocknet
sprach sie so vernünftig das macht wohl die Weihe dachte er die wirkt schon
zum voraus Da hatte sie ihm gesagt dass ihr der Abschied wohl schwer geworden
von ihrer lieben Mutter und lieben Schwester und allen ihren lieben
Blutsfreunden nun aber sei es überwunden und da sei sie recht herzlich froh
denn nun könne sie erst recht für sie Alle leben
Das verstand Hans Jürgen Anfangs nicht denn was konnte sie denn im Kloster
eingesperrt für die in HohenZiatz tun bis sies ihm erklärte dass sie für
ihr Seelenheil beten werde Tag für Tag
»Ja es mag schon gut sein« sagte er »so einer aus der Sippschaft
geistlich wird und für uns betet denn wir draußen auf dem Lande haben doch
nicht Zeit«
Agnes meinte dazu müsse jeder die Zeit finden Hans Jürgen aber zählte ihr
auf was Einer wie er zu tun habe von wenn die Sonne aufgeht bis sie
untergeht und wenn ers verrichten täte wie die Edelfrau es wolle dann könne
er bei Tage gar nicht dazu kommen an den lieben Gott zu denken und des Nachts
sei er zu müde Das sei auch des Dechanten Meinung dass man den Geistlichen das
überlassen müsse wozu wären sie auch sonst da Und von dem Überschuss der guten
Taten der Heiligen könne mancher ehrliche Mann selig werden
Dazu musste nun Agnes wohl schweigen wenn sie keine Ketzerin sein wollte
und die Vorstellung, dass sie selbst eine Heilige werden durch ihre guten Taten
ihre Verwandten dereinst selig machen könne mochte sogar für ihre
Einbildungskraft etwas Lockendes haben Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu
Sinn und ihre künftige Würde erlaubte ihr schon ein wenig zu predigen Wozu
wären denn die Kanzeln und die Predigermönche und Pfarrer wenn die Heiligen mit
ihren Werken allein es täten Und da kam ihr zu Sinn was der Verwundete
zuletzt gesprochen von dem wüsten Leben und der Gedankenlosigkeit
Nun gab sich das gute Kind rechte Mühe ihren Vetter auf Gedanken zu
bringen und zwar auf gute aber aus seinen Antworten sah man dass er wenigstens
zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte
»Das ist schon ganz recht Agnes was Du sagst von der Geschichte neulich
und ich habs mir schon selbst gesagt dass es unrecht war Nun aber hats der
liebe Gott so gefügt wies sein musste Hans Jochem brach ein Bein und ich
musste nach den Hosen Also hats der liebe Gott allein und für sich gemacht dass
wir keine Sünde begangen haben siehst Du der macht es doch gewiss zum besten
und besser als ich und Hans Jochem es vorher bedacht hätten Freilich der Hans
Jochem hätte nicht das Bein gebrochen aber Du sagst ja selbst das wär zu
seinem Heil und darum soll er Gott preisen Warum soll ich Gott denn nicht auch
preisen und das könnte ich doch nicht wenn ichs vorher bedacht da müsst ich
mich ja selbst preisen Denk drum s ist am besten man lässts gehen wie es
geht«
Es ward Agnes Bredow recht schwer ihren Vetter eines Bessern zu belehren
weil es überall schwer ist zu lehren wo man selbst nicht recht Bescheid weiß
Während sie lange hin und her stritten ob jeder Mensch selbst denken müsse und
was und wann und wie weit schienen sie sich darin zu nähern dass mans in
jungen Jahren noch nicht nötig hätte wer nicht geistlich werden wollte aber
dass es gut sei wenn man älter würde das musste auch Hans Jürgen zugeben
Da schlug er sich plötzlich auf die Lende »Aber Blitz noch mal Agnes Dein
Vater denkt ja auch nicht Meinst Du dass er nicht in den Himmel kommt Er ist
doch ein so guter Christ wie einer«
Agnes besann sich »Weißt Du was Für den denkt die Mutter Das mag wohl so
eingerichtet sein vom lieben Gott wenn zwei verheiratet sind so hilft Einer
dem Andern aus und dem Einen wird angerechnet was der Andre Gutes tut«
»Aber was er Böses tut muss der Andere auch mittragen«
Agnes nahm sich vor ihren Beichtvater darüber zu fragen
»Wenn Einer nun aber allein stehen bleibt und wird nicht geistlich der hat
es recht schwer« sagte Hans Jürgen
»Freilich« und dem armen Mädchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn
»Ach Gott Hans Jürgen nimm Dich in Acht dass Du so einer nicht wirst Was muss
da von den Werken der Heiligen drauf gehen um den selig zu machen«
Sie faltete unterm Mantel ihre kleinen Hände und nahm sich vor wo sie
eine Stunde sich absparen könne für Peter Melchior zu beten den sie doch gar
nicht leiden konnte
»Bewahre mich der liebe Himmel vor ner Sünde aber ich denke so eben was«
fuhr Hans Jürgen plötzlich aus sichtlichem Nachdenken auf
»Siehst Du Vetter nun fängst Du auch schon an das ist gut«
»Ach nein Agnes das ist nur so gedacht Der Peter Melchior und wie der
ist das wissen wir Alle Der Dechant Hast Du nicht auch gehört wenn Deine
Mutter sagt der Teufel steckt in ihm Der hat nun kein Weib wer soll für den
beten dass er selig wird Und alt genug ist er«
Das machte Agnes genug Kopfbrechen Dass der Dechant nicht so sei wie er
sein sollte konnte sie nicht leugnen Sie meinte der liebe Gott werde
vielleicht ein Nachsehens mit ihm haben weil er für Andere soviel Gutes und
Erbauliches spräche wenn er selbst dafür nichts Gutes und Erbauliches täte
Hans Jürgen schüttelte den Kopf »Wer anders spricht als er tut das gerade
ist schlecht Agnes das lass ich mir nicht nehmen und wenns der Bischof ja
wenns der Papst selber wäre«
Sie meinte nun weil er ein Domherr wäre so beteten und dächten die anderen
Domherrn für ihn und da übertrüge es wohl auch einer auf den Andern Hans
Jürgen aber meinte es wären ihrer doch gar zu viele die es nicht verdienten
und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen hätten dass sie das gut machten was
der dritte schlecht gemacht wo bliebe ihnen da Zeit für sich und die übrigen
Menschen zu beten
Agnes senkte ihr Köpfchen sie konnte auch das nicht ableugnen In welchem
Hause auf dem Lande und in den Städten ward nicht damals gegen die
Geistlichkeit geschimpft und den Kindern selbst konnte mans nicht
verschweigen was sie für schlechte Streiche machten
»Hans Du musst Heiraten das ist das Beste«
»Ich Agnes ich heirate nicht«
»Ja ja Du musst ne gute Frau haben die für Dich denkt wie Mutter für den
Vater«
»Nein nun nicht das ist nun vorbei Agnes«
»Ich sage ja nicht jetzt wenn Du so alt bist Hans Jürgen Geistlich wirst
Du nicht werden Hans Jochem geht ins Kloster und Eva ist Dir gut ich weiß
es«
»Sprich doch nicht so dummes Zeug Agnes Ich habs auch mal so gedacht das
ist nun aber nichts Ja wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen
wollte und dem Kurfürsten vorstellen da konnte was aus mir werden da hatte
ich so meine Gedanken Nun hats der liebe Gott anders gemacht«
»Hat ers nicht gut gemacht Hans Jürgen Du hast nun ein rein Gewissen Und
hörtest Du nicht was sie munkelten dass der Herr von Lindenberg in Berlin in
Ungelegenheiten gekommen wäre Die Schulzenfrau wusste nur nicht recht was Ists
nicht der Herr von Lindenberg so ists ein Anderer Der Herr von Rochow auf
Plessow ist gar nicht übel Wenn wir ihn recht bitten nimmt er Dich auch mit
und stellt Dich vor Du musst nur was auf Dich geben und den Kopf nicht immer so
in den Schultern tragen und dann auch nicht so die Zähne ziehen wenn Du Einen
schief ansiehst den Du nicht magst Ja ein bisschen freundlicher könntest Du
schon werden Du bist doch manchmal ein Bär Vielleicht bringen sie Dich bei der
kurfürstlichen Jagd an da brauchst Du nicht zu denken«
»Beim Kurfürsten Lieber will ich Ziegel streichen Bin ein freier Mann
eines Edelmanns Sohn O pfui Der Deinen Vater hat lassen ins Gefängnis
schmeissen dem ich dienen Und wärs auch nicht Evas Vater er ist «
»Hans Jürgen er kommt schon wieder frei Vater hat gewiss nichts
verbrochen«
»Was tuts Der Kurfürst hat ihn ins Gefängnis schmeissen lassen ja das
hat er Das vergess ich nimmer Ist mein Feind Und seine Reiter die Wärs nach
mir gangen der Wenzel der Konrad o sie Alle und die aus dem Dorf wir hätten
ihnen wollen Mores lehren so wahr ich Hans Jürgen bin«
»Gott sei uns gnädig das hätte Blut gesetzt«
»Wozu hat man denn Blut im Leibe Blut solls auch noch setzen Wenn die
Herren im Lande es ruhig hinnehmen wenn die Sippschaft im Havellande nicht
aufsteht ich stehe auf Ich schnüre mein Bündel ich ziehe fort wos Krieg
gibt zu den Pommern oder zu den Polen mir gleich Reiter werden sie überall
brauchen wenn es nur gegen den Kurfürsten losgeht«
Dass Hans Jürgen wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfürsten
auch gegen sein eigen Land kriegen müsse fiel Agnes als nichts Unrechtes auf
Dass er Einem absage dem er Feind war däuchte ihr ganz in der Ordnung dass er
so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme sogar
lobenswert Aber Alles miteinandergenommen schien es ihr doch nicht recht
wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte warum und sie bat ihn dass
er sich gedulden möge
Das wollte ihm nicht recht in den Sinn und sie wusste nicht recht wie sie
es ihm zu Sinne bringen sollte So blieben sie beide eine Weile schweigend neben
einander bis sie sich plötzlich erinnerte wie unter dem vorigen Kurfürsten
Einer vom Adel gerichtet worden der mit den Fremden ins Land gefallen war und
es hatte ihm nichts geholfen dass er vorher einen Absagebrief geschickt Hans
Jürgen musste zugeben dass das eigentlich eben so schlimm wäre wenn er darum
gerichtet würde als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden
»Das mag schon recht sein aber wie soll sich denn Einer helfen wenn ihm
Unrecht geschieht Denn Recht muss doch Recht bleiben und der Kurfürst hat uns
Unrecht getan Drum muss doch Einer sein der dem Kurfürsten wieder Unrecht
antut«
Das schien auch der kleinen künftigen Heiligen ganz richtig aber sie
zerbrachen sich beide den Kopf wie das in der Welt zu machen wäre
»Weißt Du was« sagte sie »Wenn Du mich nach Spandow gebracht dann reite
nach Friesack zum alten Herrn Bodo Der ist klug der wirds Dir sagen«
Hans Jürgen kraute sich hinter den Ohren Ganz recht war ihm das auch nicht
denn was er tat hätte er lieber für sich allein getan aber er musste seiner
Muhme Recht geben als ihr jetzt einfiel dass er ja der ganzen Familie Schaden
dadurch tun könne wenn er die Sache auf sich allein nähme Sie alle ginge es
doch auch an als wie ihn und sie würden schon darüber zu Rate sitzen
»Kaspar was pfeifst Du« fragte er
»Das ist nur ne alte Geschichte Junker die mir einfiel von den Mäusen
und von der Katze Die Mäuse saßen doch auch zu Rat wie sies anfingen dass
die Katze nicht so ran schliche und unversehens eine beim Wickel kriegte und
mit ihr abführe Da hatte Eine die war klüger als die anderen den Einfall man
solle der Katze ne Schelle an den Schwanz binden dann hört man sie schon von
fern Der Rat war auch ganz gut aber es fehlte nur was Keine Maus war da zu
kriegen dass sie der Katze die Schelle anband Und da dachte ich denn s geht
manchmal so wenn sie zu Rate sitzen Der Rat ist ganz gut aber es fehlt was
Hui Seht mal da«
Er zeigte mit der Peitsche in die Luft Eine Schaar von den großen Seeraben
flog über die Kiefern in ihren Schnäbeln und Krallen noch zappelnde Tiere
»Das war ein großer Barsch der hat auch nicht gedacht dass ihn ein Stösser
aus Norwegen fressen tun würde Die Fische haben gewiss auch zu Rat gesessen
als die großen Vögel zuerst kamen und in die Weiher stießen denn wenn sie auch
stumm scheinen unter sich sprechen sie wir hörens nur nicht Aber es fand
sich kein Fisch der den Raben die Klingel um den Hals hängen wollte Wetter
noch mal der Große der so schwer hinterher fliegt schaut der schleppt nen
kleinen Hasen«
»S ist ein schweres Unglück für die Tiere im Walde dass die Sturmvögel aus
dem Eislande kommen mussten« sagte Hans Jürgen
»Das glaubt nur ja nicht Junker Wenn die nicht da wären so sind andere
da Nur für unsere Habichte ists schlimm weil die ihnen ins Handwerk greifen
Ist doch jedwed Vieh da dass ein ander Vieh kommt das größer ist und stärker
und packt es und Eins frisst das Andere und wenns den Magen voll hat wirds
wieder gefressen und so gehts Reih um«
Hans Jürgen machte den Einwand die größten Tiere in Luft Erd und Wasser
bleiben doch übrig
»Die schießt der Jäger tot oder ich weiß nicht wie er den Wallfisch
fangen tut«
»Der Jäger ist aber ein Mensch«
»Freilich nun ja Seht Junker ich mein es als wie wir gemeine Leute uns
denken Und da meine ich gehts allebenso wie beim Vieh Einer sitzt aufs
Andern Schulter und drückt ihn Auf dem Chorendejungen sitzt der Bacchant auf
dem Bacchanten der Präfect auf dem Präfecten der Ephorus oder wie sies nennen
tun und auf dem ich weiß nicht wer und das ist allebenso bei den Großen wie
bei den Kindern Auf dem Bauer sitzt der Edelmann auf dem Edelmann der
Kurfürst auf dem Kurfürsten der Kaiser und auf dem Kaiser der Papst Und auf
dem denk ich mir so der liebe Gott Nun sagen sie Recht muss immer Recht
bleiben Nun ja meinethalben aber wer schafft denn nun dem Kücken das Recht
wenn der Stösser es holt«
»Du hast ja eben gesagt Kaspar das der liebe Gott über dem Papst ist, also
er ist über Allen und der wird ihnen das Recht schaffen« sagte Agnes
»Nun ja da hab ich auch nichts gegen und der liebe Gott wirds wohl am
besten wissen warum der Storch den Frosch frisst und der Bauer den Rücken
halten muss wenn der Edelmann prügelt und der Ritter aufs Hochgericht muss
wenn der Kurfürst ihn köpfen lässt das muss nun so sein weils nicht anders
eingerichtet ist aber was sie vom Recht sagen das ist man ebenso Wenn ich ein
Frosch wäre würde ich mich denn wenn der Storch auf der Wiese spaziert
aufblähen und vor ihm quaken Du hast kein Recht mich zu fressen So mein ich
auch wenn ich ein Edelmann wäre und der Kurfürst ginge wütig durch das Land
um die Edelleute zu fahnden da würde ich mich auch nicht vor mein Schloss
stellen und in die Trompete stoßen und rufen Hie Kurfürst hie bin ich das
ist mein Recht I bewahre ich zöge die Brücke auf und ließe das Gitter nieder
und die Fahne nehme ich ab und täte als wenn ich schliefe bis er vorüber
ist Es stürmt nicht immer es regnet nicht immer wie sollte denn das Korn
wachsen«
»Recht muss aber doch Recht bleiben« wiederholte Hans Jürgen der jetzt
anfing zu verstehen was der Knecht gemeint
»I freilich Junker Wer der stärkste ist der ist allemal im Recht Und wer
nun schwächer ist für den kommt auch die Zeit muss sich nur ducken und
schicken bis es mal umkippt denn das tut es schon Wenn der Gestrenge
losschlägt nun lieber Gott s tut ein bisschen weh aber ich hab auch schon
gelernt mich zurecht biegen und am Ende tuts mir auch nicht mehr weh und
nachher weiß ich tuts ihm leid da räuspert er sich knipst mit
Pflaumenkernen nach mir fragt was ich denn grunze Na und wenn ich nun
fortgrunze nämlich was so meine Art ist und komm ihm nicht näher so kommt er
mir näher und da macht sichs denn so manches Mal hat er mir den Bart
gestreichelt und mich nen verfluchten eigensinnigen Kerl gescholten Da weiß
ich die Glocke hat Feierabend geschlagen Da muss ich in den Keller Vergiss Dich
auch nicht Kasper sagte er Ja ich kanns wohl sagen ich habs recht gut in
Ziatz und wenn ich mir was wünschen tu da weiß ich schon nach der
Prügelsuppe krieg ichs O ich könnte noch viel mehr kriegen aber ausverschämt
muss kein Christenmensch nicht sein Hätts mir auch jetzt gesagt Kaspar willst
Du nicht nach Brandenburg reiten auf den Markt und wenn Dir ein Wamms in die
Augen sticht da hast Du nen Gulden aber sags der Frau nicht Nu so klug bin
ich auch Wer wird denn plaudern Aber da sind die Hosen zwischengekommen drum
geh ich das Wamms quitt«
Die Mauern von Spandow wurden jetzt sichtbar Der Knecht hielt ein wenig an
weil die künftige Klosterfrau ihren Anzug in Ordnung bringen wollte Da sprach
Kaspar wie vor sich hin
»S könnt mit den Edelleuten auch besser gehen meine ich wenn sies mit
dem Kurfürsten machen täten wie ich mit meinem Gestrengen Eigentlich ists
Vieh doch klüger als der Mensch« brummte er fort »Keine Maus kriecht in keine
Speiskammer wo sie nicht ein Loch gemacht da sie wieder raus kann«
Hans Jürgens Gedanken gingen ihren eigenen Weg Agnes als sie der Stadt
sich näherten drückte ihrem Vetter die Hand
»Ach Hans Jürgen weißt Du vorhin auf dem Weg überkam es mich manchmal
recht bang dass ich ins Kloster müsste Aber nun ist mir wieder ganz wohl und
leicht ums Herz Da in den Mauern ist der Friede Gottes Sag ihnen das zu
Haus Und Du armer Hans Jürgen Du musst zurück in die Welt voll
Ungerechtigkeit Was willst Du da anfangen Ach wenn Du nicht heiraten
tust dann gehst Du auch mal ins Kloster«
Hans Jürgen sagte nicht Ja und nicht Nein
»Weil Dus gern hast Agnes will ich zu den Vettern nach Friesack Aber
bloß darum«
»Sie werden itzo nicht hochmütig sein Das Unglück macht weich«
»Aus Mitleid Ich will gar nicht dass Einer sich mein erbarmen soll«
»Bringen Eine von Bredow zu den Ursulinerinnen« antwortete der Knecht dem
Wachtabenden am Tor denn schon war der Wagen über die Hangebrücke und hielt
unter dem finsteren Tor
»Marsch« rief der Waibel
»Ach Hans Jürgen« sagte Agnes ängstlich als der Wagen wieder sanfter
durch die ungepflasterten Gassen fuhr »wie grimmig sahst Du den Waibel an mir
war schon angst er würde Dich ins Torhaus stecken lassen«
»Mich ärgerte sein kurfürstlicher Rock«
»Nimm Dich in Acht Hans Jürgen lieber Junge dass Dir kein Unglück
geschieht S ist schon genug über die Familie kommen«
Sie waren wieder aus der Stadt heraus der Wagen hielt vor der
Klosterpforte Ein banger Augenblick wars für Agnes Bredow ihr Herz pochte
als der Knecht an der Schelle zog
Den Abschied von ihrem Vetter zu beschreiben ist nicht unser Wille auch
nicht den Abschied von der Welt S ist überall gut einen Abschied kurz zu
halten wer nun nachmals will leben für die Welt oder für den Himmel Auch
durfte sie ihr Vetter noch in den Vorhof begleiten um sie der Priorin zu
übergeben Dort im Sprechzimmer durfte sie die letzten Worte mit ihm wechseln
die letzten Grüße ihren Lieben senden den letzten Schwesterkuss ihm auf die
Stirne drücken
Aber was sie ihm jetzt noch zu sagen hatte das schien ihr besser gesprochen
unter Gottes freiem Himmel als da wo die Heiligen an den Wänden auf ihre Worte
lauschten
»Vetter treibts Dich und Du kannst nicht anders so zieh Dein Schwert
gegen wen es sei als ehrlicher Mann Ists Sünde wird Gott es Dir verzeihen
Aber lieber Hans Jürgen tus nicht wie der Kasper sagt Der Kasper der mag
Recht haben aber vor Schlägen fürchtest Du Dich doch nicht Wenns auch klug
ist tus nicht so mit dem Kurfürsten wie er mit dem Vater Halt auf Dich
selbst«
Mit einem frohen Blick schlug er sich an die Brust »Ich dienen Männerchen
machen ich schweigen und lügen damit Agnes so wahr «
Sie griff den Arm den er zu einem Gelöbnis in die Höhe hielt »Schwören
sollst Du nicht Um Gotteswillen schwöre nichts denn Niemand weiß aber lieber
Hans Jürgen so gefällst Du mir So sollte Dich Eva sehen«
Sie wandte sich rasch ab sie ergriff seine Hand und mit hastigen Schritten
eilte sie der Schwelle und der Tür zu die jetzt in ihren Angeln knarrte um
hinter ihr sich auf immer zu verschließen
Neunzehntes Kapitel
Der Überfall
Im Anfang war Frau von Bredow sehr traurig gewesen aber man kann nicht immer
traurig sein
Der Knecht Ruprecht hatte die Kibitze wieder zwitschern gehört im Schilf
»Das ist ein gut Zeichen gestrenge Frau« Er hatte die Tauben gezählt und es
fehlte keine »Da stirbt im Jahr keiner aus dem Haus« Und am Abend des Tages
wo Hans Jürgen mit Agnes nach Spandow gefahren flogen drei Kraniche über die
Burg »Die Kraniche Gestrenge mit denen hats was Eigenes Die wilden Gänse
sind dummes Vieh die bedeuten nur einen strengen Winter aber die Kraniche sind
kluge Tiere Sie sehen das Verborgene und wo ein Mörder ist dem fliegen sie
nach Ja es ist noch mehr Absonderliches in ihnen und wo sie über ein Haus
fliegen das bedeutet große Ehre«
Wo sollte die Ehre herkommen Ihr Herr saß noch gefangen und Jammer im Haus
in Hülle und Fülle aber die klugen Vögel mussten doch etwas mehr wissen War ja
ein Schreiben des Dechanten eingegangen etwas verspätet denn mit den
Gelegenheiten sah es damals schlimm aus und dunkel lautete es aber doch
tröstlich sie solle den Mut nicht verlieren dem Herrn ihre Wege befehlen
und nebenbei hieß es auf ihn den Dechanten allein vertrauen denn es lasse
sich noch vielleicht Alles zum Guten wenden Und bald darauf war ein
kurfürstlicher Reiter in die Burg gesprengt und auf den Brief den er dem
Wachtmeister brachte war die Einlagerung ausgeritten stumm und still wie sie
vorhin laut gewesen Was der Bote sonst für Nachricht gebracht das erfuhr
Keiner
Nun war das Haus leer und Frau von Bredow allein Als so aller Lärm
plötzlich stumm geworden war ihr fast bang zu Mute Eine Träne lief über ihre
Backe Da stand all ihr Unglück ihr erst recht vor Augen ihre zerschlagenen
Hoffnungen vor ihr lag es so trüb ach so viel so Großes als hätte es vorhin
in dem Gewirr keinen Platz gehabt
»Ach du lieber Gott Was soll man anfangen« sagte die gute Frau und
wischte mit der Schürze über die Backe
Die Grossmagd Anne Susanne blickte sie schlau an
»Gestrenge Der Herr ist fort Da könnten wir ja mal scheuern«
»Scheuern« Es musste ein wunderbarer Klang sein Die Träne war
verschwunden eine helle Röte zog sich über das eben noch blasse Gesicht der
Edelfrau und sie sah mit einem eigenen fragenden Blick die kluge Magd an »Du
meinst Anne Susanne«
»So recht ordentlich von oben bis unten Die Sonne kommt durch die Wolken
S wird ein warmer Tag da trocknets balde«
»Da trocknets balde« wiederholte die Edelfrau
»So ein Tag kommt uns gar nicht wieder Gestrenge«
»Da hast Du wohl Recht aber «
»Der Kaspar ist auch fort Der lässt ja nicht Besen und Fass ran wenn der
Herr aus ist «
»Hast recht ist ein unreinlicher Mensch der Kaspar aber ne treue Seele«
»Ach Gestrenge droben die Dielen und die Treppe wie sieht das aus Die
Tauben die rein flattern und die kleinen Käuzchen die Sperlinge wenn der
Herr sie füttert und die Katzen Werden mit der Hacke dran müssen Der Besen
tuts nicht mehr«
»Obs aber auch recht ist Anne Susanne Der Herr «
»I der wird auch froh sein wenn ers nicht merkt Man kann ja oben nicht
mehr ruhig schlafen Das heckt ja«
Wenn ers nicht merkt Brigitte Bredow Ein gebrannt Kind scheut das
Feuer und Du eine so kluge und fromme Frau Erst eben und nun steht der
Versucher schon wieder vor Dir Die Sonne schien so hell ihr ins Gesicht als
riefe sie »Ich will schon trocknen liebe Frau von Bredow«
Wäre nur ein Geistlicher da gewesen den sie drum fragen können
»Der Herr hats auch gar nicht verboten als er fortging«
»Nicht«
»I bewahre Gestrenge Und wenn er erst all den Schmutz sähe den die Reiter
gemacht Das ist wohl gut dass man das erst fortschaft damit er nichts merkt«
»Das darf er nicht merken Da hast Du recht Ach mein Götze wenn Du das
wüsstest hier«
»O er kommt schon wieder er hat ein so fromm Gemüt wenn er nicht bös
ist«
»Anne Susanne Wenn er nun wieder käme«
»I er wird doch nicht Gestrenge Wen sie in Berlin einsperren den lassen
sie sobald nicht los«
Frau von Bredow sah den Himmel an und die Sonne und die Besen und Eimer
welche die hurtige Anne Susanne schon aus den Winkeln geholt dann rührte sie
sich selbst und sprach »Na«
Die Sonne hatte seit lange nicht so froh herabgeschienen auf Burg
HohenZiatz Wie sich das regte und bewegte wie der Ziehbrunnen auf und
abging Der träge Brunnen gab zu wenig Wasser Wozu waren die Gräben und Teiche
Wer Arme und Beine hatte und aus dem Dorfe wurden ihrer auch dazu geholt musste
schöpfen tragen Da war unsere Frau von Bredow wieder sie selbst Wo war sie
nicht wo nicht ihr Aug Wie flog die dumme wendische Magd mit ihrem Eimer zur
Tür hinaus als sie ihn ausschütten wollte in der Halle Man fängt wohl von
unten an wenn man ein Haus baut von oben
Die Treppen hinauf kamen sie in einer langen Reihe mit den Eimern Besen
Bürsten und Hacken Mägde und Knechte Was ward gekratzt geschabt gebürstet
mit Füßen und Händen Dann erst durfte das Wasser fließen Es war ein schöner
Anblick als die Eimer sich entluden auf die dürstenden Dielen Zeit und Wasser
hält Niemand auf wer sie nutzen will muss den Augenblick ergreifen
Nun waren sie schon bis an den Treppen zur Halle die rüstigen Frauen und
man musste sich freuen dass es in Burg Ziatz nicht wie anderwärts ging wo sie
eifrig anfangen und nachher müde werden man glaubt sie tuns nur um
Gotteswillen Nein hier hielts die Edelfrau nicht unter sich mit anzugreifen
»wo es die Mägde ihr nicht recht taten« sagte sie Mancher hätte glauben
können ich weiß nicht ob mit Unrecht sie täts aus Herzenslust wie sie die
Röcke bis zum Knie aufgeschürzt mit dem Schrubber hin und her fuhr als wie ein
Reiter im Getümmel der Schlacht mit der Lanze
»Na nu runter« hieß es und die Mägde ließ sichs nicht zweimal sagen
Das war ein Wasserfall Nur schade dass grade Einer rauf kam »Ach unser
Junker« rief die Anne Susanne
»Hans Jürgen Ungeschick Wo kommt der her«
Hans Jürgen lief nicht fort aber das Wasser dachte Frau von Bredow als
sie auf der obersten Stufe in solcher Arbeit war dass sie nicht viel von dem
hörte was Hans Jürgen auf der untersten sprach Was konnte er ihr auch sagen
Von ihrem lieben Kind das er nach Spandow gebracht Bären sind nicht unterwegs
und wer einmal in Spandow ist, ist sicher das mochte Frau von Bredow auch
denken als sie rief Platz da und gar nicht sah wie der Junker auf etwas
zeigte was draußen kam Selber sehen konnte es der arme Junge nicht denn er
musste sich die nassen Haare aus dem Gesicht streifen und sah dann auch noch
nicht denn das Wasser hatte es mit ihm gut gemeint
Etwas musste die Edelfrau doch gehört haben vielleicht wars das Jagdhorn
draußen als sie auf den Besen gestützt einen Augenblick Atem schöpfte
»Wer wirds sein« sagte sie
»Base s ist Einer «
»Nein s sind zwei« unterbrach sie ihn als ein Paar schöne schlanke
Jagdhunde wie zwei Blitze hereinschossen
»Der sagt er wär der Kurfürst aber ich glaubs nicht«
Ein feiner Ritter im grünen Jägerkleid das Hiftorn an der Seite blieb
von dem Anblick wie es schien etwas überrascht an der Schwelle stehen Wenn
der Herr schon überrascht war war es die Frau Im Anfang stand sie wie der
Roland in Brandenburg nur machte der nicht den Mund auf noch sieht er mit
seinen steinernen Augen so stier auf einen Gegenstand noch wird er rot und
blass wie unsre Frau von Bredow Zuerst sank ihr der Besen aus der Hand dann
schiens als wolle sie die Hände falten dann fuhren sie beide auf den Rücken
um das Bund oder die Nestel zu lösen welche ihre aufgeschürzten Röcke
festielten was ihr aber in der Bestürzung und Hast eben so wenig gelang als
weiland ihrem Neffen Hans Jochem die Lösung des Hosenbundes welchen der Krämer
ihm angezaubert Dann fuhr sie in die Haare die allerdings nicht mehr ganz in
Ordnung waren aber bei dem Verfahren das sie einschlug auch nicht besser
wurden
»So schlage doch « entglitt es ihren Lippen aber ebenso schnell
verschluckten diese wieder eine Lästerung welche bei einer so frommen Frau
unmöglich aus dem Herzen kam Wie hätte sie auch noch im selben Atem die
heilige Katarina die heilige Barbara und Ursula anrufen dürfen Das haben
wenigstens die Mägde gehört »S ist ja der Kurfürst«
Und dann flogen zwei Zuerst Hans Jürgen aber nicht freiwillig wie der
Vogel durch die Luft er flog wie die Kugel aus dem Rohr oder der Kegel vom Ball
des Spielers Dann die Edelfrau Hans Jürgen turkelte seitwärts sie stürzte
geradezu auf die Knie
»Allerdurchlauchtigster Herr Markgraf und gnädigster Herr Kurfürst Gnade
Die abscheulichen Mädel plantschten so sehr aber mein Mann ist unschuldig
Wir sind Alle unschuldig Man kanns ihnen noch so oft sagen sie tuns doch
Und gerade heute S ist zu viel weiß Gott s ist zu viel auf ein Mal«
»Dass ich zur ungelegenen Stunde hier eintrete« sagte lächelnd der hohe
Gast
Darin teilte Kurfürst Joachim der Erste den Frau von Bredow ihr Lebelang
hoch in Ehren ja nächst dem lieben Gott am höchsten hielt auf einen Augenblick
das Schicksal mit dem verachteten armen Hans Jürgen Sie hatte in ihrer Angst
und Eifer auch nicht gehört was er sagte sonst würde sie nicht fortgefahren
haben
»Was zu viel ist Durchlaucht ist zu viel und die Ehre dazu Keinem
kleinen Kinde nicht hat mein Mann den Finger gekrümmt so lammfromm ist er das
ist mit Respekt zu sagen ein schlechter Mensch der das ihm nachsagt und der
gnädige Kurfürst kann selbst in alle Winkel und Ecken« wahrscheinlich hatte
sie schließen wollen »die Nase stecken« als sich plötzlich ihr Mund von neuem
Schrecken schloss
»Darum kam ich nicht« fiel Joachim rasch ein und hielt ihr wie schon
vorhin die Hand entgegen sie aufzuheben »Ich komme als Gast aber es tut mir
leid dass ich ungelegen komme«
»Ungelegen« rief sie »Unser Haus steht unserm Markgrafen allezeit offen
Wer das von uns sagen täte dass unser Landesherr in das Haus eines Bredow
ungelegen käme aber die Sonne schien nun mal so warm und da grade mein Herr
aber wenn ich nur nen kleinen Wink gehabt da hätte ich ja die Anne Susanne
es musste aber doch auch grade heute Alles kommen wie ein Donnerwetter wenn die
Sonne «
Dass ihre Zunge mit ihren Gedanken durchging und alle Zügel rissen wer
verargts der armen Frau Wer fordert von der besten Hausfrau die immer auf dem
Fleck ist dass sie es auch da noch sei wenn der vornehme Herr mit dem Stern
auf der Brust im Augenblick eintritt wo ihre Arme im Waschfass stecken und von
dem vornehmen Gönner hängt ihres Gatten ihres Sohnes Schicksal ab Sie wäscht
vielleicht nur damit ihr Mann sich gut präsentiren soll vom ersten Eindruck
hängt Alles ab Und dies war ihr Fürst und sein Richtschwert hing noch über dem
Haupt ihres Mannes Wo Alles in Unordnung war wer fordert dass unserer Frau von
Bredow Gedanken in Ordnung sein sollten
Kurfürst Joachim forderte es nicht »Ich kenne meine Getreuen ihr Fürst
kommt ihnen nie ungelegen aber die Stunde doch vielleicht meine liebe Frau von
Bredow« lächelte er
»Ach gnädigster Herr Der Fuß der Fuß Das Wasser s ist aber reines
Grabenwasser«
Einer der kleinen Wasserbäche die von den Treppen über den gestampften
Boden rieselten netzte allerdings die Sohlen seiner Stiefeln aber indem der
Fürst es bemerkte sah er auch dass die würdige Frau selbst schon im Feuchten
kniete und mit einer ritterlichen Bewegung hob er sie ehe sie sich dessen
versah auf
»Es tut mir leid dass ich die würdige Frau meines lieben und getreuen
Vasallen in so löblicher Verrichtung stören musste Nun ist es ein Mal so und
man muss sich darinfinden Das Wetter ist schön und der Hausherr reitet mit mir
in seinem Walde umher derweil die gute Hausfrau das Haus zur Notdurft
beschickt Ein verirrter Waidmann fordert nicht viel ein einfach Lager für die
Nacht und ein freundlich Gesicht zum Willkomm«
Weniger konnte der Landesherr freilich nicht fordern wo er bei einem
Vasallen eintritt Aber auch die Nacht wollte er bleiben Das war noch mehr als
zuviel Ihr ehrliches Gesicht verbarg nicht den neuen Schreck
»Das ganze Haus ist ja nass«
»Ein trocken Kämmerlein findet sich doch wohl und wo nicht ein Stall ein
Schuppen Der müde Jäger schläft auch ungewiegt unter Gottes Himmelsdach Wo ist
Herr Gottfried«
Da sah die Edelfrau die Hände im Schoss faltend ihn groß an »Gnädiger
Herr spottet unser nicht Ihr wisst am besten wo er ist Seit vier Tagen ist er
nicht in sein Haus kommen« und sie hielt den Arm vor die Augen
»So hat der da mich doch nicht belogen« sagte der Fürst auf Hans Jürgen
blickend
Hans Jürgen stand aufrecht mit einer Miene die man wieder verdrossen nennen
mochte
Der Frau von Bredow dämmerte eine Überzeugung Des Fürsten Angesicht bringt
Gnade Wen er richten will schickt er seine Schergen sie klopfen mit
geharnischter Faust ans Tor er tritt nicht selbst über die Schwelle des
Verurteilten Ihre Kniee wankten aufs Neue zu einem Fussfall Joachim kam dem
zuvor
»So hab ich meine Boten übereilt mit ihrer guten Kunde doch davon nichts
mehr das sind vergessene Dinge die ganz vergessen und vergeben zu machen meine
Sorge sein lasst«
»Götz ist unschuldig« jauchzte es auf »Ich sagt es gleich«
»Und ein Ehrenmann Frei seit drei Tagen die Schuldigen sind gestraft«
Frei jubelte ihr Herz Sie wollte auf den Fürsten zustürzen seinen Arm
ergreifen seine Hand an ihre Lippen drücken sie wollte reden sie wollte
niederstürzen Das Herz rührte sich ihr im Leibe aber sie fühlte es passe
alles nicht Aber da standen die Mägde die ungeschliffenen Mägde mit ihren
Eimern ihren Besen mit offenen Mäulern und gafften den Fürsten an wie ein
großes Tier Und viel fehlte nicht so hätten sie auch ihn vorhin mit den
Eimern begossen Wer hätte das gut gemacht Die Burg hätte ja müssen geschleift
werden in Grund und Boden Da stand Hans Jürgen auch wie ein Kegel und rührte
sich nicht Nun wusste sie was zu tun Sie riss ihn vor
»Das ist Dein gnädiger Kurfürst Auf die Knie und dank ihm wie Deine
Schuldigkeit dass er «
Sie wusste doch eigentlich nicht was er danken sollte
»Ich knie vor keinem Menschen nicht« sprach Hans Jürgen und blieb aufrecht
stehen
»Der wird nicht niederfallen« sagte der Fürst »dafür steh ich Euch Gehört
der trotzige Gesell zu Euch«
Nun hatte ers doch gehört Die Edelfrau sah auf den Junker wie etwa ein
Tausendkünstler ängstlich auf ein Haus oder einen Turm das er auf der
Schaubühne aufgerichtet hat und auf sein Kommandowort soll es zusammenstürzen
Hans Jürgen stand wirklich nicht mehr ganz sicher und es hätte nur eines leisen
Druckes bedurft so wäre er niedergestürzt
Aber die Edelfrau verdarb es
»Gnädigster Herr rechnet uns das nicht an wir haben Leides genug in
unserer Familie Er gehört nicht zu uns unsers Vetters Kind ist er eine Waise
aber Gott allein weiß warum das Von mir hat ers nicht und von meinem
Gottfried auch nicht Wir hatten einen besseren aber dem ist das Bein
gebrochen Der würde gleich knieen Dieser ist auch ein guter Junge aber macht
uns viel Herzeleid seine Dummheit und sein Trotz bringt uns ins Verderben«
Da trat plötzlich Hans Jürgen einen Schritt vor und sah dem Kurfürsten recht
dreist und dumm aber grad ins Gesicht
»Herr Kurfürst dass mirs Gott verzeih ich kanns nicht Aber wenn ich
meine Blutsfreunde ins Verderben bringe dann will ichs doch Warum soll ich
denn niederknien Wer was übertreten hat der solls wer was bitten tut der
mags Ich hab nichts übertreten ich mag nichts bitten Herr Götze mein Ohm
hat nichts Böses getan die Base hat auch nichts getan hier hat Keiner was
getan Ihr seid ein großer Herr Ihr seid der Kurfürst was ich denke das hab
ich draußen gesagt wo ich noch nicht wusste wer Ihr wart und Ihr habts
gehört wo Ihr noch nicht wusstet wer ich war War das nicht recht nu da hab
ichs getan Es tut mir gar nicht leid denn was mir im Herzen saß musste
raus Ihr seid Herr im Land und könnt befehlen wir müssen gehorchen Wenn Ihr
befehlt knie nieder so tu ichs darum aber von freien Stücken Gott straf
mich ich tus nicht und nun erst gar nicht«
Nun musste er ihn doch auf der Stelle nach Spandow schicken und hängen
lassen Gegen das erstere hätte sie vielleicht nicht viel einzuwenden gehabt
Aber Joachim fasste ihn leicht beim Arm und schob ihn bei Seite aus der
Wasserpfütze darin er mit den Füßen da er nicht ruhig stand spritzte und
umher nässte
»Ein ungeschickter Bub ists das sehe ich nun Frau von Bredow und hier
ein ungebetener Gast gleich mir Wir stören die Ordnung Darum muss man uns die
Tür weisen und da unsre Wirtin zu freundlich ist will ich ihr Amt
verwalten«
Damit führte er den Hans Jürgen freundlich zur Tür hinaus
Was weiter an dem Tag in der Burg HohenZiatz vorgefallen das kann noch ein
Anderer beschreiben wer Lust hat Uns drängt Wichtigeres das einbricht und
wir halten es nicht auf Die Kraniche hatten doch recht gehabt dachte der
Knecht Ruprecht
»Das ist ein Herr« sprach die Edelfrau als sie wieder zu Atem kam und
sie hatte wohl Grund es zu sagen denn der nicht merken lässt dass er ein Herr
ist, ist der rechte Herr Der Kurfürst ging mit seinem Begleiter in der Burg
umher als hätte er wunder was zu sehen das ihn ganz von allem abzöge Da
erklärte er dem Ritter von Holzendorf was die Bauart der Wenden gewesen und
was die Deutschen gemauert hätten So nachdem er über die Mauern ringsum
gegangen wollte er da die Sonne schon die Kieferwipfel berührte noch ein Mal
ins Freie vor dem Abendimbiss als er den blassen Kranken in der Torstube am
Fenster sitzen sah Er trat zu ihm ein und tröstete ihn wen Gott heimsuche den
liebe er und wen er zu töten scheine den erwecke er oft er verhieß ihm wenn
er in den geistlichen Stand trete sein Aug auf ihm zu haben und dafür zu
sorgen dass er in den geistlichen Würden wie in der Erkenntnis steige Aber das
irre Auge des Junkers war ihm unheimlich und er eilte dass er ins Freie kam
Die Leute wussten nicht über wen sie mehr sich verwundern sollten über den
Fürsten oder über ihre Frau Es war viel mit Händen schiens kaum zu schaffen
aber es ward doch geschafft Überall kann doch nicht ein Mensch sein aber sie
war überall jetzt in der Küche jetzt in der Halle nun wühlte sie in den
Schränken nun flog sie in den Keller Da war der Flur der Halle nun trocken
das hatte manches Stück der Herbstwäsche gekostet da war feiner weißer Sand
darauf gestreut und Tannenreiser da prasselte der Kamin und verbreitete
angenehme Wärme aber auch angenehme Düfte sie hatte Bernstein und würzige
Kräuter hineingeworfen über die nassen Treppen waren Decken gelegt und die
Geländer mit grünen Sträuchern umwunden Da stand der Tisch schon in der Mitte
mit ihrem Hochzeitsgedeck und einem silbernen Armleuchter und Flaschen und
Schüsseln »So wirds wohl gehen« sprach sie aufatmend und sank erschöpft in
den Armsessel
Sie hatte für Alles gesorgt auch das Bett stand schon draußen das sie
hineintragen wollten wenn der Fürst abgespeist denn die Halle war das einzige
Gemach in der Burg wo ein Fürst zur Not nächtigen konnte vor dem Wasser das
Alles überschwemmt hatte Ja für Alles hatte sie gesorgt nur nicht für sich
Da saß sie die Hände auf ihren Knieen und nun erst sah sie sich selbst Es war
noch Alles wie es gewesen der Rock auf dem Rücken verknotet die Ärmel
aufgekrämpt die Haare mit einem Aufschrei stürzte sie fort denn schon kehrte
der Fürst über die Zugbrücke zurück
Der junge Fürst der noch vorhin so freundlich und leutselig gewesen saß
stumm und mit bewölkter Stirn an der hellen Tafel Mundeten ihm die Speisen
schmeckte ihm der Wein nicht vermisste er den Wirt ihm gegenüber oder war das
Sonnenlicht seiner Laune mit der Sonne am Horizont untergegangen Er wird auch
müde sein dachten sie in der Halle »Seit der Geschichte mit dem Lindenberger«
flüsterte sein Büchsenspanner zum Gesinde draußen »ist er allabends so wenn es
dunkelt«
»Mein gnädiger Herr wirds Euch zu Lieb und Dank wissen gnädige Frau«
führte der Ritter von Holzendorf für seinen Fürsten das Wort »dass Ihr Euch so
angelegen sein lasst ihn mit Ehren und Gutem zu bewirten Wir treffens nicht
überall so wenn wir in der Jagd in ein Haus einfallen Man nimmt da gern
vorlieb was man findet Ihr aber tragt vom Besten auf und ists doch fast so
stattlich alles hier wie zu einer Hochzeit«
Das machte die Edelfrau erröten denn sie hatte ihr Brokatkleid angezogen
mit dem sie an den Altar getreten war und auf dem Kopf saß schön gepufft die
Flügelhaube von damals Aber auch darauf sah der Fürst nicht Den Leuten in Burg
HohenZiatz schien das fast noch merkwürdiger als vorhin seine Leutseligkeit
Und wenn die Gestrenge ihm so mit tiefem Knicks das Backwerk reichte oder auf
der Silberschale den feinen Wein zum Nachtisch nickte er wie in Gedanken und
hatte es kaum an die Lippen gebracht da er es wieder hinsetzte
»Dass ich auch nicht einmal einen einzigen anständigen Menschen meinem Herrn
zu Tisch setzen konnte das ist was ich mir mein Lebtag nicht verzeihen werde«
flüsterte die Burgfrau zum Begleiter des Fürsten ihn selbst anzureden wagte sie
nicht mehr »Aber wo sollten wir hinschicken S ist ja keine vernünftige Seele
hier herum«
Joachim erhob sein Gesicht aus dem Arm in den er es gestützt
»Wo ist der junge Mensch Der Bursch den ich im Walde traf und der mich
auf den Richteweg führte Ich sehe ihn nicht mehr«
Frau von Bredow hatte ihn vorsorglich in ein unweit gelegenes Vorwerk
geschickt um ihre Tochter Eva abzuholen Mit großen Herren ist nicht gut zu
spassen hatte sie gedacht und wenn er ihn auch nicht hängen ließ so liegen
doch zwischen dem Hängen und Spassen Dinge über die man nicht spassen muss Nun
war er zwar schon zurückgekehrt aber sicher ist sicherer dachte sie und ihr
gutes Herz erlaubte ihr eine Lüge
»Ach durchlauchtigster Herr der ist sehr müde er kommt heut von weit her
Da erlaubte ich ihm «
»Müde zu bleiben« unterbrach Joachim lächelnd und warf das Handtüchlein auf
den Tisch »Da erlaubt meine freundliche Wirtin es Ihrem Gast wohl auch
sintemal er mit Eurem Vetter in einem Falle ist Morgen Frau von Bredow führt
ihn mir vor Wir haben ein Gespräch zu Ende zu bringen das seltsam genug im
Walde anfing«
Und wieder sah der Fürst vor sich nieder mit der Hand auf den Tisch
gestützt als träten abermals ernste Gedanken vor seine Seele
»Beliebt es meinem gnädigen Herrn« weckte ihn eine feine wohlklingende
Stimme Er fuhr mit einem Seufzer auf und sah ein liebliches Mädchen vor sich
stehen in der einen Hand eine silberne Schüssel in der andern eine silberne
Kanne ein weißes Linnentuch hing über ihrem Arm Indem sie Wasser in die
Schaale goss überzog Stirn und Wangen eine helle Röte
Joachim tauchte die Finger in die Schale und netzte sie wie mit
Wohlgefallen in dem Wasserstrahle den die Jungfrau darüber träufelte Er sah
ihr freundlich in das blaue Auge aber es war kein Liebesblick
»Möge der Strahl der Gnade so klar auf Dich und mich perlen als dieses
Wasser über meine blutige Hand«
»Sie ist nicht blutig gnädigster Herr« Aber ihr Gesicht ward blutrot dass
sie sich das zu sprechen unterstanden
»Nicht Jungfrau Mir scheint doch der Fleck will nicht abgehen«
»Wahrhaftig sie ist rein Das ist nur der Wiederschein vom Fackellicht
durchlauchtigster Herr Morgen bei Tageslicht da werdet Ihr sehen sie ist ganz
rein«
»Rein wie Dein Antlitz und klar wie Dein blaues Auge O dass es immer
Tageslicht wäre«
Der Fürst brach auf
Das Tagewerk der guten Frau von Bredow war damit nicht geendet Was der Tag
war gewesen und was sie am Abend bis spät in der Nacht noch getan und
geschaffen davon ließe sich wieder ein Buch schreiben und wills Gott und
gibt mir Kraft dazu und meine Leser werden nicht müde so wirds Frau Brigitte
ihnen selbst noch ein ander Mal erzählen wie sies ihren Enkeln und den Gästen
die brave Frau so oft erzählt hat von ihrem Ehrentage und das Hauptstück davon
ist wie sie das Bett in die Halle geschafft und ein Himmeldach darüber
aufgeschlagen ohne dass der Fürst es merkte Und als er sich niedergelegt und
schlief wie sie da ohne Geräusch und Klappern den Abendtisch mit Flaschen und
Schüsseln mit Kerzen und Fackeln mit Kesseln und Sesseln heimlich
hinausgeschaft und die Halle eingerichtet mit Teppichen und Vorhängen mit
Geschirr und Ampeln mit allen Bequemlichkeiten des Lebens dass Joachim als er
erwachte in seinem eigenen Schlafgemach zu sein vermeinte und dann dachte er
an Zauberei denn mit natürlichen Dingen konnte das nicht zugehn So hat Frau
von Bredow es oft erzählt und ihr Auge leuchtete dabei »Ich war die Zauberin
allergnädigster Kurfürst so ich es mich unterstehen darf« hatte sie ihre Knie
bis zur Erde senkend und die Augen niederschlagend gesprochen
Was der Kurfürst geträumt im Bernsteindufte der Halle von HohenZiatz das
weiß ich nicht Er schlief fest Der rechte Arm hing vom Lager herab Wenn die
Burgfrau auf den Zehen die Treppe herunterschlich eine Hand frische
Bernsteinkörner und Weihrauch auf die glimmenden Kohlen zu streuen und die
Kohlen flackerten auf dünkte es auch sie als wenn die Hand blutig rot sei
Leise schlich sie zur Tür hinaus wo die Wacht stand auf die Hellebarde
gelehnt Die Burgfrau brauchte ihn nicht zur Wachsamkeit zu ermuntern »Keinen
Fremden lass ich nicht ein da soll Keiner ihm ein Haar krümmen bis er mag für
sich selbst stehen« So sprach Hans Jürgen und wie kleidete ihn jetzt die
Stahlhaube die er nicht mehr verkehrt aufgesetzt der verblichene Wappenrock
seines Vaters der Kürass und das lange Schwert an seiner Seite Die Base hatte
es ihm aus dem Schrank gereicht und gesprochen »Nun tu Deinen ersten guten
Dienst« Er hatte laut geantwortet »Das will ich Base« Für sich hatte er
hinzugesetzt »Aber vor den Hosen steh ich nun nicht mehr Wache«
Es war lange nach Mitternacht als die gute Frau von Bredow endlich zur Ruhe
kam wenn das Ruhe war Oben im Erkerstüblein ihres Herrn das zur Notdurft
trocken geworden lag sie jetzt im Bette das sie mit ihrer Eva teilen wollte
die noch das Abendgebet vor dem Kruzifix sprach Zwei hatten gut Platz aber wo
fanden ihn alle die Gedanken die in ihr arbeiteten und hin und her schwankten
wie die Fahne des Hohenlohers über dem Kopfkissen wenn der Wind durch die
zerbrochenen Scheiben strich Ob sie wohl Alle gut untergebracht waren Ach
Gott der Herr von Holzendorf lag in der Scheune Zwar auf ihren besten Betten
aber doch immer in der Scheune und solcher Herr Ob er es ihr wohl nachtragen
würde Aber er hatte es ja nicht anders gewollt Und Ihr Herr Wo mochte der
wohl liegen Vielleicht bei den Vettern im Havellande Da kriegt er genug es
schadete denn auch nichts wenn der Kaspar ihn nicht mehr getroffen Der Kaspar
würde wohl für sich die Blutwürste essen Ausverschämt war er nicht die Gans
würde er wohl wieder mitbringen Und welch ein Glück es noch war Wenn Götz
ins Scheuern gefahren wäre das hätte ein Unglück gegeben Es war am besten
dass alles so gekommen wie es kam Der Kurfürst war doch ein sehr feiner Herr
Vielleicht war er auch kurzsichtig und hatte nicht Alles so gesehen Wenn
doch ihr Götz auch so wäre Na man muss zufrieden sein wie mans hat Ob
wohl im kurfürstlichen Schloss auch gescheuert wurde Denken konnte sie sichs
nicht recht aber es musste doch wohl sein Der Gedanke wollte ihr gar nicht aus
dem Kopf Und wenn der Kurfürst dann zu früh nach Hause kehrte und die Treppen
schwammen und die Kurfürstin Dummes Zeug Sie wandte den Kopf Die
Kurfürstin würde nicht scheuern lassen und es gab ja gar keine Kurfürstin Aber
nun wollte ihr die Kurfürstin nicht aus den Augen wie sie oben auf der Treppe
stand und ängstlich ihrem heimkehrenden Herrn entgegen sah und die Kurfürstin
sah gerade aus wie ihre Tochter Eva
Sie faltete ihre Hände »Ach Jungfrau Maria bewahre mich vor der Sünde«
Die Käuzchen die beim Scheuern hinausgejagt waren heulten vor dem Fenster Da
kam ein neuer Gedanke der ihr Angstschweiß entlockte Ach der arme Herr von
Lindenberg Vom Gefolge des Fürsten hatte sie endlich von der Geschichte gehört
wenigstens den notdürftigsten Zusammenhang und das schreckliche Ende Damals
hatte sie keine Zeit darüber zu denken sie hatte sichs aufgespart bis sie
allein wäre So ein lieber guter feiner Herr und ihr Verwandter und so
schrecklich zu enden Sie sah die Raben flattern sie hörte sie krächzen sie
schloss die Augen und steckte den Kopf unter die Decke Aber eigentlich taugte
er auch nicht viel er hatte eine glatte Zunge und glatte Haut aber kein Herz
für Freundschaft Hatte er sich um sie gekümmert bis Wind und Wetter nach
langen Jahren ihn in ihr Haus verschlugen Und da war ers ja der die
Geschichte angezettelt Wie Vieles wurde ihr da mit einem Male klar Ihre
Ziehkinder wollte er verführen ihren Götz hatte er ins Unglück gebracht er
allein O er war ein grundschlechter Mann vom Teufel besessen Sie hatte es
ihm auch schon angesehen als er noch ein schöner junger Herr um alle
Fräulein scharwenzelte O er verdiente nein ein so schreckliches Ende gönnte
ihm die gute Frau doch nicht Hätte er nur Gottesfurcht gehabt und dann das
Hofleben Ihr Hans Jochem hatte auch gar zu gern an den Hof gewollt Den hatte
Gott dafür gestraft und wie gnädig Nun war die Gottesfurcht mit dem
zerbrochenen Beine ihm mit einem Male aufgegangen Und die arme Agnes Nun die
wird für sie Alle im Kloster beten Das Kloster war arm Ob ihr wohl das viele
Fischessen bekommen würde Dass das zur Gottesfurcht gehöre konnte sich Frau von
Bredow nicht denken Die Äbtissin war keine strenge Frau man könnte ja dem
Kinde dann und wann was Eingesalzenes schicken Und der Dechant wollte ja der
heiligen Agnes einen Altar stiften Sie hatte das Sündengeld zwar
zurückgewiesen aber ob es denn nun nicht besser sei schlechtes Geld zu einem
guten Zwecke zu nehmen als dass ers zu schlechten Zwecken durchbringe Das Geld
konnte ja nichts dafür dass der Dechant es dem Lindenberg abgenommen Sie kam zu
einem Vergleich zwischen ihrem Gewissen und ihren Wünschen Wenn von dem
Lindenbergschen Gelde ein Altar der heiligen Agnes gestiftet würde so sollten
vor demselben täglich drei Seelenmessen für den toten Herrn von Lindenberg
gelesen werden
So legten sich die Stürme so verglichen sich die widerstrebenden Gedanken
und nur der an Hans Jürgen quälte sie noch als ihre Augenlider sich immer
fester schlossen ihre Brust immer ruhiger atmete Was sollte aus dem Jungen
werden Seinen Trotz konnte ihm der Fürst nimmermehr hingehen lassen Er wird
wohl noch ein kläglich Ende nehmen
Der Fürst wälzte sich und röchelte Der Bernsteindampf erstickte ihn
Vergebens rief sie er möge nicht sorgen der Zug durch Schlott und Treppen
werde die böse Luft forttreiben Eine unsichtbare Gewalt hielt sie fest und
schnürte ihre Kehle Sancta Katarina er erstickt in unserm Haus und uns
schelten sie Mörder Der Fürst war nicht erstickt er war aufgesprungen die
Tür hatte er aufgerissen und fand seinen Wächter schlafend O der freche Bube
er widersetzte sich er schlug auf seinen Fürsten »Hans Jürgen Hans Jürgen«
Noch versagte ihr die Stimme Aber jetzt sprang das Band »Gnade
Barmherzigkeit Mein armer Hans Jürgen Ach am Galgen«
»Hans Jürgen« schrie eine andere Stimme aber nicht mit der durchdringenden
Ängstlichkeit Hell und froh rief sie »Hans Jürgen so fange doch«
Da saßen Mutter und Tochter aufgerichtet im Bette und sahen sich verwundert
ins Gesicht beim Schein der Lampe die Eva auszulöschen vergessen Sie hatten
beide geträumt beide von derselben Person und beide doch wie anders »Ach der
arme Junge und der war dir so gut« sprach die Mutter Eva rief »Das ist er
aber es war wohl ein Traum Er spielte mit dem Kurfürsten Fangen und sie warfen
sich rotbackige Äpfel zu« »Ihm wirds schlimm gehen« sagte die Mutter
»Nein gut« erwiderte Eva Beide stritten in Güte und hatten doch keine
Gründe bis sie Beide lachen mussten Und dann plauderten sie noch lange fort
und Eva erzählte der Mutter was Hans Jürgen auf dem Heimweg vom Vorwerk ihr
erzählt wie er mit dem fremden Jäger zusammengetroffen und noch mancherlei
bis die Mutter sanft entschlief Das Lächeln auf ihren Lippen küsste Eva
verstohlen weg und selbst mit einem himmlisch frohen Lächeln das ich Einem
gegönnt hätte dass ers gesehen streckte sie ihr Köpfchen unter die Decke
Zwanzigstes Kapitel
Zwei Erwachen
»Sprich was Du denkst« sagte der Kurfürst zu seinem Begleiter als sie durch
den Fichtenwald ritten Das kleine Gefolge war auf seinen Wink zurückgeblieben
Die Morgenstunde fing an die Nebel zu zerteilen und versprach einen schönen
Tag
»Dass Ihr wieder gut machen wolltet was Ihr schlimm gemacht Aber «
»Grad heraus Niemand lauscht und ich bin in der Laune Dich zu hören«
»Ihr denkt der Specht spricht auch und der Häher und die Krähe schreien
warum nicht Hans Jürgen«
»Was ich denke ist mein Ich will Deine Gedanken hören«
»Nu ja Herr Kurfürst was ich von Euch damals dachte das wisst Ihr als ich
noch nicht wusste dass Ihrs wart«
»Das zu wiederholen erlass ich Dir Was denkst Du aber nun«
»Weil Ihr meinem Oheim so große Schande angetan darum kamt Ihr Denn dass
Ihr auf der Jagd bloß verirrt wärt und nur so von ungefähr angesprochen das
glaube ich nicht«
»Bursch Du zeihst Deinen Fürsten einer Lüge«
»Das darum auch noch nicht Bei Hofe und in der Stadt mags wohl so in der
Art sein dass Jeder was anders sagt als er im Sinne hat weil das Jeder vom
Andern weiß so gleicht sichs aus«
»Und wenn ich darum nach HohenZiatz geritten wäre Wir sind hier nicht bei
Hof wir sind in Gottes freiem Walde Du darfst nicht hinterm Berge halten«
»Wenn Einer Einen geschlagen hat oder was noch schlimmer ist als das denn
das ist es und nun kehrt er bei ihm im Hause ein und isst an seinem Tisch und
schläft bei ihm zu Nacht da weiß ich doch nicht wie er das damit wieder gut
macht«
»Bist Du unter Bären aufgezogen Weißt Du nicht was der Unterschied ist
zwischen einem Fürsten und Vasallen«
»Jeden juckt doch seine Haut und was Ehr im Leibe ist das weiß doch ein
Vasall so gut wie ein Fürst«
»Denke Du wärst ich und hättest einem Vasallen einem Fremden Unrecht
getan und fühltest den Drang es wieder gut zu machen Was würdest Du tun
Du besinnst Dich sehr lange«
»Das ist schon recht Es geht Einem schwer an Aber wenn ich einen zu meiner
Tür hinausgeworfen hätte wider Recht den lüd ich wieder zu mir ein wenns
auch übers Recht wäre mit allen Ehren und täte ihn bewirten wie einen
Fürsten wies mich auch hart anginge und was auch die Leute dazu sagten und
wenn «
»Besinne Dich Hans Jürgen ob ich nicht mehr tat«
Hans Jürgen besann sich »Ja Ihr denkts so Dass Ihr Euch so fast allein in
unsern Wald gewagt und in unser Haus geritten und ohne Leibtrabanten Euch zur
Ruhe gelegt habt Denn um der Ehre willen war das gar nicht nötig dass Ihr noch
zur Nacht bliebt Wenn Ihr zur Vesper gegessen und einen Trunk getan hättet
Ihr noch ganz gut bis Golzow reiten können wo Ihr bei den Rochows besser
aufgenommen wart als bei uns Aber Ihr tatet es um so zu tun als wenn Ihr
uns wunder was Vertrauen damit zeigen tätet Aber ich meine für meine Person
das ist nicht so sehr viel denn das weiß doch jedes Kind dass wir Euch nicht
tot geschlagen hätten und hättens auch nicht geduldet dass Euch Einer ein
Haar krümmte bloß weil Ihr unser Gast wart Ich stand selbst die ganze Nacht
durch vor Eurer Tür Wache Dagegen ist nun nichts und s ist auch ganz gut
aber Ihr denkt Euch doch nun wir Alle müssten uns überschlagen vor Erstaunen und
Verwunderung und vor Dankbarkeit nicht wissen wo wir hin sollten und dabei
kommen mir denn so eigene Gedanken«
Joachim ritt eine Weile schweigend vor sich hin
»Sie werdens mir nicht danken meinst Du«
»Ach ja das werden sie schon dabei aber dacht ich mir Wie das kurios in
der Welt ist Der Eine hat seine Schläge weg was ich nämlich so meine mein
Oheim und wir Und der sie ihm gab der hat erst das Vergnügen weg dass er einen
ehrlichen Mann geschlagen hat denn da mögen die Priester sagen was sie wollen
wenn ich Einen prügeln getan das hat mir Vergnügen gemacht und ihm Schmerzen
und zweitens kostets Euch gar nichts im Gegenteil es hat Euch noch Vergnügen
gemacht und am Ende erheben sie Euch noch in den Himmel wie edel und
großmütig Ihr seid und danken Euch und der Andere muss erstlich seine
Schmerzen einstecken und tun als wenn er wunder wie froh wäre und dann auch
noch danken und von den Leuten sich Glück wünschen lassen dass es noch so
gekommen ist Das ist doch kurios in der Welt geteilt«
Der Fürst blickte ihn an als wollte er ihn fragen ob er es anders teilen
könne
»Möchtest Du Fürst sein«
»Das weiß ich nicht« sagte Hans Jürgen »Ich müsste es doch erst lernen«
»Uns lehrt es Niemand Gott gibt es und es ist da«
»Da ists am Ende recht gut dass es mir Gott nicht gegeben hat Itzund
möchte ich am wenigsten in Eurer Haut stecken«
»Du beneidest mich also nicht mehr um das Vergnügen einem wackeren Mann
Unrecht getan zu haben nicht um die Lust die es mir macht von den Leuten
gepriesen und bewundert zu werden Ich sage Dir es gibt noch andere Dinge um
die Du mich nicht beneiden darfst«
Sie ritten wieder eine Weile ohne ein Wort zu wechseln
»Aber Du kannst scharf lesen in den Gedanken Anderer« hub Joachim wieder
an »Wenn nun Einer wäre der auch so in Deinen Gedanken läse«
Da stutzte Hans Jürgen und wurde rot Er dachte zwar dass die Leute immer
gemeint er habe keine Gedanken aber er wünschte jetzt doch nicht dass der
Fürst in sein Herz hineingesehen hätte
»So ich nun lese was die Röte auf Deinem Gesicht aussagt wie Du zwar
Wache gestanden vor meiner Tür als ich schlief auch mich itzo sicher willst
hinbringen bis wo ich aus Eurem Gebiet bin und so mich Einer anfiele Dein
Schwert ziehen würdest aber doch innerlich grimmig schaust und sinnst wie Du
es wenden sollst Wie Du in Spandow hingehorcht hast auf die wilden Reden
welche die Junker in der Schänke geführt wie Du dann hinreiten wollen nach
Friesack zu Deinem Paten um Rats Dir zu erholen bis Dir Einer zugeflüstert
der Rat den Du da fändest würde Dir nicht gefallen Wie Du ingrimmig
heimgeritten mit gar wilden Gedanken in Deiner Brust Wenn ich läse wie Du an
den Knöpfen abgezählt ob Du zum Pommerherzog gehen solltest oder warten auf
die Gelegenheit die im Lande kommt Läse wie Du beim Gedanken aufgejauchzt
das Schwert zu ziehen und in heller Schlacht gegen Deinen Kurfürsten zu fechten
Da könntest Du auch Ritter werden und welcher Preis erwartet Dich wenn Du
heimkehrtest Darum lohnte sich schon die Treue gegen seinen Landesherrn zu
brechen Nicht so Hans Jürgen«
Hans Jürgen hatte den Kopf allmälig sinken lassen und die Arme hingen
schlaff zur Seite Aber er ermannte sich doch ihn wieder anzusehen ob er sein
Urteil auf dem Gesichte lese
»Das wisst Ihr Alles Herr Fürst«
»So mir ein Vöglein auch gesungen dass Du mit ausreiten gewollt in jener
Nacht gegen den Krämer Du wärst gar trotzigen Mutes gewesen nur die wackere
Frau hätte Dich anderwärts hingeschickt Ei ei so keck und das doch hinter
Dir«
»Herr Kurfürst lügen kann ich nicht S ist Alles wahr Ihr werdet mir den
Kopf abschlagen lassen wie Jenem S ist schon manchem bessern Mann als mir so
gegangen«
»Du gibst Dich«
»Wenns sein muss s ist besser schnell als lange fackeln Besser früh aus
der Welt gehn mit Ehren als lange leben ohne Ehren«
»Den Kopf solls Dich nicht kosten So ein Fürst alle die strafen müsste die
ihm übel denken und Böses tun wollten aber s kam nicht dazu da hätte dieser
Wald nicht Pfähle genug um die Köpfe darauf zu stecken Du hast Dich mir aber
gegeben und nun sollst Du nicht mehr frei sein vielmehr mein Diener Du hast
für mich da gewacht im Hause von Ziatz nun sollst Du für mich wachen im Schloss
zu Kölln Und das denke wohl Hans Jürgen was es heißt für seines Fürsten Kopf
einstehen Ich will keinen Schwur von Dir nur Deine Hand darauf«
Hans Jürgens Arm zitterte doch etwas als er seinem Fürsten die Hand
reichte Dass er ihm den Kopf würde abschlagen lassen das wenn er recht
nachdachte hatte er doch eigentlich nicht gedacht aber dass er ihm würde die
Hand reichen dürfen das hatte er auch nicht gedacht Da war ihm wunderbar fast
bang zu Mute und in den Nebeln die durch die Fichten glitten sah er ganz
eigene Bilder Seine Muhme Agnes hob den Finger auf Er hatte ihr ja
versprochen nicht des Fürsten Mann zu werden nun war ers doch geworden er
wusste nicht wie Aber dann sah er auch wieder die Eva wie sie als er am Morgen
mit dem Fürsten ausritt so schelmisch ihm ein Mäulchen zog Sie war ganz
neckisch geworden und wollte ihm keinen Kuss geben zum Abschied Sie sagte ihm
er hätte ja nun einen andern Schatz Aber bös hatte sies nicht gemeint Und was
mochte sie nur mit dem Kurfürsten gesprochen haben der sich so lange und
insgeheim beim Morgenimbiss mit ihr unterhalten und als er eintrat da sahen ihn
beide so sonderbar an
Der Kurfürst sprach wieder gar nichts Da musste er doch wohl anfangen er
hielt es für gute Sitte
»Herr Kurfürst da ich nun Euer Mann bin so muss ich Euch treu und gewärtig
sein das versteht sich aber wenn ich nun anders denke als Ihr wollt dafür
kann ich doch nicht«
»Denken magst Du was Du Lust hast«
»Aber muss ich Alles raussprechen oder soll ichs verschlucken«
»Wenns Dir zu schwer wird sprich aber nur wenn wir allein sind wie
jetzt im Walde«
»Wie ich mit dem Herrn von Lindenberg ausreiten wollte das war nicht recht
von mir das hab ich auch längst eingesehen Darum könntet Ihr mich mit Recht
strafen Aber dass ich bös auf Euch war da weiß ich doch nicht ob ich da nicht
Recht hatte Und wie ich alles das in Spandow erfuhr ach Gott da kochte es mir
in der Brust S ist ein Glück dass Ihr mir nicht schon da im Walde begegnet
seid das hätte ein Unglück gegeben für Euch oder für mich Nachher da ritt ich
mir denn die erste Wut aus«
»Es blieb doch noch genug als wir uns da begegneten und Du kanntest mich
nicht einmal«
»Das war weil der rote Adler auf Eurer Brust stak«
»Hans Jürgen« sprach Joachim »eins nimm in Acht Es ist nicht Befehl es
ist ein guter Rat Wenn Du Einem begegnest den Du nicht kennst so verschlucke
Deine Gedanken bis Du ihn kennst«
»Aber was ich weiß muss ich das Alles sagen« hub der Junker nach einer
Weile wieder an
»So Du es für nötig hältst und dass Du der Treue gegen Deinen Herrn
nachkommst«
»Es denken Viele wie ich Herr«
»Ich weiß es«
»Und noch schlimmer Wenn sie Euren Namen nennen« Hans Jürgen stockte man
sah ihm an dass er mit sich selbst kämpfte »In Spandow was ich da hörte
Der Tod des Lindenberg hat Euch viele Feinde gemacht Herr die schwuren es
solle Euch nicht ungerächt hingehen«
»Beim Weine«
»Muss ich ihre Namen nennen«
»Nein« antwortete Joachim nach einigem Besinnen »Die Gedanken sind eines
Jeden Eigentum Auch wo sie zu Worten werden mag der Gefahr sehen der sich
selbst nicht traut Ich traue mir Lass sie frei reden es ist ihre Art Ich
kenne sie ich lese ihre Gedanken wie ich Deine las Sie wähnen sich im Recht
ich bin es auch« Er schlug sich auf die Brust »Wohlan lass sehen welches
Recht stärker ist Einer muss herrschen und Gott und das Geschick gab mir den
Zügel in die Hand Ich will ihn straff ziehen wenn es Not tut aber linde
lassen wenn wenn sie nur Worte haben gegen mich«
»Herr« hub Hans Jürgen wieder nach einigem Schweigen an »Ich an Eurer
Stelle ritte nicht mit so geringem Gefolge in dieser Zeit durchs Land«
»Weißt Du von Etwas das mehr ist als Worte dann wäre es Verrat wenn Du
schweigst«
Joachim sah ihn scharf an während der Junker antwortete Aber seine Muskeln
spielten ein verächtliches mitleidiges Lächeln als Hans Jürgen von einzelnen
verzweifelten Wünschen und ausgestossenen Drohungen Bericht erstattete
»Armselige Atemzüge der Ohnmacht Höre auf Das können sie das ist ihre
Kraft das ihre Lust Ich will sie ihrer Armut gönnen Dies Spinngewebe dies
Wespennest von rohen hohlen Wünschen vernichte ich mit einem Blick Ihren
Worten die mich wie Fledermäuse und Eulen umflattern wie Krähen und Raben
umächzen will ich ein Wort entgegensetzen das wie der Sonnenstrahl dies
Gezücht verscheucht Merke Dirs Hans Jürgen von Bredow ich fürchte sie nicht
aber sie sollen mich fürchten lernen sie sollen erschrecken und Zähneklappern
fühlen sie sollen wünschen dass sie sich verkriechen könnten in der Erde Grund
wenn ich meine Stimme erhebe wenn ich mich ihnen zeige nicht wenn ich vor
ihnen scheine wie ich bin Nun genug Verdirb mir nicht die reine Morgenluft«
Es war ein schöner Morgen geworden die Sonne hatte die Nebel besiegt und
strahlte sogar schon warm durch die Kieferwipfel als sie auf einer Höhe still
hielten
»Bis hier gabst Du mir das Geleit« sprach der Fürst »Kehre zurück rede
mit den Deinen und morgen erwarte ich Dich im Schloss an der Spree Heut bist Du
noch ein Freier Hans Jürgen morgen mein Mann Hast Du noch was auf dem Herzen
was Du als Freier sagen willst so sprich es aus«
»Die Eva hat gewiss geplaudert Durchlaucht«
»Das Fräulein Eva Bredow steht unter meinem besonderen Schutz das merke
Dir Ich werde seiner Zeit sorgen dass die brave Jungfrau einen guten Mann
bekommt wie sie verdient Den will ich ihr zuziehen Du aber mein Dienstmann
der noch viel tun muss um die Sporen sich zu verdienen darfst sie nicht anders
als mit Ehrfurcht ansehen«
Die Eva mit Ehrfurcht ansehen das kam Hans Jürgen kurios vor Aber der
Fürst schien zu erwarten dass er etwas erbitten solle Für sich Er war ja nun
des Fürsten Mann Für seine Pflegemutter Die sorgte für sich selbst Aber sein
Pflegevater Herr Gottfried Was hatte denn er davon dass Joachim in seiner Burg
geschlafen derweil er fort gewesen Er fing es etwas ungeschickt an aber
Joachim verstand ihn und sagte freundlich
»Meine Gedanken kamen Dir zuvor Er soll Ehre haben wie der Mann verdient
der sich freiwillig selbst einer bösen Tat zieh um die Strafe von einem Andern
abzulenken Wenn er verschmäht ein Amt in meiner Nähe anzunehmen wo ich der
rechtlichen Männer bedarf denk ich ihn zum LandtagsMarschall von den nächsten
Ständen wählen zu lassen Er ist nicht immer meiner Meinung aber er liebt die
Ordnung«
Hans Jürgen war schon weit zurück von wunderbaren Dingen geschaukelt als
dem Fürsten und seinen Begleitern ein lediges Pferd in den Weg kam das ihnen
entgegen wieherte gleichwie sich freuend Gesellschaft in der Einsamkeit zu
finden Als es sie begrüßt ging es wieder an sein Geschäft und grasete
»Das bedeutet ja wohl Unglück«
»Nur einen abgeworfenen Reiter« entgegnete der Holzendorf »Das Pferd ist
fromm Es hat ihn wohl nicht abgeworfen der Reiter mag darauf eingeschlafen
sein«
An einem sonnigen Abhang fanden sie ihn wirklich Er lag sanft gebettet im
weichen Sande und der Friede der Natur ruhte auf dem vollen freundlichen
Gesichte Die Augen fest zu schien er doch zu lauschen auf die Lieder welche
die Kieferwipfel über ihm rauschten und die Gedanken des Schlafenden schienen
Versteck zu spielen mit der Sonne welche durch die Zweige ihn jetzt anblinkte
und jetzt wieder verschwand
»Seht ob der Mann nicht zu Schaden gekommen« sagte Joachim
Ein tiefer Ton zwischen Schnarchen und Gähnen der aus der vollen Brust sich
arbeitete gab eine beruhigende Antwort Er drehte den Kopf um weil die Sonne
ihn belästigte und wie er den Arm behaglich von sich streckte ward Jener inne
wie wohl dem Manne war der auf dem Sande lag
»Es scheint ein guter Mann zu sein«
»Hilf Himmel so mich mein Aug nicht trügt« entgegnete der von Holzendorf
»ists unser Wirt Herr Gottfried von Ziatz Freilich das sind ja seine
Elennshosen«
Joachim hatte selten in seinem Leben gelächelt Als aber der Ritter fragte
ob er den Mann wecken sollte verzog sich sein Mund da er den Kopf schüttelte
»Er schläft so süß Was ich ihm sagen und bieten könnte wäre doch nicht
besser als seine Träume«
»Aber sein Pferd ihm fangen dass er es hat wenn er aufwacht wäre doch
Christenpflicht« meinte der Andere
Das Pferd kam von selbst als würde ihm die Zeit lang ob sein Herr noch
nicht aufwachte
Lächelnd ritten sie fort Der Kurfürst wies auf einen Mann der mit einem
leeren Wagen des Weges kam Dem wollten sie die Sorge für den Schlafenden
anempfehlen
»Fort Katze« sprach Herr Gottfried als das Pferd ihn anschnupperte und
gab ihm einen sanften Schlag mit der Hand Ob das Ross wohl auch sah dass Herr
Gottfried lachte
Wie rauschte es in den Bäumen über ihm wie knisterten die Kiefernadeln
unter ihm wie dufteten ihm die Heidelbeersträucher die für keinen Wachenden
einen Duft geben wie schlürften seine ausgestreckten Glieder die
Sonnenstrahlen die immer wärmer wurden Er sah durch die geschlossenen Augen
die Ameisen die auf seinen Beinen vergebens mit Schaufeln und Rüsseln durch die
Elennshaut zu dringen versuchten Herr Gottfried träumte einen süßen Traum ich
will ihn nicht verraten
Als er die Augen aufschlug saß neben ihm Einer der sichs auch behaglich
gemacht
»Kaspar was machst Du da« fragte er
»Ich esse«
Das war kein Traum mehr Kaspar schnitt sich mit seinem Zulegemesser
Scheiben vom Rettig vom Käse und vom Brod Aber neben ihm lag ein aufgemachter
Kober mit Würsten
»Kaspar Du hast ja auch Wurst da«
»Ja Herr«
»Kaspar ists Essenszeit«
»Je nachdem Herr Wen hungert der isst wen schläfert der schläft«
Das war die Frage Herr Gottfried hätte wohl gern noch geschlafen aber da
stand doch die Sonne vor ihm und sah ihn so groß an wie seine Frau wenn sie im
Recht war und er im Unrecht und das Pferd scharrte mit den Füßen und wieherte
und die Würste dufteten ganz anders als vorhin die Haidekräuter
»Kaspar wie lange habe ich geschlafen«
»Das weiß ich nicht Herr«
Der Herr rieb sich die Augen und schob sich unvermerkt dem Kober mit den
Würsten näher
»Wo kommst Du denn her Kaspar«
»Die Frau schickt mich Sollte Euch die Würste bringen In Berlin wart Ihr
nicht mehr Ist auch hier ne schöne Gegend«
»Da hast Du Recht« sagte Herr Gottfried und griff nach der Wurst Und als
er die zweite zur Hälfte verzehrt entsann er sich dass er seit gestern Mittag
nichts gegessen Wer aber einmal den Erinnerungen die Pforte aufschloss auf den
stürmen sie los es wird ihm schwer die Tür wieder zu schließen Als er die
dritte gegessen wie Vieles hatte er sich da entsonnen
»Ich glaube ich hab die Nacht hier gelegen Kaspar«
»Das kommt wohl so« sagte der Knecht »War ne schöne Nacht die Sterne
schienen«
»Ja ich habe gefroren Hat Dir die Frau nicht auch nen Morgentrunk
mitgegeben«
»Aber ne Gans ne Martinsgans ist hier im andern Kober«
»Gib her Ist auch ne schöne Gegend hier Du hast Recht«
Herr Gottfried machte die Bemerkung dass die Martinigans sauer sei der
Knecht aber sagte es wäre Manches im Leben sauer
Da hatte sich Herr Gottfried wieder auf seinen Ellenbogen gelehnt und sah
die Sonne an das Fliess im Grunde und die Kiefern und Büsche in denen der Wind
sich wiegte und dachte etwas Wenn Herr Gottfried etwas dachte nämlich wenn er
vorher getrunken hatte dann ward dem Knecht Kaspar immer bang zu Mute Um was
mehr als Herr Gottfried plötzlich ausrief
»In dem Fliess sind sie gewaschen worden«
Kaspar war schnell auf den Beinen und die linke Hand unwillkürlich auf dem
Rücken Diesmal hätte es wohl sein Rücken allein aushalten müssen denn wer
denkt jedesmal wenn er von Berlin nach HohenZiatz fährt dass er einen
Friesrock unter die Jacke stopfen muss aber das ist das Dämonische bei den
Prügeln wie bei den Schlägen des Schicksals dass sie in der Regel dann kommen
wenn man sich ihrer am wenigsten versieht So kam es auch hier nur umgekehrt
Der treue Knecht krümmte schon den Rücken um sich in die rechte Lage zu
bringen aber der Herr rührte seinen Arm nicht vielmehr ließ er die Backe immer
tiefer in die Hand sinken als er in einem Tone sprach über den der Knecht sich
verwunderte
»Siehst dDu Kaspar wenn sie nicht gewaschen hätte dann wär all das nicht
gekommen«
»Dann wär das nicht gekommen Herr«
»Und was ist nicht alles draus entstanden«
»Und noch viel mehr«
»S ist ein gut Weib Kaspar«
»Und was für eins«
»Wenn sie nur nicht Alles müsste waschen wollen Weiß auch gar nicht wo sie
das her hat«
»Die Liese aus Gütergotz s muss ihr angetan sein«
»Und grade meine Hosen Mein Vetter Baltasar auf Wagnitz sagte auch gleich
Die sehen ja wie neu aus Ganz wie neu Als sie mich abholten da wars ihnen
schon angetan«
»Angetan «
»Und der Hedderich hat sie auch an seinem Leib gehabt«
»Dass sie den nicht auch gehängt haben«
»Und die Schrift musste ich unterschreiben Die in Landin sagten da müsste
mich ja der Teufel geplagt haben«
»Das war auch der Teufel Herr«
»Will sie auch nimmer von mir tun«
»So ists recht Herr«
»Der kluge Schäfer in Spandow hat mir gesagt mit der Zeit zieht sichs und
schiebt sich wieder zurück«
»Ist mit dem Leder wie mit dem Menschen Herr Jung zieht mans alt
schrumpfts ein Aber s gibt schon unterschiedlich Leder«
»Kaspar dem siehts doch Keiner nicht mehr an dass es im Wasser war«
»Keine Seele Herr«
»Und seit dem «
»Haben sie Euch mit sechs Trompeten rausgeblasen ich hörts in Berlin Das
hat Euch Manchermann beneidet«
»Und die Vettern erst das hättest Du mal sehen sollen«
»Haben ein Tractement losgelassen Nicht wahr«
Herr Gottfried schmunzelte »Das ging aus einem Haus ins andere Weiß doch
wirklich nicht wo ich zuletzt gewesen bin Was sagt denn die Brigitte zu«
»I nu was wird sie sagen Ne Stiege Gänse haben in den Rauchfang gehängt
Die Agnes haben wir nach Spandow gebracht«
»Die Agnes ach das liebe Kind«
»Die wird fromm werden Nu schlachten wir auch bald die Schweine«
»Bin doch kurios zu wissen wies daheim geht« Damit war Herr Götz
aufgestanden und der eine Fuß saß schon im Steigbügel »Wie lange bin ich denn
eigentlich fort Kaspar«
»In einer Stunde sind wir zu Haus Herr«
»In einer Stunde kurios« sagte Herr Gottfried und saß nun ganz im Sattel
»Viele Stunden die machen einen Tag und viele Tage einen Monat und viele
Monate ein Jahr und was machen nun viele Jahre S ist doch kurios Kaspar
wenn man so das denkt Manchmal ist mir doch als wären viele Jahre nur wie eine
Stunde und dann ist mir wieder als wäre eine Stunde wie viele Jahre«
Dem treuen Knecht war recht bang zu Mute als sie so neben einander der
Herr ritt und er kutschirte Dass der Herr ihn nicht geprügelt hatte das war
schon sonderbar Und jetzt ritt er so versenkt in sich und dachte und dachte
laut Der Knecht dachte ach wenns mit dem guten Herrn zu Ende ginge
Da sah Herr Gottfried plötzlich seine Handschuhe an und steckte den Daumen
in den Mund und schüttelte den Kopf »Kaspar Kaspar mir fällt was ein«
»Das auch noch da ists richtig« Kaspar wischte sich das Auge
»S ist richtig Kaspar s kommt schlimme Zeit«
»I warum nicht gar Die Kraniche flogen ja über unser Haus«
»Krieg Aufstand gibts sie rüsten ich muss mit Ach nu kommt das Alles
raus Wo waren wir doch die letzte Nacht Richtig richtig Die blanken
Schwerter kreuzweis über den Bechern Der Totenkopf auf dem Tisch Der Köpkin
hielt meinen Arm als ich schwor Der Wulf der konnte nicht mehr stehen da biss
er in den Handschuh dass er sichs entsänne wenn er aufwachte Ich biss auch
Ja ja s ist Alles so«
»Hab auch von gehört sie sind wolfstoll um den Lindenberg Ihr müsst also
auch mit wenns losgeht«
»Mit«
»Der Kurfürst ist ein starker Herr Wer ihn anbellt den beißt er«
»Sie werden auch beißen« Die kriegerischen Gedanken schienen sich in dem
Ritter zu sammeln
»Unter Wölfen muss man mit heulen Na vielleicht kommts nicht dazu«
Der Ritter stützte das Kinn mit der Hand »Vielleicht Wollen ihn beim
Freigericht verklagen dass er einen Edelmann darum Wenn das es auf sich nimmt
sonst sonst Kaspar da werden wir die Knochen rühren müssen da wirds Ernst
werden Alle Heiligen da dürfen wir nicht mehr schlafen Kaspar verstehst Du
mich das dürfen wir der Frau nicht sagen«
Einundzwanzigstes Kapitel
Jochimken hüte Di
»Ich stach in ein Wespennest Ich weiß es Heran Hier ist mein Arm hier meine
Brust mein Gesicht ist frei Ich will ihnen auch ins Gesicht sehen Warum
haben sie nicht den Mut Was schwirrt es wie Käfer in der dunstigen Luft Ihre
Väter haben es doch gewagt es galt eine große Frage Gott entschied für meine
Väter Warum geht ihnen der Atem ihrer störrigen Vorfahren aus Es muss
schlechter um ihr Bewusstsein stehen als um ihr Recht«
So sprach der Kurfürst und ging mit hastigen Schritten auf und ab Er war
allein der Kammerdiener der die Lichter angezündet eilte dass er wieder
hinauskam Der Fürst liebte Niemand um sich in dieser Stunde
Aber noch eben hatten die Bürgermeister der beiden Städte und einige
Ratsherrn im Zimmer gestanden
»Auch diese Bürgerherren ich will es glauben sie lieben mich ich tat
ihnen ja noch nichts wie meine Vorfahren aber warum denn nicht heraus mit der
Sprache Warum diese dunkeln Ungewissen scheuen Andeutungen Fahre ich mit
einer Frage einem Wort einem Blick drein stäubts auseinander wie der Rauch
vorm Winde und erstarrte Ehrfurcht zittert vor mir der das Wort im Munde
gefror sie wissen nichts«
»Wenn sie auch wüssten der Mut ging ihnen aus Auch für ihren Fürsten
weil er gegen ihn ausgegangen Haben so die trägen Jahre gezehrt hat so das
Fett sie eingeschüchtert Allmächtiger Gott ich weiß es ja dass ich eine große
Sendung übernahm dieses verwüstete Land zu sittigen dass ich tief einschneiden
muss in das Fleisch Wunden gibt es Hat die alte Wüsteit ein Recht für sich
warum tritt sie nicht auf warum fischt sie nicht offen Mann gegen Mann mir
gegenüber Ich liebe einen tüchtigen Widerstand der meine eigene Kraft stählt
einen großen ehrlichen offenen Kampf wo Gott entscheidet Wenn sie siegten «
Er schwieg bei sich Ob er sich doch nicht zutraute wenn sie siegten dem
Gottesurteil sich zu unterwerfen Auch der Tapferste liebt es nicht besiegt zu
werden
»Und auch das noch« rief er das fürstliche Siegel das sein Wappen
enthielt auf einem Schreiben erbrechend welches der Fourier hereingebracht
Der Brief war von seinem Oheim dem Markgrafen Friedrich dem Aelteren von
Baireut
»Wieder Warnungen Anmahnungen Ein Graf von Giech Herr Graf von Giech
Euren alten Adel Euer schönes Stammschloss auf den fränkischen Bergen in Ehren
in Ehren auch den Botschafterposten meines erlauchten Ohms aber ich werde mit
Euch märkisch reden Wenn mein Ohm Euer Herr als ich bei meines Vaters Tode
ein Knabe war mich für verständig genug hielt dass ich das Regiment auch ohne
Vormund führe so erwägt dass ich durch Jahre und Erfahrung älter ward und
keinen Hofmeister aus der Fremde bedarf Er mag kommen der Herr Graf von
Giech«
Der Fürst warf das Schreiben auf den Tisch und sich in den Sessel Seine
Augen flogen durch das Dunkel des gewölbten Zimmers
»Wer hat mich angeklagt Wer rief nach Franken um Hilfe Der Brief ist
stumm Und wenn ich den Herrn Grafen fragen werde wird er wie die Bürger
antworten Man sagt man meint O diese namenlosen Angeber diese dunkle Macht
des Gerichtes diese Fledermäuse in dunstigen Gewölben Alle sind es aber
Keiner Sie grollen Alle aber wen ich ansehe warum zeigt mir denn Keiner die
Zähne Warum verziehn sich die Runzeln in ein freundliches Grinsen warum
überstottern sie sich in Ehrfurchtsbeteuerungen Es ist ja möglich dass ich
irrte ich bin ein Mensch jung möglich dass ich zu rasch gehandelt mich
hinreißen ließ wenn sie Mut hätten wenn ihre Sache gut wäre wie meine warum
ist denn nicht ein Einziger der es wagt mir vor die Stirn zu treten der es
ausspricht Ich könnte zürnen auffahren strafen Nun wagt das Keiner um eine
gute Sache Wagt Keiner sich selbst zu opfern um was ihm heilig ist Ich
will mit ihnen fertig werden mit ihnen allen ich allein«
Im Zimmer verbreitete der große schwarze mit vielen künstlichen Figuren
ausgelegte Ofen eine dunstende Wärme Joachim riss das Fenster auf um frische
Luft zu schöpfen Es kam auch da nichts Frisches herein Ein Dampf lagerte über
der Stadt die Spree floss träg zu Füßen der Mauern kaum dass ein Paar Sterne
sich matt in ihrem schwarzen Wasser spiegelten Wenige gingen über die Brücke
Nur drüben an dem sumpfigen Ufer hielt ein Mann mit zwei Reitpferden Ein
Anderer in einen Mantel verhüllt einen Federhut auf dem Kopf sprach mit ihm
Dann schritt dieser über die Brücke nach dem Schloss zu nach einer Weile
folgte ihm der Mann mit den beiden Pferden Es schien dem Fürsten als wenn er
die Tiere vorsichtiger führte als es sonst Art ist
Der Anhauch der Luft hatte sein Blut nicht erfrischt als Joachim sich
wieder an den Schreibtisch setzte Er las er schrieb aber seine Gedanken
flogen abwärts Er dachte an seinen Oheim Friedrich dessen Schreiben vor ihm
lag Wie glücklich war der in seinem glücklichen Oberlande in den grünen
Bergen wo die munteren Bäche plätschern die Tannen an den Abhängen rauschen
die Morgensonne die schönen Schlösser auf den Höhen anglüht »Ach wären wir dort
geblieben Welche saure Arbeit wäre uns erspart« »Aber auch eine ehrenvolle
Arbeit minder« antwortete er sich und langte wieder aus dem Pult das Testament
des Vaters Er las es und las es »Ich arbeite ja nur in Deinem Dienst auf
Deinen Befehl«
Das Pergament war wieder verschlossen und Joachim schrieb und blätterte in
den Schriften vor ihm bis die dunkeln Gedanken abermals ihn zu übermannen
schienen Er legte die Feder weg und seinen Kopf in die Lehne
»Und gerade zum heiligen Weihnachtsfest Ich hatte mich nimmer so gesehnt
es in stiller Weihe zu begehen als dieses Jahr um mich würdig vorzubereiten
auf das große Werk in Frankfurt Wenn nach Neujahr der Abt mein Freund wie er
versprochen kommt «
Er hielt sich das Gesicht mit beiden Händen
»Mein Freund Wer ist denn mein Freund Der ist ein Freund meines Wissens
meines Strebens der der Ehren die ich ihm zuwende der ein Hund an der Kette
der wedelt mich an aus Furcht dass ich ihn schlage Ich habe keinen Freund
Lindenberg dein Tod ist gerächt So schnell hast du Recht gewonnen Ein Fürst
der Niemand mehr traut als sich, ist dem Gesindel anheimgefallen sprachst du
Ich traue ja Niemand mehr sie Alle schleichen Alle nur der Widerhall meiner
Worte Und wenn sie stumm sind auf welchen langen Leichenzug verbrecherischer
Gedanken muss ich lauschen Du klagst mich an Hörst du auch meine Klage
Aber ich hätte milder sein können gegen mich ich hätte mich selbst täuschen
sollen dass mir die süße Melodie deiner Worte länger vor den Ohren klänge Deine
Tat hätte ich gut machen können nur um dich mir zu retten Du warst ja nicht
mehr gefährlich Die Spieluhr die mir vor den Ohren summt belügt mich ja
nicht Sie singt wie ich sie stimmte Und ist es denn ein Verbrechen einer
Lüge horchen die uns nicht mehr täuschen kann Sind sie immer Gift Vielleicht
wohltätiges Gift Balsam auf verharschende Wunden die unter der rauen Hand
der Wahrheit wieder aufgehen und von Neuem bluten Allmächtiger Gott was ist
die Wahrheit nach der wir ringen«
Er schauderte zusammen »Wenn ich ihnen allen ins Herz schaute ihre
Gedanken vor mir lägen wie ein offenes Buch Bewahre mich der Herr vor dem
Entsetzlichen Wir hätten in diesem unruhevollen Leben keinen ruhigen
Augenblick Geharnischt müsste ich mich auf mein Lager werfen und wenn ich
aufspränge das Richtschwert zücken Wohltätiger Nebel den er über unsre Augen
goss nur so viel Licht uns schenkend als wir ertragen mögen Ja was die Sterne
uns vertrauen das ist wahr Darin zu lesen vergönnte er aber nur Wenigen und
Weniges Das andere ist Spiel Ich hasste das Spiel und doch ich wollte dass
es mehr Spiel gäbe mehr süße liebliche Täuschung nur auf Augenblicke die
Wirklichkeit zu vergessen«
Die ungeputzten Kerzen brannten nur dunkel Es war todtenstill Von den
Türmen schlug es Mitternacht Der Fürst lag zurückgelehnt in seinem Stuhle
»Es ist zu spät es ist geschehen« murmelten seine Lippen sein Auge schloss
sich aber vor dem inneren traten die Gestalten auf die ihn allnächtlich
heimsuchten Seine Brust bebte sein Arm hob sich etwas die Hand presste sich
krampfhaft zusammen Er sah den Geist des Ritters die Wendeltreppe kam er
herauf er schritt durch den langen Gang »Warum warum immer mit den hohlen
Augen Lindenberg Klagst du die Raben an oder mich Dein Auge war so glänzend
Ich riss es dir ja nicht aus Was schleichst du wie auf Diebessohlen Was stehst
du an der Tür«
Die Erscheinung verschwand nicht Es war ein etwas Mehr als die Vision die
aufgeregten Sinne wurden tätig Er hob sich auf die Armlehne gestützt wie ein
Lauschender Plötzlich ein Schrei er sprang auf
»Maria Joseph was ist das«
Joachim riss die Augen auf Er hörte deutlich einen streichenden Ton an der
Tür ein Kratzen dann ein Fall wie ein leichter Körper auf den Fliesen des
Bodens dann Tritte wie eines hastig Forteilenden Er wollte nach der
Klingelschnur greifen das wäre zu spät worden Den Armleuchter ergreifend
stürzte er nach der Tür und riss sie auf Am Ende des langen Korridors
verschwand die dunkle Gestalt »Mörder« wollte der Fürst rufen die Stimme
versagte ihm Das Licht der Kerzen beleuchtete etwas Weisses an der
Nussbaumtür Die Kreide mit der die Schrift geschrieben lag am Boden An der
Türe standen die Worte
Joachimken Joachimken hüte Di
Kriegen wi Di so hangen wi Di
Unten stampfte ein Ross Hufschlag durch das Portal Er stürzte in das Zimmer
zurück ans Fenster Über die lange Brücke sprengten zwei Reiter Von drüben
kam eine fröhliche Gesellschaft von einem Schmause zurück Bei dem Schein der
Fackeln konnte er die Umrisse der einen Gestalt erkennen Die Reiter mussten
große Eil haben So preschten sie durch die Gäste Er hörte ihre Hufschläge
klappern die Oderberger Gasse entlang
Wenn der Kurfürst jetzt da er nach der Schnur zur großen Glocke eilte in
den Spiegel gesehen an dem er vorüberging hätte er auch vor einem Gespenst
erschrecken mögen Ein so blasses Gesicht sah ihn mit starren Augen aus dem
Glase an Als die Glocke stürmte durchschauerte es ihn bang Seine Miene schien
zu sprechen »Wen wird sie rufen Steh ich doch schon vielleicht allein« Die
Edelknaben schliefen Hatte man sogar vergessen die Wächter auf den Gang
auszustellen Waren die Tritte die jetzt den Korridor hastend herankamen
schon die Tritte der Mörder Seine Hand griff unwillkürlich an der Rechten nach
dem Dolch aber schnell ließ er die Hand wieder sinken als schäme er sich der
Bewegung. Er hatte andere Waffen
Die Kammerherren die hereinstürzten erschraken wie er auf die Stuhllehne
gestützt da stand und sie anschaute
»Wer hatte die Wacht im Schloss«
»Der Ritter von Otterstädt«
»Wo ist Otterstädt«
Was wollte der Fürst mit dem strengen irren Blicke Als verlange er die
Antwort nicht mehr machte er eine abwehrende Bewegung welche sie gehen hieß
Der Geheimrat von Schlieben ward angemeldet Zählte der Fürst auch dessen
graue Haare forschte er ob der Verrat darunter verborgen sei Er saß wie
erschöpft im Armstuhl und sein strenger Blick hieß den alten Diener an der
Schwelle weilen
»Durchlauchtigster Herr ich komme zur ungewohnten Zeit «
»Aber Du findest mich wach Das werden sie Alle sags ihnen«
»So wüsste mein gnädigster Herr schon «
»Otterstädt ist ausgestrichen wie aus meinen Diensten aus dem Buche meiner
Gnade Man soll ihn fahnden wo man ihn trifft Man setze ihm nach auf der
Stelle Ich will ihn finden wo er sich verberge einen Preis auf seinen Kopf
Ich sage Euch er soll es büßen schwer furchtbar entsetzlich Joachim lässt
nicht mit sich spielen Wehe dem der sich erdreistet mich für einen Knaben zu
halten«
»Wie mein gnädigster Herr was ich eben erst «
»Zauderst Du Gehörst Du auch zu ihnen Ja Du zitterst«
»Den Otterstädt holen wir nicht mehr ein Er flieht mit unterlegten Rossen
nach der Lausitz zu seinen Verwandten den Minckwitzen«
»Die Rosse bestelltest Du ihm O auch ich kann Verwunderung heucheln Wer
noch Ich frage lieber wer nicht Deine Hände auf Sind sie nicht auch weiß von
Kreide«
»Ich stehe hier und spreche weil es meine Pflicht ist weil mein Schwur
als meines Kurfürsten Diener es mir gebietet Erst in dieser Stunde ward ich von
den schweren Dingen unterrichtet Missvergnügte hatten eine Anklage versucht
gegen Euer kurfürstliche Durchlaucht was ich ein Erfrechen nenne bei dem
Freigericht Die Sache blieb geheim bis diesen Abend wo der Jähzorn Einiger der
Missvergnügten über den Fehlschlag ihrer Hoffnung sie zu tollen gefährlichen
Reden verführte die mir von Getreuen hinterbracht sind«
»Das Freigericht will mich nicht richten«
»Es soll sich erklärt haben für nicht competent«
Joachim lachte hässlich auf »Ich will mich für competent erklären zu
richten wen und wer es sei der in meinen Landen ein ander Gericht anruft das
nicht von mir Macht und Vollmacht erhielt Jeder und männiglich und das Gericht
auch wie es heißt und was es sei das nicht vom Kaiser selbst Vollmacht und
Freibrief hat Wollen sie mich nicht auch bei Kaiser und Reich verklagen«
»Ich kenne nicht die Absichten der Missvergnügten«
»Aber sie selbst Wer sind die Missvergnügten Nenne sie«
Der Geheimrat zuckte die Achseln
»Und das Deine Pflicht das Dein Schwur Damit soll ich zufrieden sein«
Joachim war aufgesprungen
»Lindenbergs Hinrichtung hat viel Schmerz bereitet«
»Ist das Alles Hier siehst Du Einen der an diesem Schmerze nagt«
»Mehr als Schmerz Dass ich mich unterstehe es meinem durchlauchtigsten Herrn
zu sagen Viele haben es missbilligt sehr missbilligt die Zahl der Missvergnügten
wurde sehr groß«
»Heute erst Warum wagtest Du nicht früher es auszusprechen Der stiehlt
und raubt fast an meiner Seite die lassen zu dass ein ehrlicher Mann darum
fälschlich angeklagt wird der kritzelt mit seiner verruchten
majestätsverbrecherischen Hand an die Tür meines Schlafgemachs eine
Todesdrohung und Du mein erster Rat geschworen mir treu zu dienen erprobst
die Treue dass Du mir verschweigst was mir zu wissen vor Allem Not tat
Verantworte Dich Herr von Schlieben«
»Wenn alle gestraft würden gnädigster Herr welche anstehen ihrem Fürsten
zu berichten was ihm unangenehm zu hören ist hätten die Fürsten keinen Hof
mehr keine Räte und keine Minister«
»Und doch wie bereitwillig seid Ihr Alle zu hinterbringen wenn es Dritte
gilt Welch Gaudium Eurer Seelen Verdacht auszustreuen wo Ihr zu ernten hofft
Nur diesmal Alle einig weil Jeder die Schuld des Andern trägt und verbirgt
Dieser Mann ist mir lieb dieser Otterstädt Er hat doch was gewagt Die wüste
Tollheit seines verbrecherischen Hirns brach wie die Flamme heraus die sich
nicht mehr zügeln lässt Wenn sein Kopf auf der Stange steckt werde ich ihm
zunicken Ich liebe warmblutige Menschen Ihr andern seid der stille Brand der
fortglüht unter der Asche Man kann nicht überall die Augen nicht überall Acht
haben wo er helle Lohe schlägt Vor mir da bin ich sicher aber wer schützt
mich vor Denen hinter meinem Rücken«
Der Geheimerat verneigte sich tief er sprach die Bitte aus da sein
gnädigster Herr sein Vertrauen von ihm abwende ihn seiner Dienste zu entlassen
und einen würdigeren Rat zu wählen
Ein böses Lächeln schwebte um Joachims Lippen »Wo ich hingreife ists
derselbe Stoff Ein Todter sagts hörst Du die Toten lügen nicht Es lohnt
sich nicht ändern wo man nicht bessern kann Du bleibst Wer ritt mit
Otterstädt«
»Man riet auf den und jenen Bestimmtes weiß Niemand«
»Der und jener man rät Niemand Ich will diesen Niemand finden
diesen Ratenden ein Rätsel aufgeben Wer bezog die Schlosswache«
»Konrad Burgsdorf«
»Wenn er Brandbriefe an die Mauer schreibt soll er Handschuhe anziehen Die
Kreide an seinen Finger könnte ihn verraten«
»Mein Gott was soll daraus werden« entfuhr es dem von Schlieben So in
krankhafter Aufregung hatte er seinen Fürsten noch nie gesehen
»Nur ein Hochgericht Schlieben Wenn meine Mannen und Diener zu verschlafen
sind einem Verbrecher nachzusehen wird Gott andere Rächer einem beleidigten
Fürsten erwecken Es gibt Gerichte auch drüben in Sachsen Nicht rasten will
ich noch ruhen bis Otterstädts Haupt auf einer Stange über dem Tore von
Berlin schwebt Ich bins mir ich bins einem andern schuldig der mir lieber
war Zur Warnung Euch allen so hoch der Verbrecher stehe so stark sein Arm
ist so viele Freunde für ihn sprechen«
»Gnädigster Herr welche entsetzliche Wahnbilder beunruhigen Euer
Durchlaucht Euer Volk ich darf es sagen ist ein gutes und treues Volk und
wenn unter Eurem Adel Missvergnügte sind «
»So sind sies mit Recht Nun bist Du auf guter Fährte Sprich Dich aus
giess aus den verhaltenen Unmut so liebe ichs Klage mich offen herzhaft an
Auf dieser Stelle sprach so ein anderer Mann zu mir Er hielt mich nicht mehr
für ein Kind als der Tod vor seiner Tür stand Mann gegen Mann hat er mich
angeklagt und ich hörte ihm mit Lust zu Seine Lippen sind nun bleich sein
Atem ist ihm vergangen sein Herz ist kalt Der kann nicht mehr sprechen Nun
trittst Du für ihn auf Du setze fort die Rede Sprich wie ein Anwalt dessen
Mund ein Vulkan Feuer sprüht zeihe mich der Grausamkeit der Eigenmacht des
Leichtsinns verteidige den Adel gegen Deinen Fürsten beschwöre aus den
Grüften die unverjährbaren Rechte die ich brechen zertreten will überzeuge
mich von meinem Unrecht Dir soll kein Haar gekrümmt werden wenn Du Deinen
Groll in tausend Verwünschungen gegen mich ausschüttest nein ich will auf
jedes Deiner Worte lauschen wie ein Liebender auf das Geflüster seiner
Geliebten«
»Herr allerdurchlauchtigster Kurfürst mein gnädigster Gebieter möge die
Zunge erstarren die sich dessen erfrecht Ich bin fern davon «
Höhnisch lachte der Fürst auf »Warum stehst Du dann noch da Geh nach Haus
S ist späte Nachtzeit Sieh in der Kinderstube nach ob das Deckbett nicht von
den Kleinen gerutscht ist Die Nacht wird kalt«
»Er redet im Fieber« sagte der Geheimerat als er das Zimmer verließ »Man
muss nach dem Leibphysikus senden dass er in der Nähe des Zimmers wacht«
Aber Joachim sandte nicht nach dem Leibphysikus sondern bald nachdem der
Minister gegangen stand Hans Jürgen von Bredow in seinem Zimmer und schien auf
einen Auftrag zu harren während der Fürst an seinem Tische schrieb
Die Briefe waren geschrieben versiegelt und ruhten in der ledernen Tasche
auf der Brust des Edelknappen Er hatte aufmerksam und ehrerbietig den Aufträgen
des Fürsten zugehört Da legte Joachim die Hand auf seine Schulter
»Du dienst nicht gern«
»Ich war frei«
»Auch das Dienen« sprach Joachim »wird zur Lust mein ich wenn man
wirklich frei wird Davon ein ander Mal wenn wir uns näher kennen Aber nicht
wahr im Grund des Herzens grollst Du mir eigentlich noch«
»Wär ein Schelm wenn ich lüge«
»Mehr wollt ich nicht Nun reite Hans Jürgen Aber eile dass Du
wiederkommst denn ich brauche Dich in meiner Nähe«
Als er fort war sah ihm der Fürst nach »Gebenedeite Himmelskönigin ein
Fürst ist nicht verloren der noch einen wirklichen Menschen um sich weiß Die
Klugen sind alle Verräter ich wills nun mit mit dem will ichs versuchen«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Du sollst nicht stehlen
Es war Nacht in HohenZiatz
Die gute Frau von Bredow stand im Dunkel an den Pfosten gelehnt und sah dem
Knecht Kaspar zu der in der kleinen Burgschmiede glühte hämmerte und putzte
Er sah sie nicht er hörte auch nicht wie ihr Herz bang schlug und wie sie in
gedankenlosem Spiel die Finger rieb
Es ist was los flüsterten sie damals als der Herr von Lindenberg ausritt
Es ist wieder was los und was schlimmeres hatten sie heut geflüstert
Der guten Frau von Bredow war es noch nie so schlimm ergangen in ihrem
eigenen Hause Was war in ihren Herrn gefahren die Tage über Er sah in das Glas
und trank es nicht aus Er war brummig wie allezeit aber wenn die Eva ihm um
den Bart kraute lachte er nicht wie er doch sonst getan So schön hatte sie
noch nie den Hirsebrei zugerichtet mit Zimmt und Butter und Zwiebeln die
dampften Er griff hinein er aß und seufzte Was hatte ihr Herr zu seufzen
Wenn er recht brummig gewesen dann ward er nachher immer freundlich und war
wie um den Finger zu wickeln Und Geheimes das musste sie ihm nachrühmen
Geheimes hatte Herr Götz nie vor seiner Frau gehabt
Aber er ritt allein in den Wald und letzthin zum Besuch sie wusste nicht
wo er saß allein in der Stube den Kopf im Arm gestützt und dachte sie wusste
nicht was Reiter kamen und sprachen mit ihm unter vier Augen und er schickte
Kaspar auf Botschaft aus sie erfuhr nicht wohin
Gestern aber waren spät noch Gäste gekommen als sie auf Besuch ausgewesen
Reiter die von einer Jagd im Schloss abgestiegen hieß es aber die Leute im
Schloss kannten die wenigsten Einige hatten sich ganz verhüllt Dann hatten sie
in der Halle gezecht wie guter Leute Art ist aber die Türen waren
verschlossen worden vor dem Gesinde Kaspar hatte aufgewartet kein Anderer war
hineingelassen worden Man hatte Becherklang dumpfes Flüstern und wilde
Verwünschungen gehört
Als Frau Brigitte und ihre Tochter spät nach Hause kehrten waren die Gäste
schon fort ihr Herr lag in seinem Bette Aber es war Schweres zurückgeblieben
Sind Sorgen nicht schwer Und ist das keine wenn eine Hausfrau fühlt dass sie
nicht mehr allein Herrin im Hause ist wo sies zwanzig Jahre gewesen
Frau Brigitte wusste schon mehr als sie wissen sollte Drüben in Golzow
hatte sie manches munkeln gehört auf dem Rückweg hatten dem Knecht Ruprecht
der sie fuhr die Dohlen und Krähen wunderbare Liedlein ins Ohr gesungen und
als der Wagen in die Lichtung fuhr hatten sie noch die Gäste ausreiten gesehen
die gefielen ihr gar nicht Auch im Dorfkruge sah sie durchs helle Fenster
einige Burschen zechen und sie sprachen wirre Dinge solche Bauernburschen die
ihr Herr vom Pfluge nahm wo es was galt Auch mit Andern waren sie wohl
ausgeritten um ein Handgeld oder auch nicht die Leute sprachen nicht gern
davon Aber woher kamen die klingenden Guldenstücke in die Tasche der
Büdnerssöhne
Der Kaspar sang als er den Helmsturz auf dem Ambos festklopfte ein
Spottlied was sie damals sangen auf Herzog Hans von Sagan der landflüchtig war
und kaum in der Mark ein Unterkommen gefunden
Wer bürgerlichen Krieg anstift
Denselben das Unglück wieder trifft
Und muss das Sein mit dem Rücken ansehen
Wie Herzog Hansen ist geschehen
»Was singst Du für ein hässlich Gassenlied Kaspar« sprach die gnädige Frau
Er erschrak etwas aber nicht sehr »Einer stimmt an der Andere singt nach
Gestrenge«
»Wer muss Alles nachplärren was die Gassenjungen vorsingen Hats solche
Eil Kaspar«
Der Knecht sah sie seitwärts an und nickte
»Morgen schon Kaspar«
Er bedachte sich und nickte wieder
»Kaspar Du bist ein treuer Knecht aber ein treuer Knecht muss Alles tun
dass sein Herr nicht zu Schaden kommt«
»Ein Knecht muss tun was sein Herr will«
»Wenn der Herr aber « sie hielt inne »Der Herr ist anders worden als er
war«
Er nickte
»Wenns nun zum Schlimmen ginge wenn er auf schlimme Leute gehört hätte
wenn sie ihn wieder fingen Kaspar was würde aus Dir was würde aus uns Allen
Das Liedlein vom Herzog Hansen wenn sies nun auf uns sängen«
Der Knecht legte den Helm weg und nahm ein Schulterstück aber das legte er
auch weg Es ging auch in ihm was vor »Gestrenge es ist schon wahr aber wir
änderns nicht es muss sein«
»Warum muss es denn sein Kaspar Du weißt was«
»Ja Gestrenge«
»Dass es gegen den Kurfürsten losgeht das darfst Du nicht sagen«
»Nein eben das darf ich nicht sagen«
»Auch nicht dass mein Herr bei ist«
»Auch nicht dass er sich versprochen hat und nun nicht los kann«
»Kaspar S wird nicht wie damals Damals war er unschuldig wie ein Lamm im
Mutterleib Kaspar wer ihn abhalten täte der verdiente sich einen
Gotteslohn«
Kaspar fuhr mit dem Eisen in die Kohlen dass die Funken umher flogen
»Ach Gestrenge das ists eben Der Brei ist zu weit eingerührt nun muss er
übers Feuer Was mussten wir ihn auch allein ins Havelland reiten lassen «
Die gute Frau zupfte ihn am Hemdsärmel »Kaspar wir ziehen ihn wohl noch
raus«
»Der Stier rennt gradaus wenn er nen Schlag hat«
»Du und ich«
»Ich nicht Gestrenge«
»Ein bisschen wirst Du mir schon helfen«
»Nein Bin ihm geschworen«
»Kaspar S ist gottlos mein ich gegen den Landesherrn aber wenns geht
i nu da drückt Gott schon ein Auge zu S ist ja der liebe Gott«
Der Knecht schüttelte den Kopf »S wird gehen wie dazumalen Er ist
stärker«
»Da muss er in den Turm und aus dem Turm Unser Haus reißen sie niede
oder schießens nieder und wir wir müssen ins Elend die Eva und ich«
Kaspar wischte sich mit dem Ärmel über das Auge »Ich werds nicht mit
ansehen Wenn sie die Herren köpfen hängen sie die Knechte«
Er ging wieder an die Arbeit als wollte er die Gedanken fortämmern Aber
Frau Brigitten kamen unter den Hammerschlägen Gedanken
»Du bist ein guter und treuer Knecht« sprach sie »An Deiner Stelle tät
ich auch wie Du Aber ich bin seine Frau ich muss für ihn sorgen dazu sind wir
am Altar geschworen dass einer das Unglück vom Andern abwendet Aber was Du
weißt das musst Du mir sagen ich bin Deine Frau und kanns Dir befehlen
nämlich was er Dir nicht verboten hat Und was Du denkst damit musst Du auch
nicht hinterm Berge halten wenn ich Dich frage denn ein Knecht darf nur für
seine Herrschaft denken«
»Freilich« sagte der Knecht Kaspar
»Morgen früh schon reitet er aus«
Der Knecht sah sie zweifelhaft an »Das weiß ich nicht ob ich das sagen
darf«
»Darum frag ich Dich auch nicht Aber das musst Du mir sagen Bleibt mein
Herr morgen daheim«
»Ja das hat er mir nicht verboten Nein er bleibt nicht daheim«
»Und kommt auch morgen und übermorgen nicht zurück«
»Das weiß Keiner wenn er zurückkehrt«
»Nimmt Dich mit und den Wenzel und aus dem Dorf den Jürgen den Stephan
den Hans und die beiden Zwillinge«
»Nun so Ihr das wisst Gestrenge da braucht Ihr mich ja nicht zu fragen«
»Und in der Rüstkammer hängen schon die Eisenhemden Koller Schirme
Hauben die Spieße und Aexte die Ihr anziehen werdet«
»Das wisst Ihr also auch«
»Was dächtest Du nun Kaspar wenn ich den Ruprecht und noch ein paar gute
Bursche nähme und ließe die ganze Rüstkammer raustragen ganz sacht dass es
Keiner merkt und die Rosse aus dem Stall ziehen wir packten Alles was scharf
ist und von Eisen auf die Leiterwagen und damit führen wir in der Nacht nach
Golzow Die Rochows sind mir gut Heuer wollen sie nicht mit Bis er aufwachte
wären wir längst über alle Berge und dann könnte er doch nicht ausreiten Du
sollst nicht dabei sein Du sollst nur sagen was Du dazu denkst«
»Straf mich Gott Gestrenge da müsst ich ja dabei sein Wenn ichs merken
täte da sprüng ich auf den Hof und bis Ihr nur halb fertig wärt mit
Aufpacken riss ich das Fallgitter nieder und schrie aus Leibeskräften bis er
aufwachen täte«
»Schreien würdest Du Dann müssten wir Dich also knebeln«
»Würde mich aber verflucht wehren«
»Dann müsste man Dich einsperren«
»Ich schriee durch s ist ja für meinen Herrn«
»Nun wenns hier unten wäre in der Schmiede da könntest Du Dir die Lunge
ausschreien bis ers hörte«
»S hilfe Euch auch nichts Gestrenge Er hat sich in den Handschuh gebissen
und geschworen das kann ich schon sagen vom Handschuh nämlich das hat er mir
nicht verboten Da muss ers tun Wenn er aufwacht und die Bescheerung sähe
sobald er nur in den Hosen sitzt springt er über die Mauer wenns nicht anders
ist Im Dorfe trifft er Pferde und die liederlichen Kerle da denns ganze Dorf
könnt Ihr doch nicht mitnehmen nach Golzow Er reitet fort wie er ist ich
kenne ja meinen Herrn«
»Wie er ist« wiederholte nachdrücklich die Frau »Wie ist er denn Kaspar
Hat er nen guten Rausch«
»I nu die Treppe stieg er noch halbwege rauf Nur auf den letzten Stufen
musste ich ihn unterfassen«
»Hat er noch viel gesprochen«
»Na Nicht wie der Bischof von Brandenburg wenn er einen guten Rausch hat
aber s hörte sich doch so an1«
»Als Du ihn verliessest schlief er«
»Wie ein Maulwurf«
»Und wann meinst Du dass er aufwacht«
Der Knecht blickte verlegen »Wenn ihn die Sonne nicht aufweckt dann ich
weiß nicht ob ich das sagen darf «
»Dann sollst Du ihn aufwecken Vergiss das nicht Kaspar Aber ist das Deines
Herrn Gebot dass Du hier mit mir plauderst Frisch frisch an die Arbeit Nicht
aufgesehen hast viel nachzuholen bis Du ihn wecken gehst Deine Frau
befiehlts«
Als der Knecht gehorsam die Kohlen schürte und hämmerte hörte er hinter
sich einen Krach drauf einen schweren Riegel rasseln »Dacht ich mirs doch
gleich sie sperrt mich ein« Schnell war Helm und Hammer fortgelegt und er
kletterte nach dem kleinen Fenster hinauf das von draußen zu ebener Erde war
Aber auch hier begegnete ihm schon das Gesicht der Burgfrau welche die schwere
Eichenklappe darüber fallen ließ und die Krammen an der Wand befestigte
»Hast Du zu essen bei Dir« fragte sie ihn durch das kleine Lugloch
»Das hab ich schon Gestrenge Rettig Käse und Brod im Kober«
»Dann spars Dir auf damit Du nicht hungerst«
»Aber schreien Gestrenge tu ich doch s ist meine Schuldigkeit«
»Erst arbeiten und dann schreien« antwortete ihm ihre Stimme und sie warf
ein paar Bund Stroh vor das Loch und wälzte mit nicht geringer Anstrengung
einen großen Stein davor Die dicke schwere Tür würde er nicht erbrechen
dessen war sie sicher
In der Nacht war die Frau von Bredow wieder Herrin im Haus und wehe dem
Knecht der ihr nicht gehorchen wollte Und wer sich etwa vorhin gefreut mit
auszuziehen mit dem Herrn der konnte sich jetzt auch freuen er zog mit der
Frau aus Und wer weiß ob der Herr so gut hätte einschenken lassen wie die
Frau tat dass sie Mut und Lust kriegten Bald war es auch wie ein Fest wie
ein Fastelabendsspass wo es Jeder dem Andern wollte zuvortun in Hurtigkeit und
Stille So schoben sie nicht nein sie trugen den Wagen aus dem Schuppen aus
der Rüstkammer und der Halle holten sie die Schilde Helme Rüstungen Spieße
und Aexte dass es keinen Klang gab Stroh und Decken wurden dazwischen gepackt
und selbst die Rosse schienen zu merken was es galt so sächtchen ließ sie
sich aus dem Stall ziehn und vor die Wagen spannen und satteln Kurz es ging
Alles still und schnell ab wie in einem Märchen Nur die Katzen heulten und
dann und wann hörte man Herrn Gottfried vom Giebel schnarchen Zwar schrie auch
der Knecht Kaspar wie ein rechtschaffner Knecht alle fünf Minuten ein Mal aber
man musste es ihm lassen er schrie nur aus Schuldigkeit wie ein Nachtwächter
der die Leute nicht wecken soll
Nun war alles fertig das Fallgitter aufgezogen die Brücke niedergelassen
zum Überfluss hatten die Mägde Stroh darauf gestreut dass die Wagen nicht
rasselten und die wenigen Lichter wurden ausgelöscht die zum Packen
geleuchtet Nur die Sterne konnten sie nicht auslöschen
Die gute Frau von Bredow schöpfte Atem Wo nicht alles war sie in der einen
Stunde gewesen wo nicht alles hatte sie mit Hand angegriffen und angewiesen und
angeordnet wofür hatte sie nicht zu sorgen gehabt für Fortziehende und für
Bleibende Und was musste sie das angegriffen haben ich meine nicht dass sie es
tun musste sondern dass sie es ohne ein lautes Wort tun musste Sie war immer
der Meinung Gott habe dem Menschen die Stimme gegeben dass er sie vernehmen
lasse Ach das Schwerste stand ihr doch noch bevor Die Wagen fuhren schon zum
Tor hinaus als sie zu Eva leise sprach »Nu komm rauf« Wie ihrer Mutter Hand
zitterte Nur der Knecht Ruprecht blieb unten an der Treppe
Sie waren oben wo die kleine Ampel vor der Tür brannte Evas Herz pochte
nur ein klein wenig als sie durch das Schlüsselloch geblickt und leise die Tür
aufklinken wollte Die Mutter zog sie noch zurück
»Bleib noch ein Bischen Eva mir ist doch bang«
»Er schläft ganz fest«
»Eva nein Du sollst es nicht«
Sie nahm sie in ihre Arme und küsste sie ab »Wenns Sünde ist ach Du mein
Gott das Leben wird Einem doch recht schwer gemacht Was soll nicht alles Sünde
sein «
»Es muss ja sein hast Du gesagt Mutter«
»Freilich muss es sein«
»Wir ziehen die Schuh aus«
»Du liebe Unschuld wärs damit getan Ne Mutter muss die Tochter nicht zum
Bösen verleiten Ich kanns auch besser in der Beichte vortragen« Der edle
Wettstreit ward endlich dahin geschlichtet dass beide die Schuhe auszogen
Der gute Knecht Ruprecht hatte die Angeln der Tür geschmiert sie knarrten
wenig und Eva hielt die Hand so vor der Ampel dass sie keinen Schein auf den
Schlafenden warf Das Licht ward vorsichtig in eine Blende hinter dem Bett
gestellt und Mutter und Tochter winkten sich die Finger vor dem Mund »Eva«
flüsterte jene noch »wenn er auffährt laufe fort ich wills schon allein mit
ihm abmachen« Ich glaube Eva wäre nicht fortgelaufen das Kind hatte nicht
geantwortet
Wie ruhig er lag wie in gemessenen festen ernsten Absätzen Herr Gottfried
schnarchte Den Richter der ihn einst richten wollen um das Verbrechen das
geharnischt vorm Tor stand hätte ich an das Bett führen mögen und fragen
Kann ein Hochverräter so schlafen Es waren keine Töne die unregelmäßig wie
der erstickte Atem des Schuldbewusstseins vorbrechen aus der geängstigten Brust
nein es waren die ruhigen kraftvollen Pulsschläge eines gesunden Organismus
Aus tiefster Brust kamen sie wie Boten dass Alles da in Ordnung sei dass diesen
Mann keine Träume ängsteten und wenn Träume um ihn spielten waren es
Spiegelbilder der Selbstzufriedenheit mit einem von keinen Zweifeln zerrissenen
Dasein
Herr Gottfried schlief auf dem Rücken die kräftigen Arme über den Kopf
ausgestreckt Über dem gewaltigen Deckbett hing noch ein bunter schön gewebter
Teppich bis zum Boden Sein Ahnherr der mit Ludwig dem Bayern in Tirol gewesen
hatte ihn mitgebracht als ein Angebinde der durchlauchtigen Fürstin Frau
Margarete Maultasch genannt Wenn der Ritter unruhig schlief lag der Teppich
wohl auch das Deckbett auf der Erde Ein gutes Zeichen für die Frauen dass heut
die Decken lagen als habe sie der Kaspar erst über seinen Herrn gebreitet Aber
wo nun suchen Da sahen sich plötzlich beide lächelnd an und beide
Fingerspitzen zeigten auf denselben Punkt Er lag mit dem Kopfe drauf Ach
ein geschickter Dieb stiehlt auch das Pfuel unter dem Kopfe fort aber die
Beinenden hatte er sich um die Arme geschlungen und noch mit der Schnur fest
ans Gelenk gebunden Wer sollte sie ihm da stehlen Im Lager und im Kriege
möcht ich das nicht raten wie will er aufspringen wenn die Lärmtrompete
dröhnt Aber auch im eignen Hause halfs dem guten Herrn Gottfried wenig denn
wo siegt nicht Weiberlist über Männerklugheit
Da hielt die Mutter die Ampel etwas in die Höh und Eva streichelte mit
ihrem kleinen Finger des Vaters Bart Er lächelte vergnügt »Katze was willst
Du« brummte er freundlich Er drehte den Kopf die eine Hand ward frei Die
Schleife des Riemens war gelöst
Was beschreibe ichs nun es ließe sich wohl besser malen wie Eva mit
verhaltenem Atem und mit einem Elfengriffe Herrn Gottfried den Kopf so sanft
hielt dass er im weichsten Pfuel nicht weicher liegen konnte und die Mutter zog
leise leise unter dem Kopfe Nun hielt sies in der Hand nun atmete sie
wieder nun ließ Eva den Kopf sanft auf das Kissen gleiten und Beide sahen sich
an Es war gelungen
»Auch das« dachte Frau Brigitte als sie den Degen des Ritters an der Wand
sah aber Eva griff ihr in den Arm »Mutter Du wirst doch nicht dem Vater sein
Schwert nehmen« Nein ein freier Mann durfte nicht ohne sein Schwert sein auch
auf die Gefahr dass er es gegen seinen Fürsten zog Das war jedem damals klar
auch dem Fürsten und die gute Frau von Bredow errötete dass es ihr nur auf
einen Augenblick aus dem Sinne gekommen
Die Wagen rollten schon auf dem Damme und die letzten Reiter harrten der
Nachzügler als die Edelfrau und ihre Tochter über den dunklen Hof kamen Noch
einmal schaute Frau Brigitte auf die großen Schatten der Türme und Mauern und
die starke Frau zitterte etwas als die lange dunkle Gestalt des Knechtes
Ruprecht stumm vorüberschritt und ihrer wartend an das Fallgitter sich
stellte Da gelobte sie wenn Alles gut abginge der Mutter Gottes in Zehdenik
ein neues Kleid mit Goldfranzen und Eva sagte »Und Schwester Agnes wird für
uns beten wenn es nicht recht war«
Der Knecht ließ das Fallgitter sanft fallen und schloss das Tor von außen
Auf ihren Knien unter dem Mantel hielt sie das gestohlene Gut Nachts im
Walde umschleichen uns unheimliche Gedanken Die Natur verlangte ihr Recht sie
nickte ein Da fuhr sie plötzlich auf wenn der Wagen über eine Wurzel fuhr und
presste das Kleid fest an sich Hatte es ihr entgleiten wollen wie eine
Schlange oder hatte ein langer schwarzer Arm aus den entlaubten Bäumen danach
gegriffen Wenn er nun erwachte vor der Zeit über die Mauer sprang ihr
nachsetzte Wie sollte sie ihn ansehen Oder wenn die bösen Gesellen ihn abholen
kamen wenn sie ihnen jetzt begegneten Wenn hundert Wenns ängsteten die arme
Frau Wenn sie nur erst die Hunde in Golzow anschlagen gehört wenn ein guter
Mann des Weges gekommen wäre dem sie das Gut in sichere Hände anvertrauen
dürfen Es drückte sie wie Blei sie mochte es nicht länger halten Zuweilen
dachte sie daran es dem Knecht Ruprecht zu geben dass er damit nach Golzow
vorauf ritte Aber was hätten die in Golzow dazu gesagt wenn die Hosen des
Herrn von Bredow angekommen wären und nichts weiter
Da hörte man durch den stillen Wald Hufschläge Ein einzelner Reiter
galoppirte vorbei Gott sei Dank dachte Frau von Bredow er reitet vorüber Er
reitet gewiss nach Ziatz Wenn er nur nicht umkehrt Was bog sich Eva nach dem
Reiter um »Hans Jürgen« rief sie plötzlich in die Nacht hinein mit ihrer
hellen fröhlichen Silberstimme
Hans Jürgen war umgekehrt der liebe gute Hans Jürgen »Das Kind kann doch
durch die Nacht sehen« Wer hätte an den Hans Jürgen gedacht der damals am Fliess
Wache stehen musste wenn er jetzt sah wie die Frau mit ihm Hände schüttelte
und so musste er sich über die Leiter biegen dass sie ihm beim Kopf fassen und
ihm einen herzhaften Kuss geben konnte Und da er einmal sich über die Leiter
gebogen hielt ers für artig und anständig auch seiner Muhme Eva einen Kuss zu
geben und nachdem er ihr einen Kuss gegeben meinte sie es schicke sich dass
sie ihm wieder einen Kuss gebe Ein Freund in der Nacht und im Walde ist beinah
wie ein Freund in der Not
Da war es als schiene plötzlich ein helles Licht in dem dunklen Wald
während Hans Jürgen der Kehrt gemacht langsam neben dem Wagen ritt und ihnen
erzählte was er wusste und sie erzählten ihm was sie wussten Hans Jürgen war
nicht mehr Hans Jürgen den man in die Schwemme schicken konnte sein Kurfürst
hatte ihn nach Pommern und dann nach Mecklenburg geschickt in besonderen
Aufträgen und jetzt kam er vom Schloss des Brandenburger Bischofs in Ziesar um
in die Lausitz zu reiten und von da nach Berlin zurück und alles was ihm
aufgetragen hatte er gut verrichtet Unterwegs hatte er ansprechen wollen bei
seinen Blutsfreunden in Ziatz
»Das kannst Du nun jetzt nicht Hans Jürgen« sagte nachdenklich die Frau
aber plötzlich blitzte in ihr ein Gedanke auf Sie ließ den Ruprecht halten sie
stieg vom Wagen und der Reiter vom Pferde dann ging sie mit ihm ein Paar
Schritte auf und ab und sie sprachen und schienen einig und die Frau sehr
vergnügt
Gleich darauf packte sie die Lederbüchsen in einen Sack und Hans Jürgen
steckte noch da hinein das Kettenhemde und die Büffelhaube seines Ohms schnürte
alles fest zu und legte es und band es auf sein Ross Dann sprach sie zu ihm
»So also sprichst Du zum gnädigsten Kurfürsten nämlich ich meine die rechten
Worte wirst Du schon unterwegs finden Wenn böse Leute wie dazumal sagen
sollten Dein Ohm wäre mit ausgeritten wo er nicht reiten soll so kannst Du
schwören er ist nicht dabei Du hast seine Haube und sein Hemde und was er
sonst nie vom Leibe tut Das schicke ich alles Seiner Kurfürstlichen Gnaden
zum Zeichen dass mein Herr unschuldig und verredet ist und damit kein anderer
böse Bube es anzieht und mein Götz kommt darum ins Unglück So kannst Du
sprechen und dann sprichst Du die Wahrheit«
Nun saß er wieder auf dem Pferde und die Frau auf dem Wagen Ob er sich
noch ein Mal über die Leiter gebogen um auch zum Abschied weil es anständig
und artig seine Muhme zu küssen davon steht nichts in den Chroniken zu lesen
Aber er ritt sehr vergnügt in den Wald und Eva war es als blühten die dürren
Bäume und die Nachtigallen sängen und Frau Brigitte sprach bei sich »Gott sei
Dank nun bin ich sie los und Alles wird gut«
Fußnoten
1 Der Bischof Scultetus von Brandenburg »war ein fürtrefflicher Redner konnte
drei Stunden lang Quinones halten so er einen guten Rausch hatte und auch wann
er nüchern war« sagte Angelus
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Die Köpnicker Heide
»Der kommt ungelegen« sprachen zwei Reiter die am grauenden Morgen durch die
Köpnicker Heide ritten als der Wind einen ersten leichten Schnee ihnen ins
Gesicht trieb Es waren ritterbürtige Leute aber mit den kurzen Waffen und in
ihren Büffelkollern und Wolfspelzen unter denen die Panzerhemden verräterisch
blinkten ritten sie nicht zu Hof und Hochzeit
Der Morgen war rau und unfreundlich wie ihre Gesichter Sie folgten einem
wenig befahrenen Holzwege Wo der Wald sich lichtete hielten sie wie um zu
horchen In weiter Ferne hörte man dumpfe Hufschläge Auf der andern Seite der
Lichtung schimmerte aus der Niederung eine verfallene Lehmhütte deren
wettergepeitschtes schiefes Dach allmälich seine braune Farbe verlor
Der eine Ritter schien gerade dies Dach mit besonderer Aufmerksamkeit zu
betrachten »Siehst Du Wedigo es wird weiß«
Der andere strich aus seinem roten Knebelbart den Morgennebel »Es bleibt
aber nicht weiß Der Rauch schmilzt es da am Schlott Die Sonne tuts für uns
nachher«
»Bis 9 Uhr wo er kommen soll hat sie nicht die Kraft«
»Und wenn nicht was weiter«
»Was weiter schwere Not Sollen wir wie die Eichkatzen an den Baumästen
klettern An die siebzig die von links und rechts kommen müssen doch Tapfen
lassen Es wäre die Pestilenz wenn er Wind bekäme und es ginge wieder quer«
»Ist er nur bis zum Süssengrund dann mögen sie uns wittern«
»O dieser süße Grund« knirschte der Andere »er soll ihm ein bitterer
saurer werden«
»Wenn Kaspar Flanz pfeift so laut er will mag ihm ein Vöglein singen s
ist zu spät Er kommt nicht mehr nach Köln zurück«
»Mordio« Der Andre schüttelte an seinem Degen »Nur heut keine Memmen«
»Kannst Du noch zweifeln«
»Was Adelige sind nein Aber dass wir bei so was nicht unter uns sind Ich
ward überstimmt«
»Was plagst Du Dich mit Argwohn Adam Unsere Knechte sind Dir Kerle die im
Feuer gesotten wurden Was hat so ein Bauersohn dem sie sein Haus in Asche
gelegt und auf seinem Acker wachsen Nesseln Meinst Du dass sie lieber Disteln
ausreuten und hinterm Pfluge keuchen als mit uns durch die Heide preschen
Satan könnte sich keine bessere Gesellen wünschen als märkische Bauern die
nichts mehr hinter sich haben und ein frei Leben vor sich Ich habe so ein Paar
Lümmel ihre Schwielenhaut ward in Sonne und Sturm wie ein Panzerhemd und ihre
Sehnen sind wie Eisen Auf die ist Verlass ließ sich für mich ein Stündlein
zum Vergnügen auf die Folter recken Wenn man den Menschen die Krippe nicht zu
hoch schnallt sind alle Menschen gut« Sie ritten am Waldrande sich haltend
auf das Haus zu um nach der Verabredung die ersten zu sein schienen aber
verwundert als sie im Wege schon eine frische Pferdespur fanden
»Das fordert Vorsicht« sprach Wedigo und sprang vom Ross das er an einen
Ast band um von hinten an das Haus zu schleichen
Aber lächelnden Gesichtes war Wedigo zu seinem Gefährten zurückgekehrt
flüsterte ihm einen Namen zu der auch diesem ein Lächeln abnötigte derweil
die Ankunft anderer Reiter beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm Alle kamen
auf Nebenwegen mit derselben Vorsicht heran alle vermummt Einige mit alten
Helmen und geschlossenen Visiren alle wohl bewaffnet Ihrer Tracht nach schien
keiner vornehmer als der andere zu sein Aber in jeder Gemeinschaft muss es
Führer und Häupter geben und wo keine sind da machen sie sich von selbst Man
ritt an einander man wechselte leise Worte Winke und Händedrücken bis ihrer
so viele beisammen waren dass die Ordnung nötig schien welche nur ein
Befehlshaber herstellen kann Einer der seine stolze Haltung nur schlecht unter
dem Schafpelz verbarg winkte seine Befehle einem andern im schwarzen
Büffelkoller zu der nun unter den Gruppen umherritt und sie austeilte Einige
stiegen von den Pferden und verteilten sich in den Wald andere hielten zu Ross
an dem Saum der Lichtung Wache Erst dann traten die Andern in einen Kreis und
pflogen wie es den Anschein hatte Rates der aber bald lauter wurde als sich
für solchen Ort schicken mochte
»Himmel und Hölle« rief mit gedämpfter Stimme der im Schafpelz und hob
beide Arme in die Höhe »wir haben ihn noch nicht Nachher davon Ihr Herren
hier tut uns Anderes Not«
Aber seine Gründe schienen nicht Alle zu überzeugen der Lärm das Geschrei
wenn gleich mit unterdrückten Stimmen ward lauter Einige Missvergnügte ritten
auch schon aus dem Kreise und sonderten sich in Gruppen
»Dacht ichs doch« rief Einer »Wo die Klugsprecher sind ist auch
Verrat Wer setzt denn um nichts den Hals daran«
»Warte nur bis der Otterstädt kommt« entgegnete der welcher ihn zur
Rückkehr zu bewegen suchte
»Der Wer am Hof ist züngelt«
»Gib Dich nur jetzt Christoph«
»Gib Dich gib nach warte nur so heißts allzeit Wenns nun nicht
geschieht hols der Teufel und ich konnte in Kyritz einreiten Zusammenhalten
Schönes Wort Der Hund heult und der Wolf schluckts Wovon sollen wir leben An
unsern Fingern kauen wenn wir die Zeit nicht nutzen Ich hab nichts mehr
darum bin ich hier S läuft Alles aufs Dienen raus Adam wo die Klugsprecher
ans Regiment kommen«
»Die Not ist unser Aller Die großen Herren «
»Salviren sich wenns schlimm geht uns hängen sie Wenns gut geht ihre
Taschen werden voll uns schmieren sie Redensarten ins Maul Hab die letzte
Kuh verkauft zur Rüstung und nun soll ich warten auf den Landtag Und da wird
parlirt und dann heißts Die Ordnung will Ich kenne das Ich auf die
Ordnung S ist mir kein Wort so zuwider Kriege Bauchgrimmen wenn ichs höre«
Adam flüsterte ihm Namen ins Ohr »Volle Katzen haben sie mitgebracht Es
soll Keinem fehlen der Geld braucht«
»Das heißt wenn Du gut Bedienter spielst wirst Du gut bezahlt Seine Leute
bezahlt der Kurfürst auch So kommt der arme Mann runter So ist mancher gute
Mann in der Mark zum Dienstboten worden«
»Wer nichts hat muss dem Andern dienen der was hat S geht schon nicht
anders in der Welt«
»S ginge schon wenn« antwortete Christoph
Der Sturm und das heftigere Schneegestöber trugen das Wenn des Junkers in
die Luft und trieben die Versammelten ins Haus zum Vorteil der Anführer
vielleicht Die niedrige Stube des Haidewirts mochte noch nie eine so
ansehnliche Versammlung in ihren zerbröckelten Wänden gesehen haben mit ihren
Fensteröffnungen die mit Lumpen verklebt waren und einem Lehmboden der an
Stellen einem Sumpf ähnlich sah Hitze und Dampf qualmten aus dem gemauerten
Ofen Rohe Bänke und Tische zerbrochene Gläser und Krüge im Schrank und ein
Himmelbett waren die einzigen leblosen Dinge Der Wirt ein verdächtiges
tückisches Gesicht mit einem Auge und ein gespornter Mann der mit dickem
Wolfspelz überdeckt auf der Ofenbank schlief die einzigen lebendigen Wesen
als die Ritter hereindrängten und den Schnee von ihren Schultern abstampften
was kaum nötig schien da ihn die Hitze sogleich schmolz
»Unsinn« rief der Anführer der von den Andern Wigand genannt wurde und
warf sich auf einen Schemel dass die Rüstung unterm Pelz klirrte »Unsinn in
diesem Augenblick damit vorzukommen Ich sage Euch wenn wir uns nicht bändigen
haben wir verloren auch wenns gelang Meint ihr denn dass es ein leichtes Ding
ist Ihn zu fassen ja Aber so wirs nicht geschickt angreifen bleibt es ein
Ast den wir vom Baume reißen und der Baum steht da und lacht uns aus Vor
hundert Jahren war es anders und unsere Väter haben doch verloren Jetzt hat
der Baum hundertjährige Wurzeln unter sich Deutschland war ein anderes die
Meinung ist für ihn es ist ein gewaltiger Kaiser da Wenn wir nicht jetzt mit
aller Vorsicht zu Werke gehn wenn wir nicht die Meinung für uns gewinnen
haben wir ein schlecht Schauspiel zum schlechtesten kläglichsten Ende gebracht
Verrückt toll wären wir so wir in dem Augenblick die Städte gegen uns
aufbrächten Jetzt an Wegelagerung an Plackereien zu denken ich sage Euch
besser Ihr schnittet Euch die Kehle mit dem Brodmesser ab Es kommt nur es
kommt Alles darauf an der Sache ein gut Gesicht zu geben Es kommt darauf an
jetzt zu geben nicht zu nehmen So unsere Väter es damals nicht mit den Städten
verdorben hätten sie auf die Dauer verschlungene Arme mit uns gemacht die
faule Grete hätte nicht vor unsern Schlössern gebrummt sie wär im Sande
stecken blieben wir hätten die Nürnberger wie den Hohenloher zu Paaren
getrieben bis ihnen die Lust verging«
»Hätten ist nicht hatten« sagte Einer Die Rede schien wenig Eindruck auf
die Mehrzahl gemacht zu haben
»Beim Blut von Wilsnack was wollt Ihr denn« rief der erste Redner den
eisernen Arm auf den Tisch legend »Wer nicht die Zeit wie sie ist im Aug hat
und fasst der verspielt auch die Gunst des Augenblicks Was haben wir denn wenn
wir ihn haben und auch wenn er nicht mehr ist was denn Das Herzblut springt
Euch bei dem Gedanken dass Ihr Eure Rache kühlt Glaubt Ihr dass mein Herz nicht
auch jubelt Aber so handelt das Vieh Könnt Ihr nur an heut denken Ist das
Morgen Euch mit Brettern vernagelt«
»Sprich sprich Wigand« sagten Einige
»Städte Fürsten Kaiser Reich stehen auf Die Acht wird gegen uns
geschleudert Meint Ihr dass die Sachsen die Pommern die Mecklenburger die
Magdeburger nur einen Augenblick anstehen Exekutionsheere zu schicken O wir
haben gute Nachbarn Wo sind unsre festen Burgen wo die dicken Mauern dahinter
wir ihnen in die Zähne lachen können Wollt Ihr Alles aufs Spiel setzen um
einen heißen vollen Trunk«
»Wigand hat Recht« sagte Einer Die Andern schwiegen
»Ich habe Recht Ich weiß dass Joachim grad jetzt Boten ausgesendet zu den
Pommern zu allen Fürsten in der Runde zu einem großen Vertrage gegen die
Plaker wie sies nennen gegen die Ritter aus dem Stegreif Jeder macht sich
anheischig die Landschädiger zu fahnden greifen und richten auf wess Gebiet
sie betroffen werden Wird unsere Tat laut und wir tun jetzt nichts weiter so
heißts durch die ganze Welt wir sind Stegreifritter wir taten nichts als uns
zu rächen und Ihr wollt doch mehr Ihr Herren Ihr wollt andere Unbill rächen
alte schlimme verjährte Ihr wollt Euer Recht wieder fordern das Gott Euch
gab und die Fürsten aus Nürnberg nahmens Euch«
»Das wollen wir« rief Wedigo an seine eiserne Brust schlagend »Das Land
war unser die Wege und Straßen unserer Väter waren sie unser das Recht und
ihrer das Unrecht Das wollen wir und weiter jetzt nichts dazu zeigt Gott uns
den Augenblick Wozu langes Fackeln Viel Reden kühlt das heiße Blut Was
nachher findet sich nachher«
Ein Dritter fiel ein »Dass wir nicht hier sind einen Milchbrei zu essen
weiß Jeder Mags ein heißer Brei sein daran wir uns den Mund verbrennen
genug wir sind geschworen und unter uns ist kein Hundsfott der den Eid
bricht«
»Was sollen uns die Städte« sagt ein Anderer »Die liegen wie der Dachs in
ihrem Fett froh wenn man sie in Ruhe lässt Schüchtert sie ein so geben sie
sich in das was nicht zu ändern ist Aber sie stehen nicht zu uns und wenn sie
zu uns ständen «
»So hätten wir eine Macht auf unserer Seite die Ihr hoch anschlagen könnt«
fiel der Anführer ein »Um aller Heiligen Blut willen hört mich noch an Die
Bürger knurren glaubt mirs es gährt auch dort Nur einen Brand hinein
geschleudert Wenn wir die Städte gewinnen nur einige nur die bessern so
können wir sagen das ganze Land hat sich erhoben die Unbill die
Ungerechtigkeit war nicht mehr zu tragen Das gibt unserer Sache ein Ansehen
Vor einem ganzen Lande das aufsteht seine Voigte seine Zwingherren
abschüttelt hat auch das Reich Respekt Hat Österreich die Waldstätte wieder
gewonnen Dort traten Alle zusammen Bauern Städte Adel Wär unsere Sache
schlimmer so wir Alle Einer nach dem Andern hingen Gut Blut Leben für die
Freiheit einsetzen Die alten Voigte so die Kaiser in die Marken setzten waren
gut Darauf kamen schlimmere und immer schlimmere die Bayern die Luxemburger
sie halfen uns nicht wir mussten uns selbst helfen Wer beweist uns wenn wir
das Schwert zücken dass unser Recht ausging uns wieder selbst zu helfen Wagt
es Freunde das auszusprechen Wer wagt gewinnt Verwirkt hat er der tolle
eigensinnige Knabe der nicht mehr Voigt sein will des Reichs der unsere
Statuten Satzungen unsere alten Rechte freventlich zertritt der adlig Blut
vergisst um Lumpereien der seine Grillen uns zu Gesetzen geben will verwirkt
hat er die Herrschaft Erhebt Eure Stimmen schreit Zeter mit tausend Kehlen
lasst tausend Briefe es schreiben schickt Druckschriften durch das Reich klagt
um nicht angeklagt zu werden Er hat keine Kinder keine Brüder Bis die
Sippschaft aus Franken klagt bittet belehnt wird bis sie mit Truppen anrückt
sind wir in Besitz und stark wenn wir einig sind«
Die Bilder welche der Redner erweckte hatten etwas Anziehendes Die
Roheren schienen verstummt Andere warfen ein das Reich könne es nicht dulden
der Kaiser werde es nicht
»Wenn wir unterliegen« rief Wigand »Der Sieger schreibt überall Gesetze
vor Schlagen wir die Ersten die kommen aus dem Felde und warten die Andern
ab gesattelt und gerüstet sie werden wahrhaft nicht lüstern werden nach der
unfruchtbaren Erbschaft Ich wiederhole Euch hätten die Puttlitze die Quitzow
die Rochow die Bredow vor hundert Jahren den Städten nur den kleinen Finger
gereicht statt ihre Bürger zu zwicken und zu werfen so gäbs keinen Nürnberger
zwischen Elbe und Oder wir hätten reichsfreie Geschlechter reichsfreie Städte
Und nichts ist zu spät wo es gilt sich selbst zu retten Die Fürsten überall
im Reich freilich sie möchten oben hinaus den freien Adel knechten die Städte
bändigen Aber anderwärts lassen sie sich nicht bändigen Seht auf die Bündnisse
im Schwabenland in Franken in der Pfalz Die Sickingen Berlichingen die
Kronberg die Brömser rühren sich sie werden den Fürsten die nicht mehr sind
als sie noch manche Nuss zu knacken geben Sind wir schlechter als die Ja wenn
wir nicht den Mut haben besser sein zu wollen Wir haben keine Burgen auf
steilen Felsen meint Ihr So haben wir Sümpfe Wälder Brüche Seen und zähen
Mut Schaut Euch um wenn Ihr doch zagt nicht nach Abend nach unsern Nachbarn
im Morgen Da ist Freiheit Erinnert Euch dass von Euren Urgrossmüttern noch
slavisches Blut in Euren Adern rinnt Der Pole hat auch einen König aber wehe
ihm wenn er die Hand anlegt an die Rechte des Adels Solche Markgrafen wollten
wir dulden selbst erkoren aus freier Wahl hervorgegangen Da hat der Adel
Rechte da schirmen die Großen die Kleinen da wagt kein Fürst den freien Mann
unter seine willkürlichen Satzungen zu drücken Was hindert uns wenn das
deutsche Reich uns nicht will wenn es über uns als Stiefbrüder die Achseln
zuckt uns dem mächtigen freien Polen anzuschließen Freunde und Brüder wo es
Freiheit gilt ficht sichs so schön mit dem krummen Säbel wie mit der graden
Klinge«
»Der Otterstädt kommt noch immer nicht« rief Einer der ungeduldig schon
mehrmals zur Tür hinausgegangen
»Es kommen ihrer Viele nicht auf die wir rechneten«
Einer zählte am Finger die Namen mehrerer großen Familien »Es hat mir das
Mark im Leibe gesotten was Du sprachst Wigand das ist wahr aber wo solls
hinaus wenn die Wedel fehlen die Puttlitze die Reder Rochow Bredow
Alvensleben«
»Der Sturm kräuselt zuerst nur Staub zuletzt reißt er Dächer ab Uns lässt
man anfangen glückt es so zweifle nicht dass auch die Reichen zur Ernte sich
einfinden Das ist der Lauf der Welt Es kommt nur darauf an dass man stark
genug sich fühlt um anzufangen«
Andere hatten eine Liste vorgezogen und musterten die Köpfe der Anwesenden
Der Anführer riss schnell das Papier fort
»Nichts Geschriebenes Keine Namen«
Er warf das Papier in den Ofen und ließ sein Auge nicht davon bis der
letzte Zipfel sich in Glut und Asche krümmte Einige lächelten über die
Vorsicht
»Wir sind ja unter uns«
»Um so weniger tut Papier not wo Blut und Ehre unsern Bund kitten Wir
kennen uns doch Alle«
Seine Augen flogen im Kreise umher »Nicht wahr Hans Zarnekow Ihr vom
roten Haus Peter Lüdke« Ein Nicken und ein Handschlag antwortete »Wer ist
der auf der Ofenbank«
»S ist ja der Götz von Ziatz« lachte Wedigo
»Was Teufel und kann schlafen«
»Er kam vor ner Stunde todtmüde vom Nachtritt an Der Wirt sagt er fiel
auf die Bank«
»Seid Ihrs gewiss«
Wedigo zeigte auf die Büffelhaube den Pelz und lächelte etwas »Wer im
Lande kennt nicht Götzens Elennsbüchsen«
»Das ist gut« sagte Wigand »Er schwor im Rausch ich zweifelte ob er
nüchtern kommen würde«
»Will auch keinen Eid darauf ablegen dass er nüchtern kam« lachte ein
Anderer
»Genug er ist gekommen sein Name ist bei uns und das ist viel und
vielleicht mehr als wenn er erwachte« setzte er leise hinzu
Ein freudiges Holla draußen ein Gewirr von Rüstungen ein Pferdewiehern
unterbrach sie und im nächsten Augenblicke stürzte ein Ritter herein und warf
ungestüm den Helmsturz zurück
»Da bin ich Er kommt«
Otterstädts Augen rollten wie eines Irren seine Brust hob sich und senkte
sich sein Atem versagte ihm
»Er kommt«
»Vor einer Stunde ritt er durchs Köpnicker Tor Das sah ich noch von
Waldeck aus flog wie der Wind Wenn er an den drei Eichen ist schrillt
Kaspar Flans in die Pfeife Aber der Teufel der Ritt griff mich an «
»Verschnaufe Dich«
»Er reitet «
»Mit wie Vielen«
»Nicht der Rede wert Heintz von Redern ists und Kaspar Köckeritz von den
Seinen Den Pommerschen Abgesandten Hans von Pannewitz nahm er mit und damit
ihnen die Zeit nicht lang werde seinen lieben Bischof Scultetus der ihnen
Schnurren erzählen muss Mit zehn Reisigen werfen wir sie alle Aber er reitet
nicht nach dem Süssen Grund durchs große Gestell nach dem Spechtgraben zu«
»Das ändert unsern Plan«
»Ihr müsst Euch teilen« sagte Otterstädt »rechts an die Spree links an
die Sümpfe Ein Stündlein mehr aber wir haben ihn im Netz Einen Trunk Met
ich brauche Lebensgeister«
»Und « fragte der Anführer der seine Befehle ausgeteilt und
zurückgekehrt war mit einem forschenden Blick
»Hilf Dir selbst so hilft Dir Gott« sagte Otterstädt aufspringend Er riss
ab den unscheinbaren Pelzrock der seine Rüstung verbarg und zog sein Schwert
»Blank Mann gegen Mann so ists am besten«
»Und in Sonnenwalde«
»Kalkulirt Niclas Minckwitz mit seinen Vettern wanns am sichersten für ihn
sein wird Fürstenwalde zu überrumpeln«
»Und die Birkholze«
»Das Frösteln überkam sie je näher der Tag rückte Ersäuften mich mit
schönen Worten und klugem Rat dass Joachim ein mächtiger Fürst sei und sie
hättens nur mit dem Lebuser Bischof zu tun Wann und wie und wo es ihnen mit
dem ihrem Feinde gelänge und dann und da und dort wollte Joachim sich
einmischen alsdann und insofern und alldieweil würden auch sie Kreuzdonner
Himmelwetter Sapperment ich sattelte und machte dass ich reine Luft kriegte
Was lächelst Du«
»Dass wir so sichere Bundesgenossen haben Oder zweifelst Du wenn wir ihn
fortgeschleppt dass ihre Bedenklichkeiten wie eine Schnuppe vom Licht gefallen
sind«
»Fortgeschleppen Wohin«
»Türme gibts noch in der Mark So langs im Lande zweifelhaft aussieht
gehts mit ihm heimlich aus einer Veste in die andere dass Niemand weiß wo er
sitzt«
»Und«
»Knöpft er sein Ohr zu auf die Propositionen steigt er immer ein Stockwerk
tiefer «
»Bis «
»Hörst Du nichts draußen«
»Bis er unter der Erde liegt«
»Davon nichts jetzt Otterstädt nicht vor einem solchen Augenblick«
»Jetzt grade jetzt Hallo Nachher ists Henkerdienst«
»Hast Lust wie Kunz von Kaufungen durch die Gassen geschleift zu werden
Prinzenraub Pfui über das Dumme und Halbe Unter die Erde aber nicht im
Kerker Gottes freie Luft soll das Gericht der Freien anschauen«
»Otterstädt Still zügle die stille Wut«
»Ich will nicht zügeln«
»Wir verderben die beste Sache «
»Was schirt mich die Sache Ich habs mit Menschen zu tun Mein Feind ist
er mein Todfeind ich hasse verabscheue nichts so auf Gottes Erdboden Meinen
Freund hat er gemordet seinen eigenen Busenfreund Pest und Tod wer mich
hindern will Ich hau ihn nieder Basta«
»Achtet auf ihn wenns losgeht« flüsterte der Anführer zu seinem
Vertrauten als das Zeichen draußen gegeben ward Die Verschwornen stürzten zur
Tür hinaus dass die Wände der morschen Hütte zitterten
»Götze Herr Götze von Ziatz wacht auf« hatte Einer der Letzten dem
Schläfer auf der Bank zugerufen und ihn gerüttelt doch erst nachdem er hinaus
war hatte der Schläfer sich aufgerichtet Als er die leeren Wände sah flog er
ans Fenster und lauschte Als die letzten Reiter zum Gehöft hinaus waren
sprang er auch in den Hof riss sein Pferd aus dem Stalle und schwang sich mit
einem Satz hinauf Zum Torweg hinaus gab er dem Tiere die Sporen dass die
Weimen bluteten
Der Haidewirt schrie ihm verwundert nach »Da nicht Herr Ritter Nicht
ins Gestell da treibt Ihr grad auf ihn zu links durch den Wald«
Der Reiter hätte ihn noch hören können aber er hörte nicht Ehe der Wirt
dreißig Pulsschläge zählte war er ihm aus dem Gesicht
»Ein Bredow mags sein« sprach der Wirt »aber Götz von Ziatz ists
nimmer«
Vierundzwanzigstes Kapitel
Der Prediger
»Heil dem Manne der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch sitzet da die
Spötter sitzen Aber Heil auch dem Jünglinge der unter den Spöttern lag und
horchte auf den Rat der Verworfenen Ihr saht ihn Alle meine Andächtigen den
erwählten Knaben den ich einen neuen David nennen möchte denn der Herr hat ihn
berufen dem Herrn unseres Landes dem Gewählten Gottes sein uns kostbares
Leben zu bewahren Ihr saht ihn vor einer Stunde knieen den Knaben der die
Schleuder genommen und der Kopf des Riesen fiel niederknieen als Knaben und
auferstehen als Ritter Preiset den Herrn er hat durch kleine Dinge Großes
gefüget er hat den Geringen erhoben und die Großen und die Gewaltigen gestürzt
Lobpreiset ihn und dankt ihm durch den vollen Klang Eurer Stimme im Gesange«
So hub der Prediger am Sonntage in der Nicolaikirche zu Berlin die
Dankpredigt an für die gnadenreiche Rettung und Erhaltung des Kurfürsten Es war
der Dechant und Pfarrer von Altenbrrandenburg der für den kranken Probst als
Gast vor den Berlinern redete und im gedrängt vollen Gotteshause hörten sie ihm
mit einer Stille zu dass man den Hauch des Mundes vernahm
»Da lag der Jüngling« hub er an als nun der Gesang schwieg »schlafmüde
von einem langen langen Ritte in Diensten seines Herrn der ihn in ferne Lande
geschickt zum Wohle seines Reiches Ach dachte er wo werden meine Kräfte
ausreichen dass ich noch heut meinen Fürsten treffe hab ich doch so wichtige
Botschaft und morgen vielleicht ist er weithin aufgebrochen und ich erreiche
ihn auch übermorgen nicht Aber die Kräfte versagten ihm Er wollte wachen und
schlief ein Warum ward er schwach warum verirrte er in dem Walde warum kehrte
er in den Haidekrug ein davor ihm beim Einreiten graute Der Jüngling meine
Andächtigen durfte dieses fragen Wir wissen die Antwort Es war der Finger des
Herrn der ihn schwach machte der ihn irr führte und doch zum Rechten Fest
hatte er sich vorgesetzt nur ein Stündchen zu schlafen und er schlief eine
zwei drei ich weiß nicht wie viel Stunden Da weckte ihn der Engel Michael zu
dem er vorm Einschlafen gebetet dass er zur rechten Zeit aufwachen möge Hat
der heilige Erzengel Michael ihn denn getäuscht Meinst Du da oder Du Er
versäumte ja die Stunde sagt Ihr Ich sage Euch die Engel wissen wann wir
wachen und wann wir schlafen sollen Nun so sage ich Euch wär er
aufgesprungen jach wir hätten ihn heut nicht gesehen zum Ritter schlagen ein
blutiger Leichnam wär er unter ihren Dolchen zu Boden gesunken Wer aber von
Euch wenn er voll solchen brennenden Diensteifers gemerkt dass er zu lange
geschlafen wer würde nicht auf der Stelle aufgesprungen sein zur Tür
hinausgestürzt sein Ross gesattelt haben Der rasche und ungestüme Jüngling
schlief fort dh die Heiligen woben um ihn den Schein eines Schlafenden damit
er die Ratschlüsse der Gottlosen ganz anhöre Welches Meer unergründlicher
Wunder tut sich vor uns auf Warum gerade an dem Orte dass ihn die
unbegreifliche Schwachheit befiel wo die unbegreifliche Tücke der Bösen Rates
pflog Einen Augenblick zu früh einen Augenblick zu spät und Du mein teures
Vaterland musstest Dich einhüllen in schwarze Trauergewänder um den besten
Fürsten Schon hatte Satan die Gruft dort in Kloster Lehnin mit seinen Krallen
aufgerissen aber der Engel Michael stieß sie wieder zu mit seiner ehernen
Ferse Wie aber schlug er die Ruchlosen mit Blindheit welches Mysterium dass
sie in dem Schlummernden einen der Ihrigen zu erkennen glaubten Hatte er sich
etwa verkleidet entstellt Nein arglos lag er da ganz er selbst Aber die
Heiligen die über ihm schwebten hatten ihn verwandelt vor ihren Blicken Aber
warum stießen sie ihn nicht an die Missetäter warum weckten sie ihn nicht
Beschlich sie denn gar kein Argwohn der doch dem Einfältigsten unter uns kommen
würde wenn wir zu einer ruchlosen Tat in nächtlicher Stunde versammelt
ständen und Einer schliefe unter uns dessen Gesicht wir nicht einmal sehen
O fragt fragt fragt doch in alle Ewigkeit Die Gläubigen fragen nicht sie
wissen dass der Herr die nicht antasten lässt die er erkoren zu Rettern Israels
Fragt Ihr nicht auch Wie doch kam es da die Rotte Korah vor ihm aufbrach
gestreckten Laufes das vatermörderische Schwert in der Faust dass er der nach
ihnen sattelte und ausritt auf demselben Wege sie überholte er ritt mitten
durch sie wie ein Windhauch durch die Ähren sie sahen ihn nicht sie fühlten
ihn nicht sie hörten ihn nicht Nur ein Schauern durchfröstelte sie Sein
Pferd blutig gespornt keuchte es wäre gestürzt wenn die Engel es nicht
gehalten Dort fand er seinen Fürsten nur mit wenigen Begleitern die lustig
umher tummelten wie Jäger Art ist vor dem lustigen Waidwerk Unser hoher
Landesherr nur sprach mit meinem frommen Bischof von Brandenburg dem Gott ein
langes Leben schenke gewiss tiefsinnige gelehrte fromme Gespräche Da keucht
ein Reiter an Sein Ross stürzt er auch er erhebt sich wieder Er streckt beide
Arme empor er will sprechen aber die Stimme versagte ihm Dennoch spricht er
die Gedanken die in ihm würgen werden zu Worten Zurück Fliehe Fürst
Verräter Mörder lauern Dein im Walde Und der fromme Bischof Scultetus wendet
des Herrn Ross Das hat Gott gesprochen Da besinnt sich unser durchlauchtigster
Herr als sie dem Tor schon wieder nahe sind Rasch kehrt er sein Ross Ein
Fürst soll nicht fliehen vor Mördern er soll sie suchen gehen Wer hätte sich
unterfangen ihn in seinem gerechten Zorne zu halten Da führt der Zufall sagt
die Weisheit der Kinder dieser Welt die geharnischten Dreihundert die Kurt
Schlabrendorf einüben will zum Köpnicker Tor hinaus Nun wer den Engel
Michael mit flammendem Schwerte nicht sehen will der sehe diese wackere Schaar
vom Zufall geleitet ihrem Fürsten folgen Schaut wie ihre glänzenden Panzer
ihre Schilde und Helme durch die Heide flimmern die Krähen und Raben schreckten
auf vor dem Glanze die siebzig Mörder sahen sie nicht vor dem Klirren der
Stahlrüstungen vor dem Getös und Getrampel der zwölf hundert Hufen flohen die
Hirsche man sah die Hasen ins Wasser springen die Vögel entflohen die Räuber
hörten nicht und flohen nicht Sie ließ sich umzingeln wie ein blödes Tier
Siebenzig Dolche siebzig Schwerter siebzig Streitäxte siebzig
verzweifelte Bösewichter wehrten sich nicht Sie ließ sich fangen binden
führen richten ohne einen Schwertschlag Wer blendete betäubte lähmte sie
die sich vermessen unsern Kurfürsten umzubringen und das Reich umzudrehen O
Berlin Berlin du große reiche sündhafte Stadt wenn einst der Arm der jene
blendete betäubte lähmte drohend über Dir sich erhöbe würden alle die
Sünder die in Dir atmen auch wie jene trotzen und fluchen blind und taub
bis der Engel sein Feuerschwert über Euren Häuptern zückte Würdet Ihr da erst
schlotternd in Eure Knie sinken zerschmettert von Eurem Schuldbewusstsein und
die Boten seines Zornes sind schon da Hat der Sturm nicht Eure Dächer
abgedeckt hat er nicht die Seeraben ins Land geführt haben die Dohlen und
Raben nicht Krieg geführt in den Lüften hat es nicht blutige Kreuze geregnet in
der Priegnitz in der Uckermark im Lande Bellin drüben in Teltow und hüben im
Barnim Dir Dir Dir da fielen sie aufs Busentuch Dir auf den Nacken O schau
Dich nicht um nach der Nachbarin ich sehe die Male auf Deiner eigenen Haut O
reißt doch die Augen auf öffnet die Ohren die Zeichen sind furchtbar es kommt
heran die Rute des Zornes O ihr Geliebten versäumt nicht die Stunde nicht
die Minute denn sie ist kostbar betet zum Schutzpatron dieser Kirche dass der
heilige Nicolaus Fürbitte für Euch einlege bei der allerheiligsten Mutter
Gottes Hört hört Wieder schallt das Sterbeglöcklein wieder werden Ihrer
hinausgeführt zum letzten schweren Gange Auf Eure Knie Ihr Alle betet für
sie Ihr betet auch für Euch denn in wessen Herzen stiegen nicht auch arge
Gedanken auf gegen die geheiligte Person unseres gottgeweihten Fürsten Es sind
nicht diese unbändigen Schlossherren allein nicht diese Landschädiger nur die
ihm Verderben brüteten schaut in Eure Herzenskammern Ihr Reichen Ihr
Übermütigen findet Ihr nicht auch da grollende Gedanken Und wahrlich ich
sage Euch es gibt kein ärger Verbrechen nächst Ketzerei und Ungehorsam gegen
Gott als übel zu denken von der Obrigkeit die er hat eingesetzt Wozu setzte
er sie ein Ich will es Euch sagen Wie die Kirche und ihre Priester denken
und sorgen für das Heil Deiner Seele soll der Fürst denken und sorgen für Dein
Irdisches Übernommen bist Du durch diese göttliche Huld der Sorge selbst zu
denken Er denkt für Alle er weiß Alles besser Zerknirschten Herzens über
dieses Übermaß von Güte dieses neue Mysterium seiner Gnade solltest Du
preisen den Herrn der Heerschaaren aber der Verderber flüstert Dir ins Ohr
Was braucht er für mich zu denken kann ich doch selbst denken Du wüsstest es am
Ende besser was Dir not täte Nicht wahr das sprach er Sprach er nicht auch
von alten Rechten Freiheiten Was sein Ahnherr riss er nicht die Siegel von
Euren Privilegien Den Blutbann nahm er Euch Die Bierziese ist zu arg der
Voigt zu streng der Schoss zu hoch Ich höre Alles was er Euch zuflüstert
Fordert nur ruft er Ja fordert nur der mit dem Pferdefuss notirt hohnlachend
jedes Eurer Worte und gibt Euch keines zurück aber sein Rachen öffnet sich
ich sehe die Glut die heraussprüht Berlin Berlin o dass die Todtenglocke
nicht auch zu Deiner Sterbestunde ruft Ihr weich geschaffenen Seelen Ihr
zarten Frauen die Gottes Stimme hören auch wenn sie sanft rauscht wie der
Abendwind Ihr rettet Euch wagt es auch für Eure Gatten Söhne Brüder wahret
sie vor dem Versucher zieht sie zurück Widerstand gegen die Obrigkeit die
Gott einsetzte ist Empörung gegen Gott Das ruft ihnen zu Blutige Kreuze hat
es schon geregnet wenn es wieder regnet regnet es Feuer das Euch verschlingt
Domine salvum fac regem«
Solches Zähneklappern und Schluchzen ist nie gewesen in der Nicolaikirche zu
Berlin
»Das war eine Predigt das ist ein Prediger« sagte die Frau Bürgermeisterin
auf dem Heimwege und die Ratsmännin erwiderte »Der hats ihnen mal gegeben
der verstehts« »Diese gottlosen Menschen« schluchzte die Bürgermeisterin
»Der Musculus predigt auch zum Herzen« sagte die Ratsmännin »aber « »aber
immer von den Pluderhosen« fiel die Bürgermeisterin ein »Das soll eigentlich
unanständig sein hat man mir gesagt« »Gewiss Frau Bürgermeisterin man muss
doch Respekt vor der Obrigkeit haben Mein Mann hat sich jetzt nach dem neuen
Schnitt welche bestellt An so was sollte doch ein Prediger denken« »Ach was
sind alle Hosen gegen den Feuerregen Es drang Einem durch Mark und Bein als ob
die Funken schon gegen die Fensterscheiben knatterten Solchen Prediger müssen
wir haben« »Den müssen wir haben wenn der alte Probst stirbt« stimmten
beide ein und leiser setzte die Frau Bürgermeisterin hinzu »ich will schon mit
meinem Manne sprechen«
Der Bürgermeister und der erste Ratmann gingen hinter ihren Gattinnen mit
gesenkten Köpfen
»Den werden wir nicht wieder los« sagte der Ratmann »Die Weiber lassen
uns keine Ruh«
Der Bürgermeister stieß einen leisen Seufzer aus »Nun ists entschieden
Mit dem Adel ists aus Wenn der Dechant von Altenbrandenburg so zu sprechen
wagt hat die Ritterschaft auf dem letzten Loche gepfiffen Bin nicht ihr
sonderlicher Freund aber sie gehören doch auch zu uns Es hätte besser sein
können«
Der Dechant selbst aber sonnte sich nach der Predigt im Polsterstuhl
ausgestreckt an den Nachwonnen ihres Eindrucks und hatte eben so wenig eine
Bewegung gemacht aufzustehen da der Junker Peter Melchior eintrat als er
jetzt nachdem er gesprochen ihm ein Zeichen freundlicher Teilnahme gab
Vielmehr hatte er das Ansehen eines Richters vor dem ein armer Sünder etwa ein
Privatbekenntniss ablegte und statt Trost ihm einzureden weist der Mann des
Gesetzes ihn noch herb zurück
»Das sollte ich Euch gesagt haben Herr Junker von Krauchwitz Und das wagt
Ihr noch auszusprechen nachdem Ihr vorgebt eben aus meiner Predigt zu kommen«
»Ihr müsst Euch doch entsinnen« sagte der Junker »als Wedigo mir den Antrag
tat und ich zu Euch ritt nach Brandenburg und in Eurer Klause Euch die Sache
vortrug und um Euren Rat bat ob Ihrs geraten hieltet oder nicht und Ihr
den Kopf schütteltet und meintet es sei eine kitzliche Sache man wisse nicht
wohin sie ausschlagen möchte und endlich sagtet Ihr Zögert mit Eurem Ja und
Nein Ja blickt mich nur verwundert an so sagtet Ihr zu mir und drücktet mir
die Hand und grade da trat der Chorherr ein es war der Sydow Er hat es noch
gehört«
Der Dechant strich mit der Hand über das Gesicht »Der Sydow hat es gehört
Das ist etwas anderes lieber Junker Davon also redet Ihr Der Sydow richtig
Nun das ist ein guter Mann Wenn man ihn nicht fragt redet er nicht Setzt Euch
doch Herr von Krauchwitz Über die Tücken Satans der so oft in unsere Worte
einen andern Sinn legt nämlich dass die Andern etwas anderes verstehen als wir
meinten können wachsame Christen nicht ernstlich genug sich gegenseitig
verständigen Worte wie gesagt hört Einer so der Andere so aber Ihr wisst
als Ihr damals mit dem Lindenberg ausrittet «
»Sprecht nicht davon« Der Junker erblasste »Ich kam ja darum nicht auch
nicht darum«
»Dann ist es für uns beide gut dass wir von dem schweigen was wir wissen
vor allem aber für Euch« sagte der Dechant und fing wieder an seinen Fuß
behaglich über dem Kohlenbecken zu wärmen das vor ihm stand »Warum kommt Ihr
denn«
»Dechant« sagte der Junker sein Baret drückend »Das Haar steht Einem doch
zu Berge«
»Kämmt es glatt«
»Die Galgen und Hochgerichte und Stangen draußen wie ein Wald Jeden Tag
Neue eingefangen schubweise führt man sie hinaus Soll man fliehen soll man
bleiben«
»Ich bleibe«
»Wenn ich mich versteckte «
»Lauft Ihr Gefahr dass man vergässe Euch zu suchen« sagte mit einem
hochmütigen Lächeln der Dechant »Der Adel muss ein ander Kleid anziehen mein
Lieber das alte taugt nicht mehr Das ist der beste Rat den ich Euch als
Freund geben kann Geht zu Eurem Schneider und fragt nach der neuesten Mode
Wenns Euch auch zuerst unbequem sitzt Ihr werdet Euch darin zu finden wissen
Ihr seid ein Mann den man am Ende überall brauchen kann« »Ja lieber
Junker« sprach der künftige Prälat und legte seine Hand mit der behaglichen
Miene eines Gönners Peter Melchior auf die Schulter »bleibt so ich mich recht
bedenke grad Ihr seid jetzt am Flecke Nun kommt Eure Zeit Lehrt Eure Zunge
Knoten schlingen Euren Rücken wie einen Aal biegen Edelleute wird man bei
Hofe immer brauchen aber nicht im Eisenkleid keine graden Nacken Mit denen
ist es aus Der Adel muss in die Schule gehen Aber tröstet Euch Was Hänschen
nicht lernen wollte ich meine diesmal wird es Hans doch lernen«
Peter Melchior ist nicht geflohen und hat sich nicht verborgen Hier
scheiden wir von ihm für dieses Mal
Aber am selben Sonntag Nachmittage ritt ein hoher stolzer Ritter mit
stattlichem Gefolge in Berlin ein Sein Gesicht war blass seine Augen rollten
fast zornig von dem was er gesehen Es hätte auch Andere erschreckt die langen
Reihen von Galgen der Kopf auf der Eisenstange über dem Köpnicker Tore der
ihn schon von fern angrinste Es war Otterstädts Kopf Ein Karren mit
zerrissenen Gliedern peitschte an den Reitern vorüber Es waren Otterstädts
Glieder
Der Graf von Giech trat in glänzender Silberrüstung als Abgesandter seines
Herrn des Markgrafen Friedrich des Eltern vor den Kurfürsten von Brandenburg
Der Vertreter des Oheims sprach zu dem Neffen seines Herrn In ihm sprach mit
der Zorn des großen freien Edelmanns vielleicht auch das verwundete Herz des
Menschen Nicht alle Gesandte sprechen so vor einem Fürsten in dessen Hand noch
das Richtschwert zittert Die Hofleute sahen es mit Schrecken und hörten es doch
mit heimlicher Freude
»Mein Herr sende mich war ich des Glaubens« so schloss er »in ein Land des
deutschen römischen Reiches christlicher Nation aber heiliger Gott ich glaube
jetzt in ein Reich zu treten wo der Grosstürke und seine Bassen Gericht hielt«
»Beim Kurfürsten von Brandenburg seid Ihr Herr Graf von Giech« unterbrach
ihn Joachim »der dies Land hat von Kaiser und Reich dass er richte nach dem
Recht gleich über Alle«
»Heißt das gleich richten über Alle so Ihr die hochstehen und edel vor dem
Volke schlachtet und hängt wie seinen Auswurf Der Fürsten Blut und Macht ging
aus dem deutschen Adel hervor und auf den Adel müssen die Fürsten sich lehnen
wenn sie bestehen wollen vor dem Volke Das trug mein Herr auf seinem Neffen zu
sagen den er der Vormundschaft entließ weil er ihn für mündig hielt Soll er
Kaiser und Reich wieder angehen dass sie ihm die Regentschaft nach der der
fromme Fürst nie getrachtet wieder zurück geben weil der sie führt vergisst
dass er hier ein Exempel gibt so allen Fürsten zum Schaden ist Welcher Fürst
den Adel nicht achtet achtet sich selbst nicht welcher des Adels Ansehen
vernichtet vernichtet sein eigenes er untergräbt die heiligen Satzungen auf
denen alles Regiment ruht er wütet gegen sein eigenes Blut er beschimpft sich
selbst denn er ist nur ein deutscher Edelmann der glücklicher war als die
andern Weil aus einem Dienstmanne ein Herr ward soll er nicht vergessen der
Mannen die seines Gleichen sind an Blut und Abkunft so spricht mein Herr durch
meinen Mund«
Der Graf von Giech hatte vielleicht erwartet dass der Kurfürst aufbrausen
gewiss dass er an Otterstädts Freveltat mahnen werde Aber Joachim ließ ihn
ruhig ausreden und ruhig fast lächelnd hat er geantwortet
»Ihr irrt Herr Graf von Giech sagt meinem teuren Ohm ich habe kein adlig
Blut vergossen Die ich dem Henker überliefert waren Schelme Strassenräuber und
Mörder1 Den Adel achte ich so hoch als nur ein Fürst sagt das meinem
erlauchten Ohm meldet ihm aber auch dass ich in den Jahren seit er mich nicht
sah gewachsen bin Ich ward so groß dass ich jetzt allein gehen kann und mich
auf Niemand mehr zu stützen brauche Die Fürsten beklage ich die so schwach vor
ihrem Volke sich fühlen dass sie den Adel als Krücken benutzen Im Übrigen was
Rechtens ist so meldet ihm auch dass ich in meinen Feierstunden nicht umsonst
in rechtsgelehrten Büchern lese Ich fand daraus dass das Recht in den Marken
ein anderes ist als in Franken Daher mag der Irrtum kommen der meinen Grafen
von Giech zu der weiten beschwerlichen Reise nötigte die ich sehr bedaure«
Der Abgesandte der vorhin um einen Kopf höher schien als der Fürst sah
jetzt fast kleiner aus »Jetzt kein Wort mehr« flüsterte ihm ein Brandenburger
Herr zu » Heut ist alles verloren« »Er ist fürchterlich in seiner
Heiterkeit« erwiderte der Graf der nun seinen zweiten Auftrag dass wenigstens
von jetzt ab kein adliges Blut mehr vergossen werde auf einen anderen Tag
verschob
Und wie er heiter umherging mit so vielen sprach Von geringfügigen Dingen
als beschäftigten sie allein die Seele Den Hofleuten ward unheimlich »So sahen
wir ihn nimmer« Ihnen war wohl als er sie entließ
»Es ist gar keine Hoffnung Was soll daraus werden« sprach Einer zum
fränkischen Abgesandten
Der Graf schüttelte den Kopf »Und doch hat er Recht die Luft ist hier
anders als im Reiche Wer hier bauen will muss andere Fundamente legen und
anders richten das kann ein groß Gebäude werden Wir die wir leben sehen es
freilich nicht mehr«
»Was wirds werden« brummte ein verdriessliches Gesicht »Alles wird
schlimmer und gemeiner So die Edelleute nicht mehr auf die Straße sollen wird
sie dem Gesindel gehören das keine Ehre und Sitte kennt und vor dem Alle
gleich sind. Schneider und Landsknechte und Rosskämme werden im Graben liegen
und das arme Volk schatzen man spricht schon viel von dem Rosskamme Kohlhas
wollen doch sehen ob sie die Zeiten dann loben tun«
Da drückten viele dem Sprecher die Hand und schüttelten den Kopf »Er hat
Recht es kommen schlimme Zeiten«
Der junge Kurfürst saß mit lächelndem Gesicht in seinem Zimmer und doch lag
in den Augen etwas das Hans Jürgen erschreckte ein Glanz der ihm nicht von
dieser Erde schien aber ob er vom Himmel kam das wagte er sich nicht zu sagen
»Die sind alle nicht Lindenbergs« hatte Joachim vor sich gesprochen »Ich
stünde allein meinst Du nicht vollbringen könne ichs was ich begann O
matter schwacher Nachhall des Einen aber auch sein Schatten ward ehrerbietig
vor der Macht die über mir schwebt Ich wills vollbringen ich werde es Ich
bin mir selbst genug Denn unter einem Höhern stehe ich Er wird die Spitzen der
Dolche die Bolzen aus dem Hinterhalte die Kugeln aus dem Rohre von mir
ablenken Der ists der Dich an mich gesandt Sei mein treues Werkzeug aber
nie bilde Dir ein mehr zu sein Er wird auch ferner seine Engel herabsenden
und mit Weisheit mich umleuchten Ich brauche Diener aber keine Räte Plaudern
will ich sie hören in ihrer Art mein Rat bin ich selbst«
Und wenn er aufgestanden und an einen Tisch mit Himmelskugeln und
astronomischen Instrumenten getreten wo Joachim mit seinem Hofastrologen dem
berühmten Karion zu arbeiten pflegte Die Hand auf den Globes legend
antwortete er auf die ungesprochene Frage des Jünglings mit seltsamem Lächeln
»Und auch denen die nach mir kommen wird es gelingen In den Sternen
zeigte mir der Meister das Glück meines Hauses groß wie auch nur zu wähnen
Vermessenheit gewesen wäre Ich bin glücklich und sicher was ich unternehme
gelingt und was ich weiß ist Wahrheit«
Fußnoten
1 Historische Antwort
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Das Leben ein Traum
Wer uns gern bis jetzt begleitet hat dem könnten wir hier die Hand drücken und
zu ihm sprechen Auf Wiedersehen Denn es ist unsere Absicht wenn uns die Lust
und der Mut bleibt dass wir uns wieder an demselben Platze begegnen und auch
wohl Manchen von denen die uns hier lieb geworden oder auch nicht lieb Es ist
eine Reise die wir antreten mit einem Ziele das noch fern liegt durch Jahre
getrennt und dahin zu gelangen war und ist uns ernster Wille aber es ist nicht
immer gut dass man eine lange Reise in einem Zuge vollende Doch auch jeder
Abschnitt einer Reise muss sein Ziel haben und an dem stehen wir jetzt Ja wir
sind eigentlich schon eingekehrt der Vorhang vor den großen Begebenheiten ist
gefallen die Helden sind abgetreten die Könige haben ihre Staatskleider
abgelegt es sind nur noch einige Kleine deren Geschicke zwar in allen Zeiten
von dem Geschicke der Großen gelenkt worden die große Geschichte streift
hochmütig an ihnen vorüber aber die Dichtung kost dafür mit ihnen und weilt
aus Eigensinn vielleicht aus Widerspruchsgeist desto emsiger bei ihren
Heimlichkeiten
Die Sonne war schon hoch aufgestiegen und blickte schon tief in die Höfe
von HohenZiatz ohne dass ein Rauch aus den Schornsteinen ihr entgegen wirbelte
ohne dass ein frommer Morgengesang sie grüßte oder der derbe Fluch eines
Knechtes Selbst die Hunde kläfften nicht nur die Katzen heulten nur die
Tauben flatterten auf den Dächern und das Federvieh ward unruhig auf dem Hofe
Es war aber nicht dieselbe Sonne welche vor Hans Jürgen durch die Wolken brach
als er durch die Köpnicker Heide auf dem keuchenden schweissbedeckten Rosse
jagte noch die welche die grässlichsten Schauspiele vor dem Tore beschaute
von dessen Firste später der Kopf des unglücklichen Ritters starrte ein
Schauspiel vor dem schnell sie vorübergeführt zu haben meine Leser mir
verzeihen vielleicht danken werden Die Sonne geht schneller auf über große
Dinge langsamer weilt sie bei den Alltagsdingen Wir müssen zurück bis zu dem
Morgen welcher der Nacht folgte wo die Burgfrau mit den Ihren heimlich nach
Golzow entwich
Es mochte schon nahe an Mittag sein als der Sonnenstrahl durch eine der
runden grünen Fensterscheiben grade auf Herrn Gottfrieds Nase fiel Und
plötzlich entweder weil es ihn brannte oder kitzelte als der riesenhafte Mann
aufschnellte mit einer Schwungkraft die wir ihm kaum zugetraut hätten
Fortflog alles über und unter ihm und er selbst aufrecht stand er im Zimmer
dessen Decke er mit den Armen streifte als er sie nur mäßig reckte Aber gleich
darauf fuhr er an die Nase und den Schnurrbart was der Vermutung Raum gibt
dass die Scheibe als Brennglas geschliffen gewesen und der Bart ihm etwas
angesengt war Es musste ihm indes schon früher begegnet sein denn er geriet
nicht gar zu sehr außer sich sondern brummte nur »Wieder die verfluchte Hexe
die « Im nächsten Augenblick aber erblasste er er hielt beide Arme vor sich
und sah nichts er griff nach dem Kopfkissen und sah nichts er warf Pfühle
Kissen Decken selbst das Stroh hinaus und fand nichts Er rieb sich den Kopf
ob er noch träume aber er träumte nicht »Ach Du mein Gott ich muss ja fort«
Das Echo der Wände rief »Fort« »Sie sind fort« murmelte er
Er riss das Fenster auf Wie er auch schrie »Brigitte Kaspar« ihm
antwortete nur der Flügelschlag der Tauben Was war das Wo verkrochen sie
sich Er zwängte den großen Leib so weit es ging durch das enge Fenster aber
er sah auch da nichts als einen ausgestorbenen Hof eine fürchterliche Stille
Warum rauchte es nicht aus dem Stalle Wo war der Nimrod an der Kette geblieben
Die Kette lag da mit dem leeren Halsringe Auch die Muttersau die er immer
Morgens zuerst sah an dem Eichenpfahl sich schuppern schupperte sich nicht Er
strengte sein Ohr an Nur zuweilen schienen dumpfe Töne aus der Erde zu dringen
Nun schloss er den geöffneten Mund ohne einen Laut Wer schreit gern in solche
Einsamkeit hinein Es überieselte ihm die Haut das mochte aber nicht allein die
Furcht es konnte auch die Kälte des frischen Novembermorgens sein und er stand
da fast wie Gott ihn geschaffen Er konnte nicht dafür
Da überkam ihn eine Wut Irgendwo musste es sitzen und an der Wand hing sein
Degen Er riss ihn aus der Scheide und mit dem blanken Schlachtschwert in der
Hand war er schon im Begriff hinunter zu stürzen als ihm noch glücklicher
Weise die große Tiroler Decke zu Gesicht kam Die schlang er um sich doch dass
der Arm frei blieb und vielleicht einem römischen Imperator vergleichbar stieß
Herr Gottfried die Tür auf
Auf Flur und Treppe war es wie auf dem Hofe Kein Trampeln kein Wehen kein
Gehen Mit dem Degenknauf stieß er an die Türen keine Antwort Er stieß eine
und die andere auf die Betten standen unberührt Herr Gottfried war und blieb
in einer sehr unangenehmen Lage Er fror nicht allein und fing nicht allein an
zu hungern sondern er fand sich in der Notwendigkeit über seine besondere
Lage nachdenken zu müssen
Sein Schlachtschwert mit der Spitze auf die Diele stützend stand Herr
Gottfried da und wollte denken als der Hauskater plötzlich die Treppe herauf
und an ihm vorbeihuschte im Maule ein gebratenes Huhn Wo das ist, ist mehr
dachte Herr Gottfried und ehe er wusste wie stand er in der Halle Da war
freilich auch kein lebendiges Wesen still war es wie in der ganzen Burg auf
dem Heerde glimmten nur noch wenige Kohlen aber so unheimlich war es Herrn
Gottfried doch nicht denn die ordnende oder schaffende oder kürzer die
anrichtende Hand des Menschen war sichtbar
Der große Tisch stand gedeckt als warte er nur auf ihn Sogar sein
Lehnstuhl mit dem Lammfell darüber war zurecht geschoben In der Mitte prangte
ein ungeheurer Ochsenschinken daneben Schüsseln mit Würsten gesäuerte Gänse
Backwerk Brod Käse ein Topf mit Butter Körbe mit Rüben Aepfeln Birnen
dazu getrocknete Pflaumen hart gesottene Eier und was nur die Speisekammer
einer guten Burgwirtschaft aufweisen kann Und neben den Esswaaren ein Krug
Bier eine Flasche Met und noch ein Kelchglas zum Wein Auch brauchte Herr
Gottfried nicht lange umher zu suchen bis er das ganze Fässchen mit Malvoisir
auf der Bank sah mit eingeschraubtem Hahn und das Näpfchen darunter
Alles musste schon lange dastehen ohne dass eine Hand daran gerührt hatte
Die kleine Unordnung die sich nicht verbarg kam offenbar nur von Katzenpfoten
her und als Herr Gottfried zwei freundliche Tiere an den Wänden Buckel machen
sah und ihre Augen schielten wieder auf den Tisch hielt er dafür sogleich
Platz zu nehmen denn der Tisch war unstreitig für Menschen nicht für Katzen
gedeckt
Um deshalb schlang er sich rasch das Tüchlein um den Hals und ergriff das
große Messer um an die Arbeit zu gehen die ihm nur insoweit schwer ward als
er einen Augenblick unschlüssig war ob er zuerst die Gans oder zuerst den
Schinken ergreifen solle Wie dem nun sei es mochte eine kleine Stunde
vergangen sein in der Herr Gottfried sich recht wohl fühlte weder Gespräche
noch Gedanken hatten ihn gestört als er einen Augenblick sich zurücklehnte und
die Rechte mit dem Messergriff auf den Tisch stützte nicht um aufzuhören
sondern um was man in HohenZiatz nannte zu verpusten
Der Bierkrug war leer die Flasche Met schon durchsichtig sein Auge
blinzelte nach dem Fässchen Malvoisir »Hübsch wär es doch wenn das zu mir
käme dann brauchte ich nicht aufzustehen« Warum musste das Herr Gottfried
denken Denn ein Gedanke lockt den andern das ist eine furchtbare Wahrheit
gegen die alle Klugheit und Macht sich vergebens sträubt Warum kam das
Malvoisirfässchen nicht zu ihm Weil es auf der Bank stand Warum stand es
auf der Bank Weil sie es dahin gestellt hatten Wer hatte es dahin
gestellt Die Hexen Die kleinen Leute oder wer sonst Wie eine Bezauberung
sah das Ganze freilich aus Aber Herr Götz war nie bezaubert gewesen Hatte
er ein Gebet vergessen Hatte er eine Sünde begangen Oder war alles ein Traum
Er wollte die freie Hand aufs Herz legen aber sie glitt unvermerkt auf den
Magen Nein das war kein Traum gewesen Auf die harten Eier wollte er ja eben
den Malvoisir setzen Halb öffnete sich sein Mund und in seine Augen trat das
Weiße das ein Zeichen plötzlichen Schreckens ist »Blitz noch ein Mal« brach
es von seinen Lippen »das ist nun zu spät«
»Noch nicht zu spät« rief eine dumpfe Stimme und eine Gestalt trat vor den
Ritter die alle Wärme so Bier und Met hervorgerufen wieder erstarrte Weiß
eingehüllt weißen Gesichtes stand das Gespenst vor ihm in dem Herr Gottfried
erst nachdem es ausgesprochen seinen Neffen erkannte
»Noch nicht Ohm aber bald«
Dem Ritter entfiel das Messer
»Der Tropfen rinnt ins Meer die Augenblicke und Stunden fließen in die
Ewigkeit wer schöpft den Tropfen zurück wer fasst den verlorenen Augenblick Es
wird zu spät werden aber Heil dem der noch die Zeit erfasst«
»Junge bist Dus« Ach Herr Gottfried war so froh als er das Wort aus der
Brust heraus hatte
»Den Du meinst Ohm bin ich nicht Mein Geist schaut aus der gebrochenen
Hülle heraus Dieser frei gewordene Geist spricht zu Dir«
»Setz Dich doch Hans Jochem« atmete Herr Gottfried »Dein Bein Du wirst
ja müde sein«
Hans Jochem schüttelte den Kopf wie ein Abgeschiedener dem ein Lebendiger
etwas zumuten möchte was ihm ein schmerzlich Lächeln abringt
»O dass Du müde wärst Ohm Deiner selbst müde des langen Lebens hinter Dir
dann wäre Hoffnung Du könntest wieder wach werden«
Herr Gottfried schnappte nach Luft
»Wie ein tiefer Brunnen bist Du in dem ein klarer Quell zu Tage strebte
und die Sonne und die Sterne spiegelten sich drein aber die Wände waren nicht
fest gezimmert und gemauert und mit jedem Jahre fiel mehr Sand und Erde hinab
bis der Quell verschüttet ist In dem Brunnen spiegeln sich nicht mehr die
Gestirne und der Zieheimer schöpft kein Wasser mehr Aber der pflichtgetreue
Brunnenwärter lässt doch den Eimer hinab und schöpft bis er den Lebenstrank
findet So will ich schöpfen Ohm in Deiner Brust«
Herr Götz rief alle guten Geister und seinen Schutzpatron an das gläserne
Auge des Kranken schien wirklich ihm durch Brust Magen und Bauch zu dringen
»Du hältst Dich für einen Lebendigen und bist doch ein Gestorbener Du
atmest aber Dein Atem ist der Hauch der Stockung und die Stockung ist der
Tod O betrachte Deinen Leib wie er groß ist wie riesenhaft die Glieder und
wo findest Du die Seele die ist verschwunden wie das Körnlein Salz das man in
einen Kessel mit Brei wirft Dass Du ohne Sünde wärst möchtest Du Dich rühmen
aber tue es nicht denn die Sünde ist besser als das Nichtsein Du hast nicht
Witwen und Waisen beraubt nicht Gott gelästert und seine Heiligen kein falsch
Zeugnis abgelegt und nicht auf der Straße gelegen O hättest Dus getan es
wäre Dir besser als dass Du nichts tatest dann konntest Dus büßen und je
ärger die Sünde so größer die Gnade Dann führe vielleicht sein Blitzstrahl
zündend in Deine Eingeweide und aus der Zerschmetterung erhöbest Du Dich als
ein Heiliger«
Herr Gottfried ein Heiliger Immerhin er hätte versprochen zu sein was die
Erscheinung von ihm verlangte wenn er nur aus den Händen des Fieberkranken
erlöst war
»Oheim Oheim aber auch die Sünde floh Dich Wie die Flamme am Steine fand
sie ja nichts Lebendiges an Dir Ach hineingelebt hast Du in den Tag bis die
Sonne umsonst Dir aufging die Vögel umsonst Dir zwitscherten die Glocken
umsonst tönten der Donner Gottes rollte über Deinem Haupte und fand Dich
schlafend Richte Dich auf schau Dich an und frage Dich Was bist Du Ein
Klumpen Erde gehüllt in menschliche Form Du fühlst den Schmerz auch der Wurm
krümmt sich Du lächelst auch mein Hund springt mich an Aber wo ist sie
geblieben Deine unsterbliche Seele Du issest Du trinkst Du sprichst Du
schlägst um Dich Du wehrst Dich Deiner Haut aber die Seele schläft dabei
Unglückseliger wie lang ist Dein Lebensfaden schon und wo sind die Gedanken
an die Du Dich halten kannst wenn der Leib in Staub zerfällt Greife sie doch
wie ich die Flämmchen in der nächtlichen Wüste Drei vier schon griff ich
Ach welche unermessliche Wüste hinter Dir und ich sah auch kein einzig
Flämmchen Wenn Dich der Posaunenschall weckt schlägst Du ja umsonst die Augen
auf Dein Sinn zerfällt in Nichts es sind keine Führer für Dich da keine
Gedanken die Dich zur Ewigkeit leiten Ich will Dich wecken mein armer Ohm
schöpfen bohren schneiden bis das Messer in der toten Masse «
»Jesu Maria Joseph« schrie der Burgherr als der Fieberkranke beide Arme
nach ihm ausstreckte Und er saß fest geklemmt zwischen Tisch und Stuhl nicht
einmal sein Schwert konnte er ablangen und wer braucht ein Schwert gegen den
der unsere Seele fordert Aber die heiligen Namen die er anrief mussten doch
dem Ritter geholfen haben Neben dem weißen Plagegeist stand plötzlich ein
schwarzer Mit russigem Gesicht die Haare herabhängend wie ein Kobold der aus
der Erde aufgeschossen die noch von seinen Gliedern rollt umfasste den
Fieberkranken eine kräftige Gestalt mit zwei starken Armen »Junker Ihr seid
noch krank Ihr müsst zu Bett« Im nächsten Augenblick war die weiße und die
schwarze Erscheinung aus des Ritters dämmernden Augen verschwinden
Die Mittagssonne schien freundlich durch die offene Tür Das Federvieh
gackerte auf dem Hofe und eine Gans steckte neugierig ihren Hals über die
Schwelle als sich die Zwei ansahen die jetzt allein da waren Die Zwei waren
Herr Götz von Ziatz und sein Knecht Kaspar Da keiner ihn erlösen kam hatte er
sich selbst erlöst aus der Schmiede Die Tür die seine Herrin verschlossen
nein die durfte der treue Knecht nicht aufbrechen Aber er hatte sich unter der
Türe durchgewühlt Vielleicht hätte er es schneller tun können denn er war
rüstig wo es galt aber er musste wohl Gründe dafür haben dass er nicht
schneller war
»Nu sage mal Kaspar was das ist« sprach sein Herr als er die letzte Erde
von den Schultern schüttelte
»Ja ja« sagte der Knecht und kraute sich hinterm Ohr
»Hat mich ordentlich erschreckt Es wäre zu spät« sagte er
»Ich glaubs auch Herr nun ists zu spät«
Der Burgherr ward blass Hätte das der Knecht vorausgedacht er würde es
nimmer gesagt haben
»Wenn Ihr Euch recht zusammen nehmt und die Sporen nicht schont dann könnt
Ihrs vielleicht noch nachholen Ich weiß nur nicht obs gut ist s ist auch
kein Pferd da«
Herr Gottfried schien nur die ersten Worte gehört zu haben Er ließ das Kinn
auf die Hand sinken und so saß er träumend »Wie soll ich mich denn
zusammennehmen Ists Einem denn noch nicht schwer genug gemacht Kaspar
denkst Du denn auch bisweilen«
»Wenns mir befohlen wird«
»Das sag ich ja auch Aber s ist mir in den Magen gefahren«
»Ihr solltet Eins trinken auf den Schreck«
Der Herr nickte ihm Beifall Der Wein war süß aber über den Lippen glitt
etwas Bitteres dem guten Herrn Götz »Als schnürte er mir die Kehle zu Einmal
wars mir doch als stäk ich schon in einem Brunnen«
»Da muss man sich selber helfen« brummte der Knecht »Ich stak auch tief
aber ich buttelte mir ein Loch und da kam ich raus«
»Du Sahst du denn auch Flämmchen«
»Wie ich erst das Sonnenlicht sah da gings risch rasch«
Der gute Herr schüttelte den Kopf so trübselig hatte er nie am Morgen nach
einem guten Trunk ausgeschaut nie hatte er den Knecht auch in seiner
weichmütigsten Laune so weichmütig nein so wehmütig angeschaut
»Kaspar Wenn er nur das nicht vom Brunnen geredet hätte Weiß Gott seit er
das gesprochen s rührt sich Alles in mir«
»Ihr habt zu wenig aufs Essen getrunken«
»Und wie er mich mit den gläsernen Augen ansah mir wars doch wie in der
Storkower Fehde weißt Du noch als Abends das Sandtreiben kam und ich lag
verwundet und rings um kein Mensch glaubte es sei mein letzter Tag Da dachte
ich auch Kaspar toll ist er aber s ist mir als obs was wäre«
»Ja s ist schon was« sagte der Knecht
»Nu sage mal Kaspar Habs mein Lebtag nicht gehört die Seele im Brunnen
zugeschüttet Werde ja an keinem Brunnen mehr vorbei gehen dass mirs nicht über
die Haut rieselt«
Der Knecht Kaspar sann eine Weile nach dann hub er an »Ich meine so
gestrenger Herr zweierlei Das Denken ist schon gut aber Manchermann meint
dass er denken täte und ists doch nur dass ihm im Kopfe rum surrt was ein
Anderer vor ihm gedacht hat und er hats aufgeschnappt er weiß nicht wie und
wenns in ihm losgeht dann verschwört er Stein und Bein s s wär sein eigener
Gedanke Darum ists kein so groß Unglück wenn Einer gar nicht denken tut Und
dann denk ich eins schickt sich nicht für Alle Wenn zum Exempel der Bauer
immer denken wollte warum sitzt der Junker im Schloss und trinkt und ich muss
robotten und dürsten oder der Pracher warum muss ich nackt aufs Betteln gehen
und der Bürger liegt in der Wolle bis übers Ohr da kam Alles aus dem Schick
Oder wo kriegten denn die Fürsten und die Hauptleute ihre Diener so Jedermann
immer an seine Seele dächte und nicht an seines Herrn Vorteil Dazu kriegen die
Priester ihren Decem und wollte Jeder für seine Seele allein denken möcht ich
mal sehen ob sie den Priestern noch lange ihren Decem geben täten und wenn
die nicht ihren Decem kriegten dann schrien sie Zeter und wo die Zeter über
ein Land schreien dann kommt die Pestilenz und Interdicte und was nicht Alles«
Herr Gottfried nickte zu dem Allen aber dass es gerade der Hans Jochem war
und wo der es her hatte das konnte er nicht begreifen
»Wisst Ihr Gestrenger als der Kapuziner predigen tat zu Fasten da sahs
nachher bei uns doch aus wie ein Haferfeld wo die Schloosen drein schlugen Es
dauerte lang bis das Volk die Köpfe wieder aufrichten tat Der Junker Hans
Jochem lachte dazumal als die Andern heulten und schrien Nun mein ich so
eingeschlagen hats beim Einen schlägts oben auf die Haut und beim Andern
unter die Haut Bei dem da sieht mans hier aber sieht mans nicht Wie wars
mit dem Gewitter im Ruppiner Turm Sie suchtens lang und fandens nicht Aber
unterm Blech glimmte es fort bis am dritten Tage die Sparren in lichter Lohe
standen da schlugs denn auch durchs Blech Beim Junker hats drei Monate
unterm Blech geglimmt«
»Kaspar wenns bei mir auch raus schlüge«
»Bei Gott ist kein Ding unmöglich aber dafür mein ich lässt man den
lieben Gott sorgen Und was der fügt das muss der Mensch nicht ändern Und was
man findet das muss man nehmen Warum wär es sonst vor uns hingelegt Und der
Tisch ist nicht umsonst gedeckt und der Wein ist auch nicht aus dem Keller
geholt damit er ausdunstet Morgen ist auch ein Tag und ein Sperling in der
Hand besser als eine Taube auf dem Dache«
Herr Gottfried fand den Malvoisir wieder süß Da reichte er dem Knechte noch
einmal die Hand und »es siehts ja Keiner« dachte der gute Herr Der Knecht
musste sich neben ihm an die Tischecke setzen Malvoisir auf den Lippen eines
Knechtes Aber ihre Seelen hatten sich gefunden Der Herr ward froh der Knecht
ward traurig Er wischte sich mit dem Finger ins Auge »Nun steht die Welt auf
dem Kopfe mit meinem Herrn ists aus« Das sprach er aber nur innerlich
»Kaspar was sprichst Du für Dich« »Ach nicht für mich Herr s ist nur
nur die armen Hühner Wer streut ihnen Futter« Herr Gottfried war ein
Menschenfreund aber die Tiere liebte er fast wie die Menschen »Das arme Vieh
hungert Aber über die Brigitte Donnerwetter hat sie die Hühner vergessen wo
ist sie denn« Der Knecht erschrak Wer nicht an Lügen gewohnt ist hüte sich
vor der ersten Lüge »Sie wird schon kommen« »Kommen aber« sprach der
Burgherr und wieder eine lange lange Reihe von Fragen stand auf den
halbgeöffneten Lippen Da goss der treue Knecht der selbst nur am Becher nippte
den großen Pokal seinem Herrn voll bis er schäumte
Ein immer süsseres Lächeln breitete sich um die Lippen des Burgherrn und was
fehlt an dem Bilde stiller Zufriedenheit wenn wir den ehrenfesten Ritter und
den rauen Knecht sehen in der Mitte der Hennen und Küchlein die nach den
Brodkrumen schnappen welche beide ausstreuen und Einer lächelt den Andern
vergnügt an »Put put« waren die letzten vernehmbaren Töne aus den Lippen des
Ritters der wenn man ihn zur rechten Zeit geweckt und nicht die Hosen
fortgenommen hätte jetzt in der Köpnicker Heide in Stahl und Erz zu Ross trabte
um doch die Sonne neigte sich schon wieder Der jetzt in tiefem Frieden
schlummerte säße vielleicht nicht mehr zu Ross das fürstenmörderische Schwert
in der Faust die Hände auf dem Rücken gebunden wanderte er gesenkten Hauptes
von höhnenden Schergen umgeben dem Tore Berlins zu Wohl dem der ein treues
Weib hat das wacht wenn ihr Mann schläft das für ihn denkt wenn der süße
Wein seine Gedanken abwärts führte und für ihn handelt wenn es schlimme Händel
gibt Das treue Gesicht der guten Frau blickte jetzt vorsichtig durchs
Fenster Da winkte ihr der Knecht Kasper vergnügt zu Er hatte wohl gehört das
Tor knarren Und nun kamen noch viele neugierige Köpfe und blickten herein
Herr Gottfried sah sie nicht
Das war wieder eine andere Sonne die ins Fenster schien als der Knecht
die Tür zur Schlafstube ein wenig auftat und hineinrief »Gestrenger nun
ists Zeit zum Aufstehn«
Als Herr Götz auffuhr war das erste was er zu Gesicht bekam da er die
Arme vorwarf seine Elennhosen Er betrachtete sie von allen Seiten sie waren
es Er fuhr hinein sie waren es Er rieb sich die Stirn sie blieben es
»Kaspar Brigitte«
»Was hast Du wieder mein Götz« rief die Frau so die Treppen eben herauf
zu keuchen schien Sie sah so ehrlich und treu aus
»Glaube ich habe geträumt« sagte Herr Götz
»Das kommt schon Herr« antwortete der Knecht der gar nicht den feinen
forschenden Blick seines Herrn zu verstehen schien als der ihn wieder fragte
»Obs denn zu spät ist«
»Hab Dir zum Morgenimbiss ein Ferkelchen gebraten Götz Wenn Du jetzt runter
kommst blitzt es und knuspert nur so Auch Hirsebrei und geschmorte Pflaumen«
Ein Ferkelchen und Hirsebrei Und auf dem Hofe schupperte sich die
Muttersau und aus dem Stalle rauchte es und nicht die Tirolerdecke um die
Schultern in seinem wollnen Wamms war Herr Gottfried er wusste noch nicht wie
die Treppe hinunter Da küsste ihm Eva die Hand und dann die Backe und wünschte
ihm guten Morgen und die Frau rückte ihm den Stuhl an den Tisch und so
zierlich und niedlich rauchte es vor ihm in der Schüssel
»Ich dachte ihr wärt « sprach der Burgherr aber die Frau sagte ihm der
Braten würde kalt werden und in häuslichen Angelegenheiten ist es gut wenn ein
Mann seiner Frau folgt Und doch wunderbar er war schon mitten im Ferkelchen
als er wieder fragte »Ich dachte Ihr wärt Alle aus «
»Sind wieder heimgekehrt als es dunkelte Du schliefst schon«
»Schon« Herr Gottfried vergaß auf einen Augenblick das Ferkelchen und das
Zerbster Bier er lehnte sich zurück und hielt mit beiden Händen die Stirn
»Aber wie ist mir denn Also das war auch nichts der Malvoisir und der tiefe
Brunnen aber die Flämmchen und der schwarze Maulwurf«
»Vater das hast Du geträumt« Eva streichelte mit ihren kleinen Fingern
seinen Bart
»Das also Aber «
Und plötzlich sprang Herr Gottfried auf Alle erschraken und sahen sich
bedenklich an da er fort eilte Aber die Edelfrau flüsterte ihrer Tochter zu
»Ich habe sie gewaschen und ausgebügelt«
Der Ritter kehrte wieder seinen Büffelhandschuh in der Hand und sah ihn
und fühlte ihn an und schüttelte den Kopf dann sank er in den Stuhl »Das also
auch ein Traum s ist wunderbar« aber unlieb schien es ihm nicht »Wenn das
nur nicht ein Traum ist« setzte er hinzu und sah ängstlich um sich her
Nein das war kein Traum die Frau war so lieb und gut und die Eva und das
Ferkelchen so weich es zerging ihm auf der Zunge Seit lange entsann er sich
nicht dass er mit so gutem Appetit gegessen
Aber es war doch etwas anders geworden es war mit ihm etwas vorgegangen Er
saß stundenlang den Kopf im Arme und stierte auf einen Fleck und schüttelte
den Kopf Und als ihm die gute Frau erzählte von ihrem Hans Jürgen wie der dem
Kurfürsten das Leben gerettet und der Kurfürst ihn darauf in so jungen Jahren
vorm ganzen Hofe zum Ritter geschlagen und wie von der Kanzel herab in Berlin
von ihrem Neffen gepredigt worden und wie der Kurfürst ihn in sein Gefolge
genommen und für ihn zu sorgen versprochen und es könne noch ein großer Herr
aus ihm werden mit der Zeit und mit der Zeit vielleicht sonst auch noch was
wobei sie auf die Eva schelmisch blickte und die Eva hochrot wurde aber doch
schmunzelte da hörte es Herr Gottfried ruhig an und sagte »Wenns nur nicht
auch ein Traum ist« Nachts fuhr der Mann der einen so festen Schlaf hatte
dass ihn das Knallen einer Donnerbüchse nicht weckte beim geringsten Geräusche
auf und klagte er sei in einen tiefen Brunnen gefallen und wenn sie ihm
vernünftig zugeredet ward er wohl still aber er weinte auch still und sie
hörte ihn die Worte sagen »Ach es ist doch zu spät«
Da war der Frost gekommen und mit ihm der Ritter Hans Jürgen nach
HohenZiatz Auf dem Eisspiegel der Wiesen lief das junge Volk im hellen
Sonnenschein Schlittschuh und Herr Gottfried und seine Frau sahen von der Mauer
zu
»Sieh Götz wie zierlich der Jürgen die Eva führt Wer hätts ihm
angesehen Wenn sie so bei Hofe tanzen als jetzt auf dem Eise was werden sie
sprechen Das ist ein schmuckes Paar«
»Ein Paar« rief der Götz »Kinder Die können ja noch nicht denken«
Was soll draus werden wenns so fortgeht hatte Frau von Bredow gedacht
Zuweilen dachte sie auch es wäre doch gut gewesen wär der Dechant geblieben
Er hätts ihrem Herrn ausreden können dass Einer der sein Lebtag nicht ans
Denken gedacht drei Schritt vor der Grube anfangen will
»Ketten und Kerker und bösen Leumund hat er überstanden aber daran stirbt
er mir noch« hatte Frau von Bredow gedacht Da kam ihr recht zum Trost ein
lieber Besuch ins Haus aus Schlesingen der Ritter Hans von Schweinichen Alle
Welt kennt den Ritter Hans von Schweinichen der durch die Welt geritten ist er
vorne sein Knecht hinten und wenn er etwas wankte ritt der Knecht ihm zu
Seiten Seinesgleichen sollte man weit und breit suchen Vierzehn Tage
hintereinander verstand er wie ein Edelmann zu trinken und wenn er nüchtern
ward schrieb ers in sein Tagebuch wo mans noch heute lesen kann und in
jedem Jahr wenns zu Ende ging hat er aufgeschrieben was der Roggen gekostet
und der Hafer auf den Märkten Herr Götz und er hatten einst gute Freundschaft
gemacht in Kottbus an einem Fürstentag da man sie beide nach einem guten Rausch
in eine Kammer und in ein Bett trug Das wollten sie nie vergessen hatten sie
sich zugeschworen Nun da Herr Hans zum Besuch ritt nach Ziesar zum Bischof
Scultetus seinem Landsmann der ihn eingeladen um mit ihm einen guten Trunk zu
tun wollte er vorher bei dem alten Freunde einsprechen Da war große Freude
und Herr Götz und sein Ehegemahl ließ ihn nicht fort er musste an vierzehn
Tage bleiben und was die alten Freunde da mit einander getrunken und
gesprochen das lässt sich besser denken als erzählen Niemand aber war froher
als Frau von Bredow da sie ihren Eheherrn wieder so froh sah und sie hatte nur
Furcht dass wenn der liebe Gast fort wäre er wieder in seinen Trübsinn
verfiele darum teilte sie dem Ritter Hans ihre Bekümmernis mit und fragte ihn
wie ers denn mache dass er immer guten Mutes bleibe wie ein Edelmann muss und
doch täte er nicht allein denken sondern er schreibe sogar seine Gedanken
nieder und auf Papier
»Meine liebe Frau von Bredow« sagte Herr Hans von Schweinichen wie ers
auch sonst oft gesagt hat »Was uns kommt kommt nicht von uns sondern vom
lieben Gott Wenn ich einen guten Rausch gehabt hats der liebe Gott so gefügt
und da ich um mein liebstes Ehegemahl anhielt hat ers auch so gefügt denn
wüsste sonst nicht wie ich zum Mut kommen dass ich sie fragte willst Du mich
da ich doch bei unterschiedlichen andern hübschen und adligen Weibsbildern so
ich viel lieber gehabt ehedem nicht den Mund auftun konnte Wer sollte mir
also den Mund aufgeschlossen haben als der ihn mir auch vorhinnen verschloss
der liebe Gott Item wird es auch mit dem Denken und dem Schreiben sein Kümmert
Euch also liebwerteste Frau Gevatterin gar nicht darum Wenns Herrn
Gottfried treibt dass er denken muss so hats der liebe Gott gefügt und wenn
die ganze Welt anfinge zu denken auf eigene Hand so müssen wir denken als gute
Christen der liebe Gott hats nun mal gewollt«
»Was kannst Du nun mehr wünschen« sagte Eva da sie Hans Jürgen ein
Stückchen durch die Kiefern zum Abschied begleitet Er führte sein Ross am Zaum
so lange er neben ihr herging
Da kratzte er sich hinterm Ohr und sah sie eigens an
»Brummbär Noch nicht zufrieden«
»I ja Eva es wäre schon«
»Du weißt Du noch wie Du am Fliess Wache standst « sie sprach es nicht
aus wovor der arme Junge Wache gestanden »und jetzt jetzt bist Du
eigentlich was von einem Geheimenrate und bei Deinem Kurfürsten«
»Eva ich meine so es hat jedwed Ding zwei Seiten Von der einen siehts so
aus und von der andern so Schau da die alten Kiefern nun die Abendsonne drauf
scheint ists so lustig gesprenkelt vom Wipfel bis zur Wurzel als wärens
Rosenstengel und man möchte immer den Finger dran tupfen dass der auch rot
wird Aber die Sonne ist ein Weniges gesunken werden sie grau und knarren und
man müsst auch ne Kräh sein um sich gern drein zu schaukeln«
»Der Kurfürst ist Dir immer gut Hans Jürgen er lächelt Dir immer zu wie
rosenrot Hasts selbst gesagt«
»Das ists eben Eva Wenn einer immer zu Einem lächeln tut und Ensereinem
ist nun nicht zum Lachen Nun hast Du schon recht ich darf sprechen wie mir
ums Herz ist Oder wie er sagt sprich wie Dir der Schnabel gewachsen ist Nun
ist mir aber manchesmal so zu Mut wie ihm nicht zu Mut ist und was ich
denke das denkt er nicht oder was er denkt das denke ich nicht Wenn ichs
nun raus sage dass mir was nicht gefällt und was mir nicht gefällt und das ist
oft gar viel so würde ich das ganz recht finden wenn er wieder raus führe und
sagte Du verstehst das nicht drum halt Dein Maul Denn es ist richtig ich
versteh Vieles noch nicht aber ich will es lernen und er könnt es mich
besser lehren Aber er lässt mich schwatzen und reden wie das nun ist und dann
sieht er mich so von oben freundlich an wie die Sonne ein Mühlrad und mir
ists als spräche er bei sich Kann der kleine Hund auch schon bellen Gottes
Wunder dass ich der Alles weiß und besser als alle Anderen auch solche Stimme
anhören muss Sieh mal Eva da ist mir denn auch manchmal so kurios zu Mute
und gar nicht so wie die Sonne auf die Kiefern scheint als knarrten die Äste
in mir und die Krähen krächzten Du bist doch auch ein Mensch von Gott gemacht
als wie der und was ein Mensch nicht findet das findet der andere darum soll
kein Mensch dem andern zu niedrig dünken dass er nicht auch von ihm was anhören
könnte und lernen dazu und eines Menschen Stimme wenn er auch nicht schön
spricht und nicht so hohen Verstand hat ist doch mehr als ein Mühlrad auch
wenn die Sonne drauf scheint«
Da der Ritter Hans Jürgen aufs Ross sich geschwungen und nun auch durch die
hohen Kiefern ritt glühte auch Evas Gesicht obs von der Abendsonne war oder
von der Freude ihm nachzusehen Aber als hätts ein Kobold ihr angetan
unterkreuzte das hübsche Kind die Arme und ein schelmisch Lächeln schwebte um
ihre Rosenlippen als sie mit einem Male die Worte des Kurfürsten wiederholte
»Kann der kleine Hund auch schon bellen« Doch wie erschrocken dass ers gehört
haben könnte oder erschrocken vor sich selbst verstummte sie und als wollte
sies wieder gut machen warf sie ihm Kusshände nach »Ach Du lieber Hans
Jürgen ich bin Dir doch so gut« das hörte er nicht aber er sah wie sie auf
den Zehen sich hebend mit dem Tüchlein wehte und wehte wieder mit dem
Federhut bis er an den Fichten verschwand Wie lange stand sie noch da in der
einsamen Heide als lausche sie auf den Abendwind der in den Wipfeln spielte
Ein Anderer hätte sich gefürchtet sie lächelte immer holder als horche sie in
dem Surren und Summen und Säuseln in der Heide die jetzt grau ward auf einen
Brautgesang den gute Geister anstimmten
Und damit ist dieses Buch zu Ende
Denn obschon Mancherlei geschah was so zu sagen noch zum Schluss gehört
so ereignete sich das erst viele Jahre später und wer es erfahren und lesen
will der suche es im andern Teil unseres Buches der unter dem Namen »Der
Wärwolf« geschrieben und gedruckt ist
Ende